Chriſtliehe Leichenrede über die Worte Pſalm 71, 5. 6. bey der Beerdigung der viel Ehren- und Tugendreichen Frau Anna Maria Ritter, Herrn Daniel Ewalds ſel. des Handelsmanns, hinterlaſſener Frau Wittwe, den 8. May 1789, in der Kirche bey St. Leonhard vorgetragen von Emanuel Merian, Pfarrer im Muͤnſter. B aſel, aedruckt bey Wilhelm Haas, dem Sohne. Te xt. Pſalm 71, 5. 6. Du biſt meine Zuverſicht, Herr, Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Auf Dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an. Du haſt mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Mein Ruhm iſt immer von Dir. M AÄWVelche da leiden nach Gottes willen, die ſollen Ihm ihre Seelen befehlen, als dem treuen Schöpfer, in guten Werken. So lautet die Vorſchrift, welche der ſelige Apoſtel Petrus im 4. Kap. feines erſten Briefes allen leidenden Chriſten ertheilet(a). Er belehret uns in dieſen Worten, 2) 1. Pet. 4, 19. A ꝛ 4 theils, worinn die rechte Geduld und Zufriedenheit eines Chriſten in ſeinem Leiden beſtehe; theils aber auch, worauf ſich dieſelbe gruͤnden muͤſſe. Bey der groſſen Kunſt der Geduld und Zufrieden: heit, welche ein jeder Chriſt zu lernen und zu uͤben hat, kömmt es hauptſaͤchlich darauf an, daß man feine Seele Gott befiehlt in guten Werken. Die Seele iſt der koſtbarſte Schatz, den wir be— ſitzen können. Was huͤlfe es dem menſchen, wenn er gleich die ganze Welt gewöͤnne, und naͤhme Schaden an feiner Seele(6)7 Wem es aber darum zu thun iſt, daß er ſeine Seele gern recht verſorgt und verwahrt wiſſen moͤchte, der kann wahrlich nichts beſſeres thun, als dem Rathe des Apoſtels folgen, und ſeine Seele Gott befehlen. Wenn wir ſie Seinen Vaterhaͤnden übergeben und anvertrauen, ſo duͤrfen wir uns vor allen Anlaͤufen und Nachſtellungen unſrer Seelenfeinde nicht bange werden laſſen. Denn in ſeiner Hand iſt unſre Seele ganz wohl und ſicher aufgehoben. Unter ſeinem Schutze kann ſie, wenn alles um ſie her wuͤtet und br Math. 16, 26. 5 tobet, der ſanfteſten Ruhe und des ſuͤſſeſten Friedens genieſſen. Eben darinn beſteht eines der vornehmſten Ge; ſchaͤfte des Glaubens, und der daraus herfieſſenden Geduld und Zufriedenheit unter allen Leiden, daß man, nämlich, feine Seele Gott befiehlt, daß man ſie gleichſam in feine Hande hinlegt, und fie darinnen ruhen laͤßt, wie ein Kind in feiner Mutter Schooſſe. Wir muͤſſen aber den Anhang, den der Apoſtel ſeiner Ermahnung beyfuͤget, ja nicht unbemerkt laſſen: Die da leiden, ſagt er, ſollen Gott ihre Seelen befehlen in guten Werken. Wir würden ohne Zweifel Bedenken tragen, einem ehrlichen Manne einen bekannten Boͤſewicht, der noch dazu ſein Feind waͤre, zu empfehlen. Und wie ſollten wir es denn wagen dürfen, unſre Seelen dem allerheiligſten Gott zu befehlen, ſo lange wir ſeine Feinde in boͤſen Werken(c) find, und ſolche bleiben wollen? Wie könnten wir in einem ſolchen Zuſtande ein rechtes Herz und Vertrauen zu Gott faſſen, da auch dem (c) Kol. 1, 21. 6 roheften Sünder fein Gewiſſen ſagt: Gott ſey nicht ein Gott, dem gottloſes Weſen gefalle; wer boͤſe iſt, der bleibe nicht vor ihm(4)? Nein! wir muͤſſen zeigen, daß wir an Gott, dem wir unſre Seelen befehlen, glaͤubig worden find, in: dem wir uns im Stande guter Werke erfinden laſſen(e), und unſern Glauben durch die Liebe zu Gott und dem Naͤchſten thaͤtig(f) beweiſen. Welches ſind aber die Gruͤnde, worauf die Ge— duld und Zufriedenheit des Chriſten beruhet? Ich antworte: Der erſte von dieſen Gruͤnden iſt die Macht Gottes, auf welche uns der Apoſtel fuͤhret, indem er uns den Gott, dem wir unſte Seelen befehlen ſollen, vorſtellet als unſern Schöpfer. Wenn wir auf die Gefahren, welche unſre Seelen von allen Seiten her umgeben, und zugleich auf unſre eigene Schwachheit ſehen, ſo muß uns billig angſt und bange werden. Aber das muß uns wieder getroſt und freudig machen, daß unſre Zuͤlfe vom Herrn koͤmmt, der Zimmel und Erde erſchaffen hat ), daß wir an ihm einen Gott haben, der feine ch Pf 5. 5. Ce) Tit. 3.8.(6 Gal. 5, 868.(63 PR. 121, 2. 7 Kraft in uns Schwachen mächtig(h) beweiſen, ja, der uns durch ſeine Gottesmacht zur Seligkeit bewahren(i) kann. Wir ſollen aber unſre Seelen um ſo viel williger Gott befehlen, weil wir wiſſen, daß er unſer treuer Schöpfer iſt. Er laͤßt keinen zu Schanden werden, der recht auf ihn hoffet und vertrauet (E). Der Chriſt erinnert ſich mit dankbarem Herzen des Schutzes und der vaͤterlichen Huͤlfe und Fuͤrſorge, die ihm Gott von ſeiner Geburt an hat angedeihen laſſen. Und da wird er zu ſeinem Troſte verſichert, daß der Gott, der von Mutterleibe an ſein Erretter und Beſchuͤtzer geweſen, ihn auch dann, wenn die böfen Tage kommen(), unter den Schwachheiten und Beſchwerden des Alters, und in den letzten Stunden feines Lebens nicht huͤlſlos laſſen werde. Diejenige verehrungswuͤrdige chriſtliche Ma—trone, Deren erblaßtem Leichname wir das Geleite hieher zu ſeiner Ruheſtaͤtte gegeben haben, hat nicht nur, ſo lange Sie nach Gottes Willen gelitten, ſondern h) 2. Kor. 12, 9.(i. J. Pet. I, 5. E Pſ. 25. 3. (1) Pred. Sal. 12, 1. 8 auch ſchon in guten und geſunden Tagen, Ihre Seele Gott, als dem treuen Schöpfer, in guten Werken befohlen. Sie hat Ihr feſtgegründetes Vertrauen auf Gott unter anderm auch dadurch an den Tag gelegt, daß Sie die vorgeleſenen Worte Davids zu Ihrem Leichentexte gewählt: Du biſt meine zuverſicht, err, err, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Auf Dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an. Du haſt mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Mein Ruhm iſt immer von Dir. Nach Anleitung dieſer Worte wollen wir uns, zuerſt, an die vaͤterliche Fuͤrſorge Gottes in den Tagen unſrer Kindheit und Jugend erinnern; Und ſodann ſehen, wozu dieſe Erinnerung von uns angewendet werden ſoll. Der Herr begleite unſre Betrachtungen mit dem Beyſtande und Segen feines Geiſtes, und laſſt fie zur Verherrlichung ſeines Namens, zum Troſte der Traurenden, zur Staͤrkung unſers Glaubens, und zur Beförderung unſers ewigen Heils wohl gelingen! Amen. J.“ Der Tag der Geburt des Menſchen, und der Tag feines Todes find unſtreitig zween der allermerkwuͤrdigſten Tage. Jener eröffnet ihm den Weg zum Leben auf dieſer Erde, dieſer den Weg zur Ewigkeit. Jener hat einen groſſen Einfluß in ſeine irdiſchen Tage, dieſer in die zukuͤnftigen. Sehen wir zurücke auf den Tag unſrer Geburt, ſo erblicken wir unzählige Wohlthaten, die uns der Herr bewie— ſen hat. Er redet laut von der Macht, Weisheit und Guͤte Gottes, der uns aus dem Nichts hervor— rief, der uns in Mutterleibe bildete, der uns das Leben gab, der uns an das Licht zog, und zu ver— nuͤnftigen Bewohnern dieſer Welt machte. Wie groß, wie bewunderungswuͤrdig wurde uns das Werk unſrer Bildung in Mutterleibe zu vernuͤnftigen Menschen vorkommen, wenn es nicht etwas ſo gemeines marc, daß Menſchen geboren wuͤrden! Denn nur das Seltene erweckt bey den Menſchen Verwunderung. An die Welt geboren werden, iſt vielleicht in den Augen 10 eines Engels, der den Urſprung und die Geſchichte des Menſchen beobachtet, ein eben ſo groſſes Wun— der der goͤttlichen Allmacht, als nach dem Tode aus dem Staube, zu welchem der Leib des Menſchen zuruͤckgekehrt war, wieder hervorgehen. Eben fo groß und wunderbar wird dem Chriſten ſeine Bildung und Geburt werden, wenn er ſie aufmerkſam be— trachtet. Er preiſet Gott dafür, und ruft mit David aus: Ich danke Dir daruͤber, daß ich wunder: barlich gemacht bin. Wunderbar ſind Deine Werke; und das erkennet meine Seele wohl(m). So unbegreißich die Bildung des Menſchen ſelbſt iſt, eben fo unbegreifſich iſt auch das Wachsthum und die Ausbildung derer, die zwar durch die All— macht Gottes das Leben erhalten haben, aber noch nicht an das Licht dieſer Welt geboren ſind. Sie ſind gleichſam in einem Grabe verſchloſſen(n); fie eſſen und trinken nicht; ja, ſie athmen nicht einmal: und dennoch leben, wachſen und gedeihen ſie. Wer war es nun, der uns in Mutterleibe ernaͤhrte, uns vor tauſend Gefahren beſchuͤtzte, und ſo mancherley m) Pf. 139, 1a. Mn) Pf. 135 15. 11 Unfaͤlle von uns abwendete? Wit leicht war es, daß ein kleiner Zufall einen unſrer Sinne verderbte? Wie leicht war es, daß wir gebrechlich das Licht erblickten? Wer war es nun, der uns geſund und wohlgebildet, ohne Maͤngel und Gebrechen ließ zur Welt geboren werden? Bekennet es nur frey: Das hat Gott gethan! Saget zur Ehre cuers Schoͤpfers: Du, Herr Gott, Vater und Herr meines Lebens, Du haſt mich aus Mutterleibe gezogen; Du haſt Leben und wohlthat an mir gethan, und dein Aufſehen hat meinen Odem bewahret(. Auf Dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an, ſagt David in unſerm Texte, Du biſt meine Zuverſicht, Herr, Herr, meine Foffnung von meiner Jugend an. Was für ſchwache, hülfbeduͤrftige Geſchoͤpfe find doch wir Menſchen in den Tagen unſrer Kindheit! Wie vielen Gefahren find die Kinder ausgeſetzt! Wenn auch kein auſſerordentlicher Ungluͤcksfall fie dem Tode nahe bringt: ſo ſchweben ſie doch in beſtaͤndiger Lebensgefahr. Sind ſie auch fo gluͤcklich, den Gefahren ihrer erſten (o) Hiob 10, 12. 12 Lebenstage zu entgehen, fo find ſie mit dem zunehmenden Alter andern Zufaͤllen unterworfen. Unzählige Kinder und junge Leute leiden an ihrem Leibe, an ihrer Geſundheit, an ihrem Leben, an ihrer Secle Schaden, weil ſie zu unwiſſend oder zu leichtſinnig ſind, die Gefahr, die ſie bedrohet, einzuſehen; oder weil fie zu ſchwach und zu huͤlſlos find, dieſelbe von ſich abzuwenden. Man kann daher wohl ſagen, es ſey immer eine Art von Wunder, wenn ein Kind der Gefahr entgeht, eine Leiche, oder ein Kruͤppel, oder ſonſt eine elende, ungluͤckliche Kreatur zu werden. Und bey der groſſen Menge von Gefahren, welchen das Kindesalter ausgeſetzt iſt, hat man es allerdings fuͤr etwas eben ſo erſtaunenswuͤrdiges anzuſehen, wenn ein Kind das achte oder zehnte Jahr ſeines Lebens erreicht, als wenn ein Erwachſener achtzig oder neunzig Jahre alt wird. Aber eben hier verherrlichet ſich die weiſe und gnaͤdige Fuͤrſehung Gottes, die in unſerm Kindes: alter uͤber unſer Leben wachte. Von derſelben zeugt ſchon jener Trieb der Zaͤrtlichkeit, welchen Gott dem Herzen der Aeltern eingepflanzt hat, und wodurch 13 fie gedrungen werden, ihre Kinder zu verpflegen, zu beſchuͤtzen und zu verſorgen. Und welchen maͤchtigen Beyſtand verſchafft er ihnen durch den Schutz der heiligen Engel(p), und durch ſeine wunderbare Leitung von ihrer Kindheit an(4)! Dieſe vaͤterliche Fuͤrſorge Gottes hat jeder von uns in den Tagen ſeiner Kindheit erfahren. Waͤre es uns vergoͤnnt, die ganze Reihe der Schickſale unſrer Kindheit und Jugend zu uͤberſchauen: wie würden wir über die wunderbare Guͤte(r) des Gottes erſtaunen, der unſer Gott geweſen von Jugend an, der oft ein groſſes Ungluͤck von uns abwandte, ehe wir oder die Unſrigen daſſelbe be— merkten: der oft unſer Leben reitete, als ſchon alle Hoffnung aufgegeben war; ja, der alle Umſtaͤnde unſrer Geburt und Kindheit zu Befoͤrderungsmitteln unſrer kuͤnftigen, ſo wohl zeitlichen als ewigen Gluͤckſeligkeit machte! Laſſet uns aber nunmehr, fuͤr das zweyte, auch noch ſehen, wozu dieſe Erinnerung an die vater; liche Fuͤrſorge Gottes für uns in den Tagen (p) Math. 18, 10.(q) Hof. 11, 3.(: Pſ. 12 2. 14 der Kindheit und Jugend von uns angewen— det werden ſoll. LI. 1. Je mehr ſich die Macht, Weisheit und Guͤte unſers Gottes ſchon von unſerm Eintritte in dieſe Welt an an uns verherrlichet, deſto ſtaͤrker ſind wir zum Lobe Gottes und zur Dankbarkeit gegen ihn, den Vater und Herrn unſers Lebens, verpflichtet. Hatte David zur Ehre Gottes das Bekenntniß abgelegt, daß er ihn aus ſeiner Mutter Leibe gezogen habe: ſo widmete er eben deswegen dem Herrn feinem Gott die eiferigſte Dankbegierde, in— dem er am Ende unſers Textes bezeuget: Mein Ruhm if immer von Dir. Deiner Macht, will er ſagen, deines Beyſtandes, und deiner treuen, gnaͤdigen Fuͤrſorge ruhme ich mich unaufhörlich. Das, das achte ich für meine größte Ehre, daß du, o Gott, ſchon von meiner erſten Kindheit an ein ſo gnaͤdiges Aufſehen auf mich gehabt, und mich von 15 dem erſten Augenblicke meines Daſeyns an deines Schutzes und deiner Fuͤrſorge gewuͤrdiget haſt. O laſſet uns doch dieſem Beyſpiele Davids nachfolgen, und nie an unſre Kinderjahre zuruͤckdenken, ohne unſern Gott zu preiſen, der uns ſchon damals ſeinen Schutz und ſeine Huͤlfe genieſſen ließ. Waren die Schickſale unſrer Kindheit kuͤmmerlich und muͤhſelig: deſto mehr finden wir Gelegenheit, die Spuren der göttlichen Regierung zu bewundern, die uns in den folgenden Lebensiahren in beſſere und gluͤcklichere Umſtaͤnde verſetzt; deſto mehr haben wir Urſache, mit einem David aus; urufen: Wer bin ich, Zerr, Herr, und was iſt mein Haus, daß du mich bis hieher gebracht haſt(8) Waren hingegen ſchon unſre Kinderjahre gluͤcklich: deſto mehr haben wir Urſache, das Glück zu erkennen, deſſen uns Gott vor fo vielen Andern gewuͤrdiget hat. Denn zu dieſem Gluͤcke haben wir ſelbſt nicht das geringſte beytragen koͤnnen. Wie billig iſt es denn, daß wir uns oft an jenes Wort des Apoſtels erinnern: Wer hat dich vorgezogen? Oder was (8) 2. Sam. 7, 18. 16 haſt du, o Menſch, das du nicht empfangen haſt? So du es aber empfangen haſt, was ruͤhmeſt du dich denn, als der es nicht em— pfangen hätte(t)? Vielmehr ſoll es denn bey uns ſtets, wie bey David, heiſſen: Mein Ruhm it immer von Dir. Laß meinen Mund Deines Ruhmes und Deines preiſes voll ſeyn täglich (u)! Vielmehr laßt uns, mit einem dankbaren Erz: vater Jakob, beſchaͤmt ausrufen: Ach Herr, ich bin viel zu geringe aller der Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir, Deinem unwuͤr— digen Knechte, Deiner unwuͤrdigen magd, gethan haſt(6)! Da fo wohl unſfre Seele, als unſer Leib, ein Werk und ein Eigenthum Gottes iſt: fo laßt uns ihm beyde zum Opfer begeben, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefaͤllig ſey(x). Wer fo Dank opfert, der preiſet Gott(Ey); der kann mit Wahrheit ſagen: Mein Ruhm iſt immer von Dir, o Gott! 2. Die Erinnerung an die vaͤterliche Fuͤr ſorge (t) 1. Kor. 4, 7.(u) Pſ..I, 8.(w I. Moſ. 32, 10. éXxX) 1. Kor. 6, 20. Röm. 12, 1.{y) Pſ. 50, 23. Gottes 17 Gottes für uns in den Tagen unſrer Kindheit und Jugend ſoll uns aber auch ſtaͤrken im Vertrauen auf ihn, und in der kindlichen Unterwerfung unter ſeine Fuͤhrungen. Auch hierinn dient uns David zu einem nachahmungswuͤrdigen Beyſpiele. Du biſt, ſagt er in unſerm Texte, Du biſt meine zuverſicht, err, Zerr, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Auf dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an. Der Chriſt ſieht zuruͤcke auf die liebreiche Fuͤrſorge ſeines Gottes, die uͤber ihm waltete, da er noch nicht geboren war; die alles beſorgte, was zu ſeiner Erhaltung nöthig war, da er in dieſe Welt eintreten ſollte; die ihm in feiner Kindheit und Jugend durch tauſenderley Gefahren hindurchgehol— fen; die ihn bis hieher erhalten, geleitet, begluͤcket, ihn mit unzählig vielem Guten uͤberſchuͤttet; die ihn nie verlaſſen, noch verſaͤumet(2) hat. So, denkt der Chriſt, ſo ſorgte Gott fuͤr mich, da ich noch nicht fuͤr mich ſelbſt ſorgen konnte; Er zaͤhlte 2) Heb. 13, 5. B 18 meine Tage, mein Gluͤck und meine plage, eh ich die Welt noch ſah. Eh ich mich ſelbt noch kannte, eh ich Ihn Vater nannte, war Er mir ſchon mit uͤlfe nah. So ſorgte Gott fur mich mein ganzes bisheriges Leben hindurch. Und nun ſollte er mich verlaſſen, feine Hand ron mir abziehen, ſeine Gute von mir wenden“ Nein! Ehe können Berge weichen, und Huͤgel hinfallen, ehe Gottes Gnade von mir weichen, und der Bund ſeines Friedens hinfallen ſollte 2. Oder iſt Gott nicht mehr ſo maͤchtig, ſo weiſe, ſo guͤtig, als er damals war, da er dieſen Leib bildete, dieſt Seele mit Verſtand und Erkenntniß ausſchmuͤckte, und mich in der Jugend fuͤhrte? O ia, Seele, Gott lebet noch, Gott denket noch an dich; Gott forget noch für dich! Warum betruͤbſt du dich denn, meine Seele, und biſt ſo unruhig in mir?! Harte auf Gott; denn ich werde Ihm noch danken, daß Er meines Angeſichts Hülfe und mein Gott iſt(b). Wirf alle dein Anliegen auf ta. Jeſ. 5, 10. v, Pf. 42, 6. 12. 19 den Herrn; befiehl Ihm alle deine wege, und hoffe auf Ihn; Er wird es ferner wohl machen(c). Unſer Textyſalm iſt wahrſcheinlicher Weiſe von David bey feinem herannahenden Alter verfertiget worden. Je mehr in dieſen Jahren, von denen wir ſagen muͤſſen: fie gefallen uns nicht(', die Entkraͤftung und Schwachheit bey uns zunimmt; je mehr wir alsdann Hülfe bedürfen, da uns unſte naͤchſten, zaͤrtlichſtin Freunde nach und nach abge— ſtorben find: deſto naher muͤſſen wir uns, wie David, an Gott halten, zu ihm ſeufzen: Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlaß mich nicht, wenn ich ſchwach werde(e)! Deſto lebhafter muͤſſen wir uns erinnern an die Proben von ſeiner Guͤte und Huͤlfe, die er uns von unſrer Kindheit an, in alien Umſtaͤnden unſres Lebens hat erfahren laſſen; damit wir dem David mit getroſtem Muthe die Worte nachſprechen mogen: Du biſt meine Zuverſicht, Herr, Herr, meine Zoffnung von meiner 6e Pſ. 55, 23. und z. 65.(d, Pred. Sal. 12, 6. te Pſ.: 1, 5. $: 20 Zugend an. Auf Dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an! Was kann uns auch in Anſechung des Todes getroſter machen, als wenn wir das unſre Freude ſeyn laſſen, daß wir uns in wahrem Glauben an Jeſum zu Gott, als unſerm durch ihn verſoͤhnten Gott und Vater, halten, und unſre Zuverſicht ſetzen auf den Herrn Herrn(f)? Freylich muß ein jeder ſagen: Ich weiß nicht, wann ich ſterben werde(8). Aber wie troͤſtlich iſt es für uns, wenn wir denken: Meine zeit ſteht in Gottes Zaͤnden (h)! Er ſchrieb meine Tage auf Sein Buch, ehe noch Einer derſelben da war(i). Er be: ſtimmte die beſte Zeit zu meinem Eintritt in die Welt: ſo wird er auch die beſte Zeit zu meinem Sterben beſtimmen. Er weiß, wann ich am beſten bereit bin, in die Ewigkeit einzugehen, und die Freuden zu genieſſen, welche er dort für mich bereitet hat. Er weiß am beſten, was mir das Seligſte ſey, ob ich dieſe Welt fruͤhe oder ſpaͤt, in der Ef) Pi. 73, 25. g) 1. Moſ. 27. 2. n) P zi, 16 ir Pi 135, 16. 21 Munterkeit und Zalfte meiner Jahre(l), oder alt und Lebens ſatt(1), verlaſſen fol. Ich will mich nur ernſtlich bemühen, durch Gottes Gnade, mit jedem Tage weiſer, beſſer, froͤmmer, Jeſu aͤhnlicher und Gott gefaͤlliger zu werden, und den Glauben und ein gutes Gewiſſen zu bewahren bis an mein Ende. Genug fuͤr mich alsdann, daß ich weiß: Mein Leben und mein Sterben ruht allein auf ſeiner Gnade. Lebe ich, ſo lebe ich dem Herrn; ſterbe ich, ſo ſterbe ich dem Herrn. Im Leben und im Sterben bin ich des Herrn(m)! (k. Pi. 102, 25.( J. Moſ. 25, 8. m Röm. 14, 8. Lebenslauf. Eigenhändiger Aufſatz der ſel. Frau Ewald. Im Jahr Chriſti 1711. den 11. Heumonats bin ich Anna Maria Ritter geboren. Meine lieben Aeltern waren: Herr Se— baſtian Vitter, des Raths, und Frau Jakobeg Jäßlin. Dieſe meine geehrten Aeltern haben mich zu allem Guten treulich angehalten; und meine herzlich geliebte Mutter hat an mir, was die haͤuslichen Geſchaͤfte anbetrifft, nichts ermangeln laſſen. Da ich mich denn, nach des lieben Gottes Schickung, im Jahr 1754. den 24. Augſtmonats in den Stand der heiligen Ehe begeben mit Ferrn Daniel Ewald, von Hanau gebuͤrtig, mit Welchem ich bis 24 dahin, dem lieben Gott ſey ewig Dank! eine vergnuͤgte Ehe gehabt, und mit Ihm, durch Gottes Segen, einen Sohn erzeugt, nachdem ich 8. Jahre in der Ehe gelebt. Dieſer Sohn iſt geboren den 4. Herbſt— monats 1742. den 1. May 1770. aber geſtorben. Meiner Haushaltung habe ich nach Möglichkeit abgewartet, und danke dem lieben Gott herzlich und inbruͤnſtig fuͤr alles das Gute, ſo er mir in meinem ganzen Leben erzeiget, und dafuͤr, daß er mich aus fo manchem Kummer herausge— riſſen. Ich weiß auch, und bin gewiß, daß er mir alle meine Suͤnden, um des bittern Leidens meines Herrn Jeſu willen, verzeihen wird, und mir Gnade fuͤr Recht wiederfahren laſſen. 25 So weit geht der kurze eigenhaͤndige Aufſatz der ſeligverſtorbenen Frau, welchem Sie nur noch beygefuͤgt, daß Sie durch den den 9. May 1785. erfolgten Tod Ihres ſeligen Eheherrn in den Wittwenſtand vers ſetzt worden. Was Ihren Lebenswandel betrifft, ſo würden wir Ihren beſcheidenen und Des muͤthigen Geſinnungen zuwider handeln, wenn wir von Derſelben viel Ruͤhmens machen wollten, indem Sie eine Feindinn alles eitlen Ruhms und Gepraͤnges war. Ich ſage alſo nur ſo viel, daß Sie eine redliche Liebhaberinn Gottes und ſeines Worts geweſen, und Sich aus demſelben und aus andern lehrreichen Schriften nicht nur zu Haufe fleiſſig erbauet, ſondern auch, ſo lange es Ihre Leibeskraͤfte zulieſſen, das Haus des Herrn fleiſſig beſucht. Gegen Ihre Nebenmenſchen war Sie freundlich, leutſelig, dienſtfertig, und beſonders gegen die Armen ungemein mitleidig, liebreich, barmherzig und wohlthaͤtig. 26 Ihre letzte Krankheit nahm ihren Ans fang geſtern vor z. Wochen, da Sie von. Gott mit einem leichten Schlagfluß heimge⸗— ſucht wurde, den Sie aber ſo wenig achtete, daß Sie noch ausgefahren, um eine Kranke zu beſuchen. Drey Tage darauf erfolgte ein zweyter, weit ſtaͤrkerer Anfall, wodurch ſo wohl die Sprache, als der Gebrauch der Sinne, gehemmt wurde. Der Gebrauch einiger dienlichen Arzneymittel war aber durch Gottes Segen von ſo guter Wirkung, daß es ſich merklich mit Ihr beſſerte, ſo daß Sie Sich von Zeit zu Zeit auſſer dem Bette aufhalten konnte. Allein geſtern vor 8. Tagen folgte ein dritter Schlagſtuß, der Sie der Sprache beynahe gaͤnzlich beraubte, und Ihr die ganze rechte Seite laͤhmte. Doch behielt Sie noch ſo viel Gegenwart des Geiſtes, und konnte Sich noch in ſo fern ausdrücken, daß Sie ſowohl Ihre ausharrende Geduld und lebendige Hoffnung auf das Erbe des Himmels, als auch Ihre herzliche Theil nehmung und Freudigkeit bey 27 der Anhörung des Wortes von dem ver— ſoͤhnenden Leiden und Tode unſers göttlichen Erloͤſers bezeugen und zu erkennen geben konnte. In dieſer Gemuͤthsverfaſſung ver— harrete Sie bis an Ihr Ende, welches ers folgte verwichenen Dienſtag Morgens zwi— ſchen 9à. und 10. Uhr, da Sie ſanft und ſelig in dem Herrn entſchlief, nachdem Sie in dieſer Welt zugebracht 77. Jahre, 9. Monate und 24. Tage. Der Herr, der die ſeligverſtorbene Frau zu Ihrer vollkommnen und unzerſtoͤrlichen Ruhe eingeführt hat, der beruhige auch die Herzen aller Ihrer geehrteſten Anverwand— ten, Freunde und Freundinnen, die durch Ihren Abſchied von dieſer Welt betruͤbt worden! Er erquicke Sie mit der frohen Ausſicht in die ſeligen Gegenden, in welche Ihr von allem Uebel erloͤster Geiſt verſetzt worden, und mit der ſo troͤſtlichen Hoffnung, einſt in jenem Lande der wahren Ruhe und Zufriedenheit wieder unzertrennlich mit Ihr vereiniget zu werden! 28 Wie vortrefflich ſchoͤn iſt die Schilderung, welche im 9. Kap. der Apoſtel Geſchichte(n) von dem Charakter der Tabea gemacht wird: Es war eine Juͤngerinn, heißt es, die war voll guter Werke und Allmoſen, die ſie that. Und als ſie geſtorben war, traten herbey alle Wittwen, weineten, und zeigten Petro die Röcke und Kleider, welche ihnen die Tabea gemacht hatte, weil ſie bey ihnen geweſen war! Gott Lob, daß es auch in unſern Zeiten, in welchen ſonſt die Mngerechtigkeit fo ſehr uͤberhand genommen hat, und die Liebe in vieler Herzen erkaltet iſt(o), noch nicht gaͤnzlich an ſolchen Seelen fehlet, die jener würdigen Chriſtinn aus den erſten Tagen der chriſtlichen Kirche nacheifern! Unſre Seligverſtorbene war eine ſolche an Chriſtum glaͤubig gewordene Juͤngerinn, welche reich zu werden ſuchte an guten Werken(p), und gehorſam dem Evangelio, welches Menſchenliebe und thaͤtiges Mitleiden zu n Vers 36. 39.(o) Math. 24, 12.(p) 1. Tim. 6, 18 29 einer der erſten Pflichten feiner Bekenner macht, durch wohlthaͤtige Handlungen Ihren Glauben zu zeigen Sich beſtrebte. Sie fuͤhlte es recht lebhaft, wie ſchoͤn es ſey, von feinen Schaͤtʒen Ein Pfleger der Bedraͤngten ſeyn, ind lieber minder{ich ergetzen, Als arme Bruͤder nicht erfreun. Sie war nicht blos damit zufrieden, daß Sie Hungrige ſpeiste, Nackte kleidete, und das Elend milderte, das ihre ſterbliche Hütte druͤckte; ſondern Sie ſuchte auch Weisheit und Tugend auszubreiten, und Sich um das unſterbliche Gluͤck Ihrer Nebenmenſchen verdient zu machen. Sie hat Gutes gethan, und iſt nicht muͤde geworden. Nun wird Sie auch erndten ohne Aufhoͤren(4). O moͤchte doch Ihr ruͤhmliches Beyſpiel recht viele zur Nachfolge reitzen! Moͤchten alle, die mit dem Vermoͤgen dazu von Gott geſegnet find, das reine, edle Vergnuͤgen der (9, Gal. 6, 5. 30 Mildthaͤtigkeit kennen und genieſſen lernen! So würden wir ſchon hier Gott gefaͤllig, und den Menſchen werth(), und in ihrem Andenken unvergeßlich werden; und mit Freuden würden wir warten auf die ſelige Hoffnung und Erſcheinung der Herrlich— keit des groſſen Gottes und unſers Hei— landes Jeſu Chriſti(s), der einſt zu allen, deren Glaube durch die Liebe thaͤtig geweſen it, fügen wird: Kommet her, ihr Geſegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet iſt von Anbeginn der Welt. Ihr ſeyd liebreich, mitleidig, barmherzig geweſen. Wahrlich, ich ſage euch: Was ihr gethan habt Einem der Geringſten unter meinen Bruͤdern, das habt ihr mir gethan(t)! Huͤlfreich zu Bedraͤngten eilen, Sie beſchuͤtzen, ſie erfreun, Kummer lindern, Wunden heilen, Wohlthun, troͤſten und verzeihn, (r, Kom, 14, 18. s) Tit, 2, 13.(t) Math. 25, 34 40. Und dieß ohne Stolz verrichten; Was fuͤr edle, ſel'ge Pflichten! Herr, ich gebe von dem Deinen, Was ich gebe; laß mich nie Fuͤhllos ſeyn, wo Menſchen weinen! Mein Erbarmen troͤſte ſie; Daß, wenn ich zu dir mich nahe, Ich auch Troſt und Huͤlf empfahe! Amen.