L- ML MM ZUM 'EL vc>A AHLv WWW WWW -«VMil >L . .. ÄMS 'EAÄ> WW !//ZSM s ZMM WM 'N»' -WÄ! einer um WW M .,.M »M ^ -M i-KA->:.SW MUKN SM RMM steise einer Zchlveirerin um die Äeli Mit 700 Illuttrstionen. orwort von ationalrsL Dr. obaL>> Ernehungsdlrekkor des Kantons Bern. WLL i.'dM 5 Seuenburg. ^ ^ z ^ Verlag von 2^abn. «Äaloe (?) »-S 6) Buchdruckerei Stämpfli Ll Lie. in Bern. (9 orwort. den folgenden Blättern wird dem geneigten Leser die Erzählung einer langen Reise durch ferne Länder geboten. Indem die Reisende im ganzen und großen einem Meridian folgte und in der entgegengesetzten Richtung beim Ausgangspunkt anlangte, vollführte sie das, was man „ Eine Reise um die Welt" nennt. Mein Ideal einer Reise um unsern kleinen Planeten wäre folgendes: ich würde von Deutschland nach Norwegen, dann über Spitzbergen und den Nordpol nach Alaska gehen; nach langer Schiffahrt über den pazifischen Gzean würde ich Hawaii und Neuseeland besuchen, und dann über wilkesland und den Südpol das ääap der guten Hoffnung gewinnen; von hier aus wollte ich mitten durch den dunkeln Erdteil nach Tunis gelangen, um dann den Heimweg zu meinen lieben Bergen zu finden. Aber, aber, diese Reise bleibt ein Ideal, für so lange wenigstens, als die pole dem Menschen verschlossen sind. Doch verzagen wir nicht! Linst wird kommen der Tag. an dem die Polareisenbahn eröffnet wird; denn kein Erdenwinkel darf dem Erdensohne unbekannt bleiben. Da also die Ingenieure die Eisbänke noch nicht überschient haben, so zog die Verfasserin des vorliegenden Buches es vor, ihre Neugier in west-östlicher Richtung zu befriedigen. , Neugier! diese unzarte Anspielung auf den liebenswerten Sehler jeglicher Evastochter ist wenig galant, Herr Vorredner!" Ich bitte tausendmal um Vergebung; denn Neugier ist nichts weniger als ein Jehler. Diese Art Neugier erkläre ich rundweg als eine währschafte Tugend, als den Anfang der Weisheit, als die Philosophie des Ichs durch unbekannte Länder und Völker, wie die Einförmigkeit Langeweile, so erzeugt die Unbe- weglichkeit allzeit trostlose Gde: die Sprache, das Land, die Umgebung, die Leute, wir selbst erscheinen uns entsetzlich alltäglich, das Gefühl der Leere erfaßt uns; erst wenn wir aus unserer Umgebung in Gedanken uns herausreißen und mannigfaltige Ausblicke uns erschaffen, da weitet sich das Herz, da füllen sich unsere Vorstellungen. Eine Reise gar verwirklicht unsern Traum. Lokomotive und Dampfschraube befriedigen den so menschlichen Drang nach dem Unbekannten, sie stellen in ihrem entfesselten Laufe das Gleichgewicht in L. von Nodt, Reise nm die Welt. 1 2 Vorwort. unserer Wertschätzung der äußern Welt her. Ein Vogel findet das von ihm erbaute Nest ja immer schön, der Mensch jedoch vergleicht. Wir würden in nationale Engherzigkeit verfallen, in jene wunderliche Selbstbespiegelung des Fakirs, wenn uns nicht die Erforschung der Welt belehrte, daß wir oft von Vorurteilen befangen sind, daß unser Land nicht das erste von allen ist und daß es andernorts uns ebenbürtige Menschen gibt. Aber nicht jeder, der möchte, kann die Hüfte verlassen und hinausfahren in die ersehnte strahlende Lerne. Dann nimmt er ein Buch zur Hand, dann bereist er in Gedanken die von andern aufgesuchten Länder, mischt sich unter fremde Völker, beobachtet deren Litten, deren Tugenden und Lehler, und welten- weit entfernte Zustände werden ihm vertraut. So ist das Lesen von Reise- beschreibungen ebenso bildend wie gesund. Ja gesund! Denn es erweitert unsern Blick in die Wirklichkeit der Dinge, und die Kenntnis des Weltalls ist überhaupt doch der schönste Erfolg des Studiums; es gestattet ein geistiges Ausruhen und bildet ohne zu ermüden den Jüngling, den reifen Mann und auch den Greisen, der gerne mit seinen Gedanken in fernen Gegenden weilt, bevor er die Reise in das bekannte unbekannte Land antritt. Und alle legen das Luch befriedigt aus der Hand, geistig bereichert und gestärkt in dem Bewußtsein der großen gemeinsamen Ideen der Menschheit. Je länger und abwechslungsreicher die Reise ist, um so mehr wird sie unser Interesse wecken. Namentlich wir Schweizer lassen gar gerne unsere Blicke über die Landesgrenze schweifen. Denn gibt es auf Gottes Erdboden ein Land, wo nicht einige unserer Landsleute zu treffen sind? Und wie viele hegen nicht den heimlichen Gedanken, sich eines Tages in die weite Welt zu wagen, um das lockende Glück zu suchen? Und wie mancher Vater, der das eine oder andere Hind in die Lremde reisen sah, findet in einer Reisebeschreibung einen Lreund, der ihm von seinen Lieben erzählt und ihm tröstende Uachricht bringt? Die Verfasserin des vorliegenden Buches ist gewiß nicht die erste Schweizerin, die eine Reise um die Welt unternahm, aber noch keine wagte je, eine solche zu beschreiben. Das war kein leichtes Stück Arbeit, und um so verdienstlicher. als die Reisende nie unser Heimatland aus den Augen verlor; der Gedanke an die Schweiz lenkte oft ihre Schritte und führte ihre Leder. Lräuleln von Rodt hätte keine für eine passende Schilderung geeignetere Reiseroute wählen können. Die vereinigten Staaten, wo die außereuropäische Reise beginnt, sind zwar nicht unbekannt, aber man ermüdet nie bei der Betrachtung Vorwort. der unvergleichlichen Größe der Menschen und der Dinge dieses Kontinentes, der die unschätzbare Weisheit besaß, seine nationale Kraft nicht in Kanonen und Gewehren zu verbrauchen, der blüht und gedeiht, während das alte. von nationalen Keidereien und militärischen Rivalitäten zerrissene Europa dem Niedergang entgegengeht. Aber dies ungeheure Land ist doch nicht so allgemein bekannt, daß nicht mehr oder weniger neue Einzelheiten hätten dargestellt werden können. Dem aufmerksamen Beobachter drängen sich im Mormonenlande. wo eine neue Religion entstand, im park von Aellowstone, der eine geniale Idee darstellt, um welche wir die Amerikaner beneiden, in Kalifornien mit den himmelhohen Waldbäumen, deren fugend in die Zeit des Christoph Kolumbus zurückreicht, neue, noch unverbrauchte Eindrücke auf. Daraus gelangen wir auf die Inseln von Hawaii. dem schönsten Erdenwinkel unter dem Himmelsgewölbe, wo unter dem Einflüsse eines Srauenregimentes schon seit alten Zeiten eine recht bemerkenswerte heidnische Kultur entstand und sich halten konnte, bis die Chinesen die Lepra und die Europäer den Alkohol brachten. Dann geht's nach Japan. Ein eigentümliches Volk, das japanische,, groß in seiner angeborenen Süßlichkeit, von einer merkwürdig gleichmäßigen Gemütsstimmung, die weder bei Männlein noch Weiblein je einer Spur von Unwillen Raum gibt; und doch steckt etwas Revolutionäres in diesem Volke, das aus den wink eines beinahe unsichtbaren Herrschers die altnationalen Gebräuche kühn über Bord warf. Und nun China! Hier ist entschieden der beste Teil des Buches. Der Typus eines eingefleischt konservativen Volkes, welches in der Bewunderung seiner uralten Einrichtungen ausgeht — sind sie doch beinahe so alt wie die Welt, jedenfalls einige zwanzigtausend Jahre —, marschiert an unserm Auge vorbei, und im Rahmen eines Gebietes von angemessener Ausdehnung, im Lande der seengroßen Iltisse, werden uns solch einzigartige und zugleich geheimnisvolle Mitten und Gewohnheiten vorgeführt, daß wir uns sozusagen auf einen andern Planeten versetzt glauben, vom Reich der Witte, wo der John des Himmels, der Bruder von Sonne und Mond über die Himmlischen regiert, kommen wir nach Java, der Smaragdinsel. und nach Siam, dem Lande König Tchulalongkorns, der vor einigen Jahren bei der Schweiz zu Gast ging, — nachher nach Birma. nach Britisch-Indien, wo die Reisende zwölf bemerkenswerte Städte besuchte. — dann nach dem wundervollen Ceylon, wo man so gerne seine Tage beschließen möchte. Durch das Rote Meer und das Land der Pyramiden nahm die mutige Schweizerin den Heimweg in die Vaterstadt. 4 Vorwort. Sie reiste als aufmerksame Beobachterin, begierig, alles auf ihrem Wege Bemerkenswerte zu sehen; auch als Philosophin, die sich ihre gute Laune weder durch schlechtes Nachtlager, noch durch teure preise vertreiben ließ, noch, wenn sie durch widrige Umstände gezwungen, in irgend einem bedeutungslosen Neste sich aufhalten mußte. Die Erzählung, weil nur auf Selbsterlebtem und Selbst- gesehenem beruhend, ist wahr, einfach und anspruchslos im besten Sinne des Wortes, belehrend und in hohem Grade interessant, ohne daß überraschende Abenteuer unsere Sinne in Erregung versetzen. Die historischen Mitteilungen fügen sich sehr gut der geographischen Darstellung ein und vervollständigen vorteilhaft das Bild der verschiedenen Länder, durch die das Buch uns führt. Ein Buch dieser Art würde nur ungenügend seinem Zweck entsprechen, wenn nicht dem Worte das Bild erläuternd zur Seite träte. Die Illustration ist einfach wundervoll. Die Reisende brachte eine ganz bedeutende Sammlung von photographischen Ansichten mit. Ich darf wohl das Geheimnis verraten. — meine Landsmännin, die vor allem die Wahrheit liebt, wird mir dies nicht verdenken, -— daß die Vignetten nicht ausschließlich ihrem Hodak entsprungen sind. Hatte sie doch das Glück, auf ihrer ganzen Reise Sreunde oder Reisegenossen zu finden, die sehr gerne ihre künstlerischen Talente ihr Zur Verfügung stellten; kaum bewunderte sie eine malerische Gegend, so richtete sich sofort ein gefälliger Apparat auf dieselbe. Gerade diese Leutseligkeit und einnehmende Herzlichkeit — Zwei ganz besondere Reisetugenden — trugen zum Gelingen der Weltfahrt das ihrige bei; sie verschafften der Reisenden oft Zutritt zu Dingen, die vielen andern sonst verschlossen sind. Die Photographien wurden prachtvoll wiedergegeben. So bekräftigt auch dieses Buch von neuem den Ruf seines Verlegers, dessen literarische und künstlerische Unternehmungen alle Gebiete umfassen, sich Schlag auf Schlag folgen, und es tritt in die Welt wiederum als ein Dokument seines verdienstvollen Strebens, Bildung und Idealismus im Volke zu pflegen. Möge es denn auch gleich seinen Vorgängern bei den Schweizern daheim und in der Sremde, im In- und Auslande, die wohlverdiente freudige Ausnahme finden. Lern, im März 190Z. Wert UM MW LLZ I «k § II! II"!Ü NWWWsWEU ^ ^77^L, ^-M Brooklynbrücke bsr - W H' , >L, - ^ Der „Große Kurfürst". Amerika. Üapitel 1. New RorK. Abfahrt von Lern. Paris. Unterwegs nach Lherbourg. Ant dem „Großen Kurfürsten". Reisegefährten. Menüs. Der Lasen von New York. Zollmiferen. Geschichte der Stadt. Aquarium. Fahrt nach Lorn- wall. Restaurants. New Ports Wachstum. Lentral-Muicum. Lentral-Park. Die Amerikanerinnen. Höflichkeit der Amerikaner gegen Damen. Lrooklyn. State Lmpire-Zug. Fahrt nach den Niagara- fällen. Meine junge Reisegefährtin. der ZO. Mai 1901 war endlich herangekommen, der längst erwartete, ersehnte und insgeheim gesürchtete Tag meiner Abreise. Galt es doch eine lange weite Sahrt, die mich um die ganze Welt führen sollte, und zwar allein! Natürlich fehlte es nicht an Ratschlägen, an Abmahnungen und Warnungen, war es ja in meinem Bekanntenkreis etwas ganz Unerhörtes, nie Dagewesenes, daß eine Dame, eine wirkliche, leibhaftige Dame, ohne männlichen Schutz, unbegleitet und un- geleitet, sich über die gewohnten Grenzen hinaus bis zu den Urwaldstieren oder gar zu den Menschenfressern wagen sollte. Aber — des Menschen Wille ist sein Himmelreich — und ich reiste ab. Der Abschied lag hinter mir, der Zug sauste durch die dunkle Uacht. „Ganz allein gedenken Sie diese lange Reise zu machen, Sräulein von Rodt?" ließ sich eine zaghafte Stimme vernehmen. Mir gegenüber saß ein junges Mädchen, das meiner Gbhut bis Paris anvertraut war, wo vorsorglicher Bahnhofempfang es erwartete. Schon wieder dieses in letzter Zeit bis zum Überdruß gehörte Wort! — Allein? was alles schließen diese sechs Buchstaben in sich! Gibt es denn überhaupt ein Mcht- allcinscin im Leben, im gemütlich so vielfach bewegten des Weibes? Steht man nicht oft allein mit seinem besten Empfinden und Denken und gibt für seine nächste Um- 6 Reise einer Schweizerin um die Welt. gebung sogar nur kleine Münze aus, weil die Ansichten über die innewohnenden, wertvolleren so sehr sich widersprechen? wie verlockend klang es mir dagegen aus dem Räderwerk: frei! frei! Unbändige Reiselust prickelte mir in den Adern, und in unabsehbarer/weite dehnte sich die Zukunft: Blaue Meere, wehende Palmen, buntgefiederte Vogel — braune, schwarze, gelbe Menschenkinder...! G all der Herrlichkeiten, die meiner warteten und deren Genuß kein hastender «Look» oder «8tnnKen», kein schnippisches Löschen, keine unsympathische Reisegesellschaft mir schmälern konnten, drohen Annes, leichten Herzens blickte ich ungeachtet des ominösen „allein" zum nächtlichen Srühlingshimmel empor, aus dem die goldenen Sterne so freundlich und glückverheißend herniederwinkten. Ein unlängst gelesenes Sprüchlein fiel mir ein: „pilgrim, fragst du: woher? ich weiß es nicht. „Sragst du: wohin? ich weiß es nicht. „Aber den Limmel seh' ich voll Sterne „Und das Menschengeschlecht voll Ahnung des kimmels." Somachteichmir's in meiner Eoupöecke bequem und s chloß die Augen. Schweiz...? Ade! Gbschon noch Mai, brütete Hundstagshitze über Paris, meiner ersten Station. Die wenigen Tage dort vergingen rasch zwischen Louvresammlung, iVlusäe cto Llun^ und 6ois cie Loulo^ne, lauter alten Bekannten. Reu nur war mir die Luinte Lbupelle. In ihren hohen, farbigen Senstern brachen sich die Sonnenstrahlen und malten glühende Sarben in den hehren, feierlichen Raum. Ein unvergeßlicher Anblick! wie im Traume fand ich mich den 2. Juni im Lrtrazuge des Norddeutschen Llopd, der die Amerikafahrenden nach Lherbourg befördern sollte. Die erste Gelegenheit, meine Reisegefährten über den Gzean zu mustern, bot der Lunch im Restaurationswagen. Am Tischchen mir gegenüber saß eine hübsche Amerikanerin mit schneeweißem Haar und jugendlichem Gesichte, aus dem zwei große blaue Augen klug und lebhaft in die Welt blickten. Schnell knüpften wir Bekanntschaft an und befreundeten uns später mehr und mehr auf dem Schiffe. Durch schön bebautes Seid, aber Häuserarmes Land raste der Zug Eherbourg zu, und als wir uns nachmittags dieser Stadt näherten, fuhren wir durch das ganze Jahrmarktstreiben einer wogenden Volksmenge, die uns johlend und schreiend zurief: «Nn roMe pour l'^raSrique!» Line kleine weiße « Lreumlaunok» wartete unserer. Sie brachte uns hinüber auf den eben so weißen „Großen Kurfürsten". Laute Musik zum Empfang! Neugierig von den schon in Bremen eingestiegenen Passagieren angestarrt, stiegen wir, gleichsam spieß- rutenlausend, die Schifsstreppe empor, und ohne Schwierigkeit vollzog sich die gefurchtste Einschiffung nach dem fremden Weltteil. Auf die Ermüdungen und Aufregungen der letzten Wochen hin genoß ich voll und ganz die neun Tage auf See, genoß auch mehr als je während meiner Seereise das Zusammensein mit der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft. Es ist ein eigen Ding um das Leben auf so einem großen schwimmenden Hause. Man steht sich nicht nur räumlich, sondern auch geistig näher. Dieselbe Planke trennt uns ja alle von dem Wasser, das hier den sicheren Tod bedeutet, und von dem einförmigen Einerlei des Wassers und Himmels richtet sich die Aufmerksamkeit gespannter dem Reisegefährten Ileiv Dorlr. e zu. Unwillkürlich nimmt man teil an dem Glück, den Sorgen, wünschen und Hoffnungen, die all diese Menschenkinder in eine neue Welt Hinaustreiben. Man wird selber mitteilsam und plaudert in den langen müßigen Stunden aus Deck gar manches aus, das besser im Geheimfach seines Innersten verschlossen bliebe. Meine Gefährten waren meist Amerikaner oder Deutsche, oder sie gehörten zu jener mir sehr sympathischen Masse der Deutsch-Amerikaner, welche deutsche Gemütlichkeit und Bildung mit amerikanischer Energie und Ritterlichkeit vereinen. An unserem Tischende. allgemein als die lustige Ecke bekannt, gmg's gewöhnlich hoch her. An Ankunft in New York. ^ X j. keinem Abende fehlte der Champagner, und des öftern wurde dabei auf das Wohl der „Weltreisenden" oder weiblichen «Klobs trotters» getrunken. Ja, essen und trinken ist die Hauptarbeit aus den Lloyddampsern. „Raubtier- fütterung" nannte jemand unsere fünf Mahlzeiten, und bei der schönen glatten Überfahrt, die uns begünstigte, waren die Raubtiere immer hungrig. Am frühen Morgen schon wurde eine ganze Speisekarte mit Äeisch, Salat, Gbst, Käse, Eierspeisen und Süßigkeiten durchgegessen. Um elf Uhr begleitete die Musikkapelle unsere Leistungen in Bouillon und belegten Brötchen, nachmittags erschienen die kunstreichsten Torten zum Tee, und abends gab's großes Diner mit Musik. Aber auch für den Misanthropen und Kostverächter bietet der „Große Kurfürst" Vorzüge, wie schmuck und fein ist er ausgestattet! Im Gesellschaftssaale herrscht weiß Ü Anse ciucr Schweizerin um die Welt. und blau. weiß sind die zahlreichen Schreibtische, welche in den beiden letzten Tagen förmlich umlagert werden, weiß bemalt ist auch der treffliche Bech- steinflügel.vom Pinsel geschaffene Amoretten wechseln mit seidenen Blumentapeten, und weiche Polster laden zur Ruhe ein. Im Speisesaal behauptet ein Bild des Großen Kurfürsten den Ehrenplatz. Städtebilder aus seiner Zeit schmücken die wände. Das im maurischen Stile gehaltene Rauchzimmer ist mit Wappen verziert. Sriese ziehen sich durch den ganzen Raum. Der Maler hat sich den Spaß gemacht, eine feuchtfröhlicheStimmunghervor- zurusen, indem er auf der einen Seite Affen, auf der anderen Krater darstellte. Man zählt zur elektrischen Beleuchtung ungefähr tausend Glühlampen. Der „Kurfürst" kann ZsO Passagiere erster, 2Z0 zweiter Masse be- Ncw York : Statue der Freiheit. Herbergen und 2400 Menschen im Zwischendeck. Er läuft durchschnittlich 23 Mlometer die Stunde, ist also kein eigentlicher Schnelldampfer. Unruhig war die letzte Rächt an Bord. Unser „Kurfürst" schnaubte, pustete und pfiff, als ob er in den letzten Zügen läge, und wirklich, seine Aufgabe sollte bald erfüllt sein. Um zwei Uhr nachts war schon der Lotse an Bord gekommen. Um fünf Uhr früh erschien der Doktor, und als ich gleich darauf auf Deck kam, herrschte reges Leben dort. welche Überraschung! Statt der unendlichen blauen Släche der letzten neun Tage, lagen grüne Hügel, mit Villen gekrönt, vor uns. wir waren gerade daran, an Staaten- und Long Island vorbei durch die sogenannten «blarrovvs» in die New Zork Bai einzubiegen, und im Morgennebel eingehüllt, liegt die Riesenstadt New Jork vor uns. Ihre zwei nahezu ebenso großen Töchter, Brooklyn und Jersey City, stehen ihr zur Seite. weit im Hintergründe spannt sich die Riesenbrücke von Brooklyn, auch Nusr Niver ^rill^e genannt, die größte und schönste Hängebrücke der Welt, aus. Sie hat eine Länge von 2 Silometer und eine Breite von 26 Meter. Die riesigen Steinpfeiler erheben sich 41 Meter über der Slut, so daß die größten Schiffe darunter durch- -A 'M. M EU ^»8^r EEt »» » ! New York: Lroadway. (5.12.) fahren können. Die Entfernung zwischen den Brückenpfeilern beträgt 488 Meter. Die Brücke wurde 1870 begonnen, 188Z dein Verkehr eröffnet und kostete 15,000,000 Dollar. Bei all ihrer Größe genügt die Brooklyn- brücke nicht mehr dem riesigen Verkehr, und nicht nur eine, sondern drei sind projektiert, um sie zu entlasten. Der Bau der ossiziell als Nummer zwei bekannten ist schon so weit vorgerückt, daß sie Ende dieses Jahres (1Z0Z) eingeweiht werden soll. Ihre kosten betragen dasselbe wie die alte Brooklynbrücke, doch wurde nur sieben statt dreizehn Jahre daran gearbeitet. Leider nur in undeutlichen Umrissen ließ sich auf Liberty Island, Amerikas Wahrzeichen und Schuhgöttin, die Statue der Sreiheit unterscheiden. Diesen bronzenen .tioloß mit der stolzen Aufschrift: „Srei- heit, welche die Ivelt erleuchtet", schenkte 1886 die Republik Frankreich der Schwesterrepublik Amerika zur Erinnerung an das hundertjährige Jubiläum ihrer Unabhängigkeitserklärung. Die Sreiheit hält eine Säckel in der Rechten, welche gleich dem Diademe auf ihrem Raupte in elektrischem Lichte weithin erglänzt. Ihr Schöpfer ist der französische Bildhauer Lartholdn. Einfahrt und käsen von Uew Ijork gewähren einen herrlichen Anblick, kinter dem Mastenwalde der Schisse aller Nationen breitet sich, für den fremden Ankömmling beängstigend schier, die Stadt aus, endlos, riesengroß. Leider kommt man zu keinem ungestörten Genusse, denn drei Sragen bewegen die Gemüter aller. Zunächst, wer wohl von Sreunden und verwandten bei der Landung zum Empfang da sein werde. Zweitens die Trinkgelderfrage, welche auf dem Norddeutschen Lloyd eine sehr brennende und sich recht weit erstreckende ist. Drittens wie 10 Reise einer Schweizerin um die Welt. man an der Korde der Zöllner möglichst leicht vorbeischlüpfe. Die Zollämter von New Jork und 5an Lrancisco lassen das herz eines jeden reisenden Amerikaners und wohl noch mehr jeder Amerikanerin höher schlagen, denn schier unmenschlich hoch sind die Zölle auf Luxusartikel. Auf Seide z. B. betragen sie 60°/». lvehe dem ertappten Schmuggler, er wird schwer bestraft werden. Schon am Tage vorher hatten wir Sormulare ausfüllen müssen, die uns gleichsam bei Lidschwur veranlassen sollten, haarklein alles anzugeben. Die erste Srage bewegte mich nicht. Mich erwartete ja niemand, und dieser Gedanke stimmte mich ein klein wenig traurig und ängstlich. Anders war mein Tisch- nachbar, ein alter Junggeselle. Lr kam von einer Grientreise zurück, und seine Neffen und Nichten erwarteten von ihm als gutem Gnkel alle möglichen Geschenke aus der Lerne. „Die kauf' ich billiger und bequemer in New 7)ork und entgehe dabei der Zollschererei", teilte er mir mit. „hoffentlich verfällt aber keiner von der Lamilie auf den unglücklichen Gedanken, mich am Schiffe abzuholen, sonst bin ich verloren." Endlich legte unser „Kurfürst" in hoboken an; noch waren die Spuren des großen Brandes, der kurz vorher in den Docks des Norddeutschen Llopd gewütet, deutlich sichtbar. von einem deutsch-amerikanischen Reisegefährten beraten und begleitet, betrat ich zum erstenmal Amerikas Sestland. Line große, mehr praktische als elegante Bretterbude nahm uns aus. hinter einem Gitter erwarteten verwandte und Sreunde die Ankömmlinge, aus der anderen Seite sind alphabetisch bezeichnete Verschlüge. Dorthin wird dem entsprechenden Buchstaben gemäß das Gepäck gebracht. Line gute Einrichtung, die aber bedingt, daß jeder Passagier seinen Namen aus dem Koffer anbringt. Als ich gerade mit den Zollbeamten beschäftigt war, raunte mir mein Tischnachbar, der praktische Gnkel, ins Ghr: „Gottlob, niemand ist da." Dann verschwand auch er und mit ihm das letzte bekannte Gesicht. Die drei und eine halbe Millionenstadt hatte die kleine zusammengewürfelte Gesellschaft des „Großen Kurfürsten" verschlungen. Gb ich wohl je einen der Genossen wiedersehen werde? Mit einem Lerrpboot (Dampfsähre) gelangte ich nach New 7)ork Eich und bald darauf mit Gmnibus ins Hotel St. Denis, ein kleines, älteres, zentral gelegenes Haus. Ich packte das Notwendigste aus, setzte mich in einen Tramwagen und schwamm mutig mit dem Strome, der unaufhaltsam die Broadwap, diese Hauptverkehrsader New Jorks, durchwogt. Unbeschreiblich, beinahe unheimlich ist das Treiben und hasten in dieser Riesenstadt. Unter keiner Bedingung möchte ich dort wohnen! New Aork wird sicherlich niemals den Reiz, welchen das Alter um Athen und Rom gewoben, erhalten, auch wenn es ihm vergönnt sein sollte, ebensoviele Jahrhunderte wie die Hauptstädte der Griechen und Römer zu bestehen. Schon sein Name „New" Zork verbietet ihm von vornherein, Anspruch auf Alter zu erheben, mehr aber noch sein Mangel an romantisch-malerischen, farbig-warmen Elementen, vielleicht gelingt es dem Statistiker, durch die Größe der Zahlen, den Bericht alles dessen. - H " W WM'VW i A Mii, ^ M« W» >N W» >V W" 'V M« >L W« IW W« iW ZZ"i. >8 »«.AAS r 12 Reise einer Schweizerin um die Welt. was innerhalb weniger als dreihundert fahren in New 7)ork geschehen und noch geschieht, zu blenden, aber Statistik, mag sie auch noch so staunenswert sein, kann niemals die Stelle einer alten Legende oder Geschichte einnehmen. Die erste Niederlassung aus der langen, schmalen, von Wasser umgebenen Landzunge Manhattan geht ins Jahr 1624 zurück. Ein westfale namens Peter Minuit kaufte den Landstreisen für die holländische West India Company und gründete einen Stecken darauf, den er „Neu-Amsterdam" nannte. Er hatte den Ureinwohnern» den Indianern, sechzig Gulden svierundzwanzig Dollar) dafür zu entrichten. Der wackere Peter Minuit würde es sicherlich für ein Blendwerk des Teufels halten, wenn er jetzt wiederkäme und hörte, daß Bauland in den fashionabeln Guartieren der Stadt 240 Dollar pro Guadratfuß gilt und die heutige Wertschätzung der Landzunge Manhattan die unglaubliche Summe von Z,237,777,260 Dollar erreicht hat. Im Jahre 16Z0 zählte Neu-Amsterdam ungefähr tausend Einwohner, die sich mit Landbau und Pelzhandel mit den Indianern beschäftigten. Durch Vertrag gelangte die kleine Stadt unter englische Regierung und wurde durch Sir Edmund Andros zu Ehren des Herzogs von Aork in New 7)ork umgetauft. Erst im Jahre 1786 verließen die englischen Truppen die Stadt, und New 7)ork wurde bis 1797 Hauptstadt des Nordamerikanischen Staates. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zählte die Stadt erst 60,000 Einwohner, hundert Jahre später waren's drei und eine halbe Million. Im Jahre 1897 hat sich übrigens New 7)ork auch örtlich sehr erweitert, indem es sich mit den anstoßenden Stecken The Bronx, Brooklyn, Gueens und Richmond zu einer großen, mächtigen Weltstadt verbunden hat, welche eine Gesamtfläche von. 7400 Hektaren einnimmt. So fuhr ich im Tram die Broadway dahin, plötzlich hielten wir an. vor- mir sah ich ein an allen Gliedern zitterndes Pferd, einen überfahrenen, schwer verwundeten Mann, die Trümmer eines Wagens. Schnell war alles beseitigt. Einen kurzen Augenblick nur hatte der Verkehr gestockt; jetzt pulsierte das Leben wieder fieberhafter als je; o über der grausamen Weltstadt! Die alte Broadway ist nicht mehr die breiteste, schönste, immer aber noch die wichtigste Straße New Horks. ^ie allein durchkreuzt in einer Länge von 29 ääilometern die Stadt in schräger Linie. Alle übrigen Straßen sind schnurgerade, schachbrettartig mit größter Regelmäßigkeit angelegt, wobei die von Gsten nach Westen laufenden «streets», die sie von Norden nach Süden kreuzenden «T^venues» benannt werden. ch ' New York: Aussicht vom Lotet Waldors-Afioria. MM GW'M MW EU ^b-E MLMS _ «^_! MM EÄZD MDM! MWM» ^^8 WMM S WS PHL) WM Am Dudson, unterhalb West Point. UMW ^-s». NM 14 Reise einer Schweizerin um die Welt. Statt mit Namen sind die Straßen mit Nummern bezeichnet. Man findet sich außerordentlich leicht darin zurecht, was für die langweilige Monotonie dieser Anlage, die alle amerikanischen Städte ausweisen, einigermaßen entschädigt. Da ich meinen Landsmann in seinem Geschäft noch nicht traf, wanderte ich auf gut Glück einem Gebäude zu, das die Aufschrist Aquarium trug. Jeder New Jorker, den ich bis jetzt gefragt, ob er es gesehen, antwortete verneinend. Er kennt das Neapler und Berliner Aquarium, im New Tjorker war er jedoch niemals gewesen. Und doch lohnt fich's ungemein. Der Eintritt ist frei. die Zahl der Meeresbewohner eine sehr große, abwechslungsreiche. Da gibt's außer den Bermuden Papagei-, Mond- und Bernsteinfische, jede dieser Arten herrlich in form und färbung, Leder- und Spiegelkarpfen, schön geformte Seesterne und prächtige Anemonen, interessante Schlangen und in einem großen Wasserbehälter träge Robben. Ich konnte mich kaum losreißen. Herr H. nahm mich freundlichst auf und ließ nicht nach, bis ich versprach, mit ihm zu seiner familie aufs Land zu fahren, 80 Kilometer weit nach Lornwall. Unrein Bummelzug, der jedoch jeden Schweizerschnellzug beschämt hätte. Überraschend schön ist die Szenerie am Hudson. Sie kann sehr wohl einen vergleich mit den berühmtesten Partien am Rhein aushalten. Der Hudson entspringt in den Adirondackbergen, 1219 Meter über Meer, und fließt bei Uew Uork nach einem Lauf von beinahe 4Z6 Mlometern in den Atlantischen Ozean. Mährend der Rhein in Rolland ein rühmlos sandiges Ende nimmt, fließt der Hudson majestätisch in seiner ganzen Vollkraft in die See hin. Den Uamen erhielt er von Henry Hudson, einem britischen Seefahrer in holländischen Diensten, welcher 1609 in seinem Boote „Halbmond" bis Albany vordrang, in der Hoffnung, eine Wasserstraße durch das festland zu finden. Man glaubt, die Mohikaner (Iroquois) hätten einst das östliche und einen Teil des westlichen Users des Hudson bewohnt, während das Westuser unter den Latskills den Lenni Lenapes (Delawaren) gehörte. So befand ich mich denn schon am ersten Tag in Amerika auf dem Schauplatz meiner einst so geliebten, immer wieder gelesenen Lcderstrumpferzählungen. Ich fühlte all meine Voreingenommenheit gegen Amerika schwinden, als ich dem breiten Strom, der sich oft zum kleinen See ausdehnt, entlang fuhr. Einen besonderen Reiz verleihen ihm die hohen, waldigen, schön geformten Hügelzüge und die allerliebsten Holzhäuschen, wo die Uew Tjorker ihre Sommerfrischen genießen. Uach beinahe zwei Stunden waren wir in Lornwall, und schon dämmerte es, als uns der Wagen vor ein in grünen Wiesen gelegenes Landhaus brachte, freundlicher Willkomm wurde mir zu teil. Es war ein schöner erster Abend und eine gute erste Uacht im neuen Weltteile, und gerne nahm ich sie als glückverheißende Vorbedeutung für meine lange, lange Reise. Bis Mitternacht saßen wir plaudernd draußen. Ein Kühler wind bewegte die Gipfel der hohen Koniferen, und Johanniskäfer flogen sternengleich von Zweig zu Zweig. Laut zirpten die Grillen, und als die Morgendämmerung anbrach, tönte leiser Vogelgesang durch die köstliche Stille. früh ging's wieder zurück in den Lärm und die Hitze der Großstadt. Ja, heiß war's, und in dem Restaurant, wo ich mittags gut und billig speiste, wehten elektrische M« »L " ..^> -V. .! K>. ' Ilew Jork. 1ö Lacher. Ich wunderte mich über die Ruhe in dem weiten, dicht gefüllten Saale. Mein Mensch sprach ein wart, sondern schlang mit möglichster Hast oft stehenden Laßes einige Bissen hinunter, um sich dann lautlos zu entfernen. Der Amerikaner genießt dafür zwischen sieben und acht Uhr früh ein sehr reichliches Lrühstück, das immer mit Obst beginnt und mit sogenannten «Illot Leckes» endet. Dazwischen kommen Tee, Lisch, Tier, Lleisch. Das gibt ihm Widerstandskraft für des Tages Mühe und Arbeit, denn nirgends wird so wie in Amerika gehastet und gearbeitet, und alle Mräste sind oft tage- und nächtelang angespannt in der Jagd nach dem Gotte Mammon. 2 Lü SS llew York: Likth Avcime. Lm Tram durchkreuzte ich möglichst viele Straßen und wunderte mich über die Kontraste, die besonders in der Bauart hervortreten. Sogenannte Lcrupers^ Mietskasernen und Hotels, die oft fünfzehn Stockwerke zählen, wechseln zuweilen noch mit kleinen alten ein- und zweistöckigen Holzhäusern ab, und mitten in der Prosa einer banalen Häuserreihe erhebt sich oft eine zierliche, mit grünem Cfeu umsponnene gotische Mirche. Lifth Avenue ist die vornehmste, eleganteste Straße New Tsorks. Mine Hochbahn, kein Tramwap entweiht sie, höchstens rasselt ein Omnibus zuweilen neben den geräuschlos auf Gummirädern sich bewegenden Equipagen der -- Shells» vorbei. Privatpaläste reihen sich an elegante efeuumsponnene Villen. Der Stil ist so vorwiegend englisch-gotisch, daß das schöne italienische Renaissancepalais einer Mrs. w. H. vanderbilt und der Prachtbau des Metropolitanklub ordentlich wohl- 16 Reise einer Schweizerin um die Welt. tätig in ihrer Abwechslung auf mich wirkten, wegen des Reichtums seiner Mitglieder ist er beinahe bekannter unter dem Namen „Millionärklub". Die pompöse Wohnung des unlängst verstorbenen Cisenbahnkönigs Cornelius vanderbilt dagegen lehnt sich wiederum an englisches Vorbild. während der obere Teil der Lisch Avenue fern vom Getriebe der profanen Welt in vornehmer Ruhe daliegt, haben sich Kaufläden, Geschäfte und Gasthöfe des unteren bemächtigt. Von letzteren ist das bekannteste, größte und schönste das Waldorf-Astoriahotel, ein Riesendoppelgebäude aus rotem Ziegel- und Sandstein, in deutschem Renaissancestil erbaut. Einen schüchternen Blick nur wagte ich in seine protzig überreich dekorierten Räume. Eigentlich ist's ein gewagtes Unternehmen. eine Stadt wie Uew Hork auch nur ganz flüchtig schildern zu wollen, eine Stadt, deren Physiognomie sich von einem Jahre zum andern verändert, wo Käufer wie Pilze entstehen, um gleich diesen oft spurlos wieder zu verschwinden. Jetzt ganz besonders, während das Riesenwerk der unterirdischen Bahn, „Rapid- Transit" genannt, im werden ist, sind die Veränderungen groß und mannigfach. Ende dieses Jahres (190Z) soll die Bahn eröffnet werden. Etwas später noch, dann wird sie unter den wassern der Tast River nach Brooklyn geführt werden, ein Unternehmen, welches auf die Kleinigkeit von 8,000,000 Dollar veranschlagt ist. Das ganze fieberhafte Leben der Metropole spiegelt sich in ihren Bauunternehmungen wieder. Die Ausführung ihrer fürs Jahr 1901 projektierten Bauanschläge erforderte eine Summe von ungefähr ISO,000,000 Dollar, und noch scheint kein Stillstand eintreten zu wollen. Demnächst sollen zur Ausführung kommen: eine großartige bischöfliche Kathedrale, eine öffentliche Bibliothek mit zahlreichen Silialen. ein neues Postgebäude, Zollhaus, Handelskammer, Stock Exchange und Gefängnis. Ein zoologischer und ein botanischer Garten mit all ihrem Betrieb, ihren Gebäulich- keiten, Parks, Brücken und Viadukten gehören ferner zu den kostspieligen Plänen, während kleinere Parks oder Volksgärten, unentgeltliche Badeanstalten, Kais, Schul- häuser zu den bescheideneren Ausgaben gerechnet werden. Im Jahre 1901 sind in den Distrikten Manhattan und The Bronx acht neue Schulhäuser entstanden, welche zusammen über 2,000,000 Dollar kosteten. Bauverträge für sieben weitere wurden im selben Jahre abgeschlossen, und zwei Schulhäuser standen noch im Baue. wovon New York: Waldorfhotel. New Jork. ^ das eine sich eine ganze Straße weit erstreckt und Z400 Schüler aufnehmen soll. Die Gebäude haben alle riesige Löse und Spielplätze auf dem Dache. Lange weilte ich im Metropolitanmuseum im Zentralpark und sah dort Bilder im Originale, die mir aus Photographien und Stichen wohl bekannt waren, z. B. ein wunderbarer Meissonier „Napoleon bei Sriedland", den Leiden in voller Jugendkraft vorstellend, Rosa Bonheurs Meisterwerk „Der Pferdemarkt" mit schönen Licht- effekten auf den kräftigen Schimmeln, pilotys „Thusnelda im Triumphzug des Germanicus", eine reizende Madonna von Ludwig äänaus im Stile Murillos, eine Märtyrerin von Gabriel Map, eine düstere Strandszene von Gustave Lourbet. New York: Metropolitan Llub (Klub der Millionäre). dÄL§ Außer Bildern enthält das Museum schöne ethnographische Gegenstände aus Thina und Japan und eine sehr reichhaltige Sammlung von Musikinstrumenten aller Nationen. Den Rest des Nachmittags verschlenderte ich im Zentralpark, der mehr als Z40 Lektaren bedeckt und zu dem nicht weniger als zwanzig Eingänge führen. Er wurde im Jahre 1858 angelegt und kostete 15,000,000 Dollar. Menschenkunst und Sleiß haben aus einer ursprünglichen Morast- und Steinwüste einen der herrlichsten parke der N)elt geschaffen, an dem sich arm und reich, jung und alt im gleichen Maße erfreuen. Da sind Sahr-, Reit- und Sußwege. Dichtes Gestrüpp wechselt mit sonnigen Lichtungen ab, Statuen berühmter Männer zieren den IVegesrand, und aus einer Anhöhe erhebt sich die „Nadel der Cleopatra", ein ägyptischer Obelisk, welchen der Dchedive Ismail Pascha der Stadt New 7)ork im Jahre 1877 zum Geschenk machte. Da gibt's auch schöne Teiche zum Bootfahren und Schlittschuhlaufen und IVald- partien, wo zahme Eichhörnchen sich in Menge tummeln. »«L tt " W'i> KMßsA^ »'">>! '.ALL^-z MLSW UM S8Ws LMM ME KÄM LSM "MSÄ 5MM WWW MZ ELZ 20 Reise einer Schweizerin um die Welt. dem H,rc äe Driompke in Paris nachgeahmt imd zum Andenken an die im Bürgerkrieg Gefallenen errichtet. Der Lee mit park soll eine Ausdehnung von 2630 Aren haben. von da ging's dem Strande entlang nach Lonep Island. Linder und Kunde tummelten sich im Wasser um die wette, und Segelschiffe ruhten gleich weißen Möwen auf den Wellen. In diesem Vergnügungsbade soll stets reges Leben herrschen, und es soll jeden Sommer mehreren Millionen Menschen Erholung und Abkühlung gewähren. Auch hier bewunderte ich die reizenden kolzvillen, bei welchen vorzugsweise der nordische Stil angewendet wird. Sie sind viel origineller und zierlicher als unsere steinernen, oft allzu massiven Landhäuser. Abends sang mir mein Gast- llew lsork : Memorial Arch. 2lm Eingang des Brookchnparkes. freund mit schöner Stimme und warm empfundenem vortrag deutsche Lieder vor und schloß mit Schuberts Wanderer. Lange klangen mir noch die Worte im Ghr: „wo bist du, mein geliebtes Land? Gesucht, geahnt und nie gekannt!" Ich summte sie den folgenden Morgen vor mich hin, als der Stute Smpire- Zug mich im schnellsten Tempo aus New 7)ork entführte. Lr macht mit Aufenthalten 80 Lilometer pro Stunde und soll der schnellste Zug der Welt sein. Da er zugleich der schönste ist. den ich in Amerika benutzte, will ich ihn etwas näher beschreiben. Line relativ kleine Lokomotive mit großen Rädern zieht den sehr langen Zug. der bei aller Schnelligkeit gleichmäßig und ruhig dahingleitet. Da Bahnwärter und Barrieren nicht existieren, so hat jede Lokomotive eine große Glocke, die bei Bahnübergängen und Stationen gewaltigen Lärm macht, wenn man selber mit- ^ M L AMtz MM Z»/'' ^ MZM -^.' -L' MMS Im Seebade von Loney Island bei Nerv York. (S. 20.) MM: New Zork. 21 fährt jedoch wie fernes Glockengeläute tönt. Es gibt nur erste Masse und pullman- wagen. in welchen nachts die Betten aufgeschlagen werden. Jeder wagen, der viel größer und höher ist als die unsrigen in Europa, hat seinen schwarzen Diener, der für Wohl und wehe seiner Reisenden sorgt und die Ordnung ausrecht erhält. Line leichte Aufgabe, denn gleich wie beim Essen im Restaurant, spricht kein Mensch ein Wort. Jeder scheint abgespannt von des Tages Tast und Katze, und nur das monotone Ausrufen von Lßwaren durch Ländler, die imnrerwährend durch die wagen laufen, unterbricht die Stille. Landp (Zuckerzeug) und Den nuts finden am meisten Absatz. Letztere, eine ölig schmeckende kleine Nuß, ist bei den Sranzosen als urackiäe bekannt und dient zur Bereitung der Marseillanerseife. Neben mir saß eine junge Amerikanerin, mit der ich Bekanntschaft anknüpfte, und die bald so lebhaft auf mich einsprach, daß sich unsere Nachbarn erstaunt nach uns umwandten. Die Meine kommt aus Geneva, und scherzend begrüßte ich sie als Landsmännin. Sreilich liegt ihr Geneva im Staate New 7)ork und nicht am Genfer-, sondern am Senecasee. Sie hat mir seither brieflich eine ganz gründliche Beschreibung ihrer Vaterstadt geliefert, auch ihrerseits sich genau über Bern erkundigt: Lage, Einwohnerzahl, staatliche Einrichtung, Konfession u. s. w. Es steckt etwas eigentümlich Altkluges, Lernbegieriges in diesem Mägdlein der neuen Welt. Das niedliche, siebzehnjährige Mpfchen birgt eine Sülle von Gedanken und wünschen, allen möglichen Lebensproblemen aus die Spur zu kommen, Philosophin und enthusiastische Patriotin zugleich, eine Amerikanerin durch und durch, aber von der guten Sorte. Zu früh schlug die Trennungsstunde, und einsam setzte ich meinen weg weiter fort dem Niagara zu. Im Städtchen „Niagarafalls" waren bald Gasthof und Zimmer gefunden, und unverweilt eilte ich zu den großen wassern. 22 Reise einer Schweizerin nm die Welt. Mpitel 2. UrLgsrafalls. Erster Anblick. Entstehung der Lalle. Lahrt auf dem „Nebelmädchen". Negeninsel, Tramfahrt nach Lewifton. Whirlpool Rapids. Die Ausnutzung -er Wasserkräfte des Niagara. Botel Hallendach. Abschied. Pan-Amerikanische Ausstellung. Aus dem „Northland". Die vier großen Seen. Amerikanische Linder. Volksküche. Mackinac. Sault Samte Marie. Lake Superior. Ein Landsmann. Ich weiß nicht, was ich Hinunter dem Niagara vorgestellt hatte. Ls war alles so ganz anders, so viel herrlicher, da ich nun zum erstenmal in der Abenddämmerung aus Prospekt- point stand und hinunterschaute aus die schäumende, tobende Wassermasse, während vier Tagen habe ich die Niagarafälle gesehen, frühmorgens und beim Sonnenuntergang, bei Hellem Sonnenschein und bewölktem Gewitterhimmel, und immer wieder fühlte ich gleich mächtig den Zauber dieses Naturwunders. Beschreiben lassen sich die Niagarafälle so wenig wie eine Sinfonie von Beethoven. Man muß sie eben selbst hören und sehen, und dieser Anblick lohnt schon an und für sich die Aeise über den Gzean. ilSW Stkomschncllen und Zicgeninsel. Die Niagarafälle werden durch den Äuß Niagara gebildet, welcher der Ausfluß der vier großen Seen des Westens, Crie, lsuron, Michigan und Lake Superior ist. Aus all diesen wassern ist der Gntariosee entstanden, dessen Spiegel um hundert und fünf Meter niedriger liegt als derjenige des Lriesees. Die Strecke zwischen beiden ist zu kurz. als daß ein Strom von der Breite und Tiefe des Niagara mit gleichmäßigem Gefäll ruhig auf ihr Herabfließen könnte, und so hat er in ihrer Mitte jenen gewaltigen Salto mortale ausgeführt, der auf der Lrde seinesgleichen sucht. Unmittelbar vor den Sällen besitzt der Strom eine Breite von 1464 Metern und wird durch die Ziegeninsel in zwei Arme geteilt. Aus dem rechten Arm entsteht der Z2Z Meter breite und 61 Meter hohe amerikanische Sall, aus dem linken der 912 Meter breite und 48 Meter hohe kanadische ttzufeisensall. Die Wassermasse der Lälle beträgt in der Minute ungefähr 426,000 Kubikmeter. G-L^ ^ZM H°MdM LE Amerikanischer und kanadischer Saü. (S. 22.s Niagarafälle. 2Z Ls ist dem Lremden leicht gemacht, die Wunder dieser Wasserwelt nach allen leiten zu betrachten. Line steile Zahnradbahn führt hinunter ans User des wilden Stromes, wo ein Miniaturdampfer mit dem poetischen Namen „Nebelmädchen" auf Passagiere wartet. Sürs erste wird man in einem unteren Raume mit Wachsmantel und Kapuze angetan und erscheint so vermummt auf Deck vom fröhlichen Gelächter der Mitreisenden empfangen. Diese sehen übrigens gerade so und durchaus nicht schöner aus. Unbedingt eine notwendige Maßregel, denn es wallet und siedet und brauset und zischt, und ein feiner Sprühregen umhüllt Mensch und Kapuzenmantel, da jetzt das „Uebelmädchen" sich nahe, ganz nahe an den Sall heranwagt. Wie tausend Diamanten brechen sich die Wassertropfen in den Strahlen der Sonne, schimmernd, leuchtend irr allen Sarben des Regenbogens. Noch Unternehmendere wagen sich in zitronengelbem Wachstuchmantel in die „köhle der winde" und wandern auf schwankem Stege hinter einem Teil der Sälle durch. Das Getöse und Gebrüll von dem „Donnerer der Wasser", wie der indianische Uame Niagara verdeutscht wurde, soll jeder Beschreibung spotten. Line Gmnibusfahrt, die überall unterbrochen und wieder aufgenommen werden kann, führt durch die am östlichen Ufer des Slusses gelegene parkartige Ziegeninsel (Oout-Islunä). Aus ihr gibt's überall herrliche Ausblicke auf die Stromschellen und lauschige Plätzchen im Grünen. Dunkle Anpressen, im winde leise bebende Weidcnbäume und rosa blühende Tamarisken Kränzen das Ufer und neigen sich tief herab zu dem unergründlichen Lhaos der Rapids. Vögel mitten in den Zweigen zwitschern und singen, allein kein Ton dringt zum Ähr der einsamen Spaziergängern:, angehört verhallt er im brausenden Liede der Wasser. Ungehört auch verhallt der Schritt des Sußgängers, und unabsichtlich schreckte ich hier und dort ein zärtliches Kochzeitspärchen auf, unterbrach eine feurige Liebeserklärung. wie bei uns die italienischen Seen, so bilden in Amerika die Niagarafälle das Eldorado aller Kochzeltsreisenden. Line lange und sehr lohnende Sahrt, die ebenfalls durch Unterbrechungen noch Amerikanischer Fall von der Ziegeninsel aus. 24 Reise einer Lchweizerin um die Welt. verlängert werden kann, führt mit elektrischer Trambahn durch die romantische Niagaraschlucht bis nach Lewiston, wo der Strom breit und majestätisch dem Gntariosee zufließt. Linst war hier der Schauplatz wilder, blutiger Kämpfe mit den alten kerren des Landes, den Indianern, und Looper läßt dort einige seiner Novellen spielen. Auf dem ganzen Wege drängen sich nelwn den wildromantischen Naturschönheiten geschichtliche Erinnerungen aus. Die tiefe, Teuselsloch genannte kohle wurde 1628 von dem Lranzosen La Salle entdeckt. Cr war der erste Weiße, der hier eindrang. In dieser kohle mordete eine Indianerbande ungefähr 90 Engländer und warf die Leichen über die Leisen, und im Oktober 1812 kämpften bei Gueenstown keights Amerikaner gegen Engländer. Aus einer stillen, mit Bäumen umgebenen Miese steht das Denkmal des damals gefallenen englischen Generals Brook, eine sehr hohe Säule aus etwas barockem Sockel. Die großartigste Szenerie der Jährt bieten die Mhirlpool Rapids, die beinahe so wunderbar wie die Lälle selber sind. Die Massermasse, welche von ihren riesigen Sprüngen, gleichsam erschöpft, eine Zeitlang ruhig und glatt dahingeflossen ist, wird hier durch die Schlucht in einen Engpaß von 90 Metern eingezwängt. Zornig über diese Einschränkung stürmen die Masser gleich zügellosen Rossen einher, grüne Wellen mit weißen Schaumköpfen bildend. Und siehe! Nicht erfolglos war ihr Toben. Im Laufe der Jahrhunderte ist es ihnen gelungen, weiter unten die Granitfelsen im wilden Anpralle zurückzudrängen. Ein breites Becken hat sich gebildet, wo die ganze Wassermasse des Llusses in ausgelassenem Wirbeltanze sich ergeht, welch fesselnder, grausig-schöner Anblick, dieses brüllende, schäumende, graugrüne Element stets neue Kreise bilden zu sehen! wehe dem lebenden Wesen, das in das Bereich dieser dämonischen Mächte gelangt! wie ein Langball wird es hin und her geschleudert werden, stunden-, tage-, wochenlang, in unermüdlichem, grausamem Spiele. Die Indianer hielten an dem Glauben fest. „Niagara der Donnerer" heische jedes Jahr das Opfer zweier Menschenleben. Unglücksfälle und Selbstmorde, die hier immer wieder vorkommen, scheinen diesen Aberglauben aufrechthalten zu wollen. Die Stromschnellen oberhalb der Lalle. A, -tz W8« MHW Die Höhle der lviirde. (S. 2Z.) Uiagarafälle. 2S Menschenkunst und Geschick haben es in der Neuzeit verstanden, sich dieses gewaltige Naturwunder dienstbar zu machen. Glücklicherweise bis jetzt ohne Nachteil sür seine Schönheit. Ein 9 Meter tiefer und 6 Meter breiter Tunnel wurde von der Längebrücke bis 2 Lilometer oberhalb der Sülle gegraben. Cr läuft ungefähr 60 Nieter tief unter der Stadt Niagarasalls. Ein kurzer Lanal bringt einen Teil des Slusses zum Anfang des Tunnels, wo ein Maximum von 120—1Z0.000 Pferdekräften durch einen Bruchteil der Sülle erlangt wird, was aber nur ganz unbemerkbar deren Breite und Masse vermindert. Nimmt man die überirdischen Leitungen dazu, so liefern die Niagarafälle ungefähr 400,000 Pferdekräfte zu industriellen Zwecken. fUn unwandelbarer, stets gleich bleibender Sülle zeigen sich die Katarakte. Leine Dürre vermag ihre unendlichen wassermasscn zu vermindern, kein lvolkenbruch sie anzuschwellen. Nur wenn die Srühlings- und Lerbststürme die Sluten des Triesees in größerer Menge dem Niagaraflusse zuwälzen, verwandelt sich die weiß-grün-blaue Sarbe der Sälle in ein trübes Gelb. Die Stadt Niagarafalls zählt zwischen S —6000 Einwohner. Sie lebt größtenteils von den Touristen, bietet ihnen aber dafür manche Vorteile, und Prospektpark wetteifert an Schönheit der Anlagen mit dein kanadischen Gueen Victoria Niagarafalls Garden des anderen Ufers. Line Stahlbrücke verbindet Amerika mit England, und während auf einer Seite nur wenige hellbraun uniformierte amerikanische Soldaten sorglos herumschlendern, wachen am anderen Ende zahlreiche englische Rotröcke. Ein deutsches Lotel beherbergte mich. Der Pensionspreis von drei Dollar (fünfzehn Sranken) ist für Amerika ein billiger, und Essen gibt's in Lülle und Sülle. Dagegen machte sich, dem feuchten Namen des Besitzers, Laltenbach, zum Trotze, Mangel an Sauberkeit schmerzlich fühlbar. Besonders die Bestecke und die SräckederNellncr klebten förmlich. Dasürentschädigte mich das Rauschen -es Niagaraflusses, das mich allabendlich inSchlaf wiegte, und der Ausblick auf einen mit roten Srüch- ten reich behange- nen Lirschbaum machte mein stilles Entzücken. Ein Losreißen war's, als es Amerikanischer Lall und die neue ;rgs erbaute Drücke. Aufnahme vom kanadischen Ufer aus. 1"'s ^ n ss l" 26 Reise einer Schweizerin um die ivelt. galt, Abschied zu nehmen von Niagarafalls. Lange weilte ich den letzten Abend beim Sonnenuntergang aus Prospektpoint, auf der Stelle, wo ich die großen IVassei, zum erstenmal erblickt hatte. Von hier aus sieht man beide Katarakte ein jeder an und für sich ein Weltwunder — den amerikanischen und den ihn um das Doppelte überragenden Kmfeisensall. Dieser heißt auch der „kanadische", da er sich in Hufeisenartiger Biegung nach dem kanadischen Äser zieht. Smaragdgrün schimmert das IVasser, bis es die Lelskante überschritten, dann verwandelt es sich in schneeweiße gewaltige Lawinen, die tosend in die Tiefe herunterstürzen, Kein Auge hat je erspäht, wo sie mit den dunkeln Steinen des Abgrunds zusammenprallen, denn silbernes Gewölk legt sich sofort darüber. Aber als sehnten sie sich nach oben, so streben beständig die Milliarden zerschellter wasserstäubchen wie leichte Schleier empor, und sehnsuchtsvoll klingt ihnen das brausende Lied nach, der jetzt in die Liefe gebannten Lluten. Buffalo, die Ausstellungsstadt, ist von Niagarasalls mit der Eisenbahn und beinahe noch angenehmer mit sogenannter Trolls (elektrische Tram) in einer Stunde zu erreichen. Ich zog meist letzteres vor, da die Lahrt durch hübsche villenanlagen und Dörfer mit wohlklingenden indianischen Namen führt. Tonawanda heißt z. B. ein Grt. wer fühlte sich da nicht mitten in die goldene Kinderzeit und den spannenden Lederstrumpf verseht? Aber ach, Indianer und Büffel sind auf den Aussterbeetat in Amerika gesetzt, und die beiden ersten der wenigen Indianer, die mir zu Gesicht kamen, sah ich auf der Ausstellung in Busfalo. In vollem Kriegsschmuck, das Lanpt mit Ledern besteckt, den braunen Körper über und über tätowiert, zog der (Läuptling dahin mit seiner Squaw. Voller Enthusiasmus richtete ich meine Kamera aus das paar, doch wütend schrien sie: «dio, bio», verhüllten ihre Läupter und liefen davon, als ob der leibhaftige Teufel hinter ihnen her wäre. Die große Pan-Amerikanische Ausstellung, für welche allenthalben mit gewaltigem Lärme die Trommel gerührt wurde, sollte den 1. Mai 1901 eröffnet werden, aber noch am 16. Juni starrten die meisten Gebäude bis auf die unausgepackten Kisten in trostloser Leere. Der sonst als praktisch und flink bekannte Uncle Sam blieb also in dieser Beziehung noch hinter den europäischen Ausstellern zurück, denen man bei jeder Ausstellung den vorwurf der Unpünktlichkeit macht. Nur die Maschinen, vorzüglich die elektrischen, waren ausgestellt und im Betriebe, und die kalifornische Abteilung mit herrlichen eingemachten Lrüchten und Gemüsen bildete ein fertiges Ganzes, von der Kunstausstellung, auf die ich mich speziell gefreut, war auch nicht die leiseste Spur zu sehen. Die Ausstellung hat einen Raum von 140 (Lektoren inne und liegt teilweise in dem schönen Delawarepark. Die vielen Gebäude sind alle im spanischen Renaissancestil erbaut und sehen meinem Geschmacke nach zu überladen aus. Großartig ist die Sülle der Wasserkünste. Becken. Springbrunnen und Lalle, einzig schön abends die Beleuchtung. Sie läßt diejenige der letzten pariser Ausstellung weit zurück. Dafür ist ja Zauberer Niagara in der Nähe, welcher für die Ausstellung allein Z000 Pferdekräfte Elektrizität abgibt. Amerikanischer Fall. (5. 26.) AM, Niagarafälle. 2 ? Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet der 119 Meter hohe Elektrizitätstnrm. Lr ist mit Skulpturen reich geschmückt und seine Kuppel mit einer Göttin des Lichtes gekrönt. An seiner Basis bilden zwei 2Z Meter hohe Kolonnaden halbkreisförmige Slügel. Sie rahmen ein Masscrbassin ein, in welches sich aus einer Nische am Turme ein 21 Meter hoher und 9 Meter breiter Masserfall stürzt. Lr allein braucht stündlich 7,000,000 Liter Master. In der Slucht, unweit vom Turme, liegt der sogenannte Brunnenhof. Das Lecken, welches seine Mitte bildet, deckt SO Aren, und von allen Seiten springen Masserstrahlen, sich neigenden Garben gleich, hinein. Lin großer, über V /2 Kilometer langer Kanal windet sich durch die Mitte der Ausstellung und sendet nach allen Richtungen Adern ab. Elektrische Boote und Gondeln beleben das Master, und überall gibt's Brücken und Statuen in geschmackvoller harmonischer Abwechslung. Abends ist der Turm mit Glühlampen besetzt, und mächtige.Scheinwerfer senden ihr Licht hinaus bis auf die Niagarafälle und die kanadische Grenze. >MW UUMMM 1 ä ick 'VMS Bufkalo: Yan-Amcrikanische Ausstellung. Millionen von Lichtern umgeben jedes Gebäude, und in strahlendstem Glänze prangt, einem Seenmärchen gleich, die Ausstellungsstadt am Lriesee. Da ich ein Vorurteil gegen große Städte und insbesondere amerikanische hege, faßte ich den Plan, über die vier großen nordamerikanischen Seen mich allmählich dem Aellowstoneparke zu nähern. Ich bereue es nicht, auf diese Meise Chicago, die Schweinestadt, umgangen zu haben. Anderenteils blieben aber die Seen, von denen die Amerikaner großes Aufheben machen, etwas hinter meinen Erwartungen zurück. Der Abend des 19. Juni fand mich in Dussalo auf dem Dampfer „Uorthland", wo mir die Annehmlichkeit einer sehr geräumigen Kabine mit breitem Bette zu teil wurde. Das ganz neue Schiff ist wunderschön eingerichtet und kann ZOO Passagiere beherbergen. An: folgenden vormittag. 8 Uhr (in Bern war es jetzt schon 12ffs Uhr mittags), landeten wir in Llevcland, welches aus dem Rauche seiner Sabrikschlote sich nur verschlafen hervorhob. Die blaugrüne Sarbe des Lriesees ist besonders reizend. Er ist 380 Kilometer lang und 91 Kilometer breit und mit dem kuronsee durch den Detroitsluß verbunden. Als wir in letzterem einfuhren, trafen wir eine Menge Schisse, und jeder und jede zog die unvermeidliche Kamera hervor. 28 Reise einer Schweizerin um die Ivelt. Hinter der Stadt Detroit, wo unser „Northland" eine halbe Stunde anlegte, nahm uns der kleine blaue 5t. Llairsee auf. Die User sind hier ganz besonders grün und schön. Zuerst der wundervolle Lslls Isis park, dann, nachdem wir im 5t. Elair- fluß angelangt, reihte sich Villa an Villa, grüne friedliche Sommerfrischen für den müden Großstädter. Unvergeßlich ist mir der Sonnenuntergang, während einer vollen Stunde blieb das Wasser blutrot gefärbt, und schwarz zeichnete sich im grellen Gegensatz das Grün der Ufer ab. folgenden Morgens zeigte sich die Gegend wenig interessant, ich machte daher Menschenstudien und wandte meine Aufmerksamkeit diesmal besonders den vielen Kindern zu. Auch sie sind emanzipierter, selbständiger, gewandter, als unsere kleinen Europäer. Anfangs namentlich klingt das I rvill und I ^von'i, das auch die Kleinsten den Eltern gegenüber im Wunde führen, für europäische Ghren recht unangenehm. Dergleichen kommt freilich auch bei uns vor und hört sich noch unangenehmer an, weil die Kinder viel länger als dort in den Kinderschuhen stecken und von der Sürsorge der Eltern abhängig sind. Ein amerikanischer Junge muß frühe schon den Kampf ums Dasein aufnehmen, für sich selber sorgen und streben. Rascher noch als bei uns sind die Wechsel vorn Millionär zum Bettler. Und hier, wo jedermann arbeitet, richtet auch das Kind schon frühzeitig sein Augenmerk auf einen Beruf, einen Erwerb, und eignet sich auf diese weise etwas Selbständiges im Auftreten an. Gegen Mittag nahten wir den weißen Sehen der kleinen Insel Mackinac. Diese Insel, eine Art Nationalpark und militärischer Posten, ist eine beliebte Sommerfrische. Das romantische Crdfleckchen war vorn Jahr 1610—1761 französisches Besitztum, dann englisches, und kam schließlich 181Z in die Hände der vereinigten Staaten. Um alles zu erproben, aß ich dort in einer sogenannten Volksküche für 2Z Cents — Sr. 1.2Z, ein reichliches Mittagsmahl, ja es gab sogar zum Schluß Icscreulu und Kpple pie, beides amerikanische Nationalgerichte. Da das Eis kein Luxusartikel, sondern zu den Erfordernissen des Alltagslebens gehört, ist ein Vanille- oder Srucht- eis billig herzustellen. Ciswasser bekommt man in allen Eisenbahnen Amerikanischer Fall. iii'I AM ,..^/ MKM - kanadischer Lall. (2. 26.) 'ÄMU- M.'k L.v ^ MÄMk NEi Niagarafälle. 29 und Motels gratis. Weniger entzückten mich die Pies, die, ungefähr nach dem Rezept unserer Gbstkuchen hergestellt, einen zähen, trockenen Teig zur Grundlage haben. Die Gäste bestanden aus Arbeitern, alle gut gekleidet, ruhig und anständig. Ein Glas Milch diente ihnen als Getränk. Leider mußte ich hier den schönen „Uorth- land" verlassen und ihn mit einem viel kleineren Schiffe, dem „Miami", vertauschen. Der Wechsel war recht unvorteilhaft. „Miami" schien nicht vorbereitet auf Reisende, und die Wäsche war ausfallend spärlich und schlecht. Erst nachträglich erfuhr ich, daß in Sault Samte Marie, dem Ausgangs- und Endpunkt unseres neuen Bootes, die Blattern so stark herrschten, daß man nicht gewagt hatte, dort die für diese Sahrt bestimmte Wäsche an Bord zu nehmen. Verspätet sichren wir ab, und unsere Einfahrt in Sault Samte Marie, oder Soo, wie der praktische Amerikaner den langen Namen abkürzt, erfolgte leider erst bei Anbruch der Nacht. Hier gerade ist der Glanzpunkt der Reise. Schon die Nachmittagsfahrt war reizvoll gewesen. Wir hatten den Huronsee verlassen und fuhren bei herrlichstem Wetter aus dem Ste. Marieslusse. Rechts und links zeigten die Lüsten Meilen und Meilen lang nur Wald; es ist richtiger, unbewohnter, unbetretener Urwald, nur hie und da ein einsames Sischer- oder Jagdhäuschen am Strande. Ein eigentümliches Gefühl fürwahr, in ein Land zu kommen, wo noch so viele Menschen Platz fänden. Auch diesen Abend wiederholte sich die herrliche Beleuchtung und Särbung des Wassers, und als es dunkelte, leuchteten von allen Seiten Lichter aus, die Schisse wurden zahlreicher, und Lirchenglocken erklangen deutlich und klar über das Wasser hin. Seenhaft erglänzt plötzlich ein Wasserwerkschloß, und neben uns braust und schäumt es. Line weiße Mauer hält einen wilden Strom im Banne. Es sind die Rapids. Im Hintergründe unterscheiden wir die Umrisse eines waldigen Höhenzuges, elektrische Lichter blitzen durch die Bäume. Hier also wohnen wiederum Menschen. Wir sind am Soo-Schissskanal. Sachte geht das Schleusentor auf; der Lanal scheint beinahe wasserlos. Hinter uns schließt sich ebenso geräuschlos die Schleuse, von allen Seiten strömt Wasser herein, in sieben Minuten ist der Lanal voll, und unser Schiff gleitet aus dieser Lunststraße in den Duke Superior. Zwei Schleusenwerke liegen noch neben dem unserigen, das jedoch die beiden andern an Größe weit übertrifft. Es wurde 1896 eröffnet, hat eine Länge von 244, eine Breite von Z0 und eine Tiefe von 13 Metern. Die Losten betrugen ungefähr 3,000,000 Dollar. Der liiagarastrom mit dem amerikanischen Falle im Hintergrund. ZO Reise einer Schweizerin um die Welt. Der Schiffsverkehr auf diesen vier Seen ist ein so riesiger, daß man jährlich bis 1Z.440 Schiffe zählt, welche ein Tonnengeld von 12,896,980 Dollar ungefähr einbringen, also noch den Suezkanal übertreffen. Das Ganze machte bei Kacht und leichtem Uebel einen traumhaften Eindruck. Viele Bewohner des Städtchens hatten sich am Kanal versammelt. Die kommenden und gehenden Schiffe bilden wohl ihre Sauptzerstreuung. Uns selber war es der Pockeuepidemie wegen nicht gestattet, aus Land zu gehen. Sault Samte Marie wurde 1641 durch eine französische Mission gegründet. KWK Die Schleusen des Soo-Lcaiales bei Sault Sainle Marie. Den nächsten Morgen schaukelte unser „Miami" auf den etwas trübeil Mögen des Duke Superior, welcher die beste Gelegenheit zur Seekrankheit bietet. Er ist Z80 Kilometer lang, 200 Kilometer breit und stellenweise 220 Meter tief, und hat eine Ausdehnung von ungefähr 72,870 Sektaren. Sein immer kaltes Maffer nimmt nicht weniger als zweihundert Ströme auf. Kalt war's aber auch auf dem Schiffe, eisig kalt, und dabei brach gegen Abend ein Geivitter los, so grauenvoll, wie ich es selten erlebt. Soch schlugen die Meilen immer wieder über Deck. Zufällig machte ich die Bekanntschaft des Gbersteward. Er stammt aus dein Aargau und schien erfreut, eine Landsmännin zu treffen. Schweizerinnen, meinte er, verirren sich nicht oft auf dieses Gewässer. Er ließ es sich denn auch nicht nehmen, mich in mitternächtlicher Stunde durch Duluth zu begleiten, und verließ mich erst, als er mich sicher im pullmanwagen aufgehoben wußte. Im Nellowstone-Parlr. Z1 Capitel Z. Im Hellowstone-Park. pullmamvagcn. Der Mississippi. Galantes Lisenbohnpcrsonal. praktische Gepäckeinrichtung. Prairiefahrt. Indianer. Livingston. Fahrt nach Linnabar. Mammoth Dot Springs. Die Terrassen. Meine wagen- gesährtinnen. Danrie Matthew. Norris Geyser Bassin. Geräusche, Gerüche und Farben. Tiere des Waldes. Fountain Geyserhotel. Bedienung, paint Pots. Oberes Gcyserbassin. Gld Failhsul. Blumen. Kalte Nacht im Zelt. Pellowstonesee. Schlammvulkan. Das große Laüon. Adler. Grizzly-Bären. Mas war meine erste Bekanntschaft mit einem pullman- wagen in seinen: Heimatlande. Er war ganz gut, aber keineswegs so ideal, wie er mir immer geschildert , worden war. Ein schwarzer Diener verwandelt vier Tagessitze in ein breites, bequemesUachtlager, wobei zwei Betten übereinander zu stehen kommen, genau wie in den Schiffs- kabinen.UIännerund brauen schlafen im selben kvagen, jeder verschwindet hinter seinem Vorhänge, kleidet sich, so gut es in dem etwas beschränkten Baume angeht, aus und knöpft den Vorhang hinter sich zu. Unser Zug machte viele Stationen, und ich war froh, mich um fünf Uhr früh erheben zu können. Grinsend begrüßte mich mein Schwarzer und bürstete in Erwartung eines Trinkgeldes eifrig an mir herum. Du St. Paul hatte ich mehrstündigen Aufenthalt. Diese Zeit benutzte ich, um dem Mississippi meine Huldigung darzubringen, von Kanadas Grenze bis zum Golfe von Mexiko läuft er 4800 Kilometer mitten durch das Herz des amerikanischen /Kontinents, /taun: sechzig Jahre stnd's her, da waren seine Ufer noch öde Mästen und Urwaldsland, und die grausamsteil aller Spielender Geyser. Indianer - Stämme hausten dort. An Stelle der blühenden zwei Großstädte St. Paul und Min- neapolis standen damals einige Zelte, und elende Bütten lagen zerstreut umher. Doch das sind vergangene Zeiten, vondenendem Strome nichts geblieben ist, als sein indianischer Name Mississippi, Vater der Slüsse. In St. Paul stellt er sich noch nicht sehr großartig vor, allein in Anbetracht dessen, daß er als klein winziges Bächlein im selben Staate (Minnesota) entspringt, läßt er uns schon hier seine künftige Größe ahnen. Griesgrämig und grau floß er dahin, als ich von hoher Brücke herabschaute in seine lehmigen Sluten. Gerade so trübe war heute der Kümmel. Tausend Meilen trennten mich noch vom Jellowstonepark, allein ungeduldig, seine Münder zu sehen, beschloß ich, ohne Zwischenstation die lange Strecke zurückzulegen, eine etwas starke Tour unmittelbar aus die ziemlich schlaflose Nachtreise hin von Duluth nach St. Paul. Sicher und schnell trug mich die Northern Pacific Railwap durch die fruchtbaren einförmigen Gefilde Dakotas, der Kornkammer der Vereinigten Staaten. Beinahe allzu ereignislos wollte mir schon die Sahrt vorkommen, als eine kleine Episode sich abspielte, deren folgen recht unangenehm für mich hätten werden können. Ich habe schon erzählt, daß Schranken und Bahnwärter im Lande der Lreiheit nicht zu existieren pflegen, zuweilen auch die Abfahrt des Zuges nicht besonders gemeldet wird. Cr saust davon, wenn's Zeit ist, ohne Sang und Klang. Ls war auf einer kleinen Station, der Schnellzug hielt hier nur einmal innerhalb zwölf Stunden. Ich hatte kut und all mein Gepäck im Waggon zurückgelassen und trank draußen eine Tasse Kaffee, plötzlich — ich dachte an nichts Schlimmes — seht sich mein Zug in Bewegung. Erst schaute ich ihm in stummer Verzweiflung händeringend nach, dann schrie ich laut auf, und sieh' da, der Northern Pacific hatte Mitleid und stand wahrhaftig still. Dankerfüllt kletterte ich in meinen lvagen. Einem Mitreisenden war's ebenso ergangen. Er pries meine Unachtsamkeit und meinte, für einen Mann wäre der Zug nie und nimmer angehalten worden, «but tor u luclz-, Mut is guite uuotker tkiriA». Reise einer Schweizerin um die Welt. Terrasse bei Mammoth A>ot Eprings. --»dEÄK 2 ^, — -8 > Im Zellowstone-Park. ZZ In Zlmerika bemuttert die Eisenbahn die Reisenden nicht wie bei uns. Dort muß eben jeder selber sehen, wie er weiter kommt. Anderseits ist dafür das Reisen viel bequemer, besonders was das Gepäck betrifft. Man hat 150 Pfund frei, und Überfracht wird nur bezahlt, falls die Koffer allzu große Dimensionen haben. Auf der Station wird das Billet vorgezeigt und das Gepäck dem Gepäckmeister übergeben. Statt des zeitraubenden Schreibens eines Scheines, bindet dieser eine kleine Blechplatte an den Koffer und übergibt dem Reisenden eine ebensolche Platte mit derselben Nummer. Damit ist die Lisenbahngesellschaft für das Gepäck verantwortlich geworden. Vor jeder größeren Station kommt ein sogenannter Transfer Agent in den Waggon, dem man die Adresse des Gasthofes oder Laufes, wohin das Gepäck gewünscht wird» übergibt. Gegen 25 Gents — Sr. 1. 25 nimmt er das Blechplättchen in Empfang und besorgt sicher das Gepäck an den gewünschten Grt. Am folgenden Tage traten an Stelle der fruchtbaren Gefilde Dakotas wilde Prairien, wir fuhren durch den «LnckNuncks» oder «V^rnmick Vnrk» genannten Distrikt. Eigentümliche Kegel und Selsen- grate erheben sich phantastisch durch Seuer oder Wasser geformt, unvermittelt aus der einförmig grün-grauen Ebene. Stunde auf Stunde dasselbe einsame Bild. Verlassene Lütten, ein Blockhaus für Bahnbeamte, eine Schafherde, prairiehunde bieten die einzige Abwechslung. vor einem Stationshause stand als sonderbarer Gegensatz zum Schienenstrange der Zivilisation — ein stolzer Indianer. Der Nimbus (der Rothäute), den Looper um die edeln Leiden - gestalten der Mohikaner oder Iroquois gelegt, die Märtyrer- palme, mit welcher er ihre Stirne nach dem hoffnungslosen Kampf gegen eine unüberwindliche Macht gekrönt hat, mußte freilich allmählich anderen Ansichten weichen. And dennoch — Mitleid erfaßte mich mit der einsamen Gestalt, dem Sproß eines mächtigen Volkes, welches einst nach Millionen zählte und jetzt im Aussterben begriffen ist. Mag man die Indianer diebisch, unzuverlässig, grausam, lasterhaft schelten, auch die „Bleichgesichter" haben gegen sie viel gesündigt, viel zu verantworten. Es war eine schlimme Überraschung für mich, als ick), nach rastloser Eisenbahnfahrt an den Pforten des ersehnten 7)elloivstoneparks angelangt, keine Möglichkeit sah, vor den nächsten 24 Stunden weiter zu gelangen. Da hieß es gute Miene zu bösem Spiele machen und in dem Städtchen Livingston, in einem recht elenden Gasthofe, Nachmittag und Nacht zubringen. Livingston ist ein neues Städtchen, pilzartig über Nacht aufgeschossen, wie so viele andere in Amerika. Bergwerke und Landwirtschaft haben es ins Dasein gerufen, und seine ungefähr Z00O Einwohner sind von überallher zusammengewürfelt. Größtenteils sind es Schweden und Sinnländer. Slachshaarige Kinder spielen vor den kleinen, einstöckigen, bunten Läuschen, die einer Nürnberger Spielschachtel entnommen zu sein scheinen. Sohlen, Lämmer und Zicklein hüpfen herum, würdige L. v o n R 0 d l, Reise um die Welt. 2 Indianer. Z4 Reise einer Schweizerin um die Welt. Eeyser-Arater. Enten und kennen führen ihre kleinen spazieren, eine ganzeSüllejungen Lebens, das mit der jungen Stadt aufblühen und erstarken wird. was die Landschaft betrifft, könnteLivingston, statt in Montana, ebenso gut in einem unserer Schweizertäler liegen, von grünen kugeln umgeben, erheben sich dahinter hohe Berge, auf denen Ende Juni noch Schnee liegt. Ls sind Ausläufer der Kock^ Nountuiim, die sogenannten Beltberge. Gute Jagd soll's hier geben, und ein Nimrod hat sein Gärtchen mit einem vollständigen Zaune von Eichhörnern eingefriedigt. Sremd sind mir reizende Wiesenblumen, einige wasservögel, die ich am breiten, klaren Bache entdecke, und ein schwarzer, amselartiger Vogel mit brennend rotge- sleckten Slügeln. Ein furchtbarer wind trieb mich früh ins kotel zurück, und ein ebenso furchtbares Bett und entsprechendes Essen jagten mich am folgenden Morgen daraus hinweg, wenn auch allzufrüh auf den Bahnhof. Gespannt erwartete ich dort meine Mitreisenden und noch gespannter die Wunder des Tjellowstoneparks. Die Zahl meiner Reisegenossen betrug ungefähr vierzig. Ich wußte, daß wir während der sechs Tage. welche man im parke herumfährt, ziemlich auseinander angewiesen sein würden, und hatte mir Anschluß gesucht und bald gefunden. Mein erster Gefährte war ein freundlicher blonder wiener, der, schon der Sprache wegen, sich zu mir fand; später gesellte sich ein nicht allzu verliebtes Kochzeitspärchen aus Chicago und ein älteres Lräulein aus Washington hinzu, und das fünfblätterige Kleeblatt schloß sehr gute Sreundschaft. An einem herrlichen Tag traten wir unseren Ausflug an. Die kleine Bahn, welche uns in zwei Stunden nach Linnabar bringen sollte, lief zunächst durch das Tjellowstonetal und eine enge Schlucht, wo, von lichten Bäumen umgeben, der 7)ellowstonefluß rauscht. Sie bildet den natürlichen Eingang zum llationalparke. Ls war ein idealer Zug im amerikanischen Volke, der es veranlaßte, dieses ganze große Gebiet von 1,289,700 kektarea in seinem natürlichen Zustande zu erhalten Nellowstonc-Park. äs) in einer Zeit, wo alles, was zum Erwerb und Gewinn dient, ausgenutzt wird. Das Wunderland des Mlowstone soll der Nachwelt zeigen, wie es einstmals in Nordamerika ausgesehen hat, soll «n Arent pleusure Zrounä tor Me people» sein. Ich habe es ein Nationalmuseum unter freiem Sinrmel nennen hören. Nicht mit Unrecht: hier Hausen noch die letzten Büffel. Bären, Elche, Rehe. Adler, Biber u. s. w. führen ein friedliches Dasein, und die Bäume sterben ihren natürlichen Tod. Nein Schutz, keine Art dürfen ertönen, kein Saus darf erbaut werden, mit Ausnahme einiger Gasthöfe. Auch der lärmende Schienenstrang ist aus diesem Gebiete verbannt, nur Landstraßen machen dem Reisenden seine Schönheiten zugänglich. Diese sind wohl einzig in ihrer Art. Da sehen wir Geyser, siedende Guellen, Terrassen, .Mater, Gbsidianfelsen, versteinerte Bäume und Schwefelhügel. Das Zentrum des Parkes, welcher größtenteils im Staate wyoming liegt, besteht aus einer breiten vulkanischen Ebene in einer durchschnittlichen Söhe von 2440 Metern über Meer. Sie ist von Bergzügen umgeben, die eine Sähe von Z000—4Z00 Metern erreichen. Die erste Entdeckung dieses Gebietes geschah im Sahr 1810, und 1842veröffentlich- te die Mormonenzeitung «Dke HAsp» eine Schilderung desselben. Sie wurde als Münchhausiade, als die Ausgeburt einer überreizten Phantasie verlacht, allein die Wirklichkeit übertraf diesmal ausnahmsweise die Erzählung, und im Jahre 1822 wurde der Nationalpark eröffnet. Unterdessen waren wir in Einnabar angelangt. Eine Art Gmnibus brachte uns in raschem Tempo auf holprigem Wege nach unserer ersten Nachtstation, Mammoth Sot Springs. Der Gasthos ist neu und komfortabel. Man bezahlt, wie in den übrigen Sotels des Parkes, im Tage vier Dollar. Hier ist auch Sort 7)ellowstone, wo die Soldaten, denen die Aussicht über den park obliegt, ihr Standquartier haben. Mit einem Sichrer erkletterten wir die nahen Terrassen, welche durch die kalk- artigen Ablagerungen der heißen Guellen — man zählt deren über fünfzig — gebildet sind. Die Ablagerungen erstrecken sich über einen Raum von 8100 Sektaren Durch die Schwefeldünste abgestorbene Baume. Reise einer Schweizerin um die Welt. Z6 und bilden dreizehn Terrassen. Seitdem die berühmten Rosaterrassen in Neu-Seeland zerstört sind. stehen diejenigen in Ijellowstonepark einzig da. wie soll ich sie beschreiben? Am besten vergleiche ich sie mit grandiosen -Kaskaden, die in ihrem Sturze plötzlich aufgehalten und kristallisirt worden sind. Oben auf ihrer Stäche stehen lichtblaue Lachen, aus denen heiße Schweseldünste emporsteigen und den obern Rand der Terrasse mit algenartigen, grüngelben Schwefelsasern verzieren. wehr oder weniger stark träufelt das Wasser, zeitweise aus der einen, zeitweise auf der anderen Seite herunter und malt jene wunderbaren zarten Sarben und Schattierungen, welche vom lichtesten Gelb sich ins feurigste Orange verwandeln. Auch noch andere Sarben haben jene heißen Guellen, deren Wärme von Z6—91° Celsius wechselt, aus ihrer Palette. Namentlich Jupiter-, winerva- und -Kleopatra- terrassen schimmern in weiß. Grün, Salmfarbe, Rot, lichtbraunem und warmem Gckerton. Zu Süßen dieser Terrassen erhebt sich ein einsamer -Kegel, «Dibert^ cup» genannt, der -Krater eines erloschenen Geysers. Außerdem gibt's in dieser Region noch winiaturgeyser, einen blauen See, der keinen sichtbaren Ausfluß hat und dessen Temperatur Sommer und Winter dieselbe bleiben soll. „Teufelsküche" heißt eine schmale Spalte, in die man sich auf einer Leiter hin- unterzwängen kann. Natürlich überließ ich's anderen und freute mich, von ihnen zu hören — nachdem sie sich ausgepustet und ausgekeucht hatten — daß dort nichts zu holen wäre als Dampf und der Wunsch, baldigst wieder hinaus zu gelangen. Einen ganz merkwürdigen Anblick gewähren die Bäume, welche um einen vor zwei Jahren ausgebrochenen Geyser stehen. Ihre Stämme sind schneeweiß, und gespensterhaft drohend starren die abgestorbenen Zweige zum Himmel empor. Müde und erhitzt kamen wir in den Gasthof zurück. Ich war schläfrig, ruhebedürftig, allein eine urkomische Ausführung der schwarzenkotel- dienerschaft, welche uns den sogenannten « Take Mulk » vorführte und ein «kunjo» (gitarrenartiges Instrument) -Konzert zum Terrassen. rqsr- Im Ncllowstone-Park. Z? besten gab, hielt auch wach und in beständigen Lachkrämpfen. Schon in New 7)ork hatten die vielen eleganten schwarzen Ladies und Gentleinen, welche je- denModenwech- sel in gesteigertem, jedenfalls was die Farben betrifft, grellerem Maße mitmachen, meine Lreude erregt*). Den folgenden Morgen standen mehrere bequeme Vierspänner vor dein Gasthof, in welche wir je zu sechs bis acht verteilt wurden. Auf der ganzen scchstägigen Lahrt behielt ich dieselben Reisegenossen, dieselben lvagen und Pferde. Line starke Leistung für letztere, da die Straßen oft steil und schlecht sind. Meinen Magen zogen vier Schimmel, die ohne peitsche unverdrossen die stärksten Tagestouren machten. Außer zwei kerren und mir saßen drei Damen im Magen, Tvpen der Masse Amerikanerinnen, die das Leben von der leichten Seite nehmen. Die Männer, wovon zwei krank sein sollten, hatten sie zu 'kaufe gelassen. Nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade deshalb waren sie entschlossen, «to lmvo u §ooä time». Sie lachten, schnatterten und „flirteten" beinahe unaufhörlich. Im übrigen konnte ich mich nicht über sie beklagen, sie zeigten sich immer artig und zuvorkommend. Der erste Tag begann mit einer achtstündigen Lahrt, und die erste Steigung betrug gleich Z00 Meter. Sie brachte uns in eine düstere, unheimliche Selsenwildnis, die koodoos genannt. Moher der Name und welchem Spiele böser Naturgeister sie ihren Ursprung verdankt, ist mir unbekannt. Einen Glanzpunkt bildet das darauf folgende „Goldene Tor", wo gelbes Moos die kühnen Leisen dicht bewächst und ein schöner Masserfall rauscht. Das „Tor" öffnet uns den Ausblick auf einen blumigen, stillen, von schneebedeckten Bergen umkränzten Miesengrund. Der schönste und höchste unter ihnen ist der ZZ9O Meter hohe Mectric Denk, dessen Gipfel beim Gewitter einen wunderbaren Anblick bieten soll. Mir fuhren am „Schwan- und Bibersee" vorbei, h Den «Lake 'iVallr-> haben die Reger den Indianern abgelauscht. Leinen Hamen erhielt er davon, daß der beste Tänzer einen buchen als preis zu bekommen pflegte. Allmählich hat der »Lake nun auch seinen weg nach Europa gefunden und seinen Einzug erst in den Tingeltangels, dann in den Lalons der eleganten pariserwclt gehalten. Eine Art Eancan! -Wtz piberty Lap. Reise einer Schweizerin um die Welt. Z8 im letzteren stand ein Bibernest, ein aus dürren Zweigen kunstlos erbautes Ding. Abermals folgten zwei stillelichtblauewasser, „Mineralsee" und „Bratpfanne" genannt. Gelbe Wasserlilien schaukeln sich auf ihren Wellen, und wasservögel empfingen uns mit schrillem Rufe. wir mochten wohl fünf Stunden gefahren sein, als unser wagen plötzlich vor einem Zelte hielt. Ein Mann trat heraus, der uns mit einem Redeschwall empfing. Es war der Wirt Lorenz Matthew, Larri genannt, ein Zrländer und ein Original. Auch das Essen, welches er uns vorlegte, war originell, und nur wirklich gute buchen trugen zu seiner Ehrenrettung bei. Larri, der so süß ist wie seine Kuchen, besitzt eine Srau saurer als Essig, wie die zwei zueinander gekommen, ist ein psychologisches Rätsel! Larri verabschiedete sich von uns mit der Bitte, doch seiner in unserem Testamente gedenken zu wollen. Zu Suß ging - nun ein Stück Weges, wir machten die erste Bekanntschaft mit den wunderbaren Geysern. Die weiße Schlackendecke, die wir betraten, bedeckt eine Släche von 1Z88 Lektaren und heißt nach ihrem Entdecker lsorris Geyser Basin. Weiße tote Bäume ragen hie und da gleich stummen warncrn aus diesem trügerischen Boden empor. Auch der Sichrer hält ein wachsames Auge auf uns, denn leicht bricht man in eine Spalte, ein Loch ein, und dann ist's nicht ein kaltes Bad, sondern siedendes Wasser, das den Unglücklichen empfängt. Es tönt, als wären wir in einer großen Sa- brik oder, poetischer ausgedrückt, in Vulkans Schmiedewerkstatt, von allen Seiten sausen Spring- quellen, steigen Geyser, brodelt Wasser und zischen Dämpfe. Die Atmosphäre Ereile Geyser. Das Goldene Tor. Im ?)cllowstone-park. Z9 ist mit betäubenden Dampf- und Schwefelgerüchen geschwängert. Auch hier gibt's Sarben. Die Natur hat ihren ganzen Malkasten geöffnet, um die kleinen Miniatur- teiche und Pfützen zu schmücken, und die Sonne spielt ebensogerne mit den durchsichtigen Wasserstrahlen wie mit den kompakten weißen Dämpfen und verleiht ihnen alle Sarben des Regenbogens. Die Geyser haben alle ihre Hamen, Black Growler, Diongreß, Monarch u. s. w. Als wir im wagen unseren weg weiter fortsetzten, war mein Entzücken über Wald und wild groß. Ganze Rudel Elche schallten uns mit glänzenden Augen vertrauensvoll an, und niedliche Lhipmunks liefen in ungezählter Menge über die Landstraße. Diese find eine Art Eichhörnchen mit gelb und schwarzen Strichen über dem Rücken. Auf den Selsblöcken hockten Murmeltiere; auch sie fürchteten uns nicht. Schön ist der Wald in seiner ungepflegten Urwüch- si gkeit! Gestrüpp und tote Bäume bilden oft ein fast unentwirrbares Ganzes. Man sieht weiße Sichten, Pech- und Rottannen, rote Zedern, Zwerg-Ahorn, weiße Pappeln und weiden. Der weg führte zum Teil den Gibbon und Sireholestrom entlang. Ein schöner Punkt löste den andern ab, und doch freute ich mich, endlich mit Sountain Geyserhotel das Ziel unserer heutigen Sahrt zu erreichen. Ein gemütliches Seuer und ein gemütliches Laus nahmen uns auf. Lier gab's keine Nigger, amerikanische «^oun§ luäies» waren unsere sehr herablassende Bedienung. Seit ich in New T>ork in rührender Einfalt abends meine Schuhe vor die Türe gestellt und sie den folgenden Morgen wieder ungepuht in Empfang nehmen mußte, hatte ich verschiedene proben amerikanischer Bedienung oder vielmehr Nichtbediqnung erlebt, wer bei uns allzusehr über „moderne" Dienstboten klagt, dem möchte ich raten, sich etwas im Lande der Sreiheit umzuschauen. Dort heißt es: „Bediene dich selber, und willst du das nicht, so lebe mit deiner Samilie im Gasthos oder nimm wenigstens deine Mahlzeiten im Restaurant." Ze weiter man gegen Westen gelangt, um so schlimmer wird die Kalamität, um so weniger kann man sich auch nicht für schweres Geld gute Dienstboten verschaffen. Maminoth Paint pots. 40 Reise einer Schweizerin um die Welt. Bei UNS pflegt es hie und da vorzukommen. daß ein dienstbarer Geist Lnall und Lall das Laus verläßt, doch wirft eine solche Katastrophe meist ihre Schatten voraus. Drüben aber muß die Laussrau jeden Morgen darauf gefaßt sein. wie ein Blitz aus heiterm Hummel das Wort «I Ao» zu vernehmen, wenige Stunden später und das «I 8v» ist zur Tat geworden, einerlei, welch bittere Verlegenheit der Lcrrin dadurch bereitet wird. Nach dem Essen ging's zum Sountain- geyser, der uns jedoch nicht die Gunst antat, zu springen. Gnädiger waren die klummotk vuim vots, prosaischer I4uä Dutts, deutsch Schlammbläser genannt. Es sind kleine runde mit Lehm angefüllte Mater, und dieser Lehm, der zur Tünche beim Bau des Gasthofes angewandt wurde, ist rosa, grünlich, gelb und weiß. Unaufhörlich gurgelt's und zischt es in diesen Löchern und wirft Blasen aus, und aus diesen Blasen bilden sich, wenn sie in die Löhe steigen, Schlangenköpfe und Blumen, die in solcher Gestalt wieder in den Krater zurückfallen. Ein wunderbares Schauspiel, dem man stundenlang zuschauen möchte. Die folgende Tagesfahrt betrug nicht mehr als 14 Mlometer. Sie brachte uns zum oberen Geyserbassin, wo, da das Lotel abgebrannt. Zelte uns für die Rächt beherbergen sollten. Es ist ein schöner von Wald umgebener Platz, und die Zahl der Geyser eine noch viel größere als beim Uorrisbaffin, nämlich 26, und über 400 warme Guellen. waldige Berghänge ziehen sich von Südost nach Nordwest, und eine Linie hoher Koniferen begrenzt den Süden. Die weißgrauen Bodenerhöhungen sind mit Geyserkegeln und heißen Guellen gekrönt. Auch hier hängen überall Dampfwolken gleich Leichentüchern, die Erde zittert und erdröhnt in dumpfem Donner, und schwer ist die Luft von Schwefeldünsten. Nahe den Zelten ist ein Geyser. Olä Dairktut genannt, der durch seine ganz regelmäßigen Aushrüche der bekannteste und beliebteste geworden ist. Alle 6Z Minuten, mit nur ganz geringen Abweichungen, spielt dieses Naturwunder bei Tag und bei Nacht. Ich beobachtete fünf Ausbrüche. Der Krater, ein längliches Viereck, liegt auf einem ungefähr 4 Meter hohen Lüget von Geyserit. Auf den terrassenförmigen Schichten dieses Lügels sind überall kristallhelle Wasserlachen. Ihre Ränder bilden eine feingezeichnete Perlenschnur, ihr Grund zeigt zarte rosa. weiße, orange und braune Sarben. Der Ausbruch beginnt mit einigen kurzen Stößen, welche schon eine gehörige - Wassermenge auswerfen, dann steigt eine heiße Wassersäule von 60 Lentimeter Durchmesser zirka Z8 Meter empor. Regenbogen spielen in herrlichen Sarben auf und Yellowstone-See. (S. 42.) Im Ncllowstone-Park. 41 nieder in den feinen Sprühregenwolken, während die niederfallenden Tropfen wie ein Diamantenregen gegen die Erde blitzen. Die Wassersäule bleibt in gleicher Sülle und Lohe wohl drei Minuten lang, dann fällt sie plötzlich zusammen. Den Giantgeyser, den größten, habe ich leider nicht tätig gesehen. Er soll die letzten Jahre sehr selten springen. Laut Geysertabelle steigt er 76 Meter hoch und spielt während 90 Minuten, vergeblich stellten wir uns immer wieder vor seinen -Kegel, hofften, das Gurgeln und lochen in seinem Krater bedeute einen nahen Ausbruch-er wollte es uns nicht zuliebe tun. wir haben noch viele andere Geyser spielen sehen, haben noch eine weite Wagentour nach anderen Dosis, bot SprinAs und Geysern unternommen, aber immer wieder war's der Olcl Duitblul, der mich anzog. Schöner noch erschien sein wallender Wassermantel spät abends im Mondschein. Abseits vom Bereiche der Schweseldünste gedeihen herrliche Blumen: gelbe Enzianen in Lorm und Größe wie die unsrigen. Sehr niedlich ist eine gelbe sünfblätte- rige Blüte, den botanischen Namen konnte ich nicht erfahren, im Volksmunde heißt sie äox tootb violet. Danngab's lichtblaue Lupinen. Rittersporne. Immortellen, Moschusblümchen, kleine Astern. Ringelblumen und eine sehr feurige, mir unbekannte Blüte: Duint Drusb, die ich später häufig in den kalifornischen Bergen finden sollte. Unser Nachtlager war bitter kalt. Je in einem Zelt hausten, durch Stoffwände geschieden, sechs Parteien. Man hörte jeden Atemzug, und da ich ahnenden Geistes meinen Nachbarn schon vorher als Schnarcher taxiert, war das Gelächter groß, als sehr bald Sägetöne den Raum füllten. Anfangs klang das Lachen unterdrückt, dann immer lauter von allen Betten und Seiten, so laut. daß es schließlich den unglücklichen Schnarcher weckte. Mich ließ die Mlte zu keinem Schlafe kommen, und als ich früh aufwachte, lag eine Eiskruste auf meiner Waschschüssel. Den folgenden Tag wurde früh abgefahren. Acht Stunden lang schlechte, steile Wege, ein schweres Stück Arbeit für die armen Pferde. 4Mrze Zeit vor der Mittags- Morning Girrn Spring. 42 Reise einer Schweizerin um die IVelt. station Thumb genießt man von einem Hügel aus den ersten Anblick des 7)ellow- stonesees, dessen Sorm einer Hand mit nach Süden ausgespreizten Singern gleichsieht. Mar, blau, sriedlich, ganz eingebettet in Waldesgrün liegt er da. Sm Hintergründe ragt eine schneebedeckte Bergkette, die Ab- saroka Mounts, empor. Das Ganze erinnert an den Ueuenburgersee, nur fehlt hier jede Spur menschlicher Wohnungen und menschlichen Lebens. Auch die milden unterirdischen Geister scheinen zu ruhen. Der See liegt 2Z20 Dieter über Meer, und leine Groß Z4,000 Hektaren, somit gehört er zu den höchstgelegenen großen Seen der Welt. In der Haltstation wurde ein schlechter Lunch genossen, dann ging- an den See. Einige Schritte vom Strande steht ein Genserkegel im wajser. schnell hatten wir ihn erreicht und fischten eine Sorelle, es gibt davon eine Menge. Ebenso schnell hatten wir sie noch an der Angel in den Krater des Geysers getaucht und zogen sie gekocht aus dem siedenden Wasser. Line lange, schöne Sahrt brachte uns meist dem See entlang zum Lakehotel. Streckenweise hatte ein Brand die Bäume zerstört. Auf einem der toten Stämme hauste ein Sisch- adlerpaar. Das Lakehotel liegt im tiefen Sande. Unser Spaziergang führte daher über einen Holzsteg zum See. Dort wurde gefischt, der einzige erlaubte Sport im Tjellow- stoneparke. Säst jeder Angelzug brachte einen Lisch heraus. Ls waren schön gefleckte einheimische Sorellen (8ulmo iVIzckisch.Mir tat's leid um die unnütz hingemordeten Tiere, da der Verkauf verboten ist und die Gasthöfe immer weit über Bedarf damit versehen sind. -IMG.: Am ßellowstone-8ce. 4 X ') »I- Schlammvulkan. Im Tjcllowstonc-Parli. 43 Den 28. Juni unterbrachen wir sehr bald die Sahrt, um den Schlammvulkan zu besichtigen. Seine graubraune Lehmmassc ist ein ebenso unangenehmer Anblick fürs Auge wie ein schlimmer Geruch für die Nase. Der von dein ausgeworfenen Schlamm gebildete Krater ist 7 Dieter tief. Immer wieder stößt er unter dumpftönenden, gurgelnden Lauten bald stärker, bald schwächer seinen bleifarbenen Inhalt aus. Einen um so lieblicheren Nontrast bildet Unfein Valley, das schönste Tal im Delloiv- stonegebiet. Es erhielt seinen Damen dem Geologen Or. S. v. lsapdn zu Ehren, welcher als Erster den Gedanken hatte, dieses Wunderland in einen Nationalpark umzuwandeln. Noch einmal stiegen wir aus, um einen sehr steilen Sußiveg zu betreten, der uns hinunterführte nach den Süllen des Dellowstone. Doch ich will den Gesamteindruck beschreiben, wie ich ihn empfand, als wir vom Guüonllotel am Aande des Luüonh entlang zu Doint NookoM und Inspiration Doint wanderten. N)ir traten zunächst auf den vorspringenden Sehen von Lookout. Schwindel erfaßte mich, und froh, festen Boden unter meinen Süßen zu fühlen, zog ich mich einige Schritte zurück. Erst nach ein paar Minuten wagte ich, den Blick in die schauerliche Einsamkeit da unten zu werfen. Zur Rechten von Selsbergen umschlossen, stürzt der große untere Sall 110 Meter tief in die Schlucht. Es ist eine dichte, glänzende Silbermasse, die sich, unten angelangt, irr ein weißes Schaumbad verwandelt und so die dunkle Schlucht durcheilt. Man fühlt sein Tosen, ohne es zu hören, denn zu groß ist die Entfernung, welche uns davon trennt, und erst lange nachher vernehmen wir das dumpfe Aufschlagen des Steins, den wir hinunter geworfen. Die Selswände sind oft beinahe senkrecht. An manchen Stellen haben heiße Guellcn sie ausgesressen, wind und Wellen, Schnee und Srost ihre Gestalt verändert, äiregel und mittelalterliche Burgen, Minarets und Türme Point Lookout. -WWi Pcllowstone-Schiucht. ') Spanisches Wort für Schlucht. 44 Reise einer Schweizerin um die Welt. aus ihnen geschaffen, lind die Sarben! Die ganze Schlucht scheint stellenweise in Gelb aufzuflammen, vom hellsten zunüdunkelsten. Gft liegt's wie Blut auf den kanten, oft schmiegt sich ein weicher, weißer Staub, einem Leichentuchs gleich, in die Spalten, weiter unten klammert sich dunkles Moos an den nackten Sels und macht die wunderbare Sarbenzusammenstellung noch fremdartiger. wer sind die Bewohner dieser Schlucht? königliche Vogel haben sich in diesem königlichen Prachtbau angesiedelt. Adler, die Vögel Jupiters, weite preise sehen wir einen von ihnen ziehen, bis er langsam der Tiefe zuschwebt, wo weit unter uns, aus schroffem Selskegel, sein Horst gebaut ist. Mit dem Glas können wir hineinschauen, können das Weibchen seine Tier verlassen sehen, um mit dem Gemahl gemeinsam der untergehenden Sonne zuzufliegen. äüeine frevle Hand wird unterdessen das liest ausrauben, kein Schuß wird die stolzen vögel tödlich treffen, hier sind sie Herrscher, hier ist ihr Sreiheitsland. Dieselben Vorrechte genießen die Bären. Ungläubig freilich werden manche meiner Leser bei meiner Bärcngeschichte den äiopf schütteln und denken, ich hänge ihnen selber einen Bären an. Schon am ersten Tage erzählte man uns alle möglichen Geschichten von den Grizzlp- Bären des 7)ellowstoneparks und ihrer Zahmheit. Man behauptet, sie ließen sich sogar photographieren, und ein Spaßvogel erzählte, sie übernachteten zur Winterszeit zuweilen in den unteren Räumen des Gasthofes. Ungläubig lachend fragte ich, wie manchen Dollar ihnen der Wirt dafür auf die Rechnung setze. Beim Diner erzählten einige meiner Mitreisenden, sie hätten einen Grizzlp-Bären im Walde getroffen und seien entsetzt geflohen. Ich zweifelte noch immer. Da forderte man mich auf. abends zwischen 8V- und 9 Uhr aus eine Anhöhe hinter dem Gasthof zu gehen. Sur festgesetzten Zeit fand ich mich dort ein. Es war eine helle, kalte Mondnacht. Ich legte mich flach hinter einen Salbeibusch und sah hinunter in einen Graben, wo Konservenbüchsen und Gemüseabsälle lagen. Dort sollten sie sich allabendlich ihr Sutter holen. Ich wartete lange, es kam nichts. Schon wollte ich's aufgeben, als es auf dem gegenüberliegenden Hügel lebendig wurde. Aus dem Walde traten einer nach dem andern: drei mächtige Bären. Sie schienen im Mondschein noch gewaltiger. als sie es wirklich sein mochten. Raschen Schrittes, ohne sich umzusehen, liefen sie auf die Grube zu. Sie suchten eifrig Sutter, und ich hörte dabei das klirren der Blechbüchsen. Einen Augenblick später erschien ein kleineres Tier. und als die drei ersten eben abzotteln wollten, kamen ihrer drei neue von der andern Seite. Die braungrauen Gesellen brummten sich eine Art Begrüßung zu. von mir hatten sie nichts Grizzly-Mr. Yellowstone-Fall und -Schlucht. (S. 43.) Im Jellowstone-Park. 4S bemerkt. Ich lag in fast atemloser Spannung in meinem Salbeibusch. Ls war dunkel geworden. Line Art Grauen hatte mich erfaßt, und wie von Surien gepeitscht, eilte ich dem H>otel zu. Dort hatte sich ein Land-mann, der meinen Namen im Fremdenbuch gelesen, angelegentlich nach mir erkundigt. Als Mnd schon nach Indianapolis ausgewandert, war ihm das Schweizerdeutsch nicht mehr mundgerecht, doch die alte H>eimat hatte er nicht vergessen. Gbschon es zehn Uhr war, wanderten wir noch zusammen zur Schlucht. Unter den Strahlen des Mondes hatten die Sarben der Selsen einen silbernen Schimmer erhalten, und wie Schnee leuchtete der weiße Staub in den Spalten. Ls war totenstill; auch die Adler schliefen. Am folgenden Morgen sah ich noch die Sonne über dem Lnüon aufgehen, dann fuhren wir auf kürzeren wegen zurück, Nnmmork Hot Spring und Linnabar zu. Mich berührte es wie das verlassen eines Märchenlandes. 46 Reise einer Schweizerin um Sie Ivclt. Lapitel 4. Bei den Mormonen. Fahrt nach Lutte. Ankunft in Satt Lake Lity. Botel. Lrigham Young. Der große Tempel. Tabernakel. Glaubensbekenntnis der Mormonen. Joses Smith, der Gründer der Mormonensekte. --ein Tod. Polygamie Lrigham Poungs. Prozeß mit einer seiner Frauen. Manifest gegen die Vielweiberei. Lrigham youngs Lauten. Sein Grab. Saltair. Bad im großen Salzsee. Salt Lake Lity. Über die Sierra Kevada nach Kalifornien. M'achdem ich in Livingston wehmütigen Abschied von den vier Reisegefährten genommen, brachte mich die Eisenbahn nach Butte. Beinahe ist - ein Nachklang zu den Herrlichkeiten des TMowstoneparkes, tz^nn der lveg führt über die Belt- berge, Ausläufer der Nockz- Nountuins, und erreicht sehr rasch eine ltzöhe von 1700 Meter. Line großartige Bahn, fürwahr! Dabei wetteifert die Kühnheit und Unsicherheit der lsolzbrücken mit der Kühnheit der Berge und Schluchten. und oft dachte ich: „Jetzt müssen wir einstürzen!" Aber nein! unaufhörlich raste der Zug weiter bergabwärts Butte zu, einer Stadt, die erst von 1864 an ihren Geburtstag rechnet und doch schon über 50,000 Einwohner zählt. Die Stadt machte mir einen greulichen Eindruck, und dabei war ich noch verdammt, fünf Stunden dort abzusitzen. Die umliegenden Berge sind eitel Kupfer und liefern jährlich mehr als 2Z0 Millionen Pfund dieses Metalles. Als ich auf der Post eine 2 Lts.-Marke mit Kupfer bezahlen wollte, hieß es: „Behalten Sie Ihr Geld, Kupfer hat für uns nicht den geringsten Mert." Später ärgerte ich mich, keinen versuch gemacht zu haben, ein Kupferbergwerk zu besuchen, allein ich dachte, ich würde sie des Sonntags wegen geschlossen finden. Nachträglich erfuhr ich. daß Sonn- und Sesttags. bei Tag und Nacht ununterbrochen gearbeitet wird, so groß ist die Gier nach dem Mammon. Der große Mormonentempcl. -«MWZ Bei den Mormonen. 47 Butte ist der Sitz der großen Anaconda Tupfer- und Silbermine, welche 1898 für 4s,000,0ö0 Dollar verkauft wurde. Abends fuhr ich Ggden und Salt Lake Eich zu. Beim Erwachen im pullmancar warf gerade die Sonne ihre ersten zum Zugwechsel in Ggden. Von heiligen der letzten Tage", wie die der geographische Name heißt. Blühende Dörfer und Gärten, Auge und zeigen mir, daß ich mich im Staate Utah, welcher die fleißige Diene im Wappen führt, befinde. Das neue, sehr große, sehr elegante Hotel wirst schon alle meine Ideen von der NIormonenwirtschaft über den Hausen. Es ist eines der besten, komfortabelsten, die ich in Amerika getroffen, enthält Z00 Zimmer und ist „feuerfest". Letzteres wird in Amerika, wo die Gasthöfe wie Zunder brennen, mit Vorliebe auf den Hotelprospekten betont und angepriesen. Überall sieht man an einzelnen Zimmern die Ausschrift: „Notausgang im Lalle von Seuer." wie verschieden sind doch die Menschen! Mir war's, wenn ich überhaupt daran dachte, eine Art Sicherheitsgesühl; mein Wienergefährte vom Aellowstonepark dagegen fand es ein umheimliches „Memento". Line schöne, reinliche, wohlhabende Stadt ist Salt Lake Eich, und gut wandelt sich's in ihren breiten, lustigen, rechtwinklig sich kreuzenden Straßen. Dommt man aber ein bißchen aus dem Herzen der Stadt, dann erfreut man sich schattiger Alleen, murmelnder Büchlein und schmucker, meist im Grün ihrer Gärten versteckter Häuser. Ringsum ziehen sich die kahlen, großen wahsatchberge, welche eine ebenso wüste, kahle Gegend umgaben, bevor die Mormonen im Jahre 1847 sich unter Brigham 7)oung hier ansiedelten. Es ist natürlich, daß ich zuerst Brigham 7)oungs ^^-erl folge, jenes merkwürdigen Mannes, der als Gouverneur von Utah das Ansehen eines Bönigs genoß, und vor dem die Regierung in Washington eine heilige Scheu hegte. Er war sowohl weltliches als kirchliches Haupt der Mormonen, ihr Gesetzgeber und höchster Richter. Strahlen aus mein Lager und machte mich munter dort führt eine Zweigbahn nach der „Stadt der Mormonen sie nennen, oder Salt Lake Eich, wie üppige wiesen und gutes Ackerland erquicken das Brigham Hornig. 4S Reise einer Schweizerin um die Welt. Alles, was er angriff gedieh, und seine Weisheit galt im Volke für unfehlbar. Salt Lake City und Utah verdanken ihren Wohlstand ausschließlich Brigham Joung, der seinen Anhängern nicht nur Moral predigte, sondern sie auch unterrichtete und ihnen praktische Ratschläge gab, wie ihre Häuser und Gärten in Ordnung zu halten seiet: und ihre Acker reiche Frucht bringen könnten. Uur den Wasserleitungen und Berieselungsnetzen, die er mit großem Geschicke anlegte, schuldet die ehemals dürre wüste ihre Blüte. Auch die hauptsächlichen Bauwerke hat Brigham Ijoung ins Leben gerufen. Freilich ist es ihm nicht beschieden gewesen, sein Hauptwerk, den großen Tempel, vollendet zu sehen. Im Jahre 18ZZ legte er den Grund zu jenem Bau, welcher seinesgleichen an Pracht und Aufwand sucht und dessen Ausführung volle 40 Jahre in Anspruch nahm und über 4,000,000 Dollar kostete. Stolz erhebt sich das graue Granitgebäude mit Terrasse statt des Daches und je drei Türmen auf Ost- und Westseite. Der höchste Mittelturm auf der Gstfassade ist durch einen 4 Meter hohen vergoldeten Engel, der eine Trompete an den Mund hält, gekrönt. Es ist der Engel Moroni, von welchem ich gelegentlich noch sprechen werde. Die Länge des Tempels beträgt §7 Meter, die Breite Z0 Meter. Das Innere soll wundervoll ausgestattet sein, doch ist es den „Heiden" oder „Gentiles", wie die Mormonen alle Andersgläubigen nennen, streng verschlossen. Am Sonntag soll man sich leicht in die Reihen der Gläubigen einschmuggeln können und hineingelangen, aber leider traf mein Aufenthalt bei den „Heiligen der letzten Tage" auf einen Montag. Ich habe überhaupt herzlich wenig vom Tun und Treiben jener sonderbaren Heiligen gesehen. Es waren Menschen wie überall in Amerika, gut gekleidet, freundlich, höflich, durch nichts äußerlich sich unterscheidend. Das einzige, was nimmer seinesgleichen aus der Welt hat. ist das Tabernakel, ein Unikum an Häßlichkeit und Ungeheuerlichkeit. Es steht von Anlagen umgeben, von überallher sieht man sein gewaltiges, längliches, gewölbtes Holzdach und denkt unwillkürlich an eine Riesenschildkröte, die in grüner Landschaft kauert. Erst allmählich WWW Front des Mormonentempels. Der den Mormonen. 49 bemerkte ich, daß dieses durch mächtige Sandsteinpfeiler getragene Dach die Bedeckung eines Baumes bildet, welcher über 12,000 Menschen bequem aufnehmen kann. Line der größten Orgeln der Melt ertönt Sonntags im Tabernakel und begleitet einen als trefflich gerühmten Kirchenchor. Ich konnte von der ausgezeichneten Akustik leider nur beim Sprechen urteilen. Lin freundlicher Sichrer gibt mir eine rote gedruckte Karte; sie enthält das Glaubensbekenntnis der Mormonen. Auch hier nichts Außerordentliches oder Abstoßendes ! Ls find 1Z Paragraphen, von denen ich einige übersetzen will, um einen Begriff davon zu geben. 1. Mir glauben an Gott, den Ewigen Vater, und an seinen Sohn Jesus Christus und den heiligen Geist. ß. Mir glauben an dieselbe Einrichtung, welche in der ursprünglichen Kirche war, d. h. an Apostel, Propheten, Seelsorger, Lehrer, Evangelisten u. s. w. 7. Mir glauben an die Gabe der Sprachen, die Prophezeiung, die Offenbarung, an Visionen, Teilungen, Auslegung der Sprachen u. s. w. 8. Mir halten die Bibel für das Mort Gottes, soweit sie richtig übersetzt ist. Mir glauben auch, daß das Buch Mormon das Mort Gottes sei. k>ier unterbrach ich meine _ , . _ . ' ^ Dach des Tabernakels nn Hintergrund. Lektüre und ließ mir erklären, was das Buch Mormon ist. Dazu mußte aber auf die Gründung der Sekte zurückgegriffen werden. Lin 14jähriger Knabe aus Vermont, Joseph Smith, hatte himmlische Erscheinungen, welche ihn über den Zustand von Abtrünnigkeit in der Christenheit in Kenntnis setzten und ihm befahlen, die wahre Kirche Christi aufs neue aus Erden einzusetzen. Zuerst erschien ihm im Jahre 1820 Gott Vater und Sohn. Sie legten ihm neue Glaubenslehren vor und sagten, er dürfe sich keiner der bisher auf Erden verbreiteten anschließen. Andere himmlische Erscheinungen folgten: Johannes der Täufer, welcher den 15. Mai 1829 die Priesterschaft des Aaron auf Joseph Smith übertrug und ihn ermächtigte, zu predigen und zu taufen. Im selben Jahre erschienen die Apostel Petrus, Johannes und Jakobus, welche ihn mit der Hähern Priesterschaft des Melchisedek begabten, die da Macht gibt, durch Aandauflegung den heiligen Geist jemandem einzuflößen. L. von Rodt, Reise um die Welt. 4 Reise einer Lchwcizerin um die Welt. so Zuletzt erschien ein Engel namens Moroni, welcher ihm von goldenen Tafeln sprach, die in den klügeln beim Dorfe Manchester vergraben lägen. Wirklich fanden sich die Tafeln an bezeichneter Stelle dicht mit Hieroglyphen beschrieben. Joseph Smith entzifferte sie mit der Lülse Gottes oder vielmehr mittelst einer Wunderbrille, die zugleich mit den Tafeln viele Jahre in der Erde gelegen hatten, und so entstand 18Z0 «Dke Look ob tbe Hormons». Es behandelt die Geschichte eines Stammes Israels, der ilephiten, welche, 600 Jahre vor Christo von Jerusalem gekommen, Süd- und Nordamerika bevölkerten. Zu diesen Nachkommen Abrahams kam Christus bald nach seiner Auferstehung und lehrte sie sein Wort, indem er die Lehren der ruderen Propheten ergänzte. Der letzte Prophet war Moroni gewesen, der Schutzgeist der r-r- -'S-- Joseph Smith predigt den Indianern. (Nach einem alten Lüde.) goldenen Tafeln und nun auch der Schutzengel des neuen Tempels. Sein Vater Mormon, ein großer Krieger und frommer Christ, hatte die schon Jahrhunderte vorher begonnenen goldenen Tafelaufzeichnungen beendet. Diese wurden nach ihm benannt, und unter diesem Leinamen wurden nach und nach auch die „heiligen der letzten Tage" bekannt. Joseph Smith hatte den Stoss seines «Look ob tke Normons» einem vom pres- byterianerprediger Spaulding 1812 verfaßten, im Vibelton gehaltenen Roman entnommen und ihn mit seinen angeblichen Gesichten und Offenbarungen bereichert. Joseph Smith gründete mit dreißig Anhängern eine neue Mirche. Cr begann, öffentlich zu predigen, wurde fortan nur Prophet Joseph genannt und umgab sich mit zwölf Aposteln. Seine bald sehr zahlreichen Anhänger verehrten ihn wie einen Leiland. Natürlich begannen jetzt Verfolgungen aller Art. Die „Leiligen" mußten sich grausame Mißhandlungen gefallen lassen, sie wurden von einem Staate zum anderen gehetzt, und Bei den Mormonen. Z1 den 27. Juni 1844 mordete ein wilder Volkshaufen im Städtchen Karthago in Illinois den Joseph Smith und seinen Bruder Lyrum, den Patriarchen der Mrche. Josephs Nachfolger wurde Brigham 7)oung, welcher, sehr talentvoll und mit eiserner Willenskraft begabt, mich hinsichtlich der Polygamie getreulich in die Lußstapfen des Propheten trat, ja ihn noch weit übertraf, denn man redet von nicht weniger als sechsundzwanzig Ehefrauen desselben. Vier davon waren die Witwen Joseph Smiths gewesen. Ein Scheidungsprozeß, welchen die jüngste seiner Lrauen gegen Brigham Poung anstrengte, wirst ein wenig günstiges Sicht auf das K>aupt der Mormonen und zeigt uns, daß die Ehre, Gattin des Propheten zu sein, abgesehen von der Konkurrenz mit fünfundzwanzig anderen Lianen, manches Gpser erforderte. Anna Llise, nach einigen Mrs. Houng Nummer 19, nach andern Hummer 1Z, beschuldigte ihren Gatten, seine Lrauen sehr knapp zu halten, während die Lavoritin, welche freilich öfter wechselte, einen glänzenden Palast bewohnte, wo sie im Luxus und Überfluß lebte, vegetierten die übrigen legitimen Lrauen in elenden Bütten und in der tiefsten Armut. Jede von ihnen erhielt monatlich nur fünf Pfund Zucker, ein Pfund Talglichter, ein Stück Seife und eine Streichholzschachtel! Ungeachtet dieser unwahrscheinlichen, jedenfalls sehr übertriebenen Behauptungen, gewann Anna Llise ihren Prozeß, dessen sehr hohe kosten der Prophet zu tragen hatte, und zudem mußte er sich verpflichten, der Drlägerin jährlich eine Rente von fünfhundert Dollar auszubezahlen. Dieses eheliche Mißgeschick scheint ihn übrigens nicht entmutigt zu haben, denn vier Jahre darauf — er war damals ein siebenund- siebzigjähriger Greis — bot Brigham Zoung einer sechsundzwanzigsten Auserwählten lserz und Kand an. Joseph Smith stützte sich bei Crlassung des Gesetzes der Polygamie auf die Patriarchen, aus Abraham, Jakob, Moses. Ihm erschien die Vielweiberei der Schlüssel zum himmlischen Königreiche, diehöch- ste Stufe himmlischen Ruhmes, denn im Jenseits sollen auf Erden geknüpfte La- milienbande gemäß dem göttlichen Gesetze fortdauern. Im Jahre 1882 wurde der schon früher begonnene ästreuz- zug gegen Polygamie vom Dongresse neu IN N Die Däuser Brigham youngs und seiner Frauen. Reise einer Schweizerin um die Welt. S2 aufgenommen, und schlecht erging's den „heiligen". So schlecht, daß N)ilford IVoodruf, ihr damaliges Haupt, 1890 ein manifest erließ gegen Vielweiberei. Die mormonen gehorchten, die Einwanderung der „Heiden" wurde immer stärker, und 1896 verwandelte sich das ehemalige Territorium Utah in einen Staat der Union. Das mormonentum steht in voller Blüte, es zählt über 300,000 Seelen, und seine Anhänger sind in der ganzen Welt verbreitet. An der Spitze der Furche stehen drei Hohepriester, zwölf Apostel, sieben Präsidenten, ein Patriarch, ein Bischof u. s. w. Ich las weiter in dem roten Gesetzesbüchlein. Kein Wort für oder gegen die Polygamie, nichts, absolut nichts Anstößiges. Doch genug über mormonentum! Bei glühender Hitze wanderte ich vorbei an der ehemaligen Residenz Brigham Joungs, vor der ein steinerner Löwe Wache hält- daneben steht das sogenannte Bienenstockhaus (Beekive bouse), ein Bau aus Ziegelsteinen mit einer Sternwarte in Sorm eines Bienenstockes. Dort hauste der Harem des Vielbeweibten. Es sind durchaus keine imposanten Bauten, ebensowenig wie das sogenannte Adlertor. Ein ganz sonderbares Ding! Je zwei, etwas gewölbte Bogen ziehen sich über die Straße und bilden in der mitte einen Knauf, aus welchem ein steinerner Adler mit weit ausgebreiteten Slügeln steht. Auch das etwas weiter gelegene Grab Brigham 7)oungs und einiger seiner Srauen zeigt keinen prunk. Nichts als ein wüster, verwilderter Grasplatz, ohne jedwelchen Blumenschmuck. Slache Steine liegen aus einzelnen der sieben Gräber, und nur dasjenige des „Heiligen" ist mit Gitterwerk versehen. Die Hitze war allmählich überwältigend geworden, so daß ich mich gerne in die Arme eines behaglichen elektrischen Trams warf und im Gasthof unermeßliche mengen Liswasser vertilgte, die jedoch schnell wieder ausgeschwitzt waren. So fand ich's denn am besten, mich von einer tramartigen Eisenbahn — die Wagen waren offen -— in das zwölf meilen entfernte Saltair bringen zu lassen, und wirklich, dort wehte ein Kühler Wind. Das von den mormonen vor wenigen Jahren erbaute Badeetablissement ist das Großartigste, das ich in dieser Art je gesehen habe. Da gibt's Pavillons, Galerien, Aussichtstürme, Lr- frischungsräu- me, sowie einen Der Eroße Salzsee. Bei den Mormonen. ZZ riesigen Tanzsaal, wo ein großes Orchester spielte und sich, der Litze ungeachtet, eine Anzahl hübscher Mormönchen eifrig im Tanze drehten. Auch an Badezellen fehlte es nicht, und mehrere hundert Menschen tummelten sich in dem merkwürdig durchsichtigen Wasser. Klanweise schwammen ganze Lami- lien herum. Natürlich mußte ich auch erproben, wie sich's im „Großen Salzsee" badet. Aber siehe da, meine Süße strebten immer nach oben, und das Stehen war eine Unmöglichkeit. Bald fühlte ich ein unbehagliches prickeln und Stechen, Salzkrusten sehten sich an meinen Ohren fest, und meine Laare wurden mit weißen Läden durchzogen. Meinen Mitbadenden erging's nicht besser. Der Große Salzsee ist 26 Stunden lang und 10 Stunden breit, und obschon mehrere Äüsse hineinströmen, hat er keinen Abfluß. Sein überflüssiges Wasser verliert er durch Verdünstung. Die kahlen, ihn einschließenden Berge, die steilen Selseninseln, welche aus dem ruhigen Spiegel des Sees aufsteigen, geben ein eigentümlich reizvolles Bild, und wenn noch ein solcher Sonnenuntergang hinzukommt, wie er mir zu teil wurde, kann man wohl gerne an den Strand von Saltair zurückdenken. Ls dämmerte schon, als ich der Stadt zufuhr. Tin Kühler wind strich durch die offenen wagen und spielte mit den Lüten und „Salzhaaren" all der Kinder, welche vom Bade zurückkehrten, wie Reif lag auch auf der Lrde das Salz. Abends gab's Tafelmusik im eleganten Knutsfordhotel und Litze. Auch die Nacht Das Adlertor. Die Versammlungshalle. A4 Reise einer Schweizerin um die Welt. war so schwül, daß ich beschloß, schon am folgenden Tage Sän Sranzisko zuzu- reisen. Srüh wanderte ich nochmals durch die schmucke Stadt und sah mir die stattlichen Neubauten an, das Stadthaus, die schwedisch lutheranische und die katholische Kirche, die Baptisten- und Methodistenkapelle, denn die Mormonen scheinen auch gerne Andersgläubige bei sich als „Leiden" zu dulden. Line neue Universität, Bergmannsschule, chemisches Laboratorium, Normalschule und Kindergarten sollen Gelegenheit bieten zu einer guten und billigen Erziehung, denn alles ist frei. So hat man durchaus den Eindruck eines kräftig gedeihenden Gemeindewesens. Sn langer, über Z6 Stunden dauernder, heißer Sahrt brachte mich die Eisenbahn zunächst durch eine staubige Einöde, wo der Boden stellenweise Salzkrusten bildete und nur spärliches „Sagegebüsch" h gedieh. Über Uacht wechselte das Bild und zauberte uns in der Srühe die Sierra Uewada vor. Da war's kühl und schön, rauschende Bäche, dunkle Tannen, Berge und grüne Miesen; ich wähnte mich in die Leimat versetzt. Schade nur, daß es da oben einen 61 Kilometer langen und nur auf kurze Strecken unterbrochenen Schuhtunnel aus hölzernen Brettern gibt. Er ist gegen die großen Schneemassen im Minier errichtet und vernagelt wirklich im buchstäblichen Sinne die Melt mit Brettern. Dann ging's talabwärts, und zauberhaft schnell lag plötzlich Cl-Dorado, das Gold- land Kalifornien vor mir. h Eine Art Lalbei. --«»«»« G-H7H—ch MWU IMM 'H//MW ML »M- ... > Sän Franzisko: Marketstreet in östlicher Richtung. (5. Se.) ^MÄU -Kalifornien. ZZ Mpitel Z. Kaliformen. Dakland. Universität Berkeley. Geschichte Sän Franziskos. Golden Gate park. Lliffbouse. Seelowen. Laurel Bill Friedbof. Mount Tamalpais. Monterey. Lötet del Monte. Los Gatos. weinkultur. Phylloxera. Gbstreichtum. Kolibris. Die großen Bäume von Santa Lruz. Ausrotten der Wälder. Ben Lomond. Ausflug nach dem lfolemite-Tale. Strapazen. Wawona. „Inspiration Point." Die Sage vom Ll Lapitan-Berge. Entdeckung des Posemite-Tales. Die letzten Indianer. Flora. Vosemite- Fall. Glazier Point. Die Mariposa-Bäume. Lhipmunks. Rückfahrt nach Raymond. Waldbrand, wieder in Sän Franzisko. Reklamen. Lbinastadt. woinan's Exchange. Mchüsse, Schwärmer und Raketen empfingen mich den Z. Juli abends auf meiner ersten kalifornischen Station. Sie wurden aber nicht zu meinen Ehren losgelassen, sondern leiteten den 4. Juli, den großen Nationalfesttag Nordamerikas, ein. NIan hatte mich schon auf dem „Kurfürsten" gewarnt, an diesem Tage auszugehen, nichtsdestoweniger wagte ich mich an die sogenannte Parade, ein ebenso lebensgefährliches Vergnügen für NIenschen wie Pferde, denn Böllerschüsse und Seuerwerke nahmen kein Ende. Auch hier bewillkommten mich Schweizer und zeigten mir Gakland, eine ganz reizende Stadt, reizend besonders durch ihre südlich üppige Vegetation. Überall erstreckten sich Alleen herrlicher immergrüner Eichen und lichter weidenartiger Pfefferbäume, überall rankt Efeugeranium in fast märchenhafter rosiger Llütensülle an den Mauern, und darüber hinweg nicken grüne fvedel derkanarischen und Lhame- ropspalmen. Lhemiegcbäude der Universität Berkeley in Kalifornien. §6 Reise einer Schweizerin um die Welt. Gakland hat eine Einwohnerzahl von ungefähr §0,000 Seelen und gilt einigermaßen als Vorstadt Sän Zranziskos. Ganz in der blähe liegt Berkeley, ein Hauptzweig der Universität Kaliforniens. Hier werden «Kettres uncl Leience» gelehrt, die übrigen Wissenschaften hingegen in Sän Sranzisko. Diese kalifornische Universität wurde 1868 gegründet und wird ungefähr von 2400 Studenten, worunter eine große Anzahl Studentinnen, besucht. Der Unterricht ist frei mit wenig Ausnahmen. Das gestiftete Einkommen der Universität beträgt 8 Mill. Dollar. Besonders schön sind die Gärten, welche eine Ausdehnung von 10 Hektaren haben. Die „Versuchsfelder" waren namentlich früher den Sarmern von großem Nutzen. Großartiges bietet die Bibliothek mit 70,000 Bänden, die INuseen, worunter eine Gemäldegalerie, und die Laboratorien. Gakland liegt an der Bai von Sän Sranzisko, und eine riesige Jähre bringt die Passagiere in zwanzig Minuten 6 Kilometer weit über das Wasser nach der HauptstadtKali- forniens. Sän Sranzisko. Sau Sran- ziskos Geschichte ist in Anbetracht seiner Größe (ungefähr eine halbe Million Einwohner) eine sehr kurze. Im Jahre 1776 wurde von den Mepikanern im Süden der jetzigen Stadt die Mission Dolores gegründet, deren Kirche und alter Sriedhof jetzt noch besteht. Sie bauten §9 Jahre später fünf Kilometer östlich davon ein kleines Dorf. das sie Verba. Duena (spanisch für wohlriechende Münze) nannten, und welches mit der Eroberung Kaliforniens durch die Amerikaner natürlich ebenfalls unter das Sternenbanner kam und in Sän Sranzisko umgetauft wurde. Als im Jahre 1848 in Kalifornien das erste Gold gesundeil wurde, kamen sie ') Sür uns Schweizer ist es von Interesse, zu hören, daß das erste Gold auf dem Grund und Boden eines Landsmanns, des Kapitäns Sutter aus Liestal, 1848 entdeckt worden ist. Cin Schweizer auch war's, der unmittelbar darauf die Echtheit der gefundenen Goldkiörner prüfte. Dieser, Leinrich Lienhard aus Glarus, gibt uns in seinem Buche „Kalifornien unmittelbar vor und nach der Entdeckung des Goldes" (Buchdruckerei L. Aschmann in Zürich 1898) eine interessante und dabei gewiß wahrheitsgetreue Schilderung der Aufregung, des Goldfiebers, welches jener erste Sund in allen Schichten der Bevölkerung hervorgerufen hat, und der darauf folgenden allgemeinen Sittenverderbnis. Bibliothek der Universität Berkeley in Kalifornien. i7?j MM Ni l>. l-LKlUti MrirrvW! «,.. .nn MiiiMZi ^us, ,,I l i>^! ?EWK^ ;^LL25 L Sän Lranzisko. (5. Z7.) Kalifornien. S7 heran die Tausende und aber Tausende, welche die Gier nach Gold lockte, deren einziges Dichten und Trachten Gold und abermals Gold war. Da wuchs es heran das Dörfchen Sän Sran- zisko riesengroß, groß aber auch an Lastern, Leidenschaften und Verbrechen aller Art. Auch jetzt noch hat Sän Iranzisko in den übrigen Staaten den Ruf, eine „böse" Stadt zu sein. In ihre»: Wachstum hat sie noch nicht innegehalten, in: Gegenteil, durch ihre Lage am Stillen Gzean, durch Handel und Industrie schwingt sie sich immer mehr aus zur Nebenbuhlerin New Aorks. Sän Lranzisko gilt ganz besonders für eine Zukunftsstadt, sie ist auch die am meisten kosmopolitische Stadt im kosmopolitischen Amerika. Jede europäische Nation ist vertreten, ich hörte besonders viel französisch und Spanisch sprechen, außerdem gibt's ganze Kolonien Japaner, Mexikaner und nicht weniger als 1Z,000 Thinesen hier. Sän Sranzisko liegt im Z7. Grad 47 Minuten nördlicher Breite am nördlichen Ende einer 48 Mlometer langen Halbinsel, welche den Stillen Gzean von der Bai von Sän Iranzisko trennt. Diese 16 Stunden lange und Z Stunden weite Bucht bietet einen der großartigsten Häfen der Welt. Line Gebirgskette, die Tonst kranke, zieht sich als fester wall von Nord nach Süd, nur eine enge Gffnung lassend, das sogenannte Goldene Tor (Ooläen Oute), dessen Schwelle Srancis Drake als erster Luropäer überschritten hat. Die Häuser der Stadt liegen teils am Ufer der Bucht, teils auf den steilen Hügeln der Halbinsel, und es hat wohl Unsummen Geldes und Arbeit gekostet, Hügel und Bergrücken abzutragen, Gräben aufzufüllen und angeschwemmten Boden urbar zu machen, um den nötigen Raum für eine Großstadt zu bekommen. Mir hat diese Stadt besser als jede andere in Amerika gefallen. Mit Vergnügen denke ich noch an die Jährten im offenen Tramcar durch ihre hügligen, lustigen Straßen. Das saust zuweilen so jäh abwärts, daß es einem ordentlich den Atem nimmt, wie aus der russischen Rutschbahn, und dabei dieser frische salzige wind vom Gzean her! Ja, Sän Sranzisko ist sehr kühl im Juli, oft zu kühl, und doch ist die Vegetation und Blütensülle erstaunlich. Oolelen Oute und beinahe noch mehr Sutro HsiAkt vurlr sind wahre Paradiesesgärten. Im über 400 Hektaren weiten Ooläen Oute vurlc gibt's zudem schöne Treibhäuser zu bewundern mit wunderbar üppigen Schlingpflanzen. Dort sehe ich zum erstenmal die B.risto1ocbiu ele^ans oder Outclnnun's vipe mit ihren pseifenartigen riesigen weiß und braunlila punktierten Blüten. Ich finde sie später in viel schöneren Exemplaren noch in Indien und Java, sehe sogar ihr Abbild, Lliffhoufe bei Sän Lranzisko. Z8 Reise einer Schweizerin um die tvelt. was Larben und Lorm betrifft, als Mützen auf den köpfen der malaiischen Lo^s paradieren. Sehr reich blühte auch eine rote brasilianische Dussilloru Drinceps Kucemosu. Vor den Treibhäusern gab's großartige Teppichbeete mit dem kalifornischen Bärenwappen. Weiter noch führen die Tramwagen bis zu dem zwei Stunden entfernten Llikt- kouse, das auf einem steil ins Meer abfallenden Leisen steht. Das Restaurant hat nicht nur den Reiz seiner Aussichtsterrasse, es sind drei wild zerklüftete Klippen, die ganz in der Nähe schwarz aus dem blauen Meere hervorragen, welche immer wieder Besucher anlocken. Aus diesen Leisen Hausen in vollkommenster Un- gestörtheit Seelöwen. Es darf nicht auf sie geschossen werden, und das wissen die klugen Tiere und betrachten die Klippen als ihre festen Burgen. Träge liegen sie in Seelöweii. dichtem Knäuel da und genießen ihre Siesta im hellen Sonnenschein. Einige dieser Tiere sollen vier bis fünf Meter lang sein und über zehn Zentner wiegen. Hie und da kratzt sich einer von ihnen mit den Lloffen, oder ein anderer hebt den langen flachen Kops empor und stößt ein heiseres Gebell aus. Sind sie hungrig, so sichert ihnen ein Sprung ins Wasser köstliche Beute. Also ein ideales Seelöwendasein! Beinahe ebenso ideal ist unten am Strande das Treiben großer und kleiner Menschenkinder. welche barfuß mit hochgehobenen Röcken den Wellen entgegenwaten, um kreischend wieder zurück zu eilen, wenn eine besonders „hochgetürmte" sie erhäscht. Meine Rückfahrt führte mich einmal über den stimmungsvollen Laurel Hill Lriedhof, welcher schöne, wohlgepflegte Denkmäler mit einer Überfülle von Blumen enthält. Dazwischen stehen in Sandhügeln fast verwehte Kreuze und ganz vernachlässigte Winkel, wo wilde Lorbeerbüsche wachsen, die der unaufhörlich sausende wind zerzaust und verkrüppelt hat. Hier gibt's noch im Tode Höhen und Tiefen, denn während die einen Gräber auf Hügeln stehen, sind die andern tief unten in Gruben. Kalifornien. Z9 lieben dem Sriedhos erhebt sich der 1Z0 Meter hohe sogenannte „einsame Berg". Oben steht ein großes hölzernes weithin ins Land sichtbares -Kreuz. Der Boden ist dicht mit wohlriechender Münze bewachsen, und die Aussicht auf Stadt, Gzean, Bai und Oolcien Oute sucht ihresgleichen. Höher hinaus noch sollte mich die Eisenbahn nach dem 8Z0 Meter hohen lVlouut Dumalpais bringen. Durch ein schönes schattiges Tal, wo herrliche Ueclvvoocls mit den lorbeerartigen Madronenbäumen abwechseln, führt mich ein gewöhnlicher Zug zur Bergbahn, die in unzähligen langen Zickzacklinien sich langsam durch baumloses Heideland emporarbeitet und herrliche Ausblicke in die Tiefe bietet. Ein steiler Luß- psad führt noch 60 Nieter höher hinaus auf die Leisen von Dumalpais. Ich sah die Schneekette der Sierra lievada, die waldigen Berge von Santa Truz, den imposanten iVloum Omblo, im Tale jedoch lag ein weißes Nebelmeer, aus dem nur das bergige Küstenland der Bai von Sän Lranzisko wie eine schwarze Inselkette hervorragte. Der schönste Ausflug von Sän Sranzisko aus ist der nach dem fashionabeln Kurorte Monterey, wo das Hstel del Monte einen idealen Aufenthalt bietet. Der Gasthof oder vielmehr die drei in Lhaletstil erbauten Häuser können 610 Gäste beherbergen und stehen das ganze Jahr über nie leer. Der preis von drei bis vier Dollar im Tage ist verhältnismäßig ein billiger, denn große Gesellschastsräume, Spiel- und Lesezimmer, eine Musikkapelle sind da, und Gelegenheit, elegante Toiletten zu sehen. Monterey ist der Sammelplatz der seinen Melt des Westens, ja eigentlich ganz Amerikas. Die Edelsteine der Millionärsfrauen und -töchter flimmern und schimmern abends in Hellem Glänze, den oft noch die Schönheit und Anmut ihrer Trägerinnen verdunkelt. Sür mich war während eines viertägigen Aufenthaltes der herrliche park das Anziehendste. Die hohen alten Bäume, darunter die spezifischen Monterey - Pinien und -Zypressen, die Büsche und die farbenprächtigen Blumen, zeigen ein Gedeihen und eine Wachsfreudigkeit, wie sie in Europa niemals vorkommen. Ein Teil des Gartens, Arizona genannt, ist den Ländern der Tropen, Palmen, Aloen und bizarren Kakteen, eingeräumt, dann gibt's ein Labyrinth aus verschnittenen Zypressen, einen See mit Bambusgängen, Booten, Schwänen und Wasserrosen. An seinen Ufern gedeiht auch eine weiße mohnartige Blume, namens Uoirme^a Lulieri, mit gelben Samenkapseln. Durch Wald und Sand ist man bald an den Strand gelangt, wo die Wellen rötlichblau, braun und golden sich in ewigem Spiele heranwälzen. In vier großen Bassins wird, mehr noch als in der See, dem Schwimmsport gehuldigt. Monterey war zur spanischen Zeit Hauptstadt Kaliforniens, bis 1846 die Ameri- Alte Msüonskaxelle in Monterey. 60 Reise einer Schweizerin um die Welt. kaner das Land eroberten. Im Jahre 1602 tramen die Spanier zum erstenmal hin, gründeten jedoch erst 1770 die Mission Sun Lurlo cle Nontere^. Jetzt ist's ein ganz stilles Städtchen geworden, an dem nichts mehr spanisch ist als ein Stück alter Sestungsmauern. Sein wundervolles Klima jedoch Halls behalten, seinen Strand und die schönen Spaziergänge. Das im Winter warme Klima (mittlere Temperatur im Januar ungefähr 10 Grad Celsius) beträgt im Juni, Juli und August nur ungefähr 17 bis 19 Grad Celsius. Mit der Trambahn fuhr ich nach Ducitigne Orove, einem originellen lrleinen Sischerdorse mit fensterlosen Hütten und durchdringendem Sischgeruch. Schöne Seifen giblls am Meere, in welche die Brandung tiefe Löcher gefressen, und längs der Straße stehen niedliche Villen, die in Schlingpflanzen und Blumen beinahe begraben sind. Auch mir war vergönnt, in solch einem blütenumranlrten Häuschen eine glückliche Woche verleben zu dürfen. Mein Rückweg von Monterep führte mich ins Santa Clara-Tal nach Dos 6utos, wohin ich der freundlichen Einladung von verwandten folgte. Im obstreichen Kalifornien ist Santa Clara Lountp das Paradies der blauen Pflaumen, leider waren sie noch nicht reis, doch entschädigten mich dafür Maulbeeren, Seigen und Aprikosen in reicher Sülle. Aber, wie gesagt, Pflaumen sind die Hauptsache aus der Kunck meines Vetters. Jährlich verkauft er ungefähr 30 Tonnen davon. Line Tonne enthält 1000 Kilos und wird mit 30—33 Dollar bezahlt. Line Hektare bringt in guten Jahren ungefähr drei Tonnen. Die Weinberge sind leider auch hier wie in Europa großenteils der schrecklichen phylloxerakrankheit verfallen. Gerade in den letzten Jahren hatte sich der Weinertrag in Kalifornien ungemein gesteigert. Im Jahre 1877 betrug er ungefähr 170,000 Hektoliter, im Jahre 1897 1,400,000 Hektoliter. Im Santa Clara-Tal waren Weinstöcke aus Bordeaux eingeführt worden, und der dortige weiße und rote Bordeauxwein genoß bald eines großen Ruhmes. Der Weinbau ist in Kalifornien schon seit langer Zeit betrieben worden, denn die ersten Missionare, die ins Land kamen, pflanzten schon Reben. Möglicherweise brachten sie die Sprößlinge mit sich von den Balearen, möglicherweise zogen sie diese aus Samen an Grt und Stelle, wie dem auch sein mag, die Amerikaner fanden bei Besetzung des Landes die Rebe im ganzen Missionsgebiete sehr verbreitet. Die in reicher Sülle wachsende Srucht schmeckte zwar als solche recht gut, gab aber einen schweren wein, der im Handel wenig Abnehmer fand. Die Amerikaner wußten dem nicht abzuhelfen, und es war den Deutschen vorbehalten, dem kalifornischen wein zu seiner Beliebtheit zu verhelfen. Sie brachten Pflänzlinge ihrer Lieblingsreben vorn Rhein, und die gediehen so gut. daß vorläufig der kalifornische Weißwein im Auslande bekannt wurde. Lin Amerikaner führte darauf die sogenannte Zinsandel und andere europäische Reben ein. die Rotwein hervorbringen, und gerade diese Rebe gab einen riesigen Lrtrag, jedoch von mäßiger Güte. Im Jahre 1881 erst wurden Weinstöcke aus den berühmtesten Rebbergen Srank- reichs eingeführt, und seither kann man in Kalifornien, freilich nur aus erster Hand, Botel del Monte in Monterey. 62 Reise einer Schweizerin um die Welt. vortrefflichen wein kaufen. Viele Weinbauer bleiben immer noch lieber bei den schneller und reichlicher produzierenden alten Sorten, da die Ernte der französischen Trauben viel geringer ausfällt und dieser Wein viel längere Zeit gebraucht, bis er wirklich ein guter Tropfen genannt werden kann. Von den vier großen Weindistrikten Kaliforniens ktapa und Souoma, Santa Elara-Tal, Dos ^.n^eles und 3uu ^ouc^uin sind die beiden ersteren leider von der phylloxera schwer heimgesucht; wie es in den beiden südlicheren Tälern, wo vorzugsweise spanische Reben gezogen werden, damit steht, konnte ich nicht erfahren. In Dos ^.nAeles werden jetzt namentlich Orangen in großartigstem Maßstabe gezogen. Im Jahre 1891 wurden von dort allein für 1,250,000 Dollar Apfelsinen exportiert, und diese Summe soll in letzter Zeit auf zwei Millionen Dollar gestiegen sein. Daß kalifornisches Dörr- und Büchsenobst den Weltmarkt überflutet, ist jedermann bekannt, aber auch Gold, Silber, Wolle, Getreide und Gemüsekonserven werden in alle Welt hinaus versandt, und so Kann El- Dorado nicht nur seines Goldes, sondern beinahe noch mehr seines .Mmas und seiner wunderbaren Sruchtbar- keit wegen eines der rcichgesegnetsten Länder der Welt genannt werden. In dem tropisch schönen Garten meiner verwandten habe ich zum erstenmal lebende Kolibris, hier «bum- ruiuA biräs» genannt, gesehen. Beim Stiegen geben sie einen summenden Ton von sich, der ihnen wohl diesen englischen Hamen verschaffte. Gleich Schmetterlingen nippen sie mit langen spitzen Schnäbeln an den Blüten, dann schwingen sie sich wohl 30 Meter in die Luft empor, um in schräger Richtung zurückzukehren auf die eben verlassene Blume. So leicht ist der kleine Geselle, daß diese sich unter seinem Gewichte kaum neigt. Die ganze Länge des zierlichen vögelchens soll nur 9 Lentimeter betragen, sein lsals schimmert wie dunkles Rotgold, die Slügel sind purpurbraun, und sein liiörperchen leuchtet blaugrün in metallischem Glänze. Schöne Wagenfahrten in die Umgebung wurden nur durch die Sreundlichkcit meiner verwandten zu teil. Die längste und schönste führte durch die Wälder von Grangenzweig aus Eüdkallformen. Los Gatos im Santa Llara-Tal. (S. 60.) ^-/. . /?- Kalifornien. 6Z Santa Cruz in die Heimat der herrlichen KeMvooüs (8eguoiu semper virens)'). Die schlanken rötlichen Stämme ragen hoch empor in die Lüfte, so hoch, daß man kaum mit den Augen hinaufreicht zur llkrone. Halb Blatt, halb Nadel wiegen sich die immergrünen Zweige farnartig im Minde, und so zäh ist ihr Lebensfaden, daß auch halb zersägte, verkohlte und versengte Bäume nach einiger Zeit neue Triebe hervorbringen und weiter grünen. Einem freilich können sie nicht widerstehen: der Geldgier der Menschen. Unaufhörlich schallen die dumpfen Töne der Apt durch die heilige Stille, und wie ein Seufzen gehlls durch den Wald jedesmal, wenn solch ein ehrwürdiger Riese krachend niederstürzt. Immer wieder fuhren wir an sogenannten „Lumberplätzen" vorbei, wo Holz gefällt und gesägt wird. Ungezählt fielen die herrlichen Bäume, es kam mir vor wie ein Morden, wie ein großer Beutezug nach dem kalifornischen Malde. Niemand denkt daran. Ersah zu pflanzen, und so wird vielleicht in nicht allzulanger Zeit die Erinnerung an kalifornische Bäume eine Tradition sein gleich den Büffeln und Indianern. Eine Ausnahme jedoch wird gemacht. An einzelnen (Orten im Lande, da, wo eine Anzahl besonders alter riesiger Bäume nahe beieinander stehen, werden sie gleich heiligen Hainen eingehegt und besucht. Beim Dorfe Selton in den Wäldern von -anta Eruz gibt es in den dreißig solcher «Bi^trees». -Kein Mensch kennt ihr Alter, gleich mächtig, gleich urweltlich standen sie schon da, als die ersten Meißen ins Land kamen. Schon damals waren viele durch Alter und Seuer ausgehöhlt, und die meisten zeigen Brandmale und Uarben. Alle sind ReMvoocis und tragen Uamen. In dem hohlen «Oiunt» können 20 Menschen behaglich nebeneinander stehen, der «Monier» hat einen Umfang von 21 Meter und eine Höhe von zirka 26 Meier. Aus den Murzeln des «Oensrul Lkervooä» kommt eine Samilie von zehn bis zwölf Bäumen hervor, von denen jeder einzelne in Europa als ein Münder angestaunt würde. Mir fuhren hieraus an einen: neuen Luftkurorte, Rowendenan, vorbei, und da dort alles überfüllt, übernachteten wir in dem nahe gelegenen älteren Den Uornonä. Diese Gasthöfe sind in Eottageschstem erbaut, das heißt eine Menge kleiner Häuschen, öln den Bergen von Santa Lruz. - ') Bei uns unter dem Hamen wellingtonia bekannt. 64 Reise einer Schweizerin um die Welt. gerade groß genug, um eine einzelne Samilie zu beherbergen, gruppieren sich um ein größeres Gebäude, das den Speisesaal und Gesellschaftsräume enthält. Das Ganze ist aus Neclveoocl erbaut, sogar die Säulen, welche die kleinen Vorhallen und Balköne tragen. Der umliegende IVald und ein kleiner Bade- und Rudersee sind jedenfalls große Anziehungspunkte, sonderlich gut war's nicht im Gasthofe, auch nicht besonders reinlich, und Bedienung gab's abermals keine. IVir mußten uns selber das IVaschwasser holen. Den Rückweg nach Dos Outos nahmen wir aus anderem IVege, diesmal über den Gipfel des Berges. Cs galt, große Steigungen zu überwinden, stellenweise viel Staub, während im ganzen die Landstraße, die sich in den verwilkeltsten Schlangen- windungen dem Berge nach zieht, meist besprengt und gut gehalten ist. Die Ausblicke in die Tiefe machten die Jährt zu einer sehr genußreichen. Roch ein Ausflug lag in meinem kalifornischen Programm, das vielgepriesene 7)osemite-Tal. Leider sollte es eine der welligen Enttäuschungen meiner Reise werden. IVaren es die schlechten lVege, der Staub, die Strapazen oder die allzufrische Erinnerung an den herrlichen Jellowstonepark? Ich weiß es nicht. Ich fühlte mich die ganze Zeit über so heimwehkrank, daß ich, wenn ich mich nicht geschämt hätte, am liebsten geradeswegs der lseimat zugereist wäre. Jür diesen Ausflug hatte ich mich leider dem Reisebureau Look anvertraut. INit einer der beiden anderen Konkurrenzgesellschaften wäre ich billiger und besser davongekommen. Schon der Ansang war schlimm. IVir reisten nachmittags 4 Uhr mit Bummelzug — denn solche gibt es auch in Amerika — von Sau Iranzisko ab. Die ganze Nacht durch fuhren wir bis Rapmond, wo wir um sechs Uhr früh müde und erschöpft ankamen. Ein kurzes Irühstück wartete unser, dann bestiegen wir die Postwagen, richtiger INarterkaften genannt. Unsere Jährt dauerte mit Unterbrechung von einer kleinen Stunde Nlittagsstation von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends. Also zwölf Stunden! Ich finde in meinem Tagebuch die lakonische Notiz: „Die schrecklichste Jährt meines Lebens." Lebhaft erinnere ich mich an den Schmerz, den ich empfand, die folgende Nacht auf dem Rücken zu liegen. Als ich nach der Ursache forschte, lief ein blutroter Streifen von einem Schulterblatt zum anderen. Es war der Abdruck der eisernen Stange, die den ganzen Tag unsere Rücklehne gewesen. Über die schlechten Straßen und den rötlichen Staub ließe sich auch viel klagen. Letzterer durchdrang die Kleider derart, daß meine Wäsche einen braunroten Ton annahm und dieselbe Larbe meinen Teint einer Indianersquaw täuschend ähnlich machte. Dabei war in Wawona, unserer Nachtstation, das warme Wasser selten, und wir mußten es uns selber herbeischaffen. Als unsere zahlreiche Gesellschaft sich abgemüdet und erhitzt in die Vorhalle des Gasthofes ergoß, waren nur zwei komische alte Käuze, die Besitzer, wie es nachher hieß. zur Ankunft und zur Versorgung der Gäste vorhanden. Kein Portier, keine Zofe zeigten sich. «Von lmvs uulnber 8, z?ou lmve nurnber 20» u. s. w., damit wurde jedem Gaste sein Zimmer bestimmt, wo dasselbe gelegen, wie man sein Gepäck hinausbefördern sollte, dafür zu sorgen, war Aufgabe der Gäste selber. Falifornien. 65 Um fünf Uhr früh wurde geweckt. Zunächst ging's über den llterced-Äuß, der das ganze Tal durchzieht. Die Sahrt war hier viel schöner als tags zuvor, die Wege aber teilweise so schlecht bestellt, daß wir uns krampfhaft festhalten mußten, um nicht vom wagen herunter zu fliegen. Je höher hinauf wir kamen, um so großartiger wurde die Szenerie. Gigantische, senkrechte, graue Felswände türmten sich in ungeahnter Höhe empor. Bei Inspiration Uoint hatte auch ich jede Ulüdigkeit vergessen beim Anblick der großartigen Herrlichkeit dieser wilden, unbezähmtcn Natur. Zur Linken tritt die mächtige, rundlich-breite, graue Granitmauer des 1100 Uleter hohen Tl Tapitan. Senkrecht steigt er aus dem Talgrunde empor. Neben seiner imposanten Gestalt stürzt sich leicht, weiß und poetisch, wie sein Name, der Jungfrauentränenfall (Virgin tears lall) aus großer Höhe herunter. Östlich davon erscheinen die phantastischen Hörner der Drei Brüder: zwei Zwillinge und ein jüngerer Bruder. Dein Tapitan gegenüber wallt von den schroffen Klippen der Dathedral-Selsen, einer weißen, großen Staubwolke gleich, der Brautschleierfall, den die Indianer pohono, Geist der Bösen winde, nennen. Die durch die herabstürzenden Wasser stets stark bewegte Lust erschien ihnen mit bösen Geistern angefüllt, und ängstlich mieden sie die llähe. Den Hintergrund dieser großartig wilden Landschaft bildet eine vereinzelte warte, Sentinel Rock genannt, und die Duppe des Süd- oder Halbdomes (1515 Dieter), der gewaltige Rivale des Tapitan. Die nächsten paar Weilen führten uns unter der nackten Selswand des Tapitan auf besserem Sahrwege in das zehn Dilometer lange und vielleicht drei bis vier Kilometer breite Josemite-Tal. Doch bevor wir dasselbe betreten, möchte ich eine interessante indianische Sage über diesen Berg L. v. Hesse-Wartegg nacherzählen. Der indianische Dame des Ll Tapitan ist Tutokanula. So hieß der Herrscher des Tales. Lange bevor die Bleichgesichter ins Land gedrungen waren, lebten die Rothäute hier in friedlicher Abgeschiedenheit. Väterlich sorgte Tutokanula für sie. Allein ihr Glück sollte bald ein Ende nehmen. In heißer Liebe war Tutokanula für sein schönes Gegenüber, die liebliche Göttin Tissaak, welche auf dem damals noch nicht gespaltenen Süddom hauste, erglüht. Die Göttin erwiderte seine Gefühle, und so verbrachte Tutokanula fortan all seine Zeit in der llähe der reizenden Tissaak. Tutokanula vergaß darob seine Untertanen und ließ die Lrnten aus Mangel an Regen zu gründe gehen. Line Hungersnot schien unausbleiblich im Tale. In ihrem Llend hatten sich die Indianer an Tissaak hülseflehend gewandt und das weiche Herz der Göttin gerührt. Sie riß sich aus den Armen Tutokanulas und rief den Großen Geist um Beistand an für ihr Volk. Lr zersplitterte den Süddom und ließ die C. von Rodt, Reise um die Welt. Z> L'l Laxitan. 66 Reise einer Schweizerin um die Welt. Sluten des Hochgebirgs durch das Tal rauschen. Regen strömte vorn Himmel, die Ernten waren gerettet und die drohende Hungersnot abgewendet. Um dieses zu erreichen, hatte sich Tissaak dem Großen Geiste zum Opfer dargebracht und war verschwunden. Da verließ auch Tutokanula das Tal, in welchem er ohne die Geliebte nicht länger weilen mochte. The er sortging, meißelte er noch ihr Antlitz in die Selswand des zerborstenen Süddoms und sein eigenes mächtiges Bildnis in die Granitmauer des Tl Tapitan, von wo es immer noch ernst und traurig nach der ehemaligen Wohnung seiner verschwundenen Göttin hinüberblickt. Das Josemite-Tal ist im Jahre 18Z1 durch Soldaten entdeckt worden. Tine Schar Indianer, welche sich des pserdediebstahls und Wordes an einigen ITtinern schuldig gemacht, wurde von ihnen bis in ihre Heimat, in das noch unbekannte, herrliche Bergtal, verfolgt. Dort töteten die Soldaten erbarmungslos den ganzen Stamm bis aus einige Überreste. Die Schlucht, wo sie niedergemetzelt wurden, heißt heute noch Indian Eaüon. Im Jahre 1864 ist das Tal in einen Rationalpark verwandelt worden, welchen die vereinigten Staaten dem Staate Kalifornien unter der Bedingung schenkten, daß nie etwas an den dortigen Raturwundern geschädigt werden dürfe. Während ich im Tale weilte, wurde ein Gesuch, die Wasserfälle bengalisch beleuchten zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Als Seindin jeder Künstelei in der Natur billige ich diesen Entschluß vollkommen. Als letzte Urbewohner leben vielleicht noch zwanzig Shoshones-Indianer im Tale. Teils nähren sie sich von Wurzeln und Eicheln, teils von Sischen. Sie sollen zu den Unzivilisiertesten ihrer Rasse.gehören. Um seine ganze Schönheit zu genießen, sollte das Tal im April oder Mai, spätestens Juni besucht werden. Dann tosen die Wasserfälle in ihrer ganzen Sülle zu Tale nieder, und der Boden ist in einen farbigen Blumenteppich verwandelt. Jetzt brütete die Julisonne zwischen den Selswänden, zollhoher Staub und unzählige Stiegen machten jeden Spaziergang zur Gual, versengt war das Gras, und von den Blumen zeigten sich nur noch verspätete, spärliche Exemplare. An schattigen Stellen, unter großen Bäumen, sah ich vereinzelte, schon etwas verblühte Schneeblumen (sno^v plant; Lurcocles sanAuinea). So wird eine Grchisart genannt, welche blattlos, gleich einem großen, purpurnen Blütenzapsen, meist truppweise dicht an den Stämmen der alten Bäume emporschießt. Ich erinnere mich, im Wüstensands bei Biskra ganz ähnliche Blumen, nur in milderem Sarbenkleide, angestaunt zu haben. Andere dem Aosemite - Tale eigentümliche Blüten sind die zierlichen Rtariposa-Lilien, duft- lose, weiße, dreiblättrige Blumen mit purpurnen Slecken. Im Walde standen weiße Azaleen und eine schöne, hohe, weiße Lilie, unserer Gartenlilie Yosemite-Tal: Brautschleier-Wasscrfall. .-»^L MH»Ä8 ßHM Yosemite-Tal auf dem Wege von Maripofa 68 Reise einer Schweizerin um die Welt. z Yoscmite-Tal: Überhängender Fels Olseier Point. ganz ähnlich, nur weniger stark riechend. Sie werden hier Washington-Lilien genannt. Durch Sand und Staub wanderte ich einige Stunden nach meiner Ankunft dem Josemite-Salle zu. Säst wohltätig empfand ich durch all meine Staubkruste ein Gießbad, welches der Wassersall der unvorsichtig allzunahe kommenden spendete. In drei Absähen stürzt Yosemite (indianisch, großer Grizzlp-Bär) aus einer Löhe von 770 Metern herunter. Auch jetzt noch. den 19. Juli. war seine Wassersülle viel reichlicher, als die irgend eines schweizerischen Salles. An Lohe kommt ihm der Reichenbach am nächsten, doch ist dieser weit dünner und stürzt zudem in sieben unterbrochenen Kaskaden in die Tiefe. Der Sonnenaufgang des folgenden Tages fand mich am reizenden Mirrorlake, und dann ging's aus steilem Pfade zu Pferd 1000 Meter hoch nach Olucier Doirit. Litze. Stiegen und Strapazen waren groß, so groß, daß ich nicht recht zum Genusse kommen konnte, den der Blick von da oben bietet. Innerlich stimmte ich sogar etwas einer Amerikanerin bei, die meinte: «I >voulä not clo tkut bor 100 clollurs UAnin.» Mittags trafen wir den Postwagen, der nach Wawona geht, und als ich abends dort ankam, freute ich mich, für den folgenden Tag etwas Ruhe in Aussicht zu haben. Dieser Tag wurde denn auch der schönste für mich auf diesem Tsosemite-Aussluge. Da gerade niemand anders zu den Bigtrecs nach Mariposa fuhr, bekam ich einen h für mich allein. Zunächst kam ich in den unteren Lain, der wohl 100 Riesenbäume enthalten soll. Dazu gehört der Grizzlp Giant mit einem Umfang von Z7 Metern und einem Durchmesser von 9,5 Metern. Sein Lauptast, der sich 61 Meter von der Lrde — die Indianer duldeten kein Unterholz — entfernt befindet, hat einen Durchmesser von 2 Metern. Auf dem Wege, welcher zum oberen Lame führt, fährt man sogar durch einen Baumtunnel, vor fünf Jahren wurde in den schon von den Indianern ausgebrannten Stamm des Baumes „California" ein so großes Loch vollends ausgesägt, daß der vierspännige Postwagen mit Leichtigkeit durchführen kann. Dabei wächst Md grünt der Baum weiter! Der obere Lain soll über Z60 Baumkönige enthalten, denen das Volk allerlei zum Teil humoristische Kamen gegeben hat. Da sehe ich den „Junggesellen" ordentlich sehnsüchtig nach der nahen Gruppe der „Drei Grazien" schauend, und das „Treue Ehepaar", deren Äste hoch in der Lust sich liebend verschlingen. Dann kommt Wawona, durch den gleichfalls gefahren wird. Ab und zu 0 Amerikanischer leichter wagen. Riesenbäume in Mariposa. 70 Reise einer 5chmeizerin um die Welt. liegen lang hingestreckt entwurzelte Kolosse da, auf die man vermittelst Holztreppen steigen kann. Gefallene Größen freilich, aber auch so noch anstaunens- wert. Die durchschnittliche Höhe dieser Mariposa Bigtrees wird auf 76 Meter, der Umfang auf 18 Meter angegeben. Ihr Stamm ist rötlich, das Holz sehr dauerhaft und leicht verarbeitbar. Es sind nicht die Keärvooä ^Vel- linAtomu der Santa Lruz-Berge und des Küstenlandes, sondern die Leguoia AiAaMeu, deutsch Mammutbaum. Oben auf dem Plateau, umgeben von den altehrwürdigen Bäumen, war's so feierlich still wie in einer Kirche. Ja, feierlich, kamen sie mir vor, diese stillen Zeugen vergangener Jahrhunderte, die in unverwüstlicher Pracht sich hoch über den kleinen, kurzlebenden Menschlein wölben. Ich freute mich der Stille. Mein Kutscher hatte sich schlafen gelegt, und ich begann mein einsames Srühstück. Bald aber stellten sich Gäste ein: neugierig guckten mir einige meiner kleinen 7)ellowstone- Sreunde, die Lhipmunks, in scheuer Lerne zu. Als ich ihnen etwas Schinken hinwarf, wuchs unsere Intimität zusehends. Brot schienen sie nicht zu lieben, so behielt ich's für mich und trat als höfliche Wirtin den Gästen das Lleisch ab. Da kamen sie von allen Bäumen herunter, aus allen Lrdlöchern und Wurzeln hervorgehuscht, einzeln und familienweise. Erwachsene und mausgroße, junge Lhipmünkchen, von Papa und Mama zärtlich geleitet. Gleich Eichhörnchen hocken sie aus ihre buschigen Schwänze und machen Männchen, wenn sie etwas zu knuspern bekommen. Sie geben einen Laut von sich, der dem Pipsen junger Hühnchen gleicht und ihnen wohl den englischen Namen Lhipmunk oder Lhipping Squirrel eingetragen hat. Auch vögelchen kamen herbei, niedliche, braune, mit schwarzem Kopf und Halse, und etwas größere, scheue, blaue. Die einzigen bösen Geister in dieser Waldidylle waren zahllose Stechmücken, die mir keinen Augenblick Ruhe gönnten. Als ich nachmittags in Wawona eintraf, hatte ich noch einige Stunden Zeit, die schöne Lage und Umgebung des Hotels zu bewundern. Durch eine grüne wiese kam ich an einen tiefen stillen Guell, berühmt durch die Kälte seines Wassers. Hier scheint man noch nicht von der Bazillenfurcht angehaucht zu sein. denn obschon eine Menge Käfer darin ein beschauliches Dasein führen, schöpft und trinkt doch ein jeder aus dem Wawonaquell. Die Rückfahrt am folgenden Morgen nach Raymond war insofern angenehmer, als ich einziger Passagier eines kleinen Wagens war, der die Post zu Tale beförderte. Yosemite-Tal. Lralifornien. 71 Die beiden netten Pferde, Dutch und Addy, liefen flott, und mein sehr junger Rutscher unterhielt mich. Er geht auf eine höhere Schule und studiert Latein, denn «a, Aoocl eclucnrion, tkat is tke ikin§», meinte er mit Nachdruck, während der langen Serien ist er Rutscher im 7)osemite-Tal, «lo enjoz- rke treslr air unä w eg.ru an konesr cem». Das nenne ich das 2lngenehme mit dem Nützlichen verbinden. Am Abend vorher hatte ich schon von Wawona aus in der Lerne dicke Rauchwolken emporsteigen sehen. „Ein großer Waldbrand", hieß es. Ein intensiver Brandgeruch und eine noch größere Litze zeigten, daß wir uns der Brandstätte näherten. Die Lohen ringsum lagen in Dunst gehüllt, aus dem hie und da eine große Stamme emporloderte. Wohl während drei Stunden führte unser weg durchs Seuer. Rechts und links von der zum Glück breiten Landstraße flammten gleich Säckeln die Bäume auf, und prasselnd sielen die verkohlten Zweige herunter. Überall versengte wiesen, hie und da eine niedergebrannte Lütte! Ängstlich flatterten vögel herum, ihre Hefter hatte das Seuer zerstört und auch die kleinen Lhipmunks aus ihren Erdhöhlen vertrieben. Schon zwei Tage lang wütete das erbarmungslose Element, und wird wohl noch weitergerast haben, bis ihm alles zum Gpfer gefallen. Als wir in Raymond ankamen, hatte ich ein Gefühl brennender Litze. Mund und Laut waren ganz ausgedörrt. Abends vom Zuge aus sahen wir noch stundenlang den blutigen Seuer- schein am Lorizonte. Sän Sranzisko erschien mir ordentlich behaglich nach den Strapazen des Aosemite- Tales, besonders da meine verwandten noch die beiden letzten Tage vor der Abfahrt bei mir zubrachten. Auch das Straßenleben kam mir weniger fieberhaft vor als in New Aork, und die Menschen schienen nicht so rastlos dem Dollar nachzujagen. In Wirklichkeit wird aber auch hier der Tramps ums Dasein erbittert geführt, das sieht man an all den Reklamen in Wort und Schrift, von deren Aufdringlichkeit und plumper Lügenhaftigkeit man sich in Europa keinen Begriff machen kann. was mir zudem noch in den Zeitungen ausfiel, waren die zahllosen Annoncen der „wahr- sagerinnen". Ganze Spalten waren angefüllt mit Angaben, wo und wann und durch wen der gläubigen Menschheit ihre Zukunft geoffenbart werden könne. Mir scheint's, auch hier ist der Dummen kein Ende. Am letzten Abend, oder vielmehr in der letzten Nacht, besuchte ich mit meinen verwandten die berüchtigte „Lhinastadt",und zwar ^ Blühende Eeranienhecke. 72 Reise einer Schweizerin um die Welt. ohne Polizei, die BädeKer dabei für unumgänglich notwendig hält. ll^ein Lärchen wurde uns gekrümmt, vom Teehaus ging's ins Ioßhaus (chinesischer Tempel) und zu guter Letzt ins Theater. Daß es dort an Lärm, Mandarinen und bösen Geistern nicht fehlte, wtrd mir jeder glauben, der je ein chinesisches Theater besucht hat. Zum Schlüsse meiner amerikanischen Erinnerungen möchte ich noch einer Anstalt erwähnen, die mir auch sür Europa nachahmenswert erschienen ist. Ich meine die „woman's Exchange". Sie ermöglicht unbemittelten Srauen und Mädchen aus den besseren ständen, ohne ihre Häuslichkeit auszugeben, oder aus ihrer Anonymität heraus zu treten, Geld zu erwerben. Jede wirst sich aus denjenigen Zweig im lochen, Kunstfertigkeit, Bandarbeit, Blumen- oder Obstzucht, zu welchem sie am meisten Geschick und Gelegenheit hat, und liefert den betreffenden Artikel der woman's Exchange. Ihr Name ist nur der Vorsteherin bekannt, sür ihre Kunden bleibt sie Nummer eins, zwei oder zwanzig. In ganz Amerika blühen diese IVoman Exchange. Jede Anstalt hat ein Restaurant, wo gut und verhältnis- mäßigbilligSrüh- stück und Lunch erhältlich ist. Man kann sich auch ganze Essen oder einzelne Gerichte ins Laus bestellen. Natürlich spielt dabei die Zuckerbäckerei eine große Rolle, und jede Dame hat ihre Spezialität in „Landp", buchen, Brezeln u. s. w. Ein Blumen- und Gbstladen und ein Geschäft sür Nunstartikel, feine und gewöhnliche Landarbeiten ist in größeren Städten damit verbunden. Vorzugsweise wird auf Bestellung gearbeitet. Der Betrieb ist ausschließlich in Srauenhänden. Auf meine Einwendung hin, daß gewiß oft Srauen und junge Mädchen, ohne wirklich bedürftig zu sein, für woman's Exchange arbeiteten, teils als Beschäftigung, teils um ein Taschengeld sich zu verdienen, wurde mir geantwortet, daß man genaue Erkundigungen vorher über die Vermögensverhältnisse jeder Bewerberin einziehe. Groß ist die Zahl wohltätiger Institute im Lande der Union, und wenn im allgemeinen der Amerikaner den Ruf eines nüchternen, egoistischen Geldmenschen genießt, so gibt es auch viele glänzende Ausnahmen. Sür ideale Bestrebungen, sür ckiunst, Wissenschaft und Wohltätigkeitszwecke findet man in der Neuen Welt immer offene Lerzen und Lände. Sau Lranzisko aus -er Vogelschau. Kalifornien. 73 Die Neue Welt hat sich mit Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten niemals befaßt. Sie ist auch keine Nachahmerin, sie schafft aus sich selbst heraus. Aber was sie tut und hervorbringt, das geschieht in großem Maßstabe, lind wie die Menschen, so ist auch die Natur. Die Ströme sind breiter, die Berge mächtiger, die Städte wachsen rascher, der Boden ist ergiebiger als in Europa, — ein Land des Fortschrittes und des Werdens. Übrigens — es ist schon so viel anderwärts über Amerika gesagt und geschrieben worden, die Schwesterrepublik ist uns besonders so vertraut, daß Originelles kaum mehr in einem Reisebericht hervorgebracht werden kann. Und wenn auch nicht jeder sich eines Goldonkels von dort drüben rühmen darf, so besitzt doch auch in der Schweiz landaus, landab wohl dieser und jener einen guten Vetter, einen treuen — oder ungetreuen Sreund, der sein Glück in der neuen Welt versucht, vielleicht auch gefunden hat, und von dein Mmde gelangt in die alte lseimat. von den geschickt über den Bach setzenden flüchtigen Uassenmardern, den leichtsinnigen Samilienvätern, den raffinierten Glücksrittern und als Gegensatz den kühnen Uordpolfahrern wollen wir hier nicht sprechen. Jedes Tagesblatt gibt Aufschluß darüber, und was gestern dort sich zutrug an großartigen Spekulationen und erschütternden Katastrophen, das lesen wir — dank Nabel und drahtloser Telegraphie — des anderen Tages am Srühstückstisch. Immer das nämliche, sich drehende Rad, bald im Licht, bald im Schatten! Gilt's aber, eine richtige Abwechslung in dieses Einerlei zu bringen, eine verblüffende Erfindung, eine welterschütternde Entdeckung, 'dann ist es wieder Amerika mit seiner Energie, seinem Wissensdurst, seiner zähen Beharrlichkeit und seinen unerschöpflichen Millionen, welches das wunderbare, längst Erstrebte vollbringt und als leuchtende Errungenschaft der Menschheit darbietet. Nichts erscheint dieser findigen Rasse ein Ding der Unmöglichkeit, und so wollen wir denn bewundernd den lieben «uncle Sum» bitten, daß er uns recht bald den Slug zu den Planeten lehren und auf Erden die Sriedenspalme stiften möge. WWWMW ! M,:/. ' ^MMsÄ! KAM »k- -7MW Lasen van Lonorulu. (S. 7Z.) Im Reiche einer entthronten Königin. 7Z I)axvaii. Capitel 6. Im Reiche einer entthronten Königin. Abfahrt nach Donolulu. Seekrankheit. Meine Reisegefährten. Molokai, die Insel der Aussätzigen. Geschichte -er Inseln. Llima. Tropenbäume. Donolulus Umgebung. Gueens-Lospital. waialua. Die Lanaken. Aberglauben. Die Schöpfung der Welt. Ein buntes Menschengewühl begrüßte uns, als ich, begleitet von meinen Verwandten, die „Peru" betrat. wie klein und armselig kam mir nach dem herrlichen „Kurfürsten" dieses Schiff der Pacific Mail Steamship Lompany vor. Mitleidig lächelte ich über die halbkreisförmige sogenannte Social tsall mit ihren paar harten Sammetsitzen und dem abgespielten Mavicr. Drei Monate später bestimmte mir das Geschick eine nochmalige Sahrt aus der „Peru". Ich hatte unterdessen die kleinen Schiffe, die zwischen den hawaiischen Inseln fahren, und die englischen 400 Tonnen-Boote aus dem Gelben Meere kennen gelernt, und siehe da. zum zweitenmal erschien mir die „Peru" als ein Palast und die Verkörperung alles Domsortes. So ändern sich zuweilen die Begriffe im Leben. Die „Peru" ist übrigens nur ein Lrsatzschiff für die im Lebruar 1901 untergegangene „Rio de Janeiro", welche angesichts der Stadt Sän Sranzisko mit Mann und Maus versank, und von der man ungeachtet eifrigen Suchens und japanischer Taucher bis jetzt keine Spur aufgefunden. Zu den paar bei diesem furchtbaren Schiffbruch Gerette ten gehörten zwei per sonenausder „Peru" ein chinesischer Aus Wärter und einpassn gier, ein lahmer Dour nalist. Letzterer war zur Landung bereit auf Deck gestanden, plötzlich begann das Schiff zu sinken, was Alte Lawaiierin. 76 Reise einer Schweizerin um die Welt. weiter geschah, wußte der Mann nicht zu erzählen. Lr kam erst aus einem Rettungsboote wieder zur Besinnung, wo er mit gebrochenem Beine lag. Tisch war das Einladen nicht fertig. In Sän Sran- zisko streikten die Arbeiter, und wer es wagte, Hand anzulegen und Ladung zu bringen, mußte es unter dem Schutze der Polizei tun. Dadurch erklärte sich mir der Mangel an Lebensmitteln und Gbst, den wir auf der Jährt nach Honolulu schmerzlich empfinden sollten, vorläufig waren Deck und Speisesaal mit Blumen überfüllt, vor meiner Abreise hatte ich im Zimmer einen herrlichen Blumenkorb mit der Karte des Hotelbesitzers gefunden: «iVirk kirntest reAuräs nncl best ^viskos tor rbe vo^uAs», und meine Cousine hatte mir den entzückendsten Nelkenstrauß gebracht. Ähnlicherweise mit Blumen beladen erschienen die übrigen Damen. Das sehr überfüllte Schiff führte namentlich amerikanische Missionäre und Missionä- rinnen Manila zu, dem Schoß- und Schmerzenskinds Amerikas, lvie viele Mcnschenleben, wie viele Dollar haben wohl schon die Philippinen verschlungen, und wie viele Jahrzehnte werden noch vergehen, bis die neue Kolonie ihren Eroberern etwas abwerfen wird! Es gibt Amerikaner, welche keineswegs einverstanden sind mit der Art und Meise, wie die Insel Spanien weggenommen wurde, die den ganzen Krieg einen ungerechten nennen. Alle aber haben Sehnsucht danach, Manila zu sehen, «w see -cvlrnt n-s clo tkere». Line ganze Schar Zeitungsschreiber, die sich dorthin begeben wollten, hatte sich auch miteingeschifft. Unter ihnen gewährte mir ein von oben bis unten ganz in Grün Gekleideter durch seine dumme Naivität viel Vergnügen. Der große Napoleon war sein Held und Vorbild, und als ich ihm einmal erzählt, ich wäre in Ajaccio gewesen, ließ er mir mit Sragen keine Ruhe mehr. So galt er denn bald auf dem Schiffe als Sräulein von Rodts grüner Lreund. Ein anderer Ircund, ein hübscher Junge, wollte als Bibelverkäufer nach Manila. Sein großer Wunsch war. Deutsch zu lernen, „denn ich bin gefallen in Liebe mit eine deutsche Mädchen", erzählte er mir. Hawaiier als Passagiere und Chinesen als Bedienung bildeten die fremden Elemente der „Peru". Letztere, ohne Unterschied „Boy" gerufen, auch wenn sie alt und grau sind, haben für mich alle dieselbe Physiognomie, so daß es mir anfangs besonders schwer wurde, meinen Spezialboy von den anderen zu unterscheiden.. Allen hängt der Zopf Die ersten Lhinesen. Im Reiche einer entthronten Lönigin. 77 länger oder kürzer hinten, alle erscheinen sie über Tag in langen, blauen, hemd- artigen Gewändern, abends in weißen. Drollig kam mir vor, daß auch ich mit „Sir" von ihnen angeredet wurde. Die Lawaiier bilden ein komisches Gemisch von Zivilisation und roher Ur- sprünglichkeit. Am feinsten ist das Laupt der Lamilie Mr. Sam Parker, ehemaliger Minister der Königin Liliuokalani. Er ist ein ganzer Hawaiier, und nur der lebhafte Gesichtsausdruck deutet auf seinen amerikanischen Großvater, viel apathischer sind seine Minder und Anverwandten, die den ganzen Tag in unbeschreiblichem Neglige in den untern Schiffsräumen lagen und sich erst abends zum Dinner aufrafften. Alle aber leisteten Erstaunliches im Essen und Trinken und in geräuschvoller Lustigkeit, letztere um so auffallender, als NIr. Parker die Leiche seiner verstorbenen Srau mit sich an Lord hatte. Die Söhne Parker waren wahre Kolosse, ebenso eine verwandte, Dirs. Keohokalole, die sich „Prinzessin" nennen ließ. Und jetzt Lrcundestrio, tauche auf in der Erinnerung! Taucht auf, ihr oft bis weit in die Nächte sich ausdehnenden plauderstunden auf Deck der „Peru"! Drei junge Leute waren es, die sich der Tveltfahrerin angeschlossen, und als die einzigen Europäer aus dem Schiffe, bildeten wir schnell einen warmen Lreundschasts- bund. Der Älteste, lserr 7V., ist Advokat in Brüssel und Globetrotter mit fünfmonatlichem Urlaub. Der Zweite, ein junger Sorschungsreisender aus Köln, Dr. L., reiste im Austrage des naturhistorischen Museums in New ftork aus drei Jahre nach Tibet. Unser Jüngster aber, Nerr L., ist ein Deutsch-Russe, der mich durch seine vielen Neckereien abwechselnd belustigte und ärgerte, und den ich doch nicht gern mißte. Unsere Reise fing schlimm an. Gleich hinter „Golden Gate" wurde die See unruhig, die Menschen verschwanden vom Deck, einer nach dem anderen. Lang ausgestreckt lagen die lsawaiier auf den Polstern der Social H>all. Noch hielten wir Europäer uns standhaft. Das Schiff krachte in allen Lugen, wild heulte der lvind, und plötzlicher tönte gewaltiger Lärm in der Social Kali. Sämtliche k>awaiicr waren von ihren Sofas heruntergepurzelt und lagen zu unförmlichen Klumpen geballt auf der Erde. Als ich mich eine halbe Stunde später in den Speisesaal begab, reichte die Gnadenfrist noch zur Suppe, dann lag ich 38 Stunden lang im stillen Kämmerlein, die See, meine Reiselust, mein Dasein verwünschend. Lie und da sah mein bezopfter Dop nach mir, sonst niemand, und ich fühlte mich unendlich verlassen. Die vier Freunde, 78 Reise einer Schweizerin um die IVelt. Den Gefährten war's nicht besser ergangen, aber die schwersten Solgen der Seekrankheit trug doch mein „grüner Sreund". wehmütig wies er mir eine Zahnlücke. „Der flog hinaus während eines Anfalls von Seekrankheit, ohne daß ich es merkte, und dann kam der Boy und trug alles weg. Ich würde fünfzig Dollar drum geben, wenn es nicht geschehen wäre." So lautete seine Mage, und mit Mühe heuchelte ich eine teilnehmende Miene. Es folgte eine Reihe schöner, warmer Tage. Tage des clolce tur rllerUe, des Ausruhens nach der beschwerlichen Reise durch Amerika. Abends ertönten im Zwischendeck melancholische, sizilia- nische weisen von palermitanern gesungen, die als Arbeiter in den Zuckerpflanzungen Hawaiis besseren Lrwerb suchen wollten. In der ersten Masse sang die schmachtäugige Prinzessin Deoho- kalole todestraurige Lieder zur Mandoline, in welche ihre Landsleute zuweilen leise im Thor einfielen. Den letzten Abend braute uns der Schifsskoch ein leidliches Abschiedsessen zusammen, Dapitäns-Dinner genannt. Da stiegen die Toaste in unerschöpflicher Sülle, gute und schlechte, und die Stimmung unseres braven Sam Parker erreichte so weit den Höhepunkt, daß er erklärte: « Dills lms been rbe inosi pleusunt trip in in^ like.» wir schauten uns an und dachten an die tote Srau unten im Schisse. Den anderen Morgen freilich erschien er in tiefer Trauer und stürzte sich weinend in die Arme seiner Verwandten und Srcunde, die ihn wehklagend an der Werst erwarteten. Parker soll der getreue Typus der Hawaiiersein, leicht gerührt, leicht getröstet, unzuverlässig, verschwenderisch, apathisch, dabei aber herzensgut. Das bewies er unseren Missionären, denen er wagen und Pferde zu einer Sahrt durch Honolulu und Umgebung zur Verfügung stellte. Einige Stunden vor unserer Ankunft zeigten sich erst wie Wolken, dann in bestimmteren Linien und Sormen Berge. In schattenhaften Umrissen tauchte zunächst die Insel Molokai auf. Sie bildet den dunkeln Kokospalmen. Lin Aussätziger. Im Reiche einer entthronten Königin. 79 M x. !/ Junge Lawaüeriiinen. Äeck in dieser sonnigen Inselreihe. Mit Scheu blickt der kawaiier aus sie hin, und der Suß keines Europäers betritt sie, denn dort leben seit 186Z ausschließlich nur Aussätzige, die Ärmsten unter den Armen. Sobald sich die bei den Kanaken so häufige Krankheit zeigt, wird der davon Befallene unter furchtbarem Jammergeschrei von seinen Lieben getrennt und ^ , f entschwindet auf immer den Augen der Seinen. Da spielen sich oft tragische Szenen ab. Linst soll einer der Unglücklichen sich mit seiner Samilie in eine Kutte zurückgezogen und jeden WIb niedergeschossen haben, der sich nahte. Die - ^ schreckliche Krankheit hielt ihren Einzug erst 'k ' 1848 auf den Kawaiischen Inseln. Bis dahin war der Aussatz dort völlig unbekannt gewesen. Die Kawaiier haben ihm den Kamen inui pake, chinesische Krankheit, gegeben. Bald darauf erschien die Sonnen- und Blumeninsel Gahu, und langsam lenkte unsere „Peru" in den bergumkränzten käsen ein. Uach den üblichen langen Verzögerungen, die jeder Landung vorangehen, betraten wir nach achttägiger Meeresfahrt Konolulus Boden. Dr. L. blieb der „Peru" getreu, die nachts ihren weg weiternehmen sollte, kerr lv. dagegen, der Belgier, der Deutsch- Russe und ich gedachten, zusammen etwas aus der Insel zu bleiben. Bevor ich unsere weiteren Erlebnisse erzähle, möchte ich kurz die Geschichte der kawaiischen oder Sandwich- Inseln berühren. Entdeckt wurden sie schon im dreizehnten Jahrhundert durch die Japaner. Im sechzehnten Jahrhundert wurden Spanier dorthin verschlagen. Als Look das erste Mal im lvaimea-Tale auf der Insel Kauai landete, fand er Lisenstücke, welche durch Europäer hierher gebracht worden sein mußten. Roch erzählt uns die Überlieferung der Inseln, daß einst ein „schwimmender lvald" —als ein solcher erschien das große spanische Schiff den einfachen Inselbewohnern — an ihrer Küste scheiterte. Kur der Kapitän und seine Schwester entgingen dem Tod in den Wellen. ^Mulu: ^ 80 Reise einer Schweizerin um die Welt. freundlich nahmen die Eingeborenen die Schiffbrüchigen aus, sie blieben bei ihnen und heirateten Sawaiier, und ihre Minder wurden mächtige Säuptlinge. Roch gibt es Eingeborene mit hellerem Saar und hellerer Sautsarbe, welche sich Abkömmlinge jenes spanischen Geschwisterpaares nennen. Im Jahre 1778 erschien Look. der die Inseln nach seinem Gönner, dem Grafen Sandwich, benannte. Aus Look folgte Vancouver zur seit. wo der Säuptling Hame- hameha, Polpuesiens bedeutendster Mann, die acht bewohnten Inseln zu einem Königreiche vereinigte und unter dem Titel Hamehameha I. von 1789—1819 weise regierte. Vancouver unterstützte dabei den Hönig mit Rat und Tat, und bereitete namentlich die Saat des Ehristentums vor; mit solchem Erfolge, daß, als im folgenden Jahre die ersten protestantischen Missionäre ausAme- rika kamen, sie mit offenen Armen empfangen wurden. IVohl kein Volk hat das Christentum schneller und lieber angenommen als die Ha- naken, die Bewohner jener fernen Inseln im Stillen Ozean. Sie waren dabei gute Protestanten geworden, denn als die französischen Jesuiten später ins Land kamen, erklärte die damalige Regentin: „Ihr habt auch Götzenbilder, wie wir sie hatten, geht, wir wollen nichts von euch wissen." Daraus sandte frankreich ein Kriegsschiff und zwang die Hanaken, die Jesuiten bei sich aufzunehmen, was auch im Jahre 18Z7 geschah. Das Christentum bereitete dem auf Sawaii herrschenden Tabugebrauch ein Ende. Ursprünglich war das Tabu eine religiöse Satzung. Die Priester erklärten für tabu, d. h. unantastbar, was den Göttern oder besonders hoch angesehenen Menschen gehörte, welch letztere ihrerseits das Recht hatten, diese Vergünstigung aus beliebige Personen oder Gegenstände zu übertragen und sie dadurch vor jedem Angriff zu bewahren. Der Honig war tabu, heilig und unverletzlich, und ebenso alles, was er berührte. Hame- hameha I. machte besonders häufigen Gebrauch vom Tabu. Man erzählt, daß er es über einen Berg aussprach, den er mit Diamanten angefüllt glaubte, und daß er auch während fünf Jahren das Tabu über die Ochsen verhängte, als sich deren Zahl einst bedeutend vermindert hatte. In den Sänden der Priester und fürsten wuchs NftMMiMWML Der ehemalige königliche Palast in Honolulu, seht Executive Building. Om Reiche einer entthronten Königin. 81 das Tabu zu einer furchtbaren Macht an, die schließlich immer mehr ausartete und Tausenden von unschuldigen Menschen das Leben kostete. Mit dem großen Kamehame- ha, der noch als Leide starb, fand auch die alte Zeit auf Lawaii ihr Ende. Lein Lohn, Kamehamehall. (1819—1824), dessen Unfähigkeit sein Vater erkannt hatte, erhielt nach Bestimmung des alten Bönigs als Ratgeberin und Mitregentin seine Lieblingsgattin, die kluge Kaahumanu. Ihrem Einfluß war die Abschaffung des Götzendienstes und des Tabu- systems zu verdanken. Kaahumanu blieb auch Regentin, als nach dem frühen in England erfolgten Tode Kamehamehas II. und dessen Gemahlin, der noch unmündige Prinz Kanikeaouli als Kamehameha III. (1826—-1864) zum Lerrscher proklamiert wurde. Die energische Lrau beförderte nach Kräften Kultur und Bildung auf Gahu und tat auch ihr Bestes für die übrigen Inseln. Einen schweren Kampf hatte sie gegen die Laster zu bestehen, welche die „kultivierten Meißen", freilich meist entlaufene Leeleute niedrigster Klasse, aus den schönen Inseln verbreiteten und welche die Nasse der Lingebornen zu zerstören drohten. Mit Lreuden bediente sie sich der protestantischen Missionäre als Lelfer, während die Jesuiten ihr verhaßt waren. Vor ihrem Tode wurde Kaahumanu durch das erste Exemplar des in der Landessprache gedruckten Neuen Testamentes beglückt. Als ihre Nachfolgerin trat eine andere kluge und tatkräftige Lrau als Regentin aus: Kinau. Im Jahre 18ZZ erklärte sich der junge König, der in schlechte, zügellose Gesellschaft geraten war, für volljährig und übernahm die Regierung, allein er behielt Kinau als „ersten Minister" und proklamierte ihren Lohn Liholilo (Kamehameha IV.) zum Thronfolger. Als Kinau schon 18Z9 starb, wurde Auhea die erste Ratgeberin des Königs, eine viel unbedeutendere Lrau als ihre Vorgängerinnen. Im Jahre 1840 wurde die erste, in hawaiischer Sprache abgefaßte Konstitution veröffentlicht. Sie enthielt u. a. die Bestimmungen, daß jedem, der den Landesgesetzen L. von Rodt, Reise um die Welt. - 6 Lonolulu: Der Gerichtshof. 8ur Zeit des Lönigreiches Regicrungsgebä'udc. 82 Reise einer Lchweizerin um die Welt. gemäß lebe, Schuh für seine Person und sein Besitztum zugesichert sei, und daß jede Religionsgemeinde, die Gott anbete, geschützt werde. hinsichtlich der Regierungsform wurde u. a. festgesetzt, daß das Amt einer Kuhina nui, das heißt ersten Ratgeberin des Königs, wie bisher fortbestehen solle; die Kammern haben vier Richter zu ernennen, die mit dem Könige und der Kuhina nui den obersten Gerichtshof bilden. Interessant ist fürwahr die Tatsache, daß in dem fernen Inselreiche des 5tillen Ozeans die Srau bei der Verwaltung des Staates und deren Rat im Gerichtshof für wünschenswert und notwendig erachtet wurden. wie anders ist es in unseren europäischen Staaten, wo jeder weibliche Einfluß in öffentlichen Angelegenheiten ängstlich fern gehalten wird, und wo jeder schritt zur sogenannten Srauen- emanzipation mühsam erkämpft und errungen werden muß! Mit Riesenschritten ging der junge Staat vorwärts, Kirchen und Schulen wurden gegründet, Zeitungen gedruckt, Plantagen angelegt. Nordamerika und mehr noch Frankreich und England schauten mit wachsenden Lroberungsgelüsten auf das blühende, herrliche Inselreich und brachten bald eine Menge Konflikte in das friedliche Land. Die Jesuiten waren zudem wieder eingezogen, und heiß entbrannte der Kamps zwischen Katholiken und Protestanten. So sah sich die hawaiische Regierung genötigt, die Unabhängigkeit des Königreichs von den großen Mächten anerkennen zu lassen. Auf Kamehameha III. folgten der begabte, liebenswürdige Prinz Alexander Liholiho als Ka- mehameha IV. (185Z—186Z) und darauf dessen älterer, tatkräftigerer Bruder Kamehameha V. (186Z—1872). Er setzte eine neue Verfassung ein und berief die ersten Japaner und Chinesen als Landarbeiter, da seit 18ZZ die Einwohnerzahl der Inseln eine erschreckende Abnahme zeigte. Damals zählte sie noch 1Z0.Z1Z Eingeborene, im Jahre 1896 Z9.Z04. Kamehameha V. starb plötzlich kinderlos, und mit ihm erlosch die Linie der Kamehamehas. Als sein Nachfolger wurde ein von mütterlicher Seite mit dem Geschlecht verwandter. Prinz Lunalila, gewählt (187Z—1874). Er starb schon nach einem Jahre. Nach heftigem Wahlkampfe zwischen den Anhängern der Königin Emma, Witwe Kamehamehas IV.. einer Kalkweißen, und dem Obersten Kalakaua wurde letzterer gewählt. David Kalakaua (1874 1891) ließ Kawaii zu Blüte und Reichtum gelangen und schloß einen Gegenseitigkeitsvertrag mit Amerika. Die Lr-Lönigin Nliuokalani. Im Reiche einer entthronten Königin. ZZ Seine ebenfalls kinderlose Schwester, Prinzeß Liliuokalani, folgte ihm 1891 als zweiundfünfzigjährige kinderlose Srau auf dem Throne, eine leidenschaftliche, rachsüchtige und dabei nicht besonders kluge vollblutkanakin. Ihr versuch, die Verfassung abzuändern, rief eine Revolution hervor, und schutzsuchend flüchtete sie sich nach Amerika. Kätte Liliuokalani damals Amnestie versprochen, so wäre sie bestimmt wieder eingesetzt worden, allein eigensinnig und übelberaten beharrte sie darauf, die einen enthaupten, die anderen hängen, die dritten wenigstens des Landes verweisen zu lassen. So wurde denn 1894 Kawaii zur Republik erklärt. In Amerika war unterdessen auf Präsident Lleveland, der sich der Annexion der Inseln widersetzte, Mac Hinlep gefolgt. Die hawaiische Srage wurde aufs neue aufgenommen, und nach Abschluß des spanisch-amerikanischen Hrieges kamen auch die kawaiischen Inseln unter das Sternenbanner. Sehr viele Vorteile sind dadurch den H>awaiiern nicht zu teil geworden. Sie klagen über die Unzuverlässigkeit der amerikanischen Beamten, über hohe Tingangs- zölle, große Schwierigkeiten, um für die Pflanzungen Arbeitskräfte zu bekommen» und Verteuerung der schon früher nicht billigen Lebensmittel. Gahu mit seiner Hauptstadt konolulu erfreut sich eines ausgezeichneten Hlimas^ lvinter kennt diese glückliche Insel keinen. August gilt für den heißesten Monat. Mir schwitzten auch redlich, aber kein Mensch gebrauchte einen Sonnenschirm, denn Sonnenstiche kommen hier niemals vor. Mückenstiche dagegen — ach ja —, die waren zahllos, und nahte die Rächt, so wußte ich zuweilen kaum, umhin fliehen. Tropisch traumhaft ist die Vegetation, staunend liefen wir den ganzen Tag herum und konnten uns nicht satt schauen an all der Blüten- und Sruchtpracht. Die Sorm der Bäume ist eine besondere, sie streben nicht zu einem Gipfel empor, sondern flachen sich schirmartig oben sanft ab. Der Honig der Bäume und gerade damals in vollsterBlütenpracht prangend ist von- riurmreAiu,einherr- licher, großer Baum mit feinen, gefiederten Mimosenblättern und schönen, flammend roten Blüten, die wie Trauben an einem Stiele hängen und in Sorm und Größe Orchideen gleicht. Reu war mir der schöne, stattliche Brotfruchtbaum (^.rtocarpus incisu) mit großen, tief eingeschnittenen. minimim »l! W Lawaiian Dotcl. saftig-grünen Blättern und grünen, runden Srüchten. Diese enthalten ein weißes, mehliges wark, werden geschält, in Blättern auf heißen Steinen gebacken und schmecken ba> nanenartig. Auch die öligen Kerrie find genießbar. Sie bilden das vorzüglichste Nahrungsmittel der Insulaner des Stillen Gzeans. Das gelbe Lolz dient als Bauholz, aus dem Das gutgehaltene Laivaiian Lotel liegt in einem schönen Tropengarten. Um das Laus laufen Balköne, und üppige Schlingpflanzen ranken daran empor. In der Eingangshalle trieben sich Miniaturchineschen als dienstbare Geister herum, die sich in der Solge als arge Schlingel entpuppten, und doch hätte ich mir am liebsten gleich einen mitgenommen und nach Lause gebracht, so niedlich fand ich sie. Noch vor den: Tafelfrühstück zog's uns hinaus zum Punchbowl-Lügel, einem erloschenen Krater, der sich unvermittelt aus der Ebene ungefähr 1ZO Nieter hoch emportürmt. von oben blickten wir hinunter auf das Gewirr der Schiffe und Segel im Lasen, auf die Stadt Lonolulu mit ihren flachen Dächern, Lolztürmen und weißen Villen, hinein in das Lhaos fremdartiger pflanzen. Ich pflückte mir voller Begeisterung einen mächtigen farbigen Strauß rot- und gelbblühender Blumen, aber als ich triumphierend damit ins Lotel kam. hieß es: „Das sind Lantanen und unsere ärgste Plage auf den Inseln, da man sie nicht ausrotten kann." Unser Gefährte, Or. L., hatte sich ebenfalls zum Essen im Lawaiian Lotel Ungesunden. wir hatten uns einen wagen bestellt und fuhren durch Lonolulu nach pali hinaus. Nach der langen Seereise, auf der wir nur Wasser und Limmel gesehen, waren wir noch empfänglicher für die Llütenpracht, die herrlichen, bunten ä^rotonbüsche, die Libiscushecken. die dornigen Sträucher des Lereus, einer nachts blühenden, herrlichen Daktuspflanze, und die Teiche mit roten und bläulichen Wasserrosen. Auch die Söhne und Töchter Lawaiis scheinen der Blumen nie müde zu werden. Laar und Lüte schmücken sie mit Blumen, und um den Lals schlingen sie oft drei bis vier Girlanden, wenn Lreunde scheiden, werden sie noch zum Abschied mit Gränzen geschmückt, und im Spital steht an jedem Bette ein großer Blumenstrauß. Blumen und immer wieder Reise einer Schweizerin um die N)clt. weg nach Nuanu pali. Wilchsaft der Rinde wird Kautschuk und Vogelleim bereitet. lluanu Pali bei Lonolulu. (S. 8Z.) Im Reiche einer entthronten Königin. 85 Blumen für Sreud' und Leid. Besonders beliebt sind die gelben Gränze der lümn und die fast betäubend duftenden der gelblich-weißen VInmerin acutitolia- Llumen, die ineinander gesteckt werden, so wie unsere Mnder zuweilen ääränzchen von Glieder zusammenfügen. Heiken werden auch gerne verwendet, und die wohlriechenden, grünen Blätterranken der in den Bergen wachsenden Meilö. „Leis" nennt der Hawaiier solch einen äkranz. Unsere Sahrt brachte uns in die Berge. Durch ein farren- und baumreiches Tal, an Bananen und Königspalmen vorbei, führt eine schöne Straße zum Uuanu pali- passe, wo sich zu beiden Seiten bizarr geformte, rötliche Selswände von ungefähr 10ö0 Metern erheben. Ein gewaltiger wind umbrauste uns, so daß wir kaum Hinunterschauen konnten auf all die Ansiedlungen, die lichtgrünen Zucker- und Reisfelder, die schönen Taropflanzen, eine Aroideenart, aus deren wurzeln der Hanake seine Uationalspeise, den poi, bereitet. Zwischen den wilden, dunkeln Bergen blickten wir auf den unermeßlichen Gzean, dessen schwere Wellen sich in flockigem Schaume an den dunkeln Riffen brechen. Dann rollen sie zurück und legen sich zur Ruhe in der Bucht, welche aus ihrer Ääche die Lichter der Sonne und die Schatten der Wolken widerspiegelt. Den Abend beschlossen wir am sandigen Strande von waikiki, wo abends die Bewohner Honolulus hinausfahren zum erquickenden Bade, und wo auch wir die nächsten Mondscheinabende zubrachten. Unbeschreiblich schön sind diese hellen Tropennächte, wenn die Sterne flimmern, die Blumen noch intensiver duften und zuweilen bei ganz Hellem Himmel ein leiser Regenschauer die Natur erquickt. Honolulu hat neben hübschen Villen und privathäusern alle möglichen, meist noch von den äirönigen errichteten gemeinnützigen Institute: verschiedene Schulen, das sehr interessante Bernice pauahi Bishop Museum mit Gegenständen aus alter und neuer Zeit, Baum- und pslanzenschule, Bibliothek und das sehr schöne, wohleingerichtete Gueens-Hospital. Da eine der Pflegerinnen aus dem Danton Aargau stammt und somit meine Landsmännin ist, hatte ich Gelegenheit, das Spital gründlich kennen zulernen. Srühnach Amerika verpflanzt, ist Sräulein w. mehr Amerikanerin als Schweizerin. Sie und fünf andere Kurses bewohnen eine reizende Villa neben dem Spital. Jede hat ein allerliebstes Zimmer, 7 - - - ->.S Lei Donolulu. 86 Reise einer Schweizerin um die tvelt. zudem einen gemeinschaftlichen Lalon mit Klavier, ein Eßzimmer und einen japanischen „Boy". Sie erhält wöchentlich vierzig Dollar nebst freier Wäsche, Kost und Wohnung. Alle sechs Monate muß jede Pflegerin einen ganzen Monat durch die Rachtwache übernehmen. Über tags schläft sie und bekommt außerdem eine volle Serienwoche zur Erholung. Gueens-Lospital liegt in einem herrlichen parke. Line Allee hoher Palmen führt zum Lause, und knorrige Kakteen erreichen hier die Größe eines mittleren Apfelbaumes. Königin Emma gründete das Spital zunächst für Lawaiier, die dort freie Verpflegung finden, aber auch Japaner, Ehinesen und Europäer aller Rationen und Religionen werden aufgenommen. Sür bezahlende kranke gibt's Einzelnzimmer, sonst stehen meist zwölf bis vierzehn Betten in einem Saale. Gperations- wie Eßzimmer und Küche sind luftig und reinlich. Pferde- und elektrische Trams durchkreuzen die Stadt. Der elektrische führt in langen Windungen hoch hinauf zu Pacific Leight. Die charakteristische punchbowl- Kette bleibt tief unten, und wundervoll zeigt sich von hier Lonolulu in der Vogelperspektive. Vorläufig ist die Anlage noch neu, aber gewiß werden sich bald auch hier Läufer und Gärten an die rötliche Bergeswand lehnen. Line Lisenbahnfahrt um die Insel gibt's auch, und so fuhren wir nach waialua. Lalbwegs liegt Lva-Mill, eine der größten Zuckerplantagen der Welt, sie beschäftigt, an A000 Arbeiter, vorzugsweise Ehinesen und Japaner. Zur rechten Leite der Bahnlinie streben starre, steile Leisen empor, welche von wilden Ziegen bevölkert sein sollen und Löhlen enthalten, wo einst die alten Kanaken bestattet wurden. Zur Linken schimmert die blaue Lee, deren Rauschen bis zu uns drang. Die Leichen wurden meist heimlich bei Rächt in sitzender Stellung und in Watten gehüllt nach einsamen Löhlen gebracht und ein Krug Wasser, poi und Zuckerrohr daneben gestellt. Am folgenden Morgen mußten die Angehörigen sich durch ein Bad ..... > ^ reinigen und in Reih' und Glied - ' V vor der Lütte aufgestellt warten, bis ein Priester kam, um sie mit heiligem Wasser zu besprengen. Große Zeremonien fanden bei dem Tode des Königs statt. Zuerst pflegte ein Kahuna, ein Mittelding zwischen Zauberer.Medizinmann und modernemMedium, geholt zu werden, um den Menschen ausfindig zu machen, dessen ') Räch Dr-, 2l. Marcnsen, „Die Hawaiischen Inseln". Am Strande von tvaikiki bei Honolulu. ^ -N Dattelpalmenallee im parke des Königin Emma-Spitals in Honolulu. (5. 86.) .- r S -. ^ > d Im Reiche einer entthronten Königin. Zauberkünste den Tod des Bönigs verursachst dann wurde ein Mensch geopfert, damit der König in Begleitung den lveg in die andere Melt antreten könne. Hierauf wurde die Leiche in Taro- und Bananen- blätter gehüllt, dicht unter der Erdoberfläche verscharrt und unter beständigen Gebeten ein gelindes Jener darüber brennend erhalten, um die Verwesung schneller zu fördern. Nach zehn Tagen streifte man das Ileisch von den Knochen und band diese in ein Bündel. Von den Priestern für göttlich erklärt, wurden die Überreste von Freundeshand in eine Höhle gebracht, das Herz meist als Opfer für die Göttin pele in den .Krater des .kilauea-vulkans geworfen. Hierauf wurde unter wilden Orgien die Landestrauer gefeiert. Der Baum, den wir auf der ganzen Jährt am häufigsten antrafen, ist der Alge- roba. Dm Jahre 18Z7 durch einen französischen Missionär eingeführt, ist er seitdem ein Segen für Mensch und Vieh geworden. Aus trockenem und feuchtem Boden gleich fruchtbar, trägt er eine Unmasse zuckerreicher Bohnen, die namentlich den Pferden vortrefflich bekommen. Schon ein sechsjähriger Baum bringt reiche Ernte und spendet schönen Schatten, lvaialuas Hotel Haleiwa, ein hübsches, neues Haus mit gut gelegenem Garten, liegt am Meere, doch scheinen wenige Gäste sich dorthin zu verirren. Aus der Rückfahrt bekamen wir die zwei umfangreichsten Kanakinnen zu Mitreisenden, die ich jemals gesehen. Meine Gefährten hegten den lebhaftesten lvunsch, sie heimlich photographisch zu verewigen, wurden aber aus dem versuche ertappt und von den Schönen mit einer Llut Schimpfwörtern überschüttet, bei welchen «äumneä Omcbmen» noch die bescheidenste Rolle spielte. Die Kanaken sind ein schwerer, im ganzen wenig schöner Menschenschlag mit dicken Lippen, groben Zügen und unförmlichen Körpern. Saft komisch wirkt bei dieser Beleibtheit die Kleidung der Irauen: ein meist weißes, hinten zugeknöpftes, gürtelloses Kleid aus einem Stück, von den Lingebornen Holoku genannt. lvenn man diese unförmlichen, menschlichen Massen sich schwerfällig und mühsam bewegen sieht, ist es schwer, zu glauben, daß einst ein gesundes, schönes, stolzes Volk die Hawaiischen Inseln bewohnt hat. Ivie überall im Stillen Ozean, vollbringen auch sr lvafferroscnteich bei Honolulu. ^0./ i ^ i, 88 hier die Weißen, diese „ großenRass enmörder". allmählich ihr Zerstörungswerk. Der Alkoholismus. Krankheiten, die vormals aus diesen Inseln unbekannt, die Vermischung des Blutes, werden bald eine ganze lllens chenrass e vernichtet haben, und die Kanaken werden demnächst völlig in der kolonisierenden Slut der amerikanischen und europäischen Elemente untergehen. Als Dienstbote und Arbeiter kann der Ka- nake nicht verwendet werden. Unzuverlässig, träge und arbeitsscheu, sind Männer wie Srauen gleich unbrauchbar, letztere zudem leichtsinnig und treulos. Hat der Kanake nichts zu essen, so geht er zu einem gastlichen Nachbar, der ihn stets gerne aufnimmt, und hat er sich selber einmal etwas verdient, so bekränzt er sein Haus, richtet ein Mahl her und ladet verwandte und freunde. Über die Maßen abergläubisch und leicht beeinflußt ist der Hawaiier, und heute noch scheinen die ebenerwähnten Kahunas im Volke zu spuken. Unter den Kahunas befand sich eine Klasse, deren Aufgabe darin bestand, Personen zu Tode zu beten. Dazu wußten sie sich ein Stück Nagel, Haar oder auch Speichel der betreffenden Person zu verschaffen und dieses unter besonderen Zauberformeln zu verbrennen oder zu vergraben. von nun an hielt sich der betreffende Kahuna stets in der Nähe seines Opfers auf, das, von abergläubischer Surcht geplagt, weder essen noch schlafen konnte und langsam dahinsiechte. Offenbar unter dem Einfluß ähnlicher Wahnideen starb kürzlich ein Mann in Kekaha auf Kauai. Es wurde ihm gesagt: „Du mußt in einer Woche sterben." Da gab der kräftige, gesunde, junge Mensch jede Lebenshoffnung auf, legte sich hin und starb innerhalb der prophezeiten Srist. Die „Kahunas ft wußten übrigens vortrefflich Vorteil aus dem Aberglauben der Kanaken zu ziehen. Nach althawaiischer Vorstellung besaß jeder Mensch zwei Seelen, von denen die eine erst nach dem Tode, die andere dagegen gelegentlich ihren Besitzer verließ. Zuweilen pflegte dann ein geldgieriger Kahuna einem reichen Nachbarn zu sagen, er hätte soeben dessen zweite Seele sortwandern sehen, und zwar wahrscheinlich aus Nimmerwiederkehr. da eine mächtige Gottheit ihm zürne. Der erschrockene Eigentümer jener flüchtigen Seele beeilte sich meist, dem schlauen Kahuna eine Geldsumme Reise einer Schweizerin um die Welt. Wallim-M/M ') Dr. Marcusen erzählt folgendes in seinem Buche über lsawnii. 89 einzuhändigen, um damit die Gottheit zu besänftigen und die Seele zur Rückkehr in ihre Wohnung zu bewegen. Die Kahunas teilten sich in zwei Massen, in die oben erwähnte niedrige Stufe der Zauberer und Schwindler und in die höhere der Priester und Träger der eigentlichen religiösen Normen. Diese verrichteten den Tempeldienst, waren in Medizin und Astronomie wohl bewandert und bewahrten die heiligen Bücher. Ihnen ist es zu verdanken, daß diese viele Jahrhunderte lang bis auf die Neuzeit erhalten geblieben sind. wunderbar, freilich nur teilweise übereinstimmend mit dein Alten Testament, klingt daraus die polpnesische Vorstellung von der Erschaffung der Welt, dem Sünden- sall, der Sündflut u. s. w. vor Erschaffung der Welt gab es drei mächtige Götter, Kane, Ku und Lono. Durch ihr gemeinsames wirken wurde Licht in das Lhaos gebracht. Dann erschufen die Götter die drei himmlischen Sphären, in denen sie wohnten, und Erde, Sonne, Mond und Sterne. Aus ihrem Speichel bildeten sie darauf eine Schar von Engeln, die den drei Urgöttern Dienste zu leisten hatten. Schließlich kam die Erschaffung des Menschen. Aus roter Erde wurde der Leib, aus weißem Ton der Kopf geformt, und der oberste der Götter, Kaue, blies diesem hawaiischen Adam den belebenden Gdem ein. Aus einer seiner Rippen wurde die hawaiische Eva geschaffen. Das neue paar, Kumuhonua und Keolakuhonua, wurde in ein schönes Paradies, paliuli, gesetzt, das von den drei Strömen des Lebens durchflossen und mit zahlreichen herrlichen Bäumen, darunter der heilige Brotbaum, bepflanzt war. Der mächtigste unter den Engeln, Kanaloa, der hawaiische Luzifer, verlangte, daß das neugeschaffene Menschenpaar ihn anbeten sollte, was aber von Gottvater, Kane, verboten wurde. Nach vergeblichen versuchen, einen neuen, ihm ergebenen Menschen zu erschaffen, beschloß Kanaloa aus Rache, das erste von den Göttern gebildete Menschenpaar zu verderben. In Gestalt einer großen Eidechse schlich er sich in das Paradies und verleitete die beiden Bewohner desselben zur Sünde, worauf sie durch einen gewaltigen, von Kane gesandten Vogel aus dem Paradiese vertrieben wurden." So lautet die Geschichte von dem hawaiischen Sündenfall. Ini Reiche einer entthronten Königin. Raum. (S. SZ.) -«V 1 - SL- Reise einer Schweizerin um die well. ÄO Capitel 7. Ausflug nach der Insel Kaum. Der Vulkan Lilauea. Meeresfahrt nach Lauai. Waimea-Tal. Look, der Entdecker der Inseln. Der Verlier Maler wäber. Lekaha. Fuckermühle und -feldcr. Papaya. Dawaiische Musiker und Mufikinltrumcnte. Lieder und Sagen. Die Legende von der schönen Puupche. Darvaiisches Landhaus. Zurück nach Vonolulu. ^u Wasser sind die Verbindungen zwischen den Sandwich-Inseln wenig lobenswert. „Zelten und schlecht" lautet die Parole, wir mußten aus den Besuch des berühmten Mlauea-Vulkans, welcher nebst dem 1220 Meter hohen Manna Loa und dein noch höheren erloschenen Mauna ä^ea auf kawaii, der größten der acht bewohnten pinseln, steht, verzichten. Das Schiff wurde im Dock geflickt, und das Lrsatzboot war noch übler dran, es hatte ein Leck. Seit einiger Zeit schon ruht der Mlauea-Vulkan, der zu den schönsten und merkwürdigsten der Welt gehört, birgt doch sein Krater einen gewaltigen Seuersee, dessen rote» geschmolzene Lavamassen gleich Wellen aus graue User branden, während flüssige, feurige Lavaströme bis achtzehn Meter hoch als Springbrunnen auf der Oberfläche des Sees spielen sollen. Glücklich fürwahr, wer das großartige Schauspiel genießen kann, das sich oft jahrelang nicht bietet. 2 W Ranakische Grashütte. WWW »NM Ranakisches Damenreitkleid (pa-u). -E 92 Reise einer Schweizerin um die Welt. Gbschon man mir von allen Seiten sagte, der Besuch des Kilauea-Vulkans, ohne den Halemaumau-See in Tätigkeit zu sehen, lohne sich durchaus nicht, habe ich doch sehr bedauert, diesen interessanten Ausflug nicht ausführen zu können. Am so willkommener war mir daher die freundliche Einladung meiner Landsleute H., sie auf der Insel llkauai zu besuchen. Ls sollte eine Jährt von ungefähr sechzehn Stunden sein, und ich wunderte mich, daß meine N)irtsleute im Hawaiian Hotel so sonderbar lächelten, als ich ihnen von meinem Plan, auf einige Tage dorthin zu reisen, Mitteilung machte. «Bor pleusurs?» riefen sie immer wieder zweifelnd. «Bor plensure» wiederholten seufzend meine beiden Labinengefährtinnen auf dem Ivalani. Längst vor der Abfahrt hatten sie sich niedergelegt und standen auch nicht mehr auf, bis wir unser Ziel Makaweli erreicht. Ich wußte noch nicht, wie stürmisch diese Bahrten zwischen den Inseln zu sein pflegen und wie mangelhaft und elend die Schiffe, und ahnungslos nahm ich Abschied von den lieben Gefährten/die am folgenden Tage sich nach Japan einschiffen wollten. Ls war eine ziemlich stürmische Nacht, doch ging's bei mir ohne Bischfütterung ab, und in der Brühe des folgenden Morgens fuhren wir schon den kahlen Bergen Lrauais, der Garteninsel, entlang. Hochauf brandete der Gischt, die niedrigen Ufer bedeckend, und die Morgensonne beleuchtete lange, lichtgrüne Strecken von Zuckerrohranpflanzungen. Hie und da eine Ansiedelung von Arbeiterwohnungen, hie und da eine Zuckermühle mit gewaltigem Schornstein, das ist alles, was an Menschendasein erinnert. Mit Makaweli erreichte ich das Ziel meiner Bahrt. An einer aus Seilen im» provisierten Leiter kletterte ich ins Boot hinunter und fand beim Landen meine Lands» männin Brau H. Wainiea-Tal auf der Insel kauai. Ausflug nach der Insel Lauai. 9Z Mit dem lvagen fuhren mir durchs Waimea-Tal über den Wailua-Sluß. lsier landete Look im Jahre 1778. lllit Enthusiasmus von den Inselbewohnern empfangen und gleich einem Gotte geehrt, wurde er ein Jahr später, den 14. Februar 1779, auf der größten Insel des Archipels erschlagen. Ein ihm von den Eingeborenen geraubtes Boot, das er dadurch wieder zu erlangen suchte, daß er das Oberhaupt der Insel als Geisel mit auf sein Schiff nehmen wollte, war die Ursache des tragischen Endes des großen Entdeckers. Am Iuße des vulkanes Mauna Loa, auf einem schwarzen, vom Meer umspülten Lavafels, fielen Look und vier seiner Leute im Handgemenge, Kaawaloa heißt die Stelle. Die Engländer haben im Jahr 1874 ihrem berühmten Landsmann in der Nähe jenes Isisens einen einfachen Obelisk errichtet. Auf jener letzten Entdeckungsreise Looks — es galt, eine nördliche Durchfahrt aus der Südsee in das Atlantische Meer aufzufinden — gehörte ein Schweizer zu seinen Gefährten: Johann wäber aus Bern. Die englische Regierung hatte diesen dem großen Seefahrer als Maler beigegeben, er sollte die Bewohner und landschaftlichen Ansichten jener zu entdeckenden Gegenden bildlich aufnehmen. Look hat seine Aufgabe nicht vollführen können. In der Beringstraße, wo er schon das Ziel seiner wünsche erreicht zu haben glaubte, sah er sich plötzlich vom Eise umgeben und mußte wieder nach Süden zurücksegeln, wo er abermals auf den Sandwich-Inseln landete, die er ein Jahr zuvor entdeckt. Kier erreichte Look sein Schicksal. wäber und die übrigen Teilnehmer der Expedition hatten sich schon eingeschifft und mußten vom Deck des Bootes aus die machtlosen und entsetzten Zuschauer des schrecklichen Dramas, das am Strande vor sich ging, abgeben. Die Zeichnungen, welche wäber von dieser Reise nach H>ause brachte — er lebte in London — wurden daselbst veröffentlicht. Seine ll4unstleistungen erwarben ihm das Diplom eines Mitglieds der königlichen Malerakademie, und eines seiner Land- schastsbilder galt bei der Gemäldeausstellung in London 1788 für eines der vorzüglichsten derselben. Als angesehener, berühmter Mann starb wäber im Jahre 179Z in London. Seine Vaterstadt, die er noch sehr jung verließ, hat er nicht vergessen. Dankbar für die in seiner Jugend von der bernischen Regierung und seiner städtischen Zunft zu Kaufleuten genossene Unterstützung, die ihm das Studium der Malerei zuerst bei Vollblut-Iranakin. 94 Reise einer Lchweizerin um die IDell. Aberli in Bern, dann während fünf fahren in Paris ermöglicht, schenkte er feiner Vaterstadt eine bedeutende Sammlung merkwürdiger Gegenstände aus den Inseln des Stillen Gzeans. Seiner Zunft zu Kaufleuten vermachte er hundert Pfund Sterling, wertvolle Kupferstiche und sein Selbstportrait. Unter den im historischen Museum in Bern aufgestellten ethnographischen Gegenständen sind einige sehr seltene Exemplare. Ledermantel und -Helm eines hawaiischen Lürsten bilden die beiden Lauptstücke. Die roten Lederchen, aus welchem sie zusammengesetzt sind, stammen von einem ganz kleinen Vogel der Sandwich-Inseln, dem Dertbia coLcineu, während die gelben, welche die Lelmräupe und den Besatz des Mantels bilden, vom Orepunis pucitica oder Go herrühren. Der jetzt auch auf Lawaii, seiner Leimst, sehr selten gewordene Go ist ein kleiner, schwarzer Vogel, der nur einige gelbe Ledern unter den Llügeln besitzt, welch einen Massenmord hat z. B. der im Bishopmuseum in Lonolulu ausgestellte gelbe Königsmantel Kamehamehas I. unter der niedlichen, gefiederten Schar verursacht! Der königliche Mamo, der nur bei feierlichen Anlässen getragene Ledermantel, bestand ausschließlich aus Gofedern und reichte bis zum Knöchel. Die rot und gelben Mäntel der Lürsten waren kürzer. Die Priester trugen rote Ledermäntel. Die Ledern wurden aus einen: engmaschigen Gewebe befestigt. wäber hat Mantel und Lelm jedenfalls von den Lingebornen zum Geschenke erhalten, welche die vermeintlich überirdischen Wesen, als welche sie Look und seine Genossen betrachteten, mit Gaben überschütteten. Leider benahmen sich die weißen Seeleute nichts weniger als überirdisch, und Look selber reizte den Zorn der Lingebornen, indem er aus Mangel an Brennholz den Zaun des heiligen Göttertempels und Götzenbilder verbrannte. So büßte der kühne Lorschungsreisende nicht ganz ohne eigene Schuld das Leben ein. Auf Luropa machte das tragische Ereignis einen so tiefen Eindruck, daß während langer Jahre kein Schiff an jenen Inseln landete, deren harmlose Bewohner in den Auf gekommen waren, wilde Kannibalen zu sein. Doch nun zurück ins Waimea-Tal, dessen licht- , grüne Reispflanzungen, hohe Kokospalmen, Teiche. ^7« — Lingebornenhütten den Anblick ungemein farbenfroh und malerisch machen. Aus der Plantage Kekaha steht das Laus meiner Landsleute, einstöckig mit gemütlichen Zimmern und herumlaufender Veranda mitten in einer grünen wiese, wo Guava und Algorava- bäume stehen. Ich wohnte in einer niedlichen Lottage dicht dabei, die während einigen Tagen mein ganz eigenes Reich sein sollte. Meine Nachbarn waren eine Unzahl Meinavögel, die ihr geschwätziges Dasein in den hohen Algorava führten. Die „Meina" (ucriciotkeros rristis) Zuckermühle. N^WW 7 ^ -.M ^ >«- Lula-Tänzerinnen. (S. 102.) ÄLr WWlAE? ^ <<> Reise einer Schweizerin um die Welt. dö kommen aus Indien, sie gehören zur Familie der Stare, und es paßt ihr lateinischer Beiname «tristis» durchaus weder auf ihr Gewand noch auf ihren Charakter, den man mir übrigens sehr schwarz schildert. Gefräßig und unverträglich sollen sie sein und sich in die Nester anderer Vogel sehen und diese vertreiben. Dies konnte ich nicht beurteilen, nur ihre Geschwätzigkeit fiel mir auf. Abends besonders und nachts beim leisesten Geräusch wollten die Gespräche kein Ende nehmen. Unweit des Laufes braust das Meer, und am Strande tummelt sich die kosmopolitische Bevölkerung Kekahas. Aus der Pflanzung arbeiten Portugiesen, porto- rikaner, Chinesen, Japaner und einige wenige ^anaken, letztere nur, wenn die äußerste Rot sie treibt. Offen liegen aller Leimstätten da, so daß jeder hineinblicken kann in ihr intimstes, urwüchsigstes Samilienleben. Sehr interessierte mich ein Besuch der Zuckermühle. Ich sah riesige Lasten Zuckerrohr herbeischleppen und durch eine Walze treiben. Der daraus erzielte Saft wird in Pfannen erhitzt und mit ll^alk und kohlensaurem Gase geklärt. Darauf wird er in einer großen vakuumpsanne drei bis vier Stunden gekocht, kommt, zur dicken Melasse geworden, in ein längliches Gefäß und von da in Zentrifugen-Maschinen, die sich mit fabelhafter Geschwindigkeit drehen. Der gute Zucker bleibt trocken am Rande, während die dünne Melasse abläuft und später wieder aufgekocht wird, um eine schlechte Oualität Zucker zu liefern. Der gute Zucker, der eine hellgelbe Sarbe hat, wird in Tonnen verladen nach Sän Sranzisko geschickt und erst dort raffiniert. Die Mühlen werden mit Dampf getrieben. Als Brennmaterial dienen die Abfälle des ausgepreßten Zuckerrohres, das, nachdem es durch die Malzen getrieben, wie Stroh aussieht. Damit ich an diesem Tage so recht im Süßen schwelgen konnte, wanderten wir noch durch ein hohes, wogendes Zuckerfeld, wo tiefe Gräben dem Wasser freien Durch- paß gewährten. Artesische Brunnen werden überall gebohrt, denn Wasser gebraucht das Zuckerrohr und immer wieder Wasser. Sonst hat es keine Bedürfnisse. Die rote Erde ll5au- ais behagt ihm so vortrefflich, daß, einmal angepflanzt, immer wieder neue Schosse empor- sprießen. Der Ertrag Rliibeii des Zuckerrohrs in einem Garten auf Aanai. ^ Zuckerrohrs Ausflug nach der Insel Kauai. 91 ist die wichtigste Erwerbsquelle im Lande. Als Arbeiter auf den Zuckerfeldern werden besonders Japaner und Chinesen verwandt, da die Temperatur in dem Dickicht der Rohre eine viel höhere ist, als draußen im freien Seid, und der feuchte Boden, den die Pflanzung erfordert, die Europäer leicht krank macht. Weiße werden dagegen gerne als Aufseher, Mechaniker und Chemiker verwandt und können sich durch Intelligenz und Energie sogar zu Direktoren aufschwingen. Gegenwärtig freilich machen infolge der niedrigen Zuckerpreise und hohen Arbeitslöhne die Zuckerpflanzungen eine schlimme Krisis durch I. Was Obst anbetrifft, lernte ich hier Guava, Mango und Papaya kennen und Ananas in großen Mengen essen. Der vupupa curicm (Mclonenbaum) schießt rasch und Irauai: wagenkahrt durch einen Lluß. nstlos empor. Er hat handförmigeBlätter und trägt das ganzeIahr melonenartige, gelbliche Srüchte, die in großer Zahl unmittelbar am Stamme sitzen. Sie sind wohlschmeckend, süß, etwas fade und enthalten eine Menge Samen. Der Milchsaft des Lolzes hat die Eigenschaft, das zäheste Sleisch mürbe zu machen, aber dabei den Nachteil, es sehr schnell zu zersetzen. Der Mangosrucht (mur>§jleru inäicn) habe ich niemals großen Geschmack abgewinnen können. Sie enthält einen schwerlösbaren I^ern und hat Terpentingeschmack. Um mir Sreude zu bereiten, bestellten meine freundlichen Gastgeber auf einen Abend einheimische Musikanten, und als wir draußen auf der Veranda durch ein feines Drahtgeflecht vor Moskitobissen wohl geborgen saßen, meldete sich die Gesellschaft. Wir bekamen drei Instrumente zu hören, den fünssaitigen Taropatch, eine kleine, viersaitige Gitarre Ukulele, beide ursprünglich von Madeira eingeführt, und eine größere Gitarre. Seit Kawaii amerikanisch geworden, dürfen keine Lhinesen mehr einwandern, und nur diejenigen, die vor der Annexion da waren, ferner als Arbeiter in den Plantagen verwendet werden. Auch mit den japanischen Kulis einen Kontrakt zu schließen, ist untersagt. L. von Rodt. Reise um die Welt. 7 S8 Reise einer Schweizerin um die Welt. folgendes sind echt hawaiische Instrumente, die aber wenig mehr gebraucht werden: Ohe, eine mit der Hase zu spielende Bambusflöte, likeke, eine Mundharfe, deren vier Saiten aus Menschenhaar gemacht wurden, pahu Kani, eine große, mit Haifisch haut überzogene Trommel aus Kokosnußholz, Oula-Ula-Uli, eine mit -teinchen gefüllte Kokosnuß, die in der H>and gehalten und während des Tanzes geschüttelt wurde. Wunderbar, musikalisch und rhpthmisch spielten und sangen unsere Künstler eine Weise nach der anderen, alles auswendig und teilweise improvisiert, und leicht paßten sich die Worte der Melodie an. Musik und Poesie lieben die Lawaiier ebensosehr wie die Blumen. Daß man auch am königlichen Lose musikalisch war, bezeugt folgende Komposition der Königin Liliuokalani. ^lolia Oe. Moäerato. Komponiert von äer KöniZin läliuolcalslli. -^-- > x> §o?o ku u - a. j - nu 1. Itu-u u - e-lu ku-nu ke Ausflug nach der Insel Lauai. Z9 Ki-Iii Is-du-A o // (Lorus W «- PO. -.--»- ^.konä em - brace a -» — o-NL-o-nL noko i-kri li .- - - - B - » » -M- ^ ^ 1- L: - ' 10O Reise einer Schweizerin um die Welt. ko-i Ä-6 uv Die Gedichte, Mete genannt, haben kein Versmaß, sondern bestehen aus kurzen, halb gesungen vorgetragenen Sätzen; in mündlicher Überlieferung kommen sie voll einer Generation aus die andere und teilen sich in religiöse Lieder, tseldengesänge, Liebeslieder und Totenklagen. Auch alte Legenden sind auf diese lveise durch Barden und Märchenerzähler, die stets am Liönigshose willkommen waren, erhalten geblieben. Dönig Lialakaua hat einen Teil derselben in die englische Sprache übersetzen lassen. Ich will eine davon in der deutschen Bearbeitung und Übersetzung Markusens in etwas verkürzter Sornr hier bringen. Brücke auf Rauai. Ausflug nach der Insel Lauai- 101 „An der Südküste der Insel Hawaii ragt ein gewaltiger Jels- block von roter Lava aus der See empor, dessen steile Klippen kein menschlicher Srlß betreten kann. Hur die Vogel des lHeeres bauen ihre Nester in die vom lvind und Wetter gerissenen Spalten jenes Seifen, gegen welchen die wilde Brandung schlägt, von der gegenüberliegenden Allste aus sieht man aus dem Gipsel der einsamen Selsensäule einen niedrigen Steinwall. Das ist das Grab der schönen Puupehe, die von ihrem Gatten wakakehau dort begraben worden ist. wie er mit seiner traurigen Last jenen Selsen erreicht, wer kann es sagen? Die Götter werden ihm übermenschliche Kräfte verliehen haben! Puupehe war die Tochter eines angesehenen Häuptlings der Insel warn, und wakakehau gewann ihre Hand als Siegespreis im heldenmütigen dampfe. Die Waid war von berauschender Schönheit; ihr glänzend brauner Körper strahlte wie die Sonne, die über dem gewaltigen chtrater Haleakala ausging, und üppiges, tiefschwarzes Haar, mit gelben Blumen bekränzt, umwallte ihre geschmeidige Gestalt. Ihre dunkeln Augen, die wie Sterne leuchteten, hatten den jungen Helden so bezaubert, daß er nur noch seiner Liebe zu leben vermochte. Lines Tages sprach er zu ihr: „wir lieben einander von ganzer Seele. Laß uns an der Allste von Lanai im verborgenen leben und uns in die Selsenhöhle von Walauea zurückziehen. Dort wollen wir zusammen Sische und Schildkröten fangen, zufrieden unseren Taro in duftenden Ti-Blättern backen und uns an den Beeren des Ghelo-Strauches erfrischen. Innig wollen wir einander lieben, bis die Sterne erlöschen." So lebten sie lange Zeit in glückseliger Abgeschlossenheit, und ihre Liebe wuchs von Tag zu Tag. Lines Tages ließ wakakehau die Gattin in der Felsenhöhle zurück, um die aus Kürbis verfertigten Slaschen mit frischem Guellwasser aus den Bergen zu füllen. Ls war zur Winterszeit, wo die „ll^onas", gefürchtete Sandstürme, auftreten, welche die wogen des aufgeregten Ozeans mit schonungsloser Gewalt gegen die südlichen Lüsten der Hawaiischen Inseln antreiben. von den Bergen aus erblickte wakakehau die Zeichen des herannahenden Sturmes, er sah die finster drohenden Regenwolken und wußte nun, daß die durch den Sturm erregte Brandung die Selsenhöhle, in der seine Geliebte verborgen war, mit Wasser füllen und das Leben der schönen Puupehe vernichten würde. In den Bergen Kanals. 102 Reise einer Schweizerin um die Welt. In rasender Eile jagte er den Berg hinunter und traf unten schon den Sturm in seiner ganzen Macht und Stärke. Hüt gewaltiger Wucht donnerten die Wellen gegen die Lavafelsen, die See kochte; in das Heulen des Sturmwindes mischte sich das Getöse der gegen die Allste rasenden Wasser. Line himmelhohe Woge füllte die Lelsenhöhle und sandte ihren Schaum in das Antlitz des zu Tode erschrockenen Miegers. Einen Augenblick später tauchte er in das wild erregte Meer, und schon nach wenigen Minuten brachte er den Leichnam seiner Geliebten an das üfer. Am nächsten Tage hörten die Lischer die Klagelieder des trauernden Gatten, und die Lrauen aus dem benachbarten Tale eilten herzu, um an der Leiche Puupehes zu trauern. Sie hüllten den Körper in ein glänzend neues Gewand und bedeckten ihn mit duftenden Blumen. Als die Lrauen den folgenden Morgen zurückkehrten, fanden sie weder den Leichnam noch den wehklagenden Gatten. Erst als ihr Blick zufällig auf den einsamen roten Lavafelsen draußen im Meere fiel, sahen sie auf der Spitze desselben Makakehau. Lr war damit beschäftigt, ein Grab in den Leisen zu graben. voll Staunen beobachtete ihn das Volk, und mancher segelte im Boot an den Leisen heran, um zu entdecken, wie ein menschlicher Luß die steilen Mippen hatte erklimmen können. Makakehau war mit der Arbeit zu Lüde; er legte die Leiche in das mit seinen Händen gegrabene Grab, deckte den letzten Stein darüber und hob die Totenklage an. Noch einmal sah Makakehau mit einem Blick voll unendlicher Trauer auf die Stätte, wo die Leuchte und der Stolz seines Lebens begraben lag. Dann sprang er von dem hohen Leisen in das schäumende Meer, wo sein zerschellter Leichnam am nächsten Tage von Lischern gefunden und feierlich an der Miste gegenüber dem Leisen von Puupehe beigesetzt wurde." Die berühmten Hulatänze, wo die Tänzerinnen mit Blumen und einem Stroh- röckchen geschmückt erschienen, find von den Missionären verboten worden, daher bekommen Lremde sie niemals zu sehen, höchstens einmal eine zweifelhafte Nachahmung, veranstaltet, um Luropäern und Amerikanern das Geld aus der Tasche zu locken. Wie behaglich und luxuriös die plantagenbesiher auf Hawaii leben, sah ich in einer Lamilie, wo der Mann Schottländer, die Lrau Halbbluthawaiierin ist, und wo hawaiische Industrie, hauptsächlich reizend geflochtene Matten, mit europäischem Mnstgewerbe abwechselt. Der große Musiksaal enthielt nicht nur einen schönen Llügel, sondern auch das sogenannte pianola, eine amerikanische Erfindung, die im Gsten reißenden Absatz und nun auch in letzter Zeit in Europa Eingang findet. Schön angelegt ist der Garten. Büchlein durchkreuzen ihn nach allen Richtungen, denn Hawaii leidet keinen Wassermangel. Nicht weniger als dreizehn Ströme besitzt diese kleine Insel von 1418 Guadratkilometer, und eine weise Verwaltung sorgt dafür, daß immer wieder Wald angepflanzt wird. Unter den Bäumen nimmt der schöne, dunkelbelaubte Ma, ein echtes Kind Hawaiis, den ersten Rang ein. Er gehört in die Masse der Akazien, und sein Holz ist dem Mahagoni sehr ähnlich. Nach wenigen Tagen bei den lieben Landsleuten hieß es für mich abermals „vorwärts". Noch einmal nahm mich das Dampserchen „Iwalani" auf. Gott Neptun Ausflug nach der Insel Lauai. 103 erwies sich gnädig, und ohne weitere Abenteuer kam ich glücklich nach Honolulu zurück. Zwei Tage später nahm ich Abschied von der Blumeninsel Gahu, und wenn ich jetzt fern im Horden des schönen Eilandes gedenke, bewegen mich dieselben Gefühle, die Mark Twain in seinen Reiseskizzen so hübsch und treffend ausspricht: „In der Erinnerung umwehen mich noch immer die balsamischen Lüste Hawaiis, das Geräusch der Brandung vom stillen Ozean schlägt noch an mein Ohr. Ich sehe die zierlichen Palmen an der Miste und die hohen Bergesgipfel wie Inseln über den Wolken schwimmend. Roch wähne ich, den Duft seiner Blumen zu atmen, und ihr Aroma bestrickt meine Sinne." k - t. ^ , Im Fischerdorfe bei Lonolulu. Unter blühenden Zris. (L 10Z.) WM.--,'. ^ Vk .5N ' X'.'.§"- ^>. ^ >x Lz..*'.' .-r» d>. . > - *r».'' -.-L.E D ^ ^ ^-r ' ^k.' ««L s-k.^ -. Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 105 Japan. üapitel 8. Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. Ankunft in Yokohama. Jinrikisha. Eisenbahnen in Japan. Der Daibutfn in Ramakura. Lwanon, die Gnadengöttin. Lhinefische Wäscher und Schneider. Abfahrt nach Mko. Geschichte Japans. Tempel in Mko. Grab Iyevasus. Japanische Linder. Gam»ian-ga-suchi. Dai-ni-chi-do-Garten. Lhuzensi. ie lange Sahrt zwischen Lono- lulu und Jokohama ging aus der schmucken „Amerika Maru" ohne jeden Zwischenfall ruhig von statten. Etwas Merkwürdiges freilich ereignete sich. wir schliefen den 22. August ein und wachten erst den 24. wieder aus. Also einen Tag im Leben verloren, unrettbar verloren! Seit Bern war ich unaufhörlich in westlicher Richtung gefahren, und da ich mit der Sonne ging, war's immer später Mittag geworden. Die Uhr in Uew Zork zeigt ZV 2 Stunden später als in Bern und 8 Stunden später in Sän Sranzisko. Zwischen Sän Sranzisko und konolulu passiert das Schiff den 180. Meridian, und da ist es allgemein üblich, eine Korrektur im Schiffskalender vorzunehmen, weil man sonst einen Tag zu spät in Europa ankäme, wäre ich umgekehrt von Japan nach Amerika, also der von Osten nach Westen gehenden Sonne entgegengereist, so hätte ich zwei Tage hintereinander dasselbe Datum gehabt, sonst wäre ich einen Tag zu Steamlaunch. 106 Reise einer Schweizerin um die Welt. früh in Europa angekommen. Um diesen Punkt dreht sich die einst vielgelesene Erzählung Jules vernes: „Die Reise um die Welt in achtzig Tagen." Als ich am neunten Tage frühmorgens aufwachte, hatten Hummel und Wasser eine rosig blaugoldene Zärbung angenommen, und dunkle Berge zeigten mir die Nähe Japans. Langsam fuhren wir in den Hasen ein. Da gab's die ersten japanischen Sampans (Ruderbarken) mit ihrer flinken Bemannung, die ersten gefältelten, großen Segel der Dschunken st zu bewundern, und am User — ja wahrhaftig, da zeichneten sich die Silhouetten der ersten Jinrikishas ab. Meine lieben deutsch-hawaiischen Reisegenossen der „Amerika Maru" und ich hatten sich unterwegs öfter unsere erste Jinri- Kisha-Zahrt ausgemalt. Jetzt standen sie vor uns jene Mwuma oder Jinrikisha- wägelchen^), ohne die man sich Japan nicht vorstellen kann. „Nein, in dieses Wägelchen bringt mich vorläufig kein Mensch", rief ich aus. Pastor I. stimmte mir lebhaft bei. Auch er fand es entwürdigend, sich von einen: Menschen ziehen zu lassen. Die beiden Damen sahen sich den langen, heißen weg zum Gasthofe stillschweigend an. Ein bißchen Zureden der Druruma-pa, hier häufiger Riksha-Bops genannt, und — sie sausten davon, wir schauten uns ganz verblüfft an. „wollen wir?" Zwei Wägelchen waren uns gefolgt. Offenbar bauten die zweibeinigen Pferde auf Veränderung unserer Gesinnung, plötzlich wie aus Kommando schwangen wir uns gleichzeitig in unsere Rikshas und fuhren lachend dem BundI entlang ins Grand Hotel T-okohama. Line Stunde später waren wir schon in der Eisenbahn unterwegs nach Mma- kura. wie alles im Lande Nippon diminutiv ist, so sind auch die Waggons klein und niedrig, schmal sind Zensier und Türen, aber Ordnung und Reinlichkeit herrscht überall. Durchs ganze Land läuft der Schienenstrang, und zwar sind es japanische Hände, die ihn erbaut haben. Japaner verfertigen die Waggons und Schienen, entwerfen neue Linien, dienen als Lokomotivführer und Schaffner, seit im Jahre 1870 die erste Eisenbahn zwischen Tokio und Jokohama durch europäische Ingenieure erstellt worden ist. Die klugen, schlauen Bewohner Mppons schauten dabei zu, wie man's macht. Japanische Dienerinnen (llesans). Chinesisches Schiff. 2) Man kürzt meist Jinrikisha in Riksha ab. Boulevard oder Hai Jokohamas. - .7 .1 s. >Ä' japanische Dschunke. (S. 106.) as» 7 , 7 ^«^: ZW.«r ÄÄÄ^L 108 Reise einer Schweizerin um die Welt. schickten dann die Europäer fort und begannen selber, ihre Lahnen zu bauen. wart- säle gibt's auch, ins Meine, Niedliche, nach europäischem Illuster überseht, und zwar sür alle drei Massen, ja, die wichtigsten Tagesblätter liegen sogar dort aus. Fahrkarten werden am Schalter gelöst, und nur aus ein bestimmtes Glockensignal hin dars man den Zug besteigen. Dies bietet nahezu die einzige Gelegenheit, wo die Japaner zuweilen ihre große lsöflichkeit vergessen. Jeder drängt und stößt und trachtet, der erste zu sein, wünscht er doch beileibe nicht, den Zug zu verfehlen, — denn dieser wartet nicht. Letzterer Tatsache ist der Lohn Mppons sicherlich erst nach mancher harten Erfahrung inne geworden, denn im Offen pflegt sonst die Zeit keine Rolle zu spielen. Anders machen's die Indier. Ohne sich um einen Iahrtenplan zu kümmern, begeben sie sich mit ihrem lsab und Gut zur Zeit, die ihnen paßt, auf den Bahnhof, schlagen dort ihr Lager aus und warten geduldig drei bis vier Ltunden lang, oft sogar einen ganzen Tag auf den gewünschten Zug. Rcstaurationssäle dagegen sind in Japans Bahnhöfen noch unbekannt. Auf den Ltationcn werden appetitliche, kleine, weiße Lolzschachteln für wenige Len (1 Len — 2'/2 Eentimes) verkauft, in denen zunächst eine Papierserviette, zwei hölzerne Lßstäbchen und ein Löffel aus demselben Material sich befinden. Diese Instrumente dienen zum verzehren folgender Dinge: eingemachte Lrüchte, gesalzene Lische, irgend ein Wurzelgemüse und eine Portion blendend weißer Reis. Bier in Äaschen nach deutschem Rezepte, billig und gut, Limonade, Liswasscr und besonders Tee sind überall erhältlich. Lieblich ist die Landschaft, durch die man fährt, und dabei zeugt alles von fleißigen Menschenhänden. Lichtgrüne Reisfelder wechseln mit den violetten, windenartigen Blättern der süßen Kartoffeln, mit Bohnen, Mais und Erbsen ab. Min Winkelchen Iinrikisba-Fahrt bei schlechtem Wetter. . k, - i Ein schlärriger Reiter. (Capitel 8.) WM LZE»!7.itz^ LÄA-U Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 109 liegt brach. Der Japaner versteht es meisterhaft, den Boden auszunützen, freilich kargt er nicht, ihm die gehörige Nahrung zuzuführen. Immer wieder tauchen mächtige Sässer auf, und eine Srühfahrt mit Jinrikisha aufs Land ist meist für die Nase ein empfindliches Vergnügen. von der Station Namakura brachten uns Riksha-Boys — wir fühlten uns in den wägel- chen nun schon ganz behaglich — zum Dai- butsu, dem berühmten, bronzenen Riesenbilde Buddhas. Ich habe im Osten noch unzählige Daibutsu gesehen, aber keiner machte mir einen so tiefen Eindruck wie das Götterbild in Ltamakura. Es ist ein echt orientalisches weiches Gesicht. Die langen halbgeschlossenen Augen mit den goldenen Sternen scheinen sich jeden Augenblick öffnen zu wollen; der seingeschwungene leidvolle Dlund, die nachlässig im Schoße gefalteten Hände tragen den Ausdruck des erlangten vollkommenen Sriedens, der Dahingabe jeder irdischen Leidenschaft, jedes Wunsches. „Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen, sei nicht in Leid darüber; es ist nichts. Und hast du einer Welt Besitz gewonnen, sei nicht erfreut darüber; es ist nichts." Den Sockel des Daibutsu bildet eine geöffnete Lotosblume. Bei den Buddhisten gilt der Lotos als das Spmbol der reinigenden göttlichen .Draft imDIenschen: „denn wie die Lotosblume sich rein aus dem Schlamm erhebt, so schwingt sich des Wenschen Seele über allen Lrdenschmuh durch eigenes wollen und Streben in höhere Sphären, bis sie dereinst als Buddha in Nirwana eingeht, bim diesen Gedanken einen sinnlichen Ausdruck zu verleihen, ruhen auch alle Buddhastatuen im Dielch einer geöffneten Lotosblume." (A. Sischer, Bilder aus Japan.) Der Daibutsu soll aus dem Jahre 12Z2 stammen und sein Gewicht 9000 Zentner betragen. Seine Höhe ist 16 Dieter, die Länge eines Ohres 2 Dieter. Die Beule der Weisheit mitten aus der Stirne hat einen Durchmesser von 22 Eentimeter, und die §Z0 silbernen Locken, die sein Haupt schmücken, haben je einen Durchmesser von ZO Eentimeter. Der gräulich silberne Ton des Riesenbildes wird durch einen dahinterliegendcn dunkeln Fichtenhain herrlich gehoben. Dieselben Bäume, in Japan Diatsu genannt, beschatten den breiten weg, der an die Stufen des Daibutsu führt. Ein schrilles, lautes Zirpen tönte von den Zweigen, unaufhörlich vibrierte es durch die Lust, und jedesmal, wenn ich später die japanische Riesengrille ihr Lied anstimmen hörte, sah ich den Daibutsu von litamakura vor mir. Der Tempel der Göttin der Barmherzigkeit, lüwanon, ist ganz in der llähe. Rechts und links in der Tempelhalle sitzen zwei gräßliche rote Götterbilder, Ni-o genannt. 110 Reise einer Schweizerin um die Welt. über und über mit Papierkügelchen beworfen. Zu meinem Erstaunen spuckten einige Beter ebensolche Papierchcn dem Ki-o ins Gesicht oder wo's gerade hintraf. Sie enthalten wünsche und Litten, bleibt das Kügelchen am Gotte haften, so zieht der Beter vergnügt von dannen, ist er doch sicher, daß der Ni-o ihn erhören wird. Hunten in einer dunkeln Nische erhebt sich Kwanon golden, riesengroß. Ein Heiligenschein umstrahlt sie, wie Maria, die Himmelskönigin. Mit dämmrigem Lichte beleuchten zwei an Seilen emporgezogene Laternen die Gnadengöttin, die im flackernden Scheine immer höher aus dem Dunkel herauszuwachsen scheint. Und groß ist auch das Herz der Kwanon, denn als sie rein genug war, um in Nirwana, den Grt des seligen Vergeffens, einzugehen, verschmähte sie es. Lieber wollte sie da weilen, wo das Stehen und Magen der leidenden Menschheit an ihr Ghr dringen und sie ihnen eine hülsreiche Hand reichen konnte. Deshalb wird in schöner Symbolik Kwanon, die Göttin der Gnade und Barmherzigkeit, meist mit tausend Händen dargestellt. Unser Sichrer drängte vorwärts. Bald eilten wir der Meeresküste entlang in stattlichem Zuge dem Dorfe Enoshima zu. Unsere Jinrikisha-Boys hatten sich in Anbetracht der Länge des Weges jeder einen «Düstrer» ff zugelegt. Voran fuhr Pastor I-, den die Boys seines stattlichen Körperbaues wegen schnell „Daibutsu" tauften. Im Gänsemarsch folgten seine fünf Srauen, wie er uns scherzend nannte: Srau Pastor I., deren Sreundin Srl. G., eine Engländerin mit ihrer Tochter und ich. Mit Vorliebe lausen die Jinrikisha-Boys hintereinander, was eine Unterhaltung beinahe unmöglich macht, wir schrien uns zuweilen etwas zu, das regelmäßig im Tosen des Meeres, im Knirschen des Sandes unter den Rädern und dem Geschnatter der Boys ungehört verhallte. Die Boys erfreuen sich trefflicher Lungen und bringen es fertig, im Galopp zu lausen und dabei unaufhörlich miteinander zu plaudern. Nichtsdestoweniger genossen wir unsere erste lange Riksha-Sahrt gründlich. Alles war neu, interessant: die niedlichen Kinder, die zierlich ausgeputzten Japanerinnen, die sauberen Dörfer mit ihren durchsichtigen Häusern, wo man direkt ins „Herz" der Samilie Einblick hat. G, solch ein erster Tag in Japan ist wie ein Märchen, das man immer festhalten möchte, besonders dann auch, wenn man zuweilen die weniger sonnigen Seiten von Land und Leuten kennen zu lernen Gelegenheit hat. Allzu schnell erreichten wir das Sischerdorf Kashigae. Kackte Kinder sonnten sich am Strande, oder sie liefen abwechselnd im selben paradiesischen Kostüm durch die i» Strand bei Lnoshima. y Mann, der den wagen stößt. ^ AS»k! ' -E Daibutsu in Lamakura. (S. 109.) 112 Reise einer Schweizerin um die Welt. engen Dorfstraßen, unsere Ankunft im ersten „Teahouse" mit lautem Gebrülle anmeldend. Ilachdem wir den ersten „cha" ^j genossen, blieben unsere „wagenpserde" zurück, und wir wateten im tiefen Sande einer wackligen Holzbrücke zu, welche das Selseneiland Tnoshima zur Äutzeit mit dem Sestlande verbindet. Es war schon spät, die Drücke endlos lang, und so ging's im Trabe an INuschel- buden jeder Art vorbei, eine steile Straße empor zu einem in Bäumen versteckten feierlich poetischen hölzernen Bogen, einer Torii, die immer in Japan gleichsam die Vorbereitung, der Hüter jedes Shinto-Tempels zu sein pflegt. Die Sonne nahte ihrem Untergänge zum erstenmal für uns in Japan. Schon legte sich Dämmerung auf die schöne Uleeresbucht, die durch das Grün der INatsu blau zu uns emporschimmerte, und als wir nach langer Sahrt ins Grand Hotel in Tjokohama zurückkehrten, lag tiefe Dacht über der Erde. Tjokohama ist die am meisten europäische Stadt Japans, aber für den Ankömmling bildet sie doch einen Guell des Staunens und Interesses. Immer wieder ließ ich mich durch die Stadt fahren, oder wanderte aus dem Bluff, dem waldigen Hügel bei Tjokohama herum, wo alle Europäer ihre Villen haben; dort freute ich mich an dein Leben und Treiben, den schönen Blumen und Bäumen, den großen Schmetterlingen und dem melodischen Zirpen der Grillen, dieser japanischen Nachtigallen. Seit dem Jahre 18Z9 ist Tjokohama Vertragshafen und Sremdenniederlassung und besteht aus dem europäischen Settlement, Thinesenviertel und Japanerstadt. Ein Kanal umzieht die europäische Niederlassung, die hübsche, wenig charakteristische Straßen und der Bund, ein schöner, breiter .Kai, schmücken. Tjokohama bildet neben Kobe und Nagasaki den bedeutendsten Hafen Japans. Das von einem Deutschen geführte Grand Hotel ist das beste in: Lande. Nlan würde sich in einem europäischen Gasthose ersten Banges wähnen, wenn nicht die chinesischen Wäscher und Schneider wären. Beiden kann man so wenig entgehen wie seinem Schicksal, sind sie doch notwendige Nbel. Der „Sen- dakupa" malträtiert die Wäsche um den billigen Preis von vier mexikanischen Dollar (10 kranken) das Hundert, wobei ein ganzes Meid dasselbe kostet wie ein Kragen. Die Schneider überfluten mit ihren Reklamen nach amerikanischem vorbilde den neuen Ankömmling im Lande der auf- ') Tee. ländliche Wohnung. WKMiU 'OWA LX»LL Lr'-SQ MUW ^s.WZL^Li -^r M''°WNL '"-.>.D- 2»»2:>sMr -LZsÄE- .MLL s^WüL l-rHSSM _.r»-> 's«^ - . ?p SLMZL Tori! und Dorf Enoshima. (5.112.) ^W>i" -Ä-rÄ-5 KM Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Laune. 113 gehenden Sonne. Beim verlassen des Schiffes schon drückten sie mir mit höflicher Verbeugung ihre „Sirmen" in die Hand, warfen sie in die Riksha, und kaum stand ich im Hotelzimmer, so klopfte es. Lin langzöpfiger, schlitzäugiger „Gutfitter", wie sich die Kleider- künstler im fernen Gsten nennen, erschien auf der Türschwelle, vorsichtig sich umschauend, ob nicht schon ein Kollege ihm den Rang abgelaufen. Befriedigt ließ er einen Wortschwall los, der an Länge nur noch durch seine Musterkarte übertrofsen wurde. Etwas später klopfte es wieder. Lin zweiter Schneider! IVie zwei wütende Kampfhähne musterten sich die beiden edeln Zunftgenossen. Klo §ooch ins subs (Ich weiß, der taugt nichts), murmelten die schmalen Lippen des ersten, und leisen Schrittes räumte der zweite das Seld. Ihren europäischen Kollegen und Kolleginnen möchte ich die chinesischen Schneider insofern zum vorbilde hinstellen, als sie stets Wort halten, sehr billig arbeiten und sich genau den wünschen des Kunden fügen. Gibt man ein Kleid als wüster und sagt dabei: „Ganz so gemacht will ich - haben", so ist man sicher, eine treue Kopie zu erhalten, so treu, daß es einmal einer Bekannten passierte, den gestopften Riß im alten Kleide im neuen tadellos nachgeahmt vorzufinden. Auch eine Überraschung! Leider reisten meine Sreunde I. nach zwei Tagen mit der „Amerika Maru" weiter nach Nagasaki, und ich wandte mich Nikko, der perle Japans, zu. „Aast du ilikko nicht gesehen, So darfst du nicht von „prächtig" sprechen!" So sagt ein in ganz Japan bekanntes Sprichwort, und diesmal spricht es Wahrheit. Ja, ein Zauberland ist jenes, etwa hundert Kilometer nördlich von Tokio gelegene Bergrevier, wo Bäche rauschen und Wasserfalle tosen, wo stille, blaue Seen, von schönen, waldumkränzten Bergen eingefaßt, gleich kostbaren Saphiren leuchten, und hundertjährige Waldriesen ihr grünes Dach über Tempel und Gräber wölben. Es war einmal in den Mkkobergen. . ., so sollen viele japanische Märchen beginnen. Auch die Geschichte Japans wird sich unter den schattigen Krpptomerien gut erzählen lassen, klingen doch ihr Anfang und noch mehr die Veränderungen, welche die letzten sünsundvierzig Jahre dem Reiche des Mikado gebracht, wie ein Märchen. Also, es waren einmal — unsere Geschichte reicht schon in die Zeit vor der Schöpfung — sieben himmlische Gottheiten, welche die Regierung über Himmel und Erde führten. Der siebente dieser Götter, Isanagi-no-Mikoto mit Kamen, ehelichte die Göttin Isanami-no-Mikoto, mit der er viele Kinder zeugte, welche als die eigentlichen L. von Rodt, Reise um die Welt. 8 1 ^ Reise einer Schweizerin um die Welt. U4 Schöpfer des japanischen Reiches angesehen werden müssen. Der Gott sagte zu seiner Srau: „Es muß irgendwo ein festes Land geben, laß uns dieses suchen." Nun warf er ein mit Edelsteinen verziertes Schwert in die Luft, an dem sich Wassertropfen absetzten. So bildete sich der erste feste Punkt im lveltenraum, eine Insel, die den Harnen „von selbst zusammengeströmt" (Gno-Koro-sima) erhielt. Dort ließ der Gott mit seinem Weibe sich nieder, und um das Eiland herum entstanden allmählich die übrigen Inseln. Nachdem diese geschaffen, berief Isanagi acht Millionen Menschen dorthin; die Krone setzte er seinem Werke durch die Schöpfung der Pflanzenwelt aus. Der Anteil, den seine Srau an der Schöpfung nahm, bestand in der Hervorbringung des Seuergottes, der Vulkane und der Wassergötter; auch schuf sie das fruchtbare Erdreich. Nachdem die beiden ihr Werk angeschaut, und gesehen, daß es gut war, sehten sie noch die Sonne an den Himmel, als höchste Macht über alles Geschaffene. Seit uralten Zeiten ist diese Schöpfungslegende unter dem japanischen Volke verbreitet. Auf Isanagi und seine Srau folgten fünf irdische Götter, mit deren Absterben das Reich eine dritte Periode begann. Es wurde nun von Menschen regiert, und damit beginnt die eigentliche Geschichte des Landes. Die Vorfahren der Bewohner des heutigen Japan sind vermutlich vom Süden hergekommene Mongolenstämme gewesen, die sich anfangs mit den Ureinwohnern, den Ainos, vermischten, diese später aber nach Norden verdrängten. Mppon nannten sie ihr neues Reich, und Mppon oder Nihon entspricht den Worten: nitsu Sonne und hon — Ursprung. Also Ursprung oder Ausgang der Sonne, von Amaterasu, der Sonnengöttin, leitet der Mikado seinen Stammbaum ab, deshalb wurde ihm bis Mitte des letzten Jahrhunderts eine fast göttliche Verehrung zu teil. Japans Kaiserhaus weist schon ein Alter von 2Z00 Jahren, ist also die älteste Dynastie auf der Welt. Iimmu Tenno (660—Z8Z v. Ehr.) ist der erste authentische Kaiser von Japan. „Tenno" heißt „König des Himmels", und heute noch wird der Mikado vom Volke so genannt. Lei Yokohama. ... MMW Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 11Z Anfang des dritten Jahrhunderts wurde durch die Kaiserin Jingu-Kogo Korea erobert, und dieses Ereignis war insofern von großer Wichtigkeit, als dadurch mit China eine Verbindung geschaffen und mit den nach Japan verpflanzten Koreanern chinesische Zivilisation, Zeremoniell, Literatur und Zäunst ins Land kamen, vor allem hielt auch der Buddhismus seinen Einzug in Japan, und bald entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen dem neuen Glauben und dem althergebrachten Shintoismus. Erst Ende des achten Jahrhunderts wurde dieser dadurch geschlichtet, daß man die Heldengestalten der Shinto für Verkörperungen des Buddha erklärte. Inzwischen war die Person des Mikado immer mehr von seinem Volke abgeschlossen worden und dabei seine Macht so gesunken, daß er nur noch nominell herrschte, während einige vornehme Samilien nach und nach die Herrschaft an sich gerissen hatten und Japan regierten. Dabei lagen sie in steter Seindschast miteinander und machten während fünf Jahrhunderten das Land zum Schauplatz blutiger Kämpfe. Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten, ernannte der Mikado einen Sproß des mächtigen alten Geschlechtes der Minamoto, Aoritomo, zum Krongeneral oder Shogun und stattete ihn mit unbeschränkter Vollmacht aus. 7)oritomo nutzte die ihm übertragene Gewalt zu seinem persönlichen Vorteile aus. Sein Einfluß wuchs immer mehr und wurde schließlich so groß, daß er, der erste Vasall des Kaisers, in Wirklichkeit der Herrscher wurde. Er wußte es so einzurichten, daß der Titel und die würde eines Shogun auf seine Nachkommenschaft vererbt wurde. Im Jahre 1199 starb er zu Kamakura, nachdem er die letzten zehn Jahre seines Lebens dazu verwandt, dem Reiche Srieden und geordnete Verhältnisse zu verschaffen. Seine Nachfolger, die Shogune, beherrschten von jetzt an von Kamakura aus das Land, während der zum geistlichen Herrscher erklärte Mikado in Kioto residierte. Nippon hatte von nun an zwei Regenten, den Mikado als Papst, den Shogun als Kaiser. Der Mikado lebte frei von allen Regierungsgeschäften. Zu heilig, um mit anderen Sterblichen in Berührung zu kommen, zu heilig, um mit seinen Süßen die Erde zu berühren, erteilte er seine seltenen Audienzen hinter einem Vorhänge und wurde aus Menschenschultern überallhin getragen. Außer seinen Srauen und höchsten Ministern sah nie ein Untertan die geheiligte Person des Mikado. Dr. Kämpfer, ein deutscher Arzt in holländischen Diensten, der im 12. Jahrhundert nach Japan kam, sagte von ihm: „Es wird allen Teilen seines Leibes eine solche Heiligkeit zugeschrieben, daß er weder sein Haar, noch seinen Bart, noch seine Nägel sich jemals abzuschneiden erkühnt. Dem ungeachtet, damit diese Dinge nicht so schändlich und unanständig wachsen, schneidet man dieselben des Uachts ab, da er im Schlafe ist- denn so sagen die Japaner, was um diese Zeit von seinem Leibe genommen wird. sei ihm gestohlen, und ein solcher Diebstahl sei seiner würde und Heiligkeit nicht nachteilig." Aber auch die Herrschaft der Shogune war allmählich in Verfall gekommen, und wiederum verheerten Bürgerkriege das Land. Da trat ein Mann auf, den Japan seinen größten Seldherrn und Herrscher nennt: Ipenasu (1542—1616), ein Sproß der alten Samilie Tokugawa. Als Erster erlangte er die Shogunwürde und vererbte sie auf eine lange Reihe von Uachfolgern. 116 Reise einer Schweizerin um die Welt. Von 1660—1868 blieb der Samilie Tokugawa der Shoguntitel und die damit verbundene Macht und Gewalt, Ipepasu und seine Nachfolger sicherten dem Lande eine lange Reihe von Sriedensjahren, trieben aber dabei das Seudalwesen aus den Gipfelpunkt, und der Verkehr mit dem Auslande, der in den letzten Jahrhunderten ein ziemlich reger gewesen, wurde abgebrochen und nur auf die in Nagasaki lebenden k>olländer und Chinesen beschränkt. Einkünfte und Macht des Mikado sanken immer mehr, ebenso die Ansprüche seines Hofadels, der Huge. Diese Nuge waren vornehmer als der Shogun selber. In ihren Adern wallte Mikadoblut. und sie hatten das Vorrecht, aus ihren Samilien dem Mikado die rechtmäßige Ehegattin und seine zwölf Nebenfrauen zu liefern. Die Nuge wohnten neben dem palaste des Kaisers in Moto. Ihnen gegenüber standen die Seudalherren, die Daimio, deren Lehnsherr der Shogun und deren Gefolge die Samurai (erbliche Soldaten) waren. Jeder Daimio besaß sein kleines mit Soldaten und Ministern bevölkertes Seudalreich. Der Shogun aber war Herr über Leben und Tod der 255 Daimio. Schon 1605 dankte Ipepasu zu gunsten seines Sohnes ab, zog sich nach Shiz- uoka zurück und lebte der Lunst und den Wissenschaften. Es war das Zeitalter der Renaissance für Japan. So blieben die Zustände in Nippon bis zum Jahre 1854. In tiefster Abgeschlossenheit von der übrigen Welt war die Zeit vergangen. Auf den tatkräftigen Iyepasu und feinen Enkel waren schwache, untüchtige Menschen gefolgt. Die Kuge singen an, sich aufzurichten und den Mikado zu unterstützen, in der Hoffnung, daß durch ihn auch sie wieder zu Macht und Ansehen gelangen würden. Im Jahre 1854 traf der amerikanische Eommodore perrn mit einer Slotte vor Jokohama ein. Seinem klugen, taktvollen Benehmen war es namentlich zu verdanken, daß allmählich die Schranken fielen, die das Wunderland Japan gegen alle übrigen Länder aufgestellt hatte. Dies insbesondere gab dem Shogunat den Todesstreich. Es fiel und mit ihm der ganze Bau mittelalterlicher Institutionen, der Japan so lange im Banne gehalten hatte. Der Mikado wurde wieder in alle Rechte eingesetzt, die seine vorfahren vor uralten Zeiten besessen. Er hat freilich seine Heiligkeit insoweit eingebüßt, daß das gesamte Volk sein Antlitz jetzt schauen darf. Im Jahre 1869/1870 wurden Handelsverträge abgeschlossen und verschiedene Häfen eröffnet, auch die Daimios ließen sich überreden, ihr Land samt Einkünften, Regierungs- und Gerichtsgerechtsamen dem Staate freiwillig zurückzugeben. Serner wurde eine von europäischen In- struktoren gedrillte Armee von 60,000 Mann errichtet. Der Staat konfiszierte den großen Reichtum der Buddhistischen Nirche und wies diese aus milde Gaben und Beiträge an. Von überallher wurden Ingenieure und Lehrer berufen, und europäisch-amerikanische Sitten, Gebräuche und Einrichtungen beherrschten bald das Land. Ja, so groß ist jetzt die Sucht nach Neuerung und Zivilisation, daß es den Secunden und Verehrern des alten, originellen Japan weh ums Herz wird. Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. Seit 1889 hat das Land seine Konstitution nach Vorbild der preußischen und seinen Landtag. Im Jahre 1890 ist Japan als gleichberechtigter Staat in den Kreis der zivilisierten Nationen des Westens eingetreten. Japan, das Land „der ausgehenden Sonne" oder, wie es sich gerne nennen läßt, das Land „der aufgegangenen Sonne", hat in einem Zeitraum von sünfundvierzig Jahren eine Entwicklung genommen, wie sie in der Kulturgeschichte aller Zeiten beispiellos dasteht. Japan besitzt jetzt seine Eisenbahnen, Post, Telegraph, Telephon, elektrisches Licht und elektrischen Betrieb, Straßenbahnen, eine vortreffliche warme, ein wohldiszipli- niertes Leer. Europa, das stolz war, dem jüngsten Kulturstaate Mentoren und Ratschläge in jeder Gestalt zu liefern, sängt an, das Pflegekind etwas zu selbständig geworden zu finden. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen", heißt's auch hier. Japan hat den Sremden abgelernt, was es zu lernen wünschte, nun braucht es sie nicht mehr. Immer weniger wird vorn Auslande bezogen, immer mehr im Lande produziert, fabriziert und ausgeführt. Dies verstimmt, aber mit Unrecht, denn jedes Land würde es im selben Salle ebenso machen, und Japan besitzt alle Bedingungen zur Unabhängigkeit: vortreffliche Transportmittel zu Wasser und zu Lande, große Absatzgebiete in der Uähe, äußerst billige Arbeitskräfte und eine Menge wertvoller Produkte. Unter diesen sind vor allen: Reis, Kohle, Kupfer, Zucker, Tee, Kampfer, Seide, Baumwolle, Bambus, Petroleum zu nennen. Japan hat, einschließlich Sormosa, eine Bevölkerung von 4Z Millionen. Man rechnet ungefähr 108 Einwohner auf einen (Quadratkilometer, ein Verhältnis, das nur von wenigen Staaten übertrosfen wird. Die ersten Nachrichten, die man in Europa über Japan erhielt, brachte der vene- tianer Marco Polo 129A von seinen langen Reisen in Asien mit. Er erzählte von einem Lande östlich von Ehina, das er nicht selbst gesehen habe, von dem er aber wisse, daß die Chinesen viel mit ihm handelten und Gold, perlen und Gewürze von dort holten. Das Land bestehe aus einer großen Insel, Zipangu genannt, erzählte er weiter, und einer Menge kleinerer, und sein Reichtum sei ein so unermeßlicher, daß der Kaiser in einem mit Goldplatten gedeckten palaste wohne. Diese Erzählung Marco Polos nahm nicht nur den Sinn seiner Zeitgenossen gefangen, sie erhielt sich vielmehr im Gedächtnis der Menschen zwei Jahrhunderte lang. Um den westlichen weg zu diesem Märchenlande und seinen 74Z6 Gewürzinseln Auf dem Wege zu den Tempeln nach Mkko. 118 Reise einer Schweizerin um die Welt. aufzufinden, lief Christoph Kolumbus am Z. August 1492 von Palas aus, allein das an „Pfeffer und Gold reiche" Zipangu sollte er nicht finden. Erst siebenunddreiszig Jahre nach dem Tode des großen Entdeckers gelangten die ersten Europäer nach Japan, indem widrige Winde ein portugiesisches Schiff an die bis dahin unbekannte Allste der Insel Kiusu verschlugen. Den Japanern war dieses Ereignis ein so merkwürdiges und das Äußere der Sremden ein so ausfallendes, daß sie beide durch Schrift und Bild verewigten. Während letzteres anscheinend verloren ging, ist der Bericht in den japanischen Iahresbüchern erhalten geblieben, sogar die Hamen der Portugiesen sind in verstümmelter Sorm darin wiedergegeben. Graue Wolken hingen drohend am Kümmel, als ich auf der Station Nikko das Jinrikisha-Wägelchen bestieg, das mich nach dem Mkko-lsotel hinaufbringen sollte. Line lange, teilweise steile Strecke! Sie führt durch herrliche Baumalleen, durch eine lange, mit Laufläden dicht besetzte Dorfstraße, weiter über den rauschenden Dapagawa- Sluß und endet am Süße des Tempelberges. Zwei Brücken führen über den breiten Strom, eine für gewöhnliche Sterbliche bestimmte, die andere, Mi K>ashi genannt, heilige, einst für die Shogune erbaut, jetzt nur dem Mikado geöffnet. Ihre leuchtend rote Sarbe sticht schön ab von dein tiefen Grün der Landschaft. Der tosende, weißgrüne, steinige Dap-a-ga-wa, die hohen, kühn emporstrebenden Berge, die dunkeln, schönen Wälder versetzten mich in die keimat, ohne Jinrikisha wäre die Täuschung eine vollständige gewesen. Im Mkko-kotel fand ich die erste Nacht kein Zimmer, ich mußte in einem japanischen Nebenhause schlafen. Der Alte, der mich empfing, warf sich nahezu flach vor mir auf die Erde hin. Zeremoniell und Tiefe einer japanischen Verbeugung müssen gesehen werden, eine Beschreibung klingt unglaublich. Jedenfalls bedarf es dazu einer außergewöhnlichen Gliedergelenkigkeit, die ich auch sonst stets zu bewundern Gelegenheit hatte. Männer und Srau- en ruhen oft stundenlang aus, indem sie ohne Sitzgelegenheit einfach niederkauern und ihr ganzes Körpergewicht durch die Sußspitzen tragen lassen. Mein Zimmer hatte zwar keine japanischen Schieb- wände. sogenannte Sudsuma, aber sie waren doch so dünn, daß ich zur Rechten Mhashi-Brücke in Mko. yomei-mon-Tor. Shinto-Tempel in Mko. (S. IIS.) ' ^ *> 17M EL i ^ -r.' ^»<5. Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 119 unwillkürlich die verworrenen Phantasien eines fieberkranken, jungen Amerikaners belauschen und zur Linken das lserumrascheln der Mäuse und noch mehr der kleinen llesans hören konnte. Dazwischen klopfte der Alte beinahe ununterbrochen sein pseischen aus, denn die Japaner sind schlechte Schläfer und pflegen einen Teil der Uacht mit Rauchen, Teetrinken und Herumlaufen zuzubringen. Mkkos Ruhm sind seine schöne Umgebung und die Tempel, weit entfernt von der hehren Pracht eines griechischen Tempels oder eines gotischen Domes, sehen wir hier eine Anzahl zierlicher Holzhäuser mit phantastisch geschweiften Dächern, wo Farbenpracht und Holzschnitzerei wahre Triumphe der 9Mnst feiern. Line köstliche Sassung dieser Kleinodien bilden die Jahrhunderte alten Ltrpptomerien, und die moosigen, tiefgrünen wiesengründe, sie verleihen ihnen eine feierlich poetische weihe, einen unbeschreiblichen Zauber, der mich immer wieder dorthin zog. Ls sind sogenannte Shinto-Tempel, der Religion geweiht, die neben der später eingeführten buddhistischen in Japan Hand in Hand geht, so daß sich beide oft verschmelzen. Der Shintoismus ist eine Mischung von Uatur- und Ahnenkultus. Lr hat wind-, Wasser-, Jeuer-, Berg-, Sluß- und Baumgötter und -göttinnen. Unter diesen wird Ama-terasu, die strahlende Sounengöttin, am meisten verehrt. Mkkos Tempel liegen an einem waldigen Bergeshang. Breite, von Nrpptomerien beschattete Granitstufen führen zunächst zur steinernen Torii. was ihr Ursprung, ihre Bedeutung, konnte mir niemand sagen. Ls sind galgenförmige, hölzerne oder steinerne Bogen, die den Eingang zum Tempelbezirk bilden und überall, entweder einzeln oder zu mehreren, gesunden werden. Zur Linken steht mitten im Waldesgrün eine dunkelrote, fünfstöckige Pagode. Sie ist zur Zierde, nicht zum Gebrauch, aufgestellt, ebensowenig wie die zahllosen bronzenen und steinernen Laternen am Wege. Line zweite Treppenflucht führt zu einem Tore, Mo-mon genannt, das mit künstlerisch geschnitzten Tieren: Taxier, Llesanten, Löwen und Tigern, mit Päonien und Bambus überreich geschmückt ist. Unter den drei Gebäuden, welche hinter dem Tore stehen, nimmt der Stall für das weiße, den Göttern geweihte Ponp den ersten Rang ein. weit berühmt sind die geschnitzten Assen, die den Sries über der Lingangstüre bilden, von diesem Assentrio verstopft sich der eine die Ghren, der zweite die Augen, der dritte den Mund, was symbolisch ausdrücken soll, daß sie Übles weder hören, noch sehen, noch sprechen wollen. Die Glocken haben, ähnlich dem italienischen Lampanile, ihr besonderes Haus. Pagode in Nikko. Dienerinnen. 120 Reise einer Schweizerin um die Welt. Sie hängen nur wenige Suß über der Erde und werden mittelst eines schwebenden Holzbalkens angeschlagen. Ihr Mang ist meist voll und rein, und nur in vereinzelten unregelmäßigen Tönen durchzittert er zuweilen die Lust. An Gebäuden für Priester, Opsergeräte, Gpfer- gaben fehlt es nicht, auch ein besonderes Bühnenhaus zur Aufführung des alten Kaguratanzes ist da. Als ich vorbeiging, winkte mir die Tempel- priesterin, und nachdem ich meinen Gbolus auf die Strohmatte zu ihren Süßen gelegt, erhob sie sich, verneigte sich anmutig und begann ihre Pantomime. Sie trug eine lose weiße placke und einen roten Rock, in der einen Hand hielt sie den Sächer, in der andern bunte Bänder und eine Art Glockenspiel. Sung war sie nicht, aber sympathisch und graziös. Sachte schwang sie den Sächer hin und her und hielt abwechselnd das Glockenspiel, das sie zuweilen leise schüttelte, gegen die Stirne. Diese einfachen Bewegungen wurden unendlich würdig und dabei anmutig ausgeführt. Zum Schluß eine tiefe Verbeugung, ein Berühren der Lrde mit der Stirn, und das Schauspiel war zu Ende. Kagura-Priesterinnen und Shinto-Priester sind an kein Gelübde gebunden, sie können ihr Amt aufgeben oder sich verheiraten, wann immer es ihnen paßt. Der Dienst besteht bei ersteren im vorerwähnten Tanze, bei letzteren in Dar- bringung von Gpfergaben und kurzen Gebeten. Die Haupttempel flimmern in Gold und Sarben, auf den kapellierten Decken strahlen goldene Drachen, die Ivandbekleidungen erglänzen in Blumensträußen. Herrlich eingelegte Türen und prächtige Säulen entzücken das Auge. Immer weiter hinaus ziehen sich die moosigen Granitstufen, immer neue Tore, Schreine, Tempelchen erscheinen, und riesige Kryptomerien breiten ihren mächtigen Schatten über das Ganze. Leise flüstert es in ihren Wipfeln. Erzählen sie sich wohl von Japans berühmtesten: Manne, dem großen Shogun Iyeyasu, der hier seine letzte Ruhestätte gefunden? Im Jahre 1612 fand dem Wunsche des verstorbenen gemäß in liikko seine feierliche Beisetzung statt, von der Zeit an erst stammt Mkkos Ruhm als Wallfahrtsort. wurde doch der große Shogun unter dem Hamen Gongen sama zu den Göttern erhoben, und göttliche Verehrung erwies ihm auch der Mikado. Alljährlich einmal schickte er einen Abgesandten, den vornehmsten, den er hatte, nach liikko, um dem neuen Gölte zu opfern. Als ich nachmittags zur roten heiligen Brücke gehen wollte, fand ich unterwegs beim öffentlichen park eine große Volksmenge. Der Kronprinz und die Kronprinzessin wurden erwartet, da sie ihre Anwesenheit bei einem Doot-lmll umtob zugesagt. während des langen Harrens betrachtete ich mir das Volk, das sich hier Treppe zu den oberen Tempeln in liikko. SA». WW 'W '-^.L MKM L-WK. Lriihe Mutterpflichten. (S. 121.) iLZ» MM MZLW M-vr Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 121 viel urwüchsiger und liebenswürdiger gibt als in dem europäisierten Yokohama. Die alten Lrauen haben noch geschwärzte Zähne und abrasierte Augenbrauen, ein nach unsern Begriffen fragwürdiges Gpfer, das sie bei der Verheiratung ihrem Kerrn und Gebieter bringen. Sie wünschen, ihm damit zu beweisen, daß sie künftig keinem andern Manne zu gefallen trachten werden. Die jungen Japanerinnen, ob- schon noch immer die sanftesten, gehorsamsten Ehefrauen der Welt, scheinen diese Sitte allmählich ablegen zu wollen. Allerliebst sind die Mnder, appetitlich, zierlich, hübsch gekleidet, gehorsam, artig! äüaum geboren, wird das Meine auf den Rücken der Mutter oder eines der älteren Geschwister gebunden, und von dem Tage an scheinen die beiden zusammengewachsen zu sein. von früh bis spät reitet das Mndchen sein geduldiges zweibeiniges Pferd, es teilt seine Arbeit, sein Spiel, seine Sreuden und Leiden, und zwar so lange, bis es selber im stände ist, eine jüngere Nummer herumzuschleppen. Jedenfalls bildet dieses beständig Aneinandergebundensein ein sehr festes Band zwischen Mutter und Mnd, zwischen Bruder und Schwester. Aber auch sonst ist Japan das Land der kindlichen Pietät, und das ist wohl eine der liebenswürdigsten Eigenschaften dieses Volkes. Die Lehre des Lonfucius: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", die wörtlich mit dem Gebote Moses übereinstimmt, wird dem Mnde in frühester Jugend ans kerz gelegt, und ein Buch mit Erzählungen aufopfernder Kindesliebe bildet seine erste Lektüre. Wenn ein Mnd herangewachsen ist, versteht es sich ganz von selber, daß es seine Eltern erhält, ehrt und auf Künden trägt. Die Mnder werden ihrerseits von den Eltern mit der zärtlichsten Liebe großgezogen und bewacht. Strafe und Schelte kommen selten vor. Lügt ein Mnd, so sagt TlMlM MAL Tor bei den Tempeln von Nikko. 122 Reise einer Schweizerin um die IVelt. 7 ^ ' Spielende Mädchen. man ihm, der Gni, ein roter Teufel, werde kommen und ihm die Zunge ausreisten. Aber auch der Papa ist nicht frei von Geisterfurcht. Herrscht eine epidemische Kinderkrankheit im Dorfe, so pflegt er, an die Türe zu schreiben: „Lieber Geist, bemühe dich nicht vergeblich, meine Müder find nicht zu Hause." Dem Knaben wird weit größere Sreiheit gestattet als dem Mädchen, das schon frühzeitig lernen muß, den anderen Menschen das Leben angenehm und behaglich zu machen. Ls darf keinen eigenen Willen haben, nicht schmollen und grollen. Dafür ist es bei seiner Geburt den Litern ebenso willkommen und erwünscht wie ein Miabe, vorausgesetzt, daß es noch Brüder hat, und meist wird es der Liebling des ganzen Hauses. Im ganzen sind die japanischen Linder gesund und kräftig, und die Sterblichkeit ist unter ihnen weniger groß als in Europa. Das viele „Reiten" aus Mutters und Geschwisters Rücken und tägliche heiße Bäder scheinen den Babies gut zu bekommen. Ls war ein langes Warten. Ich hatte mich auf einen Lrdwall gestellt, sofort bedeutete mir ein Polizist, mich hinunter zu begeben, durste doch unter keinen Umständen der Sohn des Mikado an Länge überragt und auf ihn heruntergesehen werden. Im Gegenteil, jeder muß das Haupt ganz tief geneigt halten, wenn ein Glied des kaiserlichen Hauses vorübergeht. Dieses sollte heute nicht geschehen. Der erwartete Kronprinz blieb aus, dafür kam ein unerwarteter sündflutartiger Regen, der uns alle auseinander- trieb. Zauberschnell öffneten sich Tausende von großen gelben ölpapierenen Regenschirmen, mit den für mich hieroglnphischen schwarzen Namenszügen der Besitzer bezeichnet. Die Jinrikisha-Bovs zogen ihre Mino, aus Binsenstroh geflochtene Regenmäntelchen, hervor oder legten sich ein großes Stück Glpapier um die Schultern, und Männlein und Weiblein banden stelzenartige Brettchen unter die Sandalen. Lhuzeiiji-See. (S. 12Z.) 124 Reise einer Lchweizerin um die Welt. Ein reizender Spaziergang ist nach Garn-inan-ga-fuchi. Mit külfe eines Planes von Mkko war ich bald in einem schmalen, von grünen, schön gezackten Bergen eingeschlossenen Tale. Bläulichweiß braust der wilde Bergfluß über die Steine, von welchen ein mächtiger Block das Sanskritwort kümmam trägt. Meine Brücken sind darüber geworfen, die zu leichten lustigen Teehäusern führen. Liebliche Blumen blühen am Rande des Wassers, und verwitterte bemooste Steinbilder lehnen sich in langer Reihe an den Suß des Berges. Sie stellen alle den Amida, einen mit dem Daibutsu identischen Gott, dar, und so groß ist ihre Zahl, daß, wie die Sage geht, niemand sie jemals zählen konnte. Ich habe es nicht versucht. Mir genügte die wunderbare Gesamtwirkung dieser stillen Götterversammlung. Gegenüber dem Gam-man-ga-fuchi, am rechten Ufer des Dai ya-ga-wa-Slusses, ist der zierliche Dai-ni-chi-do-Garten, der Typus eines echt japanischen Gartens mit Brückchen, kleinen Teichen, pagödchen, Teehäusern, verschnittenen decken und herrlichen Bäumchen. Alles niedlich und anmutig. Allerliebst sind auch die kleinen, Tee kredenzenden llesans. An den Garten stößt ein Sriedhos, und graue, verwitterte, bemooste Steine in allen Sormen bezeichnen die Stätte, wo unter dem Rauschen des Slusses und dem Geplauder der Uesans entschlafene Japaner Nirwana entgegenharren. Uikkos schönster Ausflug führt hinaus nach dem Lhuzenji-See und den heißen Guellen von Tjumoto. Da die Steigung eine bedeutende ist — der See liegt ungefähr 1400 Meter über Meer — hatte ich diesmal drei Jinrikisha-Boys mitgenommen. Der eine schob den wagen, die beiden andern liefen Tandem, wobei der Vordermann wie ein ausgelassenes Pony den Oopf mit dem riesigen Pilzhute hin- und herwiegte. vorerst ging's am Dai-ni-chi-do-Garten vorbei dem brausenden Slusse entlang, dann bogen wir in einen steilen Pfad ein, begrenzt von hohen Azaleenbüschen, die leider jetzt nicht blühten. Ich war nicht allein. Ein Amerikaner aus Philadelphia hatte sich zu diesem Ausflug mir angeschlossen. Unsere Boys schwitzten, denn immer steiler wurde der weg. plötzlich standen sie still: „Teahouse!" So weit reichen ihre Mnntnisse der englischen Sprache, und an einem ländlichen Teehause geht kein japanischer Boy vorbei, ohne einzukehren. „Lha" lautet das japanische Wort für Tee, „o cha" nennt ihn der höfliche, förmliche Japaner. Die Partikel „o" bedeutet „ehrenwert" und wird einer Menge Hauptwörter vorgesetzt. Den Guantitäten nach zu schließen, in welchen der „o cha" getrunken wird, muß er allerdings sehr „ehrenwert" sein. Ich selber habe auch „Ehrenwertes" in seinem Konsum geleistet. Linst kam ich bei einer fünfstündigen äußtour auf sechzehn Tassen, freilich diese sind klein und die Kitze war groß. Der Tee hat eine strohgelbe Larbe und wird ohne Zucker und Milch genossen. Aus einzelnen Lisenbahnstrecken steht in den Waggons ein Tischchen mit Tassen und einem Kohlenbecken, auf welchem heißer Tee brodelt. Line andere Lisenbahngesellschaft läßt von Zeit zu Zeit ihren Reisenden gratis Tee verabfolgen, wo das nicht ist, kann man aus jeder Station ein niedliches Teekännchen mit Tasse und angebrühtem Tee für drei Sen — 7V? Lentimes kaufen und jewcilen nach Bedarf wieder heißes Wasser aufgießen lassen. wir sehten uns aus die Strohmatten und ließen Tee und kleine, zierliche Süßigkeiten bringen, und das wiederholte sich noch drei- oder viermal bis Lhuzenji. Die --i-r-M p Japanerinnen. (S. 124.) AMUMM ÄKK-W S-:L -,z- MKKW MDj WWW Iie ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne. 12S Boys blieben stehen und die Japanerinnen kredenzten Tee, anders ging's nicht. Dabei stehen die Teehäuschen gerade da, wo's am schönsten ist, wo Ausblicke ins Tal sich bieten und glänzende Wasserfälle Hinunterrauschen. Mittags lag der Lhuzenji-See vor uns. Die tiefblaue Sarbe seines Wassers, die schönen bergigen Ufer erinnerten lebhaft an einen unserer stillen Alpenscen. Einen sehr schönen Abschluß bildet die Pyramide des waldigen Pilgerberges llan-tai-zan. Drohende wölben hatten den bisher blauen Kümmel umzogen. Das noch viel höher gelegene Jumoto mußten wir aufgeben, und um doch etwas zu sehen von der reizenden Gegend, brachen wir gleich nach Tische zu einem Spaziergang auf. An einem Tempel, an lauschigen winkeln, Ahornalleen und Teehäusern vorbei wanderten wir dem See entlang, wir bemerkten es erst, wie dunkel der Kümmel geworden, als ein wolkenbruchartiger Regen aus uns niederströmte. Bald war die Straße in einen See verwandelt. Der Regenschirm hielt nicht mehr den Wassersegen ab, der Regen lief stromweise an mir herunter, und meine Schuhe hatten sich mit Wasser gefüllt. Trst nach zehn Minuten gelangten wir zu einen: einfachen K>ause. Ls schien ganz verlassen, war aber zu unserem Glücke nach japanischer Art unverschlossen. Line schöne Vase mit einem frischen, rötlichen Ahornzweig, einige Mssen, eine SamsiH) und ein Lacktischchen zeigten, daß das kaus bewohnt war. Dn beneidenswerter Bedürfnislosigkeit plagt sich der Dapaner mit keinen anderen Möbelanschaffungen. Bis auf die Knochen naß, kamen wir nach Lhuzenji zurück, krochen sofort in unsere Dinrikishas, und durch Bäche und Schlamm wateten unsere Boys zu Tale. Erst nachdem sie uns glücklich im Mkko-k>otel abgeliefert, schien wieder die Sonne — zu spät für uns! Leider hat Mkko, was häufiges Regenwetter anbetrifft, einen ebenso schlechten Ruf wie Salzburg. Darauf bauen die zahlreichen Holzschnitzerei-, Photographien- und Pelzhändler. Gar mancher macht Einkäufe aus Langeweile und kehrt, wie ich, mit Gtter-, Biber- und Asfenfellen beladen zurück, nur weil der Regen zur rechten Zeit nicht nachließ. ttn den Bergen Üikkos, ') Gitarrenähnliches Musikinstrument. 126 Reise einer Schweizerin um die Welt. Capitel 9. Das moderne Japan. Verlegenheit aus dem Bahnhof in Tokio. Geschichte Tokios. Leuersbriinsie. Erdbeben. Die Besestigungs- mauern des alten Heddo. Der Mikado. Kaiserin varuko. Reformen am Lose. Die stebcnundvierzig Ronins. Asakusa-Tempel. Theater. Eisenbahnpublikum. Die Krauen in Japan. Nach Myanoshita. Liga. Dogashima. Die kleine Lhrysanthcmum. ^Denn einmal mich Sprachunkenntnis und Lührermangel in Verlegenheit setzen sollten, war's sill-er der Lall bei der Anknnst in Tokio, der Hauptstadt Japans. Ein furchtbares Gewitter hatte unseren Zug um zwei Stunden verspätet, und als ich gegen Mitternacht aus dein Bahnhof endlich eintraf. V . umschwärmten mich nur gelbe Menschen, die gar v' nicht begreifen wollten, daß ich und mein Gepäck ^ ^ im Kotel Imperial einzukehren wünschten. Endlich I erwisckste ich einen Riksha-Bop, und fort ging's bei I t Rächt und Rcbel beinahe eine Stunde lang durch i'WDM eure Stadt, die mir mit ihren einstöckigen Käufern lÄ" mehr wie ein endloses Dorf vorkam. Dieser Eindruck von Tokio machte sich auch die folgenden Tage geltend, und doch ist es eine Stadt von beinahe zwei Millionen Einwohnern. Sonderbar war mir dabei auch, Ihren Vbi knüpfende Japanerin. baß ich oft den ganzen Tag herumfahren konnte. ohne mehr als drei oder vier Europäer anzutreffen. Die Geschichte Jeddos, wie bis zum Jahre 1868 der Name Tokios lautete, beginnt erst 1Z90, als der Shogun Ipepasu seine Residenz daselbst aufschlug. Bis dahin waren dort einige elende Dörfer in sumpfigem Lagunenlande gestanden. Nein glücklicher Stern scheint über der neuen Stadt gewaltet zu haben, denn immer wieder erzählen uns ihre Annalen von Epidemien, Seuersbrünsten und Erdbeben. Ein japanischer Ausspruch über Tokio lautet: „Das Seuer ist 7)eddos Blume." Nicht weniger als fünfmal wurde die Stadt ein Raub der Slammen, zum letztenmal im Jahr 184Z, wobei mehrere hundert Menschen ihr Leben verloren. Daß die aus Papier und Kolz gefügten japanischen Läufer leicht brennen, und das Leuer sich gewaltig ausdehnt, ist leicht verständlich. Bis 1888 verbrannten durchschnittlich in Tokio jährlich SS00 Käufer. Seither sind ganze Straßen aus Backsteinen aufgeführt worden, und die Leuerwehr verbessert sich immer mehr. Tokio aus der Vogelperspektive. (S. 126.) WW -W'A! MM MWM- N^K» Das moderne Japan. 127 viel machtloser noch steht der Mensch den Erdbeben gegenüber, die sich oft, zuweilen täglich, in stärkeren oder schwächeren Stößen kund geben und als etwas Gewohntes den Japaner und Japanresidenten weiter nicht beunruhigen. Ich erinnere mich zweier, meiner Meinung nach heftiger Stöße, die mich und übrigens noch andere Sremde eiligst aus dem Speisesaal ins Sreie entweichen ließen, während die Eingeborenen ruhig lächelnd sitzen blieben. Der Volksglaube schreibt die häufigen Erdbeben einem riesigen Äsche zu, der unter der Insel Nippon Hausen soll. Jedesmal, wenn er seinen I5opf, seine Llossen oder gar seinen langen Schwanz bewegt, erzittert die Erde. Am die Macht des Crdbebenfisches etwas zu vermindern, sitzt Gott Lashima auf ihm und belastet zudem seinen Rücken mit gewaltigen Selsblöcken. Das größte Erdbeben, welches Tokio Heimsrichte, war im Jahr 18ZZ. Damals sielen ihm 100,000 Menschen, 14,000 Wohnhäuser und 16,000 feste Lagerhäuser zum Opfer. Bedeutende Lrderschütterungen fanden auch 1891 und 1894 statt. Im September 1868 wurde der Name 7)eddo in Tokio umgewandelt, und 1869, nach der Wiederherstellung der Mikadoherrschaft, Tokio zur Hauptstadt Japans gemacht, zugleich wurde die Stadt dem fremden Handel freigegeben. Tokio besitzt jetzt moderne europäische Hochschulen, Kasernen, Arsenale, Hospitäler und Sabriken, so daß die herrliche alte I^unst und Eigenart, die zur Zeit der Shogune so reiche Blüte hervorbrachte, sich schüchtern in den Schatten der Jahrhunderte alten I4rpptomerien flüchten mußte. Lins noch erinnert an die alte Seudalzeit Tjeddos: die gewaltige Zpklopenmauer, die ein stärkeres Geschlecht als das heutige vor ZZO Jahren erbaute und schützend damit die 1524 angelegte kleine Zestung Aeddo umgab. Heute noch zieht sich ein fünfzig bis sechzig Meter breiter Graben um die hohe Mauer. Alte phantastisch geformte Matsu beschatten den wall, und hohe rote Lotos-Blüten träumen in den trüben wassern des Grabens. Verschwunden sind jetzt die zahlreichen Daimioschlösser, Jashiki genannt, die sich einst um den I^anal lagerten. Sie dienten den alten Feudalherren, die alljährlich dem Shogun ihre Aufwartung in 7)eddo machen mußten, zum Wohnsitz. Zogen sie aus Geheiß der Shogune in den lärieg, so mußten sie ihre Samilien dort als Geiseln zurücklassen. An Stelle der kleinen Sestung Tjeddo, die den alten Shogunen zur Residenz diente, steht jetzt das 1889 bezogene, völlig europäisch eingerichtete Schloß des Mikado. Straße in Tokio, im Lintergrunde Flagge mit dem Lhrvsantbemum-Wappen. 128 Reise einer Schweizerin um die Welt. bei dessen Persönlichkeit es sich wohl lohnt, einige Augenblicke zu verweilen. Spielt doch in dem gewaltigen Umschwung der letzten Jahrzehnte in Japan der Mikado Mutsu H>ito eine nicht wenig bedeutende Rolle. wie dem alten Kaiser Wilhelm, ist ihm die Gabe zu teil geworden, mit richtigem Blicke die richtigen Leute zu wählen und festzuhalten, und sie auch da gewähren zu lassen, wo es anscheinend gegen seine persönliche Ansicht und seinen Vorteil geschieht. Der Mikado wurde am Z. November 18Z2 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 1Z. Sebruar 1866 aus den Thron. Seine Jugend verbrachte er nach alter Sitte vollständig hinter den Palastmauern, und wenn er einmal herauskam, war's nur im festverschlossenen, verhängten Magen. Man erzählt, daß Mutsu H>ito bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre nur ganz wenige fremde Menschen zu Gesichte bekommen hat, und dem Siebzehnjährigen zum erstenmal der Anblick grüner Reisfelder, bewaldeter Berge, Dörfer und Städte zu teil wurde. Im Jahre 1871 empfing Kaiser Mutsu Hito den amerikanischen Staatsmann Seward noch in altjapanijcher Kaisertracht, in langem steifen Seidengewand, das den Körper mit Ausnahme der kände vollständig einhüllte. Alls dem Kopfe thronte eine schwarze Roßhaarkappe mit einem Aussah, der sich etwa einen halben Meter über dem H>aupt erhob. Der Mikado sprach kein Mort, würdigte Seward überhaupt keines Blickes. Einige Monate später vertauschte der Mikado diese kaiserliche Zeremonientracht mit einer militärischen Uniform nach französischem Schnitt und befahl dem ganzen Kose, moderne europäische Kleider zu tragen. Von der Kaiserin bis zum untersten Aofbediensteten darf niemand mehr in der so reizenden Landestracht erscheinen. Der Mikado wird ungefähr folgendermaßen beschrieben: Groß und schlank, hält er sich sehr gerade und bezeigt eine vornehme würde. Sein Gesicht besitzt den Typus k.777<. Teehaus in Tokio Zur Blütezeit der Glycinen. Das moderne Japan. 129 der reingehaltenen japanischen Rasse. Er hat schwarze, stechende, scharfe Augen, schwarzes.starres paarund trägt einen dünnen Bak- ken- und Schnurrbart. Leine Gesichtszüge sind von einem fahlen Gelb, sein Ausdruck ist klug und energisch. Die Kaiserin, ihr Name ist /sa- ruko, was deutsch Lrühling bedeii- tet, und wie der „Srühling" soll sie trotz ihrer zweiundsünszig Jahre einen noch nnmuten, hat ein schmales, feines Gesicht, zierliche Aase, kirschroten Mund und dunkle Augen mit einem wahrhaft liebreizenden Ausdruck. Ihr Anzug ist leider ganz modern französisch, und ein kleines /Hütchen sitzt, wenn sie ausführt, auf ihrem nach neuester pariser Mode frisierten /Haar. Seit wenigen Jahren erst zeigt sich der Mikado öffentlich mit seiner Gemahlin zusammen. Dies wäre in früherer Zeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, besonders da kdaruko ihren: Gemahl keine Minder geschenkt hat, und früher nur die Mutter des Erbprinzen als wirkliche Kaiserin galt. /Haruko wohnt neben ihrem Gemahl in dem Kaiserpalast, und kaiserliche Ehren werden ihr erwiesen, gleich wie ihm. Das Kaiserpaar spricht nur Japanisch. Um so rührender ist daher die Geduld, mit welcher Kaiserin /Haruko stundenlange Prüfungen der Schulkinder in französischer und englischer Sprache anhört. Sie ist eine eifrige Sörderin und Schöpferin wohltätiger Anstalten, und es erfreut sich namentlich das /Hospital des Roten Kreuzes und die Adelsschule ihrer /Hülse und ihres häufigen Besuches. jtzaruko ist eine leidenschaftliche Reiterin, und unter ihrem Protektorate ist eine Damenreitschule in Tokio entstanden. Überhaupt hat sie sich, nachdem einmal das ihr schwerfallende Aufgeben der japanischen Tracht überwunden, mit der größeren Elastizität des Meibes schneller noch als der Kaiser die Sitten des Westens zu eigen gemacht und auch ihren /Hofstaat völlig metamorphosiert. Die vornehmen Daimios- Töchter, welche bis vor kurzem aus ihren abgelegenen Schlössern still vegetierten und nur die vielerlei Sormen einer aufs äußerste getriebenen Etikette und die Kunst des sich Schmückens und putzens erlernt, tragen jetzt europäische Toiletten, plaudern L. von Rodt, Reise um die Welt. 0 Lotos-Teich im Ueno-Park in Tokio. N's r 1Z0 Reise einer Schweizerin um die Welt. iS-iisi M W- Asakusa-Lemxel in Tokio. Englisch, französisch und Deutsch/tanzen, reiten, spielen Tennis, radeln und flirten ganz wie ihre graziösen Schwestern in Paris. Damit hat sich auch in den vornehmsten kreisen das Verhältnis der frau ihrem Gatten gegenüber vollständig verändert, und immer mehr tritt unbedingte Gleichstellung der Gatten, dieselben Rechte bei denselben pflichten ein. Im Mittelstände und Volk wird dagegen vorläufig dieser Umschwung noch nicht Platz greifen. Die Kuge und Daimio des alten Japan sind verschwunden, ihre Paläste in Tokio niedergerissen. Jetzt bewohnen sie moderne Villen im englischen Stile und lassen sich Prinz, Marquis, Graf, vicomte und Baron ganz nach europäischem Muster titulieren. Auch einigen Samurai (erbliche Soldaten) ist vom Mikado der Adel geschenkt worden, was namentlich unter den Kuge viel mitleidigen Spott hervorrief. Rang-, Ehren- und Titelsucht soll eine hervorragende Leidenschaft der Japaner bilden. Auch Orden nach europäischem Muster erfreuen das Herz der Söhne Uippons. Unter diesen wird der Ehrpsanthemumorden nur an Mitglieder von Herrscherfamilien verteilt, ebenso- hoch steht der Sonnenorden. Um eine Stufe niedriger, erreichbar für gewöhnliche Sterbliche, ist der in acht Massen eingeteilte Orden der ausgehenden Sonne. Tokio und seine Sehenswürdigkeiten habe ich, wie der englische Ausdruck «äone» ziemlich bezeichnend lautet, im Schweiße meines Angesichts. In jenen Septembertagen herrschte eine furchtbare Hitze, und dabei strebte ich in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu sehen, wenn ich jetzt daran zurückdenke, bilden Shibatempel, Shogunengräber und Ueno-Museum ein farbenprächtiges Kaleidoskop, aus dem mir kühl erfrischend das Bild des großen Lotosteiches mit seinen rosa Blüten im Ueno-Park und friedlich weihevoll der friedhof von Sengakuji entgegenleuchtet. Tokio: Naupteingangstor zu den Grabtempeln der Shogune im Shiba-Park. (S. ISO.) Jas moderne Japan. 1Z1 Unmittelbar auf die Beschreibung von Nikkos herrlichen Heiligtümern will ich hier keine lange Schilderung von Tempeln und prunkvollen Grabkapellen bringen, sondern lieber etwas länger bei den schlichten grauen Grabsteinen der siebenundvierzig Ronins in Sengakuji verweilen. Ihre Geschichte, ein Stück aus Japans Vergangenheit, ein Lied hoher Vasallentreue, lautet kurz folgendermaßen: Im Jahre 1127 erwartete der damalige Shogun in 7)eddo den Besuch des Gesandten des Mikado. Ein feierlicher Empfang wurde vorbereitet und eine Anzahl junger Damnos auserwählt, um bei den Seierlichkeiten mitzuwirken. Unter den Auserwählten befand sich ein junger Adliger, namens Takumi-no-Kami. Der damalige Großwürdenträger Kotsuke-no-Suke, ein gemeiner, bestechlicher, habgieriger Mensch, hatte die Aufgabe, die vom Lande vor kurzem nach Jeddo gekommenen jungen Daimios in der feinen Hofetikette zu unterweisen. Takumi, der unglücklicherweise nicht wußte, daß es üblich war, mit Geschenken die Gunst des Großwürdenträgers zu erkaufen, versäumte dies und wurde deshalb von Kotsuke unablässig gequält und verfolgt. Schließlich reizte er den jungen Mann so sehr, daß dieser im Zorne aus seinen Beleidiger eindrang und ihn leicht verwundete. Takumi wurde zum Tode verurteilt und tötete sich selbst der Landessitte gemäß durch hara-kiri (Bauchauf- schlitzen). Seine Dienstmannen waren nun Ronin, das heißt „herrenlos" geworden und schlössen einen Bund, um den Tod ihres unglücklichen Herrn an Kotsuke zu rächen. In einer kalten, finstern lvinternacht schritten die siebenundvierzig verschwornen ans Merk, drangen in den Palast Kotsukes ein und hieben ihm den Kopf mit demselben Schwerte ab, womit Takumi sich getötet. Sie legten die blutige Trophäe aus das Grab ihres geliebten Herrn und erwarteten mit Ergebung die Beschlüsse der Behörde Aeddos. Der Urteilsspruch lautete, sie müßten als Edelleute durch hara-kiri sterben. Dies geschah, und die Leichen der Getreuen wurden nach Sengakuji gebracht und neben ihrem Herrn beigesetzt. Bald sind zweihundert Jahre seit ihrem tragischen Ende verstrichen, aber immer noch lebt das Andenken der treuen Ronins im Volke fort. Der stille, von hohen Bäumen beschattete Platz ist zur Wallfahrtsstätte geworden, väter bringen ihre kleinen Knaben hierher und erzählen ihnen die Geschichte des unglücklichen Tokumi und seiner treuen Knappen, die für ihn gestorben. Dann schmücken sie mit grünen Zweigen die einzelnen Gräber und lassen hohe Meihrauchwolken aufsteigen zu Ehren der Toten. In Tokio traf ich mit dem jungen Deutsch-Russen von der „Peru" zusammen. Die Sreude war groß, und gemeinschaftlich zogen wir eines Sonntagnachmittags zusammen aus nach Tokios populärstem Tempel, „Asakusa". Schon sein Vorhof bietet täuschende Ähnlichkeit mit einem Jahrmärkte. Da werden Tauben und Spatzen gefüttert, Zähne ausgerissen und Guacksalbermittel angepriesen. Lachend und scherzend läuft das Volk im Tempel aus und ein und reibt sich den Körperteil, der gerade schmerzt, an dem entsprechenden des Gottes Binzuru. Binzuru war ein großer Verehrer des „ewig weiblichen" und sitzt daher gewöhnlich zur Strafe außerhalb der Altarumfriedung. Nichtsdestoweniger genießt er als „Heiler 1 Z 2 Reise einer Schweizerin um die Welt. MUMGMÄM /i / / i WMU« BMW -'HM Thcatersassade in Tokio. aller Übel" eines besonderen Zinses und ist von all dem Reiben beinahe zum unförmlichen Motze geworden. Die Hase besonders zieht sich nicht mehr nach außen, sondern nach inwärts. Die Vorhalle des Tempels ist so mit Laternen. Sahnen, Götzenbildern, chinesischen Trommeln angefüllt, daß man im Hintergründe kaum die Statue der Gnadengöttin Dwanon, welcher der Tempel geweiht ist, unterscheiden kam:. Außerhalb des Tempels reiht sich Bilde an Bilde, Theater an Theater. Die Sassaden letzterer sind mit bunten, eingerahmten Bildern geschmückt, die Szenen aus den gegebenen Stücken darstellen. Der ganze Bau ist natürlich aus Holz, und die Dekorationen sind so einfach, wie es ein japanisches Haus eben ist. Leider habe ich weder Danjuro, Japans berühmten Mimen, noch eines der großen Theater in Tokio gesehen, da Anfang September noch alles geschlossen war. N)as ich daher voin japanischen Theater erzähle, bezieht sich auf kleine Vorstadtbühnen. Es gibt Männer- und Srauentheater. Damit sind nicht die Zuschauer, sondern die Schauspieler gemeint. Im Männertheater spielen junge Männer die Liebhaberinnen und im Srauentheater Srauen alle Männerrollen. Dir neuester Zeit macht sich übrigens auch hier der Einfluß des Abendlandes geltend, und aus den großen Bühnen treten zuweilen schon Männer und Srauen gemeinschaftlich auf. Mich führte der Zufall in ein Srauentheater. Am Eingang kauerte der Billetverkäufer aus einen: Tischchen und händigte uns hölzerne Drettchen als Eintrittskarten ein. wir wurden auf eine Sitzreihe gebracht, die sich unmittelbar an die Logen lehnte, und eroberten vermittelst einiger „Sei:" den Vorteil, auf Mssen zu sitze,:. Der Zuschauerraum ist durch eine,: langen Gang, der von der Bühne ausgeht, in zwei Hälften geteilt. Auf diesem „Steg" werden zuweilen ganze Szenen abgespielt, und er bildet gleichsam ein Bindeglied zwischen Zuschauern und Schauspielern, wenn WWW Im Ueno-Park zur Rirlchblütenzeit. (S. 1Z0.) »E§'L^ - 7<- Z-^- E . s-rMÄA^»,? M^K -d«I«!WW-»x MWA W^.W MMW Das moderne Japan. 1ZZ man bedenkt, daß ein japanisches Stück sich zwölf Stunden nnd länger ausdehnt, muß auch der Leistungsfähigkeit des Publikums alle Anerkennung gezollt werden. Mit dein Ausdrucke der intensivsten Spannung kauert die ganze Lamilie vorn Greise bis zum Säugling aus den Strohmatten, icke und da nur hört man das Ausklopfen eines Pfeifchens, das leise Klirren der Teetassen, das Kratzen der Lßstäbchen in den flachen Lolzschachteln, wo Reis, Eierspeisen und Süßigkeiten zierlich abgeteilt nebeneinander liegen. Zuweilen unterbricht ein klägliches Kinderstimmchen einen hochtragischen Monolog, dann führt Papa oder Mama Kleinchen einen Augenblick heraus oder stopft ihm das Mäulchen mit Süßigkeiten. Sonst herrscht andächtige Stille. Natürlich kamen wir mitten in die Aufführung. In herrlichem, goldgesticktem Kimonostand regungslos eine Sigur auf der Bühne. Das Orchester strich die G cha, ein ehrenwerter Tee. Samisen, und der tckoshige schlug mit Todesverachtung mit Lolzschlägern auf ein hölzernes Brett. Nach langer pause kam eine zweite Gestalt in lang hinschleppendem Kimono. Sie trat an die „Unbewegliche" und klopfte mit Meißel nnd Kammer an ihr herum. N)ar es ein ins Japanische übersetzter Pygmalion? Jedenfalls wurde ihm der Liebesdienst schlecht belohnt, denn die plötzlich aus einer Statue in Sleisch und Blut Verwandelte wandte sich keifend und scheltend gegen ihre Bildnerin. Line ganz sonderbare schwarzverschleierte Gestalt huschte auf der Bühne herum und machte sich häufig bei der tsauptschauspielerin nützlich, zupfte deren Gewand zurecht oder flüsterte ihr leise etwas zu, so daß ich eine „Souffleuse" oder „Garderobiere" in ihr vermutete. Sogar einen „ehrenwerten cha", der nicht zum Stück zu gehören schien, brachte sie nach einer besonders anstrengenden Szene. Ich habe seither gelesen, daß dieses ') Zchlafrockähnliches Gewand. 1Z4 Reise einer Schweizerin um die IVelt. »»> H , In einem sapanischen Dause. „Mädchen für alles" der japanischen Bühne „Mwomba" heißt. Der Dialog spann sich entsetzlich in die Länge, die Mimik war etwas übertrieben, im ganzen aber gut, die stimmen dagegen klangen schrill und unangenehm. Lin heißes Gesecht folgte unmittelbar daraus. Die Amazonen hieben sich, daß die Sanken stoben und das Blut stromweise heruntcrrann. Im Orchester surrten die Samisen und dröhnten die Drioshigen als Begleitung, und entsetzt flohen wir diese Stätte des Lärms und der Katze. Letztere vertrieb mich auch nach dreitägigem Aufenthalt aus Tokio, und ich wandte mich wieder den Bergen zu, nach denen, seit ich Mkko verlassen, meine Sehnsucht ging. Ein Tag in Jokohama ging unter packen und Einkaufen hin, dann war ich reisefertig und machte mich abermals auf den Meg nach .kamakura. Diesmal fuhr ich zweiter Masse. Man lernt dabei etwas mehr das Volk, oder was man bei uns die bessere bürgerliche Masse nennen würde, kennen. In der ersten Masse fährt Inng-Iapan in europäischer Tracht, die ihre Träger noch häßlicher macht, als sie es schon sind, und allein ohne Iran und .Kind. In der zweiten wird der Mmono getragen, die Sandalen werden abgestreift und Weib und Mnd zuweilen mitgenommen. Sreilich geht die btngeniertheit bei der Sitze zuweilen über die Grenze europäischen Anstandes. Ländlich sittlich werden die Mmonos einfach ausgezogen, aus irgend einem Bündel eine Art leinenes Semd hervorgeholt, und ruhig, vor aller Augen, geht die Wandlung vor sich. Als ich einst wieder erster Masse fuhr, stürzten zwei ältliche englische Damen wie von Surien gepeitscht atemlos aus der zweiten Masse zu mir herüber. „SkockwA! läorricl! SkockinZ! Sragen Sie uns nicht, was wir gesehen, erlebt haben." Ich fragte auch nicht, konnte aber aus dem darauf folgenden aufgeregten Gespräch entnehmen, daß es einem Japaner offenbar zu warm geworden war. MM Z«SW Acht«' «err M., der vortrefflich Japanisch spricht, sagte scherzend: „Chrysanthemum", die Dame will dich in ihre Heimat mitnehmen, weit weg in ein Land, wo's nicht nur einen, sondern viele Suji-no-yama ß gibt! Die Kleine schüttelte energisch den Kopf. „Und sie will dir dann einen Gbi schenken, einen wunderschönen, der mindestens hundert yen^) kostet." Chrysanthemum wurde sehr nachdenklich, ihre Augen fingen an zu glänzen, sie sprach eifrig mit ihren Gefährtinnen, und all die Mädchen steckten die Köpfe zusammen. Offenbar aber traute Chrysanthemum der Sache nicht recht, denn als Kerr M. sie abends fragte: „Nun, Kleine, hast du deinen Koffer schon gepackt?" meinte sie: „Erst muß ich das versprechen eines Gbi schriftlich, schwarz auf weiß haben, sonst wird nichts daraus." Und es wurde nichts daraus. Ich reiste den folgenden Tag ohne meine Lhrysan- themumblume ab, der das verpflanzen in ein fremdes Land wohl kaum ersprießlich gewesen wäre. Chrysanthemum. 'NEWA?' y Der bekannte Vulkan in Japan. 2) 1 yen — Lr. 2. Z0. Lolel Kuji-ya in Myanoshita. (5.1Z7.) -tzNMN ^5 ^ . In den Bergen. 1Z9 Mpitel 10. In den Bergen. Sago. Lmüiw-nama, der heilige Berg. Lakone. Ein japanisches Wirtshaus. Mein Zimmer. Tempel Gongen. Zehn-Provinzen-Paß. Atami. Geyser. Lösliche Begrüßungen. Luli-Tram. Tokaido. Zug der Daimios nach Yeddo. Lusi-Pilger. Missionen. Protestanten. Katholiken. Die Legende vom Ledergewand. Runozan-Temxel. Postbote. Lackbäume. Gewinnung des Lackes. Lohe preise der seinen Lackarbeiten. Ankunft in Nagoya. Lloisonnö. G Shiro. Ligashi Longwansi. Makone liegt 9Z0 Meter höher als Miyanoshita. Man gelangt zn Suß, zlt Pferd oder im Tragstuhl, dem sogenannten ä^ago, dorthin. Es gibt zweierlei Mgo: der einheimische, für die biegsamen Mischen der Japaner berechnete, und der europäischamerikanische, wo für die ungelenken Beine der Sremden Fürsorge getragen wird. Letzterer ist unseren Tragstühlen in den Bergen ähnlich und wird von vier Mann an Dambusstangen auf den Schultern getragen. Ich wählte natürlich den europäischen Mgo, da aber die kleinen Japanerkuli sehr unter meiner Last seufzten, stieg ich beim ersten steilen Stück ab, was zur Solge hatte, daß sie mich künftig beim sanftesten Aufstieg einfach abstellten. So wanderte ich wohl oder übel den 2—2'ftstündigen Meg meist zu Suß. Von Ashinoyu, einem sehr beliebten japanischen Schwefelbade, ging's teilweise bergab, und herrliche Ausblicke auf See und Gebirg taten sich auf. Schon war ich an drei Ivochen in Japan gewesen, und immer noch hatte ich vergeblich nach dem heiligen Berge Suji-no-yama ausgespäht. Nun zeigte sich plötzlich seine charakteristische Pyramide. Ich erkannte sie sofort, denn beinahe kein japanischer Gegenstand wird verfertigt, auf dem sein Bild nicht erscheint. Lreilich, der Schnee fehlte auf seinem breiten Raupte, noch waren wir ja Anfang September, und schwüle Litze brütete über Japan. Die Lohe des Suji beträgt Z7Z0 Meter. „Sengen", Tragstuhl und Logo. Unterwegs nach Lakone. 140 Reise einer Schweizerin um die Welt. die Göttin, welche die „Blumen auf die Bäume bringt", ist die Göttin des Berges, und groß ist die Zahl der Pilger und pilgerinnen, welche alljährlich ihr und dem Luji ihre Verehrung darbringen. Bis im Jahre 1867 durfte allerdings kein weiblicher Luß den Gipfel betreten, und bedenklich schüttelten die Japaner den Dopf und prophezeiten einen neuen Ausbruch, als die Gattin des damaligen englischen Gesandten deir Bann brach und kühn die oberste Spitze erklomm, poch der Berg grollte nicht der sürwitzigen Dame, und still blieb er, wie er es seit 1708 gewesen. Damals freilich war er Z6 Tage nacheinander tätig, und die Asche lag 1,80 Meter hoch auf der Tokaido, der großen Landstraße Japans. Leider brachte ich es nicht auf den Luji, das unbeständige Wetter hielt mich hauptsächlich davon ab. Zwei Tage lang aber war er in lsakone mein entschieden Lüche. -HM ^ ' launisches Gegenüber, das sich sehr oft hinter Wolken empfahl. In der Lrühe nur strahlte Luji-no-pama in seiner ganzen, stolzen, einsamen Größe und spiegelte sein breites H>aupt in den blauen durchsichtigen Linien des lsakone-Sees. Des Abends umwand ihn wohl die Blumengöttin Sengen mit einem rosigen Blütenkranz. Das Gasthaus Tsuji-pa steht auf einer Mauer unmittelbar am See. Tinc meilen- lange herrliche Allee dunkler Drpptomerien führt links an einer kaiserlichen Residenz vorbei nach dem stattlichen Llecken Gallone. Rechts vom Gasthaus führt der Weg den See entlang nach dem kleinen Dorf Moto-lsakone. Die Jadopa st, deren einziger Gast ich augenblicklich war, hatte etwas amerikanisch-europäische Dultur angenommen. Immerhin war sie noch echt japanisch genug, um mir im Laufe der Tage einige sonderbare, nicht alle zu veröffentlichende Überraschungen zu bringen. ') Ländliches Wirtshaus. ü>n den Bergen. 141 Mein Zimmer bestand aus drei Abteilungen. Die vorderste ist eine Art Veranda, die beinahe in den See hinausgebant ist und eine entzückende Aussieht bietet. Die Möb- lierung ist einfach genug: ein Stuhl und ein Tisch, beides euro- päischeMöbel.Lehterer stellte je na ch den Tageszeiten meinen Schreib-, Tsz- und Waschtisch vor. Line möbellose Abteilung folgt, wenn man nicht eine schöne Blumenvase und eine Art Gsenschirm als solche rechnen will. DenBoden bedeckt eine hübsche. Zierlich geflochtene Strohmatte, die ich nur in Strümpfen betreten durfte. Line mit stilvollen Dranichen bemalte Papierwand trennte mich von meinen Nachbarn. Natürlich läßt sie sich nicht abschließen, nur auseinanderschieben, so daß ich von dieser Seite stets Besuch gewärtigen konnte. In der dritten Abteilung endlich steht eine niedrige H>olz- pritsche, ebenfalls ein Zugeständnis sür die Ansprüche der Sremden, denn die Japaner pflegen sich in Decken gewickelt aus ihre Strohmatten zu legen. Die Srauen nehmen zur Schonung ihrer meist sehr hübschen Srisur, die jedoch nur einmal wöchentlich gemacht wird, einen kleinen Dopsschemel, „Makura" genannt, unter den Nacken. Mein Lager wäre insoweit ganz befriedigend gewesen, wenn nicht die bunten wissen und Decken einen so sonderbaren Geruch gehabt hätten, der mich nachts oft aufweckte. Dann hörte ich draußen trapp, trapp, Trepp auf und ab gehen mit klappernden lsolzschuhen oder im llachbarzimmer aus bloßen Süßen herumhuschen. Als ich früh aufwachte, stand der Boy vor meinem Bette. Ohne weitere Anmeldung hatte er sachte die Wände auseinandergeschoben, grinste und redete eifrig auf mich ein, wobei er immer wieder das Wort „Suro" wiederholte. Erschrocken starrte ich ihn an, meine Phantasie hatte Suro schon in das lateinische tur, Dieb, verwandelt. Doch nein, jetzt wußte ich es ja: „furo" bedeutet japanisch „Bad oder Badewanne". Da tags zuvor die kleinen Nesans meine ausschließliche Bedienung gebildet hatten, so war ich eigentlich überrascht, gerade den Bop als Begleitung zum Lade zu bekommen, vielleicht hatte sich G take-san tz (Sräulein Bambus) verschlafen. Ich folgte Bop-san. Anten stand mein Bad, ein großer Zuber mit so heißen: Wasser, daß man leicht i) Ü) ist die Partikel, welche als Höflichkeitsform vor viele Hauptwörter gesetzt wird. Take ist das japanische Wort für Bambus. 2an bedeutet: Herr, Lrau oder Lräulcin und wird allen Eigennamen angehängt. Am Dakonc-8ee. Rcise einer Schweizerin um die Welt. Krebse darin hätte sieden können. Den Bop-san schob ich hinaus und eine papierene Türe zu. Letztere ist auch ein Zugeständnis an europäische Prüderie, denn als ich abends zuvor durch Moto Hakone gegangen, hatten Männlein und Weiblein vor aller Augen in ihren Badewannen gesessen. Gallone besitzt einen Tempel, der mir einen ganz besonderen Eindruck machte, obschon er sich nicht entfernt mit den kunstvollen Heiligtümern in Nikko messen darf. „Gongen" ist sein Name. jedesmal, wenn ich durch die graue, verwitterte, bemooste Torii den Tempelbezirk betrat und die Zweige des alten Krpptomerienhaines mich in grüne Dämmerung hüllten, mußte ich an Böcklin denken. Ähnlich wie Schiller, der die Schweiz nie gesehen und doch den Wilhelm Teil schuf, müssen ihm Japans heilige Haine bei seinen Schöpfungen vorgeschwebt sein. Am Suß der langen Granittreppe steht ein Brunnenhäuschen, an dessen Dache mit japanischer Schrift bemalte Handtücher hängen. Es sind Stiftungen frommer Japaner, denn laut Religionsvorschrift muß jeder sich vor dem Gebete die Hände waschen. Gben an der vielstufigen Treppe steht eine zweite Torii, und überraschend liegt nun der weite grüne Tempelgrund, in eine tiefe Bergmulde gebettet, vor dem Besucher. Bäume stehen als stille Wächter rings herum. Bäume ziehen sich amphitheatralisch den ganzen Berg hinan, japanische Eichen, Kastanien, Söhren, Pinien, Krpptomerien, auch Ahorn, der schon sich herbstlich gelb und rot zu färben begann. So uralt und mächtig ist hier der Wald, wie man ihn sonst außer in Kalifornien nirgends aus der Welt findet. Sarren und weiches Moos bilden einen feuchten Teppich, alles ist tief grün. bis auf das satte Rot des Tempels, um den sich eine bemooste Sraniteinzäunung zieht. Totenstille herrschte, hie und da zwitscherte ein Vogel, zirpte eine Grille, hie und da auch stand ein einsamer Beter plötzlich vor mir, dessen Tritt im weichen Moose ungehört verhallt war. Ein Schlag aus den Gong am Tempel, um der Gottheit seine Anwesenheit zu melden, ein kurzes Gebet, dann schritt er ebenso leise wieder den Berg hinunter, und abermals blieb ich einsam im Tempel Gongen. Ich hatte beschlossen, den fünfstündigen Marsch über den Zehn-Provinzenpaß nach Atami zu Suß zu machen, und mir einen Kuli als Sichrer und zugleich Träger meines kleinen Gepäckes bestellt. Srüh um sechs Uhr marschierten wir ab, zunächst durch die herrliche Krpptomerienallee nach dem Städtchen Hakone, wo ich wie ein wildes Tier begafft wurde, da die Japaner sehr schlechte Sußgänger sind und nicht begreifen, daß man ohne Notwendigkeit marschiert, wenn man sich tragen lassen kann. Zwischen zwei Hecken ging's zunächst ziemlich steil aufwärts bis zu einem Bergrücken, wo man hinunterblickte aus die See, aus Cnoshima und die Insel vriesland. vor allem Iaxanische Landleute. Eingang zum Tempel Gongen mit Toni. (5.142.) In den Bergen. 14I winkt die schöne stolze Pprainide des Suji in strahlender Klarheit hinüber. Es war ein göttlicher Tag! Bald schon mußten wir uns auf schmalem Pfade durch taunasses Bambu-gebüsch winden, das oft hoch über unseren Soupiern zusammenschlug. Sie und da schlüpfte eine Schlange hervor oder lag quer vor unsern Äßen, was jedesmal bei meinem äMli einen ^vchreckensschrei und einen gewaltigen Sprung nach rückwärts zur Solge hatte. Ein Tapferer war er entschieden nicht. Lang dehnte sich der N)eg bis zur Paßhöhe aus, die durch einen großen Stein markiert wird. Ls sind darauf die zehn Provinzen bezeichnet, auf die man von hier aus blicken kann. Daher der Name Zehn-Provinzenpaß, japanisch Iikkoku-toge. Ich habe sie nicht gezählt, mir genügte die wundervolle Aussicht aufs Meer und die Buchten, Inseln, Salbinseln und Bergreihen, eine Aussicht, die man sich einprägen möchte auf Lebenszeit. Schade, daß man so menschlich ist! Mich quälte der Durst entsetzlich und ließ mich schneller, als ich es eigentlich gewünscht hätte, abwärts dem nächsten und einzigen Teehause auf dem langen Marsche zueilen. Der schmeckte! Ich zählte nicht mehr nach Tassen, sondern nach bannen! Bis dahin war der ganze Marsch nur Genuß und Sreude gewesen, nun aber begann ein steiniger, halsbrechender Abstieg, der sich endlos ausdehnte und wobei meine glatten, ungenagelten Schuhe mich immer wieder ins Gleiten brachten. Mwz vor Atami kamen wir abermals an einen heiligen Sain, dessen Saupt- bestand diesmal riesige Kampferbäume bilden. Ein klarer Bach durcheilt den an Sarren reichen Tempelgrund, an dessen Master eine hohe, leuchtend rote, mir bis jetzt völlig fremde Blume blühte. Ich sah sie später gleich Unkraut in der Umgebung von Düoto, wo sie gepflückt, getrocknet und glaub' ich zu Tee verwandt wird. Ihr Name ist: Tiokoriu ruciiutu. Sie ist eine 44nollenpflanze, treibt einen fleischigen, dicken und hohen Stengel, an dem acht bis neun schöne feurig rote Blüten mit langen Staubfäden doldenförmig sitzen. Größe, Blumenzahl und borm erinnerten mich lebhaft an unsere bekannten blauen ^Zupumkus. Blätter habe ich keine gesehen, sie erscheinen wohl erst nach der Blüte. Als ich eine Blume schnitt, schlüpfte mir eine schöne Schlange unter der Sand hervor, sie schillerte braungolden und hatte einen grünen 44opf. Müde und sonnenverbrannt kam ich mittags in Atami, im europäischen Bedürfnissen entsprechenden Sotel Siguchi an. Atami ist ein beliebter Minterausenthalt, da es durch einen ll^ranz grüner Berge vor Nordwinden geschützt ist. Das Städtchen liegt an der sichelförmigen Meeresbucht. Es hat eine große Naturmerkwürdigkeit, einen Gepser, der ganz regelmäßig alle vier Stunden ausbricht und jedesmal, wenn ich nicht irre, 40. bis Z0 Minuten „spielt". Sein Dampf enthält heilsame Salz- und Schwefelelemente, und das hat die Behörde Am Strande von Atami M 144 Reise einer Schweizerin um die Welt. von Atami weise benutzt, um einen Teil des Geysers in ein Inhalationshaus zu bannen. Um den Geyser zieht sich eine Wand mit daran aus bequemer Höhe angebrachten runden Löchern, aus denen der Dampf strömt. Vor diesen sieht man jeweilen zur bestimmten Zeit hals- und lungenkranke Menschen mit offenem Munde stehen. Jedenfalls eine einfache und billige Kuranstalt! Ein Spaziergang am strande zeigte mir, daß Atami hauptsächlich vom Fischfang sich ernährt. Ganze Selber getrockneter Sische waren überall ausgebreitet, und an hohen Gestellen baumelte, zu grausen Klumpen geballt, das unappetitliche Geschlecht der Tintenfische. Abends und nachts wird hauptsächlich gefischt, und all die mit bunten Laternen beleuchteten Sampans nehmen sich vom Hotel wie eine festlich illuminierte IVasserstadt aus. Um wieder ins Bereich des Schienenstranges zu gelangen, mußte ich ein ganz neues Verkehrsmittel benutzen, einen sogenannten Kuli-Tram. Ulan wollte ihn mir in Atami nicht besonders rühmen, behauptete, er wäre lebensgefährlich und würde demnächst polizeilich verboten werden u. s. w. Ich mußte aber meines Gepäckes wegen, das ich dort gelassen, nach Kozu zurück, wollte auch nicht abermals den Zehn- Provinzenpaß nach Miyanoshita benutzen, und so vertraute ich mich dem „Kuli- . Tram" an. Als ich frühmorgens den sogenannt vierplätzigen Miniaturomnibus zu Gesichte bekam, kaufte ich mir wohlweislich zwei Plätze. Meine Wagengefährten waren eine alte Japanerin, ihre kleine Enkelin und ein jüngerer Mann. Vorläufig machten sich die beiden noch ihre zeremoniellen, tiefen Verbeugungen, mit denen sie bei jedem europäischen Kose Ehre eingelegt hätten, und welche die festgesetzte Abfahrtszeit noch etwas mehr hinausschob. Als nsc plus Ultra aller Höflichkeit ziehen bei solchen Begrüßungen die Japaner die Luft kräftig in die Uase hinaus, was einen seufzend pfeifenden, eigentümlichen Ton gibt. Unsere Jährt dauerte vier Stunden. An- Unter getrockneten Fischen. fangs führte sie steil den Berg hinan, und unsere Kulis, 6—8 an der Zahl, mußten aus Leibeskräften den sich aus Schienen bewegenden Wagen schieben. Die Straße bot einen schönen Aussichtspunkt nach dem anderen, da die See immer tiefer zu unseren Süßen blau schimmerte, immer wieder neue Inseln und Buchten sich zeigten. Gben angelangt, begann der aufregende Teil der Reise. Die Kulis kletterten alle auf den Wagen, der schwerbeladen, sichrer- und bremsenlos in rasendem Tempo um die Ecken der steilen Bergstraße hinuntersauste, wobei uns Hören und Sehen verging. Nerven darf man im Kuli-llram nicht haben. Gdawara heißt der Grt, wo wir endlich heil abgeliefert wurden. Wir waren fünf Wagen voll angekommen, doch Lösliche Begrüßung. (S. 144.) den Bergen. 14Z außer mir keine Europäer, und so erfreute ich mich inGdawara leider einer ungeteilten Au fmerksamkeit seitens der Bevölkerung. Sie drängte sich mir nach ins Teehaus, nahm regen Anteil an meinem „cha", begleitete mich zum Billet- schalter und verließ mich erst, als mich der elektrische Tram nach Nozu entführte. Verkehrsader. Rulis und Fischer. Dort war ich wieder auf der sogenannten Lokaido, der großen Das lVort Tokaido bedeutet „östlicher Seeweg". Den Damen bekam er in alter Zeit, weil er östlich von Nioto, der damaligen Hauptstadt und deshalb als Ausgangspunkt des Reiches betrachtet, dem Meere entlang lies. Zweimal jährlich bewegten sich die altjapanischen Feudalherren, „Daimios" genannt, in glänzendem Auszuge durch die Tokaido nach Jeddo, um dem Shogun ihre Aufwartung zu machen und Geschenke zu überbringen. Damals reihte sich längs der Straße Dorf an Dorf, Teehaus an Teehaus, und herrliche Bäume beschatteten den IVeg aus beiden leiten. Es gab 2ZZ Daimios, und groß war die Zahl ihres bewaffneten Gefolges. Die Straßen-Ctikette wurde streng gehandhabt. IVenn zwei Prinzen mit ihrem Gefolge sich begegneten, mußte der ärmere — das Vermögen des einzelnen wurde durch die Regierung kontrolliert und veröffentlicht — seinen Trag- sessel verlassen und sich bescheiden mit seinem Trosse zur Leite ziehen, um dem andern freien Raum zu geben. Seit 1889 führt die Eisenbahn von Tokio nach Nioto, und wozu ehemals 12 bis 1Z Tage zu Suß erforderlich waren, das wird jetzt in 17 Stunden zurückgelegt. Ich reiste einige Stunden lang mit einem deutsch-amerikanischen Missionar, der mir manches erzählte, was mich interessierte und ich seither in Büchern über die evangelische Mission in Japan bestätigt fand. Im Jahre 1872 erst wurde in Yokohama die erste evangelisch-christliche Gemeinde gegründet. Sie zählte anfangs nur 9 Mitglieder. Bei der für alles Neue leicht begeisterten Gemütsart der Japaner war es aber begreiflich, daß sie schnell die neue Lehre erfaßten, besonders auch, weil sie glaubten, durch Annahme des Christentums leichter in dem verband der zivilisierten Nationen Aufnahme zu finden. Es wurden Missionsgesellschaften gegründet, namentlich ct. von Rodt, Reise um die Welt. 1l) 146 Reise einer Schweizerin um die Welt. Reisanpflanzung. amerikanische. Line theologische /Hochschule, die Doshisha, entstand in Lioto auf Anregung eines japanischen Christen I. H. Nishima, die Bibel wurde ins Japanische übersetzt, Methodistenschulen errichtet und auch die Srauenmission wirkte segensreich. Ende der Achtzigerjahre erreichte die wohlwollende Stimmung für das evangelische Christentum ihren Gipfelpunkt. Die neue Religion wurde Mode in Japan, ja, es gehörte zum guten Ton, daß vornehme Samilien ihre Töchter in die Missionsschulen schickten. Da fand im Jahre 1889—1890 ein Umschwung statt. Die sremdenfeind- liche Stimmung, die in Japan infolge politischer Ereignisse eingetreten war, wandte sich auch gegen die Evangelischen. Die japanischen Missionare gaben sich völlig ihren patriotischen Gefühlen hin, stimmten in den allgemeinen Ruf „Japan für die Japaner" ein und entzweiten sich namentlich mit den amerikanischen Brudern. Die Geschichte der Verbreitung des Katholizismus in Japan ist eng mit dem Schicksal der seit 1Z4Z ins Land gekommenen Portugiesen verknüpft. Jenem ersten Schisse, von dem ich erzählt, waren bald Ansiedler gefolgt, denen die Japaner die gastfreundlichste Ausnahme gewährten. Der Handel kam mächtig in Schwung, und die Portugiesen verdienten dabei hundert Prozent. Unmittelbar nach den Lausleuten kamen die Glaubensboten, als erster Sranz Immer, der Mitbegründer des Jesuitenordens. Dieser wahrhaft bedeutende Mann gewann durch seine Demut, sein tugendhaftes Leben, seine Uneigennützigkeit und seine Freigebigkeit die Herzen der Japaner. Die Bekehrungen erfolgten zu Tausenden, drei mächtige Sürsten ließen sich zum Christentum bekehren, und binnen wenigen Jahren zählte der neue Glauben bei 600,000 Anhänger. Als Sranz Immer Japan verließ, um schon im nächsten Jahre am perlslusse unweit von Macao zu sterben, schien das Merk der Bekehrung gesichert zu sein. Furi-no-yama. (S. 1ZS.) LW-> '^^ÜL ^ >> . > V. -?E '-AZMA 148 Reise einer Schweizerin um die Welt. Diese günstigen Verhältnisse änderten sich bald, und zwar durch die 5chuld der Glaubensboten selber. Den klugen Jesuiten drängten sich ungestümere Grden nach, Dominikaner, Augustiner und Lranziskaner. blicht genug, daß diese roheren Mönche wie Sanatiker bekehrten, gaben sie durch ihren Hochmut, ihre Prachtliebe und ihre Goldgier täglichen Anstoß. Sie und die portugiesischen Kaufleute machten sich zudem durch ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes verhaßt. Als daher 1Z98 der kräftige Iyepasu aus den Thron der Shogune gelangte, richtete er seine Macht gegen die Thristen. Zu Tausenden wurden sie während der nun folgenden vierzig Jahre gefoltert, enthauptet, gehängt, gekreuzigt, in siedende Teiche gestürzt. Sreudig gingen sie alle in den Tod und erregten durch ihre Sündhaftigkeit selbst bei ihren Henkern Bewunderung und Mitgefühl. Nur in der Umgegend von Uagasaki hatten sich von der damaligen großen Schar katholischer Christen einige Samilien erhalten, die im Schutze unzugänglicher Berge ihrem Glauben heimlich weiter lebten. Mährend der Lhristenverfolgungen war ein Verbot an alle Japaner ergangen, mit dem Auslande fernerhin Handel zu treiben. Auf allen Bergen baute man Machthäuser und besetzte sie mit Soldaten. Segelte ein fremdes schiff gegen die Küste heran, so loderten aus allen Höhen Alarmfeuer, und jede Landung war verboten. von dieser Zeit an war Japan ruhig und in gewisser Beziehung glücklich. Die Abschließung des Landes zwang die Lingebornen, die Mehrzahl der Gegenstände, die ihnen früher die fremde Industrie geliefert hatte, selbst herzustellen. Indem es sich in den Künsten vervollkommnete und den Boden seines Vaterlandes durchsuchte, fand dieses verständige Volk bald genügend Ersatz für die hauptsächlichsten Erzeugnisse des Auslandes. Als im Jahre 1876 volle Religionsfreiheit eintrat, blühte auch die römisch- katholische Mission bald wieder auf. Sie hat jetzt einen Crzbischof in Tokio und Bischöfe in Gsaka, Nagasaki und Hakodate und zählt ungefähr Z4,0l)0 Anhänger. Die Arbeit liegt in den Händen der Pariser Missionsgesellschaft, die Missionare sind meist Sranzosen. Da es mir auf meiner Bergtour so ausgezeichnet ergangen, wollte ich mich noch etwas länger abseits von der großen Touristen-Heeres- straße halten, reist sich's doch in Japan ebenso sicher, beinahe sicherer als in Europa. So stieg ich denn in Gkitsu, einem kleinen Nest an der See, aus und sah mir zunächst die mit Matsu beschatteteLandzungeMio-no-Matsubara an. Lines der hübschesten poetischen Werke der Japaner, „Das Sedergewand" betitelt, spielt sich dort ab: „Ein Sischer, der am Strande von Mio- no-Matsubara landet, findet an einem Matsu Postbote der Daimios. In den Bergen. 149 hängend ein Ledergewand. Erfreut über den kostbaren Schah, ist er im Begriff, ihn davonzutragen, als eine schöne Lee plötzlich erscheint und ihn bittet, ihr das Meid zurückzugeben. „Es ist mein Eigentum und ohne dasselbe kann ich nicht mehr in den Mond zurückfliegen, wo ich zu der Dienerinnenschar der dreißig Lürsten gehöre, welche diesen lsimmelskörper beherrschen." Zuerst weigerte sich der Lischer. Die Lee weinte und flehte und versprach schließlich, ihm einen der Reigen vorzutanzen. die nur die Unsterblichen kennen. Da gab der Lischer nach. Die Lee aber hüllte sich in ihr Lederkleid und tanzte unter den Matsu- bäumen am Strande, und himmlische Musik und köstliche Wohlgerüche erfüllten die Luft. Dann erfaßte ein sanfter Zephir ihre Llügel, und sie schwang sich gen Limmel empor, vorbei am Berg Ashitaka, vorbei am Luji, bis sie den Blicken des Lischers aus ewig entschwand." Zwei Jinrikisha-Bops brachten mich in schnellein Trabe am Sei-Kenji-Tempel und an Cjiri vorbei nach Shizuoka. Ljiri ist der Tchpus eines jener provinzialstädtchen, die blühten, als die Tokaido noch zu Pferde und zu Luß begangen wurde. Sie teilt das Geschick unserer früher zur Zeit der Postwagen vielbesuchten, jetzt abseits des Schienenstranges liegen gelassenen Ortschaften. In Shizuoka fand ich einen Gasthos europäischen Stiles, aber schlecht und teurer als das Oruncl KlSiel in Pokohama. Interessant dagegen war am folgenden Morgen die lange Riksha-Lahrt nach dem Kunozan-Tempel. Es war ein herrlicher Tag, und Luji-no-pama strahlte während des ganzen Ausfluges in vollster Glorie. Die Straße war sehr belebt- Gemüse und Lische wurden massenhaft zur Stadt gebracht. Die Lrauen trugen meist eine lange Stange auf der Schulter, an deren beiden Enden zwei wohlgesüllte Körbe balancierten. Dazwischen mußten wir uns an vom Exerzieren heimkehrenden Soldaten vorbei- drängen. Die kleinen, gelben Burschen in blendend weißen Uniformen mit gelbein Band an der Mütze sehen stramm und wohlgedrillt aus. Aus leichten Strohsandalen holte uns immer wieder der Postbote ein. Er war zwar etwas mehr gekleidet, als jener Lote der alten Daimios, dessen Bild ich hier bringe, trug auch eine regelrechte Posttasche, aber er schritt ebenso kräftig aus, wie sein Vorgänger, und auch in den Städten fiel mir der rasche Schritt der japanischen Postboten stets aus. Die Post in Japan ist ausgezeichnet. Mit wahrhaft rührender Pünktlichkeit erhielt ich Briefe und Karten nachgeschickt, alle mit kleinen beschriebenen Zettelchen beklebt, die vermutlich angeben sollten, durch welche Postämter sie schon gelaufen waren. Auch hier fielen mir die schön bebauten Leider wieder aus, diesmal war's besonders Reis und Zuckerrohr. In Japan blüht noch die Landwirtschaft, weil die Arbeitslöhne sehr gering sind. vierzig Prozent Landwirte bewirtschaften ihre eigenen Leider, die selten größer sind als ein halber „Morgen". Lür den Staat ist die Landwirtschaft von größter Bedeutung, denn sie liefert ihm bis achtzig Prozent der Einnahmen. Sorgfältige Bearbeitung des Bodens und künstliche Bewässerung und Cntwässerung bringen diese glänzenden Resultate hervor. Gbschon es häufig regnet, sind überall Reservoirs, wo das in der Regenzeit fallende Wasser gesammelt wird. Dadurch verhindert man 160 Reise einer Schweizerin um die Welt. einigermaßen die Überschwemmung des Tieflandes und hat genügend Wasser für die trockenen Monate. Endlich war ich am Süße des Berges Hunozan angelangt, und einer Sestung gleich schauten die Tempelgebäude aus mich nieder. Mir graute vor den tausend hohen Stufen, die mich zum Heiligtums bringen sollten, aber da half kein Zögern. Einen Jinrikisha-Bop nahm ich mit, der andere hütete das Wägelchen. Schöne Bäume wuchsen am Bergeshang. Teilweise waren's Sackbäume. Man hatte soeben bogenförmige Einschnitte in ihre Stämme gemacht. Der Lackbaum (Nkus vernioilsra), japanisch Urushi-no-ki, erreicht eine Höhe von acht bis zehn Meter und ein Alter von vierzig Zähren, einen Umfang von über einem Meter. Er trägt eine schöne äürone mit mehr als meterlangen, prachtvollen gefiederten Blättern. Im Juni erscheinen die schlaffen, gelbgrünen Blütentrauben, im Oktober reisen die ebenfalls gelbgrünen Srüchte. Der Baum wird gewöhnlich im achten oder zehnten Lebensjahre angeritzt zur Gewinnung des Lacks. Japanische Lackwaren sind auch in der Schweiz nahezu in jedem Haushalte vertreten, und so möchte vielleicht etwas Näheres über Lack und seine Gewinnung die einen oder andern interessieren. wenn der Baum zum erstenmal, und zwar im Hochsommer, da das Material zu dieser Zeit das beste ist, seinen Lack hergeben muß, so werden am unteren Ende des Stammes mehrere etwa zwei Millimeter breite Einschnitte mit einem besonderen Messer gemacht. Einige Tage später erweitert und kratzt man diese Ritze etwas aus, und eine graugrüne Masse kommt aus dein Baume hervor, die später schwarz wird. Nach fünf Tagen wird wieder gekratzt, und so 16- bis 20mal im Lause des Sommers. Man kann auch die Äste ritzen, doch geben diese eine schlechte Lackqualität. Ein einzelner Baum liefert während seiner Lebensdauer, die durch diese Behandlung eine beschränkte wird, nicht mehr als höchstens 60 Gramm Rohlack. Dieser muß geklärt, filtriert und zerrieben werden, und Zinnober, perillaöl, Eisenvitriol u. s. w. werden ihm beigefügt. Zur Verarbeitung des Lacks sind zwei Arbeiter erforderlich. Der eine macht die Grundierungen und liefert die gewöhnlichen Lackarbeiten, der andere malt mittelst Gold- und Silberstaub die Bilder und Verzierungen auf den schwarzen oder roten Grund. Unter diesen Malern gibt es Künstler, die oft eine acht- bis zehnjährige Lehrzeit durchzumachen haben. Im 1D Jahrhundert war die Blütezeit der Lackkunst, aus dieser Zeit stammen Arbeiten, die jetzt einen unbezahlbaren Wert haben. Später, namentlich gegen Ende des XIX. Jahrhunderts, war die Nachfrage in Europa so groß, daß die billige Aussicht vom Lunozan-Tempel aus das Dors üekoya. Bauern beim Regenwetter. 162 Reise einer Schweizerin um die Welt. Dutzendarbeit begann. IVie billig diese Lackwaren sind, wissen wir alle, wie teuer sie in Japan sein können, erfuhr ich dort. N)ie > erstaunte ich, als ich einmal nach dem preise eines niedlichen Lackdöschens fragte. „Zweihundert Jen" lautete die Antwort. Es war ein kleines Kunstwerk, wie tadellos in der (Qualität des Lacks und der Ausführung, sah ich erst recht, als ich ein minderwertiges Ding daneben stellte. Der Japaner zieht Lackkunstwerke allen andern vor und gibt große Summen dafür aus. Gegenwärtig hat sich die Nunst der seinen Gold-Lackmalerei wieder sehr gehoben und erzielt hohe preise. läufig die Aussicht bewundernd, die sich zu meinen Süßen immer weiter und großartiger ausbreitete, war ich allmählich die in Sels eingehauenen Stufen zur ersten Torii und einer Terrasse emporgeklommen, wo ein heiliger lNatsu seine Äste weithin ausbreitet. Tief unter mir lag jetzt das Dörfchen Nekoya mit seinen lichtgrünen Zucker- und Reisfeldern, und etwas weiter schimmerte die See und eine Reihe Vorgebirge. Abermals begannen neue Stufen, steiler, höher als die vorherigen. Sie führen zu den Tempeln, welche die Vorbilder derjenigen von Nikko bilden. Aus Nunozan war zuerst der große Shogun Ipepasu beerdigt worden, hier ist auch noch sein steinernes Grab. viele glauben, sein Körper ruhe noch darin, und nur ein einziges lsaar sei nach llikko gebracht worden. Das erste Gebäude ist der Stall des heiligen Pferdes, welches hier ein hölzernes ist. Lin heiliger Brunnen steht davor, aus welchem mir ein Bonze *) mit hölzerner äitelle lVasser in die hohle lsand schöpfte, woraus ein Gbolus erwartet wurde. Der Tempelbesuch in Japan ist überhaupt kein ganz billiges Vergnügen, da vor jedem einzelnen Gebäude etwas Besonderes gezeigt wird, und jedesmal ein trinkgeldheischender Priester oder Laie davorsteht. Auch das beständige Schuhe-Ausziehen und -Anziehen ist besonders beim Regenwetter eine sehr lästige Arbeit, nochmals eine Treppenflucht! Jetzt bin ich bei dem „Trommelturm" und der ursprünglich fünfstöckigen Pagode, welche der Shintoismus zu einer einstöckigen vereinfachte. In der Nähe steht das Schatzhaus mit kostbaren Rüstungen und Priestergewändern, ein Gebäude, wo die heiligen Speisen zubereitet werden, und der eigentliche Tempel, ein rotbemaltes H>aus, inwendig in Gold und Schwarz verziert. Tin Priester drückte mir zwei in Papier gewickelte, zierlich dekorierte Bonbons in die lsand, das eine weiß, das andere rosa. Priester. - ) Priester. den Bergen. wandernder Gemüsehändler. (2. 148.) Zu Ehren der Tokugawa-Shogune, und insbesondere des großen Iyeyasu, tragen sie deren Wappen, die drei Asarum-Blätter. Daß dafür ein Lptratrinkgeld erwartet wurde, ist selbstverständlich. Auf der Rückfahrt überredeten mich meine Boys zu einem Umwege, der mich in den Tempel der Blumen- und Sujigöttin Sengen brachte. Dort feiert die Holzschneidekunst wahre Triumphe. Jedenfalls ist der Tempel ein sehr populärer, der Tempelgrund ist ein öffentlicher Lustgarten mit Teehäusern, Verkaufsbuden und Binder- spielplätzen. Auch hier werden wie in Asakusa Tauben gefüttert. Nachmittags fuhr ich weiter, Nagopa zu. Die Eisenbahn läuft meist der See entlang und gewährt entzückende Ausblicke aus die blaue INeeresfläche und die kleinen, grünen Inselchen, die allenthalben daraus emporsteigen. Leider begann es bald zu regnen, und bis zur Nase verhüllt trat ich die Sahrt vom Bahnhof zum H>otel an. Die Jinrikisha-Boys lassen bei solchen Gelegenheiten ein lsalbverdeck an ihren Wägelchen hinunter und knüpfen eine Gummidecke bis unter das Dach vor. So vermeint man, in Abrahams Schoß zu sitzen, und doch findet bei alledem ein japanischer Platzregen Mittel und Wege, einzudringen. Da es so heftig regnete, ging ich zu einem Lloisonnö-Dünstler und -Verkäufer in der Nachbarschaft. Jene Dunst, die ursprünglich den Byzantinern zugeschrieben wurde, fand in Lhina ihren Eingang im vierzehnten, in Japan im sechzehnten Jahrhundert. Japan leistet namentlich in der Neuzeit Großes in Lloisonnö. Das Auge kann sich nicht satt sehen an den zarten Abtönungen der Deckfarben und Lazuren) an der Schönheit der Zeichnung, die vorzugsweise Blumen und Tiere zum vorwürfe nimmt. Aus einfachen kolzkästen brachte der Mann eine Vase nach der anderen hervor, wickelte sie sorgfältig aus ihren Seidenpapierhüllen und stellte sie vor mich auf den Tisch. , »»s ii LM-8 NÄM I^WO-sK ' ^ LMZM WW L> Ghiro in Nagoya. (S. 1SS.) ün den Bergen. 1ZZ „Wie viel kostet das?" Ich denke an den Effekt, den diese Vase mit den wunderbar schimmernden Goldfischen auf blauem Meeresgrund in meinen vier wänden machen würde. „Achtzig Am!" Ich greife nach einem anderen, anscheinend bescheideneren Stücke. „Zweihundert Aen!" Seufzend gebe ich den Handel auf. Nachträglich bereue ich. nicht wenigstens ein kleines Stück gekauft zu haben. Den folgenden Morgen fuhr ich mit einem Empfehlungsschreiben, das Herr M. mir in Tokio erwirkt, nach dem Schloß — G Shiro lautet der japanische Name — einem der bizarrsten Gebäude, das ich jemals gesehen. Es find fünf Häuser aufeinander, die sich nach oben verjüngen und eine unerhörte Verschwendung von geschweiften Dächern ausweisen. Dazwischen kommen weiße Mauerstreifen, in denen eine Menge kleiner Fensteröffnungen angebracht sind. Das oberste Dach schmücken zwei goldene Delphine, von denen der eine ein sonderbares Abenteuer erlebt hat. Er wurde im Jahre 187Z an die Wiener Ausstellung gesandt und erlitt auf der Rückreise mit dem Dampfer „llil", welcher der iVlessuZeris maritime angehörte, Schiffbruch. Mit großer Mühe nur konnte er aus dem, einem goldenen Delphin durchaus nicht zuträglichen, nassen Elemente gehoben werden, und thront nun zur Sreude aller wieder mit seinem Bruder vereint aus der Zinne des Schlosses zu Nagoya. Jeder der beiden Delphine hat eine Höhe von 2,60 Metern. Das Schloß wurde im Jahre 1610 durch zwanzig Daimios als Residenz für den Sohn des Shogun Iyepasu erbaut. Als die Herrschaft der Shogune und Damnos zu Ende ging, wurde Schloß Nagopa Sitz des Militärdepartementes und litt sehr unter der Behandlung unkunstsinniger Gffiziere und Soldaten. Ein schöner Tempel ist der buddhistische Higashi Hongwanji, von vornehmem Aussehen durch seine stolze Abgeschlossenheit innerhalb hoher Mauern, durch seine ruhige Sarbe und die ehrwürdigen, schönen Matsu, die seinen Hos beschatten, vornehm einfach ist auch die innere Ausstattung der Tempelgebäude. von Nagopa ging's nach Moto, der alten Hauptstadt Japans, wo ich ein fröhliches wiedersehen mit meinen lieben Sreunden I. feierte, die unterdessen den Süden des Landes bereist hatten. 156 Reise einer Schweizerin um die Welt. Capitel 11. Rioko^ öle alte Hauptstaöt. Latsuka-garva-Stromichnellcn. Unser Führer. Geschichte Niotos. Bei den Geishas. Musikinstrumente. In der Geisha-Schule. Rekruten. Mikado-Palast. Amaterasu's-Spiegcl. Blumenliebe der Iapaner. Ratsura-Garten. Mso-Palast. Industrie in Lioto. Iapanische Künstler. Buddhisten-Begräbnis. Echon früh ain nächsten Morgen zog ich mit der Samilie I. und deren sichrer nach dein Dorfe Hozu, wo die Stromschnellen von Latsura-gawa beginnen. Lin vorherbestelltes, großes, aus biegsamen Brettern gefügtes Boot wartete unser, lind nun ging's hinein in die Strömung. Unser Sahrzeug hob und neigte sich in wellenförmiger Bewegung, so oft es den felsigen Grund des Flußbettes berührte. Überall, von allen Seiten starrten dunkle Selsblöcke, gegen die unsere behenden Bootsleute lange Haken stemmten, um jeden verderblichen Anprall zu vermeiden. Ungefähr Ich? Stunde lang dauert die Sahrt über Strudel und Stromschnellen. Sehr steile Selswände schließen den Sluß ein, an dessen Ufern hoher Bambus seine geschmeidigen Rohre neigt. Genügsame, lebensfreudige Matsu und Buchen wachsen aus allen Felsspalten, ihren Schatten auf das Wasser werfend, das bald grün, bald lichtblau schimmert, zuweilen auch in weißem Gischte gegen die dunkeln Steine prallt. Ls war eine aufregende und dabei gefahrlose Sahrt, welche nur allzufrüh in Arashi-pama am Süße der Stromschnellen endete. Dort erquickte uns im Teehause ein kalter mitgebrachter „Tiffin". wie im Osten das zweite Srühstück genannt wird. wir begossen ihn mit o cha, bei dein uns die Familie des Wirtes treulich Gesellschaft leistete. Ein daraus folgendes Mittagsschläfchen, wobei wir die Vorzüge der schon erwähnten „Makura", des llTopsschemels, erprobten, wurde durch den Sichrer vorzeitig unterbrochen. Dieser unermüdliche, besorgte, getreue Cckehart, eine perle in seiner Art, war ein Tprann reinsten Masters, wir beide wären jedenfalls nimmer zusammen Künstlich verkrüppelte und kleingehaltene Loniscre. X ^ MWW LML Tifsin. (S. 1ZS.) 4«--^ XL^Är' MLM ^.-H' -'^7^ LÄL»^ :'«"-A.. r.' WW >WM 5AM MÄM Moto, die alte Hauptstadt. 1S7 Eeisbas. alisgekommen. Von früh bis spät kommandierte und bestimmte er alles und ließ die Wünsche meiner Sreunde nur in Betracht kommen, wenn sie mit den seinigen übereinstimmten. Srau I. hatte ihm den Übernamen „Allmächtiger" gegeben und unterzog sich, seufzend zuweilen, aber doch immer gehorsam, seinen Anordnungen. Jedenfalls war er ein gewissenhafter Sichrer, der keine Mühe scheute, möglichst vieles zu zeigen. Dabei gefiel mir sein Patriotismus, der ihn als Cicerone unentwegt alles vermeiden ließ, was irgend ein ungünstiges Licht auf sein Land und seine Landsleute hätte werfen können. Lr hielt es dabei genau mit den drei Tempel-Affen in Nikko, welche weder Übles sehen, hören noch sprechen wollen. Unter dieser kundigen Sührerschaft verlebte ich mit den freunden die ersten vier Tage in Moto. Diese alte Mikadostadt ist eine gefallene Größe und zählt jetzt kaum mehr als die Hälfte der Einwohner, die sie im Mittelalter gehabt, wo ihre Zahl sich auf 600,000 erhob. Im Jahre 7ZZ wurde sie vom Mikado zur Residenz erkoren und aufs großartigste angelegt, die Stadt erhielt eine Ausdehnung von beinahe 4,8 Ltilo- meter von Osten nach Westen und Z,6 Nilometer von Norden nach Süden. Nioto war so recht das Rom des Buddhismus und Shintoismus. Alle religiösen Sekten trachteten eifrig danach, ihre Vertreter in der Residenz zu haben und ihre Tempel dort zu errichten. Zu Ende des 17. Jahrhunderts standen in Moto und der nächsten Umgebung nicht weniger als 2127 Mias (Tempel und Napellen) der Shintoreligion. Die Buddhisten aber zählten Z89Z Tempel und Pagoden. In der Stadt lebten Z2,170 Priester und 20 Sekten, vermöge seiner göttlichen Abstammung war der Mikado Oberhaupt der alten volkstümlichen Shintoreligion, die jedoch keine organisierte Geistlichkeit hatte. Nun schuf der Mikado eine Hierarchie von Beamten, denen Priester- 1Z8 Reise einer Schweizerin um die Welt- licher Charakter beigelegt wurde und die für den Cultus und alles, was damit zusammenhing, zu sorgen hatten. Ist Kioto eine gefallene Größe, so hat sie sich wenigstens mehr Originalität bewahrt als die übrigen Städte, und vor allem gelten hier die Geishas, diese Arenen Japans, für die Besten im Lande. Sünfundsiebenzig Sranken, um während einer Stunde Geishatänze zu sehen, schien mir freilich ein teures Vergnügen, aber Japan verlassen ohne Geishas, das ging nicht an. So fuhr ich denn eines Abends mit meinen Sreunden und deren Sichrer in ein Teehaus, wo alles zu unserem Empfange bereit war, sogar Pantoffeln, die wir über unsere Schuhe zu streifen hatten. Mit vielen Verbeugungen wurden wir in ein Gbergemach geführt. Bunte Papierlampen erleuchteten festlich den Raum, der gegen den Sluß zu einen Balkon hatte. Der Sußboden war mit seinen Strohmatten bedeckt. Aus zarter Rücksicht aus unsere europäischen Gliedmaßen standen aus dem Balkon ein Tisch und einige Stühle. Vorläufig taten wir unser Bestes, uns nach japanischem Beispiel und landläufiger Sitte aus niederen Kissen auf der Strohmatte zu lagern. Kleine schwarze, etwa 16 Lentimeter hohe Tischchen wurden vor uns gesetzt. Aus jedem fanden wir ein niedliches Körbchen mit Chrysanthemum, Lotos-Knospen und Blättern, alles aus Zucker und reizend in Sorm und Sarbe. Drei ältliche Japanerinnen brachten uns in Puppen- näpschen warmen Sake, das Nationalgetränk der Japaner, und in Butter Gebackenes, das wir mit Lßstäbchen bewältigen sollten. plötzlich flattern acht oder neun Geishas herein, so bunt, so leicht wie farbige Salier, und flügelgleich erscheinen die breiten Schleifen der Gbi. Seurig rote Blumen leuchten und wiegen sich in dem tiesschwarzen Haar, und rot sind auch die Lippen der Tänzerinnen gemalt. Sie scheinen kaum den Kinderschuhen entwachsen, die beiden Kleinsten sind wohl erst 12 Jahre alt. vorläufig lassen sie sich neben uns nieder und erfreuen sich an unseren Süßigkeiten. Dann beginnt der Tanz. Tanz? Nein, so kann ich es nicht nennen, denn die Süße spielen kaum eine Rolle dabei. Die Hände, die abwechselnd den Sächer und den Sonnenschirm halten und in rhythmische Bewegung bringen, sind es, die das meiste leisten. Die Gesichter bleiben ernst, traurig, ja oft liegt ein leiser Zug des Schmerzes darauf. Der Körper wiegt sich in gemessener, rhythmisch pantomimischer Bewegung nahezu aus die gleiche Stelle gebannt. Diese pantomimischen Tänze sind unzweifelhaft sehr alt. Man behauptet, es gäbe deren wohl an 400, und eine gute Tänzerin sei verpflichtet, wenigstens 1OO davon darstellen zu können. Jeder Tanz veranschaulicht eine gewisse Handlung, und unser Sichrer, der strahlend da hockt, bemüht sich in seinem oft mangelhaften Englisch, uns jeden einzelnen zu erklären. Da erscheint zum Beispiel eine Geisha, die einen Steuermann darstellen soll. Mit ihrem Sächer. den sie mit seltener Grazie handhabt, beschwichtigt sie die Wellen und lenkt ihr Schiff. Oft neigt sie sich dabei zur Erde nieder, oft springt sie plötzlich auf. Eine andere Pantomime soll Aprikosenblüte und Srühlingsregen vorstellen. Der dritte Tanz ist eine Besteigung des heiligen Suji-no- yama. Offenbar muß sie schwierig und lang sein, denn die kleine Geisha ist darüber alt und grau geworden und bindet sich zuletzt die Maske eines runzligen Mütterchens Musizierende Geishas (Flöte, Note», Samise). (5.160.) 160 Reise einer Schweizerin um die Welt. vors Gesicht. Uach jedem Tanze berühren die Geishas zum Janb für unseren Applau- mit der Stirn die Erde. Jedes Stück wird durch die drei ältlichen Japanerinnen mit Musik begleitet. Line schreckliche, nervenerschütternde Leistung. Die drei Parzen paulren und siedeln drauflos sonder Melodie und Takt, mitleidslos für unsere Ghren. Gin Grchesterstück wird eingeschoben, interessant der Instrumente wegen, nerven- erschütternd in der Wirkung! Da ist das Dioto, ein langes, großes k>olzinstrument mit vielen Saiten, die einen harfenartigen Ton von sich geben. Zweitens die Samise, welche an die Mandoline erinnert, wohl das beliebteste Instrument in Japan. Sie wird mit einer Art Liamm aus Elfenbein oder Schildpatt gespielt. Dann die Taico genannte Trommel, flacher und kleiner als die unsrige. Die Schlegel werden nie zusammen, sondern einzeln gerührt, viertens eine sehr einfache Bambusslöte und fünftens zwei kleine Trommeln, Tzudsumi genannt, von denen die eine auf der rechten Schulter, die andere auf dem linken Knie mit der flachen k>and bearbeitet wird. K>ie und da stößt die Spielerin dazwischen einen scharfen Ton aus, „iau" heißt er, und klingt dem Miau einer lllatze täuschend ähnlich. In der darauffolgenden pause werden Erfrischungen herumgereicht. Auf den warmen blaßgelben, einschläfernden Sake ist strohgelber Tee und Reis gefolgt, alles in kleinsten Schälchen und Portionen, weiter wird das verzehren einer mit schwarzer Lischhaut umsponnenen Süßigkeit und der Gebrauch der Lßstäbchen von uns erwartet. Beides keine leichte Ausgabe! Unsere kleinen Geishas dagegen leisten Großes darin! wie eine Schar hungriger Spatzen haben sie sich auf einen Reisteller geworfen, und einen Augenblick später ist kein Körnchen mehr sichtbar. Ein hübscher Anblick diese bunten aneinandergeschmiegten Mädchengestalten im etwas gedämpften Lichte der farbigen Lämpchen! Den Schluß bildet ein Tanz, an dem alle Geishas teilnehmen. Lr scheint für europäischen Geschmack zugestutzt und gefällt mir am wenigsten. Die langen, schleppenden Gewänder werden etwas in die -sähe gerafft, und ein Teil des Süßchens ist sichtbar. Die japanische Äagge flattert an ihren Schultern, und die bis jetzt so ernsten Gesichter erhellt ein schwaches Lächeln. Nach Beendigung des Tanzes kauern die Mädchen zutraulich, aber nicht zudringlich neben uns auf die Matte. Sie zeigen uns mit Vergnügen ihre schönen seidenen -Kleider und prächtigen Gbis und untersuchen ihrerseits unsere Gewänder. Line kleine weile vergeht noch unter Lächeln, Lächeln, llänixen und sichern, dann trippeln die Meinen zum Zimmer hinaus, und mit tiefen Verbeugungen verlassen auch wir den Schauplatz des Geishasestes. Nun verlangte uns auch. die Geishas an der Arbeit zu sehen, denn es gibt in Moto wirkliche Geishaschulen, wo die Meinen nicht nur tanzen, singen und spielen, sondern auch schreiben, lesen und nähen lernen. So können sie auch gute Hausfrauen abgeben, wenn s mal mit dem Tanzen vorbei ist. Geishas will man in Japan nur ganz junge sehen. Einmal über die erste Jugendblüte hinaus, werden sie Sängerinnen oder spielen eines der ebengenannten Instrumente. In Japan selbst nennt man die jungen Tänzerinnen Maikos. Unter Geishas versteht man die Sängerinnen. MM MS > I ", - ^k)88 » M japanische Bänkelsängerin. <5.1Z6.) L Lioto, die alte Hauptstadt. 161 Musizierende Geishas. Arme Eltern verkaufen gerne ihre hübschen kleinen Mädchen an einen Unternehmer, dessen Eigentum sie bis zum 18. Lebensjahre werden. Der Unternehmer sorgt für Unterhalt, Meider und Bildung des Liindes, welches gewöhnlich sch.m mit dem 12. Jahre auftreten kann. Die Einnahmen fließen in die Liasse der schule; heiratet das junge Mädchen vor Ablauf des 18. Jahres, so muß der Bräutigam sie loskaufen. Hat sie einmal dieses Alter erreicht, so fließt der Ertrag in ihre eigene Tasche. Mir gingen von einem Gemach ins andere. Überall wurde tüchtig und ernstlich gearbeitet. In der Ecke jedes Zimmers hockt eine Lehrerin. Pfeifchen und Teetops bilden ihre Erholung bei der sehr anstrengenden Arbeit, denn keinen Augenblick läßt sie ihre tanzenden Schülerinnen außer acht. Mit dem Taktstock begleitet sie jede Bewegung und brummt und summt dazu die Melodie. Line halbe Stunde gespanntester Aufmerksamkeit für Lehrerin und Schülerin, dann entfernt sich diese mit tiefer berbeugung und freundlichem Danke. Ein anderes junges Mädchen, das unterdessen schon gewartet hat, kommt an die Reihe. Die Lektion nimmt ihren Sortgang. ä^ein ungeduldiges Mort, keine unmutige Bewegung, kein Zeichen der Ermüdung unterbricht die Lektion! Memals ist mir eine solche Übereinstimmung zwischen Geben und Empfangen, zwischen Lehren und Lernen vorgekommen. Mir erscheint sie wie die Erfüllung eines Traumes, eines unerreichbaren Ideales, das wohl jedem Lehrer, jeder Lehrerin bei Beginn ihrer dornenvollen Laufbahn vorschwebt. Dasselbe finde ich in anderen Schulen. Blickt man in einen an der Straße gelegenen Schulraum, es mag Stadt oder Land sein, so sitzen die kleinen Japaner artig und still auf ihren Bänken. Aufmerksam lauschen sie den Worten des Lehrers und freuen sich, wenn sie, einmal gefragt, antworten dürfen. Diese unbedingte Unterwürfigkeit kommt dem zukünftigen Soldaten, dem Vaterlande selber zu gute. Deutsche Offiziere habe ich mit Begeisterung von dem Gehör- L. von Rodt, Reise um die Welt. 11 162 Reise einer Schweizerin um die Welt. sam, der strammen Disziplin im japanischen Leere sprechen hören. Niemals vernimmt man da ein aufgeregtes Wort. niemals Schimpfen und Sluchen. Und woran liegt das? Wohl vor allem an der Erziehung der Kinder, die von ganz klein auf zur Ehrerbietung, zum Gehorsam gegen die Eltern angehalten werden. Schwerer noch als einem unserer Bauernjungen, fallen sicherlich die ersten Dienstwochen dem japanischen Rekruten. Bis dahin hat seine Kleidung aus einem weiten, losen, schlafrockähnlichen Gewand, dem Kimono, bestanden, an den Süßen hat er Strohsandalen, aus dem Kops ein Tuch, sonst nichts, gar nichts getragen. Bis zu seiner Einstellung saß das Ulännchen auf seinen Waden oder lag zusammengekauert wie ein Igel auf einer Strohmatte. Zum Essen bediente es sich zweier Stäbchen, mit Lülfe deren es seine ausschließliche Nahrung, Reis, in den wund schob. Nun drückt den Burschen eine enge Uniform, er muß zum erstenmal den Gebrauch von Knöpfen und Laken kennen lernen, seine Süße stecken jetzt den ganzen Tag in Lederschuhen und hohen Gamaschen, seinen Lals schnürt eine steife Binde. Er muß lernen, an und auf ihm ganz unbekannten Tischen und Stühlen zu sitzen, in einem Bette zu schlafen, darf nicht mehr seine übliche Verbeugung machen, nicht mehr freundlich grinsen, wenn er den Befehl eines vorgesetzten entgegennimmt. Mitfl zwanzig oder dreißig Genossen schläft er in einem hellen, luftigen, holländisch reinlichen Saale. Jede Kaserne hat ihr Krankenzimmer und große Badeeinrichtungen mit heißem und kaltem Wasser, wo die Soldaten nach Belieben zwei- bis dreimal im Tage baden können. Arrestlokale sind keine vorhanden, da Insubordination zu den seltensten Süllen gehört. Die Kost besteht dreimal des Tags aus gekochtem Reis mit Gemüse, großen weißen Rettichen, Bohnen oder getrockneten Äschen. Der Sold beträgt nach allen Abzügen etwa zwei 7)en (fünf Sranken) monatlich. Das Offizierskorps soll alles Lob verdienen; viele Offiziere haben in europäischen Armeen gedient und sprechen Sranzösisch, Deutsch oder Englisch. Aus sehr hoher Stufe steht die Krankenpflege im Leere. Die Militärärzte haben ausnahmslos ihre Diplome auf europäischen Universitäten erworben, und seit 1872 wirkt die Gesellschaft vom Roten Kreuz aufs segensreichste in Japan. Das noch junge Unternehmen zählte schon im Jahre 1897 über 28.000 Mitglieder und besaß damals ein Jahreseinkommen von ungefähr 200,000 Sranken und einen Reservefonds von 1 Millionen Sranken. Das Kaiserpaar zeigt ein warmes Interesse für ') Beifolgendes über Heerwesen und Krankenpflege habe ich dem Werke L. v. Hesse-Warteggs» „China und Japan", entnommen. Rekruten. MG.' Bambuswald bei Rioto. (S. 166.1 --ML- Frist», die alte Lauptstadt. IßZ das Rote Kreuz und trägt reichlich zu seinem Gedeihen bei. Die Krankenpflege beschränkt sich nicht nur auf den Krieg, sondern wird auch in Sriedenszeiten beansprucht, dafür sorgen schon die vielen Erdbeben in Japan. Zudem hat das Rote Kreuz im Jahre 1891 ein großes Hospital in Tokio gegründet. Eine besondere Erlaubnis, die mir den Besuch der kaiserlichen Schlösser in Kioto gestattete, benutzte ich zunächst, um den großen Palast des Mikado zu sehen. Geheimnisvoll liegen die Holzhäuser, aus denen der Palast besteht, hinter einer hohen Mauer. Der mehrmals durch Seuer zerstörte Häuserkompler, einfach und schlicht nach außen und innen, stammt erst aus dem Jahre 18Z4. Die Wohnungen des höchsten Adels, der Kuge, die einst zwischen Palast und Mauer lagen, sind verschwunden, einen Eindruck der Verödung macht das Ganze. Ich wurde in den Thronsaal, Shi-shin-den genannt, was in der Übersetzung „geheimnisvolle Purpurhalle" heißt, geführt. Dieser Saal diente zu Keujahrsempfängen und Audienzen. Kur den Kuge und Daimios war es gestattet, einzutreten, doch mußten sie sich am entgegengesetzten Ende vom Thron mit dem Gesicht aus den Boden niederlegen, während der Mikado aus dem zeltartigen Throne hinter einem Vorhang, verborgen saß. Keinem Sterblichen war es vergönnt, sein heiliges Antlitz zu schauem Iver an Rang tiefer stand als die Daimios, durfte nicht daran denken, den Saal zu betreten. Sür ihn führten achtzehn Stufen in den Hos hinunter, sie entsprachen den einstigen achtzehn Rangklassen, in welche die Beamten des Mikado eingeteilt waren. Es gab aber auch solche, denen es nicht einmal gestattet war, aus der untersten Stufe zu stehen, und diese hießen Ii-ge, d. h. „Nieder in den Staub". Unweit davon ist ein Gebäude, Kashiko-dokoro, Ort des Schreckens genannt, wo früher der heilige Spiegel der Sonnengöttin Amaterasu aufbewahrt wurde. Jetzt - K Zukünftige Vaterlandsverteidigcr. 164 Reise einer Schweizerin um die Welt. steht er im Heiligtum zu Ise. Dieser Spiegel spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte der Mikado und bildet mit einer Kette von Bergkristallen und einem Schwert die Insignien des Reiches. Menschlich naiv lautet die Sage dieses Spiegels: Amaterasu*), die schöne Sonnengöttin, hatte einen bösen, grämlichen Bruder. Einmal entzweiten sich die Geschwister so sehr, daß Amaterasu sich grollend in eine tiese Selsenhöhle des Kümmels zurückzog und das schwere, große Tor sest hinter sich abschloß. Tiese Sinsternis bedeckte von nun an das Weltall, und ratlos irrten die Götter alle hin und her. Eine Versammlung wurde aus die Milchstraße einberusen und endlich nach langem Kopfzerbrechen beschlossen, die Reugier der Göttin zu reizen und sie dadurch aus ihrer Höhle zu locken. Ein Metallspiegel, so groß wie die Sonne, wurde verfertigt und an einen Baum gehängt, der sich vor der Selsenhöhle befand. Die Götter veranstalteten ein großes Sest und spielten aus allen möglichen Instrumenten, die Göttinnen tanzten, und des Scherzens und Lachens war kein Ende. Amaterasu, die sich in ihrer Selsenhöhle langweilte, konnte bald ihre Neugier nicht mehr im Zaume halten. Sie öffnete ein klein wenig das Tor. Ihr Blick fiel aus den Spiegel, aus dem ihr das eigene Bild entgegenstrahlte. Erstaunt tat sie die Türe noch etwas weiter aus und trat einen Schritt vor. Da schlich sich unversehens Gott Tajikarao, der Stärkste im Himmel und auf Erden, hinter sie, hob das gewaltige Tor aus den Angeln, zog die noch Widerstrebende vollends hinaus, und hell und leuchtend schien wieder die Sonne. Die übrigen Götter spannten unterdessen ein Seil vor den Eingang der Höhle, um Amaterasu zu verhindern, je wieder sich darin zu verbergen. Den Spiegel aber schenkte Amaterasu ihrem Nachkommen Iimmu Tenno, dem ersten Mikado, mit den Worten : „Behalte diesen Spiegel, mein Ebenbild, und deine Dynastie wird dauern; bewahre ihn treu, und wenn du ihn ansiehst, so denke, du sähest mich selbst." Im G Gaku-mon-jo, d. h. den kaiserlichen Studierzimmern, wurden Vorlesungen gehalten und Poesie und Musik gepflegt. Die Schiebwände sind mit Tier- und pflanzen- bildern geschmückt, nach denen die einzelnen Gemächer benannt werden. Da ist das Zimmer der wilden Gänse, der Chrysanthemen u. s. w. wie sein, poetisch und wahr zugleich sind diese einfachen Gegenstände aufgefaßt, und welch liebevolles Sichver- senken in die Wunder der llatur tut sich kund! Die Liebe zur Natur ist eine der charakteristischen und liebenswürdigen Eigenschaften des Japaners, wenn die Iris im Slore stehen und im Srühjahr die Kirsch- bäume blühen, wenn später Lotos. Glycinen und Chrysanthemen ihre Sarbenpracht entfalten, dann eilt der Japaner mit Kind und Kegel hinaus und veranstaltet ein Sest zu Ehren seiner Blumen. „Sind erst die Blüten dahin. Die Sehnsucht bringt sie nicht wieder. willst du sie brechen, tu's heute, Sonst — ach! ist es zu spät." - (Lokin wakashu, japanische Liedersammlung.) ') Diese und die später folgenden Sagen der Seidenraupe und der Mii-dera-Glocke sind A. ü>. Lrncr nacherzählt. Ratsura-gawa-Stromj'chnellen. (S. 1Z6.) -äioto, die alte Kauptstadt. 16 Z Ein Besuch des kaiserlichen Gartens .Katsura, den ich unmittelbar aus den Mikado- palast folgen ließ, zeigte mir so recht das Ideal eines japanischen Parkes, das von unseren Begriffen ebenso abweicht, wie die Aufstellung der Blumen im Zimmer, während wir uns bestreben, verschiedene Blumensorten in möglichst harmonischer Sarbenzusammenstellung in einen festeren oder loseren Strauß zu binden, wird die Japanerin nur einen einzelnen Zweig, eine einzelne Blume mit langem Stengel und Blättern möglichst zierlich und geschmackvoll in eine Vase stellen. An Blumen im Zimmer darffs nicht fehlen, und eine schöne Blume sendet man in Japan gern seinen Sreunden. „Sagte den andern ich nur, wie prächtige Blumen ich schaute, Nutzen hätte es nicht, brach' ich sie nicht zum Geschenk." In einer japanischen Parkanlage fehlen die Blumen; Bäume in ihren mannigfachen Blatt- und Nadelformen, in ihren Schattierungen, wobei der im kerbst rotgefärbte Ahorn ein Liebling ist. nehmen deren Stelle ein. Im Natsuragarten gibt es steile Kugel und Wege, künstliche Teiche mit Goldfischen, steinerne, gewölbte Brücken und kolzstege, kunstvoll in Sorm von Schiffen. Affen und Papageien verschnittene Illatsu, steinerne Laternen und zahlreiche Pavillons, die jetzt verödet und verwaist dastehen, Mit künstlerischem Sinn ist die Lage dieser käuschen, wo einst fröhliche Teefeste gefeiert wurden, gewählt, von jedem genießt man einen schönen Ausblick, ein einheitliches, harmonisches Bild. Am Rande des Teiches liegt ein großes Brett aus Bambus, es ist Tsuki-mi-dai getauft, was „Mondscheinbrett" heißen soll. Dort pflegte Prinzessin Llatsura mit ihrem Kose zu stehen und den Aufgang des Mondes hinter den hohen Pinien zu betrachten. Der Mond st bildet einen der häufigsten und beliebtesten Gegenstände japanischer Poesie, ist jedoch einer literarischen Schonzeit unterworfen, Mein Dichter von Geschmack würde es wagen, ausgenommen im September, ihn anzusingen. Kohen Schwung charakterisieren diese Mondscheingedichte keineswegs, z. B.: Das Anstaunen des Lerbstmondes. G silberner Lerbstmond, du bist mein schöner Lreund! Letzte Nacht sah ich im grünen Leide nach dir, doch heute werde ich dich vom Lluß aus bewundern. Ein Boot im Mondschein. Das Boot schwamm, getragen von der strömenden Llut; wir ruderten der offenen Lee zu. Doch sieh, da erhob sich auf einmal in weiter Lerne der herrliche Mond hinter der Insel. (tsosutsuji Masaos, Poet der Gegenwart in Nioto.) Sonderbar, daß die neuerungswütigen Japaner im Gebiet der Poesie starr beim Alten beharren und sich noch jetzt zum ausschließlichen vorbilde die Man-powakashu und Mokinwakashu. zwei Anthologien aus dem achten und zehnten Jahrhundert, nehmen. Originalität wird weder geschätzt noch verlangt und alles, nicht nur der Mond, in bestimmte Schablone gepreßt. Die sogenannten Waka-Gedichte des Poeten Kosutsuji Masaos bestehen alle aus ') Beifolgenden Abschnitt über japanische Dichter und Dichtungen habe ich dem Werke Adolf Lischers, „Bilder aus Japan", entnommen. 16 S Reise einer Schweizerin um die Welt. einunddreißig Silben; ausnahmsweise sind eine oder zwei darüber erlaubt, aber nie mals weniger. folgende Motive etwa schreibt der lyrische Kalender vor: Sür den Januar: Neujahr. Nebel. Sturm; im Sebruar: Weiden, pflaumenblüte; im März: Die Berge im Lrühling, Liebesglück; im April: Kirschblüte, Schmetterlinge, Spaziergänge; im Mai: Azaleen, Glycinen, vergleiche zwischen Liebe und Wasser; im Juni: Wolken, Abendstern; im Juli: Der Sluß, Regen. Sächer; im August: Johanniskäfer; im September: Mondschein, nacht- schwärmende Insekten; im Oktober: Ahorn, fallendes Laub, Vogel, Rehe, Kirsche; im November: Chrysanthemen, Pinien, Lreundschaftswünsche aus ein tausendjähriges Leben; im Dezember: Schnee, Jahreswende. was die Jahreszeit betrifft, so ist der Kerbst die weitaus beliebteste Zeit bei den japanischen Poeten; im heißen Sommer dagegen unterläßt, wer es irgendwie sich leisten kann, das Dichten, dann haben auch die abgehetzten Redaktoren „Schonzeit". Line wichtige Rolle spielen Papier und Lormat, auf welchem die Gedichte geschrieben werden: Kaishi heißt das sogenannte Taschenpapier, welches die Poeten früher gefaltet im Gürtel stecken hatten; noch jetzt steht es bei feierlichen Anlässen für zeremonielle Gedichte im Gebrauch. Shikishi heißt das farbige, Tanjaku das kurze, aus schmalen, langen Streifen bestehende Papier, beide Sorten werden verwandt. Doch genug von der japanischen Zunft der Versemacher, deren in starre Lormen gepreßte poetische Ergüsse so gar nicht Schritt halten mit dem feinen Naturfilme des Volkes. Kehren wir zurück in den schönen Katsuragarten! Uralte Bäume und ein dichter, hoher Bambuswald hegen und spinnen den Garten ein, so daß kein unberufenes Auge von draußen hineinschauen kann in dieses friedliche, poesiereiche Paradies. Uach diesem Muster ungefähr legt sich jeder Japaner, auch wem: er nur einige Meter Land sein eigen nennen darf, sein Gärtchen an, alles en rnmiuture natürlich. Besitzt er keinen Grund und Boden, so hält er sich wenigstens ein paar Matsu, Kirsch- und pflaumenbäumchen in kleinen Töpfchen. Diese Zwergbäumchen sind eine japanische Eigenheit, die uns Europäern unbegreiflich erscheint, während wir das mögliche tun, um unsere Topfpflanzen groß und kräftig zu ziehen, wendet der Japaner alle Kunst an, sie im Wachstum zurückzuhalten. Er beseitigt jeden kräftigen Schößling, biegt und dreht den Stamm in alle möglichen widernatürlichen Sormen. zwängt die pflanze in den kleinsten Topf, gibt Teehä'uschen im Ratsura-Park. k. , ^. - r MKZ Seidenweberei. (S. 1öS.) 168 Reise einer Schweizerin um die Welt. m st - st ihr so gut wie keine Erde, kurz, quält sie auf jede Art und weise. Schließlich bringt er es so weit, daß ein dreißig- bis vierzigjähriger Baum ein krüppel- hafter Zwerg von einem halben Meter Lohe ist und bis hundert und noch mehr Tjen kostet. viel schöner als Japanische Topfpflanzen. das Schloß des Mikado ist der Mjo- palast, eine Schöpfung des Shogun Ipepasu und im Jahre 1601 erbaut. Leider litt er sehr zur Zeit, wo die Präfektur ihren Sitz darin hatte. In den Jahren 188Z—1886 wurde er einigermaßen restauriert. Lier feiert abermals die Lolzschneidekunst ihre schönsten Triumphe. Schon die beiden Tingangstore zeigen eine herrliche Vereinigung von Metallwerk und vergoldeter und bemalter Schnitzerei. Auf dem einen sind Kraniche, Schmetterlinge, Drachen, auf dem anderen Phönixe und Päonien. Lohe dunkle Pinien beschatten die zwei schönen Tore. In dem Palast sind es dieRamma, eine Art Sries, welches Seitenwände und Decke verbindet, die meine ganze Bewunderung erregten. Aufs reichste und durchsichtigste geschnitzt, zeigen sie aus der einen Seite eine Pfauengruppe, auf der andern einen päonienzweig, und das ohne die eine oder andere Zeichnung im mindesten zu beinträchtigen oder zu verwirren. Die wände leuchten teilweise in Goldgrund. Tiger stürzen aus hohen Bambusbüschen hervor, lebensgroße Adler thronen aus weitästigen Matsu, Palmen scheinen ihre Sederkronen leise zu neigen, Reiher gravitätisch einherzuwandeln. Alles ist in kühnen, großen Zügen entworfen, ganz verschieden von der gewohnten japanischen Miniaturmalerei. Zimmer reiht sich an Zimmer, Saal an Saal, überall Goldmalerei, überall vergoldete Beschläge, denen meistens noch die drei Asarum-Blätter, das Wappen der Tokugawa-Shogune, eingraviert sind. Die Decken sind alle kassettiert und aus dem dunkeln schönen Lolze der Kryptomerien gefügt. Dioto hat den Beinamen „Tempelstadt". Da ist der San-ju-san-gendo-Tempel mit seinen ZZ,ZZZ vergoldeten Kwanon-Statuen, dem riesigen hölzernen Daibutsu und der größten „Daibutsu"-Glocke, welche beinahe 6 Meter hoch, 27 Lentimeter dick, 2,7Meter im Durchmesser hat und über 6Z Tonnen I schwer ist. Der Mshi-Longwanji-Tempel mit p 1 Tonne —1016,<>»» l<§. MWsE ^WW MMSFr^WU-' ^-^-^7.-^1^-'- MDWW MI-cheMÄ^S^K-« AV?W.^?SLKkH,-2 «: WMtz sMGM V . >^W> « « '- ' » '.x ^/.- S» ^ < >r^ - Llumenpflege. lS. 164.) Moto, die alte Hauptstadt. 169 herrlichen Prunkgemächern ist in der Art des Mjo-Palastes. Lr gehört einer weit verzweigten buddhistischen Sekte an, die freieren Ansichten huldigt. Dann die Lhion-in- und äiturodani-Möster, die verschiedenen Tempel der Jods- und Zen-Sekte, der Buddhisten und Shintoisten. schöne, interessante Bauten mit herrlichen Tempelgärten und Kamen, deren Linzelbeschreibung mich aber viel zu weit führen würde. Lieber will ich noch etwas von Motos industriellem und Straßenleben erzählen. In Moto, heißt's, ließen sich die besten Einkäufe machen. Ich glaube ja, aber auch hier ist alles Schöne teuer, sehr teuer, was Dutzendware ist, bekommt man in Luropa ebenso billig, wenn man noch Verpackung. Porto und Zoll hinzurechnet. Die billigen Zeiten Japans sind vorbei. Zu viele Sremde, besonders Amerikaner, bereisen das Land, die jeden preis bezahlen, sobald ihnen etwas gefällt. Und doch zu welch billigen preisen wird hier noch bei sechzehnstündiger Arbeitszeit gearbeitet. Die besten Maler und Mechaniker erhalten täglich etwa zwei und einen halben Lranken, Sticker, Ausseher, Kolzschniher die Kälfte, Arbeiter gewöhnlichen Schlages etwa sechzig oder siebzig Centimes im Tage. viel schlechter sind noch die armen Arbeiterinnen bezahlt. Am gesuchtesten sind Malerinnen und Stickerinnen, die aber mit fünfzig Centimes zufrieden sein müssen. In anderen Industriezweigen erhalten die Tüchtigsten vierzig Centimes, weniger geschickte dreißig und Lehrmädchen gar nur fünfzehn. Sür spezifisch japanische Artikel gibt es keine Sabriken in europäischem Stile, sie sind noch Meinindustrie geblieben. Ein bescheidenes Stübchen im Kaufe wird ihr eingeräumt, alle Glieder der Samilie beteiligen sich von äkind auf daran, und die Zuziehung eines, höchstens zweier Arbeiter genügt in den meisten Süllen, um Tüchtiges zu liefern. In kleinen ärmlichen Käuschen ohne Sirmatafel und Schilder muß man die japanischen Künstler suchen. Kalbnackt aus dem Bauche liegend oder auf den Waden hockend, pinseln sie wahre Kunstwerke an Seinheit und Geschmack auf Seide oder aus Porzellan. Kier auch entstehen die herrlichen Lloisonne und Bronzen, welche einen Weltruf erlangt haben. In Lioto blüht besonders die Seidenindustrie. Kerrliche Stosse gibt es hier zu kaufen, von: dünnsten Seidenkrepp bis zum schwersten Damast, aber — teuer! Die Seidenzucht ist von China im Z. Jahrhundert durch die besiegten äkoreaner nach Japan gekommen. Anders freilich lautet die japanische Sage hierüber: „Line indische Königstochter wurde von ihrer Stiefmutter schlecht behandelt. Linst, als diese sehr erzürnt war, legte sie das arme Mnd in einen hohlen Baumstamm, den sie ins Meer hinaus schwimmen ließ. Lange trieb die kleine Prinzessin aus dem Wasser umher, bis sie endlich an die ääüste Nippons verschlagen wurde. Dort hob man sie aus dem Baumstamme und behandelte sie aufs liebevollste. Zum Dank verwandelten sie die Götter nach ihrem Tode in eine Seidenraupe, von welcher die Japaner die Seide kennen lernten." Laden drängt sich an Laden. Porzellan-, Lloisonnä-, Bronze- und Mlpferwaren wechseln miteinander ab. Dazwischen wogt eine bunte Volksmenge, und immer gibt's etwas zu schauen. Lines Tages sahen wir einen langen Zug, ein buddhistisches Leichenbegängnis, voran fuhren in Jinrikisha ein halbes Dutzend kahl geschorene, weißgekleidete Bonzen 170 Reise einer Schweizerin um die Welt. Leim Seidenwareichäiidler. mit offenen Sonnenschirmen. Dann kamen weißgekleidete Männer zu Suß. Sie trugen rote Sonnenschirme, violette Sahnen, grüne Topfpflanzen, kleine schwarze Koffer und weiße Lanzen. Nun erschien an zwei langen Stangen hängend eine zierlich geflochtene große weiße viereckige Niste, welche den Sarg enthielt. In sitzender Stellung ist darin die Leiche aufgebahrt. Man hat sie in weiße priesterliche Kleider gehüllt und ihr den Kopf wie einem Bonzen glatt geschoren. Die Süße sind bloß, denn so wie es in Japan Sitte ist, vor jedem Kaufe, jedem Tempel die Schuhe auszuziehen, so darf man auch nur unbcschuht die Schwelle des Jenseits übertreten. Der Sarg ist aus Kiefernholz, denn er soll schnell verfaulen, damit auch der Zersetzungsprozeß der Leiche schnell vor sich gehe. Erst wenn dieser zu Ende, kann die Seele, welche noch neunundvierzig Tage nach dein Tode im Körper weilt, die Reise ins Jenseits antreten. Der Sarg wird mit Zinnober, Meihrauchpulver, bei den Armen mit Teeblättern oder Reiskleie ausgefüllt. Die Trauerzeit währt für Eltern fünfzig Tage, für andere verwandte kürzer, während dieser Zeit müssen die Leidtragenden alle Geschäfte ruhen lassen, ihr kaar soll nicht geschoren und weder Sake noch andere Nahrung als Pflanzenkost genossen werden, während der erste,: sieben Wochen besuchen die Leidtragenden den Tempel und das Grab jeden siebenten Tag. Am hundertsten Tag wird eine abermalige Trauerandacht gehalten und gewöhnlich bei dieser Gelegenheit der Grabstein gesetzt. Leichenverbrennungen finden häufig statt. ' Dies alles hatte uns der Sührer mitgeteilt. Sräulein G.. die Sreundin der Samilie I., und ich beschlossen, dem -suge zum Tempel zu folgen. Unsere Jinrikisha- Bops nahmen im Übereifer unseren Befehl nur allzu buchstäblich. Immer wieder wußten sie uns zwischen Sarg und Bonzen zu schieben, da hals kein Abwehren. Aioto: Tewpeleingans von Riyomizu. (S. 170.) 172 Reise einer Zchweizerin um die IVelt. Längst hatten wir die Brücke, die über den wasserarmen Kamogawa-Sluß fuhrt, hinter uns gelassen und waren in die Nähe der Mgel gekommen, die Kioto einschließen. Unterwegs waren an die Teilnehmer des Leichenzuges flache Kuchen und Zuckerzeug verteilt worden, und immer größer wurde die Menschenmenge. Auch Babies marschierten munter mit. Babies mit kleineren Geschwistern aus dem Rücken, diese ihrerseits aus dieselbe Meise mit einer Puppe bepackt — wohl zum Eingewöhnen! plötzlich stand der ganze Zug still. Die Träger stellten ihre Last ab, und alles verschwand im nächsten Teehaus. Einsam und verlassen saß die Leiche in ihrer weißen Kiste mitten aus der Straße. Schon wollte es Abend werden. Die fröhliche Teegesellschaft schien an keinen Aufbruch zu denken, und der Tempel, das Ziel des Leichenzuges, lag noch eine Meile weiter im Gebirge. So mußten wir die Tempelfeier aufgeben und unverrichteter Dinge nach dem Kioto-Aotel zurückfahren. Beim Volzsainmcln. . 5 ». W^WN «KWM AWsD'r^riM»» Esv»«^W> !«V»^-kii r^ ZMMMK V»-- St. LMN idÄÄ i''»^ Malerin. (S. 1SS.) -MIl > 1 ^" ^ r7MPi>Mslj G Unterwegs nach Lhina. 17Z Kapitel 12. Unterwegs nnH Ehmn. Miyako-Dotel in Niete. Ausflug an den Biwa-See. Mi-dera-Elocke. Narasaki. Der französische Doktor. Teebau. Nara. Nagura-Tanz. Daibutsu. Ninkakusi. Nobe. Tempel. Wasserfalle. Nosat Maru. Lhinc- sische Gesandtschaft. Ankunft in Nagasaki. Suiva-Tempel. Abschied von Japan. E^eine Sreunde hatten Lioto verlassen. Ich fühlte mich einsam, müde, und da ich noch mehrere Ausflüge auf dem Programm hatte und dazwischen Ruhetage wünschte, vertauschte ich das lärmende Lioto-Hotel mit dem neuen, aus einer Höhe außerhalb der Stadt gelegenen Mipako- Gasthofe. Der Tausch war gut. Ich bekam ein reizendes, halb japanisch, halb europäisch eingerichtetes Eckzimmer mit Veranda nach zwei Seiten hin. Mein Boy war die Aufmerksamkeit selber und brachte jeden Morgen und jeden Abend eine frische Blume. Ich schwelgte in schöner Aussicht. Tief unter mir dehnte sich das weite, bergumkränzte Tal, in welchem die Stadt sehr zerstreut liegt, und abends beim Sonnenuntergang waren die Sär- bungen des Himmels und die Wirkungen des scheidenden Lichtes aus den grünen Bergen von unbeschreiblicher Pracht. Zuweilen tönte ein vereinzelter tiefer Mang vom Tale herauf. Die Daibutsu-Glocke oder ihre ebenso große Schwester im Lhion-in-Lloster kündeten einen Andächtigen, der unten den Tag mit Gebet schloß. Am folgenden Morgen war der wagen bereit. Ich fuhr diesmal zweispännig. denn weit ist der weg und mit Steinen besäet. Meine Pferde waren zwei stämmige Jinrikisha-Bops, der eine zog. der andere schob. Sie trugen riesige weiße Hüte und Strohsandalen, grinsten beide und knickten wie Taschenmesser zusammen. Los ging's im Galopp mit wildem „Hai!" „Hai!" durch Liotos enge, dichtbevölkerte Straßen. Auch hier wimmelte es von Lindern, von zierlich in langen Limono gekleideten und in paradisischer Nacktheit prangenden. „Hai!" „Hai!" Alles stob auseinander. Tempel von Niyomizubera in Nioto. 174 Reise einer Schweizerin um die IVelt. Endlich waren wir auf die friedliche Landstraße gelangt. Ein steiler, steiniger Aufstieg, die Pferde standen still: „G cha!" Nach einem dem Tee geweihten Viertelstündchen ging's weiter. Eine gute Stunde noch, und Gzu, ein stattlicher flecken, lag vor uns. Zu fuß stieg ich empor zum Tempel von INii-dera: Malerisch sieht er aus mit seinen verschiedenen Gebäuden, malerisch sind auch die betenden Japaner und Japanerinnen, die hier weiß und blaue Kopftücher und weiße Gamaschen tragen, die am Knie, wohl zur größeren Bequemlichkeit, aufgeschlitzt sind. Köstlich ist die Aussicht. Unter mir liegt der Biwa-See in der weichen Durchsichtigkeit eines schönen Herbsttages. Er hat genau die form einer japanischen Laute, der Biwa, deshalb der Name. An Größe kommt er wohl dem Genfersee gleich. Seine friedliche Bläue umkränzt das Gebirge, das östlich in langgestrecktem felsrücken steil ins Wasser fällt. Alles ist in blauen Dunst gehüllt und doch wiederum in scharfen Konturen sichtbar. Abermals verfolgt mich ein Tee, dann steige ich auf anderem Wege durch den heiligen Hain hinunter an der großen Mii-dera-Glocke vorbei. Auch sie wird nicht durch einen Klöppel, sondern von außen durch einen an zwei Seilen wagrecht aufgehängten Balken geschlagen. Verschiedene Sagen knüpfen sich an die Mii-dera-Glocke. Linst entführte sie Benkei, ein gewaltiger Heros des altjapanischen Mythus, auf starkem Arm in sein Kloster Hiesan. Traurig verstummte die Glocke, kein Mensch hörte mehr ihren süßen, melodischen Klang, nur hie und da gab sie den dumpf klagenden Laut ,,Mii-dera, Milder«" von sich. Da erschrak Benkei der Held gewaltig und trug sie zurück an den Biwa-Ses in ihre Heimat. früher soll die Glocke spiegelblank gewesen sein. Da kam einst eine vornehme Dame ins Kloster. Statt fromm zu beten, benutzte sie die ehrwürdige Glocke zum Spiegel, um ihren Haarputz zu ordnen. Darob ergrimmt, verwandelte die Glocke ihre glänzend glatte Oberfläche in tausend kleine Runzeln, und ihr Erz nahm eine häßliche Bleifarbe an. Über die Entstehung des Biwa-Sees gibt es auch eine Sage. In alter Zeit waren hier Berge und Wald und eine große Ebene. Einst, im Jahre Z76 nach der Gründung des japanischen Reiches, wurden die Menschen nachts durch einen gewaltigen Lärm heftig erschreckt. Als sie in der frühe aufwachten, waren Ebene und Berge verschwunden, und ein See lag vor ihnen. In derselben Nacht aber war unweit Jokohama aus einer Ebene ein Berg bis zu den Wolken emporgewachsen, der feuer und Steine spie, und das war der heilige Berg. der fuji-no-yama. Unser nächstes Siel war Karasaki. Auf schöner Landstraße eilten wir dem See entlang. Die Reisernte war überall in vollem Gange, und dazwischen sah ich zum erstenmal die runden, dunkelgrünen Büsche der Teeselder. Karasakis Glanzpunkt ist ein riesiger Matsu. Er ist wohl der älteste, größte in Japan, fächerartig dehnt er seine ZS0 Zweige über SO Meter weit auf einem Holzgerüst aus. Er ist heilig, und fleißig halten die Landleute ihre Andacht vor dem Rainmas im Longwanzi-Tempel zu Aioto. (5.16S.) .. i MsMÄSm -4>>^" LMr E-rÜÄLZ» «MWS»^ "» E' ^ 1» «»^Mr-» MÄSMs, - >D» . EL>2S.--» »«sWvj«»» >! «» ME- '1^ rL- lMK W^-,: ^EL» 176 Reise einer Schweizerin um die Welt. scheinen Schrein, der sich an seinen Stamm lehnt, natürlich brachten meine Boys mich ins naheliegende Teehaus, und dann ging's zurück nach Gzu, wo der schwierige Teil meines Ausfluges begann. wie schon gesagt, ist sür Menschen, die in Japan bequem reisen wollen, ein Sichrer unumgänglich notwendig. Ich hatte mich emanzipiert und versucht führerlos durchzukommen, was aber wegen Mangel an Sprachkenntnis zuweilen nicht leicht war. Ich beabsichtigte, mit dem Boote durch den neuen Biwa-See-Lanal nach Nioto zurückzukehren, wünschte aber kein Boot sür mich allein, sondern einfach einen Platz auf einem Passagierschiffe. Sorgfältig hatte ich aus meinem japanischen Wörterbuche die Ausdrücke herausgesucht, um diesen Wunsch auszusprechen, im kritischen Moment aber vordem Billetschalter ging mir mein Wortschatz Hoffnungslosaus. Lüls- los auch grinsten mich meine Bons an. Lin Menschenkranz hatte sich um uns gesammelt, aber „unter Larven keine fühlende Brust", kein Mensch verstand mich. Endlich hatte ich's wieder: «iz^e lrlleri boto » (nicht Boot allein)! Damit warf ich einen halben 7)en hin. den ich bis auf zwei Nupferstücke zurückerhielt. Bequemlichkeiten erster Masse konnte ich somit nicht beanspruchen. Ich wußte nicht, wie gegen diesen billigen Platz protestieren, und wandte mich still ergeben dem Lanale zu. Meine Boys schnitten Gesichter, das Volk lachte, vorwärts mußte ich. Da lag ein Boot, es hatte Strohmatten, und Schuhausziehen wurde daher erwartet. Gleich einer vene- tianischen Gondel hatte es ein Dach, und ach. einen so engen Eingang! prüfend maß ich ihn, zur Not konnte ich mich durchzwängen. Ich zog meine Schuhe aus, sehte sie neben die andern und kroch auf allen vieren in Noahs Arche, wo schon ein Dutzend Japaner und Japanerinnen auf dem Boden kauerten. Sitze gab's natürlich keine. Gelächter empfing mich, Sragen umschwirrten mich. Der Biwa-Ltanal ist im Jahre 1SS0 eröffnet worden. Es war ein bedeutendes Werk sür die japanischen Ingenieure, einen großen Gebirgswall zu durchbrechen und drei Tunnels zu bohren, von denen der größte 2600 Meter lang ist und die Niveaudifferenz 40 Meter beträgt. Der ääanal ist beinahe 14 Mlometer lang. Sein Im Biwa-Ranal. Unterwegs nach China. 177 Bau kostete 1s/i Millionen Jen, also über drei Millionen kranken. Er verbindet die Bai von Osaka mit den: Biwa-See. Durch ihn gelangt jetzt die reiche Ernte der Provinz Gmi auf die Stadtmärkte. Er bewässert den oberen Teil desMoto-Tales, ermöglicht eine Ausdehnung des Reisan- baues und versorgt die zahlreichen Mühlen und Sabriken Motos mit Wasser. Am Viwa-8ee. Unsere Lahrt begann mit einem Tunnel. Über eine Viertelstunde steckten wir in einer Finsternis, die nur sehr matt durch eine rote Papierlaterne, welche von der Decke des Bootes her- unterhing, beleuchtet wurde. Hie und da hörten wir Ruderschlag, das Plätschern des Wassers und das vorbeistreichen eines Bootes dicht neben uns. Die Japaner begannen zu singen. Meine Nachbarin wurde seekrank, ob von der schaukelnden Bewegung, der Dunkelheit oder der Angst, ob gar wegen des Gesanges ihrer Landsleute, — ich weiß es nicht. Erleichtert atmete auch ich auf, als wir endlich zurück ins rosige Licht des Tages gelangten, und die liebliche, grüne Landschaft, die Japan so reizend macht, vor uns ausgebreitet lag. Bald kamen wir an ein Techaus. Der „gelbe Tröster" beruhigte schnell die Gemüter aller, und in einer guten Stunde erreichten wir Moto. Sreudig und beruhigt schlug auch mein Herz beim Anblick meiner beiden Boys, die am Landungsplatz auf mich warteten, wir lachten uns an, und „Gheio" ß schallte es von hüben und drüben. Meine Glieder schmerzten von der unbequemen Lage, in der sie so lange gewesen, und meine Jinrikisha kam mir als ein Ruhehafen nach der Aufregung des Tages, als die Guintessenz alles lltomfortes vor. Als ich den nächsten Abend behaglich aus meiner Veranda lag, hörte ich lautes Gepolter im Nebenzimmer. „WZ: VWiO W«Kr ^W.W ' ^>- «KLM Großer Tempel in Nagasaki. (S. 190.) .MM. III»»II»II I»,III,II« . l ! Unterwegs nach China. 191 schaften geschmückt. Noch höher im preise steht die Satsuma-Sapence. Ihre Grundfarbe ist dunkel cremegelb. Die Glasur voller Sprünge — cruguele würden's die Sran- zosen nennen — ist von großer Wirkung. Die Dekoration, meist Blumen und Vogel, wird vorwiegend in Gold, Rot und.Grün gehalten. Als wir aus die „Losai NIaru" zurückkehrten, hatte sich die Sonne Bahn gebrochen, und erst jetzt konnte ich die Reize des Hafens von Nagasaki bewundern. Lr besitzt eine Breite von 4s00 und eine Länge von 4800 Nieter, und Schisse jeder Größe finden sichere Unterkunft in seinem nach allen Seiten von Land umgebenen Gewässer. Links, bei der Hafeneinfahrt, erhebt sich eine malerische, dicht mit NIatsu bewachsene Insel, Takaboko ist ihr Name, die Holländer nannten sie Papenberg. Tausende zum Christentum übergetretene Japaner sollen im Jahre 16Z7, über ihre Dlippen geworfen, in der See den INärtprertod gesunden haben. Die neueste Geschichtsforschung erklärt freilich diese Tatsache für erfunden. Unsere „Kosai INaru" hatte die Anker gelichtet. Langsam, vorsichtig steuerte sie ihren Nurs durch all die Inseln und Buchten dem offenen Meere zu. Noch einmal vergoldete die Sonne die herrlichen Berge, das tiefe Waldesgrün, die Tempel, Grabsteine und Häuser, die charakteristisch liebliche Landschaft Japans. Cs war ein wehmütig, freundliches Scheiden. Unwillkürlich drängte sich das japanische Abschiedswort auf meine Lippen: „Saponara", und flüsternd ließ ich ein zweifelnd hoffendes, deutsches Wort darauf folgen: „Auf wiedersehen!" Morgentoilette. (S. 19Z.) U L Im blumigen Reiche der Mitte. 1S3 Okina. Mpitel 13. Im blumigen Reiche öer Mitte. Ankunft in Shanghai. Schubkarren. Luxus. Geschichte Shanghais. Die Legende der Seidenraupe. Franzosenstadt. Si-ka-wei. Reise nach Taku. Barre. Ankunft in Taku. Ticntfin. Abreise nach Peking. och hielt der Teifun das Meer im Banne, wie schüttelte er die Masten der „Losai Maru"! Verwaist waren Deck und Speisesaal. Unparteiisch schwang Gott Neptun sein zorniges Zepter über gelbe und weiße Rasse. Der einzige Unterschied war, daß die einen deutsch, die andern chinesisch stöhnten. Das Resultat blieb dasselbe! Erst um 10 Uhr wagte ich mich den nächsten Vor- mittag ans rosige Licht. Das blaue Meer hatte sich beruhigt. Slache, kaum merklich bewegte wellenzüge durchzogen es in dunkeln Streifen, als ob die Slut nach dem verlobten Sturme ihr Gleichgewicht suchen wollte, vom leichten Gstwind zart überkräuselt, strebten sie dem schon fernen Strande Japans zu. Uach und nach kamen auch die anderen Passagiere hervor. Die Gesandtschaft hatte uns in Nagasaki verlassen. Line chinesische Samilie aus Nobe und ein alter chinesischer Kaufmann aus Shanghai traten dafür in den Vordergrund. Der noch junge Ehemann trug den stattlichsten Zopf, den ich bis jetzt gesehen, und seine Srau war mit Juwelen behängen. Als Zeichen ihres Reichtums und Ansehens waren ihre armen Süßchen zu 10 Lentimeter langen Lufen verkrüppelt, die ihr nur ein mühsames Gehen am Stock gestatteten. Der Kraken des Schuhes war Z—6 Lentimeter hoch. Sie trippelte aus den Zehenspitzen, und die Serse ragte oben aus dem Schuh hinaus. Im Alter von fünf Jahren ungefähr werden den kleinen Mädchen mit baumwollenen L. von Rodt. Reise um die Welt. Lhinestn. 194 Reise einer Schweizerin um die Welt. Binden die Zehen seitwärts unter die Sohlen gebunden und jeden Morgen neu und fester bandagiert, bis daß die Süße die vorschriftsmäßige Größe haben. Natürlich geschieht dies nur in den wohlhabenden Massen. Die Nlandschufrauen halten sich frei von dieser barbarischen Sitte. Als Zeichen ihres Ranges hatte zudem die junge Lhinesenfrau auffallend lange Singernägel, die namentlich bei dem dritten und vierten Singer der linken Hand zu förmlichen Klauen ausarteten. Das junge Ehepaar, welches freundlich und herzlich miteinander verkehrte, besaß zwei niedliche, drollige Bübchen. IDoo Jung Ehuen, das ältere, trug schon ein Zöpfchen mit rotem, eingeflochtenem Band, während das jüngere, woo Jung Lhong, ein Baby von acht Monaten, nur auf dem Scheitel und am Nacken des sonst glattrasierten Köpfchens einen schwarzen Haarfleck hatte. Den kleinen Kahlkopf schützte morgens und abends eine rote Mütze, an der nicht weniger als neun silbervergoldete Buddha und alle möglichen glück- und segenspendenden Sprüche hingen. Seit die Gesandtschaft uns verlassen, aßen auch die Srau und der größere Junge mit uns bei Tisch, und zwar höchst manierlich mit Messer und Gabel. Hie und da nur wurde ein Ton behaglicher Sattheit laut, der in Europa für unfein gilt, sonst hätte man sich im Westen wähnen können. Mein Tischnachbar war der alte Shanghaier Kaufmann Tshang-Tshau, ein höchst gemütlicher Tkinu-irmn. Das dünnste Rattenschwänzchen hing ihm hinten, noch etwas dünner, wären es nicht einmal drei Haare, sondern ein Saden gewesen. Sein Englisch war fließend, sein Appetit tadellos. Er aß jedesmal die ganze Speisekarte durch. Den Saß seiner Landsleute gegen die Japaner schien er nicht zu teilen, wenigstens nicht, was die Japanerinnen anbetrifft. Seine Enkelin freilich hätte ihn, erzählte er, vor den Geishas gewarnt, aber nichtsdestoweniger sei während sechs Wochen sein allabendliches Vergnügen ein Geishatanz gewesen. Ich sehe noch jetzt sein betrübtes Gesicht in Nagasaki. Reisebereit, fein gekleidet und frisch „gezöpft", eine europäische Handtasche in der Rechten, stand er aus Deck. Unschlüssig, ob er sich aus das wildbewegte Meer zu den Sirenen Nagasakis wagen oder im sicheren Schutze der „Kosai Maru" bleiben wollte, wählte er notgedrungen das letztere. Gute Laune aber und Appetit waren diesen Abend dahin. Sollten dock) die Geishas von Nagasaki sich besonders auszeichnen, und zudem war's der letzte Abend. Noch eine Nacht auf See. und ich wachte in Lhina auf. Das blaue, klare, japanische Meer hatte sich in ein trübes, gelbes, chinesisches verwandelt. Bei strömendem Regen lenkten wir langsam in den Wong-Pu-Sluß ein. Bunt angestrichene Dschunken mit gelbbraunen, slügelartigen Segeln kamen uns entgegen. vorn hatten sie alle große, gemalte Augen, denn „das Schiff muß ja sehen, sonst findet es seinen weg nicht", meint der schlaue Chinese. Auch die gelben Kanonenboote sind mit Augen bedacht. Am Ufer wechselten Signalstationen mit großen Sischerei- anstalten ab: Ein Chinese hockt unter einem Strohdach, von da aus hebt und senkt er ein Netz. das an einem Gestelle ziemlich weit draußen im Wasser festgemacht ist. Der Kapitän zeigte uns eine große, grüne Insel. Line vor sünfunddreißig Jahren hier untergegangene Dschunke hat sie gebildet. So viel Schlamm treibt dieser wong- Im blumigen Reiche der Mitte. 19Z pu. Allmählich winde der Slusz schmäler. An den flachen, grünen Ufern bewegten sich plumpe, graue, langgehörnte Tiere. Es find chinesische Wasserbüffel, die im ganzeil Gsten zu den nützlichsteil Arbeitstieren gehören. Dörfer erschienen mit kleinen Häusern und großen, phantastisch geschweiften Dächern, chinesische Dörfer! Ich war wirklich an die Pforte des geheimnisvollen Reiches der Mitte gelangt. Meine Sreunde aus Mbe hatten sich in Gala gestürzt, die junge Srau erglänzte noch mehr in Juwelen. woo 7)ung Thuen trug eine Mütze mit wunderbarer perlen- agrafse, und woo Jung Thong, der Meine, hatte einen großen Sleck aus der Rase. Ich wollte ihn abwischen. Das wehrten aber die Eltern, war er doch mit Vorbedacht angemalt worden gegen den Teufel! Immer zahlreichere englische Schiffe begegneten uns, und bald nahten wir dem /Lasen von Shanghai und seinem Mastenwald. Stattliche große Läufer zeigten sich, aus denen das amerikanische Sternenbanner, die rote Sonne des Mikado-Landes und das deutsche Reichsbanner flatterten. Diese drei Lonsulate sind die ersten Gebäude, welche den Ankömmling begrüßen. In strömendem Regen betrat ich Thinas Boden. Schnell brachte mich eine Jinrikisha ins nahe Astor-Laus, das beste Lotel des Ostens. Mir machte es einen feucht-finstern ersten Eindruck. Später freilich sollte ich schlimmere Unterkünfte kennen lernen. Nicht lange hielt es mich im Zimmer. Ich mußte mich überzeugen, wie es in Lhina aussah. Sreilich vorläufig höchst europäisch! Ich schritt über die schöne Brücke nach dem „Bund". Auch hier trägt die breite Guaistraße diesen Namen. Links unmittelbar am Wasser läuft eine Strecke weit eine Parkanlage mit herrlichen Blumenbeeten, Schattenbäumen, Ruhebänken und Musikpavillons. Die Benutzung dieser Anlagen, sowie der Bänke längs des Bundes sind den Ehinesen verboten. Auf der rechten Seite reiht sich Palast an Palast, die großen Banken, Mubs, Reederfirmen, die fürstlichen Wohnungen der Geldaristokratie stehen hier. So geht es eine lange Strecke fort bis zu einer Brücke, welche das Bindeglied mit der französischen Stadt bildet. Doch hiervon später. Einstweilen suchte ich China. Lalt, da fährt etwas noch nie Gesehenes. Line chinesische vierköpfige Samilie läßt sich auf einem Schubkarren durch die Stadt ziehen. Lier wird man also per Ascher auf dem tvang-pu. 1Z6 Reise einer Schweizerin um die Welt. LH-rrt- Schub transportiert ohne jeden Nebengedanken. Lin plumpes, schweres Ding, das Modell hat wohl seit vielen Jahrhunderten keine Veränderung erfahren! In der Mitte eines breiten horizontalen Rahmens befindet sich ein Rad, dessen obere zwi- schendemRahmen Eingang zu Astorbouse-Lotel. hervorragende Hälfte von einem kastenartigen Holzgestell überdeckt ist. Auf jeder Seite des Rades kann eine Person gesetzt werden. Der Passagier stemmt einen Lutz gegen die Sprossen des horizontalen Rahmenwerkes, den andern steckt er in einen Steigbügel aus Hanf. Hinten ist die Deichsel, in welcher der Huli läuft. Natürlich ist seine Aufgabe leichter, wenn zwei Passagiere einander Gegengewicht halten. In der Wahl seines vis-ü-vis ist der Chinese oder die Chinesin nicht eben heikel. Ls kann ein riesiges Gepäckstück, es können ein paar fette Gänse sein. Linmal sah ich sogar eine wohlgekleidete Chinesin, die ein schwarzes Schwein zum Schubkarrengefährten hatte. Als zweite urweltliche Beförderungsart erschienen mir die geschlossenen Sänften oder palankine, in welchen vornehme Chinesen durch zwei bis vier und mehr Männer getragen werden. In dem europäisch angehauchten Shanghai scheinen jedoch reiche Chinesen Reitpferde, bequeme Landauer und elegante Viktoria zu bevorzugen. Gb Europäer, ob Chinese, auf dem Bocke sitzt ein Rutscher, hier Mahfu genannt, neben ihm ein Unterkutscher, und hinten auf dem wagen ein oder zwei Bons. Alle sind gleich gekleidet, weiß mit rot, oder weiß mit blau. alle haben spitze Strohhüte mit zweifarbigen Lederbüschen, viel Luxus wird zudem aus Pferde und wagen verwendet. Der Aufwand, welchen die Europäer im allgemeinen im Osten treiben, bildet oft die Mippe, an welcher die Wohlfahrt und das Vorwärtskommen des jungen europäischen Anfängers Schiffbruch leidet. Der von Hause meist anspruchslos und einfach gewöhnte junge Mensch wird bei seiner Ankunft förmlich durch den ihn hier umgebenden Luxus geblendet. Dazu die höhere Besoldung, und blindlings wirft er sich in all das Treiben. Gleich andern wird er Mitglied eines äklubs, geht hohe wetten ein, hält eigenes Pferd und Dienerschaft, wenn möglich auch ein Hausboot. Dies alles ckann er um so leichter, als er überall Credit findet. Line kurze Bleistiftnotiz über den Betrag des Einkaufes, mit seiner Unterschrift, wird bereitwilligst an Zah- KKLL».Z ^^W-MDMVÄ2MO> Ec-LEL's^M' I- 'Gsd»»M)^ MAWÄ ZZLß^ sHAL* MG MMM LMW^E -,L-7, Per Schub. (S. 196.) »5 Im blumigen Reiche der Mitte. 197 lungsstatt genommen. Mehrere Curopäer und Europäerinnen, die hier leben, erzählten mir, sie trügen niemals Geld in der Tasche, da der Komprador der Sirma alle kleinen und großen Rechnungen zu bezahlen pflege. Jedes Handelshaus hat einen sogenannten Komprador, einen englisch sprechenden Chinesen, der die Gelder sür seine Lirma empfängt und auszahlt und den Verkehr zwischen seinem europäischen Herrn und den Lingebornen vermittelt. Cs ist dies ein Vertrauensposten, und da möchte ich gleich für die vielgeschmähten Chinesen meine erste Lanze brechen und erwähnen, wie ehrlich und zuverlässig im allgemeinen ein chinesischer Kaufmann ist. wenn er sagt: „I rvill äo", so ist dies so gut wie jede Unterschrift. Auf allen Banken in Japan sind Chinesen als Kassie e angestellt. Doch zurück zu unserm jungen Mann. Der Komprador bezahlt, bis die Summe beträchtlich angeschwollen ist. Kann jetzt der junge Angestellte seine Schulden nicht bezahlen, so wird der Chef benachrichtigt, und das Unheil ist da. Jedenfalls sollten nur charakterfeste Leute ihr Glück im Osten suchen, dann aber können sie schnell vorwärts kommen. Shanghai bietet dazu besonders gute Gelegenheit. wie keine andere Stadt im Osten entwickelt und vergrößert sich Shanghai. Viel mag dazu ihre Lage am wusung oder wang-po, einem Zuflüsse des Jangtse-Kiang, beitragen, welcher für Seeschiffe tief genug ist. von Shanghai aus werden die wichtigsten Provinzen Chinas mittelst des Cjangtse-Kiang mit Europa verbunden. Shanghai ist der Ausgangspunkt des Kabels nach Europa wie nach Japan. Shanghai lautet übersetzt „Nahe an der See" und ist ursprünglich eine sehr alte chinesische Stadt. Crst im Jahre 184Z nahmen Zranzosen, Engländer und Amerikaner Besitz von derselben, eigneten sich je ein Stück Land an, bildeten Ansiedlungen, sogenannte settleinents, und eröffneten den Hafen dem Handel, von 18ZZ—18ZZ fiel Shanghai in die Hände der Tai- ping-Rebellen, die vom Jahre 1849—1863 in China gegen die regierende Dynastie wüteten und erst durch die vereinigten Westmächte unterdrückt werden konnten. Damals flüchteten sich eine Menge angesehener Chinesen unter den Schutz der europäischen Ansied- »5 5 ^ Sänfte und Gefolge eines Mandarin. 198 Reise einer Schweizerin um die Welt. lung in Shanghai und verhalfen mit zum Aufschwung der jungen Stadt. Shanghai zählt ungefähr 460,000 chinesische Einwohner und zwischen 9—10,000 Ausländer, worunter ein gut Teil Engländer sind. In letzter Seit haben die Deutschen sehr zugenommen. Einer meiner ersten wünsche in Shanghai war, meine Briefe auf der Post abzuholen. Mit der Ausführung hatte es aber seine Schwierigkeiten. Erstens konnte ich mich mit meinem chinesischen Jinrikisha- Bop nicht verständigen, der mich überallhin brachte, nur gerade nicht dahin, wo ich wollte. Zweitens hat hier jede Nation ihre Post. Ideal für Briefmarkensammler, aber durchaus unbequem für jemand, der seine Briefe abwechselnd: Mss, Muclemoisells und Sräulein poste restunts adressiert bekam und sie dann entsprechend aus der englischen, amerikanischen, französischen oder deutschen Post zusammensuchen mußte. Daneben haben Japan, Rußland und Lhina ihre Post. Letztere gilt für unzuverlässig. Dennoch klebte ich gerade mit Vorliebe die hübschen Drachenmarken aus meine Briefe, und sie kamen alle an. Bei diesen Irrfahrten und Irrgängen lernte ich auch die nicht ausschließlich europäischen Quartiere kennen und erfreute mich namentlich an den hübschen chinesischen Häusern weiter draußen an der biunkinK Ncmcl. Sowohl Häuser wie Kaufläden sind oft mit den feinsten Holzschnitzereien und Steinskulpturen geschmückt, und verlockend genug ist zuweilen der Inhalt der Läden. Alte Brokate, wunderbare Seidenstickereien, moderne Seidenstoffe, Herz, was willst du mehr? Da Seide in Shanghai eine besonders große Rolle spielt, will ich nun auch die chinesische Geschichte von der Seidenraupe erzählen h. Sie klingt phantastisch genug. Ursprünglich war der Seidenwurm eine hübsche junge Dame, die um das Jahr 2460 v. Chr. in Lhina lebte. Ihren Vater liebte sie über die Maßen. Linst wurde dieser Vater auf der Reise von Wegelagerern angefallen und fortgeschleppt, und sein Pferd kam allein zurück. Ein ganzes Jahr verging. Die Tochter konnte sich nicht trösten und aß und trank nichts mehr. Da gelobte die Mutter, demjenigen, der ihr den Gemahl zurückbrächte, die Tochter zur Srau zu geben. Diesen Schwur hörte das Pferd. Heftig riß es sich vom Halfter los. stürmte davon und brachte nach einigen Tagen den verlorenen zurück, von da an wieherte das Pferd unaufhörlich. Der Vater fragte, weshalb es dies täte. Da erzählte die Mutter ihren Schwur. „Nur Menschen braucht man Schwüre zu halten, nicht Tieren", meinte der Vater, „und niemals ist ein Mädchen einem Pferde vermählt worden. Ich will ihm zur Belohnung Lhinesisches Lausdach. ') A. li>. Lxner nacherzählt. Im blumigen Reiche der Mitte. 199 täglich eine doppelte Ration Lütter geben." Das Pferd ließ sich aber dadurch nicht beruhigen, sondern wieherte fort. voller Zorn ergriff der Vater Pfeil und Bogen und erschoß es. Hierauf zog er ihm die Haut ab und hing sie zum Trocknen im Hose auf. Da schritt einmal die Tochter vorbei, und siehe da, die Pferdehaut flog aus das Mädchen zu, umhüllte es und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Nach einigelt Tagen hing die Pferdehaut wieder in einem Baum im Hose, die Tochter aber war in eine schneeweiße Seidenraupe verwandelt, die Blätter fraß und seidene Kokons von sich gab, aus denen das Volk sich Kleider wob. Man kann sich die Trauer der Eltern vorstellen! Da kam eines Tages ein lvolkenwagen vom Himmel herunter, welcher von dem getöteten Pferde gezogen wurde. In ihin saß die Göttin der Seidenraupe, umgeben von einer Schar glänzend gekleideter Dienerinnen. Eine derselben sprach: „Grämt euch nicht, liebe Eltern, die Göttin hat mich zu einer ihrer Dienerinnen gemacht und mir Unsterblichkeit verliehen." Darauf schwebte der Magen wieder gen Himmel empor. So unwahrscheinlich diese Legende lautet, gibt es doch einfältige Gemüter im blumigen Reiche der Mitte, welche an die Seidenwurmgöttin glauben und ihr an einem bestimmten Tage opfern. Sie hoffen dann auf eine recht gute Seidenraupen- und Maulbeersaison. Ich hatte auf der „Amerika Maru" die Bekanntschaft einer englischen Dame aus Honolulu, Schwägerin des französischen Konsuls in Shanghai, gemacht. Sie war auf der Reise dorthin und bat um meinen Besuch, sobald auch ich dort ankäme. Die französische Ansteckung liegt am Südende des „Bund" und bildet einen kleinen Staat für sich. Sie hat ihre eigene Verfassung, Rechte und Gesetze, ihre eigene Dirche, ihren eigenen Gasthos, ja, ihre eigenen Jinrikisha-Boys. Jedesmal, wenn ich in die französische Stadt fuhr, mußte ich mich erst erkundigen, ob der Boy das Recht hätte, nach „Frankreich" hinüber zu kommen. Geistig und räumlich halten sich die Lranzo- sen in Shanghai ganz abgeschlossen, während Engländer, Amerikaner und Deutsche ohne Unterschied ihre Mohnungen nebeneinander aufstellen. Mrs. H. empfing mich aufs freundlichste, und auch der Konsul, Mr. Ratard, erbot sich zu jedem Dienste, «cur vous Luve?, je suis votre consul». Da die Schweizer in Shanghai keinen Konsul haben, ist sowohl der deutsche, als auch der französische verpflichtet, ihnen im Notfalle mit Rat und Tat beizustehen. vorläufig zeigte mir Mr. Ratard seinen guten lvillen durch die Einladung zu einem sehr splendiden Tiffin. Zoxfträ'ger in den Straßen Shanghais bei festlicher Gelegenheit. ' " hü 200 Reise einer Schweizerin um die Welt. Das französische Lonsulat ist ein wunderschönes Gebäude in bester Lage am Wusung-Äusse. Ein Empfangssaal reiht sich an den andern, einer immer eleganter als der andere. Der französische Konsul und seine liebenswürdige Gemahlin scheinen hier im großen Stile zu leben. Uach dem Tiffin fuhr ich mit Dirs. S. und deren Töchterchen nach Si-ka-wei, der berühmten Jesuitenmission. Es war eine ständige Sahrt durch eine flache, einförmige Gegend, denn die Lage Shanghais ist wenig anziehend. Und doch genoß ich den Ausflug unendlich, pfeilschnell eilten die Pferde dahin, und die langen Zöpfe und bunten Sederbüsche unserer Mahfu flogen lustig im iVinde. Ihre Meidung war rot, weiß und blau, die französische Trikolore. Gleich hinter der Stadt begannen die chinesischen Sriedhöse. Etwas Öderes, Trostloseres kann man sich nicht denken, und dabei halten die Ehinesen den Totenkultus so unendlich hoch! Zwischen ausgeschütteten Lrdhügeln steht frei im Seide zuweilen ein riesiger, hölzerner, meist roter Sarg. In entlegeneren Gegenden sollen sie auch wohl in die Bäume gehängt werden. Sie und da steht mitten im Reisfelds ein verfallener, roh zusammengemauerter, viereckiger Steinkasten, in dem ein Sarg untergebracht ist. Manchmal nimmt diese letzte Behausung auch die Sorm eines niedrigen Turmes an. Nach Si-ka-wei hatten sich schon im XVII. Jahrhundert zahlreiche chinesische Christen zurückgezogen, vielleicht hat aus diesem Grunde der Jesuitenorden dort im Jahre 1842 seine großartigen INisstonsbauten errichtet, wo er heute noch aufs segensreichste wirkt. Mir war es nur vergönnt, die viel unbedeutendere Zweiganstalt, das Lrziehungshaus für Mädchen und das Sindelhaus, zu besuchen, aber auch dies bot des Interessanten in Menge. Von der Gberin aufs freundlichste empfangen, wurde uns eine junge Schwester als Sührerin mitgegeben, deren wundervolle, dunkelbraune Augen wohl manches Männerherz entflammt hätten. Sier leuchten sie nur armen, kleinen Mädchen, elenden, alten Srauen, den Verstoßenen und Lebensmüden. Aber auch diese empfinden den Zauber, alt und jung, sogar die armen Blödsinnigen lächeln der jungen Schwester entgegen und drängen sich an die sonnige Gestalt in der ernsten Nonnentracht. Selten habe ich eine süßere Stimme, ein gütigeres Lächeln, eine weichere Sand kennen gelernt, als Sceur IDuris sie hatte. Dabei spricht sie das hübsche, an Bildern reiche Sran- zösisch der Drovence. Bei den kleinsten im Lindelhause fingen wir an. Es sind entweder ausgesetzte oder gleich nach der Geburt den guten Schwestern gebrachte Mädchen, denn kleine Chinesinnen sind ein wenig geschätzter Artikel, vollends bei armen Leuten und wenn gar noch ein körperliches Gebrechen an ihnen entdeckt wird. In letzterem Salle kommt es zuweilen vor, daß man sich aus gewaltsame weise der kleinen Geschöpfe zu entledigen sucht. Dies zu verhindern, halten die Schwestern fleißig Nachforschung, freuen sich über jedes gefundene und gerettete Seelchen, sorgen zunächst für sein geistiges Seil, indem sie es taufen lassen, und geben es dann einer Amme in Pflege. Unter dreißig und mehr Mädchen befand sich ein einziger Lnabe, das Lind eines Europäers und einer Chinesin. Die Mutter war nach der Geburt des Meinen gestorben. Im blumigen Reiche der Mitte. 201 L»«« Die Familie Lha'ng: Die alte Mutter mit ihrem einzigen Sohn, ihren Töchtern, Schwiegertochter und Enkel. der Vater verschollen. Ein kinderloses Lhinesenpaar wollte den Jungen in einigen Tagen abholen und adoptieren. 5o sehr kleine Mädchen verachtet werden, um so mehr sreut man sich in Thina über Söhne. Je mehr Knaben, desto reicher und angesehener sühlt sich die Samilie. Vater und Mutter können dereinst durch sie zu hohen Ehren und Reichtum kommen, und sind sie einmal gestorben, so werden die Söhne ihren Manen opfern, denn die Töchter sind von dem Totenkultus ausgeschlossen. Mir besuchten die verschiedenen Schulklassen. Die guten Schülerinnen tragen zur Auszeichnung blaue Bündchen um den Hals und schreiben ganz fix ihre krausen, chinesischen Zeichen auf die große Tafel. Die Kinder sehen alle wohlgenährt, ordentlich gekleidet und zufrieden aus. Einen rührenden Eindruck machten einige krüppelhaste blödsinnige und blinde Mädchen, die gemeinsam nach besten Kräften unterhalten und beschäftigt wurden. Im oberen Stock sitzen die großen Mädchen, eifrig mit Lücken und Sticken beschäftigt. Die Arbeit geht ihnen nie aus. Sie haben die Stickereien für beide Missionsanstalten zu besorgen, und die herrlichen, feinen Stickereien, die oft einer Malerei täuschend ähnlich sehen, finden so raschen Absatz bei den Damen in Shanghai, daß lange zum voraus Bestellungen notwendig sind, um etwas zu erhalten. So wie die jungen Leute in der Holzschnitzerei, gelange,' die Mädchen zu einer in Europa ungeahnten Sertigkeit im Sticken. Kein Wort wird im Arbeitsraum gesprochen, die Regel des Hauses verbietet das plaudern während der Arbeit. Eine 202 Reise einer Schweizerin um die Welt. weise Vorschrift, denn auch die Chinesinnen besitzen die Gabe des Redens in ausgiebigem Matze, wenn sie einmal loskommen. Unter den jungen Mädchen sind verschiedene Srauen, frühere Zöglinge der Mission, welche tagsüber zur Arbeit ins alte Heim kommen. Die Mission behält gerne Sühlung mit ihren ehemaligen Pflegebefohlenen. Ivenn die Knaben ihre Lehrzeit bei den Vätern vollendet haben, werden sie als Gesellen mit täglichein Lohne behalten. Ziehen sie es vor, auswärts ihrem Lebensunterhalte nachzugehen, so müssen sie sich verpflichten, jährlich drei- oder viermal nach Si-ka-wei zu kommen, um an einigen Religionsstunden teilzunehmen. Die Arbeiter der Missionsanstalt genietzen allgemein eines vortrefflichen und weitverbreiteten Rufes. Ihre Holzschnitzereien schmücken sogar die Kirchen in Korea und der fernen Mongolei. Aber auch in allen anderen Industriezweigen sollen sie Tüchtiges leisten, besonders gilt die damit verbundene Druckerei für musterhaft. Die frommen Schwestern pfuschen mit Vorliebe ins Amt der Heiratsstisterinnen, und grotze Lreude herrscht jedesmal unter ihnen, wenn sie eines ihrer Mädchen mit einem Zögling der «pöres» unter die Haube gebracht haben. Unser letzte Besuch galt den alten, verlassenen Mütterchen, welche hier ein friedliches Heim und einen ruhigen Sterbewinkel finden. Sie sind auch reinlich gehalten, das sieht man an der Reihe von weitzen. Betten, von welchen jedes seinen Vorhang hat. wie alte, gelbe, runzlige Pagoden nicken sie mit den köpfen oder schnurren mit einem vorsündslutlichen, knarrenden Spinnrad. Lasur klarie scheint auch hier der besondere Liebling zu sein. Küche und Apotheke besorgen Chinesinnen. Erstere ist einfach, denn Reis und abermals Reis bildet die Nahrung. Letztere dagegen hat ihre Schwierigkeiten. Mit europäischen Heilmitteln kommt man bei den Chinesen nicht weit. Um so mehr halten sie auf pflastern, Tisanen und Salben. Zerstampfte Kröten, Drachenzähne, geheimnisvolle Kräuter und Zauberformeln spielen eine große Rolle, und der chinesische Aberglaube treibt dabei üppige Blüten. Einen Blick in die etwas bunte, blumengeschmückte Kirche, einen herzlichen Abschied von Lasur Nurie und der Gberin, dann fuhren wir Shanghai zu. Es dämmerte schon, als wir in rasendem Galopp unsern Einzug in der französischen Stadt hielten. Hier fühlten sich unsere Mahfu als Herren und Gebieter. Stolz fuhren sie in der Mitte der Straße, alles andere mutzte vor ihnen sich zur Seite drücken. Lieber jemand überfahren, als einen Zoll breit nachgeben! Mein Schiffsplatz nach Taku war bestellt. Allem Abraten zum Trotze, wollte ich Peking nicht aufgeben. Den Tag vor der Abreise benutzte ich zu Vorbereitungen. Auch einen Schneider «uurnber oue» hatte mir mein Zimmer-Bop verschafft. «I^umber oue» ist ein Lieblingsausdruck des Chinesen, wenn er etwas besonders empfehlen will; dabei geschieht^ zuweilen, daß er auch etwas Mittelmäßiges mit «uuiuber oue» anpreist. Das sogenannte «M§iu»-Lnglisch machte mir so viel Spatz, daß ich mich schließlich auch dabei ertappte, «ous piec^ ruau» und «oue piec^ rvoumu» zu sagen. Der Chinese kann das „r" nicht aussprechen und verwandelt es daher in „l", was zu- K« s-k L^.tzA LP^ ^WW X; ^A? N ^LL ZM Einnahme von Tientsin, d (Nach eine>r H ^ ^-^^,-i «d< v WMBS - Juni MO. Kapitel 1Z.) schen Bilde.) Im blumigen Reiche der Mitte. 20Z L.rtrapost von Tichiiu nach Peking. weilen kölnische Mißverständnisse gibt. So meldete z. B. ein Komprador seiner Sirma eilie Ladung Reis statt rioe (Reis) mit lice (Läuse) an. Mein Schneider war, wie die andern seiner Zunft, ganz zuverlässig. Nach dem ersten gehörigen Heruntermarkten hatte ich gewonnenSpiel und konnte unbedingt aus sein N)ort bauen. Bei aller sonstigen Ehrlichkeit ist die orien- talischeSitte, dreimal mehr, als die Sache wert ist, zu verlangen, auch in China üblich. Gb man damit dem gewandten Läufer eine kleine Sreude oder Genugtuung bereiten will, ob die Hoffnung, einen dummen Gimpel zu fangen, dabei der Beweggrund ist, konnte ich mir nicht erklären. «Dkles pisc^ ciollu», sagt mein Schneider, aber in seinem Herzensgrund weiß er, daß seine Ware nur einen Dollar wert ist und er auch nicht mehr dafür erhalten wird. Der 1Z. Oktober fand mich in der Srühe auf dem „Wuchang", einer kleinen flachen Nußschale, die, wenn ich nicht irre, einer englischen Schifssgesellschaft angehört. Da mehrere Tage des stürmischen Wetters wegen keine Dampfer fahren konnten, war unser Boot übervoll. Ich teilte die Kabine mit einer Engländerin und ihrem Töchterchen. Vorläufig ging alles gut. Wir hatten zuerst Llußfahrt bis Wusung auf dem Wang-Po, dann nahm uns der majestätische Jangtse-Kiang, der „Sohn des Weltmeeres", wie die Chinesen ihn nennen, auf. Ein kleines Meer kann er seiner Breite wegen genannt werden. Seine Länge beträgt sZOO Kilometer, seine Breite stellenweise 7 Kilometer. Eiskalt wehte der Wind. Als ich den nächsten Morgen auf Deck kam, waren die schönen Blumen, welche unser Boot für eine Kochzeit in Tschifu abliefern sollte, erfroren. Im Gelben Meere fing es an, ungemütlich zu werden, sehr ungemütlich. Niemand entging der Seekrankheit. Wir hatten uns alle gefreut, in Tschifu aus Land zu gehen, aber als wir sahen, wie sehr die kleinen Boote mit den Wellen kämpften, verging uns die Lust. Da war's immer noch besser auf dem verankerten „Wuchang". Labsal waren uns die ausgezeichneten Muskateller-Trauben, die aufs Schiff gebracht wurden. Ein Missionar hat sie vor einigen Jahren in Tschifu angepflanzt; sie gedeihen dort vortrefflich und sind schon weithin bekannt. Im Golfe von petschili wurde das Wasser wieder ruhiger, und den 16. Oktober, mittags 1 Uhr, standen wir vor der Barre, einem Damme von Schlamm, den der 204 Reise einer Schweizerin um die Welt. peiho an seiner Mündung im Laufe der Jahre gebildet. Nur bei hohem Wasserstande und ohne jegliche Ladung kommt ein kleiner Dampfer darüber hinaus. Ein Tender pflegt deshalb zur Äut- zeit von Taku an die Barre zu kommen, um die Passagiere und einen Teil der Sracht zu holen. Als um 2 Uhr noch kein Tender da war, sagte der Kapitän: „Nun tritt Ebbe ein, vor Morgen früh um sieben Uhr müssen Sie sich gefaßt machen, nicht von hier weg zu kommen." Etwas murrend ergaben wir uns in das Unvermeidliche und lagen still vor Anker. Meine Leidensgefährten waren drei amerikanische Damen, welche eine Wagenladung Koffer und drei Boys mit sich hatten, ein liebenswürdiger amerikanischer Missionar mit unliebenswürdiger Gattin, und das deutsch-amerikanische Ehepaar, welches ich auf der „äüosai Maru" getroffen. Mit Larfe und Violine schweifte es durch die Welt und verstand es dabei gute Geschäfte zu machen. Einige Passagiere hatten uns in Tschifu verlassen, andere waren dazu gekommen. Abends entließ uns der Ltapitän mit der Bitte, um sieben Uhr zum Srühstück bereit zu sein. Um fünf Uhr früh, es war noch finstere Nacht, hörten wir Ruder- schläge und laute Stimmen. Die Elektrizität war ausgegangen, ich konnte daher kein Licht machen, plötzlich wurde an meine Türe geklopft. „Der Tender fährt in zehn Minuten ab, nachher tritt Ebbe ein, und Sie kommen nicht mehr fort." Im Dunkeln ging nun das packen. Anziehen und Schimpfen los. Jedermann trachtete, von der Barre wegzukommen, und wirklich, wir wurden alle fertig. Zehn Minuten später hatten wir den wenig verlockenden Tender bestiegen. Ohne Srühstück, ungewaschen, fröstelnd, kauerte jeder so nahe er konnte beim Schornstein. Man hatte uns zwei Schleppschiffe angehängt, und der Tender lief so langsam, daß wir von vornherein jede Hoffnung aus den 8 Uhr-Zug nach Tientsin ausgeben mußten. Trübe wälzt der peiho, „der weiße 5luß", seine braunen Sluten, und kaum heben sich die lehmigen chinesischen Dörfer vom Lehmufer ab. Aus Lehm sind auch die Sorts von Taku, die allmählich wie große Maulwurfshügel sich vom ltzerbst- himmel abzeichnen. Einen Monat später, und Eis und Schnee werden die trüben Lluten des peiho in starrem Banne halten, dann werden Tientsin und Peking wieder bis März gleich Dornröschen im Schlafe liegen. Chinesische Barke auf dem Peiho. Im blumigen Reiche der Mitte. 20s Kleine Tender und große Kriegsschiffe treiben aus dem peiho. Koch starrt Luropa in Klaffen gegen das altersschwache China. An der flachen, bäum- und graslosen Küste, aus den braunen Joris von Taku, aus Wällen und Baracken wehen die bunten Llaggen von Amerika, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, England, Österreich und Rußland. Sie werfen die einzige Jarbe in das trostlose Gelb-Grau-Braun der Landschaft. Jede Kation hat ihre abgegrenzte Kiederlassung. Deutschland scheint, was Lage, Größe und Bequemlichkeit der Baracken anbetrifft, sich am besten vorgesehen zu haben. Auch jetzt werden auf den langen Winter hin Vorbereitungen getroffen, allenthalben wird gebaut und am Alten geflickt. Koch zeugen Breschen und Löcher in den Klauern der Joris von dem hartnäckigen Kampfe vor Taku den 12. Juni 1900. Line französische Kugel war in die riesige, chinesische Pulvermühle gefallen und hatte sie in die Lust gesprengt. Die Verwirrung, welche dadurch unter den Chinesen entstand, hatten die Japaner benutzt und sich des Joris bemächtigt. Ghne diesen Zwischensall wäre es mit den am peiho verankerten, europäischen Kanonenbooten übel bestellt gewesen. Die verbündeten hätten nicht landen können, und Peking wäre nicht gefallen. Der vielgewundene Lluß war mit einer Menge Dschunken und schwer mit Holz beladenen Booten belebt. Kach vierstündiger Jährt landeten wir endlich unter ziemlichen Schwierigkeiten eine Viertelstunde weit von der Bahnstation Taku. Heiß brannte die Gktobersonne, als wir in der Hauptstraße einzogen, einer elenden Lehmgasse, die auf beiden Seiten von internationalen Bretterbuden, pompös Hotel benannt, umgeben ist. Ihre Aufschriften lauten: Kurnil^ kouse, Divoli, Kuvette, KocuiuZn, Kelle ^urcliniLre, Deutsche Bierhalle, dazwischen gibt's Wirtshausschilder mit russischen und chinesischen Hieroglyphen. Ebenso international ist die Bevölkerung, die sich in dieser Straße bewegt: Blonde deutsche Soldaten, englische Rotröcke, kleine gelbe Japaner in feiner europäischer Uniform, italienische Bersaglieri, russische Matrosen und dunkelfarbige Sikhs mit hohen weißen oder buntgestreiften Turbanen. Diese Sikhs, ursprünglich eine religiöse Sekte im pand- shab, gehören zu den besten und schönsten indischen Truppen und werden vorzugsweise als Polizisten verwendet, z. B. in Shanghai. Dort Lhlneflsche GrLbev, 206 Reise einer Schweizerin um die Welt. wie hier fallen ihre Schläge wuchtig auf die Rücken der armen chinesischen Kulis, die übrigens an Prügel gewohnt sind. Mir, der Missionar, seine Srau und ich, hatten uns das wenigst abschreckende Lokal, ich glaube, es war ein deutsches, zum Essen ausgesucht. Dann setzte ich mich in den sogenannten Martesaal, bis der Zug kam. Unmittelbar nach mir folgte eine Sänfte, der eine alte Chinesin mit Lnkeltöchterchen entstieg. Die kleine schiefäugige Maid machte mir fortwährend Tschin-Tschin mit ihren dicken Händchen, daraus beschränkte sich notgedrungen unsere Unterhaltung. Endlich hatte sich unser Zug gebildet. Er steht unter englischer Verwaltung. Die dritte Klasse ist ein offener, jeder Witterung preisgegebener Magen, in welchem die Ehinesen haufenweise eingezwängt werden. Die erste Klasse hat schmutzige Holz- bänke, und jeder Komfort fehlt. Die Gegend ist öde, flach und nordisch. Die einzigen Erhöhungen bilden die Grabhügel, die bald klein wie Maulwurfshausen, bald wie große Kegel mitten in den kultivierten Zeldern sich zeigen. Zuweilen fuhren wir durch Sumpfland, auch hier Gräber im Masser und große, rote Stecken, wie vergossenes Blut: Eine Art kleiner Sumpfblumen, die im Herbste blühen. Peking warf seine Schatten im voraus! Dabei erzählte der amerikanische Missionar mit bewegter Stimme von der Schreckenszeit, die er im Sommer 1900 in Peking durchlebt. Roch klang ihm das Mutgeheul der Boper, ihr cha cha (töte, töte), das jedem, der es einmal gehört, unvergeßlich sein soll, in den Ohren, noch blutete sein Herz in Erinnerung an all die heldenmütigen christlichen Chinesen, die für ihren Gott und ihre weißen Herren den Märtprertod erlitten. Die Greuel, welche von Bopern und Europäern damals verübt worden sind, sollen jeder Beschreibung spotten. Räch zwei Stunden erst waren wir in Tientsin. Line lange Jinrikisha-Sahrt brachte mich endlich ins Astorhaus, wo ich ziemlich komfortable, aber teure und kalte Unterkunft fand. Ich mußte im Tag acht Dollar bezahlen, der Dollar ü Sr. 2. 60. Bei dieser Gelegenheit will ich erwähnen, daß seit 18S0 in China die Münze nicht mehr gegossen, sondern geprägt wird. Stücke von einem Silberdollar (gleich Sr. 2. 60), 60. 20, 10 und 6 Cents sind im Handel. Auf der einen Seite zeigen die Münzen einen Drachen, aus der anderen eine Inschrift in Mandschu und Chinesisch, von dem früheren Gelde Tael und Käsch sieht man noch letzteres. Es ist aus Kupfer und bis 1120 Stück sollen aus einen Dollar gehen. Die Stadt Tientsin machte mir bei aller Größe. 960,000 Einwohner, und teilweisen Eleganz ihrer Häuser, es wohnen hier sehr reiche englische, französische, deutsche und russische Kaufleute, einen düstern, häßlichen Eindruck. Die Stadt liegt am peiha, ist seit 1868 verkehrshafen und sowohl als Cingangstor für Peking von der Seeseite her von Wichtigkeit, als auch großer Stapelplatz für den russisch-chinesischen Handel zu Lande. Tientsin hat im Jahre 1900 furchtbar gelitten, überall sah ich Spuren der Zerstörung, überall wurde gebaut. Auch hier fand ich dieselbe internationale Rnisormen- und Slaggenschau wie in Taku. Erst im August 1902 ist Tientsin den Chinesen zurückgegeben worden, nachdem es am 24. Juni durch den russischen General Stoeßel eingenommen worden war. Im blumigen Reiche der Mitte. 207 Taku-Tor in Tieutsin. Am folgenden Morgen fuhr ich mit Jinrikisha in die dreiviertel Stunde entfernte Lhinesenstadt, zunächst ins Tjamen, die frühere Residenz Li Hung-Lhangs, Vizekönigs von petschili. Jetzt ist sie europäisches Verwaltungsgebäude und Sitz der französischen «Luntö». Ich fand ein großes, fensterloses Gebäude, ein Gewirr von Abteilungen und mehreren Höfen in zerstörtem, verwüstetem Zustande. Zwischen schön skulptierten Säulen und fratzenschneidenden, stilisierten Löwen exerzierten junge, französische Soldaten. Interessant war die Sahrt durch die engen Straßen der chinesischen Stadt, die sich in einem unbeschreiblichen Chaos von Gäßchen dahinwindet. Mir die eine lange Straße hat eine leidliche Breite. Überall hängen an den besseren Verkaufsbuden schöne Seile, besonders Tiger- und Leopardenhäute, herunter. Tientsin ist ein berühmter Platz für Pelzhandel. An Lust zum Laufen fehlte es mir nicht, aber an der nötigen Zeit, die hier zum Markten unumgänglich gehört, und an Sprachkenntnis. Die fremde Dame wäre ein guter Sang, sie wird überall dringend aufgefordert, sich die lvare näher anzusehen, aber schließlich unterläßt sie lieber den ganzen Handel und kauft sich einmal ganz prosaisch ein pardelfell in Europa. Unendlich viel Leben herrschte in den Straßen. Hier gab's rote, grüne, blaue Sänften, und eine neue Erscheinung, die mich nicht wenig belustigte: Ernste, lang- bezopfte Chinesen trugen in liebender Sorgfalt ihre Lanarienvögel an Stäbchen oder in Läsigen spazieren, gerade wie man bei uns einen Lieblingshund auf die Promenade mitnimmt. Gb die kleinen, gefiederten Sänger dafür ebenso dankbar sind wie unsere vierbeinigen Sreunde? Ich bezweifle es, denn das Geschrei und Gedränge, die Bettler und Übeln Gerüche können den zarten vögelchen sicher keine Sreude machen! Die Rückkehr dem peiho entlang führte durch Sand, Löcher und Bettler. Dschunke lag an Dschunke, die meisten mit Holz beladen, sie alle schienen noch schnell ihre Sahrten abmachen zu wollen, bevor der Sluß zufror. Auf dem Bahnhöfe fand ich nach dem Tiffin ein so wildes Gewühl, daß ich alle Boxer los wähnte. Grausam hieben die Sikhs auf die Menge ein. Sehr würdig benahm sich dagegen der chinesische Bahnvorstand mit langem Stock und noch längerem 208 Reise einer Schweizerin um die Welt. Zopfe. Durch seine Bemühungenkamich glücklich mit einem alten Chinesen in einem wagen erster Masse unter. Die hübs chen Holzs chnihe- reien über den Türen stachen seltsam ab von der armseligen sonstigen Waggoneinrichtung. Auch diese Lahnlinie steht unter englischer Verwaltung. Auf den öden Stationen fanden sich Militärs aus aller Herren Länder. Dazwischen trieben sich chinesische Händler mit Lebensmitteln herum, und Jungens, welche Dollars in kleine Münze umzutauschen wünschten, ein Geschäft, das ihnen pro Dollar fünf Cents eintragen soll. Mein alter Chinese teilte seinen Vorrat gebratener Kastanien mit mir, und das Mrabbern derselben trug zu unserer gegenseitigen Unterhaltung und Freundschaft bei. Langsam fuhr der Zug, unbeschreiblich langsam. Gde und melancholisch war die Landschaft. Nach vier Stunden näherten wir uns Bergen, die sich in duftiger Lerne scharf abzeichneten. „Peking", sagte plötzlich mein Gefährte und deutete mit der Hand auf eine dunkle Lehmmasse. Peking? Noch immer entdeckte mein Auge nichts von einer Stadt. Am Peiho in Tientfln. KzKL^ «MtzMUVNWM ^LMMs L «Z MM»' ?ÄSSS:Z 8HlOSMM*U ?EAAs-> MW 88Ä88Ä 8 lvie die Seeschlacht bei Taku sich nach d > »-W ^ > sMM M « - '-«^«W. iLLNTALi: lnung der Lhinesen abspielte. (S. 20Z.) V-.- . Geschichte Chinas. 209 Capitel 14. Geschichte Ehirms. Lage Lhinas. Schreibkmist. Alte Staatsversassung. Große Mauer. Ming-Dynastie. Die Mandschu. Die Laiscrin-Aegentin. Die Erziehung Lwang-Süs, des schigen Kaisers. Lrautschau. Geschenke. Loch- zeit. Thronbesteigung. Fortschrittliche Gesinnung des Kaisers. Audienz der Gesandten. N-Lung-Lhang. Verfassung. Militär und Flotte. Religion. Peking. Neuestes. Empfang bei der Kaiserin. Äevor ich meine Erlebnisse in Peking erzähle, möchte ich die Geschichte dieser Stadt und vorher noch diejenige des chinesischen Reiches in großen Zügen skizzieren. Lhina umfaßt ein Gebiet, das größer ist als ganz Europa. Man schätzt es auf 11,081,100 (Quadratkilometer mit seinen Nebenländern, während Europa nur 9,92Z,7Z4 einnimmt. Die in diesem Gebiete wohnenden Völker bilden ungefähr den dritten Teil des ganzen Menschengeschlechts. Die Ehinesen nennen ihr Land Tsin. Davon kommt der Dame Tschina, welchen die Portugiesen in Lhina umänderten. Die Tataren nennen es O^atüi. Der traditionelle Name bei den Chinesen für ihr Land ist: Tschanghua (Blume der Mitte) oder auch Tschungkuo (Reich der Mitte). Lhina erstreckt sich durch mehr als vierunddreißig Breitengrade. Also starke Nälte und tropische Sitze! Und wie das Mima, so bilden auch Nord- und Südchinesen einen großen Gegensatz. Sogar die Sprache trennt sie. Ein Chinese aus dein Volke kann sich in Peking nicht verständlich machen, wenn er aus Danton kommt. Hierin liegt eine der Ursachen der Schwäche dieses Landes, das vierhundert Millionen Einwohner zählt. Lhina, das älteste Reich der Erde, wurde schon seit uralten Zeiten von einem sehr fleißigen und friedfertigen Volke bewohnt, das jedoch ängstlich jede Gemeinschaft mit andern Völkern vermied. Länder, welche jetzt die kultiviertesten der Erde sind, waren entweder noch gar nicht, oder von Völkern bewohnt, die wie die Milden lebten, als in Lhina schon L. von Rodt, Reise um die Welt. Lorer. 210 Reise einer Schweizerin um die Welt. ein vollkommen geordneter Staat und eine Kultur bestand, die jetzt noch unsere Bewunderung erregt. So wurde der Ackerbau schon 2600 v. Ehr. durch die ersten Herrscher Chinas, So-Hi und 7>ao, eingeführt und Kanäle angelegt. So-Hi soll auch die Kunst des Schreibens erfunden haben. Sie ist aus einer Bilderschrift, d. h. aus der unmittelbaren Wiedergabe der Anschauung der Gegenstände selbst, hervorgegangen. In der ältesten Zeit schrieb man mit einem Bambusgrifsel und Sirius, seit 220 n. Chr. begann man, Tusche anzufertigen, und der Pinsel ersetzte den Bambus. Die Wörter werden noch jetzt nicht in wagrechten, sondern in senkrechten Linien aneinandergefügt, wobei man von rechts nach links schreibt. Der Seidenbau soll schon von einer Kaiserin eingeführt worden sein, die 2000 v. Lhr. lebte. Jahrhundertelang scheinen die Chinesen ihre Sürsten gewählt zu haben, bis sich im Jahre 2207 v. Lhr. Hia, Sohn des M> zum erblichen Herrscher erhob und die Dynastie Hia gründete, die bis 1767 v. Lhr. regierte. Hierauf folgten die Dynastien Schang und Wu-wang. Unter letzterer wurde Konfutse (Lonsucius) geboren. Die alte chinesische Staatsverfassung war gleichsam die Ausdehnung der väterlichen Gewalt über das ganze Volk. Der Kaiser bildete den Mittelpunkt des ganzen Staatslebens. Lr war der Sohn des Himmels, und man erwies ihm eine fast abgöttische Verehrung. Dafür verlangte man aber, daß er sich durch sein Leben und Betragen derselben würdig erweise. Handelte der Kaiser gegen die althergebrachten Gesetze und Gebräuche, so wurde er abgesetzt. Nach den alten Gesetzen war der Staat Eigentümer alles Grund und Bodens, und jeder Samilienvater hatte das Anrecht aus einen bestimmten Teil desselben, von dessen Ertrag er wiederum dem Staate den neunten Teil abgeben mußte. Im Jahre 247 v. Lhr. kam eine neue Dynastie, deren Gründer Tsin-Schi- Hwang-ti hieß, nach ihm wurde das Land Tsina genannt. Lr unterdrückte nach Kräften die Lehre des Konfutse und ließ alle Schriftwerke aus früherer Zeit verbrennen. Gegen die Einfälle der Tataren erbaute dieser Kaiser die „große Mauer" (chinesisch Wang-Li-Schang-Tschöng), eines der Weltwunder. Sie ist noch jetzt verhältnismäßig in gutem Zustande und hat eine Länge von 24S0 Kilometer. In Zickzackwindungen über Slüsse, Berge von gegen 1SZ0 Meter Höhe, Abgründe und Schluchten läuft diese Mauer von der wüste Gobi bis zum Meerbusen von petschili. Sie ist, mit Einschluß der 1,s Meter hohen Brustwehr, 16,s Meter hoch und Z—8 Meter dick. Ihr Unterbau ist von Granit, die wände sind aus ungebrannten Ziegelsteinen und mit Erdreich ausgefüllt. An manchen Stellen ist sie doppelt und dreifach mit Brustwehren und Schießscharten versehen. In Zwischenräumen von je SO—100 Meter erheben sich 10 Meter hohe wachttürme. Nach Tsins Tode spaltete sich das Reich, Nebendynastien kamen auf, mehrere Kaiser wurden ermordet. Auf glänzende Zeiten, wie z. B. unter der Thang-Dynastie, folgten schlimme Tage. Die Tataren und Araber kamen ins Land. im Jahre 1206 die Mongolen. Die neunzehnte Dynastie Jüan (1280—1Z67) war eine mongolische, ihre Residenz: Lhanbaligh, das heutige Peking. Die Eroberer eigneten sich die Institutionen des unterjochten Volkes an. Erst gegen Ende ihrer Herrschaft kamen auch Chinesen wieder zu Ämtern und würden. .^>.> »> WM «ZAH R'KL Steinerner Elefant bei den Ming-Gräbern in Nanking. (S. 212.) Im Jahre 1365 trat der buddhistische Priester Tschu- jüan-tschang gegen die Mongolenherr- schast aus, nahm Peking ein, vertrieb die Mongolen nach der Tatarei und wurde so allgemein beliebt, daß er Kaiser wurde. Als solcher nahm er den Namen H>ung-wu an und wurde Gründer der zwanzigsten Dynastie, der Ming 1Z68—1644. Unter dieser Dynastie blühte das Reich. Die Portugiesen kamen nach Macao, katholische Missionare erlangten Zutritt, und das Land erhielt seine im wesentlichen noch geltende Regierungsform. Ihre Gräber sind der llachwelt erhalten und legen Zeugnis ab von der hohen Kultur, die zur Zeit der Ming in Lhina herrschte. Dreizehn Glieder dieser Dynastie liegen zehn Stunden von Peking entfernt begraben, drei bei Nanking in Südchina. Einzig in ihrer Art sind an beiden Grten die sogenannten „Straßen der Steinbilder". In bestimmten Entfernungen stehen gewaltige Statuen aus grauem Sandstein, je zwei gleicher Art einander immer gegenübergestellt: Pferde, Elefanten, Löwen, Krieger und Staatsminister. In dem einsamen Tale sollen diese dreimal lebensgroßen Bilder eine gewaltige Wirkung ausüben nicht nur auf die Menschen, sondern aus die Reitpferde. Zitternd, scheu weichen diese zurück, kein Zureden, keine peitsche kann sie bewegen, hier vorüberzugehen. Im Jahre 1644 eroberten die Mandschu-Tataren Peking, der Kaiser suchte freiwillig den Tod, und damit erreichte die Ming-Dynastie ihr Ende. Als die einundzwanzigste Dynastie traten die Mandschu oder Tsing 1644 auf, die noch jetzt den Thron von Lhina innehaben. Khang-hi und Khien-lung waren die ausgezeichnetsten Herrscher dieser Dynastie. Unter ihnen erhob sich Lhina zu großer Macht nach außen und innen. Sie beförderten die Wissenschaften, legten Bibliotheken an und waren selber Gelehrte. Nun zu der Regierung des Kaisers Kwang-Sü und der Kaiserin-Mutter, somit zu der neuesten Geschichte Chinas. Durch die Ereignisse von 1900 ist das „Reich der Mitte" sehr in den Vordergrund getreten, es möchte daher nicht uninteressant sein. Näheres über das moderne Lhina und die Menschen, welche darin eine Rolle spielen. Zu hören. 212 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die große Mauer. MKtztz lWAN'LE KZM. Steinbild bei den Ming-Gräbern in Nanking. (2. 212.) 214 Reise einer Schweizerin um die Welt. Kwang-Sü war drei Jahre alt, als sein Vorgänger und Gheim, Tung Ehih, im Alter von neunzehn Jahren kinderlos starb. Die Wahl des neuen Kaisers lag in den Händen der Kaiserin-Witwe und der Kaiserin-Mutter. Letztere hatte die Regentschaft für den Kaiser Tung Thih geführt, als er noch unmündig war. Die Kaiserin-Witwe starb inzwischen, und die Kaiserin-Mutter wurde die Seele der ganzen Regierung. M. von Brandt, der langjährige deutsche Gesandte in Peking, gibt folgendes Urteil ab über die gegenwärtig so berüchtigte Kaiserin-Mutter Si-tai-hau: „Sie hat den Ruf einer klugen und energischen Srau in vollstem Maße gerechtfertigt. Ihr ist es gelungen, nach jahrelangen dämpfen die Ruhe im Lande in höherein Maße wieder herzustellen, als je zuvor, und Lhina, soweit es an ihr lag, aus die Bahn des Sortschritts zu lenken. Jedesmal, wenn es möglich war, eine Lache zur Entscheidung an die Kaiserin- Mutter zu bringen, konnte man sicher sein, daß dieselbe in der praktischsten und verständigsten Weise erfolgte; die hohe Srau ist unbedingt eine der fähigsten und erfolgreichsten Herrscherinnen gewesen, die je auf einem Throne der Erde gesessen haben; das günstige Urteil über sie ist mir von allen chinesischen Staatsmännern bestätigt worden, deren Ansichten ich zu hören Gelegenheit gehabt habe. Bei dem Tode ihres Lohnes im Srühjahr 1875 nahm sie Veranlassung, diese Tatkraft aufs neue zu beweisen. Verlegenheit und Bestürzung herrschten in den Regierungskreisen, denn kein Nachfolger war vorhanden. Da begab sich die Kaiserin- Mutter in den Palast ihres Schwagers, des Prinzen von Thun, und holte aus demselben den ältesten Lohn ihrer Schwester, den kleinen Kwang-Sü, und setzte ihn aus den verwaisten Thron. Während der Minderjährigkeit zweier Kaiser ist die merkwürdige ärau Regentin des Reichs gewesen, und man wird wohl nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß sie auch seit der Mündigkeitserklärung ihres Reffen fortfährt, einen maßgebenden Einfluß auf den Gang der Geschäfte auszuüben. Wie groß die Rolle gewesen, die sie gespielt, wird man wohl nie mit Sicherheit erfahren, denn die Regentinnen sitzen „hinter dem Vorhang", d. h. man nimmt an, daß sie, ohne selbst gesehen zu werden, den vom Kaiser erteilten Audienzen beiwohnen und demselben dann ihren Rat erteilen, aber jedenfalls sind ihr Lhina und das Ausland zu großem Dank verpflichtet, und es kann nur als durchaus erwünscht bezeichnet werden, wenn ihre große Erfahrung und Tatkraft auch ferner dem jungen Kaiser ratend und helfend zur Seite stehen." So lautete im Jahre 1894 Brandts Urteil über die Kaiserin-Mutter. Ich lasse nun einen kurzen Auszug der Schilderungen A. H. Lxners über Erziehung und Verheiratung des Kaisers Kwang-Sü folgen. Als das kaiserliche Baby vier Jahre alt geworden, begann seine sogenannte klassische Erziehung, die der Chinese als die Guintessenz des irdischen Lebens betrachtet. Die Astronomen erklärten einen bestimmten Tag im Mai 1876 für günstig, um den Schulunterricht des „Sohns des Himmels" anzufangen. Zwei hochgelehrte Literaten waren als Lehrer erkoren und empfingen kniend den Thronerben. Ein „Hahachutsze", zu deutsch Prügeljunge, wurde zugleich ernannt und angestellt. Die beiden Lehrer- waren nämlich angewiesen worden, dem kleinen „Himmelssohn", dem „Bruder der Geschichte Chinas. 21Z Sonne und des Mondes" allmorgens und allabends angemessene und passende Mahn- reden zu halten, ja ein Bambusröhrchen war sogar vorgesehen worden. Da es jedoch wider allen Respekt gewesen wäre, das Bambusröhrchen mit dem geweihten Körper des ,Mmmelssöhnchens" in Berührung zu bringen, so wurde ihm ein Ersatzmann gestellt, welcher im gegebenen Lalle die Seiner Majestät zugedachte Prügelstrafe zu erdulden hatte. Da der kleine Kaiser diesen Exekutionen jeweilen beiwohnen mutzte, werden sie jedenfalls ihren moralischen Einstich nicht verfehlt haben. Die Erziehung der Mandschu-Müser ist von zartester.Kindheit an eine sehr strenge. Kwang-Sü mußte täglich um vier Uhr morgens ausstehen und erhielt sofort eine erste Lektion in chinesischer Literatur. Sobald diese gelernt war, hatte der Schüler Mus in Peking. sein Unterrichtsbuch niederzulegen und die Ausgabe auswendig herzusagen. Auf diese chinesische Lektion, die zwei Stunden beanspruchte, folgten mandschurische und mongolische Aufsähe. Dann kam Sprachunterricht an die Reihe in Mandschurisch, Mongolisch und in lokalen, chinesischen Dialekten. Zur Erholung wurde Bogenschießen zu Suß und zu Pferde geübt, Sechten, Turnen. Eine Anzahl besonderer Lehrer waren dazu angestellt. Den ganzen Tag über müssen sich die jungen Prinzen entweder geistig oder körperlich beschäftigen, dürfen aber sehr früh zu Bett gehen. Im fünfzehnten Lebensjahre sollen sie heiraten. Als Kwang-Sü vierzehn Jahre alt war, erließ die Kaiserin-Regentin ein Edikt, laut welchem alle im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren stehenden Töchter der Pa-Lhi-Lhi-Yen-Samilien, d. h. Nachkommen der Krieger, die an der Tatareninvasion von Lhina teilgenommen, zur Brautschau nach Peking eingeladen wurden. Die jungen keiratskandidatinnen, deren Zahl sich aus mehrere hundert beließ wurden 216 Reise einer Lchweizerin um die Welt. in Begleitung ihrer Vater in den inneren Kofraum des kaiserlichen Palastes geführt. Kurz darauf erschienen der junge Kaiser und die Regentin und traten an den Tisch, wo eine Menge kleiner Kolztafeln lagen. Auf jeder derselben waren Käme, Alter und Sa- nnlie der jungen Damen verzeichnet. Die Kaiserin verlas jeden einzelnen Namen, worauf das betreffende kleine Sräulein vortrat. Diejenigen, welche ihr nicht gefielen, erhielten ihre Täfelchen zurück, was einem Korbe gleichkam. Die Täfelchen derjenigen, welche der Kaiserin Wohlgefallen erregten, wurden beiseite gelegt. Einige Tage später mußten die Auserwählten nochmals bei Kos erscheinen, und nochmals schmolz ihre Zahl in der genaueren Wahl. Zwei Jahre später geschah die letzte „Auslese", wo die Kaiserin ihre endgültige Entscheidung traf. Das Resultat derselben wurde folgendermaßen dem Volke bekannt gemacht: „Seit der Kaiser in aller Ehrfurcht sein väterliches, großes Erbe angetreten hat, ist er allmählich zum Mann gereift, und es ist daher geziemend, daß eine Person von hohen Charaktereigenschaften zu seiner Gemahlin auserwählt werde, um ihm in den pflichten des Palastes beizustehen, damit die hohe Stellung einer Kaiserin geziemend ausgefüllt und der Kaiser in seinen tugendhaften Bestrebungen unterstützt werde. Die Wahl ist gefallen auf Aeh-ho-na-la, die Tochter des stellvertretenden General- Leutnants Kwei-Ksiang, eine Maid von tugendhaftem Charakter, von ansehnlichem Äußern und würdigem Benehmen. Wir befehlen, daß sie zur Kaiserin ernannt wird." Die auserwählte Braut war die Nichte der Kaiserin-Mutter. Die Gesamtkosten der Kochzeit beliefen sich aus 7Vs Millionen Taels -- ZZ Millionen Sranken. Die einzelnen Provinzen, Sabriken, Gouverneure mußten dabei gehörig schwitzen. Es würde mich zu weit führen, die bei der Kochzeit stattgesundenen Zeremonien hier zu schildern. Line Beschreibung der Toilette der Braut und eine Auszählung der von ihr erhaltenen Geschenke genügen. Der kut war dabei die Kauptsache, so zu sagen die Krone. Er bestand aus rotem Samt, einem Rande aus Zobelfell und war mit einem dreiteiligen Knopf geschmückt. Diese einzelnen Teile waren je mit drei herrlichen und siebzehn gewöhnlicheren perlen verziert. Den Mittelpunkt bildete eine große, in Gold gefaßte perle, über welcher sich ein goldener Phönix erhob. Kinten aus dem Kut saß unterhalb des Knopfes ein goldener Sasan mit sechzehn eingelegten perlen. Der sich in fünf Ledern abteilende Schweif des Vogels war mit Z2Z perlen besetzt. Das Brautkostüm bestand aus einem Kragen von Zobelpelz, inwendig mit hellgelber Seide gefüttert und mit Samtbändern garniert, auf welchen Diamanten funkelten. ttunge chinesische Damen. Eingang zur verbotenen Stadt. (S. 220.) 218 Reise einer Schweizerin um oie Welt. Das Kleid war von dunkelblauer Seide mit Goldborten und über und über mit gewaltigen Drachen bestickt. Ebenfalls in Gold gestickt waren die Worte wan-su (ewiges Glück) und wan-sheu (ewiges Leben) zu lesen. Die Lals- und Armbänder bestanden aus perlen, Türkisen, Korallen und Diamanten. Das im Gürtel zu tragende Taschentuch war von grüner Zarbe, reich gestickt und mit gelben Bändern und Gunsten aus Juwelen versehen. Die Verlobungsgeschenke der Braut, die vom Ministerium des kaiserlichen Haushalts besorgt wurden, waren: vier vollständig gesattelte und gezäumte Pferde, zehn Lelme und Panzer, hundert Stück Atlas und zweihundert Stück Baumwollenstoff. Die Lochzeitsgeschenke waren noch viel größer: Zweihundert Unzen Gold und 10,000 Taöl Silber, ein goldenes Teeservice, bestehend aus Kanne und Tasse mit Deckel, zwei silberne Waschbecken, tausend Stück schönstes Seidenzeug, zwanzig mongolische Reitpferde mit Ausrüstung, vierzig Packpferde ohne Ausrüstung und zwanzig Sättel für Packtiere. Die bei der Vermählung verbundenen Seierlichkeiten bestanden darin, daß zwei Tage vor der Lochzeit je ein hoher Würdenträger, ein Prinz des kaiserlichen Laufes, abgesandt wurde, um auf dem „Altar des Limmels", auf dem „Altar der Erde", in dem „Tempel der kaiserlichen Ahnen" in der „verbotenen Stadt" und in „Zeng- hsien-tien", einem kleinen Tempel der „verbotenen Stadt", woselbst nur die Tafeln der verstorbenen Kaiser aufbewahrt werden, die am 26. Sebruar 1889 stattfindende Vermählung des Kaisers zu verkünden. Die Zeremonien dabei bestanden hauptsächlich im Darbringen von Speise- und Trankopsern; außerdem wurde Weihrauch geopfert und eine Atlasrolle verbrannt, aus welcher die Ankündung der bevorstehenden Lochzeit geschrieben stand. Diese Gpfer wurden von dem Absingen ritueller Gesänge der Priester, sowie von dem obligaten „Kotau" der opfernden Prinzen begleitet. Am Tage nach der Vermählung fand die offizielle Thronbesteigung des Kaisers statt, welche unter ähnlichen religiösen Zeremonien, wie bei der Vermählung, gefeiert wurde. Außerdem fand ein Luldigungsbesuch des Kaisers bei der Kaiserin-Witwe statt, wobei er vor ihr kniete und mit seinem Laupte neunmal den Sußboden berührte. In den ersten Jahren seiner Regierung lauteten die Berichte über Charakter und Ansichten des jungen Kaisers, soweit man etwas von ihm hörte, ganz anders, als er sich im Jahre 1900 zeigte. Man nannte ihn energisch, zu jedem Sortschritt geneigt, ja. er wäre sogar drauf und dran gewesen, ein Telephon in seinem palaste anzulegen. Lin 'Lochzeitszug. Geschichte Chinas. 219 ein Unterfangen, von dem ihn Wahrsager und Sterndeuter nur mit Mühe hätten abbringen können. Es hieß. er spreche geläufig englisch und ließe sich oft durch englische Zeitungen über Ereignisse und Zustände in seinem Reiche belehren. Im Jahre 1894 empfing der Kaiser die fremden Gesandten in Peking in Audienz in einem Palast innerhalb der gelben kaiserlichen Stadt. Seitdem der englische Gesandte vor mehr als hundert Jahren (1793) sich geweigert hatte, den Kotau auszuführen, d. h. vor dem Kaiser niederzuknien und neunmal mit der Stirne den Lußboden zu berühren, waren nur ein einziges Mal die fremden Gesandten einiger Mächte bei Gelegenheit einer Krönung im Jahre 187Z vom Kaiser empfangen worden, und zwar in einer Halle außerhalb der eigentlichen Kaiserstadt. von 1894—1900 fanden regelmäßige Empfänge des gesamten diplomatischen Korps seitens des Kaisers am chinesischen Neujahr statt, auch überreichten von da an alle neu ernannten Gesandten ihre Beglaubigungsschreiben dem Kaiser, ebenso wie bei der Versetzung ihre Abberufungsschreiben. Augenzeugen schildern diese Audienzen ungefähr folgendermaßen: Der Kaiser sitzt auf einer breiten Estrade, zu welcher nebeneinander drei getrennte Treppen emporführen. Sein Thronsessel ist geschnitzt und mit gelbseidenem Brokat überzogen. Der „Sohn des Himmels" trägt eine lange, indigoblaue Seidenrobe mit goldgestickten Drachenmedaillons auf Brust, Rücken und Gberärmeln, dazu die Amtskette, im Sommer einen weißen Hut mit roter Troddel, im Winter ein schwarzes Zwillingspagoden im Mntcrpalast in Peking. 220 Reise einer Schweizerin um die Welt. Barett. Sein Gesicht ist hübsch, intelligent, seine Züge regelmäßig, aber blaß und kränklich, und ein trauriger Zug spielt um den Mund. Die Empfangenen in hoher Gala- Uniform begrüßen den Kaiser mit drei Verbeugungen, die erste am Mitteltor beim Eintritt, die zweite fünfzehn Schritt weiter im Saale, die dritte etwa zwölf Schritte von der Thronestrade, wo der Kaiser, umgeben von einer Schar Palastbeamter, sitzt. Mit leichtem Kopfnicken erwidert er den Gruß, und der Dopen, der älteste des diplomatischen Korps, hält eine englische Ansprache. Der Prinz, welcher gerade Präsident des Lsungli 7)amen (auswärtiges Amt) ist, besteigt hierauf die Estrade, überseht kniend dem Kaiser die Rede des Dopen, worauf der Kaiser dem Prinzen chinesisch antwortet. Der Prinz verläßt die Estrade und wiederholt die Antwort des Kaisers, welcher also nur mit dem Prinzen, nicht mit dem Gesandten redet. Dies ist die einzige Gelegenheit, wo der „Sohn des Hammels" mit der Außenwelt in Berührung kommt. In Peking kannte der Kaiser nur seinen Palast, einige Tempel und zwei Lustschlösser, sonst wurde er fern von allen irdischen Angelegenheiten einem Gefangenen gleich in der „Purpur- oder verbotenen Stadt" gehalten. Kwang-Sü hat keine Kinder, deshalb gilt er bei seinen Untergebenen für einen von den Göttern Ungeliebten. Bis zum 10. August 1900 schwebte ein geheimnisvolles Dunkel über der „verbotenen Stadt", wo der „Sohn des Hammels", der „Bruder der Sonne und des Mondes" auf seinem Drachensitze in unnahbarer Majestät thronte. Nieder Mandschu noch Lhinese, am allerwenigsten ein „rotborstiger Barbar", durfte sich den Mauern der „verbotenen Stadt" auch nur nähern. Da siel Peking. Kaiser und Kaiserin flohen, das Heiligtum wurde profanen Augen preisgegeben, durch profane Hände entweiht. Pierre Loti schildert uns in seinem Buche, «Des elerniers jours ele vdkin», wie nur er es versteht, das finstere, düstere Schlasgemach, das dunkelblaue Lager, die schwarzen Lbenholzschnihereien, den feinen Tee- und Rosengeruch, der diese rätselhafte Kaisereristenz umschwebt. lieben den unbestimmten Umrissen Kwang-Süs, des Schattenkaisers von China, zeichnet sich scharf und mächtig die Hünengestalt Li-Hung-Lhangs, des Lismarcks des Ostens, was an modernen Errungenschaften China in den letzten Jahren gemacht, ist Li-Hung-Ehangs Werk. Er eröffnete den Sremden die Verkehrshasen, begann, moderne Leuerwaffen einzuführen, gründete eine Kriegsflotte, ließ Telegraphennehe Eingang zum Dause eines hohen Beamten. Geschichte Chinas. 221 nach allen Provinzen ausdehnen und beförderte nach Kräften den Lisenbahubau. Alle Landels- und Sriedensverträge Chinas mit auswärtigen Mächten wurden jahrzehntelang durch Li abgeschlossen und im Namen des Kaisers unterzeichnet, wenn man deir starren Konservatismus, den Aberglauben der Chinesen kennt, bedeutet jede dieser einzelnen Errungenschaften eine Herkulesarbeit. In dieser langen staatsmännischen Karriere hat es weder an Neidern noch an Mißerfolgen gefehlt. Lin solcher war der unglückliche Ausgang des Krieges mit Japan (1894—189Z). Sehr trübe auch gestalteten sich die letzten Lebensmonate des greisen Mannes, mußte er doch noch die Einnahme und die Besetzung Pekings durch die verbündeten Mächte miterleben. Li- Hung-Lhang ist neunundsiebzig Jahre alt Anfang November 1901 in Peking gestorben. Drei Wochen vor seinem Tode hatte er noch meinen amerikanischen Sreund und Reisegenossen empfangen, und so ließ ich mir unmittelbar darauf von ihm alle Einzelheiten dieses Besuches erzählen. Er beschrieb mir die mehr als einfache Wohnung des reichsten Mannes in China, seinen schäbigen, fast schmutzigen Anzug, die ungewöhnlich hohe Gestalt, das kluge Auge in einem Antlitz, das damals schon den Stempel des Todes trug. Auch die unsern Begriffen nach verblüffend intimen Sragen, welche Li-Hung-Ehang an ihn richtete. So fragte er u. a.: „Sind Sie reich? Aus wie hoch beläuft sich Ihr vermögen? Sind Sie verheiratet? warum haben Sie sich nicht verheiratet? werden Sie es noch tun? wie alt sind Sie?" u. s. w. Mein Sreund versuchte seinerseits, einige Bemerkungen über Peking einzuflechten, wie sehr man die Stadt heben und verschönern könnte. Li-Hung-Lhang brach darauf in einen wahren Jammer über die Armut Chinas, der Stadt Peking und seiner eigenen Person aus, seit den Kriegswirren von 1900. Dabei füllte ihm ein besonderer Pseifenanzünder, der zu seinen Süßen hockte, immer wieder die pfeife und klopfte die Asche aus. Die Staatsverfaffung Chinas ist monarchisch und den Staatsgrundgesetzen nach patriarchalisch. Der Kaiser sollte demnach als Vater seines Volkes, als geistliches Oberhaupt, höchster Richter und Anführer im kriege betrachtet werden. In Wirklichkeit regieren aber, und zwar aus höchst willkürliche weise, die acht Generalgouverneure oder Vizekönige, während die Macht des Kaisers in Peking immer schattenhafter geworden ist. Das Staatshandbuch Tatsing Huitien besteht aus 920 Bänden, ist somit ziemlich komplizierter llatur. Seit Beginn des XVIII. Jahrhunderts werden die wichtigsten Staatsangelegenheiten von einem Ministerkabinett in Gegenwart des Kaisers meist von fünf bis sechs Uhr früh verhandelt. Nächst diesem amtet eine innere Ratskammer und seit 1860 das Tsungli 7)amen, das Ministerium der MSS h., ^ Lin Mandarin. 222 Reise einer Schweizerin um die Welt. „Auswärtigen Angelegenheiten", dem die von den Europäern geleiteten Anstalten, wie z. B. das fremde Seezollwesen, unterstellt sind. Von großem Einfluß ist eine vierte Institution, „der Rat der öffentlichen Zensoren", welcher sechzig Mitglieder mit einem chinesischen und einem tatarischen Präsidenten zählt. Ihre Mitglieder besitzen das Vorrecht, gegen jede Regierungsmaßregel, auf politischem wie wissenschaftlichem Gebiete, zu remonstrieren und dem Kaiser Gegenvorstellungen zu machen. Dieser Rat hat seine Vertreter in jeder Provinz, die teils den Sitzungen beiwohnen, teils die achtzehn Provinzen bereisen und darüber an den Rat berichten. Diese altchinesische Einrichtung, ausgezeichnet in der Theorie, ist es weniger in der Praxis, denn die kerren Zensoren und Beamten in Ehina sind sehr käuflich. Da sie lächerlich niedrige Besoldungen haben, sind Erpressungen und Betrug an der Tagesordnung. Mandarine, ein aus dem Indischen entlehntes Wort (mantrin, Ratgeber), heißt man die Beamten, und diese teilen sich in sieben Rangstufen ein. Daß das Militär in Ehina zu wünschen übrig läßt, haben die letzten Jahre zur Genüge bewiesen. Der Soldatenstand ist nicht geachtet, und von jeher hat den Ehi- nesen der Krieg als ein Unglück, als eine Schmach für die Menschheit gegolten, weder europäische moderne Waffen, noch deutsche Instruktoren, noch die modernsten Neuerungen im Äottenwesen haben Ehina in den letzten Jahrzehnten zum Sieg geführt. Die konservativen Söhne des Zopfes haben sogar Li Kung Lhang angeschuldigt, er sei durch die Einführung neuer Waffen Schuld an ihren Mißerfolgen, und sie wünschten wieder die Waffen zurück, mit welchen im Jahre 1644 die Mandschu gesiegt. Europäisch gedrillt und bewaffnet sind etwa neunzigtausend Mann, der Rest, angeblich eine Million, bedient sich der Bogen, Speere, Kellebarden und alter Luntenslinten. viel größeres Ansehen genießen die „Literaten". Zille höheren Ämter sind mit ihnen besetzt. Das „wissen" gibt den Ausschlag für die Stellung der Staatsbürger und hebt den Studierten hoch über den adelig Geborenen. Von der Landbevölkerung können etwa zehn Prozent lesen und schreiben, was in Anbetracht der Unzahl chinesischer Schriftlichen fünf Jahre Lernens mindestens erfordert. kerrschende Religionen in Ehina sind die Morallehre des Konfutse (Eonfucius), der Buddhismus und Taoismus. Von fremden Religionen nimmt der Mohammedanismus den ersten Rang mit zwanzig Millionen Anhängern ein. Dieser wurde etwa im Jahre 628 in Kanton eingeführt. Die ersten Mohammedaner, die sich im Reiche der Mitte niederließen, waren ungefähr viertausend arabische Soldaten, die sich mit Chinesinnen verheirateten. Nach einer Zählung vom Jahre 18S4 betrugen die Katholiken eine Million, die Protestanten ZZ.OOO. Die ersten evangelischen Missionare kamen erst 1802 ins Land. Schon im VII. Jahrhundert war das Christentum durch die Nestorianer in Ehina eingeführt worden. Im XIV. Jahrhundert errichtete der Papst ein Erzbistum in Peking, welches aber schon 1Z6Z wieder einging. Durch die Missionare Ruggieri und Ricci faßten die Jesuiten 1Z80 und 1601 festen Suß in Kanton und Peking, um so festeren, als sie sich gewandt den Sormen des Buddhismus anschmiegten. Ein deutscher Jesuit, Adam Schaal, erfreute sich eines großen Einflusses beim ersten Kaiser der Mandschu-Dpnastie um 1644. Geschichte Chinas. 223 Die Lüde des XVII. Jahrhunderts erschienenen Dominikaner und Franziskaner hatten bei weitem nicht den Erfolg. Eifersüchtig darüber, klagten sie beim Papste, die Jesuiten hätten der reinen Lehre abgesagt. Die hierauf angestellten Untersuchungen ergaben das Resultat, daß der Kaiser 1718 sämtliche Orden aus dem Lande wies mit Ausnahme der Jesuiten, heftige Lhristenverfolgungen begannen im Jahre 181Z, denen ein Edikt des Kaisers folgte, wodurch er sämtliche Katholiken aus dem Lande wies. Erst im Jahre 1844 stellte Lhina, aus Anregung Srankreichs, den Chinesen die Annahme des Christentums frei. Im Sommer 1900 haben mit den Iren:den- auch die Lhristenversol- gungen begonnen, diesmal grausamer als je. Richt einmal die Toten sind der Ivut der Borer entgangen. Im Westen Pekings hatten die Jesuiten ihren prunkvollen Sriedhof. Seit dreihundert Jahren wurden die Jünger der Gesellschaft Jesu hier bestattet, und zwar ließen sie sich die Embleme der „himmlischen Naiser" aufs Grab sehen, marmorne Drachen, Chimären, Schildkröten und hohe Säulen. Zerschmettert wurden diese stolzen Monumente, die Dnochenüberreste aus ihren Grüften gerissen, zerstampft', verbrannt. Die Wirren begannen damit, daß die russischen und amerikanischen Missionsanstalten den 10. Juni 1900 verbrannt wurden, die übrigen teilten bald dasselbe Schicksal. Die englische Nirche und zwei katholische Nirchen und etwa zwanzig Kapellen wurden zerstört. Im ganzen Osten ist die Stimmung den Missionaren ungünstig. Allgemein wird die taktlose Art und Weise gerügt, wie sie einem alten ^Kulturlands wie Lhina ihren Glauben aufzupfropfen suchten, und so die Wirren verursacht haben sollen. Darüber kann ich nicht urteilen. Jedenfalls haben sie allfällig begangene Sehler in jenen furchtbaren Sommermonaten reichlich mit Eingabe von Kab und Gut und auch des Lebens gesühnt. Nur eine Stimme der Bewunderung herrscht über die christlichen Chinesen, evangelische und katholische, welche freudig in den Märtprertod gingen, obgleich die leiseste Rückkehr zum alten Glauben sie gerettet hätte. Man schätzt die Zahl der in und um Peking für das Christentum gefallenen Chinesen auf fünfzehntausend. Und nun komme ich noch in kurzen Worten auf die Stadt Peking zu sprechen. Schon vor Jahrtausenden soll Peking, man geht auf 1121 v. Chr. zurück, eine Niederlassung tatarischer, Nordchina beherrschender Sürsten gewesen seien. Als die Dr. S. Reid, Amerikaner, Professor an der Universität in Peking, und General Lhiang, Kommandant der chinesischen Truppen zum Schuhe von Peking. 224 Reise einer Schweizerin um die wett. , » «MsM. »M « » »,'M» »'«« » «"» »MU»' KMF Südost-Tor und -Mauer der Llüneseiistadt in Peking. auf die Tataren folgenden Mongolen durch die nationale Erhebung derLhinesen aus Thina vertrieben worden waren, verlegte der erste Herrscher der Ming-Dynastie 1368 die Hauptstadt nach Nanking. Damals besaß Peking einen größeren Umfang als jetzt, und Marco Polo hat uns eine begeisterte Schilderung von der Schönheit und dem Glänze der Stadt überliefert. Schon der dritte Herrscher der Ming-Dynastie, 7>un-lo, kehrte nach der alten Hauptstadt zurück, welche nunmehr den Namen Peking, d. h. „nördliche Hauptstadt", erhielt. Im Jahre 1419 begann der Bau der Mauer der Nordstadt, und 1544 wurde auch die südliche Stadt mit einer Mauer umzogen, die jedoch bedeutend niedriger ist. Die Gesamtlänge der Außenmauern Pekings beträgt SA*/? Kilometer. Da aber große Strecken innerhalb der Mauern brach liegen, kann man nicht auf eine diesem Umfang entsprechende Einwohnerzahl rechnen. Eine genaue Ziffer anzugeben ist schwer, durchschnittlich nimmt man 500,000 Seelen an. Peking liegt in einer von drei Seiten mit Bergen umgebenen fruchtbaren Ebene. Durch einen Kanal mit dem peiho verbunden, ist es ungefähr 32 Stunden vom Meere entfernt. Im Sommer steigt die Temperatur oft aus 36 Grad Eelsius, während im Minier wahrhaft sibirische, schneefreie Kälte herrscht. In den Jahren 1662 und 1230 ist Peking von heftigen Erdbeben heimgesucht worden; den 12. Oktober 1860 wurde die Stadt von englisch-französischen Truppen besetzt und teilweise zerstört. Die Wiederholung dieser Besitznahme im Jahre 1900, diesmal- durch die Agitationen der fremdenfeindlichen sogenannten Boxer hervorgerufen, ist noch frisch in aller Gedächtnis. Einige kurze Notizen genügen deshalb: Vom 10. Juni bis 14. August 1900 war Peking der Schauplatz von Greueln und Ausschreitungen aller Art, und die Stadt von jedem Verkehr nach außen vollständig abgesperrt. In diese Zeit fällt die Ermordung Kettele:-, des deutschen Gesandten, den 16. Juni, die Vernichtung verschiedener Legationsgebäude, der obgenannten Kirchen und Missionen, außerdem der Verwaltungsgebäude des Seezolldienstes, des Postgebäudes, der neuen Llektrizitätswerke. Bald auch richteten sich die Boxer in blinder Wut gegen ihre eigenen Landsleute; Chinesen töteten Chinesen, und wer im geringsten im verdachte stand. Sympathien für die rotborstigen Barbaren zu empfinden. wurde schonungslos niedergemetzelt. Auch hier offenbarte sich die Treue und Anhänglichkeit chinesischer Dienstboten an ihre Herren oft in schönster weise. Geschichte Chinas. 22Ö Am 14. August 1900 erschieiien endlich japanische, englische und indische Truppen nor den Mauern Pekings, und nach dreitägige,n. hartnäckigein Lampse gelang die Eroberung. Der Los und eine große Anzahl Einwohner waren geflohen, sie fanden eine verödete, ausgehungerte Stadt. vor einigen Wochen — weine Reiseerinnerungen von Lhina lagen fertig geschrieben vor wir — erhielt ich das Septemberheft 1S02 der illustrierten, amerikanischen Zeitschrift «Dtrs Century». Ein Artikel, betitelt: „Besuch bei der Laiserin-Mutter", erregte mein Interesse und ließ zugleich den Wunsch in mir aufsteigen, meine Schilderung vom Lose von 1900 mit einem Bilde desselben von 1902 zu ergänzen. Lier in kurzem Auszug die Eindrücke der Dame, die an diesem Besuch teilnahm: Es war am 22. Sebruar 1902, daß die Srauen und Müder der in Peking residierenden, auswärtigen Gesandten, einer Einladung der Lai- serin-Mutter Solge leistend, gemeinschaftlich den weg nach der „verbotenen Stadt" antraten. Ein sonderbarer Zug: Srauen, Dolmetscher und Linder, alle durch Lulis in Sänften getragen, und die Angehörigen jeder Gesandtschaft durch ihre besondere, berittene Eskorte beschützt! Außerdem hatte die Laiserin zwanzig Beamte geschickt, welche hoch zu Roß die Sänfte der ältesten anwesenden Dame, der Mrs. Eonger, Gattin des amerikanischen Gesandten, umgaben. Der Dopen des diplomatischen Korps, der österreichische Minister, spielte bei dieser Gelegenheit die Rolle des offiziellen Beschützers. vor dem Tore der „verbotenen Stadt" vertauschte die Gesellschaft ihre Sänften mit roten, kaiserlichen, unbedachten Stühlen, die an langen Stangen je von vier kräftigen Lulis getragen wurden. An der herrlichen Drachenmauer vorbei wand sich der weg. Leute schien sie ihres Amtes, feindliche Geister fern zu halten, nicht zu walten, denn ruhig ließ sie all die fremden „Teufelinnen" eindringen in ihr bisher so sorgfältig gehütetes Bereich. Prinz Eh'ing empfing an der Pforte des Palastes die ungewohnten Gäste mit freundlichem Ländedruck, und nachdem man eine Tasse Tee geschlürft, bewegte sich L. von Rost, .Reise nm die weil. Drachenmauer. 226 Reise einer Schweizerin um die Welt. die Prozession nach dem Thronsaale. Voran gingen der österreichische Minister und Mrs. Longer. Neben dem Throne stand ein Mann mit knabenhaften Zügen und einem uner- forschlichen Lächeln. „Sohn des Kümmels" wird er genannt. Mas aber auch immer für erhabene Vorstellungen dieser Titel heraufbeschwören mag, sie wurden völlig verdunkelt durch die weit mächtigere Gestalt der Kaiserin, die nicht unpassend Thinas Katharina II. genannt werden dürfte. Mit klarer Stimme brachte Mrs. Tonger ihre Iteujahrswünsche für den kaiserlichen Los und Thina dar. (Zwischen Januar und Iebruar wird nämlich ungefähr während fünfzehn Tagen das chinesische Neujahr gefeiert.) Nachdem die kurze Rede ins Chinesische übersetzt worden war, nahm Prinz Th'ing kniend die Antwort der Kaiserin entgegen. Lierauf schüttelten die Majestäten ihren Gästen, vom ersten bis zum letzten, freundlich die Land. Die Kaiserin sah dabei jedem forschend ins Antlitz. Sie besitzt einen der größten Reize, welche eine Srau haben kann, eine weiche, einschmeichelnde Stimme. Auch ihr Lächeln ist gewinnend, und die klugen, energischen und allsprechenden Gesichtszüge verraten nicht die leiseste Spur von Bosheit oder Grausamkeit. Bis zu jener Stunde hatte kein Ausländer jemals in das Antlitz der Lerrscherin geschallt, und die Bilder, welche man von ihr veröffentlichte, waren somit vollständig aus der Phantasie gegriffen. Nach der erstell Begrüßung verließ die Kaiserin ihren Thronsessel und sorgte wie eine gute Laussrau dafür, daß die Gäste ihren Tee richtig bekamen, und daß es besonders den Mildern nicht an Süßigkeiten gebrach. Den Kaiser schien die ungewohnte «teu- purt^» höchlichst zu unterhalten. Er schritt von einer Gruppe zur anderen, aus dem Suß von einem Adjutanten gefolgt, der ängstlich besorgt war, den Limmelssohn vor jeder zufälligen Berührung seitens einer unvorsichtigen „rotborstigen Barbarin" zu schützen. Die Kaiserin und ihre fünfundzwanzig Losdamen boten ein anziehendes Bild orientalischer Pracht und Schönheit in ihren nationalen Gewändern. Das lange, lose Meid der Kaiserin-Mutter war aus blauem Atlas und von oben bis unten mit Schmetter- Lhinestsche Visitenkarte. lingen, Fledermäusen (das Symbol langen Lebens) Das Original ist rot. 2S Centimeter und goldenen Glückssprüchen bestickt. Ihr Laar war lang und 12 breit. mit Dutzenden von perlen jeder Größe besäet. und> Geschichte Chinas. 227 ihre nicht verstümmelten Süße zierten schöngestickte Schuhe mit stelzenartigen Absätzen, welche die Kaiserin größer erscheinen ließen, als sie es in Wirklichkeit ist. Die jungen Hofdamen trugen ähnliche Gewänder wie ihre hohe Herrin, und große Sträuße feuriger Blumen im schwarzen Haar. Mit Ausnahme der Witwen waren ihre Gesichter aufs feinste gemalt, eine Studie in rosa und weiß mit einem einzigen blutroten Sleck an der Unterlippe. llachdem die Kaiserin aus ihrer kostbaren, grünen Jadetasse genippt, sehte sie dieselbe an die Lippen der Mrs. Langer, worauf auch die übrigen Ministersgattinnen dasselbe zu tun hatten. Dann führte die Kaiserin die Damen in ihre privatgemächer, ja sogar in das Sanktuarium ihres Schlafzimmers, ließ die Gäste der Reihe nach 'KKW tvachlturm in Peking. ihr weiches Bett befühlen, sehte sich schließlich leise lachend daraus, und lud Mrs. Longer, für die sie eine entschiedene Vorliebe zeigte, ein, sich neben sie zu sehen. Zu Häupten des Bettes waren Srüchte zur Besänftigung der bösen Geister ausgestellt, und nicht weniger als fünf Wanduhren tickten sehr laut im Zimmer. Auch hierher war der Kaiser gefolgt, wurde jedoch lachend von der Kaiserin, welche abermals Tee anbot, herausgeschickt. Schöne Kunstwerke in Porzellan, Lloi- sonnö, Bronze und Jade schmücken sowohl Schlafgemach, als die übrigen Räume der Kunstliebenden Herrscherin, llachdem die Damen alles betrachtet und bewundert, wurden sie in die Banketthalle geführt, wo unterdessen die Herren der Gesellschaft durch die Staatsminister unterhalten worden waren. Vogelnester, Haifischflossen-Suppe, Srüchte, Süßigkeiten beendigten diesen Empfang, der in den Annalen der viertausendjährigen Geschichte Lhinas einzig dasteht. Man frägt sich unwillkürlich, wer oder was dieses Wunder bewirkt. Sind es die Schreckens- 228 Reise einer Schweizerin um dic Welt. monate des Jahres 1900, welche Lhinas Herrscher nötigten, ihre Hauptstadt zu verlassen, die diese Lrucht gezeitigt? Ist es ihnen in der Verbannung klar geworden, daß die Mauer, welche das Reich der Mitte so enge umgürtet, jetzt fallen muß? Ist es — pessimistische Gemüter möchten es glauben — eine List Lhinas, die „verbündeten Mächte" in Sicherheit einzulullen, um später feindlich gegen die Eindringlinge vorzugehen? Iver weiß es? Ü»I Soininerpalast der Kaiserin. 229 Kapitel 1Z. Am Sommerpslast der Kaiserin. Tbincfifche Begräbnisfeier. Wahl der Grabstätte. Fahrt nach dem »örsl -m viorä. Lhincpsche Tracht. Lübsche Lauser. Gefandtfchaftsstraße. Unterkunft im Lotet. Die Tataren-Mauer. Ausflug nach dem Sommerpalast. Legende von der großen Glocke. Geistermauern. Erschaffung der Erde. Europäische vandalen. Im park des Sommerxalaftes. Lochzeitsziige. Diner auf der Gesandtschaft. as mauerum- kränzte Peking lag vor mir. plötzlich hielt der Zug aus freiem Leide. Line gewaltige Staubsäule wirbelte empor, aus der allmählich ein wunderbarer Aufzug sich entwickelte, voran schritt ein junger, weißgekleideter plann, der ein Gefäß trug. Ihm folgten Priester, Träger mit großen Papierlaternen, Gongschläger und Musikanten. Banner flatterten in der Luft, und goldene Buchstaben leuchteten von großen, roten Tafeln. Line geschlossene Sänfte, einige Berittene, dann ein roter, vierspänniger Leichenwagen, eine unabsehbare Volksmenge, — das Bild war verschwunden, und der Lisenbahnzug stellte uns im Sande, wie nur schien auf offenem Leide, ab. Beim Anblick dieses pompösen Leichenzuges erinnerte ich mich, daß es in Lhina heißt, zwei Leichenbegängnisse kurz nacheinander in derselben Lamilie zögen unfehlbar deren Ruin nach sich. Der Totenkultus spielt bei den Lhinesen eine so große und charakteristische Rolle, daß ich hier in kurzem Auszuge folgen lassen will, was ich über Tod und Begräbnis im Reiche der Mitte gehört und gelesen habe h. Marmorfchikk im Sommerpalast in Peking. 4s' ') Lrner: Au- Lhina. M. Schanz: Ein Zug nach Osten. 2Z0 Reise einer Schweizerin um die Welt. Sofort nach dem Tode eines Thinesen sendet die Samilie zum Totenpriester, der das Amt hat, eine der drei Seelen, die im menschlichen Körper wohnen sollen, auszusordern, den Leichnam zu verlassen und dem Llpsium zuzueilen. Die Meldung des Toten musz je nach seinem Range möglichst reich sein, denn ihr entsprechend fällt der Empfang im Jenseits aus. Seine besten Dleider werden verbrannt, ebenso später vor dem Grabe Stanniolpapiergeld, Läufer, Sänften, Pferde, Diener, alles aus Papier verfertigt, damit diese Dinge im Jenseits dem verstorbenen weiterdienen können. Als Nahrung für die zweite im Leichnam zurückgebliebene Seele wird ein Lopf Reis mit in das Grab versenkt. Doch zwischen Tod und Begräbnis liegt eine lange Srist. Die in die „Bretter des langen Lebens", wie der Lhinese den Sarg nennt, gelegte Leiche wird in der Nähe des Ahnenaltars im Lause aufgestellt, woselbst sie sieben Nischen bleibt. Der Sarg ist aus rotbraun lackiertem Lolz und sehr massiv. Der Verstorbene hat ihn bei Lebzeiten selbst angeschafft, oder er wird ihm von seinen Söhnen zum sechzigsten Geburtstage geschenkt. Söhne und verwandte des verstorbenen umstehen den Sarg, beten zu den Manen des Dahingeschiedenen und lassen ihre Magen ertönen. An jedem siebenten Tage werden den Manen größere Opfer dargebracht, und das Magegeschrei verdoppelt sich. Nach Ablauf der ersten Trauerwoche wird allen Sreunden und Bekannten die Trauerbotschaft schriftlich mitgeteilt. Diese senden alsbald allerlei Geschenke an den Verstorbenen, namentlich Lßwaren, die mit den Geleitbriefen verbrannt werden und hiermit dem Toten ins Jenseits folgen. Am siebenten Tage der Trauerzeit suchen Priester durch Gebete den Slug der ersten Seele ins Jenseits zu befördern. Nunmehr überträgt die Samilie die Wahl einer glücklichen Grabstätte einem sogenannten „Lrdwahrsager", der um dieses Zweckes willen, mit einem Dompaß ausgerüstet, mehrere Tage auf Lügeln und Bergen zubringt. Sobald der Lrdwahrsager seine Wahl getroffen, muß er einen Tag günstiger Vorbedeutung finden, an dem das Grab gegraben werden darf. Dann erläßt der nächste verwandte des Toten folgendes Schreiben an die Erdgeister: „wir, die Söhne und Verwandten des Verstorbenen, beabsichtigen, dessen sterbliche Lülle an dieser Stelle zu begraben. Da wir den Wunsch hegen, das Grab bereiten zu lassen, bitten wir euch, nicht nur diesem unserem vorhaben eure Zustimmung zu erteilen, sondern auch für uns zu sorgen und uns glücklich zu machen. Serner gestatten wir uns verehrungsvoll, euch Gbst und wein als Gpfergaben anzubieten; nehmet dieselben huldvoll und gnädig entgegen." Durch verbrennen wird dieser Brief an die Adressaten befördert. Ist das Grab fertig, so werden die Dienste des Crdwahrsagers abermals in Anspruch genommen. Er muß die Wahl eines glückbringenden Tages zur Beerdigung treffen, und dies ist das Schwierigste. Tage, Wochen, Monate, ja Jahre vergehen zuweilen dabei. In diesem Salle wird der wohlverkittete Sarg in ein „Laus des Todes", wie ich es in Danton beschreiben werde, feierlich überführt. Die Beerdigung der Toten im Innern einer Stadt ist nicht erlaubt. Die Sried- höse befinden sich weit draußen. Die wohlhabenden pflegen ihre Angehörigen jedoch Siegel der Kaiserin. MUMM HWM Z« il^W Siegel der Kaiserin. Malerei der Kaisekin-Mutter. (S. 242.) nicht dort zu begraben, sondern lassen sich, wie eben erzählt, durch den Erdwahrsager passende Plätze suchen. Je besser die Bezahlung, um so länger sucht, und eine um so glückverheißendere Grabstätte findet schließlich der „weise Mann". Deshalb liegen in China die Gräber über das ganze Land verbreitet. Bleibt noch genügend Geld übrig, so wird die Leiche mit dem Pompe zu Grabe gebracht, wie ich ihn am Anfang des Capitels geschildert. Nach Rückkehr der Leidtragenden wird das Ahnentäselchen des Verstorbenen in einem Zimmer des Dauses aufgestellt, woselbst es bis zum hundertsten Tage der Trauerzeit zu bleiben hat. In diesem Täfelchen soll, wie der Chinese glaubt, die dritte Seele zukünftig wohnen. Nach dem hundertsten Tage wird es auf den Ahnenaltar des Hauses niedergelegt. Jetzt werden auch die Trauerkleider entfernt, welche erst den dritten Tag nach dem Tode angezogen werden, da man bis dahin nicht die Hoffnung aufgibt, der Gestorbene sei nur scheintot. Das Trauergewand ist aus weißer Leinwand. Mährend der ersten sieben Mochen lassen die Leidtragenden Dopf- haar, Bart und llägel wachsen, Mine Hochzeit darf in der Samilie vor Ablauf der hundert Trauertage gefeiert werden, der Student muß von der Prüfung zurücktreten, der Beamte seinen Posten ausgeben, während drei Jahren darf er kein neues Amt annehmen. Die Länge der Trauerzeit richtet sich nach dem Verwandtschaftsgrade, in welchem die Hinterbliebenen zu dem verstorbenen stehen. Der Sohn muß um den Vater, die Irau u-m den Mann siebenundzwanzig Monate trauern; um Müder und Geschwister trauert man nur ein Jahr. Auch um eine Srau genügt eine einjährige Trauer, denn das Gesetz sagt: „Stirbt deine Srau, so darfst du eine andere heiraten." Ich bin so lange, zu lange vielleicht bei den Beerdigungszeremonien der Chinesen verweilt, weil sie mir charakteristisch für dieses originelle, durch und durch konservative Volk erscheinen, und vielleicht auch zum Verständnis anderer Dinge, die ich erzählen will, beitragen werden. vergeblich schaute ich mich, als der Leichenzug vorüber war, nach einem Bahnhofgebäude, nach einer Stadt um. Cs hieß nachher freilich, ich hätte erst auf der nächsten Dronzepfau im Sommerpalast in Peking. Im Lommerpalast der Kaiserin. KUKM Ä ' - M UM 2Z2 Reise einer Schweizerin um die Welt. Station aussteigen sollen, allein da der Schaffner „Peking" rief und die meisten Passagiere aufbrachen, tat ich desgleichen. Einige Jin- rikisha-Boys standen bereit. Bald saß ich im Wägelchen. voneinemKuli gezogen, von einem andern gestoßen, überwanden wir glücklich einen Sandhaufen, der in die holprigste Straße einmündete, die mir ze vorgekommen. Der Ausblick, welcher sich mir bot. war eine Sand- und Staubwüste zur einen, zur anderen Seite eine riesige, erdrückende Mauer. Endlich lenkten wir durch ein gewaltiges Tor aus einen öden Platz ein. Zauberte meine Einbildungskraft mir Ägppten vor? Lins, zwei, drei gewaltige Kamele mit langem, zottigein Selle und glänzenden, sanften Augen streiften mich unversehens. Ihr schwerer Schritt war lautlos iin Sande versunken, und beängstigend groß standen ihre riesigen Silhouetten plötzlich dicht vor mir. Die im Traume fuhr ich weiter. Jetzt endlich fühlte ich mich in einer Großstadt. Welch lautes Leben und Treiben plötzlich ringsum! Auf Eseln, in Sänften, Jinrikishas, auf sogenannten Pekingkarren, zu Süße wand sich unaufhörlich ein bunter Zug, in welchem blaue Baumwolle die Grundfarbe spielte, an mir vorbei. Mann und Srau aus dem Volke tragen ungefähr dieselbe Tracht. Saltenreiche, weite, am Knöchel zusammengebundene Beinkleider, darüber ein meist blauer Baum- wollkittel. Ausnahmsweise sind Beinkleider und Mittel aus schwarzem Glanzkattun. Die Ärmel sind stets weit und so lang, daß sie über die Land Hinausreichen. Eng anliegende Kleider sind den Chinesen ein Greuel. Über die Kleidung der feineren Leute habe ich schon gesprochen; nachholen will ich nur. daß die Mandarinen auf ihren Lüten Knöpfe tragen, welche in folgender Aufeinanderfolge die sieben Mandarinengrade in Sarben bezeichnen: rosa, rot. hellblau, dunkelblau, milchfarben, Kristallweiß und gold. Die Chinesin jedes Standes geht stets barhaupt. „Sie hat Laare, weshalb braucht sie einen Lut?" meint der sparsame Gatte. Das glatte, schwarze Laar ist nach hinten gekämmt. Ich sah einige Damen, welche ein wagrechtes Brettchen im Nacken trugen, über welches das Laar ausgebreitet lag. eine künstliche Blume steckte zu beiden Seiten des Lolzes. Augenbrauen, Wangen und Lippen werden stark geschminkt und bemalt. Mit ihren weißen Gesichtern und den recht hübsch in der Mann, Frau und Lind aus dem Volke. - xL §/AM- Im Loimnerpalast der Kaiserin. 2ZZ Glitte abgezirkelten Aosawangen erinnern jie mich an unsere Wachspuppen. Zllin (ülnck gibt e^> weniger verkrüppelte Süszchen in Peking als in Südchina, da die Mandschuren dieser Unsitte nicht huldigen. Line Merkwürdigkeit ist aber doch an ihrem Schuhwerk bemerkbar. Sie tragen wohl dreißig Lentimeter hohe Absätze, die sich über die ganze Sohle ausbreiten, wie Stelzen sieht es aus oder wie der Sockel einer Statue, vornehme Damen zeigen sich selten zu Suß. oder dann stets von einer Dienerin begleitet. Die Straße ist außerordentlich breit. In der Mitte zu einem Damm erhöht, bildet sie zu beiden Seiten der Häuser einen Graben. Viele dieser Häuser entlockten mir einen Schrei der Bewunderung: Meine, niedrige Gebäude aus Holz mit geschweiften Dächern, Drachen und phantastisch geformten Ungeheuern als Dachtraufen. Häher von oben bis unten geschnitzt, teils schlicht braun, teils überreich vergoldet, stehen noch reihenweise da. Unzählige aber sind dem Seuer und den Bopern zum Opfer gefallen. Tausende von kleinen Menschen und Ungeheuern, Blumen und Schmetterlinge und feines Blättergeranke haben chinesische Künstler aus Giebel und Balken und an alle Türen gezaubert. Gleich hohen Masten streben schlanke, mit Goldbuchstaben beschriebene und einem goldenen Knopfe gekrönte Stangen hoch über die Giebel der Häuser. Man sagte mir später, die Uamen der Sirmen seien darauf geschrieben. An langen Bambusstangen hängen Laternen, Troddeln, alle möglichen Geschäftsreklamen; vor der Haustüre erhebt sich auch des öfteren ein Pfahl mit dem Uamen des Besitzers. Die Szene hatte sich verändert, wir waren in eine sehr stille, öde Straße gekommen, das Guartier der fremden Gesandten. Die Augen der ganzen Welt hatten sich ein Jahr zuvor in Angst und Sorge während zwei Monaten auf diesen Punkt gerichtet! Hoch jetzt blickt die Zerstörung aus den Mauern, und an einigen Stellen bewachen die beiden marmornen stilisierten Löwen, die in Lhina vor jedem palaste stehen, einen Trümmerhaufen oder eine gähnende Lücke. Die belgischen, holländischen, italienischen Gesandtschaftsgebäude wurden von den Boxern und ihren Helfershelfern zerstört, auch das französische Gesandtschaftshaus hat eine chinesische Pulvermine in die Lust gesprengt. Sünf Minuten später war ich end- Kekandtläiaktsüraße in pekincs. 234 Neise einer Schweizerin um die Welt. lich am Ziel meiner langen Riksha-Lahrt. Ein schmaler Eingang, ein an winkeln und Lösen reiches chinesisches Laus oder vielmehr ein Zusammengestückel von vier Lausern, bildet das heutige Hütet äu blorä, das einzige in Peking. Der Besitzer, ein Deutscher, wird bei der Konkurrenzlosigkeit und seinen hohen preisen binnen kurzem ein reicher Mann sein und Peking, dem „größten Schmutzplatz des Erdballes", wie jemand es nannte, vergnügt den Rücken auf Nimmerwiedersehen wenden können. Das Hütel äs Dökiu ist eingegangen; Monsieur pallieu, sein Besitzer, der bei der Belagerung eine wichtige Rolle als Proviantmeister gespielt, ist dabei Millionär geworden und hat sich in die Leimat zurückgezogen. Das Hotel ctu l^lorä war augenblicklich überfüllt; der Wirt erklärte, mir nur noch ein kleines, bescheidenes Zimmer geben zu können. Es lag zu ebener Erde. Die Lauser in Peking haben meist nur ein Erdgeschoß. Auf einer Leite ist ein Kleiner- Los, während die Aussicht des Sensters aus eine hohe Mauer geht. Die Tapeten hingen alle in Letzen herunter, in der wand klaffte eine so große Spalte, daß ich genau das Zimmer meines Nachbarn übersehen konnte. Es war drei Uhr nachmittags, somit die beste Zeit zu einem Ausgange. Auf mein Befragen, was ich unternehmen könnte, hieß es: „Gehen Sie auf der Mauer spazieren." Und dann? Der Wirt lächelte: „wenn Sie auf der Mauer um die Tatarenstadt laufen wollen, brauchen Sie fünf Stunden, denn ihr Umfang beträgt 24 Kilometer." Breite Rampen, auf denen auch Pferde und wagen emporsteigen können, führen an vielen Grten der Stadt auf die zwischen 9 und 12 Meter hohe Mauer. Diese hat ein Steinsundament, auf welchem nach außen und innen Ziegelwände gebaut sind. Die Entfernung zwischen den beiden wänden beträgt 9 bis 12 Meter, sie ist mit Lehm und Erde ausgefüllt und bildet einen dereinst gut gepflasterten weg, auf welchem zwei breite wagen bequem sich begegnen oder nebeneinander einherfahren können. Ich befand mich aus der Guermauer, welche das gewaltige längliche Viereck, das Peking umgibt, nördlich in die Tatarenstadt, südlich in die kleinere Lhinesen- stadt teilt. So konnte ich in beide Städte Hinunterblicken. Zu meiner Linken sah ich hinein in das Gewirre der Lhinesenstadt und darüber hinaus bis in die Lame des gewaltigen Tempels des Limmels. Zu meiner Rechten lag die Tatarenstadt, zunächst die Gärten und Wohnungen der Gesandtschaften im Vordergrund. Zerschossene Mauern und Bäume, Trümmer, Tapetensetzen, -Oiegelstücke überall und dazwischen Aul -er Tataren-Mauev in Peking. Im Sommerpalast der Kaiserin. 235 Line große Arbeiterschar, die fleißig Zerstörtes neu machte und Verwüstetes wieder ausbaute! Die dunkelrote Linie, welche sich scharf im Hintergrund abzeichnet, ist die Mauerumsassung der zweiten Stadt in der Tatarenstadt, welche gleichfalls ein großes Rechteck bildet: Hwang-cheng, die kaiserliche oder gelbe Stadt genannt. Hier sind kaiserliche Paläste, privatwohnungen hoher Beamter, der Lotos-See mit ausgedehnten kaiserlichen Gärten und die Marmorbrücke. Mitten in dieser Stadt ist eine dritte, die sogenannte „Purpur- oder verbotene Stadt" Tsz-kin-cheng. Neun Tore führen durch die mit Zinnen geschmückte Mauer in die Tatarenstadt, ein jedes derselben ist von einem etwa 30 Meter hohen wachtturme mit geschweiftem Doppeldache überragt. Auch über den an die Haupttore sich schließenden halbrunden oder eckigen IVällen (enceiruss) erheben sich etwas niedrigere Türme. In einem Abstände von etwa 300 Meter verstärken Bastionen die Mauer. Als ich hinauskam, fand ich deutsche Soldaten, welche im Schatten des Machtturmes gedrillt wurden. Etwas weiter waren chinesische Arbeiter fleißig mit Ausbessern der an dieser Stelle besonders beschädigten Mauer beschäftigt. Auch auf meinem weiteren Mege mußte ich oft über Trümmer und Gestrüpp wegsehen, welches aus den geborstenen Steinen in üppiger Sülle hervorwucherte. Dann kamen wieder saubere glatte Strecken, die mich den schönen, einsamen Spaziergang in der kühlen, klaren Herbstluft ungestört genießen ließen. Die schlechten Gerüche Pekings drangen dabei ebensowenig zu mir hinauf, wie der laute Tumult seiner schmutzigen Straßen, und widerstrebend nur wandte ich nach zweistündigem Marsche meine Schritte zurück. Mie eine große rote Kugel ging die chinesische Sonne unter, als ich mich wieder über dem Gesandtschaftsquartier befand. Sie beleuchtete nicht nur Trümmer, sondern auch die Dächer der Kaiserstadt, welche gleich riesigen Chrysanthemen gelb, grün und blau aus dem tiefen Grün der Gärten hervorschimmerten. Mie Gold blitzten die Drachen und Chimären, welche Traufröhren und Giebel schmücken und so viel schöner aussehen als unsere schrecklichen Schornsteine und Sabrikrohre. Die Soldaten waren fort, die chinesischen Arbeiter hatten noch nicht Seierabend gemacht, und etwas ängstlich ging ich an ihnen vorbei. Gb wohl Boxer unter ihnen waren? Cin langer Dornenzweig hatte sich so fest an meinen Rock geklammert, daß ich ihn nicht lösen konnte. Gutmütig knieten zwei Arbeiter aus die Erde und befreiten mich sorgfältig von den: lästigen Anhängsel. Ich fragte .MM- Bronzexavillon tm Sommerpalast. 2Z6 Reise einer Schweizerin um die Welt. mich, ob unsere europäischen Arbeiter dasselbe getan hätten. Im Hüte! äu blorcl erwartete mich der deutsche Gesandte, Exzellenz Mumm v. Schwarzenstein, dem ich bei meiner Ankunft die Empfehlung eines beiderseitigen Ireundes übersandt hatte. Diese Empfehlung sollte von unschätzbarem werte für mich sein. vor allem öffnete sie mir die Tore des seit lvochen streng verschlossenen Sommerpala- stes der Kaiserin. Sicheres wollte mir an jenem Abend kerr von Mumm freilich nicht versprechen, wir verabredeten einfach für den folgenden Morgen eine Jährt nach dem Sommerpalast. Abends bei Tisch erregte diese Aussicht einen wahren Sturm. Die Sremden hatten sich alle vergeblich darum bemüht. Das Palais, hieß es, sei in Reparatur, die Kaiserin werde zurückerwartet. Line lebhafte Erörterung erhob sich, Metten wurden sogar gemacht, ob ich selbst hineingclangen würde oder nicht. Ich hatte mich unterdessen zur Ruhe begeben, aber um den ersehnten Schlaf brachten mich drei Nachtwächter. Sie saßen friedlich auf meiner Türschwelle und unterhielten sich in angeregtem Gespräche. Die Nachtwächter bilden überhaupt ein wichtiges Kontingent im bürgerlichen Leben der chinesischen Städte. Mit Trommeln und Gongs ziehen sie nachts alle Viertelstunden durch die Straßen. Teils um die bösen Geister von sich fern zu halten, namentlich den riesigen lsimmelshund, dessen Schatten Sonnen- und Mondfinsternis hervorruft, teils um Dieben und Vagabunden ihre Nähe zu melden, verüben sie einen Löllenlärm. Lrüh um acht Uhr meldete sich Gras w., Attachä an der deutschen Gesandtschaft. Lr sollte zum Ausflug nach dem Sommerpalast mein Begleiter sein. vor der Türe stand ein Zweispänner, die einzige Equipage, deren sich Peking für den Augenblick rühmen kann. Graf Maldersee hatte sie mitgebracht und da gelassen. Ein in bunte Seide gehüllter Chinese, den langen Zopf mit Angeflochtenen roten Bändern, saß auf einem gedrungenen weißen chinesischen Pony. Er sollte unser vorreiter und Dolmetscher sein. Zwei stramme, bewaffnete, berittene Soldaten bildeten die Nachhut. Zum erstenmal fuhr ich als große Dame und fühlte mich als solche, ein Gefühl, das freilich- durch die vielen Unebenheiten des Weges zuweilen sehr erschüttert wurde. Sröstelnd hatten wir uns in Decken gehüllt, denn die Kälte war bis neun Uhr empfindlich. Dann aber erhielt ltzelios die Gherherrschast und strahlte mit dem südlich Brücke im Sommerpalast. » M « USB Im Sominerpalast der Kaiserin. 2Z? blauen ttzimmel um die Mette. Gründlich durchrüttelt und geschüttelt liefen wir endlich die Stadt hinter uns zurück. Der Tempel der großen Glocke zeigte sich zunächst. Dort hängt angeblich die größte Glocke Chinas im Gewichte von ZZ.000 Kilos. Sie wurde mit vier anderen zu Anfang des XV. Jahrhunderts unter Kaiser Aung-lo gegossen. Line Sage rührender Kindesliebe knüpft sich an diese Glocke. Zweimal mißlang der Guß, und der Kaiser ließ daher dem Gießer drohen, ein dritter Mißerfolg würde ihn: den Kops kosten. Auch jetzt wollte die Nietallmasse nicht fließen. Da stürzte sich die Tochter des Gießers in die glühende Masse, um durch ihren Tod die feindlichen Götter zu versöhnen. Entsetzt sprang der Vater hinzu, um das Schreckliche zu verhindern. Zu spät! nur der Schuh blieb ihm in der Land. Der Guß gelang, aber wenn die Glocke geschlagen wird. hört man ganz deutlich den Aus: „k>sich, tssich!" (Schuh, Schuh!) Ls ist die Seele des Mädchens, welche ihren Schuh zurückfordert. Zur Zeit großer Dürre werden Prinzen und hochgestellte kofbeamte entsendet, um durch die Vermittlung der Glocke Regen zu erbitten. IVird sie geläutet, so senden ganz sicher die Götter den erwünschten Regen. Unser Meg ging nach Korden. Groß war meine Überraschung, eine wundem schöne, mit Steinplatten belegte Straße, die beste in China, zu finden. Sie wurde erst im Jahre 1894 zu Ehren des sechzigsten Geburtstages der Kaiserin-Mutter mit einem Aufwande von Millionen hergerichtet. Auch hier an der Straße und weiter draußen aus dem Seide stehen Gräber. Die Lrdwahrsager verstehen es entschieden vortrefflich, überall glückbringende, letzte Ruhestätten auszuspüren, viele Tote besitzen nicht nur ein schmales Grab, sondern einen ganzen ausgedehnten, mit Zypressen beschatteten park. Diese Bäume haben die Eigenschaft, den Mong-tsa- ong, ein fabelhaftes Ungeheuer, das sich von Seichenhirn nährt, abzuhalten. Man kann niemals genug tun in Ehrung der Toten, denn man muß sich vor allem hüten, ihr Mißfallen, ihren Rachedurst zu erregen. Ein Sran- zose hat China folgendermaßen charakterisiert: «klii pnz-s on HvelHues cen- Lmgang zum Sominerpalast, MW». 2ZK Reise einer Schweizerin um die Welt. tuines cie milliöus cle Lkinois vivaMs sont äominL» er terrorises pur guelipues milliurcis cie Lkinois morts. » Wir hatten uns immer mehr den blauen, mongolischen Bergen genähert. In einer Viertelstunde sollten wir Man-ming-püan, übersetzt „der runde und glänzende Garten", vor uns haben. Ich wußte, daß wir einen Mandarin um die Erlaubnis anzugehen hatten, um den Eintritt in den Sommerpalast zu erlangen. Jetzt winkte Graf 1V. unserem Vorreiter und gab ihm seine Visitenkarte, eine echt chinesische, landesübliche, groß, seurigrot, den Namen in drei chinesischen Buchstaben hingemalt. Nach dortiger Litte ist es üblich, eine Viertelstunde bevor man persönlich vorspricht, seine üstarte vorauszuschicken. Damit ist dem zu Besuchenden Zeit gegeben, sich zu besinnen, ob er empfangen will oder nicht, und sich in ersterem Lalle auf den Empfang vorzubereiten. Eine gar nicht üble Litte, die auch in der Lchweiz wohl angebracht wäre, wo man mitunter die Besuche erst eine Viertelstunde auf der Treppe, dann eine zweite Viertelstunde im Lalon warten läßt, bis der Hausherr oder, was noch öfter vorkommt, die Kausfrau endlich erscheint. wir fuhren jetzt im Schritt. Ich war in lebhafter Spannung, was der nächste Augenblick bringen würde, ob ja, ob nein. Eifrig studierte ich die Zeichnung einer Geistermauer, welche auf einer Seite des Weges stand. Reiche Chinesen lassen solche Mauern vor ihre Villen und Paläste bauen, um damit bösen Geistern den Eintritt zu wehren. Die schönste dieser Mauern sollte ich am folgenden Tage in der Nähe des Lohlenhügels sehen. Ein breiter Sries schmückt sie mit künstlerisch entworfenen Drachen, welche in den herrlichsten Sarben schimmern. Das Motiv ist inimer nahezu dasselbe: zwei Drachen, die sich um einen Ball streiten. Die Deutungen sind verschieden, die gewöhnlichste ist: eine böse und eine gute Macht, die sich um den Erdball streiten. Line andere: der Ball bedeutet Japan, das der Drache Lhina verschlingt. Um bösen Geistern den Aufenthalt in ihren Däusern zu entleiden, verwenden die Ehinesen schon beim Bau ihre Vorsichtsmaßregeln. Sie binden an jede Gerüststange kleine Bäumchen in horizontaler Richtung und legen das Haus in Zickzack- form an. Die Erschaffung der Welt denken sich die Chinesen folgendermaßen: Zuerst ward ein ungeheures Weltei, das eines Tages von selbst auseinanderbrach. Gott punku- wong sprang daraus hervor. Er bildete hierauf aus dem oberen Teil der Eierschale den Kümmel, aus dem unteren die Erde. Dann schuf er mit der rechten Land die Sonne, mit der linken den Mond und heftete die Sterne an den Kümmel. Lerner schuf er Wasser. Seuer, Metall und K>olz, und ließ aus einem Stück Gold und einem Stück K>olz je eine Wolke entstehen. Diese hauchte er an; aus der Goldwolke kam ein Mann, aus der Kolzwolke eine Lrau hervor. Im Laufe der Zeit bevölkerten die Nachkommen dieses ersten Menschenpaares die ganze Erde, deren Mittelpunkt Lhina einnimmt, um das sich die übrigen Völker gewissermaßen als Vasallen scharen. Deshalb gebührt China der Name „Tschung-Üäwock". d. h. Reich der Mitte. Endlich kehrte unser Bote zurück. In der Rechten schwang er eine rote, etwas kleinere Visitenkarte, die ich als Andenken aufbewahre. Die Botschaft lautete: Der Mandarin läßt sagen, er sei nicht zu Kaufe, aber wir könnten uns immerhin den Peking im Sommer WO. (5. 2Z4.) 240 Reise einer Schweizerin um die Welt. Sommerpalast ansehen." wir lachten über die naive Durchsichtigkeit einer Lüge, die auch in Europa, freilich etwas feiner, in der Diode ist, und trösteten uns um so mehr über die Abweisung, da sie uns ja die Pforten des Palastes öffnete. Einen Allgenblick später standen wir, von einer neugierigen Menge gefolgt, am Eingangstore. Nicht geringe Aufregung herrschte drinnen über unser Begehr. Mrachend wollten schon die Torflügel vor unserer Nase zufliegen, aber der Befehl des Mandarins, die drohende Gebärde unserer Berittenen wirkten als Zauberformel. Der wagen hielt vor der ersten Eingangshalle. Auch hier sitzen als Torwächter zwei großmähnige, herrliche Bronze-Ungeheuer. Grimmig scheinen sie uns anzugrinsen, wer will ihnen das Recht dazu absprechen? Man-ming-püan hat wahrhaftig keine Ursache, Liebe und Achtung für die „rotborstigen Barbaren" zu empfinden. Schon einmal, im Jahre 1860, hat die französisch-englische Soldateska hier alles in Trümmer geworfen, und erst 1874 war der herrliche Sitz wieder so weit hergestellt, um ihn bewohnen zu können. Und jetzt? Abermals haben im Jahre 1900 europäische Cultur und Sitte ihren Einzug in Sorin von Plünderung und Verwüstung im Sommerpalaste der Kaiserin gehalten, was man sonst den rohesten Barbaren in die Schuhe schiebt, ist hier durch hochzivilisierte Nationen geleistet worden; was der große Mäuse der Soldateska all der „Verbündeten" in Unwissenheit und roher Zerstörungsfreude nicht in tausend Stücke schlug, haben einzelne hochgestellte Gebildete als interessante Beutestücke zur Dekoration ihrer Salons sich einfach angeeignet. Ulan sagt der Gemahlin des englischen Gesandten, Ladp UI., nach, sie hätte eine ganze Schiffsladung „Nippsachen" aus dem Sommerpalast nach England verpacken lassen. Zeit und Gelegenheit war genügend vorhanden, da der untere Teil des Sommerpalastes, welcher aus einer Menge von Gebäuden und Pavillons besteht, der englischen, der obere der italienischen Gesandtschaft auf Monate zum Wohnsitz angewiesen wurde. Verwaist stehen sämtliche Sok- kel, der Tausende von kleineren Bronzekunstwerken, die Gärten und Mallen einst schmückten, in schamloser weise beraubt. Nur die ganz großen Stücke sind stehen geblieben, weil sie nicht transportabel waren. Die Anlage des Oberer Teil des Sommerpalastes. Im Sommerpalast der Kaiserin. 241 Sommerpalastes stammt aus jener Zeit, wo die Jesuiten mächtigen Einfluß am kaiserlich chinesischen Hofe genossen, und so hat sich etwas versaillerstil in all die « ckinoiseries », ich finde kein so bezeichnendes Wort im Deutschen, eingeschli- chen. Dabei zieht ein Zug des Großartigen, den Rokoko und Zopf nicht kennen, durchs Ganze. Die oberen Pavillons -es Sommerpalastes. Er verdankt dies wohl der Lage und gewaltigen Ausdehnung des Parkes, welcher einen Raum von sieben Mlometer ausfüllen soll. von einer großen weißen Marmorterrasse schweift das Auge weit über einen schönen, jetzt öde daliegenden See. Verschwunden sind die kaiserlichen Barken, welche ihn dereinst belebten! Zur Rechten zieht sich in langer Linie der park um den See, im Hintergründe zur Linken schimmert eine kleine Insel, zu der eine hochgewölbte große, weiße Marmorbrücke führt. Einzelheiten genau zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Ich wandelte den ganzen Morgen traumbesangen umher, und nachträglich kann ich nur in ganz blassen Sarben skizzieren, was für Bilder meine Augen festhielten, wie ein verzauberter Garten kam mir Jüan-ming-ptian vor, in welchem jeden Augenblick die Herrin all dieser Pavillons, Pagoden und Paläste vor mich treten konnte. Arme Kaiserin! Ich habe ein Phantasiebild von ihr gesehen mit dem Ausdruck einer Sphinx in den langgeschweiften unergründlichen Augen. Sie verfolgten mich, diese Augen, als ich die Gemächer durchschritt, die hinter der Marmorterrasse liegen. Hier wohnte sie in diesen jetzt ihrer Schätze beraubten Sälen. Zertrümmert sind all die feinen Schnitzereien aus Zedern und Ebenholz, in tausend Stücke zerschlagen alle Spiegel, in wüstem Wirrwarr füllen sie haufenweise die Räume. Zerschmettert liegen draußen die durchbrochenen weißmarmornen Geländer der Terrasse, die eine Mnstlerhand mit Phönix und Drache, den kaiserlichen Emblemen, geschmückt. Pierre Loti hat sich einen Schuh der Kaiserin aus einem ihrer Paläste geholt. Mein Beutezug ging nicht so weit, ich begnügte mich, ein Stückchen Schnitzwerk von der Erde aufzuheben. Ein Andenken von der Kaiserin-Mutter habe ich freilich mitgebracht, eine flüchtig hingeworfene probe ihres, wie man sagt, künstlerischen Pinsels. Das Bild mit dem persönlichen Stempelabdruck der Kaiserin versehen, den niemand L- von Rodt, Reise um die IVelr. 16 I . 242 Reise einer Schweizerin um die Welt. zu fälschen oder nachzuahmen wagte, habe ich von einem Wandler erstanden. Jedenfalls wurde es mit tausend anderen Dingen aus einem der Paläste gestohlen. Ein sehr langer gedeckter, mit Malereien geschmückter Wandelgang führt nach dem oberen Teile des Gartens, wo auf künstlichem, mit gewaltigen Selsblöcken erbautem Hügel eine ganze Reihe Pavillons, Pagoden und pagödchen sich nach der Höhe zieht. Das Ganze krönt eine Pagode mit rundem Turme. Gleich einem Pfau schillert sie im Glänze ihrer bunt glasierten Lächeln und rundgesormten Ziegel und überstrahlt an Farbenpracht die gelben und blauen Dächer der übrigen Bauten, unter denen sich ein niedliches pagödchen dadurch auszeichnet, daß es ganz aus Bronze ist. Bei dem vorletzten, dem sranko-englischen Besuche 1860 wurden beinahe alle Gebäude in die Luft gesprengt. Diesmal begnügte man sich damit, nach Kräften das Innere zu plündern und zu verwüsten, doch die Außenwände stehen zu lassen. Dafür weiß man in Thina den verbündeten Mächten Dank. Arbeiter waren beschäftigt, in der Pagode einen riesigen Buddha, der langhingestreckt auf der Nase lag, auszurichten. Jammervoll guckten aus seinem geborstenen Rücken Lehm und Stroh hervor. Schätze wurden in seinem Innern vermutet und gesucht, ob mit Erfolg, weiß ich nicht. Großartig angelegt ist die breite Marmortreppe, welche zu beiden Leiten auf die Höhe des Hügels führt, sie mündet oben in einer Terrasse aus, von welcher man die ganze wundervolle Anlage, einen Triumph der Architektur, anstaunen kann. Sür den 1Z. Oktober war das Metter strahlend schön und die Luft von einer seltenen Klarheit und Durchsichtigkeit. Stundenlang wanderten wir mit unserem großen Gefolge durch den verlassenen, verödeten park von Jüan-ming-püan, immer wieder entdeckten wir neue Pavillons, neue Teehäuschen, auch an Geistermauern und bizarren Selspartien war kein Mangel. Ich habe soeben unser Gefolge erwähnt. Da war in erster Linie einer unserer deutschen Soldaten, ferner ein höherer chinesischer Palastpförtner, ein Soldat mit zerrissenem Strohhut und höchst unmartialischem Äußern, und drei anscheinend ziemlich untergeordnete Kulis. Graf w., der für den kurzen Aufenthalt von einem Jahr sich merkwürdig gut chinesisch zu verständigen wußte, schien den fünf Leutchen sehr zu gefallen. Ich freute mich über die freundliche Art und weise, wie er mit ihnen verkehrte und die wohltätig abstach von dem Ton, den die Europäer meist den Ehinesen gegenüber anwenden. Exzellenz Mumm hatte auch für unsere leiblichen Bedürfnisse Sorge getragen. Ein ausgezeichnetes, kaltes Lrühstück erwartete uns im sogenannten Marmorschiff, einer Art Lrfrischungspavillon, das die Kaiserin unmittelbar am Ufer des Sees in Gestalt einer weißen Marmorbarke hatte errichten lassen. In heiterer Stimmung ließen wir uns alles schmecken, fröhlich klangen die Gläser. Wohl zum letztenmal hat das Marmorschiff europäische Gäste in seinen Räumen beherbergt. Auch unser Gefolge geriet in angeregte Stimmung über die guten Reste. Der Herr Hofpsörtner und der Soldat mußten freilich anstandshalber auf den gebotenen wein verzichten, weniger skrupulös zeigten sich die drei Kulis. Großen Beifall fand bei allen eine gespendete Zigarre. Der Pförtner, als der älteste und angesehenste im IM Sorninerpalast in Peking. (5. 242.) S! E-' Im Lommcrpalast öer Kaiserin. 24Z --'.LLA r Unser Gefolge im Marmorschiff. Range, machte mit einigen Zügen den Anfang, dann gab er sie dem Soldaten, und nun kreiste die Zigarre zwischen den fünfen, bis sie schließlich nur noch ein kleines, glattgekautes Cndchen auswies. Auch meiner Camera hielten allezumSchlussegerne still. Außerordentlich belebt fanden wir die schöne, steinbelegte Straße bei der Rückfahrt. Offenbar war's nicht nur für mich ein Glückstag, sondern er stand auch als solcher im chinesischen Malender angemerkt. Wir trafen nicht weniger als elf Lochzeitszüge. Dabei gab^s jedesmal eine Löllenmusik und eine Entfaltung von roter „Glücksfarbe": rotgekleidete Diener, rote Lolztaseln, auf denen in chinesischen Goldlettern Hamen und Würden der Vorfahren der Braut und des Bräutigams stehen, und zum Schlüsse die dicht verschleierte Braut selber in verschlossener, roter Sänfte. Aber auch sonst sehlt's nicht an Sarben bei diesen Aufzügen, vergoldete, bunte Baldachine bergen Srüchte und Zuckerwerk, und auf Tischchen werden die mannigfaltigsten Geschenke getragen. In China findet die Vermählung im Lause des Bräutigams statt, welcher die Braut durch einen Lreund aus dem Llternhause holen läßt. Weist werden die Linder schon im jugendlichsten Alter einander verlobt. Dazwischen gab es zuweilen auch einen Leichenzug. Diese ungewöhnlichen Begegnungen abgerechnet, wälzte sich die Bevölkerung in unglaublicher Zahl und in beinahe ebenso dichter Wenge als in der Stadt durch die Straße. Karren an Karren, mit großen Säcken beladen, fahren aufs Land hinaus. Sie sollen den über Tientsin aus den südlichen Provinzen gekommenen Reistribut enthalten, wie mir mein Gefährte erklärte. Lange Züge beladener Kamele schwanken dahin, geführt von Wongolen in schweren roten und gelben Röcken. Ihre Srauen tragen dieselbe Tracht, dieselben schweren, großen Stiefel, nur schmücken perlen und Silber Lals und Brust. Die Wagen, denen man in Peking am meisten begegnet, sind neben den erst in neuester Zeit hier eingeführten Rikshas die sogenannten Pekingkarren. Wein guter Stern hat mir für meinen Aufenthalt in der Lauptstadt des Reiches der Witte einen stattlichen Zweispänner beschert, aber allen Beschreibungen nach muß ein Pekingkarren das dleo plus ultru aller Unbequemlichkeit und Gual sein. Äußerlich stellt er einen langen, hölzernen, gewölbten, mit blauem Baumwollstofs gedeckten Kasten vor. Dieser sitzt auf der Achse zweier hoher, schmaler, mit Nägeln beschlagener Räder, welche einem historischen Wuseum entnommen zu sein scheinen. Ein Waultier ist in die Gabel- 244 Reise einer Schweizerin um die Welt. deichsel gespannt, und zuweilen läuft noch ein zweites oder ein Pferd, an einer langen Zugleine geschirrt, davor. Der Kutscher hockt auf der Deichsel, und das tut der Sremde auch, wenn ihm seine Knochen lieb sind, denn drinnen findet er einen sitzlosen Raum und eine dünne Strohmatratze, als einzigen Schutz gegen die Püffe einer an Löchern und Gräben überreichen Straße. Die lvege nach dem Sommerpalast und zum Limmelstempel bilden die einzigen rühmlichen Ausnahmen. Sogar ich in der komsortabeln Equipage empfand die schmerzlichen Solgen einer „erschütternden" Sahrt durch die Stadt. Im Hütel clu dlorä erwartete mich eine angenehme Überraschung. Offenbar in Betracht meiner pompösen Abfahrt am Morgen, oder noch mehr des Besuches des deutschen Gesandten, war plötzlich im Gasthof Platz geworden. Ich fand mein Guartier im Staatszimmer des Laufes aufgeschlagen. Man stelle sich darunter nichts Großartiges vor. Die Decke war mit einer schmutzigen, verblichenen Tapete übertriebt, an der jedoch der Zahn der Zeit schon ordentlich genagt hatte. Infolgedessen zeigten sie verschiedene Lücken, eine bedenklich große gähnte über meinem Bette. Ein Mäuslein benutzte dieselbe zuweilen, um einen Blick aus der Vogelperspektive ins Zimmer zu werfen, tvenn ich zu Bette lag, raschelte es öfter über mir, dann blickte ich gerade in zwei neugierige, kohlschwarze Äuglein, oder ein Schwänzchen hing damoklesschwertartig lang über meinem Haupte. Abends zum Diner hatte ich eine Einladung aus die Gesandtschaft erhalten. Eine Stunde vorher war ein Brief von Herrn von Mumm mit der Meldung eingetroffen, eine Jinrikisha und zwei Soldaten würden mich abholen und ebenso wieder zurückgeleiten, da die Straßen Pekings abends nicht sicher wären. Militärisch pünktlich erschien die speziell komfortable, weichgepolsterte Riksha der Exzellenz, voran schritt als Lichtspender ein bezopfter Ehinese, der einen riesigen, roten Ballon trug. Beleuchtung außer Papierlaternen kennt Peking noch keine. Linier mir trabten die beiden Soldaten. Sreiherr von Mumm. ein Sranksurterkind. ist Junggeselle. Damen der deutschen Gesandtschaft in Peking waren augenblicklich gar nicht vorhanden, so erwartete mich ausschließlich eine Herrengesellschaft. Die großen Empfangszimmer sind reich an herrlichen Stücken altchinesischer Kunst; Herr von Mumm scheint ein leidenschaftlicher Sammler zu sein. Originell ist die Saaldecke, ein Andenken des früheren, langjährigen Gesandten, Transport von Reissackcn. Dazwischen Standartenträger zu einem Leichenbegängnis. ,-M« Im Lommerpalccht der Laiserm. 24s Lerrn von Brandt. Sie besteht aus Bierfässerdeckeln. aus welchen abwechselnd der deutsche Reichsadler und das chinesische Drachenwappen gemalt sind. Zm Arbeitskabinett waren noch Lugelspuren von der Belagerung her sichtbar, Herr von Mumm erfreut sich einer riesigen Arbeitskraft, von früh bis spät sitzt er am Schreibtisch. Sein Gesandtschaftsposten war und ist noch jetzt keineswegs ein rosiger, und es gibt wohl recht oft Zeiten, wo er lieber etwas ferner von Peking wäre. Nach einem anregenden Abend wurde ich auf dieselbe lveise, nur daß sich dabei noch einige Herren anschlössen, ins blötel ciu dlorä zurücktransportiert. Mein Ballonträger leuchtete mir durch die Winkel und finsteren Höfe des Hauses in mein neues Guartier, wo ich diesmal ungeachtet Maus, Nachtwächtern und infolge der Sahrt sehr fühlbarer Rippenschmerzen, bald fest und selig einschlummerte. Bronzedrache im Sommerxalast. 246 Reise einer Schweizerin um die Welt. Capitel 16 . Nunöfahrien durch Peking. Die Astronomie in Lhina. Studium. Rung-fu-lse. Sein Tempel. Ling-Bücher. Lama-Tempel. Gründung des Lamaismus. Bettel der Priester. Gebetsmühlen. Mei-ihan. verbotene Stadt. Roheit der „zivilisierten Nationen". Bimmelstempel. Bimmelsaltar. Dpfer des Baisers. Abschied von Peking. Rückfahrt nach Shanghai. Den folgenden Morgen früh stand wieder der walderseesche wagen mit vor- und Nachreiten: vor dem H6tel llu Xorä. Diesmals hatte ich einen anderen Begleiter, den Dolmetscher der deutschen Gesandtschaft, kerrn v. B. Die Gesellschaft des liebenswürdigen jungen Mannes, der das Chinesische geläufig sprach, hatte für mich der Erklärungen und Übersetzungen wegen großen Wert. Bevor ich unsere Sahrt antrete, möchte ich zweier Sehenswürdigkeiten Pekings Erwähnung tun, die nicht mehr vorhanden sind: der astronomischen Instrumente der Sternwarte, welche zu meinem Bedauern den weg nach Berlin genommen haben, und der Lxaminations- hallen, die mit der berühmten Bibliothek im Sommer 1900 verbrannt wurden. Sranzosen und Engländer hatten im Jahre 1860 letztere schon ihrer wertvollsten Schriften beraubt. Das Observatorium lag an der östlichen Stadtmauer und nahm seinen Ansang schon im XIII. Jahrhundert. Aus jener Zeit stammen zwei Planigloben und ein Astrolabium aus Bronze verfertigt und von mächtigen Drachen schönster Arbeit getragen. Eine größere Anzahl Instrumente, (Quadranten, Sextanten. Sonnenuhren u. s. w., konstruierte im Jahre 1674 der Jesuitenpater verbiest auf Befehl des Mandschu- kaisers Okanghi. Zu einer -seit, wo die Welt noch im tiefsten Dunkel der Unwissenheit tappte, existieren genaue, chinesische Beobachtungen über Sonnen- und Mondfinsternisse. Auch das Sernrohr sollen die Chinesen schon im II. Jahrhundert vor Christo gekannt haben. Die Mitglieder des kaiserlichen Bureaus für Astronomie erfreuen sich als „Kalender- macher eines nicht geringen Ansehens im Eande des Zopfes. Groß ist die Popularität lrWMWchqtz, Aufgang zum Bimmelstemxel mit Raiserpfad. Rundfahrten durch Peking. 247 Stadttor. des Kalenders. Gibt er doch nicht nur alles Übliche an, sondern auch die Daten der glückbringenden Tage, wo man Hochzeit halten und beerdigen, einen Laden eröffnen und eine Reise antreten kann. Ja er gibt sogar die Tage an, wo der Samiliengott sich in den verschiedenen Räumen des Hauses aushält. So ist denn der Tag der Lialenderherausgabe ein festlicher in Peking. Das chinesische Neujahr wird während zwei bis drei Wochen gefeiert. Feuerwerke und Raketen zum vertreiben böser Geister spielen dabei eine Hauptrolle. Vor Anbruch des Neujahrmorgens zahlt jeder Lhinese seine schulden, zieht ausstehende Schulden ein und schließt seine Bücher ab. Ich habe schon erzählt, welch hohes Ansehen wissen und Bildung in China genießen. Die „Literaten" haben jederzeit Anspruch auf die höchsten Ämter. Im heimatlichen Dorfe werden die Studien begonnen und in der Provinzialhauptstadt findet das erste Gramen statt, von 2Z,000 Kandidaten bestehen es durchschnittlich nur Z00, die anderen 24,500 werden nun zu keinem anderen Examen mehr zugelassen. Das zweite wird ebenfalls in der Provinzialhauptstadt abgehalten, jedoch nur alle drei Jahre. Von 1000 Geprüften bestehen etwa 100 das Examen, welches ihnen den Doktortitel und eine zukünftige Stelle im Staatsdienste ermöglicht. Die Durchgefallenen können als Lehrer, Notare, Schreiber wirken und werden jederzeit zu einem neuen Lxamensversuch zugelassen. Das höchste Examen, welches den Titel Doktor der Literatur einbringt, kann nur in Peking abgehalten werden, und wenige sind auserwählt. Die Lxaminationshalle bestand aus Nliniaturzellen, in welchen die Kandidaten vierzehn Tage lang ihre Arbeiten schreiben mußten. Sie durften weder bei Tage noch bei Rächt ihre Zellen verlassen. Seit dem Jahre 1900 scheint auch auf dem Gebiete der Erziehung ein neuer Geist in Ehina einziehen zu wollen, kaiserliche Sonds sind bereitgestellt worden 248 Reise einer Schweizerin um die Welt. zur Gründung neuer Universitäten nach westlichem Muster. Dieselben Sprachen und Wissenschaften, wie bei uns, sollen künftig doziert werden. Im Jahre 1902 stellten sich 1Z0,000 Studenten aus den achtzehn Provinzen zur Prüfung für den höheren Magistergrad, welcher den Doktortitel einbringt, ein und die zehnfache Zahl für Baccalaureus. Also im ganzen die enorme Ziffer von 1,650,000 Studierenden. Tritt nun modernes wissen an Stelle des veralteten, so liegt es auf der Hand, daß im Sause der nächsten Jahre gewaltige Neuerungen und Umwälzungen im uralten, chinesischen Reiche stattfinden werden. Bis vor wenigen Jahren, wo etwas Sprachen und Mathematik eingeführt worden waren, bildeten die Schriften des Kung-fu-tse den Inhalt aller Studien. Lonfucius, wie man ihn in Europa nennt, lebte im VI. Jahrhundert v. Ehr., und heute noch ist sein Ansehen so groß, daß es keine Stadt in China gibt, welche nicht ihren Lonfucius-Tempel besäße. Seine Lehre besteht hauptsächlich in der Erziehung des menschlichen Herzens. Erziehen heißt, den trägen Menschen, den ein verkehrter Gebrauch seiner Zähigkeiten erniedrigt hat, wieder zu heben, seinen Augen den strahlenden Glanz der Unendlichkeit zu zeigen, ihn daran zu gewöhnen, aus seinem Nichts herauszutreten und sich als Geist, als denkendes, wollendes und erkennendes Wesen zu fühlen. Denken, wollen. Erkennen sind die drei Grade dieser Erziehung. Lonfucius vergleicht das menschliche Herz mit einem galoppierenden Pferde, das weder des Zügels noch der Stimme achtet, oder mit einem Gießbach, welcher die steilen Abhänge des Gebirges hinabstürzt, oder auch mit einer auflodernden Stamme. Diese ungestümen Kräfte muß man zu zügeln suchen, indem man sie im Zaume hält, und zwar ehe sie sich vollständig entwickelt haben. Lonfucius ließ in seinem Kultus weder Götzenbilder noch Priester zu, noch einen vorgeschriebenen Gottesdienst. Seine Lehren sind durchaus weltlich und zeichnen sich durch scharfen verstand und Klugheit aus. Er fordert unbedingte Gewalt und von Menschlichkeit und Gerechtigkeit geleitete Autorität der Ältern und Höheren, dafür aber auch unbedingten, kindlichen Gehorsam der Untergebenen. Lonfucius vermied den Kamen Gott, weil er glaubte, eine persönliche Bezeichnung führe leicht zu grob sinnlichen Vorstellungen. Tcmpeleingang. 'L°L„ ! K>Dtz^Z N.W zEt AE .'«M^s KtzWM MF- ",WM° ÄL^?.- 'EM -lFAVK. M'M» ME Porzellandogen vor der Halle der Klassiker. (S. 249.) Rundfahrten durch Peking. 249 Es ist also mehr eine Art Sittenlehre als eine Religion, zu der sich bis auf den heutigen Tag die Mehrzahl der gebildeten Chinesen bekennt. wir begannen unseren Tag mit dem Tempel des Tonfucius. Eher einen Sriedhof mit Grab- monumenten als einen Tempelhain vermeinten wir zu betreten. Die Erinnerungstafeln an die Schüler des großen weisen sind hier aufgestellt. Sie reihen sich alle, wie die Schüler es einst um den verehrten Lehrer getan, um den zu seinen Ehren ausgestellten Tempel. Dieser ist seltsam einfach und schmucklos für China. Dunkelrot von außen, zeigen drinnen Säulen und Mauern dieselbe Sarbe. In der hohen Halle sehen wir kein Bild, keinen Schmuck, nur in der Mitte, einem Altare gleich, euren hölzernen Schrein mit bescheidenem hölzernem Täfelchen. Man liest darauf folgende Inschrift in Chinesisch und Mandschu: „Seelentafel Kung-fu-tses, des heiligsten Lehrers der Ahnen." Nicht als Gott wird er verehrt oder angebetet, noch wird seine Vermittlung oder Hülfe angerufen. Sein Bildnis darf nicht im Tempel aufgestellt werden; eine Erinnerungstafel, die man verehren kann, genügt. An den Mauern stehen noch mehr rote Stelen, sie sind den vier ausgezeichnetsten Schülern geweiht. Etwas weiter sehen wir abermals sechs. Zudem stiftet jeder neue Kaiser dem Lonfucius eine Ehrentafel und besucht zweimal im Jahre diesen Tempel. Im Schatten der uralt ehrwürdigen Bäume finden wir noch ein Gewirr von Gebäuden, weißmarmornen, grasbewachsenen Terrassen, Stufen und Geländern, von halbausgetrockneten Teichen, wo einige gelbe welke Lotosblätter die Herbststimmung vervollkommnen. Nur eines hat sich frisch erhalten, ein Triumphbogen oder pailo, wie er hier heißt. Diese pailo werden zum Andenken an besonders ausgezeichnete Männer, sogar auch Srauen, gern und oft in China errichtet. Ein Kaiser hat diesen besonders reichen pailo den Manen Kung-fu-tses geweiht, weder Zeit noch Staub noch verfall konnten dem glänzenden Gelb und dem dunkeln Blau seiner Kacheln etwas zuleide tun, keine böse Hand wagte sich an die wunderbaren Relief-, Drachen- und Blumenornamente. Chimären und Ungeheuer klammern sich seit Jahrhunderten an drei gelbe geschweifte Dächer, denen drei gewölbte Tore entsprechen. Sie führen zu der sogenannten Klassikerhalle, wohin dereinst, durch einen weiten Graben von der Außenwelt getrennt, die Philosophen sich zurückzogen, um über die Eitelkeit dieser Welt nachzudenken. Jetzt bauen vögel ihre Nester darin, und Staub und Sand, an denen Peking so reich ist, haben einen dichten Teppich um das Ganze gewoben. Zwischen Triumphbogen und Klassikerhalle stehen wohl zweihundert große, zu beiden Seiten mit dem Text der neun „King-Bücher" beschriebene Steintafeln. Die Straße in Peking. 2Z0 Reise einer Schweizerin um die Welt. ,Mug" sind eine Sammlung derjenigen alten Schriften, die in China als ewig normangebende anerkannt wurden. I-King, das „Buch der Wandlungen", nimmt dabei die erste Stelle ein, die Erläuterungen hat Lonfucius dazu geschrieben. Das Schi-King ist eine ebenfalls von ihm veranstaltete Sammlung lyrischer Lieder, deren älteste aus dem XVIII. Jahrhundert v. Chr. stammen. Viktor von Strauß hat uns dieses älteste aller Liederbücher in meisterhafter Übertragung erschlossen. Cs enthält Volkslieder, Gelegenheits- und Sestgedichte, Lobgesänge auf große Tote. Tiefe Innigkeit und poetischer Schwung, dazwischen oft beißender Witz sind diesen Erzeugnissen eigen. Rührende Naivität, wahre Natureindrücke verbinden sich harmonisch mit den inneren Stimmungen. Verspaare wiederholen sich in leisen Abänderungen gleich den Refrains unserer Volkslieder. Der eigentümlich ästhetische Reiz dieser uralten Dichtungen überbietet beinahe das ihnen gebührende wissenschaftliche Interesse. Srüh schon haben die Chinesen den Wert des Liedes begriffen. Aus den Gesängen des Volkes vermeinten sie, dessen moralischen und materiellen Zustand herauslesen zu können. Ls war daher Sitte, amtlich die Volkslieder sammeln zu lassen. Ein drittes, nicht mehr vollständig erhaltenes Buch, Schu-King, ist das älteste uns erhaltene geschichtliche Werk der Chinesen. Ls umfaßt die Zeit vom XXIV. bis VIII. Jahrhundert v. Chr., enthält aber weniger geschichtliche Daten als amtliche Erlasse und Ratschläge der Sürsten, die ein Bild alter Staatsweisheit liefern. Da das Buch Viktor von Strauß' sich jedenfalls in: Besitze weniger befindet, lasse ich hier einige proben daraus folgen. Die Lieder, welche ich anführe, stammen aus dem XII. bis VII. Jahrhundert v. Chr., haben also ungefähr das Alter der Psalmen. Daß bei aller Ehrfurcht der Srau vor ihren: Manne, dem „hohen Lern:", auch herzliche Zuneigung und liebevolle Anhänglichkeit herrschte, zeigt folgendes Lied: Tor zur „verbotenen Stadt" mit Peking-Rarren im Vordergrund. KMMWKLM Trauer über -es Gatten Lntfernung. Nietn Keld, welch kriegesfester, oh! Des Landes allerbester, oh! Mein Keld, der führt den langen Speer, Und vor dem König jagt er her. Seitdem mein Held gen Osten strich. Mein Kaupt dem wollcnkrante glich. Gb mir es denn am Salben fehlt? Ach, wem zu Liebe schmückt' ich mich? Ls regne nur! es regne nur! Kell kommt daraus der Sonnenschein. Nach meinem Kelden sehn' ich mich; Süß ist fürs Kerz des Kauptes Pein. Ja, hätt' ich des vergessens Kraut, Wohl Hinterem Kaufe pflanzt' ich's ein. Doch meines Kelden dacht' ich stets, Mag auch mein Herz voll wehe sein! - MV ->u«M 8^,'i Lonfucius-Temxel mit dem Ahnentäfelchcn des großen Lehrers. (2. 249.) AWW 'Es Rundfahrten durch Peking. 2Z1 Bei fröhlichen Gastmahlen wurde folgendes Trinklied gesungen: Lied der Gäste beim reichlichen Mahle. Sische geh'n in Reusen ein, Salm und Schlei. Unser hoher Herr hat wein, Gut und überlei. Sische geh'n in Reusen ein, Barsch und Butt. Unser hoher Herr hat wein, Uberlei und gut. Sische geh'n in Reusen ein, Karpf' und Brasse, Unser hoher Herr hat wein, Guten und in Masse. wie die Speisen reichlich sind, wie die Ding' erquicklich sind, wie sie unvergleichlich sind! Zueinander schicklich sind! wie die Speis' in Masse sind, Und der Zeit zu passe sind! Ganz modern klingt die flälage über ungerechte Arbeitsverteilung: Beamtenplagen. Der weite Himmel überspannt Uichts, was nicht wäre Königsland. Ein Mann im Amt, voll Tüchtigkeit, Ist früh und spät dem Dienst geweiht. Im Königsdienst gilt kein versäumen; Doch Vater, Mutter sind voll Leid')- Mein Hcngstgespann rennt ohne Rast; Des Königs Dienst erfordert Hast. Man lobt mich, daß ich noch nicht alt. Daß wen'ge mir an Kräften gleich. Solang' mein Rückgrat noch nicht weich, Hab' ich zu sorgen rings im Reich. Die einen ruh'n zu Hause mit Behagen, wenn andre sich im Reichsdienst müde plagen, Die einen rasten hingestreckt auf Kissen, wenn andre unaufhörlich reisen müssen. Die einen kennen nicht Geschrei noch Lärmen, wenn andre sich in schwerem Mühsal härmen; Die einen liegen müßig aus dem Rücken, wenn andre schier des Königs Dienst erdrücken. Die einen weilen froh beim Trinkvergnügen, wenn andre schwergeängstet bangt vor Rügen; Die einen geh'n umher und splitterrichten, wenn andre jeden Dienst allein verrichten. Die Eltern sind bekümmert, weil der königliche Dienst ihnen den Sohn völlig entzieht, so daß er sie auch nicht verpflegen kann. »»»» ,, , , " » ,»»» Stadtmauer mit wachttürmen. 232 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Chinesen waren niemals ein kriegerisches Volk, deshalb sinden wir im 5chi King wenig Kriegslieder. Um so mehr handeln die Gedichte von Ahnenopsern, von Anhänglichkeit des Volkes an seinen angestammten Sürften, von Pietät der Kinder ihren Eltern gegenüber, welch letztere als die erste aller Tugenden anerkannt wurde. Die ehrerbietige Eingebung der Minder an Vater und Mutter, die Sorge für sie, wenn sie gealtert sind, bildet heute noch einen Grundzug des chinesischen IVesens, dessen mehr als viertausendjähriger Bestand wohl als eine Erfüllung der Verheißung des vierten Gebotes anzusehen ist. Die Schi-King-Lieder zeigen, daß diese fromme Kindespflicht nicht bloß sittliche Sordcrung, sondern wirklicher Herzensdrang war. U)ie oft beklagen Krieger im Seide, daß sie nun ihre Eltern nicht nähren und pflegen können, und sogar ungeratene Löhne klagen sich an, daß sie der Mutter Kummer bereiten. König Tschhings') Gebet an seinen Vater. Bei meinem Antritt sinn' ich d'raus, Dem Lochverklärten nachzuwandeln; Doch o, wie weit hat er's gebracht! Und ich bin dem noch nicht gewachsen. Ihm nachzukommen tracht' ich wohl, Doch führ' ich's weiter wie zerstückelt. Ich bin nur noch ein kleines Kind, Noch nicht gerecht des Laufes Schwierigkeiten. Stets im Palast steig' auf und ab^)> Geh' aus und ein in diesen: Lause, Du Lerrlicher, du Lochverklärter, Um hier mich zu beschirmen, zu erleuchten! Aus dem stimmungsvoll-träumerisch einsamen Verfall des Kung-fu-tse-Tempels gelangten wir in das nahe schmutzig lärmende Reich des Dalai Lama. Ein Knäuel blauer Baumwollkittel und langer Zöpfe hatte sich bettelnd und schreiend unserem wagen nachgewälzt. Als wir an einer verfallenen Mauer Halt machten und ein altersschwaches Tor kreischend in seinen Angeln sich öffnete, um mit einem Seufzer hinter uns zuzufallen, hatte sich nur die Staffage, keineswegs die Szene geändert. Statt Kulis bettelten uns jetzt schmutzige, violett- oder gelbgekleidete Priester an, alte und junge, große und kleine, ja ganze kleine sechsjährige Lamas. Die mageren Glieder waren in Lumpen gehüllt, Schmutz, Dummheit, Habgier sprach aus allen Gesichtern. wir standen in einem großen grasbewachsenen Hofe mit vielen Gebäuden. Das alte Lama-Kloster 7)ung-ko-kung beherbergt nicht weniger als 1300 Mönche mongolischtatarischen Ursprungs. Sie stehen unter der Leitung eines Großlama, der den Titel „Lebender Buddha" führt. Den Lamaismus, eine Abart des Buddhismus, finden wir in Tibet, bei den Mongolen und Kalmücken. Ihr Glaubenssatz ist folgender: Der oberste Gott, d. h. Buddha, lebt als Mensch verkörpert in Tibet. Als Schöpfer des Lamaismus gilt der Mönch Tsonkhapa, welcher zu Anfang des XV. Jahrhunderts gelebt haben soll. Er war zugleich Gründer der Tugendsekte und wird von den Lamaisten beinahe ebenso geehrt als Buddha. Unter der tibetanischen Geistlichkeit begründete er eine feste Hierarchie, die später zur Bildung eines Doppelpapsttums in Tibet führte. Hiernach standen an der Spitze der lamaischen Kirche zwei oberste -) König Tschhing starb im Jahre 110Z v. Chr. Leine Lieder und Gesänge gehören zu den schönsten des Lchi-King. Der Geist des verstorbenen bleibt im Lause seiner Kinder und wacht über ihnen. Rundfahrten durch Peking Bischöfe, der Dalai Lama und der Bog- do Lama, die beide an Heiligkeit und Würde einander gleichgestellt waren. Sie starben nicht, sondern wechselten nur die körperliche Hülle, indem sie stets für ihre Stellungen wiedergeboren wurden. Das heißt, man besetzte jedesmal diese Stellung mit Jünglingen, die als Wiedergeburt ihrer verstorbenen Amtsvorgänger und zugleich als menschgewordene Heilige galten. Beim fünften Dalai Lama gab's jedoch Streit zwischen seinen Anhängern und denjenigen des Bogdo Lama. Der Dalai Lama rief die Kalmücken zu Hülfe, und mit ihrem Beistand gelang es ihm, sich zum geistlichen und weltlichen Oberhaupt über ganz Tibet aufzuschwingen. Auch auf die Lamaklöster in Peking erstreckt sich seine geistliche Macht. Die Priester des Lamaismus leben fast alle im Kloster. Dieses, Gonpas genannt, besteht aus vielen Gebäuden und erfreut sich meist eines großen Bodenbesitzes, lieben ihrem geistlichen Beruf als Sürsprecher Buddhas betreiben die Mönche Ackerbau, Arzneikunde, Astrologie, Wahrsagekunst, Geisterbeschwörung und höhere Gaukelei. Aus einem der Gebäude schallten uns eintönige Litaneien entgegen, die zuweilen durch eine Einzelstimme, zuweilen durch einen Lärm von Gongs und Tamtams unterbrochen wurden, von draußen konnte ich hineinschauen in den dunkeln Raum, den schwer emporsteigende Weihrauchwolken noch unbestimmt mystischer erscheinen ließen. Ein Altar mit unzähligen Wachslichtern strahlte daraus empor und warf ab und zu einen flackernden Schein auf die vor einer großen Buddha-Sigur kniende Gestalt eines höheren Lama, dessen Hand eine Art Bischofsstab hielt. Von Gebäude zu Gebäude führte man uns. Jedesmal war's ein neuer stürmisch Trinkgeld bettelnder Mönch, oft waren es auch mehrere, die unsere Sührung übernahmen. Dunkel herrscht in all den hohen weiten Hallen. Kostbare Lacksäulen trugen kassettierte Decken, aus denen sich große goldene Drachen winden, eine Schmutz-Patina überzieht die einst vergoldeten, kostbar dekorierten Wände, und über den weichen tibetanischen Teppichen liegen Staubwolken, die keinem Besen jemals mehr weichen könnten. Buddhas in allen Größen und Stellungen tauchen aus finstern Winkeln hervor, wenn ein Sonnenstrahl ihre eigentümlich lächelnden, goldenen Gesichter trifft. In bunte Seide gerollt. Mongole mit Kamelen vor Peking. 2Z4 Reise einer Schweizerin um die Welt. liegen uralte Manuskripte übereinander geschichtet, und an den Altären stehen kostbare Lloisonnä und Bronzen, kaiserliche Geschenke von unschätzbarem Werte. Zum erstenmal sah ich hier Gebetsmühlen: Gewaltige Zylinder aus Bronze, angefüllt mit einer in tibetanischem Sanskrit auf Zetteln rot aufgedruckten Gebetsformel. Walzen setzen Zylinder und Gebetszettel in Bewegung. Tausend- und aber tausendmal kann dadurch das Gebet wiederholt werden, was seinen Wert erhöht und den Betern lAühe erspart. Werden gar die Gebetsmühlen mit Wasserkraft oder Wind in Bewegung gesetzt, so geht das Beten vollends von selber. , Mach einem zum Schluß en §ros betriebenen Bettel schloß sich endlich die Pforte des Lama-Mosters hinter uns. Schon waren wir im Wagen, als sich plötzlich noch ein würdiger Lama zeigte. Behutsam schaute er sich um, dann zog er aus einem Pavillon auf dem Lohlenhiigel. bunten Taschentuche, das jedeiffalls schon lange keine Berührung mit Seife gehabt, einen kleinen Buddha hervor. Lr würde ihn uns um ein billiges abtreten. Entrüstet wiesen wir den Tempelraub zurück. Inmitten der Stadt liegt ein hoher künstlicher Hügel, Mei-shan, d. h. Mohlen- hügel, genannt. Den Namen soll er davon haben, weil dort für den Lall einer Belagerung seit vielen Jahrhunderten kohlen aufgehäuft sein sollen. Ein magischer Einfluß aus das Glück Pekings wird übrigens dem NIei-shan zugeschrieben. Ein steiler, mit Gestrüpp überwachsener Lußpfad führt uns hinauf. In einem kaiserlichen parke gelegen, bietet er einen vortrefflichen Blick aus die „verbotene Stadt", und sobald der kaiserliche Hof zurückkehrt, wird weder Mandschu noch Chinese, am wenigsten ein „rotborstiger Barbar" hier noch geduldet werden. Zierliche, freilich oft recht baufällige Miosks und Tempelchen schmücken den weg. Auch hierher ist eine rohe Bande, ob Boxer, ob Europäer, gedrungen. Line kleine Layence- pagode, die ganz aus sitzenden Winiatur-Buddhas besteht, diente als Zielscheibe roher Zerstörungswut, die Möpse sind alle abgeschlagen. ^ 1'-^ -F KDÄ Halle der Klassiker. (S. 24S.) WMM NMÄ iMNWH EMSK- AWM^WMM WMM 266 Reise einer Schweizerin um die Welt. Von oben übersehen wir Peking. wie wenn ein Zauberstab die 5tadt berührt hätte, sind plötzlich all die elenden schmutzigen Hütten, die häßlichen lVinlrel und Straßen verschwunden. Peking bietet von hier aus den Anblick eine-, Parkes, au- dessen Baumkronen hie und da ein gelbes, blaues oder hellgrünes Dach hervorschimmert. In langen Zügen zeichnen sich die zinnengekrönten Riesenmauern mit ihren Toren und lVachttürmen schars ab, die Hüter jenes Heiligtums, in welches unsere prosanen Augen jetzt schauen. Zu unseren Süßen liegt die „verbotene Stadt", „der Mittelpunkt, das Herz und das Geheimnis Thinas", wie Pierre Loti sie nennt, der Wohnsitz des „Unsichtbaren", „des Sohnes des Himmels, des Bruders der Sonne und des Mondes". Abgeschlossen von der Außenwelt, hatte der Kaiser bis jetzt sein Volk und sein Land nur aus Büchern gekannt, und niemals sein Volk ihn gesehen, da es in seinen Sünden nicht würdig erschien, die geheiligte Person des „Vollziehers der Gebote des Himmels" von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Tin ZO Meter breiter Graben, eine abermalige, noch viel gewaltigere Mauer schließt die „verbotene" von der „Kaiserstadt" ab. „Purpurstadt" hört man sie auch nennen nach der Sarbe ihrer Gebäude. Vom Mei-shan aus betrachtet, sieht sie wohl gehalten, eigentümlich sauber modern aus im vergleich zum Verfall des übrigen Peking Gebäude, Tempel und Gärten sollen aus der Zeit der Mongolen stammen und von den Ming- und Mandschu-Dpnastien wenig verändert worden sein. Demnach sind sie etwa sechshundert Jahre alt. Durch die Straßen läuft ein breiter Streifen buntglasierter Ziegel, und in langer Reihe erheben sich hintereinander die kaiserlichen Palasthallen. Gelb, geschweift, türmen sich die Dächer auf, ihre durch tausend Ungeheuer gekrönten Giebel bilden ein wirres Durcheinander von goldenen Hörnern und Klauen, ihre Dachtraufen sind goldene Drachen. Liebliches Baumgrün wölbt sich überall dazwischen, während weiter im Westen über die Stadt hinaus der Lotos-See schimmert. Von den Dichtern Chinas als ein mit tausend und tausend rosigen Lotoskelchen bedecktes Gefilde besungen, bietet er jetzt das traurige Bild des sterbenden Jahres, welke Blätter haben seine breite Stäche in einen braungelben Sumpf verwandelt, aus dem sich weiß in kühner Wölbung eine prachtvolle Marmorbrücke erhebt. Auf der anderen Seite der Brücke im Waldesgrün eines weiten Parkes steht der Palast der Kaiserin, in welchem Graf waldersee gewohnt, und der am 18. April 1Z01 zum Teil ein Raub der Stammen wurde. Unweit davon liegt der Nord-Palast, Pierre Lotis Äuartier. Herr v. B., mein Begleiter, erzählte mit Begeisterung von einem Gartenfeste, das der große Schriftsteller im verein mit seinem bekannten Landsmann, dem Oberst Marchand, den Repräsentanten der „verbündeten Mächte" gegeben. Loti schildert es uns am Schlüsse seines Buches: «Des äerniers jours äe Dekin». Unsere nächste Ausfahrt brachte uns durch das dreitürige Tor Ch'ien-men, das schönste Pekings, in die Chinesenstadt. Auch die breite Straße, welche nach Süden führt, ist mit Steinplatten belegt, denn einmal im Jahre wird sie vom Kaiser benützt, wenn er sich nach dem „Himmelstempel" tragen läßt. Wohl Z—4 Kilometer zieht sie sich hin bis zum nächsten Lore, welches sich in weitester Serne mit seinem wartturme dunkel vom Himmel abhebt. Auch hier gibt es vereinzelte Häuser mit vergoldeten Spitzenfassaden, und reizende pailos, chinesische Ehrenpforten, ziehen sich da und B>i»lme1stempe1. Ansicht vom großen tdimmelsaltar aus. lS. 2Z8.) Rundfahrten durch Peking. 2Z7 dort über die Straße hin. Nicht wie diejenige des Confucius aus Marmor und Kachel erbaut, besteht ihr Material meist aus dunkelbraunem, herrlich geschnitztem Holze. Ein lebhaftes Treiben herrscht auch hier. Die typisch chinesisch-mongolische Volksmenge war am heutigen Sonntag mit Soldaten der „verbündeten Mächte" sehr vermischt. Verschiedene dieser Marssöhne haben bei mir weder eine rühmliche noch eine angenehme Erinnerung hinterlassen. Der eine hieb mit dem blanken Säbel einem harmlosen chinesischen Pony, das ihn ini Gedränge streifte, aus den Kopf, der andere versetzte einem ruhig daherwandelnden Chinesen einen Saustschlag ins Gesicht. Die arme stumme Kreatur hat sich nicht gewehrt und der arme Chinese den Schlag als selbstverständlich still hingenommen. Ich sah in China, im Norden wie im Süden, Curopäer aller Nationen den Eingeborenen viel und oft Schläge austeilen, gerechte zuweilen, häufiger noch ungerechte. Stillschweigend, ohne Gegenwehr, wurden fie aber stets erduldet. Man scheint nicht zu bedenken, daß der Tag kommen könnte, wo all die Saat des Hasses, den einzelne gesät haben und täglich noch säen, furchtbar aufkeimen wird, wo einmal China, der gelbe Riese, aus seinem mehrtausendjährigen Schlummer aufwachen und seine 400 Millionen Menschen wappnen möchte zum Kampfe gegen die „zivilisierten" Nationen, dann wehe den Übermütigen! Die Sremden vergessen in ihrem Benehmen gegen die Chinesen oft ganz, daß sie die Eindringlinge sind, daß China niemals auf Ländereroberung ausging, sondern, zufrieden mit seiner eigenen uralten Kultur, die unsere ganze Achtung verdient, nicht von außen, sondern in sich selbst seine Entwicklung und Kraft sucht. Lonfucius hat seinem Volke das Wort hinterlassen: „Ich schaffe nichts Neues, ich glaube an das Alte, überliefere es und baue es aus." Endlich erreichten die Häuser bei einer weißen Marmorbrücke ihr Ende. Eine öde lange Strecke, wo niemals menschliche Wohnungen gestanden, begann. Nur die gepflasterte Straße nahm in Sand und Staub ihre Richtung weiter. Zur Rechten und zur Linken streben abermals mächtige rote Mauern empor. Sie umschließen rechts den Tempel des Ackerbaus, links den Himmelstempel, das Ziel unserer heutigen Sahrt. Das einst festverschlossene Tor stand uns offen, wir konnten hineinfahren in den heiligen Hain, dessen uralte Zedern einen Raum von 6 Kilometer im Umfang beschatten. Entweiht ist seine Stille, verstampft das Gras! Die Engländer haben hier ihren Rennplatz errichtet, während der Besetzung Pekings diente er einigen Tausend Indiern zum Guartier, und einer der heiligen Marmor- L. von Rodt, Reise um die weit. n -M-LM 2Z8 Reise einer Schweizerin um die Welt. altäre wurde zum Verbrennungsplatz für an der Rinderpest gefallene Tiere verwendet. Einige kleinere Tempel, sozusagen Vorheiligtümer, kündeten uns die Rahe des großen runden Himmelstempels, der weithin sichtbar sich aus dreifacher weißer Marmor- terrasse erhebt. Marmorstufen und ein „Kaiserpsad" in drei Abteilungen führen hinauf. Kaiserpsad nennt man eine große, sanft geneigte Marmorplatte, auf welcher sich in meisterhafter Reliefarbeit der fünfklauige heraldische Kaiserdrache windet. Menn der Kaiser am Lesttage in den Tempel getragen wird, so pflegt der palankin mit dem heiligen Körper des „Himmelssohnes" gerade über dem geweihten Drachenzeichen zu schweben. Die Anbetung des Hammels ist ein Überrest des Kultus, welcher vor dem Rationalismus der Eonfucianer und dem Götzenaberglauben des Buddhismus in Ehina herrschte. Die Darbringung von Tieropsern erinnert uns an Hebräer und Griechen. Mit peinlichster Genauigkeit werden bis zum heutigen Tage die alten Gebräuche beim Gpfer innegehalten, welches zur lVintersonnenwende stattfindet. Kein Unbeteiligter, am wenigsten ein rotborstiger Barbar, darf dem Aufzuge des Kaisers zuschauen, daher lauten die Schilderungen dieses Vorganges recht unbestimmt und durchaus Verschieden. Ich lasse die Beschreibung, welche mein kleines englisches Handbuch gibt, in abgekürzter Übersetzung folgen: „Am 20. Dezember werden die Gpfergaben und Tributelefanten des Königs von Siam in großem Pomp nach dem Tempel geschickt, woraus sich den folgenden Tag der Kaiser in einer gelbseidenen Sänfte durch zweiunddreißig Mann hinaustragen läßt. Line Schar Musikanten und ein großes Gefolge von Prinzen und hohen Mandarinen reiten hinterdrein. Im Tempel opfert der Kaiser dem Himmel und seinen vorfahren IVeihrauch und sieht sich die Gpfergaben an. Hierauf bringt ihn ein Clefanten- wagen nach dem nahen „palaste der Enthaltsamkeit", wo er die Nacht ohne Speise und Trank in Machen und Beten zubringt. Am Morgen, anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang, hüllt er sich in ein Gpfergewand und fährt bis zum Südtor der Außenmauer. Hier verläßt er den Magen und geht von da zu Suß zum offenen Himmelsaltar, einem Rundbau aus weißem Marmor, der sich ebenfalls in drei, von Balustraden umgebenen Terrassen von 40, Z0 und 20 Nieter Durchmesser und in Treppenabsätzen von drei, neun und fünfzehn Stufen hoch erhebt. Die Mitte des Himmelaltars soll nach chinesischem Glauben l/ 'iX Einzug des Kaisers in den Bimmelstempel. E-M M»«» S>jMöiis Großer Isimmelstempel. (S. 2ZS.) f'"'- Rundfahrten durch Peking. 2SS Der große Dimmelsaltar. den Mittelpunkt der Lrde bilden, westlich von diesem Altar stehen noch die Überreste des Gpferosens, wo ein Stier verbrannt wird, und acht körbartige, schwarze, geflochtene Becken, in welchen der Kaiser Seidenrollen, kostbare Jadeschalen und Getreide opfert. Aus der zweiten Terrasse ist das gelbseidene kaiserliche Zelt errichtet. Im Augenblicke, wo der Kaiser erscheint, flammen die Gpfergaben empor. Musik ertönt, während der „Sohn des Himmels" die oberste Terrasse ersteigt. Kort verneigt er sich dreimal und wirft sich zur Lrde nieder, während ein Gebet laut vorgelesen wird. Die Musik spielt ohne Unterlaß. Zuletzt empfängt der Kaiser den „Kelch und das Sleisch des Glückes". Mit dem ersten Morgengrauen begibt sich der herrliche Aufzug in den Palast zurück." Im Jahre 1894 wurde der uralte Himmels- oder Sonnentempel, wie er auch zum Gegensatz mit dem kleineren Mondtempel genannt wird, ein Raub der Slammen. wir standen somit vor einem ganz modernen Bau. Seine Höhe beträgt Z0 Meter, und seine vorspringenden, nach oben sich verjüngenden drei Dächer sind mit glänzend blauen Hohlziegeln gedeckt. Inwendig fanden wir alles leer, geplündert, zerschlagen die Gpferaltäre, verschwunden die acht heiligen Ahnentafeln, zertrümmert die großen Buddhas, die kleinen gestohlen! Trauernd, verzweifelt zeigt uns der alte Tempelwächter, der von Kind aus zuerst den alten, jetzt den neuen Himmelstempel behütet, die furchtbare Zerstörung. Nur die hohen roten, mit Goldgirlanden umwundenen Lacksäulen haben standgehalten und die goldenen Drachen oben aus der Decke. Hinter den Senstern verbreitet ein aus dünnen schmalen Glasstäbchen zusammengesetzter Vorhang ein bläuliches Dämmerlicht im Innern der Rotunde. 260 Reise einer Schweizerin um die Welt. Auf der anderen Seite des beschriebenen Fimmel-altars steht der schon erwähnte lNondtempel, eine genaue Hopie in verkleinertem Nlaßstabe des Himmelstempels. Gras und Gestrüpp wächst aus allen Lugen des Nlarmors, aus den Terrassen und Wegen, zwischen den Stufen, und schimmernd blaue Ziegelstücke liegen überall auf der Erde. Die chinesischen Ziegel haben alle die Lorm langer, oben und unten mit einem kleinen runden plättchen geschlossener Röhren. Auf jedem dieser plättchen ist das Drachenwappen eingeprägt. Bei der Wahl der Larbe wird folgendes beobachtet: blau für die Tempeldächer, hellgrün für die Regierungsgebäude und gelb für die kaiserlichen Paläste. Lange standen wir oben aus der einsamen Altarterrasse im Mittelpunkte der Lrde, auf der geweihten Stelle, die sonst nur den „Himmelssöhnen" zukommt. Gen Norden baute sich, einem Traumbilde gleich, das ganze große, mauerumkränzte Peking vor uns auf, und in der Lerne spiegelten sich in dem wunderbar durchsichtigen Lichte in scharfen Umrissen die Berge der Mongolei. Ich fühlte mich unendlich fern von der Heimat, und doch fiel mir dabei der Abschied schwer von diesem Bilde der nördlichen Hauptstadt, die meine Augen wohl niemals wieder erblicken werden. vierundzwanzig Stunden später saß ich im Tisenbahnzuge, der mich nach Tientstn zurückbringen sollte. War es Zufall, war es Schicksal? Ich traf auf der Lahrt einen Amerikaner, den ich flüchtig einmal in Japan begegnet. Wir unterhielten uns, stiegen im selben Gasthofe in Tientsin ab und waren Leidensgefährten auf dem „Hsinpu", der uns nach Shanghai brachte. Zuerst nur zufällige, wurden wir allmählich wirkliche Reisegefährten und teilten die Leiden und Lreuden der darauffolgenden sieben- monatlichen Reisezeit treulich miteinander. Die Jährt auf dem „Hsinyu" zwischen Taku und Shanghai möchte ich am liebsten mit dem sehr banalen „Schwamm darüber" abtun. Sie gehört zu den schlimmsten, welche diese Reise mir beschert hat. Vier Tage lang war der elende kleine „Hsinpu" der Spielball einer wild aufgeregten See. vier lange Tage tanzte alles an Bord. Was nicht niet- und nagelfest war, rollte iin Speisesaal und in den Sabinen umher. Passagiere und Boys, die sich noch zu bewegen wagten, fielen sich fortwährend unfreiwillig in die Arme. und hülflos jammerten die am schwersten Erkrankten in ihren ääojen. Ja. solche Tage könnten einem den Geschmack an Seereisen auf ewig verderben. Shanghai! Wie eine Erlösung lautete der Name! Inneres des Ioß-Lauses. (S. 264.) Kanton. 261 Mpitel 17. Rsnton. Lhinefische Frauen. Mädcheninstitut in Shanghai. Chinesische Stadt. Ioßhaus. Fahrt auf der „Peru" nach Hongkong. Die Stadt Viktoria. Der Peak. Valley. Aus dem perlstrom. Kanton Sampanbewohner. Shamien. Geschichte Kantons. Tempel. Die rote Pagode, was man in Lhina ißt und trinkt. Leihhäuser. Lriedhof. Stadtmauern. Haus des Todes. Blumenxagode. Wasseruhr. Richtplatz. Gefängnis. Bei Schweizern. Lhincstsche Bedienung. Einkäufe. Hausboot. Abschied von Kanton. Lhinesin aus besserem Stande. Mls ich von Japan erzählte, habe ich den brauen Japans einen kurzen Abschnitt gewidmet. Nun möchte ich auch von den Töchtern des „himmlischen Reiches" etwas sprechen, freilich bin ich wenig mit ihnen in Berührung gekommen. Auf den Schiffen nur traf ich sie: Srauen und Töchter reicher Kaufleute, die meist nur Chinesisch sprachen, auch gute mütterliche A-mahs si, die sich von ihren europäischen Pfleglingen tyrannisieren ließen und drolliges Pidgin-Lnglisch kauderwelschten. Ich will hier einiges anführen, was seinerzeit der chinesische Militärattache in Paris, Tscheng M Tong, in die »Revue cles Oeux iVloucles» über seine Landsmänninnen schrieb: „Unsere Srau gleicht allerdings nicht der des Abendlandes, aber sie ist immer eine Srau mit all ihrem geheimnisvollen Zauber, und einzelne kleine Schattierungen abgerechnet, sind sie alle Evastöchter, wenn man unter diesem Ausdruck die instinktive Neigung versteht, welche sie treibt, die tserren der Schöpfung zu beherrschen. Der größte Dienst, den man einer Srau erweisen kann, ist der, sie zu lenken und sie glauben zu machen, daß sie selbst es ist, welche lenkt. Die chinesische Srau hat es nicht zu bedauern, daß sie weder die Vorzimmer der Minister noch die Lmpsangssäle der Gesellschaft, wo die Europäerin sich mit all dem Zauber ihres Geschlechtes schmückt, um die Männer zu fesseln, kennen lernt. Ihr Leben hat keine Bedeutung in bezug auf die Politik. Diese Geschäfte besorgen die Männer allein. Überschreitet man aber die Schwelle des lsauses. dann betritt man ihr Reich, in welchem sie eine Autorität genießt, deren sich die europäischen Srauen gewiß nicht rühmen dürfen. ') Kinderfrauen. 262 Reise einer Schweizerin um die Welt. Durch die Hei- rat wird die Srau in Europa unter Kuratel gestellt, sie wird ein Mündel, und das Gesetz gibt dem Mann seiner Srau gegenüber Waffen in die Hand, mittelst deren er ihr sogar die Sreiheit entziehen kann, über ihr Eigentum zu verfü- Lbrenpforte einer Frau. 6^- sind Eigentümlichkeiten. über welche sich die chinesischen Srauen wundern würden, denn sie können den Gatten in allen Lagen vertreten, wo es sich um Samilienakte handelt. Das Gesetz gestattet ihnen, zu kaufen und zu verkaufen, die gemeinschaftlichen Güter zu veräußern. Handelsgeschäfte abzuschließen, die Kinder zu verheiraten und ihnen eine beliebige Mitgift zu bewilligen. Mit einem Wort, sie sind frei, und man wird das um so mehr begreifen, wenn man weiß, daß es bei uns weder Notare noch Anwälte gibt. und daß es daher nicht nötig war, gesetzliche Ausnahmen zu schassen, um sich derselben nachher mittelst gerichtlichen Verfahrens zu entledigen. Das Familienleben bildet die chinesische Srau, und ihr einziges Streben ist darauf gerichtet, eine Meisterin zu sein in der Kunst, eine Samilie zu regieren. Sie leitet die Erziehung der Kinder, ist zufrieden, für die Ihrigen leben zu können, und wenn der Himmel ihr dann noch einen guten Mann gegeben hat. so ist sie zweifellos die glücklichste Srau der Welt. Sie hat zudem auch ihre Zerstreuungen. Sie besucht ihre Lreundinnen und empfängt sie. Die Damen spielen viel Karten und Domino, sie wissen wundervolle Stickereien herzustellen, sie pflegen die Blumen, welche sie leidenschaftlich lieben, und besitzen die Gabe der Unterhaltung. Auch in China dreht sich diese immer um die — liebe Nachbarin. Diese Neigung ist unwiderstehlich. Sie scheint fast eine Art Instinkt zu sein, den man als Beweis für die gemeinsame Abstammung des weiblichen Geschlechtes ansehen kann." Srauentreue und Mädchentugend genießen hohes Ansehen in Ehina und sind öffentlicher Anerkennung gewürdigt. An die Häuser solcher Srauen und Mädchen werden Ehrentafeln, auf welche ihre Verdienste eingraviert sind, angebracht, man errichtet ihnen sogar zuweilen einen pailo. wenn eine Witwe sich nicht noch einmal vermählt, wird sie allgemein im Lande geehrt, ebenso eine Braut, die nach dem Tode des Bräutigams nicht heiratet. wiederum zurück in Shanghai, galt mein erster Besuch einem von amerikanischen Die beiden Boten der Gottheit im Ioß-Lau/e in Shanghai. (S. 264.) ' 'l. 77 ».« .' 7 ^ 7^7 264 Reise einer 5chweizerin um die Welt. Damen geführten Institut für Chinesinnen aus guter Lamilie. Die 5chule wurde vor neun Jahren gegründet und scheint zu gedeihen, denn sie zählt schon seht sechzig Schülerinnen. Man sagte mir, Religionszwang bestände nicht, und eine große Zahl der jungen Mädchen seien Anhängerinnen der Lehre des Eonfucius. Sie dürfen sich auch ihre eigenen Dienerinnen halten, welche ihnen jeden Morgen ihre Süßchen bandagieren. Dies ist später, nachdem die grausame Verkrüppelung stattgefunden, immer noch notwendig, um den dadurch schwach gewordenen Lust zu stützen. Auch die nach chinesischer Sitte gemachten schneeweißen Bettchen stehen unter Obhut der „A-mah". Lustig, hoch und behaglich sind Schul- und Schlafzimmer. Die jungen Damen sprechen alle geläufig Englisch und scheinen ordentlich zu lernen. Auf der Landkarte wurde mir sofort die Schweiz und Bern gezeigt, man wußte auch den Rainen verschiedener Kantone und Schweizerstädte. Einige junge Mädchen spielten geläufig und nett Klavier. Man erzählte mir, sie hätten Sinn und Sreude an Musik, seien überhaupt gute, gehorsame Schülerinnen. Auch die Lehrerinnen machten mir einen angenehmen Eindruck. Den letzten Tag besuchte ich die Lhinesenstadt. Dirs. H., ein Herr vom französischen Konsulate, und Mr. 7V., mein Bekannter aus Peking und nachmaliger Reisegefährte, waren meine Begleiter. Das berühmte Wort Dantes : «Voi cke enrrure gui, InsLiule o§ni sperun^u» köünte mit Recht am Eingang jeder chinesischen blutäve- torvn stehen. Gehör, Geruchsorgane und Augen werden gleich unangenehm berührt. Trotzdem gibt's des Interessanten in Sülle und Sülle. Die Stadt ist von Mauern und Gräben umringt, sieben Tore führen hinein. Verwittert und verfallen sind Mauern und Tore, die Straße so eng, daß kaum zwei Menschen nebeneinander gehen können. Bettlern und herrenlosen Hunden begegnet man aus Schritt und Tritt, letztere weichen scheu zurück, erstere heften sich an unsere Sohlen. Da heißt's, nur nicht geben, sonst wird ihre Zahl Legion. Interessant sind all die kleinen, niedrigen Buden, in welchen gewohnt, gearbeitet, geschlafen und gegessen wird. Gearbeitet wird übrigens sehr fleißig. Der Glanzpunkt der Thinesenstadt in Shanghai ist das Ioßhaus, so heißen die chinesischen Tempel. Der Rame wird von dem portugiesischen Worte Deos abgeleitet. Dieses Ioß-Haus ist der Gottheit der Stadt geweiht. In der Vorhalle sitzen vier lebensgroße Gestalten mit starken Oberkörpern, großen Köpfen und schmächtigen, verkürzten Beinen. Sie sind teilweise bemalt und haben sehr rote Lippen und schwarze Schnurrbärte. Zwei schauen freundlich, zwei grimmig drein. Sie sollen die Boten der Gottheit bedeuten. Von der Decke hängen zwei Kriegsschiffe herunter, das Eigentum der Stadtgottheit. Diese thront mit breitem, rotem Gesicht mitten in der überladenen Halle. Geschmackvoll fand ich die Idee eines schönen, großen Bronzedrachen, welcher eine kugelartige Lampe mit der rechten Klaue umfaßt. Den 31. Oktober nahmen wir, d. h. Mr. w. und ich, Abschied von Shanghai. Ls war ein trüber, regnerischer Abend und dunkle Rächt, als wir den kleinen Tender betraten, der uns nach wuchang auf meine alte „Peru" bringen sollte. Gegen Mitternacht erkletterten wir ihr Deck. Ich habe schon früher erzählt, wie stattlich und komfortabel sie uns jetzt vorkam. Sie hatte wenig Passagiere. So erhielt ich eine schöne, große Kabine für mich allein. Der 1. November brachte blauen Himmel, glatte See und freundliche Begrüßung mit dein Kapitän, den Offizieren, dem Doktor Ioß-Bans in Shanghai. (S. 264 .) S-Llh- - .-'^r -? LZZ T i.'Ä-chÄ /Icmton. 26 Z und der Stewarcless. Auch mein Boy schien erfreut. Allerseelentag war auch hier trübe, die Chinesen warfen fortwährend beschriebene Papierfetzen in die See, wohl um den Meeresgott milde zu stimmen. Das gelang jedenfalls vollauf. Mir hatten die schönste, schnellste Zahrt, welche die „Peru" jemals zurückgelegt. Der Monsun blies ihr in den Rücken und trieb sie auf Mindesflügeln. In §6 stunden waren wir von Shanghai nach Hongkong gelangt. Am frühen vormittag des Z. November steuerte die „Peru" langsam in den Hafen. Ich werde niemals diese Einfahrt vergessen. Es war Sonntag, von allen Seiten klangen die Glocken. Ein violett rosiger Duft lag über den kühngezackten Bergen u rd den schattenumwobenen Schluchten. Meiß schimmerten die Häuser der Stadt Viktoria, die terrassenartig sich am peak aufbaut, wie in Nagasaki hat der Hafen nur zwei schmale Ausgänge nach Norden und Süden, sonst könnte man sich in einem bergumkränzten Binnensee wähnen. Seit 1842 gehört die Insel Hongkong England. Sie ist Sreihasen und bildet einen Knotenpunkt des Verkehrs zwischen Europa, Australien, Asien und Amerika. Mas Anlagen und Straßenbau auf dem felsigen Eiland anbetrifft, hat England ein Meisterwerk geliefert. Srüher galt Hongkong für ungesund. Cholera und Malaria waren dort beständige Gäste und übergroß die Zahl der Schläfer, die in «Happ^ Valley», so heißt der Sriedhos, zur letzten Ruhe gebettet wurden. Jetzt isvs auch hierin viel besser geworden, und nur von Zeit zu Zeit halten die beiden oben erwähnten Gäste noch Einkehr. Als dritter im Bunde gesellt sich häufig ein meist von den Philippinen kommender Teifun hinzu. Im Jahre 1874 vernichtete er 1018 Häuser und kostete mehreren tausend Menschen das Leben. Die Stadt Viktoria, man nennt sie meist Hongkong, liegt an der Nordküste. Sie hat schöne Häuser, lustige, breite, teils mit Arkaden versehene Straßen. Anlagen und Gärten ziehen sich in die Höhe, sind wundervoll gehalten und entwickeln bei dem feuchtheißen Klima eine beinahe tropische Vegetation. Ich habe selten schönere Aloen und Palmen gesehen als auf Hongkong. Das Chinesentum bewegt sich hauptsächlich in der Vorstadt. Sonst herrscht hier 4n der Lhinesenstadt in Shanghai 266 Reise einer Schweizerin um die IDelk. England vor. Als wir gleich nach der Ankunft einen kleinen Spaziergang unternahmen, entströmten den eleganten Kirchen elegante Menschen; Damen in weiß setzten sich in weiße, mit einem Leinwanddach vers ehene Tragstühle und ließen sich durch weiß gekleidete Kulis nach Lause tragen. Hongkong: Blick auf den Hafen vom peak aus. Es sah wunderhübsch aus, fremdartig und doch europäisch zivilisiert. Schade, daß das Lotel Longkong so düster, schmutzig und schlecht ist. geradezu unbegreiflich bei der Menge Sremder, die täglich hier landen. Nach dem Tiffin fuhren wir mit der sehr steilen Zahnradbahn hinaus zum peak, wo die reicheren Europäer ihre Villen besitzen, die freilich meistens einen Stil zeigen, der durchaus nicht in diese Landschaft paßt. Auch hier oben führen wirklich wunderbare, gepflasterte Straßen nach allen Richtungen hin. Selten habe ich schönere Stunden verlebt als an jenem Sonntag nachmittags auf Viktoria peak. Es ging sich so wunderbar leicht in der reinen, köstlichen Bergluft, und immer wieder boten Lasen, Berge und Selspartien neue reizende Bilder. N)ie Möwen so klein erschienen von oben die chinesischen Dschunken mit ihren gelblichen Drachensegeln, und wenig imposant kamen uns auch die großen Dampfer aus aller Lerren Länder zu unseren Süßen vor. Nach einem herrlichen Sonnenuntergange, dem sehr schnell die Nacht folgte, rissen wir uns endlich los. Den folgenden Vormittag verlebten wir in Valley, in dem „glücklichen Tale", wo die Toten Longkongs im Schatten eines grünen Berges ausruhen von des Lebens Kampfe. Ich hahe kaum je einen stimmungsvolleren, friedlicheren Grt gesehen, als Kluppe Valley, vier Sriedhöfe liegen hier nebeneinander, vier Konfessionen: Mohammedaner, Katholiken, Protestanten und parsi, die indischen Seuer- anbeter. Derselbe wind streicht über ihre Gräber, dieselbe Sonne erwärmt sie, dieselben Sterne leuchten über ihnen. Besonders schön ist der protestantische Sriedhof. wir waren die einzigen Besucher, und lautlose Stille herrschte weit und breit. Überall gaukelten farbenfrohe, große Schmetterlinge, große Käser flogen summend umher, und die Lust war erfüllt von den süßen Düften der Rosen und Levkojen. Den Schmetterlingen bietet das glückliche Tal eine sichere Lreistätte. Ihnen hier nach' MW- Die Boten der Stadtgottheit. (5. 264.) >SLL 265 Reise einer Schweizerin um die Welt. zustellen, ist bei strenger Strafe verboten. Ein schöner, sinniger Gedanke! vielleicht nur einem tierfreundlichen Gefühle entsprungen, vielleicht äuch ein Anklang an den Glauben der alten Griechen, die in dem Schmetterling das Sinnbild der Unsterblichkeit sahen, und sein Hervorgehen aus der Puppe auf die Befreiung der Seele von den irdischen Banden Pcrl-Lluß bei Rauten. im Tode deuteten. Leise erzitterten die riesigen Sächer und lvedel der Palmen in der sonnigen Luft des Südens, und goldiges Geflimmer webte um die exotischen pflanzen, zwischen deren Grün sich Blüten zeigten, so bunt leuchtend und bizarr in den Sormen, daß sie eher tropischen vögeln als Blumen glichen. Hier schimmert ein weißes Kreuz aus dunkeln Büschen, dort liegt eine gebrochene Marmorsäule im üppig wuchernden Gras. Wege und Anhöhen ziehen kreuz und quer nach allen Seiten, begleitet von lebenden Girlanden und überspannen von Rosenranken. Es war mir, als könnte ich mich von Kluppe Valley nicht losreißen. Denselben Abend schifften wir uns auf einem stattlicheil, neuen Boote nach Danton ein. Sm goldenen Glänze der untergehenden Sonne glitt unser Dampfer langsam ins offene Meer. Zögernd nahm das Tagesgestirn Abschied, und bald daraus kam der stille Mond als Geleiter unserer Sahrt. Bis spät saß ich auf Deck. Ich beobachtete noch unsere Einfahrt in den perlstrom, dessen starre Selsenufer gespensterhaft im Monde leuchteten. Srüh war ich wach. Der Lärm hatte mich nicht länger schlafen lassen. Alles deutete auf die Bähe einer Stadt, deren Einwohnerzahl mit London wetteifert. Dumpfer Lärm drang über das Wasser zu uns hinüber, dazwischen erschallten die Ruderschläge unzähliger, meist von Srauen gelenkter Sampans, welche die Signalglocke unseres Dampfers zu begleiten schienen. Kanton, Ehinas volkreichste Stadt, liegt am hier bis 7 Meter tiefen perlslusse. In ihren engen Gassen sollen v/s Millionen Menschen wohnen, und eine Million lebt auf dem Wasser, in den Kanälen und Slußarmen der Stadt. Tausende von Sampans und Fahrzeugen aller Art und Größe sind die Heimstätte ebensovieler Tausender chinesischer Samilien. Dort leben und sterben sie, Großeltern, Eltern, Kinder, Ziegen, Hunde, Katzen, Hühner. Die Kinder werden auf den Sampans geboren und rudern schon nach wenigen Wochen, auf dem Rücken der Mutter, durch den Sluß. Die -'.-LÄ - ^ '"-SL^»-'. --M ^kIs.« N-LSL^ S«M- >'7.r Anlagen in Dongkong. (S. 265.) UtzM' ^ * "Lt ^ ' ^MZMU, < . r v SMM, LW,A ^ '"H Danton. 269 größeren, welche gehen können, werden der Sicherheit halber an langen Seilen am Boote festgebunden, oder man befestigt ein Stück Lolz oder einen hohlen Kürbis an ihre Taille, damit, wenn sie ins Wasser fallen, sie auf der Oberfläche bleiben, bis Vater oder Mutter sie herausziehen. Jemand anders würde nicht die Land dazu bieten. Man glaubt nämlich in China, daß die Seele eines Ertrunkenen so lange auf dem Wasser herumirren müsse, bis es ihr gelungen sei. einen anderen Menschen zu sich herunter zu ziehen, dann erst sei sie erlöst und könne Ruhe finden, wenn daher jemand es versucht, einen ins Wasser Gefallenen zu retten, zieht er sich bestimmt den Zorn und die Rache jener irrenden Seele zu, die nun noch länger auf Erlösung harren muß. Als unser Dampfer endlich ankerte, wurden wir alsbald von einer schreienden Sichrer- und Ruderermenge umringt, wir wählten uns einen netten Sampan und eine junge Chinesin aus. Unbehindert und unverdrossen ruderte das brauchen mit einem auf ihrem Rücken festgebundenen Baby. Im halbgeschlossenen, gewölbten Sampan waren zierlich geflochtene, bunte Strohmatten auf den Sitzen ausgebreitet. An den wänden hingen scheußliche, europäische Sarbendrucke, unter anderem das konterfei des jetzigen Königs von England. Hübsche, chinesische Tassen waren auf Lolzgestellen angebracht, und auch der Ahnenaltar und der Lausgötze fehlten nicht in diesem schwimmenden Leim. Unsere Sahrt war kurz. Sie führte nach der europäischen Niederlassung auf der Insel Shamien. Im Jahre 1859 verwandelten die Sranzosen und Engländer ein sumpfiges, aus Schlammbänken gebildetes Eiland in eine 1000 Meter lange und 330 Meter breite, künstliche Insel, welche durch einen Kanal von der Stadt getrennt ist. Diese Verwandlung kostete 325,000 mexikanische Dollar, wovon die Engländer ^/«, die Sran- zosen V» bezahlten. In diesem Verhältnis steht nun auch die Größe des französischen und des englischen Settlements. Die Sran- zosen bleiben auch hier unter sich, während in der englischen Niederlassung auch Deutsche, Lolländer, Amerikaner und Schweizer wohnen. Schattige Alleen, grüne Tennisplätze. zierliche Villen, schöne Straßen und reine Luft, die freilich im Sommer sehr heiß werden kann, machen das Leben in Kanton ganz angenehm. Lotel Viktoria aus Shamien bietet den europäischen Touristen mäßige Unterkunft. Kanton kam schon ziemlich früh mit europäischem Lande! in Berührung und bildete bis 1841 den einzigen Verkehr mit dem Westen. Da der letztere sich jetzt auf Straße in Lanton. Reise einer Schweizerin um die Welt. 2W eine große Anzahl Vertrag-Häfen verteilt, so hat Kanton viel von seiner früheren Wichtigkeit verloren, wozu die Existenz des blühenden englischen Freihafens Hongkong wesentlich beiträgt. Die Sirmen in Shamien sind meist nur noch Silialen ihrer Däuser in Hongkong, von wo aus der größte Teil der kantonesischen Produkte verschifft wird. .Danton ist Hauptsitz für Leidenweberei und -stickerei, Särberei, Glas- und Ltein- schleiserei, Lackwaren- und Papierfabrikation, Holz- und Elfenbeinschnitzerei und Möbel- schreinerei. Exportiert wird auch viel Leide, Tee, Zucker, Tassia, Matten. Lchon im IX. Jahrhundert sollen arabische Lausleute in Kanton angelaufen sein. Im Jahre ISIS fanden die Portugiesen ihren Weg hierher. Hundert Jahre darauf kamen die Holländer und wurden Ende des XVII. Jahrhunderts durch die Engländer ersetzt, die sich daselbst bleibend niederließen. Ls gab Schwierigkeiten mit den chinesischen Behörden, die einen zweimaligen Krieg mit England zur Solge hatten. Kanton wurde von der vereinigten englischen und französischen Slotte im Dezember 18Z2 eingenommen und bis zum Oktober 1861 beseht gehalten. Nach kurzem Aufenthalte im Gasthof machten wir uns sofort auf den weg. Die Beförderung geschieht hier mit Sänften und je vier Trägern, und so bildeten wir eine ganz beträchtliche Karawane, voran der Sichrer, ich in der Mitte und als Schluß des Zuges mein Reisegefährte. Kanton dehnt sich 4 Kilometer in die Länge und 12 Kilometer im Umkreis aus. Zunächst ging's im Sturmschritt über die Brücke der Lhinesenstadt zu, welche nachts zehn Uhr abgeschlossen wird. Ls war ein eigentümliches Straßengewirr. eine fremdartige Welt, in die wir uns plötzlich verseht fanden. Gassen so eng, daß man sich von Senster zu Senster die Hand reichen kann, dabei verfinstert durch alle möglichen Aushängeschilder, welche gleich riesigen Sahnen von: Giebel der Häuser senkrecht hinunterhängend beinahe die Köpfe der Sußgänger berühren. Rot und Gold sind die vorherrschenden Sarben dieser Sirmenschilder. Die Straßen sind so schmal, daß nur eben eine Sänfte hindurchgetragen werden kann, dabei lausen unsere Kulis Sturmschritt, und ebenso eilig haben's all die Chinesen, die uns begegnen. So sehlt's nicht an Zusammenstößen, an Geschrei und Schimpfen, doch eigentlich übelwollende, drohende Gesichter sind uns keine ausgefallen. Kanton gilt für diejenige Stadt in China, welche am meisten die Sremden haßt und immer bereit zu Aufständen ist. Deshalb wird hier die Sicherheitspolizei besonders scharf gehandhabt. Unser erster Halt galt dem Wa-Lam-Tsz oder Tempel der fünfhundert Gottheiten. Dieser wird als Sitz so vieler Götter für besonders heilig angesehen. In einem großen hufeisenförmigen Raume thronen fünfhundert vergoldete Holzsiguren in Lebensgröße. Sehr mannigfach ist der Ausdruck ihrer Gesichter. Unter ihnen sitzt mit Hut und europäischer Sußbekleidung Marco Polo, der berühmte venetianer, der erste aller Globetrotter. Im Jahre 12Z6 in Venedig geboren, kam er als junger Wann und erster Europäer nach China und wußte sich so sehr die Gunst des Kaisers zu erwerben, daß dieser ihn zu den verschiedenartigsten Missionen gebrauchte. Als präfekt und Admiral durchzog Marco Polo alle Provinzen Chinas und kehrte nach vierundzwanzig- jähriger Abwesenheit über Indien und Ceylon mit großen Reichtümern nach Italien zurück. Dort schrieb er seine Reiseerlebnisse nieder. Lr muß bei den Chinesen in hoher Gunst gestanden sein, um zu der würde eines Gottes zu gelangen. Grab einer vornehmen Familie in Lanton. (S. 27 S.) -.»M »«» «°»E 272 Reise einer Schweizerin um die Welt. Richt weit davon ist der Tempel oder vielmehr die Tempel des Schreckens, eine Art Markt- und Volkstempel mit Wahrsagern, (Quacksalbern, Zahnausbrechern, Barbieren, Geldwechslern und Zuckerzeughändlern. Bald wurden wir von allerhand Volk, Bettlern, Mindern und Bonzen dermaßen umdrängt und belästigt, daß dabei die schönen Reliefs in dem ersten Tempel völlig in den Hintergrund traten. Auf einem Altare stand ein mit sogenannten Schicksalsstäbchen angefüllter Becher. Mein Gefährte griff eiligst danach und schüttelte auf Weisung des Lührers hin diesen so heftig, daß gleich ein Hausen Stäbchen zur Erde sielen. Diese sind mit Hummern bezeichnet, die ein Priester gegen entsprechenden Bakschisch in dem Schicksalsbuche nachschlägt. Laut liest er hierauf das betreffende Orakel, welches jedenfalls meist so verworren wie ein altägpptisches klingt, vor. In unserem Lalle wurden die Sprüche durch das Pidgin-Lnglisch der Übersetzung noch dunkler. Hell nur klangen die Silberlinge meines Reisegefährten. An besonderen Ofen wurde in den Tempeln viel Papier verbrannt, dicke Rauchwolken stiegen allenthalben empor. Hier glimmte die Asche der Bildnisse, welche sich die Gläubigen von ihren Leinden zu diesem Zwecke anfertigen lassen, dort flammten in Papier nachgeahmte Gold- und Silberstücke, Opfer für Buddha, empor. Schauerlich interessant sind die bildlichen, in grellen Sarben an die Wand gemalten Darstellungen der buddhistischen Hölle. Auch als plastische lebensgroße Liguren sehen wir die Sünder unter den Dualen der Solter. Da sind Geköpfte, Gekreuzigte, in heißem Gl Verbrannte, ja sogar zu Tode Geläutete. Der Schuldige wird unter eine Glocke gestellt, die nur wenige Lentimeter über der Erde schwebt. Diese wird darauf so lange mit eisernen Hämmern in Bewegung gesetzt, bis der Unglückliche tot darunter zusammenbricht. Unsere äkulis trabten hierauf immer der Stadtmauer entlang einen steilen Hügel hinan, über welchen sich die Befestigungswerke im Zickzack hinziehen. Oben steht, fern vom Stadtgetümmel, eine große, rote, fünfstöckige Pagode. Wir kletterten bis oben hinauf, sehten uns in eine große Halle, wo riesige Götzenbilder standen, und nahmen unser kaltes Lrühstück, das wir vom Gasthofe mitgebracht. Überall standen Tische und Stühle, überall saßen essende Menschen. Götter und Priester scheinen diese Mahlzeiten keineswegs als Sakrilegium anzusehen, Im Gegenteil, gleich freundlichen Geistern halsen letztere unseren äkulis um die Wette bei der Teebereitung. Was ißt und trinkt man in China? werde ich jetzt oft gefragt. Grause Sagen von Regenwurm- und Rattenragout, von faulen Ciern, Seetang und Tintenfisch tauchen dabei auf. Als Globetrotter sind mir diese Leckerbissen nicht vorgelegt worden. In den Gasthöfen habe ich schlecht und recht, mehr oder weniger gut zubereitete Speisen, meist nach englischem Rezepte, gegessen, und an ein chinesisches Galadiner bin ich leider nie eingeladen worden. Am Tisch neben dem unserigen saßen anscheinend Chinesen höherer Masse. Jeder zog seine Lßstäbchen und einen flachen, silbernen Löffel hervor. In Japan sind diese Stäbchen meist nur aus Holz und werden nach einmaligem Gebrauch weggeworfen. Eigentlich eine reinlichere Sitte, als die oft nur leicht mit allen anderen gemeinsam gespülten Bestecke unserer Gasthöse, welche so und so viele Tausende vor uns in den Mund genommen und nach uns noch nehmen werden, wir dürfen auch nicht allzu erhaben Chinesische Mahlzeit. (^. 272.) Danton. 27Z auf die unzivilisier- ten Chinesen Herunterschauen. Erst seit dem XVIII. Jahrhundert bedienen wir uns in Europa der Gabel, vorher aßen wir alles mit den Singern, sogar am Lose des großen Ludwig XIV. war das Etikette. Die Chinesen dagegen bedienen sich dieser Lßstäbchen seit Jahrhunderten und tragen sie aus Elfenbein, Bambus oder Knochen verfertigt in hübschen, oft silberbeschlagenen Sutteralen stets mit sich herum.. Ich habe mir in Peking ein paar sehr feingearbeitete elfenbeinerne Lßstäbchen mit Jadegriff in niedlichem, mit grüner Schlangenhaut überzogenem Etui gekauft. Beim Essen werden die Stäbchen so in der Land gehalten, daß das eine feststeht, das andere beweglich ist. Die Speisen werden alle klein geschnitten aufgetragen, und mit einiger Übung gelangt man so weit, ein einzelnes Reiskörnchen zum Munde zu bringen. Die silbernen, flachen Löffel dienen zum Schöpfen und Genießen der breiartigen Speisen. Unsere Tischnachbarn besaßen zudem ein flaches, silbernes, in der Mitte geteiltes Schälchen mit Essig und Sopa-Saucefi und ein ebensolches mit gerösteten Melonenkernen, eine Spezialliebhaberei der Chinesen. Dann standen hübsch dekorierte Süßigkeiten da und die so verrufenen faulen Eier, die halbiert — das IVeiß in eine durchsichtig schwarze Masse verwandelt, in welcher das Gelbe golden hervortritt — gar nicht übel aussahen. Ich ließ mir das Rezept sagen, welches ich hier verraten will. vielleicht findet es Liebhaber: IVasser, in welchem entweder Sichten- oder Zedernnadeln oder Bambusblätter gekocht wurden, muß mit Holzasche, ä^alk und Salz vermischt werden, bis sich die Masse in einen dicken Brei verwandelt. Die Eier werden damit bestrichen, wobei die Srauen, welche dies besorgen, Landschuhe anziehen, um sich vor dem ätzenden ä5alk zu schützen. Sodann werden die Eier in Gefäßen mit Holzasche verwahrt, um zu verhindern, daß die Eier aneinander kleben. Uach dreißig Tagen find sie zum Essen fertig. Das Regenwürmer-Ragout hat man mir alles Ernstes abgeleugnet, dagegen habe ich wohlpräparierte Ratten in der Auslage eines Speisehauses gesehen, und in Danton Die rote Pagode in Lanton. Soya — eine Bohnenart. L. von Rodt. Reise um die Welt. 18 274 Rcisc einer Schweizerin um oie Welt. Diigel und Stadtmauer bei Rauten. soll's auch Kunderestaurants geben, das heißt, nicht solche für Kunde, sondern solche, wo man ausschließlich Kunde kocht. Doch wird dieses Lleisch nur von ärmeren Leuten gegessen. Leckerbissen sind in China: Schwalbennester. die in Sleischbrühe gekocht wie Nudeln aussehen sollen; kaisischslossen, in schmale Riemen geschnitten und mit Sleischbrühe oder Rührei serviert, auch bei Europäern ein beliebtes Gericht; eine Art Seetang, der von Nagasaki geschickt wird. Silbermoos aus Nordchina und Tintenfische. Im Braten von Spanferkeln und Enten leisten die Chinesen Großartiges. Unsere Speisekartosseln werden seit zwanzig Jahren in Nordchina viel gepflanzt, im Süden ißt man zuweilen süße Kartoffeln, doch wird Reis immer vorgezogen. In Nordchina herrscht im Winter Überfluß an wild, Rehen, käsen, Kirschen, Antilopen, kaselhühnern, Susanen, wilden Enten, Gänsen u. s. w. Getrunken wird zunächst Tee, und zwar legt man in jede einzelne Tasse eine Prise Blätter und gießt kochendes Wasser daraus. Um beim Trinken nicht die Blätter in den Mund zu bekommen, hat jede Tasse einen Deckel, der genau die Sorm einer Untertasse besitzt und verkehrt darauf gelegt wird. Beim Trinken wird nun dieser gerade weit genug zurückgeschoben, um die Flüssigkeit durchzulassen, das Hraut jedoch zurückzuhalten. Zucker und Milch werden dabei nicht genossen; Eis gehört zu den allergewöhnlichsten Verbrauchsartikeln, denn schon vor 2Z00 Jahren hatten die Chinesen ihre Lishäuser. Ein schnapsähnliches Uationalgetränk ist der sogenannte Samschu. der heiß getrunken wird: Man kocht Reis zu einem dicken Brei, dieser wird mit Sauerteig gemischt, geknetet und einige Tage lang in steinernen Töpfen stehen gelassen. Soll der wein süßlich sein, so genügen zwei Tage, soll er herbe schmecken, so läßt man ihn länger stehen. Die feste, sowie die flüssige Masse wird, sobald sie genügend gestanden, in einen leinenen Sack gefüllt, dieser in eine presse gebracht, welche den wein hinauspreßt und in Sässer abfließen läßt. Unser Tissin war unterdessen sehr frugal ausgefallen und deshalb schnell beendet. wir freuten uns an dem wunderschönen Ausblick aus Stadt und Sluß. Ein unbeschreibliches Gewirr niedriger Dächer breitete sich vor uns aus. Die vielen Gebäude, welche doppelt so hoch wie die anderen emporstreben, sind Leihhäuser. Diese Tai-tong, wie der chinesische Name lautet, sind aus Ziegeln erbaut und mit Granit ver- Danton. 27Z Abstieg zur Stadt längs der Stadtmauer. kleidet, unten fensterlos und oben mit eisernen Jalousien versehen und gewähren beinahe einen fe- stungsartigen Anblick. Sie halten sich keineswegs bescheiden an Nebenstraßen, sondern drängen sich im Gegenteil dreist in den Vordergrund, und ebensowenig betrachten es ihre bunden für eine Schande, sich recht oft dort sehen zu lassen, viele bringen sogar jeweilen ihre pelze und Winterkleider im Srühjahr hin und lassen sie dort bis zum Herbste. Es gibt zweierlei Pfandhäuser: vom Staate konzessionierte, wo die Pfänder sechzehn Monate gelassen werden können, und solche, die ohne gesetzliche Bewilligung bestehen und wo die verpfändeten Gegenstände nach drei Monaten eingelöst werden müssen. Die erste Masse erfreut sich besonderer Gunst der Regierung, sie bildet Kommanditgesellschaften, und ihre Besitzer sind meist reiche Leute. Die zweite Klasse ist gesetzwidrig, doch drückt die Regierung ein Auge zu, und die kleinen Leute bedienen sich ausschließlich derselben. Ein ganz anderes Bild bietet die Aussicht nach Norden. Hier haben die Toten Kantons zwei weite Hügel in Besitz genommen. Traurige Gräber sind es. ungepflegt, steinig, sie erinnern mich an die Sriedhöse am Glberg. Hie und da nur unterbricht ein Bananenbusch die Wüste, oder ein riesiges, halbkreisförmiges Steingrab, die Samilien- grust eines vornehmen Thinesen, erhebt sich aus dem Wirrsal dieser verödeten Ruhestätte. Die unabsehbare Nekropole entspricht der Millionenstadt Kanton. Große Scharen schwarzer Ziegen wanderten beinahe unaufhörlich den Stadtmauerweg empor, den Bergen zu, um dort nach spärlichem Grün zu spähen. Zwei Ziegelwände, die mit Trde ausgefüllt sind, bilden die zirka 6 Meter breite und 7,s Meter hohe Mauer. In einer Länge von 2 Stunden in der Runde umzieht sie die Stadt. Line Guermauer von Ost nach West trennt die größere Altstadt von der südlichen Neustadt. Die Mauer um die Altstadt wurde schon im XI. Jahrhundert begonnen und 1Z80 fertig erstellt. Neben der Pagode, die mehr wie ein Haus aussieht und schon fünfhundert Jahre alt sein soll, stehen Kanonen aus den Wällen; sie sehen alt und verwittert aus und ruhen aus halbverfaulten Lafetten, und doch sind sie erst vor ungefähr dreißig Jahren mit einem Aufwand von 600,000 Dollar angekauft worden. 276 Reise einer Schweizerin um die Welt. Zu Suß wanderten wir zur Stadt zurück. Der teilweise mit großen Steinplatten gepflasterte weg auf der NIauer war so glatt, daß ich einmal empfindlich mit ihm in Berührung kam. Das „Gaus des Todes" war unsere erste Station und zugleich die freundlichste, reinlichste Stätte in ganz Danton. Gierher bringen die Reichen ihre Toten und stellen sie in schön lackierten Särgen so lange auf, bis der Lrdwahrsager den günstigen Ort und die richtige Zeit der endgültigen Beerdigung bestimmt hat, was zuweilen erst nach drei Jahren geschieht. Line Kapelle liegt neben der anderen, jede beherbergt einen oder mehrere Särge, einen Altartisch mit Götterbildern und brennenden Kerzen. Um jeden Sarg und draußen allen wegen entlang ziehen sich Töpfe mit gelben und roten, in brennenden Sarben blühenden Büschen, wir kennen sie auch bei uns, diese Minder Lhinas und Gstindiens, unter dem Namen Gahnenkamm (Lelosiu). Gier wachsen sie in ährenartigen Büscheln in üppigster Farbenpracht. Lin paar Schritte weiter brachten uns zur sogenannten Blumenpagode, woher der Name stammt, konnte ich nicht ergründen. Blumen sah ich keine, wohl aber einen herrlich skulptierten Drachen- und vögelsries, der die Basis der Pagode wie ein breites Band einfaßt. Sie ist ZZ Nieter hoch, rosa übertüncht und stammt aus dem Jahre ZOO n. Lhr. Die ursprüngliche Geimat der Pagoden ist Indien. In Lhina haben sie meist die Gestalt eines achteckigen, schlanken, nach oben sich verjüngenden Turmes. Die Zahl ihrer Stockwerke beträgt von fünf bis dreizehn, immer muß sie ungerade sein, die gerade Zahl gilt für unglückbringend. Die einzelnen Ltagen sind durch gebogene Dachvorsprünge voneinander getrennt. Line innere Wendeltreppe führt hinauf. Zu den Sehenswürdigkeiten Kantons gehört die Wasseruhr, welche im Jahre 1Z24 hier aufgestellt wurde. Im oberen Stockwerk eines alten Turmes träufelt Wasser- aus einem Reservoir in vier terrassenförmig eingemauerte Gefäße. Das Steigen des Wassers bis zu einer bestimmten Stelle entspricht jeweilen einer Stunde. Alle zwölf Stunden wird das Wasser vom untersten ins oberste Gefäß gegossen. Noch primitiver beinahe ist die daneben stehende Kontrolluhr. Lange Zylinder werden mit getrocknetem Büffelmist gefüllt. In Entfernungen von zirka einem Suß ist je ein schwarzer Guer- ring aufgemalt. Der Büffelmist wird in Brand gesetzt und glimmt ganz gleichmäßig fort, so daß die Asche immer eine Stunde gebraucht, bis sie zum nächsten Ring gelangt. Nach diesen beiden Jaktoren, Büffelmist und Wasser, richtet sich noch heute wie vor beinahe sechshundert Jahren die Zeitbestimmung in Danton. Den Schluß unseres Tagewerkes — ich kann es diesmal füglich als ein solches bezeichnen — bildeten zwei gräßliche Dinge, die Richtstätte und die Gefängnisse. Beinahe täglich soll noch in Danton eine Lxekution stattfinden. Garmlos genug sieht freilich der Richtplatz im Scheine der Nachmittagssonne aus: ein langer, schmaler Gof mit Lehmmauer, an welcher die armen Sünder ihren letzten Augenblick erwarten. In der Zwischenzeit haben die Töpfer Kantons ihren Tröckneplatz hier aufgeschlagen und liefern dafür die Gesäße, in welche die Köpfe hineingelegt und dann aus einem Pfahle öffentlich ausgestellt werden, verschiedene Töpfe mit halbvertrockneten Köpfen wurden uns präsentiert. -Kanton. 27 ? Blumenpagode in Lanton. Gräßlicher noch ist das Gefängnis. Ulan führte uns durch alle möglichen Höfe und Winkel, einer schmutziger und übelriechender als der andere. Ein zudringlicher Volkshaufen hatte sich an unsere werfen geheftet, und als uns gar drei schwarz und rot gekleidete Männer, Henker, wie der Sichrer sagte, streiften, hätte ich am liebsten Reißaus genommen. Links kauerten in einer Art Brüche eine Anzahl Gefangene. Sie erwarteten das Verhör des Richters und eventuell die Solter. Süße und Hals waren mit schweren Letten belastet, ihre Gesichter teils stumpf, teils wild tierisch. Im Hose kauerten einige Männer mit dem „Langue", einem schweren, viereckigen Holzbrett, das um den Hals festgefügt und weder tags noch nachts abgenommen wird. wenn ihre Sreunde sie nicht füttern, ist's um solche Eanguesträflinge übel bestellt, denn mit der Hand können sie des breiten Brettes wegen ebensowenig zum Munde gelangen, als zum Schlafe sich legen, wollen sie Ruhe finden, so wühlen sie ein Loch in die Erde und kauern hinein, so daß das Brett dieselbe Höhe mit dem Boden einnimmt. Das Tragen dieser Halskragen gehört zu den milden Strafen! Es gibt eine andere Art Kragen, die nicht nur den Kopf, sondern auch die Hand und einen Suß in Sesseln halten, so daß das ganze Körpergewicht auf einem Süße ruht. Im Gerichtssaal drinnen wurde alles zur Sitzung zurechtgemacht. Hinter dem Stuhle des Richters ist ein großes, gemaltes Bild, Buddha als Richter darstellend. In einer Ecke sind Solterwerkzeuge, ein Kreuz, Daumenschrauben, eine Art Holzgestell, in welches der Schuldige bis zum Kops hineingepreßt wird, Prügelstöcke u. f. w. Mir war ganz weh zu Mille, und auch mein Gefährte mochte die Ankunft des Richters nicht abwarten. Dieser sehr ausgefüllte Tag schloß im Kreise einer Schweizerfamilie in Schamien. Ich war mit dem früheren deutschen Konsul in Kanton bis Tschisu gereist, und dieser hatte mir eine Empfehlung an seine Sreunde und Nachbarn, Herrn und Srau H. aus Zürich, gegeben. Diese suchten wir aus und wurden sehr freundlich aufgenommen, wir mußten gleich zum Essen bleiben. Auf meine Einwendung, Störung zu verursachen, hieß es: „Mit einem chinesischen Boy und einem chinesischen Koch kann eine Hausfrau den Dingen ruhig ihren Laus lassen. Sie sagt einfach, wie viel Personen kommen, wie viel Gänge sie wünscht und um wie viel Uhr. Zur bestimmten Stunde wird der Tisch hübsch und geschmackvoll gedeckt und mit Blumen reizend dekoriert sein, der Koch wird unterdessen schnell, was ihm etwa fehlt, in der Nachbarschaft zusammen- 27S Reise einer Schweizerin nm die Welt. Lhinefljche Sträflinge mit Dalskragen. geborgt haben, und ein treffliches Essen mit allen möglichen verschiedenen Gerichten überrascht die unerwarteten Gäste." Chinesische /röche sind austcrordentlich geschickt, sie lernen sehr schnell europäische speisen gut zubereiten und verstehen es, mit wenigen: und mit dem primitivsten Kochherde die mannigfaltigsten Menüs herzurichten. Ivie's dabei mit der Reinlichkeit steht, ist eine andere frage. Besser islls immerhin, nicht zu tiefe Nachforschungen anzustellen, Ich war einmal sehr erstannt, als ich meinen Wäscher in Kawaii aussuchte, zu sehen, daß Ah fong L Lie. beim Bügeln fortwährend auf die Wäsche spuckte. Die Nacht war sehr unruhig. Abgesehen von dem Nachtwächter, der vor dem Gasthose patrouillierte und alle paar Minuten aus den Gong schlug, entweder um die bösen Geister abzuwehren oder den Dieben seine Nähe zu verkündigen, krähten die Kähne die ganze Nacht. Offenbar hat jeder „Sampan" seinen Kaushahn, und ein edler Wettstreit herrscht, wer den andern überkrähe. frühmorgens durchzogen wir die Straßen Kantons, diesmal zu fuß, aber mit dem führer, denn niemals hätten wir uns durch das Straßenlabprinth allein zurechtgefunden. Das geht kreuz und quer, und einige Gassen sind so eng, daß man mit ausgestreckten Armen beide Seiten berühren kann. Wir wollten Einkäufe machen, dafür ist Kanton der geeignete Platz, denn seine anscheinend kleinen Läden bergen in ihren Tiesen oft ungeahnte Schätze. Die Gewerbe sind meist straßenweise beisammen, da folgt ein fächerladen dem anderen, vom billigsten bis zum feinsten, sedern- besetzten.' Dann eine Reihe Schuhläden. Neben dem Stoffschuh mit den 6 Lenti- meter dicken filzsohlen, den die Chinesen tragen, stehen die 9 Lentimeter langen gestickten Puppenschuhe der feinen Chinesinnen. Ganze Läden sind mit „fade"-Schmuck- sachen angefüllt, fade, Nephrit oder Nierenstein, ist ein im Inneren Asiens in großen Blöcken gefundener Stein von hellgrüner oder graugrüner färbe. Cr wird Stadttor in Kanton. (5. 275.) 280 Reise einer Schweizerin um die Welt. in Lhina außerordentlich geschätzt, unter die Halbedelsteine gerechnet und als Ghr-, Arm- und Singerringe viel verwandt. Die wänner tragen auch Daumenringe von diesezn Stein, welche Z Eentimeter Breite haben. Ein anderer sehr zierlicher Schmuck sind feine Silberfiligran-Arbeiten, die mit kleinen blauen Sedern des Eisvogels durchzogen sind, was denselben Effekt hervorbringt, als ob sie mit Türkisen besetzt wären. Die Düfte in den Gassen Kantons sind keineswegs ambrosisch, um so überraschter fühlt man sich, wenn einer Straße plötzlich wahre Wohlgerüche entströmen. Sandel- und Kampferholz liegt in großen Balken da und wird von fleißigen, geschickten Händen in die wunderbarsten Kunstwerke der Holzschneidekunst verwandelt. Auch in Elfenbeinschnitzerei wird Großartiges geleistet. was mich am meisten zum Kaufe verlockte, waren die herrlichen und dabei keineswegs teuern alten Seidenstickereien, weniger flott und genial als die japanischen hingeworfen, übertreffen sie diese doch bedeutend an Leinheit der Ausführung. Hier auch finden wir überall den Drachen als Sinnbild der Kraft, wacht und Göttlichkeit angebracht, daneben die Schildkröte als Sinnbild des langen Lebens und die Sledermaus als Symbol des Glückes. In jeder Straße, mag sie noch so schmutzig und krummwinklig sein, steht ein Altar, und jedes Haus hat seine Nische, wo täglich Weihrauch verbrannt wird. An manchem Grt sieht man einen wohlgenährten, auf einem Kissen sitzenden Gott, den Gott des Reichtums und des Glückes. Da er jedes Jahr einmal gen Himmel steigt, um Bericht zu erstatten, wie die Samilie sich verhält, deren Hausgott er ist, werden ihm die Lippen mit Zucker bestrichen. Da kann er wohl oder übel nichts anderes als Süßes reden! Unzählige Bettler streichen in den Straßen herum, viel Lärm und Geschrei wird überall laut. Nach einigen Stunden fühlt man sich von all den Eindrücken körperlich und geistig müde, mein «snbs box» wollte nichts mehr aufnehmen. «Labe box» ist das chinesische pidgin-wort für Kops, Gehirnkasten, viele Ausdrücke sind dem portugiesischen entnommen, und das «me no sube», „ich weiß nicht", ist eine stereotype Redensart der Boys. Nachmittags hatten uns die neuen Schweizerbekannten zu einer Sahrt auf ihrem Hausboot eingeladen. Das Hausboot ist ein Lurus, den sich jede einigermaßen begüterte Samilie gönnt. Es besitzt eine gewölbte Kabine, in die man durch eine halbrunde Gsfnung steigen kann und die nachts durch einen Holzladen geschlossen wird. Die Kabine enthält vorn einen Raum zum Schlafen, hinten die Küche und das Gelaß für den Boy. Ein großes Rad bringt das Boot in Bewegung, welches von acht bis zehn Kulis getreten wird, eine wahrhaft antike und mich keineswegs entzückende Beförderungsweise. Auf behaglichen Lehnstühlen sitzend, einen fein servierten Tee und Kuchen vor uns, legten wir etwa ß,° Kilometer aus dem breiten Strome — er soll die Breite der Themse haben — zurück, wir landeten an einem ganz entlegenen Stadtteile, wo mein Reisegefährte einen amerikanischen Landsmann besuchen wollte. Durch ein Labyrinth schmutziger, schlüpfriger Gäszchen. wo rechts und links in scheußlichen Spelunken den beiden bösen Geistern, Spiel und Gpium, gehuldigt wurde, gelangten wir nach langem Suchen zu Dr. Greve. Sein Haus hat -Kanton. 281 einen Garten und hübschen Blick auf den Iluß, aber es gehört trotz alle- dem eine gehörige Dosis Aufopferung und Selbstverleugnung dazu, um als Missionar 4Z Jahre lang mitten in diesem Abschaum der Großstadt zu leben und zu wirken. Man schiebt den Missionaren manches in die Schuhe, mit Recht zuwei- Lhmel-nbübchen in L-nt-n. len, aber es gibt auch glänzende Ausnahmen unter ihnen, Leute, die mit vollständiger Selbstverleugnung nur ihrer Religion, ihrem Berufe und ihren Mitmenschen leben, die vielleicht durch ihr Beispiel mehr wirken als durch predigt, wenn ich nicht irre, gehört Dr. Greve zu diesen. Aus dem schwachen, gebückten, sechsundsiebzigjährigen Greis spricht noch eine solche Energie und Schaffensfreudigkeit, daß ich wahrhaft davon erbaut war. Sür ihn ist es noch nicht Abend geworden. Ich hätte ihn so gern manches gefragt, aber unsere Zeit war zu kurz bemessen. Schon neigte sich der Tag, und nach Anbruch der Rächt soll es aus dem perlslusse nicht sicher sein. Mie in der guten, alten Zeit machen Piraten den Äuß unsicher, und mancher soll schon in seinen tiefen Sluten spurlos verschwunden sein. Deshalb begleitet aus Befehl der chinesischen Regierung ein Boot mit Polizei auf gewisse Distanz jedes europäische Hausboot. Das Äußbild war noch anziehender als auf der Hinfahrt. Unzählige Boote begegneten uns. Mährend einer ganzen Strecke lagen die sestverankerten, großen Blumenboote, wie diese chinesischen Restaurants auf dem Master genannt werden, vor uns, geschmückt mit Laternen aller Art. Zur Linken schlugen die Mellen an hohe. düstere Häuser. Die Sonne war am Untergehen. In den leuchtendsten Sarben strahlte der Himmel und gab dem Master einen roten Widerschein. Als ob wir durch Blut fahren würden, kam es mir vor. Ich dachte dabei an die Greuel, die in Danton seit Jahrhunderten verübt wurden und immer noch verübt werden. Richt ungern schied ich am folgenden Morgen aus der Hauptstadt des südlichen China. - 282 Reise einer Schweizerin um die Welt. Capitel 18 . Ein vergessenes Städtchen. Fahrt nach Macao. Geschichte der valbinicl. ilötel Sos Visis. Blindenanstalt. Lamoens-Garten. Der Dichter Lamoens. Lhinesischer Garten. Gpielhäuser. Fan-tan. Schulmeisterei. Gpiumsabrik. Abschied von Macao. Nochmals Dongkong. Aus der „Riautschau". Singaxorc. Fest im Lhinesenviertel. §n unschuldiger Bläue erglänzte am lNorgen des 7. Novembers der perlsluß, als wir den kleinen Dampfer nach INacao bestiegen. Line kurze, schölle Fahrt beim herrlichstell Wetter brachte uns schon im frühen Nachmittag vor die Felsenhalbinsel NIacao. was Schönheit der Lage anbetrifft, ist INacao eine würdige Nebenbuhlerin kong- kongs; doch während dieses von Jahr zu Jahr wächst und sich vergrößert, erbleicht INacaos Stern immer mehr und wird bald völlig erlöschen. )Nir hatte es das kleine, stille, altmodische Städtchen schon den erstell Augenblick angetan, und ich freute mich daher sehr, daß es meinem Reisegefährten ebenso erging.' Einmütig beschlossen wir, vier Ruhetage im stillen INacao zu verträumen. Bevor ich über unsere Erlebnisse dort berichte, möchte ich etwas von INacao, seiner Lage und Geschichte erzählen. Die kleine Kalbinsel umfaßt zwölf Guadrat-Dilometer und zählt ungefähr 67,000 Einwohner. Darunter sind 63,000 Chinesen und etwa 4000 Portugiesen, meist INischlinge von Chinesen, INalaien und Indiern. INacao liegt im äußersten Südosten Chinas, durch eine schmale Landzunge mit dem Sestlande verbunden. Diese Landzunge liegt zwischen zwei Armen des Sikiangdelta. Macao. -- -Mr.-,>ÄL Lhinesischer Wahrsager. (S. 282.) . 4 ^^' NDWK Lm vergessenes Städtchen. 28Z Nachdem Heinrich der Seefahrer, Bar- tholomäus Diaz und besonders Vasco da Gama ihre wichtigen Entdeckungsreisen gemacht, war Portugal, besonders in seinen Kolonien, zur Meltmacht angewachsen. Damals nahin es 1ZZ2 NIacao von Ehiira in Pacht gegen eine jährliche Summe von ZOO Tael. Lange Zeit bildete NIacao den Hauptstapelplatz des Handels mit China und den einzigen Zugangspunkt zu dem Reiche der Nlitte. Dies mißfiel natürlich England und Holland, letzteres trachtete sogar im Dahre 1622, NIacao einzunehmen, wurde aber zurückgeschlagen und mußte zur Strafe den Portugiesen ein Sort ballen. Als Portugals NIacht sank, ging es auch rasch mit NIacao bergab, und nach der Gründung eines Sreihasens in Hongkong durch die Engländer dachten die Portugiesen ernstlich daran, die Kolonie aufzugeben. Der energische Gouverneur Sereira Amaralversuchtemit Erfolg, NIacao etwas zu heben, doch wurde er schon nach vier Jahren, 1849, ermordet. Seither ist NIacao in stetigem Sinken begriffen^ und versucht es zuweilen, sich aufzuraffen, so geschieht dies zumeist durch unlautere Nlittel. So trieb es von 1860—1823 einen schwunghaften Handel mit Mllis, der seine Entstehung der Unterdrückung der Sklaverei in Ilord- und Südamerika verdankte. Als billige Arbeitskräfte zum Ersatz gesucht wurden, fanden sich diese in den Chinesen. In Macao wurden daher oft mit den verwerflichsten Mitteln O^ulis zusammengetrieben, in elenden Baracken eingepfercht und, wenn genügend Menschenmaterial vorhanden, nach den verschiedenen Bestellplätzen verladen. Damals mehrte sich die auf 4630 Menschen gesunkene Bevölkerung aufs schnellste, die Stadt wurde dabei reich, blühend und fromm. Die Pracht ihrer Mrchen, Möster und Prozessionen war allgemein bekannt. Als sowohl Hongkong wie die chinesische Regierung ernstlich dagegen wirkten, wurde der Dulihandel abgeschafft. An die Stelle traten Spielbanken. Bis vor kurzem brachte das San-tan, wie das Spiel heißt, der Regierung 150,000 Dollar jährlich ein. Jetzt ist diese Einnahme etwas im Rückgang, immerhin werden die San-tan-Salons von Europäern und besonders Chinesen eifrig besucht. Line unschuldigere und immerhin einträgliche Einnahme für das Ländchen bilden die Briefmarken für Sammler. Da lag es vor uns, das portugiesische Städtchen. Die rosa. blauen, gelben und weißen Häuser schmiegen sich an die halbmondförmige Bucht oder klettern an den acht Hügeln empor, die sich schützend hinter Macao auftürmen und deren oberste Gipfel mit langsam verfallenden Sorts gekrönt sind. Jinrikishas schoben uns durch stille, steile, klösterliche Gassen hinauf nach deni Arche in Macao. 284 Reise einer Schweizerin um die Ivelt. Sügel von Boa Vista, einem der besten, wenn nicht dem besten Gasthofe des fernen Ostens. Die Altanen vor unseren Zimmern gewährten den Blieb hinaus aus die blaue See. Leise schlugen die lDellen an die Felsenriffe, auf denen das Saus steht, und süßer Duft von Grangen und plumeriablüten drang vom Garten zu uns empor. Ein Sauch des Sriedens, der Ruhe lag auf Saus und Umgebung, der uns unbeschreiblich wohltat nach all dem Schmutz und Lärm der letzten Wochen. Roch höher strebten wir empor! Sinter dem Sause erhebt sich ein steiler Sügel mit leider ganz neu übertünchter, alter Furche und einem ebenso neu und plump hergestellten großen Marmorkreuz auf dem kleinen Platze. Alt nur ist ein knorriger Baumriese, eine plumeria mit sattgrünen Blättern und hellgelben, süßduftenden Blumensternen, wie Regentropfen rieseln sie von Zeit zu Zeit leise zur Erde nieder. Alt auch ist die herrliche Aussicht auf das Städtchen Macao, die Berge, das Meer und die vielen Boote mit den Drachensegeln. Alt und ewig jung! Als wir uns zum Gehen wandten, saß eine Dame auf den Treppenstufen des steilen Abstieges, war es ihr Strickzeug, war es sonst etwas an ihrer Erscheinung, ich redete sie deutsch an und erhielt freudige, deutsche Antwort. Die Dame, eine Pastorstochter aus Mitteldeutschland, ist Johanniterschwester und Vorsteherin einer Anstalt für kleine, blinde, chinesische Mädchen. Ihrer freundlichen Aufforderung, sie und ihre Pfleglinge zu besuchen, kamen wir den folgenden Tag mit Vergnügen nach. Das von einigen wohltätigen Damen in Deutschland erhaltene kleine Institut hat sich vor den Kriegswirren aus der Nähe von Songkong in das portugiesische Macao geflüchtet. Die ganze Einrichtung war daher eine provisorische. Sräulein Martha p. scheint ihre Tätigkeit und ihre Schutzbefohlenen sehr zu lieben, und die Kinder hängen wahrhaftig rührend an ihr. Sie stehen im Alter zwischen drei- und fünfzehn Jahren, sehen vergnügt, ordentlich und wohlgepflegt aus. Schwester Martha beschäftigt sie mit Stricken und Strohflechten; die Großen lasen ganz geläufig Blindenschrift, sangen deutsche Lieder und sagten Sprüche her. Man hält namentlich darauf, sie, soweit dies bei ihrer Blindheit möglich ist. zu Saushaltungsgeschästen anzuleiten. Schwester Martha erzählte mir ähnliche Dinge, wie Loeur Nurie in Si-ka-wei, von der Grausamkeit der Ehinesen solchen armen, kleinen, von der Natur verkürzten Geschöpfen gegenüber. Auch hier werden sie den unnatürlichen Eltern beinahe mit List abgerungen, was aber aus den erwachsenen Mädchen wird, wenn sie das schützende Dach, das liebevolle Seim verlassen müssen, ist mir nicht klar geworden. Ich frage mich, ob es nicht vielleicht in einigen Sällen besser wäre, sie gingen als kleine, neugeborene Wesen zu Grunde, als nach einer friedlichen, schönen Kindheit in der Anstalt nur Särte und Elend in der Welt draußen zu finden. Macao hat auch Sehenswürdigkeiten. Auf der Söhe ganz zwischen Sügeln versteckt steht die schöne Ruine der Jesuitcnkirche Sän Pablo aus dem XVII. Jahrhundert, welche 18ZZ bis aus die sehr reiche Sassade niederbrannte, wir Kletterten hinter der Kirche weiter bis zu einem verfallenen Sort und genossen den Reiz dieser Entdeckungsreise, die herrliche Lust und Aussicht so gründlich und lange, daß unsere Jinrikisha-Bops unten sicher vermuteten, ein böser Geist hätte uns geholt, und sie wären um ihr Sahrgeld betrogen. Ein vergessenes Städtchen. 285 Straße in Macao. Hauptsehenswürdigkeit aber ist der Garten, wo der berühmte, portugiesische Dichter Lamoöns öfter geweilt und sein Hauptwerk, die Lusia- den, vollendet haben soll. Luiz de Lamoöns wurde im Jahre 1524 von hochangesehenen, aber armen Eltern geboren. Der Vater, ein portugiesischer Schiffskapitän, verlor im Schiffbruch Leben und vermögen, gleichwohl sorgte die Mutter, daß der Sohn die Universität Lcnmbra besuchen konnte. Nach Lissabon zurückgekehrt, fiel der junge Mann durch seine männlich schöne Erscheinung, sein jugendlich feuriges Wesen überall auf. Lr verliebte sich in eine Hofdame und er- regte dadurch so sehr den Zorn des Bönigs, daß dieser ihn vom Kose verbannte, von da an irrte der Dichter unstet in der lvelt umher. Lr kämpfte gegen Marokko, verlor vor Leuta das rechte Auge und führte in Afrika „mit der einen Hand das Schwert, mit der andern die Leier". Die Dichtkunst allein vermochte es, ihn über die Verbannung und den Verlust seiner Geliebten zu trösten. Sonette und Elegien entstanden in reicher Sülle, und auch sein großes Heldenepos, die Lusiaden, das er schon in Portugal begonnen, gedieh. Im Jahre 1555 schiffte sich Lamoöns nach Ostindien ein, hatte aber dort weder Glück noch Stern. Durch ein satirisches Gedicht auf die Mängel und Mißwirtschaft der portugiesischen Verwaltung Indiens zog er sich den Haß des Vizekönigs Dom Srancesco Barreto dermaßen zu, daß dieser den Dichter verhaften ließ und ihn aus fünf Jahre nach Macao verbannte. Der neue Vizekönig begnadigte zwar Lamoöns, allein das Schiff, das ihn der Heimat zuführen sollte, scheiterte, und nur mit Mühe rettete der Dichter sich und seinen größten Schatz, sein Gedicht. Als das Schiff sank, hatte sich Lamoöns in die Wellen gestürzt, und mit der Rechten rüstig dem User zurudernd, hielt er mit der Linken die Handschrift der Lusiaden hoch über den wogen empor. Lamoöns blieb nun in Indien, abwechsend im Glück, häufiger noch im Unglück. Nach sechzehnjähriger Abwesenheit kehrte er 1569 nach Lissabon zurück, begleitet von den einzigen, die ihm stets treu blieben: Ein Sklave und sein Unglück. Voller Hoffnung, das Werk, welches während so vielen Jahren seinen Geist erfüllt hatte, endlich veröffentlichen zu können, fand er Not und Schrecken in Lissabon. Die Pest wütete unter der Bevölkerung, und dieser Umstand trat dem Druck des Werkes noch drei Jahre hindernd entgegen. Erst 1572 erschien die erste Ausgabe. Sie war dem Mnige gewidmet, welcher dem Dichter eine Iahrespension von 10,000 Reis (Sr. 100) dafür ausgesetzt haben soll. Lamoöns siechte langsam dahin 286 Aeii'e einer 5chiveizerin um die Welt. und starb den 10. Juni 1Z80 im Hospital. Man begrub ihn, wie man ihn hatte leben lassen, ohne Ehren, ohne Auszeichnung. Als fünfzehn Jahre später sein Grab mit Mühe aufgefunden wurde, errichtete man ihm ein prunkvolles Monument. Hatte man doch unterdessen den Mert seines Gedichtes kennen gelernt. Der im Leben verkannte, verfolgte wurde im Tode vergöttert; man gab ihm den Leinamen des Großen. Sein Heldengedicht fand Eingang bei hoch und niedrig. Line Ausgabe folgte der andern, und ein Jahrhundert lang ertönten Gesänge daraus im Munde des Volkes. Der Eamoöns-Garten ist hoch gelegen, die Aussicht über Land und Meer unbeschreiblich schön. Sie hat wohl den Poeten begeistert, denn in keinem andern Gedichte, außer vielleicht im Homer, spiegelt sich der ganze Zauber, die ganze Majestät der See so wider, wie in den Lusiaden. Nicht nur der ll^ampf zwischen Portugiesen und Indern, sondern noch mehr der Mmpf mit dem Weltmeer und der Sieg überfeine furchtbare Gewalt wird hier geschildert. Auch sonst ist's ein echter Dichtergarten: poetisch, stimmungsvoll; überall geheimnisvolle Winkel und tiefe Schatten, alte, verschlungene, ineinander gewachsene Bäume und steile Hreuz- und Guerpfade. Sie alle führen zu einer aus riesigen, grauen Selsblöcken geformten Grotte empor, dem Lieblingsplähchen des Dichters. Dort wurde im Jahre 1840 eine schöne Lronzebüste des großen Portugiesen ausgestellt. Sechs Gesänge seiner „Lusiaden" stehen, auf den Sels geschrieben, darunter. Daneben auch folgende hübsche Widmung aus dem Jahre 1822: Orand Douis de Larnoöns, vorwAuis, d'oriAino Lastillane, Soldat reliAieux, vozm§eur et poLte exild, D'llurnble Douis de Men^i, Manuals, d'oriAine Romaine, Vozm^eur reliAieux, soldat et podte expatrid. Ein schöner Jinrikisha-Weg führt dem Meere entlang zu der chinesischen Grenze. Auf einer Anhöhe unterwegs liegt der terrassenförmig ausgemauerte parsenfriedhos. In schmucklosen, flachen, alle nach demselben Muster gearbeiteten Steinsarkophagen parsenjriedbof in Nacao. '-XM Ein vergessenes Städtchen. 287 harren die Feueranbeter dem Tage der Auferstehung entgegen. Auf der anderen Seite, der Stadt zu. sehen wir den portugiesischen Sriedhof, wo Jesuitenstil, Zopf und Geschmacklosigkeit sich an manchen Denkmälern breit machen. Srüher war an der chinesischen Grenze eine Mauer gezogen, welche chinesische Soldaten bewachten. Jetzt ist nur ein kleines Tor übrig geblieben, doch merkt man's bald, daß man sich wieder in dem Reiche der Mitte befindet. Schon all die verwahrlosten Gräber, welche rechts und links an der größtenteils gepflasterten Straße liegen, und die unglücklichen Sträflinge mit den: hölzernen kalskragen, welche wir antreffen, deuten auf China. Acht Kilometer weit traben unsere Kulis mit uns bis zu einem mauerumkränzten chinesischen privatsitze, wo uns ein Boy mit Tee bewirtet und uns die nette Villa zeigt, bevor wir in den Garten geführt werden. Auch hier gibt's typisch japanisch-chinesische Selspartien, Pavillons, große schöne Bäume, verschnittene Kecken und Topfpflanze», namentlich niedliche, gelbe und weiße, kleine Chrysanthemen. Gerne wanderten wir durch die stillen, reinlichen, verträumten, klösterlichen Straßen Macaos. klösterlich habe ich das Städtchen schon einmal genannt, kein besserer Ausdruck will sich finden. Die Klöster sind zwar längst aufgehoben, aber noch immer schwebt ihr kauch durch die Straßen, und die schwarzgekleideten Portugiesinnen mit den schwarzen Kopftüchern liefern die richtige Nonnenstasfage dazu. Weniger klösterlich steht's im Lhinesenviertel aus, wo es, wie überall im Reiche der Mitte, lärmend und schmutzig hergeht. Weiße und rote Papierlaternen hängen vor jedem kaufe, und Lampions von oben bis unten an den Spielhallen. Auf den Glaslaternen über der Türe stehen die Worte: «Birst cluss AumblinA kouss. Lass. äs jo§o.» wie lachten alle in kongkong, als wir erzählten, wir wären vier Tage in Macao gewesen, was sonst keinem Menschen einfällt, und hätten nicht einmal San-tan gespielt. Daran war hauptsächlich mein Gefährte schuld. Seine Abneigung vordem Spiel war groß. was mich anbetrifft, hatte ich zu viel in Kanton ausgegeben, und fürchtete, bis kongkong nicht auszukommen. Ich hatte übrigens aus den Schiffen Gelegenheit genug, die Chinesen, welche leidenschaftliche Spieler sind, dabei zu beobachten. San-tan wird so gespielt: Man . ' ^ Lhmeiuche Matroieir. 288 Reise einer Schweizerin um die R)elt. schreibt die Hummern eins bis vier auf eine Platte und seht Geld auf die vier Gelder. Der Bankhalter legt eine Handvoll chinesischer Kupfermünzen auf den Tisch, bedeckt dieselben mit einem Teller, bis alle Einsähe gemacht sind, und fängt dann an, die Kupfermünzen mit einem Holzstäbchen zu vier und vier abzuzählen, bis schließlich ein Rest von 0—4 Stücken bleibt. Geht die Abzählung glatt aus, so bekommt die Bank alle Einsätze, sonst ergibt die Zahl der übrigbleibenden Stücke die Nummer des Gewinnseldes, und der Gewinner bekommt seinen dreifachen Einsah mit Abzug von zehn Prozent ausgezahlt. wir faßen also abends solid zu Hause und lagen der Schulmeisterei ob. Unser Zögling war ein junger chinesischer Boy, den ich bei der mühsamen Arbeit ertappt hatte, das Sragment eines englischen Briefes abzumalen. Er hoffte, dabei Englisch zu lernen. Ich begann, ihm einfache Sähe vorzuschreiben. Mein Reisegefährte wurde noch mehr wie ich vom Schulmeisterenthusiasmus gepackt. Nachts um elf Uhr noch hörte ich oft aus dem Nebenzimmer das „A B L" buchstabieren. Das ging ganz gut. Nur zum Schluß konnte ich sicher darauf zählen, daß der Junge jedesmal statt « 2 sä» «ereä» aussprach. Lehrer und Schüler plagten sich redlich ab, aber mit dem « 2 eä> wollte es nichts werden. Den letzten Tag besuchten wir eine Opiumsabrik. Lange verfolgte mich der süßlich widerliche Geruch und die fahlen Gesichter der Opiumraucher, die in einem anstoßenden Gemach sich diesem Genuß Hingaben. Blaß, abgezehrt, mit gestrecktem Halse und erstorbenen Augen liegen die Gpfer dieser furchtbaren Leidenschaft ausgestreckt da. wir wenden uns mit Abscheu ab, und dabei beschleicht mich ein Gefühl der Beschämung über die europäische Habgier, die den Lhinesen ein Laster aufgepfropft, das jetzt eine der Ursachen des Verfalls und der Geringschätzung dieses Volkes geworden ist. Bis Mitte des XVII. Jahrhunderts war Opium nur als Arzneimittel in Lhina bekannt. Erst von da an wurde das Rauchen des Opiums, trotz vieler Verbote der Regierung, gebräuchlich. Die Englisch-Gstindische Compagnie begann die Gpiumkultur in Bengalen, monopolisierte dieselbe und führte seit 1773 Opium in immer steigenden Guantitäten in Lhina ein. Die chinesische Regierung verbot zwar die Gpiumeinfuhr, bewirkte dadurch aber nur die Organisation eines Schmuggelhandels, der endlich zu dem sogenannten Opiumkrieg mit England führte. Ein kaiserliches Edikt hatte im Jahre 1839 befohlen, alles an Bord der Schiffe befindliche Opium auszuliefern. Man fand davon nicht weniger als 20,000 Listen im werte von 62 Millionen Sranken vor. Die Gpiumeinfuhr wurde für alle Zeiten verboten und mit Todesstrafe bedroht, die Engländer, die „rotborstigen Barbaren", für außerhalb des Gesetzes stehend erklärt und jeder direkte oder indirekte Handel mit ihnen „für immer" aufgehoben. Hierauf blockierten die Engländer Danton und die ganze ckiüste bis zur Bang-tse- Kiang-Mündung. Ehina mußte nachgeben und sich 1842 im vertrage von Nanking dazu verstehen, den Handel mit England wieder aufzunehmen, ihm Hongkong abtreten, an England 21 Millionen Dollar bezahlen und fünf Häfen allen Rationen zu eröffnen. Der Aufseher, welcher uns in der Sabrik herumführte, verstand ausschließlich portugiesisch. Ich wandte mit mehr oder weniger Erfolg meine spanischen Brocken Öffentlicher Garten in Hongkong mit pcak im Hintergründe. (^. 2SS.) v . MM MM K-WUZDK MWMMG MM WWM > ^ ' > -'V. -'^ / ''-r'- ' 7 ^ -' . .- v K/ ->" A»E> -- - . ^ O>/i- MW- ^UÄW Ein vergessenes Städtchen. 2S9 an, aber vieles konnten .wir doch nicht erfahren. Wenige Tage, nachdem der Mohn abgeblüht, macht man leichte Einschnitte in die Kapseln, aus denen sich über Nacht Nlilchsaft ergießt. Diesen nimmt man am Morgen mit einem Messer ab, sammelt ihn aus ein Mohnblatt und knetet ihn zu großen Ballen zusammen. Line Kapsel liefert etwa 0,02 Gramm Opium. Diese mit Mohnblättern umwickelten großen Ballen sahen wir in Menge. Sie kamen aus Kalkutta. Sie werden hier in der Sabrik zerstampft, gekocht, in einen schwarzbraunen Brei verwandelt, in große Büchsen gelöffelt und zumeist nach Australien verschifft. Unsere schönen sonnigen Tage in Macao waren nur zu schnell zu Ende gegangen. Traurig stand ich auf dem Dampfer, der uns nach Hongkong bringen sollte. Bis zuletzt verfolgten meine Augen die Berge und Festungen, das kleine, verträumte Städtchen. Auf seinen Höhen flatterten die Sarben Portugals, einst die stolze Slagge einer Weltmacht, jetzt das bescheidene Abzeichen einer letzten heruntergekommenen Kolonie im fernen Osten! In Hongkong fanden wir stürmisches Wetter und die denkbar ungünstigsten Verhältnisse zum geplanten Ausfluge nach Manila. Die Dampfer warteten alle auf besseres Wetter oder wurden aus den Philippinen durch Sturm zurückgehalten. Mein amerikanischer Reisegenosse wünschte zwar glühend, die neue amerikanische Besitzung in Augenschein zu nehmen, allein als schlechter Seefahrer scheute er ebenso die berüchtigt stürmische Überfahrt. Mir persönlich war nicht besonders an diesem Abstecher gelegen. Ausflüge ins Innere des schönen Landes können der Unsicherheit halber nicht unternommen werden, und die Stadt Manila soll wenig bieten. Mcht mehr spanisch und dabei noch ungenügend amerikanisch, befindet sie sich augenblicklich in dem schlimmsten Übergangsstadium. Auch die Verbindung mit Bangkok wollte nicht recht klappen, und so entschlossen wir uns kurzer Hand, den am folgenden Tage fälligen deutschen Prachtdampser „Kiautschau" zu benutzen und direkt nach Singapur zu fahren. Nach dem Aufenthalte in dem stillen heruntergekommenen Macao fiel uns das Leben und Treiben in dem eleganten, immerfort wachsenden Hongkong, oder vielmehr Victoria, um so mehr aus. Die Stadt zählt ungefähr 170,000 Einwohner, die Insel annähernd 240,000, wovon mehr als zwei Drittel Chinesen, der Rest Asiaten, Europäer und Amerikaner sind. Der Abend führte uns noch einmal auf den peak mit seinem wundervollen Rundblick und den schön makadamisierten und zementierten Straßen. Wir waren 19 vor Lorigkong. S ^ l s L. von Nodt, Reife um die Welt. 290 Reise einer Schweizerin um die Welt. bei einer deutschen Samilie zu Gaste, bei der wir schöne und gemütliche stunden verlebten. Die „Mautschau", ein Dampfer der Kamburg-Amerika-Linie von 11,000 Tonnen lind erst im Jahre 1900 erbaut, ist mit allem modernen Lupus ausgestattet. Elektrische Sächer mäßigten die Knhe in den Sabinen, und da das schiff wenig besetzt, suhlten wir uns sehr behaglich. Mein Tischnachbar war ein junger Engländer, Legationsrat an der Gesandtschaft in Rom, welcher gegen Malaria die Reise um die Welt ausschließlich zur See machte. Mein Gegenüber, eine ältliche Dame englischer Nationalität, der Schreck aller Passagiere und der ganzen Dienerschaft, der richtige Typus jener Menschen, die sich und anderen das Leben erschweren. Sie führte ihre eigene Butter, ihr eigenes Brot und Obst mit, hatte jederzeit etwas im Verlust und verstand es ausgezeichnet, jedermanns Dienste in Anspruch zu nehmen. Mein armer Reisegefährte, zuerst „Lust" für sie, wurde infolge eines kleinen Mißverständnisses der Gegenstand ihres tiefsten Kaffes. Gut. daß wir uns schon in Singapur trennten! Die Dame war vor zwei Wochen auf der „Mautschau" mit einer verlobten Tochter nach Kongkong gekommen. Die „Mautschau" war nach Japan weiter gefahren, die Tochter hatte ihre Kochzeit in Kongkong gefeiert, und der weise Schwiegersohn nichts Eiligeres zu tun gewußt, als die liebe Schwiegermama, ich glaube sehr wider deren willen, abermals der Obhut der „Mautschau" zur Rückfahrt nach England anzuvertrauen. Nach viertägiger schöner und günstiger Sahrt lagen wir den 17. November 1901 vor Singapur. Grüne üppig bewachsene Kügel empfingen uns, und eine bronzefarbene Gesellschaft, die als Mufchelverkäufer in flachen Booten oder als Taucher auf ausgehöhlten Baumstämmen in leichtester Toilette unseren Schiffskoloß umschwärmten. Der Landungsplatz war ziemlich weit draußen. Gedeckte wagen mit hölzernen Fensterladen, kleinen aber kräftigen pferdchen und hindostanischen Rutschern warteten am Strande. Singapurs Gasthöfe genießen keinen besonderen Ruf. wir suchten in Raffles-Kotel, einem stattlichen Neubau, Unterkunft. Bis aufs Essen, das man uns stets in abgemessenen Miniaturportionen bot, und die sich vollständig selber überlassene Dienerschaft war es erträglich. Das Unglück ist, daß die Gasthofbesitzer im Osten zu schnell und zu leicht reich werden, dann kümmern sie sich um nichts mehr, und das Wohlbefinden ihrer Gäste ist ihnen total gleichgültig. Ganz unverblümt erklärte uns der Besitzer von Raffles-Kotel, er sei jetzt reich genug, und das Kotelwesen langweile ihn gründlich. Singapur, englisch Singapore, war bis 1819 eine kleine, hüglige, von einigen malaiischen Sischersamilien bewohnte Insel. An ihrem Strande hausten Seeräuber, und in ihren dichten Wäldern war der Tiger häufiger Gast. Damals erkannte der englische Gouverneur Sir Stamsord Raffles die Bedeutung dieses Platzes als bequemster und kürzester Durchgangsweg zwischen Indien und China. Er kaufte die Insel Singapur und die gegenüberliegenden, kleinen Inseln dem Sultan von Johore ab. Sieben Jahre später zählte der Freihafen Singapur 1Z.000 Einwohner. Jetzt ist diese Zahl auf über 200,000 angewachsen, worunter 160,000 Chinesen, etwa Z0.000 Malaien, 10,000 Kindu und Tamilen und nur ungefähr ZOOO Europäer. Ein vergessenes Städtchen. 291 Singapur bildet mit penang und Malakka zusammen die sogenannten Straits Settlements. Die Insel nimmt eilt Areal von 2430 Hektaren ein. Die Stadt dehnt sich sehr weit aus. Im Westen wohnen meist die Luropäer, dort sind auch die großartigen Docks, Warenlager, Schiffswerften. Der Aasen ist einer der größten und besten der Welt und kann einer unbegrenzten Zahl Schiffe Unterkunft gewähren. Singapur ist der bedeutendste Sandele Mittelpunkt zwischen Indien und China. Der Tag unserer Ankunft fiel auch hier auf einen Sonntag. Bank, Post und Schiffsagenturen sind geschloffen, so fanden wir es am besten, den Nachmittag zum Besuch bei Schweizern, an die ich eine Empfehlung hatte, zu verwenden. Line vorherrschend feuchte Treibhaushitze, welche der tropischen Vegetation entsprach, erinnerte mich aufs neue an Aawaii. Die wunderschön gehaltene Orclmrct Noucl, welche in leichter Steigung nach Ladpshill, der Residenz meiner Landsleute, führt, zeigt tiesrote Erde, die seltsam vom schweren Dunkelblau des Kümmels und dem satten Grün der Bäume absticht. Und als ob der Sarben damit noch nicht genug getan wäre, weisen die Menschen, welche wir trafen, eine ganze Skala vom mattesten Weiß bis zum tiefsten Schwarz aus. Das Tropenklima verwandelt den frischen Teint der Luropäer bald in einen farblos blaffen. Gelb schimmert die Haut der Chinesen, bräunlich gelb sind die Malaien, dunkel die Knndu, um vieles dunkler die Tamilen oder Llings, und schwarz die Linder Neu-Guineas und Lelebes. Diese ganze Musterkarte menschlicher Rassen finden wir in Singapur. Schöne, stolze, wahrhaft königliche Gestalten sind die Llings, welche hier zumeist Straßenarbeiten verrichten. Ladpshill ist ein herrlicher Sitz, wohlgepflegte Anlagen, in welchen Palmen-, Lroton-, Lakao- und Muskatnußbäume, Bananen, Laffeebäume und Loniferen in herrlichen Exemplaren gedeihen, umgeben das weiße k>aus auf dem Gipfel des Hügels. Unabsehbar schier dehnt sich von der Veranda der park aus, dessen Pflege wohl einem Dutzend Gärtnern obliegt. Zum erstenmal sah ich hier den interessanten „Baum der Reisenden", den Ravenala aus Madagaskar. Aus geradem Stamme steht ein ausgebreiteter Sächer von langstieligen, großen Blättern. Diese sehen denjenigen der Musaceen (Bananen) gleich und teilen auch deren Eigenschaft, sich leicht vom Winde Longkong: Auf dem Peak. 292 Reise einer Schweizerin um die Welt. zerfetzen zu lassen. Der Baum erinnert mich in seiner flachen Steifheit an eine Blechpslanze. Lr besitzt eine besondere Eigenschaft: die langen Stile der Blätter bilden unten eine große, halboffene Tüte, in welche sich Tau und Regen hineinziehen und drinnen stehen bleiben, wenn daher ein durstiger Wanderer einen Ravenala-Baum erblickt, bann er daraus zählen, daß ihm dieser Wasser bieten wird. Daher der Käme „Baum der Reisenden", englisch « Druvellers tree». Ein Teil des Parkes ist der „Natur" überlassen. Da stehen einige Pfahlbauhütten, Kampongs genannt, wo Gärtner und Kutscher mit ihren Samilien Hausen. Ein Blick ins Innere zeigt neben aller Bedürfnis- und Möbellosigkeit doch einen gewissen Schönheitssinn, denn die Zimmerdecken sind aufs feinste geflochtene Matten. Dunkelheit war schon angebrochen, und das Gewirr von Bambus, Palmen, Wassertümpeln und Bambusstegen machte dadurch einen noch größern, märchenhafteren Eindruck. Zur Jährt nach dem botanischen Garten nahmen wir als Jinrikisha-Kuli zwei Sreunde, kräftige, schön gewachsene Chinesen mit gelb-rötlicher Kaut und gutmütigen, stets heiteren Gesichtern. Sie wurden von da an unsere Spezial-Iinrikisha-Bops, denn nicht weniger als dreimal führten uns unsere Reisen nach Singapur. wir fuhren wieder durch die schöne Orclmrä Koaä und fanden einen wahrhaft tropischen botanischen Garten. Lr liegt in einem Talkessel, die Hügel und Stächen sind geschickt ausgenützt, viel Natur und wenig Kunst ist dabei angewandt und gerade dies vermehrt seinen Reiz. Auf einem Teiche steht eine mit Palmen dicht bewachsene, von reizenden leicht grünen Oleickeniu-Sarnen umzogene Insel, weiter draußen verwandelt sich der Garten in einen wahren Urwald, wo Baumfarne, Sago- und Kokospalmen, Lianen und Orchideen und vor allem Lulurnus-Rotang unbe- schnitten und ungehindert nach Herzenslust wuchern. Dieser Rotang, der Samilie der Palmen angehörend, bildet sehr stach lichte Sträuche oder Bäume, von denen sich oft bis 160 Meter lange schwache Stengel um alles, was ihnen zum Stützpunkt dienen kann, winden und ein undurchdringliches Dickicht bilden. Man gewinnt aus dein Rotang das spanische Rohr. Nachdem es zuerst von der Gberrinde, Blättern und Stacheln befreit worden ist, wird es in Bündeln von hundert Stück in Handel gebracht, wobei China und Japan die Hauptabnehmer bilden. Dort wird es zu einer Menge Gegenstände, sogar zu Tauwerk auf die Schiffe, verwandt. In Europa dient Rotang zur Verfertigung von Stühlen, Körben, ja, man gewinnt sogar aus spanischem Rohr eine Art Sischbein-Surrogat, das „wallosin", zu Schirmstäben. Ein kleiner zoologischer Garten ist ebenfalls hier. wir sahen da herrliche Birma- Baum der Reisenden. r, .. 1 Lin vergessenes Städtchen. 29Z Pfauen, einen schwarzen Pavian aus Lelebes, schöne Tiger und einen Grang-Utang. der nur liebevoll die Hand in seine beiden sehr menschlichen Tatzen nahm, sie streichelte und mich gar nicht wieder loslassen wollte. Natürlich spielt „China" in Singapur keine kleine Rolle. Bilden doch die bezopften Himmelssöhne Dreiviertel der Bevölkerung und sind in allen gesellschaftlichen Stellungen zu treffen, vom Dinrikisha-Kuli, deren es in Singapur nicht weniger als zehntausend geben soll, bis zum reichen Bankier, dessen Eleganz und Aufwand denjenigen des stutzerhaftesten Europäers übertrifft. Hier lebt und ißt er europäisch, spezifisch britisch, huldigt dem Sport, hält einen feinen Landauer mit englischem Rutscher, baut sich eine schöne Villa, kurz, spielt eine Rolle, wie er es in seinem eigenen Lande nie täte. Nur eines behält er: seinen Zopf. Dieser Zopf war übrigens dereinst kein Ehren-, sondern ein Zwangszopf, das Zeichen der Unterwerfung Chinas unter die Mandschuren. Erst seit 1644 tragen die Chinesen den Zopf, vielleicht wird er fallen, wenn früher oder später die Mandschu-Dpnastie vom Schauplatze verschwinden wird. viel Spaß machte uns eine Sestlichkeit im Lhinesenviertel. Sie zeigte uns zugleich, was alles im himmlischen Reiche der Mitte aus Papier verfertigt werden kann. was der Zweck des Sestes und die einzelnen Gruppen des Umzuges bedeuten sollten, konnten uns unsere Bons nicht erklären. Zunächst erschien etwas Langes, das einem Lisenbahnzug gleichsah. Sn jedem offenen wagen hockte auf einem sehr bunten Tier, Tiger, Reh, Hirsch, Pferd oder Wasserbüffel, ein phantastisch gekleidetes Mnd, manchmal war's auch ein Geist, ein Zwerg oder ein Teufel, oki 1o sä? Das Ganze wurde von einem langen bunten Drachen mit feurigen Augen und gewaltiger feuerspeiender Schnauze gezogen und hinten von einem ebensolchen Ungetüm geschoben. Diese ganze Herrlichkeit war, mit Ausnahme der Reiter, aus Papier geschnitten und bunt bemalt. Musikanten folgten mit riesigen Strohhüten. Sie saßen aus wirklichen kleinen Pferden und brachten mit Gongs, Trommeln, Äöten und dreisaitigen Geigen herzzerreißende Schauertöne hervor. Hieraus kamen hohe. mit Blumen und Tieren reich geschmückte wagen mit einer Art hohem Aufsah, dessen Krönung je eine niedliche, junge reichgekleidete Chinesin bildete. Gleich einer Ballerine, ließ sie ihr ganzes Gewicht auf einem ihrer verkrüppelten Süßchen ruhen. Da dies an und für sich ein Ding der Unmöglichkeit wäre, griff man ihr mit riesigen Mücken von der Straße her kräftig MM Botanischer Garten in Singapur. 294 Reise einer Schweizerin um die Welt. unter die Arme. Zu ihren Süßen kauerten kleine Buben mit roten und weißen Bärten. Es waren wirklich reizende farbenfrohe Gruppen, und auch die Zuschauerschaft trug nicht wenig dazu bei, den hübschen Effekt zu erhöhen. Aus allen Leichtern guckten festlich geschmückte Chinesinnen mit bunten Blumen iin glatten, glänzend schwarzen Saar, mit stark rot geschminkten Lippen und karmesinfarbenen Man gen. Lröhliche Bübchen und Mädchen drängten sich dazwischen. Auch auf den Straßen war's ein vergnügtes, lustiges aber durchaus anständiges Treiben. Lreundlich und fröhlich war daher der letzte Eindruck, den ich von Ehina mitnahm. Es war zugleich ein Abschied, denn künftig sollten die Söhne und Töchter des himmlischen Reiches der Mitte keine oder nur eine nebensächliche Rolle aus meiner Meltreise spielen. Später bei der Bedienung, oder besser gesagt, Mchtbe- dienung durch Malaien, Siamesen, Sindu, Singhalesen und — Europäer, ertappte ich mich auf manchem Sehnsuchtsseuszer nach einem schlitzäugigen, langzöpsigen, gutmütigen chinesischen Boy. in Singapur. Auf „ach Java, der perle Gstindieus! 20s Iax>a. Capitel 19. Auf nach Isva^ der Perle Ostindiens! Zwischen Singapur und Java. Ankunft. Datei. Allgemeines über Java. Sprache. Religion. Einrichtungen. Geschichte, weltcvreden. Museum. Samelang und wayang. Eingeborene. Reistafel. Gecko. Alt- Batavia. Im Vremdlingen-Lontor. Tropische Früchte. Vuitenzorg. ttotel kellevus. botanischer Garten. Seine theoretischen und praktischen Ziele. Lanarien-Allee. Victoria regia-Teich. waringe»- Bauin. wandelnde Blumen. Endlich sollte ich in die Tropen gelangen, mein längst gehegter Tropentraum sich erfüllen! Wir waren unterwegs nach Java, der Smaragdinsel, der perle Ostindiens. Französische und niederländische Dampfer legen die 880 Kilometer lange Sahrt zwischen Singapur und Bata- via in ungefähr Z2 Stunden zurück. Wir trafen es mit einem Niederländer, dem nicht großen «van Diemen», welcher in holländischer Sauberkeit glänzte. Malaiische Boys mit gelblichen, braun punktierten Mühen, von welchen ein dreieckiger Zipfel in die Stirne ragte, waren an Stelle der geivohnten chinesischen Bedienung getreten. Holländische Herren und Damen füllten das Deck. Sie kehrten alle auf den Winter hin nach Java zurück, welches ihnen weit mehr zur Heimat wird, als den Engländern ihre indischen Kolonien. l Sonnenuntergang auf der See. 296 Reise einer Lchweizerin um die tvelt. Mährend letztere steif und starr an englischer Lebensweise auch in den Tropen festhalten, schmiegen sich die Holländer viel mehr der malaiischen Landessitte, sogar in der Meidung, an. Als ich in der Srühe des ersten Morgens aus Deck trat, fand ich zu meinem Erstaunen die ganze Gesellschaft schon vor, und zwar wie? Herren und Damen trugen ungefähr dieselbe leichte, lose, weiße Jacke, „Dabape" genannt, und während die Herren ihre unteren Extremitäten in weite, große, karrierte, baumwollene Beinkleider gehüllt hatten, wobei zart rosa eine Hauptrolle spielte, schlang sich um die Hüften der Damen der bunte Sarong. Dieser Sarong ist ein Stück Baumwollstofs von einem Meter Breite und zwei Meter Länge, welcher eng anliegend um den Leib genommen bis zu den Süßen reicht. Je nach Muster und Verarbeitung kommt ein Sarong auf einen oder auch auf hundert und mehr Gulden zu stehen. Schlanken, jungen Javanerinnen steht der Sarong reizend. Daß er jedoch ältliche, meist recht behäbige, holländische Damen vorteilhaft kleide, möchte ich in Srage stellen. Gesund und vernünftig bei der Tropenhitze ist dieser bequeme Anzug allerdings, und man gewöhnt sich schnell daran, den ganzen Tag über strumpflose, nur in Dabaye und Sarong gehüllte Holländerinnen zu treffen und sie als Tischnachbarinnen zu haben. Erst abends zum Diner raffen sie sich auf, ziehen sich aus eine Stunde europäisch elegant an, um gleich nachher malaiisch zwanglos ihre langen Lehnstühle auf den Veranden der Hotels einzunehmen. Knaben und Mädchen werden einfach in ein aus einem Stück bestehendes Gewand, eine sogenannte Dombinaiicm, gesteckt. Als ich mich von meinem ersten Staunen erholt, sah ich mich um, denn die Düfte zeigte sich ziemlich nahe. Lin langer Strich wurde mir als Sumatra bezeichnet und die zahlreichen waldigen Inselchen als Lingga-Archipel. Hier also sollten wir den Äquator passieren. Unwillkürlich sah ich nach einer Linie, wie sie auf dem Atlas gezeichnet zu werden pflegt, aber in ununterbrochener Bläue strahlte die See, und keinem der ruhigen Holländer fiel es ein, nach deutscher Sitte eine sogenannte Äquatortaufe mit Sekt zu veranstalten. Sang- und klanglos ging dieser große Moment an uns vorüber, wir fühlten nur den „Strich" an der intensiven Hitze. Die Insel Bangka, welche wir etwas später passierten, ist für die Niederlande zwar keine Gold-, wohl aber eine Zinnerzgrube. Die fünf Millionen Dilogramm Zinn, welche durchschnittlich im Jahre nach Europa, Indien und Lhina ausgeführt werden, entsprechen einem Merte von fünf Millionen Gulden. Mit Bangka endigten die Sehenswürdigkeiten dieser Meeresfahrt. In ruhiger Einförmigkeit verstrich der Rest des Tages. Das Meer schien im Schlummer zu liegen und still zu träumen. Dein Hauch bewegte die Luft. Bleierner Schlaf laqerte auch auf den Augenlidern der ganzen Gesellschaft, bis abends der Himmel sich in eine einzige, ins Unendliche gewachsene Stamme verwandelte, welche im Westen aufstieg, um gegen Offen in bläulich weichem Schimmer zu verschwimmen. Ls war das Signal zu neuem Leben. Gesellig wurden die langen Schiffsstühle aneinander gerückt, und da man in Erfahrung gebracht, daß wir keine verhaßten Engländer, sondern harmlose Amerikaner und Schweizerin waren, zog man uns zur allgemeinen Unterhaltung bei. Lin junger Deutscher und zwei holländische Mädchen entpuppten sich Auf nach Java, der perle Sstindiens! 2S7 als gute Gesangskräfte und gaben einige Lieder zuin besten, dazwischen machte ein Komiker alle inögltchen Späße. Unter Lachen und Scherzen wurde es Mitternacht. Den nächsten Morgen boten Mellon und Stimmung ein sehr verändertes Bild. Die Seekrankheit hatte auf Deck und im Speisesaal die Reihen Kokospalmen, der Passagiere bedenklich gelichtet, und erst im Spätnachmittag tauchten viele blasse Gesichter auf, um die Vorposten Batavias, die sogenannten „Tausend Inseln", zu begrüßen und sich vorzubereiten auf Landung und frohes Miedersehen. Daß ein solches vielen unserer Mitpassagiere bevorstand, ersahen wir an der Menschenmenge, die winkend und rufend am Landungsplatz von Tandjoeng priok stand. Die Reede von Batavia ist zu seicht für große Schisse, daher wurde 11 Mlometer östlich davon ein großer Hafen errichtet, der mit Batavia durch die Eisenbahn verbunden ist. Als wir nach milder Zollinspektion die Eisenbahn bestiegen, war es schon Nacht, aber hell beleuchtete der Mond die palmenhaine. Silber lag auf ihren Mipfeln und Nronen, und in Silber erglänzte das Masser des banales, an dem wir entlang fuhren. Mie im Traume vertauschte ich die Bahn mit einem flinken Zweispänner, der uns in schnellen: Trabe Meltevreden, der Oberstadt Batavias, zuführte, köstlich warm, lind und weich strich die Luft um meine Mailgen, jeder Atemzug brachte neuen Genuß, denn nach der Hitze des versinkenden Tages strömten Tausende von Blumen ihren gesteigerten Mohlgeruch aus. Im Hotel der Nederlanden angelangt, ließ ich das Diner im Stich, um sehr bald mein großes, hohes Zimmer auszusuchen, das zu ebener Erde in einem langen Seitenflügel des Hauptgebäudes gelegen war. vor der „Istamer", wie der holländische Ausdruck lalltet, zieht sich eine lange Halle hin, in welcher jeder Gast seinen bequemen „Liegestuhl" und eigenen Tisch besitzt. Mein beinahe ebenso breites wie langes Bett war, wie überall in Java, vortrefflich. Moskitonetze schützen nicht nur vor den kleinen Stechmücken, sondern auch vor Eidechsen und anderen: Gewürm. Statt Decke und Gberbettllch fand ich eine lange Mssenrolle, welche, wie ich aus Reisebeschreibungen wußte, allgemein mit dem englischen Namen «ärNck wite» bezeichnet wird. Über -Ei»-.,: Neise einer Schweizerin um die Welt, Misstgit in Java. ihren Zweck bin ich niemals ganz klar geworden. Eine Lampe brennt die ganze Nacht in jedem Schlafzimmer. Leider fehlt hier der so angenehme Luxus eines ans Schlafzimmer stoßenden eigenen Laderaumes. Es gibt nur eine beschränkte Zahl allgemeiner Ladezeiten, in die man oft tags vier- bis fünfmal wandert, um sich mit Wasser, das man aus einem Trog oder Saß schöpft, zu übergießen. Doch genug dieser Einzelheiten holländisch-javanischer H,otelgebräuche. Levor ich unsere erste Wanderung durch Latavia autrete, will ich kurz die Geschichte der Insel berühren. Die Bevölkerung Javas, eine außerordentlich dichte, beträgt mit der Insel Madura nach neuester Zählung rund 25 Millionen Seelen. Europäer leben ungefähr 50,000 auf der Insel, 250,000 Chinesen, 15,000 Araber, meist Priester, da der Islam die Religion Javas ist. Die Lingebornen teilen sich in Sundanesen, die den Westen bewohnen, und in eigentliche Javaner im Zentrum, dein (Osten und Madura. In Sprache, Charakter und liörperbeschaffenheit unterscheiden sich diese beiden Volksstämme sehr voneinander. Die Javaner, das gebildetste Volk der ganzen malaiischen Rasse, zeichnen sich auch äußerlich durch gefälligere Sigur und feinere Züge vor den Sundanesen aus. Ihre Sprache, die in Mittel- und Gstjava von ungefähr vierzehn Millionen Menschen gesprochen wird, ist eine Tochter der sogenannten Dawisprache, deren Denkmäler sich von ungefähr 800 bis 1400 n. Ehr. verfolgen lassen. Sie enthält viele Lehnwörter aus dem Sanskrit, und auch die Schrift zeigt große Ähnlichkeit mit derjenigen, die uns im V. bis VII. Jahrhundert in Indien begegnet. Allerlei Kunstfertigkeiten waren neben einer allgemeinen Bildung den Javanern aus Indien zugeflossen, die aber allmählich unter dem Einfluß des Islam dahinschwanden. Bis zum XIV. Jahrhundert war die Religion die indische (Brahmanismus und Buddhismus) gewesen, dann war es malaiischen und arabischen Geistlichen Auf nach ^ava, der perle SMndiens! 299 gelungen, nach und nach den Mohammedanismus über die ganze Insel auszubreiten. Gb er sehr tief im Volke sitzt, ist freilich eine andere Srage. Die Missigit (Moscheen) starren in trostloser Leere, und namentlich Srauen trifft man meistens betend bei den Hindutempeln an. Daß diese gegen allen Brauch des Islam sich stets unverschleiert zeigen, ist mir ebenfalls ausgefallen. Die heutige Volksbildung steht auf sehr niedriger Stufe. Im ganzen Lande gibt es kaun: mehr als zweihundert Volksschulen. Auch die Zahl der Christen ist eine verschwindend kleine, vielleicht nur 20,000 Seelen im ganzen, da die niederländische Regierung Missionsbestrebungen keineswegs begünstigt. Ich glaube, beides geschieht von feiten der Holländer aus politischen Rücksichten. Sie fürchten den Einfluß der Schulen und Missionare auf ein Volk, welches bis dahin durch Sanftmut und Lenk- samkeit sich vor allen auszeichnet. „Bildung macht frei", heißt es, und ein freies Volk können die Holländer nicht brauchen. Ivie wäre es ihnen sonst möglich, mit einem Heere von 36,000 Mann, wovon kaum die Hälfte Europäer sind, eine Bevölkerung von 26 Millionen im Damme zu halten? Seit dem Jahre 1830 ist die Ruhe auf der Insel niemals gestört worden. von fremden Völkern waren es die Araber und Chinesen, welche schon im VIII. Jahrhundert, letztere wahrscheinlich früher, zuerst nach Java kamen. Im Jahre 1405 eroberten die Mohammedaner die ganze Insel und teilten sie in zwei große Reiche: das Königreich Bantam im lvesten und das Kaiserreich Mataram im Gsten. Auch hier erschienen die Portugiesen als die ersten Europäer im Jahre 1622. Sünfzig Jahre später gründeten sie Handelsfaktoreien, wurden aber schon 1694 durch die Holländer verdrängt. Diese setzten sich fest, erbauten 1619 Batavia, wußten die einheimischen Sürsten durch Zwiespalt zu schwächen und zu unterwerfen, und verjagten auch die Engländer, die ebenfalls Kolonisationsversuche auf Java gemacht. Der Sultan von Bantam mußte ihnen 1682 seine Hauptstadt abtreten, und den Kaiser von Mataram zwangen sie, in einLehensverhält- nis mit ihnen zu treten. Holland teilte das Mata- ram-Reich 1766 in die beiden Sürsten- länder Solo und Djocjakarta. Große Mißbräuche in der Verwaltung der 1602 - 2LL V 08 -L-V 08 . ZOO Reise einer Schweizerin um die N)elt. gegründeten Mederländisch-Gstindischen Compagnie führten W98 zu deren Auflösung und zur Einsetzung eines von der holländischen Regierung bestellten Generalgouverneurs, vom Jahre 1811—1814 kam die Insel vorübergehend nochmals in englische Lände, wurde aber durch den pariser Srieden an Lolland zurückgegeben. Batavia, heute 110,000 Einwohner zählend, teilt sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts in eine Alt- und eine höher gelegene Ueustadt, deren Name weltevreden, zu deutsch „wohlzufrieden", lautet. Die Gründung dieser neuen Stadt hat wesentlich dazu beigetragen, Batavias einstigen Namen „Grab der Europäer" in Vergessenheit geraten zu lassen. Malaria und Cholera erfordern hier oben weit weniger Opfer, deshalb befinden sich alle Gasthöfe und lvohnungen der Europäer in wclte- vreden. Nur die kaufmännischen Geschäfte liegen in der durch ein Dampstram verbundenen Altstadt. Der Tag in Batavia beginnt spätestens um sechs Uhr. Um diese Zeit pflegt schon der malaiische Boy in einem kleinen Likörsläschchen ausgezeichneten kalten Nasfee und ein Töpfchen heiße Milch ins Zimmer zu bringen. Das eigentliche erste frühstück, aus Eiern, kaltem Aufschnitt und Gbst bestehend, folgt zwischen acht und neun Uhr. Ungeduldig, Batavia-Iveltevreden kennen zu lernen, ließen wir dieses frühstück im Stich und bestiegen einen Oos-ü-vos oder Sadok, einen leichten, zweirädrigen. mit Zeltdach gedeckten darren, in welchen der Sahrgast hinten aufsteigt und seinen Rücken an denjenigen des vornsitzenden Rutschers lehnt. Überrascht fanden wir statt engen Straßen und langen Läuferreihen ein Villenviertel, wo Garten an Garten liegt. Schöne Alleen von Tamarinden, waringen- Bäumen, Sago-Palmen und Akazien ziehen sich nach allen Richtungen und umsäumen einen weiten Platz, den Honingsplein. Manchmal guckt aus all dein Grün ein schneeweißes, einstöckiges Laus mit breiter Säulenhalle hervor. Da diese Bungalows, wie die Villen hier genannt werden, jedes Jahr nach der Regenzeit frisch geweißt werden müssen, machen sie einen freundlichen, netten Eindruck. Auch die Mauern, welche die Gärten zuweilen gegen die Straße abschließen, sind schneeweiß. Lange Kanäle mit zahlreichen Brücken versehen uns scheinbar nach Lolland, freilich nicht lange, denn die vielen badenden Männer, Srauen und .Linder, die von früh bis spät in dem trüben Wasser herumplätschern, bieten einen gar zu tropisch paradiesischen Anblick. Unser Erstes war ein Besuch des Museums, das mit seiner selten vollkommenen Sammlung javanisch ethnographischer Gegenstände die schönste Einleitung zu einen Iavaich'chcr Bräutigam. Aus nach Java, der perle Gstindiens! Z01 Acise ins Innere der Insel bildet. Neben Java sind auch Sumatra, Borneo, Lelebes, Timor, die Molukken und Nell-Gilinea mit allen möglichen Kunstprodukten vertreten. Interessant ist die reiche Sammlung javanischer Musikinstrumente. Da ist vor allem das Gamelang, ein niedriges, bis anderthalb Meter langes Gestell mit etwa sechzehn größeren und kleineren Kupferplatten, die über zwei Lambus- tragbalken liegen und durch Anschlagen kleiner Lämmer ertönen. Sie sind nach unserer L-üur- Tonleiter, aber mit Meglassung der halben Töne, gestimmt. Unter den Platten ziehen sich zur Verstärkung des Klanges Resonanzröhren aus Rambus. Lin anderes ähnliches Gestell ist mit je zehn großen, schüsselähnlichen Messinggongs versehen. Große und kleine Gongs, die an einem Holzgerüste aufgehängt mit einen: Hammer angeschlagen werden, vervollständigen ein Grchester, dessen Direktor ein zweisaitiges, mandolinenartiges Instrument spielt. Mie oft sollte ich später aus der Lerne die sanften, gedämpften, melancholischen Glockentöne des Gamelang hören! Daneben finden wir eine große Varietät, Wapang-Liguren, aus Pappe oder Leder ausgeschnitten und bunt bemalt. Kopf und Arme sind beweglich und werden mit Hülfe kleiner, an ihnen befestigter Rambusstäbchen in Bewegung gesetzt. Sie stellen Könige und Helden, Lürstinnen und Dienerinnen und allerlei Dämonen in fratzenhafter Übertreibung dar. Meit über hundert Liguren gehören zu einem Mapang-Spiel. Mapang heißt Schatten, und ein richtiges Schattenspiel führen uns diese Personen vor, öfter aber noch werden sie als Marionetten gehandhabt, wobei der Puppenlenker namentlich auf eigenartige Tanzbewegungen und richtige Drehung der Arme und Hände zu achten hat. Endlose Dialoge begleiten die Handlung. Jede Person des Spieles wird durch eine besondere Puppe dargestellt, ja es sind sogar mehrere Liguren zu ihrer Repräsentation notwendig, denn je nach dem Affekt, in dem sie sich befindet, tritt ein freudiger oder trauriger Mapang auf. Kein malaiisches Lest ohne Mapang! Stundenlang sieht der Javane lautlos dem endlosen Spiele zu, und leise klingt dazwischen das Gamelang. Kunstvolle Sarongs aller Art, Kostüme, schöne bunte Stroharbeiten aus Lelebes, hübsche Modelle der Lingebornenhütten, Masten, alle Gegenstände, die aus Rambus verfertigt werden können, glitten an unseren Augen vorbei. In der Schatzkammer fanden wir, neben einem goldenen Sultansthron, goldenen und silbernen Schalen und Schmucksachen, auch den Kris, das eigentümliche Kurzschwert der Javanen, in seiner kostbarsten Gestalt, in mit Diamanten und anderen Edelsteinen besetzter Scheide. Der Kris ist ein ZO Lentimeter langer doppelschneidiger Dolch. Von vorzüglicher Schmiede- MM javanische Braut. .Aeise einer Schweizerin um die Welt. ^02 arbeit ist er bisweilen damasziert und meist nicht glatt, sondern flammenförmig gestaltet. Den Landgrisf, von schönem Holz oder Elfenbein, fanden wir oft kunstreich verziert. Line ganze Abteilung zeigt an lebensgroßen Siguren die früher üblichen Torturen und Linrichtungsarten, die an Grausamkeit den chinesischen kaum nachstehen. Aber nicht nur tote Gegenstände sah ich im Museum, sondern eine ganze, beinahe noch interessantere ethnographische Musterkarte lebender Savanen mit Hind und Hegel. Sie bevölkerte die weiten Räume, war es der freie Sonntagseintritt? War's eine besondere Gelegenheit? Sind die Lingebornen überhaupt fleißige Museumsbesucher? Diese Sragen beschäftigten mich, während die bunte Menge an nur vorüberzog. Haum jährige Babies waren dabei vertreten, nur mit ihrer Unschuld und einem feuerroten Mühchen bekleidet. Durch den Slendang gehalten, ein langes Tuch, das die Malaiinnen quer über die rechte Schulter binden, hockt das Hind rittlings auf der linken Lüfte der Mutter. Die Srauen tragen das dichte, glänzend schwarze Haar zum schönen Hnoten gebunden. Haltung und Gang sind stolz, dabei elastisch und anmutig. Die Hleidung ist dieselbe, wie ich sie bei den Europäerinnen beschrieben, aber kleidsamer, farbenreicher, die Habape länger und meist sehr bunt, der Sarong in dunkleren Sarben gehalten, und um den Hals ein hellseidenes Tuch geschlungen. Ein mehr als drei Stunden langer Aufenthalt im Museum bei einer feuchten Litze von 34 Grad Lelsius ist aller Ehren wert. Völlig ermattet kamen wir ins Lreie, und nach erfrischendem Bade gerade früh genug zu unserer ersten „Reistafel". Dieses spezifisch malaiisch-holländische zweite Srühstück, „Reistafel" genannt, das an Stelle des europäischen Lunch und des asiatischen Tiffin tritt, spielt eine zu große Rolle im hiesigen Leben und in allen Reisebeschreibungen, als daß ich es unerwähnt lassen könnte. Die Grundlage bildet schöner weißer, nicht zerkochter Reis. Man füllt damit einen sehr tiefen Suppenteller, überschüttet ihn mit scharfer Eurrpsauce und nimmt dazu Huhn, Sleisch, getrocknete Äsche, Eier, ein besonderes dünnes, kuchenartiges Gebäck, getrocknetes und zerhacktes Sleisch, geschabten weichen Hokosnußkern u. s. w. Die Zahl dieser Rebengerichte wächst zuweilen auf dreißig, und demgemäß schwillt auch der Suppenteller, in den dies alles geworfen und untereinander gemengt wird, zu Riesendimensionen und zu einer bunten, nicht immer appetitlich ausschauenden Musterkarte an. Mit Behagen vertilgen die Holländer diese piLoe äe rösistance und finden in der Regel noch Raum für das darauf folgende Beefsteak, Salat und Gbst. Mit Vermeidung des allzu pikanten und weiser Wahl einiger einfachen Nebengerichte. gelang es mir ganz gut, mich während drei Wochen durch die Reistafel, den Schreck vieler Reisenden, zu essen. jZa. später, bei den schrecklichen Menüs der britisch-indischen Gasthöfe, ertappte ich mich zuweilen auf einem Sehnsuchtsseufzer nach der javanischen Reisschüssel. Nachmittags goß es in Strömen. Ich lag auf meinem langen Lehnstuhl in der Lalle und blickte hinaus in den tropischen Garten, der unter dein heißen Regenschauer ordentlich zu wachsen schien. Zuweilen fielen große Srösche von den Bäumen, hie und da tönte ein heiserer Laut: Ge-cko! Ge-cko! jZch hatte noch keinen Gecko ^ MMM? Reisstampfende ^vanerinnen. (S. Z02.) MS EL! D-^-MÄl-'K Auf nach Java, der perle Ostindiens! Z0Z Waringen-Baum. ^ e gesehen, nilr kleine rötlichbraune Eidechsen, hier Tjitjaks genannt, waren nachts an meinen weißgewaschenen Zimmerwänden aus und ab spaziert, eifrig beschäftigt mit der Jagd nach Moskitos. Unter der Samilie der Geckonen ist der Saltengecko (Dt^cko^oon komuloce- pkulon) von fahlbrauner Sarbe mit schwarzein Guerstrich der in Java angesiedelte. Das Tier sieht einem Molch ähnlich, hat einen sehr dicken Kopf und große Augen, einen mittellangen, dicken Schwanz und kurze Beine. Der Gecko hält sich gern in menschlichen Mohnungen aus, sonnt sich am Tage und beginnt die Jagd auf kleine Insekten bei anbrechender Nacht. Durchaus harmlos, wird er von den Cingebornen in Java, Siam, Birma und Indien für glückbringend gehalten und auch von den Europäern geschont. Die Alten dagegen hielten die Geckos für giftig und fürchteten sie. Meil die Geckos nach der Häutung die abgeworfene kaut zu fressen pflegen, hieß es, sie täten das aus Mißgunst gegen die Menschen, da sie wüßten, daß diese Kaut ein treffliches Mittel gegen Epilepsie wäre. So wurden die unschuldigen Geckos Stelliones (Betrüger) genannt, und galten als Sinnbilder des Neides, der Arglist und des Betruges. Abends machten wir Besuch bei dem Kommandeur der Armee in Java, General de Bruyn und seiner Gemahlin, an die ich eine Empfehlung von holländischen Freundinnen hatte. Das liebenswürdige paar bewohnt den sogenannten Kertogs- park, ein wunderschönes, für den Prinzen von Sachsen-Meimar, den ersten Kommandeur, erbautes Palais. General de Druyn, stramm, gesund und frisch aussehend, ungeachtet einer dreißigjährigen Dienstzeit in Java, liefert den besten Beweis, daß man es in den Tropen bei vernünftiger, mäßiger Lebensweise ganz gut aushalten kann. Die vielen Whisky und Soda, die unzähligen „Bitters" tragen jedenfalls eine große Schuld an dem frühen Tode so vieler Europäer in niederländisch und britisch Indien, und es ist mir ganz unerklärlich, daß man gerade in heißen Ländern so viel gebranntes Wasser konsumiert. Mein Reisegefährte und ich haben monatelang kein Alkohol, kein Mineralwasser getrunken, dagegen viel Obst gegessen, unseren Z04 Reise einer Schweizerin um die Welt. Durst an Kokosmilch und jeweiligem „Landeswajser", gleich den Malaien, Kindu und Singhaleseu, gelöscht und niemals das geringste Unwohlsein empfunden. In der Irühe des folgenden Morgens führte uns das Dampftram nach „Benedenstad", wie die Holländer Alt-Batavia nennen. Teils war es Neugierde, teils Uotwendigkeit, welche uns in das augenblicklich von Cholera sehr heimgesuchte Viertel brachten, wir mußten zur Bank und vor allem ins „vreemdelingen Eiantoor". um uns dort zu melden und einen paß zur Reise durch die Insel zu erlangen, wer dies versäumt, wird nach drei Tagen mit einer Strafe von fünf Gulden für jeden Lag, der verstreicht, belastet. Auf unsere mündlichen Angaben hin füllte man uns einen Ausenthaltsschein auf sechs Monate aus. Er kostete anderthalb Gulden, aber nirgends ist je nach diesen: wichtigen Dokumente gefragt worden, wir hatten reichliche Muße, uns im äüantoor umzuschauen, wo Zeit entschieden nicht Geld zu sein scheint, und letzteres wenigstens zum wechseln vollständig fehlte. Im ganzen kaufe wurde vergeblich nach zwei Gulden gefahndet. Ein um Meingeld ausgeschickter Chinese kam nicht zurück, der ihm nachgesandte Malaie ließ sich auch nicht mehr blicken. Da „schickt der kerr den Europäer aus". Ich wähnte schon, die ganze Geschichte des Joggeli in javanischer Übertragung zu erleben, als endlich die drei Abgesandten mit beiden Gulden erschienen. wir hatten entschieden kein Glück an jenem Morgen. Ich wünschte eine große alte Kanone, namens Mariam, zu sehen, wir suchten eifrig nach ihr, liefen sogar ein halbes Dutzend Mal an ihr vorbei, da ich mir gar nicht vorstellen konnte, daß die gesuchte Mariam und das lange, unscheinbare schmale Rohr, welches halb versteckt im hohen Grase lag, identisch sein sollten. Dieser alten, in Jorm einer geballten Jaust gegossenen Lanone wird von den Eingeborenen, besonders von kinderlosen Iraueu, eine Art llitultus gewidmet. Ihr „Zwilling", die „männliche" Kanone, ruht in Bantain, und die Jage geht, daß, wenn jemals die zwei zusammenkämen, das Ende der Welt bevorstehe. Die Mariam liegt zwischen einem alten Tor im Barockstil und den in dichten: Buschwerk vergrabenen Resten der alten Zitadelle, wunderschön ist der sich den: Ilusse entlang weiter ausdehnende weg. Da, wo die zahlreichen pack- und Vorratshäuser den Durchblick gestatten, schaut man auf das mit hohen Palmen umsäumte tropisch-üppige jenseitige Ufer und die Bambushütten der Cingebornen. Die Kitze war unterdessen dermaßen gestiegen, daß wir uns kaum zum nächsten Oos-ä Dos schleppen konnten, der uns nach der Bank führte. Der )kanal und die Straße, wo sie liegt, erinnert wiederum lebhaft an kolland. Line Jährt durch das sehr belebte Lhinesenviertel erschöpfte vollends unsere ääräste und Schwitzfähigkeiten, und als nach der Reistasel abermals ein sündslutartiger Regen losbrach, gaben wir unsern Plan nachmittags nach Buitenzorg abzureisen auf und verbrachten den Rest des Tages mit Schwitzen und Jaulenzen. Um S'/s Uhr früh waren wir auf der Eisenbahn, die uns in anderthalb Stunden nach Buitenzorg bringen sollte. Unbeschreiblich genoß ich diese Irühfahrt durch die Lropenwelt. Kell schon überslimmerte die Morgensonne die von: gestrigen Regen gebeugten nassen Palmen- und Bambuswedel und Riesenblätter der Bananenbüsche, : ^ «-»W ^ — ^ <2^- d v - >» / >°».7* . . " V ' " ^-»: " » ,sSSHW,,-.< '. r -< Iavanilche Lrüchtc. (S. Z0Z.) AW -S-/.Z WWW ;^OW Auf nach Java. der perle Gstmdiens! Z07 europäische, meist holländische Naturforscher angestellt sind. Ein großartiges Herbarium und eine Bibliothek von 20,000 Bänden und unzähligen Broschüren und Abhandlungen sind ebenfalls neue Errungenschaften. Diese theoretische Botanik soll sich immer enger der praktischen anschließen, welche schon 187Z durch eine besondere Landbauschule ihre beste Beförderung erhielt. Dünge europäische Beamte lernen hier die praktische Cultur der Tropenpflanzen, und die Söhne der eingeborenen Bauern und Pflanzer finden gründliche, landwirtschaftliche Ausbildung. Das Terrain des Lultur- und Versuchsgartens von Tjikömöh umfaßt 72 Hektaren. Der Gebirgsgarten von Tjibodas hat mit dem angrenzenden Urwald ein Gebiet von Z1Z Lektoren, und der eigentliche Lauptgarten nimmt Z8 Lektoren ein. Lin großes Gebiet, fürwahr! wir betraten den botanischen Garten durch eine zu beiden Seiten mit mächtigen Bäumen bepflanzte Allee. Sie gehören zu dem Tropengeschlecht der Larmriuin com- mune. N)eit über 1Z0 Lremplare senden ihre hellen, lichten Stämme gleich mächtigen Säulen zum Limmel empor. Jeder trägt eine, meist mehrere Schmarotzerpflanzen, welche ihn dicht umstrickt halten und ihm helfen, hoch oben ein Dach zu bilden, so dicht und fein gegliedert, wie dasjenige eines hehren, mächtigen Domes. In dem Gewirr von Lianen und Rotang unterscheiden wir kostbare Orchideen und die glänzenden großen, gelappten Blätter des philodendron, einer bei uns beliebten Zimmerpflanze. Unten am Stamme einer dieser erst vor siebzig Jahren gepflanzten Baumkönige blühte, einem Riesenbouquet gleich, das OrummutopkMuin speciosum, eine Orchidee mit unzähligen Blütenrispen, die über zwei Meter lange, je siebzig bis achtzig große, gelbrote Blüten trugen. Unsere Allee endigte in der Nähe eines großen Teiches, auf welchem die Riesenblätter der Lönigin der Seerosen, der Victoria rc^ia, ruhen. Blumen sollen wir leider keine erblüht sehen, nur .Knospen. Die Blätter betragen bis 2 Meter im Durchmesser, und ihre Tragfähigkeit ist so groß, daß ein sechsjähriges Lind bequem aus einem solchen Blatt stehen kann, ohne daß es einsinkt. Auf der Oberfläche hat das Blatt eine schöne, grüne Sarbe, die untere Seite dagegen ist purpurrot und dicht behaart. Außer dem „Baum der Reisenden" finde ich einen anderen alten Bekannten, den nubischen Derwisch-, richtiger Leber- wurftbaum, LiKelia pinnata. von seiner majestätischen herrlichen Lrone hängen an meterlangen Schnüren richtige, leibhaftige, etwa 40 Tentimeter lange, 10 Lentimeter dicke Würste herunter. Sorbe, Lorm, Aus- Victoria rsZia-Blätter. Z08 Reise einer Schweizerin um die Welt. sehen stimmte, aber freilich einen Zahn könnte man sich an dieser „Trugwurst schon ausbeißen! Das vornehme weiße, von jonischen Säulen getragene Saus am See ist die Residenz des Generalgouverneurs, wohl schon seit mehreren Generationen, denn etwas seitab von einem hohen Bambuswalde umrauscht, entdeckten wir Grabsteine, aus welchen die Namen früherer Gouverneure und derer Angehörige geschrieben stehen. In einer tiefen Mulde des Gartens steht an einem düsteren Leich ein waringen- baum (kicus benjumineu), ein Riese seines Geschlechtes. Die Drone mißt wohl , ZOO Dieter im Umfang, und die Wurzeln, welche gleich einem großen Gebirgsrelief graubraun weit über die Erdoberfläche ragen, füllen sicher 8 Dieter im Umkreis. Überall hängen gleich dicken Schiff-tauen Luftwurzeln herunter, welche, unten angelangt, sich in der Erde sestbohren und neue tannenschlanke Stämme bilden. Ein grünes Blatt lag im Grase, ich staunte, als ich sah, wie es sich ohne den leisesten Luftzug weiterbewegte. Als ich es aufhob, fand ich statt eines Blattes eine Heuschrecke. Im Garten sollen auch „wandelnde Blumen" existieren und Heuschrecken, die einem dürren bemoosten Aste gleichsehen, welch wunderbares Spiel der Natur und welche Vorsehung für sonst wehrlose Geschöpfe, die, indem ihnen die Gestalt von pflanzenteilen verliehen ist. unbeachtet ihr kurzes Leben verbringen können! von vielen lauschigen winkeln, herrlichen Alleen, von tausend und abermals tausend schönen, interessanten, wunderbaren Bäumen und Blumen, die in diesem Zaubergarten stehen, könnte ich erzählen. Ihre Beschreibung würde Bände anfüllen und denjenigen, dem es nicht vergönnt ist, diese Herrlichkeiten mit eigenen Augen zu betrachten, mehr ermüden als erfreuen. Ich wende mich daher dem Passer (Markt) zu, über den wir erhitzt und müde in den Schoß unseres brütet Delle vue zurückkehrten. Ranarien-Allee im botanischen Garten von Vuitenzorg. (S. Z07.) Im Bereich der Vulkane. Z09 Capitel 20. Im Bereich öeo Vulkane. Fahrt nach Garut. Reisfelder. Wasserbüffel. Botel van Bork. Durian. Amok-Läufer. Bagendit-See. Lakaobaum. Vulkan Guntur. Ausflug auf den Papandafan. Bollander. Dfokfakarta. Lraton. wasserkaftell. Pferdequälerei. Wohnungen der Lingebornen. Linder. Much der folgende Morgen fand uns schon um sechs Uhr aus der Eisenbahn, die uns in neunstündiger Jährt in die durch ihre Schönheit und Fruchtbarkeit berühmte Preanger-Landschaft, nach dem vulkanum- kränzten Garut bringen sollte. In Java wird jedermann wohl oder übel zum Frühaufsteher, denn die Stunden zwischen Sonnenaufgang bis neun Uhr vormittags sind die schönsten, besten und gesündesten. Da gibt's auch nicht unsere grämlich finsteren, frostigen Wintermorgen, wo man widerwillig bei Licht aufsteht, um erst gegen neun Uhr die Lampe löschen zu können, klein, jahraus, jahrein ist es hier vor sechs Uhr früh Heller Tag, und jeden Abend zur selben Zeit legt sich die Nacht aus die sonndurchglühte Erde. Dämmerung fehlt beinahe vollständig, aus tiefe Nacht folgt unvermittelt der helle Tag und umgekehrt. Dies muß dem senkrechten hinabsteigen der Sonne in der Äquatorialzone zugeschrieben werden. Die Eisenbahn, die Java in seiner ganzen Länge durchzieht, läuft zunächst von Buitenzorg durch hügeliges Terrain über Brücken und Viadukte nach Süden, übersteigt den Bergsattel zwischen Gedeh und Salak, bildet einen scharfen Winkel bet Soekaboemi und hält sich von da stets östlich. In kühnen Bogenlinien windet sie sich oft empor und bietet immer wieder neue, herrliche Ausblicke. In der Ebene regen sich überall fleißige Menschenhände in ununterbrochener Bebauung des reichen Landes, und während an den hängen dunkle Tee- und Mffeebüsche wachsen, leuchtet's smaragd- sarben in der Tiefe: Reis in allen Stadien der Entwicklung, denn in diesem Lande des Bei Garut. Zio Neise einer Schweizerin um die Welt. ewigen Sommers kann eine Ernte die andere ablösen. Der Anblick eine- Rei-felde- ist so typisch sür eine javanische Landschaft, daß ich notgedrungen etwas Landwirtschaft mitlaufen lassen muß. Ich will mich dabei in kürzester Lorm an Kaeckels Erläuterungen über den Reisbau halten. Leit Jahrtausenden liefert der Reis den Javanen ihre Hauptnahrung, und uralt ist auch das Terrassensystem, mit Sülse dessen sie den Reisbau betreiben. Von den Bergen läuft beinahe täglich Regenwasser hinunter. Diesen Wasserschatz sammeln die fleißigen Eingebornen und verschaffen sich außerdem Zufuhr von weither durch künstlich erhaltene Kanäle. Sie verteilen das Wasser über die weiten Llächen der Reisfelder, die in vielen horizontalen, übereinander gelegenen Terrajsen angelegt sind. In den Erdwällen, welche sie trennen, sind kleine Kanäle angebracht, durch welche das Wasser jeder Terrasse in die darunterliegende abfließt. Zahlreiche, meist parallele Äuerwälle durchkreuzen die horizontalen und teilen die weiten Llächen in kleinere viereckige Leider. Sehr hübsch sehen die Reisfelder aus. die am Gebirge emporklettern und oft in halbrunden Talmulden die Gestalt eines griechischen Theaters annehmen, wobei die braunen Erdwälle, die in gleichen Abständen sich übereinander erheben, den Sitzreihen entsprechen. Zuerst werden Reisähren zur Aussaat in kleine Wasserbecken gelegt. Sie gebrauchen ungefähr vierzig Tage zum keimen. Unterdessen ist mit Schaufel und Sacke ein Hand- Hoch unter Wasser gesetztes Seid bearbeitet worden, bis alles einen gleichmäßigen breiigen Ulorast gebildet hat. Wo der Boden zu hart und das Seid zu groß, wird ein mit zwei mächtigen Wasserbüffeln bespannter Pflug zu Sülse genommen. In lichtgrüner Überfülle sprießt die Aussaat hervor. Lrauen und Kindern liegt es nun ob, die zarten Keimpflanzen auszuziehen und je in kleinen Büscheln und ganz regelmäßigen Abständen aus das vorbereitete Leld auszupflanzen. Wiederum wird das Leld unter Wasser gesetzt. Die pflänzchen schlagen sehr schnell kräftige Wurzeln, und bald strecken sie die saftig grünen breiten Salme höher und höher über die in der Sonne klar sich spiegelnde Wasserfläche empor. Wenige Wochen noch, dann schieben sich die zierlichen Rispen aus der Umhüllung der schützenden Mattscheiben, bringen vierzig, ja selbst hundert Körner in ihren Ährchen hervor und reifen allmählich der Ernte entgegen. Jetzt naht der Augenblick, auf den die schönen grauen Reisfinken schon lange sehnsüchtig geharrt. In dichten Scharen lassen sie sich auf die Reisfelder nieder und tun sich ordentlich gütlich. Aus hohen Bambusstangen werden kleine wachthäuschcn ausgerichtet, von denen lange Schnüre, mit Tuchlappen, trockenen Palmblättern und Ledern besteckt, nach allen Seiten des Leides ausstrahlen. Ein Wächter, meist ein halbwüchsiger Bengel, nimmt den hohen Sitz ein und hält fleißig Umschau. Naht sodann ein Schwärm kleiner gefiederter Reisdiebe, so setzt er die Läden in schwingende Bewegung. vor Beginn der Ernte werden die Leider trocken gelegt, und alt und jung zieht hinaus zur Arbeit des Schneidens. Gewährt schon ein lichtes, jetzt golden sich färbendes Rei-seld an und sür sich durch den Kontrast mit den dunkeln Tropenbäumen und dem violettblauen Gebirgshintergrund einen wunderschönen Anblick, so gewinnt.es noch an Reiz durch die Staffage. Gleich wandelnden Pilzen bewegen sich die Bauern Daus des Gouverneurs im botanischen Garten. (S. Z0S.) Im Bereich der Vulkane. sll im Seide herum, denn ihre flachen Kilte besitzen einen Durchmesser von einem Meter und mehr und dienen den meist schmächtigen Gestalten als Schutz gegen Sonnenbrand und Regengüsse zugleich. Bunt, blau, rot, grün, leuchten dazwischen Kabapen und Sarong der Srauen, und die durch keine Kleidungsstücke beengten Körper der Kinder Javanische Eisenbahnstation, heben sich bronze- farben vorn goldenen kintergrunde der Kalmen ab. Die bei der Ernte befolgte Methode des Schneidens ist sehr mühsam und nur da möglich, wo Zeit und Arbeitslohn — ein Kuli in Mestjava verdient höchstens Centimes täglich — ohne Belang sind. Jede einzelne Ähre wird vermittelst eines in der rechten kand gehaltenen Messers ein Stück unterhalb der Rispe abgeschnitten. Die linke Kand sammelt diese Rispen zu Büscheln, welche schließlich als Garben zusammengebunden werden. Auf diese Meise geht nichts von der Ernte verloren. Je zwei Garben trägt der Landbauer, an den beiden Enden einer langen Bambusstange ausgehängt, die aus seiner Schulter ruht, zu Markte oder in die Reisscheuer. Diese kleinen, niedlichen Bauten mit hohen, spitzen, überhängenden Dächern und zierlich geflochtenen Seitenwänden ruhen auf hohen pfählen und bilden in jedem Dorfe eine auffällige Erscheinung. Die Stoppeln und das nach der Ernte schnell aufschießende Gras dienen den braven, geduldigen Lasttieren, den Karbauen, wie die Wasserbüffel auch genannt werden, zum leckeren Sutter. Mir sind sie mit ihren langen, glatten, breiten Köpfen und den gewaltigen, sich nach einwärts krümmenden Körnern, mit ihren plumpen Körpern, immer wie vorweltliche Tiere erschienen. Bedeutend größer als unsere europäischen Rinder, haben sie eine Länge von über zwei Meter und eine Köhe von über einem Meter, und ihre, nur mit spärlichem kaar besetzte kaut ist hellgrau. In Java habe ich eine rosa-weißliche Varietät gesehen, die für heilig gilt und dadurch den etwas zweifelhaften Vorzug besitzt, nach dem Schlachten nicht gegessen zu werden. Mährend das Lleisch eines vier- oder fünfjährigen Tieres gut schmeckt, ist dasjenige eines älteren zäh, hart, und riecht nach Moschus. Mit Vorliebe bewegt sich der Wasserbüffel — daher der Name — im Sumpf und Schlamm. Er schwimmt vorzüglich. !MMk< Z12 Reise einer 5chweizerin um die Welt. wälzt sich in Ermangelung eines Besseren gern im Morast und bietest bis zum Kopf im Wasser eingetaucht, das häufig gesehene Bild der Zufriedenheit und des Behagens. Bei allem wilden, beinahe tückischem Aussehen muß er ein gutmütiger Geselle sein, willig gibt er sich zu jeder Arbeit her, und die kleinen Javanen wählen sich während der Ruhepausen gern seinen breiten Rücken zurliachmittagssiesta aus. Hackt, den geschmeidigen Körper dcnSormen des gewaltigen Wiederkäuers eng angepaßt, scheint auch seelische Harmonie zwischen „Roß und Reiter" zu bestehen, denn gleich gern lassen sich beide von der glühendsten Sonne bescheinen oder suchen vereint Kühlung in jeder beliebigen Wasserlache. Bei Tjibato verließen wir die große Linie Batavia-Soerabaja und gelangten auf einer Seitenbahn nach dem südlich gelegenen Garut. Das Städtchen liegt 710 Meter über Meer. und sein erfrischendes Bergklima kräftigte aufs neue unsere etwas erschlafften Lebensgeister. Der Wirt, Mpnheer van Hork, ein originelles Gegenstück zur Wirtin in Buiten- zorg, entwarf uns sofort die Tageseinteilung für die beiden nächsten Tage, dann kümmerte er sich absolut nicht mehr um uns bis einige Stunden vor der Abreise, als die Rechnung berichtigt werden sollte. Vor und nachher waren wir Lust für ihn. Der Gasthof ist im sogenannten pavillonschstem erbaut, kleine Häuschen für je eine bis zwei Samilien. Vor meinem Zimmer lag eine hübsche Veranda, die so ziemlich den ganzen Tag von Sarong- und Obsthändlern und -Händlerinnen und hungrigen Dorfhunden umlagert wurde. Der „Spada" oder „Aonge", wie die malaiischen Diener genannt werden, der mir meinen Morgenkaffee und Nachmittagstee brachte, muß einen wunderbaren Begriff meines Appetites erhalten haben, denn jedesmal wurde die Portion Toast größer, und jedesmal war sie verschwunden, wer hätte sich doch von so vielen bittenden Augen schroff abwenden können? Im Verhältnis zu Amerika. Japan und China sind die Gasthöfe in Java billig. Man bezahlt durchschnittlich in den Häusern ersten Ranges fünf Gulden, etwas über zehn Lranken im Tag. Dafür erhält man Zimmer, Beleuchtung, Bedienung, früh Rarbaue oder Wasserbüffel. Reisfelder. (S. Z10.) -LM.G W Im Bereich der Vulkane. Z1Z Laffee mit Toast, um acht Uhr Srühstück mit kaltem Sleisch und Eiern, um ein Uhr die schon beschriebene Reistafel, nachmittags Tee und Toast und abends ein meist gutes Diner, vor diesem kann man sich an verschiedenen „Likörs", die im Nebenzimmer ausgestellt sind, unentgeltlich und a äiscretion gütlich tun. vor unserem Pavillon stand die Litte angeschrieben, keinen Durian im Lause zu essen. Schon lange gespannt auf die vielgepriesene und vielgeschmähte Srucht, welche die Lolländer mit dem drastischen Namen „stinkende Delikatesse" benennen. Ananas-Feld. war unser erster Gang nach dem Passer (Markt), der in langer Doppelreihe, von einer Allee herrlicher Bäume beschattet, unmittelbar beim Lotel seinen Anfang nimmt- Der Durian gehört zu den Srüchten, die keinen Transport vertragen können. Grün, stachlicht, von der Größe eines Hopses, enthält er einen Brei, welcher für Liebhaber den Geschmack von Schlagrahm, Nußcreme, süßen Mandeln und Sherrp vereinigen soll. Von all diesen guten Dingen roch ich nichts als Hnoblauch, überreifen Häse und Zwiebeln heraus. Dieses zweifelhafte Aroma erfüllte den ganzen Passer. N)ir erhandelten die schönste Srucht, ließen sie uns mundgerecht machen, kosteten und spuckten sie in seltener Übereinstimmung — ein junger Engländer nahm teil an unserer Durian-Probe — alle drei wieder aus. Den ganzen Rest des Tages wurde ich den Geschmack nicht mehr los. Dagegen lobe ich mir die Ananas, welche in großen Seldern hier gezogen werden, wie hübsch sehen sie schon aus! wie ein goldener Tannzapfen Z14 Reise einer Schweizerin um die Welt. sitzen sie inmitten eines großen runden Straußes blaugrüner, spitzer Blätter. Der kleine rötliche Büschel, der oben auf der frucht sitzt, wird einfach abgerissen in die Erde gesteckt, und sofort wächst eine neue pflanze daraus hervor. Die Ananas kosten vier bis fünf Centimes; ich habe mich nicht wenig daran erlabt. In Garut sowohl wie in jeder Stadt, jedem Dorf, durch welches wir kamen, stehen ein oder mehrere kleine weiße Machthäuschen, in welchem jeder männliche Bewohner des Lampongs der Reihe nach während je 24 Stunden Aufsicht führen muß. In jedem käuschen hängt ein ungefähr anderthalb Dieter langer ausgehöhlter Baumkloh, an welchen mit hölzerner Mule nachts die Stunden geschlagen werden, oder auch als Alarmsignal bei Gefahr dient. Ein zweites Instrument ist eine große stachlichte Gabel, womit flüchtige Verbrecher und besonders Amok-Läufer aufgespießt oder so lange gegen eine Mauer oder einen Baum gedrückt werden, bis Külfe kommt. Amok-Läufer sind eine traurige Spezialität Javas und können am besten mit tollen Kunden verglichen werden, kie und da rennt ein fieberkranker oder durch Gpium, Eifersucht oder eine andere Leidenschaft von Sinnen Gebrachter in wütendem Laufe durch die Straßen. Mit gezogenem Mas mordet und sticht er alles nieder, was in seinen Meg kommt. Sein einziger Mansch ist, Blut fließen zusehen, und oft hat er schon mehrere Menschen getötet, ehe es gelingt, ihn dingfest zu machen, wenn der Ruf „Amok" erschallt, flüchtet alles entsetzt nach rechts und links, denn nur was auf seinem geraden Mege liegt, fällt ihm zum Gpfer. Zuweilen bricht er schäumend zusammen, zuweilen durchspießt ihn die Gabel des Polizisten, oder er fällt unter den Messerstichen seiner Verfolger. Lin Amok-Läufer ist vogelfrei. Jeder hat das Recht, ja die Pflicht, ihn zu beseitigen. früh am folgenden Morgen stand das hier übliche Dreigespann vor der Türe. Das Mittelpferd ist in die Gabel gespannt und läuft Trab, die beiden Außenpferde galoppieren frei neben her. Meine, kräftige, flinke, willige Ponies sind diese javanischen Pferde; leider geheir die Eingebornen grausam mit ihnen um, und manche Rinder in Garut. «ll N ^ Im Bereich der Vulkane. Z1Z schöne Sahrt ist mir dadurch vergebt worden. Auf schöner Straße an dem Palast des Residenten und der eigenartigen Moschee vorbei, lenkte schon nach halbstündiger Jährt unser Gespann in den Seitenweg ein, der uns nach dem kleinen Bagendit-See bringcir sollte. Da stellte sich uns eine reparaturbedürftige, halb eingefallene Brücke entgegen. Unmöglich, mit einem wagen über den schmalen Notsteg zu gelangen. Nach langem Hin- und Herreden stiegen wir aus und gingen die ziemlich lange Strecke zu Suß. wir kamen an einem Haine vorbei, wo Männer und Srauen mit Einernten der Kakaofrucht beschäftigt waren, vereinzelte Bäume hatte ich in Singapur auf Ladphill gesehen, zum erstenmal fand ich sie hier in Masse. Die dunkelrotbraunen länglichen Srüchte sind grobwarzig, etwa Z—7 Lentimeter breit und 12—1Z Lenti- meter lang und enthalten, in rötlichem Sleisch eingebettet, ungefähr fünfzehn Bohnen. Nicht an den Zweigen, sondern an Stämmen und Asten hängen zur selben Zeit die sehr kleinen roten Blüten und Srüchte. Geerntet kann daher das ganze Jahr werden. Die Bäume erreichen eine Höhe von 12 Meter, besitzen eine schön ausgebreitete Krone und sehr große, ungeteilte, eiförmige Blätter. Tragsähig werden sie im vierten Jahr und bleiben es bis zum vierzigsten, ja fünfzigsten. Die Srüchte brauchen vier Monate zum Reifen, und karrn man nicht mehr als zwei Kilogramm Bohnen im Jahre auf den Baum rechnen. Die reisen Srüchte müssen mit einem Messer geöffnet werden, und es fällt in der Regel den flinken Händen junger Javaninnen zu, die von harter Schale umhüllten Bohnen herauszuklauben. Dann werden sie in Haufen geschichtet, bedeckt und vier bis fünf Tage sich selber überlassen. Eingetretene Gärung nimmt den etwas herben Geschmack und verwandelt die helle Sarbe der Bohnen in eine dunklere, rötlichbraune. Nach der Gärung werden sie gewaschen und in den Trockenraum gebracht, welcher geheizt und ventiliert wird. Nachdem der Kakao dort unter fortwährendem Umschaufeln ganz trocken geworden ist, wird er zum versand nach Europa verpackt. Die getrockneten Bohnen haben jetzt nur noch die Hälfte ihres Gewichtes. In Europa werden sie geröstet, zerrieben und unter Zusatz von Zucker und Gewürzen zuScho- koladeverarbeitet. Ghne jeden Zusatz präpariert, geben Kleine Blumenverkaüfer am Bagcndrt-See. D k". Z16 Reise einer Schweizerin um die IVelt. sie die Kakaomasse, welche namentlich in Rolland, Deutschland, Frankreich und der Schweiz verarbeitet wird. Line lustige Kinderschar folgte uns. Jedenfalls war unser kommen in dein am See gelegenen Sleckchen schon bekannt geworden, denn vor jedem Hause hockte eine ganze Gesellschaft und hielt uns große, violette Wasserblumen entgegen. Die javanische Landessitte erheischt noch jetzt, daß die Lingebornen, wenn sie einen Luropäer treffen, beiseite treten, den Sonnenhut abnehmen und niederkauern. Die Reiter pflegen, vom Pferde zu steigen und sich tief zu verbeugen. Srüher mußte sogar der Malaie dem begegnenden «OrunA bluuclu» (weißen Mann) den Rücken kehren, weil er nicht würdig war, das Antlitz des -Duwun» sperrn) zu schauen. Auch die Händler, besonders die Händlerinnen, pflegten immer kniend uns ihre waren vorzulegen. Mir war diese sklavische Unterwürfigkeit, besonders anfangs, geradezu peinlich, schließlich gewöhnt man sich auch daran. Man muß immer wieder staunen, welche Macht das kleine Häuflein Holländer über dieses Volk von 26 Millionen Menschen besitzt, dabei herrscht Ruhe und man sieht nie einen Lingebornen tätlich mißhandelt werden, wie dies in den englischen Kolonien den Hindus gegenüber geschieht. Am See lagen drei ausgehöhlte Baumstämme aneinandergebunden und mit einem bedachten, pavillonartigen Aufbau gekrönt. Lin holländischer Offizier verhandelte mit den malaiischen Ruderern, und bald schwammen wir selb dritt auf dem lotos- bewachsenen See. An jedem Lnde unseres sonderbaren Sahrzeuges plätscherte ein Malaie mit einem kurzstieligen Schäuselchen, das ein Ruder bedeuten sollte. Mit der Arbeit nahmen sie's sehr gemächlich. Mehr vom Wasser getrieben, als gerudert, wurde an einem Punkte gelandet, von wo wir nach Lrklimmung eines Hügels nicht weniger als sieben Vulkane erblicken konnten. Die Rückfahrt brachte uns an den Susz eines dieser Seuerberge, den 1082 Meter hohen Gunong Guntur, den Donnerberg, welcher das Tal von Garut gegen Westen und Nordwesten abschließt. Von den 62 Vulkanen, die Java besitzt, befinden sich innerhalb eines kleinen Raumes von 46 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite in der Nähe von Garut nicht weniger als 14 Vulkane, die teilweise immer noch in Tätigkeit sind. Unter diesen gilt der Guntur für einen der unruhigsten, und jedes Jahr beinahe schleudert er unter dumpfem Donnergrollen ganze Massen Asche, Sand und Steine in die Luft. Keiner seiner Uachbarn nimmt den mindesten Teil daran, ein klarer Beweis,, daß keine Verbindung zwischen diesen Vulkanen existiert, sondern daß jeder seinen besondern Herd besitzt. Nach einer alten Chronik, die in Trogon, dem Nächstliegenden Dorfe, aufbewahrt wird, soll Gunong Guntur im Jahre 1690 zum erstenmal in Tätigkeit getreten sein und dabei vielen Menschen das Leben gekostet haben. Vorher sei er ein grüner, mit Wald bedeckter Bergabhang gewesen, an welchem niemals eine Spur von vulkanischer Wirkung an den Tag getreten. Jetzt erscheint der Guntur wie ein gigantischer, schwärzlich brauner Steinhaufen, vom Gipfel bis zum Süße schmückt ihn kein Grashalm, und drohend schaut sein ausgezackter Schlund durch aufsteigende weiße Dämpfe. Lin breiter, brauner Lavastrom senkt sich durch die Mitte des Berges zu Tale, während violette und lichtgraue. Im Bereich der Vulkane. Z17 kleinere Lavaströme an den Seiten sich herabziehen. Um den Lutz des „Donnerers" liegt ein Kranz mächtiger Blöcke und Lügel; einige tragen die Grabstätten des Dorfes Trogon, und die grünen plumerienbäume, welche in Java den Toten geweiht sind, bieten einzig ein Bild des Lebens dar an dieser Stätte der Verwüstung und des Todes. Überall bilden die kalten und heißen Guellen, welche vom Berge herabrieseln, große und kleine Teiche, wobei die gewaltigen, vom Seuerberge ausgespienen, graubraunen Steine als Dämme und kleine Inseln erscheinen. Am östlichen User des Guntur entspringen süns heiße Guellen, die von Eingeborenen und Europäern ihrer heilkräftigen Eigenschaften wegen gleich geschätzt werden, während erstere sich im offenen Bassin gemeinschaftlicher Gratis-Bäder erfreuen, stehen den umständlicheren Europäern zum immerhin bescheidenen preise von dreißig Centimes sechs geschlossene Badezellen zur Verfügung. Die Guellen haben alle verschiedene Temperatur, man kann sich daher ein kälteres oder heißeres Bad auswählen. Nach dem heißen kerumklettern im Lavageröll und dem unfreiwilligen Spaziergang nach Bagendit empfand ich ein sehr heißes Bad als außerordentlich wohltätig. Der folgende Tag sollte uns vollends ins Reich des Schwefels und Seuers bringen, auf den Krater des Papandajan, neben Gedeh und Broms der besuchteste Vulkan Javas. As wir um fünf Uhr früh unser Dreigespann bestiegen, glitzerten noch die Sterne am stahlblauen Tropenhimmel. Sröstelnd unter Decke und Shawl, wähnte ich mich zurück in der fernen Seiinat, wo jetzt das Sterben über den Blumen, die kalte Uovembernacht über dem Walde lag. Ein kurzer Traum — denn schon eine halbe Stunde später erhob sich sommersreudig das heiße Tagesgestirn der Tropen und überflutete mit feurigem Strahle Reisfelder, palmenhaine und Zuckerrohr. Statt der Alpenkette lag ein großer, grüner Berg klar und wolkenfrei vor mir. Kühn ragten seine zwei Gipfel empor, während aus dem tiefen Sattel, der sie trennte, weiße Rauchwolken hervorquollen, weithin schimmerte die bleiche, schwefelgelbe wand seines Kraters. In zweistündiger Sahrt gelangten wir an den Suß jenes Berges, des Papandajan. Das Dörfchen Tjisarupen mit seinen herrlichen Waringen-Bäumen bot uns kurze Rast, bis unsere Tandu und die sechzehn erforderlichen Kuli marschbereit waren. Der Tandu besteht aus einem leichten Lehnstuhl, der, an zwei langen, horizontalen Bambusstangen befestigt, von vier Trägern auf die Schulter genommen wird. In Zwischenräumen von einer Viertelstunde wechseln sie ihre Last mit den vier anderen Trägern, pflegen zudem sehr häufig die Tragstange von der rechten auf die linke Schulter umzulegen. In Anbetracht des dreistündigen, oft sehr steilen Aufstieges zum 2600 Meter hoch gelegenen Krater, war diese Mannschaft keineswegs überflüssig, die Dienste eines uns sich aufdrängenden Lrtraträgers für unseren sehr knapp bemessenen Mundvorrat hätten wir dagegen gerne entbehrt. Nicht genug, daß er immerwährende Unzufriedenheit unter den Kulis stiftete, stahl er uns einige Eier und, was meinen Gefährten namentlich bekümmerte, eine schöne Kokosnuß, die unser Getränk auf der lööhe des Seuerberges bilden sollte. In munterem Trabe marschierten unsere Kulis zunächst auf beinahe ebenem Pfade einer dichten Datura-K>ecke entlang. Die prächtigen,, großen, weißen, gegen 318 Reise einer Schweizerin um die Welt. Abend besonders süß duftenden Blüten- glocken der Ouwrkr urboreu sind auch bei uns bekannt. Dann ging es bergauf in den richtigen Urwald, wo Baum an Baum sich drängt und in tollem Gerank, dicken Schisfstauen gleich, sich das Gewirr der Schlingpflanzen von Stamm zu Stamm zieht. Mer im feuchten lvaldesgrund ist das Reich der in unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit vertretenen Sarne, vom kleinsten pflänzchen, das moosähnlich die Erde mit lichtein Sammetteppich bedeckt, bis zum wundervollen Baumfarn. der palmengleich in hohem, schlankem Stamme emporsteigt und seine zierliche, schirmförmige Slieder- krone leise im lvinde bewegt, ein zarter, hellgrüner Schleier „aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit". Glatter, steiler und steiniger wurde der lveg, je höher wir stiegen. Längst schon hatten wir unsere Tandu verlassen und kletterten durch das steinige Bett des Schwefel- dunst aushauchenden Baches, der zeitweilig unser Begleiter gewesen. Jede Vegetation hört hier auf, nur schwarze, abgestorbene Baumstämme starren uns entgegen, die Gpscr giftiger Dämpfe und Aschenregen. Endlich befanden wir uns am Rande des Kraters, der zwölf Mlometer lang und vier Kilometer breit sein soll und die offene Bresche darstellt, welche im Jahre 1772 entstand, als der ganze Gipfel des vulkanes explodierte. In der Nacht vom 11. zum 12. August 1772 hörten die Bewohner des Garut- tales ein fürchterliches Donnern und sahen aus dem Gipfel des Papandajan plötzlich hellen Seilerschein aufsteigen, welcher die Dunkelheit der Nacht weit und breit erhellte. Seuerstrahlen schössen in die Löhe, und eine ungeheure Masse glühender Selsblöcke wurde durch die Luft geschleudert, vierzig Dörfer, die im obersten Teile der Talsohle lagen, wurden verwüstet, und ungefähr 3000 Menschen fanden ihr Grab unter den niederfallenden Schuttbrocken oder den glühenden Trümmerhaufen, welche von dem Abhänge des Berges herabsausten und das Land viele Meilen weit überdeckten. Die Bewohner der entfernter gelegenen Dörfer retteten sich durch eilige Slucht vor dem Tode und sahen am folgenden Morgen mit Entsetzen, wie der Gipfel des Berges, der früher eine stumpskegelförmige Gestalt besessen hatte, teilweise verschwunden war und wie an dessen Stelle eine tiefe Draterkluft aufklaffte, welche Rauch und Verwüstung atmete. Jetzt hat sich die ä^raterschlucht bis zu zwei Dritteilen ihrer Höhe wieder mit lvald bedeckt, Sand, Asche und Steinhaufen, die der Vulkan über den südwestlichen Teil des Garuttales geworfen, bilden grünüberwachsene kügel, und neue Selder, neue Dörfer erheben sich wieder an der Grabstätte der alten. Unsere Willis, denen der Krater als lvohnsitz böser Geister große Surcht einzujagen Auf dem Wege nach Tfifarupcn. Im Bereich der Vulkane. Z1S schien, hatten sich abseits gelagert, während wir mit einem besonderen Sichrer die gelbliche Schwefelkruste vorsichtig betraten. Zwischen brodelnden kesseln, kochenden Bächen, über Holzstege und Baumstämme führt der gewundene, gefährliche Pfad. Gefährlich, weil ein fehltritt uns einbrechen ließe in die kochende Schwefelmasse, die unter leichter Truste dahinfließt. Auch Schlammvulkane, wie im 7>ellowstone-parke, birgt dieser Krater, regelmäßige, oben mit einem ringförmigen Aande versehene Lege! von 60—100 Lentimeter Höhe. von Zeit zu Zeit schießt aus ihrer Öffnung ein schlammiger, heißer Strahl empor, den man lieber zehn Schritte vom Leibe hat. Dazwischen zischen heiße Guellen, brodeln schweflige Sümpfe, brausen Solsataren, dröhnen unterirdische Donner. Scheinbar regellos und doch wieder rhythmisch ertönt ein Lärm, welcher an eine fabrik, mehr noch an eine riesige, nimmer rastende Schmiede gemahnt. Papandajan haben die Sundanesen diesen feuerberg genannt, ein Wort, welches verdeutscht Schmiede bedeutet. Betäubt vom Lärm, beinahe erstickt durch die Schwefeldämpfe, freute auch ich mich, wieder aus dem Gebiete dieser unheimlichen unterirdischen Wächte zurück zu den Blumen und farnen des Waldes zu gelangen. Linen mächtigen, leider schnell verwelkten Strauß brachte ich als Trophäe mit mir zu Tale. Den folgenden Tag widmeten wir der Buhe, der Korrespondenz, dem Herumschlendern im hübschen Städtchen und der Unterhaltung mit den Gästen des Hotel van Hork. wir sollten überall ungefähr dieselben finden: Leber- und Malaria- Kranke, holländische Offiziere und Beamte mit frauen, worunter viele Malaiinnen, und eine Menge Halbblutkinder, freundlich und gefällig zeigten sich alle, auskunfts- und hülfsbereit, denn es bedurfte oft der Vermittlung zwischen uns und dem ausschließlich Malaiisch sprechenden Mandur, einer Art Oberkellner, dem die Sorge fürs Haus ziemlich anheimgestellt ist. Nur wenn man Engländer in uns vermutete, wurden die Mienen finster, die Haltung abweisend. Manche erklärten uns, sie sprächen prinzipiell seit dem Burenkriege kein Englisch, obschon ihnen diese Sprache sehr geläufig sei. Die nächste Eisen- bahnfahrt führte uns über Tassikmalaya durch den schönsten Teil des preanger - Landes, bis sich die Linie in Bandjar zur heißen Tiefebene der Provinz Bandjumas hinabsenkt. Die Strecke von hier Auf dem Papandafan. Z20 Reise einer Schweizerin um die Welt. bis Maos ist erst im Jahre 1805 vollendet morden. Sie führt durch Sumpflandschaft und Dschungeln, wo im undurchdringlichen Gewirr die verschiedenartigsten Bäume und Sträucher miteinander den stampf ums Dasein führen, wo Rhinozerosse, Königstiger, schwarze Panther und Affen Hausen, von letzteren entdeckten wir einige Silhouetten auf den obersten Baumwipfeln, die Tiere der Wildnis dagegen haben sich jedenfalls erschreckt vor dem pfiff der Eisenbahn in den hintersten Dschungel zurückgezogen. Da in Java keine Nachtzüge laufen, hat die holländische Regierung in der un- gesunden, von Lieber heimgesuchten Niederung von Maos ein Hotel neben der Station errichtet, wo man notgedrungen übernachten Partie vom wafferkastell in DroHrkarta. mutz. Den folgenden Morgen um vier Uhr wird geweckt, und um fünf Uhr sitzt man wieder in der Bahn. Ls war dunkle Nacht, als wir in Maos ankamen. Tausende von Leuchtkäfern flogen um mich herum, setzten sich in meine Kleider, auf meinen Hut und durchleuchteten nachts das Zimmer. Leider waren Moskitos mit eingedrungen, zerstachen mich entsetzlich und verursachten mir, mit der Hitze vereint, eine vollständig schlaflose Rächt. Im Laufe des folgenden Vormittages schon hielten wir unsern Einzug in Djokjakarta oder Djokja, wie es abgekürzt wird. Linst zum mächtigen alten Kaiserreiche Mataram gehörig, ist Djokja jetzt noch Sultanat und sogenannter unabhängiger Staat. Datz Sultan und Land nicht zu unabhängig sich gebärden, dafür sorgt eine sogenannte Lhrengarde von sechzig holländischen Offizieren und das holländische Sort Vreden- burg. Der Sultan bezieht von Holland einen sehr hohen Iahresgehalt, monatlich 40,000 Gulden, und residiert mit 15,000 Menschen, die zu seinem ausschließlichen Hofhält gehören, im Kraton. Dieser bildet, durch eine vier Meter hohe Mauer von der Außenwelt abgeschlossen, einen besonderen Stadtteil. wir hatten uns sofort einen wagen genommen und fuhren durch die hübsche Stadt, welche mit ihren breiten, herrlich beschatteten Alleen, üppigen Gärten und stattlichen weißen Bungalows einen sehr guten Eindruck macht. Ihre Einwohnerzahl beträgt 60,000 Menschen, worunter 4000 Chinesen und 2000 Europäer. Im Kraton waren, außer einigen vornehmen Javanen zu Pferde, keine sultanlichen Herrlichkeiten zu entdecken. Seine Hoheit residiert mit zahlreichen Srauen und Kindern, hinter Toren und Gittern abgesperrt, mitten im Kraton. Jeden zweiten Tag pflegt er aus- zureiten, wobei zehn Zwerge vorangehen, um die Steine aus dem Wege zu räumen, während hinter ihm Träger mit dem großen goldenen Ehrenschirm, einer Zigarrenkiste, pfeife, silbernem Spucknapf, Kris und Schwert folgen. r.-c^ >^W«? ^ssG-S Partie im Wasserkastell bei Dsoksakarta. (S. Z21.) - Im Bereich der Vulkane. Z21 viel romantisch-interessanter, als der Kraton, ist das sogenannte Wasserkastell, eine ehemalige Residenz früherer Herrscher. Schlamm, verfall und wild wucherndes Gropengewächs nehmen die Stelle einstiger Prachtbauten ein. Sultans Schlafgemach hat sich in einen grünbemoosten Teich verwandelt, die einstigen Ziergärten in Ba- nanenselder. Unterirdische Gänge, verfallene Treppen, alles glitschig, feucht und modrig, führen in verfallene, einst reich skulptierte Prachtgemächer. Line fremdartige Romantik spricht aus diesen Ruinen, die in ihrer grünen Umrahmung von Palmen und Lianen einen unbeschreiblichen Reiz ausüben. Über die einstige hohe Kultur und den großen Reichtum des alten Mataram- Reiches geben uns zwei großartige hindostanische Tempelruinen in der Nähe von Djokja Kunde. Line Nachmittagsfahrt brachte uns zum anderthalb Stunden entfernten Brambanan- Tempel. wir fuhren vierspännig, — in Anbetracht der alten, schweren Karossen, die, wie ich glaube, aus Holland herübergebracht worden, kein Luxus. Die armen, kleinen Ponies werden so schon übermäßig angestrengt. Die Javanen sind durchwegs schlechte Kuts cher, und dadurch genötigt, noch einen Jungen mitzunehmen, der jeden Augenblick von seinem Sitz hinten am wagen aufspringt, die Pferde lenkt, antreibt und peitscht. Da der Kutscher auf dem Bock wenig anderes besorgt als letzteres, erhalten die armen Tierchen von beiden Schläge. Ich begreife nicht, daß die Holländer die Lingebornen nicht eines Besseren belehren und energisch gegen eine solche Tierquälerei Einspruch tun. Die Pferde werden durchwegs weit über ihre Kräfte belastet und dabei unmenschlich angetrieben. Man fährt nicht, man fliegt, wir suchten immer, durch Lxtratrinkgeld-Versprechungen Peitschenhieben und unvernünftigem Jagen Einhalt zu tun, doch mußten wir auch so noch genug Tierquälerei mit ansehen. Abgesehen davon, gab's für mich nichts Schöneres, als im wagen durch das herrliche Land zu fahren, und das Leben und Treiben der Menschen viel besser, als von der Eisenbahn aus, kennen zu lernen. Gewöhnlich fuhren wir mitten durch die zahlreichen Ortschaften, die nahe beieinander, meist zu beiden Seiten der breiten, schattigen Landstraße liegen. L. von Rodt, Reise um die TVelt. Markt. 21 Z22 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Häuschen der Lingebornen, richtige Pfahlbauten, ruhen auf vier senkrecht in die Erde eingerammten Bambusstangen. In Meterhöhe etwa werden horizontale Stangen daran befestigt, welche dicht aneinander liegend den Boden des Häuschens bilden. Dieser wird außerdem mit einer geflochtenen Matte bedeckt, zierliche in verschiedenen Sarben und Mustern gezeichnete Matten bilden die Seitenwände, während vorn Türe und Senster eines sind. Bei größeren Hütten ist der Mohnraum durch eine Scheidewand oft in zwei Abteilungen getrennt. Das besonders im preangerlande sehr charakteristische Dach kann am besten mit einem Sattel verglichen werden, der in der Mitte vertieft, vorn und hinten seinen Höhepunkt erreicht. Dieser wird dadurch noch erhöht, daß je zwei auseinanderlaufende Stangen, die Hörnern ähnlich sehen, zugleich Dachgerippe und Schmuck bilden. Zudem sollen sie gegen den bösen Blick der Seinde und das Eindringen unterirdischer Geister von großem Rutzen sein. Die Dächer sind mit Matten, öfter noch mit Atap, der zerfaserten Scheide der Zuckerpalme, bedeckt. Entweder springt das Dach stark vor, oder ein schwach geneigtes, niedrigeres Vordach lehnt sich, mit Bambusstangen gestützt, daran. Es dient als Schutz gegen Sonne und Regen, und über Tag spielt sich das ganze häusliche Leben mit seinen Leiden und Sreuden darunter ab. Kokospalmen, Bambusgebüsch, Durian, Mango, Zuckerrohr, Bananen, hier pisang genannt, wuchern in üppiger Sülle im zierlich durch einen Bambuszaun eingehegten Gärtchen und lassen oft die Hütte in ihrem Grün völlig verschwinden. Java steht nicht in Gefahr, auszusterben. Minder in Hülle und Sülle beleben Häuser und Straßen, hübsch und kräftig gedeihen sie bei Gbst und Reis, bei Luft und Massen Mo ein Büchlein, ein Teich, da plätschern gleich ein Dutzend Buben und Mädchen drin herum. Meider, Strümpfe und Schuhe plagen sie wenig, An- und Ausziehen deshalb auch nicht, und das Geschäft des Trocknens besorgt schnell die Sonne. Schwer arbeiten auch hier die Srauen; in ihrem Sledang tragen sie nicht nur die Linder, sondern auch Lasten jeder Art. Viele beschäftigen sich außer im Haus und Seide auch mit Meben und Sarongfabrikation. ->K.r Dorf im Preanger-Lande. (5. Z22.) UMU ^M8k r-M- EMM 'V^8-^4»i^7k' l., Alte Tempel auf Java. Z2Z Lapitel 21. Alte Tempel suf Java. Brambanan-Tempel. Aamäyana. Kokosmilch. Indigofelder. Weberei und Sarong-Kunsthandwerk. Boro- budur-Tempel. Von Magelang bis Ambarava. Soerakarta. Der Kaiser. Lest im Lraton. Tigerhaus. Tierkämpfe. Bevölkerung. Soerabaya. Botel Simpang. Ein Landsmann. Mine gewaltige Steinmasse hatte sich schon lange vor uns aufgetürmt, ehe wir den Brambanan- oder vielmehr die Bram- banan-Tempel erreichten. Ursprünglich stand hier eine ganze große, von drei Mauern umgebene Tempelgruppe. Inmitten der Ruinen von 157 Grabtempelchen liegt eine große quadratische Terrasse, aus welcher sich acht mächtige Tempel erheben. Je drei stehen in einer Reihe und zwei zwischen ihnen, verschieden in Größe, zeigen sie doch alle dieselbe Sorm. In immer sich verjüngenden Terrassen türmen sie sich auf. Line breite Treppe, die von Terrasse zu Terrasse geht, führt in den obersten Stock, in eine Lämmer, wo ein Götterbild steht. Bei dem größten, besterhaltenen Tempel sind außer der breiten Haupttreppe noch Seitentreppen erhalten, welche in kleinere ebenfalls mit je einer Gottheit geschmückte Zellen führen. Im großen Gemach finden wir einen drei Meter hohen, aus einem Stein geschnittenen ljnva, neben Brahma und vishnu die Hauptgottheit der indischen Religion. Dreiäugig, vierarmig, trägt er eine Lrone mit Totenkopf und Mondsichel. Um Schültern und Oberkörper schlingt sich eine große Schlange. Im Uebengemach steht eine Srau aus einem getöteten Stier, von den Archäologen für Durga, die Gattin TKvas gehalten. Bei den Javanen gilt das schöne Lrzbild für Lora Djonggrang, die Tochter eines sagenhaften javanischen Prinzen. Sie beten zu ihr und bringen ihr Blumen- und Sruchtopfer. In einer dritten Lämmer thront der elesantenköpsige Ganesa, der Sohn ^ivas und Durgas; in der Linken hält er eine Schale, aus der er mit dem Rüssel Speise schöpft. Die Aus dem reichtumbringenden Stier ^ivas. Z24 Reise einer Schweizerin um die Welt. anderen Tempel haben ihre wishnu- und Brahmabilder. von einen: überlebensgroßen, dem <^iva geweihten jtzöckerstier erzählte der Tempelhüter, die Javanen glaubten, daß, wer sich aus ihn setze, reich werde. Alsogleich schwang sich natürlich mein Reisegefährte aus das Ungetüm. Am schönsten sind die Reliefbilder, die, frei aus dem Stein gearbeitet, in langen Sriesen, wie ein großes Bilderbuch die inneren wände und äußeren Äächcn der Tempel schmücken. Sie geben uns die Gestalten der brahmanischen Götter- und tseroenlehre. Bei dem Mitteltempel finden wir noch im Zustande bester Erhaltung einen Teil der RLma-Legende bildlich dargestellt. Die RamLyana, ein indisches Epos, ist uns in drei verschiedenen Fassungen, worunter die bengalische, in sieben Büchern, die bekannteste ist, überliefert. Das Gedicht, in den letzten Jahrhunderten v. Chr. entstanden, schildert uns sowohl das öffentliche Leben des indischen Volkes, als auch die Taten der einzelnen Leroen. insbesondere des Raum, Sohn des Königs Dasaratha von Audh. RLma ist in Wirklichkeit Gott vishnu, welcher unter bald tierischer, bald menschlicher Gestalt, jedesmal, wenn Erschlaffung der Gesetze und Überhandnehmen des Bösen es erfordert, aus die Welt herniedersteigt. Die Reliefbilder des Tempels von Brambanan haben sich offenbar das dritte und vierte Buch der RamLyana zum vorwurf genommen: RLma wandert mit seiner Gemahlin SKL in den Waldgebirgen Indiens umher. Da entführt RLmana, ein schreckliches Ungeheuer, SKL durch die Luft in seinen Palast nach LankL (Ceylon), verzweifelt irrt RLma umher. Es gelingt ihm inzwischen, den vertriebenen Affenkönig wieder auf seinen Thron zu sehen, welcher zum Dank hierfür seine ganze Asfenarmee zur Auffindung der verschwundenen SitL aussendet. Endlich gelangt RLma mit külse des Affen jsanumLn nach Ceylon. Uach furchtbaren Kämpfen siegen Räum und die Affen. SitL wird befreit und das wiedervereinigte paar kehrt auf dem Götterwagen nach Audh zurück, wo RLma sofort zum Könige gekrönt wird. Gott Indra ruft die im Kampfe getöteten Affen ins Leben zurück und verleiht zudem HanumLn ewige Jugend. Man schätzt das Alter des Brambanantempels auf 1100 Jahre, von den Archäologen wird die ganze Anlage als Totenstadt betrachtet und die einzelnen Tempelbauten für Grabstätten der Sürsten des alten hindostanischen Kaiserreiches Mataram. Unter den Gußstücken der Götterbilder waren tiefe Steinbehälter vorhanden, in denen sich Urnen mit verkohlten menschlichen Gebeinen fanden. Mit regem Interesse war ich der sachlichen, ausführlichen Erklärung des Tempelaufsehers, eines ältlichen Deutschen, gefolgt und stundenlang mit ihm in den Trüm- Ganefa, der elefaiitenköpstgc Gott. »A' .MHW- .^- - ,r»L7 MMM? s/A.' ^ ^ MAG » -<«.! >- Doro-budur-Tempel: Die Buddha-Bildnisse. (5. Z29.) Alte Tempel auf Java. IAA Köpfe, die mich mit verglasten Augen anstarrten, dazugehörige halb gefressene Leiber, das war, was ich zunächst sah und roch. Ich wandte mich um. An den wänden des Hofes standen wohl zehn kleine Käfige mit jungen Tigern, und darüber aufgehängt baumelten ein Dutzend toter, teilweise halb verwester Hunde. Ich hatte genug gesehen — in gestrecktem Lause suchte ich das weite. Bei Festlichkeiten werden diese Tiger zu dämpfen mit Menschen und wilden Büffeln verwandt. Ob die Holländer in letzter Zeit gegen diese rohe Litte ernstlich eingeschritten, oder die Tiger von ihrer widernatürlichen Hundekost allzu kraftlos geworden, ich weiß es nicht. Jedenfalls hat in den allerletzten Jahren kein „Rompokk" mehr stattgefunden. Bei dem Lampf zwischen Tiger und Larbau, dem wilden Bruder des gutmütigen Arbeitsbüsfels, gilt dieser als Symbol des javanischen Volkes, der geschmeidige, gewandte Tiger als das Sinnbild des „Grang blanda", des Europäers. Unter keinen Umständen darf daher der Tiger als Sieger aus dem dampfe hervorgehen. Das andere noch grausamere Spiel entwickelt sich zwischen Tiger und acht schwerbewaffneten Javanern. Das Tier wird durch die grausamsten Mittel, wie Anzünden seines Käfigs u. s. w., so lange gereizt, bis es sich auf den Seind stürzt und sich an den entgegengehaltenen Lanzen meist nach langem dampfe aufspießt. Auch außerhalb den weißen Mauern des Lraton weht Hofluft im netten Soerakarta-Städtchen. Edelleute mit schön gemusterten Sarongs, Lris, kurzem gutsitzendem Alpaka-Jackett wandeln unter goldbunten Sonnenschirmen durch die Straßen. Mehrere Diener folgen ihnen mit silbernem Spucknapf und mit Betel gefülltem tasten aus dem Süße nach. Betel, ein aus den Blättern des Betel-Pfeffers, der Arekanuß und gebranntem Lalk bestehendes Daumittel, wird im ostindischen Archipel und Südasien wohl von hundert Millionen Menschen gebraucht. Das Betelkauen scheint ein sehr alter Brauch zu sein und spielt eine große Rolle. Lein Geschäft, keine feierliche Handlung wird ohne Betel vorgenommen. Er färbt Lippen und Zahnfleisch braunrot, die Zähne schwarz. Die Srauen, schöne schlanke Gestalten, wiegen sich graziös beim Gehen, ihr Oberkörper ist bloß. der Sarong, welcher oft bis unter die Arme genommen wird, blau. Gegen die Sonnenstrahlen wird das Antlitz der Linder mit einer dichten Wachsschicht bestrichen. Oft nur mit Halsband und Armspange bekleidet, tragen sie zuweilen ein ganz stattliches Bäuchlein zur Schau. Man hat hier Gelegenheit, zwischen unserem „Lartosfelbauch" und dem javanischen „Reisbauch" parallelen zu ziehen. Üm Dotelgarten von Soerakarta. SS ZZ4 Reise einer Schweizerin um die Welt. Zu einer großen Leichenfeierlichkeit am Bahnhöfe kamen wir durch die Dummheit unseres „Mandur" leider zu spät. Die Leiche war schon in einem weißen Waggon untergebracht, der Zug im Begriff, abzufahren. Ein munterer Marsch wurde ihm nachgeblasen; das Volk wälzte sich im Staube vor den anwesenden Edelleuten, die unmittelbar darauf mit ihren Lhrenschirmen, Beteldosen und Spucknäpfen in geschlossene Wagen stiegen. Wir hatten nur schnell Gelegenheit, einige Musikanten und Soldaten des Kaisers photographisch zu verewigen. Letztere tragen dunkle europäische Uniform, erstere einen schlafrockähnlichen sehr bunten Rock. Gemeinsam ist beiden eine schwere, schirmlose, blumentopfartige Kopfbedeckung, die häßlich von dem hier üblichen bräunlich blau gemusterten, kunstvoll geknoteten Kopftuch absticht. von der Hotelveranda konnten wir, behaglich im langen Rohrstuhl ausgestreckt, das bunte Leben und Treiben aus der breiten, schön beschatteten Straße überblicken. Bis in die Nacht nimmt das Laufen, bahren und Reiten kein Ende. Nach eingetretener Dämmerung dürfen sich die Lingebornen laut Vorschrift nur noch mit einen: Licht aus der Straße zeigen, und phantastisch mittelalterlich nehmen sich diese wandelnden backeln im pflanzengrün aus. Unsere nächste Station Soerabaya war eigentlich eine notgedrungene. Von allen Seiten hatte man uns gewarnt, dorthin zu gehen, man sprach von vierhundert Lholera- Todessällen im Tage, aber unser beiderseitiger Kassenetat stand auf Null. Zudem lagen die Züge und die Stunden, wo die Bank geöffnet, so, daß wir wenigstens einen Nachmittag, die Nacht und den folgenden vormittag, bleiben mußten. Im tief im Grünen gelegenen Hotel Simpang fanden wir gute Unterkunft. Mein kleines Reisehandbuch hat bei diesem Gasthof angemerkt „immer überfüllt". Seht war er leer, trostlos leer! Der Besitzer oder Gerant kümmert sich selber um die Gäste und führt eine bessere Küche —- er war branzose oder Belgier — als gewöhnlich in Java. Die Zimmer sind nett und komfortabel. Ein mächtiges, ganz neues, seines Stück Seife auf den: Waschtisch nahm mich vollends für dieses treffliche Hotel ein, und auch mein Reisegefährte war seiner Seife wegen des Lobes voll. Am folgenden Morgen stand freilich auf jeder Rechnung ein nur anfangs unverständlicher Posten: Ssn stukk ?eop, een Oulclen sein Stück Seife ein Gulden)! Dn Amerika und in: ganzen „wilden" Gsten findet man in jeden: Gasthofe, jedem Schiff Seife zum unentgeltlichen Gebrauch vor, eine Annehmlichkeit, welche die schweizerischen Gasthöse ihren Gästen auch leisten könnten. Aus meiner ganzen Reise von Paris nach Ueapel via Amerika, Japan, Ehina u. s. w. war jenes Stück Seife in Soerabapa das einzige, M-b--«»-, ^ kEl-" „nchk. ^ i , Alte Tempel auf Java. Wie Batavia im Westen, ist Soe- rabaya im Osten die bedeutendste Handelsstadt, ja über- trifft an Einwohnerzahl ftZ0,000 Menschen), an regem Geschäftsleben und Güte des Hafens Batavia um ein beträchtliches. Wir nahmen uns einen Wagen und fuhren zuerst durch breite, mit Herrleen, nach dem Villenviertel, wo weiße Bungalows lauschig hinter mächtigen Palmwedeln und riesigen Bananenbüschen sich verborgen halten. Auch unten, dem Äusz entlang, sind schöne Villen, beneidenswerte Heimstätten, von ununterbrochenem Sommer beglückt. Näher an der Reede, wo Fahrzeuge vieler Nationen und aller Art liegen, stehen große Lagerhäuser und großartige Marinewerkstätten in holländischer Bauart. Als wir abends im leeren Speisesaal beim Diner saßen, kam ein junger, blonder Mann und setzte sich an unseren Tisch. Wir sprachen einige englische Worte mit ihm und verabschiedeten uns. Einen Augenblick später kam der junge Herr aus mich zu: „Sie sind ja meine Landsmännin!" „Und Sie", rief ich erfreut, ihn erkennend, „sind der Sohn einer lieben, srühverstorbenen Schulkameradin und der Enkel meines alten, jetzt auch nicht mehr lebenden, verehrten Sreundes ps. R.!" Da wir in Batavia der Cholera wegen aus deir Besuch von Soerabapa verzichteten, hatte ich die Adresse des jungen M. dort zurückgelassen. Nun sollte ein freundlicher Zufall mich an dem ersten und einzigen Abend, den ich in Soerabapa verbrachte, gerade den Landsmann treffen lassen, und es mir ermöglichen, ihm die Grüße der Seinen zu übermitteln, wir verbrachten einige vergnügte Stunden zusammen, und spät erst gelangte ich zur Ruhe. Zn Anbetracht der Moskitos und der Hitze, die mich zu keinem ruhigen Schlafe kommen ließen, war die Nacht noch lang genug. Den folgenden vormittag konnten wir endlich unsere Bankgeschäfte abwickeln. Dann besuchte ich noch Herrn M. auf dem Schauplatz seiner Tätigkeit im „Kantoor" und war angenehm berührt von der Überzeugung, daß mein junger Landsmann in einer geachteten Stellung sich befindet und glücklich, zufrieden und gesund in den fernen Tropen weilt. Reise einer Schweizerin um die Welt. ZZ6 6apitel 22. Javanische Sommerfrischen. Im Marinehotel in paieeroean. Bansoe Biroe. Affen. Raffeepflanzungen. Toiari. Auf dem Broms. Sandsee. Sindanglaya. Ausflug nach Tfibodas. Urwald. Schmarotzerpflanzen. Lianen. Ga oder Gibbon-Affe. Blumen, waffcrfall von Tfiburrum. Rückfahrt nach Singapur. Mein chinesischer Boy. Ausflug nach Jobore. Palast des Sultans. Moschee. Tiger. Einschiffung nach Bangkok. um uns unserer ! Vulkan Der ,,T' länder und ha Wen 7. Dezember mittags verließen wir Soerabapa, um uns dein südöstlichen Teil unserer Reise durch Java, dem Vulkan Broms zu nähern. Der „Trein", wie der Hol- länder sagt, war übervoll, und halb geröstet erreichten wir nachmittags vier Uhr pasoeroean, unser erstes Nachtquartier. Alles schien aus- gestorben im INarinehotel, man hätte das ganze Laus wegtragen können. Endlich Bauernwagen, „Erowbak" genannt, bei Pasoeroan. stolperte ich im künstlich verdunkelten vorsaale über einen sackähnlichen Ballen, der zu meinem Erstaunen lebendig wurde, sich öffnete und einen entrüsteten walaien gebar. Andere ähnliche Pakete lagen überall zerstreut umher. „lvo ist der Hotelbesitzer?" „Lr schläft." „So geh' und weck' ihn aus!" Entsetzt starrte uns der inzwischen erwachte Mandur an, eine solche Rücksichtslosigkeit auf die Ruhe seines Herrn war ihm jedenfalls noch nicht vorgekommen! wir bekamen auch wirklich Uichnheer nicht zu sehen, da er später, als wir wieder nach ihm fragten, aß. Nur eine Sata Ulorgana von Ulevrouw im zwanglosesten Uegligä glitt während des Diner an uns vorbei; das Haus war der malaiischen Dienerschaft vollständig überlassen. Die zwei hellen Nachmittagsstunden wollten wir gerne noch ausnützen. Im schnellsten Tempo flogen zwei feurige Pferde mit uns Danjoe Biroe zu, wo ein durchsichtig blauer Teich und eine große Kolonie halb zahmer Assen viel besucht werden. Auch hier ist die breite, schöne Landstraße mit herrlichen, seingefiederten Tamarinden und gelb blühenden Akazien beschattet, die sich weiter gegen Banjoe zu javanische Sommerfrischen. sEK LL'' Broms. in riesigen Banrbuswald verwandeln. Auf beiden Leiten sich nach innen neigend, bildet er ein undurchdringliches Laubdach. vor den Lütten der Dampongs lagen Srüchte aller Art unter geflochtenen Schirmen zum Verkauf aufgestellt. Lange, aus zierlichem Llechtwerk zusammengesetzte lvagen, in die man hinten durch ein Türchen gelangt, waren mir eine neue Erscheinung. Daß es an Mindern und Lühnern nicht fehlte, die wie durch ein lvunder von den Rädern unseres lvagens verschont blieben, daran waren wir gewohnt. Noch erlaubte uns die Tageshelle, den im Schatten hoher Maringen-Bäume liegenden Banjoe Biroe-Teich, das „blaue Wasser", wie dieser Name verdeutscht heißt, zu sehen und uns an den unzähligen Affen zu erfreuen, welche auf Mauern und Badehaus hockten, im Ivege herumhüpften oder uns von oben herab mit allerlei Delikatessen bombardierten. Niedlich waren die Assenmütter, die, ihre kleinsten sorglich an sich gedrückt, bei unserer Ankunft schleunigst das lveite suchten oder, von älterer Nachkommenschaft begleitet, sich behende von Ast zu Ast schwangen. Schade, daß die Nacht so bald hereinbrach. Ganz finster worunter dem flüsternden Bambus, als wir zurückfuhren, nur große Leuchtkäfer umringten uns gleich Fackelträgern und brachten einen Lichtschein ins Dunkel. Dn der Lerne grollte der Donner, und grelle Blitze zuckten aus einer schweren, zerrissenen lvolke. Bei strömendem Regen erreichten wir das Marinehotel. Die ganze Nacht rauschte das lvasser vom Limmel herunter, ohne die furchtbare Schwüle zu mildern oder die Zahl der Moskitos zu vermindern, die auch diese Nacht wiederum zu einer schlaflosen machten. Sn der Morgendämmerung stand der Magen bereit, welcher uns anfangs den Meg nach Banjoe Biroe führte, dann bog er gen Süden ab dem finsteren Tengger- Gebirge zu. Nach anderthalb Stunden waren wir in Paserpan, am Süße des Berges, wo ein neues poniMspann unser wartete. Mühsam ging's auf steinigem Wege im Schritt nach dem 6Z0 Meter über Meer gelegenen Puespo. Srische Luft und herrliche Ausblicke versüßten die sonst unangenehme Straße. Smmer häufiger wurden L. von Rodt, Reise um die Ivelr. 22 ZZ8 Reise einer Schweizerin um die Welt. die äkasfeepflanzungen, gedeiht der Kaffee doch am besten in einer Köhe von Z70 bis 9S0 Meter. Da Javabassee einen Weltruhm genießt, möchte ich einen Augenblick über diesen Baum und seine Cultur sprechen. Leider sieht es damit in den letzten Jahren nicht rosig aus, und scheinen auch zunächst, solange man dem Rostpilz nicht Meister werden bann, die Aussichten sich nicht zu verbessern. Da der Liberia-Kaffeebaum widerstandsfähiger und gegen den Rostpilz unempfindlicher ist, pflanzt man ihn jetzt häufiger als den feineren arabischen. Er wächst viel höher, läßt sich nicht beschneiden, und die Bohnen müssen mittelst leichter Bambusleitern gepflückt werden. Die Bäume beider Sorten werden aus Samen gezogen und als 60 Zentimeter hohe Setzlinge in gleichen Abständen gepflanzt. Um ihnen Schutz gegen Sonnenbrand und wind zu geben, werden zwischen den Reihen Erpthrinabäume gepflanzt, die einen leichten Halbschatten über die Kasfeepslanzen ausbreiten, von einem gesunden Baume erwartet man im dritten oder vierten Jahre die erste Ernte. Je älter der Baum, um so besser die Srüchte, jedoch trägt er nur bis zum zwanzigsten Jahr. Gleich der ä^abaopflanze blüht der Liberia-Kasfeebaum das ganze Jahr hindurch, während bei der arabischen Sorte zwischen der letzten Blüte und der Erntereife eine pause eintritt. Aus den schönen, großen, weißen Blumen kommen erst grüne, dann rote, zuletzt violette Srüchte hervor. Mährend in Arabien die Srüchte ganz reif auf Decken herabgeschüttelt werden, pflücken hier die Arbeiter die noch roten Beeren mit der Kand ab. Das Losschälen der Bohnen geschieht entweder, indem man sie aus einen Kaufen zusammenschüttet und liegen läßt, bis die Sruchtschalen aufspringen, oder indem man die vom Srucht- fleisch befreiten Samen im Wasser aufquellt, um sie dann besser ausquetschen zu können. In Puespo warteten Tandus und äMlis zum Ausstieg nach Tosari. Ich war so ermüdet von den Strapazen der letzten Tage und Wochen — die frische Lust mochte auch dazu beitragen — daß ich die drei ersten Stunden sozusagen verschlief, wie im Traume ließ ich mich durch herrlichen Wald tragen, und als ich endlich zum Bewußtsein erwachte, fand ich mich aus vielfach zerklüftetem Bergrücken und, wie mir schien, direkt auf dem Wege zu den Wolken empor. Die letzte Stunde teilweise auf schlüpfrigem Treppenwege war mühsam und lang. Tosari, ein vielbesuchtes Sanatorium für fieberkranke Europäer, liegt 1777 Meter über Meer und hat eine Durchschnittstemperatur von zwölf bis zwanzig Grad Celsius, wir trafen vierzehn Grad Celsius und froren nicht wenig, katte ich die letzten Nächte wegen allzu großer Kitze nicht schlafen können, so sollte mich diese Nacht die Nälte nicht zur Ruhe kommen lassen, wollener Decke und Plaid ungeachtet, fror ich aufs ungemütlichste. Das windumsauste kaus hat eine wunderbare Aussicht, vor uns liegt die Meerenge von Madura mit der Insel gleichen Namens, unter uns schimmern in silbernen Reflexen Sischweiher und unter Wasser gesetzte Reisfelder, links erhebt sich anscheinend eine ganze Vulkanreihe, in Wirklichkeit nur drei Berge, der fünsgipflige Ardjoeno, der dreigipflige ästawi und der zuckerstockähnliche penonqgoengan. Daß diese Vulkane längst erloschen und dereinst von einem hochkultivierten Volke bewohnt waren, davon sollen zahlreiche Tempelruinen, Buddha-, ^iva- und Vishnu-Bilder Zeugnis ablegen. Dorf Tosari. (5. ZZS.) MM Z40 Reise einer Schweizerin um die Welt. Ein lieblich-farbenprächtiges Bild bietet der Garten des Kurhauses mit seiner Sülle „europäischer" Blumen. Kornblumen, Epklamen, Suchsien, Heliotrop und Rosen gedeihen in diesem kühlen Llima vortrefflich. Das aus rohen Brettern zusammengezimmerte Haus soll an norwegischen Baustil erinnern. Echt tropisch dagegen sind die aus Holzrahmen und Bambusgeslecht gearbeiteten IDände der Zimmer. Ans Gasthaus stößt ein Dorf, an Bauart und Menschentppen vom übrigen Java verschieden. Plumper, derber als die anderen Javanen, verschmähen es diese freien Linder der Berge, vor den Europäern zu Kriechen und zu knien. Auch ihre Religion ist eine andere. Als der Mohammedanismus mit Seuer und Schwert aus Java gepredigt wurde, flüchteten sie sich in das damals psadlose Tengger-Gebirge, siedelten sich an und nahmen ihren halb heidnischen, halb brahmanischen Glauben mit und sind ihm bis heutigestags treu geblieben. Unser Allfstieg nach dem Broms, dem größten noch tätigen Seuerberg Javas, war leider mit viel Uebel und Regen verbunden. Während des zweistündigen Rittes zum Moengel-Paß umhüllte uns ein dichter, feuchter wolkenschleier, der sich erst lüftete, als wir, von den Pferden gestiegen, einen steilen Pfad hinausklommen. Da öffnete sich zu unseren Süßen ein Bild, so fremdartig grauenhaft, so frostig tot, als läge ein Hauch ewiger Verdammnis darüber. Der große graue See, aus dem vier vulkanische Inseln emporsteigen, füllt eine kreisrunde Stäche von acht Lilometern aus. Aber — optische Täuschung — nicht Wasser, sondern Lava-Asche liegt vor uns, kein See, sondern der ungeheure Krater eines nicht weniger ungeheuern Vulkans, des Tengger. Als er seine Tätigkeit verlor, bildeten sich vier neue tätige Vulkane aus ihm heraus: der widodaren, der Giri, der Broms und der Batuk. Stolz isoliert, mit schön abgeflachtem Legel, erhebt sich Berg Batuk. wenn ich nicht im Begriffe stände, ihn einem Riesen-Pudding oder einem Bierbrote zu vergleichen, würde ich ihn als eine ideale Erscheinung bezeichnen. Hinter dem gewaltigen Tengger-Lrater steigt der höchste Seuerberg Javas, der Zß71 Meter hohe Semeroe, empor, dessen rauchumwehtes Haupt nur einen kurzen Augenblick aus der schweren Wolkenwand hervorbrach. Stille? Um uns her, auf der unendlichen Lavafläche drunten im Krater, ja! Doch vom Broms her klang ein dumpfes Brausen, ein Hämmern und pochen, ein Schnauben und Dröhnen! Einmal im Jahre, im Mai, belebt sich der Desar- oder Sandsee mit Hunderten von Menschen. Dann schreiten die Männer von Tosari und den umliegenden Dörfern drüber hinweg zum Broms. Priester, in buntscheckigen, mit kabbalistischen Zeichen bestickten Gewändern, steigen am Lraterrande empor und werfen Gpfer hinunter in seinen gähnenden Schlund für ihren Gott Dewa Soenan Hoe. Mühsam war für Mensch und Tier der Abstieg hinunter auf die Släche des Sandsees. Ein halbstündiger Ritt brachte uns an den Suß des Broms, dessen Ausstieg mir dagegen wenig beschwerlich vorkam. In phantastisch geformten Wellen und Riemen liegt die erstarrte Vulkanmasse übereinander getürmt, bald Kaskaden, bald plumpe Luppen bildend, die Schöpfung einer finsteren Dämonenmacht! Von oben schauten wir hinein in den engen, rauchenden Schlund, dessen steile wände stellenweise Javanische 5ommcrfrischen. Z41 Sandsee mit Vulkanen. AM UK.'r «K >4 ^ ... ein zartes Gelbgrün zeigten, als ob der Schwefel sich daran gefalle,! hätte, die lichten Sarben einer Srühlingswiese an diese Stätte des Grauens zu rnalen. Ganz in der Tiefe, beinahe verborgen unter einen: schwarz überhängenden Seifen, gähnt ein feuriger Nessel. Sausend, zischend, heulend hob sich plötzlich eine riesige Slammen- garbe aus dem Krater empor, um wie ein Traum hoch über uns zu verschwinden in einer weißen Dampswolke. wie grausig-schön! „Ja, die Natur ist immer schön, ob sie lächelt oder im Zorn droht, ob sie vernichtet oder werden läßt." Unter diesem Eindruck schieden wir vom Broms. Zwei strapazennreiche Reisetage brachten uns über passoeroean zurück nach Maos, aus der Kälte der Tengger-Berge ganz unvermittelt in die Tropenglut der vom Lieber heimgesuchten Sumpsniederungen. Der dritte Tag sah uns wieder in West-Java, doch verließen wir vor Buitenzorg die breite Heerstraße der Eisenbahnlinie. In Tjiandjur setzten wir uns in einen Oos-ü-Oos, und nochmals ging's den Bergen zu. Sindanglaja hieß unsere Station, ein großes, etwas verfallenes Kurhaus mit vielen Nebengebäuden. Auch hier spielte der INandur die Rolle des Besitzers, welcher sich überhaupt nicht sehen ließ. Sindanglaja ist ein Höhenkurort für kranke Europäer, eine Erholungsstation in frischer Luft und herrlicher Gegend. Der Grt liegt etwa 1100 Nieter hoch. Im Hause waren wir nahezu die einzigen Gäste. Die große Stille nach dem rastlosen Hin- und Herjagen der letzten Wochen berührte mich unendlich wohltuend, und ich erinnere mich lebhaft des Wonnegefühles, das ich abends in meinem Rohrstuhl auf der Veranda behaglich hingestreckt empfand. Nicht einmal lesen war möglich, dazu brannten einige spärliche Petrollampen allzu lebensmüde, und in dem Schlafzimmer flackerte als einzige Beleuchtung ein mit Kokosöl gefülltes Nachtlichtchen. Keine Möglichkeit, sich zum Diner in Toilette zu stürzen, gottlob! Unhörbar schlich nur zuweilen ein malaiischer Diener in: bunten Kopftuch und noch bunteren Sarong an 342 Rcije einer Schweizerin um die Welt. mir vorbei, oder eine riesige fledermaus schwirrte über meinem Haupte. Betäubend dufteten die Rosen, und eine weiße, lilienartige Blume aus dem verwilderten parke sandte uns ihre narkotischen Grüße. Ein Gang durch den Garten hatte mir Rosen in ungeahnter Sülle und Schönheit gezeigt, die unbeachtet, ungepflückt entblätterten. Halb im Schlafe schaute ich den kleinen Tjitjaks zu, die geschäftig an den weißen Zimmer- und Verandawänden der Moskito-Jagd oblagen. Entging ihnen ihre Beute, so pflegten sie, einen schrillen, empörten Ton von sich zu geben. Ich habe mich sehr schnell an die Zimmergenossenschaft der harmlosen Tjitjaks gewöhnt. Im übrigen sah ich viel weniger Kriechendes und fliegendes in Java, als ich * Bananenzwcig. erwartete. Schlangen habe ich niemals im Bett, noch Skorpionen unter den: Kopfkissen oder in den Pantoffeln gesunden, wie ich in einigen Reisebeschreibungen vorher gelesen hatte. Es gibt Tage im Leben und auf Reisen, um die sich gleichsam ein roter Glücks- saden schlingt. Tage, die in der Erinnerung auch lange Jahre später noch in leuchtenden färben fortleben. Solch ein Tag sollte der 12. Dezember 1901 für mich werden. In aller frühe brachen wir mit Reitpferd und Tandu nach den: Berggarten Tjibodas, einer filiale des Buitenzorger botanischen Gartens, auf, wo manches gedeiht, was in der heißen Ebene nicht fortkommt. Der weg führte nicht allzu steil auswärts, munter trabten meine vier kräftigen, braunen Malaien, denen ich durch" häufiges Gehen die Aufgabe sehr erleichterte, und gemächlich ritt mein Gefährte hinterdrein. Lei Siiidanglaya. (S. Z 42 .) Javanische Sommerfrischen. Einige frisch gepflückte große Bananen und ein meterlanges Bonbon, d. h. ein Zuckerrohrstengel, den ein Kuli auf dem Leide schnitt, versüßten uns den weg. Ein wonniger Sommertag war's, obschon wir obiges Datum schrieben. Die purpurene Rauchfahne des Vulkans Gedeh, dessen Abhangwir erklommen, erschien als die einzige lvolke am Himmel, wendeten wir uns nach rückwärts, so schwamm einer Lata Morgana gleich die bizarr gezackte Kette der Krawang- und Koedjong-Berge blau in blauer Luft, und um uns her war die Natur in das blühende Grün des Lrühlings getaucht. Räch anderthalb Stunden überschritten wir den tiefen Einschnitt des Tjibodas, malaiisch für Weißenbach, und betraten damit das Bereich des Berggartens, welches 31 Hektaren umfaßt und 1426 Dieter über Meer liegt. Ein mit herrlichen, hohen Koniferen beschatteter weg führt in diesen großartigen Naturpark, in dessen hügligem Rasen schöne Baumgruppen stehen. Dunkle Araukarien und Zedern wechseln mit wundervollen Baumfarnen ab, deren zartgrüne Wedel leise im frischen Bergwinde wehen. Den Hintergrund des schönen Bildes schließt der Zwillingsgipfel des Gedeh, der 22ZZ Nieter hohe pangerango, ab. Ganz merkwürdig struppig sehen neben dem hübschen Stationshause drei sogenannte australische Grasbäume (Xuntkorrkoeu uustrulis) aus, die astlos aus dickem Stamme einen grünen Riesenschops hervor- schießen lassen. Und nun hinein in den Urwald, der unmittelbar hinter Tjibodas ansängt, und wo bis auf wenige Pfade alles unbeschnitten und uneingedämmt wachsen darf, wie's eben will. So wenig eine Malerei und noch viel weniger eine Photographie, mag sie auch die beste sein, annährend dem Zauber des Urwaldes gerecht wird, so wenig kann meine Leder ein schönes und gutes Bild von den Wundern des Tjibodas-Waldes entwerfen. Ich muß mich beschränken, stückweise einige Bestandteile des Ganzen zu schildern, das ist alles. Ein zuerst ziemlich bequemer, dann ganz verwilderter Pfad führte uns immer tiefer in ein Baum- und Lianengewirr, das in bunter Mannigfaltigkeit jede Lücke, jeden kleinsten Raum ausfüllt. Gft haben sich fünf bis sechs Lamilien auf einem einzigen Z4Z üm Lerggarten von Tjibodas. S88 Z44 Reise einer Schweizerin um die Welt. wakiersall im Urwaldc. Baume angesiedelt. Parasiten (Schmarotzer) und Lpi- phpten nennen die Botaniker diese pflanzen, welche nicht nur ihre Wohnung, sondern auch oft ihre Nahrung aus anderen Gewächsen suchen, indem sie sich an Rinden, wurzeln und sogar auf der Oberfläche von Blättern ansiedeln, seltsam auffallend ist der sogenannte Vogelnestfarn (^.s- plenium niclus uvich, welcher einen tiefen 4ielch bildet, aus dem sich bis zwei Nieter lange schmale Blätter nach außen biegen. Aber nicht Vogel Hausen in diesen Nestern, sondern Spinnen und rosige Regenwürmer, von denen einer in ungeahnter und ungeheuerlicher Größe (dreißig Lentimeter) zu meinen Süßen niederfiel. Gerne setzen sich die Vogelnestfarne an den Lianen fest, die sich in schönen Girlanden oft von Baun: zu Baum schlingen. Ihre holzigen, schiffstauähnlich gewundenen, oft bis in die Löhe von mehreren Nietern blatt- und blütenlosen Stämme erreichen zuweilen die fabelhafte Länge von hundert Nietern. Nianche Lianenart, wie z. B. die wilde Waldrebe, besitzt dieselbe Eigenschaft wie der „Baum der Reisenden". Ihre Röhren sind mit reinem, trinkbarem Wasser angefüllt. löte und da sperrte ein mit Nioos und Sarnen bewachsener Waldriese uns den weg, manchmal auch führten tau- und regenglatte Stämme über den wild dahin- brausenden Bach, der zeitweise unser Begleiter war. Um die wette mit ihm rauschte der wind durch die hohen Wipfel. Unsichtbare vögel ließen ihr Lied erklingen, und hie und da zog's klagend: „Oa, Oa" durch den Wald. plötzlich deutete ein 4Alli mit dem Rufe Ga auf einen grauen Assen, der nicht zu klettern, sondern von Ast zu Ast zu fliegen schien. Die Gibbon-Affen — ich entnehme folgendes dein trefflichen Buch Ernst tsaeckels, „Insulinde" — gehören neben dein Grang-Utan (malaiisch für Waldmensch) zu den Alleinvertretern der asiatischen Menschenaffen. Bekanntlich sind der Schimpanse und der Gorilla unsere „afrikanischen" Vettern. Unter allen lebenden Wirbeltieren der Gegenwart stehen obgenannte vier Affenarten in ihrer gesamten Organisation dein Uienschen am nächsten. Der Gibbon-Affe (Klzllobuies leuciscus), von den Eingebornen nach seinein TMurrum-lvaKerfall. (S. Z4Z.) javanische Sommerfrischen. Z4s Ruflaute Oa genannt. ist ausschließlich auf Java zu kaufe. Aufrecht stehend mißt er kaum einen Utetcr; schwanzlos, von hellgrauer Sarbe, das kleine Besicht schwarz und von einem weißen Barte eingerahmt, kommt er an Statur einem sechsjährigen Linde gleich, kaeckel erinnert sein Aussehen an einen bankerotten, von schweren Sorgen geplagten Bankdirektor, der mit gerunzelter Stirn über die Solgen eines großen braches nachdenkt. Die meisten Malaien betrachten Gibbon und Orang-Utan nicht als gewöhnliche Tiere gleich den übrigen Affen. Die einen halten sie für verzauberte Menschen, die sich einst im Walde verirrten, die anderen für Missetäter, die zur Strafe ihrer verbrechen in Affen verwandelt worden sind, noch andere für in der Seelenwanderung begriffene Menschen, folgende naive Geschichte wird im Volke geglaubt: „Zwei kleine Geschwister, Bruder und Schwester, gingen einst mit ihrer Tante Oa im Walde spazieren. Eifrig suchten sie Srüchte und verloren dabei ihre verwandte, verzweifelt riefen sie ihren Uamen und suchten sie vergeblich tage- und nächtelang, vom Kunger geplagt, kletterten sie aus die Bäume, wie sie es von den Affen sahen, und fristeten ihr Leben mit Srüchten. Allmählich verwilderten die beiden Linder so sehr, daß sie das Sprechen und ihre menschlichen Angewöhnungen völlig vergaßen und ganz zu Affen wurden, die sich nur noch des Uamens ihrer Tante Ga erinnerten, welchen sie häufig durch den stillen Wald erschallen ließen. Als die Linder erwachsen waren, verheirateten sie sich und wurden die Stammeltern der Ga-Affen." Blumen gab es nicht viele im Urwald, nur hie und da schimmerte eine seltene Orchidee oder die Alpenrose Javas, das seurigrote Ukoäoäenclron retusum, hoch oben in den Lronen der Bäume. Das pflanzenchaos war allmählich so dicht geworden, daß ich meinen Tandu, mein Gefährte sein Pferd verlassen mußte, um uns zu Suß durch Ingwer-Büsche, riesige, hellgrüne Elettarien-Blätter und Bambus zu winden. Oft wateten wir im Wasser, und bald fühlte ich mich bis über dieLnie durchnäßt. Immer näh erklang das Rauschen. Durch die Bäume hatte ich einen Wasserfall schimmern sehen. Einen Augenblick später standen wir in einem engen Talkessel, den dunkle, senkrechte, hohe Selswände einschließen. Ein Schrei Lotet in Iohore. vorn „Bäume der Reisenden' 346 Reise einer Schweizerin um die Welt. der Bewunderung tönte gleichzeitig von unseren Lippen! Gleich Lawinen, die sich unten in feinen Staub auflösen, sausen aus einer köhe von 130 Meter drei prächtige Lalle von den moos- und sarnbewachsenen Lelsen hinunter. Wie Schleier umweht uns ihr Gischt, und Tausende von Regenbogen spielen in den hellbeleuchteten Wasserstrahlen, kier wohl ist die schönste, stimmungsvollste Stätte des javanischen Urwaldes. Wie ein voller, schöner Akkord schloß dieser Ausflug die drei reichen, wohl- ausgefüllten Wochen aus dem smaragdgrünen Liland von Java ab. Wie Waldestraum lag es noch in meinem Kerzen, als wir am folgenden Tag aus schöner Bergstraße zu Wagen Buitenzorg, dann Batavia zueilten. Uach glücklicher, zweitägiger Meeresfahrt waren wir wieder in Singapur eingetroffen und bereiteten uns zu neuen Taten vor. In Raffles-Kotel begrüßte ich nach seinen malaiischen Kollegen mit Enthusiasmus meinen trefflichen, chinesischen Zimmer- bop. Einen gelinden verweis mußte ich ihm freilich schon folgenden Tages angedeihen lassen, als er mir sehr zur Unzeit und unangeklopft ins Zimmer drang. Die Antwort lautete zwar amüsant, wenn auch nicht gerade beruhigend: «Lle lookio tirst kezckols, betöre come in.» (Ich gucke immer erst durchs Schlüsselloch, bevor ich eintrete.) Ich lachte so sehr, daß eine Drohung von Dumboo cbo^v-cbov, eigentlich Bambus essen, in Wirklichkeit Prügel bekommen, welche die Lhinesenbops sehr fürchten, ganz vergeblich gewesen wäre. Der Ausflug nach dem Sultanat Johore oder Dschohor füllte den nächsten Tag aufs angenehmste aus. Die schöne Lahrstraße, die besonders, auch mit Java verglichen, reiche und üppige Vegetation, welche namentlich im Gegensatz zu der tiefroten Erde reizvoll erscheint, die kleinen Dörfer und vielen Menschen aller Rassen gestalten die zweistündige Lahrt zu einer sehr schönen. Im Gegensatz zu den kleinen Javanen entzückten mich aufs neue die schon erwähnten Ming-Malaien. Malerisch drapierte rot und weiße Hops- und Lendentücher, nebst einem Goldknöpfchen am rechten Nasenflügel und einigen Ringen an der Mittelzehe beider Süße, bilden die einzige Bekleidung. Auf hohen, mit höckrigen Zebu bespannten Wagen fahren sie einher oder schreiten groß und schlank mit wirklich königlichem Anstand durch die Straße. Am Nordende der Insel Singapur endigte unsere Lahrt. Durch einen schmalen Meeresarm getrennt, liegt das Lestland von Dschohor gerade gegenüber. Am Strande fanden wir Sampans, braungraue Gänse mit dunkelm, nach abwärts gebogenen: Schnabel und Nasenhöcker. und eine quiekende Schweinegesellschaft. Die Ärmsten harrten, in langen rohrförmigen, zierlich geflochtenen Dambuskörben einzeln verpackt, des Transportes nach hüben oder drüben. Ein Sampan schaukelte uns in langsamstem Tempo an eine verfallene Steintreppe in nächster llähe des kleinen, komfortabeln Johore-Gasthauses, welches uns einen viel besseren Tisfin bot, als jemals das große Rasfles-Kotel. Mit Lreuden sehten wir uns wieder in die altgewohnten Jinrikishas und fuhren zunächst nach dem palaste des Sultans. Der noch junge kerr, welcher seinem 189Z verstorbenen Vater in würde und „Regierung" folgte, war augenblicklich in England und soll überhaupt vollständig anglisiert sein. Das sah man dem ganz europäisch ungemütlich ausgestatteten Palais an. wo nichts Orientalisches, als herrliche, chinesische und japanische Vasen und eine javanische Sommerfrischen. Z4? Die Moschee in johore. wundervolle Aussicht auf die herrlichen Gärten sich bot. Viel schöner ist das Sultanspalais in unmittelbarer Nähe des botanischen Gartens in Singapur. Dort sind die europäisch wirklich geschmackvoll ausgestatteten Räume mit herrlichen Kuriositäten angefüllt, reich in Gold verzierten Llefantenzähnen, wunderbaren japanischen Stik- kereien, porzellanen u. s. w. Lin Muster protziger, etwas ausdringlicherpracht bietet die weithin sichtbare, sünstürmige, ich vermute neue Moschee, mit ballsaalartiger K>alle, glänzendem, weißmarmornem Sußboden und großen Üäristall-Oirronleuchtern. Auch das große Bassin für religiöse Waschungen prangt in blendend weißem Marmor. In engen Käfigen, unweit des Palastes, führen sechs oder sieben Prachttiger ein jedenfalls trauriges Dasein. Ich habe eine vielleicht sentimentale Sympathie für diese wilden Tiere, denen mit der Sreiheit alles genommen wird. Lin jähes Ende, ein Schuß, nur kein langes Dahinsiechen in trauriger Gefangenschaft! Daß sie weniger an ltahrungssorgen leiden müssen, als ihre unglücklichen, aus Lundekost gesetzten Kollegen in Soerakarta, bezeigt ihr guter Zustand und herrliches, samt- glattes Seil. Nach den Aufschriften auf ihren Käfigen sind die Tiger alle innerhalb der letzten zwei Jahre, der letzte erst vor zehn Tagen, im Gebiete von Johore gefangen worden, vor wenigen Jahrzehnten noch pflegten die Lerren Tiger der Stadt Singapur häufige Besuche zu machen, indem sie über die Meerenge schwammen. Jetzt ist ihnen Singapur wohl zu englisch geworden, und sie beschränken sich auf ihre heimischen Dschungeln in Johore. Abgesehen von Briefmarken-Linkäufen beim sehr zuvorkommenden Posthalter und einigen Spielhöllchen, die wir nicht besuchten, ist in Johore nichts zu holen. Das Städtchen sieht einem Dorfe ähnlich. Die Zahl der Bewohner des Sürstentumes beträgt 90,000 Lhinesen und 50,000 Malaien. Mit dem Ausfluge nach Johore nahm unser zweiter Aufenthalt in Singapur, das wir einige Wochen später ein drittes Mal berühren sollten, ein Lnde. Den folgenden Tag, am 18. Dezember, schifften wir uns auf dem Dampfer „Dell" nach Siam, dem Reiche des weißen Elefanten, ein. Cm Weihnachtsabend in Bangkok. Z4Z Siam. Capitel 23. Ein Meihnachisaßenö in Bangkok. Acht- ant der „Dell". Arisegeiellichait. Lkinrien. Wohnungen. Linder. Suchen unseres Botels. Geschichte Siams. Gründung Bangkoks. Röntg Lschulalongkorn. Ein Brief des Lönigs. Bazar in Dussit-Park. Toilette bei Dose. Schwarze Zähne. Musik. Dem Lönige vorgestellt. Gecko. deicht enimal der schmucken kleinen „Deli" und dem besten aller Kapitäne gelingt es, im Dezember beim wehen des Nordost-Monsuns die Seefahrt Singapur-Bangkok zu einer Vergnügungsreise zu gestalten. Dazu ist die „Dell" zu klein, das ltleer und die 8ZZ Seemeilen betragende Entfernung zu groß. weht kein widriger wind und wird die Barre am Menam- Sluß zur richtigen Zeit erreicht, so dauert die Sahrt von Singapur bis Bangkok vier Tage, sie kann aber nrdllwlllcmwkMllm tMdwtkirDll auch länger ausfallen. Nicht viele Reisende eilten mit uns zugleich dem Reiche des weißen Elefanten zu. Im ganzen waren's sechs. Zwei etwas aufgeblasene Japaner, die übrigens Monogramm aus -em Briefpapier von der Seekrankheit viel in Anspruch genommen des Rönigs von Siam. wurden, ein Engländer und der neue portugiesische Nonsul (Im Original rot.) für Siam, welcher mit Srau, Söhnchen und Magd im Begriffe stand, seinen neuen Posten in Bangkok anzutreten. Su meinem Erstaunen sprachen die Leutchen nur portugiesisch, der Lerr Nonsul außerdem einige wenige Worte Sran- zösisch, kein Englisch, wie die Ärmsten ohne letzteres fortkommen wollen, ist mir ein Rätsel. Ich glaube, ihnen auch. Die Lrau namentlich sah schon ganz heimwehkrank aus, sich sehnend nach ihrem schönen Portugal und ihrem großen Iungen, den sie auf' der Schule in Lissabon zurücklassen mußte. Meine paar spanischen Brocken, Reise einer Schweizerin um die Welt. ZZ0 tönten ihnen wie Musik, denn die Sprachnot war schon aus der „Deli" für sie angegangen. während der Sahrt mußte ich fortwährende Mißverständnisse zwischen Kapitän, Steward und Portugiesen aufklären. Unser Hapitän, ein alter ostpreußischer Seebär, stolz auf den guten Ruf seiner schmucken und komfortabeln kleinen „Deli", welche bis vor kurzem zwischen Singapur und Sumatra gelaufen war, sorgte väterlich für seine Passagiere, die zugleich sämtlich mehr oder weniger seine Patienten waren. Mir allein war es möglich, mit dem Kapitän im Speisesaal zu tafeln, und einmal nur mußte ich ihm sagen lassen, ich zöge die Stille meiner Hammer und strenges Saften seiner Unterhaltung vor. Am Morgen des vierten Tages kamen grüne Inseln in Sicht, und niedliche, kleine vögelchen, die ersten Siamesen, flogen auf Deck. In ängstlicher Spannung beobachtete der Hapitän den beschleunigten Laus unserer „Deli", und wirklich kamen wir mittags ein Uhr, eine Viertelstunde vor Eintreten der Ebbe, an der Barre des Menam-Slusses an. Der Unterschied zwischen Ebbe und Slut beträgt hier zwei bis drei Meter. Leicht glitt die „Deli" über die kritische Stelle, wir waren im palmen- umsäumten Sluß, und Siam, das geheimnisvolle Reich des weißen Elefanten, lag in Wirklichkeit vor mir. Vorläufig aber nicht das Land der Elefanten, sondern Siam, das Land der Tempel und Hlöster, der Wächter des reinen buddhistischen Glaubens. Auf der kleinen Slußinsel Paknam schimmert weiß, mit vergoldeten Türmen gekrönt, ein „wat", wie hier die Tempel heißen, sonderbare Gebäude, die an phantastische Gebilde von Zuckerbäckerhand erinnern. Im Schatten der Bäume, am Ufer des Menam, an den Ha- nälen, auf der Spitze der Berge werden wir sie zu wunderten finden, diese „wat", die so kühn ihre spitzen goldenen Nadeln, ihre Slammengiebel in die blaue Lust um die wette mit den schlanken Palmen emporsenden. Dazwischen krümmen sich die goldenen Drachen und Chimären der chinesischen Ioßhäuser, denn die Söhne des himmlischen Reiches leben in Menge im Lande des weißen Elefanten. KZM MWM ES AM" wat prahcheidi. '<^4W - ^ ;Ä Reise einer Schweizerin um die Welt. 3^2 In Bergwerken und Reismühlen, in den kaufmännischen Geschäften der Europäer als Monopolpächter, überall sind die fleißigen Ehinesen an die stelle der indolenten, trägen Siamesen getreten. Ja, die Töchter aus dem Königreiche der Sreien, wie Siam bei den Eingebornen heißt, wählen sich häufig „Limmelssöhne" zu Gatten, statt ihrer eigenen Stammesgenoisen. In diesem Salle stehen sie gewöhnlich einem Gemüseoder sonstigen Landet, welcher hier aus schwimmenden Booten betrieben wird, vor, während der Mann in der Hauptstadt der Arbeit nachgeht. Die Kinder dieser Mischehen, „Lukthins" genannt, gelten in der Regel für ganz tüchtige Leute. Bis zum Jünglingsalter hängt auch ihnen der Zopf hinten, dann opfern sie ihn zuweilen der neuen Leimat. Der Lotse, welcher uns über die Barre gebracht, bugsierte uns weiter durch den Windungsreichen Menamfluß, welcher gleich dem Mle nicht wenig zum Gedeihen des Landes beiträgt. Die Fruchtbarkeit des Bodens hängt ganz von der jährlichen Überschwemmung des Menam und seiner Nebenflüsse ab. Selbst in dem hochgelegenen Lande der Lao-Staaten steigt das lDasser während der Regenzeit ungefähr 2,i bis Z Nieter. Ein Ausbleiben der Überschwemmung würde für die Reisernte verhängnisvoll sein. Unsere Flußfahrt dauerte drei Stunden. An Sischhallen und Reusen, an Kokospalmen und Reisfeldern, an IDats und alten Befestigungen vorbei wanden wir unseren weg. Immer zahlreicher wurden Boote und Sampans, welchen wir begegneten, und wenn ich unsere Japaner an Bord mit diesen Bootsleuten verglich, hätte ich sie für nahe Vettern halten können. Dieselbe braungelbe Sarbe, dieselbe Größe und ähnliche Kopfform. Die Sampans haben gewölbte, mit geflochtenen Matten belegte Dächer, die an venetianische Gondeln erinnern. Ebenso venetianisch erscheinen die zahllosen im und am Wasser erbauten Läufer. Sreilich an Stelle von Marmor und Granit sind hier Bambusstangen und palmenblätter getreten, und nicht feste Paläste, sondern aus pfählen, ja manchmal auch auf Bambusflößen errichtete Lütten stehen vor uns. Diese Stöße sind an eingerammten Stämmen festgemacht und haben den Vorteil, daß, falls man nicht länger Gefallen an seiner Nachbarschaft findet, das schwimmende Laus einfach losgebunden und anderswo befestigt wird. Line Leiter führt meist in das auf hohen pfählen erbaute Läuschen, das öfters einen Laden auf der Vorderseite zum Verkauf von Lebensmitteln und Töpfereien besitzt. Viel Raum beanspruchen die Leutchen ja weder für sich noch für ihren Lausrat, der zum guten Teil aus geflochtenen Matten und Kissen, einigen tönernen Töpfen, einer eisernen Pfanne und einigen Löffeln aus Kokosnußschale besteht. Da es nirgends an Kindern fehlt, hängt meist ein einfacher, länglich-viereckiger Korb an vier langen Stricken von einem Dachbalken herunter. Im Korbe befindet sich eine Matratze. Das Kind kann liegen oder, ohne herauszufallen, an den hohen Seitenwänden aufstehen. Diese sind so eingerichtet, daß sie, wenn die wiege nicht gebraucht wird, flach nach innen zusammenfallen. So kann die wiege in irgend eine Ecke gestellt werden, ohne Raum wegzunehmen. Diese siamesische wiege wäre in unseren modernen engen Wohnungen am Ende gar nicht übel angebracht. Dabei müßte sich dann freilich das von der modernen Lpgiene als dummmachend verpönte „wiegen" in ein vielleicht zeitgemäßeres „Schwingen" verwandeln. -^MZUG^ -t- '^4' Siamesische Rinder. (5. ZZZ.) Ein Weihnachtsabend in Bangkoll. Gleich seinen übrigen asiatischen Brüderchen und Schwesterchen, nimmt das siamesische Baby früh teil an Sreud' und Leid der Lamilie. Bis es auf eigenen Süßen steht, reitet es aus dein Rücken oder den Lüften seiner Srau Mama und führt bis zum fünften Jahre ein paradiesisches Dasein, denn einige Lals- und Armspangen und ein silbernes Lerzchen als „Seigenblatt" bilden die einzigen Bekleidungsstücke, welche häufig auch fehlen, wenn die Vermögensverhältnisse der Eltern sie nicht gestatten. Zum täglich mehrmals wiederholten Bade steigt die ganze Samilie die Leiter ihres Laufes hinunter in den Lluß, wo nicht nur gebadet, sondern zugleich reichlich von dem trüben Wasser getrunken wird. Noch eine große Windung machte der Menam, dann lag plötzlich Bangkok vor uns, das zivilisiert moderne, mit den hohen Sabrikschloten und den eleganten, weißen, königlichen Dampfern, die hier vor Anker liegen, und Bangkok das hinterindische, mit seinen Palmen und süßduftenden Plumerien-Bäumen und den am User badenden, braunen Menschen. Unvergeßlich wird mir unsere Ankunft und Sahrt ins Griental Lotel bleiben. Auf den Rat unseres guten Kapitäns hin hatten wir durch den Schiffsjungen einen Magen holen lassen, der uns und unser Gepäck ins nahe liegende Lotel befördern sollte. Räch langem Märten erschien er, aber so klein, daß neben unserem Gepäck wenig Platz zum Sitzen blieb, und die Beine aus Mangel an Unterkunft zum Magen hinausbaumeln mußten. Tröstend rief uns der Kapitän nach, die Jährt würde kaum fünf Minuten dauern. Mir waren schon eine halbe Stunde unterwegs und immer noch nicht am Ziel. Ich sing an, unruhig zu werden, doch da der Kutscher jedesmal freundlich nickte, wenn wir ihm Griental Lotel zuriefen, dachte ich, der Kapitän hätte sich eben geirrt, und alles wäre in Ordnung. Meiter fuhren wir an Kanälen und über Kanäle, an europäischen, chinesischen und siamesischen vierteln vorbei, die Nacht begann, sich über die Erde zu breiten, und fragend schaute sich der Magenlenker zuweilen nach uns um. Ich bat meinen Gefährten, einen Europäer nach dem Wege zu fragen, oder ein europäisches Geschäft aufzusuchen, um dort Erkundigungen einzuziehen. Ziemlich verdrießlich antwortete mein Sreund, wir würden schon richtig ankommen, ich hätte überhaupt immer die Gewohnheit, zu viel zu fragen. Lierauf hüllte ich mich in ein eigensinniges Schweigen. Gbschon ich sehr unbehaglich saß. sah ich fortan mit einer Art Schadenfreude, wie wir im Kreise herumfuhren, und immer wieder dasselbe Städtebild. jetzt in Gaslichtbeleuchtung, sich präsentierte. Endlich entschloß sich mein Ireund, Erkundigungen nach dem Wege einzuziehen. Laxitän der „Dell". Reise einer Schweizerin um die Welt. 334 Der Geschäftsinhaber, den wir besragten.entpupp- te sich als Grieche, und da es sich fand, daß unser unglücklicher Rutscher nur Malaiisch und kein siamesisch sprach, und sich hier gerade niemand mit ihm verständlich machen konnte, ließen wir auf griechischen Rat hin unser kab und Gut Das siamesische Venedig. indenstattlichenLa- den unseres neuen freundes tragen und entließen unseren Magen. Der Grieche sandte hieraus nach einem andern Rutscher, allein da erging es uns wie mit den zwei Gulden in: vreemdelingen- äkantoor in Batavia. Der kerr schickte einen Voten nach dem andern aus und keiner kehrte zurück. Zwischen Konservenbüchsen und Gepäck hatte ich mich unterdessen niedergelassen, die wehrlose Veute eines blutgierigen Moskito-Lchwarmes. Auch unseres freundlichen Griechen Lage schien nicht beneidenswert. Alle Augenblicke erschallte aus dem oberen Stockwerk eine keifende, grelle Frauenstimme, die offenbar zum Diner rief, worauf der Grieche stets beschwichtigend leise antwortete. Der arme Mann scheute sicher den Zorn seiner besseren Idälfte, andernteils wagte er nicht, wildfremde Menschen allein in seinem wohlgefüllten Laden zu lassen, und all seine dienstbaren Geister waren aus der Luche nach einem Magen. Endlich, es war inzwischen 7^ Uhr geworden, und um 3 Uhr hatten wir unsere Gdpsseus-Lahrt angetreten, erschien ein Magen. Nach einer Jährt von zwanzig Minuten kamen wir glücklich iin Griental lsotel an, wo unterdessen die Japaner und der Engländer von den schlechten Zimmern die wenigst schlechten ausgewählt. Mir mußten mit den übriggebliebenen vorlieb nehmen. Bevor wir unsere Manderungen durch Bangkok antreten, möchte ich die Geschichte Liams und seiner Herrscher kurz berühren. Die Jahrbücher des Reiches datieren von 638 n. Ehr., d. h. von der Einführung des Buddhismus als Ltaatsreligion an. Die Residenz lag damals am oberen Menam im Lao-Land, ward aber von den aus Uordwesten nachdrängenden Birmanen immer weiter nach Lüden, 1330 nach Ajuthia, hundert Mlometer von der Mündung des Menam entfernt, verlegt. Mit China wurde ein freundschaftliches, tributpflichtiges Verhältnis unterhalten, vom XIV. bis zum XVII. Jahrhundert war Liam im steten MW Ein Weihnachtsabend in Bangkok. 3ÄÄ Errege mit Birma und zeitweise mit Malakka verwickelt. Im Innern folgte Revo- lutwn aus Revolution- nirgends war wohl die Thronfolge so ungeregelt wie hier. Infolge davon kam 156^ bis 1596 Siam in die Gewalt der Birmanen. Ein Europäer, Konstantin phaulkon aus Ikephalonia, schwang sich später zum ersten leitenden Minister des Reiches empor und schuf als solcher viele gute Einrichtungen. Unter ihm, den die auch hier wirkenden französischen Jesuiten stark beeinflußten und für die römische Mrche gewannen, wurde eine Gesandtschaft zu Ftönig Ludwig XIV. und zu Papst Innozenz XI. nach Paris und Rom entsandt, wo die Siamesen glänzende Aufnahme fanden. Der Tod des franzosen- und jesuiten- freundlichen Bönigs Uarai von Siam machte den guten Beziehungen zwischen Frankreich und Siam ein jähes Ende. Sein grausamer Nachfolger, Seo, d. h. „der Tiger" genannt, ließ den griechischen Minister phaulkon ermorden und Jesuiten und Srän- zosen zum Lande Hinaustreiben. Im Jahre 1767 verwüsteten die Birmanen abermals Siam und zerstörten die ausgedehnte, prächtige Hauptstadt Ajuthia. Bald nachher gelang es Siam nicht nur, das birmanische Joch abzuschütteln, sondern sich auch 1777 eines Teils der Lao- Staaten zu bemächtigen, sowie der Provinzen Battambong und Angkor im mächtigen Lambodscha-Reiche. Im Jahre 1782 bestieg sodann pra puttha Ijot Sa Tschulalok mit dem Lhrenbeinamen Lhokkrie, d. h. der tapfere Lrrieger, den Thron. Er wurde der Stammvater der noch heute regierenden Dynastie und machte Bangkok zur Residenz, und zwar unter folgenden Umständen: Der Herrscher ritt auf einem königlichen Elefanten über die Trümmer der verwüsteten Stadt Ajuthia. Dieser Anblick erfüllte ihn mit Wehmut und trieb ihn zugleich an, die Stadt in ihrer früheren Pracht und Größe wieder aufzubauen. Da träumte er eines Uachts, die früheren Herrscher vertrieben ihn aus der Stadt und wollten nicht dulden, daß er sich noch länger in derselben aufhalte. Diesen Traum teilte er am nächsten Morgen seinen Ldeln mit und bemerkte dazu: „Als ich die in einem wüsten Trümmerhaufen verwandelte Stadt sah, stieg der Wunsch in mir aus, dieselbe in ihrer einstigen Größeund Herrlichkeitwiedererstehen zu lassen. Straße in Bangkok und Siamefinnen. ZZ6 Reise einer Schweizerin um die Welt. Siamesisches Loot. Da ich aber bemerkt habe, daß die früheren Besitzer der Stadt noch eifersüchtig an derselben festhalten, so laßt uns statt ihrer eins neue Stadt bauen." Am 21. April 1782 bestimmte König Tschulalok die Stelle, an welcher die künftige Hauptstadt erbaut werden sollte: Bangkok, die „Stadt der wilden Glbäume". Der dritte König der Dynastie eroberte 1829 Laos und 18Z1 Gueda auf der malaiischen Halbinsel. Siams Macht vergrößerte und befestigte sich. Im Jahre 18ZZ schloß der König einen Handelsvertrag mit Nordamerika. Unter seinem Nachfolger Maha Mong- kut 18Z2 bis 1868 wurden Handelsverträge mit den meisten seefahrenden Nationen abgeschlossen, mit England 18ZZ, mit Frankreich 18Z8, mit Deutschland 1862, mit Österreich 1868. König Mongkut war zwanzig Jahre Mönch gewesen, bevor er in seinem 4Z. Jahre aus den Thron von Siam gelangte. Lr galt für einen gelehrten und weisen Herrscher, gab viele neue Gesetze, verbesserte die alten und suchte den Bedrückungen des Volkes zu steuern, und es auf eine höhere Stufe der Kultur zu bringen. Seinem neunten Kinde und Nachfolger aus dem Throne, dem jetzigen Könige, gab er eine freisinnige, gute Erziehung. Seine erste Gouvernante Mrs. Leonowens war eine Amerikanerin, und Kapitän John Bush, auch ein Amerikaner, wenn ich nicht irre, ein geistreicher, gutherziger Mann, nahm großen Anteil an der Geistes- und Herzensbildung des zukünftigen Herrschers. Geboren am 22. September 18ZZ, wurde Tschulalongkorn schon 1868 im Alter von fünfzehn Jahren König. Selbständig regiert er seit 187Z. Der volle Käme Sr. Majestät lautet: «Dru Hut 8omcletk Dru Dururninär Nnku DsabululonAkorn vru Dsckulu Isckoin Kino Dsckun Vu Hua». Zu dieser langen Benennung gehören noch eine Menge amtlicher und zeremonieller Titel wie: „Herr des Meißen Elefanten", der „Erhabenste der Erhabenen", der „Herr über Allen" u. s. w. In Mirklichkeit ist Tschulalongkorn in den Augen jedes Siamesen nicht nur der Lenker seines Landes, sondern der Besitzer seines Bodens, seines Volkes, seiner Einnahmen. Er hat das Ideal aller Zentralstation erlangt und kann in Wahrheit von sich das stolze Mort Ludwigs XIV. sagen: D'Mut o'est moi. In dem astronomischen System Siams ist der König die Sonne, um die sich namentlich in Bangkok alles dreht, leuchtet die Sonne, so strahlt ganz Bangkok, tritt sie hinter Molken, so trauert Bangkok. Tschulalongkorns erster Aegierungsakt war Aufhebung der Sklaverei, sein zweiter die Abschaffung der alten Sörmlichkeit, nach der sich jedermann vor ihm zu Boden -."'t.s--" -».-7WW » E - 7 König Tschulalongkorn. (S. ZZ6.) Ein Weihnachtsabend in Bangkok. ZA7 werfen mußte. Alle Massen der menschlichen Gesellschaft haben seht freien Zutritt zu Audienzen, und jeder darf ihm in aufrechter Haltung nahen. Der König ist im ganzen Lande geachtet und geliebt. Sein Bemühen war von Anfang an auf die Lebung der Cultur in seinem Volke gerichtet. Er hat Volksschulen gegründet. -Kanäle, Straßen und Eisenbahnen bauen lassen. Post und Telegraph eingeführt. Leer und Slotte organisiert. Lande! und Wissenschaft und Kunst gefördert. Jahrelang sandte er Lunderte von jungen Siamesen auf seine Losten nach England, Frankreich und Deutschland, um sie erziehen zu lassen und ihren Gesichtskreis zu erweitern. Er selbst besuchte Britisch-Indien.mehreremal Lolländis ch-Indien,und seine Reise durch Europa und ^ speziell durch die Schweiz ist uns noch in frischer Erinnerung. Seine Reiseerfahrungen bestrebte er sich zu Nutz und Srommen seines Volkes anzuwenden. Dank Tschulalongkorn kann Siam jetzt als Mitglied der zivilisierten Welt gelten. Schade nur, daß die Siamesen wenigstens um ein Jahrhundert hinter ihrem Könige zurückblieben, und alter Aberglauben und natürliche Indolenz, teilweise durch klimatische Verhältnisse hervorgerufen, sie auf niedriger Stufe im ganzen erhalten. Daß der -König klugerweise Sitten und Gebräuche, die nicht absolut schädigende Wirkung haben, beibehält, bildet oder erhält vielmehr das Band, welches ihn und seine Dynastie mit dem Volke verknüpft. Gb zwischen dem ganz in London erzogenen Kronprinzen, der als reifer Mann — er ist 22 Jahre alt — dieses Jahr zurück erwartet wird, und dem Volke die Kluft nicht allzu unüberbrückbar sein wird, wird die Zukunft lehren. Daß dagegen der Einfluß seines Vaters ein durchaus guter und gesunder sein muß. zeigt am besten folgender an den Kronprinzen und seinen Bruder nach London gerichteter Brief, wer denselben veröffentlicht hat. weiß ich nicht, jedenfalls legt er ein schönes Zeugnis ab für die hohe Kultur und Lerzensbildung jenes Königs aus dem fernen „wilden" Linterindien w Der Rronprinz von Siam. >) Duelle: Lindenberg, „Um die Erde in Wort und Bild . Reise einer Schweizerin um die Welt. ZZ8 Der König schreibt: „wenn man nicht die Kraft hat, sich vor anderen auszuzeichnen, ist es in einem fremden Lande besser, als gewöhnlicher Mensch aufzutreten. Ihr sollt nicht damit prahlen, daß Ihr königliche Prinzen seid, noch sollen dies Eure Begleiter tun. Die Kosten Eurer Erziehung bezahle ich aus meinen privatmitteln und nicht aus Staats- geldern. Diese Anwendung von Geldern zu Eurer Erziehung ist eine reiche Mitgift und von größerem werte als bares Vermögen, denn eine Erziehung hat einen bleibenden Wert, und niemand kann sie Luch rauben. Ich beabsichtige, allen meinen Söhnen eine solche Erziehung geben zu lassen, auch den Minderbegabten, weil ich es als das beste Erbteil erachte, das ich ihnen hinterlassen kann. wollte ich die Kosten aus den Staatsgeldern nehmen, so würde man sich darüber aufhalten können, daß sie bei einigen nicht gut angewendet seien, und man würde sagen, ich verschwendete die Staatseinnahmen. Aber auch meine privatmittel sind in gewissem Sinn Eigentum des Staates und Eurem Vater zu dem Zwecke gegeben, daß er damit Mildtätigkeit übe und die Ausgaben für seine Samilie bestreite. Die Gelder, die für Eure Erziehung ausgegeben werden, kommen indirekt dem Staate wieder zu gute. Ihr müßt Luch stets vergegenwärtigen, daß der Herrscher Eures Vaterlandes nicht die Verpflichtung hat. Euch einflußreiche Stellen zu übertragen, weil Ihr königliche Prinzen und seine Söhne seid. Da zu den hohen Staatsämtern besondere Zähigkeiten erforderlich sind, so habt Ihr mit größtem Ernste und mit Hingebung Eure Studien zu betreiben, und Euch hierdurch die Möglichkeit zu verschaffen, etwas Ordentliches für das Wohl Eures Vaterlandes, und für die Welt, in der Ihr lebt, zu leisten. wenn Ihr annehmen wolltet, Ihr hättet als Prinzen nichts weiter zu tun, als das Leben zu genießen, so würdet Ihr Euch den Tieren gleichstellen, welche geboren werden, um zu essen, zu schlafen und zu sterben. Bildet Luch nicht ein, daß Ihr andere schmähen und schlecht behandeln könnt, weil Ihr meine Söhne seid und man Luch nichts anhaben kann. Euer Vater will, daß seine Söhne nicht die Gewalt haben, sich widerspenstig zu zeigen, weil Luch das nur schädlich sein würde. Ihr werdet bestraft werden, wenn Ihr Unrecht tut, und die Tatsache, daß Euer Vater ein König ist, wird Euch nicht vor der Strafe schützen. Mit Euren Geldern müßt Ihr sparsam umgehen - Ihr dürft nicht verschwenderisch und ausschweifend sein in dem Gedanken, Ihr wäret reiche Prinzen und Königssöhne. Ich warne Luch davor, mit Schulden zurückzukehren; sie werden nicht ohne weiteres bezahlt werden, und Ihr würdet der Strafe nicht entgehen. Denket daran, daß das Geld nicht so leicht erworben, als ausgegeben wird! Das Crziehungsgeld für Luch ist ein Teil des Geldes Eueres Vaters, das dieser als Entschädigung für seine Mühen in Wahrung der Wohlfahrt seiner Untertanen erhält. Dieses Geld soll nur zu nutzbringenden Zwecken verwendet werden." Siam ist ein ungemein reiches Land. Der Hauptexport besteht aus Reis, Pfeffer, Teakholz, Sischen, Häuten, Vieh und Seilen. Die Bergwerke werden dereinst die Guelle großer Reichtümer sein. Eisen, Kohle, Gold, Silber, Blei, Zinn, Petroleum und Edelsteine sind in großer Menge vorhanden. Auch die Wälder bergen vieles und wertvolles Holz, welches bis jetzt zum großen Teile verfault. -M. Siamesin aus dem Volke. .-»«ikM Z60 Reise einer Schweizerin um die Welt. Beinahe amerikanisch könnte man das schnelle Wachstum Bangkoks nennen. Im Jahre 1782 gegründet, zählt es jetzt 600,000 Einwohner, wovon etwa tausend Europäer, was die Gesamtbevölkerung Siams anbetrifft, wird sie zwischen sechs und zehn Millionen geschätzt, die Berichte darüber lauten ungemein verschieden. Augenblicklich befindet sich die Stadt in einem Zustande der vollständigen Umwälzung. Ganze Stadtviertel werden niedergerissen und an ihrer Stelle breite Straßen mit sauberen Häusern angelegt, in deren untern Stockwerken ganz europäische Läden Platz finden, während die oberen zu Wohnungen eingerichtet werden. Glänzende elektrische Beleuchtung und rasend schnell fahrende elektrische Trams vervollständigen dieses Bild abendländischer Lultur und Sitte, dein anderseits noch viel Asiatisches, wie Schmutz und Elend, Pariahunde, Opium, Spielhöllen u. s. w., allhastet. Unser erstes Geschäft in Bangkok war, die Empfehlungsschreiben, mit denen wir versehen waren, abzugeben. Mr. w. hatte hier einen Landsmann Dr. H., Militärarzt des Bönigs, zu besuchen, und ich meinerseits war mit einem Brief an den königlichen Leibarzt Or. A., einen Belgier, versehen. Beide Herren fanden übereinstimmend unser Bleibeil in dem sehr schlechten Hotel eine Unmöglichkeit und luden uns sehr freundlich ein, zu ihnen überzusiedeln, eine Einladung, von der wir zwei Tage später dankbar Gebrauch machten. Heute war's heiliger Abend; Hitze und tropische Vegetation ließen freilich kaum den Gedanken daran aufkommen. Abends sollten wir an einem ganz eigenartigen Seste. das der königliche Hof zu gunsten eines „wats" veranstaltete, teilnehmen. Ja, bis nach Hinterindien ist die „Bazar"-Mode gekommen, und man versteht es auch hier ausgezeichnet. Nützliches mit Angenehmem zu verbinden, d. h. wohlzutun und sich dabei zu unterhalten. Ein herrlicher Mondabend. Süße Düfte der beiden Tempelblumen, der plumeria und des Mang-Mang, erfüllten die sommerweiche Luft. Im offenen Zweispänner des Dr. A. fuhren wir durch ganz Bangkok Dussitpark zu, der neuesten Schöpfung des Königs. Dussit ist der siamesische Name für Paradies, und „Dussit" schien's auch wirklich für das ganze bunte Völkchen, welches sich freudestrahlend im großen parke bewegte, war's doch nicht nur Bönigs-, sondern auch Volksfest. In glänzender, elektrischer Beleuchtung erstrahlte schon von weitem Dussit-Park, und in unzählbarer Menge flatterten siamesische Sahnen, der weiße Elefant in rotem Seide. Hübsche, gestreifte Zelte bildeten Verkaufsbuden, wo Kissen, Sächer, Ansichtskarten, Zigaretten, Blumen zu möglichst hohen preisen unter Scherzen und Lachen losgeschlagen wurden. Daß Verkäufer und Verkäuferinnen braune, königliche Hoheiten, Prinzen und Prinzessinnen sind, verleiht dem Ganzen natürlich seinen besonderen Aeiz. Übrigens wird wie im Abendlande dabei kokettiert und intrigiert, tont comrne ebe? nous, nur die Toilette ist wesentlich anders. Ich hatte diesen Abend alle Gelegenheit, zu studieren, wie die seine Welt sich am siamesischen Hose kleidet. Die eleganten Herren des modernen Siam tragen weiche, graue Silzhüte, ein weißes Jäckchen mit Goldknöpfen, den panung, ein langes, meist blaues Stück Seide, das um die Hüfte geschlungen, zwischen den Beinen nach hinten so aufgenommen wird, daß es kurzen, weiten Hosen ähnlich sieht. Lange, weiße Strümpfe, zierliche. Ein Weihnachtsabend in Langkok. Z61 Siamesische Frauen. Aönig und Lönigin. -iKL -'«>S niedrige Schnallenschuhe und ein Stückchen mit Silberknopf vervollständigen die Toilette des OuruZ^. Auch die Srau am Kose trägt den panung wie der Mann, weiße Strümpfe, Schnallenschuhe und kurz geschnittenes Haar, so daß zuweilen Männlein und IVeib- lein kaum voneinander zu unterscheiden sind, besonders beim Volke. Die Mode des kurzen Haares, das üppig, oft einer Bürste gleich emporsieht, nimmt ihren Ursprung aus den häufigen dämpfen gegen die Birmanen. Um dem Leinde ein zahlreicheres Keer entgegenstellen zu können und ihn über die Zahl der Streitkräfte zu täuschen, schnitten die siamesischen Srauen ihr langes Haar ab und zogen in den Reihen der Männer zu Seide. Zum panung, der grün, blau oder orangefarben ist, trugen unsere Hofdamen eine sehr hübsche, duftige, mit Spitzen gezierte Mullbluse, bunte Schleifen um Hals und Taille, und eine breite, schöne Schärpe, welche, über die rechte Schulter gezogen, links in der Taille in einer Schleife endet. Die Sarbe der Schärpe richtet sich nach Z62 Reise einer Schweizerin um die Welt. den Wochentagen: Sonntag rot, Montag weiß, Dienstag rosa, Mittwoch blaßblau, Donnerstag violett. freitag grau, Samstag schwarz. Daß Aals und Arme der Schönen von Diamanten, Saphiren und Rubinen blitzen, ist selbstverständlich, dagegen möchte ich bemerken, daß wirklich gute, tadellose Edelsteine in Siam, Birma und Britisch- Indien, für Alobe rrotters wenigstens, welche nicht Zeit haben, Gelegenheitskäufe abzuwarten, kaum billiger zu stehen kommen als in Europa, fehlerhafte Steine natürlich find sehr billig. Alles wirklich Gute kommt in die Schleifereien nach London. Die Damen, meistens Prinzessinnen, an denen Siam in Anbetracht der vierund- zwanzig Brüder und Aalbbrüder des Königs keinen Mangel leidet, und die meist mit familie am Asse leben, begrüßten Dr. R. mit großer Lebhaftigkeit. Manche sprachen ein paar französische oder englische Brocken und sahen zum Teil sehr hübsch aus. freilich, öffneten sie den Mund, so gähnten gleich einem Abgrund uns kohlschwarze Zähne entgegen. Zum gelinden Schrecken Or. R.'s fragte mein Reisegefährte eine der Damen, warum sie ihren sonst so „kußlichen" Mund derart verunstalte? Schlagfertig antwortete die Schöne: „Bei uns sieht man wenigstens die schwarzen Löcher in den Zähnen nicht, Sie dagegen müssen sie beim Zahnarzt ausfüllen lassen." Ich habe schon in meiner Beschreibung Javas des schrecklichen Betelkauens Erwähnung getan. Aier wird es von reich und arm, groß und klein betrieben. Das Betelkauen beginnt fast mit dem ersten Kindesalter und hört erst mit dem Tode aus. Die Zähne werden dadurch schwarz, Zahnfleisch und Speichel blutrot, und da es diesen sehr fördert, wird unablässig gespuckt. Die Reichen und vornehmen lassen sich durch besondere Diener ihre silbernen Spucknäpse nachtragen, das Volk dagegen bedient sich dazu in ausgiebigstem Maße der Mutter Erde. Ich wähnte anfangs, beständig auf Bluispuren zu wandeln. Im Restaurant wurde uns durch prinzliche Aände ganz flink und gilt ein Diner geboten, zwei junge Prinzen liefen geschäftig als Kellner umher, während drinnen im Zelt die zweite Königin die Küche beaufsichtigte. Prinz Devawongsa vareprakar, ein Bruder der ersten Königin, in schönem fraise öcrasö Brokat-Kleid mit breiter, ordenbesetzter Schärpe, setzte sich zu uns. Er sprach geläufig Englisch und hatte längere Zeit in Europa zugebracht. Leise und lieblich tönte ein Orchester laotischer flöten, eine Art langer Rohr- pfeifen mit wallenden, roten und weißen Bändern behängen. Etwas einförmig, doch musikalisch rhythmisch klangen die meist amerikanischen Melodien, welche bei meinem Gefährten eine lebhafte Begeisterung hervorriefen. Sogar der sonst ziemlich verschollene Vaukee üucläle kam hier zur schönsten Geltung. Die Siamesen lieben sehr die Musik, sollen auch musikalisch begabt sein. Jeder Mann von Rang hält sich wenigstens ein Musikkorps, womöglich zwei, eins mit ausschließlich einheimischen, meist Saiteninstrumenten, das andere mit ausschließlich europäischen Blechinstrumenten. Der König hält mehrere Musikkorps, teilweise mit deutschen oder italienischen Dirigenten, die Spielleute sind immer Siamesen. Langsam waren wir weiter gewandert. vor einem großen, glänzend erleuchteten Pavillon umstand eine Menschengruppe einen Aerrn in einfacher, weißer Gffiziersunisorm. „Seine Majestät", rief Dr. R.> Lin Weihnachtsabend in Bangkok. Z6Z und eilte, den König zu grüßen, wir standen zur Seite, bemerkten aber. daß Seine Majestät öfter auf uns hinblickte. Einen Augenblick darauf stand Or. R. vor uns: „Der König wünscht. Sie zu sprechen. Da galt s kein besinnen, kein sich Vorbereiten. Das anziehende, freundlich gütige Antliß des Monarchen, fein schönes, strahlendes Auge wirkten ermutigend. Mein Sreund schüttelte ihm herzhaft amerikanisch die Land. ein Beispiel, dem ich auch folgte. Eine höchst unbefangene, lebhafte Unterhaltung begann. Ich versuchte einigemal, ein „Majestät" in meine Rede zu verflechten, aber jedesmal stolperte meine republikanische Zunge hoffnungslos daran vorbei, und so machte ich's wie mein Gefährte, der überhaupt gar nicht an die Anwendung jenes Wortes dachte, sondern eifrig per «z?ou» mit Tschulalongkorn. dem „Lerrn über Allen", sprach. Als ich dem Könige sagte, ich hätte ihn in Bern gesehen, sprach er mit wahrer Begeisterung von der schönen Schweiz, speziell von seinem Empfang in der Bundesstadt und dem Ausflugs ins Berner Oberland. Mit Interesse hörte er unsere Reiseberichte, stellte in geläufigstem Englisch zahlreiche Sragen, die mir zeigten, wie gut er Bescheid wußte von dem, was in der übrigen Welt vorging. Auch über die Ereignisse in Peking schien er wohl unterrichtet zu sein. Schließlich zeigte er uns die im Pavillon unter Glas gehaltenen, kostbaren Stickereien. Teeservice, Juwelen. Gold- und Silberwaren einer unlängst verstorbenen Königin, die zu gunsten des wats diesen Abend noch versteigert werden sollten. Die preise waren freilich „königlich", so daß ich vernünftigerweise an die Erwerbung auch nicht des kleinsten Stückes denken durste. Luldvollst vom König entlassen, hörten wir nachher von allen Seiten, eine solche zwanglose Unterhaltung mit Tschulalongkorn komme äußerst selten vor. besonders in letzter Zeit, wo er sich je länger je mehr von der Außenwelt abschließe. So hat auch ck Bangkok ein freundlicher Stern über mir gewaltet. Einer wundervollen Buddha-Sammlung muß ich noch erwähnen, die eine ganze Unsere Führer, zwei vornehme Siamesen. Z64 Reise einer Schweizerin um die Welt. große Lalle füllte. Die einzelnen Götterbilder sind meist privatbesitz des Bönigs, der Prinzen und vornehmsten des Reiches: vergoldete, mit Juwelen reich besetzte Buddhas mit friedlichem, weltentrücktem Ausdruck in den drei Stellungen, worin der Leilige meist abgebildet wird: Buddha predigend, Buddha nachdenkend, Buddha in Lxtase. Gelb gekleidete Priester, wie wir sie in Siam und Birma zu Tausenden finden sollten, standen in der Lalle, und zwischenhinein drängten sich kleine Buben und Mädchen, mit sonderbaren Laarknoten aus dem Scheitel, an uns heran, Zigarren und Blumen feilbietend. Mir scherzten mit ihnen. Zogen sie an ihren Schöpschen und wunderten uns, daß Dr. R. sie so zeremoniell behandelte. Nachträglich stellte er sie uns als Königskinder vor. Ein interessanter Bazar fürwahr, und ein origineller Meihnachts-Leiliger-Abend! Spät in der Nacht fuhren wir in strahlendstem Mondscheine unserem Griental Lote! zu, wo meiner im Zimmer eine Spezialüberraschung wartete. Über meinem Bette hing ein schwarzes Ungetüm, halb Molch, halb Miniaturkrokodil, mit dickem Kops und riesigen Augen. Mir starrten einander eine Meile stumm an. Dann stellte sich mein Zimmergenosse vor: „Gec-Ko, Gec-Ko!" tönte es ganz heiser von der Mand her. Also ein Gecko oder Tokä, wie er hier genannt wird. Gehört hatte ich ihn viel und oft in Java — gesehen niemals. Sröstelnd bei aller Litze, kroch ich ins Bett und schloß die Moskitovorhänge extra fest zu. Gec-Ko, Gec-Ko! erschollt noch einmal. Also in Gottes Namen, „Gute Nacht, Gecko!" Siamesische Musikanten. Siamesische Feste und Gebräuche. Zß5 Capitel 24. Hmmeftsche Wste unö Gebräuche. Festliebe der Siamesen. Leichenverbrennungen. Die erste Lönigin. Stellung der Frau in Siam. Verlobungen und Lochzeiten. Geburt. Tod. Himmel. Einteilung des Himmels. Theater im Himmel. Der Palast des Lönigs. Seine Rinder. Die weißen Elefanten, wat pra Lao. pratschedi. Sonderbare Statuen. Der Smaragd - Buddha. Die europäischen Ratgeber -es Lönigs. Allzu rasches Fahren. Die armen Lhinesen. in- sawt ist ein als linterpfand des Verlöbnisses gegebenes Geschenk: zwei weiße Anzüge als Gabe für die Brauteltern, für die Braut Lochzeitskuchen, Betelnüsfe, Schüs- Lin europäisches Baus in Bangkok. » W ss KWKH Ist Z72 Reise einer Schweizerin um die Welt. sein u. s. w. Diese Gaben werden in feierlichem Auszuge unter Begleitung einer Musikbande nach dem neuen Sause gebracht und der Braut überreicht, denn alle Sochzeitsgeschenke gehören nachmals der jungen Srau, und der Mann hat kein Recht darauf. Tritt eine Trennung ein, so kann der Mann nur das beanspruchen, was er selbst gebracht hat. Nun versammelt sich die ganze Gesellschaft, Kong Tun und Sinsawt werden ausgestellt. Die Abgesandten zählen laut die Mitgift in Gegenwart beider Llternpaare. Dann vermengen sie die zwei Geldhaufen und lassen wohlriechendes Gl, duftende Blumen und etwas Reis daraus fallen, mit dem Wunsche, daß das junge paar Reis, Gl und Mohlgerüche in Überfluß haben möge. Nach reichlichem Schmause erscheinen fünf oder sechs Priester und rufen den Segen des Simmels auf das junge paar herab. Mährend all dieser Zeit bleibt die Braut, welche durch eine Anzahl jungfräulicher Dienerinnen in ihr neues Seim geleitet wurde, hinter einem quer durch die Mitte des Raumes gezogenen Vorhang. Jetzt wird dieser Vorhang gelüftet. Braut und Bräutigam werden ungefähr einen halben Meter voneinander niedergesetzt. Ein alter Samilienfreund erfaßt ein Gefäß mit heiligem Master und gießt unter Segenssprüchen ein wenig davon erst über den Kopf des Bräutigams, dann über den der Braut. Mit Sülfe der Dienerinnen vertauscht nun die Braut ihr nasses Gewand mit einem viel prächtigeren. Gleichzeitig erscheint ein hübsch gekleideter Knabe und bringt auf silberner Schüssel als Geschenk von den Lrauteltern einen feinen Anzug für den Bräutigam. Dieser Anzug wird sofort benützt. Die Priester, welche unterdessen für das Wohlergehen der jungen Leute gebetet, kehren mit Tee. Betelnuß und gelben Gewändern beschenkt nach Sause zurück. Die Samilie der Braut gibt nun ebenfalls ein Sest, und erst am Abend des dritten Tages wird die Braut feierlich in ihr neues Seim geleitet. Zwei oder drei Tage später machen die jungen Lheleute einen Besuch bei der Samilie des Mannes, vor der sich die neugebackene Ehefrau zu Boden wirft und Blumen, Kuchen und andere Geschenke verteilt, wenige Tage darauf bringt die Srau den Gatten zu ihren Eltern. Bei der Geburt des ersten Kindes wird die Mitgift, welche der Gbhut der Brauteltern anvertraut worden war, der jungen Mutter übergeben. Von nun an müssen die jungen Leute, die bisher bei den Lrauteltern gegessen, für sich selber sorgen. Die mit eben beschriebener Leserlichkeit geheiratete Srau steht dem Manne im Range völlig gleich und ist Serrin des Saushaltes. Sürstcn und hohe Beamte halten sich zuweilen noch Nebenfrauen, welche jedoch, wenn sie ihrer überdrüssig sind, einfach fortgeschickt werden können. Eigentümliche Sitten herrschen namentlich im Vasallenstaat Laos bei der Geburt eines Kindes. Es wird nämlich angenommen, daß das Kind bis zum zweiten Tage den Geistern angehöre. Sobald es geboren, wird es gebadet, angekleidet und auf einem Reissiebe unter freien Simmel gebracht, wenn möglich durch die Großmutter. Diese ruft die Geister an, sie möchten das Kind noch diesen Tag holen, andernfalls es für die Zukunft unbehelligt lasten. Dabei stampft sie heftig auf den Boden, um das Kind zum Schreien zu bringen. Gelingt dies nicht, so ist das ein Liamejische Leste und Gebräuche. böses Vorzeichen. Schreit das Lind, so wird ihm ein gesegnetes, glückliches Leben zu teil. Bisweilen freilich kommen die Geister und holen das Lind, d. h. es stirbt innerhalb 24 Stunden. EinenTagnach der Geburt gilt das kleine nicht mehr als Eigentum der Geister, die es ja hätten abholen können, wenn sie gewollt. Es gehört jetzt den Eltern. Um ganz sicher vor weiterer Belästigung seitens der Geister zu sein, verkaufen diese das Lind dem Namen nach um ein geringes irgend jemand, vom Gedanken ausgehend, daß die Geister sich anstandshalber nicht an etwas Gekauftem und Bezahltem vergreifen. Auch bei der Taufe des Meinen ist man daraus bedacht, einen recht abstoszenden Namen zu wählen, damit die Geister das Lind seines hübschen Namens wegen nicht etwa zu sich nehmen. „Li mu", d. h. Schweinedünger, und „Li han", d. h. Gänsemist, gehören keineswegs zu den ungewöhnlichsten und häßlichsten Namen. Beim Tode haben die Laoten folgende Gebräuche: Jemand schließt dem Toten Augen und Mund und ladet den Geist höflich ein, sein keim zu verlassen und jede Lümmernis, jede Sorge um Samilie und Sreunde und weltliche Dinge zu vergessen. Zuweilen wird eine kleine Münze oder ein Edelstein in den Mund der Leiche gelegt, damit jene in der anderen Welt die Geistesgebühr bezahlen könne. Tod durch Unglücksfall ist ein sicheres Zeichen, daß ein böser Geist die Seele des verunglückten geholt, damit sie ihm in der Geisterwelt Gesellschaft leiste. Solche Tote werden nicht verbrannt, ebensowenig Wöchnerinnen, durch bösartige Seuche verstorbene und vor dem fünfzehnten Jahre dahingegangene Linder. Männer liegen, wenn sie begraben oder verbrannt werden, mit dem Gesicht nach unten, Srauen auf dem Rücken. Die Laoten glauben nämlich, daß Srauen den Kümmel nie gesehen haben, sondern ursprünglich aus unterirdischen Regionen gekommen sind. Sterbend blicken sie zum erstenmal empor. Die Männer dagegen sind von oben gekommen und wünschen, die Srauen bei sich im Glücke der Geisterwelt zu haben. Sie dürfen daher ohne Zagen Hinunterblicken und nach ihren emporsteigenden weiblichen Angehörigen suchen. Z2Z Lauptfastade des königlichen Palastes in Bangkok. Z74 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Laoten stellen sich den Kümmel als Berg Zinnalo im siamesischen Berg „Meru" vor. Dieser stellt die Mitte der Welt dar und ist halb unter, halb über der Erde. Seifen bilden den Teil, der unter Wasser ist, und um diesen Sels windet sich ein Riesenfisch, pla anun genannt. Schläft er, so ist die Erde ruhig, bewegt er sich, so entsteht ein Erdbeben. Über dem Wasser ist die bewohnte Lrde, und auf jeder der vier Seiten des Berges steigen sieben Hügel einer über dem andern empor, welche die Stufen bedeuten, die zu den verschiedenen Kümmelsräumen führen. Lassen die guten Werke des Abgeschiedenen zu wünschen übrig, so kann er den Gipfel des Berges Zinnalo nicht erreichen. Der erste von diesen Kümmelsräumen heißt: «Dju w malm In tscki tu ruvru». Lr ist der Wohnort guter Geister, und hier wohnt auch ein Mnig, der über sie herrscht. Line Stufe höher liegt «Durvuli iinAsali uunA tervu uunA». küer wohnen diejenigen, welche wats und Priesterwohnungen erbaut haben. Jeder, der hier hineinkommt, darf 16,000 Srauen haben. Der nächste Kümmelsraum ist «Dm siciu tevru». Seine Bewohner bestehen aus Menschen, welche auf Erden weiße .Kleider trugen und ihre Zeit mit Beten zubrachten. 30,000 Srauen sind ihnen gestattet. Im vierten, dem «Vuinu tevvu», wohnen Männer und Srauen, die auf Erden Werke von großem Verdienste getan. Der fünfte Kümmel ist «Mmma. rmluti», auch ein k>eim für gute Menschen. Ein jeder Mann erfreut sich hier 600,000 Weiber. Kümmelsraum Numero sechs heißt: «Duru min mittu», die k>eimat des vollkommenen Sriedens. Man verbringt hier die Zeit mit Singen und Tanzen, und jeder K>err hat nicht weniger als 105,000,000 Damen. Darüber kommt ein in drei Abteilungen geteilter Kümmel, wobei ein jeder noch in drei Unterabteilungen zerfällt. Ich will nur die Bewohner des dritten kümmels nennen. In wohnen die Srauenengel. In L. die Männer, welche die vollkommensten Engel sind und hier leben, ehe sie Götter werden und über die Menschen regieren wie Buddha. In L. wohnen die Srauen, welche bestimmt sind, Mütter von Göttern zu werden. Über allen schwebt das „äußere Dunkel" oder Nirwana, von den Siamesen „Nippan" genannt. Daß übrigens bei allen himmlischen Sreuden und Genüssen die Bewohner der verschiedenen Kümmelsräume noch Sinn für irdische Lustbarkeiten haben, bezeugt folgende Legende: „Ein Sürst und seine Gemahlin veranstalteten einst große Sestlichkeiten, weil ihr Sohn Priester geworden war. Theatervorstellungen aller Art fanden statt. Als nun die fürstliche Samilie mit ihren Söhnen der Aufführung zusah, kamen auch die Bewohner der obern Welt, um zu sehen, was vorging. Die Theatervorstellung gefiel ihnen dermaßen, daß sie darüber sofort an Ppa In oder Indra, den Herrscher über den Himmel, Bericht erstatteten, der nun neugierig selbst herunterkam, um einen Blick auf die Schaustellung zu werfen. Lr war so entzückt, daß er bei seinem Weggange drei Söhne des Sürsten, welche unter den Zuschauern saßen, stahl und mit in den Himmel - »rsS» pratschedis. (5. Z77.) 4ti«>' Z76 Aeise einer Schweizerin um die Welt. nahm, damit sie ihm bei der Einrichtung theatralischer Vorstellungen in den himmlischen Regionen helfen sollten. Er vollführte seine Absicht in drei Tagen, brachte dann jeden der Sürstensöhne in einer großen kristallenen Slasche zurück und setzte sie wieder auf den Platz, von wo er sie weggeholt hatte." Doch genug von den naiven Hümmelsideen in Hinterindien und zurück zum aufgeklärteren Bangkok. IVeihnachtsmorgen! lVir standen mit unserer Lrlaubniskarte vor dem königlichen palaste. Ein Gst- schweizer, Herr W., an den ich von Singapur eine Empfehlung mitbekommen hatte, war mit uns. Am Lingangstor, das mit einer starken wache besetzt ist, erwarteten uns zwei seine Siamesen, welche die Rührung übernommen hatten. Das von einer weißen, zinnengekrönten Nlauer umschlossene Palastviertel bildet eine ganze Stadt für sich, bevölkert von einem AeerBeamtenund Diener. jtzinter dem sogenannteil Lmpsangspalast liegt das Dlönigs- haus, das geheimnisvolle Lang Hai, das Innere, in welchem der Lönig mit seinen dreißig Srauen und Z2 Mindern wohnt. Diese Zahl hat man mir aus wohl informierter Guelle in Bangkok mitgeteilt, in den Reisebeschreibungen steht meist die doppelte angegeben. Der Reisende Gtto Lhlers erzählt, der jetzige Kronprinz habe ihm vor zehn Jahren etwa auf seine Srage, wieviel Geschwister er hätte, geantwortet: «kuon-s exuctl^, tkere ure plent^ ob tkern.» (Niemand weiß das genau, es gibt ihrer eine NIenge.) Lein Unberufener darf sich diesem palaste nähern, ja, die Etikette verbietet schon die bloße Erwähnung desselben. Der Lmpsangspalast ist erst iin Jahre 1880 bezogen worden. Er stellt einen langgestreckten säulen- und pilastergeschmückten Bau im Renaissancestil vor; die italienische Bauart herrscht überhaupt vorwiegend bald mehr bald weniger gelungen bei allen offiziellen Gebäuden und königlichen Besitzungen. Beibehalten sind dabei, wenigstens im Palastviertel, die originellen, giebelreichen, spitz anlaufenden, gelblasterten siamesischen Dächer und die Llefantenbilder. Om Palastviertel. Siamesische Leste und Gebräuche. Z77 Daß es uns zunächst zu den berühmten weißen Elefanten zog, will ich nicht leugnen, aber welch eine Enttäuschung! Weiß sind die vier durchaus nicht, sondern schmutzig graubraun mit einigen weißen Stecken auf den Ghren. Gegen die mageren, nicht besonders gut gehaltenen und ach, so kurz gefesselten Tiere, die sich kaum einige Zoll weit bewegen können, sind unsere Bären beneidenswerte Rentiers. Die Repräsentanten des siamesischen Wappens zeigten sich für milde Gaben auch empfänglicher als unsere Braunröcke in der Sremdensaison. Mit Entzücken nahmen sie einige Bündel Zuckerrohrstroh entgegen und dankten mit artiger Verbeugung. Hie und da spaziert der eine oder andere königliche Elefant aus seinem Gang zum Bade durch die Straßen Bangkoks und entschädigt sich an etwaigem Futtermangel dadurch, daß er seinen Rüssel ungeniert hier und dort in die Ladenauslagen hineinsenkt, um sich einige Bananen, einen Zuckerrohrstengel oder eine Kokosnuß zu holen. Die Heiligkeit der weißen Elefanten stammt aus der frühesten Zeit der buddhistischen Geschichte. Indra selbst ritt auf einem weißen, dreiköpfigen Elefanten, und Gaudama (eine Personifikation Buddhas) wurde zum letztenmal in der Gestalt eines Elefanten geboren. Zudem herrscht in Siam allgemein der Glaube, daß einem Albinos die Herrschaft über alle Geschöpfe seiner Rasse gebühre. Das Schönste und Interessanteste der Königsstadt ist unstreitig die Tempelanlage des wat pra Kao, des ältesten und dabei schönsten Tempels Bangkoks. Unmittelbar nach der Gründung der Stadt, 1782 begonnen, blieb der Gebäudekomplex stets unvollendet. Als 2ßjähriger Mann gelobte Tschulalongkorn, wat pra Kao zum lOOjäh- rigen Jubiläum der Stadt zu vollenden. Dies gelang. Die Brüder des Königs wirkten nach Kräften mit, der eine bedeckte den großen Haupttempel mit vergoldeten Ziegeln, der andere ließ die mit Perlmutter eingelegten Türen wieder herstellen, der dritte schenkte bronzene und vergoldete Buddhastatuen u. s. w. Um den Haupttempel gruppieren sich obeliskartige Bauten, welche teils in eisernen vergoldeten Stammen, teils in spitzen goldenen Nadeln enden, pratschedi und pra oder phra prang werden sie genannt und als weihgeschenkevon einzelnen Samilien der Gottheit Sonderbare Gestalten vor dem Mat. Z78 Reise einer Schweizerin um die Welt. gewidmet. Inwendig meist leer, enthalten sie nur hie und da eine Kopie des Laues im kleinen. Sonderbar phantastisch, wie der nach chinesischem Muster angelegte Tempelgarten, sind die Siguren und Tiere, welche diesen heiligen Bezirk beleben. Da stehen vor den Eingangspforten überlebensgroße grüne Gestalten, halb Mensch, halb Vogel, „Krut" genannt, mit spitzer, in sünf bis sieben Etagen sich verjüngender Kopfbedeckung, Maske, weitabstehenden Janusohren, grüner Rüstung aus glänzender Sapence und gockelartigem Schwänze. Andere Tempelhüter zeigen sich als ehrwürdige alte Herren, in rundem, schwarzem Hut, weißer Krawatte, schwarzen Handschuhen und langem, in einer Schleppe endendem Sracke. Sie erinnern mich an 7)ankees aus den Hinterwäldern. Mas ihre Bedeutung, sowie diejenige aller möglichen, in modernen Gesellschaftsanzügen neben chinesischen Mandarinen prangenden Herren ist, konnte mir kein Mensch erklären. Nur drei waren mir bekannt unter den herumstehenden Herrschaften aus Zement: Mr. Gladstone in eveninK äress und Hermes und Artemis, letztere freilich ohne Gesellschaftstoilette. Unter den Tierbildern sind es immer wieder Elefanten, Affen, Tiger, Pferde, welche die Hauptrolle spielen. Uni das große, ganz mit vergoldeten Ziegeln bedeckte pratschedi stehen die vier stärksten Tiere in Siam: ein Tiger, ein Elefant, ein Pferd und ein Adler. Den Mittelpunkt dieser Anlage, die durch schöne Bäume, tropische Blüten und Lotosteiche einen poetischen Anstrich erlangt, bildet der große lvat, wo der Smaragd- Buddha thront und der König seine Gebete zu Buddha emporsendet. Ein dreifaches buntes Dach, dessen hohe Giebel in Slammenspitzen auslaufen, bedeckt die mit Säulenhallen umgebene, nach griechischem Muster erbaute Cella. Hohe steile Stufen führen hinan zu zwei schwarzen, reichvergoldeten und eingelegten Türen, zwischen denen Buddha in einer Nische thront. Überreiche Sresken schmücken die wände. Ein Bild steht über dem anderen: Jagden, Prozessionen, Kämpfe, Seste, alles ohne rechte Perspektive, aber in lebhaften und doch harmonischen Sarben dargestellt. Hoch oben über einem Altare thront eine Sigur aus grünem Nephrit, das Haupt durch einen Riesen- Smaragd gebildet, der sogenannte Smaragd-Buddha. Heiliges Dunkel umschwebt ihn, den unter der Last seiner goldenen Kleider kaum Sichtbaren. Von priesterlicher Hand heben sich auf einen Augenblick die schweren Vorhänge, und eine goldene Lichtflut dringt hinein in den Tempel. Ein Strahl fällt auf das Götterbild, und die feierliche, würdevolle Gestalt Buddhas löst sich ab von dem dunkeln Hintergründe und tritt hervor, als wollte sie sich segnend zu den Betern zu ihren Süßen neigen. Im Jahre 1436 n. Ehr. wurde das Götterbild in Kiang Hai gefunden und dem damaligen Könige von Siam gebracht. Im ganzen Lande glaubt man, das Reich werde blühen und gedeihen, solange der Smaragd-Buddha hier throne, sollte er verschwinden, so sei es auch um Siam geschehen. Der Altar bricht beinahe zusammen unter der Last der Glasgefäße, Lampen und Leuchter, der mehrstöckigen Schirme, der Buddha-Bilder in Gold, Silber und Bronze. An den Altären stehen Vasen mit in Ppramidenform aufgebauten plumerien, Tuberosen und Mang-Mang-Blüten. die drei stärksten Düfte, welche, mit Weihrauchwolken vereint, betäubend den Tempel erfüllen. Unhörbar nahen von allen Seiten träumerische, gelbe Priester, helle und dunkelgelbe. In der Hand SU»ch»- mnü um» « MPM MZM MkW 7-«GM .^-L« Z80 Reise einer Schweizerin um die Welt. halten sie die gelbe, betäubende Mang-Mang-Blüte. Dazwischen kommen Srauen und Minder. Sie bringen ihre Reis- und Blumen-Gpfer, und alle fallen sie nieder im Gebet auf den kalten, glänzenden Metall-Sliesen. Den Abend verlebte ich in der Samilie des Dr. R., der seine belgischen Lands- leute zum lDeihnachts-Diner bei sich vereinigte. Sünf belgische Familien im fernen Siam! Bis unlängst war ein Belgier, der jetzt verstorbene Rolin Jacquempns, Staatsminister und rechte Hand des Bönigs. Der Honig hat seinen Ministern und obersten Beamten, die größtenteils zugleich seine Brüder sind, europäische Ratgeber zur Seite gestellt. Es ergeht ersteren dabei einigermaßen wie dem Sultan von Djokjakarta und dem Haiser von Soerakarta, nominell sind sie Vorsteher ihrer Departemente und erlassen Befehle, in Wahrheit aber müssen sie tun, was ihre Ratgeber, deren wohl zwanzig sind, bestimmen. Gb die Europäer dabei immer den geeigneten Sauerteig in dieser europäisch-siamesischen Mischung bilden, läßt sich schwer sagen. folgenden Departementen sind europäische Ratgeber beigegeben: Sinanz, Zoll, Polizei, Heer, Marine, öffentliche Arbeiten, Hasen, Post, Telegraph, Sorst, Eisenbahn, Schule und Gericht. Damit keine fremde Nation dabei ein allzu großes Übergewicht im Lande erhalte, entnimmt der Hönig möglichst verschiedenen Nationalitäten seine Leute und übergibt wiederum je ein Departement, wenn notwendig, mehreren Europäern eines Landes. So finden wir zum Beispiel zwei oder drei Belgier im Justiz-Departement, mehrere Dänen bei der Marine u. s. w. Die Besoldungen sind hoch, die Arbeit ist verhältnismäßig nicht schwer, Serien gibt's häufige und lange. Anderseits ist das Hlima der oft furchtbaren Hitze wegen sehr angreifend, die Hinder müssen zur Erziehung nach Europa geschickt werden, und an Zerstreuungen und Vergnügungen in Bangkok findet sich wohl keine große Auswahl. ... Beinahe wäre ich anjenemweihnachts- abende verunglückt. Dr. R. holte mich mit seiner Victoria und zwei sehr wilden javanischen pferd- chen ab. Gleich hinter dem Griental Hotel fingen diese an, durchzugehen, vergeblich suchte der Hutscher sie zurückzuhalten. In rasendem Tempo flogen wir durch die schmale, verkehrsreiche Hauptstraße. Andächtige im wat. Siamesische Feste und Gebräuche. Z81 Zu unserer Linken schoß die elektrische Trambahn dahin, plötzlich sah ich vor mir eine Jinrikisha, welche direkt unseren pserden entgegenlies und nicht mehr ausweichen konnte. Einen Augenblick später wirbelte das Wägelchen mit seinen Insassen hoch in der Luft, um unmittelbar darauf unter den Kufen der dadurch vollends scheugemachten Pferde in Atome zersplittert zu werden. Line Minute noch und zu unserem Keile trat das eine Pferd mit dem rechten Suß in einen an der Straße laufenden kleinen Graben. Dies brachte das wilde Zweigespann zum Stehen, wir konnten aus dem wagen springen. Line große Menschenmenge hatte sich um uns gesammelt. Aus allen Lcken kam die Polizei gestürzt, teilnehmend umringte man uns, untersuchte den wagen, sah nach dem Pferde, das zum Glück sich wenig beschädigt hatte. Kein Mensch fragte dagegen nach den unglücklichen Jinrikisha-Lhinesen. Einige Blutspuren, einige zersplitterte königlicher Palast vom Fluß aus. '»ich r, D 7 r-M Radspeichen hatten sie zurückgelassen, sie selber waren in Nacht und Nebel spurlos verschwunden. Als ich das harte Geschick der Betroffenen, die wahrscheinlich schwere Wunden und den Verlust ihrer Jinrikisha davongetragen, beklagte, antwortete man mir sehr kühl: „Sie haben gut daran getan, schnell zu verschwinden, sonst hätte die Polizei sie gepackt und auch noch Strafgeld von ihnen gefordert." Ich mußte den ganzen Abend an die armen Menschen denken, wie absolut recht- und schutzlos diese chinesischen Kulis und übrigens auch die Lingebornen in Indien sind, hatten wir auf unserer Weiterreise noch oft Gelegenheit zu bemerken. Meinem Sreund begegnete auch in Bangkok folgendes: Cr fuhr mit einem weißen Kutscher durch die Stadt. Da die Straßen sehr eng und es schon dunkel war, bat er diesen, den allzu raschen Lauf seiner Pferde etwas zu mäßigen, vergeblich, man raste nur noch schneller davon und überfuhr richtig einen alten Chinesen mit seiner Jinrikisha. Als der unglückliche Alte sich mühsam erhob, überschüttete ihn der Kutscher mit einer Slut von Schimpfreden und wollte mit der peitsche auf ihn einhauen. Zugleich erschien ein Polizist und packte den unglücklichen Bezopften, wütend rief diesem mein Sreund zu, den Chinesen sofort los- Z82 Reise einer Schweizerin um die Welt. zulassen und den schuldigen Kutscher zu ergreifen. Doch nein, Polizist und Kutscher erklärten einstimmig, in solchen Süllen träfe jedesmal die Chinesen die Schuld, und sie müßten Strafe bezahlen. Solche Unfälle kämen übrigens beinahe täglich vor. Mit Mühe nur gelang es meinem Sreunde, die Sreilassung des Unglücklichen, der zugleich mit der Jinrikisha sein Brot verloren, zu erwirken. Stumm, ohne ein Zeichen von Schmerz oder Aufregung zu zeigen, hatte der alte Chinese alles über sich ergehen lassen. Lr wußte zum voraus, daß er hier der Unterliegende sein mußte. Jas buddhistische 2iam. Z8Z Capitel 2Z. Das buddhistische Sümi. Auszug aus dem Griental Lotet. Heiligkeit des Schlafes, wats. Grenzstein. Der Song. wat Poh. wat Tschang. Priester. Theater. Schneiden des Laarknotens. Ausflug nach Afuthia. Elefanten kraal. Eintreiben der Elefanten. Dressur. Barem des Rönigs Mongkut. Langpa-in. Lhineflscher Palast. Rönigspalast. Gotischer Ruddhatempel. Einschiffung aus der „Singora". Fahrt nach Singapur. en folgenden Morgen verließ ich mit keineswegs schwerem Kerzen das Griental Hotel und seinen spitzbübischen Wirt, der mir zum Schlüsse noch falsches Geld aufschwatzen wollte. In der Samilie des Or. R. fand ich eine nette, feine Srau, zwei liebe Bübchen und den Doktor selber, der jederzeit bereit war, dem Gaste Angenehmes und Interessantes zu-bieten. Er selbst war viel im Palast und wurde auch nachts des öfteren telephonisch herausgeklingelt. Bei dem großen Hofstaate und der Gewohnheit der vornehmen Siame- sen, beinahe ununterbrochen den ganzen Tag Süßigkeiten zu naschen, ein sehr natürliches Resultat. Dicht neben uns wohnte ein junges, belgisches Ehepaar, Herr und Srau I. Sie führten mich viel in Bangkok herum, und da wir der großen Hitze wegen unsere Ausfahrten früh unternehmen mußten und Doktors spät aus waren, so erschien ich oft schon zum ersten Srühstück dort zu Gaste. Anfangs konnte ich den siamesischen Boy nie dazu bringen, mich zu wecken. Ich hielt es für bösen willen, bis ich erfuhr, daß in Siam jemand zu wecken, einem Morde gleich kommt. vr. R. erzählte, dies hätte die Reise mit dem Mnig oft schwierig gemacht, denn jedesmal, wenn es ihm beliebte, lange zu schlafen, mußte die auf den folgenden Morgen festgesetzte Abreise aufgeschoben oder umgeändert werden. Auch wenn die Sonne nicht schien, soll es nicht leicht gewesen sein, den siamesischen «koi Solsil» aus den Sedern zu kriegen. wat Tschang. Z84 Reise einer Schweizerin um die Welt. Mit Herrn I. habe ich eine ganze Anzahl Mais besucht, an denen Bangkok keinen Mangel leidet, soll es doch in und um die Stadt herum deren bei neunhundert geben. Ein pratschedi oder phra prang zu errichten, ist der Wunsch und das höchste Streben eines jeden frommen Buddhisten. Er betrachtet es als ein Mittel, sich bei der Gottheit beliebt zu machen, eine Sühne für all seine Sünden, eine Stufe zum Hummel. Aus der Lerne gesehen, im Schatten hoher Bäume, an den Usern des Llusses, vergoldet von der Sonne, oder vom Mondlichte milde verklärt, erscheinen diese Tempelbauten unbeschreiblich schön und poetisch. Anders in der Nähe. Llüchtig und leicht zusammengefügt und niemals ausgebessert, zerfällt gar bald der aus Lehm, Ziegelsteinen, Kacheln und grobem Glasmosaik gebildete Bau. Moos setzt sich an, Gebüsche streben aus den Lugen und erweitern diese allmählich zu klaffenden Rissen. Die Mosaik und bunten Blumenornamente zerbröckeln, werden zertreten oder fortgetragen. In der Anlage sind die U)ats einander mehr oder weniger gleich. Der meist große Tempelplatz wird durch den König, in der Provinz durch den Statthalter, ausgesucht. Acht runde Steine, luk-nimit genannt, begrenzen den Bezirk. Sie werden mit Weihwasser begossen und sollen die bösen Geister abhalten, in das Bereich des N)ats zu dringen. Nachdem diese luk-niinir eingegraben worden sind, wird ein kleiner Ziegelbau mit vier Portalen über einen jeden errichtet, dessen Abschluß ein roter Sandstein in Lorm eines Herzens bildet. lZ^semu oder serrm heißen im Sanskrit diese Steine. Es ist ferner Sitte, unter jedes pratschedi entweder eine Ligur Buddhas oder ein goldenes oder silbernes Schmuckstück samt einem Silberblatte mit dem Namen des Stifters und dem Datum zu legen. Die pratschedi habe ich bei Gelegenheit des Wat pra Kao beschrieben, auch die Tempelgärten mit ihren wunderlichen Zement- und Steinbewohnern, zu denen meist noch phantastisch geformte Granitfelsen kommen. Lines märchenhaften Tieres habe ich jedoch nicht erwähnt, das meist auf einer erhöhten Terrasse vor dem Wat sitzt. Der Song ist ein ungeheuerlicher Löwe mit einer borstigen Mähne, einem gewaltigen Busch am Ende des Schweifes und langen, gespreizten Klauen. Im offenen Maul hält er eine bewegliche Kugel. Der Song war König der Tiere und nicht wenig stolz auf seine Schönheit und Kraft. Sein Reich war der Urwald, sein Thron auf dem Gipfel eines bis zum Luße zerklüfteten Berges. Tief unten in der Schlucht floß ein Kristallstrom. Die anderen Tiere liebten ihn nicht seines Hochmuts wegen. Dein Hunde gelang es, ihn zu verderben. Lr brachte den Song auf einen Lelsenvorsprung, der über dem Kristallstrome hing, unter dem Vormunde, ihm einen in jeder Hinsicht ebenbürtigen König zu zeigen. Als der Song ins Wasser hinunterblickte und sein eigenes Bild sah. ergriff ihn das verlangen, mit dem vermeintlichen Nebenbuhler zu kämpfen. Cr sprang von der Klippe herab und zerschmetterte sich am Leisen. Die Haut des toten Löwen wurde von den Menschen gesunden, und wer sich eines Stückes derselben bemächtigen konnte, gelangte zu Ansehen und würde. Nach langen Jahren wurde der Song von neuem geboren, und nach vielen Wandlungen Das buddhistische Liam. Z8Z ein Gott aus ihm, den man verehrte. Das war jedoch vor Buddhas Zeiten, deshalb wird sein Bild auch nur außerhalb der Tempel gesetzt, und zwar in der Neuzeit als Symbol der Wachsamkeit. Am Eingang der wats finden sich meist mehrere Salas, d. h. Ruheplätze für Pilger, welche von nah und fern kommen; die übrigen, meist schmutzigen und verwahrlosten Gebäude sind Priesterwohnungen. Das wat, welches, weithin sichtbar, sich so malerisch über einer hohen Baumgruppe erhebt, ist wat Sakket, einst die schauerlichste Stätte Bangkoks, ein wirklicher Tempel des Schweigens. Bis vor acht fahren sind dort die Leichen armer Siamesen einfach den Geiern und Lunden zum Sraße vorgeworfen worden, dabei wurde, wohl um diesen den grausigen Schmaus zu erleichtern, den Toten ein klaffender Schnitt « 2 » Wat Sakket. in Brust oder Rücken gemacht. Der Kultur- und menschenfreundliche König hat auch hier wie im Gefängniswesen Ordnung geschaffen. Im siamesischen Staatshaushalt ist jetzt die Bewilligung einer Summe von zwei Tikals -- etwa vier Sranken für Verbrennung jeder Armenleiche vorgesehen. Im wat poh finden wir nach wüster der japanischen Daibutsu einen riesigen Buddha. Schlafend, vielleicht sterbend, liegt er, das K>aupt aus den rechten Arm gestützt, aus einem erhöhten Ruhebette. Seine Länge beträgt 4Z Dieter. Tr soll aus Ziegeln und Zement gebildet sein. Eine dichte Goldlage überzieht das Ganze. Allein die vergoldeten Platten blättern ab, und jeder nimmt womöglich ein Stück zur Erinnerung mit. Interessant sind die mit Perlmutter eingelegten Sußsohlen des Riesen, aus welchen Buddha-Legenden dargestellt sind. Das Wahrzeichen Bangkoks ist Wat-Tschang, ein auf achteckiger Basis ruhender, allmählich sich verjüngender, in eine Llammenspitze auskaufender Bau. Vier kleinere, abgestumpfte Türme umgeben den Mittelturm, und dreiköpfige Elefanten 2Z L. von Rodt. Reise um die Welt. Z86 Reise einer Schweizerin um die Welt. springen aus vier Nischen hervor, von außen erklettert man das 6O Meter hohe Gebäude auf ungewöhnlich steilen und dabei gefährlich schmalen, hohen Stufen, eine tüchtige Leistung bei der herrschenden Hitze! Die Aussicht von oben: Bangkok in der Vogelschau mit seinen unzähligen Pratschedi-Nadeln, mit dem silbernen Band des Menam und dem üppigen Grün der Gärten, läßt manchen Schweißtropfen vergessen! Hier konnte ich mir auch Rechenschaft geben von der merkwürdigen Zusammenstellung des Materials vorn wat Tschang, das, in der Lerne gesehen, wie die köstlichste Steinskulptur sich präsentiert. Ziegelsteine bilden den Körper des ganzen Baues, aus zerbrochenen Tellern, Gläsern, Töpfen, Scherben, Schalen und weißen Schnecken- muscheln sind die Tausend und aber Tausend Ornamente zusammengefügt. Der Effekt des Ganzen von unten und aus einer gewissen Entfernung ist ein wundervoller. Der Menge der lvats entsprechen die Scharen der Priester. Hell und dunkelgelb, je nach der Gunst des Bönigs in Seide oder Baumwolle gekleidet, sieht man sie besonders in den Lrühstunden, einen Lächer in der Hand und einen runden Topf unter dem Arme, ihrem „täglichen Brote" von Haus zu Haus nachgehen. Reis, Lisch, Lrüchte, Gemüse und Betelnüsse füllen schnell die Töpfe, denn die Leute geben gern und viel, wissen sie doch, daß sie sich dadurch das besondere Wohlgefallen Buddhas erwerben. Sobald der Topf gefüllt ist, kehren die Bonzen in ihre Möster zurück und halten Mittagsmahl aus diesen milden Gaben, denn nichts anderes dürfen sie essen, als was sie sich erbettelt haben. Der Rest wird den allzeit hungrigen Raben und Pariahunden vorgeworfen. Bis zum nächsten Sonnenaufgang aber darf dann der Priester, mit Ausnahme einer Tasse Tee, nichts mehr genießen. Außer diesem täglichen Bittgang ist die Arbeit nicht groß. In der Lrühe etwas Glocken- oder Trommelschläger!, einige Pali-Gebete hersagen, das ist so ziemlich alles. Die Pali-Gebetsbücher bestehen aus langen, schmalen Palmblätterstreisen, mit einem durch ihre Mitte gehenden Laden zusammengehalten. Die Buchstaben werden mit eisernem Griffel daraus eingekratzt, pali, die heilige Sprache der südlichen Buddhisten, wird in Siam, Birma und Ceylon noch heutzutage von gelehrten buddhistischen Priestern in barbarischer Verstümmelung gebraucht. Sie gehört zu den alten Volksdialekten Indiens und ist eine Tochtersprache des Sanskrit. Einmal im Leben hüllt sich beinahe jeder Siamcse, namentlich der höheren Masse, in das gelbe Gewand der Priester, zuweilen auf Wochen oder Monate, ja aus Jahre oder fürs ganze Leben. Zuweilen auch bleibt er im Tempeldienst, bis er sich vorteilhaft verheiraten kann, oder bis sich etwas anderes für ihn findet. wenn ich mit Herrn I. genügend in den wats herumgestiegen war, durchmusterte ich mit Lrau I., welche mit Leidenschaft alte Sachen durchstöbert, die pfandleih- anstalten Bangkoks, deren Zahl Legion iß. Der Drönig läßt, zu Lrau I.s Bedauern, jetzt gründlich damit aufräumen. Hoffentlich geschieht dies auch mit den Spielhöllen. Beide Institute, die jedenfalls einen inneren Zusammenhang haben, finden sich vorzugsweise im sogenannten Sampeng, dem echtesten Teil des alten Bangkok, wo jetzt die meisten Chinesen leben. Dort gibt's noch Guergäßchen, in denen die Schweine ebensoviel Anrecht wie die Menschen zu haben scheinen, und wo Mensch und Vieh einträchtig beieinander wohnen. Beinahe lebhafter noch als zu Lande ist der Verkehr zu Wasser. Die MW*' rUM-^ -MM-^ M W^ MK vor dem Llefanten-Lraal in Ajuthia. (S. ZS0.) -?ÄM Das buddhistische Liam. S87 schwimmenden Kaufläden, von welchen ich erzählt, werden verproviantiert, indem ihnen auf Sampans Gemüse- und Töpferwaren zugeführt werden. Einen Abend verbrachten wir noch in Dusfit-Park, diesmal im Theater. Es wurde zu gunsten des wat gespielt und diesmal Eintritt bezahlt. Im gewöhnlichen ist der Besuch frei. Die Stücke sollen meist dem indischen Mythus entnommen sein und sich durch mehrere Abende hinziehen. Spiel- dauer ist in der Regel von sieben Uhr abends bis morgens um zwei Uhr, und diese Lakons, wie die Ausführungen genannt werden, scheinen den Siamesen eine unerschöpfliche Guelle des Vergnügens zu gewähren. Das Laus war sehr groß, amphitheatralisch bauten sich die billigen Sitze aus, während die Europäer und vornehmen Siamesen im Parkett, unmittelbar unter der Königsloge ihre Plätze hatten. Links in einem Winkel neben der Bühne wirkte das ziemlich laute Orchester. Nur junge Mädchen traten auf; Tanz. Dämpfe und Verdrehung der Lände und Arme spielten dabei die Lauptrolle. Man erzählte mir, den kleinen Mädchen würden zuweilen die Ellenbogen ausgerenkt, damit sie auch nach einwärts gebogen werden könnten. Ähnliche widernatürliche Stellungen nahmen auch Lände und Süße ein. Die Mädchen, deren eine sehr große Zahl auftraten, trugen goldglitzernde, enganliegende Rüstungen mit einer Art Epauletten, die Lörner oder Schwingen vorstellen konnten. Die zwölf bis fünfzehn Eentimeter langen Singernägel waren bis zur Spitze mit silbernen Sutteralen geschützt und sahen wie Riesenklauen aus. Aus dem Kops trugen sie eine hohe Krone, welche die Sorm eines pratschedi hatte, und über dem Gesicht lag eine dichte Puderschminke. Die beiden Lauptpersonen waren die getreuen Abbilder der großen, grünen „Kruts" vor den wats. Ein in sieben Etagen sich aufbauender Lhrenschirm wurde wahrhaft krampfhaft von einem Diener über ihren Läuptern gehalten. Sehr belebte sich die einförmige Szene beim Erscheinen aller möglichen Tiere des Waldes, durch Siamesen dargestellt, welche die betreffende Tiermaske einfach über den Kopf gestülpt hatten und sie immer wieder festbinden mußten. Unter wilden: Geschrei entspann sich eine Jagd, die mit dem Tode sämtlicher Tiere endete. Zuweilen freilich standen die Leichen wieder auf und hoben die Masken empor, um Luft zu schnappen, oder sie suchten sie sich bequemer anzupassen, was jedesmal unermeßlichen Jubel unter den Zuschauern hervorrief. Aus den Kulissen guckten zwei Königstöchterchen hervor, die sich vortrefflich zu unterhalten schienen. Aus ihren Köpfchen prangte noch der runde Laar- knoten, und von diesem will ich jetzt erzählen. Im elften oder dreizehnten Jahre — die Zahl muß eine ungerade sein — wird Knaben und Mädchen dieser Laarknoten geschoren, und zwar unter ganz besonderen Zeremonien. Die Sterndeuter bestimmen einen glücklichen Tag oder vielmehr eine Nacht, denn um vier Uhr in der Srühe spätestens muß das Laar gefallen sein. Der LÄkon. Z88 Reise einer Schweizerin um die Tvelt. Für die Zeremonie des Daarknoten-Abschneidens gekleidete Lönigskinder. purohita (Gberprie- ster) nimmt drei sogenannte „Wien", d. h. Lichthalter, flache, einer großen Mlchenschaufel nicht unähnliche Gegenstände aus Metall, stellt drei Lichter darauf und hebt sie auf die Mpfhöhe des zu scherenden Mndes. Lierauf beschreibt er drei magische Zirkel in der Luft, während er mit dem Rücken der rechten Land den Rauch dem Ringe zuweht, in welchem das Mnd sitzt. Nochmals werden die Lichter emporgehoben und der Rauch in Gestalt eines Unalom (buddhistisches Emblem in Sorm eines Zirkels) dem Mnd ins Gesicht geblasen. Unterdessen ist das Laar abgeschnitten, die Lichter vermittelst darauf gelegter Betelblätter gelöscht und die Wien in Reisschüsseln gelegt worden. Zum Schluß taucht der Priester einen Singer der rechten Land in einen Betelbrei und befeuchtet damit die Stirn des Geschorenen zwischen den Augenbrauen, mit der Singerspitze einen Unalom beschreibend, er führt dabei diesen beim Mädchen zur Linken, beim Miaben zur Rechten. Ganz besonders feierlich wird die Zeremonie des Laarschneidens in der königlichen Samilie, besonders beim Kronprinzen, gefeiert, während sechs Tagen lösen sich dabei Seste und Umzüge unaufhörlich ab. Lhow Sah, oder Lhaofa, Limmelsprinz, lmllet der Titel des Monprinzen von Siam. königliches Blut muß in den Adern seiner Mutter fließen. Einen interessanten Ausflug machte ich mit Lerrn und Srau I., meinem Reisegefährten und einer Engländerin, Miß R., nach Ajuthia, der alten Lauptstadt. wir benutzten dazu die vor wenigen Jahren erbaute Eisenbahn Bangkok-Mrath, eine der wenigen in Siam. Die sauberen, netten Wagen erster Masse waren leider unbeschreiblich heiß, die Gegend im ganzen flach und uninteressant. Das alte Ajuthia ist ein malerisches, gewaltiges Trümmerfeld. Ihre große Ausdehnung verdankt die Stadt folgendem Umstände: Einem pya (hohen Beamten) wurde die Gründung der Stadt besohlen, und zwar sollte er einen Pfeil abschießen und da, wo der Pfeil hinfiele, die Stadt bauen lassen. Als er schoß, fing der Lanuman, ein fabelhaftes, geschweiftes Wesen, den Pfeil auf und steckte ihn ein, wobei sein Schwanz, dessen Länge die Grenzlinien der neuen Stadt abgeben sollte, zu ganz unerhörten Dimensionen wuchs. Der Lanuman versprach, als Schuhgeist über der neuen Stadt zu wachen, und erklärte sich bereit, im Salle der Gefahr, auf den Schall einer Trommel hin, der Stadt zu Lülfe zu kommen. Da es zunächst an jeder Gelegenheit fehlte, die Trommel zu rühren, konnten die Siamesen ihre Ueugierde, den Das buddhistische Siam. Z8Z Hanuman leibhaftig zu sehen, nicht länger bezähmen und gaben das Zeichen, wirklich erschien der Geiser, als er aber fand, daß es blinder Lärm war, wurde er zornig, verfluchte die Stadt und hat sich seither keinem Sterblichen mehr gezeigt. Das moderne Ajuthia ist beinahe mehr aus als am Wasser gebaut, und der Verkehr auf dem Strome ein ungemein lebhafter, Mit Mühe wand sich die prinz- liche «Steum luunck», welche Dr. R. für uns erbeten hatte, durch die Tausende von Booten und badenden Lingebornen, die mit den chinesischen Wasserbüffeln um die wette Kühlung im Menam suchten. wir landeten zunächst in der llähe des Llefanten-Kraales, einer gewaltigen Umzäunung von drei bis vier Meter hohen und einem halben Meter dicken Teakholzstämmen, welche etwa sechzig Centimeter voneinander so tief in die Erde eingerammt sind, daß der stärkste Elefant sie nicht mehr auszureißen vermag. Zudem sind geraume Zeit vor dem für die Jagd festgesetzten Tage Hunderte von Ar- beiternbeschäftigt, das Pfahlwerk zu prüfen und neue pfählesürmorsche einzusetzen. Zahlreiche Tlefanten- jäger begeben sich sodann in die Dschungeln, um die Lagerplätze der wilden Herden auszukundschaften. Da in Siam den Tieren längst nicht so häufig und grausam nachgestellt wird wie ihren Brüdern in Gstasrika und Indien, so sind sie auch nicht so scheu und wild wie dort. Die Herde besteht meist aus einer einzigen großen Samilie, welche unter einem Llesantenkönige steht, dessen Anordnungen sie sich vollständig fügt. Das Leittier pflegt das schönste, stärkste und größte unter der jüngeren Generation zu sein. Es führt sie zum Bade und zur Tränke, sucht Lager- und Sutterstätten aus und schreitet als Kundschafter der Herde stets voran. Ls wacht, wenn die übrigen Tiere ruhen, oder stellt seine Adjutanten als Wachtposten aus, und wacht wiederum, wenn nachts sich die berüsselte Gesellschaft im Bade ergötzt. Auch in das Gehege des Kraales, in die Gefangenschaft, tritt das Leittier zuerst ein. Llefanten-Lraal. 'ÄM«>«,»»»? ') Luelle: Aesse-Wartegg, „In Siam". Reise einer Zchweizcrin um die Welt. ZS0 Zahme weibliche Elefanten pflegen meist die wilden Genossen in die Kähe dermales zu locken, dann wird mit äußerster Behutsamkeit eine rette aus Treibern und zahmen Elefanten gebildet, die in weitem Umkreis die Ahnungslosen dicht umgibt. wildes Geschrei, Tamtamschlagen, Böllerschüsse, Heuer und Hackeln schließen jeden Rückzug in die heimischen Dschungeln ab. Erschreckt, betäubt betritt der Lle- fantenkönig den einzig ruhigen und freien weg, den langen palissadengang, welcher in die gewaltigen Hangarme des rraales führt. Brüllend, trompetend, dicht gedrängt, folgt die ganze, oft zweihundertköpsige Lerde. Ist der letzte Elefant durch, so fällt die Pforte zu. Gefangen! wütend drängen sich die riesigen Leiber an die festen pfähle. Die Stoßzähne bohren sich in die Erde fest, und die wild hin und her geworfenen Rüssel spritzen Wasser und Erdschollen hoch empor. König Tschulalongkorn und seine Gäste pflegen, auf einem erhöhten Pavillon, der den Kraal überschaut, dem aufregenden Eintreiben der Lerde zuzusehen, ein Ereignis, das immer seltener vorkommt. Der König bezeichnet eine Anzahl der stärksten und schönsten Tiere zum Zähmen, woraus eine Linterpsorte geöffnet wird, durch welche zahme Elefanten Hereintreten. Ihnen liegt jetzt hauptsächlich die Dressur der Wildlinge ob, eine Aufgabe, die sie mit wahrhaft menschlicher Klugheit erfüllen. Man frägt sich unwillkürlich, was für Motive die zahmen Dickhäuter dabei leiten. Hühlen sie sich wirklich so wohl in der Gefangenschaft, daß sie ihren Stammesgenossen dieselbe wohltat angedeihen lassen wollen? oder ist es ihnen ein Trost, eine Genugtuung, immer mehr Leidensgefährten zu erhalten? Sprecht euch aus, ihr von den Menschen Geknechteten! Laben die zahmen Elefanten schon beim Eintreiben viel Eifer und Klugheit entwickelt, so brennen sie nun vollends vor Begierde, den: Kornak und dem Lassowerfer beim Einsangen zu helfen. Sie drängen sich an den bezeichneten Elefanten heran, sondern ihn unter Schlägen und Stößen von der übrigen Lerde ab, stellen sich schützend vor den Schlingenwerfer, welcher den Augenblick abwarten muß, wo der wilde Elefant den Linterfuß hebt, um die Schlinge darunter zu schieben und fest anzuziehen. Dann wird die Schnur außerhalb des Kraales an einen festen Pfahl gebunden. Sind alle vom König bezeichneten Tiere auf diese weise gefesselt, so wird die Pforte des Kraales geöffnet, und in wildem Treiben und Lasten drängen sich die übrigen Tiere hinaus in die Hreiheit ihrer dunkeln Wälder. Die armen Gefangenen toben unterdessen, bis sie zu Tode ermattet und von Lunger ganz erschöpft hinsinken, dann nähern sich .ihnen gezähmte Elefanten. Je zwei nehmen einen armen, völlig gebrochenen, neuen Bruder in ihre Mitte, liebkosen ihn mit ihren Rüsseln und reden ihm nach Llefantenart freundlich zu. Allmählich nimmt er Speise, läßt sich zum Bade und in den Stall führen und wird unter der Leitung seiner zivilisierten Brüder sehr bald völlig gefügig, gesittet und artig. Bein: nächsten Llefanteneintreiben übernimmt der Neue seinerseits mit Enthusiasmus die Rolle des weisen Mentor. Die gezähmten Elefanten werden teils dein Clefantenkorps des Königs einverleibt, teils als Transportmittel aus Reisen, hauptsächlich aber als geschickte, kluge Arbeiter rvat pcch. (S. Zss.) ,---».*ch'^'- j^sSW M^-L- Z92 Reise einer Schweizerin um die Welt. in Sägemühlen und bei Bauten verwendet. Mir werden in Rangun Gelegenheit haben, sie in dieser Eigenschaft zu bewundern. Noch Ansang des XIX. Jahrhunderts haben in Hinterindien Schlachten stattgefunden, in welchen bis 6000 Elefanten ins Treffen geschickt worden sind. N)ir fanden den Kraal ganz verwaist, und in dem langen, in der Nähe liegenden Llefantenschuppen war nur ein einziges, melancholisches hohes Haupt, dem wir Verehrung zollen konnten. Seit drei Jahren hat keine Llefantenjagd mehr stattgefunden. Die Tiere vermindern sich stark und ziehen sich immer weiter in die IVälder zurück. Noch einmal fuhren wir Ajuthia zu, um den jetzt recht verfallenen, großen Palast des Königs INongkut zu besuchen, in welchem außer einigen trübe gewordenen, großen Spiegeln und einem abgeblaßten Throne wenig zu schauen ist. Interessant und amüsant lautet der Bericht eines Begleiters des Herzogs von penthidvres, welcher zwei Jahre vor der Thronbesteigung Tschulalongkorns, also 1886, den Hof seines Vaters Mongkut besuchte. Hesse-IVartegg bringt uns in seinem Buche „Siam" denselben in Übersetzung, und ich lasse einige Bruchstücke daraus hier folgen. Offenbar in einer schwachen Stunde zeigte König Mongkut dein Herzog und dessen Begleiter seinen Harem. Diesen beschreibt der witzige Sranzose in seinem «VozmAe uutour du moncte » ungefähr so: „Gruppen von fünfzehn bis zwanzig Srauen, überrascht von diesem unerwarteten Besuche, warfen sich sofort auf die farbigen Matten nieder, welche den Boden bedeckten; auf den Knien und Ellbogen liegend, schienen sie sehr erschrocken; andere, wohl hundert- sechzig an der Zahl, flohen bei unserem Erscheinen auf die Treppen, die Balköne und in die Seitenkioske; wieder andere verschwanden wie der Blitz zwischen den schattigen Alleen des Gartens, und die Ritzen der nicht ganz geschlossenen Türen zeigten eine Menge schwarzer, funkelnder, neugieriger Augenpaare. Die einen, alte verwelkte Matronen mit runzeliger Haut, drückten sich zur Seite; andere schokoladenfarbige tlpmphen, junge schmachtende Sultaninnen, mit einem handbreiten Band als einziger Bekleidung des Oberkörpers, einem kurzen, blauen Röckchen, Diamanten am Halse, den Armen und Beinen, schmieg- Zahmer Elefant beim Rraal. Das buddhistische Limii. ZgZ tcn sich überrascht aneinander. Der Honig lenkte seine Schritte zunächst zu einer Gruppe ältlicher Königinnen, und eine von ihnen bei der Hand fassend, zog er die vor Schreck Zitternde vor uns hin. Mit seiner Rechten die Königin beim Arm haltend, mit der Linken eine unserer Hände ergreifend, legte er sie in die Hand der Königin. „Gutes Weib," sagte der König, indem er sie pach diesem unfreiwilligen Hände- druck wieder fortschickte, „sie hat mir drei Kinder geschenkt." Dann ging er, um eine zweite, ebenso häßliche zu holen; derselbe Lkuks-kunct mit Madame Nr. 2. „Sehr gutes N)eib," fuhr der König fort, „sie hat mir zehn Kinder geschenkt." So stellt man Prinzessinnen in Siam vor. Da alle Begleiter des Königs jedesmal, wenn sie zu sprechen begannen, eine Phrase hersagten, deren fortwährende Wiederholung von so vielen Lippen uns schließlich auffiel, erklärte uns Pater Larnaudie (ein in Siam ansässiger Missionar), daß jede Anrede und Antwort im Verkehr mit dem König mit folgender geheiligten Sormel beginnen müsse: „Ich Erdenwurm, ich Staub deiner Zehen, ich Haar, bezeuge meine Ehrfurcht vor dem Herrn der Welt!" Authentisch ist die Zahl der königlichen Kinder dreiundsiebenzig. Wie viele nebenbei noch gestorben sind, konnte ich nicht erfahren. Jeden Neujahrstag trägt der König das Budget des Ertrages, gegenwärtig oder zukünftig, in ein großes Buch ein." Ganz wunderbar fand ich die Aussicht vom vierstöckigen Wachtturm, dessen hohe Stufen wir mühsam erkletterten. Zu unseren Süßen lagen alt-Ajuthia mit einer Menge zerfallener pratschedi, welche mit den schlanken Betelnußpalmen um die wette zum blauen Himmel ragten, und neu-Ajuthia, die Pfahlbautenstadt, wo man per Gondel zu seinem Schneider und Schuster, zur Spielhölle und in die pfandleih- anstalt fährt. Weiter ging's mit Lteum Inunck nach Bang-pa-in, dem Lustschlosse König Tschu- lalongkorns. Im parke, der mir einen sehr gut gehaltenen, aber etwas kahlen, heißen Eindruck machte und dessen schlechte Statuen ich gern entbehrt hätte, gefiel mir am besten ein siamesischer Pavillon reinsten Stiles. Er steht mitten in einem großen Teich, und der schlanke pagodenturm und die vielgiebligen Dächer spiegeln sich allerliebst in dem klaren Wasser. Pavillon im Elefanten-Lraal. (S. ZS0.) Ebenso stilvoll und echt ist ein großer, chinesischer Palast, in allen Details von so tadelloser Ausführung, wie ich seinesgleichen in China niemals getroffen. Einträglich muß fürwahr die Gpiumpacht in Siam sein, denn das Gebäude ist das Geschenk eines reichen, chinesischen Monopolpächters an den König. Gelb, rot und golden leuchtet das Ganze. Ein wunderbares, gelbes Porzellandach mit den bekannten Drachen als Wasserspeier und Gicbelornamente krönt den reichgeschnitzten, zweistöckigen Holzbau. Inwendig tragen vergoldete Teak-Holzsäulen die hohen, mit seinen Kachelböden belegten Hallen. Herrliche geschnitzte, vergoldete Blumenranken schlingen sich um Senstergitter, Türeinfassungen und Säulen, voll den Decken hängen schön bemalte, lange Papierlaternen herab. Auf Postamenten ruhen kostbare Gold-, Silber- und Porzellanvasen. Einige Marmorstufen, mit dein königlich siamesischen Wappen in der Mitte, führen aus der kühlen Vorhalle in den noch kühleren, stimmungsvollen Raum, wo der Altar der Ahnen steht. Dahinter ist ein Saal und ein Eßzimmer, oder vielmehr ein Museum: Goldene und silberne Tafelservices, Elefanten, Blumen, Zepter aus Jade, Möbel aus Ebenholz mit Perlmutter eingelegt u. s. w., eine Anhäufung des Schönsten, was chinesische Filmst, Industrie und Geduld leisten können. Ein chinesischer Traum, ein Märchen, weit harmonischer und schöner als der in italienischem Renaissancestil erbaute Sommerpalast des Bönigs. Der große Thronsaal, welcher dessen untere Räume beinahe völlig einnimmt, enthält außer einigen interessanten siamesischen Bildern mit Darstellungen von Llefantenjagden, dämpfen mit den Birmanen und feierlichen Aufzügen König Mongknts nichts Nennenswertes. Im Hintergründe befindet sich aus einer Estrade der goldbestickte Königsthron, vor dem sich der Schloßverwalter und seine dienstbareil Geister, welche unsere Sührung übernommen hatten, auf die Knie warfen. Hinter dem Thronsaale liegen der ganz europäisch eingerichtete Billard- und der Speisesaal. In dem Treppenhause, welches zu dem obereil Stockwerke führt, hängen die Wände voll Bilder, und erstaunt erblickte ich im Heim des eifrigen Buddhisten einen Lhristuskops, die Madonna und verschiedene Heilige. Die Bibliothek ist bescheiden, ZgH Reise einer Schweizerin um die tvelt. Axuthia: Ausflchtsturm. Arbeitselefanten in den Teak-lväldern. (S. Z92.) Das buddhistische Liam. ZZZ einige englische Uovellen bilden ihren Inhalt. In den übrigen Räumen entdeckte ich, neben manchem schönen und kostbaren, alle möglichen deutschen, englischen und französischen Ladenhüter, die ihren Weg in den Sommerpalast des fernen „Herrn des weiszen Elefanten" gefunden haben. Sogar einige schweizerische Holzschnitzereien, leider gerade wenig geschmackvolle Gegenstände und richtige Staubfänger, prangten unter diesen internationalen Mppsachen. Noch europäischer mutete uns ein Haus für Gäste aus dem Abendland an, und wenn ich einesteils das Schien jedwelcher siamesischen Originalität bedauerte, war ich andernteils gar nicht unempfänglich für die Reize einer ganz prosaischen, großen, englischen Waschschüssel, die ich nach des Tages Hitze und Schweiß hocherfreut benutzte. Ein Gebäude muß ich noch erwähnen, das man in Bang-pa-in nicht erwarten würde: eine gotische Kirche. Da stand sie vor uns mit spitzem Turm und mehreren Türmchen und schmalen, echt gotischen Senstern, Sensterrosen und Glasmalereien. Die Laune des Königs hat hier einen Buddhatempel errichtet in abendländisch-christlichem Baustil. Auf dem Altare kauert ein vergoldeter Buddha, und rechts und links vom Altare stehen zwei von Europa gesandte geharnischte Landsknechtfiguren. Gelbe, kahlrasierte Priester, welche zu Süßen des Heiligen ihre Gebete ableierten, vervollständigten das sonderbare Bild. Reich an vielen neuen Eindrücken kehrte ich abends in die Hauptstadt zurück, dankbar den neuen Sreunden, die mir den Besuch des sonst nicht zugänglichen Bang- pa-in, der villeggiatur des Königs von Siam, ermöglicht hatten. Ein anderer Plan und Wunsch, den ich hegte, sollte leider nicht in Erfüllung gehen: Die Reise zu Land über Kaheng und Moulmein nach Rangun in Birma. Aus der Karte von Hinterindien sieht dies ja so viel kürzer und einfacher aus, als die lange Umschissung der malaiischen Halbinsel. Ein wichtiger Umstand freilich sprach gegen diesen Plan: der Mangel an Landstraßen in Siam. Dafür zählten wir auf den Sluß und auf Llesanten- rücken, die Srage betraf nur die Zeitdauer einer solchen Reise. Auf zehn oder zwölf Tage waren wir gefaßt, hatten uns auch schon in Singapur mit dem Gepäck danach eingerichtet. Als man uns je- Landung bci Ajuthia. Reise einer Schweizerin um die N)elt. ZSß doch in Bangkok von verschiedenen kompetenten Seiten sagte, die Äußverhältnisse wären augenblicklich sür die Schiffahrt so ungünstig wie möglich, Elefanten zudem schwer erhältlich, und die Reise würde mindestens 27 Tage beanspruchen, da gaben wir den schönen Plan widerstrebend auf. Schade! Ich wäre so gerne einmal unbe- tretene Pfade gewandelt! So blieb uns nichts anderes übrig, als das blaue, das unendliche Meer. Unsere schmucke „Deli" hatte längst die Rückfahrt nach Singapur angetreten. Das nächste fällige Schiff war die „Singora", ein mehr auf Vieh als aus Menschen eingerichtetes Boot. In schöner Abwechslung pflegt es von Singapur Kulis nach Bangkok und Ochsen von Bangkok nach Singapur zu bringen. Offenbar waren die gehörnten, brüllenden Passagiere noch nicht au oomplet, denn man verschob die Abfahrt der „Singora" von Tag zu Tag. Endlich wurden wir auf die Silvesternacht an Bord „befohlen". Um ein Uhr in der Irühe sollte das Schiff die Anker lichten. Beim Bestellen unserer Sabinen hiefz es, wir wären die einzigen Reisenden erster Masse. Den Silvesterabend verbrachte ich bei den amerikanischen Gastfreunden meines Reisegefährten. Bis spät saßen wir am festlichen Mahle, dann brachte uns Dr. H. mit seiner kleinen Äsnm lnnnck zu der „Singora". Line sommerlich heiße Neujahrsnacht war's, so fremdartig, so gar nicht neujahrlich die ganze Stimmung! Überall an beiden Usern des breiten Äusses flammten aus dem dichten Grün der Büsche noch Lichter empor. Sie kamen aus Käufern und Kütten, von großen verankerten Schiffen und kleinen Äscherbooten; noch wachte Bangkok. Nur in der Mitte des Strombettes, durch das wir glitten, lag der breite Iahrweg dunkel vor uns, so dunkel wie das neue Jahr, dessen Schwelle wir in wenigen Minuten überschreiten sollten. Unsere „Singora" war an der verabredeten Stelle nicht zu finden. So fuhren wir weiter stromabwärts den Rcismühlen zu; oft stieg Or. k. aus das eine oder andere Schiff, um nachzufragen, aber immer war's nicht das gesuchte. Endlich, wir begannen schon alle koffnung aufzugeben, antwortete ein nur matt erleuchteter Dampfer auf unseren Ruf. Als wir die dunkle Schiffstreppe erklommen, war's gerade Mitternacht. Mir schüttelten einander die kände und wünschten uns gegenseitig ein gutes Jahr und vor allem eine glückliche Jährt, vorläufig sah's auf der „Singora" nicht rosig aus. Der Kapitän feierte noch den Iahreseingang am Land, und auch die Mannschaft fehlte bis auf einen chinesischen Bop. wir wollten daher unsere Kabinen selber aufsuchen, deren im ganzen vier vorhanden waren. Mr. w. tappte in die erste und fand zu seinem Erstaunen schon die Kojen beseht, in Nummer zwei lagen drei Menschen, in Nummer drei wurde eiligst ein Riegel vorgeschoben, und nur die vierte, schlechteste war leer. Dort wurde ich vorläufig untergebracht, und Mr. w. ließ sich auf Deck ein Lager aufschlagen. Am folgenden Morgen behauptete der höchst übelgelaunte, katerlich angehauchte Kapitän, von unserem Kommen kein Wort gewußt zu haben, ändern ließ sich nichts mehr, waren wir doch schon auf See. Mein Reisegefährte brachte auch die folgenden Nächte auf Deck zu, welches nun Schlaf-, Schreib- und Lßstube bildete. Bei den tropisch heißen Nächten war das Deck gar kein übles Schlafgemach, jedenfalls besser Das buddhistische 5iam. ZS2 als meine Sabine, deren Senster auf das „Gchsendeck" ging. Nicht weniger als 86 „gekrönte" Häupter brüllten mich jeden Morgen aus dem Schlaf, und da ihre Pflege in jeder Hinsicht zu wünschen übrig ließ, so drang keineswegs ambrosische Luft in mein Gemach. Unsere Reisegefährten bestanden aus einem der Japaner, die mit uns auf der „Deli" nach Bangkok gekommen, einem netten, deutsch-französischen Junggesellen und dessen Lreund, und einem französischen Vater mit Tochter. Zwei hübsche Hunde, Caspar und Josephine, wurden nicht wenig von mir verhätschelt und dienten zu meiner beständigen Unterhaltung. Gott Neptun zeigte uns ein wechselndes Gesicht, oft freundlich lächelnd, oft mürrisch grollend, und je nachdem waren Stimmung und Befinden auf der „Singora" „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt". Auch diesmal hatte die böse Seekrankheit gnädiges Einsehen mit mir. Am S. Januar 1902 lag Singapur zum dritten- und letztenmal vor uns, und den 6. schon ging die Sahrt weiter nach Birma. Aus dem Menam. Im Schatten der großen Pagode. Z99 Virma. Kapitel 26. Im Schatten der großen Pagode. Auf -er „tlofhira". Schlimme Labinengefähvtinnen. Meeresleuchten, pcnang. Botanifcher Garten. Gewürz- nelkenbaum. Geographische Lage Birmas. Geschichte. Produkte. Llima. Bewohner. Ankunft in Rangun. Strand-Botel. Zahme Tiere. Shwe Dagon-Pagode. Aufzug zur Pagode. Beter und Beterinnen. Der Ti. Leben auf dem Tempelplah. Meine Landsleute, Royal lske. Arbeitselefante». Teak-Bolz und Reisexport. Lisenbahnfahrt nach Mandalay. Diebereien. Geier. die Iloshira" gilt für das älteste und schlechteste Boot der lZriiisk Steam-Skip- Lompan^, und nur in Ausnahmefällen werden ihre Dienste noch in Anspruch genommen. Diese Ausnahme sollte leider jetzt stattfinden, galt es doch, eine Menge mit einem Vergnügungsboot über Weihnachten gekommene Menschen nach ihrem heimatlichen penang zurückzubefördern. Ä>r uns gab's für die nächsten acht Tage kein anderes fahrplanmäßiges Schiff, also hieß es wieder einmal, mitgefangen mitgehangen, und zwar ohne Preisermäßigung oder irgendwelche Vergünstigung. Die auf zwei Personen knapperdings berechneten Kabinen sollten alle drei Insassen beherbergen. Mir spielte das Schicksal zudem böse mit, indem es mir zwei ttallcasts zu Gefährtinnen gab. Diese klaltcasrs, zu deutsch Eurasier (Verkürzung von Europa-Asier), Abkömmlinge von Europäern und indischen Müttern, besitzen meist die Übeln Eigenschaften beider Rassen und sind in Ostindien wenig beliebt. Junge Birmanin. 400 Reise einer Lchweizerin um die Welt. Meine beiden Gefährtinnen, übrigens sehr hübsche Mädchen, lagen den ganzen Tag ungewaschen und ungekämmt in ihren Kojen. während drei Tagen und vier Nächten, welche unsere langsame „Noshira" bis penang gebrauchte, haben die zwei keinen Schritt aus der Kabine gemacht. Das Essen ließen sie sich hineinbringen, sie hatten zudem einen reichen Vorrat an Whisky, Süßigkeiten, brächten, INilch und Butter mit, und in holder Eintracht standen INilch-, Pomade- und andere Töpfe am Boden beieinander. Häufige männliche und weibliche Besuche verkürzten den beiden ihr selbstgewähltes Gefängnis und trugen vollends dazu bei, mich aus der Kabine zu „graulen". was sollte ich tun? Mein Reisegefährte hielt mir Klüngel an Energie vor. Allein Streit wollte ich mit den beiden Donnas nicht anfangen, gelang es doch auch dem Kapitän nicht, hier Ordnung zu schaffen. Er konnte mir nur ein Bett in der Speisekammer aufschlagen lassen, welche ein Vorhang vom Eßsaal trennte. Große, schwarze Käfer, wohl indische Schwaben, liefen mir des Nachts häufig über das Gesicht, und eine braune Dienerin schnarchte nebenan ohne Unterlaß. Line wunderbare Nacht brachte ich oben auf Deck zu. Herrlich leuchtete das Nleer! So herrlich, wie ich es nie gedacht noch geahnt und auch später in dieser Vollkommenheit nicht wieder erblicken sollte. Nicht nur vereinzelte Sterne glänzten in dem Kielwasser des Schiffes, um im Dunkel wieder zu verschwinden, nein! Milliarden bläulichgrüne, goldene Punkte krönten, soweit das Auge reichte, jede der sich unaufhaltsam dahinwälzenden Wellen. Die eigentümliche Erscheinung des Meeresleuchtens wird größtenteils durch kleine Krebstiere aus der Klasse der Ruder- und Muschel-Krebse hervorgerufen, und es ist wunderbar, welch intensives Licht ein kaum ein Millimeter langes Krebschen hervorzubringen vermag. Bedeutend größer find die glockenförmigen Medusen. Auch in der Pflanzenwelt gibt es ja phosphoreszierende Elemente aus der Samilie der Pilze, die teils im Meerwasser, teils auf toten Sischen oder Hummern gesunden werden. In Mitteleuropa ruft der ^^uriLus molleus mit seinem Gewebe im Holz der Erlen, weiden, Tannen und Sichten Zersetzungserscheinungen hervor, die das in warmen Sommernächten sehr leicht zu beobachtende Leuchten des faulen Holzes bewirken. Mit nicht geringer Sreude sah ich der Ankunft in penang und dem Abschied von meinen Zimmergefährtinnen entgegen. Unmittelbar vor der Landung tauchten sie auf. Erstaunt erblickte ich die beiden weißgekleideten, zierlichen Gestalten, die aus dem wüsten Wirrwarr ihrer Kabine elegant, frisch und hübsch sich herausgeschält hatten. Einen sechsstündigen Aufenthalt, währenddessen Kokosnüsse in großen Mengen in unsere „Noshira" geladen wurden, benutzten wir, um aus Land zu fahren und uns Georgetown, die Hauptstadt der Insel penang. anzusehen. penang, malaiisch pulu pinang, d. h. Betelnuß-Insel, gehört zu den englischen Liruirs-Settleineuts und beherrscht den nördlichen Eingang der Straße von Malakka. Die 276 Guadratkilometer große Insel wird von Ehinesen, Malaien, Indern u. s. w. bewohnt, und obgleich im Westen und Osten breite Sümpfe sie begrenzen, gilt doch ihr Klima für gesund. In tropischer Üppigkeit gedeiht hier alles, und die Ausfuhr mit Im Schatten der großen Pagode. 401 Schiffbauholz, Pfeffer, Reis, Betelnuß, Gewürznelken, Kokosnüssen und Tapioka ist sehr bedeutend. Ein starkes Fort und ein sehr guter Aasen sind der Stadt Georgetown eigen, welche ungefähr Z0,000 Einwohner zählt und deren breite Straßen und weiße Aäuser, die meist in herrlichen Gärten liegen, einen freundlichen Eindruck bieten. Mir hatten uns zwei chinesische JinrikishaS genommen und fuhren im flinken Trabe zur Stadt hinaus, vorbei an den Pfahlbauten der Eingebornen, die, in Bananen, Bambus, Brotfruchtbäumen versteckt, von hohen Kokos- und Betelnuß-Palmen umschattet, mit Mindern reich bevölkert, einen malerisch-interessanten Anblick gewähren. Auf schön angelegter Straße — darin sind die Engländer Meister — gelangten wir nach längerer Fahrt in einen von hohen Felsen umgebenen Talkessel, in welchem ein üppig schöner botanischer Garten eingebettet ist. von der Aöhe rauscht ein mächtiger Mas- serfall und durchzieht als klarer breiter Bach, weitere Fälle in der Ebene bildend, den Garten. Natur und Kunst wetteiferten hier, eine besonders reizvolle Schöpfung hervorzuzaubern. In wundervollen Gruppen streben die Tropenbäume Einladen von Kokosnüssen, empor, und der Aufenthalt in den offenen Pavillons, welche die Stelle unserer Glashäuser einnehmen, erinnert an ein Feenmärchen. Aier, wo das Klima die feuchte Treibhaushitze ohne Aeizung besorgt, bedarf es keiner Glasscheiben, sondern nur eines Bambus- und Lolzdaches, um Farne und ähnliche pflanzen vor den allzu heißen Strahlen der Sonne zu schützen. Natürlich ist auch der Gewürznelken-Baum (Tar^optiMus uromuticus) im Garten vertreten: ein etwa meterhoher Stamm mit schöner als Pyramide hoch emporstrebender Krone und doldenförmig wachsenden, kleinen Blüten. Die Gewürznägelein sitzen als rundliche Knospen am Ende eines über Lentimer langen Kelches. Man erlaubt ihnen nicht, sich zur Blüte zu entfalten, da sonst ein gut Teil des darin enthaltenen Nelkenöles (Olsum Lnr^opkzlllum) verfliegen würde. So nimmt man sie vor ihrer Gffnung mit den Stielen vom Baume ab und trocknet sie an der Sonne. Auf der „Noshira" herrschte wohltätige Ruhe, als wir zurückkehrten. Der Schwärm der lveihnachtsausflügler hatte uns in penang verlassen. Jedes von uns L. von Rodt, Reise um die Ivelr. ^0 «t.'E 402 Reise einer Schweizerin um die IVclt. wählte sich eine möglichst bequeme Kabine, und so gestalteten sich die vier weiteren Tage dieser Sahrt höchst angenehm. Bevor wir in Birma landen, möchte ich über dieses von Touristen wenig besuchte Land meine Leser etwas orientieren. Birma bedeckt ein Gebiet von etwa 414,9Z1 Gua- dratkilometer. Es grenzt im Norden an Assam und Tibet, im Osten an die chinesische Provinz Jün-nan, an Tongking und Siain, im Lüden an den Gols von Martaban und Bengalen, im Westen an das bengalische, wenig erforschte Gebirgsland Tschittagong, an Manipur und Assam. Berge und fünf große Ströme tragen viel zum landschaftlichen Reize bei, und die Fruchtbarkeit der Gegend, die intelligenten, fröhlichen, leichtlebigen, gutgekleideten Birmanen bilden einen scharfen Kontrast mit dem übrigen British-Indien und dessen Bewohnern, welche unter Kastengeist und englischer Willkür gleich schwer zu leiden scheinen. Da ein großer Teil des Landes, das unter dein Namen Awa bekannte Gber-Birma, erst seit 1886 unter britischer Herrschaft steht, ist diese Tatsache ein schlechtes Kompliment für Englands vielgepriesene Humanität und liebende Sorgfalt seinen überseeischen Untertanen gegenüber. Lirmas älteste Vergangenheit ist in Dunkel gehüllt. Spielte dieses Land doch von jeher eine unbedeutende Rolle in der Weltgeschichte und blieb für sich allein und nur seinen Nachbarn bekannt. Ls teilte sich in fünf Reiche: Arakan, Thathun, NIartaban, pegu und Awa. von Ostindien aus wurde das Land in alter Zeit kolonisiert und von 246 n. Chr. an der Buddhismus in Birma gepredigt und ausgenommen. Die älteste Verbindung mit Europäern fand im Jahre 1S19 statt, als die Portugiesen einen Vertrag mit dem Könige von pegu abschlössen und Saktoreien in Martaban und Syriam errichteten. Ihnen folgten die Holländer und ums Jahr 1688 die englische Sust Inlliu Lolnpun^. Einem um die Mitte des XVII. Jahrhunderts zwischen den Holländern und dem Gouverneur von pegu entstandenen Streite folgte die Vertreibung sämtlicher europäischer Kaufleute. Die Holländer kehrten niemals mehr ins Land zurück, während die Engländer und auch die Sranzosen wenige Jahre später sich wieder einfanden. —^ 2 ^- Garten in penang. .-HW,»-«»!- Eingang zur Shwe Dagon-Pagode. (S. 40 ö.) '.. ZrtzWKW 404 Reffe einer Schweizerin um die Welt. Innere dämpfe, besonders zwischen Awa und pegu, zerrütteten das Land. In Awa hatte sich ein Bauer namens Alompra zum Könige aufgeschwungen, der Gründer der letzten birmanischen Dynastie. Lr trieb die Bewohner pegus aus dem Lande, und tapfer, schlau, ehrgeizig und glücklich eroberte er nicht allein pegu, sondern auch Martaban. Lr starb 1761, und seinem Testamente gemäß sollten nach ihm seine sieben Söhne, einer nach dem anderen, regieren, wodurch zahllose Zwistigkeiten in der Iamilie und ernstere Unruhen entstanden. Nachdem schon der wilde Alompra Siain mit Mrieg überzogen hatte, weil ihm die zur Srau verlangte Tochter des Mnigs von Siam verweigert worden war, eroberte sein nächster Nachfolger das siamesische Reich und errang 1769 einen glänzenden Sieg über das ungeheure Heer der Chinesen. Ermutigt durch die schönen Waffenerfolge, plante Birma nichts Geringeres, als die verhaßten Engländer zu vertreiben und ihrer Herrschaft in Indien den Todesstoß zu geben. Da sandte England eine Slotte und 11,000 Mann, nahm Rangun, 182Z auch prome ein, und obschon sich die Birmanen tapfer wehrten, mußten sie doch auf einen Srieden eingehen, da auch Siam zum Rachezug sich rüstete. Birma trat vier Provinzen an England ab, mußte eine Million Pfund Sterling Kriegsentschädigung bezahlen und wichtige Handelsvorteile einräumen. Im Jahre 18Z2 kram es zu neuen Streitigkeiten mit den Engländern. Im Osten standen 20,000 Siamesen bereit, mit dem alten Seinde sich in Massen zu messen, im Norden rüsteten die Laosstaaten gegen Birma. Doch erst im Jahre 18ZZ schloß der neue 44önig Nlindon Min den Srieden ab, welcher den Engländern pegu abtrat und die Schiffahrt auf dem Irawädy freigab. Der 44önig besaß nur noch den Binnenstaat Gberbirma, den er gut und weise verivaltete. Als er jedoch 1878 starb, folgte ihm sein jüngerer Sohn Theba als Mnig, welcher, nach englisch-indischen: Muster erzogen, tyrannisch und grausam herrschte und unter dem verhängnisvollen Regiment seiner Mutter und Schwiegermutter sich allen Lastern seiner Rasse hingab. Dies und ein zwischen Theba und Frankreich geschlossener Handelsvertrag gab England willkommenen Anlaß, im November 188s einzuschreiten. Der damals achtundzwanzig- jährige Mnig und sein Heer versuchten gar keinen Widerstand. Der Lönig wurde gefangen nach Indien abgeführt, wo er in der Nähe von Madras noch jetzt lebt, und Gberbirma den 1. Januar 1886 dein übrigen Britisch-Indien einverleibt. Birma ist seither stetig im Wachsen begriffen, und seine Handelsverhältnisse haben einen entschiedenen Aufschwung genommen. Hauptausfuhr-Artikel sind Teakholz, Baumwolle, Wachs, Petroleum; Stablack, Salpeter, Elfenbein, Rhinozeros- und Hirschhörner, Rubine, Saphire, Terpentin und Reis. An Industrien verdienen namentlich Baumwoll- und Seidenwebereien, Metallarbeiten, Töpfergeschirr, Schnitzereien aus Holz und Bambus, Silber- und Lackwaren Erwähnung. Reismühlen und Dampf- sägereien gibt es namentlich in Rangun in großer Anzahl. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar und wird es noch mehr durch das Übertreten der Iltisse in den Niederungen während der periodischen Regenzeit. Reis ist im Tieflande das Hauptprodukt. Sein Bau beansprucht beinahe die Hälfte des kultivierbaren Bodens. In den höheren Teilen werden Weizen, Mais, Hirse und Shwe Dagon-Pagode in Rangun. (S. 40?.) I'N Schatten der großen Pagode. 405 verschiedene Hülsenfrüchte gebaut. Baumwolle liefert das Gebiet des mittleren IrawLdp in großer Menge. Sesam, Zuckerrohr und ausgezeichneten Tabak baut man säst nur für den eigenen Bedarf. 6Z Prozent der Bevölkerung beschäftigen sich mit Landwirtschaft.. Das Mima ist ein heißes, vorn April bis Juli beträgt die lvärme Z0 bis 43 Grad Celsius, in den kühlsten Monaten, November bis März, fällt sie auf 2Z Grad Celsius. vom Mai bis Ngvember dauert die sogenannte Regenzeit, wobei zuweilen der Regen mit furchtbarer Heftigkeit her- niederströmen soll. Die Bevölkerung beträgt ungefähr 9,60Z,Z60 Menschen und besteht aus eigentlichen Birmanen und ihnen nahe verwandten Stämmen. Dazu kommen etwa zwei Millionen „Scharr", welche alljährlich in großen Scharen von Gsten her in Birma einwandern, Hindu, Chinesen, Inder, Amerikaner und Luropäer. Sehr langsam näherte sich die „Noshira", welche schon vor einer Meile aus der blauen See in die gelben Stuten des Rangunflusses eingelaufen waren, ihrem Ziele. Lin flaches, grünes Ufer lag vor uns. Uur einige Schornsteine und das hohe gold- glitzernde Dach der Shwe Dagon-Pagode, das Mahrzeichen Ranguns, kündeten uns die nahe Stadt. Endlich erblickten wir Häuser, vorläufig hauptsächlich große Maren- schuppen, sogenannte Koclorvns und Holzniederlagen. Am (Üuai wartete eine festtäglich geputzte Menge. Sonntag war's, aber nur für die Christen, nicht für die Buddhisten, und ich sollte im Lause der Zeit sehen, daß die Eingeborenen diese vermeintlichen Sesttagskleider von roter, gelber und grüner Seide in den besseren Massen täglich tragen. Auch hier stehen die geschlossenen Holzdroschken mit Holzjalousien, die mir in Singapur stets so unangenehm waren, in ausschließlichem Gebrauch. Jinrikishas Reiche Birmanin mit Dienerin. 406 Reise einer Schweizerin um die weit. sollten wir erst in (Legion wieder sehen. Ein likn-Alräri, wie diese gedeckten tasten heißen, brachte uns schnell ins neue Strand-Hotel. das einzige erträgliche in Rangun. Das Essen war bedeutend besser als in Rafsles-Haus zu Singapur und besonders als die spärliche, geringe Lost der „Noshira" und der „Molda", die uns von Rangun nach Lalkutta brachte. Schlimmer war's mit dem Straßenlärm, den ich nachts von meinem Zimmer aus mit meinen Schlafkameraden zu genießen hatte. Mit mir hausten in der Stube: eine Maus, ein Srosch. sechs bis sieben Lidechsen, unzählige Moskitos und schwarze große Läfer; zum Glück bin ich tierfreundlich! Da immerfort Lrähen an meinen Senstern vorbeiflogen, legte ich ihnen ein Stückchen Brot hin, was sie offenbar so erfreute, daß die dreistesten mir schon am folgenden Morgen ins Zimmer flatterten. Eigentümlich, wie diese bei uns so schellen Vogel in Indien zahm und zutraulich sind! Man kann dies dort übrigens von alleil Tieren sagen. Sie sind sicher vor Nachstellung, da die Religion des Buddha verbietet, ein Tier zu töten. Die zahmen Geschöpfe erinnerten mich unwillkürlich immer wieder an den Garten des Paradieses, freilich eines Paradieses voller Schattenseiten. Die Tiere gewisser Massen, wie Hunde und Lätzen, vermehren sich viel zu sehr, wenn alle Jungen am Leben erhalten bleiben, und finden dann nicht die nötige Nahrung. Begnügt sich doch der Buddhist meist damit, die Tiere nicht zu töten, im übrigen übernimmt er keine Pflicht, für ihren Unterhalt zu sorgen. Nur die sogenannt heiligen Tiere, wie Pfauen, Lühe, Affen, Tauben u. s. w., werden regelmäßig gefüttert. Da ich ein Empfehlungsschreiben an eine St. Galler Samilie Z. mitbekommen hatte, so fuhren wir noch am Abend unserer Ankunft hin. Leine leichte Ausgabe ist es, einem OKLrl-Lutscher, der von englischer Sprache und Namen keine Idee hat, begreiflich zu machen, wo man eigentlich hinzufahren wünscht, besonders wenn man selber nicht Meg und Steg kennt. So war's ein wahrer Lreuz- und Guerzug, den wir an jenem 12. Januar durch die 200,000 Einwohner zählende Stadt machten, die mich mehr abendländisch als indisch anmutete, mit ihren langen Straßenreihen und verschiedenen Sälen, hinter deren großen Glasscheiben man die Andächtigen eifrig singen und beten sah und hörte, was für christliche Sekten es waren, die fast auf offener Straße ihrer sonntäglichen Andacht oblagen, habe ich nicht ergründen können. Meine Landsleute wohnen, wie alle Europäer, draußen vor der Stadt, wo die hohen herrlichen Palmen, die fremdländischen Bäume und Blumen uns schnell genug wieder in das ferne Hiuterindien versetzten. Nach langem Suchen fanden wir zwar das Haus, nicht aber seine Bewohner, welche erst auf den folgenden Tag zurückerwartet wurden. Unsere erste Sahrt beim Anbruch des nächsten Tages galt der Shwe Dagon- pagode, dem größten Heiligtum aller indochinesischen Länder. Line schöne Allee führt von der Stadt an den befestigten Hügel, den letzten Ausläufer des pegu Ioma-Gebirges, welchen die goldene große Pagode krönt, von allen Seiten führen Treppen empor, doch der Haupteingang liegt gen Süden. Tiger- artige, riesige Ungeheuer aus weißem Stuck mit weit geöffnetem Rachen und bunt- Im Schatten der großen Pagode. 407 bemaltem Kopf und Brust flankieren und überragen das reich skulptierte, mit zierlichem sich verjüngendem Turme gekrönte Rundbogentor. Die Stufen, welche zu diesem Eingänge führen, bilden den Anfang von sieben überdachten Treppen, ungleich an Länge wie an Breite der einzelnen Stufen. Absichtlich sind sie so angelegt worden, um die Gläubigen zum langsamen Gehen zu nötigen und ihnen dadurch mehr Zeit zur Sammlung und Vorbereitung auf die heilige Stätte zu gewähren. Am dunkelsten, steilsten ist die oberste Treppe, die dem Heiligtum«: nächste. Die bloßen Süße ungezählter Buddhistengeschlechter, welche seit mehr als 1Z00 Jahren hier emporklimmen, haben tiefe Höhlungen in die steinernen Stufen gegraben und den Sußboden glatt wie Eis geschliffen. Das schön geschnitzte, von rot- und goldbemalten Säulen getragene Dach verursacht ein feierliches Halbdunkel über diese anscheinend nie enden wollende Treppen- flucht, welche zudem rechts und links von unzähligen Buden eingerahmt wird. was kann man da nicht alles kaufen! Cßwaren, süßduftende plumeria Tempelblumen, Glocken und Gongs, Gebetfähnchen, Kinderspielzeug, Puppen und originelle Hampelmänner, Gpferkerzen, heilige und unheilige Gegenstände! Der Tempel ist hier fürwahr zum Kaufhause geworden. Eine ebenso bunte Musterkarte von Bettlern, Krüppeln und Sührern stürzte sich auf die willkommene Sremdenbeute, und erst nachdem wir uns beide je einen Sichrer erkoren, blieben wir unbehelligt. Da lag der weite, mit großen Steinplatten belegte Tempelplatz vor mir. wie ein Traum, ein orientalisch-farbenprächtiges Märchen kam er mir vor: Die große, goldene Pagode, von deren Spitze leise Glockentöne klingen, die sonderbaren, kleineren Tempel und Altäre, die Elefanten und Löwen aus Stein und Holz, die heiligen Pfosten, welche gleich Slaggenstangen emporstreben, umflattert von langen, durchbrochenen Eisenbändern, gekrönt von dem Adler vischnus, Karaweik, dem König der vögel. Dazwischen schwanken graziöse Palmpra-Palmen, und heilige Bo-Bäume (Mcus reliZiosu) beschatten die kleineren Pagoden. Ein chaotisches und doch harmonisches Bild! Kein störender Sarbenton drängt sich in die Abstufungen von gold, braun, rot und gelb. Ja, selbst die Blumen, welche die goldgelb gekleideten Priester in den Händen halten, sind rot und gelb. Und wiederum dieselben Sarben tragen die birmanischen Beter und Beterinnen, die scharenweise in der Morgenfrühe Hinaufpilgern zur Shwe Dagon-Pagode. Andächtig wird gebetet, besonders von den hübschen Birmaninnen. Kniend halten sie ihre rosa oder gelbe Schärpe mit Gpfergaben vor Birmanischer Bambus. Reise einer Schweizerin um die Welt. LOS sich ausgebreitet. Das Köpfchen ist tief zur Lrde gesenkt, und zwischen den an die Stirn erhobenen, steif gefalteten Händen steckt ein Blumenstrauß. Das schwarze, sorgfältig gescheitelte Haar schmückt ein aufs linke Ghr herunterhängender Mimosen- büschel. Der Tempelplatz erhebt sich SO Meter hoch über der Ebene. Auf einer achteckigen Basis mit 41Z Meter Umfang steigt die goldene Pagode empor und läuft slaschenförmig in langem Halse aus. Die Höhe der Pagode beträgt 98 Meter. Der Sage nach erhob sie sich schon Z88 n. Chr. als 8 Meter hoher Reliquientempel über acht Haaren Buddhas. Mit den Jahren wuchs und vergrößerte sich der Bau immer mehr, bis er 1768 seine jetzige Höhe erreichte. Ein sogenannter Ti, das Zeichen der Erhabenheit, krönt die Spitze der Pagode. Ich kann ihn am besten einem schirmartigen Gestelle vergleichen, das aus sieben, sich stets verkleinernden, eisernen Ringen besteht, die allmählich in einer Krone enden. Die Lisenringe sind alle mit geschlagenen Goldplättchen belegt. Unzählige, goldene und silberne Glöckchen hängen daran und erklingen lieblich beim leisesten Mindstoß, beim Anfliegen eines der zahllosen Vögel, die den Tempelplatz bevölkern. Dieser Ti wurde 1871 durch den vorletzten, birmanischen König Mindon Min gestiftet und soll Z0,000 Pfund Sterling gekostet haben. Als er unter großen Festlichkeiten hinausgezogen wurde, schmückte ihn die begeisterte Schar der Gläubigen mit Uhren, Ketten, Diamant- und Rubinringen. Die Höhe des Ti mißt 14 Meter, sein unterer Durchmesser 4 Meter. Als die Pagode ihren neuen Ti erhalten hatte, wurde sie im selben Jahre über und über neu vergoldet. Mie dick diese Vergoldung, namentlich an leicht zugänglichen Stellen ist, kann man am besten daran ermessen, wenn ich erzähle, daß jeder einigermaßen wohlhabende Gläubige nach Verrichtung seiner Andacht ein Stück Blattgold an das Gebäude klebt. Reiche Sürsten führten früher ganze Wagenladungen Gold hierher , und ließen es durch die Priester zur Ausstattung der Pagode verwenden. Nicht nur aus ganz Birma, sondern aus Siam, Malakka, Indien, ja sogar aus Leplon kommen jährlich Tausende von Pilgern, um die unter dem Turme begrabenen acht Haare Buddhas anzubeten. Am Süße der Pagode stehen phantastische sogenannte Manotthika-Siguren, mit zwei Körpern und einen: Kopf, halb Mann, halb Löwe. Gewaltige Ghren und struppige Mähnen geben ihnen einen noch fremdartigeren Ausdruck. Steinerne Löwen mit offenen Rachen und fletschenden Zähnen kauern überall. Die Sage erzählt: Linst wurde ein Königssohn als zartes Kindlein im Walde ausgesetzt. Line Löwin fand das wimmernde, kleine Wesen, säugte es und zog es auf. Als aber der Prinz zum Mann erwachsen war, wollte er zu den Menschen zurückkehren. Er verließ seine Pflegemutter und schwamm über einen breiten Strom, wohin sie ihm nicht folgen konnte. Darüber brach der zärtlichen Mutter das Herz, und sie fiel tot zur Lrde nieder. Zum Gedächtnis an ihre Liebe sind Löwen an allen Stufen und rund herum angebracht. Am äußeren Rande des Tempelplatzes ziehen sich größere und kleinere Pagoden aus braunem Teak-Holz wundervoll geschnitzt, aus Marmor und Stuck. Vergoldung, Shwe Dagon-Pazode. (S. 40S.) -MMI- u:»uu^ Im Schatten der großen Pagode. 409 Glasmosaik und Malerei sind nicht gespart. Jedes Gebäude ist von einem Ti gekrrönt, mit einem Buddha-Altar geschmückt. Immer wieder Buddhas! Groß und klein, in Marmor. Alabaster. Bronze, Stein und Gips; Buddha stehend und mit erhobenen Künden lehrend, Buddha sitzend, die Künde lässig im Schoße gefaltet, nachdenkend, Buddha liegend mit geschlossenen Augen der Welt entsagend. Inzwischen war die Sonne höher gestiegen und brannte in tropischer Glut. wenn auch nicht gerade passend für die keiligkeit des Grtes, fanden die Verkäufer von IL6-Lreum recht guten Absatz. Auch Bettler und Musikanten, es waren sogar einige Grammophons aufgestellt. Wahrsager und Wahrsagerinnen hatten bestimmte Guartiere aus dem Tempelplatze bezogen. Lange schaute ich einer Gruppe zu, die würdig des Pinsels eines Malers gewesen wäre: Im Schatten eines mächtigen Buddhas kauerten ein halbes Dutzend junge und ältere Weiber um eine Wahrsagerin. Traumverloren hing der Blick der Seherin bald an einem heiligen Bö-Baume, bald an den Wolken. Ununterbrochen, mit monoton klingender Stimme, sprach sie dabei zu einem vergrämten, verblühten Weibe, was mochte sie ihr verkünden? vielleicht Auskunft über einen treulosen Gatten, vielleicht das Schicksal eines verlorenen Sohnes. In dem Weiberkranze saß ein Mann, eifrig mit Rechnen und Schreiben beschäftigt, er stellte anscheinend das koroskop. Aber nicht nur Menschen, auch Tiere belebten den Tempelbezirk. Unzählige, ganz zahme krähen und elende, herrenlose Kunde, so ausgehungert, mit Wunden bedeckt, von scheußlicher Krankheit behaftet, wie ich sie nie vorher gesehen, nie wieder zu sehen hoffe. Einige waren ganz gelähmt; ein Schuß, ein schnellwirkendes Gift, welche Barmherzigkeit in diesem Lalle! Aber bei dem Sanatismus der Buddhisten dürste ein Sremder dies nicht wagen. So konnte ich nichts anderes tun, als täglich, während meines Aufenthaltes in Rangun, zum Entsetzen meines Gefährten, der es mir übrigens gutmütig trug, und zum Ergötzen der Birmanen, mit einem mächtigen Laib Brot zur Pagode hinaufzupilgern. Ein heißer äüampf entwickelte sich dabei stets zwischen krähen und Kunden. So lernte ich die Shwe Dagon-Pagode gründlich kennen. Jedesmal entdeckte ich ein neues Keiligtum, ein neues Buddha-Bild. Jedesmal auch stand ich unter dem Zauber des fremdartigen Bildes, zaubervoll bei Tage vom hellen Sonnenschein überflutet, ergreifend, geheimnisvoll nachts im Silberlichte des indischen Mondes. Dann schimmert im matten Glänze die goldene Pagode, und all die Ti auf den kleinen Tempeln blitzen um die wette mit den Sternen des Lirmamentes. Auf den Altären Bambus-Gebüsch im Dalhousie-Park bei Rangun. 410 Reise einer Schweizerin um die N)elt. brennen zahllose, weiße und blaue Gpferkerzen. Sie werfen ihr flackerndes, unstetes Licht auf die goldbekleideten Götterbilder und die dunkeln Wandmalereien, welche die Glückseligkeiten Nirwanas in grotesken figuren darstellen. Gin leiser Nachtwind läßt die Silber- und Goldglöckchen alle erklingen, und dazwischen tönt zuweilen in tiefem Klänge, von einem späten Pilger angeschlagen, die große Glocke. Als wir an jenem ersten Morgen von der Shwe Dagon-Pagode zurückkehrten, erwarteten meine Landsleute Z. mich im Gasthof. Gleich einer alten freundin wurde die fremde Landsmännin begrüßt, und oh, wie viel freundliches habe ich und auch mein Reisegefährte dieser gastlichen Schweizerfamilie, der einzigen in Rangun, zu verdanken! Nachmittags holten uns Herr und frau Z. im eleganten wagen zur Spazierfahrt nach Nozml luke und Oulkousie-Park ab. Vor 2Z Jahren noch ein Sumpf, ist der durch Regenwasser gebildete See, welcher zugleich das Wasserreservoir für die Stadt bildet, durch Abdämmung einer kleinen Talmulde, so wie er jetzt ist, erstellt worden. Line blühende DouKninvillen-Hecke rahmt das schöne Bild des Sees wirkungsvoll ein, und die goldene Shwe Dagon-Pagode bildet den herrlichsten Hintergrund dazu. wohlgepflegte fahr- und fußwege durchkreuzen den herrlichen Oulkousie- park, über den die ganze Vegetation der Tropen ihr reiches füllhorn ausgeschüttet hat. Winter herrscht bei uns, während ich diese Zeilen schreibe, trostlos strecken die Bäume ihre kahlen Äste zum griesgrämigen Schneehimmel empor. In Schnee und Lis starrt die Welt. Sehnsuchtsvoll fliegen meine Gedanken — „Nach drüben, wo die Tropensonne glänzt, „Die Palmen, die geliebten, immergrünen, „Die schlanken Palmen küssend, ihre -Kronen „Berührend und ihr Llüstern weitcrtragend." (Dranmor.) — doch nicht zu den kümmerlichen Datteln- und feigenbäumen der Riviera, nicht zu jener Palmen-Allee der « Dromeiiucle lles KnKlnis» in wzza, die aussieht, als sei sie irrtümlich zu weit nach Norden gelangt, o nein! was sind sie? Lin schwacher, ach so schwacher Abklatsch von jener Herrlichkeit des fernen Ostens, wo ein einzelner heiliger ficus-Baum einen Wald bildet, wo Lianen in wildein Gewirr sich von Palme zu Palme schlingen, und der Bambus, gleich einem Riesen-Dome ineinander verwachsen, sich als undurchdringliches Dach wölbt. Den folgenden worgen, in der frühe, gingen wir mit Herrn Z. in den sogenannten Dimber-zmrä der Herren Wacgregor, wo Teak-Holz verarbeitet und nach Europa versandt wird. Neben fünfhundert Arbeitern wird die Hülse von zehn bis zwölf Elefanten in Anspruch genommen. Schon in den Wäldern Ober-Birmas, wenn die Teak-Holzstämme durch schmale flußarme dem Hauptstrome zugeschwemmt werden müssen, sind die klugen Tiere ganz unentbehrlich. Bleiben die Stämme an irgend einer engen Stelle stecken oder stranden sie auf Sandbänken, so schleppen die starken Tiere das Holz, es bald ziehend, bald schiebend oder tragend, bis ins tiefe Wasser. Hier in Rangun schieben die Elefanten inmitten des sausenden Rädergetriebes die Holzstämme mit unfehlbarer Sicherheit bis zur Sägemaschine vor und tragen die Im Schatten der großen Pagode. 411 Rrbeitselefant. fertigen Balken und Bretter davon, nrn sie mit kunstgerechtem Verständnisse im Hose aufzuschichten. Ein ZZjähriger Elefant zeichnete sich namentlich durch Menschenverstand aus. Dem leisesten lVinke seines Sührers gehorchend, nahm er einen bezeichneten Balken mitten aus der Schicht heraus, erfaßte ihn geschickt in der Mitte mit dem Rüssel und schob ihn aus Befehl wieder in die Lücke zurück, dabei abwechselnd Süße, Rüssel und Stirn benützend. Ausgezeichnetes sollen die Elefanten als Reittiere in den Bergen leisten. Zerrissene Abhänge, wo scheinbar eine Ziege kaum Halt fände, ersteigen die plumpen Ungetüme mit sicherem Schritt, und scheinen sich dabei förmlich auf die Arbeit des Auf- und Abklimmens zu freuen. Bergabwärts rutschen sie auf dem Bauch, die vorderfüße gerade nach vorn. die Hinterfüße nach rückwärts ausstreckend, alles mit Leichtigkeit und Sicherheit. Das geschäftliche Leben Ranguns dreht sich neben dem Holzhandel um den Reisexport ^). Von den im Jahre durchschnittlich geernteten zwei Millionen Tonnen (ü tausend Mlos) gelangen 1,200.000 zur Ausfuhr und machen damit Birma zum wichtigsten Reisexportland der Erde. Lhina und Indien liefern zwar weit mehr, allein ihr eigener Konsum ist auch viel größer als derjenige des dünn bevölkerten Birma. folgenden Abschnitt über Reisbau und Vorbereitung zum Lrport habe ich dem Werke M. Schanz: „Ein Zug nach Listen", entnommen. 412 Reise einer Schweizerin um die Welt. Der Reis wird sowohl in den Bergen, als in den fruchtbaren Alluvial-Ebenen längs der Slüsse angebaut. Im April werden die Stoppeln der letzten Ernte ab- gebrannt und mit ihrer Asche der Boden gedüngt. Im Juni und Juli wird sodann mit höchst primitiven Ackergeräten das Land gepflügt, das Saatkorn dicht ausgesäet, und wenn es die Höhe von Z0 Lentimeter erreicht, büschelweise gepflanzt. Gleich darauf kann sich der birmanische Landmann bis zur Ernte im Dezember seiner Lieblingsbeschäftigung, dem süßen Nichtstun, ergeben, ä^ulis schneiden die Reisähren, fahren sie auf vorweltlichen darren mit Rädern aus massiven Holzscheiben zu ebenso vorweltlichen Tennen, wo sie von Büffeln ausgetreten werden und den „Paddp", den unenthülsten Reis, liefern. In einer mehrstöckigen Mühle mit ihrer ziemlich komplizierten Maschinerie wird dieser „paddy" zunächst zwischen runden Platten aus Stein und Eisen, von denen die eine fest steht, während die andere sich dreht, enthülst, dann enthäutet, weiß gemacht und poliert, dazwischen verschiedenfach gesiebt und ventiliert, um den Bruch abzusondern und die Spreu zu entfernen, und schließlich in Säcke von 112 Mlos gefüllt. Der weiße Reis geht nach Lhina, der sogenannte Mrgo- reis, welcher zu einem fünftel aus unenthülstem äkorn besteht, nach Europa, wo er in den dortigen Reismühlen, z. B. in Bremen, seine letzte Appretur empfängt. Die abfallenden Hülsen dienen als ausschließliches Msselfeuerungsmaterial, welches billig und bequem ist. Der Betrieb ist mit Hülfe von elektrischer Beleuchtung ein Tag und Nacht durchgehender. Die Verschiffung ist am lebhaftesten in den Monaten Sebruar und März, also in der trockenen Jahreszeit. Da wir an Land und Leuten großen Gefallen fanden, beschlossen wir, der alten Hauptstadt Mandalap einen Besuch abzustatten und aus dem IrawLdp soweit möglich nach Horden ins Bereich der Tiger, Panther und Hpänen zu gelangen. Line seit 1888 erbaute Eisenbahn verbindet Rangun mit Mandalap. In zwanzig Stunden wird eine Strecke von Z86 englischen Meilen zurückgelegt, somit übereilt man sich keineswegs. Jede halbe Stunde findet eine längere „Schwatzpause" zwischen Lisenbahnangestellten und Eingebornen statt, die nachts keineswegs zur Beförderung des Schlafes dient. Gbschon mich die niedrigen, unsauberen lvaggons erster Masse nichts weniger als entzückten, sollten sie mir, verglichen mit denjenigen Britisch-Indiens, später als höchst luxuriös vorschweben. An jedem Waggon stand die Verordnung angeschrieben, sich einzuriegeln und die Senster geschlossen zu halten, damit nachts das Gepäck nicht aus dem wagen gestohlen würde. Gilt doch Birma für ein Land, wo „der Mensch nicht einmal seiner Schuhe am eigenen Leibe sicher ist". So trübe Erfahrungen haben wir nun freilich nicht gemacht. Als ich in der Lrühe fröstelnd aufwachte — der Norden macht sich hier schon in kühleren Nächten deutlich fühlbar — war ein köstlicher Morgen angebrochen. Im Gsten erhob sich eine zackige, blaue Bergkette, malerische Pagoden, und noch malerischere Menschen belebten die Gegend. Letztere trugen gegen die ääälte eine Art buntgestreifter Frottiertücher über den Schultern. Dschungeln wechselten mit Baumwoll- und Tabakfeldern, Bananenpflanzungen mit Sümpfen ab, in denen sich eine Unmasse wasservögel tummelte. park mit Shwe Dagon-Pagode im Hintergrund. (S. 410.) MAN I»i Schatten der großen Pagode. 413 Pagoden bei Man-alay. -E.L Vogel gibt's in nie gesehener Menge in Gber-Birma. Schade, daß ich so viele nicht kannte und niemand mir ihre Namen sagen konnte. Da waren Schnepfen, Rebhühner, Pfauen, schneeweiße Störche, buntschillernde Eisvogel, eine große dunkle Schwalbenart; riesige Geier mit weißen Köpfen, Geier mit nacktem Halse und roten Lappen am Schnabel, Aasgeier, Mönchsgeier, wohl vier oder fünf Arten dieser gewaltigen bis 1,io Meter hohen Tiere. Sie sind so zahm hier, daß bei den Lisen- bahnstationen die Auswärter, welche den Reisenden etwas zu essen an den Zug bringen, einen großen Stock mit sich führen, um die Geier abzuwehren. Ich sah, wie in einem unbewachten Augenblick solch ein Riesenvogel aus einen Teller losschoß und den Inhalt mit sich in die Lüfte trug, unbekümmert um Menschen und Eisenbahn. Künstlich geflochtene lange Nester der Webervögel hingen gesellig oft zwei oder drei am selben schwanken Ast. Auf den Telegraphenstangen saßen Vogel und schauten zutraulich auf uns nieder, blaue und grüne, rote und orangefarbene. Die niedlichen gefiederten Gesellen gewährten uns so viel Zerstreuung und Vergnügen, daß wir ganz überraschend schnell ungeachtet der langsamen Sahrt in Mandalay, der Hauptstadt des alten Königreiches Birma, eintrafen. 414 Reise einer Schweizerin um die Welt. Mpitel 2?. An Msnösksg. Ankunft in Mandalay. Sodbrunncn. Tätowierung. Die Frauen in Birma. Schulunterricht. Line Llosterschule in Mandalay. Die ehemalige Königsstadt. Die Stadtmauer. Grausamkeit des Lönigs Thibo. Königspalast. Birmanische Priester. Rönnen. Die 460 Pagoden. Mandalay-Liigel. Arrakan-Pagode. Buddha-Statue. Kaussgegenstä'nde, Glocken. Das Goldene Kloster der Königin. Unsere Führer. Däuser. Aberglauben. Kleidung. Sonnenschirme. Schmuck. Ghrdurchstechen. Fm Bazar. „Eeuer und schmutzig" lautet meine Tagebuchnotiz über das Lotel Victoria in Mandalay. Am Zimmer hausten kleine blauschwarze krähen, dagegen keine Lidechsen, auch die Moskitos waren bedeutend bescheidener als in Rangun. Sofort nach dem Tissin nahmen wir uns euren OKLr! und fuhren durch die Stadt. Viel origineller als in dein sehr veranglisierten Rangun, wo zudem ebensoviel Ander leben als Birmanen, siehlls in Mandalays Straßen aus. Die Zeiten, wo zahllose Schweine die K>auptspaziergänger der Stadt bildeten und zuweilen die Sremden angriffen, sind vorbei, immerhin geht's oft noch ländlich sittlich genug in Gber-Virma zu. Charakteristisch sind die vielen, runden, steinernen Sodbrunnen mit darüber errichtetem, schön ge- schnihtemBalken- werk, an weichern das Schöpfgefäß aus- und abgelassen wird. Alttesta- mentliche Szenen spielen sich dort oft ab, birmanische Rebekkas, welche ihren Llie- ser zu trinken reichen, und Mütter, Sodbrunncn in Mandalay. »W In Mandalm). 41S die ihre Sprößlinge mit Wasser gründlich übergießen. Den Lindern ist dabei gar wohlig zu Mute, und immer wieder meldet sich ein neues zum Sturzbade. Viel Toilette wird in Maudalay unter der Linderwelt nicht gemacht. Die Luden tragen übrigens eine Art blauschwarzer Naturhosen, die vom Gürtel bis zu den Lniekehlen reichen. Diese Hosen tragen sich nie ab, sie können auch nie ausgezogen werden, sondern begleiten ihren Le- sitzer bis ins Grab. Sie sind aus den wunderbarsten Tätowierungen gebildet, die ich je gesehen habe. Affen, Elefanten, Tiger, Fledermäuse, Geier, Ratten, drachenartige Ungetüme lausen zwischen mystischen Ringen und Zaubersprüchen, wobei das Bild des Geistes Bee- loo, einer Art Menschenfresser, keine kleine Rolle spielt. Alles dies ist äußerst kunstvoll aneinandergereiht. Zuweilen springen noch einige tätowierte vereinzelte Laßen an den Waden herum, da diesen Tieren die Eigenschaft nachgerühmt wird, einen Schlangenbiß unschädlich zu machen. Besondere Professoren, Soyahs genannt, üben die Lunst des Tätowierens aus. Sie bedienen sich dabei zweier Werkzeuge. Das eine scharfzähnige, kammartige punktiert die meist aus freier Hand entworfenen Umrisse, das andere, ein Stahlgrifsel mit scharfer Spitze, wird in die Sarbe getaucht und zeichnet die verschiedenen Liguren in die Haut ein. Der Sarbstoff, der einmal eingedrungen, ist unzerstörbar. Die Operation ist durchaus keine schmerzlose und ungefährliche, da oft heftige Anschwellungen und Lieber eintreten. Meist verabreichen die Soyahs ihren Opfern etwas Opium und verteilen das „Schönmachen" aus mehrere Sitzungen. Die Lnaben sind durchschnittlich zwölfjährig, wenn sie ihre „Hosen" bekommen, und sind dadurch nicht nur vor bösen Geistern geschützt, sondern legen auch damit ein Zeugnis von Mut, Mannhaftigkeit und Abhärtung ab. Line schöne Tätowierung ist die beste Empfehlung bei den Mädchen, und früher namentlich hätte keine Birmanin einen Mann ohne Uaturhosen geheiratet. Jetzt, wo die Lultur immer größere Zortz schritte macht, wird die Sitte des Tätowierens besonders in Unter-Birma als barbarisch verschrieen und oft unterlassen. Aus welche weise statt dessen die jungen Birmanen die Gunst der Mädchen erringen, weiß ich nicht. Jedenfalls müssen sie gehörig die Liebenswürdigen spielen, denn eine junge Birmanin will wie eine Amerikanerin umworben und gefeiert werden, und wenn möglich, einmal verheiratet, regieren. Dies gelingt ihr leicht, bildet ihr Geschlecht doch den hübscheren, tätigeren und klügeren Teil der Bevölkerung. Meist führt sie die Geschäfte auch außerhalb des Hauses, dient als Makler beim Reishandel. Goldenes Kloster in Mandalay. 416 Reise einer Schweizerin um die Welt. vertritt sogar zuweilen den Mann vor Gericht und gibt ihre stimme bei öffentlichen Angelegenheiten ab. Dabei raucht sie eine riesige, aus vielerlei Blättern gewickelte sogenannte Burri-Zigarre. Ich fragte mich oft, ob diese ihr das selbständige, freie Auftreten gebe, das im Gsten sonst nur in Siam bei den Srauen sich findet. Gleich der Siamesin sucht sich die Birmanin auch ganz gern einen praktischen, fleißigen Chinesen zum Lhegespons. von den Kindern dieser Mischehe werden die Knaben als Chinesen, die Mädchen als Birmaninnen erzogen und gekleidet. Übrigens geht's ihr auch nicht schlimm an der Seite ihres phlegmatischen Stammesgenossen, voll dein sie meist freundlich behandelt wird. Vielweiberei ist zwar dem Nlosterschule. Birmanen gestattet, allein er macht selten Gebrauch davon und verliert die Achtung seiner Mitbürger, wenn er's tut. Kommt einmal eine Scheidung vor, so findet die Srau Rat und H>ülfe bei den Ältesten der Gemeinde, und es ist ihr gestattet, ihr Eigentum, auch was sie während der Ehe entweder geerbt oder erworben hat, mit fortzunehmen. Ihre Stellung ist also in mancher Beziehung besser als diejenige der europäischen Ehefrau, besonders in finanzieller Beziehung, da der Mann ihr Keiratsgut nicht antasten darf. Ls wird sorgfältig für ihre Kinder oder Erben auf die Seite gelegt. Line Gelehrte ist die Birmanin natürlich nicht, aber auch die Bildung des Ehe- genossen steht auf schwachen Süßen. Sie wird meist bei den pungis, den Priestern, erworben und besteht aus Religioir, dem Auswendiglernen der Gesetze des Buddhismus Lotos-Blumen. (S. 417.) »»M In Nlandalay. 41? und den Lobpreisungen Buddhas, etwas Rechnen, Lesen, Schreiben. Ein eiserner Griffel und lange Palmblattstreifen, in welche die aus lauter runden Zügen bestehende birmanische Schrift eingeritzt wird, dienen als Schreibmaterialien. Lei unserem ersten pagodenbesuche hörten wir aus einigen kleinen Nebengebäuden einförmig plärrende Kinderstimmen. Als wir dem Lärm nachgingen, erblickten wir die jungen Schüler, etwa zwanzig an der Zahl, lang hingestreckt aus dem Lauche liegend. Mit gellender Stimme wiederholten sie unablässig dieselben Worte und strampelten mit den Beinen den Takt dazu. Tin pungi hockte vor seinen Pflegebefohlenen; weltverloren starrte er vor sich hin, anscheinend weilte sein Geist ganz wo anders als in der Schulstube. Ihm erging's, wie dem Müller, der vorn Schlafe aufwacht, wenn das Räderwerk seiner Mühle stille steht. Erst als die Jugend bei unserem Rahen mit plärren und Strampeln aufhörte, schrak er jählings aus seiner Träumerei und wurde aufmerksam auf das Tun und Treiben seiner Schüler. Mandalaps Mittelpunkt, von den Birmanen das „Zentrum des Weltalls" genannt, bildet die ehemalige königliche Residenz. Sie ist, nach Muster der Purpur- Stadt in Peking und des Palastviertels in Bangkok, eine Stadt in der Stadt. Line neun Meter hohe und zwei und einen halben Kilometer lange, weiße, gezinnte Mauer umgibt in gewaltigem Viereck die im Jahre 18Z? von König Mindon Min erbaute Königsstadt. Sie enthielt die Paläste des Königs und seiner Srauen, Schatzkammer, Arsenal, Beamtenwohnungen, Kasernen und Llefantenställe. Man schätzt die Zahl der Menschen, welche darin wohnten, auf Z0,000. Als zweite Schutzwehr zieht sich ein tiefer, breiter Wassergraben um die Mauer, verödet und einsam liegt jetzt die weite Wasserfläche, nur hie und da läßt eine rote Lotosblüte die Erinnerung an ehemaligen Königspurpur aufleben. In früheren Zeiten pflegten reich vergoldete Staatsbarken hier zu schaukeln, deren Bemannung für eine einzige oft sechzig Ruderer erforderte. Sünf Lolzbrücken führen über den Graben, die fünfte, ungerade, liegt gegen Sonnenuntergang und heißt „Brücke des Todes". Sie pflegte nur Leichenzügen geöffnet zu werden. Über der gezinnten Mauer erheben sich zierliche, mit siebenstöckigen Glockentürmen gekrönte Pavillons. Einer diskret mit Goldfäden durchzogenen Spitzenarbeit aus braunem Teak-Lolz möchte ich am treffendsten die reizenden Bauten vergleichen. Dreizehn Tore führen in die Stadt; L. von Rodt, Reise um die Welt. 2? Wassergraben und Ringmauer der Lönigsstadt in Mandalay. 418 Reise einer Schweizerin um die Welt. vorn an jeden: steht das Holzbild eines Schuhgeistes, „Nat" genannt, und ein schwerer Teak-Pfosten trägt Namen und nähere Bezeichnung des Tores. Man erzählt, eine Anzahl Menschen seien lebendig unter diesen Pfosten begraben worden, damit ihre Geister schützend die Stadt umschwebten. Barbarisch waren die Sitten am Königshofe in Birma, und namentlich Thibo oder Thebaw, der letzte König, zeichnete sich, ungeachtet seiner englisch-indischen Erziehung, durch Grausamkeit aus. Ls war eine althergebrachte Sitte unter den Birmanen, daß ein neuer König bei seiner Thronbesteigung alle Personen unschädlich machte, die ihm gefährlich werden konnten. Thibo begnügte sich nicht wie sein Vater, nur drei oder vier Brüder erdolchen zu lassen, sondern er schickte sofort 86 Brüder, Schwestern, Vettern und Cousinen bei Gelegenheit eines Ballfestes ins bessere jenseits. Der Ort dieser Greuel wird jetzt von den Engländern als Klubraum benutzt, während ein Saal mit Spiegelwänden und einem Slügel in der Mitte nicht gerade passend die Garnisonskirche vorstellt. Mit den Erinnerungen an die Bauten der Könige ist im Palastviertel gründlich aufgeräumt worden, zu gründlich leider, denn eine Menge schöner, origineller Kunstwerke find vernichtet, andere geradezu vandalisch behandelt und verdorben worden. Zum erstenmal sollte ich mich hier, wie so oft später in Britisch-Indien, über englische Geschmacklosigkeit und Mangel an Kunstsinn ärgern. Jetzt bildet die ehemalige Königsstadt eine öde und langweilige, mit schnurgeraden Baumalleen durchzogene Släche. Die Ziegelmauer und die Teakholz-Pallisade, welche nochmals den Kern der Stadt, den Palast, doppelt befestigten, sind geschleift worden, die niedlichen, geschnitzten, birmanischen Holzpavillons des Hofstaates, der Minister und Beamten haben den langweiligen Baracken der englischen Soldaten weichen müssen. Hie und da, wie zufällig, ist ein zierlicher Holzbau der Zerstörungswut der Eroberer entgangen, auch der Palast, oder vielmehr die Paläste, wenn man einen Komplex Holzhäuser so nennen will, steht noch. Das Hausgerät freilich ist bei der Einnahme durch die Engländer verkauft und gestohlen worden. Die Paläste, ich will bei dem Ausdrucke bleiben, obschon er für Holzbauten schlecht paßt. sind nach außen und innen aufs reichste geschnitzt und vorwiegend rot und golden bemalt. Die IVände bestehen aus feinen Matten, in welche wunderschöne Zeichnungsmuster Angeflochten sind, manchmal auch aus Holzwerk, das mit Spiegel- und bunten Glasstücken mosaikartig belegt ist. Auch die dicken Säulen, welche die hohen Hallen tragen, sind rotgolden, während Pfeiler aus grünem Glas die um die Häuser sich ziehenden Veranden stützen. In der Mitte des Hofes steht die große Audienzhalle mit dem Löwenthron, über dem sich der vergoldete Turin von sieben Stockwerken, das äußere Abzeichen des Königtums, erhebt. Eine andere Audienzhalle mit dem Lilienthron war den Damen speziell zugewiesen. Schöne Ziergärten umgaben die königlichen Häuser, künstliche Seen-, Grotten- und Brückenüberreste zeugen noch von verschwundenem Glänze. Im Garten wird ein kleiner Sommerpavillon gezeigt, aus dessen Veranda König Thibo sich dem englischen General prender- gast den 29. November 188Z übergab. Von einem hohen, runden Aussichtsturm konnten wir uns eine genaue Übersicht i«. * Zigarrenfabrikation. (5. 416.) 420 Reise einer Schweizerin um die Welt. des großen, weiten Palastareals verschaffen, und hatten Gelegenheit, aus einen jener zierlichen, siebenetagigen Holz- türnre herunter zu schauen und ihn zu photographieren. In lichtem Schwärme hockten gleich grauen Wolken große Geier aus den Bäumen. Unser Sichrer nannte sie paddybirds. Ihren Lölzerner Turm im Palastviertel zu Mandalay. richtigen llamen konnte ich weder dort erfahren, noch hier in irgend einem naturhistorischen Werke auffinden. wie in Siam, so spielen in Birma die Priester eine sehr große Rolle, und auch hier gehört es zum Lebenslaufe eines jeden Mannes, wenigstens einige Wochen in seinem Leben das gelbe priesterliche Gewand angezogen zu haben. Auch ihn ruft früh die Glocke, welche mit hölzernem Schlegel geschlagen wird, zum Gebet, dann wandert er mit dem typischen, runden, dunkeln Betteltopf, den er an einem um die Schultern geschlungenen Bande vorn aus der Brust trägt, durch die Straßen, von allen Seiten eilen die Gläubigen herbei, um dem Gottesmann Speise zu bringen, dankbar, daß er ihnen Gelegenheit bietet, ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun. Der Priester dagegen spricht nicht, dankt nicht, hebt auch nicht die Augen zum Geber empor, könnte doch sonst sein Blick ein Weib streifen, und das ist ihm verboten. Deshalb trägt er auch stets den großen Palmblattfächer, der den Barhäuptigen, kahlgeschorenen weniger vor den Strahlen der Tropensonne, als vor den heißen Blicken aus Srauenaugen schützen soll. Silber und Gold darf der pungi nicht annehmen, wohl aber kleine Gaben, mit denen er seine Klosterzelle schmücken und behaglich machen darf, und die somit zuweilen einem Z0 Lentimes-Bazar täuschend ähnlich sieht. In Birma gibvs zudem auch Nonnen, welche sich weiß kleiden, aber nicht so hoch geschätzt werden wie die Mönche. Der Hauptzweck ihrer Existenz ist, sich durch ein Buddha wohlgefälliges Leben die Anwartschaft auf eine höhere Stufe bei ihrer nächsten Wiedergeburt zu erringen. Ungeachtet ihrer angesehenen und angenehmen Stellung, besteht der Ehrgeiz und heiße Wunsch jeder Birmanin darin, das zweite Mal als männliches Wesen geboren zu werden, und wäre es auch nur in der Gestalt eines männlichen Hundes! Daß es in diesem Lande, wo jede kleinste Anhöhe mit einer Pagode gekrönt ist, wo der Bau eines Tempels die Vergebung aller begangenen und noch zu be- B---MW -L^WsW ^LÄL^r -LGZ vornehmer Birmane. (2. 428.) lln Mandalay. 421 gehenden Sünden mit sich bringt, an Heiligtümern in der Hauptstadt nicht fehlt, ist selbstverständlich. Weist werden auch hier die Bauten nicht unterhalten. Sie zerfallen nach dem Tode ihres Stifters. Viele und kostbare Pagoden sind in wandalap in dieser weise dem Zahn der Zeit anheimgefallen oder in den Wiegswirren verbrannt worden, aber immer noch birgt die Stadt wunderte, ja Tausende dieser sogenannten phras. Am Süße des Mandalap-Mgels liegen in einem mauerumgebenen Viereck allein mehr als 700 Pagoden, in Sorm kleiner, weißer Pavillons, um einen großen witteltempel M4UW Buddhistische Priester. von der üblichen Sorm. Jedes dieser mit dem Vogel vischnus, dem Mraweik, gekrönten Gebäude enthält eine große Tafel. Ich weiß nicht, warum Nlurrap, der englische Bädeker, den Hamen 4Z0 Pagoden diesem Kloster gegeben, da ihrer ja so viele mehr sind. 04 önig Thibos Gheim, vom Wunsche beseelt, die heiligen Bücher des Buddhismus allem Volke zugänglich zu machen, ließ sie sowohl in der heiligen pali- Sanskrit-Sprache, als mit birmanischen Buchstaben auf diese Marmortaseln eingravieren. Aus der anderen Seite des Weges liegt ein zweites Kloster, mit ebensovielen und ganz ähnlichen Mpellen-Pagoden, nur sitzen in diesen alabasterne Buddhastatuen, und statt des Laraweik schmückt ein siebenstöckiger Schirm die Dachfirst. Ein mühsamer, langer weg führte uns auf den unmittelbar aus der Ebene emporragenden Wandalap-Mgel. verfallene Treppenstufen wechseln mit Steingeröll 422 Reise einer Schweizerin um die Welt. ab, dessen Muten inir ein paar neue Schuhe vollständig zerfetzten, und mich mehr als einmal in Gefahr einer Suß- verstauchung brachten, was allerdings noch viel schlimmer gewesen wäre. Mie es meist der Lall zu sein pflegt, lohnte der Ausblick von der Lohe reichlich die Mühseligkeiten des Ausstieges. Ganz Mandalap, eine Stadt von über 160,000 Einwohnern, worunter aber Kanin mehr als 1Z0 Europäer, die Truppen natürlich ausgenommen, lag vor uns. In der Mitte, von der hohen Ringmauer umschlossen, steht das Sort und erheben sich die Palastbauten. Die goldblitzenden Pagoden, die herrlichen Palmen, die mit Tropenbäumen beschatteten Straßen, der künstliche See, aus dein gleich Silberbändern sich unzählige Lanäle wasserspendend durch die weite Ebene hinschlängeln, die scharfgeschnittenen, blauen, hohen Berge im Gsten, das alles bietet in der pupurnen Verklärung des Abends ein wunderbares, unvergeßliches Bild. Gben auf dem Lügel soll eine Lolossalstatue gestanden haben, welche mit dein Singer auf den Lönigspalast deutete, vor wenigen Jahren erst ist sie ein Raub der Slammen geworden. .Klar und leuchtend hatte sich die Sonne zum Untergänge geneigt. Mir wußten, daß ihr unmittelbar die Nacht folgen würde, und eilten daher, so schnell es der schlimme, gefährliche Abstieg gestattete, talwärts. Glücklicherweise hatte unser Lutscher- sein Rößlein und OKLri unten beim Lloster einem Sreunde anvertraut und mit uns als Sichrer und Leiser ^lanclaln^-Hill bestiegen. Mir lohnten ihm diese edle Tat mit einem besonderen Trinkgeld, hierLesong genannt, und bestellten ihn aus den folgenden Morgen. Mer aber ausblieb, war unser Birmane. Mie man uns sagt, arbeitet keiner von ihnen zwei Tage nacheinander; genügsam in seinen Ansprüchen, nicht erpicht daraus, irdische Schätze zu sammeln, geht dein Birmanen nichts über sein äoloe tur nieute. Unser Magenlenker hat jedenfalls eine volle Moche, wenn nicht länger, aus seinen Lorbeeren geruht. Den folgenden Morgen fuhren wir zu der Arrakan-Pagode. nach der Shwe Dagon in Rangun die größte und berühmteste im Lande. Ihre Popularität verdankt sie einer metallenen, drei und ein halb Meter hohen Buddhafigur, welche im Jahre 1784 von Akpab, einer Lafenstadt in Dirma, über die Berge nach Mandalap Einzelne Pagode aus dem Lloster der 4Z0 Pagoden in Mandalay. !. /'MO WW IMKOMW MWU WWW E8WW^ M MW- ^AW MMAWMW MZM AWL «M vornehme Birmanin in Bojtracht. (5. 42S.) In Mandalay. 42Z .Käfige voll Kleiner Vogel, die zum Verkauf angeboten werden und den frommen Buddhisten Gelegenheit zu einem gottgefälligen Werke geben sollen. Die Tierchen pflegen nämlich von dem Häuser in Sreiheit gefetzt zu werden. Das andere ebenso gesuchte und anscheinend hoch geschätzte Kaussobjekt darf ich kaum nennen. Es ist ein Läusekamm, dessen Vortresslichkeit meist sofort an einer gewiß dankbaren Sreundin oder verwandten erprobt wird. Da lobe ich mir das kurz geschnittene kaar der Siamesinnen! Zu der Arrakan-Pagode, deren Eingang von zwei riesigen, weißgetünchten, löwenartigen Tieren gehütet wird. gehören Klöster, Arkaden, ltzöfe. In letzteren hängen an niedrigen H>olzgestellen Glocken verschiedener Größe, alle aber von wunderbarem Hlange. Die Birmanen bewahren ängstlich das Geheimnis der VIetallmischung, wobei angeblich auch Gold und Silber verwendet wird. Wie in Japan sind die Glocken Klöppellos und werden von dem Beter zuweilen mit einem danebenliegenden Stock angeschlagen. Er zeigt damit gewissermaßen Buddha seine Anwesenheit an. In einem ebenfalls zur Pagode gehörenden großen Teich werden heilige Schildkröten von den frommen Buddhisten gefüttert. Sobald, man sie ruft, bewegt sich das Wasser, und scharenweise schwimmen die langköpfigen Riesentiere heran und schnappen nach Kuchen und Reis. Sie werden dabei dick und fett und groß, einige von ihnen messen wohl einen Kteter in der Länge. viel schöner als die Arrakan-Pagode erschien mir das „Goldene Kloster der Königin". Welcher Königin, konnte ich nicht erfahren, das Gold dagegen leuchtete - L-Ä Liebesdienst. 426 Reise einer Schweizerin um die Welt. Einer unserer Führer. an allen Giebeln. Säulen und Ranken, an den Tausenden von Ti's, den phantastischen Siguren und Balkönen des über und über geschnitzten Baues. Hier feiert die Holzschneidekunst Birmas ihre höchsten Triumphe! Hohe Palmen beschatten den weiten Hof, deren sattgrüne Blattwedel einen wundervollen Kontrast bilden zu dem tiefen Blau des Himmels, dem Goldgelb der priesterlichen Gewänder und dem dunkeln Braun des Teak-Holzes, welches stellenweise ohne Vergoldung geblieben ist. Tine muntere Jungenschar im Meide paradiesischer Unschuld hatte sich als Sichrer an unsere Sohlen geheftet, einige pungis schlössen sich an, so daß unser Zug bald zur stattlichen Zahl von 22 Mpfen anschwoll. Daß uns alles, das Sehenswerte und das Un- sehenswerte, welches wir uns so gerne geschenkt hätten, gezeigt wurde, ist selbstverständlich. Zeder unserer Sichrer war beflissen, durch Cxtraleistungen sich einen extra „Anna" (zehn Centimes) zu verdienen. Daß es dabei seine Schwierigkeit hatte, beim „Abschieds-Lesong" den Ansprüchen aller gerecht zu werden, wird mir jedermann gerne glauben. IVir hofften, bei der Annas-Verteilung mit salomonischer Weisheit zu Werke gegangen zu sein, aber, o weh! Als wir davonfuhren, lag die ganze Zungmannschaft, zum scheußlichen Mumpen geballt, im Staube und raufte und prügelte sich nach listen. Die Häuser in Gber-Birma sind höchst einfach. Sie stehen meist auf sechs 2 Meter hohen Pfosten, welche alle ihre Namen haben. Der südliche wird stets mit Blättern und Blumen geschmückt, da er dem Nat, dem Schuhgeist des Hauses, zum Sitze dient. Aberglauben hält das Land ebenso in Banden wie Siam. Einen Glauben teilen die Birmanen übrigens mit den alten Griechen. Auch ihnen gilt der Schmetterling als das Symbol der unsterblichen Seele. Sie glauben, daß beim Tode eines Menschen seine Seele in der Gestalt eines Schmetterlings den Körper verläßt. Schläft ein Mensch, oder verliert er die Besinnung, so meldet der Birmane dies mit den Worten: „Sein Schmetterling ist aus ein Weilchen davongeflogen." Auch bei der Einrichtung des Hauses hat der Aberglaube sein Wort mitzusprechen. Ein Zimmer darf niemals direkt über dem anderen liegen, denn es würde dein unten wohnenden Unglück bringen, wenn jemand über seinem Haupte herumliefe. So wird denn ein vorderes Untergemach gebaut, welches als wohn-, Eß- und Arbeitszimmer dient und nach allen Seiten offen ist, und ein Hinterzimmer, zu dem man auf einer kurzen Treppe emporsteigt und wo man schläft. Dieser obere Raum ist mit schönen, feingeflochtenen Matten rings umgeben. Unter demselben pflegt der Hühnerhof oder Viehstall zu sein. Das Hausdach wird mit Palmblättern gedeckt, und das Baumaterial Goldenes Kloster!n Mandalay, 2S-Ü. WuMSz »» .Ars - ^--^E -EWWM-^-Dl^. ««Ec 428 Reise einer Schweizerin um die Welt. besteht aus Bambus und Matten. Dieselbe Einteilung herrscht in dem Hause der Reichen, nur verwendet man Teakholz an Stelle obigen Materials. Mir hatten bei unserem zweiten Aufenthalt in Man- dalay Gelegenheit, das Haus eines reichen, angesehenen Mannes zu besuchen. Die ins Gbergemach führende Treppe und die Diele waren aus schönein, braunem, glänzendem Teak-Holz und reich geschnitzt. Die althergebrachte Einfachheit der Häuser entspricht dem anspruchs- und bedürfnislosen Sinne der Birmanen. Einer der ersten Könige aus dein Geschlechte Alompras erließ ein Gesetz, daß keine Bogen über den Türen angebracht, keine Vergoldung, kein Lack zur inneren Ausstattung angewandt werden dürfe. Auch war es nicht erlaubt, einen Ziegclbau zu errichten, damit es dem Besitzer nicht möglich würde, sein Haus in eine Sestung zu verwandeln. Erst König Thibo gestattete einigen wenigen Günstlingen, die vermutlich dem immer in Geldnöten Schwebenden unter die Arme griffen, steinerne Häuser zu bauen. Diese lassen sich an dein Pfau, der ihren Giebel krönt, leicht erkennen. Ein goldener Pfau im weißen Seide war das Mappen der Könige von Birma. Ich freute mich, Gelegenheit zu haben, im Bazar einige hübsche Münzen mit dem radschlagenden Pfau zu kaufen. Der Bazar bildete eine große Anziehungskraft für uns, nicht nur der Einkäufe wegen, sondern mehr noch als Sammelplatz des fröhlichen, liebenswürdigen Volkes, dessen heiterer Sinn sich schon an seinen bunten, farbenfrohen Kleidern kund tut. Auch die Tracht der Männer besteht aus einem roten, gelben, gestreiften oder karrierten langen und breiten Tuche, dem Pasoh. Dieser wird straff um die Lenden gebunden, vorn eingeknotet und das eine lange Ende gewöhnlich noch über die Schultern geworfen. Der pasoh ist bei zwei Meter lang und einen breit. Arme Leute begnügen sich mit diesem pasoh, der dann natürlich aus Baumwolle verfertigt ist. Die bessere Klasse trägt zum seidenen pasoh eine kurze, knapp anliegende Musselin-Jacke mit engen Ärmeln, Indschi genannt, reiche Leute und Beamte außerdem eine weite, seidene, mit pelz verbrämte Jacke. Das reichliche, schwarze, glatte haar wird aus dem Scheitel zum Knoten gebunden und ein rosa oder grüngelbliches, seidenes Kopftuch auf der Im Bazar zu Mandalay. ^ " - Birmanin. (S. 429.) In Mandalay. 429 linken Seite leicht geknüpft, so daß ein Zipfel bis zur Schulter herunterhängt. Auf dem Lande wird in der Regel noch ein spitzer, riesiger Basthut zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen aus das Kopftuch gestülpt. Sonnenschirme sieht man in großer Varietät, einheimische und leider jetzt auch viele europäische. Zur Zeit der Könige bezeichneten ihre verschiedenen Sarben die verschiedenen Rangstufen der sieben Stände. Die Rangordnung war: Auf die königliche Samilie folgen die Staatsbeamten, die Reichen, die Priester, welche in Birma hohes Ansehen genießen, die Landbauer, die Sklaven und endlich die Ausgestoßenen. Ich habe mir den goldenen Lhrenschirm eines hohen Staatsbeamten mitgebracht. Seine Spitze bildet einen Ti von mehreren Stockwerken. Der Schirm selber ist aus dickem Goldpapier und inwendig mit Seidensträhnen rot, orange, grün, weiß und rosa niedlich und künstlich umwoben. Die Meidung der Srauen habe ich schon früher beschrieben. Sie unterscheidet sich im ganzen wenig von der männlichen Tracht. Nur die pawa, eine Schärpe, welche zuweilen shawlartig über beide, meist aber nur über eine Schulter getragen wird, ist ein den Srauen eigentümliches Kleidungsstück. Die pawa, welche die reichen Damen tragen, ist aus schwerer Seide und sehr kunstvoll gewoben. Meist wechselt ein spitzes Zackenmuster mit dem sogenannten laufenden Hund ab, und zwischen beiden Streifen gibt's noch runde Zacken und alle möglichen phantastischen Verzierungen. In meiner pawa sind zwei verschiedene Grangerot als Grundfarbe vertreten. Dazu kommt Gelb, Grün, Schwarz, Rosa, iveiß und Silber, und das Ganze sieht dabei durchaus nicht schreiend aus. Blau dagegen, die Lieblingssarbe der Chinesen, fehlt in Birma vollständig. Ich habe vergeblich den ganzen Bazar in Mandalap nach blauem Seidenstoff abgesucht. Die Birmanen haben eine hellbraune, schöne Hautfarbe, sind von mittlerer Größe, schlank und wohlgebaut, während die Gesichtszüge der Männer eine Verwandtschaft mit den flachen, eckigen der Chinesen zeigen, ist der Ausdruck der Srauen ein viel feinerer. Das rabenschwarze, glänzende Haar legt sich als I^rone aus den Scheitel, und natürliche Blumen, mit Geschmack eingesteckt, bilden einen effektvollen Schmuck der kunstlosen Srisur. Die Augen sind dunkel und feurig, die Jäh- vergoldete Mittelpagode im Kloster der 430 Pagoden, ne blendend weiß. 430 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Birmanen zeigen eine große Vorliebe für Gold und Edelsteine, und selten findet man einen Mann oder eine Srau, die nicht mit einem Schmuck- gegenstand — doch niemals mit einem falschen — als Fingerringen, Armbändern, Ohrringen, Halsketten u. s. w., prunken. Des Birmanen Stolz geht dahin, nur echte Edelsteine zu besitzen, und man sagt, er verstände es durch bloßes Abwiegen mit der lsand, einen edeln von einem falschen Stein zu unterscheiden. Die Ohrringe haben die Sorm eines kurzen, dicken Stäbchens, welches, durch das Ohrläppchen gesteckt, vorn meist eine Brillant- oder Rubinrosette bildet. Schöne Ohrringe lieben die Srauen besonders, vielleicht weil sie mit so viel Schinerzen das Tragen derselben erkauft haben. Das Ghrdurchstechen bildet im Leben des Mädchens einen ebenso wichtigen Abschnitt, wie das Tätowieren oder Anziehen des priesterlichen Gewandes in demjenigen des Knaben. Symbolisch wird damit angedeutet, daß das Kind nun zur Jungfrau herangewachsen ist. Ein glückbringender Tag wird zu der Zeremonie gewählt, die ganze Samilie und alle Sreunde eingeladen und ein großes Lest bereitet. Alles ergibt sich dabei einer ausgelassenen Lröhlichkeit, mit Ausnahme des Opfers dieser Veranstaltung, das sich sträubt und schreit. Die Nadel, womit der Stich vorgenommen wird, ist aus reinem Golde, bei den Armen wenigstens aus Silber. Sie wird in der lvunde gelassen und täglich hin- und hergedreht, um das Loch zu vergrößern. Dann wird eine Z Lentimeter lange und eine v/s Lentimeter dicke Röhre nach und nach hineinpraktiziert. Dieser Ghrzylinder pflegte bei der königlichen Lamilie ganz golden und mit Edelsteinen besetzt zu sein. Die Reichen tragen einfache, goldene Röhren, die Ärmeren bernsteinene, die Ärmsten gläserne, und wenn dieselben zerbrechen und sie gerade nicht die Mittel haben, neue zu kaufen, stopfen sie einfach eine Papierrolle, ihre Zigarre oder ein Tuch hinein, um das Loch offen zu erhalten. Bei den Härenen, einer birmanischen Völkerschaft, von der ich im nächsten Kapitel eingehender sprechen werde, bemerkte ich große Schlitze in den Ohrläppchen der Männer und Lrauen. Während letztere runde Aolzzierrate darin tragen, dehnen 9 bis 12 Lentimeter lange und 3 Lentimeter dicke Bambuszylinder die Ohren der Männer aus. Oft auch bemerkte ich, daß sie das Loch als Zigarrenbehälter Tempelhüter am Lloüer der 45» Pagoden zu Nandalay. (2. 421.) Hn Mandalay. 4Z1 benutzen oder Blumen hineinstecken. Diese künstlich ausgeweiteten Ohrläppchen lassen die Gehörorgane der Leute noch größer erscheinen, als sie ohnedies sind. Aber, was schadet das, große Ohren gelten als Zeichen langen Lebens und werden demgemäß in Linterindien hoch geschätzt. Im und um den Bazar herrscht bis abends reges Leben, während draußen im dreien Sische und Lrüchte, H>ausgerät und baumwollene Stoffe verkauft werden, sitzen drinnen in langen schattigen wallen in drei- und vierfacher Reihe junge, hübsche Verkäuferinnen. Verführerisch leuchtet die hellfarbige, weiche, geschmeidige Seide. Sie hat ihren guten preis, und viel Leruntermarkten gibt's da nicht, die schmucken Verkäuferinnen verstehen ihr Geschäft dafür allzu gut. Auch mit dem Photographieren wollte es uns nicht gelingen. Nach langem Ltichern, Sichreren und Genieren geruhten endlich die Schönsten, sich von uns in eine Gruppe stellen zu lassen, vorläufig freilich verharrten sie eigensinnig im dunkelsten Winkel der kalle. Line weitere halbe Stunde der Überredung ging vorüber, glücklich standen die Dämchen endlich im richtigen Lichte, wir sahen uns am Ziele unserer wünsche, aber o weh! Streit erhob sich — ich glaube, weil keine hinter der anderen stehen wollte — und wie Spreu stob die ganze Gesellschaft auseinander! 4Z2 Reise einer Schweizerin um die Welt. Capitel 28 . Weltfremde Lünösrstrecken und Vökkerstämme. Tänzerinnen. weiter nach Norden. Amarapura. Liienbahnfahrt nach Latha. Irawädy-Dampker. Wichtigkeit des Bändels zwischen Bhamo und Hün-nang. Bienen in Rangun. Der Irawädv. Ente Verpflegung aus den Schiffen. Tierlebcn im und am Irawädy. Defile. Bhamo. Tiger. Schlechter Linkaus. Natschins und Shans. Üloß-Laus. LveninZ 8uit. du herzersreuendes Wort für ein birmanisch Gemüt! Mve, ich hörte zuerst deinen Namen am letzten Abend in Wandalen?, als ich nach der Ursache des Lärms und des hellen Scheins, welcher mir aus nächster blähe entgegenleuchtete, fragte. Mvö! wiederholte mein Zimmerbop verklärten Blickes: «Oo null look, verz^ tine incleecl!» Mve ist die Volksbelustigung pur excellonce iir Lirma, ein iminer neues, immer willkommenes Vergnügen. 2n hellen Mondnächten wird zu Stadt und zu Land an geeignetem Platze eine provisorische Bühne aufgeschlagen, ein paar Pechfackeln bilden die Beleuchtung, ein Dutzend roh gezimmerter, lehnenloser Bänke die Zuschauersitze, doch zieht es im allgemeinen das Publikum vor, in stattlichem Kreise auf den Waden hockend die Schaustellung zu genießen. Alles Volk, Männer und Weiber, Greise und Säuglinge nehmen teil, denn der Eintritt ist gratis. Dauer des Vergnügens: die ganze Nacht, bis der Morgen graut. ?vvä-TÄnzekin. weltfremde Länderstrecken und Völkerstämme. 4ZZ Man unterscheidet drei Arten Mve. Vein Mve, die vornehmste, eine Art Ballett mit glänzenden stirostümen wie in Siam, wird nur zu ganz besondern Gelegenheiten iir Szene gesetzt. 2nt Mve. aus Spiel, Gesang, Tanz und komischen Szenen bestehend, ist die zweite Art. wir sollten sie an jenem Abend in Mandalap kennen lernen. Voktkrve Vrvö. ähnlich wie die vorhergehende, nur sind Marionetten statt Menschen die Schauspieler, wenige Tage später hatten wir in einem Dorfe am Irawädp Gelegenheit, auch diesen Mve zu sehen. Cs mochte gegen neun Uhr sein, als wir. dem Lärm der Musik und dem Säckel- glänz nachgehend, auf dein Schauplatz erschienen. Scharenweise war das Publikum Vein?vvs. versammelt, und die Musiker befanden sich in voller Tätigkeit. Nur die Schallspieler und Schauspielerinnen hatten es offenbar nicht eilig, zu erscheinen. Von ersteren war nichts zu sehen, von der Spezies der letzteren hockten zwei Exemplare hinter einer Truhe in Sorm unserer alten Schnitztröge. Sn aller Gemütsruhe zogen sie sich angesichts des Publikums an. Endlich war eine von ihnen so weit, sich in einen vorn und hinten schleppenden, engen Rock zu hüllen, dann kniete sie vor den im offenen Truhendeckel angebrachten Spiegel und legte sich ein Perlenhalsband um. Die Szene erinnerte lebhaft an die Schmuckarie von Gounods Marguerite. Wohl in zwanzigfachen Schnüren schlangen sich perlen um ihren Hals und hingen bis weit unter die Taille herab. Eine gelbe Seidenjacke mit engen Ärmeln und sonderbar an den Hüften emporstehenden Schneppen, ein breiter, dunkler Seidengürtel und der schon erwähnte, außerordentlich lange und enge, braune Rock, oder besser gesagt das L. von Rodi. Reise um die Welt. 24 4Z4 Reise einer Schweizerin um die Welt. Tuch, ein sehr reicher Kopfputz aus Blumen und Edelsteinen, und eine Menge Armbänder, die bei jeder Bewegung laut klirrten, so stellte sich die reiche und eigentlich kleidsame Tracht zusammen. Daß bei der Enge und Länge dieser Meldung ein graziöser Tanz unmöglich, wird man begreifen. Doch hier verlangt man ihn nicht. Höchst unästhetische Ellenbogen- und Leibverrenkungen, einige unartikulierte Schreie, Hin- und Hertrippeln, winken und wehen mit grünen Zweigen, ohrzerreißende Musikbegleitung genügen, um birmanische Augen und Herzen aus den Gipfelpunkt der Glückseligkeit zu heben. Die zweite Tänzerin kniete immer noch vor ihrem tasten. Ihre Toilette bewegte sich in den ersten Stadien, und diese nahmen Zeit in Anspruch, denn die volle Stunde, die wir hier standen, hatte nur zum pudern des Gesichts, Malen der Augenbrauen und höchst ungeniertem Auftürmen einer Masse falscher Haare knapp genügt. Da gar nichts weiteres auf der Bühne sich zeigte, gingen wir müde und enttäuscht ins Hotel zurück. Später kam jedenfalls mehr Leben und Handlung in den Mvö, denn lautes Geschrei und lärmender Applaus drangen durch die stille Nacht in mein Zimmer. Erst beim anbrechenden Morgen nahm das Spiel ein Ende, um in den folgenden Mondnächten seine Sortsetzung zu finden. Der Stoff der Darstellungen soll meist religiösen Legenden entnommen sein. Noch war unsere Wißbegier betreffs Birma nicht erschöpft, immer weiter nördlich strebten wir ins Gebiet der Dschungeln und Tiger. Am Tage nach jener Mvö-Aufführung verließen wir mit der Eisenbahn Mandalay und gelangten zunächst in die ehemalige Hauptstadt des Landes Amarapura. Malerischer, anziehender vielleicht in ihrem verfall als zu ihrer Blütezeit, teilt Amarapura das Schicksal der Städte, welche sich in Ruinen verwandeln, wenn der Sürst und sein Hofhält aus irgend einem Grunde oder einer Laune seinen Sitz verlegt, wir sollten in Indien noch mehrere solche verödete, menschenleere Städte treffen. Bis Sagaing kamen wir nicht aus dem Reiche der Pagoden. Überall, in: Gestrüpp, auf dem Seide, auf der kleinsten Anhöhe erglänzten neben den massiven Tempeln Amarapuras weiße Türme und goldene Spitzen. An jede von ihnen soll sich eine Sage knüpfen, eine Erzählung von blutigem Morde oder auch eine Tat frommer Nächstenliebe. Bei Sagaing führte uns eine Dampffähre ans rechte, ebenfalls mit Pagoden bekränzte Ufer des Irawüdp, wo ein Lisenbahnzug unser wartete. Langsam bummelten wir durch eine prairieartige, scheinbar unbewohnte Gegend, und doch gab's jeden Augenblick eine Station und viel Aus- und Einsteigen. Durch die sternenhelle, kühle Nacht fuhren wir mehr oder weniger ruhig; plötzlich hieß es um fünf Uhr früh: „Umsteigen". Das Licht im Waggon war ausgegangen, im Dunkeln tappte ich nach Kleidern und Gepäck, kein hülfreicher Schaffner erschien, um weg und Steg zu weisen, und draußen regnete es in Strömen, ein seltenes Ereignis in der trockenen Jahreszeit und für uns durchaus kein angenehmes. Endlich waren wir glücklich im neuen Waggon eingerichtet, um einige Stunden später durch Dschungeln und an anmutigen Hügeln vorbei nach Katha, dem Endpunkt unserer Cisenbahnfahrt, zu gelangen, von hier an sollte ein Schiff zur Abwechslung wieder einmal unsere zeitweilige wohnstätte bilden. weltfremde Länderstrccken und Völkerstämme. 4ZZ „puktan" hieß der wohleingerichtete, hübsche, kleine Dampfer, dessen erste Masse mit sechs Passagieren, vier Engländern, meinem Reisegefährten Mr. w. und mir, ganz genügend angefüllt war. Sür Passagiere zweiter Masse und Macht dagegen ist eine Menge Raum vorhanden. Die englische Iramäcl^ Dlotilla. Tompan^, welche über ZO Dampfer und über 120 sogenannte Slats, aus Stahl gebaute, bis zu 900 Tonnen fassende, riesige Schleppkähne und verschiedene lseckrad-Dampfer besitzt, macht ausgezeichnete Geschäfte. Sie monopolisiert den ganz beträchtlichen Handelsverkehr mit Bhamo, der wichtigsten Handelsstadt in Gber-Birina. .2LLLL Bei Amarapura. Zwischen Oktober und Mai, der trockenen Jahreszeit, ist der Verkehr mit der chinesischen Provinz Mn-nan, deren Grenze fünf Tagemärsche östlich von Bhamo liegt, sehr beträchtlich. Über die Berge, welche Mn-nan von Bhamo trennen, wandern oft täglich lange Karawanen mit Rohseide, Opium, Lonig und Nüssen Birma zu. Dort warten die birmanischen Schiffer und englischen Dampsboote ihrerseits mit Ausfuhrartikeln für China beladen: Baumwolle, Reis, Nephrit, der bei den Chinesen so beliebte Jade, für welchen, wenn er die seltene durchsichtige, milchgraue Larbe besitzt, Unsummen bezahlt werden, ferner Elfenbein, Areka-Nüffe und eßbare Vogelnester. Als wir von Bhamo zurückkehrten, war unser Schiff mit chinesischen Walnüssen und Lonig schwer beladen. Ein mächtiges, bauchiges Tongefäß reihte sich an das andere, bis an den Rand mit Schleuderhonig gefüllt. Als wir lserrn Z. in Rangun 4Z6 Reise einer Schweizerin um die IVelt. davon sprachen, erzählte er uns folgende hübsche Anekdote von der Mugheit der Bienen: Da die Ranguner nicht einsahen, weshalb sie bei ihrem Reichtum an blühenden Bäumen und herrlichen Blumen sich nicht selber Bienen halten und Lonig produzieren sollten, statt ihn immer von China zu beziehen, schafften sie sich Bienen an. Das erste Jahr gelang der Versuch vortrefflich, die Bienen machten Konig im Überfluß, und Rangun schwelgte in der so beliebten Süßigkeit. Als aber die schlauen Bienchen sahen, daß hier ein immerwährender Sommer herrschte, und sie somit für keinen IVinter Vorräte zu sammeln hätten, unterließen sie jedwelche Arbeit, sammelten keinen H>onig und frönten dem süßen Nichtstun. Nun mußte wieder China mit konig aushelsen. Bevor unser „puktan" die bräunlichen fluten des Irawüdy — die Engländer- schreiben Irru- rvucläzr — durchschneidet, möchte ich von diesem flusse, der die Lebensader Birmas bildet und zugleich einer der größten Hnnterindiens ist, etwas erzählen. Er entspringt in zwei Guellflüssen, demMali-khaund dem Me-Kha. Diese kommen vom patkoi, der sich an das östliche Ende des H>imL- laya anschließt, und vereinigen sich unter dem 26. Grad nördlicher Breite und 92. Grad östlicher Länge zum Irawüdy. Als Aauptzufluß vom Westen her erhält er den an der Lin- mündungsstelle ZAO Meter breiten „Mogoung" 161 Kilometer oberhalb Bhamo, und den Mu unterhalb Mandalay. Die östlichen Zuflüsse sind der Mole und der Taping, der bei Bhamo mündet. Von Bhamo an wendet sich der Irawüdy nach llordwesten, nimmt aber bald wieder südliche Richtung an bis Awa, wo er einen weiten Bogen bildet, bis er vom Westen her seinen bedeutendsten Nebenfluß, den äkijn-dwin, empfängt. Bei Thajet-mjo beträgt die Breite des Irawüdy 4800 Meter, und bei prome beginnt die weite Alluvialebene des Irawüdy-Deltas. fortwährend sich zerteilend» erreicht der Kmuptstrom in neun Mündungen die See. Auf dem „puktan" und mehr noch auf dem viel größeren „Mogoung", welchen wir zur Rückkehr von Bhamo nach Mandalay benutzten, führten wir ein höchst behagliches und im Vergleich zu den letzten Wochen und Monaten ein wahrhaft Am Üirawädy. .'M weltfremde Länderstreckeu und Volkerstämme. 4N lukullisches Dasein. Um Osten, wo Ho- tels ersten Ranges die dritte Stufe bet uns einnehmen würden, bin ich, zu meiner Schande muß ich's gestehen, entschieden materiell geworden. Zudem war nach der völlig ungenügenden und über alle Begriffe schlechten Verpflegung auf den Schiffen der Lritisk lullig. Lompun^ meine Überraschung groß und freudig, auf dieser abgelegenen Linie in Hinterindien solch ein Essen zu finden, freilich bieten die User des Srawüdp Jagdgründe pur exoelleuce, und der kleine schottische Kapitän des „Mogoung" war ein großer Mmrod. Doch ich greife vor. viele möchten die Sahrt aus dem Irawüdp einförmig finden. Mir war sie ein geistiges und körperliches Ausruhen, eine wahre Crquickung nach der Hitze und dem Staube Ranguns und Mandalaps. Ein wunderbarer Reiz lag über all den ruhigen, einfachen Bildern, die ohne jede Anstrengung meinerseits an mir vorüberzogen. Hier ruhte der „Kampf ums Dasein", der in Sorm von Überforderungen, Betteleien, schlechten Unterkünften u. s. w. die Reise um die lvelt in eine große Strapaze verwandelt. Gerade weil keine aufregenden Momente eintraten, genoß ich jeden Abend wie ein neues lvunder die herrlichen flammenden Sonnenuntergänge, freute mich immer wieder an den einförmigen Dschungel-Gebieten, die rechts und links an den Ufern des Stusses sich aufrollten, an dem Tierleben im und am ivasser und oben in der Luft, wo unaufhörlich dichte Molken wilder Enten und Gänse über uns kreisten, während gravitätische Kormorane, Kraniche und Reiher gedankenvoll am Strande und aus Sandbänken wandelten, und da und dort der schwarz und weiße sogenannte Schlangenhalsvogel (VIotus rneluno-Kuster) unbeweglich seine weit ausgebreiteten Slügel an der Sonne trocknete. Mich erinnerte seine Haltung und Sorm stets an den preußischen Adler. Gewöhnlich sieht man seinen schlangenartigen Hals und Kops nur zum Wasser Herausgucken, ist er doch in seiner Art ein ebenso eifriger Sischjäger wie die Gtternfamilien, die, sonst so scheu, hier ganz unbekümmert um die Nähe der Schiffe, mit Kind und Kegel spielend und tändelnd, klanwetse herumschwimmen. Jahren wir nahe genug am Ufer, so sehen wir rötliche Affen in munterem Spiele sich von Ast zu Ast schwingen und langgeschwänzte grüne Papageien herumflattern. Am Irawädy: Drittes Desile. 4SS Neise einer Schweizerin um die Welt. Aber auch Menschen giblls auf dem Irawädp, uud hoch oben an den Ufer- rändern — der Slnß ist augenblicklich sehr wasserarm guckt hie und da eine weiße Pagode, eine Ansiedelung hervor. Lange, breite Slöße aus Teak-Lolzstämmen treiben in wochenlanger Sahrt nach Rangun hinunter. Ihre Bemannung hat sich zum Schuß gegen Sonne und ll^älte eine Bambushütte daraus errichtet. Ungefähr 1ZO Stämme, deren Länge durchschnittlich fünf Meter und deren Dicke drei Meter messen, wem: sie bearbeitet sind, bilden ein Sloß. Das schwere, braune, den Mürmern widerstehende Lolz des Teak-Baumes (Dectoniu Arnrniis) wird der Eiche noch vorgezogen und massenhaft als Schiffbauholz auf den Merften Englands und Deutschlands verwendet. Gewöhnlich wird der Baum erst gefällt, wenn er abgestorben und ausgetrocknet ist, was ungefähr ein bis zwei Jahre erfordert. Zu diesem Zweck schneidet man rund herum tief in den Baum hinein, wenn er blüht. Von weitem kenntlich an seinen großen, ovalen Blättern uns den feinen, weißen Blütenrispen, die namentlich seinen Gipfel gleich einer Mölke umhüllen, ist der Teak-Baum eine Zierde jedes ostindischen Waldes. Läßt man ihn wachsen, so erreicht er eine riesige Größe und ein Alter von mehreren hundert Jahren. Lünf oder sechs Stunden nach unserer Abfahrt von ll^atha verließen wir das unendliche Flachland der Dschungeln und gelangten zu einer Insel und dem sogenannten dritten Defilch ein Wort, das von meinen englisch-amerikanischen Gefährten so hoffnungslos anglisiert wurde, daß ich lange nicht verstand, was eigentlich damit gemeint war. Mir Deutschschweizer lassen doch wenigstens dem Fremdwort, wenn wir es anwenden, seine Betonung und Aussprache. Übrigens entsprach das dritte Defilö wenig meiner Vorstellung von einem Engpaß, da die niedrigen, bewaldeten Lügel nur unmerklich das Flußbett verengern. Ganz anders erscheint das zweite Defilö, anderthalb Stunden unterhalb Bhamo. Lier vereinigen sich die vielen Arme des riesig breiten Stromes zu einer verhältnismäßig engen, schmalen Masserrinne, die, einen gewaltigen Bug bildend, in scharfen Windungen durch die schmale, tiefe, selbstgeschassene Selsenstraße in stürmendem Laufe dahinbraust. Soeben war die Sonne ausgegangen. Ein mächtiges Leuchten zog durch die hohen, goldig-roten Aste der das höhlenreiche, zerklüftete Selsuser bekränzenden Bäume, und mild umspannen die Lichtfäden des Tagesgestirns das graue Gestein. Loch auf den Baumwipfeln jauchzten buntfarbige, fremdartige vögel dem jungen Tage zu, und lustige flinke Affen hüpften herum, sich nach Srühstück und Gespielen umschauend. Ein hoher, verwitterter Sels ragt an einer Stelle kahl, wüst und einsam mitten aus dem Wasser empor, und ebenso einsam umkreist ihn ein großer Geier, der sich bald wie ein schwarzer Punkt, bald wie ein silbernes Blatt im Blau des Äthers wiegt. Es rauscht und schäumt in weißem Gischt um den Selsen, und bohrt und wühlt sich immer weiter in das Gestein, bis der Gewaltige endlich in den Abgrund stürzen wird, den ihm heimtückisch das Wasser unaufhörlich gräbt. während 1'/? Stunden fuhren wir durch das Defils. Endlich öffnete sich das Selsentor. wie ein stiller See. blau. grün, schwarz, braun, je nach den Schatten, lag der Irawüdp wieder friedlich vor uns. Sischer- und Srachtboote belebten seine Släche und nahmen zu an Zahl, je mehr wir uns Bhamo näherten. weltfremde Länderstrccken und völkerstäinine. 4Z9 An einem von: Kochwasser tief cingerissenen Ufer legte sich unser „Puktan" neben einem viel größeren Dampfer, dem „Mogoung", vor Anker. Unser Gepäck wurde hin- übergebracht, wir belegten unsere Kabinen, nahmen Tissin und kletterten auf steilem Zickzackwege zum Plateau empor, das vorläufig keine Lagernde Karawane vor Lhamo. Stadt, sondern eine unbebaute, mit hohen Bergen bekränzte Ebene zeigte. Der schrille pfiff unseres „puktan" hatte einige Ghar! hergelockt, und bald waren wir unterwegs nach dem wohl 2*/s Kilometer entfernten Bhamo. Unseren Begriffen nach kann der Grt auf jede Benennung besseren Anspruch erheben als auf diejenige einer Stadt. Die erste menschliche Ansiedlung war zunächst eine Karawane, welche auf offenem Seide lagerte. Riesige Körbe und Säcke, vermutlich mit Baumwolle und Reis gefüllt, waren rings um einige, aus Bambusstäben und darauf- gelegten, geflochtenen Matten bestehende Zelte gestapelt. In der Serne weideten Pferde und Maultiere. Die Menschen, ihrer Meldung nach zu schließen, Birmanen, schienen aufgeregt und ängstlich gestimmt. Der Kapitän erzählte uns, ein Tiger hätte heute früh einen ihrer Leute getötet und ein Maultier zerfleischt. Schon mehrere Nächte zuvor seien Maultiere verschwunden, und die blutigen Spuren hätten auf einen Tiger hingewiesen. Die aufgeregten Lingebornen schickten daher Abgesandte zum Kapitän des „Mogoung", um ihn zu bitten, sie von der gefährlichen Bestie zu befreien. An Lust fehlte es unserem kleinen Nimrod wahrlich nicht, aber vorläufig sollte er uns den folgenden Tag sicher nach Mandalap bringen, und die Irarvüäz- MoUlla Lorn- besoldete ihn als Schiffskapitän und nicht als Tigerjäger. Die englische Regierung zahlt 100 Rupien, nach dem gegenwärtigen Kurs ungefähr 170 Sranken, Schußgeld für einen Tiger. Man erzählte uns folgende Geschichte: Lines Morgens ging ein altes Weib in eine Pagode außerhalb der Stadt Bhamo, um ihre Andacht zu verrichten. Als sie das Heiligtum betrat, lag ein mächtiger Tiger zu Süßen der vergoldeten Buddha- Statue und schlief. Zitternd lies die Alte, so schnell ihre Süße sie tragen konnten, in die Stadt zurück und rief Leute zusammen. Die Beherztesten unter ihnen umzingelten die Pagode und erhoben ein gewaltiges Geschrei. Aus seiner Ruhe aufgeschreckt. 440 Reise einer Schweizerin um die Welt. wollte der Tiger eilends fliehen. Da schössen die Belagerer alle, verwundeten ihn zwar gefährlich, aber doch nur so, daß er die Kraft noch hatte, zwei von ihnen zu zerfleischen, dann erst erlag er seinen Wunden. Gefährlicher noch als Tiger sind die Leoparden, da sie viel häufiger die Menschen angreifen. In den Wäldern Ober-Birmas weilen sie zahlreich, ebenso Bären, Elefanten, Nashörner, Schweine und Harsche. Die Dampfschiffahrt hat auch hier wie im Nil die Krokodile vertrieben, doch sollen sie in den Nebenflüssen noch in Menge zu treffen sein. Bhamo besteht eigentlich nur aus einer wohl über anderthalb Kilometer langen Hauptstraße. Die sehr ländlich primitiven Häuser sind aus Äechtwerk und Bambus zusammengefügt und können nicht den geringsten Anspruch aus Schönheit erheben. Auch die zahlreichen, meist von Chinesen gehaltenen Verkaufsbuden, welche die Straßen zu beiden Seiten einsäumen, zeigen durchaus nichts verlockendes. Nur ein paar grellrote Tücher mit wunderbaren, aufgedruckten Menschen und Tieren erregten unwiderstehlich meine Kauflust. Hinterher hatte ich freilich den Schmerz, zu erfahren, daß die wiege dieser „Baumwollenen" nicht weit von der meinigen gestanden, nämlich im Glarnerländchen. Nun sind sie aus dem fernen Hinterindien wieder in die Heimat zurückgekehrt, um im verborgensten Schubfach ein bescheidenes, unbewandertes Dasein zu führen. Im Bazar herrschte reges Leben. Hier sahen wir zum erstenmal Katschins, ein wildes Bergvolk, welches zur Zeit der birmanischen Könige ein freies, unabhängiges Aäuberleben geführt und erst in den letzten Jahren etwas gesitteter und ruhiger geworden ist. Shans, oder wie sie sich selber nennen Pa-pü, deren Gebiet von Bhamo sich bis weit in den Süden hinunter erstreckt, erweckten ebenfalls mein reges Interesse. Dem Namen nach sind beide Völkerstämme Buddhisten, in Wirklichkeit haben sie nur einen Kultus, nämlich die Verehrung derNats oder Geister. Es gibt gute und böse Nats. Die guten Geister beschützen den Aufgang und Untergang der Sonne und des Mondes, das Gedeihen der Seld- srüchte, den Wohlstand und die Gesundheit der Saini- lie. Der Reisegott beschützt den Wanderer auf seinem Straße in Dhamo. weltfremde Länderstrecken und völlierstämme. 441 Wege, der Jagdgott bringt dem Jäger Glück, der Hausgott schützt das Haus vor Jener u. s. w. Außerdem glauben dieKat- schins, daß die Geister der Ermordeten unter dem Hamen Munla die Berge unsicher machen und daß sie von denjenigen Personen Besitz ergreifen, welchen ein gleiches Geschick bevorsteht. Die Ermordeten werden so schnell als möglich in eineStrohmatte gehüllt und begraben, und durch Ireunde eine Hütte neben dem Grabe erbaut für den ruhelosen Geist des Getöteten. Das Gleiche geschieht bei an Blattern verstorbenen oder solchen Irauen, die vor der Entbindung starben. Im letzten Lalle glauben die Katschins, die verstorbenen werden in böse Geister verwandelt, und darum ist dieIurcht vor einem solchen Tode bei jungen Irauen eine unbeschreiblich große. Bei einem Sterbefall melden die Angehörigen dies durch Ilintenschüsse den verwandten und Ireunden. Sind diese versammelt, so gehen die einen in die Wälder, um den Sarg zu zimmern, während die anderen den Nats opfern. Der Sarg wird an Grt und Stelle ausgehöhlt, und die Stelle, aus welche der Kopf zu liegen kommt, mit Kohle geschwärzt. Der Leichnam wird gewaschen und in neue Melder gehüllt, zugleich dem Toten eine Silbermünze in den Mund gesteckt, damit er die Überfahrt über den großen Strom bezahlen kann. Die alten Melder des verstorbenen werden mit einer Schüssel Reis auf den Grabhügel gelegt, und auf dem Leimwege streuen die Ireunde Reiskörner auf den weg.' Hierauf versammeln sich die Leidtragenden im Trauerhaus und feiern ein großes Lest mit Singen, Tanzen und Trinken. Jede Gemeinde hat ihren eigenen Priester. Derjenige Jüngling, welcher sich berufen fühlt, das heilige Amt zu bekleiden, nimmt nach dem Tode des Priesters dessen Stelle ein. Der Priester ist zugleich Arzt und muß die bösen Geister, welche den Manken foltern, erkennen und sie durch die geeigneten Arzneien zu vertreiben suchen. Das pulverisierte Horn junger Büffel spielt eine große Rolle als Heilmittel. Der Priester hat auch die Aufgabe, allfällige Naturereignisse, das Gedeihen und Mißraten der Ernten vorherzusagen. und diese Sehergabe verschafft er sich durch das aufmerksame Untersuchen der Knochen geopferter Hühner, sowie aus der Art, wie ein über das Jener gehaltener Grashalm verkohlt. Zweimal im Jahre werden unter Aufsicht der Priester große Gpserfeste gefeiert. Hat man der Lhamo. 442 Reise einer Schweizerin um die Welt. Rats genügend gedacht, so erfreut sich das Volk an großen Gelagen, die mehrere Tage andauern. Die .Katschins haben keine Schrift, doch verstehen die Gebildeteren, die chinesische Schrift und Sprache zu gebrauchen. Ihre Zeitrechnung ist primitiver Art. Das Jahr beginnt mit dem Tage, wo sie den neu geernteten Reis zu verzehren anfangen, und endet mit dein Tage, an welchem wieder eilte Schüssel mit frischem Reis vor ihren Augen steht. Die Däuser der Matschins sind alle nach demselben Plane gebaut und bestehen gewöhnlich aus Bambus, hin und wieder nur wird Holz verwandt. Ihre Größe ist verschieden, doch sind die gebräuchlichsten Dimensionen vierzig Meter Länge und sechzehn Breite. An dem einen Ende des Gebäudes befindet sich eine Vorhalle, durch welche Sremde dasselbe betreten; die Hintertür ist nur für den Gebrauch der Hausbewohner. Benutzt ein Sremder die letztere, so ist das nicht nur eine Verletzung der Etikette, sondern auch eine Beleidigung des Hausgeistes. Die schwere Arbeit wird bei den Katschins durch Srauen und Mädchen verrichtet, während die Hauptbeschäftigung der Männer in Besuchen bei den Nachbarn, Rauchen von Opium und Trinken von Sheru, einem süßen, aus Reis bereiteten Getränke, besteht. Nur falls die äußerste Not an sie herantritt, reisen sie mit ihren Mauleseln und Srauen ins nächste Städtchen und bürden diesen dort Lasten zum Transport nach China auf. Die Shan oder pa-yü haben sich in Birma den Birmanen so vermengt, daß dabei ihre eigene Sprache verschwunden ist. wo sie dagegen an chinesisches Territorium stoßen, haben sie mehr chinesische Sitten und Gebräuche angenommen. Die Shan gelten für ernst, ruhig, offen. Ihre Hauptbeschäftigung ist der Ackerbau. Außerdem gibt sich ein großer Teil der Bevölkerung mit Silberarbeiten, Strohflechterei und Meberei ab. Letztere fällt hauptsächlich den Srau- en zu. Die Pa-pü- Männer nehmen sich nur eine rechtmäßige Srau. Die Heiraten geschehen ohne kirchliche Zeremonie nach Übereinkunft mit den Eltern der Brautleute. Nur die Srau- en rauchen Tabak, und niemals sieht man sie ohne pfeife Datkchin- oder va-yü-Fraucn in weltfremde Länderstrecken und Vdll-erstämme. 44Z oder Zigarren. In den Löchern ihrer Ohrläppchen steckt statt der in Mandalay beschriebenen Glasoder Bambusrohre meist eine Zigarre aus Tabak und Stroh. Die Männer dagegen greifen zur Gpiumpfeife. In der Meldung haben beide Völkerstämme manches gemein, so daß ich anfangs die zwei SSE Laus in Bhamo. Wesen, welche sich glltmütig gegen Lesong aus dem Dunkel des Bazars ans Tageslicht schleppen und photographieren ließen, weder nach Geschlecht noch Volk klassifizieren konnte. Die kleine, hübschere Srau meines Bildes, deren Züge an die kaukasische Rasse erinnern, trägt die Srisur der Katschins, nämlich vom Scheitel angefangen strahlenförmig über die Stirn gekämmte und oberhalb der Augenbrauen rund abgeschnittene Haare. Line Tracht, die zu verschiedenen Zeiten in Europa bei jüngeren Srauen und Mndern hochmodern und allgemein war. Einen ganz absonderlichen Kopfputz zeigt die pa-pü-Srau. Er ließe sich am besten einem zerknüllten Herrenzplinder ohne Krempe vergleichen. Der merkwürdige Gegenstand ist aus einem langen, breiten, blauen Bande gewunden. Pa-pü und Katschin sind beide gleich schmutzig. Beide tragen Halsbänder aus Glasperlen, bloße Süße und ein wunderbares Schlinggewächs, das sich gleich schwarzen Drahtringen namentlich bei der pa-yü-Srau in unzähligen Kreisen von der Taille bis ans Knie zieht. Andere trugen auch noch die Süße und Beine mit solchen Ringen umwunden. Daß unsere zwei photographischen Opfer der Klasse der armen Kuli-Srauen angehören, zeigen die beiden schön geflochtenen Tragkörbe, die sie, wie unsere Bergbewohner, am Rücken befestigt halten. Nachträglich erblickten wir viel elegantere Katschin- und pa-pü-Herren und Damen, deren Gewand mit Silberplättchen und Muscheln reich geschmückt ist. In den Ohrläppchen tragen sie große, silberne Scheiben und um die Ohrmuscheln gewundene Ketten. Als Halsschmuck spielen drei massive, ziemlich eng sich anschmiegende Ringe und Muschelketten eine beliebte Rolle, während Armbänder aus Silber, Jade, Bern- 444 Reise einer Schweizerin um die Welt. stein und Lorn sich in bunter Auswahl aneinanderreihen. Kostbare Edelsteine funkeln an den Singern. In Bhamo herrscht ziemlich reges Leben. Lier ist der äußerste militärische Posten in Birma, und hie und da trifft man einen Offizier oder einige englische Soldaten an. Europäer scheinen sonst keine hier zu leben, wir durchwanderten mehr als einmal die lange Straße, guckten da und dort in ein Laus, schauten den fleißigen Weberinnen zu, die im Sreien ihrer Arbeit oblagen, und versuchten, mit den hübschen Birmaninnen meist vergeblich ins Gespräch zu kommen. Immerhin sträubten sie sich nicht so sehr, ihr Bild aufnehmen zu lassen, wie ihre Schwestern in Mandalap. Sehr belustigte es mich, die kleinen Kinder grad' mit solchen grünen, gepolsterten Ledermützen herumlaufen zu sehen, wie man sie bei uns, glaub' ich, „Sturm" nennt, und welche noch zuweilen aus dem Lande den Kleinen auf den Kopf befestigt werden, damit sie sich beim Sallen nicht weh tun. Bhamo besitzt natürlich mehrere Pagoden, und darunter eine ganz neue, reich vergoldete, mit Priesterwohnungen und Schule. Da die chinesische Grenze nur 4O Kilo- meter entfernt ist und sehr viele Söhne des himmlischen Reiches der Witte hier leben, fehlt auch nicht das Ioßhaus. Ich habe in ganz Lhina kein so reinlich und gut gehaltenes gesehen wie in Bhamo. Schöne Skulpturen und Malereien schmücken das Ganze, und den vielen vergoldeten Buddhas ist dadurch Charakter und eine ganz besondere Originalität verliehen, daß Laupthaar, Augenbrauen und Bärtchen kunstvoll aus Roßhaar gefertigt sind. vor jedem der Leiligen steht ein weihrauchbecken. Der Abend fand uns zum erstenmal auf dem „Mogoung", der während drei Tagen unsere Leimat werden sollte, denn diesmal beabsichtigten wir. bis Mandalap den Strom hinabzuführen. Nach Sonnenuntergang wurde es ganz bedenklich kühl. Die Temperatur war auf 8 Grad Celsius gesunken, und fröstelnd zog jeder an, was er überhaupt besaß. Nur unser kleiner Kapitän erschien, ein Opfer der englischen Etikette, im tadellosen, leichten, schwarzen Gesellschaftsanzug und seinen Lackschuhen, wir lachten ihn alle aus, aber vergeblich, jeden Abend stürzte sich unser Mann in Gala. welche Sklaven ihrer Sitten und Gebräuche sind doch die Engländer! Eigensinnig klammern sie sich auch dann noch daran, wo's gar keinen Zweck, keinen Mäzen mehr hat. In der Wildnis des Urwaldes, in der Glut der Tropen, auf schwankendem Schisse, in Kälte und Litze: «SveniuA suit» muß herbei, wer sich davon emanzipiert, gilt als ungebildeter Barbar! ^7^ >»> >- 7^»' z-c '»-s: ^ >-« >! k^r--. ,^M-. ÄL-LS -7WZ! <-«- EM Ananas-Mavkt. (S. 445.) Auf dem Irmvädy. 44Z Capitel 2Z. Auf dem IrawäSg. Sandbänke. Der Gouverneur von Shwegu. Laren. Birmanische Lhristen. llahrung. Narionetten-?>vs. Grchester. Rubin-Minen. Schöner Sonnenuntergang. Die unvollendete Pagode in Mingun. Die große Glocke. Zentralgesängnis in Rangun. Birmanisches Leichenbegängnis, wieder aus See. Lugii-Lluß. Ankunft in Lalkutta. Schlechte Unterkunft. Eiefer, schwerer Nebel lag auf dem Irawädy, als wir früh, nach gründlich durchfrorener Nacht, hinausschauten, und erst um zehn Uhr konnte der „Mogoung" die Anker zur Rückfahrt lichten. Nebel und Sandbänke sind die gefürchtetsten Gegner jeder Irawädp-Lahrt, die mich deshalb auch lebhaft an die Nilreise zwischen dem ersten und zweiten Katarakt erinnerte. Jeden Augenblick vernahmen wir das Knirschen des Sandes auf dem Grunde, und oft stundenlang hintereinander meldete in einförmig singendem Tone ein fortwährend lotender Schiffer den Ivasferstand dem Steuermann. Überall stehen Laken als Merkzeichen für den Kapitän, allein oft ändert sich die Lage der Sandbänke oder es bilden sich neue über Rächt, und das Auflaufen gehört keineswegs zu den seltenen Vorkommnissen. Um sich in diesem Lalle wieder los zu machen, wird der schwerste Anker auf ein Rettungsboot geladen und damit stromaufwärts in eine tiefe Stelle gefahren. Dort hinein wird der Anker geworfen und die . - ? Irawiiöy-tlscr bei Shwegu. 446 Reise einer Schweizerin um die Welt. Heile mittelst Dampfkraft aufgewunden. Lat er einmal festen Grund gefaßt, so ist es leicht, das Schiff wieder flott zu machen. Im hellen Mittagssonnenglanz passierten wir diesmal das schöne Defilö, und lustiger und zahlreicher noch tummelten sich jetzt Assen und Vogel. Ganz bedeutend war der Verkehr von Menschen und Maren aus unserem „Mogoung". Mir machten häufige Stationen, wo überall viele Passagiere, lauter Eingeborene, sich aus- und einschifften. Gft geschah dies vermittelst eines Hahnes, oft auch führte ein langer schwanker Steg vorn Schiff bis an das zerklüftete hohe Ufer, wo stets eine neugierige Menschenmenge sich ansammelte. Bald brachten wir einen guten Teil der Zeit auf dem sehr reinlichen, vorzüglich gehaltenen zweiten Deck zu bei den allzeit lustigen, zu Scherz und Lachen bereiten Birmanen. Einer unter ihnen sprach geläufig Englisch und entpuppte sich später als Lon, Monung Po Mya, Gouverneur von Shwegu in Gber-Birma. Der bescheidene und dabei recht gebildete Mann war sichtlich erfreut, einmal mit Sreinden, die keine Engländer waren, verkehren zu können. Der ziemlich gnädig herablassende Ton dagegen, welchen unsere englischen Schisfsgesährten dem Gouverneur gegenüber anschlugen, schien diesem nicht besonders zu behagen, jedoch war er klug genug, uns gegenüber weder englische Antipathien noch Sympathien laut werden zu lassen. Ich zweifle jedoch, daß er ganz in die Hategorie der „vernünftigen" Birmanen zu zählen ist. So benennen nämlich die Engländer diejenigen Eingeborenen, welche zu all ihren Anordnungen Ja und Amen sagen. Auch Härenen oder Hären waren an Bord des „Mogoung", Angehörige eines friedlichen Volkes, das im V. Jahrhundert aus Süd-Lhina nach Birma eingewandert und dort jetzt ungefähr 630,000 Seelen zählt. Auch in Siam leben viele Hären. Sie teilen sich in „rote" und „weiße" Hären, wohnen hauptsächlich in den Mäldern Unter-Birmas und beschäftigen sich mit Ackerbau und Lolzfällen. Unter allen Bewohnern Birmas haben sie sich dem Christentum am zugänglichsten erwiesen, hauptsächlich wohl deshalb, weil in ihren alten, verloren gegangenen, heiligen Büchern auch der Sündslut erwähnt wurde. Man zählt mehr als 30,000 Haren-Lhristen. Natürlich ist ihr Christentum nicht gerade sehr tiefgehend, sondern läßt allerlei Aberglauben und alten Gebräuchen freien Spielraum. Die Läufer werden z. B. möglichst weit auseinandergebaut, damit der Schatten des einen nicht unglückbringend auf dasjenige des Nachbarn falle. IVenn die Leichen verwest sind, graben sie die Hnochen aus und feiern bei dieser Gelegenheit ein Sest, welches stets damit endet, daß die ganze Gesellschaft schwer betrunken auseinandertaumelt. Einer unserer Hären hatte verschiedene warzenartige Auswüchse auf der Laut. Der Gouverneur erzählte uns, es steckten Amulette aus Gold, Silber oder Elfenbein darunter, welche, unter die Laut geschoben, vor Lieb- und Schußwunden sichern sollten. Die Hären wohnen teilweise in Einzelhäusern, teilweise in sogenannten Tais. Letzteres sind Massenwohnungen unter einem gemeinsamen Riesendache und bieten Raum für fünfzig bis sechzig Samilien. Um eine große, allen gemeinsam gehörende Mittelhalle gruppieren sich die Linzelräume. Man zählt in ganz Birma 120,000 Christen, also etwa anderthalb Prozent der Auf dem Irawädy. 44 ? Bevölkerung. Sie sind unter der nicht sehr schmeichelhaften, aber wie man behauptet zutreffenden Benennung Vier-Annas-Lhristen bekannt, weil sie hauptsächlich deshalb das Christentum annehmen, um von den Missionaren eine lohnende Beschäftigung zu erhalten, welche ihnen täglich vier Annas, vierzig Centimes, einträgt. Die Lohnansprüche in Birma und Britisch-Indien sind keineswegs extravagant, genügen aber bei der frugalen Lebensweise der Einwohner. Die Hauptnahrung der Birmanen besteht aus Reis und Gemüsen, gewürzt und verbessert mit Nang-pi und Let-pet. Einem europäischen Gaumen wird Uang-pi wenig verlockend erscheinen, wenn ich erzähle, daß halb verfaulte Äsche, Srösche, Schlangen und hin und wieder ein Pariahund seine Ingredienzen bilden. Auch dem einheimischen Bier, welches aus Reis gebraut wird, gibt man getrocknete Srösche als Serment bei. Ls schmeckte mir ausgezeichnet, bis ich von diesem Surrogat hörte, von da an berührte ich kein Tschin- bier mehr. Let-pet ist der in den Bergen kultivierte Tee, dessen in Essig eingelegte Blätter die birmanischen pikles bilden. Abends legte sich unser „Mogoung" jeweilen für die Nacht vor Anker. Einmal hörten wir dumpfe Gongschläge und Trommelwirbel durch die Stille der Nacht vom nahen Ufer schallen. ?rvö! hieß es. Da das N)asser zu seicht war, um mit dem großen Schisse ans Land zu fahren, wurde das Rettungsboot flott gemacht, und mit vieler Mühe und nassen Süßen gelangten wir endlich zu einer steilen Böschung. Aus allen vieren krochen wir durch rollenden Sand und Buschwerk zum Dvve-Platz, der viel eigenartig phantastischer aussah als in Mandalap. wir hatten es zu einem 4Ä. ^ Dorfstraße in Gber-Lirvia. 448 Reise einer Schweizerin um die Welt. Voktbvo Mv6 getroffen, wo Marionetten an Stelle lebender Schauspieler auftreten. Sünf lebensgroße, vortrefflich gemachte und tadellos gehandhabte Siguren standen gerade auf der Szene. vermittelst Drähten wurden sie von einer Bam- bushütte im Hintergründe aus in Bewegung gesetzt, wo auch der oder vielmehr die Sprecher sich verborgen hielten. Die Konversation spielte sich sehr lebhaft und jedenfalls zur großen Zufriedenheit des Publikums ab, denn des Lachens und Beifalles war kein Ende. Die Zuschauer hatten sich ihre geflochtenen Matten, ihre Reisschüsseln und Zigarren mitgebracht. Ich konnte mir hier besser als in Mandalay das Grchester, dessen Leistungen wahrhaft ohrenzerreißend waren, betrachten. Die Mitte nimmt ein großes, hölzernes Gestell ein, in welchem ein Mann sitzt. Trommeln aller Art und Größe hängen darin, die er abwechselnd mit der Hand bearbeitet. Ein zweites, großes Instrument, dessen Abbildung ich bringe und welches jedenfalls am melodischsten klingt, sieht einem javanischen Gamelang ähnlich und wird mit Holzhämmerchen gespielt. Dazwischen quieken Slöten, klappern Kastagnetten, klagen dreisaitige Geigen, klimpern Gitarren, dröhnen Gongs. Die ganze Nacht hörten wir das musikalische Lharivari vom Schiff aus. Bei Thabeikkpin machten wir einen langen Spaziergang auf herrlicher, leicht ansteigender Straße, wenn wir diese während 17 Stunden verfolgt hätten — sie soll immer gleich vortrefflich sein — wären wir zu den berühmten Rubin-Minen gelangt. Dort werden die schönsten, geschätztesten, die sogenannt taubenblutfarbenen Steine gefunden. Der bisher sehr primitiven birmanischen Methode, den kostbaren Edelstein zu gewinnen, kommt jetzt eine englische Gesellschaft mit moderneren Mitteln und Instrumenten zu Hülfe, doch bis jetzt mit wenig glänzenden Resultaten. Äußerst selten nur werden Steine gefunden, die in geschliffenem Zustande vier bis fünf Karat wiegen, so daß der Rubin das Sünf- und Zehnfache der indischen Diamanten wert ist. Herr Z. in Rangun, ein guter Kenner, zeigte mir verschiedene Rubine und erklärte an Hand derselben den Unterschied zwischen dem minderwertigen, siamesischen Tschantabun-Rubin, dem Spinell, und den: taubenblutbläulichen Stein aus Birma. Daß es eines sehr geübten und scharfeil Kennerauges bedarf, um nicht „reinzufallen". Unvollendete Riekenpagode bei Mngun. 4 -. Musikanten beim Pw6. (S. 448.) Aus dem Irawädy. 449 bewies uns Ilenlingen Herr Z. dadurch am besten, daß er uns neben dem echten einen trefflich nachgeahmten Glasrubin vorlegte und wir den Unterschied nicht gewahr wurden. Als wir auf den „Mogoung" zurückgekehrt waren, zauberte uns der Sonnen- untergang die herrlichsten, köstlichsten Rubine, Amethyste und Topase auf die Äuten des Irawädy, die sanften Bergesufer und die hohen Wälder. Lange noch. als mit dem Tagesgestirn abermals ein Tag unwiderruflich zur Neige gegangen, leuchtete es gelb, rot und violett ringsum. Ich dachte dabei an Altmeister Goethes Wort: „was vergangen, kehrt nicht wieder. Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet'- lange noch zurück." Unsere letzte Station war Ulingun, 14 Mlometer oberhalb Mandalay. Line unvollendete Riesen-Pagode und eine Glocke, man sagt, die größte Birmas, ja der Welt, neben derjenigen in Moskau, bilden die Hauptanziehungspunkte des auch sonst höchst malerischen Nestes. Die Pagode wurde Ende des XVIII. Jahrhunderts durch den etwas phantastischen Nönig Min- tayagyi in kolossalem Maßstabe begonnen. Sie hatte das Drittel ihrer projektierten Größe erreicht, als dem Könige prophezeit wurde, er müsse sterben, sobald die Pagode vollendet sei, worauf er natürlich sofort Befehl erteilte, den Bau einzustellen. Line andere, vermutlich wahrscheinlichere Version sagt, das Geld wäre ihm ausgegangen. Das Gebäude bedeckt eine Släche von IZl) Guadratmeter und hat eine Höhe von ZO Meter erreicht. Süns Terrassen führen rings um den Riesenbau, an welchen vier große Nischen vergeblich auf die entsprechenden Bildsäulen harrten. Im Jahre 1839 hat ein Erdbeben die unvollendete, ununterhaltene Pagode vollends zur Ruine verwandelt. phantastische Spalten, die das Riesengebäude von oben bis unten durchziehen, und wild durcheinander geworfene Ziegelblöcke bilden das Andenken an jene gewaltige Lrderschütterung. Auch die beiden mächtigen Löwen, welche die gegen den Irawädy gewandte Ostfront des Tempels behüten, sind zertrümmert. Lin genügender L. von Rodt, Rci.se um die Welt. Große Glocke in Mingun. 4Z0 Reise einer Lchweizerin um die Welt. Beweis ihrer Größe wird sein, daß der weiß- marmorene Augapfel der Ungetüme 4 Meter im Umfang mißt und die ganzen Siguren Z2 Meter hoch waren. Noch andere Trümmer liegen umher, und zwischen diesen herrlichen Banjan-Bäumen und schlanken Palmen haben die Lingebornen ein höchst malerisches, ganzes Dorf errichtet. Etwas nördlich steht im Schuhe eines niedlichen Pavillons birmanischen Stiles die große Glocke. Neun Matrosen vom „Mogoung" schleppten unter Anführung des Kapitäns einen großen, schweren Balken herbei, um der alten Glocke einige Töne zu entlocken. Nach dem Erdbeben mußten Stützen unter sie gestellt werden, und sie blieb daher viele Jahre lang stumm, bis es endlich 1896 mit vieler Arbeit und Kosten gelang, sie wieder etwas frei zu stellen. Ihr unterer Durchmesser beträgt fünf Meter und ihre Löhe vier Meter. Das Metall besitzt eine Dicke von zwei bis vier Meter, und das Gewicht soll ungefähr 81,284 Kilos ausmachen. In Mandalay fanden wir nach dem luxuriösen Leben auf dem „Mogoung" das Lotel wenn möglich noch schmutziger und schlechter als vorher. Unser neuer Sreund. der Gouverneur von Shwegu, ließ es sich nicht nehmen, uns als Cicerone in den Bazar und mehrere Pagoden zu begleiten. Dabei pflegte er jedesmal vorher im Magen die Schuhe auszuziehen, während glücklicherweise die religiöse Toleranz in Birma dies von den Sremden nicht verlangt. In Japan, wo man nur in Strümpfen die Tempel, ja sogar die japanischen Läufer betreten darf, war's mir manchmal des Guten zu viel geworden. von Mandalap ging's in langer Lisenbahnsahrt zurück nach Rangun. Gerne wären wir mit dem Schiff bis prome gefahren, allein wir mußten zur bestimmten Zeit in Rangun eintreffen, um das Boot nach Kalkutta zu erreichen. Zwei Tage zum packen, Besorgungen und Vorbereitungen waren reichlich ausgefüllt, besonders da ich noch einen mehrstündigen Besuch im Zentralgefängnis machte. Nach den greulichen, barbarischen Zuständen, die im Justizwesen noch im Reiche der Mitte herrschen, berührt die Musteranstalt im Nachbarlande doppelt angenehm überraschend. Sie ist selbstverständlich eine Schöpfung der Engländer. Die Birmanen werden im «Teiitral Ml», welches über dreitausend Sträflinge auf einmal beherbergen kann, gerade zu dem gehalten, was ihnen am verhaßtesten ist — zur Arbeit. Denn man die luftigen, reinlichen Räume betritt, wo in nahezu allen Industriezweigen gearbeitet wird, erinnert auf den ersten Blick nichts an Gefängnis und Sträflinge. Erst allmählich entdeckte ich am Lalse jedes Arbeiters einen eisernen Ring, worauf dessen Name, Nummer, verbrechen und Strasdauer steht. In Mandalay. Auf dem Irawädy. 4Z1 Jeder Gefangene muß den ersten Monat in der Druckerei die Tretmühle in Bewegung setzen helfen, eine breite, mit Trittbrettern versehene, ungeheure Holzwalze. Gegen hundert Mann können zur selben Jett nebeneinander stehend daran treten. Eine furchtbare, anstrengende Arbeit, die von früh bis spät dauert und nur jeweilen alle Stunden während fünf Minuten unterbrochen wird. Begeht später der Gefangene einen Disziplinfehler, so wird er zur Strafe wieder auf einige Zeit an das verhaßte Rad geschickt. Über Nacht kommen die Sträflinge in steinerne, festvergitterte Häuser, je zu zwanzig in einen Raum; Gefangene, die man in Einzelhaft hält, werden in besondere Pavillons untergebracht, und ihre Beschäftigung besteht darin, die zähen Lasern von den Kokosnüssen abzuschlagen. Ununterbrochen tönte das Geräusch des fallenden Beiles; jedenfalls fehlt's dieser Masse von Sträflingen nicht an Gelegenheit, ihrem Zorne durch Dreinschlagen Lust zu machen. Länger als eine Woche hintereinander halten sie übrigens die Einzelhaft nicht aus, dann müssen sie auf einige Tage zu anderen Leidensgenossen gebracht werden und Klopsen in Gesellschaft ihre Kokosfasern weiter. Hinter einem schweren, eisernen Tore befindet sich ein Pavillon, wo die Mörder ihre letzten Tage zubringen. Augenblicklich waren zwei darin. Auf meine Srage, wie viel Gefangene Lentrul Juil augenblicklich beherberge, hieß es: 2Z10 Männer und 40 Srauen. Line erschreckende Anzahl! Angenehm nur berührte mich dabei das geringe Lrauen-iüontingent. Durchschnittlich sollen sie nur ein Prozent der Gefangenen liefern, sind also auch in dieser Beziehung die bessere Hälfte der Birmanen. Kloster in Mandalay. 4S2 Reise einer Schweizerin um die Welt. In der mit Dampf betriebenen Küche wurden Zische zubereitet und in ungeheuern Kesseln Berge von Gemüse und bräunlichem Reis gekocht, die Leibgerichte der Ein- gebornen. Ein ausgezeichnet gehaltenes Hospital fehlt in dieser wusteranstalt ebensowenig, wie ein Absonderungshaus für Aussätzige. Bevor ich das Gefängnis verließ, wurde ich noch in einen Baum geführt, wo Arbeiten von Sträflingen, die als Holzschnitzer, Weber, Buchbinder, Silberschmiede u. s. w. hier in ihrem Berufe beschäftigt werden, zum Verkaufe ausgestellt sind. Neben der Holzschnitzerei genießen die Silbersachen eines besonderen Rufes in Birma. Originell zwar, haben sie jedoch etwas Rohes, Unfertiges an sich, so daß ich mich nicht recht dafür begeistern konnte. Als ich auf die Straße trat, begegnete mir ein Leichenzug. Die hellen, lichten Zarben, mit welchen sich die Birmanen bei Lebzeiten so gerne schmücken, scheinen sie auch noch im Tode zu begleiten, weiß und rosa gekleidete wänner trugen den in rosa, gelbe und rote Seidentücher gehüllten Sarg. Voran fuhren wohl ein Dutzend sonderbar geformte, zweirädrige, geschnitzte Karren mit bedächtig einherwandelnden Zugochsen bespannt. Bunte Teppiche hingen an den wagen herunter, deren Insassen große, weiße Zahnen in den Händen trugen. Dein Sarge folgte eine bunte, geputzte Volksmenge. Die Damenwelt war dabei besonders stark vertreten. Jede trug eine riesige Burri-Zigarre im Wunde, eine gelbe Blume im schön geordneten Haar und leuchtende Edelsteine an den Ohren, als ob's zu einem Zreudenfeste ginge. Dies war das letzte Bild. welches ich von Birma mit mir nahm; es blieb fest haften, und wenn ich auf meiner Weiterreise, die mich durch das große, indische Reich führte, die armen, geknechteten Zrauen sah, dachte ich mit Sehnsucht nach Birma zurück, wußte ich doch, daß es in Hinterindien wenigstens ein Land gibt, wo die Zrauen geachtet, geliebt, heiter und glücklich sind. Zum letzten Tifsin in Rangun hatten wir noch die Schweizerfreunde eingeladen, welche uns dann zur „Wolda" geleiteten, einem ebenso altersschwachen und nahezu ebenso angefüllten Boot wie die „Uoshira". Die mir so unangenehme Notwendigkeit, mit ganz fremden Damen die Kabine zu teilen, trat auch hier ein, und zwar wurden wir zu viert in die Damenkabine gesteckt. Immerhin war's viel besser als auf der „Uoshira", da diesmal meine Gefährtinnen sehr liebenswürdig waren und der Raum bedeutend größer. was soll ich über diese Seefahrt sagen? Neptun war uns gnädig. Ich suchte so oft es ging auf dem kleinen überfüllten Deck ein stilles Plätzchen zum Schreiben und ruhte mich auch geistig insofern aus, als ich möglichst wenig mit den übrigen Reisenden verkehrte, wein Gefährte widmete sich dagegen eifrig einer anscheinend recht gebildeten, liebenswürdigen Birmanin, die ihr Töchterchen in Pension nach Kalkutta führte. Sie zeigte sich für die freundliche Ansprache um so dankbarer, als die anwesenden Engländer es unter ihrer würde hielten, mit einer „Uative", die sich erfrechte, erste Klasse zu fahren, ein Wort zu wechseln. Am dritten Tage unserer Zahrt lenkte die „wolda" in den Hugli-Strom ein, den westlichsten Arm des Ganges. Kalkutta liegt 130 Kilometer von der wündung entfernt am linken User des Hugli. Die Zahrt auf diesem Zlusse gilt für eine der Auf dem Irmvädy. 4ZZ gefährlichsten und schwierigsten in der Melt. Von seiner verschlammten Mündung an legt sich Barre an Barre, Sandbank an Sandbank. Hur bei Hellem Tageslicht und unter Sührung des erfahrensten Lotsen darf ein Schiff die Sahrt unternehmen. Ein senior mnster- und ein brunck rrmster- Vilot sind große lserren. Sie beziehen einen Monatsgehalt von 1800 Rupien und haben zudem freie Beköstigung an Bord. Dafür liegt aber eine siebenjährige Lehrzeit hinter ihnen, und ununterbrochen müssen sie die Verhältnisse des ewig wechselnden Stromes studieren. IVehe, wenn ein Zyklon sich erhebt — ein häufiger Gast in dieser Gegend — und über das stellenweise seichte IVasser dahinbraust! Dann schlagen die Meilen weit ins Land hinein, welches in üppig grüner Pracht kaum über dem Wasserspiegel sich erhebt. Mie schön und glatt war heute die Sahrt! Gft näherten wir uns dem Ufer so, daß wir vermeinten, die leichten Bambushütten, die köstlichen Palmen, die braunen, schlanken Menschenkinder mit bänden greifen zu können. Dabei der herrliche Kontrast zwischen dem lichten Kimmel, dem satten Grün der Pflanzungen und dem dunkeln Braun des aufgewühlten Stromes! Stundenlang dauerte die langsame Sahrt flußaufwärts. Als wir das gewaltige Städtebild Kalkuttas vor uns hatten, stand die blutrote, jetzt nicht mehr blendende Sonnenscheibe im Begriff, in die leise bewegte Slut des Hugli zu tauchen. Gleich treuen Trabanten begleiteten zarte und doch leuchtende Sarbentöne, wie nur der Süden sie malen kann, ihr Scheiden. Im letzten Augenblick, wo eine Landung noch möglich, denn schon neigte sich der Tag, betraten wir Indiens Boden. Leichten Lerzens sagte ich der „Molda" Lebewohl. Zwei Stunden später wäre ich froh gewesen, zu viert in einer Kajüte unterzukriechen. Der schlechte Ruf, dessen sich die Gasthöfe Kalkuttas erfreuen, ist kein unverdienter. Ein Reisender sagte uns: „wenn man in einem Gasthof abgestiegen ist, bedauert man regelmäßig, nicht in einen anderen gegangen zu sein." Mir hatten übrigens nicht einmal die Gelegenheit, uns wählerisch zu gebärden. Kalkutta ist in dieser Jahreszeit überfüllt, und erst nachdem wir in vier verschiedenen Gasthöfen angefragt hatten und abgewiesen worden waren, eroberte ich ein düsteres Gelaß und Mandalay: Straße beim Bazar. 4Z4 Reise einer Schweizerin um die Welt. mein Reisegefährte irgendwo einMas- senquartier. Bedienung keine — die muß man sich selber mitbringen. Daswarunser Eintritt in das Märchenland Indien! Als Kind pflegte ich mit diesem Namen die Vorstellung von hehren Marmor- palästen, von funkelnden Edelsteinen, goldenem Land, schimmernden vögeln und süßen Mohlgerüchen zu verbinden, lvie oft doch stimmt Dichtung mit Wirklichkeit nicht überein. Am Ganges sprach ich manchmal unwillkürlich die schönen bekannten Strophen vor mich hin: „Auf Flügeln des Gesanges, Lcrzliebchen, trag' ich dich fort. Fort nach den Fluren des Ganges, Dort weisz ich den schönsten Grt." und malte mir dabei recht prosaisch „lLerzliebchens" sicherlich nicht immer freudige Überraschungen am Ufer des heiligen Stromes aus. Mildernd ist die lsand der Zeit über die Strapazen, die elenden Gasthöse, die Bakshish, über den Staub und Schmutz und all die kleinen Verdrießlichkeiten gestrichen, die unsere Reise durch das weite Indien zuweilen begleiteten. Leuchtender tritt dafür das Schöne und Interessante, welches ich gesehen, in den Vordergrund, und diese Eindrücke will ich jetzt, wo ich mit meinen Lesern zum zweitenmal die lange Sahrt antrete, festhalten, damit sie in wohltuender Erinnerung meinen Schilderungen Ton und Sarbe verleihen mögen. Kloster am Fuße des Mandalay-Mgels. Bengalischer Rönigstiger. (S. 471.) WEM Brahmanen und Buddhisten. 4ZS ^snäien. Capitel Z0. Bmhmanen uns Buddhisten. Die ersten Einwanderer in Indien. Ihre Kulturstufe. Der Rigveda. Lebensweise der alten Inder. Ihre Götter. Das Suchen nach einem Gott. Die Inder am Ganges. Kastenwesen. Übermacht der Brahmanen. Das BrLhman. Gott Brahma. Buddha. Sein Leben und seine Lehre. Seine Erfolge. Vertilgung des Buddhismus in Vorder-Indien. Entartung des Buddhismus. Erbauung von Tempeln. Alexander der Große in Indien. Griechischer Einfluß. Die Europäer in Indien. Der indische Boy und seine Verwendung. Ayah. Botanischer Garten. Banyan-Baum. Zoologischer Garten. Meidan. Eden-Park. ^or uralten Zeiten — man weiß nicht, ob drei- oder viertausend Jahre vor unserer Zeitrechnung — wanderte ein schönes, bildungsfähiges, indo-germanisches Volk vom Westen her nach Indien ein. Es nannte sich selbst Arier, d. h. „die zu den Treuen Gehörigen", worunter die Treue gegen ihre Stammesreligion gemeint war. Zunächst siedelten sich die Einwanderer im Indus-Tale an, dann eroberten sie in langsamem vorrücken die fruchtbare Gangesebene zwischen Limülaja und vindhpa und zuletzt das Plateau des Dekhan. Line „eigene Welt" hatten die Arier sich mit ihrer neuen Heimat erobert nach außen und innen. Unübersteigbare Gebirgswälle schließen Indien im Norden ab: das indisch-persische Gebirge im Nordwesten, im Nordosten der Himalaja, dessen Alpen- spihen den Mont Blanc säst um die doppelte Köhe überragen. Zwei Meere trennen im Südwesten und Südosten Indien von der übrigen Welt: das persische und das indische. In alten Zeiten selten befahren, schützte ihre weite Meeresfläche die Arier vor jedem Eindringen, und frei konnten sie ihre eigene Cultur und Religion ohne irgendwelchen fremden Einfluß entfalten. Schon vor der Trennung von ihren europäischen Brüdern waren die Arier über die ersten Anfänge der Cultur hinaus, sie besaßen ein wohlgeordnetes Familienleben, die Grundlagen einer staatlichen Ordnung, und auch ihre Götterverehrung war schon 4Zß Reise einer Schweizerin um die Welt. über die Stufe des ursprünglichen Dämonenkultus vorgeschritten. Die Götter wurden als die „lichten, die himmlischen" verehrt, und früh schon entwickelte sich der Glaube an die Unsterblichkeit. Aus dem Suchen nach dem Ewigen ist eine überreiche, poetische und religiösphilosophische Literatur entsprungen, von der noch ein Teil zu uns hinübergekommen ist. Durch mündliche Überlieferungen sind die uralten Hymnen des Rigveda, des ältesten Teiles der Veden, bewahrt und fortgepflanzt worden, und wenn uns die Arier keine eigentliche Geschichtsschreibung hinterlassen haben wie die Griechen und Römer, so entrollen uns dafür die Rigveda-Hymnen, die keineswegs alle religiöser Natur sind. ein anschauliches Bild der ältesten Cultur unserer Stam- mesbrüder, der Indo-Germa- nen in Indien. Gbschon eigentlich nicht in den Rahmen einer Reisebeschreibung passend, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, in kurzen Zügen über Cultur und Götter jener ersten Einwanderer in Indiens Sonnenland zu sprechen I. Zur Zeit der Entstehung der Rigveda (zirka 1Z00 bis 10ö0 v. Ehr.) wohnten die Arier noch ausschließlich am oberen Laufe des Indus, nach dem sie vermutlich ihren Namen Inder oder Hindu führen. Bis an die vorberge des Himalaja reichten ihre Wohnungen. Ihr Gebiet umfaßte ungefähr den Umfang des Königreichs Preußen und trug den jetzt noch gebräuchlichen persischen Namen pendschüb, das Sünfstromland. Von vielen dämpfen erzählen uns die Hymnen gegen die dunkelfarbige, in die Berge zurückweichende Urbevölkerung, „die schwarze Hallt", oder „die einer wie der andere aussehenden, schwarzen Leute", welche Gott Indra „aus ihren Wohnsitzen Tag für Tag vertreibt". So werden in der Rigveda die Düsa genannten Ureinwohner vornehme Indierin. ') Guclle: Geschichte der Philosophie von Dr. Paul Deichen, Band I, Abteilung I. Brahmanen und Buddhisten. 4L7 bezeichnet, und eigentümlich zerfließt die Vorstellung von ihnen mit den von Indra in der Luft bekämpften, dämonischen Mächten. Auch unter sich lagen die Arier, die in kleine Stämme unter meist erblichen Königen geteilt waren, in beständigen Lehden. Nachdem sie dem Kriegsgotte Indra Gpfer dargebracht, zogen sie unter Schlachtgesang lind kriegerischer Musik dem flatternden Banner nach, teils zu Suß, teils auf Streitwagen von Rossen gezogen. Bewaffnet waren sie mit Pfeil, Bogen, Schleudersteinen, mit Messern, Äxten und Speeren. Angeführt wurde der einzelne Stamm von seinem König, der in Sriedenszeit wenig zu bedeuten hatte, von der Kriegsbeute abgesehen, bestand sein Unterhalt aus freiwilligen Beiträgen. Seine Macht wurde durch den willen der Stammes- und Gemeindeversammlungen eingeschränkt. Städte sind damals noch unbekannt gewesen, llur eingezäunte, mit Lrd- wällen oder Mauern befestigte Anhöhen dienten zum Schuh für Samilie und Eigentum und möchten ungefähr dem Begriff einer Burg entsprechen. In ihrem Bereiche siedelten sich oft volkreiche Dörfer an, deren /Lütten kaum anders ausgesehen haben mögen, als die noch jetzt im nordwestlichen Indien üblichen. Der Haupterwerbszweig der alten Inder war neben der Viehzucht Ackerbau. Mit metallener Pflugschar geschah das pflügen, mit der Sichel das Abmähen des Getreides; Dreschen und worfeln waren wohlbekannt und auch das Zerkleinern der Körner zwischen zwei Steinen. Gbst und eine Art aus Mehl, Milch und Butter bereiteter Sladen bildeten die Hauptnahrung. Noch heutigestags ist das Brot in Indien unbekannt. Als Getränke diente der Soma, welcher, durch Gärung des ausgepreßten Saftes der Soma-Pslanze gewonnen, Götter und Menschen begeisterte. An Gewerben traten hervor: der Zimmermann für den Bau des Hauses, der Töpfer, der Schmied, der mit einem Vogelfittich als Blasebalg das Metall zu er- Iiidieriiine». 4Z8 Reije einer Schweizerin um die weit. weichen und zu gestalten verstand, der mit seinem Pflasterkasten mr Lande herumziehende Guacksalber, der Weber, der die Schafwolle zu Tuch verarbeitete, welches dann. bunt gefärbt, mit Schere und Uadel in Srauen- und Männergewänder umgewandelt wurde. Das Samilienleben war geordnet, die Gattin, die Herrin des Sause-, nahte, gemeinsam mit ihrem Wanne, den Göttern in Opfer und Gebet, Roch trat die Abneigung gegen weibliche Nachkommenschaft damals nicht hervor, ebensowenig wie die Verbrennung der Witwe mit dem Leichnam des Gatten. Nach der mythologischen Seite hin ist der Rigveda hochinteressant und anziehend. Cr teilt die Götter nach drei Gebieten ein, dem Lichthimmel, dem Luftraum und der Erde. Im Lichthimmel finden wir Värunp, den obersten Herrn und König des Weltalls. Der Himmel ist sein goldenes Prachtgewand, der wind sein Gdem, die Sonne sein Auge, die Sterne seine schlummerlosen Späher, bestellt, die Welten zu überschauen. Allgegenwärtig ist er im Weltmeere und im Wassertropfen, allwissend kennt er die Bahnen des Windes und der vögel, und wo zwei sich heimlich beraten, ist er als dritter zugegen. Lr schirmt den Srommen, heilt, erleuchtet und führt ihn nach dem Tode zum seligen Leben hinüber, den Bösen aber ergreift er und bringt ihm Leiden und Tod. väruna zur Seite stehen die Ayvins, zwei wundertätige Genien, welche zur Heilung von Krankheiten und Gebrechen, zur Rettung aus allerlei Not herbeieilen. Sie scheinen zudem eine Personifikation des Zwielichtes zu sein, welches den anbrechenden Tag verkündet und mit Sreuden begrüßt wird. Die zartesten, schönsten Hymnen des Rigveda richten sich an Ushas, die Morgenröte. Ewig jung und liebreizend, erscheint sie stets als holdselige Jungfrau, die ihre Reize der Welt enthüllt, indem sie, die Schwester Rächt ablösend, aus den Dünsten des Ostens hoch emporsteigt, um mit ihren Lichtwellen Himmel und Erde zu übergießen. Im Lufträume sind es wind. Regen und Gewitter, in denen man göttliches wirken zu erkennen glaubt. Unter den dreien ist Gott Dndra, die Personifikation des Gewitters, der Liebling des heroischen Zeitalters, und an ihn sind die meisten Hymnen des Rigveda gerichtet. Unermüdlich kämpft er gegen feindliche Dämonen und stürmt mit seiner Kriegerschar auf feurigem Donner gleich rollendem wagen auf sie ein. Mit dem Donnerkeil spaltet er die Selsenburg, in welcher die wolkenkühe verschlossen sind, und führt sie hinaus, damit sie der lechzenden Erde ihre labende Milch, den Regen, spenden können, wie die irdischen Kämpfer, deren Vorbild und Anführer er ist, stärkt sich Gott Indra zu seinen Kämpfen gerne am Soma-Trank. Cr liebt und schützt die frommen Verehrer, die ihm reichlich spenden, während er den Kargen, den Stolzen, den Spötter erbarmungslos niederschlägt. Auf der Crde wird die Erde selber angerufen und mit ihr Berge, Slüsse, Guellen. Bäume und pflanzen, ebenso Schlachtrosse und Waffen, Kühe und Gpfergeräte, und alles, worin sich verborgene Kräfte regen, von diesen Kräften, die den Menschen umgeben, ist keine so geheimnisvoll lebendig, so segensreich und wiederum unheilvoll, wie das leuchtende, erwärmende und oft verheerende Seuer, der Gott Agni. --MÄH WWW? .'LiÄL. '!«üter der Schätze, als menschenfreundlicher lieber Hausfreund wird Gott Agni nahezu ebensoviel besungen wie Dndra, der Kriegsgott. Viel mehr als bei den Semiten, wo Gott als „Aerr", der Mensch als sein „Unecht" erscheint, finden wir bei den alten Andern die Vorstellung der Götter als Väter und Sreunde. Als aber allmählich das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen in ein allzu vertrauliches ausartete, ja gewissermaßen sich in einen Handelsvertrag verwandelte, wobei die Götter dem Menschen Schutz, Sieg, Gesundheit, Leben und Nachkommenschaft verliehen, um sich dafür mit Soma und Gebet bezahlen zu lassen, da erwachte der Wunsch nach einem mächtigen Gott ohne menschliche Schwächen. Wir finden in den späteren ltzpmnen des Rigveda immer wieder ein eigentümliches, fast ängstliches Suchen und Sragen nach einer Einheit, einem allen anderen Göttern überlegenen göttlichen Wesen. Diese Sragen klingen auch in einer der berühmtesten Rigveda-H>pmnen, dem sogenannten Schöpfungsliede, durch. Es lautet: 1. Damals war nicht das Nichtsein, noch das Sein, Lein Luftraum war, kein Limmcl drüber her. wer hielt in Kut die Welt, wer schloß sie ein? wo war der tiefe Abgrund, wo das Meer? 2. Nicht Tod war damals, noch Unsterblichkeit, Nicht war die Nacht, der Tag nicht offenbar. — Es hauchte lustlos in Ursprünglichkeit Das Eine, außer dem kein andres war. Z. von Dunkel war die ganze Welt bedeckt, Ein Gzean ohn' Licht, in Nacht verloren; — Da ward, was in der Schale war versteckt, Das Line durch der Glutpein Lraft geboren. 4. Aus diesem ging hervor, zuerst entstanden Als der Erkenntnis Samenkeim, die Liebe; — Des Daseins wurzelung im Nichtsein fanden Die weisen, forschend, in des Kerzens Triebe. 6. Doch, wem ist auszuforschen es gelungen, wer hat, woher die Schöpfung stammt, vernommen? Die Götter sind diesseits von ihr entsprungen, wer sagt es also, wo sie hergekommen? — 7. Er, der die Schöpfung hat hervorgebracht, Der auf sie schaut im höchsten Kimmelslicht, Der sie gemacht hat oder nicht gemacht. Der weiß es! — oder weiß auch er es nicht? Brahmanen und Buddhisten. 461 Line Aigveda-Kpmne moralisch belehrenden Inhaltes möge hier noch folgen: 1. Der Hunger ist doch gottverhängte Strafe nicht? In vieler Art ereilt der Tod die Latten auch. Den Dürftigen zu spenden, kürzt den Reichtum nicht,- Und wer da niemals gibt, desst keiner sich erbarmt. 2. N)er, reich versch'n mit Speist, doch harten Herzens bleibt, wenn jener hungernd naht, der stets ihm Chr' erwies. Der jetzt vergebens fleht, ihn bittend streckt die Hand, Der findet keinen auch, der seiner sich erbarmt. Z. Nur der genießt, der auch dem Armen teilet mit. Dem Armen, der dahin sich schleppet, abgehärmt; And wer Gehör ihm schenkt, merkt seinen Schrei der tlot, Der hat für alle Seit geschenkt sich einen Sreund. 4. Der ist kein echter Sreund, der nicht dem Lreunde gibt, Dem treuergebnen, gern vom Speiseübcrfluß, Sonst trauernd zieht er fort, wo, ach, kein Trost ihm ward. Hängt an den Sremden sich, der sättigt ihn und tränkt. Z. Dem Sleh'nden reiche dar, wem's liegt in seiner Macht; Tr blicke auf den weg der fernen Zukunft hin: wie Wagenräder flink, so auch der Reichtum rollt, von einem wohl auf diesen überspringend oft. 6. vergebens häuft für sich der Tor sich auf die Güter! Nur Wahrheit sprech' ich hier: Sie werden sein verderben. Nicht Sreund erwirbt er sich, nicht Sreund und nicht vertrauen, Einsam genießet er und einsam wird er leiden. 7. Nur, wenn sie pflüget, bringt die Pflugschar neue Nahrung, Und auch der Pfad nur dient, wenn wandeln drauf die Süße: Dem lauten Redner nur und nicht dem stummen lauscht man. So gilt ein Sreund, der schenkt, auch viel mehr als ein karger. Zwischen den spinnen des Rigveda, die uns den ersten Teil der Geschichte der Inder so hell beleuchten, und der Fortsetzung der veden, der „Brühmana", liegt eine geraume, dunkle Zeit. Die Arier sind unterdessen vom pendschäb weiter nach Gsten gewandert und haben sich in der großen, fruchtbaren Ebene der GangL (Ganges) und ihrer Nebenflüsse niedergelassen. Dies geschah nicht ohne blutige Eroberungskriege, sowohl gegen die Aldra, die Ureinwohner des Landes, als gegen die nachrückenden, arischen Bruderstämme. Eine Periode des Heldentums voll kriegerischer Großtaten begann. An Stelle der kleinen Stämme traten große, von mächtigen Königen und deren Vasallen despotisch beherrschte Königreiche. Kriegs- und Heldenlieder wurden nun vorwiegend gesungen, und der Anfang zu den beiden, großen Uationalepen des „Mahabharata" und „Ramapana" gelegt. Den Inhalt des letzteren habe ich beim Brambanan-Tempel in Java flüchtig angedeutet. Zugleich entwickelte sich auch jene einzig dastehende und noch jetzt wie ein roter Jaden ganz Indien durchziehende Lebensordnung: das Kastenwesen. Ursprünglich als Scheidewand zwischen den siegreichen Ariern und den erlegenen Ureinwohnern, welche als besitzlose Tagelöhner und Sklaven dem neuen, arischen Staate einverleibt 462 Reise einer Schweizerin um die Welt. worden waren, eingesetzt, sollte bald die kastenmäßige Absonderung auch zwischen den Ariern selber Platz greisen. Vorläusig sind es vier tasten: die Drütimnims (Priester), die Lslmtrizms Krieger), die Vuis^us (Ackerbau-, Wandel- und Gewerbetreibende) und die ^uclrns (die schwarzen Ureinwohner). Der Eintritt in diese tasten lronnte nicht durch Wahl. noch durch Willkür und verdienst erlangt werden, sie waren durch die Geburt gesetzte und sür das ganze Leben unübersteigbare Schranken. Ja, sogar der Ursprung der NIenschen wird den tasten nach völlig verschieden gedeutet. Neben den natursymbolischen Wesen Indra, Agni u. s. w. war immer mehr eine geheimnisvolle Gottheit hervorgetreten, die bei einem menschlichen Organismus die ganze Welt, Göttliches und Irdisches, umfaßte und als Weltseele unter dem Namen purusha verehrt wurde. Im Purusha-Liede wird gelehrt, daß die NrLlllrmrms aus dem Haupte, die Nslmtrivus aus den Armen, die Vais^us aus den Schenkeln, die ^uärus aus den Süßen purushas entsprungen wären. Das erschlaffende Mlima und der ertragreiche Boden in den neuen Wohnsitzen am Ganges begünstigten ein ruhiges, der religiösen Beschaulichkeit und dem friedlichen Erwerb zugekehrtes Dasein viel mehr als Lroberungskämpfe und waffentätiges Leben. Diese Umstände und die passive Uatur des Volkes, welche allmählich immer mehr hervortrat, machten es dem Priesterstande leicht, die zweite Mäste des Mriegertums in den Hintergrund zu drängen und das ganze innere und äußere Leben der Nation unter priesterliche Gesetze zu bringen. Sie hemmten die freie Mrastentfaltung des Volkes durch das Mastenwesen und fesselten des Lebens Regsamkeit durch endlose Seremonial- und Ritualgesetze, durch Gpferdienst und Reinigung. ' /- Ein Daumricse. Ihre Wer brütende Schlange. (S. 471.) 464 Reise einer Lchweizerin um die tvelt. Mt der Lehre der Seelen- wanderung, die in dieser Zeit ausgebildet wurde, und die besagt, daß der Mensch sofort nach seinem Tode wieder geboren werde und es von seinen Taten abhänge, in welcher Gestalt dies geschehe, bekamen die Brahmanen eine mächtige Waffe in die Land, um vollends beim Volke Energie und Lebensmut zu unterdrücken. Keine kriegerische Unternehmung, keine Königsweihe oder sonstige Staats- aktion, kein wichtigeres Sami- lienereignis konnte stattfinden, ohne daß eine größere oder kleinere Zahl Brahmanen hinzugezogen, gespeist und reichlich beschenkt worden wäre. Line weltliche lserrschast, gleich der päpstlichen Hierarchie des Mittelalters, hat das Brah- manentum niemals angestrebt noch besessen, und doch hat es von Anfang an bis zur Gegenwart, ohne geschlossene Organisation, ohne materielle Macht, einzig durch die von ihm vertretene Idee eine, Rolle im indischen Kulturleben zu spielen gewußt, neben der die des Papsttums im Mittelalter unbedeutend und bescheiden erscheint. Und warum? weil die Brahmanen sich allmählich zu den Vertretern der Götter aus Erden, zur Verkörperung des „BrLhman" aufgeschwungen hatten. Dieses Neutrum Brühman aber ist das höchste und Edelste auf der Welt, der Mittelpunkt alles Seins, ja das Prinzip aller Dinge. Brähman, ein Sanskrit-Wort, hat die ursprüngliche Bedeutung von „Gebet", und als Lrähmana, „Beter", bezeichneten sich die Priester. In der Religion des Volkes aber personifizierte sich das Brähman zum Gotte Brahma, der an der Spitze aller übrigen Götter steht. An ihn wenden sich Götter und Menschen, so oft sie in Not sind, er gilt als Leiter des Schicksals, als Lehrer der Götter und als ihr Aerr. Schöpfer und Regent der Welt wird er genannt, Verfasser der veda, und bildet später mit <^iva und vishnu eine „Dreieinigkeit". Brähmana auch heißt der zweite Teil der Veda. Ihr Zweck war, den Gang der Gpferhandlung in allen seinen Cinzelnheiten zu lehren und die Bedeutung der- Kastenzcichen, das täglich frisch aufgemalt wird. »W« Brahmanen und Buddhisten. 4ßS selben zu erklären, indem sie alle Materialien und Verrichtungen, die beim Gpser vorkommen, symbolisch deuten. Immer tiefer versenkten sich die Brahmanen in phantastische Lehren und Träumereien, und gerne suchte auch das in einzelne Kasten getrennte, durch Steuern, Rechtswillkür und Beamtenbrutalität gedrückte Volk Trost und Glück im Reiche des Glaubens und der Träume. So kam es, daß die Inder am Ganges dem wirklichen und tätigen Leben völlig entfremdet wurden, „daß die lvelt der Phantasie ihr Vaterland, der Hummel ihre Heimat ward". Um die Mitte des VI. Jahrhunderts trat Buddha der „Erleuchtete", der „Erweckte", ein Königssohn aus Kapilavatthu, im Vorlands des nepalesischen Himalaja aus. Er wurde der Stifter einer neuen Lehre, die bald die größte Verbreitung fand. Mit einem Schlage vernichtete er das brahmanische Weltsystem, indem er den ganzen Götterhimmel mit Brahma leugnete, an die Stelle der grausamen Askese, der Gpser und Reinigungsgesetze eine Sittenlehre des Wohlwollens, der Barmherzigkeit und der Menschenliebe gegen alle Geschöpfe empfahl und die Kastenordnung mit dem Hochmut der beiden obersten Kasten durch die Lehre von der Gleichheit aller Menschen durchbrach. Buddha entsagte seinem hohen Stande, zog sich, in ein Bettlergewand gehüllt, in die Waldeinsamkeit zurück und forschte unter den härtesten Büßübungen nach der ewigen Wahrheit. Als ihm die Erleuchtung gekommen war, trat er als Lehrer aus. aber er lebte nicht wie die Brahmanen-Weisen in der Einsamkeit, sondern er zog mit einigen Schülern im Lande des Ganges umher und verkündete seine neue Lehre. Er wandte sich an alles Volk ohne Unterschied, auch an die verachtete vierte Kaste der ^udra und an die später entstandene noch geringere der Tschandala, der Ausge- stoßenen, er lehrte ein Gesetz der Gnade für alle und zog dadurch die Geringen und Gedrückten mächtig an sich. Auch Buddha betrachtete ein tatenloses Leben voll passiver Tugenden als das Ziel des Lrdendaseins und strebte namentlich durch das sich freimachen von Leidenschaften die Befreiung von Leiden an. Nach den phantastischen Systemen und der Werkheiligkeit der hochmütigen Brahmanen klang die an alle gerichtete Verheißung einer ewigen Ruhe, eines endlichen Aufgehens und Verwesens in Nirvana, zu dem jeder nach einem Leben voll Tilgend und Menschenliebe gelangen konnte, tröstlichberuhigend. Gläubige Jünger, gleich dem vergötterten Meister im gelben Bettlergewande, welche färbe noch heutzutage beibehalten ist, umherziehend, verbreiteten seine Lehre über das ganze Land hin, vom Himalaja bis nach Ceylon. Als der indische König Ayoka, dem sein Volk den Beinamen pijadassi, der Liebevolle, gegeben, zum Buddhismus übertrat, wurde die neue Lehre Staatsreligion in Vorderindien. Ayoka regierte von 2Z9—222 v. Ehr., und sein Sohn Mahendra brachte selber den Buddhismus nach Ceylon, welches fortan der Hauptsitz dieses Glaubens wurde. Mit Sorgen beobachteten die Brahmanen die zunehmende Verbreitung der Buddha- lehre und suchten ihr entgegenzuwirken, indem sie ihr Religionssystem dem Volke und der wirklichen Welt wieder näher zu bringen suchten. Dabei stachelten sie so Zo L. von Rodt, Reise um die Welt. ise einer Schweizerin um die Welt. geschickt den Nationalstolz der Inder der Gleichheitslehre Buddhas gegenüber an, daß sich allmählich lange, blutige Religionskriege entspannen, welche ihren Höhepunkt im VI. Jahrhundert n. Ehr. erreichten und mit der Vertilgung der Buddhisten in Vorder-Indien endeten. Auf Leylon, Java, in Afghanistan, Hinter-Indien, Ehina und Japan hat sich, freilich vielfach verzerrt und ausgeartet, die ihrer ursprünglichen Reinheit und Einfachheit entkleidete Lehre des indischen Königssohnes bis jetzt erhalten und zählt von allen religiösen Bekenntnissen der Erde die größte Anhängerzahl. IVenn wir die Verbreitungsgebiete der Religionen aus der Ivelt vergleichen, finden wir die Buddhisten mit der enormen Ziffer von rund 440 Millionen Bekennern, also 28,s"/« sämtlicher Bewohner der Erde. Die Brahmanen sind dabei natürlich nicht gerechnet, ihre Zahl beträgt 21Z Millionen.. Mir evangelische Lhristen stellen dagegen die bescheidene Zahl von 1Z0 Millionen und die römisch-katholischen Lhristen, inklusive griechisch-katholische Lhristen, Armenier, Kopten u. s. w., von 24Z Millionen auf. Die Nachfolger Buddhas — er selbst hatte keinen wählen wollen — führten später Heilige, Dämonen, Götter ohne Zahl in die neue Lehre ein und machten Gau- tama-Buddha, den „Erleuchteten", zum höchsten Gott. Ihre Religionsschristen vermehrten sich ins Unermeßliche, der Kultus gestaltete sich zu einem prunkenden, gehaltlosen, ein asketisches priestertum nahm auch hier überhand, und Grden und Grdens- häuser entstanden wie bei den christlichen Mönchen. Auf die Entwicklung der indischen Kunst war der Buddhismus von größtein Einfluß. Die Pagoden oder Stupas, von denen ich in Java erzählt habe, die allenthalben über den Reliquien des Meisters aufgerichtet wurden, gaben den Brahmanen die Anregung, auch ihren Göttern Tempel und Wohnungen zu bauen und sie mit Skulpturen und Bildwerken zu schmücken. was von Indiens späterem Kulturleben zu erwähnen ist. verdankt es teilweise fremdem Einfluß, denn allmählich war doch die Kunde von dem fernen Märchen- Yogin oder Fakir. Der große ?icus mälLn-Baum im botanischen Garten in Kalkutta. (5. 470.) M'E 468 Reise einer Schweizerin um die Welt. lande in die Welt hinaus gedrungen. Mit Allgewalt hat es Alexander den Großen ins ferne gold- und perlenreiche Indien gezogen, deffen erträumter Besitz sein Weltreich krönen sollte. Als er zu Suß und zu Roß mit einem Riesenheere unter tausend Beschwerden die gewaltigen Berge überstiegen hatte und an die verriegelten Pforten Hindostans klopfte, verglichen die schmeichelnden Griechen seine Heeresfahrt mit dem Siegeszug des Dionysos. And als Sieger sollte Indien Alexander kennen lernen. In der Schlacht am Dschelum unweit des heutigen Ehilianwala im Jahre Z26 v. Ehr. deckten 20,000 Inder die Walstatt. Immer weiter nach Gsten sollte der Zug führen, allein immer lauter murrten die mazedonischen Soldaten, die keine weltbeherr- schenden Gedanken bewegten, und Alexander mußte den stürmisch geforderten Rückzug antreten. Griechischen Geist hatte der Schüler des Aristoteles der indischen Cultur eingehaucht, und unter griechischem Einfluß sollte namentlich das Drama noch lange Zeit stehen. Auch im Auslande ist durch Übersetzung in alle europäischen Sprachen eine indische Dichtung aus dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekannt geworden: Sakuntala. Industrie und Handel blühten zu dieser Zeit. Die Vaisyas, die dritte Kaste, erfand die Kunst, das Eisen in Stahl zu härten, und verstand es, Edelsteine geschickt zu schleifen und herrliche Metallarbeiten in Erz, Gold und Silber zu verfertigen. Auch der indische Land- und Seehandel entwickelte sich aufs schwunghafteste, und überall fanden die köstlichen Produkte des Landes willige Abnehmer. Als die Europäer endlich ihren weg nach Indien fanden — es war den 20. Mai 1498, daß vasco de Gama als erster die Halbinsel betrat — war das indische Geistesleben und seine produktive Kraft unter Despotismus und Kastenzwang schon erloschen. Zerrissen durch die Zerstückelung des Landes in eine Menge von Staaten und Völkerschaften, kannte das Volk keinen Patriotismus. Seig und unkriegerisch und dabei hinterlistig, beugte es sich und beugt es sich immer noch in sklavischer Unterwürfigkeit jedem fremden Joche. Aus die Portugiesen folgten Niederländer, Engländer, Sranzosen, die Handelsgesellschaften gründeten, vorübergehend erschienen Dänen. Spanier, Belgier, Preußen und Schweden, von dauerndem Einflüsse sind nur die Engländer geblieben, welche sich schließlich des ganzen Reiches bemächtigten. Als Könige herrschten jahrhundertelang statt einheimischer Surften mohammedanische Dynastien und tatarische Großmoguls. Über diese und die englische Herrschaft zu sprechen, wird es später Gelegenheit geben. Vor der Hand knüpfe ich endlich wieder den Jaden meiner Reiseerinnerungen in Kalkutta an. Nach einer unruhigen, schlechten Nacht im Gasthofe fühlte ich wenig Neigung M L 'LSch-. Eden-Garten in Kalkutta mit birmanischer Pagode. (S. 471.) . .Q' ' - , ,^ "'- V--. ^ < OM-7 2' «Ä " ' -7--'. ''' >^?-" - ^ ., - " .'.!.!V ^ .. ' ^ Vrahmanen und Buddhisten. 469 zu einem längeren Aufenthalt in der heißen überfüllten Großstadt, und da mein Reisegefährte derselben Meinung war, beschlossen wir schon denselben Nachmittag, den Ausflug nach Darjeeling, dem berühmten Luftkurort in den vorbergen des Himalaja, anzutreten. Vorläufig sahen wir uns nach einem IVagen um, der uns durch Kalkutta führen sollte. likü-Akäri heißt natürlich auch hier der wagen, ist es doch ein indisches Wort. Ein anderes hatten wir schon in der Srühe gehört und gelesen: ckotL ka^iri. So wird die Tasse Tee mit Toast benannt, welche der Boy in aller Srühe ins Zimmer bringt. Ich sollte es freilich an diesem ersten Morgen in Vorder-Indien nicht bekommen, da ich keinen eigenen Boy hatte. Diese für eine Reise durch Indien hochwichtige Srage trat nun an uns: ein Boy. Unmöglich, durch Indien ohne Boy zu gelangen, hört man überall, liest man in allen Reisehandbüchern und Beschreibungen. Und wirklich, ein Boy, so wird er genannt, mag er nun fünfzehn oder sechzig Jahre zählen, findet die mannigfachste Verwendung. Lr bedient seine Herrschaft im Gasthof bei Tisch und holt dazu die Speisen aus der Küche, er bereitet bei den vielen Uachtreisen das aus Kissen und Decken bestehende Lager aus den langen Bänken der Waggons, er bildet den Dolmetscher bei allen Unterhandlungen mit den Eingeborenen, verteilt den Bakshish, besorgt und beaufsichtigt das Gepäck, packt den Koffer, kurz, wäre ein idealer Reisemarschall, wenn man sich auf ihn verlassen könnte. Ls soll in Indien ausgezeichnete und auch ehrliche Boys geben, aber sie sind selten. Ich persönlich habe immer ein vielleicht ungerechtes Mißtrauen gegen die ganze Hindurasse empfunden. Auch die Erfahrungen unserer Mitpassagiere, aus die wir da und dort stießen, lauteten meist trübe betreffs der „Boys". So glaubten wir, von zwei Übeln das geringere zu wählen, als wir beschlossen, uns wenigstens vorläufig ohne Boy zu behelfen, persönlicher Bedienung bedurften wir beide nicht, und durch Bakshish-Verheißung und -Verteilung jeweilen nach der Ankunft in den Gasthösen versicherten wir ims der freilich relativen Aufmerksamkeit des KhLnsLmah, Bearers, Bhisti, und wie die vielen dienstbaren Geister alle heißen. Das weibliche Gegenstück zum Boy, die persönliche Bedienung der Srauen, bildet die Ayäh. «Vb- schon eine weniger verbreitete Rolle als die Boys spielend, trifft man sie immerhin häufig in den Hotels, wo sie gleich ihren männlichen Kollegen vor den Türen ihrer Herrschaft kauern. Im Jahre 1698 hieß Kalkutta Kalighat und war ein kleines Dorf, welches die britisch-ostindische Kompagnie gekauft hatte. 177Z wurde Kalkutta Hauptstadt des indischen Reiches und Haupthandelsplatz und besitzt gegenwärtig eine Einwohnerzahl A-M. 470 Reise einer Schweizerin um die weit- von einer Million. So scharf wie damals zwischen Dörfchen und Weltstadt rst noch heutzutage der Kontrast zwischen Reichtum und Armut, welchen ich kaum jemals so ausgeprägt gesehen habe wie hier. Elende baufällige Lütten lehnen sich unmittelbar an stolze Paläste, und unaufhörlich streifen sich Seide und Lumpen in den Straßen. Unser wagen brachte uns zunächst nach der Post. dann aus langem Wege durch elegante und schmutzige Viertel nach dem 1786 gegründeten botanischen Garten, einem der berühmtesten und schönsten der Welt. Ohne Ermüdung kann man in seinem wagen durch die herrlichen palmenalleen fahren, kann wunderbare Blumen- und Baumgruppen betrachten, an stillen Teichen und smaragdgrünen Rasenplätzen ein Junger Banyan-Baum. Gefühl von Kühle und weltabgeschiedener Stille empfinden und da und dort beim Anblick der Orchideen- und Sarnhäuser sich mitten in einem Waldmärchen wähnen. Natürlich sind es keine Glaskasten wie bei uns, denn ganz Kalkutta ist ein Treibhaus, sondern hölzerne, leicht gebaute, schattenspendende Lauben. Den Glanzpunkt des Gartens bildet der große Banpan-Baum (Nicus inclicu), dessen Laubkrone einen Platz von 300 Meter im Umfang beschattet. Nicht einen Stamm, sondern 467 zählt der Wunderbaum, und fortwährend senken sich noch gleich Schiffstauen Luftwurzeln hinab zur mütterlichen Erde, um nach kurzem als neue Bäume emporzuwachsen, der Sonne zu. In unerschöpflicher Kraft steht der Urstamm da, nicht nur immerfort neue Sprößlinge hervorbringend, sondern auch einer Sülle fremden Lebens Schutz und Nahrung gewährend. Bis hoch in die Wipfel klettern die verschiedensten Schlingpflanzen in üppigem Grün. in glänzender Blumenpracht an ihm empor und machen seine schöne Krone zu einer noch dichteren, grüneren. k«M M8NV DLM WM MVM >j^S i i! !«d- ?! WWW Lä-^r EL^ ?- / .KKWÄ LM Zoologischer Garten in Lalkntta. (S. 471 .) Brahmanen und Buddhisten. 471 Es ist etwas Gewaltiges, prächtiges um solch einen Baum, der allein einen ganzen Wald bildet, und man begreift, daß die Inder ihn für heilig erachten. Unter einem Bo-Baume (Nicus reli^iosu) soll der Sage nach Buddha erleuchtet worden sein, und so fehlt der heilige Baum bei keinem Tempel, in keinem Dorfe. Ost zerstören und zersprengen seine teilweise auf der Oberfläche liegenden Wurzeln und Zweige die in der Nähe sich befindenden Heiligtümer und Lütten, aber lieber läßt man diese zu Grunde gehen, als den heiligen Baum auch nur eines Astes zu berauben. Dom botanischen ging's in den zoologischen Garten. Weit weniger bedeutend als ersterer, bietet er immerhin, was Tiere und namentlich hübsche Anlagen betrifft, des Sehenswerten genug. Natürlich spielen unter den wilden Tieren die unweit Kalkutta zahlreich vorhandenen bengalischen äirönigs-Tiger eine große Rolle in diesem Garten. Bei glühender Mittagshitze fuhren wir schließlich noch über den Meidan, eine 2,4 Mlometer lange und breite Lsplanade, wo abends die feine Welt Kalkuttas sich in ebenso feinen Equipagen lüftet, wo jedem abgegangenen Vizekönig, ob verdient oder unverdient, eine Statue errichtet wird und die großen Revüen stattfinden. Augenblicklich herrschte Grabesstille auf dem Meidan, außer uns hatten sich nur einige bronzefarbene, rundköpfige Bengalen und ihre Mnder an die Tropensonne gewagt. Offenbar hatte die Mama die kleinen Bengalesen soeben vom Wirbel bis zur Sohle mit Kokosöl eingeschmiert, und nun wanderten sie mit ihrem glänzend-triefenden Überzüge, im übrigen aber wie Gott sie geschaffen, zum Trocknen an die liebe Sonne Schattige Alleen durchziehen den Meidan, Teiche und Rasenplätze wechseln ab, und am Nordende liegt der wundervoll angelegte und ebenso schön gehaltene Ldenpark. Die aus Birma hinübergebrachte und dort aufgestellte, zierliche Lolzpagode war für uns wie ein Gruß aus ihrer Leimat. 472 Reise einer Schweizerin um Sie Welt. Mpitel 31. Darjeelmgi eine volumerfrische im Himnlajs Abfahrt nach Darfeeling. Der Ganges. Die Aimälafa-Bahn. llm Dschungel. Vegetation. Bettler. Ankunft im ^oocllancls ttotsl. Rälte. Die Stadt Darfeeling. Die Mmalafa-Bergkette. Tibet. Die Bewohner und Nachbarn Darfeelings. Sonntagsmarkt. Bettler und Mönche. Eitelkeit der Frauen. Schönheitsmittel. Schmuck. MWonsbestrebungen. Dorf Bhutia-Busti. Tibetanischer Tempel. Lama- priester. Gebetmühlen. Lebensrad. Schwere Lasten. Lama-Grab. Gebetsbäume. Nachmittags halb vier Uhr saßen wir in der Tastern 8sn§al-Staatseisen- bahn. Noch etwas schmutziger, staubiger und langsamer als in Birma, haben die englisch-ostindischen Bahnen den Vorteil, daß man eine unbeschränkte Menge Gepäck mit sich in den wagen nehmen kann, wobei die ganze Betteinrichtung, welche die Engländer stets mit sich schleppen, nicht das kleinste Bündel bildet. Sehr schätzenswert ist ferner, daß jede Person die ganze Waggonlänge, d. h. drei Plätze, nachts in den meisten Süllen für sich allein beanspruchen darf. Mit anbrechender Dunkelheit kamen wir an die Ufer des Ganges. Sinster, geheimnisvoll und breit wie ein See lag er vor uns. Gewaltige Strömung und Überschwemmungen ändern alljährlich den Rand des Bettes, so daß auch die Haltestelle für die Dampffähre immer wieder abgebrochen und verlegt werden muß. Wohl fünf Minuten hatten wir auf holperig-sandigem Pfade hinabzusteigen zum heiligen Äusse. Ein dunkles Wasser, eine prosaische Dampsfähre und ein noch prosaischeres Diner, das während der halbstündigen Überfahrt serviert wurde, dies war meine erste wie die Linder in Darfeeling getragen werden. MM ' IsimLlaya-Rette im Abendlicht. (5. 477.) M ^ V. >^4,^ kÄ:. . .-» .N '- RmchmziiM (Isimälaya). (S. 477.) Darjeelmg, eine Loininerfrische im LimLlnjn. 47Z Bekanntschaft mit dem poesie- umwobenen Ganges, wie anders hatte ich sie mir gedacht! Ein neues Dampfroß wartete am jenseitigen User und eine lange Nachtfahrt, die uns erst den folgenden Morgen sechs Uhr wohlgerüttelt in Siliguri, der Endstation der blortkern LenKul- Bahn — wir hatten am linken Ufer des Ganges auch Lisenbahn- gesells chaft gewechs elt — ablieferte. Hier, am Süße des Himalaja, fanden wir eine schmalspurige, nur sechzig Lentimeter breite Miniatur-Eisenbahn, deren Zwerglokomotive die Riesenaufgabe bevorstand, acht bis zehn Waggons 22Z0 Meter innerhalb eines Zeitraumes von etwas über sieben Stunden in die Höhe zu bringen, wie bei uns auf den Bergbahnen stürmten die Reisenden den Zug, jeder strebte, den Eckplatz auf der rechten Seite zu erobern. Mit Ausnahme weniger geschlossener wagen sind alle seitlich offen, d. h. sie bestehen einfach aus einer Plattform, auf welcher sechs enge, mit einer Decke überzogene Holzsessel, je drei einander gegenüber, befestigt sind, und wobei der begehrte Eckplatz über das schmale Geleise hinaus, zuweilen direkt über dem Abgrunde, schwebt. In fast ununterbrochenen scharfen Krümmungen windet sich der weg den Berg hinauf, zuweilen mündet er in einer Sackgasse, aus der die Lokomotive pfauchend die wagen zurückschiebt, um sich einen Augenblick später wieder an die Spitze des Zuges zu stellen, zuweilen bildet das Geleise eine große Schleife, englisch Doop genannt, und der Zug muß sich im weiten Bogen herumziehen, um nur eine kleine Steigung zu erobern und in entgegengesetzter Richtung weiter zu dampfen, vorn auf den puffern der kleinen Lokomotive hocken zwei braune Bengalen, die allfällige Hindernisse auf den Schienen zu beseitigen haben. Da saßen wir! Ich hatte den vielumworbenen Eckplatz, der dritte neben uns war frei, und gegenüber saßen drei hochelegante Dämchen, die völlig den Chic französischer Modistinnen hatten und nicht wenig nervös waren. Bei jeder 4äurve kreischte das Trio unisono, woraus mit ebenso großer Regelmäßigkeit abwechselnd ein Riech- und ein Schnapsfläschchen die Runde machte. Räch den ersten sieben Kilometern beginnt zugleich mit der Steigung ein langes wildromantisches Stück Dschungel, durch das die Bergbahn sich mühsam dereinst Ruli-Srau. 474 Reise einer Schweizerin um die Welt. einen weg brechen mußte, wie mag es da mit dem feierlichen Waldfrieden vorder gewesen sein, als der Mensch sich nahte mit Beil und Säge! wie mancher der hundertjährigen Baumriesen mag sein hehres Haupt geschüttelt und nicht verstanden haben, was das Menschlein von ihm wollte, bis der Stoß ihm durchs Herz ging und er gefällt mit lautem Tosen zu Boden stürzte. Lücken gab es da im Walde, und scheu mieden fortan seine Bewohner, die wilden Tiere, die Stätte der Verwüstung. Manchmal soll sich anfangs freilich ein neugieriger Tlesant, ein stolzer Hönigstiger das Gebilde von Menschenhand, das schnaubende Lokomotivlein und die Wägelchen, angeschaut haben, um sich dann kopfschüttelnd in tieferes Waldrevier zurückzuziehen. Tapfer hat sich der Wald gewehrt für seine Mnder und schwere Lieberdünste ausgehaucht auf die Holzfäller und Lisenbahnarbeiter, so daß abends keiner in diesem Bereiche zu bleiben wagte. Eine Stunde fuhren wir durch den Urwald, dann ging es auf freier, offener Landstraße höher und höher, und immer verschwommener und ferner erschien tief unten die bengalische Ebene und das Silberband des Ganges. Auch sie verschwinden. Berg folgt auf Berg, Schlucht auf Schlucht, plötzlich bei einem Taleinschnitte tönt ein Schrei: «icke Sncnvs, icke Snmvs», und wie eine Vision rosiger Wolken erglänzt in schwindelnder Höhe die Bergkette des Himalajas, die höchste der Welt. Vorbei, verschwunden! weiter empor klimmt unser Zwerg, der einen Riesen zu überwinden hat. Noch sind wir im Bereiche der üppigsten Tropenwelt, Bananen. Bambus und Baumsarne streben hoch empor, und feurige, fremdartige Blumen schlingen sich an die Stationshäuschen. Bis zu einer Höhe von 1800 Meter geleiten uns die Palmen, und bis zu 2100 Meter die Teepflanzungen, welche einen sehr beliebten Tee liefern, aber in der langweiligen Einförmigkeit ihrer bläulichen, kugelrunden Büsche einen schlechten Ersah vom ästhetischen Standpunkte aus für die ihretwegen ausgerotteten Tropenkinder bilden. Immer Kühler wird die Temperatur, fröstelnd hülle ich mich in Decke und Mantel und freue mich der langen Wärmeflaschen, die in den wagen geschoben werden. Je mehr wir uns Darjeeling nähern, um so häufiger werden Stationen und Ansiedlungen. Ein hundertstimmiges Gebrüll macht uns schon lange vorher darauf aufmerksam. «81Lm, SLb, Loksis! (Saturn, Sakib, Lakskisk, Sei gegrüßt, Herr, Bakshish!) Die schmutzigste, vergnügteste, frechste, lustigste, kleine Gesellschaft steht da und bettelt die Reisenden an: «Stäm, LLb, Loksis», im Takt begleitet ein obligates Strampeln die phänomenale Lungenleistung. welche noch eine ganze weile lachend, ärgerlich oder enttäuscht hinter dem forteilenden Zuge weiterschallt. Auf einer anderen Station erfaßt mich unversehens eine braune Hand. «Oive kose-buü w eat, lall;-.» Ich schaue mich um. ein zerlumptes, heruntergekommenes Weib, das allem anderen eher ähnlich sieht als einer Rosenknospe. bettelt mich an. Sie scheint übrigens ebenso populär, wie die sogenannte „Hexe von Lhum", deren Bild ich bringe. Diese soll über hundert Jahre alt sein und niemals die Ankunft eines Zuges verpassen. Starr vor Hätte kamen wir in Darjeeling an. Statt Hulis stürzten sich kleine, kräftige, tibetanische Weiber aus unser Gepäck, türmten unglaubliche Lasten in Trag- SMW LWK- Dimälafa-Lergbahn: Line Schleife. (S. 47Z.) 476 Reise einer Schweizerin um die Welt. Körbe, welche sie vermittelst eines breiten Riemens, der sich um Scheitel oder Stirn zieht, aus dem Rücken befestigen. Dann ging's mit nackten Süßen im Galopp auf steilem, steinigem Zickzackweg IVooälnncls Hotel zu, während wir in gemäßigterem Tempo folgten. vier schöne, ruhige Tage bei guter Verpflegung haben wir am Limälaja verlebt, nur kalt war's. so kalt. daß es mich heute noch, wenn ich dran denke, durchschauert. Und doch zeigte das Thermometer nur einmal früh einen Grad Kälte, und Veilchen blühten im Sreien. Zwischen der Tropenglut der letzten Wochen und dem kalten Lauch, der von der „Schneewohnung", wie im Sanskrit der Limülaja heißt, herüberweht, ist der Abstand ein gar zu großer. Auch nachts, mit hellbrennendem Kamin- feuer im Zimmer und mehrfachen Decken, wollte das Kältegefühl nicht weichen, und meine Träume bewegten sich ausschließlich in den Regionen des ewigen Eis und Schnee. Meine Lrwärmungsspaziergänge bei Sonnenschein und Uebel, letzterer herrschte vor, hätten manchen Kilometer täglich betragen, wenn sie zusammengezählt worden wären. Räumlich erstreckten sie sich zumeist nur aus die mehrere Kilometer lange Landstraße, welche längs des Bergabhangs, an dem die Stadt liegt, von Mooälnncls Hotel nach Observatorium oder hinunter ins Bhutia Busti-Dorf führt. Dazwischen lagen freilich alle möglichen Uebenwege und Ziele. Dardschiling oder englisch Darjeeling, tibetanisch Dar-rgjas-glin, d. h. Land des diamantenen Donnerkeils der Lama, gehört seit 1860 England und liegt auf der untersten Stufe der südlichen vorberge des LimLlaja. Da die Temperatur niemals 26 Grad Celsius übersteigen und dabei höchstens 1 bis 2 Grad Kälte betragen soll, bildet Darjeeling das kostbarste Sanatorium für die Hitze- und siebergeplagten Europäer und ihre Samilien. Auch nesteln sich von Jahr zu Jahr mehr niedliche Lolz- villen an den Bergeshang und schimmern gleich zerstreutem Spielzeug aus dem mannigfachen Grün hervor. Gemäßigte und tropische Zone scheinen sich bei diesem die Land zu reichen. Reben unseren Birken und Eichen stehen Magnolien- und Rhododendron-Bäume, Palmen und Baumfarne, während eine herrliche Tanne, man nennt sie in Indien Devadaru. halb nordisch, halb tropisch anmutet. Ungeachtet der Dexe von Lhum. Tibetanischer Bettler. (S. 478.) WW-K ,^m—-' >WK» Bettelnde Musikanten. (S. 47S.) UMHW UWE «MM Darjeeling, eine Sommerfrische im KiinLlaja. 477 mir grimmig vorkommenden Kälte schlingen sich herrliche, blühende Marechal Kiel- Rosen an den Lausern empor, und überall sah ich, an Bäumen und Altanen befestigt, die kostbaren, bei uns ängstlich im Treibhaus gehaltenen Orchideen. Dem gelben Gras nur und vielen blattlosen Bäumen sah man den Winter an, der hier übrigens selten Schnee bringen soll. Gleich der erste Nachmittag sollte uns die LimLlaja-Kette in ihrer ganzen Glorie und Erhabenheit offenbaren, vor Anbrechen der Nacht erfolgte wie bei uns, wann es am herrlichsten ist, ein Alpenglühen: rosig, strahlend gleich dem jungen Tag, starr und kalt dann, wie der blasse Tod. Auch den Himalaja halten zuweilen tage- und wochenlang dichte Nebel und griesgrämige Wolken im Banne. An den folgenden drei Tagen waren sie die Herrscher, und selten nur lüftete sich der Vorhang, um auf kurze Augenblicke eine märchenhafte Vision hervorzuzaubern. Kein lieblicher Vordergrund, wie unsere Alpen, keine stillen, blauen Seen und grünen Länge bietet der LimLlaja. Nein, wild und schroff türmen sich in sechsfacher Kette rötlich-blaue wände empor, in welche der Griffel der Zeit tiefe Surchen gezogen hat. Die höchsten dieser Selswände sind noch schneefrei, und doch erreichen sie die Löhe des Nlont Blanc, denn dieser mißt nur 4610 Meter, während auf dem Südabhange des Limülaja die Grenze ewigen Schnees erst 4940 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Gleich weißen Wolken schweben über diesen Seifen die lichten Gletscher, unter denen der von Darjeeling sich in voller Majestät präsentierende Kinchinjinga 8Z88 Meter erreicht. Noch wird er an Löhe durch den ZOO Meter mehr messenden Gaurisankar oder Normt Nverest übertrofsen, der jedoch von Darjeeling aus nicht sichtbar ist. Hinter dem LimLlaja-Gebirge liegt Tibet, das höchste Bergland der Erde, das geheimnisvolle Priesterreich des Dalai Lama. Über 3000 Klöster sollen im Lande zerstreut sein und ein guter Teil seiner anderthalb Millionen Einwohner zum Priesterstande gehören. Seit dem XIV. Jahrhundert ist Lhassa die Residenz des Dalai Lama, der mit 7L Priestern in einem großen mit goldenen Kuppeln gedeckten Palast, den er niemals verläßt, lebt. Der jetzige Dalai Lama soll erst 27 Jahre zählen, während des ganzen letzten Jahrhunderts ist es nur vier Europäern .... -ZK - Darfteling-Markt. 478 Reise einer Schweizerin um die Welt. gelungen, als mongolische Priester verkleidet, Lhassa zu betreten. Ihre Entdeckung hätte den Tod unmittelbar nach sich geführt. Noch andere Staaten stoßen an Darjeeling, deren Pforten den Europäern verschlossen sind: im Westen das Königreich Nepal mit drei Nlillionen Einwohnern, im Gsten das geistliche Sürstentum Bhutan oder Lhotan mit 200,000 Einwohnern. Im Jahre 1864 ist es den Engländern gelungen, einen ganz hübschen Streifen davon wegzunehmen. Auch der kleine Staat Sikkim im Norden ist Vasall des mächtigen Großbritanniens geworden. Er zählt ungefähr 50,000 Einwohner, die meistens Lepschas sind, welche neben den Lamas auch Teufel verehren. wenngleich Nepal, Tibet und Bhotan den Europäern verschlossen sind, kommen dafür ihre Bewohner ungehindert und häufig nach Darjeeling, viele sogar, um sich dauernd niederzulassen, auf britischem Boden. Neben dem großartigsten Panorama der Welt verleiht die bunte INusterkarte seltener Volkstypen dem Höhenkurort am Himalaja keinen geringen Reiz, und wenn wochenlang dichter Nebel die Wunder des Kinchinjinga und seiner Nachbarn neidisch verhüllt, so bleiben wenigstens die Bhutia, Lepschas, Nepalesen und Tibetaner dem Reisenden treu. Sogar allzutreu kam's mir oft vor, wenn wir uns vor ihren Kaufsanträgen kaum zu retten wußten. Selten ging ein wann, seltener noch eine Srau vorbei, die uns nicht alles, was sie an sich trugen, feilgeboten hätten. Sonntag pflegt großer Markt zu sein. Dann steigen sie von ihren Bergen und Gängen herab, die Leute aus Nepal, Tibet, Kaschmir, die Lepschas und Bhutias, und versammeln sich zu Hunderten auf dem Marktplätze in Darjeeling unter freiem Himmel. Alles mögliche: Gemüse, Gbst, Eier, Milch, Gl, Süßigkeiten, europäische Regenschirme, Kleider, Türkisen, Silberwaren liegen auf der Erde, und daneben kauern, in Samiliengruppen vereint, die Verkäufer. Gft ist der jüngste Sprößling wohl verpackt in einer Holzschachtel dabei anwesend oder wird von der Mama in einem Korb auf dem Rücken getragen. Sein wimmern geht im Lärm der tibetanischen Bettler unter, welche in der Linken einen gewaltigen Bambusstock, in der Rechten eine Handtrommel halten, die durch Schütteln in Tätigkeit gerät und die Begleitung zu einem näselnden, monotonen Singsang bildet. Zunächst hoffen die Bettler, die Herzen der Marktfrauen zu rühren, und halten deshalb einen schmutzigen Sack zum Empfang milder Gaben in Natura bereit, dann zählen sie auf „Boksis" in klingender Münze von den Sremden. Man konnte sie übrigens im vergleich zu einem Bettelmönch, welcher einen mit allen möglichen Amuletten und Buddhas be- hangenen Stab trug, die reinen Dandies nennen. Der Schmutz und der Zustand von Abgerissenheit in der Kleidung des „vrrehrungswürdigen Geistlichen", wie die buddhistische Kirchensprache ihn nennt, spottet jeder Beschreibung. Statt der Handtrommel schwang er uns eine tibetanische Gebetsmühle dicht unter der Rase. Schade, daß der Nebel all unsere photographischen versuche vereitelte, der Kerl hätte ein interessantes Blatt in der Sammlung abgegeben! Schade, daß die Sonne in dem landschaftlich wie ethnographisch gleich interessanten Bilde überhaupt fehlte. Außer Mönchen und Bettlern gab's noch eine Sorte Lustigmacher, welche sich scheußliche Masken über das Antlitz stülpten und hauptsächlich zu unseren Ehren Mädchen aus Kepal. (S. 480.) M'-^^' ^ ÄWHMDM Mr -> ^ --ÄW von IVlount Lverest 1^0V MN WW Z^WßM KWx ^^RRWD^WM^ ^K«:?dWKWEW^ ^^DMZMMWWW! -.''- -.' -- - 7 ^L>Ä' >-LÄ^'.?> WEN DAHUWK !WWM MöW - ^/-v ÄWM Em KM- NUKi 5E; WLM WU- -ÄR'M >-:'<^?A ' .' . MW V^U ' E- vi< - ^Z>^'! DMW ^.i «LÄ 5ebensrad> Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Ausübung aller weltlichen Macht dagegen ist in Länden des jedesmal für drei Jahre gewählten Deb-Radscha oder weltlichen Gebieters. Das sehr armselige Dorf Bhutia-Busti. dessen Lehmhütten mit solchen aus Lolz und mit Strohdächern abwechselten, schien völlig verwaist. Doch nein. einige paare scharfer Knabenaugen hatten die fremden entdeckt, und ahnend, daß unser Besuch dem tibetanischen Tempel gelte, waren sie bakshrshfroh der eine zum „kleinen Lama" (Unterpriester), der andere zum „großen Lama (Vberpriester) gestürzt, welche ebenso erwartungsvoll schleunigst herbeieilten. Beide Lamas trugen granatrote Röcke, beide waren gleich schmußig, beide gleich erpicht aus Trinkgeld. Der Tempel sieht einem ganz gewöhnlichen und dabei noch baufälligen Bretterhaus ähnlich. Uur die das Gebäude überragende Reihe mit vergoldeten schirmen gekrönter Bambusstangen zeichnen es von seiner Umgebung aus. Lange, schmale, mit Gebeten beschriebene Letzen hängen an den Stangen herunter. vor dem Tempeleingang befinden sich zwei große Trommeln, welche sowohl die Gläubigen zum Gebete rufen, als auch die etwa nahenden bösen Geister verscheuchen sollen. Ueun mannsgroße, buntbemalte Gebetsmühlen nahmen die ganze Lront ein und wurden sofort in wahrhaft rasende Bewegung uns zu Chren gesetzt. Jede einzelne Drehung wird dem Gläubigen als eine einmalige Lersagung des in der wühle befindlichen Gebetes angerechnet. Aus den langen Papierstreifen stehen in wohl hundertfältiger Wiederholung die Worte: Orn muni puclrne, kum. Zu deutsch: „(v, du Kleinod auf dem Lotos, Amen!" Die Bedeutung dieses Spruches ist im Laufe der Zeiten verloren gegangen, denn die Gebetmühlen sind bei den Buddhisten des Nordens eine schon seit dem vierten Jahrhundert bekannte Institution. In Darjeeling scheinen die kleinen Landmühlen besonders beliebt, und häufig trifft man Kulis, die neben der schweren Last, die sie tragen, sich noch eine Land frei halten, um das kleine metallene Instrument in der Lust zu schwingen. Zwei Bilder in der Vorhalle erregten mein besonderes Interesse, und meine Lreude war groß, das eine beim Photographen in treuer Reproduktion mir verschaffen zu können. Es stellt das Rad des Lebens vor, welches — ich denke es mir wenigstens so — ein riesiger Dämon zu verschlingen droht. Im innersten Kreise des Rades steht eine Schlange, als Symbol der Lalschheit, ein Lahn als dasjenige der Sinnlichkeit, und ein Schwein als Symbol der Trunksucht und Trägheit. Diese drei werden als Ursprung alles Übels betrachtet und müssen daher außerhalb des Tempels bleiben. Auch aus den alten Dolchen sind die drei Zeichen eingraviert. Nachdem Trommler. Gebetsmühlenknaben und Priester den ersten Dakshish erhalten, traten wir in das dämmernde Dunkel des eigentlichen Tempels. Einige Lichtchen brannten aus dem Altare und beleuchteten einen vergoldeten Buddha, der freundlich lächelnd hinter Glas sitzt, sowie zwei ähnliche, mir unbekannte Gottheiten. Vor allen dreien lagen Reis- und Butteropser, deren Einsegnung und Verteilung nebst heiligem Wasser das Sakrament des Lama-Gottesdienstes bildet. Rechts und links, in bunte Tücher gehüllt, lagen die heiligen Bücher, doch hatte ich nicht den Eindruck, als ob unsere Lamas sich häufig in deren Lektüre versenkten. Darjeeling, eine Sommerfrische im Limklaja. 48S 2lußerdem enthält der Raum eine Menge Lampen aller Arten und Zeiten, und mehrere Instrumente, um die Gläubigen zum Gebete zu rufen. Wie es scheint, genügen die Trommeln in der Vorhalle nicht dazu. Da ist z. B. eine aus den Schenkel- knochen eines Lama gemachte Trompete. Sie gibt schauerliche Töne von sich. Der „große Lama" muß sich jeweilen des Schädels seines Vorgängers als Lßschals bedienen, damit er sich der Vergänglichkeit alles Irdischen erinnere. Die Tibetaner scheinen überhaupt gerne aus menschlichen Knochen allerlei Geräte herzustellen. In einem großen Kuriositäten-Geschäft zeigte mir der deutsche Inhaber, der mir über manches einen eigentlichen vortrag hielt, zu Tam-Tam verarbeitete, zersägte Schädel. Diese stammten von einem Lhebrecherpaar, welches sein vergehen mit der hier in diesem Salle üblichen Strafe der Steinigung gebüßt hatte. Tibetanischer Gebetsbamn. Auf der Lrde lagen im Tempel eine Menge Kissen, ebenso schmutzig und abgerissen wie ihre Eigentümer, die bettelnden Priester. Da diese, wohl durch unsere erste Spende ermutigt, angefangen hatten, etwas allzu intim zu werden, und sich unterdessen halb Bhutia-Busti bakshishbrüllend um uns geschart hatte, hielten wir es an der Zeit, uns zu empfehlen. Steil und lang erschien mir der Aufstieg! Mir begegneten vielen, eben erst vom Markt zurückkehrenden Dorfbewohnern, von Serne leuchteten der rote, mit Goldperlen kranzartig umwundene Kopfputz und die roten Ärmel, welche die Tracht der Bhutia-Srauen auszeichnen. Mie schwer waren sie teilweise beladen! Mir versuchten, den Tragkorb einer am Wege rastenden Srau in die Lohe zu heben, und waren mit vereinten Kräften kaum fähig, die Last ein paar Schritte zu tragen. Auf den Bauplätzen beteiligen sich die Srauen hauptsächlich am Herbeischleppen von Erde und 486 Reise einer Schweizerin um die Welt. Steinen, eine schwere Arbeit auf den steilen, abschüssigen Bergpfaden. Dabei sehen sie frisch und blühend aus. Die pausbäckigsten, rotwangigsten Gesichter aber besitzen hier oben die Cngländerkinder, welche so blast und zart sonst in der heißen, indischen Ebene aufwachsen oder schon im frühesten Alter zu verwandten nach England zurückgeschickt werden müssen. Lama-Grab. Zwischen Bhutia-Busti und Darjeeling steht ein einsames, weißes, eigentümlich geformtes Lamagrab. Mein deutscher Gewährsmann hat mir freilich die ganze stimmungsvolle weihe davon genommen mit seiner Behauptung, der hier Bestattete sei als Gpfer seiner Reinlichkeit gestorben. Gegen allen Brauch und Sitte der Lamas hätte er sich einmal gewaschen und diese Extravaganz mit dem Tode gebüßt. Auf der Nordseite des schmalen Bergrückens, auf dem sich die villenstadt Darjeeling ausdehnt, ist der sogenannte Observulorz- Kliil. Gier auch steht ein tibetanisches Geiligtum, diesmal kein Tempel, sondern ein Gaufen rotgemalter Steine, die sich um einen großen Selsblock gruppieren. Die darauf angebrachte, rohe Skizze eines Buddhabildes ist durch ein Gitter geschützt. Ein Dreizack und Muscheln, alle derselben Art, stecken zwischen den Steinen, und wie ein Mastenwald streben nach allen Richtungen hohe Bambusrohre empor. Bunte, ausgezackte Mullfetzen und mit Gebeten beschriebene Papierstreifen flattern lustig daran, wie Wimpel im winde. Auch die in der Nähe stehenden Bäume zeigen denselben Papier- und bunten Mullschmuck. Beim leisesten Luft- hauch bewegen sich die Gebete, sie sollen nach der Meinung der Srommen gleiche Wirkung tun, wie solche, welche mit der Gebetsmühle in Bewegung gesetzt werden. Gebetsbäume heißt man jene primitivste aller Crbauungsstätten. Gier, angesichts der gewaltigsten Bergkette der Welt, umschwebt sie eine Säuerlichkeit, eine weihe, die weder der große Lama-Tempel in Peking noch viel weniger der kleine in Bhutia- Busti kennt. Srüher Morgen war's, unser letzter Morgen in Darjeeling. wir schienen die einzigen Besucher des Observutor^ Ilill, doch nein, auf dem Süße waren uns zwei Menschen gefolgt: ein Mann und ein .linabe. Sie trugen Schüsseln mit Reis und einen Glkrug; vor dem Altare legten sie sich flach auf die Erde nieder. Ein alter Mann, wohl ein Priester, kniete in stiller Andacht vor dem Buddha-Bildnis. Gebete murmelnd, salbte er die roten Steine mit Gl und streute eine Gandvoll Reis nach der anderen darauf. Stille war's, — nichts als das leise knistern der Gebete auf den Papierfehen, welche der wind beivegte. der eintönige Sall der Reiskörner auf die Steine und die frommen Sprüche des Alten. Lange blieben die drei unbeweg- Bhutia-Mamr. (5. 48Z.) NLä''> P-. - - M':'- -^E ^chE s' Darjeeling, eine Sommerfrische im HnmLlaja. 4S7 lich, dann umwandelten sie stillschweigend mehreremal deir Gebetsbaum und stiegen, das Gesicht dem Altare zugewandt, rückwärts den kügel hinab. Die Nebel der vorherigen Tage waren verschwunden. In feierlichem Glänze blaute der kimmel, und wie eine Erscheinung aus anderer Melt, in stiller Schönheit und Größe, in unnahbarer Majestät, lagen noch einmal die ewigen Sirnen des KimLlaja vor mir. Ein Gruß und zugleich ein Abschied auf Nimmerwiedersehen. Denselben Mittag verließen wir das schöne, kalte Darjeeling. um in 26stündiger Sahrt nach dem heißen, staubigen Mlkutta zu gelangen. Da dort der Gasthof uns keineswegs mehr anmutete als das erste Mal, beschlossen wir. ungeachtet der soeben vollendeten langen Reise, noch eine Nacht auf der Eisenbahn zuzubringen, um schon den folgenden Morgen in der Srühe Venares, die heilige Stadt am Ganges, zu erreichen. T 488 Reise einer Schweizerin um die Welt. Kapitel 32. Die heilige Stsöt Vensres. Geistige Bedeutung der Stadt. Ihr Alter. Der heilige Sanges. Bootsahrt. Ghats und Tempel. Die Badenden. Die Witwen. Yogin oder Fakir. Manikarnika-Ghat. Leichenverbrennungen. Der Palast des Maharadscha von Benares. Die Moschee Aurangzebs. Der Goldene Tempel. Heilige Kühe. Brunnen des Wissens. Affentempel. Die heiligen Affen. Bettelhaftigkeit der Tempel- priester. Der moderne Hinduismus. Seelenwanderung. Der Heilige von Benares. Die Hindustadt. Wenares! Der Name hatte jahrelang einen unsäglichen Zauber auf mich ausgeübt. Lag es an den poetischen Schilderungen des sagenumwobenen Ganges, lag es an dem weichen wohlklange des Wortes Benares? Ich weiß es nicht. Jetzt denke ich an die heilige Stadt zurück, wie an eine Vision von Schönem, Traurigem und Schrecklichem, und dabei überwiegen entschieden die beiden letzten Eindrücke. Und doch bildet Benares jetzt noch für ein ganzes, großes Volk die Stadt aller Städte, die Hochburg seines Glaubens, wehr noch als Jerusalem den Juden, Mekka den Mohammedanern, Rom den Katholiken, ist Benares der Lichtstrahl, der das Gemüt jedes frommen Inders durchleuchtet. „Kaschi, die Glänzende, die Seele Durchleuchtende", lautete deshalb wohl der Name der Stadt, und immer wieder erwähnen Benares: Ghat. die alten veden die heilige Kaschi. wer die Stadt erbaut und wann, wird wohl stets ein Geheimnis bleiben. Man weiß nur, daß sie, älter als Rom, schon zu jener Zeit bekannt war, wo Babylon mit Ninive um den Vorrang stritt und Jerusalem durch Nebukadnezar bedrängt wurde. Unzertrennlich verbunden mit Be- lv Ä«»W^ SLE AKOA-«-? M' :W MZ^- Benares: Tempel. "»kLil Die heilige 2tadt Benares. 489 nares ist der Ganges, dessen wunderwirkendes Wasser die Stadt bespült. Linst aus dem Haupte ^ivas entsprungen, wurde der heilige Lluß, nachdem er Fimmel, Lrde und Unterwelt durchströmt, bleibend aus die Lrde geleitet und seine Guelle hoch hinaus in die Schneewohnung des Himälaja verseht, dorthin, wo an wilden, unzugänglichen Lelsklüften chivas Götterwohnung steht, personifiziert wird der Ganges durch eine junge Lrau, die eine Lotosblume in der Hand hält, und eingedenk seiner göttlichen Abstammung unter dem Namen Ganga in den Götterhimmel verseht. Lrlösend, geheimnisvoll rauschen die blauen Wellen des heiligen Stromes durch Geschichte und Sagen des indischen Volkes. Seht noch reinigt ein Bad in seinen wassern von allen Sünden, ein Trunk aus dem Strome heilt jeden Seelenschmerz, und in seinen Wellen ruht sicher der Tote. wird doch der göttliche Ganges ihn ganz unfehlbar an die Pforte der höchsten Glückselig- Indischer Silßigkeiten-Verkäufcr. keit bringen. Aber nicht nur des Hindus. sondern auch des Europäers erster Ausgang in Benares gilt dem heiligen Strom. Line lange Lahrt liegt zwischen dem HStel cis vuris im europäischen viertel und den Ghats, den Ladeplätzen, wo vorn Aufgang der Sonne bis zum Niedergänge Tausende und abermals Tausende, Einheimische und Pilger aus weiter Lerne, das reinigende Bad nehmen. wir vertauschten den wagen mit einem großen, schweren Boote, das, von sechs braunen Ruderern in möglichst langsamem Tempo bewegt, sachte stromabwärts schwamm. Stundenlang dauerte die Lahrt, und hätte noch Stunden dauern können, ich wäre es nicht müde geworden. Unauslöschlich hat sich der Anblick meinem Gedächtnis eingeprägt. Am User drängt sich Tempel an Tempel, Palast an Palast, Treppe, Ghat genannt, an Treppe. Ulan zählt ihrer 47. Manchmal auf der halben Höhe ihrer langen Llucht stehen kleinere Heiligtümer. Das bizarre, hohe, indische Dach, welches sie krönt, erinnert an eine Llamme. Manchmal steht auch ein Pavillon oder ein geflochtener Schirm da, in dessen Schatten der fromme Pilger stundenlang nach dem Bade in stiller Andacht vor sich hinträumt. Hart am Wasser sind an manchen Stellen in langer Reihe Zelte für die Reichen und vornehmen im Lande aufgeschlagen, deren in Benares viele wohnen. Gst, wenn ein Radscha die Schatten des Alters herannahen sieht, kaust er sich in der heiligen Stadt ein Haus, um dort zu sterben. Die Wellen des Ganges, welche zuweilen in mächtigem Anprall ans Ufer schlagen, haben schon viele Gebäude unterspült, bis sie allmählich dem Stärkeren weichen mußten und in das gewaltige Strombett versanken. jIetzt bilden sie den Untergrund, auf welchem neue Häuser sich erheben, denn in Benares ist Grund und Boden viel zu kostbar, um ihn unbenutzt sich selbst zu überlassen. 4S0 Reise einer Schweizerin um die Welt. Nun zu den Badenden. In langen Reihen ziehen sie unablässig die breiten, steinernen Ghats hinunter, die Reichen und Armen, die Alten und Jungen, die Männer mit einem Lendentuch drapiert, die Lrauen in ihre buntfarbigen, oft seidenen Sari, lange, bunte Gewänder, gehüllt. Sie scheuen es nicht, damit in da-, schlammige Wasser zu tauchen, ebensowenig legen sie ihre oft kostbaren Hal-bänder, Arm- und Sußspangen ab. Im Gegenteil, durch die Berührung mit dem heiligen Strome erhalten auch diese Sachen, die ihnen lieb und wert sind, ihre besondere Weihe. Dem eigentlichen Bade geht eine lange Vorbereitung voraus. Mit den Singer- spitzen wird zuerst Wasser aus den blinkenden, schöngesormten Metallgefäßen, die jeder Badende mit sich bringt, entnommen, die Tropfen in der flachen Land gerieben und Augen. Wangen, Stirne und Brust bestrichen. Hieraus wird das Haupt mit dem kostbaren Naß bespritzt, die Sußsohlen reibt man an den Steinfließen ab. und dann erst darf in den heiligen Strom gestiegen werden, um sich und all seine Sünden im entsühnenden Wasser unterzutauchen. Allerliebst ist's, die Meinen zu sehen, wie ernsthaft sie jede Bewegung Vaters und Mutters nachahmen, wie auch sie eifrig mit der hohlen Hand Wasser aus dem Strome schöpfen und es schlürfen, damit dem inneren Menschen sein Teil zukomme von dem kostbaren Naß. In diese unablässig wechselnden, im ganzen schönen und heiteren Bilder fallen gleich dunkeln Schatten zwei Erscheinungen, die Witwen und die Sakire. Unheimliche Überbleibsel einer barbarisch fanatischen Zeit, stehen sie vor uns. Äußerlich zeichnet sich die Witwe durch kurzgeschnittenes Haar und Abwesenheit jedes Schmuckes aus. Die Engländer haben zwar mit großer Mühe den schrecklichen Witwenverbrennungen ein Ende gemacht, allein immer noch gilt bei den Hindus eine Srau, die ihren Mann verloren, für eine von den Göttern Gebrandmarkte. Ihr Los ist das denkbar traurigste, von den Schwiegereltern, bei denen sie seit der Verheiratung gelebt, wird sie meistens verstoßen, den eigenen Eltern ist sie im Laufe der Jahre fremd geworden und findet zuweilen auch bei diesen keine Aufnahme mehr. Mittellos, freundlos. ihrer Linder beraubt, steht sie da und fällt in ihrer Not gar so oft dem Laster anheim. Am traurigsten ist das Schicksal der Linderwitwen. wenn auch die englische Regierung gesetzlich verordnet hat. daß ein Mädchen erst nach erreichtem zwölften Jahre in die Ehe treten darf. so wird es doch schon meist im fünften und sechsten getraut. Das kleine Mädchen bleibt zwar die nächsten Jahre im Elternhause, sollte aber in dieser Zeit der Lnabe, mit dem es verheiratet ist, sterben, so fällt ihm das schwere Los einer indischen Witwe aus Lebenszeit zu. Die Eltern behalten zwar das Lind im Hause, aber ihre Liebe ist ihm verloren, es gilt ihnen für ein von den Göttern bestraftes. Ihrem Glauben nach hat es dereinst, vielleicht vor Jahrhunderten, in irgend einer Gestalt seiner Seelenwanderung ein vergehen begangen, für das es jetzt büßen muß. Sein Anblick bringt Unglück, scheu weichen die anderen Linder der kleinen Witwe aus. Äußerlich auch ist die Lleine vorn Unglück gestempelt. Des Lindes scheues traunges Gesichtchen, das kurze Haar. der Mangel jedes, auch des kleinsten schmuckes, dre armseligen Lumpen, in die es gehüllt, scheiden es mit unübersteig- barer Schranke von seinen glücklicheren Altersgenossinnen. -«Dsü., LM c j>Hchenverbre»iumg. (S. 492.) ML3D -rMWWMZ? '-I. L- < - ^M»g»EkH Le- Benares: Ansicht vorn rechten Ufer aus. (2. 49Z.) 492 Reise einer 5chweizerin um die IVeit. In Benares habe ich die ersten Yogin gesehen. Man kennt sie rm Abendlande besser unter dem mohammedanischen Namen Sakir. Einen schrecklichen Anblick bieten diese indischen Asketen, wirr und lang hängt ihr Laar oft bis zu den schultern herab, die blutunterlaufenen Augen schauen aus einem mit Asche weißlich bestrichenen Antlitz ekstatisch unheimlich hervor, den mageren, schmutzigen Leib bedeckt nur das notwendigste Lendentuch. Der eine hat sich einige Kugeln seines Rosenkränze- unter der Laut durchwachsen lassen, ein anderer seine Rechte so lange geballt, bis die Uägel durchs Sleisch gedrungen sind, ein dritter den Arm unablässig emporgehalten, bis er steif und vertrocknet nicht mehr aus dieser Lage bewegt werden kann. sonderbare Leilige einer längst verschwundenen Periode! Abstoßend und doch wiederum rührend und in ihrer Art bewundernswert, denn das Leil ihrer Seele gilt ihnen mehr al- alle Güter der Welt. Langsam bewegte sich unser Boot in der Richtung des Manikarnika-Ghats. Rauchsäulen und Brandgeruch kündigten uns von weitem die Nähe jener Stätte an, wo der fromme Lindu „sich in die Elemente auslöst", d. h. wo er verbrennt und seine Gebeine in den Sluß geworfen werden. Aus der Sahrt an den Ganges waren uns zwei Leichenzüge der einfachsten Art begegnet. Auf einer schmalen, an zwei langen Bambusstangen befestigten Matte ruht der Tote, mit einem leichten Tuche umhüllt, weiß, wenn ein Mann, rot, wenn eine Srau darunter liegt. Mit eiligem Schritte tragen ein paar Männer den vor wenigen Stunden erst Dahingeschiedenen. Die eine der Leichen wurde, als wir an den Ghat heranführen, soeben in die Sluten des heiligen Stromes getaucht. Zugleich schöpften die Umstehenden Wasser in der hohlen Land und bespritzten damit das Antlitz des Toten, eine Sitte, die mich an das europäische Erdschollen aus den Sarg werfen erinnerte. Unterdessen ist der Scheiterhaufen gerüstet. Der Tote wird hinausgelegt und so mit Lolz bedeckt, daß nur noch die Süße sichtbar sind. Der Mann, welcher, in weißes Linnen gehüllt, sich jetzt nähert, ist, wenn nicht der Sohn, so doch der nächste verwandte oder Sreund. Ihm liegt es ob, den Scheiterhaufen an allen vier Enden in Brand zu setzen, worauf er denselben, die lodernde Säckel in der Land, mehreremal zu umschreiten hat. Die Ausübung dieser Pflicht hat ihn zum Unreinen gemacht, während der nächsten zehn Tage wird niemand mit ihm verkehren, täglich muß er innerhalb dieser Zeit mehrmals Gpfer darbringen und im Ganges baden. An: Ende dieser Periode hat er sich überdies noch einer großen Reinigungszeremonie zu unterwerfen. Unterdessen lag die zweite Leiche, die Süße vom heiligen Strome umspült, neben einer anderen- unbeachtet am Strande. Den roten Tüchern nach sind beides Srauen, gehören also zu dem Geschlecht, welches nach der Meinung der Lindu „jeder Zucht spottet, und deren verstand geringes Gewicht hat", vielleicht ist dies die Ursache der Vernachlässigung, vielleicht auch gehören sie zu den Armen. In dem Salle wird nur das ganz unumgänglichst notwendige Lolz aus sie geschichtet werden und nicht gewartet, bis die Leichen völlig verkohlt sind. Kaum ist das Seuer verglommen, so kehren die „Totenbesorger" Asche und halbverbrannte menschliche Überbleibsel zusammen MWi ? s M MG MW8 Große Moschee in Benares. (S. 4ZZ.) « !» M>!^ - ^ KE Die heilige Ltadt Lenares. 4ZZ und schütten oder stoßen das ganze in die sündentilgende Äut. Dicht daneben baden Männer und Srauen. Unbekümmert schlürfen sie das Wasser, auch wenn Leichenteile an ihnen vorbeischwimmen. Den ganzen Tag, von früh bis spät, lodern am Manikarnika-Ghat Scheiterhaufen, werden Leichen die steinernen Stufen hinuntergetragen zum letzten sündentilgenden Bade. wie heute ist's seit Jahrtausenden gewesen, wird so bleiben vielleicht bis zum Ende der Welt. Auch der heilige Ganges ist unvergänglich. Die Götterbilder alle, die Sühn- und Dankopfer, welche ein Geschlecht nach dem andern unter heißen Gebeten in seine Tiefe versenkt, bewahrt er treu in seinem Schoße, und immer wieder wälzt er in seinen Sluten neue Blumen-, neue Leichenteile, neue auf langen Papierstreifen geschriebene Gebete rastlos dahin. Der Ganges besitzt in Benares eine Breite von 526 Meter, ist also ungefähr wie der Rhein bei äiiöln. wenn die mächtigen Himklaja-Gletscher im Hochsommer etwas zu schmelzen beginnen, schwillt auch der Äuß an und verbreitert sich bis zu einem Kilometer. Gde und verlassen liegt sein rechtes Ufer, dort zu sterben verleiht keine Heiligkeit. Nur der Maharadscha von Benares scheint kein Gewicht darauf zu legen, denn sein Palast, den wir im Laufe des Tages besuchten, liegt am Südufer des Ganges. Mit Ausnahme der schönen Aussicht war in der im schlechten Geschmack europäisierten Residenz wenig zu sehen. Zwei Genfer Spieluhren wurden uns mit besonderem Uachdrucke gezeigt. Sie bildeten offenbar den Stolz und das Entzücken der Dienerschaft. Lehren wir zum linken Ufer des Ganges zurück. In der Reihe der indischen Tempel und Paläste hat sich ein großer, fremdartiger Bau gedrängt. Seine zwei schlanken Minarets überragen die ganze Stadt, eine Moschee bildet somit — seltsame Ironie des Schicksals — das Wahrzeichen Benares, der Hochburg des Brahmanismus. Auch ist ihr Anblick dem frommen Hindu ein beständiger Greuel. Da der Hos zwischen Mauer und Moschee den Brahmanen gehört, gereicht es diesen nicht zur geringen Genugtuung, den Mohammedanern den Eintritt durch das Haupttor verbieten zu können und sie hiermit zu nötigen, durch ein Seitenpförtchen in ihre Moschee zu schlüpfen. Dieser Eingang versinnbildlicht genau die jetzige Stellung des Mohammedanismus in Benares, welcher im XVII. Jahrhundert den Hinduismus aus einige Zeit vertrieben hatte. Aurangseb, Großmogul von Hindostan (1658—1707), der gewalttätig-fanatische Enkel des milden, toleranten, großen Akbar, hat diese Moschee an Stelle eines wundervollen, indischen Tempels den Hindu zum Ärger erbauen lassen. Der Herrschaft Aurangsebs und seiner Nachfolger ist es überhaupt zu verdanken, daß das alte Yogin oder Fakir. «ES 494 Reise einer Schweizerin um die Welt Benares keine kunstvollen Tempel und Paläste aus früheren Zeiten mehr besitzt, sie wurden damals alle vernichtet. Stundenlang waren wir langsam stromauf und -abwärts gefahren, ich konnte mich von dem eigentümlichen eigenartigen Bilde nicht losreißen. Die allmählich beinahe unerträglich heiße Sonne, die Blendung des Wassers mahnten daran, den schatten der Stadt auszusuchen, und nach stürmischer Verhandlung mit den sechs Ruderleuten, von denen jeder ein Lrtra-Bakshish beanspruchte, vertauschten wir das Boot wieder mit dem wagen. Zunächst fuhren wir zum „Goldenen Tempel". Ein Gäßchen mit einem Gewirr von malerischen und unmalerischen winkeln, von Blumenverkäusern und anderen Menschen, die uns alle anbettelten, alle aus uns einstürzten. so war der erste Eindruck! von Betrachten der Architektur keine Rede! Jemand schob uns die Treppe hinauf. Unmittelbar vor uns stehen zwei hohe. spitz auslaufende Türme und eine runde Kuppel in Sorm der umgestülpten Lotosblume. Alle drei sind mit Kupferplatten bedeckt, über welche sich eine massive Vergoldung zieht. „Goldenes" gibt's sonst nichts hier zu sehen, nur Schmutz und Götzendienst in der niedrigsten, traurigsten Gestalt, wir bedauern es auch keineswegs, nur durch eine Maueröffnung in den angrenzenden Tempel schauen zu dürfen, wo eine bunte Menschen- und Kuhmenge durcheinanderwogt. Ja Kühe: Sie gelten hier für heilig, besitzen eigene Tempel, laufen frei und ungehindert in der Stadt herum, wenn sie Lust haben, und kehren, wenn sie müde sind, in ihre Tempel zurück. Schon in aller Srühe, bevor sie ihren eigenen Morgen- imbiß zu sich nehmen, pflegen Brahmanen die heiligen Tiere zu füttern. Täglich schmiert das Linduweib Türpfosten und Mauern ihrer Lütte mit Kuhmist ein, als Mittel gegen böse Geister, wo Kühe über Rächt lagern, gilt der Platz für „rein", natürlich im religiösen Sinne, und der Sterbende, welcher den Schwanz einer Kuh festhält, wird leichter dahinscheiden und zudem freier von Sünden drüben ankommen. Auf den Ghats schon hatte ich mit Erstaunen die vielen weißen Kühe gesehen, jetzt fanden wir eine Anzahl ihrer Schwestern, die in den Kolonnaden des Kuhoder Annapurna-Tempels „Tisfin" hielten. Hier auch war es uns Ungläubigen nicht gestattet, die erste Schwelle zu überschreiten. Zudem stand jedes verlangen darnach in uns still; der Schmutz, respektive „Mist", hätte einem unserer bernischen Kuhställe ältesten Systemes alle Ehre gemacht. An Steinbildern jeder Art, wobei Stier- und Kuhdarstellungen noch die anständigsten sind, herrscht kein Mangel. Volk und Priester werden nicht müde, ihnen Opfer zu bringen und sie mit Blumenkränzen zu schmücken. Letztere Sitte haben die findigen Priester auch aus die voraussichtlich bakshishspendenden Sremden übertragen. Soeben hatte mir ein schmieriger Brahmane einen goldigleuchtenden Tagetes- Blumenkranz über den Kopf geworfen und stürmisch dafür Bakshish gebettelt, wir Bei der Toilette. Der goldene Tempel. (S. 4S4.) 4Z6 Reise einer Schweizerin um die Welt. waren einige Schritte weiter gegangen, da verfolgte mich zum nicht geringen Schrecken meines Reisegefährten ein Stier. Ich nahm dies gelassen hin. ahnte nur doch. daß es keineswegs mir, sondern meinem schönen, frischen Kranze galt. Nachdem dieser erobert und gefressen, trollte denn auch das Tier harmlos und friedlich ab. Ganz nahe vom „Goldenen Tempel" ist der hochheilige kup, der „Brunnen des Wissens", eine Zisterne, in welche beständig Blumenopser geworfen werden und deren zersetztes, übelriechendes Wasser mit Hochgenuß von den Hindus getrunken wird. Man wundert sich, daß die ganze Gesellschaft nicht an Cholera und Lpphus dahinstirbt. Mein Reisegefährte mußte sich nicht nur der Schuhe, sondern auch der Strümpfe entledigen, um einen Blick in die Tiefe der Zisterne zu tun und dabei eine Nase voll „Parfüm" einzuatmen. Mir als untergeordnetem weiblichen Wesen war's von vornherein untersagt, hinunter zu schauen in den Brunnen der Weisheit. Ich betrachtete mir unterdessen, wie die zahlreichen Pilger sich die Knie an den Säulen und Gittern rieben, ihr Haupt mit Wasser bespritzten und Reiskörner und Blumenblätter aus die Erde warfen. Andere ließen sich durch Priester die Kastenzeichen auf die Stirn malen, weiß, rot, gelb, je nachdem sie sich zu Brahma, ^iva oder vishnu bekannten. Unaufhörlich wurde an eine Glocke und einen anderen kranzartigen Metallgegenstand geschlagen, und diesem Getöse vermischte sich das wahrhaft sinnverwirrende Geschrei der sich zum Brunnen stauenden und stoßenden Pilger und Bettler. Glücklich und geborgen fühlte ich mich daher erst wieder im wagen. Unsere uächste Station war der Durga- oder Asfentempel. Durga, auch Kali genannt, der Schwerzugänglichen, der finsteren Gattin ^ivas, die jeden Tag blutige Ziegenopser fordert, ist dieser Tempel geweiht. Zugleich bildet er die Heimstätte der Assen, von denen eine Klasse wenigstens, die Hum-man (SoinnopitksLus eutellus), in Indien zu den heiligen Tieren gezählt wird. Die „Vettern", wie die Inder sie nennen, vermehren sich in Benares im Vollgefühl ihrer Unverletzbarkeit und Heiligkeit wahrhaft erschreckend, so daß hie und da eine Massenausweisung stattfinden muß. Da die Lingebornen die Tötung hei- lrger Affen sehr übel vermerken würden, darf dagegen an einen Massenmord nicht gedacht werden. In dieser Beziehung tut die englische Regierung ihr möglichstes, um die Gefühle der Hindu nicht zu verletzen. Die Richter sind angewiesen, jeden aufs strengste Wasserträger. r I«» l >-»*» ^*!> verbrmnungsstä'tte Benares. (S. 492.) GxtzW Ire heilige Ltadt Lenares. 4S7 zu bestrafen, der sich ein heiliges Rindvieh aneignen oder gar es schlachten würde. Überall auf dem Lande stehen Verzeichnisse der den kindu heiligen Tiere angeschlagen mit hoher Strafandrohung, falls eines erschossen oder sonstwie getötet würde. So ist denn das einzige Mittel, sich der Affen zu entledigen: Luftveränderung. Daß diese jedoch nicht immer zum Ziele führt, beweisen folgende Anekdoten: Line Anzahl „Vettern" wurden einst sorgfältig in verschiedene geschlossene Ghäri verpackt und aufs Land hinausgefahren, um dort ausgesetzt zu werden. Offenbar aber betrachteten die Affen dies als einen zu ihrem Vergnügen veranstalteten Ausflug, eine nette Aufmerksamkeit der englischen Regierung, und als die lvagen leer heimwärts fahren wollten, hockten sie hinten auf und kamen wieder vergnügt nach Benares zurück. Die Mischer hatten es natürlich nicht gewagt, die „keiligen" mit dem Stocke wegzujagen. Lin andermal versuchte man's zu lvasser und setzte die braunen Gesellen aufs rechte unbewohnte Ufer des Ganges. Nachdem sich die armen Vettern dort mehrere Tage grausam gelangweilt und dazu ihr gewohntes reichliches Sutter schmerzlich vermißt hatten, faßten sie eines schönen Morgens einen raschen Entschluß. Sie überfielen und erschreckten den Sährmann — damals gab's weder Schiff- noch Stahlbrücke — dermaßen, daß dieser, der großen Überzahl nachgebend, sie auf der offiziellen Fahrgelegenheit wieder nach Benares übersetzte. Mas gegenwärtig geschieht, um den allzu großen Affensegen einzudämmen, weiß ich nicht. In langer Reihe hockten sie hoch oben auf den roten Mauern des schönen Tempels, während andere — im ganzen mochten's zweihundert sein — in Gesellschaft einiger Kunde und Ziegen uns entgegenliefen. Stürmisch bettelten die Tiere, stürmischer noch die Priester, so daß ich außer stände war, mir die Architektur des Tempels anzusehen. Mährend mich die Affen nicht wenig belustigten, war mir die freche Zndringlich- keit der Priester höchst unangenehm. Ungebildet und unverschämt, von dem Aberglauben und der Dummheit des Volkes und der Sremden lebend, gehören die Tempelpriester in Denares zu den niedrigsten aller Brahmanen und werden nicht nur von ihren gelehrten Mstenbrüdern, den panditen, sondern sogar vom Volke verachtet. Mie die Priester, so ist auch die Religion zu einem rohen, wüsten, niedrigen Setischdienst ausgeartet, in dem keine Spur von den idealen Göttergestalten des Rigveda, noch dem ernsten Suchen nach einem unbekannten Gotte zu finden ist. von der aus. dem Brühman entstandenen Dreieinigkeit: Brahma, Vishnu, - - ^ y^OHMW >' >' f ^ ,. ,»> - 'MLar. ^-v, Imambara und Moschee in Qlcknorv. (S. Z06.) Lucknow und Lawnporc, eine Erinnerung an den Militäraufstand 18Z7. Z03 1763 zu entreißen, sondern auch ihre Herrschaft am uitteren Ganges zu erweitern und zu befestigen. Klug wußte sie dabei, die zwischen Großmogul und tributären Sürsten und Statthaltern entstandenen Zwistigkeiten zu ihrem Vorteil auszunutzen. In den Jahren 1800—1820 folgte die Unterwerfung der Mahratten nach langwierigem Kriege, 1826 diejenige eines Teiles von Birma. In dem ersten afghanischen kriege erhielten die Briten zwar eine Schlappe, allein schon ein Jahr daraus, 1843, wurde das Land des Emir von Sindh durch sie erobert und zur englischen Provinz gemacht. von 1843—1849 lagen sie im kriege mit den Silrhs, deren Land ebenfalls genommen wurde, und so kau: das ganze pendschab unter britische Macht, von 1848—1836 folgten noch eilte ganze Reihe Gebietserweiterungen, worunter das Königreich Gudh die bedeutendste war. Mas die Beziehungen der Säst Inctin Tom- x>ur>^ England gegenüber anbetrifft, hatten sich diese vollständig verändert. Die Gesellschaft war im Lause der Jahre allzu übermütig und allmächtig geworden, und 1874 wurden ihr zur Strafe für ihre Mißwirtschaft alle souveränen Rechte entzogen. Im Jahre 1814 behielt sie nur noch das Monopol für den Tee, während der übrige Wandel allen Briten freigegeben wurde. Nicht genug damit; in Indien bildeten sich Volksvereine, und 1836 wurde eine Petition an das Parlament abgesandt, die Macht der Compagnie ganz zu beseitigen. Der Aufstand der Sepops steigerte noch die feindselige Stimmung gegen die Gesellschaft, und es erfolgte 1838 die Annahme eines neuen Gesetzes für Indien, wonach die Herrschaft der Compagnie unmittelbar an die Krone England überging. Die iVImin^, der furchtbare Militäraufstand im Jahre 1837, welcher sich teilweise in Lucknow abspielte, hatte sich seit Jahren vorbereitet. Man klagte, die Verträge mit den einheimischen Sürsten würden nicht gehalten, die Besteurungen würden von Jahr zu Jahr drückender, die Beamten, Richter und Offiziere saugten das Land aus und behandelten die Eingeborenen zudem mit tiefer Verachtung. Diese Umstände alle hatten im ganzen großen Reiche einen brennenden Haß gegen die fremden Herrscher erzeugt und einen Zündstoff gehäuft, der bei der ersten Veranlassung in Stammen aus- brechen mußte. Es bildete sich eine geheime Verschwörung, an welcher die sonst einander feindlichen Mohammedaner und Hindu sich mit gleichem Eifer beteiligten. Diese Verschwörung war um so gefahrvoller, als sie Eingang in die Armee gefunden hatte, die weitaus zum größten Teil aus Eingeborenen, Sepops, bestand, die. mochten sie an Mohammed oder an die Götter der Brahmanen glauben, im fanatischen Haß gegen die christlichen Unterdrücker übereinstimmten, waren doch alle höheren Militärstellen in den Händen der Europäer, die voll Stolz und Übermut sich von den Eingeborenen Dindu-Fraucn. S06 Reise einer Schweizerin um die Welt. absonderten, in Luxus und Üppigkeit dahinlebten und sich um das Wohl der Inder nicht im geringsten kümmerten. Nur ihrer wenige vermochten sich mühsam aus der großen Masse der Gemeinen auf die unteren Stellen emporzuschwingen, und nur hie und da erlangte der eine oder andere im Alter den Hauptmannsrang. Ein Umstand eigener Art förderte den Aufruhr im Heere. Man hatte neuerding- Cnfieldgewehre eingeführt, die Patronen dazu wurden mit Schweineschmalz und Rindertalg gefettet. Da den Mohammedanern das Schwein ein Greuel, den Hindu das Rind heilig ist, verletzten diese Patronen gleichermaßen die Gefühle der Angehörigen beider Religionen. Der Ausstand begann am 9. Mai 18Z7 in Mirut bei Dehli und breitete sich bald über die Garnisonsstädte Uord- und Mittel-Indiens aus. Erst im Jahre 18Z9 konnte er ganz unterdrückt werden, und die Grausamkeit der Engländer stand jetzt derjenigen der Inder kaum nach. Lucknow, die Hauptstadt des erst ein Jahr vorher annektierten Königreichs Gudh, wurde der Schauplatz einer monatelangen Belagerung. Lucknow oder Lakh- nau ist mit seinen 280,000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des britisch-indischen Reiches. Ihre Sehenswürdigkeiten verteilen sich in die Spuren jener denk- Nehlmahlende Lindu-Frau. würdigen Belagerung und in die ganz modernen Bauten der ehemaligen llkönigsstadt, welche ein wunderbares Gemisch von französisch-italienischem Stile bilden. Schon in aller Srühe fuhren wir zur Imambara. einem mohammedanischen Riesenbau, mit Moschee, weitem Hofe und tiefem Marmorbrunnen, von da zum Laiserbagh, einem viereckigen, schön gehaltenen Gartenplatz, um welchen sich die Palastbauten ziehen. Sie müssen mir entweder sehr wenig Eindruck gemacht, oder ich muß an jenem Morgen besonders abgestumpft gewesen sein. denn sowohl Tagebuch als Gedächtnis schweigen vollständig darüber. Auch die verschiedenen Moscheen und lläönigsgräber ziehen in so unbestimmten Umrissen an mir vorüber, daß ich eine Beschreibung gar nicht unternehmen mag. Als deutliches Bild stehen nur die englische Residenz, der barocke Bau der Martinidre und verschiedene Baghs, d. h. Gärten, vor mir. prachtvoll, meist auf hügligem Terrain angelegt, wetteifern Kunst nnk 77 ntnn in i,aa„,-rmas-n. ye-ruey- stark- hervorzuzaubern. Auch hier. wie in Singapur, büd-t d,- dunir-lrot- -rde -inen schonen Kontrast mit d.n, saftigen Lrun de- Rasen-. MZL KUM Lanketthalle in Lucknow. (2. Z09.) MckWWM' -MLtzLZ ÄAE KHM- K«O Z08 Reise eurer 5chweizerm unr die Welt. den dunkeln eleganten Araukarien und den in jedem Windhauch sich bewegenden, feingefiederten Palmen. Rot schimmerten dazwischen poinsettia- und Slamboyant- Bäume, und feurig in purpurner Sülle rankte sich an jede Mauer, jedes. arten- tempelchen die Schmetterlingsblüte der NouAuinvilleu. 1Vin§kisläs-park gebührt die Krone unter den Gärten Lucknows. Das eigentümlich barocke vieltürmige Schloß, welches weithin sichtbar aus hohen Bäumen emporsteigt, ist die Martinidre. der Phantasiebau des Sranzosen Martin, wie ein indisches Märchen klingt die Geschichte General Martins, des Sohne- eines Böttchers aus Schon, welcher als gemeiner Soldat nach Indien kam und allmählich immer höher stieg, bis er zum Range eines Generalmajors gelangte, --zugleich mit seiner Stellung wuchs auch sein Reichtum, was er anrührte, verwandelte sich gewissermaßen in Gold, und bald kam er in den Sall, dem Nabob von Gudh, in dessen Dienste er 1716 getreten war, bedeutende Summen zu borgen. Dies und erfolgreiche Indigo- Kultur machten ihn zum steinreichen Manne. Man erzählt, der Jakob hätte ihm für die Marti- nidre eine Million Pfund Sterling angeboten. allein beide starben, bevor der Bau ganz vollendet war. Sein großes vermögen bestimmte General Martin in seinem Testamente zur Gründung einer Erziehungsanstalt. Als die Martiniöre im Jahre 1800 vollendet war. zogen über 100 Knaben in den Neubau, und seit dieser Zeit werden hier jeweilen ISO bis 200 mittellose Europäer und Halteust-Knaben zusammen unentgeltlich erzogen. Das Grab de- General- liegt in der Krypta der Kapelle. Bei dem Ausstande haben die Rebellen es geöffnet und die Gebeine zerstreut. Die Engländer konnten sie jedoch wieder zusammenbringen, und 1865 wurde das Monument erneut. Es stellt einen Marmorgrenadier vor. welcher einen einfachen Sarkophag behütet. Dann fuhren wir nach der Kesiäen^ oder Luilie Quurä, in welcher vom 16. Mai bis zum 23. November 18Z7 1800 Mann und 800 brauen und Kinder in täglicher Todesgefahr, unter Krankheit und Entbehrungen aller Art. eingeschlossen waren und sich gegen 15,000 Rebellen zu verteidigen hatten. Lady Inglis, die Gattin des Befehlshabers jener Garnison, hat ihr Tagebuch aus jener Zeit veröffentlicht. Lailie-Tor in Lucknow. Lucknow und Lawnpore, eine Lrinnerung an den Militäraufstand 1SZ7. SOS Mit ihren drei kleinen Mindern gehörte sie zu den Belagerten der Residenz. Sie sah ihre Sreunde dahinsterben, litt Mangel aller Art und erkrankte dabei noch an den Pocken, wie viel Leid, Blut, Krankheit und heldenmütige Aufopferung stehen in den schlichten, einfach geschriebenen Zeilen! Ich hatte das kleine Buch wenige Wochen vor meiner Abreise gelesen, und als ich durch das Bailie-Tor den Schauplatz jener furchtbaren Tragödie betrat, vermeinte ich, schon einmal in der Residenz gewesen zu sein. Geradeswegs schritt ich aus das Haus Dr. Saprers zu, wo der Generalmajor, Sir Henrp Lawrence, der tapfere, edle, fromme, erste Verteidiger jener Garnison, den 4. Juli 18Z7 den Heldentod erlitten. Die verschiedenen Gebäude, aus denen die Residenz bestand, sind in einem großen, 64Z Meter langen park zerstreut. Lin Hauch von Srieden, von Feierlichkeit herrscht hier, als stände man auf geweihtem Grund. Unwillkürlich tritt der Suß leiser aus und die Stimme fällt zum Flüsterton herab. Nur die englische Slagge oben auf dem Turme rauscht laut im winde. Die Slagge, welche auch während jener Schreckensmonate der Belagerung niemals von ihrem Standort verschwunden war. Und diese Ruinen, die beredtesten, rührendsten, die ich gesehen, die stummen Zeugen jener furchtbaren Zeit! wie die Wunden in den Herzen der am Leben Gebliebenen allmählich vernarbten, so hat sich auch an das zerschossene und zertrümmerte Gemäuer leise und lind grünes Zweigwerk geschmiegt. Marechal Mel-Rosen ranken in üppiger Sülle an Pfeilern und Säulen empor, und die purpurne lZouAuiuvilleu, mein Liebling, quillt wie ein Blutstrom an den Mauern hinunter, was könnten sie alles erzählen, die stummen Steine der großartigen Banketthalle, die, der Schauplatz fröhlicher Gffiziersgelage, jetzt während der Belagerung in ein Hospital verwandelt wurde. Tod, Jammer und Schmerz zogen hier ein, und kein Chloroform war mehr da, um die Dualen der armen Verwundeten zu lindern, ihre Schmerzen zu betäuben! wir durchwanderten wie im Traume die verwüsteten Häuser, schritten über den grünen Rasen, unter den so viele Minen gelegt worden waren, zogen um die Verschanzungen, erstiegen den. Hügel, den ein großes, marmornes Lrinnerungskreuz schmückt, und standen lange auf dem Turme, von welchem aus man das ganze Belagerungsterrain überblicken kann. Zu unseren Süßen lag ein kleiner, überfüllter, wohlgepflegter Sriedhof. Dort schlummern zweitausend Männer, Srauen, Minder der Auferstehung entgegen, die englischen Gpfer der schrecklichen Nutin^. Lin ganz Beerdigung eines Armen, für welchen die Mittel zur Verbrennung fehlen, 27 Lentimcter tief unter der Erde. A 10 Reise einer Schweizerin um die Welt. einfaches Monument bezeichnet das Grab Sir Henry Lawrence-, ^chon mit dem Tode ringend bat er, ihm folgende Inschrift zu sehen. Hier liegt Heinrich Lawrence. welcher versucht hat, seine Pflicht zu erfüllen. Gott sei seiner Seele gnädig! Geboren den 28. Juni 1808. Gestorben den 4. Juli 18Z7. Drei Monate lang harrten und hofften die Belagerten auf Hülfe. Endlich, Ende September, traf sie ein. die kleine Heldenschar des Generals Havelock, welche von Kalkutta aufgebrochen war, um den bedrängten Massengefährten beizustehen. Durch Sümpfe und Morast, durch Barrikaden und Haufen von Rebellen führte ihr Meg. Cholera und Lieber hatten sich an ihre Sersen geheftet, und ein heftiger Kampf bei Latehpur ihrer gewartet. Als Sieger gingen sie daraus hervor. Schrien doch auch Cawnpores Greuel um Rache. Endlich stieß General Gutram mit Verstärkungen zu Havelock, und Ende September erreichten sie Lucknow. Aber noch hatte die Erlösungsstunde nicht geschlagen. Mährend die Zahl der Rebellen in der Stadt immer größer geworden, war die Garnison in der Residenz täglich geschmolzen. Havelock und Gutrain hatten nicht mehr als 2600 Mann mit und schlugen sich daher mit schweren Verlusten durch zu den Eingeschlossenen, welche sie als rettende Engel jubelnd begrüßten. Bald gelangte man jedoch zu der traurigen Erkenntnis, daß es unmöglich sei, mit der geringen Mannschaft, mit all den Lrauen, Kindern und Kranken die Schwärme der Rebellen zu durchbrechen. Man mußte sich entschließen, gemeinsam neuer Verstärkungen zu harren. Täglich waren indessen die Rationen kleiner, die Belagerten erschöpfter geworden. Da endlich kam die Rettung: Sir Eollin Campbell mit 2000 wohlbewasfneten Soldaten. Die Zitadelle wurde gestürmt, die so lange Eingeschlossenen den 2Z. November befreit. Acht Tage später starb General Havelock an der Cholera. Erst im März 18Z8 konnte nach fünftägigem, mörderischem Kampfe die Stadt Lucknow erobert werden. Lurchtbar war die Rache der Engländer, zu Hunderten ließen sie die Sepoys vor die Kanonen binden und „wegblasen", oder am Galgen sterben. In mannshohen Haufen wurden die Leichen aufeinandergeschichtet. Mit wunderbarer Kaltblütigkeit ertrugen die Rebellen Marter und Tod. ja. sie drängten sich vor die Mündung der Mordgeschühe, um desto rascher des verzweislungsvollen Daseins ledig zu werden. Mit Trauer im Herzen verließ ich das seht wieder stattlich aufblühende Lucknow» welches vor ZZ Jahren so viel Tod und Tränen gesehen, und füglich hätten wir unsere nächste Station Cawnpore (Khanpur, beiseite lassen können, denn sie sollte uns auf neue Gräber, zu neuen Stätten des Greuels bringen. Räch kaum zweistündiger Lahrt, die uns unmittelbar vor Erreichung des Ziels auf langer Brücke nochmals über den Ganges führte, waren wir in Cawnpore Da unser Reisebuch den dortigen Gasthöfen wenig Lob zollt, beschlossen wir. wie die Reisenden es meistens tun. einen Zug zu Überschlagen, vier oder fünf Stunden in Rinnen der Residenz in Qlcknorv. (S. 608.) §12 Reise einer Schweizerin um die Welt. Eawnpore zu weilen und dann zu der freilich ungemütlichen Stunde von ein Uhr nachts in Agra einzutreffen. Durch zollhohen Staub wateten wir dem kleinen l?>otel gegenüber dem Bahnhöfe Zu. Es lag buchstäblich in Assen gebettet, freilich waren die schönen Blumen nahezu bis zur Unkenntlichkeit mit einer weiszen Schicht überzogen. Schon in Lucknow hatten wir viel Staub geschluckt, und von nun an sollte er eine unserer Plagen in Indien bilden, wenn ich daran zurückdenke, werde ich mich hier niemals mehr über den Staub beklagen, was ist er im Vergleich zu demjenigen eines Sandes, wo es monatelang, in einigen Gegenden jahrelang nicht regnet? Ein wagen war bald bei der H>and, und nun begann eine Wallfahrt von einer Grab-, einer Erinnerungsstätte zur andern. Ungeheißen hielten der Lutscher, ja, mir schien auch die Pferde vor jeder Inschrift, sie waren es so gewohnt. In Eawnpore hat die Llutin^ am gräßlichsten gewütet. Aier stellte sich Uana Sahib, der Sohn eines Brahmanen im Dekhan, den der letzte peschwa der Mahratten an Lindesstatt angenommen hatte, an die Spitze der Empörung. Er war ein kluger Mann, der europäische Bildung besaß, die Engländer aber glühend haßte, weil sie seine Ansprüche auf das Erbe seines Adoptivvaters nicht anerkennen wollten. Den 6. Juni 18§2 begann er, die kleine Garnison mit ihrem Lommandeur Sir K>ugh wheeler, zu belagern. In aller Eile hatte dieser in ein durch Lolzbuden und Gruben flüchtig befestigtes Lager etwa tausend Engländer, worunter mehr als die Gesellige Vereinigung. Straßenleben in Lawnpore. ^ V .»»> L'WÄ^Ü'M »;Äd'»»S5SL'^. s KKM r«M«M Lucknow und Lawnpore, eine Erinnerung an den Militäraufstand 1SZ7. Z1Z Hälfte Srauen und Minder waren, unter den Schutz von 300 Soldaten gestellt. Drei Wochen lang ertrugen die Belagerten Hunger, Erschöpfung und einen erbarmungslosen Kugelregen, der von allen Seiten aus sie einfiel. Die Toten wurden von ihren Leidensgenossen in einen tiefen Brunnen innerhalb der Befestigung gelegt, und ihre Zahl stieg auf 2Z0. Ein Kreuz bezeichnet die Stätte und eine Inschrift überliefert ihr Andenken der Nachwelt. Am 27. Juni versprach Nana Sa- hib General wheeler, falls er kapituliere, freien Abzug ihm und seinen Schutzbefohlenen gewähren zu wollen. Mit Angst, von trüben Ahnungen erfüllt, verließen etwa 4Z0 Personen das Lager und begaben sich an das User des Ganges, wo Kähne in Bereitschaft lagen, um sie stromabwärts zu führen. Kaum aber hatten sie die Sahrzeuge bestiegen, so wurden sie mit Feuerkugeln beschossen, wodurch diese in Brand gerieten. Allen drohte der Tod in der schrecklichsten Gestalt; wer den Stammen oder den Wellen entrann, fand seinen Untergang durch Slintenschüsse und die Säbelhiebe der Sepoys. vier Männer nur konnten sich durch Schwimmen retten, sie allein blieben lebendige Zeugen des furchtbaren Blutbades in Lawnpore. Uana Sahib hatte zwar inmitten der Metzelei Befehl erlassen, keine Srauen mehr zu töten, und infolgedessen waren bei 1Z0 verwundete und halb ertrunkene Srauen und Kinder in die Stadt zurückgebracht und im sogenannten gelben Haus eingesperrt worden, nur um etwas später um so gräßlicher hingemetzelt zu werden. General wheeler und seine Soldaten waren unterdessen gefangen nach Tawnpore geschleppt worden, wo sie der Reihe nach aufgestellt und, sich die Hände reichend, sämtlich erschossen wurden. Aber jetzt nahte die Vergeltung. General Havelock stand vor den Toren der Stadt. Noch eine Bluttat beging Nana Sahib. Er ließ die wenigen Gefangenen, die noch lebten, und die Srauen und Kinder aus dem „gelben Hause" herausreißen und durch Henker mit Schwertern und langen Messern dahinschlachten. Bald hörten zwar die Schreie aus, allein das Stöhnen klang noch die ganze Dacht hindurch. Am andern Morgen wurden die Toten und die Sterbenden, auch einige nahezu unverletzte Kinder, in einen tiefen Brunnen geworfen. wenige Tage darauf erlitt Dana Sahib und sein Heer eine gänzliche Diederlage. Slüchtigen Süßes eilte der verräterische Heerführer seiner Stammburg Dithur zu, allein L. von Rodt. Reise um die Welt- ZZ Schlangenbä'ndiger. (5. Zlö.) Reise einer Schweizerin um die Welt. Ilammen schlugen ihm dort entgegen, und weiter floh er nach Nepal, wre und wann er aiif dem Wege dorthin zu Grunde gegangen, weiß memand. seine Spur war verloren aus alle Zeiten. lltan begreift den Schmerz, die Wut der englischen Soldaten, als sie in jenen Brunnen hinunterschauten. „Ich sah hinab" — schreibt ein Gssizier — „solch Ungeheuerliches habe ich niemals gesehen und hoffe niemals Ähnliches wieder zu sehen in meinem ganzen Leben. Die Körper waren nackt, die Glieder abgehauen. Ich habe den Tod in allen möglichen Sormen gesehen, in dieses Brunnenloch aber konnte ich nicht mehr schauen." Ein Morden ging los gegen die Sepops. bei welchem ost die rohesten Lenker in Ghnmacht sielen, und Greuel kamen vor, die jenen eben geschilderten kaum nachstehen. Unser Lindu-Lutscher war wohl geschult. Mit Empörung sprach er in seinem gebrochenen Englisch von den Bluttaten seiner Landsleute an den weißen Überwindern, von den Leiden seiner Stammesgenossen erwähnte er kein Wort. wir hatten ihm gesagt, daß wir keine Engländer wären. Kielt ihn dennoch die Surcht ab, eine Lanze zu brechen für seine gemordeten Bruder, oder ist jeder Sunke Sreiheitsliebe und Patriotismus in diesem geknechteten Volke erloschen? wir standen vor dem schrecklichen Brunnen, den die Pietät der Überlebenden in eine liebliche Stätte verwandelt hat. Ein Lügel wölbt sich jetzt darüber, aus welchem ein schönes gotisches Gktogon sich erhebt. In der Mitte steht die weiße Marmorstatue des Engels der Auferstehung. Die Arme über die Brust gekreuzt, hält er in jeder Land eine Sriedenspalme. Auf dem Monumente stehen folgende Worte: „Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal", und darunter: Gewidmet dem ewigen Andenken an viele Christen, besonders Srauen und Linder, welche hier in der Nähe grausam von den Dienern des Rebellen Nana gemordet und sterbend und gestorben vereint in den tiefen Brunnen hinuntergeworfen worden sind den 1Z. Juli 1SS7. Meine Augen füllten sich mit Tränen, kaum konnte ich den Schlich der Inschrift lesen. Noch zu andern Erinnerungsstätten sollten wir geführt werden, allein für mich war das Maß des Traurigen zu viel geworden. „was, Norclskip und Imclyskip, nicht einmal den Ghat, wo die Engländer aus den brennenden Schiffen zu Grunde gingen, wollen Sie sehen", meinte vorwurfsvoll der Lutscher, „klein, wir sind ja keine Engländer, keine Nord- und Nud^skip". „Aber die Sukib und ^lernsukib (Leeren und Damen) lieben es alle, so genannt zu werden, ich tue ja da^, um Ihnen zu gefallen", wimmerte die seile Rosselenkerseele Erst im Lingeborenenviertel kehrte meine heitere Stimmung wieder etwas zurück, und das bewirkten die Vettern, die heiligen Affen. Ihrer fünf oder sechs hockten sie auf einer hohen Tempelmauer. Die mit weißem Laar umränderten Gesichter gaben ihnen eme täuschende Ähnlichkeit mit ehrwürdigen, bärtigen alten Lerren Mit großem Geschick fingen sie die Gaben auf, welche ihnen ihre Gönner auf der Straße spendeten, aber wehe. wenn eine angefaulte Banane, eine schwarze Nuß darunter wär. mit Wucht wurde sie dem unvorsichtigen Geber an den Lopf geworfen unL> verfehlte niemals ihr Ziel. iENM-V KAM K<4s Der SedächtnisLrunnen in Lawnpore. (S. 614.) Sl6 Reise einer Schweizerin um die Welt. Eawnpore ist eine sehr belebte Stadt, die übrigens mehr als 185,000 Einwohner zählen soll. Wie in Benares werden in den engen Straßen des Eingeborenenviertel- alle möglichen Industrien betrieben. Zum erstenmal sah ich hier einen sogenannten 5chlangenzauberer (snuke cliui mer). In einem Korbe hielt er zwei Kobra, die durch Entfernung der Gistzähne unschädlich gemacht zu werden pflegen. Aus den Ton einer Art Slöte hin belebten sich die Eiere sofort, richteten sich hoch empor, blähten den glatten Kops auf und horchten, sich leicht im Takte wiegend, mit Entzücken auf die sanfte Melodie. Als diese verklungen war, legten sich die beiden in ihren Korb zurück. Ein für mich viel jammervolleres Schauspiel war der Kampf einer Schlange mit einem Ichneumon. Letzterer, eine Art Marder, gilt für den erbittertsten Seind giftiger Reptilien. Mit einem Sprunge hatte er blitzschnell die Kobra um den Aals gepackt und ihn anscheinend durchbissen. Tot, starr und steif lag die Schlange lange Zeit da, und ihr Besitzer reichte sie zum Befühlen im Kreise herum. Dann fing er eine lange Beschwörung an und beträufelte mit einer Slüssigkeit die tiefe Aalswunde, welche sich sofort schloß. Abermals wurde zur Äöte gegriffen, bei deren Tönen die Schlange sich neu belebte. Anscheinend gesund wurde sie hierauf in einen Sack gepackt und zu neuer Marter aufgehoben. Natürlich mußten wir als einzige Iremde die Kosten der Unterhaltung allein bestreiten. Neue Tiere wurden offenbar zu unsern Ehren aus Säcken geholt, allein ich hatte genug des grausamen Spiels. Nach gutem Diner verließen wir Eawnpore, kamen mitternachts in Tundla an, woselbst eine höchst unangenehme Umsteigerei unser wartete, und fröstelnd und müde erreichten wir nachts zwischen ein und zwei Uhr Agra, die Residenz Akbar des Großen, die Stadt des Tadsch. Tai Nnha lS. S17.) 'MM MÄMW Agra und Fathepur, die Schöpfungen eines großen Kaisers. Z17 Capitel Z4. Agra unS Faihspur^ Sie Schöpfungen eines großen Kaisers. Der Tadkch. Akbar der Große. Fahrt nach Sikandra. Ziehbrunnen. Akbars Grab. Sein Sarkophag. Musizierende Fugend. Mausoleum des Persers F'ti-madu-daulah. Harmonie zwischen Kunstwerk und Umgebung. Ausflug nach Fathepur-Sikri. Reges Leben aus der Straße. Dak Bungalow. Grab Salim Lhistis. Siegestor. Ein gewaltiger Sprung. Biv Bals Baus. Baus der türkischen Königin. Die drei Frauen Akbars. Mrsams Baus. Baus der Träume, panch Mahal. Biram Minar. Fort in Agra. Palastbauten. Die letzten Fahre Shah Fehans. Der späten Ankunft ungeachtet, fühlte ich mich am folgenden Morgen früh zeitig tatenbereit und munter. Im Gedanken an den Tadsch war jede Müdigkeit verschwunden. Mein Reisegefährte schien weniger bei der Hand. Als ich ihm jedoch von seinen beiden Landsleuten erzählte, die wie wir, von Lucknow und Lawnpore kommend, Agra verlassen hatten, ohne den weltberühmten Tadsch gesehen zu haben, war es ihm denn doch darum zu tun, die Ehre Amerikas zu retten. Als man nämlich jenen zweien auf ihre Irage hin „Mas ist der Tadsch?" geantwortet: „Tin Grabmal", sollen sie gesagt haben: „G, wieder ein Grab, nein, davon haben wir übergenug gesehen, laßt uns lieber aus Pferderennen nach Bombay reisen!" Die beiden haben wirklich Agra verlassen, ohne den schönsten Bau Indiens, das herrlichste Grabdenkmal auf der Welt, gesehen zu haben. Mas ist der Tadsch oder Taj, möchten auch hier manche fragen? Die gewiß etwas unklare, wohl recht unlogische Antwort drängt sich auf meine Lippen: Ziehbrunnen. Reise einer Schweizerin um die Welt. „Denken Sie sich das Herrlichste, was Kunst und weißer Marmor hervorzubringen Kein Bild und noch weniger eine Schilderung, auch von der glänzendsten Leder, kann den wunderbaren Reiz. die überirdische Schönheit des Tadsch anderen klarmachen! Line Schönheit, von der noch nie jemand, wie hoch auch seine Lrwartungeir gespannt sein mochten, enttäuscht sich abgewandt hat. Ja, glücklich derjenige, welchem es vergönnt ist, den Tadsch zu sehen! Ls gibt Landschaften, auch Merke von Menschenhand, deren Anblick denjenigen, welchem er zu teil geworden, gleich einen kostbaren Besitz durchs Leben begleitet. Das fühlte ich angesichts dieses „Traumes in Marmor . Die nämliche Empfindung hatte sich meiner beim Anschauen der wunderbaren Uiagara- Lälle, und einstmal oben auf der Akropolis in Athen bemächtigt. Der Tadsch. das schönste Denkmal trauernder Gattenliebe, befindet sich sonderbarerweise gerade in Indien, dem Lande, wo die Lrau am wenigsten Ansehen genießt. Der Großmogul Shan Jehan hat ihn zu Lhren seiner Lieblingsgattin Arjimand BLnu, oder Mumtaz-i-Mahal, „die Auserkorene des Palastes", wie dieser Raine in der Übersetzung lautet, erbaut. Mumtaz-i-Mahal ist 1629 gestorben; der Bau ihres Grabdenkmals ist ein Jahr später begonnen worden und hat, um gleich mit der leidigen Statistik fertig zu werden, 17, nach anderen gar 22 Jahre gedauert. Man schätzte die Zahl der Arbeiter auf 20,000, die kosten auf nahezu Z2 Millionen Rupien. Aus Iaipur kam der weiße Marmor, China lieferte den Bergkristall, Tibet Türkisen, persien Gnyp und Amethysten, Bagdad Karneolsteine, Ceylon Saphire und Lapis Lazuli, Arabien Korallen, und Indien endlich Diamanten und Granaten. Aus diesen Edelsteinen sind Mosaik und Arabesken entstanden, deren heraldische Blumen sich in köstlichen seinen Girlanden, namentlich um die schneeweißen Marmorwände der Innenräume und die beiden Sarkophage, winden. Koransprüche und feine Linienornamente, meist aus buntem Marmor eingelegt, schmücken die Lassade, und nur am Luße zeigen die weißen aufgestellten Marmorplatten große steife, aber wunderbar gearbeitete Blumen, die weiß im Hochrelief aus dem weißen Stein hervortreten. Im hochragenden Kuppelbau, der sein Licht gedämpft durch die Türe und einige durchbrochene Marmorplatten empfängt, stehen hinter einer herrlich skulptierten, spitzen- artigen Gitterwand die beiden Sarkophage. Ls sind Kenotaphe. d. h. die beiden Toten ruhen nicht hier. sondern in zwei genau diesen entsprechenden Sarkophagen im Untergrund. Die Särge sind mit wunderbaren Intarsien geschmückt, derjenige der Mum- taz-i-Mahal ist der bei weitem reichere, jener Shah Jehans aber etwas höher gestellt. Der Kaiser hat den Gedanken gehabt, auf dem gegenüberliegenden User des Jumna- Llusses einen zweiten Tadsch als Ruhestätte für seine eigenen Gebeine zu erbauen, allein er ist gestorben, als das Werk gerade im Beginne war, und sein Sohn Aurangzeb der schon bei Lebzeiten des Vaters die Herrschaft an sich gerissen, hat ihn einfach an der Seite seiner Gattin bestatten lassen. plötzlich ertönte die Stimme des Hüters dieses Heiligtums hinter uns „Allah". Der Name au- »erg-mgener SÄ erweckte das Echo. Allah Iilana's welch und har- wamich durch den feierlich.» Raum. .Allah- tau,- -- ,a„,-r wieder »au der mit -aipl-, Karneol und kostbarem Gestein verzierten hohen Kuppel. WWW Sathepur. Der vierstöckige Bau links vorn ist pa»rch Mahal. (S. ZZO.) » 8MM MAM LM Z20 Reise einer Schweizerin um die Welt. Die Sassung entspricht der perle. Der Tadsch liegt mitten in einem großen, herrlichen Garten. Leise murmeln die Springbrunnen, die sich in langer Reihe vom hohen Lingangstor bis zum schneeweißen Grabdenkmal ziehen, leise auch flüstern die dunkeln Bäume, die farbenprächtigen, duftenden Blumen. Unhörbarer noch als sonst fällt hier der Schritt des braunen Sohnes Indiens, und auch der Mund des geschwätzigsten Globetrotters wird stumm beim Anblick dieses Wunderbaues. In unvergänglicher Pracht blüht und grünt der Garten Sommer und Winter, und nahezu das ganze Jahr wölbt sich ein tiefblauer, leuchtender Himmel über dem Tadsch. Als ob Himmel und Lrde sich vereinigen wollten, seine Schönheit zu heben. Moschee in Fathepur-Sikri. so verleiht ihm jede Tages-, ja auch klachtstunde einen neuen Zauber. Man weiß nicht, bei welcher Beleuchtung, zu welcher Zeit man dem Tadsch die Palme der Schönheit reichen möchte. Im geheimnisvollen -Zwielicht des kommenden Morgens, in der glühenden Sommerpracht des Tages, im Äammenmeere des untergehenden Helios, im zarten Silberglanze des Mondes zeichnen sich immer neu, immer zauber- voll die klassischen Schönheitslinien der schneeweiß leuchtenden Kuppel, der vier schlanken, gen Himmel weisenden Minarets ab und künden immer wieder aufs neue das Lob jener indischen Sürstin. die ihrem Manne die „Erkorene oder die perle des Palastes" gewesen ist. ' Agra teilt mit D-Hlr den Ruhm. eine der indischen prachtstädte zu sein Ihre Lauten stammen au- der Llanzx-rivd- des Kaiserreiches kindahan und verkündigen .7.2 " ^.'^7 >.' 7 . 7 . 77 - , .>/ Tor zum Grabe Akbars in Sikandra. (5. S22.) Agra und Lathepur, die Schöpfungen eines großen Kaisers. Z21 der Nachwelt nicht nur den märchenhaften Reichtum der Großmoguls, sondern mehr noch ihr feinem Kunstverständnis. Ich weißnicht, welcher Künstler diese indischen Kaiser mit „Titanen verglichen hat, welche den Plan jener Burgen und Bauten entworfen und ausgeführt, sie aber als Goldschmiede und Juweliere vollendet haben". Ein Name tritt leuchtend in ihrer Reihe hervor: Akbar. Den „Großen" haben ihn nicht schmeichelnde Höflinge, sondern die streng abwägende Weltgeschichte genannt. Der Name, welchen ihm sein Volk gegeben, ist eigentlich noch schöner, er heißt: „Hirte des Menschengeschlechtes." Akbar Jelladdin Mohammed, der größte und weiseste aller indischer Kaiser, wurde den 14. Oktober 1542 zu Amarkote in Sindh geboren. Sein Vater Humajun war damals ein unglücklicher Flüchtling, den der afghanische Statthalter Sher Khan des Thrones beraubt hatte. Humajun holte sich in persien ein Heer und gelangte 1ZZ6 mit Hülse desselben wieder in Besitz Agras und Dehlis. Ganz kurz darauf starb er, und der kaum vierzehnjährige Akbar wurde Großmogul. Der Knabenkaiser regierte zunächst unter der Vormundschaft seines Großwesirs Bahram Khan, sehr bald aber machte er sich selbständig, und immer mehr prägte sich in seinem Charakter jene merkwürdige Mischung von Kraft und Weichheit aus. die seine Größe bildete. Gewaltig nach außen, schlug er die Empörer, dehnte seine Eroberungen über das ganze nördliche Hindustan, einschließlich Kaschmir, das heutige Afghanistan, Gudschrat und die Indusländer aus. Nach innen gütig und milde, gerecht, versöhnlich seinen Seinden gegenüber, trachtete er nach allen Kräften, seinem Volke wohlzutun. Er hob die inländischen Getreidezölle auf, befreite die Landarbeiter vom Kriegsdienst, verbot die gewaltsame Eintreibung der Geldgeschenke. Er beförderte Industrie und Landwirtschaft, Kunst. Poesie und Wissenschaft. vor allem aber leuchtet die religiöse Duldsamkeit Akbars hervor, die ihn weit über alle seine Zeitgenossen erhob. Den Hindu und Mohammedanern errichtete er Schulen, auch den Christen zeigte er sich freundlich gesinnt, und den vielversolgten Varsen gestattete er freie Übung ihrer Religion. Akbar war ein Suchender nach göttlicher Wahrheit, von Geburt ein Mohammedaner, widerstand die starre Unduldsamkeit und Ausschließlichkeit der Koranbekenner seinem großen Herzen. An seinen Hof berief er gelehrte panditen, parsi- und Lama- Ziehbrunnen. 622 Reise einer Schweizerin um die Welt. Priester, aus Goa ließ er portugiesische Missionare frommen und die vier Evangelien ins persische übersehen. Aus diesen verschiedenen Religionen hat Akbar sich eine neue gebildet, die er selbst den „göttlichen Glauben" nannte. Dem Christentum und dem Islam entnahm er die Idee des einen Gottes, dem Brahmanismus die Moral der Seelenlehre und den parsen die Lormen ihres Gottesdienstes. Alrbars nach außen so glänzende, glückliche Regierung wurde nach innen durch ungeratene Söhne schwer getrübt. Der Tod hatte ihm swillingsknaben in zartem Alter geraubt, ein dritter endigte als Trunkenbold, und der vierte, Salim, welcher sein Nachfolger unter dem Titel Jehangir werden sollte, empörte sich öfter wider den Vater und verursachte ihm manche trübe Stunde. Akbar ist den 13. Oktober 1606 in Agra gestorben. Sein Grab liegt in dem acht Mlometer entfernten Dorfe Sikandra. Dieses bildete denn auch das Ziel unserer Nachmittags-Ausfahrt. Eine lange, staubige, einförmige Allee führt hin. Staubschwer und grau hängen die Blätter von den Bäumen herunter, und die ganze Landschaft sieht einer IVüste gleich, aus der sich nur hie und da die Trümmer verfallener Grabstätten erheben. IVill sich der Landmann einen grünen Steck, und seiner Samilie Wasser sichern, so muß er einen tiefen Schacht graben und zwei Ochsen anstellen. Diese werden auf einem, zum erhöhten Brunnenrand ansteigenden Lrddamme hin- und Hergetrieben und setzen dadurch das über ein schmales Rad laufende Seil in Bewegung. Das oder die daran befestigten Schöpfgefäße, welche das Wasser aus der Tiefe bringen, bestehen aus großen Lederbeuteln. Akbars Grab liegt in einem schönen, stillen Garten, zu dem, wie beim Tadsch, ein mächtiges Lingangstor führt. k>abe ich seiner bei der Beschreibung des Tadsch nicht erwähnt, so will ich jetzt hier das Sikandra-Tor näher beschreiben und, was noch besser, es im Bilde vorführen. Seiner Größe nach verdient es eher den Namen eines Prunkgebäudes als einer einfachen Eingangspforte. Ein herrlich Kunstwerk fürwahr, aus rotem Sandstein von oben bis unten, mit feinen Ornamenten von weißem Marmor eingelegt und förmlich übersäet! Auch die Minarets, welche sich an den vier Enden des flachen Daches erheben, sind weißer Marmor. H>ohe, steile Treppen, wie alle in Indien, führen auf die Terrasse, die das Gebäude krönt, von hier aus sieht man Akbars Grabgebäude, das er sich noch zu Lebzeiten errichtet. Gerade gegenüber und darüber hinweg glänzen die gelblichen Wasser des Jumnaflusses. Im Westen steht die evangelische Missionsanstalt. Sie hat sich in den Trümmern des prunkvollen Mausoleums angesiedelt, welches Akbar seiner christlichen Srau namens Mirjam dereinst erbaut hat. Ganz in der Lerne, in südwestlicher Richtung, taucht in leichten Dunst gehüllt die gewaltige Steinmasse des Siegestors der Stadt Lathepur- Sikri empor, Akbars Stadt, die wir morgen besuchen wollen. Im Südosten steht der Tadsch und die Stadt Agra mit ihrer trutzigen. roten Leste. Ein breiter, wohlgepflegter weg führt zum Grabgebäude Akbars. dessen Anlage ganz anders ist als alle übrigen, viel wuchtiger, sozusagen männlicher als der ideale Tadsch, macht auch dieses Mausoleum einen großen Eindruck, vier Terrassen, die sich nach oben verkleinern, türmen sich übereinander. Drei sind aus rotem Sandstein, die vierte, oberste aus weißem Marmor. Säulengänge mit schönen Bogen laufen um alle M W M M M KMWIdDN 5rÄ'V^ -»^r- .-^-«s ">--M -MSI; Daus der türkischen Königin in Kathexur. (S. 5Z0.) 524 Reise einer Schweizerin um die Welt. MUWW M"' Sarkophag Kaiser Akbars. Terrassen. Die Außenwand der obersten besteht aus ganz durchbrochenem weißem Marmorgitterwerk, jede Stillung weist eine verschiedene Zeichnung. Ich habe derartige Arbeit nirgends auf der Welt, ausgenommen in den Prachtbauten Agras und Dehlis, gesehen. In der Mitte der obersten Terrasse steht der einfach schöne, weiße Sarkophag Kaiser Akbars. „Gott ist der Größte" und „Möge Sein Ruhm leuchten", lauten die beiden Inschriften. Auch dieser Sarg ist leer. Die Leiche des großen Sürsten ruht vier Stockwerke tiefer, unmittelbar darunter, in einem dunkeln, unterirdischen Gewölbe. Am Kopfende des oberen Prunksarges steht eine schöne, weiße Marmorsäule. Linst ist sie vergoldet und mit dem berühmten Diamanten Koh-i-Nur gekrönt gewesen, bis ihn der persische Lroberer Nadir Schah von hier wegnahm. Koh-i-Mur, ins Deutsche überseht „Berg des Lichtes", fiel 181Z in die Hände des Sikhfürsten Randschit Sing und ging 1849 in den englischen Kronschatz über. Lin drittes Mausoleum noch sollten wir an diesem Tage sehen. Statt ins Hotel zurück, fuhren wir durch die volkreichen Straßen des Lingeborenenviertels, wo es nicht nur zu sehen, sondern zu hören genug gab. Line muntere Bubenschar schlug jeder zwei Stäbe aneinander und sang unter dieser klappernden Bewegung aus voller Kehle. Voran, meist rückwärts lausend, um seine Schutzbefohlenen besser im Auge zu behalten, rannte flötend der Musikdirektor, ein richtiger Rattenfänger von Hameln. Unser weg führte über eine lange, mit Stroh bedeckte, sehr schwankende Pontonbrücke ans linke User der Jumna. Einige Schritte weiter, und wir standen vor dem zierlichsten, feinsten Grabdenkmal in Agra, das nicht aus schwerem, hartem Stein, sondern aus leichten, feinen Spitzen gewoben scheint. Hier noch mehr als bei Akbars Grab feiert die ganz durchbrochene Marmorarbeit, welche sich wie ein Tüllgewebe über die Bogenfenster legt, ihre Triumphe. Die feinen Blumen- und Linienornamente der Ende des XVI. Jahrhunderts aus Llorenz nach Indien verpflanzten sogenannten Metra clura-Mosaikkunst füllt in zarten Zeichnungen und Sarben wie im Tadsch jede weiße Släche aus. Das Grabmal ist dem Schatzmeister Jehangirs und Schwiegervater Shah Jehans, dem Perser I'timadu- daulah, errichtet. Lr war der Vater der Mumtaz-i-Mahal. der „Auserkorenen des Palastes". weit entfernt, den großartig edeln Eindruck des Tadsch hervorzurufen, möchte man das vielleicht noch seiner ausgearbeitete Mausoleum des Persers einem aus Elfenbein geschnitzten, köstlichen Schatzkästchen vergleichen. Gebäude und Garten stehen Grab des Persers I'ti-madu-daulah. (S. S24.) Agra und Lathepur, die Schöpfungen eines großen Kaisers. ZIZ auch hier in wunderbarer Übereinstimmung. Ich könnte mir das eine nicht ohne das andere denken. Ls ist, als ob die stimmungsvolle Umgebung einen nicht kleinen Teil zu dem geheimnisvollen Zauber beitrüge, der diese indischen ^unstdenkmäler umgibt. Die anders bei uns, wo leider so oft die herrlichsten Bauten, die stolzesten Kathedralen sich mitten aus einem wüsten Gewirr von Käufern und Menschenlärm erheben. Im sehr mäßigen Gasthof war an Ausruhen wenig zu denken. ä5aum lag oder schrieb ich einen Augenblick, so pflegte es regelmäßig sachte an die Türe zu Kratzen und eine braune Kand einen Gegenstand zum kaufen hereinzustrecken. Ein wehklagendes «memsabib» ertönte ebenso regelmäßig und die ach wie oft gehörten Worte «DIeass bu^, I um poor man». Dabei wurde meist ganz geräuschlos ein schweres Paket losgeknüpft und die schmutzige Matte meines Zimmerbodens in einen ^aufladen verwandelt. was lag da nicht schon alles, wenn ich ärgerlich über die Störung aufschaute: Silber, Schmuck, Stickereien, Mosaikarbeiten, Shawls, Souvenir-Löffel! Ich erinnere mich an eine riesige, dreizackige Gabel, die mir immer wieder vorgeführt wurde, „was soll ich damit machen?" «Ob z^es memsubib, das ist eine Toastgabel. Ver^ nice, ver^ comtortuble bor travellinK. vleuse bu^, I am poor man.» Linst nach so energischem «,sao» spack dich), daß der glückliche Toastgabelbesiher es für richtig hielt, dem wink schleunigst zu folgen, sah ich ihn mit külse der Gabel, die er als Schuhlöffel benutzte, in seine auf der Türschwelle gelassenen Pantoffel schlüpfen. Meinen Blick bemerkend und sein Nutzen daraus ziehend, rief dieser Meister der Reklame: «Dook, memsubib, vsr^ usetul, belp on Slippers» (Sehr nützlich beim Anziehen der Pantoffel). Den ganzen folgenden Tag füllte der Ausflug nach dem acht Stunden entfernten Sathepur-Sikri aus. Sathepur, „Siegesstadt" hat Akbar sie genannt, als er sich nach dem Siege von Guzerat eine Stadt erbaute, wo ihm nach der Prophezeiung Salim Lhisti, des keiligen, ein Sohn und Nachfolger geboren werden sollte. Auch die lange schattige Landstraße, welche Agra mit Sathepur verbindet, ist Akbars Werk und groß noch heute der Verkehr darauf. Sreilich jetzt ein anderer! An Stelle der prunkvollen Auszüge des Großmoguls und seines glänzenden kofstaates sind originelle Zebu-Narren und noch originellere vergitterte, hölzerne Namels- wagen getreten. Letztere, die ersten und einzigen, welche ich jemals gesehen, waren mit rot- und gelbgekleideten, sich bei unserem Anblick ängstlich verhüllenden Weibern vollgepfropft. Zahlreiche Gräber, verfallene einzelne Lehmhütten und aus demselben Mate- Musizierende Rnaben auf der Straße in Agra. .F S26 Reise einer Schweizerin um die Welt. rial gebildete Dörfer lagen am weg, und unser wagen pflegte jeweilen ganze Scharen nackter Minder und mit engen Kosen bekleideter junger Mädchen herbeizulocken. Alles trug Nasenringe, alles rief Bakshish! Auch Tiere aller Art verkürzten die Einförmigkeit des Weges. Über unseren Häuptern flogen schreiende, grüne, langgeschwänzte Papageien, in gleicher Menge wie bei uns die Spatzen. Krähen, Tauben und Geier zogen einträchtig und ebenso zahlreich neben ihnen dahin. Auf dem Selde, besser Sandwüste genannt, spazierten ekelhafte Riesengeier mit nackten, langen Hälsen, weideten eigentümlich braun- und weiß- punktierte Schafe, langohrige Ziegen, eine Menge magerer Esel, Kühe, Wasserbüffel, wie so oft in llordindien fragten wir uns auch hier: „was mögen die armen Tiere in diesem Staub- und Steingerölle zu fressen finden?" Je mehr wir uns dem Ziele näherten, um so zahlreicher begegneten uns mit schönen, tiefroten Sandsteinplatten schwerbeladene wagen. Sie kamen aus Steinbrüchen, die in der Uähe Sathepurs liegen. Auf solch einem roten Hügel und mit diesem Material ist Akbars Stadt erbaut. Line mehrere Kilometer lange, stattliche krenelierte Mauer umgibt den jetzt verlassenen Grt. Durch Akbar ins Leben gerufen, endet mit dem Tode des Kaisers auch die Geschichte Sathepurs, denn keiner seiner Nachfolger hat jemals dort seine Residenz aufgeschlagen. Akbars Stadt ist aber gerade so geblieben, wie zur Zeit ihrer Gründung, kein fremdes Element hat sich darin breit gemacht. Manches freilich ist in Trümmer gefallen, so z. B. die kleinen Kaufläden rechts und links vor dem Lingangstor und das Gebäude, von dessen Oberstock die Musikanten ihren Willkommgruß ertönen ließen, wenn Akbar die Stadt betrat. Der Kutscher lieferte uns zunächst im Dak Bungalow ab. Dak Bungalows heißt man in Indien die von der Regierung erstellten Häuser, welche an kleinen Ortschaften die Stelle von Gasthösen einnehmen, werden sie häufig besucht, so findet man einen Hüter vor. der gegen bestimmte Taxe gerne eine einfache Mahlzeit kocht und ein Nachtquartier bereitet. An abgelegenen Orten dagegen, wohin sich seltenerem Reisender verirrt, ist das Dak Bungalow, wie unsere Bergklubhütte, einfach eine Unterkunftsstätte, bei welcher freilich ein Badezimmer niemals fehlt. Bedienung und Mundvorrat muß sich jeder selber mitbringen, das notwendigste Kochgerät findet er vor. wer zuerst kommt, hat das Recht, während 24 Stunden im Dak Bungalow zu bleiben, dann aber muß er dem nächsten Ankömmling den Platz räumen. In Sathepur ist der Dafter Khana. das ehemalige Archivgebäude, in ein Dak Bungalow verwandelt worden und besitzt ein hohes, kühles Speise- und mehrere Zebu-Larreil. *1 j SA M Säule im Ratssaal von Lathepur. (S. 5Z0.) . . ^ . S28 Reise einer Schweizerin um die Welt. scheinbar ganz komfortable Schlafzimmer. wir bestellten uns einen Curry und Reis, um unserem vom Lotel mitgebrachten, recht slrizzen- und schattenhaft ausgefallenen kalten Tifftn kräftig nachzuhelfen. Mit einem Sichrer behaftet, der übrigens so sehr an Asthma litt, daß wir den armen Menschen bald zurückschickten, zogen wir durch Akbars Stadt. Auch hier war ein Grabdenkmal aus weißem Marmor im Spihengewebestil unser erster Anblick. Der darin Ruhende ist der schon erwähnte heilige „Salim Lhisti". Der Baldachin, welcher sich über dem Sarkophage wölbt, ist reich mit Perlmutter eingelegt und mit Straußeneiern verziert. An einem Gitter hängen Nleider- SMS Grab Salim Lhisti! fehchen, welche kinderlose Srauen. sowohl Lindu als Mohammedanerinnen, hier aushängen, wenn sie die Sürbitte des heiligen anflehen. Der Sage nach enthält das kleine Grab im Schatten der benachbarten großen Moschee die Leiche des Söhnchens Salims Lhisti. welches er opferte, damit Akbars heiß ersehnter Erbe (Iehangir, der dem Vater später so viel Nummer verursachte) nach der Geburt am Leben bliebe. Unweit der schönen Moschee steht das großartige 4S Meter hohe Siegestor, dessen Lohe noch durch eine lange hinansührende Treppenflucht gesteigert wird. Großartig ist das Tor, groß- und fremdartig auch der Blick von oben hinunter aus die weite ausgetrocknete Ebene und die elenden, meist dachlosen Lehmhütten der Dörfer Sathepur und Sikri, die sich zu Süßen der verlassenen Sieaesstadt angesiedelt haben. Inwendig am Torbogen stehen die Worte: „Isa (Iesus) - der Sriede sei mit ihm Agra und Sathepur, die Schöpfungen eines großen Kaisers. S29 sagte: Die Welt ist eine Brücke, schreite über sie, aber baue kein Haus auf ihr. Das Leben währt eine Stunde bloß, widme diese Stunde der Andacht." Nur mit einem Lendentuch bekleidete Männer und Jungens hatten schon lange versucht, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Unwillkürlich folgten wir ihnen durch verfallene Wege und Stufen zu einem schlammigen, grünen Teiche. Die hier 24 Meter hohen Stadtmauern ragen drohend darüber empor, wir sahen uns plötzlich allein. Unversehens erschienen unsere Begleiter auf den Mauerzinnen. «IMrv muck bor a sump?» ließ sich eine Stimme aus der Höhe vernehmen, wir unterließen das Angebot. Iz-- ^ 1 Bir Bals Daus. Plötzlich klatschte es gewaltig im Wasser, ein schwarzer Lopf tauchte auf, kräftige bronzefarbene Arme und Beine arbeiteten sich durch den Sumpf, und einen Augenblick später stand ein grünes, triefendes Menschenkind vor uns. «One bLupie, Lukskisk!» So viel ist uns dieser freilich merkwürdige Sprung doch nicht wert, um so weniger, als von oben demnächstige Wiederholungen drohen, wir geben sechs Annas, und zum zweitenmal in Indien wird unser Bakshish zurückgewiesen. One sump, one rupie! Stolz lieb' ich den Spanier! Mit einer ausführlichen Beschreibung all der schönen Bauten in Sathepur will ich den Leser verschonen und ihm nur einige Bilder mit kurzen Erläuterungen vorführen. Das reizendste Haus in der ganzen Stadt hat einer Srau angehört. Ein Vater hat es für seine geliebte Tochter bauen lassen. Bir Bal hieß er und war der kluge Z4 C. von Rodt. Reise um die N)clt. HAO Reise einer Schweizerin um die N)elt. und gelehrte Ratgeber und treue Sreund Akbars, dessen neuen „göttlichen Glauben er auch angenommen hatte. Im Jahre 1586 ist Bir Bal an der 5pitze und mit seiner ganzen Armee den Heldentod in der Rahe von peshawar gestorben. Der nördliche, vortrefflich erhaltene, kleine Palast besteht ganz aus rotem Sandstein, kein Stückchen Holz ist beim Bau verwendet worden. Von innen und von außen zeigt er gleich herrlich ausgeführte Skulpturen. Die Worte Viktor Hugos könnten hier am bezeichnendsten angewendet werden: 5i cs n'ätnit ls plus niiKnon des puluis, ce seruit uns aussette cle bijoux äes plus AiAUNtesques. Die Palme der Schönheit dürste ihm, was den Wert der Skulpturen betrifft» das Haus der türkischen Königin streitig machen. Dieses, eigentlich nur aus einem Iimmer mit Vorbau bestehend, ist über und über, auch die Decke, mit Blumen- und Sruchtranken und den mannigfaltigsten Ornamenten verziert. Neben der „türkischen Königin", der Akbar dieses herrliche Heim geschaffen hatte, besaß er, der vorurteilsfreie, noch zwei geliebte Srauen: Mirjam. eine portugiesische Christin, und eine Srau indischer Religion, die Sage macht aus ihr eine Tochter des mächtigen Maharadscha von Iaipur. Mirjams kleines Haus, einst wegen seiner reichen Vergoldung das „Goldene" genannt, zeigt inwendig nur noch verblaßte Sresken, wovon die eine aber deutliche Spuren von Cngelsflügeln ausweist. Auch Mirjams Garten, jetzt freilich eine vertrocknete Steinwüste, wird gezeigt, denn verschwunden ist der Teich, welcher die großartigen Wasserwerke speiste. Den größten Palast besaß die Hindusrau mit Hos und Lmpsangsräumen, Lrkern und wunderbaren Dachkuppeln. In der Nähe steht Akbars Khwabgah oder Schlafgemach, buchstäblich „Haus der Träume" überseht, während er die Heimstätten seiner Srauen mit allem Glänze ausstattete, hat er sich mit dem Einfachsten begnügt. Interessant ist, daß Akbar vom Haus der Träume aus durch einen unterirdischen Gang, welcher im 19. Jahrhundert zugeschüttet wurde, ungesehen nicht nur zu seinen Srauen, sondern auch an alle anderen Punkte der Stadt gelangen konnte. Im Ratssaale steht eine schöne Säule mit mächtigem terrassengekrönten Kapital, von welchem vier Galerien in die vier Ecken des Raumes ausstrahlen. Man erzählt» der Großmogul sei bei den Ratsversammlungen in der Mitte des Kapitäls gesessen, während die vier Ecken von seinen Ministern in Beschlag genommen worden wären. Um sich dann von der Anstrengung solcher Versammlungen zu erholen, hätte der Kaiser im Nebenhause mit den Damen des Hofes versteckens gespielt. Historiker pflegen diese Erzählung streng in das Gebiet der Säbel zu verweisen. Größere Wahrscheinlichkeit beansprucht ein Pavillon, dessen vorhof als Schachbrett ausgelegt ist. In der Mitte steht eine breite, steinerne Bank, von welcher aus Akbar seine Schachfiguren, die aus lebenden Sklavenmädchen bestanden, in Bewegung setzte. Dicht dabei erhebt sich ein merkwürdiger Bau. dessen Stil an Akbars Grab in Sikandra erinnert, vier allmählich sich verkleinernde, von einem Kiosk gekrönte Stockwerke bilden den panch Mahal, welcher den Schönen am Hose des Großmogul zu geselliger Vereinigung, quasi als „Damenheim". diente, wunderbar skulptierte Säulen tragen jeweilen den Oberstock. Jedes Säulenpaar ist verschieden. Das ähren- artige Motiv, welches ich im Tadsch Mahal und in Monreale bei Palermo gesehen» Nl.M ' -M'«S* - sH » M ssH - dM -., - - 7- ' I W ^EWEE' UM BE' Säulen im panch Mahal. (S. ZZ0.) Agra und Lathepur, die Schöpfungen eine- großen Kaisers. S31 Kommt auch hier zur Geltung. Originell ist ein aus Llefantenköpfen bestehendes Capital, deren Rüssel sich ineinanderschlingen. Daß Akbar eine besondere Vorliebe sür diese klugen Tiere hatte, zeigt das Llefantentor und der sogenannte Hiran Minar, ein hoher mit steinernen Llesantenzähnen gespickter Turm. Unter diesem sollen die Lieblingselefanten des Kaisers bestattet sein. Auch die Pferde- und Kamelställe sind wohl erhalten und geben Kunde von dem großartigen Marstall des Großmoguls. Die Stunden in Sathepur flogen dahin, und ungern nur trennte ich mich von dieser seit dreihundert Jahren verlassenen Stadt, deren wohl- erhaltene Mauern immer noch lebendige Kunde geben von dem merkwürdigen, weisen und milden Mann, den die Uachwelt als den größten und besten Herrscher Indiens kennt. Auch von den Gebäuden in Agra aus den Zeiten der Großmoguln ließe sich manches erzählen. Einmal noch tritt uns darunter ein Bau Akbars, kräftig, markig, wie er selber, vor Augen: die gewaltigen Mauern des 1566 erbauten Sorts. Die Paläste, welche darin stehen, sind das Merk seines Lohnes Jehangir, mehr noch seines Enkels Lhah Jehan, der zwar entfernt nicht an die Größe Akbars herankommt, ihn aber an feinem Kunstsinn übertrifft, von ihm stammt die große perlmoschee und die kleine niedliche Uaginah Musjid oder Edelstein-Moschee für die Damen des Asses, der Diwan-i-Am, der Machi-Bhawan und der herrliche Diwan-i-Khas oder Ratssaal, von welchem aus eine Treppe nach dem Jasmin-Turme führt, dem Mohnsihe der geliebten Mumtaz-i-Mahal. Der achteckige Bau ragt über die Umfassungsmauer hinaus und scheint über dem Äusse und dem weiten Lande zu schweben. Lein Nachbar ist der goldene Pavillon, so genannt nach den vergoldeten Kupferplatten seines Daches. Dort sehen wir die kleinen Lchlafgemächer der Hofdamen. Tiefe Löcher in der Mand, gerade weit genug, um einen schlanken Irauenarm durchschlüpfen zu lassen, zeigen noch, wie und wo dereinst sie ihren Lchmuck verwahrt haben. Mie könnte man die herrlichen Bauwerke beschreiben, die feinen Lkulpturen, die herrlichen Metra, ciura-Arabesken, bei deren Schöpfung die märchenhaften Reichtümer Indiens sich entfalten konnten? Traumbefangen, glücklich schritt ich durch die herrlichen Hallen, deren sich eine an die andere reiht, und wenn das Auge sich zuweilen satt geschaut an dem leuchtenden Marmor, den reizenden Ornamenten, dann konnte Liran Mnav. Reise einer Lchweizcrin um die Welt. S32 der Blick hinausschweisen in die weite, fremdartige Landschaft, oder Hineintauchen in die Tropenpracht der Gärten, welche immer noch in Blüte stehen wie einst zur Zeit der alten Großmoguln. Im Khas Mahal rufen drei kleine Zimmer wehmütige Erinnerungen wach. ltzier ist Shah Jehan sieben Jahre lang durch seinen gewalttätigen Lohn Aurangzeb Das Siegestor in Fatbepur-Sikri. ( 2 . Z 28 .) in Gefangenschaft gehalten worden. In dem schönen Erker, dessen Blick auf den Strom und den herrlichen Tadsch geht, ist er gestorben, das brechende Auge noch auf sein Meisterwerk, das Denkmal seiner unvergeßlichen Mumtaz-i-Mahal, gerichtet. Ein eigentümlich Verhängnis! Der Sohn empört sich wider den Vater und wird später durch den eigenen Sohn dafür bestraft. Und so drei Generationen durch: Jehangir gegen Akbar, Shah Jehan gegen Jehangir, Aurangzeb gegen Schah Jehan! XXX X X X X X X X x^ XXX XXX IX X X XXX lx X X X, X X! §enana im Fort in Agra. (S. ZZ1.) LWs SkV iNW^M ALM MN k -Mkess«! ' -AMMW. Mpitel ZZ. Alt- und Neu Üeu-Debli. Der letzte Großmogul. Diwan-i-Lhas. Pfauenthron. Austin cte öorcleaux. Lrauengemä'cher. Ladehallen. Notr Mussid. Aurangzeb. Diwan-i-Am. Iumma Mussid. Der Schatz der Moschee. Lhandnt Lhauk. Ländler, puruna Lilla. Alt-Dehli. Lilla Aona-Moschee. Ferozabad. Aotila. A?oka-Säule. Leroz-Shah. Lalan Musst-. Lumayuns Mausoleum. Grab Jehanaras, Tochter Shah Iehans. Großmogul Mahommed. Amir Lhusrau. Nizamu-din Aulina. Die Wächter seines Grabes. Lut'b-Minar. Die eiserne Säule. Moschec-Äuine. Altamshs Grab. 'Alandills Tor. Dak Bungalow. Aashmir-Tor. Mine nahezu den ganzen Tag dauernde Lisenbahnfahrt brachte uns nach Dehli, der Residenz der Großmoguln seit Aurangzeb. Shah Jehan, sein Vater, hatte im Jahre 16Z8 das Sort erbaut und damit den Grundstein zum modernen Dehli gelegt. Neu-Dehli hatte im XVIII. Jahrhundert durch Perser, Afghanen und Ivlahratten manche Unbill erfahren, allein das Schlimmste sollte die Llutinv im September 18Z7 der Stadt bringen. Seit 1804 schon stand Dehli unter englischer Herrschaft, und die Bedeutung der einst allmächtigen Großmoguln war auf ein Schattenkönigtum herabgesunken, das nunmehr auch jetzt sein Ende finden sollte. Nachdem die unglückliche Stadt wochenlang Tag und Nacht mit Seuerkugeln und anderen verderbenbringenden Wurfgeschossen bedrängt worden und der Tod die Zahl der Aufständischen schon bedeutend vermindert hatte, wurde ein allgemeiner Sturm angeordnet, der, mehrere Tage fortgesetzt, endlich Dehli wieder in die Gewalt der Engländer brachte. IVir wollen lieber einen Schleier werfen über die grausigen Taten, die in der eroberten Stadt vollbracht wurden; rühmte sich doch der englische Dllvan-l-Lhas. ZZ4 Reise einer Schweizerin um die Welt. Frauengeniach im Diwan-i-Ahas. M-WÄ SL':1 r. -' 4 '- MWM General Eooper, in kurzer Zeit ungefähr ZOO Sepops vom Leben zum Tode befördert zu haben. Der alte, achtzigjährige Herrscher Bahadur Shah hatte sich mit seinen Söhnen und Enkeln geflüchtet. Man holte sie beim Grab ihres Ahnen Humapun ein, der Greis wurde gefangen nach Kalkutta geschleppt, seine Söhne und Enkel, 24 an der Zahl, auf der Stelle erschossen. Bahadur Shah starb als LZjähriger Greis 1802 in Rangun in der Verbannung. Mit ihm sank der letzte Kaiser von Hindostan, der letzte des ruhmreichen Geschlechtes der Barberiden, welches einen Akbar hervorgebracht, zu Grabe. Dehli, dessen Einwohnerzahl zur Zeit der Großmoguln derjenigen von London gleich kam. ist jetzt höchstens noch von 200,000 Menschen bewohnt und macht im ganzen einen recht verfallenen, schmutzigen Eindruck. wir waren zu spät angekommen, um noch an demselben Nachmittag eine Sahrt zu unternehmen, so bewegten wir uns nur im Bereich des komsortabeln Maiden-Hotels. Der wagen dagegen, welcher uns den folgenden Morgen abholte, übertraf an Baufälligkeit und Härte alles je Dagewesene. Unser erster Besuch galt hier dem Sort, dessen Mauern, wie in Agra, die kostbaren Bauten der Großmoguln einschließen. Mein Erstes war. dem weißen, nach allen Seiten offenen Marmorpavillon des Diwan-i-Khas zuzueilen, ungeduldig, das Gebäude zu sehen, welches sein Schöpfer mit der stolzen, persischen Inschrift geschmückt: „Und gibt es ein Eden der Wonne auf Erden- Du findest es hier! Und nur hier kann's dir werden!" Diwan-i-Rhas. (S. ZZ4.) Ä--^'" r° >.» S-'MS MMMr! MÄ MZM-W SAß Reise einer Schweizerin um die Welt. Hier hat einst der berühmte Pfauenthron gestanden, den der persische Eroberer Nadir Shah im Jahre 1739 mit dem berühmten Lö-i-Nur entführte, und welcher jetzt noch den königlichen Palast in Teheran schmückt, per massiv goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Thron soll eine Länge von 1,8» Nieter und eine Breite von 1,20 Nieter messen und aus sechs massiv goldenen Ätzen stehen. Über dem Sätze schwebt ein goldener, von zwölf Säulen getragener Thronhimmel, mit den seltensten Edelsteinen besäet und einer Sranse köstlicher perlen verziert. Sinter dem Sitze stehen zwei lebensgroße, radschlagende Pfauen, deren natürliches Gefieder durch Saphire. Rubinen. Smaragde, perlen und andere in den Sarben passende Edelsteine treulich nachgeahmt ist. Zwischen den Pfauen steht ein aus einem einzigen Smaragde geschnittener Papagei in Lebensgröße. Dieser Thronsessel ist für Shah Jehan, dessen jährliche Einkünfte über 600 Millionen Sranken betrugen, durch Austin cle Lorcleuux ausgeführt worden. So nannte sich ein französischer Abenteurer, welcher seinerzeit durch geschickte Sälschungen wertvoller Edelsteine verschiedene europäische Sürsten betrogen hatte und daraufhin zu einer „Luftveränderung" genötigt worden war. Er kam nach Indien, wo sich der wirklich geniale Mensch Shah Jehan bald unentbehrlich zu machen wußte und zu hohem Ansehen und Reichtum gelangte. Räch seinen Entwürfen und unter seinem Einflüsse sind die meisten Prachtbauten Agras und Dehlis entstanden, viele nennen ihn den Schöpfer des Tadsch. Mir widerstrebt der Gedanke, daß dieses edelste, reinste Bauwerk seinen Ursprung einem Abenteurer und Glücksritter verdanken soll. Das Herrlichste am Diwan-i-Mas ist die Decke mit ihrer schweren Bemalung von Gold und Blau. Auch die mit Dietru cluru-Arbeit eingelegten, weißen Marmorpfeiler und Bogen zeigen Goldornamente. Leider ist die 1891 vorgenommene Restauration allzu goldig, protzig ausgefallen. köstlich sind die anstoßenden Srauengemächer. Die tiefe Msche des einen bildet eine fein durchbrochene, herrlich gearbeitete Marmorwand, welche den Zenana-Bewohne- rinnen erlaubte, ungesehen hinüberzuschauen in den Diwan-i-.ÜHas. Sie wird durch eine lvage in Relief gekrönt. Durch die Srauengemächer ziehen sich offene, flache Kanäle mit eingelegten Mellenmustern, und dienten wohl dereinst dazu, Kühlung in die schönen Räume zu bringen. Auch diese Zenana besitzt ihren Saman Burj oder Jasminturm, und die weite Aussicht, die er gewährt, ist derjenigen von Agra sehr ähnlich. Etwas nördlich liegen die Bäder, drei Räume mit herrlichen Mosaikböden, deren buntfarbene Blumengirlanden einem schönen, kunstreich gewobenen Teppiche ähneln. In jedem Zimmer ist ein anderes Muster. Große Badebassins sind in der Mitte eingelassen, und zuweilen lausen auch noch den wänden entlang ääanäle. Die eingelegte Arbeit des einen ist so gehalten, daß. wenn Wasser durchstießt. Sische darin zu schwimmen scheinen. Auch hier tragen die weißen Marmorwände köstliche Blumen- ranken in Karneol, Jade, Korallen und Türkisen. Leider haben vandalische Hände viele der kostbarsten Steine herausgebrochen. Ebenso vandalisch kommen mir übrigens die gegenwärtigen Erneuerer vor. Den roten Sandstein in Agra streichen sie weiß an. den gelblich gewordenen Marmor der stalaktiten-gewölbartigen Decke der Bäder ?-«s---«MAKZ . -n Fort in Dehli. Lahore-Tor. (S. ZZ4.) Alt- und Ileu-Dehli. 6I7 in Dehli übertünchen sie ebenfalls weiß, und die bunten Scheiben, durch welche das Licht von oben geheimnisvoll dämmernd eindrang, werden durch gewöhnliches weißes Glas ersetzt. Linst haben wunderbare Gärten und plätschernde Loutainen den Palast umgeben, der allem nach zum Herrlichsten gehört haben muß. was der Osten kannte, was für kostbare Schätze an Schönheit, das zeigen uns noch seine spärlichen Überreste. Lwig schade wahrlich für das, was roher Unverstand niedergerissen hat, um an seiner Stelle Baracken für die englischen Soldaten zu errichten! Der englische Architekt Lergusson, der seinerzeit eilte erste Autorität aus dem Gebiete e ck_ .chchp UM perlmolchce in Dehli. der indischen Architektur war, nannte die eben beschriebenenBauten die perlen des früheren Baiser- palastes, „aber", fügte er hinzu, „ohne die sie verbindenden Höfe und Gäitge verlieren sie ihre ganze Bedeutung und mehr als die Hälfte ihrer Schönheit. Seht in der Mitte eines britischen Kasernenhofes gelegen, erscheinen sie wie kostbare Steine, die aus ihrer Lassung eitles herrlichen Stückes orientalischer Juwelierarbeit herausgebrochen, aufs Geratewohl auf eine Unterlage von gewöhnlichem Mörtel versetzt sind". Auch hier im Sort gibt's eine Moti-Musjid oder perlmoschee, wie überhaupt die Uamen der Bauwerke Ncise einer Schweizerin um die Welt. 558 ' iS Jumma Muszid oder Lreitag-Moschee. (S. Z40.) AgraS und Dehlis übereinstimmen. Viel kleiner als ihre schöne Schwester im Agra- Sort, bietet die hiesige durch die makellose Weiße ihres ausIaipur stammenden Marmors, ihre vergoldeten kuppeln, die niedlichen, einem Taubenschlag ähnlichen Türmchen ein durchaus harmonisches Bild nach außen und innen. Steht man drinnen und schaut empor in die Wölbung der drei kuppeln, so scheinen sie jede aus einer großen Sonnenblume gebildet, deren Riesenblätter sich natürlich und ungezwungen der Sorm der Kuppel anschmiegen. An den Bogen der Pfeiler wiederholt sich das Sonnenblumen- Motiv im kleinen, diesmal mit Blatt und Stengel. Lier ist jede Sarbe vermieden, und nur weiße Marmorblumen-Reliefs schmücken den im matten perlenglanz schimmernden reizenden Bau. Aurangzeb, dem grausamen fanatischen Sohne Shah Jehans, verdankt die Moti Musjid ihre Entstehung, wir haben ihn schon kennen gelernt als Erbauer der großen Moschee in Benares, welche er den Lindu zuleide in diese Lochburg des Brahmanismus gesetzt. Die Verfolgung der Lindu, die unter den vorherigen Großmoguln, besonders unter Akbar, so viel Vergünstigungen genossen, wurde von Aurangzeb mit heißem Eifer betrieben. Im übrigen hat er viel zum äußeren Glänze des Mogulreiches, welches er von 1658-1707 beherrschte, beigetragen. Er führte zahlreiche glückliche Kriege, die ihm den Namen Alamgir (welieroberer) verschafften, und erweiterte sein Reich um ein bedeutendes durch die völlige Einverleibung Bidschapurs und Golkondas. Aurangzeb ließ seine drei Brüder ermorden und seinen Vater bis zu dessen Tod gefangen halten. 1666 entledigte er sich auch eines unbequemen Sohnes durch Gift, während der andere nur durch rasche Llucht nach persien diesem Schicksale entgehen konnte. 8 k'd iLW 5^ V X >.) ^ HUWW WEÄ ^..>'«r Diwan-i-Am. (S. S40.) 5EW UWW MVWWMWMWMMWKM««»^.^ 640 Reise einer Schweizerin um die Welt. In meinen Augen vielleicht noch schöner als der Diwan-i-Mas, die privat- Audienzhalle, ist der Diwan-i-Am, die öffentliche Audienzhalle. Aus rotem Sandstein erbaut, bieten die schönen Bogen und einfach harmonisch skulptierten Säulen einen herrlichen Anblick. Ein Wunderwerk ist die jetzt durch ein Gitter abgeschlossene kaiserliche Empore, oder vielleicht wende ich besser das Wort Thron dafür an. Ein von vier weißmarmornen Säulen getragener Prachtbaldachin schwebt darüber, beides über und über mit der bekannten vietru cluru-Mosaik ausgeschmückt. Durch eine hinter dem Throne angebrachte Türe konnte der Kaiser direkt von seinen privat- gemächern hierher gelangen. Die ganze Rückwand ist besonders reich mit farbigen Malereien und Mosaik überdeckt. Auch hier sind viele der kostbarsten Halbedelsteine herausgebrochen worden, was bleibt, zeigt uns in formvollendeter Darstellung die bekanntesten Blumen, Lrüchte und Vogel Hindostans. Auch dieser Thron ist ein Werk Austin cle Dorcleuux. Da es Sreitag, somit mohammedanischer Sonntag war, fuhren wir zu der dem Sort gegenübergelegenen großen Jumma Mosjid. wie die gleichnamige Moschee in Agra ist auch sie eine Schöpfung Shah Jehans, aber während er erstere im Namen seiner geliebten Tochter Jehanara vollendete, ist die hiesige nach seinem Plane durch Aurangzeb ausgeführt worden. Shah Sehan schmachtete während des Baues in dem Gefängnisse, das der unnatürliche Sohn ihm bereitet hatte. während sechs Jahren sollen 6000 Menschen an dem Riesenwerk gearbeitet haben, welches sich auf gewaltigem Unterbau hoch über das alltägliche Treiben der Stadt emporhebt. Je eine Treppenflucht von vierzig Stufen führt zu jeder der drei Pforten, wovon die östlichste, ein mächtiges Gebäude an und für sich, einst nur dem Großmogul, nun allein dem Vizekönig geöffnet wird. wir traten in den weiten Hof. In dichten Scharen stauten sich die Andächtigen, und nur mit Mühe gelang es uns, emporzuklimmen aufs flache Dach, von wo wir herunterblicken konnten auf die bunte Menge, welche sich zu den religiösen Waschungen um ein schönes Marmorbecken drängte, in dessen wassern sich die tiefblauen Töne des Himmels in herrlichen: Larbenspiele widerspiegelten, weiter schweifte der Blick hinaus auf die Jumna und hinein in die große Stadt, deren flache Dächer aus schönen, grünen Bäumen hervorlugen und aus dieser Entfernung viel anziehender aussehen, als wenn man sich mitten im Gewirrs bewegt, wie riesengroß ist diese Moschee! Der Hof soll 9500 «Quadratmeter messen, das Gebäude selbst 66 Meter lang und 40 Meter breit sein. Zwei stolze Minaret und drei .kuppeln schmücken den sonst würfelförmig flachen Bau. Roter Sandstein ist das Material, welches mit weißen Marmorstreifen bizarr und in meinen Augen eine unruhige harte Wirkung hervorbringend eingelegt ist. Beim Hinunterfteigen winkte uns ein Alter geheimnisvoll heran: „kommen Sie mit, ich will Ihnen den Schatz der Moschee zeigen, den Pantoffel des Propheten und ein Haar seines Bartes; es kostet nur eine Rupie!" Da uns der Anblick keinen einer Rupie entsprechenden Genuß versprach, verzichteten wir. allein der biedere Alte marktete sich selber so herab. daß. als wir unten angelangt waren, die Taxe ohne unser Dazutun nur noch zwei Annas betrug. Das ließ sich schließlich dran wagen! Lhandni Lhauk mit der Goldenen Moschee. (S. §41.) Alt- und lleu-Ichll. Z41 Der riesige, sehr abgetragene Pantoffel war ganz poetisch mit frischen süßduftenden VIumeria-Blüten angefüllt, und da- feurigrote Laar des Propheten machte einen recht borstigen Eindruck. weit interessanter erschienen mir einige schöne, alte 44oran- Abschriften aus dem VII. Jahrhundert. Müde von den mannigfachen Eindrücken, ließen wir uns ins Maiden-Lotel zurückfahren. Der weg, welcher vom Sort in gerader Linie führt, heißt Lhandni Ehauk, oder übersetzt „der im lllondschein strahlende Warbt", und ist die schönste, breiteste Straße Dehlis. Lier wohnen die großen Juweliere und reichen Kaufleute, aber nichtsdestoweniger ist man vor Ländlern und Unterhändlern zudringlichster Dos der Lumina Muszid während des Lreitaggebctes. MMi Zlrt seines Lebens nicht sicher, blicht nur regnete es „Sirmenempfehlungen" in unseren wagen, sondern ihre Vertreter kletterten auf den Wagentritt und wollten uns mit Gewalt in ihre Verkaufsbuden zerren. «Onl^ coms null look, not duz?-», hieß es da meist. «Oon'r Ao ro Kim», aus einen weisend, der von der anderen Seite unseren wagen erklimmen wollte, «ke Areal Kur, ke biA tkieß ke mz^ krotker, I am konest man. Dlease duz^ mz^ skop». So verzichteten wir überhaupt, hier einzukaufen. Als ich mich nochmals umwandte, sah ich die beiden feindlichen Brüder in traulichem Gespräche beieinander stehen, Blutsverwandte fürwahr im Lügen und Betrügen, lauerten beide auf neue Beute. In der Mitte des Lhandni Ehauk steht eine schöne, kleine Moschee, die „Goldene", nach ihren drei vergoldeten kuppeln, genannt. Lier in der Nähe stellten die Eng- S42 Rcise einer Schweizerin uni die Welt. Puruna Rilla oder öiridrapat. ^ 1s r'it r'k:! UWM D8N!j MOW NWSW länder 18Z7 die Leichname der von ihnen erschossenen Prinzen dem Volke zur schrecklichen Mahnung öffentlich aus. Im Maiden-Hotel wurden wir abermals von Händlern gepeinigt. Ein bestimmter Platz freilich ist ihnen angewiesen, so daß man wenigstens von ihren ungebetenen Besuchen im Zimmer, wie dies in Agra der Lall war, sicher ist. Man muß jedoch immer an ihnen vorbei und fällt zuweilen doch ihren Lockungen zum Opfer. Dehli ist groß für ganz herrliche Stickereien, gewobene, mit Gold und Silber durchzogene Stoffe, für etwas buntschreienden Email-, Gold- und Silberschmuck und überraschend gute Miniaturmalereien auf Llfenbeinplättchen. Auf energischen Protest hin erhielten wir einen etwas weniger baufälligen Magen für den Nachmittagsausflug nach Alt-Dehli und kamen vorerst, nach einer Jährt von vierzig Minuten, vor das alte Tor puruna Mlla oder Indrapat, welches südlich von Neu-Dehli liegt. Ins graue Altertum verliert sich die Geschichte Dehlis. Man erzählt von einer Stadt Indraprastha. welche im XIV. Jahrhundert v. Ehr. durch arische Einwanderer unter einem Könige namens Judishthira erbaut worden war. Die, Mahabharata. das alte indische Nationalepos, nennt Indraprastha die Residenz der pandawa oder Sonnenkinder, deren Land für das Haüptreich Indiens galt. Indraprastha besaß mit Gold gepflasterte Straßen, der Staub wurde mit köstlichen Essenzen davon abgespült, der Palast der Sonnenkinder strahlte von Diamanten, Smaragden und Rubinen, und die Bazare waren angefüllt Mit köstlichen perlen und goldenen Gewändern. Allein auch die Sonnenkinder sind sterblich, und ihre Herrlichkeit erlosch und mit ihr der I W W j » --M WW 8rrr»r«nrrrrrmrmrn»rrtr «^iltrmrtturrrrürrrirriir«!!^ 'iLrsi '2M Lumayuns Grab. (S. Z46.) 544 Reise einer Schweizerin um die Welt. Glanz des alten Indraprastha. Erde und Schutt bedeckte schon damals die herrliche Stadt, als ums Jahr 14-50 n. Chr. die mohammedanische Dynastie der pathanen die truhige Seste erbaute, vor deren immer noch gewaltigem Mauerwerk wir jetzt standen. Die letzte steil emporsührende Strecke waren wir zu Suß durch das menschenleere, an Erinnerungen und Steinen gleich reiche dürre Llachfeld geschritten. Einmal innerhalb des noch stattlichen Tores, nahm die feierliche Stille ein jähes Ende. „Bakshish, Bakshish!" zischte es durch die blaue Lust. und ein Dutzend halbwüchsiger Bengel, bekleidet oder im Urzustand, hefteten sich als Sichrer an unsere Sohlen. An Stelle des stolzen Indraprastha der Sage hat sich ein ziemlich elendes Hindudorf der Wirklichkeit angesiedelt. Der Dust der köstlichen Essenzen ist zu Übeln Gerüchen geworden, das Goldpflaster den Abfällen von Menschen und Tieren und dem Staub und Schmutz gewichen, die freien Sonnenkinder haben sich in ein elendes, feiges Sklavengeschlecht verwandelt. Ein kostbares Kleinod freilich birgt immer noch die hohe Mauerumwallung puruna Killas: die Killa Kona-Moschee, ein großes, stilreines, wohlerhaltenes Gebäude aus dem Jahre 1541. In rotem Sandstein ausgeführt, kommen zu den weißen Marmoreinlagen noch Verzierungen aus dunkelm Schiefer, wunderschön ist die Schrift der Koran-Sprüche, welche aus- und inwendig die Moschee zieren. Von dem Pavillon oben auf dem Turme schauten wir herunter aus das moderne ärmliche Indrapat. In der Mitte erhebt sich aus rotem Sandstein wohlerhalten ein zweistöckiges mit einem achteckigen Pavillon gekröntes Gktogon. Großmogul Humayun, der Vater Kaiser Akbars, hatte hier seine Bibliothek und zugleich seine Sternwarte. Als er eines Abends hinaufgestiegen war. um sich am Anblick der aufgehenden Venus zu erfreuen, strauchelte der Kaiser, stürzte die Treppe hinunter und starb wenige Tage darauf an den Solgen der erlittenen Verletzungen. Sein schönes, unweit gelegenes Mausoleum sollten wir den folgenden Tag sehen. Aber Indraprastha bildete nur einen Teil Alt-Dehlis. Unter dem gewaltigen Trümmerfelde, welches 10.400 Hektaren ausfüllt, sollen nicht weniger als sieben Städte liegen. Städte, die von indischen Sürsten erbaut und beherrscht worden waren, von einem Maharadscha Delu, der hundert Jahre vor Christo lebte, soll der Name Dehli abgeleitet worden sein. Im Jahre 1011 wurde Dehli vom Sultan Mahmud von Ghasni erobert, und vom Jahre 1193—1517 beherrschten die fünf türkischen oder Ghari-Dynastien von Dehli aus das große hindostanische Reich. von Indrapat brachte uns der wagen über Schutt und Trümmer nach dem völlig verfallenen Sort von Serozabad, welches Seroz Shah Tughlak Fort von Fcrozabad mit Lotila und Lat-öaüle. - MM MMMI WUU W:MM H»'-« >-->4 LM > Ä MM ZMMM M^WM UM8 MUM . AW rsW- M.' W M MÄ kH»- ...^: - MLL^-2L2" ^ - . -- ^ -kM Mausoleum des Königs Altamsh. (S. §50.) Alt- und Ileu-Dehli. Z4S llZZI—1Z88), der dritte Herrscher der dritten Dynastie, 1ZZ4 erbaute. Rur ein Bauwerk hat dem furchtbaren Überfall des lahmen Ta- merlan widerstanden. Leine massigen Mauern heben sich in drei sich verjüngenden Stockwerken empor, während das Erdgeschoß unter Schutt und Gestrüpp im Boden ruht. O^otila heißt der souderbare Bau. deinen Leib durchbohrt eine schlanke Säule, welche hoch über das flache Dach hinausragend allmählich dünner wird und in einer abgebrochenen Spitze endet. Linst trug sie eine vergoldete Mauerkrone und hatte den Namen: Goldenes Minaret. Line ehrwürdige Säule, denn sie kommt aus dem grauen Altertum! 2160 Dahre sind verschwunden, seit der fromme buddhistische völlig Ayoka, der Liebevolle, seine aus ihr einmeißeln ließ. Damals war wohl die Zahl dieser „Lat" genannten Säulen eine große, aber wenige nur sind der Nachwelt erhalten geblieben. Im XIV. Jahrhundert hatte der Kaiser Seroz Shah zwei dieser Lats nach Dehli schassen lassen, um sie als Mahrzeichen des großen Umfanges, den er der Stadt gegeben, an den beiden Enden derselben auszustellen. Vergeblich versuchten Seroz Shah und seine Gelehrten, die krausen, seltsamen Schristzüge, mit der die Säulen bedeckt sind, zu entziffern. Der Neuzeit erst ist es vergönnt gewesen, das Rätsel der Säulen zu lösen. Lange noch kletterten wir in der alten ä^otila herum. Line Hindufamilie mit zahlreicher Nachkommenschaft hat sich drin eingenistet und auch ein Toter seine letzte Ruhestätte hier gefunden. In einem finstern, kellerartigen Raum stießen wir unversehens aus einen roh gearbeiteten Sarg, den die Liebe mit süßduftenden Blumen und zartgrünen Ranken geschmückt hat. Sie sind hier in den Trümmern entsprossen, denn stellenweise lacht's sonnig und grün aus Schutt und Geröll hervor, als ob es das Blut verdecken wollte, welches die grausamen Tatarenhorden des furchtbaren Tamer- lans vor ZOO Jahren hier vergossen haben. Die Chronik erzählt, daß sie die glänzende Stadt innerhalb fünf Tagen in einen Trümmerhaufen verwandelt und in einer einzigen Stunde 100,000 Menschen abgeschlachtet oder lebendig mit Steinen und Mörtel zu Türmen ausgemauert haben. Der grausame Sieger wollte keine Hindusklaven mit sich nehmen, da sonst auf dem langen IVüstenwege Hungersnot ausgebrochen wäre. Mas der milde Seroz Shah für das Wohl seines Landes und Volkes erbaut, L. von Rodt. Reise um die Welt. Trat an Musjid. milden Verordnungen, seine Grundsätze und Taten S4ß Reise einer Schweizerin um die Welt. ist wenige Jahre nach seinem Tode unter roher Seindeshand zertrümmert worden. Nur ein Gebäude, und zwar ein wohlerhaltenes, stammt noch aus jener Zeit, die Kalan Musjid oder Schwarze Moschee. Durch enge, übervölkerte Straßen wand sich mühsam unser Wagen. Zu Suß wären wir kaum hingelangt, denn das ganze (Quartier, namentlich die liebe Jugend folgte uns Bakshish brüllend. Als ich, endlich oben an der steilen Treppe stehend, zurückschallte, zählte ich nicht weniger als sechzig Kinder, die mir bittend die Händchen entgegenstreckten. Die aus dem Jahre 1389 stammende Kalan Musjid soll das charakteristische Bild eines indisch-mohammedanischen Baues des XIV. Jahrhunderts bieten: ein viereckiger, von einem Kreuzgang umgebener Hos, das Dach mit einer Menge kleiner Kuppeln geschmückt. Spärliches Licht dringt durch einige in den dicken Mauern angebrachte Öffnungen, welche zudem noch mit rotem Gitterwerk überflochten sind. Man könnte in dieser Moschee das Gruseln lernen, dabei ist alles schmutzig, und reichlich verdient sie ihren schwarzen Kamen. Srüh am folgenden Morgen fuhren wir nach dem vier Stunden von Dehli entfernten Kut'b Minar. Bis Indrapat folgten wir demselben IVege wie am Tage zuvor, dann, uns gen Süden wendend, gelangten wir 20 Minuten später zu dem schönen Mausoleum Humapuns, welches seine Gattin Haji Begam ihm erbauen ließ. Lin würdig schönes, großes Grabgebäude mit zwei Cingangstoren! Ls hat das Muster zum Tadsch Mahal abgegeben, ist aber von letzterem an Schönheit und Poesie weit übertroffen worden. Der Sarkophag des Kaisers steht gerade unter der großen Kuppel und ist ganz schlicht aus weißem Marmor, ohne jedwelchen Namen oder Datum. Auch Humapuns Gattin und mehrere Glieder der kaiserlichen Lamilie liegen in schmuck- und namenlosen Särgen in Nebenräumen bestattet, vom schönen Dache aus überschaut das Auge das Land. welches hier einem großen Sriedhofe ähnlich sieht, denn überall ragen Gräber und Mausoleentrümmer empor. Die stimmungsvollste Grabanlage und einen der poetischsten, echtesten Stecken Lrde Grab Mohammed Shahs. -^4 - T» -AM AM Alt- und Neu-Dehli. S47 im weiten Indien fanden wir in der Nähe des eben beschriebenen Pracht-Mausoleums. Hier ruhen: Ein großer Heiliger, Nizamu-din Auliya; ein berühmter Dichter, Amir äkhusrau; ein Großmogul, Mohammed Shah, und mehrere Maiserkinder. Unter letzteren tritt die rührende Gestalt Jehanaras, der srommen Tochter Shah Jehans, uns menschlich nahe entgegen. Line zweite Antigone, ist sie die treue Gefährtin und Pflegerin ihres Vaters im Unglücke geblieben. Lieben Jahre lang hat sie treulich seine Gefangenschaft geteilt, und als er gestorben, verließ sie den glänzenden Hofstaat von Dehli, um die übrige Zeit ihres Lebens in Gebet und Merken der Barmherzigkeit im Verborgenen zu verbringen. Mcht unter der kostbaren äkuppel des glänzenden Tadsch Mahals, sondern hier auf dem stillen Sriedhofe unter den: blauen Himmelsdom wünschte sie bestattet zu sein. Jehanara lebt im Andenken des Volkes fort, und täglich findet sich eine Hand, welche auf den schönen, schneeweißen Marmor-Sarkophag eine frische, grüne Ranke legt. Zu Häupten des Sarges steht eine hohe Marmortafel mit den Worten: „Gott ist die Auferstehung und das Leben", und darunter persische Verse, deren Anfang in der Übersetzung ungefähr so lauten mag: „Gebt mir nicht reichen Schmuck, und latzt nur sprossend Laub Ein Leichentuch mir sein, es berge meine Glieder! vergängliches ruht hier: die arme Jehanara, Ihr Vater, Shah Jehan, Gebieter, Salim Lhist war" u. s. w- Die Jahreszahl 1681 steht auf dem Steine. An dem Grabe des Großmoguls Mohammed mit seiner herrlichen Eingangspforte und dem köstlichen Marmorgitterwerk gedenkt man eines blutigen Blattes aus der Geschichte Neu-Dehlis. Unter ihm war es, daß der Schah von persien, Nadir, 1259 die Stadt einnahm, brandschatzte und die Einwohner so lange hinmetzeln ließ, bis Mohammed ihn für sein Volk um Gnade anflehte. Da antwortete Nadir: „Niemals darf ein Kaiser von Indien vergeblich um etwas bitten", und ließ sofort dem Morden Einhalt tun. Nadir schleppte unermeßliche Schätze aus Dehli mit sich fort im werte von ungefähr 1200 Millionen Sranken, außerdem noch den auf 7Z Millionen Lranken veranschlagten Pfauenthron. In dem Dichtergrabe ruht: Amir Khusrau, dem seine Zeitgenossen — er starb schon 1Z16 in Dehli — den nach unseren Begriffen gar nicht schmeichelhaften Beinamen Tuti-i-Hind, „Papagei von Hindostan", wegen der Anmut seines Stiles, verliehen. Seine Gunst bei Hofe und sein Ruhm waren so groß. daß von fern und nah Besucher herbeieilten, um den Dichter kennen zu lernen, dessen Lieder teilweise noch jetzt im Volksmunde fortleben. Mausoleum des heiligen Mzamu-din Auliya. L, «4»»4 f l fk 5 k sff . S4S Reise einer Schweizerin um die Welt. In dem schönen Kuppel-Mausoleum, welches ein prächtiger Säulengang umgibt, ist Mzamu-din Auliya, der größte heilige der hochangesehenen Lhist-Sekte, bestattet. 5einen Sarkophag bedecken kostbare Tücher und Blumen, und schattenspendende, rot und weiße, gestickte Tücher hängen auch zwischen den Fäulen des Vorbaue- heruntei. schöne Bäume verleihen der ganzen Anlage eine poetische lVeihe, welche sreilich zum Schluß etwas durch die Angehörigen des heiligen aus dem Gleichgewicht zu kommen drohte. Die Lhre, Wächter dieses Heiligtums zu sein. wird nämlich jeweilen sünszig Nachkommen der Samilie Uizamu-dins zu teil, welche diesen Posten reichlich dazu ausnützen, ein beschauliches Lieben zu sichren und jeden Fremdling als ihre Beute zu betrachten. Die „Tätigeren" aus der Gesellschaft kauern im Badkostüme aus dem Dache des Tempels, bereit, auf den leisesten Bakshish-Wink hin sich in die übelriechenden, schwarzen Sluten eines tiefen Teiches zu stürzen. Die Legende erzählt folgendes über seine Entstehung: Großer Wassermangel herrschte in jener Gegend, deshalb rief der heilige, der zugleich ein mächtiger Zauberer war, diesen Teich ins Dasein, dessen Tiefe bis 16 Meter betragen soll und dessen Ab- oder Zufluß kein Mensch kennt, hieraus segnete er ihn und bewirkte dadurch, daß niemals jemand ertrinkt, der hineinfällt. Eingedenk unserer Erfahrung in Sathepur, verbaten wir uns jedwelchen Sprung in die Tiefe, was eine solche Empörung unter den heiligen Sprößlingen hervorrief, daß sie uns mit höchst unheiligen Schimpfreden entließen. Auch auf dieser Straße begegneten wir zahlreichen Srauen, jedenfalls waren es Mohammedanerinnen, denn jedesmal, wenn ein Mann nahte, verhüllten sie ängstlich ihr Antlitz. Sie tragen hier alle ganz kurze Jäckchen, welche kaum die Brust bedecken und den Leib bis zum Nabel bloß lassen, während ein langer, faltenreicher Rock die untere Partie des Körpers verhüllt. Endlich waren wir beim Kut'b Minar angelangt. So heißt eine großartige Säule, deren Löhe 72 und deren Breite etwas über 16 Meter Durchmesser an der Basis beträgt. In fünf sich verjüngenden Stockwerken strebt sie frei und hehr zum blauen Äther empor. Die drei unteren Etagen sind roter Sandstein, die zwei obersten weißer Marmor. Aus welcher Zeit mag wohl diese Säule stammen, welche den Namen „Polarstern Minaret" trägt und mahnend „zum Kümmel und zur Achse des Weltalls empordeutet" ? Die Sage erzählt uns von einem Lindu-König — wir befinden uns auch hieraus den Trümmern einer der sieben Städte Alt-Dehlis — welcher seinem verwöhnten Töchterchen zuliebe diesen „Lug' ins Land" erbauen ließ. damit es von oben die heiligen Äuten der Jumna dahinfließen sehen könne. Die schönen Inschriften — kalligraphische Wunderwerke — dagegen deuten auf späteren mohammedanischen Ursprung. Jedenfalls aber besitzt Kut'b Minar das ehrwürdige Alter von nahezu achthundert Jahren und gehört wohl zu den höchsten und originellsten Türmen der Welt. Loch und heiß freilich war seine Lrklimmung. Unser Polarstern Minaret besitzt hier einen Aivalen, einen schwarzen, der keines- wegs an Schönheit mit ihm wetteifern kann, ihn aber als Merkwürdigkeit noch übertrifft. Es ist dies eine massive, schmiedeiserne Säule, deren Löhe 7 Meter und Alt- und lleu-Dehli, S49 ljU Irut'b Mlnar. standen. In Europa hat man erst vor kurzem dies zu stände gebracht. Dabei zeigt die 1400jährige Säule kein Äeckchen Rost, und die Inschrift ist noch so scharf und klar in den Konturen, als ob sie gestern erst eingemeißelt worden wäre. Die eiserne Säule steht in einem Lose, um den sich die Ruinen einer im Jahre 1191 begonnenen Moschee ausbauen. Ivie schön sie war, zeigt noch der hohe, reich deren Durchmesser 48 Lenti- meter beträgt. Die eiserne Säule erzählt uns in ties ein- gegrabenen Sanskritzeichen ihre Geschichte. Sie nennt sich „Ruhmes-Arm des Radscha Dhava", welcher sie errichtet, nachdem er mit starkem Arme das Volk der Vahliker besiegt und die Herrschaft auf Erden während langen Jahren festgehalten hätte. Man staunt über die Kunstfertigkeit der Hindu, die im IV. Jahrhundert einen Säulen- schast von dieser Länge in einem Stück zu schmieden ver- Rut'b Minar und Moschee-Auinen. Reise einer Schweizerin um die Welt. ornamentierte Torbogen, dessen Sugen und Köcher seht grüne, langschwänzige Papageien zu Nestern erkoren und schreiend schwarmweise umflattern. Nicht weniger als 21 Hindu-Tempel haben dieser Moschee weichen und zum Material dienen müssen. Aus den Säulen von Hindu-, Buddha- und Iain-Tempeln sind die Kreuzgänge gebildet worden. Jeder neue Herrscher hat einen neuen Hof, ein neues Gebäude noch daran fügen wollen. Schön erhalten ist das Mausoleum Altamsh's, des vierten Königs der ersten Dynastie. Trist schon 12ZZ gestorben, sein Grab somit das älteste in Indien bekannte. In verschiedener Zuschrift des Nut'b Minar. Schrift geschriebene Koran-Sprüche ziehen sich als breite Bänder durch das Innere, welches von oben ein etwas dämmeriges Licht erhält. Modernund unschön dagegen ist der obere Teil des Sarkophags. Auch das sogenannte Alai Darwazah. das im Jahre 1Z10 von 'Alau-din erbaute Tor, ist ein Meisterwerk arabischer Kunst. Kut'b Minar besitzt sein Dak Bungalow, wir hatten zwar unseren Tiffin vom Maiden-Hotel mitbekommen, dieser war aber unterwegs bis auf einige unappetitliche Überreste verschwunden. Jedenfalls hatten unsere Kutscher die Zeit, während wir Gräber besuchten gut angewandt und sich ungeachtet, daß unser Essen nach Hindusatzungen eigentlich unrein sein sollte, dasselbe zu Gemüte geführt. So mußte im Dak Bungalow neu für uns gekocht werden, und nicht weniger als sechs dienstbare Geister suchten unsere wünsche zu erraten. Die Rechnung fiel entsprechend aus. Die eiserne Säule. ÄMK MWM" .,!,, »^r>. PM> MMMW ÄÜW»- ' -E' WWW -Mi^LLÄ M-.K- ÄSS SMS >ckHr>7, WM8 KMU Rashmir-Tor. (5. ZS1.) ' D - K .'tzrA-'- ' > tzck ZMtz r ^ ^^NAA '' > -'": - MKÄIM WWA '^.M Alt- und Neu-Dehli. SZ1 Schon hatte sich die Nacht auf das malerische Kaschmir-Tor gelegt, als wir auf dem Rückweg durch dasselbe fuhren. Dunkler noch starrten mich die Löcher und Breschen an, welche die Nutin^ in dasselbe geschlagen. Melch grausamer Kampf hat im Jahre 1857 hier getobt, von wie viel Heldentum sind diese Steine stumme Zeugen gewesen! Ja, etwas Schreckliches ist- um den Krieg, und schaudernd dachte ich daran, daß eigentlich jeder Zoll Dehlis mit Blut getränkt sei. Gb wohl in jenen Septembertagen des Jahres 1857 der Mond ebenso hell auf all die Toten geschienen hat, wie er uns jetzt leuchtete? Es ist etwas Eigentümliches um diesen indischen Mond! Bei seinem Anblicke verstand ich zum erstenmal die Psalmworte: „Daß dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts", 'Alaudins Tor. A.. SMM ... ^ 8WW 8 oder die Prophezeiung Jesaias: „Und des Mondes Schein wird sein wie der Sonne Schein". Hier ist sie schon erfüllt. Ja, dieser wunderbare Schein, nicht die Zukunft, die Vergangenheit spiegelt er wider. Ist es doch, als ob ein glühender Erinnerungs- hauch an jene versunkene Pracht entschwundener Jahrhunderte sich dort oben angesiedelt hätte. All die Diamanten und Rubinen, an deren tausend Sacetten sich die Strahlen des Mondes gebrochen, all die goldenen Kuppeln, die in seinem Glänze zauberhaft sich belebten und sein Licht wiedergaben, funkelnd in den spielenden Mastern der entzückendsten Gärten, die eine prunkende, schönheitlechzende Einbildungskraft zum vollgenuß erschaffen — hier strahlt er unverändert hernieder, geheimnis- trunken, wunderbar. Mie matt erscheint im vergleich das freundlich bleiche Mondgesicht unseres nor- Reise einer Schweizerin um die Welt. ZZ2 bischen Limmels, diese ewig lächelnde, in der Phantasie eines /Leine oft auch grämlich herunterblickende Sratze! Unsere Großvater haben den Mond besungen, unsere Groß, Mütter ihn angeschmachtet. Leute, in dem klugen, vielwissenden, aber ach so empfindungsarmen Leute, wird er nur noch durch unsere von keinem biederen Uachtwächter zur Ruhe gewiesenen Schnauzer und Spitze mit hündischer Selbstherrlichkeit angekläfft und angeheult. G wonniger indischer Mond! Blendend glanzvoll umweben deine Strahlen die öden Ruinen, barmherzig verwandeln sie den entsetzlichen Staub des Tages in glitzerndes Silber. Uns selber aber mutest du an — nicht als ausgebrannter Krater — o nein! als feurig warmes, zu Sleisch und Blut gewordenes Märchen aus alten Zeiten! Die Residenz eines Maharadscha. AAA Capitel 36. Die Rsstöen? eines Maharadscha. Ankunft im Raiiar-i-Dind-Dotel. Der Maharadscha. Tauben. Iaipur, die rosenfarbene Stadt. Straßen- leben. Iey Sing II. Palast des Windes. Baustil. Gbservatorium. Palast und Gärten des Maharadscha. Alligatoren-Teich. Marstall. Schule des Maharadscha. Bibliothek. Lunstgewerbeschule. Ländler im votel. Der öffentliche Garten. Albert-Lall. Sinnsxrüche. Museum. Lonzert und Musikdirektor. Die Zuhörer. Aaiputen. Lkka. Die Zcnana. Llesantenritt nach Amber. Unser Llesant. Palast in Amber. Bakshish. Abreise von äaipur. Wie Krone aller schlim- inen Zlnkünfte und schlechten indischen Gasthöfe, schwanke ich keinen Augenblick, Iaipur und seinem Kaisar-i-Hind-Hotel zu erteilen. Geisterstunde war-, als wir nach langer Sahrt dem Waggon entstiegen. Trieb ein böser Spuk sein Spiel mit mir? Ich fand mich plötzlich in eine win- terlandschast versetzt. Leuchtend warf der Mond sei- Frauen, die sich zu einem religiösen Feste begeben, neu hellen Schein auf eine weiße, unabsehbare Släche, und, o Macht der Einbildungskraft, eisig kam mir der wind vor, welcher mich anblies. Schnee in Iaipur? Unmöglich! Ich bückte mich zur Erde und ergriff eine Randvoll des weißen „Schnees". — Staub war's und Heller Sand, der mehrere Zoll hoch hier lag. Seit drei vollen Jahren ist in Iaipur kein Regen gefallen. Im Gasthofe herrschte Totenstille. Nur einige melodische Schnarchtöne klangen aus der Tiefe. Sie kamen aus einer Anzahl lebendiger Knäuel hervor, welche auf den Steinplatten der Vorhalle lagen: die Wächter und Boys des krauses. Endlich hatten wir mit Hülfe des Kutschers ein paar davon wachgeschüttelt. Schlaftrunken geleitete mich der eine Boy in ein Zimmer, wo ein langer Engländer soeben den SZ4 Neise einer 5chweizerin um die Welt. Vindu-Linder. letzten Stadien seiner Nachttoilette oblag. Linbeidseitig empörter Ausruf! — 3ko- ckinZ! Line zweite Expedition führte mich über die mondbeschienene Außentreppe. Oben angelangt, siel's dem Boy ein, hier sei kein Zimmer frei. wir pilgerten weiter. Da- nächste war ein Raum, in welchem die leere Bettstelle ohne jede Zugabe stand. Bop und Bett, beide- Dinge, welche jeder reisende Engländer, wie schon gesagt, durch Indien mit sich schleppt, sollte ich hier schmerzlich vermissen. Ich riß meine Decken aus dem Plaid, mein Reisegefährte half mit Kopfkissen aus, nach langem warten erschienen zwei recht gebrauchte Betttücher — o frage nicht woher — und ich machte mich dran, mein Nachtlager herzurichten. wein Reisegefährte war unterdessen in ein anderes Lokal gebracht worden, wo ein ordentliche- Bett stand, allein das war schon beseht. Knurrend sprang erst aus wiederholte energische Aufforderung ein großer, schwarzer kund daraus, während der beiden Tage, die wir in Iaipur verbrachten, traf mein Sreund beinahe jedesmal, wenn er in sein Zimmer trat, den Kund auf dem Bette. Offenbar fühlte er sich hier als kerr und Gebieter. Iaipur, Dscheppur, Ieppur oder, wie es englisch geschrieben wird, Ieppore ist die 1728 neugegründete kauptstadt der Rapputana, eines au- vierzehn tributpflichtigen Staaten zusammengesetzten Landesteiles. Der Maharadscha von Iaipur regiert gleich den anderen einheimischen Surften mehr oder weniger selbständig, denn auch er besitzt gleich den Herrschern von Djokjokarta und Solo in Java einen leitenden „Bruder" in Gestalt des englischen Ministerresidenten. Um diesen Maharadschas nach Möglichkeit englische Anschauungen einzuimpfen, pflegen sie als Knaben in eigens dazu von England gegründeten Schulen erzogen zu werden. Als wir durch bodenlosen Staub in der Srühe des folgenden Tages der 2 Kilo- meter vom Kaisar-i-kind-Samilp-kotel entfernten Stadt zufuhren, war mein erster Name für dieselbe „Taubenstadt". Gleich dichten, stahlblauen Wolken schwebten die niedlichen Tiere vor uns her und ließen sich furchtlos vor den Kufen unserer Pferde nieder. Es war wohl Sütterungsstunde. Ihre Zahl übertraf bei weitem diejenige der venetianischen Markustauben. . ^1 -MMHL. Stadttor in Iaipur. (5. ZZ6.) '-^ 2 ^ ZZ6 Reise einer Schweizerin um die Welt. Iaipur, „die rosenfarbene Stadt", lautete meine nächste Benennung, denn schon das mit weißen Stuckverzierungen geschmückte Eingangstor und alle Däuser der breiten, lustigen Straßen hatten einen rosa-Anstrich. Dieses Rosa paßte zu den malerisch drapierten, schönen Reitern auf stolzen Rossen, den LamelKarawanen, originellen Zebu-Darren, zu den riesigen Elefanten, deren Gesichter grün und rosa bemalt waren und die schwerfällig neben uns einherschwanlrten. Das Ganze fah aus wie ein lustiger Saschingszug, freilich wie ein immerwährender, der besonders abends beim Gaslichte gedrängter, zahlreicher, phantastischer wurde. wohltätig berührte uns der Abstand zwischen der armseligen, abgestumpften Lulibevölkerung, welche — wie uns wenigstens vorkam — in den übrigen Städten Inner-Indiens vorherrscht, und dein hiesigen, freien, fröhlichen, originellen Volksleben. Der Maharadscha Sey Sing II-, welcher Iaipur erbaute, muß ein genialer Lopf, ein leidenschaftlicher Dilettant in Architektur und Astronomie gewesen sein. Seiner Phantasie ist der Hawah Mahal oder Palast des Windes entsprossen, ein fünfstöckiger Bau, der nur aus einer Sassade und einer Unmenge größerer und kleinerer Erker besteht. Iep Sing hat jedenfalls auch den Baustil der übrigen Häuser Iaipurs hervorgerufen, denn die Erkerchen des Windpalastes wiederholen sich überall in der Stadt, ebenso die flachen, mit einem hübschen, skulptierten Steingeländer geschmückten Dächer. Line Spezialität sind die Senster, welche nur kleine Öffnungen ausweisen, während schön durchbrochene, butzenscheibenähnliche Steinmetzenarbeit den übrigen Raum ausfüllt. Hitze und Sonne wird dadurch abgehalten, und man sieht hinaus, ohne gesehen zu werden. Doch weit bedeutender noch sind Sey Sings Leistungen als Astronom. In Benares, Dehli, Muttra und Ujjain hat er Observatorien gebaut, das größte in Iaipur. Einen beträchtlichen Raum ausfüllend, stehen eine Menge sonderbarer, meist sehr großer gemauerter Vorrichtungen, welche mit fein gradierten Marmorskalen versehen sind, unter freiem Himmel. Die Sonnenuhren, Gnomen und Guadranten, alles Erfindungen des genialen Sürsten, sollen für Astronomen von größtem Interesse sein. Der Zweck mancher der Instrumente ist jetzt nicht mehr ersichtlich. Man ließ sie sehr verfallen, und erst im Jahre 1901 wurden gründliche Reparaturen vorgenommen. vom palaste des Maharadscha weiß ich wenig zu erzählen. Er bildet, wie alle derartigen Gebäude im Grient, eine unglückliche Mischung von einheimischem gutem und europäischem schlechtem Geschmack. Ein vielverheißendes, in Messing schön gearbeitetes Prunktor führt in ein Gewirr von mit Menschen angefüllten, schlecht gehaltenen Höfen und Höschen. Auch hier herrscht die beliebte Rosafarbe, während die von Iep Sing erbaute, riesige Mauer, welche sich um das ganze Palastareal zieht, dunkelrot ist. Die Gärten sehen dürr und verwahrlost aus. Srüher. wo es wohl mehr regnete, spielten dort Hunderte von Springbrunnen, wasserreiche Lanäle zogen sich nach allen Richtungen und sandten Bäumen und Blumen kühle Erfrischung zu. Ausgetrocknet liegen Bassins und Lanäle, nur ein einziger Weiher ist mit grünlich trägem Wasser angefüllt. Heilige Alligatoren mit Lind und Lege! schwimmen darin oder M M Barvah Mahal oder Palast des Windes. (S, ZZ6.) '»MAL Die Residenz eines Maharadscha. AZ7 wälzen sich vielmehr im Sand und Schlamme. Ein pfiff des Wärters — zwei liniiere kommen heran, zwei greuliche Riesen- schlünde öffnen sich und schnappen träge nach dem Leckerbissen, welchen der Wärter, an einen Laden gebunden, neckend ihnen abwechselnd vorhält und wieder entzieht. Hungrig sind sie nicht, ebensowenig wie die schönen, wilden Bestien imTigerhause am Ende der langen Hauptstraße. Auch die Pferde des Maharadscha leiden offenbar keinen Mangel, es bildet der Marstall den interessantesten, schönsten Teil des ganzen Palastviertels. Um einen riesigen, natürlich rosafarbenen Hos gruppieren sich die Ställe für nahezu 400 Pferde. Tin jedes hat seine eigene Abteilung, seinen eigenen Wärter und sein eigenes Lütter, welches in steinernein Troge gar so appetitlich ausscharrt: Line Art Grahambrot, süße, zarte Rüben und schönes, grünes Hafergras, dessen Beschaffung in dem ausgedörrten Saipur sicherlich Unsummen kostet, bilden die Bestandteile des leckeren Mahles. Scheckige und sogenannte glasäugige Pferde scheinen hier besonders beliebt. Was mir nicht gefiel, war, daß man jedes Pferd außer am Kopfe noch an einem oder gar beiden Hinterfüßen gefesselt hatte, eine Sitte, die mir auch bei den Tieren des englischen Militärs ausfiel. Unsere diesbezügliche Lrage wurde damit beantwortet, es geschehe, um die Pferde am Hintenausschlagen zu verhindern. Wohl davon kanlls, daß die vielen Reitpferde, die wir aus unseren Lahrten durch Iaipur jeweilen antrafen, alle ein klein wenig den Luß nachschleppten. Auch im Stalle hatten die meisten ihren oder ihre Reiter, keine menschlichen, sondern Krähen und Tauben, die stolz auf Pferdesrücken balancieren; dazwischen leben sie herrlich und in Lreuden von den überreichen Lutterabfällen. Ein oft gesehenes Bild im Gsten sind weidende Pferde und Rinder und zwei, drei, ja vier vögel, welche auf ihrem Kops und Rücken eifrig herumpicken. Die großen Tiere halten den kleinen beflügelten Wesen geduldig still, ja freuen sich ihres Besuches, denn sie werden dadurch vom Ungeziefer befreit. Ein inniges Lreundschafts- verhältnis besteht sicherlich oft zwischen dem ungeschlachten Wasserbüffel und dem zierlichen vögelchen. Unwillkürlich mußte ich stets dabei an die hübsche Lasontaine- Label von dem Löwen und der Maus denken. Man sagt dem Maharadscha von jZaipur nach. er beschäftige sich ausschließlich mit schönen Pferden und hübschen Mädchen, allein fürstliche Lreigebigkeit bei der Markt in Iaipur. AAF Reise einer Schweizerin um die Welt. Dotation aller in der Stadt zu Nutz und frommen seines Volkes existierenden Institute darf man ihm nicht absprechen. Sind diese auch größtenteils von seinen vorfahren gegründet, so gibt er wenigstens ungeschmälert und reichlich die Mittel zu ihrem fortbestand und Gedeihen. Die Schulen z. B. sind nicht nur frei, sondern jede Samilie erhält für jedes Kind, das sie zur Schule schickt, eine bestimmte Summe im Jahre geschenkt. Sehr lebhaft interessierte mich der Besuch in der „Schule des Maharadscha", wo bei 1400 Jungens aller Stände und Religionen — Parsi, Mohammedaner und Lindu sitzen aus den Schulbänken nebeneinander aus seine Hosten eine recht tüchtige Bildung erhalten. Auch alle Altersstufen sind vertreten, vom sechsjährigen ^UO-Schützen bis zum gereiften, bärtigen Manne. Die in der Schule abgelegte Maturitätsprüfung gestattet sofort den eintritt in die Universität Kalkutta, von Sprachen wird gelehrt: Lindostani. Sanskrit. Englisch, Persisch und Arabisch. Löslich und zuvorkommend führte uns der Vizedirektor, ein Brahmane, durch die ganze Anstalt, wohlerzogen standen groß und klein auf, als wir eintraten, und die Lehrer, welche uns alle vorgestellt wurden, grüßten mit tiefstem Salaam. Die Schüler saßen je zu sechs oder zwölf in einer Klasse, sahen wohlgenährt aus und waren im ganzen gut, einzelne sogar reich gekleidet. Um die hellen, luftigen Schul- zimmer lies ein fries mit teilweise ins Englische übersetzten Sinnsprüchen aus den Schriften des Lonsucius, der Mahabharata, dem Koran, ja sogar der Genesis. Ich wünschte nachträglich, ich hätte einige der besonders schönen Sprüche abgeschrieben. Nur das Motto Iep Sings, des Astronomen, haftet in meinem Gedächtnis: „Tugend führt zum Sieg", und der Wahlspruch des „Leiligen von Benares": „Keine Religion ist höher als die Wahrheit". Die Schule des Maharadscha ist im Jahre 1844 mit vierzig Schülern eröffnet worden. Line Bibliothek von über 1Z.000 Bänden mit einem großen Lesesaal, wo alle möglichen Zeitschriften aufliegen, steht fremden und Einheimischen gratis zur Verfügung. Der Maharadscha soll jedes Jahr bei 6000 franken für Ueuanschaffungcn daran wenden. Ebenfalls eine Schöpfung des fürsten ist die Kunstgewerbeschule, wo Cloisonnö-, Metall-, Silberarbeit, eingelegte Waffen, Weberei und fapencemalerei, teilweise von alters her betriebene Industrien, unter tüchtigen Lehrern ausgeführt werden. Auch hier ist der Unterricht frei. Anschließend daran sind zwei große Ausstellungssäle, wo man die in der Schule gearbeiteten, großen und kleinen Gegenstände zu fixen preisen kaufen kann. was für eine Errungenschaft dies im Osten ist, kann nur derjenige ermessen, welcher die langen Verhandlungen um Wert oder Unwert der zu kaufenden Ware durchgemacht hat. Nichtsdestoweniger sind die Einkäufe in der säulengeschmückten Vorhalle des Kaisar-i-hind-Lotels äußerst spannend, unterhaltend und vom künstlerischen Standpunkte aus malerisch, denn prachtvolle Charakter- köpfe befinden sich unter den Ländlern. Spitzbuben und Gauner sind sie freilich alle, und besonders im Lande! mit Steinen gilt's. auf der Lut zu sein. Iaipur ist das Land der Granaten, englisch Aarnets genannt. Auch an gelben Topasen und Aof im Albert-Hall-Museum. (S. Z60.) S60 Reise einer Schweizerin um die Welt. Amethysten scheint Überfülle zu herrschen, denn Handvollwelse wurden sie aus allen möglichen Geheimtaschen und schmutzigen Taschentüchern hervorgeholt. Die preise pflegten zwar erst nach heißen dämpfen von zehn aus eine halbe Rupie zu sinken. Auch letzteres mag noch zu viel sein, denn die Steine haben meistens üehler und werden zudem von den Lingebornen oft schlecht geschliffen. Das großartigste Geschenk der Maharadschas an ihre Rajputen, wie das Volk sich nennt, sollten wir nachmittags kennen lernen. Unmittelbar vor der Stadtmauer liegt der öffentliche Garten. Rundum breitet sich die weiße Sand- und Staubwüste aus, drinnen aber, o Wunder! ist's ein grüner, blühender, tropischer, wohlgepflegter park. Seine Ausdehnung beträgt nicht weniger als 28 k>ektaren, sein Unterhalt kostet den Maharadscha jährlich über 50,000 Srauken. Tin kleiner Tiergarten gehört dazu mit großem Teiche, in welchem allerlei Wasservögel, dickschnäblige Pelikane, rosenfarbene Llamingo, langbeinige Störche, farbenbunte, chinesische Enten, im Schatten herrlicher Bäume ein sorgenfreies, etwas zänkisches Dasein führen. Auch betreffs guter Verpflegung haben Tiger und Leoparden in Iaipur sich nicht zu beklagen, sind sie doch quasi pensionierte Rentiers. Große Stücke saftigsten Sleisches lagen in den Käfigen herum, und schon nahte der Wärter mit neuem Vorräte. Eines freilich, das Beste, entbehren sie, die Sreiheit. Mitten im Garten erhebt sich ein stolzer Prachtbau, der jeder europäischen Großstadt zur Zierde gereichen würde. Albert-Lall heißt er zu Ehren des jetzigen Mnigs von England, der als Prinz von Wales im Jahre 1826 den Grundstein dazu gelegt hat. von seinem Besuch in Iaipur auch stammt die in dieser Landschaft fremdartig aufdringliche große Inschrift: «^Velcome», welche in weißen Lettern das felsige Ligerfort schmückt. Möge dieses «Mslcome» übrigens lange noch stehen bleiben, denn wenn einmal englische Truppen hier einziehen, um dem selbständigen Staate der Rajputen ein Ende zu machen, so wird dieses «IVelcome» sicherlich schleunigst verschwinden. Einstweilen freut sich das Volk noch an dem freien Zutritt in den herrlichen Garten, wo keine Aufschrist «not tor nurives» ihm von den Bänken entgegenstarrt, freut sich auch an dem schönen Albert-Aall-Museum, in dessen eleganten Räumen c- sich mit Vorliebe neugierig, gewiß aber auch wißbegierig und immer anständig bewegt. Albert-Lall, die Stiftung des Großvaters des jetzigen Maharadscha von Iaipur, rst rm mdffchen Stile erbaut. Zahlreiche Terrassen mit schön durchbrochenen Marmorgeländern. große und kleine mit kuppeln gekrönte Pavillons, herrlich ornamentierte, elegante Bogen, offene, blumengeschmückte Löse zieren den bis ins geringste Detail lorgfaltlg ausgearbeiteten, schönen Bau. Auch hier sind überall Sprüche angebracht, unter denen mir die folgenden am besten gefielen: wie durch kristall'ne perlen blinkt der Silberfaden. So auch durch gute Taten strahlt die Liebe. * Tot nennt man einen, der, obgleich er atmet, lebt! ^och niemals einen guten ÄmeA uer^olgt '^7 LLM^ ..»i ,H-r °r -?» W - s? 4""" H Tigerfort in Iaipur. (S. Zö0.) Iie Residenz eines Maharadscha. S61 IVer kleinlich denkt, der frägt: List du von unserm Stamm? Wer groß und edel fühlt, sieht in der Menschheit seine Lrüder. Dem Aufrichtigen gibt Gott Gedeihen und Gnade, verirren kann sich keiner auf ebenem Pfade. (Auf einem Siegel Kaiser Akbars.) Zum Mutigen, der wagt, gesellt sich auch das Glück. Ein Schwächling rührt sich nicht, harrt auf des Schicksals Gunst. Mit derselben Sorgfalt wie der Außenbau ist auch das darin befindliche Museum ausgestattet. In musterhafter Ordnung und Übersichtlichkeit liegt alles vor dein Besucher: moderne und alte Brunst und Industrie von ganz Indien; fehlt das Original, so ersetzt es eine möglichst getreue ääopie. Line schöne, naturhistorische und ethnographische Sammlung indischer Produkte interessiert den Europäer, während zu Nutz und Srommen des Eingeborenen Ansichten aus allen Weltteilen, Abbildungen europäischer pflanzen und Tiere u. s. w. ausgestellt sind. Die Rajputen und Rajpütchen scheinen dies auch wirklich zu schätzen. Sie drängen sich ordentlich dazu. Eigentlich staunenswert für ein Volk, das nach dem Ausspruch der Engländer durchaus bildungsunfähig sein soll! Als wir das Museum verlassen und eine Strecke gefahren waren, glaubte ich an eine Gehörtäuschung. Aus der Lerne klang unverkennbar der blaue Donauwalzer. Strauß inIaipur! Inmitten einer aus Eingeborenen zusammengesetzten Musikkapelle stand der Direktor mit weißem Haar und unverkennbar germanischen Gesichtszügen. Im Laufe des Konzertes suchte ich die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Er ist wirklich ein Deutscher und seit 2s Jahren schon am Lose des Maharadscha. In seiner Stellung als Musikdirektor bezieht er einen Monatsgehalt von s00 Rupien, hat freie Wohnung, einen wagen zur Verfügung u. s. w. wenn das heißtrockene, erschlaffende Dlima nicht wäre und der Mangel an Verkehr mit seinesgleichen, so könnte mancher den Mann beneiden, von beiden Dingen soll letzteres am schwersten zu ertragen sein. Der Direktor rühmte das gute Gehör, den Sleiß und Gehorsam seiner Schüler, präzis und fein wurde gespielt, und nach all den Monaten, wo ich jeder Musik entbehrt, war dieses Konzert ein Hochgenuß. So schien es auch für die Einheimischen zu sein, welche reich und arm zahlreich anwesend waren; der Eintritt ist frei. Lremdartig genug mutete mich das Publikum an. Nicht wie bei uns saß es ehrbar auf Stühlen, sondern hoch zu Roß oder Elefant, auch in Sahrzeugen aller Art, vom originellen einheimischen Büffelwagen bis zum europäischen eleganten Landauer, während die Musik spielte, stand alles still. In den pausen dagegen entfaltete sich der schönste äüorso auf den breiten, feingekiesten, tadellos gehaltenen wegen, vornehme Höflinge, in Samt und Seide malerisch drapiert, mit bunten, herrlichen Turbanen, mit wunderbar gearbeiteten Schwertern und Lanzen, jagten auf feurigen Rossen dahin, deren bunte Schabracken und phantastisches Geschirr schön mit dem Aufzug ihrer Reiter harmonierte. Andere saßen zu drei und vier in hocheleganten Landauern: zwei Bops vorn auf dem Bocke, zwei palmfächerwedelnde Diener hinten. Dazwischen L. von Rost, Reise um die IVelt. 26 Z62 Reise einer Schweizerin um die Welt. ritt ein fünfjähriges Bübchen in kostbarem Gewände, einen Dolch im Gürtel. Mit einem großen Turbane, dessen Tast das seine Köpfchen aus die Seite bog. Der arme reiche kleine Bengel hatte ein Gefolge von nicht weniger als sech-> Mann hinter sich. So mochten wohl einst die ^Klienten die vornehmen Römer begleitet haben. Stolz und frei, mit königlicher Haltung, das schöne Antlitz von einem schwarzen, wallenden Barte eingerahmt bewegen sich die Rajputen, deren ktame „Trönigssöhne bedeutet. Ihnen gebührt die Palme der Schönheit unter allen Sindustämmen. Der zweirädrige Zebu-Wagen, Tkka genannt, von dem ich schon in Agra ein Bild gebracht, ist in Iaipur besonders originell, und ein paar Prachtexemplare waren Lkka mit Zebu. auch beim ll-ronzert anwesend. Über dem Sitze schwebt ein baldachinartiger Aufbau, der oft mit schön bestickten, weißen und roten Tüchern verhüllt ist. Die langen Dörner der Zebu sind grün und rot angestrichen und an der Spitze mit einem kleinen Messingfutteral verziert. Die Zebu oder Buckelochsen (Los inäicus) haben hier meist eine schneeweiße Sarbe, sind wohlgenährt, feurig und laufen mit den Pferden um die wette. Lines nur vermißten wir bei diesem Konzert — das Beste, wie mein Reisegefährte meinte — die Srauen. Linige arme ääuliweiber mit ihren Mindern waren wohl da. allein solche aus den besseren Ständen fehlten, wo sind sie? In den Zenana, deir von der äußeren Welt abgeschlossenen indischen Srauengemächern. Dort verleben und vertrauern sie ohne jedwede geistige Anregung oder Beschäftigung ihre Lebenszeit als unglückliche Gefangene. Ihre einzige Ausgabe besteht darin, ihren Lerrn und Gebieter mit möglichst vielen Söhnen zu beschenken, sind es Töchter, so verschlimmert sich wenn möglich noch ihre Stellung. In den letzten Jahrzehnten erst fällt etwas Licht Amber. (S. §65.) - 1 '^ MW S64 Reise einer Schweizerin um die Welt. Ritt nach Amber. in die düsteren Zellen der Zenana, und zwar durch dieMissionarinnen. Ihnen ist es gestattet, in dieses jedem fremden Manne streng untersagte Bereich zu dringen, und dankbar und freudig werden sie von den meisten indischen Srauen aufgenommen. Hier bietet und böte sich noch für viele ein weites, schönes Seld für Frauenarbeit. Nach einem mehr als frugalen Diner imKaisar- i-Hind-Hotcl, dessen Halt cusr-wirt mit demjenigen von Madras mir noch heute als die ärgsten Gauner auf meiner Weltreise vorschweben, galt es, Vorbereitungen zu treffen auf den Ausflug nach Amber. Ich hatte zwar im Murray und verschiedenen Reisebeschreibungen gelesen, der Maharadscha pflege galanterweise den Reisenden zu diesem Ausfluge einen Elefanten zur Verfügung zu stellen. Gb diese Artigkeit aufgehört, oder ob der Wirt auch hier sein Schäfchen ans Trockene bringen wollte, kurz, es hieß, ein Elefant koste für den kaum ständigen Ritt dreißig Rupien. Unseren Llefantenritt wollten wir aber ü tour prix nicht missen, und da zwei junge Studenten aus Montpellier denselben heißen Wunsch hegten, beschlossen wir, uns in den Dickhäuter zu teilen. Am folgenden Morgen in aller Srühe brachte uns ein wagen durch Staub- und Sandwolken an den Suß des Selsberges, auf dessen äitamm sich die Trümmer der alten Hauptstadt ausbreiten. Im Altertum schon war der am Eingang einer tiefeil Schlucht malerisch und sicher gelegene Grt bewohnt, und als die Rajputen im Jahre 10Z7 die Bergfeste erstürmt hatten, hielten sie sie fest, bis 1728 der Maharadscha Iey Sing seine originelle Residenz Iaipur erbaute. Amber wurde auf eine Prophezeiung hin verlassen, welche besagte: „Das Herrscherhaus kann am selben Grte nur eine gewisse Zeit blühen und gedeihen?' Da stand schon unser Elefant! Cin Riesentier! Der Gedanke an den Ausstieg lief mir, der Hitze ungeachtet, kalt über den Rücken. Lr war hübsch aufgeputzt, der Biedere, sein Gesicht rosa bemalt, sein Rüssel blau und orange. Auf dem Mopf trug er ein kokettes, gekraustes Häubchen, wie eine alte Dame. Über der langen, buntfarbigen Decke ruhte auf dem breiten Rücken des Tieres ein viersitziges Traggestell. an welchem unten ein Brett für die Süße befestigt war. Auf dem Halse des Kolosses saß der Mahout oder Llefantentreiber, welcher mit den Süßen und einem kleinen, stachlichten Instrumente, Ankus genannt, das Tier lenkt. Artig machte der Dickhäuter seinen Salaam. indem er den Rüssel gegen uns schwenkte, worauf Mahout und Kornaks unisono Bakshish schrieen, von letzterer Alberthall-Museum !n Iaipur. (S. ZßO.) ü)ie Residenz eines Maharadscha. Z6Z -pezies gaben uns nicht weniger als drei, und zudem noch eine ösiornakin, wohl zu meinen Ehren, das Geleit. Der Elefant ließ sich zu meiner nicht geringen Erleichterung aus die ösinie nieder, eine kleine Leiter wurde gebracht, und sonder Mühe erkletterte ich meinen Sitz. Ha, da thront man in erhabener Höhe! Weit unter mir sind der Staub und die bakshishbettelnden Lrornaks, denen sich ein Trupp leichtgekleideter Minder und einige struppige Sakirs angeschlossen. Etwas geschüttelt, recht langsam geht's bergan, man könnte mit Leichtigkeit daneben Schritt halten. Die Aussicht wird immer schöner oder vielmehr eigentümlicher, denn der weg führt durch eine wüste. Als sei ein böses Sterben durch das Land gezogen, so leer, so verlassen steht Amber. Links an steilem Selsgrate steigen die Mauern, Bastionen und Türme der alten Befestigung, die sich 120 Meter höher als die Stadt befindet, empor. Zur Rechten zieht sich ein einst grüner Bergzug, aus dessen durch Trockenheit ausgedörrtem Boden noch Mauerreste stehen. In dem Einschnitt der beiden hohen Berge liegt gleich einem Bilde von Malershand Amber, richtiger Ambir, die alte Hauptstadt der Rajputen. Im weiten Palasthofe ließ sich unser braver Elefant auf die ä^nie nieder, und wir kletterten hinunter. Auch hier oben herrscht ein merkwürdiges Durcheinander von angefügten, mit engen Gängen und Treppen verbundenen Bauten. Zuweilen in der heißesten Jahreszeit soll der Maharadscha auf einige Wochen hier hinaufziehen. Dann öffnet sich wohl der große Saal, dessen wände mit Marmorreliefs geschmückt, dessen weiße Decke mit Goldlinien und kleinen Spiegelchen ganz übersäet ist. Durch das durchbrochene Gitter in der Höhe durften einst die geliebtesten Bewohnerinnen der Zenana in den säulengetragenen Saal verstohlen Herunterschauen, wenn ihr Gebieter, der Maharadscha, darin Vorstellungen und Festlichkeiten veranstaltete. Durch einen langen, verfallenen Gang gelangten wir in diese Zenana, wo der Sage nach der letzte mohammedanische Herrscher 928 Srauen gehalten haben soll. Ranis oder Königinnen waren 28 darunter, die übrigen deren Gespielinnen und Dienerinnen. Süße Grangendüste drangen aus dem Garten herauf, diese Bäume allein schienen der allgemeinen Dürre Trotz zu bieten, wunderbar ist die Aussicht auf die Ruinen der seit nahezu zweihundert Jahren verlassenen Stadt, auf die felsigen Berge, das jetzt wasserlose Tal und die graue Rajputana-Lbene. Grau, braun, gelb ist die Kleine Bettler in Amber. Z66 Reise einer Schweizerin um Sie Welt. Larbenzusammenstellung, in welche nur der blaue Himmel und das Grün der Grangen- und einiger Banyan-Läume hellere Töne wirft. Am Süße der Burg liegt ein kleiner Tempel, wo Stiegen in dichten Schwärmen sich sammeln und jeden Morgen eine Ziege der blutgierigen Göttin Durga geschlachtet wird. In früheren Seiten wurde ihr täglich ein Jüngling geopfert. Da geschah es, so erzählt die Sage, daß der Mund der Göttin sich eines Morgens die Gläubigen Trost und Rat bei dem gelehrtesten Priester, welcher antwortete: „Mißt es, die Göttin ist der Menschenopfer überdrüssig, sie verlangt in Zukunft jeden Morgen eine schwarze Ziege." Und so wird es noch heute gehalten. Denselben Abend brachen wir nach Bombay auf. Die während beiden Tagen unauffindbare Dienerschaft des Liaisar-i-Hiird-Sainily-Hotels schoß jetzt wie Pilze nach einem warmen Regen hervor. Der eine hatte das Bett gemacht, der zweite das Zimmer gekehrt, der dritte Master zum Bade getragen, der vierte die Lampe angezündet, der fünfte die Schuhe geputzt, der sechste das ckotü Im?ir! gebracht, der siebente und achte bei Tisch aufgewartet, der neunte — kurzum, es meldeten sich beim Abschied nicht weinger als dreizehn Leute, von denen wir drei wirklich gesehen, lind der Mirt? Dem strichen wir ruhig elf Rupien von der Rechnung, die er uns irrtümlich daraus gesetzt. Ohne Miderrede ließ er's geschehen, da er sich den letzten Augenblick nur als Stellvertreter des eben zurückgekehrten Hotel-Besitzers entpuppen mußte. Alls dem Bahnhof war großes Gedränge. Der Maharadscha sollte abreisen, und zwar nach Benares. Dort gedachte er, im heiligen Strome seine Sünden abzuwaschen, ehe er die weite Reise nach London zur Mnigskrönung antrat. Line Stunde Verspätung! Hohen Häuptern ist es erlaubt, unpünktlich zu sein, und einem Maharadscha von Iaipur, der eine Iahresrcnte von 2S Millionen Sranken haben soll, erst recht. ^?o mußten wir abreisen, ohne ihn zu Gesicht bekommen zu haben. wie man auf den Rücken des Elefanten gelangt. - grollend verzogen hatte. Lntseht hierüber, suchten . - - -L ^ .» v,-^ ' <> - ^S?KM < 'Mll WE Bahnhof in Bombay. (S. S6S.) Bombay. Capitel Z^. Vombag. Dürre Gegend. „Flamme des Waldes." veilige Affen. Bahnhof in Bombay. Der Dhobie. Malabar- Bill. Türme des Schweigens. Die Parken. Zoroafter. Zend-Avesta. Gute Wirkungen der Lehre Zoroaiters. Verfolgung und Flucht nach Indien. Lleidnng der parsen. Turmeinrichtung. Fahrt durch Bombay. Pest. Ihre Folgen. Markt. Pompelmus. L'ingebornenstadt. Baumwollmarkt. Ausflug nach Elefant«. Die Rinder des Eilandes. Der Felsentemxel. Noch einmal die parfen. ine nahezu endlose Sahrt liegt zwischen Iai- pnr und Bombay: zwei volle Nächte und ein ganzer Tag im Eisenbahnwagen ! Als ich den ersten Morgen früh aufwachte, sichren wir durch eine graugelbe Ebene, aus der sich ganz unvermittelt zerrissene, blaue, schön gezackte Bergketten erheben, welch dürres, trostloses Land! Elendes Vieh sucht eine Nahrung, die der Bo- Lindu-Lrau. den hier ihm nicht spenden kann, und noch elendere Menschen drängen sich, zu Skeletten abgemagert, jammernd an den Zug heran! weiter, nur weiter! Gasen in der wüste sind die meist freundlichen Stationshäuschen mit ihrem sorgfältig gepflegten Dusch- und Blumenschmuck, und fremdartig flammen oft die rotgelben Blüten eines Baumes empor, welchem die Engländer den ebenso poetischen wie zutreffenden Bamen «Blume ob tke Borest» gegeben haben. Blattlos steht der sonderbare Baum, durchs ganze Land zerstreut, vereinzelt da. Jeden Zweig schmücken rotgelbe Stammen, die einen eigenartigen Sarbenzauber in der dürren Einöde verbreiten. Bachmittags änderte sich das Bild. Wasser, der Zauberer, erscheint und in seinem Gefolge wogende Selder und hohe, saftgrüne Bäume, wie im Sturme neigen sie sich unter der Last zahlreicher, kräftig behender Affen. Niemals habe ich sie in so großer Menge gesehen; oft hockten bis sieben aus einem Baume, oder eine ganze Gesellschaft kauerte auf dem Damm und musterte mit ernsthaft listigen Äuglein den Bahnzug und seine Passagiere. Zutraulich, im vollbewußtsein ihrer Heiligkeit, kamen zuweilen ein paar „Vetter" bei den Stationen bettelnd vor die wagen, wein Lake-Vorrat schwand sichtlich auf dieser Strecke. An Ahmedabad sind wir vorbeigefahren; leider, mußte ich mir nachträglich sagen. Auch Baroda wäre interessant gewesen, doch mein Gefährte war so Indien- müde! „Nur weg aus diesem Lande an einen Grt, wo man ein vernünftiges Nachtlager findet, wo ein amerikanischer Magen wieder ordentlich arbeiten kann und man nicht ausschließlich darauf angewiesen ist. Staub zu schlucken." So sprach er, und ähnlich klagten alle die Reisenden, die wir auf unseren Kreuz- und Guerzügen durch Indien trafen. Die zweite Nacht fuhren wir unweit der Meeresküste entlang, und früh um sieben Uhr lag Bombay, die stolze Handelsstadt, vor mir. Schon der pompöse Bahnhof im gotisch-indischen Stile läßt auf den Reichtum und die Größe der Stadt schließen, die Kalkutta an Schönheit weit überflügelt. Augenblicklich fühlte ich mich nach der Abständigen Sahrt zu abgestumpft, um den Prachtbau nach innen und außen gehörig zu würdigen, doch habe ich dies den nächsten Tag nachgeholt. Im wohlgehaltenen Oreut Wosteru-Hotel, welches mir nach den Zuständen in Iaipur ein Paradies auf Erden schien, nahm ich rasch ein Bad und rüstete meine Wäsche für den Dhobie. So heißt der indische Wäscher. Ich hatte hier Gelegenheit, ihn einmal auf dem Seide seiner Tätigkeit zu beobachten, und begriff nun die zerschlagenen Knöpfe und Risse, die mich jedesmal mit Sorge und Trauer erfüllten, wenn die Wäsche zurückkam. Um neun Uhr schon war ich fix und fertig, wir setzten uns in einen Wagen, um vorerst zur Post zu fahren, wo, wie stets, eine Menge Briese und Karten mich erwarteten, dann ging's nach Bombays schönster Vorstadt, nach Malabar-Hill. Line wundervoll gehaltene Straße — wie überall, wo England herrscht — führte uns sachte auf die Höhe. Links und rechts vom Wege liegen elegante Villen und weiße Bungalows im Grünen, und in einem derselben wohnt Mrs. M., eine Landsmännin Reise einer Schweizerin um die Welt. Bombay. 569 meines Reisegefährten, freundlich bewillkommte uns die schöne Amerikanerin in ihrem reizenden Heim, das mit Kuriositäten aller Länder angefüllt ist. Das Schönste aber war der Ausblick aus das weite, blaue Meer. wie hatte ich mich schon danach gesehnt auf der langen, staubigen Ländreise! Jetzt winkte es mir so blau, so verlockend durch die palmenhaine, welche auf Malabar-Hill wachsen. //Glorreiches Meer! befruchtend, jauchzend, klagend, 5o flutest du dahin durch alle Zonen, Unendlich, unerschöpflich, unbezwungen, Entfesselt, ohne Ruhe, ewig drängend, Und doch wie eine Träne, leicht durchdrungen Dich an den dunkeln Saum der Wolken hängend, Oft freudestrahlend, oft in stiller Trauer!" — Dranmor. Mrs. M. ließ uns nicht mehr fort. wir nahmen den Tiffin bei ihr und schlenderten dann langsam, aber auch so noch schwitzend, vollends auf Malabar-Hills höchsten Punkt. Dort liegt ein schöner Garten voll herrlicher Blumen und Bäume, wohlgepflegter Wege und lauschiger Plätzchen, aber der bleiche Tod birgt sich darin. Hiervon dichtem Grün umsponnen stehen die fünf Türme des Schweigens. .Kein Mensch darf unmittelbar ihr Bereich betreten, kein parsi, noch weniger ein Luropäer. Allein die Träger, welche die Toten auf den Turm legen. Ihre Hände stecken in Handschuhen, nur mit Zangen berühren sie die Leichen. Jedesmal nachher müssen sie Turm des Schweigens in Bombay. Z70 Reise einer Schweizerin um die Welt, ihre Kleider wechseln und waschen, und doch gelten sie sür unrein, wie bei uns einst der Lenker. Sie bilden eine besondere Kaste, und kein anderer parsi würde mit ihnen Umgang pflegen. Nach der Lehre Zo- roasters sind die Toten unrein. Die heiligen Elemente, Seuer, Wasser, Lrde, dürfen daher nicht ! durch sie entweiht werden, Aussicht von Malabar-Wl aus. sondern sie sollen den Vogeln zur Speise dienen. Von ferne sahen wir die weißen Müllern der niedrigen, breiten Cürme. Große, eklige, wohlgenährte Geier saßen darauf und warteten auf neuen Sraß, — täglich drei bis vier Leichen, in Pestzeiten noch viel mehr. wir wandten uns ab und setzten uns dahin, wo man hinunterblickt aus das schöne Meer, die Inseln, die palmenhaine und die große Stadt, welche dereinst die um ihrer Religion willen nach Indien geslüchteten parsen gastlich ausgenommen hat. Ihre Menschenfreundlichkeit zu bereuen, hat sie keinen Anlaß gefunden, so wenig wie Deutschland, als es den französischen Protestanten Zuflucht gewährte. Leute gehören die parsen zu den besten, angesehensten, reichsten Bürgern Bombays. Ihre Geschichte geht Jahrtausende zurück, nach Gst-Iran (Baktrien). Gleich den stammverwandten Ariern am Indus, verehrten auch die Iranier die Naturmächte: Die Sonne, welche den Winterfrost und die Schneemassen von den Bergen verschwinden läßt, die Morgenröte, welche die Nebel der Nacht vertreibt, und,das lodernde Seuer, der irdische Abglanz des himmlischen Lichtes. Deutet ja doch die aufsteigende Slamme die Sehnsucht der Menschenseele nach der ewigen Lichtquelle symbolisch an. Den ersten Rang behauptete bei den Dräniern der Sonnengott Mithras. Allein nicht immer leuchtete die Sonne und herrschten nur wohltätige Lichtmächte, sondern versengende winde, verheerende Stürme zogen durchs Land, und die Schrecknisse der wüste wurden als feindliche Dämone gefürchtet. Geraume Zeit schon vor dem VI. Jahrhundert vor Thrifti Geburt brachte ein alter Weiser namens Zarathustra oder Zoroaster diesen Raturdienst in ein System und legte die einzelnen Lehren und Vorschriften in einem heiligen Buche, Zend-Avesta, nieder, von der Wahrnehmung ausgehend, daß sowohl in der Natur, wie in der Menschenseele Gutes und Böses vorhanden sei, schied er das Weltall und alles Geschaffene in zwei Reiche: In die reine Lichtwelt, welche der Götterfürst Grmuzd (Ahuramasda) beherrscht und wo alles Gute, Reine, Leilige Platz findet, und in die Welt der t-mfternis, welche der „Arggesinnte" Ahriman (Aramainjus) lenkt, und der alles . Bombay. 571 verderbliche. Lasterhafte und Unheilige inne wohnt. Als Helfer des Grmuzd erscheinen die Ainschaspands, sechs Personifikationen ethischer Ideen, nebst Sraosha, dem Genius des Glaubens, und Aetar, dem Seiler. Um Ahriman scharen sich die Drudsh, der Lügengeist, das Ahem-Mano, die schlechte Gesinnung, Aeshma, die Mordgier und Grausamkeit, und die Daevas, die bösen Geister. Von Anfang an war das Prinzip des Guten und des Bösen vorhanden, aber Grmuzd war der Mächtigere, er erschuf die Welt unbehindert von dem feindlichen Widersacher, als ein Lichtreich, worin nur Gutes und Reines sich befand. Als er sich aber in seinen himmlischen Wohnsitz zurückgezogen hatte, eilte Ahriman in Schlangen- gestalt durch die Welt und füllte sie mit feindlichen Geistern, mit unreinen und schädlichen Tieren, mit Lastern und Sünden, wenn Grmuzd durch seine Ainschaspands es versucht, die Menschen auf dem Pfade der Tugend und Sittenreinheit zu halten, so lauert Ahriman mit den Daevas aus die Gelegenheit, in unbewachten Stunden in die Herzen der Sterblichen zu dringen und sie aus den breiten weg des Lasters und der Unreinheit zu führen. Ein ewiger Lampf, ein unaufhörliches Ringen besteht zwischen Grmuzd und Ahriman um die Herrschaft über die Erde und das Menschengeschlecht. Aber am Tnde der Tage wird das gute Prinzip siegen, das Lichtreich erfüllen die Welt, und ein Zustand ewiger Glückseligkeit eintreten. Dann erhalten die treuen Grmuzd-Diener, deren Seelen nach dein Tode bei der Prüfung auf der Brücke Tschinavat rein erfunden werden, einen verklärten lichten Leib, der keinen Schatten wirft, und genießen am Throne der Lichtgottheit eines ewigen Glückes und himmlischer Herrlichkeit. Darum muß der Sromme den bösen Geistern mit allen Kräften entgegentreten, er muß das „gute Gesetz", welches Grmuzd durch Zarathustra ihm geoffenbart hat, durch Seuerdienst und Gebet, fromme Worte und Handlungen treu befolgen. während dein Inder die ganze Natur als Opfer des Übels und der Vergänglichkeit erscheint, ist dieses Opfer dem parsen nur ein von Ahriman herrührender Teil derselben. Seine Lebensaufgabe besteht daher nicht, wie bei dem Inder, in der Auflösung und Vernichtung des materiellen Daseins, sondern in der Bekämpfung der Arges sinnenden Dämonen, sowohl in der äußeren Ratur als in der eigenen Brust, damit die Lichtgeister, die Diener des Grmuzd, die Herrschaft erhalten. Dies war die Grundlage von Zarathustras Lehre, die er in der Zend-Avesta niedergelegt hat, und so wirksam bewies sie sich -L, . "st P* - Brunnem'zene im indischen Bombay. S72 Reise einer Schweizerin um die Welt- Bei Bombay. im sittlichen und werktätigen Leben, daß die ältesten Schriftsteller der Griechen die Sittenrein- heit, die Wahrheitsliebe und Arbeitsamkeit der Iranier rühmend hervorheben. Das Zeremoniell und dieAeinigungs- vorschriften, womit später die Priester, hier Magier genannt, die Lichtreligion in einen knechtischen Gesetzesdienst verwandeln wollten, haben niemals tief genug ins praktische Leben eingegriffen, um, wie in Indien, das tatkräftige wandeln zu lähmen. Das Kastenwesen fand keine Entwicklung, ebensowenig ist je ein Traum- und Büßer- leben als höchstes Lebensziel ausgestellt worden. Die Iranier haben ein großes, historisches Leben entfaltet, mächtige Persönlichkeiten, wie Kpros und Dareios, sind aus ihnen hervorgegangen, und weithin durch das Land der Meder und Perser verbreitete sich die Lehre Zarathustras als Staatsreligion. Allein andere Zeiten kamen. Die Scharen der Mohammedaner drangen ein und unterwarfen in rastlosem Siegesläufe ganz persien dem Halbmonde. Grausam wurden die Anhänger Zarathustras gezwungen, ihrem Glauben abzusagen. Nicht alle aber wollten die Avesta mit dem Koran vertauschen, lieber verließen sie das Land ihrer väter und zogen wie vor Jahrtausenden ihre Stammesgenossen, die Arier, nach Indien. Aus ein kleines Häuflein sind die parsen zusammengeschmolzen, aus achtzig-, höchstens hunderttausend, von diesen leben ungefähr die Hälfte in der Stadt Bombap, eine festgeschlossene Gemeinde unter dem mächtigen Schutze Englands. Lange saßen wir auf unserer schönen Bank, versunken in die wundervolle Aussicht. Da nahten sich Schritte: Zwei Männer und ein junges Mädchen, parsen waren's. Man erkennt sie sofort an der Kleidung. Die Männer tragen eine häßliche, steife Kopfbedeckung und einen glatten, enganliegenden Rock, zuweilen weiß, meist schwarz. Die Kleider der Srauen dagegen erinnern an griechisches Gewand. Ganz besonders reizend sah dieses junge Mädchen aus. Auf dem feinen, unter der Last der dichten Haarflechten etwas geneigten Köpfchen balancierte gleich einer Lerevismütze ein kleiner, silberdurchwirkter Deckel. In zarten Sarben und schönem Saltenwurfe legte sich helle Seide um die hohe Gestalt der anmutigen Jungfrau. Traurig dachte ich: „Auch dich holt über kurz oder lang der Geier." Überlegt man sich's aber näher, so ist die Aussicht, langsam in der Erde zu verwesen, keine angenehmere. Die moderne Theorie freilich verwirft den früheren Glauben, daß die WKMW Mn parst. (S. S72.) '^M.- Bombay. S7Z Leichen durch Würmer gefressen werden. Bei den Geiern geht's wenigstens schnell. Man sagt, jede Leiche verwandle sich unter den Schnäbeln der Geier innerhalb einer Stunde in ein Skelett. Das Modell eines Turmes im kleinen Maßstabe wird gezeigt und erklärt. Die Größe der wirklichen Türme, worunter ein besonderer für Selbstmörder, beträgt 7,5 Meter in der Höhe und 90 im Umfang. Drinnen ist ein großer, gegen die Mitte zu sich neigender Rost, der aus drei ringförmigen Abteilungen besteht. In die äußerste kommen die Männer-, in die mittlere die Srauen-, in die innerste, kleinste die Mnderleichen. In der Mitte des Rostes ist ein großes Loch, in welches von Zeit zu Zeit die von Sonnenbrand und wind gebleichten Gebeine durch die „Totenträger" gekehrt werden. Auch dazu versehen sie sich mit Handschuhen und Zangen. Die heftigen Tropenregen weichen vollends die Oilnochenreste und Staubatome allmählich aus, so daß in vierzig Jahren diese letzten Leichenspuren nur eine Höhe von 1,5 Meter erreichten. Ein anderer Beweggrund noch hat zu dieser eigentümlichen Bestattungsweise Anlaß gegeben. Zarathustra sagte nämlich: „Reich und arm müssen sich im Tode begegnen." Dies Wort ist buchstäblich aufgefaßt und erfüllt worden. Ein gemeinsamer Turm nimmt den Staub aller parsen aus, denjenigen des reichen Iamshidiji, den England zum „Sir" gemacht, und anderer Millionäre und denjenigen der armen Bewohner des Parsi-Aschls. Nochmals kehrten wir zu Mrs. M. zurück, welche uns in mehrstündiger Sahrt in Bombay herumführte, in dem eleganten Bombay. Das pittoreske mit der Black- town sollten wir am folgenden Morgen kennen lernen. Von Malabar-Hill nach Malabar-Point und durch Lrencli Lunct^, einen herrlichen weg, an welchem der Indische Gzean seine wogen branden läßt, fuhren wir nach Lamballa-Hill hinauf. Auch hier findet sich eine Bungalow-Ansiedlung, schöne, komfortable wohnstätten im Grünen für die besitzende Masse. Bombay, eine Stadt von nahezu einer Million Einwohner, setzt ihren Hauptstolz in die schönen, öffentlichen Gebäude, welche sich zumeist im sogenannten „Sort" der Lsplanade entlang ziehen. Gotik bildet auch hier wie beim Bahnhof den Hauptstil. Line Gotik, welche von der indischen Architektur die kuppeln entlehnt und im ganzen mit dieser Vermischung glückliche Resultate erzielt. Erwähnenswert sind Universität und Bibliothek. Der Glockenturm, welcher auf englischem Boden niemals fehlen darf, das riesige Gerichts- und das große Postgebäude. Etwas weiter steht das mit Kuppel gekrönte Stadthaus. Line Menge wohltätiger Anstalten schmücken Stadthaus in Bombay. S74 Reise einer Schweizerin um die Welt. Bombay, zum großen Teil Stiftungen frommer parsen. weite, luftige Plätze, tadelloses Pflaster, sorgfältig gepflegte Anlagen heben noch den stolzen Glanz dieser Prachtbauten. Elegante Menschen, elegante Equipagen bewegen sich in den Straßen! Kein einziges Anzeichen deutet auf das schwarze Gespenst der Pest, das seit dem Jahre 1896 in Bombay herumschleicht. Lreilich sucht es sich seine Opfer nicht hier, sondern zumeist bei den farbigen Menschen in den engen, schmutzigen Straßen der „schwarzen Stadt", wie das viertel der Eingeborenen genannt wird. Vom 8. August 1896, wo die Pest ihren Einzug hielt, bis zum ZO. Juni 1897 hat sie laut dem Reisehandbuch Verbrennung von Pestleichen in Bombay. ^" - Murray 27.ZZ7 Opfer in Bombay gefordert. Seit dieser Zeit hat der böse Gast die Stadt nicht mehr verlassen, sondern tritt nur se nach der Jahreszeit gelinder oder stärker auf. Der März ist der gefährlichste Monat, und so lautete die Ziffer auf 1400 Pesttote in der Woche, als wir in Bombay waren, eine recht beängstigende Zahl, welche verstärkte, übrigens gewiß notwendige Vorsichtsmaßregeln hervorrief. Aus der Weiterreise sollten wir nicht wenig von den Plagen der «pIuA'ue», wie der englische Name für Pest lautet, erfahren und zu leiden haben. In Bombay selbst herrscht keine Panik mehr vor dem unheimlichen Gespenst, man kennt es jetzt schon zu lange. Ich ließ mir erzählen, daß von hundert Patienten etwa sechzig dem Tode verfallen seien. Die Krankheit beginnt meist mit allgemeiner Erschlaffung, woraus heftiges Lieber und Delirium folgen, wenn beides den höchsten Grad erreicht hat, bilden sich Beulen in der k>aut und Drüsenanschwellungen. Im Lembay. Z7S günstigen Salle brechen einzelne Lymphdrüsen auf, Liter entleert sich, und nach reichlichem Schweiße erfolgt Genesung. Sinanziell zieht diese jahrelang dauernde Epidemie einen enormen Schaden für Bombay nach sich, nicht nur in bezug auf finanzielle Gpfer, welche sanitarische Maßregeln und Einrichtungen, Spitäler und Darackenbauten nach sich ziehen, sondern sie wirkt auch lähmend auf den Lande!. Immer noch sind die schiffe aus Bombay — sie mögen im welt- entlegensten Lasen der Welt ankern — quarantänepflichtig. Ehe wir aus einem Schiffe des Norddeutschen Lloydes, welches aus Tjokohama kam, in Neapel einfahren sollten, bat man uns inständigst, ja nicht den Namen Bombay auszusprechen. Mir hatten uns nachher noch in einigen südindischen Städten und in den Nilgirie-Bergen aufgehalten, Ceylon durchstreift, Ägyptens Erde berührt, einerlei. Schon das Wort Indien genügte, um verdacht zu erregen. Als in Neapel der Arzt aufs Schiff kam. befragte er jeden einzelnen Passagier über das woher? — wohin? Die Reihe kam auch an mich. Bedeutsam schaute mich der Kapitän, der den Doktor aus seinem Rundgang begleitete, an und fragte: „Nicht wahr, Sie kommen aus Longkong? Ich bejahte. Von Longkong war ich ja auch dereinst gekommen. Den folgenden Morgen fuhren wir früh der Litze wegen — auch in Bombay hat Morgenstunde Gold im Munde — nach dem Lrawford-Markt. welch buntes Leben und Treiben trafen wir hier! Männer und Weiber von der dunkelsten Sarbe in jeder Schattierung auswärts bis zum oft nur für ein Kennerauge vom Weißen unterscheidbaren Eurasier! wundervoll sind die verschiedenen, gedeckten Lallen angelegt und wundervoll rein und ordentlich gehalten, was gäbe es da nicht für Stillleben zu malen von Blumen und Srüchten, Gemüsen und Spezereien, schöngefiedertem Geflügel und form- und farbenreichen Tropensifchen! Erfreut stürzte ich mich auf einen meiner geliebten pummelo oder Pompelmus, wie sie in Java heißen, eine sehr erfrischende Srucht, die am meisten Ähnlichkeit mit einer Riesenzitrone bietet. Ich finde hier nachträglich, daß wirklich ihr lateinischer Name Litrus ciscumunn lautet. Pompelmus aß ich für mein Leben gern. Aus seinem Baume sieht mein Liebling ganz besonders nett aus. Da gucken die oft riesigen, gelben Srüchte zwischen großen, glänzenden Blättern hervor, und große Blüten schaukeln wie weiße Schmetterlinge daneben. Sreilich gefährlich sitzt es sich unter dein Pompel- musbaume, eine Srucht auf die Nase — o weh! Laumwolliiiarkt in Lolaba, Kleine Bettler. Reise einer Schweizerin um die Welt. ! Ungeachtet der Pest sind wir auch in der Blacktown gewesen. Die teilweise breiten Straßen und die Reinlichkeit überraschen mich, auf letztere wird wohl jetzt ganz besonders energisch gehalten. Dasselbe Leben herrscht, wie in den Eingeborenen- vierteln anderer indischer Städte, auch hier fehlt anscheinend jede Spur des unheimlichen Gastes. Nicht wenig belebt ist der Baumwollenmarkt, der auf der kleinen mit Bombap verbundenen Insel Eolaba seinen Sitz hat. Bombcms Haupterport ist die Baumwolle und sein Hauptabnehmer jetzt Deutschland. Bevor die Baumwolle versandt wird, preßt man sie in Lallen von Z92 Pfund ganz fest zusammen. Übrigens wird ein guter Teil hier selber verarbeitet; nahezu hundert Spinnereien sind im Betriebe. Auf Apollo Bandar fanden wir uns zur Sahrt nach dem Liland Llefanta oder, wie es die Eingeborenen heißen, Gharapuri ein. Look liefert zu verhältnismäßig hohem preise eine kleine Dampfbarkasse dazu. Mit uns nahmen noch zwei Herren teil am Ausfluge. Ungemein rasch durchschnitt das kleine Sahrzeug die tiefblaue See, und schon nach einer Stunde landeten wir an einer langen Reihe schlüpfriger Zement- blöcke, die nur zur Ebbezeit aus dem Wasser ragen, äiiaum balancierten wir auf dem ersten Stein, so war eine Bettlerbande schon bei der Hand. deren Zahl mit jedem Zementblock anzuschwellen schien. Goldkäfer, rote Beeren. Muscheln. Steine, Stöcke, Blumen sollten wir kaufen, der eine wollte mich zudem über den Damm ziehen, der andere von hinten stoßen. Aus welchen Löchern mochte sie wohl hervorgebrochen fein, diese ganze Jungmannschast, die ihre bloßen Diöpfe und äKörperchen so unbesorgt der heißen Sonne zur Zielscheibe bot! Drollig genug ist sie übrigens, diese unverschämte. »WEM WMWW Bombay. Die schwarze Stadt. (S. S76.) M« _ MM L2L_ Vombay. S?7 zudringliche kleine Gesellschaft! Man möchte sich umschauen, die herrliche Aussicht bewundern, unmöglich, man hat zu viel zu tun, dem kleinen Gesinde! zu wehren. Durch einen Lokospalmenhain wanderten wir auf bequemen Steinstufen 7Z Meter bergan zu einem schönen Selsentempel. Ich kenne sie von Ägypten her, jene geheimnisvollen, aus einer Steinmasse kunstreich gemeißelten Mohnstätten der Götter. Gedrückter, weniger sein ausgearbeitet und besonders ohne die schönen, farbenreichen Malereien seiner ägyptischen Vorbilder, liegt der Tempel von Elefant« im Schmucke einer tropischen Vegetation vor mir. von der die Eingangspforte weit überragenden Tempel von Llefanta. 'EL^- Selsmasse, hängen lange Schlingpflanzen gleich einen: Schleier herunter und verbreiten ein geheimnisvolles Dämmerlicht in das Innere. Mann ist er wohl entstanden? ä^eine Inschrift deutet darauf. Die Archäologen raten auf eine Zeit zwischen dein VIII. und XII. Jahrhundert. Mohl an dreißig Säulen scheinen die Decke oder vielmehr den Berg zu tragen. Sie sind von sonderbarer Beschaffenheit. Auf dem hohen, einen glatten Mürfel bildenden Sockel sitzt ein reich ornamentierter Schaft, der, sich nach oben verjüngend, ein gerundetes äkapitäl trägt. Aus dem Z9 Meter tief in den Sels gehauenen Tempel scheint eine kolossale, dreiköpfige Büste uns entgegenzuschweben, die sogenannte Trimurti: Brahma, vishnu, ^iva. - Heuere Sorscher freilich sagen, sie stelle 7 * iÄiGs- - der schönen Bahnhofhalle von Bombap abfuhren, waren wir noch ahnungslos, in welchem Grade die Pest, hier «pluKus» genannt, eine Plage für uns werden sollte, Kaum waren wir eine Stunde unterwegs, so traten ein Kerr und eine Dame in unser Loups. Zu meinem Erstaunen ergriff letztere freundlich meine H>and und fragte teilnahmsvoll, wie ich mich befände, ob Mörtelmühle. mich nicht fröre, ich keine Schmerzen hätte u. s. w. Mein Reisegefährte muffte unterdessen von dem K>errn dieselben Sragen über sich ergehen lassen. „Sind die beiden verrückt? Bin ich verrückt? Endlich klärte sich alles auf, die zwei waren Arzt und Ärztin. Schließlich schrieb der Doktor mit Bleistift noch folgende Worte auf unsere Sahrkarten: «Do bs kspt unäer observution.» Als wir herausschauten, wurden etwa zehn Eingeborene als pestverdächtig aus dem Bahnzuge herausgeholt und standen jammernd auf dem Perron. Sie sollten in Baracken untergebracht und dort einige Tage beobachtet werden. Gb die Angst wohl nicht zuweilen Gesunde in Kranke verwandelt? Anderenteils begreift man die strengen Maßregeln der Engländer und ihr Bestreben, der Verbreitung der schrecklichen Krankheit zu steuern. Endlich fuhren wir weiter. Ärgerlich hatte mein Reisegefährte das «to be kept unäsr observulion» mit einem Gummi sorgfältig ausgewischt. Einige Stunden HLinirrF '777777777777 7^W WEL MWI «Ux WM1 Teich und Moschee in Naidarabad. (S. ZSZ.) jsaidarabad. SSI später erschien wieder ein ärztliches paar. Diesmal streckte KIr. 7V. der leidlich hübschen Dame sofort die Land entgegen, die verstand aber keinen Spaß, sondern meinte schroff abweisend: -- Dtiere is rr äoctor tor z-ou.» flach abermaligen, eingehenden tragen — so angelegentlich hat sich wohl nie jemand nach meinem Wohl erkundigt — wurden unsere Billette geprüft. Dieser Doktor war schlauer, er schrieb das ominöse «to bo kept unäer observution » mit roter Tinte an. frühmorgens bekanren wir einen IVaggongefährten, einen parsi-priester mit weißem H>aar und freundlichem, gütigem Gesichte. Bis K>aidarabad sollten wir zusammen fahren. Lr sprach einige Eine fröhliche Tochter Indiens. Worte Englisch, wir befreundeten uns bald. Aus jeder Station nahezu begrüßten ihn Glaubensgenossen und brachten ihm alle möglichen buchen, von denen er uns jedesmal einen guten Teil aufdrang. Um ihn nicht zu beleidigen, würgte ich möglichst viel davon herunter, mehr als mir lieb und gut war. Dabei versicherte der parsi uns immer wieder gerührt, «^ou uro inzr lutker null motcksr», obschon er jedenfalls älter war als wir beide. Die Doktoren hielten fleißig Umschau. Ein eingeborener Arzt bemühte sich um den Parsipriester, und drei Äskulaps verkehrten von nun an in unseren: Waggon. Den Tag vorher erst waren die Kontrollvorschriften infolge stärkeren Auftretens der Epidemie verschärft worden, daher dieser für uns so lästige Amtseifer. feit Bombay waren wir ununterbrochen in südöstlicher Richtung gefahren. In der Uacht hatte unsere Lokomotive eine mächtige Steigung zu überwinden gehabt, und eine phantastische Derglandschast war im hellen Mondschein vor mir aufgetaucht, als ich schlaflos zum fenster hinausblickte. Ich las den folgenden Morgen im Murray, daß es die Bhor Ghat gewesen, eine der pittoreskesten, interessantesten Bahnstrecken Indiens. Den folgenden Mittag waren wir in wadi. Bis hierher hatten wir die Linie Bombay-Madras benutzt. Kun aber vertauschten wir sie mit der Staatsbahn des Mzam von Laidarabad, diesem größten aller Lingebornenstaaten in Indien. Die Landschaft zeigte sich hier etwas grüner als im Korden. Tabak, Baumwolle und einige Reisfelder erschienen, und die schon erwähnten «Kluines o5 tke Korest r- Bäume ließen auch hier ihre wunderbaren färben spielen. Als wir uns lsaidarabad näherten, lagen überall riesige, graue, rosageaderte Granitblöcke herum. Müde kamen wir gegen Abend an. Man hatte uns ein sogenanntes «Karnilzr kouse» als K>otel warm empfohlen, ich erinnere mich nicht mehr an den Kamen. Lebhaft steht mir aber das Ehepaar vor Augen, das es führte. Es waren Engländer, sie eine gelähmte, jüngere frau, auf deren vergrämtem, verdrießlichem Ge- A82 Reise einer Schweizerin um die Welt. ficht die Sorge deutlich geschrieben stand. Von ihrem Ruhebette aus leitet sie den Hausstand, denn seit zwei Jahren kann sie keinen schritt mehr gehen. Dabei ist sie offenbar der arbeitende Teil, der das Haus über IVasser erhält. Tr nimmt s leicht, amüsiert sich und bramarbasiert. Bei Tisch — er aß mit — führte er das große Wort, bediente sich stets zuerst, renommierte mit Wetten, die er gewonnen und verloren, mit Jagden, Rennen, Pferden u. s. w. Tin liebenswürdiger Lump aus guter Lamilie, der sich jetzt von seiner kranken Srau erhalten läßt! Das mitten in einem großen, süßduftenden Garten gelegene Haus war hübsch, der Tisch nett gedeckt, das Essen gut, in den Zimmern hübsche Gegenstände aus besseren Tagen, aber häuslicher Sturm lag in der ganzen Atmosphäre. Der Staat Haidarabad soll 22,600.000 Hektaren umfassen und eine Bevölkerung von 10 V 2 Millionen Menschen zählen. Beherrscht wird er durch «His Hj§k- ne88 tks Mrmm » natürlich „von Englands Gnaden", denn der englische Ministerresident hält ein wachsames Auge über den Sürsten. Dieser soll etwa vierzig Jahre zählen, ein Bekenner des Islam sein, etwas Englisch sprechen und sich hundert und etlicher Srauen erfreuen. Die Bilder zeigen einen Mann mit schwarzen, schwärmerischen Augen, leicht gewelltem Haupthaar, einem stattlichen Vollbart und von gelblicher Hautfarbe. Unser Wirt sprach ziemlich wegwerfend als «tke tellovv» von ihm. Die Hauptstadt Haidarabad soll mit ihren Vorstädten bei 460,000 Einwohner zählen und ist sehr weitläufig gebaut. Sie ist von einer weißen Mauer mit Zinnen umzogen und liegt am Musi-Sluffe. Haidarabad besitzt bedeutende Baumwollmanu- sakturen und Papierfabriken. Srüher war hier Hauptmarkt für Diamanten und andere Edelsteine, die im nahen Golkonda geschliffen wurden. Den folgenden Morgen saßen wir schon sehr frühe im wagen, wir mußten Der üizam von Laidarabad. MDK Ein Parsi-Priester. (5. Z81.) 584 Reise einer Schweizerin um die Welt. zunächst auf dem Kriegsministerium die Erlaubnis erlangen, Golkonda zu besuchen, dann uns im Spitale zeigen, weil wir von Bombay kamen. Während wir sofort nach Abgabe unserer harten beim Kriegsminister bereitwilligste Erfüllung unserer Wünsche und überdies noch Eintrittskarten zum Palast des Nizam erhielten, gab es im Spitale ein langes Warten. Der Hauptarzt, ein Hindu, operierte. Wir warfen einen flüchtigen Blick in verschiedene offenstehende Krankenzimmer, die einen reinlichen, geordneten Eindruck machten. Line Hindufrau rannte eilig an uns vorbei. Auf dem Arme trug sie ein großes Wädchen, es war tot. Dir. W. ergriff seine Hand, um sich zu vergewissern und erregte dadurch die Aufmerksamkeit eines Wärters. Er riß die Leiche aus dem Arme der unglücklichen Mutter, die sich flehend zu seinen Süßen niederwarf. Vergeblich! Das tote Kind wurde hier behalten, die Srau fortgeschickt, warum dies geschah, haben wir nicht erfahren, wir konnten nur der unglücklichen Mutter ein Geldstück in die Hand drücken und es bedauern, unwissentlich die Veranlassung gewesen zu sein. daß sie ihren Liebling nicht behalten durfte. Über eine Brücke, unter welcher der Musi träge und spärlich fließt, gelangten wir durch das schöne Aszal Gung-Tor in die Stadt, die zwar nicht die breiten Straßen und zierlichen Rosahäuser Iaipurs besitzt, wohl aber in ihrer Bevölkerung viel Ähnlichkeit zeigt. Kühne, schöne Reitergestalten galoppieren wie dort aus feurigen Rößlein an uns vorbei. Waffen tragen sie alle, schön verzierte von einem goldenen Gürtel lang herunterhängende Dolche oder Schwerter. Auch ihr Gefolge ist bewaffnet, und mancher friedliche Kaufmann ahmt die ritterliche Sitte nach und gürtet sich mit einem Schwert. Einzelne Reiter tragen Jagdfalken auf dem Kops oder der Saust, wie man's bei uns auf ganz alten Bildern sieht, sonderbare Jagdhunde liegen da und dort auf weichem Polster an fester Kette. Unheimliche Gesellen sind diese Jagdhunde Haidarabads: Leoparde, paarweise zumeist nimmt man sie mit zur Jagd. Die Augen werden ihnen verbunden, bis das Opfer, die schnellfüßige Antilope, nahe genug ist, dann werden sie losgelassen. Haben sie ihre Beute erreicht, was meist mit wenigen Sähen geschieht, so werfen sie diese auf die Erde und saugen ihr das Blut aus dem Nacken. Sehr malerisch sieht die Kavallerie des Nizams aus. Ein grüner, rot eingefaßter Waffenrock umhüllt den schlanken Körper, eine breite, rote Lcibschärpe schlingt sich um die Taille, die außerdem ein brauner Ledergürtel umschließt. Die Kniehosen sind braungelbes Leder, die Gamaschen bestehen aus schwarzen, gleichmäßig und kunstvoll bis ans Knie gewickelten Tuchstreifen, weiß sind die Strümpfe und zierlich die schmalen, braunen Schnabelschuhe. Ein dunkelblau und gelbkarriertes Tuch windet sich turbanartig um eine spitze, rote Wlütze, dessen lange Enden über die Schultern hinabslattern. Als Epauletten blitzen stählerne, ineinandergeschlungene bei jeder Bewegung leise erklirrende Ketten, auf die ihr Besitzer große Stücke zu halten scheint. Auch die übrigen Nutive-Truppen sehen recht gut aus in ihren gelben Drilluniformen und den großen, gelben Turbanen. Sie werden von englischen Offizieren in englischer Sprache einexerziert. Die hier stehenden englischen Truppen werden auf Kosten des Wzams unterhalten. Das acht Kilometer nördlich von Haidarabad gelegene Kan- Lonnement in Sekunderabad ist eines der größten in Indien. Afzal Gung-Tov in Daidavabad. (2. 685.) ''' --M VA? G-M .-/?.»: ^,- W-' - L'.-?--5'' .Ä^WZ ' ' -' -..M ^' '.r^-'iMKv. »-! 7'.r5r>VMM - ^chAM, -V^'-EGx,' Kaidarabad. Z8S Als wir durch das Afzal Gung-Tor gefahren, befanden wir uns in einer Straße, welche die ganze weite Stadt durchläuft. An ihr liegt der Palast des im Jahre 188Z verstorbenen Sir Salar Jang Bahadur, des während dreißig Jahren allmächtigen Minister. Die Engländer halten sein Andenken in hohen Ehren, denn seinem Einfluß war es hauptsächlich zu verdanken, daß Haidarabad, der größte Vasallenstaat, sich an dem Militärausstande 18A7 nicht beteiligt hatte. Der ein weites Areal einschließende Palast enthält mehrere, im ganzen schön gehaltene Gärten, in denen prächtige, buntblätterige Krotonbüsche das Auge entzücken. Von den Sälen weiß ich wenig zu erzählen. Einige sind ziemlich geschmacklos mit weißen und bunten Glasstückchen übersäet, ein anderer, was originell und schön aussah, von oben bis unten mit alten, gemalten, chinesischen Kacheln eingelegt. Interessant ist eine Sammlung alter Massen und Panzerhemden. Unweit des Palastes, ebenfalls an der Hauptstraße, liegt der Lhar Mi- nar mit vier Minarets, wohl das älteste Gebäude der Stadt. Hier kreuzen sich vier Straßen, und über jede wölbt sich an diesem Knotenpunkt ein 1Z Meter hoher Bogen. Dies und die finstere, große Mekka-Moschee sind wohl die einzigen charakteristischen Gebäude in der sonst wenig architektonische Schönheiten bietenden Stadt. So brachen wir denn bald auf nach dem 2h's Stunden vom Ehar Minar entfernten Golkonda. Golkonda! ein Name, der in der ganzen Melt mit märchenhaften Reichtümern verbunden wird! Mer hat nicht schon von den Schätzen Golkondas gehört? Diamanten sollen übrigens dort niemals gefunden worden sein, wohl aber geschlissen, vielleicht genügte dies, um den Ruf der Stadt durch alle Lande zu verbreiten. In dem zerfallenen Sort, das einem Adlerhorste gleich an hohem Sehen klebt, werden die Schätze des Mzam und seine Gefangenen verwahrt, von beiden haben wir nichts gesehen. Line heiße, staubige, lange Sahrt führte uns allmählich zu der alten Hauptstadt des Kutb Shahi-Königreiches. die von 1Z12—1687 in Blüte stand, um durch den grausamen Aurangzeb von Grund aus vernichtet zu werden. Uur die Ruinen des Sorts und die mit halbrunden Bastionen verstärkte Zinnenmauer, die sich wohl 120 Meter über der Ebene erheben, sind stehen geblieben, und dazwischen liegen seit grauen Urzeiten phantastisch geformte, riesige Granitblöcke. Welchem Jahrhundert, Straßenszene. SSö Reise einer Schweizerin um die tbelt. Das Lort von Golkonda. welchen Umwälzungen der Natur sie ihr Entstehen verdanken, wir wissen es nicht, wir können hier nur die naive im Volksmunde lebende Siegende erzählen: „Als der Schöpfer das Weltall erschaffen hatte, war ihm noch eine Menge Baumaterial übrig geblieben. Allein müde und arbeitsunlustig, suchte er sich in Indien eine weite Ebene aus und warf all die Bauklötze in buntem Durcheinander dorthin." Dn all dem Stein-Wirrwarr stehen die Gräber der Könige von Golkonda. wie beim Taj Mahal umgab einst jedes ein blühender, wohlgepslegter Garten. Bei der langen Belagerung durch Aurangzeb kampierten seine Soldaten darin, und die Prachtmausoleen dienten als Baracken. Kanonen wurden auf die Kuppeln und Dächer geschleift und von dort aus das Bombardement auf das Sort geführt, was der Krieg verschont, hat die Zeit angegriffen und die Sammelwut gewissenloser Menschen sich zu nutze gemacht. Diese haben sich nicht entblödet, die schön emaillierten Ziegel und feinen Ornamente, die einst die Grabstätten zierten und zu den bewundernswertesten mohammedanischen Bauten weit und breit machten, mit roher Saust loszubrechen und fortzuschleppen. Sie gehen hoffnungslosem verfall entgegen, wie das unvollendet gebliebene Grab des letzten Königs von Golkonda, Abul-H>assan. Als der Großmogul vor den Toren der Stadt erschien, war der König eben mit dem Bau seines Mausoleums beschäftigt. Seine Leiche sollte darin ihre letzte Stätte nicht finden. Aurangzeb ließ den Besiegten in die Sestung Daulatabad werfen, wo er 1701 als Gefangener starb. Sir Salar Dang, der schon erwähnte Minister des Nizam, hat sich dieser dem Verfall geweihten Mausoleen angenommen. Die sieben besten wurden restauriert und Brücke über den Musi. (S. 584.) Z88 Reise einer Schweizerin um die Welt. wie einst mit Gärten und Wasserbecken umgeben. Besondere Wächter sind dafür angestellt und stehen mit unseren Rutschern in edelm Wetteifer, was Ausbeutung der Lremden anbetrifft. Wir müssen schon jedes einzelne besuchen, und sonderbarerweise ist dabei jedesmal der Schlüssel verloren. Eifrig wird danach gefahndet, drei oder vier Personen machen sich suchend auf den Weg, und Bakshish, Bakshish! tönt's von allen leiten. Lieht man die Armut der Menschen, so schickt man sich willig in das fortwährende Geben und spart lieber an etwas anderem. Das schönste Grab ist dasjenige des Erbauers der Stadt Haidarabad, Mohammed Kuli Kutb Schah, welcher 162Z starb. Das Mausoleum ist SS Meter hoch, wovon die Kuppel allein 21 Meter einnimmt. Der sechste König, Abdulla Kutb Shah, gestorben 1622, hat 48 Jahre regiert. Lein Grab zeichnet sich durch hübsche Minarets und schöne Skulpturen aus. Auch einige Begams liegen hier begraben. Im Mausoleum der einen feierten die Lrauen ihr Lest. Sie tragen, was ich sonst aus dieser Reise nirgends gesehen, einen langen Schleier, der von der Ltirn bis zu den Knien herabwallt und nur eine Öffnung für die Augen freiläßt. Mr. W. durste mich natürlich hierher nicht begleiten, so stürzte sich die ganze bakshishschreiende Schar auf mich, und bald war sämtliches Kleingeld, womit ich mich vor jedem Ausflug versah, in den braunen Händen verschwunden. Gb die armen Weiber auch dieses ihren strengen Gebietern abliefern müssen? Mit leerer Tasche, aber mit Blumen und Lrüchten aus dem schönen Grabesgarten beladen, kehrte ich zum Wagen zurück, der uns vor die Lestung brachte. vor dem festen Granittore, dessen gewaltige Teakholz-Llügel mit Metall schön verziert und mit scharfen Spitzen gegen das Eindringen der Elefanten versehen sind, fanden wir vier Wachen, die mit hochwichtiger Miene unsere Personen und Einlaßkarten prüften, vor den acht Toren, die einst das Lort schützten, sind noch vier im Stande. Zudem war oder vielmehr ist noch jetzt Golkonda durch eine 21 Kilometer im Umkreis messende Zinnen-Mauer geschützt und durch einen breiten jetzt teilweise ausgefüllten Wassergraben. Auf den Bastionen, deren man 82 zählt, steht noch ab und zu eine alte Kanone aus der Zeit der Könige, die durch Aurangzeb vernagelt worden ist, um sie unbrauchbar zu machen. Ein steiler Weg führt von dem Tore den Berg hinan, welcher sich 1Z0 Meter über der Ebene erhebt. Von allen Seiten umgaben uns Ruinen, hier glaubt man noch, die «Quartiere der königlichen Soldaten, dort eine Moschee, eine Musikhalle, Paläste und Häuser der Adeligen und Beamten zu erkennen. Linst ist Golkonda dicht bevölkert gewesen, so dicht, daß der Aussage alter Bücher nach der Baugrund innerhalb der Befestigungsmauer Lr. ZZ per «Quadratmeter gekostet hat. Auf dem Gipfel, den wir aus verfallener Lreppe vollends erklommen, breitete sich einst der Königspalast aus. Die ungewöhnlich dicken Mauern und stolzen Bogen zeigen die Überreste einer großartigen Burg. Roch steht das flache Dach, aus welches man vermittelst hoher Stufen gelangt. Weit ist da oben der Ausblick, köstlich auch die kühle, reine Luft nach dem heißen, mühsamen Aufstieg. Wir fühlten uns als Könige, ein breiter Stein gab den Thron ab, und Golkonda mit seinen märchenhaften Schätzen lag zu unseren Lüßen. Auch ohne Schätze bezaubert das m Schutt und Trümmer verwandelte Golkonda. Line Märchenstadt noch so Grab der Legam in Golkonda. (2. Z8L.) UKMLW S90 Reise einer Schweizerin um die Welt. in dieser Landschaft, umgeben von malerischen Bergzügen, überwölbt von einem strahlenden Hammel. Vereinzelte Palmgruppen stehen zwischen den Ruinen, und die eigentümlichen Granitblöcke, aus denen sich auch eine schwachephantasie Säulen und Pfeiler, Elefanten und Riesenvögel vorzaubern kann, beleben die weite Ebene. Lein Mensch weit und breit, kein Lnhrer hat sich an unsere Sohlen geheftet, wir sind in Wirklichkeit die Herrscher. Da huscht's an uns vorbei. Trägt sie kein Krönlein, die Schlangenkönigin von Golkonda? Auch Rieseneidechsen Hausen hier. An einen: Dornbusch hängt ein wunderbar glänzendes Gewebe, sein und weich wie die schönste Seide, wie Gold in der Sonne leuchtend. Lines der Tiere hat sein Schuppengewand hier abgestreift. Truggold von Golkonda, ich habe dich mitgenommen als eines jener Andenken, die nur für ihren Linder Wert besitzen. Vergessen lag die federleichte Hülle zwischen den Blättern meines Reisehandbuches. Heute habe ich es geöffnet, um Golkonda nachzuschlagen, das glänzende Gewebe von Gotteshand ist dabei herausgefallen und hat lebhafter als alles Gedruckte und Gelesene mir jene Stunde im verfallenen Königspalast der alten Märchenstadt ins Gedächtnis zurückgerufen. Auf weitem Umweg fuhren wir nach Haidarabad zurück, wir kamen an schönen künstlichen Teichen vorbei und sahen in der Lerne den Palast des Nizam. Müde fühlten wir uns beide. Ich ahnte, was wir dort sehen würden: Europäische Geschmacklosigkeiten, indischen Schmutz und verfall und Scharen fauler Diener und Parasiten, — und wirklich, es solle sich so verhalten. Lieber gingen wir noch auf die Post, denn «Klis lsiigkness ike führt seine eigenen Briefmarken und seine eigene Münze. Letztere fanden wir bei einem auf der Straße kauernden Wechsler. Das Kupfergeld besteht aus ganz unregelmäßig geschnittenen, dicken, mit kunstvollen Schriftschnörkeln übersäeten würfelchen. Sechs Stück gehen auf eine „Anna". Gut, daß auf dem Postgebäude «His kN^tuiess tks bli^urns Osneral Dost Olliee» zu lesen steht, sonst wären wir unzweifelhaft an der baufälligen Hütte vorbeigewandert. Den Menschen nach zu urteilen, die drin verkehrten, scheint die Post des Nizam — es existiert zudem eine englische — keine Übeln Geschäfte zu machen. Die beiden Angestellten, die gleich Affen in der Menagerie hinter hölzernem Gitter hockten, hatten alle Hände voll zu tun. Endlich erhielten wir aus einer Truhe, die den Neid jedes historischen Museums erregt hätte, die gewünschten Marken und Karten. In der Pension angelangt, beschrieb und sandte ich sie sofort an einige sammelnde Lreunde ab, obschon man mir prophezeite, sie würden niemals ankommen, da nur englische Marken Gültigkeit hätten; aber sie Frauen in Golkonda. ' WWW WWKW: WED^ Nöiiigsgräber in Golkonda. (S. ZS6.) S92 Reise einer Schweizerin um die Weit. Kautsch-Tänzerinnen. sind doch alle befördert worden. Ansichtskarten gibt's dagegen noch keine in Laidarabad. Erleichtert seufzte ich auf: Gottlob! Abends beim Diner hörte ich plötzlich dumpfe Trommelschläge und ein Wirrwarr mehr oder weniger musikalischer Töne. „ Line Hochzeit!" wie elektrisiert, ließ ich alles im Stich und rannte in wilder Last durch den Garten aus die Straße. Gerade zur rechten Zeit! Sechs riesige Elefanten schritten majestätischen Ganges, dichte Staubwolken aufwirbelnd, an mir vorbei. Lei eleganten Hochzeiten dürfen sie nicht fehlen. Aus sorgfältig gemalten Gesichtern schauten die listigen, gutmütigen Äuglein vergnügt hervor, während der lange Rüssel wie ein großes Fragezeichen neugierig hin- und herpendelte und das lächerliche Schwänzchen mit dem Büschelchen am Ende zur Musik den Takt schlug, prächtige Samtdecken lagen auf den Rücken der Dickhäuter, und darüber schwebte die „Lowdah", ein vergitterter, mit einem Baldachin bedeckter Sitz für vier Personen, farbenprächtige Gestalten saßen darin, deren bunte Turbane gleich phantastischen Riesenblumen herunternickten. Vorn Bräutchen keine Spur! Der schöne, papageigrüne, juwelenbesäete Bräutigam wurde auf einem mit rotem Samt beschlagenen palankin getragen, den: eine festliche Menge zu fuß folgte. plötzlich stand alles still. Geschäftige lsände breiteten eine große Decke über den Straßenstaub, und die Spitzen der Gesellschaft kauerten daraus nieder. Aus dem Dunkel einer Seitenstraße traten sogenannte Rautsch-Mädchen hervor, keine graziösen Gestalten in lichten, luftigen Gewändern, wie ich mir die Bajaderen vorzustellen pflegte. O der herben Enttäuschung! Nein, braune, mittelalterliche frauen in faltenreichen Röcken, überladen mit buntem Zierart, boten sich meinen erwartungsvollen Blicken dar. Diese reifen Sirenen trampelten ihre langsamen, vorwiegend in ästörperverrenkungen bestehenden Reigen mit staubigen Lederschuhen ab. Schuhe, wie bei uns eine derbe Bauernmagd sie tragen mag. Gb wohl durch diese traurige Auswahl dem Bräutigam die Vergänglichkeit aller weiblichen Reize von vornherein in Aussicht gestellt werden sollte? fackeln beleuchteten mit ihrem bald grellen, bald ersterbenden Scheine dieses interessante Intermezzo, nach welchem die Gesellschaft sofort wieder aufbrach. früh am folgenden Morgen fuhren wir nach wadi zurück und wandten uns von da in langer, ermüdender fahrt dem südlich gelegenen Madras, der Lauptstadt des Tamil-Landes, zu. Madras: 3enate I^ou8e. ZSZ.) Madras. SSZ Capitel ZZ. Msöms. Pestplagen. Lotet Lonncmara. Panka. Tamul-Frauen. Wohnungen. Tamul-Schule. Palmwein. Litze. Ein Wahrsager. Das elegante Madras. Die Marina. Fischerboote. Fliegende Lunde. Botanischer Garten. Lingeborenenviertel. Ein drolliger Bettelbrief. Misstonar Schwartz. Ärger in Lulle und Lülle. Abschied von Madras. Em sieben Uhr früh sollten wir in Madras eintreffen. Noch herrschte nächtliches Dunkel, als drei Personen im Waggon erschienen: Arzt, Ärztin und ein Beamter mit ellenlangen Formularen. An die beiden ersteren war ich schon gewöhnt, und mechanisch streckte ich ihnen noch halb im Schlafe die Land zur Befühlung des Pulses entgegen. Was aber wollte der dritte im Bunde? Laidarabad war pestfrei, und wir kamen von da, leider aber hatten wir unüberlegt gehandelt. Um uns die Mühe zu sparen, immer wieder neue Fahrkarten zu lösen, nahmen wir ein Billet Bombap-Laidarabad-Madras- Crode-Tuticorin. Aus diesem stand jetzt in unauslöschbarer, roter Schrift das ominöse: «to be kept uncler obssrvation» zu lesen. In peinlicher Genauigkeit mußten die Sormulare ausgefüllt und von uns unterschrieben werden. Wir verpflichteten uns hiermit, während fünfzehn Tagen uns im Spital des Grtes, wo wir gerade waren, ärztlich untersuchen zu lassen. Ich kann nicht behaupten, daß ich gerade sehr wohl gelaunt in Madras eintraf. Das Lotel Lonnemara, das dort nach indisch-britischen Begriffen das beste sein soll, verbesserte auch nicht meine Stimmung. Kein Mensch nahm sich nur die Mühe, uns anständige Zimmer anzuweisen. Alles schien noch zu schlafen. Endlich nach langem Lerumirren in dem weiten Lause wählten wir selber, was uns am besten paßte, L. von Rodt. Reise um die Welt. Z8 Zn der Lingeborenenstadt. Z94 Reise einer Schweizerin um die wett. Unterhaltung am Brunnen. und ließen un- soweit möglich mit itzülfe unserer Gepäck-Kulis häuslich nieder. Line weitere angenehme Eigenschaft der indischen Lotels ist. daß der Reisende selber zu sorgen hat. daß sein Gepäck ins Zimmer befördert wird. Er muß auch die. Kulis, die zu diesem Zwecke stets das Gasthaus umlagern, extra bezahlen und genau aufpassen, daß nicht ihrer zehn sich in eine Gepäckanzahl teilen, die zwei leicht bewältigen könnten. Endlich war alles in Ordnung. Ich hoffte auf etwas Ruhe nach der zwanzig- stündigen Eisenbahnsahrt. Rein! Da meldeten sich Wahrsager, kmndler, Photographen, pankazieher, letztere um den bescheidenen preis von zwei Annas per Tag und drei per Nacht, panka oder punka sind an der Zimmerdecke beweglich angebrachte, große Sächer aus geflochtenen lNatten oder Leinwand, die mit einem Stricke in schwingende Bewegung gesetzt werden. Dieser Strick zieht sich durch ein in der -wand dafür angebrachtes Loch ins Vorzimmer, wo ihn ein Kuli in beständiger Schwingung erhalten muß, „panka bop!" Dieser Ruf ertönte alle Augenblicke. In den großen Lotels und auf den großen Schiffen sind jetzt überall elektrische pankas angebracht. wir sehnten uns hinaus, vorläufig nicht ins elegante NIadras mit seinen europäischen Prachtbauten, sondern ins NIadras des Tamillandes. So heißt der südliche Teil Indiens im Gegensatz zu dem übrigen Riesenreich ein kleiner, aber immerhin mit fünfzehn Millionen Menschen bevölkerter Distrikt. Diese haben ihre besonderen Sitten und Sprache, dunklere Hautfarbe als die nördlicheren Inder, scheinen lebhafteren Geistes, und die Srauen bewegen sich freier. Brunnenszenen, wie wir sie bei unserer ersten Sahrt durch das Lingeborenenviertel beobachten konnten, kommen nur in Süd- Indien vor. Scharenweise drängten sich die Weiber um den Guell. Dem Wasser wird reichlich Zeit gelassen, in den schönen Metallkrügen überzulaufen, denn nach Herzenslust ergehen sich die flinken Zungen, und die Schleusen weiblicher Beredsamkeit tun sich weit auf. was mag da alles verhandelt werden? Jedenfalls keine hohen Lragen, die Bildung der Tamulfrauen ist gleich Null. Eher werden sie vielleicht über ihre Männer verhandeln. „Die Srau hat keinen andern Gott auf Erden als ihren Mann. er mag nun krumm oder gerade sein', lautet eine Vorschrift. Eine andere: „Sie hat keine Sreude, als durch ihren Mann. An ihn soll sie allezeit denken; weint er. so soll sie auch weinen, singt er, soll sie entzückt sein, ist er abwesend, so soll sie Trauerkleider anlegen, nur einmal des Tages essen, weder ihre Zähne putzen, noch ihr Laar schmücken. »W, MW G-fi/. L-MtzW^WW Wß^LH iKSS»SG: »MW-^WAD«! WM SK8ZMSLL iv^sMW 4.^Ä8K? ^-Ä5- - !^Uir-' WW Madras: Stadtteil in der Nähe des Lafens. (S. S9S.) S96 Reise einer Schweizerin um die Welt. Kleine Dorfbewohner und ^IZL-Schühen. Lommt er heim, soll sie bereit sein, ihn zu empfangen, ihm ein angenehmes Lager zum Ruhen anweisen und ihm seine Lieblingsgerichte vorsetzen." Der Mann rüst seiner Srau im gewöhnlichen Leben: «üclt», was Sklavin bedeutet; die Srau dagegen nennt ihn: „eiah". „gnädiger Herr", Und wenn sie von ihm redet, darf sie niemals seinen Namen aussprechen, sondern muß seiner in der dritten Person und als «sesümün» (Gebieter) erwähnen. Durch das dichtbevölkerte Lingeborenenviertel, durch schattenüberwölbte Alleen ging die Sahrt immer weiter. Hinaus zu den Palmyrapalmen, zu den Dörfern. Recht bescheidene Hütten nach unseren Begriffen sind hier unter schönen Bäumen verborgen, die wohnstätten der Brahmanen und Ludra, denn auch im Tamilland gibt's tasten und zwar sehr viele. In der Sonne, mitten im Seide, stehen die Hütten der Kasten- und rechtlosen Paria, der verachtetsten Menschen in Indien. Tin Loch ersetzt die Tür, Palmblätter und binsenartige Gräser bilden das Dach und oft auch die Mand, einige zerschlagene Töpfe den Hausrat. Lautes Kindergeschrei aus der „besseren" Dorsseite lockte uns in einen veranda- artigen Raum: das Schulhaus. Line Jungenschar hockte auf kleinen Binsenmatten. Die kleineren malten mit dem Singer im Sand einen Buchstaben, den ihnen der Lehrer vorsang und der von ihnen nachgebrüllt wurde. Ließ mal einer im Schreien nach. so erteilte ihm der Lehrer einen Hieb, und heulend brüllte der Gemaßregelte weiter. Laut muß es zugehen in der Tamulenschule. möglichst laut. Die Schützen haben's übrigens nicht leicht, denn sie müssen nicht weniger als 247 Schriftzeichen erlernen. Die älteren Schüler schreiben mit eisernem Stifte, den sie senkrecht in der Saust halten, aus Palmblätterstreifen. Wegen Sprachunkenntnis konnte ich wiederum auch hier vieles nicht erfahren, was mich interessierte. Lin Aufsatz H. Gehrings über Schulverhältnisse in Südindien hat mich seither aus die beste Art und weise sowohl in diesem, als in anderen Punkten aufgeklärt. Gehrings Buch „Süd-Indien" enthält des Interessanten und Lehrreichen in Hülle und Sülle. In unserem Lande, wo Schulpaläste wie Pilze aus dem Boden schießen, und die liebe Jugend mit Samthandschuhen angefaßt sein will, werden die Zustände der Landschulen Südindiens, die von der englischen Regierung nicht unterstützt sind, wie ein Märchen klingen. Gehring erzählt ungefähr folgendes: - i»: --r' ^ SÄ! -7^ÄZ «?LL^^ Eck 'c'> WHi--? U ML L^s '-V .DrAL -EWchM 7'.^ . vUE'l/M Madras. Z99 Kopfkissen umzildrehen! Dabei ist das schlafen unter den unumgänglich notwendigen Moskito-Netzen keineswegs kühl. Nach dem Tisfin erschien ein Wahrsager auf unserer Veranda. Mein Reisegefährte reichte ihm eine Rupie und seine kand, aus der er ein großes Vermögen 'aus September des wahres herauslas. Angeblich um seinen prophetischen Sinn zu schärfen, verlangte und erhielt er eine zweite Rupie, worauf der verheißene Geldsegen sich in das vermögen eines Maharadscha verwandelte. Eine dritte Rupie zur weiteren Anregung wurde abgeschlagen, kam doch selbst meinem etwas abergläubischen freund eine abermalige Steigerung unheimlich vor, und wollte er sich mit den Schätzen eines Maharadscha begnügen. Auch meine Aand wurde ergriffen. Da ich jedoch keine Lust verspürte, sie mit mehr als einer halben Rupie „kreuzen" zu lassen, so hielt sich der Biedere nicht verpflichtet, mir Glück oder Reichtum zu prophezeien, sondern begnügte sich einfach damit, meinen Charakter zu analysieren. Ein Ausspruch dabei entzückte ganz besonders meinen Gefährten, er hieß: «Sornetiines ver^ clever, null sonietimes nor nr all!» Bei jeder Gelegenheit, natürlich vorzugsweise, wenn ich etwas Ungeschicktes beging, bekam ich seither diesen salomonischen Spruch zu hören. Unser erster Uachmittagsbesuch galt dem Spitale, wo man uns nicht den puls fühlte, wohl aber zu unserem Leidwesen eröffnete, daß die in Haidarabad und auf der Eisenbahn verbrachten Tage nicht angerechnet würden, sondern die fünfzehntägige (Quarantäne erst mit Madras anfinge. Dm übrigen waren wir frei, zu gehen, wohin wir wollten. Vom Spital fuhren wir nach dem eleganten europäischen Madras, das den Kern zu einer Stadt bildet, die mit ihren Vorstädten, Gärten und Seldern annähernd eine Stäche von 6240 Hektaren bedeckt. Die Einwohnerzahl erreicht nahezu eine halbe Million, unter der sich Z0,000 Mohammedaner und 40,000 Christen aller Konfessionen befinden. Madras besitzt viele schöne öffentliche und privatgebäude, Kirchen, weite Plätze, mit herrlichen Bäumen bepflanzte Alleen und ist auch in ihrem dlutive-viertel eine reinliche Stadt. Die Bungalow der höheren englischen Beamten liegen in großen, schönen Parks, und zwar sind diese so weitläufig, daß man von seinem Nachbarn nichts hört noch sieht. Durch diese Platzverschwendung erklärt sich der enorme Umfang der Stadt. Dabei fehlt es nicht an öffentlichen Gärten, worunter der Volkspark nicht weniger als 470 Hektaren einnimmt. Der gazellenreiche, herrliche Tschipak, von den Engländern in Lhepaukpark umgetaufte Garten, war einst der Besitz des Nabob. Schattenbäume, wuchernde Schlingpflanzen und farbenprächtige Blumen gedeihen hier um die Mette, und herrlich sind jeweilen die Ausblicke auf das nahe Meer. Line breite und sich meilenweit erstreckende Straße, die Marina genannt, zieht sich längs des Ozeans, der Korso aller Bewohner von Madras, die im Besitze irgend eines Zug- oder Reittieres sind. Zwischen fünf bis sechs Uhr abends brennt die Sonne nicht mehr, und kühl weht's von der See. Elegante Equipagen mit hocheleganten, nicht selten merklich gemalten Damen, gewandte Reiter aus schönen Pferden, dazwischen von Dandies gelenkte sogenannte Schmetterlinge, kleine, zweiräderige Miniaturwägelchen, rasen dahin. Dazwischen klappern im bedächtigeren Tempo rohgezimmerte. 600 Reise einer Schweizerin um Sie Welt. Madraser Fugend am Strande. einheimische, von Zebu gezogene zweiräderige Karren, Gchsenbandi genannt. Jedes Gefährt aber, mag es modern oder alt sein, wirbelt eine gewaltige, rote Staubwolke empor. Dies und das unruhige Getriebe ließen uns bald den wagen verlassen. Durch tiefen Sand wateten wir dem Wasser zu, ipo eben bischer mit sonderbaren helm- artigen Strohmühen ihren Sang bargen. „Latamarans" nennen sie ihre aus vier oder fünf schwarzen, nach vorn etwas gebogenen Baumstämmen gefügten Sloße. Zwei Kokrosfasernstricke halten das Ganze zusammen. Sobald das Sloß auf den Strand geschoben, löst der Sischer die Stricke, steckt sie ein, und vom ganzen Boote bleiben nur einige Stämme im Sande liegen. Daß uns bald eine Kinderschar umringte, brauche ich nicht zu erwähnen. Ungekämmt flattert das wirre Haar im winde. Die höchst einfache Toilette besteht, wenn's gut geht, aus Aalsband, Ringen um die Sußknöchel und Schnur um die Lenden. Die wohlhabenderen Kinder in der Lingebornen-Stadt tragen dagegen die Knaben oft schöne Silberbehänge um die Lenden, die Mädchen ein silbernes oder blaugläsernes Herzchen. Als wir zum Gasthofe zurückfuhren, war die Nacht schon angebrochen. Schwer und dunkel kreisten fliegende Hunde über unsern Häuptern, die Slügel hatten eine Spannweite von weit über einem Meter. Ich mußte an unseren lieben Kapitän auf der „Deli" denken, der mir erzählte, wie manche Wundermär er als junger Seemann seiner Mutter nach jeder Seereise aufgetischt. Andächtig hätte sie diesen Erzählungen gelauscht und alles geglaubt, auch das Unglaubhafteste. Einmal aber erzählte er b»9A MB Partie im botanischen Garten in Madras. tS. 601.1 4 -?^' 4 - ^ ? A )-'Ws -ME AM Madras. 601 von fliegenden Sischen, da hätte die Mutter gesagt: „^liegende Sische? Schwatz' doch nicht so dumm! Jetzt weiß ich, daß alles erlogen, was du mir bis jetzt erzählt hast!" Meine fliegenden Hunde sollte ich den folgenden Morgen zu Hunderten gleich gewaltigen Srüchten an den Bäumen des botanischen Gartens hängen sehen. Den Hops nach unten, von welchem nur zwei spitze Ghren hervorsahen, schliefen sie, in ihre großen Ilügel wie in einen Mantel gehüllt. Nach heißer Nacht saßen wir den folgenden Morgen schon früh im Magen. Zunächst wurde der unvermeidliche Spital abgemacht, dann ging's in den botanischen Garten, klein zwar, aber eine perle! Einen poetischeren Grt kann man sich nicht träumen. IValdige Hügel, von blühenden Schlingpflanzen umrankte Lusthäuschen und schilsumsponnene, stille Teiche, aus denen weiße und rote IVasserblumen schwimmen, schweben mir immer noch vor. Ich fand hier auch den Namen des Baumes, dessen wundervolle Blüten aus allen Straßen lagen, und die einem großen, gelben Abutilon mit dunkelm Helche ähnlich sehen. Er heißt: Hibiscms tiliuLeus. Auch meinen Sreund Pompelmus, den originellen „TVurstbaum" und den großblätterigen birmanischen Teak-Baum fand ich hier. Dom Besuch des gewiß recht interessanten Museums hatte ich wenig, die Hitze war zu groß. So zogen wir dann nochmals ins Lingeborenen- viertel, das jenen Morgen recht nett und schmuck aussah, vor allen Häusern war gekehrt und mit gelbem und weißem Sand eine Auswahl der kunstreichsten Siguren hingestreut worden. Mancherlei ergötzliche Szenen spielten sich unter dem viel lustigeren Volke, als in Nord-Indien ab. Selbstverständlich wurden wir von allen Seiten und gewiß in den beweglichsten, beredtesten lvorten angebettelt. Die Tamulsprache soll besonders bilderreich sein. Schade, daß wir nichts verstanden! Sogar die Einrichtungen der Bettelbriefe kennt dieses intelligente Volk, und ich kann mich nicht enthalten, als Müsterchen einen solchen, wenigstens im Bruchstück, hier abzuschreiben. Er ist an einen Engländer gerichtet, und ein Missionsblatt hat ihn unlängst veröffentlicht. „Lehr geehrter Lerr! Ich falle Ihnen zu Lüßen, bitte, retten Lie mein Leben, und machen Lie mich glücklich! Ich habe das stärkste verlangen, Ihr veloziped zu besitzen und damit zu fahren. Durch diesen Gedanken beunruhigt, finde ich keinen Lchlaf mehr, weder bei Tag noch bei llacht. An meinem Leibe bin ich Junge Lamnlin mit dem Lastenzeichcn zwischen den Augenbrauen. S02 Reise einer Schweizerin um die Welt. schon halb verfallen, und wenn es so fortgeht, so weih ich nicht, was mein Ende sein wird. Ich habe kein Geld, um das veloziped zu kaufen. Ihre Hoheit darf nicht glauben, dah Sie mich nur mit einem etliche Rupie werten veloziped beschenken, sondern mit meinem Leben selber, das vielleicht Ihrer Hoheit all Ihr Lebenlang zu Dienst geweiht sein wird. Jetzt bin ich ein hülfloserpatientund Sie sind ein Arzt geworden, wenn Sie mir Medizin geben, werde ich besser, sonst nicht. Litte, seien Sie freundlich gegen mich. Gott wird an Ihnen sein Gefallen haben, und das ist nötig zum Glück eines Menschen. Möge Gott in Ihrer Hoheit Herzen Mildtätigkeit erregen. Lassen Sie Ihren großen, freundlichen und edeln Sinn Ihren freigebigen Händen befehlen, diesem unglücklichen Menschen Ihr wunderschönes veloziped zu schenken! Ich bin, mein Herr, Ihr gehorsamster Diener II. II." Fischer am Strande. Mehr als irgend wo anders in Indien, gibt es in Madras Lhristen, Kirchen und Mission-anstalten. Großartig geradezu ist die christliche, von 7- bis 80ö Zöglingen, meist Tamulen, besuchte Hochschule. 5ie können auch Leiden sein, müssen sich jedoch verpflichten, an dem christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. Madras besitzt die älteste Kirche in Indien, die schon 1680 eingeweihte, jetzt neu hergestellte Marienkirche. Interessant darin ist das Grabdenkmal des Missionars Schwartz, das die sonst wenig missionssreundliche, ostindische Handelsgesellschaft errichten ließ. Schwartz, der im XVIII. Jahrhundert in Südindien wirkte, wußte die Herzen aller zu gewinnen. Er galt sür ebenso klug, als sromm, und war der treueste Sreund und Berater des heidnischen Königs von Tandschaur (englisch Bunjore), der ihm sterbend die Vormundschaft seines Sohnes übertrug. Daß Schwartz sich auch dessen Liebe und Verehrung erworben hat, beweist ein zweites Denkmal in Tandschaur mit folgender, von dem jungen Sürsten in englischer Sprache verfaßten Inschrift. „Fest warst du, weise, demütig. Redlich, rein, unverstellt, gütig, Vater der Waisen, der Witwen Stütze, Tröster in jeglicher Trübsal-Hitze; Denen in Finsternis helfend zur Marheit, wandelnd und weisend die Wege der Wahrheit, Segen den Fürsten, den Völkern — und mir. Daß ich, mein Vater, nachwandele dir, wünschet und bittet dein Serfodschi hier." Unser Abschied von Connemara-Hotel sollte noch stürmischer werden als die Ankunft. Natürlich hatte sich diesmal der Wirt, ein Eurasier, eingestellt. Galt es ->LX ^ Mj, " ?X? !' >< t ! " ^'H '» />!» E-r 7'^»7 L »-- !t - '. Ä^- « ' ' ,i^- < Im botanischen Garten zu Madras. (S. 60t.) Madras. ß0<3 doch, Geld einzuheimsen, und zwar gebührendes und ungebührendes. Ein voller Tag wurde einfach mehr berechnet. Wutentbrannt kram mein Reisegefährte aus den Bahnhof. Er, der sonst allzeit Gelassene, sollte auch hier Grund zum Ärger vorfinden, und mit solcher Offenheit äußerte er sich laut über die Lisenbahngesellschaft als Diebsbande und englische Mißwirtschaft im allgemeinen, daß ich zitternd dem Augenblick entgegensah, wo ihn der Stationsvorstand verhaften ließ. So freute ich mich nicht wenig, als wir endlich in dem schmutzigen, niedrigen Waggon saßen, das der reichen iVlullrus lraiUvu^ Tompun^, die glänzende Geschäfte machen soll, wenig würdig war. Mein Sreund brummte noch lange, und erst als ihm ein Mitreisender erzählte, der Volkswitz hätte die Initialen der Nullrus UuiUvuv Lompun^, N. R. L., in «iVlunz?- Rooues Loin- bineci » verwandelt, gewann er seine gute Laune wieder. Mich tröstete die herrlich grüne Landschaft, eine Wohltat nach dem dürren Uord- indien, und schon am folgenden Tage sollten die wunderbaren lMu§iri-lu1Is uns für jede auf dein heißen Madraserboden erlittene Unbill reichlich entschädigen! 604 Reise einer Schweizerin um die Welt. Kapitel 40. Irr öeil Blauen Bergen. Nach den Nilagiris. Tonga. Nöte! Skoi-eliam. Mrs. Schnarre. Uti. Blumen. Die Todas. Bochzeits- und Totengebräuche. Ihre Kleidung und Wohnung. Tiriri. Gebete. Badagas. Die Bügel. Klima von Uti. Der botanische Garten. Lhinin-PflanZimg. Aus Bergeshöhe. Die Krähen. Abschied von Uti. Hat eine gütige Lee mit ihrem Zauber- stabe mich berührt? Hat das alte Wunderland auch für mich ein Wunder bewirkt? wo sind Staub, Kitze, Dürre. Krankheit? wo all die ekligen Gebrechen, die Not, Hunger und Elend in ihrem düstern Gefolge mit sich führen? wo sind sie geblieben? Verstummt, plötzlich verschwunden der unaufhörliche, die glühende Luft wie ein greller Mißton durchzitternde, an jeder Straßenecke, an jeder Tempelsäule sich aufdrängende Schrei: Bakshish! Bakshish! wie ein schlimmer Traum scheint alles das vergessen, und froh dehnt sich meine Lunge in reiner, lang entbehrter Bergluft. Und dieser farbenprächtige, bestrickend süßduftende Blumenflor! Nicht tropische allein, auch aus der Heimat, der fernen, begrüßen mich traute Bekannte, Kinder unserer Gärten und Leider. Und wie sie hier blühen und wuchern in buntglühendem Gewände, größer, schöner, gleichsam durchströmt von nie endender Lebenslust! Droben aber auf freier Bergeshöhe, da steht Sllorskain kouse — kein banales Hotel — ein trautes, villenartiges Heim, sanft umrauscht von mächtigen Baumkronen und o. so willkommen dem Müden in seiner glückverheißenden Stille! wie heißt dieser Grt. den ich scherzend in Erinnerung an die Inschrift im Diwan-i-Khas meinen «keaven ob kliss» nenne? „Utakamand" oder, wie die Engländer schreiben, «Ootucamunä». Doch kein Mensch quält sich hier mit dem langen indischen Namen, sondern sagt und schreibt ruhig Uti oder englisch 0ot^. wohlbekannt und geliebt von den in Südindien lebenden Engländern, die sich jeden Sommer rote Wangen und neuen Lebensmut da oben holen, liegt Uti keineswegs Bei Uti. üm Hintergrund eine Kc-ncin Uelunoxylon. Straße nach Uti. Im Vordergrund einige Tongas. (S. 60Z.) In den Blauen Bergen. 60S an der Touristenheerstraße, selten nur biegt ein Reisender von der Route Ma- dras-Tuticorin ab und verirrt sich in die lMIuAiri- bills oder, wie sie auch heißen, die Blauen Berge. Unvermittelt stiegen sie blau und duftig aus der fieberschwülen Ebene empor, die wir matt und müde die ganze lange Uacht durchquert, um endlichnach 16stündiger Lahrt in Mot- tupaleiam, am Süße der „Blauen Berge", anzulangen. Dort erwartete uns die vor drei Jahren erbaute Nilagiri - Bergbahn, eine Schöpfung unserer Lorndiuecl Lompun^».. „Sie sieht auch danach aus," brummte mein Reisegesährte, „sehen Sie sich doch diese alten, ausrangierten, niedrigen Waggons, diese schlechten Sitze und kleinen Senster an." wirklich könnte die Sahrt, die uns 2000 Dieter hoch durch die herrlichste Bergszenerie emporsührt, sich viel genußreicher bei offenen wagen, wie die Darjeeling- und unsere Bergbahnen sie führen, gestalten. Hier genießt nur der Glückliche, dessen Sitz am linken Sensterchen liegt, den Ausblick auf die wilden Dergbäche und kühnen Wasserfalle, auf die blauen Berge und dicht bewaldeten Mgel. Nach drei Stunden sind wir droben in Flunnur, einer 2000 Nieter hoch liegenden Ortschaft, die eine geschütztere Gesundheitsstation bietet, als das 660 Nieter höhere, windumwehte Uti. Die anderthalb Stunden, die uns von diesem trennen, legen wir in der Tonga zurück. Die Tonga, der landesübliche wagen, möchte ich wohl am besten einem gewaltigen Sasse vergleichen, das sich auf zwei Rädern schaukelt. Nian kriecht hinein, zwei Plätze sind nach der Vorderseite, zwei nach der Rückseite angebracht. Man sitzt freilich im Schatten, aber wo bleibt die Aussicht? weshalb die Engländer dieses Gefährt adoptierten, ist mir nicht recht erklärlich, jedenfalls nicht der Straßenver- hältnisse wegen, denn diese sind tadellos. 07ein Steinchen liegt auf der rötlichen Erde, keine schwierige Steigung gilt's zu überwinden. Im allgemeinen wird die Tonga durch Ochsen gezogen, in diesem Salle jedoch, wo sie die Stelle eines Postwagens vertritt, sind Pferde vorgespannt. Schritt wird nicht gefahren, in munterem Trabe geht's bergauf, dafür aber gibt's alle halbe Stunden neues vorgespann. Und nun, trautes Bungalow, tritt hervor, das den fremden Wanderern so schnell zur Leimat geworden, in dem alles harmonisch ist, bis auf den Namen seiner Besitzerin, Mrs. Schnarre! Er klingt so deutsch, und doch ist seine Trägerin eine Albionstochter reinsten Wassers. Schön ist sie nicht, Mrs. Schnarre, eckig, knochig, ältlich, allein mit mütterlicher Sorgfalt umgibt sie ihre beiden Gäste, frägt nach Rückansicht unseres Boys. e-L.si' 606 HeiiL einer Schweizerin um die IDeii. Straße in Utr. ihren Lieblingsspeisen und sorgt, daß sie weich und warm gebettet liegen. Ihr Boy, die-mal unsere einzige, ausschließliche Bedienung, entpuppte sich als perle, die mich mit seiner ganzen Spezies aussöhnen könnte. Unhörbar umschwebt er uns, hält die s)immer in tadelloser Ordnung und empfängt uns abends mit lustig prasselndem Laminfeuer und hellbrennenden Lampen. wir waren einzige Gäste. Die indo-eng- lischen Samilien kommen nicht vor April oder Mai. und, wie gesagt, fremde Touristen verirren sich kaum in dieses Paradies. So konnten wir uns nach jeder Einsicht ausdehnen. Jedes besaß sein Schlaf-, Ankleide- und Badezimmer, außerdem hatten wir einen großen, gemeinschaftlichen Salon, wo uns die Mahlzeiten serviert wurden, und des Abends, wenn ein Kühler wind über das Tal strich, ein gewaltiges .tiaminseuer, das uns traulich durchwärmte. All diese Herrlichkeiten, die fünf im Osten üblichen Mahlzeiten, Neuerung und Bad inbegrisfen, kosteten fünf Rupien, ungefähr kranken täglich. In stiller Ruhe und wohltätiger Einförmigkeit flog eine Woche dahin, ich schrieb viel, flickte meine reisemüde Garderobe, und über Tag fuhren und spazierten wir stundenlang, wie gut ging sich's in dieser schönen, leichten Bergluft, wie gesund war's, sich wieder einmal tüchtig auszulaufen! Die einzige, lästige Pflicht war der tägliche Besuch des eine halbe Stunde entfernten Spitales. Uti, ein freundliches, englisches Städtchen, das sich in einem von hohen Hügeln umgebenen Tale lang hinzieht, besitzt einen reizenden, blauen See. Die rötliche Erde hebt sich scharf von dem bläulichen Laube der Eukalypten, dem dunkeln Grün der Akazien, Melanorylen, der Zypressen, Zedern und Eichen ab. Schöne, rote Blüten leuchten dazwischen. Die an den italienischen Seen als Büsche das Herz erfreuenden herrlichen Rhododendron find hier zu Bäumen geworden, an Größe und Stärke hinter keinem heimatlichen Apfelbaum zurückstehend. Unsere Lieblingstopfpflanzen, die sogenannten englischen Geranien und die süßduftenden heliotrope, hat das Dllima der Nilagiri in undurchdringliche, über mannshoch ragende Hecken verwandelt, deren Blüten ungepflegt und ungepflückt zu Tausenden dahinwelken. Und die steife, weiße, feierliche Ualla? wie stolz sind wir, wenn sie bei sorgfältigster Pflege uns die Ehre antut, im Zimmer zwei oder drei ihrer weißen Düten zu entfalten, hier wuchert sie als Unkraut an allen Pfützen und Büchlein des Tales. Sürwahr ein Stückchen Paradies, das in den blauen Bergen hängen geblieben! wer sind die Ureinwohner dieser Höhen? Ein sonderbarer Menschenstamm. Er nennt sich „Herr des Bodens" und behauptet, die Götter hätten seine Vorfahren hier MsOW M-MW !K-vF. WM Der See von Uti. (S. 606.) 8W^- - ^ .l^et <--L WiWz Lüffeloxfer bei einer Gedächtnisfeier. (5. 60S.) 608 Reise einer 5chweizerin um die Melt. auf der Scholle, vielleicht auch aus der Scholle, geschaffen. Die helle Gesichtsfarbe, die llühn gebogene Adlernase, die hohe, kräftige Gestalt, die nahezu europäischen Gesichtszüge, alles das bildet ein Rätsel für den Forscher, und keine Chronik, kein Baudenkmal, keine Inschrift helfen es lösen. Die Todas, so heißen die Leute, sind ein aussterbend Geschlecht. Im ganzen mögen sie nur noch neunhundert, höchstens tausend äköpfe zählen. Cin Toda wird niemals ein Mädchen aus anderem Stamme heiraten. Die Todasrau ist mit ihrer Verheiratung zugleich das Weib sämtlicher Bruder ihres Mannes geworden, auch wenn diese schon Lrauen haben. Die dabei etwas verwickelt erscheinende Vaterschaftsfrage wird aufs einfachste gelöst. Das älteste Mnd wird als dasjenige des ältesten Bruders anerkannt, das zweite dem nächstkommenden Bruder zugesprochen u. s. w. Daß aber zwischen den Gatten, zwischen vätern und Ländern ein inniges Verhältnis herrscht, kann nicht behauptet werden. Dem kleinen Mädchen ergeht's auch hier herzlich schlecht. Da die väter sich alle nur Söhne wünschen, werden in den Lamilien, oder vielmehr wurden, denn die Engländer sind energisch dagegen eingeschritten, die Töchter jeweilen bis auf eine erdrosselt. Höchst einfach sollen sich die Hochzeits-Zeremonien abspielen. Am Tage der Eheschließung wird die Braut in das Haus ihres zukünftigen Gebieters gebracht. Dort muß sie sich zur Erde legen, und der Bräutigam setzt zuerst den rechten, dann den linken Luß auf ihr Haupt. Darauf muß sie Wasser zum lochen herbeiholen, und durch diesen Akt ist sie zur Lrau, nicht aber zur Herrin des Hauses geworden. Ihr Kaufpreis beträgt ungefähr dreißig Rupien. Die Lestlichkeiten, die bei der Hochzeit vollständig unterbleiben, finden einen um so lebhafteren Ausdruck bei Leichenverbrennungen, wobei getanzt, musiziert und abwechselnd geweint und geklagt wird. Missionar B. schreibt darüber: „wie der Indianer sein Jagdgewehr, so nimmt der Toda seine Büffel im Tode mit, um sie im Jenseits wieder zur weide zu führen und von ihrer Milch sich zu ernähren. „Begleite den Geist deines Herrn in das große Land!" so heißt der Befehl, der jedem Büffel besonders erteilt wird. wenn er unter den Lieulen der Todas. meist aus einen Schlag, sterbend zusammenbricht. Dann wird die Leiche des Toda auf den Scheiterhaufen gelegt und dieser angezündet. Doch damit ist der verstorbene nicht vergessen. Nach Jahresfrist wird abermals eine noch größere Totenfeier gehalten, und noch mehr Büffel werden dem Geschiedenen nachgesandt. Schmausen und wehklagen wechseln bei dieser wunderlichen Leier wieder miteinander ab. Stirn an Stirn gelehnt, sitzen die ernsten Männer zu zweien nebeneinander und jammern dem verstorbenen nach: „wie ist jetzt dein Be- ^ ^ MM Todas. (S. 607.» >^K«I In den Blauen Bergen. 609 Botanischer Garten in Uti. finden, o Bruder?" „Leidest du am Lieber?" „Gedeihen deine Büffel?" „G, warum hast du uns so bald verlassen?" Heulend stimmen die Meiber in diese Totenklage mit ein. Ihre Gebärden zeugen von tiefstem Schinerz, ihr ganzer Leib zittert und erbebt vor Seelenleid und Herzenstrauer. Und doch können sie wenige Minuten später sich wieder miteinander unterhalten, als ob gar nichts geschehen wäre. In früheren Zeiten wurden oft bei dieser Jahresfeier an die vierzig bis fünfzig Büffel totgeschlagen." Bei unserem ersten Ausgange begegneten wir einigen Todas. Männer und Lrauen drapieren sich auf dieselbe Meise in ein grobes, baumwollenes Lacken, das einige bunte Streifen schmückt. Nackt bleiben dabei die rechte Schulter und der rechte Arm. Kopf- und Lußbedeckung fehlt gänzlich; erstere wird durch eine Überfülle tiefschwarzer Haare reichlich ersetzt. Die Männer tragen zudem meist einen gewaltigen Bart. In schönen, glänzenden Locken wallt das Haar der Lrauen herunter, ein Gesicht umrahmend, das oft hübsche, regelmäßige, selten aber sympathische Züge zeigt. Schwere Messingarmbänder und Singer- ringe scheinen unter den Toda-Srauen, die gleich ihren Männern sich eines hohen stattlichen Wuchses erfreuen, beliebt. Charakteristisch ist ein keulenartiger Stock, den die Todas bei jedem Gange auf den Schultern tragen. Er ist ihr unzertrennlicher Begleiter, und um die Gewißheit zu erlangen, ihn auch im Jenseits wiederzufinden, wird der Stock jeweilen mit der Leiche seines Besitzers verbrannt. Oberhalb Utis, abseits vom Wege, befindet sich hie und da eine Toda-Ansiedlung, Mand genannt. Mehr als drei bis vier eigentümlich geformte Häuser sollen selten beieinander stehen. Solch ein Mand bildete das Ziel unserer ersten Sahrt. Mir hatten uns einen leichten offenen Magen verschafft und fuhren mit Entzücken auf den herrlichen Straßen und Megen dahin, die, von Rhododendren und Koniferen eingerahmt, mehr an Parkanlagen als an Landstraßen erinnern. Marin freilich brannte zuweilen die indische Sonne, allein immer wieder kühlte ein leichter Mind ihre Gluten. Mie lebhaft genossen wir diese Magenfahrten im Tale von Uti. Aber wie wenig Verständnis für diese Begeisterung fanden wir leider bei unserem Rutscher und den Pferden. Jedesmal, nach kaum einer Stunde Sahrt, erlagen die drei einem Anfall von Heimweh und wandten ihre Köpfe dahin, von wannen sie gekommen waren. Da galt es scharfes Aufpassen, wenn wir auch wirklich an das uns vorgenommene Ziel gelangen wollten, sonst — wehe uns — schlug der Rosselenker einen Seitenweg ein, und unversehens befanden wir uns wieder unten am Hügel, aus dem Lkorekuin liegt. L von Rodt. Reise um die Welt. Z9 610 Reise einer Schweizerin um die Welt. In süßem Nichtstun hockten einige Todas, Männlein und lveiblein und einige Minder, auf den verfallenen Mauern, die ihren Mand umgrenzten. Nieder erfreut noch ärgerlich schienen sie über unseren Besuch. Bettelhaft zudringlich, wie man sie uns geschildert, fanden wir sie nicht. Eine halbe Rupie, die wir verteilten, nahmen sie allerdings gerne in Empfang. Durch ein enges, nachts mit einem Brette verschlossenes Loch Kriechen sie in ihre komischen, halbrunden, tonnenartigen, mit Binsen gedeckten ivohnstätten. Da drinnen aber ist es fürchterlich, der Lust nach zu urteilen, die der Luke entströmte. Mr. w. kletterte hinein; an den höchsten Stellen nur konnte er ausrecht stehen. Aus einer Seite wird gekocht, auf der anderen geschlafen. Tags über halten sich die Todas offenbar im äreien aus. Ein folgender Tag brachte uns zum Tiriri oder heiligen Maud st, ein noch eigentümlicheres ppramidenartiges Gebäude, in das man auch durch ein Griechisch gelangt. Der Priester des Heiligtums, vülül genannt, unterscheidet sich in der Lleidung nicht von den übrigen Todas, während der Kcknnlül, sein Diener, nur einen Stoffstreifen um die Lenden tragen darf. Die beiden wohnen von der übrigen IVelt getrennt ganz allein hier. Der bei seinen Toda-Brüdern in hohem Ansehen stehende und für einen großen Zauberer geltende Dälül nährt sich ausschließlich von Milch und führt ein Gebetsleben. Dem XuwMI dagegen liegt die Bewachung der heiligen Büsfelherde des Tiriri und das bei den Todas für heilig geltende Geschäft der Butterbereitung ob. Im Tiriri soll die heilige Büsfelschelle aufbewahrt werden, in der sich die tsauptgottheit, Hiriadewa genannt, personifiziert. Dieser bringen die Priester ihre Gebete und Milchopfer dar. Die Gebete find kurz: „Möge alles wohlgeraten" oder „möge alles glücken" lautet zumeist deren einfacher Inhalt. Beim Beten legen die Todas den rechten Daumen auf die Nasenspitze und berühren mit den übrigen gespreizten Singern die Stirn. Bis jetzt hat sich die Arbeit der Missionare an den Todas als völlig nutzlos erwiesen, kein einziges Glied dieses Volksstammes, der sich von allen übrigen Indern unterscheidet, ist zum Christentum übergetreten. Ebensowenig ist es der Mission gelungen, bei andern Bewohnern der Nilagiris, bei den aasfressenden Liohtas und den als Zauberern berühmten Lturumbas, irgend einen Einfluß zu erlangen. Etwas mehr Erfolge kann die Basier Mission verzeichnen, denn diese wirkt in den Nilagiris bei den ackerbautreibenden Badagas, einem 1Z—20,000 ll^öpfe zählenden Stamme. Diese, sowie die vorher genannten, sind den Todas, als den Zerren des Bodens, tributpflichtig. Die Dadagas teilen sich in achtzehn Lasten ein, unter welchen diejenige der wodearu (Priester) dieselbe Rolle wie die Drah- manen spielt. Die Religion der Badagas besteht aus dem niedrigsten Setischdienstc, wobei nicht nur den vorfahren, sondern auch alten Messern und dergleichen göttliche Verehrung gezollt wird. Bei den Leichenverbrennungen spielen eine Art Totentanz und die Übertragung der Sünden des verstorbenen auf ein Büffelkalb eine Hauptrolle^ Die Badagas bauen sich weniger primitive lsäuser und kleiden sich besser als die Codas. Auf dem Lopfe tragen sie einen großen Turban. Doch genug von den Bewohnern der Blauen Berge, so interessant sie auch sein mögen. Bli cken wir uns noch etwas in der schönen, entzückenden Gegend um. Die k Guelle: k. Gehrinq, Süümdien. L. -E Line Toda-Schönheit. (5. 609.) LLÄÄ SL LNM »MM Tikim. (S. 610.) AM MmDW - >.' >^h»2 >; 612 Reise einer Schweizerin um die Welt. Täler hier bilden keine Släche, kein Plateau, sondern gehobenes, gewelltes Hügelland. das je nach der Lodenfeuchtigkeit bewaldet oder kahl erscheint. Line Stelle besonders, wenige Kilometer von Uti entfernt, tke Oorvns (die Hügel) genannt, läßt diese Eigentümlichkeit der Mlagiris besonders hervortreten. wir haben einen ganzen Tag in den Oorvns verlebt, sind von einem Hügel zum andern geklettert, um immer wieder Ausblicke aus die fremdartige Gebirgswelt zu gewinnen, oder sind auf den würzigen Rasen gesessen, der wohltätigen Ruhe und Stille in vollen Zügen genießend. Gbschon man nur selten eines einsam wandernden Toda, Ladaga oder Hindu, einer Hütte oder Schafherde gewahr wird, durchkreuzen doch schöne Straßen die Don-as nach allen Richtungen. wo sie wohl hinführen mögen? Augenblicklich sind wir die einzigen Sremden in Uti. Später aber werden englische Gäste diese öden Straßen beleben, Jäger und Sportsleute, blasse Srauen und Kinder. Und wenn die Gäste aus der heißen Ebene lust- und ruhebedürftig sich Ungesunden haben, dann regnet es tage-, wochen- und monatelang. Gft während neunzig bis hundert Tagen! Dann sammelt Mutter Erde genug Seuchtigkeit, um ihre pflanzenkinder während 8^/2 Monaten frisch und lebenskräftig zu erhalten, denn in dieser ganzen darauffolgenden Zeit wird nur der Tau sie benetzen. Die Durchschnittstemperatur beträgt in dem 2250 Meter hoch gelegenen Uti 14 Grad Celsius, der Unterschied zwischen der wärmsten und kühlsten Jahreszeit 4,i Grad Celsius. Mein Lieblingsfpaziergang bildete immer wieder der botanische Garten, der schönste, jedenfalls der mir liebste, gerade weil ich ihn so gründlich kennen lernte, wenn ich die Augen schließe, liegt er vor mir, der sanft ansteigende park, der sich erst hoch oben auf Vergeshöhe in so leisem Übergänge verliert, daß sich schwer bestimmen läßt. wo menschliche Kunst und Pflege aufhört und Gottes freie, unbe- schnittene Natur beginnt. Ich sehe sie lebhaft noch im Geiste, die weiten, smaragdgrünen Rasenflächen und dunkeln, fremdartigen Vaumgruppen, zwischen denen immer wieder das Kind dieser Berge, der hohe Rhododendron, flammt. Ich höre das Murmeln des Baches, der bald hell aufglißernd im Sonnenschein, bald trübe vom Schatten des hohen Schilfes. Kühle und Erfrischung spendend den Garten durchschneidet. Noch atme ich den Duft all der fremden und heimatlichen Blumen, deren Sarbenpracht mit den herrlichen, sie umgaukelnden Schmetterlingen wetteifert. Laßt uns die Mitte einschlagen, die hier den schmalen weg bedeutet. Sie führt zu einer Terrasse empor mit kunstvollen Blumenrabatten, weißem Tempelpavillon und stillem Teiche, aus dessen tiefen wassern mannigfaltiges pflanzenleben Botanischer Garten. 7- <'", ASEM» 'WWM ^^ -K°,N Ein Mand. (S. 610.) '>,7' S-<7« -^Äk^K WKW§K AWMMi^ WÄR USW Im botanischen Garten in Uti. (S. 612.) 614 Reise einer Schweizerin um die Welt. hervorsprießt. weiter geht's durch eine tiefe Talmulde, wo weißen Daturaglocken betäubende Düfte entströmen, knorrige, bizarr geformte Kakteen aus den weißen Steinen hervordringen und Baumfarne die anmutigen, federnden Kronen leise bewegen. Droben, etwas entfernt von der beständig schneidenden und stutzenden Schere des Gärtners, wagen es Geranien, heliotrope und die farbenleuchtenden Kapuzinerchen, ungebunden sich zu verbreiten. Sie schlingen sich an den Gärtnerwohnungen empor und wuchern frei als hohe Büsche und Hecken am Wege. Immer noch weiter! Schon ganz in der Tiefe erblicken wir die jätenden» im Grase kauernden Kulis, deren weiße Turbane Riesenblumen gleich durch das Grün leuchten. Waldesstille umhüllt uns. Nur das plätschern unseres treuen Begleiters, des Baches, pocht in so regelmäßigem Anprall an Stein- und Baumwurzeln, als wollte es die ewige Uhr des Waldes vorstellen, sonst kein Laut weit und breit! Auf steilem Pfade kletterten wir in dem engen Talkessel immer höher empor, bis zur Chinin-Pflanzung. Schön sind sie nicht, diese Bäume, deren Rinde ein Heilmittel von unschätzbarem werte enthält. Unansehnlich und kümmerlich von wuchs, ist auch das Laub kleinblättrig und matt in der Sarbe. Sind die Bäume einmal acht Jahre alt, so wird während der Regenzeit die halbe Rinde abgeschält, die andere Hälfte kommt im folgenden Jahre an die Reihe. Sorgfältig werden die entblößten Stellen mit Moos umwickelt, und unter dieser Decke wächst eine neue Rinde, die viel wirkungsvoller und besser als die erste sein soll. Ein Jahr wird dem Baume Ruhe gegönnt, dann muß er wieder seine hülle hergeben, wir haben ein Stückchen losgelöst und gekostet. Ganz furchtbar bitter schmeckte es! Seit das Chinin fabriziert wird und in Java, Leplon, Peru und Südindien große Plantagen bestehen, ist der früher sehr hoch geschraubte preis wesentlich gesunken. Im Jahre 1822 bezahlte man 1715 Sranken pro Kilogramm, 18ZZ waren es 38 Sranken. Damals schien das Antipprin das Chinin völlig verdrängen zu wollen. In den letzten Jahren dagegen sind preis und Ansehen des in den Tropen geradezu unentbehrlichen Chinins wieder im Steigen begriffen. Die englische Regierung soll gute Resultate mit ihrer Lhininpflanzung am Dodabeta erzielen, auch Kaffee und Tee gedeihen ausgezeichnet in den niedrigeren Regionen der Mlagiris. (Oberhalb der Lhinchona-Waldung teilt sich der weg. Rechts führt er auf den 2580 Meter hohen Dodabeta-Gipfel, den höchsten Berg Südindiens, links auf den, was die Aussicht betrifft, noch interessanteren 2490 Meter hohen Snowdon. wir sind auf beiden Höhen herumgcklettert und habea hei untergeschaut auf unser liebes Uti, seinen klaren See und seine schmucken Häuser« wir haben ins Apfelsinen-Tal unsere entzückten Blicke versenkt, dort, wo die goldenen Srüchte wild wachsen, und haben so manche Bergspitze, so manches tiefe Waldtal erblickt, die nicht nur für uns. sondern für jeden Luropäer noch unbekanntes Land sind. Dort herrschen im voll- genuß unumschränkter Sreiheit schwarze Bären, schöne Königstiger, flinke Pantherkatzen, Wildschweine, Hirsche und Schakale. Lange saßen wir aus der Höhe des Snowdon. und als ich emporfchaute zum blauen Himmelszelt, kreisten über unseren Häuptern schneeweiße Lalken mit schwarzem Äeck zwischen den Slügeln. wie Silber glänzte ihr Gefieder in den Strahlen der Sonne. Ul.- --- Oo^vns. (S. 612.) In den Blauen Bergen. 616 Lin vertrocknetes Sträußchen weißer Veilchen ist mir dieser Tage in die Lände gefallen. Es stammt aus dem Garten unseres Bungalow in Uti. Weiße Veilchen, Heliotrope und Rosen, wie üppig gedeihen sie, wie süß duften sie dort! wer mag sich dies Jahr wohl an ihnen erfreuen? Und meine Sreunde, die krähen? Sicherlich haben sie mich vermißt! Sie hausten aus den hohen Bäumen vor dem Lause und flogen mir jedesmal zu, wenn ich in die Nähe kam. Auch im Zimmer suchten sie mich aus, und war ich nicht ut Korne, so hinterließen sie ganz frech eine Visitenkarte, die unsere perle von Boy mit Zorn erfüllte, waren sie satt, so vergrub der Krähenvater, sorglichen Sinnes und klug bedacht auf die Zukunft, einen extra- guten Bissen in den Schoß der Erde. Geschickt bediente er sich dazu des Schnabels und der Klauen. Lr erinnerte mich an meinen gelben Vierfüßler zu Lause, der sorgfältig unterwegs große Knochen oder alte Schuhe sammelt und, nachdem er sich mühsam damit eine weile geschleppt, sie in ein Loch versenkt. Jedenfalls beabsichtigt er, diese kostbare Beute auf dem Rückwege zu holen, was aber sein Lundegedächtnis regelmäßig vergißt, wie es der Rabenvater mit seinen verborgenen Schätzen gemacht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Und nun, mein Uti, du Paradies im fernen indischen Reiche, Lebewohl und abermals Lebewohl! Partie im botanischen Garten. WEM 616 Rcise einer Schweizerin um die Welt. Kapitel 41. Maöurs. Fahrt nach Madura. Unangenehmer Aufenthalt in Tritschinapalli. Nachtquartier in Madura. Teppa- Teich. Banyan-Lamn. Gopura. Großer Tempel. Säulen, Götterbilder und yali. Ghrenfchmuck. Goldener Lilienteich. Geschichte der Königin Mangammal. Tempel-Elefanten. Prozession. Tamuliiche Frauen. Aberglaube, pudu Mandapam. Gouvernementsgebäude. Nach Tuticorin. Überfahrt nach Lolombo. Verstoßene aus dem Paradiese kamen wir uns vor, als wiederum Lärm, Bakshish- geschrei und die ganze Sitze Südindiens sich in Mettupalaiam über uns ergoß. Zurück ging's auf demselben lVege bis Erode, wo wir von den «Llun^ RoAues Lomdineä » endgültigen Abschied nahmen, um mit der etwas reinlicher gehaltenen, besser ausgestatteten, südindischen Bahn nach Ma- dura weiter zu reisen. Auf dem lVege liegt Tritschinapalli oder. wie die Engländer es nennen. Trichinopolp, eine durch ihre Tempel und zwei Helfen berühmte Stadt. Da wir uns nach Lenlon sehnten und länger als geplant in Uti geblieben waren, hatten wir beschlossen, Tritschinapalli unbesucht zu lassen. Und dennoch einen Aufenthalt, einen recht unangenehmen, unfreiwilligen, mußten wir dort uns gefallen lassen. Der Zug kam zur ungemütlichen Stunde von Z Uhr morgens an. und vor 6 war keine Möglichkeit vorhanden, fort zu kommen. Im Waggon durften wir nicht bleiben. Mr. w. wurde im Wartesalon für Serren, ich im Damenziminer untergebracht, wo ein weiter, leidlich komfortabler Lehnstuhl statt eines Bettes mir seine Arme entgegenstreckte. Gopura. Madura. 617 Line düster brennende Stall- laterne beleuchtete mit unbestimmtem Scheine den unverschließbaren, unheimlich großen Raum, der in seinen dunkelsten Ecken Moskitos und Lidechsen zur reichen Auswahl bot. Nach einer halben Stunde erlosch die Laterne, Streichhölzer besaß ich nicht, und um Ruhe und Schlaf war's für die noch übrige Zeit übel bestellt. Ich freute mich, endlich wieder im Waggon zu sitzen. Die herrliche, tropische Landschaft versüßte die unerhört langsame Sahrt der letzten zwei Stunden. Aufenthalte mitgerechnet, bewältigte unser Zug nur 8 Kilometer in der Stunde. An Madura, indisch Mndurei, durften wir aber nicht vorüberfahren, sagt doch ein tamulisches Sprichwort: „wer Mädurei nicht gesehen hat, ist ein Hüdurei" (Esel). Im Stationshause selber fanden wir gute, reinliche Zimmer. Leider gingen meine Senster auf den Perron der Bahnhofhalle, und da, wie schon früher erzählt, die isindu es vorziehen, stunden-, ja tagelang auf der Station den Zug abzuwarten, statt auf die bestimmte Zeit einzutreffen, wird man mir gerne glauben, wie illusorisch unaufhörliches Geschwätz, Kindergeschrei, Manövrieren der Züge, Katze, Moskitos meinen Schlaf gestalteten. G Uti, wie sehnsuchtsvoll gedachte ich deiner und der stillen, kühlen Nächte, wo der durch die hohen Bäume sausende wind das einzige Geräusch bildete! wir waren mittags angekommen, ruhten etwas und ließen die grausamste Katze vorübergehen, dann fuhren wir aus. Dunkle Wolken standen drohend am Kümmel, doch da die alte Srau, die unsere Zimmer besorgte, erklärte, es hätte im März niemals in Madura geregnet, beruhigten wir uns und fuhren zunächst zum eine Stunde von der Stadt entfernten Tappa-Teich oder vielmehr See. Rot und weiß gestreifte Mauern umgeben die stille Wasserfläche, in deren Mitte eine künstliche Insel mit schönen Bäumen, einem Gopura ähnlichen Turm und vier Pavillons sich erhebt. Line Toteninsel, denn unter dem Turm ruht die Leiche Tiru- mala Naikens, des bedeutendsten Mannes aus dem Geschlechte der Naiker, das von 1420 bis 17Z7 in MLdurei, der Hauptstadt des einst mächtigen Pandia-Reiches. seinen Kierrschersttz aufgeschlagen hatte, wir werden Tirumalas Namen noch öfter begegnen, denn infolge eines Gelübdes war er der Erbauer der größten Bauwerke der Stadt. Tiruinala lebte um die Mitte des XVII. Jahrhunderts und herrschte 36 Jahre. Unweit des Tappa-Sees steht von Palmen umgeben, abseits vom Wege, ein Tcpxa Lulam in Madura. MchW- 618 Reise einer Schweizerin um die Welt. riesiger Banyan-Baum (Nicus inäicu). Er soll eine Fläche von Z6 Meter iin Umkreis beschatten, und 106 Luftwurzeln haben sich in dicke Stämme verwandelt, an denen große, grüne Eidechsen langsam aus- und abbrachen und uns mit unheimlichen Augen anglotzten. Immer dunkler war der Hummel geworden, plötzlich strömte es sündflutartig auf uns nieder, und schutzsuchend klammerte ich mich an einen Baumstamm. Da fühlte ich etwas kaltes im Nacken und etwas Weiches. Jämmerlich ging mein Mut in die Brüche, ich schleuderte das Tier — es war eine jener dickköpfigen, großen Eidechsen — von mir und lief in wilder Hast dem ziemlich entfernten Wagen zu. Unsere Rutscher hatten sich hineingesetzt, während ein paar weinende Minder unter diesem kauerten. Alles schien erschrocken, überrascht. Eine Minute später hörte der Regen auf, die Sonne brach hervor und spiegelte sich in den Tausenden von Wassertropfen, welche die gefiederten palmenkronen schwer zur Erde sich neigen ließen. In der Lerne ragten die wunderbaren Gopura-Türme hoch über den flachen Dächern der Stadt empor. Gopura nennt man diese von oben bis unten mit bemalten Ornamenten, skulptierten Götter- und Tierbildern geschmückten oblongen Türme, deren Höhe zwischen 18 und 4Z Nieter variiert. Sie verjüngen sich beträchtlich gegen oben und enden in einem schmalen, etwas gewölbten Dache mit urnenartiger Verzierung. Die beiden Schmalseiten lausen in einem radähnlichen Knäufe aus, dessen' Spitze eine Teuselsfratze mit fürchterlichem Gebiß und lang herabhängender Zunge bildet. Das Innere, das wir nicht betreten durften, wird durch ein Tor und über demselben sich bis oben abstufende Luken erhellt. Die Gopuras sind eine Eigentümlichkeit Süd-Indiens. Sie machen in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit ihrer farbenreichen Skulpturen einen wunderbaren Eindruck. Betrachtet man sie jedoch in der Nähe, so sind die einzelnen Gruppen roh und grob gearbeitet. Mystisch großartig erscheint die im Viereck 2Z4 X 218 Meter erbaute und von neun Gopuras umgebene Tempelanlage, größtenteils das Werk Tiru- mala Nackens. Sie besteht aus einem Tempel des <^iva, der unter dem Namen Lunäiru Vuncickn Madura beherrschte, und aus einem Tempel der fischäugigen Göttin Minatschi, aus der die Ortslegende die Gattin des menschgewor- denen ^iva machte. Dazwischen steht rauch- und altersgeschwärzt die Halle der tausend Säulen. In den tiefen Nischen sitzen furchtbare, groteske Götterbilder, und aufgeschreckte Sledermäuse schwirren ungestüm hervor, jedesmal, wenn die bakshishgierigen Priester flackernde Lampen emporhalten. vor dem Tempel. Gopura und Lingangstor des großen Tempels. (S. 618.) 620 Reise einer Schweizerin um die Welt. schwer ist es, sich in all dem Wirrwarr von Gallen, Tempeln, kleineren Geiligtümern. Säulenreihen und Gottheiten zurechtzufinden. Letztere, teilweise genial und phantasievoll aufgefaßt, erscheinen öfter noch als greuliche Sratzen. An Säulen und Mpitälen spielt der sogenannte 7)ali. der heraldische Löwe Süd-Indiens, eine große Rolle. Meist windet sich aus seinem Rachen ein langer Rüssel, den er mit beiden Tatzen umfaßt hält. Die schönsten Granitskulpturen sind leider weiß übertüncht. Ich vermute, die Engländer, in ihrer Vorliebe für weißen Anstrich, haben auch diesen verbrochen. Ganz wunderschön ist ein großer, heiliger Teich innerhalb des Tempelvierecks. Ringsum ziehen sich Arkaden, und große Sreitreppen führen ins Wasser. Wir sahen dort ähnliche Szenen wie in Benares. Ist das Bad vorbei, so zeichnen sich die vishnuiten und (sivaiten ihre Ltastenzeichen aus Stirn und Brust. Die Srauen malen sich einen rotgelben Sleck zwischen die Augenbrauen und bestreichen das Gesicht mit einer dicken Schicht ockergelber Schminke. Das nötige Material dazu ist in kleinen Kaufen auf der Erde ausgebreitet. Abscheulich ist die hier herrschende Mode, die Ghrlöcher so auszudehnen, daß der untere Teil des Ohrläppchens unter der schweren Last der Ringe nahezu bis auf die Schultern herabhängt. Oft ist zudem noch die ganze Ohrmuschel durchlöchert und mit kleinerem Schmucke verziert. Welch sonderbare Launen zeigt doch die Mode! Gier sind's die Ohren, in China werden die Süße verkrüppelt, und bei uns schnürt man die Taille zusammen. Der Teich führt den poetischen Namen goldener Lilienteich, und ein Gemach wird innerhalb der Arkaden gezeigt, wo eine Königin aus dem Geschlechte der Naiker gelebt und gelitten. Sie hatte einen Mann lieb, den sie nicht lieben sollte, und um dessentwillen ihr Volk sie zum Gungertode verurteilte. Sie wurde ergriffen, eingesperrt, und damit ihre Gual noch verstärkt würde, setzte man täglich leckere Speisen in ihre Nähe. die sie wohl sehen und riechen, aber nicht erreichen konnte. Das Bild ihres Liebhabers, des Brahmanen Achchapa, ist der Nachwelt aufbewahrt worden, sowohl als Status im westlichen Arkadenslügel, wie als Malerei auf der Decke des Raumes. Goldener Lilienteich. LMs- ^ - M M!»!! s» WWZ L' 'Ä 7-iP^ ^ AMT7 ^ TM2 »HM'LWL '' u r l 'L^-t r - /.^ - >'/ ^ ^>.1 Säulenhalle im großen Tempel in Madura. (5. 619.) NIadura. 621 Auch die Züge der unglücklichen Königin hat der Maler daneben verewigt. Gb sich jemals ein Dichter gefunden, der den tragischen Stoff poetisch verwandt hat, ist mir unbekannt, phantastisch genug ließe sich in dieser Umgebung diese Liebesepisode ausschmücken. Tantalus, der unglückliche Schwätzer, der Verräter olympischer Geheimnisse — wer kennt nicht die Sage seiner durstigen Gualen? — ist öfter besungen und als warnendes Leispiel der Nachwelt vorgemalt worden. k>ier, wo es sich um stille Srauenliebe handelt, scheinen die Dichter zu schweigen, und ein keuscher Schleier verhüllt die weichen Züge der Schuldigen vor des Publikums profanen Blicken. Nicht immer wird in der Gegenwart mit ihrer Ehre verlustig gewordenen Sürstinnen so rücksichtsvoll verfahren. Doch das war ja ehemals, — lang, lang ist es her. Die Chronik versetzt die Geschichte ins Jahr 1706; der Name der Sürstin lautete INangammal. Als wir den Tempel verließen, herrschte sehr lebhaftes Treiben aus der Straße und, wie immer, ein Heidenlärm. Dieses bei uns öfter angewandte IVort ist hier richtig am Platze, besonders wenn es sich für das heidnische Volk drum handelt, einen ihrer Götzen zu feiern. Line Prozession war im Gange, und schon standen die großen, schöngeschmückten Tempel-Llefanten in Reih' und Glied marschbereit. Etwas Zeit fanden übrigens Lornaks und Elefanten doch noch, um schnell die Sremden anzubetteln. Die Gelegenheit durfte nicht versäumt werden. Die Dickhäuter machten Salaam und streckten uns ihre Rüssel entgegen, und laut brüllten ihre Sichrer: Bakshish! Bewundernswert ist's, wie die Elefanten die kleinste Münze mit ihren Rüsseln von der Erde zusammenklauben, sie festhalten und ihrem Reiter überliefern können. Sie selber lieben sehr ^Kokosnüsse; ein Druck und ein Schluck, die großen, steinharten Srüchte sind zermalmt und gefressen. Die klugen Tiere verstehen es übrigens prächtig, einen allzu sparsamen Srem- den zu strafen. Bleibt der erwartete Tribut an klingender Münze oder Naturalien aus, so erhält der Ungroß- mütige einen wohlgezielten Wasserstrahl aus ihrem Rüssel. Unter einem Gold und Seide starrenden Baldachine wurde ein mit kostbaren Juwelen übersäetes Götzenbild auf Besuch in einen anderen Tempel getragen. Eine jauchzende, jubelnde, Sahnen und Sonnenschirme tragende Menschenmenge folgte. Abends, nach dem Essen im Wartesaal, fuhren wir ccmpel-Llefant. 622 Acise cincr Schweizerin um die IVclt. nochmals zum Tempel, dessen Eingangshallen jetzl im Lichte unzähliger Lämpchen schön beleuchtet waren, während die wunderbaren Steinfiguren im Hintergründe noch phantastischer, teuflischer zu grinsen schienen. Madura, eine Stadt von 87,000 Einwohnern, liegt von palmenhainen ganz umgeben. Dazwischen wechseln Reis- mit Baumwollenfeldern ab, letztere sind augenblicklich mit schönen gelben Blüten übersäet. Die Hauptindustrien bilden Spinnerei und Weberei, letztere wird in den Samilien allgemein betrieben. Durch die rotweißen Striche, womit die Sockel vieler Häuser angemalt sind, gewinnt das Cingebornenviertel ein schmuckes, festliches Ansehen. wunderhübsche Kinder gibt's hier, dabei sehen sie besser genährt, munterer als im Norden aus. Die jungen Srauen sind schön gewachsen und graziös in der Haltung. Sreilich werden sie sehr bald alte häßliche, ja sehr häßliche Weiber. Zwölf-, ja zehnjährig schon sind sie gezwungen, dem Manne, den die Eltern für sie gewählt, zu folgen. Ein 14jähriges Tamul-NIädchen muß unbedingt verheiratet sein. Ist es mit zwölf Jahren noch im elterlichen Hause, so darf es niemals ohne Erlaubnis der Mutter allein ausgehen. Es wird auch den Blicken der Männer im Hause möglichst entzogen und soll selbst nie einen Mann ansehen. Die erste Begegnung mit dem Bräutigam findet in den meisten Süllen erst am Hochzeitstage statt. Nach Gehring ist das tamulische Schönheitsideal folgendermaßen beschaffen: „Runder Kopf, volles Gesicht, große Augen mit vielem weiß, spitzige Nase, kurzer Hals, schlanke Taille, sonst aber möglichst untersetzte Sigur. Krauses Haar dagegen, Muttermale, Stottern und Stammeln beim Sprechen, schlürfender Gang oder starkes Auftreten mit der Serse geben zu ernsten Bedenken hinsichtlich des Charakters Anlaß, und schon manche Verlobung ist daran gescheitert." Es gibt kaum ein abergläubischeres Volk als die Tamulen, und bei der Brautwahl gar darf kein Zeichen außer acht gelassen werden. Ein Brautwerber, der auf dem Wege zum Llternhause der Erwählten eine Katze, ein Schwein, eine Schlange oder gar eine Witwe trifft, wird schleunigst umkehren und seinen Antrag aus längere Zeit verschieben. Die Eltern der zukünftigen Braut achten ihrerseits auf den Schrei der Hauseidechse, ehe sie die Werbung annehmen. Nur bei zunehmendem Monde darf geheiratet werden, und auch die Sterne sind zu beachten. Auf Goldschmuck und Juwelen wird der größte Wert gesetzt, und eine Tamulfrau aus angesehenem Hause hat Nase. Haare, Hals, Arme. Singer, Süße, Zehen mit Zierrat über und über behängen, von den Ohrringen habe ich schon gesprochen. Da es den Abend vorher zu spät geworden, hatten wir den Besuch des pudu Mandapam, einer Säulenhalle neueren Datums, unterlassen, was wir jetzt nachholten, von 162Z bis 164Z wurde daran gebaut, dabei die Riesensumme von 2S Millionen Mit Schmuck überladene Frauen. «WW». «SKs, Palast Tirumalas> jetziges Rcgierungsgebäude. (S. 624.) 624 Reise einer Schweizerin um die Welt. Sranken aufgewandt, und doch ist dieses größte Merk üirumalas unvollendet geblieben, vier Säulenreihen tragen ein flaches Dach. Einzelne Glieder der Dynastie Nacken sind öfter darin, aus Stein gehauen, abgebildet. Tirumala erkennt man stet- daran, daß ein Thronhimmel über seinem Raupte schwebt. Ein naives Bild stellt Gott ^ava dar, der sorglich ein Dutzend Schckeinchen an seine Brust drückt. Die Sage erzählt, einer der Sürsten hätte aus der Jagd ein wildes Ntutterschwein getötet, deren hülslos schreiende jungen einem sicheren Tode entgegensahen. Da erbarmte sich der Gott der Verwaisten, er verwandelte sich in eine große Sau und säugte die zwölf Serkelchen. pudu Maudapam ist leider ganz zur Markthalle geworden. Buden sind allenthalben in die schönen Säulen eingebaut, und das Markten, Schreien und Lreiben erinnert lebhaft an die Shwe Dagon- pagode in Rangun. K>ier hängen zudem noch eine Menge Käfige mit heiligen Papageien, unter denen ein zitronengelber mir besonders ausfiel. Auch heiliges Rindvieh spaziert frei in derschönen Tempelhalle herum und hinterläßt seine Spuren. Ein stolzer Bau mit schwerer Säulenhalle und Stuckdekorationen ist der Palast Tirumalas, der, von den Engländern wohl allzusehr modernisiert, jetzt als Gouvernementsgebäude dient. Ein 16 Meter hoher Saal wird unter dem Namen Tirumalas Schlafgemach bezeichnet. In der Mitte der Decke sind vier Löcher. Die Sage erzählt: Letten und K>aken, die an den Löchern befestigt waren, hielten das Bett schwebend über dem Iußboden. Einst aber stieg ein frecher Räuber aufs Dach, bohrte eine Öffnung, kletterte an der einen Leite bis auf das Lager des Sürsten und bemächtigte sich der Lronjuwelen. Endlich nach langer Zeit wurde der Dieb ausfindig gemacht, allein kein Mensch konnte in Erfahrung bringen, wo er den gestohlenen Schah verborgen hielt. Da versprach Tirumala dem Dieb einen großen auf seine nachkommen vererblichen Grundbesitz, falls er die Juwelen zurückbrächte, auch sollte er mit keinen Sragen gequält werden. Der Einbrecher ging daraus ein. der Sürst hielt sein Versprechen, allein gleich daraus gab er Befehl, den Mann zu enthaupten. Vom Dache des Palastes aus genießt man eine herrliche Aussicht über Madura, die eigentümlichen Gopuratürme, die heiligen Teiche, deren mehrere in der Sonne blitzten, und die unzähligen palmenhaine. Ein schönes, fremdartiges Bild! Unnötig, zu erwähnen, daß wir auch hier die Bekanntschaft des Spitales machten, keute war der letzte Tag, doch erst m Tuticorin sollten wir vom Pestverdacht reingesprochen werden. Dschungel. - Mcidura. Mittags traten wir unsere letzte Lisenbahnsahrt durch ündien an. Sie sollte uns nach fünfstündiger Reise ans Meer nach Tuticorin bringen. Malerisch genug erscheint die Landschaft. Gleich hinter Madura erheben sich schöne eigenartige Sels- klötze, deren einer deutlich die Sorm eines Elefanten zeigt. Aus seinem breiten Rücken ist ein Tempel erbaut worden. Schöne große Agaven und gelbblühende Kakteen bilden dichte, unübersteigbare decken. Das lichte Grün der Reisfelder wechselt mit Baumwollstauden ab, auch das langweilige Teekraut ist sichtbar, und auf den im Ivesten emporsteigenden Hügeln scheinen ausgedehnte Kaffeeplantagen angelegt zu sein. Zahlreiche Llüsse und noch zahlreichere Ziehbrunnen sorgen für die Seid- bewässerung. Der eigentümlich geformte Schirmbaum (lermiimlia ertappn), den Am Strande von Leylon. ich bis jetzt nur vereinzelt gesehen, kommt hier in Menge vor und vermehrt den tropischen Eindruck der Landschaft. Mehr wie je wimmelt es aus den zahlreichen Stationen von Eingebornen; dieses Volk scheint auf einer beständigen lvanderung begriffen zu sein. Dn Tuticorin war gerade Zeit, in den Spital und an den Hafen zu fahren. Dieser hat nur zwei bis drei Meter Tiefe, und die Dampfer müssen 8 Kilometer weit draußen ankern. Auf altersschwacher Steamlaunck und heftig bewegter See eine höchst ungemütliche Sahrt, freilich war unser Los golden im vergleich zu dem der armen Awischendeckpassagiere, die, ZOO an der Zahl, wie das Vieh auf einer Barke eingepfercht, alle mehr oder weniger seekrank, gleich nach uns auf den Dampfer verladen wurden. Die fünfzehn Stunden lange Sahrt zwischen Tuticorin und Lolombo hat einen bösen Ruf, und da der Anfang wenig Gutes verhieß, waren wir aufs Schlimmste gefaßt. Diesmal sollten wir angenehm überrascht werden. Die „Afrika" war jedenfalls der beste Dampfer der Dritisk lucliu Lompun^, den ich getroffen, der Kapitän liebenswürdig, L. von Rodt, Reise um die Welt. 40 626 Reise einer Schweizerin um die Welt. das Essen gut, die Kabine geräumig. Wir waren nur vier Passagiere erster Klasse an Lord. Ein heftiger Regen glättete die kurz vorher noch so bewegten Wogen, und nach gemütlich im Salon verlebtem Abend folgte eine für mich vortreffliche Nacht. Infolge der letzten unruhigen Nächte auf dem Sestlande schlief ich unter dem ewigen Liede der Wellen noch einmal so sanft und fest. Als ich den nächsten NIorgen aufwachte, lag Ceylon vor mir: „Ls ragt empor, der Schiffer Augenweide, Mit Salden, Silberbächen, kühlen Schluchten. Es streift mit seinem dunkelgrünen Meide -- Bis an den Spiegel seiner Selsenbuchten. Lianen werfen ihre Llütenschnur von Baum zu Baum; durch buntes Strauchwerk fliegen Zwitschernde Vogel. Stolze Sorsten schmiegen Sich an des Simmels blendendes Azur." (Dranmor.) k7^ X^L.. -LM /4 .>--'^L -/ L-^ - iis--r- waldpartie aur Leylon. (S. 627.) « s-"'-' ^ !v . - i>, -.^ > .-.,-KH . LEL-; .. , . /,.' '' - . K/v. ^ , ^WG'-" - WMN s-'..H. ''HS ^'AiW Lolombo. 627 Oeylon. Lapitel 42. Eoldmöo. Fischerboote. Landung in Lolombo. Oatle ?aLe-ttotet. Schneider. Die Bewohner Lenlons. Verschiedene Religionen. Viktoria-Park. Zimmet-Gä'rten und -Kultur. Lolombos nächste Umgebung. Jack-Baum. Die Kokospalme. Die armen europäisch gekleideten Kleinen. Die Kleidung der wohlhabenden Singha- lclen. Zrvistigkeiten zwischen Reisegefährten. Im Fort-Viertel von Lolombo. Die indische Krähe und ihr Lharakter. Em flaches, von Kokospalmen umsäumtes Ufer lag vor uns. Große Barken und sonderbare schmale Fischerboote umkreisten die „Afrika", Boote, wie ich sie bis jetzt nie gesehen: Ausgehöhlte Baumstämme in einer Länge von etwa 6 Metern. An einer Seite hängen zwei gekrümmte, parallele Bambusstäbe hinunter, verbunden durch einen parallel mit dem Boote lausenden Balken. Dieser, «Outri^Aer» genannt, schwimmt auf dem Wasserspiegel mit und verhindert das leichte Fahrzeug, umzukippen. Die Ruderer, ein seiner, zierlicher Menschenschlag, könnte man für verkappte brauen halten, das lange, glänzendschwarze Haar ist zum Zopfe geflochten, am Hinterhaupts herausgenommen und vermittelst eines runden Lammes, wie ihn namentlich früher unsere kleinen Mädchen trugen, zurückgestrichen. Ein Sarong, hier „Lombap" genannt, bildet die ganze Bekleidung. Die „Afrika" legte sich ziemlich weit draußen vor Anker. Line LteainlÄUnck scheinen weder die Lritisk Incliu Lompun^ noch der Norddeutsche Llopd hier zu besitzen. So ist der Ankömmling „Strandgut" für die Barkenbesitzer und muß sich mit Händen und Süßen gegen allzu freche Überforderung zu schützen suchen. Am grünen Strande Lolombos erwartete uns der erfreuliche, lang entbehrte Anblick einer Anzahl Jinrikishas. Sreilich die biederen, häßlichen Lhinesengesichter vermißte ich dabei; die Läufer hier sind feingebaute Singhalesen oder schwarze, kräftige Tamulen. wir hatten uns zum draußen am Meeresstrande liegenden Oulle Duos-Kotel entschlossen. Hochaus brauste die See und rauschte uns ihr gewaltiges Lied entgegen. 628 Reise einer Schweizerin um die Welt. Fischerboot mit OutriZZer. als wir auf schöner Straße dorthin fuhren. Lin mit europäischem Komfort und Eleganz ausgestatteter Gasthof! Die Nähe Europas wurde mir plötzlich beängstigend fühlbar. Das für ein närrisches Ding ist doch das llienschenherz! Wie oft hatte ich mich in den letzten Monaten nach europäisch zivilisierten Zuständen gesehnt, und jetzt wünschte ich mich wieder in den fernen Gsten zurück, wünschte mich am Anfang, nicht am Ende meiner langen, schönen Reise! Das bis in mein Zimmer dringende Brausen der See konnte dessen qualvolle Kitze nicht mildern. Die leichte Arbeit des Auspackens hatte mir unzählige Schweißtropfen ausgepreßt, und zudem mußte ich mich sogleich mit der Melderfrage befassen, da, was für Indien gepaßt, für das elegante Lolombo allzu abstrapaziert war. Schneider, erscheine! Natürlich besaß mein Zimmerboy zum guten Sreunde den besten aller Nadelkünstler Ceylons, und einen Augenblick später kratzte es sachte an meiner Tür. Diesmal ist's kein langbezopfter kimmelssohn, sondern ein glutäugiger Singhalese, und seine Lohnansprüche übersteigen die Arbeit um ein beträchtliches. Deshalb erhält er nur einen Teil davon, mit der Bemerkung, ich würde mich nach einem billigeren Kollegen umschauen. Line Stunde später klopft'- bescheidentlich. Lin Schneider! Dieser verspricht von vornherein gemäßigte preise und erhält wiederum ein Stück Arbeit. Kaum ist er verschwunden, so erscheint ein Dritter. - Erstaunt und etwas mißtrauisch über diesen Schneidersegen, frage ich nach seinen beiden Vorgängern, «dlever surv one ok tbem», lautet die mit der ehrlichsten Miene der Welt gegebene Antwort. >Nun ist meine ganze Arbeit ausgegeben. In lobenswerter Pünktlichkeit, genau in derselben Reihenfolge wie vormittags, liefert abends das Trio die verschiedenen Eolombo. 629 Kleidungsstücke ab und läßt sich einzeln bezahlen. Dann taucht noch einmal Schneider Hummer eins aus: ^Ve ull toAetker, all tke snrne», lächelt er mich an und läßt mich ärgerlich und nachdenklich über singhalesische List und Trug zurück. Teflon, „die edelste perle im Diadem Indiens", nimmt einen Llächenraum von Z,780,000 Hektaren ein und wird von über drei und einer halben Million Menschen bewohnt. Diese setzen sich aus folgenden Elementen, nach neuestem Zensus vom Jahre 1900, zusammen: 2,230,000 Singhalesen, nach der Meinung vieler Anthropologen ein alter Zweig der arischen Rasse. Ihr Idiom soll der alten pali- sprache entsprungen sein. Die Singhalesen rühmen sich einer reichen Literatur, und ihr großes llationalepos „Mahawansso", das schon 470 n. Ehr. begonnen und bis zum Jahre 17Z8 fortgesetzt wurde, gibt uns in metrischer Sorm eine Erzählung ihrer Geschichte und Taten. Der zweite Volksstamm aus Ceylon besteht aus Malabaren oder Tamulen: 1,064,000. Aus Südindien, und besonders von der Ma- labarküste her, in Ceylon eingedrungen, vertrieben sie die Sin- ghalesen aus der nördlichen Hälfte der Insel, der Gstküste und einem Teil des zentralen Gebirgslan- des. kräftiger, von stattlicherem wüchse, arbeitsamer als die trägen Singhalesen, verrichten sie zunächst die Arbeit der Bauleute, Lastträger, Straßenarbeiter u. s. w. Zwischen diesen beiden Stämmen, die einander wenig freundlich gesinnt scheinen, stehen die sogenannten «^loormen», die „Mohren", wie in Ceylon die Indo-Araber genannt werden. Ihre Zahl beträgt etwa 209,000, und schon mehr als 2000 Jahre weilen sie auf der Insel. Bis zur Ankunft der Portugiesen im Jahre 1Z0Z lag der Handel ausschließlich in ihren bänden, auch jetzt noch betreiben sie die Geldgeschäfte und den ganzen Kleinhandel. Sie spielen die Rolle der Chinesen im Osten und der Juden in Europa. Bei einem dieser Noormen kauften wir in Eolombo Amethysten und sogenannte Sternrubinen. Mit seinem hohen, grellen Turbane, dem langen, weißen Burnus und langem, weißem Barte sah er sehr malerisch und ehrwürdig Singhaleflschcv Ruli. AWW 630 Dorf bei IVlount I^Lvinia Reise einer Schweizerin um die Welt. aus, aber ein Gauner war er doch. Zu dieser Einsicht mußten wir später in Europa kommen, wo dieselben Steine gerade die kälste kosteten. Die Sprache der Noormen ist teils Arabisch, teils ein Gemisch von Arabisch und Tamilisch, ihre Religion vorwiegend mohammedanisch. Gegen diese drei Stämme tritt in Ceylon die übrige Bevölkerung sehr zu- . rück. Reine Europäer, natürlich vorwiegend Engländer, gibt es kaum 2000 aus der Insel, und die wilden Ureinwohner, die dunkeln lveddas mit wirrem paarund stumpfem Gesichtsausdruck, sind völlig im Aussterben begriffen. Ihre Zahl beträgt nur noch bei 1000. Zwischen diesen beiden reinen Rassen stehen die Eurasier, namentlich die sogenannten „Burghers", etwa 24,000 Abkömmlinge der Portugiesen und hauptsächlich der Lol- länder. Ihr Blut ist mehr oder weniger mit singhalesischem und Tamul-Blut gemischt. Malaien werden 12,000 gerechnet. Dieser bunt gewürfelten Bevölkerung entsprechen natürlich auch verschiedene Religionen. Die Singhalesen sind meist Buddhisten. Die Tamulen dagegen bekennen sich zu Brahma, die Indo-Araber zu Mohammed. Aus diesen Volksstämmen haben viele sich dem Christentum zugewandt. Man zählt etwa 160,000 einheimische Christen, von denen chs sich zum Katholizismus bekennen. Schon im Jahre 130Z fingen die Portugiesen an, die katholische Religion aus Ceylon zu lehren, und im Jahre 1343 wirkte auch hier der große Missionar Sranzisko lavier. Zum protestantischen Glauben bekennen sich die meisten Europäer und Burghers. Lolombo. die jetzige Lauptstadt, Sitz des Gouverneurs und ftmupthandelsplatz, zählt bei 130,000 Einwohner. Die Stadt teilt sich in das sogenannte Sort-Viertel, wo einst die Holländer ihre jetzt geschleifte Sestung erbaut hatten, und in die pettah genannte Lingeborenenstadt. Daran schließen sich die herrlich im Grünen gelegenen Vorstädte und die schöne, weite Lsplanade, an deren Ende unser Oulle Ducs-Hotel liegt. Als es Kühler geworden, fuhren wir an einem stillen, schönen, buchtenreichen See vorbei nach Viktoria-Park, wo ein Museum mit Produkten und Altertümern der Insel, müde und erhitzt wie wir waren, keineswegs das verdiente Interesse fand. viel empfänglicher waren wir für den schönen, wohlgepslegten park, in dem das Gebäude liegt und der sich allmählich in die einst berühmten Zimmetgärten verliert. Seit die englische Regierung sich gezwungen sah, ihr einträgliches Zimmetmonopol aufzugeben, haben oie Z'.mmetpslanzungen an lvert beträchtlich verloren, und die Büsche sehen etwas Lolombo. ßZb verwildert und ungepflegt, dafür freilich um so malerischer aus. Ihre schönen, leder- artigen Blätter sind immer grün, und als wir einige Zweiglein brachen und daran kauten, fanden wir den Geschmack dieses angenehmen Gewürzes sehr ausgeprägt. Zur Gewinnung desselben schneidet und schält man junge Sprößlinge während der Regenperioden im Mai und November. Die Oberhaut wird dabei mit sichelförmigen Schabeisen abgelöst und die fußlangen, aus der reinen Bastschicht bestehenden Kalb- röhren zu acht bis zehn ineinandergesteckt, im Schatten getrocknet und schließlich in Ballen von etwa vierzig Kilogramm zum versand hergerichtet. Der Leylon-Zimmet (Liuimmomuin acmurn) gilt für den besten. Im Großhandel kostet ein Kilogramm 2. SO bis 4 Sranken. Die Ausfuhr beträgt jährlich nahezu eine Million Kilogramm in Bündeln oder Sardelen, und eine Viertelmillion,in Abfällen, sogenannten Lkips, die sich beim Schälen und Zurichten der Röhren ergeben. Die bis an die lvurzeln zurückgeschnittenen Büsche pflegen immer wieder neue Schosse zu treiben, und nur wenigen gestattet man, der Gewinnung des Samens wegen zu blühen und sich in hohe Bäume zu verwandeln. Die Vorstädte Lolombos möchte ich einem stundenweit sich ausdehnenden parke vergleichen, in dem hie und da eine malerische Singhalesenhütte, ein weißes Bungalow hervorlugt. Dazwischen fährt man in einem wundersamen Labyrinthe von hohem Bambus, hellglänzenden Bananen-Büschen, wehenden Kokospalmen, vielstämmigen Banyan-Bäumen. Alles ist grün und frisch, denn an lvasser leidet Ceylon keinen Mangel. Zahlreiche Bächlein schießen überall hervor, lvo mögen sie her- stammen? Verfolgt ihren Laus, ihr findet die Guelle nicht, die sie erzeugt! Bald verstecken sie sich als breite Spiegel unter tausend Kräuter und Blüten, bald bergen Flußbild. 6Z2 Reise einer Schweizerin um die Welt. sie sich in ein Geröll von Steinen, die, eifersüchtig aus all das Grün rund herum, sich grüne wooskappen über ihre ehrwürdigen, grauen Häupter gestülpt haben. Bald fließen und quillen auch die Büchlein durch zartbefiederte Harne, und ihre Tropfen und Wasser spielen ein ewiges Haschen und verstecken. lieben Bananen, viango- und Welonen-Bäumen bietet der Jack-Brotbaum (Hrto- curpus inte^ritoliu) den Eingeborenen reichliche llahrung, denn zahlreiche, über ZO Centi- meter lange und wohl an zwanzig Hilos schwere, längliche Riesenfrüchte hängen unmittelbar an dem Stamme. Der Jack-Baum ist dem von mir früher beschriebenen Brotfruchtbaum (Hrtocurpus incisu) nahe verwandt. Unter Palmen. Die eigentliche Nährmutter aber der Bevölkerung Ceylons ist die Kokospalme. In dichtgedrängten Reihen umsäumen ihre schlanken Stämme die Hüften und neigen sich weit über das Wasser hin, als trachteten ihre zierlichen Sederkronen danach, die kühlende Seebrise voll einzuatmen und die Sülle des Sonnenlichtes aus erster Hand zu genießen. Hoch streben die silbergrauen Stämme empor über Büsche und Bäume, „einen Wald über dem Walde bildend". Ein echtes Hind der Hüfte möchte ich die Hokospalme nennen. Ihre Srucht ist mit einem mächtigen Schwimmgewebe ausgerüstet, und wird dieses auch nach langer Wanderung durch Wellen und Steine abgerieben, so sinkt die bis auf den Steinkern entblößte Srucht noch immer nicht in die Meeres- L^efe. Wwd die Hokosnuß endlich an den Strand geworfen, so beginnt sie alsbald. Lolombo. ßZZ Lrüchte des Iackbaumes. 8MW OMHK ungeachtet des Salzwassers, in dem sie gelegen, zu keimen, denn die Mutterpflanze hat für ihren Sprößling einen Kokosmilch-und Süßwasservorrat in der Steinschale aufgespeichert. der für die Bedürfnisse des raschwachsenden pflänzchens auf lange ausreicht. In Java habe ich gesehen, daß die zum Leimen bestimmten Kokosnüsse einfach an Bäume aufgehängt werden, wo sie in freier Luft zu treiben beginnen. Erst später bringt man die jungen Pflänzlinge ins Erdreich. von frischgepflückten, noch grünen Srüchten schmeckt die Kokosmilch am allerbesten. Auf allen Stationen wurden sie an den Waggon gebracht. Mit einem einzigen Messerhieb öffnet der Singhalese die Schale, die zugleich das Trinkgefäß bildet, aus dem man den köstlich erfrischenden Trank schlürft. Auch der Lern, der als schneeweißes Äeisch auf der Innenseite der Steinschale fest haftet, schmeckt angenehm. Er wird zerrieben öfter als Nebengericht aus den Tisch gestellt und zu allerlei Backwerk verwandt. Hauptsächlich aber dient der zerriebene Lern zur Bereitung des Lokos- öles, indem man diesen in einem eisernen Topfe mit Wasser kocht, den Schaum mit den darin enthaltenen Verunreinigungen beseitigt und schließlich das oben schwimmende Gl abschöpft. Dieses tropische Lokosöl wird in großer Menge auch zu uns exportiert, wo es in dem kühleren Llima zur Lokosbutter wird, denn der Schmelzpunkt dieses Jettes liegt bei 26 Grad Celsius. Die getrockneten Lerne der Lokosnüsse dagegen kommen, in Stücke zerschlagen, als „Loprah" in den Handel. Man sieht sie haufenweise in den Häfen liegen, da sie einen wichtigen Exportartikel bilden. Das aus „Loprah" gepreßte Gl dient zu technischen Zwecken. Aus der harten Steinschale der M . Junge Lokospflanzen und junge Singhalescn, zigsten reichliche Srüchte. bZ^. Reise einer Schweizerin um die Welt. Kokosnuß werden alle möglichenArtikelgedrech- selt, wie Knöpfe. Löffel. Schöpfer u. s. w. Die dicke Saserhülle liefert Taue und Stricke, die nahezu unverwüstlich sind, Lesen, Matten, Bürsten, K>üte u. s. w., auch wird die Rohfaser in großerMenge exportiert. Line Kokospalme bringt durchschnittlich achtzig bis hundert Nüsse im Jahr, sie beginnt im achten Jahre zu blühen und trägt bis zum sech- Lin Nuhbaum wie kein zweiter, kann jeder Teil an ihm verwandt werden: das H>olz zu Bauzwecken, die Blätter zum Dachdecken und zu Teppichen, die Mittelrippe zu Kämmen. Mit dem aus dem Stamme fließenden Gummi machen sich die Srauen das Saar hübsch glänzend, das Mark wird als Gemüse zubereitet und aus den noch geschlossenen Blütenscheiden der Toddy und ein brauner Palmzucker gewonnen. Über hundert Millionen Bäume werden auf der schönen Insel gezählt. Ob wohl dem Sonntag zu Lhren die vielen Lingeborenen so festlich gekleidet sind? Da — ich stoße einen Schrei der Entrüstung aus — kommt eine Missionsschule, je zwei und zwei sittsame, ernste, kleine, christliche Singhalesen-Mädchen, es mögen an die zwanzig sein. Mie eine Maskerade sieht's aus hier im heißen Tropenland, in: Licht- und Sarbenglanze dieser Natur, denn sie sind genau so gekleidet, wie unsere Kleinen im kalten, trüben Norden. Ein paar bunte Lappen meinetwegen, sonst aber weg mit den unter diesem Gluthimmel qualvollen, engen Kleidern. Srei sollen sie sich bewegen dürfen, diese kleinen, braunen Sonnenkinder, die in ihrer Schönheit oft an griechische Bronze-Statuetten aus der besten Zeit erinnern, bei denen jede Bewegung Anmut und Grazie atmet. Auch die jungen Singhalesinnen der oberen Stände scheinen den Engländerinnen ihre Moden abgeguckt zu haben, sie tragen einen modernen schwarzen Rock und eine L eoeur ausgeschnittene, spitzenbesetzte. weiße, knappanliegende Bluse. Andere freilich und sie gefallen mir weit besser — haben den Körper in möglichst bunte, meist recht ausfällig karierte Tücher gehüllt oder tragen zur weißen Jacke den grellfarbigen Eombay. Auch die Männer der oberen Kaste leiden an der „Europa-Manie". Ihr Laupt bedeckt ein schwarzer Silzhut. und wenn's gilt, versteigen sie sich gar zum schrecklichsten der Schrecken, zum — Zylinder. Lange europäische schwarze Jacketts tragen sie, und höchst komisch wirkt darunter der bunte, landesübliche Eombay, der Eolombo. 6ZZ in dieser Zusammenstellung wie ein Weiberrock aussieht. Die ganz Seinen, Modernen ziehen sich europäische Beinkleider an, über denen jedoch der Eombay getragen wird. wir konnten des Sahrens nicht müde werden, und schon war die heiße Tropennacht angebrochen, als wir uns noch weit draußen vor der Stadt befanden. Hoch hatte der wind sich nicht ausgemacht. Regungslos standen Baum und Busch, und nicht das leiseste Rauschen ging durch die feinen Palmwedel. Tausend Leben aber waren im Walde wach geworden, ein leises Klingen und wispern quoll aus dem feuchten Boden empor, als ob die Moose, Sarne und buntfarbigen Blumen sich zum traulichen Plauderstündchen bereit halten wollten. Sernes wetterleuchten zuckte hie und da durch den schweren wolken- himmel. Ls bildete unser Geleite mit einer Schar großer Leuchtkäfer, die als Sackelträger den wagen um- schwirrten. Auf dem schönen, stillen See, an dem wir wieder vorüber- suhren, hatten unterdessen einige Wasserrosen ihre Knospen entfaltet, und verwundert, ahnungsvoll schallten sie in die neue Welt hinaus. Ein großes Schiff aus Europa war angekommen, und seine Passagiere, die den Speisesaal des Lulle Duce-Hotel anfüllten, sowie das Menü versetzten mich ganz nach Europa. Nur die schönen Srüchte und die zierlichen, runden Schildpattkämme der singhalesischen Bops gaben dem Ganzen einen überseeischen Anstrich. Zu meiner Sreude fanden wir hier ganz unerwartet unseren Reisegefährten der „Singora", lserrn L. aus Paris, wir verbrachten den Abend zusammen und erzählten uns unsere gegenseitigen Reiseabenteuer. Auch der unglücklichen Ankunft in jener Silvesternacht auf der „Singora" und unseres Eindringens in die vermeintlich leeren Kabinen wurde lachend gedacht, wie lag das schon weit zurück! Die Begegnung mit alten Reisegefährten hat mir stets große Sreude gemacht. Sie pflegte auch gar nicht selten vorzukommen, da die Globetrotters ja meist dieselben Bahnen wandeln. Eine große Zahl freilich hat kürzere Zeit auf ihre Weltreise verwandt oder verwenden können, auch nicht so viele Abstecher wie wir gemacht, so- daß man sich nach mehrmaligem Treffen plötzlich wohl auf Nimmerwiedersehen aus den Augen verlor. Line Erscheinung beobachteten wir mehrmals: Zusammenrufende Sreunde, die sich infolge eingetretener Meinungsverschiedenheiten entzweit und getrennt. Levlon. Singhaleflsche Ayah. Reise einer Schweizerin um die Welt. worauf der eine nach Süden, der andere nach Norden seine Reise weiter fortsetzte. N)ir, durch Zufall oder Schicksal zusammengewürfelte Reiselrameraden, pflegten uns bei solchen Anlässen über unser meist gutes Einvernehmen zu gratulieren, vielleicht trug gerade die „zufällige Reisekamerad- schaft" dazu bei, indem sie uns gestattet hätte, ohne Rücksicht auf alte Sreundschast uns jederzeit zu trennen. Leicht ist es nicht, zusammen zu reisen, besonders da nicht, wo Strapazen, heißes Mima und allerlei Widerwärtigkeiten den Nerven nicht wenig zusetzen. Ich habe neulich in einer englischen Novelle: «Dke Deus- tuctress», eine humoristische Behandlung dieses Themas gelesen. Sie mag ungefähr so lauten: „Es ist eigentümlich, wie gemeinschaftliches Reisen die schlechtesten Eigenschaften des einzelnen Individuums hervorruft. Sehr eigentümlich fürwahr! Denn nichts ist, was dem erwartungsvollen Enthusiasmus, der gegenseitigen Achtung bei der Abreise gleichkäme, als höchstens die kühle Abneigung zu Ende der Reise. Zahlreich sind die Sreund- schasten, die ein unvorhergesehenes, plötzliches Ende unterwegs gesunden haben, und wenige gibt's, die eine Reise überleben. Aber wenn Horaz Walpole und Gray sich gezankt, wenn Byron und Leigh genötigt waren, sich zu trennen, wenn eine Menge Persönlichkeiten, mit allem begabt, was das Zusammenleben begehrenswert macht, sich schon nach wenigen Wochen gemeinschaftlichen Reifens nicht mehr vertragen können, muß man sich da wundern, wenn schwächere Geister nach ganz kurzer Sahrt mit wahrhaft erschreckender Deutlichkeit die Mängel und Schwächen ihrer Reisegenossen entdecken?" In der Nacht brach ein gewaltiges Gewitter los. allein es kühlte nicht ab. März und April sollen die heißesten Monate in Lolombo sein. Ich habe das Dlima noch erschlaffender gefunden als in Batavia. In aller Srühe fuhren wir den folgenden Morgen mrt Jinrikishas nach dem sogenannten Sort-Viertel. der Luropäerstadt. Hier befinden fich m kurzen, ziemlich engen Straßen, die durch schöne Schattenbäume ein freundliches Aussehen gewinnen, die Regierungsbureaux, Geschäftshäuser, das Post- gebäude. verschiedene Banken, zahlreiche Läden u. s. w. Singhalesijche Tugend. Lolombo. 6Z7 von den Bauten der Holländer sind nur noch einige Batterien, ein altertümlicher Glockenturm und die 1749 erbaute Wolfendahl-Mrche stehen geblieben. Die ersten Holländer waren im Jahre 1602, hundert Jahre nahezu später als die Portugiesen, auf Ceylon gelandet. Bald traten sie in ein freundschaftliches Verhältnis mit den Eingeborenen und griffen mit diesen vereint die Portugiesen an, die dann auch 1658 aus der Insel vertrieben wurden, von nun an blieben die Holländer Herrscher, bis auch sie im Jahre 1796 den Engländern das Seid räumen mußten. vor allem galt's, auf dem Bureau des Norddeutschen Lloyd sich der schon von Indien aus schriftlich bestellten Plätze zur Jährt nach Europa zu versichern, denn im Irühjahr sind die Schiffe stets überfüllt. Dann gab's viele Briefe aus der Heimat aus der Post zu holen und auf der Bank Geld zu schöpfen. Mit den «Lircular Notes» Straße in Lolombo. von Th. Look und Sohn in London bin ich außerordentlich gut versorgt gewesen. Sie haben den großen Vorteil vor gewöhnlichen Kreditbriefen, daß man so ziemlich in jeder Stadt und jedem Städtchen der Ivelt dieselben in die Geldwährung des Landes umtauschen kann und sie auch in den Gasthöfen an Zahlungsstatt angenommen werden. So reist man, ohne große Summen auf sich zu tragen, und kann zudem unterwegs seinen Reiseplan verändern, ohne fürchten zu müssen, in Geldverlegenheit zu kommen, wenn man nicht zur bestimmten Zeit in eine vorausbestimmte Stadt und Bank gelangt. Auch in Lolombo mußte ich wieder die Erfahrung machen, daß es nicht gut ist, seine Einkäufe zu sehr auf das Ende der Reise zu verspüren. Wohl ist es dem großen Iremdenverkehr hier zuzuschreiben, daß die preise der sogenannten Landesspezialitäten gewaltig geschraubt sind. Die Besitzer der meisten Läden sind Moormen, und nicht leicht handelt sich's mit ihnen, zumal bei einer Hitze von 39 Grad Celsius. Hauptverkaufsartikel sind: Saphire, Mondsteine, Katzenaugen (diese unverschämt 6ZS Reise einer Schweizerin um die Welt. teuer), glückbringende Tigerklauen, geschnitzte Elefanten aus Elfenbein und hübsche, bunte Strohflechtereien. Die Perlenfischerei bringt seit drei Jahren außerordentlich schwache Resultate. Roch vor zehn Jahren belief sich der jährliche Gewinn auf 1?/t Millionen Sranken. Als wir dem Oulle Race-Hotel zufuhren, schwebte plötzlich eine dunkle Wolke über meinem Raupte, und lautes, vergnügtes krächzen scholl durch die Luft. „Da find Ihnen ja Ihre .krähen aus Indien nachgeflogen", rief Mr. w. Ich habe nun einmal eine Vorliebe für die frechen, schwarzen, hungrigen Gesellen, und nicht wenig freute es mich, heute in dem Buche des berühmten kumoristen Mark Twain: «iVIore tramps udroLä», ein begeistertes Loblied auf meine schwarzen Ireunde zu lesen. Mark Twain nennt die indische Krähe den Vogel der Vogel, den fröhlichsten, selbstzufriedensten Burschen. „Niemals", so fährt er fort, „ist die Krähe durch Zufall oder auf einmal geworden, was sie ist. Rein, sie ist ein Kunstwerk, das Erzeugnis unvordenklicher Zeiten und tiefster Berechnung. Ein Vogel wie dieser kann nicht in einem Tage entstehen. Er hat die Seelenwanderung öfter durchgemacht als Arm und von jeder Menschwerdung eine probe behalten und seiner Ratur verschmolzen. Im Laufe seiner fortschreitenden Entwicklung, seines erhabenen Wandels zur höchsten Vollkommenheit ist er ein Spieler gewesen, ein Bänkelsänger, ein liederlicher Priester, ein schwatzhaftes Weib, ein Spitzbube, ein Spötter, ein Lügner, ein Dieb, ein Spion, ein Angeber, ein Politiker, ein Schwindler, ein Keuchler, ein bestechlicher Patriot, ein Reformer, ein Volksredner, ein Advokat, ein Verschwörer, ein Rebell, ein Demokrat, ein Eindringling und ein hartgesottener Sünder. Das wunderbare, unfaßbare Resultat dieser langwierigen Anhäufung alles verwerflichen ist, daß dieser Vogel keine Sorge, keinen Schmerz, keine Reue kennt. Sein Leben ist eine lange lärmende Glückseligkeit, und leicht und gerne wird er sterben, weiß er doch, daß er bald wieder auf der Bildfläche erscheinen wird, als ein Schriftsteller oder sonst einer — dann wird er noch unerträglicher tüchtig sein. sich noch behaglicher fühlen als zuvor. wenn die Krähe nicht schläft, lärmt sie immer zu. Sie schimpft, sie lacht, sie schneidet auf. sie verwünscht, sie schachert, sie schleppt beständig etwas im Schnabel herum. Kein anderer Vogel äußert so unverfroren seine Meinung. Nichts entgeht ihm, er bemerkt alles und gibt seine Ansicht darüber ab, besonders, wenn es ihn nichts angeht. Und diese ist nie nachsichtig und mild. sondern stets heftig — heftig und frivol. Seine Meinungen entspringen keineswegs reiflicher Überlegung — Nachdenken ist nicht feine Sache. Er trägt eben das vor, was ihm zu oberst im Sinne liegt, einerlei, ob e- auch etwas ganz anderes ist, etwas, das auf den betreffenden Sall durchaus nicht paßt. So ist einmal seine Art." Ansicht von Landy. (S. 6Z9.) t^LS^- MA'- '- vL,-^ Die alte -Königsstadt Handy. 6Z9 Kapitel 4Z. Me Me Königsflaö! Kanög. Landy. Peradenia-Garten. Fahrt dorthin. Läden der Eingeborenen. Straßenleben. Der Regenbaum. Riesenbambus. Muskatnuß. Vanille. Talixot-Palme. Der Zahntempel in Randy. Geschichte des Zahnes. Der Tempel. Lurio-Läden. Mondsteine. Der Adams-Pik und seine Legenden. Seine erste, der Nachwelt überlieferte Besteigung. Termiten. Elefanten. d^ach dem Tifftn verließen wir das heiße Lolombo, um die Woche, die uns bis zur Ankunft des deutschen Schiffes blieb, in den Bergen zu verleben. Unser nächstes Ziel war das Zffz Stunde mit der Eisenbahn entfernte Kandy. Die freilich nicht sehr alte Königs- stadt taucht zuerst im XIV. Jahrhundert n. Ehr. in der Geschichte auf. Damals wurde ein Tempel für den berühmten Zahn Buddhas dort erbaut, doch erst nach der Zerstörung ihrer früheren Hauptstadt Kotta machten die alten Könige von Eeylon im Jahre 1§92 Kandy zu ihrer Residenz. Die „Mahawansso", das schon erwähnte llationalepos, hat uns die Geschichte der alten Könige von Sinhala (sanskrit Löwenwohnort) oder Lanka, wie die Am See von Randy. Insel in den alt-indischen Gedichten heißt, hinterlassen. Während nicht weniger als 23§8 Jahren ist Teylon von eingebornen Königen beherrscht worden, deren letzter: Sri Wikrama Radscha Singha, von den Engländern im Jahre 181§ beseitigt wurde. Kandy ist durch die Einfälle der Portugiesen und Holländer so oft zerstört worden, daß außer dem Tempel und dem im Jahre 1600 durch portugiesische Gefangene aufgeführten Königspalaste das ganze Städtchen modern ist. Der Grt liegt §04 Meter über dem Meere, und wenn auch über Tag die Hitze empfindlich wird, so sind die Abende und Nächte kühl und erfrischend, wir empfanden DUN 640 Reise einer Schweizerin um die Welt. dies sehr wohltuend, als wir im Spätnachmittag uns in dem von einem Deutschen gehaltenen, komfortabeln Gueens-K>otel häuslich niederließen. Zunächst bereitete die rasch anbrechende flacht unserem Forschung-triebe ein Ende, und ich begnügte mich nach dem Essen mit einem Spaziergang um den meiner Ansicht nach zu lrünstlich in rechteckige Lorm gebannten, kleinen See. Über meinem Raupte stand das mildglänzende Sternbild des südlichen Mreuzes, und gleich feurigen Junken stoben unzählige Leuchtkäfer über das Wasser, der kleinen Insel zu, die sich dunkel aus seiner Witte erhebt. - Friichte-Verkaufsbude. Unsere erste Jährt in der Irühe des folgenden Tages galt dem IV? Stunden von Kandp gelegenen, botanischen Garten von peradenia. Schon im Jahre 1821 angelegt, umfaßt er ein Gebiet von 60 kektaren. Die Jährt dorthin war an und für sich schon hoher Genuß. Rechts und links von der auch hier tadellos gehaltenen Landstraße liegen im Schatten herrlicher Bäume die Bütten der Eingeborenen und ihre einfachen Verkaufsbuden, wo Irüchte den Lauptartikel bilden, wie hübsch sehen diese niedrigen Läden aus! Eine einzige Öffnung bildet Tür und Jenster zugleich, köstlich duftende Ananas, Granatäpsel, wangos und seine Annonas sind zierlich auf frischen Bananenblättern ausgebreitet. Von der Decke hängen schwere Bananen- büschel mit Irüchten in allen Reisestadien, und zierliche, rote Rambuttans, deren eigentliche k>eimat die Sunda-Inseln sind. Große Drokosnußhausen liegen auf der Erde, zwischen denen niedliche Singhalesen-Mnder spielen oder gravitätisch ein riesiges Zie alte Hönigsstadt Kandy. 641 Galadienblatt als Sonnenschirm emporhalten. Unterdessen liegen ihre Vater im süßen Nichtstun auf Bänken ausgestreckt und schauen ins Grüne. Zuweilen freilich beschäftigt sich der eine oder andere mit Ablesen kleiner, sein Haupt bevölkernder Insekten, zieht es übrigens vor, wenn ein anderer ihm diesen Liebesdienst erweist. Zahlreiche Haustiere laufen auf der Straße umher: ausgehungerte, struppige Pariahunde, kleine, schwarze Schweinchen. Ziegen. Enten und Hühner, letztere so unbesorgt, daß sie sich oft von den Hufen der Pferde zertreten lassen. Ein ununterbrochener Zug Sußgänger und zweirädriger Gchsenwagen war an jenem Morgen unterwegs. Letztere sind alle mit kleinen Zebu eingespannt, die Schien karren. ordentlich flink laufen. Ein hohes, gewölbtes, aus Palmblättern geflochtenes Dach schützt Lutscher und Passagiere vor den heißen Sonnenstrahlen. Unter den Schattenbäumen auf dem lVege bemerkte ich den eigentümlichen Regenbaum aus Südamerika öhe erreicht haben. Ja, da kann man wirklich das Gras wachsen sehen und hören, und gewaltig knarrt's in den Riesenpalmen jedesmal, wenn der leiseste wind hindurchzieht. Als vor einigen Jahrzehnten die Räuberbanden der Dakoits Birma unsicher machten, pflegten sie ihre Gefangenen auf folgende Meise einem qualvollen Tode zu weihen: Sie banden ihre Opfer über einen vorher zurückgcschnittenen starken Bambusschößling, der rasch durch den ätörper des Unglücklichen wuchs und ihn so lebendigen Leibes aufspießte. Ein interessanter Südamerikaner ist der sogenannte Sandbüchsenbaum (llluru orepirulis), dessen Srüchte, wenn sie reis sind, explodieren und mit lautem ätnall ihre Samenkörner einige Meter weit auswerfen, weniger gefährlich ungeachtet seines kriegerischen Uamens ist der ttanonenkugelnbaum (Louroupiiu Auiunensis), der nach seinen runden, holzartigen Srüchten so benannt wird. Die Uußbäüme und Büsche nehmen im Peradenia-Garten eine ganze große Abteilung ein. Da liefert zunächst die Muskatnußallee wertvolle Erträge. Die fleischige, grüngelbe, pfirsichartige Srucht plaßt auf, wenn sie reif ist, und wirft eine dunkle, glatte Uuß aus. Eine Anzahl lag aus der Erde, sie sehen niedlich aus mit ihrer 7/..7I-" -rr' <»«> chO- < -! Im Pcradcnia-Gartcn. (S. 642.) F>ie alte Königsstadt Kandy. 643 orangefarbenen, eigenartigen ls>ülle, die als Mazis in den lsandel lromint. Auch die dltnble, glatte schale muß noch entfernt werden, dann erst entpuppt sich der nach Europa gelangende l^ern, ein harter, horniger, im Innern braunmarmoriert erscheinender Körper. Im März, Juli und November wird die Muskatnuß geerntet. Die vanille, der unser nächster Besuch galt, gehört zu den sogenannt epiphptischen Orchideen, die sich an Baumstämmen emporschlingen und durch Luftwurzeln ernähren. Bei den schöngefärbten Blüten der vanille entwickeln sich 14—Zv Lentimeter lange schoten, die innerhalb eines Monates schon ihre volle Größe erreichen, zur Reise aber noch weiterer sechs Monate bedürfen. Dabei verwandelt sich die ursprünglich grüne Jarbe in Gelb. Bevor sie völlig reis sind, werden sie gepflückt und nach neuerer Methode bündelweise einige Sekunden in kochendes lvasser getaucht, worauf man sie an der Sonne oder in Dörrapparaten trocknet. Sie gehen dadurch vom Gelb ins Braune über, und auf der Oberfläche bildet sich ein mehr oder weniger dichter, weißer, aus ausgeschiedenem Vanillin bestehender 4^ristallbelag. Die trockenen Srüchte werden dann der Länge nach sortiert und in Bündeln von fünfzig Stück in Blechkästen zum versand gebracht. In die Cultur der Sago-Palme und des Tapioka-Strauches will ich mich hier nicht weiter vertiefen, Gewürznelken, Diakao-, Diaffee- und Zimmetpflanzungen sind uns alte Bekannte, und so werfen wir nur noch einen flüchtig neugierigen Blick auf Kokain und den javanischen Upas wxicurm), den einst berüchtigten pfeilgistbaum. Bald im Magen, bald zu Suß durchstreiften wir den herrlichen Garten, der zu allen: anderen noch den Reiz hat, immer wieder neue Ausblicke auf das umliegende Unser Führer in der palmenallee. 644 Reise einer Schweizerin um die Welt. schöne Bergland und den wilden Mahaweli-Sluß zu bieten. Unter den verschiedenen Alleen, die den park nach allen Richtungen durchkreuzen, interessierte mich am meisten die noch junge Anlage der Talipot-Palmen (Lor^pka umbruculikera), der größten. erreicht von stolzesten unter den Palmen Ceylons. Ihr ganz gerader, weißer Stamm über Z0 Meter Lohe. Lächerförmig strecken sich die einzelnen, einen Halbkreis Z g—Z Meter Durchmesser bedeckenden Blätter aus der gemeinsamen Gipselkrone hervor, die wiederum einen Slächen- raum von 1Z—20 (Quadratmeter bildet. Einmal in ihrem Leben nur blüht die Talipot- palme, und dieser Triumph ihrer Schönheit bringt ihr zugleich den Tod. Die Millionen kleiner, gelblich weißer Blüten, die in stattlichem Busche weit über die Blätterkrone hinausragen, verwandeln sich noch in Millionen Nüsse, dann stirbt der stolze Baum ab. Dies geschieht zwischen seinem fünfzigsten und achtzigsten Lebensjahre. Die Blätter der Talipot-Palme haben früher bei den Singha- lescn ausschließlich die Stelle des Papieres vertreten. Schmale Streifen wurden daraus geschnitten, gekocht und getrocknet und in den Buddha-Klöstern beschrieben. Auch jetzt noch stehen sie in: Gebrauch. Als wir nachmittags die Bibliothek besuchten, die an den Malagawa-Tempel stößt, war ein junger Mönch eifrig beschäftigt, auf Palmblätter zu schreiben. Lr bediente sich einer stumpfen Nadel, um die zierlichen Buchstaben auszuzeichnen, und schmierte schwarze Sarbe darüber, die in die Schrift eindrang und sie unvergänglich machte. Nachmittags besuchten wir den berühmten Buddha-Tempel in Kandy, der das kostbarste Heiligtum der Buddhisten, das Unterpfand der öffentlichen IDohlsahrt aus Ceylon, den linken Augenzahn Buddhas, birgt. Ein ganzer Sagenkreis hat sich ähnlich wie bei manchen Reliquien der katholischen Kirche um diesen Zahn gewoben. Nach dem Code des verehrten Lehrers soll ihn ein Schüler nach puri. einer Stadt an der Partie im Peradenia-Garten in Landn. Die alte Königsstadt Kandy. 643 Nordwestküste Bengalens, gebracht haben Dort bildete er das Kleinod des Tempels, den Gegenstand frommer Anbetung während Jahrhunderten, bis ihn neidische Brahmanen, Hemde des Buddhismus, nach patna. an das Ufer des Ganges, entführten. Nicht zur Verehrung, nein zur Vernichtung! Aber sonderbar, der heilige sahn war unvergänglich, weder Heuer noch lvasser konnten ihm den Untergang bereiten. Ulan warf ihn in einen Glutofen, aus der Hlamme wuchs eine schöne, hohe Lotosblume hervor, in deren Kelche der sahn ruhte. Ein andermal wurde er in einen tiefen, schrecklichen Sumpf versenkt, alsbald verwandelte sich dieser in einen duftigen Lotosgarten, dessen schönste Blume den sahn trug. Uun versuchte man, ihn auf einem Amboß zu zerschlagen, doch der Zahn bohrte sich in das Lisen ein und blieb unversehrt. Im Jahre 311 n. Chr. kam der heilige sahn zum erstenmal nach Ceylon, und zwar sicher geborgen in dem schönen Rabenhaar einer Prinzessin von Kalinga. Bald wurde er der kostbarste Talisman der Insel, denn zahllose Ivunder geschahen durch ihn. «öfters wechselte sein Aufenthaltsort, ja er kam sogar noch einmal ums Jahr 1313 nach Indien, wurde aber bald wieder durch prakrama Bahu III. nach Ceylon zurückgebracht. Da — der Zahn befand sich gerade in Jaffna, im Norden der Insel — bemächtigten sich die damaligen Herren, die Portugiesen, der heiligen Reliquie, vergeblich flehten die Buddhisten, sie behalten zu dürfen, ja der König von pegu bot die Summe von 20 Millionen Hranken als Lösegeld für das unschätzbare Kleinod. Die Heerführer erklärten sich damit einverstanden, allein der Crzbischof, erfüllt von Abscheu gegen das heidnische Idol und seine Priester, leistete widerstand. Angesichts des Vizekönigs von Portugal und seines Hofstaates verbrannte er den Zahn Buddhas und streute seine Asche ins Meer. Allein IVikrama Bahu, der König von Ceylon, wußte sich zu helfen. Aus einem Stück Elfenbein ließ er einen neuen Zahn anfertigen, neun Lentimeter lang, zwei Tentimeter breit. Bald verkündigten die Priester, ein falscher Zahn sei von den Portugiesen verbrannt, der echte gerettet worden. Und das Volk glaubte und strömte herbei zu dem neuen Tempel in Kandy, der zu Lhren der „Dalada", wie die Reliquie heißt, erbaut worden war. Hier ruht sie heute noch im Allerheiligsten, in einem Käfig aus vergoldeten Lisenstangen unter Glas, in einer sechzig Lentimeter hohen Dagoba. Nicht genug. Die Dagoba besteht aus sieben ineinandergestülpten, sich immer verkleinernden INetallkästm in Glockenform, und erst unter dem kleinsten, mit kostbaren Juwelen See von Landn. 646 Reise einer Schweizerin um die Welt. geschmückten, soll sich der Zahm der aus einer rein goldenen Lotosblume emporsteigt, befinden. Der Tempel selbst bietet wenig Interessantes, er ist unscheinbar und auch nicht groß. Am längsten verweilte ich in der Vorhalle, wo weiße, rote und gelbe Blumen als Opsergabe verbaust werden. Grellbunte Sresken schmücken die Wände und stellen in naiver Malerei die Strafen vor, die den sündigen Buddhisten in der Hölle erwarten. Da wird Trinkern und Gpiumrauchern durch Teufel der Wund mit Zangen aufgerissen und Seuer hineingegossen, keifende böse Weiber werden von Vögeln zerhackt, Jäger und Tiermörder durch Tiger zerrissen, Ehebrecher an stacheligen Bäumen aufgespießt. Alle bekommen sie ihre angemessenen Strafen, die bösen, ungehorsamen Minder, die Selbstmörder, Tempelräuber, Steuerwucherer, Mörder und Lügner. Dreimal täglich findet religiöse Vorstellung statt. Wider Willen ist das Wort meiner Leder entschlüpft, ich nehme es nicht zurück. Von der Andacht der birmanischen und siamesischen Beter fand ich hier keine Spur. Blasen auf Muscheln und Klarinetten, Schlagen auf Gongs, pauken und Trommeln, das Darbringen von Reis-, Blumen- und Wasseropfern scheinen Laien und Priestern vollständig zu genügen, letztere verbinden dabei noch das einträgliche Geschäft des Bettelns, und zwar Ober- und Unterpriester ohne Unterschied. In äkandp gibt's eigentlich nur zwei lange, allmählich in Landstraße und Dörfer auslaufende Gassen, viele sogenannte Lurio-Läden haben sich in der Nähe des Gueens- Hotel eingenistet, und bald stand ich aus freundschaftlichem Süße mit einem der Händler. Der Schlaue huldigte dem Grundsatz: „Weine Geschenke erhalten die Lreundschast", und niemals ging ich von ihm weg, ohne einen Ltarneol, ein Ulondsteinchen, ein mit palt geschriebenes Blatt der Talipot-Palme erhalten zu haben. Wie hätte ich deshalb anders gekonnt, als alle meine Einkäufe bei ihm zu besorgen! Es war kein ^loorinun, sondern ein Tamule und seine Spezialität „Antiquitäten" und Mondsteine. Von ersteren lockten mich die alten ä4andp-Messer mit ihren plumpen Schneiden, den rostigen Wingen und den schönen Heften aus Horn oder Elfenbein, die mit feiner ziselierter Silberarbeit geschmückt sind. Der Mondstein, eine Varietät des monoklinen Lalifeldspats, wird in Menge bei Wndp gefunden und verarbeitet. Ohne kostbar zu sein, ist er im ganzen Osten gern und viel gesehen und gilt seinen Trägern für glückbringend. Ich habe eine Vorliebe für den klaren, glänzenden, farblosen Stein, der zuweilen einen milchig perlmutter- artigen Widerschein bildet, zuweilen irisierend Ähnlichkeit mit dem Opal zeigt. In Eeplon werden wunderhübsche Halsbänder aus Mondsteinen verfertigt und zum preise von 80 bis 100 Sranken verkauft. Ltandy liegt in einem von grünen Hügeln umgebenen Talkessel, wohlgepflegte Lahrwege führen aus und um einige derselben. Den schönsten, Hortons ^ 3lk» genannt, lernten wir im späteren llachMittage kennen. Auch in ethnographischer Beziehung war die Sahrt interessant, denn es wimmelte da oben von hellkaffeebraunen, kleinen Knaben und zierlichen Mädchen, die im grellen Gegensatz zu der Missionsschule in Colombo ihre nackten persönchen — höchstens war das oft stattliche Reisbäuchlein mit einer bunten Glasperlenschnur geschmückt — spazieren führten. » Die alte Mnigsstadt Kandy. Die seinen Gesichtchen, die großen, seelenvollen Atlgen haben oft einen auffallend schwärmerisch-idealen Ausdruck, der sich freilich mit dem Alter verliert und auch dem im allgemeinen bettelhaft zudringlichen Niesen der kleinen Schelme durchaus nicht entspricht. Da wir der scharfen Steigung wegen nur Schritt fuhren, blieb uns die kleine Gesellschaft, die sich jedenfalls herrlich amüsierte, den ganzen weg treu. Einige der Dreistesten hatten sich sogar zu uns in den wagen gesetzt. Leider war wegen beiderseitig mangelhaftem Verständnis kein Gespräch, ausgenommen das Wort „Bakshish", möglich. Lin Stück gingen wir zu Suß. von hohen, abschüssigen Seifen schauten wir herunter ins Tal, wo der Mahaweli Ganga, Eeplons größter Sluß, MW Dohe Häuptlinge in Randy. wild in seinem steinigen Bette dahinrauscht. Bläulich schimmern die meist abgestumpften ä^egel und lang hingezogenen Letten der Berge. Sie erscheinen, die nähern wenigstens, stellenweise recht abgeholzt. Schade, daß „Mnig Tee", der für den Kaffee eingetreten, Triumphe auf Eeylon feiert, mit seinem langweiligen, mattfarbigen ä^raut, so viel anderes, schöneres verdrängt hat. Das Wahrzeichen der Insel, der Berg. den man schon vom Meere aus sieht, heißt Adams-Pik. Zwar ist er nicht der höchste (22A0 Meter), wohl aber der berühmteste, heiligste, denn um seine zuckerhutförmige Spitze webt jede der aus Leylon herrschenden Religionen ihren besonderen Sagenkreis tz. Aus seinem kahlen Gipfel steht ein Tempelchen. Es wölbt sich baldachinartig über der Sripada, der heiligen Sußstapfe. Die zahlreichen, frommen Pilger, die von nah und fern den Adams-Pik ') Duelle: Ernst lsaeckel, Indische Reisebriefe. » Reise einer Schweizerin um die Welt. besteigen, verehren sie, je nach ihrer Konfession, als die Sußspur l^ivas, Buddhas. Adams, ja sogar des christlichen Apostels Thomas. Dabei soll stets vollständige Eintracht und Duldsamkeit zwischen den verschiedenen Bekennern herrschen. Von den häßlichen dämpfen der griechischen und römischen Ehristen, deren Schauplatz die Grabeskirche in Jerusalem bildet, keine Spur! vor alten Zeiten glaubte man, das Paradies, wie die Bibel es uns schildert, in Teplon wiedergefunden zu haben, und so knüpfte sich denn leicht an seinen ausfallendsten Bergesgipfel der Name des Stammvaters unseres Menschengeschlechts. Die arabisch-mohammedanische Legende erzählt uns: „Unmittelbar nach dem Sünden- sall ergriff ein Engel Adam beim Arm und führte ihn auf den Berg. der jetzt seinen Namen trägt. Lange Seit stand Adam hier oben. so lange bis sein Suß sich tief in den harten Gneisfelsen gebohrt und die Spur niemals daraus wieder verschwand. Aus den Tränen des Büßers bildete sich ein kleiner See. dessen wundertätiges Wasser noch heute manches Übel heilen soll." In den ältesten Legenden der Buddhisten spielt der Adams-Pik oder, wie sein älterer Name heißt, Samanala eine wichtige Rolle. Buddha soll dereinst unter Blitz und Donner auf die schöne Insel niedergefahren sein. vorerst vertrieb er die bösen Geister, die bis dahin hier gewohnt, und verkündete seine Lehre von dem Nirwana. Reiche und Arme eilten herbei, seinen Worten zu lauschen, und bald hatte der mensch- gewordene Gott die Singhalesen alle zu seinem Glauben bekehrt. Damit war Buddhas Aufgabe erfüllt, und er traf Anstalten, wieder in den Kümmel zurückzukehren. Da bat ihn der König von Leplon, ein Andenken seines Aufenthaltes in seinem Reiche zurückzulassen. Buddha gewährte und hinterließ eine Randvoll K>aare und den Eindruck seines Süßes. Dieser ist noch heute auf dem Samanala oder Adams-Pik sichtbar, gerade auf der Stelle, wo sein Suß die Erde zum letztenmal berührt hat. Dieselbe Legende ungefähr erzählen die Tamulen und Malabaren, doch ist es bei ihnen nicht Buddha» sondern Gott pva. So ist es begreiflich, daß der Adams-Pik seit vielen Jahrhunderten schon das Ziel frommer Pilgerfahrten bildet. Aus der ganzen Insel und auch von Südindien her strömen jahraus jahrein Männer und Weiber herbei. Die Srauen tragen ihre Meinen den beschwerlichen weg hinauf, um sie in die Sußspur, an der nichts Menschliches sein soll, zu legen. Sie glauben damit den Mndern Glück, langes Leben und Vergebung mancher Sünde zuzusichern. Die erste Besteigung des Adams-Pik, von der die in ausführlicher Sorin geschriebene Kunde auf die Nachwelt gekommen, ist diejenige des arabischen Arztes Ibn Latuta aus dem Jahre 1340. Stürme hatten ihn dereinst nach Teplon verschlagen, und während sein Boot tagelang mit den Wellen kämpfte, suchte sein Auge immer wieder die hohe Spitze des Adams-Pik. Als er daher von dem Könige des schönen Eilandes freundlich ausgenommen wurde, hatte er diesen gebeten, ihm zu einem Besuch des hochheiligen Berges zu verhelfen. Der König willigte ein, er gab dem gelehrten Arzte ein großes Gefolge mit, worunter Büßer, die den weg auf den Adams-Pik alljährlich unternahmen, und ließ ihn im palankin bis an den Luß des Gebirges tragen. Zwei nach Adam und Lva benannte Wege führten damals hinaus, der rauhe, beschwerliche Baba-Weg (Adam) und der sanftere, leichtere Mama- Die alte Königsstadt Kandy. 649 weg (Lva). Ein Pilger mußte beide gehen, um seinem Werk den vollen Wert zu geben. Ibn Valuta schlug den rauhen Baba-Weg ein, dessen letztes Ende über eine senkrechte Felswand führt, wo schon seit alters eingehauene Stufen sich befinden. Sromme Pilger haben die leiten gestiftet, an denen der hinaufkletternde sich festhalten kann. Ibn Valuta zählte ihrer zehn. Die letzte hieß „äkette der Erkenntnis", weil sich hier plötzlich ein weiter Blick in einen Abgrund auftat. Dieser weg über den Selsen wird übrigens immer noch genommen. Ibn Vatuta hat manch wunderbares aus seiner langen Pilgerreise außer der Sußspur des Menschenvaters Adam gesehen. Da waren's zuerst die Affen am Teiche Hm Llusse badende Elefanten. > , > Vuzuta, die in dichten Scharen an seinen Ufern wohnten und einen alten Mnig besaßen, der eine Vlätterkrone auf dem greisen Haupte trug und ein Zepter im Arme hielt. Ghne eine Lhrengarde von vier Trabanten, den gewaltigsten ihres Geschlechtes, die dabei noch stets ihre Knüppel schwangen, pflegte er sich seinem Volke niemals zu zeigen. Eine andere Merkwürdigkeit war der weitberühmte Lebensbaum des Paradies es, der nie ein Vlatt verliert. In der Hoffnung, dies könnte doch einmal geschehen, lagern stets zahlreiche Pilger unter dem Baume. Slöge wirklich eines herunter, so würde der glückliche Besitzer des Blattes es sofort aufessen und sich dabei völlig verjüngen. Seitdem die herrlichen Urwälder verschiedenen Culturen, in letzter Zeit namentlich dem Tee, zum Gpfer gefallen sind. ist auch der Zugang zum Adams-Pik viel leichter geworden, und die anstrengende Metterpartie kann in einem Tage bewältigt werden. Andere Berge noch hatten wir Gelegenheit, auf Nortons Malk kennen zu lernen, nicht Schöpfungen der Natur, noch Werke von Menschenhand, sondern durch 6Z0 Reise einer Schweizerin um die Welt. den unermüdlichen Lleiß der Termiten entstandene Bauten. In den riesigen Kegeln, die zuweilen eine Löhe von 2 Metern und einen Umfang von 10 Ulstern erreichen, Hausen viele Millionen Termiten oder weiße Ameisen. Ihre lichtscheuen Scharen teilen sich in Arbeiter, Soldaten, die den Bau bewachen, in König und Königin, die anfangs beflügelt ausschwärmen, dann, nachdem sie die Slügel abgelegt, sich ein Leim gründen. Die Termiten werden im Gsten nicht wenig gefürchtet. Sie zerfressen mit großer Vorliebe Holz, Papier und andere pflanzliche Stosse, und zwar immer von innen heraus, so daß man ihr Zerstörungswerk erst sieht, wenn es vollbracht ist. Ganze Lauser sollen den Termiten schon zum Gpfer gefallen sein. Ls kommt vor, daß ein anscheinend neuer, fester Bau wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Man forscht nach und findet alle Balken von Termiten unterhöhlt, wenig läßt sich gegen diese Ameisenplage tun. Man stellt etwa die Beine von Tischen, Kommoden. Betten u. s. w. in mit Wasser oder Gl gefüllte Becken, das ist alles. Auch Kampfer und Pfeffer scheinen die Termiten von ihrem verderbungswerke nicht zu schrecken. Ich hatte einige schöne Schmetterlinge, sorgfältig in einem Kästchen mit Kampfer verwahrt, aus Japan mitgebracht. Als ich es in Singapur öffnete, waren sie vollständig zerfressen. Bevor wir Kandp verließen, unternahmen wir noch eine Ausfahrt ans Ufer des Mahaweli. Da fanden wir zehn Elefanten sich im wohligsten Lebensgenüsse einem erfrischenden Bade hingebend. Die tropische Landschaft, die grauen Riesentiere boten ein fremdartiges, anziehendes Bild, ich hatte sie bis jetzt niemals sich so frei und ungebunden bewegen sehen. Mit sichtbarem Behagen ließen sie, auf der Seite liegend, sich schaben und bürsten, füllten ihre Rüssel mit Wasser und bespritzten sich damit an der Stelle, die der Mahout ihnen anwies. Ein junges, kleines Llefantchen machte alles mit. Uatürlich waren's zahme Tiere, und jedes besaß seinen Mahout. Elefant und Mahout sind ja eines, ein Gehirn, ein Kopf. und gewiß bildet der Dickhäuter oft dabei das klügere Element. Ungeachtet seiner Größe, ist der Elefant ein zartes Tier, das leicht zu Lieber und Augenentzündungen neigt. Der Luß ist der empfindlichste Teil, ein Schlag dorthin, und er geht nicht mehr vorwärts, wird der Elefant wild, was zuweilen geschieht, so zieht der Mahout an einem inwendig mit Nägeln besetzten Ringe, den das Tier am rechten Süße trägt. Die Uägel dringen bei dem Ruck ein, und der Elefant bleibt sofort stehen. Ich stellte meinem Reisegefährten die Lrage, die in Rangun mein Landsmann Lerr Z. an mich gerichtet hatte: „wie oft ist die Länge, die den Umfang des Llefantensußes ausmacht, in der Höhe des Tieres enthalten?" Uach langem Raten ist man erstaunt, zu hören, daß sie es nur zweimal sein soll. Unsere Elefanten schwammen hieraus vergnüglich noch guer über den Lluß, und als sie endlich landeten, verlangten sie energisch trompetend ihren Tiffin. während sie sich die Abfälle von Zuckerrohr trefflich schmecken ließen, bettelten uns Mahout. Kornak und eine Schar Singhalesen-Kinder so nachdrücklich an. daß uns das Losreißen von dem tropisch entzückenden Bilde weniger schwer wurde. Elefanten mit Mahouts. (5. 6Z0.) AAL OW» .König Tee/ 6Z1 Kapitel 44. „König Tee." Eisenbahnen aus Lcylon. Tee- und Lasseepslanzungen. Reisegefährten. llurelia. Kesnu üouss. Der nordische Diminel Nurelias. Garten von Lakgalla. Toilette in Kurelia. Fahrt nach Lrooksicko. Familie Murray. wie der Tee kultiviert und zum Verkauf zubereitet wird. Die Arbeiter. Ihr Verdienst. Rückkehr nach Lolombo. Ausflug nach lVlount üavinis. Rascher Abschied. MN Ceylon reist sich's weit leichter als in Indien. Die Eisenbahnen sind besser gehalten, reinlicher, komfortabler, ja es gibt sogar Schlafwagen nach ähnlichem System wie in Europa, und sein Bettbündel braucht keiner mitzuschleppen, vorläufig reisten wir bei Tage, um Land und Leute kennen zu lernen. Dabei möchte ich nachholen, daß die Strecke Lolombo-ä^andy nach der ersten, durch Slachland führenden Kälfte zur interessant-malerischen Bergbahn wird, die landschaftlich lebhaft an das herrliche Java erinnert. In mannigfachen Krümmungen, durch zahlreiche Tunnel windet sich der Bahnzug zur Paßhöhe von La- dugannava (700 Meter) empor, um von dort wieder hinabzueilen in das grüne, fruchtbare Tal des Mahaweli-Slusses, wo Mndy, die alte Mnigsstadt, liegt. Line zweite Lisenbahnfahrt sollte uns vollends in die Berge führen nach oder in praktischer, englischer Abkürzung Nurelia. lvir verließen Kandy am vormittag. Noch einmal lag der schöne Peradenia-Garten vor uns, dann wandte sich der weg scharf nach Süden und klomm in endlosen Windungen zu den Regionen nicht des ewigen Schnees, wohl aber des ewigen Tees empor, Berg und Tal, Tee und abermals Tee! wie schön muß es hier gewesen sein, als die herrlich geformten Berge im Meide des dunkeln, dichten Urwaldes prangten, als der Mensch noch nicht da war mit seiner Gual, keine Artschläge die hehre Stille durchzitterten und kein Sterben durch den Wald ging. Riesenbambns im Peradenia-Garten. der Sommerfrische Ceylons Nuwara Lliya, Reise einer Schweizerin um die Welt. Nurelia mit dem Lakgalla im Hintergrund. MM Doch ich darf nicht alle Schuld auf den Tee werfen, lange vor ihm hat der Kaffee auf jenen Höhen die Herrscherrolle gespielt und schon damals einem guten Stück Urwald das Leben gekostet. Schon ums Jahr 1690 war der Kaffee durch die Holländer auf Ceylon eingeführt worden, allein erst seit 1825 wurde sein Bau systematisch durch die Engländer betrieben. Im Laufe der Jahrzehnte nahm die Kaffeeproduktion einen unerhörten Aufschwung. Glänzende Zeiten brachen für die Pflanzer an, und hoch gingen die wogen der Spekulation. Da kam in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts eine Art Äostpilz (Hemileia vastairix) in die Sträucher. Kein Mittel half dagegen, eine Pflanzung nach der anderen fiel der Krankheit zum Gpfer. Man mußte sich nach neuen Erwerbsquellen umsehen, um aus den Trümmern alten Wohlstandes etwas retten zu können, und fand — den Tee. Aus bescheidenen Anfängen hervorgegangen, beherrscht der Ceylon-Tee heute den Weltmarkt und liefert den Hauptexportartikel der Insel. Leider steht mir keine Tabelle der letzten Jahre zur Verfügung, ich muß mich mit der Angabe begnügen, daß im Jahre 1875 der erste Leylon-Tee ausgeführt wurde; damals waren's 282 Pfund. Im Jahre 1895, achtzehn Jahre später, erreichte die Ausfuhr die Höhe von 84*/2 Millionen Pfund. In unserer Loupöecke saßen Mutter und Kind, ein kleines, verwöhntes Geschöpf, das mit seinem unaufhörlichen Geplauder und endlosen, oft schwer zu beantwortenden Sragen mich gehörig in Atem hielt. Die Mutter erzählte, die Kleine hätte in England beständig gekränkelt, jetzt gedeihe sie in dem schönen, gesunden Klima der Ceylon- Berge wre ein junger Palmbaum. So können hier, wenigstens in den höher gelegenen ,/König Tee. 6ZZ Ortschaften der Insel, die Eltern ihre Kinder bei sich behalten. Ein großer Vorteil im Gegensatz zu Indien! Auch mit einem jungen Mädchen, das neben uns saß, knüpften wir Bekanntschaft an. Miß Murrap — so hieß sie — wollte ihre Litern, die einen sogenannten «leg, estute» ZV- Stunden von Nurelia besitzen, besuchen. Sie selbst führt einem Bruder in Kandp den Haushalt. Ihrer sehr herzlichen Einladung. sie und bei dieser Gelegenheit eine Teeplantage zu besuchen, leisteten wir zwei Tage später Solge. Beständig hatte sich unterdessen der Zug in Kurven emporgewunden, und die Atmosphäre war fühlbar Kühler geworden. Mit dem 780 Meter hoch gelegenen Nanu-opa war zwar das Ziel unserer langen Lisenbahnsahrt erreicht, nicht aber noch unser Bestimmungsort Nurelia. Ein Magen erwartete uns auf der Station, und auf schöner, guter Straße stiegen wir eine Stunde und abermals Z00 Meter höher, um vor Anbruch der Nacht im komfortabeln neuen Nseim Kouse-Hotel unseren Einzug zu halten. Lesrm bouse liegt einsam auf der Höhe, ein langes, einstöckiges, nicht allzu großes Gebäude. Ein Numil)' kouse, das aber vielmehr den Eindruck eines Gasthofes macht, als unser liebes Lkorekam kouse in Uti. Zahlreiche Gäste find hier, denn für Nurelia ist's die beste Zeit. Später im Mai machen gewaltige Regenströme und dichte Nebel den Aufenthalt unangenehm. Vor dem Hause steht ein hoher Baum mit gewaltiger Schirmkrone, ein Keena. Er gibt dem Gasthof seinen Namen. Diese Keena (LulopkMum tomenwsuin) wachsen in großer Menge hier und sehen. < ^ Nurelia: Leena-Laum. Reise einer Schweizerin um die Welt. 6S4 obgleich keine Koniferen, den italienischen Pinien täuschend ähnlich. Auch die melancholischen Binsen am See, Knöterich und Brombeerstauden wecken „europäische Gedanken" in meinem Kerzen, ebenso wie der griesgrämige Fimmel, der Kalte, schneidende Wind. klein, klurelia erinnert mich allzusehr an unser betrübliches Klima! fröstelnd zog ich mich ins Zimmer zurück, ließ mich am prasselnden Kaminfeuer halb braten und schlüpfte nachts behaglich unter dreifache Decke. Am folgenden Morgen war's schön und warm. Wir fuhren nach dem zwei Stunden entfernten botanischen Garten von Aakgalla. Zunächst ging's an zahlreichen Bungalows, an Rennplatz und verschiedentlich^ Eriguet- und Ku^vnteuuis-Anstalten vorbei, bis wir an den kleinen See von klurelia gelangten. Ein düsteres Gewässer, von Schilf, Binsen und Moorboden umgeben! Die das enge Tal einschließenden Berge werfen ihre Schatten darein. Wir wenden uns gegen Süden. Steil fällt die bisher steigende Landstraße hinunter, so steil, daß man vermeint, jeden Augenblick in der Talsohle anzukommen. Am Wege wachsen Brombeerranken, an die sich echte Kinder des Südens, geheimnisvolle, weißblühende passifloren, klammern. Immer wieder diese Kontraste zwischen der ernsten nördlichen Landschaft und den Bäumen und Blüten der Tropen! Wo wir dunkle Tannen erwarten, bewegen die herrlichen Baumfarne ihre leicht grünen Wedel leise im Winde, und in wenigen Tagen werden die knorrigen Rhododendren-Bäume, die Alpenrosen Indiens, ihre blutroten, leuchtenden Blumen entfaltet haben. Endlich standen wir an der Pforte des Aakgalla-Gartens. Seine Rückseite lehnt sich dicht an den Suß des schönen H>akgalla-Berges. Vorn von den Terrassen aus hat man die schöne Pyramide des kklamuna-pik vor sich, und zu Süßen gähnt das tiefe Tal. Auch dieser Garten ist ein park voll blühender Bäume und Sträucher, farbenfroher Rabatten, von welchen unsere Geranien, Nelken und Veilchen mir traulich zuwinken, während phantastisch geformte Orchideen, fremdartige Balsaminen, reizende unbekannte Winden das tropische Element vertreten.kvun- derschön ist die schattige, sich den Berg hinaufziehende Sarn- und kNoos- anlage. Kristallhelle Bächlein sprudeln zwischen all dem Grün, und hochrote Begonien durchleuchten das Ganze in wunderbarem Sarbenspiel. Schmale, mit Steinen eingefaßte Pfade führen Straße mit Zebu-Wagen bei Nurclia - ^rr-^ Am Lergeshang. 6Z6 Reise einer Schweizerin unr die Welt. in allen Richtungen durch das üppig wuchernde Chaos. Während ich voll Entzücken, weit hinter Mr. w. und dem Sichrer zurückbleibend. darin lustwandelte, raschelte es plötzlich, und eine mächtige Schlange entwand sich unmittelbar vor meinem Süße dem Dickicht. Ein Sprung auf die Seite, und ein anderes Ungetüm ringelte sich vor mir, diesmal ein himmelblaues. Ein Riese aus dem Geschlecht der Regenwürmer, wie ich später erfuhr. Nun aber hatte ich genug gesehen, und eilends rannte ich der Sonne und den Menschen zu. Nachmittags schlenderten wir im Städtchen oder vielmehr in der Stadt herum. Aus dem einsamen, verborgenen Bergtale, dem Aufenthaltsorte wilder Elefanten, Bären und Leoparden, den zufällig im Jahre 1826 jagende englische Offiziere entdeckt hatten, ist ein fashionabler Kurort entstanden. Die Menschen haben auch hier hinauf ihre sogenannten Bedürfnisse und Ansprüche getragen und erscheinen abends im Srack und ausgeschnittenen Meide. Mas für Lasten legt man sich doch auf, um der Göttin „Mode" Opfer zu bringen! Mir suchten den Photographen platä auf, der in Lolombo hervorragend schöne Bilder ausgestellt hatte und auch in Uurelia eine Siliale besitzt. Besser hier als in Lolombo im Schweiße seines Angesichtes die Auswahl treffen, dachten wir. Aus einem Musteralbum suchten und schrieben wir sorgfältig die Nummern heraus, als wir jedoch die Bilder in Empfang nehmen wollten, waren die meisten nicht e r, oder die Platten existierten überhaupt nicht mehr. Mir haben uns dann in Lolombo nochmals ans Merk sehen müssen, und da die Umstände uns keine genügende Zeit dazu ließen, war die Mahl leider keine besonders günstige. Den folgenden Tag machten wir uns auf den weg. um Miß Murrans Einladung nach Lrooksiäe oder. wie der sogenannte «Den estnte» auch heißt, Lnnäspoln zu folgen, wir hatten große Schwierigkeiten, in Nurelia einen wagen aufzutreten, der uns für sehr teures Geld den weiten 3V- Stunden langen weg fahren wollte. Dieser wird dadurch den Pferden zur Strapaze, weil er beständig auf- und abführt. An schönen, malerischen Punkten fehlt es nicht, bis wir 1'.2 Stunden vor Erreichung unseres Sieles ins Teereich einbogen. Lügel reiht sich an Lüget, alle nur mit Tee bepflanzt. In Reih' und Glied, wie ein Regiment Soldaten, stehen die grünen, ganz Kleine Singhalesen. Die hl. )lnna mit der Jungfrau Maria von Murillo. (5. 66Z.) 7 „König Tee." 6S7 gleichmäßig gewachsenen Büsche. Ihre Einförmigkeit unterbricht hie und da nur eine ebenso schnurgerade gepflanzte Reihe zierlich gefiederter Orevilleu ro- bustn-Bäume. Diese Mnder Australiens sollen dem Tee etwas schatten spenden und ihm dabei die Bodenkraft nicht entziehen. In musterhafter Ordnung ist alles gehalten, kein Unkraut wird auf dem schön gelockerten Erdreich geduldet. Der Teebusch ist schon vom dritten Jahre an ertragsfähig und kann es dreißig und noch mehr Jahre bleiben. Bei dem feuchtheißen Mima Leplons, das ein fortwährendes Wachstum mit sich bringt, ist der Ertrag auch ein ununterbrochener. Jede Woche jahraus jahrein wird Tee gepflückt, d. h. von jedem Busche die immer wieder neutreibenden Schößlinge genommen: das noch zusammengefaltete Herzblatt und zwei größere Nebenblätter. Srauen- und Mnder- hände verrichten vorzugsweise diese Arbeit, die Sorgfalt und eine leichte Hand erfordert. Unterdessen hatte unser wagen Halt gemacht. Das letzte Stück mußten wir auf schmalem Pfade, einem tiefen Talkessel entlang, zu Suß zurücklegen. Eine Biegung des Weges, eine grüne Wildnis und ein Haus lag vor uns — ein Rosenhaus. Bis ans Dach hinaus schlangen sich tiesrote Rosen, und im Garten wogte ein wahres Rosenmeer. Ein Haus wie ein Märchen, und darin blühen sechs Söhne und fünf Töchter. Unsere Bekannte, Miß Hilda, hat uns erwartet, wie alte Sreunde wurden wir willkommen geheißen, denn nicht allzuoft verirren sich Gäste an diesen weltabgeschiedenen Grt. Die erwachsenen Söhne sind in Landp und Lolombo beschäftigt, die eine oder andere Schwester führt ihnen in diesem Salle den Haushalt, aber keines der Mnder hat jemals die Insel verlassen. Der Wärme wegen wurde noch vor dem Tisfin der Gang in die Sabrik unternommen, Vater Murray, ein stattlicher, weißbärtiger Mann, unsere Sreundin und zwei ihrer Schwestern waren dabei unsere freundlichen Sichrer und Erklärer, und was ich vom Leplon-Tee weiß, verdanke ich ihnen, freilich durste ich nicht bekennen, daß mir der chinesische Tee unendlich besser schmeckt. vor der Sabrik standen Srauen. Sie brachten in großen körben die heute frisch gepflückten Teeblätter. Diese werden gewogen und sogleich zum Trocknen auf große Bretter ausgebreitet. Je schneller und gründlicher dies geschieht, um so besser wird die Gualität. Zugluft und vermittelst Wasserkraft in Bewegung gesetzte Sächer befördern den Prozeß des Trocknens, der achtzehn bis zwanzig Stunden erfordert. L. von Rodt. Reise um die Welt. 42 Am Ufer -es Llufics. vom Peradenia-Sarten aus genommen. 6s8 Reise einer Schweizerin um die Welt. Hieraus kommen die Blätter in einen „Roller", eine Maschine, durch die sie gerollt und zugleich von jeder etwa noch vorhandenen Seuchtigkeit und dein Tannin (Gerbsäure), das dem Tee innewohnt, besreit wird. Ich sinde, daß von letzterem immer noch genügend zurückbleibt und namentlich bei der starken Teebereitung der Engländer sich unliebsam geltend macht. Räch dem „Roller" gehlls in den sogenannten „Rollerbrecher", der die kleinsten Blätter, namentlich das gelbe Herzblatt, hier «Aolcten tip» genannt, durch ein Sieb auf ein darunter gebreitetes Tuch fallen läßt. Rias auf dem Siebe bleibt, ist zweite Gualität. Übrigens vermischt man gerne die «Kvläsn tips» mit dieser, da sie zum Alleingebrauch zu stark und viel zu teuer wären. Ein halbes Kilo «Aolclen rips» soll, wie ich las, auf dem Teemarkt in London oft bis 87s Sranken gelten. Nun kommt das Kraut auf ein Holzbrett, wird mit einem feuchten Tuche bedeckt und darf dort gären, bis es den gewünschten hellen Kupferton und Geruch erlangt hat, was ungefähr zwei Stunden dauert. Ist diese Gärung erreicht, so kommt der Tee in einen „Trockner" genannten Apparat und wird schichtweise in einen Ofen gebracht. Dort bleibt er zwanzig Minuten in einer Hitze von 117 bis 122 Grad Celsius und kommt schwarz und glänzend, trocken und appetitlich, fertig zum Mägen und um 7s Prozent leichter daraus hervor. Man hat ausgerechnet, daß 2100 Kilogramm grüne Teeblätter sOO Kilogramm trockenen, gebrauchsfertigen Tee ausmachen. Dann kommt der sorgfältig sortierte Tee in große Kisten, wird verpackt und versandt. Der Tee der «Deu estuts Nrooksiäe». die 1134 Hektaren Land in Kultur hält, kommt ausschließlich nach Rußland. In Detail wird auch nicht die kleinste Portion abgegeben, dagegen bekamen wir während unserem Gange durch die Labrik verschiedenem«! den dunkeln. Dorsflraße bei Lolombo. „König Tee/' 6Z9 heißen Trank zu kosten, was der Ceylon- Tee vor dem chinesischen voraus hat. ist die große, peinliche Reinlichkeit beim Trocknen des Krautes, während in China die Hauptarbeit mit den Ringern geschieht, werden in Ceylon die Hände nur zum pflücken des Tees angewandt. Noch ein Wort über die Arbeiter in diesen Teedisirikten. Lrooksicie beschäftigt ungefähr 200 Männer, Srauen und Minder. Der ganze Hausstand beteiligt sich dabei, während die Männer das pflanzen und Lockern des Lodens und die Arbeit in derSabrik besorgen, pflük- ken ihreSrauen und Kinder die Blätter. Die Kleinen lernen gar früh mit dem Tee umgehen, ist er doch ihr guter Sreund von zartester Kindheit an. Die Mutter nimmt das Neugeborene mit auf die Arbeit, und während sie Tee pflückt, schlummert das Kindchen wohlge- borgen im Schatten eines Teebusches. Lernt es erst einmal gehen, dann bietet Sreund Tee eine willkommene Stütze, und weich sängt er das kleine Ding in seinen Armen auf, wenn es einmal ins Gleiten und Straucheln kommt. Bald lernt das Händchen ganz von selber das pflücken der zarten Sprößlinge. Still, geduldig läßt der gute freund an sich zupfen, und mit dem sechsten Jahre ist unser Kindchen schon bezahlter Arbeiter der «teu estute». Sreilich nicht bei glänzendem Lohne — bei uns würde man unter diesen Bedingungen keine Arbeiter finden. Kinder verdienen 12 Cents, nach unserem Gelde etwa 20 Centimes im Tage, Srauen 22 bis Z0, Männer 20 Cents. Dabei bekommt die Samilie freie Wohnung, etwas Gartenland und ein bestimmtes Guantum Reis in der Woche. Doktor, Spital und Medizin stehen zur unentgeltlichen Verfügung, und auf einigen «reu estutes» gibt es auch Schulen. Als wir unsern Rückweg durch die Teeselder nahmen, tauchten überall zwischen den Büschen bronze- farbene, schwarzhaarige Tropenkinder auf. Gleich den Srauen tragen die größeren Mädchen einen Korb am Rücken zum Bergen der Crnte, und ein grellfarbiges Tuch schützt den Kopf vor Sonne und Regen und wirft einen fröhlichen Ton in das langweilige Einerlei des Teekrautes. Lin reichlicher, sehr mannigfaltiger Tisfin erwartete uns im Rosenhause. Rosen schmückten die Tafel, und Rosen trugen die anmutigen Töchter, die, ganz gegen die Gewohnheit der Luropäerinnen im fernen Gsten, dem Boy beim Aufwarten und Herumreichen der Gerichte hülsreich zur Seite standen. Uns berührte das hausfrauliche walten, der fröhlich liebevolle Ton, der in dieser kinderreichen Samilie herrscht, un- gemein angenehm. Ungern rissen wir uns los. Line lange Sahrt und eine noch Zm Tee. 660 Reise einer Schweizerin um die Welt. längere Nachtreise warteten unser. Wir wollten den folgenden Morgen in Colombo eintreffen, denn schon die Nacht darauf wurde die „wachsen , das schiff, das uns europawärts tragen sollte, erwartet. während mich die Eisenbahn durch die schöne Tropen-Nacht führte, spielte sich ein schwerer ll^amps in meinem Kerzen ab, ob ich wirklich schon dem Zauberland Ceylon und den geliebten Tropen Lebewohl sagen oder noch zwei Wochen länger verweilen wollte. Manches wäre aus Ceylon noch zu sehen gewesen: die alten sogenannten „Begrabenen Städte" im Norden der Insel und das „Lnde der Welt", der wildeste Teil Ceylons. Auf der anderen Seite drängte mein Reisegefährte nach Europa, die Kitze des Roten Meeres von Mitte April an malte man uns als grauenvoll aus, und ich fühlte mich zudem körperlich und geistig müde. Nach den Tausenden von Stunden, die ich in den letzten Monaten zurückgelegt, schien mir Ceylon ungeachtet der Mägigen Seereise bis Neapel an der Schwelle Europas zu liegen. Ich konnte ja einmal zurückkommen! warum nicht? In Lolombo herrschte dieselbe Kitze wie das letzte Mal. Ich mutzte umpacken, da ich den grotzen Koffer direkt nach Bern senden und in ll^airo und Italien mit Kandgepäck auskommen wollte, wie grenzenlos heiß war's bei dieser Arbeit, wie manchen Schweißtropfen kostete sie! Dann kauften wir uns lange Rohrstühle für die Seereise, die unfrigen hatten wir in .Kalkutta verschenkt, da wir sie nicht durch ganz Indien mitschleppen wollten, wir erteilten den Auftrag, die ausgewählten Stühle den nächsten vormittag aufs Schiff zu bringen. Daß man auf den sonst in jeder Beziehung ausgezeichneten Schiffen des Norddeutschen Lloyd seine Stühle entweder selber mitbringen oder extra vom Steward mieten muß. finde ich eigentlich einer so weltberühmten Gesellschaft nicht würdig. Auf sämtlichen Dampfern des Stillen Gzeans, auf AM") .,4 Botel Nount l.Lvinis. r'kLL.^ ^WWM Beduine vorn Sinai. Grangenhändler. (S. 67Z.) ,König Tee? 661 der Kleinen japanischen „KosaiMaru", auf „wuchang" und „K>sinyu" im Gelben Meere, standen den Reisenden Liegestühle zum unentgeltlichen Gebrauche zur Verfügung. Als die Katze des Lrühnachmittags sich etwas gelegt hatte, fuhren wir mit der Eisenbahn nach Nount Uuviuiu, einem der schönsten, wenn nicht dem schönsten Punkte in der Umgebung Eolombos. Schon die Lahrt ist zaubervoll. Zur Rechten dehnt sich blau und unendlich der Indische Gzean aus. Zur Linken reiht sich Kokospalme an Kokospalme, ein lichter, stets winddurchwehter Wald. k>ie und da birgt sich in seinem Schutze ein singhalesisches Dörfchen, eine einsame k>ütte. Durch die seinen, langen Palmwedel dringen leuchtende Sonnenstrahlen und werfen spielend ihre Lichter auf den feuchten, sattgrünen Waldboden hinab, wo wunderbare blaue Minden dem Kümmel sein Llau abgelauscht zu haben scheinen. Nach einer halben Stunde stiegen wir am kleinen Stationshäuschen von Llount Naviuiu aus, mit uns eine Menge Eingeborener, die hier wie in Indien eifrigen Gebrauch von der Eisenbahn machen. Als wir langsam die breite Straße hinangingen, die zum Gasthofe führt, sahen wir durch eine hohe Löschung von uns getrennt eine Menschengruppe, die eifrig herunterspähte, fremdländische Typen, nicht Engländer, nicht Lingeborne, wetterharte Männer, über die ein Sturm gefegt, ohne sie ganz zu vernichten! Gefangene, meist kranke Buren waren's. Aus der Lahrt nach Kandy hatten wir in der Lerne die weißen Zelte einer anderen Burenabtei- lung schimmern sehen. Ich hatte damals gewünscht, sie zu besuchen, küer waren sie uns nahe und doch fern. Schranken umgaben sie von allen Seiten, und um mit ihnen zu sprechen, bedurfte es einer Spezialerlaubnis und Spezialaufsicht. Aus der Lerne nur winkten wir ihnen daher unsere sympathischsten, herzlichsten Grüße zu. Unter den Gefangenen bemerkte ich einen kaum zehn Jahre alten Knaben. iVlount Luviniu wurde einst von einem englischen Gouverneur als Sommerpalais erbaut. Jetzt ist aus dem hübschen, weißen Gebäude ein großer, eleganter Gasthof geworden. Auf einem ins Meer vorragenden Lelsen erbaut, ist das k>aus ein echter Luginsland. Köstliche Meeresluft umspielt seine aussichtsreiche Terrasse, nichts Schöneres, Besseres hätte ich mir wünschen können, als hier einige Tage zu weilen und auszuruhen. Die drückende Schwüle des nahen Loloinbo scheint Nount Uuviniu nicht zu kennen! An den schwarzen Lelsblöcken im Meere, die sich vom gelben Ufersande in grellem Kontraste abheben, brandet die Llut, und die wogen Am Strande bei Nount i^avinia. 662 üeise einer Schweizerin um die Welt. singen ihr ewiges Lied. Sie und du taucht der Hops oder Arm eines Ladenden empor, man wagt hier, was in Lolombo der zahlreichen Saifische wegen unterlassen werden muß. Ein Fischerboot landete, wir eilten an den von schlanken Hokospalmen umsäumten Strand und schauten zu, wie die Leute des Meeres geborgen wurde. Grüngoldene, langschnäblige Sische waren's, mit herrlich metallischem Schimmer. Lald umringten uns die schönen, singhalesischen Sischerjungen, der eine bot uns Hrabben, der andere ein niedliches Modell der hiesigen Boote an. «Oo z^ou tresk milk?» fragten andere, und ehe wir geantwortet, warfen sie schon vom Wipfel der Bäume Hokosnüsse herunter. Die letzte Hokosnuß! Andächtig schlürfte ich den mir heute besonders köstlich vorkommenden Trunk. Dann saßen wir lange oben auf der Terrasse. Lin Gewitter stand am Simmel, und immer näher grollte der Donner. Die See hatte eine stahlblaue Särbung angenommen. Tin dunkler Punkt am Sorizont war allmählich immer größer geworden, und bald ließ die aufsteigende Rauchsäule ahnen, daß ein Dampfer nahte, wenn's die „Sachsen" wäre? Doch nein, sie sollte erst in der Rächt oder am folgenden Morgen ankommen. Drohender wurde der Simmel, und schwere Wolken warfen ihre Schatten auf die Meeresfläche. Dm Sturmschritt eilten wir dem Stationshäuschen zu, lange dort wartend, bis ein Bummelzug uns nach Lolombo brachte. Längst war die Nacht angebrochen, längst auch saßen die Gäste bei Tische. Ich hatte mich an eine hastige Toilette gemacht. Da klopfte es. „Die .Sachsen' fährt in zwei Stunden ab." Also doch! Nun galt's, sich tummeln, und eiligst raffte ich mein Sab und Gut zusammen! Line Stunde darauf fuhren wir unter Donner und Blitz auf schwankendem Boote durch die stockfinstere Nacht der „Sachsen" zu. Alles ging schnell, rasend schnell. Um elf Uhr rasselte die Ankerkette, ein leises, allmählich stärker werdendes Schaukeln! Sahle Blitze ließen hie und da die Hüfte von Ceplon aufleuchten, zum letztenmal winkten die schlanken Sederkronen der Hokospalmen. Dahin, entschwunden mein schöner Tropentraum! Meeresfahrt. 6öZ Agyplen. Capitel 4A. Meeresfahrk. Leben an Bord der „Sachsen". Line Reisende wider willen. Aden. Die Tanks-Bändler an Bord der „Sachsen". Im Roten Meere. Suss. Ausflug nach Am Musa. Beduinen. Muscheln. Abfahrt nach Lairo. Els ich früh aufwachte — ich hatte diesmal eine Sabine für mich allein — schaukelte unsere „wachsen" schon weit draußen im Indischen Ozean. Regungslos, in unendlicher Bläue lagen seine Master, und nur die Bewegung des Dampfers ließ eine leise Brise ahnen. Noch war das Deck leer, mit Ausnahme einiger Kerren in javanischem Neglige und der Schisfs- katze, welche die morgend- Aus dem Indischen Gzean. liche Stille zu einer Deckpromenade mit ihren zwei Jungen benutzte. Sie ist eine Malaiin, das sieht man an der Bildung des kurzen, in einem knoten ausgehenden Schwanzes, und natürlich weisen die Meinen dieselbe Eigentümlichkeit auf. Obst und Kaffee werden für die Srühaufsteher hier herausgebracht. Das eigentliche Leben, oder vielmehr der Tag. beginnt aber erst mit dem Srühftück um neun Uhr. -S8 WWB 664 Reise einer Schweizerin um die Welt. In friedlicher, beschaulicher Stille geht er und noch viele andere dahin. Da gibt s keine Post zu erwarten und zu beantworten, keine Zeitung mit aufregenden Nachrichten zu lesen, kein erschütterndes Telegramm zu empfangen. Diesem Mangel will übrigens seht die Ueuzeit abhelfen. Schade! Bis dahin ist dem Reisenden aus hoher See das Treiben der Welt fern, ja ganz fern geblieben, es hat aufgehört, für ihn zu existieren, und ist zum flüchtig entschwindenden Traume geworden. Die Welt mit ihrer Geschäftigkeit, ihrem Ehrgeiz, ihrem Reichtum und Unglück, ihrer Sreude und ihrem Schmerze, ist verschwunden, Ruhe, tiefe Ruhe, an ihre Stelle getreten. Die auf anderen Schiffen und Meeren einen Teil der Zeit ausfüllenden Spiele, wetten, Deckpromenaden fallen in dieser Zone größtenteils weg, die Sitze ist allzu groß. Bequem hingestreckt liegen die Menschen auf ihren langen Stühlen, sie lesen, plaudern, schlummern oder starren taten- und wunschlos in das blaue Wasser. Schreiben gehört zu den großen Entschlüssen. Leider wurde er mir dadurch erleichtert, daß ich keinen langen Rohrstuhl besaß, und mich deshalb ganz gerne des öfteren in den verödeten Speisesaal unter die wehende punka begab, um an meinen Reise-Erinnerungen zu schreiben. Ja, um unsere in Lolombo gekauften, glücklicherweise nicht bezahlten Schiffsstühle waren wir durch die verfrühte Abfahrt der „Sachsen" gekommen, der mürrische Steward hatte keine mehr zu vermieten, und so hingen wir von dem guten willen unserer Mitreisenden ab, d. h. wir durften uns in ihre Stühle legen, wenn sie dieselben gerade nicht benutzten. Die „Sachsen" war sehr angefüllt mit Passagieren aller Nationen. Globetrotters, Offiziere, Beamte, Kaufleute, die über den Sommer auf Urlaub nach der alten Seimat reisten oder dem Osten ganz den Rücken wandten, - Vater und Mütter, die ihre Minder zur Erziehung nach Europa brachten, eine englische Witwe mit der Leiche ihres Mannes, der fern in Ehina gestorben, daraus bestanden ungefähr die Elemente unserer Reisegesellschaft. Die Kinderwelt war in Sülle und Sülle vertreten. Meist wurden die Kleinen von ihren japanischen und chinesischen Kinderfrauen, den geduldigsten, freundlichsten, nachsichtigsten Pflegerinnen, die ich jemals gesehen, begleitet. Mit einer alten chinesischen Amah, die ganz leidlich Englisch sprach, habe ich mich zuweilen unterhalten. Ihre Geduld und gute Laune schienen ebenso unerschöpflich, wie die Bosheit und Unart ihrer Pflegebefohlenen. Als ich sie einst ihrer schweren Ausgabe wegen bedauerte, zwinkerte sie bedeutsam mit den Äuglein, machte die bezeichnende Bewegung des Geldzählens und meinte schmunzelnd: «None^ brin§s muck mone^!» Jedenfalls ist sie weniger bedauernswert, als jene arme, junge Läurin aus den Sabiner-Bergen, die ich aus dem „wuchang" zwischen Shanghai und TaKu getroffen. Sie begleitete als Amme die Srau und Kinder des spanischen Gesandten nach Peking, weinend erzählte sie mir ihre einfach tragische Geschichte: „Ich habe daheim ernen guten Mann und Beppo, meinen zweijährigen Jungen, vor drei Monaten schenkte uns der Simmel ein kleines Mädchen, das er aber gleich wieder zu sich nahm. und da wir sehr arm sind. ging ich als Amme nach Rom zu der Exzellenz« und meinem süßen, schönen Jungen — dabei drückte sie zärtlich ihren schwarzäugigen. spanischen Pflegling an die Brust. „Nach einigen Monaten", erzählte sie / / Ä 8>»i» * H . r-,-x-- >.-y > Absteigen von Ramcl. (S. ö7Z.) LNFML^- ^ .... Meeresfahrt. S6S weiter, „hieß es. Lxzellenza reise mit den Mildern zu ihrem Gemahl, und ich müsse natürlich des Meinen wegen mit." Zeit war keine mehr, meinenDrun- cesLo zu besuchen, ja nicht einmal, ihm durch einen scrivnno pubblioo (öffentlichen Schreiber) einenBrief schreiben zu lassen, wir kamen noch denselben Tag auf ein großes Schiff, und als wir einige Tage gefahren und ich immer nur Wasser um mich sah, wurde mir sehr angst. Ich fragte, ob wir noch nicht bald am Ziele seien, und da lachten die Leute und sagten „nein, noch lange nicht". Jetzt fahren wir seit 46 Tagen, und übermorgen sollen wir in China sein. Ach Gott, was werden wohl Druncesoo und Beppo und die beiden Ziegen dazu sagen? was tun sie ohne mich? Ach, ich werde sie niemals wiedersehen, niemals den langen Weg nach Lause finden!" und herzzerbrechend schluchzte Marietta. Unterdessen saß ihre Lernn apathisch und übelgelaunt mit einem französischen Romane auf Deck. Mariettas Gram schien sie wenig zu rühren. „Ich werde die dumme Person nach Italien zurückschicken, sobald ich sie nicht mehr brauche." Dann begann sie, ihr eigenes hartes Schicksal zu beweinen, das sie nötigte, ihrem Manne an solch einen schrecklichen Ort wie Peking zu folgen. Über ihren Empfang hatte sie sich wahrlich nicht zu beklagen. Schon an der Barre vor Taku erwartete sie ihr Gemahl mit einer Sreamluuuck, und selten habe ich einen glückseligeren Menschen gesehen. Besonders die Mnder konnte er nicht mehr aus den Armen lassen, nicht müde werden, seinen ihm noch ganz fremden Jüngsten zu bewundern. Lr durfte wohl stolz sein auf das prachtskerlchen und auch auf seine Älteste, die zehnjährige Carmen. Mit ihrem Rosaschleifchen im Laare schien sie dem reizenden Murillobilde entstiegen, das die kleine Maria als Schülerin ihrer Mutter, der heiligen Anna, darstellt. Das Bild ist Besitz der berühmten pradosammlung in Madrid und wohl eines der lieblichsten des großen Meisters, wie menschlich naiv ist die kleine Mutter- Gottes als wohl erzogenes Töchterchen aus gutem Lause dargestellt! Aufmerksam sind die ernsten, schwarzen Augen auf die lehrende Mutter gerichtet, während der Zeigefinger der rechten Land die eben buchstabierte Stelle fest hält. Zwei mit einem Rosenkränze niederschwebende Cngelchen deuten auf die hohe Mission, die der kleinen Maid als künftiger Gottesmutter bevorsteht. Doch ich habe meine Gedanken weit von der „Sachsen" abgelenkt, gehört es doch zu den Privilegien des äoloe tar uieute an Bord, Muße zu haben, sich in die Aden. 666 Reise einer Zchweizerin um die ll)elt. Vergangenheit zu versenken. Die Gegenwart brachte ja nur als wichtigste Ereignisse da und dort eine Schar spielender Delphine und einen Zug fliegender Sische. Nicht einmal einem Dampfer find wir bis Aden begegnet. Abends war's immer wieder der strahlende Ster- nenhimmel der Tropen, der meine Bewunderung erregte und zugleich mein Bedauern, so gar nichts von Astronomie zu verstehen. Zch kannte nur zu meiner Linken das Kreuz des Südens, das sich, je länger wir gen lvesten fuhren, desto mehr neigte, während zur Rechten des Schiffes das Siebengestirn des Nordens, die Plepaden, immer höher emporstieg. Und hatte ich lange hinaufgeblickt zum Himmel, dann schaute ich hinunter in das funkelnde Kielwasser, wo Millionen Sterne blitzten. Lin Meeresleuchten, wie damals auf der Sahrt nach Rangun, habe ich freilich niemals wieder gesehen. Des Abends entwickelte sich auch am meisten Geselligkeit auf der „Sachsen": da pflegte man sich gruppenweise zusammenzusetzen, oder spazierte auf und ab, was die Hitze tagsüber nicht gestattete. Mit der Tischnachbarschaft hatten wir es gut getroffen. Uns gegenüber saszen der bekannte Reiseschriftsteller Hesse-lvartegg und seine liebenswürdige Gemahlin, die berühmte Sängerin Minnie Hank. Da fehlte es nicht an interessanter Unterhaltung. Herr von Hesse-lvartegg hatte während einiger Monate Zndien bereist, auch er war noch unter dem Lindrucke all des Unangenehmen, das der Reisende dort in Kauf nehmen mutz. Den siebenten Tag landete die „Sachsen" in Aden, wo ein mehrstündiger Aufenthalt zur Einnahme von Kohlen dienen sollte. Lin fast kreisrunder, erloschener Krater, dessen wildzerrissene Selswände einem Vorgebirge gleich in das Meer sich hinauserstrecken, bildet mit dem arabischen User eine weite Bucht, in der sich die größten Schiffe bergen können. Langsam lenkten wir dort ein. Gräber sind die ersten Gegenstände, die sich am dürren Strande zeigen, dann eine Kapelle und eine Gruppe weißgetünchter Häuser, nach den Ausschriften Gasthöse und Dampferagenturen. Beim Anblick dieser Ansiedlung mitten in einer trostlosen Dürre ruft unwillkürlich jeder: Gottlob mutz ich hier nicht leben! Das ist Aden aus den ersten Anblick. Mchts verrät den politisch hochwichtigen Punkt. der. von England beherrscht, zugleich den Handel mit Gst-Dndien, der ganzen arabischen Halbinsel und Gst-Afrika übermittelt. lvir gehörten zu den wenigen Passagieren der „Sachsen", die ans Land fuhren. Aden: Ausblick von den Zisternen auf die Araberstadt. _77—^ > > sM I > L-.S > rs » , in»?«, Sues. (^>. 669.) WDMÄ 66S Reise einer Schweizerin um die Welt. Zum erstenmal auf unserer Reise erfolgte die Bootfahrt nach festem Tarif, d. h. die Schiffsleute wurden polizeilich kontrolliert, und auch bei der darauffolgenden Wagenfahrt war gesorgt, daß die Rutscher nicht überforderten. In der wüste. Hinter den mit Befestigungsmauern gekrönten wilden Leisen gibt es ein zweites Aden. Verloren in den Selten eines braungelben Gebirges in einem von starren lösten umgebenen ^esseltale liegt die regelmäßig ausgeführte neue Stadt und die Garnison. Steil in die Höhe fahrend waren wir allmählich zu einer engen Lelsschlucht oder besser gesagt Spalte gelangt, so eng, daß man sich wenige Schritte davor frägt, ob ein wagen hier durchkommt. Dann schaut man auf die weite Araberstadt mit ihren kleinen einstöckigen Käufern hinab, gelangt weiter zu einem Kamellagerungsplah und endet schließlich die Lahrt bei den am Kraters Rand gelegenen wunderbaren Tanks. Ls heißt, sie stammten schon aus dem VII. Jahrhundert n. Lhr., und ihre Gesamtzahl betrage fünfzig. Die merkwürdigsten und größten liegen auf der Nordwestseite der Stadt, und drei davon sind volle 24 Meter weit und entsprechend tief. Sie sind aus dem Sels selber gehauen und mit schönem Gipsmörtel sorgfältig verkleidet. Noch erblickt man die Reste eines großen Aquädukts, der einst diesen Zisternen das Wasser von hoch oben zuführte. Im Jahre 18Z6 begannen die Engländer, diese bewunderungswürdigen Wasserwerke wieder herzustellen. Bis jetzt sind dreizehn in stand gesetzt, die zusammen 340,000 Hektoliter Wasser halten können. Im Westen zwar stürzt die Bergkette so jäh ab, daß der Regen sofort ins Meer abläuft. Im Osten dagegen ist der Absturz von einem Tafellande unterbrochen, das sich zwischen dem Gipfel und der See windet. Die Lelsspalten, die dieses Plateau durchschneiden, laufen nur in einem Tale zusammen, und so genügt eine sehr geringe Regenmenge, um einen ordentlichen Strom hinunter zu senden. Dieses Wasser wird in den zu diesem Zweck erbauten Zisternen zurückbehalten,,die so konstruiert sind, daß der Überfluß der oberen jeweilen in die unteren abfließt. Regen freilich muß sein, und der fehlt, wie's scheint, seit mehreren -Jahren schon gänzlich in Aden. Als wir die Stufen hinaufkletterten und in die Reservoirs hinunterschauten, starrten sie in trostloser Seere, und auf den hie und da angebrachten terrassenartigen Vorsprängen, die noch Spuren von pflanzenanlagen zeigten, vegetierte nur da und dort ein besonder- genügsamer oder lebensfreudiger Strauch h. Unsere „Sachsen" fanden wir von einer ganzen Llottille umringt, und ein lebhafter Händel blühte zwischen Reisenden und Eingeborenen. In kleinen Zähnen lagen alle möglichen Geweihe. Straußenfedern und -boas, Lelle, Muscheln u. s. w.. und zwischen Große F.ondenflerungshäuser. in denen das Meereswasser destilliert wird, versorgen zu ziemlich yohem pre-ge die Bewohner Adens mit Trink-, Loch-, wasch- und Dadewasser. llleeresfahrt. all dieser Herrlichkeit priesen Juden mit langen Schmachtlocken und langem Haftan, leibhaftige polnische Itzig und Ieiteles ins Arabische übertragen, laut ihre Ivare an. Dazwischen brüllten nackte Somali-Bengels: «lläuve s. clive! o z^es, Ist us lluvs u clivs! Aooü bo^, gooä bo^.» Slog dann eine Münze hinunter, so tauchten zwei oder drei schlanke, dunkle Gestalten in die blaue Tiefe und brachten unfehlbar das Geldstück hinaus. Im schmalen Uachbarsboot wurde unterdessen von ebenso leichtgekleideten Kollegen ein wahrer lvildentanz ausgeführt, wobei man kaum wußte, was mehr bewundern, die Gelenkigkeit der Tänzer oder die Heftigkeit des anscheinend so schwachen Bootes. Unterdessen hatten wir genügend Hohlen, und nachdem im letzten Augenblicke noch einige Einkäufe zur gegenseitigen Befriedigung abgeschlossen wurden, wandten wir dem dürren, heißen Aden den Rücken. Uachts fuhren wir durch Bab el-Mandeb, das Tor der Trauer oder der Tränen, warum die 26 Hilometer breite Meerenge, die zwischen Arabien und Afrika liegt und den Golf von Aden mit dem Roten Meere verbindet, so heißt, weiß ich nicht. Den folgenden Morgen erwachte ich im Roten Meer. Auch hier keine Bewegung! Der mächtige Vordersteven unserer „Sachsen" zog mit leisem Hnistern, wie demjenigen rauschender Seide, eine milchweiße Lurche in die blaue Slut, während die wirbelnde Bewegung der Schraube im Hielwasser einen weißen, duftigen Schaum emporkräuselte, der gleich einer langen, weißen Gazefchleppe hinter dem Schiff herzog. Und die Katze, die vielgefürchtete, berüchtigte des Roten Meeres, wo blieb sie? Das Thermometer zeigte zwar noch 26 Grad Celsius, allein verweichlicht durch die Temperatur der Tropen, froren wir. froren immer mehr, je mehr wir uns Suez, richtiger geschrieben SuLs, näherten. Die weißen Hleider und weißen Schuhe verschwanden nach und nach, die punka wurde in Ruhestand verseht und der Gepäckraum nachmittags stark besucht. Jeder und jede stöberten im Hoffer nach warmen Sachen herum, und bald bekam das Schiff einen nordisch nüchternen Anstrich. Am zwölften Tage unserer Seefahrt landeten wir in SuSs. Die Sonne stand im Begriffe, unterzugehen. Über die dunkeln, wilden Massen des Ataka-Gebirges hatte sich ein farbiger Schimmer gelegt, als ob das graue Gestein in Amethysten und Rubinen sich verwandeln wollte, und bald grün. bald opalfarben schimmerte das Meer. Aden: Felsspalte. 670 Reise einer Schweizerin um die Welt. Shelleys schöne Schilderung eines Sonnenunterganges kam nur m den Smn: „wo jetzt die Sonn' in ihrem Niedergänge Noch einmal zögernd weilt, eh' sie sich völlig Dem Auge birgt in seiner Berge Satten, Da wächst die Glut und wird geschmolzenes Gold. Und dann aus dem Gemisch von Erd' und Meer Aus einem einz'gen großen Seuersee, Dess' Slammenwogen um die Sonne fluten. Erheben sich die Berge Purpurfarben, vom Licht, das aus dem allertiefsten Kern Der dunstumflorten Sonnenscheibe strahlt Und alle Gipfel des Gebirgs durchleuchtet." wie immer, nahm die Landung gehörige Zeit in Anspruch, und da es dabei spät geworden, beschlossen wir, hier zu übernachten, den folgenden Tag einen Ausflug nach Ain Musa zu unternehmen und erst abends nach Kairo zu reisen. Ein kurzer Aufenthalt daselbst sollte uns den Übergang vom Grient in den Gccident erleichtern. Es ist mir dabei klar geworden, daß Kairo, eine Stadt, die in Europa mit deni Begriffe des Gstens identisch zu sein scheint, es für den aus den Tropen kommenden kaum mehr ist. Sarbige Menschenkinder, Bakshish-Geschrei und Staub sollten wir ja auch in Ägypten finden, aber es fehlt der märchenhaft schimmernde Hintergrund, den unsere Phantasie von Kindheit an dem fernen Gsten zu geben liebte. Ls fehlt die mächtige Schaffensfreudigkeit der Natur, die in den Tropen Blüten, Srüchte und Bäume in Lülle und Sülle bietet, deren herrliche Sormen wir bis jetzt nur durch Bücher kennen gelernt. Es fehlt das „Gruseln" des nahen Dschungels mit seinen giftigen Schlangen, wilden Tigern und Elefanten, blutdürstigen Panthern und Bären. Ls fehlen die lustigen Affen, die langgeschwänzten Papageien, die Lisvögel, ja sogar meine Sreunde, die Krähen und Geckos. wir brachten also die Uacht in SuSs zu. Der vormals elende arabische Stecken hatte zur Zeit der Erbauung des SuSs-Kanales einen großen Aufschwung genommen und ihn in eine Stadt von 1Z.000 Einwohnern verwandelt. Nach Vollendung des Kanales ging SuSs wieder sehr zurück, da es auch den bedeutenden Lasenanlagen nicht gelungen war, den Lande! hierher zu ziehen, viele Läufer stehen leer und sind dem verfall preisgegeben. Lausbesther soll man gegenwärtig in SuLs schon um geringes Geld werden können. In der Srühe des folgenden Morgens mieteten wir eine Seluke (ägyptisches Boot) und einige Eselstreiber mit ihren leider sehr zerschlagenen, vom Satteldruck wunden Eseln. Unser Siel sollte Ain Musa, die Mosesquelle, sein. eine auf der Lalbinsel Sinai liegende Gase. wir hatten sie den Abend vorher vom Schiffe aus gesehen. Mitten in der starren wüste im frischen Grün ihrer Palmen, war sie mir mehr als eine Luftspiegelung denn als Wirklichkeit erschienen. Bis vor kurzer Seit glaubte man. hier das „Schilfmeer" suchen zu müssen, durch das die von Pharao verfolgten Duden einst gezogen sind, und in der größten Guelle Am Musas jenes bittere Wasser, welches das Volk Dsrael Mara nannte, bevor Moses auf Befehl des Lerrn einen Baum hineinlegte, wodurch es süß ward. (2. Moses 1S.) 672 Reise einer Schweizerin um die Welt. Zwischen der Stadt und der ungefähr 20 Lektüren messenden Hafenmsel, die durch aus dem Kanal gebaggerte Lrdmassen gebildet worden ist, fuhr unsere Seluke bis zum großen Kanal, auf dem sie sich in nördlicher Richtung eine Strecke weit bewegte. Leicht war die Landung nicht. Die Ebbe hatte begonnen, für die Seluke war da- KDasser zu seicht geworden, für uns zum Gehen zu tief. Ohne weiteres lud mich ein stämmiger Araber aus seine Schultern und trug mich aus Land. Unsere armen Esel wurden mit prügeln und Geschrei aus der Seluke geworfen und mußten zusehen, wie sie das Ufer erreichten. Bald saßen wir auf dem'Rücken der Grautiere, und unter lauten: Ah, Ah-Geschrei der Esels jungen trabten wir durch den tiefen, seinen, goldgelben Wüstensand. Wie er leuchtete! Große und kleine, kristallartige Schieferstücke flimmerten gleich kostbaren Brillanten darin. Dem tiefblauen Roten Meere entlang ritten wir durch die Wüste denselben Weg, den einst die Kinder Israel gewandert, nachdem sie Ägypten verlassen. Auch vor uns schwebte eine Wolke rosig und leicht, und einsam zog sie dahin auf dem focht wunderbar blauen Himmel. Könnte ich diese Farbenpracht nur beschreiben, ihren Anblick allen denen, die mir lieb sind, zu teil werden lassen! Ein Maler würde hier entzückt und zugleich verzweifelt sein, denn kein Pinsel, so wenig wie Worte, könnte diese Herrlichkeit malen. Immer wieder blickte ich auf die violett-rosigen Berge des Djebel el Räha, Ausläufer des Sinai, die sich zu meiner Linken erheben, während sich zur Rechten die heute früh lichtblau schimmernden, sich gegen unten dunkler abtönenden Ataka-Berge schroff ins dunkelblaue Meer senken. Große, graubraune Lidechsen huschten hie und da hurtig über den Weg, da und dort prägte sich die zierliche Sußspur einer Antilope im Sand ab, sonst deutete nichts auf lebende Geschöpfe. Allmählich führte der Weg abwärts. In der Serne winkten die Palmen Am Musas. Auf unsere armen Esel wirkte der Anblick offenbar belebend, sie verfielen in raschere Gangart. Sreuten sie sich wohl wie ich, wieder unter Palmen wandeln Zu dürfen, oder begeisterte sie der Gedanke, aller Last ledig, sich im kühlen Schatten im Sande wälzen zu können? Die Hoffnung auf Lressen ist's nicht, denn auf keinem Ausfluge habe ich einen Esel mit etwas anderem als Prügel füttern gesehen. Ein zweistündiger Ritt hatte uns nach Am Musa gebracht. Palmen und Tamarisken, Kaktushecken und sorgfältig gepflegte Gemüsegärten stehen auf dieser einen Kilo- meter großen Gase. Richt mehr die schlanken, leicht gefiederten Kokospalmen der Tropen sind's, sondern die untersetzten, steifen Dattelpalmen, die Kinder einer gemäßigteren Zone. Einige Araber haben sich ihre Lehmhütten hier erbaut, und eine Art Schuppen ist da, der sich rasch zum Speisesaal verwandeln läßt. Ein wackliges Brett dient als Tafel, eine mit Strohmatten bedeckte, aus Lehm geformte Bank bildet unseren Diwan. Aus den Eselsjungen sind flinke Kellner geworden, die uns mit vreler würde das aus SuSs mitgebrachte, aus kaltem Äeisch, Eiern und Brot bestehende Mahl vorlegen. Unser Getränk wird aus dem etwas brakig-salzig schmeckenden Mosesquell geschöpft. Zahlreiche Klienten in Gestalt hungriger Araber, medücher Kmder und elender Hunde umringen uns. Sie schauen so gierig auf jeden Listen, den wrr in den Mund schieben, daß wir ihnen gerne den Löwenanteil überlassen und auch den Grautieren noch die letzten Brotbrocken spenden. Reisende Beduinen-Frau. (S. S7Z.) llleeresfahrt. 6?Z Etwa fünf Minuten von unserem Rastplatze steht auf einem Hügel eine einsame Palme. Der zu ihren Lüsten sprudelnden Guelle verdankt sie ihr Dasein. Lange saß ich unter dem schönen Baume und beobachtete eine vom Sinai herkommende Karawane. Voran ritt ein dunkelfarbiger Beduine. Tiefschwarze Augen blitzten aus einem charakteristischen Gesichte. Den stahlharten Körper umhüllte die weist und braun gestreifte „Abape", ein lang Herunterwallendes wohl zwei bis drei Meter wertes Gewand. Dm winde flatterte die buntgestreifte, seidene, sransenbesetzte „Meffije". Sie schützt ö^opf und '2L X ^ s Gase Ani Musa. Nacken vor heißen Sonnenstrahlen und wird auf dem Dopfe mit einer dicken, gedrehten, wollenen oder härenen Schnur befestigt. Neben ihm ritt sein Sohn und Erbe. Gar possierlich nahm sich das dreijährige Männlein aus seinem riesigen Reittiere aus. Sorglich war der Sattel rundum erhöht und mit Decken umhüllt, so daß das Bübchen in einem weichen Vogelneste zu sitzen schient Ein glückselig, wichtiger Ausdruck lag auf dem niedlichen Gesichte, und fest hielt das winzige Händchen die Zügel. Den beiden folgten Diener und Gepäck. Auch einige Händler hatten sich ihnen angeschlossen. An der Guelle wurde Halt gemacht. Auf den Ruf ihrer Herren knieten die Kamele willig nieder, und nachdem diese heruntergeglitten und sich am Guell erlabt, schlürften auch die geduldigen Tiere der wüste in durstigen Zügen das anscheinend lang entbehrte Wasser. Den Rückweg wünschten wir zur See zurückzulegen, immerhin war es erforder- 614 Reise einer Schweizerin um die Welt. Ein kleiner Reitersmann. lich, die ersten drei bis vier Kilometer zu reiten, wir hatten unsere Lsel unmittelbar ans Meer gelenkt. Muscheln aller Größen, Lärmen und Sarben und weiße Korallen- zweige lagen in buntem Durcheinander am Strande. Diesem Anblick konnte ich nicht widerstehen. Sehr bald schon stieg ich vom Lsel und sammelte Muscheln. Unbarmherzig brannte die Sonne, mühsam watete der Suß im stellenweise tiefen Sand, meuchlings nahende Wellen durchnäßten mich zu verschiedenen Malen. Einerlei, im Eifer des Suchens prallte das alles wirkungslos an mir ab. Schwer hingen meine Taschen hinunter, der Sonnenschirm barg schon eine ganze Sammlung Krabbenscheren und Tintenfischüberreste, und sandig und naß und mit Muscheln angefüllt, baumelte das Taschentuch am Gürtel, wahrhaftig noch jetzt sahen meine Augen nicht genug, Lsel und Sichrer wurden mit den Gaben der Thetis beladen, und ein wahrer Muschelberg häufte sich in unserer Seluke, die wir nach ständiger Wanderung vorfanden. Natürlich konnte ich nur den kleinsten Teil meiner Schätze behalten, hätten sie sonst doch einen ganzen Koffer angefüllt. Nachdem Menschen, Vieh und Muscheln glücklich verladen, begann das Segeln, oder sollte vielmehr beginnen. Auf der Suche nach einer günstigen Brise kreuzten wir hin und her und kamen nur in langsamstein Tempo vorwärts. Aber wie schön glitt sich's auf der ultramarinblauen Stäche dahin! Unwillkürlich tauchte ich meine lsand ins Wasser, prüfend, ob sie sich blau färbe, allein rotbraun, sonnenverbrannt wie vorher, zog ich sie heraus und zudem sehr salzig und klebrig. Das Rote Meer hat keinen Süßwasserzufluß, ist wohl deshalb besonders salzreich. Seinen anscheinend so unpassenden Namen erhielt es schon im Altertum wegen einer durch kleine pflanzen- tiere zeit- und stellenweise hervorgebrachten rötlichen Särbung. Unsere Lselsjungen sind offenbar unerfahrene Schiffer, plötzlich gab's einen Ruck, wir waren bei Port Ibrahim an einem Selsen aufgefahren und schienen für alle Lwigkeit dort festsitzen zu müssen. Unter großem Geschrei versuchten die Schiffer vorerst das gewaltige Segel zu reffen. Die Lsel wurden dabei unruhig, singen an zu beißen und auszuschlagen, so daß die Lage kritisch zu werden drohte, wir stießen und schoben mit Rudern und Stangen nach Kräften mit und waren endlich wieder flott. Unsere Ausschiffung ging diesmal in Port Ibrahim mit derselben Umständlichkeit wie am Morgen von statten, d. h. die Araber trugen uns auf dem Rücken ans Land. Einige Stunden später saßen wir im Uachtzug. der uns in der Srühe nach Kairo, arabisch Masr-el-Kahira, oder poetisch umschrieben „dem Diamantknopf am Griffe des Delta-Sächers" bringen sollte. Hcnro. 67S Capitel 46. Kairo. Auf der Mufti. Sais. Sakka. Fellachinnen. verschiedene Turbane. Khnn-el-LhaM. Naufsverhandlungen in den Lazarett. Ein Lochzeitszng. Der Mueddin. Das Gebet der Mohammedaner. Lab-en-Nasr. Burckhardts Grab. Die Rhalifen-Gräbev. Der Mokattam. Sonnenuntergang. Mls wir um die neunte Vormittagsstunde aus dem reizenden Garten des Hütet ciu Ml traten, pulsierte schon volles Leben aus der Muski, der Hauptverkehrsader Kairos. Laum vermag die enge. alte Straße die Utenschen- menge zu fassen, die von früh bis spät auf- und niederwogt. wunderbar erscheint es geradezu, daß die elektrische Trambahn, die unzähligen wagen und die durch das Gedränge wuchtig ein- herschreitenden Kamele nicht täglich ihre Gpser fordern. Und dabei das sinnverwirrende Geschrei der Händler, Rutscher, Esels- und Lamel- treiber, der Bettler, Wasserträger und Sais. Betrachten wir uns zunächst diese, die poetischsten Gestalten im bunten Straßenleben Lairos. Bald werden sie ein Ding der Vergangenheit sein, denn immer mehr weichen sie der allmählich auch im Pharaonenlande die Herrschaft erlangenden elektrischen Trambahn. Sais werden jene schlanken Jünglinge genannt, die mit langem Stäbe in der Hand leichtbeflügelten Schrittes vor den wagen der Reichen einherlaufen. Um ihren Leib schlingt sich eine breite, bunte, seidene Schärpe, den geschmeidigen Oberkörper Straßenbild. 676 Reise einer Schweizerin um die Welt. umspannt ein mit Gold reich besticktes, lichtblaues oder rosa Jäckchen, während die kurzen, weiten Losen und die sehr langen Ärmel in makellosester Weiße erglänzen. Gleich großen, zurückgelegten Äugeln erscheinen letztere beim Lause. Jedesmal, wenn ich einen Sais sah, mußte ich unwillkürlich an den beflügelten Götterboten Hermes denken, aber nicht wie jener erscheint der Sais als ein Geleiter der Toten, nein, er ist ein Sreund der Lebendigen. Sein Stab und Wort schützen und warnen die Iußgänger, und leise schiebt seine geübte Land die vielen armen Blinden beiseite, fort aus dem Bereiche der pferdehuse und der rollenden Räder. Als ein dunkler, „erdgeborener" Kontrast zum Sais erscheint der Sakka oder Wasserträger. Gebückt unter der Last eines schweren Schlauches, dessen Behaarung und Sorm deutlich die einstige Ziege verraten, klappert er, in ein braunes Gewand gehüllt, mit seinen blanken, messingenen Trinkschalen und ladet mit dem Rufe mS^s (Wasser) die vorübergehenden zum Trinken ein. Auch jetzt noch, ungeachtet der Wasserleitung, die alle Läufer der Stadt versorgt, ist der Sakka eine der populärsten Gestalten im Straßenleben Kairos. Sein wohl um eine Stufe höher stehender Kollege ist der sogenannte Lemali, der einem Derwischorden angehört. In einem schöngeformten, metallenen oder tönernen Kruge bietet er mit Grangenblüten oder Süßholzsaft versüßtes Wasser feil. was sind das für dunkle, hohe Srauengestalten, die, durch die bunte Menge schreitend, zuweilen dem Sremden eine schmale Land bittend entgegenhalten? Die SellachenfrauenI hüllen sich in ein langes, schwarzes oder dunkelblaues, hemdartiges Gewand und in ein Kopftuch. Lin langer, oft bis an die Süße reichender Kreppstreifen läßt vom Gesichte nichts erblicken als die Augen, denen vermittelst Särbung der Augenränder noch mehr Glanz und Größe verliehen wird. Der Burko, wie dieser Schleier heißt, wird durch eine auf der Stirne liegende Metallröhre, durch die sich Schnüre ziehen, festgehalten. Arme, Süße und Ghren sind mit silbernen oder kupfernen Ringen geschmückt. Die Nägel der Singer und Zehen werden mit Lenna gelbrot gefärbt. Je düsterer die Kleidung der Srauen aus dem Volke, um so farbenfroher die Turbane und roten Sez oder Tarbusch der Männerwelt! Mit welcher Kunstfertigkeit die Curbane oft mitten auf der Straße in allem Gehen gewunden werden, hatte ich oft Gelegenheit zu bewundern. Sicherlich braucht es Übung dazu, den Turban vor- schriftsgemäß zu wickeln. Soll er doch sieben Kopfeslängen, also Manneslänge haben, damit er dereinst dem Gläubigen als Bahrtuch diene und ihn schon bei Lebzeiten mit dem Gedanken des Todes vertraut mache. Ursprünglich trugen die „Scherifs" oder Uachkommen des Propheten ausschließlich die Sarbe Mohammeds, den grünen Turban. Jetzt haben sich aber die Mekka-Pilger das „Grün" auch erkoren und daher die Scherifs zum weißen Turban gegriffen. Der Mlama oder Geistliche und der Gelehrte zeichnet sich durch einen besonders breitgeschlungenen, hellfarbigen Turban aus. Allmählich hatten wir uns durch die dichte, schreiende, aber keinesweg bösartige Menge zum Khün-el-Khalil gedrängt. Khan heißen größere Lagerhäuser, und mehrere Khans zusammen bilden ein besonderes Stadtviertel. KhLn Khalil, einst der Mittel- ') Unter Sellachen versteht man die Bauern, also den Kern des ägyptischen Volkes. ^ /i ^ KZ ' ^ ^-K^v V' ^.A- L ^ r.- MML-' ^ ' >> SA»? .- ' , . --/- ^ ^ ' ' - - ^ ' 4 W Ä^d'- ^ -- ?7-- - - '.. -7- 7 V " ^Ä^^'^'- - - 7 " , -- / , - - .- 7', ,7 . -- .' -7 '- -- ' W'EA^ ^ ' ^7- ^/-7 WM7^ ' 7 - / ' '- - - 77--^-7^ ' ' ^ '7 ,/'''. ^ ^ - 7 - ^ - -,-' . 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Sällt ein Sonnenstrahl zwischen den Strohmatten, die den Los überdecken, hinein, so spielt er mit den tiefroten und sattblauen Sarben der samtartigen Bochara-Ge- webe. Dom Man Lhalil und seiner Hauptstraße strahlen alle möglichen Nebengäßchen aus. Mit dem Namen Bazar oder arabisch Sük werden sie bezeichnet. In den ungepflasterten, mit Sonnendächern bedeckten Sträßchen reiht sich Bude an Bude. Meist nur eine Breite von zwei Metern messend, bilden sie ungeachtet der Tnge des Raumes zugleich die Werkstätte wie in Indien, vor dem vorn fast offenen Laden ist ein Sitz für den Läufer angebracht, Mastaba genannt. Hier läßt ihm der Geschäftsinhaber zunächst eine Tasse Laffee durch einen Jungen bringen, dann erst nehmen die Laufsunterhandlungen ihren Anfang. IVie lange diese sich auszuspannen pflegen, kann nur der ermessen, der sie selbst durchgemacht. Geduld, Zeit und ruhig Blut gehören dazu! So wie es die Politik des Verkäufers ist, zuerst nur minderwertige Ware vorzulegen, um nach und nach zum Besten vorzuschreiten, so gehört es zur Politik des Läufers, gerade an dem, was ihm besonders in die Augen sticht, gleichgültig vorbeizusehen. niemals darf der Ländler ahnen, wie sehr man sich einen Gegenstand wünscht, sonst versechsfacht sich sofort der preis. „was kostet das?" frage ich und ziehe einen oder mehrere Artikel aus einem Laufen Decken und Stoffen hervor, die der Ländler in bunter Unordnung vor mir auf die Erde geworfen hat. Mein Mohammed, Ali, oder Abdallah, nennt einen Lellachin mit Rind. 678 Reise einer Schweizerin um die Welt. übertrieben hohen preis. «OKLIi leetir!» (zu teuer). Entrüstet hebe ich Augen und Arme zum Kümmel empor und stelle ein Gegengebot, den viertel oder fünftel des Geforderten. Geht der Händler ohne lange Überlegung darauf ein, spricht er sein taijib (gut) und packt den Gegenstand zusammen, dann weiß ich, daß ich arg hereingefallen bin. Meist aber heuchelt mein Mohammed eine heilige Entrüstung, die in den durchaus nicht ernst zu nehmenden Worten « ekuclu dulLsLtr» (nimm's umsonst) seinen Gipfelpunkt erreicht, will der Handel nicht vorwärts, so stehe ich aus und entferne mich. Einen Augenblick später fliegt der Verkäufer oder sein Abgesandter atemlos hinter mir drein, zieht mich mit Geivalt zur Mastaba zurück, und aufs neue beginnen die Verhandlungen, vom Verkäufer werden sie jetzt lebhafter, leidenschaftlicher geführt. Bei seinem Vater, bei seinem Barte und noch vielem anderen schwört er, weil ich's sei, verschenke er geradezu seine Ware, durch meine Schuld allein werde er in Zukunft als ruinierter Mann dastehen! Die verschiedentlichsten Zuschauer haben sich herangedrängt, teils als Dolmetscher und Vermittler, teils als stumme Zeugen. Alle diese Statisten verlangen nach Abschluß des Geschäftes stürmisch Bakshish. Das Abschließen eines größeren Kaufes erfordert mehrere Tage, ja Wochen, dann erst pflegt der Händler mürber zu werden, und der geduldige, kaltblütige Käufer darf endlich hoffen, einen vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben. Die Gewerbe sind straßenweise beisammen. Da wird der Sük en-NahhLsin aus einer langen Reihe Werkstätten und zugleich Kaufbuden für Kupferwaren gebildet. Aus freier Hand verzieren die Künstler mit Hammer und Meißel Messingschalen, Kaffeekannen, schön geformte, große Krüge, Teller und Ampeln. Meist sind's Arabesken, Blumenmuster, Koransprüche, groteske Tiere, die dazu verwandt werden, und schon ganz kleine Jungen beteiligen sich an der Arbeit. Mcht weit davon fesseln seine bunte Seidengewebe das Auge. Hier hat die Zunft der „Goldsticker" ihre Werkstätte errichtet. Mit unterschlagenen Leinen sitzen Meister und Gesellen auf der Mastaba und ziehen eifrig die Radel. Sie legen die aus dickem, gelbem Papier ausgeschnittenen Muster aus bunten und schwarzen Samt oder Seide und übernähen sie dann mit Goldfäden. Alle wohlgcrüche Arabiens empfangen uns in einem andern Sük. Der kleine arabische Junge, der sich als äührer an unsere Sohlen geheftet hat und uns wie ein Schatten folgt, nennt ihn den «smell-La^ur». Da werden Weihrauch, Myrrhen, Balsam, Sandelholz, Rosenöl und all die von dem Orientalen so geliebten Parfüms feilgehalten. Meist bilden hier Perser in reichen, buntseidenen Gewändern die Verkäufer. Geheimnisvoll blicken lange, mandelförmig geschnittene Augen mich Seinen Turban knüpfender Araber. Minaret der Moschee El-Azhar. (S. 681.) 680 Reise einer Schweizerin um die Welt. an, geheimnisvoll wird meine Kand erfaßt, will der Perser mein Schicksal daraus lesen? Win, ein kleiner Tropfen wohlriechendes Wasser wird sachte hineingeträufelt, der starke Geruch bleibt den ganzen Tag darin haften. Lür heute genug der Süks. Als wir aus ihrem Dämmerlicht in die Muski traten, erschien der Lärm noch betäubender, sinnverwirrender. Dumpfe paukenschläge, erst in der Lerne, dann näher und näher! Da schwanken sie einher, die grotesken, unförmlichen wüstentiere! Goldbestickte Decken, Muscheln- und perlenbehänge und bunte Gunsten überdecken den gewaltigeir Körper, so daß nur ein Stück des Kopses und vier Riesenbeine hervorschauen. Vier Kamele eröffnen den Kochzeitszug, der die Braut, eine Paschastochter, und ihre Lrauen als Anfang der Kochzeitsfeierlichkeiten zum Bade geleitet. Paukenschläger mit riesigen, kupfernen Instrumenten thronen hoch aus den äTamels- rücken. Ihnen folgen Llötenspieler, buntgekleidete Limonadenverkäufer, die dem Zuschauer heute unentgeltlich ihren süßen Trunk kredenzen, Sakkas, Tänzer und Gaukler. Dann eine Menge geschlossener wagen, aus denen die lachenden Gesichter sehr bunt geschmückter Lrauen Herausgucken. Nach der Mode von Stambul ist nur der untere Teil des Gesichtes mit dünner, weißer Gaze verschleiert. Die Braut, vollständig in einen ä^aschmir-Shawl eingewickelt, ist ganz unsichtbar, vor ihrem wagen laufen sechs in weiße Seide gekleidete Sais. Sie wird zwischen 10 bis 12 Jahre zählen, die kleine Verlobte, und ihren Bräutigam bei der Kochzeit zum erstenmal zu sehen bekommen. Durch verwandte, zumeist durch seine Mutter, wird dem Jünglinge die Braut ausgesucht. Ist die Wahl getroffen, so muß der keiratskandidat den Brautschatz, durchschnittlich 626 Lranken, bezahlen, d. h. er muß seine Lrau kaufen. Gewöhnlich werden chg der Summe, um die weidlich gehandelt wird, sogleich erlegt, während ffg für den Lall des Todes des Gatten, oder wenn er sich gegen ihren willen von ihr scheidet, für sie festgestellt wird. Die The wird durch keinen religiösen Akt geschlossen, sondern es genügt, daß Braut und Bräutigam vor Zeugen die Erklärung abgeben, sich heiraten zu wollen. Ist der Mann seiner Lrau überdrüssig geworden, so sagt er: „Du bist verstoßen", und damit ist die Scheidung ausgesprochen. wie eine bunte Maskerade eilte unterdessen der Zug an uns vorbei, und hinter ihm schloß sich die Menge. Auch wir kehrten nach wohlausgefülltem Morgen, um viele Eindrücke bereichert, ins HStel du IM zurück. Als ich nach dem Tifsin in meinem Zimmer etwas eingenickt war, weckte mich ein eigentümliches Tönen in der Luft. Der Ruf zum Gebet traf mein lauschend Ghr. Nicht durch den Mund der Glocke, sondern durch denjenigen des Mueddin dringt die Aufforderung an den Gläubigen: ^.IlLku ukbur; 1L iückn M' allak, u. s. w. „Gott Im Rupferwaren-Lazar. : :: <4i' E 7-5 1 ? ^ Kamel bei einem Lochzeilszug. (S. 6S0.) ^Lairo. 681 ist der Höchste; ich bezeuge, daß kein Gott ist, außer Gott; ich bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist; kommt zum Gebet; kommt zum Gottesdienst; Gott ist der Höchste; es ist kein Gott, außer Gott." Hoch r>om schlanken Minaret herab tönt sünsmal am Tage dieser Ruf des Mueddin, der „menschlichen Gebetsglocke", wie ich ihn einst nennen hörte. Und die Bekenner Mohammeds eilen von überall herbei zu den Moscheen, waschen sich, wie ihnen vorgeschrieben, und stellen sich barfuß, das Antlitz gen Mekka wendend, hin. Einzelne Niederwerfungen in bestimmter Reihenfolge begleiten ihre Gebete. Schlafender Esclsfunge. Aber nicht nur in den Moscheen, nein, auf der Landstraße, auf den Mastabas ihrer engen Verkaufsbuden, auf den Schiffen, in der Eisenbahn verrichten die gläubigen Mohammedaner zur vorgeschriebenen Stunde ihre Gebete. Ghne Scheu vor dem allfälligen Spotte der Mitreisenden, ziehen sie ihre Gebetsteppiche hervor und halten vor aller Augen ihre Andacht. Einen Lselsritt wollte ich schon den ersten Tag in ö^airo genießen. Gb Hassan, der hammLr, so heißt der Lselsjunge, und Bismarck, der honurr — letzteres die Benennung für Esel — das ahnten? Beide hefteten sich an meine Sohlen, als ich aus dem Hotel trat, und bald waren wir handelseinig. Mein Ziel bildeten zunächst die Khalisengräber. 682 Reise einer Schweizerin um die Welt. Illeines Befehles ungeachtet, langsam durch die sehr belebte muskri zu reiten, galoppierten Kassan und Bismarck los, und bald lag das finstere Siegestor mit seinen zwei wuchtigen, viereckigen Türmen vor mir. Bab-en-Nasr lautet sein arabischer Name. wie manche Mekka-Pilgerkarawane mag schon unter seinen gewaltigen Toren einhergeschritten sein! Jedesmal auch. wenn die müden Pilger von ihrer langen, entbehrungsreichen Reise zurückkehrten, wurden und werden sie jetzt noch von ihren Angehörigen am Bab-en-Nasr feierlich empfangen. Linst befand sich unter jenen Hadschi — so werden die Mekka-Pilger genannt — ein Fremdling, ein junger Basier Gelehrter, Johann Jakob Burckhardt. Lr gehört zu den wenigen Curopäern, vielleicht waren es im Lause des XIX. Jahrhunderts im ganzen zehn, die unter der Maske eines Muselmannes in die Lraaba und auf den heiligen Berg Arafat gelangt sind. Line Entdeckung hätte dem Europäer und Christen das Leben gekostet. Auch so noch bezahlte er sein kühnes Unternehmen mit Ibrahims (Vurckhardts) Grab. der Einbuße seiner Gesundheit. Leidend kehrte er 1814 aus Mekka und Medina nach äüairo zurück, und drei Jahre später, 1812, raffte der unerbittliche Tod den jungen, erst ZZjährigen Lorscher mitten aus seiner Arbeit und weiteren Reiseplänen hinweg. Johann Ludwig Burckhardt. der Sohn einer angesehenen Basier Lamilie, wurde m Lausanne geboren. Lr besuchte das Gymnasium in Neuenburg, später die UniversKcüen Leipzig und Göttingen. Im Jahre 1806 reiste er mit Empfehlungen an t 1 Z > lsWM ' _. .7'S7vE^< AMLSWDMW ^ ' W8KZW MMM: *>.. MsMM KL2E Rhalifen-Gräber. (S. 6SZ.) 684 Reise einer Schweizerin um die Welt. die „Gesellschaft zur Erforschung des Innern Afrikas ' nach London ab. Sie sandte den jungen Burckhardt zunächst nach Cambridge, später nach Aleppo, zur Erlernung der arabischen Sprache, llach zweijährigem Aufenthalt im Grient sprach Burckhardt das Arabische so geläufig und hatte sich so sehr die Sitten und Gebräuche des Landes angeeignet, daß er unbeanstandet unter dem Hamen Ibrabim ibn Kbclullali a1-5cbnmi nach Palmpra, Damaskus und dem Libanon reisen konnte und überall für einen arabischen Kaufmann gehalten wurde. Durch die wüste Ll-Tih und das steinige Arabien gelangte Burckhardt 1812 nach Kairo, bereiste im folgenden Jahre Kubien bis an die Grenzen von Dongola. Eine zweite Reise brachte ihn nochmals nach Nubien und über Berber nach Suakin am Roten Meere, von dort ging er über Dschidda nach Mekka, um den Islam an der Urquelle kennen zu lernen. Gb der Glaube des Propheten unserem Burckhardt wirklich zum Herzensbedürfnis geworden, ob er ihn nur zum Schein angenommen, um seine Forschungsreisen leichter vollziehen zu können, das bleibt dahingestellt. Jedenfalls genoß ltzadschi Schech Ibrahim, so wurde Burckhardt hier genannt, unter den arabischen Gelehrten den Ruf nicht nur eines strenggläubigen, sondern auch eines sehr gelehrten Muslims. Als er starb, wurde ihm auf dem mohammedanischen Sriedhof vor Bab-en-Nasr ein mohammedanisches Leichenbegängnis und ein mohammedanisches Grab zu teil. Mit dem grünen Sterbekleid angetan, Rase und Ghren mit Baumwolle verstopft und seinem Turban als Bahrtuch, so haben arabische Sreunde den Sremdling eingesargt und auf ihren Schultern hinausgetragen. Derwische, Geistliche mit Sahnen, singende Knaben und Klageweiber bildeten dabei das Leichengeleite. In den gelben Wüstensand haben sie den Loten gebettet und sein Antlitz gen Mekka gewandt. Koch ist Schech Ibrahim nicht vergessen, und lsassan, mein Eselsjunge, konnte mir sofort sein Grab zeigen, das durch die Schweizerkolonie in Ehren und Ordnung gehalten wird. Ein echt mohammedanisches Grab, ein hoher, schmuckloser Katafalk Grangen-Verkäuferin. Mohammedaner im Gebet. (S. ö81.) .. . EW '/.Ä>>! ^kairo. 68Z mit je einer Marmorsäule an beiden Enden. Aus der einen ist sein Turban gemeißelt, sein Name und der Doransspruch: „wir werden einst die Toten wieder lebendig machen, und wir schreiben nieder, was sie vorausgeschickt und was sie zurückgelassen haben, und bringen alles in ein klares Verzeichnis." Einige Schritte weiter, und die wüste hält mich in ihrem Banne, denn auch die wüste besitzt ihren Zauber, Heute besonders, wo der Kümmel sich gleich einem Saphir über ihrem unendlichen Sande wölbt, und die Luft rein und leicht, wie in meinen Bergen, mich umfächelt. Scharf zeichnen sich die eleganten Luppeln mit ihren wunderbar verschlungenen Arabesken und die stolzen, schlanken Minarets der nahen Malifen- gräber in der durchsichtigen Lust ab. Hier ruhen die ägyptischen Herrscher des XIII.—XVI. Jahrhunderts, die sogenannten Mamelucken-Sultane. Ein wild grausames, nomadisches Geschlecht, das ebenso plötzlich und blutig seinen Untergang gesunden, wie es sich des alten Thrones der Pharaonen bemächtigt hatte. Mcht wie diejenigen der alten Ägypter sind seine Gräber auf die Ewigkeit berechnet, sondern schnell und leicht erbaut, vieles liegt schon in Trümmern und wird mit der Zeit spurlos, vom Sande verweht, vollends verschwinden. Die größte Grab-Moschee ist diejenige des Sultans Barkük (1Z82—1ZZ9), mit Zwei schönen Minarets und zwei prachtvollen kuppeln. Unter der nördlichen liegt der Sultan und sein Sohn Saray, unter der südlichen sind Srauengräber, denn sogar im Tode müssen die Geschlechter getrennt sein, so erfordert es der Islam. Das eleganteste, zierlichste in der langen Reihe der Mausoleen ist dasjenige .Uait - Beys (1468 —1496). wenn sich die schöne, bronze- beschlagene Tür hinter dem Besucher geschlossen hat, sieht er sich in einem hohen Raume, in den das Licht durch buntfarbige Scheiben warm, farbig und nach dem grellen Licht des Tages doch milde flutet und wohltätig wirkt. Zu den Seiten des Sarkophages liegen ein grauer und ein roter Granitblock mit Abdrücken, die für die Fußspuren des Propheten gelten. Liait-Bey hat sie selber von Mekka zurückgebracht. Araber. 686 Reise einer Schweizerin um die Welt. Meine kuppeln überdachen und Gitterwerk hegen die beiden 5teine ein, allein meinem Hassan gelang das scheinbar Unmögliche, aller Einhegung zu Trotze, andächtig und inbrünstig die heiligen Steine zu belecken. Beim Heraustreten umringte mich die ganze Araberbevölkerung, die sich in den Trümmern der Nhalifen-Gräber allmählich angesiedelt hat. „Bakshish, shish", tönte es von allen Leiten, und wohl ein Dutzend hennagefärbter Hände streckten sich mir bittend entgegen. Als die Gesellschaft zudringlich zu werden drohte, erstand mir ein Schutz in Hassan. Nach rechts und links mit seiner peitsche Hiebe austeilend, lichtete er bald die Reihen. Eigennutz sicherlich trieben ihn zu dieser Handlungsweise, mochte er doch denken: „Je weniger Bakshish die Dame hier austeilt, um so mehr werde ich erhalten", und schmeichelnd sagte er: „Nix geben, dummes Araber. Hassan gutes Jung, Bismarck gutes Lsel. Hassan viel Bakshish geben!" Die meisten dieser Jungen radebrechen etwas Deutsch, Englisch und französisch und erraten dabei mit wunderbarem Instinkt die Nationalität der fremden. Noch war es Zeit, vor Sonnenuntergang die Höhen des Nlokattam zu erreichen, und durch Staub, Sand und Geröll ritt ich steil bergan. Um meinem braven Bis- marck das Leben nicht allzu sauer zu machen, war ich sehr bald abgestiegen. Ein Opfer, das freilich nur halb seinen Zweck erfüllte, da Hassan sofort meine Stelle einnahm und sich an meiner Statt hinauftragen ließ. Der Mokattam gehört zu dem großen Uummuliten-Kalkgebirge, das sich vom nordwestlichen Afrika über Indien bis nach Ehina erstreckt und zu den ältesten Ablagerungen der Tertiärzeit zu rechnen ist. Die Steinbrüche am Mokattam bildeten schon im Altertum das Baumaterial der Ägypter, und zu den Riesenbauten der Pyramiden diente der Kalkstein des Mokattams. Er ist mit Versteinerungen ganz durchzogen, und bald hatte ich eine Handvoll der kleinen, gelben Muscheln gefunden, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot für versteinerte Linsen, Überreste der Linsenmahlzeiten der alten Ägypter, hielt. Jede Vegetation fehlt, und doch soll einst üppiges Grün den alten Gebirgszug geschmückt haben. Line naive Legende erklärt uns den Grund dieser Veränderung: „Es war zur Zeit, wo Gott Vater dem Moses auf dem Sinai-Gebirge erscheinen wollte. Vorher aber hatte er diese Absicht den benachbarten Bergen kund getan, und da er keinem sagte, welchen Berg er zur Zusammenkunft mit seinem Auserwählten erkoren, hoffte jeder insgeheim, er werde es sein. Auch erhob sich ein jeder und breitete sich aus, um höher zu scheinen und Gott Vater dadurch mehr ins Auge zu fallen. Nur '. M ^ . . 7 ,^ .-^ ^ « > « Heimwärts. 689 Capitel 47. Heimwärts. Schskh el-Vcled. Die Mumie Ramses II. Die Grabstätten der Lönigsmnmien. Ezbekiye-Garten. Gam'ia el-Azhar. RiwZk, Professoren und Studenten. Ankunft in Bedraschen. Die Zwei Ramses-Lolofse. Totenseld von SakkLra. Mariette. Sein Laus. Apis-Grüfte. Mastaba des Ti. Lelwnn. Port-Said. Abfahrt und Leimkehr. Mas berühmte Museum ägyptischer Altertümer erhielt zunächst seinen Weltruf als lVIusee cie LüILK, dann wurde die sich immer mehr vergrößernde Sammlung in ein wenig passendes Schloß des Khediw Isma'il nach G!ze verbracht, und ist nun seit kurzem in einem eigens dazu errichteten Gebäude in Kairo selbst aufgestellt. Tage-, Wochen-, monatelang könnte man sich an dieser riesigen, eigenartigen Sammlung belehren und erfreuen. Ich will nur über zwei Gegenstände darin sprechen, über die Mumie des großen Ramses und das alte Lolz- bild des Schskh el-Beled. Letzteres, wohl die schönste, besterhaltene Arbeit des alten Reiches, zählt — wer würde ihr das ehrwürdige Alter ansehen — etwa 4400 Jahre. Ja, die alten Ägypter,sind große Künstler gewesen! Wie haben sie es verstanden, den lebhaften Ausdruck des Gesichts durch kunstvoll gearbeitete Augen zu erhöhen! Die Augenwimpern sind Bronze, der Augapfel ist weißer, undurchsichtiger Guarz, die Pupille ein durchsichtiger, farbloser Bergkristall. Lin mitten darin angebrachter dunkler Nagel verleiht dem Auge ganz merkwürdigen Glanz. Als die Lellachen den stattlichen Mann mit dem Kommandostab aus dem Totenfelde in SakkLra hervorgruben, schrien sie alle: «LokSKK el-Neleä, unser Dorfschulze», und der Name ist dem Lolzbilde geblieben. Jedenfalls war dieser Dorfschulze kein Tyrann, zu viel gutmütiges Wohlwollen spricht aus dem runden, ausdrucksvollen Gesicht, dessen Ähnlichkeit der Künstler gewiß vorzüglich getroffen hat. An dem ganzen ausgezeichnet erhaltenen Bilde mußten nur die abgebrochenen Süße mit altem Kolze erneuert werden. - G Liegender Ramses in Memphis. Stufenpyrainide in Sakknra. rieisc einer Schweizerin um die Welt, ' MWU MHU AM LE Noch einmal schritten wir durch die interessanten Gruppen. Line pause im Unterricht schien eingetreten zu sein, die Studenten schliefen oder flickten ihre Kleider, vorsichtig setzten wir unsere Süße, über die natürlich Pantoffeln gestreift worden waren, zwischen Tintenfässer, ausgestreckte Leine, halbleere Eßschüsseln und kostbare Manuskripte, und atmeten erleichtert auf, als wir ungefährdet diese hehren tdallen der Wissenschaft im Rücken hatten. Die Pyramiden von Gize, wer hat sie nicht im Bilde gesehen, wer nicht eine Beschreibung von ihnen gelesen!? Weshalb Eulen nach Athen tragen! Nein, lieber will ich meine Erinnerungen an Kairo mit der Schilderung eines Ausfluges schließen, der mich auch zu einer Pyramide brachte, einer weniger allgemein bekannten, derjenigen von SakkLra. LedraschSn heißt die Eisenbahnstation, wo wir nach kurzer Sahrt ausstiegen, um sofort Teilnehmer an einem wilden Kampfe zwischen Reisenden, Eselstreibern und Eseln zu werden. Ich kannte sie, jene Konkurrenzschlachten, welche die Eselstreiber sich liefern und in die wider Willen Touristen und Reittiere verwickelt werden. Aus der Nilreise ein tägliches Vorkommnis, das man schließlich gelassen hinnimmt, sind sie immerhin für den Neuling Gegenstand des Schreckens, wie eine losgelassene Meute aus das harmlose Wild, stürzt sich die Lande der Lselsjungen auf die nichts ahnenden Ausflügler. Jeder schiebt seinen Esel vor, jeder schreit. Stöcke, peitschen And Zuckerrohrstsngel sausen durch die Lust, blindlings wird zugeschlagen, und ent- heimwärts. 699 ivirrt man sich endlich aus dem Knäuel, so sitzt man meist auf dem Esel, den man gerade nicht haben wollte. So ging's mir heute, unter mir rutschte der Sattel, aber, halli, hallo jagte die Gesellschaft über einen langen Damm dem palmenwalde von Mit Rahme zu. Doch so weit gelangte ich vorläufig nicht, Mein Sattel drehte sich und unversehens lag ich auf dem harten Boden. Meine ganze rechte Seite wund, mein Kleid zerfetzt, mein Mut gesunken — o zu Hause wär's jetzt gut sein! was half's? Ich mußte wieder aufsitzen, und zuletzt gelangte auch ich glücklich in den palmenhain zu den beiden liegenden Ramses- Kolossen. Der eine, dessen Bild ich hier bringe, ist vor wenigen Jahren erst gefunden worden. Cr ist aus Granit und mißt ohne die daneben- liegende Krone acht Meter Länge. Die Krone ist zwei Meter lang. Aus den Schultern, Brust, Gürtel und Armband stehen die Namen des Königs Ramses II. Der andere Koloß ist schon 1820 gefunden worden, und kaum kann bezweifelt werden, daß es die beiden Standbilder sind, die der König nach seinen Siegen über die Völker des Ostens vor dem Tempel des ptah in Mem- phis errichten ließ. Hier stehen wir ja in Memphis, der alten Hauptstadt des Reiches, die Menes, der erste Herrscher Agpptens, um 3000 v. Chr. erbauen ließ. Lange blüte Memphis, noch unter Augustus war sie eine große, volkreiche Stadt. Auch nachdem die schönbehauenen Blöcke ihrer Prachtbauten auf das linke Nilufer gebracht worden waren zum Bau der neuen Khalifen- stadt Masr-el-Kühira, fand Abdullatif, der Bagdader Arzt, Ende des XII. Jahrhunderts: „daß die Sülle der Wunder von Memphis den Verstand verwirre und deren Beschreibung selbst dem beredtesten Menschen unmöglich sein würde". Und nun? Die beiden Kolosse, Schutthügel, Scherben, Ziegelreste, das ist alles! weiter führte unser weg durch das gewaltige Totenfeld von SakkLra. das sich in einer Länge von sieben Kilometer ausdehnt und eine Breite von 1Z00 Meter Arabisches Stillleben in Lairo. 700 Reise einer Schweizerin um die Welt. mißt. Mühsam wateten unsere Esel durch den tiefen Land, der sich unendlich, unabsehbar, gleich dem Gzean vor uns ausbreitete. Wie oft schon ist er hier aufgewühlt, worden bei Nachgrabungen, aber immer noch birgt er viele stille Schläfer. Der Land hat sich ihnen als freundliches Element erwiesen, hat erhalten, verborgen und eingehüllt, was ihm anvertraut wurde. Gft hat er sich auch das, was Menschenhand aufgedeckt und am Tageslicht erhalten haben wollte, wieder zurückerobert, so mächtig wie lvasser, aber treuer als dieses. Wortlos ritten wir nebeneinander her; ein Schauder hatte mich ergriffen, wie damals im Tale von BibLn-el-Mulük. Und doch schien die Sonne so hell, so warm. Auch hier Totenstille. Hie und da schaut ein weißer Knochen hervor, hie und da gähnt ein tiefer, nur halbverschütteter Grabesschacht. Der dunkle Schatten, der vor uns gespensterhast aufsteigt, ist die Stufenpyramide, das älteste Baudenkmal Ägyptens, zerbröckelt, bizarr, unschön. Immer mehr Pyramiden tauchen in der Lerne auf,, diejenigen von Abusir, Dahschür, Glze. In glühender Kitze gelangten wir dicht an der Stufenpyramide vorbei zum einfachen Wohnhause des bekannten Ägyptologen Wlariette. In dieser Weltabgeschiedenheit lebte der fleißige, unermüdliche Lorscher vier volle Jahre, während er die Leitung der Ausgrabungen in dem Totenselde von SakkLra führte. Die Lranzosen empfinden es schmerzlich, daß die Zeit ihrer Herrschaft und ihres Einflusses in Ägypten so wenig Spuren hinterlassen hat. Ein verdienst jedoch wird ihnen von den Besuchern des Landes der Pyramiden stets hoch angerechnet werden,, sie haben zuerst gegen den Raubzug, den gewissenlose Europäer und Lellachen mit den archäologischen Schätzen Ägyptens führten, gewirkt. Auf ihre Anregung hin ließ der damalige Vizekönig Said Pascha in Bulak ein Museum errichten, wo man alles hinbrachte, was beweglich war, was dagegen nicht von Grt und Stelle entfernt werden konnte, wurde sorgfältig geschützt. Seine und seines Nachfolgers IsmaSl Pascha rechte Hand dabei war der französische Gelehrte ^.u^uste Nuriette, der mit geringen Unterbrechungen von 18Z1—1881 als „General-Direktor der Pflege ägyptischer Altertümer" und Leiter des Museums von Bulak in Ägypten wirkte. Auch sein ebenso hervorragender Nachfolger Nuspero, 1881—1886, ist ein Lranzose gewesen. Mit Ehrfurcht betraten wir das einfache Haus Mariettes. Es dient jetzt den Besuchern von SakkLra als Absteigquartier. willkommen war sein Schatten nach dem heißen wüstenritt, willkommen der süße, arabische Laffee, den die freundlichen Hüter des Hauses uns brauten, und der unsere müden Geister mehr hob als die mitgebrachten mageren Hühner des Nil-Hotels. Nahe von Mariettes Heim liegen die von ihm schon 18S1 entdeckten Apisgrüfte. Apis, der heilige Stier ptahs, des ersten und ältesten Gottes Ägyptens, wurde in Memphis in einem besonderen Tempel verehrt. Starb er, so balsamierte man ihn sorgfältig gleich einem Menschen ein und sehte ihn in SakkLra, der Nekropole von Memphis. mit großem Pompe bei. Der Apis mußte schwarz sein und ein weißes Dreieck auf der Stirn tragen. Eine helle Stelle in Lorm eines Adlers auf dem Rücken und ein Auswuchs in Gestalt eines Scarabäus (Däfer) unter der Zunge wurden ebenfalls von ihm verlangt. Er ruhte im Tempel auf weichem Lager hinter- Heimwärts. 701 einem Vorhang von kostbarem Stoffe. Groß war die Zahl seiner Diener, noch viel größer diejenige seiner Verehrer, wurde ihm doch prophetische Gabe zugeschrieben. Da dem Apis die Sprache versagt war, nahm man folgendes an: Sraß er Sutter uus der Land des tragenden, so war das Grakel günstig, nahm er es nicht, so stand es schlimm mit der Angelegenheit, um die befragt worden war. Mit Sührern und Lichtern kletterten wir in die in Sels gehauenen, unterirdischen Apisgrüfte. Ein langer Gang nahm uns aus. Zu seiner Rechten und Linken sind Grabkammern, und nahezu jede enthält einen 4 Meter langen, 2,so Meter breiten und Z,so Meter hohen Granitsarkophag. Er ist glänzend poliert, schwarz oder rötlich, und besteht aus einem Block. Doch das alles sah ich erst nach und nach, war doch alles Schatten, alles un- l> z n ,kl.opm5. Straßenbild. bestimmtes, grauses Dunkel in dieser Gruft. Lie und da gab uns eine Säckel, ein Heller flackerndes Kerzenlicht einen Begriff von der Größe des Raumes. Zuweilen wurde auch etwas Magnesium verbrannt. Dann umspielte ein bläuliches Licht auf kurze Zeit die Riesensarkophage und ließ das Dunkel ringsum noch grauenvoller erscheinen. Mariette hat die meisten Sarkophage durchwühlt und ihres Inhalts beraubt gefunden, llur ein Gemach, das zur Zeit des großen Ramses vermauert worden war, entging den Räubern. Mariette erzählt über seine Auffindung: „An seiner ursprünglichen Gestalt hatten Z700 Jahre nichts zu ändern vermocht. Die Singer des Ägypters, der den letzten Stein in das Gemäuer einsetzte, waren noch auf dem Mlke erkennbar. Nackte Süße hatten ihren Eindruck aus der Sandschicht zurückgelassen, die in einer Ecke der Totenkammer lag. Nichts fehlte an dieser Stätte des Todes, an der seit beinahe 14 Jahrhunderten ein einbalsamierter Stier ruhte." 702 Reise einer 5 chweizerin um die Welt. Erleichtert atmete ich auf, als wir die dunkelschwüle Stätte der Apis-Gräber verließen, um der wastaba des Ti zuzureiten. wastaba (Bänke) nennen die Araber auch die als freistehende Guaderbauten errichteten Ulausoleen. Eine Ulastaba besteht aus einem, zuweilen mehreren Gemächern, einer Uische mit der Statue des Verstorbenen und der Grabkammer, einem tiefen Schacht, in den die Seiche versenkt wurde. Diese wastaba stammt aus der Zeit der V. Dynastie, ist also ungefähr 4Z00 Jahre alt. Auch sie ist von Mariette entdeckt und aus dem Sande gegraben worden. „Ti" war einst königlicher Gberbaumeister und Vorsteher der Pyramiden. Ich habe seine und seiner Gemahlin Bildsäulen schon im Museum gesehen, so daß ich in dem Manne des Reliesbildes auf dem Türpfosten leicht den Ti erkannte. Hier teilte man uns auch seine Titel mit, deren er nicht wenige besaß. Er war „Hammerherr des Honigs", „thronend im Herzen seines Herrn" und noch des Schönen mehr. Seine Eemahlin gehörte der königlichen Samilie an. Ti ehrte sie mit dem Litel „Hausfrau", „Geliebte ihres Gatten" und „Palme der Anmut für ihren Mann". In der Mastaba sind alle wände mit meist leicht bemaltem Relief überdeckt, ein hochinteressantes Bilderbuch aus längst vergangenen Zeiten, wir sehen Ti an Größe seine Umgebung weit überragend und dadurch schon seinen hohen Rang andeutend, inmitten seiner Samilie und seines Gesindes. Bald liegt er der Jagd, bald der Äscheret ob, bald nimmt er die Tribute seiner Dorfbewohner in Empfang. Dazwischen sehen wir Zimmerleute, Steinmetzen, Glasbläser an der Arbeit und bei der Ernte, beim Gänse- stopfen, beim Schlachten beschäftigte Sklaven. Denselben weg ritten wir zurück, doch nicht zur Eisenbahnstation, sondern an das Ufer des Nils. Nicht an den lotosbekränzten Nil meiner Träume, sondern an einen gelben, träge dahinschleichenden Sluß, an dessen Ufern sich hie und da ein ebenso mißfarben graubraunes, armseliges Sellachen-Dorf ausbreitet. Lehm bildet das Baumaterial dieser Wohnungen, die eher verfallenen Ruinen als bewohnbaren Läufern gleich sehen. Am Ml standen schwarz gekleidete Sellachinnen. Die Burkos hatten sie hier abgelegt und trugen antik geformte Tonkrüge, sogenannte Güllen, geschickt auf dem Haupte. Schlank, gerade, ja königlich stolz schritten sie unter ihrer schweren Last einher. Lange blickten wir uns vergeblich nach einer Überfahrtsgelegenheit um. Endlich nahte eine mit Lingebornen, Truthühnern, Tauben und Eseln angefüllte, altersschwache Seluke. Jedwelche Sitzgelegenheit fehlte, wir mußten uns mit unseren Jungen und Vierfüßlern dicht an die Eingebornen und ihre Tiere drängen, eine Unannehmlichkeit. die insofern ihren Vorteil hatte, daß wir so besser den Stößen und Schwankungen der Sahrt widerstand leisten konnten. Am anderen User hieß es wieder aufsitzen und durch eine wüste Sandebene nach HelwLn reiten, einem seiner reinen Luft und Schwefelquellen wegen vielbesuchten eleganten Hurorte. Übermüdet von dem vierstündigen Ritte, hatte ich für HelwLn wenig Begeisterung und Hräfte übrig und war daher herzlich froh, als mich die Ln enbahn nach kurzem Aufenthalte daselbst wieder der Hauptstadt zuführte. UUt diesem Ausfluge endete unser kurzer Besuch in Hairo. und den folgenden Tag lvaffertragende Lellachen-Weiber. (S. 702.) Heimwärts. ros. reisten wir nach Ismailia, wo wir uns einschifften, um durch einen Teil wenigstens jenes berühmten SuLs-ä^anales zu fahren, der das bis vor kurzem fehlende Bindeglied zur Umgürtung des Erdballes geworden ist. Port-Said war unsere letzte überseeische Landung. Tue ich der Ltadt unrecht, wenn ich behaupte, sie beherberge den Abschaum aller Nationen? Noch sehe ich die unverschämten, verderbten Gesichter zweier Gassenjungen vor mir. Sie bettelten uns an: «blo turker, no motber, never kuä » Nicht unfroh gingen wir bald wieder an Lord des Schisses, das sich zur Abfahrt rüstete. Bald erzitterte sein Rumpf unter dem betäubenden Nnarren der Dampfkräne, die den Anker aufhißten. Dazwischen durchdrängen die Pfiffe der Bootsleute in allen Tonarten den Lärm, und über den ääöpfen hörte ich die Matrosen mit dumpfem Geräusch barfuß über Deck laufen und die Ankertaue einziehen. Endlich der letzte pfiff. Nur der Dampf schnaubte jetzt noch in seiner Esse, und ungeduldig schaukelte - das Schiff auf den Wellen, wie ein feuriger Renner, der scharrend und stampfend das Zeichen zum Wettlauf erwartet. Ein leises Zittern, dann setzte sich der Dampfer langsam in Bewegung. Zur Linken lag der Guai von Port-Said mit seinen europäischen Bauten, Kaffeehäusern,, Gasthöfen und seiner Abenteurerbevölkerung von jeglicher äärbung und jeglicher Sprache. Zur Rechten schimmerte der halb unter Wasser stehende Ufersand in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Sinter uns hatten wir die hohe, weiße Säule des Leuchtturmes gelassen und das schmale, bläuliche, sich mit dem blauen Simmel verschmelzende Band des SuLs-Lanales. Jetzt fuhr das Schiff mit vollem Dampfe kaum noch bewegt durch die blauen Wogen des schlummernden Mittelmeeres, und leicht zur Seite abschwenkend schlug es die Richtung nach Italien ein. Drei Tage darauf landeten wir in Neapel. Nochmals zog es uns südwärts nach Sizilien, dann zur kurzen Rast auf jenen starren Sels im Meere, „Capri", den Sehnsuchtstraum aller Maler und Dichter. Mächtig wirkte wiederum aus mich der Zauber der blauen Grotte, des originellen steilen Städtchens, der reizenden Srauen- und Binder- gestalten. Auch diesmal bestieg ich den „Timberio" und feierte oben in der Lapelle, die auf den Ruinen der Tiberius-Villa steht, ein Wiedersehen mit dem lustigen, alten. Lanal von Sues. Aeise einer 5chweizerin um die Welt. M4 Eremiten. „Gibt es denn noch Menschen in Deutschland?" fragte er. Als ich ihn befremdet anschaute, meinte er: „Sie sind ja alle hier aus Capri, die Deutschen." Leim Abstieg fielen wir Larmela und noch zwei Tarantella- Tänzerinnen in die künde. Eine Tamburin schlagende Alte, ein munterer Ru- sind schnell zur stelle und der Tanz beginnt, bald wild dahin rasend, bald langsam und schmachtend. Ein Tag noch auf Capri, dann ging es in vielfach durch kurzen Aufenthalt in den klassischen Städten Italiens unterbrochener Sahrt der keimat zu. Dankbar, glücklich und gesund durfte ich sie nach langer Abwesenheit wieder begrüßen, dankbar vor allem dem gütigen, freundlichen Stern, der von Anfang bis zu Ende meiner Weltfahrt treu geblieben ist. Und fällt es mir jetzt zuweilen schwer, mich in das farblose Einerlei des Alltagslebens zu finden, so sage ich mir den Spruch vor: „wer Gutes empfangen, Der darf nicht verlangen, Daß nun sich der Traum Ins Unendliche webt." Ja, der Traum! von Kindheit an träumte ich eine Weltreise, wachend und schlafend schwebte sie mir vor, bald greifbar nahe, bald in unendliche Lernen entrückt. G gütiges Schicksal, das mir das Ersehnte gewährt! G ewig schöner Traum, der du Wahrheit geworden! Entschwunden bist du, vorbei!-und verwirrt, ent- nüchtert blicke ich um mich, blicke sehnsüchtig zurück in all die versunkene Pracht, und fragend drängt es sich auf die Lippen: war's am Ende dennoch nur ein Traum? Mädchen in Laprr. VW8 Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort von Nationalrat Dr. A. Gobat. 1 Amerika. Capitel 1. New Jork.... . Z „ 2. Niagarafälle.22 „ 3. Im Jellowstone-Park.Z1 „ 4. Lei den Mormonen.46 „ S. Kalifornien.... . SZ tzav-an. Capitel 6. Im Reiche einer entthronten Königin.7s „ 7. Ausflug nach der Insel Kauai. SO Japan. Kapitel 8. Die ersten Eindrücke im Lande der aufgehenden Sonne.10s „ 8. Das moderne Japan.126 „ 10. In den Bergen.12g „ 11. Kioto, die alte Hauptstadt.1Z6 „ 12. Unterwegs nach China.173 6bma. Kapitel 13. Im blumigen Reiche der Mitte. IgA „ 14. Geschichte Chinas.209 „ 1s. Im Sommerpalast der Kaiserin.22g „ 16. Rundfahrten durch Peking.246 „ 17. Kanton.261 „ 18. Ein vergessenes Städtchen.282 Java. Kapitel 1S. Auf nach Java, der perle Hst-Indiens.2SZ „ 20. Im Bereich der Vulkane.30g „ 21. Alte Tempel auf Java. 323 „ 22. Javanische Sommerfrischen.336 Siam. Kapitel 23. Ein Weihnachtsabend in Bangkok.34g „ 24. Siamesische Jeste und Gebräuche.36Z „ 2s. Das buddhistische Siam.383 kirma. Kapitel 26. Im Schatten der großen Pagode.3gg „ 27. In Mandalay.414 „ 28. weltfremde Länderstrecken und Völkerstämme.432 „ 2g. Auf dem Irawädy.44Z L. von Rodt. Reise um die Welt. 4s 706 Inhaltsverzeichnis. Inäien. Capitel 36. Brahmanen und Buddhisten. „ 31. Darjeeling, eine Sommerfrische im Mmälaja. „ 32. Die heilige Stadt Denares. „ 33. lLucknow und Eawnpore, eine Erinnerung an den Militäraufstand 18Z7 - - „ 34. Zlgra und Lathepur, die Schöpfungen eines großen Kaisers. „ ZZ. Alt- und Iteu-Dehli. „ 36. Die Residenz eines Maharadscha. „ 37. Bombay. „ 38. .. „ ZS. Madras. „ 40. In den Blauen Bergen. „ 41. Madura. Legion. Kapitel 42. Lolombo.- „ 43. Die alte Königsstadt Kandy. „ 44. „König Tee". Ägypten. Kapitel 4Z. Meeresfahrt. „ 46. Kairo. „ 47. lscimwärts. »88 Seite 4ZZ 472 488 Z02 S17 ZZZ ZZ3 S67 Z80 Z93 604 616 627 63S 6Z1 663 67S 68S Tarantella. Verzeichnis der Bilder im Texte Die Textbilder find nach xylographischen Ausnahmen der Lrau A. Sieber in Wien, des Kerrn A. E. waters in Baltimore und der Verfasserin erstellt. Leite Der „Große Kurfürst".Z Ankunft in Uew Dork.7 Uew Dork: Statue der Lreiheit .... 8 „ Aussicht vom Uorth River aus 9 „ Lrouä Ztreet.11 „ Zlussicht vom Hotel Maldorf- Astoria.12 Am Kudson, unterhalb West Point . . . 1Z tleiv 7)orfi: Listh Zlvenue.1Z „ lvaldorfhotel.16 „ Metropolitan Club (Klub der Millionäre).17 „ Palais von Cornelius vanderbilt 19 „ Memorial TVrcb, am Eingang des Brooklynparkes ... 20 Stromschnellen und Ziegeninsel .... 22 Amerikanischer Lall von der Ziegeninsel aus 22 Die Stromschnellen oberhalb der Lälle. . 24 Amerikanischer Lall und die neue 1898 erbaute Brücke.2Z Buffalo: Pan-Amerikanische Ausstellung . 27 Amerikanischer Lall.28 Der Magarastrom mit dem amerikanischen Lalle im Hintergrund.29 Die Schleusen des Soo-Kanales bei Sault Samte Marie.30 Spielender Geyser.Z1 Terrasse bei Mammoth Hot Springs . . Z2 Indianer.33 Geyser-Krater.34 Durch die Schwefeldünste abgestorbene Bäume 3Z Terrassen.36 Liberty Lap.37 Das goldene Tor.38 Grotto Geyser.38 Mammoth paint pots.39 Geyser.40 Morning Glory Spring.41 Am Jellowstone-See.42 Schlammvulkan.42 Point Lookout.43 Aellowstone-Schlucht.43 Grizzly-Bär.44 Der große Mormonentempel.46 Leite Brigham Äsung.47 Lront des Mormonentempels.48 Dach des Tabernakels im Hintergrund. . 49 Joseph Smith predigt den Indianern . . SO Die Häuser Brigham Aoungs und seiner Lrauen.S1 Der Große Salzsee.Z2 Das Adlertor.SA Die Versammlungshalle.S3 Ehemiegebäude der Universität Berkeley in Kalifornien.SS Bibliothek der Universität Berkeley in Kalifornien .S6 Eliffhouse bei Sän Lranzisko.Z7 Seelöwen.L8 Alte Missionskapelle in Monterey . . . L9 Hotel del Monte in Monterey.61 Grangenzweig aus Südkalifornien ... 62 In den Bergen von Santa Cruz .... 63 Ll Lapitan.6S Josemitc-Tal: Brautschleier-Ivasserfall . . 66 Aosemite-Tal auf dem Wege von Mariposa 67 Josemite-Tal: Überhängender Lels Olacisr ?oint.68 Riesenbäume in Mariposa.69 Aosemite-Tal.70 Blühende Geranienhecke.71 Sän Lranzisko aus der Vogelschau ... 72 Alte Hawaiierin.7Z Die ersten Chinesen.76 Die vier Lreunde.77 Kokospalmen.78 Ein Aussätziger.78 Junge Hawaiierinnen.79 Honolulu: Im Kapiolani-Park .... 79 Der ehemalige königliche Palast in Honolulu, jetzt Executive 8uiI6in§ ... 80 Honolulu: Der Gerichtshof. Zur Zeit des Königreiches Regierungsgebäude ... 81 Die Lx-Königin Liliuokalani.82 Hawaiian Hotel.83 weg nach Uuanu palt.84 Bei Honolulu.8S Am Strande von ivaikiki.86 708 Verzeichnis der Bilder im (texte. Seite Wasserrosenteich bei Honolulu .... 87 Wailua-Wassersall bei Lihue. Lauai . . 88 Lanakische Grashütte.99 Ctanakisches Damenreitkleid.91 Waimea-Tal auf der Insel Ikauai ... 92 Dollblut-Ikanakin.93 Zuckermühle.64 Hula-Tänzerinnen.9Z Blühen des Zuckerrohrs in einem Garten auf Dauai.96 Ikauai: Wagenfahrt durch einen Sluß. - 97 Brücke auf Kauai.199 In den Bergen Crauais.101 Im Lischerdorfe bei Honolulu .... 193 Steainlaunch.19Z Japanische Dienerinnen (Ilesans) . . - 196 Japanische Dschunke.197 Jinrikisha-Lahrt bei schlechtein Wetter . 198 M-o.199 Strand bei Enoshiina.119 Daibutsu in Kamakura.111 Ländliche Wohnung.112 Lin Luli.113 Bei Jokohama.114 Zlus dem Wege zu den Tempeln nach Mkko 117 Mihashi-Brücke in Uikko.118 Pagode in Mkko.119 Treppe zu den oberen Tempeln in Mkko 129 Tor bei den Tempeln von Mkko ... 121 Spielende Mädchen.122 Lhuzenji-Sce.123 In den Bergen Mkkos.12Z Ihren Gbi knüpfende Japanerin . . . 126 Straße in Tokio, im Hintergründe Slagge mit dem Chrysanthemum-Wappen . . 127 Teehaus in Tokio zur Blütezeit der Glycinen .128 Lotos-Teich im Ucno-Park in Tokio . . 129 Asakusa-Tempel in Tokio.1Z9 Theaterfassade in Tokio.1Z2 G cha, ein ehrenwerter Tee.133 In einem japanischen Hause.134 Straße im Lestgcwande.13Z Lin Bad.1Z7 Chrysanthemum.1ZS TragstuhlundCtago: Unterwegs nach Hakone 1A9 äitüche.140 Am Hakone-See.141 Japanische Landleute.142 Am Strande von Atami.14Z Unter getrockneten Sischen.144 Dulis und Sischcr.14Z Reisanpslanzung.14 ß Luji-no-yama.147 Postbote der Damnos.148 Leite Aussicht vom Kunozan-Tempel auf das Dorf Uekoya.1§9 Bauern beim Regenwetter.1Z1 Priester.1^7 wandernder Gemüsehändler.1ZZ K Shiro in Uagoya.1s4 künstlich verkrüppelte und kleingehaltcne Ikonifere ..1§6 Geishas.1^7 Musizierende Geishas (Slöte, Croto, Samisel 1Z9 Musizierende Geishas.161 Rekruten.162 Zukünftige Vaterlandsvcrteidiger . . . 163 Teehäuschen im Ctatsura-Park . . . .166 Seidenweberei.167 Japanische Topfpflanzen.168 Beim Seidenwarenhändler.179 Lioto: Tempeleingang von Liyomizu. . 171 Beim Holzsammeln.172 Tempel von Kiyomizudera in Moto . . 17Z Rammas im Hongwanji-Tcmpel zu CUoto 17Z Im Biwa-Kanal.176 Am Diwa-See.177 Tempelhain von llara.179 Ctinkakuji.189 Bronzelaterne.181 Wasserfalle in IKobe. 182 Nagasaki.183 Lischerei.184 Inlnnä Leu.. . 18Z Landhaus bei Nagasaki.186 Hafen von Nagasaki.187 Lrnte.188 Die letzten Nesans.189 Nagasaki-Lricdhof.199 Chinesin . ..193 Lischer auf dein wang-pu.19Z Eingang zu Astorhousc-Hotel.196 Sänfte und Gefolge eines Mandarin . . 197 Chinesisches Hausdach.198 Zopfträger in den Straßen Shanghais bei festlicher Gelegenheit.199 Die Samilie Lhang: Die alte Mutter mit ihrem einzigen Lohn, ihren Töchtern, Schwiegertochter und Enkel .... 291 Extrapost von Tschifu nach Peking. . . 293 Chinesische Barke auf dem peiho . . . 294 Chinesische Gräber.29Z Taku-Tor in Ticntsin.297 Am peiho in Tientsin.298 Boxer. .299 Steinerner Elefant bei den Ming-Gräbern in Nanking.211 Die große Mauer.212 Steinbild bei den Ming-Gräbern in llanking 213 Verzeichnis der Seite /saus in Peking.21s Junge chinesische Damen.216 Eingang zur verbotenen Stadt .... 217 Ein Lochzeitszug.218 Zwillingspagoden im Ivintcrpalast in peking 219 Eingang zum Lause eines hohen Beamten 220 Ein Mandarin.221 Dr. G. Rcid, Amerikaner, Professor an der Universität in Peking, und General Lhiang, Kommandant der chinesischen Truppen zum Schutze von Peking . . 223 Südost-Tor und Mauer der Ehinesenstadt in Peking.224 Drachenmaucr.22s Ehinesische Visitenkarte.226 wachtturm in Peking.227 Marmorschiff im Sommerpalast in Peking 229 Bronzepsau im Sommerpalast in Peking 231 Mann, Srau und Lind aus dem Volke . 232 Gesandtschaft-straße in Peking .... 233 Auf der Tatarcn-Mauer in Peking. . . 234 Lronzepavillon im Sommerpalast . . . 23Z Brücke im Sommcrpalast.236 Eingang zum Sommerpalast.237 Peking im Sommer 1900.239 Gbcrer Teil des Sommcrpalastes . . . 240 Die obern Pavillons des Sommer-palastes 241 Unser Gefolge im Marmorschiff .... 243 Transport von Reissäcken. Dazwischen Standartenträger zu einem Leichenbegängnis.244 Bronzcdrache im Sommerpalast .... 24s Aufgang zum Limmelstempel mit Kaiscr- psad.246 Stadttor.247 Tcmpeleingang.248 Straße in Peking.249 Tor zur „verbotenen Stadt" mit Peking- Karren im Vordergrund.2s0 Stadtmauer mit wachttürmen .... 2Z1 Mongole mit Kamelen vor Peking. . . 2Z3 Pavillon auf dem Kohlenhügel .... 2Z4 Lalle der Klassiker.2ZZ Boxer.2Z7 Einzug des Kaisers in den Limmelstempel 2Z8 Der große Limmelsaltar ..2Z9 Lhincsin aus besserem Stande .... 261 Ehrenpforte einer Srau.262 Die beiden Boten der Gottheit im Ioß- Lause in Shanghai.263 In der Ehinesenstadt in Shanghai . . . 26Z Hongkong: Blick auf den Lasen vom peak Die Boten der Stadtgottheit . Perl-Sluß bei Kanton . . - Bilder im Texte. Seite Straße in Kanton.269 Grab einer vornehmen Lamilie in Kanton 271 Die rote Pagode in Kanton.273 Lügel und Stadtmauer bei Kanton. . . 274 Abstieg zur Stadt längs der Stadtmauer 27s Dlumenpagode in Kanton.277 Ehinesische Sträflinge mit Lalskragen. . 278 Stadttor in Kanton.279 Lhinesenbübchen in Kanton.281 Macao.282 Kirche in Macao.283 Straße in Macao.28s Parsen-Sriedhof in Macao.286 Ehinesische Matrosen.287 vor Longkong.289 Hongkong: Auf dem peak.291 Baum der Reisenden.292 Botanischer Garten in Singapur. . . . 293 «likü-Akarl» in Singapur.294 Sonnenuntergang auf der See .... 29Z Kokospalmen.297 Missigit in Java.298 Oos-ü-Oos.299 Javanischer Bräutigam.390 Javanische Braut.301 Waringen-Baum.303 Straße zum botanischen Garten in Buiten- zorg.30Z Partie im botanischen Garten.306 Victoria rsKin-Blätter.307 Bei Garut.309 Javanische Eisenbahnstation.311 Karbaue oder Wasserbüffel.312 Ananas-Scld.313 Kinder in Garut.314 Kleine Blumenverkäufer am Bagendit-See 31s Bus dem Wege nach Tjisarupen.... 318 Auf dem Papandajan.319 Partie vom wasserkastcll in Djokjakarta. 320 Markt.321 Auf dem reichtumbringenden Stier l^ivas 323 Ganesa, der elefantenköpfige Gott . . . 324 Straßenbild bei Muntilan.32Z Javanerin.327 Kleine Dagobas auf den Terrassen des Tempelbaues.328 Line mit Reliefbildern geschmückte Galerie des Boro-buLur-Tcmpels.329 Blick von der Dagoba auf den untern Teil des Boro-budur-Tempels.331 Im Lotelgarten von Soerakarta. . . . 333 Javanische Reisbäuche.334 Bungalow in Soerabaya.33s Bauernwagen „Growbak" genannt, bei pasoeroan.336 710 Verzeichnis der Bilder im Texte. Scit- Bromo.337 Dorf Tosari.339 Sandsee mit Vulkanen.341 Bananenzweig.342 3m Berggarten von Tjibodas .... 343 Ivasserfall im Urwalds.344 Hotel in Johore. vorn „Bäume der Reisenden" .345 Die Moschee in Johore.347 Monogramm auf dem Briefpapier des Königs von Siam.349 wat prahcheidi.. 359 Auf dem Menam.351 Kapitän der „Dell".3Z3 Das siamesische Venedig.334 Straße in Bangkok und Liamesinnen. . 333 Siamesisches Boot.356 Der Kronprinz von Siam.337 Siamesin aus dem Volke.339 Siamesische Srauen. König und Königin 361 Unsere Sichrer: zwei vornehme Siamesen. 363 Siamesische Musikanten.364 Phraputajinaret Buddha.363 Palastwache.366 Ivat prakeo, bei dem Archiv.367 Ivat pra Kao im Palastareal .... 369 Krut.370 Cin europäisches Laus in Bangkok . . 371 Hauptfassade des Königlichen Palastes in Bangkok.373 pratschcdis.373 Im Palastviertel.376 Sonderbare Gestalten vor dem Ivat . . 377 p'ra Lhedi.379 Andächtige im Ivat.380 Königlicher Palast vom Lluß aus . . . 381 Ivat Tschang.383 Ivat Sakket.3SZ Lakon.387 Sür die Zeremonie des Haarknoten-Ab- schneidens gekleidete Königskinder . . 388 Llefanten-Kraal.Z89 wat poh.Zgi Zahmer Elefant beim Kraal.392 Pavillon im Llefanten-Kraal.393 Ajuthia: Aussichtsturm.394 Landung bei Ajuthia.3gA Auf dem Menam.Zg? Junge Birmanin.Zgg Einladen von Kokosnüssen.401 Garten in penang.402 Eingang zur Shwe Dagon-Pagode . . . 403 Reiche Birmanin mit Dienerin .... 403 Birmanischer Bambus.407 BambusgebüschinDalhousie-parkb.Rangun 409 Seite Arbeitselefant. Pagoden bei Mandalay. Sodbrunnen bei Mandalay. Goldenes Kloster in Mandalay .... Klosterschule. Wassergraben und Ringmauer der Königsstadt in Mandalay. Zigarrenfabrikation. Hölzerner Turm im Palastviertel zu Mandalay . Buddhistische Priester. Einzelne Pagode aus dem Kloster der 459 Pagoden in Mandalay. Liegender Buddha. Kloster der 459 Pagoden von 1MI aus gesehen. Liebesdienst. Einer unserer Sichrer. Goldenes Kloster in Mandalay .... Im Bazar zu Mandalay. vergoldete Mittelpagode im Kloster der 439 Pagoden. Tempelhüter am Kloster der 439 Pagoden zu Mandalay. k'vö-Tänzerin. ^sin-k'vs .. Bei Amarapura. Am Irawüdy. Am Irawüdy: Drittes Defilä . . . . Lagernde Karawane vor Bhamo . . . Straße in Bhamo. Bhamo. Katschin oder pa-yü-Srauen in Bhamo . Haus in Bhamo.. . . . Irawüdy-Ufer bei Shwegu. Dorfstraße in Gber-Birma. Unvollendete Riesenpagode bei Mingun . Große Glocke in Mingun. In Mandalay. Kloster in Mandalay. Mandalay: Straße beim Bazar. . . . Kloster am Süße des Mandalay-Hügels . vornehme Indierin. Indierinnen. Botanischer Garten in Kalkutta. . . . Ein Baumriese. Ihre Eier brütende Schlange. Kastenzeichen, das täglich frisch aufgemalt wird. Dogin oder Sakir. Der große Uwus inäicu-Baum im botanischen Garten in Kalkutta . . . . Boy. Ayüh. Junger Banyan-Baum. 411 413 414 413 416 417 419 429 421 422 423 424 423 426 427 428 429 439 432 433 433 436 437 439 449 441 442 443 443 447 448 449 439 451 453 454 436 437 439 462 463 464 466 467 468 469 479 Verzeichnis der Bilder im Texte. Seite IVie die Linder in Darjeeling getragen werden.472 Luli-Srau. 47 Z Himalaja-Bergbahn: Line Schleife . . . 478 Hexe von Lhum. 47 g Darjeeling-Markt. 477 Ansicht von Llount Lverest I.oüne. . 479 Sonntagmorgen im Vazar.481 Luli-Srauen.482 Lebensrad.48Z Tibetanischer Gebetsbaum.48Z Lama-Grab.486 Lenares: Ghat.488 Indischer Süssigkeiten-Verkäufer.... 489 Benares: Zlnsicht vom rechten Ufer aus . 491 7>ogin oder Sakir.498 Bei der Toilette. 494 Goldener Tempel.49Z Wasserträger.496 Zlffcntempel. 497 Am Ganges.499 Der Heilige von Benares.ZOO Mutter und Lind.§92 Straßenbegieszer.§98 Hindu-Srauen.§98 Mehlmahlende Hindufrau.896 Danketthalle in Lucknow.897 Bailey-Tor in Lucknow.898 Beerdigung eines Zlrmen, für welchen die Mittel zur Verbrennung fehlen .... 899 Ruinen der Residenz in Lucknow . . . All Gesellige Vereinigung. Straßenleben in Lawnpore.812 Schlangenbändiger.A1A Der Gedächtnisbrunnen in Lawnpore. . 818 Ziehbrunnen.817 Sathepur. Der vierstöckige Bau links vorn ist panch Mahal.Z19 Moschee in Sathepur-Sikri.829 Ziehbrunnen.821 Haus der türkischen Lönigin in Sathepur 828 Sarkophag Laiser Akbars.824 Musizierende Lnaben auf der Straße in Agra 828 Zebu-Larren.§26 Säule im Ratssaal von Sathepur . . . A27 Grab Salim Lhistis.§28 Bir Dals Haus.§29 Hiran Minar.§Z1 Das Siegestor in Sathepur-Sikri . . . 882 Diwan-i-Lhas.§§§ Srauengemach im Diwan-i-Lhas . - - 884 Diwan-i-Lhas. perlmoschee in Dehli.§Z7 Iumma Musjid oder Sreitag-Moschee. . §28 Diwan-i-Am.6^9 Seite Hof der Iumma Musjid während des Srei- taggebetes.Z41 puruna Lilla oder Indrapat.§42 Hilmayuns Grab.848 Lort von Serozabad mit Lotila und Lat- Läule. §44 Lalan Musjid. §4§ Grab Mohamined Lhahs.§46 Mausoleum des heiligen Mzamu-din 2luliya 847 Lut'b Minar und Moscheeruinen . . . §49 Inschrift des Lut'b Minar. Die eiserne Säule.§§l) Alaudins Tor.A§1 Srauen, die sich zu einem religiösen Seste begeben. §§Z Stadttor in Iaipur.§§§ Hindu-Linder.A§4 Markt in Iaipur.A§7 Hof im Alberthall-Museum.8§9 Lkka mit Zebu.§62 Amber.AgZ Ritt nach 2lmber.564 Lleine Bettler in Amber.§6§ wie man auf den Rücken des Llefanten gelangt.§66 Hindu-Srau. §67 Otiobis.§68 Turm des Schweigens in Bombay. . . §69 Aussicht von Llnlnbar-Ilill aus. . . . 579 Brunnenszene im indischen Bombay . . §71 Bei Bombay.§72 Stadthaus in Bombay.§78 Verbrennung von Pestleichen in Bombay. 874 Baumwollmarkt in Lolaba.878 Lleine Bettler.§76 Tempel von Llefanta. ....... §77 Am Meeresstrande.878 Hindufamilie.§79 Mörtelmühle.§89 Line fröhliche Tochter Indiens .... §81 Der Mzam von Haidarabad.882 Lin parsi-priester.888 Straßenszene.888 Das Sort von Golkonda.886 Brücke über den Musi.§87 Grab der Begam in Golkonda .... §89 Srauen in Golkonda.899 Lönigsgräber in Golkonda.§91 Uautsch Tänzerinnen.592 In der Lingeborenenstadt.§9A Unterhaltung am Brunnen.§94 Madras: Stadtteil in der Nähe des Hafens 898 Lleine Dorfbewohner und 2^6L-Schützen 896 Tamulin mit Lindern.897 Geldwechsler.898 Bilder im Texte. PI2 Verzeichnis der Seite Madraser Jugend am Strande .... 600 Junge Tamulin mit dein Kastenzeichen zwischen den Augenbrauen.601 bischer am Strande.602 Bei Uti. Im Hintergrund eine ^.cucin Nelanoxxton.604 Rückansicht unseres Boys.60Z Straße in Uti.606 Büffelopfer bei einer Gedächtnisfeier . . 602 Todas.608 Botanischer Garten in Uti.609 Tiriri..611 Botanischer Garten ..612 Im botanischen Garten in Uti ... . 61Z Partie im botanischen Garten. . . . . 61Z Gopura.. 616 Teppa Kulam in Madura.617 vor dem Tempel.618 Gopura und Tingangstor des großen Tempels.619 Goldener Lilienteich.620 Tempel-Elefant.621 Mit Schmuck überladene Lrauen . . . 622 Palast Tirumalas, jetziges Regierungs- gebäude.623 Dschungel.624 Am Strande von Lcylon. . 62Z Sischerboot mit OutrixKer.628 Singhalesischer Kuli.629 Dorf bei Nount I^nviniu.630 Slußbild.631 Unter Palmen.632 Srüchte des Jackbaumes.633 Junge Kokospslanzen und junge Sing- halcsen.634 Ceylon. Singhalesische Ayah.63s Singhalesische Jugend.636 Straße in Colombo.637 Am See von Kandy.639 Srüchte Verkaufsbude.640 Gchsenkarren. 641 Riesenbambus.642 Unser Sichrer in der palmenallee . . . 643 Partie im peradenia-Garten in Kandy . 644 See von Kandy.64Z Hohe Häuptlinge in Kandy.647 Im Slusse badende Elefanten.649 Seit« Riesenbambus im Peradenia-Garten - - 6S1 Uurelia mit dem Hakgalla im Hintergrund 6s2 Uurelia: Keena-Baum.6Z3 Straße mit Zebu-Wagen bei Uurelia . - 6S4 Am Bergeshang.6sö Kleine Singhalesen.6Z6 Am Ufer des Stusses, vom Peradenia- Garten aus genommen.6Z7 Dorfstraße bei Eolombo.6Z8 Im Tee.659 Hötsl Uonnt I^Ävinia.660 Am Strande bei Nount I^nviniu . . . 661 Uuf dem indischen Gzean.663 Aden.66s Aden: Ausblick von den Zisternen auf die Araberstadt.666 Suös.667 In der wüste.668 Aden: Selsspalte.669 Kairo.671 Gase Ain Musa.673 Ein kleiner Reitersmann.674 Straßenbild.67s Sellachin mit Kind.677 Seinen Turban knüpfender Araber. . .678 Minaret der Moschee Ll-Azhar .... 679 Im Kupferwaren-Bazar.680 Schlafender Lselsjunge.681 Schech Ibrahims (Burckhardts) Grab. . 682 Khalifen-Gräber.683 Grangen-Verkäuferin.684 Araber.68Z Zitadelle von Kairo.687 Englisches Militär in Kairo.689 Mumie Ramses II.690 Schskh cl-Beled. 691 Lzbekiye-Garten.693 Wurstbaum im Lzbekiye-Garten.... 694 Sellachen-Dors am Nil.69Z Universität Ll-Azhar.696 Liegender Ramses in Memphis .... 697 Stufenpyramide in Sakknra.698 Arabisches Stillleben in Kairo .... 699 Straßenbild.?gi Im Kanal von Sues.703 Mädchen in Eapri.7»4 Tarantella.706 — Verzeichnis der Kunstblätter außer Text Seite Bildnis der Verfasserin. 1 Brooklynbrücke bei Ilew Jork. g llew Jork: Broadway. 12 Ilew 7>ork: Zcraxer („lvolken-Schaber'U. 1Z Im Seebadc von Coney Island bei Ilew 7)ork. 20 Amerikanischer und kanadischer Lall. 22 Die Höhle der Winde. 2Z Kanadischer Lall. 26 Amerikanischer Lall. 26 7)ellowstone-See . . 42 l)cllowstonc-Sall und Schlucht. 4Z Sän Sranzisko.„ . 57 Sän Sranzisko: Marketstreet in östlicher Richtung. Z7 Los Gatos im Santa Clara-Tal. 60 Hafen von Honolulu. 7Z Iluanu pali bei Honolulu. 8Z Dattelpalmenallee im parke des Königin Lmma-Spitals in Honolulu. 86 Unter blühenden Iris.1i)Z Torii und Dorf Lnoshima. 112 Z)omei-mon-Tor. Shinto-Tempel in Ilikko. 11g Srühe llluttcrpslichtcn. 121 Ein schläfriger Reiter.121 Japanerinnen.124 Tokio aus der Vogelperspektive.126 Im Ueno-Park zur Kirschblütenzeit.1Z0 Tokio: Haupteingangstor zu den Grabtempeln der Shogune im Shiba-Park.1Z0 Drei Sreundinnen.1ZA Hotel Suji-ya in Illiyanoshita. 1Z7 Jakotsu-gawa Sluß bei Illiyanoshita.1Z7 Eingang zum Tempel Gongen mit Torii.142 Höfliche Begrüßung.144 Japanische Bänkelsängerin.1Z6 Tifstn.1Z6 Bambuswald bei Kioto.1Z6 Katsura-gawa-Stromschncllen.1Z6 Blumcnpflege.164 Malerin.16g llara-park. 178 Teepflückerinnen.178 Tempelhain in llara mit Priesterinncn und Steinlaternen ..17S Götterwagen.100 Großer Tempel in llagasaki.180 Morgentoilette.103 Per Schub. . wie die Seeschlacht bei Taku sich nach der Meinung der Chinesen abspielte. 20S Einnahme von Tientsin, den 24. Juni 1S00 . 206 Malerei der Kaiserin-Mutter. 242 Sommcrpalast in Peking.242 Lonfucius-Tempel mit dem Ahnentäfelchen des großen Lehrers.24S Porzellanbogen vor der Halle der Klassiker.- 249 714 Verzeichnis der Kunstblätter außer Text. Himmelstempel. Ansicht vorn großen Limmelsaltar aus . Großer Himmelstempel. Ioß-Haus in Shanghai. Inneres des Ioß-Hauses. Zlnlagen in Hongkong. Chinesische Mahlzeit. Chinesischer Wahrsager. öffentlicher Garten in Hongkong mit peak im Hintergründe Reisstampfende Javanerinnen. Bei Batavia. Javanische Srüchte. Kanarien-Allee im botanischen Garten von Buitenzorg . . Haus des Gouverneurs im botanischen Garten. Reisfelder. Kakao-Ernte. Partie im Wasserkastell bei Djokjakarta. Dorf im Preanger-Lande. Brambanan-Tempel. Detailbild des Boro-budur-Tempels. Boro-budur-Tempel: Die Buddha-Bildnisse. Bei Sindanglapa. Tjiburrum-Wasserfall. Siamesische Kinder .. König Tschulalongkorn. Vor dem Llefanten-Kraal in Ajuthia. Arbeitselefanten in den Teak-Wäldern. Shwe Dagon-Pagode in Rangun. Shwe Dagon-Pagode. park mit Shwe Dagon-Pagode im Hintergrund. Lotos-Blumen. vornehmer Birmane. vornehme Birmanin in Hoftracht .. Birmanin. Ananas-Markt. Musikanten beim ?vvs. Bengalischer Königstiger. Zoologischer Garten in Kalkutta. Cden-Garten in Kalkutta mit birmanischer Pagode . . . . Kinchinjunga. Himulaya-Kette im Abendlicht. Bettelnde Musikanten. Tibetanischer Bettler. Mädchen aus Repal. Lama mit Gebetmühle. Lama mit Schwestern.. Bhutia-Mann. Bhutia-Lrau. Benares: Tempel. Verbrennungsstätte Benares. Leichenverbrennung. Große Moschee in Benares. Brunnen des Wissens. Imambara und Moschee in Lucknow. Taj Mahal. Gitterwand im Tadsch. Seite 258 259 264 264 265 272 282 289 A02 304 Z05 307 308 310 315 Z21 Z22 Z2Z 328 Z29 342 345 353 356 3S0 392 407 408 410 417 428 429 429 445 448 471 471 471 477 477 478 478 480 484 484 485 485 489 492 492 493 496 506 517 518 Verzeichnis der Kunstblätter außer Text. 7lÄ Leite Tor zum Grabe Akbars in Sikandra.522 Grab des Persers I'ti-madu-daulah.Z24 Säulen im panch Mahal.Zzg Zenana im Lort in Agra.AA1 Sort in Dehli. Lahore-Tor.554 Lhandni Lharck mit der Goldenen Moschee.541 Mausoleum des Königs Altamsh.5Z0 Kashmir-Tor.5Z1 Hawah Mahal oder Palast des Ivindes.556 Tigerfort in Iaippr.560 Alberthall-Museum in Iaipur.560 Bahnhof in Bombay.568 Ltn parsi.572 Bombay. Die schwarze Stadt. 576 Teich und Moschee in Kaidarabad.58Z Afzal Gung-Tor in Haidarabad.58Z Madras: Lsrmte Houss.893 Landstraße in Madras.596 Gewinnung von Palmwein.598 Im botanischen Garten zu Madras. 601 Partie im botanischen Garten in Madras.. . 601 Straße nach Uti. Im Vordergrund einige Tongas.60Z Der See von Uti.606 Todas.607 Line Toda-Lchönheit . ..609 Ltn Mand. 610 Ichs Oorvns.612 Säulenhalle im großen Tempel in Madura.619 lvaldpartie auf Leylon.627 Ansicht von Kandy.6Z9 Im Peradenia-Garten. 642 Llefanten mit Mahouts. 6S0 Die hl. Anna mit der Jungfrau Maria von Murillo.66Z Reisende Deduinen-Srau.673 Beduine vom Sinai. Grangenhändler.673 Absteigen vom Kamel.673 Sais. 67Z lsemali.676 Kamel bei einem Hochzeitszug.680 Mohammedaner im Gebet.681 Gami el Burdeni.689 Schiffstation Bedraschen. 698 IVassertragende Sellachen-lveiber.702 KMW MM WEMW sW-K GE MBW MW WMM OMK: WMO-L-^s MM WKKd.- /WffMU ASM ZWM E) v MAU G^4^s ZMM :—^ ^ ^ E-ÄL ^L-F7 L'E M7M MM' -ES Cl)ti^UDr!> LLV^-O-lK V-7-.I ^VA^o ü - r iTkLvr WMS