Die Würde des frommen Alters nach Sprüchw. Sal. xvi. ;i. bey -er Leichenbestattung des ehrwürdigen Greises Bürger Dieterich Forcart ehedessen des Gr. Raths und Stadtschr. des mindern Basels einer ansehnlichen Trauerversammlung denr; December r?<-8 in St. Elisabethen Kirche vorgetragen von I. F. Miville, Pfr. daselbst und Helfer am Münster. Basel gedruckt bey Johann Schweighauser. 1 d ) '-2 - - ... r- ./Hirn ^ L5 <'.^QLL^SSs-W»»^^ ' > ^ s " ^'. -A > '. - Text. Sprüche Salomons XVI. v. ;i. Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden. Menn jedes Alter seine eigne Last, seine schwache Seite, seine Unvollkommenheiten hat, so ist es auch wahr, daß jedes Alter seine Vorzüge habe, wenigstens haben könne. Die Tugend und Gottseligkeit sind es aber doch am Ende, welche jedem Alter jene wahrhaften Vorzüge gewähren: und Tugend und Gottseligkeit schicken sich auch für jedes Alter- Wen entzücken nicht Unschuld und Bescheidenheit , die aus den Mimen, aus dem Betragen der blühenden Jugend uns ent- 4 gegen leuchten? dann es giebt sogar für den Frühling des Lebens keine größre Schönheit/ als die Schönheit des Geistes und Herzens - und diese hat zugleich den Vortheil/ daß sie selbs alsdann fortdauert/ wann alle andre Reize dahin welken- Gleichwie nun die himmlische Weisheit / nach Salomons Bemerkung / für des Jünglings Haupt ein schöner Schmuck/ und gleich einer goldnen Kette an seinem Halse ist-* so gewahrt dieselbe keine geringere Zierde dein Greisen. Bey dem lezter» trifft dann der andre Ausspruch ebendesselben weisen Königs ei«/ den ich E- A- zum Texte vorlas: Graue Haare sind eine Krone der Ehren / die auf dem Wege der Gerechtigkeit: gesunden werden Von der Ehrwürdigkeit des frommen Alters Junge und Alte überzeugen / kann nicht anders als ein nützliches Geschäfte seyn/ da wir alle dem Alter entgegen wallen/ vielleicht alle oft wünschen/ dasselbe * Sprüchw. i r s- —— 5 zu erreichen - und wann würden wir wohl einen schicklichern Anlaß dazu finden, als bey der Gruft eines Mannes, der wirklich jene Krone der Ehren auf dem Wege der Gerechtigkeit fand; dessen lange bewahrte Tugend, dessen väterliche Treue und Sorgfalt, dessen Menschenliebe und Bür- gerstnn nicht allein seine Kinder und Kinds- kinder hochschätzten, sondern auch so viele andre theils bewunderten, theils dankbar priesen? Laßt uns also unsre Aufmerksamkeit und Andacht, mit Betrachtung jenes weisen Spruches, und einiger daraus fließender Lehren beschäftigen- * Da unser Text; wie alle Sprüche dieser Art auf eine kurze abgebrochne Weise in der Grundsprache ausgedrückt ist: so läßt er zwo Uebersetzungen und Erklärungsarten zu, welche übrigens nahe mit einander verwandt find- « Graue Haare 6 sind eine Krone der Ehren/ man findet dieselben auf dem Wege der Gerechtigkeit" Oder - " Graue Haare / die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden werden/ find eine Krone der Ehren." Die letztere Ucbcrsetzuug gibt zu verstehen- daß graues Haar allein und an sich selbst dem Greisen noch nicht seinen ganzen Werth / sein Ansehen gewähre/ sondern nur in dem Falle / wenn lange geübte Tugend den Weg dazu bahnte- Dieser Sinn scheint mir der bestimmteste und wahreste zu seyn- Doch schließt auch jene Erklärungöart - " Die Ehrenkrone des grauen Haares wird auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden" — eine große Wahrheit in sich. Hohes Alter wird (alle andre Umstände gleich gerechnet) viel eher auf dem Wege der Gerechtigketi / als auf dem der Sünde erreicht. Freylich hat das nicht die Meynung - als ob jeder Gerechte das greise Alter erreichen müße; oder als ob letzteres der untrügliche Prüfstein der 7 - Tugend sey. Nein -- es kann der Tugendhafteste , wenn sein Leib einen Keim der Krankheit mit auf die Welt brachte/ schon in den frühern oder bald in den reifenden Jahren dahinwelken; oder es können unverschuldete / unvermeidliche Unglücksfalle seine Lebensbahn in der Hälfte abbrechen. Aber so viel bleibt immer wahr- Tugend und Gottesfurcht bewahren und verlängern nach dem gewöhnlichen Naturlaufe das Leben / indem fie viele Hindernde des Alters / viele verderbliche Ursachen des Todes von uns entfernen. Dann nicht bloß die allgemeinen körperlichen Gesetze der Sterblichkeit führen den Tod herbey; sondern viele freywillige Vergebungen des Menschen selbst verkürzen seine Tage. Oder fehlt es je an beweisenden Beyspielen/ daß Unmäßigkeit / daß sittenlose Ausschweifungen manchen Jüngling/ manchen reifern Mann an den Rand der Gruft führten / in dieselbe hineinstürzten / deren sonst festgebauter Körper das höchste Alter versprach? Oder läßt sichs bezweifeln/ daß auch andre unordentliche Neigungen — daß Zorn / Neid, daß die verzehrende Flamme des Ehrgeizes/ daß übertriebene ängstliche Nahrungssorgen, daß insonderheit geheime Gewissensbisse am Leben nagen und dessen Faden abschneiden ? Was ist es aber/ das unsere Seele von diesen unordentlichen Neigungen reinigt, das diese Steine des Anstoßes aus dem Wege räumt/ als Tugend und Gottseligkeit ? Wahrlich, der Gehorsam gegen Gottes Gesetze/ die daraus fließende Mäßigung, das Vertrauen auf den Herrn, ein schuldloses in Gott ruhendes Herz erhalten, stärken die Gesundheit des Lebens und sichern (wenn nicht außerordentliche Begebenheiten dazwischen kommen) die längere Dauer des Lebens. Hierauf gründen sich so manche Aussprüche des alten Testamentes, hierauf zielt jene so oft wiederhohlte Verheißung: auf daß du lange lebest: und Davids Aus- 9 spruch im ;4 Psalm- « Wer ist der lang Lebens begehrt und gerne gute Tage hätte? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen daß sie nicht falsch reden. Laß ab vom Bösen, thue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach." — Und damit stimmt unser Text überein - " Graue Haare sind eine Krone der Ehren; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird diese am sichersten gefunden. Laßt uns nun den andern Sinn des Ausspruchs Salomons noch naher betrachten: " Graue Haare, die auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden worden, sind eine Krone der Ehren." Das Alter hat an und vor sich selbst etwas ehrwürdiges. Es ist dieses nicht zu mißkennen, wenn nicht entweder der Greis selbst sich entehrt, oder die Jugend durch gänzliche Verwilderung die wahren Gefühle der Menschheit in sich zerstört hat. Bey allen weisen — ja sogar bey wilden Völkern sprechen Gesetze oder Sitten für - 10 ---- die Verehrung des Alters- In demjenigen griechischen Staate der am längsten dauerte, (in Lacedämon) stund selbst der Königssohn auf, wenn ein graues Haupt vorüberging- Ganz in diesem Geiste gebietet das alte Gesetz: * " Vor einem grauen Haupte sollt du aufstehen und sollt das Alter ehren: dann du sollt dich fürchten vor deinem Gott." Verbindet steh aber das Alter mit unbe- zweifelter Tugend, so gebührt ihm gedoppelter ja zehnfacher Anspruch auf Ehre- Graue Haare verdienen, vorzüglich aus einem vierfachen Gestchtspunkte betrachtet, den Nahmen einer Ehrenkrone- a. Der Greis, in dem steh Tugend und Alter vereinigen, besitzt beträchtliche nützliche Einsichten. Kenntnisse werden nicht mit uns gebohren, wir kommen alle gleich unwissend in die Welt: sie werden erworben durch Hören, Lesen, Beobachten, Denken - Hier geht alles Stufenweise; natürlich kann derjenige, welchem eine längere Zeit, z Mos. 19: 32. * ein größeres Maaß von Gelegenheiten und Uebung zu Theil ward, auch einen größer« Reichthum von Kenntnissen sich sammle«: und wer seine Zeit wohl benutzt — welches der auf dem Wege der Gerechtigkeit wandelnde Greis zuverläßig that — wird unfehlbar einen Schatz von lehrreicher Erfahrung sich erwerben. Denkt nicht / andächtige Zuhörer , daß dies nur etwa bey Leuten von außerordentlichen Talenten eintreffe: Auch ein Greis von gewöhnlichen Natur- gaben / wie mannigfache/ wie richtige Einsichten erlangt er / indem die lange Reihe von Jahren ihm eine Menge Stoffes zu beobachten darbietet? Wie könnte ihm der Gang der Welt / dem er so lange zusehen mußte/ unbekannt bleiben: wie viele Beyspiele vom Wechsel der Begebenheiten/ vom Unbeftand des Glücks/ von getäuschten Wünschen und Erwartungen eitler Menschen / hatte er erlebt? wie viele Strafen/ die das Laster / wie viele Belohnung / welche die Tugend nach sich zog / stellten sich seinen Augen dar! —> Und die Wege der göttlichen Vorsehung / so bewunderungswürdig, für eine Zeitlang oft so verborgen, so uner- forschlich — wem enthüllten sie sich eher, als dem Greise der Zeit genug hatte, der Enthüllung des Verborgenen abzuwarten, und -er oft ins Heiligthum Gottes einging, um in der Leitung des Sichtbaren die Hand des Unsichtbaren zu bemerken - der so manchesmal)! sah, wie aus Noth Uebung und Kraft, wie aus Trübsal Läuterung der Seele, Erfahrung, Geduld, wie aus dem, was das größte Uebel schien, ein ausgezeichnetes Glück hervorging? Wenn wir nicht auslernen an den Werken Gottes außer uns, so lernen wir auch nie aus in der Selbsterkenntniß: Wer soll aber darin weiter gekommen seyn, als der Greis, dessen Leben der Gottseligkeit gewidmet war: Wer beobachtete länger, wer erfuhr genauer die Tiefen des menschlichen Herzens -- die mannigfachen Gestalten, die seine Begihrden, Wünsche und Hoff- rrungen annehmen, die Schwächen und Verderbn iße/ welche sich unter allerley Form wiederhohlen? wer hat mehr Stoff/ die Nichtigkeit un-Unwürdigkeitdes Menschen/ und hinwiederum die Hülfe und Erlösung/ welche Gott dagegen geordnet/ einzusehen; die Wunder der göttlichen Güte an dem elenden Menschen zu preisen? Ueberhaupt/ da jeder Christ (nach dem alten Nahmen Jünger) als ein Lernender in der Schule Jesu sich befindet/ wie wäre es möglich/ zu den Füßen des beßten Meisters in so vielen Jahren dennoch nur wenig zu lernen? K. Die Zeit bewährt Alles - so ist denn auch die Tugend der grauen Haare bewährt- Lieblich ist der Anblick jugendlicher Unschuld und -es Eifers der Gottseligkeit in blühenden Jahren: Aber wem fällt/ alldieweil er sich darüber freut/ nicht oftmals das Wort ein: " Freut euch mit Zittern?" Der Versuchungen giebt es so viele / der Klippen die Menge / woran die - 14 -- schönsten Vorsätze und Anfange der Tugend scheitern - bald sinds Reizungen der Welt und Stürme der Anfechtung , welche plötzlich — bald ist es das schleichende Gift böser Exempel, welches nach und nach die glänzendsten Hoffnungen der Tugend zerstört. Ach, wie stark sich oft der muthige Anfänger dünkt, in jedem Kampfe zu siegen, so traurig erfährt er dennoch oft die Wahrheit jenes Spruches eines Königs von Israel - " Der den Harnisch anlegt, soll sich nicht rühmen, als der ihn hat abgelegt." * Eine Tugend, welche wirklich den größten Theil ihrer Bahn durchlief und in vielen Kämpfen ihre Festigkeit bewährte, soll diese uns nicht die ehrwürdigste seyn? So find graue Haare, auf dem Wege der Gerechtigkeit gefunden, eine Krone der Ehren! c. Aber wird sich wohl das höhere Alter von Seite der Nutzbarkeit empfehlen lassen? Oder sollte es nicht, wie der Eigen- - * i LöiiiZ 20li. — Is — dunkel des Jünglings sich einbildet und wie der gute Greis beym Gefühl abnehmender Kraft selbst zuweilen fürchtet, gänzlich unnütz seyn? O meine Freunde! Der fromme Greis ist ein gesegnetes Werkzeug, Gottes Ehre und jüngerer Bruder höchstes Wohl zu befördern- An Ihm offenbahrt sich die Vor- trefffichkeit der Religion- an Ihm die Möglichkeit auf dein Wege der Tugend standhaft zu bleiben - an Ihm die Macht der Gnade Gottes, welcher seine Kinder durch alle Hindernisse hindurch zum seligen Ziele führt. So erregt das Beyspiel des frommen Alters Aufmerksamkeit bey manchem jünger», dessen Leichtsinn die andern vielfältigen Empfehlungsgründe der Religion übersah- So findet auch oft, wo die Ermahnung des gewöhnlichen Lehrers, wo manche Predigt vergeblich war, das Wort des frommen Greisen Eingang ins Her;! Nirgends lernt die rasche Jugend bester Mäßigung, Bescheidenheit und Weisheit, — 16 —— als im Umgänge mit dem tugendhaften einsichtsvollen Alter- Nirgend schöpft der durch Kummer Niedergedrückte eher Trost und Hoffnung, als wann der Mund vieljähriger Erfahrung ihm Muth einspricht» wenn der bejahrte Fromme ihm seine Schicksale , seine Prüfungen erzählt, wie auch er manchmal in einer Nacht von Trübsal schmachtete ohne Aussicht / und Gott half dennoch durch, Gott rettete ihn aus Allem! Ich führe hier nur einige Fälle an von den viele«/ welche die Wahrheit jenes Ausspruchs im ALstcn Psalme * beweisen. " Der Gerechte wird grünen wie ein Palm- baum / er wird wachsen wie eine Ceder auf Libanon. Die gepflanzet sind in dem Hause des Herrn werden in den Vorhöfen unsers Gottes grünen und wenn sie gleich alt werden / werden sie dennoch blühen / fruchtbar und frisch seyn- daß sie verkündigen/ daß der Herr so treu ist! Wer dürfte zweifeln/ daß daß ein solches Alter , auf dem Wege -er Gerechtigkeit erreicht, eine Krone der Ehren sey! 6. Diese Ehrenkrone leuchtet um so Heller uns entgegen, je näher der Fromme Sey seinem Grabe steht. Man fühlt es ihm an, daß er Vald reif ist zu der Herrlichkeit einer beßern Welt. Sein von irdischen Leidenschaften losgebundenes, gen Himmel erhobenes Herz - sein ruhiger heitrer Blick aufs Grab rührt auch sogar die, welche von dem Himmel noch allzuwenig und von der Erde noch allzuviel eingenommen stnd. Und warum sollten wir ihm nicht einen Theil der Ehrfurcht widmen, die uns der Gedanke an die Geister der vollendeten Gerechten einflößt, da er so nahe dabey ist, in ihre Gemeinschaft einzutreten. Siehe, schon fällt auf ihn ein Strahl jenes höher» Lichtes von der nahen Pforte des Himmels: und die Krone seines grauen Hauptes ist ein Vorbote von der Krone der Herrlichkeit. Wollen wir, Andächtige Zuhörer, aus dem Gesagten noch einige Lehren uns zueignen? Das höhere Alter führt allerdings Beschwerden und oftmals große Beschwerden mit steh. Aber einen schönen Trost bietet unser Text Euch dar, die ihr an dieser äußersten Stufe des Lebens stehet- Nimmt manche euerer Kräfte ab, so nimmt hingegen , wenn ihr auf dem Wege der Gerechtigkeit die grauen Haare fandet, euere Würde zu: ihr trägt eine Ehrenkrone! Fasset Muth: euere Arbeit ist bald gethan, euere Wallfahrt bald vollendet, euere Erlösung nahe. Nie schrecke Euch die dunkle Aussicht immer zunehmender Schwachheit; Gott, der Führer euerer Jugend, ists der auch dem Alter herbeyruft- der euch sö lange liebend trug und versorgte, der verlaßt euch nicht wenn ihr grau werdet: das irdische Leben muß eine lezte Stufe haben, damit die erste des himmlischen fich an sie anschließe. Entfesselt je mehr und mehr euer Gemüthe von allem, was an diese niedrige Welt bindet - unverrückt schaut auf das was droben ist - reinigt eure Seele? damit euer Glaube mächtig , euere Hoffnung vollkommen werde. Euere Zeit ist kurz, benützet fie um so viel eifriger zum Gutes- thun- bald werdet ihr dann ernten ohne Aufhören! Wir, die wir schön den größer« Theil unsrer Bahn durchlaufen haben — wir eilen dem Alter entgegen/ und tief liegt gewöhnlich im Menschenherzen der Wunsch , dasselbe zu erreichen. Würden wir aber nicht Thoren seyn/ wenn wir uns eine lange Reihe übel zugebrachter Jahre wünschen wollten? Laßt uns anders nicht graue LO Haare wünschen, als auf dem Wege -er Gerechtigkeit! Ob wir dann wirklich diesen schon betreten haben - ob wir unausgesetzt auf ihm fomvandeln - das sey Gegenstand unsrer ernsthaften Prüfung! Wie unglücklich für uns, welch eine Last schwerer Verantwortung ligt auf unsrer Seele, wenn wir unser Leben bisdahin forteilen ließen, ohne jemals unsre Bestimmung zu erfüllen! Soll uns auch das höhere Alter, soll uns auch der Tod noch nicht finden auf dem Wege der Gerechtigkeit? Die grauen Haare werden zwar gewiß, ohne unser Zuthun, und vielleicht früher als wir wollen, erscheinen - aber nicht so von selbst die Weisheit und Frömmigkeit , welche jene erst zur Ehrenkrone machen! Wohl uns, wenn die Erleuchtung unsers Geistes, die Besserung unsers Herzens und die thätige Beförderung des allgemeinen Wohls, schon lange unsere angelegentlichste Sorge warwohl uns wenn dieß Vestre- 21 den sich mit der Zahl der Jahre vermehrt, immer eifriger und wirksamer sich beweist- alsdann dürfen wir getrosi vorwärts blicken, unser höheres Alter / wann wirs erreichen, wird nicht unglücklich, wird uns eine Krone der Ehren seyn! Und Ihr, die ihr ersi der Blüthe des Lebens euch freuet, die ihr aufs graue Alter, als auf eine unermeßliche Ferne hinausseht: glaubets, die Zeit eilt mit unbegreiflich schnellen Flügeln dahin- benähet sie eben so eilig! Glaubt, nur in der Jugend legt man einen sichern Grund zum glücklichen und ehrwürdigen Alter- Wer nicht frühe an seinen Schöpfer gedenket, nicht frühe den Weg der Gerechtigkeit betritt, der sieht in großer Gefahr, des erstem immer zu vergeßen und den andern nie zu finden. Vergesset auch nicht, daß selbst die Blüthe des Lebens mit jedem Abend verwelken kaun, und daß der Tod des Jünglings so wenig als des Greises verschont! Glücklich ist -er Mensch er sey jung oder alt — welcher mit Zustimmung seines Gewissens sagen kann- Mich gereut nicht, geletzt zu haben, weil ich so letzte, daß ich glautzen darf, nicht umsonst, und nicht blos für diese Welt, sondern für den Himmel geboren zu seyn! 2Z 'S- Lebens! auf. Es hat der sel- Herr Stadtschreiber eine kleine Notiz zu seinen Personalien selbst entworfen, welche wir allererst unverändert mittheilen wollen. « Dietmch Forcart ist gebohren den izt-» Aug- 171z- Die Eltern waren: Herr Dieterich Forcart Oberstzunftmeister / und Frau Anna Margarets Faesch- Anno 1720 verlor ich die Mutter / und meine und meiner Geschwtfterten Auferziehung wurde theils durch meinen seligen Vater? theils durch Frau Anna Catharina Ryhiner, Herm 24 Dieterich Forcart des geheimen Raths nach Tod hinterlassene Frau Wittib/ unsere sel- Frau Großmutter/ theils auch durch einen krXceptorem clome- ÜILUM besorgt. Anno I7Z4 auf Oculi wurde zum Sechser E E- Zunft zu Haußge- «offen / und im Jahr i?;8 im August zum Stadt- und Gerichtschreiber der Mindern Stadt erwehlt- Anno 17z9 den 4 May begab ich mich in den Stand der H- Ehe mit damahls Jungfrau Anna Maria Faesch, Herrn Bürgermeister Hans Rudolf Faeschen und Frau Helena Ochs einziger Tochter/ die mir zu meinem empfindlichsten Schmerz vor einiger Zeit in die Ewigkeit vorhergegangen ist. Die wettern Umstände unserer Ehe find in Derselben Leichenrede enthalten / worauf ich mich beziehe. " 25 ^ Unter den Familienumständen/deren ^ der sel- Herr Stadtschreiber erwäh- ^ net, nennen wir billig zuerst die höchstglückliche Verbindung mit seiner vor nicht völlig 2 Jahren sel. verstor- M Venen Ehegattinn. Ueber 57 Jahre ^ brachte Er mit dieser würdigen, Ihn vi ' zärtlich liebenden und von Ihm eben ^ so geliebten Gefährtinn seines Lebens zu- Die schönste Eintracht und hei- ^ terste Zufriedenheit dieser Ehe konnte , nur durch das Glück erhöhet werden / solche Kinder gezeuget und erzogen zu ^ haben/ welche frühe schon die Freude ^ , und Krone beider Eltern waren und l biß in deren Tod dieß geblieben sind- i Es überleben Sie nemlich i Sohn und z Töchter: Zwey Söhne giengen schon vor langem Ihnen in die selige Ewigkeit vorher - Drey verheyrathete Kinder erfreuten Ihn mit 26 Großkindern/ wovon noch 20 im Leben : i i davon sah Er nach Wunsche ver- 26 ehlicht und von Ihnen 54 Aehnigroß- kinder, deren noch zs so lange es dem Höchsten gefällt, sich in dieser Zeitlichst befinden- Er erlebte auch den in unsern Zeiten höchst seltnen Fall, seinen Großsohn mit einer seiner Enkelinnen ehelich versprochen zu wissen — welches Ihn, so wie die Eintracht der Seinen überhaupt, mit einem lebhaften Vergnügen erfüllte. Mehrere seiner Angehörigen sah der Seligverstorbene in ansehnlichen Ehrenstellen, alle mit Gottes Segen bekrönt. Nirgend fühlte Er sich vergnügter als in diesem glücklichen Kreise seiner Ihn herzlich verehrenden und liebenden Familie: mit dankerfülltem gerührten Herzen blickte Er zu Gott seinem Wohlthäter hinauf und glaübigbetend empfahl Er die Setnigen dessen himmlischem Segen- Es besaß unser nun verewigte Mit- bruder vorzügliche Geistesgaben : vielfältige Erfahrung hatte sie erhöhet, und 27 die edle Neigung/ sie zum Beßten seiner Mitbürger anzuwenden hatte Ihm das Vertrauen der Leztern/ so wie die Liebe und Hochschätzung aller Rechtschaffenen in hohem Grade erworben. Dienstfertig gegen Jedermann/ fühlte sein Herz Mitleiden gegen Unglückliche und Arme: deren dankbare Seufzer seine Seele nun vor den Thron des gnädigen Vergelters begleiten- Seine tiefe Ehrfurcht vor seinem Schöpfer und seine dankbare Liebe gegen den Erlöser der Welt drückte Er bey Gelegenheit mit einfachen aber herzlichen Worten aus: und legte sie auch durch die öftere Besuchung des Hauses Gottes und andächtige Feyer des H- Abendmahls an den Tag- Unser Verewigte erfuhr auf seiner langen Lebensbahn natürlicher Weise die mannigfaltigen Abwechselungen des 28 menschlichen Schicksals- Doch genoß Er den größten Theil seines Lebens/ und besonders im Alter einer guten Gesundheit und beständiger Gegenwart des Geistes- Und äußert dem freylich schmerzenden/ aber bey einer so zahlreichen Familie unvermeidlichen Verlorst verschiedener seinem Herzen höchst werthen Personen/ hatte die göttliche Vorstcht Ihn und die Seini- gen vor großen Unglücksfällen bewahret- Am tiefsten griff Ihn die Trennung von seiner theuersten Ehegattinn an/ deren liebevoller Umgang Ihm das größte Bedürfniß und Glück seines Lebens geworden war/ und von der Er (da fie nicht so hohes Alters war) gehoffet hatte/ Sie würde bis an Sein Ende Sein Trost und Seine Freude seyn- Ihren Verlorst betraurte Er auch beständig — jedoch als ein Christ/ dem Rathschluße Gottes sich unterwerfend und durch 29 den Gedanken erheitert, Ihr bald in eine bessere Welt nachzufolgen- Indessen hatte Gott Ihm, in seinem Witwerftande eine Hülfe zugedacht, deren wenige sich so zu erfreuen haben- Seine Jungfer Tochter, welche das väterliche Haus niemahls verlassen, und deren zärtliche Liebe seine väterliche Treue erwiederte, ließ Ihn weder die Verpflegung noch den angenehmen Umgang Ihrer vollendeten Frau Mutter vermissen: was er nur wünschen konnte sah Er zum voraus veranstaltet und vollbracht. Bey den Beschwerden des Alters, die sich nach und nach einfanden und in der letzten zwar kurzen, aber drückend-ängstlichen Krankheit (welche Ihn vor etwa 12 Tagen mit einem starken Fluß auf der Brust befiel, den zuletzt große Bangigkeiten begleiteten) bewies unser nun Vollendete eine vorzügliche Geduld und entschie- Vene Ergebung in Gottes Willen- Dankbar rühmte er noch immer die vielen vorhergenoffenen Wohlthaten / so wie jede Erleichterung und Erquick- ung, die Ihm der Herr zu Theil werden ließ- Dankend und segnend genoß Er des Beystandes / den Ihm seine geliebte Kinder mit der wahre- sten kindlichen Zärtlichkeit leisteten. Dem Tod sah Er mir Ruhe entgegen : nicht daß Er sich fehlerlos glaubte; im Gegentheil bekannte Er sich vor Gott als einen großen Sünder: aber in Christus getröstete sich seine Seele der Vergebung/ der Vaterhuld Gottes und Hoffete aufs ewige Leben. Seine Blicke nach diesem himmlischen Vaterland gerichtet und sehnsuchtsvoll nach der ewigen Erlösung / vollendete Er endlich seine irdische Wallfarth letztem Montags (den 10 December 1798) indem Er Morgens frühe zwischen z und 4 Uhr unter dem Gebethe und Thränen der Geliebten Seimgen ganz sanft entschlief: Seines Alters 8 s Jahr/ 4 Monat/ weniger z Tag- Traurende! Obgleich der nun Hingeschiedene Vater und Freund eine so hohe Stufe des Menschenlebens erreichte/ so bedauert ihr dennoch mit Rechte seinen Verlurst: wer Ihn kannte weiß/ was Ihr an Ihm hattet, und weiß, daß gute Menschen uns allezeit noch zu frühe entrissen scheinen- Verehret aber des Ewigen Rathschluß mit Gelassenheit und mit Dankbarkeit : eingedenk, wie selten das Glück, guter Eltern so lange zu gemessen, den Sterblichen zu Theil wird: vergesset nie seiner Lehren, seines Beyspiels, schauet auf seinen Glauben und sein Ende: Freuet Euch seines Looses und freuet Euch des Segens den Seine aufrichtige Seele Euch von dem Vater aller Güte erbath! Er sey über Euch, der Segen des Redlichen! Der Gott aller Gnade beglücke Euch nicht nur mit irdischen Gaben, ER schmücke Eure Seelen mit dem Sinne der Ihm wohlgefällt, und gebe Euch reichen Antheil an den Schätzen, die weder Motten noch Rost fressen, die Niemand rauben kann, sondern die ewig dauren im Himmel! Uns alle lehre der Herr seinen Willen thun, damit wir in jedem Alter der Lehre Christi Ehre machen, und zu jeder Zeit, wenn Er uns von hinnen rufen will, zu einer seligen Ewigkeit reif seyn mögen! Amen-