Bericht der Commission siir Jrrenschutz E. E. Gesessschnft des Guten und Gemeinnützigen über die Nothwendigkeit der staatlichen und privaten Hilfe zur Verbesserung der hiesigen Jrrenverhältnisse. B-tel. Schweighauserische Buchdruckerei. 1880 . En EI MZ,WLr ^ VÄs^s-L '°, ^ ' ^ M Ä Bericht der Commission sür Jrrenschutz 6. E. Gesetlschust des Guten und GemeiunMigeu über die Nothwendigkeit der staatlichen und privaten Hilfe zur Verbesserung der hiesigen Jrrenverhaltnisse. Basel. Schweighauserische Buchdruckerei. 1880 . 4 . U 3355 t^b 4 : 1000 1 / MM 8 9 .. OeconomiegedäuLe äes Zpitaldutes. yenanrü äie Il/Iilcksus)s)6. ^). ^ufs^rtZtrasse. c. OartenanlL^en. ä. Ver^sltun^s^sdäuLe mit Oeconomie. 6. ldinisolie Pavillons. k. Vel-binäunqsHZny. ^solir-Pavillons. ^ Pavillons piin Pensionäre i. Direvtorv/olinund. Oattnerwokmung unä pslanrenlisus. !. ^ectionsloeal uncl ^aterialscliu^en. Es ist eine in hohem Grade auffallende Erscheinung, daß, während die Baslerische Wohlthätigkeit eine nie versiegbare, die weitesten und entferntesten Gebiete befruchtende Quelle ist, kaum von Zeit zu Zeit ein Tropfen für die hiesige Irren- anstalt abfällt. Und doch kann hier Jedermann wissen, der sich dafür interessirt, wie sehr die hiesige Irrenanstalt eine nach allen Richtungen den Anforderungen der Praxis, der Wissenschaft und der Humanität widersprechende Einrichtung ist. Schon 1861 hat ihr damaliger Vorstand, Hr. Dr. Brenner, über die Mängel der Irrenanstalt berichtet und er, wie einige Jahre später die medicinische Gesellschaft, haben allein in dem Baue einer neuen Irrenanstalt die Möglichkeit einer Besserung dieser Verhältnisse gesehen. Sodann hat 1874 Hr. Dr. insä. Fritz Müller, damals Vorstand des Sanitätskolleginms, in einer sehr eingehenden Weise die Mängel und die Bedürfnisse der Jrrenpflege in Basel zur allgemeinen Kenntniß gebracht und auf den Weg hingewiesen, auf dem man zu besseren Zuständen in dieser Beziehung gelangen könne. Während die Anstalten anderer Kantone großartige öffentliche Denkmäler privaten Opfersinns und erhabener bürgerlicher Gesinnung sind, andere es in Bälde sein werden, wie die neu projektirte Berner Anstalt, herrscht in Basel vollkommene Stille und Unthätigkeit in diesem Gebiete. Wenn wir es versuchen, diese Erscheinungen aufzuklären, 4 so bieten sich uns hiefür vorzugsweise drei in zahlreichen Kreisen unserer Bevölkerung herrschende Anschauungen dar, die wir anführen und gleichzeitig kurz beleuchten möchten. 1) Es wird wohl manche Summe dem Spitale in der Ueberzeugung vermacht, daß sie auch dem Irrenhause zugutkomme, das ja nur ein Theil des Spitales ist. Es ist dies eine nicht ganz richtige Anschauung. Allerdings ist das gegenwärtige Irrenhaus eine Abtheilung des Spitals und hängen beide von denselben Hilfsquellen ab. Aber da es sich, wenn eine Besserung dieser Verhältnisse erzielt werden will, gerade um eine Trennung der Irrenanstalt vom Spitale, um die Errichtung einer selbständigen, vom Spitale unabhängigen Irrenanstalt handelt, so kommen alle diese zahlreichen und hochherzigen Vergabungen und Vermächtnisse einer künftigen Irrenanstalt nur wenig zu gute. Es erscheint demnach geradezu eine gewisse Klasse der Kranken von dieser Art von Wohlthätigkeit in einer allerdings unabsichtlichen Weise ausgeschlossen. Es ist ja selbstverständlich, daß die Errichtung einer neuen Anstalt nicht die Aufgabe des Spitals, nicht die Ausgabe der Bürgerschaft im engeren Sinne sein kann. Es kann ein solches Unternehmen nur die Ausgabe des Staates Basel, respective seiner ganzen Bevölkerung sein. Es wird diese neue Anstalt auch nicht vom Spitalvermögen erhalten werden, sondern es werden eigene, vom Spitalvermögen unabhängige Fonds sie erhalten müssen, wobei allerdings anzunehmen ist, daß der Spital, der gegenwärtig die Last des Jrrenanstaltbetriebs auf sich hat, dieselbe in einer entsprechenden Weise abzulösen die Verpflichtung hat. 2) Man ist allgemein der Ueberzeugung, daß der Staat die künftige Irrenanstalt bauen muß, wenn eine solche Bedürfniß ist. Ist ja doch die Pflicht des modernen, des civilisirlen Staates, für seine Irren in geeigneter und in genügender Weise zn sorgen, gegenwärtig allgemein anerkannt. Doch wie sehr dieser Grundsatz absolut richtig und vom Geiste unserer Zeit getragen ist, schließt die Pflicht des Staates die Mithilfe der Privaten bei diesem Werke doch nicht aus, um deshalb unthätig ihm gegenüber stehen zu müssen. Wie wir schon früher andeuteten, waren es in anderen Kantonen, wie in Zürich, Thnrgau, Lnzern, Bern rc. rc., die Privaten, die nicht nur große Opfer für ihre Anstalten brachten und noch bringen, sondern die znm Theile selbst geradezu die Initiative für die Errichtung ihrer Anstalten ergriffen, indem sie verschieden große Summen für diesen Zweck sammelten und damit die Idee in Fluß brachten und allmälig realisirten. Wenn wir so zahlreiche erhebende Beispiele an dem Vorgehen anderer Kantone sehen, — wir erwähnen gar nicht die Leistungen privaten Opfersinns, der Gemeinnützigkeit und Hochherzigkeit in vielen Staaten des Auslands für solche Zwecke, — kann solchen Vorbildern gegenüber Basel ruhig sich damit trösten, daß es schon einmal, vor 40 Jahren, seinen Verpflichtungen in dieser Beziehung nachgekommen ist? Ist es ja doch sonst geradezu specifisch „Baslerisch", daß allen möglichen öffentlichen Anstalten und Einrichtungen die private Hilssthätigkeit, sei es bahnbrechend und gründend, sei es unterstützend und unterhaltend, znr Seite steht. 3) Es scheint das Bedürfniß einer neuen Irrenanstalt für Viele entweder gar nicht vorhanden zu sein, oder wenigstens nicht allgemein gefühlt zu werden. Man hört so oft reden, wir haben ja eine Anstalt und diejenigen, denen sie nicht gut genug ist, sollen sich einer anderweitigen bedienen. Wir möchten diesen Einwänden gegenüber bemerken, daß 6 unsere Anstalt den Bedürfnissen nicht nur nicht in qualitativer, sondern auch nicht in quantitativer Beziehung genügt. Da dieser Satz wohl als der wichtigste in der ganzen Frage erscheinen dürfte, ist es nöthig, länger bei ihm zu verweilen. Wie bekannt wurde die gegenwärtige Jrrenabtheilung 1842 bezogen und beruhte die Anzahl ihrer Betten auf den Berechnung der Bedürfnisse der Stadtbevölkerung von 20,000 Seelen. Es zählte die Bevölkerung des Kantons Basel nach der Zähluug von 1837: 24,316 und nach der von 1847 erst 28,067 Seelen. Die Anstalt war für 40 Kranke bestimmt, wornach also auf 500 Einwohner 1 Bett in der Irrenanstalt gekommen ist. In der That wurden vom Jahre 1842—1850 alljährlich nur etwa 26 Kranke aufgenommen, so daß im Ganzen der mittlere Bevölkerungsstand der Anstalt die Zahl von 40 Kranken selten überstieg, die Anstalt demnach in quantitativer Beziehung sich den Bedürfnissen gewachsen zeigte. 1848 war der durchschnittliche Bestand schon auf 43,3 Kranke gewachsen. Es wurde deshalb im nächsten Jahrzehnt dem Irrenhause dadurch mehr Raum verschafft, daß 1855 das Versorgungshaus zur Aufnahme unheilbarer Irren eröffnet worden war, in das nun ruhige chronische Irre aus der Irrenanstalt transferirt werden konnten. Anders gestaltete sich die Sache im Verlaufe der letzten Jahre. Hatte sich ja doch auch die Bevölkerung bis 1860 auf 37,915 und bis 1870 auf 47,040 Seelen vermehrt. Aber in viel stärkerem Maße noch, als die Bevölkerung wuchs, haben sich die Aufnahmen in die Irrenanstalt vermehrt. Sie haben sich seit dem ersten Jahrzehnte des Bestandes der Anstalt fast verfünffacht. So wurden aufgenommen durchschnittlich in den Jahren: 7 1842- -1850: 12,3 M. 13,8 Fr- — 26,1 im Ganzen. 1851- -1860: 18,2 „ 17,8 „ — 36,0 kk // 1861- -1865: 21,8 „ 18,6 „ - 40,4 k, k, 1866- -1870: 27,2 „ 24,6 „ - 51,8 " „ 1871- -1875: 44,8 „ 34,0 — 78,8 „ „ 1876- -1880: 72,8 „ 49,4 -- 122,2 „ „ Da nach einer Berechnung des Civilstandsamtes die Bevölkerung Basels Ende 1875: 54,000 Seelen betrug, so wird die diesjährige Bolszählung mit größter Wahrscheinlichkeit ein Wachsen der Bevölkerung auf 60,000 Seelen ergeben. Die Bevölkerung ist also nm das Dreifache derjenigen gestiegen, für die ursprünglich die Anstalt bestimmt war. Obwohl sich die jährlichen Aufnahmen in die Anstalt gegenüber den zwei ersten Jahrzehnten ihres Bestandes also fast verfünffacht haben, ist die mittlere Durchschnittszahl der Verpflegten nicht im gleichen Verhältnisse gestiegen. Sie betrug im Durchschnitt der letzten 5 Jahre: 24,1 Männer, 31,0 Frauen — 55,1 Kranke im Ganzen, also immerhin 15 Kranke mehr, als die Anstalt eigentlich aufnehmen sollte. Nun haben wir aber nicht nur viele Tage, sondern selbst manche Wochen im Jahre, innerhalb deren statt 55 Kranken 60—65 gleichzeitig verpflegt werden müssen. Es sind solche Ueberfluthungen der Anstalt gar nicht selten. Man denkt sich einfach, die dauernde Thatsache eines solchen Krankenstandes beweist die Aufnahmefähigkeit von so vielen Kranken von selbst. Die Sache verhält sich, wie wir später zu zeigen gedenken, ganz anders, wenn wir erfahren, wie diese Kranken untergebracht sind. Trotzdem aber die Aufnahmefähigkeit unserer Anstalt auf's Aenßerste, für den Eingeweihten in unsere Verhältnisse geradezu in's Unglaubliche gespannt ist, befriedigt die Anstalt 8 die Ansnahmebedürfnisse doch nicht. Gar oft müssen Auf- nahmsgesuche hiesiger Kranken anf Tage, ja aus Wochen verschoben, solche sremder abgeschlagen werden. Daß wir aber trotz alledem eine solch' bedeutende Anzahl von Kranken alljährlich in unser kleines Hans aufnehmen können, dies beruht auf einem sehr einfachen Kunststücke. Es besteht darin, daß wir einen großen Theil unserer Kranken nach kurzem Anstaltsaufenthalte wieder abschieben. Wie unsere Anstaltstabeüen ergeben, treten 20H« unserer Kranken angeheilt aus der Anstalt, d. h. sie werden einfach von Basel abgeschoben, gewöhnlich in eine andere Irrenanstalt. Alle die Fälle, die frühzeitig einen ausgesprochenen chronischen Charakter anzunehmen geneigt sind, unter Umständen aber auch alle die, die nicht Baslerbürger sind, endlich alle diejenigen, bei denen die Spitalkosten in Frage stehen, bilden das Mittel, mittelst dessen wir uns unter Umständen Platz zu verschaffen wissen, manchmal allerdings ohne alle und jede Rücksicht Platz machen müssen. Daß unter solchen Verhältnissen nicht selten der Standpunkt der Wissenschaft wie der Humanität, die die leitenden Principien für die Aufnahmen in die Spitäler, besonders in solche großer Städte, sein müßten, nicht in erster Linie steht, ergibt sich genügend aus dem Mitgetheilten. Wenn die Anstalt durch ihre Ueberanfüllnng im Allgemeinen meistens den an sie gestellten Anforderungen in quantitativer Beziehung nachkommen konnte, so drängt sich gewiß Jedermann bei den bestehenden Verhältnissen die Frage auf, auf welche Weise diese vielen Kranken in dem kleinen Hause untergebracht werden konnten. Die Beantwortung dieser Frage führt uns auf unsere andere Behauptung, daß die Anstalt auch in qualitativer Beziehung ungenügend ist. 9 Eine Irrenanstalt nach unsern bestehenden Verhältnissen ist ein Institut, in das man so viele Irre hineinsperren soll, als man nur immer kann, ohne sich weiter darum zu kümmern, wie sie in ihr untergebracht sind. Wenn wir uns aber über die eigentliche Aufgabe und Bestimmung einer solchen Anstalt klar werden wollen, müssen wir sagen, die Irrenanstalt ist das Institut, in dem aufgenommene Irre entweder die für ihre Heilung, oder, wenn sie nicht heilbar sind, die für ihre Pflege geeignetste Behandlung finden. Die Irrenanstalt muß also alles das in sich vereinigen, was znr Erfüllung dieser Aufgaben, zur Erreichung dieses doppelten Zweckes dient. Wenn die Irrenanstalt einestheils alle diejenigen sanitari- schen Anforderungen in Bezug auf Luft, Licht, Ranmverthei- lung, Wasserversorgung, Reinlichkeit rc. rc. befriedigen muß, wie jedes andere Krankenhaus, ja wie jedes andere von einer größer» Anzahl von Menschen gemeinsam Tag und Nacht bewohnte größere Gebäude, so hat sie anderntheils doch wieder einige andere specielle Bedürfnisse. So soll z. B. die Irrenanstalt vor Allem der für Behandlung solcher Zustände krankhaften Geisteslebens geltenden Hauptindikation Genüge verschaffen, durch innere und äußere Ruhe beruhigend auf die Kranken zu wirken. Sie soll ferner die Gelegenheit verschaffen, in ausgiebiger Weise durch Er- möglichung freier, möglichst ungehinderter Bewegung und Thätigkeit in freier Luft eine ausgleichende und gewissermaßen ableitende Wirkung auf die erregten Gemüther zu üben. Wie stellt sich nun unsere Anstalt diesen Anforderungen gegenüber? Unsere Irrenanstalt ist ein Raum, der zwischen eine lärmende Straße, eine polternde Fabrik, den Spital und das 10 pathologisch-anatomische Institut eingezwängt ist. Dazu kommt, daß sie sich auf der tiefsten Stelle dieser Umgebung befindet. Während zwischen der Anstalt einer- und dem Spital und pathologisch-anatomischen Institut andrerseits ein etwas größerer freier Raum sich befindet, der großentheils mit Bäumen, Gesträuch und Rasen überwachsen ist und dadurch die Ausdünstungen dieser Institute etwas reinigt, ist sie den Einflüssen der Fabrik und der Straße unmittelbar ausgesetzt. Durch die tiefe Lage innmitten hoher Gebäude ist die Anstalt einestheils an Lichl und Luft verkürzt, anderntheils steht sie auf völlig und immerwährend durchfeuchteten Grunde und ist dadurch feucht und in ihren untern Räumen frostig und ungesund. Die unmittelbare Nachbarschaft bewohnter Räume bewirkt, daß unsere Kranken in dem kärglich zugemessenen Gartenantheile sich nicht frei bewegen können. Sie sind fortwährend den beobachtenden Blicken eines müssigen und neugierigen Publikums ausgesetzt, so daß sie genöthigt sind, sich meistens auf ein paar kleine, stets mehr oder weniger feuchte, von Gittern eingefaßte Höfe zu beschränken. Die Gelegenheit zu irgend einer Art von Thätigkeit im Freien fehlt ganz, die zu Spaziergängen ist durchaus ungenügend und ungeeignet. Es ist demnach wohl unzweifelhaft, daß unsere Anstalt schon an sich durch ihre Lage und Umgebung der nöthigen Ruhe, des nöthigen Lichtes, der nöthigen Luft und der nöthigen freien Räume entbehren muß, demnach nicht einmal die elementarsten Anforderungen befriedigt, die mau in der ganzen Welt an ein solches Institut stellt. Nun ist vor Allem zu bemerken, daß unsere Anstalt nicht allein sogenannte Heilanstalt, also zur Aufnahme frischer 11 Fälle bestimmt ist, sondern sie ist anch Pflegeanstalt. Sie bewahrt die chronischen Fälle ebenfalls neben den frischen in ihren Räumen und untern den erstern gerade die schlimmsten. Während die ruhigen und nicht störenden chronischen Kranken theils in Privatpflege gegeben werden können, theils im Versorgungshause untergebracht werden, verbleiben die aufgeregten, lärmenden, störenden, knrz die schwerst Kranken unserer Irrenanstalt. Allerdings gibt es Kranke letzterer Art in allen Anstalten, aber in letztem sind verschiedene, mehr weniger von einander getrennte Abtheilungen, so daß es möglich ist, die lärmenden Kranken von den ruhigen gesondert zu halten und dadurch die gegenseitige Beeinflußung abzuhalten. Hier ist dies nicht möglich, da keine andere Trennung für die Kranken existirt, als die durch einen obern und untern Stock gegebene. Die Jsolirabtheilung ist so nahe bei den übrigen Abtheilungen, daß der Lärm von dorther in gleicher Weise die übrigen Kranken im Hause, wie die Nachbarschaft, belästigt. Dazu kommt, daß gerade unsere Jsolirabtheilung nur für solche Kranke verwendbar ist, bei denen eine hochgradige Bewußtseinsstörung vorhanden ist, die sie das Schaurige und Abschreckende ihres neuen Aufenthalts nicht fühlen läßt; denn unsre Zellen sind finstre, unheimliche, schlecht ventilirbare, feuchte Räume, ganz noch von Ansehen und Beschaffenheit der ehemaligen Tobzellen traurigen Angedenkens. Es fehlt absolut jede Möglichkeit, behagliche, freundliche, stille Räume herzustellen, die zur Ausnahme der frischen Kranken beiderlei Geschlechts dienen, sogenannte Aufnahmeoder Beobachtungsabtheilungen, wie sie die gegenwärtige, wissenschaftliche Jrrenbehandlung erfordert. Nicht weniger fehlt alle und jede Räumlichkeit, aber auch 12 die Gelegenheit, die Kranken, besonders die Männer, innerhalb des Hauses angemessen beschäftigen zn können, so daß die Anstalt in gleicher Weise ihren räumlichen Verhältnissen nach ungenügend als Heil- wie als Pflegeanstalt ist. Nicht weniger ungenügend als wie die besprochenen räumlichen Verhältnisse ist die Organisation unserer Anstalt. Dadurch daß die Anstalt eine Abtheilung des Spitals ist, steht sie auch völlig unter der administrativen und ökonomischen Leitung des Spitals. Der ärztliche Standpunkt, der nach abgeschlossenen Erfahrungen in diesem Gebiete der maßgebende Faktor in der Leitung solcher Anstalten und Behandlung ihrer Kranken sein sollte, ist dadurch in allen Richtungen erschwert, ja vielfach absolut gehemmt. Von einem einheitlichen Verfahren, das diesen höchsten Gesichtspunkt als Grundlage hätte, ist im Gange unseres Anstaltswesens keine Rede, eine Seite unserer Anstalt, auf deren Folgen näher einzugehen uns zu sehr von unserer Aufgabe abbrächte, von denen wir aber immerhin betonen müssen, daß sie die diätetische und ökonomische Führung der Anstalt und ihrer Kranken in oft geradezu unerträglicher Weise beeinflussen. Es sind dieß Verhältnisse, die wohl durch unaufhörliches Ankämpfen in ihren Wirkungen etwas zu mildern, aber nicht zu verändern sind. Sie sind durch Gewohnheit eingelebt, durch die Natur der Verhältnisse fast unvermeidlich. Doch der Mangel eines selbständigen Anstaltsbetriebs zeigt sich nicht nur dadurch wirksam, daß die Anstalt in ökonomischer und administrativer Beziehung sehr benachteiligt ist, sondern er macht sich auch darin geltend, daß dadurch in der Behandlung unserer Kranken uns ein wichtiger Faktor verloren geht, indem eine Reihe von Arbeiten für weibliche 13 Kranke uns entgehen, die erfahrungsgemäß von wesentlichem Einflüsse auf den günstigen Verlauf solcher Krankheitsznstände sind, und wir gerade bei der Beschäftigung der letzteren fast ausschließlich auf die Arbeiten im Sitzen angewiesen sind. Es kommt in der Behandlung und Verpflegung von Irren jedoch nicht allein der sanitarische und der ökonomische Standpunkt in Betracht, sondern es bedarf hiefür besonders auch der Cultivirung des gemüthlichen. Wie schon die Lage und Bauart der Anstalt und ihre Umgebung auf die Gemüther der Kranken einen freundlichen und dadurch beruhigenden und versöhnenden Eindruck machen sollten, so sollte auch die Anstalt in ihren baulichen Verhältnissen und in ihren Einrichtungen im Innern diesen Eindruck erhalten und steigern. Doch wie außen so herrscht auch bei uns im Innern absolute Leere in dieser Beziehung. Da ist Nichts, was das Auge in angenehmer Weise fesseln, das Ohr befriedigen könnte. Da ist Nichts, was den Eindruck des Behaglichen, Wohnlichen auf die Kranken hervorbrächte. Nichts als nackte Wände und leere Corridore, von Mobiliar nur das Nothwendigste und dieses von einer Beschaffenheit, die vielfach nicht mehr den Namen des Bescheidenen verdient. Wenn nach den Bestimmungen der Behörden vom Jahre 1838 für den Neubau der Jrrenabtheilung: „dem Einwohner von Basel es ermöglicht werden soll, „die geistig erkrankten Mitglieder seiner Familie in zweckmäßige, der Heilung förderliche Verhältnisse zu versetzen und „dabei besonders der Mittelstand berücksichtigt werden soll, dem „man damit die Zuflucht nach guten auswärtigen, aber „theuern Anstalten ersparen wollte," so haben diese Bestimmungen nach der gegenwärtigen Beschaffenheit der Irrenanstalt durchaus keine Erfüllung gefunden. 14 Es ist dies allerdings nicht neu, aber es scheint dennoch der maßgebenden Bevölkerung unserer Stadt unbekannt geblieben zu sein; denn es ist dies Alles schon vor mehr als 15 Jahren von meinem Vorgänger, Herrn Professor Brenner selig und der damaligen ärztlichen Gesellschaft und im späteren Gutachten des Herrn Regierungs-Rath Fr. Müller ohne allen und jeden Erfolg ausgesprochen und nachgewiesen worden. Man darf ruhig und ohne Uebertreibung behaupten, die gegenwärtige Irrenanstalt befriedigt in keiner Weise die Ansprüche auch nur der Mittelclasse und handelt es sich um die Befriedigung speciell psychiatrischer Bedürfnisse, so mangelt hiefür Alles und Jedes. Die Anstalt selbst bietet hiefür nichts. Da gibt es keinen Spielplatz, keinen Unterhaltungssaal, keine Gelegenheit zum Musiciren, aber auch keinen Betsaal, nicht einmal ein Plätzchen, in dem sich Jemand eine Stunde in Ruhe und Stille sammeln und etwa der Lektüre ungestört widmen könnte. Will man die Kranken hinaus in die freie Natur führen, so müssen sie zuvor die Straßen der Stadt durchschreiten, wo sie jeden Augenblick einem ihrer Angehörigen, einem Bekannten begegnen können, oder zum Wenigsten der Neugierde des Publikums und nicht selten taktlosen Bemerkungen und unwürdiger Begegnung ausgesetzt sind. Nun kommt noch eine andre Frage zur Erwägung. Wenn auch der Kranke in der Basier Irrenanstalt unter allen schweizerischen Anstalten am schlechtesten, weil am unpassendsten, und in einer für seinen Zustand am meisten ungeeigneten Weise untergebracht ist, so kostet dem Spitale der Kranke der Irrenanstalt trotzdem fast doppelt so viel, als ein Kranker einer gut eingerichteten Anstalt kostet. Die Sache verhält sich wiederum sehr einfach. Je weniger 15 Kranke in einer Anstalt untergebracht sind, um so höhere Betriebskosten treffen auf den Einzelnen. Je mangelhafter eine Anstalt eingerichtet ist, um so größeres Personal ist nöthig, um den Bedürfnissen des Anstaltdienstes zu genügen. So kommt es, daß ein Kranker in unserer Irrenanstalt täglich dem Spital Fr. 3 durchschnittlich kostet. Endlich ist in dieser Beziehung noch der Umstand von Bedeutung, daß, wenn für Kranke aus besseren Ständen der geeignete Raum für ihre Behandlung und Verpflegung vorhanden wäre, auch unsere finanziell gut situirten Familien die Anstalt benützen würden. Wenn auch der reiche Basier noch eine längere Zeit brauchen wird, um dahin zu kommen, wohin der reiche Hamburger schon lange gekommen ist, gerade mit Stolz seine kranken Angehörigen in der eigenen Anstalt gut behandelt zu wissen, so wird sicher diese Zeit auch für ihn kommen, wie wir sie für andere Bevölkerungen, bei denen die gleichen Vorurtheile herrschten, wie man sie hier findet, kommen sahen. Durch die Aufnahme solcher Kranken und ihre Bezahlung würde die Verpflegung armer Kranken finanziell wesentlich erleichtert werden. Da bei solchen Anstaltsverhältnissen gewiß Jedermann die Frage nahe liegt, warum denn nicht eine Verbesserung dieser Zustände angebahnt und ausgeführt wurde, so ist darauf zu erwiedern, daß der gute Wille der Spitalbehörden zwar auch unserer Anstalt während der Zeit unserer Wirksamkeit nicht gemangelt hat. Wir haben vielmehr allen Grund, es zu betonen, daß dieselben, besonders während der letzten Jahre, unsern Wünschen und Vorschlägen gerne und genügend entgegengekommen sind. Aber alle diese Hilfeleistungen konnten nur ungenügenden Erfolg haben. 16 Die Verhältnisse des Hauses sind der Art, daß eine wesentliche Veränderung derselben auch bei großen Opfern, die dargebracht würden, nicht möglich wäre. Die Anstalt ist in einer Weise von ihrer Umgebung umschlossen und eingeengt, daß von einer Ausdehnung derselben in irgend einen: Sinne, sei's daß es sich um bauliche Erweiterung, sei's um die Verschaffung passender freier Räume handelte, nicht die Rede sein kann. Es würden auch die größten Opfer, die an diesen Platz verwendet würden, nur ein Werk schaffen können, das an den Grundübeln in gleicher Weise litte, als wie das alte, so daß von einem jeden Versuche, in dieser Richtung vorzugehen, nur abgerathen werden muß. Es würden uns alle solchen Verbesserungen, selbst wenn sie möglich wären, von dem Uebelstande nicht befreien, der in der Verbindung und Abhängigkeit der Anstalt vom Spitale besteht. Es scheint uns sonach die Bedürfnißfrage nach einer neuen, vom Spitale unabhängigen und günstiger gelegenen Anstalt auch für den optimistischen Beurtheiler der gegenwärtigen Verhältnisse kaum mehr zweifelhaft sein zu können. Unsere Anstalt ist in jeder Beziehung ungenügend, sie ist keine Zierde von und in Basel, sondern sie ist ein schwarzer Fleck im sonst so leuchtenden Wappen des Staates. Es ist in dieser Beziehung für die Kranken nicht gehörig gesorgt. Wenn trotz alledem das Wirken der Anstalt nicht erfolglos blieb, so ist dieser Umstand ausschließlich dem sachverständigen und treuen Dienste der Aerzte zu verdanke::. Da nun der moderne Staat die unabweisbare und allgemein anerkannte Verpflichtung hat, für seine Kranken in genügender Weise zu sorgen, so folgt daraus für Basel, daß es eine andere Anstalt bauen muß. — 17 Wenn wir glauben, im Bisherigen die Bedürfnißfrage als eine dringliche bewiesen zu haben, fo entsteht dann zunächst die Frage, wie groß müßte die neue Anstalt sein, um in quantitativer Beziehung zu genügen, für wie viele Kranke müßte gebaut werden? Es müßte, um dieses einigermaßen richtig bestimmen zu können, die Anzahl der in Basel befindlichen, respective der nach Basel gehörigen Irren genau gekannt sein. Es ist dies nun leider nicht der Fall. Wir kennen nur nach Zählung der Bevölkerung von 1870 eine solche Zahl, die für Baselstadt 110 Kranke angibt und voll vorneherein als absolut unrichtig, weil zu klein, bezeichnet werden muß. Da wir für 1880 keine Jrrenzählung erwarten dürfen, müssen wir uns, um zu einer annähernd richtigen Zahl zu kommen, auf andere Weise zu helfen suchen. Da es sich nun in allen Staaten mit genauer Jrrenzählung herausgestellt hat, daß ungefähr auf 250—300 Einwohner 1 Geisteskranker trifft, so würden wir für Basel bei der Annahme einer Bevölkerung von 60,000 Einwohner für 1880 aus die Zahl von 200—240 Geisteskranken rechnen dürfen. Daß diese Annahme keine übertriebene, überhaupt keine theoretische ist, sondern eher der Wirklichkeit gegenüber zu gering als zu groß ist, das läßt sich unschwer beweisen. Wie wir früher angaben, ist der mittlere Krankenstand während der letzten Jahre: 24.1 M. 31,0 Fr. — 55,1 i. G. im Irrenhause gewesen. Rechnen wir nun: 11.2 „ 33,3 „ — 44,5 den mittleren Krankeubestand aus dem Versorgungshause da- _zu, so ergeben sich: 35.3 M. 64,3 Fr. — 99,6 im Ganzen, die Zahl von 100 18 bereits in den hiesigen Anstalten versorgten Kranken dieser Art. Daß außerdem noch mehr als 100 Basel ungehörige Kranke sind, die theils in auswärtigen Anstalten, theils bei Privaten in fremden Familien, theils endlich in der eigenen Familie versorgt sind, zu dieser Annahme berechtigt uns eine fünfjährige Erfahrung hier hinlänglich. Nehmen wir nnn 2 Geisteskranke : 1000 der geistes- gesunden Bevölkerung, die in der Anstalt versorgt sein müßten, oder 2/s Theile des vorhandenen Krankenbestandes, so ergibt sich als Bedürfniß für Basel eine Anstalt für 120—160 Kranke berechnet. Da man ja nicht die Absicht haben kann, bald wieder an einer solchen Anstalt Erweiterungen anzubringen, sondern für eine bestimmte Zeit den Bedürfnissen Vorsorgen will, wohl auch Kranken von außerhalb Basels die Aufnahme nicht versagen kann, so dürfte wohl von Anfang an die Anstalt für die größere Zahl von 160 Kranken gebaut werden müssen. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit unsern Nachbar, Baselland, nicht ganz unerwähnt lassen. Es ist bekannt, daß man dort in Bezug auf Jrrenbehandlung und Verpflegung noch schlimmer daran ist, als bei uns. Es wird keine große Aussicht dafür bestehen, daß eine eigene Irrenanstalt für Baselland errichtet wird, obwohl die Zahl der Irren bei der ungefähren Gleichheit der Bevölkerung dort nicht viel von der hier sich unterscheiden wird. Immerhin wird die dortige ländliche Bevölkerung eine weit größere Zahl ruhiger, inoffensiver Kranken in der familiären Pflege behalten können, als dieß in der Stadt der Fall ist. Alle Verhältnisse sind darauf gerichtet, daß gerade 19 zwischen Baselstadt und Baselland eine Verständigung üben diese Frage stattfinde. Wir können uns nicht denken, daß irgendwie der Gedanke eine festere Gestalt gewinnen könnte, daß beide Kantone gemeinsam eine Anstalt errichteten, wie Vieles auch für eine solche gemeinsame Unternehmung spräche. Es sind doch auch wieder so viele dagegen sprechende Grunde vorhanden, daß die Sache kaum eine praktische Zukunft haben dürfte. Dagegen dürfte man von Baselland aus wohl eine bestimmte Anzahl von Plätzen in der neuen Anstalt beanspruchen, die ihm stets und unter allen Umständen zur Verfügung, ständen. Es spricht auch dieser Umstand dafür, daß wir für eine größere Anzahl von Plätzen Vorsorge treffen müssen, als gerade das unmittelbarste Bedürfniß zu fordern scheint. Wir müssen unseren bisherigen Erfahrungen entsprechend haben: 24—30 Plätze in den klinischen Abtheilungen und für frische Kranke, 60—70 „ für ruhige und körperlich rüstige Kranke, 60—70 „ für schwachsinnige, epileptische und körperlich schwache Kranke. Nun müssen wir unbedingt noch eine Abtheilung für größere Beträge zahlende Kranke, für solche, die gebildeten und wohlhabenden Ständen angehören, also eine Pensionärabtheilung haben. Wir müssen auch hiefür Räumlichkeiten für 20—30 Kranke berechnen. Wir werden also unter allen Umständen eine Anstalt für 160 — 180 Kranke im Auge haben müssen und dürfen uns bei dieser Aussicht um so eher beruhigen, als der Betrieb 20 einer derartigen Anstalt leichter und billiger sein wird, als der einer kleineren. Was nun die Kosten der Errichtung einer solchen Anstalt betrifft, so läßt sich natürlich kein genauer Kostenvoranschlag machen. Wissen wir doch vor der Hand weder von der Lokalität etwas, auf der sie zu erstellen sein wird, noch von der Zeit, in der sie erstellt werden wird, was ja alles etwas die Baukosten beeinflussen wird. Wir müssen uns hier an allgemeine Annahmen halten, wie sie die reichliche Erfahrung des Jrrenhausbauwesens- ergibt. Die verschiedenen Anstalten, wie sie bestehen, kosteten für Ban und Einrichtung durchschnittlich Fr. 5—7000 das Anstaltsbett. Nehmen wir also für Basel eine Anstalt von 160—180 Kranken in Aussicht, so wird es sich um eine Geldsumme als Bedürfniß handeln, die die Summe von Fr. 800,000 ä l,000,000 betragen wird. Es ist überhaupt nöthig, sich der Opfer klar zu sein, die für das vorliegende Werk gebracht werden müssen. Es handelt sich nicht allein um die Errichtung der Anstalt, die Geld kostet, sondern auch um den Betrieb derselben. Wenn die Anstalt einmal besteht und ihre Kranken hat, so ist es ja nicht möglich, daß sie sogleich finanziell selbständig dastehen kann. Beim Mangel eines Anstaltsvermögens wird die Anstalt für eine längere Zeit noch der Zuschüsse bedürfen, um bestehen zu können. Es würde sich vor allem im Interesse einer Anstalt empfehlen, daß für dieselbe ein Betriebsfond vorhanden sei, aus dessen Erträgen zunächst die Betriebsdeficits gedeckt, später- andere, in die Jrrenversorgung einschlagende Bedürfnisse befriedigt werden. Es wäre ein solcher Fond bei unserm kleinen Staats- 21 wesen um so eher am Platze, um den Anstaltsbetrieb von den schwankenden Staatsbedürfnissen und Ausgaben unabhängig zu erhalten und er sollte auf die Höhe einer halben Million Franken gebracht werden. Und gerade für die Erreichung eines solchen Zieles eröffnet sich für die private Wohlthätigkeit eine Bahn, die zu beschreiten für den wahren Menschen- und Vaterlandsfrennd gewiß so lohnend ist, wie irgend eine andere. — Wir haben bis jetzt eine Seite der Frage ganz unberührt gelassen, da sie, wie wichtig sie an sich ist, doch nur in zweiter Linie steht, gegenüber der Bedürfnißfrage. Es betrifft dies die Bedeutung der Irrenanstalt als klinisches Institut. Unstreitig hat Basel in dieser Beziehung bestimmte Verpflichtungen. Es hat solche sowohl den eidgenössischen Behörden gegenüber, als auch den an der Anstalt wirkenden Aerzten. Es soll in erster Beziehung die Irrenanstalt ein solches Krankenmaterial und solche Hilfsmittel in sich vereinigen, die es ermöglichen, den Studirenden die wichtigsten Formen und Stadien der Geistesstörung kennen, diagnosticiren und behandeln zu lehren. Es muß in zweiter Beziehung den Aerzten so viel Beobachtungsmaterial bieten, um für ihre Studien und Arbeiten immer neue Quellen der Erfahrung finden zu können, insbesondere die mannigfaltigen Erscheinungsformen des Irrsinns in ihrem Verlaufe bis zu ihrem Ende verfolgen zu können. Beides ist hier nicht gegeben. Es findet sich nur ungenügendes klinisches Material in der hiesigen Anstalt vor, sodaß es sehr schwierig ist, mit seiner Hilfe genügenden klinischen Unterricht zu ertheilen und das dauernde Interesse der Studirenden für dieses Fach zu erhalten. 22 Einmal daß wir unsere chronischen Kranken größtentheils, um für die acuten Platz zu gewinnen, entfernen müssen, sodann weil wir eine ungewöhnlich große Anzahl acnter und chronischer alcoholisiischer Geistesstörungen aufnehmen müssen, wird uns die Gelegenheit entzogen, genügendes Beobachtungsmaterial vor uns zu haben. Die Bedeutung des psychiatrischen Unterrichts ist eine viel größere, als mau glaubt, für die Praxis, und verdient derselbe daher durchaus die nothwendige Unterstützung von Seiten der Behörden in Form eines geeigneten, den jetzigen Ansprüchen der Praxis und der Wissenschaft entsprechenden klinischen Institutes. Die Aufgabe, die Basel als Universitätsstadt in dieser Beziehung hat, macht bezüglich der Lokalitätsfrage der künftigen Irrenanstalt gewisse Beschränkungen nothwendig, die darin bestehen, daß die Anstalt nicht zu weit von der Stadt entfernt gebaut werde. Wenn auch in einer Beziehung die Anstalt und ihre nächste Umgebung dem Lärmen und der schlechten Luft der Stadt, ihren störenden Einflüssen überhaupt, entzogen werden muß; darf sie in anderer Beziehung, sowohl um den Besuch der Klinik von Seiten der Studirenden nicht zu sehr zu erschweren, als um auch die Uebergabe der Kranken an die Anstalt möglichst zu erleichtern, nicht zu weit von der Stadt entfernt sein. Da für ihre Lage auch freie Aussicht von nicht geringer Bedeutung ist, empfiehlt sich in erster Linie hiefür irgend ein in der näheren Umgebung der Stadt gelegener, höherer, freier Platz, der in den ausgedehnten Ländereien des Spitals unschwer zu finden sein dürfte. Es scheint uns auch die Lösung der Platzfrage von Seiten des Spitals ganz der Stellung zu entsprechen, die der Spital der ganzen Angelegenheit gegenüber einnimmt. 23 Die bauliche Aus- uud Durchführung der Anstalt ist die Sache des Staates. Zwar wird uns von allen Seiten die Antwort entgegentönen, daß der Staat gegenwärtig nicht in der Lage ist, die hiefür nöthigen Ausgaben zu decretiren. Von allen Seiten wird man tröstend auf die Zukunft verwiesen werden, auf bessere Zeiten, die mit für solche Zwecke verfügbaren Mitteln kommen werden. Wir von unserm Standpunkte aus können nur betonen, daß die Sache eine dringliche ist, daß sie nach unserer Ueberzeugung eine weitere Verschiebung auf eine größere Reihe von Jahren nicht erträgt, daß früher oder später schlimme Folgen unserer Verhältnisse für die Kranken nicht ausbleiben können. Denn man darf nicht vergessen, daß, wenn einmal der Anstaltsneubau beschlossen wird, immerhin noch wenigstens drei Jahre für ihren Ausbau und ihre Einrichtung erforderlich sind. Möge man sich damit nicht beruhigen, daß trotz des von Herrn Professor Brenner selig so schwarz und zukunfts- schwer entworfenen Anstaltsbildes im Jahre 1864 bis jetzt keine Katastrophen erlebt wurden. Die Verhältnisse sind uud waren seit langem schlimm genug. Werden sie noch schlimmer, so haben die Folgen nicht die Aerzte der Anstalt zu verantworten, die ihre Stimmen rechtzeitig genug erhoben haben. Um es nicht so weit kommen zu lassen, hat sich die Commission des Jrrenhilfsvereins E. E. Gesellschaft des Guten und Gemeinnützigen entschlossen, nochmals die Sache vor die Behörden und Einwohner Basels zu bringen, um auf Grund gemeinsamer Besprechung der Angelegenheit die nöthigen Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie diesen Bedürfnissen in richtiger Weise abgeholfen werden könne. Die Commission hatte sich anfänglich für die Gründung UmvslÄtSIsdidlioOiök 6sss! 24 und Constituirnng eines Zrrenhausbauvereins entschieden, um durch Beiträge und freiwillige Vergabungen der Mitglieder Mittel für unsern Zweck zu sammeln. Sie ist von diesem ihrem Entschlüsse vor der Hand zurückgekommen, um vertrauensvoll die Angelegenheit den Tit. Behörden und einem größer» Publikum vorzulegen und dessen lltath einzuholen, in der Hoffnung, daß nicht gerade Basel zurückbleiben will hinter andern Staaten in bereitwilliger Opferfreudigkeit für eine Klasse seiner Angehörigen, die unter allen Unglücklichen der menschlichen Theilnahme geradezu am würdigsten erscheinen dürften. Um den Tit. Behörden und Einwohnern unseres Kantons die volle Einsicht zu ermöglichen in das, was nothwendig, also gemeinsam zu erstreben ist, haben wir uns entschlossen, auch in qualitativer Beziehung bestimmte Vorschläge zu machen. Wir haben uns demgemäß erlaubt, ein Project vorzulegen, das hinsichtlich der Beurtheilung der Lage, der baulichen Verhältnisse und der sonstigen Bedürfnisse der neuen Anstalt bestimmte Anhaltspunkte bietet. Wir haben also ein bestimmtes Programm ausgearbeitet, zu dessen Ausführung in baulicher und technischer Beziehung uns Herr Architekt Paul Reber in höchst verdankenswerther Weise seine Hilfe angeboten hat. Wir fügen dasselbe als Beilage unserem Berichte an und empfehlen die ganze Angelegenheit der wohlwollenden Beurtheilung und Förderung der Tit. Behörden und Einwohner Basel's. in Die Kommission für Irrenfchuh. > > - Basel, im Oktober 1880. IX)- ( 0 - 6 - 01 - m- w- (O- o IX) — 0) —— —— . 771^: 01 0) —— — — w -—7 (O — kX) — O IX) W-Z Bericht der «Mission für Jrrcnschutz V—W Gesellschaft des Guten und GemeittlMigen u> über die Nothwendigkeit der O Wen und privaten Hilfe zur Verbesserung L- der hiesigen Jrrenverhältniffe. Basel. Schweighauserische Buchdruckerei. 1880 .