Christliche Leichenrede über die Worte Hiob 5, 26. bey dem Leichenbegnngniß der viel Ehren-und Tugendreichen Frau Maria Kharlotta Burkard, des weiland Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn Hanns Rudolf Merians, gewesenen treueifcrigen Pfarrers im Münster, und Hochverdienten Lntiüili8 der hiesigen Kirche, hinterlassener Frau Wittwe, den 2ten Brachmonats 179;. in der Münsterskirche vorgetragen von Em a nuel M eri a n, Pfarrer im Münster. Basel Gedruckt bey Lmanuel Lhurn-ysen. Text. Hiob V, r6. Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingeführet werden zu seiner Zeit. wie die Liebe zum Leben von dem weisen Schöpfer selbst tief in unsre Herzen gepflanzt ist, so ist auch der Wunsch, ein ruhiges und glückliches Alter zu erreichen, eben so allgemein, als er natürlich ist. Wie traurig ist nicht der Zustand der meisten Menschen in ihrem hohen Alter! Ihre Leibes- und Geisteskräfte nehmen immer mehr und mehr ab. Das Gesicht, das Gehör und die übrigen Sinne werden nach und nach stumpf. Der Verstand wird zu einem anhaltenden Nachdenken ungeschickt. Das Gedächtniß wird schwach. Sie verlieren Lust und Kraft zu den Geschähen. Die Freuden dieses Lebens verschwinden für sie; und an deren Statt äußern sich Schwachheiten und Beschwerden von mancherley Art. Wie Manche giebt es unter ihnen, die ihre Tage unter heftigen Schmerzen auf dem Krankenlager zubringen; die die Last des Mangels und der Armuth fühlen, oder wenigstens die nöthige Pflege und Bequemlichkeit entbehren a r O 4 müssen; die an ihren ungerathenen Kindern nichts, als Schande und Herzeleid, erleben, und von ihnen undankbar verlassen werden; ja, deren Herz vielleicht noch dazu durch schreckliche Vorwürfe des Gewissens zerrissen, und durch bange Furcht vor dem Gerichte Gottes und vor der: Strafen der Ewigkeit geangstiget und gequälet wird! Je mehr es nun solcher Unglücklichen giebt, die durch eine traurige Erfahrung davon überzeugt werden, daß die Tage des Alters wirklich böse Tage seyen, von denen sie sagen müssen, sie gefallen ihnen nicht (a): desto natürlicher und vernünftiger ist der Wunsch, daß dieser letzte, hülfbedürftigste Theil unsers Lebens von dergleichen drückenden Beschwerden, so viel möglich, frey bleiben, und von uns sanft und ruhig, unter frohen Erwartungen einer seligen Ewigkeit, geendiget werden möge. Wenn wir aber dieses Wunsches gewahret werden wollen, so müssen wir das Mittel anwenden, welches uns zu diesem Endzwecke verhelfen kann. Und dieses Mittel ist, mit Einem Worte, die Religion oder Gottesfurcht. Denn Gott selbst hat in Seinem Worte hin und wieder die Gottesfurcht mit langem Leben, und <» Pred. Cal. 12, r. 5 ! mit einem ruhigen und glücklichen Alter zu belohnen verheißen. Die Furcht des Herrn, sagt Salomo, die Furcht des Herrn mehret die Tage (d). Mein Rindl vergiß Meines Gesetzes nicht, und dem Herz behalte Meine Gebote. Denn sie werden dir langes Leben, und gute Jahre und Frieden bringen (e). Und nur die Frommen und Gottesfürchtigen geht die so liebliche Verheißung an, welche den Inhalt der eurer Liebe soeben vorgelesenen Worte ausmacht: Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingeführt werde« zu seiner Zeit. Wir wissen alle, Geliebte in dem Herrn welches der Anlaß der gegenwärtigen zahlreichen und hochansehnlichen Versammlung sei, nämlich, das Leichenbegängniß einer hochie- tagten, ehrwürdigen, christlichen Matrme, an welcher die vorgelesene Verheißung aukeine ganz besonders auffallende Weise in die Erfüllung gegangen. Ich denke daher, es werde ein Wort zu seiner Zeit geredet seyn, wenn ich, nach einer ganz kurzen Erklärung unsrer Textesworte, eurer Andacht ein hohes und glückliches Alter, als einen den Gottesfürchtigen verheißenen göttlichen Segen, anpreise. (b) Spr. Sal. io, 27. (c) Eben das. 2, 1. s. 6 Zu dem Ende wollen wir, Erstlich, sehen, was unter dem Namen eines glücklichen hohen Alters zu verstehen sey. Und demnach, wie die Gottesfurcht das bewährteste Mittel sey, zu einem solchen glücklichen Alter zu gelangen. Herr, unser Gott! Du bleibest, wie Du bist, und Deine Jahre nehmen kein Ende (6). Aber unsre Lebenstage fahren schnell dahin, rnd wir mit ihnen, als flögen wir davon (e). Unsre Zeit steht in Deinen Handen (k): dessen getrosten und freuen wir uns, und übergeben uns mit allen unsern Lebenstagen und unsern Schicksalen Deinen Vaterhanden in kindlichem Vertrauen. Gieb, daß wir nicht früher und licht spater zu sterben wünschen, als es Dir gMt. Laß uns die uns von Dir bestimmte Lassbahn in Deiner Furcht und mit Zufriedenheit durchwandern. Und wenn das Ende derselben herannahet, so gieb, daß wir im Glauben an Jesum, und in der Hoffnung eines bessern, ewrgen Lebens unsrer Auflösung und Vollendung ruhig und freudig entgegen sehen. Segne zu diesem Ende auch die Betrachtungen, die wir jetzt anstellen wollen, um Deiner ewigen Liebe willen.' Amen. (6) Ps. lor, 28. (e) Ps. Y°, lo. (k) Ps. ;i, 16. I. Du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingeführt werden zu seiner Zeit. So lauten die Worte Eliphas, des Freundes Hiobs, in unserm Texte. Wie schön, wie edel und anmuthsvoll ist das Bild, dessen sich dieser weise Mann bedienet, um den Zustand eines Menschen zu schildern, den Gott ein glückliches hohes Alter hat erreichen lassen; der nun, nach wohl vollendetem Laufe des Lebens, am Rande des von ihm erwarteten Grabes steht, und seiner Auflösung entgegen sieht! Garben, die in die Scheuren eingeführt werden, sind allen den mannichfaltigen Gefahren entgangen, denen sie die ganze Zeit über, da sie auf dem Felde stunden, ausgesetzt waren. Uebermässige Frost und Hitze, anhaltende Dürre und Nasse, Sturmwinde und Ungewitter und andre Unfälle konnten sie leicht verderben. Nun aber, da sie zu ihrer vollkommenen Zei- tigung gelangt sind, kann ihnen nichts mehr schaden. Eben so verhält es sich mit dem Frommen, der zu einem glücklichen Alter gelangt ist. Er ist nun reif zur Ewigkeit; er ist allen Gefahren, die ihn seine ganze Lebenszeit hindurch bedrohten, allen Stürmen der Widerwärtigkeiten und der Versuchungen glücklich entgan- 8 gen, und erwartet mit stiller Gelassenheit den erwünschten Augenblick, da ihn der Herr zu rechter Zeit durch einen sanften und seligen Tod in die Wohnungen der ewigen Ruhe und des unzcrstörlichen Friedens einführen, da Er jene tröstliche Verheißung an ihm erfüllen wird: Die Gerechten werden weggeraffet vor dem Unglücke; und die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Friede, und ruhen in ihren Kammern (§). Laßt uns aber noch etwas naher sehen, was unter dem Namen eines glücklichen hohen Alters zu verstehen sey. Das werden wir alle leicht einsehen, daß nicht ein jedes hohes Alter darum auch allemal ein glückliches Alter sey. Oder wer wird wohl einen Menschen blos darum glücklich schätzen, weil er ein hohes Alter erreicht hat, wenn er die trauriger; Folgen des Sündendienstes, in welchem er grau geworden, fühlen muß; wenn er sich durch schändliche Lüste schmerzhafte Krankheiten zugezogen; wenn er sich durch Verschwendung irr Mangel und Armuth gestürzt; wenn er keine Freunde hat, weil er sich durch sein liebloses, unfreundliches, eigennütziges Wesen des Glückes der Freundschaft ganz (8) 2es. ;?/ i. 2 . 9 'l ^ unwürdig gemacht hat; wenn er noch weniger ^ hoffen darf, Gott zum Freunde zu haben, > N! weil er Seine Gnade nie gesucht, und sich um > öl- Sein Wohlgefallen nie bekümmert hat; wenn w er von bittern Vorwürfen feines Gewissens A' geängstiget und gefoltert wird? Vor einem solchen Älter wird ein jeder Vernünftiger von m Gott bewahret zu werden wünschen, ru- Wer wird hingegen den Zustand solcher Alten nicht glücklich preisen, die, obfchon sie die k:e Munterten und Kräfte der Jugend nicht mehr Heu besitzen, doch nicht gar zu schwach und baufällig sind, den Gebrauch ihres Verstandes und ihrer ki Sinne behalten, und von gar zu empfindlichen M Schmerzen und ängstlichen Nahrungssorgen be- E freyt bleiben; die unter allen Umständen ein ru- D higes, zufriedenes, heiteres, gottgelassenes Ge- i n müth haben; die auf ihre durchlebten Tage mit Freudigkeit und Dankbarkeit gegen Gott zurück- U sehen; denen die Beschwerden, die das hohe Al- ß ter mit sich führet, durch die Ruhe von ermü- ij denden Arbeiten, durch die Liebe der Ihrigen, ^ durch die Freude, die sie an ihnen erleben, und ch durch den vertraulichen Umgang mit einigen be- j- währten Freunden erleichtert und verfüsset wer- § den; und die der zukünftigen Ewigkeit mit getroster und froher Erwartung entgegen gehen? Ja, es giebt mancherley Vorzüge, welche mit dem hoher: Alter verbunden sind, und zu dem Glucke desselben nicht wenig beytragen. Haben wir lange in der Welt gelebt, und als vernünftige Menschen gelebt, so haben wir auch viel Gelegenheit gehabt, uns einen reichen Vorrath von Erfahrungen und Lebensweisheit zu sammeln. Wir haben in solchem Falle eine Menge guter und böser Handlungen der Menschen, und auch ihre guten und bösen Folget: beobachtet. Wir haben so manche Proben der Güte Gottes an uns selbst und an Andern erfahren, so manche Wunder Seiner allweisen Regierung gesehen, wodurch wir nothwendig ir: unsern: Vertrauen auf Gott müssen gestärkt werden. Wie viel zuversichtlicher können wir zu Gott beten, da wir schon so oft von Ihm sind erhört worden! Wie viel brünstiger können wir Ihr:: für jede Wohlthat danken, da wir schon eine so unzählbare Menge derselben von Seiner Vaterhand empfangen haben! Wie viel fester können wir auf die den Frommen geschehenen Verheißungen trauen und bauen, da wir dieselben schon so oft erfüllt gesehen haben! Und wie viel mehr Nutzen können wir durch unsern guten Rath, durch unsre Ermahnungen, Warnungen, Belehrungen, Zurecht- II 4 Weisungen und durch unser gutes Exempel bey unsern jungem Nebenmenschen stiften, da unsre lange Erfahrung dem allem so viel mehr Gewicht und Nachdruck giebt! Unter die Vorzüge, welche gottesfürchtigen Alten eigen find, gehört, demnach, eine gewisse Gleichmüthigkeit, ein gesetztes Wesen, das unstreitig sehr viel zur Gemüthsruhe und Heiterkeit im Alter beytragt. Die wilde Hitze der Leidenschaften, wodurch wir uns in den leichtsinnigen Iugendjahren zu so vielen Thorheiten und Sünden hinreisten lassen, verliert sich immer mehr. Die sonst so unbändigen Begierden lassen sich durch Vernunft und Religion besser im Zaume halten. Die Versm chungen zu manchen Lastern sind nicht mehr so häufig und so stark. Wir fühlen das Leere, das Unvollkommene dieser Welt immer mehr. Wir lernen es immer deutlicher einsehen, daß alles, was unter der Sonne ist, eitel, alles ganz eitel sey (ll). Wir werden immer gleichgültiger gegen alles, was irdisch und vergänglich ist, immer gelassener bey unangenehmen und widrigen Zufällen. Wir finden nun mehr Geschmack und Vergnügen an wichtigem und ernsthaftem Dingen. Wir richten unsre Wün- (K) Pred. Sal. i, 2. 12 sehe und Bemühungen auf edlere Güter, auf reinere und dauerhaftere Freuden, als diejenigen sind, in denen wir ehedessen in jungem Jahren unsre Glückseligkeit gesucht hatten. Wir beschäftigen uns nun lieber mit Gott und mit der Religion. Wir finden unsre Lust an stillen Uebungen der Andacht und des Gebets, am Nachdenken über die Lehren des Christenthums , am Lesen des göttlichen Worts und andrer lehrreichen und erbaulichen Schriften, die uns Nahrung für unsern unsterblichen Geist, Stärkung für unsern Glauben und unsre Tugend, Trost unter den zunehmenden Altersbeschwerden , und freudige Hoffnung bey unserm herannahenden Lebensende gewahren. Und eben das verdienet auch unter die Vorzüge des hohen Alters gerechnet zu werden, daß wir in demselben dem Ziele unsrer Laufbahn so nahe sind. Die lange Reihe unsrer Jahre, die Abnahme unsrer Kräfte, die zunehmenden Schwachheiten und Beschwerden sind deutliche Ankündigungen und Vorboten unsrer nicht mehr weit entfernten Auflösung. Die Aussicht in die herannahende bessere Zukunft, die sich vor unsern Blicken öffnet, die verbreitet eine sanfte Heiterkeit über den sonst dunkeln Abend unsers Lebens. Eben darum, weil i;' der betagte Christ nur noch wenige Schritte bis zu seinem Grabe zu thun hat, kann er desto freudiger, wie es unser Heiland ausdrückt, aufsehen und sein Haupt empor heben, weil er siehet, daß sich nun seine völlige Erlösung herzunahet (i). Wie glücklich muß der Zustand eines Menschen seyn, den Gott mit langem Leben gesat- tiget hat, und dem Er nun auch im vollkommensten Verstände Sein Heil zeigen will M; der nun mit Freudigkeit den Lobgesang eines Simeons: Herr! nun lassest Du Deinen Diener , Deine Dienerinn, im Frieden fahren, (I) — und das Triumphlied eines Pauli anstimmen kann: Ich habe einen guten Nampf ge- kämpfet; ich habe den Lauf vollendet; ich habe Glauben gehalten: hinfort ist mir beigelegt die Nrone der Gerechtigkeit, welche mir der Herr, der gerechte Richter, geben wird (11) 1 Und wie entzückend muß es für den sterbenden Greis seyn, zu denken: Gott Lobt nun ist die gewünschte Stunde da , wo ich diejenigen, die meinem Herzen so lieb und theuer waren, meine Rettern, Ehegatten, Kinder, (!) Luc.2i, 28. (K)Ps.9l,iü. (!) Luc. 2,2Y. (!!) 2. Tim, 4 , 7 ' 8 . 14 Geschwister, Freunde, die mir in die selige Ewigkeit vorangegangen sind, wo ich diese alle in den Wohnungen der vollendeten Gerechten wieder finden, wieder unzertrennlich mit ihnen werde vereiniget werden. Ja, sie werde ich wieder sehen; und unsre Herzen werden sich freuen, und unsre Freude wird niemand von uns nehmen (in). Wer nun den Werth der bißher kürzlich beschriebenen Vorzüge eines ruhigen hohen Alters, den Werth der langen Erfahrung, der gesetzter« Denkungsart, und der nähern Hoffnung der seligen Ewigkeit, auch nur einiger Maassen zu schätzen weiß, der wird gewiß auch diejenigen glücklich preisen, die mit einem solchen Alter von Gott gesegnet werden; er wird wünschen, wenn es dem Herrn gefallt, ihm sein Leben zu verlängern, daß er alsdann auch ein solches Alter erreichen möge. Aber mit dem blossen Wünschen ist es freylich nicht ausgerichtet, sondern wir müssen auch den Weg betreten, auf welchem wir zu diesem so wünschenswürdigen Glücke gelangen können. Laßt uns daher, für das Zweyte, noch in möglichster Kürze sehen, wie die Gottesfurcht das bewährteste Mittel sey, zu einem solchen glücklichen Alter zu gelangen. (m) Ioh. 16, L2. 15 l!c!tz »iech chkn ie ich ltte» ch klk üL A- MP ich Iß kM !lkü- ch M ItI tz >a§ >en II. Nur die Religion, nur jene Weisheit, deren Anfang die Furcht des Herrn ist (n), die uns den rechten Weg zu unserm wahren Glücke überhaupt zeiget, und darauf führet, nur sie lehret uns auch, wie wir eines ruhigen und glücklichen Alters können theilhaftig werden. Wie sie das kräftigste Verwahrungsmittel gegen eine jede Art von Sünden und Ausschweifungen ist: so sichert sie uns auch vor allen Folgen derselben, welche immer für uns unangenehm, vorzüglich aber für das Alter peinigend sind. Wenn Eliphas in unserm Texte dem Hiob Hoffnung auf ein glückliches Alter macht, welches ihm Gott, ohngeachtet feiner jetzigen Trübsale, noch könne zu Theil werden lassen, so thut er es unter dem Bedinge, wenn er die Sünde meiden werde: Und du wirst nicht sündigen, sagt er in einem der nächst vor unserm Texte hergehenden Verse (o). Eben durch die Furcht des Herrn aber meidet man das Böse (x), wie Salomo sagt. Sie zeigt uns, wie wir am leichtesten der Sünde und ihren traurigen Folgen entgehen können. Sie, die Gottesfurcht, bewahret uns vor (r>) Ps. m, 10 . (o) Vs. 24 . (p) Spr. Sal. IÜ, ü. allen Ausschweifungen der Unmässigkeit und Unkerrschheit, wodurch so Manche ihre Gesundheit zerrütten und zu Grunde richten. Sie halt uns dagegen zu einer ordentlichen, massigen und enthaltsamen Lebensart an, welche so vieles dazu beytragt, daß wir mit gar zu heftigen Schmerzen und Krankheiten, welche uns die Tage des Alters verbittern könnten, verschollt bleiben; daß wir also nicht der Saat gleichen, die vor ihrer Zcitigung vorn Unge- witter getroffen und zu Boden geschlagen wird, sondern vielmehr den reifen Garbell, die zu rechter Zeit abgeschnitten und eingeführt werden. Die Gottesfurcht bewahret uns vor Trägheit, Müssiggang und Verschwendung, welchen sich so Manche in ihren Iugendjahren ergeben, und sich dadurch in Gefahr setzen, in ihrem Alter zu darben, und an den nöthigsten Bedürfnissen und Bequemlichkeiten Mangel zu leiden. Sie schärft uns dagegen Fleiß, Arbeitsamkeit, gewissenhafte Treue in unsern Be- rufsgeschäften, und eine kluge Sparsamkeit ein, vermittelst welcher wir, unter Gottes Segen, in eine solche erwünschte Lage gesetzt werden, daß wir nicht nur mit bittrer Armuth und drückenden Nahrungssorgen nicht zu kämpfen 17 pfen haben, sondern im Gegentheil die süßen Freuden, die aus der Uebung der Wohlthätigkeit entspringen, empfinden und genießen können. Die Furcht des Herrn, die, wenn fie rechter Art ist, steh allemal durch Nächstenliebe thätig beweist, verschafft uns eben dadurch eine der größten Annehmlichkeiten, die uns die Tage unsers Alters erheitern können; ich meyne, die Freundschaft und Liebe rechtschaffener Menschen. Wenn wir schon in jüngern Jahren uns gegen jedermann liebreich, freundlich, gefällig, friedfertig und dienstfertig beweisen, so wird es uns nicht, leicht an Freunden fehlen können, die sich unser in unserm hülflosen Alter annehmen und für uns sorgen, die uns unterstützen und trösten, und mit unsern Schwachheiten Geduld und Mitleiden tragen. Hat uns denn der Herr mit Lindern gesegnet, und find wir, wie Abraham, bemühet gewesen, ihnen und unserm Hause nach uns zu befehlen, daß sie des Herrn Wege halten, und thun, was recht und gut ist (g) r so Hirnen wir uns die angenehme Hoffnung machen, an ihnen die besten Freunde für unser Alter zu finden; Freunde, die sich glücklich schätzen, (-i) i.Mos. 18, B 18 wenn sie uns durch ihre Gesellschaft erfreuen, und uns durch ihre zärtliche Verpflegung die Wohlthaten, die sie unsrer väterlichen oder mütterlichen Erziehung und Fürsorge verdanken , einiger Maaßen wieder vergelten können. Doch die sicherste Stütze eines glücklichen Alters ist das Zeugniß eines guten Gewissens, daß wir mit Gott versöhnt sind, und im Frieden mit Ihm stehen. Wenn wir dieß Zeugniß haben, dann möchte uns alles andere fehlen, alles möchte wider uns seyn, unser Alter würde dennoch glücklich seyn. Fehlte es uns hingegen an dieser innern Ruhe, an dieser Freudigkeit zu Gott, so würde uns keine noch so dauerhafte Gesundheit, keine noch so vor- theilhaften Glücksumstände, keine noch so guten Freunde diesen Mangel ersetzen können; wir würden bey dem allem doch ein betrübtes und unglückseliges Alter führen. Wie gelangen wir aber zu dieser Freudigkeit zu Gott? Nur durch die Religion, durch den Glauben an Gott und unsern Heiland Jesum Christum, durch dankbare Anneymung und Zueignung der trostvollen Gnadenverheissungen Seines Evangelii, durch willigen Gehorsam gegen Seine Gebote, durch rechtschaffenen Fleiß der Gottseligkeit, durch lebendige Hoffnung ei- ncr seligen Unsterblichkeit. Ja, wie gut hat es der Christ, der seinem gütigen Schöpfer und Erlöser frühe sein Herz gegeben, und die Wege Desselben seinen Augen hat Wohlgefallen lassen (r)! In einem jeden Zustande, und in einem jeden Alter empfindet er den Trost eines guten Gewissens. Findet er gleich nur allzuviele Ursache, steh mit demuthsvoller Reue und Schaam an die Sünden und Thorheiten seiner Jugend, und an so manche Fehltritte und Vergehungen seiner reifern Jahre zu erinnern: so kann er steh doch im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, und im Glauben an die Erlösung und Fürsprache seines göttlichen Mittlers Jesu Christi, der Vergebung seiner Sünden und des Antheils an der göttlichen Gnade getrösten. Denkt er zurücke an die unzähligen Beweise von der väterlichen Huld und Treue seines Gottes, Der ihn je und je geüebet, und ihn aus lauter Güte zu Sich gezogen hatM: so wird sein Herz mit Dank und Gegenliebe gegen Gott erfüllt. Die Erfahrungen Seiner Güte sind ihm gleichsam eine Stimme Gottes, die ihm zuruft: Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen (t) l Sein kindliches Vertrauen auf Gott 22 und Seinen Beystand erleichtert ihm alle Beschwerden des Alters, versüsset ihrn die Bitterkeit des Todes, und macht ihm den Uebergang in die Ewigkeit tröstlich und erfreulich. Je mehr die Welt ihm, und er der Welt abgestorben ist, desto naher und fester hält er sich zu Gott, Der immer seines Herzens Trost und sein Theil bleibt, wenn ihm alles andere entrissen wird (u). Je naher er dem Tode und der Ewigkeit entgegen rückt, desto ernstlicher schickt er sich zu seinem Abschiede an. Er bleibt auch in seinen, Tode getrost (x) , und wartet mit froher Hoffnung auf feine völlige Erlösung von allem Uebel, und auf seinen Eingang in das himmlische und ewige Reich seines Herrn und Heilandes Jesu Christi (ch. In dieser Verfassung hat Ihre lange Laufbahn beschlossen die nun selig vollendete Frau, Deren Leichnam wir hieher zu seiner Ruhestätte begleitet haben, und von Deren Lebens- und Sterbens-Umstanden eurer Liebe noch folgende Nachricht soll mitgetheilt werden. (u) Ps.?;, 26. L8. O) Spr.Sal. 14, 0 ) r.Tim. 4, > 8 . 21 ich Lebenslau lM tM ! Ä Ulk W HU M- :N- U M ^ Hß ne viel Ehren-und Tugendreiche Frau Maria Lyarlotta Burkard ward an das Licht dieser Weit geboren im Jahr Christi 1695. den 9. Hornungs. Ihre schon längst in Gott ruhenden Aeltern waren: Herr Bernhard Burkard/ des geheimen Raths und veputLc der Kirchen und Schulen all- hier/ und Frau Lharlotta Anto- netta Schmiedmann. Von diesen Ihren Geehrtesten Aelterir ist Sie sorgfältig und christlich auferzo- gM/ und frühzeitig/ gleichwie zur Gottesfurcht und andern christlichen Tugenden, also auch zu allen dem weiblichen Geschlechte wohl anstehenden häuslichen Geschäfften, flüssig angehalten worden. Im Jahr 171z. den 4. 22 trat Sie, unter der väterlichen Leitung der göttlichen Fürsehung, in den Stand der heiligen Ehe mit dem weiland Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn HannsRudolfMerian, gewesenen Treueiferigen Pfarrer dieser christlichen Münstersgemeine, und Hochverdienten der hiesigen Kirchen, welcher Ihr, zu Ihrer schmerzlichen Betrübniß, im Jahr 1766. den 21. Aprills in die selige Ewigkeit vorhergegangen, nachdem Sie mit Demselben in einer 52. jährigen ungemein liebreichen und vergnügten Ehe, durch Gottes Segen, 7. Kinder erzeugt, nämlich 2. Söhne und 5. Töchter, von welchen aber i. Söhnlein und i. Töch- terlein in ihrer zarten Kindheit, die älteste Jungfrau Tochter aber im Jahr 1777. aus dieser Zeitlichkeit in jenes bessere, ewig selige Leben versetzt worden. Ihren Herrn Sohn, Der schon seit 43. Jahren eine kroteüor- Stelle bey der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, und seit 20. Jahren die ansehnliche Stelle eines vi- reÄori8 der philologischen Klaffe derselben, nebst verschiedenen andern wichtigen Ehrenämtern, mit vielem Ruhme bekleidet, diesen Ihren Herrn Sohn, sage ich, und 2. Frauen Töchter hat Sie ansehnlich und nach Wunsche verheyra- thet gesehen, und von den beyden Letztem 11. Großkinder erlebt, von welchen noch 8 . so lange es dem Herrn gefallt, im Leben sind. Nicht nur von den selig verstorbenen Herren Tochtermännern, sondern auch von den Herren Großsöhnen und Großtochtermännern hat Sie das Vergnügen gehabt Verschiedene theils in E. E. Kleinen und Grossen Rath, theils in das Predigamt befördert, und dem Staate und der Kirche nützliche Dienste leisten zu sehen. Auch hat Sie von Denselben 28. Enkel und 4. Urenkel erlebt, von welchen noch 24. Enkel und z. Urenkel am Leben sind. Die nun selig vollendete Frau war eine rechtschaffene, thätige §hristinn, die Gott und Sein Wort aufrichtig liebte, wie Sie denn bis in Ihr hohes Alter, gleich einer Hanna, Sein Haus fleiffig und andächtig besuchte, und Sich auch zu Hause aus Seinern Worte erbaute. Sie war von Gott mit jenem sanften und stillen Geiste, der vor Seinen Augen ein so köstlicher Schmuck ist, reichlich gezieret. Die Güte Ihres Herzens, die Sie zur zärtlichsten Ehegattinn und zur weitesten und sorgfältigsten Mutter »nachte, das liebreiche, freundliche, gefällige, leutselige, zufriedene, heitre, fröhliche Wesen, das aus Ihren Blicken, Ihren Reden und Ihrem ganzen Thun und Lassen hervorleuchtete, nahm die Herzen aller derer für Sie ein, die das Glück und Vergnügen hatten, Ihren Umgang zu gemessen. 2s Auch war Sie mitleidig und wohlthätig gegen die Armen. Unter so vielen andern Wohlthaten, womit Sie von Gott gesegnet worden, und wofür Sie Ihn mit gerührtem und dankbarem Herzen pries, war auch die, daß Sie weit den größten Theil Ihres Lebens hindurch einer dauerhaften Gesundheit genoß. Der, Der von Jugend auf Ihr Gott gewesen war, verließ Sie auch im Ihrem außerordentlich hohen Alter nicht, sondern erhielt Sie bey dem Gebrauche Ihrer Sinne, bey der Gegenwart des Geistes, und sonderlich bey einer solchen Gemüthsruhe und Heiterkeit, daß Sie mit allem Rechte, wie David, sagen konnte: Ich bin vor Vielen, wie ein Wunder (2). In der That wußte man sich beym Anblicke Ihres ruhigen und glücklichen Alters mit einer gewissen Art von Bewunderung erfreuen. (r) Ps> ?r, 7. 26 Seit ohngefähr 4. Wochen nahmen Ihre Leibeskräfte Zusehens ab; Sie verlor den Appetit gänzlich, und es erfolgte eine Altersauszehrung, welche mit einem fast beständigen Schlummer begleitet war. In der letzten Woche Ihres Lebens wurde Sie von ziemlich heftigen Schmerzet: beunruhiget. Ihre jüngste Jungfrau Tochter, Die Ihre beständige Gefährtinn und zärtliche Verpfiegerinn war, und Ihre beyden andern Frauen Töchter, warteten Ihr mit der unermü- detsten Sorgfalt ab. Ein Ihr nahe verwandter erfahrner Herr Arzt versuchte alles, was die Arzneykunst vermag, um Ihre Schmerzen zu lindern und Ihr Leben zu verlängern. Allein es gefiel dem Herrn, demselben ein seliges Ende zu machen. Sie bereitete Sich dazu christlich vor, indem Sie die Uebungen der Busse, des Glaubens, der Dankbarkeit, der Liebe, der Geduld und der Hoffnung, womit Sie Sich vorher schon langst beschäftiget hatte/ erneuerte. Sie wartete also in einer Gott ergebenen Gemüths- Verfassung auf das Heil Gottes und auf Ihres Leibes Erlösung. Und diese ließ Ihr der Herr denn auch erscheinen ver- wichenen Donnerstag Abends zwischen 8 . und 9. Uhr, da Sie, unter dem Gebete und den Thränen der lieben Ihrigen, sanft und selig in dem Herrn entschlief, nachdem Sie in dieser Welt gelebt hatte 98. Jahre, 9. Monate und 21. Tage. Der Gott aller Gnade lasse die sämtlichen Hochgeehrtesten Hinterlassenen der selig verstorbener; Frau aus der reichen Trostquelle des Evangelii Trost und Ruhe für Ihre Seelen schöpfen, und es immer besser erkennen, wie viel mehr Ursache Sie haben, Ihm dafür zu danken, daß Er Sie Ihren angenehmen und lehrreichen Umgang so lange gemessen lassen, und Sich über Ihre selige Auflösung zu 28 stellen, als aber Ihren Tod zu betrau- ren! Er lasse Seinen Geist und Segen anf Ihnen allen ruhen, damit Sie die Gesegneten des Herrn seyen und bleiben in Zeit und Ewigkeit! Unsre selig verstorbene Frau Oberst- Pfarrerinn hat eine so hohe Stufe des Alters erreicht, dergleichen von vielen tausend Menschen kaum Einer erreicht. Vielleicht wünschen wir uns größtenthcils ein solches hohes und glückliches Alter. Aber was hülfe es uns, wenn wir auch Methusalahs Alter erreichen könnten, wenn wir aber nicht in der Furcht des Herrn, und im Glauben an den Sohn Gottes lebten, Der uns geliebt, und Sich selbst für uns dargegeben hat (^)? Der wahre Werth eines langen Lebens, so wie aller irdischen Güter, Vorzüge und Freuden, beruhet nicht auf ihrem Besitze und Genusse, sondern auf der weisen, (3) Gal. 2, 20. 29 wohlthätigen und Gott gefälligen Anwendung derselben. Wie wichtig, wie nöthig ist daher für uns alle die Bitte: Erhalte, o Gott, mein Herz bey dem Einigen, daß ich Deinen Namen fürchte (b), an Jesum Lhristum glaube, und Seinem Evangelio gemäß und würdiglich wandle! Wird diese Bitte erhört, dann werden wir auch feste stehen in der Gnade Gottes, und an Weisheit, an Tugend, an guten Werken, die uns in die Ewigkeit nachfolgen, immer reicher und fruchtbarer werden. Dieß Eine ist noth. Um dieß nicht zu versäumen, laßt uns den Tod rrnd die Ewigkeit fleiffig und ernstlich bedenken, und nie vergessen, wie bald und unvermuthet die Nachr hereinbrechen könne, da niemand mehr wirken kann (c). Ja, ihr, die ihr in der Blüthe eurer Jugendjahre stehet! säumet nicht. Viel- (b) Ps. 86, ii. (o) Jvh. 9, 4- zo leicht kömmt der Abend euers Lebens noch ehe der Morgen vollendet ist. Ihr, die ihr in den männlichen Jahren stehet! säumet nicht. Der Abend bricht vielleicht herein, alldieweil es euch noch voller Mittag zu seyn scheint. Und ihr, die ihr bereits ein hohes Alter erreicht habt! säumet nicht. Der Abend euers Lebens ist vor der Thüre. Möchten wir doch alle, Junge und Alte, jenen heilsamen Rath des christlichen Dichters befolgen : Tritt im Geist zum Grub oft hin, Siehe dein Gebein versenken; Sprich: Herr, daß ich Erde bin, Lehre Du mich selbst bedenken; Lehre Du michs jeden Tag, Daß ich weiser werden mag! Amen.