r c/ ^<7/V ^ Vf & f'y r yy r ' B. Die Revolution in Polen. Wo viel Zunder ist, da zündet es leicht. Durch Funkenwurf aus Paris und Brüssel entstand auch die Revolution in Warschau, wenn gleich der Brand erst nach Monaten offen ausbrach. Die Wurzeln der polnischen Übel liegen weit zurück, in alten Erbsünden des polnischen Charakters und des polnischen Staates; in der unglückseligen Aufteilung des Landes gegen Ausgang des XVIII. Jahrhunderts (1792, 93 und 95) ; in der Zuteilung des Königreichs Polen an Rußland durch den Wienerkongreß (Kongreßpolen), und selbst in der Konstitution, welche Zar Alexander dem Lande gewährte. Vor- Zugunsten der Unkundigen schalten wir einen Abriß pol- geschichte n i sc h er Vorgeschichte ein. — Es gab im Mittelalter ein slawisches Königreich Polen, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung vorübergehend vom schwarzen Meer bis zur Ostsee reichte. 1370 erlosch das einheimische Königshaus der Piasten ; durch Heirat folgte das litauische Haus der Jagellonen. Auch dieses starb 1572 aus, und nun wurde Polen ein Wahlreich. Es nannte sich in der Folge „Republik Polen“ und leistete sich nur eben den Luxus, seine Präsidenten mit einer Krone zu schmücken. Die Freiheit des polnischen Adels , der alleine den Reichstag bildete, entwickelte sich in den übertriebensten Individualismus mit Einführung des liberum veto, wodurch jeder Einzelne mit seiner Stimme Beschlüsse des Reichstages unmöglich machen konnte. Von da an wurde der polnische Reichstag zum Schauplatz oft wüster Skandale. Jeder Querkopf konnte die Regierungsmaschine zum Stillstand bringen. Dazu die nicht selten streitigen Königswahlen. Das Land war von Parteiungen durchwühlt, zerrissen und steuerte der Anarchie 1 Ernst Müsebeck, E. M. Arndts Urteil über England und englische Politik, Deutsche Rundschau, Juliheft 19x5. — 57 — zu. Das bot den Nachbarn, zumal bei dem Fehlen ausgeprägter natürlicher Grenzen, willkommenen Anlaß, sich einzumischen; die Parteien riefen sie selber gegen einander zu Hülfe. Katharina II. in Rußland, eine „arme deutsche Prinzessin“, die Rußland keine Mitgift gebracht, mußte ihm, wie sie sagte, eine solche erobern. Die schwach gewordene Türkei im Süden winkte, im Westen Polen. Friedrich der Große schlug ihr eine erste Teilung polnischen Gebietes vor. Er hatte dazu besondem Anlaß. Das ganze Weichselgebiet war damals polnisch bis an die Mündung, mit Danzig, Elbing etc., Ostpreußen ganz von Polen umschlossen, geographisch von Brandenburg, Pommern etc, getrennt. Der König mußte doch die Gelegenheit wahrnehmen, Ostpreußen mit der übrigen Monarchie in räumliche Verbindung zu bringen. So schlug Friedrich — im Vertrauen — in Petersburg ein erstes Zugreifen vor. Er soll es getan haben, damit Rußland nicht über eine Weile alles für sich nehme. Katharina bemerkte zu Friedrichs Anregung: „Es scheint, daß man in Polen sich nur zu bücken braucht, um etwas aufzuheben“. Um nicht etwa an der Teilung gestört zu werden, lud man auch den dritten Nachbar, Oesterreich, zum Mithalten ein. Maria Theresia war die einzige, der die Sache widerstrebte. Sie fühlte, das würde einen Flecken auf ihre Regierung werfen. Ihr Sohn, Josef II., teilte diese Skrupeln nicht. Wie töricht, nicht zuzugreifen oder gar den unschuldigen Zuschauer zu machen! So kam eine erste Teilung zustande 1772. Und nun wuchs der Appetit auch nach dem übrigen. Prätexte zur Einmischung in Polen fanden sich immer; sogar die „polnische Libertät“, zu deren Beschützerin die automatische russische Kaiserin sich aufwarf, mußte dazu dienen. Und das polnische Lamm konnte von nun an trinken, wo es wollte, immer hatte es dem russischen Wolf das Wasser getrübt. 1793 fand die zweite Teilung statt, und als sich! Polen zum Verzweiflungskampfe aufraffte, folgte 1795 die dritte, völlige Aufteilung. — Den Löwenanteil an der gesamten Teilung hatte Rußland. Das „finis Poloniae“, das der Polenheld Kosciusko 1794 ausgerufen haben soll, wurde von diesem selber später mit Entrüstung geleugnet. Nachdem so die Nachbarstaaten Rußland, Oesterreich und Preußen das Land unter sich geteilt, verschwand Polen aus der politischen Geographie, aber nicht aus der Geschichte. Die Verfassung- von 1815. - 58 - Es gab seitdem zahlreiche ausgewanderte Polen in den übrigen Ländern Europas, namentlich auch in der Schweiz, in Frankreich und England. Und nie seither haben die mit Gewalt aus der Reihe der selbständigen Nationen ausgelöschten Polen aufgehört, die Wiederherstellung ihres Landes und Staates zu fordern und darauf hinzuarbeiten. Sie setzten ihre Hoffnung auf die französische Revolution, dann auf Napoleon; sie bildeten 1797 eine polnische Legion in französischen Diensten. Eine solche kämpfte 1806 bei Auerstädt-Jena mit. Ein erster Erfolg schien ihnen beschieden, als Napoleon 180J aus dem Großteil des preußischen Polen das Großherzogtum Warschau machte. Großherzog wurde der gleichzeitig zum König erhobene Kurfürst von Sachsen. 1 1809, nach dem Wienerfrieden mit Oesterreich, vergrößerte Napoleon das Großherzogtum durch das österreichische Westgalizien (das dann der Wienerkongreß 1815 an Oesterreich zurückgab). Napoleon benutzte die Tapferkeit der Polen und ihren Haß, wie es ihm paßte, heute gegen Preußen, morgen gegen Oesterreich, übermorgen gegen Rußland. Seinen großen Feldzug gegen Rußland 1812 nannte er den „zweiten polnischen Krieg“. Er weilte auf seinem Durchzug 18 Tage in Wilna; die Hoffnung der Polen stieg zur Begeisterung. In Scharen schlossen sie sich der „großen Armee“ an und erwarteten von dem Feldzug nach Moskau ihre Befreiung und Wiederherstellung. Es kam anders. Der Wienerkongreß rüttelte in der Folge nicht an den Teilungen Polens. Seine Tendenzen waren ganz andere, und die interessierten Mächte Rußland, Oesterreich und Preußen waren ja die Besieger Napoleons und neben England die führenden Stimmen auf dem Kongreß. Nur das Großherzogtum Warschau ging, wie wir gesehen, nicht an Preußen zurück, sondern an Rußland, und Zar Alexander gab seinem „Königreich Polen“ aus freien Stücken eine Konstitution , im November 1815. 2 Ein Statthalter und ein Verwaltungsrat leitete in Abwesenheit des Königs die Regierung. Ein Reichstag teilte mit dem König das Recht der Gesetzgebung. Er bestand aus einem 1 Zur Wahlreichszeit hatte das sächsische Haus wiederholt den polnischen Thron innegehabt. 2 Die folgende Schilderung der polnischen Verhältnisse ist wesentlich A. Stern entnommen. — 59 — „Senat“ und einer „Kammer der Landboten“. Dem Senat gehörten von Geburts wegen die Prinzen, von Amts wegen die Bischöfe an und dann vom König auf Lebenszeit ernannte Grundbesitzer, die mindestens 2000 Gld. jährliche Grundsteuer bezahlten. Die Kammer sollte bestehen aus 77 Land- und 55 Stadtboten. Aktives und passives Wahlrecht für diese Wahlen waren an einen Zensus gebunden. Die Folge war, bei den sozialen Zuständen Polens, daß in beiden Häusern der Groß- und Kleinadel das Wort führte. Der Abbe Sieyes, ein berühmter Führer der französischen Revolution, hatte 1789 in einer Broschüre „Qu’est-ce que le tiers-ötat ?“ Frankreich eine Pyramide genannt, die auf die Spitze, d.h. auf den König gestellt sei; man müsse sie umkehren und auf die Basis stellen, d. h. auf das Volk. Nun, in Polen verstand man unter dem Volk nur den zahlreichen Adel; daneben gab es fast nur ein Proletariat, kein „Volk“ in einem bessern Sinne, weder einen Bauern-, noch einen Bürgerstand, der ein solider Untergrund des Staates hätte sein können. Zwar hatte Napoleon 1807 die „Sklaverei“ für abgeschafft erklärt. Nun waren die Bauern „freie Menschen“. In Wahrheit aber stand es mit ihrer Freiheit ohne Eigentum so, daß sie dem Gutsherrn auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert waren. Völlig der Mittel bar, sich selber fort zu helfen, geschweige denn, zu einem städtischen Gewerbe über zu gehen, des Lesens und Schreibens unkundig, stumpfsinnig an Ergebung gewöhnt, übernahm der Bauer in der Regel notgedrungen alle Fronen und Leistungen, die der ehemalige Herr unter dem Schein eines Vertrages seinem nunmehrigen Pächter auf Zeit aufzwang. Manche Bauernfamilie verdiente jährlich nicht mehr als 15 Rubel, und es gab Güter, auf denen 180 Tage im Jahre Hand- und Spanndienste geleistet, d. h. gefronet werden mußte. Der Gutsherr besaß die Polizeigewalt und konnte sich zum Richter in eigener Sache aufwerfen. Wurde dem Bauern gekündigt, so mochte er als „freier Mann“ sehen, wo er mit Weib und Kind Unterkunft fand. So wurde die Freiheit für ihn zur Not und zum Hohn. Wollte er sich eine günstigere Arbeitsstelle suchen, so hatte er vorher einem Kreisausschuß adeliger Gutsbesitzer Rede und Antwort zu stehen. Freizügigkeit war noch keineswegs ein anerkanntes Bauernrecht. Im Gegenteil, wenn die Regierung auf den Innere Zustände, Vom Bauernstand. — 6o — Vom Bürger- Stand. Von den Juden. Privatgütem eingriff, so war es, um die Freizügigkeit einzuschränken. Mitunter trieb die Verzweiflung ganze Familien in die Wälder. Da und dort sammelten sich zerlumpte Scharen von Obdachlosen. Dann wurden sie gefangen genommen und als Vagabunden, die in den Wäldern als Räuber behandelt. Aber auch die in den Dörfern hausten kaum menschenwürdig. Der rauchige, von Schmutz starrende Raum um den mächtigen Ofen war in der Regel der gemeinsame Aufenthalt für Mensch und Vieh. Nahrung und Kleidung dem entsprechend. So war der Bauernstand in Polen nicht „Volk“, sondern eine Herde, ja schlimmer daran als eine Herde. Wie er sich darüber tröstete, verrät sein schreckliches Sprichwort: „Nichts ist mein, als was ich vertrinke“. Einen Bürgerstand in den Städten gab es so zu sagen nicht. Wie es um ihn bestellt war, „lehrte schon der äußere Anblick altberühmter Städte, in deren Straßen das Gras wuchs, und vor deren verfallenen Domen die Schweine weideten“. Handel und Gewerbe waren fast ganz in den Händen der Juden, die seit Jahrhunderten von Westen her eingewandert waren, da Polen einst (im XIV. Jahrhundert, unter Kasimir dem Großen) für ihr „Paradies“ gegolten, indem man ihnen Duldung gewährte in Zeiten, wo sie im übrigen Europa verfolgt und verfehmt waren. Diese Paradieseszeiten waren nun freilich längst vorüber. Im 18 . Jahrhundert, als anderswo das Licht der Aufklärung auch für die Juden zu leuchten begonnen hatte, da brach in Polen, dank der übereifrigen Wirksamkeit des Jesuitenordens, über die.Juden wie über alle Dissidenten die Finsternis des Mittelalters herein. Sie waren seitdem politisch völlig rechtlos und als Fremdlinge verachtet, und doch, als fast alleinige Pfleger von Handel und Gewerbe, unentbehrlich. Für die schlechte Behandlung wußten sie sich auf ihre Weise schadlos zu halten, auch schon dadurch, daß sie ruhig ihr materielles Interesse über alles setzten, da ihnen das Vaterland versagt war. Es fehlte also in Polen die Basis der Pyramide, ein dritter Stand, der bürgerliche Rechte und Pflichten mit Bewußtsein und Verstand hätte ausüben können, was doch die natürliche Voraussetzung einer Verfassung ist. Zar Alexander war auch schon auf dem Kongreß in Wien gewarnt worden, Polen eine Verfassung zu geben, so vom Grafen Kapodistrias, von dem Freiherrn von Stein u. a. — 6i Aber Alexander dachte anders. Die edle Seite seiner Zar Natur fühlte sich damals wohl aufrichtig angezogen von den i., seine liberalen Gedanken und Bestrebungen, wobei freilich auch P pÖien. m seine Eitelkeit mitspielte. Er gefiel sich in dem Gedanken, aus Polen einen konstitutionellen Musterstaat zu machen und die dort bewährten Einrichtungen nach und nach dann auch in Rußland selber einzuführen. Im März 1818 eröffnete er in eigener Person den ersten Reichstag in Warschau mit einer Rede, die den Höhepunkt „seines abstrakten Freisinns“ bedeutete. Er rühmte mit schwungvollen Worten „die liberalen Einrichtungen, die das wahre Glück der Völker ausmachen“ und stellte die Übertragung dieser Einrichtungen auf alle Völker seines Reiches in Aussicht. Worüber — nota bene — Metternich und Gentz und die Tories in England gleichermaßen entsetzt und empört waren. Die Verfassung enthielt übrigens eine ganze Reihe hochschätzbarer Zusagen: Alle Stellen im Zivil- und Militärdienst durften nur mit Polen besetzt werden; die polnische Sprache war die ausschließliche Amtssprache; Polen behielt sein besonderes Heer mit besonderer Uniform; es hatte auch einen eigenen obersten Gerichtshof in Warschau; die römisch-katholische Kirche mit Besitz und Rechten war gewährleistet. So stand es auf dem Papier. Die Wirklichkeit wurde dann bald in etlichen Dingen etwas anders. Statthalter wurde kein polnischer Großer, sondern Alexanders Bruder Konstantin, der freilich in zweiter morganatischer Ehe eine polnische Gräfin heiratete. Übrigens ein ziemlich roher, vom Jähzorn beherrschter Kumpan, dem die mildesten Beurteiler das Wesen eines rohen Korporals nachrühmen. Er war mit der Einrichtung eines polnischen Nationalstaates einverstanden; die Verfassung aber nannte er „einen Kodex der Anarchie“. Er veranlaßte Russen zur Naturalisation in Polen, um ihnen dann polnische Ämter zu übertragen. Auch Alexander selbst äußerte gelegentlich im Vertrauen: „J’en ferai des Russes tandis qu’ils se croiront Polonais“. Er schob bewußtermaßen die tüchtigsten, angesehensten Polen, wie den mit ihm selbst befreundeten Fürsten Czartoryski, in wenig bedeutende Nebenämter. — Die Polen ihrerseits sahen in dem, was ihnen geboten wurde, nur eine Abschlagszahlung. Sie forderten vor allem den Anschluß allen polnischen Landes an das Königreich, bis über den Dnieper hinein. Ihr Endabsehen ging auf das einzige, eine Thronwechsel in Petersburg r — 62 — Ziel: Wiederherstellung Altpolens im ganzen Umfang und in voller Unabhängigkeit, losgelöst von Rußland. Man sieht, zu überbrücken war da nichts. Die Enttäuschung von hüben und drüben trat bald zu Tage. Schon bei Eröffnung des zweiten Reichstages 1819 ließ Alexander klagende und anklagende Töne durchklingen. Geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul; die Polen aber taten es; sie erwiderten mit Beschwerden, daß die Verfassung von der Regierung nicht eingehalten werde. Alexander fühlte sich mehr und mehr verletzt. Er überlegte bereits, ob es nicht besser wäre, das Geschenkte zurück zu nehmen. Sein Liberalismus war theoretischer, abstrakter Natur und vertrug sich nicht mit der herben Wirklichkeit. Diese Dinge wurden mit der Zeit nicht besser; wir können sie nicht im einzelnen verfolgen. Die Erfahrungen in Polen hatten unterdessen den Zaren von seiner Idee abgebracht, die Konstitution allmählich auch in Rußland einzuführen. Aber er hatte gerade mit dieser polnischen Konstitütion in Rußland einerseits Erbitterung erweckt, — warum sollte Polen einen Vorzug haben vor Rußland ? — anderseits auch Hoffnung und Erwartung. Und als nun keine Erfüllung kam, da begann in gewissen Schichten die Gärung. Eine Verschwörung schlich durch Rußland. Zu Beginn des Winters 1825 begleitete der Zar seine kranke Gemahlin nach dem milden russischen Süden. Auf dieser Reise mußte er sich von dem Vorhandensein der Verschwörung überzeugen, selbst beim Militär. Das war ihm zu viel. Als er an einem typhösen Fieber erkrankte, weigerte er sich, wie es scheint, absichtlich, sich angemessen zu schonen und zu pflegen. Er starb am 1. Dezember 1825 in Taganrog am Asow’schen Meer, erst 47 Jahre alt. Alexander hinterließ keine legitimen Nachkommen. Sein Bruder Konstantin, Statthalter in Warschau, hatte schon 1823 aus eigenem Willen, aus Liebe zu seiner unebenbürtigen polnischen Gemahlin, auf die Thronfolge zugunsten des jüngern Bruders Nikolaus verzichtet. Die Sache war von Alexander geordnet, aber nicht öffentlich bekannt gemacht worden. Und nun gab es Verwirrung. Der Generalgouvemeur von Petersburg leistete alsbald den Eid auf den neuen Kaiser Konstantin; andere Städte und Garnisonen folgten. Nikolaus selber, um nicht als Aufrührer gegen seinen Bruder zu erscheinen, huldigte dem ältem Bruder. Dieser blieb indes bei seinem Ver- r zieht, jedoch ohne denselben nachdrücklich öffentlich kund zu geben. Im Volke glaubte man, daß es sich um einen Thronraub handle, Konstantin sollte gefangen gehalten sein etc. Die verworrene Situation benutzten nun die Verschworenen, um sich auf Konstantins Seite zu schlagen und eine Verfassung zu erlangen oder zu erlisten, Am 26. Dezember sollte es in Petersburg zum Putsch kommen. Die Soldaten wußten nicht, was ihre Offiziere im Schilde führten. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten auch Hurra auf die Konstitution rufen; sie taten es, in der Meinung, die Konstitution sei Konstantins Gemahlin, die neue Kaiserin. Nikolaus hatte auf den Abend des 25. Dezembers den ; br T t | k |ü f Reichsrat zu einer außerordentlichen Sitzung eingeladen, um stand in 00 ? Petersburg ihm sein Manifest mitzuteilen, das am andern Tag veröffentlicht werden sollte. „Heute bitte ich Sie noch, sagte er beim Abschied, morgen werde ich Ihnen befehlen.“ — Am 26. abends ging es in den Straßen unruhig zu. Bei den Verschworenen war Unsicherheit und Unordnung. Massen sammelten sich und wußten kaum warum. Der Zar schien zu zögern, was zu tun sei. General Toll sagte, man müsse die Canaille mit Kartätschen bedienen. Das geschah. Nach den ersten Volltreffern stob alles auseinander. Das war der De- kabristen-, der Dezemberaufstand 1825. Nikolaus wurde bald Meister und zeigte nun auch gleich, welches Geistes Kind er war, mit dem Strafgericht, das er ergehen ließ. Von dieser Stunde an verdiente er den Namen „der eiserne Nikolaus“. Und gleich von jetzt ab war er der große Hasser aller Revolution und alles Liberalismus, der ihm mit Revolution gleichbedeutend schien. Er wurde der beste Schüler und Helfer Metternichs, an dem dieser vorderhand seine Herzensfreude haben konnte. Nachdem die Dinge geordnet waren, entstand unter den Uneingeweihten die seitherige „fable convenue“, wonach die Brüder, an Groß- und Edelmut wetteifernd, jeder dem andern, als dem Bessern und Würdigem, hätte weichen wollen. In Wirklichkeit gab es diesen Wettstreit nicht, und es tat’s auch keiner der Brüder dem andern an Begabung und fürstlichem Edelsinn zuvor. Geboren 1798, war Nikolaus beim Regierungsantritt erst Zar 27 Jahre alt. Er hatte, da er nicht als Thronfolger geboren, Nlk,aus L keine auf die Regierung ^vorbereitende, sondern nur militärische - 6 4 Bildung genossen, und militärisch nahm er seine ganze Regierungsaufgabe und übte sie entsprechend aus, ohne von Wissen und Erkenntnissen beladen und gestört zu sein. Als er 1842 den Bau einer Eisenbahn von Petersburg nach Moskau gestattete, verwarf er die ihm vorgelegten Pläne, welche die zwischenliegenden größeren Orte berücksichtigen wollten. Er zog mit dem Lineal eine gerade Linie von der neuen Hauptstadt zu der alten, mitten durch schwer zu bewältigende Sümpfe hindurch. So war sein Regiment. — Ein bildschöner Mann von Hünengestalt, imponierte er gerne in glänzender Uniform und hielt den Säbel für das beste Szepter. Er betrachtete es als seine von Gott ihm zugewiesene Mission, den Gehorsam in der Welt wieder herzustellen und aller Revolution ein Ende zu machen, auch im „angefaulten Westen“, damit die Ansteckung nicht von dorther auch das reine, „heilige Rußland“ ergreife. Geheim- Der Dekabristenaufstand hatte Beziehungen auch mit den Verschw’ö- Geheimbünden in Polen gehabt, und das Strafgericht griff ri Poien. m dann von Petersburg auch nach Warschau über. Aber noch hatte Polen seine konstitutionellen Rechte. Die Verhafteten, obschon so gut wie überwiesen, wurden vom polnischen Senat z. T. freigesprochen, z. T. nur mit Gefängnisstrafe belegt, statt mit lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien etc. Der Gouverneur Konstantin wütete, der Zar verbiß seinen Grimm, doch nicht ohne in Warschau seinen schweren Tadel auszusprechen. Den Reichstag berief er nicht mehr; die Preßfreiheit wurde beschränkt. Seitdem gediehen die politischen Geheimbünde und Verschwörungen in Polen, die es schon lange gegeben hatte, erst recht. Sie wurden eine Lebensgewohnheit, ein Bedürfnis. „Pole bedeutete bald so viel wie Verschwörer“. Die gesamte Studentenschaft, viele jüngere Offiziere, der „durch Faulheit verarmte Kleinadel“, viele Arbeiter machten mit, während bedeutende, hochstehende Persönlichkeiten sich zurückhielten. Im ganzen konnte man sagen, daß um die Zeit der Julirevolution im Polenlande zwischen Regierung und „Volk“ ein latenter Krieg bestand. Einfluß der Daß in solche Zustände hinein die Pariser Julirevolution luttonen und die nachfolgende, ebenfalls geglückte Augustrevolution VOI und aris tn Brüssel zündend wirken mußten, liegt auf der Hand. Man Brüssel. W ußte zudem, daß Zar Nikolaus gegen die Pariser- und dann auch gegen die Brüsselerrevolution hatte ziehen wollen. An — 65 allen diesen Dingen konnte sich leicht ein allgemeiner Krieg entzünden. Dann, fürchteten die Polen, würden ihre Regimenter nach Westen in den Krieg beordert und in Polen selber durch russische Regimenter ersetzt werden. Obendrein ließ Zar Nikolaus eben damals einige Häupter der Verschworenen verhaften, und der Generalstatthalter, Großfürst Konstantin, fuhr fort, angesehene Polen durch seine rohe, brüske Art zu verletzen. Warnungen beachtete der Großfürst naiverweise nicht, obschon eines Morgens an seinem Palast ein Plakat zu lesen war: „Auf Neujahr zu vermieten“. Die Verschworenen glaubten indessen, nicht länger zögern zu sollen. Eine Feuersbrunst gab am Abend des 29. November in Warschau das Zeichen. Ein Trupp Studenten und Militärschüler brach in den Palast des Generalstatthalters ein. Mit Not rettete er das Leben, während sein Generaladjutant und der Polizeipräsident ermordet wurden. Damit war die Revolution im Gange. Am 1. Dezember räumte der Großfürst voreilig die Stadt. Der Aufruhr gewann dadurch einen Vorsprung. Eine provisorische Regierung trat ins Amt. Aber kaum begannen die Polen, „freie Luft zu atmen“, so zeigte sich, daß sie aus ihren bisherigen Schicksalen nichts gelernt, „nichts gelernt und nichts vergessen hatten“. Gleich waren Spaltungen und heftige Parteikämpfe da. Die aristokratische Partei der „Weißen“ wollte mit Rußland in Personalunion bleiben, um ihr altes Adelsregiment wieder herzustellen. Die demokratischen „Roten“ strebten völlige Trennung von Rußland und die Republik an. Wie naiv es von den Weißen war, mit dem Zaren Nikolaus unterhandeln zu wollen, dem alles, was Konstitution hieß, zum vornherein ein Greuel war, bewies sein Ausruf: „Wir werden in Warschau einziehen, und sollten wir bis an die Knöchel in Blut waten“. Hülfe von den Nachbarn hatte Polen nicht zu erwarten. Wichtige „Lebensinteressen“, der Besitz namentlich des ehemals polnischen Westpreußen, seine Stellung an der Ostsee, machten es Preußen unmöglich, zur Wiederherstellung Polens Hand zu bieten. Es mußte vielmehr eher mit Rußland Zusammenhalten. Metternich hätte den völligen Untergang Polens, der eine Stärkung Rußlands bedeuten würde, als ein Unglück auch für Oesterreich betrachtet, konnte aber doch nur zur Fügsamkeit raten. Immerhin hatten die Aufständischen anfangs Erfolg, auch im Felde. Die Führer verstanden aber nicht, den Sieg und die Flühmann , Vorträge. 5 Revolution in Warschau Nov. 1830. — 66 — günstige Stunde auszunützen. Der Reichstag wagte jedoch am 25. Januar 1831, den Zaren und das Haus Romanow für abgesetzt zu erklären und proklamierte die unabhängige konstitutionelle Monarchie. Polen glaubte sich am Ziele. Eine Versöhnung mit Rußland war nun abgeschnitten. Im April verwarf der Reichstag einen Antrag, den Bauern Grundeigentum zu verleihen und die Fronen ablösbar zu erklären, konnte sich also nicht einmal jetzt entschließen, dem Landvolk entgegen zu kommen und es so für sich zu gewinnen. Indessen erschien der Türkenbesieger General Diebitsch (geborener Schlesier, in russischen Diensten) mit einer überlegenen russischen Armee. Die Polen wurden in verschiedenen Kämpfen zurückgeworfen; bei Ostrolenka am. Narew erlitten sie im Mai 1831 trotz aller Tapferkeit eine schwere Niederlage. Darauf zogen die Russen gegen Warschau. Dort ging es schon lange drunter und drüber. Regierungspräsidenten und Diktatoren lösten sich ab. Zwischen den Parteien herrschte die helle Zwietracht. Mitten in dem Entscheidungskampf gegen die Russen verweigerten die Massen der Regierung den Gehorsam, resp. stürzten sie, 15. August 31. Unglück im Felde mußten die Feldherren mit Absetzung büßen. Leidenschaftlich, kopflos schleuderten die Parteien einander den Vorwurf des Verrats zu. Warschau trieb zur Anarchie. So konnte der Ausgang nicht zweifelhaft sein. Wir müssen darauf verzichten, das traurige Drama näher zu verfolgen. Im September 31 mußte die Besatzung von Warschau kapitulieren. Die Reste der polnischen Armee gingen über die preußische und über die österreichische Grenze. Der Kampf war aus, „geschlagen war das Heer“. Der Hartnäckigkeit des Widerstandes entsprach dann vollgemessen die Strafe. Wir schalten hier ein, daß während des polnischen Revolutionskrieges die Cholera , von Asien her verschleppt, zum erstenmal in Europa auftrat. Man stand ihr noch ziemlich rat- und wehrlos gegenüber, und sie verbreitete großen Schrecken. An vielen Orten fiel das unwissende Volk über die Juden her. 1 Großfürst Konstantin, Feldmarschall Diebitsch und der General - feldmarschall Gneisenau, der an der Spitze der preussischen Grenzarmee stand, fielen ihr zum Opfer. 1 In Petersburg trat Kaiser Nikolaus furchtlos selber unter die tobende Menge. „Auf die Knie!" donnerte er ihr zu, und alles sank nieder zum Gebete. (Flathe). — 67 — Nikolaus verkündete Amnestie; aber die Ausnahmen überwogen die Regel, und tausende von Polen flüchteten ins Ausland. Als Emigrierte büßten sie Rang, Vermögen und Bürgerrecht ein. Die Konstitution wurde aufgehoben und durch das sog. „organische Statut“ ersetzt. Polen verlor seinen Reichstag, seine Ministerien, seine Armee. Die polnischen Rekruten wurden von nun an in die russische Armee verteilt. Der russische Sieger, General Fürst Paskewitsch, waltete als Statthalter wie ein Diktator in Warschau, umgeben von einem Stab stockrussischer Beamten. Das Unterrichtswesen wurde dem russischen angegliedert, die Universitäten Warschau und Wilna aufgehoben, die große Bibliothek von Warschau nach Petersburg gebracht. In den Schulen wurde die russische Sprache obligatorisch. Kleine Kinder wurden auf der Straße aufgegriffen, um in Rußland als Russen erzogen zu werden. Auch gegen die römische Kirche wandte sich der Eifer des Zaren. Kinder aus konfessionell gemischten Ehen mußten unbedingt griechisch katholisch erzogen werden. Erledigte römische Bischofsstühle blieben unbesetzt. Die Bildung der römisch-katholischen Geistlichen wurde durch Schmälerung der Mittel herabgedrückt. Zar Nikolaus stand anders zu Religion und Kirche als sein Bruder Alexander. Ihn hätte Frau von Krüdener nicht erwärmt. Die Religion war i hm politisches Machtmittel; als solches rangierte sie in seinem Wahlspruch: Ein Reich, eine Armee, eine Sprache, ein Glaube. Es ist dem Menschenherzen eigen, daß es sein Mitgefühl den Leidenden und Unterdrückten zuwendet. Noch eben erst war eine hohe Woge der Sympathie für die Griechen durch Europa gegangen und hatte diesen geholfen, sie an ihr Ziel zu tragen, die Befreiung vom Türkenjoch. Jetzt gehörte die Sympathie des Abendlandes den Polen, den „edeln Polen“. Eine ganze Polenliteratur entstand, besonders in Frankreich und Deutschland; es gab Polenlieder, wie es vorher die Griechenlieder gab . 1 Allbekannt dürfte heute noch sein Julius Mosens: Die letzten Zehn vom vierten Regiment. „In Warschau schwuren tausend auf den Knien: Kein Schuß im heil'gen Kampfe sei getan I 1 Neben Pisten, Lenau, Dingelstedt etc. wird auch Gottfried Keller unter den Polensängern genannt. Mir ist kein Polenlied von ihm bekannt geworden; 1619 geb., war unser Dichter 1830—35 ein angehender Jüngling der Flegeljahre. — Manche Polenlieder wurden auch gesungen: „Noch ist Polen nicht verloren“, „Denkst du daran, mein tapferer Lajenka“ u. a. Strafgericht über Polen. Die öffentliche Teilnahme und die Großmächte. r — 68 — Tambour, schlag’ an ! Zum Kampfe lass’ uns ziehen! Wir greifen nur mit Bajonetten an! Und ewig kennt das Vaterland und nennt Mit stillem Schmerz sein viertes Regiment. Von Polen her im Nebelgrauen rücken Zehn Grenadiere in das Preußenland, Mit düsterm Schweigen, gramumwölkten Blicken. Ein „Werda?“ schallt; sie stehen festgebannt, Und einer spricht: „Vom Vaterland getrennt, Die letzten Zehn vom vierten Regiment.“ Aber Sympathie und Lieder erzeugten diesmal keine Taten; den Polen wurde keine Hülfe. — Wir sehen im privaten Leben nicht leicht eine Familie sich mit der Not einer andern belasten. Noch weniger pflegen Völker, wo nicht eigene Gefahr und Interessen mitwirken, Gut und Blut für einander einzusetzen. Zudem waren die meisten Regierungen an der Polenbegeisterung kaum beteiligt, von Herzen nicht einmal Louis Philipp. Zwar hatten die Polen von Paris aus, wo eine starke, agitierende Polenkolonie war, ausgesprochene Ermunterung erfahren, und jetzt machte die „Bewegungspartei“ der Regierung große Molesten. Diese litt bereits Verlust an ihrer noch jungen Popularität, lief sogar ernste Gefahr, weil sie nicht gleich zum Schwerte greifen wollte. Palmerston erklärte rund heraus, daß England nicht im Falle sei, etwas für die Polen zu tun. Ein Eingreifen der Westmächte hätte leicht einem großen, allgemeinen Krieg rufen können, da Oesterreich und Preußen, die ebenfalls polnische Gebiete besaßen, sich kaum den Westmächten, eher Rußland anschließen würden. Diese Gruppierung bildete sich gerade an der belgischen und polnischen Frage völlig heraus, womit tatsächlich die Allianz von 1815 gesprengt war. Preußen hielt sowieso seit den Befreiungskriegen traditionell zu Rußland. Wie hätte da Louis Philipp alleine vergehen können ? Mit dergleichen möglich oder unmöglich pflegen freilich unverantwortliche Sympathiepolitiker sich nicht abzugeben. Louis Philipp mußte indessen froh sein, daß Zar Nikolaus inzwischen geruht hatte, die seit der Julirevolution abgebrochenen diplomatischen Beziehungen mit Frankreich wieder herzustellen. Die Regierung half sich schließlich mit einer Phrase der Teilnahme über die Polennot hinweg. 69 — Das Wort, „finis Poloniae“, gleichviel von wem zuerst gesprochen, schien nun doch verwirklicht. Aber Polens Hoffnung ist unsterblich wie die Alt-Israels. 1846 zettelten polnische Emigranten von Frankreich her eine neue Erhebung in Polen an, ergebnislos, wie die frühem. Da sie, wie schon andere, frühere Versuche, von Krakau aus in Szene gegangen und dort ihren Stützpunkt hatte, so verlor die Miniaturrepublik jetzt ihre Sonderexistenz und wurde Oesterreich angegliedert. 1 Als 1861 Alexander II., mit seinen liberalen Neigungen dem Großvater ähnlich, die Leibeigenschaft in Rußland aufhob, da kam er auch den Polen wieder ein Stück entgegen. In den polnischen Gouvemementen wurden polnische Gouverneure eingesetzt, weitere Reformen in Aussicht gestellt. Das hatte alsbald eine Neubelebung des alten Fanatismus zur Folge. Die Polen, von den unversöhnlichen Elementen geleitet, wollten gleich wieder alles haben. Eine heftige Gärung ging schon seit 1860 durch das Land. Aufrührerische Bewegungen wurden blutig unterdrückt. 1862 machte der Zar einen neuen Versuch des Entgegenkommens, indem er seinen Bruder Konstantin als Statthalter einsetzte und die Landesverwaltung in die Hände eines polnischen Grafen legte. Aber man wollte in Warschau nichts Halbes, nur Ganzes haben. Gegen beide Männer wurden Mordversuche gemacht. Da ordnete Alexander, in der Meinung, dadurch die unruhigen Elemente unschädlich zu machen, eine Rekrutenaushebung an. Gerade das brachte die Empörung zum Ausbruch, Januar 1863. Ergebnis: Die Insurrektion wurde niedergedrückt, viele Beteiligte hingerichtet oder nach Sibirien verschickt. 2 Um den Adel zu brechen, wurden viele Pachthöfe den Bauern zu freiem Eigentum überlassen, die meisten Klöster aufgehoben, das Kirchenvermögen vom Staate in Verwaltung genommen, der Klerus auf feste, von der Regierung ausbezahlte Besoldung gesetzt. Die polnischen Gouvernements wurden neu eingeteilt 1 So hatten die Ostmächte sich geeinigt. Palmerston bemerkte warnend dazu, wenn die Wiener Verträge nicht mehr gälten an der Weichsel, so könnten sie ihre Gültigkeit auch am Rhein und am Po verlieren. Aber das englische Kabinet, damals über die französische Regierung erzürnt, verschmähte es, mit ihr zusammen zu gehen. Einzeln vorgebracht, blieben die Proteste der Westmächte wirkungslos. ’ Die Flüchtlinge gingen wieder besonders zahlreich nach Frankreich, England und der Schweiz. Bekanntlich gibt es seit 1870 ein polnisches Nationalmuseum im Schloß zu Rapperswil. Alexander II. und die Revolution von 1863 . — 7 ° — und gingen ganz in russische Verwaltung über. Das russische Zivil- und Strafgesetz wurde eingeführt, ebenso das Russische als Schulsprache in allen Schulen; das Polnische durfte kaum nebenbei wie ein Dialekt gesprochen werden; die letzten Reste von Polens einstiger Sonderstellung verschwanden. 1 Polen war ein Stück Rußland. Die Krönung des Zaren zum König von Polen behielt man bei, wohl weil ein bißchen Glanz damit verbunden war, aber sie hatte von nun an in Petersburg stattzufinden. — So seit 1864. Alexander III., der 1881 folgte, setzte die Russifizierung fort, trug sie auch auf die Ostseeprovinzen und Finnland über. Und nun, seit Ausbruch des großen Krieges ist die polnische Frage aktueller denn je. Gleich zu Beginn wurde von beiden Kriegslagem aus um Polen geworben. Wieder gibt es die polnische Legion und zwar diesmal bei Oesterreich, dem die Polen das meiste Vertrauen oder das wenigste Mißtrauen entgegen- 1 Wegen späterer Beziehungen sei hier folgendes angeschlossen: Das diplomatische Europa nahm bei dieser polnischen Katastrophe eine interessante Stellung ein. Napoleon III. hätte gern den Ruhm erworben, Polen befreit oder doch sein Schicksal ansehnlich verbessert zu haben. Sein Vetter Plon-Plon, nicht selten für ihn ein enfant terrible, brachte ihn obendrein — wohl ungebetenerweise — in eine Art Zwangslage, indem er im März 1862 im Senat erklärte: „Soyez sürs, l’Empereur fera quelque chose pour la Po- logne. Comment? Je ne saurais vous le dire, mais l’Empereur fera quelque chose pour la Pologne.“ (C. Bulle.) In der Tat schrieb der Kaiser einen eigenhändigen Brief an den Zaren und empfahl ihm, Polen zu einem selbständigen Königreich zu machen unter seinem Bruder Konstantin. Die abschlägige Antwort verdroß ihn, und von nun an sah er es darauf ab, den Zaren zu zwingen, wäre es auch durch bewaffnetes Eingreifen der Mächte. Auf seine Veranlassung folgten lange diplomatische Verhandlungen zwischen Frankreich, England und Oesterreich. Die vereinbarten Noten wurden in Petersburg ziemlich leicht oder auch übel genommen und mit Beschwerden und Gegenmahnungen beantwortet, da die Unruhen in Polen durch die Auslandpolen angestiftet würden. Als dem Zaren schließlich erklärt werden sollte, daß er durch Vernichtung der Verfassung Polens das vom Wienerkongreß an seine Dynastie übertragene Recht auf das Land verloren, da vernahm man aus Petersburg, eine solche Note würde dort als Kriegserklärung angesehen werden. Das hätte Napoleon gar nicht ungerne gesehen. Aber England mochte es um Polens Sache nicht auf einen Krieg ankommen lassen. Eine zahme Mahnnote schloß das lange diplomatische Viergespräch, und Rußland ging zur Tagesordnung. Preußen hatte zuerst in einer Grenzkonvention Rußland gestattet, flüchtige Revolutionäre auch über die preußische Grenze zu verfolgen. Zur Ausführung kam die Konvention nicht; aber an den diplomatischen Mahnnoten der übrigen Mächte nahm Preußen keinen Teil. — 71 bringen. — Heute stehen die Deutschen in Polen; ein deutscher Gouverneur, deutsche Verwaltung und Gerichte haben in Warschau ihren Sitz und funktionieren mit Beiziehung polnischer Beamter. Die polnische Sprache ist als. Amtssprache anerkannt. In dieser Zeit, mitten im Kriege, wurden polnische Gymnasien, eine polnische Universität in Warschau eröffnet, mit polnischen Professoren, polnischen Studenten. Wie müssen die Herzen der Polen schlagen I Wird es nun die Auferstehung Polens sein, die ganze, restlose, wie Polen sie seit ioo Jahren träumt und fordert ? * Zusehen, abwarten! würde Friedrich Wilhelm III. sagen. Noch haben die Kanonen das Wort. Für Wünsche haben sie wenig Rücksicht. Prophezeien wäre Anmaßung. IV. England vom Wiener Kongress bis in die Mitte des Jahrhunderts. „Wie alt die Geschichte auch ist, kaum hat ein glücklicheres Volk gelebt oder eine bessere Verfassung bestanden als in England“. So schrieb zu Anfang des XVIII. Jahrhunderts der Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt, allen als Dichter der deutschen Freiheitskriege bekannt. Arndt hat nicht immer so von England gesprochen; aber hier gibt er so ziemlich das allgemeine Urteil wieder, das man damals in Deutschland über England hatte. Von allen Ländern Europas ist England am wenigsten von der großen französischen Revolution von 1789 berührt worden; es hat direkt gar nicht davon gelitten — nie stand ein feindliches Heer in England — indirekt immer noch weniger als die andern. Das lag an seiner insularen Lage, aber auch daran, daß es seine Revolution um mehr denn hundert Jahre vorausgenommen. Der Kampf des nach dem Absolutismus trachtenden Hauses Stuart gegen das Parlament, der die eng- — 72 — lische Geschichte des XVII. Jahrhunderts erfüllt, hatte mit dem vollen Sieg des Konstitutionalismus und Parlamentarismus geendet. Seitdem regiert in England tatsächlich das Parlament. Die Könige haben kaum mehr als ihren Namen dazu zu setzen. Ein erstes Postulat der Revolution in Frankreich, die konstitutionelle Monarchie, war also in England schon lange verwirklicht, war doch die englische Verfassung das Vorbild gewesen für das erste Verfassungswerk der Revolution, die Konstitution von 1791. Aber die französische Revolution war bei dem englischen Vorbild nicht stehen geblieben ; ihre Forderungen verstiegen sich immer weiter darüber hinaus. Sie wurde kosmopolitisch; alle Völker sollten „befreit“, die ganze Welt in das neue politische und soziale, zuerst konstitutionelle, dann republikanische Gottesreich ein bezogen werden. Und dann geriet das Ideal in die Hände skruppelloser Demagogen und doktrinärer Utopisten. Und nun war es das nicht schwärmerische, sondern nüchterne, stets praktisch gerichtete England, das alsbald in der Revolution seines gallischen Nachbarlandes die Gefahr erkannte, die von dorther seiner eigenen inneren Ruhe und seinem we 7 s entlieh bereits bestehenden Weltreich drohte. Recht im Gegensatz zu Deutschland, wo nicht nur der junge Schiller, den die Assemblee legislative 1792 zum citoyen frangais dekretiert hatte, 1 sondern auch Kant, Fichte und viele Gebildete, Gelehrte, Professoren etc. noch lange an die Reinheit des Revolutionsideales und auch N apoleons glaubten und es liebten. Von der Hinrichtung Ludwigs des XVI. an, Januar 1793, war England der entschlossenste, konsequenteste und ausdauerndste Gegner der Revolution und des folgenden Kaiserreiches. Mehr als zwanzig Jahre lang, mit kurzen Unterbrechungen hat es den Krieg geführt, unermüdlich neue Koalitionen auf dem Kontinent zusammengebracht. Als dann auf dem Schlachtfelde von Waterloo, Juni 1815, der Stern Napoleons abermals gesunken und der Ruhestörer auf dem weltfernen Eiland St. Helena in Gewahrsam gebracht war, da fühlten sich Wellington und sein England in gesteigertem Selbstbewußtsein als Sieger und Befreier. Und der ermüdete Kontinent, der erlangten Ruhe 1 Das Aktenstück, von Justizminister Danton gezeichnet, sei, wegen der Schreibweise des Namens, sieur Gille oder Gilleers, publiciste allemand, dem Träger desselben Jahre lang in Deutschland herum nachgereist, ohne ihn jemals zu treffen. — 73 — froh, ließ es gut sein und sekundierte Englands Selbstschätzung mit Dank und Bewunderung. Schauen wir uns nun ein wenig im Innern des von sich selbst und andern bewunderten Landes um. Englands Geschichte bis in die Mitte des Jahrhunderts ist wesentlich innere Geschichte. England hatte von den während der zwanzigjährigen Kriege gegen Frankreich eroberten Kolonialgebieten beim Friedensschluß generoserweise etliches zurückgegeben; was es behielt, Malakka, Ceylon, Kapland, Malta und das Protektorat über die Republik der jonischen Inseln, um nur das Wichtigste zu nennen, war aber für seine maritime Stellung, für sein Kolonialreich und seinen Handel von größter Bedeutung. Es hatte aus dem Kriege eine große, immerhin nicht erdrückende Schuldenlast, und 1821 konnte die Bank von England die seit 1797 sistierte Barzahlung wieder aufnehmen, der Staat bald darauf die Goldwährung einführen, Napoleons Kontinentalsperre, die Britanniens Handel hätte vernichten sollen, hatte schließlich Englands Seeherrschaft erst recht zur Erscheinung gebracht, weil überhaupt keine andern Schiffe sich mehr auf See wagen konnten und es sich als unmöglich erwies, die Sperre strikte durchzuführen. Und nun der Bann des Krieges von Ländern und Meeren genommen war, blühte Englands Handel bald wieder mehr denn je. Dann schließt in diesen Jahrzehnten der neue, unerhörte Aufschwung der Industrie an, wesentlich bedingt durch eine ganze Reihe von Erfindungen, die teils vor einigen Jahrzehnten, teils in diesem Zeitraum in England und in der angelsächsischen Welt gemacht wurden: James Watts Dampfmaschine 1768, die Spinnmaschine auch 1768, der mechanische Webstuhl 1786, Stephensons Sicherheitslampe für Kohlenbergwerke 1815, welche die Gefahren bei Gewinnung der Kohle verminderte. 1807 fuhr das erste Dampfschiff Fultons auf dem Hudson in New York; das erste Dampfschiff in England folgte 1812; 1819 landete der erste amerikanische Dampfer in Liverpool; seit 1838 war der Dampferverkehr zwischen Amerika und England regelmäßig. 1812 oder 14 fährt Stephensons erste Lokomotive; 1825 fuhren die ersten Eisenbahnwagen von Stokton nach Darlington; die Linie Manchester - Liverpool folgte 1830. Man hört, nüchterne Herren, selbst im Parlament, hätten Stephenson dem Irrenhaus zuweisen wollen, und seine — 74 — Georg IV. Erfindung hat die Welt erobert und umgestaltet. 1814 brannten in den Straßen von London die ersten Gaslatemen j 1 1867 wurde die erste Nummer der Times durch Dampfkraft hergestellt. In allen diesen Dingen, die unsere moderne Welt geschaffen, hatte Großbritannien den unbestrittenen Vorrang; doch barg es, zum Teil gerade durch diese Fortschritte verschuldet, neben allem Glanz in seinem Innern auch tiefe Schlagschatten. Neben alten Problemen erhoben sich neue, die schwierigsten Konflikte riefen nach Lösung. Die bedeutendsten dieser Fragen waren: Die Emanzipation der Katholiken; die Parlamentsreform; die Kornbill oder der Kornzoll; das erste Fabrikgesetz; die Aufhebung der Sklaverei; bessere Fürsorge für die Armen, Milderung der Strafgesetze u. a. Alle diese Fragen bedingten sich mehr oder weniger gegenseitig und gingen zeitlich nebeneinander her. Doch waren die englischen Politiker klug genug, nicht alle auf einmal lösen zu wollen, sondern die Anstrengungen jeweilen wesentlich auf einen Punkt zu konzentrieren. Der großem Klarheit wegen behandeln wir die Fragen nacheinander und zwar in der Reihenfolge ihrer Lösung. Zur Orientierung schicken wir eine Regententafel der Zeit voraus. Georg III.: 1760—1820, seit 1810 geisteskrank. Georg IV.: 1820—30, seit 1810 Regent für den geisteskranken Vater. Wilhelm IV.: 1830—37. Viktoria: 1837—1901 (geh. 1819). Obschon in England mehr als der König die Premierminister regieren, so ist der Charakter des Kronträgers doch keineswegs gleichgültig. Wir schicken darum zunächst für die Zeit bis 1830 das Bild des Regenten und Königs Georgs IV. voraus. 2 Georg, geboren 1762, legte als Kronprinz Wert darauf, der „erste Gentleman von Europa“ zu sein. Flathe nennt ihn „einen Mann von niedrigster Gemeinheit der Gesinnung bei vollendeter Eleganz der Form, der, statt sich den Pflichten 1 Früher noch in Amerika, in Paris 1815, in Berlin 1826. Ex occidenteftf 1 lux, muß es hier heißen. Das Licht machte diesmal seinen Weg von Westen nach Osten. 2 Das Folgende in wesentlichen Stücken aus A. Stern. — 75 der Regierung zu widmen, seinen höchsten Ehrgeiz darein setzte, der erste Gentleman, d. h. der größte Wüstling und der eitelste Modegeck von Europa zu sein“. Er konnte liebenswürdig, sogar bezaubernd sein, aber auch fluchen wie ein Stallknecht und sich ergötzen, vornehme Gäste an seiner Tafel betrunken zu machen. Mit zwanzig Jahren schloß er eine heimliche Ehe mit der katholischen Mrs Fitzherbert, die ihn mit ihrer Schönheit bezaubert hatte. Wäre die Ehe gültig befunden worden, so hätte sie ihn um sein Thronfolgerecht' gebracht, weil das englische Gesetz keine katholische Königin zuließ. Zur gesetzlichen Gültigkeit fehlte überdies auch die Zustimmung des Vaters, mit dem er, nebenbei gesagt, sehr schlecht stand. Alle diese Dinge kümmerten aber den Prinzen wenig, und sobald dann diese Ehe anfing, ihm unangenehm zu werden, nahm er keinen Anstand, sie öffentlich abzuleugnen, resp. durch seinen Freund Fox im Parlament auf königliches Ehrenwort ableugnen zu lassen. M ts Fitzherberts Kummer focht ihn dabei wenig an; sie war übrigens schon lange durch neue Stars ausgestochen. Mit 33 Jahren, 1795, überwand sich dann der Prinz, das Joch einer standesgemäßen Ehe auf sich zu nehmen. Das loyale Parlament kaufte ihn bei dem Anlaß mit 61/2 Mill. Pf. Sterl. von seinen Schulden los. Die ihm vom Vater bestimmte Gemahlin, seine Base Prinzessin Karoline Amalie Elisabet von Braunschweig, war „ein Naturkind von reichen Anlagen, gutmütig, wahrhaft, arglos, aber leicht fortgerissen durch eine etwas ungebändigte Phantasie und allzugroße Redseligkeit. Sie hätte an der Seite eines verständigen und anständigen Mannes glücklich sein und glücklich machen können. Als Frau dieses Prinzen von Wales, in einer Umgebung von Rohheit, Scheinheiligkeit und Intrigue wurde sie ein elendes Weib, das den Parteien zum Spielball diente.“ Als der Prinz sie zum erstenmal begrüßte, bat er sich ein Glas Branntwein aus. Am Hochzeitstage betäubte er sein Unbehagen mit geistigen Getränken. Seine offenkundige damalige Maitresse, Lady Jersey, gab er seiner Gemahlin als Hofdame bei. Nach der Geburt einer Tochter kündigte er ihr die fernere Lebensgemeinschaft. Sie lebte von da an fern vom Hofe auf einem Landsitz, ließ sich leider manchmal unvorsichtige Handlungen und Äußerungen zuschulden kommen und war um so gereizter, seit der Prinz ihr auch die Tochter entrissen hatte, um sie als Kronprinzessin am Hofe nach seinen Wünschen zu erziehen. — 76 — In der ersten Zeit dieses ärgerlichen Dramas nahmen sich fast nur die Tories 1 der unschuldigen Prinzessin an, resp. beuteten den Skandal gegen den Prinzen aus, während die Whigs, 1 die den Prinzen für ihre Partei zu besitzen glaubten, sich eifrig auf seine Seite schlugen. Nach 1810, als der Prinz für seinen umnachteten Vater Regent geworden, kehrte sich das Spiel. Es zeigte sich jetzt, daß der Prinz bisher nur aus Opposition gegen den Vater zu den Whigs gehalten; als Regent wandte er sich bald der ihm angenehmeren Politik der Tories zu. Nun wurden diese seine eifrigen Freunde und Ehrenretter, und die Prinzessin ging in den Schutz der vom Regenten verschmähten Whigs über. Die angesehensten Männer des Parlaments machten diese Schwenkung mit, Georg Can- ning ausgenommen. Georgs ln der Folge wäre der Prinz seine Gemahlin gerne völlig Ehewirren. j os geworden. Er ließ sie in ihrer Zurückgezogenheit auf Schritt und Tritt umlauern und erzwang eine geheime Untersuchung gegen sie, um sie des Ehebruchs beschuldigen zu können, er, dessen zuchtloses Leben ein öffentliches Ärgernis war. Aber die Untersuchung bestätigte den bittern Ausspruch der Prinzessin, daß sie nur mit dem Gemahl der Mrs Fitzherbert im Ehebruch gelebt habe. Als die Sache ruchbar wurde, jubelte das Volk der gekränkten Prinzessin zu. Erfolglos führte sie 1813 Beschwerde über die Trennung von ihrer Tochter und über deren Erziehung; die rauschenden Ovationen der öffentlichen Meinung mußten sie über den Mißerfolg trösten. Als dann die Tochter gegen ihre Neigung dem Prinzen von Oranien verlobt werden sollte, widersetzte sie sich standhaft und floh zu ihrer Mutter. Sofort wurde sie auf höchsten Befehl zurück geholt; sie durfte keine N acht mit der Mutter unter einem Dache schlafen. Nun war das Maß für die verärgerte Prinzessin voll. Sie ging 1814 nach Braunschweig zurück und suchte dann Trost oder Zerstreuung auf langen Reisen durch Deutschland, Italien, Griechenland, Syrien, hielt sich jedoch mit Vorliebe am Comersee auf. Sie pflegte auf ihren z. T. abenteuerlichen Fahrten nicht immer geziemenden Umgang und setzte damit ihren Namen einer übelwollenden Kritik aus. 1817 starb die 1 Tory, tories, irisch, Räuber, Wegelagerer; Whig, Whigs, schottich (saure Milch, „Schotte“), etwa Bauer, Lümmel; Schimpf-, dann Parteinamen für königliche Partei und Opposition. I — 77 das Jahr vorher dem Prinzen Leopold von Koburg-Gotha vermählte Prinzessin Charlotte Auguste im Wochenbett. Die Mutter erfuhr den Tod ihrer Tochter nur aus den Zeitungen. 1820 starb der längst umnachtete Georg III., Georg IV. wurde König. Nun wollte er seine Gemahlin durchaus los werden. Gegen ein Jahrgehalt sollte sie auf den Titel einer Königin von England verzichten und das Land nicht mehr betreten. Die Aufnahme ins öffentliche Kirchengebet wurde ihr verweigert. Aber umsonst suchten die Minister die Prinzessin zur Annahme der Bedingungen zu bewegen, indem sie ihr das Jahrgehalt auf 50000 Pf. Sterling erhöhten. Die Prinzessin beanspruchte unentwegt die ihr zukommenden Ehren und Rechte. Sie landete in Dover, wo sie mit Salutschüsse^ als Königin empfangen wurde. Ihre Fahrt bis London wurde ein Triumphzug. In Canterbury spannte die Menge ihr die Pferde aus. In den Städten und Dörfern, durch die sie kam, wurden alle Glocken geläutet. In London stieg sie bei einem ihr befreundeten Alderman, einem ehemaligen Lord-Mayor der City ab, zeigte sich auf dem Balkon und wurde von grenzenlosem Jubel begrüßt. Jeder Vorübergehende mußte den Hut ziehen. Da die Prinzessin keinerlei Nachgiebigkeit zeigte, so brachten nun die Minister mit Widerstreben die Scheidungsklage, d. h. die Anklage auf Ehebruch vor das Parlament, ein veralteter Brauch, der für die Angeklagte ungünstiger war als der Weg durch die Gerichte. Nun wurde die „königliche Bordellkomödie“ zu einem wochenlangen Skandal, während dessen nicht nur London, sondern das ganze Land für die beleidigte Fürstin Partei nahm. Aus allen Städten des Reiches kamen ihr Glückwunschadressen zu, bedeckt mit tausenden von Unterschriften. Trotz den hunderten von Zeugen, worunter auch Dienstboten, die aus aller Welt, auch aus Italien, gegen die Angeklagte zusammengebracht wurden, nahmen die Verhandlungen schon im Oberhaus eine für den König immer bedenklichere Wendung. Vor das Unterhaus würde die Regierung sich mit der Anklage schon gar nicht mehr gewagt haben. Ohne es im Oberhaus bis zum Ausgang kommen zu lassen, half sich das Ministerium mit einer Vertagung auf sechs Monate, d. h. sie war froh, den Prozeß fallen zu lassen. Daraufhin illuminierte London drei Nächte hintereinander. Sogar die Minister wurden gezwungen, ihre Häuser - 78 - zu erleuchten. Wellington, der es nicht tat, wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Im Juli 1821 fand die Krönung Georgs IV. statt. Er schloß die Gemahlin davon aus, verbot ihr sogar den Eintritt in die Westminsterabtei. Da erschien die Beleidigte im höchsten Glanze in sechsspänniger Kutsche und suchte an allen Türen sich den Eingang zu erzwingen, mußte jedoch unverrichteter Dinge umkehren. Das schadete ihr nun bei vielen, gerade der Bessern, kaum aber beim nie dem Volke. Als sie bald darauf, 7. August 1821, starb, glaubte man wohl nicht mit Unrecht, daß die fortgesetzt schlechte Behandlung vonseiten des Gemahls und namentlich die Aufregungen der letzten Zeit ihren frühen Tod (mit 53 Jahren) verschuldet hatten. Ihre Popularität flammte noch einmal auf. Nach dem Testament der Verstorbenen sollte ihre Leiche in Braunschweig bestattet werden. Die Regierung wollte sie ohne alle Feierlichkeit durch Soldaten auf Nebenwegen zu Schiffe bringen lassen. Aber das Londoner Volk versperrte diese Hinterwege, warf Barrikaden auf und erzwang einen feierlichen Leichenzug mitten durch London; es wollte sogar die Leiche vor den Palast des Königs tragen unter dem Geschrei: Hier kommt die Königin, die gemordete Königin. Es kam dabei zu blutigem Handgemenge mit den Soldaten, wobei mehrere Menschen verwundet und getötet wurden. — Das war der Schlußauftritt dieses Ehedramas. Wie loyal muß ein Volk sein, dessen Königshaus nach so viel Skandal noch unerschüttert steht I Zwischen 1820 und 30, also unter diesem, „moralisch tief- gesunkenen, intellektuell unfähigen“ vierten Georg fand nun die erste der großen innern Fragen ihre Lösung, die Katholikenfrage. Sie war, wenn auch nicht identisch mit der irischen Frage, Irland, so doch davon untrennbar. Irland ist der Pfahl im Fleische Englands bis auf diesen Tag. Die keltische Insel, 1171 von Heinrich dem II. erobert, blieb stets ein widerwilliges Stück des Angelsachsenreiches. Seit dem 16. Jahrhundert kam zum Gegensatz des Stammes und der Sprache noch der des Glaubens, da Irland unentwegt katholisch blieb. Seitdem folgten von Zeit zu Zeit Explosionen des Hasses in Irland, wie der Massenmord an den Protestanten zur Zeit Elisabets. Ähnliches wiederholte sich in den Tagen Karls I., Cromwells, zuletzt unter Wilhelm III., dem Oranier. Diese Bewegungen wurden — 79 — jeweilen in Blut erstickt, der Grund und Boden Irlands konfisziert und an reiche Engländer verkauft. Die Irländer wurden in ihrem eigenen Lande vom Recht des Grundbesitzes ausgeschlossen; sie durften ihren heimischen Boden nur als Pächter und Taglöhner bebauen, mußten, als Pächter, wenigstens zwei Drittel des Ertrages von Gesetzes wegen dem Grundherrn abgeben, und ihre Pacht durfte nicht über 31 Jahre dauern. Die reichsten Grundherren Irlands waren englische Barone, Grafen und Herzoge, welche die Insel kaum jemals besuchten und für das Los ihrer Bewohner gleichgültig waren. Das Volk der Iren sank zur Stufe rechtloser Heloten herab. Was Wunder, wenn Armut und Verbrechen aller Art, massenhafte Auswanderung, namentlich nach Nordamerika, und infolge dessen Entvölkerung in Irland überhand nahmen. — Dazu das ungeheure Unrecht in Sachen des Glaubens. Die katholischen Irländer mußten ihre Ehen in der anglikanischen High Church einsegnen lassen, mit ihren Steuern, den Zehnten, die anglikanische Kirche erhalten, die ihnen auch die ehemals katholischen Kirchengüter weggenommen hatte. Daneben unterhielt das unerschütterlich katholisch gebliebene Volk trotz seiner Armut mit privaten Mitteln seine katholische Kirche. 1 Aus all diesem Unrecht herauszukommen, war um so schwieriger, als seit der Pulververschwörung von 1605, und wiederum seit der Testakte von 1673 die Katholiken von allen Staatsämtrn und auch aus dem Parlament ausgeschlossen waren. Nun war die Unzufriedenheit des entrechteten, mißhandelten Irland eine beständige Gefahr für England. In Kriegszeiten hatten Englands Gegner stets den irischen Haß gegen England sich zu Nutze zu machen, d. h. Irland gegen England aufzuhetzen gesucht, zuletzt noch die Franzosen in den Koalition sk riegen. Zur Zeit des Krieges gegen die nordamerikanischen Kolonien hatte man es in England angezeigt gefunden, das Los der Iren in einigen Stücken zu verbessern; an eine Sanierung von Grund aus dachte niemand. Als aber 1793 die Strafe auf- 1 „Obgleich nur 850,000 Protestanten auf der Insel wohnten, zählte die anglikanische Kirche daselbst 4 Erzbischöfe, 18 Bischöfe und 22 Kapitel, welche, ohne die mindeste Arbeit zu verrichten, ohne sich nur in ihren Sprengeln aufzuhalten, ein Gesamteinkommen von 800,000 Pf. Sterling bezogen.“ (Th. Flathe.) — 8o — Die Emanzipation der Katholiken. gehoben wurde, welche jeden Irländer traf, der Sonntags nicht eine protestantische Kirche besuchte, da wurden die Protestanten Irlands schon von banger Sorge erfüllt, und 1795 entstand der englisch-protestantische Orangistenbund , 1 der sich von dem überwiegend protestantischen Ulster aus über die ganze Insel verbreitete und sich an religiöser Bedrückung und Unduldsamkeit nicht genug tun konnte. — Um fernerhin das Konspirieren Irlands mit Englands Feinden zu unterbinden, führte der jüngere Pitt 1801 den völligen Anschluß Irlands an England durch, indem Irland sein bisheriges, eigenes Parlament verlor und dafür 32 Peers und 100 Sitze gewählter Abgeordneter im gemeinsamen Parlament Großbritanniens erhielt. Demzufolge mußte der Kampf um Irlands Zukunft nun im Parlament in London durchgefochten werden. Wie wir wissen, war das Inselreich von der französischen Revolution nicht ergriffen worden, und der Wall des Meeres hatte es den Feinden bisher unerreichbar gemacht. Aber der Geist weht, wo er will. Auf den Flügeln des Windes kamen die neuen, demokratischen Gedanken und Ideen von Amerika und von Frankreich her nach England und forderten die Menschenrechte auch für die Niedern und Geringen. In der Tat gab es um die Zeit, von der wir reden, nachgerade auch im Parlament und in der Regierung Männer, Einzelne, welche empfanden und anerkannten, daß das Unrecht, das auf Irland und z. T. auch auf den Katholiken Englands lastete, nicht mehr in den Geist der Zeit passe, der durch die Aufklärung und die französische Revolution hindurch gegangen war. Unter Georg IV. (1820—30) suchte nun der Minister Georg Canning , 2 von der Torypartei, aber ein billigem Denken zugänglicher und hochbegabter, energischer Mann, der nicht starr am Überlieferten und der Partei hing, den Katholiken entgegen zu kommen, indem er vorschlug, ihren Ausschluß von den Ämtern aufzuheben. Aber er fand noch wenig Gehör, nicht einmal beim Volke. Da hieß es immer noch: No popery I (Keine Papisterei!). Sein Vorschlag fiel im Haus der Lords durch, ebenso beim König. Georg IV. schützte seinen Eid vor, den er bei der Thronbesteigung hatte schwören müssen. Dieser Eid der Könige von England, der seit den Tagen der Stuarts, ' Gab sich den Namen nach Wilhelm III., dem Oranier, (1688—1702). * Im Ministerium 1822—27. — 8i die ihres Kryptokatholizismus wegen verdächtig waren, zu Recht bestand, lautet: „Im Angesicht Gottes bekenne, bezeuge und erkläre ich feierlich und aufrichtig, daß ich glaube, daß im Sakrament des Abendmahles keine Transsubstantiation der Elemente Brot und Wein in das wahrhaftige Fleisch und Blut Christi bei oder nach der Heiligsprechung durch irgend eine Person stattfindet ; und daß die Anrufung oder Anbetung der Jungfrau Maria oder irgend eines anderen Heiligen und das Opfer der Messe, wie sie jetzt von der römischen Kirche celebriert wird, abergläubisch und götzendienerisch sind; und im Angesicht Gottes bekenne, bezeuge und erkläre ich feierlich, daß ich diese Erklärung und jeden Teil davon in dem schlichten und gewöhnlichen Sinne der Worte abgebe, wie sie gewöhnlich von englischen Protestanten verstanden werden, ohne jede Ausflucht oder irgend welchen Vorbehalt und ohne daß mir irgend ein Dispens hierfür vom Papst oder irgend einer anderen Person oder Autorität bewilligt wurde, und ohne daß ich hoffe, daß mir ein solcher Dispens von irgend einer Person oder Autorität erteilt werden kann, und ohne daß ich denke, daß mir von Gott oder Menschen verziehen werden kann, oder daß ich für diese Erklärung oder einen Teil davon vom Papst oder irgend einer anderen Person oder Macht, die dieselbe annullieren oder erklären sollte, sie sei von Anfang an null und nichtig gewesen, Absolution würde erhalten können.“ 1 Auf diesen Eid stützte sich also Georg IV., um die Emanzipation der Katholiken ablehnen zu können. Von einer rastlosen Tätigkeit aufgerieben, starb Canning 1827. Unterdessen war 1823 in Irland ein katholischer Verein entstanden, „die katholische Assoziation“, die nachgerade ihr Netz über das ganze Land spannte. Und nun erstand den Iren ein Führer in dem Dubliner Advokaten O' Gonneil, einem Manne wie einst Danton, von fortreißender, rücksichtsloser Beredsamkeit und entschlossenster Energie, dem die Iren „wie ihrem General gehorchten“. 1828 ließ er sich in einer irischen Grafschaft 1 Bis in den Anfang unseres Jahrhunderts hat der in Zeiten heftigsten religiösen Kampfes entstandene Eid geleistet werden müssen. Noch Eduard VII. hat ihn — ungern genug — getan. Erst 1910, als Georg V. folgte, ist endlich eine kürzere, mildere Form zur Annahme gelangt. Aber ihren anglikanischen Glauben müssen die Könige von England heute noch beschwören. Flüftmann, Vorträge. 6 82 — ins Parlament wählen. Die Wahl war gesetzlich ungültig, da die Katholiken Irlands nur das aktive, nicht aber das passive Wahlrecht besaßen. Die Stimmung in Irland war aber so, daß die Regierung zu wählen hatte zwischen Anerkennung der Wahl oder Revolution. Weder der Premierminister Wellington noch der König mochten es auf das Äußerste ankommen lassen. Contre coeur bequemte sich „der eiserne Herzog“, im Parlament die Aufhebung der Testakte vom Jahr 1673 vorzuschlagen. Robert Peel, Minister des Innern, brachte eine Bill ein „zur Erleichterung der Katholiken“. Dadurch wurden den Katholiken ihre bürgerlichen Rechte wiedergegeben, 1829. Contre coeur gab auch der König die Zustimmung. O' Connell unterzog sich nun zum zweitenmal der Wahl und zog dann mit einem „Schweif“ von vierzig und mehr Gleichgesinnten wie ein Triumphator ins Parlament ein, 1830. Schon vor ihm hatten 8 katholische Lords ihre Sitze im Parlament eingenommen, die dreihundert Jahre lang unbesetzt geblieben waren. 1 — O’Connell aber hielt damit seine Aufgabe noch keineswegs für erfüllt. Der „große Agitator“, dem das Agitieren und die Monster-Meetings zur andern Natur, zum Lebensbedürfnis geworden waren, erhob nun den Ruf „Repeal“, d. h. Widerrufung der Union von 1801. Nach seinem Tode (1847) setzten andere die Agitation fort. Es kam die Zeit der Fenier und dann Pamells, des „ungekrönten Königs von Irland“. Unter dem Namen Home-Rule (Heimregierung) lebt O’Connells Repeal heute noch fort, ein politischer Sammelruf par excellence, Stein des Anstoßes für die Ministerien seit Jahrzehnten. „The great old man“ Gladstone, der mit Home- 1 Mit der Emanzipation der Katholiken war die irische Frage nicht gelöst. Der übermächtige protestantische Grundbesitz behauptete auch jetzt noch mehr als die Hälfte der irischen Sitze im Parlament. Das kirchliche Unrecht, die Entrechtung der Iren am Lande, Armut und Elend, Bitterkeit und Haß bestanden weiter. Der Gewalt der Gesetze wurde mit gesetzloser Gewalt begegnet. Ganze Banden überzogen zu Zeiten die Insel mit Raub und Mord. Die Abgaben, der Zehnten wurden verweigert; mochten die anglikanischen Geistlichen nur Hungers sterben! Die Verbrechen häuften sich; die richterliche Gewalt war ohnmächtig. Nach harten Kämpfen kam 1833 eine „irische Kirchenbill“ zustande, welche die Zahl der anglikanischen Bistümer und Pfründen verminderte, den Zehnten von den Pächtern auf die Grundherren übertrug. Landgesetze von 1870 und 1903 gaben den Iren das Recht des Landerwerbes zurück und förderten den Übergang verkäuflichen Landes aus den Händen der Großgrundbesitzer in die Hände der Pächter. - 83 - Rule Irland und dem Reiche Ruhe verschaffen wollte, scheiterte daran. Das jetzige liberale Ministerium Asquith stand im Sommer 1914 vor ihrer Durchführung, als der Krieg ausbrach und unter die unvollendete Aufgabe vorläufig einen Strich zog. Nicht minder dramatisch als die Emanzipation der Katholiken verlief die Parlamentsreform. Sie gelang unter Wilhelm IV., nachdem Georg IV. 1830 gestorben war. Wilhelm, der Bruder Georgs, den sie in England „wegen seiner volkstümlichen Geradheit“ den „Seemann“, den „Matrosenkönig“ nannten, war auch kein genialer, hervorragender Herrscher, aber doch als Mensch und Fürst eine gute Nummer besser. In England regiert das Parlament, d. h. jeweilen die Mehrheitspartei im Parlament. Nun basierten die Wahlen in das Parlament auf einem Jahrhunderte alten, aus dem Mittel- alter stammenden Wahlgesetz, das in die anders gewordene Zeit in keiner Weise mehr paßte und geradezu ein Skandal geworden war. Im Oberhaus, House of Lords, saßen von Geburts wegen der hohe Adel, von Amts wegen die Bischöfe und dazu die vom König ernannten Peers. Es war nach seiner Komposition der Fels des Konservatismus. Das Wahlrecht für das Unterhaus, House of Commons, war an einen hohen Zensus gebunden. Das Schlimme aber war die mittelalterliche Zuteilung des Wahlrechts. Sie stammte aus einer Zeit, wo Inbegriff aller Staatsgewalt der König war. Das Recht, Mitglieder ins Unterhaus zu wählen, war einst als freies königliches Geschenk an bestimmte Korporationen, Grundbesitzer und Pächter verliehen worden. Dieses alte Kronrecht war nun freilich längst außer Gebrauch gekommen; aber was einst verliehen worden, bestand weiter. So kam es, daß kleine oder fast verschwundene Orte einen oder mehrere Vertreter im Unterhaus hatten, während neue Industriestädte mit hunderttausenden von Einwohnern keine oder eine ganz ungenügende Vertretung besaßen. Ein anderes kam hinzu, dem wir eine kleine Betrachtung vorausschicken. Die Schwerkraft regiert die Himmelskörper, das Weltall. Sie regiert auch unser kleines Menschendasein im Alltag. Klar für jedermann zeigt sich das in den ökonomischen Dingen. Große Vermögen, deren Ertrag über den Verbrauch des Inhabers hinausreichen, haben von Natur die Tendenz des Wachsens und zwar im Maßstab ihrer Größe. Die Paria ments- reform. - 8 4 - Nur schlechte Verwaltung und schwere Schläge werden ihnen gefährlich. Kleine Vermögen können sich nur halten und wachsen bei geschickter Verwaltung, tüchtiger Arbeit und Sparsamkeit des Besitzers, unterstützt von günstigen äußern Bedingungen. Schon kleine Mißgeschicke und irgendwie dauernd ungünstige Begleitzustände können sie vernichten. So wohnt den großen Vermögen die Kraft des Wachsens bei, neben den kleinen geht die Gefahr des Unterganges her, des Überganges an die großen. — England, das in besonderem Sinne seine Kriege mit Geld zu führen pflegte, hatte von seinen langen Kriegen am Ende des XVIII. und zu Anfang des XIX. Jahrhunderts her eine große Schuldenlast und hohe Steuern. Bei solchen Dauerlasten mußten viele kleine Landeigentümer verarmen; ihr Besitz ging an reiche Edelleute über. So nahm der Großgrundbesitz zu, während der selbständige Bauernstand mehr und mehr verschwand und Pächtern Platz machte. Das hatte seine politischen Folgen. Sofern der Pächter das Stimmrecht besaß, mußte er es im Dienste seines Grundherrn ausüben. Das war die Wirkung der Schwerkraft. Der Herzog von Newcastle kündete einst 529 Pächtern, weil sie nicht für seinen Unterhaus-Kandidaten gestimmt hatten. Die fortschreitende Zunahme des Großgrundbesitzes hatte also zur Folge, daß auch im Unterhaus die großen Grundherren überwogen, von denen die wählenden Pächter abhängig waren. Das Unterhaus wurde zu einem „erblichen Institut der großen Familien“. Saßen ihre altern Söhne von Geburts wegen im Oberhaus, so schickten sie die jüngern kraft ihres Wahlrechtes oder ihres Einflusses ins Unterhaus. Nach Flathe verfügte der Herzog von Norfolk über 11, Lord Londsdale über 9 Unterhaussitze. — Da das Parlament ungescheut die Gesetzgebungsgewalt zugunsten der obern Stände gebrauchte, so waren Parlamentssitze natürlich sehr begehrt. Sie wurden „wie Theaterbillets“ gekauft, und man stieß sich nicht daran, wenn der „Besitzer eines Fleckens“ für einen Sitz im Unterhaus 10000 Pf. St. entgegennahm. „Es erben sich Gesetz und Rechte wie eine ewige Krankheit fort“. Tatsächlich reichten zwar Versuche zur Verbesserung des Wahlrechts bis ins XVII. Jahrhundert, in die Zeit des „langen Parlaments“ und Cromwells zurück, und wieder im XVIII. Jahrhundert anerkannte der ältere Pitt ausdrücklich die Notwendigkeit, das Wahlrecht zu ändern — und sprach - 85 - von den „rotten boroughs“, verrotteten Flecken, deren Wahlrecht ein Unfug geworden sei. Das gaben aber jetzt die hochkonservativen Herren, auch sonst wohlgesinnte darunter, keineswegs zu. War nicht dieser oder jener große Staatsmann gerade durch die „rotten boroughs“ ins Parlament gekommen ? War nicht England bei diesem Wahlgesetz groß geworden ? War es nicht Vermessenheit, daran zu rühren ? Das Parlament war es, das die Wahlreform und damit seine eigene Reform beschließen sollte. Bei seiner Zusammensetzung eine schier hoffnungslose Aufgabe. Und doch war sie die Voraussetzung der andern Reformen, deren das Land dringend bedurfte. Unter Georg IV. wäre die Reform ein unmögliches Unterfangen gewesen. Auch Wilhelm IV. lag sie keineswegs am Herzen. Aber er war ein ehrlicher, gerader, von den Vorurteilen der altenglisch torystischen Gesellschaft verhältnismäßig freier Mann, der gegen eine Wahlrechtsänderung wenigstens „keine grundsätzlichen Bedenken“ hatte. Im November 1830, nachdem das Toryministerium Wellington-Peel, das nolens volens die Katholikenemanzipation durchgeführt hatte, zurückgetreten war, berief der König den Grafen Charles Grey von der Partei der Whigs. Grey zog in sein Ministerium eine Reihe Männer von bestem Klang, die sich später bedeutende Verdienste erwarben, wie John Russell und Palmerston. Und nun schlug das Kabinett 1831 eine Reformbill vor. Sie ging im Unterhaus in zweiter Lesung mit nur einer Stimme Mehrheit durch — die Vertreter der rotten boroughs mochten doch nicht gegen sich selbst stimmen —. Auf Grey’s Vorschlag löste der König das Unterhaus auf. Die Neuwahlen ergaben — trotz dem verhängnisvollen Wahlgesetz — einen glänzenden Sieg der Whigs. Die Stimmung des Landes war also durchgedrungen. Die wenig veränderte Bill wurde in dem neuen Unterhaus mit großem Mehr angenommen, im Oberhaus nach heißer Redeschlacht mit großem Mehr abgelehnt. Das Unterhaus brachte hierauf dem Ministerium eine gewaltige Ovation dar. Aber gegen die Lords ging ein Sturm des Unwillens durch das Land, in einzelnen Gegenden mit bedrohlichen Ausschreitungen. Grey brachte die Bill, etwas verändert, zum drittenmal ein; auch das Oberhaus stimmte diesmal, aus Furcht vor einem Peersschub, in zweiter Lesung noch mit neun Stimmen Mehrheit für das Gesetz. — 86 Aber Grey fürchtete, diese neun Stimmen würden bei der dritten, entscheidenden Lesung nicht mehr Stand halten und bat jetzt den König um den Peersschub. Wilhelm mochte sich zu dieser letzten Maßregel nicht entschließen; Grey demissionierte. Der König berief Wellington zur Neubildung der Regierung. Aber der brachte die Minister nicht zusammen; die tüchtigsten Kräfte, wie Robert Peel, versagten sich dem Versuch, der Forderung des ganzen Landes zu trotzen. Da trat Grey abermal ins Amt. Und nun, als die Bill zur entscheidenden dritten Lesung in das Haus der Lords kam, da erhob sich Wellington, gab eine Erklärung ab, daß er und seine Freunde die Verantwortung für die Bill nicht auf sich nehmen könnten, sie aber auch nicht weiter hindern wollten, und er verließ das Haus, ioo Lords mit ihm. Und dann ging die Bill mit 106 gegen 22 Stimmen durch, 4. Juni 1832. 1 So ist, zu Englands Ehre, das große, schwierige, unmöglich scheinende Werk schließlich ohne Verletzung der gesetzlichen Ordnung, ohne blutigen Umsturz zustande gekommen dank der endlichen Nachgiebigkeit der Lords, dank der Mäßigung und Nachgiebigkeit auch von der liberalen Seite. Die neue Wahlbill räumte mit dem schreiendsten bisherigen Mißbrauch auf, war aber weit entfernt von den demokratischen Wahlgrundsätzen, wie sie zuerst die junge nord- amerikanische Republik und — nach ihrem Vorgang — die französische Konstitution von 1789 verkündet, und wie die englischen „Chartisten“ 2 in ihrer „People Charter“ sie aufstellten. Dem Wesen nach ersetzte das neue Wahlgesetz ein veraltetes, unsinnig und unerträglich gewordenes durch ein neues, der Zeit besser an gepaßtes Privileg. 56 „rotten boroughs“ verloren zusammen 143 Sitze im Unterhaus, die meistens an neue Stadtteile von London und an die großen Industriestädte verteilt wurden. Das Wahlrecht blieb auch jetzt an einen die Arbeiter ausschließenden Zensus und an sonstige, z. T. komplizierte Bedingungen gebunden. Aber das Gesetz verdoppelte 1 Mitten in diese das ganze Land erregende Kampfeszeit hinein kam, Schrecken verbreitend, die Cholera nach England, die eben damals von Osten her ihren ersten Triumphzug durch Europa hielt. 2 Arbeiterpartei seit 1837, forderte allgemeines Stimmrecht ohne Zensus, geheime Abstimmung, Diäten für das Unterhaus, gleichmäßige Wahlbezirke etc. - 87 - in England und Schottland die Zahl der Wahlberechtigten. Im ganzen Reiche gab es jetzt eine Million Wähler. Die Wahl- und Parlamentsreform war in alle Wege ein großer Sieg und eine große Sache für die Zukunft. Die. Aristokratie, „eine Aktiengesellschaft“ zur Ausbeutung des Landes, und der Großgrundbesitz verloren das seit Jahr* hunderten besessene „Monopol auf politische Macht und Rechte“. Was sie einbüßten, kam dem Mittelstand zugute, der von nun an ein gewichtiges Glied im Staatskörper darstellte. Eine in die Augen springende Tatsache war, daß die Kämpfe um die Emanzipation der Katholiken und um die Wahlreform den alten, festen Turm der Tories sprengten. Ein Robert Peel erklärte einst, allerdings bei anderem Anlässe, seinen Standesgenossen im Parlament, daß seine Überzeugung ihm höher stehe als das Parteigebot. Gleich ihm fielen noch manche Tories um; die Gemäßigten lösten sich vom Block der Ultras; die Partei löste sich mit der Zeit auf; neue Gruppierungen ergaben sich. Von nun an kamen die aus Frankreich stammenden Bezeichnungen konservativ und liberal auch in England auf. Wie „Ghibellinen und Guelfen“ gingen „Whigs und Tories“ als historische Bezeichnungen ins Museum der Vergangenheit über. Das erste Unterhaus nach dem neuen Wahlgesetz zeigte eine große liberale Mehrheit, 509 gegen 149, verfuhr aber sehr gemäßigt. Ein halbes Jahrhundert lang waren vor der Parlamentsreform die Tories ununterbrochen am Ruder gewesen ; nun folgte eine fast ebenso lange, nur vorübergehend unterbrochene Aera des Liberalismus. Wesentlich sein Werk sind eine Reihe wohltätiger Reformen, deren wichtigste wir nun noch zu besprechen haben. Das erste Fabrikgesetz. Im Jahre 1747 hatte ein englischer Schriftsteller den Ausspruch getan: „Großbritannien unterscheidet sich von Holland wie ein Pächter auf dem Lande von einem Krämer in London“. So sprach damals der englische Stolz. Seitdem hat derselbe längst seine Unterlage gewechselt. England, heute die Hochburg von Industrie und Handel, 1 das wir auf dem Kontinent geneigt oder gewohnt 1 Folgendes zum Beleg, wie sehr viel anders man heute in England denkt als 1747: „In der preisgekrönten Schrift eines englischen Marineoffiziers vom Jahre 1909, veröffentlicht in einer Zeitschrift: „The united Service Insti- Fabrik- gesetz. — 88 — sind, das Krämerland und -Volk par excellence zu nennen! — Den Umschwung brachte wesentlich die Maschine. Ihr Erfinder legt seinen Verstand hinein, aber sie hat keine Seele, kein Herz. Sie wendet sich feindlich wie ein Raubtier gegen den, der sie ungeschickt behandelt, und raubtiermäßig wirkte auch ihr Auftreten im Großen. Sie verschlang nacheinander das Kleingewerbe, das Handwerk: den Spinner, den Weber, Strumpfwirker etc. Die menschliche Arbeit erfuhr durch sie in relativ kurzer Zeit eine völlige Umgestaltung. Die Werkstätten verödeten, verschwanden; die zahllosen Fabrikkolosse schossen aus dem Boden. Es war, als .sollte es bald nichts mehr geben als Fabrikherren und Fabrikarbeiter. Und es war, als hätte die Maschine ihre Herzlosigkeit auch auf ihre Besitzer übertragen. Es ist ein entsetzliches Kapitel menschlicher Selbstsucht und korrelativ dazu menschlichen Elendes, das mit dem auftretenden Maschinenzeitalter in der Geschichte beginnt. Die Maschine ersetzt die Muskelkraft; sie nahm den Männern die Arbeit und das Brot. Zu ihrer Bedienung — ein sehr bezeichnendes Wort, die Maschine macht den Menschen, der ihr Herr zu sein glaubt, zu ihrem Sklaven — genügen Frauen-, ja Kinderhände. Und was gab es nun zu erleben.! Die brotlos gewordene Menge mußte arbeiten um jeden Lohn, zu jeder Bedingung, wenn sie nicht verhungern wollte. Schwache Frauen und Kinder füllten die neuen Fabrikgebäude und arbeiteten, da die Arbeit nicht anstrengend schien, bis 16, ja 18 Stunden von 24. Da das Armenwesen, obendrein von einem veralteten, schlechten Armengesetz be- tution“ kommt folgende Stelle vor : „Wir (Briten) ziehen nicht aus sentimentalen Gründen in den Krieg. Ich bezweifle, daß wir das jemals taten. Krieg ist das Ergebnis von Handelsstreitigkeiten; sein Ziel ist, unsern Gegnern mit dem Schwerte diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen aufzuzwingen, welche wir für nötig erachten, um uns kommerzielle Vorteile zu schaffen. Wir bedienen uns aller denkbaren Vorwände und Anlässe für den Krieg, aber zugrunde liegt allen der Handel. Ob als Anlaß die Verteidigung oder Erringung einer strategischen Stellung vorgegeben wird, ob der Bruch von Verträgen, oder was sonst noch, — alle diese Anlässe und Vorwände begründen sich letzten Endes auf den Handel, aus dem einfachen und maßgebenden Grund, daß der Handel für uns das Lebensblut bedeutet („for the simple and effective reason that commerce is our life — blood.“) Offener Brief von Rieh. Bühler an den Redaktor von „Wissen und Leben“, in „Wissen und Leben“ Heft 5, vom 15. Dez. 1914. Daselbst auch der engl, Text der zitierten Stelle aus „The United Service Institution“. - §9 - fördert, sehr überhandnahm, so wurden von den Armenhäusern die Kinder in „Wagenladungen“ an die Baumwollfabriken von Lancashire und Yorkshire verschickt. Die unglücklichen Geschöpfe gingen dabei für ihre Eltern meist für immer verloren, „wie wenn man sie nach Westindien verschifft hätte“. 1 Auch die Arbeiter in den großen Städten, vielfach selber arbeits- und brotlos geworden oder gezwungen, zu den elendesten Löhnen zu arbeiten, sahen sich genötigt, ihre Kinder in die Fabriken zu verkaufen. Die Fabriken kauften Kinder, soviel sie bedurften; Mangel war nie daran, also waren sie auch billig. „Es war nichts seltenes, daß Sechsjährige zu den kleinen mechanischen Verrichtungen angehalten wurden und das zwölf Stunden im Tag. Ein parlamentarischer Bericht von 1816 stellte sogar die Verwendung eines üYc/jährigcn Fabrikkindes fest und wies nach, daß Unerwachsene Tag und Nacht bis zu 16 Stunden hintereinander, ohne Unterbrechung selbst am Sonntag, an die Maschine gespannt waren.“ Und nun zu dieser äußeren Not die allgemeine Unwissenheit der Volksmassen! England ist auch heute mit der Volksbildung nicht eben weit voran. Aber damals war das Analphabetentum bei den Massen die Regel. Nur die freiwillige Sonntagsschule vermittelte einem kleinen Teil des Volkes die Kunst des Lesens. 2 War es da ein Wunder, wenn die Ver- 1 Das Armengesetz verpflichtete die Gemeinden zur Unterstüztung ihrer Armen, was almosenmäßig geschah. Das Gesetz pflanzte die Faulheit und förderte auch die Unsittlichkeit, indem jedes uneheliche Kind der Mutter Anspruch auf Gemeindeunterstützung gab. Die Armenlasten steigerten sich manchenorts bis zum ökonomischen Ruin der Gemeinden. Diese suchten von ihren Lasten so viel als möglich abzuschieben und schoben sie einander zu. Die Kinder der Armen durften die Gemeinden als Lehrlinge nach Gutfinden unterbringen und waren sie für immer los, wenn sie es unterließen, sie binnen 40 Tagen zurückzufordern. Daraus entwickelte sich ein „förmlicher Sklavenhandel,“ der die Fabriken mit billigen Kinderarbeitskräften versah und die unglücklichen Geschöpfe auf Lebenszeit eitern- und heimatlos machte. Auch die Armenhäuser trieben diesen Handel und waren übrigens, in ihrer meist grenzenlosen Verwahrlosung, selber Stätten des Schreckens. Der Arme, der die Wahl zwischen Armenhaus und Strafhaus hatte, pflegte das Strafhaus vorzuziehen, das dann für die Jugendlichen unter ihnen leicht eine hohe Schule des Verbrechens wurde, ein schrecklicher circulus vitiosus. 2 In England wurde zu Ausgang des XVIII. Jahrhunderts die Bell- Lancaster-Methode erfunden. Andrew Bell, anglikanischer Geistlicher, Leiter eines finanziell bedrängten Militärwaisenhauses, half sich seit 1795 damit, — 90 — brechen in bedenklichem Masse Zunahmen, und das trotz der drakonischen Strafen ? Oder hätten am Ende diese selber zur Verrohung beigetragen? Bis 1808 war Taschendiebstahl mit dem Tode bestraft worden, bis 1812 auch der Bettel von Angehörigen des Heeres und der Marine. Auf Hausdiebstahl im Wert von 40 Schilling, auf Ladendiebstahl im Wert von 5 Schilling war noch bis 1815 der Galgen gesetzt, unterschiedslos für Erwachsene und Kinder. „Der wahre Henker“, rief einst ein Vorkämpfer für die Reform des Strafgesetzes im Unterhause, „sitzt im Parlament; diejenigen, die das blutige Gesetz machen, sind verantwortlich für das Blut, das unter ihrer Herrschaft vergossen wird.“ Aber eben die herrschende Klasse war für nichts so empfindlich wie für Eigentumsverletzungen, und einer nennenswerten Reform des Strafgesetzes mußte die Parlamentsreform vorausgehen. * 1 Das drakonische Strafgesetz hatte übrigens noch andere bedenkliche Folgen. Seit der Mailänder Staatsrechtslehrer Beccaria sein Buch veröffentlicht hatte „DeiDelittie delle Pene“ („Von den Verbrechen und den Strafen,“ 1764), worin er dartut, daß die damals üblichen Strafen in keinem Verhältnis zu den Vergehen und Verbrechen stünden, war ein milderer Geist, wenn nicht in das Parlament, so doch in den Richterstand eingedrungen. Das bestehende Gesetz wurde von den Richtern häufig umgangen; die Folge war: ungleiche Urteile, allgemeine Rechtsunsicherheit und Geringachtung der Gesetze. Die fabrikmäßige Produktion brachte auch noch andere als die genannten Unzukömmlichkeiten mit sich. Die billig gewordene Massenproduktion wurde zur Überproduktion. Nach den langen Kriegsjahren war die ökonomische Lage doch im allgemeinen eine gedrückte, auf dem Kontinent und auch in dem reichen England. Die Kaufkraft entsprach nicht der daß er, in Ermangelung von Lehrern, die Litern Kinder zum Unterricht bei den jüngern verwendete. Ohne hievon etwas zu wissen, begann der Schulmann Josef Lancaster 1798 in London ebenfalls mit dem wechselseitigen Unterricht. In Deutschland hat später namentlich Diesterweg die Sparmethode Bell-Lancaster, die natürlich kein Ideal war, lebhaft bekämpft. 1 Inzwischen waren es vor andern die Quäker, welche sich der Armen und Elenden überhaupt annahmen, und Elisabeth Fry (1780—1845) gründete einen Frauenverein, um eine menschlichere Behandlung insbesondere auch der weiblichen Gefangenen zu erreichen, und brachte es wenigstens zur Abschaffung der „Peitschenstrafe für Weiber“! 9i massenhaften Erzeugung von Waren. 1 Der Markt stockte; die Vorräte blieben unverkäuflich. Dann standen die Maschinen still. Die Krisis war da. Die Arbeitenden verloren Lohn und Brot. So war der Fortschritt und Triumph des Menschengeistes, der im Bau der Maschine liegt, zum Rückschritt geworden, zur Verelendung der großen Menge, und mußte schließlich zum Fluch für die ganze Nation werden. Denn auf die Dauer kann keine Nation gesund bleiben und gedeihen, deren untere Klassen unmenschlich leiden. Das lag an dem sittlichen Tiefstand der Herrschenden, die sich mit allen Mitteln wehrten, den wirtschaftlich Schwachen und Hilflosen mit einem Schutz- gesetze zu Hilfe zu kommen. Dabei wurde bis 1825 der Arbeiterklasse das Recht der Koalition, der Vereinsbildung ängstlich vorenthalten, in dem freien England, dessen Bürger sich der ausgeprägtesten persönlichen Freiheit erfreuten und rühmten. Alle diese Dinge forderten Einsicht, viel Einsicht und viel guten, sittlichen Willen zur Abhülfe; sie schrien nach Gesetzes- hülfe. Aber die war nur zu erwarten von einem anders zusammengesetzten Parlament. Und die Arbeiter, von vernünftigen, zum Teil auch von überspannten Führern geleitet, scharten sich um die Forderung der Parlamentsreform, resp. eines neuen Wahlgesetzes. Dabei kam es wiederholt zu Unruhen in den Fabrikstädten, zu Demonstrationsversammlungen, zu Gewalttätigkeiten, in einzelnen Fällen zu Zusammenstößen mit Polizei und Militär, zum Blutvergießen. Die „Ludditen“ traten auf, Leute, die die Fabriken überfielen und mit Zerstörung der Maschinen die Zeiten ändern wollten, wobei sie sich auf einen „General Ludd“ beriefen. Ludd war der Name eines schwachsinnigen, viel gehänselten Bauernjungen gewesen, der in seiner Wut einmal einige Strumpfwirkergestelle zerschlagen hatte. In der naiven Unwissenheit des Volkes war daraus der „General Ludd“ geworden. Parlament und Regierung wußten nichts anderes zu tun, als mit Ausnahmegesetzen die Ordnung zu wahren. Das Ver- 1 Der Kontinent hatte schon zur Zeit der Kontinentalsperre begonnen, die bisher von England bezogenen Waren nach Möglichkeit selber herzustellen; seitdem war eine Großindustrie allmählich auch im festländischen Europa herangewachsen, so daß dieses aufhörte, in dem Maße wie früher Englands Markt zu sein. — 92 sammlungsrecht wurde aufgehoben, Arbeitervereine strikt verboten. Die Habeas-corpus-Akte, einst in hartem Kampfe den Stuarts abgerungen, die willkürliche Verhaftungen unmöglich machte und jedem Verhafteten die Garantie gab, in bestimmter Frist vor dem Richter vernommen zu werden, wurde suspendiert. Um die öffentliche Meinung zum Verstummen zu bringen, wurde die Presse geknebelt. „Knebelbills“ wurden diese Ausnahmegesetze genannt. Nur nach harten Kämpfen, aber mit großer Mehrheit waren sie zur Annahme gelangt. — Es gab aber doch im Parlament Einsichtige und Menschenfreunde, die unermüdlich für die Besserstellung der Leidenden und der Rechtlosen kämpften. Es gab diese Männer auch in der Presse, und diese war nicht stumm zu kriegen. Und es gab die Menschenfreunde auch unter den Fabrikanten. Robert Owen, eines Sattlers Sohn, der sich aus eigener Kraft zum Fabrikherren aufgeschwungen, suchte Heilmittel gegen das zum Himmel schreiende Leiden vieler Kinder des Volkes. In seiner großen Baumwollspinnerei schuf er durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Erhöhung des Lohnes, Einrichtung von konfessionslosen, freien Elementarschulen, Darbietung gesunder Wohnungen, billiger Nahrung und unentgeltlicher Erholungsmittel aus einer ganz verwahrlosten Bevölkerung einen vorzüglichen Arbeiterstand, der mit Begeisterung an ihm hing. Durchdrungen von dem Glauben an die Wandelbarkeit des menschlichen Charakters durch Erziehung und Umgebung, forderte er die übrigen Fabrikanten auf, seinem Beispiel zu folgen, wandte sich mit beweglichen Worten an die Regierung und bewies ungläubigen Spöttern, daß sich bei seinem Verfahren kein Verlust, sondern Gewinn in seinen Fabriken ergeben habe. Aber so viele Bewunderer auch sein kleines Reich aufsuchten, er predigte tauben Ohren und gelangte schließlich dahin, sozialistische Gemeinschaften freiwillig zusammentretender Genossen in Ackerbau- und Fabrikdörfern als das einzige Mittel der Gründung eines neuen, den Zeitverhältnissen entsprechenden Systems der Gesellschaft anzusehen (A. Stern). — Der Durchschnittsmensch, zumal auch der von der Durchschnittsmoral, wird die Geleise der Vielheit nicht verlassen. Die Fahrt mit der Mehrheit verspricht bequeme Straße. Ein Narr wird sich um neue Wege mühen, wenn der eigene Vorteil auf dem alten gesichert ist. Über den eigenen Nutzen hinaus zu denken fühlen sich stets nur wenige — 93 — verpflichtet. Unter den englischen Fabrikanten gab es damals deren neben Owen nur noch einzelne, wie den älteren Peel (Vater des mehrfach erwähnten Ministers, großer Kattundrucker und Menschenfreund, 1750—1830), gerade genug, um als Ausnahme die Regel von der allgemeinen, kurzsichtigen Selbstsucht zu bestätigen. Die regierende Klasse hatte kein Auge und kein Ohr für das Chaos, das Elend und die Verwilderung in den Fabrikstädten mit ihrem Schlotenwald, der stickenden Luft und den elenden Wohnstätten. Im Gegenteil, die Herren vom Großgrundbesitz, mit ihrer Mehrheit im Parlament, waren nur immer daran, durch erhöhte Kornzölle für sich selber zu sorgen und der Masse das Brot zu verteuern. Mit dem alten Parlament, und fügen wir hinzu, mit Georg IV., war zu einer Hülfe nicht zu gelangen. Es würde zu weit führen, den Kampf um das „Fabrikgesetz“ durch die Jahre weiter zu verfolgen. Es war das Ministerium Grey- Melboume, das 1833 unter Wilhelm IV., nachdem es das Jahr vorher die Parlamentsreform errungen hatte, die erste Hülfe brachte mit dem Gesetz über Verwendung von Kindern in den Fabriken. Das schnitt die schlimmsten Auswüchse der schmachvollen Kinderarbeit ab. Kinder unter 9 Jahren durften gar nicht mehr, Kinder von 9—13 Jahren nicht mehr als 8 Stunden im Tag, Jugendliche bis zu 18 Jahren nicht über 69 Stunden die Woche, Erwachsene nicht über 15 Stunden im Tag in der Textilindustrie beschäftigt werden. Über die Ausführung des Gesetzes hatten staatliche Fabrikinspektoren zu wachen. Nicht wahr, das Erreichte dünkt uns wahrlich nicht zu viel, von unserer heutigen Anschauung aus I Aber wie viel war es im Vergleich zu dem, wie es gewesen! Die Durchführung führte auch noch von ferne nicht zu idealen Zuständen. Noch 1839 erfahren wir, daß von 419560 Fabrikarbeitern 192887 unter 18 Jahren waren, und die Verwendung von Frauen und Mädchen zu Bergwerksarbeit nahm nicht ab, sondern zu. Hat es uns nicht gewundert und weh getan, in dem frommen und reichen England — für fromm und reich gilt und galt doch England — so viel blinde Selbstsucht zu sehen ? Aber wir müssen noch mehr davon sagen: Die Jahre 1816/17 waren naßkalte Mißjahre fast für den ganzen Kontinent und auch für England, und für die Arbeiterbevölkerung in England - 94 Aufhebung der Sklaverei. geradezu Hungerjahre. 1817 starb das einzige Kind Georgs IV. und Charlottens von Braunschweig, die Kronprinzessin Charlotte. Jetzt ging für die jüngern Brüder des Regenten die Aussicht auf Tronfolge auf, und während die prinzlichen Hoheiten bis dahin ein ziemlich anrüchiges Junggesellenleben geführt, legten sie sich in Eile noch rechtmäßige Gemahlinnen bei und verlangten zu dem Zweck vom Parlament erhöhte Apanagen, erhöht auch noch mit Rücksicht auf die Teuerung im Lande. Bei den Hohen wurde diese Teuerung anerkannt und berücksichtigt; sonst aber sah der Regent sie nicht. 1816 bei Eröffnung des Parlaments brachte er in seiner Tronrede folgenden Satz : „Seine königliche Hoheit schätzt sich glücklich, Sie wissen zu lassen, daß Manufaktur, Handel und Einkommen des Königreiches sich in blühendem Zustande befinden“. 1817 sprach ei ähnlich und rühmte das bisherige Regierungssystem, „das Vollkommenste, das je einem Volke zuteil geworden“, und fügte hinzu, daß er die Pläne der Volksverführer zu Schanden machen werde. Als unmittelbar darauf, bei der Heimfahrt aus dem Parlament, Steine aus der Volksmenge in seine Wagenfenster flogen, wurden flugs Kugeln aus einer Windbüchse daraus gemacht und ein Attentat auf den Prinzregenten. Und jetzt sollten die Hungerrevolten im Lande herum Symptome einer Verschwörung sein, welcher die Regierung auf der Spur zu sein behauptete. Sie verlangte und erlangte vom Parlament geheime Ausschüsse und Extra-Vollmachten. Und nun gab es Reinkulturen der Spionage im ganzen Lande. Ein üppiges Lockspitzelwesen trieb seine stinkenden Blüten. Unzählige Unschuldige wanderten in die Gefängnisse. Man möchte sich weigern, dem ganzen Treiben bis in seine tiefsten Niedrigkeiten zu folgen. Es war in den Zeiten gerade vor den Knebelbills. Der wirklich, nicht nur sogenannt fromme Wilberforce, gewiß kein Revolutionär, sagte: „All diese Wege der Falschheit und Täuschung • sind dem Gotte der Wahrheit verhaßt“. Wilberforce war der große Bekämpfer und Besieger der Sklaverei, die sein christliches Gewissen beschwerte. Seit 1780 im Unterhaus, erreichte er 1807 einen grundsätzlichen Beschluß, der den Sklavenhandel verbot. Nun konnte England nicht wohl alleine die große Sache durchführen, und das christliche Gewissen von Wilberforce machte nicht Halt an den Grenzen des britischen Reiches. Es gelang ihm auch, auf dem — 95 — Wiener Kongreß einen allerdings noch sehr vag gehaltenen Beschluß zu erlangen, wonach die christlichen Mächte Europas die Aufhebung der Sklaverei in allen Kolonialländern in Aussicht nahmen. Seit 1823 gab es in England eine Antisklavereigesellschaft, und dann, 1833 unter Wilhelm IV. und dem Ministerium Grey, hob ein Parlamentsbeschluß, nachdem schon 1831 alle Kronsklaven ohne Entschädigung freigegeben worden, die Sklaverei in den britischen Kolonien grundsätzlich auf. Es war im Todesjahre von Wilberforce. 1838 wurde das Gesetz dann tatsächlich durchgeführt, mit einem Aufwand von 20 Mill. Pf. Sterl., die wesentlich zur Entschädigung der Sklavenbesitzer verwendet wurden. Das war eine leuchtende Tat Englands, die aus dem vielen Dunkel wie ein Edelstein herausstrahlte. An den befreiten Schwarzen erlebte man dann zunächst gewaltige Enttäuschungen, indem sie sogar über alles prophezeite Maß hinaus der Trägheit und dem Schmutz verfielen. Doch aber hat der Gedanke, daß Menschen nicht Sache im Besitz anderer Menschen sein können, sich seitdem in der ganzen christlichen Welt durchgesetzt, als ein Sieg des Lichtes in dem nie zu Ende gefuchtenen Kampf gegen Selbstsüchte - finstemis. Im Jahr 1834 folgte auch ein besseres Armengesetz. — Es bleibt uns noch, des Kampfes um den Kornzoll zu gedenken. Er wurde in der viktorianischen Ära ausgefochten. König Wilhelm starb 1837. Nach dem englischen Erbgesetze folgte seine Nichte Viktoria, seines verstorbenen Königin jüngem Bruders Tochter. Als Kind von vier Monaten hatte sie V 'i837. ia ’ den Vater verloren und erhielt durch ihre Mutter eine sorg-» fähige Erziehung fern von dem lockern Hofleben der letzten Könige. Nun bestieg sie mit 18 Jahren den Thron, von einem „Ausbruch ritterlich-loyalen Entzückens“ begrüßt. Seit 1840 nach eigener Wahl mit ihrem Vetter, dem Prinzen Albert von Sachsen-Koburg-Gotha vermählt, bot sie am Hofe, zum erstenmal seit die Welfen auf dem englischen Throne saßen (1814), ein wohltuend leuchtendes Bild eines reinen, edeln Familienlebens. — Viktoria fügte sich korrekt dem konstitutionellen System, ohne jedoch auf eigene Meinung und Einflußnahme zu verzichten. Sie neigte zuerst den Liberalen, später mehr den Konservativen zu. Der 1839 berufene Minister Peel forderte von der Königin die Entlassung ihrer zwei ersten Hof- — 96 damen, weil sie aus whigistischen Familien seien. Viktoria lehnte es kategorisch ab, sich von der Politik ihren Umgang vorschreiben zu lassen und ließ Peel gehen. Die Tories rächten sich dann, indem sie dem „Prinzgemahl“ nicht den von der Königin gewünschten hohem Rang und nur 30000 statt 50000 Pf. Sterl. Jahrgehalt bewilligten. Kampf Nim vom Kornzoll. England ist seit Jahrzehnten bis Komzoii. heute — ob auch nach dem Kriege noch, brauchen wir nicht zu prophezeien — das einzige Freihandelsland in einer Welt, die rings von Zöllen starrt. Das war nicht immer so. Im Gegenteil, England hatte früher sogar Prohibitivzölle und hätte ohne solche seine Existenz zu gefährden geglaubt. Es erschien als ein schier vermessenes Wagnis, als 1825, infolge einer schweren Handelskrisis und anhaltend schlechter Finanzlage des Staates, nach dem Vorgänge Preußens ein Versuch gemacht wurde, die Prohibitivzölle, welche Gegenmaßnahmen der andern Länder hervorgerufen hatten, durch Gegenseitigkeitsabkommen zunächst mit Preußen und Nordamerika zu ersetzen. Der Erfolg war ausgezeichnet. Bei den ermäßigten Zöllen sah die Seidenindustrie binnen zwei Jahren ihren Umsatz verdoppelt. — Nun war der großen Masse des Volkes am verhaßtesten der Kornzoll. Dem war aber nicht beizukommen, so lange die Gesetzgebung das Monopol des Großgrundbesitzes war, und der Kampf war auch nach der Parlamentsreform noch lang und schwer. Es hatte damit seine besondere Bewandtnis. Zu Anfang des Jahrhunderts konnte der einheimische Getreidebau dem Bedürfnis genügen. Bei guten Ernten ergab sich sogar Überproduktion. Da mußte der Kornzoll die Preise hoch halten, daß sie nicht bis zur Unrentabilität herabsänken. Die seit 1828 bestehende Kornbill war bereits eine Zollermäßigung; aber sie erlaubte fremde Einfuhr erst, wenn die Preise eine gewisse Höhe überschritten. — Seit den dreißiger Jahren war es nun ausgemacht, daß der eigene Getreidebau dem Lande nicht mehr genügte. Der wachsende Großgrundbesitz hatte auch eine immer größere Ausdehnung des Luxuslandes zur Folge. Die relativ wenigen Großgrundherren, denen eigentlich ganz England gehörte, hatten ja Land genug; sie konnten sich weite Parks, Pferdetriften und eigene Jagdgefilde wohl leisten. Die bebaute Fläche nahm also ab, während die Bevölkerung, gerade auch seit der Industrieära, ziemlich stark zunahm. Bei jeder Krisis, die das — 97 — Industriesystem sozusagen periodisch mit sich brachte, schrie dann die hungernde Masse nach billigem Brot. Das wäre durch Zufuhr von außen auch zu haben gewesen. Aber die grundbesitzenden Lords und Gemeinen im Parlament verteidigten m höchst patriotischen Tönen die Interessen des gefährdeten heimischen Ackerbaues und sahen weit eher Gründe zur Erhöhung des Kornzolls als zur Ermäßigung oder gar Abschaffung desselben. Ein alter Kampf, der immer wieder neu wird. Die Arbeiterpartei wiederholte indessen unermüdlich ihren Ansturm gegen den Kornzoll. Seit 1838 gab es eine Antikornzollliga. Das nasse Jahr 1845 mit seiner Mißernte, das auch die Kartoffelkrankheit brachte, gab der Bewegung einen unwiderstehlichen Druck. 1 Der einsichtige Robert Peel nahm es wieder einmal auf sich, der „Verräter“ an seinen Standesgenossen zu werden. Nachdem eine etappenweise Herabsetzung der Zölle überhaupt vorausgegangen war, wurde 1846 eine allgemeine Aufhebung prinzipiell gesetzlich festgelegt, bis 49 im wesentlichen durchgeführt. Mit dem Kornzoll ging es sehr bedächtig; völlig zollfreies Brot hatte man erst seit 1869. So wurde England im Laufe von zwei Jahrzehnten Freihandelsland, natürlich auch für die Industrie. Merkwürdig: Als England mit seiner Industrie sozusagen allein auf weltbeherrschender Höhe stand, da schützte es seine Industrie mit Zollmauem. Jetzt, nachdem bereits die halbe Welt Industrieland geworden oder auf dem Wege dazu war, schaffte es die Mauern weg. Und England sah, daß es sehr gut war. Unter dem Freihandel nahm das Land überhaupt, und sein Handel voran, einen beispiellosen Aufschwung, von der ganzen übrigen Welt mit neidischer Bewunderung als noch nie Dagewesenes anerkannt. 2 1 Irland z. B. verlor durch die Not binnen kurzer Zeit durch Hunger und Auswanderung den vierten Teil seiner Bevölkerung. Die Städte und die Partei der Whigs klagten jetzt unumwunden die Kornzölle an als „die Geissei des Handels, das Verderben der Landwirtschaft, die Quelle bittern Klassenhasses, die Ursache von Entbehrung, Krankheit, Sterblichkeit und Verbrechen im Volke.“ Die Aristokratie wurde als Aktiengesellschaft bezeichnet, „von denen die einen das Korn, die andern den Zucker, die dritten das Holz ausbeuteten.“ Es war ein Kampf der Industrie und des Handels gegen den Grundbesitz, ein Sieg des „beweglichen Vermögens über das unbewegliche.“ (Nach Th. Flathe.) 2 Nach dem Großen noch ein Kleines, doch nicht Geringes, das dienend neben dem Großen herging. Ein englischer Lehrer, Sir Hill, schlug 1838 in Flühmatm, Vorträge. 7 — 98 — Erste Weltausstellung 1815 . Englands Welthandel und Weltpolitik. Es lud, dem Prinzip der Freiheit neue Folge gebend, 1851 den ganzen Weltmarkt nach London zu Gaste, zu der ersten Weltausstellung , deren Reigen es damit eröffnete. Nur noch einen kurzen Blick auf Englands äußere Politik. Weltausstellungen sind Illustrationen des Welthandels. Ein solcher ist heute Tatsache, mehr als je in der Geschichte, geht doch das Netz der Handelswege heute über alle Erdteile und Länder, bis in die Polarregion und in das Herz des einst dunkeln Afrika. Alle zivilisierten und auch nicht zivilisierte Völkerschaften sind heute mehr oder weniger, aktiv oder passiv am allgemeinen Warenaustausch beteiligt. Den Reigen im Welthandel aber führte und führt England. Sein Welt-« handel wies ihm wie von selber die Wege zur Weltpolitik und — unter verschiedenen Formen — zur Weltherrschaft, insbesondere zur Herrschaft über die Meere. Wir haben unsere Aufgabe auf Europa beschränkt, und ohne von Kanada, Afrika, Australien, Neuseeland etc. zu sprechen, berühren wir bloß einige wichtige Dinge aus den reichen Regionen Süd- und Ostasiens, welche Englands Herzen besonders teuer sind. In dem an Indiens Westgrenze liegenden Afghanistan begegneten sich in den vierziger Jahren zuerst die feindlichen Fühlhörner der beiden großen, rivalisierenden Weltmächte, Englands und Rußlands. Es war England gelungen, einige wichtige afghanische Städte, wie Kabul, Ghasni, Kandahar, mit Besatzungen zu sichern. Nun gelang es dem russischen Einfluß, die Afghanen zum Aufstand gegen England zu hetzen. Die meisten englischen Besatzungen wurden vertrieben ; Afghanistan wurde unhaltbar. Aber das beleidigte England mußte sein Prestige wieder hersteilen. Ein zweiter Feldzug ging gegen die Afghanen, wobei Kabul und andere Städte in Flammen aufgingen und das ganze Land schwer heimgesucht wurde (1840/42). In ungefähr dieselbe Zeit fällt der unrühmliche Opiumkrieg gegen China (1839—42). Um die Opiumpest im Reiche zu bekämpfen, erließ die chinesische Regierung 1836 ein einer kleinen Schrift, „Post office reform“, das für ganz Britannien einheitliche one penny, 10 Rappen-Briefporto vor; 1840 wurde es eingeführt. Sir Hill war in der Folge 21 Jahre lang britischer Oberpostmeister. Die kleine Neuheit erwies sich als großer Förderer des Verkehrs und wurde auch in andern Ländern eingeführt. Seitdem hat der Weltpostverein den Gedanken des Einheitsportos rund um die Erde getragen. — 99 — Gesetz gegen den Genuß, Kauf und Verkauf von Opium. Nun trieb England von Indien her einen schwunghaften und ertragreichen Opiumhandel nach China. Die englischen Kaufleute kehrten sich nicht an das Verbot. Der Opiumhandel und Opiumschmuggel florierte weiter. Da ließ, nach langen, vergeblichen Beschwerden, der zuständige Mandarin das Opiumlager im englischen Canton, 28 000 Kisten im Wert von vier Millionen Pf. St., aufheben und ins Meer werfen. Die englischen Kaufleute forderten Entschädigung, und um der Forderung Nachdruck zu geben, erschien eine englische Kriegsflotte in den chinesischen Gewässern. Nanking wurde mit Beschießung bedroht. China mußte klein beigeben. Der Friede sprach den Engländern 22 Millionen Pf. St. Entschädigung zu und eröffnete ihnen fünf chinesische Häfen. Die Insel Hongkong wurde an England abgetreten. Das Opiumverbot blieb bestehen, und der Schmuggel blühte weiter. — Aber Ehre und Hochachtung trug dieses Opiumgeschäft dem humanen und christlichen England nicht ein. Nachdem die im Jahre 1600 gegründete englisch-ostindische Handelscompagnie sich im Laufe von zweieinhalb Jahrhunderten in Ostindien ein weites Reich geschaffen, erhob sich 1857 der große Sepoy-Auf stand 1 gegen sie. Wie in China griff auch hier der englische Staat ein. Der Aufstand wurde bewältigt, und 1858 ging das indische Reich an den englischen Staat über. Nachdem dann die englische Herrschaft direkt oder indirekt sich schließlich über ganz Indien mit seinen mehr denn 300 Millionen Einwohnern ausgebreitet hatte, wurde 1877 das indische Kaiserreich und Königin Viktoria als Kaiserin von Indien proklamiert. Weiter können wir uns nicht mit Englands äußerer Politik befassen. Wir treffen sie sozusagen auf jedem Blatt in der Geschichte der andern Länder. Damit ist Englands Weltstellung charakterisiert. Georg Canning nannte einst England, in Anlehnung an ein Zitat aus Virgils Aeneis, den „Lenker der Winde“. Über die „Canningsche Aeolus-Politik“ ist in England oft gespottet worden; aber auf das, was das Bild bezeichnen will, ist jeder Brite stolz. Wenn uns im folgenden der Raum fehlt, England noch ein weiteres eigenes Kapitel zu widmen, so möge man es entschuldigen. Das Allgegenwärtige braucht nicht in seinem Hause gesucht zu werden; es begegnet uns überall. 1 Sepoy, eingeborner Soldat des englisch ostindischen Heeres. IOO Kaiser Franz I. V. Deutschland im Sternbilde Metternichs. I. Österreich und Preußen. A. Österreich . 1 Dem Titel zufolge müßten wir mit Metternich anfangen. Aber wir stellen ihm billigerweise seinen Chef voran, der sich ihn geprägt, und von dem er wiederum geprägt wurde, Kaiser Franz. Franz Karl Josef, Neffe Josefs II., geh. 1768 in Florenz, Sohn des Großherzogs Leopold von Toscana, des Bruders und Nachfolgers Josefs II., folgte seinem Vater 1792 in der römisch-deutschen Kaiserwürde als Franz II. In der Voraussicht auf das nahende Ende des bedenklich schwach gewordenen römisch-deutschen Kaisertums nannte er sich seit 1804 Kaiser von Österreich. Er kam so einer Rangverminderung für sich und sein Haus zuvor. 1806 ging unter Assistenz Napoleons das ehrwürdige römisch-deutsche Kaisertum dann wirklich zur ewigen Ruhe ein, und nun begann mit Franz I. die Reihe der Kaiser von Österreich. Unter dem angewöhnten äußern Gehaben eines wohlwollenden, leutseligen Biedermannes ein enger Geist, eine kleine Seele, ein kaltes Herz, so ungefähr können oder müssen wir das Wesen des volksbeliebten „guten Kaisers Franz“ zusammenfassen, wenn wir seinem Tun und Lassen, den direkten und indirekten Urteilen über ihn nachgehen. Es war als hätte er sich seinen Oheim Josef und den großen preußischen Fritz zum Vorbild genommen, doch freilich nur, „wie er sich räuspert und wie er spuckt“, das hatte er ihnen abgeguckt; „von ihrem Genie, das ist ihrem Geist“, hatte er nicht nur nichts, sondern verpönte ihn, als gefährlich. Er war außerordentlich fleißig und geschäftig, wollte überall selber sehen, selber hören, selber verfügen. Man sollte wissen, daß man einen tätigen Kaiser hatte. Unzähligem Kleinkram gab er das Gewicht seiner Unterschrift. Er unterschrieb zu Zeiten schier Tag und Nacht. Er war wie ein braver Unterbeamter, dem 1 A. Stern, Th. Flathe u. a. IOI kein Kleines zu klein ist. Aber der Blick für das Ganze, das Große, alles Große überhaupt, ging ihm ab. Er konnte in stundenlangen Audienzen in echtem „Weaner“-Deutsch und mit seinem trockenen Wienerhumor die nichtigsten Klagen der „gewöhnlichen“ Leute entgegennehmen, aber die wichtigsten Fragen des Staates verurteilte er zum Stillstand, weil ihm der f weite Blick und die Fähigkeit großen Entschließens und Handelns fehlte. Und er hatte Mißtrauen gegen diejenigen, die ihn hätten ergänzen können und hielt sie ferne, ließ sie auch wohl ausspionieren, so seine Brüder, die Erzherzoge Karl und Johann. Die Erzherzoge Josef und Rainer bekleideten allerdings hohe Stellen, Josef als Palatin (Statthalter) in Ungarn, Rainer als Vizekönig im lombardisch - venetianischen Königreich. „Aber der Vizekönig mußte über die enge Begrenzung seiner Vollmachten klagen, der Palatin die Haltung der Regierung gegen Ungarn fortgesetzt mißbilligen“. Bitten und Klagen dieser Art halfen jedoch nichts bei Franz; er wollte „der alleinige Schlußstein und der einzige Wächter seines Reiches sein“. Und seine ganze Staats- und Regierungsweisheit versteifte sich mehr und mehr auf die Erhaltung des Ererbten, Überkommenen, Hergebrachten. Rousseau löste die ' Frage der Erziehung dahin, sie solle nichts tun und verhindern, daß etwas getan werde. So war die Regierung des „guten Kaisers Franz“. Zum russischen Gesandten sagte er einst: „Mein Reich ist wie ein wurmstichiges Haus; wenn man einen Teil davon abträgt, kann man nicht wissen, wie viel nachstürzt“. Darum sollte, so lange als möglich, jeder Luftzug, jeder Wind von außen abgewehrt werden, Ruhseligkeit im Lande wie am Hofe herrschen. Mochten Spätere sich mit dem drohenden Chaos abfinden I Eine gefühlsmäßige Furcht hatte der Kaiser vor der Nationalitätsidee, die nach der Überwindung Napoleons, der achtlos über Nationales wie Geschichtliches hinweggegangen war, neu und kräftig auftrat, und die allerdings dem österreichischen Staat mit seinem * Nationalitätengemisch gefährlich werden konnte. Verdächtig, y ja böse war ihm zum vornherein alles Liberale, verhaßt der Ruf nach Verfassungen. „Die ganze Welt ist verrückt und will neue Verfassungen haben,“ 1 „polterte“ er einst gegen eine ungarische Deputation heraus. Und selbstzufrieden sagte er 1 „Totus mundus stultizat et vult habere novas constitutiones.' 102 gelegentlich im Hinblick auf das in seinen Augen verfassungssüchtige Deutschland: „Ich habe auch Stände; ich habe ihre Form erhalten und geniere sie nicht; aber wenn sie zu weit gehen, so klopfe ich sie auf die Finger oder schicke sie heim“. Das war seine Auffassung von Verfassungsrechten. Der Staat war da für ihn, für die Person des Kaisers, unbedingter Gehorsam die erste Tugend eines jeden Beamten, so auch der hohem Lehrerschaft. In einer Ansprache an die Professoren des Lyzeums in Laibach sagte er zum Schlüsse: „Wer mir dient, muß lehren, was ich befehle; wer das nicht kann oder mir mit neuen Ideen kommt, der kann gehen, oder ich werde ihn entfernen.“ Selbständige, kräftige Naturen ertrug der Kaiser nicht um sich; er zog niedrige, selbst anrüchige Menschen vor, „weil gerade die Unwürdigkeit dieser Geschöpfe seiner Gnade ein Pfand war für ihre Abhängigkeit und Fügsamkeit“. So von seiner Würde und Bedeutung “ eingenommen, würde er Verfehlungen dagegen nie verziehen haben. Die um ihn waren, wußten, daß der leutselige Kaiser Franz kaltherzig war. Er begnadigte schwer, aber immer noch eher Diebe und Mörder als politische Verbrecher. Das erfuhren reichlich die lombardischen Patrioten, die als politische Verurteilte in der berüchtigten österreichischen Bastille, der Festung Spielberg bei Brünn saßen (Silvio Pellico). letter- Es war nicht leicht, der Minister des Kaisers Franz zu "ick. se i n un d sein Vertrauen dauernd zu besitzen. Der Mann, der das zustande brachte, war Klemens Lothar Wenzel, Fürst von Metternich, 1 geh. 1773 in Koblenz, seit 1809 österreichischer Minister des Äußern, dann Jahrzehnte lang Haus-, Hof- und Staatskanzler der Monarchie. Ein gewandter Hofmann und Diplomat, im Privatleben von skrupelloser Moral, auch in Geldsachen, als Hauptdirigent des Wienerkongresses zu seiner europäischen Berühmtheit aufgestiegen, der Bismark seiner Zeit, nicht nach seinem Charakter oder seiner Mannesgröße, sondern nach seiner Geltung als großer, überlegener Staatsmann und Diplomat, der mit seinem Namen Europa erfüllte. Napoleon sagte auf der Höhe seiner Macht von ihm: „Herr von Metternich ist nahe daran, ein Staatsmann zu werden, er lügt sehr gut“. Ein Gegner nannte ihn „einen politischen 1 Schon der Vater des Fürsten war österreichischer Minister gewesen. Metternich ein Dorf bei Koblenz, Rheinprovinz. 103 — Roue“. Andern war er als „aimabler junger Mensch und perfekter Kavalier“ in angenehmer Erinnerung. Er ist in der Folge alles das, aber doch auch mehr und jedenfalls ein glänzender Vertreter der kaiserlichen Politik gewesen. Es war wesentlich sein Verdienst, daß er 1813 zu Kaiser Franz sagen konnte: „Wir haben die erste Stelle in Europa wieder er- * rungen“. Seit dem Falle Napoleons war es wohl so; das zeigte ja auch der große Kongreß in Wien. Das liberale Konversationslexikon von Brockhaus 1815 war ihm gewidmet und feierte ihn mit folgenden Worten: Wenn Europa den Umsturz des französischen Kaiserreiches segnet, wenn es die Namen der Helden preist, die ihr Blut auf dem Schlachtfeld verspritzten, so darf es dem leitenden Geiste, der diese Heere zur rechten Zeit in Bewegung setzen und wirken ließ, seine Bewunderung nicht versagen.“ — Der viele Ruhm hat dann freilich das Selbstbewußtsein des Mannes übersteigert. Je mehr er in altern Jahren die Menschen verachtete, desto höher schätzte er sich selbst. „Er fühlte die Welt auf seinen Schultern ruhen“ und sagte gelegentlich: „Meine Stellung hat das Besondere, daß alle Augen, alle Erwartungen auf den Punkt gerichtet sind, wo ich stehe,“ und ähnliches mehr. (A. Stern). Dieser Mann, dem die Reaktion als das Gute schlechthin, alles Liberale als das schlechthin Schlechte erschien, konnte sich- so dauernd im Vertrauen des Kaisers erhalten, weil er die schwächsten und empfindlichsten Seiten des Kaisers niemals reizte und in seinem politischen Denken und seinen Zielen ein Herz und eine Seele mit ihm war; Kaiser und Kanzler erschienen sozusagen als eine Person, ein Wille. Etwas wie ein Ideal ist beiden Männern wohl nie durch die Seele gegangen; positive, schöpferische Gedanken machten ihnen keine Unruhe. Beharren bei dem, was war, darin sah auch Metternich die Aufgabe seines Lebens und behauptete in vorgerückten Jahren sogar, sich derselben von früher Jugend an bewußt gewesen zu sein. 1820 in einem Briefe an den badischen > Minister B. schrieb er: „In Zeiten, wie die jetzigen sind, ist der Übergang vom alten zum neuen Bau mit großem Gefahren verknüpft als die Rückkehr zu dem bereits erloschenen Alten“. Das stimmte zu des Kaisers Bild vom wurmstichigen österreichischen Hause. So dienten Kaiser und Minister dem Gesetze, das man in den Dingen der Natur das Beharrungs- Friedrich von Gentz. — 104 — oder Trägheitsgesetz nennt. Von Trägheit im gemeinen Sinne, vulgo Faulheit, war aber beim Kanzler so wenig wie beim Kaiser die Rede; im Gegenteil, er war unermüdlich. Man muß übrigens zugestehen, daß der Kanzler noch eher hin und wieder den Gedanken an eine neue Einrichtung faßte. Viele Jahre lang redete er von einer Art „Reichsrat“, „der nützlich sein könnte für die Prüfung des Büdgets und allgemeiner f Gesetze“. Es wäre gewiß nichts Liberales und Gefährliches gewesen. Der Kaiser nahm den Plan an, ließ ihn dann aber liegen. Nach Genesung von schwerer Krankheit wollte er nun ernst damit machen; ließ es doch wieder liegen. Ende 1834 kam er nochmals darauf zurück und gab sein Wort, daß der Plan im nächsten Jahr zur Ausführung kommen müsse. Wenige Monate nachher weilte er nicht mehr unter den Lebenden. Das eine Beispiel charakterisiert den Kaiser, der je länger je weniger sich zu etwas Neuem entschließen mochte, und den Kanzler, der sich hütete, dem Kaiser in den Ohren zu liegen, ihn zu drängen und zu reizen. Auf diese Weise machte er sich dem Kaiser unentbehrlich und fand auch Verzeihung für seine anstößigen, stets neuen Liebeschroniken, womit er den ziemlich leichtlebigen, gutmütigen Wienern stets neuen Gesprächsstoff gab, während der Kaiser, der Kirche ehrlich ergeben, auch 1 ehrlich fromm war und auf untadeliger Sittlichkeit hielt. Was der Kanzler dem Kaiser, das war diesem selber Friedrich Gentz, von Gentz. Auch er ein ursprünglicher Preuße, aus Breslau. Nachdem er als junger Mann zahlreiche Zeitschriften gegründet und in seinen politischen Schriften für liberale Institutionen gekämpft hatte, trat er 1802 als Hof- rat bei der österreichischen Hof- und Staatskanzlei ein und verwandelte sich, nach seinen eigenen Worten, in einen „entschiedenen Stockösterreicher“. Seit 1812 war dieser Renegat und Meister des Stils Metternich und seinem System mit Leib und Seele verschrieben. Er wurde der Vertraute, ja der Freund des Kanzlers, der sich übrigens nirgends völlig gab. Er erfuhr aber nicht nur Einfluß, er übte auch solchen aus. „Mitunter läßt sich nicht sagen, ob er den Willen des Kanzlers voll- ^ streckte oder bestimmte“. Was Kanzler und Hofrat verband, war die gemeinsame skeptische Lebensauffassung, die verfeinerte, sinnliche Genußsucht, die „höllische Blasiertheit“, insbesondere die Furcht, die bequeme Ruhe gestört und den Dämon der Revolution von neuem entfesselt zu sehen (A. Stern). — io 5 - Der Kanzler hat übrigens gelegentlich auch gespottet über seinen Liebling, der „alles was klein sei, hebe und alles fürchte, was es nicht sei“. Aber wie der Kaiser nachsichtig war gegen die Schwächen des Kanzlers, so dieser gegen die Schwächen seines federgewandten famulus. Er kam auch dem unstillbaren Geldbedürfnis des verwöhnten Weichlings immer wieder zu t Hilfe, so daß dieser in seiner Villa zu Weinhaus bei Wien unter feinen Möbeln, Parfüms und allem raffinierten Luxus als Virtuose des Epikuräismus ein Dasein nach seinem Geschmack führen konnte. Er spricht denn auch in seinen Tagebüchern nicht nur von dem, was er las und schrieb, sondern auch von seinen Diners und Soupers, von seinen Bädern und Träumen, von seinen Rendez-vous und „kleinen Abenteuern“, die er haben mußte wie sein größerer Meister. Der Epikuräer behielt zwar bei oder trotz dieser Lebensweise seine erstaunliche Arbeitskraft, aber er hatte schon immer gar zarte Nerven gehabt. Er zitterte vor Blitz und Donner und war überglücklich, wenn er ein Gewitter verschlafen hatte (A. Stern). Gentz war der Verfasser verschiedener kaiserlicher Proklamationen, Protokollführer des Pariserkongresses von 1815 und verschiedener späterer Kongresse. Er tat den Ausspruch: 1 „Der Protestantismus ist die erste, wahre und einzige Quelle aller ungeheuren Übel, unter welchen wir heute erliegen“. 1 Das kann uns zum Schluß als Scheinwerfer dienen auf den Mann und sein Wirken. Als Redaktor des Metternichschen „Österreichischen Beobachters“ und mit seiner ganzen unbedingten Ergebenheit dem Kanzler und seinem System gegenüber hat er das Urteil verdient, das der bekanntlich zum Katholizismus übergetretene Friedrich Schlegel über ihn fällte, daß er einem „Obskurantismus“ huldige „von der allerplattesten Art“. — Friedrich Schlegel (geb. 1772 in Hannover, gest. 1829 in Dresden) selbst trat 1809, nachdem er 1808 1 „Indem sich die Regierungen bequeniten, den Protestantismus als eine erlaubte religiöse Form, als eine Gestalt des Christentums, als ein Menschenrecht anzuerkennen, mit ihm zu kapitulieren, ihm seine Stelle im Staat ^ neben der eigentlichen wahren Kirche, wohl gar auf den Trümmern derselben, anzuweisen, war sofort die religiöse, moralische und politische Weltordnung aufgelöst. Was wir erlebt haben, war nur eine notwendige Folge und die natürliche Entwicklung jenes ersten unermeßlichen Frevels. Die ganze französische Revolution und die noch schlimmere, die Deutschland bevorsteht, sind aus der nämlichen Quelle geflossen.“ Aus einem Brief von Gentz an seinen Gesinnungsgenossen Adam Müller, April 1819. Friedrich von Schlegel. io6 — Adam Müller. Verkehr; Zensur; geistiges Leben. „seine protestantische Ketzerei“ ganz von sich getan, d. h. katholisch geworden war, mit dem päpstlichen Christusorden geschmückt, in den österreichischen Staatsdienst, und war später erster Legationssekretär bei der österreichischen Vertretung am Bundestag in Frankfurt. Er kam aber mit seinen Vorgesetzten und den Nebenbeamten nicht aus und verlor sein Amt. 1819 begleitete er Metternich nach Italien. Ein Staatsamt erhielt er nicht wieder, bekämpfte aber getreulich von Wien aus in seiner „Concordia“ den „fanatisch verwilderten Zeitgeist“. Nennen wir noch unter den nicht österreichischen Deutschen, die ihre Dienste dem Metternichschen Österreich widmeten, den schon berührten preußischen Gelehrten und Romantiker Adam Müller, der, ebenfalls katholisch geworden, seinen Abscheu gegen die „Konstitutionsraserei des Jahrhunderts“ aussprach und damit natürlich großes Wohlgefallen gewann bei Kaiser Franz, dem Konstitutionen Narrheiten waren und der im Januar 1817 mit einem allerhöchsten Hand- billet befahl, daß die Zeitungen überhaupt nicht mehr von Staatsverfassung sprechen sollten. Nun sehen wir uns in dem Musterstaat der Restauration ein wenig um. Österreich hatte seit Napoleons Fall die leitende Stellung in Europa. Der große Kongreß hatte das ja laut in die Welt hinausgerufen. Nun sollte die Donaumonarchie auch der vorbildliche Staat der Ruhe, des Gehorsams und des Friedens sein. Am liebsten hätten Kaiser und Kanzler das neue Reich der Mitte mit einer chinesischen Mauer umgeben, um ja kein Böses, Beunruhigendes von außen herein zu lassen. Am auffälligsten kam das in der Bevormundung des Verkehrs, des geistigen Lebens und im Unterrichtswesen zum Ausdruck. Die Österreicher durften nur österreichische Bäder besuchen; Ausländer — das waren auch nicht österreichische Deutsche — die nach Österreich kamen, mußten sich genau über den Zweck ihrer Reise ausweisen und wurden auf Schritt und Tritt polizeilich beobachtet. Einlaufende und abgehende Briefe wurden von der Polizei geöffnet — mitten im Frieden. Das Spionagewesen blühte auch nach dem Kongreß weiter wie nirgends sonst in der Welt. Bücher, Zeitungen, vom Ausland kommende besonders, das Theater standen unter hemmender Zensur. Es war nur zu verwundern, daß das Burgtheater in Wien dennoch gedieh und für längere Zeit die erste deutsche io7 — Bühne blieb. Vater Moor in Schillers Räubern wurde bekanntlich durch die Polizei in einen „Oheim“, der Kapuziner im „Wallenstein“ in eine „Magistratsperson“ verwandelt. Das war nur lächerlich. Aber das ganze Gebahren machte ein freies geistiges Leben unmöglich. „Die Zensurakten waren ein Kompendium des Unsinns, der Willkür und der Geistesknechtschaft.“ Für Literatur und Literaten hatte Kaiser Franz keinen Sinn; er haßte sie sogar. „Schriftsteller waren, seiner Auffassung nach, eine Menschenklasse, die berufsmäßig darauf ausging, im Volke Unruhe zu verbreiten“. Der Kaiser konnte nur bezahlte Federn brauchen, und er kaufte sie mit Vorliebe aus dem „Auslande“ (Gentz, Schlegel, Adam Müller). Grillparzer mußte klagen, daß „in dem damaligen Österreich kein Platz für einen Dichter sei“; daß „die unsichtbaren Ketten an Händen und Füßen klirrten“; daß „der Despotismus sein literarisches Leben zerstört“. Glücklicher waren die Großen im Reiche der Töne, der liederreiche Franz Schubert, 1 der gewaltige Beethoven. 2 Die Neunte Symphonie entstand Anfang 1824 und die Missa solemnis 1825. Ihnen wenigstens konnte die Polizei nichts anhaben. Die Österreicher durften nicht auswärtige, d. h. keine andern als österreichische Universitäten besuchen. Lehrämter durften nicht mit Ausländern, d. h. Nichtösterreichern besetzt werden. Es war sogar verpönt, in den Familien andere als österreichische Erzieher und Erzieherinnen zu halten. Lehr- und Lernfreiheit an den Hochschulen gab es nicht. Man denke an das Wort des Kaisers: „Wer mir dient, muß lehren, was ich befehle“. Den Professoren waren ihre Pensen und Lehrbücher vorgeschrieben; sie standen in literarischer und moralischer Hinsicht unter der Kontrolle von Studiendirektoren und hatten ihrerseits wieder die Studenten zu kontrollieren. Privatdozenten, aus denen sich ein Nachwuchs tüchtiger Gelehrter hätte bilden können, gab es nicht. Man hatte statt ihrer bezahlte und abhängige Adjunkten und Suppleanten. „Die Philosophie wurde mit Argusaugen überwacht, daß sie sich fein säuberlich gegen die kirchliche Dogmatik abgrenze“. Über die aus den Bibliotheken bezogenen Bücher wurde genaue Kontrolle geführt. Das Aufsteigen im Studium war an strenge Unterrichtswesen. Universi täten. 1 f 1828 in Wien. ’ t 1827 in Wien. io8 — Gyra- nasien. Von der Volksschule. Examen gebunden. Studentenverbindungen und Studentenbälle waren untersagt. Couleurs und sonstiger Firlefanz wurde nicht geduldet. Der Besuch des Gottesdienstes, Beichte, Kommunion waren vorgeschrieben. Die Lebenserinnerungen mancher bedeutenden Männer haben später gesagt, wohin diese „gewaltsame Fütterung mit Religion“ führte. „Zweifler, Freidenker und Ketzer machte sie“. Das Beichten wurde ein Geschäft; arme Studenten trieben Handel mit ihren fleißig erworbenen Beichtzetteln. „Diese bekamen ihren Kurs wie Börsenpapiere“ ; je näher die Examen waren, desto höher stiegen sie im Preis (A. Stern). Unter diesen Umständen wird man es ohne weiteres verstehen, wenn selbst ein Vertrauter Metternichs von den österreichischen Universitäten sagte, „der Geist der Wissenschaften habe Abschied von ihnen genommen.“ Wenn das System oben so war, wie hätte es besser sein können auf der Stufe der Gymnasien ? Religion und Beichte waren hier vollends von erster Bedeutung. Viele Gymnasien kamen an geistliche Körperschaften. Nicht überall, aber manchenorts nahmen Drill und Dressur überhand, und allerlei poetische und rhetorische Spielereien mit Latein waren im Schwang. „Nur ein wohlorganisierter geistiger Schmuggel machte die (gymnasiale) Wanderung durch die Wüste Sahara erträglich“. Latein war natürlich alles in allem; die Realien bedeuteten nichts, die deutsche Sprache wenig. Es konnte Gymnasiasten geben, wie der Musikschriftsteller und Komponist Hanslick bezeugt, die niemals ein Wort von Lessing, Schiller und Göthe gehört hatten. Relativ fast noch viel tat die Regierung oder suchte zu tun für die Volksschule, deren ärmlicher Lehrstoff bei dem ärmlichen Volke kaum gefährlich werden, wohl aber der kirchlichen Frömmigkeit zugute kommen konnte. Ein Bauer, der lesen konnte, las doch selten etwas anderes als kirchliche Erbauungsbücher und Legenden. Von selber verstand sich die geistliche Aufsicht über die Volksschule. — Aber auch für das allerbescheidenste Minimum von Volksbildung, das kaum über die Forderungen Karls des Großen im VIII. Jahrhundert hin- aüsging, verweigerten selbstsüchtige Grundherren nicht selten ihre Beitragspflicht. Manche Unterrichtsräume glichen kaum menschlichen Wohnstätten. Die Lehrer waren oft zugleich Meßmer und oft mehr Meßmer als Lehrer. iog — Seit 1820 wurde das Schulwesen für die nichtkatholische Bevölkerung völlig von dem katholischen getrennt. 1821 tat die Regierung einen scheinbar sehr weitherzigen Schritt, indem sie in Wien eine theologische Lehranstalt für die Angehörigen des augsburgischen und des helvetischen Bekenntnisses errichtete. Aber die nichtkatholische Bevölkerung in Österreich mußte fast durchwegs den katholischen Geistlichen die Stolgebühr (Jura stolae, Gebühren für geistliche Handlungen wie Taufen, Trauungen, Begräbnisse) entrichten. Zum Erwerb von Boden und Häusern, des Bürgerrechts oder handwerklichen Meisterrechts, zur Übernahme von Zivilämtern oder akademischen Würden bedurften sie einer Dispensation. Rektoren oder Dekane an hohem Lehranstalten konnten sie überhaupt nicht werden. In einigen evangelischen Konsistorien führte ein Katholik den Vorsitz. Kein nichtkatholischer Knabe fand Aufnahme in die Militärakademie Wien-Neustadt, wenn nicht die Eltern die schriftliche Zustimmung gaben, daß er im katholischen Glauben unterrichtet werde. Für die Juden gab es in den einzelnen Ländern besondere Verordnungen, Judenpatente, die teilweise stark voneinander abwichen, so daß darin große Konfusion herrschte. Die vom Kaiser in Aussicht gestellte gleichmäßige Regelung der Judenfrage kam nie. Da und dort mußten die Angehörigen Israels noch im Ghetto beisammen wohnen. Da Bodenerwerb ihnen meist untersagt war, so waren sie vorwiegend auf Kleinhandel, Leihgeschäft, Schankgewerbe etc. angewiesen, unentbehrlich und mißachtet zugleich. Ihren Zudrang zu den akademischen Studien und Berufen gedachte der Kaiser einzuschränken. Daß die katholische Kirche die herrschende war, verstand sich von selber. Ihre höchsten Würdenträger nahmen auch eine bedeutende Stellung ein. Mit Grundbesitz und Einkünften waren sie reichlich bedacht. Aber der fromme Kaiser ließ sich die Kirche keineswegs über den Kopf wachsen. Klöster und geistliche Schulen, das Vermögen der Kirche und frommer Stiftungen, der Verkehr mit Rom standen unter staatlicher Aufsicht; auch bei Besetzung der Bischofsstühle wahrte die Regierung entschieden ihre Rechte, trotz den Klagen der Curie. Bei Differenzen mußte der Papst dem Kaiser mehr nachgeben, als dieser ihm. Metternich vollends schätzte die Kirche wesentlich als staatliches Machtmittel. Der Beistand der Kirche zur Fesselung des geistigen Lebens war Kanzler und Kaiser gleichermaßen willkommen. Von den Nichtkatholiken. Von den Juden. Die katholische Kirche. I IO Finanzwesen. Heerwesen. Die sozialen Stände. Viel zu weit würde es uns führen, von der Verwaltung zu reden. Sie war in den vielen Ländern der Monarchie verschieden. Josef II. war an ihrer Vereinheitlichung gescheitert. Große, schwierige, auch lohnende Aufgaben wären da zu lösen gewesen. Aber Kaiser Franz griff dergleichen nicht wieder auf. Nur eine Vereinheitlichung wäre dem Kaiser sehr am Herzen gelegen, daß Ungarn, das allein noch seine Verfassung vom XVII. Jahrhundert her besaß, sich allmählich gewöhnt hätte, sie zu vergessen. Aber mit Eifersucht wachten die Ungarn über ihr Privileg und ließen es keineswegs fahren. Ganz „bös“ stand das österreichische Finanzwesen. Der Staat steckte schwer in Schulden, stand eigentlich am Bankerott. Silber gab es nicht mehr; eine Unmasse von Papiergeld war im Kurse, und sein Kurs stand bedenklich tief. Durch ein ministerielles Patent wurden schon 1811 die in Umlauf befindlichen Bankzettel auf den Fünftel ihres Wertes und die Zinsen der Staatsobligationen auf die Hälfte herabgesetzt. So hatte man seit 1811 den chronischen Bankerott, woran auch die 1816 gegründete Nationalbank wenig zu ändern vermochte. Der Graf von Stadion, seit 1815 Finanzminister, mühte sich jahrelang ehrlich, aus Schulden- und Papierwirtschaft einen Ausweg zu finden. Es war nach seinem eigenen Ausspruch eine Herkulesarbeit. Als er 1824 starb, war zur Sanierung der Finanzen erst ein bescheidener Anfang gemacht. Vernachlässigt war auch das Heerwesen. L’occhio del padrone ingrassa il cavallo, das Auge des Herrn macht das Pferd fett, sagt das italienische Sprichwort. Kaiser Franz hatte wenig Auge für seine Armee. Er hatte nichts Militärisches an sich; „kaum daß er einmal eine Uniform trug“. „Die Armee wurde für die Offiziere eine bequeme Versorgung, für die Soldaten eine Strafanstalt“. Die einzelnen Länder der Monarchie hatten eine altererbte landständische Vertretung. Aber diese Landtage waren „Alt- väterhausrat“, mehr oder weniger prunkende Schauspiele zur Bewilligung dessen, was die Regierung vorschlug. Die Beamten, von der Regierung ernannt und von ihr nach Gutfinden durch das ganze Reich versetzt, waren meist hochmütig und bequem, bei dem herrschenden System oder Schlendrian natürlich ohne Schaffensdrang. Daß der grundbesitzende Adel das Heft in den Händen hatte, war selbstverständlich. Auf ihn wesentlich stützte sich die Regierung. Er war stärker und 111 reicher als z. B. in Preußen und besaß noch die meisten seiner mittelalterlichen Vorrechte. Für die Befreiung des Grundeigentums, in andern Ländern die wichtigste Aufgabe unter den politischen und sozialen Reformen, geschah in Österreich nichts. In Polizei und Gerichtsbarkeit waren die Bauern von den adeligen Herren abhängig, und trotz Josef II. dauerten die Fronpflichten fort (slawisch Robot, 1 erst Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft). In Ober- und Niederösterreich gab es einen wohlhabenden Bauernstand, sonst überall banden ihn noch alte, unwürdige Verhältnisse. In den Städten überwog das Kleinbürgertum, das fügsam und fleißig dem Kleingewerbe oblag, ohne viel Regsamkeit oder Initiative. Nur langsam konnte in den großem Städten eine moderne Großindustrie Fuß fassen. Am ausgesprochensten liegen diese sozusagen negativen Verhältnisse in dem Verfassungslande Ungarn zutage. Wir tun daher noch einen Blick dorthin. Es gab in Ungarn einen Reichstag mit Magnatentafel Ungarn, und Ständetafel. Zu der Magnatentafel gehörten die Bischöfe, fassung. Reichsbarone und die sog. Obergespane, d. h. die hohen Beamten. Die Mitglieder der Ständetafel wurden in den Komitats-, eigentlich Graf Schafts-, will heißen Bezirksversammlungen, gewählt. Da waren aber nur die adeligen Herren berechtigt, und diese hatten demzufolge die erdrückende Mehrheit auch in der Ständetafel. Der städtischen Bürgerschaft kam eine einzige Stimme zu. Neben einem solchen Reichstag konnte selbst das englische Parlament vor der Reform von 1832 noch als etwas Ideales erscheinen. Ungarn war der noch unerschütterte Feudalstaat aus dem Soziale Mittelalter. Der Adel war alles, im Reichstag und in den Zustande Komitaten. Er besetzte alle Komitatsämter; seine Güter durften nur in die Hände von Standesgenossen übergehen. Seine Edelhöfe auf städtischem Boden waren von der städtischen Gerichtsbarkeit ausgenommen. Er alleine besaß das Schank-, Brau-, Mühl- und Marktrecht. Er betrachtete es als eine Schande, Abgaben zu bezahlen und glaubte sich durch Bewaffnung für's Vaterland aller andern Leistungen entschlagen zu dürfen, wie einst in den Zeiten, wo nur adelige Ritterheere in den Krieg gezogen waren. — Die große Zahl der Menschen 1 Von slawisch robota, Arbeit, Fron. I 12 waren die Gutsuntertanen. Von den Bauern wurde an Fronen, Naturalien und Geld oft das Unmögliche verlangt. Und der Grundherr war auch der Richter des Bauern, Stockschläge, durch die Haiduken, Trabanten der adeligen Herren, verabfolgt, waren ein gewöhnliches Strafmittel. Ablösung der ererbten Lasten gab es für den Bauern nicht; er war an die Scholle gebunden. Verließ er sie dennoch, so brachte es ihm kaum Gewinn. Bauernrevolten gab es hie und da; eine Verbesserung hatten sie bisher nie gebracht. — Der städtische Bürgerstand war überall durch Mangel an Verkehrswegen und durch Zölle gegen die übrigen Länder der Monarchie wie gegen das Ausland gehemmt, der Handel gefesselt, unentwickelt. Genügende Schulbildung und Kapital fehlten gleichermaßen. Ein Wirrwarr von Zivil- und Strafgesetzen, harte Strafen, elendes Gefängniswesen vollendeten das Bild. Wie viel wäre da zu tun gewesen! Selbst ein Metternich sah es ein. Aber für den Kaiser war das Alte heilig; er rührte nicht daran. So war das Reich Franz des I. beschaffen, das sich damals eine leitende Stellung beimaß. Franz starb 1835. Sein geistesschwacher Sohn Ferdinand I. bedeutete eine Nachfolge, geeignet, das starre, mechanische Erbgesetz der Monarchie ad absurdum zu führen. Das Metternichsche Beharrungssystem dauerte wesentlich ungestört weiter bis in die Sturmtage von 1848. Ludwig I. Wir können natürlich nicht jeden Fürsten und jedes Land v. Bayern ^es deutschen Bundes monographisch behandeln. Im Vorübergehen erwähnen wir König Ludwig I. von Bayern. 1 Er folgte 1825 auf seinen Vater Maximilian I., hatte eine vorzügliche Bildung genossen, Staatsrecht, Philosophie und Geschichte studiert, wiederholt in Italien, namentlich in Rom geweilt. Der „enthusiastisch-ideal gesinnte König“, Freund der Wissenschaften und Künste, sammelte Künstler und Gelehrte um sich, verlegte 1826 die Universität Landshut nach München, erbaute die Glyptothek, die Pinakothek und die Walhalla; er war überhaupt Bayerns erster großer Baukönig, erhob München zur ersten deutschen Kunststadt und wies ihr in dieser Richtung die Zukunft. Politisch war Ludwig zuerst liberal, schlug dann bald „in autokratische Launenhaftigkeit“ um. Wir werden ihm in den Sturmtagen von 1848 wieder begegnen. 1 Geb. 1786 in Straßburg, f 1868 in Nizza. — 113 — B. Preußen, der größte und zur künftigen Führung Deutschlands prädestinierte deutsche Staat. König von Preußen war seit 1797 Friedrich Wilhelm III., geh. 1770, Sohn Friedrich Wilhelms II., Neffe Friedrichs des Großen. Die Geburt hatte ihm eine Krone gegeben, aber ohne die Herrschergaben, die ihr erst den unverlöschlichen Glanz verleihen und sie zum Segen für Generationen, Länder, Völker und Zeiten machen können. Er war von mittlerem, eher; kleinem Geiste. Menschen seiner Art sind oft zum Mißtrauen geneigt und unterliegen bewußt oder unbewußt allzuleicht fremdem Einfluß, während sie handkehrum sich auf vorgefaßte Ideen versteifen können. Alle diese Züge sind in Friedrich Wilhelms Regierung wohl nachzuweisen. Das Schicksal tat ihm obendrein den Tort an, ihn in große, überschwierige Zeit und einem Partner, dann Gegner von erster genialer Größe gegenüber zu stellen, vor Aufgaben, lösbar nur für Herrscherkräfte großen Ranges. — Es gehört zu den Unvollkommenheiten dieser Welt und der Politik vielleicht besonders, daß so selten die rechten Menschen am rechten Platze stehen. Pessimisten behaupten, daß der große Mann am großen Posten eine Ausnahme sei. Ohne ihm Unrecht zu tun, kann man von Friedrich Wilhelm wohl sagen, daß er nicht am rechten Posten war. Zur napoleonischen Zeit war das besonders deutlich herausgetreten. Was soll ein ehrlicher, bedächtiger Bürgersmann in der großen Politik ? Die Staaten pflegen ihre Symbole der Klasse der Raubtiere zu entnehmen. Der Fuchs, als nächster Verwandter der Diplomatie, wird freilich, vielleicht aus offiziellem Schamgefühl, bei dieser Auswahl übergangen. Ich erlaube mir, zu scherzen. Aber ernst wird es gewesen sein, wenn Alexander Vinet sagte: „L’etat, c’est l’homme moins la oonscience“. Im Gegenteil dazu behauptete Gladstone, das moralisch Schlechte könne politisch nicht gut sein. Wie dem sei, gewiß ist, daß bis heute die große Politik nicht mit schlichten Bürgertugenden gemacht wurde. In alle Wege gehört zur Beherrschung und Leitung großer Verhältnisse großes Augenmaß und entsprechende Energie. Friedrich Wilhelm aber entbehrte alles geistige Großmaß. Er war nicht groß genug, um einzusehen, daß er zu klein war. Der bürgerliche König — er war das im Sinne einfacher, Flühmann, Vorträge. 8 Friedrich Wilhelm III. sparsamer Lebensweise — hielt mit einiger Eifersucht auf seine Würde. Aus seinem Mangel an Größe erklärt es sich, daß er gerne Geister zweiten und dritten Ranges um sich hatte; er verstand sie besser und fühlte sich wohler unter ihnen. In jeder bürgerlichen Stellung würde der untadelige Ehrenmann höchst ehrenwert gewesen sein und Ehrenwertes geleistet haben. Der Königsäufgabe zu seiner Zeit war er nicht gewachsen; selbst seine Tugenden, wie die unentwegte Ehrlichkeit und die Bedächtigkeit, wurden gelegentlich dem Staate zum Verhängnis. Man denke an die Zeit des russischen Feldzuges und unmittelbar vor dem Befreiungskriege. In diesem war er der Mitgerissene. Nach dem gewaltigen Ringen ersehnte er nun vor allem Ruhe, und in mißtrauischer Furcht witterte er eine Störung derselben, wo irgend Bewegung oder Neues zur Geltung drängte. „Männer, die seinen guten Eigenschaften alle Gerechtigkeit widerfahren ließen, beklagten seine instinktive Abneigung gegen alles Geniale, seinen Hang zum Mißtrauen, seinen kalten Zweiflersinn, der den Unternehmungsgeist untergrabe, den Enthusiasmus befeinde und alles Hervorbringen erschwere“. Es war ein unbedenklicher Scherz, wenn sie ihn auf dem Kongreß in Wien König Infinitiv nannten; es bezeichnete seine Vorliebe, mit Infinitiven zu antworten, das. persönliche Fürwörtlein und das Hülfsverb auszulassen: (Ich bin) ganz konfus geworden, Geduld haben, nichts überstürzen, zusehen, abwarten ! Mehr bedeutete es, wenn er in Preußen selbst der Zauderer hieß. Sein Zaudern war nicht, wie das des großen römischen Fabius Cunctator in überlegener, einsichtsvoller Entschlossenheit begründet, sondern in Mangel an Einsicht und Entschließungsfähigkeit. Geschah es dann einmal, daß er rasch handelte, so war es etwa gerade da, wo er hätte zögern müssen. So zauderte er, wo er handeln und handelte, wo er zaudern sollte. Selten wußte er das Rechte zur rechten Zeit zu tun. Seit dem Tode der Königin Luise 1810 fehlte vollends der initiative Geist an seiner Seite, der ihn ergänzen und am rechten Ort antreibend oder auch zurückhaltend wirken konnte. Trotz alle diesem, was in dem Preußen und Deutschland der Restauration und Reaktion Fortschrittliches und Gutes geschehen, ist zum größten Teil unter, durch und mit diesem Zauderer geschehen, der erst noch selber in etlicher Hinsicht ein Reaktionär von erster Güte war. — IIS — Die Vereinheitlichung der Verwaltung. Das damalige Preußen war zusammengesetzt aus vielen nach und nach zusammengekommenen Gebieten; seit dem Kongreß zerfiel es in einen wesentlich alten Teil östlich der Weser und einen wesentlich neuen westlich derselben. Friedrich Wilhelm tat 1818 den entschlossenen Schritt,' über alle Widersprüche hinweg, das ganze Königreich in eine einheitliche Verwaltung zusammen zu fassen, mit gleichzeitiger Aufhebung aller Binnenzölle. Zu dem letztem, für die Folgezeit höchst bedeutungsvollen Schritt gab nicht ein vorbedachter Plan der Regierung den Anstoß, sondern der Zwang der materiellen Not. Nach der Beseitigung Napoleons und der Kontinentalsperre wurde der deutsche Markt überschwemmt mit englischen Manufakturen, die, „größtenteils zu Schleuderpreisen losgeschlagen, den deutschen Fabriken jede Konkurrenz mit der auswärtigen Kapitalübermacht unmöglich machten und die einheimische Industrie zum Stillstand verurteilten“. Dann kamen das Mißjahr 1816 und das Hungerjahr 1817. Die Not wurde gesteigert durch Ausfuhrverbote, mit denen die einzelnen deutschen Staaten einander bekriegten. „Es ist nicht zu sagen“, sagt Flathe, „wie tief die Kleinstaaterei die materiellen Interessen des deutschen Volkes geschädigt hat“. Nun beantragte Württemberg 1817 beim deutschen Bundestag die Ausführung des Artikels 19 der Bundesakte, welcher eine Verständigung der Bundesglieder „wegen des Handels und Verkehrs“ vorsah. Erreicht wurde nichts. Wie hätte ein einheitliches deutsches Zollwesen geschaffen werden sollen unter dem Vorsitz Oesterreichs, dessen Schwergewicht in den nichtdeutschen Ländern lag, das nur mit seinen deutschen Ländern hätte beitreten können und dadurch erst noch eine Abspaltung derselben von der übrigen Monarchie riskieren mußte ? Nun griff Preußen, dessen Steuerertrag lange nicht hinreichte, die große Staatsschuld zu verzinsen, geschweige denn zu amortisieren, zur Selbsthilfe, war doch der bestehende Zustand sowieso unhaltbar. Dieses Königreich Preußen mit seiner unmöglichen, zerrissenen Gestalt, den vielen Enklaven und Exklaven, mit einer Grenzlänge, die in keinem Verhältnis zur Körpergröße stand, barg 67 verschiedene Zoll- und Akzisentarife nur in den altpreußischen Teilen. Der Verkehr von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz war durch „Binnenmauten und Akziseplackereien beschwert und gehemmt“; die Einheitliche Verwaltung in Preußen. Zollgesetz 1818 . Der Zollverein. — Il6 — wesentlich neuen westlichen Gebiete führten ausländische Waren frei ein, die ostelbischen hatten Prohibitivzölle und einen blühenden Schmuggel. Dem allem wurde ein Ende durch das neue Zollgesetz vom Mai 1818 . Von nun an gab es Zölle nur noch an der Außengrenze. Rohstoffe sollten in der Regel freie Einfuhr haben, Manufakturen io, Kolonialwaren 20 Prozent bezahlen, übrigens mit dem Ausland Handelsabkommen auf strenger Gegenseitigkeit angestrebt werden. Es bedeutete im Prinzip Freihandel, zunächst im Innern, loyale Gegenseitigkeit nach außen, und Preußen gab mit diesem Gesetz ganz Europa, selbst England, Anregung und Vorbild. Die Folgen waren überraschend. Die Wehklagen einzelner Geschädigter verstummten bald gegenüber dem allgemeinen Steigen der Produktion, des Verbrauchs, des Verkehrs, des Steuerertrages und dem ungeahnten Aufschwung der Industrie. Aber das einheitliche preußische Zollsystem brachte Unzukömmlichkeiten, wirkliche und scheinbare Nachteile für die zwischen und rings an den preußischen Grenzen liegenden deutschen Staaten und Stätchen. Sie mußten natürlich als Ausland behandelt werden, und nun gab es Lärm und große Erbosung gegen das rücksichtslose Preußen. Wie Schlangen erwürgten die preußischen Zollinien das übrige. Deutschland, hieß es, und die Klage wurde sogar vor den Bundestag gebracht. Aber Preußen blieb fest bei seinem unzweifelhaften Rechte. Es war natürlich, daß die kleinen deutschen Staaten, vor allem ihre Regierungen, dem großen, unförmlichen, geographisch unfertigen Preußen, das „zu viel hatte, um nicht mehr zu wollen“, Mißtrauen entgegenbrachten und es als ihren Feind ansahen, der sie zu verschlingen gedenke. Aber der Zwang der Verhältnisse führte dann doch dazu, daß Preußens Einladung zum Anschluß nach und nach Folge geleistet wurde. Den ersten Zollvertrag schloß Schwarzburg- Sondershausen für seine von preußischem Gebiet umfaßte Unterherrschaft, 1819. Preußen bot Verteilung der Zollerträgnisse nach der Einwohnerzahl, was für die Kleinen keineswegs ungünstig war. Da Oesterreich und die Mittelstaaten heimlich und offen arbeiteten gegen die Ausdehnung des Zollvereins, der die Gefahr eines politischen Anschlusses an Preußen nahe rückte, so erfolgte erst 1828 mit Hessen-Darmstadt der nächste Anschluß. Indessen suchte Süddeutschland für sich H7 einen Zusammenschluß; aber nur Württemberg und Bayern erreichten eine Zoll Vereinigung, 1828. Im gleichen Jahre brachte das besonders antipreußische Sachsen mit Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Kurhessen und Nassau den mitteldeutschen Handelsverein zustande. Preußen aber bot nun seine Hand, über die Mitteldeutschen hinweg, nach Süddeutschland, und Bayern-Württemberg nahmen sie an. Von nun an ging es rascher; 31 folgte Kurhessen, 33 Sachsen — die Mitteldeutschen gingen auseinander — und die Thüringischen, 35/36 Nassau, Frankfurt, 41/42 Braunschweig, Lippe, 51 Hannover, Oldenburg. Die Schwerkraft der Interessen hatte gesiegt. Nach Jahrzehnte langem Zoll- und Handelskrieg gab es ein im deutschen Zollverein verbundenes, wirtschaftlich einheitliches Deutschland. Die deutschen Staatsmänner verhielten sich zum Wachsen des Zollvereins hier fördernd, dort widerstrebend. Der politischen Tragweite waren sie sich wohl bewußt, wie dies z. B. die Denkschriften an Friedrich Wilhelm III. genugsam beweisen. * 1 2 3 4 Dieser selbst hatte, wie die meisten Hohenzollern, Auge und Verstand für wirtschaftliche Fragen. Weitblickende Minister und ein tüchtiger Beamtenstand, womit Preußen von jeher überlegen gewesen, hatten das Werk in des Königs Dienst und Namen zustande gebracht. Aber Friedrich Wil- 1 Die Auffassung im Kreise der Denkenden mag Hoffmann von Fallerslebens Scherzlied beleuchten: 1) Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken, Kühe, Käse Krapp, Papier, Schinken, Scheren, Stiefel, Wicken, Wolle, Seife, Garn und Bier, 2) Pfeiferkuchen, Lumpen, Trichter, Nüsse, Tabak, Gläser, Flachs, Leder, Salz, Schmalz, Puppen, Lichter, Rettich, Rips, Raps, Schnaps, Lachs, Wachs! 3) Und ihr andern guten Sachen, Tausend Dank sei euch gebracht! Was kein Geist je konnte machen, Ei, das habet ihr gemacht. 4) Denn ihr habt ein Band gewunden Um das deutsche Vaterland, Und die Herzen hat verbunden Mehr als unser Bund dies Band. (Bei Weber-Baldamus). — 118 — Neuordnung der Finanzen. Die allgemeine Wehrpflicht. heim III. dachte zu klein, zu mißtrauisch und zu realistisch, um die weitem Konsequenzen zu ziehen und der „Bannerträger Deutschlands“ sein zu wollen. Mit peinlicher Rechtlichkeit wurde die Neuordnung der Finanzen durchgeführt. Preußen hatte seit der Katastrophe von 1807 schwer gelitten und war nach den Befreiungskriegen wirklich bitter arm. Auch es hatte eine verhältnismäßig gewaltige Staatsschuld. Sich dieselbe durch betrügerischen Bankerott zu erleichtern, wie es teilweise in Oesterreich und anderswo geschah, lehnte Friedrich Wilhelm III. ab. Das gesamte Staatsvermögen wurde als Bürgschaft eingesetzt, und mit strenger Gewissenhaftigkeit und Sparsamkeit arbeitete man sich zu bessern Zuständen durch. Der König bean : spruchte von den Domänen nur so viel, um seine relativ bescheidene Zivilliste von 2V2 Millionen Talern heraus zu bekommen. Man vergeudete in Preußen die Staatsmittel nicht und streifte nicht Jahrzehnte lang am Bankerott herum wie in Oesterreich. Die allgemeine Wehrpflicht, im Prinzip zur napoleo- nischen Zeit ausgesprochen und unter den Argusaugen Napoleons durchgeschmuggelt, 1 wurde jetzt, trotz allen reaktionären und liberalen Gegenbestrebungen, festgehalten. Viele Liberale in ganz Deutschland waren dagegen, weil die Sache von dem reaktionären Preußen kam und dessen Macht in gefährlichem Grade verstärken konnte. Aber die allgemeine Wehrpflicht gab von nun an dem Staate die sichere Grundlage, indem sie ein Heer schuf, das sozusagen identisch mit dem Volke war. „Wie bei den Bürgervölkem des Altertums trat nun der Staat mit seiner begeisternden Majestät und herben Strenge in jedes Haus hinein“. Wir Schweizer wissen ohne Zweifel auch den ethischen Wert der neuen Einrichtung zu schätzen. In der Tat, so lange die Welt auf Gewalt gestellt bleibt, was wäre da sittlicher, als daß jeder waffenfähige Bürger der Wehr des Staates angehört, und daß Hoch und Nieder gleichermaßen die erste und letzte Pflicht für das Vaterland erfüllt ? „Für die niederen Stände wurde das Heer von nun ab eine Schule der Intelligenz und Disziplin, für die 1 Nach dem Tilsiterfrieden (1807) durfte Preußen innerhalb der nächsten 10 Jahre seine Streitmacht nicht über 42,000 Mann erhöhen. Man hielt sich an die Zahl, wechselte aber die Einberufenen alle drei Monate, wodurch die vorgeschriebene Ziffer sich von selber multiplizierte. — Hy ~ hohen der Abhärtung und Entsagung“; alle konnte es in Erfüllung einer hohen sittlichen Pflicht einander näher bringen. Nahe am Herzen lagen dem König die kirchlichen Dinge. Seit dem Kurfürsten Joh. Sigismund (1608—19), der zum reformierten Bekenntnis übergetreten, war das branden- burgische, dann preußische Haus reformiert, während das protestantische Preußenvolk lutherisch war. Ein Idealzustand war das gerade nicht, und Friedrich Wilhelm wagte, was seine Vorfahren noch nicht zeitgemäß gefunden hatten. Zur Säkularfeier der Reformation 1817, wo man auf königlichen Wunsch zum erstenmal das Abendmahl in einheitlicher Weise feierte, erließ er einen Aufruf, worin er zwanglose, freie Vereinigung der beiden Kirchen warm empfahl. Es hieß darin: „Eine solche wahrhaft religiöse Vereinigung der beiden, nur noch durch äußere Unterschiede 1 getrennten, protestantischen Kirchen ist den großen Zwecken des Christentums gemäß; sie entspricht den ersten Absichten der Reformatoren; sie liegt im Geiste des Protestantismus; sie befördert den christlichen Sinn; sie ist heilsam der häuslichen Frömmigkeit; sie wird die Quelle vieler nützlicher, oft nur durch den Unterschied der Konfessionen gehemmter Verbesserungen in Kirchen und Schulen werden.“ Der Aufruf fand viel williges Entgegenkommen weit über Preußen hinaus. Wo die beiden protestantischen Konfessionen gemischt waren, fand die Vereinigung vielerorts ohne große Schwierigkeiten statt. Wo das Luthertum allein herrschte, blieb man dabei. — Immerhin ganz so glatt, wie sich’s der König vielleicht gedacht, ging es mit der Union doch nicht. Es gab fast notwendigerweise Konfusion in der gottesdienstlichen Ordnung und in der Liturgie. Der König, der sich in ältem Jahren immer mehr dem Religiösen zuwandte, befaßte sich immer eifriger und auch eigensinniger mit den kirchlichen Dingen, über den Kopf seines Kultusministers hinweg. Er führte den von Bildern Luthers hergenommenen langen Predigerrock mit dem schwarzen Barett als Tracht für die Unionsgeistlichen ein. Dann gab er eine höchst eigenhändig und selbstständig aus Formularen des XVI. Jahrhunderts genommene gottesdienstliche Ordnung heraus, mit Formularen 1 Die Lutheraner beteten z. B. „Vater unser“ (nach dem lateinischen pater noster), die Reformierten „unser Vater“. Von der Kirche. Die protestantische Union. 120 Die neue preußische Agende. Konflikt mit der katholischen Kirche wegen den gemischten Ehen. von Ansprachen und Gebeten, die preußische Agende, die dann allerdings auf vielen Widerspruch stieß. Er dachte auch daran, die Ohrenbeichte und Kirchenzucht älterer Zeiten wieder einzuführen und war nur schwer davon abzubringen. Als echter Hohenzoller war er vor allem ein Mann der Ordnung und der Autorität. „Von allem Schlimmen in der Welt ist die Willkür das schlimmste“, sagte er, „und befindet sich die katholische Kirche unter der Autorität des Papstes nicht äußerlich wohl?“ — „Das Wort „protestantisch“ ist mir zuwider; wollen wir denn nie aufhören zu protestieren?“ — Von den Reformatoren mußte ihm, seinem Wesen nach, Luther näher stehen als Calvin und Zwingli. Nun warf sich gerade die streng lutherische Richtung heftig gegen die Union in den Kampf. Ein lutherischer Pfarrer fragte seine Gemeinde: „Wollt ihr Christen oder lutherische Christen sein?“ Ein Tischler antwortete: „Auf Luther sind wir getauft, auf Luther wollen wir leben, auf Luther wollen wir sterben“. Ein besonderer lutherischer Hetzapostel eiferte in seiner Predigt: „Selbstmörder sind die Unionsprediger, welche die neue Agende, das Teufelsbuch, annehmen und in den Unionshandel willigen, Fälscher des Wortes, die dem König mehr als Gott gehorchen. Glaubt ihr denn, ein Unierter könne, wie er sich auch Mühe gibt, selig werden? Ebenso wenig, ja noch weniger als ein Reformierter.“ Dieses äußerste Luthertum separierte sich an manchen Orten und wurde zur lutherischen Sekte. Die Union entsprach doch dem Zug der Zeit, setzte sich im allgemeinen durch und erhielt sich. Weniger Erfolg hatte Friedrich Wilhelm der katholischen Kirche gegenüber. Der Wienerkongreß hatte ihm etliche Millionen neuer katholischer Untertanen gegeben. Er erließ an die Rheinländer und Westfalen eine hochherzige Proklamation, worin er sie als neue „Preußen“ willkommen hieß, seiner getreuen Fürsorge versicherte, und er hielt auch Wort. Er schuf 1818 die Universität Bonn, gab 165000 Thaler aus eigener Tasche an die Vollendung des Kölnerdomes etc. etc. Aber nun kamen in die neuen Provinzen zu den fröhlichen Rheinländern mit ihren französischen Sympathien die schneidigen preußischen Beamten, die überall anstießen, weh taten und verletzten. Gerade wie nachmals in Elsaß-Lothringen, weshalb die Franzosen heute behaupten, daß die Deutschen 121 keine Psychologen seien. Oder wären sie es doch und wollten nur eben nicht anders ? — Und nun kam noch ein Konflikt mit der katholischen Kirche dazu. Im katholischen Schlesien und Polen war es königliches Gesetz, daß in gemischten Ehen die Kinder dem Glauben des Vaters zu folgen hatten. Dieses Gesetz dehnte der König 1825 auch auf die Provinzen im Westen aus. Grundsätzlich verpönt die katholische Kirche die gemischte Ehe, und ihre Einsegnung gestattet sie nur gegen das Versprechen, daß alle Kinder katholisch werden, gleichviel ob Vater oder Mutter katholisch sei. Das königliche Gesetz mußte also mit der katholischen Auffassung in Widerspruch geraten. Nun waren gerade in den neuen Provinzen die gemischten Ehen besonders häufig, indem meist junge Beamte, gebildete Leute, die eine Carriere vor sich hatten, vermögliche, reiche katholische Töchter heirateten. Deshalb fürchtete man auf katholischer Seite, daß dem königlichen Gesetz zufolge in absehbarer Zeit die obem Stände dem Protestantismus zugeführt würden. Siegte aber die kirchliche Vorschrift, so mußte mit der Zeit der Protestantismus aus den obem Ständen verschwinden. Daher nicht geringe Aufregung hüben und drüben. Aber von Spiegel, der damalige Erzbischof von Köln, ein loyaler, toleranter Mann, hatte mit den Bischöfen und den königlichen Behörden eine Art Abkommen getroffen, demzufolge für die katholische Gültigkeit einer gemischten Ehe auch die bloße passive Assistenz eines katholischen Geistlichen genügte, und das Versprechen wegen der Kinder wurde vielfach nicht mehr gefordert. 1835 starb der Erzbischof, und wesentlich auf Veranlassung des Kronprinzen, des nachmaligen Friedrich Wilhelm IV., wurde zum Erzbischof erhoben Clemens August Droste von Vischering, „ein mittelalterlicher Heiliger und Obskurant“, wie Oscar Jäger ihn nennt. Er hatte vor seiner Wahl den Behörden gegenüber seine Friedensliebe betont. Aber der Mann von eisernem Willen und nicht eben weitem Geiste „ mußte natürlich bald den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis entdecken und machte Meldung in Rom. Auf päpstliche Weisung hin stellte er nun dem königlichen Gesetz, trotz dem Abkommen seines Vorgängers, sein absolutes „Non possumus“ entgegen. Er wurde wegen seiner Widerspenstigkeit in seinem Palaste gefangen genommen, wich doch kein Jota vom absoluten Standpunkt seiner Kirche. Auch auf ältere katholische Teile Preußens griff der Konflikt I 22 über. Der König stieß an eine eherne Mauer. Zu einer Lösung kam es erst unter seinem Nachfolger. — Oscar Jäger bemerkt, wer die Rheinlande näher kenne, wisse, daß, trotz oder wegen der Unbiegsamkeit der Papstkirche, der angesehenere Teil der Bevölkerung heute schon überwiegend zum Protestantismus gehöre. Es nachzuprüfen sind wir nicht im Falle. In diesen Zeitläufen kam überhaupt wieder eine gewisse Intoleranz in Schwang. 400 protestantische Tiroler wanderten 1835 aus dem Zillertale aus, weil ihnen das Leben daheim allzu sauer gemacht wurde, und 1838 erließ das ultramontane Ministerium Abel — unter dem bisher liberalen König Ludwig I. — die sog. Kniebeugungsorder, wonach das Militär, also auch die zahlreichen protestantischen Soldaten, niederknien mußten, wenn das Sanktissimum, d. h. eine geweihte Hostie vorübergetragen wurde. Das Schul- Für das Schulwesen war die Restauration im ganzen wohl keine günstige Zeit. Doch gewinnen wir gerade in Preußen ein relativ höchst erfreuliches Bild. Ich erlaube mir, um 10 Jahre zurückzugreifen, in Preußens schwere Zeit. Damals schrieb die Königin Luise in ihr Tagebuch: „Ich lese Lienhard und Gertrud, ein Buch für's Volk, von Pestalozzi. Es ist mir wohl in diesem Schweizerdorfe; wäre ich mein eigener Herr, so setzt’ ich mich in meinen Wagen und rollte zu Pestalozzi in die Schweiz, um dem edlen Manne mit Tränen in den Augen und mit einem Händedruck zu danken. Wie gut meint er es mit der Menschheit! Ja, in der Menschheit Namen danke ich ihm.“ Dem König gegenüber kostete es freilich längere Mühe, ihn für die Pestalozzisache zu gewinnen. Als aber 1808 Wilhelm von Humboldt an die Spitze des Unterrichtswesens trat und noch andere Pestalozzifreunde ins Ministerium gezogen wurden, da ging denn bald eine Eingabe an den König, welche die Einführung der Lehrart Pestalozzis empfahl und vorschlug. Daraufhin wurden drei junge Männer (Henning, Kawerau, Preuß) für drei Jahre auf Staatskosten nach Yferten geschickt, um den Pestalozzigeist „an der reinsten Quelle“ und nicht bloß stückweise kennen zu lernen. Später folgten noch sieben „Eleven“. Die neue Unterrichtsmethode wurde auch bei den Kindern des Königs angewendet, und es war das Preußen Friedrich Wilhelms III., das, als der erste Staat, die Volks- — 123 — schule Pestalozzis in sein Programm aufnahm. Die Wirklichkeit blieb freilich noch weit vom Ideal entfernt. Von 1817—38 war der Freiherr von Altenstein Kultus- und Unterrichtsminister. Kein Humboldt, aber wohlwollend, hat er doch in wenig günstiger Zeit viel für das Unterrichtswesen getan. Die Universitäten blühten; neue wurden errichtet, Berlin 1810, Bonn 1818, ebenso neue Gymnasien und Lehrerseminarien zur Heranbildung eines tüchtigen Lehrerstandes für die Volksschule. Der Philosoph Fichte trat für die Pestalozzischen Ideen ein, der preußische Seminardirektor Diesterweg setzte sie in Praxis über. Gesetzlich vorgeschrieben war: Allgemeine Schulpflicht; staatliche Leitung des Schulwesens, mit Zuziehung der Geistlichen zur Aufsicht; Erhaltung der Volksschule durch Ortsgemeinden und Gutsherren. — Noch blieb ohne Zweifel sehr viel zu tun, aber was geleistet wurde, stand weit über Österreich und wohl der meisten übrigen Welt. Zum Schluß einen Blick auf die sozialen Stände. 'Noch hatte der Adel, das Junkertum in Preußen eine große Bedeutung, war indessen weder so reich noch so allmächtig wie in Österreich und gar Ungarn. — Mit Aufhebung der Leibeigenschaft hatte Friedrich der Große begonnen; es war jedoch die Erbuntertänigkeit geblieben. Deren stufenweise gänzliche Abschaffung war ein Hauptpunkt im Reform- Programm des Freiherrn vom Stein gewesen und zum Gesetz erhoben 1807. Seitdem hatte die Arbeitsfreudigkeit der Bauern eine gewaltige Steigerung erfahren, so daß der Bodenertrag in ganz ungeahntem Maße sich hob. 1 Die Ablösung des 1 Aus der Aufhebung der Erbuntertänigkeit erwuchs ein neuer Stand, und dieser schuf die moderne, rationelle Landwirtschaft. Der Flurzwang war beseitigt, der die Landwirte einer Gemarkung gezwungen hatte, auf ihrem Lande dieselbe Frucht mit derselben Aussaat- und Erntefrist zu bauen. Auf dem Drittel der Ackerflur, der Brache, hatten die Grundbesitzer gemeinsame Weiderechte gehabt, ebenso nach eingebrachter Ernte auf den Getreidefeldern. So war es unmöglich, Klee, Futterkräuter oder Hackfrüchte zu pflegen. Endlich konnte die Dreifelderwirtschaft aufgegeben werden, ein „Überbleibsel aus der Zeit Karls des Großen". Gegenüber der bisherigen Lage der Landwirtschaft war die neue Ordnung der Dinge „gleichbedeutend mit dem plötzlichen Eintritt der Landbewohner in ein besseres Land". Aus dem bisher verachteten „Halbtier“ wurde der Bauer ein freier Produzent, dem Fortschritt in der Bodenbebauung zugänglich, ein am Kulturleben beteiligter und auch die Gesetzgebung beeinflussender neuer Faktor. So nahm die Landwirtschaft im 18. Jahrhundert einen Umschwung und Aufschwung wie die Industrie und wurde für Kultur und Staat ebenso bedeutend. Von den sozialen Ständen. 124 — Bodens und der Feudallasten forderte freilich von den Bauern große Anstrengung und Opfer. Sie mußten, je nach ihrer bisherigen Stellung, einen Drittel oder die Hälfte des ihnen zustehenden Bodens dem Gutsherrn überlassen, konnten auch ihre Verpflichtungen ablösen und loskaufen, mit dem 2Zfachen eines Jahresertrages. Nur einer kleinen Zahl gelang es, sich zum wohlhabenden, selbständigen Landmann zu erheben. Die minder Fähigen und minder Glücklichen bildeten ein ziemlich zahlreiches ländliches Arbeiterproletariat. — Auch in andern deutschen Staaten wurde die Bauernbefreiung in diesen Jahrzehnten an die Hand genommen und durchgeführt, bis das Sturmjahr 1848 die letzten Reste des Veralteten aufräumte. Der städtische Bürgerstand nahm infolge der Stein'sehen Städteordnung seit 1808, die den Städten Selbstverwaltung gab, einen ansehnlichen Aufschwung; Handel, Gewerbe und Industrie gediehen. Die erste Eisenbahn auf dem Kontinent fuhr 1835 von Nürnberg nach Fürth, 1838 folgten Berlin- Potsdam und Wien-Wagram, 1839 Dresden-Leipzig. 1841 tat sich in Berlin die erste Lokomotivfabrik auf; bald darauf gab es deren 20 in Deutschland. In den Zwanzigerjahren begann die Dampfschiffahrt auf Rhein und Oder; 1824 schloß Preußen mit England einen Schiffahrtsvertrag auf der Grundlage der Gleichberechtigung, 1831 mit Holland die Rheinschiffahrts- konvention. Man sieht, das Preußen und Deutschland der Reaktion war doch im Fortschritt begriffen. Den prinzipiellen Stillstand pflegte nur Österreich; es sah mißtrauischen Auges den Neuerungen im übrigen Deutschland zu und folgte nur widerstrebend. 125 VI. Deutschland im Sternbilde Metternichs. II. Der deutsche Bund. Der auf dem Kongreß zu Wien unter Mitwirkung auch der fremden Kongreßmächte zustande gekommene deutsche Bund, der das 1806 eingegangene deutsche Kaiserreich ersetzen sollte, war ein lockerer Bund von 39 souveränen Staaten, „zur Erhaltung der äußern und Innern Sicherheit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen deutschen Staaten“. Streitigkeiten zwischen Bundesgliedern sollten dem Bundestag zur Entscheidung vorgelegt werden. Der Bundestag bestand aus den Gesandten der Bundesstaaten, die unter dem Vorsitz Österreichs in Frankfurt am Main tagten, und zwar für gewöhnlich in einem engem Rat aus 17, oder dann im Plenum, mit 69 Stimmen. Die Mitglieder des Bundes, außer den beiden Großmächten Österreich und Preußen, waren die 4 Königreiche Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover, das Kurfürstentum Hessen- Kassel, die 7 Großherzogtümer Baden, Hessen - Darmstadt, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin und -Strelitz, Oldenburg und Luxemburg, ferner 10 Herzogtümer und 10 Fürstentümer, die 4 alten Reichsstädte, Frankfurt am Main, Bremen, Hamburg und Lübeck, endlich die Landgrafschaft Hessen- Homburg. 1 — Die Vertretung im Bundestag, sowohl im engem Rat als im Plenum, war einigermaßen nach der Größe der Bundesstaaten abgestuft. 2 * * * Die Gesandten stimmten nach Instruktionen, was einen höchst schleppenden Geschäftsgang zur Folge hatte. Das schlimmste aber war die, königlich sächsischer Anregung zufolge aufgenommene, Bestimmung der Bundesakte, daß alle wichtigen Gegenstände, wie Verfassungsänderungen und sonstige bleibende Landeseinrichtungen Ein- 1 1866 nach Aussterben der landgräflichen Linie mit Hessen-Darmstadt vereinigt. * Und zwar relativ zugunsten der Kleinen, so daß, wenn z. B. die Großherzogtümer mit den Kleinen zusammengingen, sie die Königreiche samt Österreich überstimmen konnten, der Einwohnerzahl nach V 10 Zegen 9 / 10 - Der deutsche Bund. 126 — stimmigkeit aller Bundesglieder erforderten, eine an das polnische liberum veto erinnernde Einrichtung, die Deutschland auf Jahrzehnte hinaus mit Lähmung schlug. Gegen Bundesregierungen, die ihre Bundespflicht nicht erfüllten oder Bundesbeschlüssen sich nicht fügten, stand der Bundesversammlung, d. h. dem Plenum, die Bundesexekution zu. Streitigkeiten zwischen den Landesherren und ihren Ständen wurden von der Zuständigkeit des Bundes ausgeschlossen, um Eingriffe in die Souveränität der Landesherren zu vermeiden. Das Bundesheer bildete sich, erst im Bedürfnisfall, aus den Truppenkontingenten der Bundesstaaten, nach Zahl und Organisation unzulänglich. Den Oberfeldherrn und den Generalieutenant des Bundes ernannte im Falle einer Mobilisation der Bundestag. Dieser deutsche Bund und der Bundestag erinnern lebhaft an den schweizerischen Bundesvertrag von 1815 mit seiner Tagsatzung; sie entstammten beide dem Geiste des .Wiener-Kongresses. Dort wie hier war das Ergebnis: Ohnmacht des Staatsganzen, Enttäuschung und Unzufriedenheit aller derer, die nicht das Heil allein bei der Vergangenheit suchten. Welche Begeisterung war durch Deutschland gegangen zur Zeit der Befreiungskriege 1813/14! Die Deutschen aller Gaue hatten zum erstenmal wie in einem Takt und Herzensschlag sich zusammengefunden. Da waren sie ihrer selbst bewußt geworden, hatten sich selbst, ihre nationale Einheit empfunden, entdeckt. Nachdem dann der fremde Dränger überwunden war, hätte dem ein neues deutsches Reich, eine deutsche Einheit in irgend einer Form entsprechen müssen. Aber eh starkes Deutschland wäre weder den fremden Mächten noch den auf ihre Souveränität erpichten deutschen Fürsten angenehm gewesen. Und nun hatte man dieses verächtliche Ohnmachtsgebilde mit den paar Dutzend großen, kleinen und kleinsten Souveränitäten, die eifersüchtig auf einander waren, und je kleiner die Souveränität, je größer die Eifersucht, was mit der Sicherheit eines Naturgesetzes eintreten mußte. Der Gegensatz zwischen der Erwartung und der Erfüllung hätte nicht grausamer sein können. Heinrich von Sybel urteilt: „Am Maße der Anforderungen eines realen Staatswesens gemessen, besaß die mit so großer Anstrengung zustande gebrachte deutsche Bundesakte ziemlich vollständig alle Mängel, — 127 — durch welche eine Verfassung unbrauchbar werden kann“. Josef Görres nannte den Bundestag einen „Rat, wo nicht die Mehrheit der Stimmen gilt, sondern allein völlige Einstimmigkeit entscheidet; eine reine Demokratie, deren Demos (Volk) aus Höfen der verschiedensten Gesinnungen, Interessen und Machtverhältnissen sich zusammensetzt; eine Zentralgewalt, die nicht über, sondern unter den inbegriffenen Teilen steht ; x eine vollziehende Macht, die eine Ohnmgcht ist und gar nicht etwas zu vollziehen im Stande sich befindet, weil sie nimmer die fehlende Stimme zur Exekution erlangen wird....“ Art. 13 der Bundesakte lautete: „In allen deutschen Staaten Art. >Z und wird eine landständische Verfassung stattfinden“. Das war fassungs- sehr unbestimmt und von Wien aus nicht einmal ernst ge- fr Mndes- en meint. Es sollte nur von den Einheitsbestrebungen ablenken. staaten - Manche deutsche Fürsten gaben sich dann auch beste Mühe, die Liebe ihrer Untertanen von Deutschland ab und auf sich selbst und ihr Haus zu lenken. Der erste Fürst, der eine Verfassung gab, und zwar aufrichtigen Sinnes, war Karl August von Weimar, 1816, der Freund Goethes; 1818 folgten Bayern und Baden, 1819 Wiirttemberg und Hannover, 1820 Hessen- Darmstadt. Rechtsgleichheit für alle; Teilnahme des Volkes durch seine Vertreter an Gesetzgebung und Besteuerung; gleiche bürgerliche Rechte und Pflichten ohne Rücksicht auf die Konfession, das waren die gemeinsamen Züge dieser Verfassungen, die übrigens alle den Fürsten eine überwiegende, dem Adel eine sehr ansehnliche Macht einräumten. Nicht nur in den ersten Kammern übte der Adel seine Rechte, sondern er überwog meist auch in den zweiten, den Volkskammern, so daß die wirklichen Vorrechte von kleinem Maße oder wohl gar illusorisch waren. Der bayrische Landtag hatte z. B. kein Initiativrecht, ein sechsjähriges Büdget, wurde nur alle drei Jahre regelmäßig berufen. Immerhin, da die Süddeutschen mit den Verfassungen vorangegangen, in Norddeutschland nur einige Kleinstaaten dem Beispiel folgten, so fühlte sich nun „der Süden dem Norden gegenüber als das Land der Freiheit und Aufklärung“. In Wahrheit wollten die süddeutschen Fürsten mit den Verfassungen ihre Selbständigkeit nach außen betonen und ihre Souveränität auch dem Bunde . 1 Die Mitglieder des Bundestages waren von den Fürsten und ihren Regierungen abhängig, nach deren Instruktion sie zu stimmen hatten. 128 gegenüber stärken. Sie pflegten sorgfältig den Glaubenssatz, daß es das Interesse und der Vorzug der kleinern deutschen Staaten sei, im Gegensatz zu den beiden Großmächten, freiere Verfassungen zu haben. Manche deutsche Fürstenhäuser machten sich übrigens mit Erfüllung von Art. 13 keine Beschwerden. In Wien dachte man gar nicht an eine österreichische Verfassung. Wir wissen, Kaiser Franz war schon das Reden davon widerwärtig. Und von Wien aus wurde in diesem Sinn auch auf Berlin gewirkt. Die Ver- In Preußen hatte die Verfassungsfrage einen eigenen f fra S ge 1 n Charakter. In einer Kabinettsorder vom 22. Mai 1815, an der Preußen. Schwelle des neuen Krieges gegen Napoleon, hatte Friedrich Wilhelm III. verheißen: „Es soll eine Repräsentation des Volkes gebildet werden“ und hatte verfügt, daß am 1. September desselben Jahres eine vorbereitende Kommission in Berlin zusammentreten sollte. Die genannte Kabinettsorder war entworfen von dem Freiherrn vom Stein, wie denn „Reichsstände“ schon immer in den Reformentwürfen Steins und Hardenbergs gestanden hatten. Wie kam es in der Folge, daß Friedrich Wilhelm III. sein verpfändetes Königswort nicht einlöste ? Verschiedenes wirkte zusammen. Das Dringendste nach dem Kriege war die Rekonstruktion der Staatsfinanzen und die einheitliche Verwaltung des vergrößerten Staates etc. Diese wie die sonstigen großen Reformen seit 1807 waren nicht, wie anderwärts, einer widerstrebenden Regierung abgerungen, sondern aus freien Stücken, von oben herab verliehen, ja dem Volke z. T. wider dessen Willen aufgedrungen worden. „Preußen verdankte seinen Königen eine freisinnigere, demokratischere Verwaltung und Gesetzgebung als irgend ein konstitutioneller Staat des Festlandes, die durchwegs auf dem Grundsätze des gleichen Rechtes und der gleichen Pflichten für alle beruhte“. Viele fürchteten in einer Reichsverfassung, über die zudem nicht einmal die Minister völlig im Klaren und einig waren, eine revolutionäre Schädigung der Kronrechte, die allerdings auch der König sich nicht mochte schmälern lassen. — „Um das schwerfällige Uhrwerk des deutschen Reiches wieder aufzuziehen“, regte nun J. Gör res 1817 in den Rheinlanden einen Petitionensturm an den deutschen Bundestag an, um die allgemeine Ausführung von Art. 13 zu erzwingen. In der Tat sammelten die rheinischen Städte Unterschriften, — I2 9 — richteten aber die Petitionen direkt an den König. Es war in der ungünstigen Zeit nach dem Wartburgfest. Der König fühlte sich verletzt und antwortete im März 1818, daß es Pflicht der Untertanen sei, „im Vertrauen auf Meine freie Entschließung den Zeitpunkt abzuwarten, den Ich, von der Übersicht des Ganzen geleitet, zur Erfüllung Meiner Zusage geeignet finden werde“. Die folgenden Ereignisse und auch die leidenschaftlichen Vorgänge in den Parlamenten in Paris und London brachten den König immer mehr von seinem Versprechen ab, zumal auch Kronprinz Friedrich Wilhelm widerstrebte, der für mittelalterliche Stände schwärmte und Reichsstände für unmöglich erklärte. Der König mochte sich auch vor einer Isolierung Preußens scheuen, wenn er, bisher mit den beiden andern Ostmächten, Oesterreich, Rußland, zusammengehend, im Gegensatz zu ihnen, sich an eine Verfassung bände. Nicht zwar, daß der König und der gegenzeichnende Kanzler Hardenberg vorsätzlich das gegebene Wort brechen wollten. Hardenberg in seinem Teil versäumte es aus Eifersucht, die tüchtigsten Männer zur Stütze zu gewinnen. Er sah Nebenbuhler in ihnen und witterte insbesondere in Wilhelm von Humboldt seinen Nachfolger. Alt und schwerhörig geworden und doch an seinem Amte klebend, ließ er sich gerne auch von Wien aus gegen den Mann einnehmen, den man dort als „ganz böse“ bezeichnete. Humboldt wurde 1817 ehrenvoll als Gesandter nach London entfernt. 1819 ins Ministerium des Innern berufen, machte er sich insbesondere die verheißene Repräsentativverfassung zur Aufgabe; aber nach den Karlsbader Beschlüssen verließ er den Staatsdienst. Gneisenau sagte einst: „Nur der dreifache Primat der Waffen, der Konstitution und der Wissenschaften kann uns zwischen den mächtigen Nachbarn aufrecht erhalten“. Aber Friedrich Wilhelm III. löste sein Königswort nicht ein; Preußen blieb ohne Verfassung; der König versäumte die Aufgabe eines „Bannerträgers der deutschen Nation“. Der Bundestag trat, mit einem Jahr Verspätung, erst im Der November 1816 feierlich zusammen. Von seinen Taten hörte Bund 1 unter man dann nicht viel. Das war zwar nicht zu verwundern; er ^ster- war ja nicht da, um etwas zu tun, sondern um zu verhindern,- Führung, daß etwas getan würde. Dafür sorgte schon das österreichische Präsidium. Es war ungereimt, ja das Verhängnis Deutschlands, daß das österreichische Haus, als einstiger Träger der römisch- Flühmann, Vorträge. 9 13° — deutschen Kaiserkrone, auch jetzt durchaus die leitende Stellung im Bunde beanspruchte, obschon es nur mit seinen deutschen Ländern dazu gehörte und seit den Zeiten Napoleons, wo es seine sog. vorderösterreichischen Lande eingebüßt, nur eben noch gut halb soviel deutsche Untertanen wie Preußen zählte ; obschon das Schwergewicht der Monarchie längst bei den nicht deutschen Ländern lag, und obschon es weder fähig noch willens war, Deutschland in deutschem Sinne zu leiten, sondern nach seiner alten Praxis fortfuhr, die deutschen Interessen den seinen unterzuordnen und sie in seinen Dienst zu nehmen. — Zum Bunde gehörten überdies auch fremde Fürsten, Dänemark für Holstein und Lauenburg, die Niederlande für Lauenburg und Limburg, bis 1837 auch England für Hannover. Sie alle wie Oesterreich nahmen ihre deutschen Gebiete in den eigenen Dienst und vertraten beim Bundestage nicht deutsche, sondern fremde Interessen. täuschün Gegenüber der Verfassungslosigkeit des größten deutschen in Deutsch- Staates erschien nicht nur England, sondern auch Frankreich land ' mit seiner Charte als das Land der Freiheit, und während die nicht selten heftigen Debatten in der französischen Kammer auf Friedrich Wilhelm und Seinesgleichen abstoßend und abschreckend wirkten, schauten viele Deutsche mit neidischer Bewunderung nach dem Lande im Westen, wo man besaß, was dem Vaterlande versagt blieb. So verschieden denken Fürsten und Bürger. Um vorenthaltene Rechte und um ein nicht gehaltenes Königswort ist es eine üble Sache. Dazu das. Scheinbild einer deutschen Einheit im deutschen Bunde, der niemand außer den Metternichischen befriedigen konnte. Es ging eine tiefe Enttäuschung durch Deutschland. Sie wurde am bewußtesten in den gebildeten Ständen und fand ihren lebhaftesten Ausdruck in den akademischen Kreisen, bei Professoren und Studenten. Sie störten zunächst den offiziell ge- "" pflegten Schlummer. Burschen Im Jahre und Monat der Schlacht von Waterloo, Juni schäften. 1815, waren in Jena die bisher unter den Studiosen gepflegten Landsmannschaften in eine einzige Verbindung, die allgemeine Burschenschaft, zusammengefaßt worden. Deutsch wollte man sein statt sächsisch, preußisch etc. Die erste Anregung, mochte herrühren von Turnvater Ludwig Jahn, der schon 1811 auf der Hasenheide bei Berlin mit jungen Männern die „edle Tumerei“ trieb, „deutsches Volkstum“ pflegte und die deutsche „Volkkleinerei“, will heißen Kleinstaaterei bekämpfte. 1812 legte er dem Rektor der Universität Berlin seine „Ordnung und Einrichtung deutscher Burschenschaften“ vor. — In Jena waren es ernst gerichtete junge Männer, bereits in den Nöten der Zeit und des Krieges gereift, welche die Burschenschaft gründeten. Zweck sollte sein „die sittliche, wissenschaftliche und körperliche Ausbildung der akademischen Jugend im Dienste des Vaterlandes“. „Es wohnte ein reiner sittlicher Emst in diesen jungen Herzen, wenn auch mancherlei jugendliche Unreife und Übertreibung mit ging, die sich nach der vom Turnvater Jahn angeschlagenen Weise in hochtönenden Kraftworten, urwüchsigem Gebaren und sogenannter deutscher Tracht gefielen, was Nüchternen wohl wie ein Überschnappen nach den herrlichen, begeisterten Anstrengungen der letzten Jahre vorkam“ (Th. Flathe). Dem Beispiel und der Einladung von Jena folgten die Studierenden der andern Universitäten, so daß die neue Organisation sich über ganz Deutschland verbreitete. Nun luden die Jenenser die Burschenschaften sämtlicher evangelischer Universitäten auf den 18. Oktober 1817 zu einem dreifachen Feste auf die Wartburg. Es galt der dritten Jahrhundertfeier der Reformation, zugleich der Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht vom 18. Oktober 1813, womit ein erstes allgemeines Burschenschaftsfest verbunden sein sollte. Als ihren Wichs bezeichneten die Burschen schwarzen Rock mit roten Sammetaufschlägen, darauf in Gold gestickte Eichenblätter. So entstand die deutsche Trioolore Schwarz-Rot-Gold, die dann als deutsche Farben angesehen und gefeiert wurden. Ein anderer Ursprung scheint weder nachweisbar noch, wahrscheinlicher. Bei 500 Studenten und auch Professoren fanden sich zu dem Feste ein. Die Feier verlief programmäßig in völlig würdiger Weise im Rittersaal der Burg unter Teilnahme der Stadtbehörden und der Geistlichkeit von Eisenach. Manch treffliches Wort wurde gesprochen. „Ihr seid jetzt Jugend, der kein anderes Geschäft zukommt, als sich so einzurichten, daß sie gedeihlich wachse, sich bilde, sich nicht durch eitle Gebräuche aufreibe..., das Ziel fest ins Auge fasse, nach dem man laufen soll. Ihr habt nicht zu bereden, was im Staat geschehen soll oder nicht; nur das ziemt euch zu überlegen, wie ihr einst im Staate handeln sollt, und wie ihr euch würdig Das Wartburgfest. — 132 — dazu vorbereitet. Das überlegt!“ — „Eine Schande ist es, durch Studieren es nicht weiter gebracht zu haben, als ein Thüringer, ein Hesse, ein Schwabe, ein Franke, ein Rheinländer geblieben zu sein. Ist der Studierte seinem Wesen nach kein Provinziale, so sollt ihr auch durch eure Einrichtung (Burschenschaft) nichts anderes werden, als was ihr seid, gebildete Deutsche, die sich alle gleich sind, Universale — Nach Tische, etwa 3 Uhr, ging der Zug den Berg hinunter zum Gottesdienst in der Stadtkirche. „Ein religiöser Zug ging durch das Ganze; über 200 Studenten nahmen das Abendmahl,“ Dann gab es Turnübungen auf dem Markte, nach 7 Uhr einen Fackelzug auf den Wartberg mit etwa 600 Fackeln. Als diese zusammengeworfen und die meisten Studenten schon weggegangen waren, veranstaltete eine Gruppe von Studenten, Das wie es scheint, wesentlich Berliner, noch ein „Autodafe“, wie Autodafe ES von Jahn und den Berlinern angeregt, von den einladenden Jenensern abgelehnt worden war. In Nachahmung von Luthers Verbrennung der Bannbulle wurden etliche reaktionäre Bücher, darunter Kotzebues „Geschichte des deutschen Reichs“ und Karl Ludwig von Hallers „Restauration der Staatswissenschaften“ ins Feuer geworfen, zusammen damit einige Symbole veralteter und verhaßter Einrichtungen, ein hessischer Zopf, ein österreichischer Korporalstock und ein preußischer Gardeschnürleib. Das alles natürlich mit einigem Hallo. Eine Studentenposse mit zugehörigem jugendlichem Übermut. Folgendes Die burschikose Nachahmung von Luthers Tat erregte Autodafes. g anz besonders das Entsetzen Metternichs gegen den „Geist des Jakobinismus". Alles, was reaktionär war in Deutschland, bemächtigte sich des Studentenstreiches auf dem Wartberg. Hardenburg hatte alle Ursache, die Folgen desselben zu fürchten. Goethe wünschte besorgt, daß man „seinen lieben jungen Brauseköpfen“ nichts täte. Großherzog Karl August ließ denn auch die Studenten unbehelligt. Friedrich Wilhelm von Preußen aber folgte bald den reaktionären Einflüssen, schloß die Turnplätze und ergriff Maßregeln gegen die Burschenschaften. Hardenberg reiste 1818, in Begleitung des österreichischen Gesandten, zum Kongreß nach Aachen. Sie nahmen den Weg über Weimar und erzwangen vom Großherzog die Aufhebung der Preßfreiheit und eine Untersuchung gegen die Professoren, „die ohne Schamröte sich an die Spitze des unanständigen Auftrittes gestellt“. Das floß aus der Autorität -- 133 — Metternichs, der sogar den Zaren ersuchte, vom Bundestag Maßregeln gegen die Revolution zu fordern. Am Kongreß selber überreichte ein russischer Staatsrat dem Kaiser eine Denkschrift, welche die Gefahren, die der ungebundene Frei- heitssinn der deutschen Universitäten über Europa bringen werde, in die schwärzeste Tinte tauchte. Und es war nicht allzu schwer, den bereits vom polnischen und russischen Undank tief verstimmten Alexander, den bisherigen „eigentlichen Schirmherm des Liberalismus“, zu bekehren. Der Aachener Kongreß, Herbst 1818, beschloß auf Wunsch Kon g®g ßzu Ludwigs XVIII., die Besatzungstruppen der Mächte zurückzu- /tscben ziehen und zugleich Frankreich als fünfte Großmacht in die Allianz aufzunehmen. Ein Zirkular hatte die kleinern Staaten beruhigen müssen darüber, daß sie nicht mitgeladen worden. Ein Kreisschreiben im Tone der heiligen Allianz brachte zum Schlüsse der Welt die Einigkeit und Friedensliebe der durch Frankreichs Beitritt verstärkten Allianz zur tröstlichen Kenntnis. Einige Monate später, 23. März 1819, erdolchte der 23- Die Er- jährige, überspannte Theologiestudent Karl Ludwig Sand den Kotzebues, Lustspieldichter und russischen Staatsrat Kotzebue in Mann- 1819 ' heim. „Der blaße Jüngling stürzte nach der Tat aus dem Hause des Ermordeten und rief: „Ja, ich habe es getan; so müssen alle Verräter sterben. Hoch lebe mein deutsches Vaterland und alle Deutschen, die den Zustand der reinen Menschheit zu fördern streben.“ Dann kniete er nieder und betete: „Ich danke dir, Gott, für diesen Sieg“ und stieß sich den Dolch in die linke Brust. Er traf sich nicht tötlich, wurde von der Polizei ins Krankenhaus gebracht, später verurteilt, im Mai 1820, Sonnabend vor Pfingsten, hingerichtet. Die Zuschauer drängten heran und tauchten Tücher in das Blut des Enthaupteten; der Richtstuhl sei zerschlagen, die Stücke verteilt worden. Sands Grab wurde oft mit Blumen bestreut, die Richtstätte „Sands Himmelfahrtswiese“ genannt. Gedichte und Balladen feierten ihn. — Noch im gleichen Jahre wurde in Nassau ein zweiter politischer Mord versucht. Beide Täter gehörten zum Kreise der „Schwarzen“ oder „Unbedingten“ unter Führung des Privatdozenten Karl Folien in Jena aus Gießen, welche den „Tyrannenmord“ zur Erlangung der Volksfreiheit gut hießen. — Kotzebue , der russische Staatsrat, galt, namentlich seit der Veröffentlichung eines seiner geheimen, nach Petersburg ge- — 134 — richteten Berichte, 1 als russischer Spion und Verräter Deutschlands und hatte in seinem „Politischen Wochenblatte“ alles Liberale herunter gemacht, mit Spott und Hohn übergossen. — Der Student Sand hatte s. Z. auf der Wartburg begeistert mit seinen Kommilitonen Choräle gesungen. Vor seiner Tat aber verließ er die Burschenschaft, um sie nicht in die Folgen zu verwickeln. Ob er Mitwisser gehabt, ist nicht erwiesen. Folgen des „Die Folgen von Sands Tat sind unabsehbar und un- heitner- geheuer“, schrieb ein schwärmender Student, „der Weltgeist, mordes. j m ew jg en Fortschreiten begriffen, wird sie zum Guten wenden“. Es kam so und doch anders. Die Tat war ein Wahnsinn und Unsinn und entfesselte alle Kräfte der Reaktion, und trotz Sands Vorsicht ging das vernichtende Sturmwetter zuerst und zumeist über die Burschenschaften. Metternich beeilte sich, die nach dem Mannheimermord durch Deutschland gehende Aufregung auszubeuten. Er kam Ende Juli 1819 mit Friedrich Wilhelm III. inTeplitz zusammen. Im August folgte die Karlsbaderkonferenz, unter Zuziehung einiger „sicherer Regierungen“, zur Beratung über Maßnahmen gegen das „rote Gespenst“. Das Ergebnis waren die in den Pausen eines ver- Karisbader gnügten Badelebens zustande gekommenen Karlsbader Be- Beschiüsse sc f l i^ sse: j)j e Universitäten mußten durch außerordentliche Regierungskommissäre unter strenge Aufsicht genommen, der Geist der Vorlesungen beobachtet und denselben eine heilsame Richtung gegeben werden. Professoren und Studenten, von einer Universität entfernt, durften von keiner andern mehr angenommen werden. Also eine schwarze Liste. Turnvereine 2 3 und Burschenschaften 2 > 3 mußten aufgelöst werden. Keiner, 1 „Memoire sur l’etat actuel de l’Allemagne.“ 3 Friedrich Gentz schrieb itn Dezember 1818 an seinen Gesinnungsgenossen Adam Müller: „So wie jetzt kann es doch nicht bleiben. Fürs erste muß das Turnen wieder aus der Welt; dies sehe ich wie eine Art von Eiterbeule an, die geradezu weggeschafft werden muß, ehe man zur gründlichen Kur schreitet“, und im Oktober 1819: „Es soll zur Verhütung des Mißbrauchs der Presse binnen .... Jahren gar nichts gedruckt werden. Punktum. Dieser Satz als Regel, mit äußerst wenigen Ausnahmen, die ein Tribunal von anerkannter Superiorität zu bestimmen hätte, würde uns in kurzer Zeit zu Gott und zur Wahrheit zurückführen.“ 3 Im November 1819 entstand in Jena das bekannte Lied : 1) Wir hatten gebauet 2) Wir lebten so traulich, ein stattliches Haus so einig, so frei; und drin auf Gott vertrauet den Schlechten ward graulich, trotz Wetter, Sturm und Graus. wir hielten gar zu treu. 135 — der noch dabei bliebe oder neu zuträte, sollte ein öffentliches Amt bekommen. — Preßerzeugnisse 1 unter 20 Bogen durften nicht ohne landesherrliche Genehmigung gedruckt werden. Kein Redaktor einer unterdrückten Schrift durfte binnen fünf Jahren anderswo zugelassen werden. — Eine Zentralunter- suchungskommission, aus Vertretern Österreichs, Preußens und einiger Mittelstaaten, mit Sitz in Mainz, wurde auf gestellt, um den „demagogischen Umtrieben“ weiter nachzuspüren. Also eine Art politischer Inquisition. — Die Karlsbader Beschlüsse wurden dem Bundestag in Frankfurt vorgelegt, um durch ihn Gesetzeskraft zu erhalten. Metternich hätte in Karlsbad am liebsten die Aufhebung aller Verfassungen erreichen mögen. Dem widerstanden aber besonders die süddeutschen Fürsten, nicht aus Liebe zu ihren Verfassungen, die ihnen in Wahrheit recht wohlfeil gewesen wären; aber sie behaupteten sie nach wie vor zum Schutze ihrer Souveränität. Sie wurden von Wien her schon zu viel geschulmeistert und hüteten eifersüchtig ihre Selbständigkeit gegenüber Metternich. Dieser veranlaßte dann, zur Kräftigung und Vollendung des Karlsbader Werkes, eine Konferenz aller wiener- Bundesstaaten in Wien, Winter 1819/20. In der Wiener- K °und enz Schlußakte, die in 65 Artikeln die Kompetenz und Tätigkeit schiußj des Bundestages erweiterte und regulierte, wurde über die akte - landständischen Verfassungen festgesetzt, daß Art. 13, der 7) Das Band ist zerschnitten, war schwarz, rot und gold, und Gott hät es gelitten, wer weiß, was er gewollt! 8) Das Haus mag zerfallen, was hat’s denn für Not? der Geist lebt in uns allen, und unsere Burg ist Gott. (A. Binger). Der Jenenser Burschenschaft scheint auch Martin Disteli aus Olten, der nachmalige geistreiche Illustrator von Abraham Emanuel Fröhlichs Fabeln, angehört zu haben. Es war anfangs der Zwanzigerjahre. Disteli, damals Rechtsbeflissener an der Universität Jena, saß im Carzer und benutzte seine Muße und die Carcerwände, um den „Sabinerinnenraub“ und „Marius auf den Trümmern von Karthago“ darzustellen, was ihm Gelegenheit gab, einige seiner Professoren zu konterfeien und karikieren. Die Kunstleistung muß gut gewesen sein, denn sie wurde sogar vom höchsten Landesherrn mit einem Besuch beehrt, und dieser verfügte die Schließung des Carcers, um ihn als Disteli-Museum der Zukunft zu erhalten, was in der Folge dem Universitätsabwart manches Trinkgeld eintrug. Der relegierte Disteli aber kehrte, bevor ihm Schlimmeres zustieß, in die Schweiz zurück, bängte die Jurisprudenz an den Nagel und wandte sich bleibend Stift und Palette zu. 1 Siehe unter 2, Seite 134. 136 — Konstellation der Großmächte. Erste Demagogenverfolgung, dieselben verhieß, überall ausgeführt werden solle, jedoch mit Einhaltung folgender Grundsätze: Da der deutsche Bund aus souveränen Fürsten bestehe, so müsse die gesamte Staatsgewalt in dem Oberhaupt des Staates vereinigt bleiben ; nur in der Ausübung gewisser Rechte könne dieses an die Mitwirkung der Stände gebunden sein; in der Erfüllung einer bundesmäßigen Pflicht dürfe kein Bundesfürst durch eine Verfassung gehindert werden. — Wonach denn Verfassungen ziemlich ungefährlich und unnütz waren. — Die Wienerschluß- akte wurde vom Plenum des Bundestages angenommen und zum Grundgesetz des Bundes erhoben, der dadurch ein unauflöslicher Verein nicht sowohl der deutschen Staaten als der souveränen deutschen Fürsten und freien Städte wurde. Interessant bei all diesem Kampf um Deutschlands innere Gestaltung war die Konstellation der Großmächte. In der Meinung, den „durch Europa gewährleisteten Bund“ gegen fremde Eingriffe zu sichern, hatten Österreich und Preußen auf dem Kongreß in Wien die Aufnahme der deutschen Bundesakte in die allgemeine Kongreßakte betrieben und erlangt. Aber an den Höfen von Petersburg, Paris und London legte man dieser Tatsache eine ganz andere Bedeutung bei, leitete daraus das Recht der Einmischung in Deutschlands innere Angelegenheiten ab und behauptete, daß an dem Bund nichts ohne Zustimmung der Garanten geändert werden dürfe, gerade dieselbe Haltung, welche aus gleichen Gründen die Großmächte, Österreich und Preußen inbegriffen, später der Schweiz gegenüber einnahmen. 1819 hätte nun Metternich gar zu gerne Rußland und England um sich vereinigt, um Verfassungen und eine Stärkung des Bundes zu verhindern. Aber der Zar, seines Prestige bei den kleinen deutschen Staaten bewußt, mochte lieber Deutschland gegen Österreich stärken als umgekehrt, wogegen Castlereagh lieber Österreich als den Einfluß des Zaren auf Deutschland fördern mochte. So kam es, daß „das autokratische Rußland Metternichs absolutistischen Absichten widerstand, das freie England ihnen Vorschub leistete“. Inzwischen ging nun eine erste Demagogenverfolgung durch Deutschland, Preußen voran. Schon 1816 hatte Friedrich Wilhelm den begeistert für die deutsche Einheit eintretenden, ausgezeichnet geschriebenen „Rheinischen Merkur“ von Josef Görres verboten. Jetzt entfernte der König die 137 — besten und verdientesten Männer, wie Wilhelm von Humboldt, der die Karlsbader Beschlüsse „schändlich, unnational, das Volk aufregend“ nannte, aus seiner Umgebung und ersetzte sie durch Mittelmäßigkeiten. Ernst Moritz Arndt in Bonn wurde seiner Professur enthoben. Der etwas wunderlich übertreibende, „deutschtümelnde“ Patriot, Turnvater Jahn, kam 1819 für zwei Jahre in die Festung Kolberg und blieb nachher noch auf Jahre unter Polizeiaufsicht. Schleiermacher, seit 1809 Prediger an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin, seit 1810 Professor an der neuen Universität Berlin, mußte sich’s gefallen lassen, von Polizeiorganen behorcht zu werden. Die Mainzer Zentral-Untersuchungskommission sagte in ihrem Bericht von 1822, das politische Treiben sei „weniger in bestimmten Tathandlungen als in Versuchen, Vorbereitungen und Einleitungen sich aussprechend“. (Da hat man also die richtige Inquisition). Sie verhandelte im Mai 1825 über 42 bayerische Untertanen, Professoren, Studenten, Pfarrer, Ärzte etc., die in der Folge zu schweren Kerkerstrafen verurteilt wurden, darunter ein Würzburger Arzt zu 15 Jahren. In Württemberg kamen 42 junge Studierende zur Verhandlung, die 14 Tage bis 4 Jahre Hohenasperg erhielten, unter ihnen der Dichter Wilhelm Hauff, damals Student der Medizin, der 21/2 Jahre Asperg bekam und 1825 todkrank seiner Familie zurückgegeben wurde, f 1827. Der nachmals hochangesehene Kirchenhistoriker Karl August Hase, damals ganz junger Privatdozent der Theologie in Tübingen, saß 5 Monate auf Hohenasperg (nach andern Angaben sogar 2 Jahre). — Karl August von Sachsen-Weimar ließ seine drei „Hochverräter“ laufen. Alle andern aber überbot Preußen mit seiner harten Strenge. Von 17 jungen Männern, der Teilnahme an verbotenen Verbindungen beschuldigt, kam keiner mit weniger als 12 Jahren Festung weg; einige erhielten 15 Jahre. Gesinnungen wurden damit, gerade bei den tüchtigem Elementen, natürlich nicht geändert. Der Freiherr vom Stein schrieb 1825 in einem Brief: „Diese ganze Inquisitionsbehörde ist höchst lächerlich und erfolglos, eine wahre Anstalt, um mit Windmühlen zu fechten.“ — Das Schlimmste bei der „Gesinnungsschnüffelei und Demagogenriecherei“ war, daß man „der jungen Generation das Rückgrat brach, indem ihr Fortkommen im Leben an die Verleugnung der Gesinnung geknüpft wurde“. Ein Staat richtet sich selbst, der seine Bürger vernichtet, um - 138 - Sklaven zu haben. So verstanden die Hauptunterzeichner der heiligen Allianz die Väterlichkeit ihren Völkern gegenüber . 1 Von den deutschen Demagogenverfolgungen bekam auch die Schweiz ihren Anteil von Verlegenheiten, durch die zahlreichen Flüchtlinge, die in unser Land kamen. Aarau, „das wirkliche Zentrum des deutschen Carbo- narismus in der Schweiz“, genoß den Ruf von besonderer Liberalität und übte eine große Anziehung aus. Josef Görres vom unterdrückten „Rheinischen Merkur“ kam zuerst nach Aarau, ging aber bald nach Straßburg (später in München). Der schlesische Burschenschafter Wolfgang Menzel brachte nach Aarau die nun in Deutschland verpönte Turnerei. Am meisten zu tun gaben in der Folge Adolf und Karl Follenius (aus Gießen), ein gewisser Völker und Wilhelm Snell. Adolf Follenius, 1819—21 als Burschenschafter in Untersuchungshaft gewesen, wurde entlassen gegen den Eid, auf Verlangen sich wieder zu stellen. Er kam nach Aarau und wurde Lehrer des Deutschen an der Kantonsschule. 1823 vom Oberlandsgericht Breslau zu 10 Jahren Festung verurteilt, sollte er nun ausgeliefert werden. Der Mann war inzwischen längst verschäumt, gab zu keinerlei Tadel Anlaß, war verheiratet und Aargauer Bürger geworden. Nur schwere Krankheit rettete ihn, nach langem, widerwärtigem Markten zwischen der aargauischen Regierung und dem preußischen Gesandten von Otterstedt, vor der Preisgabe an Preußen. Der jüngere Bruder, Karl Follenius, der „Unbedingte“, politisch weit gefährlicher, war an die Kantonsschule Chur gekommen, dann nach Basel. Völker war Turnlehrer an der Churer Kantonsschule, verheiratet mit der Tochter des Oberzunftmeisters Jecklin in Chur, wurde durch List dem Auslieferungsbegehren entzogen und konnte nach England fliehen. Am heftigsten wurde der Kampf um Snell und Karl Folien in Basel. Die dortige Regierung wollte sie nicht ausliefern ohne Untersuchung, verlangte dann wenigstens die Prozeßakten von Preußen, was als anmaßend abgelehnt wurde. Die Tagsatzung zeigte wenig Rückgrat gegenüber dem Drängen aller drei Ostmächte, die einander unterstützten. Basler Freunde brachten 1 In seiner Schrift „Deutschland und die Revolution“, 1819 , sagte J. Görres : „ . . . die, so von oben die Sache bei dem langen Arme des Hebels angriffen (die Regierungen), haben das Geheimnis wirklich ausgefunden, alle aufzubringen, daß ein gemeinsames Gefühl des Unmuts von einem Ende des Vaterlandes zum andern geht, und die Regierungen sich nun mit allem, was gut und edel und kräftig ist, in dieser Zeit in einen hoffnungslosen Streit verwickelt finden ... Mitten im Lärm erbrochener Kisten und Kasten; im Gehen und Kommen der Gensdarmen und Polizeihäscher; bei der Beunruhigung ruhiger Männer, die der gewöhnliche Lebenstakt zum voraus freisprechen mußte; beim Verhören und Versiegeln, Verhaften und der Haft entlassen, inmitten all dieser erschreckenden Bewegungen hat nur eines die öffentliche Meinung verwundert: daß man über dem Aufspüren geheimer, im Finstern gehender Verschwörungen die eine große nicht erkennt, die ihre weitläufigen Verzweigungen über ganz Deutschland, durch alle Stände, Alter, und Geschlechter hin verbreitet, murrend an jedem Herde sitzt, auf Märkten und Straßen sich laut ausspricht“. . . . Wegen dieser Schrift von der preußischen Regierung verfolgt, rettete Görres sich durch die Flucht. 139 — schließlich in aller Eile und Stille Reisegeld zusammen für den am schwersten kompromittierten Karl Folien und halfen ihm zur Flucht nach Amerika. Nachdem der Hauptsünder entschlüpft war, flaute der Eifer ab, und Snell blieb ruhig in Basel. Als dann die aus der Revolution hervorgegangenen südamerikanischen Republiken von dem englischen Minister Georg Canning förmlich anerkannt wurden, bedeutete das sozusagen einen feindlichen Stoß für die Allianzmächte. Der Wind wurde plötzlich zahm; die Ostmächte, auch das übereifrige Preußen, begnügten sich schließlich mit einer Bestätigung des Fremden- Conclusums von 1823, worin die Tagsatzung sich verpfichtete, daß nur diejenigen Flüchtlinge zugelassen werden sollten, welche sich nicht auf gefährliche Umtriebe einließen etc. Interessant ist, wie die fremden Gesandten und Diplomaten damals über unser Land urteilten und berichteten. „Die Schweiz ist in einem wahren Zustand der Anarchie, der Herd der revolutionären Intriguen. Wir werden den revolutionären Geist in Deutschland nie ersticken können, wenn wir ihn nicht in der Schweiz zerstören“ (Fürst Hatzfeld). — „Die Schweiz der Brennpunk des gemeinen Lehrverderbens von halb Europa“. — „Die Schweizer haben mehr Furcht vor den Demagogen als Ehrfurcht vor den Monarchen“. „Die Schweiz die Schlange am Busen Europas“; „ihre Verfassungs- und Regierungsverhältnisse tragen das zerstörende Prinzip in sich“. „Bonaparte hatte die Schweiz an eine Abhängigkeit von sich gewöhnt; in diese muß sie wieder kommen.“ „Das Benehmen Basels bietet den fünf Mächten die beste Gelegenheit dazu. Alle als demagogisch bekannten Beamten sollten von ihren Stellen entfernt werden, der Vorort unter die Leitung der Vertreter der fünf Großmächte gestellt werden; 4 —5 Wochen würden zur Vorbereitung genügen; der Moment ist da, wo in Betreff der Schweiz ins Fleisch geschnitten werden muß" (Otterstedt). Also die Schweiz ein Kondominium, W. öchsli sagt, „eine gemeine Herrschaft“ der fünf Großmächte! Alexander I. hatte auf dem Wienerkongroß gesagt, die Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der Schweiz liege im wohlverstandenen Interesse Europas. Und nun schöpften die Mächte gerade aus dem Kongreß ihr „Recht“, die Schweiz zu bevormunden.' Wir tragen aus diesen Zeiten noch den hessischen Domänenhandel nach. Hessen-Kassel, seit 1803 mit dem Kurfürstentitel, war nach dem Tilsiterfrieden zum napoleonischen Königreich Westfalen geschlagen worden, und in seiner Hauptstadt Kassel saß Napoleons jüngster Bruder, König Jerome. In dieser westfälischen Zeit (1807—13) waren die fürstlichen Domänen aufgehoben und veräußert worden. Als nun Kurfürst Wilhelm — er war der einzige deutsche Fürst, der diesen vollkommen leer gewordenen Titel noch führte, da er 1 W. Oechsli, „Geschichte der Schweiz im 19 . Jahrhundert.“ Dr. S. Heuberger, „Ein diplomatischer Sieg Preußens über den Aargau im Jahre 1824 ,“ aus den Akten des preußischen geheimen Staatsarchivs geschöpfte Darstellung des Adolf Follenius-Handels, wo auch die Churer- und Basler- Affäre zur Beleuchtung kommen. Hessischer Domänen- handel. I 4° — Einfluß der Julirevolution auf Deutschland. Revolution in Braunschweig. den Königstitel nicht hatte erlangen können — gegen Ende 1813 seine Herrschaft wieder antrat, nahm er seine Domänen ganz einfach wieder zu Händen, ohne den Besitzern den Kaufpreis zu ersetzen. Er betrachtete die Episode des Königreichs Westfalen als nicht gewesen. 1 Der Bundestag nahm natürlich die Klage der Domänenkäufer gegen den Fürsten wegen Inkompetenz nicht an. Das Jahr 1830 kam und die Julirevolution. Wir begreifen jetzt den überschwänglichen Jubel, mit dem der Sieg der „großen Woche“ von den Liberalen gerade auch in Deutschland begrüßt wurde. Ein heftiger Wind ging von der politischen Wetterseite, von Westen her über Deutschland und rüttelte an einigen Fürstenhöfen. Der Sturm wurde durch Entgegenkommen beschworen. Karhessen (1831), Sachsen (1831) und Hannover (1833) bekamen neue Verfassungen. In Braunschweig kam es zu einer eigentlichen Revolution. Herzog Karl, geh. 1804, der seinen Vater mit 11 Jahren verloren, trat 1823 seine selbständige Regierung an. Er begann bald darauf einen Prozeß gegen seine Vormünder, da er widerrechtlich lang in Vormundschaft gehalten worden sei. A. Stern nennt ihn einen „reizbaren, leidenschaftlichen Hohlkopf“. Er anerkannte Gesetze und Ordnungen aus der Zeit seiner Minderjährigkeit nur, so weit sie ihm gefielen. Die 1820 eingesetzten Landstände berief er nie. Sein ganzes Leben und Gebaren war das eines vollendeten, unsinnigen .Tyrannen. Jetzt, in den stürmischen Tagen von 1830, wies er die berechtigten, ihm vorgelegten Klagen brutal ab, umgab sich mit Polizei, Militär und Kanonen; es sah im Schlosse sehr drohend aus. Als dann aber der Volkssturm doch losbrach, entsank dem Helden plötzlich der Mut ; er entfloh. Die empörte Menge brannte einen Flügel des Schlosses nieder. Dann wurde Karls Bruder, Herzog Wilhelm, gebeten, die Regierung zu übernehmen, und die Ruhe stellte sich alsbald wieder her. Aus der Feme erteilte der Entthronte seinem Bruder einstweilen eine Vollmacht. Seine Wiederkehr lehnte man in Braunschweig entschieden ab. Der tolle Herzog hatte sich wirklich unmöglich gemacht. Selbst Metternich mußte seinen einstigen Schützling, das enfant 1 Kurfürst Wilhelm I. war der kongeniale Sohn jenes Friedrich von Hessen, der s. Z. seine getreuen Hessen uni einige 20 Millionen an England zum Kriege gegen die nordamerikanischen Kolonien verliehen oder verkauft hatte. terrible, preisgeben. Ein Agnatenbeschluß erklärte Herzog Karl als regierungsunfähig, was er natürlich nie anerkannte. Noch 1870 freute er sich über die französische Kriegserklärung und hoffte, mit Napoleon III. in die Heimat zurück zu kehren und seine Rechte wieder zur Geltung zu bringen. 1873 starb er. — Der „Diamantenherzog“ (so genannt, „weil sein Vermögen namentlich in Diamanten bestand“) beehrte bekanntlich — neben Paris — die Stadt Genf mit seiner Wohnsitznahme und setzte die Stadt zur Erbin ein, mit der Verpflichtung, ihm ein angemessenes Denkmal zu setzen. Angemessen mußte es natürlich der Erbschaft sein; die Genfer waren in Verlegenheit, welchen andern Inhalt sie dem Denkmal geben sollten. Wer in Genf gewesen, entsinnt sich des etwas eigentümlichen gothischen Gebäudes. Die Genfer klagen, es fresse mit seinem Unterhalt gar viel von den Zinsen. Obendrein hatten sie um die Erbschaft schon wiederholte Prozesse zu bestehen, so daß sie der Herrlichkeit nicht so recht froh werden konnten. Die Julirevolution bedeutete übrigens wirklich eine Ermutigung des niedergedrückten Liberalismus in Deutschland. Im Mai 1832 fand in dem rheinbayerischen Städtchen Hambach ein Fest statt, das zu einer gewaltigen und sehr gemischten Volksversammlung wurde. Auch Franzosen und Polen waren dabei. Angesehene, leitende Männer Deutschlands fehlten. Um so hochtönender gingen die Reden: von der „Tyrannei“ der Fürsten, der „Servilität“ und „Despotie“ der Beamten, von den „vereinigten Freistaaten Deutschlands“, gar von dem „konföderierten republikanischen Europa“ etc. — Diese „Torenreden“ waren Wasser auf Metternichs Mühle; er rief aus: „Das Hambacherfest, wenn es gut benützt wird, kann das Fest der Guten werden“. Alsbald wurde der Bundestag zu Beschlüssen veranlaßt, die eine Erneuerung und Verschärfung der einstigen Karlsbader Beschlüsse bedeuteten; politische Vereine, Versammlungen und Reden wurden verboten etc. Darüber gab es großen Unmut. Der Jugend und den sanguinischen Temperamenten ging die Geduld aus, und da kein Archimedes und kein Herkules erschien, um Deutschland in neue Angeln zu heben, so wagte eine mutige Schar „frisch auf eigene Faust die Tat“. Das Zentralkomitee des Vaterlandsvereins in Frankfurt leitete eine Verschwörung ein. Am 3. April, abends 10 Uhr erschienen, während vom Dom her die Sturm- Das Ham- bacherfest, Mai 1832. Der Frankfurterputsch, April 1833. — 142 — glocken läuteten, etwa 50 Jünglinge und junge Männer, unter Führung eines Göttinger Privatdozenten, bewaffnet und mit dem trikoloren Bande angetan, auf dem großen Platz vor der Frankfurter Hauptwache, bemächtigten sich der Wache und riefen die zugelaufene Menge zum Kampfe auf für Deutschlands Freiheit und Einheit. Der Bundestag sollte überrumpelt, aufgehoben, die Bundeskasse weggenommen, ihr Inhalt verteilt werden, um das Volk für die Bewegung zu gewinnen. Aber keine Hand rührte sich unter dem gaffenden Haufen. Bald erschien Militär, und als die ersten Kugeln pfiffen, stob alles auseinander. Die Verschworenen konnten meist, die Rädelsführer alle entkommen; nur 6 Mitschuldige wurden später gerichtlich abgeurteilt. So rasch der Verlauf gewesen, waren doch 9 Tote auf dem Platze, darunter 6 Soldaten. Zufolge der neuzeitlichen Verkehrsmittel, welche die Distanzen überwinden und die Völker enger zusammenrücken — die Eisenbahnen sind z. B. „ein Wechsel auf Deutschlands Einheit“ genannt worden — gewinnen auch die Verschwörungen leicht internationale Ausdehnung. Die Fäden des Frankfurter Butsches waren mit einem internationalen Hetz verbunden, dessen Mittelpunkt der fanatische italienische Republikaner und Vater der Verschwörungen, Giuseppe Mazzini , war, der damals, aus Italien und Frankreich verwiesen, sein Wesen in der Schweiz hatte, wo er „Jung Italien“, „Jung Deutschland“ und die „Junge Schweiz“ in ein „Jung Europa“ vereint unter seine Fittige sammelte. In Italien, Frankreich und Deutschland sollten überall die Throne gestürzt und die Republik aufgerichtet werden. In Lyon, wo Mazzini einige Zeit gelebt und „gewirkt“ hatte, und in Polen sollte die Revolution neu aufflammen. Den Frankfurtern wollten eine Polenschar von Besangon und polnische Offiziere vom Bodensee her zu Hülfe kommen. — Polnische Flüchtlinge waren. für Revolutionen überall zur Hand. — Von alledem erfüllte sich nichts. — Die Revolution in Frankfurt war knabenhaft vorbereitet und erscheint, trotz ihrem blutigen Ernst, auch in der „Aufmachung“ wie eine Revolution im Knabenspiel. — Nicht nur leichtfertig und frivol war es, daß die Namen angesehener Männer, die von allem nichts wußten und grundsätzlich jede Gewalttat ablehnten, zur Werbung mißbraucht worden, und daß man den verschworenen Jünglingen die Meinung beigebracht hatte, auch das Militär sei für die Sache gewonnen. — 143 — Und nun die Folgen des fehlgegangenen Futsches? Waren die Hambacher Torenreden ein Bach gewesen, so war die Frankfurter Torenrevolution ein Strom, der die Mühlen der Reaktion in höchste Tätigkeit setzte. Und der Intemationalität der Revolutionspläne entsprach auch die Intemationalität der Gegenwehr. Die Kaiser von Rußland und Österreich und der Kronprinz von Preußen traten in Münchengrätz zusammen, um eine solidarische Abwehr namentlich einer polnischen Revolution zu bereden. Es gab wieder die ungesetzlichen Ministerkonferenzen, zuerst in Teplitz, dann in Wien, wo Metternich die Vertreter der deutschen Staaten recht fest in die Hand bekommen konnte. Eine neue Zentraluntersuchungskommission wurde, diesmal in Frankfurt, etabliert. Der Krieg gegen die trikoloren Bänder wurde eine große deutsche, fast europäische Angelegenheit. * 1 „Eine neue Demagogenhetze fegte über Deutschland hin.“ Ausgezeichnet durch Härte erschien der verwandelte Bayernkönig, Ludwig I. In Preußen wurden hunderte von Studenten zur Bestrafung gezogen, 39 junge Männer zum Tode verurteilt, dann freilich zu langer Festungshaft „begnadigt“. Nennen wir als Beispiel Fritz Reuter. Geboren 1810 in Mecklenburg-Schwerin, studierte er seit 1831 in Jena die Rechte, zeigte sich 1833 in Berlin am helllichten Tage mit dem trikoloren Bande, wurde ergriffen, nach einem Jahre Untersuchungshaft zum Tode verurteilt, von Friedrich Wilhelm III. zu 30 Jahren Festungshaft begnadigt, nach 6 Jahren an Mecklenburg übergeben, 1840, im Todesjahre Friedrich Wilhelm III., freigegeben. So mußte die unerfahrene und unvorsichtige Jugend ihr Träumen und Reden von Freiheit und deutscher Einheit büßen. 2 — 1835 erließ der Bundes- 1 Ein spassiges kleines Bildchen zu dem f'eldzug gegen Schwarz-Rot- Gold: Ein preußischer Leutenant, später Schriftsteller, erzählt: „Wer ein Mann sein wollte, trug die deutschen Farben. Die Militärbehörden fahndeten auf schwarzrotgoldene Kokarden. Eines Freitags erschien ich in den öffentlichen Anlagen mit einem kleinen Hündchen, das gravitätisch eine schwarzrotgoldene Kokarde an seinem Schwanzstümmelchen hin und her schaukelte. Der Witz fand natürlich großen Beifall, besonders bei meinem Obersten, der mir aber riet, Acht zu haben, daß das Hündchen nicht totgeschlagen würde.“ 1 Das Leben in der Festungshaft kennen wir aus Fritz Reuters: „Ut mine Festungstid.“ — „Wie vieles auch Verschwörer und Revolutionsmacher, Verführer und Verführte begangen haben mochten, es wiegt leicht im Vergleich zu der, allem sittlichen Gefühl hohnsprechenden Rache- und Verfolgungssucht der Regierenden“ (Th. Flathe). Folgen des Frankfurter Putsches. Neue De- magogen- hetze. — 144 — Verfassung - druck in Hannover. tag ein förmliches Interdikt gegen eine ganze Gruppe von Schriftstellern, die man „das junge Deutschland“ nannte, darunter Heine, Laube, Gutzkow. Natürlich bekam die Schweiz die Demagogenhetze der Dreißigerjahre auch wieder mit zu spüren. Sie hatte ihre Anstände und „Händel“ mit dem Ausland ringsum. Der Raum verbietet uns, darauf einzugehen. Ein hübsches Intermezzo, erlebte Deutschland 1837. Nach dem Tode Wilhelms IV. in England hörte Hannover auf, mit der englischen Krone verbunden zu sein, wohl nicht zum Nachteil Hannovers und Deutschlands. In England folgte als nächste Anwärterin Victoria, die Tochter des verstorbenen nächstjüngem Bruders König Wilhelms. In Hannover erbte die weibliche Linie erst, wenn keine männliche mehr da war, und es folgte demnach der jüngste Bruder Georgs IV. und Wilhelms IV., Ernst August, Herzog von Gumberland, 66 Jahre alt. Seine königliche Hoheit brachte aus der Prinzenzeit ansehnliche Schulden mit, die der königlichen Majestät lästig waren. Nun erklärte er alsbald die Verfassung von 1833 für ungültig, da sie ohne seine, des Thronfolgers, Zustimmung zustande gekommen sei, in Wahrheit, weil sie die königlichen Domänen aufgehoben und dem König dafür eine Zivilliste ausgesetzt hatte. Emst August wollte sich sein Einkommen nicht durch eine Verfassung, resp. seine Untertanen bemessen lassen. Wenn eine Verfassung sein sollte, so mußte sie nach seinem Geschmacke sein. Er ordnete Wahlen an auf Grund der frühem Verfassung von 1819. Das wurde in Hannover nicht glatt hingenommen. Unter den Protestierenden waren auch sieben Professoren der Universität Göttingen, darunter Koryphäen der Wissenschaft und Forschung, wie die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm und der Historiker Dahlmann. Sie lehnten die Teilnahme an den Wahlen.auf Grund der Verfassung von 1819 ab, da die Verfassung von 1833 zu Recht bestehe, verweigerten auch den von allen „königlichen Dienern“ geforderten neuen Dienst- und Huldigungseid. Alsbald wurden die Sieben ihrer Professuren enthoben, die am meisten Kompromittierten sogar des Landes verwiesen. 1 Ein Sturm des 1 Die Göttinger „Sieben“ erhielten von allen Enden Zustimmungs- adressen. Darunter war eine aus Elbing in Westpreußen an einen der Sieben, der aus Elbing stammte. Nun richtete der preußische Minister von Rochow — 145 — Unwillens und der Entrüstung ging durch ganz Deutschland. Der König ließ sich's nicht anfechten. „Professoren, Huren und Tänzerinnen sind um Geld immer zu haben“, sagte er. Dieses Wort genügt, den ganzen Menschen und Fürsten zu zeichnen. Wir können vorüber gehen. — Die Verfassungsfrage wurde vor den Bundestag gebracht. Der bayrische Gesandte beantragte einen Beschluß, und zwar mit Berufung auf einen Artikel der Wienerschlußakte, daß Landesverfassungen nur auf verfassungsmäßigem Wege, d. h. unter Mitwirkung der Volksvertretung, verändert oder aufgehoben werden könnten. Wie zu erwarten, wurde der Antrag abgelehnt. Fürsten im Zaum zu halten gab es in Deutschland keine Macht. Streng wurden dafür die Untertanen zahm gehalten, nicht am wenigsten durch Friedrich Wilhelm III., der mit den Jahren nicht weitherziger geworden. Siebzigjährig starb er 1840. Sein ältester Sohn folgte, der geistreiche, hochgemute, leider unstete Friedrich Wilhelm IV. Seiner Begabung nach hätte dieser Fürst wohl die Starre von Preußen und Deutschland nehmen können. Es geschah auch manches, was befreiend auf die Gemüter wirkte und Hoffnungen erweckte. Ernst Moritz Arndt wurde wieder Professor, Turnvater Jahn, der polizeilichen Aufsicht enthoben, erhielt sogar das eiserne Kreuz. Aber in gewissen Hinsichten hatte der neue König das reaktionäre System nicht nur geerbt, sondern führte es aus Überzeugung fort. Von einem heute wenig mehr bekannten humoristisch-satyrischen Dichter, Adolf Glaßbrenner in Berlin, Adolf Brennglas nannte er sich, erschien 1843 ein Bändchen „Verbotene Lieder eines deutschen Poeten“. Darunter auch eine Travestie des bekannten Abendliedes von Mathias Claudius : 4) Guter Mond, du gehst so stille Über’s stille Deutschland hin. Des Ministers letzter Wille Zeugt von höchst loyalem Sinn: Hundert Schriften sind verboten, einen Verweis an die Elbingerbürger: „Es ziemt dem Untertanen nicht, an die Handlungen des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen.“ Daher das Wort vom „beschränkten Untertanenverstand.“ Flühmann, Vorträge. 10 — 146 - Sagt das neue Abendblatt; Auch find’t künftighin bei Todten Nur zensiertes Reden statt. 1 5) Guter Mond, du gehst so stille Über Deutschlands Fluren hin, Seine Durchlaucht liest Pasquille Auf höchst ihre Buhlerin; Dafür macht er null und nichtig, Was die Stände woll’n und tun; Denkt noch der Parade flüchtig Und geruhet dann zu ruhn. 6) Guter Mond, du gehst so stille Über Deutschlands Fluren hin; Zirpen hört man nur die Grille, Stumm ist aller Lebenssinn. 1 Laut einem Briefe des Freiherrn vom Stein an den Freiherrn von Gagern 1819 sollten in Hannover „sogar Hochzeitscarmina und Leichenpredigten bei dem königlichen Konsistorium“ eingereicht werden. 147 VII. Die Allianzväter und ihre Sorgenkinder:' Spanien, Portugal, Italien. 1. Spanien. „In meinem Reiche geht die Sonne nicht Aus der unter“, ist ein bekannter Ausspruch Karls I. von Spanien geschichte. (1516—58), allgemeiner bekannt als römisch-deutscher Kaiser Karl V. Es war so nach den großen Entdeckungen am Ausgang des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Portugal und Spanien teilten sich in die von ihnen neuentdeckte Welt von Zentral- und Südamerika und dehnten um die Wette ihre Handelsniederlassungen und Besitzungen in Vorder-und Hinter- indien aus. Die Pyrenäenhalbinsel war damals das Haupt Europas nicht nur im geographischen Bilde. Nach Karl V. löste sich die römisch-deutsche Kaiserkrone von der spanischen Königskrone. Die spanischen Habsburger des ausgehenden XVI. und des XVlI. Jahrhunderts waren keine Größen. Spanien hatte seine große Periode hinter sich; es ließ sich's jetzt wohl sein und lebte von der Ausbeutung seiner Kolonien, von den Silberflotten Zentral- und Südamerikas etc. So verfiel es dem Fluch der Trägheit und pflegte einen hohlen Stolz, die sprichwörtliche spanische Grandezza. Kirchliche Starrheit half das Bild des Niedergangs vollenden. 1 Wenn wir von den Allianzvätern sprechen, so ist weniger das „laut tönende Nichts“, die heilige Allianz mit ihren vielen Unterzeichnern gemeint, als die politische Allianz der vier Monarchen, resp. der vier Großmächte, welche Napoleon niedergeworfen hatten, England, Rußland, Österreich und Preußen, die dann 1818 auf dem Kongreß zu Aachen auch dem restaurierten Frankreich den Beitritt gewährten. Diese Allianz gründete sich auf Art. 6 des zweiten Pariserfriedens vom November 1815, worin die Mächte übereinkamen, um die Ausführung dieses Friedens zu sichern und die zwischen ihnen bestehenden innigen (!) Beziehungen zum Heile der Welt zu befestigen, in bestimmten Zwischenräumen, sei es persönlich, sei es durch ihre Minister, Zusammenkünfte zu veranstalten behufs Erwägung der großen gemeinsamen Interessen und der für die Ruhe, die Wohlfahrt und den Frieden Europas heilsamen Maßregeln.“ Von der heiligen Allianz machte die Welt z. Z. viel Wesens; von der politischen wußte und sprach man wenig. Aber sie war es, die handelte, und die Kongreßpolitik der Restaurationszeit ging von ihr aus. — 148 Seit dem spanischen Erbfolgekrieg (1701—14) hatte eine jüngere Linie des französischen Hauses Bourbon den spanischen Thron inne. Karl III. aus diesem Hause (1759—88) gehörte zu den aufgeklärten Despoten. Im Verein mit gleichgesinnten Ministem überstürzte er sich in wohlgemeinten Reformen, für die das ganz kirchlich geleitete Land kein Verständnis hatte. Die Folge war ein völliger Rückschlag ins Alte. — Um die Zeit, als der erste Napoleon im Aufstieg zu seiner Höhe war, mußte der minderwertige Karl IV. infolge Aufruhrs die Krone seinem gleichwertigen Sohne, Ferdinand VH., abtreten. Napoleon rief darauf Vater und Sohn nach Bayonne an die spanisch-französische Grenze, um sie zu versöhnen, brachte aber beide um die Krone. Ferdinand lebte von nun an, von Napoleon überwacht, übrigens wenig bekümmert, in französischer Pension. König von Spanien wurde Napoleons Bruder Josef. Gegen diesen Gewaltakt Napoleons und gegen den fremden König empörte sich der spanische Nationalstolz. Es war der Krieg eines ganzen Landes und Volkes, 1808 —13. Um die Zeit der Leipziger Schlacht war mit Hülfe Englands das französische Königtum aus dem Lande hinaus geworfen. Ferdinand VII. kehrte im März 1814 aus der französischen Gefangenschaft in sein Land zurück, empfangen von einer „gedankenlosen Begeisterung“. Die ver- Während des Krieges gegen den napoleonischen König vom Jahre waren zum Zwecke der Verteidigung in den Provinzen Juntas Zwölf. (Komites) zusammengetreten; daraus bildete sich dann eine Zentraljunta in Cadix. Sie beschloß im Jahre 1812 nach vielen großen Reden eine Verfassung. Von den liberalen Einrichtungen des aufgezwungenen Königs hatte man nichts gewollt; nun schuf man selber eine Verfassung, noch demokratischer als die französische von 1791, mit dem Grundsatz der Volkssouveränität, wonach der König nicht sowohl der oberste Herr als der erste Diener des Landes war. Ein Parlament aus einem Hause, die Cortes, konnte zusammentreten unabhängig von der Einladung des Königs und durfte auch nicht von ihm aufgelöst werden. — Ob die Voraussetzungen zur Durchführung eines solchen Staatsgrundgesetzes vorhanden waren in einem wesentlich analphabetischen, abergläubischen, leicht fanatisierbaren Volke, geleitet von meist selber unwissenden Geistlichen und einer Überzahl von fanatischen Mönchen, darüber machten die Schöpfer der Zwölfer-Ver- i 4 g ~ fassung sich eben so wenig Gedanken wie in der Folge die unerfahrenen, unreifen Politiker der übrigen romanischen Länder, welche die „Verfassung vom Jahre Zwölf“ zu ihrem Ideal erhoben. Als nun der „heilige“ Ferdinand — so nannten ihn die Legitimisten — zurückkehrte, da brauchte es nicht viel Mühe, ihn zu überzeugen, daß die Verfassung von 1812 bösen Ursprungs sei. Als König von Gottes Gnaden hob er sie im Mai 1814 auf, schon von Valencia aus, noch ehe er seine Hauptstadt betreten hatte. „Der überschwängliche Jubel, der den aus sechsjähriger Gefangenschaft Heimkehrenden empfing und bei jedem Schritt begleitete, fand keinen Wiederhall in diesem Herzen, das überkochte von Groll über die von den Cortes beliebte, durch die Verarmung des Landes vollkommen gerechtfertigte Herabsetzung der Zivilliste, über ihren Beschluß, daß dem König erst nach beschworener Verfassung Gehorsam zu leisten sei, über alles, was er an liberalen Reformen eingeführt fand.“ König Ferdinand war ein Fürst, „so nichtswürdig und verächtlich, wie ihn weder dieses noch die vorhergehenden Jahrhunderte zum zweitenmal hervorgebracht“. Aufgewachsen zwischen einem stumpfsinnigen Vater und einer lasterhaften Mutter, von Pfaffen verwahrlost, beschränkt und boshaft, rachsüchtig und feig, träge und genußsüchtig, hat es Ferdinand VII. dahin gebracht, in einem streng monarchisch gesinnten Volke die Ehrfurcht vor der Krone zu untergraben, wirksamer als es der ausschweifendste Revolutionär vermocht hätte (Th. Flathe). Eine wahnwitzige Jagd auf alles, was liberal war oder hieß, setzte ein. Die Mitglieder der Regentschaft, welche während des Interregnums die Regierung geführt, wurden des Landes verwiesen. Die heldenmütigen Kämpfer, welche Ferdinands Wiederkehr ermöglicht hatten, starben den Henkerstod oder mußten ins Ausland fliehen; desgleichen die Anhänger der Cortes. Alle „Josefinos“ 1 wurden eines spanischen Amtes unfähig erklärt. Die alten Mißbräuche in Verwaltung, Justiz und Steuerwesen erstanden wieder, ebenso die aufgehobenen Klöster. Die Jesuiten bekamen wieder das Heft in die Hand. Die im Namen der Religion wieder hergestellte 1 Anhänger Josef Bonapartes, den Napoleon 1808 zum König von Spanien gemacht hatte. Ferdinand VII. 1 5 ° Inquisition füllte binnen zwei Jahren ihre Kerker mit 50000 „Verdächtigen“, meist aus den gebildeten Ständen. Flathe nennt es einen „Veitstanz der Reaktion“. Auch Th. Lindner nennt Ferdinand VII. „feige, hinterlistig, grausam, gemein, wohllüstig“. 1 Ein böser Spiritus rector am Hofe war auch Ferdinands Bruder, der finstere, bigotte Don Carlos. — Der König regierte nicht mit seinen Ministern, sondern mit einer unfaßbaren Schar von geistlichen und weltlichen, männlichen und weiblichen Günstlingen, was man die Camarilla nannte. Das Land war grenzenlos vernachlässigt; nichts blühte als das Banditen- und Räuberwesen. Die Einnahmen des Staates deckten nur einen Drittel der Ausgaben. Bald mußte die ganze Nation inne werden, welch’ seligen oder unseligen Zuständen sie durch den „heiligen“ Ferdinand entgegengeführt wurde. Dabei wechselte der Tyrann seine Ratgeber und Diener nach unbeschränkter Laune. Nichts war stabil an diesem Regiment als die Willkür und die schlechte Wirtschaft. Darum gab es Aufstände um Aufstände, immer niedergeworfen und immer wieder da. 2 Vollends chronisch wurde die Unzufriedenheit in der vernachlässigten Armee. Der König war ein verächtlicher „Held“, hatte gar nichts Militärisches an sich und auch kein Interesse und kein Herz für seine Soldaten, die sich nur eben für ihn schlagen sollten. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn es die verpönten „Josefinos“ und die „Liberales“ besonders häufig unter den Offizieren, gerade auch der obern Grade gab. Es gab Militärverschwörungen Jahr um Jahr. Das war um so bedenklicher, als man mit den amerikanischen Kolonien im Kriege lag. 1 Tolstoi sagte irgendwo, dem Sinne nach, unter den Herrschern seien oft die niedrigsten und schlechtesten Menschen. Wer sich irgend näher mit dem siebenten spanischen Ferdinand befaßt, wird sich eines ähnlichen Urteils kaum erwehren können. 2 Sämtliche auswärtigen Mächte, die reaktionären inbegriffen, verurteilten die unsinnige spanische Wirtschaft. Man wußte aber auch, daß ohne Zwangsmaßregeln nichts zu erreichen sein würde. Zudem begegneten sich in Madrid, wie anderswo, Rußland und England als Rivalen, und der absolutistische Ferdinand gab dem Zaren den Vorzug. Das war um so bemühender für England, da namentlich seine ausdauernde Kriegführung Napoleons Macht in Spanien gebrochen hatte. Das spanische Regiment ging indessen ungestört seinen Weg und führte das Land dem Verhängnis entgegen. — IZI Ganz Zentralamerika, und, mit Ausnahme des portugiesischen Brasilien, auch Südamerika war spanische Kolonie, d. h. Ausbeutungsgegenstand. Die Kolonien durften nur mit dem spanischen Mutterlande Handel treiben, nur von ihm kaufen, nur ihm verkaufen, so daß das Mutterland stets die Preise in der Hand hielt. Nun wäre es wohl verwunderlich gewesen, wenn nicht der durch ähnliche Bevormundung verursachte Unabhängigkeitskampf der englischen Kolonien in Nordamerika (1773—81), die nun ein prächtig blühendes, selbständiges Staatswesen geworden waren, den spanischen Kolonien zum Vorbild geworden wäre, Die in Washington proklamierten Menschenrechte, inzwischen durch die französische Revolution auch in der alten Welt, wenigstens in Theorie, zum Gemeingut geworden, wurden auch in den spanischen Kolonien angerufen. Sie verlangten vom Mutterlande freien Handel und, als gleichberechtigte Glieder des Mutterstaates, gleiche Vertretung in den Cortes. 1 Das wurde von dem stolzen Spanien nur teilweise zugestanden. Vollends Ferdinand VII., nachdem er die Regierung wieder angetreten, forderte von den Kolonien unbedingte Unterwerfung und gedachte, sie in ehevoriger Weise für das schuldenreiche, am Bankerott stehende Mutterland auszubeuten. Da erhob sich der für kurze Weile überwundene Aufstand mit neuer Kraft, und nun war man seit Jahren mit den Kolonien im Krieg. — Wie es drüben um die spanische Sache stand, konnte man daraus sehen, daß immer wieder neue Truppen hinübergeschickt werden mußten. Bei den liberal gerichteten hohem Offizieren mochte der spanische Herrenstolz wohl oft in Widerspruch geraten mit den liberalen Gedanken, die eigentlich mit den Aufständischen und ihren Zielen sympathisieren mußten. Obendrein sahen Offiziere und Soldaten, daß sie für eine verlorene Sache geopfert werden sollten. Am Neujahrstag 1820 ließ Oberst delRiego sein Bataillon Die Re _ Asturien in einer Kirche auf der Isla de Leon bei Cadix zu- sammentreten und proklamierte den Aufruhr im Namen der Konstitution von 1812. Ein anderer Oberst folgte dem Beispiel, und als die Regierung glaubte, Meister geworden zu sein, flammte der Aufstand am entgegengesetzten Ende des l . Die Verfassung von Zwölf hatte der weißen Bevölkerung der Kolonien die gleichen politischen Rechte wie den Bürgern von Spanien zugestanden. — 152 — Landes, in Galicien, viel stärker auf und verbreitete sich mehr und mehr über das Land. Nun knickte der König trotz seines Gottesgnadentums vor den Tatsachen zusammen. Vor einer in das Schloß gedrungenen Menge beschwor er am 7. März 1820 die Verfassung vom Jahre Zwölf und entließ die politischen Gefangenen. Am 9. Juli traten die inzwischen gewählten Cortes zusammen; der König wiederholte in ihrer Mitte den Eid auf die Verfassung und nahm seine Minister aus den bisherigen Verfolgten. Auch diese Vorgänge wurden von einer begeisterten Volksmenge bejubelt. Aus der 2. Portugal. Das kleine Portugal war zu Ausgang des geschichte. XV. Jahrhunderts der große Entdecker des Seeweges nach Indien und in der Folge, neben Spanien, die erste Kolonialmacht, und, da es den Gewürzhandel beherrschte, während eines halben Jahrhunderts sogar das reichste Land Europas. Nach Erlöschen des legitimen, einheimischen Königshauses wurde es 1580 durch Philipp II. mit Spanien verbunden und verlor dann einen großen Teil seiner indischen Besitzungen an die Niederlande, mit denen Spanien im Kriege lag. Es kam überhaupt während der spanischen Zeit in allen Teilen herunter, wodurch in Portugal ein sozusagen ewiger Haß gegen Spanien entstand. Als es sich 1640 von Spanien losgerissen, besaß es von seinen Kolonien fast nur noch Brasilien. 1703 schloß es einen Handelsvertrag mit England, wonach engl. Wollwaren stets zu einem bestimmten Zollsatz in Portugal eingeführt werden durften, wogegen die portugiesischen Weine in England einen Drittel weniger Zoll zahlten als die französischen. Seit damals blieb Portugal in einer Art Protektionsverhältnis zu England, das schon in jener Zeit der, freilich nicht eben selbstlose, „Freund der kleinen Staaten“ war. Politische Freundschaft ist nie selbstlos und die des Großen mit dem Kleinen vollends nicht. — 1807 geriet Portugal in Konflikt mit Napoleon, schon wegen seines Verhältnisses zu England und wegen der Kontinentalsperre, die Portugals Existenz ruiniert haben würde. Da floh das Königshaus nach Brasilien hinüber, und Napoleon tat den lapidaren Ausspruch: „Das Haus Bra- ganza hat aufgehört zu regieren“. Nachdem dann England mit den Portugiesen zusammen die Franzosen und Spanier wieder aus dem Lande geworfen, blieb das Haus Braganza in Brasilien, auch nach dem Sturze Napoleons und nach dem — 153 — Wienerkongreß. In Portugal residierte seit 1814 als Regent Reim Namen des Königs der englische General Lord Beresford, V Augu°t’ der seit 1809 Oberbefehlshaber des portugiesischen Heeres 1 ' gewesen. Er regierte Portugal in englischem Interesse und genoß übrigens auch wegen seines hochmütigen und barschen Wesens allgemeinen Haß, und es war nur natürlich, daß unter diesen Umständen die spanische Revolution auch in Portugal zündete. Was am 1. Januar 1820 auf der Isla de Leon geschehen war, wiederholte sich am 23. August 1820 in 0 porto durch den Obersten Sepulveda; Lissabon schloß sich an, und das englische System brach zusammen. König Johann VI. entschloß sich zur Heimkehr und ließ seinen Sohn Dom Pedro als Regenten in Brasilien. 1 Mittlerweile waren außerordentliche Cortes zusammengetreten und hatten eine Verfassung nach dem Vorbild der spanischen vom Jahr Zwölf aufgestellt. Am 3. Juli 1821 traf König Johann im Hafen von Lissabon ein; noch an Bord leistete er den Eid auf die Verfassung und durfte dann erst sein Portugal betreten. 3. Italien. Keinem Lande hatte der Wienerkongreß eine so Aus der große Enttäuschung gebracht wie Italien. Wie für Metternich geschichte war Italien auch für den Kongreß nur ein „geographischer Begriff“ gewesen. Jahrhunderte lang hatte es der unseligen politischen Zersplitterung wegen in Ohnmacht gelegen, Zankapfel und Schlachtfeld für die großen Mächte Europas. Während des napoleonischen Kaiserreiches zerfiel Italien nur noch in drei Teile: der Westen, Piemont mit Savoyen, Nizza, Genua, Toscana, Rom, war bei Frankreich, Rom die zweite Stadt des Kaiserreiches; der Osten, Lombardei, Venetien, die alte und jetzige Emilia, Romagna und die Marken, bildeten das Königreich Italien, mit Napoleon als König, der seinen Stiefsohn Eugöne Beauharnais zum Vizekönig einsetzte; das Königreich Neapel hatte 1806 Napoleons Bruder Josef, und nach dessen Versetzung nach Spanien, seit 1808, Napoleons Schwager 1 Das Königshaus befand sich in einem schwierigen Dilemma. Blieb es dauernd in Brasilien, so riskierte es den Übergang des zum Nebenland herabgesunkenen Portugal an Spanien, das bereits seine sehnenden Blicke auf das westliche Nachbarland richtete. Nahm es seine Residenz wieder in Lissabon, so mußte der Abfall Brasiliens gewärtigt werden. Natürlich war das große, reiche Zukunftsland Brasilien dem kleinen, armen Portugal vorzuziehen. König Johann kehrte nun nach Portugal zurück, indem er den Thronerben Pedro als Regenten in Brasilien ließ. — 154 — Murat zum König. Auch das war ja nicht, was Italien hoffen mußte, es war weder die Einheit noch die Selbständigkeit. Aber es gab ein Königreich Italien, und das klang wie eine Verheißung. Und war auch die fremde Herrschaft nicht aufgehoben, sondern nur gewechselt, so war der französische Geist dem italienischen verwandter als der deutsche, resp. österreichische, und die napoleonische Zeit hatte moderne Gesetze und Einrichtungen gebracht, manchen guten Gedanken der großen Revolution in Wirklichkeit umgesetzt. Und jetzt brachte der Kongreß nach seinem Legitimitätsprinzip alles wieder auf den alten Fuß, stellte alles wieder her, sogar das Miniaturfürstentum Monaco und die Miniaturrepublik San Marino. Nur die ruhmreichen Republiken Genua und Venedig fanden andere Verwendung. Venedig war Österreich seit 1797 zu lieb geworden : es gab seine alten, legitimen Ansprüche auf Belgien ■ daran, damit man mit Belgien die Niederländische Barre gegen Frankreich verstärken konnte. Und Genua mußte in gleicher Absicht das Königreich Sardinien, ebenfalls gegen Frankreich, verstärken. Sonst überall das Alte: Ferdinand IV. aus dem spanischen Hause der Bourbon, der während der französischen Zeit auf Sizilien beschränkt gewesen war, kehrte nach Neapel zurück und nannte sich von nun an Ferdinand I., König beider Sizilien. Papst Pius VII. kehrte in den wiederhergestellten Kirchenstaat, Großherzog Ferdinand III., Linie Österreich-Este, in die Toscana, Herzog Franz IV., auch ein Zweig Österreich, nach Modena zurück. Das Herzogtum Parma bekam Napoleons Gemahlin, Marie Luise. Victor Emanuel I. trat wieder die Regierung seines um Genua bereicherten Königreichs Sardinien an. Die fruchtbarsten Teile Italiens, mit der dichtesten und wohlhabendsten Bevölkerung, Lombardei und Venetien, bildeten das österreichische Königreich Lombardo-Venezien und erhielten einen österreichischen Vizekönig. Hier also regierte Österreich direkt und dominierte von da aus zielbewußt über ganz Italien. Mit König Ferdinand von Neapel, der ohnehin von seiner österreichischen Gemahlin beherrscht war, hatte Metternich obendrein einen förmlichen Traktat abgeschlossen, 1 wonach man in Neapel nicht nach 1 Österreich hatte auf dem Kongreß in Wien sich umsonst bemüht, seinen Besitz in Italien auf Kosten des Kirchenstaates und Sardiniens zu erweitern. Es war am Widerstand der andern Mächte gescheitert. Nun suchte Metternich auf anderm Wege ganz Italien möglichst in seine Hand zu be- - i55 - andern Prinzipien regieren durfte als Österreich in Lombardo- Venezien. So durfte Italien wohl als eine Domäne, eine De- pendenz von Österreich bezeichnet werden. Und nun trat, der Zeitrichtung entsprechend, in ganz Italien eine Reaktion bis ins Lächerliche ein, die nur nach dem Reaktion. Charakter der Herrscher da und dort einige Variation zeigte. Unter Ferdinand I. in Neapel, den Lindner „faul, kindisch und Ferdinand feige“ nennt, ging bald alles in den alten Schlendrian, * 1 in die Fäulnis zurück. Wo es Fäulnis gibt, da gibt es Ungeziefer. In dem „impero dell’ armonia“, auf dem „suol beato, ove sorridere volle il creato“ 2 erblühte mit südlicher Üppigkeit der brigantaggio, das Banditen- und Räuberwesen; 3000 Räuber lebten und gediehen in den Bergen Süditaliens. Pius VII., Graf Chiaramonti, Rombesuchern bekannt als Pius vn - der Schöpfer des Museo Chiaramonti und des „braccio nuovo“ im Vatican, war Papst seit 1800. Seinem Minister Consalvi war es gelungen, Napoleon zu bewegen, daß er 1802 die von der Revolution abgeschaffte katholische Kirche in Frankreich wieder einführte. Dafür mußte der Papst 1804 Napoleon zum kommen. Er lud alle italienischen Fürsten zu einem Bunde ein, natürlich unter Leitung eines österreichischen Erzherzogs in Mailand. Allein von den größern italienischen Staaten gewann er nur Neapel. Der Papst, Toscana und Sardinien lehnten entschieden ab. — Natürlich spielte die Konstellation der Mächte hinein. Das damals torystische England begünstigte Metternichs Bestrebungen in Italien, um Österreich gegen Rußland zu stärken. Umgekehrt steifte der Zar namentlich Sardinien den Nacken, um Österreichs Macht in Italien eine Schranke zu setzen. Alles natürlich auf geheimen, diplomatischen Wegen. Und wie immer war die Stellung der Mächte durch ihre eigenen Interessen bestimmt. — Später, um die Zeit der Kongresse von 1821/22, schlug Metternich, als Maßnahmen gegen die Revolutionen, für Italien eine Zentraluntersuchungskommission vor, nach dem Vorbilde der Mainzerkommission in Deutschland. Vergebens 1 Es gelang ihm nicht, aus Italien ein zweites Deutschland im Sinne Österreichs zu machen. 1 In der französischen Periode waren aus der weiten, wenig abträglichen apulischen Ebene fruchtbares Ackerland gewonnen, die Ausgrabungen des verschütteten Pompeji mit Eifer begonnen worden. Jetzt wurde die Tavoliera della Puglia wieder Schafweide, die Ausgrabung von Pompeji blieb liegen. 2 Aus dem bekannten neapolitanischen Volkslied, 5. Strophe: O dolce Napoli, o suol beato 1 Ove sorridere volle il creato, Tu sei l’impero dell’armonia! Santa Lucia, Santa Lucia! O süßes Neapel, o gesegneter Boden, wo die Schöpfung lächeln wollte! Du bist das Reich der Harmonie, Santa Lucia etc. — 156 Kaiser — nicht etwa krönen, das tat Napoleon selber, — sondern salben, und er wurde dann gleich für längere Weile in Paris zurückbehalten. Napoleon hätte ihn am liebsten ganz in Paris behalten mögen, um auch die Kirche von der neuen kaiserlichen Hauptstadt Europas aus zu regieren. Doch der Papst widerstand und kehrte endlich nach Rom zurück. Später geriet Pius mit dem Kaiser in Konflikt wegen der Kontinentalsperre. Napoleon ließ Rom besetzen und vereinigte 1804 den Rest des Kirchenstaates mit Frankreich. Rom wurde die zweite Stadt des Kaiserreiches, und der Kaiser legte 1811 seinem Sohne bei der Geburt den Titel eines Königs von Rom bei. Der Papst wurde in Savona an der genuesischen Riviera, dann in Fontainebleau gefangen gehalten. Nach Napoleons Fall im Mai 1814 kehrte er nach Rom zurück und erhielt vom Wienerkongreß den Kirchenstaat in der Ausdehnung zurück, die er vor der Revolution, d. h. vor dem Feldzug des Generals Bonaparte in Italien 1796/97 gehabt, größer als er vor des Papstes Gefangenschaft gewesen. Seines lautern Charakters wegen genoß Pius allgemeine Hochachtung, die noch vermehrt wurde dadurch, daß er so viel und so würdevoll gelitten. Bei seinem Einzug wurde er mit schier überschäumendem Enthusiasmus empfangen, und selbst protestantische Einwohner Roms redeten davon, diese Wiederkehr mit einem Denkmal auszuzeichnen. Bekanntlich eröffnete er dann seine geistliche Tätigkeit mit Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu. Von Clemens XIV. (Ganganelli) war der Orden 1773 „auf ewige Zeiten“ aufgelöst worden, # weil bei seinem Bestände der Friede der Kirche unmöglich sei. Nun wurden ihm alle seine Vorrechte zurückgegeben, da „das Schifflein Petri der erfährenen und kräftigen Ruderer nicht entbehren könne“ (A. Stern). Auch andere Orden wurden wieder hergestellt, das Ordenswesen überhaupt gepflegt und gefördert. Der „Index librorum prohibitorum“ nahm immer neue Bücher und Schriften auf seine Liste. Gegen die Bibelgesellschaften, als „gottlose Machinationen der Neuerer“, erging ein Verdammungsurteil. Es war das System Metternich auf dem Gebiet der Kirche. Man dachte damals im Vatican allen Ernstes an eine Wiederherstellung der mittelalterlichen. Machtfülle, und Pius stellte an den König von Neapel das Ansinnen, „sich durch Leistung eines Zelters und einer Tributzahlung als Lehnsträger der Kirche zu bekennen“. Papst Pius 157 — war übrigens wohlwollend und nicht ohne Einsicht; aber die Regierung blieb in ausschließlich geistlichen Händen, und es ist, als ob eine wirklich geistliche Gesinnung und Geistes- richtung nicht eben tauglich mache zum Regieren dieser Welt. 1 Von den französischen Einrichtungen in Rom blieben nur wenige bestehen. Die Pockenimpfung und die Straßenbeleuchtung wurden als revolutionäre Neuerungen aufgehoben. Die Bewohner der ewigen Stadt wandelten wieder im ehrwürdigen, alten Dunkel. Wie in den Bergen um die Campagna felice blühte auch im Bergland um die Campagna romana, in den Albanerbergen und den Abruzzen, der brigantaggio wieder auf, und die päpstliche Heiligkeit vermochte nichts dagegen. Verhältnismäßig am besten war wohl die Toscana daran. Toscana, Großherzog Ferdinand III., zweiter Sohn Kaiser Leopolds II., Fer n" and Neffe Kaiser Josefs II., Bruder des Kaisers Franz, war der Aufklärung seiner Jugend treu geblieben. Er führte, wie nach 1824 sein gleichgesinnter Sohn, Großherzog Leopold II., ein patriarchalisches Regiment im guten Sinne, mäßigem Fortschritt zugetan und auf gute Verwaltung bedacht. Die Stadt Florenz pflegte unter dem milden Regiment ihren alten Ruf als Sitz von Gelehrsamkeit und Kunst. Franz IV. von Modena war und blieb ein grausamer Tyrann. — Die Exkaiserin Marie Luise in Parma, nach Napoleons Tod in morganatischer Ehe mit dem Grafen Neipperg vermählt, regierte wohlwollend, natürlich im Sinne Österreichs. Ein interessantes Chaos richtete der gutmütige und ehrenhafte, aber ungebildete und geistesschwache Victor Emanuel Iß Piemont, im Königreich Sardinien an, indem er alle Gesetze aus der Emanueii. französischen Zeit aufhob und diejenigen in Kraft setzte, die 1770 in Geltung gewesen. Es wußte nun eigentlich niemand, 1 Die großen Kardinäle Frankreichs, wie Richelieu, Mazarin, beweisen nichts. Sie waren weltliche Staatsmänner im geistlichen Gewände, und die Ausnahmen besagen nichts gegen die Regel. J Von seinem Regierungsantritt an, 1802—14, war das Hauptland Piemont mit Turin bei Frankreich, seine Herrschaft auf die arme Insel Sardinien beschränkt gewesen, wo es den Majestäten in Cagliari selbst „an Tischen und Stühlen gefehlt“. 1814 nach Turin zurückgekehrt, von einer jubelnden Bevölkerung begrüßt, war er in einer Verfassung ähnlich wie Kurfürst Wilhelm 1813 bei seiner Rückkehr nach Hessen (Vortrag VI). „Er glaubte, wie er scherzhaft meinte, 15 Jahre lang geschlafen zu haben“, und das ganze altvaterisch beschränkte Wesen von ehedem wieder hersteilen zu können. - 158 - Lombardo- Venezien. was Gesetz war. Den botanischen Garten in Turin ließ man eingehen, die Straße über den Mont Cenis verfallen, weil von den Franzosen angelegt. Österreichisch Italien , Lombardo-Venezien , wurde ein Vizekönigreich; das sollte etwas wie eine Eigenart und Selbständigkeit scheinen und die Italiener gewinnen. Vizekönig war seit 1818 Erzherzog Rainer, Bruder des Kaisers Franz, ein tüchtiger Geschäftsmann und Freund der Wissenschaften. Neben ihm gab es zwei Zentralkongregationen, in Mailand und Venedig, und 17 Provinzialkongregationen in den Provinzen (Bezirken). Adelige und nicht adelige Grundbesitzer saßen in diesen Volksvertretungen neben Vertretern der Städte. Der Kaiser konnte diese letztem ausschließen, wenn sie ihm nicht geeignet erschienen. Präsidiert wurden die Zentralkongregationen von den Gouverneuren in Mailand und Venedig, die Provinzialkongregationen von k. Delegaten. Die Kompetenzen der Kongregationen umfaßten: Verteilung — nicht etwa Festsetzung — der Staatssteuern und der Militärlasten, Prüfung der Verwaltungen in den Gemeinden, bei den Verkehrs- und Wohltätigkeitsanstalten. Die Zentralkongregationen durften dem Kaiser auch Rat geben, wenn es diesen gut dünkte, sie darum zu fragen. Die ganze Einrichtung war mehr Schein als Wesen. Dafür bürgten schon die Präsidien; durch sie und durch die Wahlart wurden die Kongregationen bloße Regierungsausschüsse, Werkzeuge der Regierung. Wie die Landtage in den österreichischen Ländern selber, wurden sie Volksschauspiele mit etwas mehr oder weniger Gepränge. Die Protokolle mußten nach Wien geschickt werden; bekannt gemacht wurde nur, was der Kaiser erlaubte. Der Vizekönig selbst war kaum mehr als ein Titel, eine Dekoration. Er hatte wohl Einsicht, aber keine Kompetenzen. Nur lächerlich kleine Summen standen ihm zur Verfügung, nur untergeordnete Beamtungen durfte er selbst besetzen. Kaiser Franz wollte „der alleinige Schlußstein und einzige Wächter seines Reiches sein“, wie wir anderswo zitiert haben, wollte selber sehen, hören, verfügen und unterschreiben. Der Vizekönig hatte fast nur Berichte abzufertigen und nach Wien zu schicken und die Entscheidung abzuwarten. Die Kongregationen und Gouverneure verkehrten direkt mit Wien. So wenig vertraute der Kaiser seinem Bruder an, der ihm doch durchaus ergeben und politisch kein gefährlicher Neuerer war. „In einem gut organi- — i59 — sierten Staat“, sagte er, „sollen die Stände bloß Ratgeber des Monarchen sein, wenn er sie befragt,“ eine Auffassung, die sich mit der kaiserlichen völlig deckte. Übrigens verwendete die kaiserliche Regierung in ihrer Weise gerade auf ihre italienischen Länder, denen sie einen großen Wert beimaß, wirklichen Fleiß. Sie führte das österreichische bürgerliche Gesetzbuch ein, das manche Vorzüge hatte gegenüber dem französischen Code civil. Man nahm das Gute ohne Dank hin, vermißte aber alsbald mit Klagen, was am französischen Gesetz besser gewesen. Die kaiserliche Regierung verpflichtete jede Gemeinde, mit Staatsunterstützung eine Volksschule zu erhalten, mit einem geprüften Lehrer, und die Volksbildung hob sich. Aber alles half nichts gegenüber den Mißgriffen der Regierung. Sie verwendete fast nur deutsche Beamte, selbst bis in die untern Stellen. Diese waren, als das handgreifliche Zeichen der Fremdherrschaft, an sich schon überall ein Ärgernis und machten sich verhaßt, die einen durch Härte und Hochmut, wie man behauptete, andere durch Pedanterie und Eckigkeit, wodurch sie dann den gewandteren Südländern auch noch zur Zielscheibe des Spottes wurden. „I Tedeschi“ (die Deutschen), in das Wort faßten die Italiener den ganzen, glühenden nationalen Haß und die Geringschätzung gegen Österreich. „E un Tedesco“, bedeutet heute noch, selbst in unserem Tessin, soviel wie: er ist ein schwerfälliger Mensch, ein Dickschädel und Tolpatsch. — Die Regierung bildete die italienischen Garnisonen aus Czechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, während sie die Soldaten italienischer Zunge ihren Dienst in den nördlichen Ländern der Monarchie tun ließ. Am meisten Anstoß erregte die Polizei, die natürlich deutsch war und ein widerwärtiges Spioniersystem trieb mit Briefeöffnen etc. Es war, als könnte man von der während des Wienerkongresses erworbenen Virtuosität nicht mehr lassen. Ein Zentralkongregationspräsident sollte gesagt haben, man müsse Italien „germanisieren“. Das ganze Regierungssystem schien dem in der Tat zu entsprechen. Selbst Metternich, der 1817 und wieder 1819 Italien besucht hatte, war der Meinung, man müßte manches anders machen und namentlich mehr einheimische Beamte verwenden. Der Gouverneur, Graf Strassoldo in Mailand, wagte es, der Regierung ein ganzes Sündenregister vorzuhalten. Die Italiener verabscheuten es, sagte er, nach der gleichen Schablone be- — i6o — Literatur, Romantik. handelt zu werden wie die Deutschen, Böhmen, Galizier; man sollte Rücksicht auf ihre nationale Eigenliebe nehmen. „Wie können sie mit kaltem Blute auf den Universitäten einen Lehrstuhl der deutschen Sprache und Literatur erblicken, während man den italienischen abgeschafft hat ?“ Er versicherte der Regierung, daß es infolge ihrer Mißgriffe an einer österreichischen Partei in Italien vollständig fehlte. — Die Warnungen und Mahnungen waren indessen umsonst, und mehr und mehr waren Stadt und Land und alle Klassen einig in dem bittersten Hasse gegen die Fremdherrschaft, gegen Österreich. Das fühlte nun das sonst schon mißtrauische Österreich und setzte sich mit Druckmaßnahmen und Verfolgungen zur Wehr. Italien, namentlich der vorgeschrittenere nördliche Teil, erlebte in dieser Zeit, wie in der unmittelbar vorhergehenden, eine schöne Literaturblüte. Graf Vittorio Alfieri (1749—1803), Piemontese, war zuerst Offizier; lebte dann als junger Mann das wenig inhaltsreiche Leben vieler junger Leute aus den hohem Ständen. Davon angewidert, begann er mit 40 Jahren ein ernstes Selbststudium, lernte Griechisch, um die griechische Tragödie in der Ursprache lesen zu können, und wurde dann der Schöpfer der italienischen Tragödie; sie war seine Kanzel, um die sich das politisch zersplitterte Italien sammeln sollte, wie einst die zersplitterten Griechen um ihre große Tragödie. Vittorio Alfieri gehört zu den Klassizisten, „ein moderner Mensch in antiker Gewandung“. (Seit der Einigung Italiens sind seine 21 Tragödien von der italienischen Bühne verschwunden ; sie hatten ihren Dienst getan, und Unsterblichkeit kam ihnen nicht zu). — Dichter der Mode war Vincenzo Monti aus Ravenna (gest. 1828 in Mailand), von viel Begabung und wenig Charakter, dem es keine Überwindung kostete, aus einem Verfluchet der Revolution ihr Lobredner, und aus dem Ruhmesherold Napoleons der Hofdichter des Kaisers Franz zu werden. — Von ganz anderem Schlage war Ugo Foscolo, geh. 1778 in Zante, gest. 1827 in England. Romantiker von vollendeter Formschönheit. „Le ultime lettere di Jacopo Ortis“ waren durch „Goethes Werther“ angeregt; ein politischer Roman, der die ergreifende Klage des Vaterlandes ausströmt. Foscolo hatte die Wiederherstellung Italiens von der Revolution, dann von Napoleon erhofft. Nach dessen Fall 1814 mußte er Italien verlassen, floh nach der Schweiz und dann nach England; er hielt in London Vorlesungen über — 161 — italienische Literatur und starb 1827 im Elend. — Giovanni Berchet in Mailand, 1783—1851, hochbegabter patriotischer Dichter, Übersetzer von Bürgers Balladen. Der größte von allen, das Haupt der italienischen Romantik, Alessandro Manzoni, 1785—1873, durch seine Mutter Enkel des hochangesehenen Staatsrechtslehrers Beccaria (Verfasser von „Dei delitti e delle Bene"), in seiner Jugend Freund der Encyklopädisten und libres-penseurs, mit denen er in Paris verkehrte; später innig gläubiger Katholik und warmer Anhänger der Kirche; seine protestantische Gemahlin aus Genf trat zum Katholizismus über. Goethe ließ es sich angelegen sein, den „liebwerten Mann“ auf alle Weise zu ermutigen und rühmte seine geistlichen Hymnen. Schon in einer Canzone von 1815, freilich erst nach 1848 veröffentlicht, rief er den Italienern zu: „Wir werden nicht frei sein, wenn wir nicht einig sind“. Manzoni trat übrigens politisch nicht hervor. Sein gewaltiges Gedicht auf den Tod Napoleons 1821 : „Eifü“, das Bedeutendste was auf den großen Cäsar gedichtet worden, war gegen seinen Willen zur Veröffentlichung gelangt, und der Zensor nahm Anstoß daran. Sein bekanntestes, wohl auch bedeutendstes Werk, der Roman „I Promessi Sposi“ (die Verlobten) ist den heutigen Italienern Homer und Bibel zugleich geworden. — Silvio Pellico, geh. 1789 in Saluzzo, Piemont, lebte als junger Mann in Mailand, hatte sich 1818 mit der Tragödie „Francesca da Rimini“, bereits einen angesehenen Dichtemamen gemacht, als ihn das Verhängnis ereilte, der österreichischen Behörde verdächtig zu erscheinen. — Wir erwähnen noch den großen Pessimisten von klassischer Formvollendung, den kranken, weltschmerzlichen Giacomo Leopardi aus Recanati (Marken), gest. 1837 in Neapel. Den tiefen Schmerz seiner Gedichte empfanden die Italiener als Klage des Vaterlandes. Der einheitliche Pulsschlag dieser Dichter und ihres Schrifttums, bei aller Besonderheit im einzelnen, war die Liebe zum italienischen Vaterlande; ihr gemeinsames Sehnen und Hoffen die Freiheit und in irgend einer Form die Einheit, die Auferstehung Italiens, il risorgimento. So natürlich, innerlich wahr und gerechtfertigt das nun war, es stand im Gegensatz zu den politischen Tatsachen und konnte namentlich der kaiserlichen Regierung in Wien keineswegs genehm sein. Sie wurde dieser Literatur und den Dichtern Flühmann t Vorträge. II IÖ2 — Die Carbonari (Köhler). aufsässig, und das offene Wort wurde mehr und mehr gefährlich. Da floh es in die Geheimbünde, die allerorten im Lande entstanden. Sie hießen Philadelphi, Carbonari. Die letzteren verbreiteten sich von Neapel aus über ganz Italien. Ihre Organisation hatten sie von den Freimaurern, welche seit der Franzosenzeit in Italien stark verbreitet waren, dem Papsttum zum Trotze, das in ihnen die bare Ketzerei sah, um so schlimmer, weil sie organisiert und der kirchlichen Gewalt entzogen war. Ihre Kennzeichen und Worte aber hatten die Carbonari vom Köhlergewerbe, und daher auch den Namen. 1 Inhalt und Ziel des Geheimbundes war die Freiheit und Einheit Italiens im allgemeinen, im besondern die spanische Verfassung. Gegen die Carbonari wendete die österreichische Regierung vollends skruppellos alle Mittel an. Ein bezahltes Denunzianten- und Spitzelwesen blühte in Lombardo-Venezien wie nie und nirgends. Metternich selbst gestand, daß ein gewisser Brindisi, ein mit allen Verbrechen befleckter Mensch, „eine Menge Unschuldiger“ verdächtigt habe. Und doch wurden Leute ähnlichen Schlages immer wieder verwendet. Die Lehrer in den Schulen, die Professoren in den Hörsälen der Universitäten, die Gespräche in den gebildeten Familien wurden ausspioniert. Eine Unmasse von geheimen Polizeiberichten, die später in die Hände der Italiener fielen, gaben davon Zeugnis. In Mailand erschien damals eine Zeitschrift „II Concilia- tore“, Organ der Romantiker, Redaktor der oben genannte Silvio Pellico. Die Regierung unterdrückte die Zeitschrift schon nach einem Jahre. In ihrer Gunst stand dagegen die „Biblioteca nazionale“, die sich vom „Conciliatore“ manche Anfechtung hatte gefallen lassen müssen. Nun wurde Silvio Pellico mit andern Gesinnungsgenossen im Oktober 1820 gefangen genommen, durch eine zweijährige Untersuchungshaft geschleppt, zuerst in Mailand, dann unter den berüchtigten Bleidächern des Dogenpalastes in Venedig, endlich zum Tode verurteilt, obschon keinerlei wirkliche Schuld oder Vergehen da war, dann im Alter von 32 Jahren vom Kaiser Franz zu 15 Jahren „carcere duro“ (schweren Kerkers) begnadigt, von denen er 8 in Einzelhaft in einem unterirdischen Kerker auf 1 Sie bezeichneten als ihren Zweck die Reinigung des Waldes von wilden Tieren, namentlich Wölfen, was natürlich symbolisch gemeint war. i6z — der Feste Spielberg bei Brünn verbüßte. Wir nennen ihn als den italienischen Fritz Reuter, als ein Beispiel von den unglücklichen italienischen politischen Verbrechern, die an sich erfuhren, was wir früher sagten, daß der biedere Kaiser Franz von kaltem Herzen war. Nach io Jahren, unter dem Eindruck der Julirevolution, wurde Silvio Bellico begnadigt. Er lebte, mit zerstörter Gesundheit, von da in Turin, starb 1854. In einfacher, herzbeweglicher Weise erzählte er seine Leidensgeschichte unter dem Titel: Le mie prigioni. — Sein schweres Schicksal führte den Dichter mit der weichen, lyrischen Natur von der freieren Denkrichtung seiner Jugend einem stark kirchlich gefärbten Mystizismus zu. Daß in dem so beschaffenen Italien der Zündstoff zu revolutionärer Erhebung gehäuft war, liegt auf der Hand. Und der Funke der spanischen Revolution vom Neujahrstag 1820 sprang zunächst nach dem heißblütigen Neapel über. In der Nacht auf den 2. Juli 1820 riefen zwei Lieutenants mit einer Handvoll Leute zu Nola bei Neapel die spanische Verfassung vom Jahre Zwölf aus. Sie fanden sogleich Anhang. Ein höherer Offizier, General Pepe, stellte sich an die Spitze der Bewegung. Am 9. Juli hielt er seinen Einzug in Neapel. Der König, zu feig zum Widerstand, nahm die Verfassung an, und sie wurde mit Jubel ausgerufen. Es gab freilich nur wenige Leute, die sie lesen konnten oder wußten, was darin stand. Ferdinand beschwor sie mit den höchsten Beteuerungen und fügte aus freien Stücken hinzu: „Wenn ich lüge, möge Gott augenblicklich die Blitze seiner Rache auf mein Haupt richten.“ Eine gute Weile lang feierte die lärmfrohe Stadt Neapel das große Ereignis mit Festzügen und Illuminationen. Sizilien aber ergriff sofort die Gelegenheit, um sich von N eapel zu lösen; es wollte seine eigene Verfassung haben und mit Neapel nur in Personalunion bleiben. Das erste, was der neue Verfassungsstaat leistete, war, die Erhebung in Sizilien zu unterdrücken. Nun waren es also mit Neapel drei Verfassungsstaaten. Metternich hatte gewiß recht, zu denken, daß es dabei nicht bleiben würde. Also mußte eingeschritten werden. Er hatte keine große Mühe, zunächst die Ostmächte für einen Kongreß zu gewinnen, hatte doch Zar Alexander schon gegen die spanische Revolution entschreiten wollen. Die Zusammenkunft fand in dem Städtchen Troppau in österreichisch Schlesien Die Revolution in Neapel, Juli 1820. Kongreß in Troppau, Spätjahr 1820. 164 — statt. Hauptgegenstand: Die spanische und die neapolitanische Angelegenheit. Der englische Vertreter war mehr nur stummer Teilnehmer; die beiden französischen widersprachen sich. So hatten die Ostmächte ziemlich freies Spiel. Sie vereinbarten ein Protokoll, eine Art Garantievertrag, das den Allianzmächten Kompetenz zur Einmischung in alle Staaten gegeben hätte. England und Frankreich verweigerten ihre Unterschrift. Da sie es aber bei bloßen mißbilligenden Worten beließen, so fühlten die Ostmächte sich nicht weiter behindert. „Nur Österreich und Rußland sind noch Mächte“, triumphierte Gentz in jenen Tagen. Es wurde beschlossen, im Januar den Kongreß in dem südlicher gelegenen Laibach fortzusetzen und König Ferdinand von Neapel dahin zu laden. So geschah es. Kongreß Nachdem Ferdinand vor seinem Parlament den Schwur auf in Lai ach. Verfassung wiederholt, ließ dieses ihn ziehen. Und nun wurde in Laibach eine erbauliche Komödie aufgeführt. König Ferdinand, der schon früher Metternich einen heimlichen Protest gegen „erzwungene Eide“ eingesandt hatte, schickte sich jetzt unter scheinbarem Sträuben in die Forderung des Kongresses, die Verfassung aufzuheben. Österreich übernahm natürlich die Exekution. Unterdessen spielte auch der Kronprinz in Neapel, als Interimsregent, seine konstitutionelle Komödie so lange weiter, bis ein österreichisches Heer weit genug nach Süden vorgerückt war. Die zwischenliegenden Staaten gaben ohne weiteres freien Durchmarsch. Das konstitutionelle neapolitanische Heer hielt sich wenig heldenhaft. Die Soldaten wie das niedere Volk konnten den Wert einer Verfassung nicht verstehen. Am 24. März 1821 zog das österreichische Heer in Neapel ein, von jubelndem Volke begrüßt. — Die Konstitution vom Jahre Zwölf war nur etliche Monate alt geworden. — Vor dem Troppauer-Kongreß hatte Ludwig XVIII. für Neapel statt der spanischen Verfassung eine gemäßigtere nach englischem oder französischem Muster vorgeschlagen. Aber die Radikalen von Neapel hatten geantwortet: „Die spanische Konstitution oder den Tod!“ — Nun folgte eine grausame, bösartige Reaktion, dem feigen Charakter König Ferdinands entsprechend. Die Hinrichtungen, Einkerkerungen, Vermögenskonfiskationen, Verbannungen auf öde Inseln nahmen kein Ende. — Ein kleineres Begleit- und Nachspiel hatten die neapoli- inPiemont. tanischen Vorgänge in Piemont. Das Land nahm eine eigentümliche Stellung ein. Das Stammland des Herrscherhauses, - i6s Savoyen, sprach französisch, Hauptstadt war Turin, die arme, ferne Insel Sardinien gab nichts als den Königstitel, der an ihr haftete. Die Piemontesen selber sprachen einen eigenen Dialekt mit viel französischen Beimischungen. Das niedere Volk betrachtete sich kaum als italienisch. Doch war die offizielle Sprache italienisch. Es gab die Carbonari auch in Piemont, und auch dort war man von der spanischen Verfassung eingenommen. Am io. März 1821, als die Österreicher schon durch den Kirchenstaat der neapolitanischen Grenze zumarschierten, gaben Offiziere und Bürgerliche in Alessan- dria die Losung aus: Spanische Verfassung, Fö/deration der italienischen Staaten, keine Fremdherrschaft in Italien. Die Offiziere der Zitadelle von Turin schlossen sich der Proklamation an. Der alte, nun einigermaßen kindlich rückständige König Victor Emanuel I. mochte weder mittun noch kämpfen. Er dankte ab. Thronfolger war sein Bruder Karl Felix, in vorgerückteren Jahren, und wie der König, ohne direkten Erben. Da Karl Felix abwesend war, übertrug Victor Emanuel die Regentschaft dem künftigen Thronfolger, dem Prinzen von Carignano, Karl Albert. Diesen glaubten die Carbonari in der Tasche zu haben. Er anerkannte auch die Cortesverfassung. Aber dann erschien Carlo Felicej der Prinz legte die Regentschaft nieder und stellte sich dem König zur Verfügung, und dieser verfügte Landesverweisung über ihn. Die Verfassung lehnte er kategorisch ab. — Die Aufständischen hatten gemeint, den nach Süden ziehenden Österreichischen Truppen in den Rücken fallen und Oberitalien von der österreichischen Herrschaft befreien zu können. Statt dessen erschienen die Österreicher in Piemont, und der Aufstand war bald erstickt. Karl Felix erließ darauf eine noch nie vernommene Verfügung : Lesen und Schreiben durfte nur lernen, wer einen Zensus von 1500 Lire leistete. Der Kampf ging also gegen die Bildung, weil die Gebildeten es waren, welche die konstitutionellen und nationalen Hoffnungen pflegten, während das an- alphabetische Volk zu dieser Zeit noch gleichgültig war. — Einstweilen war es nun still geworden in Italien; aber der stumme, tief inbrünstige Haß der hohem Klassen ging vor allem gegen Österreich, „den Henker der italienischen Freiheit“, und reifte seiner Stunde entgegen. Die Allianzväter konnten mit dem Erfolg ihrer Kongresse zufrieden sein. Es gab in der Appenninenhalbinsel keine Ver- 166 — fassungen mehr. Aber sie lebten noch in der Pyrenäenhalbinsel, und so lange konnte man in Wien nicht gut schlafen. Man hatte darum schon in Laibach einen weitem Kongreß in Aussicht genommen. Derselbe trat im Oktober 1822 in Verona Kongreß in zusammen. Es war eine überaus glänzende Versammlung, zu Herbst i&s der die Kaiser von Rußland und Österreich, die Könige von Preußen, Sardinien und Neapel, die kleinen Fürsten Italiens und eine Schar Diplomaten (für Frankreich auch Chateaubriand) erschienen. Mit den Opern Rossinis, mit einem glänzenden Feste im römischen Amphitheater etc. vertrieb man sich die Langweile. Neuer Verhandlungsgegenstand war auch die Balkanhalbinsel, „die orientalische Frage“. 1 Aber zu einem Entschlüsse kam man nur in der spanischen Frage. Nachdem die Madrider Regierung die Aufforderung zu einer Verfassungsänderung schroff abgelehnt, wurde die Intervention beschlossen. Über die Einsprache des englischen Ministers Canning, der Frankreichs Einmischung in Spanien verhindern wollte, ging der Kongreß hinweg. Zur Exekution konnte für Spanien nur Frankreich ernsthaft in Frage kommen, und die Regierung Ludwigs XVIII. nahm den Auftrag an. Sie beschwor damit die heftigste Opposition der Liberalen in der Kammer herauf. „Schergendienste für den Preußen und den Kosaken“ tue Frankreich damit; auf eigene Kosten führe die französische Nation den'Krieg,gegen (sich selbst. Der Ministerpräsident Villöle war selber keineswegs für den Feldzug eingenommen. Aber er wurde beschlossen, und im April 1823 ging er in Szene, unter Führung des Herzogs von Angouleme, ältesten Sohnes des nachmaligen Karl X. Die spanischen Liberalen hatten freilich, seit sie im Regiment waren, genug getan, um der Reaktion zu rufen. Das liberale Ministerium ging hitzig ins Zeug, mit Aufhebung von Klöstern, deren Güter Nationaleigentum werden sollten etc. Um Geld zu bekommen, verkaufte es für eine Milliarde Güter frommer Stiftungen. Es brachte damit die ganze Geistlichkeit gegen sich auf samt dem unter ihrem Einfluß stehenden Landvolk und niedern Volk in den Städten und spaltete sich darüber — das scheint ein Verhängnis besonders der freisinnigen Parteien zu sein — in zwei Richtungen, die sich bekämpften und schwächten, in die Gemäßigten, Moderados und die Radi- 1 Die Bezeichnung wurde auf dem Kongreß zum erstenmal gebraucht. — 167 — kalen, Exaltados. Die absolutistischen Royalisten wurden von ihnen „Serviles“, Knechtische genannt. Der König stachelte heimlich die Spaltung der Liberalen und förderte die Gegner. Die Kammerwahlen von 1822 gingen unter einer ungeheuren Agitation der Exaltados vor sich und brachten ihnen die Mehrheit. Die neue Kammer wählte darauf del Riego, den Urheber der Revolution von Cadix, zum Präsidenten. Da sammelten sich in den baskischen Provinzen, nicht ohne heimliches Zutun des Königs und namentlich Don Carlos, roya- listische Banden, ein „apostolisches Glaubensheer“, das zog siegreich nach Süden und setzte nach seinem ersten Sieg eine förmliche Regentschaft ein, an Stelle des in den Banden der Liberales „gefangenen“ Königs. Dieser aber ernannte, zur Förderung der Reaktion, ein Ministerium von radikalen Ultras; so gingen die Dinge der Katastrophe zu. Als nun im Mai 1823 das französische Heer nach Madrid kam, „da hausten die Glaubensbanden unter Führung von Priestern und Mönchen wie Bestien“. Die Cortes hatten bereits ihren Sitz nach Sevilla verlegt und den König als kostbares Pfand mitgenommen. Das französische Heer durchzog ganz Spanien bis nach Cadix im äußersten Südwesten, wohin die Cortes sich schließlich zurückgezogen hatten. Im September wurde das starke Inselfort Trocadero von den Franzosen genommen. Die Cortes gaben den Kampf auf. Der König erklärte alles unter der Konstitution Verfügte für null und nichtig. 1 In der Rache zeigte sich der spanische Ferdinand nicht nur als Namensvetter des neapolitanischen. Er konnte des Wütens kein Ende finden. „Binnen 18 Tagen wurden 118 Personen erhängt oder erschossen; die eine Hälfte Spaniens war damit beschäftigt, die andere Hälfte einzusperren oder zu verbannen.“ Der Kammerpräsident Riego wurde auf einem Eselkarren zum Galgen geführt. — Zu seinem Universalminister ernannte der König seinen fanatischen Beichtvater Saez. Die Franzosen, auch der Herzog von Angoulöme, blieben gerade noch lange genug in Madrid, um tiefen Ekel an diesem Regiment zu empfinden. Umsonst suchten sie, den „Sottisen“ des Königs Ein 1 Er verleugnete Anleihen, welche das konstitutionelle Ministerium in seinem Namen aufgenommen hatte und übte gemeinsten Betrug, indem er den Staatsgläubigern eine für sie vorteilhafte Konversion anbot, und dann die eonvertierten Titel nicht entwerten, d. h. vernichten ließ, sondern heimlich weiter verkaufte. Aufstand der „Apostolischen“. Die französische Expedition in Spanien Weitere Kämpfe in Portugal. Englands Eingreifen. Dom Miguel als Regent. — 168 — halt zu tun. Doch war es die Rücksicht auf Frankreich, d. h. auf die französischen Ultras, die sich über die fanatischen Grausamkeiten entsetzten, die endlich der Rache des Königs noch einige Zurückhaltung auferlegte. Auch in Portugal hatte die Verfassung ein kurzes Leben. Nach Wiederherstellung des Absolutismus in Spanien nötigte König Johanns zweiter Sohn, Dom Miguel, zusammen mit seiner Mutter, Königin Carlotta, Schwester Ferdinands VII., den Vater zur Aufhebung der Verfassung. Als später der harmlose Johann, um sich mit den Gebildeten seines Volkes zu versöhnen, neuerdings eine gemäßigte Konstitution geben wollte, da erhob Dom Miguel, im Einverständnis mit der Königin Carlotta, den Aufstand gegen den Vater. Und die Allianz der Mächte machte Miene, sich ebenfalls gegen Johann einzumischen. Auch die Fürsten, lehrte Metternich, dürften nicht Konstitutionen geben, um ihr Volk zu vergiften und Europa, will heißen, Österreich zu gefährden. — Da raffte sich aber England auf aus seinem bisherigen Gehenlassen. Canning hielt im Parlament seine berühmte Rede mit dem Aeolus- Zitat, wo er England mit dem Bändiger und Lenker der Winde verglich. Wir werden nach Portugal gehen, sagte er, „nur um die Unabhängigkeit eines Verbündeten zu schützen. Wir sind im Begriffe, Englands Standarte auf den bekannten Höhen von Lissabon aufzupflanzen. Wo immer diese Fahne weht, dahin kann keine Fremdherrschaft kommen.“ — Es war die offene Absage an die mettemich'sehe Allianz, deren nachmalige völlige Sprengung damit eingeleitet wurde. Das ganze gebildete Europa begeisterte sich an Minister Canning und an Englands Haltung. Eine englische Flotte lief in den Tajo ein, Dezember 1826. Dom Miguel, im Exil in Wien, leistete nun den Eid auf die Verfassung. Noch im selben Jahr 1826 starb König Johann. Thronerbe war Kaiser Dom Pedro, der aber, der brasilianischen Verfassung zufolge, nicht zugleich König von Portugal sein konnte. In einem Geheimvertrag mit England war ebenfalls die Bestimmung enthalten, daß die brasilianische Krone nicht mehr mit der portugiesischen vereinigt werden dürfe. Nun bestimmte Dom Pedro seine siebenjährige Tochter Maria da Gloria als Thronerbin in Portugal. Naiverweise bestimmte er ihr zugleich seinen jüngern Bruder Dom Miguel zum künftigen Gemahl und ernannte ihn zugleich zum Regenten. Nun kehrte — i6y — diese Perle von einem Menschen und Prinzen mit dem Segen Metternichs nach Lissabon zurück. Er konnte mit 21 Jahren nicht lesen und schreiben und hatte sich in Wien so aufgeführt, daß die Polizei ihm ihre väterliche Obhut angedeihen lassen mußte. Den Eid auf die Verfassung legte er in Lissabon in murmelndem Tone ab, so daß nicht verstanden wurde, was er eigentlich sagte. — Er zögerte nicht lange, die Konstitution zu beseitigen und den Absolutismus herzustellen. Gegen die Liberalen erging ein unerhörtes Wüten, das selbst noch den spanischen Onkel übertraf. Ohne rechtliches Verfahren wurden in dem kleinen Land Zehntausende eingekerkert, hingerichtet, deportiert, verbannt, andere Zehntausende flohen ins Ausland. Endlich kam Dom Pedro von Brasilien herüber, warf das Ungetüm in zweijährigem Kriege nieder, setzte seine Tochter in ihre Rechte ein und stellte die Konstitution wieder her, 1834. Wir haben oben den Unabhängigkeitskampf der zentral- und südamerikanischen Kolonien erwähnt und schließen hier noch den Ausgang desselben an. In Simon Bolivar von Caracas in Venezuela erstand den spanischen Kolonien ihr Washington, der die Kräfte aller zu sammeln und mit ihnen durchzuhalten wußte. Als Ferdinand von Spanien einsah, daß er allein nicht Meister werden würde, dachte er daran, die Allianz der Großmächte anzurufen, und die Höfe von Petersburg, Wien und Paris wären zur Hülfe geneigt gewesen. Da tat, es heißt, auf Veranlassung des englischen Außenministers Georg Canning, der Präsident der nordamerikanischen Union, Monroe, 2. Dezember 1823 den seither als Monroe-Doktrin berühmt gewordenen Ausspruch: „Die Vereinigten Staaten können irgend welche Einmischung zu dem Zweck, jene Freistaaten zu unterdrücken oder in irgend welcher Weise ihr Geschick durch eine europäische Macht zu beeinflussen, nicht anders ansehen als die Bekundung einer unfreundlichen Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten“. Das will sagen: Die Vereinigten Staaten werden eine Einmischung Europas in amerikanische Angelegenheiten nicht dulden. Amerika den Amerikanern! — Im Jahre 1825 sprach derselbe englische Auslandminister Canning die Anerkennung der neuen Republiken als selbständiger Staaten aus . 1 Damit war der Kampf zu Ende, die Kolonien am Ziel. 1 Was Canning bei dieser Politik leitete, verriet er in der schon zitierten Aeolus-Rede 1826. Von 1823 sprechend, sagte er: „Wenn Frankreich (etwa) Abfall der Kolonien in Amerika. Auch die übrigen europäischen Staaten anerkannten nach und nach die neuen Republiken in der neuen Welt. Brasilien hatte sich schon 1822 von Portugal getrennt, indem es Pedro I. zum konstitutionellen Kaiser von Brasilien proklamierte. Nachdem dann die Vereinigten Staaten, nach einem vierjährigen Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten wegen der Sklavenfrage, 1864 die Sklaverei aufgehoben, erklärte Pedro II. von Brasilien alle von nun an geborenen Sklavenkinder als frei. 1888, als Pedro gesundheitshalber lange in Europa weilte, hob seine Tochter, Dona Izabel, als Regentin die Sklaverei, ohne Entschädigung der Pflanzer, mit einem Federstrich auf. Die Folge war eine wirtschaftliche Krisis und dadurch hervorgerufene Mißstimmung im Lande, und 1890 wurde Kaiser Pedro durch einen Militäraufstand entthront, und Brasilien reihte sich den amerikanischen Republiken an. Die neue Welt versagte sich endgültig der monarchischen Staatsform. Spanien hätte, so sollte es nicht das Spanien mit Westindien sein. Ich rief die neue Welt ins Dasein, um das Gleichgewicht der alten her zustellen. “ Das war eines; das andere war das englische Handelsinteresse. In der Tat gewann England infolge seiner Haltung ganz Zentral- und Südamerika für seinen Handel, und dieser nahm einen unerhörten Aufschwung, zusammen mit der Industrie, welche sogar in eine übersteigerte Hochkonjunktur geriet und sich „überproduzierte“, so daß, als natürlicher Rückschlag, eine gefährliche Krisis einsetzte. — 171 — VIII. Die orientalische Frage: Anfang, Aufstieg und Niedergang der Türkei. Die neuen Balkanstaaten: Montenegro, Serbien, Rumänien, Bulgarien. Seit dem IX. Jahrhundert litt das Weltreich der Khaüfen von Bagdad an schlimmen Schwächezuständen. Nur weil es in der Auflösung lag, konnte das christliche Abendland im XI. Jahrhundert den Versuch wagen, das heilige Geburtsland seines Glaubens dem Islam wieder zu entreißen. Bleibende Erfolge waren den Kreuzzügen bekanntlich nicht beschieden. Ungefähr um die Zeit, als man das einzusehen begann, um die Mitte des XIII. Jahrhunderts, ließ sich in einer Ecke des aufgelösten Weltreiches, im nordwestlichen Kleinasien, ein anfangs von Europa, selbst von Konstantinopel aus kaum be- A A U £ fs?ieg d achtetes Raubwild nieder. Es hieß sich später „die osma- derTürken. irischen Türken“. Den Nachbarn machte es sich bald genug bemerkbar, indem es beständig um sich fraß. Bald griff es auch über die schmalen Meeresrinnen hinüber, die Kleinasien von Europa trennen und hackte seine Krallen in den klein und schwach gewordenen Leib des oströmischen Reiches. Bis an die Donau fraß es sich .unaufhaltsam durch. Nur Konstantinopel in seinen Wällen und Mauern hielt sich noch. Aber wie kein Leib ohne Haupt existieren kann, so auch kein Haupt ohne Leib. Die Tage von Byzanz waren gezählt. Im Jahre 1453 fühlte Mohammed II. sich stark genug und legte seine Pranke auf die Stadt. Europa ließ es sich nicht anfechten, was da in seinem äußersten Osten geschah. Das einzige Genua sprang, seiner Handelsinteressen wegen, nach Vermögen bei. Es war zu schwache Hülfe. Von nun an hauste der Türke in der alten, prächtigen Konstantmsstadt am Bosporus und am goldenen Horn und hielt den Schlüssel Europas und Asiens in seiner Hand. Die großen Eroberer des XVI. Jahrhunderts, Selim I. und Suleiman II., wandten sich dann nach Osten und Süden und fügten dem neuen islamitischen Weltreich ganz Westasien — 172 und Nordafrika bei. Das schwarze Meer, die Aegeis und das ganze östliche Mittelmeer, die ältesten Länder der weltlichen und religiösen Kultur Europas, das Zweistromland (Mesopotamien), Ägypten, Palästina, Syrien und auch das kleine, einst so hell- und weitleuchtende Hellas waren in der Gewalt nicht bloß des Islam, sondern, was bei weitem schlimmer, der Türken. Selim I. kaufte dem letzten Abassiden-Khalifen auch das Khalifat ab, d. h. die Nachfolge des Propheten Mohammed; seitdem sind die Sultane in Konstantinopel auch die Päpste der islamitischen Welt, das geistliche Haupt aller Prophetengläubigen. Reichlich 200 Jahre lang war der zum Riesen erwachsene Türke die Gefahr der Gefahren für Europa, gegen die man in den Kirchen betete, Kreuzzüge predigte und stets die Waffen geschliffen halten mußte. Jesaia I. schildert seinem Volke einmal die in der Ferne drohende Assyrergefahr: „Eilend und schnell kommen sie vom Ende der Erde; kein Müder noch Strauchelnder ist unter ihnen, keiner schlummert oder schläft; keinem geht der Gürtel auf an seinen Lenden, keinem zerreißt ein Schuhriemen. Ihre Pfeile sind scharf und alle ihre Bogen gespannt; ihrer Rosse Hufe sind wie Fels und ihre Wagenräder wie ein Sturmwind; sie brüllen wie Löwen und wie junge Löwen; sie toben, erfassen die Beute und tragen sie davon, und kein Retter ist da.“ Mutatis mutandis hätte ein christlicher Jesaia im XV., XVI. und noch XVII. Jahrhundert die Türkengefahr ähnlich schildern können. Im deutschen Reiche wurde das Ereignis eines drohenden Türkeneinfalles von der Kanzel verkündet und zugleich des Kaisers Befehl verlesen, „daß von früh sechs Uhr im Sommer, und im Winter um sieben Uhr eine Viertelstunde geläutet werden müsse, eine halbe Stunde vor und nachher 1 aber aus keiner Ursache eine Kirchenglocke geläutet werden dürfe“. Gleichzeitig wurde bestimmt, „es solle während des Läutens jeder fromme Christ und echter Deutsche, wo er nur sei, und in welchen Geschäften er sich befinde, auf die Knie niederfallen, und das sogenannte, besonders verfaßte „Türkengebet“ sprechen. Alle Handwerker, Bauern und Taglöhner aber sollten mit der Arbeit innehalten. Alle Pfarrer sollten in allen Predigten das Volk ermahnen und das Kriegsgebet verlesen, und alle Obrigkeiten sollten diese Predigten besuchen, um dem Volke ein gutes Beispiel zu geben.“ — 173 — So stammt denn auch aus jenen Zeiten eine Anzahl unserer Buß-, Bet- und Fasttage. Im Jahre 1663 wurden sogar sieben Fasttage angeordnet, die so lange galten, bis die Türken von Zriny, Montecuccoli und Sporck bei Lewenz und darauf bei St. Gotthard an der Raab aufs Haupt geschlagen wurden. Sporck soll vor der Schlacht sein berühmtes Landsknechtgebet gesprochen haben: „Generalissimus im Himmel droben, wenn du uns Christgläubigen nicht helfen willst, so hilf wenigstens auch den Türkenhunden nicht, sondern lass’ uns die Sache unter uns ausmachen.“ 1 Die gefährliche Lage hinderte indessen nicht, daß die christlichen Herrscher im XVI. Jahrhundert, als der Glaubensstreit sie entzweite, sich beim Großherrn in Stambul sozusagen die Fersen abliefen und die einen gegen die andern um seine Gunst buhlten. Zuerst tat es der superkluge Franz I. von Frankreich, später auch die englische Elisabeth. Was sie taten, war um so gottvergessener, da der Pädischäh, 2 damals in seiner vollen gefürchteten Kraft dastand. Es war ihre Rettung, daß er sein Auge eben damals mehr nach Süden und Osten gerichtet hatte. Dort gesättigt, kehrte er es später wieder auf Europa. Er hatte schon lange über die Donau hinüber gegriffen. Außer den Donaufürstentümern gehörten ihm auch das südliche Polen und das heutige Südrußland; das Schwarze Meer war ein türkischer See geworden. Der Halbmond stand fast anderthalbhundert Jahre (1541—1686), über der ungarischen Hauptstadt. Erst 1683 lag der gefürchtete Großwesir Kara Mustafa noch Monate lang (Juli—September) vor Wien, und der Polenkönig Sobiesky mußte, da das deutsche Hülfsheer alleine zu schwach war, zur Rettung herbeieilen. Das türkische Heer mußte diesmal abziehen ; Kara Mustafa büßte den Mißerfolg auf türkische Weise; er wurde auf Befehl des Sultans erdrosselt. Von diesem Rückzug beginnt eine Wendung im Verhältnis der Türkei zu Europa; sie hatte ihren Höhepunkt überschritten und war von nun an im Rückgang. 1 130 Jahre früher hatte Papst Clemens VII. den Bann über den damals erschienenen Kometen gesprochen und ihn geheißen, seine Zornesrute über die Türkei, statt über die Christenheit auszustrecken. J Persisch: Herr der Könige. 174 Nieder^ Es ist ein Gesetz, daß, was mit Gewalt zusammengebracht “Türkei/ worden, auch nur mit Gewalt zusammengehalten werden kann. Der Türke aber war mit der Zeit satt und bequem geworden. Er gab sich dem Genüsse seiner Weltherrschaft hin. Und da begann alsbald leise das Abbröckeln, zuerst weit ab, draußen an der Peripherie. Der schlummernde und schlemmernde Riese beachtete es zuerst wenig. Was tat's ? Fürchtete ihn denn nicht die ganze Welt ? Er konnte so ein Bißchen Verlust schon ertragen. Aber der Vorgang ist immer symptomatisch und gefährlich, und kehrt dem Riesen seine Jugendenergie nicht wieder, so wird es näher und näher kommen, unausweichlich, bis an Haupt und Herz heran. In solcher Phase findet die Türkei sich seit geraumer Zeit. Nahe genug ist ihr die Abbröckelung schon gerückt. Nur die Eifersucht der europäischen Mächte ließ und läßt sie noch am Leben, ließ ihr bislang ihre Residenz in Europa mit einer bescheidenen Hofstatt dazu. Bleibt sie ihr noch über den heutigen Krieg hinaus, so wird es sein, weil niemand anders sie haben darf. Aber eine Rettung auf die Dauer wird es kaum bedeuten, nur einen Aufschub auf kurz oder lang. Denn dauernd halten kann sich in dieser Welt nur, wer es aus eigener Kraft vermag. Nun gibt es, bankerotte Staaten zu liquidieren, zwei Arten: Man löst sie auf mit Bomben und Granaten, oder weniger brutal, was heute ziemlich beliebt ist, in aller Freundschaft, mit langsamer „friedlicher Durchdringung“, „pendtration paci- fique“. Sie wird eingeleitet etwa mit Bergwerks- und Eisenbahn-Konzessionen, hochprozentigen Darlehen etc. „Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, Wenn hinten weit in der Türkei Die Völker auf einander schlagen.“ Diese Verse zeigen eine Spiegelung der orientalischen, resp. türkischen Frage im ausgehenden XVIII. Jahrhundert. Die Türkei bedeutete damals keine direkte Gefahr mehr für Europa, und ihre Kämpfe mit den sich von ihr losringenden Völkern konnten ein behaglicher bürgerlicher Unterhaltungs- gegen stand werden. Heute steht es damit wesentlich anders. Seit den Orientexpreßzügen London-Paris-Wien-Konstantinopel und Berlin - Wien - Konstantinopel, und den Vergnügungsdampfern nach Algier, Alexandrien, Beirut, Konstantinopel etc. ist die Türkei nicht mehr so „weit hinten“, und die Völker, - 175 — die heute dort auf einander schlagen oder schießen, sind unsere Nachbarvölker, die Großmächte Europas, die einen davon Seite an Seite mit der Türkei. Tempora mutantur. Die orientalische Frage selber ist heute weltweit geworden. Sie geht nicht mehr bloß bis zum Bosporus, sondern südwärts über das Mittelmeer bis an die Sahara und den Sudan, im Osten zu Euphrat und Tigris, und weit über Persien und Afghanistan zum Suleimangebirge, das Indien von Westasien trennt. Im weitesten Sinne begreift sie auch Indien und China in sich und reicht mit gewaltiger Spanne von Gibraltar bis zum gelben Meer und großen Ozean. So viel hängt sich heute an die „orientalische Frage“. Vor ioo Jahren war ihr Umkreis noch beschränkter. — Von der allgemeinen Betrachtung zurückkehrend, wenden wir uns jetzt dem bereits zweihundertjährigen Abbröcklungsprozeß in der europäischen Türkei zu. Nachdem die Nachbarstaaten Rußland und Österreich, seit Ende des XVII. Jahrhunderts (Frieden von Karlowitz 1699) in wiederholten Türkenkriegen unter Leopold I., Karl VI., Josef II., Katharina II. die türkische Macht von der Nordseite des Schwarzen Meeres und der Donau zurückgedrängt hatten, begann, wesentlich mit Anfang des XIX. Jahrhunderts, der Abbröckelungsprozeß auch auf dem Südufer der Donau. „Die Zeiten ändern sich und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Solche neue Lebewesen sind die jetzigen christlichen Balkanstaaten. Wir sprechen heute, in der Reihenfolge ihrer Befreiung, von Montenegro, Serbien, Rumänien und Bulgarien. I. Montenegro , 1 das Berg- und Hirtenland der schwarzen Berge, rund 9000 km 2 , mit 250000 Einwohnern, an Umfang etwa wie unser Graubünden plus Glarus und Uri, bildet eine schwer zugängliche, natürliche Feste von Hochplateaus mit tiefzerschnittenen Kettengebirgen bis zu 2500m Höhe. Arm an Gütern, reich an Mut und trotziger Kraft, hielt sich das kleine Volk serbischen Stammes und griechischer Konfession am längsten von der Türkenherrschaft frei, unterstand ihr stets fast nur nominell und machte sich am frühesten wieder frei. 1 Der Name Montenegro ist venezianisch. Slawisch Crnagora, türkisch Kara Dagh, schwarzes Gebirge. Monte negrro — i/6 — Seit 1797 frei. Als Fürstentum Zeta unter eigenen Fürsten, gehörte es im XIV. Jahrhundert zum großserbischen Reiche und geriet 1389, nach der Schlacht auf dem Amselfelde, mit Serbien unter die Türkenherrschaft, die für die schwarzen Berge doch nur eine nominelle blieb. Seit 1516 waren geistliche und weltliche Herrschaft in der Hand des Metropoliten vereint, ; eine Art Theokratie, bis 1852 der Metropolit Danilo auf die geistliche Würde verzichtete, aber als weltlicher Fürst weiter anerkannt blieb. Montenegros innere Geschichte war der Erwerb eines kargen Brotes, die äußere ein rauher Heldenepos, der Kampf gegen die türkische Herrschaft. Auch die Republik Venedig, Herrin der Adria, zeitweise zu Hülfe gerufen, machte Ansprüche auf die schwarzen Berge. Seit 1710 übte Rußland eine Schutzherrschaft aus. 1797, unter Danilo I., Begründer der heutigen Dynastie, gelang die endgültige Los- reißung von der Türkei. Im Laufe des XIX. Jahrhunderts geriet Montenegro wegen Raubzügen der armen und ungebän- digten Montenegriner abwechselnd mit Österreich und mit der Türkei in Händel, die gegenüber Österreich durch russische Vermittlung beigelegt, gegenüber der Türkei mit den Waffen durchgefochten wurden. Im Berlinervertrag von 1878 erhielt das Land die Anerkennung seiner Unabhängigkeit und einige, seine Existenz erleichternde, Gebietserweiterung mit den Hafenorten Dulcigno und Antivari. Der heutige Fürst Nikolaus („Nikita“), seit 1860, geh. 1841, gab 1905 eine Verfassung nach dem Muster fortgeschrittener Staaten und bemühte sich, seine Montenegriner unter die zivilisierten Völker Europas einzureihen. Es gab 1908 in Cettinje ein Gymnasium, ein Priesterseminar, ein höheres Mädcheifinstitut und 120 Volksschulen im Lande. Seit 1910 trägt Nikita von Montenegro eine Königskrone, und Montenegro ist ein Königreich. 2. Serbien. Das slavische Volk der Serben wandert© zwischen 630 und 640 aus der Gegend des Dnjester und Pruth in die nordwestlichen Balkanländer und verbreitete sich nicht nur über das Gebiet, das wir heute Serbien nennen, sondern weiterhin in die heutige Herzegowina, Bosnien, Montenegro bis nach Albanien und Dalmatien. Einwanderung und Besitznahme hatten gewaltsam stattgefunden, doch wurden die Serben bald friedliche Ackerbauer. Seit dem VII. Jahrhundert wurde von Rom her unter ihnen missioniert, mit mehr Erfolg im IX. Jahrhundert von Konstantinopel her, und das serbische 177 — Volk kam zur griechischen Kirche. Damals suchten die den Finnen verwandten Bulgaren, die seit dem VI. Jahrhundert in der Dobrudscha und im alten Mösien, zwischen der untern Donau und dem Balkangebirge saßen, ihre Herrschaft über die ehemaligen Gebiete des niedergehenden oströmischen Reiches auszudehnen. Die Serben widersetzten sich mit Erfolg und anerkannten freiwillig die Hoheit der byzantinischen Kaiser. Als dann aber gegen Ende des IX. Jahrhunderts Byzanz selber von den Bulgaren bedrängt wurde, mußten die Serben sich ihrer Herrschaft fügen, und der Bulgarenzar Simeon (893—927) dehnte sein Reich vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meer aus. Doch war auch das nicht von Dauer ; seit 1014 war es mit der Herrschaft der Bulgaren aus. Die Serben rissen sich wieder los und wurden ein eigenes Königreich. Als dann die Osmanen, deren Niederlassung und Ausbreitung im benachbarten Kleinasien man von Konstantinopel aus mit sträflichem Gleichmut hatte gewähren lassen, ins byzantinische Reich her über griffen und die Kaiser genug zu tun hatten mit Wahrung ihrer Hauptstadt, da eroberte der Serbenkönig Stephan Duschan Albanien, Nordgriechenland mit Thessalien, Makedonien und Bulgarien. Er beherrschte fast die ganze Halbinsel und nannte sich Zar der Serben und Griechen (1336—56). Aber die Herrlichkeit des Großserbischen Reiches war, wie einst die Großbulgariens, von kurzer Dauer. Schon Stephans Sohn verlor die Eroberungen und den Titel. 1389 erlitten die Serben auf dem Amselfelde bei Kossowo eine vernichtende Niederlage durch den Türkensultan Bajazit, der einige Jahre nachher, 1396, auch den Ungarnkönig Siegmund, nachherigen deutschen Kaiser, bei Nikopolis an der untern Donau schlug. Stephan Duschan aber wurde in der Erinnerung der serbische David und sein Reich das Ideal der Jahrhunderte, woran die Serben sich immer wieder aufrichteten. Sie erhoben sich wieder im Bunde mit dem ungarischen Helden Johann Hünyadi, wurden jedoch nur vorübergehend frei, verloren trotz tapferster Verteidigung 1456 Belgrad und wurden 1459 durch Mohammed II., den Eroberer Konstantinopels, endgültig unterjocht. Seitdem gab es kein Serbien mehr, das sich selbst angehörte; alle Befreiungsversuche blieben umsonst und konnten nur türkische Brutalitäten herausfordem. Bis der Türke die Ära des Aufstieges hinter sich hatte und sein Blatt in der Geschichte sich wendete. Das großserbische Reich, 14. Jahrhundert. Schlacht auf dem Amselfelde 1389 ; Serbien türkisch. Flühmann, Vorträge. 12 Das war seit jener mißglückten Belagerung von Wien 1683, seit dem Frieden von Karlowitz 1699, wo die Türken Siebenbürgen und Ungarn an Österreich, weite Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres an Polen und Rußland, zugleich Morea, die alte Peloponnes, und Süddalmatien an Venedig verloren. Nim war die lähmende Furcht, der Glaube an die Unbesiegbarkeit des Türken gebrochen, und die Türkenkriege folgten sich rasch. Im Frieden von Passarowitz 1718 kam auch Belgrad mit dem nördlichen Serbien an Österreich. Aber schon im nächsten Krieg ging es rückwärts; im Frieden von Belgrad 1739 mußte Belgrad mit Nordserbien den Türken wieder überlassen werden. Fast hundert Jahre dauerte nun die türkische Mißwirtschaft noch weiter. Bekanntlich ließen die Türken den christlichen Untertanen notdürftig ihren Glauben, hielten sie aber, wie alle Rajahs 1 , unter schwerem Druck. In den türkischen Provinzen, auch in den wesentlich oder ganz von Christen bewohnten, durften keine Glocken geläutet werden. Die Umladung zum Gottesdienst wurde mit einer Art taktmäßigem Dreschen auf einem Brett, auf einem unmusikalischen Gong, gegeben. Nur an dem größten christlichen Feste durfte geschossen werden, weshalb denn am Ostertag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang darauf los geknallt wurde, etwa wie bei uns vordem bei ländlichen Hochzeiten, wenn es besonders hoch herging. Wehe einem Rajah, der daran gedacht hätte, eine Beleidigung an einem Türken zu rächen. Und dieser Beleidigungen gab es um so mehr, eben weil sie straflos waren. Dazu das Chaos in der Wirtschaft des Staates, der ungeheure Druck der Steuern, deren Ertrag zum großen Teil in den Taschen der Beamten verschwand, während das Land ohne Straßen, man könnte sagen ohne Weg und Steg, die Flüsse unverbaut blieben, die Städte von Schmutz starrten. Die Felder wurden nachlässig oder gar nicht bestellt. Man säte und pflanzte, was man mußte, um leben zu können ; ein Mehrertrag wäre doch von den Steuerbeamten gefressen worden. Das sind so Züge von dem, was unter türkischer Mißwirtschaft zu verstehen ist, und die natürlich nicht nur für Serbien gelten. Zu Anfang des XIX. Jahrhunderts stieg nun der Druck in Serbien ins Unerhörte, als Banden von Janitscharen das Land 1 Rajah, Herde, Bezeichnung für alle Nichtmohammedaner in der Türkei. — 179 — mit Plünderung, Raub und Mord überzogen. Selbst die regulären türkischen Beamten, die Spahis, entgingen der gesetzlosen Räuberei nicht. Sie klagten beim Sultan ; dieser drohte mit Strafen. Da rächte sich das Gesindel durch Ermordung angesehener Serben durch das ganze Land, natürlich um die Leute mürbe zu machen und ihnen das Klagen zu verleiden. In all diesem Drang verlor das serbische Volk sein Nationalgefühl nicht, sondern gewann es von neuem, und wie ein schönes Wunder erblühte gerade damals eine serbische Poesie, welche die Erinnerung an die bessern und die großen Zeiten der Vergangenheit wach hielt und den Glauben an die Zukunft stärkte. Im Jahre 1804, als das Maß der türkischen Drangsal übervoll geworden, erhoben sich die Serben. Sie fanden einen genialen Führer in dem schwarzen Georg, Czerny Georg oder Karageorg, eigentlich Georg Petrovic, geh. 1762, ein Bauernsohn, Heiduck, dann friedlicher Schweinehändler. 1 Er tat sich bei dem Aufstand bald hervor, wurde als Führer und Fürst anerkannt, vertrieb die Türken in wenigen Monaten und erstürmte Dezember 1806 Belgrad, von wo er, mit einem Senat zur Seite, das befreite Land regierte. Im Bunde mit Rußland, das 1809 einen neuen Türkenkrieg führte, eroberte er einen Teil von Bosnien und auch von Bulgarien. Die Serben lehnten aber ein russisches Protektorat ab und wurden in der Folge von Rußland preisgegeben. Der Frieden von Bukarest 1812 gewährte zwar den Serben selbständige innere Verwaltung und volle Amnestie; aber die Festungen des Landes mußten den Türken überlassen und ein Tribut entrichtet werden; die vertriebenen türkischen Einwohner kehrten in das Land zurück. Kara Georg, unzufrieden, begann den Krieg von neuem; aber er war zu wenig gerüstet und der russisch gesinnte Senat gegen ihn. So mußte er nach Österreich fliehen, wo er interniert wurde. Zwei Jahre türkischer Rachsucht hatte nun 1 In dem schweinereichen Serbien gehören die Schweinehändler zu den reichen Leuten. — In den „Süddeutschen Monatsheften“, Nummer „Balkan", September 1915, in einem Artikel „Vom serbischen Volkstum“ (Fr. S. Krauß) stand zu lesen: . . . „Kara Georg, ein landflüchtiger Zigeuner, der auf den christlichen Namen Georg hörte, und weil er seinen Vater erschossen, seinen Bruder erhängt und seine leibliche Schwester geschändet hatte, vom Volke den Übernamen Kara, der Schwarze, der Ruchlose erhielt...“ — Eine Überprüfung ist mir nicht möglich. Die serbischen Befreiungskämpfe. Der schwarze Georg, Fürst von Serbien, 1806 . i8o — Miiosch Obrenovic, Fürst von Serbien, 1817 . Das Land bleibt frei. Aus der Vorgeschichte. das Land auszuhalten. Da erhob es sich 1814 unter der Führung von Miiosch Obrenovic neuerdings. Der Friede von 1817 ließ die Türken noch im Besitz der serbischen Festungen und verpflichtete die Serben zu einem Tribut. Miiosch aber wurde erblicher Fürst und regierte das Land, mit einer Skuptschina (Landtag) an der Seite. Kara Georg ließ er ermorden. 1829, im russisch-türkischen Vertrag von Hadrianopel, wurde Miiosch ^ auch von diesen beiden Mächten anerkannt. — Zu ruhigen, konsolidierten Zuständen kam das Land noch lange nicht. Miiosch wurde 1839 wegen der Habgier und Übergriffen seiner Beamten, wegen seines eigenen gewalttätigen Egoismus und unsittlichen Lebenswandels, von der Skuptschina abgesetzt, ebenso 1842 sein Sohn. Alexander, der Sohn Kara Georgs, wurde gewählt und erlitt dasselbe Schicksal. So lösten die Nachkommen von Miiosch und Kara Georg einander im Regiment ab, und das neue Serbien machte eine schwere, unstete Jugend durch, die es der Geringschätzung des reiferen und besser geordneten Europas aussetzten. Die Regierungen schwankten zudem fortwährend zwischen russischem und österreichisch-ungarischem Einfluß hin und her. Unserer Generation sind Milan und Alexander von den Obrenovic noch wohl in Erinnerung. Milan regierte 1868—89, erlangte 1878 die * volle Unabhängigkeit von der Türkei und nahm 1882 den Königstitel an, dankte 1889 ab. Sein Sohn Alexander (geh. 1876) brachte durch seine unstete Regierung und vollends durch seine ungeschickte Heirat mit der um 9 Jahre altern Draga Maschin sich und das Land in mißliche Lage, wurde 1903 mit Draga ermordert. Mit ihm erlosch das Haus Obreno- witsch. Der heutige König Peter ist ein Enkel Kara Georgs. 3. Rumänien. Auf der Nordseite der untern Donau gelegen und geographisch nicht mehr zur Halbinsel gehörend, nahm und nimmt auch es eine wichtige Stelle in der orientalischen Frage ein. Unter dem Namen der Donaufürstentümer, Walachei und Moldau, war dieses Gebiet seit dem Aufsteigen Rußlands und dem Niedergang der Türkei ein Zankapfel zwischen beiden, woran auch das benachbarte Österreich nicht ^ uninteressiert war. Rumänien entspricht wesentlich der römischen Dacia inferior. Die Bewohner, von den Griechen Geten, von den Römern Daci genannt, thrakischen Stammes, waren als Grenznachbarn von den Römern gefürchtet. Domitian kaufte ihnen den Frieden mit einem Tribut ab, Trajan unter- r — 181 — warf sie im Jahre 107 n. Chr. Die Trajanssäule auf dem Forum Trajani war der Verherrlichung seines Sieges gewidmet. Die römische Provinz reichte von der Theiß über die Karpathen hin bis zum Dnjester. Hadrian teilte das Gebiet in die Dacia superior; ungefähr das heutige Siebenbürgen, und die Dacia inferior, dem heutigen Rumänien mit Bukowina und Bessarabien entsprechend. Um die Provinz zu sichern, verpflanzten die Römer viele römische Kolonisten dahin. Sie behaupteten den Besitz gute anderthalb hundert Jahre (107 bis 271). Aurelian, der auch anderwärts für den Schutz des Reiches zu kämpfen hatte, überließ das Gebiet 271 den andrängenden Gothen und siedelte die römischen Einwohner in großer Zahl in Mösien an. Später kamen über das Land und blieben zum Teil darin Hunnen, Gepiden, Avaren, Slawen, Bulgaren, Magyaren etc. Alles das verband sich mit den Dakorömern, und es entstand daraus das Volk der Romänen oder Rumänen, mit welchem Namen die römische Abstammung bezeic hn et sein will. Die rumänische Sprache ist ebenfalls ein Mischprodukt mit einem Grundstock aus dem römischen Volkslatein, das in der Provinz zur Geltung gekommen war, mit viel fremden, namentlich slawischen Beimischungen. Es gibt heute über 10 Millionen Rumänen, wovon nur 6—7 Millionen auf Rumänien mit seinen rund izi 000 km 2 kommen. Die rumänische Sprache reicht von der Bukowina und Bessarabien bis in den ungarischen Banat und über die Donau nach Serbien hinein. Im X. und XI. Jahrhundert bildeten sich im alten Dacien verschiedene Fürstentümer. Diejenigen auf der Westseite der Karpathen kamen mit der Zeit an Ungarn. Im östlichen Teile nannten sich zunächst die Walachen seit der Völkerwanderung Rumänen. Die Walachei, unmittelbar an der Donau gelegen, bildete zu Zeiten mit den Bulgaren zusammen ein von den byzantinischen Kaisern bekämpftes Reich, wurde aber schon 1411 der Türkei tributpflichtig. Die Moldau, mit Bukowina ^^be^ und Bessarabien, seit 1360 ein Herzogtum (Woiwodschaft), ..unter mußte sei + 1490 die türkische Lehnshoheit anerkennen. So ober- waren die Donaufärstentümer seit 1411 , resp. 1490 tribnt- 144T490. pflichtige Vasallen der Türkei und blieben es auf lange Zeit. oieDonau- Seit dem Rückgang der Türkei waren sie Gegenstand der tümer*unter Eifersucht zwischen Rußland, der Türkei und Österreich, russischem ' Protek- Unter Katharina II. war der russische Einfluß so groß, daß torat. r 182 — Aufhebung der russischen Vormundschaft. man wohl seither von einem russischen Protektorat sprechen konnte, obschon die Bezeichnung vermieden wurde. 1848 ging eine revolutionäre Bewegung durch das Land, von Rußland und der Türkei gemeinsam erstickt. Aber seitdem trachteten die Fürstentümer nach voller Unabhängigkeit, und um sie sicherer zu erlangen, nach Vereinigung. Die Türkei, welche das Land nicht verlieren, Österreich, das es bei guter Gelegenheit zu erwerben hoffte, wünschten keine Stärkung der Fürstentümer und bekämpften darum ihren Zusammenschluß. England hielt mit, um die Türkei nicht zu schwächen. Rußland war s. Z. für die Vereinigung gewesen; Katharina II. hatte sie sogar selber vorgeschlagen. Als dann aber die Rumänen den Grundsatz auf stellten, der zu wählende Fürst dürfe keiner der benachbarten großen Dynastien, Türkei, Rußland, Österreich, angehören, da änderte Rußland seine Stellung. Man glaubte, Katharina hätte ihren Günstling Potemkin auf den rumänischen Thron bringen wollen. Zu Beginn des Krimkrieges 1853 rückte Rußland sofort in die Donaufürstentümer ein, mußte sich dann aber zurückziehen, als die Gegner ihren Angriff auf die Festungen der Krim richteten. Im Einverständnis mit der Türkei hielt dann Österreich die Fürstentümer während des Krieges (1853—56) be- * setzt. Der Pariserfrieden von 1856 machte dem russischen Protektorat ein Ende und enthielt überhaupt günstige Bestimmungen für die beiden Länder. Neuerdings trat nun der Vereinigungsgedanke mächtig auf, von Napoleon III. begünstigt, der dem lateinischen Land mitten in der slawischen Welt sein Interesse und seine Sympathie zuwandte. Die Türkei, von Österreich und England sekundiert, kämpfte hartnäckig dagegen. Eine diplomatische Konferenz in Paris 1858 kam zu einem Kompromiß. Die Fürstentümer erhielten durch dieselbe eine Verfassung, wonach jedes einen Fürsten (Hospodaren) aus seiner Mitte selber wählte, dessen Bestätigung der Pforte zustand. Eine Zentralkommission sollte die gemeinsamen Angelegenheiten, Post, Telegraph etc. unter sich haben. Ein ziemlich widerspruchsvolles Ding von Trennung und Ver- ► einigung zugleich. Nun wußten die Fürstentümer sich zu helfen, indem sie 1861 beide, getrennt, aber verabredetermaßen, den Fürsten Alexander Cusa wählten. So war der Pforte eine Nase gedreht. Sie mußte sich darein finden; denn die Wahl war gesetzmäßig. r - i8Z - Lusa aber wirtschaftete leidigerweise mit reichlich eigener Fürst Schuld in wenigen Jahren ab und wurde 1866 abgesetzt. Und cusa. jetzt vollzogen die Fürstentümer, ohne jemand zu fragen, ihre Ver dauernde Vereinigung, indem sie einen Fürsten aus einer euro- ^emigung^ päischen Dynastie suchten, natürlich keinen Russen, Öster- fürsten- ^ reicher oder Türken. Der zuerst in Aussicht genommene Graf tumer 1866, von Flandern, Bruder Leopolds II. in Belgien, lehnte nachträglich ab mit Rücksicht auf Napoleon III., dem ein Sprosse des Hauses Orleans, ein Enkel Louis Philipps, zuwider war. 1 Als der Graf den Kaiser besuchte, wohl um seine Zustimmung zu erlangen, wurde er mit den Worten empfangen: „Nicht wahr, Sie nehmen die Wahl der Rumänen nicht an ?“ Dagegen stimmte Napoleon der Wahl des Prinzen Karl von Hohen- zollem-Sigmaringen zu, der mit ihm entfernt verwandt war. Der Prinz wurde vom rumänischen Volke mit gewaltigem F Nj.^ n Mehr gewählt. Als dann die rumänische Kammer auch ihrer- wähl. Karl seits mit großer Mehrheit der Volkswahl zustimmte, da ließ v< zoiiern- n " sie zum Schlüsse den Sultan und die Garantiemächte hoch ringsniM. leben, obschon man ihren Rat hübsch umgangen und über die Pariser-Kompromißverfassung hinweg gegangen war. » Zur Wahlannahme bedurfte der-'Gewählte der Zustimmung König Wilhelms I. von Preußen, des Hauptes des H ohen - zollernhauses. König Wilhelm antwortete dem Prinzen: „Du übernimmst es auf Deine eigene Kappe.“ Es war im Mai 1866. Der preußisch-österreichische Krieg wegen Schleswig-Holstein und der deutschen Einheitsfrage stand vor der Tür und wurde auf beiden Seiten vorbereitet. Es lag auf der Hand, daß Österreich, das die Vereinigung der beiden Fürstentümer bekämpft hatte, am allerwenigsten einem Hohenzollernprinzen auf dem neuen Thron zustimmen würde. Die Reise wurde für den Gewählten ein schwieriges Problem. Man schlug ihm den Umweg über Genua-Konstantinopel vor.- Aber würde die Reise durch die Türkei ratsamer sein als durch Österreich ? Prinz Karl nahm schließlich seinen Weg durch die Schweiz und Österreich, ^ natürlich incognito, unter verkleidetem Namen und getrennt von seinen wenigen Begleitern. Er erreichte unangefochten den rumänischen Boden und zog am 22. Mai 66 in Bukarest ein, von einem jubelnden Volke empfangen. — Die Weltlage 1 Sohn Leopolds I. und seiner Gemahlin, Luise von Orleans. f 184 — Die Bulgaren. war ihm günstig. Das Interesse der Höfe konzentrierte sich auf den Krieg vom Sommer 1866. Noch etliche Weile blieb Fürst Karl von den Nachbarmächten unbestätigt. 1869 besuchte er dann den Zaren in der Krim, bald darauf auch Franz Josef, und es bahnte sich in der Folge ein freundliches Verhältnis zu beiden Herrschern an. — Carol I., seit 1869 mit der Prinzessin Elisabeth von Wied (Carmen Sylva) vermählt, wurde, im Verein mit seiner hochherzigen Gemahlin, ein Segen für das Land. Schwierigkeiten stellten sich natürlich genug entgegen; aber die Rumänen blieben ihm treu und dankbar. Seiner Beteiligung am russisch-türkischen Krieg von 1877/78 werden wir noch begegnen. Er erklärte sich bei dem Anlaß unabhängig von der Pforte und nahm 1881 den Königs- titel an. 4. Die Bulgaren werden als ursprünglich finnisch-ugrischer Stamm bezeichnet. Sie tauchten gegen 500 an der Wolga auf, überschritten dann die Donau und gründeten 679 im alten Mösien und in der Dobrudscha das Bulgarenreich. Sie vermischten sich mit den Slawen, wurden slawisiert und zählen heute zu den slawischen Völkern. Das byzantinische Reich, das den Zudrang der Fremdvölker nicht abzuwehren vermocht hatte, vermochte auch kaum, sie anzugliedern und konnte sie nur zeitweise beherrschen, mußte sogar fürchten, unter ihre Herrschaft zu geraten. — Gebessert wurde das Verhältnis zwischen alter und neuer Bevölkerung durch die Mission der Kirche. Sie ging von Konstantinopel und von Rom aus, um die Wette. Den meisten Erfolg unter den Bulgaren hatten zwei Mönche von Konstantinopel, Cyrillus und Methodius. 862 ließ der Bulgarenfürst Boris sich taufen, wird darum Boris der Heilige genannt. Er wandte sich später, die Abhängigkeit von Konstantinopel fürchtend, an Papst Nikolaus um Missionare. Der Papst ging freudig darauf ein, in der Hoffnung, die neuen Christen Rom anzuschließen. Das erregte die Eifersucht des Patriarchates in Konstantinopel. Der Patriarch Photius richtete eine Anklageschrift gegen die römischen Missionare, die als „bartlose Zölibatäre“ schon äußerlich Anstoß erregten, griechische Gebräuche durch römische ersetzten etc. Dieser „bulgarische Streit“, zu anderem Streit hinzugekommen, wurde ein Hauptanstoß zur spätem Trennung der beiden Kirchen, die im Jahre - i»5 - 1054 mit Bannfluch und Exkommunikation auseinander gingen, ein Unglück von unabsehbarer Tragweite. Die Bulgaren dehnten sich im Laufe der Zeit von der Donau bis an die Tore von Konstantinopel aus. Erobernd dehnte das bulgarische Reich seine Macht auch über andere slawische Völkerschaften aus. Fürst Symeon nahm 917 den Oroß- Titel Zar an, und seine direkte und indirekte Herrschaft bu 's anen - reichte vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meer. Er bedeutet das goldene Zeitalter Altbulgariens, auch seiner Sprache und Dichtung. Aber die Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Schon unter Symeons Sohn und Enkel trat der Niedergang ein, durch innere Störungen befördert. Ostbulgarien kam 1014 an das byzantinische Reich, später auch Westbulgarien. Der siegreiche Kaiser Basileios II. wurde mit dem Titel „Bulgarentöter“ ausgezeichnet. Die oströmische Herrschaft dauerte bis 1186. Da rissen die Bulgaren, unter walachischen Führern, sich los und bildeten mit einem walachischen Stamm zusammen das walachisch-bulgarische Reich der Asaniden. Nach 100 Jahren mußte dieses einer Tatarenherrschaft weichen.- Die frühere Blüte wurde nie wieder erreicht, und das bulgarische Volk, durch die vielen Kämpfe geschwächt, wurde 1391 die Bulgarien Beute der Türken und blieb am längsten von allen Balkan- u i39i s . c Völkern in ihrer Gewalt, bis zum russisch-türkischen Krieg von 1877/78. Fassen wir rückblickend zusammen: 1389 Serbien mit Montenegro, 1391 Bulgarien, 1411 die Walachei, 1453 Konstantinopel, 1456—62 Griechenland 1 , 1490 die Moldau, so ist im Laufe eines Jahrhunderts, von 1391 —1490, die gesamte Balkanhalbinsel, die Donaufürstentümer hinzugenommen, türkisch geworden. Es war im Aufstieg der Türkei. — Montenegro 1797, Serbien 1814/17, Griechenland 1 1829, Rumänien 1856, resp. 1878, Bulgarien ebenfalls 1878, so sind die christ- hohen Balkanvölker in weniger als einem Jahrhundert, 1797 bis 1878, von der Türkei frei und selbständige Staaten geworden. Es war im Niedergang der Türkei. — Ein erstes wichtiges Stück orientalische Frage war oder schien damit gelöst. Weisen wir zum Schlüsse, um Geschehenes und heute graphische Geschehendes verständlicher zu machen, darauf hin, daß es ^sse. 4 1 Wir reihen Griechenland hier vorgreifend ein. 186 — Die Kirche in den Balkanstaaten. kaum eine zweite Region in Europa geben wird, die ein so buntes ethnographisches Durcheinander darstellt wie die Balkanhalbinsel. Unser Bündnerland bietet im kleineren Maßstabe ein ähnliches Bild, wo man ein romanisches Dorf mitten in sonst völlig deutschem Sprachgebiet antrifft und vice versa; wo katholische und protestantische Talschaften und Dörfer mit einander wechseln. Es gibt ja wohl Gegenden in der Balkanhalbinsel, wo eine Nationälität in entschiedener Überzahl sitzt, wie die Griechen in einigen Teilen ihres Landes und in den Küstenstädten, die Bulgaren im mittlern Bulgarien, die Serben im eigentlichen Serbien, die Türken in der innern, asiatischen Türkei. In weiten Gebieten aber wohnen diese Nationalitäten durcheinander. So wird man in dem besonders bunten Makedonien aus einem, durch einen Chor von Hunde- gebeli schon von weitem gekennzeichneten türkischen Dorf in ein griechisches, dann in ein bulgarisches, hin und wieder auch in ein serbisches oder sonstiges slawisches, sogenannt makedo-slawisches Dorf kommen. — Einheitlich steht über den christlichen Nationalitäten die orthodoxe Kirche mit dem Patriarchat in Konstantinopel, das sie alle zusammenfaßt. Doch ist auch die Kirche wieder national gegliedert. Nach dem Grundsatz, wo ein Fürst ist, da ist ein Patriarch, gibt es eine griechische, eine serbische, eine montenegrinische, eine bulgarische und eine rumänische Kirche, jede mit ihrem Patriarchen, der vom ökumenischen in Konstantinopel jeweilen zu bestätigen ist und von ihm das heilige Salböl zu beziehen hat. So gibt, in Glauben und Kultus einheitlich, doch auch die orthodoxe Kirche wieder zu Reibungen und Eifersucht Anlaß, indem jede Nationalität für ihre Kirche, für ihre Sprache wirbt. So ganz besonders in Makedonien und Ostrumelien. Die bulgarische Kirche hat ihren Nationalismus sogar bis zur Ablösung von dem allgemeinen Patriarchate getrieben und gilt darum heute als schismatisch. Kirchensprache ist das noch allgemeine Altslawische, in Rumänien seit dem 17. Jahrhundert das Rumänische. Um die Buntheit noch um einige Töne zu bereichern, gibt es auch bulgarische, serbische etc. Mohammedaner und ein Häuflein christlicher Türken. - 187 - IX. Die orientalische Frage. t Der kranke Mann am Bosporus und der griechische Befreiungskrieg. Last not least unter den Balkanstaaten Griechenland. Nachdem es im II. Jahrhundert v. Chr. seine politische Selbständigkeit an Rom verloren, erfreute es sich noch längere Zeit einer schönen Nachblüte in Kirnst und Wissenschaft. Schon im apostolischen Zeitalter kam das Christentum ins Land, Einfluß nicht bloß ausübend, sondern auch erfahrend, wie das bei dem hohen Kulturstand der Empfangenden nicht anders sein konnte. Für Kunst und Wissenschaft bedeutete der neue Glaube keine Förderung; er sah darin vorderhand nur Heidentum. Nachmals kamen die dunkeln Zeiten der . Völkerwanderung. Schon 267 n. Chr. zogen Gothenschwärme ' mit Plünderung, Raub und Verwüstung bis nach Athen. Alarichs Westgothen drangen 395—97 sogar bis in den Pelo- ' ponnes vor. Im VI. und VII. Jahrhundert folgten Bulgaren- und andere Slawenschwärme, die sich z. T. im Lande niederließen. Auch die 1 Festungen Kaiser Justinians vermochten sie nicht abzuwehren. Nach all diesen rauhen Zeiten war das nie reich gewesene, bergige, meist auf Kleinviehzucht und kleinen Ackerbau angewiesene Land vollends verarmt. Mit der Pflege von Kunst und Wissenschaft war es nun lange vorbei; der einzige geistige Besitz war noch die Kirche. Selbst der Name Hellas verschwand; die Hellenen hießen nun Rhomäer. So in der byzantinischen Zeit. Während der Kreuzzüge hörte dann die schon vorher bedeutungslos gewordene oströmische Herrschaft in weiten Teilen griechischen Landes faktisch auf. ► Unter dem 1204 entstandenen lateinischen Kaiserreich gab es ein Königreich Thessalonich, ein Herzogtum Athen, ein Herzogtum Achaia und ein Herzogtum der Inseln, unter abendländischen Fürsten, die sich zum Teil über das lateinische Kaisertum (1204—61) hinaus erhielten. Die Jahrhunderte gingen ihren öden Gang. Und dann kam die Osmanische Zeit. Nachdem Moham- Abriß der Vorgeschichte 188 — medll. 1453 Konstantinopel genommen, unterwarf er 1456—62 endgültig auch die ganze südliche Halbinsel. Nur die Venetianer behaupteten sich, vom vierten Kreuzzug her, noch auf Euböa, Kreta und den mittlern Kykladen, die Johanniter oder Rho- diser bis 1522, wo Suleiman II. sie vertrieb, auf Rhodos und einigen kleinen, benachbarten Inseln, während Lesbos und die thrakischen Inseln Thasos, Lemnos, Imbros den Türken, ihre Bewohner zum großen Teil der Sklaverei verfielen. Noch vor Ende des XV. Jahrhunderts verlor Venetien auch Euböa, 1669 mit Kreta seine letzte größere Besitzung in der ehemals griechischen Welt. Ganz Hellas war türkisch geworden. Nun war das Türkenreich nie ein geschlossener Einheitsstaat mit einheitlicher Organisation. Despotenlaunen vergaben nach Belieben Gunst und Privilegien. Auch einige griechische Inseln erfreuten sich einer verhältnismäßig glücklichen Stellung, hatten eigene Verwaltung mit selbstgewählten Gemeindebeamten, durften Kirchen und Klöster bauen, mit Glocken zum Gottesdienste läuten und hatten sogar das Vorrecht, keine Türken unter sich zu dulden. Auf der Halbinsel selber dagegen wie auf dem Festlande, hatte, nach türkischem Recht, der Sultan allen Grund und Boden als sein Eigentum erklärt. Nur in wenigen Städten, in Attika und Euböa gab es ausnahmsweise noch Grundbesitzer außer dem Sultan. Das meiste Land war also türkische Domäne; die Bauern bearbeiteten sie und hatten den Zehnten zu entrichten. Der Druck der türkischen Beamten, ihre Habsucht und Korruption sorgten dafür, daß Arbeitsfreudigkeit und Wohlstand nicht aufkamen. Die ihres Grund und Bodens beraubten Griechen wandten sich seit der türkischen Herrschaft mehr und mehr dem Handel zu, für den der Türke im allgemeinen weder Schätzung noch Geschick hat. Es kam im XVII. Jahrhundert, wenigstens in einigen Hafenorten, wieder zu einer bescheidenen Blüte, während das Land im ganzen bettelarm war. Schulen gab es so gut wie nicht mehr. Nichts mehr hielt das Griechenvolk zusammen als die Kirche und die Sprache. Aber die Kirche, das einzige, das dem bedrückten Volke zu eigen geblieben, woran es mit glühender Inbrunst hing, versteinerte, und die Sprache, die es alleine noch mit seinen Dichtern und Philosophen verband, verkam mehr oder weniger; sie konnte sich dem Eindringen slawischer und türkischer Elemente nicht entziehen. i8y — Ein erster Lichtblick nach langer Hoffnungslosigkeit ging 1683 auf, als Kara Mustapha von Wien abziehen mußte. Alsbald begann Venetien den Kampf um Morea (Peloponnes) wieder, von den rauhen Nachfahren der alten Spartaner, den Mainoten, unterstützt; die Halbinsel wurde gewonnen, auch Navarino und Korinth. Eine venetianische Flotte erschien im Piräus. Der Kampf um Athen entbrannte. Propyläen und Parthenon standen damals noch wohl erhalten, und Pallas Athenes prächtiges Jungfrauenhaus war inzwischen ein christliches Jungfrauenhaus, eine griechische Marienkirche geworden. Jetzt hatten die Türken ein Pulvermagazin darin. Eine venetianische Bombe schlug hinein (1689) und sprengte den Tempel von der Mitte aus in die Luft. Was der Verwüstung der Westgothen und anderer Barbaren entronnen, das ward jetzt von seinem Geschick erreicht. Die seltsam zerrissene heutige Gestalt des Parthenon, dessen beide Schmalseiten relativ intakt sind, erklärt sich aus diesem Vorgang. Athen konnten die Venetianer nicht behaupten. Aber Morea wurde ihnen im Frieden von Karlowitz 1699 abgetreten. Venedig bemühte sich alsbald um Hebung der Seidenzucht und des Weinbaues, des materiellen Wohlstandes überhaupt. Aber es gab adelige griechische Herren, denen es unter der gesetzlosen Willkür des Halbmondes besser gefiel als unter dem geordneten, strammen Regiment der Herren von Venedig. Sie stachelten die Türkei auf; 1714 erklärte sie Venedig den Krieg, der die Halbinsel in grausamer Weise verwüstete. Im Frieden von Passarowitz 1718 wurde Morea wieder türkisch. Venedig, selber im Niedergang, hielt sich von nun an zurück. Seit Katharina II. war es dann Rußland, das sein Augenmerk auf den Balkan gerichtet hielt. Aber Katharinas Türkenkrieg von 1770 brachte den Mainoten keinen Erfolg, obschon sie sich wieder erhoben hatten. Gleichwohl gewöhnten sich die Griechen, wie die andern christlichen Balkanvölker, in der Folge daran, Hülfe von dem glaubensverwandten Petersburg zu erhoffen. Die Türkei verfiel indessen auch anderwärts, und nicht nur bei den christlichen Halbmondvölkern, der Auflösung. Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts trat dieselbe nachgerade in ein chronisches Stadium. Mehemed Ali, geh. 1769 zu Kävala, ein makedonischer Tabakhändler, war 1798 als Unteroffizier mit den gegen Mehemet All in Ägypten. — IYO — Napoleon geschickten Truppen nach Ägypten gekommen, war dort als tüchtiger Soldat und schlauer Kopf rasch empor gestiegen, zum Pascha und 1805 zum Vizekönig. Zwischen 40 und 50 Jahren lernte der so Hochgestiegene lesen und schreiben. In echt orientalischer Art entledigte der neue Vizekönig sich der Mamelukenbeis, die bisher eine bedeutende Stellung im Nillande eingenommen. Er lud sie in die Zitadelle von Kairo und ließ sie dort en gros abschlachten. Nach türkischem Rechte erklärte er den Fruchtboden des Niltales als sein Eigentum, ließ ihn durch Pächter bearbeiten und machte ebenso die einträgliche Baumwollfabrikation zu seinem Monopol. So gewann er reiche Mittel und benutzte sie zur Stärkung seiner Macht. Durch französische Offiziere ließ er die niedern Eingebornen des Landes, die Fellas oder Fellachen, die bis dahin nicht viel anders als Sklaven gewesen, nach europäischer Weise einexerzieren und schuf sich ein Heer und eine Flotte nach europäischem Muster. Dann zog er, im Auftrag des Sultans, gegen die unbotmäßigen Wahhabiten in Arabien, eine Art protestantischer Sekte des Islam, und erhielt zum Lohn das Paschalik Mekka, was ihm hohes religiöses Ansehen verlieh. 1820—22 eroberte er Nubien, den östlichen Sudan, Kordofan etc. Er war jetzt schon mächtiger als sein Oberlehensherr, der Sultan in Konstantinopel, versäumte aber, als echter Orientale, ihm gegenüber nie die herkömmlichen, devoten Formen des Vasallen. Um dieselbe Zeit hatten Montenegro und Serbien sich A” bereits los gemacht, und der Satrap Ali Pascha in Janina y Epirus, wandelte auf den Wegen des ägyptischen Vizekönigs. Ebenso begabt wie rücksichtslos, schuf er sich aus Albanien, Epirus, Thessalien und Südmakedonien ein kleines Despotenreich, zog mit seinen Reformen auch die Aufmerksamkeit der Griechen auf sich. Die albanesische Fustanella wurde sogar zur griechischen Nationaltracht, Janina zur glänzendsten Griechenstadt. Der Sultan mißtraute der Vasallentreue des Paschas. Schon zu nahe war ihm die Abbröckelung an den Leib gerückt. Er ging gegen Ali energisch vor, konnte ihn durch List in seine Gewalt bringen und ließ ihn ermorden, 1822. Mahmud II. (Sultan 1808—39) sah wohl ein, daß auch er sein Heerwesen umgestalten mußte. Dem aber widersetzten sich, wie schon seinen Vorgängern, die Janitscharen (neue Truppe) 1330 gebildet, zuerst aus Kriegsgefangenen, später von auserlesenen Jünglingen, die man als Knaben möglichst früh ihren christlichen Eltern geraubt und fanatisch mohammedanisch erzog. Die Janitscharen wurden die privilegierte und Auflösung gefürchtetste Truppe der Sultane und maßten sich mit der tscfi'aren" Zeit eine Art Prätorianerstellung an. Wie einst die Strelitzen Peters des Großen, wollten sie die militärischen Neuerungen nicht leiden und scheuten zur Behauptung ihres Privilegs auch nicht vor dem Sultanmorde zurück. Mahmud kam ihnen zuvor, löste das bei 100,000 Mann zählende Corps auf und ließ ihrer 10,000 in Kasernen einsperren und verbrennen, 1826. 1 Von da an durfte man vor dem Sultan nicht einmal mehr den Namen Janitscharen aussprechen. Zur Erneuerung des türkischen Heerwesens berief Mahmud 1835 Helmut von Moltke, den nachmaligen großen deutschen Generalstabschef und Strategen. Wir haben diese Dinge vorweg genommen um später die Erzählung nicht unterbrechen zu müssen. Nun kehren wir zu Griechenland zurück, verweilen aber, bevor wir in den Freiheitskampf eintreten, noch bei gewissen wichtigen Faktoren, die wir oben nur zum Teil berührt haben. Einmal die griechische Kirche. Wir haben sie erstarrt Von der genannt. Das war sie ohne Zweifel. Zu Beginn der Refor- g Klrche Ch ‘ mation hat man der römischen Kirche die Unwissenheit der Priester und Mönche vorgeworfen. Noch viel schlimmer war das bei der griechischen Kirche und mußte es sein, angesichts der fast allgemeinen Armut und in dem fremdgläubigen Türkenreich! Selbst in den Städten waren die Priester auf ein elendes, meist von freiwilligen, almosenmäßigen Spenden abhängiges Einkommen angewiesen und um so beengter daran, da sie verheiratet waren und Familie hatten. Sie konnten fast m der Regel nur eben ordentlich lesen und schreiben. Der überwiegend zeremonielle Gottesdienst war durch Übung zu lernen und wurde mit aufrichtigster Andacht gepflegt. Wenn man in kleinen Städtchen oder Dörfern einen Priester nötig hatte, so kamen die Männer der Gemeinde zusammen und wählten einen aus ihrer Mitte, der ordentlich lesen konnte und mit seinem Lebenswandel keinen Anstoß gegeben hatte. Vom 1 Alles Unglück, was später den Sultan und die Türkei traf, betrachteten die altgläubigen Türken als Strafe für den Frevel an den Janitscharen und ihre Auflösung. Von den Fanarioten. — I92 — protestantischen Abendlande aus wurde in der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts versucht, die griechische Kirche aufzuwecken. Die Griechen nahmen das sehr übel auf, und 1643 wurde zur Abwehr ein griechisches Glaubensbekenntnis erlassen, unterzeichnet von den Patriarchen von Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem und Alexandrien. Diese Patriarchate bestanden alle von den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche her, durch ihren Ursprung und ihr Alter ehrwürdig ; das war ihr Stolz und der Fels, auf den sie pochten. — Die Patriarchen, auf komplizierte Art gewählt, mußten letztlich vom Sultan bestätigt werden. Der von Konstantinopel war, als ökumenischer Patriarch, nominell über die andern gesetzt; alle mit einander waren sie, schon durch die Bestätigung, vom Sultan abhängig. Sie waren diesem ein Regierungsmittel, dessen er sich bediente, um die dem türkischen Regiment widerstrebenden Christen gefügig zu erhalten. Gleichwohl bedeutete die griechische Kirche, eine geschlossene, dem Namen nach selbständige Organisation, in der Tat mehr als die abendländischen Kirchen. Sie besaß auch bürgerliche Kompetenzen und durfte nach eigenem Ermessen, das hieß in den meisten Fällen, nach dem Gutdünken der Patriarchen und ihrer Organe, Steuern erheben, was leider häufig kaum minder als von den türkischen Beamten zur Ausbeutung mißbraucht wurde. Da die Patriarchen in Konstantinopel in der Regel oder immer Griechen waren und ihre kirchliche Stellung gegenüber der nichtgriechischen christlichen Bevölkerung zur Propaganda für das Griechentum benutzten, so waren sie bei Serben, Bulgaren etc. fast allgemein verhaßt. Neben den Patriarchen waren es noch die Fanarioten, die das Griechentum bei den Nichtgriechen, Slaven, Bulgaren, Rumänen, verhaßt machten. Sie hatten ihren Namen von dem Stadtteil Konstantinopels beim Fanal 1 oder Fanar. Dort wohnten die Nachkommen der vornehmen griechischen Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels 1453 vom Sultan verschont geblieben waren. Durch Kenntnisse und Reichtum, den manche von ihnen als Großkaufherren zu erwerben oder zu mehren wußten, gelangten sie zu bedeutendem Ansehen und wurden der Pforte sozusagen unentbehrlich. Sie stellten dem 1 Fanal, Leuchte, Leuchter, Leuchtturm, in der Nordwestecke der Stadt, am goldenen Horn. — 193 — Sultan die Dragomanen, später auch die Hospodaren (Herren), Statthalter fürstlichen Ranges in den Donaufürstentümern. Die Fanarioten gerieten leicht, sowohl der christlichen Bevölkerung wie den Türken gegenüber, in schiefe Stellung. Manche dieser hohen Herren waren gegen das niedere Volk, zumal das nichtgriechische, nicht weniger selbstsüchtig und rücksichtslos als die Türken, und weil sie Christen waren, wurde ihr griechischer Hochmut um so weniger gern ertragen. Es kam auch faktisch vor, daß der fanariotische Adel für die Erhaltung der ihm profitabeln türkischen Zustände eintrat, wie wir oben vom Adel in Morea hörten. Leicht wurden sie übrigens durch ihre Stellung zwischen dem Volke und dem Großherm diesem verdächtig, so daß er mit kurzem Verfahren ganze Familien ausrottete. Das Kleptenwesen, eigentlich Diebswesen , 1 ist auch so ein Faktor, der seine Rolle spielte. Was darunter zu verstehen ist, haben wir in Italien il brigantaggio, zu deutsch Räuber-, Banditenwesen genannt. Im türkischen Griechenland stand es in edlerer, patriotischer Beleuchtung, sogar in religiösem, kirchlichem Glanze; denn es war gegen den barbarischen Despoten gerichtet, der das griechische Vaterland knechtete, und gegen den falschen Gläubigen des Propheten, den Feind Gottes und der heiligen Kirche. Das Kleptentum hat in den christlichen Ländern der Türkei mehr oder weniger wohl immer bestanden. Es kündete Aufstände an, indem es ihnen voraus ging, und gedieh als Nachblüte, wenn sie niedergeworfen waren. Besonders bei dem niedern Volke genossen die Klepten Sympathie und heimlichen Vorschub. Mancher Kleptenführer erschien als Held, sogar als Heiliger, wenn er die religiösen Formen wohl zu wahren wußte. Daß das Kleptentum ein gefährliches Ding war und der Wucherboden für viel gemeines Raubzeug, liegt auf der Hand. Ein Staat, der auf sich hält, kann es nicht dulden. Wo er gesund ist und seine Aufgabe erfüllt, kann es nicht verkommen. Wie die Pilze gedeiht es da, wo etwas modert und fault, oder wo der Staat selber ein Räuber und Dieb ist . 2 1 Klepto, ich stehle; kleptes, Dieb, Klephte und Klephtentum ist eine mißbräuchliche Lesart. 2 Noch ein Wort aus der persönlichen Erinnerung der Vortragenden über das patriotische Lied und den oft damit verbundenen Volkstanz, wie sie es bei den Neugriechen in Makedonien gehört und gesehen. Das Lied meist Flühmann, Vorträge. 13 Vom Kleptentum. — 194 — Die Nun zu den Ereignissen . 1 Die Griechen, das einzige christ- seit der liehe Volk der Türkei, das eine eigene große Erbschaft besaß, zöSscüen die es aber längst vergessen, dessen materielles und geistiges Revolution. ^Eben seit Jahrhunderten versunken schien, dieses griechische Volk wurde gegen Ausgang des XVIII. Jahrhunderts vom Wellenschlag der französischen Revolution erreicht und erwachte. Wie einen Auferstehungsruf vernahm es die Proklamation der Menschenrechte. Liberte, egalite, fratemite, das verhieß eine neue Welt, die Verwirklichung christlicher Ideale. Nun ging es wie Frühlingsbrausen durch die Herzen. Und bald rührte sich geistiges und politisches Leben aller Orten. Reiche Griechen des In- und Auslandes riefen Erziehungsanstalten und Schulen ins Leben. 1798 erhielt Griechenland seine Marseillaise: „Auf, Ihr Söhne der Hellenen; die Stunde des Ruhmes ist da.“ Das neue literarische Leben, das anhob, Die Philo- fand seinen Mittelpunkt in dem Bunde der „Philomusen“ dteHetärie, (Musenfreunde), der 1812 in Athen gegründet wurde. Prä- 1812 u. 14. s ident Graf Kapodistrias aus Korfu, als Sekretär des Auswärtigen in russischen Diensten und in hoher Schätzung bei Kaiser Alexander. Die Philomusen waren oder schienen eine harmlose literarische Gesellschaft; 1814 aber wurde in Odessa, wo es eine starke Griechenkolonie gab, die „filike Etereia“ (Freundschaftsbund) gegründet, ein politischer Geheimbund wie die Carbonari in Italien, der sich bald überall hin er- kunstlos, auch wohl poesiearm, volksliedmäßig; der Dichter oft unbekannt. Ergreifende Klage, der Aufschrei gequälter Mensdfeen, Empörung, glühende Liebe zum Vaterlande, glühender Haß gegen den fremden Tyrannen, flammender Aufruf zu Rache, Kampf und Freiheit, das war das patriotische Lied der makedonischen Neugriechen. Die Melodie meist improvisiert, so kunstlos wie der Text, mit diesem oft aus einem Guß. Die griechischen Knaben und Mädchen haben mehr angebornen ästhetischen Sinn als unsere Schweizerjugend; aber beim patriotischen Lied gab es stets nur fortissimo. — Bei festlichem Anlaß mit dem Lied verbunden der reigenmäßige Tanz, der mit unserem Rundtanz zu Zweien nichts zu tun hat, sondern ohne Zweifel der antiken Welt entstammt. Der Orient ist ja bislang eine viel konservativere Welt gewesen als die unsrige. Da tanzen nun 10, 20, 30 Knaben oder Mädchen — so viel ich gesehen, nie gemischt — mit gefaßten Händen; der Führer oder die Führerin des Reigens improvisiert die rhytmischen Bewegungen nach Melodie und Text; die andern wiederholen oder antworten. Das alles mit feuriger, ja religiöser Begeisterung, wie David vor der Bundeslade her tanzte. Jacques Dalcroze-Methode ohne Jacques Dalcroze und lange vor ihm. 1 Das Folgende wesentlich nach A. Stern. - i95 - streckte, wo es Griechen gab. Das junge Griechenland, das sich jetzt zu Taten rüstete, schäumte über in Hoffnungen und überstieg sich in Plänen. Es wollte nicht bloß das kleine Vaterland der ruhmreichen Ahnen vom Türkenjoch befreien, sondern das Türkenreich ersetzen durch ein großes Griechenreich, mit Konstantinopel als Hauptstadt. — Zuerst suchten die Griechen im Anschluß an Serbien vorzugehen; aber Kara Georg, bereit, darauf eingehen, wurde von seinem Rivalen Milosch ermordert, der nichts von den Griechen wissen wollte. Nun wurde die Fahne des Aufruhrs von der Hetärie in Odessa zuerst entfaltet. Der Präsident, Fürst Alexander Ypsilanti, ein Fanariot, Adjutant Kaiser Alexanders, hoffte auf dessen Hülfe, da er der Liebling des Zaren war oder zu sein glaubte. Die Zeit schien günstig, denn eben lag Sultan Mahmud II. im Streit mit Ali Pascha in Janina. Vollends angeregt durch den Aufstand in Neapel und seinen Erfolg, ging Ypsilanti mit kleiner Begleitung im März 1821 über den gefrorenen Pruth, d. h. über die damalige türkische Grenze und rief in Jassy und dann in Bukarest die Hellenen zum Kampfe wider „die Nachkommen des Dareios und Xerxes“. Aber in den Donaufürsten- tümem gab es wenig Griechen, und bei den Rumänen waren die fanariotischen Hospodaren verhaßt und die Griechen mit ihnen. Nur wenige Rumänen taten mit. Kaiser Alexander aber geriet durch das Unternehmen in schiefe Stellung gegenüber dem Kongreß in Laibach und erteilte Ypsilanti einen scharfen Verweis. Im Juni 1821 wurde die kleine „heilige Schar“, etwa 8000 Mann, von einer starken türkischen Macht zersprengt. Der eitle Ypsilanti, zum Führer untauglich, ließ die Seinen im Stich und floh über die österreichische Grenze. In dem Österreich Metternichs und des Kaisers Franz kannte man keine Sentimentalität für Revolutionäre. Ypsilanti kam in harte Festungshaft (Muncacs, Theresienstadt), aus der ihn erst die Fürsprache des neuen Zaren Nikolaus I., unter veränderten Verhältnissen, nach sechs Jahren befreite. Das Jahr darauf starb er. Dieser erste Erhebungsversuch war zu naiv unternommen und mußte mißlingen. Aber da flammte der Aufstand zur rechten Stunde in Morea auf und griff bald nach Theben und Athen und dem übrigen Mittelgriechenland über. Wahre Wunder verrichteten die ägäischen Inselgriechen, vorab die kleinen Inseln Hydra und Spetsa südlich von Argolis und Alexander Ypsilanti; erste Erhebung. — ig6 — Massacre in Konstan- tinonel mi. Psara 1 bei Chios, wo eine reiche Kaufmannschaft saß. Sie waren im Besitze einer ziemlichen Anzahl heimlich ausgerüsteter und bewaffneter Fahrzeuge. So stand in kurzer Zeit ganz .Griechenland in Flammen. Der Sultan hatte sich von dem Aufstand überraschen lassen und fuhr nun wütend los. Über die Griechen in Konstantinopel erging ein Massacre, eröffnet am Ostermorgen 1821 damit, daß der Patriarch Gregor in vollem Ornat, wie er soeben die nächtliche Messe zelebriert hatte, am Portal seiner Kirche aufgehängt wurde. Er war dem Großherrn verdächtig geworden, obschon er s. Z. den Fluch über Ypsilanti geschleudert hatte. Nach drei Tagen wurde die Leiche einer Schar fanatischer Juden überlassen, die sie durch die Straßen schleiften und ins Meer warfen. Drei andere Metropoliten hatten ein ähnliches Schicksal. Wie auf Kommando fiel die losgelassene türkische Bevölkerung über die griechische her. Kirchen wurden verwüstet, Häuser geplündert, die Menschen gemordet, alles zu Allahs Ehren. „Der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn“. In der Provinz wurde dem Beispiel der Hauptstadt Folge geleistet. Im Oktober 1821 gelang es dann den Peloponnesiern, die türkische Hauptstadt Tripolitsa im alten Arkadien zu nehmen, und nun nahmen sie ebenbürtige Rache. 30,000 türkische Einwohner sollen sie niedergemacht haben, auch Frauen und Kinder. „Das wahnsinnige Mordfest dauerte drei Tage; der Pesthauch der vielen Leichen erzeugte unter den Siegern eine furchtbare Seuche.“ (Th. Flathe). Weil die Türkei spät aufgestanden war, hatten die Aufständischen einen Vorsprung. Aber es fehlte an einheitlicher Zusammenfassung der Kräfte, und man bedurfte dringend einer Regierung. Und nun kam die Erbsünde der Griechen zum Vorschein. Hatten sie, wie nachher namentlich manche enttäuschte Philhellenen klagten, nicht viel Gutes von ihren berühmten Vorfahren bewahrt, den Partikularismus, der Altgriechenland zu Grunde gerichtet, den hatten sie. Statt einer Regierung gab es deren bald drei, mit mehr oder weniger hochtönenden antiken Namen, eine im Osten, eine im Westen, und eine im Süden, in Morea. Um die Einheit herzustellen, trat 1822 ein panhellenischer Kongreß zusammen. Er tagte in 1 Psara, die größte, 90 Q km, Baselstadt 36, Kt. Zug 240 □ km. — 197 — einem Orangengarten unweit der Ruinen des alten Epidauros, wo es einst einen berühmten religiösen Kurort neben einem ebenso berühmten Tempel des Heilgottes Asklepios gegeben hatte. Von hier sollte nun das Heil Neu-Griechenlands ausgehen. Der Kongreß beeilte sich, die Unabhängigkeit von der Türkei und eine Verfassung, „das organische Statut von Epidauros“, zu proklamieren, Januar 1822. Die Eide von Athen wurde als Landeswappen, Blau-Weiß als Landesfarben, Korinth als Hauptstadt bestimmt. 1 Die neue Verfassung war natürlich ultraliberal; anders tat Neuhellas es nicht. „Es war der neueste, feinste Sproß westeuropäischer Kultur, auf einen wilden Stamm gepfropft,“ sagt Th. Lindner. Aber es standen noch schwere Zeiten bevor. Wir müssen verzichten, den Kampf des nähern zu verfolgen. Es genügen einige Hauptmomente und Hauptgreuel. „Das paradiesische Eiland“ Chios, „Nadelgut einer türkischen Prinzessin“, war die begünstigteste, reichste und glücklichste unter den griechischen Inseln ; sie hatte mäßige Abgaben, eigene Verwaltung, eigene bürgerliche Richter; die städtische Bevölkerung war reich durch Schiffahrt und Handel, die Dörfer durch ihre Obst- und Weingärten und durch das Sammeln des Mastixharzes für die Bedürfnisse des großherrlichen Harems. Die Insel hielt sich lange von der griechischen Bewegung zurück, zufrieden, wenn sie in Ruhe und Frieden gelassen wurde. Aber gerade ihre reichen Mittel hätten die Aufständischen in ihren Dienst ziehen mögen. Im März 1822 landeten 2500 Sander. Die osmanische Wache zog sich in die Zitadelle zurück, wo sie sich wohl halten konnte. Die Sander plünderten das Zollamt, ermordeten türkische Gefangene und zündeten Moscheen an. Dann pflanzten sie unter dem Zuströmen der neugierigen Bauern die griechische Freiheitsfahne auf, dunkelblau mit dem griechischen Kreuz über dem Halbmond, und zu ihren Ehren erpreßten sie Geldsummen von den erschrockenen Städtern, die vor ihren un- gerufenen Befreiern flüchten wollten. Das alles wurde natürlich durch die Fama ins Mehrfache vergrößert. Und dann erschien an einem Apriltag die türkische Flotte vor Chios. Der Kapudan 1 Nach dem Bericht eines deutschen Philhellenen bestand Korinth damals aus einigen massiven Steinhäusern in der Nähe der Akropolis, der Rest unfertige oder verbrannte Strohhütten, verwilderte Gärten und Felder. Die Katastrophe von Chios, April 1822. Die Rache. — 198 — Pascha, Marineminister und Großadmiral zugleich, schiffte 7000 Mann aus, und Amnestie versprechend, entwaffnete er die Insel. Dann ließ er, wortbrüchig, seine Horde auf die wehrlose Bevölkerung los. Was folgte, widerstrebt der Schilderung. Viele tausend wurden abgeschlachtet, bis die Schlächter selber müde waren, Zehntausende, vorherrschend Frauen und Kinder, nachdem man alle Barbarenlust an ihnen befriedigt, für die Sklavenmärkte Asiens und Afrikas verschifft. Von 100000 Einwohnern sollen 20000 übrig geblieben sein. 1 Der spätere österreichische Gesandte in Athen, Prokesch, besuchte nach Jahren die Insel und fand noch überall die Spuren der Verheerung. „Das schöne chiotische Mädchen aus vornehmem Hause, das er als Kebsweib eines Jani- tscharen erblickte, „verkörperte in seinem stillen Schmerz das jammervolle Los Ungezählter“ (A. Stern). Der Mord und die Bestialitäten von Chios schrien zum Himmel. Der Psariot Kanaris und 42 Gefährten gelobten auf die Hostie, mit Einsetzung des Lebens Rache zu nehmen. In der Nacht vom 18. zum 19. Juni gelang es ihnen, mit zwei Brandern mitten unter die türkische Flotte zu gelangen und die Brander an das Admiralschiff zu heften, während der Admiral mit den Offizieren eben die karnevalsmäßige Eröffnung des Beiramfestes feierte. Die Pulverkammer explodierte, und das Schiff flog mit 3000 Mann in die Luft. Der Kapudan Pascha, von einer stürzenden Segelstange tötlich getroffen, wurde aufgefischt und ans Ufer gebracht, wo er „verendete“. Die kühnen Psarioten entkamen glücklich und wallten in Psara barfuß zur Kirche, Gott den Dank darzubringen. Die türkische Flotte verkroch sich in den Hellespont. — Über das verhaßte Psara aber erging 1824 eine ähnliche Mörderei wie über Chios; 17 000 seien auf der kleinen Insel erschlagen worden. Die letzten Verteidiger sprengten sich mit Frauen und Kindern und 2000 Türken in die Luft. Der Hafen wurde mit Steinen gefüllt; Psara sank in der Folge zum Piratennest herab. Die entkommenen Psarioten gründeten das heute bedeutende Hermupolis auf Syra. 1 Chios, 827 □ km (Solothurn 791 □ km), habe heute nur etwa 60,000 Einwohner, hätte demnach die frühere Blüte nicht wieder erreicht. Es ist dabei wohl auch an das Erdbeben von 1881 zu denken. 199 — Die Katastrophe von Chios und ähnliche Ereignisse hatten zur Folge, daß es den Griechen ein Dogma wurde, unter keinen Umständen und in keiner Form mehr unter die türkische Herrschaft zurückzukehren. Aber es war eine ungünstige Wendung für sie, daß ihr Verbündeter, Ali Pascha, 1822 in die Hände des Sultans fiel. Und die Schwierigkeiten waren fast unübersteiglich. Es fehlte auf die Dauer an Geld, Waffen, Munition, Lebensmitteln, an allem, leider auch mehr und mehr an Einigkeit. Der Zwist und die Disziplinlosigkeit einzelner Führer gingen bis zum Bürgerkrieg im Innern. Der schöne und hochbegabte Odysseus aus Ithaka z. B. dachte mehr an sich als an Griechenland; er ging sogar zu den Türken über, plünderte und raubte in Attika um die Wette mit ihnen. Zu den Griechen zurückgekehrt, wurde er als Verräter auf der Akropolis von Athen ins Gefängnis geworfen. Eines Morgens lag er tot an der Mauer des Gefängnisturmes. Er war vermutlich erdrosselt und dann hinuntergeworfen worden, um den Anschein zu erwecken, als sei er das Opfer eines Fluchtversuches geworden. — Es war ein Glück für die Griechen, daß auch der Türke müde war. Das Jahr 1823 ging nicht ohne Greuel im einzelnen, aber ohne bedeutende Erfolge von der einen oder andern Seite vorüber. Der Krieg schleppte sich hin. Griechenland war am Rande des Untergangs. Aber auch der Sultan sah, daß er aus eigener Kraft die Griechen nicht niederbringen würde. Er gelangte, gewiß ungern, an seinen Vasallen, den Vizekönig von Ägypten, Mehemet Ah. Der tat nichts umsonst. Kreta mußte ihm zugesichert und sein Stiefsohn Ibrahim zum Statthalter von Morea ernannt werden. Nun erschien Ibrahim im Frühjahr 1825 und landete ein Heer an der peloponnesischen Küste, bemächtigte sich rasch der Hafenorte, warf in brutalem Siegeszuge Morea nieder und eilte nach Missolunghi, das schon zum zweiten Mal umsonst Monate hindurch von den Türken belagert wurde. Ibrahim schloß Stadt und Festung enger und enger ein. Drinnen nährten sie sich „von Tierhäuten, Gewürm und Seegras“. Als sie vor dem Die Kata- Hungertode standen, wagten die Einwohner einen Ausbruch. voVlvfisso- Etwa 1300, darunter 7 Frauen, kamen wirklich durch; die Apriffe. andern wurden zurückgetrieben. Die Feinde drangen mit ihnen in die Stadt, und nun folgte der türkische Schrecken. Ein hoher griechischer Geistlicher warf Feuer in die Pulverkammer. Halbverkohlt wurde er von den Türken noch geköpft. Ein 200 Kirchenspaltung von 1054, ihre politische Tragweite. greiser Führer schloß sich mit einer Schar Wehrloser in die Patronenfabrik ein, und als die Türken vom Dach her eindrangen, sprengte er sie mit sich und den Seinen in die Luft. Sterben, nur nicht lebend in die Hände der Türken fallen, das war namentlich auch das letzte Heil für Frauen und Kinder. Es war die Nacht vom 22. zum 23. April 1826. — Mis- solunghi, wie Chios, das Gespräch und Entsetzen Europas, wurde, obwohl physisch eine völlige Niederlage, wie einst unsere Schlacht von St. Jakob an der Birs, ein moralischer Sieg und Griechenlands Rettung, indem die Katastrophe Europa neuerdings aufweckte und namentlich die Wendung in England förderte. So lange die Türkei alleine gewesen, hatte Missolunghi nicht zu Fall gebracht werden können. Jetzt hatte sie Hülfe und stand im Siege. Wenn Griechenland nicht auch Hülfe bekam, so mußte es untergehen, trotz aller Opfer und Tapferkeit. Was sagte man in Europa dazu? Die Frage ist uns längst aufgestiegen. Wir haben sie bisher zurückgestellt, um die Erzählung nicht zu komplizieren. Seit dem XV. Jahrhundert war die Balkanhalbinsel türkisch und ging Europa sozusagen nichts mehr an. Aber schon viel früher hatte die Entfremdung begonnen, damals im Jahre 1054, als der Papst in Rom und der Patriarch in Konstantinopel, in Rivalität um die oberste Leitung in der Kirche, sich gegenseitig mit dem großen Bann belegten und exkommunzierten. Von nun an gab es eine griechische, „orthodoxe“ Kirche, und eine römische, auf Feindesfuß, und das Abendland wandte sich vom Morgenland ab. Es wurde versäumt, der Türkei den Übergriff auf Europa zu wehren. Man ließ sie gewähren, bis sie groß und stark an der Donau stand und den ganzen Erdteil bedrohte. Jahrhunderte lang hatte man sie nun auf dem Halse. — Aber auch jetzt noch überließ man es Österreich und Ungarn, sich des Dranges zu erwehren. Man denke sich aus, wie viel Unglück, Elend und Blut bis auf den heutigen, Krieg, der sich doch auch um die jetzige und künftige Teilung der Türkei dreht, sozusagen in der einen Jahrzahl 1054 beschlossen liegt; wie viel anders die Geschicke nicht nur der Balkanländer, sondern auch Nordafrikas, Ägyptens, Westasiens und Europas selber sich hätten gestalten können, wenn die beiden Kirchen, östliche und westliche christliche Kulturwelt, beisammen und solidarisch verbunden geblieben wären! 201 So ist in furchtbarem Ernst, nach Schillers Wort, die Weltgeschichte das Weltgericht. „Jehova wird die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Die geschichtlichen Konsequenzen reichen weiter; sie müssen die Jahrhunderte hindurch getragen werden. Von dem griechischen Aufstand seit 1821 nahm Europa immerhin Notiz, zuerst manchenorts mit etwas Achselzucken, wie die Unternehmung Ypsilantis es einigermaßen verdiente. Die Allianzregierungen, das englische Torycabinett inbegriffen, blieben kühl bis ans Herz hinan und durchaus ablehnend. Die griechischen Gesandten „mit ihren anmaßenden und ungeschickten Forderungen“ wurden auf dem Kongreß zu Verona 1822 gar nicht vorgelassen. 1 War der Sultan nicht der legitime Herr über Griechenland ? Für Metternich waren die Aufständischen „Jakobiner“. Zum Verständnis des Folgenden wird es nützlich sein, sich die Konstellation der Großmächte gegenüber dem Balkanproblem etwas zu vergegenwärtigen. Seit die Türkei vom Nordufer der Donau und des Schwarzen Die Kon- Meeres zurückgedrängt und damit eine natürliche Grenze derMächte gegen sie gewonnen war, hatten die direkten Vorstöße der beiden Mächte, Österreich und Rußland, aufgehört, nicht aber ihr Ausblicken nach dem dereinstigen Erbe des „kranken Mannes am Bosporus“. 2 Der gefährlichste Erbansprecher war und ist ohne Zweifel Rußland. Es ist eine russische Überlieferung, daß ein Zar den Nachkommen des letzten oströmischen Kaisers die Ansprüche auf den Thron von Konstantinopel abgekauft habe. Viel ist auch die Rede gewesen von einem Testament Peters des Großen. Ob geschrieben oder nicht, jedenfalls geht das Streben der Zaren seit Peter in 1 Zu Verona erhielt die türkisch-griechische Angelegenheit den Taufnamen: „Orientalische Frage“. 2 Gemeinhin wird dieses Wort dem Zaren Nikolaus I. zugeschrieben. Nachweislich hat er es erst 1853 dem englischen Gesandten gegenüber gebraucht, und nachweislich ist das Wort viel älter, ja so alt wie der Rückgang der Türkei selber, indem es schon 1683, als Kara Mustapha von Wien abziehen mußte, in zwei Liedern eines österreichischen Chorherrn vorkam. Es ist auch 1820 in einer griechischen Broschüre angewendet und bereits lange ein Gemeinplatz geworden. Indessen hat es „der kranke Mann“ immer noch nicht eilig mit dem Sterben und kanns vielleicht noch lange machen, wenn er gepflegt und gestützt wird von Ärzten, die an seiner Erhaltung interessiert sind. Früher war das England, und jetzt ist es Deutschland mit Österreich. Die Sache ist dieselbe, nur die Rollen sind vertauscht. 202 seinen Richtlinien — auf Konstantinopel zu. Seit seinem Entstehen im 9. Jahrhundert war der russische Staat ein Binnenland; erst Peter der Große (1689—1725) erweiterte das Reich an die Ostsee und vorübergehend an das Schwarze Meer, Katharina II. (1762—96) dann bleibend an das Schwarze Meer. Aber Ostsee und Schwarzes Meer sind Binnenmeere, leicht verschließbar, die Ostsee zwischen Dänemark und Schweden, das Schwarze Meer am Bosporus und an den Dardanellen. Das Streben Rußlands nach den Meerengen ist also verständlich; auch wäre Konstantinopel als Residenz Petersburg vorzuziehen. Es ist ja wohl der Zug der Nordländer nach dem Süden auch mit im Spiele. Meines Wissens liegen alle Paradiese der Völkersagen im Sonnenland des Südens. Katharina II. pflegte, wenn sie bedeutende Gäste bei Tafel hatte, kein Obst aufzustellen. Sie sagte, Obst kann ich Euch keines geben; zuerst muß ich meine Gärten in Konstantinopel haben. Diesem Streben Rußlands arbeiteten nun, aus ihren Interessen heraus, Österreich und England entgegen. Das war das XVIII. und XIX. Jahrhundert hindurch ihre Balkanpolitik, welche auch die Freundschaft der beiden Staaten begründete. So waren auch seit 1820 die torystische englische und die mettemichsche österreichische Regierung einträchtig, den griechischen Aufstand als Rebellion gegen den rechtmäßigen Souverän zu behandeln und die Sorge darauf zu richten, daß Rußland ihn nicht zum Anlaß nehme zu einem eigennützigen Kriege gegen die Türkei. Preußen und Frankreich, am wenigsten bei der Sache interessiert, hielten zunächst prinzipiell mit. Wie wir schon gehört, ließ vor allem der leitende Minister der Allianzpolitik, Metternich, die Welt über seine Auffassung des Griechenaufstandes nicht im unklaren. Er war überzeugt, daß von Paris aus, „dem Herde der größten Verschwörung, welche die Welt gesehen“, das Feuer an die griechische Mine gelegt worden sei. Die Leiden der Griechen rührten ihn gar nicht. „Über unsere Ostgrenzen hinaus“, sagte er, „zählen drei bis vierhunderttausend Gehenkte, Erwürgte, Gepfählte nicht viel“. 1 „Die Zeitungen bringen keine neuen 1 Demselben Metternich hatte Napoleon im Sommer 1813 auf Friedensmahnungen hin ablehnend gesagt: „100,000 Menschen mehr oder weniger, was ist das? Das ersetzt sich.“ Und Metternich hatte geantwortet: „Sire, — 203 --- hübschen Gedanken. Die Türken fressen die Griechen auf, die Griechen köpfen die Türken; das ist das liebenswürdigste Neue, das ich weiß.“ Gentz schrieb an einen österreichischen Diplomaten: „Hier, in unsern östlichen (und südlichen) Nachbarstaaten, gilt es Aufrechterhaltung oder Untergang unseres politischen Systems; hier handelt es sich um Leben oder Tod.“ „Unsere Sache ist zunächst, daß die griechische Revolution auf’s Haupt geschlagen werde, mag dies nun durch den Teufel oder seine Großmutter geschehen.“ Th. Flathe sagt, „Metternich und die ganze österreichische Diplomatie empfanden eine zynische Freude an dem bevorstehenden Untergang der Griechen“. Aber Metternich bekam in der Folge schweren Stand. Schon als Zar Alexander von Laibach heimkam, wurde sein Vorsatz, um der Griechen willen den Frieden nicht zu stören, auf harte Probe gestellt. Die Leiden der griechischen Glaubensgenossen, die Greuelgeschichten von Konstantinopel, von Chios bewegten sein Herz. Die Leiche des Patriarchen Gregor war von einem russischen Schiffe aufgenommen worden, und Alexander ordnete eine feierliche Bestattung an. Im russischen Volke, im Heer, in seiner Umgebung dachte und fühlte man ganz anders als in Wien und Laibach. Frau von Krüdener, damals in Petersburg, durfte ungestraft den Zaren als „das göttliche Werkzeug“ bezeichnen, durch das „der Triumph des Kreuzes über den Halbmond“ herbeigeführt werden würde. In dieser Verfassung ließ sich der Zar von seinem Staatssekretär des Auswärtigen, Kapodistrias, bestimmen, ein Ultimatum an den Sultan zu erlassen, in dem er als Vertreter „einer Sache Europas“ Genugtuung und Schadenersatz für die an christlichen Kirchen und ihrem Gute verübten Gewalttaten und eine völlige Änderung des Systems gegenüber den Christen verlangte, ansonst „die Coexistenz der Türkei neben den übrigen, christlichen Staaten Europas unmöglich würde“. In Wien und London erschrak man. Zwar hatte Rußland, neben der Sache der Griechen, zu seinem Vorgehen noch seine be- sondem Anhaltspunkte in frühem Verträgen, welche von der Türkei nicht eingehalten worden, und Alexander versicherte ich möchte alle Fenster aufreißen, daß ganz Europa Euch so sprechen hörte.“ Zwischen damals und heute lagen noch nicht zehn Jahre, und wir haben schon das zynische Zeugnis von Menschenverachtung, wie sie den alternden Metternich charakterisierte. Das russische Ultimatum — 204 — in einem Schreiben an Kaiser Franz, daß er sich nicht als Bevollmächtigten Europas betrachte und niemals handeln werde, ohne sich vorher mit den Mächten zu verständigen, an die ihn Verträge binden, die den allgemeinen Frieden verbürgen. Gleichwohl war man von Alexanders Vorgehen höchlich unangenehm überrascht. Sehr freundlich um Mitwirkung gebeten, unterstützte man das Ultimatum in Konstantinopel in Form wohlwollender Mahnung; im Effekt wurde es abgeschwächt. Die Pforte 1 erfuhr mit Vergnügen, daß man in Wien die Rebellen nicht unterstütze, sondern hinter Schloß und Riegel halte (Ypsilanti), und daß die englische Regierung nicht anders denke als die österreichische, und unwillig sei über Rußlands Vorgehen. Kaiser Franz aber schrieb eindringlich mahnend an Alexander: „Das Übel, das wir zu bekämpfen haben, liegt viel mehr in Europa als in der Türkei....“ „Die Aufwiegler werden ausbreiten, daß die Eintracht der verbündeten Höfe zerrissen sei....“ „In der Eintracht der Höfe ruht die letzte Kraft des Widerstandes gegen die uns bedrohenden Übel.“ — „Alexander lauschte diesen Sirenengesängen nicht ungern “; seine Ansichten schwankten neuerdings auf und ab, und er versicherte angelegentlich, daß, wenn er sich gezwungen sähe, er doch nicht ohne Verständigung mit „den Souveränen Europas“ Vorgehen würde. Die Pforte blieb unter diesen Umständen dem Ultimatum gegenüber taub. „Alle Welt“, sagte der türkische Minister, „predigt uns Mäßigung, niemand aber dem russischen Gesandten. Der Sultan wird sich eher unter den Trümmern des Serails begraben lassen, als sein Dasein von der Gnade Europas abhängig machen“. Der russische Gesandte erhielt nur mündliche Antwort, unbefriedigend im Inhalt. Er forderte seine Pässe und ging. Eine Kriegserklärung folgte, nach dem, was wir inzwischen gehört haben, natürlich nicht; Kapodistrias sah, tief enttäuscht, seinen Einfluß an Metternich verloren und verließ den russischen Staatsdienst, 1822. Metternich triumphierte: „Kapodistrias ist tot, und ich fürchte mich weder vor Toten noch vor Gespenstern.“ Er glaubte völlig gewonnenes Spiel zu haben und wurde siegessicher. Aber Konferenzen, die später in der Angelegenheit der 1 Der erste Sultan nannte das Portal seines neuen Palastes (in Brussa, Kleinasien') die „hohe Pforte“; daher Hohe Pforte oder Pforte — türkische Regierung. — 205 „griechischen Pazifikation“ für gut befunden wurden, fanden in Petersburg statt, nicht in Wien. Ihre Ergebnisse glichen allerdings, wie Stern sich ausdrückt, einem Messer ohne Klinge, dem das Heft fehlt. Die Griechen sollten eigene Verwaltung, freie Religion und freie Handelsflagge haben unter türkischer Hoheit. Sie lehnten entrüstet ab; es gab ihnen zu wenig, die Türken ebenso; es nahm ihnen zu viel. Ein späterer Konferenzbeschluß verlangte oder wünschte von der Türkei sogar nur noch die prinzipielle Zulassung der Mächte zur Vermittlung. Alles mit gleichem, negativem Erfolg. Die Türkei fürchtete sich gar nicht vor der Allianz der veruneinigten Staaten Europas. Und das Auf und Ab und Hin und Her der Diplomatie von Wien nach Petersburg und Wien - Paris -London konnte ad infinitum weiter gehen. Aber eine Wendung war näher, als man denken mochte. — Für England war die Türkei „eine Vormauer für Indien“, während es in einem freien Griechenland eher einen künftigen Handelskonkurrenten wittern mußte. Gleichwohl kam nun der klar- und weitblickende englische Außenminister Georg Can- ning den Griechen zuerst entgegen, indem er 1823 die griechische Blockade und damit die Griechen als Kriegspartei anerkannte und dem mittellosen Lande sogar ein kleines Anleihen bewilligte. Beides kaum aus Liebe zu den Griechen, sondern um den russischen Freund nicht alleine gewähren zu lassen. Lieber mit ihm gehen, um ihn in Schranken zu halten, daß er der Türkei nicht allzu wehe tun konnte. Alexander seinerseits konnte der öffentlichen Meinung in Rußland nicht länger trotzen und und war endlich der Metternich 'sehen Vormundschaft müde. So geschah es, daß die Antipoden, Rußland und England, über Wien hinweg sich die Hand reichten, um dem Griechenkampf nicht länger müßig zuzuschauen. Die neue Wendung trat 1825/26 plötzlich in volle leibliche Erscheinung. Sie bekam einen gewaltigen Kraftzuschuß von der öffentlichen Meinung, von dem Philhellenismus. Unbekümmert um die hohe Politik und in vollem Gegensatz zu ihr, ging seit 1821, in Deutschland anhebend, eine Bewegung der Sympathie und der wachsenden Teilnahme durch die abendländischen Völker. Der griechische Name Philhellenismus weist auf akademischen Ursprung hin. Und dieser Ursprung war natürlich. In diesen Kreisen vorab war man sich des Kulturgutes bewußt, das die Völker des Westens den Der Phil- hellenis- muS' — 206 — alten Hellenen zu verdanken haben, deren späte Enkel man jetzt in einem heldenhaften Ringen sah gegen einen Barbarenstaat, dessen Faust Jahrhunderte lang auf ihnen gelastet, und der durch seine Kulturunfähigkeit nachgerade sein Existenzrecht in Europa verwirkt hatte. Der neuklassizistischen Begeisterung schloß sich die „Kreuzzugsstimmung“ der religiösen Kreise und die liberale Opposition gegen die reaktionären Regierungen an. Der große Philologe Friedrich Thiersch in München erließ einen Vorschlag „zur Errichtung einer deutschen Legion für Griechenland“. Joseph Görres verdammte in seiner Schrift: „Die heilige Allianz und die Völker auf dem Kongreß von Verona“, „die scheußliche Sophistik“, die dem unglücklichen Volke, „das seine Ketten zerbrochen“, „den brüderlichen Beistand Europas“ weigert. Luise Brachmann feierte die Griechen mit dem Pathos des jungen Schiller und Körners. Wilhelm Müller in Dessau ließ schon 1821 seine ersten Griechenlieder erscheinen, die bis in die Schulbücher ihren Eingang fanden, von Griechenführer Ypsilanti „in Muncacs hohem Eh rum“, vom kleinen Hydrioten: „Ich war ein kleiner Knabe, Stand fest kaum auf dem Bein, Da nahm mich schon mein Vater Mit in das Meer hinein.“ Der greise Dichter Voß spendete 1000 Gulden als „Beitrag für die große Schuld für die von Hellas erhaltene Bildung“. Zunächst von Süd- und Mitteldeutschland aus verbreiteten sich rasch Philhellenenvereine überall hin. Sammlungen zugunsten der Griechen wurden veranstaltet. Geld, Lebensmittel, Kleider, Uniformen, Waffen gingen in großen Sendungen nach Griechenland. Aber auch mit dem eigenen Leibe wollte man mittun. Zuerst zogen einzelne, dann organisierte Freischaren zum Kampfe gegen den Türken aus. 1 1 Früh ergriff die Bewegung auch die Schweiz, und sie wurde bei uns mehr als irgendwo populär. Es war ja naheliegend, daß gerade unser Land viel Verständnis und Mitgefühl für das kleine Volk in seinem Freiheitskampfe hatte. Bürger, Handwerker, Bauern, alle interessierten sich für die Sache der Griechen und lasen die Zeitungen. Beim Wein- und Bierglas, sicher auch am Kaffee- und Theetisch sprach man davon. Von Winterthur über Zürich, Basel, Aarau, Olten, Solothurn, Bern bis nach Genf hinein gab es die Griechenvereine. Zuerst war das Zürcherkomitee Mittelpunkt der Bewegung, später der Genferbürger Eynard, der, durch die Generalpacht des Salz- und — 207 Damit aber gab es nun viel Enttäuschung. Es mischten sich natürlich auch abenteuerliche Elemente darunter, und schon unterwegs fehlten meist die Mittel. Drüben angelangt, gab es die unangenehmsten Überraschungen. Keine rechte Regierung, keine Ordnung, kein Unterhalt, kein Sold. Diese neuen Griechen entsprachen wenig dem Bilde der Aristeides und Epameinondas. Ein gewisser Baron Kafalas, Sendling des „osthellenischen Areopags“, erwies sich als gemeiner Betrüger. Freischärler gerieten oft in die absolute Mittellosigkeit und wußten nicht, wie wieder nach Hause kommen. Ende 1822 wurde in den Häfen von Marseille und Genua die fernere Einschiffung von Freischaren verboten. Der erlauchteste Abendländer, der sich dem Griechenwerke opferte, war der englische Dichter, Lord Byron. Nachdem er schon 1809 — 11 LordByron auf einer Reise durch die südlichen Länder Europas lange in ’ 1 > i?sso- n Griechenland, namentlich in Athen, geweilt und, als zweiter lunghi. Leander, auch den Hellespont durchschwommen hatte, ging er 1823 von Genua mit zwei auf eigene Kosten ausgerüsteten Schiffen in See und traf im Januar 1824 in Missolunghi ein, mit ungeheurem Enthusiasmus begrüßt. Alsbald griff er ratend, anfeuemd und ordnend in die vielfach verfahrene Bewegung ein. Aber die ungesunde Luft von Missolunghi brachte ein Fieber zum Ausbruch, das schon lange in ihm gesteckt, und er starb, erst 36 Jahre alt, schon im April 1824, Tabakmonopols in der Toscana reich geworden, der Griechensache einige Millionen aus eigener Tasche spendete. Auf seine Anregung hin verpflichtete man sich zu regelmäßigen kleinen Beiträgen, und selbst Schulkinder und Dienstmädchen trugen ihre „Freiheitsbatzen“ für die Griechen zusammen. Bedeutende Summen wurden auch verwendet zum Loskauf von Frauen und Kindern, welche die Türken verkauft hatten. In Beuggen bei Basel gab es 1 ein „Griechenhaus", das aus der Sklaverei zurückgekaufte Griechenkinder aufnahm. Uber den schweizerischen Philhellenismus sagt Gottfried Keller, dessen Vater eifriger Philhellene war, im „Grünen Heinrich“: „Der griechische Freiheitskampf erweckte zum erstenmal in der allgemeinen Ermattung wieder die Geister und erinnerte, daß die Sache der Freiheit diejenige der ganzen Menschheit sei.“ Wilhelm Öchsli in seiner „Geschichte der Schweiz im XIX. Jahrhundert“ sagt: „Die Griechen statteten der Schweiz ihren Dank ab, indem sie Eynard, Gosse, Bremi, Öchsli, Hirzel und andern das hellenische Bürgerrecht schenkten. Der beste Dank aber war die Rückwirkung der philhellenischen Bewegung auf das Schweizervolk. Sie führte Deutsch- und Welschschweizer in gemeinsamer, edler Arbeit näher zusammen. Sie hob den Bürgersmann über Spieß- und Pfahlbürgertum. Der Ausgang des griechischen Freiheitskampfes wurde in der Schweiz wie ein eigener Sieg über die von Wien ausgehende freiheitsmörderische Politik empfunden.“. — 208 — nach der Überlieferung in den Armen Dr. Meyers, unseres Landsmannes aus Schöfflisdorf, Kt. Zürich, der ebenfalls als Philhellene ausgezogen und in Missolunghi ein Spital mit 80 Betten gegründet hatte. Er fand seinen Tod beim Falle Missolunghis 1826. Kurz vorher hatte er an einen Freund geschrieben: „Wir gehen unserer letzten Stunde entgegen; mich macht der Gedanke stolz, daß das Blut eines Schweizers, eines Enkels von Wilhelm Teil, sich mit dem Blute der Helden von Griechenland mischen soll.“ Selbstverständlich war die philhellenische Bewegung nicht neutral gegenüber dem Sultan und brachte daher die Regierungen in Verlegenheit. Metternich schalt heftig: Ihm war das ganze Gebahren „Wahnsinn und Greuel“, ein „Spielen mit der Revolution“ und „eine Probe des Wahnsinns, welcher die Köpfe der meisten Gelehrten Deutschlands ergriffen“. Der Philosoph Thiersch zeigte unter den „Aposteln der Freiheit die meiste Frechheit und grobe Verkennung seiner Pflichten“. Er drängte die Regierungen in München und Stuttgart, dem gefährlichen Treiben Halt zu gebieten. Eynard in Genf nannte er später „einen derjenigen Menschen, die mich in dieser Welt am meisten gelangweilt haben“. Von Deutschland und der Schweiz aus, als seinem Mutterherd, war der Philhellenismus nach Frankreich und England gedrungen und wurde dort sehr lebhaft. Fauriels „Volkslieder des modernen Griechenland“ wurden von Goethe höher geschätzt als Müllers deutsche Griechenlieder. — Von unsterblichem Wert für die Griechen wurde namentlich Byrons Opfertod; er half ihnen viel mehr, als der Lebende hätte helfen können. England wurde jetzt stolz auf seinen großen Bürger, an dessen Fehlern es sich bisher so viel geärgert hatte und erwachte zu tatkräftiger Teilnahme. Vollends nach der Katastrophe von Missolunghi wurde die philhellenische Strömung in England eine Macht und unterstützte Georg Canning in seiner politischen Schwenkung. Metternich aber weilte 1825 noch in Paris und vertrat siegessicher seine Politik bei Karl X. und Villöle. Er berichtete von dort an den Kaiser und Gentz: „Die Männer, welche an der Spitze stehen, drängen sich alle um mich;“ — „im Augenblick spielt hier niemand außer mir eine politische Rolle“ —. „Die Menschen stehen mir hier gegenüber wie Schwämme, welche Ideen einzusaugen begierig sind.“ Von den Beziehungen zwischen Petersburg und London ahnte der Superkluge nichts. — 209 — Nun wurde 1826 das Petersburger Protokoll 1 mit der DasPeters- unschuldigsten Miene den Allianzmächten überreicht, mit der Protokoll, höflichen Bitte, sich mit Rußland, England und Frankreich an 1826 ' der „endgültigen Aussöhnung der Türkei und Griechenlands“ zu beteiligen. Der Kanzler Europas war wie aus dem Himmel gefallen. Des Zaren hatte Metternich sich vollkommen sicher gefühlt. Laiming mißtraute er wohl, wußte sich aber unendlich überlegen. „Wie Canning sich auch drehen mag, sicher ist, er wird immer im Kote stecken.“ Natürlich gab man sich in Wien nicht für geschlagen, sondern schlug Prophetentöne an: Man werde ja bald sehen, ob es überhaupt noch Griechen zu retten gebe; „die ganze Boutique (der Griechen) werde ja bald gesprengt sein“. Canning wurde ein „fataler Mensch“, ein „Jakobiner auf der Ministerbank“ genannt. Er war doch nur ein guter Tory und englischer Minister, der englische, nur englische Politik trieb, konservative oder liberale, wie es am besten diente, und der die orientalische Frage lieber selber leiten, als sich von Wien aus leiten lassen mochte. Dem Petersburger Protokoll, dem „elenden Machwerk“, der „Mißgeburt“, trat Österreich nicht bei; das im Mettemichschen „Kielwasser segelnde“ Preußen, das ja auch keine direkten Interessen am Balkan hatte, eben so wenig. So blieben die drei Mächte: Rußland, England, Frankreich. Nach der Petersburgerkonferenz von 1824 hatte die Pforte Haltung das-Vermittlungsangebot abgelehnt mit den Worten: „Wir aer u mischen uns niemals in Rebellionen, die in Europa ausbrechen und werden keine Einmischung zugeben, wenn uns ein solches Unglück trifft. Jeder Muselmann würde eher den Tod leiden, als diese Schmach dulden.“ Jetzt bekam der englische Gesandte die Antwort: „Die Pforte hat nie versucht, sich in die Streitigkeiten Englands mit den katholischen Iren zu mischen. Sie erwartet, daß England sich enthalten werde, sich in die Empörung der Griechen einzumischen.“ — Da entschloß man sich — nicht zum Eingreifen, das Protokoll enthielt keine solche Bestimmung —, sondern zu einer Demonstration. Eine ’ Das Petersburger Protokoll brachte in die Allianz der Großmächte (und der heiligen) den ersten Riß. Weitere Risse gab es bei Gelegenheit der spanischen, der portugiesischen und der südamerikanischen Revolution, bis dann die belgische und die polnische Revolution den völligen Zerfall zur Tatsache machten. Flühmann, Vorträge. 14 210 Seeschlacht von Navarino, Okt. 1827. Kriegserklärung Nikolaus 1. an die Türkei. Friede von Hadrianopel, 1829. Griechenlands Unab- hän^^teit, Flotte der drei Mächte ging nach den griechischen Gewässern ab. Dorthin gekommen, verlangten die Admirale, daß die ägyptische Flotte nach Alexandrien zurückkehre. Um der Forderung Nachdruck zu geben, fuhren sie in den Golf von Navarino (Pylos) ein, wo die feindliche Flotte lag, 20. Oktober 1827. Es heißt, daß es Streit wegen Ankerplätzen gab. Von ägyptischer Seite fielen einige Schüsse, und unversehens war eine Schlacht im Gange, die in wenigen Stunden die türkisch-ägyptische Flotte, obschon sie die bei weitem größere war, bis auf wenige Schiffe vernichtete. — Die durch die Schlacht geschaffene Situation war noch nicht da gewesen. Die Mächte waren nicht im Krieg mit der Pforte; niemand hatte den Krieg erklärt oder gewollt. Die Türkei war ohne Zweifel formell im Recht, wenn sie gewaltig aufbegehrte, Genugtuung und Schadenersatz forderte. Metternich wetterte fast noch mehr als die Türkei und nannte die Schlacht einen „Meuchelmord“. Die Griechen jubelten, das philhellenische Europa mit ihnen. Die Kanonen waren von selber losgegangen. Um so besser; nun würde des grausamen Spiels ein Ende sein. Die drei Mächte waren in Verlegenheit und entschuldigten sich bei der Pforte. England hätte sich am liebsten zurückgezogen. Canning war gestorben; Wellington nannte den Sieg von Navarino ein „unwillkommenes Ereignis“ und sprach von dem „beklagenswerten Tripeltraktat“. Der Sultan aber erließ eine Erklärung mit den heftigsten Ausfällen gegen Rußland und kündete die Verträge. Nikolaus I. antwortete mit der Kriegserklärung. Und nun hatte man, was man so geschickt hatte vermeiden wollen, den russisch-türkischen Krieg. Die Russen drangen in Armenien, im folgenden Jahr auch über den Balkan vor. Mit Mühe erklärte England sich einverstanden mit einer Landung französischer Truppen in Morea, um Ibrahim hinauszutreiben, in Wahrheit mehr, um dem russischen Einfluß entgegen zu wirken. Die vorher so trotzige Türkei sank, den russischen Erfolgen gegenüber, plötzlich in fatalistische Ergebenheit und bequemte sich zum Frieden von Hadrianopel, 1829. Sie trat ein Stück Armenien und einige Inseln in der Donaumündung an Rußland ab und versprach eine Kriegsentschädigung. Bezüglich Griechenlands hatte die Londonerkonferenz zu entscheiden. Sie sprach die Unabhängigkeit aus, sogar ohne Tributpflicht. Athen, „das Kleinod und Auge von Hellas“, sollte nicht wieder unter türkische Suzeräni- 211 tät kommen. Das Land bekam aber nach Norden, nach der Türkei, eine so schlechte Grenze, 1 daß der von den Schutzmächten zuerst gewählte Fürst, Prinz Leopold von Sachsen- Koburg (nachmals König von Belgien), z. T. deswegen nachträglich wieder ablehnte. Inzwischen war Capodistrias durch russischen Einfluß Präsident geworden ; er regierte zu „russisch“. Das ertrugen die Griechen nicht. Der Bürgerkrieg begann bereits; da wurde der Präsident aus Privatrache ermordet, 1831. 1832 wählten die Schutzmächte — ihre eigenen Dynastien waren ausgeschlossen — den noch minderjährigen Prinzen Otto, Sohn des philhellenischen Königs Ludwig von Bayern, für den der Vater den Königstitel ausbedang. Otto I. beging den Fehler, nicht zur orthodoxen Kirche überzutreten, dem Lande keine Verfassung zu geben, zu sehr vom Schreibtisch aus und nach heimischen Methoden zu regieren und — kinderlos zu bleiben, so daß die Hellenen nicht einmal 1 die Aussicht hatten, ihren künftigen König in ihrer Mitte und in der orthodoxen Kirche aufwachsen zu sehen. Er hatte wieder und wieder mit Militär- und andern Aufständen zu kämpfen; ein solcher nötigte ihn 1843 zu einer Verfassung. — England warf ihm vor, zu viel Rücksicht und Freundschaft für Frankreich und Rußland zu haben, chicanierte ihn deshalb, wo es konnte, stellte ihn bloß und machte ihn ohne Skrupeln verächtlich. 2 Durch die eigene und durch Englands Schuld konnte Otto nie populär werden. Die Königin Amalie war geradezu verhaßt. 3 Als 1862 ein Mordversuch gegen sie geschah, wurde 1 Es war namentlich Englands Schuld, daß Griechenland weder Epirus noch das dem armen Land so nötige fruchtbare Thessalien bekam. Die Türkei mußte geschont werden. Die drei Mächte waren durch die Ereignisse über ihr Programm hinausgedrängt worden. Ein freies Griechenland war nicht vorgesehen gewesen. Zur Zeit der Petersburger Konferenzen hatte der russische Minister Nesselrode ausdrücklich erklärt, niemals könnte Rußland die Unabhängigkeit der Griechen zugeben. Am wenigsten eigennützig bei der Sache war Frankreich. Das französische Volk ist ja, wie das sanguinische, so auch das generöse unter den Völkern. 2 Es forderte z. B. zwei kleine, aber strategisch wichtige Inseln an der messenischen Küste, und als das abgelehnt wurde, legte es Beschlag auf die griechische Flotte. 3 Es scheint, daß sie zu wenig Rücksicht auf die orientalische Frauensitte nahm. Ihrer Leidenschaft für das Reiten maß man die Schuld an ihrer Kinderlosigkeit bei. Otto I., König der Griechen, 1832 . 212 Vertreibung Ottos I., 1862 . Wahl Georgs I. dem Mörder in skandalöser Weise die Sympathie der Massen zuteil. Im Oktober desselben Jahres, während einer Reise des Königspaares in den Peloponnes, wo es noch am besten gelitten war, vereinigte sich in Athen eine konstituierende Versammlung und erklärte das bayrische Haus für abgesetzt. Dem heimkehrenden König wurde die Aufnahme verweigert; sein Palais war ausgeräumt. Ohne sich zur Wehr zu setzen, kehrte er nach München zurück. 1 Die griechische Nationalversammlung wählte dann den dänischen Prinzen Wilhelm, 2 welcher klug genug war, sich Georgios zu heißen und zur orthodoxen Kirche überzutreten. Doch hatte auch er noch Schwierigkeiten genug zu bestehen. Zumal der mißglückte Krieg gegen die Türkei 1897 brachte die Dynastie ernstlich ins Wanken. Erst die Balkankriege 1912/13, welche das Gebiet des Königreichs reichlich verdoppelten, machten das Königshaus endlich beliebt. Der greise Georg erlag 1913 in Saloniki einem Attentat. Sein Sohn Konstantin hat heute wohl Wurzeln im Lande. Was der Krieg aus ihm und Griechenland machen wird, ist noch nicht abzusehen. 1 Er zog in München ein am 31. Oktober 1862. Tags zuvor hatte man das von seinem Vater, König Ludwig, erbaute prächtige Tor der Propyläen eingeweiht, das auf dem Königsplatz, unweit der Glyptothek und der andern Theken steht, eine Nachbildung der Propyläen auf der Akropolis zu Athen. Die Reliefs am Tor stellen Szenen aus dem griechischen Freiheitskriege und aus der Regierung Ottos dar. Auch sonst gibt es in München manche griechische Erinnerungen, so in der neuen Pinakothek, neben andern farbenprächtigen Gemälden aus Ottos Königszeit, einen ganzen Saal von südlichem Glanz übergossener griechischer Landschaften, von Maler Rottmann im Auftrag König Ludwigs in altgriechischer Enkaustik gemalt. Reminiscenzen an die verflossene Episode des bayrisch-griechischen Königtums. Unsicher und vergänglich sind die Dinge unter dem wechselnden Mond. 2 Bruder der englischen Kronprinzessin Alexandra. Erst jetzt gestattete England auch den jonischen Inseln den schon lange umsonst begehrten Anschluß an Griechenland. Die Liebe der Inseln hatte es nie besessen. — 213 — X. Die soziale Frage. (Eine Zwischenbetrachtung). 1 Die soziale Frage ist so alt wie die Menschheit. Es hat in der wirklichen Welt nie ein Gottesreich gegeben, wo lauter Gerechtigkeit, Liebe und Güte geherrscht hätten. Die Sklaverei, ohne welche das Altertum nicht denkbar ist, und ihre Fortsetzung, die Leibeigenschaft, die bis an unsere Tage herangereicht, sprechen ein anderes Zeugnis. Immer haben die Vielen, die Allzuvielen und Vielzuvielen Nietzsches über Ungerechtigkeit und Bedrückung zu klagen gehabt. Immer aber auch hat es Menschenfreunde gegeben, die, über das eigene Wohl und Wehe hinaus denkend, den Armen und Schwachen helfen, die Ungerechtigkeit mindern und die Härten der egoistischen Welt mindern wollten. Und nicht immer sind es bloße Wünsche und Versuche gebheben, sonst würden wir heute noch, nach dem Vorbild der Tierwelt und der Wilden, im offenen Krieg aller gegen alle leben. Moses und die Propheten sind voll von sozialen Heilsbestrebungen. Das Ruhe- gebot für den Sabbath im V. Buch Moses (5/14) schließt mit der Begründung: „auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe gleich wie du“. Das Sabbathjahr und das Jubeljahr waren sozial gemeint, und die Propheten widerhallen von Rufen nach Gerechtigkeit, Erbarmen und Hilfe für die Witwen und Waisen, für die wirtschaftlich Schwachen und Armen, deren Bedrückung Jehovahs starker Arm nicht ungestraft lassen werde. In der heidnischen Welt hat Solon im VI. Jahrhundert vor Christo den ersten Anlauf genommen, den Sklaven etwas wie Menschenrechte einzuräumen, was in unsern Augen ein Teil seines besonderen Ruhmes geworden. Auch Platons Idealstaat wollte die Welt verbessern, schloß aber den Nährstand, die Arbeitsbienen, von politischen Rechten aus. Daß die christliche Welt in der sozialen Fürsorge ein göttliches Gebot 1 Mit besonderem Bezug auf das nächste Thema: „Der Lebenstag Ludwig Philipps.“ — 214 — ersten Ranges sah, ist selbstverständlich. Die Leibeigenschaft vermochte sie zu mildem, aber bis ins XIX. Jahrhundert nicht allgemein zu beseitigen. Diesem XIX. Jahrhundert fiel das Erbe der großen französischen Revolution vom Ausgang des vorigen Jahrhunderts zu, auch das soziale Erbe. Die Revolution hatte im Namen der Freiheit und Gleichheit die Erstgeburtsrechte und den Zunftzwang aufgehoben. Nun hat schon ein Blatt Papier zwei Seiten, die meisten Dinge haben mehrere. Auch die besten Gedanken, die nur das Gute wollen, können in ihrer Verwirklichung zu unerwarteten und ungewollten Verhältnissen führen. Die Aufhebung der Erstgeburtsrechte hatte eine mit jeder Generation zunehmende Zerstückelung des Bodens zur Folge, ad Infinitum, so daß es schließlich nur noch wenige Bauern gab, welche sich von ihrem Boden nähren konnten. Ein großer Haufe wurde zu „freien“ Taglöhnern, für die niemand außer ihnen selber verantwortlich war, und sie konnten übler daran sein als einst die Leibeigenen. Gleiche Wirkung hatte die Beseitigung des Zunftzwanges für die Städte. Die Zahl der Handwerker mehrte sich unendlich; die Konkurrenz drückte den Lohn hinunter, so daß auch das Handwerk die Familie nicht mehr nährte. Nun kam die Maschine, die Großindustrie, der Kapitalismus. Das städtische Proletariat zog in die Fabriken ein, das ländliche folgte; der Zug in die Stadt begann etc. Dem kapitalkräftigen Fabrikherm gegenüber waren die ihm von Gesetzes wegen staatsbürgerlich gleichgestellten Arbeiter nicht viel besser als Sklaven. Kein Gesetz sicherte ihnen einen gerechten Anteil am Arbeitsertrag, schützte sie vor willkürlicher Entlassung, vor Not und Elend bei Krankheit und im Alter. Das an sich tote Kapital erlangte eine Macht, wie sie kaum je in frühem Zeitaltern bevorrechtete Stände besaßen, und an der Ausübung dieser Macht pflegten christliche Grundsätze im allgemeinen wenig beteiligt zu sein. Mit diesen Verhältnissen war die soziale Frage in neuer Form da und drängte sich allen Denkenden, insbesondere allen Wohldenkenden, auch den Regierungen auf. Die Bezeichnung Sozialismus stammt aus dem Frankreich Ludwig Philipps in den dreißiger Jahren, und es gehörte mit zum Verhängnis des Bürgerkönigs, daß seine Bourgeois-Regierung der Frage wenig Verständnis entgegenbrachte. Heute ist die soziale Frage ein Gegenstand ernster Forschung geworden. Sie gehört mit in die Volkswirtschaftslehre oder Nationalökonomie, die, als jüngste Wissenschaft, sich an den Universitäten einbürgert. — Wir geben einleitungsweise einen kurzen Überblick über frühere volkswirtschaftliche Anschauungen. Wenn bei Friedrich dem Großen über die schlechten Merkan- Straßen geklagt wurde, so sagte er, je schlechter die Wege seien, desto länger müssen die fremden Fuhrleute im Land bleiben und Geld zurücklassen. Die schlechten Straßen waren also im Interesse des Landes. Das war die Anschauung des sogenannten Merkantilismus, einer volkswirtschaftlichen Theorie, die vom XVI.—XVIII. Jahrhundert in Geltung stand. Danach war das reichste Land dasjenige, in dem es am meisten Geld gab. Es ist die landläufige Auffassung eines Zeitalters der ausgesprochensten Geldwirtschaft, die privatwirtschaftlich heute noch gilt und ihren prägnantesten Ausdruck findet in Amerika drüben, wo man von einem Manne sagt: er ist so und so viel Dollars wert. — Der Merkantilismus hatte hauptsächlich den Zweck, die Schatzkammern der Fürsten zu füllen und ihre militärische Macht zu fördern; er führte konsequenterweise den Staat zur einseitigen Bevorzugung des Handels, namentlich des Außenhandels, da er am meisten bares Geld einbrachte,— Dem gegenüber stellte Frangois Quesnay, seit 1752 Leibarzt Ludwigs XV., in seinen Schriften 1 den Grundsatz auf, der Physiokra- Reichtum eines Landes liege in seinem Grund und Boden, und das reichste Land sei dasjenige mit dem reichsten Boden. Er tat den Ausspruch: „Pauvre paysan, pauvre royaume, pauvre roi“, ins Positive übertragen: riebe paysan, riebe royaume, riebe roi. Er teilt die Bevölkerung Frankreichs in drei Klassen : 1. la classe productive, die — nach ihm — allein politisch berechtigten und verpflichteten Grundbesitzer, denen der Reinertrag als Pachtzins zukommt, und die wirklichen Ackerbauer, entweder mit Betriebskapital ausgestattete, „Großkultur“ treibende Pächter oder Kleinbauern; 2. „la classe sterile“, Handwerker und Kaufleute, die nichts erzeugen, sondern nur auf Kosten der andern reich werden können; 3. „le petit peuple“. Zur Förderung des Ackerbaues, als der Hauptquelle des Wohlstandes, und zur Verhinderung unbillig großer Gewinne für die Kaufleute forderte Quesnay für die Boden- Produkte freie Ausfuhr, für die Industrieprodukte aber freie 1 „Tableau economique“ und „La physiocratie“, 1758 und 1768. Industrialismus. Manchestertum. Malthusianismus. — 216 — Ausfuhr und Einfuhr. Er kam für Industrie und Handel zu dem Grundsatz: „laisser faire et laisser passer“, der übrigens vor ihm von einem französischen Handelsintendanten ausgesprochen wurde. Dieses System nannte man Physiokratismus, seine Anhänger Physiokraten oder Ökonomisten. Ihre Einseitigkeit stand im Gegensatz zu derjenigen des Merkantilismus. In dem Industrielande par exellence, in England erhob sich der Gegner, der beide überwinden sollte. Der Schotte Adam Smith, 1751—64 Professor der Moralphilosophie und der politischen Wissenschaften, bezeichnete in seinem Werke „Über den Reichtum der Nationen“ die Arbeit in allen ihren Formen als Quelle des Reichtums. „Die Arbeit ist der wirkliche Maßstab des Tauschwertes aller Güter zu allen Zeiten und an jedem Ort ; sie ist der wahre Preis der Ware. Das Geld ist zwar das große Triebrad des wirtschaftlichen Kreislaufes, aber nur das Wertmaß der Arbeit, nur Hilfsmittel des Tausches. Auch die Edelmetalle sind nur Ware und von wechselndem Wert.“ (Th. Lindner.) Er forderte, als Zukunftsideal, freieste wirtschaftliche Bewegung des Individuums und volle Freiheit aller Einfuhr und Ausfuhr, von der Annahme ausgehend, daß zwischen allen, scheinbar noch so gegensätzlichen Einzelinteressen letzten Endes doch eine natürliche Harmonie bestehe. Auch er hielt übrigens den Ackerbau für nützlicher als die Industrie. — Man hat sein System später Industrialismus oder „ sozialen Liberalismus“ auch Individualismus genannt und hat ihm das schon oben zitierte, tatsächlich ältere Wort „laisser faire, laisser passer!“ zugeschrieben. Durch die auf ihm fußende, spätere, extreme, sogenannte Manchesterpartei hat das Wort erst den heutigen, übertriebenen, herzlosen Sinn bekommen: Laissez faire, laissez aller! d. h. laßt all den Egoismen freien Lauf und kümmert euch um nichts I — Ihre Wendung ins Pessimistische bekam die zu klassischer Geltung gelangte Lehre von A. Smith durch den englischen Nationalökonomen Malthus (1766—1834). Zuerst Theologe, dann Lehrer, dann Professor, wurde er der erste große Systematiker der Bevölkerungslehre. In seiner Schrift „Essay on the principle of population“ stellt er das sogenannte Malthusianische Gesetz auf, wonach die Bevölkerung wachse in geometrischer Progression, 4X4—16, die Gütererzeugung aber nur in arithmetischer Progression, 4 —)— 4 = 8. Die Entvölkerung großer Landgebiete infolge des dreißigjährigen — 217 — Krieges und späterer Kriege neben verheerenden Krankheiten etc. hatte zum sogenannten Populationismus geführt, d. h. zu der Auffassung, der Staat müsse das Wachstum der Bevölkerung fördern, durch Begünstigung der Ehen, innere Kolonisation, Anreiz zur Einwanderung etc. Der volkreichste Staat erschien auch als der stärkste. Im ausgehenden XVIII. Jahrhundert mußte man nun fast Angst bekommen vpr der Überbevölkerung. In diesem Sinne wandte Malthus sich gegen jede absichtliche Begünstigung der Bevölkerungszunahme; dafür sorge die Natur von selber; Armenpflege sei zu verwerfen, weil sie das Proletariat vermehre. — Diese Anschauung fand später, um die Mitte des XIX. Jahrhunderts, ihre Weiterbildung durch die Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Marx und Lassalle. Zum Glück sind aber weder die malthu- sianische Bevölkerungslehre, noch die Verelendungstheorie von Marx, noch das „eherne Lohngesetz“ von Lassalle seither durch die Erfahrung bestätigt worden. 1 Wir sind damit über unser heutiges Thema hinausgelangt, und, zunächst zu F rankreich zurückkehrend, reden wir von einigen Männern, welche in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts in Theorie und Praxis die Übel des Industrialismus aufheben und eine neue, bessere und glücklichere Welt begründen wollten. Graf Claude Henri de Saint Simon, geboren 1760 in Paris, beteiligte sich schon als 17jähriger am Unabhängigkeitskrieg der nordamerikanischen Kolonien, wurde Lafayettes Adjutant. Nach dem Krieg legte er dem spanischen Vizekönig von Mexiko einen Plan vor zur Verbindung des atlantischen und stillen Ozeans, ohne Beachtung zu finden. Nach Frankreich zurückgekehrt, beschäftigte er sich mit neuen großen Plänen. An der Revolution nahm er keinen Anteil, obwohl er mit den bestehenden Zuständen keineswegs zufrieden war. Abhülfe suchte er bei einer neuen Organisation der menschlichen Gesellschaft. Um dafür wirken zu können, beteiligte er sich an Spekulationen in konfiszierten Krön- und Kirchengütem, womit er wirklich ein ziemliches Vermögen erwarb. Er versuchte sich dann ohne Glück auf industriellem Gebiete, dann 1 Die Nationalökonomie hat bis jetzt drei Perioden gehabt: Die französische , in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts; die englische, vom Ausgang des XVIII. bis zur Mitte des XIX., und die deutsche seit Mitte des XIX. Jahrhunderts. Saint Simon und Saint Simonismus. — 2l8 — mit wissenschaftlichen Studien und bereiste England, Deutschland, die Schweiz. Nach seiner Verheiratung führte er ein so tolles Leben, daß sein Vermögen bald dahin war. Seine Frau verließ ihn, und er versuchte sich nun als Schriftsteller; aber seine konfusen Arbeiten fanden wenig Anklang, und er versank immer mehr in Armut und war schließlich auf Unterstützung angewiesen. Nur die Begeisterung für die Lösung der sozialen Aufgabe, für die er sich berufen glaubte, hielt ihn aufrecht. Seine erste soziale Schrift, „Systeme industriel“, 1821, führte ihm trotz ihrer Formlosigkeit viele Schüler zu. Doch gerade jetzt ergriff ihn die Verzweiflung, so daß er 1823 einen Selbstmordversuch machte. Aber seine Schußwunde war nicht tötlich, nur war er von da an einäugig. In seinen weitern Schriften, „Catdchisme industriel“ und „Nouveau Christianisme“, legte er seine Gedanken von einer neuen menschlichen Gesellschaft nieder. Die arbeitende Klasse, die unrechtmäßigerweise die letzte Stelle einnehme, müsse vielmehr an die erste Stelle kommen, da ihr in erster Linie die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche gebühren. Der Graf verwirft die Privilegien der Geburt, den alten „Krieger- und Priesterstaat“ und sieht einem neuen, industriellen Zeitalter entgegen, getragen von Arbeit, Wissenschaft und moralischer Religion. Da wird jeder Mensch nach seinen Anlagen beschäftigt werden. Das sei alles freilich nur möglich durch hingebende Liebe der Menschen unter einander. „Liebet euch unter einander als Brüder!“ rief er aus, „um das Reich Gottes auf Erden herbeizuführen und die Religion der Liebe in eine Religion der Freude und des Genusses zu verwandeln“. „Das goldene Zeitalter, welches eine blinde Tradition bisher in die Vergangenheit verlegt hat, liegt vor uns.“ Er starb 1825, und seine oft unklaren Ideen wären bald in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht Schüler gefunden hätten, die seine Gedanken weiter bildeten und daraus erst den „Saint Simonismus“ machten. Einer derselben, Bazard , hielt in Paris öffentliche Vorlesungen. Er forderte Aufhebung der bestehenden Eigentumsverteilung und des Erbrechtes einzelner; nur der Staat als Gesamtheit sollte Erbrecht haben, nur die Arbeit Anrecht auf Eigentum geben; jeder einzelne sollte nach Fähigkeit beschäftigt und jede Fähigkeit nach ihrer Arbeit belohnt werden. Gleichzeitig stellte Enfantin, eines Banquiers Sohn und — 219 — selber zum Banquier gebildet, der St. Simon nur aus seinen Schriften kannte, den Grafen als einen neuen Messias dar, der die Lehren Christi und Moses zusammenfasse in die Forderung, sich zu heiligen durch Arbeit und Vergnügen; alles im Menschen sei heilig, das Fleisch mit seinen angeborenen Trieben so gut wie der Geist. Es ist, im Gegensatz zum Christentum, das die Überordnung des Geistes fordert, das Evangelium von der Harmonie des Fleisches und des Geistes. Nun bildeten die Saint Simonisten in Paris, mit Enfantin als Oberpriester und Vater an der Spitze, eine heilige „Familie“, welche die neue, bessere Welt darstellen sollte und immer mehr Zuwachs fand. Bald aber brach Zwiespalt aus; der ernste Bazard trennte sich. Als Enfantin nicht nur die volle Emanzipation aller, auch der Frauen, und schließlich auch Weibergemeinschaft lehrte, da sank die „Familie“ rasch im Ansehen des Volkes. Schließlich schritt die Polizei ein, weil die Saint Simonisten zum Arbeiteraufstand in Lyon aufgewiegelt hätten. Die „Familie“ kam vor die Assisen und wurde wegen unerlaubter Verbindungen verurteilt, August 1832. Wenige Monate später waren ihre Reste und auch der St. Simonismus verschwunden. Enfantin ging aus dem Gefängnis nach Ägypten, wo er vergebens die „Offenbarungsfrau“ suchte, die irgendwo in der Welt auf ihn warten und seine Offenbarungen bestätigen sollte. Enttäuscht gab er später seine Träumereien auf, übernahm die Geschäftsführung der Eisenbahnlinie Paris- Lyon-Mediterranee und starb 1864 mit Hinterlassung eines bedeutenden Vermögens (C. Wernicke). Charles Fourier, 1772 in Besangon geboren, von seinen Eltern dem Kaufmannsstande zugewiesen, hatte dafür wenig Anlagen und kein Glück, blieb stets in abhängiger Stellung. Seine Unzufriedenheit mit den ihn umgebenden Verhältnissen und sein Abscheu gegen kaufmännische Praktiken, die gegen sein besseres Gefühl und Gewissen gingen, führten ihn zum Sozialismus. Er behauptete, die Bestimmung des Menschen sei das Glück; das erlange er nur durch harmonische Befriedigung aller seiner Triebe; dazu bedürfe es der Mittel, und so sei Reichtum die Quelle alles Glückes. Dazu gelange man durch Arbeit; diese werde, den Neigungen eines jeden angepaßt, nicht mehr eine Last sein, sondern eine Lust und ein Genuß, vollzogen unter Musik und Gesang; aber damit sie das sei und das Glück bringe, müsse eine neue Organisation Sozialismus. 220 geschaffen werden, in sogenannten Phalangen, freien Genossenschaften von 1200—1800 Familien, die in eigenen Genossenschaftsgebäuden, Phalansterien, Zusammenleben, wohnen, speisen, arbeiten, des Rates pflegen und sich gesellig unterhalten. Die Phalanx teilt sich in Serien und Gruppen nach den verschiedenen wirtschaftlichen Aufgaben: Haushalt, Bodenkultur, Fabrikation, Erziehung, Wissenschaft, Kunst, und die einzelnen Mitglieder teilen sich frei dieser oder jener Gruppe zu, können auch ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend wechseln oder mehreren Gruppen gleichzeitig angehören. Ein aus den Mitgliedern gewählter Rat der Alten verteilt das Einkommen nach dem eingeschossenen Kapital, nach Arbeit und Talent. Fourier hebt also das Eigentum des einzelnen nicht auf, ist nicht Kommunist. Aber er verwirft z. B. die Ehe in ihrer Zwangsgestalt, verlangt die völlige Freiheit für die Frau, die, der Herrschaft des Mannes enthoben, ihm völlig gleichgestellt wird und endet mit der Forderung der freien Liebe. Fouriers Stärke lag, wie bei andern Weltverbesserern, in der Kritik des Bestehenden; das Neue zu realisieren gelang ihm nicht. In dem festen Glauben, daß ihm zur Verwirklichung seines Ideals nur das Geld fehle, erließ er eine öffentliche Aufforderung, daß ein Menschenfreund ihm mit einer Million zu Hilfe komme, und zwölf Jahre lang ging er täglich zur bestimmten Stunde an den bestimmten Ort, nach dem Menschenfreund zu sehen. Umsonst, er starb 1837 in Paris, ohne ein Pha- lanstere gegründet zu sehen. (Er hat heute auf dem Boulevard de Clichy sein Bronzestandbild). Auch er fand Schüler, die sich die Verwirklichung zur Lebensaufgabe machten. Ein gewisser Victor ConsidSrant aus dem döpartement du Jura, der seine Bildung auf der polytechnischen Schule in Paris genossen hatte, gab eine angesehene Stellung auf, um sich ganz dem Werke Fouriers zu widmen. Er leitete 1832 auf einem großen Gute im departe- ment de l’Eure ein Phalanstere, das sich aber nicht lange halten konnte. 1848 des Hochverrats angeklagt, ging er nach Amerika. Ohne Erfolg suchte er wiederholt seine Ideen im Texas zu verwirklichen. Die bisher genannten vertraten in verschiedenen Formen den Sozialismus. Aber auch der eigentliche Kommunismus hatte seine mehr oder weniger konsequenten Vertreter. Fran- gois Noel Babeuf, Gracchus genannt, forderte schon zur Zeit 221 der großen Revolution die Gütergemeinschaft. Er zettelte 1796 eine Verschwörung zum Sturze des Directoriums an, um unter einer neuen Schreckensherrschaft eine neue Güterteilung durchzuführen, wurde verhaftet und hingerichtet. Seither starben die offenen und geheimen kommunistischen Vereine nicht mehr aus. Als „Volksfreunde“, „Gesellschaft der Menschenrechte“, der „Gleichheitsarbeiter“ etc. machten sie Propaganda für eine Freiheit ohne Zwang und Schranken irgend welcher Art. Ehe, Familie, Kirche, Staat, alles sollte aufgehoben, gestürzt, ausgerottet werden. Attentate und Aufstände sollten zum Ziele führen. In den Vierzigerjahren entstand die Partei der gemäßigteren „Icarischen Communisten“, welche Ehe und Familie wieder anerkannten, die Freiheit der Proletarier ohne Anwendung von Gewalt durch gleiche Erziehung, Arbeit, Ordnung und besonders durch Brüderlichkeit erreichen wollten. Ein Advokat, Etienne Cabet, schrieb einen utopistischen Roman, wie im XVI. Jahrhundert der Engländer Thomas More, mit dem Titel „Voyage en Icarie“. Daher der Name der neuen Partei, deren Begründer Cabet wurde. Er machte 1848 in Texas einen Versuch mit einer „ikarischen Kolonie“; er mißglückte vollständig; die Kolonisten klagten den Gründer selber in Paris der Betrügerei an; er wurde freigesprochen. Später wiederholte er den Versuch am Mississippi und übernahm die Diktatur — ohne solche ging es also nicht —. Ein Aufstand nötigte ihn nach einigen Jahren zur Flucht nach St. Louis, wo er 1856 starb. Wir schließen unserer unvollständigen Skizze noch Pierre Josephe Proudhon an, geboren 1809 bei Besangon, armer Böttcherssohn, Kuhhirt, Schriftsetzer, 1838—41, mit einem Stipendium unterstützt, Student in Paris, später Druckereibesitzer, dann Commis; schrieb seine wichtigsten Schriften z. T. erst nach der Februarrevolution. Exzentrisch und phantastisch in seinen Ideen, wiederholt flüchtig, vorübergehend auch in der Schweiz, wiederholt im Gefängnis. Aus dem geräuschvollsten Revolutionär wird später der entschiedenste Gegner der Revolution und ein eifriger Verteidiger von Papsttum und Kirche. Solche Widersprüche isolierten und vereinsamten ihn; übrigens ein persönlich durchaus edler Mensch. Er starb 1865 in Passy bei Paris, so arm wie er geboren war. Der einst gefürchtete Volksmann hat in dem Aristokraten Sainte-Beuve seinen Biographen gefunden. — Niemand hat sich extremer und phan- 222 tastischer ausgedrückt als Proudhon: „La propriete, c’est le vol.“ — „Dieu, c’est le mal“. „Die beste Regierung ist die Anarchie“ etc. In seinem bedeutendsten Werk: „Systeme des contradictions economiques, ou Philosophie de la misere“ kritisiert er alle sozialistischen Systeme und auch den Kommunismus. Er nennt das Eigentum eine Ausbeutung des Schwachen durch den Starken, den Kommunismus eine Ausbeutung der Starken durch die Schwachen und fordert Aufhebung der Erblichkeit, individuelles Eigentum nach den Leistungen eines jeden . 1 Schwärmerische Menschen, utopistische Theorien, verfehlte Versuche sind an uns vorübergegangen. Die soziale Frage durchlief in Ludwig Philipps Frankreich zunächst noch unabgeklärte, turbulente Stadien. An Hülfe, die den Übeln irgendwie an die Wurzeln gegangen wäre, dachte die „Bourgeois-Regierung“ natürlich nicht, sondern blieb im Hergebrachten stecken. 1 Proudhon war auch ein abgesagter Feind des Geldes; er wollte den direkten Austausch zwischen den Produzenten wieder hersteilen und gründete eine Tauschbank, in welcher alles, was der Arbeiter produzierte, aufgespeichert oder registriert werden, und wo er hinwiederum erhalten sollte, was er brauchte. Eines Tages brachte ein Tischler einen großen, eben fertigen Tisch hin und begehrte dafür ein Paar Schuhe, die er dringend nötig habe. Zu seinem Pech waren Schuhe nicht vorrätig. „Dann geben Sie mir ein Paar Pantoffeln“, sagte der Tischler. „Sie treffen es wirklich schlecht, mein Lieber, Pantoffeln sind auch nicht da“. „Dann möchte ich einen Hut haben.“ Der Beamte sah nach: „Ich bedaure sehr, aber die Hüte sind uns gerade heute ausgegangen." „Was soll nun werden?“ fragte der Tischler verzweifelt. „Verlieren Sie nur nicht so bald den Mut“, erwiderte der Tauschbeamte, „wir werden schon etwas Praktisches für Sie finden.“ Und er blätterte von neuem in den Registern. Nachdem er bis zum Ende durchgeblättert, sagte er kleinlaut: „Möchten Sie nicht Violinunterricht nehmen?“ — Natürlich hat die Tauschbank ihre Pforten bald wieder und für immer geschlossen. Ähnliche Tauschbanken sind übrigens, mit demselben negativen Erfolg, auch von Owen in England versucht worden. (Aus dem Zettelkasten (Corriere della Sera.) — 223 — XI. Frankreich von der Juli- bis zur Februarrevolution, 1830—48. Der Lebenstag Louis Philipps . 1 Die Julirevolution, durch König Karls Ordonnanzen hervorgerufen, war eine Stegreifrevolution und verlief fast führerlos. Wäre nicht die Haltung des Königs sorg- und kopflos gewesen, so hätte sie kaum gelingen können. Die Führer der liberalen Kammermehrheit wollten die wirklich konstitutionelle Monarchie, die kämpfenden Volksmassen die Republik ; eine Verständigung bestand nicht. Donnerstag, 28. Juli, kamen die liberalen Abgeordneten bei einem ihrer Führer, dem Ban- quier Laffitte, zusammen und bestellten unter dem Titel „Munizipalkommission“ eine provisorische Regierung, die sich, mit dem populären, alten General Lafayette an der Spitze, auf dem Stadthause einrichtete. Wie man einst in ähnlicher Lage, bei Absetzung Jakobs II. in Britannien 1688, des Königs Neffen und Schwiegersohn, Wilhelm von Oranien, berufen hatte, so einigte man sich jetzt auf den Vetter des Königs, Ludwig Philipp aus dem Hause Orleans, jüngerer Linie des Hauses Bourbon. Louis Philipp, vorläufig als Generalstatthalter berufen, nahm an und erheb als solcher eine Proklamation. „La Charte sera desormais une verite,“ sagte er darin, und die inzwischen versammelte Kammer fügte einige freisinnige Verheißungen hinzu. Dann ritt der Herzog, ein dreifarbiges Schlingband um den Hut, im Geleite etlicher Deputierter, mitten durch die tumultuarisch erregte Menge zum Stadthaus. Es gehörte einiger Mut dazu; denn im Hotel de Ville hatten sich allerlei Leute eingenistet, die dort keine Bureaux hatten. Lafayette ging dem Herzog entgegen, umarmte ihn demonstrativ, überreichte ihm eine dreifarbige Fahne, die der Herzog entfaltete. Die Menge war gewonnen, sie jubelte Beifall. Die murrenden Republikaner wußte La- 1 A. Stern und Th. Flathe. — 224 — fayette zu beruhigen: „Der Herzog von Orleans bedeute die beste der Republiken, und der Thron werde von republikanischen Institutionen umgeben sein.“ Als Karl X. von diesen Vorgängen erfuhr, übersandte er dem Herzog für sich und seinen ältesten Sohn, den 59 Jahre alten Herzog von Angoul6me, die Thronentsagung zugunsten seines Enkels, des zehnjährigen Heinrich von Bordeaux, und ernannte zugleich den Herzog zum Regenten für Heinrich V. Er hatte sich inzwischen ’ r on St. Cloud nach Rambouillet zurückgezogen; aber auch da war der alte König immer noch unbequem. Mit einem ziemlich plumpen Mittel gelang es, ihn am 3. August in die Flucht zu scheuchen. Es wurde ein Zug nach Rambouillet inszeniert nach dem Muster des Zuges nach Versaille, 5./6. Oktober 1789. Ein Haufe Volkes, bunt zusammengesetzt, einige Bataillone Nationalgarden, deren Kommandant wieder Lafayette war, setzten sich nach dem Schlosse in Bewegung; 60,000 Menschen sollen es gewesen sein. Ein beschränkter Kopf war Karl schon immer gewesen, ein Held war er auch nicht; der Greis wich wirklich vor der fingierten Gefahr. Doch vergaß er auch jetzt die königliche Würde nicht. „Mit feierlicher Langsamkeit, unter Beobachtung der strengsten Etikette, bewegte sich der Leichenzug der alten Monarchie nach Cherbourg hin,“ wo man sich nach England einschiffte. 1 Nun konnte die neue Regierung sich einrichten. Noch denselben 3. August wurden die Kammern in Paris eröffnet. 220 Abgeordnete und etwa 40 Pairs nahmen teil. Der Generalstatthalter teilte ihnen die Thronentsagung Karls und seines Sohnes mit; daß es zugunsten des Enkels geschehen, verschwieg er. Am 7. August fand dann die entscheidende Sitzung statt. Einige Legitimisten erinnerten an den dem König Karl geschworenen Eid, und daß nach unanfechtbarem Recht Heinrich V. König sei. Es wurde ihnen gegenüber betont, daß Frankreich eine starke Regierung brauche, nicht die eines Kindes und eines Vormundes, und daß die geschworenen Eide verwirkt seien durch die Verletzung der Charte ab seiten des Königs qtc. Chateaubriand warnte: ... „Sie proklamieren das Recht der Gewalt. N un, dann hüten Sie diese Gewalt; denn wenn Sie sie verlieren, dürfen Sie sich nicht beklagen.“ Ohne darauf zu achten, Der Entthronte lebte später in Prag, dann in Görz, starb daselbst 1836. — 225 — erklärte man den Thron für erledigt und berief nun in aller Form den Herzog von Orleans, als die jüngere Linie Bourbon, zur Regierung. Die Wahl fand statt in der Weise, wie man neue Klubmitglieder aufnahm ; 219 weiße gegen 33 schwarze Kugeln — bei 39 Enthaltungen — erhoben Louis Philipp zum „König der Franzosen“. Der Herzog nahm an. Mit dem Kammerpräsidenten, mit seinem Banquier Laffitte und mit Lafayette trat er auf den Balkon des Palais Royal und zeigte sich der versammelten Menge”als König. Am Abend gaben auch die anwesenden, bisher ziemlich als quantit^ n^gligeable behandelten Pairs ihre Zustimmung. Montag, 9 . August, leistete Louis Philipp den Eid auf die Charte, und mit einer einfachen Feierlichkeit fand so die Julirevolution ihren Abschluß. Es war gerade 14 Tage nach den berühmten Ordonnanzen, die der Moniteur Montag, 26 . Juli gebracht hatte. Die Charte Ludwigs XVIII. wurde von dem neuen Königtum anerkannt und beibehalten, mit einigen Änderungen und Erweiterungen. Der Artikel von der Staatsreligion wurde ersetzt durch den Satz: „Die Mehrheit der Franzosen bekennt sich zur römisch-katholischen Religion“. Es gab keine Zensur mehr. Das Mindestalter für die Deputierten wurde von ,40 auf 30, das der Wähler von 30 auf 25, die Wahlperioden von 7 auf 5 Jahre herabgesetzt. Die Kammer erhielt das Recht, auch ihrerseits Gesetze vorzuschlagen (Initiative). Die Trikolore wurde Landesfahne. Ein Häuflein schöner Versprechungen schloß sich an. Der abermalige Sturz der legitimen ^Dynastie war ohne Zweifel ein Verhängnis, und Karl X. trug, so weit es ihn traf, die große Schuld nicht nur für sein Haus, sondern auch für Frankreich. Ein Land bedarf, wenn es ihm wohlgehen soll, einer festverankerten, stabilen und dadurch starken Regierung. Wie viele Regierungswechsel hatte Frankreich seit 1792 schon gesehen! Man gewöhnte sich nachgerade daran, wie in gewissen Ländern an die großen und kleinen Erderschütterungen. Man nennt jene Länder Erdbebenländer. Frankreich hätte man das Land der Regierungsbeben nennen können. Man machte sich nicht mehr viel aus diesen Erschütterungen, sondern nahm sie mit mehr oder weniger Gleichgültigkeit hin. Sieht man näher zu, so waren die Regierungen in der Regel weniger durch die Kraft und Zahl ihrer Feinde als durch den Mangel an Freunden zu Fall gekommen. Die feste Ver- Flühmann, Vor träge. *5 Louis Philipp, König der Franzosen“. — 226 ankerung fehlte. Gefiel die Regierung einer oder einigen Gruppen nicht, nun, dann machte man sich eben über eine Weile daran, sie umzuwerfen. Das gelang ja immer, wenn nicht beim ersten, so bei einem späteren Anlauf. Es gab nachgerade eine Technik darin. Konnte es durch das neue, erblich erklärte Haus Orleans besser werden? Ludwig Philipp war der älteste Sohn jenes Herzogs Philipp von Orleans, des Vetters Ludwigs XVI., der sich in der Revolutionszeit Philipp Egalite nannte und trotzdem in den Schreckenstagen von 1793 auf der Guillotine starb. Geboren 1 773 , wuchs der Prinz im Palais Royal auf, das die Orleans seit Ludwig XIV. inne hatten. 1 Zur Zeit der Revolution spielte der junge Prinz, nach den Methoden des Vaters, den Liberalen, Unterzeichnete gelegentlich öffentlich ohne alle ihm zukommenden Titel, einfach als „Citoyen de Paris“, trat den Jakobinern bei und ließ sich in ihre Ausschüsse und Kommissionen wählen. Im belgischen Feldzug 1792/93 wurde er mit Dumouriez „verdächtigt“ und floh in die Schweiz. Aus Furcht vor dem Konvent überall ausgewiesen, irrte er Monate lang in unsern Bergen umher. 2 Unter dem Namen Chabot-Latour lehrte er vom November 1793 bis Ende Juni 1794 französische Sprache und Literatur und Mathematik an Tscharners Erziehungsinstitut in Reichenau bei Chur. Aber der Krieg schlug seine Wellen auch in die Schweiz herein. Der Flüchtling flöh weiter, nordwärts, bis nach Hammerfest. 1796 ging er mit seinen Brüdern nach Amerika, lebte dann zurückgezogen mit einer englischen Pension in Twickenham bei London. Nach dem Tod der Brüder begab er sich an den Hof Ferdinands I. in Neapel, vermählte sich mit dessen Tochter; kehrte nach dem Sturze Napoleons nach Paris zurück. Von Ludwig XVIII. „mit Gnaden überschüttet“, erhielt er alle ehemaligen Güter seines Hauses wieder, so weit sie noch unveräußert waren. Bei der Wiederkehr Napoleons, März 1815, benahm er sich zweideutig, stellte dem König seinen Degen zur Verfügung, wollte aber — unter einem Prätext — nicht gegen Napoleon ziehen. Seither mißtraute ihm der König und weigerte ihm nach 1 Die Kinder Orleans wurden nach dem Prinzip von Rousseau’s „Emil“ erzogen unter der im Hause des Vaters allmächtigen Gräfin de Genlis, die in 100 Romanbänden Rousseauische Pädagogik verbreitete. s Seine Schwester Adelaide hatte inzwischen in einem Kloster bei Bremgarten Zuflucht gefunden. — 227 — seiner zweiten Restauration hartnäckig den Titel „königliche Hoheit“. Nun wurde das Palais Royal der Sammelpunkt von Deputierten, Gelehrten und Künstlern, die bei Hofe nicht gefielen. Der Herzog errichtete auch im Palais ein Unterstützungsbureau, „brachte seinen Namen mit allen philan- tropischen Unternehmungen in Verbindung, subskribierte für Nationalmonumente, errichtete Lancasterschulen, schickte seine eigenen Söhne in die öffentlichen Schulen und führte ein ganz bürgerliches Familienleben“. Das alles gab liberalen Schriftstellern erwünschten Stoff zu unliebsamen Vergleichen mit der altern, regierenden Linie und half, die Erhebung des Hauses Orleans vorbereiten. Trotz alle dem stellte sich, nach dem Tode Ludwigs XVIII., Karl X. nicht unfreundlich gegen den Vetter, gewährte ihm phne Anstand den ihm zukommenden Titel „königliche Hoheit“, zusamt der damit verbundenen Apanage. An der Erhebung gegen Karl X. hatte der Herzog keinen Anteil; aber mit dem Sturze Karls war die im Stillen längst vorbereitete und erhoffte Stunde seiner eigenen Erhebung gekommen . 1 Es wird nach diesem Lebensbilde nicht schwer sein, gewisse Züge im Charakter des neuen Königs zu verstehen. Ludwig Philipp wollte durchaus legitimer König sein, was er doch nur gewesen wäre, wenn es keinen Heinrich V. gegeben, oder wenn auch für ihn verzichtet worden wäre. So aber war seine Krone doch nur erlistet, und an seiner Regierung haftete zum vornherein der Fluch des revolutionären Ursprungs, der Usurpation. Das machte sich nach außen und innen geltend. Und Ludwig Philipp war ein Sterblicher von 1 War doch die bis zur Affektation getriebene bürgerliche Schlichtheit und Zugänglichkeit des Herzogs von Orleans ein bewußtermaßen gepflegter Gegensatz zu der „wahrhaft orientalischen Etikette“ und Abgeschlossenheit des Bourbonhofes. Der Herzog erschien dem gebildeten Bürgertum als das Ideal eines liberalen Prinzen. Auch Talleyrand richtete den geübten Blick auf ihn, seit Karl X., durch Berufung Polignacs, aus einem „König seines Volkes das Haupt einer unpopulären kleinen Minderheit“ geworden. Vom Januar 1830 an erschien der „National“, ein unzweifelhaft orleanistisches Organ, von Thiers, Mignet u. a. geleitet. Hier las man die Formel: „Le roi regne et ne gouverne pas“, worin Thiers das Wesen der konstitutionellen Monarchie zusammenfaßte, die aber unter den ältern Bourbon nie Wirklichkeit werden konnte. — Auf einem, dem durchreisenden neapolitanischen Königspaar zu Ehren gegebenen, Ball sagte Einer zum Herzog: „Es ist ein neapolitanisches Fest; wir tanzen auf einem Vulkan.“ Es gab also Kreise, in denen die Revolution erwartet und — vorbereitet wurde. — 228 England anerkennt Louis Philipp. gewöhnlichen, eher kleinen Maßen, kein Genius, der auch eine widerstrebende Welt in seinen Bann gezwungen hätte. Seine Regierung ist ein kompliziertes Netz von großen Schwierigkeiten und kleinen Mitteln zu ihrer Überwindung. Um an Klarheit zu gewinnen, folgen wir zuerst der äußern Politik. Während die Julirevolution und das Bürgerkönigtum von den liberalen Volkskreisen aller Länder mit überschwänglicher Freude gefeiert wurde, schauten die Regierungen der Restauration mit Entrüstung und Besorgnis nach Paris. Zweimal hatten die Großmächte den Thron der Bourbon restauriert und damit gewissermaßen garantiert. Nun war er ohne Scheu niedergeworfen. Man befürchtete davon den Beginn einer neuen Ära der Erschütterungen, die von Paris aus ganz Europa in Verwirrung bringen könnten. Und völlig unbegründet waren diese Sorgen nicht. Auf den Barrikaden waren die Bourbon auch deshalb verflucht worden, weil sie in dem „Bagagewagen der Fremden nach Paris zurückgekehrt“ seien. „Die Trikolore, die Fahne des Kaiserreiches galt republikanischen Jünglingen und napoleonischen Veteranen als Symbol künftiger „Revanche“ gegen Deutschland. „Auf, zum Rhein“, hieß es; „man setze die nationale Bewegung fort durch den Krieg gegen Europa, das uns den Vertrag von 1815 aufgezwungen“. Es war der alte, glühende, immer wieder genährte Wunsch, Frankreichs Grenze gegen Deutschland hin wenigstens überall bis an den Rhein zu rücken. Louis Philipp war zum Glück kein Kriegskönig. Er warb um die Anerkennung Europas, indem er den Regierungen seine Thronbesteigung anzeigte und seine Friedensliebe bezeugte, nicht ohne auf die „bedrohliche Exaltation der Geister“ aufmerksam zu machen, die im Zügel gehalten werden müßten. In England war Wellington an der Spitze. Dem Stocktory ging gewiß die Revolution in Paris wider den Strich, aber auch Karls X. Staatsstreich. Zudem hatte die Eroberung Algiers durch Karl in England stark verschnupft. „Ich glaube, sagte Wellington, jede Macht in Europa wird sich von einem Alp befreit fühlen, wenn man erfährt, daß wir die neue Regierung anerkannt haben“.„Die einzige schwache Hoffnung, den Weltfrieden zu erhalten, ruht in dem maßvollen Charakter Louis Philipps von Orleans“. Und so ging England mit der Anerkennung des Hauses Orleans voran. — 229 — Hätte Metternich dem Wunsche seines Herzens folgen dürfen, er würde sofort den Kreuzzug gegen die Revolution angekündet haben. Aber seit dem Petersburger Protokoll von 1826 gab es das alte, feste Band zwischen den Ostmächten nicht mehr. Am strengsten in der Sache dachte Zar Nikolaus, der alsbald in Wien und Berlin die Erneuerung der Coalition von 1815 anregte. Keineswegs wollte er „durch seine Anerkennung der Usurpation das Siegel des Rechtes aufdrücken“. Aber sein Schwiegervater, Friedrich Wilhelm III. in Berlin, winkte nüchtern ab. Kam es zum allgemeinen Krieg, dachte man in Berlin, so würde Preußen den ersten Stoß und die Hauptgefahr zu bestehen haben. Man mochte die mühsam geordneten Finanzen nicht neuerdings erschüttern. Besser Ludwig Philipp als die fortgesetzte Revolution in Frankreich, in dessen Inneres man sich übrigens nicht einmischen wollte. Diese Auffassung siegte. Doch versagte Nikolaus dem „Barrikadenkönig“ die unter Monarchen übliche Anrede „Monsieur mon frere“. Zutreffend sprach sich Metternich über die Schwäche des Julitrones aus: „Louis Philipp befindet sich von seiner Thronerlangung an in einer unhaltbaren Position, denn die Basis, auf welcher seine Autorität ruht, besteht nur in leeren Theorien.... Seinem Thron fehlt von allen Regierungsformen zwischen 1792 und 1801 das Gewicht der Volksabstimmung und von dem restaurierten Throne die ungeheure Stütze des historischen Rechtes; ihm fehlt von der Republik die Volkskraft, von dem Kaiserreiche der militärische Ruhm, das Genie und der Arm Napoleons, von den Bourbon die Stütze des Prinzips; seine Dauer wird auf Zufälligkeiten beruhen.“ — Der „von republikanischen Institutionen umgebene Thron“ Louis Philipps war ihm „ein Stuhl von Holz, nicht einmal mit einem Stück Sammet bedeckt“. Leichter, als man denken mochte, hatte das Julikönigtum die Anerkennung der maßgebenden Mächte erlangt. Nun folgen wir den wichtigsten Kapiteln aus seiner äußern Politik. Die polnische Revolution von 1830 , die in ganz Europa um Sympathie und Hülfe warb, fand nirgends so viel Ermutigung wie in Paris. Die Fortschritts- oder „Bewegungspartei“ nahm sich der Polensache mit glühendem Eifer an, Lafayette voran. Er rühmte am 14. Dezember offen in der Kammer, daß Polen bereit sei, die Schmach seiner Teilung wieder gut zu machen und drohte den Teilungsmächten mit Stellung zur polnischen Re volution 1830 / 31 . — 230 „einer halben Million französischer Soldaten und einer Million französischer Nationalgardisten“. Indessen wurde mit Geldsammlungen und Zustimmungsadressen Hülfe geleistet. Ein Zentralkomite zugunsten der Polen in Paris gab die tröstliche Versicherung nach Warschau: „Nach 60 Jahren erbitterter Kämpfe werdet ihr triumphieren, und unter den Völkern der Welt muß Frankreich vor allen dazu mitwirken, euern Triumph zu beschleunigen.“ Lafayette nannte sich den ersten „Grenadier der polnischen Nationalgarde“ und richtete den Zuruf an die „Waffenbrüder nach Warschau“: „Mut, edles Volk I wir sind bereit, euch zu Hülfe zu eilen“. — Die Regierung ihrerseits geriet durch dieses Treiben in große Verlegenheit, England, Österreich, Preußen stellten sich auf den Standpunkt der Verträge von 1815, und es war in der Tat undenkbar, daß die junge französische Regierung, ohne die übrigen Mächte oder im Gegensatz zu ihnen, für die Polen zum Schwerte greifen konnte. Louis Philipp schickte einen Gesandten nach Petersburg, der nebenbei „ein gutes Wort für die Polen“ einlegen sollte. Unterdessen aber hatten diese das Haus Romanow abgesetzt und erklärten dem Gesandten auf der Durchreise: „Der Würfel ist gefallen; alles oder nichts“. Als dann die Katastrophe über Warschau gegangen war, und es in der französischen Kammer stürmische Auftritte gab, suchte der Minister des Äußern, Sebastiani, zu beruhigen mit den berühmt gewordenen Worten: „L’ordre regne ä Varsovie“. Es war am 16. September 31. Im Publikum erweckte die Kunde zuerst Trauer, dann Entrüstung. Am Abend sammelten sich Volkshaufen um das Ministerium des Äußern und um das Palais Royal mit dem Ruf: „Vive la Polonie ! A bas les min- stres!“ Der russische Botschafter hielt es für geraten, sein Palais zu verlassen. Man wiederholte überall die Strophen eines französischen Polenliedes: „Edle Schwester Warschau; sie ist für uns gestorben. Verbergen wir unser Antlitz, wir sind Elende“. Andern Tages dasselbe Bild; da hörte man auch den Ruf: „Vive la Poloniel Vive la Republique!“ Die Polenlieder und Polenmarseillaise blühten von neuem. Der Spötter H. Heine fuhr in diese Begeisterung hinein mit seinem Hohnlied: „Zwei Ritter aus der Polakei, Krapülinski und Waschlapski“. 1 1 Im Romancero. Mit Rücksicht auf den Raum müssen wir darauf verzichten, das Lied abzudrucken. — 2ZI Die polnische Revolution wurde für die Julimonarchie der erste schwere Stein des Anstoßes in der äußern Politik; zwar schlugen die Folgen nicht nach außen, sondern nach innen, indem die „Bewegungspartei“ die gesamte Regierungspolitik immer rücksichtsloser angriff. Etwas begütigend wirkte es, daß Ministerpräsident Perier einige Wochen später einen Kredit zur Unterstützung politischer Flüchtlinge forderte; obschon Frankreich, nach dem Worte Laffitte’s, des ehemaligen Banquiers, nicht dazu da sei, „um allen Revolutionen ein Kontokorrent“ zu eröffnen, so solle es doch eine offene Hand für das Unglück haben. Die Summe wurde bewilligt und kam zum größten Teil den polnischen Flüchtlingen zu gut, die in Frankreich besonders zahlreich und für die Regierung manchmal eine Verlegenheit waren. Wie Metternich sogleich befürchtet, hatte die Julirevolution Haltung ihre Nachwirkungen auch in Italien, wo es seit 1820 wohl “f^von Ruhe gab, aber nicht Zufriedenheit. Und am unzufriedensten ’^aHen!” war man im Kirchenstaat, namentlich in der Romagna und in den Marken. Diese Teile hatten seiner Zeit zum napoleo- nischen Königreich Italien gehört und konnten sich nun in die rückständige päpstliche Herrschaft nicht mehr finden. Österreichische Geheimberichterstatter meldeten, daß „die Priesterherrschaft mit ihren Lasten und Willkürlichkeiten in allen Zweigen der Justiz und Verwaltung“ bei der Bevölkerung äußerst verhaßt sei. „Vier Fünftel der Einwohnerschaft von Bologna seien geschworene Feinde des Papstes, der ganze Adel, der Mittelstand, die Polizei nicht ausgenommen, die Jugend, die Frauen.“ Bei den Kardinallegaten und ihrer Umgebung „sei alles für Geld feil“ etc. Die Grundbesitzer klagten über drückende Auflagen, die Kaufleute und Gewerbetreibenden über Zollscherereien und über schreiende Mängel im Rechtsverfahren, das niedere Volk über die hohen Preise der notwendigsten Lebensmittel. Das geistliche Regiment schloß das Laienelement fast völlig aus und bewies auch hier seine Unfähigkeit für die Dinge dieser Welt; nur das Geldnehmen verstand es fast den Weltlichen zum Trotz. Zu allem kam die Erinnerung an die verfolgten Liberalen, deren viele, den besten Familien angehörend, als Flüchtlinge in der Fremde, namentlich in Paris weilten. Sie bildeten dort ein Comitö, das mit den Patrioten in der Heimat in beständiger Fühlung blieb. Papst Leo XII., 182z auf Pius VII. gefolgt, nach L. Ranke bei — 2Z2 — Gegensatz Frankreichs zu Österreich. „allen vom Prinzen bis zum Bettler“ verhaßt, starb im Februar 1829. Der auf ihn folgende, kränkelnde Pius VIII. fand nicht Kraft und Zeit zu Verbesserungen, starb schon Ende November 1830. Während der päpstlichen Vakanz brach nun die Revolution aus, zuerst in Modena und Parma; Herzog Franz IV. und die Herzogin Marie Luise mußten fliehen. Sogleich schloß sich die Revolution in der Romagna, Bologna, Ancona etc. an. Eine provisorische Regierung in Bologna nahm die Leitung in die Hand und erklärte im Namen „der vereinigten Provinzen Italiens“ die weltliche Herrschaft des Papstes auf ewige Zeiten für abgeschafft (Febr. 1831). Landesfahne wurde die grün-weiß-rote Trikolore der cisalpinischen, dann italienischen Republik und des napoleonischen Königreichs Italien. Ende des Monats Februar trat eine Versammlung von Abgeordneten in Bologna zusammen. Als der inzwischen gewählte neue Papst Gregor XVI. seine Regierung antrat, war es fast nur die Stadt Rom, die zu ihm hielt. Da seine Militärmacht unzulänglich war, mußte er das zum Einschreiten bereite Österreich um Hülfe angehen, und Österreich besetzte die aufrührerischen päpstlichen Gebiete, nachdem es schon vorher Herzog Franz und Marie Luise nach Modena und Parma, die Bevölkerung zum Gehorsam zurückgeführt hatte. Und jetzt traten die Dinge in ein kritisches Stadium für die französische Regierung. Der Ursprung dieser Regierung aus einer Revolution brachte es mit sich, daß sie in Gegensatz trat, treten mußte zu der bisherigen metternichschen Politik der großen Allianz. Metternich stand auf dem Grundsatz der Intervention zur Unterdrückung aller Revolutionen; Louis Philipps Regierung protestierte dagegen, als gegen die Freiheit der Nationen gerichtet und verkündete den Grundsatz der Nichteinmischung. Die Revolutionäre der Romagna hatten aber ihre Hoffnungsblicke zum vornherein auf den König der Julimonarchie gerichtet, und das Komite der italienischen Emigranten in Paris bemühte sich lebhaft um dessen Hülfe. Die Bewegungspartei wäre auch gleich dazu bereit gewesen; Lafayette, auch Minister Laffitte hätten der ganzen Welt zum Heil des Liberalismus helfen wollen. Aber Lafayette's Einfluß bei der Regierung zählte nicht mehr, und Laffitte war bald nicht mehr Minister. Casimir Pürier aber und der König schauten die Sache anders an. Die Regierung erklärte die Nichtintervention. — 233 — Auch damit wäre den Revolutionären geholfen gewesen, „wofern Frankreich dieses Prinzip auch den andern Mächten, auch Österreich aufnötigte. Denn mit dem Papst alleine wären sie leicht fertig geworden. Nun aber wußte Metternich die französische Regierung zu bestimmen, daß sie die öster- Re Jjg® ung . reichische Intervention, weil vom Papste begehrt, anerkannte, stimmt der 7 o , Interven- „Wir gestehen keinem Volke das Recht zu, uns zu zwingen, tion öster- für seine Sache zu kämpfen, und das Blut der Franzosen ge- reichs zu - hört nur Frankreich“, erklärte Ministerpräsident Pürier in der Kammer. Die Juliregierung bedurfte des Friedens und fand es begreiflicherweise riskiert, sich wegen der päpstlichen Untertanen in einen Krieg mit Österreich und vielleicht noch andern Mächten zu verwickeln. Heimlich spielte Metternich auch den nun 20 Jahre alten, ehrgeizigen und tatendurstigen Herzog von Reichstadt, „l’aiglon“, als Napoleon II . 1 gegen Louis Philipp und seinen „erbärmlich zusammengezimmerten Thron“ aus. Das mußte um so mehr wirken, als bei Straßenaufläufen schon wiederholt der Ruf gehört worden war: Es lebe Napoleon II. In der Folge fand dann eine von der französischen Re- Gesandtengierung angeregte Gesandtenkonferenz in Rom statt, welche k j° n R on" z der Curie ein Programm von Reformen vorschlug, um für die Zukunft Ruhe und Frieden zu sichern. Ein sehr vernünftiges „Memorandum“ des preußischen Gesandten Bunsen in Rom, der ein genauer Kenner der Schäden und der Bedürfnisse des päpstlichen Staates war, wurde einstimmig angenommen. Papst Gregor war freilich höchlich verletzt, daß die weltlichen Mächte ihm Ratschläge aufnötigen wollten und gar noch die schismatischen. Der heilige Vater, sagte er, wisse wohl selber am besten, was zum Heil und Wohl seiner Untertanen nötig sei. Von den Reformen wurde das wenigste, das wenige mehr nur dem Scheine nach angenommen. Aber was Frankreich wollte, war erreicht: Der Rückzug der österreichischen Truppen. Am Ende war die Geschichte damit nicht. Da in den päpstlichen Gebieten nichts wesentlich besser wurde, begannen nach Abzug der bewaffneten Macht die Auflehnungen sofort wieder. Diesmal sandte der Papst gegen das Aufruhrgebiet 1 Selbst Kaiser Franz sagte zu seinem krankhaft ehrgeizigen Enkel: „Erschienest du auf der Brücke von Straßburg, so würde es mit den Orleans in Paris nicht lange dauern.“ — 234 — Zweite österreichische Intervention. Die Franzosen in Ancona, Febr. 1832. eine eigene Soldtruppe. Diese wurde durch ihre Räubereien und Bestialitäten, vor denen auch Kirchen und Klöster nicht gefeit waren, den päpstlichen Beamten selber zum Schrecken, und sie mußten die Österreicher abermals zu 'Hilfe rufen. Jetzt wurde die Sache für die französische Regierung wiederum kritisch. Sie mußte etwas tun, um nicht einen Aufruhr der Bewegungspartei in Paris zu riskieren. Am 22. Februar 1832 warf ein kleines französisches Geschwader vor Ancona seine Anker aus; nachts wurden 1500 Mann gelandet, der päpstliche Kommandant im Bett ergriffen, die Zitadelle besetzt und neben der päpstlichen Schlüsselfahne die blau-weiß-rote Trikolore gehißt. Nach dieser Überrumpelung gab die französische Regierung in Rom und bei den Regierungen der übrigen Staaten die Erklärung ab, daß Frankreich nichts erobern wolle und nichts gegen die päpstliche Regierung im Schilde führe, aber von Ancona sich erst zurückziehen werde, wenn auch Österreich die Romagna räume. Das dauerte nun bei 7 Jahren, bis 1838. So lang blieben die Österreicher in Bologna und die Franzosen in Ancona „ohnmächtige Zeugen einer Mißregierung, deren Kraft sich beinahe nur in der Verfolgung ihrer Gegner äußerte“. Österreich selber hatte endlich von diesen Dingen genug. Metternichs Gemahlin sprach den Gedanken ihres Gatten aus: „Wir sind es müde, die erbärmliche Rolle der päpstlichen Polizei zu spielen“. England hatte sich schon lang von den Verhandlungen über die Angelegenheiten des Kirchenstaates zurückgezogen. Fremde Besatzungen, sagte es, können nicht ewig dauern, und es sei nicht wahrscheinlich, daß eine Schweizertruppe in der Stärke, wie die römischen Finanzen sie gestatten, imstande wäre, die Unzufriedenheit einer ganzen Bevölkerung niederzuhalten. Von Frankreichs Seite aber war die Besetzung von Ancona gegen Österreich und seine Ausdehnungstendenzen in Italien gerichtet und übrigens, wie schon gesagt, eine Sicherheitsmaßnahme gegen die Agitationen der Bewegungspartei in Paris. „Frankreichs Heerscharen werden uns zu Hilfe kommen; die Sache der Freiheit wird triumphieren“, hatten die Revolutionäre in Bologna 1831 verkündet. Casimir Perier aber sagte unter vier Augen: „Unser Zweck bleibt immer, das Wachstum der österreichischen Vorherrschaft in Italien aufzuhalten, und wir verharren bei dem Gedanken, daß im gegenwärtigen Zustand der Dinge der heilige Stuhl noch die besten — 235 Bürgschaften gegen die Übergriffe des Wienerhofes bietet“. Ein anderer französischer Minister sagte: „Ob die päpstlichen Untertanen mehr oder weniger (Steuern) zahlten, ob sie Gesetze erhielten oder nicht, war uns gleichgültig. Wir brauchten irgend ein großes Wort für die Tribüne“. Das ist es: Die „Fanfaronnade“ von Ancona, die „Anconade“ war ein solches „großes Wort“. Doch für die Kammertribüne in Paris hielt es nicht dauernd vor. Das Endergebnis war zu unbefriedigend für die Bewegungsfreunde, und unermüdlich warf man der Regierung „Verrat an Polen“, „Verrat an Italien“ vor. Die 1830 unter Karls X. Ministerium Polignac eroberte Kolonie Algier war für Frankreich zunächst noch lange Zeit eine Verlegenheit und eine Last, durfte aber von der Julimonarchie nicht preisgegeben werden. Der algerische Kabylenfürst Abdel-Kader (Knecht des Mächtigen) erhob sich 1832 gegen die Franzosen. Die Kämpfe dauerten, von Friedensschlüssen unterbrochen, durch 15 Jahre. Auch der Sultan von Marokko wurde durch den Emir hineingezogen, gab ihn jedoch später preis. Aber erst 1847 mußte Abd-el-Kader sich den Franzosen ergeben. Es wurde ihm Freiheit zugesichert unter der Bedingung, daß er sich nach Syrien oder Ägypten einschiffe und nie mehr gegen Frankreich kämpfe. Aber Louis Philipp hielt ihm das Versprechen nicht, sondern ließ ihn mit Mutter, Frauen und Kindern nach Frankreich bringen und hielt ihn dort gefangen. Erst Napoleon III. gab ihn 1852 frei. 1 Im Kampf gegen die Griechen hatte s. Z. Sultan Mahmud II. seinen Vasallen Mehemet Ali, Vizekönig von Ägypten, zu Hilfe gerufen und ihm dafür Kreta und die Statthalterschaft in Morea 1 Abd-el-Kader war eine bedeutende Persönlichkeit. Er lebte nach seiner Freilassung in Damaskus als berühmter philosophischer und theologischer Schriftsteller und Lehrer, zu dessen Vorlesungen sich Scharen von jungen Mohammedanern drängten. Er schützte 1860 die syrischen Christen gegen die Mohammedaner, starb hochbetagt 1883. — Interessant war die Haltung Englands in den afrikanischen Kriegswirren Frankreichs. Als 1844 die Franzosen siegreich in Marokko vordrangen, Tanger und Mogador eroberten, erklärte Lord Aberdeen, trotz der von ihm erfundenen oder geschaffenen „Entente cordiale“, „jede endgültige Besetzung irgend eines Punktes in Marokko sei notwendigerweise ein casus belli.“ — Als 1845 ein französischer Oberst einen ganzen Berberstamm, 800 Menschen, Männer, Weiber» Kinder, in einer Höhle durch Ausräucherung vernichtete, da gab Palmerston unverblümt dem Abscheu ganz Europas über solche Unmenschlichkeit Ausdruck. Neben der Menschlichkeit steckte wohl auch etwas englische Verdrießlichkeit über die französische Afrikapolitik dahinter. Algier- Marokko, Abd-el- Kader. Der ägyptisch türkische Konflikt 1831/33 und 1839/41. — 2Z6 Sondervertrag zwischen Rußland und der Türkei. überlassen müssen. Die Statthalterschaft war ihm dann entgangen ; Mehemet war nicht zufrieden und suchte bei jeder Gelegenheit seine Macht zu erweitern. Der auf ihn eifersüchtige Pascha von Akkon untersagte die Ein- und Durchfuhr ägyptischer Waren. Das unterband den ägyptischen Handel nach Mesopotamien, Mittel- und Südasien hin. Der Sultan, selber eifersüchtig auf die große Macht des Vizekönigs, achtete nicht auf dessen Beschwerden gegen den Pascha. Da griff Mehemet All Akkon an, nicht ohne vorherige Mitteilung an den Sultan. Dieser aber nahm nun sofort Partei gegen den Ägypter, und so wurde aus dem Handel mit dem Pascha von Akkon der Krieg zwischen Ägypten und der Türkei, 1831/32. Der Sultan wurde aber geschlagen und Mehemets Feldherr, sein Adoptivsohn Ibrahim, rückte durch Kleinasien gegen Konstantinopel vor. Da die europäischen Mächte sich nicht rührten, rief Mahmud schließlich den Zaren an, als einzigen Freund, der sich anbot. „Ein Ertrinkender klammert sich auch an eine Schlange“, sagte er. Eine russische Flotte erschien im Bosporus, und ein russisches Landheer wurde gelandet. England, bisher von seinen innem Angelegenheiten, Parlamentsreform etc. absorbiert, richtete jetzt plötzlich scharf seinen Blick auf Konstantinopel. Mit Frankreich am Arm erschien es, um Protest einzulegen gegen die einseitige russische Intervention. Und nun folgte ein langes diplomatisches Spiel. Erstes, vorläufiges Ergebnis: Einstellung des Krieges; endliches Ergebnis: Mehemet Ali erhielt zu Ägypten noch die syrischen Paschaliks bis an die wichtigen Pässe des Tauros. — Nun erst, als dieses Geschäft fertig war, wurde ein anderes zwischen dem Sultan und dem Zaren bekannt. Während ihres langen Verweilens in Konstantinopel hatten die Russen dem Sultan und seinem bestechlichen Hofstaat ein Schutzbündnis auf acht Jahre abgeschmeichelt und ab gekauft, worin die beiden Staaten einander jeden Schutz zu Wasser und zu Lande, zur Erhaltung der Ruhe und Integrität ihrer Reiche, zusagten. Ein geheimer Zusatzartikel bestimmte zudem, daß eintretenden Falls der Sultan der materiellen Entschädigung für russische Hülfe enthoben sein sollte, gegen die Verpflichtung, allen fremden (nichtrussischen I) Kriegsschiffen die Meerenge der Dardanellen zu verschließen. Es war klar, daß Rußland nie die türkische Hülfe brauchen und anrufen würde, sondern nur die Türkei die russische. So konnte denn von nun — 2 37 — ab das Erscheinen russischer Kriegsschiffe und Soldaten am goldenen Horn ein Gewohnheitsrecht werden. Die Westmächte gerieten in begreifliche Aufregung. England protestierte in Petersburg, es würde nötigen Falls handeln, als ob jener Vertrag nicht vorhanden wäre. Petersburg antwortete, Rußland werde in Erfüllung des Vertrages handeln, als ob dieser Protest nicht vorhanden sei. — Im September desselben Jahres 1833 kamen, auf Metternichs Betreiben hin, Kaiser Franz im Geleite des Kanzlers und Zar Nikolaus in Münchengrätz in Böhmen zusammen, um, nach Metternichschem Vorschlag, einen „Zentralpunkt der Mächte für die orientalischen Angelegenheiten“ zu schaffen. Klug wurde der diplomatische Sieg des Zaren vorbereitet. 1 Die beiden Mächte verpflichteten sich vertraglich zur Erhaltung der Türkei unter der gegenwärtigen Dynastie. Friedrich Wilhelm von Preußen, mitgeladen, aber am Erscheinen verhindert, schloß sich nachträglich an. In einem geheimen Beisatz versprach Österreich, „bei der Neuordnung der Trümmer dieses Reiches nur in vollster Eintracht mit Rußland zu handeln“. — Hier wie im Vertrag mit dem Sultan war der Geheimartikel das Wichtige. Von nun an war Österreich in der orientalischen Frage im russischen Schlepptau; der Schüler hatte seinen Chef überholt. Mit dem Friedensschluß von 1833 waren indessen weder der Sultan noch der Vizekönig in Ägypten zufrieden. Dieser, im Bewußtsein seiner Überlegenheit, träumte von einem ägyptischen Reiche bis nach Persien hinein. 2 Vor allem wollte er Syrien erblich haben. Der Sultan, vom Wunsche beseelt, 1 Des Zaren erstes Wort an Metternich war: „Ich komme hieher, um mich unter die Befehle meines Chefs zu stellen; ich zähle auf Sie, damit Sie mir einen Wink geben, wenn ich Mißgriffe begehe.“ „Als der alte Kaiser Franz seine Kümmernisse äußerte wegen des krankhaften Zustandes seines Sohnes, des Thronfolgers Ferdinand, da fiel der Zar vor ihm auf die Knie und schwur, dem Thronfolger allezeit seine Hülfe leisten zu wollen. Die anwesende Fürstin Metternich überhäufte er mit Liebenswürdigkeiten, und die Verleihung eines österreichischen Husarenregimentes nahm er mit kindischen Freudenausbrüchen auf.“ 2 Seine Ausdehnungsbestrebungen in Arabien waren England unangenehm, und es ergriff 1838 die Gelegenheit, Besitz zu nehmen von der kleinen Halbinsel Aden am südlichen Ausgang des Roten Meeres, durch seine Lage ein zweites Gibraltar auf dem Wege nach Indien. Anlaß und Vorwand: Die Plünderung und üble Behandlung eines gestrandeten Schiffes und seiner Mannschaft durch die Küstenbevölkerung. Konferenz in Münchengrätz. — 2Z8 — seinen gefährlichen Vasallen zu demütigen, ging 1838 gegen diesen wieder vor. Aber auch diesmal wurden die Türken von Ibrahim geschlagen. Sultan Mahmud starb mitten aus diesen Ereignissen heraus. Sein iöjähriger Sohn folgte. Die Lage der Türkei war äußerst bedenklich; sogar die türkische Flotte, über gewisse Neuerungen empört, fiel ab und segelte nach Alexandrien. Da griffen die Mächte sofort vermittelnd ein, damit nicht die ganze Türkei an Ägypten falle. Nun nahm Frankreich sich Frankreich, geführt vom Ministerium Thiers, eifrig seines die Be- ägyptischen Schützlings an, den es gewissermaßen als seinen Stre des gen Adoptivsohn betrachtete, da er Heer und Flotte mit franzö- Agypters. s j sc } len Offizieren nach französischem Muster gebildet hatte. Es schmeichelte Frankreich, in Ägypten eine Pfanzschule französischer Kultur zu pflegen. Es sah darin auch die Fortsetzung der Orientpolitik Napoleons und glaubte bereits den ganzen türkischen Orient als seine künftige Einflußsphäre in Anspruch nehmen zu können. Das Kabinett Thiers strengte sich darum an, den Vizekönig an das Ziel seiner Wünsche zu bringen. Aber es konnte England durchaus nicht passen, die Türkei so zu schwächen und sie damit Rußland in die Hände zu spielen. Und es konnte dem Zaren eben so wenig dienen, den Ägypter so zu stärken, daß er eines Tages nach Konstantinopel greifen und so vielleicht die russische Anwartschaft auf das türkische Erbe für lange oder immer vereiteln konnte. Österreich und Preußen waren seit Münchengrätz in russischen diplomatischen Diensten. Und nun, da Frankreich anders wollte als die andern alle, streckte der Zar über Paris F i?oHe?t. ch we S die Hand direkt nach London. Es ist das Pendant zu 1825/26, wo das Handreichen zwischen Petersburg und London über Wien hinweg ging. Der Düpierte war damals Metternich-Österreich, diesmal Thiers-Frankreich. Es'freute den Zaren noch ganz besonders, dem Usurpator Louis Philipp, den er nicht als seinesgleichen betrachten mochte, diesen Streich zu spielen. Die vier Mächte (Rußland, Österreich, Preußen, England) einigten sich zur Regelung des türkischägyptischen Handels mit Übergehung Frankreichs. Eine englisch-österreichische Flotte erschien an der syrischen Küste und bombardierte die ägyptischen Befestigungen. Mehemet Ali sah sich zum Rückzuge und zur Annahme des Spruches der vier Mächte genötigt. Er wurde verurteilt, der Türkei alles, außer Ägypten, herauszugeben, sogar Kreta, den Lohn — 239 — für seine Hülfe gegen die Griechen. Frankreich sah sich eines Tages vor diesem fait accompli und fühlte sich natürlich ebenso beleidigt wie enttäuscht. So war das Ende des türkischägyptischen Konfliktes. Der alt gewordene Vizekönig hielt von nun an Ruhe. Um nicht hinter dem Vasallenstaat Ägypten zurück zu bleiben, begann die Regierung des jungen Sultans, unter Führung der Mächte, eine Äera der Reformen, die, wie alle seitherigen, nach einer Weile in nichts verlief. Als Nachspiel zu der eben abgeschlossenen Phase der orientalischen Frage drohte ein Krieg in Europa. Das französische Volk zeichnet sich vor andern aus durch Liebe zum Ruhm und sein hochempfindliches Ehrgefühl. Es sah sich zudem auch in seinen Interessen enttäuscht. Das Ministerium, die Politiker, die ganze Nation gerieten in eine gewaltige Aufregung und schrie nach Revanche und Kompensationen. England und Rußland, die eigentlichen Schuldigen, blieben durch ihre Lage unerreichbar. Aber in greifbarer Nähe war die preußische Grenze, die Rheinprovinz. Was tat es, daß Preußen im ganzen Handel am unschuldigsten und nur dem München- grätzervertrag zufolge, eigentlich nur passiv beteiligt war ? Auf, zum Rhein! rief man in Frankreich, Revision der Verträge von 1815! — Aber es überraschte vielleicht in Frankreich, daß nun, trotz des kraftlosen deutschen Bundes, auch in Deutschland ein Nationalgefühl aufflammte. Ganz Deutschland stellte sich zu der Devise Ernst Moritz Arndts: Der Rhein ein deutscher Strom, nicht Deutschlands Grenze. Moltke sagte: „Wenn Frankreich mit Deutschland abrechnen will, so steht alles Soll auf seiner Seite, alles Haben auf unserer Seite; nur wir haben an Frankreich zu fordern, was es uns entrissen hat.“ Damals entstanden in Deutschland Georg Herweghs Rheinweinlied: „Der Rhein muß deutsch verbleiben“, Max Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ : „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ und Niklaus Beckers: „Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Und wenn sie gleich wie Raben Sich heiser danach schrei’n.“ Französische Dichter, Alfred de Müsset u. a., blieben die Antwort nicht schuldig. Hüben und drüben war die Stimmung sehr gereizt und die Gefahr in der Tat groß genug. Thiers Kriegsgefahr in Europa. — 240 — trieb mit aller Macht die Kriegsrüstung. Auch Louis Philipp hätte etwas Kriegsruhm und ein hübsches Stück Eroberung recht wohl brauchen können. Aber er war ein kluger Rechner und sah zu viel Gefahr dabei. So goß er Öl auf die stürmischen Wogen, und sie begannen sich zu glätten. Thiers nahm seinen Abschied, und der König war froh, „le petit fou- driquet“ los zu sein. Das Kriegsunwetter verzog sich ohne auszubrechen. In der Folge übernahm es das auswärtige englische Amt, die gekränkte Freundin Gallia wieder zu versöhnen. Und das muß in vollkommenstem Grade gelungen sein, wenn man dem öffentlichen Zeugnis Louis Philipps glauben darf, der 1843 in seiner Thronrede rühmend der „entente cordiale“ mit England gedachte. — Die Großmächte hatten übrigens, Frankreich mit ihnen, 1841 in London den sogenannten Meerengenvertrag unterzeichnet, der, so lange die Türkei im Frieden sei, Dardanellen und Bosporus allen fremden Kriegsschiffen verschloß. Die en g. Die „Entente cordinale“ und ihr allzumenschliches Ende ist unser letzter lisch-fran- Untertitel in Louis Philipps auswärtiger Politik. Nachdem in der griechischen ^entente Präge die traditionelle Freundschaft mit Österreich in die Brüche gegangen cordinale“. war, suchte England mit der Zeit Ersatzanschluß, zunächst bei den glaubensverwandten protestantischen Preußen. Das trat offiziell in Erscheinung in der Pathenschaft Friedrich Wilhelms IV. bei dem Prinzen of Wales 1841. Aber der wandelbare Preußenkönig wußte die Konstellation nicht festzuhalten, und der preußisch-deutsche Zollverein entsprach nicht den englischen Interessen. Nun kam man in London den Werbungen Louis Philipps entgegen. Königin Viktoria und der Prinzgemahl besuchten den Bürgerkönig auf seinem Schlosse Eu bei Dieppe. Louis Philipp war überglücklich. Er erwiderte den Besuch und kehrte heim im Schmuck des Hosenbandordens. Von Lord Aberdeen angebahnt, florierte die „entente cordinale“ einige Jahre. Wie „aussätzig“ war bisher der Hof Orleans von den übrigen Höfen gemieden worden; nun war der Zaun zerbrochen. Die befreundeten Kabinette arbeiteten einige Jahre mit gegenseitiger Rücksicht. Bis zum Futtertrog der politischen „Lebensinteressen“ reichte es freilich nicht (Marokko 1844). 1 Nach drei Jahren war die Herrlichkeit plötzlich aus. Schuld: die spanischen Heiraten. Dje Es handelte sich darum, die schon mit 13 Jahren mündig erklärte Königin spanischen Isabella von Spanien, Spätlingstochter Ferdinands VII., zu verheiraten. Die Heiraten. Diplomatie suchte ihr schon lange den Gemahl, d. h. den künftigen König von Spanien. Die kindliche Prinzessin und Königin hatte nichts dabei zu sagen; sie war ein diplomatisches Handelsobjekt. Louis Philipp hätte gerne seinen Sohn Montpensier auf den benachbarten Thron gebracht, damit es, 1 Metternich 1845 : Si jSinais la verite a äte faussee avec impudeur, c’est au moyen de la fantasmagorie qui se couvre du nom de cordiale entente .... — 241 wie zur Zeit Ludwigs XIV. zwischen Frankreich und Spanien keine Pyrenäen mehr gäbe. England lehnte strikte ab, ebenso den zweiten Vorschlag, Montpensier mit Isabellas jüngerer, einziger Schwester zu vermählen. Louis Philipp stellte nun den Grundsatz auf, der königliche Gemahl müsse ein Bourbon sein, und erklärte übrigens Königin Victoria gegenüber, von Mont- pensiers Heirat mit der Infantin Luise nichts mehr hören zu wollen, bis Königin Isabella Kinder habe. In der Tat vermochte er nicht auf seinen Plan zu verzichten. Hintenherum verständigte er sich mit der minderwertigen Königin Mutter Christine, und am 10. Oktober 1846 wurde Isabella mit ihrem bourbonischen Vetter Franz von Assisi, Herzog von Cadix, gleich darauf die Infantin Luise mit Montpensier getraut. Louis Philipp spekulierte auf die Kinderlosigkeit des an Geist und Leib schwächlichen Herzogs von Cadix und damit für Montpensier und seinen Stamm auf die Thronfolge. Der schlaue Bürgerkönig spielte dabei mit Wortklaubereien gegenüber England. Von Paris ging ein gar freundschaftlicher, vertraulicher Brief der Königin an Victoria ab, ob die gesandten Orangen auch gut angekommen und ge- geschmeckt hätten ? Victoria gab aber eine unzweideutige Antwort. — Metternich meinte, Louis Philipp habe sehr übel getan gegenüber England, das s. Z. zuerst sein Königtum anerkannt und ihm damit einen unschätzbaren Dienst erwiesen habe. „Man spielt großen Staaten keine kleinen Streiche.“ Palmerston aber sagte, der französischen Regierung gegenüber müsse der Grundsatz gelten: „Vertrauen ist gut, Mißtrauen besser.“ Mit der entente cordiale war es gründlich aus. Von nun an trat Palmerston offen und geheim dem superklugen Ministerium Guizot überall auf der Karte Europas entgegen, zunächst in der Schweiz, in Italien etc. 1 — Das französische Kabinett genoß indessen seinen spanischen Sieg als Revanche für 1839/41 und feierte in der Kammer die „spanische Doppelheirat“ als die erste große europäische Angelegenheit, „welche wir seit 1830 vollkommen selbständig durchgeführt haben.“ Wir kehren zurück zur innern Regierung des Julikönig- l 0 iu S tums und müssen da notwendig summarisch verfahren. Große ^ere^ Schwierigkeiten und kleine Maßnahmen, eine Kette von Mi- Regierung, nisterwechseln und Kammerauflösungen, Straßentumulten und Aufstandsversuchen, von Attentaten und Schutzgesetzen, so erscheint uns Louis Philipps innere Regierung. Er regierte mit den Geistern, die ihn gerufen, mit der hohem, wohlsituierten Schicht des städtischen Bürgertums, daher der Titel „Bürgerkönig“. Diese „Bourgeoisie“ nahm nun die Stelle am Throne ein, die beim „ancien regime“ Adel und hoher Klerus eingenommen, und fand es ganz in Ordnung, nachdem „die Fäuste des Volkes den mißliebigen Bourbon thron zertrümmert“, 1 Wären diese unangenehmen Folgen nicht gewesen, so hätte man in Frankreich die vergangene „entente" auch kaum beweint, war doch Englands Freundschaft etwas wie eine Vormundschaft geworden. Wo immer Frankreich seiner alten Neigung folgen wollte, „irgend was oder irgend wen zu protegieren“, da stieß es auf Englands vernehmliches „Zurück!“ Flüh^ann, Vorträge. l6 — 242 die Macht im Staat mit und neben dem König für sich alleine in Anspruch zu nehmen. Das „Volk“ aber sah sich um den Preis seines Sieges in der Revolution betrogen, und je weniger man ihm entgegen kam, um so ungereimter und unmöglicher wurden seine Forderungen. Dem König aber fehlte nicht nur „die Majestät der Geburt“, sondern auch der Persönlichkeit und des Charakters. Es hatte gefallen, als der Prinz von Orleans im schlichten schwarzen Rock und runden Hut, den Regenschirm unter dem Arm, durch die Straßen gegangen kam. Am König empfand man es als banal und affektiert. Seine Gestalt mit dem Regenschirm und dem gewaltigen Bimenkopf wurde bald eine ständige Figur in Witz- und auch andern Blättern. Dazu kam, daß Louis Philipp, uneingedenk des Ursprungs seiner Gewalt, bei all seinem ostentativ parlamentarischen Gebahren, dem Wesen nach durchaus nicht parlamentarisch, niemals aufrichtig konstitutionell war. Er spielte eine unwahre Rolle, die er sich ja schon im Vaterhause und in seiner Exilszeit angewöhnt hatte. In der Tat, von der Erlistung der Krone bis zu den spanischen Heiraten dieselben Varianten, ein System innerer Unwahrheit, kleiner Mittel, Listen und Schliche, die einem bei näherer Verfolgung der Dinge ein ständiges Mißbehagen, ein geistiges, moralisches, fast auch physisches Übelfühlen verursachen. Man ertrug aber auch an dem selbstgemachten König weniger als an den mit der Krone Geborenen, und maß ihn anders. Als ein Minister in der Kammer von „Untertanen“ sprach, rief man ihm zu: „Männer, die Könige machen, sind keine Untertanen“. Als Louis Philipp das Palais Royal mit den Tuilerien vertauschte und einen Teil der ausgedehnten Anlagen für dei> Hof abtrennen ließ, schrieb H. Heine: „Der König zieht einen Graben zwischen sich und dem Volk“. Ludwig XVIII. und Karl X. hatten eine Zivilliste von 34, resp. 32 Millionen ge* habt. Der Minister verlangte für Louis Philipp 18 Millionen; die Summe wurde in der Kammer auf 12 Millionen herunter gemarktet, und für seine Kinder hatte der König, mit Ausnahme des Thronfolgers, selber zu sorgen, wie andere Leute auch. Es war allerdings auch weniger königlich als bürgerlich vorsichtig, daß er am Tage vor seinem Regierungsantritt sein Vermögen — etwa 100 Millionen; er war der reichste Franzose— auf seine Kinder übertrug und sich nur die Nutznießung vorbehielt. Louis Philipp hatte in seiner Exilszeit gelernt, be- — 243 — scheiden auszukoxnmen, den Wert des Geldes zu schätzen. Das war nun Charakterzug geworden und mißfiel am König, der obendrein das ordinäre Spekulieren nicht lassen konnte. Er galt für geizig, und man schrie über seine schnöde Habsucht wohl noch mehr, als er verdiente . 1 Im ganzen hatte König Louis Philipp ohne Zweifel eine hübsche Summe guter, hoch zu schätzender Eigenschaften. „Er war ein musterhafter Familienvater, ein sparsamer Haushalter; aber das Ritterliche, Blendende, Sprühende des französischen Charakters ging ihm völlig ab.“ Ein Mensch von gewöhnlichen Maßen stand vor einer Aufgabe voll ungewöhnlicher Schwierigkeiten, war dabei „überzeugt von der Untrüglichkeit seiner Einsicht und der Überlegenheit seiner Klugheit“ und glaubte, auch die „Dämonen der Revolution“ mit seinen Methoden der „Duplizität, des Lavierens und Ränkespielens“ wohl bemeistern zu können. Nun einige Illustrationen aus dem Gebiet des Innern. Eine Schwierigkeit unter andern, gleich zu Anfang, waren für die junge Regierung die vier Gefangenen aus dem Staatsstreich- Ministerium Polignac. Die Volksmassen forderten stürmisch den Tod der „Verräter“. Regierung und Kammer wünschten, sie zu retten, und beschlossen Abschaffung der Todesstrafe. 1 Louis Philipps Geschäftssinn war wohl nicht nur erworbene, sondern ererbte Qualität. Noch zur Zeit des ancien regime hatte sein Vater die Erdgeschoßräumlichkeiten des weitläufigen Palais Royal vermietet und darin glänzende Cafes, Restaurants, Spielhöllen etc. sich installieren lassen, weshalb sein Vetter, Ludwig XVI., eines Tages lächelnd zu ihm sagte: „Vous tenez donc boutique, mon cousin.“ War es mit Anspielung darauf, daß ein Gegner Louis Philipp die „verkörperte boutique“ nannte? — Man wunderte sich, daß der Hof jährlich Fr. 80,000 für Arzneien, Fr. ipoo für jedes der 300 Pferde im königlichen Marstall und Fr. 200,000 für die Kleidung der Dienerschaft benötige. 1837 forderte der König für seinen zweiten Sohn (Nemours) als Apanage die Domäne Rambouillet etc. und berechnete die Einkünfte auf Fr. 400,000. Eine Nachprüfung ergab den zehnfachen Wert. Man denke sich den Effekt des königlichen Rechnungsfehlers! A, Stern nimmt übrigens den Bürgerkönig gegen den Vorwurf des Geizes in Schutz, erinnert an seine große Wohltätigkeit, seine Liberalität öffentlichen Werken, Sammlungen etc. des Staates gegenüber. In der Tat ist es "Louis Philipp, der das Schloß zu Versailles als Nationalmuseum eröffnete, das „Museum der Geschichte Frankreichs“ (A toutes les gloires de la France)“, aus eigenen Mitteln reichlich ausschmückte etc. Es war vielleicht der schönste Tag des Julikönigtums, als die Pariser zum erstenmal durch die Prachtsäle Ludwigs XIV. fluteten, sagt Th. Flathe. Louis Philipp gehört auch zu den französischen Baukönigen. Auf Staatsgebäude, Kirchen, Straßen, Brücken, Quais, Kloaken etc. in Paris wurden über 100 Millionen verwendet. Die Staatsstreich- Minister als „Verräter“. — 244 — Daraufhin belagerte die aufgeregte Menge tagelang das Palais Luxembourg, wo die Pairskammer über die Angeklagten zu richten hatte. Lafayette, als Oberkommandat aller Nationalgarden, mußte seine ganze Beredsamkeit und Popularität einsetzen, um einen Sturm auf das Palais zu verhüten. Die Vier wurden zu lebenslänglichem Gefängnis, Polignac obendrein zum „bürgerlichen Tod“ verurteilt. Lafayette, der Marquis, „der sich so viel Mühe gab, Demokrat zu sein“, der „popularitätssüchtige Optimist“, hatte, nach seiner Gewohnheit, den Massen Mögliches und Unmögliches zugleich versprochen und war dadurch der Regierung bereits lästig geworden. Um ihn los zu werden, hob sie das ihm übertragene Oberkommando auf. Der greise Volksmann zog sich tief gekränkt zurück; starb 1834. Die Minister unter Louis Philipp wechselten schier wie ou'sPh' J a ^ resze i ten > nur weniger regelmäßig. Der König regierte lipp und hinter ihrem Rücken. Unköniglich und unmännlich klagte ’nister! 1 er hinten herum über sie, daß sie ihm so schwer auf die Nerven geben. Das geschieht etwa auch vor Menschen, die übermorgen seine Gegner sein können. Die tüchtigsten Männer erträgt er am schwersten; er verbraucht sie rasch, bis es an geigneten Kräften zur Auswahl gebricht. Die Verbrauchten aber mehren und stärken die Reihen der Opposition. Es gibt gelegentlich ein eintätiges und ein dreitätiges Kabinett. Die mehr als dreijährige Dauer des „Ministeriums aller Talente“ (Thiers, Guizot, de Broglie etc.) war etwas außerordentliches. Am kräftigsten und selbständigsten wurde der Staat vom Ministerium Casimir Perier gesteuert, dem bedeutendsten Manne der „Ordnungspartei“. Widerwillig ertrug es der König, weil er Pöriers starke Hand in der unruhigen Zeit nötig hatte. Es war ein schwerer Verlust, als Perier im Mai 1832 an der Cholera starb. 1 — Im Herbst 1832 übernahm Louis Philipp in seinem vierten Ministerium selber das Portefeuille des Äußern und den Vorsitz. Ein großes novum in der konstitutionellen Monarchie: Der König sein eigener Minister - 1 Perier hatte mit dem Thronfolger zusammen das große Hotel Dieu besucht, wurde von der Krankheit ergriffen und erlag ihr. Drastisch schildert H. Heine die Zustände und den Schrecken in Paris. Die Leichen wurden zumteil in Säcken begraben, weil es an Särgen gebrach. Es wurden Leute auf der Straße, als Verbreiter des Choleragiftes ermordet. „Es war, als ob die Welt unterginge.“ — 245 — Präsident. L’etat, c’est moi! Ein Sturm der durch viele bisher Gemäßigte verstärkten Opposition rief dem König Thiers Wort zu: Le roi regne, mais il ne gouverne pas, erinnerte ihn an seinen Ursprung und an die Pflicht, sich mehr in Einklang mit den Erwartungen des französischen Volkes zu setzen. — Einige Tage später starb der General Lamarque, den die Republikaner als den ihrigen betrachteten, obschon er einst auch dem großen Napoleon gedient hatte. Sein Begräbnis wurde zu einer gewaltigen Demonstration gegen die Regierung und mündete aus in eine zweitägige Straßenschlacht. Die Aufständischen unterlagen. „C’est un coupmanque“, sagte man in Paris. Der König war hoch erfreut über seinen Sieg. Vor zwei Jahren hatten die jetzt Besiegten als die Sieger in der Julirevolution wider Willen das Julikönigtum begründet. Zum vornherein und selbstverständlich feind waren demselben die Legitimisten, Republikaner und Bonapartisten. Die Legitimisten, Anhänger der Bourbon, waren ein kleines Häuflein. Sie besaßen einen Redner in der Kammer, der, ohne viel Effekt, gelegentlich wiederholte, daß nur Heinrich V. König von Frankreich sein könne. Nun unternahm es die junge, verwitwete Herzogin von Berry, das Königtum ihres Sohnes zur Geltung zu bringen. Von ihrer Jugendheimat Italien her erschien sie im Frühling 1832 in Marseille, fand kein Echo, reiste unter Strapazen und Gefahren in die Vendöe. Aber das dortige Volk war auch nicht mehr dasselbe wie 1793, wo es sich gegen den königsmörderischen Konvent erhoben hatte. Der nicht allgemeine Aufstand wurde leicht unterdrückt. Die Regierung war der Herzogin auf den Fersen. Ein getaufter deutscher Jude, der ihr Geschäfte besorgte, verriet sie. In der Gefangenschaft gab sie, Mai 1833, einem muntern Töchterlein das Leben. Sie hatte sich heimlich mit einem sizilischen Markgrafen vermählt. Ungehindert ließ man jetzt die Mutter mit der kleinen Gräfin nach Sizilien reisen, wo der Marchese sie erwartete. So endete das Heldenstück der Königin Mutter, und die Geschichte ging unbekümmert über das einstige „Wunderkind“ weg. Aber die unritterliche Jagd auf eine Frau und Prinzessin, die obendrein die leibliche Nichte der Königin und also auch des Königs war, trug diesem bei dem ritterlichen französischen Volke keinen Ruhm ein. Die kleine Zahl der prinzipiellen Republikaner erhielt immer großem Zuwachs durch die Arbeiterschaft und den Bestattung des Generals Lamarque. Republikaner, Arbeiter und Sozialisten. — 246 Aufstand in Lyon 1831 . DasHöllen- maschinen- attentat 1835 . Sozialismus, welche von der Republik eher die Verwirklichung ihrer Ideale erhofften. Für die Arbeiter- und die soziale Frage hatte Louis Philipps Regierung kein Verständnis. Sie errichtete Sparkassen, verbot Hazardspiel und Lotterie, wodurch der Staat eine jährliche Einnahme von 10 Millionen einbüßte. Darüber hinaus ließ sie den Dingen ihren Lauf. Die Not blieb der herkömmlichen Wohltätigkeit, dem zufälligen, unrationellen, immer unzulänglichen und immer demütigenden Almosen überlassen. — Im November 1831 kam es in Lyon zu einem Riesenaufstand der 40000 Seidenarbeiter. Überproduktion, fremde Konkurrenz und eine allgemein gedrückte ökonomische Lage hatten die Seidenindustrie als Luxusgewerbe teilweise zum Stillstand gebracht. Die Arbeiter verloren Arbeit und Brot oder erlitten eine starke Herabsetzung ihrer Löhne. Der wohlgesinnte und verständige Präfekt der Stadt vereinbarte mit den Fabrikanten einen etwas verbesserten Lohntarif. Einige Fabrikanten lehnten ihn ab, und die Regierung versagte die Bestätigung. Da erhoben sich die wirklich not- leidenden Massen, voran die schwarze Fahne mit der Inschrift: „Arbeitend leben oder kämpfend sterben“. In zweitägigem Kampfe schlug die Regierung den Aufstand mit Militärgewalt nieder. Der Präfekt wurde wegen seines Einmischens des Amtes enthoben. So kannte die Regierung der Arbeiterschaft gegenüber nur die Gewalt. Aber die Aufstände wiederholten sich, in Lyon, Paris und in andern Städten und wurden sozusagen chronisch im Lande. Und chronisch wurden auch die Attentate auf den König. In wenigen Jahren waren es acht. Man gewöhnte sich nachgerade daran. Aber das Höllenmaschinenattentat 1 von 1835 wurde zum Entsetzen Europas. Es war am 28. Juli, dem Jahrestag seines Königtums: Louis Philipp ritt zur festlichen Parade. Als die glänzende Kavalkade über das Boulevard du Temple kam, gab es eine furchtbare Detonation. Der Marschall Mortier und 17 andere waren tot oder im Sterben, über 60 mehr oder weniger verwundet, der König mit seinen Söhnen, wie immer, unversehrt. Der Attentäter, der Korse Fieschi, wurde blutüberströmt in einem Nachbarhause ergriffen, ein verkommener, mehrfach vorbestrafter Mensch, „ein 1 Die „Höllenmaschine“ bestand aus 24 (oder gar 100?) Gewehrläufen, auf einem Holzgestell angebracht und durch eine Zündschnur verbunden. widerliches Gemisch von Zynismus und Größenwahn“. Die beiden Pariser, die der neue Herostratos als Anstifter und Helfer angab, wie er selbst, waren Mitglieder der weit verbreiteten „Gesellschaft der Menschenrechte“ und eifrige Republikaner. Trotz des Leugnens der zwei Pariser wurden alle drei verurteilt und 1836 hingerichtet. „Jenseits des Kanals“, sagt A. Stern, „fühlte die Regierung sich stark genug, die gewohnten Ventile der Parteileidenschaften nicht zu verstopfen oder zu verengern“. Louis Philipp aber benutzte diesen Mordanschlag, wie die früheren, zu neuen oder verschärften Schutzgesetzen. Die Septembergesetze machten das Vereinsrecht illusorisch, belegten die Presse mit prohibitorischen Kautionen. Karikaturen auf den König, Angriffe auf ihn und die Regierung wurden als „Attentate auf die Sicherheit des Staates“ vor den hohen Gerichtshof der Pairskammer gewiesen. Als solche Attentate galten schon republikanisches und legitimistisches Bekenntnis. Bei den Ge- schwomengerichten wurde geheime Abstimmung eingeführt, Publikationen der Verhandlungen mit den Namen der Ge- schwomen verboten. 1 Die angedrohten Strafen waren exorbitant. Presse, Vereinswesen, öffentliche Meinung wurden geknebelt. Die liberale Opposition in der Kammer vermochte nichts dagegen. Umsonst erinnerte der Dichter Beranger die Julimonarchie neuerdings an ihren Ursprung und die Zusagen von 1830. „Die Völker“, sagte er, „verzeihen mitunter denen, die sie geknechtet, niemals denen, die sie betrügen“. Diese Zustände und die weit verbreitete Unzufriedenheit ermutigten den von Haus aus nicht starken Bonapartismus. 1 Veranlassung zu solchem Vorgehen gab es freilich genug. Einst wurde ein verhafteter Attentatsverdächtiger vom Untersuchungsrichter gefragt, ob er denn gesagt habe, der König verdiene, erschossen zu werden? „Er antwortete: Ich entsinne mich nicht, es gesagt zu haben, aber ich denke es.“ Der Mann wurde wegen Mangel an Beweisen freigesprochen. In den Zeitungen feierte man ihn „als Mann von Charakter und Talenten“. In der Tat bekamen die Angeklagten vor dem Schwurgericht erst recht Gelegenheit, ihr Herz zu leeren, ihrem Groll gegen König und Regierung Luft zu machen. Auch die häufigen Prozesse der Regierung gegen Preßangriffe waren willkommene Anlässe, noch mehr zu sagen, als gedruckt worden; eine feine Aufgabe für „Advokatenkünste“. Das Tribünenpublikum pflegte reichlich Beifall zu spenden. In neun von zehn Fällen erfolgte Freispruch, der mit Akklamation aufgenommen und auf die Straße getragen wurde. Erfolgte einmal eine Verurteilung, so standen die Namen der ungünstig stimmenden Geschworenen andern Tages in den Zeitungen. Die Septembergesetze. 1835 . Der Bonapartismus. Louis Napoleon Bonaparte. Complott von 1836. Complott von 1840. Nachdem 1832 Napoleons Sohn, der Herzog von Reichsstadt, — es heißt, an der Schwindsucht — und schon vor ihm, 1831, auch der ältere Sohn des einstigen Königs Louis von Holland, Napoleon Louis, gestorben, betrachtete dessen Bruder Louis Napoleon Bonaparte sich als den Erben des Namens und der Ansprüche des großen Oheims. Von dem ihm verwandten badischen Hof aus ging er im Herbst 1836 nach Straßburg, wo das Regiment stationierte, dem der große Napoleon einst als Offizier angehört hatte. Der Prinz war mit dem Obersten des Regimentes befreundet, und nun wurde in Straßburg das „empire“ proklamiert. Es war ein so knabenhafter Streich, daß Louis Philipp sich begnügte, den Prinzen nach Amerika zu schicken. Er hatte sich lächerlich gemacht, und „en France le ridicule tue“. Aber 1837 kehrte Louis Napoleon auf Schloß Arenenberg zurück, ans Sterbebett seiner Mutter. Er blieb auch nach ihrem Tode dort und verbreitete in Frankreich eine Broschüre zur Propaganda für das Kaisertum. Nun fand Louis Philipp den Prinzen plötzlich sehr gefährlich und verlangte seine Ausweisung. Aber Prinz Louis Napoleon war thurgauischer Ehrenbürger geworden, und die Thurgauer hielten große Stücke auf ihrem prinzlichen Mitbürger. Als die Ausweisung nicht erfolgte, drohte Louis Philipp der Schweiz mit Krieg. Um sie davor zu bewahren, begab sich der Prinz, auf das Zureden des Konstanzer-Bistumsverwesers Wessenberg hin, „freiwillig“ nach England. — Im August 1840 erschien er dann mit 40 Gefährten, Abenteurern, Bedienten etc., in Boulogne sur mer, erklärte den König für abgesetzt und ließ zur Werbung für das empire einige Adler in die Lüfte steigen. Aber die kaiserliche Schar wurde mit Schüssen empfangen und floh zu den Schiffen. L’empereur selber wäre beinahe ertrunken ; er wurde aus dem Meer gezogen, nach Paris ge- geb rächt. Die Pairs verurteilten ihn zu lebenslänglicher Festung. 1 — So wenig gefährlich erschien der Bonapartismus in Paris, daß man in demselben Jahr 1840, auf Antrag Thiers, mit Einwilligung der englischen Regierung, die Gebeine des großen Napoleon von St. Helena heimholte, um dem ruhm- 1 Sechs Jahre war er auf der Festung Ham in Nordfrankreich. 1846, als bauliche Restaurationen im Gange waren, schritt der Gefangene eines Tages, in der Kleidung eines Maurers Badinguet — daher der spätere Spottname „Badinguet" — unter einen schweren Balken gebeugt durch das Festungstor und entkam glücklich nach England. — 249 ^ reichen Toten ein angemessenes Grab zu geben. An einem kalten Dezembertag langte Prinz Joinville, Louis Philipps dritter Sohn, mit dem Katafalk an. Und nun wurde die Fahrt desselben zum Invalidendom ein Triumphzug für den toten Kaiser, der den Stolz und Ruhm Frankreichs verkörperte. Nach langer Dürre hatte Paris wieder einmal Gelegenheit, an französischem Ruhm sich satt zu trinken. Die Presse benutzte den Anlaß, den toten Riesen noch zu vergrößern, damit der Zwergkönig Louis Philipp daneben noch kleiner erschiene. Zwei Jahre nachher widerfuhr der Dynastie der schwerste Schlag, der sie bisher getroffen. Der Thronerbe, Herzog Louis Ferdinand von Orleans, wegen seines offenen Wesens und freieren Denkens das beliebteste Glied des Königshauses, fuhr nach Neuilly; die Pferde scheuten; der Prinz sprang aus dem Wagen und fiel so unglücklich, daß er nach wenigen Stunden starb. Er hinterließ ein vierjähriges Söhnchen, den nachmaligen Grafen von Paris. Mit der Popularität des Hauses Orleans war es nun ganz vorbei. Rückblickend machen wir uns klar: Der Julikönig hielt sich von Anfang her bedenklich nahe an den Wegen der letzten Bourbon; jetzt fuhr er längst in den toten Geleisen der gestürzten Dynastie. Weder seine äußere noch innere Regierung konnte Frankreich befriedigen. Die Schlappe in der ägyptischsyrischen Frage konnte durch den unnobeln Erfolg in den spanischen Heiraten nicht ausgelöscht werden. Die Haltung des Königs gegenüber Italien und der Schweiz in den Dreißigerjahren und 1847 (Sonderbund) widersprach der überwiegenden öffentlichen Meinung in Frankreich. Zwar in einer Hinsicht konnte die Regierung seit 1840 als gefestigter erscheinen. 1 Der protestantische Sorbonneprofessor Guizot 2 hielt sich seitdem ununterbrochen im Ministerium, wurde 1847 Präsident. Er, vielleicht mehr noch der König selber, war Seele und Haupt der Regierung. Und Guizot mit seiner Politik des „juste milieu“ regierte durchaus konstitutionell, stets mit der 1 Seit 1840 begann Louis Philipp, die ausgedehnte Stadt Paris zu befestigen, ein Gedanke, auch von Thiers begünstigt, angeblich gegen äußere, wahrscheinlicher wohl gegen innere Feinde gerichtet. 2 Aus Guizots 1828 erschienener „Histoire de la civilisation en Europe“ stammt das viel zitierte Wort von Frankreichs „marcher ä la tete de la civilisation.“ Beisetzung des großen Napoleon im Invalidendom. Tod des Thronfolgers Louis Ferdinand v. Orleans, 1842 . Der Graf von Paris. 250 Die Reformbankette. Kammermehrheit. Diese Kammer war freilich, bei dem bestehenden Wahlgesetz, 1 weit entfernt davon, ein Abbild des französischen Volkes zu sein. Die Wahlen wurden zudem! ungescheut von der Regierung „gemacht“, die Stimmen in der Kammer durch Ämter, Gunst, Versprechungen gekauft. Das alles beschwerte Louis Philipp nicht. — Böse innere Geschichten wären freilich geeignet gewesen, die glückliche Laune zu ver- derben. Der dem König zugeschriebene Ausspruch: „En- richissez-vous, messieurs!“ wurde nur zu gut befolgt. Skandalöse Prozesse legten Bestechung und Käuflichkeit bloß bis in die Reihen der Generäle und Minister. Ebenso skandalöse Mordgeschichten in der vornehmen Welt enthüllten bedenkliche moralische Zustände bei den obern Zehntausend. Louis Philipp ließ es sich nicht anfechten. Er hörte auch nicht „das heraufziehende Einläuten der Revolution, das aus der Apenninenhalbinsel und aus der Schweiz vernehmlich genug herübertönte“. Er war vergnügter und fühlte sich sicherer als je. Kritischere Augen konnten indessen sehen, daß die Dinge einer Katastrophe zutrieben. Die Oppositionellen in der Kammer glaubten, durch ein neues Wahlgesetz Wandel schaffen zu können. In den Städten fanden sogenannte Reformbankette & statt, wo dann freilich die Sünden der Regierung schonungslos behandelt wurden. Ein solches Bankett sollte am 22. Februar 1848 auch in Paris stattfinden, an einem Dienstag, nicht Samstag oder Sonntag, und weit draußen in den Champs Elysees; man wollte keinen Massenzulauf provozieren, wohl' aber war ein Demonstrationszug durch die Stadt geplant. Die Regierung verbot zunächst die Teilnahme der Nationalgardisten, schließlich das Bankett überhaupt. Das Comitö fügte sich und beschloß, das Ministerium wegen Verletzung der Verfassung in Anklage zu setzen. Nun wurde es am Abend des 22. außerordentlich lebendig in der Stadt. Arbeiter, Studenten, Polytechniker, zusamt der kecken Gassenjugend, zogen in Scharen durch die Straßen mit dem Ruf: „Vive la re forme, ä bas Guizot 1 “ Die Nationalgarden $ sympathisierten mit den Demonstranten; das reguläre Militär 1 Das Wahlgesetz von 1831 setzte den Zensus für das passive Wahlrecht von 1800 auf 750 livres, für das aktive von 300 auf 200 Fr. herab. Frankreich j hatte jetzt 220,000 Wähler, England nach der Parlamentsreform 1832 eine Million. i. hielt sich schonend; Barrikaden entstanden. Der König wurde gewarnt, gab nach, entließ Guizot und berief den reformfreundlichen Thiers, 23. Februar. Darüber großer Jubel in Paris, am Abend Illumination, festliches Gewoge in den Straßen. — Gewissen geheimen Gesellschaften mochte mit diesem friedlichen Abschluß nicht gedient sein. Abends 8 Uhr setzte sich, unter den Klängen der Marseillaise, vom Faubourg St. Antoine her ein dichter Fackelschwarm in Bewegung. Zum mindesten sollte Guizot zum Abschied eine „Katzenmusik“ bekommen. Auf dem Weg über die Boulevards wuchs der Schwarm. Vor dem Palais Guizot, auf dem Boulevard des Capucines, war eine Truppenabteilung aufgestellt. Mit Berufung auf seine Pflicht verweigerte der Oberst den Durchpaß. Während des Disputierens strich ein Fackelmann wiederholt dem Obersten mit der brennenden Fackel um den Bart, um ihn anzuzünden. Ein Sergeant, heißblütiger Korse, legte auf den Fackelmann an. Ein Offizier hinderte ihn am Abdrücken. Aber wie das Spiel mit der Fackel nicht aufhören wollte, drückte der Sergeant unversehens ab und streckte den Beleidiger seines Obersten nieder. Die Soldaten, im Glauben, angegriffen zu sein, gaben Feuer, und 52 Tote lagen da. Nun schrie die M«rge: „Verrat! man mordet uns!“ Die Toten wurden auf offene Wagen geladen und zur Demonstration durch die Straßen geführt. Die Furie der Revolution war los. „Abdankung“ war die Losung der unversöhnlich gewordenen Stürmer. Louis Philipp gab sie am 24. zugunsten seines 10jährigen Enkels, des Grafen von Paris. Seine Mutter, die verwitwete Herzogin Helene von Orleans, 1 erschien mit dem Kinde in der Kammer. Aber auch dort drang eine tobende Menge ein; Gewehrläufe wurden auf die Herzogin gerichtet, und mit Not konnte sie aus dem Tumult gezogen werden. Auch Louis Philipp mit der Königin und andern Gliedern der Familie verließ mit knapper Not noch die Tuilerien, zu Fuß, nachdem die Pferde des königlichen Gespannes niedergeschossen waren. Auf dem Konkordienplatz drängte er sich mit den Seinigen in zwei Einspänner. Er fuhr nach St. Cloud, dann nach Trianon. An einen Baum gelehnt, die Hände vor's 1 Helene Luise Elisabeth, Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin, Nichte Friedrich Wilhelms III. von Preußen. Seit ihrer Vermählung mit dem Erbprinzen des Hauses Orleans (1837) „war der Schlagbaum gefallen, der die Dynastie (Orleans) von den legitimen Fürstenhäusern Europas trennte.“ Februarrevolution, 22.04. Februar 1848. Sturz Louis Philipps. — 2Z2 — Gesicht gepreßt, sah man dort den 75 Jahre alten König und hörte ihn vor sich hin stöhnen: „Schlimmer, tausendmal schlimmer als Karl X.!“ Einige Tage irrte dann das greise Königspaar an der Küste umher, bis es am 2. März nach England segeln konnte. Von der Julirevolution bis zur Februarrevolution, von der letzten Woche Juli 1830 bis zur letzten Woche Februar 1848, 0 17 Jahre und 7 Monate, das ist der politische Lebenstag Louis Philipps. Eine Revolution trug ihn empor, eine Revolution warf ihn weg. Und auch die Ähnlichkeit der beiden Revolutionen drängt sich auf. 1 Zwar hat diesmal nicht das Fürstenhaus durch staatsstreichmäßige Verfügungen das Signal gegeben, aber hier wie dort gab der Kampf um ein Wahlgesetz den direkten Anlaß. Hier wie dort ist das Königshaus überrascht, hat nichts kommen gesehen und unterschätzt zuerst die Gefahr. Damals wie jetzt ein zu spätes Nachgeben, Entlassung des angefochtenen Ministeriums und Berufung eines neuen; damals und jetzt geht die Bewegung weiter, und es folgt die Abdankung zugunsten eines zehnjährigen Enkels. Beide Male geht die Revolution auch darüber hinweg, und das gänzlich gestürzte Haus flieht nach England. Beide Male ist der Ausgang eine Umtaufe, damals der Dynastie, diesmal & der Staatsform. Darüber später. 1 Sie fielen sogar auf die gleichen Wochentage: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. s> f 2 5 3 XII. Österreich und Deutschland im Vormärz . 1 Am 2 . März 1835 starb Kaiser Franz I. in Wien; eine Lungenentzündung raffte den 67 jährigen in wenigen Tagen hin. Er hatte 42 Jahre lang ein durch Stabilität ausgezeichnetes Stillstandsregiment geführt. Die Hauptstadt wogte bei der Todesstunde „gleich einem stürmischen Meere“. Auf den Straßen, in den überfüllten Kaffee- und Wirtshäusern wurde lebhaft über die Zukunft gesprochen. Eine kurze Weile wagte man große Erwartungen und Hoffnungen an den Thronwechsel zu knüpfen. Nach wenigen Tagen wußte man: „Alles bleibt beim alten“. Kaiser Franz hatte ein Testament hinterlassen, in dem er seinem Sohne unverrückbare Erhaltung „der Grundlagen des Staatsgebäudes empfahl und ihm volles Vertrauen zum Fürsten Metternich, seinem treuesten Diener und Freund“ als heilige Pflicht einschärfte. Damit war das System Metternich auch für die Zukunft sanktioniert. Die fremden Diplomaten berichteten nach wenigen Tagen an ihre Regierungen : „Die Grundsätze der innern und äußern Politik Österreichs sind nicht mit dem Kaiser zu Grabe getragen“. Metternich selbst ließ die Gesandtschaften durch ein Rundschreiben wissen: „Alles war unter der letzten Regierung vorausgesehen ; Österreich ist heute, was es gestern war, und was es morgen sein wird“. (A. Stern). Kaiser Ferdinand /., der nun mit 42 Jahren die Regierung antrat, war epileptisch, „ein gutmütiger und willenloser Idiot“, der in seiner faktischen Regierungsunfähigkeit als ein Hohn auf die Gottesgnadenmonarchie erscheinen konnte. Seine Unfähigkeit kam ihm selbst freilich nicht so sehr zum Bewußtsein. Er fand das Regieren gar nicht so schwer, wenn nur das Unterschreiben nicht gewesen wäre. War nun das System Metternich durch das kaiserliche Testament auch für die Zukunft stabiliert, so hatte der Fürst Österreich 1835-48. Kaiser Ferdinand I. 1 A. Stern, Th. Flathe. Preußen 1840 - 48 . Friedrich Wilhelm IV. als Kronprinz. anfänglich doch einige Sorgen durchzumachen. Der neue Kaiser mußte faktisch geführt werden. Die bei Lebzeiten des Kaisers Franz zurückgedrängten Brüder, die Erzherzoge Karl und Johann, schienen sich geltend machen zu wollen, ebenso die kaiserlichen Damen, die gewisse inbrünstige Wünsche für die Kirche und für die Jesuiten auf dem Herzen hatten. Aber der bedrohte Kanzler wußte rasch zu handeln. Er verband sich alsbald mit dem Erzherzog Ludwig, dem Lieblingsbruder des Verstorbenen, der mit diesem am meisten harmoniert hatte und mit dem polnischen Grafen Kolowrat, seinem bisherigen und nachherigen Rivalen, der neben ihm in der letzten Zeit die bedeutendste Stellung in der Regierung eingenommen und Verdienste um die Verwaltung hatte. Und der Kanzler, der von nun an tatsächlich Regent genannt werden müßte, nahm auch sofort seine Konferenzen - politik wieder auf. Ende September 1835 fand eine von ihm veranlaßte, glänzende Zusammenkunft der drei Monarchen der Ostmächte, Österreich, Preußen und Rußland, mit ihren Ministern in Teplitz in Böhmen statt, um der Welt das feste Zusammenhalten der drei Regierungen vor Augen zu führen. Dann erschien Zar Nikolaus am 9. Oktober plötzlich unan- gesagt in Wien, angeblich um der Kaiserin Witwe einen persönlichen Kondolenzbesuch zu machen, in Wahrheit wohl, um sich näher zu überzeugen, ob man sich in Zukunft auf die österreichische Politik würde verlassen können, und er scheint befriedigt heimgereist zu sein. Wir können also das nun fast noch ausschließlicher Metternich'sehe Österreich bis zu den Sturmtagen von 1848 seinem Gange überlassen. Wir wenden uns Friedrich Wilhelm IV. in Preußen zu, der 1840 auf seinen Vater Friedrich Wilhelm III. folgte. Gegensätze zwischen Kronprinzen und ihren Vätern sind nichts Seltenes, fast eher die Regel. Aber selten schuf die Natur einen so großen Gegensatz zwischen Vater und Sohn wie den zwischen Friedrich Wilhelm III. und seinem Nachfolger. Es ist ein Gegensatz, der an denjenigen erinnert zwischen Friedrich dem Großen und seinem Vater, Friedrich Wilhelm I., doch ohne das innere Zerwürfnis, das Friedrichs Jugend verdarb. Der Vater verstandesmäßig, nüchtern, pedantisch, von kurzer Rede, in den späteren Jahren wortkarg, verschlossen, mißtrauisch gegen Genies und Geniales. Bei ihm ging alles nach strenger militärisch-bureaukratischer Ordnung in bewährten 2 55 — Geleisen. Der Sohn dagegen vielseitig begabt, auch vielseitig gebildet, geistvoll, witzig, — manche seiner Witze waren Berlinergemeingut geworden — von sprühendem Leben, womit er seine Umgebung entzückte, künstlerisch gerichtet, mit Interesse, Verständnis und Geschmack für alle Künste, selber „ein guter und phantasiereicher Zeichner, der sich am glücklichsten fühlte, wenn er Plätze zur Herstellung verfallener Schlösser, Burgen, altchristlicher Basiliken und gothischer Dome entwerfen konnte“. Dazu ein Improvisationsredner, der leicht und gerne öffentlich sprach. Gemein mit dem Vater hatte er die Neigung zu Religion, Kirche und Theologie, worin er bewanderter war, als sonst auch hochgebildete Laien. Die Vielseitigkeit des Prinzen spiegelte sich in den Männern seines Umganges, die von seinem ultrakonservativen und reaktionären Adjutanten Gerlach über Bunsen zum Geschichtschreiber Leopold Ranke, des Prinzen Altersgenossen, bis zu dem atheistischen Naturforscher Alexander von Humboldt reichten; und alle waren entzückt von ihm. Es gab keine Kunst und Wissenschaft, nichts Großes und Herrliches, dem seine hochgesinnte Seele nicht zugeeilt wäre, nichts Schönes und Zartes, wofür sie keinen Mitklang gehabt hätte. Die Kehrseite war freilich notwendigerweise Dilettantismus in allem, Zersplitterung von Kraft und Interesse. Die Konzentrierung auf einen Punkt, Ausdauer und Vertiefung fehlten. Mit fester, sicherer Hand die schwunglosen Angelegenheiten des Alltags, deren es in einem Königreich viele gibt, und um die auch ein König nicht herumkommt, geräuschlos, geduldig abzuwickeln, das lag ihm nicht. In seiner engsten Umgebung wußte man auch von zeitweise maßloser Heftigkeit, worauf eine um so voller erstrahlende Liebenswürdigkeit zu folgen pflegte. Das heißt, Kronprinz Friedrich Wilhelm war nicht Herr über sich selbst; er räumte dem Augenblick, der Stimmung zuviel Gewalt ein; die innere Ausgeglichenheit fehlte. Das ist zusammen ein Häuflein negativer Dinge, die ein Minus von königlichen Pflichteigenschaften bedeuten, das für die Regierung des Staates verhängnisvoll werden konnte und es leider auch wurde. Der stolzeste Dampfer kann am Mangel einer einzigen, kleinen Schraube untergehen. Einstweilen waren diese Mängel nur wenigen bewußt, am wenigsten wahrscheinlich dem Prinzen selber, Kronprinz Friedrich Wilhelm war das, vielleicht gerade an — 256 — Friedrich Wilhelm IV. König, 1840-58161. Höfen besonders seltene Glück zuteil geworden, eine ausgezeichnete Mutter zu haben und in einem sittlich reinen, idealen Familienleben aufzuwachsen. Er hatte freilich diese Mutter, die Königin Luise, als Fünfzehnjähriger verloren; aber eine edle Mutter überlebt ihr leibliches Dasein, und selbst der Schmerz um sie ist noch ein segensreiches Erbe. — 1795 geboren, erlebte der Prinz als Knabe von 11 —12 Jahren Preußens tiefste Erniedrigung, Auerstädt, Jena, Tilsit, 1806/7; als Jüngling, 1813/14, die Wiedergeburt des Vaterlandes in den glorreichen Freiheitskriegen, Zeiten und Ereignisse, die in dem jungen Gemüte -tiefe, unauslöschliche Eindrücke hinterlassen mußten. Nun trat er mit 44 Jahren, auf der vollen Höhe seiner Männlichkeit, die Regierung an, und kaum sind je einem Herrscher so alle Herzen und Hoffnungen entgegengeflogen. 1 Man hatte den alten König verehrt und keine Neuerungen mehr von ihm gefordert; auf den jungen aber richteten sich, nicht ohne Spannung, die zeitgemäßen Erwartungen. Die ersten Regierungshandlungen kamen den Hoffnungen entgegen. Verfolgte und zurückgesetzte Vaterlandsfreunde kamen wieder zu Ehren. Ernst Moritz Arndt wurde wieder Professor ; die Brüder Grimm wurden als Mitglieder der Akademie nach Berlin berufen, mit der Befugnis, an der Universität Vorlesungen zu halten. Turnvater Jahn, der polizeilichen Aufsicht enthoben, bekam, wie früher schon erwähnt, sogar das eiserne Kreuz. Für Hochverrat, Majestätsbeleidigung und politische Verbrechen wurde eine allgemeine Amnestie erteilt, und hunderte von Männern der Freiheit wieder gegeben, welche einen unreifen, jugendlichen Enthusiasmus, Unvorsichtigkeiten und Torheiten mit vieljähriger Haft und zerstörtem Lebensglück gebüßt hatten. Trotz Metternichs Zuspruch wurden auch die Fesseln der Presse gelockert. Eine Ministerialkom- mission, von Friedrich Wilhelm III. zur Überwachung der Beamten eingesetzt, wurde aufgelöst. So atmeten viele auf. 1 Goethe sagte schon im März 1828 zu Eckermann: „Große Hoffnungeu setze ich auf den jetzigen Kronprinzen von Preußen. Nach allem, was ich von ihm kenne und höre, ist er ein sehr bedeutender Mensch; und das gehört dazu, um wieder tüchtige und talentvolle Leute zu erkennen und zu wählen. Denn man sage, was man will, das Gleiche kann nur von Gleichen erkannt werden, und nur ein Fürst, der selber große Fähigkeiten besitzt, wird wieder große Fähigkeiten in seinen Untertanen und Dienern gehörig erkennen und schätzen. — 257 — Wenig zufrieden war das protestantische Preußen mit der Kirchenpolitik des neuen Königs. Unter Friedrich Wilhelm III. waren die Verhältnisse zur katholischen Kirche wesentlich geordnet worden, und der König hatte Einfluß und Stellung zu wahren gewußt. Bei Bischofswahlen stand ihm das Recht zu, nicht genehme Kandidaten von der Liste zu streichen; der Gewählte mußte ihm den Treueid leisten. Die Geistlichen wurden zwar durch die Bischöfe angestellt, aber mit Pflicht der Anzeige an den König, dem die Genehmigung zustand. Im übrigen hatte Friedrich Wilhelm III. so viel für die katholische Kirche getan, daß Papst Leo XII. sagte, wenn ein katholischer Fürst so viel für die protestantische Kirche täte, wie der König von Preußen für die katholische, so würde er den Bann verdienen. — Ungelöst war 1840 noch der Konflikt wegen der gemischten Ehen, von dem wir s. Z. gesprochen. Der unnachgiebige Erzbischof von Köln, dem die Regierung Wortbruch vorwarf, war noch in Haft, seit 1839 auch der Erzbischof von Gnesen. Die öffentliche Meinung»war in dem Streite natürlich geteilt. Die Katholiken sahen darin eine Unterdrückung der Kirche durch den Staat und riefen nach Unabhängigkeit der Kirche vom Staat; für die Protestanten war es ein Kampf „deutscher Freiheit gegen römische Herrschsucht“. Die Erregung der Gemüter hatte sich noch nicht gelegt, als Friedrich Wilhelm IV. im August 1840 unerwartet ein Ende machte, indem er beide Erzbischöfe in Freiheit setzte, und zwar den von Gnesen gegen zweideutige Versprechen, den „Märtyrer“ von Köln aber, der inzwischen zum Kardinal ernannt worden war, gegen die Zusage, „wegen Kränklichkeit“ nicht mehr auf den Stuhl von Köln zurückzukehren, den Bischof von Speyer, der ein feinerer Diplomat war, als Koadjutor (Helfer) und spätem Nachfolger anzunehmen. Gegen dieses Versprechen wurden alle Anklagen gegen den Erzbischof fallen gelassen und ihm eine förmliche Ehrenerklärung ausgestellt. In der Sache aber räumte der König in der Folge der katholischen Kirche in Preußen Rechte ein, die sie im katholischen Bayern und Österreich vergebens angestrebt hatte. „Das Helotentum der katholischen Kirche in dem Ketzerstaate“ Preußen war gründlich überwunden. Die Forderung bezüglich der gemischten Ehen wurde preisgegeben, ebenso die Hermesianer, eine freiere Richtung innerhalb des Katholizismus, die von dem 1831 verstorbenen philosophischen Friedrich Wilhelm IV. und die Kirche, a) die katholische. Flühmann , Vorträge. 17 — 2)8 -• Theologieprofessor Hermes in Bonn ausgegangen war ; x das königliche Placet wurde aufgegeben, wie auch das Verbot gegen im Auslande gebildete Priester; im preußischen Kultusministerium wurde eine besondere katholische Abteilung errichtet etc. — Der Ultramontanismus 1 2 triumphierte und war voll Siegeszuversicht für die Zukunft. Das protestantische Preußenvolk, Liberale und auch Gemäßigte in allen Ländern, empfanden diesen Frieden mit der Kirche als eine Niederlage des Staates. In alle Wege hatte der König die feste Haltung seines Vaters den Ansprüchen der römischen Kirche gegenüber desavouiert und war, ob er es wußte oder nicht, der diplomatisch Unterlegene. Er verdiente jetzt schon die Bezeichnung, die David Friedr. Strauß ihm 1847 beilegte in seiner historischen Satyre: „Der Romantiker auf dem Thron der Cäsaren oder Julian der Abtrünnige“. Schon mehrere Jahre früher machte Varnhagen von Ense in 1 Wollte Hermes dem Kirchenglauben in der Philosophie eine Vernunftstütze geben, so strebte Bistumsverweser Wessenberg in Konstanz eine größere nationale Selbständigkeit des deutschen Katholizismus und gewisse Reformen an: deutschen Kirchengesang, deutsche Liturgie, Verminderung der Feiertage, Abstellung der Wallfahrten, Hebung der Volksschule, alles in Rom verpönte Dinge. Von der badischen Regierung gehalten, blieb Wessenberg als Verweser von Rom aus unbestätigt, bis es 1821 gelang, durch Aufhebung des Bistums Konstanz ihn wegzureorganisieren! In denselben Jahrzehnten wirkte, als Lehrer und pädagogischer Schriftsteller ausgezeichnet, der fromme Bischof Sailer in Regensburg. 2 Ultra — montanus, ennetbirgisch, römisch. Wort und Sache, dem XIX. Jahrhundert angehörend, stammen aus Frankreich, das in der Revolution und seither am rücksichtslosesten mit der katholischen Kirche umgegangen, und bezeichnet diejenige Richtung im Katholizismus, welche prinzipiell die mittelalterliche Machtfülle der Kirche und des Papsttums, auch dem Staat gegenüber, aufrecht erhält. Restauration und Romantik waren eine Nachblüte des Mittelalters. Die römische Kirche holte alle ihre einstigen Ansprüche wieder hervor. Sie betrachtete den Protestantismus, trotz seiner selbständigen Existenz, als „eine Krankheit am eigenen Leibe“, die zu heilen sie Recht und Pflicht besitze. Die Protestanten waren „irrende oder rebellische , darum exkommunizierte Katholiken.“ Professor Josef Görres in München, dem einst „die höhere Einheit von Katholizismus und Protestantismus erkennbar gewesen“, seitdem ein ultramontanes Haupt geworden, nannte jetzt die Reformation den zweiten Sündenfall und teilte die ganze Weltgeschichte nach den beiden Sündenfällen ein. Der von dem französischen Abbe Lamennais begründete katholische Journalismus übernahm die Arbeit an den Massen, die im Mittelalter den Bettelorden obgelegen hatte. Die römische Kirche entfaltete eine extensive und intensive Tätigkeit auf allen. Gebieten. — 259 — seinem Tagebuch die Bemerkung: „Der König ist mit Kaiser Julianus zu vergleichen ; er will die heutige Welt ins Mittel- alter zurückschrauben, wie Julianus die christliche Welt in das abgetragene Heidentum zurückzudrängen suchte.“ In der Tat schwärmte Friedrich Wilhelm IV. für mittelalterliche Ideale, auch in Betreff der protestantischen Kirche. In seinem „Sommernachtstraum“ baute er eine neu organisierte reformierte Kirche auf, statt des Kultusministers einen Fürsterzbischof von Magdeburg, als „Primas Germaniae“, weitere Metropolitane als Vorsitzende der Konsistorien, Bischöfe statt der in Deutschland üblichen Superintendenten; aus dem apostolischen Zeitalter wollte er die Übertragung des heiligen Geistes durch Handauflegen wieder beleben etc. — Schade, daß er nicht zu Luthers Zeiten lebte, der die Fürsten „Notbischöfe“ nannte und offenbar froh gewesen wäre, wenn ihm die Gekrönten so entgegen gekommen wären. Immerhin wären Friedr. Wilhelms Bischöfe doch vom Herrscher abhängig gewesen, welcher als „Schutzherr, Schirmvogt, Friedensrichter das Steuer am Schiff der Landeskirche“ halten sollte. Heinrich Heine ließ bekanntlich im Laufe der Vierzigerjahre bissige Spottgedichte gegen den König los, und manche seiner Verse wurden auch von loyal Gesinnten als zutreffend empfunden: .ein Mittelding, Das weder Fleisch noch Fisch ist, Das von den Extremen unserer Zeit Ein närrisches Gemisch ist. Eine Lieblingsschöpfung des Königs war das 1841 beschlossene anglikanisch-deutsche, evangelische Bistum in Jerusalem. Das Ende des türkisch-ägyptischen Krieges, von dem wir im „Lebenstag Louis Philipps“ gesprochen, hatte dem phantasiereichen König den Gedanken eingegeben, von dem jungen Sultan als Gegenleistung für die Rettung vor dem ägyptischen Vizekönig, dem er ohne das Eingreifen der Mächte faktisch erlegen wäre, die Abtretung der heiligen Stätten in Palästina zu verlangen. Drei Residenten als Vertreter der griechischen, römischen und evangelischen Konfession und eine von den fünf Großmächten aufgestellte Garnison sollten den Schutz dieser Stätten und der christlichen Gemeinden im heiligen Lande übernehmen. Aber Rußland und Österreich widerstrebten. Da reduzierte der König seinen Plan auf ein evangelisches Bistum in Jerusalem. Bunsen, dem wir s. Z. b) Die protestantische Kirche. Das angli- kanisch- evange- lische Bistum in Jerusalem. — 2ÖO — als preußischem Gesandten in Rom begegneten, ging begeistert mit der Mission seines königlichen Freundes nach London und kam überraschend schnell ans Ziel. Ein anglikanisches Bistum in Jerusalem wurde errichtet, die Kosten zwischen England und Preußen geteilt. Erster Bischof wurde ein getaufter preußischer Jude. Große Bedeutung erlangte die Schöpfung der Natur der Sache nach nicht, war aber eine Freude für die echten Romantiker in protestantischen Landen, so weit es sie noch gab. Die Zeit der Romantik war damals wesentlich abgelaufen, ein anderes Zeitalter im Aufstieg. Strengen Protestanten in Deutschland war übrigens des Königs Sympathie für den Anglikanismus anstößig. Dagegen erwarb Friedrich Wilhelm damit viele englische Gegensympathien. Er war im Januar 1842 als Pathe beim Tauffest des Kronprinzen, des spätem Königs Eduard, in London, und neben anderem, was den Engländern an dem liebenswürdigen königlichen Gaste gefiel, der unermüdlich alles Große und Berühmte in London besichtigte und lobte, vergaß man nicht, wie er beim anglikanischen Gottesdienst in St. Paul alle Kniebeugungen mitgemacht. Schärf erblickende haben behauptet, der Preußenkönig, der so arglos offen seine Freude an dem englischen „Götti“ zeigte, sei in England belächelt und sogar en quantite negligeable behandelt worden, was der treuherzige Bernhardiner zu seinem Glück nicht gemerkt habe. Dasselbe Jahr 1842 gab dem König Gelegenheit, der katholischen Kirche neue Beweise seiner Freundschaft zu Sept. 1 2. g e b en jr r h a tte die Protektion des Dombauvereins übernommen, der sich die Vollendung des Kölnerdomes zur Aufgabe machte. Wir erinnern uns, daß schon Friedrich Wilhelm III. zu diesem Zwecke eine bedeutende Summe aus seiner Schatulle gegeben. Der Dom in Köln, dieser höchste Triumph der gothischen Baukunst, die man seit der Romantik besonders gern als deutsche Baukunst in Anspruch nahm, stand ja seit mehr als 300 Jahren mit unvollendeter Fassade und eintürmig da; statt des zweiten Turmes streckte ein riesiger Kran seine starren Arme in die Luft. Am 4. September 1842 wurde nun der Grundstein zum Weiterbau gelegt, und die bedeutsame Handlung wurde von einem glänzenden Feste begleitet, zu dem sich viele deutsche Fürstlichkeiten einfanden. Friedrich Wilhelm besuchte zuerst den evangelischen Gottesdienst und erschien dann im Dom, wo ihn der oben erwähnte Koadjutor Das Dom- baufest in Köln — 2ÖI empfing. Er wohnte mit seinen fürstlichen Gästen dem Hochamt bei und „erbaute sich an dem katholischen Prachtkultus“. Nachher hielt er draußen vor einer tausendköpfigen Menge eine jener wirkungsvollen Ansprachen, die unmittelbar dem bewegten Innern zu entquellen schienen. Unermeßlichen Jubel lösten die Worte aus, welche die neuen Tore des Domes als Pforten „einer neuen, großen, guten Zeit für Deutschland und den Geist deutscher Einigkeit und Kraft“ feierten. Leider kam indessen der immer deutlicher hervortretende kirchliche Konservatismus des Königs auch immer entschiedener in Zwiespalt mit der neuen Zeit. Es ist ein Gemeinplatz geworden, das XIX. Jahrhundert und seine Fortsetzung ins XX. das Zeitalter der Naturwissenschaften zu nennen. Seine Mutter hat es in der Aufklärung des XVIII. Jahrhunderts. Diese selber reicht mit ihren Wurzeln in das Holland und England des XVII. und des XVI. Jahrhunderts zurück. Anzweiflung und Ablehnung aller bloßen Tradition, direkte Beobachtung der Natur, der Versuch, das Experiment, diese Prinzipien sind zuerst von den englischen Deisten aufgestellt worden. Ihre Anwendung führte zum Triumphzug der Erfindungen. Die Naturwissenschaft, mit ihrer Tochter, der Technik, schuf für Arbeit und Verkehr ein neues Zeitalter. Ihre blendenden Erfolge eroberten die gesamte geistige Welt: das XIX. Jahrhundert lernte naturwissenschaftlich denken. Es war ja natürlich und selbstverständlich, daß die neuen, so erfolgreichen Prinzipien und Methoden nicht in den Grenzen der Naturwissenschaften eingehegt blieben. Die Geschichte, deren Wesen und Material ganz auf Tradition steht, legte auch die Sonde der Kritik an und prüfte alles Überlieferte bis auf seine Ursprünge zurück; sie basierte sich von nun an auf Quellenforschung. Auch vor Kirche und Religion machte der neue Geist nicht Halt. Die Bibel wurde Geschichte und Literatur, und die neue Theologie machte sie zum Gegenstand kritischer Forschung. 1835 erschien der Vorläufer aller seitherigen ähnlichen Versuche, „Das Leben Jesu“, von David Friedrich Strauß. Der junge, gelehrte, neuhegelianische Theologe löste die Evangelien in einen Kranz frommer Legenden auf, 1 und erregte damit einen Sturm, namentlich in den kirch- Der König und die neue Geistesrichtung. 1 Es liegt in der Natur des geistigen Lebens, daß die kritische Richtung sich bis in die Extreme entwickelte, dann aber auch allmählig in ihre vernünftigen Grenzen zurückkehrte. David Strauß selber hat gelegentlich brief- 2Ö2 — liehen Kreisen. Die bedrohte kirchliche Welt setzte sich allerorten mit Bann und Acht zur Wehr. Friedrich Wilhelm, der König eines christlichen Staates sein wollte, und der bekannte, daß er „auch das rein Weltliche überall in geistlicher Gesinnung angriff“, glaubte den weltlichen Arm leihen zu sollen. Bei seiner mystischen Geistesrichtung und streng kirchlichen Gesinnung mußte er den neuen Geist für unbedingt verderblich halten. Über seinem Eingreifen entbrannte der Kampf nur noch mehr und zwar in ganz Deutschland, Österreich ausgenommen, das der Geist Metternichs noch abgeschlossen zu halten vermochte. minister I m Kampf gegen den neuen Geist wurde der König Eichhorn, unterstützt von seinem Kultusminister Eichhorn, einem guten Patrioten ohne zureichendes Verständnis für die Wissenschaft. Bei Besetzung theologischer Lehrstühle galt die Rechtgläubigkeit alles, die Tüchtigkeit zu wenig. Als ein Hauptverderber der Theologie erschien um diese Zeit seltsamerweise der 1831 in Berlin verstorbene Philosoph Hegel, der einstige, offiziell so hoch geschätzte philosophische Begründer des Christentums und Urheber der preußischen „Staatsphilosophie“. 1 — Der in die äußerste Linke geratene Neuhegelianismus galt nun als der böse Geist der Zeit. Einem Theologiedozenten dieser Richtung wurde das weitere Kolleglesen untersagt. Streng konservative Zeitungen griffen in der Folge nicht mehr bloß die „Hegeier“ an, sondern auch Männer und Gelehrte wie Schleiermacher und seine Schule. Auch die Pestalozzische Volksschule fühlte sich unter Eichhorn nicht mehr in Gnaden, und der verdiente Pestalozzianer, Seminardirektor Diesterweg, lieh gesagt, daß er manchmal über das Ziel hinausgeschossen. Dergleichen Bekenntnisse sind freilich nicht so allgemein bekannt geworden wie sein Buch. Wer den Namen David Strauß nennt oder hört, pflegt an das „Leben Jesu“ zu denken. Der Schweiz hat es bekanntlich den „Zürichputsch“ von 1839 beschert. ' Der philosophische Optimismus Fichtes, Schellings, Hegels, ein Ruhmesblatt Deutschlands in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts, hatte seinen Zenith hinter sich. Der naturwissenschaftliche Positivismus brachte die Philosophie mit aller Metaphysik überhaupt in Mißkredit und huldigte einem gröbern oder feinem Materialismus. Wer in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch Neigung zu abstraktem Denken hatte, wandte sich Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ und Eduard von Hartmanns „Philosophie des Unbewußten" und damit dem philosophischen Pessimismus zu, den auch Nietzsches „Umwertung aller Werte“ und sein weltfreudiger „Übermensch" mit dem „Willen zur Macht“ kaum zu überwinden geeignet sind. — 26 z — geriet in Reibungen mit der Regierung, die 1850 zu seiner vorzeitigen Pensionierung führten. — Der Presse gegenüber schwankte der romantische König zwischen Freiheit und Nicht - freiheit hin und her, daß niemand daraus klug werden konnte. Aber das Ende war der Zwang, und neben den stillgestellten Professoren gab es dann unterdrückte Zeitungen und Zeitschriften, so gut wie weiland unter Friedrich Wilhelm III. Aus dem Gegensatz der Kirche und der staatlichen Gewalt Die „Ucht- zu der neuen Zeitrichtung entstand im protestantischen Deutschland der Verein der „Lichtfreunde“ oder „Protestantischen Fremde“. Die Bewegung ging von Sachsen aus und hatte während etlicher Zeit ziemlich starken Erfolg. Es gab in Magdeburg eine Gemeinde von 500 Mitgliedern. Sie bildeten „freie Gemeinden“, predigten eine „Frömmigkeit des gesunden Menschenverstandes“ und setzten „die Vernunft über die Offenbarung“. Kirche und König bekämpften sie, aber schließlich erklärte doch der König in einem Toleranzedikt von 1847, daß die bürgerlichen Rechte nicht an bestimmte religiöse Akte einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft gebunden seien. Es war übrigens mehr der Unmut über den starren Zustand der Kirche als tiefes, religiöses Bedürfnis, was die Absonderung hervorgerufen hatte. Lange Dauer war der Vereinigung nicht beschieden. Ein bloß vorübergehendes Dasein hatte auch die Parallelerscheinung auf dem Gebiete der katholischen Kirche, der „Deutschkatholizismus“, Vorläufer des spätem, nachhaltigem Altkatholizismus. — Im Jahre 1840 hatte man in der Bücherstadt Leipzig die Vierhundert^ahrfeier der Buchdruckerkunst ^'inDeip- begangen. Es war ein imponierendes Fest der Intelligenz ge- !n worden, zu dem die Gäste aus allen deutschen Gauen zu- bergTs«. sammengeströmt waren. Und 1844 folgte das Jubiläum der 1544 gegründeten Universität Königsberg, „das Fest der reinen Vernunft“, zu dem die Akademiker von überall herbeieilten. Als Gegenstück dazu veranstaltete der Bischof von Trier Der heilige im Sommer 1844 ein spezifisch katholisches Fest, indem er den THer, k i844. ungenähten „heiligen Rock“ Jesu, den sie in Trier zu besitzen das Glück haben, zur Verehrung ausstellte. Millionen wall- fahrteten nach Trier; es wurde ein Siegesfest des modernen, ultramontanen Katholizismus. Was wollte das Fest der Bücher und „der reinen Vernunft“ dagegen sagen ? (Zahlenvergleich — 264 — widerstrebt hier freilich. Nach Trier ging das Volk, die Masse, insbesondere, und wohl sogar in Überzahl, die Frauen. Nach Leipzig und Königsberg waren die Gebildeten und, der Natur der Sache nach, fast nur Männer gegangen). Der Der Tubel über die „Gottesfahrt nach Trier“ wurde ge- kathoiizis- stört durch einen fulminanten offenen Brief „gegen das Götzen - mus ' fest zu Trier an den dasigen Bischof als den Tetzel des XIX. Jahrhunderts“. Verfasser ein schlesischer Geistlicher, Johannes Kongo, der wegen Angriffes auf das Breslauer Domkapitel seines Amtes entsetzt worden war. Exkommuniziert, forderte er darauf hin öffentlich zum Abfall von Rom auf, und im Jahr 1845 gründete sich in Breslau eine deutsche katholische Gemeinde mit Kongo als Priester. Cölibat, Ohrenbeichte, die lateinische Messe, Heiligenverehrung wurden abgeschafft. Die Bewegung brachte es nach einigen Jahren auf 60,000 Mitglieder. Aber Johannes Kongo war kein Martin Luther; der neue Katholizismus wurde auch von den Regierungen nicht unterstützt, und als der Reiz der Neuheit verflogen war, nahm der Anhang bald ab; mit den Jahren erlosch die Sache. Am meisten enttäuschte Friedrich Wilhelm IV. die poli- Die Ver- * fassungs- tischen Erwartungen. Allgemein hoffte man nun endlich auf frage, Erfüllung der Zusage von 1815, d. h. auf die damals versprochene Verfassung. Aber der König hätte geglaubt, mit Zulassung einer solchen eine unverzeihliche Sünde zu begehen. Wohl hatte auch er einst in einem gewissen „Kronprinzenliberalismus“ geleuchtet; aber er war innerlich ein hocharistokratischer Herr und Gottesgnadenkönig reinen Wassers. Seine Jünglingsjahre, das Alter, in welchem die politischen Anschauungen gewöhnlich sich zu bilden anfangen, waren in die Zeit der Kämpfe gegen Napoleon gefallen, den „Erben und Vollstrecker der Revolution“. Auch das politische Testament des Vaters verpflichtete den Sohn feierlich, „ohne Zustimmung sämtlicher Agnaten des Hauses in keine Änderung der ständischen Verhältnisse, noch in eine Beschränkung der königlichen Macht zu willigen. Wie der Vater wollte nun auch der Sohn als absoluter König aufs beste regieren, so daß die Untertanen keine Ursache hätten, nach einer Verfassung zu begehren. Ende August 1840 nahm er in Königsberg die Huldigung der preußischen Stände entgegen. Diese benützten den Anlaß und legten ihm in einer Denkschrift die Bitte um eine geschriebene Staatsverfassung vor. Der König und auch — 265 — sein Bruder, Prinz Wilhelm von Preußen, nahmfen das sehr übel auf. Prinz Wilhelm nannte es „die höchste Illegalität, einem Souverän beim Regierungsantritt Garantien abzufor- dem“. — Am 10. September 1840 fand im Hofe des Berlinerschlosses eine ergreifende Huldigungsszene statt. Im Angesicht von 20,000 Menschen, heißt es, erhob der König sich plötzlich vom Thronsessel zum feierlichen Gelöbnis von Gerechtigkeit und Treue vor den Abgeordneten der Provinzen. In schwungvoller Rede bat er Gott um Segen für sich und das Vaterland und pries die herrliche Einheit von.Fürst und Volk und aller Stände. Alles war tief bewegt. 1 Von einer Verfassung fiel kein Wort. Den ihm huldigenden Ständen versprach der König eine „einfache, väterliche, echte, deutsche und christliche Regierung“. Und doch empfand Friedrich Wilhelm die Pflicht, das Versprechen von 1815 einzulösen, aber auf seine Weise. Er berief Ausschüsse der acht Provinzialstände als „vereinigten Landtag“. Am 11. April 1847 trat diese glänzende Versammlung im weißen Saal des Berlinerschlosses zusammen, und dem König gefiel dieser Glanz nicht wenig. Und hier war es nun, wo er seine offene, viel zitierte Erklärung abgab: „ Ich werde nun und nimmer zugeben, daß sich zwischen unsern Herrgott im Himmel und dieses Land ein geschriebenes Blatt gleichsam. als eine zweite Vorsehung eindränge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte, heilige Treue zu ersetzen“. „Von den trügerischen Forderungen der Volksverführer berief er sich auf sein Volk, das'alte, christliche, biedere, treue, tapfere Volk, das kein Mitregieren von Repräsentanten, keine Schwächung der Hoheit, keine Teilung der Souveränität“ wolle. Er warnte, ja drohte den Versammelten, „sich nicht nach der Rolle sogenannter Volksrepräsentanten gelüsten zu lassen“, und er schloß mit dem Worte des biblischen Josua: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen“. Er wußte nicht oder wollte nicht wissen, daß die Besten der Nation, auch streng Konservative, „doch nach der Rolle sogenannter Volksrepräsentanten gelüsteten“ und 1 Friedrich Wilhelms Reden pflegten stets großen Eindruck zu machen und wurden im Publikum als unmittelbar dem Innern entsprungene Improvisationen empfunden. Eingeweihte wollten es freilich besser wissen, und Varnhagen bemerkt in seinem Tagebuch bei Gelegenheit dieser Rede, ein gewisser Stägemann habe lächelnd gesagt: „Nos kennimus.“ — 266 — die Verfassung als eine durchaus gerechte Forderung, ja als eine Notwendigkeit betrachteten. Mit einer beziehungsvollen Anspielung wurde diese Versammlung eine „Notabelnversamm- lung“ genannt, wobei nichts herauskommen werde. Sie hatte dem König gegenüber keinerlei bestimmte Stellung und Rechte, mußte nicht einmal regelmäßig einberufen werden, und es war natürlich, daß diese Lösung, außer dem König, niemanden befriedigte. Friedrich Ebenso vollkommen versagte Friedrich Wilhelm IV. den W ün«? 1 di ' deutschen Einheitsbestrebungen gegenüber. Er kannte sie wohl, Einheit 6 als guter Deutscher sprach er oft davon und dachte auch darüber nach; aber alles wieder nach seiner Weise. Zum vornherein ausgemacht und selbstverständlich für sein loyales Denken war, daß die Leitung Deutschlands nur Österreich zustehen könne. Erst wenn dieses durchaus ablehnte, würde er unter Umständen eingetreten sein. Geschichte und Erfahrung hatten indessen alle klaren Köpfe, auch die hochkonservativen unter ihnen, längst überzeugt, daß eine deutsche Einheit nur unter Preußens Führung möglich sei. Selbst die widerstrebenden Süddeutschen lenkten bedingungsweise ein: „Ja wohl, wenn Preußen selber zuerst anders geworden“. Von Österreich wußte man, daß eine starke deutsche Einheit ihm gar nicht am Herzen lag. Es war ja auch kein deutscher Staat; sein Schwergewicht lag längst bei den andern Nationalitäten. Dazu seine exzentrische Lage an der Perpherie draußen. Von Natur war also Österreich am wenigsten zur Leitung Deutschlands berufen. Seine Ansprüche waren nur auf die Tatsache gegründet, daß es einige Jahrhunderte lang, nicht nach Gesetz l sondern nach bloßem Gewohnheitsrecht, die Krone des einstigen römisch - deutschen Reiches getragen. Nieder- und Untergang dieses Reiches war durch Österreichs Führung mehr gefördert als gehindert worden. Friedrich Wilhelm IV. aber hatte für so reale Betrachtungen kein Organ. Er setzte sich mit Metternich „wegen der wünschbaren Verbesserung des deutschen Bundeswesens“ in Verbindung, schlug sogar, als selbstlosester Deutscher, die Abtretung des mit so viel Mühe zuwege gebrachten Zollvereins an den Bund, d. h. an Österreich vor und „verriet so in seiner romantischen Loyalität mit den preußischen Interessen auch dieejnigen Gesamtdeutschlands“. Bei alle dem hatte König Friedrich Wilhelm keine Ahnung, daß es in Deutschland eine geistige — 2 67 — Strömung gab, die stärker sein könnte als sein und Metternichs Widerstand zusammengenommen. Erwähnen wir noch das Verkehrswesen im vormärzlichen Deutschland, so ist festzustellen, daß die Eisenbahnen auf so viel Vorurteile stießen wie anderswo. Die Bureaukratie stand der Neuerung gleichgültig oder feindlich gegenüber. Der preußische Generalpostmeister von Nagler sah in den Eisenbahnen, neben der Post, nur ein „höchst beschränktes und untergeordnetes Kommunikationsmittel“, erklärte eine Linie Berlin-Breslau für überflüssig, „da ja die Postkutsche kaum rentiere“. Berühmt wurde der Weisheitsspruch des bayrischen Obermedizinalkollegiums, daß der Dampfbetrieb bei den Reisenden und Zuschauern unfehlbar schwere Gehirnerkrankungen erzeugen werde, und daß, zum Schutze der Zuschauer, die Bahnkörper in einen hohen Bretterzaun zu fassen seien. — Die Eisenbahnen entstanden zuerst als Privatunternehmungen. Die erste deutsche Staatsbahn war Braunschweig-Wolfenbüttel, 1838; Bayern, Würtemberg, Sachsen, Baden folgten, Preußen erst 1849. Bis in die Mitte des Jahrhunderts durchliefen die eisernen Stränge auch die konservativsten Länder und Länd- chen des deutschen Bundes. Sie waren das erfolgreichste Annäherungsmittel. Ein nationaler Zusammenschluß in irgend einer Form wurde schließlich allgemein als Bedürfnis empfunden. Die Eisenbahnen waren wirklich ein Wechsel auf Deutschlands politische Einheit. Verkehrswesen. Lola Montez, 1846 — 48 . — 268 — XIII. Österreich und Deutschland in Sturm und Drang, 1848/49/ Im Januar—Februar 1848 hatte der Bayernkönig Ludwig L ein Privatissimum oder einen Sturm im Glase Wasser zu bestehen. Das knüpft sich an die „spanische Tänzerin“ Lola Montez, eigentlich Elisa Gilbert, „natürliche Tochter“ eines schottischen Offiziers und einer Kreolin, geh. 1820 in Schottland. Wie sie zu ihrem weichen, südländisch klingenden Pseudonym und zum spanischen Vaterland gekommen, weiß ich nicht. Sie kam nach ziemlich abenteuerlichen Fahrten durch Indien und Europa 1846 nach München, und es gelang ihr bald, König Ludwig in ihre Fesseln zu schlagen. Der 60^übrige Herrscher gefiel sich außerordentlich in seinem Altersroman. Es muß ja köstlich sein, das alte Rätsel gelöst und sich zum zweitenmal jung zu finden. Auch seine Muse erlebte einen neuen Lenz, und die göttliche Tänzerin wurde mit königlichen Sonetten gefeiert, von denen einzelne sich ins profane Münchenerpublikum verirrten. Als Lola sich in ihrer Position stark genug fühlte, verlangte sie, adelige Abstammung behauptend, die Erhebung in den Grafenstand. Das bereits vieljährige ultramontane Ministerium Abel fühlte sich seit einer Weile erschüttert und ersah sich die Gelegenheit zu einem „schönen Abgang“. Es lehnte die vom König begehrte Erhebung ab. Der König befahl. Das Ministerium blieb fest und zog sich mit tadellos schöner, moralischer Geberde zurück. Das neue Ministerium war willfähriger, und die Tänzerin wurde zur Gräfin Landsfeld erhoben. Nun setzte Lola ihre Kräfte gegen Ultramontane und „Pfaffen“ ein. Ein ultramontaner Professor hatte im Senat beantragt, dem gewesenen Minister Abel als „Wächter der Sittlichkeit“ die Anerkennung auszusprechen. Er wurde sofort seiner Stelle enthoben. Seine Studenten brachten ihm daraufhin eine Ovation vor seinem Hause dar und schlossen dann mit einer Katzenmusik vor 1 Th. Flathe; Tim Keim : „1848, Der Vorkampf“ u. a. — 269 — der Villa der Gräfin Landsfeld. Der König schrieb die Schuld daran einigen Kollegen des Entlassenen zu, und auch sie wurden entlassen. Das Studentencorps der Alemannia fühlte und geberdete sich als quasi Leibgarde der neuen Gräfin und wurde deshalb von den übrigen Studenten in Verruf erklärt. Nun starb Ende Januar Professor Josef Görres (der einstige Redaktor des „Rheinischen Merkur“). Sein Begräbnis gab Anlaß zu Studententumulten zwischen den „Alemannen“ und ihren Gegnern. Da schloß der König am 5. Februar die Universität und wies alle fremden Studenten aus der Stadt. Damit brachte er aber die Münchenerbürgerschaft gegen sich auf. Der Straßenpöbel griff öffentliche Gebäude an. König Ludwig gab nach und ließ die Universität schon nach 6 Tagen wieder eröffnen. Er ließ sich sogar bestimmen, obschon er erbost war, daß man sich in seine Privatangelegenheiten einmische, die verhaßte Tänzerin wegzuweisen. Kaum hatte sie ihre Villa an der Barerstraße verlassen, so machte sich ein Volkshaufe daran, das verhaßte Gebäude zu verwüsten. Erst als der zombebende König erschien und Schonung seines Eigentums forderte, wurde die Menge ruhig und rief ein „Hoch“ auf den König. Die Tänzerin zog sich zunächst zurück, auf Rückberufung hoffend. Als diese ausblieb, begab sie sich nach Paris, wo sie ihre Memoiren schrieb. Später ging sie nach Amerika, trat wieder als Tänzerin und Schauspielerin auf und brachte ihre Münchenererlebnisse in eigenen Stücken auf die Bühne. Zuletzt hielt sie in Newyork Vorlesungen „über soziale und moralische Gegenstände“. Sie starb in einem Newyorker- spital 1861. 1 1 König Ludwig scheint Lola zu Kur und Schutz nach Weinsberg zu Justinus Kerner geschickt zu haben. Dieser schrieb in einem Privatbrief vom 19. Februar: „Die Lola Montez kam vorgestern hier an, und ich bewahre sie in meinem Turm bis auf weitere Befehle. Drei Alemannen halten dort Wache; es ist mir ärgerlich, daß sie der König gerade zu mir sandte, aber es wurde ihm gesagt, die Lola sei besessen, und er solle sie nur nach Weinsberg senden, den Teufel aus ihr zu treiben. Interessant ist es immer. Ich werde, ehe ich sie magisch-magnetisch behandle, eine starke Hungerkur mit ihr vornehmen. Sie bekommt täglich nur 13 Tropfen Himbeerwasser und das Viertel von einer weißen Oblade. Sage es aber niemanden! Verbrenne diesen Brief! Später: „Die Lola befindet sich seit voriger Woche bei mir. Theobald magnetisiert sie, auch lasse ich sie Eselsmilch trinken.“ (Tim Klein: „1848, Urkunden, Berichte, Briefe"). — 270 — Die Märzrevolution in Deutschland, 1848. Die Märzrevolution inMlinchen, 1848. Frankreich, von Börne das Zifferblatt Europas genannt, hatte inzwischen seine Februarrevolution, und das neue Beben von Paris ließ sofort an allen deutschen Fürstenhöfen die Fenster erklirren. Die Wirkung der Revolution von 1848 war viel stärker als die von 1830. Das Verlangen nach mehr Volksmündigkeit und der nationale Einheitsgedanke war in tiefere und weitere Schichten gedrungen. Die Führer hatten jetzt ein Volk hinter sich. Die Fehljahre 1846/47 hatten, im Geleite einer ziemlich allgemeinen Mißernte, auch die „Kartoffelseuche“ und mit der Not die Unzufriedenheit gebracht. Dazu kamen die mit der Industrie aufsteigende Arbeiterfrage und die sozialen Theorien, die von Frankreich her den Weg auch nach Deutschland fanden. Endlich der unleidliche, immerwährende Bevormundungsdruck von oben: Deutschland war reif und empfänglich für die Revolution. Bis ins letzte Städtchen und entlegenste Dörfchen gab es jetzt „Volksversammlungen“ und „Sturmadressen“. Klein- und Mittelstaaten beeilten sich, entgegenzukommen. Hessen-Kassel, Sachsen und Hannover besannen sich etwas lange. Da wurde ihnen der Stundenschlag so laut in die Ohren gerufen, daß auch sie willfährig wurden. Ein Rausch, fast ein Taumel der Begeisterung ging durch die deutschen Lande, dem selbst der Bundestag in Frankfurt nicht widerstehen konnte. Er bekehrte sich erstaunlich rasch und gründlich. Schon am 9. März erklärte er den alten deutschen Reichsadler zum Bundeswappen und Schwarz-Rot-Gold, „die Farben des alten deutschen Reiches“, als offizielle Bundesfarben. Fortan wehte über dem Palais Taxis, wo die Versammlung tagte, die so viele Jahre lang verfolgte schwarz-rot-goldene Fahne. So hatte Deutschland nun ein Banner, um das sich alle seine Länder sammeln konnten. Dann lud der Bundestag die Regierungen ein, Vertrauensmänner zur Revision der Bundesverfassung nach Frankfurt zu senden. Vor Ende März hatten alle deutschen Staaten ihre „Märzministerien“ und „Märzerrungenschaften“. Preßfreiheit, Geschworenengerichte, Bürgerwehr unter selbstgewählten Führern und ein deutsches Parlament waren überall zugesagt. In München hatte die Revolution durch den Lola-Montez- handel den Boden noch besonders vorbereitet gefunden. Niemand wird denken, daß die Geschichte mit der Tänzerin für das Ansehen König Ludwigs unschädlich geblieben sei. Das ganze Bayernvolk fühlte sich in seinem Nationalstolz verletzt. — 271 Die aufgeregten Münchenerbürger glaubten Lola noch lange irgendwo versteckt, und sie waren noch nicht in den lieben Alltag zurückgekehrt, als die Kunde von der Pariserrevolution eintraf und die Gemüter neuerdings aufregte. In einer Adresse mit 10,000 Unterschriften wurden dem König die Begehren des Volkes vorgelegt, 2. März. Da die Antwort einige Tage ausblieb, zogen die Volksmassen tumultuierend durch die Straßen; das Zeughaus wurde erbrochen, die Menge bewaffnete sich. Da gab der einst liberale König widerwillig nach. Eine Proklamation mit der Unterschrift des Königs und sämtlicher Prinzen bewilligte alle Forderungen. Aber noch nach diesem wurde ein Gefängnis erbrochen, weil viele immer noch die Tänzerin irgendwo in Verwahrung glaubten. Der König sah sich genötigt, einen Verhaftbefehl gegen sie zu unterzeichnen, für den Fall ihrer Rückkehr. Dann zog er sich gekränkt zurück und trat die Regierung seinem Sohne Maximilian II. ab, 20. März 1848. Er lebte dann ganz seinen künstlerischen Neigungen, zuletzt in Italien und starb 1868 in Nizza. Das Bayemvolk war längst mit ihm ausgesöhnt. Um die Zeit von Ludwigs Abdankung hatte die Revolution ihr Werk auch in Wien und Berlin getan. Die dortigen Vorgänge waren naturgemäß von besonderer Tragweite. Mit Studentenversammlungen und stürmischen Petitionen an den Kaiser begannen die Unruhen am 13. März in Wien und nahmen sofort solche Dimensionen an, daß der vom allgemeinen Haß bedrohte Metternich schon am 14. floh. Er hatte seine Lebensaufgabe in Bekämpfung der Revolution gesehen. Sie war das Gespenst, das ihn Jahrzehnte lang äffte. Nun sah er ihr als 75jähriger noch in Wien selber ins leibliche Auge und verschwand alsbald vom Schauplatz. Er ging nach England, dem Asyl aller erlauchten Flüchtlinge. 1 An dem- 1 Auch der flüchtige Weltkanzler stieg zuerst in Weinsberg ab. In einem Privatbrief vom 2. April schreibt Kerner'. „Den Metternich nahm ich in meinem Turm auf, in dem Graf Helfenstein vor seiner Hinrichtung durch die Bauern gefangen saß (Bauernkrieg, April 1525); es ist ihm unheimlich und mir sein ganzes Wesen unheimlich, besonders sein unverschämtes Liberaltun nun. Er behauptet: Nur sein Wunsch, daß Deutschland eine Republik werde, den er immer gehabt, habe ihn zu dem illiberalen System gebracht; nur so habe sich Deutschland so mächtig und kraftvoll erheben können. Das sei sein Werk und von ihm geflissentlich so durchgeführt. Er ruhte nicht, bis ich auf meinen Turm eine rote Fahne steckte .... Nota bene. König Ludwig I. dankt ab, März 48. Die Märzrevolution in Wien, 13./14.III.48. Die Märzrevolution in Berlin 18.-21. III. 48. — 272 — selben 14. März sagte Kaiser Ferdinand einer Deputation des ungarischen Reichstages ein eigenes, ungarisches Ministerium und einen Vizekönig zu. Der übrigen Monarchie versprach ein kaiserliches Manifest den Beginn einer neuen, konstitutionellen Ära. Es ist bezeichnend für die Revolution von Wien, daß sie von der Universitätsaula aus regiert wurde, die auch Generalquartier der Studentenlegion war. Wachsende Aufregung zeigte sich, namentlich seit dem 13. März, auch in Berlin. Am 15. hatte man Kunde von der siegreichen Revolution in Wien; am 16. gab es vor der Schloßwache zwei Tote und einige Verwundete. Der König hatte schon vorher den vereinigten Landtag auf 2. April einberufen. Am 18. erließ er nun eine auch vom Thronfolger und sämtlichen Ministem Unterzeichnete Proklamation, worin er ein Programm zur Umgestaltung Deutschlands vorlegte, das alles Wesentliche enthielt, was dann infolge der dazwischen getretenen Störungen, erst 23 Jahre später, nach dem Kriege von 1870 / 71 , verwirklicht werden konnte. In Berlin große Freude, und um die Mittagszeit war auf dem Platz vor dem königlichen Schlosse ein unabsehbares Volk versammelt, um dem König eine Ovation darzubringen. Friedrich Wilhelm erschien auf dem Balkon, um zu danken. Alles war in hoher, festlicher Stimmung. Dann gingen die ruhigen Bürger nach Hause. Auf dem Schloßplatze blieben indessen noch viele Arbeiter zusammen mit gewissen Elementen, welche eine Demonstration geplant hatten. Als um 2 Uhr die Wache aufzog, ertönte der Ruf: „Fort mit dem Militär!“ Der König befahl, den Platz zu räumen. Die Kavallerie ging im Schritt vor, mit eingesteckter Waffe. Plötzlich fielen, wie es scheint, durch Zufall, zwei Schüsse. Sie gingen in die Luft ; niemand war getroffen. Aber die entsetzte Menge schrie: „Verrat, Mord, zu den Waffen!“ Und in diesem Augenblick hätte kein Mensch mehr das Verhängnis bannen können. Berlin zeigte nun das in Paris gewohnte Revolutionsbild: Barrikaden, Straßenkampf. Das dauerte in die Nacht hinein. Um Mitternacht schrieb der König eine Proklamation: „An meine lieben Berliner“, und erklärte, überall, wo die Barrikaden geräumt würden, sollte das Militär zurückgezogen werden. Bis zur Metternich spielt die Geige sehr gut. Es ist noch eine alte von Niemsch im Turm. Auf dieser spielt er immer die Marseillaise und pfeift konvulsivisch dazu im Mondscheine.“ 2 73 Stunde scheint nicht unwidersprochen festzustehen, wie es kam, daß die Truppen am Morgen des 19. den Befehl zum Rückzug erhielten, ohne Bedingung, und in der Folge mit klingendem Spiele aus der Stadt zogen, so daß der König der Revolution sozusagen wehrlos ausgeliefert und auf den Schutz der neuen Bürgerwehr angewiesen war. Er schien nun der Unterlegene und mußte sich entsprechend behandeln lassen. An diesem 19. März „lärmte und tobte das Volk in den Höfen des königlichen Schlosses“, sagt Karl Frenzei in seinen Erinnerungen; „fortwährend wurden Tote auf Brettern, Tragbahren, Handwagen in das Schloß geschafft“... Alles schrie nach dem König. Er erschien in der innem Galerie über der Wendeltreppe. Unter dem Absingen des Liedes: „Jesus, meine Zuversicht“, wurden ihm und der Königin an seinem Arm die Leichen entgegengehalten. In der Nacht vom 18. zum 19. März hatte Friedrich Wilhelm auch das Ministerium entlassen und ein neues aus Männern liberaler Richtung ernannt. Dann verkündete er in einer Proklamation, „An mein Volk und die deutsche Nation“, daß Preußen fortan in Deutschland aufgehen und sein König sich für Deutschlands Einheit einsetzen werde. Und am 21. ritt er mit großem und hohem Gefolge, eine schwarz-rot-goldene Binde um den Arm, durch die Straßen, wiederholte in mehrfachen Ansprachen seine Zusagen, lehnte aber den Zuruf, „Es lebe der Kaiser von Deutschland I“ anscheinend unwillig ab: „Nicht doch, das will, das mag ich nicht! Ich will nichts usurpieren, will nichts als deutsche Freiheit und Einheit.“ 1 Fest dürfte bei der Berliner Revolution stehen, daß der erbitterte Kampf, nachdem einmal die zwei „unschuldigen“ Schüsse den Anlaß gegeben, Ausdruck des allgemeinen Hasses gegen das Militär, und daß sozusagen ganz Berlin beteiligt war, wie denn auch ganz Berlin am 22. März an der Bestattung der 183 Märzgefallenen teilnahm. Bei drei Stunden 1 Wir können nicht wissen, ob Friedrich Wilhelm hier aus innerster Seele wahr sprach. Es galt, den Nachrichten aus Wien zufolge, „schnell zuzugreifen, die Meinung Deutschlands zu gewinnen.“ L. Rankt : „In diesem alles gefährdenden Konflikt war es, daß Friedrich Wilhelm seine Antipathien gegen Konstitutionen überwand und den Entschluß faßte, kostitutio- neller König zu sein.“ — In Süddeutschland rief die Proklamation vom 18. und der Umritt vom 21. März Spott und Hohn hervor. In Stuttgart wurde eine den König von Preußen darstellende Puppe zuerst beschossen und dann in den „Feuersee“ geworfen. Ähnliches kam in München vor. 18 Flühmann, Vorträge. — 274 — Das deutsche Parlament. lang war der Zug. Protestantische, katholische und israelitische Geistliche sprachen ergreifende Worte der Trauer und auch der Hoffnung auf die durch den Kampf angebahnte bessere Zukunft. Das Hof mar schallamt schickte Blumen und Gärtner, sie zu ordnen. Als die Särge am Schlosse vorüber kamen, wurden zwei Trauerfahnen, eine schwarz-rot-goldene in der Mitte, grüßend geneigt. Der König stand mit Ministern und Adjutanten auf dem Balkon, nahm den Helm ab und blieb barhaupt, bis die Särge vorüber waren. Über die versenkten Särge wurde eine Ehrensalve abgegeben. 1 Der gehaßteste Mensch in Berlin seit der Revolution war Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere König und Kaiser Wilhelm I. Er war gegen den Rückzug des Militärs gewesen. Der König schickte den Bruder, den „Bluthund“, den „Kartätschenprinzen“, an seinem Geburtstag, 22. März, zu seinem Schutze nach England. Das Kronprinzenpalais konnte vor der Volkswut bewahrt werden durch eine Kreideaufschrift: N ationaleigentum. Vielleicht das populärste Postulat der Märzrevolution war das deutsche Parlament. Schon am 5. März waren in Heidelberg 51 Männer aus Süd- und Mitteldeutschland zusammengekommen und hatten erklärt, daß der Zusammentritt einer in allen deutschen Landen nach der Volkszahl zu wählenden Nationalversammlung unaufschiebbar sei, und sie beriefen die damaligen und frühere Mitglieder gesetzgeberischer Körperschaften der Einzelstaaten zu einer Versammlung auf 31. März nach Frankfurt a. M. Dieses „Vorparlament“ faßte eine Reihe von Beschlüssen, welche von den Regierungen und dem Bundestag anerkannt und dadurch gesetzlich wurden. Auf je 50,000 Einwohner sollte ein Vertreter in die Nationalversammlung gewählt werden. Die Wahlen fanden ordnungsmäßig statt, und am 18. Mai 1848 wurde das erste deutsche Nationalparlament eröffnet. Zum Kapitol wurde die Paulskirche in Frankfurt bestimmt, eine schöne, licht reiche Rotunde, mehr zu weltlichem Gebrauche als zur Kirche geeignet. Der 18. Mai 1 Die „Märzgefallenen“ wurden in einem Massengrab beigesetzt, das Barrikadenkämpfer selber auf dem höchsten Punkt des Friedrichshaines gegraben hatten. Den Soldaten wurde im allgemeinen tadellose Haltung in dem „undankbaren“ Kampfe nachgerühmt, im einzelnen gab es doch Rohheiten und Brutalitäten, die den Haß gegen das Militär vermehrten. — 275 — war ohne Zweifel eine große „Märzerrungenschaft“, ein bedeutsames Datum in Deutschlands Geschichte. Unter den 586 Abgeordneten gab es unstreitig viele Talente und bedeutende Namen. Vielleicht mehr bezeichnend als gesund war die Zusammensetzung der Versammlung; sie wies deutlich auf den Ursprung der Märzbewegung hin. Der Gelehrtenstand mit 104, wozu noch ein Dutzend Literaten, viele Advokaten, Richter und Beamte kamen, war überstark vertreten, während die bisher so maßgebend gewesenen Gutsbesitzer mit 34, vollends die Industriellen und Kaufleute mit 13 und 15 Vertretern relativ zu kurz kamen. Erster Präsident wurde der hessische Abgeordnete Heinrich von Gagern, ein kraft- und taktvoller Mann von würdevoller Gestalt und Haltung. Die große Mehrheit der Versammlung war für ein konstitutionelles Erbkaisertum. Eine unruhige, einigermaßen utopistische Linke strebte der Republik zu und machte, trotz ihrer unbedeutenden Zahl, der Versammlung oft zu schaffen. Eine der ersten Handlungen der Versammlung, die eifrig alles neu und besser machen wollte, war die Ersetzung des bisherigen und zu Recht bestehenden Bundestages, der doch um diese Zeit neu zusammengesetzt war und auch ein irgendwie neues Gesicht zeigte, durch einen Reichsverweser , wozu der als demokratisch geltende Erzherzog Johann von Österreich , Bruder des einstigen Kaisers Franz, gewählt wurde. Er nahm an und umgab sich alsbald mit einem Ministerium. Die Versammlung hatte damit bereits ihre Kompetenzen überschritten. Behörden aufzuheben und zu schaffen, stand ihr nicht ohne weiteres zu. Als dann der neue Kriegsminister, nach Beschluß der Versammlung, befahl, daß alle Bundestruppen dem Reichsverweser huldigen sollten, wurde das von Österreich, Bayern, Hannover und Preußen abgelehnt. Die Versammlung konnte beschließen ; die wirkliche Macht lag bei den Regierungen. Geraume Zeit wurde nach nordamerikanischem und französischem Vorbilde auf die Beratung der „ Grundrechte des deutschen Volkes“ verwendet. Sie umfaßte Rechtsgleichheit aller Deutschen, durch Aufhebung bisher bestehender Ständevorrechte ; Sicherheit gegen polizeiliche und richterliche Übergriffe ; freies Vereins- und Versammlungsrecht; Religions-, Preß- und Lehrfreiheit; Sicherheit der Person und des Eigentums ; Schwurgerichte mit öffentlichem und mündlichem Ver- — 276 Die Oktoberrevolution in Wien und ihre Folgen. fahren; unabhängigen Richterstand und Abschaffung der Todesstrafe. Eine Blütenlese aus der ersten französischen Revolution. Die Arbeit des Parlaments wurde indessen höchst ungünstig beeinflußt durch die weitem Vorgänge in Wien und Berlin, denen wir uns zuwenden müssen. Während die Ungarn rücksichtslos die Rechte ihrer Nationalität zur Geltung brachten, vergewaltigten sie ebenso rücksichtslos die der Siebenbürgen und der slawischen Kroaten und Slowenen im Banat, die zur ungarischen Reichshälfte gehörten. Die Siebenbürgen fügten sich ; die Kroaten aber machten nun auch das Recht ihrer Nationalität geltend, wünschten Trennung von Ungarn und Vereinigung mit den übrigen, bis nach Dalmatien hinunter wohnenden Südslawen zu einem südslawischen Königreich unter der habsburgischen Kaiserkrone. Zur Förderung einer allgemeinen slawischen Verbrüderung trat anfangs Juni ein gegen das Deutschtum gerichteter Slawenkongreß in Prag zusammen. Nach dem Vorbilde Ungarns richteten inzwischen auch die böhmischen Stände ihre Sonderforderungen an den Kaiser; ein Aufstand in Prag sollte sie erzwingen, wurde aber vom Fürsten Windisch- grätz mit einigen Kanonenschüssen beendigt, 17. Juni 48. Der Slawenkongreß hatte sich während des Sturmes ohne Ergebnis aufgelöst. Die Kroaten aber wollten ihre Trennung von den Magyaren durchsetzen und zogen gegen sie, ihren Banus (Statthalter) Jellachich an der Spitze, von der Wiener- regierung zuerst heimlich, dann offen unterstützt. — Nun fürchtete man in Wien, wenn die Ungarn unterlägen, würden dann auch die der übrigen Monarchie gemachten Zusagen nicht gehalten, und als anfangs Oktober Truppen nach Ungarn abgehen sollten, wurde unter diesen agitiert, die Eisenbahnlinien aufgerissen etc. Die Studentenlegion und die revolutionären Kreise traten wieder in Aktion, und am 6. Oktober brach eine Revolution aus, weit heftiger, blutiger als die im März. Der Kriegsminister Latour wurde auf brutale Weise ermordet, seine Leiche an einen Laternenpfahl gehängt. Kaiser Ferdinand, tief erschüttert, floh von Schönbrunn nach Olmütz in Mähren. Die vornehmen und reichen Familien verließen die Stadt. Nun herrschte vollends Arbeitsmangel. Die schwersten Ausschreitungen folgten. Der Terror herrschte in Wien. Da zog Jellachich von Süden, Windischgrätz von Norden 277 — heran; die Stadt wurde belagert. Noch hofften die Aufständischen auf die Hülfe, der Ungarn, und gestützt darauf brachen sie den Frieden, den sie bereits angenommen hatten. Die Ungarn wurden aber von Jellachich zurückgeschlagen. Ende Oktober zog Windischgrätz 1 in die Stadt ein, dann auch Jellachich. Nun folgte ein scharfes Strafgericht. Unter den Verurteilten und Hingerichteten erweckte Robert Blum in ganz Deutschland besondere Teilnahme. Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Rheinländer, geboren 1807 in Köln, „mit dem großen Kopf und breiten Gesicht“, beliebter Volksredner, hatte sich zum Verlagsbuchhändler, zu Ansehen und Einfluß herauf gearbeitet. Die sächsische Stadt Zwickau hatte ihn ins Frankfurterparlament gewählt. Er war das Haupt der republikanischen Linken und von dieser, nicht vom Parlament, zusammen mit einem Professor Fröbel, der Schweizer gewesen sein soll, zur Überbringung einer Adresse zu den Aufständischen nach Wien geschickt, hatte zum Aufstand angefeuert und selber teil genommen. Damit hatte er natürlich das Immunitätsrecht des Abgeordneten verwirkt. Seine Hinrichtung, ohne Zweifel formell völlig gerechtfertigt, war ein Faustschlag gegen das Parlament in Frankfurt. Im Juli war, der Zusage des Kaisers entsprechend, ein konstituierender Reichstag in Wien zusammengetreten. 1 2 Während der Oktoberrevolution schloß ihn der Kaiser, um ihn am 22. November in der kleinen mährischen Stadt Kremsier wieder zu eröffnen. Damit war die Versammlung dem revolutionären Nährboden der Großstadt entzogen. Am 2. Dezember überraschte der neue Ministerpräsident Felix von Schwarzenberg den Reichstag mit der Mitteilung, daß der Kaiser Ferdinand zugunsten seines 18jährigen Neffen Franz Josef der Krone entsagt habe. Der kranke Kaiser war ja tatsächlich der Lage 1 Fürst Windischgrätz soll den Ausspruch getan haben, der Mensch fange erst beim Baron an. Sein Freund, Fürst Schwarzenberg, hat das bestritten, aber selber verwandte Worte und Züge von ihm mitgeteilt oder bestätigt. Also: „Se non e vero, e ben trovato.“ Windischgrätz lobte stets nur bürgerliche Offiziere für ihre Tapferkeit; bei den adeligen verstand sich „die courage“ von selber. Er empfing den Schneider nur im Beisein seines Lakaien, da es doch nicht anging, daß der Fürst direkt mit seinem Schneider sprach. 2 Erneute Aufstände in Wien am 19. und 26. Mai hatten den Kaiser zur Berufung eines konstituierenden Reichstags genötigt, da ein ministerieller Verfassungsentwurf nicht befriedigt hatte. Robert Blum, Opfer der Oktoberrevolution in Wien. Abdankung Ferdinands I. Kaiser Franz Josef. — 2 78 — in keiner Weise gewachsen. Schwarzenberg selber hatte die Abdankung erzwungen. Der Kanzler ließ über Ziel und Ideal der neuen Regierung keinen Zweifel: Ein zentralisierter österreichischer Einheitsstaat und dessen unumschränkte Herrschaft über Deutschland und Mitteleuropa. — Als der Reichstag in der Folge, ähnlich wie die unreifen Leiter der Wienerrevolution, Freiheiten beanspruchte, die für das politisch noch so unvorbereitete österreichische Volk viel zu weit gingen, wurde er am 7. März 1849 aufgelöst. Der Kaiser gab von sich aus eine Verfassung, auch ein Gesetz über die Grundrechte und ein Robot- entschädigungspatent. Gegenüber den frühem Zuständen waren es wirkliche Fortschritte. Die Verfassung wurde freilich vom Kaiser nie beschworen, trat nie ins Leben und wurde 1851 aufgehoben. Vorgänge Einen ähnlichen Verlauf nahmen die Dinge in Berlin, so Sommer’ daß die Vorgänge wie ein Pendant zu denen in Wien erschei- und 48 erbst nen. Die „Straße“ spielte seit den Märztagen in der sonst so stramm geordneten, nüchternen preußischen Hauptstadt eine ganz ungewohnte Rolle. Als die konstituierende Nationalversammlung es ablehnte, durch einen Beschluß zu erklären, daß „die Kämpfer des 18. und 19. März sich wohl um das Vaterland verdient gemacht hätten“, da wurden einige Mitglieder der Versammlung tätlich mißhandelt; der Pöbel tobte, bemächtigte sich des Zeughauses und bewaffnete sich, 14. Juni 1848. Mit Not stellte die Bürgerwehr die Ordnung wieder her, und der König ließ daraufhin wieder Truppen in Berlin einrücken. Aber auch die Versammlung selbst pflegte die idealsten Forderungen zu stellen, unbekümmert um die Möglichkeiten der wirklichen Welt. Nachdem in Österreich die Reaktion eingesetzt hatte, raffte auch Friedrich Wilhelm IV. sich auf, berief das reaktionäre Ministerium Brandenburg-Manteuffel, vertagte zunächst die Versammlung und verlegte ihren Sitz nach der stillen Stadt Brandenburg. Allem Widerspruch zum Trotz setzte die Regierung die beiden Maßregeln auch durch, und als am 27. November die Versammlung sich nicht in genügender Zahl einfand, wurde sie am 5. Dezember aufgelöst. Dann aber Preußische gab der König selber eine Verfassung, wonach Preußen ein kon- Vei 48/5o nng stitutioneller Staat wurde, 1 mit einer ersten und zweiten Kam- 1 Dieser Übergang bedeutete keine kleine Überwindung für Friedrich Wilhelm IV., dem, so gut wie einst seinem Vater, das Wort des einstigen, — 279 mer und einem demokratischen Wahlrecht für die letztere. Damit war eine Hauptforderung der Demokraten gerettet, und sie fügten sich. 1850 wurde die Verfassung von 48 dann freilich etwas rückwärts revidiert, * 1 sie besteht in den wesentlichen Stücken noch jetzt, zusamt dem heute so viel angegriffenen indirekten Wahlrecht nach Dreiklassensystem, mit Abstufung nach der Steuerkraft. Die eben geschilderten Vorgänge in Berlin im Sommer und Spätjahr 1848 schlugen ihre Wellen bis in das Frankfurterparlament. Dort wurde, nach Berufung des Ministeriums Brandenburg-Man teuf fei, ein Antrag gestellt und angenommen, die Krone in Preußen möge sich mit einem Ministerium umgeben, welches das Vertrauen des Landes besitze etc. Aber noch bevor dem Beschluß Folge gegeben, d. h. eine entsprechende Mahnung an die preußische Regierung gerichtet wurde, kehrte der als Reichskommissär nach Berlin geschickte Bassermann nach Frankfurt zurück und gab dem Parlament eine Darstellung der Berlinerstraßenvorgänge, welche bei der Mehrheit einen Meinungsumschwung zur Folge hatte. Die sprichwörtlich gewordenen „Bassermannschen Gestalten“ stammen aus dem nachmärzlichen Berlin von 1848. Zum deutschen Parlament zurückgekehrt, haben wir von oieReichs- dem vollendeten Verfassungswerk Kenntnis zu nehmen. Den verfa8Sung ' Verhandlungen auch nur in ihren hervorragenden Momenten zu folgen, würde über unsern Rahmen hinausführen. Die Verfassung übertrug die exekutive Gewalt einem erblichen Kaiser mit einem verantwortlichen Ministerium und mit den üblichen konstitutionellen Rechten, dem Recht, Krieg zu erklären und Frieden zu schließen etc.; dazu kam ein Suspensivveto gegenüber der legislativen Gewalt. In diese teilten sich ein Staatenhaus und ein Volkshaus, die zusammen den Reichstag bildeten. Die Mitglieder des Staatenhauses wurden zur Hälfte von den Regierungen, zur Hälfte von den Volksvertretungen der Einzelstaaten gewählt. Die Mitglieder des Volkshauses gingen aus Volkswahlen hervor, je ein Mitglied auf 100,000 Seelen. Wähler jeder unbescholtene Deutsche von 25 Jahren an. Die eiteln evangelischen Bischofs Eylert aus der Seele gesprochen war : „Die beste Verfassung ist die Liebe zum Landesherrn.“ Ohne innerlich umzudenken, hielt er, als Ehrenmann, die Verfassung bis an sein Ende aufrecht. 1 Die Kammern hießen seitdem Abgeordnetenhaus und Herrenhaus, letzteres nun mit erblicher Mitgliedschaft. — 28 o — Gesetze brauchten zur Gültigkeit die Annahme in beiden Häusern und die Unterschrift des Kaisers. — Das für damals ultrademokratische Wahlrecht war eine Forderung der äußersten Linken und siegte durch Anschluß der äußersten Rechten und der Vertreter Österreichs, die damit die ganze Verfassung zu Fall zu bringen hofften, was dann ja auch gelang. Einen Adel als Stand, Titel ohne Amt gab es nicht mehr. Noch war ein reicher Strauß von „Grundrechten“ dabei und so viel Freiheiten, daß einem, wie Oskar Jäger bemerkt, wohl um die Freiheit bange werden konnte. Während in Frankfurt die Verfassung zur Beratung stand, gab Preußen in einer Zirkulamote an alle deutschen Regierungen seiner Auffassung Ausdruck: „daß es keine Machtvergrößerung oder Würde für sich in Anspruch nehme und eine angebotene Stellung nur mit freier Zustimmung der Fürsten annehmen werde; daß S. Majestät der König die Errichtung einer neuen deutschen Kaiserwürde nicht notwendig finde etc. Im schroffen Gegensatz dazu erklärte eine österreichische Note vom 4. Februar 1849 eine Unterordnung des Kaisers von Österreich unter eine von einem andern Fürsten gehandhabte Zentralgewalt als unannehmbar. Sodann erließ Österreich am 7. März, ohne Rücksicht auf Deutschland und das Parlament, eine eigene Verfassung, welche alle seine Länder in eine „einzige, unteilbare, unauflösliche, konstitutionelle Monarchie“ zusammenfaßte. Für Deutschland schlug es statt des Kaisers ein Direktorium von sieben Mitgliedern vor, dessen Vorsitz allenfalls zwischen Österreich und Preußen wechseln könnte; anstatt des Reichstages ein von den Regierungen zu bestellendes Staatenhaus von 70 Mitgliedern, wovon 38 auf Österreich und 32 auf das übrige Deutschland kommen sollten. Ein Volkshaus wurde abgelehnt. Man sieht, das wäre ungefähr auf die alte Bundesherrlichkeit herausgekommen. Wohl zutreffend wurde im Parlament gesagt: „Das Warten auf Österreich ist das Sterben der deutschen Einheit“. Der Kanzler, Fürst Schwarzenberg, erklärte auch unumwunden, daß Österreich weder einen separaten Anschluß bloß seiner deutschen Lande an Deutschland zugeben werde, noch sich von Deutschland vor die Türe setzen lasse. Österreich mit seinem ganzen slawisch-magyarisch-italienischen Übergewicht wollte zu Deutschland gehören und sein Führer sein. Im Gegensatz dazu bestimmte die Frankfurter Verfassung, daß — 28 I außerdeutsche Länder nicht zum deutschen Reiche gehören und höchstens zu deutschen Fürsten in Personalunion stehen könnten. Dadurch waren neben preußisch Polen auch die nichtdeutschen Länder Österreichs ausgeschlossen. Im Parlament gab es über all diesen Gegensätzen zwei Gruppen, die man die österreichische und die preußische hätte nennen können. Aber die Österreicher nannten ihre Partei die großdeutsche, die andere die kleindeutsche, obschon „die sieben bis acht Millionen Deutschösterreicher Deutschland weder groß noch klein machen konnten“. Unter solchen Verhältnissen ging es nun an das schwierigste Stück, an die Kaiserwahl. Zum vornherein wußte man, daß Österreich sich niemals einem preußischen, noch Preußen — trotz Friedrich Wilhelms Loyalität — einem österreichischen Kaiser fügen würde. Die Wahl fand am 28. März 1849 statt. 290 von 538 anwesenden Mitgliedern wählten Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, 248 enthielten sich der Wahl. Und nun der Schluß der großen Hoffnungen und langen Mühen. Eine Deputation des Parlaments wurde am 3. April im Rittersaal des königlichen Schlosses in Berlin empfangen, und Friedrich Wilhelm antwortete mit einem Ja, das nicht ja, und einem Nein, das nicht nein war. Die Hauptstelle seiner Antwort lautete: ... „An den Regierungen der deutschen Staaten wird es daher jetzt sein, in gemeinsamer Beratung zu prüfen, ob die Verfassung dem einzelnen wie dem ganzen frommt, ob die mir zugedachten Rechte mich in den Stand setzen würden, mit starker Hand die Geschicke des großen deutschen Vaterlandes zu leiten und die Hoffnungen seiner Völker zu erfüllen.“ Die ganze Antwort ließ sich ungefähr in den Bedingungssatz zusammenfassen, nur wenn sämtliche deutsche Fürsten ihm die Kaiserkrone reichten, würde er sie annehmen können. Es entsprach seinen frühem Erklärungen und der oben erwähnten preußischen Zirkularnote an die Regierungen. 28 deutsche Fürsten erklärten indessen ihre Zustimmung. Österreich, Bayern, Sachsen und Hannover lehnten die getroffene Wahl ab, und ganz Deutschland konnte wissen, daß die geforderte Einmut der deutschen Fürsten überhaupt durch keine Kaiserwahl zu erreichen war. Als dann das, am 26. April verfassungsmäßig zusammengetretene, preußische Abgeordnetenhaus König Friedrich Wilhelm zur Wahlannahme verpflichtet erklärte, löste Die Kaiser wähl, 28. III. 49. Friedrich Wilhelm IV. lehnt die Kaiserwahl definitiv ab, 28. IV. 49. er es am 27. auf und gab am 28. dem Parlament seine definitive Absage. Diesmal gab er als Grund das umstiirz- lerische allgemeine Wahlrecht an. „Am rechten Platze saß“, sagt Oskar Jäger, „nicht der rechte Mann“. — Friedrich Wilhelm IV. brachte nicht nur das Frankfurterparlament, sondern ganz Deutschland in eine mißliche Lage. Sein Verhalten erklärt sich wohl: 1. aus seiner übertriebenen Loyalität gegen das Haus Österreich, das diese Loyalität gerade am wenigsten verdiente; 2. aus seinem Souveränitätsstolze, der es ihm nicht zuließ, daß auch nur eines deutschen Fürsten Souveränität nicht respektiert werden sollte; 3. aus seiner Abneigung gegen Revolution und Demokratie. Die Frankfurterkaiserkrone hatte für ihn einen revolutionären, demokratischen Ursprung. 1 Bismark hielt die Ablehnung der Kaiserkrone für kein Unglück. Auch er sah Mängel und Schwierigkeiten in dieser Wahl. In seinen „Gedanken und Erinnerungen“ sagt er: „Aber auch, wenn alle diese Mängel nicht oder in den Augen des Königs nicht vorhanden gewesen wären, so würde unter ihm eine Fortbildung und Kräftigung der Reichsinstitutionen, wie sie unter Kaiser Wilhelm stattgefunden hat, kaum zu 1 Heinrich von Gagern war am 28. November 1848 noch „extra“ nach Berlin gereist. Friedrich Wilhelm empfing ihn sehr herzlich, lehnte aber die Würde des Reichsoberhauptes entschieden ab. Er schrieb am 13. Dezember an Bunsen in London: „Ich will weder die Fürstenzustimmung zu der, noch die Krone. Die Krone, welche die Ottonen, die Hohenstaufen, die Habsburger getragen, kann natürlich ein Hohenzoller tragen. Die aber, die Sie meinen, verunehrt überschwänglich mit ihrem Ledergeruch der Revolution von 1848, der albernsten, dümmsten, schlechtesten, wenn auch gottlob nicht bösesten dieses Jahrhunderts. Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken, soll ein legitimer König von Preußen sich gefallen lassen, der den Segen hat, wenn auch nicht die älteste, doch die edelste Krone, die Niemand gestohlen worden ist, zu tragen. Soll die tausendjährige Krone deutscher Nation wieder einmal vergeben werden, so bin Ich es und meinesgleichen, die sie vergeben werden. Und wehe dem, der sich anmaßt, was ihm nicht zukommt! (Ranke, Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen.) Hermann von Beckerat, Mitglied der Frankfurterversammlung, reiste ebenfalls im April 49 noch zu Friedrich Wilhelm und erinnerte ihn an seinen großen Vorfahren, Friedrich II. Der König antwortete: „Wenn Sie Ihre beredten Worte an Friedrich den Großen hätten richten können, das wäre Ihr Mann gewesen; ich bin kein großer Regent“. An Bunsen schrieb er darüber: „Er riet mir, in die Löwengrube hinabzusteigen; aber ich bin kein Daniel, und ich würde glauben, Gott zu versuchen“. — 28z — erwarten gewesen sein. Die Kriege, welche der letztere geführt hat, würden nicht ausgeblieben sein; nur würden sie nach der Konstituierung des Kaiserreiches, als Folge desselben, und nicht vorher, das Kaisertum vorbereitend und herstellend, zu führen gewesen sein.“ Im Laufe des Mai ging die Mehrheit des Parlaments ohne Sang und Klang nach Hause. Volkserhebungen, welche die Durchführung der Reichs Verfassung erzwingen wollten, wurden mit Militärgewalt unterdrückt, so in Dresden, in Baden, in der Pfalz. Die Linke des Parlaments, ioo und einige Mann, verlegte die Sitzungen nach Stuttgart 1 * 3 wo ihr die Regierung am 18. Juni den Sitzungssaal verschloß, weil das Rumpfparlament eine Ermutigung zu Unruhen bedeute. Das war das Ende des so hoffnungsvoll eröffneten ersten deutschen Parlaments. Bismark sagte bekanntlich später : .„Deutschlands Einheit kann nicht mit Mehrheitsbeschlüssen, sondern nur mit Blut und Eisen geschaffen werden“. Wir haben noch die republikanischen Erhebungen im Großherzogtum Baden und den ungarischen Aufstand von 1848/49 nachzutragen. 1. Die republikanische Bewegung in Baden. Baden gehörte zu den deutschen Staaten, die nach dem Wienerkongreß eine Verfassung erhielten. Die Presse war fast zensurfrei. Das war natürlich Metternich ein Dom im Auge. Da die Julirevolution im Badener Lande einige Unruhen, Übertreibungen und Verirrungen zur Folge hatte, so war das willkommener Anlaß zur Einmischung. Der Bundestag erließ, wie wir früher gehört, 1832 eine Reihe reaktionärer Beschlüsse, die darauf hinaus liefen, die Verfassungen, wo es sie gab, unwirksam zu machen. Das liberale Preßgesetz in Baden mußte aufgehoben, die Zensur wieder eingeführt werden. Bedeutende Schriftsteller und Redner, wie der Geschichtsschreiber Karl Rotteck und der Rechtslehrer Karl Theodor Welcher, verloren ihre Professuren; die Universität Freiburg wurde 1 Am 6 . Juni wurde sogar eine Reichsregentschaft von fünf Mitgliedern ernannt, darunter der Naturforscher Karl Vogt, später Professor in Genf. Die nächste Sitzung des Versammlung war auf den i3. Juni nachmittags 3 Uhr angesagt. Die Abgeordneten scheinen auf Gewalt gefaßt gewesen zu sein. Der vorausschreitende Präsident war von zwei Mitgliedern flankiert; der eine davon war der Dichter Uhland. Sie fanden den Sitzungssal geschlossen und wurden auseinandergesprengt. 284 — Erster badischer Aufstand, April 48. Zweiter badischer Aufstand. zeitweise geschlossen, liberale Zeitungen und Zeitschriften unterdrückt. Die badischen Landstände legten gegen diese Beschlüsse Verwahrung ein; weiter ging die Opposition nicht. Aber ein guter Nährboden der Unzufriedenheit war seitdem vorhanden, und die Volkspartei erstarkte immer mehr. Im März 1848 fand in Heidelberg die Versammlung der Einundfünfzig statt, welche das Frankfurter-Vorparlament anregten; viele angesehene Badenser waren dabei. Im Frankfurter-Vorparlament wollten die beiden badischen, utopistischen Republikaner, die Advokaten Hecker und Struve, im Verein mit andern Ultraradikalen, diese Versammlung in Permanenz erklärt wissen und traten alsbald auch mit ihren republikanischen Ideen hervor. Abgewiesen, verließen sie die Versammlung. „Hier in Frankfurt ist nichts zu machen; es gilt, in Baden loszuschlagen.“ Sie inszenierten im April von Konstanz aus, namentlich im badischen Seekreis, eine republikanische Erhebung, wurden in Rändern im Schwarzwald, Kreis Lörrach, besiegt (20. April). Hecker floh nach der Schweiz, ging dann nach Amerika. Struve wurde gefangen genommen, später wieder frei gegeben. Georg Herwegh, damals in Paris, „der politische Missionär ohne Beschäftigung“, hatte unter den Deutschen in Paris und Frankreich eine „Legion“ geworben, nur Hunderte, statt Tausende, die er angemeldet, und erschien mit diesen am Rhein. Beim ersten Zusammentreffen mit regulären Truppen stob die „deutsche Legion“ auseinander „wie eine von panischem Schrecken ergriffene Kuhherde“. Herwegh selber, der sich vom Kampfe zurückgehalten, floh, im Geleite seiner Frau, die überall dabei war, in die Schweiz. 1 Der ganze Mann entsprach wenig den „Gedichten eines Lebendigen“, die er 1841 in Zürich hatte erscheinen lassen, und die eine Weile lang die männliche Jugend elektrisiert hatten. Im September 1848, im Anschluß an einen Aufstand in Frankfurt am Main, dem wir in anderem Zusammenhang begegnen werden, wiederholte Struve 1 den Aufstandsversuch in Baden, der kaum Bedeutung gewann. Struve selbst wurde auf der Flucht abermals gefangen genommen. Der von Amerika her gerufene Hecker 1 kam zu spät. 1 Herwegh hatte Theologie studiert, sich dann der Journalistik zugewendet. Es wurde ihm seinerzeit vom preußischen Ministerium die Gründung einer Zeitschrift untersagt, woraufhin er an Friedrich Wilhelm IV. einen — 285 Ernsthafter wurde der dritte Aufstand, Mai/Juni 1849, nach der gescheiterten Kaiserwahl und dem Auseinander gehen des Frankfurterparlamentes. Die Bewegung war diesmal unter die Truppen getragen worden; die Garnison in Rastatt meuterte, die in Karlsruh zerstörte die Kaserne. Herzog Leopold mußte fliehen. Tags darauf zog ein gewisser Rechtsanwalt Brentano an der Spitze von Freischaren und auch regulärer Infanterie in Karlsruh ein und übernahm die Gewalt. Der Groß- herzog rief Preußens Hülfe an. Inzwischen wurde am 10. Juni mit großem Gepränge eine konstituierende Versammlung eröffnet, die indes eine klägliche Zusammensetzung aus fast lauter unfähigen Köpfen gewesen sein soll. Fünf Tage später, 15. Juni, erschienen die Preußen unter dem Prinzen Wilhelm. In mehreren, zum Teil harten Kämpfen wurden die Republikaner geworfen. Rastatt, förmlich belagert, kapitulierte am 23. Mai auf Gnade und Ungnade. Der Kommandant und vier andere wurden standrechtlich erschossen. Am 25. Juni zog Prinz Wilhelm in Karlsruh ein. Der Widerstand war wesentlich gebrochen. Aber erst am 8. August konnte der Großherzog zurückkehren. Brentano floh nach der Schweiz. — Die Versuche, die Bewegung auch nach Hessen, Würtemberg und Bayern zu tragen, mißlangen, nur die bayrische Pfalz war mitergriffen worden. Eine große Volksversammlung im Mai in Offenburg hatte Vereinigung von Pfalz und Baden beschlossen. — Noch hatten die Kriegsgerichte ihre traurige Pflicht zu tun. Relativ wenige büßten mit dem Leben. Der Dichter Gottfried Kinkel, Professor in Bonn, am Aufstand beteiligt, war bereits von Rastatt nach Spandau gebracht worden und wurde zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt. Brief voller Vorwürfe richtete und ihn zugleich veröffentlichte. Daraufhin ausgewiesen lebte er seither in Paris und in der Schweiz, wo er sich naturalisieren ließ, starb 1875 in Liestal. Die Liestaler haben ihm ein Denkmal errichtet. Interessant ist Gottfried Kellers Meinung über Herwegh bei Bächtold, und H. Laubes über Struve und Hecker. Struve, „ein nüchterner Schulmeister, der nur Gemüse aß, der Mönch deutscher Republik, einem der Bettelorden angehörig, welche den Luxus des Geistes verachten.“ Hecker, „ein vollsaftiger, gesunder Mensch, der Fleisch aß, .... poetisch im Angriff, gutmütig und sorglos, wie ein Student.“ — „Männer wie Robert Blum sahen in Heckers Unternehmen vom April 48 eine große Gefahr für die junge Freiheit und nannten es Verrat,“ sagt „Der Vorkampf“. Aber sein Name klang noch längere Zeit im Liede fort; unter seiner Republik träumte der gemeine Mann sich einen Zustand paradisischen Glückes, wo „Freiheit, Wohlstand und Bildung für alle“ eine Wirklichkeit sein würden. Dritter badischer Aufstand, Mai—Juni 49 . — 286 — 1850 von dem in die Schweiz geflohenen und von dort zurückgekehrten Karl Schurz aus der Festung Spandau befreit, ging er nach London, kam 1866 als Professor nach Zürich, starb daselbst 1882. Sein Retter aber begab sich nach Nordamerika, starb 1906 in New York. Flüchtlinge Die Schweiz hatte vom Sturm und Drang ihrer Nachbarn 48/49, ins- Schweiz besondere von den badischen Aufständen ein reichliches Schock von Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten. Sie war nicht nur das rettende Hinterland für die Aufständischen, sondern zumteil auch ihr Ausgangsland. Die zahlreichen frühem Flüchtlinge hatten ihren Haupsitz in Biel und trieben eine lebhafte Agitation für Unterstützung ihrer Gesinnungsgenossen und für Re- publikanisierung Süddeutschlands. Ein Oberst Buser in Liestal versprach den badischen Republikanern ein Bataillon Scharfschützen zuzuführen. Dazu kam es natürlich nicht; aber zahlreiche Schweizerfreischärler nahmen tatsächlich an den Kämpfen teil. — Während des dritten badischen Aufstandes mußte unsere Nordgrenze gegen Baden militärisch besetzt werden. Nachdem hessisches Militär bei Büsingen die Schaffhausergrenze verletzt hatte, wurden weitere 24,000 Mann auf geboten, die ganze Armee auf Piquet gestellt, Dufour wieder zum General ernannt. Es blieb jedoch bei diesen Vorsichtsmaßnahmen; die Schweiz erhielt von Baden volle Genugtuung. Ein Glück für uns, daß wir unterdessen aus den Miseren der Tagsatzung heraus waren und in dem neuen Bundesrat eine Zentralbehörde hatten, welche das Land nach außen einheitlich, energisch und mit Würde vertrat. Ungelegenheiten gab es immer noch genug. Vom dritten badischen Aufstand kamen bei 10,000 Insurgenten über die Grenze, die entwaffnet und interniert werden mußten. Außer den oben genannten kamen noch viele andere, weniger bekannte Führer, wie Soldau, Itzstein, Sigel und der Pole Mieroslawsky in die Schweiz. Nicht wenigen mußte das Asyl bald gekündet werden, da sie es zu Agitation und Konspiration mißbrauchten. Zu den Berühmtheiten unter den achtundvierziger Flüchtlingen gehörten vorab der Naturforscher Karl Vogt aus Gießen. Er war Mitglied der äußersten Linken im Frankfurter-Parlament, ging mit dem Rumpfe nach Stuttgart und war in dessen Regierungsausschuß. Darob verlor er seine Professur in Gießen, wurde dann Professor in Genf, später schweizerischer Nationalrat. Sein Vater war Professor der Medizin in Bern, seine Brüder (Hermann ?) in Bern und Gustav in Zürich. Nach Aarau kamen Holzlager, Bolley und der Jurist Keller-Franke. Der Literaturhistoriker Heinrich Kurz war schon seit 1839 in Aarau. Ebenso Professor Gladbach. Holzlager, Bolley, Kurz und Gladbach waren Professoren an der Kantonsschule, Kurz später Kantonsbibliothekar. 1 Ein besonders bemühendes Beispiel unter den Flüchtlingen von 48 war der Jurist Professor Temme in Zürich. Kein Revolutionär, an keinem Aufstand, keinem Putsch und dergleichen beteiligt, aber in der preußischen Nationalversammlung Mit- 1 Rochhalz kam schon 1833 als Ausgewiesener von München her in die Schweiz, zuerst zu Feilenberg nach Hofwyl, mit dem er bald einen Prozess hatte, dann nach Biel, 1836 an die Kantonsschule Aarau. — Fast jede Stadt, vorab der deutschen Schweiz, hatte ihre Flüchtlinge, deren Nachkommen nun längst gute Schweizer geworden. 287 — glied der Opposition, und er war auch mit dem Rumpfparlament nach Stuttgart gegangen. Infolge dieser Stellungnahme von dem weichherzigen, christlichen Friedrich Wilhelm IV. durch Deutschland herum gehetzt und unerbittlich um seine Existenz gebracht, bis er schließlich Ruhe und Frieden und ein bescheidenes Arbeitsfeld in Zürich fand. Unser Flüchtlingskapitel ist ohne Zweifel ganz unvollständig, aber Zeit und Raum gebieten, es zu schließen. 2. Der Aufstand in Ungarn 1848/49. Metternich sagte in seinem politischen Testament: „Ich gestehe mir zu, die Lage erkannt zu haben, aber auch die Unvermögenheit, in unserem Reiche und in Deutschland ein neues Gebäude aufzuführen, weshalb meine Sorge vor allem auf die Erhaltung des Bestehenden gerichtet war.“ Wenn ich nicht irre, ist es ein Wort Professor Oschwalds in Leipzig: „So viel einer Optimismus hat, so viel ist er wert“. Einen blinden Optimismus wird er nicht gemeint haben, und so können wir ihm wohl recht geben. In der Tat bedarf der Staatsmann, wie jeder Mensch, der etwas Bedeutendes leisten soll, des bergeversetzenden Glaubens. Metternich wäre also zu seinem Stillstandsprinzip gekommen aus Mangel an Optimismus, aus Kleinglauben. 1 Der Anstoß, der Österreich schließlich Tn neuzeitliche Bahnen zwang, kam denn auch nicht von dem ältesten Kulturelement in der Monarchie, nicht von den Deutschen, die ein halbes Jahrhundert lang systematisch in Unmündigkeit gehalten wurden und diese in der, von unreifen Studenten geleiteten, Wienerrevolution auch bewiesen, sondern von den Slawen und Magyaren. Schon 1830 sprach der hocharistokratische und hochpatriotische Graf Stephan Zzechenyi, damals der erste Mann Ungarns: „Viele glauben, Ungarn war; ich ziehe vor zu glauben, Ungarn wird sein“. Nicht als Revolutionär, gegen die Regierung, sondern mit ihr bemühte er sich unentwegt um die materielle Hebung Ungarns; ohne viel Erfolg. Die liberale Strömung ging bald über ihn hinweg. Sein und der Regierung gefährlichster Gegner wurde der 1832 im Reichstage auf tauchen de Advokat Kossuth, damals 30 Jahre alt, von brennendem Patriotismus und brennendem Ehrgeiz, politisch oft kurzsichtig, ein Demagog, der in Wort und Schrift die Menge mit sich riß, durch seine Zeitung, „Kossuth Hirlap“, Begründet der politischen Journalistik in Ungarn; der popu- Ludwig Kossuth. 1 Th. Flathe über Metternich'. „Nicht eine bleibende Schöpfung hat Metternichs Namen zu den folgenden Geschlechtern getragen; das Fazit seiner Amtsführung seit 1815 ist null.“ — 288 Sprachen- streit in Ungarn. Wirkung der Februarrevolution auf Ungarn. lärste Mann in Ungarn geworden, nachdem er für seine kecke Sprache vier Jahre Gefängnis abgesessen hatte. Kaum aus der Haft gekommen, trat Kossuth mit einer neuen Zeitung hervor und arbeitete unermüdlich an einer Erneuerung Ungarns und für seine Unabhängigkeit von Österreich. Er verfolgte schon in den Tagen des Kaisers Franz ein rücksichtslos radikales Programm. Szechenyi sagte von ihm: „Er sieht nur eine tabula rasa vor sich, auf welcher er wirtschaften zu können glaubt, wie auf einer Pußta.“ „Selbst die Liberalen duldeten sein Übergewicht nur widerwillig, und die Besonnenen hatten kein Vertrauen zu seiner Führung.“ Aber seine Macht über die Massen war schier unbegrenzt. Schon in den Dreißigerjahren gab es im ungarischen Reichstag Neuerungen von bedeutsamen Folgen: In der Ständetafel wurde damals zuerst die Erhebung des bisher von den Magnaten selber verachteten Magyarischen zur Amtssprache, anstatt des Lateins, gefordert; seit 1836 wurden die Gesetze magyarisch ab gefaßt; in wenigen Jahren war die ganze Verwaltung magyarisiert; 1844 wurde das Magyarische zur Gesetzes-, Regierungs-, Amts- und Unterrichtssprache bestimmt. Nun aber wurde die Sprachenfrage der „Erisapfel“, welcher die verschiednen Stämme des Rußten- und Karpathenlandes hinter einander brachte. Die Magyaren, rücksichtslose Vorkämpfer für ihre Nationalität, hielten keine andere Nationalität und Sprache in ihrem Reiche der Beachtung würdig. Wohl fügten sich widerwillig die Sachsen und Rumänen Siebenbürgens, nicht aber die Slowenen und Kroaten und andere Slawen im Banat. Die Magyaren aber verfügten, daß im Reichstag nur das Magyarische zulässig, daß in Kroatien das Magyarische in allen Schulen zu lehren und für jeden königlichen Beamten unumgänglich nötig sei. Hob von nun an ein kroatischer Deputierter im Reichstag in lateinischer Sprache an, so wurde er niedergeschrien. — Die Wiener Regierung betrachtete den Nationalitätenhader nicht ohne Schadenfreude ; sie genehmigte das Magyarische als Amtssprache, gab aber den Kroaten noch sechs Jahre Zeit, sich des Lateinischen zu bedienen. Solche Verhältnisse und Stimmungen fand die Revolution von 1848 in Ungarn vor. Nun beschloß die Ständetafel, die Magnatentafel beiseite schiebend, von Kossuth mitgerissen, sofort eigenmächtig: Allgemeine gleiche Steuerpflicht, Ab- — 289 lösung der Grundlasten ohne Entschädigung, Preßfreiheit etc. Eine Massenabordnung des Reichstages ging nach Wien und brachte das Zugeständnis eines eigenen, verantwortlichen Ministeriums heim. Graf Batthyanyi trat an die Spitze desselben, aber sein einflußreichstes Mitglied war Kossuth. Seines Einflusses bewußt, sagte er einst: „Ich bin ein einfacher Bürger, stark nur durch die Macht der Wahrheit, und doch haben es die Wege der Wahrheit so gefügt, daß ich mit der bloßen Bewegung meiner Hand entscheiden kann über Sein oder Nichtsein des Hauses Habsburg.“ — Am 14. April erschien Kaiser Ferdinand in Preßburg, um in Person den Reichstag zu schließen und die votierten Gesetze zu bestätigen. Das schloß in sich: Ausübung aller Majestätsrechte in Abwesenheit des Königs durch den Palatin; jährliche Einberufung des Reichstages in Pest, nicht in Preßburg; ein freisinniges Wahlgesetz; Aufhebung aller Grundlasten und Fronen und der grundherrlichen Gerichtsbarkeit; Reform der Comitats- kongregationen, wo bis anhin nur der Adel berechtigt gewesen ; Gleichberechtigung aller Religionen; Aufhebung aller Zensur; eigene Nationalfarben. Ungarn stand kaum noch in Personalunion zu der Gesamtmonarchie. Der gemeinsame Oberbefehl über die österreichische und die ungarische Armee, die Zivilliste für den König, Beteiligung Ungarns an der Staatsschuld waren vom Reichstag abgelehnt worden. Nach zweihundertjährigem Stillstand war es eine grundstürzende innere Umgestaltung sozusagen über Nacht, in der Tragweite ein Pendant zu der berühmten Nacht Sitzung der Assemblee nationale vom 4. zum 5. August 1789 in Paris. Und wie dort war auch hier die Zustimmung der Regierung nur ein Gebot der Not. Am 5. Juli 48 eröffnete der Kaiser den neuen Reichstag noch mit größtem Entgegenkommen und bezeichnete den Palatin als plenipotentiären Stellvertreter. Aber Kossuths Tun und Lassen atmete einen blinden Haß gegen die Dynastie. Er glaubte, Ungarn könne als Staat vollkommen sich selbst genügen und riß das Kabinett zu einer völlig antidynastischen Politik hin. Als Finanzminister lehnte er eine Anleihe für Ungarn ab und gab dafür ungarisches Papiergeld aus, verbot die Ausfuhr des Silbers aus Ungarn und die Annahme des österreichischen Papierguldens. Die Erhöhung des ungarischen Heeres bis auf 200000 Mann setzte er in der Weise durch, Flühniann > Vorträge. 19 — 290 daß neben je drei Bataillonen ein viertes auf ausschließlich nationalem Fuße errichtet wurde, die Honveds genannt. Als der Streit mit den Kroaten ausgebrochen war, verlangte das mit den Italienern sympathisierende Ministerium die Heimkehr der ungarischen Truppen aus Italien, zur Verwendung gegen die Rebellen im eigenen Lande, und die Ungarn sollten in Italien nur verwendet werden, nachdem die berechtigten Forderungen der Italiener erfüllt wären. Auf- Neben alle diesem her ging nun der Streit mit den 1 floatenKroaten, die, wie wir schon früher erfahren, ihre Loslösung- nähme " Verbindung. Nach dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867 amnestiert und wiederholt in den Reichstag gewählt, blieb er doch im Exil, weil er den Treueid nicht leisten wollte, starb 1894 in Turin. Als Toter kehrte er nun in die Heimat zurück und wurde mit fürstlichen Trauerfeierlichkeiten in Budapest beigesetzt. Er hat heute vielleicht so viel Denkmäler in Ungarn wie Bismarck in Deutschland. 1 1 Wir fügen einige Urteile über Kossuth bei aus der angeführten Studie W. Alters: Ein Zeitgenosse: „Kossuth war kein bedeutender Staatsmann und konnte es nicht sein: dazu fehlte ihm die notwendigste Eigenschaft, die leidenschaftlose Erwägung und vor allem die notwendige Ruhe". „Kossuth verband eine glänzende geistige Begabung mit einem gewinnenden, sympathischen Auftreten, das empfängliche Naturen für ihn einnahm. Er war kein Politiker, sondern ein erfolgreicher Agitator, ein Improvisator, der seinen Kurs sorgfältig nach der Resonanz des Publikums richtete ....“ I — 2y6 — XIV. I Frankreich seit der Februarrevolution: | Durch die zweite Republik ins zweite ^ Kaiserreich, 1848—56. Unter blutigen Kämpfen sank das Julikönigtum am 24. Februar 1848 in die Nacht, und als am 25. die göttliche „Eos mit Rosenfingern erwachte“, begrüßte sie in Frankreich eine neugebome Republik, die soeben in Paris hoffnungsvoll und geräuschvoll aus der Taufe gehoben wurde. Unter Tumulten sorische hatte die Kammer eine provisorische Regierung ernannt, auch Regierung. den populären Dichter Lamartine darunter. Aber die sozialistischen Republikaner, welche die Revolution begonnen und durchgekämpft, wollten sich den Preis nicht wieder entgehen lassen. Sie hatten bereits das Stadthaus besetzt, eine eigene provisorische Regierung gebildet und die Republik proklamiert. Die in der Kammer gewählten Minister konnten mit ^ Mühe in das Stadthaus gelangen und sich nur dadurch behaupten, daß sie die Mitglieder der sozialistischen Regierung als Staatssekretäre auf nahmen. Der bedeutendste derselben, der Sozialist Louis Blanc, setzte dann die Proklamation der Republik durch. Im Kompromiß einigte man sich auf den Prokia- Satz: „Die Regierung will die Republik, mit dem Vorbehalt m Repu'bi?k er d er Genehmigung durch die Nation, die sofort befragt werden soll.“ Indessen tobte in Paris der Sturm noch fort. Die Tuilerien wurden eingenommen, die Möbel verbrannt. 1 In großen Zügen stand auf der Fassade die Inschrift: „Grande boutique älouer pour cessation de commerce“. Auch Eisenbahnstationen wurden zerstört, Fabriken gestürmt und Maschinen zertrümmert. 200 Blousenmänner sollen sich inzwischen in den Tuile- 1 Der Thron wurde auf den Bastilleplatz verbracht und am Fuße der ^ Julisäule verbrannt. (Die Julisäule vom Julikönigtum zur Erinnerung an die Julirevolution errichtet). Eine weitere Ironie schloß sich später an: Der Unterbau der Julisäule enthielt in zwei kolossalen Sarkophagen die Gebeine der Juligefallenen von 1830. Nun brachte man die Februargefallenen von 1848 dazu, und so waren vereinigt die Toten, welche die Julimonarchie gestürzt mit denen, die sie errichtet hatten. 1 — 297 — rien niedergelassen und für jeden von ihnen 800 Fr. sicheres Jahreseinkommen verlangt haben. In der Folge wurde der > Palast, um ihn vor weiterer Verwüstung zu bewahren, zum Asyl für invalide Arbeiter bestimmt. Indessen taten sich 1 150,000 Proletarier zusammen, verlangten völlige Güter- 1 gemeinschaft, Verbannung aller Fabrikbesitzer, Kaufleute, & Banquiers. Sie glaubten die Tage der „roten“, der mit Gewalt und Blut zu errichtenden sozialen Republik gekommen. Auf Antrag von Louis Blanc anerkannte die provisorische Regierung das „Recht auf Arbeit“ und errichtete sogenannte Na- Artfett“ tionalwerkstätten, wo die Arbeitslosen, wenn nicht Arbeit, so NatlonS- doch Lohn finden sollten. Zuerst wurden zirka 50,000 täglich mit U/Z Fr., später 150,000 mit 2 Fr. bezahlt, und die Zahl wuchs fortwährend; aus ganz Frankreich strömten die Arbeitswilligen und -unwilligen in den Staatswerkstätten zusammen. Die Arbeitsgelegenheiten gingen bald aus; man ließ die Leute Erdhaufen von hier nach dort und wieder zurück schaffen, um sie zu beschäftigen. Gab es gar keine Beschäftigung, um so besser für die Arbeiter; wenn man nur den Lohn hatte. Auf dem Lande, in den Provinzstädten trat Arbeitermangel ein, weil die Nationalwerkstätten wie ein Magnet wirkten. Es $ war ein leichtes Rechenexempel, wie lange der Staat täglich Hunderttausende, einige Millionen die Woche, in die neue Nationalversorgung würde geben können. Am 27. April fanden dann die Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung statt. Wähler jeder über 21, wählbar jeder über 25 Jahre alte Franzose, ohne weitere Beschränkung. Am 4. Mai trat die Konstituante zusammen. Obschon mehr- Di t e u ^° t ” sti ' heitlich nicht republikanisch gesinnt, proklamierte auch sie, den Umständen entsprechend, bewußt unaufrichtig, die demokratische Republik, wollte aber Gesetze, Ordnung, Ehe, Familie und Eigentumsrecht als Grundlagen des Staates gewahrt wissen. Die Provisorische Regierung legte Rechenschaft ab und wurde durch einen Regierungsausschuß ersetzt, ohne Louis Blanc und ohne Arbeitermitglieder . 1 Ein seit der Revolution 6 bestehendes, nutzloses Arbeiterparlament wurde aufgelöst, ein von Louis Blanc gefordertes Arbeiterministerium einstimmig abgelehnt. Darüber gewaltige Entrüstung bei den Arbeiter- 1 Die provisorische Regierung hatte auch einen Arbeiter, namens Albert, zum Mitglied gehabt. — 298 Sturm vom 15. Mai. clubs. Sprengung der Versammlung samt Vollziehungsausschuß wurde beschlossen. Am 15 . Mai stürmte ein Arbeiterhaufe zum Stadthaus, ein anderer zum Palais Bourbon, wo die Konstituante tagte. Wie einst in den Tagen des Konvents, drang die Menge in den Saal und stellte ihre Forderungen: Krieg gegen Rußland zur Befreiung der Polen; 1000 Millionen als Steuer von den Reichen für die Armen; Entfernung aller Truppen aus Paris. Wer dagegen ist, sagte der sozialistische Redner, ist ein Vaterlandsverräter. Einige Stimmen forderten sogar den Krieg gegen Europa. Der Präsident wurde von seinem Stuhl heruntergerissen, eine rote Mütze auf der Tribüne aufgepflanzt, schließlich die Konstituante für aufgelöst erklärt und eine sozialistische Regierung auf gestellt. Vier Stunden lang hatte die Versammlung die Belagerung ausgehalten. Da erschien endlich die Nationalgarde und machte ein Ende. Eine Anzahl sozialistischer Führer wurden verhaftet. Als dann die Konstituante eine gerichtliche Untersuchung über den Ursprung des Aufruhrs beschloß, suchte Louis Blanc sein Heil in der Flucht . 1 Die gesetzliche Ordnung war für einmal wieder hergestellt. Aus den Papieren der Verhafteten konnte man nachträglich erfahren, daß das Land von den sozialistischen und kommunistischen „Propheten der Menschenliebe und Brüderlichkeit“ Plünderung der Besitzenden, Proskriptionen und Mord zu gewärtigen habe. 1 Louis Blanc, in dieser Zeit der bedeutendste Vertreter des Sozialismus, entwickelte seine Theorie in der von ihm gegründeten „Revue du progres“. Seine „Organisation du travail“ (1840) beseitigt alle freie Konkurrenz. Jeder liefert an den Gesamtertrag, soviel er kann, und erhält, soviel er braucht. „Soll der Zustand der Arbeiter besser werden, so müssen sie politischen Einfluß, das allgemeine Stimmrecht erlangen,“ sagt er. Das zündete in den Massen, und diese strebten nun umsomehr die Republik an, nicht als Zweck, sondern als Mittel, damit „das Volk, die nützlichen Arbeiter, die alles hervorbringen, auch ein ausschließliches Recht auf alles haben, und die Güter von den Besitzern, die nicht arbeiten, übergehen auf die Arbeiter, die nichts besitzen“. — Sein Bedeutendstes hat L. Blanc als Geschichtsschreiber geleistet. In seiner „Histoire de dix ans, 1830 — 40“, geht er mit dem Julikönigtum rücksichtslos ins Gericht. Seit Mai 48 flüchtig, vollendete er in England seine „Histoire de la Revolution frangaise“ und „Histoire de la Revolution de 1848“. 1870 nach Paris zurückgekehrt, kam er in die Nationalversammlung und dann in die Deputiertenkammer und schloß sich der radikalen Linken an. Er lehnte jetzt jeden gewaltsamen sozialistischen Umsturz ab. — 299 — Die Regierung suchte in der Folge die Last der Nationalwerkstätten wieder los zu werden. Die unverheirateten Arbeiter von 18—25 Jahren wurden in die Armee eingereiht, die Arbeitgeber ermächtigt, Leute ihres Faches bei den Werkstätten zu requirieren, der Taglohn durch Stücklohn ersetzt, ganze Arbeiterbrigaden zur Ausführung öffentlicher Arbeiten in die Provinzen geschickt. Aber immer waren noch über 100,000 Arbeiter zu Lasten des Staates, wovon nur 2000 wirklich arbeiteten. Mit der Zeit mußte die Republik darob finanziell zu Grunde gehen. — Da wurde Mitte Juni in der Versammlung der Antrag gestellt, die Nationalwerkstätten aufzuheben. Die Arbeitermassen gerieten darüber in ungeheure Aufregung. Entschlossen, diesmal die soziale, die „rote“ Republik durchzusetzen, faßten sie alle ihre Kräfte zusammen in einem gewaltigen, verzweifelten Aufstand. Die Nationalversammlung übertrug dem General Cavaignac diktatorische Gewalt , und in der dreitägigen „Junischlacht“, 24.—26. Juni 1848, wurde der Aufstand besiegt. Es war die erbittertste, blutigste Schlacht, welche das der blutigen Kämpfe schon so gewohnte Paris erlebte. Gegen 3000 Barrikaden mußten genommen werden; 5000 Menschen, nach mindester Zählung, waren gefallen, einige Generale, viele .Offiziere unter den Toten. Im einzelnen waren unmenschliche Mordgreuel vorgekommen. Auch der Erzbischof d’Affri von Paris, der hatte zur Versöhnung mahnen wollen, war erschossen worden. Arbeiterfrauen hatten sich direkt am Kampf beteiligt, heißes Wasser und Öl auf die Soldaten gegossen etc. Am 27. Juni legte General Cavaignac die Diktatur nieder, wurde aber unter dem Titel eines „ Conseilpräsidenten“ sofort wieder damit betraut und wählte sich ein Ministerium. Paris wurde bis auf weiteres mit dem Belagerungszustand belegt; Presse und Vereinsrecht wurden beschränkt, die Klubs verboten, etliche extreme Zeitungen unterdrückt, viele Gefangene deportiert, etliche tausend Arbeiter in Algier angesiedelt. Hierfür und zur Linderung wirklicher Not gab die Republik Millionen aus. Die Nationalwerkstätten waren während der Junischlacht endgültig aufgehoben worden. In diesem selben Monat Juni fanden 42 Ergänzungswahlen in die Konstituante statt. Man wird sich nicht wundern, wenn fast nur Männer der Ordnungspartei und Monarchisten gewählt wurden. Eine Überraschung war aber die Wahl Louis Die Junischlacht, 21—26 Juni 48. Cavaignac Diktator. Ergänzungswahlen in die Konstituante. — 3°o — Louis Napoleon Bonaparte Mitglied der Konstituante. Verfassung von 1848. Napoleon Bonapartes. Viermal, in Paris und in noch drei andern Departements, war er gewählt. — Gleich nach der Februarrevolution war er nach Frankreich gekommen und hatte der provisorischen Regierung seine Ankunft angezeigt, „ohne andern Ehrgeiz als den, dem Vaterlande zu dienen“. Auf das Ersuchen der Regierung hatte er aber das Land gleich wieder verlassen. Am 26. Mai war dann ein Verbannungsdekret gegen die Familie Orleans erlassen worden, veranlaßt durch den Prinzen Joinville, der für die Konstituante kandidierte. Gegen die Bonaparte hielt man ein ähnliches erneutes Vorgehen nicht für nötig. „Die Familie Bonaparte, rief ein Redner aus, hat heute nur noch historische Bedeutung; sie ist nur noch die Tradition einer glorreichen Epoche, die wir gewiß bewundern können, die aber niemand so toll sein wird, wieder beleben zu wollen.“ Nun zeigte der 4. Juni, daß man sich getäuscht hatte. — Die Wahl gab natürlich Anlaß zu einer Debatte in der Versammlung. Daraufhin verzichtete der Prinz in einem Schreiben vom 15. Juni, fügte aber hinzu: „Wenn das Volk mir Pflichten auferlegt, so werde ich sie zu erfüllen wissen.“ Im September gab es nochmals Nachwahlen, und nun wurde Louis Napoleon Bonaparte fünfmal gewählt. Jetzt schon konnte man gelegentlich und vereinzelt den Ruf hören: Vive l’empereur! Der Gewählte nahm darauf am 26. September mit einigen würdigen und unverfänglichen Worten seinen Sitz in der Versammlung ein; am 11. Oktober hob diese ohne Diskussion das frühere Verbannungsdekret gegen die Familie Bonaparte auf. Der Prinz hielt sich in der Versammlung völlig unauffällig, meist schweigend, so daß die Häupter der Politik ihn bereits für eine Null hielten. Seit dem 4. Mai war die Konstituante versammelt, und erst jetzt, gegen Ende September war sie endlich vollzählig und vollendete nun ihre Hauptaufgabe, die Verfassung. Es war die elfte seit 1791 ; im November wurde sie proklamiert. — Frankreich wurde eine unteilbare, demokratische Republik, auf unveräußerliche und unverjährbare Volkssouveränität gegründet. Die Exekutive übte ein auf 4 Jahre direkt von der Nation gewählter, verantwortlicher Präsident mit verantwortlichen Ministern; er war unmittelbar nach der ersten Amtsperiode nicht wieder wählbar. Die Wahl des Präsidenten direkt durch das Volk war von der äußersten Linken gefordert und von den Konservativen, d. h. Monarchisten unterstützt worden, die gerade auf diesem Wege die Republik bald wieder los zu werden hofften. Die Legislative stand einer permanenten Deputiertenkammer von 750 Mitgliedern je auf 3 Jahre zu, ebenfalls aus direkten Volkswahlen hervorgehend. Das Einkammersystem entsprach einer Forderung der Linken. Wahlberechtigt alle Franzosen von 21 Jahren an. — § 68 der Verfassung bezeich- nete jede Maßregel des Präsidenten, wodurch er die Versammlung auflöse, vertage oder in ihrer Wirksamkeit zu hindern suche, als Hochverrat und bestimmte, daß in solchem Fall die exekutive Gewalt an die Versammlung zurückgehe, resp. der Präsident eo ipso abgesetzt und jeder Bürger verpflichtet sei, ihm den Gehorsam zu verweigern. Selbstverständlich sollte die Verfassung die Steuern vermindern, Bildung und Wohlstand vermehren und Frankreich unter ihrem Schatten freier die Bahn des Fortschritts wandeln lassen etc. Am 10. Dezember fand dann die erste Präsidentenwahl Louis statt, und Prinz Louis Napoleon Bonaparte wurde mit rund Napoleon 51/2 von 71/2 Millionen Stimmen gewählt. Damals konnte man Präsident in Paris und in der Provinz schon häufig den Ruf hören: Vive der bHk, pu Napoleon! Vive l’empereur ! Der offizielle Kandidat, Cavaignac, 10Dez - 48 der Frankreich vor der „roten“ Republik gerettet, erhielt nur 11/2 Millionen Stimmen. Als echter Republikaner fügte er sich, lebte von da an völlig zurückgezogen. — Es war nun schon die zweite Überraschung, die der bonapartische Prinz den Politikern in Paris bereitete. Aber war die Wahl wirklich so ein Wunder ? Sie fand statt unter dem Eindruck der Zeitereignisse. Seit Februar hatte man die Republik, eine provisorische Regierung, dann eine Konstituante mit einem Vollziehungsausschuß, endlich die Diktatur. War es nicht alles zusammen ein permanenter, schwächlicher Kampf gegen Utopie und Anarchie P Die rote Republik schreckte die Bürger und Bauern Frankreichs. 1 Paris war in diesem Falle nicht Frankreich und Frankreich nicht Paris. Hatte die Republik nicht bereits einen Steuerzuschlag von 45 % beschließen müssen ? 1 Man konnte füglich sagen, daß es die Republikaner waren, welche die Republik unmöglich machten. Am zweiten Jahrestag der Republik, 24. Februar 1850, rief Thiers der Linken in der Nationalversammlung zu: „Wenn die Republik besteht, so deshalb, weil nichts von dem, was Ihr gewollt, sich erfüllt hat, und wenn sie dauert, werdet Ihr sie nicht beherrschen, und nur aus dem Grunde wird sie dauern können“. — 302 — Charles Louis Napoleon Bonaparte Wohin führte das ? Das Land schaute nach einer starken, rettenden Hand aus; es traute sie dem Prinzen zu, dem ein großer Name zur Seite stand und der Umstand, daß er ein neuer Mann, noch nicht abgebraucht, von dem noch niemand enttäuscht war, von dem jedermann etwas erwarten konnte, was Emile de Girardin in die Formel faßte: „Louis Napoleon ist die Zukunft; er vereinigt alles und schließt nichts aus“. Selbst die Arbeiter hatten ihm gestimmt, aus Haß gegen Cavaignac. Vielleicht den meisten Einfluß auf die Wahl hatte aber die katholische Geistlichkeit gehabt. Ihr hatte der Prinz zum voraus die Freiheit der Kirche und des Unterrichts zugesagt, während das bestehende Schulgesetz allen Unterricht unter die Aufsicht der Universität Paris stellte. Charles Louis Napoleon, geh. 1808 in Paris, dritter Sohn des Königs Louis von Holland, ein schwächliches Kind, konnte mit Mühe am Leben erhalten werden. Seit dem Sturze des großen Oheims aus Frankreich verwiesen, trennte sich die Familie. Die Königin Hortense lebte da und dort, längere Zeit in Konstanz, auch in Augsburg, wo der junge Louis das Gymnasium besuchte, kaufte 1824 das kleine Schloß Arenenberg bei Mannenbach am Bodensee. Der Prinz machte nach eigenem Wunsche die Militärschule in Thun unter Oberst Dufour durch, wußte sich ins Demokratische recht gut zu finden, was ihm von den Schweizerkameraden hoch an gerechnet wurde, schrieb 1836 ein „Manuel d’artillerie ä l’usage des officiers de la Republique helvötique“, welches damals als das beste seiner Art galt und noch lange gebraucht wurde. Als nach der Julirevolution 1830 die Tricolore wieder über Frankreich wehte, litt es den Prinzen nicht mehr lange in dem stillen Arenenberg. Zur Ablenkung reiste die Herzogin von Saint Leu, wie sich die Königin nunmehr nannte, mit ihm nach Italien. In Florenz lebte ihr Gemahl unter dem Namen eines Grafen von Saint Leu, mit ihm der ältere Sohn Napoleon Louis. Hortense ging mit beiden Söhnen nach Rom, wo Lätitia, die greise Stammmutter der Bonaparte, sich niedergelassen hatte, neben ihr auch Onkel Luden und andere Glieder des Hauses. Seit der Julirevolution lag auch über Italien Revolutionsstimmung. Die beiden Prinzen glühten von Unternehmungslust. Am 30. November 1830 starb Papst Pius VIII. In der päpstlichen Vakanz wurde nun eilig eine Revolution ersonnen, um die weltliche Herrschaft des Papstes — 3°3 — zu ersetzen, entweder mit einer Republik oder etwa mit einem bonapartistischen Fürstentum. Aber die Zahl der Teilnehmer und die Vorbereitungen waren in keinem Verhältnis zur Größe des Unternehmens. Die Sache verlief in nichts; die Prinzen wurden abgefaßt und über die Grenze des Kirchenstaates gebracht. Sie tauchten dann bei den Carbonari im aufständischen Ancona wieder auf. 1 Dort erkrankte der ältere Bruder an den Masern und starb 17. März 1831 in Forli. Die aus Rom herbeigeeilte Mutter hatte Mühe, mit dem jüngern Sohn den Händen der Österreicher zu entgehen, die in den aufständischen Kirchenstaat eingerückt waren (S. 231). Sie nahm ihren Weg nach Paris, obschon Louis Philippe im September 1830 das Verbannungsdekret gegen die Familie Bonaparte hatte erneuern lassen. Mutter und Sohn wandten sich sogar direkt an Louis Philipp; der Prinz wünschte nichts, als „Frankreich dienen zu können“. Der König kam freundlich entgegen, war es doch dieselbe Hortense, die einst, da sie beim großen Napoleon alles galt, bei ihm erwirkt hatte, daß Louis Philipps Mutter, die Herzogin von Orleans, 1815, während der Herrschaft der hundert Tage, unbehelligt in Paris bleiben konnte. Aber bald bemerkte man Anzeichen bonapartistischer Kundgebungen; 1 Th. Flathe: „.... die Napoleoniden, die sich in Italien nur die Vorstufen für den wieder aufzurichtenden französischen Kaiserthron zu bauen gedachten ..“. Auch für den großen Napoleon war der italienische Feldzug 1796/97 eine solche Vorstufe gewesen, aber eine Titanenstufe. Im Frühling 1832 erhielt der Prinz dann von der Gemeinde Salenstein, wozu Arenenberg gehörte, in Anerkennung der Verdienste, die sich die Herzogin von Saint Leu durch ihre Wohltätigkeit erworben, das Bürgerrecht geschenkt. Die kantonalen Behörden fügten bestätigend das Kantonsbürgerrecht hinzu. Die Thurgauer hatten eine große Freude an ihrem prinzlichen Mitbürger, wählten ihn 1835 auch in den Vorstand der neugegründeten kantonalen Schützengesellschaft, wofür die Herzogin dem Verein eine Fahne schenkte. Es heißt nun, auf Wunsch des Prinzen sei in der Kanzlei aus dem Bürger ein Ehrenbürger geworden. Das klang schöner und gewährte Rechte ohne Pflichten. Nun aber ist nachgewiesen, daß die thurgauische Verfassung ein Ehrenbürgerrecht gar nicht kannte und zudem das thurgauische Bürgerrecht als unvereinbar mit einem ausländischen Bürgerrecht bezeichnete. Dem Prinzen mochte der thurgauische Ehrenbürger ein hübsches Spielzeug sein, solange das Idyll auf Arenenberg dauern würde; das französische Bürgerrecht daran zu geben, erwog er sicherlich nie. Wir dürfen wohl sagen, daß es wenig angezeigt war, wegen dieses zweifelhaften Bürgerrechts die Schweiz der Gefahr eines Krieges mit Frankreich auszusetzen, wie es 1837 geschah. Vgl. Dr. Joh. Meyer: „Die frühem Besitzer von Arenenberg“. Bei Huber & Comp, in Frauenfeld, 1908. — 3 °4 — Mutter und Sohn wurden ersucht, nach England zu gehen, von wo sie später nach Arenenberg zurückkehrten. Bald darauf erschien, Herbst 1831, eine polnische Deputation, den Prinzen zu Hilfe zu bitten nach Polen. Umsonst mahnte die Mutter ab; das Abenteuer wäre stärker als sie gewesen; aber die Kunde von dem Falle Warschaus, 8. September 31, machte der Versuchung ein Ende. — (Die weitere Vorgeschichte des Prinzen im „Lebenstag“ Louis Philipps). . , Der Prinzpräsident der Republik trat sein Amt am 20. De- tritt des zember an und leistete den Eid auf die Verfassung mit samt ten,Dez .48 dem Paragraphen 68 . Er fügte dem Eide die Worte hinzu: „Meine Pflicht ist mir vorgeschrieben. Ich werde sie als Mann von Ehre erfüllen. Ich. werde einen Feind des Vaterlandes in jedem sehen, der, was Frankreich auf ge richtet hat, auf ungesetzlichem Wege zu ändern versuchen würde.... „Seien wir Männer des Landes und nicht die einer Partei. Mit Gottes Hülfe werden wir wenigstens Gutes schaffen, wenn wir nichts Großes schaffen können.“ — Da die Konservativen sich das Verdienst seiner Wahl zuschrieben, so nahm der Präsident sein erstes Ministerium aus ihrer Mitte. Bald gab es Spannung. Das Ministerium wollte den Präsidenten behandeln nach dem Satz: Le roi, resp. le president regne, mais il ne gouverne pas, was sich der Präsident nicht gefallen lassen wollte. Der Fehler lag in der Verfassung, welche sowohl den Präsidenten als die Minister verantwortlich erklärte. Trotz seines Eides auf die Verfassung richtete der Prinzpräsident ohne Zweifel gleich vom Tage seiner Wahl an seine Absicht auf die Errichtung des Kaiserreiches. Man hatte ja auch während der Präsidentenwahl in Paris und in den Provinzen oft genug den Ruf hören können: Vive N apoleon ! Vive l’empereur! Der Präsident zeigte übrigens eine achtungswürdige Energie. Ein sozialistischer Aufstand am 29. Januar in Paris wurde durch den Kommandanten der Nationalgarde und der ersten Militärdivision in Paris, General Changarnier, entschlossenermaßen unterdrückt. Das gewann dem Präsidenten die Freunde der Ordnung. Nichts hatte das Land und die Hauptstadt so sehr nötig wie eine feste, entschlossene Hand, welche Ordnung und Ruhe schuf und verbürgte. Das allgemeine Vertrauen fehlte; Handel und Gewerbe litten bedenklich. In Paris alleine sollen bei Beginn der Republik 50,000 Wohnungen leer gestanden haben. — 305 — Noch bedeutsamer wurde für den Präsidenten das Eingreifen in die Revolution in Rom, April 1849. Das Jahr 1848 war ein Revolutions- und Kriegsjahr par excellence auch in Italien. Und auch der Kirchenstaat blieb nicht verschont. Geleitet vom Fürsten von Canino, Luciano Bonaparte, 1 umstellten Volks- und Pöbelhaufen den Quirinal und zwangen Papst Pius IX., ein radikales Ministerium zu ernennen. Der Papst rief heimlich Frankreich und die katholischen Mächte zu Hülfe, floh inzwischen in der Kleidung eines Hausgeistlichen nach Gaeta und protestierte von da aus gegen die Vorgänge in Rom, Nov. 48. Das verschaffte der republikanischen Partei den Sieg in Rom. Eine konstituierende Versammlung trat unter dem Präsidium Caninos zusammen; sie sprach dem Papst die weltliche Macht ab und proklamierte feierlich vom Kapitol herab die demokratische Republik , 9. Februar 49. Ein Triumvirat trat als provisorische Regierung in Funktion. Die Versammlung legte in der Folge Hand an das Kirchen- vermögen und beschloß, aus den Gütern der „toten Hand“ kleine Pachtgüter für die Armen zu bilden, erklärte die Klostergelübde für unverbindlich etc. Der Bannstrahl des Papstes! wurde mit einem höhnenden Aufzug in Rom erwiedert. Garibaldi bildete ein begeistertes Volksheer; Mazzini, das Haupt „Jung Italiens“, war Triumvir, und während die Revolution im übrigen Italien unterlag, sollte die römische Republik um jeden Preis behauptet werden. Inzwischen war Österreich von Norditalien her im Vorrücken, hatte bereits in hartem Kampfe das aufständische Bologna und Ancona genommen; auch Spanier landeten in Terracina, und neapolitanische Truppen rückten von Süden heran, alle zur Rettung des Papstes. Da landete am 24. April 1849 ein französisches Heer unter General Oudinot in Civitavecchia, rückte nach Rom vor und umstellte die Stadt. Die Franzosen erklärten, sie kämen als Freunde, Ordnung und gesetzliche Freiheit herzustellen und die Besetzung des Kirchenstaates durch Österreich und N eapel zu verhindern. Aber die römischen Demokraten ließen sich von der Melodie nicht bezaubern, setzten vielmehr einen hartnäckigen Widerstand entgegen, woran der erste französische 1 Neffe des großen Napoleon. Sein Vater, Lucian Bonaparte, war 1814 von Pius VII. zum Fürsten von Canino ernannt worden. Der Sohn gefiel sich jetzt als demokratischer Republikaner. Flühmann, Vorträge.. 20 Die römische Expedition 1849 . Angriff scheiterte. Einen achttägigen Waffenstillstand benutzte Garibaldi, um die neapolitanischen Truppen über die Grenze zurückzuwerfen. Mit Unterhandlungen während des Waffenstillstandes kamen die Franzosen an kein Ziel; sie gingen darum von neuem mit Sturm vor, gelangten aber erst nach wochenlangen, blutigen Kämpfen in den Besitz der Stadt, 30. Juni 49. Am 3. Juli, nachdem Mazzini noch auf dem Kapitol die Verkündigung der neuen, republikanischen Verfassung in Szene gesetzt, hielt Oudinot seinen Einzug. Nun wurden die Barrikaden geräumt, das Triumvirat aufgelöst und eine vorläufige französische Militärherrschaft aufgerichtet. Mazzini floh, Garibaldi ging wieder nach Amerika, wo er vorher schon gewesen. Papst Pius grollte noch lange in Gaeta; erst im April 1850 kehrte er zurück. Eine französische Besatzung blieb zu seinem Schutze in Rom. Im Kirchenstaat aber begann neuerdings das Räuberwesen zu florieren, verstärkt durch viele Flüchtlinge und sonstige fragliche Elemente, ein lebendiges Zeugnis für die zerrütteten sozialen Verhältnisse und die Ohnmacht der Regierung. — Dem Prinzpräsidenten in Frankreich trug die römische Expedition die sichere Gefolgschaft des französischen Klerus und die Gunst der Curie ein. Aber in der Legislative wurde er angegriffen. Der „Berg“ stellte den Antrag, den Präsidenten und die Minister in Anklagezustand zu versetzen, drang aber damit nicht durch. Ihn November 48 hatte die Konstituante die Verfassung der Republik proklamiert; am 1 o. Dezember wurde der Präsident gewählt; am 20. trat er sein Amt an. Damit war die Aufgabe der Konstituante erfüllt; sie hätte sich auf lösen müssen. Aber aus Mißtrauen gegen den Präsidenten verlängerte sie künstlich ihre Existenz, um ihr Werk, die Verfassung, noch mit einigen Gesetzen sicher zu stellen. So kam es, daß der Beginn der römischen Expedition noch unter die Konstituante fiel. Der Präsident erklärte sie notwendig, um nicht Österreich allein in Italien dominieren zu lassen, womit die Mehrheit der Versammlung sich ohne weiteres einverstanden gab. War es doch die stylgerechte Fortsetzung der italienischen Politik Louis Philipps in den Dreißigerjahren, ein Ring mehr in einer durch Jahrhunderte gehenden Kette, im Kampf Frankreichs und Österreichs um den Vorrang in Italien, um die Hegemonie, die erste Violine im europäischen Staatenkonzert. Die Rollen in der Versammlung waren freilich — 307 — gewechselt, gegenüber den Dreißigerjahren. Damals hatte die „Bewegungspartei“ das Eingreifen gefordert; diesmal war es die Forderung der konservativen Mehrheit. Während des Verlaufes der Expedition ordnete die Konstituante endlich die verfassungsmäßigen Wahlen zur legislativen Versammlung an und ging dann auseinander, Mai 49. Es war gespottet worden, daß viele Mitglieder der Konstituante nicht gerne rechtzeitig heimgehen mochten, weil sie wußten, daß sie nie wiederkehren würden. In der Tat waren nicht viele Mitglieder der alten Versammlung in der neuen. Diese hatte, bezeichnend für die Stimmung des Landes, eine große Di f at 1 j'®J tis ' konservative, sogar monarchische Mehrheit, 450 Mann, darunter eine Anzahl Deputierte und Pairs aus Louis Philipps Zeit. Aber war die Versammlung mehrheitlich monarchisch, so doch nicht bonapartistisch; es schwächte vielmehr die Mehrheit, daß sie in Legitimisten, Organisten und Bonapartisten auseinanderfiel. Gemeinsam war ihnen der Konservatismus und die Abneigung gegen die Republik. Überraschend und auffällig war neben der konservativen Mehrheit eine relativ noch ansehnliche Minderheit von der äußersten, sozialistischen Linken, die sich bezeichnenderweise den „Berg“ nannte, wie einst in den Zeiten des Konvents 1793/95. Es waren 182 Mann neben den 450 der Mehrheit. Wie erklärte es sich ? Die Arbeiter hatten selbstverständlich „rot“ gewählt, aber fast durchwegs auch die Armee und manchenorts auch die Bauern, weil die Sozialisten den Soldaten die Wahl ihrer Unteroffiziere versprachen and den Bauern die Wiedererstattung der Emigrantenmilliarde. Der „Berg“ war es nun, welcher Präsidenten und Minister wegen der Expedition gegen die römische Republik in Anklage setzen wollte, und als er damit nicht durchdrang, plante er einen neuen 24. Februar, der Regierung und Versammlung sprengen sollte, da sie die Verfassung verletzt und gegen eine Republik Krieg führten. Aber die Regierung war auf der Hut. Am 13. Juni, als es losgehen sollte, schnitt General »^uni Changamier von einer Seitenstraße her den Zug des auf- 49 - gebotenen „Volkes“ unversehens mitten entzwei und trieb die Massen auseinander, sogar ohne einen Schuß. Ledru-Rollin, ein Haupt der Linken, mit 25 andern Deputierten hatte unterdessen im Konservatorium der Künste eben begonnen, „Konvent zu spielen“. Als die Schüsse der nahenden Truppen gehört wurden, sprangen die Herren in panischem Schrecken — Zo8 — aus den Fenstern. In dieser Heldenszene ging der „Berg“ unter. 30 Deputierte wurden in der Folge ihres Mandates verlustig erklärt, und die Wahlen ersetzten sie durch Konservative. Der Am 11. August ging die Legislative in ihre ersten Ferien, ^während* Während derselben entfaltete der Präsident eine lebhafte der Ferien Tätigkeit, hielt glänzende Revuen auf dem Marsfeld und ließ sich bereits den Ruf: Vive l’empereur I gefallen. Er zeichnete eine Eisenbahneröffnung durch seine Anwesenheit aus, reiste in die Provinzen, hielt überall Ansprachen und wurde überall beifällig aufgenommen. Als im Oktober die Versammlung wieder zusammen trat, umgab sich der Präsident mit einem entschieden bonapartistischen Ministerium. Verfassungsmäßig stand ihm die Ernennung der Offiziere, Präfekten und Beamten zu, und überall begünstigte er seine Anhänger, so daß bald der ganze Beamten- und Offiziersstand bonapartistisch war. — Von seinen Gegnern waren die Sozialisten die rührigsten. Sie gaben ihre Sache auch nach dem Junifiasko des „Berges“ nicht verloren. Im März 1850 waren in Paris einige Ersatzmänner für die ausgeschlossenen Mitglieder in die Versammlung zu wählen; mit auffallend großem Mehr siegten die Demokraten und Sozialisten; ebenso in einer Nachwahl im April, wo der sozialistische Romanschreiber Eugene Sue gewählt wurde. Neues Darüber erschrocken, suchte die Mehrheit der Legislativen richts- die sozialistischen Fluten auf dem Wege der Gesetzgebung gesetz. zur ü c k zu dämmen. I. Durch ein neues Unterrichtsgesetz unter dem ultramontanen Unterrichtsminister Falloux. Es gestattete freie Schulen, teilte die Aufsicht über das Unterrichtswesen zwischen Kirche und Staat, während sie, wie wir oben gehört, bisher ausschließlich der Pariseruniversität zugestanden hatte, und zwar seit dem Unterrichtsgesetz Martignac aus der Zeit Karls X. Die Bestimmung jenes Gesetzes, die allen Mitgliedern von in Frankreich verbotenen Orden untersagte, Unterricht zu erteilen, wurde mit großem Mehr aufgehoben. Der Präsident löste so sein Versprechen ein, das er vor seiner Wahl der französischen Geistlichkeit gegeben. Selbst Thiers sagte in der Versammlung, seinen veränderten Standpunkt verteidigend: „Sozialismus oder Katechismus, ein Mittleres gibt es nicht“. So wurde die Schule, die das Ministerium Martignac unter Karl X. dem Ultramontanismus entwunden hatte, diesem wieder ausgeliefert. So diente es dem Präsi- 309 — denten und auch der Legislativen, die vor dem Sozialismus zum Ultramontanismus flüchtete. Dieser entwickelte sofort eine lebhafte und erfolgreiche Tätigkeit. 2. Durch ein ver- Neues S chärftes Preßgesetz, das den Zeitungsstempel wieder ein- Pre f§fi setz führte, und die Stempelpflicht auch auf nicht periodisch erscheinende Schriften ausdehnte. Jeder Artikel politischen, religiösen, philosophischen, nationalökonomischen oder persönlichen Inhalts mußte vom Verfasser unterzeichnet sein. Damit war die schon so vielmal gerettete Preßfreiheit wieder einmal eingeschränkt. 3. Durch ein neues Wahlgesetz, vom 31. Mai 1850, wonach das Wahlrecht nur von denjenigen ausgeübt ^g^esetz^ werden durfte, die wenigstens drei Jahre am Wahlorte Wohnsitz hatten. Dadurch wurde die sogenannte flottante Bevölkerung vom Wahlrecht ausgeschlossen. Es traf durchschnittlich 29 0/0 der Wähler, in Paris sogar 64 °/o. Die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes war anfechtbar, da die Verfassung nur einen Wohnsitz von sechs Monaten forderte. Der Präsident gab nach einigem Sträuben auch diesem Gesetz seine Zustimmung. Mit Verwunderung sahen viele auf den Sohn des allgemeinen Wahlrechts, das er nun selber verstümmeln half. Aber einer Freundin, die ihm darüber Vorstellungen machte, antwortete er : „Das verstehen Sie nicht; ich verderbe damit die Versammlung“. „Aber Sie werden mit ihr zu Grunde gehen“, erwiderte sie, und er darauf: „Nicht im geringsten, wenn die Versammlung über den Abgrund geht, so schneide ich das Seil durch.“ Während die Versammlung sich durch solche Gesetze verhaßt machte, verstand es der Präsident ausgezeichnet, sich bei jeder Gelegenheit als Förderer der nationalen Wohlfahrt und der Volksrechte darzustellen und die Mängel der Regierung dem Widerstande der Versammlung zuzuschreiben. Eine bonapartistische Presse und Beamtenschaft unterstützten ihn lebhaft. Von Anfang an hatte der latente Krieg zwischen dem Palais Bourbon, Sitz der Versammlung, und dem Elysöe, Amtswohnung des Präsidenten, bestanden. Öftere Ministerwechsel zeugten in letzter Zeit von dem akuter gewordenen Zustand. Man war im Jahre 1851.. Über ein Jahr schon lief die Präsidentschaft Louis Napoleon Bonapartes ab, und verfassungsmäßig konnte er erst 1856 wieder kandidieren. Es war indessen offenes Geheimnis, daß der Präsident nicht abzutreten wünschte, und das Land wünschte es ebenso wenig. Es liefen — 3io — Petitionen an die Versammlung ein, die gerade bezüglich des Präsidenten eine Änderung der Verfassung verlangten. Die Versammlung konnte nicht umhin, die Frage zu behandeln. 446 gegen 278 Stimmen waren für die Änderung; damit war die Revision verworfen, denn die Verfassung selber verlangte für Verfassungsänderungen eine Dreiviertelsmehrheit. Durch eine knauserige Haltung gegen den Präsidenten brachte die Versammlung diesen im Sommer 1851 noch mehr gegen sich auf. Seine Zivilliste betrug nur 600,000 Fr., allerdings mit nochmals 600,000 Fr. für Repräsentationskosten. Aber es hieß, daß der Präsident damit nicht auskomme und „pumpen“ müßte, sogar bei seiner „Maitresse“. Mit Mühe aber war die Versammlung dahin zu bringen, die Zivilliste auf drei Millionen zu erhöhen. Man kann sich leicht vorstellen, daß bei allen Reibungen mit der Versammlung der Präsident sich empfand als den einzigen von der ganzen Nation, von Frankreich Gewählten und Betrauten, während die Deputierten jeder nur der Abgeordnete seines Wahlkreises war. Die Versammlung ging im August 1851 in ihre üblichen Sommerferien. Der Präsident blieb auch diesmal während derselben nicht müßig, und bis die Versammlung anfangs November wieder zusammentrat, waren seine Entschlüsse gefaßt, zumal er auch wußte, daß etliche Legitimisten unterdessen dem Grafen von Chambord in Wiesbaden ihre Aufwartung gemacht, die Orleanisten aber nach Brüssel zum Prinzen Joinville gewallfahrtet waren. — In seiner Eröffnungsbotschaft vom 4. November verlangte nun der Präsident mit einläßlicher Begründung die Zurücknahme des neuen Wahlgesetzes, d. h. die Wiederherstellung des allgemeinen Wahlrechts. Die Versammlung lehnte ab. Und nun war für den Präsidenten die Stunde gekommen, das Seil zu zerschneiden, das ihn mit der Versammlung verband. Es war alles vollkommen vorbereitet. Der neue Kriegsminister, St. Arnaud, und der Kommandant Magnan in Paris waren durch den Präsidenten an ihre Posten gekommen und ihm unbedingt zu Diensten. Sein geistreicher, hochbegabter, aber frivoler Halbbruder, Graf Momy, war Minister des Innern. Er hatte gelegentlich gesagt: „Je le ferai empereur malgrö lui“. Mit dem völlig vom Präsidenten abhängigen Beamten- und Offiziersstand konnte die Bewegung von einem zentralen Punkt aus wie durch einen elektrischen Drücker — ZII — geleitet werden. — Am 26. November fand die entscheidende geheime Sitzung statt. Sämtliche 21 Generäle der Pariser- gamison, alles Leute des Präsidenten, schworen in die Hand des Oberbefehlshabers Magnan „Treue und Ergebenheit dem Prinzen an dem Tage, da es ihm belieben würde, zu handeln“. Am 1. Dezember erschien noch ein Deputierter bei dem Präsidenten, um ihm im Namen einer Anzahl Deputierter den Vorschlag zu machen, der Präsident möge der Versammlung beantragen, die Revision der Verfassung mit einfachem Stimmenmehr zu beschließen; lehnte sie das ab, so möge er sie mit Gewalt auflösen. „Ich bin entzückt von Ihrem Vorschlag, sagte der Präsident; aber ich bin augenblicklich sehr beschäftigt; kommen Sie morgen um 10 Uhr wieder; da besprechen wir uns weiter.“ Am Abend desselben 1. Dezember war die übliche Reunion im Elysee. Das Oratorium „die Wüste“ wurde gegeben. Der Präsident bewegte sich unbefangen unter seinen Gästen. Gegen Mitternacht wurden sie auf’s freundlichste verabschiedet und mochten sich dann sorglos in Morpheus Arme legen. Im Elysee wachte man. Während der Nacht wurden die nötigen Aktenstücke unter strengster militärischer Bewachung gedruckt; 3 Uhr früh ließ der Polizeipräfekt Magnan 60, nach andern Angaben 78 Verhaftungen vornehmen; keine einzige mißlang. Die irgendwie gefährlich scheinenden Herren wurden meist aus ihrem besten Schlaf geholt, darunter die Generäle Cavaignac, Changarnier, La- morieiere, ferner Thiers und der Dichter Victor Hugo. (Dieser hat das Erlebnis beschrieben unter dem Titel: L’histoire d’un crime). Am 2. Dezember 6 Uhr morgens konnten die Frühaufsteher in Paris an den Mauern Verfügungen des Präsidenten lesen: Daß die legislative Versammlung aufgelöst, das allgemeine Wahlrecht wieder hergestellt, Paris unter dem Belagerungsrecht sei. Das Volk, der „einzige Souverän“ des Präsidenten, werde bald berufen sein, in Urversammlungen zwischen ihm und der Nationalversammlung zu wählen. Als die Legislative zu ihrer Stunde dennoch zusammen treten, wollte, fand sie den Sitzungssaal militärisch besetzt; der Versuch, anderswo zu tagen, wurde ebenfalls durch Militär vereitelt. Es war eine bedeutende Militärmacht in der Stadt. Als der Präsident sich öffentlich zeigte, wurde er von den Soldaten mit Beifallsrufen begrüßt. Während einiger Tage versuchten republikanische Gruppen da und dort Barrikaden aufzuwerfen. Staatsstreich, 2. Dez 51. — ZI2 — Plebiszit über die Verfassung. Die neue Verfassung. Die Truppen wurden überall leicht Meister. Das „Volk“ zeigte keine Lust „für den 31. Mai“, will heißen für die Versammlung zu kämpfen, welche das allgemeine Wahlrecht beseitigt hatte. Ausschreitungen, die geschahen, waren interessanterweise nicht politischer Art, sondern gegen das Eigentum gerichtet. Einige Salven, die am 4. Dezember auf dem Boulevard Poissonniöre abgegeben wurden, um Schrecken einzujagen, und die eine Anzahl friedlicher Personen töteten, wären kaum nötig gewesen. Am 5. Dezember war alles wieder ruhig, der Staatsstreich vollkommen gelungen. In einer Proklamation vom '8. Dezember konnte der Präsident sagen: „Die Ünruhen sind gestillt: wie auch die Entscheidung des Volkes fallen mag, die Gesellschaft ist gerettet“. Am 21. Dezember fand die in der Zwischenzeit vorbereitete Abstimmung statt. Mit rund 7,500,000 Stimmen gegen 650,000 wurde dem Präsidenten die Vollmacht zur Erstellung der vorgeschlagenen Verfassung erteilt, sein Präsidium auf 10 Jahre bestätigt. Am 31. Dezember brachte das diplomatische Corps dem „Retter der Gesellschaft“ die Glückwünsche der Souveräne Europas dar. Am 1. Januar 1852 zog der Präsident aus dem Elysee in die Tuilerien, wo nun Glückwünschende und Gunstsuchende ihn umdrängten. Am 10. Januar 1852 wurden eine Reihe von Männern, von denen Gefahr hätte befürchtet werden können, wie Thiers, Changarnier, Lamoriciere, des Landes verwiesen, viele Republikaner nach Cayenne deportiert, die Güter der Familie Orleans konfisziert, weil der Präsident glaubte, daß die Orleans bis in seine nächste Umgebung Bestechung übten. Am 14. Januar wurde die durch das Plebiszit zum voraus sanktionierte Verfassung öffentlich verkündet. Es war wesentlich die auferstandene Konsulatsverfassung des ersten Napoleon von 1799. Der Präsident hatte eine außerordentliche Machtfülle, selbst über diejenige konstitutioneller Herrscher hinaus, indem ihm allein das Recht zukam, neue Gesetze vorzuschlagen. Ein Staatsrat arbeitete auf Vorschlag des Präsidenten die Gesetze aus; ein auf 6 Jahre aus allgemeiner Volkswahl hervor gegangener Gesetzgebungsrat von 261 Mitgliedern hatte, die vom Staatsrat vorgelegten Gesetze ohne Debatte anzunehmen oder zu verwerfen. (Die dem Präsidenten genehmen Kandidaten für den Rat wurden den Wahlbezirken vor der Wahl bezeichnet). Endlich hatte ein vom Präsidenten ernannter, unabsetzbarer Senat von 150 Mit- — 313 — gliedern die Verfassungsmäßigkeit der Gesetze zu prüfen und überhaupt über die Verfassung zu wachen. Die Mitglieder des Gesetzgebungsrates wurden mit 15,000 Fr. besoldet, die offenbar dem Herzen des Präsidenten näherstehenden Senatoren mit 30,000. Wie einst in den Tagen des Imperators Augustus in Rom und 1799 unter dem französischen Konsulat, war es die Monarchie unter republikanischem Titel. So wie die Dinge standen, durfte der Präsident es füglich wagen, bald auch mit diesem Schein noch aufzuräumen. Es empfahl sich sogar, das Eisen zu schmieden, so lang es noch schön heiß war. Wer wußte, ob nicht die Gewöhnung an das nun Erreichte bald abkühlend wirken konnte ? Vorbereitet wurde der letzte Schritt durch Reisen des Präsidenten im Sommer 1852. Da war es schon üblich, ihn als „empereur“ zu begrüßen, und in einer Rede in Bordeaux tat der gefeierte „Retter der Gesellschaft“ den berühmt gewordenen Ausspruch: „L’empire, c’est la paix“. Das war dem Großteil des französischen Volkes ohne Zweifel aus der Seele gesprochen. Es dachte dabei wohl vorab an den innern Frieden. Ruhe und Friede auf die Dauer war, was man ersehnte. So liefen nun wieder Petitionen ein, welche die Konsolidierung der starken Regierungshand, d. h. die Erhebung des Präsidenten zum erblichen Kaiser verlangten. Der Senat überzeugte sich leicht von dem allgemeinen Willen und Bedürfnis. Der Präsident ließ sich zögernd, doch gerne erbitten. Ein von ihm selber angeregtes Senatskonsult vom 7. November 1852 schlug die Aufrichtung des Kaisertums vor; ein Plebiszit vom 21./22. November ergab 7,800,000 Ja gegen 250,000 Nein. Am 2. Dezember 1852, dem Jahrestag der Kaiserkrönung des ersten Napoleon 1804, zugleich auch der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz von 1805, fand die Proklamation statt: Napoleon III., durch die Gnade Gottes und den Willen des französischen Volkes erblicher Kaiser der Franzosen. Baroche, Präsident einer seit dem Staatsstreich bestehenden beratenden Kommission begrüßte den Kaiser am 31. Dezember mit den Worten: „Das Land hat Vertrauen zu Ihrem Mute, Ihren hohen Einsichten und Ihrer Vaterlandsliebe. Noch niemals hatte eine Regierung einen legitimem Ursprung als die Ihrige. Übernehmen Sie nun die Gewalt, retten Sie Frankreich und bewahren Sie Europa vor Gefahren.“ So hatte nun Frankreich wieder einen Cäsar, wie es ihn Napoleon Kaiser der Franzosen, 2. Dez. 52. — 314 — Des Kaisers Brautwerbung Die kaiserliche Braut. brauchte. Echte Republikaner hatten es kommen gesehen und hatten geraume Zeit voraus gewarnt vor einem neuen Despotismus ohne Ruhm und Größe, einem Cäsar ohne Genius. Ans Ziel gekommen war er rascher und leichter als sein nächstes Vorbild, der große Oheim. Dieser hatte vom General durch das Konsulat zum Imperium doch gegen zehn Jahre gebraucht, und sein Weg war durch Kriegsruhm und unleugbare geniale Überlegenheit bezeichnet. Der glückliche Neffe war ohne Kriegsruhm und ohne glänzende Verdienste schon nach knapp vier Jahren in den Tuilerien. Gemeinsam war dem römischen Vorbild und den Nachbildern der demokratische Anfang. Der römische Cäsar war als Demokratenführer zum erblichen Imperator aufgestiegen; der große Napoleon hatte als „Sohn der Revolution“ begonnen; der Neffe machte seinen ersten Versuch in Italien als Carbonaro. Eine der bedeutendsten Angelegenheiten des 44 Jahre alten, erblichen Kaisers und Junggesellen war nun eine standesgemäße Heirat. Eine Verbindung mit einer angesehenen alten Dynastie mußte als sehr wünschbar erscheinen; aber der Kaiser scheute sich vor demütigenden Abweisungen. Immerhin versuchte er es bei einer mit dem badischen Hof verwandten Familie Wasa; die Prinzessin war schon verlobt. Eine Prinzessin Hohenzollem und eine Hohenlohe lehnten ab. Bei dem hohen französischen Adel mochte der Kaiser es schon lieber gar nicht mehr versuchen, und eines Tages erklärte er, daß er die spanische Gräfin Eugenie von Montijo heiraten werde. 1826 geboren (also damals 27 Jahre alt), war sie mit 12 Jahren zu ihrer Erziehung in das Kloster „du sacre coeur“ in Paris gekommen. 1 — Ein deutscher Graf Türkheim schilderte die kaiserliche Braut folgendermaßen: Nie sah man eine 1 Was man alles Übles von ihrer Mutter in Umlauf gesetzt, hat sich, wenigstens zum Teil, als Klatsch erwiesen. Sie war die Tochter eines einstigen englischen Konsuls in Malaga und entstammte einer schottischen, einst mit den Stuarts ins Exil gegangenen Familie. (Daher die „Goldhaare“ und der blendende Teint der jungen Gräfin). Im Anschluß an das Gerede von der Gräfin Mutter Montijo sei hier nebenbei bemerkt, daß ja Louis Napoleon selber, dem allerdings die leiblichen und geistigen Züge der Bonaparte fehlten, bei vielen als kein Bonaparte galt. Louis Philipp hatte ihn für einen Sohn des Grafen von Flahaut gehalten, also für den richtigen Bruder seines Halbbruders, des Grafen von Morny, der offenkundig ein Sohn des Grafen Flahaut war, des einstigen, auch ziemlich offenkundigen Geliebten der Königin Hortense. — 3*5 — geschmeidige re und harmonischer gebaute Gestalt, nie einen anmutigeren, mit Goldhaaren geschmückten Kopf. Ein blendender Teint, schöne, von feinen Wimpern verschleierte Augen, ein herrlicher. Wuchs und einnehmende, graziöse Manieren verliehen der kaiserlichen Braut einen Glorienschein weiblicher Anmut, — ein Bild, das kein Murillo, kein Velasquez, sondern nur ein Tizian in seinem feinen Schmelz und seiner ganzen Zartheit hätte darstellen können." Am 22. Januar 53 begründete der kaiserliche Bräutigam seine Brautwahl persönlich vor dem Senat: „Wenn man angesichts des alten Europa durch die Kraft eines neuen Staatsgedankens auf die Höhe der alten Herrschergeschlechter gehoben worden ist, so verschafft man sich nicht dadurch Aufnahme, daß man sein Wappen älter macht und um jeden Preis in die Familie der Könige einzudringen sucht. Besser gelingt das, wenn man seines Ursprungs stets eingedenk bleibt, sein eigentümliches Gepräge nicht verleugnet und vor Europa sich offenherzig zur Rolle eines Emporkömmlings bekennt, ein Ruhmesanspruch, wenn man emporkommt durch die freie Abstimmung des Volkes.“ Die Souveräne Europas machten nicht viel Umstände, das neue Kaisertum anzuerkennen, froh, wenn nur Ruhe war in Frankreich. Der englische Auslandminister Palmerston sprach zuerst die Anerkennung aus, auf eigene Faust, ohne Kabinett und Krone zu konsultieren, wofür er freilich verdientermaßen abberufen wurde. Zar Nikolaus aber konnte nicht umhin, den Plebiszit-Kaiser einwenig geringschätzig zu behandeln und ihm, wie einst Louis Philipp, den „cousin“ und „hon fröre“ in der Anrede zu versagen. Zum ersten bedeutsamen Hervortreten in der äußern Politik bot eine neue Phase der orientalischen Frage Anlaß, der Krimkrieg, Krimkrieg. Zar Nikolaus I. nahm seit Mitte des Jahrhunderts 1853-5e - aus Gründen, die wir z. T. schon kennen, eine außerordentliche Stellung ein. Der „Retter Österreichs“ erschien als der Hort der hochkonservativen Fürstenhöfe der deutschen Klein- und Mittelstaaten, ebenso wie der preußischen Reaktionäre, und genoß bei ihnen eine fast göttliche Verehrung. Man konnte von einer russischen Vorherrschaft in Mitteleuropa sprechen. Das hob das Selbstbewußtsein des Zaren, und es dünkte ihn die Zeit gekommen zur Verwirklichung des russischen Lieblings- gedankens, zur Liquidation des türkischen Erbes. Er zählte — Zi6 dabei auf Österreichs Dankbarkeit und Preußens Ergebenheit. Das Frankreich Napoleons III. fürchtete er nicht. Mit England suchte er kühn eine direkte Verständigung. Er sprach mit dem englischen Gesandten von dem „kranken Mann am Bosporus“ und stellte England Ägypten und Kreta in Aussicht. Aber England ließ sich nicht ködern. Rußland im Besitze Konstantinopels und des Balkans hätte auch den ganzen levan- tischen Handel besessen und erschien als ein für England und für den ganzen Kontinent gefährliches Übergewicht. Da beschloß Nikolaus auf anderem Wege vorzugehen. — Die Türkei hatte im Friedensvertrag mit Katharina II. 1774 Rußland ein kirchliches Schutzrecht in den Donaufürstentümern, Moldau und Walachei, ferner für die russischen Untertanen in der ganzen Türkei freie Religionsübung und freien Zutritt zu den heiligen Stätten eingeräumt. Seitdem betrachtete sich Rußland als den Beschützer der griechischen Christen im ganzen Orient, und das hatte zur Folge, daß die griechischen Mönche an den heiligen Stätten sich gerne als alleinberechtigt geberdeten. In der Grabeskirche, in der Ölbergkapelle zu Jerusalem und in der Geburtskapelle zu Bethlehem 1 gab es nicht selten Konflikte zwischen den griechischen und den lateinischen Mönchen, die bis zu Prügeleien mit Besenstielen und ähnlichem führten. 2 Nun besaß seit 1740 Frankreich ein Schutzrecht über die lateinischen Christen im Orient, machte es aber wenig geltend, was die Griechischen in ihren Ansprüchen bestärkte. Napoleon III., der keine Gelegenheit versäumen durfte, sich die römische Kirche zu verpflichten, sah sich nun veranlaßt, seine Protektionsaufgabe beim Sultan in Erinnerung zu bringen, und dieser gab 1852 ausdrücklich den lateinischen Christen dieselben Rechte auf die heiligen Stätten wie den griechischen. Nun verlangte Zar Nikolaus vom Sultan Rücknahme dieses Firmans und eine vertragsmäßige Anerkennung der Privilegien, welche die griechischen Christen und Mönche beanspruchten, wie auch seines Protektionsrechtes über alle griechischen 1 Wo der silberne Stern der Weisen eine besondere Rolle spielte, der nach vollbrachter Wegweisung auf die Geburtsstätte des heiligen Kindes niedergefallen war. 2 Es ist bekanntlich heute noch nicht viel anders. Die Grabeskirche in Jerusalem ist nach dem Centimeter unter die Konfessionen geteilt, und türkische Soldaten halten jeweilen an den hohen christlichen Festen Wache, daß die Gläubigen der Religion der Liebe nicht tätlich aneinander geraten. 317 — Christen in der Türkei. Das würde ihm beständig Gelegenheit zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei gegeben haben, zumal bei der engen Verknüpfung des Religiösen mit dem Weltlichen, welche die osmanische Welt charakterisiert. Der Zar wäre der eigentliche Herrscher der zehn Millionen Christen in der Türkei geworden. Zum unannehmbaren Inhalt kam noch die unannehmbare Form. Am 28. Februar 1853 erschien der russische Fürst Menschikow als Gesandter in Konstantinopel, wandte sich, statt an das Groß- wesirat, direkt an den Sultan und trat im Reisekleid und mit staubigen Stiefeln in den prächtigen Diwan. Da der Sultan die russische Forderung ablehnte, stellte er ihm ein Ultimatum, dann ein Ultimatissimum. Der Sultan blieb bei der Gleichberechtigung der lateinischen Christen. Da verließ der Gesandte am 21. Juni 53 die Stadt mitsamt dem ganzen Botschaftspersonal. — Es war nun gerade 400 Jahre her, seit Konstantinopel türkisch geworden (1453), und eine alte, viel geglaubte Prophezeiung sagte, daß nach 400 Jahren der Halbmond auf der Hagia Sofia wieder dem Kreuz weichen würde. Auch diesen Glauben zog Nikolaus in seine Rechnung und arbeitete auf einen „heiligen Krieg" hin, zu dem alle griechisch Gläubigen sich erheben würden. Der Sultan hatte sich inzwischen an Frankreich und England gewandt, deren Flotten Mitte Juni zur Beobachtung im Bosporus erschienen. Nun erließ der Zar am 26. Juni ein Manifest, in welchem er es als Rußlands Beruf bezeichnete, den orthodoxen (griechischen) Glauben zu verteidigen. Eine Woche später ließ er die Donaufürstentümer als „materielles Pfand“ für seine Forderungen besetzen. Von diesen gab er in den weitem Verhandlungen nichts auf. Der Sultan forderte Räumung der Donaufürstentümer innert bestimmter Frist. Als sie nicht erfolgte, erklärte er am 4. Oktober 5 3 den Krieg. Ehe nun das russische Heer in Aktion trat, veranstaltete der Zar in Petersburg eine großartige Militärparade und einen feierlichen Gottesdienst in der Isaakskirche, wobei er selber als russischer Patriarch, das griechische Kreuz in der Hand, erschien und den Beistand des Himmels für den „heiligen Krieg“ erflehte. Aber die Enttäuschungen ließen in der Folge nicht auf sich warten. Die Ra) ah Völker in der Türkei schlossen sich nicht an. Die Griechen, die Lust dazu gehabt hätten, wurden eingeschüchtert durch französische und englische Kriegsschiffe, Türkische Kriegserklärung, Okt. 53. - 318 - Kriegserklärung der Westmächte, Frühling 54. »Die vier Punkte.“ die den Hafen Piräus besetzten. Und die Großmächte außer Rußland erklärten am 5. Dezember auf einer Konferenz in Wien, daß der Besitzstand der Türkei erhalten werden müsse. Als der Zar sich weigerte, diese Unverletzlichkeit anzuerkennen und die Donaufürstentümer zu räumen, schlossen England und Frankreich im Frühjahr 1854 mit der Türkei und unter sich eine Allianz und griffen in den Krieg ein. Entscheidend für Englands Vorgehen war die Vernichtung eines Teils der türkischen Flotte im Hafen von Sinope durch ein russisches Geschwader, und daß Rußland auch mit Persien und Afghanistan angeknüpft hatte und einen Zug nach Indien vorbereitete. Der zögernde, friedliche Lord Aberdeen wurde aus dem Ministerium entfernt ; Palmerston trat wieder in Tätigkeit. Österreich und Preußen ihrerseits verlangten ebenfalls die Räumung der Donaufürstentümer. Der Zar räumte sie im Juli 54 „aus strategischen Gründen“. Im August 54 rückten, auf Grund eines österreichisch - türkischen Vertrages, die Österreicher in die Donaufürstentümer ein. An eine solche Möglichkeit hatte Zar Nikolaus nicht gedacht, er, der 1849 dem Hause Österreich das rebellische Ungarn wieder zu Füßen gelegt hatte. Es war indessen für politisch Denkende verständlich, daß Österreich nicht ruhig Zusehen mochte, wenn Rußland sich an seiner Ostgrenze ausdehnte. Später erschien eine englisch-französische Flotte im Schwarzen Meer und beschoß die Handelsstadt Odessa. Dann segelte sie nach der Krim. Es galt dem befestigten Kriegshafen Sebastapol. Hafen und Festung wurde seit dem französisch-englischen Sieg an der Alma, September 1854, belagert. Ob schon die englisch-französische Flotte unterdessen in der Ostsee nicht viel ausrichtete, hatten doch die Dinge bis dahin einen für Rußland ungünstigen Verlauf genommen. Der Zar wäre jetzt bereit gewesen, die Bedingungen der Mächte anzunehmen. Auf einer Konferenz in Wien hatten diese im August, ohne Preußen, die neuen Friedensbedingungen vereinbart: Europäische (statt russische) Aufsicht über die Donaufürstentümer, freie Donauschiffahrt bis zum Meer, Revision des Meerengevertrages von 1841 (S. 240), Aufhebung des russischen Protektorates über die Christen in der Türkei. Preußen, obschon ärgerlich über die Verschärfungen, befürwortete „die vier Punkte“ in Petersburg. Nikolaus anerkannte sie als „geeignete Grundlage zu Unterhandlungen“. Aber Österreich und die Westmächte, die Verwerfung bei Rußland — 319 — voraussetzend, hatten inzwischen bereits einen neuen Entwurf unter sich fertig, und fünf Tage nach Rußlands Annahme de? „vier Punkte“, „wahrten sich die drei Mächte das Recht, noch andere Forderungen, darüber hinaus, zu erheben“. Auch diese Abmachung hatte Österreich hinter Preußens Rücken getroffen, was Wort- und Vertragbruch Preußen gegenüber in sich schloß. Dieses wandte sich jetzt entrüstet ab, und samt den deutschen Mittelstaaten hielt es sich an frühere Zusagen nicht mehr gebunden. „Nach diesem frechen Hintergehen durch Österreich unterhandle ich mit der Macht nicht mehr; die Lehre ist zu stark“, sagte Friedrich Wilhelm IV. Nach Ablehnung der neuen Bedingungen durch Rußland wäre nun Österreich verpflichtet gewesen, den Westmächten völlig beizutreten, was es, ohne Preußen und den deutschen Bund im Schlepptau, nicht wagte. So waren die Westmächte enttäuscht. Um so williger nahmen sie im Januar 55, nicht zu Österreichs Freude, den Beitritt Sardiniens an, das zu diesem Schritte seine besondem Gründe hatte. Von beiden Seiten wurde jetzt der Krieg mit äußerster Energie weiter geführt. Da starb mitten daraus heraus im März 55 Zar Nikolaus an einer „heftigen Lungenaffektion“, erst 57 Jahre alt. Von seinem Sohn und Nachfolger, Alexander II., wußte man zu sagen, daß er friedlich gesinnt und mehr zu innem Reformen als zu äußerer Politik geneigt sei. Er führte indessen den Kampf weiter. Am 8. September 55 gelang es den Franzosen, die stärkste Bastion im Festungsgürtel, den berühmten Malakow, zu erstürmen. Der nachmalige Marschall Mac Mahon habe die Festung zuerst erstiegen und gerufen: „J’y suis, j’y reste“. Die Russen bemächtigten sich dagegen der armenischen Festung Kars. Damit hatte auch Rußlands Waffenehre eine Genugtuung erlangt. Napoleon benutzte den Moment, um Friedensverhandlungen anzubahnen. Seit er sah, daß von gewissen großen Plänen, mit denen er sich trug, sich nichts verwirklichen würde, 1 trachtete er darnach, den bösen, 1 Ebenso kompliziert und interressant wie der Krieg war die vor- und nebenhergehende, auch nach dem Friedensschluß noch fortplänkelnde Diplomatie. Unmöglich für uns, ihr des nähern zu folgen. Nur noch dieses: Napoleon III. (es diente der neuen Dynastie, den verstorbenen Herzog von Reichstadt als Napoleon II. zu zählen) gab sich vor dem Kriege viel Mühe für eine friedliche Beilegung der Differenzen mit Rußland und schrieb auch eigenhändig an den Zaren in diesem Sinn. Der stolze Nikolaus erinnerte ablehnend an 1812. Nun entwarf der Kaiser, in seiner Neigung zu politischer Tod des Zaren Nikolaus, März 55. Erstürmung des Malakow, Sept. 55. 320 — verlustreichen Krieg zu beenden. Zum vollen Beitritt hatte er Österreich nicht bringen können; jetzt verwendete er es, um Unterhandlungen anzubahnen. Der Außenminister Graf Buol ließ am 28. Dezember 55 in Petersburg einen Vorschlag überreichen, wesentlich auf Grund der einstigen „vier Punkte“, und mit der Bedeutung eines österreichischen Ultimatums. Zar Alexander nahm am 16. Januar an und schlug für die Unterhandlungen Paris vor, wo der Kongreß im Februar 56 zusammen trat. Am schwierigsten war England für den Frieden zu gewinnen, das kaufmännisch, innerlich mit Österreich überein, die Situation zu bestmöglicher Demütigung und Schwächung Rußlands auszunützen wünschte. Der Krimkrieg war eine große, europäische Angelegenheit, und große Dinge standen zur Entscheidung. Alle Beteiligten hatten enorme Verluste, namentlich auch an hohem Truppenführern. Die Westmächte waren für Nachschub, Munition etc. auf die See verwiesen. Das Verpflegungswesen entsprach, gerade auch bei den Engländern, nicht den elementarsten Anforderungen. Cholera, Typhus, Skorbut grassierten. Das ungewohnte Klima vermehrte die Gefahren. Schon im September 54 erlag Marschall St. Amaud der Cholera. Als die Zustände, unter denen das Heer litt, in Europa bekannt wurden, ging ein Schrei durch die Länder, namentlich auch durch England. Da war es eine Engländerin aus vornehmem Hause, Florence Nightingale, welche in Kaiserswert am Rhein die Krankenpflege gelernt hatte, die sich nach Skutari (Chal- kedon), Konstantinopel gegenüber begab und dort durch fast übermenschliche Anstrengungen Lazarette einrichtete und Zustände erzwang, die doch wenigstens das Menschenmögliche bedeuteten. Sie begab sich dann auch direkt auf den Kriegs- Kartographie, den Plan zu einer Umzeichnung der Karte Europas. Rußlands Aspirationen sollten auf Asien verwiesen, Finnland an Schweden, Polen an einen deutschen Fürsten (etwa zu Sachsen, mit dem es früher schon verbunden gewesen?), die Donaufürstentümer, Bessarabien, Cherson und selbst die Krim an Österreich kommen. Dafür sollte die Donaumonarchie die Lombardei an Sardinien geben. Preußen wünschte der Kaiser „wohl arrondiert, geographisch und militärisch richtig begrenzt“ zu sehen. (Vorderhand unausgesprochen blieb der Übergang Nizzas, Savoyens und des westlichen Rheinufers als Kartographenlohn an Napoleon). Die Minister verhinderten die Veröffentlichung der „Revision de la carte de l’Europe“. Palmerston, der davon wußte, scheint nicht verworfen zu haben. Der Prinzgemahl Albert nannte es „hirnverbrannte Albernheiten“. — 321 Schauplatz. Die Retterin von Tausenden, der „Engel der Lazarette“, opferte die eigene Gesundheit, die sie nie wieder erlangte. 1 Vom 26. Februar bis 30. März 1856 tagte dann der Friedenskongreß der beteiligten Mächte in Paris, und es wurden wesentlich die Bestimmungen angenommen, welche die Mächte, außer Rußland, in Wien aufgestellt hatten. Die Hauptpunkte waren: 1. Freie Donauschiffahrt unter Kontrolle einer europäischen Kommission, und zur Sicherung dieser freien, Schiffahrt die Abtretung des an die Donaumündung grenzenden, südlichen Teiles von Bessarabien, 2 das Alexander I. 1812 von der Türkei gewonnen hatte, an die Moldau. 2. Im übrigen wurde der frühere Besitzstand Rußlands und der Türkei wieder hergestellt. 3. Das Schwarze Meer wurde neutralisiert, den Handelsschiffen aller Nationen geöffnet, ihrer Kriegsflagge untersagt. Rußland und die Türkei durften je 10 kleine Kriegsschiffe für den Küstendienst, aber weder Kriegshäfen noch Seezeughäuser dort halten. Die Donaufürstentümer erhielten ihre Autonomie und genossen neben der „Suzeränitäü der Türkei noch den Schutz der Vertragsmächte. 5. Die Türkei sagte die Gleichberechtigung der Christen mit den Mohammedanern zu, worüber alle Mächte zu wachen hatten; jedes besondere Schutzrecht fiel dahin. 6. Der Sultan wurde, zu mehrerer Harmonie, in das Konzert der Mächte aufgenommen. Von den übrigen Gedanken, die Napoleon für den Kongreß auf dem Herzen hatte, konnte er nur noch, mit Mühe, die Pariser-Seerechtsdeklaration zur Annahme bringen, die uns heute besonders interessieren kann. Vier Grundsätze, über die Frankreich und England zu Beginn des Krieges und für dessen Dauer sich geeignet hatten: Die Kaperei wurde abgeschafft; feindliche Ware unter neutraler Flagge, neutrale Ware unter feindlicher Flagge, Kriegskonterbande ausgenommen, für gedeckt, eine Blockade für ungültig erklärt, wenn sie nicht wirksam sei. Die übrigen Seemächte traten 1 Bei einem den heimgekehrten Offizieren von Heer und Marine gegebenen Feste tauchte der Vorschlag auf, jeder solle den Namen auf einen Zettel schreiben, „dem er den dauernsten Lorbeer aus dem beendigten Feldzug prophezeie“. Das geschah, und sämtliche Zettel, ohne Ausnahme, trugen den Namen „Florence Nightingale“. J. Fritz: „Eine Heldin unter Helden“. 2 Etwa 20oQMeilen mit einigen wichtigen Festungen und 200,000 Einwohnern. Der Pariserkongreß und der Pariserfriede, März 56. Die Pariser- Seerechts- dekla- ration. Flühmann, Vorträge. 21 — 322 — dem bei, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, die nur beitreten wollten, wenn das Privateigentum auf See unbedingt als unverletzlich erklärt wekde. Die meisten Staaten wären auch dieser Bestimmung geneigt gewesen, die an Englands Widerstand scheiterte. Folgen des Über die Werke der Diplomatie hinaus hinterließ der krieges. Krimkrieg ansehnliche und dauernde Folgen : Hochgesteigerten Haß Rußlands gegen Österreich, das durch sein Verhalten im Krieg diesen Haß erwarb ohne die Freundschaft der Westmächte als Entgelt einzutauschen; „eine Kluft“ zwischen Österreich und Preußen; zeitweise Isolierung Preußens, das wegen seiner Zurückhaltung vom Kriege nicht zum Kongreß geladen und mit Not nachträglich, auf Verwendung Napoleons, der besonders England opponierte, noch zugelassen wurde, um seine Unterschriften zu geben; im weitern dann neuerliche Befreundung Preußens mit Rußland. Das Zarenreich verlor seine Vormachtstellung an Frankreich. Sardinien gewann, was es gewünscht, die Freundschaft der Westmächte. Für Napoleon war der Krimkrieg so viel wie eine Eroberung wert. Seine Armee war weitaus die größte gewesen und kehrte ruhmreich heim. Französische Namen waren mit den entscheidendsten Daten des Krieges verknüpft. Es gab von nun an in Paris neben einem Pont d’Jena auch einen Pont de l’Alma, eine Place und eine Avenue de l’Alma, ein Die erste Boulevard Sebastapol. Das französische Volk, das den Ruhm Weitaus; so sehr liebt, hatte wieder etwas zum lieben. Noch während Stellung in ? Paris, f 855 . des Krieges hatte 1855 die erste allgemeine Welt-Industrie- und Kunstausstellung in Paris stattgefunden. Sie hatte viele, auch vornehme und hohe Gäste gebracht und der Stadt an Leib und Seele wohlgetan. Dann kam auch der Friedenskongreß. Paris war stolz darauf und überglücklich, wieder als „Eckstein der europäischen Politik“ zu gelten. In schönem Sinne war es jetzt das Zifferblatt, wonach Europa blickte. Der Kaiser stand auf ruhmverklärter Höhe. Es war eine schöne Zeit für ihn. Noch während des Kongresses wurde ihm auch der Thronerbe geboren, „l’enfant de France“. Er fühlte sein Glück und baute Paläste. Der Augenblick war zum Verweilen schön. Er ist es auch zum Abschied nehmen. Wir verlassen den Kaiser auf seiner Höhe; wir werden ihm wieder begegnen. ~ 323 — XV. Italien von 1830—49': Evviva Pio nono! L’Italia farä da se. Im Hochland fiel der erste Schuß, Im Hochland wider die Pfaffen! So beginnt ein Lied Ferdinand Freiligraths, gedichtet 25. Februar 1848 in London. Das Hochland ist die Schweiz, und gemeint ist der Sonderbundskrieg. In der Tat hat die Revolution von 1848, die, weit mehr als die von 1830, von allgemeiner europäischer Bedeutung wurde, ihren Anfang nicht in der Februarrevolution in Paris gehabt. Die Priorität kam diesmal der kleinen Republik im Herzen Europas zu. Dem exilierten Freiheitsdichter in London erschien unser Bürgerkrieg als ein Kampf „wider die Pfaffen“, weil die aargauische Klosterfrage und die Jesuitenfrage so viel Lärm machten. Doch waren sie nur Anlaß und Teilfragen. Größeres wurde Nov. 1847 in Gislikon, Meyerskappel und am Roterberge entschieden. Ein stärkeres, geachteteres und freieres Vaterland ging als Sieger aus dem leidigen Streit hervor. Der festen geschlossene Bundesstaat ersetzte den ohnmächtigen, über^ lebten Staatenbund. Etwas geringschätzig setzt Oskar Jäger den „Sonderbunds- Eurokrieg“ und die „Schlacht bei Gislikon“ in Anführungszeichen. Bedeutung Es zweifelte doch niemand daran, daß dem schweizerischen de bunds- er Bürgerkrieg symptomatische, allgemeine Bedeutung zukam. Krieges. Europa zerfällt in einige zwanzig große, mittlere und kleine Staaten; aber es gibt doch eine allgemeine europäische Kultur, und starke geistige Strömungen lassen sich durch die Staatengrenzen nicht aufhalten. Flathe nennt den Sonderbundskrieg ein „Vorpostengefecht“ und sagt: „Was hier in der Schweiz geschah, war nicht bloß ein häuslicher Zwist; es war eine europäische Angelegenheit, ein Stück aus dem großen, durch die ganze Welt gehenden Prinzipienkampfe und darum für die 1 Th. Flathe; Const. Bulle u. a. — 324 — Die Schweiz und die Mächte nach dem Krieg. Kabinette ein Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit“. Der Sonderbund stand bekanntlich auch mit den fremden Nachbarmächten, namentlich mit Österreich und Frankreich in Beziehung und wurde von denselben moralisch, diplomatisch und mit Waffensendungen unterstützt. Wenn es zu keinem direkten Eingreifen kam, so lag das Verdienst bei dem englischen Außenminister Palmerston, welcher absichtlich die zwischen den Kabinetten schwebenden Verhandlungen verschleppte, so daß die Tagsatzung handeln, den Entscheid herbeiführen und ungehindert den Sonderbund auf lösen konnte. Palmerston soll sogar General Dufour einen Wink gegeben haben, sich zu beeilen. Die Berichte des Generals lehnten das durchaus ab. Es ist auch nicht daran zu denken, daß Palmerston um unserer „schönen Augen willen“ so gehandelt hätte. Er trieb englische Politik, und „sah in der Gegenüberstellung zu den absolutistischen Regierungen den Hebel und Stützpunkt der Macht Englands in Europa“, wollte überdies, seit den spanischen Heiraten, „nie mehr etwas mit Guizot zu tun haben“, sondern sich, wo immer möglich, an ihm rächen. In seine Absichten paßte auch eine selbständige Schweiz, überhaupt eine Begünstigung der kleinen Staaten gegenüber den kontinentalen Großmächten. Wir werden demselben Spiel in Italien wieder begegnen. Ein angesehener französischer Journalist, vor einigen Jahren von einer Reise nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, rühmte von ihnen: „Leur poli- tique est souverainement et magnifiquement egoiste“. England hat wohl nie den Anspruch gemacht, gegenüber der jungen Republik jenseits des Ozeans rückständig zu sein, auch in diesem Punkte nicht. Überall herrscht der sacro egoismo, mit dem Italien im Frühling 1915 dem Krieg beitrat. Das wechselt Erscheinung, Form, Gestalt, Verhüllung; im Wesen bleibt es sich immer gleich. Unsere Nachbarmächte gaben sich übrigens mit dem gefallenen Entscheid nicht zufrieden, wie wir sehen werden, aus eben so egoistischen Gründen. Sie traten nochmals auf den Plan und bestürmten die Tagsatzung mit Noten: Daß den sieben Kantonen ihr Recht werden müsse. Sie stellten sich auf den Standpunkt, daß der unter den Auspizien des Wienerkongresses zustande gekommene Bundesvertrag von 1815 auch nur mit Zustimmung der Mächte und aller Orte und Halborte der Eidgenossenschaft verändert werden dürfe und nahmen 325 ~ lebhaft die Souveränität der Orte in ihren Schutz. Friedrich Wilhelm IV. stellte mit Freuden sein Neuenburg für eine Konferenz der drei Mächte zur Verfügung, wo — ohne England — über das Vorgehen gegen die Tagsatzung beraten und beschlossen werden sollte. Er sprach von dem „hundswütigen Siegestaumel“ der Radikalen in der Schweiz und schrieb am 4. Dezember 1847 an Lunsen, den damaligen Gesandten in London, der 1839— 4 1 Gesandter in Bern gewesen: „In der Schweiz handelt sich's für uns, die Großmächte, ganz und gar nicht um Recht oder Unrecht in der Eidgenossenschaft, gar nicht um Jesuiten und Protestanten, gar nicht um die Frage, ob die Verfassung von 15 von Diesem oder Jenem gefährdet oder falsch interpretiert wird, gar nicht um Verhütung des Bürgerkrieges an sich, sondern allein darum: ob die Sache des Radikalismus, d. h. einer Sekte, welche wissentlich vom Christentum, von Gott, von jedem Rechte, das besteht, von göttlichen und menschlichen Gesetzen abgefallen, los und ledig ist, ob diese Sekte die Herrschaft in der Schweiz durch Mord, Blut und Tränen erringen und so ganz Europa gefährden soll oder nicht.“ 1 Der französische Premier Guizot, im Kampfe gegen den Liberalismus und Radikalismus bereits ein Herz und eine Seele mit Metternich, hätte doch gewünscht, im Namen Frankreichs nach außen noch die Fiktion eines „Schirmherrn des Liberalismus“ aufrecht zu erhalten. Von Palmerston zu Metternich geflüchtet, war er mit diesem schon im März 47 tief geheim übereingekommen, wenn Metternich in den spanischen Heiratsgeschichten neutral bleibe, ihn dann in der Schweiz und in Italien unterstützen zu wollen. Nun suchte er doch ein bewaffnetes Einschreiten so lange als möglich zu vermeiden, wegen der Ungelegenheiten, die es in der Deputiertenkammer 1 L. Ranke, „Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. an Bunsen“. Der König pflegte betonte Stellen zwei- und mehrfach zu unterstreichen, Frage- und Ausrufzeichen zu häufen, so in einem Briefe vom 23. Nov. 47 bezüglich Neuenbürgs: „Das Blut des Bürgerkrieges ist geflossen und man will in London??????! Konferenzen“. — Er hatte die Fähigkeit verloren, aus einem gewissen circulus seines Denkens herauszukommen. In einem Briefe nennt er den Liberalismus eine Krankheit wie die „Rückenmarksdürre' 1 , woraufhin Bunsen die vormärzliche österreichische Politik einem „Starrkrampf“ vergleicht und weiter sagt, „wie leicht man die Zeit regieren kann, wenn man die Sprache der Gegenwart spricht, wie sie aus der Anerkennung Gottgegebener Wirklichkeit hervorgeht“. — Z2Ö — Die Politik der Mächte. absetzen würde, und Louis Philipp, gleichen Sinnes, wollte auch lieber „die Schweizer sich untereinander aufzehren lassen“. Metternich, die Schweiz als „Asyl der Revolutionäre“ hassend, hatte mit Truppenansammlungen an der Vorarlber- gischen Grenze demonstriert. Aber das unmöglich Scheinende geschah: Die 14 Schweizerkantone zeigten den Mut, sich über Ratschläge und Drohungen des großen Nachbarn hinweg zu setzen und selber Ordnung im Schweizerhause zu schaffen. Nach Ausgang des Krieges sagte Metternich: „Dieser Schaden ist tätlich; wir halten Stand, so lange wir können; aber ich verzweifle an dem Ausgang“. — Er hatte recht, und die Dinge schritten schneller, als er denken mochte. Auf die Nachricht von der Februarrevolution in Paris stob zunächst die Konferenz in Neuenburg auseinander. Bald gab es keinen König Louis Philipp, keinen Minister Guizot, bald auch keinen Kanzler Metternich — und dann auch kein preußisches Neuenburg mehr. Die Schweiz bekam Ruhe und Muße, ihr Haus selbst in neuen, zeitgemäßen Stand zu setzen. Seit Ende 1847 ging nun von unserem Hochlande ein belebender Firnewind rings in die Länder. Namentlich die leicht erregbaren Söhne Italiens erfüllten sich mit einem Übermaß von Selbstvertrauen. So schnell und leicht wie es in der Schweiz gegangen, würde nun auch bei ihnen alles Wünschbare erreichbar sein. Bevor wir den Ereignissen in Italien zu folgen beginnen, suchen wir noch etwas eingehender als oben in der Politik der Großmächte, insbesondere Österreichs, nach dem Schlüssel zu diesem und den folgenden Kapiteln. Wie der große Napoleon hatte Metternich sein politisches System. Einmal Femhaltung, Unterdrückung aller Revolution, des Liberalismus und des Neuen. Österreich wurde der Musterstaat eines Konservatismus ä outrance, des prinzipiellen Stillstandes. Dieser Gedanke stand im Dienste des andern, hohem, des leitenden Hauptgedankens : Österreichs unbedingte Vorherrschaft in Mitteleuropa und hiedurch seine europäische Hegemonie. Diesem einen Zwecke mußte alles dienen. Darum lag die Souveränität der deutschen Bundesfürsten und der schweizerischen Kantone Österreich so sehr am Herzen; darum wollte es in Italien weder eine Zollunion noch einen Fürsten- oder Staatenbund in irgend einer Form gestatten. Deutschland, die Schweiz, Italien sollten schwach, Österreich alleine stark sein. In Franz Josefs — 327 Verfassung vom März 1849 wurde Österreich mit seinem ganzen bunten Länderkomplex als eine „einzige, unteilbare, unauflösliche Monarchie“ bezeichnet. Einheit macht stark, darum für Österreich die Einheit, für die anderen die Vielheit. Divide et impera! So wirkte das führende Österreich überall hindernd, negativ, warf sich gegen das Jahrhundert, gegen seine neuen Bedürfnisse und Gedanken in die Schranken. Es mußte früher oder später daran scheitern, und wenn es unbelehrbar blieb, daran zu Grunde gehen. — Frankreich und England , von Rußland nicht zu sprechen, dachten und handelten ihren teils dem Wesen nach nicht weniger egoistisch. Erscheinungsform und Mittel konnten wohl verschieden, ja entgegengesetzt sein oder scheinen. England sah und stützte überall gerne kleine Staaten; am liebsten hätte es wohl überhaupt nur kleine Staaten um sich haben mögen, natürlich ohne selber klein zu sein. Frankreich aber rief unfehlbar nach Revanche und Kompensationen, wenn jemand außer ihm selbst etwas hinzu bekam. Schwächung der andern, um die eigene Überlegenheit zu sichern, war und ist immer die offene oder geheime Maxime der großen Staaten. ’ Das viel angerufene europäische Gleichgewicht ist stets ein sehr unsicheres, schwankendes Ding gewesen, und jeder Staat denkt es sich heimlich gerne mit möglichst viel eigenem Übergewicht. 1 Aber was wollen wir sagen ? Sind nicht unsere unschuldigen Unterhaltungsspiele jenem politischen Spiele ähnlich ? Vom vornehmen Schach und Damenbrett bis zum Nünistein „frißt“ stets der Sieger sich am Schwächern stark. Da ist alles „souverainement et magnifiquement egolste“, und wer spielen wollte, etwa nach dem Grundsatz, „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, würde der nicht als schlechter und langweiliger Spieler abgelehnt ? Was kritisieren wir also den Balken im Auge der Politik, und beachten nicht den Splitter von gleichem Holze im eigenen, privaten Auge! 1 Die Diplomatie definierte ein französischer Schriftsteller als die Kunst, den Nachbarstaat auszunutzen bis an die Grenze, wo es in den Nachteil des eigenen Staates Umschlägen würde. Talleyrand sagte, die Sprache sei den Menschen (Diplomaten) gegeben, um die Gedanken zu verbergen, ln der Diplomatie heißt es: „Seid klug wie die Schlangen“, aber nicht „ohne Falsch wie die Tauben“. Es kann uneigennützige Staatsmänner geben, häufig sind sie auch nicht, die sich im Dienste ihres Staates aufopfern; uneigennützige Staaten gibt es nicht und kann es nicht geben. Ist die kluge, schlaue, listige, oft doppelzüngige, fast immer unaufrichtige Diplomatie ein notwendiges Übel, das wir erst in einer bessern Welt los sein werden? Italien seit 1830. Vincenzo Gioberti und seine Schriften. — 328 — Seit der Revolution von 1820 und 1830/31 war Italien nur äußerlich ruhig. Den innem Zustand konnte man wohl als latente Krisis bezeichnen. Explosionen mußten kommen, wenn keine Lösung gefunden wurde. Nun trat 1843 der Prophet eines „Neuguelfentums“ auf, der patriotische Priester und Philosoph Vincenzo Gioberti. Er hatte Theologie studiert und wurde Hofkaplan Karl Alberts in Turin. Seine Verbindungen mit der politischen Reformpartei machten ihn dem Hof verdächtig; er wurde verhaftet und-dann verbannt, lebte 1833 bis 1847 in Paris und Brüssel als philosophischer Schriftsteller. In Italien populär und berühmt wurde er mit einem Schlag 1843 mit seiner in Paris erschienenen Schrift: „Del primato morale e civile degli Italiani“. („Von der moralischen und bürgerlichen Überlegenheit der Italiener“). Er tat darin dar, daß Italien durch seine Überlieferung, durch die Eigenschaften seines Volkes, zur Vormachtstellung in Europa berufen sei, und entwickelte ein schwärmerisches Programm von der Wiedergeburt Italiens unter Führung eines erneuten und verjüngten Papsttums. Die Schrift wirkte begreiflicherweise zündend; sie gab dem Einigungsbedürfnis der Nation einen begeisterten und auch schmeichelhaften Ausdruck. Enttäuschungen konnten natürlich nachmals nicht ausbleiben, da es weder einen Papst noch ein italienisches Volk gab, wie Gioberti sie in seinem Ideale schaute. Bald darauf erschien Graf Cesare Balbos Schrift: „Speranze d’Italia“ (Hoffnungen Italiens), welche als Vorbedingung zur nationalen Wiedergeburt die Beseitigung der Fremdherrschaft verlangte. Die Jesuiten, die in dem schnell berühmt gewordenen Gioberti einen gefährlichen Gegner witterten, griffen ihn mit allen ihnen zu Gebote stehenden Waffen an, worauf er mit einer weitern Schrift antwortete : „Gesuita modemo“. Er gab darin den Jesuiten Schuld an der sittlichen Verkümmerung des italienischen Volkes. Gioberti kehrte 1847 mit Erlaubnis der sardinischen Regierung nach Turin zurück, vom Volke mit Jubel begrüßt. In die Kammer gewählt, wurde er sofort Führer der demokratischen Opposition und dann Ministerpräsident; konnte sich als solcher nur wenige Wochen halten. Der König betraute ihn dann mit einer Mission in Paris. Dort blieb er bis zu seinem Tode, 1852. In Paris schrieb er noch ein zweibändiges Werk: „Del rinnova- mento civile d’Italia“ (Von der bürgerlichen Wiedergeburt Italiens). Diese Schriften, namentlich die zuerst genannten, — 329 — hatten eine ungeheure Wirkung in Italien. Lange nicht alle Hoffnungen konnten in Erfüllung gehen, die sie weckten. Aber die Einheitsidee war von nun an eine Macht, die nicht mehr dauernd zurückgedrängt werden konnte. Einen schier übermenschlich starken Glauben brauchte es, die gehoffte Erneuerung Italiens vom päpstlichen Rom zu erwarten. Der Schriftsteller und Dichter Bersezio gab, nach Flathe, von diesem Rom folgende Schilderung: „... Denn Bersezio nach wie vor bezahlten die Römer das Glück, Untertanen des P äMtiSche Nachfolgers Christi zu sein, mit dem Ausschluß von allen ^om. Segnungen moderner Kultur. Bürgerliche Freiheit und Gesetzlichkeit waren dort so unbekannt wie Intelligenz und Moral, die Regierungsgewalt in den Händen einer selbstsüchtigen Kaste, deren Unersättlichkeit und Käuflichkeit den niedern Ständen unerschwingliche Auflagen aufbürdete; die Aristokratie stolz, müßig und verschwenderisch, der Klerus abgabenfrei, faul, eine Anhäufung von allen Arten Ehr- und Habsucht; das weibliche Geschlecht völlig der Besitz der Tonsurierten; das niedere Volk ein Pöbel voll Römerstolz, unwissend, arbeitsscheu, von den Bettelsuppen der Klöster und Prälaten lebend; die Rechtspflege mittelalterlich; alles erdrückend die Inquisition ; das Heer zusammengesetzt aus Ausländern und der Hefe des einheimischen Pöbels, welchem die besondere Aufgabe oblag, die Liberalen aus dem Wege zu räumen und sich mit ihrem Raube bezahlt zu machen; die Studien vernachlässigt, die Gelehrten verachtet, die Presse als Teufelswerk verschrien und geknebelt, aller Unterricht in den Händen der Jesuiten ... 1,1 Wo sollte der Papst herkommen, der diesem Sitz und von ihm aus Italien sittliche und bürgerliche Erneuerung brachte ? Und doch, im Sommer 1846 schien das Unglaubliche Tatsache werden zu wollen. Am 1. Juni starb der obskurantistische Tod Qre- Gregor XVI. Schon sechs Tage nachher fand die neue Wahl neuePapst- statt. Im ersten Wahlgang hatte der Kandidat Österreichs und wahl 1 6- 1 Vittorio Bersezio, Piemontese, 1830—1900: „11 regno di Vittorio Emanuele II. Trent’anni di vita italiana“, 1878—95. „Roma, la capitale d’Italia,“ 1872. — Das zitierte Urteil wird wesentlich leider auch von anderen Seiten bestätigt. Das Geistliche vermochte das Weltliche und Allzuweltliche nicht zu überwinden, wie denn auch z. B. einst in dem Rom Pius VII., des Vielverehrten, „am Sonntag Morgen von allen Geschäften der Stadt nur die päpstliche Lottobude offen stand“. — .330 — der Sanfedisten — politische Ultraspartei im Kirchenstaat, die Antipoden der Carbonari und Mazzinisten — die meisten Stimmen, ohne gewählt zu sein; im zweiten Gang kam dann unerwartet der französische Kandidat aus der Wahl, Graf Mastai Ferretti, der sich Pius IX. nannte. (Trotz der offiziellen Lehre, wonach das Conclave vom heiligen Geist geleitet wird, war den katholischen Großmächten Einflußnahme auf die Papstwahl zugestanden). Pius ix. Papst Pius IX. galt als liberal. Er gewährte Amnestie zugunsten der vielen Opfer seines Vorgängers, der Eingekerkerten von 1830/31, setzte für die Stadt Rom einen Munizipalrat ein, hob die geistliche Gerichtsbarkeit über Laien auf und tat einleitende Schritte zur Einführung einer Laienregierung. Das war alles auf diesem Boden so erstaunlich neu. Nun schien Giobertis Wiedergeburtspapst gefunden, und so unerhört wie die neuen Dinge war auch der Jubel, mit dem sie verkündet und aufgenommen wurden. Evviva Pio nono! ging es von Rom durch ganz Italien 1 und bis an die Enden Europas. Papst Pius selbst „schaukelte sich eine Weile behaglich auf den Wellen der Volksgunst“. Aber er war entfernt nicht so liberal, wie man glaubte. Man machte sich einer optischen Selbsttäuschung schuldig, sah in ihm, was man sehen wollte , indem man seine wohlwollende Gutherzigkeit und Milde, seine sittliche Liberalität als politischen Liberalismus deutete. Aber er dachte kirchlich gerade so wie sein Vorgänger. Seine erste Enzyklika vom November 1846 verdammte den modernen „Fortschritt als betrügerische Waffe des Teufels und alle, die ihn erstrebten, als böswillige Verführer und Aufrührer, als Feinde der Gesellschaft und der Religion“. Wie konnte der religiös Mittelalterliche politisch hochneuzeitlich, der kirchlich Reaktionäre in Dingen des Staates liberal sein ? Er war des ihm aufgenötigten und angedichteten Liberalismus bald herzlich überdrüssig. Die Einsetzung eines Ministerrates, einer beratenden Staatskonsulta, die Milderung der Zensur und gar die Errichtung einer Bürgergarde in Rom mußten ihm schon abgedrungen werden. Als „Jung Italien“ durch den Mund Giuseppe Mazzinis ihn auf forderte, sich an die Spitze der nationalen Bewegung zu stellen, damit diese nicht „vom Kreuze 1 „Morte ai Tedeschi!“ Tod den Deutschen (Österreichern)! fügte man in Oberitalien hinzu. — 33i losgerissen, ihre eigenen Wege gehe“, da lehnte er in einer Allokutiori vom 14. Dezember 1847 die Zumutung mit Entrüstung ab. Seine Lage barg auch gleich zu Anfang manche Schwierigkeiten in sich. Österreich war heimlich wider ihn, bewachte seine Schritte und suchte ihn gelegentlich einzu- schüchtem. Im Juni 1847 verstärkte es plötzlich, ohne äußern Anlaß, die Besatzung in dem päpstlichen Ferrara, wo ihm vertraglich ein Besatzungsrecht zustand. Der Papst aber legte sofort feierlich Protest ein gegen den unbegehrten Schutz. König Karl Albert von Sardinien schrieb bei dem Anlaß an eine Agrarversammlung: „Wenn die Vorsehung den Unabhängigkeitskrieg sendet, so werde ich mich mit meinen Söhnen an die Spitze des Heeres stellen.“ Zu Zeiten dachte auch Papst Pius doch an die praktische Verwirklichung von Giobertis Primat. Im September 1847 schloß er mit Toscana und Sardinien einen Präliminarvertrag zur Errichtung eines gesamtitalienischen Zollvereines, ohne Österreich. Es war nicht seine Schuld, wenn er, von den andern abgelehnt, nicht zustande kam. Nach Giobertis Idee war Sardinien zum weltlichen Schirmherrn des liberalen Re}ormpapstes ausersehen. Nun hatte König Karl Albert von den liberalen Neigungen seiner Jugend sich zu einer fast mönchisch asketischen Religiosität gewendet. Doch lockte auch ihn der Ruhm eines Erlösers des weiteren Vaterlandes, und die Eifersucht gegenüber der dem Papste zugedachten Rolle stachelte ihn. Unentschieden schwankte er zwischen dem Widersprechenden hin und her. Da tat Österreich das Seine, ihn zur Entscheidung zu bringen. Es behandelte ihn mit der „üblichen barschen Wienerhoffart“, für die es selbstverständlich war, daß der kleine König von Sardinien Österreichs untertänigster Diener sei, und seit Karl Albert die Interessen seines Landes zu vertreten gewagt, ließ es ihn bei jeder Gelegenheit seine Feindschaft fühlen. Mit ängstlicher Sorge fragte eines Tages Minister della Torre, was Sardinien anfangen solle, wenn Österreich gegen es, statt mit ihm sei. Der König antwortete: „Wenn Piemont Österreich verliert, wird es Italien gewinnen, und dann wird Italien selbständig handeln, l’Italia farä da se. Karl Albert hatte mithin gewählt. Bis zur Unleidlichkeit gediehen war unterdessen die Erregung im österreichischen Italien. Die Österreicher wurden Karl Albert in Sardinien. L’Italia farä da sä. Österreich in Italien. — 332 — von der italienischen Bevölkerung förmlich boykottiert. Geschäfte mit österreichischer Kundschaft wurden gemieden. Erschienen österreichische Offiziere oder Beamte in einem Cafe oder Restaurant, so standen wie auf Kommando alle Italiener auf und verließen das Lokal. Keine Italienerin verkehrte mehr mit irgend einem österreichischen Offizier. Um den Fiskus zu treffen und Österreich zu ärgern, verbot ein geheimes Komite Lotto und Tabak, und so gut wie einst die nordamerikanischen Kolonisten im Kampfe mit England sich den Thee abgewöhnten, so nun die Venezianer und Lombarden das Rauchen. Selbst den Soldaten, die sich in Lombardo-Venetien wie in Feindesland fühlen mußten, wurden gelegentlich auf der Straße die Zigarren aus dem Munde geschlagen. Am 2. August 1847 richtete Metternich an die vier Großmächte eine Verwahrung gegen die Verwirklichung des italienischen Einheits- und Unabhängigkeitsgedankens. „Italien ist ein geographischer Name, die Halbinsel ist aus souveränen, von einander unabhängigen Staaten zusammengesetzt, deren Existenz und Grenzen auf die Grundsätze des allgemeinen öffentlichen Rechtes begründet sind.“ Es war seine Weisheit vom Wienerkongreß, die sich nicht darum kümmerte, daß kaum ein anderes Land, am wenigsten Österreich, so von der Natur zur Einheit geschaffen war, wie gerade Italien. Auf eine entsprechende Anfrage in Paris ging Guizot auf das bereitwilligste ein; ihm war die Einheit und Unabhängigkeit Italiens kaum weniger zuwider als dem österreichischen Kanzler. Er mahnte sogleich in Turin von ehrgeizigen Plänen ab, da in solchem Falle Sardinien keineswegs auf Frankreichs Hilfe rechnen dürfte, und mahnte auch den Papst, doch ja mit Österreich, als einer gut katholischen Macht, Frieden und gute Beziehungen zu erhalten. (Als dann im Februar 48 das Bürgerkönigtum durch die Republik ersetzt war, erklärte auch der neue republikanische Minister Lamartine in Paris, daß bei Errichtung eines italienischen Königreiches Frankreich zu seiner Verteidigung wenigstens Savoyen und Nizza verlangen müßte, und der Auslandminister Bastide erklärte die Unabhängigkeit Italiens nur in Form einer Konföderation selbständiger Staaten zulässig). Was wir bis jetzt in Italien betrachtet haben, sind Stimmungen, Symptome, Vorstadien. Wie nun im Spätjahr 1847 der schweizerische Sonderbundskrieg und sein Ausgang da — 333 — hinein wirken mußte, kann man sich leicht denken. Man suchte nun auch in Italien Entscheidungen und ging zu Taten über. Das Jahr 1848 ist voll von Sturm und Drang und auch von blutigen Kämpfen. Einheitliche Leitung fehlte, sogar ein einheitlicher Gedanke. Die Strebungen gingen zum Teil wider einander und arbeiteten dem Feinde in die Hände. So mußten viele Opfer verloren und der Ausgang bedauerlich sein. Kein Land der Welt kann eine wechselreichere Geschichte haben als Sizilien. Zwischen Italien, Nordafrika und Griechenland gelegen, mit allen drei Schauseiten lockend, in ihrer Bevölkerung gemischt und uneins, war die alte Trinakria, rund 26000 km 2 groß, zur Abwehr zu klein und stets von allen Seiten der Windrose her umstritten. Karthager, Griechen, Römer, Byzantiner, Sarazenen, Deutsche, Spanier, Franzosen, Italiener, haben ihre Kämpfe und ihre Zeiten dort gehabt und ihre Spuren hinterlassen. Günstige Einwirkung auf den Volks- Charakter können so wechselvolle Schicksale kaum haben. Zuletzt die bodenlose Vernachlässigung unter den Bourbon. Unter einer seit dem XIII. Jahrhundert bestehenden Verfassung hatte das Feudalwesen in Sizilien eine ungemessene Ausdehnung gehabt, so daß die grundbesitzenden Barone die eigentlichen Herren der Insel waren. Gerne stimmte daher Ferdinand IV. (I.) 1812 der Aufhebung der Feudalrechte zu, ließ dann aber die „befreite“ bäuerliche Bevölkerung ohne alle Hülfe, so daß sie dem Großgrundbesitz völlig schutzlos preisgegeben und zu einem Leben in Elend und Verkommenheit verdammt war, während die Gebildeten ihrerseits das absolute Regiment nur mit Haß ertrugen. — Durch die ganze napoleonische Zeit hindurch hatte der König in Palermo residiert; 1815 kehrte er nach Neapel zurück. Die Insel ertrug es schwer, wieder Provinz zu sein, forderte übrigens bei jedem Anlaß die spanische Verfassung von 1812. Während einer Choleraepidemie im Jahre 1836 hatte das in tiefster Unwissenheit lebende Volk gegen angebliche Verbreiter des Choleragiftes wahnwitzige Greuel begangen, was der Regierung Anlaß gab, die bisherige Autonomie der Insel aufzuheben und die politische und administrative Verschmelzung mit Neapel durchzuführen. Seitherige Versuche zur Wiederherstellung der Autonomie waren gescheitert und gerade noch im Herbst 1847 an Messina hart bestraft worden. Und nun wurde ganz offen die Revolution auf den 12. Januar 1848 vorbereitet. Auf die angesagte Stunde Sizilien. — 334 — Neapel Jan.-Febr. 48 . österreichisch Italien. ging sie los, und trotz I4tägiger Beschießung Palermos von der Zitadelle und von der Flotte aus, setzte sie sich durch. Die Truppen räumten die Stadt und schifften sich nach Neapel ein. Als später die Beschießung von der Zitadelle aus erneuert wurde, legte sich ein englisches Kriegsschiff zwischen die Festung und die Stadt. Von beiden Seiten angerufen, vermittelte der englische Lord Minto einen Waffenstillstand, und die neue, provisorische Regierung Siziliens verlangte seine Autonomie wieder, eigenes Parlament und eigenes Heer. Die Lage wurde kompliziert durch das heimliche und offene Hineinspielen der beiden Westmächte. Frankreich widerstrebte der Trennung Siziliens von Neapel; es fürchtete, die Insel würde ein Portugal des Mittelmeeres, will heißen ein englischer Schutzstaat werden. Aus demselben Grunde war England den Trennungsgelüsten günstig. Diese Vorgänge wirkten natürlich auch auf Neapel, und König Ferdinand II. fand es klug, am 29. Januar 1848 die Grundlinien einer für Neapel und Sizilien gemeinsamen Verfassung zu veröffentlichen. Sie wurde am 10. Februar verkündet und am 24. vom König feierlich beschworen. Die Neapolitaner, die „Erstgebornen der Freiheit“, jubelten, als ob das goldene Zeitalter angebrochen wäre. „In Wahrheit“, sagt Flathe, „war die Konstitution eine Pandorabüchse, aus der sich alle Übel ergossen, ohne daß die Hoffnung darin zurückblieb“. Die Versprechungen eilten wie ein Lauffeuer durch Italien. Am 8. Februar kündete Karl Albert in Turin eine Verfassung an, am 11. der Großherzog von Toscana in Florenz; am 12. berief Pio nono, bereits von den Gnaden demokratischer Klubhelden, dem circolo populäre, abhängig, ein mehrheitlich aus Laien gebildetes Ministerium und sprach auch seinerseits von einer Konstitution. In Neapel geschah indessen „nicht das Geringste“ zur Verwirklichung der Verfassung ; die übrigen italienischen Staaten aber waren aus der Bahn eines ruhigen, besonnenen Fortschrittes herausgerissen. In österreichisch Italien stand der 82jährige Feldmarschall Radetzky Gewehr bei Fuß und beobachtete scharf, was sich vorbereitete. Am 22. Februar verfügte er den Belagerungszustand; in Venedig wurden die Schriftsteller Manin und Tommaseo, Führer der Nationalpartei, verhaftet. An Nachgeben dachte Österreich nicht. Metternich fand bei Guizot und bei Friedrich Wilhelm IV. bestes Entgegenkommen. So 335 war eine Tripelentente da, entschlossen und bereit, den Besitzstand Österreichs in Italien mit den Waffen zu behaupten. Man wollte handeln ohne England und dieses zu gegebener Zeit vor ein fait accompli stellen. Guizot freute sich noch besonders auf diese Revanche für 1840. Eine Konferenz für den endgültigen Abschluß der Vereinbarungen war auf 15. März 48 angesagt. Auch Rußland trat aus seiner bisherigen Zurückhaltung heraus. Sein Außenminister richtete eine Note nach London mit den heftigsten Vorwürfen „gegen den wohlwollenden Protektor jeder Revolution (Palmerston), welche die Einführung repräsentativer Institutionen in Italien zum Zwecke habe“. Am 24. Februar wurde die Note in Petersburg unterzeichnet; an demselben Tage ging das Julikönigtum unter. Am 15. März, dem vorgesehenen Tage der Tripelkonferenz, gab es auch keinen Staatskanzler Metternich mehr. Auf die Kunde von der Revolution in Wien loderte der Aufstand im Aufstand lombardo-venetianischen Königreich auf, in Venedig schon am 17. März. Der Gouverneur verließ die Stadt; die österreichische land^März Flotte, fast ganz mit Italienern bemannt, ging verloren. Manin, aus dem Gefängnis befreit und an die Spitze der provisorischen Regierung gestellt, proklamierte die Republik; die Städte der Terra firma schlossen sich an. (Erst später fand der bedingungsweise Anschluß Venedigs an die Gesamtbewegung und den König von Sardinien statt). In Mailand gab es seit dem 18. März Barrikadenkämpfe. „I cinque giorni“ sind in Mailand noch unvergessen. Am 22. zog Radetzky sich nach Verona zurück. „Wir werden wieder kommen“ drohte er der jubelnden Stadt, „noch ist nichts verloren“. Nun war Karl Alberts Stunde gekommen. Handelte er nicht, so konnte es um ihn geschehen sein. Zwar machte er Eingreifen, noch schwere Stunden bis zur Entschließung durch, und England warnte, da ein französischer Angriff im Rücken sicher schien, während Palmerston jede Einmischung Frankreichs in Italien vermieden wissen wollte. Aber wenn Karl Albert nicht eingriff, so gab es in Mailand die Republik, bald auch in Genua und selbst in Turin, wo es bedenklich gärte. So ging er am 23. März über den Ticino; am 26. zog ein sardinisches Heer in Mailand ein, und die Piemontesen rückten siegreich bis an und über den Mincio vor. Österreich, daheim in Nöten, war nicht in der Lage, eine überwältigende Macht einzusetzen, und Kaiser Ferdinand gab Vermittlungsversuchen Gehör. Der — 33 6 — Papst schrieb ihm, er möchte doch lieber auf seine italienischen Untertanen verzichten, da er ihre Herzen doch nicht gewinnen könne. Der Kaiser ging auf Palmerstons Vermittlung ein und bot Abtretung der Lombardei an, gegen einen Handelsvertrag und Übernahme eines Teiles der Staatsschuld durch Sardinien. Karl Albert, inzwischen durch Volksabstimmung als König von Oberitalien anerkannt, wollte seinerseits sich mit der Etsch als östliche Grenze begnügen. Es bestand alle Aussicht, daß auf dieser oder einer ähnlichen Grundlage ein baldiger Friede zustande kam. Das vereitelte die über eine Abtretung entrüstete Militärpartei. Feldmarschall Radetzky hatte sich inzwischen in dem berühmten Festungsviereck Peschiera-Mantova, Verona- Legnano nicht nur gehalten, sondern auch durch Heranziehung neuer Truppen verstärkt. Ihm gegenüber hatte Sardinien keinen halbwegs ebenbürtigen Truppenführer. Karl Albert, die „spada d’Italia“ genannt, besaß wenig Feldhermgaben. Und die Republikaner, unter Mazzinis fanatischer Führung, suchten alle Schritte des Königs zu lähmen, stellten in jeder Gemeinde neben die piemontesische Behörde eine „republikanische Nebenregierung“, erzwangen eine eigene lombardische Armee neben der sardinischen, stifteten überall Zwietracht. Ihrer Agitation gegenüber war es ordentlich ein Wunder, daß die Volksabstimmung über den Anschluß an Sardinien dennoch mit großem Mehr zugunsten des Königs entschied. Radetzky aber, der mit seinem Späherauge alle diese Dinge erkannte, machte den diplomatischen Vermittlungen plötzlich ein Ende, indem er am 23. Juli angriff. Es kam zur dreitägigen Schlacht bei Schlacht Custozza, wo Karl Albert, vom übrigen Italien im Stich ge- Custozza, lassen, völlig geschlagen wurde. Nun mußte er aus Mailand Juli 48 . fii e jj en> unter den Verwünschungen derjenigen, die ihn vor einigen Monaten mit Jubel empfangen. Am 6. August zog der Feldmarschall wieder in Mailand ein. „Er schändete seinen Sieg durch keine Grausamkeiten.“ Die flüchtigen Mailänder kehrten allmählich still und demütig zurück. 1 Am 9. August wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Noch zog Garibaldi, der aus Montevideo heimgekehrt, mit einer Freischar zu Hülfe 1 Radetzky und dieMilitärpartei siegten überPalmerston und die Friedenspartei; Österreich rettete seinen italienischen Besitz auf ein bis zwei Jahrzehnte, mußte ihn aber, da die Festhaltung dauernd starke Kräfte band, mit der Oktoberrevolution in Wien, dem langen ungarischen Krieg und endlich mit der demütigenden Anrufung Rußlands bezahlen. — 337 — geeilt und von den Mazzinisten zum „Generalissimus des Volksheeres“ ausgerufen worden war, eine Weile in den Bergen oberhalb Como umher, bis er in den schweizerischen Tessin zurück- gedrängt wurde. Bald aber bot ihm Rom ein neues Tätigkeitsfeld. Sehen wir uns um, was inzwischen im übrigen Italien Haltung im gegangen. In Rom hatte man auf die Nachrichten von Wien ubngen und Mailand hin über Hals und Kopf Schwärme von Frei- in Rom. willigen gesammelt und als „Crociati“ mit dem Kreuz bezeichnet. Der Papst, nicht mehr sein eigener Herr, schickte sie mit seinem Segen unter General Durando an die Nordgrenze des kirchenstaatlichen Gebietes. Auch der König von Neapel hatte sich gezwungen gesehen, Hülfstruppen zum nationalen Kampf abzusenden. Als dann aber General Durando am 21 . April, auf Befehl Karl Alberts, in Überschreitung seiner Kompetenz, über die Grenze gegangen, erklärte der Papst in seiner Allokution an das Kardinalskollegium, 29 . April, daß er nun und nimmermehr gegen Österreich Krieg führen werde. Der Papst als Friedensfürst der katholischen Christen- DerPapst heit kam in Konflikt mit dem Papst als Fürst eines italieni- sagt sich sehen Staates. Umsonst schlugen ihm die Minister vor, die nationalen weltliche Kompetenz einstweilen ihnen zu übertragen. Er sah Be '*lof ung sich wohl durch die Ereignisse und die öffentliche Stimmung genötigt, das entschieden liberale Ministerium Graf Mamiani zu ernennen; die Einwilligung zum Kriege gab er nicht. Damit sagte er sich von der nationalen Bewegung los. Gio- berti und die Seimgen sahen sich in dem Papste ihres Ideales getäuscht und arbeiteten von nun an für die Vernichtung der weltlichen Macht des Papstes. In Neapel fand ein unzeitgemäßer Aufstand statt am [nNeapel Tage der Parlamentseröffnung, 14./15. Mai 1848. Man miß- traute dem König; die Deputierten wollten den Eid auf die Ende der Verfassung nicht unbedingt leisten. Die Stadt wurde unruhig, Bewegung Barrikaden entstanden. Das gab Ferdinand II. Gelegenheit, '/tauen! den Aufstand mit Hülfe seiner Schweizerregimenter blutig niederzuschlagen und die Stadt von den Forts aus bombardieren zu lassen. Nachher überließ er sie den Lazzaroni zur Plünderung. Die Verfassung versprach er aufrecht zu erhalten. Nachdem nun der König sich wieder Herr fühlte, rief er ebenfalls seine Hülfstruppen vom nationalen Kampfe zurück. — Es war ja klar, daß es den italienischen Fürsten wider den Strich ging, den König von Sardinien zum König von Italien zu erheben. Flühmann, Vorträge. 22 Abermals Sizilien, April 48 . — 338 — Der 15. Mai 48 war das Ende der nationalen Bewegung auch in Süditalien. Durch die Februarrevolution in Paris und die darauffolgenden übrigen Revolutionen in einem großen Teil Europas neu angeregt und aufgeregt, hatte indessen das unzufriedene Sizilien im April 48 einen offenen und äußersten Schritt getan, indem das Parlament in Palermo, von der mit Neapel gemeinsamen Verfassung nicht befriedigt, die Absetzung des Hauses Bourbon aussprach und Karl Alberts zweiten Sohn, Albert Amadeus, zum König wählte. Diese Lösung, welche England, aus früher berührten Gründen, gar nicht ungern gesehen hätte, fiel indes ins Wasser, da inzwischen die Verhältnisse in Oberitalien eine Wendung zu Sardiniens Ungunsten nahmen und von Annahme der sizilischen Krone nicht mehr die Rede sein konnte. König Ferdinand II. aber eroberte Sizilien mit rücksichtsloser Gewalt zurück. Das Bombardement und die unter allen Greueln erfolgte Wiedereinnahme von Messina trugen ihm den Beinamen Re Bomba ein. Diese sizilischen Dinge fielen in den Frühling und Sommer 1848. Vom Klerus unterstützt, führte der König seitdem ein Schreckensregiment und füllte fortgesetzt Gefängnisse und Galeeren mit seinen politischen Gegnern. In einer Reihe von Briefen stellte Gladstone die grausame Härte Ferdinands vor Europa an den Pranger; 1 die englische und französische Regierung erhoben Vorstellungen beim König, was wirkungslos blieb, und beriefen dann demonstrativ ihre Gesandten ab. 2 3 1 Nachdem er die Gefängnisse in Neapel besucht, schrieb er an Lord Aberdeen: „Das Regierungssystem der Bourbon ist eine Verneinung Gottes.“ 3 Ferdinand II. (1830—59) wurde auch in den Fünfzigerjahren nicht anders. Er schüttelte die österreichische Vormundschaft ab und brachte Ordnung in die Finanzen; den nationalen Hoffnungen gewährte er keine Erfüllung. „Ihre Vereitelung schlug in den Volkskörper zurück,“ und der Krankheitsstoff zeigte sich dann in Verschwörungen, politischen und gemeinen Mordtaten, in verbrecherischen geheimen Gesellschaften, Camorra, Mafia. Der König wagte nicht mehr in Neapel zu leben und zog sich auf das Schloß Caserta zurück, militärisch streng bewacht. Nur die Vertrautesten hatten Zutritt. Als eine Anzahl politischer Gefangener, von Gesinnungsgenossen befreit und von der Sträflingsinsel Ponza entwichen, in Sapri bei Salerno die Fahne der Empörung erhob, da verhärtete Ferdinand sich nur noch mehr. Schon dem Tode entgegensiechend, ließ er noch, um in den Gefängnissen Raum zu schaffen, eine Anzahl politischer Gefangener nach Amerika verschiffen. Diese zwangen dann den Kapitän, in Irland zu landen und schlossen sich später großenteils der sardinischen Armee an. Dichter und Volk feierten die „Märtyrer“ und die „Helden von Sapri“ etc. — 339 — Inzwischen entfalteten die Mazzinisten in Mittel- und Oberitalien ihre äußerste Tätigkeit, um ja den historischen Augenblick für die Republik nicht zu versäumen. Wir erinnern an die Vorgänge in Rom, wo der Papst längst nicht mehr Meister war. Er benutzte im Sommer 1848 die momentane Ernüchterung, welche die Schlacht von Custozza zur Folge hatte, um ein gemäßigtes Ministerium. einzusetzen, dessen bedeutendstes Mitglied Graf Pellegrino Rossi war, vordem französischer Gesandter in Rom, mit Guizot befreundet, ein tüchtiger Mann und wirklicher Patriot. Aber seine gemäßigte Stellungnahme und das Streben nach einer festen Ordnung in dem halb anarchisch gewordenen Rom machte ihn den Radikalen und den Sanfedisten gleichermaßen verhaßt. Das Einrücken österreichischer Truppen in die Romagna, blutige Kämpfe in Bologna erschwerten seine Stellung, und am 15. November traf ihn der Dolch des Mörders am Eingang zum Gebäude, wo er die wieder zusammen getretene Kammer eröffnen wollte. Der Pöbel benahm sich so, daß niemand den Mörder zu verfolgen wagte. Der Papst sah sich in seinem Palaste, dem Quirinal, von aufrührerischen Haufen umstellt und zur Ernennung eines radikalen Ministeriums genötigt. Es folgte seine Flucht nach Gaeta und die Geschehnisse, die wir früher erzählten: Provisorische Regierung in Rom, Protest des Papstes; Pro- klamation der Republik; das alles im Winter 1848/49; im Frühling das Heranrücken der Franzosen; ihr Einzug in Rom im Juli. Der im April 1850 nach Rom zurückgekehrte Papst „gab durch öffentliche Büßgänge die tiefe Reue über seine liberalen Sünden kund“. Von Rom aus ergriff die republikanische Propaganda auch die Toscana. Hauptsitz der toskanischen Agitation war Livorno. Das Entgegenkommen des Großherzogs half zu nichts; auch er floh schließlich nach Gaeta und traf im dortigen Königs- palast mit dem Papst zusammen. In. Florenz wurde, wie in Rom, die Republik ausgerufen, Februar 1849. Alle diese Vorgänge machten es Karl Albert sozusagen Fort- zu einer moralischen und zur Selbsterhaltungspflicht, das se Knfefes es Waffenglück noch einmal zu versuchen. Noch dauerte die Österreich Waffenruhe, und eine Friedensvermittlung durch die Westmächte war stets im Tun und wurde stets verzögert. Für Gebietsabtretungen war Österreich seit Custozza natürlich nicht mehr zu haben; das bekundete der Kaiser schon im September — 34 ° — 1848, da in einer Proklamation den italienischen Untertanen eine nationale Verfassung verheißen wurde. Die republikanische Propaganda von Rom, Toscana und Genua aus bedrohte fortgesetzt das sardinische Haus. Der Krieg in Ungarn aber entwickelte sich im März 49 für Österreich ungünstig; ein großer Teil seiner Kraft mußte dort gebunden bleiben. So kündete der König am 12. März 49 den Waffenstillstand mit Österreich. Er hatte diesmal zwei Polen zu Heerführern, behielt doch die oberste Leitung sich selber vor, obschon er notorisch M und ra dazu nicht fähig war. In den Schlachten von Mortara und Novara. Novara, 21. und 23. März, wurden die Sardinier völlig geschlagen. Ein sechstägiger Feldzug hatte Radetzky den vollkommenen Sieg gebracht. Der eine der polnischen Generale, der seit der Revolution in Polen ein unstetes Abenteurerleben geführt, geriet in Verdacht der Verräterei und wurde standrechtlich erschossen. „Es rast der See und will sein Opfer haben.“ Augenscheinlich hatte Karl Albert bei Novara den Tod gesucht, hielt sich hartnäckig, wo die Kugeln am dichtesten fielen, mußte schließlich fast mit Gewalt vom Schlachtfeld weggebracht werden. Als er beim österreichischen Generalstabschef Waffenstillstand begehrte, kamen ihm harte Vor- K ar i Albert w ürfe wegen des Friedensbruches entgegen. Da dankte er Marals’ noch auf dem Schlachtfelde ab, zugunsten seines Sohnes* Victor Emanuels II., in der Hoffnung, daß dieser mildere Bedingungen erlangen werde. Er begab sich nach Portugal, wo er schon im Juli starb, noch nicht 51 Jahre alt. Victor Victor Emanuel fand das gehoffte freundlichere Ent- Emanuei 11. g e genkommen. Wohl wollte das siegberauschte Heer den Frieden in Turin diktieren; Radetzky hörte nicht darauf. Die für Österreich verschlimmerte Lage in Ungarn, die Besorgnis, Sardinien werde neuerdings die Vermittlung der Westmächte an rufen, stimmte ihn zum Entgegenkommen. Der folgende Friede von Mailand legte Sardinien keinen Gebietsverlust auf, sondern nur eine Kriegsentschädigung von 7 5 Millionen Lire. Es war der Drittel der zuerst geforderten Summe. Auch diese wollte ihm erlassen werden, wenn er sich dem österreichischen Regierungssystem anschließe. Aber Victor Emanuel sah wohl ein, daß einem erwachten Volke nicht mehr auf die Dauer der Schlummer auferlegt werden kann. Er bewahrte die Verfassung seines Vaters und — seine Selbständigkeit. Das trug ihm den Titel „rfe galantuomo“ ein, und — 34i das sardinische Volk bezahlte für sein Recht auf die Verfassung an das inzwischen restaurierte metternichsche Österreich die 75 Millionen Lire. — Ein böses Nachspiel gab es noch für Brescia. Von den Mazzinisten betört, hatte es am Tage der Schlacht von Novara sich gegen Österreich erhoben. N un wurde es am 31. März im Sturm genommen, und so behandelt, daß der General von Haynau den Beinamen „Hyäne von Brescia“ davon trug. — Dank seiner Lage im Meere hielt sich Venedig am längsten. Aber nach der Kapitulation der Ungarn bei Vilägos, 13. August 1849, da Österreich nun alle seine Kräfte frei bekam, blieb auch für Venedig keine Aussicht mehr. Am 22. August 49 nahm es seine „österreichischen Zwingherren“ wieder auf. In Florenz hatte man inzwischen den keineswegs verhaßten Großherzog, trotz der republikanischen Clique, zurück- berufen. Das konnte nicht hindern, daß Österreich sich einmischte und Leopold II. nachträglich zwang, die Verfassung abzuschaffen. Modena und Parma, mit in die Bewegung gezogen, hatten April-Mai 48 Anschluß an Sardinien erklärt. Nun hatten beide Länder längst ihre s. Z. flüchtig gegangenen kleinen Tyrannen aus Österreichs Hand zurück empfangen. (Marie Luise in Parma war Dez. 47 gestorben). Die Restauration des Papstes haben wir schon erwähnt. Jetzt hielt die Reaktion ihren Siegeszug durch Italien wie vorher die Revolution. Man konnte konstatieren, daß Ende 1849 wie in Deutschland, so auch in Italien äußerlich alles wieder war, wie es zuvor gewesen. Und doch war es hier wie dort eine innere Unmöglichkeit, daß es so blieb. Die Vorgänge von 1848 und 49 an unserer Südgrenze gingen nicht reibungslos und glatt an ms vorüber. Im Frühling 48 verlangte Genf bei der Tagsatzung Besetzung des in unsere Neutralität einbezogenen Nordsavoyen, weil es einen Angriff von Frankreich her fürchtete. Karl Albert trug im April 48 der Schweiz ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Österreich an. Beide Begehren wurden abgelehnt und strikte Neutralität beschlossen. Heimlich eilten doch Freischärler aus der Schweiz den Lombarden zu. Feldmarschall Radetzky beschwerte sich über Begünstigung der Lombarden vom Tessin aus und zog strenge Saiten auf. Natürlich mußte die Tessinergrenze besetzt werden, was zum Glück, namentlich 49, da der Entscheid von Novara dem Krieg so rasch ein Ziel setzte, nicht eben lange dauerte. Wir erinnern uns, daß in demselben Jahre auch die Nordgrenze gegen das Großherzogtum Baden hin, besetzt werden mußte. So hatte die Schweiz Burnusse genug von allen diesen Dingen. Dazu die Scharen der Flüchtlinge, von Süden und von Norden, Italiener und Deutsche, zu den Polen, die wir schon immer hatten. Ein Glück, daß im November 48 der lockere Staatenbund dem strammen Bundesstaat, die Tagsatzung dem Bundesrat Platz machte. Reaktion in Italien. - 342 — Wir schließen noch zwei kurze Lebensbilder an, die uns auch im nächsten Vortrag dienen werden. Qiuseppe Giuseppe Mazzini, geh. 1805 (oder 08 ?) in Genua, 180^72’ gest. 1872 in Pisa, Sohn eines Professors der Medizin, studierte in seiner Vaterstadt die Rechte, nahm schon als Student lebhaft an der literarischen und politischen Bewegung in Italien teil. Die alte Republik Genua war in der napoleonischen * Zeit zu Frankreich, vom Wienerkongreß, natürlich ohne die Genuesen zu befragen, zu Piemont-Sardinien geschlagen worden. Es war begreiflich, daß die republikanischen Traditionen in vielen Familien fortlebten und damit eine gewisse Abneigung gegen Sardinien. Der junge Mazzini war früh ein eifriges Glied der Carbonari und wurde 1830 als Werber für sie nach der Toscana geschickt. Zurückgekehrt wurde er verhaftet und in die Festung Savona gebracht, ging dann in die Verbannung nach Genf, Lyon, Marseille. Er hatte sich überzeugt, daß die Carbonari nie etwas Bedeutendes erreichen würden und gründete in Marseille, wo es eine starke italienische Kolonie gab, das „Junge Italien“. In der Zeitung gleichen Titels, „La Giovine Italia“, verkündete er eifrig das Ideal des neuen politischen Geheimbundes, die national-italienische Republik. „Jung Italien“, Geheimbund und Zeitung, verbreitete ^ sich rasch über alle Städte Italiens ; die Reste des überlebten Carbonarismo gingen darin auf. Mazzinis Tätigkeit erschien so gefährlich, daß die sardinische Regierung die Zeitung verbot und einen Hochverratsprozeß anstrengte. Mazzini wurde in contumaciam zum Tode verurteilt, in der Folge auch aus Frankreich ausgewiesen und ging nach London. Er war von da, später auch von Paris und von der Schweiz aus unermüdlich in Konspirationen und Putschen tätig. Zu „Jung Italien“ kam „Jung Deutschland“, „Jung Polen“, auch eine „Junge Schweiz“, und das alles verschmolz unter seiner Führung, wie früher, schon erwähnt, zu einem „Jung Europa“. Mazzini zettelte auch 1834 vom Genfersee und von Lugano aus den Einfall in Savoyen und Piemont an, natürlich zur Proklamation der Republik, wofür die schweizerische Tagsatzung sich in Turin <» feierlich entschuldigen mußte. Ein mystischer Idealist, Doktrinär, Fanatiker und Gonspirant, alles in vollkommener Verbindung, persönlich ein reiner, edler Mensch. Er forderte 1847 den Papst brieflich auf, wie oben erwähnt, sich an die Spitze Italiens zu stellen und der Schöpfer einer neuen religiösen — 343 und politischen Zivilisation Europas zu werden. Mit Ausbruch der Revolution 48 tauchte er alsbald in Italien auf. Wir sind ihm in Rom begegnet und auch in Mailand, wo er „L’Italia del popolo“ herausgab. Flathe sagt von ihm: „Die Natur hatte ihn durch große Fähigkeiten, mystische Schwärmerei, eisernen Willen und unbedingte Uneigennützigkeit zu einem Propheten von unwiderstehlicher Gewalt über seine Gläubigen geformt. Seine Lehre, ein Gemisch von republikanisch-sozialistischen Ideen, gipfelte in dem Haß gegen Fürsten und Priester als oberstem Dogma.“ Garibaldi aber sagte: „Durch Anmaßung irre geleitet, ohne Fähigkeit zum Befehlen, duldet Mazzini weder die Leitung anderer, noch nimmt er deren Ratschläge an ; ohne sich als absoluten Chef hinzustellen, ist er der verkörperte Absolutismus, ich möchte sagen, ein zweiter „Unfehlbarer“. — Cavour pflegte zu sagen, für den Politiker müsse das Gefühl für das Mögliche maßgebend sein. Nicht zum mindesten diesem Gefühl verdankte er seine großen Erfolge. Mazzini besaß dieses Gefühl nicht, und man kann sich fragen, ob er mit seinem Eifer Italien mehr genützt oder geschadet habe. Aber der Liebling des italienischen Volkes, sein Stolz, sein Giuseppe Nationalheld wurde Giuseppe Garibaldi, geh. 1807 in Nizza, eines Seemanns Sohn. Der Vater hatte ihn für das ruhigere Leben eines Geistlichen oder Advokaten bestimmt. Doch den Knaben interessierten in der Schule nur Geschichte und Mathematik ; er begeisterte sich an den großen Taten der alten Römer. Als halbwüchsiger Jüngling ging er zur See. 1834 an Mazzinis Komplott gegen Sardinien beteiligt, floh er nach Frankreich, wurde abwesend izum Tode verurteilt, ging nach Tunis, dann nach Südamerika, wo er, nach höchst wechselreichen Jahren, zuletzt Befehlshaber der Marine in Montevideo war; kehrte 1848 ebenfalls nach Italien zurück. Wir sind auch ihm in der Lombardei und in Rom begegnet. (In Amerika hatte er sich mit einer Brasilianerin, Anita, verbunden, die ihm treulich durch alle Wechselfälle seines Lebens folgte, obschon sie nicht rechtsverbindlich seine Frau werden konnte, da sie schon verehlicht war). Mit dem doktrinären und fanatischen Mazzini überwarf Garibaldi sich schon im Jahre 49, wie wir aus dem oben zitierten Urteil vermuten konnten und auch verstehen können. Im Gegensatz zu jenem sah er ein, daß es gelte, die Kräfte zu einigen, statt sie wider einander zu hetzen, und daß ein von — 344 — Fremdherrschaft freies und einiges Italien mit der Monarchie eher zu erreichen, die Zeit der Republik noch nicht gekommen sei. So überwand er sein zeitweiliges Mißtrauen und schloß sich dem rö galantuomo an. Er starb 1882 auf Caprera, als es das freie und einige Italien schon eine Weile gab. XVI. Italien von 1849— 65 ': (Der Krimkrieg als sardinischer Steigbügel, 1855/56. Magenta, Solferino 1859. Der Zug der Tausend nach Marsala, 1860. Das Königreich Italien. Garibaldi und Cavour). Italien hatte in den Adventsjahrzehnten seines risorgimento eine Reihe angesehener Dichter, Schriftsteller und Gelehrter: Cesare Cantä, der die erste allgemeine Geschichte in italienischer Sprache und eine bekannte italienische Literaturgeschichte schrieb; Tommaseo, den Dalmatiner, 1848 in Venedig, nachher in Florenz, einflußreicher Kritiker und Danteforscher, Verfasser verschiedener italienischer Wörterbücher; Nicolini, ebenfalls in Florenz, Tragödiendichter, Verfasser hochgeschätzter historischer und kunsthistorischer Abhandlungen; den Marchese Masstmo d’Azeglio, Landschaftsmaler, am bekanntesten durch seine patriotischen Romane „Ettore Fieramosca“, „Nicoolö de’Lapi“ und durch seine „Ricordi“. Alle lebten und wirkten in dem einen Gedanken: Hebung, politische Vereinigung und Selbständigkeit Italiens. Seit 1839 fanden jährlich italienische Gelehrtenkongresse statt, „öffentliche Verschwörungen zur Hebung Italiens“. Den Kongreß von Genua 1846 nannte ein Teilnehmer das erste wahrhaft politische Parlament Italiens, wissenschaftlich eine Komödie, politisch aber eine ernste Vorschule. Seit demselben Jahre erschien auch die „Antologia italiana“, eine Zeitschrift nach Art der deutschen Rundschau, die durch ganz Italien gelesen wurde. Victor Emanael II., geh. 1820, war 29 Jahre alt, als er, noch auf dem Schlachtfelde zu Novara, die Regierung übernahm. Das sardinische Parlament wollte die 75 Millionen 1 Th. Flathe; Konst. Bulle. — 345 — Kriegsentschädigung nicht bewilligen, weil Österreich die Amnestie der flüchtigen Lombarden abgelehnt hatte und deren Güter mit Beschlag belegte. Vergeblich war die eindringliche Vorstellung, daß nun einmal bei Österreich nichts zu erreichen sei. Da verfügte der König die Auflösung, und die neugewählte Kammer benahm sich dann verständiger. Das vom König berufene Ministerium Massimo d'Azeglio bezeichnte den Willen, den nationalen Gedanken weiter zu verfolgen. Das bedeutendste Mitglied des Kabinetts war Cavour. Camillo Bensi, Graf von Cavour, geb. io. August 1810, gest. 6. Juni 1861. Die Familie Bensi entstammte einem sächsischen Edelgeschlechte, das mit Kaiser Rotbart nach Italien gekommen und seine Devise „Gott will Recht“ im Wappen beibehielt, auch nachdem die Bensi längst gute Pie- montesen geworden und das Marquisat Cavour erhalten hatten. Sein bestes geistiges Erbe soll Camillo Cavour, wie manche große Männer, von seiner Mutter gehabt haben, einer Welschschweizerin. Der Vater ließ den mutigen Jungen die Militär- Akademie in Turin besuchen, wo er mit besonderem Eifer Mathematik trieb. Das blieb ihm fürs Leben; er behandelte später „die Fragen der Politik wie Probleme der Integralrechnung“. Da der junge Graf in der Folge zu liberale Anschauungen zeigte, so avancierte er für seinen Ehrgeiz zu langsam. Darum verließ er 1831 die militärische Laufbahn und widmete sich der Bewirtschaftung des ihm vom Vater zugewiesenen Gutes und studierte daneben Nationalökonomie. Als Jüngling schrieb er in sein Tagebuch: „Mein Vaterland wird für mich das ganze Leben sein; ich werde ihm nie untreu werden“. Schon als Zwanzigjähriger betonte er, daß Italien sich nur durch eine ökonomische, industrielle, kommerzielle Wiedergeburt nach innen und außen erneuern könne; daß seiner politischen Befreiung eine wirtschaftliche Hebung und Reorganisation vorausgehen müsse, und daß die politische Wiedergeburt selber nur in liberal demokratischen Formen, durch allmähliche Umformung und Umwandlungen möglich sei. Nun lebte er 17 Jahre lang auf seinem Gute und schien an keine andere Laufbahn zu denken. Doch sagte er 1832, als Zweiundzwanzigjähriger, zu einer . Freundin: „Ich würde es ganz natürlich finden, wenn ich eines Tages als leitender Minister von Italien aufwachte“. Er machte in dieser Zeit, um Land und Leute zu studieren, weite Reisen, durch die Cavour — 346 Ministerium Cavour. Innere Reformen Schweiz, Frankreich, — hörte in Paris fleißig Vorlesungen — nach England, das ihm als Idealbild eines freiheitlich geleiteten Staates erschien. Sein mehrjähriger Aufenthalt in London gab ihm auch Gelegenheit, Beziehungen mit bedeutenden Männern anzuknüpfen. Aus seinem piemontesischen Gute schuf er indessen eine Musterwirtschaft mit hochgesteigerten Erträgen, beteiligte sich auch an industriellen Unternehmungen, rief die Bank in Turin ins Leben, und der nicht eben reiche Graf wurde so aus eigener Kraft allmählich zum Millionär. Dann erschien er auch in den Klubs und Salons in Turin; aber niemand ahnte damals in dem lebhaften, untersetzten, rundlich behäbigen, kaum mittelgroß gewachsenen Landjunker mit dem stets behaglichen Lächeln auf dem breiten Gesicht und mit der unverwüstlichen Laune den künftigen Retter Piemonts und Italiens. Als erfahrener Landwirt gründete er die „Societä agraria“, eine landwirtschaftliche Gesellschaft, die bald der Sammelpunkt aller nationalen und liberalen Elemente Piemonts wurde, und 1847 mit seinem Freunde, dem Grafen Balbo zusammen, die Zeitschrift „II Risorgimento“. Er kam 1848 in die Kammer, 49 ins Ministerium d’Azeglio. Victor Emanuel sagte bei der Gelegenheit zu d’Azeglio „Seht Ihr nicht, daß das Kerlchen Euch alle aus dem Sattel werfen wird?“ Er war Minister des Handels und der Marine, dann der Finanzen und nach d’Azeglios Rücktritt 52, Ministerpräsident. Man nannte das neue Kabinett das „große Ministerium“, obschon nur Cavour der Große darin war. Ein Gegner entwarf damals folgendes wenig schmeichelhafte Bild von dem Grafen und Ministerpräsidenten, dem die romanische Eleganz der Erscheinung und des Wesens offenbar völlig abging : „Ihm schadet die Korpulenz, das Gewöhnliche seiner Erscheinung, die unfeinen Geberden und seine unangenehme Stimme. Von literarischer Bildung besaß er nicht eine Spur; die Kunst war ihm fremd, die Philosophie eine verschlossene Welt. Von Poesie funkelte kein Strahl in seiner Seele. Das Wort kam herbe, in gebrochenen Wendungen über seine Lippen, und seine Sprachfehler waren so arg, daß es unmöglich gewesen wäre, sie mit der italienischen Grammatik in Einklang zu bringen.“ Dieser Mann ist doch der Bismarck und Schöpfer des neuen Italien geworden. Zunächst wurde intensive innere Vorarbeit geleistet. Die Ministerien d’Azeglio und Cavour zusammengenommen, führten — 347 — in wenigen Jahren eine Reihe wichtiger Reformen durch: Die geistliche Gerichtsbarkeit wurde aufgehoben, die nichtkatholischen Untertanen wurden unter den Schutz der Staatsgesetze gestellt, die kirchlichen Einkünfte und damit die Übermacht des Klerus beschränkt, die Zahl der Klöster vermindert, die Ablösung des Zehnten vorbereitet, das Unterrichtswesen der ausschließlich kirchlichen Bevormundung entzogen und nach Kräften gefördert, die Presse freier gestellt. Mit Frankreich, Belgien, England und den deutschen Zollvereinstaaten wurden Handelsverträge abgeschlossen, die Zölle ermäßigt, insbesondere der Getreidezoll, als die 1854 neu auftretende Reben- und die Seidenraupenkrankheit einen Notstand im Lande erzeugt hatten. Am liebsten wäre Cavour zum englischen Freihandel übergegangen. Eisenbahnen wurden gebaut, und die 1853 eröffnete Linie Turin-Genua mit ihren Tunneln bedeutete damals eine große Leistung. Eine Steuerreform führte den Grundsatz der Gleichberechtigung aller durch. Die gesamte innere Tätigkeit ging auf Hebung der Bildung, des Wohlstandes und der Wehrkraft. Kein Wunder, daß angesehene Männer, namentlich aus österreichisch Italien, nach dem neuen Musterlande der Freiheit auswanderten. Wir greifen zwei Gesetze heraus, weil sie die Zeitrichtung und zugleich den gut katholischen König charakterisieren. D’Azeglio hatte 52 mit Einwilligung des Königs ein Gesetz über die Zivilehe vor und durch die Kammer gebracht. Nun aber erhielt der König einen eigenhändigen Mahnbrief von dem Papst, woraufhin er erklärte, er werde nie und nimmer ein Gesetz vollziehen, das beim Papst Mißvergnügen errege. D’Azeglio sah sich dadurch vor der Kammer bloß gestellt und nahm seinen Abschied. Auch sein Nachfolger Cavour war für das Gesetz, aber da es inzwischen im Senat, mit zwar nur einer Stimme Mehrheit, verworfen wurde, so ließ man es fallen. — Da das Land eine Überzahl an Klöstern hatte, entzog ein Gesetz von 1855 die Korporationsrechte allen Klöstern, die sich nicht durch Unterricht oder Krankenpflege nützlich machten. Ihre Besitzungen wurden verkauft, und die Zinsen sollten zur Aufbesserung der Pfarrgehälter dienen. Nur ungern hatte der König seine Einwilligung gegeben, und als er . darauf innert sechs Wochen seine Mutter, seine Gemahlin und seinen Bruder, den Herzog von Genua, durch den Tod verlor, war er geneigt, darin eine göttliche Warnung zu erblicken. 1 Der Krimkrieg, 55/56. — 348 — Nun erboten sich die sardinischen Bischöfe, welche diese Stimmung kannten, von sich aus eine Million Franken zu demselben Zwecke zur Verfügung zu stellen, wenn das „Klostergesetz“ zurück genommen werde. Es war kein leichtes Stück, den König trotzdem feur Unterzeichnung des Gesetzes zu bringen. Er sagte dem Ministerium: „Lieber ginge ich nach Amerika, , als daß ich mich noch einmal auf eine solche Sache einließe“. t Zur äußern Politik Sardiniens übergehend, haben wir vom Krimkrieg 1855/56 und vom sardinisch-österreichischen Krieg von 1859 zu sprechen, und von dem, was sich unmittelbar anschließt. 1. Der Krimkrieg. Als Phase der orientalischen Frage haben wir ihn schon behandelt. Hier kommt er nur als sardini- scher Steigbügel in Betracht. Im Gegensatz zu dem stolzen Wort Karl Alberts, „L’Italia farä da se“, hatte Cavour sich überzeugt, daß Sardinien auf das übrige Italien nicht zählen und für sich alleine das mächtige Österreich nicht aus Italien hinaus bringen könne. Es mußte fremde Hülfe gewonnen werden, und die Umschau machte ihm klar, daß, der ganzen Sachlage nach, nur die Westmächte in Betracht kommen konnten. So tat denn sein Kabinett schon eine Weile her alles, um Frankreich und England gefällig zu sein. Im Krimkrieg ^ aber faßte Cavour, natürlich im Einverständnis mit dem König, die Gelegenheit, um sich die beiden Mächte zu verpflichten und ihre sichere Freundschaft zu erwerben. Im Hintergrund leitete den weitausschauenden Staatsmann auch der Gedanke, daß es für das durch seine Lage, neben andern, zur künftigen Mittelmeermacht berufene Italien nicht gleichgültig sei, ob Rußland im Osten dieses Mittelmeeres zur Übermacht gelange oder nicht. So bot Sardinien sich den Westmächten als Partner an. Die konnten Truppenhülfe wohl brauchen, wenn es auch nur 15,000 Mann waren. Aber es ging nicht einmal so ganz leicht damit, seit Österreich sich ebenfalls den Westmächten genähert hatte. England hätte überdies am liebsten die sardinischen Truppen in seinen Sold genommen, um damit seine viel kleinere Truppenzahl derjenigen Frankreichs mehr < anzugleichen. Aber Cavour wollte nicht Geld, sondern Freundschaft, wollte nicht Söldner ausleihen, sondern als Allianzglied selbständig beteiligt sein. Im Januar 1855 kam ein Vertrag zustande. Es war den sardinischen Truppen nicht beschieden, sich — 349 durch große Taten auszuzeichnen. Sie waren an keiner großen, entscheidenden Aktion, so auch nicht am letzten Sturm auf Sebastapol beteiligt. Doch hatten sie sich wacker gehalten und wurden nach der Heimkehr in Paris und London freigebig und vielleicht etwas „chargiert“ gelobt. — Die Zulassung zum Friedenskongreß in Paris wurde Sardinien zuerst bestritten, dann auf die Verhandlungen beschränkt, wo es direkt betroffen sei. Aber Cavour erlangte mit Klugheit und Ausdauer schließlich seine volle Zulassung, und es war nicht wenig, daß das kleine Sardinien neben den Großen im Rate der hohen Politik sitzen durfte. Einen materiellen Gewinn trug es allerdings nicht davon. Cavour schlug vor, den Herzog von Parma über die nominell türkischen Donaufürstentümer zu setzen, wofür Parma als Entschädigung für gehabte Kosten an Sardinien fallen sollte. Natürlich protestierten Österreich, Rußland und die Türkei, und Cavour mußte heimkehren „ohne auch nur das kleinste Herzogtum in der Tasche“. Aber er hatte mit Hülfe Frankreichs und Englands erreicht, daß er am Schlüsse des Kongresses die italienische Frage Vorbringen, als Vertreter des einzigen i einheimischen italienischen Fürstenhauses den nationalen Beschwerden Ausdruck geben, „gegen Österreich und die von ihm abhängigen italienischen Regierungen vor dem Richterstuhl Europas Klage erheben“ konnte. Er erreichte zwar keine Beschlüsse, aber er wurde gehört, und es wurde über die Sache gesprochen. „Je n’ai pas ete ecoute, sagte er, mais j’ai ete entendu“. Sein größter Gewinn war die Freundschaft Napoleons, und die Aussicht auf seine, vielleicht auch Englands Hülfe, wenn einst die Stunde gekommen wäre. 1 Schon 1848, 14 Tage nach seiner Wahl zum Präsidenten, wurde Louis Napoleon von den Italienern in Paris gefragt, was 1 Sardiniens Freundschaft mit den Westmächten, im Zusammenhang mit der allgemeinen Lage, nötigte Östereich zu einigem Entgegenkommen in Italien. Franz Josef weilte Ende 56 mehrere Monate mit seiner jungen Gemahlin, der schönen Elisabeth von Bayern, in seinen italienischen Landen. Mailand bereitete den Majestäten sogar einen „fröhlichen Einzug“. Eine umfassende Amnestie und Aufhebung des Sequesters auf den Gütern der Flüchtlinge begleitete den kaiserlichen Besuch. Doch war die Wirkung weder allgemein, noch tief und nachhaltig. Die Gegensätze waren nicht zu überbrücken. Österreich mußte seinem Wesen nach die von der öffentlichen Meinung und der Presse geforderte „Revision der Verträge“ (von 1815) und das Nationalitätsprinzip ablehnen. In Italien dachte man nicht ans Verzichten. Früher oder später mußte die Gewalt entscheiden. Cavour am Friedenskongreß, Stellung Napoleons zur italienischen Frage. er für ihr Vaterland zu tun gedenke ? Er ließ ihnen antworten, sein Name sei Bonaparte, und er fühle die Verpflichtung, welche dieser Name in sich schließe. Italien sei ihm teuer, aber seine Pflichten gegen Frankreich gingen vor; für den Augenblick seien ihm die Hände durch die Nationalversammlung gebunden. Man muß sich, um dies und manches Spätere zu verstehen, an die Prinzenzeit des Präsidenten erinnern, daß er 1830/31 in Rom und Ancona bei den Carbonari war. Nach der Schlacht bei Novara, März 49, geriet der Präsident in die größte Aufregung und hielt mit Mühe an sich, um nicht Sardinien gegen Österreich beizuspringen. Sein Ministerium gab in der Nationalversammlung die Erklärung ab, es würde eine Verletzung des sardinischen Gebietes nicht zulassen, was freilich von keiner großen Bedeutung war, da Österreich zum voraus versichert hatte, das sardinische Gebiet nicht antasten zu wollen. Wenn nun der Kaiser seit 56 Cavour seine Freundschaft bezeigte und 58 es sogar als den „liebsten Traum seines Lebens“, als den „heißesten Wunsch seines Herzens“ bezeichnete, Italien von Österreich zu befreien, so werden wir, etwa mit Abzug der Superlative, ihm wohl glauben dürfen. Jakob Burckhardt hat es in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ von Frankreichs Interessen aus als einen Fehler bezeichnet, daß Napoleon Italien die Hand zu seiner nationalen Einheit geboten habe. Vom gäng und gäben Standpunkt der oft so niedern hohen Politik aus wird er recht haben. Bismarck sagte auch irgendwo von Napoleon, sein Verstand sei meist überschätzt, sein Herz meist unterschätzt worden. Napoleon selber nannte es gerne das glückliche Vorrecht der Frauen, den kalten Rechnungen der Politik fern zu bleiben. Gestattete er sich hier vielleicht einmal bewußter- und gewolltermaßen weibliche Herzenspolitik? Es ist aber festzustellen, daß Napoleon bei der italienischen Angelegenheit weder sich noch Frankreich vergaß. Einmal dachten damals weder er noch Sardinien an einen italienischen Einheitsstaat. Sardinien sollte die Lombardei und Venetien bis an den Isonzo, dazu die sogenannten Legationen, Bologna etc. und die Marken erhalten und so zum Königreich Oberitalien erweitert werden. Dem Papst würde jedenfalls die Umgebung von Rom bleiben, der Rest des Kirchenstaates mit Toscana ein mittelitalienisches Königreich, vielleicht unter der Herzogin Luise von Parma, 1 1 Schwester des Grafen von Chambord, Gemahlin Herzogs Karls III. (1854 ermordet), Regentin für ihren minderjährigen Sohn Robert. 3Si alle drei Königreiche, Oberitalien, Mittelitalien, Süditalien oder Neapel, unter Vorsitz des Papstes, einen Staatenbund bilden, Savoyen aber, vielleicht auch Nizza, an Frankreich fallen. Der Kaiser pflegte sich als Vertreter des Nationalgedankens zu geben und sah sich gerne im Geiste als den Befreier Italiens, den Führer der romanischen Völker, die mit Dank und Bewunderung zu ihm aufschauen würden, aber nicht stark genug wären, um ihre Wege ohne ihn oder gar gegen ihn zu wählen. „Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ Der Plan mit Italien hatte doch auch seine großen Schwierigkeiten. Der Bruch mit Österreich konnte Napoleon keineswegs restlos angenehm sein. Es war auch inkonsequent, im Namen des Nationalitätsprinzips Österreich aus Italien hinaus zu treiben und die französische Besatzung in Rom zu lassen. Aber die eigenen Truppen von Rom abzuberufen, verbot sich mit Rücksicht auf den unentbehrlichen klerikalen Anhang in Frankreich. So zögerte Napoleon mit den Taten, und Cavour hütete sich, ihn zu drängen. . Da war es das Attentat Orsini, das den Entschluß des Kaisers zur Reife brachte. Am 14. Januar 1858, als das Kaiserpaar zur Oper fuhr, wurden drei Bomben nach dem kaiserlichen Wagen geschleudert. Zehn Personen waren tot, etwa 150 von Splittern mehr oder weniger verletzt, das Kaiserpaar nach den einen Augenzeugen völlig unversehrt, nach den andern hatte der Kaiser eine leichte Ritzung an der Nase und ein Loch im Hut. Die Kaiserin soll ihre Fassung besser bewahrt haben als der Kaiser. Sie gingen in die Oper und wohnten der Vorstellung bis zu Ende bei. Die Täter wurden von der Polizei fast auf der Stelle gefaßt. Drei von den Vieren waren Italiener, ihr Haupt Felix Orsini. Er bekannte sich zur Tat. Sein Vater war im Aufstand von 1830/31 gefallen; er selber, bisher an allen Versuchen zur Befreiung Italiens beteiligt, war unter den 1846 von Pius IX. Amnestierten, 1849 Mitglied der römischen Konstituante, lange in Mantova gefangen, wieder entkommen und nach England geflohen. Die Bomben waren in Birmingham hergestellt, das Attentat in England vorbereitet worden. Das Vorleben Orsinis, wie es in dem Prozesse durch den Verteidiger, Jules Favre, dargelegt wurde, erhob ihn über den gewöhnlichen Atten- Das Attentat Orsini, 14. Jan. 1858 Konferenz in Plombieres Juli 1858. täter zum Märtyrer-Helden und Werkzeug der Vorsehung. 1 Er schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Kaiser, worin er ihn beschwor, Italien zu befreien, dessen Söhne ihr Blut für Napoleon den Großen vergossen, und nicht zu dulden, daß in einem neuen, bevorstehenden Kampfe Österreich von Deutschland Hülfe bekomme; so lange Italien nicht frei und unabhängig sei, werde weder Italien noch Frankreich Ruhe bekommen. „Befreien Sie mein Vaterland, so schloß der Brief, und der Dank von 23 Millionen Bürgern folgt Ihnen in die Nachwelt.“ Diesen Brief las Jules Favre dem Gerichtshof vor und zwar mit Zustimmung, um nicht zu sagen, auf Wunsch des Kaisers. Orsini mußte natürlich verurteilt werden; der Kaiser aber hätte ihn gerne begnadigt, und zwar, wie die Kaiserin wünschte, am Geburtstag des Sohnes, was dem Prinzen Glück bringen würde. Allein der Staatsrat widerstrebte der Begnadigung, und so unterblieb sie. Am 3. März schrieb Orsini einen zweiten Brief an den Kaiser, dankte ihm für die Veröffentlichung des ersten, freute sich, daß seine patriotischen Wünsche im Herzen des Kaisers ein Echo gefunden und ermahnte die Italiener, nicht mehr den Mord als politisches Mittel zu wählen, sondern durch Selbstverleugnung, Hingebung, Einigkeit und Tugend die Befreiung Italiens zu bewirken. Es wurde von manchen geglaubt, daß dieser zweite Brief Napoleon vor weitern Attentaten schützen sollte und von ihm selber veranlaßt worden sei. Beide Briefe wurden auf Napoleons bestimmten Wunsch in der „Gazzetta Piemontese“ veröffentlicht, obschon Cavour darauf aufmerksam machte, daß das einen direkten Angriff auf Österreich bedeute. Gegen eine gewisse italienische Presse, welche das Attentat zur Hetze gegen Napoleon benutzte, ging die sardinische Regierung, zu Napoleons Befriedigung, mit Strenge vor. Im Juli 58 lud dann der Kaiser durch einen Vertrauensmann Cavour zu einer Besprechung in das elsässische Bad Plombieres ein. Sofort begab sich der Minister, unter dem 1 Stellen aus der Verteidigungsrede: „Ist eine Nation so unglücklich, unter das Joch eines Tyrannen zu geraten, so wird der Stahl eines Meuchelmörders ihre Ketten nicht sprengen. Die Regierungen fallen durch ihre eigenen Fehler, und Gott, der ihre Stunden zählt, weiß Katastrophen zu bereiten, ungleich schrecklicher als die Höllenmaschine.eines Verschwörers.“ Von Orsini: „Die Vorsehung wollte nicht, daß er sterbe. Warum? Das zu beantworten steht uns armen, kurzsichtigen Sterblichen nicht zu.“ — 353 — Prätext einer Schweizer reise, nach dem Elsaß, und — von der Welt imgewußt — wurde in dem friedlichen Vogesenbad in vierstündiger Konferenz der oben skizzierte Plan einer Neugestaltung Italiens festgelegt. Noch war ein besonderer Wunsch des Kaisers zu erfüllen, die Verlobung Clotildens, der 15 jährigen Tochter Victor Emanuels, mit dem Prinzen Napoleon, genannt Plon-Plon, Sohn des einstigen Königs Jörome von Westfalen. Zwar hatte man in Turin gemeint, für des Königs Tochter einen Kronprinzen beanspruchen zu dürfen, aber man durfte weder den Kaiser noch den Prinzen reizen. Eine beneidenswerte Partie war die Heirat mit dem 21 Jahre ältern Prinzen nicht, hatte doch auch der Kaiser zu Zeiten nicht eben empfehlend von ihm zu sprechen gewußt. Die Wünsche der Prinzessin konnten nicht in Betracht kommen ; sie mußte eben geopfert werden. Wenn einst das Buch der verkauften und geopferten Frauen geschrieben werden sollte, so müßte wohl mit den Prinzessinnen begonnen werden. — Die junge Prinzessin ging in der Tat keiner glücklichen Zukunft entgegen. Die Kaiserin war ihr unfreundlich gesinnt, und der Stolz der Königstochter aus altem Hause war nicht geeignet, das Verhältnis zu bessern. Eugönie gerierte sich bekanntlich als Königin der Mode; aber auf anzügliche Ratschläge bezüglich der Toilette antwortete die Prinzessin gelegentlich : „Sie vergessen, Madame, daß ich am Hofe geboren bin.“ Das wurde ihr nicht vergessen. Schlimmer war die Lebensweise des Gemahls, der bald genug wieder in sein früheres, zügelloses Leben zurückfiel und mit zynischer Offenheit seinen Liebschaften nachging. So vertrauerte die Prinzessin ihr Leben in Paris einsam und einförmig. Sie zeigte sich selten in den Tuilerien und suchte Trost in der Erziehung ihrer Kinder, in religiösen Übungen und frommen Werken. Popularität war ihr nicht beschieden. Ein förmlicher Vertrag folgte den Abmachungen in Plom- bieres im Dezember 58. Von da an rüstete Sardinien eifrig. Die Konstellation der Mächte war nicht ungünstig, und es sollte nicht mehr gezögert werden. In der Tat stand Österreich isoliert. Wie wir wissen, hatte es sich durch seine Haltung im Krimkrieg den Haß Rußlands zugezogen, ohne die Freundschaft der Westmächte zu gewinnen. Der Kaiser aber und Cavour hatten schon auf dem Pariserkongreß sich mit Rußland wieder freundlich zu stellen gewußt. Als im Herbst Flühmwm, Vorträge. 23 Prinzessin. Clotilde Die Konstellation derMSchte. — 354 Neujahrs- emptang in den Tuile- rien 1859. 1856 die Kaiserin Mutter Alexandra in Nizza weilte, überhäufte Victor Emanuel sie mit Beweisen von Hochachtung,, und als vollends Sardinien 1857 Rußland gestattete, in dem kleinen Hafen Villafranca bei Genua eine Kohlenstation zu errichten, gestaltete sich das Verhältnis zu Rußland ausgezeichnet. Eine sardinische Anfrage an Preußen, das in Deutschland eine ähnliche Stellung einnahm wie Sardinien in Italien, wurde zwar in Berlin kühl abgelehnt. Aber auf Grund der bestehenden Spannung Preußens gegenüber Österreich glaubte man doch, auf preußische Neutralität rechnen zu dürfen. Für das seit 1857 mit dem indischen Aufstand behaftete England. konnte der mit Napoleon befreundete Premier Palmerston die Neutralität um so eher Zusagen, als man in England im allgemeinen Italien günstig gesinnt war. Offenkundig wurde das Vorbereitete am 1. Januar 1859 in Paris, indem Napoleon beim Neujahrsempfang des diplomatischen Korps zum österreichischen Gesandten, Freiherrn von Hübner, sagte: „Ich bedaure, daß die Beziehungen meiner Regierung zu der österreichischen nicht so gut sind wie früher, aber ich bitte Sie, Ihrem Kaiser zu sagen, daß meine persönlichen Gesinnungen für ihn sich nicht geändert haben“. Die Worte wirkten „wie ein Alarmschuß“ und sollen durch das Fallen aller Fonds Frankreich eine Milliarde gekostet haben. Victor Emanuel seinerseits sagte auf den Rat Napoleons am Schlüsse seiner Thronrede vom 10. Januar 59, der König von Sardinien könne, trotz aller Achtung vor den Verträgen, nicht unempfindlich bleiben gegen den Schmerzensschrei, der aus allen Teilen Italiens zu ihm dringe. — Napoleon schickte im Januar noch einen besondern Gesandten zum Zaren, um sich dessen freundliche Gesinnung zu sichern. Im Vorübergehen bot der Gesandte in Berlin, für Hülfe im italienischen Kriege, Holstein, Hannover und Kurhessen an! Der Zar wünschte für seine freundliche Haltung die x Beseitigung der ihm ungünstigen Artikel im Pariserfrieden von 1856,, was Napoleon mit Rücksicht auf England unmöglich Zusagen konnte. Dagegen versprach er bereitwillig, daß die polnische Frage nicht aufgerührt werden solle. Auf beiden Seiten wurde nun offen gerüstet. Noch machte die Diplomatie einige nutzlose Anstrengungen zur Vermittlung.. Von Napoleon veranlaßt, schlug Rußland einen Kongreß vor. Österreich stellte die Bedingung, daß Sardinien nicht zu-- — 355 gelassen und nicht von Gebietsveränderungen geredet werden dürfe, womit es bei den Mächten keinen günstigen Eindruck machte. Der Kongreß fiel dahin. Der Knoten war nicht zu lösen, er mußte zerhauen werden. Napoleon stellte sich vor der Welt auf das Nationalitäts- prinzip: Italien solle sich selbst wieder gegeben werden, und erklärte es als seine Pflicht, „dem Ehrgeiz eines Staates entgegen zu treten, der bis zu den (West-) Alpen gebieten wolle und in jedem unabhängigen Land eine Gefahr für seine Macht fürchte“. Österreich seinerseits stützte sich auf die Verträge von 1815. Es machte den Worten ein Ende mit seinem Ultimatum vom 23. April 59, worin es von Sardinien Ultimatum die sofortige Abrüstung, ein Ja oder Nein binnen drei Tagen ^reichs,^ forderte. Österreich nahm damit Sardinien das Odium ab, ' n den Krieg anfangen zu müssen. Cavour verließ am 24. die extra berufene Kammer, nachdem sie die Kriegsvorlage angenommen, mit den Worten: „Jetzt gehe ich aus der letzten piemontesischen Kammer; die nächste wird die des Königreichs Italien sein“. Als er am 26. dem österreichischen Gesandten die ablehnende Antwort überreicht hatte, rief er seinen Freunden zu: „Alea jacta est. Wir haben Geschichte gemacht; jetzt laßt uns speisen.“ In einer Proklamation rief Napoleon den Italienern zu: „Seid heute nur Soldaten, um morgen die freien Bürger eines großen Landes zu sein“. Der Krieg verlief im ganzen rasch und blutig. Am 4. Juni Der iom- wurde Österreich bei Magenta, westlich von Mailand, ge- b Krieg\ C schlagen, am 8. zog Napoleon an der Seite Victor Emanuels in Mailand ein, von einer jubelnden Bevölkerung empfangen. *• Juni 59. Es war einer der schönsten Tage seines Lebens, war doch der Sieg von Magenta wesentlich unter seiner Führung gewonnen. Die österreichischen Truppen zogen sich überall zurück. Kaiser Franz hatte keinen Radetzky mehr. Um das Vertrauen der Truppen zu heben, übernahm er selbst das Oberkommando. Trotzdem erlitt Österreich bei Solferino, südlich vom Garda- Solferino, see, am 24. Juni eine zweite Niederlage. Die weit ausgedehnte 24 - J uni 59 - Schlacht wurde nach der Anhöhe und dem Dorfe Solferino benannt, im Zentrum der österreichischen Schlachtaufstellung, wo sie entscheidend durchbrochen worden. Gegen 5 Uhr nachmittags ging ein furchtbares Gewitter über die Landschaft, das dem Kampfe ein Ende machte. Nur der österreichische Feldzeugmeister Benedek setzte die Schlacht nachher noch — 356 Waffenstillstand, 8. Juli 59. Vorfriede von Villafranca. 12. Juli 59. Friede von Zürich, Nov. 59. fort und blieb in seinem Teil, bei San Martino, wohl eine: Stunde nördlich von Solferino, unbesiegt. Die Österreicher hatten 13,000 Tote und Verwundete und ließen 9000 Gefangene in den Händen des Feindes. Die Verluste der Sieger waren noch größer; bei den Franzosen werden 12 —13,000, bei Sardinien 5—6000 angegeben. Napoleon erwies sich übrigens in diesem Kriege technisch, besonders durch seine damals neuen, gezogenen Kanonen überlegen, die eine außerordentliche Flugweite hatten. Die Schlacht war ein greuliches Gemetzel gewesen, der Tag drückend heiß und schwül. Napoleon fühlte sich, wie er der Kaiserin schrieb, körperlich unwohl, und die Schrecken der Schlacht hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Franz Josef aber sagte erschüttert: „Lieber eine Provinz verlieren, als noch einmal so gräßliche Dinge erleben“. 1 Trotz den Bemühungen Benedeks, des tüchtigsten unter seinen damaligen Truppenführern, den Kaiser zur Fortsetzung des Krieges zu bestimmen, ging dieser willig auf einen Waffenstillstand ein, den ihm Napoleon vorschlug. Am 8. Juli kam er zustande, am 11. traten beide Kaiser, ohne Victor Emanuel,' zu einer persönlichen Unterredung zusammen und setzten die Präliminarien von Villafranca fest. Österreich trat die Lombardei, mit Ausnahme von Peschiera und Mantova, an Napoleon zuhanden Sardiniens ab. Venetien blieb bei Österreich, sollte jedoch mit dem übrigen Italien unter dem Ehrenvorsitz des Papstes zu einem Staatenbund zusammentreten, wenn ein solcher zustande kam. Die Wiedereinsetzung der Fürsten von Modena und Toscana sollte nicht gehindert werden. Auf Napoleons Bedingung, die Rückkehr dürfe nicht mit Waffengewalt geschehen, ging Franz Josef nicht ein, und man ließ sie fallen. Napoleon wollte Parma und Piacenza an Sardinien geben. Franz Josef weigerte sich, wegzugeben, was ihm nicht gehöre. So wurde über das Herzogtum nichts bestimmt. Auf dieser Grundlage kam dann am 10. November der Zürcher- friede zustande. — Die Wahl Zürichs für die endgültigen Friedensverhandlungen bedeutete eine Art Zutrauensvotum für die Schweiz. Sie hatte natürlich bei Beginn des Krieges ihre Neutralität erklärt und zu ihrer Wahrung unter General Dufour 1 Die Schrecken dieses Schlachtfeldes, denen gegenüber die menschliche Fürsorge in traurigster Weise versagte, gaben den Anlaß zu Henri Dunants Schrift: „Un Souvenir de Solferino" (1862) und zur Gründung der Genfer Konvention und des Roten Kreuzes, 1864. — 357 — die Südgrenze besetzt, zunächst im Tessin, dann auch in Graubünden. Zum Glück entfernte der Kriegssturm sich bald von unserer Grenze. Garibaldiner und Flüchtlinge wurden an unserer Grenze entwaffnet und interniert, und im Gegensatz zu früher gelang es dem stärkern Bund, die Neutralität tadellos durchzuführen. Die plötzliche Wendung wirkte nach allen Seiten überraschend, ja verblüffend. Victor Emanuel war aufgebracht und drohte, den Krieg allein fortzuführen, worauf Napoleon kühl bemerkte, dann könnte er allenfalls zwei Gegner statt nur einen vor sich haben. Cavour trat sofort vom Ministerium zurück und ging nach Turin, ohne Napoleon vorher gesehen zu haben. Was machte den so schnellen und unerwarteten Friedensschluß verständlich ? Österreich stand nicht nur isoliert; es war auch finanziell und technisch schlecht gerüstet, entbehrte der großen Feldherren, und das friedlose Ungarn im Rücken war ihm eine Gefahr. Es hatte den deutschen Bund zur Hülfe aufgefordert. Der Prinzregent von Preußen seinerseits knüpfte die Hülfe an die Bedingung, daß das Bundesheer unter Preußens Führung gestellt werde, während Österreich den Prinzregenten bloß als Bundesfeldherrn anerkennen wollte. Als solcher wäre er unter den Bundeskriegsrat gestellt worden, was er entschieden ablehnte. Trotz dieser Spannung rüstete indessen Preußen, um zum Eingreifen bereit zu sein. Aber Franz Josef konnte auch in der Stunde der Not die Rivalität gegen den preußischen Emporkömmling nicht überwinden. Er mochte lieber ohne Preußen fertig werden, um nicht, zu dessen Gunsten, seine Stellung in Deutschland halb oder ganz einzubüßen. Napoleon aber mußte sich, angesichts der preußischen Rüstungen, gefaßt halten, am Rhein angegriffen zu werden, dann einen großen Krieg an zwei Fronten zu führen, dessen Tragweite, Dimensionen und Ausgang nicht zu berechnen waren. Für Sardinien und Italien war doch ein schöner Erfolg erreicht, ohne daß indessen Sardinien allzu sehr erstarkt wäre. Solferino liegt im Gebiete des mehrfach erwähnten Festungs- vierecks; ging der Krieg weiter, so stand jetzt ein langwieriger, schwieriger Festungskrieg bevor. War es für Napoleon geraten, so viel auf sich zu nehmen und noch mehr französisches Gut und Blut für nicht französische Ziele zu opfern ? 1 So Stimmungen nach dem Frieden. Was hatte zum Frieden geführt ? 1 In Frankreich war Napoleons Krieg für „eine Idee“ keineswegs durchschlagend populär. Thiers und Genossen hatten z. B auch die Besorgnis, — 358 — Enttäuschung in der Romagna und in Mittelitalien, Plebiszite. wurde der Friede bestimmt durch alle möglichen fremden Rücksichten, am wenigsten oder gar nicht durch die Rücksicht auf Italien und die betroffenen Landschaften selber, um welche der „turpe mercato“ (der niederträchtige Markt) der Könige ging. Und doch war die Entrüstung der Italiener zwar begreiflich, aber, gelinde gesagt, unangebracht, Napoleon gegenüber, der ihnen nichts schuldig war und vieles gegeben hatte. Gab er ihnen doch den schönen Anfang in die Hand. Ohne das Jahr 59 hätte es kein Jahr 60 geben können, und wäre in der Folge auch wohl kein 66 und 70 möglich gewesen. Nun waren aber außer den Sardiniern auch die Mittelitaliker, Toscaner, Modenesen etc. höchlich enttäuscht und erbittert. „Frei bis zur Adria“ war Napoleons Devise gewesen bei Eröffnung des Krieges; jetzt kam die andere auf: „L’Italia farä da se“, Italien wird selber fertig werden, — Napoleon hatte selber noch so ein Wort hingeworfen, die Mittelitaliker müßten eben ihre Fürsten nicht zurückkehren lassen. Gleich zu Beginn des Krieges hatten die Fürsten von Modena und Toscana sich zur Flucht veranlaßt gesehen. Leopold II. von Toscana hatte übrigens Florenz im Wagen verlassen, ohne daß ihm ein böses Wort nachgerufen worden wäre. Man hatte ja auch keine Ursache dazu, nur verlangte der Nationalgedanke die Entfernung der fremden Dynasten. Jetzt fanden überall Volksabstimmungen nach französisch-napoleonischem Muster statt, die mit gewaltigen Mehrheiten für Anschluß an Sardinien votierten. Österreich war nicht im Falle, sich zu widersetzen. Napoleon ließ es zu und verlangte nun dagegen Abtretung von Savoyen und Nizza, die ebenfalls durch ein Plebiszit sanktioniert wurde. Cavour kehrte hierauf wieder ins Ministerium zurück. Im April 1860 trat das neue, erweiterte sardinische Parlament in Turin zusammen. So war trotz dem Frieden von Villafranca weit mehr erreicht, als man je hatte hoffen können, und mit dem Erfolg ein erstarktes Italien könnte Corsica wieder haben wollen. Dagegen ging durch Süddeutschland eine lebhafte Erregung zu Österreichs Gunsten, und man war dort bereit, Österreichs italienischen Besitzstand wahren zu helfen. Hatte doch auch im Frankfurterparlament 48, als vorgeschlagen wurde, den Selbständigkeitsbestrebungen Italiens die Zustimmung auszusprechen, ein Redner eindringlich betont, daß Italien bis wenigstens zum Mincio unentbehrlich sei zum Schutze Deutschlands. Und doch kämpfte Deutschland seit Jahrzehnten denselben Kampf um die nationale Einheit und Stärke. So wenig sind die Völker zu Gegenseitigkeit oder gar Solidarität reif und geneigt. — 359 — hatte der 1857 gegründete Nationalverein und die Nationalpartei in ganz Italien eine enorme Stärkung erfahren. — In Neapel war während des lombardischen Krieges König Ferdinand II. gestorben, sein Sohn Franz II. gefolgt. Noch ehe er etwas Gutes oder Böses tun konnte, wurde er in Neapel „il Re Bombicello“ genannt. Was er gebraucht hätte, um sich den revolutionären Boden wieder zu gewinnen, das verstand und vermochte der unerfahrene, 23jährige König nicht. Er beschäftigte sich unnützerweise mit Plänen, wie die entthronten Fürsten wieder eingesetzt werden könnten, ohne daß er den Entschluß zu einer Tat gefunden hätte. Die allgemeine Bewegung ergriff indessen sehr natürlicherweise auch den Süden. Es gab Aufstände auf der Halbinsel zu unterdrücken. Hier und besonders auf Sizilien, wo die Dynastie so sehr verhaßt war, arbeitete eine eifrige nationale Propaganda. Das Jahr seiner Thronbesteigung brachte für König Franz auch die Verabschiedüng der Schweizerregimenter. Es war für die Schweiz das endliche Ende der Militär-Kapitulationen. Verdrießlich für uns waren Anlaß und Begleitumstände. Mit den Schweizerregimentern war der blutige Aufstand vom 15. Mai 1848 in Neapel niedergeschlagen worden. Sympathischer wurden die fremden Söldner der Bevölkerung dadurch natürlich nicht. Nun aber hatten im Kriege von 59 die päpstlichen Truppen zusamt den „Schweizern“ sich bei der Erstürmung Perugias solche Rohheiten zuschulden kommen lassen, daß ein Empörungsschrei durch Italien ging, und zum Schutze der in Italien lebenden Schweizer sah sich der Bundesrat veranlaßt, den Schweizern in neapolitanischen Diensten die Führung der nationalen Farben zu untersagen, und als die Regimenter daraufhin meuterten, wurden sie aufgelöst und heim berufen. 80 Schweizer waren bei der Meuterei gefallen, 800 gefangen genommen worden. Mit dieser unrühmlichen Katastrophe ging die alte Reisläuferei in ihrem letzten Zweig zu Ende. Aber König Franz konnte die Entlassung der Schweizer in dieser Zeit zum Verhängnis werden. Die sardinische Regierung durfte sich natürlich in die Dinge in Süditalien nicht einmischen. Da schiffte sich am 6. Mai 1860 Garibaldi mit 1060 Freiwilligen bei Genua ein. Die Regierung sah nichts, durfte nichts sehen. Heimlich und knauserig wurde der Volksheld unterstützt. Am 11. Mai landeten die beiden Dampfschiffe etwas abseits bei Marsala, unter König Franz II. in Neapel, 1859-61. Auflösung der Schweizer- regimenter in Neapel. Zug der Tausend nach Marsala, Mai 60. — Z6c> — Garibaldi in Neapel, Sept. 1860. dem „zufälligen“ Schutz zweier englischen Fregatten. Unter einem Vorwand hielten diese die zwei herangekommenen neapolitanischen Kriegsschiffe so lange hin, bis Mannschaft und Ladung gelandet waren. Schon in Marsala proklamierte sich Garibaldi im Namen Victor Emanuels als Diktator und verkündete die allgemeine Wehrpflicht. Wenn er damit auch nicht durchschlug, so wurden doch seine Tausend allmählich zu Tausenden. Er zog sich in die Berge und sammelte weitern Zuzug. Dann ging er gegen Palermo vor, zog am 6. Juni daselbst ein. Wo er erschien, fiel das Volk ihm zu. Sein bloßer Name und seine südamerikanische camicia rossa wirkten wie ein Zauber. 30,000 Mann königlicher Truppen waren auf der Insel; sie wichen vor ihm wie einst die Engländer vor der Jungfrau von Orleans. Am 22. Juni ergab sich die Stadt Messina, und nur die Zitadelle hielt sich noch. König Franz hatte sich inzwischen beraten lassen, die Insel aufzugeben und sich auf die Halbinsel zu beschränken. England hatte ihm früher umsonst geraten, sich der nationalen und konstitutionellen Strömung anzuschließen. Jetzt aber wurde man am Hof plötzlich national und konstitutionell ; ein liberales Ministerium wurde berufen, die Verfassung von 1848 hervorgeholt, blank gebürstet und proklamiert. Victor Emanuel verbot jetzt Garibaldi offiziell, auf die Halbinsel überzugehen. Dieser antwortete: „Ich erlaube mir diesmal, Eurer Majestät nicht zu gehorchen“. Am 20. August war er in Reggio, und nun ging es auf der Halbinsel wie vorher auf der Insel. Wenig ernster Widerstand, überall Empfang mit Jubel. Man glaubte nicht mehr an bourbonische Verfassung und Zusagen, wollte nichts mehr von den Bourbon wissen. Am 6. September zog sich Franz II. mit noch etwa 40,000 Mann in die Festung Gaeta zurück, am 17. zog Garibaldi, jubelnd begrüßt, in Neapel ein. Er hatte es keinen Hehl, daß er weiter gehen werde, und daß das Königreich Italien vom römischen Kapitol aus verkündet werden müsse. Auch die Mazzinisten erschienen jetzt auf dem Schauplatz. Nun mußte Cavour handeln, wenn nicht die nationale Bewegung der Revolution ausgeliefert und durch einen Angriff auf Rom Napoleon zum Eingreifen gezwungen und damit alles Errungene in Frage gestellt werden sollte. Die sardinische Armee rückte aus, „um die Revolution in Neapel und einen Angriff auf Rom zu verhindern“. Natürlich war in den östlichen Gebieten des Kirchenstaates, — Z6i — durch welche der Marsch nach Süden eingeschlagen wurde, vorgearbeitet worden, so gut wie in Sizilien; überall verlangte die Bevölkerung, „in den Schoß der gemeinsamen italienischen Familie aufgenommen zu werden“. Der Papst hatte den verbannten legitimistischen französischen General Lamoriciere an die Spitze seiner zusammengelesenen Soldaten berufen. Er wurde bei Gastei Fidardo geschlagen, September 60. Am 21. Oktober entschied eine Volksabstimmung in Neapel und Sizilien für den Anschluß an Sardinien. Am 7. November zog Victor Emanuel, mit Garibaldi an der Seite, in Neapel ein. — Dann zog sich Garibaldi zur Bebauung seines Gutes auf die einsame Insel Gaprera bei Sardinien zurück, Lohn und Auszeichnung durchaus ablehnend. Zwei Dinge konnte er Cavour nicht verzeihen: daß er Nizza, Garibaldis Vaterstadt, den Franzosen gegeben, und daß er ihn hinderte, sein Werk mit Rom und Venetien zu krönen. Er hatte vom König die Generalstatthalterschaft über Neapel verlangt, mit der unbedingten Befugnis, gegen Rom vorzugehen, was ihm nicht zugesagt werden konnte. So zog er sich beleidigt zurück. In der Abschiedsproklamation an seine Freiwilligen sagte er aber: „Die Vorsehung schenkte Italien einen Victor Emanuel. Jeder Italiener muß sich ihm anschließen. Vor dem rö galantuomo (König Ehrenmann) muß aller Zwist verschwinden, aller Mißmut verfliegen.“ Er kündigte aber auch an, im März 1861 werde er wieder am Posten sein und hoffe, dann eine Million Italiener unter den Waffen zu finden. König Franz wartete inzwischen in Gaeta immer noch auf Hülfe befreundeter Mächte. Lange weilten französische Kriegsschiffe vor dem Hafen, um dem König Verproviantierung und auch seine Flucht jederzeit zu ermöglichen. Napoleon wollte sich von dem Verdacht reinigen, das Vorgehen des sardinischen Königs zu billigen. Am 20. Januar 61 zog er endlich seine Flotte zurück. Am 13. Februar kapitulierte König Franz und begab sich nach Rom, um auf eine Gegenrevolution zu warten. — Am 17. März trat das erste Parlament mit Vertretern auch aus den neuen Provinzen in Turin zusammen, und Victor Emanuel nannte sich von nun an „König von Italien durch Gottes Gnade und durch das Volk“. Machen wir Halt und gewähren wir der Betrachtung einigen Raum. Dieses Jahr 1859/60 war ein Auferstehungs- jahr für Italien, und eine Freude für alle Menschen eines Einzug Victor Emanuels in Neapel, Nov. 60. Garibaldi zieht sich zurück. König Franz in GaSta. 3Ö2 — idealen Glaubens, die da „hungern und dürsten“, daß endlich die Völker mehr gelten als ererbte Familienansprüche, und daß die Dynastien da seien für die Völker und nicht umgekehrt. Grenzt es nicht ans Wunderbare, was in dem einen Jahre geschehen in einer Welt, wo das Verkehrte so häufig, das Vernünftige, und gerade auch das politisch Vernünftige, so harte Widerstände findet, so schwer vom Fleck und so selten zur restlosen Verwirklichung kommt ? Aber freilich, das restlos und fleckenlos Große ist dieser Welt nicht be- schieden und war es auch hier nicht. Wir Menschen stehen uns ja immer selber im Wege, und wie viele und vieles waren sich hier im Wege! Es handelte sich nicht nur um die ab- gesetzten Fürsten, den geschädigten und bedrohten Papst. Auch sonst gab es knarrende Reibungen und schrille Mißklänge. Garibaldi bezeichnete sich selber als ausgepreßte und weggeworfene Zitrone. Auch seine Freischaren, die sich die Werkleute am Neubau Italiens dünkten, gingen meist mißvergnügt nach Hause. Garibaldi hatte die Beibehaltung seiner „Südarmee“ verlangt. Aber es war für die Regierung eine mißliche Sache, Garibaldis „Heer“ tale quäle zu übernehmen, wo die Offiziere wie in der Märchenwelt befördert wurden und zum Teil ganz ungebildete Leute waren; wo der Enthusiasmus die Disziplin ersetzen mußte. Begeisterung ist ein Hochzustand im Leben, ihrer Natur nach notwendig vorübergehend ; sie vollbringt Ausnahmewerke. Aber sie kann nicht zum Alltag, nicht Stiefelputzer, Kaminfeger, Taglöhnerin und Mädchen für alles werden. Auch Exerzierplatz und Kaserne sind nicht ihre Stätte; Zucht, Gehorsam und bescheidene Unterordnung sind hier nötig. Die Regierung forderte von den Garibaldikämpfem die Verpflichtung zu wenigstens zweijährigem Dienste, bot den Ablehnenden zum Abschied einen Halbjahrsold. Für die Offiziere stellte S sie eine Art Prüfungskommission auf. Die meisten zogen den Halbjahressold vor und gingen nach Hause; aber nicht wenige betrachteten sich ebenfalls als weggeworfene Limonen. Ganz Europa schaute in jenem Jahre auf Italien, die meisten Völker mit freudigem Beifall, die Höfe und Regierungen zum Teil mit Neid, Besorgnis und offenem oder geheimem Mißbehagen. Vielleicht nur in England waren Nation und Regierung gleichermaßen dem neuen Italien günstig gesinnt. England hatte allerdings bei der neuen Sachlage nichts -- Z6z — zu verlieren und wohl auch für die Zukunft nichts zu fürchten. Bei Napoleon mochten Herz und Verstand unter sich im Kampfe liegen. Aus seinen Worten spricht wiederholt Sympathie für Italien. Aber der französische und persönliche Egoismus, der kalte Interessenverstand der hohen Politik redete auch wieder dazwischen und hatte jedenfalls die äußere Führung. Der dritte Napoleon ist ja oft eine Sphinx genannt worden. Er war auch hier ein Rätsel, um so schwerer zu lösen, als Sein und Schein fortwährend durch und wider einander spielten. Diesbezüglich noch ein Beispiel. Als es sich für die sardinische Regierung darum handelte, den Marsch durch den Kirchenstaat nach Neapel zu unternehmen, da schickte Cavour einen Minister und den General Cialdini als vertraute Boten zum Kaiser nach Chambery, August 60. Sie sollen den lakonischen Bericht zurückgebracht haben: Fate, ma fate presto! frappez, mais frappez vite! Nach einer andern Version sagte der Kaiser, Sardinien möge bedenken, daß es handle „ä ses risques et perils“. Das kommt ja wohl ziemlich auf das Gleiche heraus, und Sardinien brauchte Frankreichs Eingreifen nicht zu fürchten. Öffentlich aber protestierte Napoleon nachdrücklich gegen Cavours Pläne und Vorgehen. Mit Bezug auf das Verhalten der Regierung zu Garibaldi in der römischen Frage haben wir noch zu konstatieren, daß auch die Regierung die Erwerbung von Rom und Venetien in Aussicht nahm, sogar in offener parlamentarischer Verhandlung. Cavour tat im März 61 in der Kammer dar, daß ohne Rom Italien nicht zur Ruhe kommen werde; daß es sich darum handle, eine Lösung zu finden im Einverständnis mit Frankreich, welche die geistliche Unabhängigkeit des Papstes gewährleiste und das Vertrauen der katholischen Länder gewinne. In diesem Sinne erteilte die Kammer ein Vertrauensvotum und einige Wochen später in ähnlicher Weise mit Bezug auf Venetien. Daß die Tätigkeit der letzten Jahre Cavours Gesundheit zugesetzt hatte, wird man begreifen. Aber niemand dachte an eine so rasche Katastrophe, als er am 29. Mai in fieberhafter Erregung die Kammer verließ. Die Ärzte wendeten den heftigen Fiebern gegenüber wiederholten Aderlaß an, was eine große Kräfteabnahme zur Folge hatte. Am 5. Juni ließ man den Bruder Giacomo kommen, der dem Kranken die Absolution erteilte; der König erschien und nahm mit Tränen Abschied. Stellung der Regierung zur römischen und vene- tianischen Frage. Cavours Ende. — 3 64 — Innere Sorgen. DasPatrio- monium Petri. In seinen Fieberphantasien jubelte der Kranke noch, daß es keine Piemontesen, Romagnolen, Toscaner und Neapolitaner, sondern nur noch Italiener gebe und gab sein politisches Testament, indem er sagte, daß Tirol und Istrien die Aufgabe einer späteren Generation seien. Als Bruder Giacomo am Morgen des 6. Juni kam, ihm das Sakrament zu reichen^ richtete er an ihn seine letzten Worte: „Chiesa libera in libero stato“, freie Kirche im freien Staate! Noch denselben Morgen, 6. Juni 1861, starb er, 51 Jahre alt, einer der größten, die Italien gehabt. Interessant war das offizielle Verhalten der Mächte zu dem neuen Königreich. Zuerst gab England „ohne Hörner und Zähne“ seine Anerkennung; die Schweiz und Griechenland folgten, dann die Vereinigten Staaten und andere überseeische Republiken; weiter Tunis, Marokko, die skandinavischen Staaten, Holland, Belgien. Die europäischen Großmächte: zögerten so lange, daß Cavour ihre Anerkennung nicht mehr erlebte, auch diejenige Frankreichs nicht. Aber größere Sorge hatte man im Innern, insbesondere in Süditalien. Das lange Mißregiment hatte verbrecherische Geheimbünde gefördert, in Neapel die Camorra, in Sizilien die Mafia. Moral und Rechtsbegriffe waren dadurch verwirrt und vergiftet. Erst eine lange, geduldige Erziehung konnte Besserung bringen. Die Statthalter im Süden sahen sich unlösbaren Aufgaben gegenüber und wechselten rasch. In den Bergen, namentlich in den Abruzzen, wimmelte es von Räubern. Die Soldaten der bourbonischen Armee waren zu Tausenden zu den Raubbanden gegangen, und es schien unmöglich, dagegen aufzukommen. Das weltliche Reich des Papstes war seit 1860 auf das alte Patrimonium Petri reduziert, die Campagna romana mit den Albanerbergen und den Apenpinen bis gegen die Abruzzen hin, ein Rechteck von reichlicher Gartengröße. Aber so klein es war, es war historisch klassischer Boden, mit Rom darin. Cavour hatte versucht, den Papst gütlich von der Notwendigkeit der Abtretung zu überzeugen, indem er betonte, der heilige Vater würde als bloß religiöses Haupt viel freier dastehen wenn er mit weltlichen, politischen Händeln nichts mehr zu tun hätte und nicht als Fürst neben Fürsten stünde. Das war sehr ungnädig aufgenommen worden. Also hieß es, sich gedulden. Aber für Garibaldi dauerte dieses diplomatische Warten — 365 — zu lange. Schon im März 61 hatte er, wie wir gehört, wieder auf dem Posten sein wollen; 62 hielt es ihn nicht länger. Er segelte im Juni von Genua nach Palermo. Die Aktionspartei, Garibaldis die „Italianissimi“, eine stete Verlegenheit für die besonnene p u a f e ?mo! Regierung, jubelten ihm im ganzen Lande zu; eine Freischar 62 - war schnell beisammen. Die königlichen Truppen verlegten ihm die Überfahrt von Messina. Da bog er nach Catania ab und setzte von dort nach Calabrien über. Aber am Aspromonte monte™ bei Reggio stieß er auf königliche Truppen und wurde, selbst verwundet, mit seiner Schar gefangen genommen. Er mußte sich in der Folge einer schmerzvollen Operation unterziehen, hatte dabei wenigstens den Trost, daß ganz Europa mit Teilnahme nach ihm fragte und sich an seiner Genesung mitfreute. Die Aktionspartei war seitdem etwas stiller geworden. Im September 1864 kam es dann zu einer vertraglichen Abmachung zwischen Frankreich und Italien, die September- September- Konvention genannt, derzufolge die französische Besatzung 1864 . Rom verlassen würde, aber erst binnen zwei Jahren, so daß der Papst Zeit genug habe, sich eine eigene, genügende Wehr für das Innere zu beschaffen. Den Schutz gegen jeden äußern Angriff übernahm Italien und versprach, trotz der eigenen prekären Finanzen, einen Teil der kirchenstaatlichen Schuld zu übernehmen, zugleich zur Beruhigung des Papstes vorderhand Florenz zur Residenz zu wählen. Der in Sicht stehende Residenzwechsel erregte nun Unzufriedenheit in Turin. Das Ministerium schritt gegen Aufruhrversuche streng ein. Das betrübte Victor Emanuel, der seiner Residenz zugetan war. Er berief ein neues Ministerium, mit dem Piemontesen Lamar- mora an der Spitze. Als sich dann aber auch das Parlament für die Verlegung der Residenz von dem exzentrisch gelegenen Turin nach dem zentraleren Florenz entschied, da gab es Pöbeltumulte in Turin, und nun verließ Victor Emanuel im Februar 65 ohne Abschied Turin und schlug seinen Sitz in Florenz auf. Dieses eilte, sich in baulicher Hinsicht herauszu- Florenz putzen, legte namentlich auch die prächtige Promenade, il rungssftz. „Viale dei Colli“ an, 18 Meter breit, fast 6 km lang, wodurch es sich zur Residenz würdig machte und — in Schulden brachte. Der Papst war zu der Septemberkonvention nicht zugezogen worden, worüber er natürlicherweise heftig zürnte. An Rückgewinnung der verlorenen Gebiete aus eigener Kraft — 366 — konnte er nicht denken. Mit dem Geist der Zeit geriet er immer offener in Zwiespalt, was seine Enzyklika und der Syllabus (Verzeichnis) von 1864 bezeugten. Es war die unzweideutige Antwort auf die zweideutige Septemberkonvention, Enzyklika zugleich eine Absage an die moderne Welt. Die Enzyklika Syllabus verlangte die völlige Unterordnung von Staat und Wissen- 1864 ‘ schaft unter die allein berechtigte Autorität der heiligen Kirche. Der beigefügte Syllabus verzeichnete 80 auf Religion, Wissenschaft und bürgerliches Leben bezügliche, mit dem römischen Katechismus nicht verträgliche „Irrtümer“. 1 Es war das Mittelalter, was da proklamiert wurde; die Welt war aber anders geworden; sie ging ihren Weg und schien sich wenig darum zu kümmern. Die Notwendigkeit, bischöfliche Sitze neu zu besetzen, nötigte indes Pius IX., sich schriftlich an Victor Emanuel zu wenden. Dieser schickte einen gewandten Staatsmann nach Rom und anerbot dem Papst bei dem Anlaß, gegen Anerkennung des italienischen Staates, einen entsprechenden Anteil der römischen Staatsschuld zu übernehmen. Die Antwort lautete: Non possumus! Vom Standpunkt des Papstes aus konnte sie nicht anders lauten. Das junge Königreich Italien aber wartete auf die Stunde, da „seine Geschicke sich dennoch erfüllen“ würden. 1 Nr. 77 und 78 der verworfenen „Irrtümer“ lauteten: „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische Kirche als alleinige Staatsreligion mit Ausschluß anderer Kulte gelte; es war daher wohlgetan, in gewissen katholischen Ländern den Einwanderern gesetzlich die öffentliche Ausübung ihres Kultus, welcher es auch sei, zu garantieren.“ — 367 — XVII. Österreich-Preußen-Deutschland 1849—52: Schleswig-holsteinische Frage, erste Phase; die deutsche Frage. Die schleswig-holsteinische Frage. Schleswig und Holstein liegen am Halse der jütischen Halbinsel. Diese soll ursprünglich bis an die Nordspitze von germanischen Kimbern, Sachsen und Friesen bewohnt gewesen sein. Als namentlich nach dem V. Jahrhundert eine starke Abwanderung nach England, der Rheinmündung etc. einsetzte, zogen mehr und mehr Dänen ins Land. Kaiser Heinrich I. errichtete 934 zum Schutz gegen Däneneinfälle die Mark Schleswig- zwischen Eider und Schlei. Die Dänen nannten das Gebiet nach wie vor Südenjüt- land, und Kaiser Konrad II. überließ die Mark 1026 an Knut den Großen von Dänemark. Holstein erscheint in der Folge als Grafschaft in der Hand derer von Schauenburg (Schaumburg). Graf Gerhard III., der Große genannt, verhall 1326 als Vormund dem zwölfjährigen Herzog von Schleswig auf den dänischen Thron. Als König Waldemar III. trat dieser dann zum Danke sein Stammland Schleswig erblich an seinen Vormund, den Grafen von Holstein ab, und die Waldemarische Konstitution bestimmte, daß „Schleswig nie wieder mit Dänemark so verbunden werden soll, daß Ein Herr sei“. Nun war das Herzogtum Schleswig mit der Grafschaft Holstein — die später auch zum Herzogtum avancierte — verbunden, und nach langem Streit wurde diese Vereinigung 1386 auch von Königin Margareta von Dänemark anerkannt. Als 1448 Herzog Adolfs VIII. Neffe, Christian von Oldenburg, König von Dänemark wurde, bestätigte er abermals, daß Schleswig nie mit Dänemark verbunden werden solle. Das hinderte ihn, Christian I. von Dänemark, nicht, nachdem 1459 mit Herzog Adolf VIII. das Haus Schauenburg erloschen war, die Landräte von Schleswig-Holstein zu bestimmen, daß sie ihn und seine männlichen Erben als Herzoge anerkannten, unter dem Vorbehalt, daß die Herzogtümer ein gesonderter Teil der Aus Schleswig-Holsteins Vorgeschichte. - 368 - dänischen Monarchie sein, nur einheimische Beamte haben , und daß Schleswig und Holstein „up ewig ungedeelt“ bleiben sollten. 1665 setzte dann eine lex regia für Dänemark die Sukzessionsfähigkeit der weiblichen Linie fest, zu gleichen Rechten, wie die männliche, während Schleswig und Holstein Mannslehen blieben. Diese Daten sind die wesentliche Voraussetzung für das Verständnis der Schleswig-holsteinischen Frage. Seit ihrer Verbindung mit der dänischen Dynastie wurden die Fürstentümer natürlich in alle Kriege Dänemarks hinein - gerissen und hatten z. B. im dreißigjährigen und im nordischen Krieg viel zu leiden. Auch sonst wurden die Verträge keineswegs streng eingehalten. Die königliche Linie teilte sich wiederholt, und auch die Fürstentümer blieben nicht immer in einer Hand. Es gab mit der Zeit einen glücksburgischen und einen gottorpischen Teil. Als weitere Verzweigungen begegnen uns die Häuser Sonderburg, Augustenburg etc. Zar Peter III., durch seine Mutter ein Enkel Peters des Großen, war väterlicherseits aus dem Hause Holstein-Gottorp. Sein Sohn, der nachmalige Zar Paul I., verzichtete 1773 auf Schleswig und trat auch Holstein, gegen Oldenburg und Delmenhorst, an Christian VII. von Dänemark ab. Seitdem betrachteten die Dänen Schleswig und Holstein als „die deutschen Lande“ Dänemarks. Die Verbindung mit Deutschland hatte sich indessen längst gelockert; mit dem Ende des römisch deutschen Reiches 1806 hörte sie auf. Doch hatten die Herzogtümer sich stets ihre Privilegien formell bestätigen lassen, hatten auch faktisch eigene Verwaltung, eigenes Zoll-, Münz- und Gerichtswesen und eigene Statthalter. Noch in demselben Jahr, als das römisch deutsche Reich zu den Toten gegangen war, nahm nun Dänemark die Herzogtümer als Erbschaft zu seinen Händen; ein königliches Patent vom September 1806 erklärte sie als untrennbaren Teil der dänischen Monarchie; und damit begannen auch gleich die Versuche, die alten Rechte als nicht bestehend zu betrachten und die dänische Sprache einzuführen. Vollends, als dann durch Spruch des Wienerkongresses Norwegen an Schweden überlassen werden mußte, da suchte das kleine Land seine südlichen, deutschen Gebiete um so sicherer festzuhalten. 1 Aber 1 Als 1816 noch das von Preußen abgetretene Lauenburg dazu kam, reichte Dänemark auf ziemlich großer Strecke bis an die Elbe, und ein äugen- 3&9 — dann kam der Wienerkongreß und erklärte ausdrücklich Holstein wieder als Glied des deutschen Bundes, trug indes dem Protest des dänischen Königs so weit Rechnung, daß er diese Mitgliedschaft nicht auch für Schleswig aussprach. Die Herzogtümer beklagten sich über die Trennung und beriefen sich auf ihre alten Verträge. Vom König und vom deutschen Bundestag abgewiesen, stellten sie sich um so fester auf die eigenen Füße. 1830, nach der Julirevolution und von ihr beeinflußt, wies der Vogt Uve Lomsen auf Sylt in seiner Schrift: „Über das Verfassungswerk in Schleswig-Holstein“ nach, daß die Herzogtümer 1. selbständige Länder, 2. untrennbar und 3. nur im Manneslehen vererbbar seien. Damit war bei dem damaligen Bestand des Königshauses ihre künftige Trennung von Dänemark dokumentarisch begründet. Uve Lomsen erntete für seine Stellungnahme Absetzung, Einkerkerung, Verbannung, endete sein Leben 1838 am Genfersee mit Selbstmord. Die Herzogtümer aber fußten nun fest auf den drei Sätzen. — Die Lösung der Schleswig-holsteinischen Frage rückte näher in Sicht unter Christian VIII. (1839—48), da er nur einfen schon betagten und kinderlosen Sohn hatte. Mit dessen Tode mußte die Monarchie wegen der verschiedenen Erbgesetze sich in ihre Teile auflösen. Über diesem Widerstreit entstanden in Dänemark und in Deutschland zwei Parteien. Die intransigenten Dänen, die Vertreter eines großem Dänemark, wollten nichts hergeben, die „Eiderdänen“ höchstens Holstein, so daß die Eider Grenze geworden wäre. Entgegengesetzt gleich wollten die Intransigenten Deutschlands, sagen wir die „Alldeutschen“, nichts, die Gemäßigten höchstens Schleswig bei Dänemark belassen. Bei den Dänen, die noch über den Verlust von Norwegen erbittert waren, hieß es indessen immer kategorischer: Alles oder nichts. Christian VIII. erklärte 1846 in einem „offenen Briefe“, daß er die Integrität der Monarchie aufrecht erhalten werde, und daß die dänische Erbfolge unzweifelhaft auch für Schleswig und Holstein gültig, nur in einigen Teilen Holsteins zweifelhaft sei. — Dänemark sprach so, weil es die Großmächte und Schweden auf seiner Seite wußte und für den Notfall auf ihre Hülfe zählte. Es konnte im Kriege schlimmsten Falls, fällig großer Teil seines Gebietes war durchaus deutsch. Heute ist das holsteinische Altona mit Ottensen völlig mit Hamburg zusammengewachsen. Uve Lornsens „drei Sätze.“ Christians VIII. „offener Brief,“ 1S46. Flühtnann , Vorträge. 24 — 37 ° — woran es nicht glaubte, die Herzogtümer verlieren. Warum sollte es zum vornherein auf seine Chance verzichten, sie beide und endgültig zu gewinnen? So schien der Knoten unlösbar und mußte also wohl zerhauen werden. — Wir können uns kaum eine Vorstellung machen von der Erregung und Leidenschaft, die darüber in Dänemark, Deutschland und natürlich in den Herzogtümern selber entstand. Vielleicht wäre unsere Neuenburgerfrage von 1856/57 ein schwächeres Pendant dazu. 1844 dichtete der Advokat Mathäus Friedrich Chemnitz in Schleswig das einzige Lied seines Lebens, das alsbald zur Nationalhymne der Herzogtümer wurde, die Dänen aber um so mehr in Harnisch brachte : 1. Schleswig-Holstein meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht! Wahre treu, was du errungen, Bis ein schönrer Morgen tagt! Schleswig-Holstein stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland! 7. Teures Land, du Doppeleiche Unter einer Krone Dach, Stehe fest und nimmer weiche, Wie der Feind auch dräuen mag I Schleswig-Holstein stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland! Christian Mit dem Tode Christians VIII. im Januar 1848 trat die Ä Frage in ein noch akuteres Stadium. Sein Sohn, Friedrich VII., Friedrich s j c jj d urc h di e revolutionäre Bewegung in Kopenhagen genötigt, ein eiderdänisches Ministerium zu berufen und die Erklärung abzugeben, daß er Schleswig mit den Waffen be- Empörung haupten werde. Da empörten sich die Herzogtümer. In Rends- zogtümer; bürg trat eine provisorische Regierung ins Leben und fand Krieg, allgemeine Anerkennung. Der deutsche Bundestag erklärte Frühling j etzt Auch Schleswig zum deutschen Bund gehörig. Friedrich Wilhelm IV., vom Patriotismus der Herzogtümer hingerissen, versprach ihnen Hilfe. Durch Beschluß vom 3. April 48 übertrug der Bundestag ihm die Führung in dem bereits begonnenen Krieg. General Wrangel überschritt die Eider und nahm das Dannewirk (Dänenwerk ?), einen 15 km langen, 9—13 m hohen, im IX. Jahrhundert gegen die Deutschen errichteten, von der Westsee bis zur Ostsee ziehenden Grenzwall nördlich der Eider. — 37i Als aber Wrangel auch die jütische Grenze überschritt, mischte sich alsbald die Diplomatie der Großmächte und Schwedens ein. Schon in diesem ersten Stadium des Krieges zeigte sich übrigens das kleine Dänemark in einer Richtung dem großen Deutschland völlig überlegen. Dänemark, ein Halbinsel-, Insel- und auch Kolonialstaat, besaß eine Flotte, Preußen, vollends Deutschland, das, ähnlich wie Italien, nicht viel mehr als ein geographischer Begriff war, hatten keine. So wurde die preußische Ostseeküste von der dänischen Flotte heimgesucht, ihre Handelsschiffe gekapert, die Häfen blockiert, und sie mußten es wehrlos über sich ergehen lassen. Es war, wie Friedrich Wilhelm sagte, der ungleiche Kampf der „Dogge mit dem Fisch“. — Das Beschämende dieser Tatsache wurde bis tief ins deutsche Binnenland hinein empfunden, und, von den Nordseehäfen Bremen und Hamburg her angeregt und unterstützt, wurde von dem inzwischen ins Leben getretenen Parlament in Frankfurt die Schaffung einer deutschen Kriegsflotte beschlossen. Sechs Millionen Taler wurden dafür bewilligt, und es sollten alsbald 11 größere Kriegsschiffe und 6 Kanonenboote in Bau genommen werden. Private Rheder schenkten zunächst einige alte Handelsschiffe, die, so gut es ging, in Kriegsschiffe umgewandelt wurden. So trat die Einheitsfahne Schwarz-rot-gold zuerst auf See in Erscheinung. — Da kam nun gleich die ungeahnte Schwierigkeit. Die Seemächte erklärten, keine deutsche Seeflagge zu kennen, und England drohte, Schiffe, die sie führten, als Korsaren zu behandeln. Der neuen Zentralgewalt in Frankfurt fehlte überhaupt die völkerrechtliche Anerkennung. Präsident Cavaignac in Paris nicht minder als Palmerston in London verweigerten dem Gesandten des Reichsverwesers den amtlichen Empfang. Und die neue französische Republik verhielt sich, trotz der demokratischen Theorien von den gleichen Rechten aller Völker, um kein Haar freundlicher gegen Deutschland und sein Selbstbestimmungsrecht als jemals vorher die französische Monarchie. Sie betrachtete es als das gute Recht Frankreichs, im eigenen Interesse Deutschland schwach zu erhalten, also seiner Einheit zu wehren. Minister Bastide schrieb im August 48 an den französischen Gesandten in Berlin: „Die deutsche Einheit ist ein vortreffliches Prinzip, sofern sie sich in den Grenzen einer Verbrüderung zwischen den verschiedenen Völkern hält, aus denen die große deutsche Familie zusammen - Die erste deutsche Flotte. Stellung der Mächte zu der deutschen Seeflagge und zu der Zentralgewalt in Frankfurt. 372 — gesetzt ist. Aber wenn man unter dem Vorwände der Einheit und Brüderlichkeit Schleswig absorbieren will, das dänisch ist, Limburg, das holländisch ist, Lombardei und Venetien, die italienisch sind, und Posen, das polnisch ist, vielleicht auch Elsaß und Lothringen, so wird die deutsche Einheit etwas zu Bekämpfendes. Da nun diese Tendenz offenbar ist, so muß man für jetzt Preußen und Bayern und die andern Staaten ermutigen, ihre Unabhängigkeit und Nationalität zu erhalten. Man darf Preußen nicht in die große Konföderation von 45 Millionen Deutschen werfen, welche nicht gegründet werden wird, aber deren Versuch schon uns schaden kann.“ So sprach die eine, unteilbare französische Republik, der Einheitsstaat par excellence. Frankreich hatte freilich seine Kämpfe um die nationale Einheit um Jahrhunderte hinter sich. — Das englische Volk hatte von der deutschen Einheitsbewegung keine rechte Vorstellung. Es fürchtete einen Nachteil für seine Handelsinteressen, wenn der Zollverein sich schließlich über ganz Deutschland ausdehnen würde. Dem Minister Palmerston hatte der Gesandte Bunsen aufs bündigste versichert, daß Preußen nichts erobern wolle; so konnte ihm am Ende ein etwas stärkeres Deutschland, französischen Übergriffen gegenüber, gahz recht sein. Am interessantesten hielt sich Zar Nikolaus. Mit zorniger Erbitterung sah er in der deutschen und der schleswig-holsteinischen Bewegung nichts als einen „Revolutionstaumel“. Er dankte Gott, daß er sein heiliges Rußland davor bewahren konnte. Hermetisch schloß er die Grenze gegen Deutschland. Statthalter Paskiewitsch in Warschau drohte, bei den geringsten Anzeichen von Revolution würde die Stadt ein Trümmerhaufen werden, über dem sich nur noch die Galgen der Aufgeknüpften erheben würden. In Riga und Dorpat ließ der Zar sämtliche Buchläden versiegeln und hielt die Buchhändler über zwei Jahre lang in Hausarrest. Die Zahl der an jeder Universität Studierenden wurde auf 300 beschränkt. Seinen Schwager Friedrich Wilhelm IV. übergoß er mit Spott und Hohn, daß er sein Haupt vor der Revolution gebeugt. Ein Eingreifen in Schleswig-Holstein erschien ihm als die reinste Felonie. Dem in London weilenden Prinzen Wilhelm von Preußen riet er, gegen Berlin zu marschieren und mit der ganzen demokratischen Wirtschaft aufzuräumen. Palmerston strebte indessen nach einem möglichst baldigen Frieden, um einen allgemeinen Krieg und eine weitere — 373 Ausdehnung des russischen Einflusses zu verhüten. Er protestierte gegen Wrangels Einmarsch in Jütland und schlug dem Dänenkönig vor, das nördliche Schleswig, das wohl vorwiegend dänisch war, Dänemark anzuschließen, das übrige bei Deutschland zu belassen. In der Tat ist es wohl verständlich, daß Gebiete, wo die Städte Kiel, Rendsburg, Flensburg, Schleswig, Hadersleben u. s. w. heißen, nicht dänisch werden, die Zugehörigkeit zu dem großen deutschen Sprachgebiet und der darin beschlossenen Kultur nicht tauschen mochten an das zwar hochachtbare, aber ihnen fremde, kleine dänische Sprach- und Kulturgebiet. Dänemark lehnte aber Palmerstons Vorschlag kategorisch ab, und der Streit ging weiter. Den König Friedrich Wilhelm reute indessen seine Hülfe bald wieder. Revolutionäres, was ihm so verhaßt war, gab es doch auch bei der Sache der Herzogtümer, und die preußische Küste litt fortgesetzt schwer. Wrangel zog sich auf Befehl zurück. Sofort besetzten die Dänen wieder Schleswig. Übrigens hielt sich Deutschland in dieser Zeit keineswegs einheitlich. Österreich tat, als ob die Sache es nichts anginge, berief seinen Gesandten nicht von Kopenhagen ab. Hamburg setzte ungestört seinen Handels- und Postverkehr mit Dänemark fort. Was Wunder, daß auf den Verhandlungen in London man nur mit Preußen verkehren wollte, die Zentralgewalt in Frankfurt, als deren Mandatar Friedrich Wilhelm betrachtet sein wollte, konsequent ignorierte! Was Wunder auch, wenn schließlich der Waffenstillstand abgeschlossen wurde ohne Begrüßung des Reichsverwesers und seiner Regierung! Die Verhandlungen, von London nach dem schwedischen Malmö verlegt, führten am 19. Juli 48 zu folgendem Abschluß: Beiderseitige Räumung der Herzogtümer, Teilung der Schleswig-holsteinischen Wehrmacht in ein schleswigsches und ein holsteinisches Heer; Ersetzung der provisorischen Regierung durch eine von Dänemark und Preußen gemeinsam einzusetzende Behörde , präsidiert von dem den Deutschen so verhaßten Grafen Karl von Moltke. — Der Waffenstillstand, ursprünglich auf drei Monate angesetzt, wurde nachträglich, auf Dänemarks Wunsch, von Palmerston aus eigener Macht auf sieben Monate ausgedehnt, und Friedrich Wilhelm gab seine Zustimmung! Nach sieben Monaten ging es dem Frühling zu, das Wintereis wich, und Dänemark konnte wieder vollen Gebrauch von seiner Flotte machen. Palraer- stons Vorschlag. Waffenstillstand von Malmö, Juli 48. — 374 — Der Waffenstillstand von Malmö im Frankfurter- Parlament, Sept. 48 Frankfurter Revolution, Sept. 48. „(Wie ein Blitzschlag, sagt Flathe, fuhr die Kunde von diesem Vertrag in die Frankfurterversammlung.“ Das Reichs- ministerium legte ihn am 4. September der Versammlung vor, mit dem Antrag, in Rücksicht auf die Zwangslage ihre Zustimmung zu geben. Aber der Geschichtsschreiber Dahlmann, Professor in Köln, früher Professor in Kiel, beschwor die Versammlung, sich selber treu zu bleiben. „Vor noch nicht drei Monaten, sagteer, wurde hier beschlossen, daß in der schleswigholsteinischen Sache die Ehre Deutschlands gewahrt werden solle. Unterwerfen wir uns jetzt bei dem ersten Anblick von Gefahr, dann werden Sie, — zu den Schwankenden gewendet —, Ihr stolzes Haupt nie wieder erheben, denken Sie an meine Worte, nie!“ Der Waffenstillstand wurde hierauf mit bloß 17 Stimmen Mehrheit verworfen, und die 17 stammten von der unversöhnlichen Linken, mit der Dahlmann im übrigen unmöglich zusammen gehen konnte. Korrekt dem parlamentarischen Prinzip entsprechend, trat das Ministerium nach dieser Abstimmung zurück, und ebenso korrekt berief der Reichsverweser Dahlmann zur Bildung des neuen Ministeriums. Aber seine eigenen Parteifreunde mochten den Konflikt mit Preußen nicht aufnehmen; er brachte das Ministerium nicht zusammen, und das abgetretene trat wieder ins Amt. Anderthalb Wochen waren über dem vergangen; am 16. September kam der Mal- möer Waffenstillstand wieder vor die Versammlung und wurde nun mit 258 gegen 238 Stimmen angenommen. Es war eine peinliche Erfahrung. Nicht die schönsten „Redeblumen“ konnten über die Niederlage, die tatsächliche Machtlosigkeit des deutschen Parlaments hinwegtäuschen. Die Linke, in ihren Erwartungen und Hoffnungen allenthalben enttäuscht, benutzte den Anlaß zu einem längst geplanten Gewalt- streich im Style der französischen Februarrevolution. Die Versammlung sollte gesprengt und die deutsche Republik proklamiert werden. Schon am Tage nach der zweiten Abstimmung im Parlament, am 17. September, fand auf der „Pfingstweide“ vor der Stadt eine vieltausendköpfige, tobende Volksversammlung statt. Man appellierte an die niedern Instinkte, an den Haß der Armen gegen die Reichen; so konnte der Erfolg nicht fehlen. Ein Redner forderte das „Volk“ auf, nun einmal „Fraktur zu reden“. Eine Deputation ging an die gesamte Linke des Parlaments ab, mit der Aufforderung, sich als „Konvent“ zu konstituieren. Andern Tages — 375 — versuchte ein Volkshaufe, in die Paulskirche einzudringen, wurde aber durch rechtzeitig herbeigezogene Truppen ab- gewiesen, Nun begann in den Straßen der Bau von Barrikaden, die aber von den Truppen gleich wieder zerstört wurden. Zwei Abgeordnete der Rechten, von Auerswald und Fürst Lichnowsky, fielen vor einem Stadttor einer wütenden Bande in die Hände und wurden auf brutalste Weise ermordet. Neue republikanische Erhebungen in Süddeutschland zusamt dem früher erwähnten zweiten badischen Aufstand nahmen indessen allzumal ein klägliches Ende. Aber die Frankfurterrevolution mit den greulichen Mordtaten wurde für das Parlament und die deutsche Einheitssache ein böses Omen, ein schwerer* unberechenbarer Schaden. Wohin zielte, wohin ging das ? Die herrliche Begeisterung vom Mai des Jahres schlug um in das nüchterne Bedürfnis nach Sicherheit von Leben und Eigentum. Daß bei den gegensätzlichen Auffassungen der schleswigholsteinischen Angelegenheit auch während der sieben Monate Waffenstillstand Lösung und Friede nicht zustande kam, war wohl begreiflich. Nun war die preußische Regierung der Dinge müde, Friedrich Wilhelm längst nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache der Herzogtümer, die ihm unter dem Einfluß seiner Umgebung immer mehr als revolutionär erschien, und er hatte auch mit der deutschen Bewegung sonst schon genug zu tun. Je nachgiebiger nun Preußen bei den Verhandlungen in London sich zeigte, desto unnachgiebiger wurde Dänemark, und es fühlte die Mächte auf seiner Seite. Weder England, noch Frankreich, noch Rußland wünschten eine Lösung zu Deutschlands Gunsten. Unter diesen ihm günstigen Auspizien kündete Dänemark Ende Februar 49 den Waffenstillstand. Und nun wurde der neue Krieg geführt um port die Zeit der Kaiserwahl in Frankfurt, und was darauf folgte setzungdes bis zur Auflösung des Rumpfparlamentes in Stuttgart und der Febril’. Unterdrückung des dritten badisch-pfälzischen Aufstandes. Von der Zentralgewalt in Frankfurt aufgebotene Truppen kämpften mutig und erfolgreich in Schleswig, einmütig sich als Deutsche fühlend. Sie nahmen die berühmten Düppelerschanzen bei dem Dorfe Düppel/ der Insel Alsen gegenüber. Es gelang sogar der „Dogge“, auch dem „Fisch“ an den Leib zu kommen ; ein dänisches Kriegsschiff vimrde durch Strandbatterien bei Eckemförde vernichtet, ein zweites zur Ergebung gezwungen. Auch lieferte die junge deutsche Flotte den Dänen — 376 — Waffenstillstand von Berlin, Juli 48. Der Berlinerfriede, Juli 1850. Die Beschlüsse von Olmütz, Nov. 1850. ein erstes Seegefecht bei Helgoland. Aber Preußen, unter dem Druck der Mächte, führte den Krieg unter großer Zurückhaltung, ohne Schneid und Willen. Die Schleswig-holsteinischen Truppen, ohne Hülfe gelassen, erlitten schließlich bei Frie- dericia eine Niederlage, 6 . Juli 49 . In Berlin aber wurde am 10 . Juli ein Waffenstillstand abgeschlossen, ohne Zuziehung weder der Regierung des Reichsverwesers noch der Herzogtümer. — Der Waffenstillstand trennte vorläufig Schleswig von Holstein. Schleswig erhielt unter dem Namen des Königs von Dänemark eine dreiköpfige Landesregierung mit einem englischen Kommissär im Vorsitz. Holstein blieb wie bisher eine von der deutschen Zentralregierung zu bestellende Statthalterschaft. Der Süden sollte eine preußische, der Norden eine schwedische und die zugehörigen nordfriesischen Inseln, Halligen, Sylt etc. sollten eine dänische Besatzung erhalten. Der Einfluß der fremden Mächte ist deutlich wahrnehmbar. — Mit Unwillen vernahmen die Herzogtümr diese Abmachungen. Die holsteinische Statthalterschaft und die Landesvertretung legten Protest ein und suchten, nach Abzug der deutschen Truppen, den Kampf mit Hülfe deutscher Freischaren fortzusetzen. Ein Jahr später, Juli 1850 , schloß Preußen im Namen des deutschen Bundes — einen Reichsverweser gab es nicht mehr — mit Dänemark den Frieden von Berlin und gab die Herzogtümer preis. Gegen das Versprechen, Schleswig nie einzuverleiben, erhielt der Dänenkönig auch Holstein und Lauenburg wieder und führte dann 1852 für den Gesamtstaat eine einheitliche Verwaltung ein. Es wurde ihm anheim gegeben, wie er den Widerstand in Schleswig - PI ölst ein brechen möge. Hatte Dänemark schon vorher in Schleswig mit D Avisierung, Unterdrückung des Deutschtums in Schule und Kirche etc. begonnen, was war jetzt zu erwarten ? Die Herzogtümer beschlossen neuerdings, den Kampf fortzusetzen. Aber dann kamen im November \1850 die Beschlüsse von Olmütz: Österreich und Preußen beschlossen, den Nationalkrieg im Norden und damit den letzten Rest von deutscher Revolution zu unterdrücken. Sie forderten im Namen des deutschen Bundes von Schleswig-Holstein die Einstellung der Feindseligkeiten und drohten mit Zwangsmaßregeln. So ließ Friedrich Wilhelm seine Schützlinge fahren, bot sogar selber die Hand zur Exekution gegen sie. Er handelte unter dem Drucke Rußlands und Österreichs, dem das Ministerium Man- — 377 — teuffei nachgab. — Mit Widerstreben beschloß die Landesversammlung der Herzogtümer Unterwerfung unter die Beschlüsse des deutschen Bundes. Die Schleswig-holsteinische Armee wurde aufgelöst ; die Statthalter legten ihre Stellen nieder und machten einer von Dänemark und den beiden deutschen Großmächten gemeinsam ernannten Regierung Platz. Im Mai 1852 erschien dann das von allen Mächten, auch von Österreich und vom preußischen Gesandten Bunsen, Unterzeichnete Londoner-Protokoll, welches die Integrität der dänischen Monarchie als einzigen, unteilbaren Staatskörper, jedoch ohne färmliche Einverleibung der Herzogtümer, feststettte und zugleich den Erben der dänischen Krone als Erben der Gesamtmonarchie anerkannte d Dieser „Protokollprinz“ war Christian von Glücksburg, durch seine Gemahlin ein Neffe König Christians VIII. durch seine Mutter und Großmutter von König Friedrich V., durch seinen Vater Wilhelm von Glücks- burg von August Philipp von Glücksburg abstammend, während der rechtmäßige Erbe der Herzogtümer, Friedrich von Augustenburg, von Philipp Augusts älterem Bruder (Ernst Günther von Augustenburg) abstammte. Nach männlicher Erbfolge wäre der Augustenburger auch Erbe der Königs- kröne gewesen. 1 2 — Friedrichs Vater hatte Dänemark und den Protokollmächten gegenüber um eine Geldentschädigung für seine in Schleswig gelegenen Güter versprochen, der dänischen Thronfolge nicht entgegenzutreten, wogegen seine Familie protestierte. 1 Der greise E. M. Arndt (81 Jahre) richtete 1850 eine Denkschrift an Friedrich Wilhelm IV.: „Die Frage um Schleswig Holstein.“ „Welches sind die Gründe und Vorwände, welche Russen, Franzosen und Engländer für die Londoner-Protokolle anführen? . . . Die Sorge der eigennützigsten Eifersucht auf Deutschlands Größe, die Sorge, die Möglichkeit abzuschneiden, daß in Ost- und Nordsee ein mächtiges, starkes Deutschland erwachse, daß es einst wie früher mit siegreichen Wimpeln und Flaggen auf seinen Meeren einherfahren könne, die Sorge, jedem einigen und starken Deutschland in seinen Anfängen bereits vorzubeugen, die Sorge, viele kleine, vereinzelte Deutschlande, wo sie sind, zu erhalten, wo sie nicht sind, neu zu machen.“ (Ernst Müsebeck, „E. M. Arndts Urteil über England und englische Politik.“ Deutsche Rundschau, 1915)/ Eben daselbst auch die hieher gehörigen Verse E. Geibels: „Wo Franzmann, Brit’ und Russe Nach ihrem Sinn getagt,' Da ziemt’s, daß man zum Schlüsse Gehorsamst Amen sagt.“ 1 Stammtafel z. B. bei Weber-Baldamus, Handbuch. Das Londoner- Protokoll, Mai 1852. — 378 Friedrich VII. hielt nun die Erbangelegenheit für abgeschlossen und ließ die Herzogtümer seinen Zorn fühlen. Das Danisieren nahm nun erst recht seinen Fortgang. Das Dänische wurde Amts-, Kirchen- und Schulsprache. Die Mitglieder der bisherigen Landesregierung und viele Offiziere mußten flüchten, acht Professoren von Kiel, zahlreiche Prediger und Lehrer wurden durch Dänen ersetzt und mußten auswandem. Das war nicht dazu angetan, die Schleswig- Holsteiner mit der ihnen aufgezwungenen Lösung zu versöhnen. Die deutsche Frage: Antagonismus Österreich-Preußen. Wir kennen die bezüglichen inneren Strebungen und Widerstrebungen bereits, namentlich auch die österreichische Auffassung von seiner mitteleuropäischen Vormachtstellung, wonach Deutschland in Form eines schwachen Bundes, dem Wesen nach nicht anders als Italien, ein Anhängsel und Machtmittel des zentralisierten Österreich sein sollte. Das Parlament in Frankfurt hatte Ideen, aber keine Macht. * Daran mußte es scheitern. Von den deutschen Regierungen wäre man versucht, umgekehrt zu sagen, daß sie die Macht hatten, aber keine Ideen. Die meisten wären am liebsten ungestört wieder im alten, vertrauten Fahrwasser gesegelt. Doch hielt Friedrich Wilhelm IV., im Gegensatz zu Österreich, die Verfassung von 49 aufrecht, revidierte sie allerdings 1851 in konservativem Sinne und ersetzte das demokratische Wahlrecht mit dem Dreiklassensystem. Aber auch sein Versprechen bezüglich der deutschen Einheit wollte Friedrich Wilhelm einlösen. Er schlug den für sein Denken allein gangbaren Weg der freiwilligen Verständigung mit den Fürsten ein. So war man ja auch zum Zollverein gekommen. Träger dieser Bestrebungen war besonders der General und dann Außenminister Radowitz. Zunächst kam am 26. Mai 1849 das Dreikönigs- königs- bündnis zustande mit Sachsen und Hannover, die jedoch ihre bund, 49. Mitgliedschaft an die Bedingung knüpften, daß alle deutschen Staaten beiträten. Und fügen wir nur gleich hinzu, daß sie's zum vornherein nicht ernst meinten, sondern nur der öffentlichen Meinung gegenüber „so taten“, um beim nächsten brauchbaren Anlaß den Rücktritt zu nehmen. Die Der Bund der Könige, später in seiner erweiterten Form deutsche offiziell die deutsche Union geheißen, legte die Frankfurterverfassung zu Grunde, mit den ihm entsprechenden Ände- — 379 — rungen ins Konservative. Die Exekutive hatte als „Reichsvorstand“ der König von Preußen. Vorläufig wurden ein Verwaltungsrat und ein Schiedsgericht bestellt. Am 3. Juni traten eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Frankfurterparlaments von der erbkaiserlichen Partei in Gotha zusammen und erließen einen Aufruf, der deutschen Union beizutreten, woraufhin wirklich der Beitritt von 21 Staaten erfolgte. Außer Österreich blieben aber auch Bayern und Württemberg aus. Damit war für Sachsen und Hannover der gewünschte Anlaß gegeben, sich zurückzuziehen ; „die großen Fische brachen durch das Netz“, sagte Manteuffel, und die Union begann sich aufzulösen in dem Moment, da sie hätte Lebenskraft gewinnen sollen. An den Platz des Dreikönigsbundes trat der Vierkönigs- vierkönigs- bund Hannover-Sachsen-Württemberg-Bayern, mit Anschluß an Österreich. Vom 20. März bis 29. April tagte indessen in Erfurt der erste Reichstag der Union. Er nahm die von den Fürsten vorgelegte Verfassung an, stellte die Annahme gewisser Änderungen den Fürsten anheim. König Friedrich Wilhelm aber zeigte um diese Zeit eine fast unglaublich schwankende Haltung gegenüber der Union, seiner eigenen Schöpfung, nicht anders, als wir es gesehen haben gegenüber seinen Schützlingen Schleswig-Holstein. Es war nicht ohne seine Mitschuld, wenn der erste Reichstag so gut wie fruchtlos verlief. Inzwischen hatte Österreich seine Existenzkrisis glücklich überstanden. Nachdem im August 49 die Ungarn unterlagen, und infolge davon der letzte Widerstand auch in Venedig erloschen war, stand nun der Kaiserstaat wieder intakt da, und alsbald machte Fürst Schwarzenberg sich daran, Österreichs Stellung auch in Deutschland wieder herzustellen und die Union zu sprengen. Er setzte mit seiner Diplomatie gelegentlich bei Friedrich Wilhelm selber ein, bei seiner betonten Abneigung gegen alles, was irgendwie nach Revolution aussah. Drei Tage vor Schluß des Erfurter-Reichstages, 26. April 50, lud Schwarzenberg die deutschen Fürsten zur Wiederbeschickung des deutschen Bundestages in Frankfurt ein, da nach seiner Auffassung der deutsche Bund , der Bundestag, so wie das österreichische Präsidium nach wie vor zu Recht bestanden. Die Einladung lautete auf 10 . Mai 1850. Auf Anregung eines guten Unionsfreundes, des ' Herzogs von Koburg, lud hierauf Friedrich Wilhelm die Unionsfürsten auf 8 . Mai nach Berlin, in der Meinung, dem Bundestag die perfekt gewordene — z8o [ Irr hessische Ver- fassungs- konflikt. Union gegenüberstellen zu können. Nun folgten die einen Fürsten dem Rufe nach. Berlin, die andern dem nach Frankfurt. Von einer fertigen, geschlossenen Union war keine Rede. So spielten die Dinge eine Weile hin und her. Schwarzenberg wartete auf einen Anlaß, um gegen die Union den entscheidenden Streich zu führen. Den Anlaß bot der hessische Verfass ungskon fli kt. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1847—66) haßte die Verfassung von 18.31, die ihm im Steuerwesen zu viel Schranken auferlegte. Er berief den frühem, gewalttätigen Minister Hassenpflug wieder, löste die widersprechende Ständeversammlung auf und erhob Steuern auf eigene Faust. Das Hessenland geriet darob in große Erregung; allgemeiner Protest erhob sich; in Volksversammlungen wurden drohende Ansprachen gehalten. Viele Offiziere, Beamte, selbst die Richter quittierten lieber ihre Posten, als daß sie dem Verfassungsbruch dienen mochten. Die Bewegung im Lande nötigte den Kurfürsten zur Flucht. Nun wandte er. sich an den Bundestag, man könnte sagen, an Österreich, sicher, Hülfe zu finden. Dagegen protestierte Preußen , da der Hessenfürst zur Union gehörte, und ließ, zum Schutze der rechtmäßigen Verfassung, Truppen in Hessen einrücken. Der Bundestag nahm die Partei des Kurfürsten. Franz Josef kam am 11. Oktober mit den Königen von Bayern und Württemberg in Bregenz zusammen. Dort wurde die Exekution gegen das unbotmäßige Hessenvolk beschlossen und der Krieg gegen Preußen, sofern es Hessen nicht räume. Daraufhin rückten bayrische Truppen, „Straf- bayem“, in Hessen ein, und der Zusammenstoß mit Preußen, der deutsche Bürgerkrieg stand vor der Tür. Bei Bronzell in. der Nähe von Fulda stieß eine bayrische Vorhut auf eine preußische Nachhut, und einige Schüsse wurden gewechselt, die aber nur dem Schimmel eines Trompeters, dem „Schimmel von Bronzell“, das Leben kosteten. Weiter kam es nicht; Friedrich Wilhelm ließ es nicht zum Kriege kommen. Er tat das demütigste, was er konnte, er nahm das Vermittlungs- angebot seines Schwagers, des Zaren Nikolaus an. Die Konferenz trat im Oktober 50 in Warschau zusammen. Der König, statt persönlich zu erscheinen, ließ sich durch seinen Bruder, den Prinzen Karl vertreten. Darüber war der Zar so erbost, daß er den abwesenden König mit offensichtlicher Geringschätzung behandelte, und in allen Stücken stellte er sich auf Österreichs Seite. 1 ,*Wenn ich von mir spreche“, sagte der Zar einst, „so spreche ich auch von Österreich“. Minister Radowitz trat hierauf zurück, Matiteuffel kam an seine Stelle und beeilte sich, den Konflikt aus der Welt zu schaffen. Er kam am 28. November 1850 mit Schwarzenberg in Olmütz zusammen, und, seine ihm vom König gegebenen Kompetenzen überschreitend, gab er durchwegs nach. Den Olmützer Punktationen zufolge zog Preußen sich aus Hessen zurück, gab, wie oben erwähnt, seine Schützlinge Schleswig-Holstein preis und verpflichtete sich selbst zur Exekution gegen sie, wofern sie sich nicht fügen würden. Zur Revision der Bundesverfassung fanden über den Winter 1850/51 die sogenannten Dresdenerkonferenzen statt, wo Minister Manteuffel in schwächlicher Weise Österreichs ergebenen Diener machte, und die natürlich ergebnislos endeten. Auch der Wechsel des Präsidiums zwischen Preußen und Österreich wurde von diesem kurzweg abgelehnt. Sogar der Beitritt Gesamtösterreichs zum deutschen Bunde wurde nicht etwa von Preußen verhindert, sondern von England und Frankreich, welche Protest einlegten gegen das Siebzigmillionenreich, „welches die Mißstände der Zeit Kaiser Karls V. erneuern würde“. — So sah es Preußen für das Beste an, im Frühling 1851 , den Bundestag, wie er war, wieder zu beschicken und auch die Unionsfürsten zur Beschickung aufzufordern, womit die Union aufgelöst war, 2 So viel lag in jener Konferenz zu Olmütz vom November 50 beschlossen. Sie bedeutete für Preußen ein diplomatisches Jena-Auerstädt und Tilsit. Seine Einbuße im Ansehen war vielleicht größer als damals. Knapperdings behauptete Preußen in der Folge noch den Zollverein ohne Österreich ; 3 er wurde 1 Der Graf von Brandenburg, krank von Warschau zurückgekehrt, starb wenige Tage nachher. Die Überlieferung, daß er, wegen der in Warschau erlittenen Demütigung an „gebrochenem Herzen“ gestorben, ist aufgegeben. 2 Eine gäng und gäbe Überlieferung läßt den Fürsten Schwarzenberg sagen: „II laut avilir la Prusse, puis la demolir.“ Der österreichische Historiker Heinr. Friedjung kommt in einer Untersuchung darüber zu dem Ergebnis, daß Schwarzenberg, der 1851 mit Preußen einen Vertrag schloß, wonach Österreich sich auf drei Jahre seinen Besitzstand, auch in Italien, verbürgen ließ, der also Preußens Ohnmacht nicht wünschen konnte, das Wort nicht sagte, daß vielmehr der erbitterte Radowitz und auch Prinz Wilhelm (nachmaligen Kaiser Wilhelm I.) Österreichs Haltung und Absichten gegen Preußen in diese Formel faßten. (Heinr. Friedjung: Avilir puis demolir. Deutsche Rundschau, Märznummer 1912). 3 Noch Bismarck betonte („Gedanken und Erinnerungen“), Deutschland und die österreichischen Länder seien in Produkten und Bedarf zu ver- Die Olmützer Punktationen. Nov. 50. Herstellung des Bundestages, Auflösung der Union. — z82 — 1853 auf 12 Jahre erneuert und umfaßte, nach dem Beitritt Hannovers und Oldenburgs, außer Österreich und den Hansastädten, nunmehr ganz Deutschland. Unter dem wiederhergestellten Patronat Österreich-Bundestag revidierten eine ganze Reihe deutscher Fürsten die Dreißiger - oder Achtundvierziger-Verfassungen nach Gutdünken oder oc- troyierten die ehevorigen. Für Kurhessen verfügte der Bundestag die Einführung einer von Hassenpflug entworfenen neuen Verfassung, nachdem dieser Minister unter dem Schutze des Bundes und der „Strafbayern“ das bestehende Recht im Lande umgestoßen, Beamte und Richter von ihren Stellen getrieben hatte. — „Das Unrecht“, sagt Dahlmann, „hatte jede Scham verloren“. Minister M anteuf fei aber drückte im Januar 51 im preußischen Oberhause seine Genugtuung darüber aus, daß die „Beamtenrevolution (in Hessen), die Revolution in Schlafrock und Pantoffeln“ unterlegen sei. Von den berühmten Märzerrungenschaften blieb in Gesamtdeutschland nichts übrig als der Konstitutionalismus in Preußen und die Beseitigung der Feudalreste in Süd- und West-Deutschland. Nachdem der Erzherzog-Reichsverweser schon Dezember 1849 abgetreten war, wurde im April 52 die deutsche Flotte versteigert und zum Teil von Preußen erworben. Die Reaktion blühte wie ein Flachsfeld im Juni. Das Jahr 1848 schien ausgelöscht. Aber im deutschen Volke lebten die Gedanken und Hoffnungen weiter und warteten unentwegt auf ihre Stunde. XVIII. Österreich-Preußen-Deutschland 1852—66.' (Inneres; die deutsche Frage, neue Phasen; die schleswigholsteinische Frage, zweite Phase; der deutsch-dänische Krieg 1864; die Schleswig-holsteinische Frage, letzte Phase; der preußisch-österreichische Krieg 1866; der Norddeutsche Bund). Österreich und Preußen , Inneres. Der unglückliche lombardische Krieg von 1859 hatte in Österreich alle Blößen des schieden, um einen allen Teilen gerecht werdenden Zollverband zu bilden. Heute scheint man darüber anders zu denken. 1 Th. Flathe; Const. Bulle; W. Oncken; H. v. Sybel. — 38z — herrschenden absolutistischen Systems zu Tage gebracht, vor allem eine bodenlose Korruption bis in die höchsten, ja bis in die Regierungskreise hinein. Der Feldmarschalleutenant Freiherr von Eynatten hatte seine Stellung an der Spitze des Lieferungswesens auf schmählichste Weise zu seiner Bereicherung mißbraucht. Verhaftet, erhängte er sich im Gefängnis. Auch der entlassene Finanzminister entleibte sich. Noch eine ganze Reihe hoher Beamter und hochangesehene Kaufleute waren an der Korruption beteiligt. Tiefe Entrüstung ging durch die ganze Monarchie; der Kredit des Landes konnte sich lange nicht erholen; Metallgeld gab es nicht mehr ; auf Anleihen des Staates wurde nur spärlich gezeichnet. Dazu die allgemeine Mißstimmung über das unzeitgemäße absolutistische Regiment. Die Monarchie mit ihrer Komposition von Ländern, Volksstämmen und Sprachen eignete sich so gar nicht zum zentralisierten Einheitsstaat. Nirgends war man mit dem damit verbundenen Bureaukratismus zufrieden. Die Regierung aber wollte durch eine stramme Zusammenfassung als konservative und katholische Großmacht die erste Stelle in Europa ein- nehmen, wie sie Rußland unter Alexander I. und Nikolaus I. für sich in Anspruch genommen. Darum war durch das Konkordat von 1855 der katholischen Geistlichkeit die Aufsicht über die Schule und die Presse und im ganzen eine Macht eingeräumt worden, die sie kaum je sonst besessen. Es war die Ausrottung des „Josefinismus“ in Österreich. Geistlichkeit und Bureaukratie wirkten Hand in Hand im Dienste des Absolutismus j 1 daneben eine wohlorganisierte, schlagfertige Armee. Aber diese Armee war im lombardischen Krieg unterlegen, und nun traten Unzufriedenheit und Konflikte überall zu Tage, und selbst die Geistlichkeit befand sich fast überall unter den Gegnern der Regierung. Stark zurückgesetzt waren in dem Staate, welcher die Vormacht und der Hort des Katholizismus sein wollte, die Nichtkatholiken. Noch durften die Juden keinen Grundbesitz erwerben, in manchen Gegenden auf dem Lande sich nicht auf- halten, gewisse bessere Gewerbe nicht betreiben, keine Christ - 1 Auf Einladung der Regierung waren im April 1849 die österreichischen Bischöfe zusammengetreten, um zur Revolution und Verfassung Stellung zu nehmen. Im Juni desselben Jahres sprach ein Hirtenbrief das Anathema über die „gottlose politische Freiheit" und über die „Nationalität als einen Rest des Heidentums, der die Verschiedenheit der Sprachen nur eine Folge der Sünde und des Abfalls von Gott sei.“ — 384 — liehen Dienstboten halten; ihre Ehen hatten ohne landgerichtliche Genehmigung keine Gültigkeit. Den Griechisch-Katholischen war die Verwaltung ihres Kirchenvermögens entzogen. Auch die Protestanten durften sich nicht überall niederlassen, ihre. Toten nicht mehr auf den gemeinsamen Friedhöfen bestatten und genossen nicht Rechtsgleichheit in den gemischten Ehen. 1 Nun wurden die Beschränkungen gegen die Juden bis 1860 aufgehoben, und am 1. September erschien ein kaiserliches Patent, welches zunächst die kirchlichen Verhältnisse der zahlreichen ungarischen Protestanten regeln sollte und zwar in entgegenkommender, liberaler Weise; es räumte der protestantischen Kirche in Ungarn eine Selbständigkeit ein, die sie in wenigen katholischen Ländern genoß. Dennoch lehnten die Ungarn das Patent ab; sie wollten nicht vom Kaiser geschenkt, was ihnen als Recht gebührte. Sie wollten ihre eigene Verfassung von 1848 wieder haben und eigene Gesetzgebung wie damals. * 1860 erließ der Kaiser eine Gesamtverfassung, zugleich mit „Statuten“ für die Einzelkinder. Die Ungarn lehnten die Gesamtverfassung ab und setzten die Berufung eines ungarischen Reichstages durch, Februar 61. Der Kaiser versprach, ihn selber zu eröffnen und sich als ungarischen König krönen zu lassen. Doch auch das befriedigte die Ungarn noch nicht, weil der Reichstag nach Ofen und nicht nach Pest eingeladen Erfassung war - Inzwischen hatte Franz Josef das liberale Ministerium 1801. Schmerling berufen, und am 26. Februar, noch vor Zusammentritt des ungarischen Reichstages, erschien eine Gesamtver- fassung, wonach die Legislative einem Herren- und einem Abgeordnetenhaus zustand, wie in Preußen; die Mitglieder des 1 Wir erinnern noch an das bayrische Ministerium Abel mit der Kniebeugungsordre, die auch fiir die Protestanten galt. Damals erteilte Papst Gregor XVI. dem Bischof von Augsburg eine scharfe Rüge wegen Abhaltung eines Totenamtes beim Tode eines protestantischen Gliedes des Königshauses. Der Bischof erhielt Weisung, seine Gemeinde gegen den eitlen Trug jener Ohrenschmeichler zu schützen, „welche lügnerisch ausbreiten, daß auch ein Nichtkatholik selig werden könne.“ Der 1832 in Leipzig — zur Unterstützung der zerstreuten Protestanten — gegründete Gustav - Adolf-Verein wurde damals in Bayern verboten, von Österreich nicht zu sprechen. (1849 wurde er in Bayern, 1861 in Österreich anerkannt, wirkt heute wohl fast in allen Staaten Europas. Die Bibelgesellschaften, die innere Mission, das „Rauhe Haus“ in Hamburg und die evangelische Diakonissenanstalt in Kaiserswerth entstanden ebenfalls in den Dreißigerjahren). 385 - Abgeordnetenhauses waren von den Landtagen der verschiedenen Länder zu entsenden. Aber die Ungarn wollten auch von dieser Gesamtverfassung nichts wissen, sondern mit Österreich bloß in Personalunion stehen. Bei Eröffnung des ersten Reichstages in Wien fehlten die ungarischen Abgeordneten. Der Widerstreit der Nationalitäten setzte sich noch lange fort und lähmte nicht selten Österreichs Tätigkeit nach außen und machte es zum leitenden Musterstaat wenig geeignet. In Preußen entstanden unter dem Ministerium Manteuffel, 1850—58, eine Reihe reaktionärer Gesetze, über die Presse, das Disziplinarverfahren gegenüber Richtern und Beamten etc.; selbst die gutsherrliche Polizei wurde im Interesse des Adels wieder hergestellt. Bei politischen Prozessen verschmähte man nicht die Anwendung der unlautersten Mittel. Unter dem Kultusminister Karl Otto von Raumer gelangte gleichzeitig die straffste orthodoxe Richtung ans Ruder, und die berühmten oder berüchtigten Regulative des Ministerialrates Friedrich von Stiehl überlieferten Seminarien und Volksschule demselben extremen, unduldsamen Geiste. Der erzkonservative Schriftsteller und Kirchenrat Friedrich Julius Stahl, Förderer eines extremen lutherischen Konfessionalismus, gab die Parole aus: „Die Wissenschaften müssen umkehren“. Die Hofgesellschaft gefiel sich in einer betonten äußern Frömmigkeit. Es war die Zeit der kleinen, aber mächtigen „Junkerpartei“ und ihres Organes, der „Neuen Preußischen Zeitung“, nachmals •„Kreuzzeitung“ geheißen. Während so der protestantischen Kirche von oben her die Richtung vorgeschrieben wurde, genoß die katholische Kirche die großen Freiheiten, welche die preußische Verfassung ihr verliehen hatte: Selbständigkeit jeder Religionsgenossenschaft in Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten • ungehinderten, völlig freien Verkehr mit den Obern; Aufhebung des staatlichen Vorschlags-, Er- nennungs-, Wahl- und Bestätigungsrechtes bei Besetzung kirchlicher Stellen. Die katholische Kirche schuf sich durch eine großartige Vereinsorganisation 1 großen Einfluß auf alle 1 1848 wurde in Mainz der Piusverein gegründet. Ohne Begrüßung der Bischöfe wurde er von seinem Namenspatron, Pius IX., direkt unter päpstlichen Schutz genommen. Aus ihm gingen der ,, Katholische Verein Deutschlands" und die deutschen Katholikentage hervor. Mit der innern Mission befaßte sich der Vincentius-Verein, „ein Hauptherd des Proselytis- mus“, während der Bonifacius-Verein das Gegenstück des Gustav-Adolf- Vereins wurde. Flühmann t Vorträge. 25 Prinz Wilhelm als Regent - 386 - Schichten der katholischen Bevölkerung und gewann, von der Regierung begünstigt, eine Stellung, die sie seit der Reformation in Norddeutschland nie besessen. Es ist nicht zu verwundern, wenn es Stimmen gab, die Friedrich Wilhelm IV. des Kryptokatholizismus beschuldigten. Da zu derselben Zeit auch Österreich der katholischen Kirche, wie wir oben gehört, so viel Macht einräumte, so war es damals fast nur noch Bayern, das an den Rechten des Staates der Kirche gegenüber festhielt. Im Laufe des Jahres 1857 erkrankte Friedrich Wilhelm an einer unheilbaren Gehirnkrankheit; er ernannte wiederholt seinen Bruder, den Kronprinzen Wilhelm, zum zeitweisen Stellvertreter. Am 7. Oktober 1858 übertrug er ihm die Rechte eines unumschränkten Regenten. Prinz Wilhelm , geh. 1797, war damals 61 Jahre alt. Wir .erinnern uns, daß er in der Berliner Märzrevolution 1848 gegen die Zurückziehung des Militärs war; aber zu Unrecht nannte die Fama ihn den „Kartätschenprinzen“. Er führte die preußischen Truppen gegen den dritten badischen Aufstand, Sommer 1849, was seinen Ruf in gewissen Kreisen auch nicht verbesserte. Nicht für den Thron geboren, hatte er sich der militärischen Laufbahn gewidmet, war dann seit 49 Gouverneur in Rheinland und Westfalen. Er war eine von Haus aus andere, einfachere Natur als sein königlicher Bruder, ohne dessen hervorragende, vielseitige und blendende Begabung. Ein Mann, nicht von hochfliegendem, sondern einfachem* klarem Denken, festem, zuverlässigem Willen und Charakter und von unbeirrbarer Gewissenhaftigkeit. Wilhelm Oncken sagt, er hatte das, was Friedrich der Große an seinem Vater bewunderte, den „courage d’esprit“. In der Tat, was Prinz Wilhelm einmal als das Rechte und Richtige erkannt hatte, das führte er mit unbedingter Treue und Ausdauer durch. Nach Platon kann es in der Welt erst besser kommen, wenn die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen werden. Prinz Wilhelm war kein Philosoph, es wäre denn ein rein praktischer. Er war vor allem mit ganzem Verstand und ganzem Herzen Soldat, der die Armee und ihre Bedürfnisse von Grund auf kannte, ein guter Deutscher, wenn auch vorab Preuße. Er schaute nicht als Deutscher auf Preußen, sondern als Preuße auf Deutschland. „Meine Pflichten für Preußen fallen mit meinen Pflichten für Deutschland zusammen“, sagte er. Durchdrungen von der Überzeugung, daß Preußen Öster- 387 reich und der übelwollenden Welt gegenüber sich nur behaupten und durchsetzen könne mit scharfer Wehr und Waffe, wandte er sich als Regent sofort den entsprechenden Maßnahmen zu. Der Politik seines Bruders gegenüber hatte er in den letzten Jahren in loyaler Opposition gestanden. Als Regent entließ er nun das Kabinett Man teuf fei, den Vertreter der Olmütz-Politik, und berief ein gemäßigt liberales Ministerium. Am 8. November hielt er an dasselbe eine Ansprache, worin er sagte: „Das Wohl der Krone und des Landes sind unzertrennlich, die Wohlfahrt beider beruht auf gesunden, kräftigen, konservativen Grundsätzen. Wenn in allen Regierungshandlungen sich Wahrheit, Gesetzlichkeit und Konsequenz ausspricht, so ist ein Gouvernement stark, weil es ein reines Gewissen hat, und mit diesem hat man ein Recht, allem Bösen kräftig zu widerstreben“. Von der extremen, orthodoxen Richtung der Kirche sprechend, sagte er: „Diese Orthodoxie ist dem segensreichen Wirken der evangelischen Union hinderlich und in den Weg getreten, und wir sind nahe daran gewesen, sie zerfallen zu sehen. Die Aufrechterhaltung derselben und ihre Weiterentwicklung ist mein fester Wille und Entschluß, mit aller billigen Berücksichtigung des konfessionellen Standpunktes. Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, kurzum alles Kirchenwesen als Mittel zu egoistischen Zwecken ist zu entlarven. Die wahre Religiosität zeigt sich im ganzen Verhalten des Menschen; dies ist immer ins Auge zu fassen und von äußerem Gebühren und Schaustellungen zu unterscheiden.“ Am Schlüsse sprach er von ider Armee. „Sie hat Preußens Größe geschaffen und dessen Wachstum erkämpft. Preußens Heer muß mächtig und angesehen sein, um, wenn es gilt, ein schwerwiegendes politisches Gewicht in die Wagschale legen zu können. Die Welt muß wissen, daß Preußen überall das Recht zu schützen bereit ist.“ Wie der Prinzregent das Verhältnis Preußens zu Österreich auf faßte, zeigte sich im Frühling 1859, bei Gelegenheit des französisch-sardihischen Krieges gegen Österreich. Am 14. April erschien Erzherzog Alb recht in Berlin und teilte mit, daß binnen kurzem ein Ultimatum > an Sardinien ergehe, dann Piemont sofort besetzt werde, und, nachdem „der Feind im Süden an die Kette gelegt" sei, werde man sich dann gegen den Hauptfeind im Westen wenden. Als Hauptkrieg sei der Verhältnis des Regenten zu Österreich 1859 . - 388 - Die preus- sische Heeresreorganisation und der Konflikt. Angriffskrieg am Rhein zu betrachten, dem die deutsche Bundesarmee sich anzuschließen habe, und zwar die Süddeutschen an der Seite der Österreicher unter Erzherzog Wibrecht, die Norddeutschen unter Preußens Oberbefehl. Das hieß also: Preußen und Deutschland haben sich für Österreichs Doppelherrschaft in Italien und über den deutschen Bund in den Krieg zu stürzen und ihre unbegrenzten Blutopfer zu bringen. Der Prinzregent lehnte den Plan sofort ab, stellte aber das preußische Heer in Marschbereitschaft, um einer eventuellen Friedensvermittlung zum vornherein den nötigen Nachdruck zu geben, im Notfall auch einzugreifen. Er beantragte auch beim Bundestag die Bereitstellung des Bundesheeres, dessen selbständige Führung er für Preußen verlangte. Dem gegenüber beantragte das österreichische Kabinett, formell im Rechte, beim Bundestage, gemäß den Bestimmungen der Bundesakte, die Ernennung des Oberfeldherrn durch den Bundestag. Der Prinzregent lehnte Wahl und Abhängigkeit vom Bundestag ab, und während diese Dinge sich in Deutschland abspielten, geschah das Unerwartete: Franz Josef, unter anderem, um Preußens Forderung nicht nachgeben zu müssen, schloß plötzlich zu Villafranca Waffenstillstand und Frieden. Wie wir s. Z. vernommen, war es aber doch die preußische Rüstung, die auf Napoleon entscheidend wirkte und Franz Josef einen relativ glimpflichen Abschluß verschaffte. In Preußen brach noch in demselben Jahr 59 der Konflikt um die Militärreorganisation aus. Einig war jedermann darin, daß die Heeresorganisation des deutschen Bundes völlig unzulänglich sei. Aber die Anträge zur Verbesserung gingen so weit aus- und widereinander und blieben demzufolge so ergebnislos, daß Prinzregent Wilhelm entschlossen den Weg der freien Verständigung mit den Einpelstaaten einschlug und zunächst mit einigen norddeutschen Kleinstaaten Militärkonventionen abschloß, denen zufolge die Truppen der betreffenden Staaten dem preußischen Heere angeschlossen wurden. Vor allem aber wandte der Regent sich der Reorganisation des preußischen Heeres zu. Die Heeresverfassung von 1814 erklärte jeden waffenfähigen Preußen zu dreijährigem aktiven Dienst verpflichtet. Es wurden jährlich 40,000 Mann ausgehoben. Das war die Zahl, die den 10 Millionen Einwohnern Preußens von 1814 — 389 — entsprach. Seither hatte sich die Bevölkerung auf 18 Millionen gehoben, also fast verdoppelt, aber wegen Mangel an Raum war es stets bei den 40,000 Rekruten geblieben. Um mehr Mannschaft ausheben und ausbilden zu können, hatte man zeitweise die Dienstzeit der Infanterie auf 2 Jahre beschränkt, war aber 1852 wieder auf 2V2 Jahre gestiegen und 56 zu 3 Jahren zurückgekehrt. Nun verlangte die vom Prinzregenten selber aufgestellte Heeresreorganisation die jährliche Rekrutierung von 63,000, statt bloß 40,000 Mann, zusamt der dreijährigen Dienstzeit. Andere Bestimmungen sollten die jungem Jahrgänge mehr belasten zugunsten der ältern Landwehr - jahrgänge, die meist aus verheirateten Männern bestanden. Diese Forderungen wurden vor dem Landtag von dem neuen Kriegsminister von Roon mit Überzeugung und Festigkeit vertreten. Die liberale Partei, durch allerlei nebenher gehende, nicht zugehörige Dinge verstimmt, wollte die vermehrte Aushebung nur bewilligen gegen Herabsetzung der Dienstzeit auf zwei Jahre. Diese Bedingung erschien dem Kriegsminister und dem Regenten unannehmbar. Eine Einigung kam nicht zustande, der Landtag bewilligte die benötigte höhere Summe im Budget nur auf ein Jahr. Der Prinzregent ließ es sich gefallen, und in der Annahme, daß seine bessere Einsicht später im Landtag siegen werde, setzte er die vermehrte Aushebung sogleich ins Werk. In der Morgenfrühe des 2. Januar 1861 schlief der infolge Tod seiner schweren Krankheit und wiederholter Himschläge längst Wilhelms bewußtlose König in den Tod hinüber, und der Prinzregent wurde König. Gewisse erste Maßnahmen des neuen Herrschers 1 fanden allerdings Anklang bei den Liberalen des Landtages, aber in Sachen der Heeresreorganisation blieb der alte Widerstand, und wieder wurde der nötige Kredit nur provisorisch auf ein Jahr bewilligt. Die altliberale Partei löste sich auf, und die Erbschaft und Führung übernahm die radikalere „Fortschrittspartei“, die Trennung von Kirche und Staat, Umwandlung des Herrenhauses etc. forderte und einem parlamentarischen Regiment zustrebte. Der König aber ließ sich in seinem begonnenen Werke nicht stören und betonte bei seiner Krönung das starke Königtum von Gottes Gnaden und lehnte einen Parlamentarismus nach englischem Muster ab. Die nächsten Neuwahlen brachten indessen den vollen Sieg der Fortschrittspartei im Landtag, und nun stellte diese Forde- — 390 — rungen, die sich dem vom König verpönten Parlamentarismus näherten, Vorlage eines spezialisierteren Budgets etc. Der König löste den Landtag auf und tauschte das gemäßigt liberale Kabinett an ein konservatives. Der Konflikt gewann einen weitern Inhalt und spitzte sich zu. Aber der Appell an die Wähler, nicht zuzugeben, daß die Rechte der Krone geschwächt würden, blieb ungehört - die Fortschrittspartei kehrte verstärkt aus den Neuwahlen zurück, und nun lehnte der Landtag die Reorganisationskosten mit gewaltigem Mehr völlig ab. — Die dadurch geschaffene Situation war in der Tat eine sonderbare. Die neuen Regimenter, und was dazu gehörte, waren bereits geschaffen. Man konnte sie nicht mehr auflösen. „Mit widerruflichen Büdgetbewilligungen hatte man unwiderrufliche Einrichtungen geschaffen.“ Durch den Widerstand sollte der König zur Annahme der zweijährigen Dienstzeit gezwungen werden; er aber sah darin Schaden und Gefahr für das Land und blieb fest. Die Sache, der Gegensatz zu seinem Volke insbesondere, ging König Wilhelm sehr nahe. Da erhielt Otto von Bismarck, Gesandter in Paris, damals zur Kur in dem See-Bade Biarritz, ein Telegramm Roons: „Periculum in mora (Gefahr im Verzug), depLchez vous!“ und am 19. September traf er in Berlin ein. Es war schon 58 und 59 von seiner Berufung die Rede gewesen; sie war aber an der Abneigung des Königs gescheitert. 1 Wilhelm empfing den Gerufenen in Babelsberg bei Potsdam. Er wies auf ein auf dem Tische liegendes Aktenstück, das seine Thronentsagung enthielt und fragte Bismarck, ob er bereit sei, als Minister für die Militärreorganisation einzutreten, auch gegen die Mehrheit des Landtages ? Bismarck bejahte. „Dann ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen, und ich abdiziere nicht.“ Von nun an stand neben dem Manne des reinen, klaren Willens der Genius, der Welten überwinden und in neue Bahnen bringen kann. 1 Der junge, streng konservative und monarchistisch gesinnte Bismarck war dem König aufgefallen, und er hätte ihn gerne an sich gezogen. Er betrachtete ihn, wie Bismarck sagt, als „ein Ei, das er selbst gelegt hatte und ausbrütete .' 1 Aber Friedrich Wilhelm IV. konnte keine Minister brauchen, die etwas wie eine eigene Politik, ein eigenes Programm vertreten hätten; sie waren ihm lediglich persönliche, königliche Diener. Dazu zeigte Bismarck sich wenig geeignet und gewillt. (Vgl. „Gedanken und Erinnerungen“). I 39i Otto von Bismarck , geb. 181 s auf dem väterlichen Gute Otto von ' o Bismarck Schönhausen in der Altmark, hatte in Göttingen die Rechte Ministerstudiert, einige Zeit an den Gerichten in Berlin, Aachen, dept.'ll©! Potsdam gearbeitet, widmete sich dann der Bewirtschaftung des väterlichen Gutes, war in Schönhausen Deichhauptmann. Wir treffen ihn 47/48 als Mitglied des Vereinigten Landtages in Berlin, 48/49 in der preußischen zweiten Kammer, weiter im Erfurterparlament; 1851 vertrat er Preußen beim restaurierten Bundestag. Dort insbesondere sammelte er seine Beobachtungen. Er war vorher Großdeutscher gewesen, der es ganz in ; Ordnung fand, daß Österreich mit allen seinen Ländern zum deutschen Bunde gehörte. Nun lernte er um denken. „Diese Leute“, sagte er von Österreich und den deutschen Mittelstaaten, „würden uns (den Preußen) einen Nagel durch den Kopf treiben.“ 1 Von nun an galt für ihn nur noch preußisch-deutsche Politik; lange genug habe man in Deutschland österreichische, russische, französische, englische Politik getrieben. Er wurde dann 1859 Gesandter in Petersburg, 62 in Paris. An beiden Orten hatte er Gelegenheit, seine Anschauungen und Überzeugungen zu vervollständigen und zu festigen. Bismarck als Ministerpräsident wurde empfunden wie ein Faustschlag gegen den Landtag und die ihn beherrschende Fortschrittspartei, ja gegen die Mehrheit des preußischen Volkes. Nicht ohne Vorurteile hatte man der Thronbesteigung Wilhelms entgegengesehen; Bismarcks Ministerium sah man vollends mit zum Teil ungereimten Befürchtungen entgegen, witterte in ihm den Feind der Verfassung, der den Militärkonflikt zu ihrer Beseitigung benutzen werde, etc. Und nun: Die Bismarckische Regierung bestand auf der Reorganisation des Heeres. Der Militäretat wurde vom Abgeordnetenhaus verworfen, die geforderten Summen herabgesetzt. Das Herrenhaus aber verwarf seinerseits das verkürzte Budget und stellte die Forderungen der Regierung wieder her. Diese erklärte hierauf, daß die Verfassung für einen solchen 1 Der österreichische Bundestagspräsident Graf Thun machte einst die Anspielung, Preußen habe durch Friedrich den Großen einmal das große Los gewonnen und sich dadurch verleiten lassen, seinen jährlichen Haushalt auf die Wiederholung dieses glücklichen Zufalls einzurichten. Bismarck antwortete prompt: Wenn diese Ansicht in Wien vorherrscht, wird Preußen noch einmal in die bewußte Lotterie setzen müssen. 392 — Fall keine Bestimmung enthalte, daß da eine „Lücke“ sei und fuhr ihres Weges weiter, trotz der Kammer. Die nötigen Gelder entnahm sie den laufenden Einnahmen, dem Staatsschatz etc. Die Heeresreorganisation wurde also ohne oder gegen die Verfassung durchgeführt. Aus dem Militärkonflikt war ein Verfassungskonflikt geworden. Als im Januar 1863 eine neue Landtagssession begann, wurde die Sache keineswegs besser. Der König lehnte eine Deputation der zweiten Kammer ab; die Reden in derselben beachtete die Regierung nicht. Die Presse benahm sich dabei natürlich ungeberdig gegen sie; da suchte sie sich Schutz zu verschaffen durch eine Preßverordnung nach dem Vorbilde Napoleons III. in Frankreich. Sie goß damit Öl ins Feuer; denn sie beging damit eine neue Verfassungsverletzung. Sogar Kronprinz Friedrich Wilhelm, damals ein Mann von 32 Jahren, gab in öffentlicher Kundgebung in Danzig seiner Mißbilligung Ausdruck. Ans Nachgeben dachte man auf keiner Seite. So bot Preußen kein anziehendes Bild. Der Nationalverein strich die „preußische Spitze“ aus seinem Programm. Das leitet uns über zur deutschen Einheitsfrage. In Italien früher als in Deutschland war man sich der ähnlichen Verhältnisse der beiden Länder bewußt geworden, und darum hatte Sardinien vor dem Krieg von 59 Preußens Hand gesucht. Aber Prinzregent Wilhelm dachte zu loyal gegen Österreich, daß er seine Hand geboten hätte ; er war vielmehr bereit, mit Österreich zu ziehen und es bei seinem, dem Nationalitätsprinzip entgegen gesetzten Besitzstand in Italien zu schützen, wie wir oben gesehen, gegen die Bedingung, daß ihm die Führung des deutschen Bundesheeres zugestanden werde. Durch Deutschland, durch Süddeutschland besonders, ging im Jahre 59, wie wir früher erwähnt, eine starke Bewegung zugunsten Österreichs, das in Italien den nationalen Zusammenschluß verhinderte, der doch auch das wachsende Sehnen Deutschlands seit Jahrzehnten war. So wenig denken die Völker daran, eines dem andern billig und gerecht zu sein. Aber Villafranca und die darauf folgende, so überraschend schnelle Einigung Italiens, fand nun doch ein starkes Echo in Deutschland. Wie in Italien gab es nun auch in Deutschland einen „Nationalverein“, ins Leben gerufen im September 1859 zu Eisenach durch den hannoveranischen Abgeordneten Rudolf von Bennigsen, einen Mann von großer — 393 — staatsmännischer Begabung. Neben ihm für die nationalen Bestrebungen besonders rührig war Herzog Emst II. von Koburg-Gotha, und der nationale Gedanke fand einen mächtigen Ausdruck bei der Feier von Schillers hundertstem Geburtstag, io. November 59. Allgemein empfand man das Unzureichende in der Organisation des deutschen Bundes, und allerlei neue Projekte tauchten wieder auf. Insbesondere waren Sachsen und Bayern wieder in dieser Richtung tätig; die, Zeit war günstig, eine Lösung ohne Preußen an der Spitze zustande zu bringen. Man plante ein dreiteiliges Deutschland (Trias), Österreich, Preußen, und unter Bayerns Vortritt alle andern zusammen als Westdeutschland. Auch Österreich, kaum notdürftig aus seinen eigenen Verfassungskonflikten heraus, fand die Stunde geeignet für eine Gestaltung Deutschlands nach seinem Sinne. Kaiser Franz Josef besuchte im Sommer 63 den zur Kur in Gastein weilenden König Wilhelm, überreichte ihm eine längere Denkschrift über sein Projekt und lud dann sämtliche deutschen Fürsten auf 16. August zu einem Kongreß nach Frankfurt. Das österreichische Projekt sah vor: Als Exekutive ein Fürste n- Direktorium aus Fürsten, daneben einen Bundesrat und eine p° r ”^„ r { n nur alle drei Jahre zu berufende Versammlung von Abgeord- Au st- 6Z. rieten der einzelnen Landtage. Das Präsidium im Direktorium und im Bundesrat behielt Österreich sich vor. Näher besehen war das neue Ding recht kompliziert, blieb aber im Wesen durchaus beim Alten. Die Fürsten stimmten mehrheitlich zu. Aber Preußen hatte, unter Bismarcks Führung, zum vornherein die Teilnahme abgelehnt und lehnte auch den beschlossenen Entwurf ab. In einem Rundschreiben an die deutschen Fürsten tat die preußische Regierung ihren Standpunkt dar. Sie verlangte insbesondere Gleichstellung der beiden Großmächte , und daß an Stelle von Delegierten der Landtage eine aus direkter Wahl hervorgehende N ationalvertretung gesetzt werden müsse. Damit war Österreichs Plan gescheitert. Verfassungsänderungen konnten, laut Bundesakte, nur mit Einstimmigkeit beschlossen werden. Als es auf einer Ministerkonferenz in Nürnberg verlangte, die Staaten, welche in Frankfurt angenommen, mögen den neupn Bund auch ohne Preußen durchführen, da stieß es auf den Widerstand der Mittelstaaten. Diese wünschten ihre Souveränität weder an Preußen noch an Österreich herzugeben. So war man wieder wo vorher. Da 394 — Friedrich VII. in Dänemark, t 1863. Christian IX. König von Dänemark Ultimatum an Dänemark; der Kri^von trat ein Ereignis ein, das eine Lösung auf unvorhergesehenem Wege bringen sollte. Am 15. November 1863 starb plötzlich König Friedrich VII. von Dänemark. Sein Tod rollte die schleswig-holsteinische Frage wieder auf, in zweiter Phase. Le roi est mort, vive le roi! Der „Protokollprinz“, der als Christian IX. folgte, war nach dem Londonerprotokoll auch der Herrscher der Herzogtümer. Aber dieses Protokoll setzte sich über ihre alten, verbrieften Rechte weg und war von ihnen nie anerkannt worden. Nun hatte Dänemark schon 1854 eine Gesamtverfassung aufgestellt, die auch für die Herzogtümer gelten sollte. Diese hatten protestiert und sich an den deutschen Bund gewendet. Seitdem war der Streit hängend geblieben. Aber zwei Tage vor dem Tode Friedrich VII. hatte der dänische Reichstag mit großer Mehrheit eine Verfassung angenommen als für Dänemark und Schleswig gültig. Unter dem Druck der Eiderdänen Unterzeichnete auch Christian IX. die Verfassung. Damit waren die Herzogtümer wieder getrennt und Schleswig als eine Provinz Dänemarks einer unausgesetzten und rücksichtslos betriebenen Danisierung vollends ausgeliefert. Das ging aber nicht nur gegen die alten Rechte, sondern auch gegen das Londonerprotokoll, das, bei aller Wahrung der Integrität Dänemarks, dieses doch auch zur Rücksichtnahme auf die Rechte der Herzogtümer verpflichtete. In den Herzogtümern selber und in Deutschland war die übereinstimmende Auffassung auf Anerkennung des rechtmäßigen Erben, Herzog Friedrich VIII., des Augustenburgers, gerichtet, und am 18. November proklamierte dieser sich als Herzog, ohne jedoch die Regierung wirklich an sich zu bringen. Während der deutsche Bund nun einfach die Vereinigung der Herzogtümer unter Friedrich VIII. und ihre Trennung von Dänemark verlangte, lag die Sache für Österreich und Preußen schwieriger, weil sie das Londonerprotokoll mitunterzeichnet hatten. Bismarck, auf dem Protokoll fußend, setzte sich mit Österreich ins Einvernehmen, und beide Mächte beantragten beim deutschen Bund, auf Grund des Protokolls, an Dänemark ein Ultimatum zu richten, daß es die Gesamtverfassung für Schleswig aufhebe. Der Bund lehnte das ab, weil er von dem verhaßten, von den fremden Mächten in Mißachtung deutscher Rechte aufgestellten Protokoll überhaupt nichts wissen wollte. Da richteten Österreich und Preußen das Ultimatum von sich aus an Dänemark. Binnen 48 Stunden sei die Gesamt- — 395 — Verfassung für Schleswig aufzuheben. Dänemark lehnte ab und rückte in die Herzogtümer ein. Es setzte allerlei hypothetische Posten in seine Rechnung: Schwedische, französische, englische Hülfe; — in England waren wirklich Regierung und Volk für Dänemark — ferner die Eifersucht zwischen Österreich und Preußen und den übrigen Staaten Deutschlands, und den Verfassungskonflikt in Preußen. So war nun die Stunde gekommen, den Knoten zu zerhauen. Preußische, österreichische und auch deutsche Rundestruppen rückten Anfang Februar 64 in die Herzogtümer ein. Vor der Übermacht mußten die Dänen weichen. Das wieder verstärkte Darme wirk und die Düppelerschanzen wurden, wenn auch - erst nach tapferer Gegenwehr, genommen. Indessen brachte England am 25. April eine schon vor Kriegsbeginn, und damals vergebens, vorgeschlagene Konferenz der Mächte in London zusammen. Am 12. Mai begann ein Waffenstillstand auf vier Wochen und wurde dann auf sechs verlängert. Dänemark machte keinen günstigen Eindruck, schon dadurch, daß es den Krieg zur See, wo es überlegen war, nicht in die Waffenruhe inbegriffen wissen wollte. Am 15. Mai gab Bismarck zu Händen der Konferenz die Erklärung ab, da Dänemark durch die Einverleibung Schleswigs das Londonerprotokoll selber verletzt habe und nun Blut geflossen sei, könne Preußen das Protokoll nicht mehr als Grundlage der Verhandlungen anerkennen. Gemeinsam erklärten Österreich und Preußen, daß Schleswig und Holstein miteinander einen Sonderstaat bilden sollten, was eine Personalunion mit Dänemark nicht ausgeschlossen haben würde. Aber Dänemark war töricht genug, in keinem Stücke nachgeben zu wollen, und nun erklärte der Gesandte des deutschen Bundes unumwunden, daß man in Deutschland eine weitere Verbindung der Herzogtümer mit Dänemark in keiner Form mehr zugeben werde, und Dänemarks unzugänglicher Haltung gegenüber schlossen sich dann auch Preußen und Österreich dieser Forderung an: Schleswig-Holstein von Dänemark getrennt, unter dem rechtmäßigen Erben Friedrich von Augustenburg. Daraufhin ließ auch die englische Diplomatie die „Integrität Dänemarks“ fallen und schlug eine Teilung Schleswigs vor, mit der Schlei als Grenze. Dadurch wären große deutsche Teile Schleswigs an Dänemark gefallen; diese Grenze wurde also von deutscher Seite abgelehnt, aber auch von Dänemark, Konferenz in London, Waffenstillstand, Mai—Juni 64 . — 396 — das unentwegt ganz Schleswig haben wollte. Noch schlug England einen Schiedsrichter über diese Grenze vor. Die Konferenz kam indes zu keinem Entschluß mehr; nach zweimonatiger Tagung ging sie am 25. Juni ergebnislos auseinander, und gleich darauf folgten sich die Ereignisse Schlag auf Schlag. Fort- Die deutsche „Dogge“ hatte um diese Zeit auch einen S Krieges? S „Eisch“ zum Kameraden, indem Preußen jetzt die Anfänge einer Flotte besaß. Am 29. Juni setzten die Preußen unter dem dänischen Feuer in Booten über den einen Kilometer breiten Sund nach Alsen hinüber und schickten sich an, von dort aus auf Fünen hinüber zu greifen. Um die gleiche Zeit stießen preußische Kolonnen bis an die Nordspitze von Jütland vor, während ein österreichisches Geschwader sich der nordfriesischen Inseln Sylt, Amrum, Föhr etc. bemächtigte. Da entließ König Christian das Eiderdänenministerium und begehrte Waffenstillstand und Frieden. Am 1. August trat er . alle seine Ansprüche auf die strittigen Länder an den König von Preußen und den Kaiser von Österreich ab und verpflichtete sich zum voraus zur Anerkennung ihrer Verfügungen über 'friede die Herzogtümer. Am 30. Oktober wurde dieser Vorfriede Okt. ei. j n Wien definitiv. Stellung Fremde Hülfe für Dänemark war ausgeblieben. Umsonst er äc e. j latte ( jie Regierung im Januar 64 ihren flehentlichen Ruf nach London ergehen lassen. Nach ihrer intransigenten Haltung auf der Konferenz konnte sie bewaffnete Hülfe noch weniger erwarten. Allerdings war die öffentliche Meinung in England den Dänen günstiger; es gab Schmähreden gegen das Ministerium Palmerston-Rüssel. Auch der Einfluß der aus dem dänischen Hause stammenden Prinzessin von Wales, Alexandra, war nicht gering anzuschlagen. Und der englische Auslandminister John Rüssel stellt^ wirklich Napoleon III. den Antrag, England und Frankreich sollten die Teilung Schleswigs festsetzen und durch ein Ultimatum mit drohender Flottenbewegung beiden Teilen aufzwingen. In Paris fand man, dergleichen könne der Inselstaat England sich wohl erlauben und dann jeden Augenblick, nach einigen Kanonenschüssen, sich in seine sichern Häfen zurückziehen, wohin niemand ihm folgen werde. Einen wirklichen Krieg, der auf die Demonstration folgen könnte, würde Frankreich auszufechten haben. Nach London antwortete die kaiserliche Regierung: „Vor — 397 dem beklagenswerten Ausgang, den unsere Schritte in der polnischen Sache (1863) genommen, war dem Ansehen der beiden Mächte noch keine Wunde geschlagen. 1 Heute aber würden Worte ohne Tat und Kundgebungen ohne Ernst ihrer Würde verhängnisvoll werden“, und sie schloß mit der Frage, ob England die Folgen einer Einmischung bis zum Ende auf sich nehmen und mit Frankreich ein Schutz- und Trutzbündnis wie für den Krimkrieg schließen wolle ? Eine Antwort hierauf, Ultimatum, Demonstration und Hülfe für Dänemark blieben aus. Napoleon war in der ganzen Angelegenheit eher Preußen günstig; er vertrat das Nationalitätsprinzip, dem es widerstrebte, deutsche Völkerschaften wider ihren Willen unter dänische Herrschaft zu zwingen. Auf der Konferenz hatte er eine Volksabstimmung in Schleswig-Holstein vorgeschlagen und noch früher Preußen ziemlich direkte Anträge gemacht, Holstein und Schleswig, die ihm so an der Türschwelle lägen, sich anzuschließen und das deutsche Kleinstaatensystem nicht um neue Kleinstaaten zu mehren. Er spekulierte dabei freilich auf Kompensationen am Rhein und auf eine preußische Allianz für andere, zum Teil weit ausschauende Pläne. Auf russische Hülfe durfte Dänemark um jene Zeit auch nicht rechnen. Alexander II., Zar seit 1855, hatte 63/64 mit der polnischen Revolution zu tun und genoß dabei die wohlwollende Haltung Preußens. 1 Eine Parteinahme gegen dieses war ausgeschlossen. England aber mochte um Dänemarks willen keinen allgemeinen Krieg riskieren, für den es Zündstoffe in Europa ziemlich reichlich gab. Interessant ist, was der große englische Staatsmann Disraeli, ein Hauptführer der Tories, im Januar 64 zum sächsischen Gesandten über die dänische Frage sagte: „Die Integrität Dänemarks ist ein Humbug. Sollte das Ländchen je wieder zu einer Flotte gelangen, so würde diese im nächsten Kriege für Rußland und für Frankreich, nicht für England kämpfen. Wir würden daher genötigt sein, noch einmal, wie vor 50 Jahren, Kopenhagen zu beschießen und die dänischen Schiffe zu verbrennen. Wenn man dynastische Verbindungen als bestimmende Faktoren für die Politik des Landes ausgeben will, so ist dies geradezu kindisch.“ Durch den Krieg von 64 und den Frieden von Wien war die deutsch-dänische Frage entschieden, die schleswig-holstei- 1 Seite 70, unter 1. — 398 — nische nicht. Die Verfügung über die Herzogtümer war durch den Friedensschluß ausdrücklich den beiden Siegern anheim gegeben. Zu den Friedensverhandlungen waren weder die Herzogtümer selber noch der deutsche Bund zugezogen worden. Die Bundestruppen waren, infolge von Streitigkeiten, noch vor Ende des Krieges, durch den preußischen Prinzen Friedrich Karl zum Abzüge gedrängt worden. Darob gab es Spannung zwischen dem deutschen Bund und den beideri deutschen Großmächten. Diese innere Konstellation war für die Folge gerade so wichtig, wie die oben gezeichnete der Großmächte. Für den deutschen Bund und für die große Mehrheit der Deutschen überhaupt und in den Herzogtümern selber verstand es sich sozusagen von selber, daß nun Friedrich von Augustenburg als Herzog sein Erbe in Schleswig und Holstein antrete. Österreich war derselben Meinung; es hatte, seiner Lage nach, an den Herzogtümern kein direktes Interesse und machte nur mit, um Preußen nicht allein machen zu lassen, war dabei entschlossen, unter keinen Umständen eine neue Stärkung Preußens zuzulassen. Bismarck seinerseits hatte Österreich zum Mittun auf gef ordert, nur um es nicht zum Gegner zu haben, und seit jener Einladung und ihrer Annahme war Österreich im Banne Bismarcks und seiner überlegenen Führung in einem Grade, der vielen unverständlich war. Das für Preußen so schmerzliche Olmütz war durch das Jahr 1864 ™ anderer Form vollauf kompensiert. Seit einem halben Jahrhundert rief die deutsche Nation nach ihrer Einheit, und diese wurde unmöglich am Widerstand der vielen, ihre Souveränität hütenden Fürstenhäuser. 1 Nun war Bismarck als Leiter der preußischen Politik entschlossen, vor Preußens Türschwelle, an der Landenge zwischen Ost- und Nordsee, nicht einen neuen souveränen Mittelstaat auf- kommen zu lassen. Er setzte sich'mit Friedrich von Augustenburg in Beziehung und knüpfte seine Einsetzung und Anerkennung an folgende Bedingungen: Militärkonvention mit 1 Wir Schweizer kennen diesen Widerstreit wohl, aus Geschichte und Erfahrung. Kantonalsouveränität gegen Bundesgewalt hieß es bei uns auch ein halbes Jahrhundert lang, heißt es gelegentlich immer wieder. Das Frick- tal wollte s. Z. durchaus ein eigener Kanton werden, wie später auch der heroische Jura, der bei gutem und schlechtem Anlaß seine Forderung zu wiederholen pflegt. Aber man fand und findet neue, insbesondere neue kleine Kantone nicht zeitgemäß und nicht im Interesse des Ganzen. — 399 — Preußen, Beitritt zum Zollverein, Anschluß von Post- und Telegraphen wesen an Preußen, Bau eines Nord-Ostseekanals, Erhebung Rendsburgs zur Bundesfestung und Kiels zur preußischen Marinestation. Der Augustenburger war keineswegs gewillt, sich seine Souveränität so beschneiden zu lassen. Auch Österreich widersprach. Inzwischen hatten auch der Herzog von Oldenburg und andere beim Bundestag ihre Erbansprüche auf die Herzogtümer gemeldet. So konnte ein neuer Streit um Stammbäume beginnen, und eine endgültige Lösung wurde dadurch neuerdings kompliziert und vertagt. Nun setzten die beiden Großmächte mit Beginn des Jahres 65 eine gemeinsame provisorische Regierung in Schleswig-Holstein ein. Daß es Reibungen geben würde, war voraus zu sehen. In Deutschland faßte man ein großes Mißtrauen gegen Preußen. In den Herzogtümern selber gab es eine heftige Agitation für und wider den Anschluß an Preußen. Im April 64 hatte König Wilhelm in Rendsburg zu einer Abordnung der Herzogtümer gesagt: „Euere Sache ist mir heilig, und ich werde sie durchfechten“. Man hatte das nicht als Ankündigung einer preußischen Annexion verstanden, und die Mehrheit war für den Augustenburger, dem es dann anheimgegeben sein sollte, in wie weit er sich an Preußen anschließen wolle. Die Zickzackwege abschneidend eilen wir nun in kürzester Linie dem Endergebnis zu. Das Kondominium konnte nicht von langer Dauer sein. Im August 1865 trat die Gasteiner- Konvention an seine Stelle. Unter Wahrung der Rechte beider Mächte an den Herzogtümern übernahm Österreich die Verwaltung in Holstein, Preußen in Schleswig. Rendsburg sollte Bundesfestung, Kiel gemeinschaftlicher Bundeshafen sein. Seine Rechte auf Lauenburg trat Österreich gegen eine Geldsumme an Preußen ab. Nun richtete Preußen sich in Schleswig gleich sozusagen häuslich ein und führte seine übliche stramme Ordnung durch, duldete auch keine Agitation für den Augustenburger, während Österreich sie in Holstein nicht nur duldete, sondern förderte, und anzüglich äußerte der nachsichtsvolle österreichische Statthalter, er wollte nicht das Andenken „eines türkischen Pascha“ hinterlassen. Man war in Wien und Berlin überzeugt, daß eine friedliche Lösung kaum mehr zu finden sei. Aber Österreich laborierte neuerdings an inneren Schwierigkeiten, die schon 1864 dazu geführt hatten, daß man den Magyaren Gasteiner- Konvention, 1865 . — 4 °° — Bündnis Preußens mit Italien, April 66. wieder entgegenkam und in Ungarn den Konstitutionalismus herstellte, während die Gesamtverfassung aufgegeben und in den cisleithanischen Ländern wieder ohne Verfassung regiert wurde. So war Österreich, dem überdies die Geldnöten nie ausgingen, zum Kriege wenig bereit. Beide Mächte aber rüsteten. König Wilhelm kostete es große Überwindung, von der alten Loyalität gegen Österreich abzugehen. Aber nachdem er einmal von der Notwendigkeit überzeugt war, ging er seinen Weg ohne Schwanken. Für Bismarck aber war die schleswig-holsteinische Frage die deutsche Frage geworden. Unumgänglich für den bevorstehenden Krieg mit Österreich war ein Bündnis mit Italien. Auch das überwand Wilhelm I. schwer; der revolutionäre Ursprung des Königreiches war ihm zuwider. Indessen war die Annäherung durch einen Handelsvertrag vom Dezember 65 vorbereitet, und nun kam ein geheimer Vertrag am 8. April 66 zustande. Inhalt: Ve- netien für Italien; ein Landerwerb entsprechenden Wertes für Preußen; kein Separatfriede mit Österreich. Der Vertrag erlosch, wenn Preußen nicht binnen drei Monaten den Krieg erklärte. Am 9. April beantragte nun Preußen beim Bundestag Berufung eines deutschen, aus direkten Wahlen hervorgehenden Parlaments, unter dessen Mitwirkung die deutsche Frage ihre Lösung finden solle. Die Regierungen verhielten sich ablehnend, auch die öffentliche Meinung. Es scheint, daß man dem demokratischen Wahlvorschlag von seiten Preußens nicht traute. Dirne o Danaos et dona ferentes. Napoleon III. trat unterdessen mit Unterhandlungen an Preußen heran. Seinen frühem Anträgen entsprechend wollte er Preußen in Norddeutschland begünstigen gegen Kompensationen im Westen. Bismarck behandelte die Sache „dilatorisch“; da wandte Napoleon sich „als uneigennütziger Unterhändler“ an Österreich. Dieses war im Haß gegen Preußen bereit, Venetien abzutreten, was es früher als Selbstmord der Monarchie bezeichnet hatte, gegen Zusicherung der Neutralität Italiens; zum Ersatz sollte es preußisch Schlesien bekommen, was aber den österreichischen Sieg voraussetzte. Italien lehnte ab; es wollte Venetien lieber erkämpfen, als es von Napoleons Gnaden geschenkt bekommen. Nun schlug Napoleon mit Rußland und England noch einen Vermittlungskongreß vor. England fand freilich, Kongresse seien nützlich, wenn Kriegführende kriegsmüde seien; Kriege zu verhüten taugten sie wenig. — 4 ot Österreich stellte die Bedingung, es dürften keine Kombinationen zur Verhandlung kommen, welche „einem der geladenen Staaten Gebiets- oder Machtzuwachs zuzuwenden berechnet wären“, woraufhin Napoleon den Kongreß als unmöglich erklärte. Nun brachte Österreich die Angelegenheit der Herzogtümer vor den deutschen Bundestag und beauftragte seinen Statthalter in Holstein, die dortigen Stände einzuberufen, „um die Stimme des Landes über sein künftiges Schicksal zu hören“. Preußen erklärte das als Bruch des Gasteiner-Ver- trages, da dieser mit dem Bunde nichts zu tun hatte und ihm keinerlei Kompetenz einräumte. Dieweil nun die Dinge wieder seien wie zur Zeit des Kondominiums vor dem Gasteiner-Vertrag, so ließ Preußen Truppen in Holstein einrücken und stellte es Österreich anheim, seinerseits Truppen nach Schleswig zu werfen. Zugleich schlug Preußen vor, die schleswigholsteinische Frage in Verbindung mit der deutschen Frage Preußen zu lösen und legte einen entsprechenden Entwurf vor. § i des- gf^’nlLe selben lautete: Das Bundesgebiet besteht aus den bisherigen Verfassung Staaten mit Ausnahme der kaiserlich-österreichischen und der Deutschköniglich-niederländischen (Luxemburg und Limburg). Im an vor ' weitem war eine süddeutsche Armee vorgeschlagen unter Bayerns 1 und eine norddeutsche unter Preußens Führung. Jetzt stellte Österreich beim Bundestag den förmlichen Antrag auf Mobilmachung der Bundesarmee gegen Preußen. Der Antrag war bundeswidrig, da die von der Bundesakte vorgeschriebenen Maßnahmen, gerichtliche Behandlung des Konfliktes etc., übergangen wurden. Das bundesmäßige Verfahren hätte mindestens sechs Monate Zeit gebraucht. Aber Österreich drängte, eilte zum Kriege, weil es die Mehrheit in Deutschland auf seiner Seite und an seinen Sieg glaubte. Preußen protestierte gegen den Antrag, und als derselbe trotzdem am 14. Juni mit 9 gegen 6 Stimmen angenommen wurde, wobei auch Form- Abstim _ fehler nicht vermieden wurden, da erklärte es den Bund für mung im aufgelöst und erneuerte zugleich seinen Antrag aut Neugestal- 14. Juni 66 . 1 Damit sollte offenbar Bayern gewonnen werden. Der bayrische Ministerpräsident von denPfordten war auch kein eingeschworner Preußenhasser, erkannte und anerkannte in Bismarck, mit dem er korrespondierte, den großen Staatsmann. Aber er erklärte, Bayern könne nicht ohne oder gegen Österreich gehen, und als es zum Kriege kam, stand Bayern bei Österreich. Bismarck aber sagte damals in einem Briefe, Deutschlands Verhältnisse verbessern, zusammen mit Österreich, sei gerade so schwer wie die Quadratur des Zirkels. Flühmann, Vorträge. 26 tung Deutschlands nach seinem frühem Vorschläge. Es war das Ende des deutschen Bundes. Der Krieg war da. Preußen stellte sogleich an Sachsen, Hannover und Hessen- Kassel, die außer den süddeutschen Staaten zu Österreich hielten, die Forderung, ihre Truppen auf Friedensfuß zu setzen und sich für die von Preußen vorgeschlagene Bundesreform zu erklären, sicherte ihnen dafür ihren Besitzstand zu. Da sie ablehnten, wurden die drei Länder sofort von preußischen Truppen besetzt. Am 17. Juni war Hannover, am 18. Dresden, am 19. Kassel in preußischen Händen. Im Kampfe, der nun bevorstand, waren auf Österreichs Seite alle diejenigen, welche einem stärker zentralisierten Deutschland widerstrebten, also alle Mittelstaaten, außer den schon genannten norddeutschen auch Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt südlich und Nassau nördlich des Main. Die größere Volkszahl stand auf Österreichs Seite, und dieses stellte auch den weitverbreiteten Haß gegen das bismarckische Preußen mit dem unvermindert fortdauernden Verfassungskonflikt in seine Rechnung. Österreich war in der Tat allgemein beliebter und hoffte, binnen kurzer Zeit Preußen ein neues Olmütz zu bereiten. Bismarck war ohne Zweifel in jener Zeit der gehaßteste Mann in Deutschland. Ein Beweis dafür war auch das Attentat auf ihn am 7. Mai unter den Linden in Berlin. Es war fast ein Wunder, daß der Überfallene den auf ihn abgefeuerten Kugeln mit einer nicht lebensgefährlichen Verwundung entging. Der Täter, ein überspannter Jüngling, Stiefsohn des einstigen badischen Republikaners Karl Blind, starb im Gefängnis, indem er sich mit einem Federmesser eine Ader auf schnitt. In ganz Deutschland widerstrebte man der Bismarck’schen Politik von „Blut und Eisen“ und dem Bürgerkrieg; in Preußen selber war er anfänglich nichts weniger als populär. x Zu den besondern Schwierigkeiten gehörte es, daß der Krieg viele Fronten hatte. Österreich mußte ihn führen gegen Italien im Süden, gegen Preußen im Norden, Preußen gegen die norddeutschen Mittelstaaten Sachsen, Hannover, Hessen- Kassel und Nassau, zugleich gegen die süddeutschen Staaten und gegen Österreich im Süden. Es wäre eine komplizierte Aufgabe, dem Krieg auch nur in den Hauptlinien zu folgen. Wir sehen davon auch diesmal ab. Nach den Ursachen interessieren uns die Folgen, die Ergebnisse des Krieges. Preußen — 403 — hatte zum vornherein den Vorzug des damals überlegenen Zündnadelgewehres, eine vorzügliche Disziplin und Organisation und ausgezeichnete Führer, die in der Kriegsgeschichte leuchtende Namen bleiben werden. Der „Schlachtenlenker“ Helmut von Moltke, geh. 1800 im mecklenburgischen Parchim, zuerst in dänischen, seit 1822 in preußischen Diensten, war 1835—39 als Reorganisator des türkischen Heerwesens im Orient, seit 1858 preußischer Generalstabschef. Schon im Kriege von 64 hatte sich seine Überlegenheit geltend gemacht; der Krieg von 66 hob ihn nun zur Weltberühmtheit. Österreich fehlten auch jetzt die großen Feldherren. Der Feldzeugmeister Benedek, dem wir bei Solferino-S. Martine begegneten, der als Österreichs tüchtigster Mann galt, mußte sich wider Willen von dem ihm vertrauten italienischen Boden, der italienischen Armee zur Hauptarmee nach Böhmen versetzen lassen, zu fremden Truppen und in neue Gebiete. Er mag auch wohl einer Aufgabe von diesem Umfange nicht gewachsen gewesen sein; gesucht hatte er sie nicht. Er fand, wie heute nachgewiesen, auch mehrfach nicht den gebührenden Gehorsam. Auf ihn, als seinen Sündenbock, lud Österreich nachmals seine Sünden ab. Nachdem die hannoveranische Armee am 27. Juni bei Langensalza den Preußen ein siegreiches Gefecht geliefert, sah sie sich plötzlich von preußischen Divisionen eingeschlossen und mußte sich samt dem blinden König Georg V. ergeben. Die Armee Falkenstein wurde nun frei und wandte sich, mit andern Truppenteilen zur Mainarmee vereinigt, gegen die Süddeutschen. Unterdessen drangen die Preußen mit den angeschlossenen Truppen der norddeutschen Kleinstaaten, die klugerweise zu Preußen hielten, in drei Armeen, von Sachsen, von der Lausitz und von Schlesien her in Böhmen ein. Nach einer Reihe unglücklicher Gefechte konzentrierte Benedek seine Truppen in der Gegend von Königgrätz-Sadowa, allwo es am beiKömgs- 3. Juli zur gewaltigen Entscheidungsschlacht kam. Mit je sldowä 220,000 Mann standen die Gegner an Zahl sich ziemlich gleich 3i Jul1 ”• gegenüber. Der Entscheid war doch vorauszusehen, die preußischen Truppen durch ihre bisherigen Siege moralisch gehoben, die Führung auf preußischer Seite überlegen. Der Kronprinz Friedrich Wilhelm traf nachmittags 3 Uhr rechtzeitig ein, um den preußischen Sieg sicherzustellen. Um 5 Uhr war der Kampf entschieden. Österreich verlor 20,000 Gefangene und reichlich noch einmal so viele an Toten und Verwundeten. Schon am i. Juli hatte Benedek nach Wien telegraphiert: „Katastrophe für Armee unvermeidlich“, raffte sich dann doch auf, das Äußerste zu leisten. Jetzt blieb der geschlagenen Armee nur rascher Rückzug. Franz Josef aber trat auf die Kunde von der Niederlage bei Königgrätz hin Venetien an Napoleon III. ab, um von Italien Frieden und die italienische Armee zur Verwendung im Norden frei zu bekommen, und nahm in der Folge Napoleons Friedensvermittlung an. Aber der italienische Minister Ricasoli sagte: „Es gibt noch etwas Wertvolleres als Venetien, die Ehre Italiens und seines Königs“. Dem Vertrag mit Preußen entsprechend setzte Italien den Krieg fort; es wollte, wie schon gesagt, Venetien lieber erkämpfen, als es sich von Napoleon schenken lassen. Eigener Erfolg war ihm freilich nicht beschieden. Es war am 24. Juni bei Custozza geschlagen worden und zog auch in der Seeschlacht bei Lissa an der dalmatinischen Küste am 19. Juli den Kürzern. Es trat nun der seltsame Zustand ein, daß Italien den Krieg weiter führte, nachdem Österreich Venetien hergegeben hatte. Napoleon seinerseits nahm nun sofort das Geschäft des „ehrlichen Maklers“ an die Hand. Sein Gesandter, Graf Benedetti, erschien am 14. Juli im Hauptquartier König Wilhelms. Bismarck hielt ihn hin, bis Franz Josef die Bedingungen des Präliminarfriedens von Nikolsburg annahm. Die preußische Armee stand jetzt bei Preßburg, Wien selber war unmittelbar bedroht. Die nächtlichen Wachtfeuer der Preußen leuchteten bis in die Residenz hinein. Da wurde am 22. Juli der Waffenstillstand abgeschlossen, am 26. Juli der Präliminarfriede von Nikolsburg, am 23. August der definitive Friede in Prag unterzeichnet. Sein Inhalt war: Integrität des österreichischen Besitzstandes, die Abtretung Venetiens ausgenommen; Abtretung der Rechte Österreichs in Schleswig-Holstein an Preußen; es sollte jedoch in Nordschleswig eine Volksabstimmung für Preußen oder Dänemark stattfinden (fand nie statt und wurde 1878 von Österreich fallen gelassen); Zustimmung Österreichs zur Aufhebung des Deutschen Bundes und zur Gründung eines Norddeutschen Bundes, nördlich des Main, während die süddeutschen Staaten sich zu einem Südbund sollten vereinigen können. Anerkennung der Neueinrichtungen und Gebietsveränderungen in Norddeutschland, jedoch unter Wahrung der Integrität Sachsens; Zahlung von 20 Millionen Talern — 405 — Kriegsentschädigung durch Österreich. — Damit war nun Österreich aus Deutschland ausgeschieden und hatte seine Hegemonie hier wie in Italien endgültig eingebüßt. Die kritischeste Phase im ganzen Krieg waren die Verhandlungen bis zum Abschluß der Nikolsburger-Präliminarien. König Wilhelm, der so schwer den Entschluß zum Kriege gegen Österreich gefunden hatte, war nun durchaus der Meinung, für die gebrachten Opfer Landgewinn heimbringen zu müssen und zwar nicht nur in Norddeutschland. Er glaubte, ganz Sachsen und auch österreichische und süddeutsche Gebiete fordern zu müssen. Der weiter blickende Bismarck sagte: „Nicht vernichten und demütigen dürfen wir Österreich; wir müssen es zum Freunde und Bundesgenossen gewinnen für das unter Preußen zu vereinigende Deutschland“. Es gab harte Zusammenstöße zwischen König und Kanzler, so daß der König nicht mehr nach dem Kanzler fragen, dieser nicht mehr zum König gehen mochte, und Kronprinz Friedrich. Wilhelm mußte die Vermittlung übernehmen. 1 Daneben die Schwierigkeiten mit dem Vermittler Napoleon und seinem Unterhändler Benedetti, wovon wir unten noch sprechen werden. Auch in Italien gab es noch Anstände. Garibaldische Freischaren waren in Südtirol eingedrungen, freilich ohne den erwarteten großen Erfolg. Auch auf Triest und die adriatische Ost käste hatte Italien seine Absicht gerichtet, und es mußte ihm sowohl von Preußen als von Napoleon bedeutet werden, daß die geschlossenen Verträge nur auf den Gewinn Venetiens gingen und weitere Aspirationen nicht anerkannt werden könnten. Anderseits kam Franz Josef auf eine frühere Klausel zurück, wenn er Venetien abgebe, müsse dagegen die weltliche Herrschaft des Papstes durchaus gesichert werden, was Napoleon unmöglich zusichern konnte. Also Schwierigkeiten allerorten. Am 3. Oktober erst kam der Friede zwischen Italien und Österreich zustande. Österreich anerkannte die Vereinigung Venetiens mit Italien, wogegen dieses die auf Venetien lastende Staatsschuld übernehmen mußte. Mit den süddeutschen Staaten hatte Preußen zu Ende Juli und Anfang August Waffenstillstand und dann Friedens- vertrage abgeschlossen. Von einigen Grenzverbesserungen abgesehen verzichtete König Wilhelm auch hier schließlich auf 1 Bismarck, „Gedanken und Erinnerungen,“ Kap. 20. Österreichs Friede mit Italien, Okt 66. Friede mit den süddeutschen Staaten, Jufi—Aug. 66 . * — 4°6 - Gebietserwerbungen und begnügte sich mit Kriegsentschädigungen. Ein Schutz- und Trutzbündnis, das im Falle eines auswärtigen Krieges die süddeutschen Staaten verpflichtete, ihre Truppen unter Preußens Führung zu stellen, blieb zunächst Staatsgeheimnis. Bismarck hatte die Süddeutschen dafür gewonnen, indem er ihnen Mitteilung machte von Napoleons Ansprüchen auf die bayrische und hessische Pfalz. — Am längsten dauerten die Verhandlungen mit Sachsen; doch kamen auch hier im Oktober 66 „Frieden und Freundschaft auf ewige Zeiten“ zustande. Dagegen wurden Hannover, Hessen-Kassel, Nassau und Frankfurt am Main, die, obschon sie geographisch halbinsel- und inselmäßig von preußischem Gebiet umgeben waren, zu Österreich gehalten hatten, durch Annexionsgesetz vom 20. September 1866 Preußen einverleibt, womit der trennende Riemen an der Weser verschwand und Preußen ein geographisch geschlossenes Gebiet wurde. König Georg von Hannover protestierte gegen die Annexion Hannovers, nahm jedoch 1867 durch Vertrag die Zinsen eines zu dem Zweck reservierten Kapitals von 16 Millionen Talern an. Als dann der König in seiner Feindschaft gegen Preußen und den norddeutschen Bund verharrte, und das Geld zur Erhaltung und Mehrung seiner „hannoveranischen Legion“ verwendete, da wurde die Zahlung eingestellt und die Zinsen zur Bekämpfung wölfischer Umtriebe verwendet, „Weifenfonds“. Seit 1879 empfing die verwitwete Königin die Zinsen für sich und ihre Kinder, seit 1892 König Georgs Sohn, Herzog Ernst August von 0 umher- land. 1 Der rasche und siegreiche Verlauf des Krieges hatte die von König Wilhelm gegen die Mehrheit des Abgeordnetenhauses durchgeführten Änderungen und Neuerungen im Heerwesen glänzend gerechtfertigt. Am 3. Juli, dem Tage von Königgrätz, fanden nun die Neuwahlen zum preußischen Landtag statt und fielen diesmal regierungsfreundlich aus. Um nach dem Siege nun auch die innere Eintracht wieder zu gewinnen, vermochte Bismarck, nicht ohne Mühe, Wilhelm I. 1 Sein Sohn Ernst August, Enkel Georgs V. von Hannover, seit 19x3 vermählt mit Prinzessin Viktoria Luise, Tochter Kaiser Wilhelms II-, ist seit demselben Jahr als rechtmäßiger Erbe auch Herzog von Braunschweig. Die deutsche Kaiserin Auguste Victoria ist bekanntlich die Tochter des um seine Herzogtümer gekommenen Herzogs Friedrich von Augustenburg. Durch Heiraten sind die zerrissenen Bande zwischen den Dynastien wieder geknüpft worden. — 407 — zu einem Indemnitätsgesuch an das Abgeordnetenhaus, und zwar betrachteten König und Kanzler sich als die Gewährenden, da in der Annahme der Indemnität durch das Haus „nichts weiter liege als die Anerkennung, daß die Regierung und ihr königlicher Chef rebus sic stantibus (bei so bewandten Umständen) richtig gehandelt hätten“. 1 Das Indemnitätsgesetz wurde angenommen, und der bisherige Präsident des Abgeordnetenhauses, der wußte, daß er dem Hofe nicht angenehm war, trat freiwillig zurück. Von nun an ging der Staatshaushalt wieder seine geordneten Wege. Aus der Fortschrittspartei, die auch intransigente Elemente in sich schloß, trat eine Gruppe aus und bildete die gemäßigte national- liberale Partei, die heute noch besteht. Mit den 19 norddeutschen Kleinstaaten schloß Preußen den Norddeutschen Bund nach dem Reformvorschlag, den es vor dem Krieg dem Bundestag eingereicht hatte. Das Präsidium des Bundes mit der exekutiven Gewalt lag bei Preußen. Der König von Preußen als Präsident konnte Krieg erklären, Frieden und Bündnisse schließen, vertrat den Bund nach außen. Die Legislative hatte ein Bundesrat, bestehend aus Vertretern der Gliedstaaten, und ein aus allgemeiner, direkter Wahl hervorgehenden Reichstag. Einheitlich war das Heer-, Post- und Telegraphen wesen. Bismarck war der erste Bundeskanzler. Auch Österreich, das durch den Krieg von 66 in eine neue innere Krise geriet, gelangte endlich zu mehr Frieden und Ruhe im Innern durch den sogenannten Ausgleich mit Ungarn vom Jahr 1867. Ungarn erhielt seine Verfassung von 48 wieder, mit eigenem Reichstag und Ministerium. Franz Josef wurde nun feierlich in Pest als König von Ungarn gekrönt. Auch die cisleithanischen Länder erhielten eine konstitutionelle Verfassung. Die Verbindung beider Hälften wurde aufrecht erhalten durch gemeinsame Ministerien des Äußern, der Finanzen und des Heerwesens. Nicht unter dem gemeinsamen Kriegsministerium steht die ungarische Landwehr, die Honveds. Diese Verfassungen bestehen heute noch zu Recht. Unter denselben verließ Österreich endgültig das metternichsche Stillstandsprinzip und schlug die Bahn eines gemäßigten Fortschrittes ein. Der Norddeutsche Bund. 1 Bismarck, „Gedanken und Erinnerungen“, Kap. 21. — 4°8 — ^Steilung- Die preußisch-deutsche Bewegung von 1866/67 wurde Mächte, natürlich von den übrigen Mächten genau beobachtet und mit viel Mißtrauen, Ungunst und Mißgunst begleitet. Die hervorragendste Rolle spielten dabei Frankreich und Napoleon III. Wir sehen diesen vor dem Krieg und während desselben eine Doppelrolle spielen. Er fand Preußens Arrondierungsbestrebungen in Norddeutschland gerechtfertigt und begünstigte sie. Er sagte diesbezüglich einmal zu einer Gruppe höherer Offiziere : „Betrachten Sie die Dinge, wie Sie wollen, Preußens Sache ist die Sache des Fortschritts“. Aber Voraussetzung und Endabsicht waren ihm stets Kompensationen für Frankreich „im Westen“, und er war unermüdlich im Aufstellen von Projekten in diesem Sinne. Italien hatte er im April 66 zum Bündnis mit Preußen ermuntert, damit es Venetien erlange. (Wenn er irgend einem Lande außer Frankreich von Herzen wohlgesinnt war, so war es Italien). Am 9. Juni, noch vor dem Kriege, schloß er dann einen Geheimvertrag mit ' Österreich, wodurch er sich zur absoluten Neutralität verpflichtete und versprach, alles zu tun, um auch Italien zu gleicher Haltung zu bewegen, wogegen Österreich die Abtretung Venetiens zu Händen Italiens auf alle Fälle zusicherte. Schon früher war bestimmt worden, daß zum Ersatz für Venetien das preußische Schlesien an Österreich kommen sollte. Wie wir oben gehört, lehnten Victor Emanuel und sein Minister dann die Neutralität, d. h. den Vertragsbruch gegenüber Preußen ab. Der Verlauf des Krieges im Norden mußte Napoleon bei seiner Auffassung außerordentlich enttäuschen. Mit der überwiegenden öffentlichen Meinung in Europa hatte er an Österreichs Sieg geglaubt. Nach der Katastrophe von Königgrätz war man in Paris konsterniert. Von einer Abtretung Schlesiens an Österreich konnte natürlich keine Rede mehr sein. In den Friedensverhandlungen war die Zustimmung zu den Territorial- Veränderungen, die Preußen in Norddeutschland vornehmen würde, bei dem Vermittler Napoleon und bei Österreich am schwersten zu erreichen gewesen. Doch aber lehnte Napoleon damals den von Rußland vorgeschlagenen Friedenskongreß ab, weil er die Vermittlerrolle lieber für sich alleine zu Ende führte, und weil er fürchtete, vom Kongreß weniger für sich zu bekommen als durch freundschaftliche Verständigung mit Preußen. Während der Friedensunterhandlungen trat Na- 409 — poleon nun mit den Kompensationsansprüchen für Frankreich Die fran- hervor. Wir können den Verhandlungen, die vom August 66 Kompen- bis Mai 67 liefen, nicht folgen und geben seine wesentlichen lehrend* Vorschläge nur noch in einer Überschau. Übersicht. Erster Vorschlag: Preußen annektiert Sachsen, dafür werden aus den westrheinischen deutschen Gebieten einige Herzogtümer gebildet, die, unter Beibehaltung einer Verbindung mit Deutschland, zugleich unter französisches Protektorat kommen (Rheinbundreminiszenzen). Zweiter Vorschlag: Abtretung der deutschen Gebiete zwischen Mosel und Rhein an Frankreich, neben Saarbrücken,, Saarlouis etc. auch die bayrische und die hessische Pfalz mit Mainz (Aug. 66). Napoleon soll gesagt haben: „Mainz oder den Krieg!“ worauf Bismarck antwortete: „So wird es Krieg sein“. Der Vorgang war ohne Zweifel diplomatisch höflicher; sachlich mag die Version zutreffen; sie bringt die Verhandlungen auf ihre kürzeste Formel. Dritter Vorschlag: Abtretung von Landau, Saarlouis, Saarbrücken und geheimes Schutz- und Trutzbündnis zwischen Preußen und Frankreich zur Erwerbung Belgiens für Frankreich. Bismarck hatte allerdings früher selber gelegentlich die napoleonischen Gelüste auf französisch sprechende Grenzgebiete wie Belgien abzuleiten gesucht, was ja zu dem sonst von Napoleon vertretenen Nationalitätsprinzip stimmte. Jetzt antwortete er, die Abtretung deutscher Gebiete würde in Deutschland eine große Aufregung hervorrufen, — sorgte zugleich dafür, daß die Dinge in die Zeitungen kamen — und die belgische Frage würde sogleich England in Bewegung setzen. Vierter Vorschlag: Preußen soll Frankreich den Erwerb Luxem Luxemburgs erleichtern. Das mit Holland in Personalunion burgerverbundene Luxemburg (Seite 54) war zugleich Mitglied des frage ’ 61 ' deutschen Bundes und des Zollvereins gewesen; die Hauptstadt hatte als Bundesfestung eine preußische Besatzung. Nun es den deutschen Bund nicht mehr gab, unterhandelte Napoleon mit dem König von Holland, zugleich Großherzog von Luxemburg, über einen Kaufvertrag, und der Großherzog war nicht abgeneigt, seine Ansprüche gegen 4—5 Millionen abzutreten, wenn auch Preußen, das in Luxemburg das Besatzungsrecht hatte und die Vertragsmächte von 1839 zustimmten. Es kam darüber zu einer neuen Londonerkonferenz im Mai 1867, und 4io — das Ergebnis war, daß Luxemburg neutralisiert, Preußens Besatzungsrecht aufgegeben und die Festung geschleift wurde. Bei dem Anlaß wurde auch Limburg von Deutschland getrennt und endgültig an Holland überlassen. Vor und während der ganzen Kriegszeit von 66 und seither war die französische Politik auf möglichst großen Gebietsgewinn für Frankreich gerichtet gewesen, und nun ging sie ganz leer aus, woran auch der hohe Orden nichts änderte, den König Wilhelm dem Grafen Benedetti verliehen hatte. Während der ganzen Ministerialzeit Bismarcks, seit 62, war er mit Napoleon in gutem, freundlichem Verhältnis gestanden. Noch im Oktober 65 hatte er im Seebade Biarritz nahe mit dem Kaiser verkehrt und ihn wegen des bevorstehenden Krieges mit Österreich ausgehorcht. „So lange Napoleons Kompensationswünsche sich nicht zu bestimmten Forderungen verdichteten, pflegte Bismarck ein freundliches Diplomatenohr zu leihen“, schlug nie etwas ab, sagte nie etwas zu. Und nun ? An Bismarck hatte Napoleon einen Meister gefunden, und er verlor darüber gewaltig an Prestige bei den Franzosen. Er mußte es schlucken, wenn sie in Paris sagten: „Dem Kaiser gelingt nichts mehr“. Frankreich fühlte sich die durch das zweite empire wieder erlangte Hegemonie entwunden und erhob den Ruf nach „Revanche pour Sadowa!“. Gerüstet hatte man seit Königgrätz unausgesetzt, und wenn der deutsch - französische Krieg nicht schon 66 oder 67 ausbrach, so war es, weil der Kaiser viel leidend, die französischen Rüstungen nicht auf der Höhe waren, und weil auch Bismarck den drohenden neuen Krieg zu verzögern trachtete. Im März 67 wurde das Schutz- und Trutzbündnis, das die süddeutschen Staaten an Preußen band, amtlich bekannt gegeben, was in Paris neuerdings peinlich überraschte und warnend wirkte. Auch wollte man die am, 1. April 67 eröffnete Weltausstellung in Paris nicht stören. Die Gegner des Kaisers hetzten gegen ihn. Er suchte die öffentliche Stimmung zu beruhigen, indem er seine Auffassung dahin aussprach, daß Frankreichs Stärke nicht auf der Schwäche seiner Nachbarn beruhe; daß das Gleichgewicht der Mächte viel sicherer sich auf die befriedigten Wünsche der Völker gründe. Bismarck galt von nun an in Frankreich als der hinterlistigste, treuloseste Staatsmann Europas und als der Feind Frankreichs. Minister Moustier schrieb am 6. April 67 an 4 i i — Benedetti: „Wir haben eine schwere Wunde empfangen; das ist nicht zu verheimlichen, und unser Vertrauen zu Herrn von Bismarck ist um so mehr erschüttert, als man sein Verhalten kaum anders erklären kann, denn als eine Falle, die er unserer Gutgläubigkeit stellte. Wir sind dem Kriege sehr nahe gewesen. Viele Personen glauben, daß Preußen die Absicht gehabt hat, uns zu reizen und uns ferner reizen wird. Ich werde mich auf alle Fälle so einrichten, daß jede gute Absicht des Berlinerkabinetts bei uns die Tür offen finden wird, ohne daß ich auf diese Möglichkeit rechne; aber wenn Herr von Bismarck vorbedachterweise die Gelegenheit zum Streit sucht, so wird er sie nicht finden.“ Wollte natürlich heißen: so lange wir nicht gerüstet sind . 1 Das war also die innere Verfassung, unter der die glänzende Weltausstellung in Paris eröffnet wurde. Unter den vielen hohen Gästen, die sie mit ihrem Besuche beehrten, war auch König Wilhelm mit den Grafen Moltke und Bismarck. Der ungezwungene Verkehr der Monarchen mußte hinweg - täuschen über die nicht überwundenen Gegensätze und den tiefen Argwohn. Eine rechte Bitternis für Napoleon war es noch, daß Zar Alexander darauf bestanden hatte, gleichzeitig mit seinem Oheim, dem König Wilhelm, in den Tuile- rien zu Gast sein zu wollen. So hatte man nicht einmal den Zaren für sich allein, und die russisch-preußische Intimität war gerade so unangenehm wie die Krupp'sehe Riesenkanone in der Ausstellung, welche die Aufmerksamkeit allzu laut auf sich zog. (Nach Bulle). Obendrein fühlte sich der Zar verletzt durch den Ruf: Vive la Pologne ! den er auf der Straße und selbst bei seinem Besuch im Justizpalast hinnehmen mußte. Ein Attentat, das ein junger Pole bei einer Spazierfahrt der beiden Kaiser im Bois de Boulogne auf ihn machte, konnte seine Stimmung nur verschlechtern, so daß er Paris mit bittem Gefühlen verließ. 1 Seit 66, vollends nach 70, war Frankreich so deutschfeindlich, daß es deutschen Bestrebungen, entgegentrat, wo es konnte, so z. B. auch die von der Schweiz in Verbindung mit Italien und Deutschland angestrebte Gotthardbahn zu durchkreuzen suchte. — 412 — XIX. Das französische Kaiserreich 1856—70. 1 Die Die syrische Expedition 1860 . Im Pariserfrieden von 1856 Expedition hatte der Sultan gesetzliche Reformen zugunsten seiner Christ- 1860 ' liehen Untertanen zugesichert, war demzufolge in das europäische Staatenkonzert aufgenommen und jedes europäische Protektorat über die Christen in der Türkei aufgehoben worden. Trotz diesen Zusicherungen, ja trotz dem guten Willen des Sultans gab es in der Türkei immer wieder, bald da, bald dort, Explosionen des islamitischen Fanatismus mit Christen- massacres. Die Westmächte übten dem gegenüber nur zu viel Langmut und pflegten die Dinge vornehm kühl zu ignorieren, um nicht Rußland einen Anlaß zur Einmischung zugestehen zu müssen. Ein einziges Mal, im Juni 1858, schritt England energisch ein. Nachdem in Dschidda, der Hafenstadt Mekkas, die Konsuln der Westmächte abgeschlachtet worden, erging über die Stadt ein furchtbares Bombardement durch ein englisches Kriegsschiff. Seitdem gab es Schreckenszeiten für die Christen in Bosnien, Albanien und in andern Provinzen, ohne daß die Westmächte sich aus ihrer kühlen Ruhe bringen ließen. Als Rußland im Mai 1860 dringend verlangte, daß über die unerträglich gewordene Lage der Christen in der Türkei eine Untersuchung durch europäische Kommissäre angeordnet werde, begnügte man sich damit, daß der Sultan seinen Groß- vezier mit der Untersuchung beauftragte. Aber in diesem selben Monat Mai 1860 gingen am Libanon, wo mohammedanische Drusen und christliche Maroniten durcheinander wohnten, entsetzliche Greuel vor sich, indem ein Drusenscheik gegen die Christen vorging. Die Greuel verbreiteten sich über einen großen Teil von Syrien und bis in die obere Jordangegend. Die Christen wurden ermordet, Kirchen und Häuser niedergeb rannt und alle Schandtaten geübt, deren die entfesselte Bestie Mensch fähig ist. 30,000 Christen sollen getötet worden sein. Die türkischen Behörden waren ohnmächtig oder gleichgültig, in einem Grade, daß es an offene Billigung 1 Const. Bulle. — 413 — grenzte. In Konstantinopel erschrak man freilich. Es war eine arge Verlegenheit für die Regierung, und die russischen Klagen erwiesen sich plötzlich in schreiender Weise als gerechtfertigt. Um einer europäischen Einmischung zuvor zu kommen, entschloß man sich zu schnellem Handeln. Fuad Pascha ging mit 16,000 Mann und großen Vollmachten nach Syrien ab. Allein während dies in Konstantinopel verfügt wurde, ging der Greuel in Damaskus los. Der christliche Stadtteil, vollends mit Flüchtlingen angefüllt, wurde überfallen, und eine Woche lang dauerte das Morden, Plündern, Brennen und was dazu gehörte. Behörden schien es in Damaskus nicht mehr zu geben. Der einzige Abd-el-Kader bemühte sich, die zu schützen, die in seinen Palast geflüchtet waren. Mit Mühe brachte er den schlappen Gouverneur dazu, den Christen als Zuflucht die Zitadelle zu öffnen. Dann erschien Fuad Pascha und ließ allerdings ein schweres Gericht über die Stadt ergehen; 200 wurden hingerichtet, der Statthalter selbst erschossen. Das war alles ein wenig spät. In Europa war inzwischen das Eingreifen doch beschlossen worden. Napoleon hatte einige Kriegsschiffe an die syrische Küste geschickt zum. Schutze der französischen Konsuln. Dieser Schutz genügte aber höchstens für die Küstenorte. Ein französisch-englisches Heer nach Syrien zu schicken, lehnte England entschieden ab. Mit Mühe erreichte Napoleon, daß ihm ein Demonstrationsunternehmen auf die Dauer von sechs Monaten gestattet wurde. Das Ansehen der Türkei mußte ja durchaus geschont werden. Am x 6. August landeten französische Regimenter in Beirut. Ihr Erscheinen hatte eine Beschleunigung und Verschärfung des Strafgerichtes zur Folge, das Fuad Pascha zu vollziehen hatte. Es traf nun auch die, pflichtvergessenen Behörden von Damaskus, über welche Gefängnis und Verbannung verhängt wurden. Der französische General unternahm dann mit Fuad Pascha einen Streifzug ins Land hinein, in die Libanongegend, gegen die fanatischen Drusen. Gleich wurde man in England unruhig und verlangte, daß die französischen Streitkräfte an die Küste zurückkehrten. Einige hundert Drusen wurden indessen ergriffen. Um einen nachhaltigen Eindruck zu erzielen und Entschädigung an die tun Hab und Gut gekommenen Christen zu erwirken, erweiterte England schließlich den Termin der französischen Okkupation bis Anfang Juni 1861. Die Pforte mußte sich zu Die mexikanische Expedition 1861 / 67 . ~ 414 .. 75 Millionen Piaster Entschädigung an die Christen verpflichten und zum Statthalter des Libanon einen Christen ein- setzen. Die offizielle Presse in Frankreich versäumte natürlich nicht, die französische Kulturmission und den Kaiser zu feiern, der wirklich die Initiative ergriffen und natürlich gerne in der Rolle eines Vollstreckers des europäischen Willens aufgetreten war. Für ihn und für Frankreich war es übrigens die Fortsetzung und Erneuerung der traditionellen Beschützerrolle Frankreichs in Syrien. Die mexikanische Expedition , 1861/67. Seit Jahrzehnten war die nordamerikanische Union durch die Sklavenfrage gespalten. Die Nordstaaten mit ihrem Farm- und Industriebetrieb waren gegen die Sklaverei, die auf Plantagenbau angewiesenen Südstaaten erklärten sie als unentbehrlich. Über der Frage, ob die Sklaverei auch auf die westlichen Territorien auszudehnen sei, kam es zum Bruche. Im Dezember 1860 war der republikanische Kandidat Abraham Lincoln, der als Abolitionist galt, zum Präsidenten gewählt worden. Daraufhin taten zunächst sieben Südstaaten sich zu einer Konföderation zusammen und wählten in Jefferson Davis einen eigenen Präsidenten ; die übrigen Südstaaten schlossen sich an, und es begann der Sklaven-, oder Sezessionskrieg. Wie die öffentliche Meinung Englands 1 war auch Napoleon zum vornherein entschieden für die Südstaaten, nicht aus Sympathie für die Sklaverei, — wie hätte sich das z. B. in England mit seiner vor Jahrzehnten erfolgten Abschaffung der Sklaverei reimen lassen I — sondern aus politischen Gründen, aus Besorgnis vor einer künftigen Übermacht der unerhört anwachsenden Union. Eine Teilung und Schwächung der Riesenrepublik wäre für Europa erwünscht gewesen. England und Frankreich begünstigten also den amerikanischen Sonderbund, so weit sie konnten, zunächst durch Verkündigung ihrer Neutralität, womit den Südstaaten bereits das Recht des Kriegführens zugestanden war, während die Nordstaaten die Sezessionisten als sonderbiindlerische Rebellen betrachtet wissen wollten. 1 Der damalige Schatzkanzler Gladstone, ursprünglich Tory, nahm zuerst schroff für die Südstaaten Partei. Aber 1865 Führer der Liberalen geworden, nannte er nun seine frühere Parteinahme für die Sklavenstaaten einen „unglaublichen Irrtum.“ (Zum Liberalismus hatte er sich bekehrt weil ihm die Zukunft gehöre, gegen die man nicht ankämpfen könne). 415 Auch boten beide Mächte in Washington gewünschten Falls ihre guten Dienste zur Friedensvermittlung an. Die Antwort lautete, die politischen Institutionen der Union gestatteten nicht, einen Innern Streitfall dem Ausland zur Vermittlung anheim zu stellen. — Für England und für Frankreich waren die Folgen des Krieges bald recht empfindlich zu spüren, indem die bisher von den Südstaaten gelieferte Baumwolle ausblieb, viele Fabriken still standen und hunderttausende von Arbeitern mit ihren Familien brotlos wurden. Indessen hatten die Sezes- sionisten im ersten Kriegssommer ziemlich Erfolg. Das bestärkte Napoleon im Glauben an ihren endlichen Sieg. Und dieser Glaube verführte ihn zu einem ziemlich abenteuerlichen Unternehmen, das leicht zu einem Verhängnis werden konnte. Damals wie heute litt Mexiko an den trostlosesten Partei- wirren. Ein Präsident um den andern wurde gestürzt. Schulden und Verpflichtungen, die der eine eingegangen, leugnete der andere ab. Die Finanzlage war bodenlos. Nun war seit 1858 rechtmäßiger Präsident Carlo Benito Juarez, aus altem Aztekengeschlecht, der frühzeitig von der priesterlichen Laufbahn zur juristischen übergegangen, sich als Gouverneur einer Provinz ausgezeichnet und als Justizminister tüchtig gezeigt hatte. Er war von den Vereinigten Staaten wie auch von Frankreich und England anerkannt. Die staatlichen Finanznöten drängten den liberalen Staatsmann zu radikalen Maßnahmen, welche seine Feinde gegen ihn ausbeuteten. Dazu gehörte, daß er im Juli 1861 für zwei Jahre die Zahlung der vertragsmäßigen Zinsen (für die von seinen Vorgängern aufgehäuften Schulden) an die ausländischen Gläubiger einstellte. Das traf besonders spanische, aber auch englische und französische Gläubiger; die Forderungen, der letztem wenigstens, waren nicht alle von unanfechtbarem Ursprung, weshalb Präsident Juarez sie z. T. ablehnte. Nun vereinigten sich die drei Mächte zu einer Demonstration, um die Ansprüche ihrer Angehörigen zu schützen. England wollte von Anfang an in keiner Weise darüber hinaus gehen, während Spanien und Napoleon weitergehende politische Pläne hegten. Die Vereinigten Staaten wurden eingeladen, mitzutun; sie lehnten ab und erboten, um den Krieg von Mexiko abzuwenden, fünf Jahre Garantie für die Zinsen der mexikanischen Schulden. Aber eben der Umstand, daß die Union jetzt „andere Katzen zu peitschen“ hatte, wie der französische Minister Touvenel sagte, ermunterte die spanischen und napoleonischen Pläne, die auf Errichtung einer Monarchie in Mexiko hinausliefen, und der spanische General und Politiker Graf Prim, der einige Jahre Statthalter in Porto-Pico gewesen, wäre gern König oder Kaiser von Mexiko geworden. Einige Kriegsschiffe der Verbündeten landeten in Vera Cruz und schifften ihre Mannschaften aus, Dezember 61 und Januar 62. Als dann aber Napoleon die Leitung der Dinge ungebührlich an sich riß, da traten England und auch Spanien von der Konvention zurück. General Prim hatte plötzlich allen Eifer verloren, als er merkte, daß Napoleon schon einen andern Kaiser für Mexiko in der Tasche hatte. Juarez war auf Verhandlungen mit den drei Mächten bereitwillig eingegangen; sie mit klingender Münze zu befriedigen, war er zur Zeit nicht imstande, versprach aber, den Verpflichtungen später nachzukommen. Napoleon, alleine gelassen, trat nun offener mit seinem Plan hervor, war immer mit den Sezessionisten der Union in Verbindung und hoffte auf ihren Sieg und ihre Unterstützung. Er war der Überzeugung, daß bei den romanischen Völkern nur die Monarchie ein starkes Regiment begründen könne, glaubte durch Errichtung eines Kaiserreiches in Mexiko der lateinischen Rasse in Amerika einen festen Halt und die gebührende Bedeutung zu geben gegenüber dem überwiegend germanischen Nordamerika. Der Macht der Union sollte dadurch ein Gegengewicht gegeben, Mexiko übrigens ein guter Markt für die französische Industrie, und er selber, der französische Kaiser, der Protektor Mexikos und des lateinischen Amerika werden. Kaiserin Eugenie hatte noch ihre besondern Wünsche auf dem Herzen, die Rückerstattung der vom Präsidenten Juarez säkularisierten Kirchengüter, wodurch sie Religion und Frömmigkeit zu fördern hoffte. Zum Kaiser hatte Napoleon den Erzherzog Maximilian von Österreich, Bruder Kaiser Franz Josefs, schon bereit. Erzherzog Max war seit seinem Besuche in Paris 1855 in den Tuilerien persona gratis - sima, und nun ließ der ehrgeizige, tatenfrohe Prinz sich faktisch für das Abenteuer gewinnen und versprach, die mexikanische Kaiserkrone, gegen Zusage der französischen Unterstützung, anzunehmen. Eine monarchische Partei gab es in Mexiko nicht; aber man nahm sich nicht die Mühe, das festzustellen. Eine Hand voll Gegner des Präsidenten Juarez wurde unbesehen als — 4 i7 — kaiserliche Partei genommen. Der französische Gesandte Al- monte, als Mitglied eines Triumvirates, berief eine sogenannte Notabein Versammlung, welche am n.Juli einhellig, mit 231 Stimmen, Erzherzog Maximilian zum Kaiser wählte. Die Stadt Mexiko schloß sich an. Dann erschien 1863 eine mexikanische Deputation in Europa. Am 10. April 64 empfing Maximilian sie zum zweiten Male auf Schloß Miramare am adriatischen Meer und, auf die Mitteilung hin, daß bei 2000 Gemeinden ihn ebenfalls gewählt hätten, erklärte er endgültig, nicht ohne ungestümes Drängen des von Napoleon gesandten Generals Frossard, die Annahme der Krone. Schon vier Tage später schiffte er sich ein, stattete unterwegs noch dem Papst einen mehrtägigen Besuch ab, um seinen Segen zu empfangen, landete am 29. Mai in Vera Cruz und zog am 12. Juni feierlich in Mexiko ein. Bald mußte er sehen, daß es in Mexiko kein Volk gab, das auf ihn gewartet, daß er in dem Lande keine festen Wurzeln hatte. Ohne die französischen Truppen hätte er sich nicht halten können. Und eine Besserung der innern Verhältnisse in Mexiko wollte ihm, trotz aller Anstrengung, in keiner Weise gelingen. Populär konnte er nicht werden. Selbst der französische Marschall Bazaine, der eben erst in Mexiko den Marschallstab erlangt, und der mit einer Mexikanerin vermählt war, suchte ihn beiseite zu schieben und an seine Stelle zu treten. Und dann kam die Stunde, wo die Unionsstaaten den Bürgerkrieg und die Sezession überwunden hatten. Schon am 7. April 1864 hatte das amerikanische Repräsentantenhaus die feierliche Erklärung abgegeben, daß es mit den Grundsätzen der Republik unvereinbar sei (Monroe- Doktrin), eine „auf den Trümmern der republikanischen Staatsform unter dem Schutze einer europäischen Macht errichtete Monarchie“ anzuerkennen. Im Jahre 1865, nachdem der Bürgerkrieg beendigt war, weigerte sich Präsident Johnson, der auf den ermordeten Lincoln gefolgt war, einen Brief Kaiser Maximilians anzunehmen. Alle Unterhandlungen Napoleons mit der Unionsregierung führten zu nichts, als daß man ihm den Schein eines freiwilligen Abzugs seiner Truppen ließ und Neutralität gegenüber Mexiko versprach, nachdem alle europäischen Truppen abgezogen wären. Da half nichts. Vergebens bat Maximilian bei Napoleon und berief sich auf die ihm gemachten Zusagen. Vergebens reiste die Kaiserin Charlotte nach Rom, Wien, Brüssel und Paris. Bei Napoleon Fliihmann, Vorträge. 27 — 418 — traf sie es noch besonders schlecht. Es war um die Tage von Königgrätz, der Kaiser schwer bedrückt und physisch leidend. Nicht einmal finanzielle Hülfe wollte er weiter Zusagen. Niemand mochte und konnte helfen; denn niemand wollte einen Krieg mit der Union auf sich nehmen. Da verfiel die ehrgeizige junge Kaiserin, die ihren Gemahl zur Annahme des mexikanischen Kaisertums bestimmt und eben erst noch von der Abdankung abgehalten hatte, dem Irrsinn. Sie war die Tochter Leopolds I. von Belgien, Enkelin Louis Philipps, damals 27 Jahre alt. Nie wieder ging das Himmelslicht der Vernunft ihr auf. — Das zweite Opfer war Maximilian selber. Als das französische Militär das Land verlassen hatte, drangen die Truppen des Präsidenten, der sich zu Beginn des Kaisertums in die Union und unter ihren Schutz begeben hatte, von allen Seiten gegen die Hauptstadt vor. Noch hätte der Kaiser fliehen können. Aber seine Getreuen baten ihn auszuharren. Er tat es, zog sich nach Queretaro zurück, geriet schließlich durch Verrat in die Hand der Feinde. Ein Kriegsgericht verurteilte ihn; und am 9. Juni 1867 wurde er standrechtlich erschossen, 35 Jahre alt, zur Sühne für die vom Kaiser ebenfalls standrechtlich behandelten Kämpfer des Präsidenten. Mit Mühe konnte Franz Josef die Leiche herausbekommen. Sie wurde bei den Kapuzinern in Wien beigesetzt. Minister Rouher hatte die mexikanische Expedition „die größte Idee des Kaiserreichs“ genannt. Nun endete sie wie ein tragisches Abenteuer, das sie auch war. Als nicht unbillig wird man es empfinden, daß Napoleon in gewissem Sinn das dritte Opfer des Abenteuers wurde. Das Erbe des großen Oheims ließ den Neffen nicht ruhen. Der Name Napoleon sollte universale Bedeutung haben, in zwei Hemisphären als Protektor und Förderer der lateinischen Kultur glänzen. Und nun wurde der Ausgang fatal für ihn. Man denke sich die Angriffsfläche, die er der wachsenden Zahl der Gegner bot. Es war übertrieben, wenn man die das französische Ehrgefühl so empfindlich verletzende, schwächliche Haltung des Kaisers gegenüber Preußen mit der mexikanischen Expedition begründete. Nicht mehr als 30—40,000 Mann waren über den Ozean geschickt worden; die konnten so große Bedeutung für ein Land wie Frankreich doch wohl nicht haben. Die mangelnde Kriegsbereitschaft lag wesentlich anderswo. Aber unheilbar getroffen war ohne Zweifel das persönliche Ansehen, 419 — der Nimbus des Kaisers. Seine von der Welt bewunderte, für undurchdringlich gehaltene politische Weisheit, seine Konsequenz und Ausdauer, sein Ehrenwort, wo war das alles geblieben gegenüber Maximilian ? Der Verlust war nicht wieder einzub ringen. Hier, wo das mexikanische Unternehmen in Napoleons europäische Politik von 64—67 einmündet, haben wir umzukehren und die innere Regierung nachzuholen. — Man wird füglich sagen können, daß die legislative Versammlung von 1849 das französische Volk schlecht repräsentierte. Keine Partei besaß eine Mehrheit; einig waren sie nur gegen den Präsidenten. DieOrleanisten hofften, den General Changarnier auf den Präsidentenstuhl zu bringen, der dann, als ein neuer Monk, das Haus Orleans zurückführen sollte. Die Gruppen der Republikaner, zusammen keine ansehnliche Minderheit, waren unter sich auch nur in Bekämpfung des Präsidenten einig. Von den 86 Generalräten der Departements sprachen 80 sich für die Revision der Verfassung und Wiederwahl des Präsidenten aus. Aber die Versammlung kümmerte sich nicht um die Stimmung des Landes; sie „verrammelte selber dem Präsidenten den gesetzlichen Weg“ und trachtete nur danach, ihn zu beseitigen. Mit dem Staatsstreich vom 2. Dezember kam dieser der Versammlung zuvor und tat kaum übler, als sie zu tun gedachte, und als diejenigen getan, die den Bürgerkönig gestürzt hatten. Gleichwohl, wie beim großen Napoleon und bei Louis Philipp, lag eine Hauptschwäche des Kaisers in seinem U rsprung. Wir können dem nicht weiter nachgehen; für den näher Schauenden zeigte es sich von Anfang an. 1 Die Verfassung von 1852 begründete ein schwach verhülltes absolutes Regiment. Der Kaiser glaubte oder schien zu glauben, daß Demokratie und Volkssouveränität sich in der Zukunft durchsetzen würden. Demokratie und Ordnung, Volksouveränität und Autorität zu verbinden, das war, was er seinen neuen politischen Gedanken nannte. Der Absolutismus sollte im Dienste des Volkes stehen, seine Freiheit und Wohlfahrt verbürgen. * Der große Napoleon sagte einst, dem Sinne nach, zu Metternich: Eure alten Dynastien können, zwanzig mal geschlagen, ruhig in ihre Residenzen zurück kehren. Ich stehe nur auf mir selber und meinem Glück. Ich bin nichts mehr, wenn das Glück mich verläßt, und man mich nicht mehr fürchtet. (Moskau, Leipzig, Waterloo). Napoleons innere Regierung. — 420 Bautätigkeit des Kaisers. Früher schon haben wir die Bautätigkeit des Kaisers in Paris erwähnt. Nie vor und nach ihm ist so Einschneidendes und Großartiges in dieser Richtung geleistet worden. Sanita- rische und ästhetische Absichten leiteten ihn gleichermaßen, und wirklich wurde Paris durch ihn die gesundeste, luft- und lichtreichste und schönste Großstadt Europas. Selbst der etwas griesgrämig gewordene Guizot sagte, Paris sehe zwar aus wie eine bombardierte Stadt, aber wenn der Kaiser zerstöre wie ein Attila und Dschingiskhan, so baue er auch auf wie ein Aladin. Daß bei dem radikalen Niederwerfen ganzer Quartiere mit den alten, engen, schmutzigen, stinkenden Gäßchen und verrufenen, selbst lebensgefährlichen Winkeln auch manches Wertvolle, Interessante und Schonenswerte zum Opfer fiel, war kaum zu vermeiden. Die Stadt verlor auch an historischem Werte und wurde etwas einseitig, ja langweilig modern : „Die Griechen würden darin das Werk von Barbaren erkennen, die tüchtig Mathematik gelernt hätten“. Aber im ganzen war das Gewonnene doch wohl höher zu schätzen als das Verlorene. 1 Geld wurde dabei nicht gespart. 1068 Millionen gab Haußmann während seiner 17 jährigen Amtszeit, 1853—70, als Seinepräfekt für Bauzwecke in Paris aus, und fast ebensoviel hinterließ er der Stadt als Bauschuld. — Die übrigen großen und mittleren Städte Frankreichs ahmten das Beispiel der Hauptstadt nach, vom Kaiser ermuntert und gefördert. Übrigens beschränkte die kaiserliche Bautätigkeit sich nicht auf die Städte, sondern erstreckte sich auf Straßen- und Kanalbauten im ganzen Lande, insbesondere auch auf Fluß- 1 Vier, fünf Namen beherrschen wesentlich die Baugeschichte des neuzeitlichen Paris: Franz I., Katharina de Medici, Ludwig XIV., der erste Napoleon, Louis Philipp und Napoleon III. Unter ihm ist Paris geradezu das Vorbild einer breitstraßigen, licht-, luft- und baumreichen Großstadt geworden. Ganze Quartiere wurden niedergelegt, um den vom großen Napoleon begonnenen Durchbruch der Rue de Rivoli zu vollenden, die nun vom alten Bastilleplatz bis in die Champs Elysees, von Südost nach Nordwest, die ganze Stadt durchzieht. Sie wurde die Schlagader des Pariserlebens. Auch die ebenfalls vom großen Napoleon begonnene Verbindung der Tuilerien mit dem Louvre wurde wieder aufgenommen und durchgefiihrt. Die neuesten und prunkvollsten Eckpavillons des Louvre tragen in der Baugeschichte des zweiten Kaisers Namen. Natürlich war man in Paris stolz darauf; es gab auch vielen großen und kleinen Leuten Arbeit und Verdienst und diente so auch den sozialen Absichten des Kaisers. — 421 verbauungen z. B. an der Rhone, und auch auf die Eisenbahnen, deren Netz sich unter dem Kaiserreiche viel rascher entwickelte als unter Louis Philipp. Die kaiserlichen Konzessionen bestimmten klugerweise für die von Privatgesellschaften erstellten Linien den Heimfall an den Staat nach 99 Jahren. Sonderbarerweise, das französische Zentralisationssystem recht augenfällig illustrierend, liefen die Schienenstränge, wie die Speichen eines Rades, alle radial von Paris nach der Peripherie hinaus, als ob man in Frankreich nicht anders als von oder nach Paris reisen könnte. Es brauchte mehr Umstände und Zeit von Caen nach Rouen zu kommen, sagt Bulle, als von Caen oder Rouen nach Paris. Daß man etwa von Lyon nach Bordeaux und vice versa reisen könnte, ohne den Winkel nach Paris zu machen, schien den französischen Eisenbahngesellschaften vorläufig nicht in den Sinn zu kommen. Der Bautätigkeit des Kaisers schloß sich diejenige für die Landwirtschaft an. Er hatte während seiner Verbannungszeit auf englischen Gütern seine Beobachtungen gesammelt, verstand sich wohl auf Pferde und Nutzvieh, kaufte Ödland an, verwandelte Dünen und Sumpfgelände in Musterwirtschaften, ging auch mit Wiederaufforstung des entwaldeten Landes voran, und wirkte mit alledem außerordentlich anregend und fördernd. Er suchte damit auch die Abwanderung vom Lande nach der Stadt zu mäßigen, die anderseits gerade durch die viele Bautätigkeit und dadurch bedingte Verdienstgelegenheit in den Städten befördert wurde. Bei Förderung all dieser Dinge leiteten Napoleon auch soziale Gedanken. Mit jedem wohlbeschäftigten und gut- genährten Arbeiter entziehe ich dem Sozialismus einen Rekruten, meinte er. Aber die politische Klugheit war keineswegs sein einziges oder das beherrschende Motiv. Das Wohl der untern Stände lag ihm wirklich am Herzen; er suchte unablässig ihre materielle Lage zu verbessern, erwirkte schon 1851, als Präsident, einen Kredit von 600,000 Fr. für öffentliche Badeanstalten, ließ im Laufe der Zeit Millionen für gesunde Arbeiterwohnungen anweisen, gab selbst 1859 für die Industriestadt Lille 100,000 Fr. zu demselben Zwecke und so ähnlich für andere Städte. Von den 25 Millionen seiner Zivilliste beanspruchte er 5 Millionen für sich persönlich; aber es ist nachgewiesen, daß der größte Teil in allerlei Formen der Öffentlichkeit wieder zugewendet wurde. Er förderte alle Förderung der Landwirtschaft. Soziale Tätigkeit. — 422 — Geistiges Leben. Literatur. Börse, Spekulation und Presse. humanitären Bestrebungen, wo immer er konnte, hatte als Präsident 1850 bereits eine Rentenanstalt mit Staats gar antie ins Leben gerufen, wo die kleinen Leute ihre Einlagen machen und sich für die alten Tage eine bescheidene Rente sichern konnten. Den Versicherungszwang wagte er vorderhand nicht einzuführen, und der Krieg von 1870 schnitt seinen Plan ab, es zu tun. Ebenso gründete er mit Staatsgarantie eine Lebensversicherungskasse zugunsten von Witwen und Waisen und eine Unfall- und Invaliditätskasse für industrielle und landwirtschaftliche Betriebe, endlich auf Gegenseitigkeit gegründete Krankenkassen, societds de secours mutuels. In allen diesen Dingen ging der Präsident und Kaiser unermüdlich voran. Seine originellste Schöpfung war vielleicht die, bei Anlaß einer Brotteuerung, im Jahre 1854 eingeführte Bäckereikasse, in welche die Bäcker bei niedrigem Getreidepreise Einschüsse machen mußten, um dann bei hohen Getreidepreisen Zuschüsse zu empfangen. Damit sollte eine gewisse Gleichmäßigkeit in den Brotpreisen erreicht werden. Das wichtigste war wohl, daß ein Gesetz von 1864 den Arbeitern das Koalitionsrecht verlieh, so daß sie gemeinsam Verbesserung ihrer Lohnverhältnisse anstreben konnten. Wenig erfreulich erscheint das geistige Leben in dieser Periode. Die realen Wissenschaften beherrschten einseitig die Studien und die Geister. Schon bei der studierenden Jugend galt „jede edle und großmütige Empfindung als Luxus“. Materialismus und Egoismus standen alleine in Geltung. Die Zeit des Idealismus schien für immer versunken; die Romantik war verklungen. Die Literatur der Zeit gefiel sich in einem bis ins Schamlose getriebenen Realismus, und wefin sie etwas idealisierte, so war es das Laster. Die „Kameliendame“, „die sich von den Reichen bezahlen ließ, um den Armen zu unterhalten“, sollte die wahre Liebe darstellen, und „an diesem Vaudeville-Schlager des jüngem Dumas aus dem Jahre 1852 konnte Paris sich ohne Ende berauschen“. Daneben im seltsamen Gegensatz ein Katholizismus, der sich nicht genug tun konnte im Kultus des neuzeitlichen Wunders. Neben andern Wunderorten von bescheidenerem Erfolge stieg seit 1858 Lourdes zum Weltruhm empor. Zu einer kaum je gesehenen Höhe schoß um dieselbe Zeit der Giftbaum der Börse auf. Mit ihr im Bunde schlug ein gewissenloses Spekulantentum seine Hand über die Presse. Die größten Zeitungen wurden gekauft, neue gegründet. Da — 42,3 die Politik ihnen entzogen war, — Preß- wie Vereinsfreiheit konnte es im Reiche des Absolutismus nicht geben — unterhielten sie das Publikum mit neuen Romanen, je pikanter, desto besser, dienten daneben mit ihren Leitartikeln dem Spekulantentum oder zerrten das Privatleben bekannter Persönlichkeiten an die Öffentlichkeit. „In diesem Genre, sagt Const. Bulle, lief der 1854 gegründete „Figaro“ allen andern Zeitungen den Rang ab.“ Bezeichnend ist das Bonmot des Journalisten Emile Girardin: „Wir haben jetzt nichts zu tun als Millionäre zu werden“, und die Zeitungs-Chroniqueurs 1 argumentierten so: „Früher war das Privatleben mit einer Mauer umgeben, jetzt ist es das öffentliche; die Regierung gibt uns als Ersatz das erstem preis; wir haben ein Patent auf Händel und Skandale“. — Da war nun der Kaiser nicht ohne Schuld. Es gehörte zum System des napoleonischen Despotismus, daß er die Politik als seine Domäne der Presse vorenthielt; so geriet sie auf Abwege. — Gegen die Börsenauswüchse und gegen die schlechte Literatur machte der Kaiser einige wenig erfolgreiche Versuche. Ernsthaft zu sanieren, der Literatur edlere Impulse zu geben, dazu fehlte ihm die Macht der Persönlichkeit. Bei der engen Verbindung des Geistigen mit dem Sittlichen nicht verwunderlich, aber unerquicklich sind die Gemälde, die hervorragende Fremde und auch ernste Franzosen über das sittliche Leben im zweiten Kaiserreich entwarfen. Dem jungen Franzosen ist Idealismus ein Luxus. Da er nicht der Betrogene sein will, bekämpft er die Welt mit ihren eigenen Waffen. „Der Härte setzt er den Egoismus entgegen. Die Umgebung will ihn mißbrauchen, und er nutzt sie aus. Die Gesellschaft ist ihm ein Austausch von Diensten, die sich lohnen müssen. Mit Gewissensruhe ist er hart und grausam ... Haß kennt er nicht; denn er bringt nichts ein. Er hält es für ebenso unnütz, sich zu rächen, wie zu verzeihen; aber er vergißt nichts. Er zählt nur auf sich selbst, überzeugt, daß der Mensch der natürliche Feind des Menschen ist. Sein Gewissen mahnt ihn, niemand zu fressen; aber nachdem diese Pflicht erfüllt ist, wird es sein Recht sein, bis aufs äußerste zu kämpfen, um nicht gefressen zu werden.“ (E. Montögu, kein Mann der Opposition, seit 62 literarischer Kritiker des „Moniteur officiel“). „Jedes Gefühl der Pflicht, der Ehre und Gerechtigkeit ist verwischt. Alles zusammen erweckt den Eindruck eines Holbeinischen Totentanzes um das goldene Kalb .... Auf der Spitze der Leiter gibt die kaiserliche Familie das Zeichen zu allen Ausschweifungen und Schwächen. Das frivole Geschwätz der Tuilerien, der Gesandtschaften, der Ministerien dreht sich um die zweideutigen Abenteuer des Kaisers und seiner Umgebung am Tage vorher. Die Unsittlichkeit drängt sich von allen Seiten vor. Zeitungen und Theaterstücke preisen und verherrlichen entsetzliche Skandale. Der Franzose kümmert sich nicht um das, was außerhalb seiner Grenzen vorgeht; er will Sittliches Leben. — 424 — amüsiert sein; so amüsiert man ihn .. („Ein hervorragender Ausländer“, Kreyssig). — „Eitelkeit und Stolz, Leichtsinn und Mangel an Voraussicht, Anmaßung und Überstürzung in unsern Beschlüssen, verbunden mit schneller Entmutigung; Vorliebe für Vergnügungen und behagliches Leben; Leidenschaft für die Mode, unversöhnliche Oppositionslust; Geringschätzung der gesetzlichen Formen; allzu nachgiebige Gefälligkeit; das hartnäckigste Bestehen auf unserer Meinung und unserem Recht“ sind die nationalen Fehler, die Frankreichs Verfall verursachen. „Die Staatsgewalt hatte ihre Kraft verloren; denn das Übermaß der kaiserlichen Rechte 1 hatte weder Spannkraft noch Unabhängigkeit gelassen.“ „Die Journalistik erhob sich wieder zu namenloser Unsittlichkeit, seit der Gebrauch, die einzelnen Nummern zu verkaufen, dem dreistesten Lügner den größten Gewinn versprach.“ „Die von den Eisenbahnen bewirkte gesellschaftliche Zentralisation sog die Provinzen aus; Frankreich lebte nur noch in Paris.“ Das heimatlose „neue Vagabundentum der reichen Familien führte seinen Egoismus und Müßiggang in den Stätten der sommerlichen und winterlichen Vergnügungen spazieren und vergeudete seinen Reichtum“, wo es ihm am besten gefiel. (Hdlie, unabhängiger, konservativer Bonapartist). — Wir werden vor solcher Selbstkritik Respekt haben und übrigens nachdenken dürfen, ob diese Gemälde nur dort und damals zutrafen. — Der Natur der Dinge und Menschen entsprechend, wurden die tiefen Schatten des Zeitbildes nur von wenigen Nach- ' denklichen beachtet. Frankreich leuchtete, seine Residenz strahlte über Europa hin. „Paris war die Königin der Städte“ und mochte sich nicht mit Grillen plagen. Ein Strom von Fremden ergoß sich jährlich in die „Hauptstadt der Welt“ und der Kultur, ihre Paläste, Museen, Kunstsammlungen, Theater zu bewundern und zu genießen, zu sehen, wie man sich amüsierte und sich mit zu amüsieren. Das um so mehr, seit „Seine-Babel“ auch bei den hohen Häusern Europas wieder in Gnade und Mode war. Das häusliche Leben am Hofe sei von gesunder Einfach- häusliche heit gewesein. Der Kaiser stand früh auf, arbeitete viel und Leben, regelmäßig. Neben den Regierungsgeschäften widmete er sich zu Zeiten mit Neigung und Ausdauer auch gelehrten Arbeiten. 1865/66 schrieb er seine zweibändige „Histoire de Jules C6sar“, wobei allerdings politische Motive im Spiele waren. Der römische Cäsarismus sollte den französischen unterstützen. — Die Die Kaiserin beteiligte sich ihrerseits an den sozialen Be- Kaiserm. Ziehungen des Kaisers. Sie übernahm das Protektorat wohltätiger Anstalten und gemeinnütziger Bestrebungen, scheute auch nicht davor zurück, sich bis ins Kleine mit den Dingen bekannt zu machen. Da sie weder eine literarische noch überhaupt eine tiefere Bildung auf irgend einem Gebiete besaß, so pflegte sie, zum Bedauern der gediegeneren Elemente unter den Hofgästen, bei ihren H offesten einen Prunk und einen 1 Von der Verfasserin gesperrt. — Die zitierten Stellen gekürzt und zusammengezogen aus Const. Bulle. Ton, der des edlem und feinem Geschmackes entbehrte. Ihr eigentliches Luxusgebiet war die Toilette. Selten zog sie ein Kleid zum zweiten Male an; eine Dame, die an zwei Festen in demselben Kleid erschienen wäre, hätte sich unmöglich gemacht. Politik trieb sie erst, seit sie sich überzeugen mußte, daß sie keinen treuen Gemahl hatte. Nun erzwang sie sich politischen Einfluß, um sich Geltung zu verschaffen. Der Kaiser, zuerst widerstrebend, gab nach, weil er häusliche Szenen scheute. Übrigens war die Kaiserin eine gute Mutter, die ihren Sohn von Herzen liebte. Nach außen hin stand der Kaiserliche Hof in den ersten Verhältnis Jahren isoliert, von den übrigen Höfen als nicht ebenbürtig Z wärügen & betrachtet. Das wurde seit 1854 anders. Zuerst erschien 54 Hofen in Vertretung König Leopolds I. von Belgien Herzog Ernst II. von Koburg als Gast in den Tuilerien. Später machte der König von Belgien selber dem Kaiser einen Besuch im Lager von Boulogne, ebenso der Prinzgemahl Albert von England. Mit Freuden wurde daraufhin der Besuch in London erwidert, und Königin Viktoria war entzückt von dem Kaiserpaar. Zur Zeit der Ausstellung erwiderte sie den Besuch in den Tuilerien, und nun war der Bann gebrochen. 1857 hatte der Kaiser auch eine Entrevue mit Zar Alexander II. in Stuttgart, mit dessen Hofe beide Kaiser verwandt waren. Napoleon legte großen Wert auf dieses Zusammentreffen, verletzte freilich den Zaren, indem er unklug genug war, die polnische Frage zur Sprache zu bringen. Alle Blicke aber waren damals auf ihn gerichtet, so daß er sogar den Zaren überstrahlte. Damals war der Kaiser auf seiner Höhe. Die Ausstellung DeMtaiser in Paris 55, der Ausgang des Krimkrieges und der Friedens- im ' n kongreß 56, während dessen auch der einzige Sohn, der Thronerbe, geboren wurde, etwa auch noch die syrische Expedition von 60 bezeichnen seinen Zenith. Bald darauf beginnt seine Bahn sich zu neigen. Für die äußere Politik lag die Grenze seines Glückes im B inn des Jahre 59. Im Namen des Nationalitätsprinzips war der Kaiser Nieder- in den Krieg gegen Österreich gezogen, „Italien sich selber g i8iS. S ’ wieder zu geben“, und ließ sich dann mit Nizza und Savoyen bezahlen. Er mußte es vielleicht, um die Kriegsopfer und selbst seinen Namen Napoleon vor dem eigenen Lande zu rechtfertigen, Frankreich wieder ein Stück seiner ersehnten „natürlichen Grenze“ zurückzuerwerben. Die Schweiz brachte 426 — er dabei mit trügerischen Worten um die ihr vom Wienerkongreß verliehenen Rechte auf Nordsavoyen. Wenn auch die Mächte um die Reklamationen der Schweiz sich keine schlaflosen Nächte machten, vermerkt wurde der Vorgang doch, und es war das Jahr 59/60, das bei den Regierungen ein allgemeines Mißtrauen gegen den französischen Kaiser erweckte. Sie hatten zeitweise sogar ein Abkommen unter sich, französische diplomatische Akte sich gegenseitig mitzuteilen. England, schon seit dem Friedenskongreß von 56 kühl geworden, wegen Napoleons allzu eifriger Werbung um das russische Wohlgefallen, benahm sich seit 59/60 noch kühler. Wir erinnern uns, wie eifersüchtig es 1860 die Türkei behütete und N apoleons syrische Expedition überwachte. Als der Kaiser 1863 zu einem Kongreß nach Paris einlud, um durch gemeinsame Lösimg einiger beunruhigender Fragen Europas Ruhe zu sichern — im Programm waren die dänische, polnische, orientalische, italienische und römische Frage — da lehnte • England mit kühlster Höflichkeit ab, und der Kongreß fiel dahin. Napoleons Stellung zur polnischen Revolution 1863/64 trübte auch die russische Freundschaft. Der Kaiser schien der Isolierung entgegen zu gehen; die Fäden der europäischen Politik liefen nicht mehr in seiner Hand zusammen. Man wurde unruhig wegen des wieder erstandenen, ruhelosen „na- poleonischen Geistes“. Und in Frankreich selber wurde ihm sein Name zum Verhängnis, weil er den französischen Ehrgeiz überspannte, das Verlangen nach Belgien und der „natürlichen Grenze“ im Osten neu belebte. Wozu sonst einen Napoleon? Victor Hugo nannte ihn „Napoleon den Kleinen“. Aber die Absichten des Kaisers auf Erwerb der belgischen Eisenbahnen, die Aspirationen auf Belgien in allen Formen 1 trugen König Leopold die bündigsten Zusagen Englands für die Unantastbarkeit Belgiens ein. Das Jahr Auch für die Stellung des Kaisers im Innern des Landes Wende- bedeutet 59/60 einen Wendepunkt, fast ein Verhängnis, das nrHanern! 1 zeigte, wie abhängig er war von den Geistern, denen er sich einst verpflichtet. Der Krieg gegen Österreich, im Anschluß daran * Prinz Napoleons (Plon-Plon) Mission wegen Erwerbung Belgiens scheiterte in Berlin. — Die französische Ostbahngesellschaft versuchte, mit Unterstützung der Regierung, die Eisenbahn nach Brüssel zu kaufen, um von da aus die belgischen Eisenbahnen in die Hand zu bekommen. Das Ende war ein Betriebsvertrag, der „Belgien in keiner Weise zu nahe trat.“ — 427 — die „ Beraubung des Papstes“, dem vom Kirchenstaat schließlich nur noch sein kleines Patrimonium Petri übrig blieb, während Napoleon sich für die Zulassung des Raubes mit Savoyen und Nizza bezahlt machte, hatte den Abfall des Klerus im Gefolge, der für den Kaiser schwer ins Gewicht fiel. Eine böse Hetze richtete sich gegen -ihn. Ein Bischof verglich ihn öffentlich dem „Gottesmörder Pilatus, der Christus retten konnte“, und es nicht tat, während der Kaiser sich brieflich beim Papst beschwerte, daß Rom „ein Herd der Verschwörung gegen ihn geworden“. Seine weitere schwankende Politik in Italien und in der römischen Frage war nicht geeignet, den geschehenen Abfall rückgängig zu machen, das Vertrauen völlig wieder zu gewinnen. An Gegnern und Feinden hatte es dem Kaiser ohnedies von Anfang an nicht gefehlt. Man denke an die Legitimisten, Orleanisten und Republikaner. Nach dem Vorbild des Oheims stützte er sich auf das Heer, auf seine stolze Garde und auf die Polizei. Diese hatte seit 1853 mit wiederholten Attentaten auf das Leben des Kaisers zu tun; das Orsinische war nur das geräuschvollste und opferreichste darunter. Scharfe gesetzliche Einengung des Vereinswesens und der Presse vermochte nicht viel dagegen. Das „Sicherheitsgesetz“ von 1858, durch das Orsini-Attentat veranlaßt, bedeutete wohl das äußerste, was an Schutz- und Strafmaßnahmen geleistet werden konnte. Bei den Wahlen in den Gesetzgebungskörper pflegte die Regierung „offizielle Kandidaten“ aufzustellen. 1863 setzten sich die Wähler in Paris und andern Städten darüber hinweg und schickten oppositionelle Vertreter in die Kammer; 69 wiederholte und verstärkte sich das. Die Arbeiterschaft erwartete von der Regierung Arbeit und billiges Brot; konnte der Kaiser das nicht nach Wunsch bieten, so ging sie zur Opposition über. Die gebildete Bürgerklasse ihrerseits ertrug schon lange widerwillig das absolute, persönliche Regiment. Die Pariser Studenten taten sich mit lauter Opposition hervor. Die Studenten-Marseillaise „Le Lion du Quartier latin“ erregte Aufsehen. Nun hatte der Kaiser schon seit 1863 einigermaßen nachgegeben, der Volksvertretung und der Presse Zugeständnisse gemacht. 1 Es machte seinen Anhang bedenklich, ohne die ’ Der 1863 berufene, gemäßigt liberale Unterrichtsminister Duruy ^63—69) entfaltete eine große und erfolgreiche Tätigkeit, schlug zuerst die Unent- — 428 — Neue Verfassung, 1870 . Gegner von ferne zu befriedigen. Als nun 1869 eine zahlreichere Opposition in den Gesetzgebungskörper einzog, die noch mehr wog, als sie zählte, da erinnerte der Kaiser sich der Mahnung des 65 verstorbenen Grafen Morny, dem Liberalismus und Konstitutionalismus entgegen zu kommen. Er berief den frühem gemäßigten Republikaner, Emile Ollivier. Eine neue Verfassung wurde entworfen, der Kammer die Gesetzesinitiative (noch nicht die Verfassungsinitiative), das Recht der Interpellation, der Adressen an den Kaiser, der Diskussion, resp. der Amendierung der eingebrachten Gesetze eingeräumt. Senat und Kammer erhielten jetzt die Stellung von Ober- und Unterhaus. Auch leise Anfänge einer Dezentralisation der Kompetenzen und der Verwaltung waren gegeben. Die Presse erhielt freiere Bewegung, und ihre Delikte sollten wieder vor die Geschwomengerichte kommen. — Für die neue Verfassung rief der Kaiser das „souveräne Volk“ zum Entscheide auf. Das Plebiszit vom Mai 1870 ergab rund 71/2 Millionen Ja gegen 1.1/2 Millionen Nein. Damit hatte das Kaiserreich den Schritt zum Konstitutionalismus getan. Ob es damit gefestigt, gerettet wurde ? Die anderthalb Millionen Nein waren keine große Minderheit, aber doch vielmal größer als 1851. Und sie stammten aus Paris und den großen Städten, die z. T. wirklich verwerfende Mehrheiten zeigten. Das gab zu denken. Und dazu der immer öfter und lauter wiederholte Ruf nach der Republik. Napoleon war nicht mehr „die Zukunft“, der Mann, von dem alle etwas hoffen und erwarten konnten; auch er hatte enttäuscht. Und die Presse benutzte die neue Freiheit in maßloser Weise, als wollte sie sich rächen für die lange Gebundenheit, pflegte neben anderem mit Vorliebe das erfolgreiche! Thema von der Verschwendung, den Steuern und der wachsenden Last der Schulden. E$ waren schmerzliche, sorgenvolle Tage für den alternden, auch physisch oft schwer leidenden Kaiser. Freund und Feind mußte sehen, sein Stern war im Verblassen. Ein populärer, siegreicher Krieg hätte den Glanz erneuen, die Schlappen von 66/67, Mexiko, König - geltlichkeit des Volksschulwesens vor, führte den Turnunterricht in den hohem Schulen ein und war der erste, der staatliche Töchterschulen gründete und überhaupt den bisher ganz der Kirche überlassenen Mädchenunterricht von Staats wegen förderte. — 429 — grätz, überwinden können. Gerüstet wurde seit 66 schon immer; aber nicht der Kaiser war der eigentliche Treiber zum Kriege; andere besorgten das, nicht alle aus gleichen Gründen. XX. 1870/71: Der „große Krieg“ und was sich daran schließt.' Man war im Sommer i 8 yo. Alles atmete tiefen Frieden. Der französische Ministerpräsident Ollivier sagte am 30. Juni in der Kammer, daß der Friede noch nie gesicherter gewesen sei als heute: „Wohin man blickt, kann man nirgends eine Frage entdecken, die vielleicht Gefahren in sich bergen könnte“. Da kam die spanische Thronkandidatur, und am 19. Juli erklärte Napoleon III. Wilhelm I. von Preußen den Krieg. Dazu einige Vorgeschichte. — Ferdinand VII. von Spanien, den wir s. Z. kennen gelernt, hatte drei Gemahlinnen durch den Tod verloren, war bis dahin kinderlos und Thronerbe sein Bruder Don Carlos. Nun nahm der König eine vierte Gemahlin, Prinzessin Maria Christina von Neapel. Sie war den katholischen Ultras, den sogenannten Apostolischen, die mehr an dem bigotten Don Carlos als an dem König hingen, sehr unwillkommen. Das merkte sie bald und beeinflußte den König zu ihren Ungunsten. Als Hoffnung auf Nachkommenschaft auf ging, bewog sie den König, da das zu erwartende Kind auch eine Tochter sein konnte, das alte kastilische Erbrecht wieder herzustellen, wonach die direkte weibliche Linie erbte vor der männlichen Seitenlinie. Zur Zeit galt das erst von den Bourbon, seit dem spanischen Erbfolgekrieg 1713, eingeführte salische Erbrecht, wonach weibliche Thronfolge erst in Frage kam, wenn keine männlichen Seitenerben mehr Vorgeschichte der spanischen Thronfolgekandidatur. Konst. Bulle, H. von Sybel. — 430 — da waren. Was der König tat, war er zu tun berechtigt. Aber er brachte damit seinen Bruder um die Thronfolge und machte sich dadurch diesen und seinen klerikalen Anhang zum Feinde. Im Oktober 1830 wurde dem König wirklich ein Töchterlein geboren, die Prinzessin Isabella. Die Liberalen richteten von nun an ihre Hoffnung auf dieses Kind und seine Mutter Marie Christine. 1833 starb Ferdinand VII. Nach dem kastilischen Erbgesetz war nun Isabella Königin , und ihre Mutter übernahm die Regentschaft. Da die ultramontane Partei die neue Erbfolge nicht anerkannte und Don Carlos als Thronfolger ansah, so blieb Christine nichts anderes übrig, als sich den Liberalen in die Arme zu werfen, „der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb“. Ganz Spanien teilte sich jetzt in liberale Christinos und ultramontane Karlisten. Es kam zum Jahre langen Bürgerkrieg. Bei den Karlisten wurde die heilige Jungfrau als Generalissima ausgerufen. Indessen gelang es dem liberalen General Espartero 1839 und 40 Don Carlos und seine fähigsten Führer über die französische Grenze zu treiben. Seitdem war Isabella anerkannt, und Christina willigte in eine gemäßigt liberale Verfassung. Aber die Königin Mutter war weder eine edle noch fähige Regentin; die Parteikämpfe hörten nicht auf. Sie wurde 1840 vertrieben, Espartero an ihrer Statt zum Regenten erhoben. 1843 wurde auch er gestürzt, die 13 Jahre alte Isabella als volljährig proklamiert, in der Folge dann, mit 16 Jahren, an ihren entfernten Vetter, den an Körper und Geist geringen Franz von Assisi, Herzog von Cadix, vermählt, was das Werk Louis Philipps und der famosen Regentin und Mutter Christina war. Zur Ruhe kam das Land nicht. Von Parteiwirren zerrissen, zwischen Revolution und Reaktion hin und her geworfen, hatte es an der schwachen Königin und ihrem „König Gemahl“ keine feste Führung. Seit 66 war die Reaktion an der Reihe. „Ein Terrorismus lagerte auf dem Lande, wie Spanien ihn lange nicht gesehen und hielt das ganze geistige und politische Leben gefesselt.“ Die Liberalen hatten allgemeines Stimmrecht, Trennung von Kirche und Staat auf die Fahne geschrieben. Isabella aber wurde um so geistlicher, je unerbaulicher ihr Lebenswandel war und tat, was sie dem Papst von den Augen ablesen konnte. „Beschützung des heiligen' Stuhles wurde als vornehmste Aufgabe des Landes erklärt“ und fortgesetzt hohe Summen nach Rom gespendet, trotz der 43i Finanznot des Staates. Im Februar 68 widmete Pius IX. der Königin eine geweihte goldene Rose, als „Sinnbild aller weiblichen Tugenden“. Aber Isabellas häusliches Leben und ihr Günstlingsbetrieb war ein Ärgernis im Lande, die populärste Handhabe der Revolution gegen sie. Im September desselben Jahres weilte sie in San Sebastian, unterhandelte zwischen hinein mit Napoleon in Biarritz über eine Allianz, als der Sturm losbrach, der sie wegfegte. Am 30. September verließ isabeiiaaus sie Spanien, um ihren Aufenthalt in Paris zu nehmen. Sie vertrieben, verzichtete in der Folge zugunsten ihres Sohnes Alfons; doch Sept 68 ' wollte man einstweilen von den Bourbon nichts mehr wissen. Die liberalen Führer, General Prim, Marschall Serrano u. a. waren indes einig, die monarchische Staatsform beizubehalten. Man suchte nach einem vertrauenswerten, konstitutionellen' König. Die Höfe von Portugal und Italien lehnten ab. Einige Chancen im Lande selber hätte Isabellas Schwager Mont- pensier gehabt, der längst nach dem Throne trachtete; aber als Orleans war er Napoleon gegenüber unmöglich. Endlich glaubte General Prim den rechten Kandidaten gefunden zu haben. Am 3. Juli 1870 machte der spanische Gesandte in Paris der kaiserlichen Regierung die Mitteilung, daß Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen (Bruder König Karls von. Rumänien), sich bereit erklärt habe, die spanische Kandidatur anzunehmen. 1 In Prinz Leopold glaubte man nicht 1 Da wir auf Spanien nicht mehr zurückkommen, sei hier ein gedrängter Abschluß eingefügt. Die 1868 mit Vertreibung Isabellas begonnene Krise war im Jahre 70 noch nicht abgeschlossen. Nach dem Hinfall der Hohen- zollern-Kandidatur wählten die Cortes im November 1870 den Prinzen Amadeus von Savoyen, zweiten Sohn Viktor Emanuels II. Die Parteien zu versöhnen, Ruhe und Ordnung herzustellen gelang ihm nicht. So dankte er schon Februar 73 ab. Da versuchte man es mit der Einheits-, dann mit einer Bundesrepublik. Eine um die andere erhoben sich nun die Provinzen und die großem Städte, wollten alle sich selbst regieren. Auch die Diktatur vermochte der Anarchie nicht zu wehren; Spanien war am Zerfallen. Da erließ der royalistische General Martinez Campos ein Pron(|unciamiento für Berufung des legitimen Thronerben Alfons XII., zu dessen Gunsten Isabella 68 abgedankt hatte. Die Regierungstruppen und die Städte allzumal, das ganze Land, mit Ausnahme der Carlisten im Norden, schlossen sich an. Alfons zog im Januar 1875, 18 Jahre alt, in Madrid ein. Die in Spanien ganz unerhörte Einmütigkeit machte den jungen König stark. Er zog an der Spitze der Armee gegen die Karlisten und warf den Aufstand nieder. Carlos VII. verzichtete jetzt „großmütig“ auf die Krone und verzog sich ins Ausland. Der vernünftig liberale, wohldenkende König führte eine neue Verfassung ein, die allgemeine Billigung fand. Nachdem er sich mit seiner Prinz Leopold von Hohen- zollern- Sig- maringen spanischer Thronkandidat. Stellung Napoleons una Frankreichs zur Kandidatur Hohen- zollern. — 432 — bloß die persönliche Eignung, sondern auch einen Kandidaten gefunden zu haben, der den europäischen Kabinetten und auch Napoleon genehm sein könnte. Es gibt sogar eine Überlieferung, wonach Napoleon selbst im September 1869 zu General Prim in Paris gesagt hätte: „Warum denken Sie nicht an den Prinzen von Hohenzollern, der mein Verwandter ist?“ Der Prinz war durch seine Mutter, eine badische Prinzessin, der Enkel der Großherzogin Stephanie (Beauharnais), der Adoptivtochter des großen Napoleon, überdies der Schwager des Königs von Portugal, auch mit dem belgischen und — entfernt — mit dem preußischen Hofe verwandt. Er hatte sich gegen die Kandidatur zuerst ablehnend verhalten und erst auf Bismarcks „kräftiges Betreiben“, der in der Wahlannahme „eine Förderung preußisch-deutscher Staatsinteressen“ sah, zugestimmt, unter der Bedingung, daß auch die Vertreter des spanischen Volkes, die Cortes, zustimmten. Für die Wahlannahme brauchte der Prinz auch noch die Zustimmung König Wilhelms I., als des Oberhauptes des Hohenzollernhauses. König Wilhelm mahnte ab, erklärte aber schließlich, auf die wiederholten Bitten des Prinzen, sich seinen Wünschen nicht widersetzen zu wollen. Napoleon soll, im Gegensatz zu oben erwähnter Überlieferung, schon voraus geäußert haben, die Kandidatur Mont- pensier wäre bloß gegen seine Dynastie gerichtet; das könnte er ertragen; aber eine hohenzollersche Kandidatur wäre für Frankreich unerträglich. Nachdem nun am 3. Juli diese hohenzollersche Kandidatur offiziell geworden, wurde in Paris sofort Cousine Montpensier vermählt hatte, gab auch dieses Haus seine Gegnerschaft auf, und das Land genoß endlich den Segen innern Friedens und geordneter Zustände. Leider war Alfons, der Sohn Isabellas und des einstigen Herzogs von Cadix, von kränklicher Konstitution. Er starb schon 1885, 28 Jahre alt. Für den nachgeborenen Thronerben, Alfons XIII., führte seine Mutter, des Königs zweite Gemahlin) Marie Christine von Österreich, die Regentschaft. Unter ihr erhoben sich Aufstände auf den Philippinen und auf Cuba. Die Vereinigten Staaten mischten sich ein. Im Frieden von Paris 1899 erhielt die Union Porto Rico, kaufte um 20 Millionen Dollars die Philippinen, während Cuba zur Republik unter dem Schutze der Union wurde. 1899 verkaufte die Regentin die Karolinen im großen Ozean an Deutschland. Seitdem zählt das Land, in dessen Reich einst die Sonne nicht unterging, nicht mehr zu den Kolonialmächten und behauptete bei der Aufteilung Afrikas mit Mühe, unter der Gunst Englands, seinen Anteil an Marokko. Seit 1902 regiert Alfons XIII., geh. 1886, seit 1906 vermählt mit der englischen Prinzessin Victoria Eugenie (Ena) von Battenberg. — 433 — Mitteilung an die Presse gemacht. Schon am 4. Juli drückte der „Constitutionei“ seine Verwunderung darüber aus, daß die Spanier das Szepter Karls V. einem preußischen ( !) Prinzen anvertrauen wollten. Sämtliche Pariser Morgenblätter äußerten sich in der schärfsten Tonart, und das ging nun von Tag zu Tag Crescendo, so daß Paris jetzt schon in einen Zustand höchster Aufregung geriet. Am 4. Juli abends fand ein Ministerrat unter Vorsitz des Kaisers statt, und es wurde ein durchaus gemäßigter Entwurf zu einer Erklärung für die Kammer angenommen. Aber schon am andern Vormittag berief der Kaiser den Ministerrat. wieder und brachte verschärfte Einschiebungen hinein, sei es, daß er durch die Presse oder durch die Kaiserin gestachelt worden. Das mehrheitlich friedlich gesinnte Ministerium hatte die Verschärfungen nur widerstrebend angenommen; aber das Schärfste, Provokatorische brachte der Kaiser erst am Morgen des 6. Juli in Form von Schlußsätzen hinzu. Sie lauteten: .... „wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes uns verpflichtet zu dulden, daß eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzt, zu unserem Nachteil das Gleichgewicht Europas stört und die Interessen und die Ehre Frankreichs gefährdet.Um es zu verhindern, rechnen wir eben so sehr auf die Weisheit des deutschen Volkes, wie auf die Freundschaft der Spanier. Sollte es anders kommen, so werden wir, stark durch Ihre Unterstützung, meine Herren, und durch die der Nation, unsere Pflicht ohne Zögern und ohne Schwäche zu erfüllen wissen.“ Mit diesen Schlußsätzen wurde nun die Erklärung am 6. Juli vor die Kammer gebracht. Die Rechte gab stürmischen, jauchzenden Beifall. Offenbar hatte der Herzog von Gramont, der neue Minister des Äußern, es auf eine Einschüchterung Preußens abgesehen und wollte damit zugleich seinen eigenen, von der Opposition angefochtenen Ministerposten retten. Die oppositionelle Linke empfand die Erklärung als eine „Provokation Preußens“, die auf den Krieg hin tendiere. Aber Ministerpräsident OHivier, selber wirklich friedlich, antwortete : „Die Regierung wünscht den Frieden; sie wünscht ihn mit Leidenschaft, aber auch mit Ehren. Wir wollen keinen Krieg, suchen den Krieg nicht; wir haben nur unsere Würde vor Augen.“ Dem Kaiser mußte er doch am Abend melden, der Erfolg in der Kammer sei über das Ziel einer Demonstration 28 Flühtnann y Vorträge. — 434 hinaus gegangen; es habe ausgesehen wie bei einer Kriegserklärung. Tatsache ist, daß es in der Kammer, um den Kaiser und in der Presse eine Kriegspartei gab, die zum Kriege trieb, davon natürlich die Rheingrenze, Ruhm für Frankreich und für sich und die Wiederherstellung des kaiserlichen Absolutismus erwartete und hoffte. In den Schlußsätzen der Erklärung vor der Kammer und in allem Folgenden zeigt sich denn auch deutlich die Absicht, die spanische Regierung aus dem Spiele zu lassen und sich an die preußische zu halten. Das preußische Ministerium aber lehnte den Handel ab, da die Kandidatur eine hohenzollersche Familienangelegenheit sei, womit der Staat nichts zu tun habe. König Wilhelm weilte in Ems zur Kur. An ihn wurde nun der Berliner Botschafter Benedetti beordert. Die ver- Sein Auftrag ging zunächst dahin, die Kandidatur des h 1n d Emf. en Prinzen Leopold müsse rückgängig gemacht werden. Das war leicht zu erreichen; König Wilhelm antwortete, daß er dem Prinzen zum voraus abgeraten habe, und voraussichtlich . werde derselbe zum Verzicht freiwillig bereit sein. Aber das genügte nun dem Minister Gramont nicht mehr; er verlangte, der Verzicht müsse auf Rat, und dann, gesteigert, auf Befehl des Königs erfolgen. Als am 12 . Juli die freiwillige Rücknahme der Kandidatur erfolgt und offiziell bekannt gegeben wurde, da war die Kriegspartei in Paris „verblüfft, ja wütend“, weil sie sich den Anlaß zum Krieg genommen sah. Jetzt hieß es, Frankreich müsse durchaus Genugtuung für die ihm durch die Kandidatur angetane Beleidigung und Garantien für die Zukunft haben. König Wilhelm müsse also sein Wort geben, daß die Hohenzollernkandidatur unter keinen Umständen wieder auftauchen dürfe. Es wurde auch die Forderung auf gestellt, Wilhelm I. müsse einen zu veröffentlichenden Entschuldigungsbrief an den Kaiser richten, daß er bedaure, dem Prinzen die Erlaubnis zu der Kandidatur gegeben zu haben; daß er das französische Volk nicht habe beleidigen wollen etc. Aber auch ohne dies wurden die Dinge Wilhelm schließlich zu viel. Was man von ihm verlangte, lief auf eine Demütigung des Königs von Preußen vor Napoleon und Frankreich hinaus, und als Benedetti, auf Gramonts Depeschen hin, 1 immer wieder vorstellig wurde, da kam der Moment, wo 1 Es wäre schier eine Aufgabe für sich, die sich überstürzenden und z. T. widersprechenden Depeschen zusammen zu stellen, die Minister Gramont in den 10 Tagen vom 3. bis 13. Juli auf Benedetti losließ. — 435 — Wilhelm ihm sagen ließ, er möchte sich nicht mehr zu ihm bemühen, da der König ihm nichts neues zu sagen habe. Das war am 13. Juli. Die Fama hat die Begegnungen auf der Emser-Kur- promenade stark aufgebauscht. In Wirklichkeit verlief alles bis zum Ende in voller Höflichkeit. Wohl versagte König Wilhelm dem Botschafter einen weitern Empfang; dagegen beschied er, da er zu seiner Gemahlin nach Koblenz fahren wollte, Benedetti am 14. auf den Bahnhof und gewährte ihm im reservierten Salon eine kurze Abschiedsaudienz. Der Botschafter fuhr am gleichen Abend nach Paris ab. Er bezeugte selber, daß es in Ems weder einen Beleidiger noch einen Beleidigten gab. — Benedetti war auch mit Königin Auguste in Koblenz in Verbindung getreten. Sie war sehr Friedenspartei und übte in diesem Sinne auch ihren Einfluß auf den König aus. Allein, so friedliebend Wilhelm war, von seiner Würde ließ er sich nichts abdrängen. Am Abend des 13. Juli, da Wilhelm Benedetti einen weitem Empfang versagt hatte, sandte Geheimrat Abeken an den Ministerpräsidenten Bismarck folgende Depesche: „Seine Majestät der König schreibt mir: „Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte ihn autorisieren, sofort zu telegraphieren, daß ich für alle Zukunft mich verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurück kämen. Ich wies ihn, zuletzt etwas ernst, zurück, da man ä tout jamais derartige Engagements nicht nehmen dürfe und könne. Natürlich sagte ich ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte und, da er über Paris und Madrid früher benachrichtigt sei als ich, er wohl einsehe, daß mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei.“ Se. Majestät hat seitdem ein Schreiben des Fürsten (Anton, Vater des Prinzen Leopold) bekommen. Da Se. Majestät dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, hat Allerhöchst derselbe mit Rücksicht auf die obige Zumutung, auf des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag, beschlossen, den Grafen Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch seinen Adjutanten sagen zu lassen, daß Se. Majestät jetzt vom Fürsten die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti schon aus Paris gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. Se. Majestät stellt Ew. Excellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unsern Gesandten als der Presse mitgeteilt werden soll.“ Bismarck griff den Schlußsatz auf, der ihn autorisierte, die Öffentlichkeit von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen. Er komponierte die Depesche kürzend ins Schärfere um, so daß Roon und Moltke, bei ihm zu Gaste, ihre helle Freude daran hatten: Emser Depesche, Form Abeken. — 436 — Emser Depesche, Form Bismarck. Wirkung der veröffentlichten Depesche in Paris. „Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachricht von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden ist, hat der französische Botschafter in Ems an Se. Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach Paris telegraphiere, daß Se. Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen sollten. Se. Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Se. Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.“ „C’est le ton, qui fait la musique“. Zwei Depeschen, dieselbe Sache in etwas andern Worten: zwei Charaktere, König Wilhelm und Bismarck. Aus einer „Chamade wurde eine Fanfare“, sagte Moltke. Es muß ja gesagt werden, gab es eine Kriegspartei in Paris, so gab es sie auch in Berlin ; nur war sie weniger zahlreich, dafür unvergleichlich ruhiger und kompetenteren Urteils. Wollte Frankreich den Krieg haben, wohlan denn, bei Bismarck, Moltke, Roon mit Vergnügen. Sie hofften, der Krieg würde Frankreich von dem ewigen Gelüsten nach der Rheingrenze heilen und die Einigung Deutschlands vollenden. Die Depesche in der bismarckischen Form ging nun in die Welt hinaus. Sie wurde beim ersten Bekanntwerden bei der Regierung in Paris ruhig aufgenommen. Bald aber begann in der Presse und auf der Straße eine leidenschaftliche Hetze. Daß die Depesche allen europäischen Kabinetten amtlich mitgeteilt worden sei, ferner deutsche und englische Zeitungsmeldungen mit der schnell entstandenen Legende von Benedettis Arroganz und des Königs entsprechender Abweisung auf der Promenade in Ems, das war es, was der sensible französische Geist als eine Beleidigung empfand, die nur mit Blut zu sühnen sei. Im Ministerium waren ohne Zweifel der erst seit einigen Monaten amtende Auslandminister Gramont und der Kriegsminister Leboeuf die Haupttreiber zum Kriege. Gramont war seit 6i Botschafter in Wien gewesen und betrachtete Preußen und die deutschen Dinge durch die damalige Wienerbrille. Der Krieg sollte die Jahre 64 und 66 rückgängig machen. War ihm und dem Kaiser der diplomatische Lorbeer in Ems nur mager zuteil geworden, so mochte es besser mit dem Kriegslorbeer sein. An den französischen Sieg glaubte er felsenfest. Frankreich galt als überlegen in — 437 — der Mobilisation und in der Bewaffnung. Das Chassepotgewehr (verbessertes Zündnadelgewehr) hatte bei Mentana „Wunder gewirkt“. Die Mitrailleuse, die 25 Kugeln auf einmal spie (Vorläuferin des heutigen Maschinengewehrs und der Schrapnells), hatte Frankreich allein. Die bereits vorbereitete Mobilisation, nach Benedettis Rückkehr von Ems sistiert, wurde nun definitiv angeordnet. Die Regierung erschien vor der Kammer mit den ersten Kreditforderungen und gab dabei eine Übersicht des seit dem 6. Juli Geschehenen. Für die widerstrebende Minderheit nahm Thiers das Wort. Die Hauptforderung Frankreichs, sagte er, ist erfüllt, nur eine Form sei es noch, um deren willen man Ströme Blutes vergießen wolle. „Ich verlange hier im Angesichte des Landes, daß man uns Kenntnis gibt von den Depeschen, auf Grund deren man diese Erklärung beschlossen; es ist eine Kriegserklärung. ... Ich halte diesen Krieg für unklug im höchsten Grade. Mehr als einer bin ich durch die Ereignisse von 66 schmerzlich berührt; mehr als einer wünsche ich sie rückgängig zu machen; aber ich finde die Gelegenheit abscheulich schlecht gewählt.“ Als der Sturm über ihn losbrach, schloß er: „Um meinen guten Namen bin ich nicht besorgt; Sie aber, Sie werden Tage kommen sehen, wo Sie Ihre Überstürzung bereuen werden“. Auch Gambetta und Jules Favre verlangten nun ungestüm die Mitteilung der Depeschen. Da verlas Präsident Ollivier die bismarcksche Emserdepesche, welche die französischen Gesandten von München und Bern eingesandt hatten. „Durften wir das ertragen ?“ fragte er, „ja mit diesen Tagen beginnt für meine Kollegen und mich eine schwere Verantwortlichkeit; wir nehmen sie auf uns, leichten Herzens.“ Nun ging aber der Sturm vonseiten der Linken los. Da legte ja der Ministerpräsident selber das Geständnis der Leichtfertigkeit ab. Was er weiter sagen und tun mochte, das Wort wurde ihm nicht mehr verziehen. Nachdem er noch das Telegramm Benedettis vorgelesen mit der Erklärung König Wilhelms, daß er den Verzicht des Prinzen billige, fuhr die Linke los: „Wenn Sie nun den Krieg beginnen, dann wollen Sie ihn um jeden Preis! Ganz Europa wird uns Unrecht geben. Nicht der mindeste Schein spricht dafür, daß Preußen diese Kandidatur erneuern kann.“ Gramont aber, aus dem Senat kommend, malte nun noch einmal die Beleidigung aus, die Frankreich widerfahren 438 — Kriegs- sei. „Wenn das Unmögliche geschähe und eine Kammer sich 19 . juii't fände, die das hinnähme, nicht fünf Minuten würde ich mehr Minister bleiben.“ So kam es dann am 19. Juli zur Kriegserklärung. Kaiser und In dieser ganzen aufgeregten Zeit waren Ministerpräsident Mifat. ter Ollivier und der Kaiser durchaus nicht die Schiebenden, sondern die Geschobenen. Der Kaiser hielt sich, wie hin und wieder auch bei andern Gelegenheiten, schwach und schwankend. In einem Ministerrat, wo nach langem Debattieren mit 5 gegen 4 Stimmen für den Krieg votiert wurde, sagte er: „Puisque vous le voulez, messieurs, c’est la guerre“. Zu einem fremden Diplomaten äußerte er: „Alles in allem ist der Friede doch eine sicherere Partie“. Er kam auf seine Lieblingsidee von einem allgemeinen Kongreß, der beschließen sollte, daß erledigte Throne nicht mit Angehörigen der großen Dynastien besetzt werden dürften. Das wurde im Ministerrat einstimmig angenommen; auch Gramont fand sich mit einiger Mühe darein. Aber dann kamen neue Alarmgerüchte und Aufregungen. Der preußische Gesandte von Werther, der wegen seiner Ungeschicktheit von Berlin Weisung erhielt, in Urlaub zu gehen, machte davon dem Minister in täppischer Weise Mitteilung. Die Aufregung in den Straßen wurde tumultuös. Es war zu gewärtigen, daß eine den Krieg ablehnende Regierung weggefegt würde. Als Gramont in eine abermalige Ministersitzung fuhr, konnte sein Wagen sich kaum durch das Menschengedränge hindurch winden. Man schrie ihn an: „Krieg, Krieg gegen Preußen, Krieg auf der Stelle !“ Mit geballten Fäusten wurde er wegen des Zögerns bedroht. — So wurde denn die Kongreßidee verlassen. In letzter Stunde, in einer Nachtsitzung, kam der Kaiser doch darauf zurück. Da schrie ihn Gramont an: „Sire, wenn Sie noch einmal vom Kongreß reden, so schleudere ich Ihnen mein Portefeuille vor die Füße“. Der Kaiser mußte sich mahnen lassen, daß er jetit konstitutioneller Monarch sei, und fiel dann in sein passives Schweigen zurück. Er war krank, physisch leidend und in seiner Energie gelähmt; nur mit Schmerzen konnte er sich längere Zeit zu Pferde halten. Die Ärzte sprachen ernsthaft von einer Operation. Emile Ollivier antwortete einem Freunde auf die Frage nach dem Befinden des Kaisers: „Es geht ihm nicht gut, sein Geist nimmt ab, seine Energie schwindet; er erschreckt sich über alles; aber ich werde ihm ein glückliches Alter bereiten“. Tat- — 439 — sache ist, daß die Kriegserklärung dem Kaiser nicht leicht vom Herzen ging, und daß er nicht jubelte mit denen, welche den Napoleonstag (i5.Aug.) in Berlin feiern, auf dem „militärischen Spaziergang“ dorthin die französischen Grenzpfähle im Vorübergehen nach Mainz und Koblenz versetzen wollten. Der Anteil der Kaiserin an der Kriegshetze wird schwer nachzuweisen sein; aber ihr Wort zu dem von Berlin zurückgekehrten französischen Geschäftsträger Le Sourd: „C’est ma guerre, ä moi“, scheint stehen zu bleiben. Den Kriegsminister Leboeuf nahm Ollivier später in der „Revue des deux Mondes“ in Schutz. Er sei Frankreichs Sündenbock geworden; nie habe er im Unteroffizierston gesagt: „Wir sind archipret bis auf den letzten Gamaschenknopf“. 1 Noch müssen wir uns, am Eingang zum Kriegsdrama, Dipioma- nach dem übrigen Europa umsehen. Hatte Frankreich den berettimg.' Krieg diplomatisch besser vorbereitet? Fragen danach wurden in der Kammer zuversichtlich beantwortet, mit vielsagendem Hinweis auf notwendiges Schweigen. Und freilich, seit 1869 war ein Dreibund Frankreichs mit Österreich 2 und Italien im Tun, mit dem Plane, daß im Falle eines französisch-deutschen Krieges Österreich und Italien in Süddeutschland einfallen, die Süddeutschen beschäftigen oder dem Norden abspenstig machen würden. Als es nun ernst werden sollte, verlangte Italien von Napoleon freiere Hand gegenüber Rom, als die Septemberkonvention von 1864 gestattete, was er angesichts des seit dem italienischen Krieg von 1859 schon stark ge- 1 Archipret war man in Berlin; in Frankreich glaubte man’s zu sein. Und als das Wetter losbrach, fehlte es allerwegen. Ordnung ist das halbe Leben, im Krieg drei Viertel. Die Organisation versagte. Wo man die Sachen brauchte, da hatte man sie nicht, und wo sie waren, das wußte man nicht. Das war eine Hauptsünde Frankreichs. — Es liegen über die Zeit heute schon ziemlich viele Zeugnisse von Zeitgenossen vor. Uber die Vorgänge im Juli 70 haben mehrere französische Minister berichtet (Ollivier, Gramont, Rothan). Auch die parlamentarische Untersuchung, welche die Republik 1872 anordnete, hellte manches auf. Doch muß das abschließende Urteil über Personen und Dinge des „großen Krieges“ noch der Zukunft überlassen werden. 2 Schon im August 67 war Napoleon mit Franz Josef in Salzburg zusammengetroffen, offiziell im Namen einer Kondolenzbezeugung wegen der Katastrophe in Mexiko, in Wirklichkeit, um eine Verständigung gegen Preußen und in der orientalischen Frage gegen Rußland zu bereden. Es muß nicht viel herausgekommen sein; dem heimgekehrten Napoleon entschlüpften die Worte: „Mit dem österreichischen Leichnam ist keine Allianz möglich.“ — 440 — fährdeten klerikalen Anhanges in Frankreich unmöglich gewähren konnte. Österreich, verschiedentlich mit dem Papste in Spannung, unterstützte nachträglich Viktor Emanuels Begehren, weil Italien sonst nicht zu bekommen sei. So fiel das sonst so gut päpstliche Österreich aus seiner angestammten Rolle. (Von Philipp, von Makedonien sagte man einst, er habe keine Grundsätze, sondern nur Zwecke). Beide, Österreich und Italien, wollten erst 6 Wochen nach der Kriegserklärung sich derselben anschließen, „um noch zu rüsten“. Tatsächlich, als nun der Krieg losbrach, gab es den Dreibund nicht, und als die sechs Vorbereitungswochen vorbei waren, da war der Krieg in Frankreich im wesentlichen schon entschieden. Steilung Die Konstellation der übrigen Mächte war auch nicht zu 1883 - Alexanders III. geworben. Nachdem 1890 Bismarck gestürzt war, ließ sein Nachfolger Caprivi den Rückversicherungsvertrag mit Rußland fallen. „Die Drähte nach Petersburg sind zerschnitten“, grollte Bismarck im Ruhestand, und anfangs der Neunzigerjahre kam dann ein Vertragsverhältnis zwischen Rußland und Frankreich zustande. Weder Datum noch Inhalt wurden bekannt gegeben. Nun sprach man von Der fran- einem Dreibund und einem Zweiverband. Beide versicherten, russische zur Verhinderung des Krieges, also um des Friedens willen da Zweibund, zu sein. — 474 Ägypten. Noch ein anderes Stück orientalischer Frage sind wir zu berühren genötigt. Seit Mehemed Ali, gest. 1849, fuhren seine Nachfolger, die Vizekönige, auf der eingeschlagenen Bahn fort, Ägypten die Errungenschaften modernen europäischen Fortschritts zuzuwenden. Das taten insbesondere Said Pascha, 1854—63, und Ismail Pascha, 1863—79. Damit und mit der üblichen orientalischen Verschwendung brachten sie das Land in schwere Verschuldung und in Abhängigkeit, namentlich von Frankreich und England, den beiden größten Kapital-, Rentner- und Handelsmächten Europas. Said Pascha war es, der 1854 den französischen Diplomaten, Vicomte Ferdinand de Lesseps, der während etlicher Jahre französischer Konsul in Kairo gewesen, berief, um den Bau des Suezkanals zu stu- Suezkanais dieren und an die Hand zu nehmen. 1859 begann der Bau, 1859 - 69 . 18^2 unter Ismail Pascha, wurde er beendet. Er hatte mit zirka 400 Millionen Franken rund das Doppelte des Voranschlages gekostet, war finanziell wesentlich durch die Geschäftswelt Frankreichs, Österreichs und Italiens gefördert worden, während gleichzeitig die englische Eifersucht zu überwinden war. Nachdem dann Ismail Pascha 1875 durch einen unglücklichen Krieg gegen Abessynien seine Finanzen vollends England zerrüttet hatte, benutzte England seine Nöten, und kaufte ihm k ägyp- e 1876 seine Kanalaktien ab! Es war ein Meisterstück des Kanal" Kabinetts Beaconsfield (Disraeli). Französisches Genie und in aktien, 76. starkem Maße auch französisches Kapital hatten das Problem der Jahrtausende gelöst, den Kanal gebaut, der Mittelmeer und Rotes Meer, den atlantischen und indischen Ozean verband, und jetzt besaß England den maßgebenden Einfluß über den Kanal, der den kürzesten Weg Europas nach Süd- und Ostasien bot. Mit Mühe konnte Frankreich 1885 ein Abkommen mit England zustande bringen, d^s. die Neutralisierung des Kanals verbürgen sollte. Englisch- ln demselben Jahre 1876 mußte Ismail sich eine eng- f sische Usch-französische Finanzkontrolle gefallen lassen und zudem kontroiie in Einen Engländer und einen Franzosen ins Ministerium auf- Ägypten. nehmen. Die ägyptische Nationalpartei aber verlangte „Ägypten für die Ägypter“ und suchte die fremde Vormundschaft abzuwerfen. Die beiden Mächte veranlaßten indessen beim Sultan die Absetzung Ismails. Sein schwacher Sohn Tewfik folgte und mußte sich in etwas anderer Form der Finanzkontrolle ebenfalls fügen. Das hatte 1881 den Aufstand- der National- — 475 — partei unter dem Obersten Arabi Pascha zur Folge, der Aufhebung der Finanzkontrolle und Beseitigung aller europäischen Beamten forderte. Es kam in Alexandrien zu blutigen Ausschreitungen gegen die Europäer, woraufhin der englische Admiral Seymour die Forts von Alexandrien bombardierte, wobei auch ein Teil der Stadt zerstört wurde, und nun richteten Einwohnerschaft und Soldaten das übliche Blutbad unter den Fremden an und steckten ihre Häuser in Brand. In der Folge mußte Arabi Pascha sich „freiwillig“ den Engländern ergeben und wurde als Verbannter nach Ceylon verbracht. Dann gab England jedem ägyptischen Minister einen englischen Staatssekretär zur Seite, um Ordnung in den Staatshaushalt zu bringen, und richtete sich, mit Beiseiteschiebung Frankreichs, zu einem langen Provisorium in Ägypten ein, das offenbar durch den heutigen Krieg zu einem Definitivum' werden soll. Seit diesen ägyptischen Dingen waren England und Frankreich sich bittere Freunde und Nachbarn geworden. Jahrzehnte lang dauerte die feindliche Stimmung. Frankreich suchte sich anderswo in Afrika schadlos zu halten, erlitt wiederholte Demütigungen (Faschoda 1898), bis 1901 Eduard VII. den englischen Thron bestieg und eine neue Politik einleitete. Gefährlicher für England als die Konkurrenz der französischen Republik, und selbst als der alte Rivale Rußland, erschien ihm sein Neffe Wilhelm in Berlin, an der Spitze des hochaufstrebenden Deutschland, mit seinem mehr und mehr die Welt umspannenden Handel, dem Erwerb von Kolonien, den vielen neuen Schiffen etc. So erweckte er 1904 die einstige „Entente cordiale“ mit Frankreich wieder zum Leben, traf 1908 mit dem Zaren Nikolaus II. (1894 auf Alexander III. gefolgt) in Reval zusammen etc. Seitdem war der mitteleuropäische Dreibund im Osten und Westen von der Trippelentente umschlossen, Deutschland und Österreich waren „eingekreist“. Auch Ungarn suchte Eduard vom Dreibund abzuziehen, wie ungarische Staatsmänner zu Beginn des jetzigen Krieges verraten haben., Geschrieben wurde die Trippelentente nicht; Herzenssachen bedürfen dessen auch nicht, und England legt sich nicht gerne durch Verträge fest. Fromme Engländer und Engländerinnen sahen in ihrem König einen Friedenshort und waren überzeugt, daß auch das „Einkreisen“ nur dem Frieden dienen sollte. Aufstand in Ägypten 1881, Arabi Pascha. Eduard VII. seit 1901. Neue fran zösisch- englische „entente cordiale“, 1904. — 476 — Internationaler Marokkovertrag 1880 . Englisch- französischer Ausgleichsvertrag 1904 . Frankreich hatte indessen 1902 auch Italien wieder begütigt durch einen in aller Stille ausgestellten Wechsel auf Tripolis , womit zugleich die Ablösung Italiens vom Dreibund vorbereitet war. Den Ausschluß Frankreichs aus Ägypten beglich England 1904 mit Marokko. Wie es seine Gegensätze mit Rußland beglichen, wo es ihm den gesuchten Ausgang zum freien Meer zugestehen will, ist der Welt bis jetzt nicht verraten worden. Abmachungen in Mittelasien, Persien etc. vor dem Kriege; das Zusammenstreben russischer und englischer Bestrebungen im Zweistromgebiet während des Krieges und der Versuch, die Dardanellen zu bezwingen, sprechen jedenfalls eine neue Sprache. 1 Eine bedeutende Rolle spielten während etlicher Weile die Marokkoaffären. Marokko, fast so groß wie Frankreich, an noch unerhobenen Erzen und sonstigen Produkten reich, zog von jeher und besonders in unserer von Handelsinteressen und Imperialismen beherrschten Zeit die Begehrlichkeit auf sich. 1880 hatten fast alle europäischen Staaten und die nordamerikanische Union mit dem Sultan den Madrider-Vertrag geschlossen, der Bestimmungen enthielt über den Schutz der Fremden in Marokko etc. und allen Vertragsstaaten die Meistbegünstigung im Handel zusicherte. Mit etwas Rücksichtnahme auf Spanien und Italien teilten England und Frankreich 1904 die Südseite des Mittelmeeres unter sich auf. Sie einigten sich im Vertrag von 1904 zur Beseitigung aller zwischen ihnen bestehenden Streitpunkte. Frankreich verpflichtete sich, dem Vorgehen Englands in Ägypten nicht mehr entgegenzutreten, keine Frist für die Räumung des Landes zu fordern. England gestand die Neutralität des Suezkanals vorbehaltlos zu und versprach Frankreich Unterstützung in Marokko „zur Durchführung der notwendigen administrativen, ökonomischen, finanziellen und militärischen Reformen“. „England hielt die Taube in der Hand, Frankreich bekam den Sperling auf dem Dach“. Dieser Vertrag, französischerseits das Werk des Auslandministers Delcasse, war ohne Begrüßung Deutschlands abgeschlossen 1 Laut ministeriellen Erklärungen neuesten Datums in der russischen Duma hätten England, Frankreich und Italien Rußlands Anspruch auf „die Meerengen“ mit der sie beherrschenden Königin Konstantinopel zugestimmt. So gibt es doch noch Neues unter der Sonne, und die Erde dreht sich irpmerzu. -/Äkl*-.; -v- Uhu* V.- — 477 — und wurde diesem nur mündlich durch die Gesandtschaft mit- geteilt. „Daily Telegraph“ schrieb: Nun ist Berlin nicht mehr der politische Abrechnungsplatz für Europa; die Rolle „des ehrlichen Maklers“ ist ausgespielt. Das „Journal des Debats“ sprach von der „penetration pacifique“, der „tuni- fication“ Marokkos. Da erschien, auf seiner Frühlings-Mittel- Kaiser meerfahrt begriffen, am 31. März 1905 Kaiser Wilhelm II. im Hafen von Tanger, vom Sultan ausgezeichnet, von der März"!».’ mohammedanischen Bevölkerung gefeiert. In den Vertretern der deutschen Kolonie begrüßte er „die Pioniere der deutschen Industrie und des deutschen Handels, die mir helfen, allezeit in einem freien Land die Interessen des Mutterlandes hoch zu halten“. Krieg und Friede schwebten jetzt auf der Schneide eines Messers. Aber von dem verbündeten, noch im japanischen Kriege begriffenen Rußland durfte keine Hülfe erwartet werden. Ministerpräsident Rouvier „schiffte Delcasse aus“, mit dem Vorwurf, zum Kriege mit Deutschland getrieben zu haben. Der Sultan, jetzt gestärkt, verlangte mit Berufung auf den Madrider-Vertrag von 1880, eine internationale Konferenz, die vom Januar bis März 1906 in dem spanischen Algeciras, k^'tfferenzj Gibraltar gegenüber, stattfand. Die Souveränität des Sultans Jan i^ arz wurde formell festgehalten, dem Handel aller Mächte die „offene Tür“ in Marokko zugesichert .— In Algeciras war es, wo Italien, durch den geheimen Vertrag von 1902 verpflichtet, seine erste „Extratour mit Frankreich tanzte“, was auf künftige Wandlungen vorbereiten konnte. Nach einem Worte Bismarcks können politische Verträge nur auf dem soliden Unterfutter gemeinsamer Interessen haltbar sein. Mit den Interessen verschieben sich also auch die Verträge. Anders als Italien hielt Österreich als getreuer Jonathan zu Deutschland. Es dauerte, bei der gereizten Stimmung der mohammedanischen Bevölkerung, nicht lange, bis Frankreich neuen. Anlaß zur Einmischung in Marokko bekam. Im März 1907 wurde in Marrakesch ein französischer Arzt gesteinigt, weil er auf seinem Hause die französische Trikolore aufgepflanzt hatte; im Juli darauf wurden bei den Hafenbauten in Casablanca mehrere Fremde erschlagen, Franzosen, Italiener, Spanier. Da erschienen im August französische Kriegsschiffe vor Casa der Stadt und „schossen sie in Trümmer“. Zum Kriege mit bianca be- Frankreich kam bald der Krieg im Innern Marokkos. Der sch i907? n ’ schwache Sultan Abdul Asis wich seinem Bruder Mulai Hafid, ■i Tl—tW — 478 der vom diplomatischen Korps in Tanger anerkannt wurde. — Ein deutsch-französischer Zwischenfall in Casablanca 1908, wegen Ausreißens deutscher und anderer Fremdenlegionäre, denen der deutsche Konsulatssekretär zur Flucht auf ein Schiff verhelfen, kam vor das Haager Schiedsgericht. 1909 folgte ein Deutsch- französisch-deutscher Marokkovertrag, der die Algecirasakte sischer unc ^ Unabhängigkeit des scherifischen Reiches 1 bestätigte. Marokko- Aber Mulai Hafid war nach der Casablancaaffäre von 1907 zu ve im g 80 Millionen Franken Entschädigung verurteilt worden (10 Millionen an die geschädigten Fremden in Casablanca, 70 Millionen als Kriegskosten für Frankreich). Er mußte dafür bis auf 3 Millionen die Zölle an Frankreich verpfänden, soweit sie noch unverpfändet waren. Für sich blieb ihm wenig, für das Land nichts, und er wurde im eigenen Reiche ver- Unruhen in ächtlich. Die von den Feudalherren und Beamten zur Vergüte 1 * 0 ' zweiflung gebrachten Stämme empörten sich. Frankreich griff Franzosen neuerdings ein und besetzte im Mai 1911 die Hauptstadt Fes. Hauptstadt Nun rührte sich auch Spanien, um sich das ihm auch von Die' Frankreich durch Geheimvertrag von 1903 zugesagte Gebiet P Affäre r zu sichern. Da erschien im Juli 1911 das deutsche Kanonenboot „Panther“ vor dem südwestmarokkanischen Hafen Agadir. Die kaiserliche Regierung erklärte alsbald den europäischen Kabinetten, daß sie sich nicht in Marokko festsetzen, wohl aber die deutschen wirtschaftlichen Interessen wahren, Leben und Eigentum der deutschen Firmen in Südmarokko sichern wolle. Es gab Aufregung und großen Zeitungslärm. In England war sogleich von dem deutschen „Panthersprung“ auf Deutsch- Marokko die Rede. Nachdem man abermals dicht am Kriege sischer hingestreift, kam es im November 1911 zu einem neuen Vertrag Marokkoabkommen zwischen Frankreich und Deutschland, wo- Marokko nach Marokko an Frankreich überlassen wurde gegen Bürg- sisches Schaft für Deutschlands wirtschaftliche Interessen daselbst und Protek- Gebietsentschädigung am Kongo. Marokko war nun französisches Protektorat. Neu- Mittlerweile fand 1908 die neutürkische Revolution in Revolution Konstantinopel statt, welche die Türkei in ein konstitutionelles stantinopei Kaiserreich umwandelte. Es sollte der Anfang einer Regene- >ov8. ration der Türkei sein. — Bulgarien hatte unterdessen schon 1 Scherif, der Erhabene (Augustus), Titelbeiname für Nachkommen des einstigen Khalifen Ali und Fatimes, der Lieblingstochter des Propheten Mohammed. ’* SS S2K55?S!ES»SS» — 479 — 1885 unter seinem ersten Fürsten, Alexander von Battenberg, sich Südbulgarien angeschlossen. Der Fürst büßte sein eigenmächtiges, bei Rußland nicht angemeldetes Vorgehen allerdings mit seinem Sturze, 1886. 1 Sein Nachfolger, der Jahre land von Rußland und den Mächten unbestätigte Ferdinand von Kobarg, nahm jetzt den Augenblick wahr und kündete während ihrer Revolution der Türkei den Tribut. Zufällig am gleichen Tage, 5. Oktober 1908, zeigte Österreich den Signatarmächten des Berlinerkongresses die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina an, die es jetzt dreißig Jahre lang in Verwaltung gehabt. Es entstand abermals starke Erregung, die aber ihre Erledigung in einem gütlichen Abkommen mit der Türkei fand. Österreich gab den Sandschak (Bezirk) Novipazar, den es ebenfalls in Verwaltung gehabt, der Türkei zurück, während diese sich in den Verlust Bosniens und der Herzegowina „gutwillig“ fand. Die Kongreßmächte gaben ihre Zustimmung, auch Rußland, das noch vom japanischen Krieg von 1904/05 und von der darauf gefolgten innem Revolution her geschwächt, sich nicht zu einem neuen Kriege entschließen konnte, zumal Deutschland deutlich seine Bundestreue für Österreich betonte. Nun mußte auch Serbien seinen Zorn verbeißen. Es war aber durch das Geschehene in seinen großserbischen Hoffnungen und Plänen schwer enttäuscht. Als dann 1911 Frankreich und Spanien ihre Hand auf Marokko legten, da fand Italien die Stunde gekommen, seinen Wechsel auf Tripolis einzukassieren. Unerwartet und schroff stellte es an die Türkei ein Ultimatum, weil sie in Tripolis, das seit 1835 türkische Provinz war, nicht Ordnung halten könne und damit italienische Interessen schädige. Im September 1911 1 Alexander von Battenberg, Neffe der Zarin, wurde 1879 von der bulgarischen Volksvertretung (Sobranje) zum Fürsten gewählt auf Vorschlag des Zaren Alexanders II. Ein Aufstand gegen die Türken in Ostrumelien 1885 veranlaßte ihn, von der nationalen Bewegung getrieben, zum Eingreifen. Die Türkei übertrug in der Folge dem jeweiligen Fürsten von Bulgarien die Statthalterschaft in Ostrumelien, womit die europäischen Kabinette einverstanden waren. Aber Selbständigkeit und Erfolg trugen dem Battenberger einen Angriff des neidischen Milan von Serbien ein, den er zurückschlug, aber auch die Ungnade Zar Alexanders III., der ihn aus Bulgarien entfernen ließ. Es war gewiß eine schwere Enttäuschung für Rußland, das von ihm befreite Bulgarien nun so freiheitliebend und stolz, selbständig, sogar als Türkenfreund zu sehen, der aus einer Etappe zwischen Petersburg und Konstantinopel eine Barre werden konnte. Bulgarien kündet den Tribut. Österreich einverleibt Bosnien und die Herzegowina, Okt. 1908. 480 — Tripolita- nischer Krieg, 191 m . Lausanner- Friede. Balkanbund, erster Balkankrieg, 1912. Zweiter Balkankrieg, Friede von Bukarest 1913. begann es den Krieg. 1 — Nun gerieten die Balkanstaaten in Bewegung. Der Balkanbund, Serbien, Montenegro, Bulgarien, Griechenland, entstand, gegen die Türkei und Österreich gerichtet. Was noch an christlichen Brüdern türkisch war, wollten die Verbündeten befreien und sich selbst angliedern, Österreich aber, nachdem es schon Bosnien und Herzegowina einverleibt, ein Weitergreifen nach Süden verwehren. Die Türkei, so von allen Seiten angefochten, beeilte sich jetzt, mit Italien in Lausanne abzuschließen, verzichtete auf Tripolis, ohne es an Italien abzutreten, Oktober 1912. Im Balkankrieg 1912 brach die von innen und außen geschwächte Türkei zusammen. Auch die letzte Vormauer, Hadrianopel, verlor sie an Bulgarien. Es blieb ihr in Europa nur noch Konstantinopel mit bescheidenem Umgelände. — Als dann aber die Sieger die verabredete Teilung der Beute vernahmen, legte Österreich sein kategorisches Veto ein gegen Serbiens Festsetzung an der Adria. 2 Das kleine Serbien, ohne Hülfe gelassen, mußte auf seinen Ausgang zum Meer verzichten, den es um so nötiger hatte, als das im Export mit ihm rivalisierende Ungarn dem gering geachteten N achbarn wenig Rechnung zu tragen pflegte. Serbien verlangte jetzt eine neue Teilung und Ersatz für sich in Makedonien. Der bulgarische Ferdinand hielt sich an die vorherige Abmachung und erklärte, vorherrschend von Bulgaren bewohntes Gebiet unter keinen Umständen hergeben zu können. Nun zerfiel der Bund. Serbien und Griechenland taten sich zum zweiten Balkankrieg gegen Bulgarien zusammen, 1913. Die Türkei benutzte die Wendung, um Hadrianopel zurückzunehmen. Der Rumäne von Norden, „um das Gleichgewicht auf dem Balkan zu wahren“ und seine Südgrenze zu verbessern, drückte ebenfalls auf Bulgarien; dieses mußte im Bukaresterfrieden ein Stück Dobrudscha an Rumänien, an Serbien aber einen guten Teil Makedoniens über- 1 Für das mit Italien verbündete, mit der Türkei befreundete Deutschland war der tripolitanische Krieg Italiens eine Verlegenheit, was seinen Ausdruck auch in dem seltsamen Zustand fand, daß Deutschland während des Krieges sowohl den Schutz der Italiener in der Türkei wie den der Türken in Italien übernahm. Die deutsche Presse hielt sich wenig zustimmend zum Tripoliskrieg, was man in Italien sehr übel vermerkte. Wer wollte, konnte jetzt schon sehen, daß der in Italien nie populäre Dreibund in der öffentlichen Meinung keine rechte Basis hatte. 2 Wir übergehen die Bewegung in Montenegro, den Kampf um Skutari und die albanesische Episode, die noch allgemein in Erinnerung sein dürfte. — 481 — lassen. Schwer grollend fügte es sich und wartete von nun an auf die Stunde der Rache vorab an Serbien; dieses aber nährte einen unversöhnlichen, glühenden Haß gegen Österreich. Die Omladina (Jugend), ein seit langem bestehender Geheimbund, trieb von Stunde an in Bosnien und Herzegowina leidenschaftliche serbische Propaganda. Es kam der Doppelmord von Serajewo, 28. Juni 1914 und löste den gewaltigen Krieg aus, an dem Europa zu verbluten droht. Wegen Bosnien und der Herzegowina, zwischen Österreich und Serbien begann der Krieg. Aber durch alle die offenen und geheimen internationalen Bündnisse war dafür gesorgt, daß alsbald die halbe Welt erfaßt wurde. Und immer neue Konfliktstoffe wurden seither in den sich erweiternden Krieg hineingeworfen, um eine gewaltsame Lösung zu finden, so daß des Greuels und Elends kein Absehen ist. — Schopenhauer bemerkt einmal, die Nationen wüßten eigentlich nur Schlechtes von einander zu sagen und fügt boshaft hinzu, im Grunde hätten sie alle recht. In der Tat war es ein feines Schau- oder Hörspiel, was die Gegner seit Beginn des Krieges alles übereinander zu sagen hatten. Mit dem schwersten Sündenregister wird Deutschland beladen, weil der deutsche Michel aus einem bescheidenen Ackerbauer, Professor, Komponist und Dichter Großindustrieller und Großkaufmann geworden, Schiffe baute, die Meere befuhr, auch Kolonien haben wollte, die er mit seinem preußischen Militarismus nicht zu behandeln verstehe ; weil er, der stärkste zu Lande, nun auch noch der stärkste zur See werden wolle. Er habe auf dem Weltmärkte die teuern, gediegenen englischen Waren unterboten, habe selbst England überschwemmt mit seinen billigen Waren „made in Germany“ etc. Das sind gefährliche Dinge, und es ist nicht das erstemal, daß dergleichen Konkurrenz zu völkervernichtendem Kriege führt. — Damit in Verbindung die politische Konkurrenz. Kaiser Wilhelms Jugendworte von der „schimmernden Wehr“, der „gepanzerten Faust“, dem „Zerschmettern“: Sie trugen sein Bild rund um die Erde als das eines Eisenfressers; Jahrzehnte friedlicher Regierung kamen nicht mehr dagegen auf. Auch für Fürsten ist Schweigen Gold, Reden oft noch weniger als Silber. Dann der Ausruf des Kanzlers Bülow im preußischen Landtag: „In Preußen der^König voran, Preußen in Deutschland, Deutschland in der Welt voran.“ Und da wir an den Worten sind, all das Gerede und Geschreibe der „Alldeutschen“, in deren Augen Dünkirchen, Antwerpen, Amsterdam etc. deutsche Städte sind. Und Wilhelms II. Reise nach Konstantinopel, der Kaiserbrunnen daselbst. Wollte der deutsche Kaiser dem englischen Foreigne office den alten Vorrang in Konstantinopel ablaufen? Last not least die von Deutschen erbaute Bagdadbahn, die den Engländern bereits als eine deutsche Straße nach Indien erschien, während England alles Gebiet zwischen Indien und Ägypten als seine Einflußsphäre und Anwartschaft betrachtet. — Drei Weltstaaten, die zusammen annähernd über das halbe Erdenrund verfügen, werfen einem vierten Imperialismus vor und das Streben nach Hegemonie, nach der sie selber immer gestrebt, die sie, wann immer möglich, ausgeübt haben oder noch ausüben. Wo sind die Extrasünder und die unschuldigen Lämmer? Es geht in diesem Krieg nicht um Flühtnann , Vorträge. 31 — 482 ideale Ziele: Um die Welt und ihre Macht, um die Erde, ihre Scholle und ihre Meere wird gekämpft. Ein schrankenloser Materialismus und Kollektivegoismus führt das Regiment. Nur eine gründliche Umkehr in der Gesinnung könnte den dauernden Frieden bringen. Reine Wahrheit ist von Kriegführenden nie zu erwarten. Mit den wirklichen Kriegsgründen wird meist zurückgehalten, weil sie zu wenig sympathisch wirken. Wort und Schrift, Reden und Schweigen, Schlagwörter, Lüge und Verläumdung, so gut wie das Töten, werden zu Kriegsmitteln und patriotischer Pflicht. Hohe Politik und Diplomatie, wie sie heute sind, gehören nicht in die hohem menschlichen Regionen nach dem Göttlichen hin, eher in die untern Grenzgebiete; sie scheinen weniger von sittlichen als von naturgeschichtlichen Gesetzen geleitet. Nun werden wir die Grundlagen nicht ändern können, wonach alles Lebendige auf unserm Planeten auf Kampf gestellt ist; aber ein Übermaß nationaler Egoismen kann das vielstaatige Europa zum Untergang führen. Die lichtscheue Diplomatie insbesondere arbeitet vorzugsweise in der Dunkelkammer; ihr Element ist das Geheimnis. Diesbezüglich wird ein Wort Professor E. Bovets in „Wissen und Leben“ 1 vielen Schweizern aus der Seele gesprochen sein: C’est l’esprit de tonte la diplomatie europeenne, qu’il faudra transformer. On ne saurait renoncer ä l’habilitd,: du moins faudra-t-il y ajouter la sinceritd, c’est ä dire la publicitd: en d’autres termes: L’Europe nouvelle sera (plus) ddmocratique ou ne sera pas.“ 1 lyiz, Nr. 18. Druckfehler. Seite 11, Zeile 32, Sainte Beuve, statt Sainte Beure. „ 98, Rand 3, 1851 1815. „ 174, Zeile 6, schlemmende, schlemmernde. „ 195, „ ' 8, einzugehen, „ 9, ermordet, eingehen. ermordert. „ 206, „ 18, vom, von. „ 19, Thurm, Thrum. „ 244, „ 24, eintätiges und dreitägiges, eintätiges und dreitätiges „ 255, „ 7, Pläne, Plätze. „ 283, „ 37, der des. „ 407, ,, 22, hervorgehender, „ hervorgehenden. Hie und da regne, re * regne, rä.