Leichenrede Sey der Beerdigung der weiland Ehr- und Tugendreichen Frau Anna Elisabeth Bernoulli Bürger Peter W e n k des Handelsmanns gewesenen Ehelichsten vorgetragen in der Kirche St. Theodor den 15. Brachmonat 1799 von Joh. Jakob Faesch, viuc. Basel, gedruckt bey Samuel Flick. Text: Gott hat mir eine Wunde über die andere gemacht. Hivb. r6. v. 14. >^s giebt der Traurenden und Unglücklichen unter unsern Brüdern und Schwestern viele; Unzählbar find die Thränen, die vor Gottes Augen geweint, die Tage und Nächte, die in düsterer Schwermuth verseufzet werden; aber ohnmöglich würde es seyn zu entscheiden, welcher unter den Unglücklichen des Elendes tiefste Tiefe erreichet habe; Indessen finden stch mehrere, die ein widriges Geschick gleichsam zu verfolgen scheinet, die von einer Trübsal zur andern übergehen, von einem Wetter ins andere fallen; Ein bedaurenswürdiges Beyspiel dieser Art stellet der heutige Tag uns auf; Tiefgebeugte Eltern und einen jammernden Gatten, Ar ( 4 ) -er erst vor ein und zwanzig Monaten die zärtlichste Gehülfin seines Lebens zu den dunkeln Grüften der Toden begleitet hat und itzt schon wieder hinter dem umflorten Sarge seiner zweyten Geliebten mit zerrissenem Herzen einher- wandlen mußte; Wer wird es wohl den Lei- detragenden verargen, wenn auch aus ihrem Munde die Klage Hiobs erschallet: Gott hat mir eine Wunde auf die andere gemacht. Doch nicht blos mit den Traurenden zu trauren, bin ich an diese geweihte Stelle berufen worden, sondern um zu trösten , zu beruhigen , um einen lindernden, heilenden Balsam auf die blutenden Wunden zu legen; Schwerer Beruf! um so viel schwerer, je größer das Unglück ist, das den armen Sterblichen zermalmet, je heftiger der Schmerz, der sein Innerstes durchwühlet; und sollte dieses nicht -er Fall bey unsern Laidetragenden seyn? Was haben fie nicht alles verlohren! Rechtschaffene Eltern eine tnnigstgeliebte, tugendhafte Tochter ! ein junger, guter Ehemann zwey der zärtlichsten, treuesten Gattinen! zwey hülflose Wais- lein ihre besten, sorgfältigsten Mütter! Wer kann ohne Theilnahme, ohne Wehmuth einen ( 5 ) so unersetzlichen Verlurst sich denken! Wer muß aber nicht auch dabey sich erinnern, daß win alle Menschen, arme, schwache, hinfällige Menschen , den gleichen Schicksalen und Leiden unterworfen seyen; daß, was heute dem einen wie- derfährt, morgen dem andern auch geschehen könne; So laßt uns denn alle zu rechter Zeit den Trost sammeln, den wir alle nöthig haben, wenn dereinst auch für uns die Trauerstunde schlagt, wo wir seufzen müssen: Gotthatmir eine Wunde über die andere gemacht. Der vornehmste Trost m. T. liegt in den Worten unsers Textes selbst: Gott hat die Wunde gemacht; Er machet das Licht und schaffet die Finsterniß; Er giebt Frieden und schaffet Uebel; Glück und Unglück, Tod und Leben kömmt aus seiner Hand; Oder wer darf sagen, daß etwas geschehe ohne des Herrn Befehl? Hiob, der wohl wußte, daß Räuber in seine Ländereyen gefallen, seine Hirten getödet, seine Heerden weggeführt; daß tobende Stürme seine Häuser zertrümmert und seine Kinder unter ihrem Schütte begraben hatten, Hiob sieht doch bey allen diesen harten Schlägen eines widrigen Schicksals nichts als ( 6 ) Gottes Hand; Und wenn auch die heil. Schrift uns diese Hand nicht aller Orten beschäftiget zeigte, so würde unsere eigene Vernunft uns belehren, daß Blitz und Donner, Hagel und Stürme, Kriege und Revolutionen, Krankheiten und Tod nicht die eigentlichen Quellen unserer Drangsalen, sondern nur die Werkzeuge sind, deren sich der Allmächtige bedienet, seine Rathschlüsse über die Menschenkinder zu vollziehen ; Oder wie, sollte derjenige, der Himmel und Erde geschaffen hat, die Gewitter nicht zertheilen können, die über unserm Scheitel sich zusammenziehen? Sollte derjenige, dem Myriaden Engel zu Geboten flehen, die erbitterten Heere nicht entfernen können, die Tod und Verderben um uns herum verbreiten? Sollte derjenige, der unseren Oden in seiner Gewalt hat und -es Grabs Schlüssel besitzet, die Krankheiten nicht heben können, welche die Geliebten unsers Herzens uns zu entreissen drohen? Wer dieses läugnen wollte, der müßte Gottes Allmacht, der müßte selbst sein Daseyn läugnen. Schon das muß uns also trösten und beruhigen, daß unsere Wunden von Gott kommen; Laßt uns in die Hände des Herrn fallen! sprach David, mit der innigsten Ueberzeugung, -aß ( 7 ) er nicht übel fallen könne; Und sollte dieseUeberzeu- gung auch nicht die unsrige seyn ? und wäre sie es nicht, würde uns dieses wohl berechtigen, wider des Herrn Willen uns zu empören? Spricht auch der Ton zu seinem Töpfer: Was machest du? da beweisest nicht an mir deiner Hände Werk. Oder wer unter uns hat des Herrn Sinn erkannt? Wer unter uns ist sein Rathgeber worden? Wahrlich, wer mit dem Allwissenden Hader» will, wird Ihn nicht belehren und wer wider seinen Gott murret, wird nichts gewinnen ; Nein, Herr, ruft Hiob aus, ich bin zu gering, zu schwach und unwissend um dir zu antworten; Meine Hand will ich auf meinen Mund lege» und mit Demuth deinen Fügungen mich unterwerfen. Dieß werden wir um so viel williger thun, wenn wir bedenken, daß derjenige, von welchem unsere Leiden herkommen, der nemltche sey, dem wir alle unsere Vorzüge, alle Güter dieses Lebens zu verdanken haben ; Ach! wir gerathen nur deßwegen so oft in die Versuchung! über Gottes Vorsehung uns zu beschweren, weil wir vergessen, daß wir nichts auf diese Welt gebracht haben, daß wir alles , was wir Se-- - ( 8 ) sitzen und gemessen, unserm Schöpfer' schuldig sind, alles nur als Haustzalter zu verwalten haben ! Oder wie, ist nicht die ganze Erde des Herrn? Und theilt Er »richt einem jedlichen mit, nach dein Er will? Erfahren wir es nicht täglich , daß zum Laufen nicht hilft schnell seyn, zum Streite hilft nicht stark seyn , zum Reichthum hilft nicht klng seyn, sondern alles liegt an der Zeit und an» Glücke, und dieser Zeit und dieses Glückes Herr ist Gott; Was können wir denn als unser Eigenthum ansehen? Wie können wir uns denn an die Ausdrücke gewöhnen : Mein Haus, mein Acker, mein Vermögen , meine Freundin, mein Kind? Und wurde es nicht weit vernünftiger und christlicher seyn zu sprechen: Gottes Gut, Gottes Haus, Gottes Freundin, Gottes Kind? Gewiß wurde diese Sprache vieles dazu beytragen uns zu trösten und zu beruhigen, so oft der Weltenbeherr- scher es nöthig sinden sollte irgend ein Gut dieser Erde, das seine Großmuth uns geliehen hat, wieder zuruchuiiehmen; Wie schön und erhaben drückt sich hierüber einer der berühmtesten Weisen des Alterthums aus: " Sprich nie, " ich habe etwas verlohren, sondern: ich haste " es wiedergegeben; Deine Gattin stirbt — du " giebst c 9 ) " giebst sie zurück; Dein Vermögen wird dir "entrissen, du giebst es zurük; und sollte es " auch durch die Hand des Gottlosen geschehen, " was liegt dir an der Art und Weise, wie " derjenige, der ein Guth dir geliehen hat , " es wieder nimmt? Genieße mit Dank und " Fröhlichkeit, was der großmüthigste Geber dir "bescheret hat, aber genieße es nie als dein " Eigenthum, sondern immer als anvertraute Ga- " be" — Väter und Mütter präget diese erhabenen Grundsätze den zarten Seelen euerer Kinder recht frühe ein, und ihr werdet sie dadurch vor tausend Kummer und Sorgen, vor Trostlosigkeit und Verzweiflung bewahren; Es waren die Grund- sätze des frommen Dulders HioLS; Er hatte alles verloren, was seinem Herzen theuer und schätzbar war; Gott hatte ihme eine Wunde über die andere geschlagen und doch rüste er selbst in der Asche des Schmerzens noch aus: Der Herr hat's gegeben, -er Herr hat's genommen, der Name des Herrn sey gelobt. Doch, wer ist dieser Herr, der uns Wunde» schlaget? -er Leiden und Widerwärtigkeiten aller Art uns zusendet? Ist es etwan ein harter, unbarmherziger Herr, ein grausamer Tyrann, ( lv ) -er seine Lust daran findet die Menschenkinder zu plagen und unglücklich zu machen? S, nein, es ist der Allgütige, der Höchstweise; Vernunft und Religion, Himmel und Erde bezeugen es — Er will, daß es allen Menschen wohl gehe; tausend Empfindungen unseres Herzens, tausend Erfahrungen unseres Lebens, Jesus Christus in Bethlehem, Jesus Christus auf Golgatha rüsten es uns laut und deutlich entgegen; Freylich sind in Rücksicht unserer Glückseligkeit Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken und seine Wege nicht unsere Wege; Unerforschlich oft seine Rath- schlüsse, unbegreiflich seine Gerichte; dunkel die Pfade, die zum Lichte führen; bitter die Quellen der Freude; der Tod ein Bote des Lebens; Trübsal ein Same der Gerechtigkeit; Unglück ein Führer zum ewigen Glücke; Ja, alles muß zum Besten derer dienen, die Gott lieb haben; Seine Augen sehen beständig auf seine Getreuen; seine Ohren hören immer auf ihr Geschrey ; Er schlägt keinen Menschen ohne die wohlthätigsten Absichten; Er betrübet wohl, aber er erbarmet sich wieder nach seiner ewigen Gnade. Leicht würde es mir seyn eine Menge Beyspiele hierüber anzuführen; aber eines sey uns ( " ) für dieß Mahl genug, das Beyspiel Hiobs selbst, dem Gott eine Wunde über die andere gemacht hatte; der Kranke wurde wieder gesund; der Arme wieder reich; der Kinderlose mit Söhnen und Töchtern erfreut; Der Herr seegnete ihn mehr, denn vorhin, sagt die Schrift; Nach überstandenem Unglücke lebte er noch hundert und vierzig Jahre , daß er sahe Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied; Und gewiß befindet sich mancher unter uns, der es selbst schon in -er Stunde der Noth erfahren hat, daß des Herrn Hülfe nahe ist; -er auch schon manche Gefahr glücklich überstanden, in manchen Leiden erquickenden Trost, für manchen Verlurst reichlichen Ersatz erhalten hat; Und wie oft sind unsere Wunden nur deßwegen so schmerzhaft, weil wir uns mit denselben allein beschäftigen, daran allein gedenken, und das viele lindernde, freudenreiche, das von allen Seiten uns umgiebt, in der Heftigkeit des Schmerzens übersehen oder gar vergessen; Dieser verliert durch List oder Gewalt den grösten Theil seines Vermögens, vom blühendsten Wohlstände sinkt er in Mangel und Dürftigkeit herab — Ursachen genug seinen Unstern zu beklagen, über sein trauriges Schicksal zu seufzen und zu jammern — aber ihme bleibt «och eine dauerhafte Gesundheit, Kräfte und Talente aller Art, redliche Freunde nnd Verwandte, die ihn billig von aller Muthlofigkeit zurükhallen und mitten in seinem Unglücke mit Dankbarkeit durchdriugen sollten; Jenem wird durch den Tod die Geliebte seines Herzens entrissen , seine Messe Freude, seine grosse Glück- seligkeit auf dieser Welt — gerecht sind seine Thränen und seine tiefe Wehmuth, heilige Pflicht — aber ihme bleiben noch zärtliche, rechtschaffene Eltern, unschuldige, hoffnungsvolle Kinder und so mancher schöner Seegen des Allgütigen; wie unbillig wäre es, wenn sein thränendes Auge diese unschätzbare Wohlthaten mit Gleichgültigkeit betrachten, wenn seine zitternde Hand diesen edlen Balsam nicht auf seine blutenden Wunde» legen wollte! Ueverhaupt vergrößern und vermehren wir selbst unsere Wunden durch den leidigen Hang, mehr unseren verzärtelten Empfindungen und unserer überspannten Einbildung als aber der Stimme der Vernunft und der Religion Gehör zu geben; dieser leidige Hang macht jeden Schmerz heftiger, stellt jede Gefahr, jedes Unglück uns weit grösser, weit schrecklicher vor, als sie wirklich ( IZ ) sind; Dieß geschieht besonders in Rücksicht -es Todes; wir sehen denselben als ein Freuden- siörer, als einen Jammerboten , als den bittersten Feind unseres Geschlechtes an; Mit Unwillen denken wir an ihn; Mit Schrecken erblicken wir ihn; Mit Schaudern fühlen wir seinen kalten Händedruck; Ihn zu entfernen gäben wir oft gern unsere liebsten Güter/ unser ganzes Vermögen dahin; Und doch ist er der Menschheit wohlthätiger Freund / für den getreuen Verehrer Gottes ein wahrer Gewinnst. Ja / m. T. ein wahrer Gewinnst; Denn / was hat der Mensch wohl grosses und herrliches in dieser Welt ? Mühe und Arbeit / Kummer und Sorgen, Jammer und Noth! Wahrlich es ist ein elendes, jämmerliches Ding um aller Menschen Leben, von Mutter Leibe an, bis sie in die Erde begraben werden; Zwischen Furcht und Hoffnung eilen die Tage unserer Wallfahrt wie ein Schatten vorüber; Zwar können wir es nicht läugnen, schön und herrlich ist unsere Erde gefchmükt, und manche reizende Freude wir- uns auf derselben zu Theil; Freuden des Körpers, Freuden der Seele, Freuden der Natur, Freuden des gesellschaftlichen Lebens; Aber keine dieser c 14 ) Freuden ist ganz rein, ganz ungetrübt, keine rauerhaft, keine ganz befriedigend; Im Westen Becher find bittere Hefen; An der schönsten Rose stechende Hörnen; Die gröste Glückseligkeit ist ein täuschender Traum; Wir wünschen, ringen, jagen, haschen, gemessen, wir schwelgen bis zum Ueberfluß, und das arme, betrogene Herz bleibt immer ungesättiget. Wie lang ist hingegen das Register unserer Leiden und Trübsalen! und wie unvermeidlich find die meisten unter denselben! Wie schwach und hinfällig ist unser Körper! Wie vielen Gebrechen und Krankheiten ist derselbe ausgesezt! Wie heftig, wie anhaltend find oft unsere Schmerzen! Wie traurig die Vorboten des Todes und wie schauderhaft ein plötzliches Ende! Wohl recht singt der königliche Dichter: Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet, wie eine Blume des Feldes; Wenn der Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr; Und wie falsch, wie neidisch, wie boshaft und ungerecht sind oft die Menschen, die uns umgeben! Was haben wir nicht alles von ihren Klatschereien und Verleumdungen, von ihrem Stolze und Ehrgeize, von ihrer Habsucht und Rache, von ihren Ränken und Cabalen auszustehen ! Wer ( 15 ) zählt die Beschwerden und Drangsalen der Armuth / die Sorgen und Bekümmernisse des Reichthumes/ die ängstlichen Tage/ die schlaflosen Rächte des Lebens / die bangen Erwartungen der Dinge / die da kommen sollen! Wohl recht sagt unsere Offenbarung: Selig sind die Todten, die im Herrn sterben hon nNn an, denn sie ruhen von aller ihrer Arbeit und keine QNl rühret sie mehr an. Und wahrlich sie ruhen nicht blos, sie schlafen nicht, sie sind nicht tod, sie leben! sie leben bey Gott ihrem Vater, bey Jesu Christo ihrem Erlöser! an den «nversieglichen Quellen der Freude! in den glänzenden Pallästen der Ewigkeit! 'Sie frolocken über die Ablegung ihrer sterblichen Hütte, über die Vollendung ihres irrdischen Kampfes, über die Besiegung des Todes und der Hölle; Wonnetrunken vöm Gefühle ihrer Seligkeit vergessen sie alle nun «verstandenen Leiden und Wiederwertigkeiten und besingen mit den Heerscharen der Unsterblichkeit -es Allgütigen Liebe und Barmherzigkeit; Und was sie noch zurükdenken auf diese Welt, und was sie noch empfinden für ihre Eltern, Gatten, Kinder, das geht alles über in brünstiges, wirksames c i6 ) Gebet für der lieben Hinterlassenen wahres Wohlergehen; O daß ihre Stimme von des Himmels Hallen in unsern Ohren ertönen könnte! wie trostreich würden ste uns zuruffen: Weinet nicht! jammert nicht! Wir ruhen bey Gott! Er hat grosses an uns gethan! Er hat mit den reichen Gütern seines Hauses uns überschüttet! Auch für euch find Wohnungen genug in diesem Hause! Er wird euch abholen zu seiner Zeit! Ihr sollt bey uns seyn! Wir sollen bey euch seyn! Er selbst will bey uns seyn und bleiben immer und ewiglich! Weinet nicht! jammert nicht! freut euch vielmehr, daß wir beym Vater, beym besten, zärtlichsten Vater sind! seyd diesem Vater treu! pflanzt Treue meinen Kindern für diesen Vater ein! So wird auf euerm Haupte, wie auf meinem Haupte, dereinst die Krone des Sieges glänzen. Doch nicht blos für den sterbenden Freund der Tugend ist -er Tod Gewinst, er ist selbst für die Ueberlebenden eine wahre Wohlthat; und sollte nicht auch dieser Gedanke Balsam auf unsere Wunden seyn? Aber, werdet ihr viel» leicht fragen: wie kann der Tod, den Verlurst einer innigstgeliebten Gattin, einer Hoffnung^ c 17 ) vollen Tochter jemals Wohlthat für uns wer» den ? Schon dadurch, daß ihr für die geliebten Entschlafenen euch nicht mehr bekümmern nicht mehr ängstigen dörfet — denn wer sorgt und zagt nicht in diesen bedenklichen Zeiten für seine Freunde und Angehörigen? — Sie stnd nun im Schooße ihres himmlischen Vaters, besser als auf Erde versorgt, stcher vor allen Stürmen eines widrigen Schicksals; fie find in den Gefilden her Wonne, wo nie kein Seufzer gehört, nie keine Thräne vergossen wird! Und unser eigen Herz, dem Leiden immer vortheilhafter find als Freuden, unser eigen Herz wird des Jrrdischen durch einen solchen Verlurfi entwöhnt und mit Sehnsucht nach dem Lande des »»getrennten Wiedersehens entflammt; Ach! so lange alles auf dieser Welt uns nach Wunsche geht, so lange fühlen wir kein Verlangen nach dem bessern Vaterlande! So lange im Zirkel einer liebenden Familie uns Ruhe, Freude und Zärtlichkeit von allen Seitenumgeben, so lange die Unsrigen alle auch dem leisesten unserer Wünsche mit unermüde- ter Sorgfalt zuvorkommen, so lange heißt es bey uns: hier ist gut wohnen! Hier lasset uns Hütten bauen! Aber wenn von diesen won- nereichen Banden eines nach dem andern sich lö- ( !8 ) set; wenn einer unserer Lieblinge «ach dem an« der» den Weg alles Fleisches dahingehet und wir endlich so einsam und verlassen dastehen , wie auf einem Waizenfelde, das der Hagel zerschmetterte , ein einzelner entkommener Halm; denn erlöscht die Liebe zur Welt in unsern Herzen, dann rufen wir aus: Ich elender Mensch/ wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Tods! dann vergessen wir, was dahinten ist und strecken uns nach dem das da vornen ist/ nach dem vorgesteckten Zielwelches vorhält das Kleinod der Ewigkeit. Orau Anna Elisabeth Bernoulli, erblickte das Licht dieser Welt den zi. Heumonat 1775. Ihre geehrtesten Eltern find: Bürger Joseph Bernoulli der Handelsmann und Frau AnnaMargareth Burkhardt. Von denselben wurde Sie ( 2O ) mit aller möglichen Sorgfalt erzogen/ in allem nützlicher! unterrichtet / zu allem gu. ten angehalten und im Jahr i ?88 nach Montbeillard geschickt/ um daselbst die französische Sprache zu erlernen; Nach ihrer Rückkunft wurde mit erneuertem Eifer au der vollkommeneren Bildung ihres Geistes und Veredlung ihres Herzens gearbeitet und ihr zu dem Ende ein vollständiger Unterricht über die beglückenden Wahrheiten unserer allerheiligsten Religion ertheilet; Nicht vergebens fiel der edle Saame des Wortes in ihre empfängliche Seele/ sie genoß mit vieler Rührung ihr erstes Abendmahl/ zeigte sich durch Tugend und Frömmigkeit als eine würdige Jünge- rin Jesu und wußte durch ihr Betragen die Liebe ihrer Eltern / Verwandten und Freundiuen und die Achtung aller derer zu gewinnen, die mit ihr bekannt wurden, Im Jahr 1798 den 2z. April begab Sie sich durch Gottes Schickung in den Stand der heil. Ehe mit Bürger Peter Wenk/ dem Handelsmann/ ihren nunmehr hinterlassenen tiefgebeugten Witwer; ( ) Hiev zeigte sich ihr schöner'/ edler Charakter in neuem reizenden Lichte als liebende/ treue und thätige Gehülfin; als zärtliche/ sorgfältige Mutter eines Söhnleins erster Ehe / als ehrerbietige / gehorsame Tochter beyderseitiger Eltern; Vergnügt und glücklich stoßen i; Monate dieser Ehe vorüber, der i4te erhöhte die Wonne derselben durch die Geburt eines gesunden/ artigen Knäb- leins; groß und allgemein war die Freude der ganzen Ehren-Familie ; aber ach: sie währte nicht lange.' eine harte Entbindung hatte die Kräfte der Kindbeterin geschwächt, erschöpft; ihre Lage wurde bedenklich; eine verzehrende Fieberhitze drang durch ihre Adern; die geschicktesten Aerzte wurden zu Rathe gezogen; die sorgfältigste Pstege und Abwart aufgeboten ; alle ersinnlichen Rettungsmittel angewandt; aber alles vergebens; Von Schmerz und Wehmuth durchdrungen standen der jammernde Gatte, die seufzenden Eltern um das Krankenlager der Geliebten; ihre Hände und Herzen hoben sich ängstlich zum Himmel und flehten unter heissen Thränen um Rettung und Leben! aber der im Himmel wohnet hatte ( 22 ) beschlossen seine Getreue, seine Auserwahlte diesem Jammerthale zn entrücken, ihren Leib in die Grüften der Ruhe und ihren Geist in die seligen Wohnungen der Un- ^ sierblichkeit anfzunehmen; Ihr Hinscheid ^ erfolgte letzter» Mitwochen Nachmittag um ^ z Uhr nach einer Wallfahrt von 2; Iah- ren ioz Monaten. ^ D — kei> Und was soll ich jetzt zum Troste des weh» ^ muthsvollcn Wittwers, der traurenden Eltern, lr< Großeltern, Ahne» und Geschwisterten »och beyfügen? Ach! es giebt Stunden im menschlichen Leben, wo aller Menschentrost für das zerrissene Herz zu schwach, zu kraftlos ist! Tröste du sie selbst, 0 Vater der Barmherzigkeit, mit deinem Troste von oben! Tröckne du selbst ihre gerechten Thränen und lege den lindernden Balsam deines Wortes auf ihre blutenden Wunden! Wache besonders mit deinem allmächtigen Schutze über den unschuldigen, mu- terlosen Kleinen! Laß ihr liebevolles Lächle», ihre aufkeimenden Kräfte und Talente die trüben Wolken wieder zerstreuen, worein der besten Mutter unvermutheter Todesfall Vater und Groß- Eltern gehüllet hat! c rz > Wir aber > m. T. wollen bey diesem traurigen Beyspiele die Flüchtigkeit alles irdischen Glückes uns lebhaft zu Gemüthe führen und selbst im Schoße der Freuden auf die Stunden der Leiden uns gefaßt machen; Wir wollen besonders das Bild des Todes nie aus unserer Seele entfernen, es nie vergessen, daß auch die Geliebtesten unseres Herzens sterbliche Geschöpfe sind; So wird keine Trübsal uns erschrecke», keine Trennung uns muthlos machen; Wir werden auch beym härtesten Schicksale mit dem frommen Dichter ausrüsten: Was seyd ihr Leiden dieser Erden Doch gegen jene Herrlichkeit, Die offenbart an uns soll werden Bon Ewigkeit zu Ewigkeit! Wie nichts, wie gar nichts gegen sie Ist -och ein Augenblick voll Müh!