LL L2S XsritonsbibüolkLlc OrLubÜKäsn cttvK Ls S 3 L Leberl und Wirkren des schweizerischen Ingenieurs Richard Fa Nwa Aus seinen nachgelassenen Hagieren von seiner Rochier zusammengestellt und bearbeitet. Davos. Richter'sche Buchdruckerci. 1896 . tUntonsdibilcUiieic Orsubüü6en clissir Vorwort. Die Mitteilung über den Lebenslauf meines sel. Vaters, die bei dessen Ableben im „Freien Rätter" erschienen ist, veranlaßte einige meiner Zürcherfreunde, mich zur Abfassung seiner Biographie zu ermutigen. Es mußte indessen vorerst der große Nachlaß meines Vaters au Schriftstücken aller Art geordnet werden. Dabei stellte es sich heraus, daß derselbe alle zur Darstellung seines Lebenslaufes und seiner Wirksamkeit notwendigen Dokumente gesammelt und aufbewahrt hatte, so daß es möglich wurde, ohne von seinen persönlichen Ansichten beeinflußt oder geleitet zu werden, aus den amtlichen Schreiben, Abhandlungen, Berichten und Beschlüssen, von welchen stets beglaubigte Kopien vorhanden waren, und aus seiner großen Korrespondenz und seinen täglichen Aufzeichnungen ein klares Bild der Verhältnisse zu erhalten, unter denen mein Vater gelebt und gearbeitet hat. Dieses war interessant genug, um von einem berufenern Berichterstatter, als ich es bin, dargestellt zu werden. Da sich hiefür niemand meldete und es mir am Herzen lag, den Wunsch meines Vaters zu erfüllen, der in seinen letzten Lebensjahren es schmerzlich bedauerte, nicht mehr die Kräfte zu besitzen, um seine Memoiren aufzuzeichnen, so entschloß ich mich, diese Arbeit auszuführen. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich nur eine sehr bescheidene Leistung der Presse übergebe und beanspruche für dieselbe auch keinen großen Leserkreis. Ich hielt es aber dennoch für meine Pflicht, die Wirksamkeit meines sel. Vaters, die dorr gewisser Seite unrichtig beurteilt wurde, gebührend zu beleuchten. Ganz besonders mochte ich durch diese Aufzeichnung meiner Familie die Erinnerung an unsern verehrten Vater und Ahnen wach erhalten und ihr hiedurch ein erwünschtes Erbteil hinterlassen. Meine Mitteilungen über die Kindheit und Jugend meiner Eltern sind mir von diesen erzählt worden, über die damaligen Schulverhältnisse fand ich im „Neuen Sammler" sehr interessante Aufsätze; sodann habe ich auch Sprechers 18. Jahrhundert für einige Angaben zu Rate gezogen. Vieles was sich auf unser Familienleben und auf die politischem Verhältnisse bezieht, habe ich selbst erlebt. Im allgemeinen habe ich überall die Quellen angegeben^ aus welchen ich meine Mitteilungen geschöpft habe. Die Verfasserin. Chur, im Sommer 1896. 1. Kapitel. Am lieblichen Heinzenberge, der mit seinen grünen Matten und sonnigen Dörfern dem Wanderer, der durch den Schyn ins Domleschg niedersteigt, oder demjenigen, der die Straße von Reichenau nach Thusis zieht, so freundlich entgegenleuchtet, lebt seit Anfang des siebenzehuten Jahrhunderts die Familie Nicca. Dieselbe ist tschechischen Ursprunges und stammt aus Mähren, wo noch ihr Familienwappen, mit ihrem Namen, in Wappensammlungen ritterlicher Geschlechter sich vorfindet. Religionsverfolgungen hätten sie veranlaßt, ihre dortigen günstigern Verhältnisse gegen den friedlichen, ländlichen Aufenthalt auf dem bündnerischen Berge zu vertauschen. Irdische Glücksgüter haben die Nicca nicht viele in ihre neue Heimat mitgebracht, denn sie lebten hier still und bescheiden in bäuerlichen Verhältnissen. Auch haben sie in ihrem neuen Vaterlande kaum je an einem politischen Ereignisse persönlichen Anteil genommen und nur selten ein öffentliches Amt bekleidet, dagegen sehen wir sie häufig als Vertreter des Predigerstandes; so wurden z. B. während des achtzehnten Jahrhunderts fünf Glieder der Familie in die bündnerische Synode als Prediger aufgenommen. Einer derselben, Christian Nicca oder La Nicca, wie sich die Familie später nannte, war der Vater Richard La Niccas. Christian Nicca erhielt im Jahre 1788 seine Ordination zum Predigeramte und wurde hierauf als Pfarrer nach Saften, Neukirch und Tenna berufen, in welch letzterem Dorfe er seinen 2 Hausstand gründete, indem er sich mit Anna Gredig, einer Tochter des Thales verehelichte. Hier in diesem von aller Welt, auch von den bündnerischen Hauptthalern, abgeschlossenen Erdenwinkel, wurde Richard La Nicca am 16. August 1794, als ältestes Kind der Familie, geboren. Die kriegerischen Stürme, die zu Ende des letzten Jahrhunderts über das bündnerische Rheinthal hereinbrachen, ließen Saften, ein südliches Seitenthal des bündnerischen Oberlandes, durchaus unberührt. Still und friedlich lebte die Pfarrfamilie im kleinen Dorfe, das sich in zerstreuten Höfen, auf den Hängen und auf den kleinen Plateaur des Thales ausbreitet, während die eigentliche Thalsohle so eng ist, daß sie durchwegs nur für das Flußbett des schäumenden Thalbaches Raum bietet. In dieser herrlichen Gebirgsluft, unter der Pflege einer verständigen Mutter, entwickelte sich der Knabe kräftig nach Leib und Seele; er war ein feines, intelligentes Kind, und schon früh zeigte sich bei ihm eine große Festigkeit des Willens. Da Richard während fünf Jahren das einzige Kind blieb, so hielten die Eltern, um ihn zu beschäftigen, es für zweckmäßig, den Knaben frühzeitig zur Schule zu schicken. La Nicca erzählte oft. noch in alten Tagen von dieser Schule, die uns einen Einblick in den Zustand der damaligen Landschulen gewährt. In einer engen, niedrigen Bauernstube stand ein länglich viereckiger Tisch, um welchen auf Bänken und Holzstühlen die Kinder des Pfarrdorfes gereiht saßen. Am obern Ende des Tisches befand sich der Lehrer, der mit einem langen Stocke bewaffnet war, mit welchem er, ohne seinen Platz zu verlassen, jedes Kind erreichen konnte. Dieser Stock, den er kräftig zu handhaben verstand, war wohl ein tüchtiger Gehülfe, um die Aufmerksamkeit der Schüler wach zu erhalten, allein ob er Licht in den Unterricht gebracht hat, davon können wir keine Kunde geben. Diese Lehrmethode erfüllte den kleinen 3 Richard mit solchem Schrecken, daß seine Eltern davon abstehen mußten, ihn weiter zur Schule zu schicken. Im Jahre 1800 erhielt der Vater einen Ruf nach dem am Fuße des Heinzenbergs liegenden freundlichen und obstreichen Pfarrdorfe Masein, welchem er Folge leistete und wohin die Familie, die sich eben durch einen zweiten Sohn vermehrt hatte, übersiedelte. Dort, wo die milde Lage und die naher aneinander gebauten Häuser den Verkehr mit Menschen erleichtern, fand Richard bald Spielgenossen und nun begann sich sein Gemütsleben und Freundschaftsbedürfnis mächtig zu regen. Jetzt wollte er auch gerne die Schule besuchen. Als er in die Schule eintrat, wurde ihm, da er noch ganz unwissend war, vom Lehrer der unterste Platz angewiesen, aber es verging nur kurze Zeit, so hatte der kleine Pfarrerssohn alle seine Mitschüler überholt und blieb fortan der erste in seiner Klasse. Nun geschah es, daß der Vater im Jahre 1804 abermals sein Wirkungsfeld wechselte und die Pfründe von Felsberg bezog, wo die Familie durch ein Töchterchen sich vermehrte. Bereits war Richard zum kräftigen Jungen herangewachsen. Hatte das liebliche Masein sein Gemütsleben befruchtet, so sollte Felsberg, das zwischen den drohenden Felsen des Calandas und dem brausenden, seine Ufer oft überflutenden Rheinstrome gebettete Dorf, ihm Gelegenheit bieten, seinen Mut zu stählen und jene Unerschrockenheit in ihm auszubilden, die er in allen Lagen des spätern Lebens bekundete und die ihn: zum unentbehrlichen Faktor in seinem Berufe wurde. Da galt es auf die rauhen Felsen zu klettern, wohin ein Jagdgelüste hie und da die muntere Jugend lockte. Dann gab es Zeiten, wo der Rheinstrom mächtige Wogen einher wälzte und Treibholz führte, das von den Bewohnern Felsbergs mit Lebensgefahr aufgefischt wurde; und obwohl das von der Gemeinde mit Holz reichlich versehene Pfarrhaus des- 4 selben nicht bedurfte, so half Richard nichtsdestoweniger seinen Kameraden bei dieser gefährlichen Arbeit. Ganz besonders aber förderte der Aufenthalt in Felsberg seine geistige Entwicklung. Einige Jahre bevor Pfarrer La Nicca die Pfarrstelle in Felsberg antrat, hatte sich dort K. Grütter von Winterthur niedergelassen und eine Baum Wollspinnerei und Weberei errichtet*). Grütter war vorher während längerer Zeit Lehrer in Chur und hatte dort zur Verbesserung und Neuorganisation der Volksschule hauptsächlich mitgewirkt. Der helvetischen Partei angehörend, sah er sich infolge der politischen Wirren am Ende des vorigen Jahrhunderts veranlaßt, seine Stellung in Chur aufzugeben und nach Felsberg überzusiedeln, wo er ebenfalls fördernd und verbessernd das Schulwesen beeinflußte. Mehr noch als die gute Dorfschule trug der rege freundschaftliche Verkehr, der bald zwischen der Pfarrfamilie und der Familie Grütters entstand, zur geistigen und gemütlichen Entwicklung La Niccas bei. Die Enkel Grütters, Pfarrer Lütscher in Genf und dessen Schwester Catrina, blieben mit La Nicca zeitlebens in sehr freundschaftlichen Beziehungen. Nachdem La Nicca die Schule in Felsberg durchgemacht und sein fünfzehntes Altersjahr erreicht hatte, wurde er von seinem Vater konfirmiert und trat hieraus in die neu errichtete Kantonsschule in Chur ein. Seitdem die in Chur von den Reformatoren gegründete Schule, in welcher die alten Sprachen und die damaligen Wissenschaften gelehrt wurden, infolge der kriegerischen Ereignisse, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts sich zugetragen hatten, eingegangen war, entbehrte Graubiindcn einer höhern kantonalen Lehranstalt. In Chur bestand allerdings neben der deutschen Volksschule auch eine sogenannte Lateinschule, die sich aber als sehr ungenügend erwies, weil ihr die nötigen finanziellen Mittel fehlten. Zwar hatte ein gemeinnütziger Churer Bürger, Abis, seiner Zeit Arzt in Lissabon, seiner Vaterstadt *) Siehe Neuer Sammler. 5 ein schönes Kapital zur Dotierung einer höhern Lehranstalt vermacht. Es wurde sodann in Chur ein sogenanntes OolleZium xkilosotieum sür höhere Lehrfächer, sowie für Heranbildung von Predigern errichtet, das aber, da die Abis'schc Stiftung wegen mangelhafter Kapitalanlage nur wenige Zinsen abwarf, aus Mangel an Mitteln nur zu oft der Lehrer und Schüler entbehrte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandte dann der Churer Stadtrat der Lateinschule mehr Aufmerksamkeit zu. Durch die Berufung von Pfarrer Peter Saluz gewann dieselbe einen hochbegabten vorzüglichen Lehrer. Die von Planta und Salis Marschlins und später von Zschokke und Nesemann errichteten Lehranstalten hatten, so groß auch ihr Ruf war, nur kurzen Bestand, bewirkten aber, daß, nachdem dieselben eingegangen waren, das Bedürfnis nach einer höhern kantonalen Schule mächtig erwachte. Es ist besonders der Initiative von Peter Saluz zu verdanken, daß durch Beschluß des graubündnerischen Großen Rates im Jahr 1804 in Chur die Kantonsschulc errichtet wurde. Durch seinen frühen Tod war es Saluz nur während wenigen Jahren vergönnt als Rektor an derselben zu wirken. Die Kantonsschule wurde vom evangelischen Bündncrvolk mit freudigen Erwartungen begrüßt und durch das rege Interesse und die warme Sympathie der Edelsten unter demselben getragen. Um die im Anfange noch unzureichenden Lehrkräfte zu unterstützen, erboten sich sogar einige junge, für die politische Laufbahn gebildete Männer unter denselben besonders I. Fr. von Tscharner, Unterricht in der Schule zu erteilen. Als La Nicca, ein blühender, blond gelockter Knabe, in der Schule erschien, trug er zur großen Heiterkeit seiner Mitschüler noch einen Zopf, oder Haarbeutel. Der Vater wollte dem Sohne nicht gestatten, diese auf dem Lande noch ziemlich allgemein übliche Mode abzulegen. Als dann aber das seidene Zopfband jeden Tag einem neckenden Mitschüler zur Beute fiel, erlaubte ihm der gestrenge Vater, dem ohnehin die Aus- lagen für Schule und Pension schon genug zu thun gaben, diese immer mehr zum Spotte werdende Kopfzierde zu entfernen. Es war für die Lehrer und Leiter der Schule keine geringe Aufgabe, die an Regel und Ordnung so wenig gewöhnten bündnerischen Jünglinge zu einem fortgesetzten Schulbesuche 6 anzuhalten. Wir können aus dem Leben La Niccas selbst ein Beispiel erzählen, wie neu die strikte Schulordnung diesem un- gebändigten Geschlechte vorkommen mußte. La Nicca hatte seine Ferien bei seinem geliebten Patenonkel in Sarn zugebracht; nun hieß es aber dem lieben freien Leben wieder Valet zu sagen und zur Schule nach Chur einzurücken. Der gute Onkel entließ den geliebten Neffen und derselbe wanderte schweren Herzens von der kühlen, grünenden Höhe hinunter ins Rheinthal und dem tosenden Strome entlang, der alten Curia Rä- torum entgegen. Als der Knabe auf der Höhe von Plankis die Türme der Stadt und den Hof ansichtig wurde, ergriff ihn eine solche Sehnsucht nach dem lieben Heinzenberge, daß er angesichts der Stadt umkehrte und seine Schritte wieder Sarn zulenkte, wo er dann noch weitere acht Tage verweilte, bis der Onkel, oder vielleicht auch der Vater, der davon benachrichtigt worden war, diesen selbstgemachten Ferien ein Ende machte. Die Lehrer vermuteten, La Nicca werde als Pfarrerssohn Theologie studieren, allein dem lebhaften, thatendurstigen Jüngling schien das Leben eines Pfarrers nicht verlockend; er wünschte sich einen andern Lebensberuf. Es ging für ihn daher ein leuchtender Stern auf, als Professor Tester an die Kantonsschule berufen wurde. Dieser einfache Alpensohn hatte in Heidelberg und Göttingen Geometrie und Mathematik studiert; sein klarer, logischer Geist machte ihn in dieser Wissenschaft zum vorzüglichen Lehrer. Nicht nur für solche Schüler, die Mathematik studierten, hat er Großes geleistet, sondern seine klare praktische Lehrmethode hatte einen entscheidend günstigen Einfluß auf die Volksschullehrer, sodaß dieselben im Rechnungsfache Vorzügliches leisteten. Aber Tester hatte an La Nicca auch den Schüler gefunden, der des Lehrers würdig war und der für ihn zeitlebens eine wahre Dankbarkeit und Anerkennung bewahrte. Zum guten Gedeihen der 7 Schule trugen dann noch zwei neue vorzügliche Lehrkräfte bei, die bald nach dieser Zeit für dieselbe gewonnen wurden; dieses waren Professor Joh. Caspar Orelli und Luzius Hold. Ersterer, der später als Professor der Philologie an der Zürcherischen Hochschule einen europäischen Ruf erlangte, wurde zum Lehrer der italienischen Sprache ernannt. Luzius Hold von Arosa hatte in Deutschland, besonders in Halle, eine vorzügliche Ausbildung erhalten und schon mehrere Jahre mit Auszeichnung an der Kantonsschule in Aarau als Lehrer der alten Sprachen gewirkt. Es war eine glückliche Wahl, die der Schulrat traf, indem er Hold zum Rektor der Schule ernannte. Seine Kenntnisse und Erfahrungen, die er sich in seinen frühern Stellungen erworben, sowie besonders seine organisatorische Begabung machten ihn vorzüglich geeignet, dem noch lose zusammengefügten Schulkörper die wahre Festigkeit zu verleihen und ein einheitliches Leben in denselben zu bringen. Hold versuchte vergeblich La Nicca für das klassische Studium zu gewinnen. Für I. Ulrich von Salis Seewis, damaligem Mitgliede des Schuldirektoriums, hatte La Nicca besondere Liebe und Verehrung. Derselbe war Bruder des Dichters Salis, in Gesinnung ihm zugewandt; auch hat er sich um die bündnerische Geschichtsforschung sehr verdient gemacht. Mit Orelli befreundete sich La Nicca und hat in spätern Jahren öfters freundschaftlich mit ihm verkehrt. Der Veltliner Feldzug veranlaßte übrigens La Nicca früher die Schule zu verlassen, als es wohl von seinem Vater beabsichtigt war. Schon beim Beginn der Schule waren militärische Uebungen der Schüler in den Lehrplan aufgenommen worden, allein den Antrag Oberst Pelizzaris, neben dem Real- und Gymnasialunterricht noch eine Kadettenschule für Jünglinge, die sich dem Offiziersstande widmen wollten, einzurichten, mußte der Schulrat von der Hand weisen. Die Idee Pelizzaris — 8 hatte aber in den Gemütern von vielen Schülern warmen Anklang gefunden, und als die Schulbehörden zögerten, die in Aussicht genommenen militärischen Uebungen einzuführen, so bemächtigten die ältern Schüler selbst sich dieser Angelegenheit, sorgten von sich aus für eine gleichmäßige Uniformierung der Schüler und legten dabei soviel Energie, wie Mäßigung und Geschick an den Tag, daß die Schulbehörden es für weise fanden, das, was von den Schülern angebahnt worden war, selbst in. die Hand zu nehmen und den Schulzwecken analog einzurichten. Aber nicht nur den ernsten Musen allein wurde in der neuen Schule gehuldigt, auch die heiterste der Göttinnen, die frohe Terpsichore sogar, durfte ihr kleines Reich neben ihren Schwestern aufrichten. Der als Zeichnungslehrer und Aufseher der Schüler angestellte Maler Richter aus Sachsen fand es gar nicht seiner Würde entgegen, den Jünglingen Tanzunterricht zu erteilen und sie den äußern Anstand in Haltung und Geberden, und die Art sich würdig und sein zu Präsentieren, zu lehren. La Nicca erzählte oft mit Heiterkeit von diesem Unterrichte, den man der damaligen Ansicht gemäß zur vollständigen Erziehung der Jugend als unerläßlich betrachtete, besonders in den Ländern, deren Verhältnisse durch die französische Kultur beeinflußt waren, wie dieses vielfach auch in Bünden der Fall war. 2. Kapitel. La Niceas Aufenthalt in der Kantonsschule fiel in jene denkwürdigen Jahre, in welchen Napoleon I. auf dem Gipfel seiner Macht stand; ganz Europa brachte dem großen Feldherrn und Eroberer unbegrenzte Bewunderung oder glühenden Haß entgegen. Unter den schweizerischen Jünglingen gab es manche, die zu den ersteren gehörten, was wohl auch bei jenen Kantonsschülern der Fall war, die mit La Nicca sich so eifrig für die Errichtung eines Kadettenkorps und dessen militärische Uebungen bemühten. Unter den hinterlassenen Papieren des Letzteren befindet sich eine Schilderung der beim Sturze Napoleons in Chur stattgehabten Vorfälle, bei welchen er und seine Freunde sich bereit machten, von ihrer militärischen Tüchtigkeit Proben abzulegen. La Nicca erzählt Folgendes: „Unser Korps war recht „gut einexerziert und hatte auch schon im Feuer manövriert, „als der 4. Januar 1814 gewitterschwarz herannahte. „Durch den am 21. Dez. 1813 erfolgten Einmarsch der „Alliierten in die- Schweiz, wodurch die Mediationsakte als „aufgehoben betrachtet wurde, verfiel die Schweiz in eine Art „Fieberzustand und der Kanton Graubünden in zwei Parteien, „von welchen die reaktionäre dahin drang, daß die alte Verfassung, wie sie vor 1798 bestand, unbedingt eingeführt, die „seitherigen Verträge und Allianzen aufgehoben und der Frei- „staat Graubünden wieder hergestellt werde. Also vollkommene - 10 - „Trennung von der Schweiz. Weil diese Partei auf dem „rechtmäßigen Wege, nämlich der freien Volksabstimmung, „nicht zu ihrem Ziel zu gelangen vermochte, so nahm sie ihre „Zuflucht zu falschen Vorspiegelungen, zu Umtrieben und endlich „gar zum Aufruhr. „An der Spitze dieser Partei stand der Amtsbürger- „meister Rudolf von Salis, Präsident der Regierung und sein „Kollege P. A. von Latour. Die Hauptwühler und Volks- „aufwiegler waren die Herren Heinrich von Salis-Zizers und „Camichel, österreichischer Hauptmann. „Da die Gerüchte von Unruhen im Oberland und im „Oberhalbstein und einem beabsichtigten Volkszug nach Chur „immer konsistenter wurden, so wurde der Große Rat auf den „4. Januar in das Rathaus nach Chur einberufen. Vorher „schon hatten sich die Offiziere des Kadettenkorps mit den „ältern Schülern beraten, welche Stellung dasselbe unter so „bedenklichen Verhältnissen einhalten solle, besonders hinsichtlich „der Drohung, daß man die neue Kantonsschule, die leider „damals manchem Katholiken ein Dorn im Auge war, zerstören oder demolieren wolle. Wir waren der Ansicht, es sei „unsere heilige Pflicht, die Kantonsschule nach unserem besten „Vermögen zu verteidigen und uns sofort darauf vorzubereiten, „um einen plötzlichen Handstreich abzuweisen, der von einer „fanatisierten Volksmasse wohl möglich war und der bei einem „anarchischen Zustand und der Haltung unserer damaligen „Regierung nicht hätte verhindert werden können. Für unsere „Unternehmung sollten nur die ältern Kadetten und, wie es „sich von selbst versteht, nur Freiwillige verwendet werden. „Es wurden nun die militärischen Einleitungen getroffen „und in erster Linie Pulver zur Anfertigung von Patronen „angeschafft und Kugeln gegossen. Auch verfügten sich einige „der eifrigsten Kadetten nach Hause, 'um einen Zuzug von „Kameraden zu werben. Mir fiel die Aufgabe des Beobachters 11 „zu, um besondere Vorfallenheiten, namentlich solche, welche „unser Auftreten veranlassen konnten, ins Hauptquartier zu „berichten, wo sich immer einige von uns aufhielten und von „wo aus die verabredeten Zeichen zur Sammlung in der „neuen Kantonsschule gegeben werden sollten, um dort unsere „Verteidigungsstellung einzunehmen. Dabei beabsichtigten wir „erst dann zur Verteidigung zu schreiten, wenn ein wirklicher „Angriff erfolge, und indessen bildeten wir eine Schildwache „vor dem neuen Kantonsschulgebäude. „Ich wohnte damals auf dem Gansplatz, über welchen „der revolutionäre Zug kommen mußte. „Sein Herannahen verkündigte die lebhafte Bewegung in „der Gasse, worauf ich meine geladene Pistole in die Tasche „meines Rockes versteckte und auf den Platz hinabstieg. Es „mochte zwischen 10 bis 11 Uhr vormittags sein, als eine „Kolonne Bauern von etwa 300 bis 400 Mann von Ems, „Boden und Oberland (hauptsächlich Dissentis) vier Mann „hoch, mit Stöcken bewaffnet, einmarschierte, an ihrer Spitze „Baron Heinrich von Salis-Zizers im Ueberrock mit Schlepp- „säbel, an seiner Seite Hauptmann Camichel in voller österreichischer Uniform. „Dieser Kolonne, welche mit einer gewissen militärischen „Haltung still vorbei marschierte, folgte ich bis auf das Rat- „haus, wo der Große Rat bereits die peinlichen Verhandlungen über die höchst schwierige Situation begonnen hatte. „Allein da schon das Volk etwas unruhig, man könnte sagen „drohend vor seiner Thür stand, so war die Fassung schneller „Beschlüsse nötig, um beklagenswerte Auftritte zu vermeiden. „Während der Große Rat anfing, mit Baron H. von „Salis, dem Bauernführer, zu parlamentieren, ließ sich eine „geräuschartige Bewegung, namentlich aus der anliegenden „Reichsgasse vernehmen und durch ein nahes Fenster sah ich „in derselben ein Hin- und Herlaufen, ein Zuschließen der 12 „Läden und Haustüren, überhaupt ein Gebahren, wie wenn „Chur mit einem Sturmangriff bedroht wäre. Als ich dann „meine Blicke bergan richtete, entdeckte ich einen langen Zug, „der vom Walde ob St. Hilarien bis St. Antönien hinab „sich ausdehnte und bewaffnet schien. Es waren dies die Ober- „vazer, welche sich geäußert haben sollen, die neue Kantons- „schule demolieren zu wollen, in Begleitung von Oberhalb- „steinern, etwa 200 bis 300 Mann. Nun, dachte ich, geht das „Tournier erst recht an und eilte zum obern Thor, durch welches „der Zug hereinkommen mußte, um zu sehen, wie er sich ge- „berde und ob nun vielleicht der Moment gekommen sei, um „die Sammlung der Eliten unseres Korps anzuordnen. Allein „die Leute der alten Verfassung, wie man sie versöhnlichkeits- „halber nennen hörte, marschierten zwar mit etwas ernsten „Gesichtern und großen Stöcken, im übrigen aber mit so „friedlicher Miene durch das uralte Thor in die Stadt hinein, „daß ich mich alsbald ihnen anschloß, denn es waren schöne, „kernfeste Männer, und sie aufs Rathaus begleitete, wo sie „von ihren Kameraden mit Jubel empfangen wurden. „Der Große Rat war vollständig belagert, die in seinen „Sitzungssaal führende Türe inwendig verrammelt; eine Zahl „mutiger Bürger von Chur, mit Pistolen bewaffnet, hatte sich „unvermerkt bei dieser Türe eingefunden, um die schweizerisch „gesinnten Deputierten zu beschützen. Die Situation war „eine äußerst kritische und gefährliche, besonders weil ein „Tollkopf den Sturmhaufen kommandierte. Der Beschluß des „Großen Rates lautete: „Aufhebung der Mediationsakte und „Einführung der alten Verfassung nach erfolgter Ratifikation „der Gemeinden." „Nachdem so die alte Verfassung unbedingt durch den „Großen Rat infolge der erwähnten Zwangsmittel dekretiert „worden war, entließen die Führer ihre Sturmhaufen, wovon „ein Teil noch am Abend in die nahe gelegenen Dörfer 13 „vorrückte, der größere Teil in der Stadt Quartier nahm, wodurch dieselbe sehr belebt wurde, weil überall heiter und friedlich, „ohne irgend eine Unordnung, gezecht und zuletzt das Genossene „pünktlich bezahlt wurde. „Noch bevor diese nun zahm und freundlich gewordenen „Leute Chur verließen, reiste Joh. Friedrich v. Tscharner, einer „der mutigsten Kämpfer im Großen Rat für Anschluß Grau- „bündens an die Eidgenossenschaft, an jenem denkwürdigen Tage „mit einer bezüglichen Einlage an die Kantonsgesandtschaft nach „Zürich ab, und hierauf erstarb die alte Verfassung in ihrer „Geburt. „Die Täuschungen verschwanden nach Eintreffen einer vom „20. Januar 1814 datierten Note an die bündnerische Regierung, unterzeichnet durch die Gesandten Rußlands und „Oesterreichs, worin die bündnerische Regierung ersucht wurde, „jeden der Kantonsgenossen, der so vermessen ist, von Oesterreichs Wünschen und Beziehungen in obigem Sinn (Trennung „von der Schweiz) zu sprechen oder zu schreiben, auf der Stelle „als einen Meuterer, und Störer der innern Ruhe und des „öffentlichen Zutrauens zu ergreifen und auf das nachdrücklichste züchtigen zu lassen." Aber noch eine andere Frage von größter Bedeutung wurde in jenen Tagen vom bündnerischen Volke und seiner Regierung aufgeworfen: „Ob bei der Rückkehr zu den alten Verhältnissen die ehemaligen Unterthanenländer Veltlin, Bormio und die Grafschaft Clefen Bünden wieder zugestellt würden oder nicht?" Graubünden hatte im Jahre 15 t2 diese Ländereicn, die früher Bestandteile des Herzogtums Mailand waren, unter seine Botmäßigkeit gebracht und der Besitz derselben wurde ihni von Maximilian I., dem damaligen Inhaber dieses Herzogtums, garantiert. Als Mailand nach dem Tode Karl V. an Spanien kam, wurden diese Unterthanenlande für Graubünden Ursache schwerer politischer Unglücksfälle, wobei sie für einige Zeit den Bündncrn entrissen 14 wurden. Im Jahre 1639 gelangte Bünden wieder in den unbestrittenen Besitz derselben, doch nur unter der Bedingung, daß außer den bündnerischen Beamten keine evangelischen Einwohner in denselben geduldet werden durften. Die Bündncr mußten sich bei ihrer Verwaltung den Wünschen der einflußreichen Veltlinerfamilicn, der dortigen Geistlichkeit und vor allem der Regierung in Mailand unterziehen, während den Bündnern manche Hebelgriffe und Bestechung in ihrer Amtsführung vorgeworfen wurden. Diesen Verhältnissen wurde durch die französische Revolution ein Ende gemacht, indem Napoleon I. auf Wunsch der Veltliner ihr Land mit der cisalpinischcn Republik vereinigte. Um sich an der militärischen Aktion zu beteiligen, die durch die bündnerische Regierung, zur Besetzung des Veltlins ins Werk gesetzt wurde, verließ La Nicca die Kantonsschule. Er hat über diese militärische Exkursion eine Beschreibung hinterlassen, die wir ihrer Eigentümlichkeit wegen und weil die bündnerischen Geschichtsschreiber diesen unblutigen Feldzug, der ziemlich beschämend für Graubünden ausfiel, mit Stillschweigen Übergängen haben, hier folgen lassen. 8a Nicca erzählt weiter: „Nachdem die alliierten Mächte den Grundsatz ausgesprochen hatten, daß jeder Staat, der sein Land infolge der „Revolution oder durch die Napoleonischen Eroberungen verloren habe, sich in den Besitz desselben setzen, d. h. es zurückfordern könne, und nachdem auch die Tagsatzung ihre Einwilligung zur Besitznahme von Bormio, Clefen und Veltlin „erteilt hatte, erließ die graubündnerische Regierung eine „Proklamation und traf die erforderlichen Anordnungen zur „Besitznahme dieser Länder. Es war beabsichtigt, diese Operation „durch zwei Bataillone Freiwilliger unter dem Kommando von „Baron H. v. Salis, nebst den bereits an die Grenze beorderten „Kompagnien Walser und Latour auszuführen, wovon erstere „seit April in Poschiavo, letztere im Bergell sich befand. Allein „das Vertrauen zu Baron Heinrichs Führung war nicht mehr „so groß, nachdem derselbe durch den eben berichteten Vorfall 15 „total blamiert war, um das freiwillige Korps auf die Beine „zu bringen, und so standen nur obige zwei Kompagnien und „die zwei Kompagnien Michel (Scharfschützen) und Casutt „zur Verfügung. Das Kommando derselben, sowie der freiwilligen Zuzüge wurde dem Oberst Gubert v. Salis anvertraut und Oberst Max v. Salis zum Zivilkommissär der „Truppen und Oberleiter der ganzen Unternehmung ernannt. „Am 3. Mai 1814 überschritt die Kompagnie Casutt, am „4. die Kompagnie Michel den Splügen, um einen gleichzeitigen Angriff auf Liefen, sowohl durch das St. Jakobsthal, „sowie auch vom Bergell aus auszuführen. Während der „Zivilkommissär seine Thätigkeit in Bergell entwickelte, setzte „sich der Generalstab nach Splügen in Bewegung, um die „Operation durch das St. Jalobsthal zu dirigieren. Derselbe „bestand aus: „Oberst Gubert v. Salis-Bodmer „Major Karl v. Pestalozzi „Adjut. Joh. U. v. Salis-Bodmer „Fähndrich R. La Nicca v. Sarn „Feldarzt Vieli v. RLzüns. „Unser Zug über den Splügenberg war imposant, so „schien es uns wenigstens damals. Auf der Hohe des Berges „marschierten wir im Schnee, dann lenkten wir uns durch den „schaurigen Cardinell, in dessen Schlund so viele Krieger von „Maedonalds Korps begraben liegen, hinab ins enge Thal „von Jsola und bewegien uns durch dasselbe langsam vorwärts nach Campodolcino, wo wir bereits Spuren des Feindes „begegneten und, unsere Marschvorsichten noch mehr verstärkend, „vorwärts rückten, bald durch die enge Thalsohle, dann abwechselnd längs steilen Halden und über tiefe Schluchten, „öfters über eigentliches Steingeröll. „Im St. Jakobsthal fanden einige Gefechte statt. Bei „Cimaganda unterhalb St. Giacomo hatte der Feind eine Stellung 16 „inne, die aber bald von der Kompagnie Casutt eingenommen „wurde. Circa 20 Grenadiere jagten den Feind bis Clefen „und verloren sich dabei ganz aus den Augen der Haupt- kolonne, was unter Umständen bedenkliche Folgen hätte haben „können. Das Gefecht besaß einen romantisch-schauerlichen „Charakter und erschien in dem mannigfach gestalteten, schroffen „Gebirge durch den Wiederhall der Schüsse viel stärker und „gefährlicher, als es in Wirklichkeit war. „Ueber die Stärke der italienischen Truppen (Franzosen „schienen keine darunter zu sein) hatten wir keine zuverläßige „Kenntnis. Ihre Zahl schien nicht groß und ich glaube, daß „wir an Truppenzahl, inklusive unserer Freiwilligen, bedeutend „überlegen waren. Sie waren aber gut angeführt, indem sie „mit Geschick die zur Verteidigung günstigen Terrainpositionen „benutzten, jedoch unserm heftigen Vordringen nicht lange „Widerstand leisteten. Auch an der Führung unserer Truppen „läßt sich nichts tadeln, und ihre Tapferkeit war ausgezeichnet, „wie solches der erwähnte Greuadierangriff der Kompagnie „Casutt bewiesen hat. Es ist zwar auffallend, daß es nach „so vielem Schießen so wenig Verwundete und Tote gab. Die „Ursache mag zum Teil dem Umstände zugeschrieben werden, „daß auf sehr große Entfernungen und zugleich schlecht geschossen wurde, daß hinter dem zahllosen, groben Felsgeröll „und den dicken Kastanienbäumen, zwischen welchen sich das „Gefecht vorwärts bewegte, die Kämpfer leicht sichere Deckung „fanden und endlich, daß unsere Gegner überall, wo der „Kampf heftig zu werden drohte, ihre Positionen nicht mit „Hartnäckigkeit verteidigten, sondern sich stink zurückzogen. „Deshalb fanden wir bei unserer Ankunft vor Chiavenna keine „Spur mehr von feindlichen Soldaten. „Am nämlichen Tage, dem 4. Mai, morgens, begann von „Castasegna aus der Vormarsch der Kompagnie Latour, unterstützt durch ein Korps Freiwilliger vom Bergell her, darunter 17 „viele Scharfschützen. Um dieses interessante Schauspiel zu „beobachten, fanden sich die in den strategischen Feldzugsplan „eingeweihten Herrschaften von Soglio auf dem schönen Ka- „stanienplateau oberhalb Castasegna ein, darunter verschiedene „ritterliche Fräulein in glänzendem Anzüge. Obschon die Entfernung vom Kampfplatz sehr groß war, erlaubte sich doch „der ungalante Feind einige Schüsse auf diese schönen Scheiben „abzugeben, so daß wirklich einige Kugeln die Aeste der „Kastanienbäume durchzischten, unter welchen die elegante „Gesellschaft gelagert war, welche hierauf aber mit stürmischer „Eile Reißaus nahm. „Das Hauptkorps unter Latours persönlicher Führung „avancierte auf dem rechtsseitigen Ufer der Maira. Die andere „Abteilung operierte mit ersterem Korps in Uebereinstimmung, „hauptsächlich aus freiwilligen Bergellern bestehend, am linksseitigen Mairaufer, in der Weise, um als Umgehungskolonne „zu demonstrieren und dadurch Latours Vormarsch zu erleichtern. „Der erwähnte Sturmangriff der braven Grenadiere der „Kompagnie Casutt konnte wohl deshalb um so eher gelingen, „weil Latour im Mairathal auch rasch vorwärts rückte und „den Feind nötigte, sich rechtzeitig zurückzuziehen, um der Gefahr auszuweichen, von der links- oder rechtsseitigen Kolonne „gefangen zu werden. Deshalb fanden wir bei unserer Ankunft „vor Chiavenna keine Spur von feindlichen Soldaten. , „Die Stadt kapitulierte in der Nacht vom 4. auf den „5. Mai und um 5 Uhr morgens rückte auf der Splügen- „straße die Kompagnie Casutt mit den bewaffneten St. Iakobs- „thalern, auf der Ostseite die Kompagnie Latour mit ihrem „Bergellerzuzug in Clefen ein. . , „Kompagnie Michel erreichte erst am 6. Mai diese Stadt „und konnte an den Gefechten keinen Anteil nehmen, weil die „Kompagnie Casutt viel schneller vorrückte, als man berechnet „hatte. Die Trophäen der Splügenkolonne bestanden in fünf s 18 „Gefangenen, unter dem höchst kommandierenden Oberst Regn „wurde das Pferd erschossen. Auf Seite der Kolonne Latour „sollen fünf bis sechs Feinde, darunter ihr Kommandant Haupt- Mann Michele, verwundet und ein Mann getötet worden „sein. Die Kompagnie Latour hatte ein paar durch Streifschüsse verwundete Männer. „Nachdem wir uns in den Besitz unseres ersten strategisch-politischen Objektes gesetzt hatten, wurde ein starker „Vorposten nach dem am Anfang des Comersees gelegenen „Hafenplatze Riva abgesandt. „Unsere Freuden in Clefen waren nicht von langer Dauer, „denn es erschienen bald einige mit österreichischen Soldaten „angefüllte Schiffe bei unserem Vorposten in Riva. Dieser „gebot Halt, und da nicht gefolgt wurde, gab er Feuer. Dieser „Empfang überraschte die Österreicher, sie hielten an und „schwenkten die Flagge zum Parlamentieren, wobei sie erklärten, „daß sie die Avantgarde des Korps von General Völseis „bildeten, welcher mit 4000 Mann sofort nachfolgen werde „und noch weitere Truppen zur Verfügung habe, um Clefen „und die dort ausmündenden Thäler zu besetzen. „Hierauf wurde schnell eine Stafette an unser Generalkommando nach Clefen gesandt. Dasselbe erschien bald; indessen landete aber auch General Bölseis mit einer weitern „Abteilung seines Regiments, worauf dann zwischen ihm und „unserm Oberkommando verabredet wurde, die österreichischen „Truppen sollen Clefen besetzen, unsere Truppen bis an die „halbe Kompagnie (Latour) sich zurückziehen, welche noch acht „Tage, bis zum Eintreffen höherer Befehle, dort verbleiben „und mit den österreichischen Truppen den Platzdienst vergehen dürfe. „Dieser Ausgang unseres glorreichen Feldzuges verstimmte „und verbitterte unsere tapfere Mannschaft gar sehr; sie erachtete es für eine wahre Schande, den Oesterreichern weichen 19 „zu müssen. Sie geriet momentan in eine fast gereizte „Stimmung, wobei sie jubelnd gegen dieselben, so groß auch „ihre Zahl sein mochte, marschiert wäre, wenn man sie nur „dazu kommandiert hätte. „Die Scharfschützen-Kompagnie Michel, sowie die halbe „Kompagnie Latour, nebst Zuzug, folgten, wenn auch ungern, „ruhig dem Marschbefehl nach dem Bergell, in der Hoffnung, „bald wieder zurückkehren zu können. Störrischer zeigte sich „dagegen die Kompagnie Casutt, welche den Marsch nach dem „Rheinwald antreten sollte. Nachdem sie mit einiger Mühe „gesammelt und ordnungsgemäß in Reih und Glied marschfertig aufgestellt war, kommandierte ihr Hauptmann: Rechts „um, Marsch! Allein kein Soldat bewegte sich, sie schienen „alle wie in den Boden gewachsen. Hierauf wurden sie vom „Major Karl Pestalozzi haranguiert und zum Abmarsch kommandiert. Allein auch sein Helles Kommando vermochte keinen „Fuß in Bewegung zu setzen, nur ein leises Brummen war „hie und da vernehmbar. Die Situation war eine höchst „peinliche, besonders auch im Hinblick auf den nahen Einzug „der Oesterreicher. Da verfügte sich der Major mit dem „Hauptmann an die Spitze der Kompagnie; sie sprachen mit „den Tambouren, mit den Flügelmännern und ermähnten sie „mit liebreichen Worten zur Folgsamkeit. Hierauf kommandierte der Major wieder Vorwärts, Marsch. Die Tambouren „fingen an zu trommeln und den kurzen Schritt anzutreten. „Die ersten Rotten fetzten sich langsam in Bewegung, durch „Zureden der Offiziere, sowie hie und da auch durch freund- „liches Vorwärtsschieben veranlaßt. Je mehr Rotten auf „diese Weise in Bewegung gebracht wurden, um so mehr folgten „nach, und so marschierte allmählig mit Hülfe der verschiedenen „klug angewandten Nötigungen die ganze Kompagnie aus Clefen „ab, die Länge eines ganzen Bataillons einnehmend. Das „Hauptquartier wurde von Clefen nach Soglio verlegt, womit 20 „die Hoffnung, wieder zurückzukehren, doch noch nicht ganz „aufgegeben wurde. „In Soglio führten wir ein fürstliches Leben, denn zu „arbeiten hatten wir sozusagen nichts. Dieser Ort, in schöner „Lage, hoch am Berg gelegen, im Rücken mit Felswänden „umgeben, von der Front reizende Aussichten darbietend, hatte „wirklich durch die verschiedenen schönen palastähnlichen Häuser „der Familie Salis ein herrschaftliches Aussehen. Seit langem „größtenteils verwaist, waren sie nun wieder alle bewohnt, „indem ihre Eigentümer zurückgekehrt waren, um von dieser „Etappe aus nach Clefen und Veltlin zurückzukehren, um daselbst ihr früheres Grundeigentum anzutreten, welches ihnen „durch die Konfiskation geraubt worden war." 3. Kapitel. Dieser kleine Feldzug hatte bei La Nicca die Neigung für den Kriegsdienst noch vermehrt; und da bald nach seiner Rückkehr aus dem Bergell Oberst Christ ein Schweizerregiment für den König Victor Emanuel I. errichtete, so bewarb sich La Nicca dort um eine Offtziersstelle, die ihm auch zuer- teilt wurde. Er zog nun abermals, in militärischer Tenne über die Berge, dieses Mal über den Bernhardin, hinunter in die piemontesische Ebene, in Begleitung von verschiedenen anderen Offizieren. Das Regimentsleben hatte für den lebhaften Jüngling neue, nicht gekannte Reize; er verstand es gut, Untergebene zu dirigieren, was ihm im spätern Leben zu Statten kam; er wußte zu rechter Zeit leutselig, am nötigen Orte strikte und streng zu sein. Die Offizierswirtschaft behagte ihm sehr, hier lernte er nach den Umständen sich einzurichten und von den Bedürfnissen eines bequemen häuslichen Lebens sich zu entwöhnen. In den verschiedenen Garnisonsstädten wurden diese gesitteten, moralisch gut beleumdeten Schweizer Offiziere von der Bevölkerung gut aufgenommen und sogar in ihre geselligen Kreise gezogen; auch dem Könige wurden sie vorgestellt. In Turin war es besonders Frau Gräfin Christ, die La Nicca ihre Gunst zuwendete. Aber nicht nur die Annehmlichkeiten des dortigen Lebens hatte er zu genießen, es galt auch manche Strapazen, besonders große Märsche durchzumachen. 22 Vor allem war es sein eifriges Bestreben, sich zum tüchtigen Offiziere auszubilden und es gelang ihm bald, im Studium die älteren Offiziere zu überflügeln. Einige derselben hatten, ohne besondere Bildung zu besitzen, indem sie von der Pike auf dienten, höhere Stellen erlangt. Diese waren nun froh, daß sie dem jungen Offiziere die Theorieinstruktionen überlassen konnten, in die sie sich nicht mehr einzuleben verstanden. La Nicca gewahrte bald, wie sehr er diesen älteren Offizieren in taktischen Kenntnissen überlegen sei, und diese Gewißheit erweckte bei ihm die Hoffnung, es werde ihm m t der Zeit auch gelingen, höhere militärische Stellen ehrenvoll bekleiden zu können. Aber die schöne Hoffnung auf baldiges Avancement in piemontesischen Diensten ging nicht in Erfüllung. Die Fremdenregimenter wurden von den damaligen Fürsten hauptsächlich zur Befestigung ihrer Regierungen, die das alte System wieder eingesetzt hatten, engagiert und manchmal zur Unterdrückung von Ausständen verwendet, weshalb das Volk in denselben ein Hindernis zur Erlangung freiheitlicher Konzessionen erblickte. Der König von Sardinien, der im übrigen keineswegs dem Fortschritte huldigte, glaubte doch dem Willen seines Volkes soweit Rechnung tragen zu müssen, daß er die als antinational geltenden Fremdenregimenter nach kurzer Zeit wieder verabschiedete. Damit war für La Nicca die Aussicht, in Piemont Carriere machen zu können, dahin. Es trat aufs Neue und jetzt um so mächtiger die Frage an ihn heran, welchen Lebensberuf er nun zu wählen habe. Der Aufenthalt in Piemont hatte seine Anschauungen erweitert und sein Urteil gereift; neben der Vorliebe für den Militärdienst that sich bei ihm ein reges Interesse für das Baufach kund und immer mächtiger wurde in ihm der Wunsch, in demselben sich auszubilden. Dieses war aber in jener Zeit, wo es außer Paris noch 23 wenige eigentliche technische Anstalten gab, eine nicht so leicht auszuführende Bestrebung. Paris hatte in seiner Leols politsotwigue ein ausgezeichnetes Institut zur Heranbildung tüchtiger Ingenieure; und der epochemachende Bau der Simplon- straße, sowie die großartigen französischen Kanalanlagen hatten bewiesen, welcher Meisterschaft sich dieselben rühmen konnten. Es entstand daher bei La Nicca der lebhafte Wunsch nach Paris zu kommen. Allein sein Vater wäre nicht im Fall gewesen, ihm für einen länger» Aufenthalt in dieser Weltstadt das nötige Geld zu verschaffen. La Nicca bewarb sich daher um eine Offtziersstelle bei einem französischen Schweizerregiment; er hoffte neben seinem Dienste noch so viel Zeit zu erübrigen, um sich mit ernstlichen technischen Studien beschäftigen und sich auf diese Weise entweder für die militärische oder zivile Carriere zum Ingenieur ausbilden zu können. La Niccas Meldung blieb in Paris unberücksichtigt und so entschloß er sich, zum Studium der Mathematik die Universität Tübingen zu beziehen, wo Bohnenberger mit Auszeichnung diese Wissenschaft lehrte. Von seinem Vater mit dem notwendigsten Gelde versehen, zu welchem er noch seine kleinen in Piemont gemachten Ersparnisse legen konnte, ergriff er im Herbst 1816 den Wander- stab, um sich nach Tübingen zu begeben. Dort widmete er sich dem eifrigsten Studium. Durch das ununterbrochene Interesse, mit welchem er Bohnenbergers Vortrüge besuchte, zog er die Aufmerksamkeit dieses Lehrers auf sich, der ihn bald eines nähern Verkehrs würdigte. Die große Begabung für Mathematik, die derselbe bei La Nicca wahrnahm, sowie dessen eiserner Fleiß veranlaßten Bohnenberger, La Nicca seine besondere Gunst zuzuwenden, so daß er ihn aufforderte, neben den Vortrügen an der Universität mit ihm allein weitere mathematische Studien zu machen, wobei er ihn durch Privatvorträge tiefer in diese Wissenschaft — 24 einführte und ihn vielfache schwierige mathematische Fragen lösen ließ, die dem Gros der Studierenden meistens verschlossen blieben. La Nicca hatte in einem Jahre unendlich viel in sich ausgenommen, aber dabei durch sein übermäßiges Arbeiten auch seine Gesundheit ernstlich erschüttert. Die große Berteurung der Lebensmittel, die durch den Mißwuchs des Jahres 4816 in Süddeutschlaud eintrat, veranlaßte ihn zudem sich vielfache Einschränkungen zuzumuten. Ein vollständiges Ausruhen that ihm dringend not, weshalb er zu Ende des Sommersemesters Tübingen verließ, um durch einen Aufenthalt in der Heimat seine Gesundheit wieder herzustellen. Da im kommenden Wintersemester in Tübingen über höhere Mathematik keine Vorlesungen gehalten wurden, so dachte er nicht mehr dorthin zurückzukehren und richtete seine Blicke nochmals nach Paris. Schon wahrend seines Aufenthaltes in Tübingen hatte ihn die bündnerische Regierung für eine vakante Oberlieutenaut- stelle bei der Garde vorgeschlagen, allein der in Paris entscheidenden Militärcamarilla war seine Erwählung nicht genehm und es wurde ihm dort ein anderer vorgezogen. So war nun jede Aussicht, in Frankreich sich Bildung und Stellung zu erwerben, für ihn dahin. Kaum hatte er in der Heimat seine körperlichen Kräfte wieder gesammelt, so ergriff er abermals den Wanderstab. Dieses Mal zog es ihn nach Italien, wo er durch Besichtigung und Studium der dortigen Bauwerke, hauptsächlich der Kanal- und Wasserbauten seine Kenntnisse zu vermehren hoffte. Seine Reisen machte er immer zu Fuß, tagelang den Kanälen folgend, die die oberitalienischen Seen mit dem Po und der Etsch verbinden und die dem reichen lombardischen Lande noch jetzt, damals aber, wo noch keine Eisenbahnen bestanden, ausschließlich zum Transport seiner Produkte dienten. 25 Nachdem seine Hülfsmittel erschöpft waren, obwohl er häufig, in Ermangelung einer bessern Herberge, sein Nachtquartier in abgelegenen Bauernhäusern nehmen mußte, so begab er sich nach Mailand, wo sein Freund Killias eine Buchhalterstelle in einem bedeutenden dortigen Geschäfte inne hatte. Um La Nicca aus der augenblicklichen Verlegenheit zu retten, gelang es Killias, ihm bei seinem Prinzipal eine Commisstelle zu erwirken. La Nicca konnte die mehr mechanischen Arbeiten, die ihm hier oblagen, leicht bewältigen, und es blieb ihm bei denselben noch die nötige Zeit übrig, um in der Bibliothek der Brera die wissenschaftlichen und technischen Werke zu studieren, die sich dort befinden. Auch gelang es ihm, sich mit einigen ausgezeichneten Ingenieuren bekannt zu machen, die ihn auf alle in Mailand und der Umgegend befindlichen Bauten aufmerksam machten und ihm über dieselben bereitwillig Aufschlüsse erteilten. So viel auch La Nicca neben seinem Broderwerb lernen konnte, so drängte es ihn doch, nun auch selbständig in dem von ihm erwählten Berufe arbeiten zu können. In diesem Jahre beschloß die österreichische Regierung in den italienischen Provinzen und längs den Küsten des adriatischen Meeres topographische Vermessungen vornehmen zu lassen; hiezu sollte in Mailand ein topographisches Bureau errichtet werden. Von diesem Vorhaben in Kenntnis gesetzt, ersuchte La Nicca seinen Gönner, Major Daniel von Salis, der in Angelegenheit der Veltliner, Confisca in Mailand sich aufhielt, ihn für eine Stelle bei diesen Arbeiten zu empfehlen. Schon war ihm eine solche bewilligt worden, mit der Bedingung, vorerst als Praktikant einige Monate im topographischen Bureau .zu arbeiten, als eine noch günstigere Gelegenheit seine Ausbildung zu fördern, sich ihm darbot. Durch die Ereignisse, die sich zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts vollzogen hatten, war Graubünden nicht nur manigfacher Resourcen von außen beraubt, sondern auch in seinem innern Wohlstände tief geschädigt worden. Nun galt es vor allem, sich nach Hülfsmitteln umzusehen, die geeignet waren, das Land zu heben und vor Verarmung zu schützen. Einen ehrlichen und lohnenden Erwerb hatte Graubünden seit alten Zeiten dem Transithandel zu verdanken, der sich schon zur Römerzeit der sonnigen Thäler, die sich hoch Hinanziehen und der guten Bergübergänge, deren das Land eine Anzahl ausweist, bediente. Durch das ganze Mittelalter hindurch wurden die bünd- nerischen Alpenübergänge öfters von den deutschen Kaisern zu ihren Heereszügen nach Italien gewählt und gewährten sie dem Warentransporte von Süden nach Norden und umgekehrt die bequemste Verkehrsader. In den folgenden Jahrhunderten waren es hauptsächlich diese Alpenpässe, die das Interesse der um die italienische Halbinsel sich streitenden Mächte, sowie dasjenige der Veneti- aner auf die Republik Graubünden hinlenkten und sie veranlaßten, um die Gunst dieses armen Ländchens zu buhlen. Es wurde dann auch so viel, als in jenen Zeiten geschehen konnte, gethan, um die Wege offen zu halten. Die Ortschaften, die den Handelsstraßen entlang lagen, waren mit 27 bestimmten Gesetzen und Verpflichtungen zur Ostenhaltung der Wege und Pässe belastet, aber auch betreffs der Waren- spedition durch gesetzlich festgestellte Rechte geschützt und privilegiert. Es bestand eine amtlich kontrolierte Einrichtung, mit besonderem Gerichtsstand, nach welcher nur die an der Straße liegenden Gemeinden das Recht hatten, die Waren zu spedieren, die man Porten nannte. Obwohl man verschiedene wesentliche Verbesserungen der Straßen unternahm, sogar von der Lichtensteiner Grenze bis nach Chur eine Kunststraße baute, so hatten doch die bündner- ischen Alpenpässe schon im letzten wie in diesem Jahrhundert gegen die Konkurrenz mit andern Uebergängen zu kämpfen und wurde es zu Anfang dieses Jahrhunderts, als Napoleon den Simplon bauen ließ, und bald darauf Oesterreich den Brenner und Arlberg ebenfalls mit Kunststraßen versah, für Bünden eine brennende Frage, was zu thun sei, um die wichtige Erwerbsquelle des Transites festzuhalten. Die edelsten Männer des Landes beschäftigten sich mit dieser Frage, vor allen Joh. Friedrich v. Tscharner. Im Jahre 1806 erschien von ihm eine vorzügliche Arbeit über bündnerisches Transitwesen im neuen Sammler (einer Zeitschrift für Gemeinnützigkeit). Der Bau einer Kunststraße durch unser Gebirge, sagte er, wäre wohl das beste Mittel, den Transithandel festzuhalten und zu vermehren; allein, setzte er hinzu, wie wäre ein solches Werk, das wohl Millionen kosten würde, bei den geringen Hülfsmitteln, die unser Land aufzubringen im Stande ist, möglich? Noch war für einen solchen Bau kein richtiger Maßstab vorhanden. Napoleon hatte den Simplon mit ungeheurem Aufwand an Geld und Menschen bauen lassen. 5000 Arbeiter waren während fünf Sommern beschäftigt, um die Straße' vom Genfersee bis zum Langensee zu vollenden. Die Unkosten betrugen damals ca. 10 Millionen Franken. So blieb es manches Jahr bei frommen Wünschen, bis die Theuerung des 28 Winters von 1816 bis 1817 und die Unmöglichkeit, mit den damaligen Transportmitteln der darbenden Bevölkerung das nötige Korn zu beschaffen, einen neuen mächtigen Hebel an den längst gewünschten Straßenbau setzte. Tscharner war in jenem Jahre Regierungsmitglied. Als im Jahre 1816 die Ernte in der Schweiz und Deutschland, überhaupt in Mitteleuropa, durchaus mißraten war, so mahnte er recht dringend, die Regierung solle Getreideankäufe machen, um der in Aussicht stehenden Not zu begegnen. Seine Kollegen und andere maßgebende Persönlichkeiten hielten diese Befürchtungen für übertrieben; man zögerte, Ankäufe zu machen. Erst als die Not da war, wurde zu dieser Maßregel gegriffen. Die umliegenden Länder hatten, um ihren Einwohnern die Nahrung nicht zu entziehen, gegen die Schweiz Korusperre angeordnet und so mußten die Korneinkäufe in entfernten Ländern, z. B. in Aegypten gemacht werden, und bis die Sendungen nur die italienischen Häfen erreicht hatten, vergingen Monate schrecklicher Not. Im Gebirge lag hoher Schnee, nur mit Saumpferden konnte man dasselbe passieren. Wie war es da möglich, der darbenden Bevölkerung das erforderliche Brot zu verschaffen. Obwohl eine große Menge Menschen, besonders am Splügen, sich mit dem Getreidetransport beschäftigte und es Männer gab, die Kornsäcke auf dem Rücken, oder auf kleinen Handschlitten über den Berg schafften, so konnte doch das angekaufte Getreide unmöglich zur Zeit nach Graubünden gebracht werden. Vieles verdarb in den Depots der Hafenplätze, und als die-Sendungen reichlicher anlangten, war die Not vorüber, das Korn im Preise sehr gesunken, so daß die Standeskasse aus diesem Getreideankauf einen großen Verlust erlitt. Die erste Anregung zur endlichen Realisierung des lang verfolgten Planes, eine Kunststraße über die bündnerischen Alpen zu führen, kam von Seite des Kantons Tessin, der 29 auf der Tagsatzung 1816 sich den Bündnern gegenüber erklärte, der Stand Tessin würde sich bei einer Fahrbarmachung des Bernhardins mit einer namhaften Summe beteiligen und die Strecke von der Graubündner Grenze bis zur Tesstner Landstraße aus eigenen Mitteln erstellen. Es schien damals nicht im Interesse Oesterreichs zu liegen, eine Straße über den Splügen zu Portieren, während hingegen die piemontestsche Regierung den Bestrebungeu Grau- bündens, über den Bernhardin eine Kunststraße zu bauen, besondere Aufmerksamkeit schenkte, was dazu führte, daß es zwischen den Regierungen von Piemont und Graubünden zu Unterhandlungen kam, deren Resultat der Abschluß eines Staatsvertrages zwischen den beiden Regierungen war, zufolge dessen die sardinische Regierung an dem Bernhardiner-Unternehmen mit einer Summe von Fr. 280,000 zu beteiligen sich verpflichtete. In Graubünden wurde vom Handelsstande für den Bernhardinerstraßenbau eine Aktiengesellschaft gebildet; die Durchgangs-Zollgebühren, die auf den Waren erhoben wurden, dienten zur Verzinsung und Amortisation der Aktien; auch die Portengemeinden lieferten Beiträge für den Straßenbau. Tessin, teils durch österreichische Einflüsse gewonnen, die den Bernhardinerbau zu hindern suchten, teils weil der Bau einer Gotthardstraße in Aussicht stand, zog seine gemachten Versprechungen wieder zurück und zeigte sich in der Folge demselben abgeneigt. La Nicea bewarb sich um eine Anstellung bei dem Bau der Bernhardinerstraße, die ihm bald bereitwilligst zugesagt wurde, wie wir aus dem Schreiben des Bundesland. I. U. v. Sprecher Bernegg, in welchem derselbe La Nicca seine Ernennung als Poccobellis Gehülfe mitteilte, ersehen können. 30 Chur, den 29. August 1818. „Im Laufe dieser Woche ist nun eine neue Konvention „mit dem König von Sardinien eingegangen und auch sogleich „von uns ratifiziert worden. Zugleich haben wir mit Herrn „Poccobelli ebenfalls den Kontrakt abgeschlossen und ich habe „dafür gesorgt, daß ein Artikel darin aufgenommen worden „ist, worin er verspricht, einen oder zwei der Mathematik „kundigen, jungen Männer als Aufseher anzustellen. Haben „Sie nun Lust, sich diesem Fache zu widmen, so können Sie „keine schönere Gelegenheit finden, um den Straßenbau praktisch „zu lernen, da aus der langen Strecke von wenigstens 18 „Stunden jede mögliche Art von Terrain und 26 bis 28 „größere oder kleinere Brücken bearbeitet und letztere gebaut „werden, zugleich wird auch an mehreren Orten gewuhrt „werden müssen, wodurch Sie also auch einen Anfang in der „Wasserbaukunst machen können." N achschrift. Ehe ich diesen Brief schließe, finde ich mich im Falle, Ihnen das obengesagte im Auftrage des Kl. Rates zu bestätigen, wenn Sie also den Ruf annehmen, können Sie sich mit Herrn Staatsrat Poccobelli in Korrespondenz setzen. Unter freundschaftlichster Hochachtungsbezeugung Ganz der Ihrige k/. Hpree/tör Wie oben erwähnt, wurde der Bau der Berhardiner- straße dem durch vorzügliche Ausführung verschiedener größerer Straßenanlagen rühmlich bekannten Ingenieur Poccobelli übertragen, der das Projekt entwarf und auch die Ausführung der Strecke übernahm. Poccobelli rechtfertigte sowohl durch seine technische Tüchtigkeit, als auch besonders durch seinen biedern loyalen Charakter das Zutrauen, das ihm von der Regierung von Graubünden durch die Ueberlasfung eines 31 so großen und wichtigen Werkes gezollt wurde. Poccobelli war von Melide im Tessin und war in diesem Kanton während längerer Zeit Mitglied der Regierung. La Nicca wurde schon als Kantonsschüler in verschiedenen der ersten Häuser Churs eingeführt. Diese Beziehungen dauerten fort, trotz der Unterbrechungen, die durch seine öftern Abwesenheiten entstanden. Das gesellige Leben, besonders unter der Jugend, war in den höhern Kreisen in Graubünden in jener Zeit ein sehr reges, von welchem man heutzutage gar keinen Begriff hat. Chur bildete zur Winterszeit den Mittelpunkt desselben; und trotz der schlechten Verkehrswege stellte sich nichtsdestoweniger die Jugend der ersten Familien des Landes recht zahlreich zum Carneval in Chur ein. Oft befanden sich Offiziere der Fremdenregimenter auf Urlaub in der Heimat, welche natürlich auch an dieser Geselligkeit teilnahmen und derselben einen belebter« Charakter verliehen. Diese Vergnügungen verursachten oft nicht geringe Ausgaben, die hauptsächlich von der männlichen Jugend getragen werden mußten. Die jungen Mädchen erschienen bei den Bällen und Schlittenpartien nicht mit ihren Eltern, sondern waren stets von einem Kavalier eingeladen, der sie bei Hause abholte, auf den Ball und dort zur Tafel führte. Bei Schlittenpartien war dieses ebenso der Fall. Jeder Kavalier fuhr mit seiner Eingeladenen in einem eigenen Schlitten im geordneten Zuge nach dem Bestimmungsort, wo dann eine Tanzunterhaltung mit Soup6 stattfand. Natürlich waren die Honeurs Sache der Kavaliere und hat man sich erzählt, es sei zuweilen vorgekommen, daß Junker, die nicht bei guter Kasse sich befanden, um die Spesen eines Karnevals zu decken, kleine Anleihen machen mußten, die sie dann erst bei einer verbesserten Stellung, etwa infolge einer Erbschaft, abtragen konnten. 32 Obwohl die ersten Familien des Landes durch den Verlust ihres im Veltlin angelegten Vermögens, sowie mancher Vorteile, die sie in frühern Jahrhunderten genossen, große Einbuße erlitten hatten, so behaupteten sie doch noch ihren Rang, den manche derselben allerdings nur mit Mühe festhalten konnten. Neben diesen Gesellschaften, die in einem Gesellschaftsoder Hotellokal stattfanden, gab es noch viele Einladungen in Privathausern und im Frühjahr Land- und Maiensaß, im Herbst Wimmlerpartien. Die Jugend hatte daher genug Gelegenheit, sich gründlich kennen zu lernen und wurde es damals einem tüchtigen, liebenswürdigen Manne nicht schwer, das Herz eines geliebten Mädchens zu erobern. So hatte La Nicca schon früh, lange bevor er eine Stellung sich geschaffen hatte, die Neigung eines edlen Mädchens gewonnen, die in unverbrüchlicher Treue an ihm festhielt. Es war Ursula Fischer, die Tochter Oberst Fischers, Inhaber eines blühenden Speditions-Geschäftes, der durch Erbschaft ein reicher Mann geworden. Ursula besaß einen klaren Verstand, ein warmes, hingebendes, aufopferndes Gemüt, dabei auch Humor, überhaupt einen großen Liebreiz in ihrem ganzen Wesen, so daß sie die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zog und sich verschiedene vorzügliche Persönlichkeiten aus den ersten Familien um sie bewarben. Es war für Oberst Fischer sehr peinlich, daß Ursula alle Bewerber abwies, und entweder ledig bleiben oder La Niccas Gattin werden wollte. Der Vater wollte seine Tochter nicht einem Manne geben, der kein Vermögen besaß und dazu keine Bürgschaft für einen Berufserwerb leisten konnte. Ursula litt unendlich unter diesen Verhältnissen, so daß ihre Gesundheit ernstlich erschüttert wurde. Man riet ihr zu einer Badekur in Alveneu. Nachdem der behandelnde Arzt in das Herzens- 33 geheimnis eingeweiht worden war, erklärte er, hier seien alle Kuren umsonst, es gebe nur ein Mittel zur Heilung, die Zustimmung des Vaters zum Verlöbnis mit dem geliebten Manne. Mittlerweile hatte sich La Nicca durch seine Leistungen beim Straßenbau ehrende Anerkennung, sowie auch ein gesichertes Einkommen erworben. Die Gründe, die Oberst Fischer, gewiß mit Recht, seiner Verbindung mit Ursula entgegengesetzt hatte, fielen einer nach dem andern dahin, und so besiegte seine Vaterliebe auch den Wunsch, seine Tochter in einer vornehmen Familie verheiratet zu sehen und gab er endlich seine Einwilligung zur Verlobung. Ursula befand sich mit den Ihrigen in Alveneu, La Nicca leitete den Bau in der Viamala, als ihm der Brief Oberst Fischers, der ihm seine endliche Einwilligung mitteilte, übergeben wurde. Trotz der vorgerückten Tagesstunde konnte er doch seinem Wunsche, so bald als möglich die geliebte Braut zu umarmen, nicht widerstehen. Er begab sich auf den Weg nach dem Schyn, der damals als hals- brechend bekannt war. Indem er in der steilen Schlucht emporstieg, wurde es immer dunkler, schwere Gewitterwolken bedeckten den beschränkten Horizont, die sich bald in heftigem Regen, Blitz und Donner entluden. Es war rabenschwarze Nacht geworden, dessenungeachtet suchte der Wanderer, dessen Herz brannte, auf dem immer schlüpfriger werdenden Terrain weiter hinan zu klimmen. Aber jetzt wußte er nicht mehr wo er seinen Fuß hinsetzen sollte; ein Heller Blitz zeigte ihm, daß er am Rande eines Abgrundes stehe und daß er bei dem nächsten Schritte vorwärts unfehlbar verloren sein würde. Er setzte sich nieder, indem er näher gegen den schützenden Felsen hinrutschte. Hier, dem strömenden Regen preisgegeben, mußte er still ausharren, bis endlich das Gewitter sich verzogen hatte und das aufgehende letzte Mondviertel durch das zerrissene Gewölke sich Bahn brach und den gefährlichen Pfad spärlich beleuchtete. Nun setzte er seine halberftartten 3 34 Füße in Bewegung und es gelang ihm, spat nach Mitternacht Alvaschein zu erreichen, wo er sich erwärmen und seine Kleider trocknen lassen konnte. Ein schöner Sommertag folgte auf diese grauenhafte Nacht und im hellen Sonnenschein' wanverte La Nicca durch das schöne Thal Belfort nach Alveneu, wo er für die ausgestandenen Strapazen tausendfach entschädigt wurde. Am 20. August 1820 sah man eine frohe Schar festlich gekleideter Männer und Frauen, an der Spitze La Nicca, seine mit der Myrtenkrone geschmückte Braut an der Hand führend, die steile Höhe Hinansteigen, über die von Sils aus der Weg nach der verfallenen Beste Hohenrhätien führt. Diese Burg soll schon von den alten Rhätiern gegründet worden sein und wurde wohl später zum Schutze der Straße erhalten. Sie ist mit Sage und Dichtung umwoben. Das Paar harte am Morgen in Chur die kirchliche Weihe erhalten und war hierauf mit der Hochzeitsgesellschaft nach Thusis gefahren, von wo aus sie zum Hochzeitsschmause sich auf diese schwindelnde Höhe begaben. Hier an dieser klassischen Stelle wollte La Nicca mit dem Triumph seines Herzens auch den Triumph seiner Kunst feiern. Lieblich öffnet sich nach Norden das Thal Domleschg, und lachend zeigt sich dem Auge das grüne Gelände des Heinzenberges, der Wiege der Väter des Bräutigams. Zu diesem heitern Bilde gesellt sich nach Süden der schärfste Gegensatz. Durch die schauerliche Schlucht wälzt sich tief einge- graben in schwindelnden Abgründen der schäumende Rhein, der sich durch diese Felsen eine Bahn gebrochen hat. An diesen hohen, schroffen Wänden hat die Natur dem menschlichen Fuße keinen Weg mehr gegönnt. Hoch erhebt sich, den Eingang nach Rongellen verschließend, die Felsmasse, das verlorene Loch genannt. Aber die Straße, die kunstgerecht die Via- masa durchzieht, hat sich auch durch das verlorene Loch einen Durchgang erzwungen. Freilich war es mit den Mitteln, die 35 der Technik damals zur Verfügung standen, eine sehr große und schwierige Aufgabe, diesen Felsenkops zu durchtunneln. Diese Arbeit, die der neuen Straße einen weiten und hohen Durchgang verschaffte, erforderte einen bedeutenden Aufwand an Zeit und Geld. Es wurde darum damals mit rastloser Thätigkeit an diesem Tunnel gearbeitet. Nur heute, am Ehrentage des Ingenieurs, schienen die Arbeiten zu ruhen. Doch kaum war die Gesellschaft auf der Burghöhe angelangt, so fing es an in der Tiefe heftig zu donnern. Schuß auf Schuß löste sich in rascher Folge. Der Knall der Minen widerhallte majestätisch an den mächtigen Felswänden. Die Arbeiter hatten während einer ganzen Woche Minen gegraben, ohne sie loszulassen, um jetzt an seinem Hochzeitstage, ihrem Ingenieur zu Ehren, diese Kanonade veranstalten zu können. In den Donner der Geschütze mischte sich bald der Jubel der Gäste. So wurde wohl selten eine Hochzeit gefeiert. 5. Kapitel. Im Frühling 1821 wurde die Bernhardinerstraße und bald darauf die Splügenstraße dem Verkehr übergeben. Um aber der Ostschweiz die Vorteile zu sichern, welche durch die Verbindung des Bodensees mit Italien vermittelst einer Kunststraße zu erwarten waren, bedurfte es eines wesentlichen Umbaues der St. Galler Rheinthalerstraße; denn der Zustand derselben war derart, daß man sie umging und sich vom Bodensee bis zur Luziensteig der österreichischen Reichsstraße bediente. Die blühenden Gemeinden des Unterrheinthals waren zwar schon durch gute Straßen verbunden, dieses war aber im obern Rheinthale, welches bis zur Errichtung der helvetischen Republik unter eidgenössischer Vogtei stand, nicht der Fall. Nachdem sich daher der durch die Verfassung von 1815 gegründete Kanton St. Gallen konstituiert hatte, so wurde sofort für Verbesserung der Verkehrswege Hand angelegt. Vor allem forderte das Interesse des Kantons den wichtigen Anschluß an die bündnerischen Alpenstraßen durch die Korrektion der Rheinthalerstraße vorzunehmen. Es wurde daher vom Großen Rat der Umbau der Straße von Oberriet nach Sargans beschlossen. Da St. Gallen damals noch keinen kantonalen Ingenieur besaß, so wurde sowohl das Projekt als auch die Ausführung dieser Straße den beiden Ingenieuren Poccobelli und La Nicca übertragen. Diese Gegend setzte dem Straßenbau durch die oft austretenden Gewässer, sowie auch durch die Formation des Landes nicht unbedeutende Schwierigkeiten 37 entgegen. Dieses war besonders bei dem Schollberge der FaL Es ist dies ein steiler felsiger Vorberg, der sich zwischen Sar- gans und Trübbach jäh über dem Rheine erhebt und den man vor dem Baue der neuen Straße erklimmen mußte, wenn man vom Rheinthale nach Sargans gelangen wollte. In einem sonst ebenen Thale war die Nötigung, eine steile felsige Höhe zu ersteigen, um dann alsobald wieder in den Thalgrund hinunter zu lenken, ein höchst bedenkliches Hindernis für einen großen Verkehr, zumal die Straße im Winter gefährlich war und für Fuhrwerke Vorspann erheischte. Um diese Straße nach den Regeln der neuen Baukunst zu verändern, mußten die Felsen, die der Rhein bespülte, bis zum Niveau der auf beiden Seiten einmündenden Straßenlinien gesprengt werden; auf dem gewonnenen Terrain wurde die neue Straße angelegt und so jede Steigung beseitigt. Von jener Zeit an wurden La Nicca verschiedene andere Straßenbauten im neuen und alten St. Gallischen Landesteile übergeben. Die wichtigste derselben war wohl die Straße von Alt St. Johann über Wildhaus, in dem Thale, das die Churfirsten vom Säntis trennt, nach Grabs und Werdenberg, welche dem Zwecke einer direkten Verbindung der beiden St. Gallischen Hauptthäler, des Toggenburgs mit dem Rheinthal, zu dienen hatte und die in den Jahren 1828 und 1829 gebaut wurde. Diese bauliche Thätigkeit bot La Nicca Gelegenheit, mit den ausgezeichneten Männern der ersten St. Gallischen Regierung in Verbindung zu treten. Wenn wir jetzt unsere schweizerischen Straßenanlagen betrachten, so erscheinen uns die technischen Leistungen, die dieselben erforderten, den großen Schwierigkeiten gegenüber, die die jetzigen Ingenieure zu bewältigen verstehen, als höchst unbedeutend. Allein wir müssen bedenken, daß die vorhergehenden Jahrhunderte von solchen Bauten gar keine Kenntnis hatten und selbst bei den sehr berühmten und trefflich erstellten 38 Römerstraßen ist von einer ausreichenden Benutzung des ganzen zu Gebote stehenden Terrains zu einem, nur bis zu bestimmten Prozenten ansteigenden, möglichst gleichmäßigen Tracs, wie es bei den Straßen den 19. Jahrhunderts festgehalten wird, keine Rede. Diese eben besprochene Methode der modernen Straßen, besonders der Alpenstraßen, ist daher eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und durch dieselbe sind schon alle Bedingungen für den nachfolgenden Cisenbahnbau gegeben und vorbereitet. Durch die vielfach ihm zuerteilten Aufträge sah sich La Nicca in seinen Leistungen immer mehr anerkannt und, im Besitze eines geliebten Weibes, mit der Aussicht auf ein glückliches Familienleben eine schöne Zukunft vor sich aufgehen. Aber diese verheißenden Hoffnungen sollten bald durch ein schmerzliches Ereignis zerstört werden. Seine Gattin wurde ihm in den ersten Tagen des März 1822, infolge des Wochenbettes, durch den Tod entrissen. Es kostete ihn bei seinem lebhaften Temperamente einen harten Kampf, diesen Verlust zu ertragen. Das beste Gegenmittel für seinen Schmerz fand er in einer gesteigerten Berufsthätigkeit. So gereichte es ihm zur besondern Freude, daß er der Stadt Ehur, in der er seine Jugendzeit verlebt und wo er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, zu einem schönen und nützlichen Werke verhelfen konnte. An der Stelle der alten, baufällig gewordenen hölzernen Brücke erstand nach seinen Plänen die neue steinerne Bogenbrücke, die beim obern Thor über die Plessur führt und die Stadt mit der Engadiner- und Beunhardin-Splügenerstraße verbindet. Der plastische Schmuck derselben, vier Pfeiler, die vier Steinböcke, Embleme der Stadt Chur, tragen sollten, unterblieb aus Oekonomie-Rücksichten. Das Jahr 1822 sollte ihm die erste Gelegenheit bieten, mit dem Rheinstrom in Kampf zu treten. Derselbe hatte im 39 vorhergehenden Jahre durch ein Hochwasser die Tardisbrücke Md die nach Ragaz führende Straße zerstört. Um die von ihm neuerbaute Straße und Brücke vor neuen Verheerungen zu schützen, legte er dort Querdämme an, ein neues Bewuhrungs- Mein, das er in der Folge häufig anwendete und das hier den Zweck aufs beste erfüllte. Durch seine mathematischen und geometrischen Studien, denen er schon in Chur und besonders in Tübingen mit großem Eifer obgelegen, hatte er für den Beruf eines Ingenieurs eine feste Basis und Vorbildung gewonnen, die praktische Anschauung der Bauwerke, die er in der Lombardei verfolgte, sowie die wissenschaftlichen Werke der italienischen Baumeister, die er in der Brera in Mailand benutzte und studierte, hatten ihn mit den Grundzügen der Baukunst vertraut gemacht. Der Bau der neuen Straßen bot ihm eine günstige Gelegenheit, sich bald zu einem tüchtigen Ingenieur heranzubilden. Sein Meister Poecobelli entbehrte leider nur zu sehr einer wirklichen wissenschaftlichen Bildung; es warseine erproptePraxis, die ihn instinktmäßig leitete, wobei er meistens das Richtige traf, wenn er sich auch nicht immer Rechenschaft darüber geben konnte, aber oft machte er auch unerklärliche Fehler. La Niccas Scharfblick blieben dieselben nicht lange verborgen und bald wußte er dem Meister gegenüber jene Schwächen aufzudecken und seine rationellen Gründe und Beweise zur Verbesserung derselben festzuhalten. Poecobelli ließ sich leicht überzeugen, er schenkte La Nicca immer mehr Zutrauen und überließ ihm in der Folge die Brückenbauten meistens ganz. Ueberhaupt behandelte er ihn ohne Eifersucht und ganz kollegialisch, was von einem Manne von seinem Rufe und seiner Stellung, einem emporstrebenden Anfänger gegenüber sehr edel war. Trotz all dieser genossenen Vorteile fühlte La Nicca doch, wie not es ihm thue, seine Kenntnisse durch weitere Studien zu vervollkommnen. — 40 — Er entschloß sich daher, den Winter 1822 auf 1823 zu einem Aufenthalte in München zu verwenden. Nichts fesselte ihn an sein verwaistes Heim, er hoffte in einer angenehmen Umgebung durch Studium und Forschung seinen Geist beschäftigen und die unendliche Leere seines Gemütes mit den reichen und herrlichen Gebilden und Ideen einer neuen Welt beleben und erfüllen zu können. In München hatte damals durch König Max Joseph, mehr aber noch durch seinen kunstliebenden Sohn Ludwig die Kunst in allen Gebieten einen großen Aufschwung erhalten. Es wurden großartige Kircheir und Profanbauten ausgeführt und dieselben mit malerischem und plastischem Schmucke reich geziert; auch wurden zugleich in Baiern neue Brücken gebaut, Flußkorrektionen vorgenommen und der Kanal, der den Main mit der Donau verbindet, in Angriff genommen. Oberbaurat v. Beischlag, der mit Ingenieur Pechmann die Bauten des Main- und Donaukanals leitete, hatte im vorhergehenden Jahre im Auftrage seiner Regierung mit vier Ingenieuren die Bernhardinerstraße besichtigt. La Nicca war dabei die Aufgabe zugefallen, diese Herren zu begleiten und ihnen auf alle Wünsche und Fragen Aufschluß und Erklärung zu erteilen. Beischlag interessierte sich lebhaft für La Nicca, und als dieser nach München kam, wurde er von ihm herzlich empfangen. Beischlag gewährte ihm nicht nur eine liebenswürdige Gastfreundschaft in seinem Hause und führte ihn in dse feinern Gesellschaftskreise Münchens ein, sondern machte ihn, was für La Nicca noch wichtiger war, mit den damaligen künstlerischen und technischen Größen Münchens bekannt, die zu den hervorragendsten Männern gezählt wurden. Dort lernte er Frauenhofer, Schlichtegroll, Rottmann, Bader, Pechmann, Reichenbach, Wipkeking und andere kennen. 41 Die Bernhardinerstraße hatte ihm unter den Fachmännern schon einen Namen gemacht, weshalb er von denselben mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen und behandelt wurde. Mit Beischlag blieb La Nicca auch in der Folge in freundschaftlichem Verkehr. Sechs Monate hielt sich La Nicca in Baiern, hauptsächlich in München und dessen Umgebung auf, in welcher Zeit er alle Bauwerke, besonders die in sein Fach einschlagenden einer gründlichen Durchforschung unterwarf und bei den damit verbundenen Studien die Vorzüge und Mängel derselben hervorhob und prüfte. Noch sind die Studienhefte über München vorhanden. Mit mannigfachen Erfahrungen und Anschauungen bereichert, trat er im Juni 1823 seine Heimreise an. Er hatte sich in München ein gutes Reitpferd gekauft, mit welchem er reitend seine Rückreise durch das bairische und österreichische Hochland und Tyrol unternahm. In diesen Ländern hatte man schon damals begonnen mit Erfolg die Bergbäche zu verbauen und einzudämmen. Es lag La Nicca sehr daran, dieses Verfahren kennen zu lernen. Als er eines Tages nach einem langen und raschen Ritte vor einem bairischen Wirtshause abstieg und sich seines Mantels entledigte, wurde er mit Schrecken gewahr, daß er den Schlauch, welchen er um den Leib gebunden trug und der seine Barschaft enthielt, verloren habe. Er bekannte dem Wirt, daß er sich ohne Geld befinde und bat denselben, dem verlorenen Geldschlauche nachforschen zu lassen; er müsse es ihm dabei anheimstellen, wie weit er betreffs der Zehrungskosten ihm Zutrauen schenken wolle. Der Wirt bewirtete La Nicca aufs beste und bot ihm sogar noch einen Geldvorschuß an, falls der Geldbeutel nicht zum Vorschein kommen sollte. Aber die Generosität des wackern Wirtes wurde durch die Redlichkeit eines braven Bauern übertreffen, der den Geldschlauch ge- 42 funden und sobald er von dem Besitzer Kunde erhalten hatte, ihm denselben sofort aushändigte. La Nicca begab sich hierauf nach Innsbruck, wo er von Graf Reischach,' Vorstand des Bauwesens für Tyrcl und Vorarlberg und dem Ingenieur, Inspektor Touille, der im Fache der Wildbachverbauungen Neues und Ausgezeichnetes geleistet hatte, sehr zuvorkommend empfangen wurde. Er erhielt von diesen Herren jede gewünschte Auskunft und besichtigte nach ihrem Rate die wichtigsten der ausgeführten Werke. Ueber den Arlberg, der kurz vor dem Bernhardt« und Splügen eine Kunststraße erhalten hatte, deren Anlage und Bauart ihn lebhaft interessierte, kehrte er nach Graubünden zurück. Nach seiner Rückkehr wurde ernun definitivzum Oberingenieur des Kantons Graubünden ernannt, wobei er sich bei Annahme dieser Wahl die Freiheit vorbehielt, unbeschadet seinen Pflichten gegenüber dem Kantone, andere Arbeiten ausführen, sowie auch wissenschaftliche Reisen unternehmen zu dürfen. In dieser Zeit wurde eine Baubehörde, die sogenannte Straßenkommission geschaffen, die über alle kantonale Bauten die Aufsicht führte und welcher die Regierung alle das Baufach beschlagenden Anträge zur Begutachtung zu unterstellen hatte und an deren Sitzungen der Oberingenieur in beratender Weise teilnahm. In dieser Behörde befanden sich meistens Männer, die abwechselnd die Regierungsämter des Kantons inne hatten. Unter denselben waren es besonders zwei Veteranen, Gaudenz von Planta und Joh. Ul. von Sprecher, die dem jungen strebsamen Ingenieur ihre volle Gunst und ihr ganzes Zutrauen zuwendeten. Gaudenz v. Planta wurde im Jahre 1797 von der Republik Graubündcn als Gesandter zu Napoleon nach Mailand abgeordnet um mit demselben über das Verbleiben des Veltlins bei dem Frei- staate zu unterhandeln. Er hatte sich seither fortwährend teils als Mitglied des Kleinen Rates, teils in andern Behörden, so besonders- auch für die Verbesserung der Engadiner Straßen verdient gemacht 43 Durch seine biedere, oft etwas derbe Art hatte er sich den Beinamen des Bären erworben. Joh. Ul- Sprecher war von ganz entgegengesetzter Natur. Er war ideal angelegt, eine feine, ruhige, ernste Erscheinung. Mit seinem reichen und klaren Geiste prüfte und erwog er alles lange und umsichtig, bevor er seine Ansichten andern kund that. Es war auch nicht seine Art, sich entschieden einer politischen Richtung anzuschließen, was ihm von Seiten Tscharners in den Sturmsahren zu Ende des 18. Jahrhunderts öftere Vorwürfe zuzog. Dafür war er aber ein vorzüglicher Diplomat. Graubünden betraute ihn mit dem wichtigen Amte der Vertretung in Paris, als die eidgenössischen Staatsmänner, unter Napoleons Leitung, die Mediationsakte verfaßten. Auch er bekleidete abwechselnd bis zu seinem Tode die Stelle des Bundslandammanns im Kleinen Rate und war besonders auch oft Tagsatzungsgesandter. Im häufigen Verkehr mit solchen ausgezeichneten Männern bildete sich La Niccas Geist und Urteil immer mehr. Zugleich gereichte ihm das Zutrauen, das ihm dieselben schenkten und die Anerkennung seiner Leistungen zur größten Befriedigung. Nun galt es für ihn in alle Arbeiten einzugreifen, die sich ihm im Kantone darboten. Hatte es sich vorerst darum gehandelt, die Alpenstraßen und die in dieselben einmündenden Thalstraßen sobald als möglich fahrbar zu machen, so wurde nun manches, was man noch nicht ganz vollendet hatte, jetzt einem gründlichen Ausbau unterzogen. Die Erfahrung lehrte, daß man hie und da mit Lawinenzügen, unsicherm Terrain und wilden Gewässern nicht genau genug gerechnet hatte, was zu mannigfachen Abänderungen Veranlassung gab. Diese vielfache Wirksamkeit beschäftigte reichlich seinen Geist, allein gemütlich fühlte er sich nichtsdestoweniger vereinsamt, besonders wenn er nach seinen geschäftlichen Wanderungen wieder nack Chur, wo er mit Ursula ein liebes Heim besessen, in seine öde Junggesellenwirtschaft zurückkehrte. Und doch war sein Herz noch mit so festen Banden an die Selige geknüpft, daß er sich gar nicht nach einer neuen Verbindung — 44 — umsah, wozu es in Chur nicht an Gelegenheit fehlte, und es einer besondern göttlichen Fügung bedurfte, um ihn nochmals zu veranlassen, einen Hausstand zu gründen. Wir verlassen nun La Nicca, um in dem Thale und in der Familie Umschau zu halten, von wo her eine der edelsten Frauen ihm als Lebensgefährtin zugeführt werden sollte. 6. Kapitel. Der Rheinwald ist von den Nachkommen einer deutschen Valserkolonie bewohnt, wie sich solche in verschiedenen Hochthälern Bündens angesiedelt haben. Wahrscheinlich waren diese Hochthäler, die alle diesseits der Alpen liegen, vor der Einwanderung dieser Deutschen nur schwach oder gar nicht bevölkert, weshalb sich ihr altes Idiom noch bis heute erhalten hat, wozu auch der Umstand mitwirkte, daß sie durch die rings um sie her wohnende romanische Bevölkerung von den Deutschen des nördlichen Landes getrennt lebten. Es waren freie Männer, die ihren eigenen Ammann aus ihrer Mitte erwählten nnd den Edeln von Vatz und deren Erben und Rechtsnachfolger nur als Schutzbefohlene untergeben waren. Diese übten allerdings im Thale die hohe Gerichtsbarkeit aus, ein Servitut, das erst Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts ausgekauft wurde. Die Familie Hößli, eine der angesehensten dieses Thales, stammt aber nach den Urkunden aus dem Kanton Glarus, wo sie als Dienstleute des Klosters Säckingen schon eine geachtete Stellung eingenommen hatte. Dieselbe wohnte ursprünglich in Hinterrhein (Zum Rhin), sie betrieb schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts neben der Viehwirtschaft und in Verbindung mit dem Warentransport, der ihr als Bürger einer am Bernhardin gelegenen Portensgemeinde zufiel, Wein- und Kornhandel. Hans Hößli besaß Mitte des 18. Jahrhunderts schon ein recht einträgliches Geschäft, das er bei seinem frühen 46 Tode seinen beiden Söhnen Martin und Joh. Jakob hinterließ. Während der ältere Bruder Martin das väterliche Geschäft fortführte und dabei der ansehnlichen Landwirtschaft vorstand, begab sich Joh. Jakob nach Venedig, um dort die italienische Sprache zu erlernen und sich Handels- und Weltkenntnisse zu erwerben. Der Glanz dieses einst so mächtigen Handelsstaates war damals am Erbleichen, und während derselbe sich ängstlich hütete, nach außen irgend einer Verwicklung zu begegnen, die seine tief erschütterte Macht noch weiter hätte schädigen können, beutete er in der Regierung der Stadt und des Landes umsomehr sein oligarchisch despotisches System aus, wobei besonders geheime Spionage und arbiträre Polizeimaßnahmen alle Gemüter in eine ängstliche unbehagliche Stimmung versetzten. Hößli erlebte selbst, wie die geheime Polizei sich eines seiner besten Bekannten bemächtigte und ihn auf die Seite brachte, so daß man von seinem weiteren Aufenthalt ohne Kunde blieb. In dieser schwülen Atmosphäre war es für den, an Freiheit und Alpenluft gewöhnten jungen Mann eine große Wohlthat, daß er in der Bergeller Familie Santi, die auf der tsrra ksrmn eine Milchwirtschaft, in der Stadt eine Konditorei besaß, freundliche Aufnahme fand. Das Haus wurde ihm zur Heimat, indem er sich mit Lucretia, der Tochter Santis, verlobte, und sie als Gattin in die Heimat führte. Während sein Bruder das väterliche Heimwesen in Hinterrhein bewohnte, baute er sich in Nufenen ein stattliches Haus. In Splügen kauften die Brüder das große Zoja'sche Haus (Bodenhaus genannt) und verlegten dorthin ihr Waren- und Speditionsgeschäft, das sie später noch durch Commanditenfond bedeutend erweiterten. Die zarte, im milden Klima Venedigs geborene und erzogene Gattin Hößlis konnte sich an die rauhe Alpenluft des Rheinwalds nicht gewöhnen, sie fing an zu kränkeln und nach 47 einer kurzen Ehe von 10 Jahren starb sie, mit Hinterlassung zweier Knaben. Der Vereinsamung seines Gemütes und der Trauer um seine Gattin glaubte Hößli am besten dadurch entgegen zu wirken, daß er sich um eine Amtsstelle im Velilin bewarb; er wurde hierauf zum Podestat für Teglio gewählt, wohin er sich im Jahr 1795 begab, nachdem er seine Kinder zur Pflege und Erziehung seinem Bruder übergeben hatte. An seiner Amtsstelle erblühten ihm keine Rosen, denn schon gährte es bedenklich in den Unterthauenländern. Der Zustand der Unbotmäßigkeit steigerte sich in den folgenden Jahren. Besonders als Napoleon mit glänzenden Freiheitsversprechungen die cisalpinische Republik errichtete, wurden die Unterthanen von Woche zu Woche renitenter, Freiheitsbäume wurden aufgepflanzt. Bei einem offiziellen Mahle, an welchem Hößli teilnahm, erschien beim Nachtisch eine Torte mit einem roten Herzen geziert, ein Velt- liner durchstach dasselbe mit einem Messer, indem er sagte: „Er wünsche jedem Bündner ein solches Messer ins Herz." Im Jahre 1797 war seine Amtsperiode zu Ende, aber es war auch das Ende der rhätischen Herrschaft in den Unterthanenlanden gekommen. Bruder Martin hatte während Podestat Hößlis Abwesenheit treusorgend die Angelegenheiten und Geschäfte der Familie verwaltet und auch eine Wiedervermählung seines verwitweten Bruders in Aussicht genommen, und was er wünschte, geschah. Im Jahr 1798 verheiratete sich Joh. Jak. Hößli mit Anna Loretz, einer Nichte seiner Schwägerin. Er hätte keine bessere Wahl treffen können, denn seine zweite Gattin besaß alle Gaben des Geistes, Gemütes und Charakters, die sie zur nachgiebigen Gattin, wie es Hößlis heftiges Temperament erforderte, zur liebevollen weisen Mutter und Erzieherin seiner Kinder und zur vorzüglichen Hausfrau befähigte. 48 Der neue Hausstand wurde aber bald durch die Kriegsereignisse heimgesucht, die in diesem Jahre so verheerend im Lande wüteten. Anfangs März 1799 zog General Le Courbe von Bellenz kommend über den Bernhardin und durch den Rheinwald nach Thusis, wo er sich durch den Schyn auf den Albula warf, um das- von den Oesterreichern angegriffene Heer Massenas zu unterstützen. Auf dem Bernhardin schössen Nufener Bauern aus die französischen Truppen und töteten einen Mann derselben, was Le Courbe in solche Wut versetzte, daß er beschloß das Dorf Nufenen einzuäschern. Man kann sich eine Vorstellung von dem Jammer machen, den diese Nachricht in dem unglücklichen Dorfe hervorrief. Hößli stellte dem einziehenden General vor, wie schlecht er sich selbst dienen würde, wenn er die ohnehin schon ungenügenden Quartiere durch einen Brand noch verringern würde, wodurch ein Teil seiner Truppen, bei der in diesem Hochthale herrschenden Winterkalte, unzweifelhaft dem Erfrieren ausgesetzt wäre. Dieser Vernunftgrund wirkte, das Dorf blieb verschont, wurde aber der Plünderung preisgegeben. Was im Hößli'schen Hanse Wertvolles zu finden war wurde eine Beute der Feinde. Der ganze reiche Weißzeugvorrat, darunter mehrere Damastgedecke, verwandelte sich unter der Scheere und Nadel des Regimentssckneiders in Soldatenhemden. ^ Als gerade ein Jahr nachher Maedonald über den Splügen zog und der Rheinwald sich abermals mit französischem Militär füllte, hatten sich die angesehensten Männer aus Schams, sowie Oberst von Schorsch von Splügen und Podestat Hößli nach Italien geflüchtet, weil dadurch der Requisition der Franzosen etwas vorgebeugt werden konnte, indem sie an die zurückgebliebenen Einwohner nicht so große Bedingungen stellen konnten, wie sie es Männern gegenüber, die über Vermögen 49 und Kredit zu verfügen hatten, zu thun gewohnt waren; wohl mag auch der Grund sich nicht der Gefahr auszusetzen, als Geißeln nach Frankreich transportiert zu werden, wie dieses bei den angesehensten Männern des vordern Landes der Fall war, sie zu einer Flucht bewogen haben. Die Kriegsjahre gingen vorüber und mit dem wiederhergestellten Frieden mehrten sich auch Handel und Verkehr. Während Hößli in Splügen die Geschäfte besorgte oder auch die Landschaft im Großen Rate und andern Behörden vertrat, regierte seine treffliche Hausfrau den großen Haushalt in Nufenen und leitete weise die Erziehung der Kinder. Hößli ließ es sich angelegen sein, seinen Söhnen eine möglichst gute Bildung zukommen zu lassen. Seine ältesten Söhne waren bei Zschokke und Nesemann unterrichtet worden, die zwei folgenden Philipp und Martin besuchten zuerst das L Porta'sche Institut in Fetan und dann die Kantonsschule in Chur. Während Martin sich in Italien und Oesterreich im Handelssache ausbildete, bezog Philipp zum Studium der Rechtswissenschaften die Universitäten Göttingen und Berlin. Schon in Chur hatte Philipp als Gymnasiast sich in den Familien, in die er eingeführt worden war, recht eingelebt. Besonders freute es ihn, wenn seine geliebten Freunde und Lehrer (unter denselben Orelli) in den Sommerferien im Elternhause als Gäste einkehrten, und die lieben Seinigen an den geistigen Anregungen, die er während der Schulzeit von ihnen empfangen hatte, Anteil nehmen konnten. In Göttingen und Berlin war es nicht das Korpsleben, das ihn anzog, sondern er benutzte die Empfehlungen, die er vor seiner Abreise in Chur erhalten hatte, um sowohl in Göttingen als in Berlin sich die Aufnahme in die Häuser der ersten Professoren zu verschaffen. In Göttingen war es die Familie Göschen, in der er wie ein Kind des Hauses behandelt wurde. In Berlin kam er sehr häufig in t 50 das Haus Savigny, der ihm stets ein treues Andenken bewahrte und ihn noch kurz vor seinem Tode in Chur besuchte. Von Savigny wurde er in die diesem verwandten und befreundeten Familien von Arnim und Brentano eingeführt. Achim und Bettina von Arnim schenkten dem schlichten, aber begabten und gemütlich tief angelegten Jüngling ihre besondere Gunst, er war ihr willkommener, oft eingeladener Gast und brachte manche Wochen auf ihrem Landgute zu. Mit Bettina unterhielt er nach seinem Abgänge von der Universität noch längere Zeit eine Korrespondenz. In diesen Häusern knüpfte er noch manche andere interessante Verbindung an, besonders auch mit den studierenden Söhnen von angesehenen deutschen Familien, die, wie er, dort Aufnahme gefunden hatten. In dieser Umgebung wurden mannigfache schöne Geistesblüten in dem jungen Manne hervorgerufen, die ihm und seiner Familie liebliche Früchte gebracht haben. Die Töchter Hößlis wurden vor allem zu guten, tüchtigen Hausfrauen erzogen und mit jedem häuslichen Geschäft früh bekannt gemacht. Ihre Schulbildung erhielten sie durch den Dorfschulmeister und später im Scherrer'schen Institut in Fürstenau, besonders aber auch durch den Ortsgeistlichen, der die reichliche Muße, die ihm die kleine Dorfpfarrei gewährte, gerne dazu benutzte, die strebsamen und begabten Hößli'schen Töchter zu unterrichten. Als dann aber Philipp von der Universität zurückgekehrt war, so ließ er es sich angelegen sein, aus dem Schatze seines Wissens auch seinen lieben Schwestern mitzuteilen. Die stillen Wintertage, in denen kein besonderes Geschäft vorgenommen wurde, verwendeten die Geschwister zu eifrigem Studium, bei welchem mit eben demselben Interesse gelehrt, als gelernt wurde. Abends las Philipp mit den Schwestern die deutschen, sowie Übersetzungen der englischen Klassiker; war doch die Litteratur das erste und umfassendste Fach, mit dem sich die Frauenwelt damals beschäftigte. 51 Wohl lebte mau zur Winterszeit im Rheinwald von der Welt abgeschlossen und gab es wenig geselligen Verkehr, ob- schon Sonntags nach der Kinderlehre gewöhnlich der Schlitten angespannt wurde, um die Verwandten in Hinterrhein, oder die Brüder und Freunde in Splügen zu besuchen, wenn diese nicht schon zum Besuche in Nufenen sich angemeldet hatten. Wer aber im Sommer das schöne Thal besuchte, war Gast im Hößlischen Hause. Viele ausgezeichnete Männer durfte dasselbe zu seinen Gästen zählen. Der ungezwungene Umgang, der in der Familie gepflogen wurde, gewährte derselben dann den Vorteil, mit ihren Gästen einen ausreichenden geistig gemütlichen Austausch zu halten, dessen man sich in größern Gesellschaften selten zu erfreuen hat. Dies galt besonders, wenn bei solchen Anlässen Ausflüge in die schönen Wälder des Thales, oder auf die grünen Höhen, die Maiensäße und Alpen gemacht wurden, wo dann oft den Gästen in der reinen Alpenluft das Herz höher schlug. Die freundliche Wohnstube, in die bei Heller Witterung den ganzen kurzen Tag hindurch die Sonne ihre erwärmenden Strahlen sendete, glich zur Winterszeit einer kleinen Spinn- sabrik. Fünf bis fechs Räder schnurrten hier an den langen Winterabenden um die Wette. Frau Hößli ließ dabei ihre Töchter und Mägde oft fromme Lieder und Sprüche hersagen; oft sangen sie ein frohes Lied, in das die heimkehrenden Männer mit einstimmten. Aber manchmal lauschte die kleine Versammlung furchtsam und doch lüstern den Geister- und Spuckgeschichten, die Jöri, der Oberknecht, von der Ofenbank her ihr erzählte. Jöri, der sein langes Leben hindurch der Hößlischen Familie treu gedient hatte, war sonst ein frommer Mann; nie verließ er abends den Stall, ohne zuvor für den Viehstand, der ihm anvertraut war und den er wie seine Familie liebte, ein andächtiges Gebet zu verrichten. 52 Langte dann endlich das spate Frühjahr an, so wurde in den Webkammern von den Töchtern und Mägden das gesponnene Garn zu Leinwand und Wollstoff gewoben. Sehr bewegte Tage wurden dem Hause Hößli zu Teil, wenn jeweilen im Herbst das Bundesappellationsgericht des Grauen Bundes dort seine Sitzungen abhielt und über die Civilstreitigkeiten in letzter Instanz entschied. In Graubünden hatte damals noch jeder Bund seine eigenen Gesetze und seine eigene Gerichtsbarkeit. Im Grauen Bunde, zu welchem der Rheinwald gehörte, gab es drei gerichtliche Instanzen. Die erste war das den Wohnbezirk umfassende Hochgericht (gleich Kreisgericht). War man mit dessen Entscheid nicht zufrieden, so konnte der Rechtssall in zweiter Instanz vor das zunächstliegende Hochgericht gebracht werden. In dritter Instanz entschied dann endgültig das Bundesappellationsgericht, das keinen bestimmten Sitz hatte, sondern nach Bedürfnis sich an demjenigen Orte versammelte, der für die eben zu erledigenden Geschäfte der passendste war. Es versteht sich, daß in das oberste Gericht des Grauen Bundes die ersten und intelligentesten Männer dieses Landesteiles gewählt wurden; auch waren die Parten oft durch gebildete und liebenswürdige Advokaten vertreten. Präsident, Aktuar und Richter wurden nun im Hößlischen Hause, so gut es ging, einquartiert. Die gemalte Stube wurde zum Gerichtszimmer eingerichtet. In der Wohnstube harrten die Parten. Mutter und Töchter und auch der Hausvater hatten nun in Küche und Keller zu schaffen, so blieben die Stuben dem hohen Gerichte überlassen. War dann die Morgensitzung vorüber, so wurden die Tische in den Stuben zum frohen Mahle gedeckt. Oft besprach man bei demselben die Geschäfte, oft wurden launige Geschichten und Witze zum Besten gegeben. Am Nachmittag wurde wieder Sitzung gehalten, die meistens bis zum Nachtessen dauerte. 53 Eine frohe Geselligkeit, die dann am Abend stattfand, an der die Frauen des Hauses auch teilnahmen und die bis in die Nacht hinein die Geister rege erhielt, entschädigte die Jünger der Themis für ihre schwere Tagesarbeit. So tagte in ernster Bürgerpflicht und heiterer Gemütlichkeit das Gericht, bis alle Prozesse und Rechtsfragen entschieden waren. Am letzten Abend, während die Gerichtsherren ihre Felleisen packten, langten die verheirateten Söhne Hößlis von Splügen und Hinterrhein und die Angestellten des Bodenhauses, sowie noch einige Hausfreunde aus Schams mit ihren Frauen an; ein italienischer Spielmann stellte sich ein; die Stuben wurden ausgeräumt und nun begann ein lustiger Ball. Manche steifen, richterlichen Beine, die sich des Tanzens schon lange entwöhnt hatten, wurden wieder gelenkig, und erst nach Mitternacht trennte sich die heitere Gesellschaft. In fröhlichster Stimmung verließen am nächsten Morgen Richter und Advokaten das gastliche Nufenen. Bei dem direkten Vorteile, der dem Rheinwald durch die Erbauung der Alpenstraßen über den Bernhardin und Splügen in Aussicht stand, war es begreiflich, daß die Familie Hößli den Bemühungen, die für die Erreichung dieses Zweckes gemacht wurden, das regste Interesse zuwendete. Als dann der Bau zur Thatsache wurde, gewann der Rheinwald bald eine neue Physiognomie. Im stillen Alpenthale wurde es lebhafter, als die Ingenieure mit ihren Meßstangen und dann bald darauf die Arbeiterkompagnien einrückten. Die Aufmerksamkeit des reisenden Publikums wurde durch die Presse, die überall in Europa von dem Unternehmen Kunde gab, auf die Rheinwalderpässe hingelenkt. Noch ehe die Straße dem Verkehr übergeben werden konnte, geschah es, daß vornehme Reisende die Route nach dem Bernhardin einschlugen. Im Rheinwald war noch keine Fürsorge getroffen worden, um solchen Gästen ein passendes Unterkommen zu 54 — bieten. Diese Reisenden stiegen meistens im Hause Hößli ab, wo man sie, so gut man es konnte, logierte und bewirtete. Podestat Hößli sah aber ein, daß für den steigenden Fremdenverkehr ein größerer Gasthof erstellt werden muffe. Es wurde daher das Bodenhaus in Splügen erweitert und zu einem Hotel eingerichtet, welches im Falle war, allen Anforderungen eines feinern Reisepublikums zu entsprechen. In jener Zeit reisten außer Künstlern und Gelehrten und hie und da einem Geschäftsmanne nur vornehme Familien, da der Mittelstand, der jetzt das Hauptkontingent der Reisenden bildet, der großen Kosten wegen selten eine Reise unternahm. Auch die Hößlischen Töchter waren noch nie weiter als bis Thusis gelangt, denn es brauchte Mut, um durch die Roffla und Via Mala zu reiten und die erste Reise nach Thusis, die sie mit dem Vater machten, hatte, trotz den dort genossenen Freuden, fast das Gefühl eines Wagnisses bei ihnen zurückgelassen. La Niccas Beruf führte' ihn häufig in den Rheinwald und ins Haus Hößli, wo er stets eine freundliche Aufnahme fand und sich bald die Freundschaft der Familie erwarb; man nahm reges Interesse an seinem Leben und Arbeiten. So heimatlich wie im roten Hause (das Haus Hößli wurde so genannt) fühlte er sich nirgends. Jedes Familienglied hatte seine besondere Anziehungskraft für ihn, sowohl der lebhafte Hausvater und die besonnene und verständige Hausmutter, als der durchaus gründlich gebildete Sohn Philipp und die drei schon erwachsenen Töchter. Unter denselben war es besonders Cäcilie, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Cäcilie hatte neben ihren Praktischen Arbeiten ein dringendes Bedürfnis, sich auch geistig zu beschäf- - tigen und auszubilden. Sie war es, die mit Bruder Philipp die Korrespondenz nach Göttingen und Berlin unterhielt, und 55 in ihrem Nachlasse fand die Familie die interessanten Briefe, die dieser ihr von dort aus geschrieben hatte. Wir haben schon oben erzählt, wie sehr Bruder Philipp für die Ausbildung der Schwestern sich bemühte, und wie der mannigfache Verkehr mit gebildeten Menschen, der im Hause stattfand, anregend und fördernd auf die Töchter einwirkte. Cäcilie nahm mit Interesse und Verständnis an solcher Unterhaltung Teil und faßte mit ihrem klaren Geiste und ihrer lebhaften Phantasie leicht das Gesprochene auf. Göthe und Schiller standen im Zenit der Geistessphäre, in der die damalige, auch durch die romantische Muse beeinflußte Generation lebte. Die ideale Lebenslust, die jene Menschen einatmeten, gab ihrem Gemüte eine Zartheit und Vertiefung, eine innige Herzlichkeit und ihren Anschauungen eine poetische, Phantasiereiche Färbung, die unserm heutigen Geschlechte mit seinen korrekten Wissenschaften fast unbekannt ist. Die Leiden Italiens und die Kämpfe Griechenlands beschäftigten ihr Interesse und ihre Teilnahme. Noch wähnte man, daß die Befreiung der Völker von politischer und geistiger Bevormundung, der die Edelsten entgegenstrebten, eine sichere Garantie für die moralische Besserung und Entwicklung der Menschheit bieten werde; auch das religiöse Leben war mehr im Gefühle, als in einer bestimmten Glaubensrichtung vertreten. Die Jugend, Männer und Frauen, die dem Kreise des Hößlischen Hauses angehörten, waren mehr oder minder von diesem idealen Geiste erfüllt. In der Gesühlsseligkeit, in welcher damals die Jugend lebte, war der gegenseitige Austausch ein sehr reger, bald kam man zur Quelle, aus der alle schöpften und leicht öffnete sich ein Gemüt dem andern. Cäcilie war kaum zur Jungfrau erblüht, als La Nicca tief bekümmert über den Tod seiner Gattin im Hößlischen Hause einkehrte. Ein inniges Mitgefühl ließ sie an seinem 56 Kummer teilnehmen. Nvch war sie zu sehr Kind, als daß La Nicca eine Ahnung in sich hätte aufkommen lassen, daß dieses teilnehmende Wesen einst die große Lücke bei ihm ausfüllen sollte. Auch die andern Familienglieder waren ihm herzlich zugethan, und bei der frohen Heiterkeit des Schwestertrios gab es auch bei ihm Stunden, wo es ihm wieder wohl ums Herz wurde. Ohne irgend eine andere Absicht, als die des freundschaftlichen Verkehrs, und weil seine Berufspflichten ihn nach dem Rheinwald riefen, ging er manches Jahr im Hause aus und ein, und fast war es schwer zu raten, welche von den drei Töchtern ihm am besten gefalle. Indessen war es doch Cäcilie, der seine Bewerbung galt. Nachdem diese ihr Bedenken, ob sie dem reich begabten Manne genügen werde, durch ihre Neigung für ihn besiegt hatte, reichte sie ihm die Hand zum Ehebunde. Die Hochzeit fand im Oktober 1826 statt. La Niccas Beruf veranlaßte ihn zu öftern Abwesenheiten von Hause; es war daher für Cäcilie ein Glück, daß sie in Chur, wo das neuvermählte Paar seinen Wohnsitz hatte, in Freundes- und Verwandtenkreisen herzliche Aufnahme fand. 7. Kapitel. Im Mai 1827 wurde 8a Nicca in seiner Eigenschaft als eidgenössischer Geniehauptmann zum Adjutanten General Finslers für eine Truppeninspektion sämtlicher Milizen des Kantons Tessin ernannt. Finsler war damals Chef des eidgenössischen Geniestabes. Da in jener Zeit im schweizerischen Militärwesen sehr wenig geleistet wurde, die Truppeninstruktion jedem Kantone überlassen war, der auch für die Kosten derselben aufzukommen hatte, so wurde eine solche Inspektion schon zu einem seltenen Ereignisse gerechnet. Wir besitzen eine Beschreibung 8a Niccas von dem Hauptmanöver, an welchem 5 Bataillone teilnahmen, das am Marobbia, nahe bei Bellenz stattfand und so ziemlich zur Befriedigung des Generals ausfiel. Wir sehen von dieser militärischen Beschreibung 8a Niccas ab, die sein damaliges Urteil enthält und jetzt wohl von wenig Interesse mehr ist, wogegen wir über diese militärische Exkursion gerne einen Auszug aus einem Briefe an seine Gattin mitteilen. Locarno, den 13. Mai 1827. „Die Reise über den Bernhardin ging mit ziemlich viel „Ungemach von Statten, es schneite entsetzlich und ich war „um den H. General besorgt. In Bellenz wurden wir schon „militärisch empfangen und nach 8ugano begleitet, wo die Inspektion begann. Gestern kamen wir wieder mit großer Begleitung hieher, heute nahm man die zweite Inspektion hier 58 „vor, morgen folgt die dritte in Bellenz, wenn wir nicht noch „heute auf der Reise weggeschwemmt werden, was allerdings „dem Regen nach geschehen könnte." Bellenz, den 14. Mai 1827. „Heute haben wir die Detailinspektion des letzten Bataillons abgemacht und auch das Arsenal untersucht, und „bleibt uns morgen noch die Besichtigung.der Manöver übrig, „welche mit den fünf vereinten Bataillonen ausgeführt werden „sollen, wenn die Witterung es erlaubt, die übrigens noch „immer ungünstig ist. „Meine Inspektion hat mit dem morgenden Tag ihre „Vollendung erreicht, allein ich muß mit dem Herrn General „in diesem Kanton noch einige Rekognoszierungen machen, was „ungefähr 11 Tage in Anspruch nehmen wird. Uebrigens „sind wir stets von den Granden von Tessin umgeben; es „geht sehr hoch und mitunter auch lustig zu. „Hunger leiden wir keinen, wir haben im Gegenteil immer „so reichliche Tafel, daß es einem ehrlichen Hausmannsmagen, „wie der meinige ist, fast vor den vielen Speisen schwindelt." Da General Finsler im Kanton Graubünden topographische Aufnahmen machen ließ, so ging La Nicca ihm dabei an die Hand, was ihn je zuweilen in schriftlichen Verkehr mit seinem hohen Chef brachte. La Niccas Bruder Alexander hatte sich zuerst dem Handel widmen wollen und schon ein Jahr in einem Handlungshause zugebracht, als der Erfolg seines Bruders im Baufache ihn ermunterte, sich auch diesem Fache zuzuwenden. La Nicca veranlaßte ihn sodann, in München zu studieren und später noch die polytechnische Schule in Paris zu besuchen. Obwohl I Alexander sich eigentlich zum Architekten ausgebildet hatte, so arbeitete er später doch meistens mit seinem Bruder und beteiligte sich bei der Ausführung der demselben übertragenen 59 Werke; auch begleitete er La Nicca nach Coburg; er starb als Bezirksingenieur im besten Mannesalter. Jin Sommer 1830 erhielt La Nicca durch Vermittlung der russischen Gesandtschaft in Bern ein Schreiben von Baron v. Efra, Kammerherr des Herzogs Ernst von Coburg-Gotha, welcher im Auftrage seines Fürsten ihn aufforderte, ein Projekt für eine im Thüringer Walde auszuführende Straße zu entwerfen. La Nicca zögerte nicht, diesem ehrenden Auftrage zu entsprechen. Wir teilen nun einige Aufzeichnungen und Briefe mit, die sich über seinen Aufenthalt in Gotha und Coburg in seinem Nachlasse vorfanden. Dem Herzog Ernst von Coburg war durch die Verheiratung mit der Prinzessin Louise von Gotha sowohl, als auch durch Erbrecht das Herzogtum Gotha zugefallen. Dieser Fürst wünschte nun seine beiden Herzogtümer, die durch Meiningen und Weimar-Eisenach getrennt werden, an demjenigen Punkte, wo sich seine beiden Landesteile am nächsten standen, durch eine Straße zu verbinden. Um diesen Zweck zu erreichen, sollte die neue Straße von Coburg über Hildburghausen und Suhl nach Oberdorf geführt werden, von wo man über Reinhardsbrunn oder Friedrichsroda nach Waltershausen und Gotha gelangt. In dieser hügeligen, von reichem Walde besetzten Gegend mühten sich die sächsischen Ingenieure lange Zeit ab, das beste Trac5 zu gewinnen. Doch wollte ihnen dieses nicht gelingen, worauf dem Herzog geraten wurde, den schweizer. Ingenieur La Nicca hiefür kommen zu lassen. Der Herzog berief nun La Nicca nach Coburg, der nicht zögerte, diesem ehrenvollen Rufe Folge zu leisten. Da er bei seiner Aufgabe einen zuverlässigen Gehülfen bedurfte, so nahm er seinen Bruder Alexander mit sich. Es war Ende Oktober 1830, als die beiden La Nicca sich zu ihrer Reise durch das Rheinthal nach Lindau in Bewegung setzten. (Obwohl 8a Nicca uns eine ausführliche Beschreibung seiner Reise hinterlassen h.ck, so geben wir hier doch nur einige Notizen aus derselben.) Von dort aus führte sie der Weg über Augsburg nach München, wo ein kleiner Aufenthalt gemacht wurde, um all das neue Schöne und Interessante zu betrachten, das in den letzten acht Jahren der kunstsinnige König Ludwig geschaffen hatte. Es waren dieses die Jahre der reichsten baulichen und künstlerischen Entwicklung Münchens, und La Nicca mußte nur bedauern, daß sein Reisezweck ihm keinen langem Aufenthalt in dieser Stadt gestattete; er schreibt hierüber aus Gotha an seine Frau: „Ich möchte München bald das deutsche Athen nennen, weil keine deutsche Stadt in Architektur und Kunst überhaupt so viel leistet wie dasselbe." Von Nürnberg, wo sie am 4. November anlangten, schreibt er: „In keiner Stadt fand ich so viel Gothisches in der „Bauart, wie in dieser. Nicht nur die öffentlichen Gebäude, „die großartigen Kirchen, die man hier findet, und unter denen „sich die Lorenzkirche auszeichnet, sondern auch Brunnen und „viele Privatgebäude sind im gothischen Style ausgeführt, und „dieses Aeußere versetzt mich unwillkürlich in die alte Blütezeit dieser ehemaligen Reichsstadt." Sie setzten dann ihren Weg über Erlangen und Bamberg und von dort durch das Etzthal bis Coburg fort, woselbst sie am 7. November eintrafen. Wir nehmen nun wieder La Niccas Mitteilung an seine Gattin auf, welche hier folgt. Coburg, den 7. November. „Kaum waren wir in Coburg eingetroffen, so ließ ich „mich bei Herrn Baron von Effra, Regierungsrat und Kammer- „herr Sr. Durchlaucht des Herzogs melden, der mich eilends „einlud, ihn sofort zu besuchen, was ich auch that. Am folgenden Vormittag, Sonntag den 8. November, holte er mich „ab und führte mich zum Herzog, dem meine Ankunft angezeigt wurde und der mich zu sprechen wünschte. Ich wurde 61 „ihm daher von Herrn Baron v. Effra vorgestellt, er empfing „mich sehr gnädig (ich muß mich an den Hofstyl gewöhnen, „damit er mir wenigstens so geläufig werde, um nicht allzu „große Etiquettenfehler zu machen), sprach lange und freundlich „mit mir über seine Straßensachen und verwandte Gegenstände und entließ mich mit der Einladung zu einem Spazierritt auf die Festung. Dies ist ein altes Fort, nun von „keiner militärischen Wichtigkeit mehr, das aber im 30jährigen „Kriege genannt wird, auf einer bedeutenden Höhe hinter der „Stadt gelegen, von dem aus man die ganze Gegend übersieht „und eine reizende Fernsicht genießt. Im Hinaufreiten machte „mich der Herzog mit der umliegenden Gegend bekannt; ab- „wärts ging es zu Fuß durch seine Anlagen, die unter „mancherlei Gesprächen durchwandelt wurden. „Als wir wieder zum Palast zurückgekehrt waren, lud „mich der Herzog zur Tafel ein. Ich begab mich daher schnell „in den Gasthof, um mich umzukleiden, und als ich wieder „zurückkam, waren die Wagen schon bereit, um den Herzog und „sein zahlreiches Gefolge auf ein eine Viertelstunde von der „Stadt entferntes Landhaus zu führen, wo bei der Frau „Herzogin-Mutter gespeist wurde. „Baron v. Effra, mein Mentor, stellte mich dem Ober- „hofmarschall und dieser der Frau Herzogin-Mutter vor (einer „Dame von wenigstens 70 Jahren), die sich sehr freundlich „mit mir unterhielt und von der Schweiz mit mir sprach. „Nun ging's zur Tafel und siehe da, ich kam sogar neben „eine Hofdame zu sitzen; da dachte ich, du wirst wohl eine „etwas linkische Figur spielen, wenn nicht in Worten, so doch „in Bewegungen; auch genierte mich der helle Klang, der von „meinem Silberteller erscholl, weil ich nicht im Hoston darauf „transchierte. Indessen ließ ich mir die guten Speisen wohl „schmecken und unterhielt mich recht gut mit meinem Fräulein, „deren artige und freundliche Manier mir einen hohen Begriff 62 „von ihrer Bildung gab. Der Herzog -richtete mehrmals die „Rede an mich. Nach Tische führte der Baudirektor auf Geheiß „des Herzogs meinen Bruder und mich in einem herzoglichen „Wagen auf das Lustschloß Rosenau; und als wir wieder „im Gasthof anlangten, fanden wir da zwei Logenbillete, welche „uns der Herzog zugesandt hatte, mit denen wir uns ins „Theater begaben, wo wir den angenehmen Tag recht vergnügt beschlossen." Suhl, 9. November. „Schon gestern wurden zwei Pferde aus Relais nach „Hildburghausen geschickt und heute fuhren wir bis dahin. „Dort bestieg ich das englische Jagdpferd (das erste, das ich „geritten) und begleitete Herrn v. Effra über die neue Straßen- „linie, die im meiningischen Gebiete beginnt, dann über das „preußische führt bis nach dem gewerbreichen Städtchen Suhl. „Am 10. begaben wir uns weiter nach Zella im Herzogtum Gotha, wo uns der Herzog einholte, mit dem wir über „die neue Straßenlinie bis Oberdorf ritten, dort ein wenig „die Gegend besichtigten und Nachtlager hielten. Am 11. „kehrte der Herzog zurück und wir beschäftigten uns nun mit „der Straßenabsteckung von hier nach Schwarzwald. Diese „beschäftigte uns bis am 17. November. Am 18. steckten wir „zwischen den Ortschaften Zella und Melis aus. Hauptmann „von Pleckner und Baudirektor Ingenieur Eberhardt wurden „mir zur Mithülfe beigegeben. „Am 19. November ritten wir dem Herzog bis an die „Strut (Goth. Grenze) entgegen, um mit ihm die Straßen- „bauten und das beim Dorfe Melis gemachte Trac6 zu berichtigen. Als wir bei diesem Dorfe ankamen, erschallte eine „lebendige Musik, dann ertönte das Geläute der Glocken und „vor der Kirche stand die Geistlichkeit und der Magistrat, „welche den Herzog mit einer Anrede empfingen. Rings her- 63 „um stand eine zahlreiche Volksmenge, die ein starkes Lebehoch erschallen ließ. Der Herzog schien überrascht über diesen „feierlichen Empfang, der ihm wahrscheinlich nur deshalb „bereitet wurde, weil er zum ersten Male seit seinem Regierungsantritt diese industrielle Ortschaft betreten hatte. Mich „freute dieser ganze Aufzug außerordentlich, teils weil ich „sah, wie die Unterthanen ihrem Herzog anhingen, teils weil „ich an der Seite des Herzogs ritt und daher nähern Anteil „an allem nahm. „Wir stiegen im Amtshause ab, wo uns der Amtmann „empfing und in einen bescheidenen Salon führte. Bald nachher holte er seine Familie, die aus einer Frau und zwei „Töchtern bestand, welche er dem Herzog vorstellte. Es begann „eine Unterhaltung, welche freier und angenehmer war, als „ich erwartete, was dem Umstand zuzuschreiben ist, daß der „Herzog überhaupt ein sehr freundlicher und gegen Damen „ritterlich galanter Herr ist. „Diese verabschiedeten sich aber bald und es dauerte nicht „lange bis wir zur Tafel, nämlich zu einem Gabelfrühstück, „geladen wurden. Unsere Gesellschaft bestand außer dem „Herzog aus drei Kavalieren und meiner Wenigkeit. Der „Appetit war gut, denn wir hatten seit dem Morgenkaffee „einen tüchtigen Ritt gemacht und die Aussichten waren ein- „ladend. „Der Bediente brachte die Speisen auf einem im Hintergründe stehenden Tische, von da aus wurden sie dann durch „die beiden Fräulein des Hauses in so einfacher und netter „Weise serviert, daß sie uns immer schmackhafter vorkamen „und sich unser Appetit und guter Humor immer mehr steigerte, „je länger wir tafelten. Das Weinkommando führte der Vater, „der feitwärts hinter dem Herzog postiert war, so behende, wie „ein Bachus, so daß, wenn ein Glas nur zür Hälfte geleert war, 64 „dasselbe sogleich wieder in perlender Fülle funkelte und zum „Trinken anregte. Das Töchterpaar, im Alter von 18 und 20 „Jahren, war weiß gekleidet und fein behandschuht, und ihre „kleinen niedlichen Schürzen bildeten ihr Dienstzeichen. „Sie besaßen den Ausdruck seiner Bildung und bewegten „sich mit einer natürlichen Artigkeit, die uns belebte, ich kann „sagen, fast bezauberte. Der Herzog, wohl der galanteste von „uns, ermangelte nicht, hie und da an die eine oder andere „der Fräulein ein verschleiertes Kompliment zu richten und wir „andern ahmten ihm, so gut wie wir es vermochten nach und „wurden immer mit einer kurzen passenden, aber freundlichen „Antwort erfreut. „Am Schlüsse des Essens präsentierte sich auch noch die „Frau Mama, die über die Huldigungen, die ihren Töchtern „zu Teil wurden, nicht wenig befriedigt schien. „Es dauerte lange, bis wir wieder zu Pferde saßen, wes- „halb wir dann auch erst spät abends mit seiner Durchlaucht „im Nachtquartier in Oberhof anlangten. „Den 20. November konnten wir nicht so früh aufbrechen, „als es der Herzog am Abend bestimmt hatte, weil tiefer Nebel „wie gewöhnlich die Gegend weit umher bedeckte. Es wurde „endlich etwas Heller und der Herzog schritt an die Untersuchung der Oberhofer Ausstellung, an welcher er nur einige „unwesentliche Veränderungen traf. Es liegt in der Gewohnheit „dieses Fürsten, alles selbst zu sehen und besonders im Bau- „fache, worin er gute Ansichten hat, persönliche Anordnungen „zu treffen. Wir kamen nun bald in die Gegend, wo die „Entwicklung der Straße Schwierigkeiten darbot, welche die „bis jetzt konsultierten Ingenieure nicht zur Zufriedenheit des „Herzogs zu lösen vermochten. Um so mehr machte es mir „Freude, daß hochderselbe seine vollkommene Anerkennung über „mein Tracs aussprach. Er gab mir auf mehrfache Weise 65 „seine Zufriedenheit zu erkennen und war überhaupt sehr „gnädig. Er lud mich ein in seinen Wagen zu kommen, und „so fuhr ich an seiner Seite von Schwarzwald bis in seine „Residenz zu Gotha; au der Mittagsmahlzeit daselbst wurde „mir die Ehre des nämlichen Platzes zu Teil." Aus einem Briefe an Cäcilie. Gotha, 2. Dezember 1830. - „Schlechte Witterung und ungünstiges Terrain verursachten „uns ziemliche Anstrengung. Es gelang mir aber die Aufgabe zur Zufriedenheit des Herzogs zu lösen, an welcher sich „die hiesigen Ingenieure vergeblich abmühten, und nun bin ich „hierher gekommen, um mit dem Herzog zu konsultieren, der „seine Winterresidenz hierher verlegt hat. „Der hiesige Aufenthalt ist für mich sehr angenehm, in- „dem ich mit vielen interessanten Männern in Verbindung gekommen bin, was besonders dem Zustande zuzuschreiben ist, „daß mich der Herzog mit Auszeichnung behandelt. Ich speise „alle Tage an seiner Tafel, und wenn er abwesend ist, mit „den beiden Prinzen, zwei äußerst liebenswürdigen Knaben. „Aus diesen Umständen wirst du auch schließen, daß der „Herzog mir schöne Anträge gemacht hat in seine Dienste zu „treten. Allerdings ist dieses der Fall, allein du kennst hierüber meine Gesinnung und meine Liebe zum Vaterland. Dein La Nicca." Gotha, 7. Dezember 1830. „Als ich heute dem Polizeidirektor von Gotha einen Abschiedsbesuch abstattete, überraschte mich derselbe mit der „Nachricht, welche ihm in der vergangenen Nacht zugekommen, „dahin lautend, es sei in Polen plötzlich eine Revolution mit „solchem Erfolge ausgebrochen, daß sie leicht einen allgemeinen „Krieg hervorrufen könnte. Ich dankte ihm für diese überraschende Mitteilung, weil sie auch mich ermähnte, meine „Heimreise zu beschleunigen, da ich sehr wahrscheinlich als s „Offizier vom Generalstab ein baldiges Aufgebot zu erwarten „hatte. „Leider war meine Zeit in Gotha so sehr in Anspruch „genommen, teils durch technische Arbeiten für das Straßen- „projekt, teils durch Ausflüge mit dem Herzog, der mich entweder zu Wagen oder zu Pferde bald da, bald dorthin „führte, um mich über Bauanlagen zu konsultieren, mich auch „zuweilen zu seinen interessanten Jagden einlud, daß es mir „unmöglich wurde, ein ausführliches Tagebuch zu führen. „Schade, denn ich befand mich mitten im Strudel des Hof- „lebens und bewohnte das herzogliche Palais, speiste an der „Tafel des Herzogs, öfters sogar an seiner Seite, wo ich auch „Gelegenheit hatte, mit ausgezeichneten Männern, die nicht „zum Hofe gehörten, Bekanntschaft zu machen. Auch mußte „manche Stunde Besuchen, sowie Gothaer Festen gewidmet „werden, welche bald vom Herzog, bald von Ihrer königlichen „Hoheit, einer alten würdevollen Dame, die letzte aus der „regierenden gothaischen Fürstenfamilie, gegeben wurden. Der „Herzog gab in den ersten Tagen meiner Anwesenheit eine „große Einladung. Die Damen waren in einem schön garwerten Saal um Ihre königliche Hoheit versammelt; die „Kavaliere befanden sich in einem anliegenden Saale, der an „einen dritten kleinen grenzte, wo sich der Herzog mit einigen „der ersten Größen unterhielt. Während ich mich in gemütlicher Ruhe im Hintergrund als neugieriger Beobachter dieser „beweglichen Kreise nicht übel gefiel, trat der Oberhofmarschall „von Wangenheim zu mir heran und eröffnete mir mit einer „gewissen Feierlichkeit folgendes: „„Es bleibt mir die angenehme Pflicht zu erfüllen, Sie Herr Stabshauptmann noch „vor Eröffnung der Tafel Ihrer königl. Hoheit vorzustellen."" „Während ich mich dieser Ehre hätte freuen sollen, so wurde „es mir bei dieser Ueberraschung doch etwas fröstelig zu „Mute. Allein mit höflicher Verbeugung folgte ich seinem 67 „Winke. Er öffnete die Thüre des Damensalons, führte mich „unter höflichen Verbeugungen, die ich im verkleinerten Maßstabe nachmachte, gegen die Mitte des Salons und stellte „sich seitwärts links anderthalb Schritt binter mir auf. Indessen bewegte sich würdevoll die königl. Hoheit ein paar „Schritte mir entgegen, wobei ich zu einer kleinen Verbeugung „veranlaßt wurde, während die zahlreichen Damen, in glänzender „Toilette im nahen Hintergrund, einen für mich fast blendenden „Kranz bildeten, der mich schier aus meiner Fassung zu bringen „drohte. Die königl. Hoheit richtete ein paar freundliche „Worte an mich, die mich ein wenig ermannten, und es entspann sich zwischen uns ein Zwiegespräch, an dessen Inhalt „ich mich nicht mehr erinnere, denn es wurde mir etwas „sonderbar zu Mute, als ich bei der feierlichen Stille des „ganzen vor mir stehenden Damenkreises wahrnahm, wie die „kritisierenden Blicke der Hofdamen einzig auf mich gerichtet „waren. Es mochte wohl Ihrer königl. Hoheit meine etwelche „Befangenheit bemerklich geworden sein, denn sie hatte die „Gnade, mich bald, jedoch recht freundlich, zu entlassen. „In den Herrenflal zurückgekehrt und dort von ein paar „Bekannten begrüßt, wurde es mir wieder leichter ums Herz „und ich dachte: Gott lob, daß die Vorstellung überstanden „ist, wenn ich nur bald mit diesen bekannten Kavaliers zur „fürstlichen Tafel mich begeben könnte. Allein während mich „dieser Gedanke aufheiterte, stehe da erscheint wieder der Hof- „marschall mit der Meldung, er müßte mich noch der Gräfin „von B. vorstellen, welche ich die Ehre haben werde, an die „Tafel zu führen. „Da hieß es vorwärts bonno mino ü muuvais jeu, und „mit kühnem Schritte folgte ich dem Hofmarschall in das „fatale Damenzimmer zurück. Er stellte mich der holden Dame „vor, welcher ich nach kurzer Unterhaltung meinen Arm dar- „bot, um sie zur Tafel zu begleiten, dem langen Zug uns an- 68 „schließend, welcher durch den Herzog und die königl. Hoheit „eröffnet wurde; diejenigen, welchen das Glück der Damenbegleitung Nicht beschicken war und die eine große Zahl „bildeten, folgten dann der Reihe der Bevorzugten. „Die Gräfin war eine sehr fein gebildete, nicht mehr „ganz junge Dame, welche die Unterhaltung vorerst auf Dinge „lenkte, die mir bekannt sein mußten und begann mit nur von „dem Zauberlande, wie sie die Schweiz nannte, zu sprechen. „Mein Humor wurde durch die Geselligkeit und die Gaumen- genüsse angeregt, so daß ich anfing, recht lebhaft zu werden „und von den großartigen Bauten unserer Bergstraßen, über „welche man in bequemen Hofwagen ohne Schwierigkeit und „Ermüdung reisen könne, dann von der eigentümlichen Schön- „heit des Engadins (damals noch ein unbekanntes Land), von „den ritterlichen Abenteuern bei der Bärenjagd zu erzählen „begann rc. Auch nach aufgehobener Tafel blieb ich in der „Gesellschaft der Damen, bis der Herzog mich in seinen Kreis „rufen ließ." Reise von Gotha nach Frankfurt vom 8. bis 10. Dez. Fahrzeit 3'/? Tag. „Bei unserer Abreise von Gotha, die Mittwoch den 8. „dies nachmittags stattfand, erfreute uns noch ein Sonnen- „blick, welcher die Nebel auflöste und uns einen schönern Ueber- „blick über die Gegend gewährte, als wir ihn je während „unseres Aufenthaltes genossen hatten. Wir sagten Gotha „Lebewohl, an welche Stadt sich für mich viele interessante „Erinnerungen knüpfen und schieden von den Thüringischen „Wäldern, über deren höchsten Punkt wir das Straßentracs „machten, als die Nacht hereinbrach. In Eisenach, welches „Städtchen sehr angenehm in einem engen Thale der Neste „liegt, hielten wir Nachtlager. Morgens früh ging's auf die „Wartburg, deren herrliche Lage diesen Gang in einer „bessern Jahreszeit zum genußreichsten Spaziergang macht. 69 „Wir beschäftigten uns mit der Vorzeit, wo diese Burg noch „Sitz der Landgrafen von Thüringen war, von denen noch „viele Harnische und Rüstungen in zwei Sälen aufgestellt sind, „und besuchten das Zimmer, das von Luther bei seinem Aufenthalte auf der Wartburg bewohnt wurde und in welchem „er einen großen Teil seiner Uebersetzungsarbeiten ausgeführt „hat, besuchten auch noch den Saal, wo im Jahr 18 l? die Abgeordneten der Studentenschaft Deutschlands zusammentraten." La Nicca nahm seinen Rückweg über Fulda, Gelnhausen und langte am 12. Dezember in Frankfurt an, wo er einige Tage verweilte und dann seine Reise über Darmstadt, Mannheim, Speier, Straßburg, Baden, Basel und Zürich fortsetzte. Die verschiedenen recht interessanten Auszeichnungen, welche er über die in diesen Städten sich befindenden Sehenswürdigkeiten und über deren Bevölkerung rc. gemacht hat, übergehen wir der Kürze wegen. Seine Reise, die er bei ziemlicher Winterkälte im eigenen Fuhrwerk vollführte, war immerhin recht beschwerlich, wie es in damaliger Zeit bei den schlechten Verkehrsmitteln nicht anders sein konnte. Er schreibt an Cäcilie: „Ich sitze im Wagen eingemacht wie eine Mumie; die „Füße stecken in einem Pelzsack, der Kopf in einer Pelzmütze, „die Hände in Pelzhandschuhen und endlich ist der ganze „Körper mit einem Pelzmantel umwickelt." La Nicca war daher überglücklich, als er in den ersten Tagen des Januars wohlbehalten bei seiner Familie in Chur anlangte. Kaum hatte er sich dort wieder an seine Geschäfte begeben, so erhielt er vom eidgenössischen Geniechef den Auftrag, eine Inspektion der Luziensteig vorzunehmen, um über den Zustand derselben und über die dort vorzunehmenden Neubauten Bericht zu erstatten. Da die Angelegenheit Eile hatte, so unterzog er sich sofort dieser Aufgabe. 8. Kapitel. Die politischen Ereignisse, die sich im Jahre 1830/1831 vollzogen hatten, die Julirevolution, die Losreißung Belgiens und der Polenaufstand verursachten eine allgemeine Aufregung und erweckten Besorgnisse für einen europäischen Krieg. Da die Schweiz ihre Neutralität nicht von Neuem preisgeben wollte, so sah sie sich zu vermehrten militärischen Maßnahmen veranlaßt. Eine derselben war, die festen Punkte, die znr Verteidigung des Landes beitragen konnten, in einen ihrer Bestimmung entsprechenden Stand zu setzen. Die Tagsatzung beschloß daher, die Luziensteig mit neuen Befestigungswerken zu versehen. Die Luziensteig ist jenes schmale Bergthal (eigentlich Engpaß), durch das man aus der Herrschaft nach dem Fürstentum Lichtenstein gelangt und dessen linke Höhe, der Fläschberg, den Rheinübergang bei Ragaz und Sargaus beherrscht. Da die Straßen durchs schweizerische Rheinthal im letzten Jahrhundert und bis zur Erbauung der Schollbergstraße sehr schlecht waren, so bediente man sich meistens der Straße über die Luziensteig, wenn man von Italien durch Graubünden nach dem Bodensee und Süddeutschland gelangen wollte. Seit dem Mittelalter diente dieser Engpaß stets als Stützpunkt bei allen kriegerischen Aktionen, die im Norden Grau- bündens vor sich gingen. Freilich geschah es, daß die Feinde ebensowohl, als die Bündner sich desselben bemächtigten. Im 71 Schwabenkriege wurden die Kaiserlichen, die dort eingedrungen, von den Bündnern daraus vertrieben, diese behaupteten sich dort wahrend der ganzen Feindseligkeiten und unternahmen von dort aus ihre Angriffe auf die österreichische Festung Guttenberg, sowie ihren Vormarsch gegen Frastenz, wo die Oesterreichs von den vereinten Eidgenossen und Bündnern geschlagen wurden. Auch in den österreichischen Invasionskriegen, sowie beim ersten Einmarsch der Franzosen in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts diente die Luziensteig Freund und Feind zum Stützpunkte und wurde zu verschiedenen Malen mit Schanzen versehen. Eine wirkliche strategische Befestigung erhielt dieser Punkt aber erst in den Jahren 1702 bis 1705. Durch den spanischen Erbfolgekrieg, der die europäischen Großmächte in zwei Lager teilte, sah sich Graubünden aufs Höchste bedroht. Französische Einflüsse und österreichische Drohungen hielten das Land in peinlicher Aufregung. Die Republik Graubünden ließ daher zu ihrer Deckung gegen Oesterreich im Frühling 1702 durch ein Kontingent von 300 Mann auf der Luziensteig Schanzen auswerfen und berief den berühmten Ingenieur Werdmüller von Zürich, um eine nach dem damaligen Stande der Wissenschaft möglichst gute Befestigung dort anzulegen. Dieses Werk kostete den Freistaat die Summe von Gulden 22,000, was nach damaligem Geldwerte als eine große Leistung betrachtet wurde. Im Jahre 1799 wurde die Luziensteig, laut Einvernehmen mit der Republik Graubünden, durch eine österreichische Truppenabteilung unter General Aufenberg besetzt, dann von Massena und nochmals von Hotze erobert, welcher dann dieselbe abermals den Franzosen überließ. Die Tagsatzung betraute nun die Herren Oberst Bontemps, damaligen Divisionskommandanten, und Oberst Hegner, Chef des Genies, mit der Ausführung ihres Beschlusses, wobei denselben 72 — die Aufgabe zufiel, die Oertlichkeit genau zu studieren und für dieselbe die zweckmäßigsten Bauten ausführen zu lassen. La Nicca wurde diesen Herren in seiner doppelten Eigenschaft als Genieoffizier und praktischer Ingenieur beigegeben, auch erhielt er den Auftrag, so bald als thunlich die Terrainuntersuchungen auf der Luziensteig vorzunehmen, was schon im Februar 1831 geschah, so daß er Oberst Bontemps bei dessen Besuche auf der luziensteig Ende Februar sowohl einen ausführlichen Bericht, als auch eine Karte abgeben konnte. Durch den Krieg von 1799 war das Werk Werdmüllers beinahe ganz zerstört worden, und was noch stehen geblieben war, dem Zahne der Zeit und der Witterung zum Raube gefallen. Es wurden nun zwei verschiedene Befestigungsanlagen in Erwägung gezogen. Die eidgenössischen Bevollmächtigten beantragten dieselben durch Erdwälle zu erstellen, wogegen 8a Nicca sich entschieden für einen Steinbau aussprach. Nach reiflicher Prüfung gelangte seine Ansicht auch bei den eidgen Bevollmächtigten zur Geltung Nach Feststellung dieser Hauptfrage wurde La Nicca beauftragt, den Plan für das Werk zu entwerfen. Dasselbe bestand in der Hauptsache darin, daß man die Form des alten, zerstörten, bastionierten Werkes beibehielt, wodurch der Zuschlug der Luziensteig bewerkstelligt wurde und an welches sich dann alle andern Bauten anschließen. La Nicca erhielt die Oberleitung über den Ban. Zur Beaufsichtigung der Bauten wurde Oberst Tschiffeli von Bern ernannt. Zur Herstellung derselben wurden, nebst den notwendigen Handwerkern von Profession (Maurern und Zimmerleuten) einige Kompagnien Sappeursoldaten aufgeboten, die während des Sommers von 1831 aus verschiedenen Kantonen mit ihren Offizieren sich ablösten. Es war ein reges militärisches Leben und Treiben eigener Art, wie es früher und später vielleicht selten vorgekommen ist. 73 Für 8a Nicca war es eine Zeit der angestrengtesten Thätigkeit, denn während er diese Bauten leitete, arbeitete er noch das Gothaer Straßenprojekt aus und veranlaßten ihn vielfache Geschäfte fast jeden Monat im einen oder andern Kanionsieile eine Inspektion vorzunehmen. Nachdem das erste Hauptwerk im Sommer 1831 ausgeführt .worden war und keine Kriegsbefürchtungen mehr vorhanden waren, wurde der Bau eingestellt und La Nicca zum Direktor der Luziensteig ernannt. Die Gelder, die die Eidgenossenschaft für den Unterhalt der Festungswerke bestimmt hatte, verwendete er nach Maßgabe zum Weiterbau von neuen Werken. Die durch die Bundesverfassung von 1848 geeinigte Eidgenossenschaft ließ die Befestigung nach 8a Niccas Plan, je nach Zeit und Umständen, weiter ausführen und ist das Werk, wie es heute steht, größtenteils unter 8a Niccas Direktion erstellt worden. Im Januar 1832 starb in Nufenen Podestat Hößli. La Nicca halte für seinen Schwiegervater große Liebe und Achtung; er sympathisierte herzlich mit dem lebendigen, biedern gemeinnützigen Manne; ein Brief, den er am Tage des Leichenbegängnisses von Nufenen aus an seine Gattin nach Ehur schrieb, giebt seinen Gefühlen der Liebe und Pietät den schönsten Ausdruck. Im folgenden Sommer versammelte sich die ganze Familie Hößli in Nufenen. Es war wohl ein recht wehmütiges Widersehen der Geschwister im elterlichen Hause, wo sie den teuren Vater schmerzlich vermißten; allein die Liebe der würdigen, hochverehrten Mutter, mit der sie Kinder und Enkel empfing und behandelte, das gemüiliche herzliche Zusammenleben der in den letzten Jahren getrennten Geschwister, das heitere Getriebe der Enkel, die alle hier im großväterlichen Hause versammelt waren, das Wohlbehagen des freien Landlebens gab bald diesem großen Familieukongreß einen äußerst, 74 gemütlichen und geistig anregenden Charakter. So oft es seine Geschäfte erlaubten, fand sich La Nicca auch zu demselben ein. Sein Erscheinen im Hößlischen Hause veranlaßte die Geschwister jedesmal zu irgend einer geselligen Unternehmung, weil keiner von allen Männern der Familie so wie er es verstand, die Unterhaltung durch Humor und Geist zu beleben. Als der Herbst herannahte, holte dann La Nicca seine Familie in Nufenen ab und begab sich mit ihr nach dem lieblichen Masein auf dem Heinzenberge, wo er frohe Kinderjahre durchlebt hatte und sein alternder Vater nun wieder die Pfründe versah. Die einzige Schwester La Niccas hatte sich mit Landammann Joh. Camenisch verheiratet. Das junge Ehepaar bewohnte im nahe gelegenen, reizenden Weiler Purtein ein schönes Anwesen; der Aufenthalt La Niccas und Cäciliens in Masein gab den Geschwistern Gelegenheit zu öfterm herzlichen Verkehr. In diesem stillen Idyll, in dem kleinen einfachen Pfarrhause, wo die treuen Eltern den Kindern und Enkeln gewährten, was ihnen zu Gebote stand, auf den mit Fruchtbäumen anmutig besetzten Höhen verlebte die Familie noch gemütliche Tage, bevor sie ins Winterquartier nach Chur einzog. Die Ebene zwischen Ragaz und dem Schollberg wurde durch öftere Überschwemmungen des Rheines und seiner Neben- gewässer heimgesucht und dadurch auch die neue Strdße gefährdet. Die Regierung von St. Gallen beauftragte daher La Nicca im Jahre 1831 für diese bedrohte Gegend einen Plan zur Eindämmung des Stromes zu entwerfen. La Nicca bemühte sich nach Kräften, die Mittel zu finden, um dem Unheil zu steuern, allein je mehr er sich mit der Arbeit dieser Korrektion beschäftigte, je klarer wurde es ihm, daß durch partielle Eindämmungen dem Uebel nie gründlich abgeholfen würde und daß nur durch eine Gesamtkorrektion des Rheines bis zu seinem Einfluß in den Bodensee die Gegend vor weiter» 75 großem Überschwemmungen geschützt werden könne. Dieses veranlaßte ihn dann schon im Jahre 1831 den ersten Entwurf für eine Gesamtkorrektion des Rheines zu verfassen. Seine Geschäfte führten La Nicca im Jahre 1833 zu der Bekanntschaft von zwei ausgezeichneten Männern. Der eine war Oberquartiermeister Dusour, nachmaliger General, der zur Inspektion der Luziensteig sich in Ragaz eingefunden hatte und von dort aus in La Niceas Begleitung die Festungswerke untersuchte; seit jener Zeit blieb er mit Dnfour nicht nur in amtlichen, sondern auch in sehr freundschaftlichen Beziehungen. Der Bau einer Straße bei Herrliberg, den La Nicca durch seinen Bruder ausführen ließ, bot ihm Gelegenheit, mit Herrn Conrad Esther, Besitzer der Neumühle, welcher in Herliberg ein Landgut besaß, Bekanntschaft zu machen. Esther erwies La Nicca stets viele Freundschaft und schenkte seiner technischen Tüchtigkeit das vollste Zutrauen. Die Wendung, die sich im dritten Jahrzent unseres Jahrhunderts in den großem Kantonen der Schweiz durch Einführung volkstümlicher Verfassungen und Regierungen vollzog, hatte im schweizerischen Volke zugleich das Streben nach näherer Vereinigung mit den Miteidgenossen hervorgerufen. Um diesem weitverbreiteten Wunsche Genüge zu leisten, ver> anstaltete, der Zürcher Schützenverein im Sommer 1834 in Zürich ein großes Schützenfest, zu welchem er alle Schützenvereine der sämtlichen Schweizerkantone einlud. Da La Nicca ohnehin Geschäftshalber dorthin zu reisen genötigt war, so entschloß sich Cäcilie ihn zu begleiten, um mit ihrem Gatten auch an dem Feste teilzunehmen. Als dieselben in Zürich anlangten, schwelgte die Stadt schon in Festfreuden; seither ist Zürich so recht die Stadt der Feste geblieben, aber keinem derselben wurde späterhin so viel Enthusiasmus entgegengebracht, an keinem haben so viele ahnungsfrohe Herzen geschlagen, wie an diesem ersten Zürcher Schützenfeste. Das 76 Volk fing an sich als Nation zu fühlen; es wurde sich immer mehr bewußt, daß vereinter Wille und vereinte Kräfte allein der Schweiz die gewünschte Festigkeit und freie Entwicklung schaffen könne. Daß damit manches Trugbild mit unterlief, ließ sich wohl erwarten; was so manche Rede, die das Ehepaar anhörte, bewies. Unter den Thurgauer Schützen befand sich Prinz Louis Napoleon Bonaparte, der nachmalige Napoleon III., der auch an der Begeisterung teilzunehmen schien. Zwei Tage ließen sich La Nicca und Cäcilie von den Wogen des Festes tragen, dann begaben sie sich über Aarau, wo ersterer Geschäfte hatte, nach Luzern. Dort hatten sich die schweizerischen Naturforscher versammelt und mit ihnen alle jene Männer, die ferner oder näher aus dem Reiche der Natur Kräfte zu nutz- und heilbringender Thätigkeit zu ziehen bemüht waren. Alle beseelte das Bestreben, dem Vaterlande durch ernstes Arbeiten und unablässiges Forschen für Wissenschaft und Technik Vorteil und neue Entwicklung zu schaffen, dabei hielt man streng jede politische Anspielung fern. Der reine Strom der wissenschaftlichen Bestrebungen sollte durch kein Parteigezänke getrübt werden. Während La Nicca den Sitzungen beiwohnte, erging sich Cäcilie in der schönen Natur und ergötzte sich an der Herrlichkeit der Gegend. Der Abend brachte manche interessante Bekanntschaft mit den anwesenden Festgästen. Nach Beendigung dieser Versammlung bestiegen unsere Reisenden den Rigi. Der Himmel leuchtete ihnen dort in vollster Klarheit. Die Fernsicht, wie sie der Rigi darbietet, war für Cäcilie, die erst seit kurzer Zeit zum ersten Male in ihrem Leben die engen bündnerischen Thäler mit ihren hohen Bergen verlassen hatte, ein unvergleichlicher Hochgenuß. Vom Rigi ging es dann über Goldau, Schwyz, Einsiedeln und Etzel nach Rapperswyl und von dort nach Mühlehorn, wo sie ihre Kleinen, die während der Reise bei Cäciliens Schwester, Frau Schneeli, versorgt waren, abholten und sich 77 nach Nufenen begaben, wo Cäcilie mit den Kindern den Rest des Sommers zubringen wollte. Das Jahr 1834 brachte dem östlichen schweizer. Alpengebiete neben einem reichen Erntesegen außerordentlich große Wasseroerheerungen. Im Nachsommer stellten sich lang andauernde heftige Gewitterregen ein. In der letzten Woche des Monats August befand sich La Nicca im Rheinwald. Schon tagelang regnete es unaufhörlich ; am 17. August nahm der Regen einen wolkenbruch- artigen Charakter an. Die Luft war warm und über alle Bergspitzeu und Gletscher, wo sich sonst auch in dieser Jahreszeit die .dort fallenden Niederschlage leicht in Schnee verwandeln, ergossen sich Regenströme, welche den Firn erweichten. In die Wasserrinnen und in die Vertiefungen der Berghalden stürzte sich all das unendliche Wasser, das das große Gebiet der Gebirge empfangen hatte und das Erdreich mit sich fortschwemmend, führte es den Bergbächen wahre Fluten zu, so daß diese hoch angeschwollen mit fürchterlichem Brausen Erd- und Felsstücke und Bäume mit sich fortrissen und nicht nur selbst verwüstend hausten, sondern noch durch ihre Wassermengen und ihr Geschiebe auch den Hauptfluß zu einer schreckenerregenden Höhe und einer brandenden Flutung brachten, so daß er an vielen Stellen austrat und das Land überschwemmte, öfters aber große Landstücke untergrub und verschlang und Straßen, Brücken, Dämme und Gebäude niederriß. Schon am Abend des 16. August hatte sich La Nicca Unheil ahnend von Nufenen nach Andrer begeben; am 17. setzte er in Begleitung einiger Hülfsmannschast seine Reise thalabwärts zu Fuße fort, da es unmöglich gewesen wäre, mit einem Fuhrwerk vorwärts zu kommen, denn vor und hinter ihm stürzten die größten Straßenstrecken in den Abgrund; kaum hatte er die letzte nach Schams führende Via Mala- 78 brücke passiert, als sie krachend eine Beute der Fluten wurde. Die Straße zwischen Katzis und Reichenan war mit Ausnahme der auf der Ebene zwischen Räzüns und Bonaduz liegenden Strecke ganz zerstört, so daß La Nicca und seine Begleiter auf dem rechten Rheinufer durch die steilen Schutthalden, über die Abgründe, die dem Schloßhügel von Räzüns gegenüber liegen, auf den schlüpferigen trügerischen Vorsprängen sieb einen Weg nach Reichenan erspähen mußten, das sie dann nach vielen Gefahren glücklich erreichten. Ueberall auf dieser lebensgefährlichen Inspektion hatte er die Anordnungen getroffen, die der fürchterliche Moment erforderte. Dann suchte er noch am Abend des verhängnisvollen 17. August nach Chur zu gelangen, um mit der Regierung und der Straßen- kommission sich über die vorzunehmenden Maßregeln zu beraten. Am folgenden Tage reiste er mit den Abgeordneten der Regierung, Oberst Ulrich von Planta und Bundespräsident Bavier und den Mitgliedern der Straßenkommission in die Verheerungsgebiete zurück. Auch am südlichen Abhänge der Alpen hatten die Gewässer nicht minder zerstörend gehaust. Der schöne Flecken Puschlav hatte es nur der guteu Grundlage und den festen Mauern seiner Häuser zu verdanken, daß er nicht in einen Ruinenhaufen verwandelt wurde. Infolge der Schuttmassen, die ein ob dem Flecken in den Poschiavin einmündender Wildbach demselben zuführte, wurde dieser so gestaut, daß er mit all seiner Wassermasse gegen den Flecken losbrach, die ersten Häuser zerstörte und dann in einer Höhe von 8 Fuß die Straßen während eines halben Tages und einer Nacht durchströmte. Ein Teil der Bewohner hatte sich geflüchtet. Die Zurückgebliebenen brachten die Nacht in banger Angst, in den mit brandenden Fluten umströmten Häusern zu, bis endlich am Morgen die Wasser sich senkten und die Gefahr vorüber war. 79 Um der Wiederholung einer solchen Katastrophe zu entgehen, bedurfte es einer schleunigen Abhülfe, und La Nicca begab sich daher noch im Spätjahr 1834 nach Puschlav, um für die Korrektion des Poschiavins und seiner Zuflüsse und dessen direkter Leitung in den Puschlaversee die nötigen Vorstudien zu machen. Nach seinem Plane und unter seiner Leitung wurde das Werk im Jahre 1835 ausgeführt. La Nicca teilt in einem Aufsätze, den er über die Wasserverheerungen an der Splügen- und Bernhardinerstraße vom Jahre 1834 in der schweizerischen Zeitschrift für das Bauwesen im Jahrgange 1837 geliefert hatte, Folgendes mit: „Straßenstrecken von einer halben bis einer ganzen Stunde „Länge, viele der großem und kostspieligern Brücken, Wuhren „und Mauerwerke wurden gänzlich zerstört. Auch konnte für „die Straße an vielen Orten die alte Richtung nicht mehr beibehalten werden, weil die Gewässer alles Erdreich bis aus „den nackten Felsen weggespült hatten, so daß man sie auf die „andere Thalseite verlegen mußte, wodurch man genötigt wurde, „neue Brücken zu bauen. Auf einer Ausdehnung von 31 „Stunden war die Straße an 72 Stellen gänzlich zerstört, „teilweise Beschädigungen gab es noch eine größere Zahl. „Es mußten 24 Brücken neu gebaut werden. Um die „vorläufige Verbindung herzustellen, mußte die Notstraße an „vielen Orten auf hölzernen Brücken angelegt werden, die auf „Stühlen ruhten, welche an den Bergabhang angelehnt, mit „eisernen Klammern an den Felsen befestigt wurden. Solche „Straßenbauten wurden l3 erstellt, von welchen einige 100 „bis 200 Fuß Länge hatten. Auf dem südlichen Abhänge „des Splügens und im Misoxerthale waren die Verheerungen am „größten. In Roveredo wurden 20 Häuser von der Moesa „fortgerissen, die Thalebene von Soazza teilweise in einen „See verwandelt, teilweise mit Schutthaufen hoch aufgefüllt." 80 Nichts destoweniger konnte die Straße im Kanlon Graubünden bis zur tessinischen und lombardischen Grenze schon am 19. September, also nur einen Monat nach der Katastrophe wieder dem Verkehr übergeben werden, wogegen der gründliche Wiederaufbau der Straße mehr als zwei Jahre erforderte. Die Hochwasser hatten ebenfalls im Livenerthal grauenhafte Verheerungen hinterlassen. Zur Linderung der Notlage, die dieser Wasserschaden in den hievon betroffenen Landes-' teilen hervorgerufen hatte, erließ die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft einen Aufruf an das Schweizervolk zur Spendung von Liebesgaben und ernannte zur Empfangnahme derselbe» ein Hülfskomitee, an dessen Spitze die Herren von Wys und Nahn Escher sich befanden. Diesem Aufrufe wurde durch Einsendung von vielen und großem Beitragen freudig entsprochen, so daß das Hülfskomitee im Falle war, für den Schaden, den sowohl ärmere Privaten, als auch Gemeinden erlitten hatten, namhafte Entschädigungen zu gewähren. Das Hülfskomitee ließ die Zerstörungen im Livernerthal durch Experten untersuchen und beauftragte sodann La Nicca, für die Gewässer dieses Thales einen rationellen Korrektionsplan zu entwerfen, welchem Gesuche er auch Folge leistete, eine Aufgabe, welche ihn zu verschiedenen Reisen nach diesem Thale veranlaßte. 9. Kapitel. Das schöne, fruchtbare Domleschgerthal war schon beim Beginn des 19. Jahrhunderts durch öftere Ueberschwemmungen des Rheins heimgesucht worden. Dieselben wurden durch die Schlammlawinen verursacht, die der am Ausgange der Viamala in den Rhein sich ergießende Nolla bei jedem in seinem Gebiet niederfallenden andauernden oder heftigen Regen dem Rheine zuwälzte. Hiedurch wurde das Flußbett des Rheines mehr und mehr erhöht, so daß bei jedem höhern Wasserstand derseleb austrat und das umliegende Land verheerte. Obwohl es nach der Sage nicht lange her sein soll, daß der Nolla ein friedliches Bächlein gewesen, über welches die Jugend von Tschapina (einem nahe an der Nolla gelegenen Dorfe) sich gegenseitig Bälle zugeworfen habe, so wird uns doch im „Neuen Sammler" des Jahrganges 1805 eine Chronik der Nollaausbrüche mitgeteilt, nach welcher dieser Wildbach mit seinen schwarzen Gewässern schon im Jahre 1705 und von da an immerfort, mit längern oder kürzern Unterbrechungen, nicht nur Güter zerstörte, Häuser bedrohte und Brücken wegriß, sondern auch den Rhein dergestalt staute, daß er die Güter bei Sils verheerte. Im Jahre 1806 erschien ebenfalls im „Neuen Sammler" von Joh. Friedrich v. Tscharner eine treffliche Schilderung der Nollagegend und der drohenden, sich mehrenden Gefahren, denen die ganze Gegend, wenn nicht Abhülfe geschaffen werden könne, entgegen gehe. Was er prophetisch vorausgesagt hatte, ging auch ganz und gar in s 82 Erfüllung. Zwar hatte er nicht ganz tauben Ohren gepredigt, denn die Bündner Regierung veranlaßte Herrn Hans Konrad Escher von der Linth, eine Besichtigung des Wildbaches vorzunehmen. Allein schon damals war für den unsaubern Gesellen der gute Rat teuer und wurde nichts zu dessen direkter Bezwingung vorgenommen. Durch den Bau der Commerzialstraße, die dem Berg- abhange entlang steten Rutschungen und im Thale den Ueber- schwemmungen ausgesetzt war, trat die Korrektionsfrage dringend auf, obwohl die Bedrängnis, in welche die Rheingemeinden durch den Verlust des größten Teiles ihres Areals gerieten, schon eine genügende Mahnung hiesür enthielt. La Nicea hatte festgestellt, daß nur durch eine das ganze Thal entlang konsequent durchgeführte Wuhr- und Dammanlage den Verheerungen gesteuert werden könne; daß bei partiellen Arbeiten immer wieder das Erstellte ein Opfer der Ueberschwemmung werde und daß bei der allgemeinen Ansicht, nur 'den gesährdeten Punkt jedes Mal zu bewuhren, man alles Geld und alle Arbeit vergeude. Und doch konnte und wollte der Große Rat nicht solche Summen bewilligen, wie sie eine rationelle Korrektion des Domleschgerrheins erforderte. In dieser Notlage nahm La Nicca zu dem Verfahren Zuflucht, das man seiner Zeit beim Linthunternehmen mit Erfolg angewendet hatte; er suchte eine Aktiengesellschaft zu bilden, die Gelder in Aktien darlehnte und welche dann durch Anteile des gewonnenen Bodens hiefür entschädigt werden sollte. Obwohl es nicht au gemeinnützigen Personen und Korporationen fehlte, die sich durch Uebernahme von Aktien am Werke beteiligten, so war doch dieser Zuschuß zu gering, im Vergleich zu den großen Kosten, welche dasselbe erforderte. Es war ein harter Kampf gegen die Natur, wie gegen die Verhältnisse, in welche sich La Nicca hier eingelassen hatte, aber mit der Schwierigkeit wuchs stets seine Thatkraft und Hingabe. Er achtete seine 83 Gesundheit gering, wenn es galt, bei Hochwasser sich der Unbill der Elemente auszusetzen; er rechnete nicht mit der Zeit, die er in dieser Angelegenheit verwendete. Die Rhein- koreektion wurde für 8a Nicca geradezu ein Schmerzenskind, denn die meisten seiner Mitbürger hielten seine Ansicht, daß dem Uebel durch geeignete Dispositionen gesteuert werden könne, für eine Utopie und in Wahrheit war das Unternehmen, angesichts der großen Schwiengkeiten, die die Natur, besonders durch den Nolla, ihm entgegenstellte, mehr aber noch durch den Mangel an finanziellen Mitteln, die eine so große Arbeit erheischte, ein fast hoffnungsloses. Und dennoch blieb ihm die innere Ueberzeugung, daß die Abhülfe der Verheerungen eine ihm von Gott verordnete Aufgabe sei, der er mit der ganzen Hingabe seines Gemütes und mit der Zähigkeit seiner unerschöpflichen Thatkraft sich widmete. Im Jahre 1828 entwarf und veröffentlichte er ein vollständiges Projekt für Bewuhrung und Kulturfähigmachung des ganzen verheerten Gebietes. Nach diesem Projekte sollte das Korrektionsgebiet in zwei Sektionen geteilt werden und die obere Sektion zwischen Thusis und der Einmündung der Albula in den Rhein noch vorerst für die Ablagerung des groben Nollageschiebes unberührt bleiben, bis sich das Flußbett der untern Sektion soweit gebildet und vertieft hatte, daß die Stoßkraft des Rheines größere Geschiebsmassen unbeschadet der Korrektion'fortzuführen vermochte. Für die untere Sektion von der Albula bis zur Rothen- brunnerbrücke, in einer Länge von 7 Kilometer, waren acht große, sogenannte Anschlemmungsdämme vorgesehen, die an geeigneten Stellen, von einer Berglehne des Thalgrundes zur andern, das verheerte Gebiet quer durchschnitten und nur in der neu projektierten Flußlinie dem Rheine einen Durchgang offen ließen. An dieser Stelle wurde der bloß aus Geschiebs- material aufgeworfene Damm gegen den Angriff des Wassers 84 durch einen festen, aus Stein gebauten Wuhrkopf geschützt, der in einer Lange von 30 Metern stromaufwärts und 15 Metern stromabwärts den Fluß zwang, das projektierte Rinnsal einzuhalten und zu bilden. Diese Vorkehrung hatte den Zweck, den Strom bei Hochwasser ungehindert zwischen die Dämme eindringen zu lassen und dort große Seen von gestautem Wasser zu bilden, in welchen er sein Geschiebe ablagerte und das Terrain erhöhte, und sollte dann erst, nach Maßgabe dieser Erhöhung, das Rinnsal zwischen den Wuhrköpfen mit niedrigen Längswuhren geschlossen und diese successive erhöht werden. Nachdem dann das neue Flußbett sich gebildet hatte und das Hinterland vor Zerstörungen gesichert schien, sollte das ganze Gebiet durch Anschlemmung kulturfähig gemacht werden, und war für das große linksseitige Korrektionsgebiet die Anlage eines Anschlem- mungskanales aus dem schlammreichen Nolla vorgesehen. Die Kosten der Korrektion waren zu 265,288 Bündner- gulden, das zu gewinnende Land zu 1,517,000 Quadratmeter oder 776 Hektaren berechnet. An den Leiden dieses Thales waren alle Bewohner desselben durch Gemeinwerke und Steuern beteiligt, diejenigen am meisten, deren Grundbesitz der Zerstörung anheimgefallen war oder von derselben bedroht wurde. Unter den angesehenen Familien des Domleschgs schenkte wohl die Familie Konradi von Baldenstein dem Unternehmen das größte Interesse. Eine Dame dieser Familie, Frau Margaretha von Jecklin, die in der schwer bedrohten Gemeinde Rodels wohnte und der die Leiden derselben schwer auf dem Herzen lagen, hatte für La Niccas Bestrebungen ein volles Verständnis. Da dieser sich häufig in diese Gegend begeben mußte, in der sich kein Gasthof befand, so nahm er um so dankbarer die Gastfreundschaft an, die ihm im Jecklin'schen Hause in Rodels geboten wurde, wo er Aufmunterung, Verständnis und Milhülfe für sein 85 Unternehmen und stets eine geistbelebende und herzerquickende Unterhaltung fand. La Niccas Bemühungen für die Rheinkorrektion blieben nicht ohne Erfolg, und wenn auch die Geldmittel, die durch Aktienbeteiligung ausgetrieben werden konnten, sich als durchaus ungenügend erwiesen und bald ganz versiegten, so war der Kanton durch die stets bedrohte Staatsstraße in einer Weise interessiert, daß er die Ausführung des Werkes der Aktiengesellschaft abnahm und trotz wiederholten im Großen Rate gemachten Versuchen, dasselbe fallen zu lassen, es ftetsfort unterstützte und der Vollendung näher brachte. Nach La Niccas Austritt aus dem Kantonsdienste wurden die Korrektionsarbeiten dem trefflichen Oberingenieur und spätern eidgenössischen Oberbauinspektor Adolph von Salis übertragen und durch die nachfolgenden Oberingenieure fortgesetzt. Durch das Bundesgesetz, das dem Bunde das Recht erteilt, öffentliche gemeinnützige Werke zu unterstützen, konnte das Unternehmen durch Bundessubsidien kräftig unterstützt werden, so daß dasselbe, soweit es sich um Bewuhrung des Rheines und Sicherung des Landes handelt, heute als vollendet dasteht. Ein saftiges Grün von Laub- und Nadelholz deckt den ganzen, einst von Geröll und dürren Sandsteppen überführten Thalgrund, und sind große Strecken Landes in fruchtbare Wiesen und Aecker umgeschaffen. Die Rheinufer sind nun so vollkommen gegen Einbrüche geschützt, daß die rhätifche Eisenbahngesellschaft es wagen durste, ihr Bahntrac6 in unmittelbarer Nähe des Flußufers demselben entlang anzulegen. Auch der gefürchtete Nolla ist durch die vielfachen Verbauungen und Thalsperren ein friedlicher Geselle geworden. Ein Bewässer- ungs- und Anschlemmungskanal führt seine mit vorzüglichem Material gesättigten Gewässer von Thusis aus durch die ganze linksseitige Korrektionsanlage, wodurch für den Sandboden in kurzer Zeit eine reichliche Humusschicht gewonnen und eine befruchtende Bewässerung dem kultivierten Boden hinfort stets 86 zu teil we> den ' kann. La Nicca aber bleibt das Verdienst, daß er das Werk unter den hoffnungslosesten Umständen und trotz der allgemeinen Opposition begonnen und mit unerschütterlicher Energie fortgeführt hat. Keine persönlichen Vorteile haben ihn zu den unzähligen Opfern bestimmt, die er demselben gebracht hat, sondern der edelste Trieb seiner Gesinnung, hie- durch zum Wohle der Mitbürger und des Vaterlandes zu wirken. Das Jahr 1835 versetzte La Nicca durch eine Ueber- steigung des Valserberges abermals in Lebensgefahr. La Nicca befand sich im April mit Landrichter Vieli, dem Regierungsabgeordneten, in Bewuhrungsangelegenheiten in Vals, einem Seitenihale des Lungnez. Dringende Geschäfte ließen die beiden Herren eine beschleunigte Heimkehr wünschen. Obwohl an jenem Tage, dem 27. April, das bis dahin günstige Wetter sich zu verändern drohte, so veranlaßten sie doch die beiden für diese Reise engagierten Führer, die gerne einen guten Lohn verdienen wollten, den gefährlichen Uebergang nach Hinterrhein zu wagen. Anfangs schien der Himmel sich aufhellen zu wollen, und so stiegen die vier Männer, trotz des frisch gefallenen Schnees, mutig während einigen Stunden den Berg hinan. Als sie sich in einer beträchtlichen Höhe befanden, sahen sie sich plötzlich vom dichtesten Nebel umgeben, heftiges Schneegestöber trat ein, es wurde so dunkel, daß sich die vier Männer in nächster Nähe wie Schatten vorkamen und, um sich nicht zu verlieren, sich so nahe als möglich an einander halten mußten. Längst waren alle Spuren, die sonst den Führern die Richtung des Weges bezeichneten, verschwunden, die vollständige Verfinsterung verhinderte jeden Ueberblick über die Gegend Die beiden Führer erklärten, sie könnten den Weg nicht mehr finden und es sei zu befürchten, daß sie beim Weitergehen auf Gletscherspalten geraten könnten und fingen an, sich einer völligen Verzweiflung hinzugeben. In dieser kritischen Lage erinnerte sich La Nicca an die Boussole, 87 die er bei sich trug. Die Gesellschaft schien sich eben auf einem Plateau zu befinden, und indem er seine Boussole betrachtete, wies er den erschrockenen Männern die Richtung nach Süden, auf der sie unzweifelhaft nach dem Rheinwalde gelangen müßten. Wirklich begann es bergabwärts zu gehen. Nach einem angestrengten Marsche gelangten sie endlich zu einem schwarzen Gegenstand, es war eine Alphütte, die die Führer mit Jauchzen umgingen; nun kannten sie den Weg, nun waren sie gerettet, und glücklich und wohlbehalten langte die Gesellschaft nach zwei weitem Wegstunden in Hinterrhein an. Im Juli 1835 wurde vom Großen Rate Graubündens der Bau der obern Kommerzialstraße, die von Chur über Parpan nach dem Oberhalb stein und von dort über den Julier nach dem Engadin und über den Maloja nach dem Bergell führt, beschlossen. Den ganzen Herbst hindurch, bis in den Winter hinein mußte La Nicca seine Zeit den Aussteifungen für diese Straße widmen. Nach den im Winter verfertigten Plänen wurde alsdann im Frühling 1836 der Bau der obern Straße auf allen Punkten kräftig begonnen und bot La Nicca das ganze Jahr hindurch eine reichliche Beschäftigung. Das Jahr 1837 sollte gleich bei seinem Beginn ihm eine freudige Aufmunterung und Anregung, im Verein mit seinen Fachgenossen, bringen, eine Erfrischung, der er um so mehr bedurfte, als er sich im Vorjahre unausgesetzter Arbeit hingegeben hatte. Das Jngenieurfach hatte seit einer Reihe von Jahren eine steigernde Entwicklung erfahren. In den meisten Schweizerkantonen befanden sich vorzüglich gebildete, praktische Ingenieure. Unter denselben nahm wohl Negrelli den ersten Platz ein. . Derselbe, ein geborner Oesterreichs, war im Anfang der Dreißiger Jahre Oberingenieur des Kantons St. Gallen. Dort baute er die Ruppenerstraße, die von St. Gallen über Trogen nach Altstätten führt und anderes mehr. La Nicca, der früher in St. Gallen die meisten Straßen projektiert und ausgeführt hatte, trat bald mit Negrelli 88 in freundschaftliche Verbindung, was bei der Interessengemeinschaft der beiden benachbarten Kantone St. Gallen und Graubündcn in Bezug auf Straßen und BewuhrungSanlagcn sebr zu begrüßen war. La Nicca zog bei wichtigen Fragen Negrclli öfters zu Rate. Aber auch unter den Schweizern gab es ausgezeichnete Ingenieure und Architekten, die die nun allgemein notwendig gewordenen Straßen, sowie alle andern zur Verbesserung des Landes und für öffentliche Zwecke notwendigen Bauten zu projektieren und auszuführen hatten. Diese Männer fühlten, wie ein gegenseitiger Austausch ihrer Erfahrungen, ein Zusammenwirken zur Förderung gemeinsamer Interessen und eine gegenseitige geistige Anregung für ein immer weiteres Fortarbeiten in dem Fache des Bauwesens allen not thue, und so beschlossen sie, einen allgemeinen schweizerischen Ingenieur- und Architektenvei ein zu gründen. Die erste Versammlung dieses Vereins fand am 25. Januar 1837 in Aarau statt. La Nicca nahm auch an derselben teil. Ingenieur Ehrenberg eröffnete die erste Versammlung mit einer geistreichen Rede. Ingenieur Oberst Pestalozzi (der Aeltere) wurde sodann zum Präsidenten des Vereins gewählt, dessen Leistungen und Bestrebungen in der von Ehrenberg in ausgezeichneter Weise redigierten Wochenschrift ein vortreffliches Organ besaß. Nachdem die ersten Versuche des Dampfwagens auf Eisenschienen von vollständigem Erfolg gekrönt worden waren, schien es nicht mehr zweifelhaft, daß dieses neue Beförderungsmittel dem Verkehrswesen die unberechenbar größten Vorteile bringen werde. Staatsmänner und Ingenieure widmeten der Eisenbahnfrage daher ein steigendes Interesse. Allenthalben wurden Eisenbahnprojekte gemacht. La Nicca hatte bisher mit seinen besten Kräften sich dem Straßenbau zugewendet, um sein schönes heimatliches Gebirgs- land dem großen Verkehr zu öffnen, und so war es denn begreiflich, daß eine Beförderungsweise, die alles bisherige weit 89 überflügeln sollte, ihn unendlich interessieren mußte. Wenn Graubünden seinen Transit erhalten wollte, so mußte, nachdem es für die Alpenstraßen so viele Opfer gebracht hatte, um das Errungene nicht einzubüßen, nun mit dem neuen Systeme, mit den Eisenbahnen gerechnet werden. Wie weit man dieselben ins Gebirge hinaufzuführen im stände sein werde, darüber konnte sich, nach den erst in der Ebene erzielten Resultaten, noch kein Ingenieur Rechenschaft geben. Nichtsdestoweniger legte er sofort Hand ans Werk und suchte sich dabei den Rat eines erfahrenen Kollegen. Er schrieb an seinen Freund Regierungsrat v. Beischlag in Nürnberg, mit dem er seit seinem Münchner Aufenthalt stets in freundschaftlicher Verbindung geblieben war. Nürnberg war die Wiege der deutschen Eisenbahnen. Wir entnehmen der Antwort Beischlags vom Juli 1837 mit Erstaunen, wie weit damals schon die Eisenbahnprojekte für Bayern vorbereitet waren. Beischlag gab La Nicca über alles bereitwillig Auskunft und benutzte diese Gelegenheit, um La Nicca seinen Landsmann Ingenieur Hartmann zu empfehlen, der eben im Begriffe war, die Stelle des Bauinspektors des Kantons St. Gallen zu übernehmen. Mit Hartmann trat La Nicca sofort in Verbindung und es gelang den beiden Ingenieuren bald, die Männer der beiden Kantonsregierungen für das Eisenbahninteresse anzuregen. Die Regierung von St. Gallen verständigte sich mit derjenigen von Graubünden dahin, daß die beiden Oberingenieure gemeinschaftlich in ihrem Auftrage Vermessungen für eine Eisenbahn zwischen Chur und Wallenstadt und zwischen Weesen und Schmerikon vorzunehmen hätten, und dieser Weisung wurde dann sofort von den beiden Ingenieuren Folge geleistet. La Nicca erhielt diesen Auftrag durch kleinrätliches Schreiben vom 18. April 1838. Die bündnerischen Staatsmänner strebten, der alten Tradition getreu; den Verkehr über die bündnerischen Berge Zürich zuzuwenden. Man dachte vorerst, die Bahnlinie 90 an die Wasserstraße der beiden Seen anzuschließen. Auch der Handelsstand von Zürich und Chur hatte seine Blicke auf die Anforderungen besserer Verkehrsmittel gelenkt und vereinigte sich zu einer gemeinsamen Besprechung im Januar 1838. Hartmann und La Nicca wurden sich aber immer mehr bewußt, daß, um selbstthätig Eisenbahnen zu bauen, es not thue, sich neben dem Studium praktische Anschauungen zu erwerben. Die beiden Freunde beschlossen daher, bei ihren Regierungen um einen Urlaub für eine Studienreise nach Belgien und England einzukommen, in welchen Ländern man eben begonnen hatte, größere Eisenbahnlinien auszuführen. La Nicca schrieb nun an Herrn v. Efra nach Gotha und bat ihn um Empfehl» ungen nach Brüssel, da durch die nahe Verwandtschaft der beiden Höfe, des coburg-gothaischen und belgischen, er von dieser Seite am ehesten seinen Zweck, die amtliche Erlaubnis zur Besichtigung der belgischen Bauwerke zu erlangen hoffte. Er erhielt von Efra folgendes Schreiben: Brief von Efra, als Antwort auf La Niccas Gesuch um Empfehlung nach Brüssel. „Mit Vergnügen eile ich, mein sehr verehrter Freund, „Ihre Wünsche bezüglich einer Empfehlung an die belgischen „Kunstverwandten zu erfüllen, indem ich mich wahrhaft freue, „Ihnen dabei durch meine eigene Erfahrung und durch die „Verbindung unseres herzoglichen Hauses mit dem Seiner „Majestät des Königs der Belgier nützlich sein zu können. (Von Efra gibt La Nicca die Adressen und weitere Anweisungen; unter erstern ist Baron v. Diskan, Ordonnanzoffizier Seiner Majestät des Königs, Conway soerotair äu roi und der Herren Ingenieure de Ridela und Simons. — Dann fährt er fort): „Die Anlage der Eisenbahn ist, wie Sie sehen werden, nur durch das Terrain, wie bei Ihnen, schwierig, 91 „in Belgien großenteils ganz leicht. Sehen Sie alles, mein „verehrter Freund, Sie werden großen Genuß davon haben, „aber dann kommen Sie zu uns und machen Sie die Studienreise nicht ohne über Coburg und Gotha zu gehen. Immer „habe ich den Austrag des Herzogs, meines gnädigsten Herrn, „Sie freundlichst einzuladen; Sie finden uns ganz ruhig am „Kamine sitzend, denn wir bauen leider gar nichts und werden „ganz neidisch, wenn wir von der Ausführung immer großartigerer Werke hören, die Sie, als wäre es gar nichts, vornehmen. Damit Sie aber die freundlichen Gesinnungen des „Herzogs erkennen mögen, werden Sie von ihm selbst an den „König Leopold empfohlen werden, worum ich ihn heute bitten „will. Auf der Durchreise nach Bonn versäumen Sie nicht, „unsere beiden hoffnungsvollen Prinzen aufzusuchen, die dort „studieren, „Mit wahrer Hochschätzung und Freundschaft „der Ihrige Efra." In Brüssel, wohin die beiden Ingenieure sich zuerst begaben, wurde ihnen durch Baron Diskan, Adjutant des Königs der Belgier, welchem La Nicca ein Empfehlungsschreiben von Efra zugesandt hatte, die gewünschte Berücksichtigung zu teil- Es wurde ihnen Gelegenheit geboten, die persönliche Bekanntschaft des Chefs der belgischen Eisenbahnbauten zu machen, der ihnen den Zutritt zu allen Eisenbahnbauten und Einrichtungen gestattete. Hartmann und La Nicca folgten nun den Eisenbahnlinien, wobei sie manche komische Abenteuer erlebten. In einem Dorfwirtshaus, wo sie zu übernachten gedachten, hielt man sie für Landstreicher und wollte ihnen kein Quartier geben; erst als sie ihre Zeche mit blankem Golde bezahlten, hatte man Zimmer frei. 92 Brief an Cäcilie. „Antwerpen, 2. Juli 1838. „Wir waren heute Vormittag nach unserer Art fromm, „denn wir besuchten den ganzen Vormittag die Kirchen. Du „mußt wissen, daß man nirgends so viele schöne, in gotischem „Styl erbaute Kirchen antrifft, als in den Niederlanden. „Antwerpen hat wohl deren am meisten auszuweisen, die verdienen, besucht zu werden, besonders von demjenigen, der ein „Freund von schönen Gemälden ist. Die Kirchen sind mit „solchen nicht überladen, sondern beinahe nur mit Meisterwerken „geziert. Die Gemälde Rubens, dieses genialen Malers, der „Ritter und Gesandter war, zieren die meisten Kirchen, vorzüglich das Museum. In diesem brachten wir den Nachmittag zu und konnten nicht satt werden." „4. Juli. „An Bord des Dampfers Abfahrt von Antwerpen, halb „ein Uhr. Lebe wohl, du stattliches Antwerpen, mit deinen „großen geschichtlichen Erinnerungen, mit deinen hohen Türmen, „besonders deinem herrlichen Dome. Der Abschied war schön. „Am großen Hafen längs der Scheide eine Menge Volkes „und die zahlreichen Segel, die wie ein Wald über die Häuser „emporstreben. Trotz etwas Gegenwind fuhren wir ruhig dahin „ und überflügelten bald ein anderes, vor uns abgefahrenes Dampfschiff. 4?/4 Uhr kamen wir bei Vlissingen vorbei, einer festen „schönen Stadt. „Abends nachdem wir die Sonne mit unsern Blicken bis „ins Meer begleitet hatten, gingen wir zum Thee. Der „Sonnenuntergang war nicht so glänzend, wie wenn der Horizont ganz heiter ist, aber doch schön, denn schwarze Scheiben „umgaben die blutrote Sonnenkugel. Nach ihrem Untergänge „war die Beleuchtung herrlich bis 10 Uhr, und noch bemerkt „man die Leuchte. Jetzt, wo ich dir schreibe, ist es 11 Uhr. „Du schläfst schon mit unsern lieben Kleinen, und ich schwimm? 93 „mitten auf dem Meere. Schlafe aber nur ruhig und ohne „Sorgen, denn die See ist ganz ruhig und der Himmel ganz „heiter und der volle Mond lächelt fo lieblich herab, daß man „sich kaum entschließen kann, das Verdeck zu verlassen und in „das enge Bett der Kajüte hinabzusteigen." „5. Juli, morgens 6 Uhr. „Ein Sonnenstrahl weckte mich; ich begab mich aufs „Verdeck. Siehe, wir haben schon zu beiden Seiten Land, wir „sind schon ein Stück weit durch die Themse hinaufgefahren. „Wir sind in Gravesend. Unser Schiff fährt so schnell, daß „es alle übrigen Dampfschiffe überholt. Welche Menge von „Schiffen links und rechts; wenn es hier so zugeht, wie wird „es erst in London sein. „9 Uhr Woolwich links, Greenwich rechts, mit seinem „grandiosen Jnvalidenhaus. Was sind dort neben der Themse „für Wälder von Segeln. Es sind die Häfen der Ost- und „Westindischen Schiffe, und doch- ist die Themse noch ganz be- „deckt mit segelnden und ankernden Schiffen. Da kommen „Dampfschiffe 2, 3—9 und dort oben sind noch eine Menge „rauchend zur Abfahrt bereit. „Durch einen langen Wald stehender und sich durchkreuzender Schiffe fuhren wir nach London hinauf. Der „Eindruck dieser Einfahrt ist unbeschreiblich, vielleicht der „schönste in London." Aus einem Brief La Niccas an Baron Diskan in Brüssel: „Nach vollendetem Besuch sämtlicher Eisenbahnen Belgiens „schiffte ich von Antwerpen nach London über. Auch in England bereiste ich die vorzüglichsten Eisenbahnen, uns obschon „ich im Ganzen von der Großartigkeit der Bauwerke auf „diesem Jnsellande überrascht wurde, so fand ich doch auch „manches unter meiner Erwartung; auch so veischiedene Konstruktionen an Eisenbahnen und Wagen angewendet, daß ich „schon hieraus schließen mußte, diese Kunst sei auch in Eng- 94 „land noch lange nicht ausgebildet. Allein hier stehen dem „Ingenieure Summen zu Gebote, wie in keinem andern Lande, „und so bezwingt er durch Geld die Schwierigkeiten, und „achtet sie um so weniger, weil sie ihm Gelegenheit geben „zur Anlegung glänzender Bauwerke, die er vielleicht bisweilen „durch tieferes Studium hätte ausweichen können." In England war es besonders die eben im Bau begriffene Liverpooler Linie, die unsere Ingenieure mit besondern: Interesse verfolgten. La Nicca an Cäcilie. 18. Juli auf der Nordsee. „Hier bin ich wieder mitten auf der unruhigen Wasser- „fläche und lasse mich von dem teuern England hinüber- „schaukeln in das mir unbekannte Frankreich. Es soll mich „wundernehmen, welchen Vergleich ich am Ende zwischen diesen „beiden großen Nationen herausbringe. Die Engländer waren „früher nicht meine Leute. Der Stolz und zum Teil auch „die Rohheit verschiedener Engländer, mit denen ich etwas hart „zusammentrat, hatte mein Urteil über dieses Jnselland etwas „ungünstig gestimmt. Daher fürchtete ich, meine Reise auf „dasselbe werde mich noch mehr in dieser Stimmung bestärken. „Das kann ich nun nicht sagen, vieles gefiel mir bei ihnen „und wer weiß, ob ich mich nicht in vieler Beziehung angebogen gefühlt hätte, wenn ich länger auf diesem Eilande ge- „lebt und seine Sprache gelernt hätte. So gern ich kam, um „seine Werke zu sehen, ebenso gern und noch lieber verließ ich „es, um nach Frankreich zu reisen und in die liebe Heimat „zurückzukehren." „Havres, 19. Juli 6 Uhr. „Hier bin ich nun auf dem festen Land und kein Meer „ist ferner zwischen uns, meine Geliebte. Ich werde nun „vorwärts eilen, so rasch wie möglich, diese Nacht durchreisen, „um morgen in Paris einzutreffen. Dort auf Wiedersehen." 98 „Paris, den 28. Juli. „Dieser geschichtliche Tag, an den mich gestern die auf „dem kont nouk aufgepflanzten Fahnen erinnerten, mahnte „mich, daß es nun Zeit sei, heimzureisen. Du glaubst nicht, „meine Liebe, wie viel Zeit man in so einer Stadt braucht, „wo alles so weit auseinander liegt, um dasjenige zu sehen, „was man wünscht und weil ich mir vorgesetzt hatte, nicht „abzureisen ohne meinen Zweck erreicht zu haben, so mußte „ich in Brüssel, London und hier länger verweilen, als ich es „mir vorstellte." „Lyon, den 6. August. „Morgen verreise ich von hier nach Genf und von dort „aus habe ich vor, durch Wallis bis Brieg zu reisen und dann „zu Fuß über die Gebirge auf den Gotthard und von da „nach Splügen zu gehen, um wo möglich auf kürzester Linie „bei meinen Arbeiten einzutreffen. Man wird vielleicht meinen, „meine Abwesenheit habe zu lange gedauert; mir erscheint sie „auch lange, allein zu vollkommener Erreichung meines Zweckes „wäre eine Abkürzung unmöglich gewesen." Nach seiner Rückkehr suchte La Nicca durch verdoppelte Thätigkeit die kantonalen Arbeiten zu fördern. So sehen wir ihn hauptsächlich bei der neuen Engadiner-Bergellerstraße beschäftigt. Das Jahr 1839 brachte dem Kantone neuen Wasserschaden, so daß neben den in Aussicht genommenen Straßenbauen die Herstellung der beschädigten Werke an Straßen und Wuhrungen La Nicca viele Arbeit verursachte. Nebenbei betrieb er eifrig seine Eisenbahnstudien, welche ihn veranlaßten, im Juli dieses Jahres ein Konzessionsgesuch für eine Eisenbahn durch den Kanton Graubünden an den Großen Rat zu richten. — 96 — Zu diesem Schritte, der wohl etwas verfrüht erscheinen mag, hatte ihn ein ähnliches Verlangen von Ingenieur Volta aus Como gedrängt, der schon damals den kühnen Plan entworfen hatte, durch den Splügen einen Tunnel zu bohren, und so die italienischen und schweizerischen Eisenbahnen zu verbinden. 10. Kapitel. Schon in den Jahren 1838 und 1839 hatte sich La Nicca vielfach mit der Linth beschäftigt, teils weil eine erweiterte Kanalisation derselben ihm für den Warenverkehr vorteilhaft erschien, teils auch weil sowohl dort als bei der Glarner Linth die hydraulischen Fragen, die man zu lösen bemüht war, ihn sehr interessierten. Auch war er von Seiten der Linthkommission schon zu wiederholten Malen mit Aufträgen und Untersuchungen im Bereiche des Linthunternehmens beehrt worden. Durch den Weggang Ingenieur Negrellis wurde nun im Frühling 1840 die Stelle des technischen Mitgliedes der Linthkommission vakant und der Vorort, der über das Linthwerk das Aufsichtsrecht ausübte, ernannte hiefür La Licca Am 10. Mai nahm er zum ersten Mal an der Versammlung derselben in Rapperswyl teil. Bevor wir aber über La Niccas Wirksamkeit am Linth- werke berichten, lassen wir einen kurzen geschichtlichen Ueber- blick über dasselbe vorangehen. Die Linth und ihre Nebengewässer hatten im Laufe des 18. und beim Beginn des 19. Jahrhunderts den Thalgrund von Mollis bis zum Walensee und von dort gegen den Zürchersee hin durch ihre häufigen Ueberschwemmungen zum großen Teil in Sandboden und Moräste verwandelt. Die Anhäufung von Schutt und Geröll im Linthbette verhinderte, besonders bei Hochwasser, den Abfluß des Walensees, so daß letzterer sich ungeniein ausdehnte, die Gestade überschwemmte 98 und die umliegenden Ortschaften unter Wasser setzte. Der Sumpfboden, der durch die Überschwemmungen entstand, erzeugte bei den unglücklichen Bewohnern vielfache Krankheiten, und die Einbuße an kultivierbarem Landareal bedrohte überhaupt ihre Existenz. Schon im Jahr 1783 entwarf Ingenieur Lang von Bern im Auftrage der Tagsatzung, an die fortwährend die Klagen über den Notstand der See- und Linth- anwohner gelangte, einen Korrektionsplan der Linth, nach welchem dieselbe in den Walensee geleitet werden sollte. Allein dieses Projekt kam nicht sofort zur Ausführung, und als bei der Wende des Jahrhunderts politische und kriegerische Stürme über die Schweiz hereinbrachen, konnte von dieser Korrektion nicht die Rede sein. Nachdem aber durch die Mediationsverfassung die Paci- fikation des Landes erfolgt war, wendete I. Conrad Escher der Linthkorrektion sein ganzes Interesse und seine volle Thatkraft zu. Seiner Initiative ist es zu verdanken, daß die Tagsatzung vom Jahre 1804 dieselbe als ein Nationalwerk anerkannte und Escher beauftragte, durch einen Aufruf das Schweizervolk zu einer Anleihe von 320,000 alten Schweizersranken aufzufordern, die zur Ausführung des Werkes als hinreichend betrachtet und in Aktien ü Fr. 200 ausgegeben wurde. Den Aktieninhabern wurde bis zur Deckung aller aus der Unternehmung erzielte Nutzen zuerkannt. In kurzer Zeit wurde dieses Anleihen um ein Fünfteil überzeichnet. Die einflußreiche Stellung, die Escher als Staatsmann und Gelehrter einnahm, sicherte dem Unternehmen zum voraus das allgemeinste Zutrauen und die Beihülfe der angesehensten Männer. Landammann Schindler von Glarus und Oberst Stehelin von Basel machten sich ebenfalls durch ihre Teilnahme am Linthwerk sehr verdient. Dem badischen Rheinwuhr- inspektor Tulla wurde der Entwurf des Korrektionsprojektes 89 übertragen, der im Verein mit Escher dasselbe feststellte. Das Projekt bestand aus zwei Hauptteilen: 1. der Kanalisation der Linth von der Näfelser Brücke nach Weesen und deren Einleitung in den Walensee; 2. Leitung der Linth nebst dem frühern Seeausflusse der Maag durch einen Kanal in den Zürchersee. Korrektion der Nebengewässer, um ohne Gefahr für die Hauptkanäle von denselben aufgenommen zu werden und Entsumpsung des Landes durch Seitenkanäle. Escher übernahm dann ganz die technische Leitung und Ausführung der Korrektion, wozu ihn seine vielfachen geologischen und hydraulischen Kenntnisse und sein genialer Scharfsinn vollkommen befähigten. Mit bewunderungswürdiger Ausdauer, Hingebung und Thatkraft überwand er die unzählbaren Hindernisse, die das Mißtrauen der Bevölkerung, der Ueber- wille der Arbeiter und die Schwierigkeiten der Arbeit der Ausführung des Werkes entgegenstellten. Diejenigen Leser, welche sich für die Baubeschreibung des Projektes interessieren, verweisen wir auf den vorzüglichen Bortrag, den Herr Ingenieur Legier über dasselbe bei dem im Jahre 1866 in Glarus versammelten Ingenieur- und Architektenverein gehalten hat, der im Jahrbuch des historischen Vereins des Kantons Glarus erschienen ist und welchem wir diese hier mitgeteilten technischen Notizen entnommen haben. Escher führte das Werk weiter aus, als es von der Tagsatzung vom Jahr 1804 in Aussicht genommen worden war, wodurch die Baukosten sich höher beliefen, als sie am Anfang berechnet waren und eine weitere Aufnahme von Aktien gemacht werden mußte, so daß dieselben die Zahl von 4000 erreichten. Der Erfolg der Korrektion entsprach vollkommen den Erwartungen. Mehr und mehr wurden die Uebelstände gehoben; das Seebecken senkte sich; die Kanalisation der Linth verhinderte deren Austreten. Die Sümpfe wurden ausgetrocknet,, das Land 100 wurde angeschlemmt und zur Kultur verwendbar. In diesem Zustande befand sich das Unternehmen, als der edle I. Conrad Escher noch im besten Alter im Jahr 1823 durch den Tod Hinweggerufen wurde. Im Laufe der Jahre stellten sich aber, trotz der Verdauung verschiedener in die Linth einmündender Wildbäche, Anhäufungen von Schutt und Geröll in dem Glarner Linth- kanal ein, die das Flußbett erhöhten, wodurch die Wuhrungen gegen jeweilige Hochwasser sich als zu niedrig erwiesen und fortwährend erhöht werden mußten. Dessen ungeachtet fanden öftere Ueberschwemmungen und Beschädigungen der Wuhrungen durch Ausbrüche des Flusses statt. Es mußte alles angewendet werden, um das Linthwcrk vor einem drohenden Niedergänge und Verfalle zu schützen. Unter diesen schwierigen Verhältnissen trat La Nicca im Jahr 1840 als technisches Mitglied in die Linthkommission ein. Die von La Nicca unternommene Prüfung des Linth- werkes ergab, daß zur vollständigen Herstellung desselben ein totaler Umbau vorgenommen werden mußte. Die Linthkommission beaufragte ihn ein neues Projekt zu entwerfen, nach welchem die in Aussicht genommene Korrekten ausgeführt werden sollte. Der Molliser Kanal war nach dem Projekte Tullas nicht bis in die Seetiefe, sondern nur bis zum damaligen Seegestade ausgeführt worden, wodurch er nicht das genügende Gefäll erhielt, um das Geschiebe fortzuführen und sich dasselbe neuerdings im Flußbette anhäufen mußte, was auch in erschreckender Weise geschehen war. Der Molliser- oder Escherkanal mußte, um ein gehöriges Gefäll zu erhalten, um 4600 Fuß verlängert und der untere Teil des alten Laufes anders gerichtet, umgebaut und in die Seetiefe fortgeführt werden. In dieser Kanalfortsetzung läuft nun, wie Legier sagt, die Linth vollkommen geschlossen mit großer Kraft bis zur Seetiefe, so daß die Strömung auch 101 trotz aller Seerückschwellung weit in den See hinaustreibt. Das alte Bewuhrungssystem wurde durchaus abgeändert und durch neue rationellere Wuhrungen ersetzt, analog denjenigen, die bei der Domleschger Rheinkorrektion Anwendung gefunden hatten, bei welchen ein gleichmäßiges Gefäll durch den ganzen Kanal hergestellt werden konnte. Während man diese Bauten am Escherkanal ausführte, wurde auch der Linthkanal einer durchgehenden Korrektion unterworfen. Der obere Teil desselben wurde durch Ausbaggerung vertieft, die Flußbreite bei den Windeckfelsen durch Sprengung erweitert, sodann die Ausmündung des Walensees korrigiert, um dort jede Anhäufung von Schlamm zu verhindern und der Schifffahrt eine genügende Waffertiefe zu verschaffen. Die Entsumpfung der Ebene zwischen dem Walen- und Zürchersee, welche von dem Linthkanal durchzogen wird, wurde fortgesetzt. Im Jahr 1858 faßte die Linthkommission den Beschluß, die zur Vollendung des Linthwerkes noch erforderliche Korrektion des untersten Teiles des Linthkanals mit seiner Einmündung in den Zürchersee ausführen zu lassen, mit welcher dann auch die Entsumpfung der Gegend zwischen Tuggen und Reichenbach verbunden war. Diese Korrektion wurde in den sechsziger Jahren durch Herrn Ingenieur Legier vorgenommen. Herr Legier war im Jahr 1845 als Ingenieur für das Linthwerk ernannt worden; unter La Niccas Oberaufsicht führte er dessen Projekt aus. Bei Uebernahme des Linthwerkes durch das eidgen. Baudepartement im Jahr 1863 wurde Legier die Direktion desselben übergeben. Seinen fortgesetzten Bemühungen ist dessen Fortbau und vorzügliche Unterhaltung zu verdanken. Sind die Verdienste La Niccas um das Linthwerk auch nicht mit denjenigen Eschers vergleichbar, so hat er doch durch sein Projekt und die Thätigkeit, die er demselben zuwendete, 102 die Schöpfung Eschers, die dem Verfalle zusteuerte, vor demselben gerettet und den blühenden und gesicherten Zustand, in welchem sich dasselbe jetzt befindet, begründet. Das Linthwerk brachte La Nicca mit dem edeln Sohne des Gründers, dem berühmten Naturforscher Arnold Escher von der Linth, in nähere Verbindung, die sich zu einer wahren herzlichen Freundschaft entwickelte. Arnold Escher war eines der thätigsten Mitglieder der Linthkommission. An den hydraulischen Untersuchungen nahm er oft persönlichen Anteil und ließ sich von La Nicca, mit dem er eine fortgesetzte Korrespondenz unterhielt, stets vom Stande des Unternehmens Bericht erteilen. Das Dorf Felsberg, in welchem La Nicca seine Knaben- und Jugendjahre verlebt hatte, war von Mitte der dreißiger Jahre an während einem längern Zeitraume durch einen vom Hauptgebirge durch tiefe Spalten sich ablösenden Felskopfe bedroht, von welchem öfters gewaltige Felsmassen bis in die unmittelbare Nähe des Dorfes hinabstürzten. Es lag schon in La Niccas Aufgabe, als kantonaler Oberingenieur die Oertlichkeit, von welcher eine solche Gefahr ausging, zu untersuchen. Das Gleiche geschah auch von andern Sachkennern, welche alle übereinstimmten, daß diese Felsspalten naturgemäß sich immer mehr erweitern und die ganze Felspartie in nicht langer Zeit hinunterstürzen werde. Die Ausdehnung dieses Felssturzes war so beträchtlich, daß bei einem Gesamtnieder- sturze das Dorf jedenfalls verschüttet worden wäre. Die Bewohner desselben befanden sich in einer trostlosen Lage. Bei den häufig sich wiederholenden Felsabstürzen getrauten sie sich nicht im Dorfe zu schlafen, weshalb sie außer demselben an einem sichern Orte bretterne Nothütten errichteten, in welchen sie die Nacht zubrachten, die aber gegen die Unbill der Wittterung zu wenig Schutz boten, so daß die Unglücklichen noch dazu sich manche Krankheit zuzogen. Es mußte denselben schleunige Hülfe gebracht werden. La N.icca war es, der mit Oberst Ulrich von Planta, Bundespräsident v. Pestalozzi die Initiative ergriff. Es wurde ein Komitee von gemeinnützigen Männern gebildet. Dasselbe sammelte Liebesgaben, mit welchen nebst einer Subvention des Kantons es möglich wurde, in einer dem alten Dorfe nahen gefahrlosen Ebene, welche aber zuvor noch vor dem immer drohenden Rheine durch gute Bewuhrung geschützt werden mußte, ein neues Dorf anzulegen. Die Gemeinde besaß zu ihrem Glücke damals in Pfarrer Ludwig einen Seelsorger, der die Leiden derselben mutig und gläubig mittrug, seine Pfarrkinder zum wahren Gottvertrauen anfeuerte, Gaben bei seinen Freunden sammelte und bei allen Vornahmen des Hülfskomitees sich beteiligte. La Nicca war unermüdet thätig, den unglücklichen Dorfbewohnern, für die er eine treue Anhänglichkeit empfand, mit Rat und That beizustehen; er war wirklich ihr Trost und ihre Stütze. Nicht nur setzte er sein Leben oft in Gefahr, indem er die durch und durch zerklüfteten, zerrissenen und zum Absturz geneigten Felsmassen häufig erklomm, um deren Veränderungen und Bewegungen zu beobachten, sondern er entwarf auch den Bauplan für die neue Dorfanlage, die Wuhrungen und die neue Brücke und sorgte dafür, daß alles nach Vorschrift ausgeführt wurde. Gottes Hand hat indessen schützend über diesem Dorfe gewaltet. Das weiche Terrain der Schutthalde, über welches sich die gewaltigen, von Zeit zu Zeit niederstürzenden Felsablösungen wälzten, hemmte ihren Anprall und verminderte die Geschwindigkeit ihres Falles, wodurch sie, ohne das Dorf zu erreichen, in der Ebene liegen blieben, die sich dort an den Calanda anlehnt. Die Tüchtigkeit, die La Nicca bei seinen Wasserbauten bekundete, veranlaßte die Vorbereitungsgesellschaft der Jura- 104 gewässerkorrektion, ihm das große schwierige Werk anzubieten, ein Projekt für die Korrektion der Flüsse und Seen und die Entsumpfung des großen Moorlandes, die dieses Unternehmen umfaßt, zu entwerfen, was durch ein Schreiben vom 12. September 1840 geschah. Die Aufgabe, vor die er sich hier gestellt sah, war eine so große und verantwortliche, und doch wieder eine so höchst interessante und Erfolg versprechende, daß es einer reiflichen Ueberlegung bedurfte, bevor er sich zu der Annahme dieses Auftrages entschloß. Doch endlich siegte der Wunsch, seine Kenntnisse und seine Arbeit auch diesem Werke zuzuwenden und den Versuch zu wagen, ob es ihm gelingen möchte, dem Lande zur Abhülfe seiner Kalamitäten zu verhelfen. Er schrieb am 6. Oktober an den Präsidenten der Gesellschaft, Dr. R. Schneider, daß er den Auftrag annehmen und sich zu weitem Besprechungen im Laufe des Herbstes nach Bern begeben werde. Schneider antwortete ihm am 13. Okt. unter anderm: „Die von der Direktion auf Sie gefallene Wahl hat „überall den günstigsten Eindruck gemacht und viele, welche „bereits schon wieder an dem Gelingen zweifeln wollten, „fassen neuen Mut. Und weiter: Ihre Uebernahme zur Herstellung eines Projektes für die Juragewässerkorrektion verleiht dem Unternehmen, an dem schon mancher Ingenieur „ratlos dagestanden, neues Leben und erfüllt überall die „zweifelnden Gemüter mit Vertrauen." Das schweizerische Hülfskomitee erteilte La Nicca im Herbst dieses Jahres den Auftrag, sich abermals in die Gebiete des Tessins zu begeben, für die er schon, wie oben berichtet, einen Korrektionsplan entworfen hatte, der aber noch nicht zur Ausführung gekommen war, als das Hochwasser von 1839 den alten Verwüstungen neue hinzufügte. Auch nach dem Wallis war er zur Besichtigung der im Jahre 1839 in arger Weise das Land verheerenden Rhone von diesem Komitee 105 beordert worden. Um nun diese beiden Inspektionsreisen bequem mit einander zu verbinden, schlng er vom Langensee aus den Weg nach dem Simplon ein. Er unterwarf die seinerzeit durch Napoleon I. erbaute Straße seiner Kritik. Neben seinen Randbemerkungen über den Straßenbau und die Bewuhrung der Wildbache schildert er in seinen kurzen Reisenotizen mit Entzücken die Schönheit jener Gegend. Im Wallis unternahm er die ihm aufgetragene Untersuchung der Rhone, nach welcher er sodann für das Hülfs- komitee ein Korrektionsprojekt ausarbeitete. So hatte La Nicca für das kommende Jahr 1841 schon eine reiche Thätigkeit in Aussicht, wozu ihm für das kantonale Bauwesen neue Aufgaben bevorstanden. Nachdem schon im Jahr 1840 der Bau der Oberländerstraße begonnen worden war, wurde vom Großen Rate im Sommer 1841 der Bau der Prättigauerftraße beschlossen. Bei derselben kam die Korrektion der Landquart ganz besonders in Betracht. Dieser Fluß hatte die Gegend von Schiers bis zu seinem Einflüsse in den Rhein in bedenklicher Weise verwüstet; eine ausgedehnte Landstrecke war mit Schutt, und Geröll bedeckt, welche dem oft angeschwollenen Flusse zum Spielraume gelassen werden mußte. Die nach La Niccas Projekt ausgeführte Landquartkorrektion hat dieses ganze Gelände wieder für die Bodenkultur zurückerobert. Ein Teil desselben wurde durch den gemeinnützigen Nationalrat A. v. Planta sel. eingebaut und kultmfähig gemacht. La Nicca hatte, da die Aufgaben für die baulichen Bedürfnisse des Kantons sich von Jahr zu Jahr mehrten und seine Arbeitskraft schon lange nicht mehr hinreichend war, denselben allein zu genügen, mehrere ausgezeichnete Mitarbeiter erhalten. So vorerst Ingenieur Ulisses von Gugelberg, der dem Kanton die ausgezeichnetsten Dienste geleistet hat. Dann trat — 106 auch im Jahr 1839, nachdem er seine Studien in Wien vollendet hatte, Ingenieur Adolf von Salis, späterer bündne- rischer Oberingenieur und nachmaliger eidgenössischer Oberbauinspektor in den Kantonsdienst. Auch der ehemalige schweizerische Minister in Rom, Simeon Bavier, stand längere Zeit als Bezirksingenieur unter La Niccas Direktion, ebenso der nachmalige Oberingenieur F. v. Salis. Noch manch andere tüchtige Kräfte wären zu erwähnen, die sich unter La Niccas Leitung praktisch ausgebildet hatten. In diesem Jahre erging von der Regierung des Kantons Thurgau an La Nicca das Gesuch, ihr seine Ansicht über den geeignetsten Ort abzugeben, der für die Erbauung eines Haupthafens am thurgauischen Gestade des Bodensees dem immer mehr wachsenden Verkehr mit Deutschland entsprechen würde. Bis jetzt wurden die deutschen Waren hauptsächlich über Utwyl und Botighofen eingeführt und hatte sich daher auch die für die Untersuchung dieser Frage beauftragte kantonale Kommission für Beibehaltung des einen oder andern dieser Hafenplätze, zur Erweiterung für einen Haupthafen, entschieden. Allein bevor die Regierung dem Großen Rate diesen Vorschlag zur Annahme empfehlen wollte, hielt sie es für zweckmäßig, noch ein Gutachten über diese Angelegenheit bei La Nicca einzuholen. Derselbe erklärte sich entschieden gegen die alten Hafenplätze und bezeichnete für die Erbauung eines Haupthafens die schöne Seebucht von Romanshorn als den weitaus günstigsten Punkt. In seiner Eingabe an die Regierung war diese Ansicht von so schlagenden Beweisen beleuchtet, daß der Große Rat sich für Romanshorn entschied. 11. Kapitel. Nachdem 8a Nicca im Jahre 1841 eine Kur in Cann- statt gemacht hatte, begab er sich von dort über Nürnberg und Regensburg nach Wien. Er war im Vorjahre von einem österreichischen Ingenieur zur Begutachtung einer Schrift über die Anlage eines Donaukanals bei Wien aufgefordert worden, und nun drängte es ihn, diese wichtige hydraulische Frage an Ort und Stelle einer Prüfung zu unterwerfen. Der Hauptzweck für seine Reise nach Wien waren aber wieder Eisenbahnstudien. Oesterreich war der erste Staat, welcher Eisenbahnen in Gebirgsgegenden anlegte; von Wien aus wurde eine Bahn über den Semmering und durch Steiermark gebaut, welche durch La Niccas Freund Negrelli projektiert und ausgeführt wurde, wodurch sich ersterem die günstigste Gelegenheit darbot, diesen Eisenbahnbau mit allen seinen Einrichtungen gründlich zu studieren. Auf seiner Reise nach Wien machte er die Bekanntschaft des damaligen badischen Oberpostdirektors von Mollenbeck, der von seiner Regierung nach Wien gesandt worden war, um mit Oesterreich über den Abschluß eines Postvertrages zu unterhandeln. Die beiden Männer begegneten sich in ihren Bestrebungen. La Nicca beschäftigte sich auch mit dem Gedanken, daß es für die Eidgenossenschaft sehr wünschenswert wäre, wenn sich die Kantone zu einem allgemeinen Post- und Zollverein einigen würden, um auch dem Ausland gegenüber mit mehr Nachdruck auftreten, überhaupt allgemeine und bessere Posteinrichtungen für die Schweiz treffen zu können. Wir finden in einigen seiner Briefe an Schneider und seinen Schwager Hößli diese Ideen niedergelegt. La Nicca hatte im Frühling 1842 sein Projekt für die Juragewässerkvrrektivn vollendet und dasselbe nach Bern eingesandt. Nachdem er im Herbst von seiner Reise nach Oesterreich zurückgekehrt war, erhielt er von Schneider die erfreuliche Kunde, daß in der am 5. November in Neuenburg stattgehabten Generalversammlung der Iuragewässerkorrektionsgesell- schaft sein Projekt in den Hauptzügen angenommen worden sei. Schneider schreibt an La Nicca folgendes: Bern, 10. November 1842. „Schon sind vier Tage vorüber seit der Versammlung in „Neuenburg, und noch habe ich mich nicht recht sammeln „können. Meine Freude ist eine fast kindliche, nicht sowohl „über die genommenen Beschlüsse, als über den Geist, der die „Versammlung durchdrang und bewegte über den Enthusiasmus, „mit welchem von Ihrem Berichte und Ihren Anträgen gesprochen wurde. „Bei Tische, wo über 200 Personen zusammen saßen, „wurde Ihrer in Toasten auf verdiente und verbindliche Weise „gedacht und Ihnen mit Begeisterung ein donnerndes Lebehoch „gebracht. Und dann die vielen Briefe, die ich erhielt und „die Ihres Berichtes erwähnten. So schreibt mir Herr Schenk: „Den technischen Wert von Herrn La Niccas Arbeit zu „beurteilen, überlasse ich den Männern vom Fach; ich meinerseits schätze in derselben die vaterländische und humane Seite, „die Gesinnung des Mannes, der sich einer so riesenhaften „Bemühung unterzogen hat, im Hochgefühle der großen Idee, „abgesehen davon, ob dieselbe je Verwirklichung gewinne." „Neben diesen Stimmen des Beifalls gab es natürlich „auch wieder manche, die ihre Bedenken über das Projekt „geltend machten." — 109 Efras Aussage, die er im Jahre 1839 in einem den belgischen Empfehlungsschreiben beigelegten Briefe La Nicca kund gab, war durchaus richtig. Die Herren von Gotha blieben aber nicht immer so ruhig am Kamine sitzen, denn schon nach drei Jahren wurde die Eisenbahn zwischen Halle und Eisenach über Weimar und Gotha projektiert. Der Herzog ließ La Nicca anfragen, ob er die technische Leitung dieses Baues übernehmen würde. Es war Oberbaurat Glenk, der in dieser Angelegenheit die Ordre seines Herrn besorgte. Wir entnehmen dem Briefe Glenks folgende Stelle: „Wenn es zu der Erleichterung eines Entschlusses beitragen könnte, so darf ich Ihnen mit vollster Ueberzeugung „sagen, daß der Herzog Ihnen diejenige Hochachtung zollt, „welche Sie überhaupt so allgemein, aber auch so verdient „genießen, ja ich darf Ihnen wohl sagen, daß der so außerordentlich liebenswürdige Herzog eine wahre tiefe Anhänglichkeit an Sie bewahrt und dieselbe bei jeder Gelegenheit mit „dem innigsten Vergnügen zu erkennen gibt." Aber so ehrend dieses Zutrauen für La Nicca war und so vorteilhaft seine Zukunft durch eine Versetzung nach Deutschland sich hätte gestalten können, so war doch sein Entschluß, seine Kräfte ferner seinem Vaterlande zu widmen, durchaus fest und lehnte er eine Berufung nach Gotha ab. Die Schweiz bot La Nicca damals manigfache Gelegenheit, seine Kenntnisse in schönster Weise zu verwerten. Die Korrektion der verschiedenen Gewässer, die seiner Leitung unterstellt waren, ließen ihn Aufgaben lösen, die eine durchaus geniale Auffassung und Behandlung erforderten. Mit der weitblickenden Ueberzeugung, daß in der Schweiz ein Verkehrszentrum zwischen Norden und Süden erstellt werden könne, widmete er sich mit steigendem Eifer den Eisenbahnstudien und suchte für seine Ideen überall Anknüpfung. Da das Vaterland ihm ein so reiches Programm in Aussicht stellte, wie konnte er da demselben untreu werden? — 110 — Aber die Verlockung, ihn dem bündnerischen Boden zu entreißen, sollte sich in diesem Jahre nochmals für ihn wiederholen. Durch die Juragewässerkorrektion war er mit den Männern der Berner Regierung in nähere Verbindung getreten. Mit Regierungsrat Schneider, der als Präsident der Juragewässerkorrektions - Gesellschaft an diesem Unternehmen einen so großen Anteil nahm und demselben sich in so ausgedehnter Weise widmete, trat er bald in sehr freundschaftlichen Verkehr. Harmonierende Geistes- und Geinütsanlagen, Gemeinschaft der Bestrebungen und Anschauungen, verbanden die beiden Männer bald zu aufrichtigster Freundschaft. Da nun im Jahre 1841 die Stelle eines Oberingenieurs des Kantons Bern zu besetzen war, so wurde Schneider beauftragt, La Nicca conftdentiell anzufragen, ob er diese Stelle annehmen würde. Aber auch hier wurde er gewahr, daß er den Mittelpunkt, von dem seine Thätigkeit ausging und auf den sie sich zürückbezog, durch die Annahme der ihm dargebotenen Stelle zu sehr verrücken würde. Trotz der bescheidenen Besoldung gewährte ihm sein Amtsverhältnis in Bünden eine Freiheit der Bewegung auch nach Außen, die ihm schwerlich anderswo in diesem Maße gestattet worden wäre. Aber noch hatte er eine vaterländische Pflicht vor Abschluß des Jahres zu erledigen. Das schweizerische Hülfskomitee, sowie die Regierung von Uri hatten ihm den Auftrag erteilt, die infolge großer Verheerungen dringend notwendig gewordene Korrektion der Reuß zu untersuchen und über dieselbe sein Gutachten abzugeben. Noch im November machte er an Ort und Stelle die Vermessungen. Der Entwurf des Projektes und die Ausführung der Pläne beschäftigten ihn neben den Arbeiten für das Linthwerk den Winter hindurch. Bei den vielfachen Berichten?,über seine Berufsthätigkeit würden wir unsern Freunden aber nur den halben Mann zeigen, wenn wir sie nicht auch einmal in das stille Heim einführten, in welchem La Nicca als Hausvater lebte. Er, sowie seine Gattin zogen eine in freier gesunder Umgebung ländlich gelegene Wohnung einem elegantem Stadtlogis vor, sie bewohnten daher einen Teil des der Familie von Tscharner gehörenden Hauses zur St. Margrethe in Chur. Da La Nicca daselbst ein kleines Grundstück, Garten und Weingarten besaß, so konnte die Familie bei besserer Jahreszeit sich stets im Freien aufhalten, wodurch die Kinder von jeglichem Umgang mit der Gassenjugend bewahrt blieben. La Nicca mußte seine ganze Zeit und Kraft seinem Berufe widmen, wobei er häufige und oft längere Abwesenheiten machte, und so lag alles, was den Hausstand und die Erziehung der Kinder belangte, ganz in den Händen Cäcilies, die mit vollster Hingebung und Aufopferung nur ihrem Wirkungskreise lebte. Vor allem lag es ihr am Herzen, ihre Kinder gut zu erziehen, besonders auch Vertrauen und Aufrichtigkeit in denselben zu wecken und zu erhalten. Die Erscheinung des Vaters in den Familienräumen war stets eine festliche. Er war meistens recht heiter und aufgeräumt, wenn er nach angestrengter Arbeit bei seiner lieben Frau und seinen Kindern, sich erholend, ausruhte. Bei Tische führte er stets eine anregende Unterhaltung. Seine Rückkehr von einer Reise war für die Familie immer ein freudiges Ereignis; manchmal gab es für die Kinder kleine Geschenke, aber ohne diese war ihnen die ersehnte Anwesenheit des Vaters Geschenk genug. Nun gab es viel Neues zu hören, denn von seinen Erlebnissen wußte La Nicca anziehend zu berichten, und wie viele Gelegenheit boten ihm dazu seine Reisen, besonders in einer Zeit, wo nur selten jemand zu reisen Pflegte. Im Sommer 1843 folgte La Nicca der Einladung einer ' Unternehmungsgesellschaft, die sich die Austrocknung der sumpf- 112 igen Gegend zwischen Lucca und dem Meeresgestade zum Ziele gesetzt hatte, nach Mittelitalien. Er hatte schon im Frühling des Vorjahres diese Gegend besucht, um eine vorläufige Untersuchung über die in Aussicht genommene Unternehmung zu machen. Wir umgehen die lebendige Reisebeschreibung, die er in seinen Briefen den Seinigen gemacht hat, da Italien jetzt allgemein bereist wird, was damals nicht der Fall war Hingegen lassen wir ihn über die ihm gestellte Aufgabe selbst sprechen. So schreibt er : „Schon seit mehr als einem Jahrhundert ist die fruchtbare Ebene, in welcher die Stadt Lucca liegt, den Ueber- „schwemmungen des Serchio ausgesetzt und ein Teil mit einem „Sumpfe bedeckt. Ein anderer sehr großer Sumpf breitet sich „dem Meere entlang, westlich von Pisa bis nach Viareggio „aus und reicht nordwärts bis an den Fuß der südlichen Abstufungen der Appenninen. Hier finden sich noch Ueberreste „von Bädern aus der Zeit Neros, und es scheint, daß diese „Gegend zur Römerzeit ein ganz anderes Bild dargeboten „hat. Der Himmel ist hier aber noch der nämliche und mit „Hülse der Kunst kann ihr auch wieder ein Jugendkleid angezogen werden. Ich. hatte die Aufgabe, die Projekte für „diese wichtige hydraulische Operation, durch welche sehr viel „neues Land gewonnen und die verschiedenen Uebel gehoben „werden sollen, die teils auf luchesischem, teils auf toscanischem „Gebiete auszuführen sind, zu untersuchen und zu begutachten. „Weil die Korrektion auf dem Gebiete zweier Regierungen liegt, „die Jngeyieure derselben nicht immer gleicher Ansicht sind, „und jeder seinen Fürsten zu beeinflusse» sucht, so wird die „Ausführung mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden „sein. Nachdem ich meine Untersuchung abgeschlossen hatte, „fand ich mich in der Lage, vermittelnd einzugreifen; hoffe, „auch in dieser Beziehung mit Erfolg gearbeitet zu haben. 113 „Kaum war meine Ankunft in Lucca bekannt, so ließ „mich der Herzog zu sich rufen und empfing mich mit der „größten Freundlichkeit. Er ist ein lebendiger, geistreicher „Mann und hat eine gewisse anziehende Herzlichkeit, die den „Bourbonen sonst nicht eigen war. „Der Großherzog von Toscana, den ich in den Bädern „von Montecatini besuchte, ist etwas gemessener in Bewegungen und in seinen Aeußerungen, man merkt ihm so ziemlich „den Oesterreicher an. Auch er hat mich sehr herablassend „empfangen und mir den Platz neben sich auf dem Sopha „angewiesen, wo ich mich sehr lange, beinahe zwei Stunden „über die dortigen Operationen und auch mitunter über die „Juragewässerkorrektion, die mit der hiesigen Entsumpfung „manches gemein hat, unterhalten habe. „Ich reiste dann wieder nach Lucca zurück, wo ich dem „Herzog über das Geschehene Bericht gab und ihn ermunterte, „das große Unternehmen, welchem er sehr geneigt ist, thatkräftig zu unterstützen. „Nachdem solches geschehen und die übrigen Maßregeln „getroffen worden, gedenke ich ohne Aufenthalt, Tag und Nacht „reisend, nach der lieben Heimat zurückzukehren." Verschiedene wichtige Projekte entwarf La Nicca im Jahre 1844 für den Kanton Aargau, hievon ist besonders das Projekt der Aarbrücke bei Aarau zu erwähnen, sodann ein Korrektionsplan für die Aare auf dem Gebiete des obigen Kantons bis hinauf nach Solothurn und ein solcher für pen Einfluß der Aare in den Rhein bei Koblenz.. . .. . .. s Die Studien für die Juragewässerkorrektion, eine.Expertise an der Aare zwischen Thun und Bern und eine Inspektion an der Rhone veranlaßten La Nicca im Mai dieses Jahres zu einer Reise nach der Westschweiz. . ^ 8 114 In Bern wurde er von seinen Freunden aufs herzlichste begrüßt; die Korrektionsfrage hielt die Gemüter warm und nachdem er seine Aufträge daselbst erledigt hatte und von dort sich nach dem Korrektionsgebiete der Broye und Orbe begehen wollte, bewogen ihn seine Freunde, den Weg über Neuenburg zu nehmen, wohin ihn die Herren Schneider, Haas und Beyel begleiteten, da sie es für sehr wünschenswert hielten, daß neben den Diskussionen, die bei den Versammlungen stattfanden, La Nicca auch Gelegenheit zu einem freien Gedankenaustausch in einer geselligen Zusammenkunft sowohl mit Gönnern als Gegnern geboten werde. In Neuenburg bildete sich um die angekommenen Gäste bald ein interessanter Kreis von ausgezeichneten Männern, unter denselben Pros. Chambrier, de Montmollin, Fornachon, der berühmte Agasstz, Vogt, Suchard, Architekt Dieterich und andere. Bald bemächtigte sich die Unterhaltung der Zeitfragen. Was lag nicht alles in der Zukunft, das man bessern und herbei wünschen wollte. Bei der Geteiltheit und Zerrissenheit der Eidgenossenschaft hielt es schwer, irgend ein größeres Werk auszuführen, und doch rang alles mächtig nach Entwicklung und unaufhaltsam drangen die großen Aufgaben und Fragen an alle Herzen heran. Nicht allein galt es, den Naturelementen Schranken zu setzen, sondern alle jene Anforderungen zu befriedigen, die der erhöhte Bildungsstand und das immer höher gehende Kulturleben der europäischen Völker auch an die Schweiz stellten. Einheit in Post- und Zollwesen, das mußte den Eisenbahnen vorangehen und die Eisenbahnen mußten kommen, wenn man nicht gegen andere Länder zurückbleiben wollte. Es war die Ansicht vieler der hier anwesenden Männer daß sich die schweizerischen Kantone zur Erstellung eines Haupteisenbahnnetzes verständigen sollten und auch La Nieca teilte dieselbe. 115 Alle diese Fragen boten diesen Männern, die durch Geist und Bildung hervorragten, unter denen einige durch ihre Leistungen große Fortschritte auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik angebahnt hatten, reichen Stoff zu interessanter Unterhaltung. Die Untersuchungsreise durch das waadtlandische Ent- sumpfungsgebiet führte La Nicca sodann nach der Hauptstadt Lausanne, wo er am 19. Mai anlangte. Dort traf er alles in der größten Aufregung, denn eben war die Nachricht angelangt, daß die liberale Regierung des Kantons Wallis durch die Ultramontanen gestürzt worden sei. Die Führer der liberalradikalen Partei hatten einige Jahre vorher die konservative ultramontane damalige Regierung auf gewaltsame Weise entfernt und das Staatsruder in die Hand genommen. Jetzt hatte sich die konservative Partei wieder ermannt; die Ober- walliser und die Bewohner der Seitenthäler, in welchen sie den meisten Anhang hatte, zogen in bewaffneten Scharen nach Sitten, wo die liberale Regierung der Uebermacht ihrer Feinde weichen mußte. Die fanatischen Oberwalliser jagten der Bevölkerung des Unterwallis einen panischen Schrecken ein, und da ein Teil des Waadtländer Volkes mit den liberalen Unterwallisern sympathisierte, so wurde die Regierung von Waadt aufgefordert, den bedrängten Brüdern zu Hülfe zu kommen. Als 8a Nicca sich am 20. Mai dem Regierungsrat von Waadt vorstellen wollte, fand er denselben durch den in Eile versammelten Großen Rat so sehr in Anspruch genommen, daß er nicht vorgelassen werden konnte, weshalb er seine Zeit den Sehenswürdigkeiten Lausannes widmete und erst abends, als die Nichtintervention in die Walliser Angelegenheiten beschlossen worden war, vom Regierungsrate die für die Expertise an der Rhone erforderlichen Instruktionen erhalten konnte: 116 1. daß zu untersuchen sei, ob die Behauptung auf Thatsache beruhe, daß die in Genf beim Ausfluß der Rhone errichteten Wasserwerke den See in diesem Jahrhundert erhöht haben; II. ein Projekt für die Korrektion des untern, zum Gebiete des Kantons Waadt gehörenden Teiles der Rhone zu entwerfen. Nach vorgenommenen Studien mußte La Nicca die Erhöhung des Seespiegels im Laufe unseres Jahrhunderts verneinen. Zur Untersuchung der Rhone waren noch neben ihm Oberst Fraisse und Direktor Charpentier als Experten ernannt. Diese drei Herren begaben sich dann am folgenden Tage nach Bex und St. Maurice. Dieselben fanden auf ihrer Reise die dortige Bevölkerung in der größten Aufregung. Alte Straßen waren mit fliehenden Unterwallisern bedeckt, unter denselben befanden sich viele Weiber mit Kindern, die auf Fuhrwerken ihre Habseligkeireu mit sich schleppten und grauenhafte Dingz über die Unthaten ihrer Feinde berichteten. Die drei Ingenieure setzten nichtsdestoweniger ihre Reise fort, konnten aber auf ihrem ganzen Wege keinen Feind mehr entdecken und mußten daher annehmen, daß der Schrecken der Bevölkerung des Unterwallis unbegründet und die Berichte über die Gewaltthätigkeiten der Oberwalliser teils übertrieben, teils unwahr seien. Nichtsdestoweniger haben diese Scenen gesellschaftlicher Auflösung bei La Nicca den schmerzlichsten Eindruck hervorgerufen. Wie wohlthuend war es für ihn daher nach seiner Rückkehr aus dem Wallis, bei seinen Freunden Lütscher und Oberst Dufour in Genf einen Tag freundschaftlichen Austausches verleben zu dürfen. Die eben berichteten Vorfälle geben uns ein Bild von den damaligen, traurigen Verhältnissen der Schweiz. In verschiedenen Kantonen hatten gemalt- 117 same Regierungswechsel stattgefunden, bei welchen es oft nicht ohne Blutvergießen ablief. Zwei Parteien standen sich kampfbereit gegenüber; die liberale und radikale, die die Erweiterung der Volksrechte und festere Vereinigung der Kantone unter einander anstrebte, und diejenige der Ultramontanen, welche die Machtstellung der katholischen Kirche und die Beibehaltung, der alten staatlichen Einrichtungen beibehalten wollte, aus welch letzterem Grunde auch die evangelisch Konservativen dieser geneigt waren. Zwei Ereignisse hatten besonders eine große Erregung verursacht. Die Berufung der Jesuiten nach Luzern, Schwyz und Freiburg von Seiten der Ultramontanen, und die Aufhebung der Aargauer Klöster durch den liberalen Großen Rat des Kantons Aargau. Diese politischen Fragen erfüllten durch und durch alle gesellschaftlichen Schichten der Eidgenossenschaft; auch im La Nicca'schen Hause wurden dieselben lebhaft diskutiert. La Niccas Schwager, Landrichter Hößli, war ein Mann des strengen Rechtes, der keinen Einbruch in dasselbe dulden wollte; er stimmte als Tagsatzungsgesandter des Kantons Granbünden gegen die Klösteraufhebung. Aber trotz dieser brennenden Zeitfragen und der sich immer mehr erweiternden Kluft zwischen den beiden großen politischen Parteien, den jeweiligen Umwälzungen der Kantonsregierungen, lebte doch das Schweizervolk im Ganzen und Allgemeinen in vollem Hoffnungsgefühle, fast in einem Siegesbewußtsein, daß die Einigung der Eidgenossenschaft und das Anbrechen besserer staatlicher Verhältnisse gewiß und bald sich vollziehen werde. Diese Stimmung gab sich denn besonders auch beim Basier Schützenfeste im Jahre 1844 kund, bei welchem Anlasse La Nicca mit dem Schützenkomitee, das damals die eidgenössische Schützensahne nach Basel brachte, an diesem Feste teilnahm und in seinem Tagebuch eine lebendige 118 Schilderung des allgemeinen Enthusiasmus macht, mit dem die Schützenfahne auf ihrer Fahrt nach Basel allenthalben begrüßt worden war. Im April 1845 veranlaßte die Inspektion des Thuner Schleußenprojektes La Nicca zu einer Reise nach Thun. Er kam auf derselben gerade in dem Momente nach Zürich, als die infolge des Freischarenzuges in Eile nach Zürich zusammen- berufene Tagsatzung dort ihre Sitzungen abhielt. Nachdem im Kanton Luzern die liberale Partei von der Jesuitenfraktion verdrängt worden war, gelang es den ausgewiesenen Unterliegenden, ein beträchtliches Kontingent Gesinnungsgenossen aus den benachbarten Kantonen Aargau und Bern an sich zu ziehen, mit welchen sie gegen Luzern vorrückten. Schon hatten sie verschiedene strategische Punkte der Umgegend besetzt, um von denselben aus die Einnahme der Stadt zu bewerkstelligen, als die gut eingeübten Milizen der Regierung die undisziplinierten Scharen der Revolutionäre aus ihren Stellungen herauswarfen und zweitausend derselben als Gefangene nach Luzern führten, wo sie in harter Gefangenschaft gehalten wurden. Schwere Uebergriffe hatten sich beide Parteien zu Schulden kommen lassen, und die ganze Eidgenossenschaft wurde durch diese Ereignisse in die höchste Aufregung versetzt, umsomehr, als das gesamte Schweizervolk mehr oder weniger für die einen oder anderen Partei ergriff und neue Repressalien zu erwarten waren, wenn nicht sofort durch die Tagsatzung Abhülfe geschafft wurde. La Nicca besuchte in Zürich die stürmischen Tagsatzungssitzungen und reiste dann mit den beiden Tagsatzungsabgeordneten, seinem Freunde Landammann Näf und feinem Schwager Landrichter Hößli nach Luzern. Diese beiden Herren waren von der Tagsatzung mit der Mission betraut worden, mit der Regierung von Luzern über die Freilassung der gefangenen Freischaren zu unterhandeln. 119 Diese Gelegenheit gewährte La Nicca einen unparteiischen Einblick in die damals so überaus kritischen und gespannten Verhältnisse Luzerns und seiner Bundesgenossen. Er begab sich mit den Herren Abgeordneten in Begleitung einiger luzernischer Stabsoffiziere nach den Punkten, wo die Gefechte stattgefunden hatten, dem Gütsch rc., und wurde es ihm ebenfalls gestattet, die Gefängnisse, in welchen die Freischärler verwahrt wurden, zu besuchen. 12. Kapitel. Nachdem La Nicca seine Geschäfte in Thun und Bern beendet hatte und wieder nach Hause zurückgekehrt war, riefen ihn die Eisenbahnangelegenheiten nach Italien. Wir bleiben einstweilen hier stehen und nehmen den Faden der Eisenbahnbestrebungen, mit welchen sich La Nicca seit seiner Reise nach Belgien und England beschäftigt hatte, wieder auf, indem wir dieselben in ihrem Zusammenhange darstellen. Wir haben schon früher bemerkt, mit welcher Energie in den die Schweiz umgebenden. Ländern zu Ende der Dreißiger und Anfang der Vierziger Jahre Eisenbahnprojekte entworfen wurden und der Bau derselben begonnen worden war. In Staaten, in welchen nur eine Regierung alle Interessen und Hülfsquellen eines Landes in sich konzentriert, konnte die Ausführung der Hauptlinien sofort unternommen werden, dieselben waren meistens schon zum voraus durch die Verhältnisse bestimmt. Auch verfügten solche Regierungen über die erforderlichen Geldmittel, jedenfalls über den nötigen Kredit, der die Beschaffung derselben ihnen sicherte, sodann ließen sich in ebenen Ländern Eisenbahnen ohne allzugroße Hindernisse anlegen. Wie ganz anders war es in der Schweiz. Nicht nur die Beschaffenheit des Landes, sondern noch viel mehr die unendliche Zersplitterung seiner Verwaltung setzte der Ausführung die größten Schwierigkeiten entgegen. Bei nicht viel mehr als zwei Millionen Einwohner war die Schweiz in 25 Kantone geteilt, die in allen staats- 121 wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten vollkommen souverän waren. Wie wäre zu erwarten gewesen, daß bei der Uneinigkeit, die schon in politischen und prinzipiellen Fragen herrschte, man in Dingen, wo die materiellen Interessen sich manigfach zu durchkreuzen drohten, sich hätte einigen können, und woher das Geld nehmen, wenn es nicht gelingen konnte, durch Bahnlinien, die sich ans Ausland anschlössen, den großen ausländischen Kapitalisten eine entsprechende Rendite in Aussicht zu stellen? Dessenungeachtet ließen sich die gemeinnützig gesinnten Schweizer nicht abhalten, Mittel und Wege zu erforschen, die ihnen den Bau von Eisenbahnen ermöglichen sollten. La Nicca glaubte in seiner wahren patriotischen Gesinnung und unterstützt durch seine Freunde in Bern und der Westschweiz, daß es vor allem Aufgabe der Nation sei, die schweizerischen Städte mit einer Haupteisenbahnlinie zu verbinden, die auf der einen Seite von Basel über Zürich nach Chur, auf der andern Seite von Basel über Bern nach Genf sich ziehen sollte. Das industrielle Elsaß hatte schon den Bau einer Linie begonnen, die von Straßburg an die Schweizergrenze führte, als sich im Jahre 1839 die Gesellschaft für eine Zürich - Baslerbahn konstituierte. La Nicca begrüßte diese erste schweizerische Eisenbahngesellschaft mit warmem Interesse und legte derselben sein Nationalprojekt vor. Nachdem die schweizerischen Ingenieure behufs der leicht ausführbaren Richtung für die Verbindung der beiden Städte ihre Vorstudien gemacht hatten, wurde der englische Ingenieur Locke zur Begutachtung derselben berufen. Wir können aus diesem Projekte ersehen, wie ängstlich man damals zu Werke ging, indem man noch nicht wagte, die direkte Linie des Bötzberges zu wählen, sondern dieselbe in großem Bogen in den Stromebenen der Limmat, Aare und des Rheins gegen Waldshut und von dort nach Basel zu 122 bauen gedachte. Bald aber gewahrten die Basler, daß ihren Interessen mit dieser Linie, die sie nur mit Zürich verbinde und ihnen sozusagen gar keinen Anschluß an die übrige Schweiz gewähre, durchaus nicht gedient sei; sie bezeigten sich mehr und mehr zurückhaltend und lösten endlich ihre Verbindung mit Zürich aus, was zur Folge hatte, daß die Zürich-Basler- Gesellschaft ihre Liquidation beschloß. Basel arbeitete von nun an an seiner Bahn nach Ölten, wobei es sich den Verkehr nach der Westschweiz eröffnete und, was ihm noch wertvoller war, die Verbindung mit dem Gotthard sicherte. Die Zürcher konnten sich nun aber nicht entschließen, einen so lang gehegten Plan fallen zu lassen, um so mehr, als die badische Regierung ihnen Aussichten auf einen direkten Anschluß an ihre Bahnlinien eröffnete. Nach Abgang der Basler bildete sich daher in Zürich die Gesellschaft der Nordbahn, die am ersten Projekte einer Bahn nach Basel festhielt und mit demselben die Verbindung mit Chur und einem bündnerischen Alpenpasse anstreben wollte. Die Vorarbeiten, die La Nicca nach dieser Seite hin schon gemacht hatte, waren ihr gelegen, und so säumte denn auch die Direktion der Nordbahn nicht, mit La Nicca in Unterhandlung zu treten. An der Spitze des Komitees der Nordbahn befanden sich die Herren Direktor Martin Escher- Heß, Ott-Jmhof und Schultheß-Landolt. Wir teilen hier zwei Briefe mit; der erste ist von La Nicca an Direktor M. Escher gerichtet und lautet wie folgt: „Chur, den 13. Dezember 1841. „Hochgeehrter Herr I „Obwohl wir mit Bedauern die Auflösung der Zürcher-Basler- „Gesellschaft vernommen haben, so hat dieses doch bei uns den Gedanken angeregt, diese Angelegenheit nicht fallen zu lassen, sondern „dieselbe vielmehr in ausgedehnter Beziehung an die Hand zu nehmen. „Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, erlaube ich mir, Ihnen „einige Eröffnungen zu machen. 123 „Die Zürich-Basler-Eisenbahn hat, wie mir scheint, gescheitert „teils wegen besonderer innerer Verhältnisse, hauptsächlich aber weil „sie zu klein war, um das Interesse des Auslandes genügsam in An? „spruch zu nehmen, und doch zu groß für die eigenen inneren Kräfte „Sie war nur ein Teil jenes Gliedes, welches die Verbindung „der Nordsee mit dem Mittelländischen Meere auf dem kürzesten, bequemsten und billigsten Wege vermitteln sollte. Nur das ganze Glied, „welches noch an dieser europäischen Straße zwischen der Basler- „Straßburger und der Mailänder-Venezianischen Bahn fehlt, kann „ein lebhaftes Interesse und eine werkthätige Teilnahme der großen „ausländischen Handels- und Spekulationswelt gewinnen, so daß es „vielleicht eher möglich sein wird, die großen Summen der für einen „großartigen Verkehr erforderlichen Verbindung zwischen Basel und „Mailand aufzubringen, als die kleinere von Zürich nach Basel auszuführende Eisenbahn. Wenigstens ist der Gegenstand für die Schweiz „und namentlich für die längs der fraglichen Verbindungslinie gelegenen Kantone von so hoher Wichtigkeit, daß man die Mühe nicht „scheuen darf, einen Versuch zur Anbahnung eines Unternehmens unter „diesem erweiterten Gesichtspunkte zu wagen. In der hier gestern „stattgehabten Versammlung einiger Aktionäre der Baslerbahn, in „welcher die Ihnen wohlbekannten Herren Oberst U. von Planta, „Bundespräsident Bavier, Bürgermeister I. Friedrich von Tscharner „anwesend waren und in der auch der hiesige Spcditionsstand vertreten war, fand diese Ansicht allgemeinen Anklang und wurde mir „der angenehme Auftrag zu teil, Sie, dessen patriotischer Eifer und „vielseitig erprobte Geschäftskenntnis auch bei uns die verdiente „Anerkennung finden, hievon in Kenntnis zu setzen und Sie zu bitten, „auch die Direktion der Zürcher-Basler-Eisenbahn auf geeignete Art „von unserem Schritte zu unterrichten und dieselbe in den Fall zu „setzen, unser Vorhaben zu unterstützen. Dieses zielt nach der in „unserer Versammlung ausgesprochenen Ansicht dahin, eine Vorbe- „reitungsgesellschaft zu bilden, welche sich hauptsächlich mit der Lösung „folgender Aufgaben zu beschäftigen hätte: 1. Aufsuchung der vorteilhaftesten Richtung für die zwischen der Basier- und Mailänder-Bahn „herzustellenden Kommunikation (es folgen dann noch alle weitern „Bestimmungen, die die zu bildende Vorbereitungsgesellschaft zu übernehmen hätte). Im Hinblick auf unsere unlängst gehabte Unterredung darf ich hoffen, daß die Ansichten und Wünsche, welche ich „Ihnen hiemit zu eröffnen die Ehre habe, auch Ihrer Zustimmung „und Ihrer kräftigen Unterstützung sich zu erfreuen haben werde." 124 La Nicca hielt es aber für geraten, auch mit den west- schiveizerischen Eisenbahnprojekten Fühlung zu erhalten, überhaupt die Gesamtanlagen der schweizerischen Bahnen in einen natürlichen Zusammenhang zu bringen. Wir haben schon früher im allgemeinen über seine Eisenbahnbestrebungen berichtet, können aber zur Beleuchtung der Situation uns nicht versagen, einen Auszug aus einem interessanten Briefe von Schultheß-Landolt an denselben mitzuteilen: „Durch Herrn Beyel erhielt ich einige Kunde von dem, was Sie „in der westlichen Schweiz für die projektierte allgemeine schweizerische „Eisenbahngesellschaft eingeleitet haben. Infolge dessen wurde hier „von dessen Freunden (Regicrungsmitglicdcrn- eine Besprechung veranlaßt, welche aber mehr einen diplomatischen, als einen industriellen „Charakter anzunehmen schien. Als Bankier anwesend, äußerte ich „mich natürlich über die Wünschbarkeit der Sache und über meine „Hoffnung, Geld von seriösen Unterzeichnern zu erhalten, wenn Zins- garantie auch nur drei Prozent möglich wäre. Herr Beyel wurde „beauftragt, seine Notizen zu vervollständigen und nach einiger Zeit „wieder zu relatieren. Die Erfahrungen, welche man in den Bemühungen um die eidgenössischen Zollverhältnisse macht, wo Herr Beyel „sich wirkliche Verdienste erwirbt, sind nichts weniger als ermunternd, „auch das Eisenbahnwesen in diesen Kreis hineinzuziehen. Abgesehen „davon habe ich auch in der Zahl meiner Korrespondenten, von denen „ich das Geld suchen muß, nicht den erwünschten Anklang gefunden. „Man hat wohl nicht unbegründete Besorgnisse über den ungewissen „Erfolg, jedenfalls die lange Dauer der Unterhandlungen mit so „vielen Kantonen, von denen die meisten noch kein Expropriationsgesetz besitzen. Zeit verloren heißt aber unter den jetzigen Verhält- „nissen fast so viel wie alles verloren. Wir werden die Sache nach „folgenden Grundsätzen behandeln müssen: „1. Man entwirft einen allgemeinen, nach seinen Grundzügen gut „gewählten Plan schweizerischer Eisenbahnen, in dem Sinne, „wie Sie an Herrn Beyel geschrieben haben; „ 2 . man sucht in jedem der beteiligten Kantone ein Komitee nur „aus angesehenen patriotischen Männern, Kapitalisten und Sach- „verständigen zu bilden, welche die ihren Kanton betreffenden „Vorarbeiten der Techniker und Gesetzgeber thätig zu fördern suchen; 125 ,3. man halte weit entfernt die Idee einer eidgenössischen „Zentralkommission. Wir haben schon in unserm Basel-Zürich- „Eisenbahnausschuß viel zu viel erfahren, wie hemmend, ich „möchte sagen vernichtend diese Gegenüberstellung verschiedener „Kantonsrepräsentanten gewirkt hat; „4. man bleibe bei dem allein zum Ziele führenden Wege, das „Unternehmen da anzugreifen, wo man zuerst einen sichern „Vorteil erblicken kann. Stur ein solches Unternehmen darf „ich mit Ueberzeugung den Kapitalisten empfehlen und nur zu „einem solchen werden wir Geld bekommen; „5. in diesem Sinn ist das einzig praktisch Gute für die nächste „Zukunft, die Linie vom Rhein nach Zürich und deren Fortsetzung von Wallenstadt nach Chur. Das ist ja so einleuchtend „als möglich für den Techniker wie für ven Kapitalisten." Die in dem Briefe an M. Escher erwähnte Verbindung der Graubündner zur Förderung des Transitwesens konstituierte sich denn schon im folgenden Monat, im Januar 1842, unter dem Vorsitze von Joh. Friedrich von Tscharner, der mit staatsmännischer Einsicht und regem Eifer während seines Wirkens stets alle Kardinalpunkte, die zur wahren, gedeihlichen Entwicklung des Landes beitragen konnten, gefördert hatte, zu einer Vorbereitungsgesellschaft, zum Zwecke die möglichste Transportverbesserung für einen Haupthandelsweg zwischen dem Norden und dem Süden und dem Oriente durch die bündnerischen Alpenpässe anzustreben. La Nicca war bei derselben ein sehr thätiges Mitglied, sowie auch sein Freund Killias. Tscharner starb leider schon im Jahre 1844, was für die Entwicklung der bündnerischen Eisenbahn ein großer Verlust war. Die Transportverbesserungsgesellschaft hatte bei ihren Bestrebungen sich hauptsächlich dem Splügen zugewendet, und auch die Nordbahngesellschaft hatte diesen Paß für ihre Verbindungslinie mit Italien ins Auge gefaßt. Killias und La Nicca hatten daher schon seit 1842 sich bemüht, mit dem österreichischen Bauministerium in Verbindung zu treten und dasselbe für die Splügenroute als Anschluß an die venetianisch- 126 lombardischen Bahnen zu interessieren. Es liegt uns eine Korrespondenz zwischen Killias und dem Minister Bruck vor, die, wenn sie auch zu keinem Resultate führte, uns doch beweist, daß man auch in Oesterreich die Bemühungen der Bündner würdigte. Die lombardisch-venetianischen Eisenbahnen verursachten unter den ersten Gründern vielfache Zwistigkeiten, die aber bald durch die Uebernahme des Baues durch den Staat gelöst wurden. Da dem Privatunternehmungsgeiste hier die Thüre geschlossen wurde, so wendete sich daher eine Mailänder Gesellschaft, an deren Spitze sich Rotta-Vezoli befand und an welcher sich sehr reiche Mailänder und Genueser beteiligten, dem neutralen Boden der Eidgenossenschaft zu. Dieselbe bemühte sich vorerst, von der Regierung von Tessin die Bewilligung für Eisenbahnstudien in diesem Kanton zu erhalten, was ihr auch gestattet wurde. Das Ziel, das sie verfolgte, war, eine Bahn gegen den Gotthard zu bauen, um über diesen Paß den schweizerischen Bahnen die Hand zu reichen. Killias, der damals Betriebsdirektor der Monza-Mailand- bahn war, wurden diese Bestrebungen bald bekannt, und er bemühte sich, diese Herren in das Interesse für die ostschwei- zerische Linie zu bringen. Er veranlaßte daher La Nicca zu einem Besuche in Mailand, wo derselbe am 21. Juni 1845 eintraf. Die Mailänder Gesellschaft hatte schon eine Verbindung mit englischen Finanziers angeknüpft und war bereit, mit den Bündnern, die ähnliche Projekte verfolgten, ins Einvernehmen zu treten. Von Seite der Mittelschweiz hatte sich noch keine Regung für eine Alpenbahn gezeigt; so schien es der Mailänder Gesellschaft vorteilhafter, vorerst mit den Bündnern, die auf diesem Gebiete schon so viele Vorarbeiten gemacht hatten, gemeinsam zu handeln. Die Zürcher Nordbahn hatte es durch ihre Thätigkeit nun dahin gebracht, daß sie zur Ausführung der ersten Strecke ihres Projektes schreiten konnte. Der Bau der Linie von Zürich 127 nach Baden wurde beschlossen, und Negrelli übernahm den Entwurf des Bauplanes, sowie auch die Oberleitung des Baues. Es mußte im Interesse dieser Gesellschaft sein, sich gegen Osten und Süden einen Anschluß zu schaffen und lag es daher in der Natur der Sache, daß die Direktion, durch die verheißenden Aussichten ermutigt, mit La Nicca in Unter- handlungen eintrat; es wurde auch ein Vertragsentwurf gemacht, der dann aber nicht unterzeichnet wurde, weil die politischen Verhältnisse der Schweiz den europäischen Geldmarkt damals mit Mißtrauen erfüllten, und er daher keine Neigung zeigte, sich bei schweizerischen Eisenbahnunternehmungen zu beteiligen, die Direktion der Nordostbahn es daher nicht wagen durfte, bindende Verpflichtungen zu übernehmen. 13. Kapitel. Obwohl bisher hauptsächlich der Splügen als Uebergaug für die östliche Alpenbahn in Aussicht genommen worden war, so konnte La Nicca sich doch nicht verhehlen, daß dieser Paß und besonders seine Zufahrt nach dem damaligen Stand der Technik der Anlage einer Bahn ungeheure Schwierigkeiten entgegenstellen würde. Er sah sich daher veranlaßt, von seinem Freunde Killias noch besonders dazu aufgemuntert, seine Studien auch auf andere Uebergänge auszudehnen, wobei er zu dem Resultat gelangte, daß von allen bündnerischen Pässen der Lukmanier in jeder Hinsicht für eine Bahnanlage die größten Vorzüge besitze; besonders bot das sanft ansteigende bündnerische Rheinthal bis zum Fuße des Lukmaniers einer Bahnlinie die schönste und leichteste Entwicklung dar, die bis zu einer beträchtlichen Höhe festgehalten werden konnte. Eine entscheidende Förderung für diese neue Richtung trat durch die rege Teilnahme ein, die Ritter Carbonazzi, piemontesischer Genie-Inspektor, der Alpenbahnfrage zuwendete. In einer Denkschrift vvm Jahre 1845 an die piemontesische Regierung machte er dieselbe auf die Gefahr aufmerksam, die dem Handel des Landes, besonders dem Hafen von Genua, daraus entstehen müsse, wenn der europäische Verkehr allein auf die österreichischen Bahnen gelenkt werde; es daher durchaus notwendig sei, daß Piemont und Genua sich eine direkte Verbindung mit der Schweiz und Deutschland sichere. Carbonazzis Scharfblick entging es nicht, daß, bevor die Thallinien festgestellt würden, man sich über den Alpenpaß einigen müsse, der der Linie zu 129 dienen hätte; auch er hatte schon geraume Zeit sich mit vergleichenden Studien über die Alpenpässe beschäftigt. Eine Splügenbahn, die in die damals noch österreichische Lombardei ausmündete, lag nicht im Interesse Piemonts, die Gotthard- linie schreckte durch ihre ungeheuren Schwierigkeiten den piemon- tesischen Ingenieur von vorneherein ab und veranlaßte ihn, einen andern günstigern Alpenpaß ausfindig zu machen. Diese in Piemont sich kundgebende Teilnahme an der Alpenbahnfrage wurde sowohl von der Mailänder Gesellschaft als auch hauptsächlich von La Nicca und Killias mit der größten Befriedigung und Hoffnung begrüßt. Bald traten die leitenden Männer mit Carbonazzi in Verkehr, eine Zusammenkunft mit diesem und Killias und Rotta fand im Juli 1845 in Arona statt, bei welcher beschlossen wurde, daß Carbonazzi und La Nicca noch im Laufe des Sommers zu einer Besprechung über die Wahl eines Alpenpasses hinsichtlich der technischen Anforderungen für eine Bahnanlage in Biasca zusammenkommen sollten. Carbonazzi machte infolge hievon Untersuchungen im Blegnothal und gegen Santa Maria hinauf, während La Nicca die nördlichen Zugänge des Luk- maniers studierte, seine Untersuchungen auf dem südlichen Teile fortsetzte und sodann am 2. August mit Carbonazzi zusammentraf. Carbonazzi konnte La Nicca die Zusicherung geben, daß sowohl in Turin als Genua solide Häuser und eine große Zahl von einflußreichen Männern sich bereit erklärt hätten, an die Spitze eines Unternehmens zu treten, das die Aufgabe lösen werde, den Langensee mittelst Eisenbahn mit dem Bodensee zu verbinden. Er forderte daher La Nicca auf, zur Bildung einer Borbereitungsgesellschaft im September nach Turin zu kommen. In Zürich hatte im Sommer 1845 die ordentliche Tagsatzung stattgefunden und La Nicca diese Gelegenheit benutzt, um mit den Abgeordneten von Tessin, Pioda und Francini, 130 eine Besprechung über die ostschweizerische Alpenbahnfrage abzuhalten. Pioda hatte in der Mittelschweiz nach Anknüpfungen für eine Gotthardverbindnng sich umgesehen, aber die Idee einer direkten Bahnlinie von Basel über den Gotthard nach Tessin erschien den Nordschweizern als eine Unmöglichkeit, so daß sie gar nicht daran denken wollten, in irgend einer Weise sich mit solchen Plänen zu beschäftigen. Sodann hatten die politischen Wirren in diesem Teile der Schweiz die Gemüter und die Regierungen so ganz in Anspruch genommen, daß Ideen anderer Art gar keine Aufnahme fanden. Diese Indolenz der Gotthardkantone veranlaßte sodann Tessin, sich den ostschweizerischen Eisenbahnbestrebungen anzuschließen. Pioda und Francini nahmen nach Schluß der Tagsatzung ihren Heimweg über Chur, wo sie ihre Unterhandlungen weiter fortsetzten und ihre bestimmte Absicht erklärten, für das wichtige Projekt mitzuwirken. Die Konferenz in Turin wurde auf den 12. September festgesetzt. La Nicca begab sich vorerst nach Mailand und von dort in Begleitung seines Freundes Killias nach Turin, woselbst sie am 11. September eintrafen. Bald hatte sich in Turin eine große Anzahl einflußreicher Persönlichkeiten und Vertreter der Genueser und Tnriner- häuser eingefunden. Es wurde eine Vorversammlung abgehalten und an derselben der Gegenstand von den Urhebern des Projektes klar und eingehend dargestellt. Bevor man weitere Schritte unternahm, war es notwendig, die Unterstützung der Regierung zu erhalten. Die Minister Villa-Marina und Decombrai, bei welchen Carbonazzi La Nicca einführte, bezeigten dem Projekte ihre regste Teilnahme und gaben das Versprechen, daß die piemontesische Regierung dasselbe in jeder Weise fördern und auch betreffs der daraus erwachsenden Zoll- verhältnisse mit den schweizerischen Kantonen zu unterhandeln bereit sein werde, daß aber für eine finanzielle Beteiligung des sardinischen Königreichs durchaus keine Versprechungen gemacht werden könnten. Ein so ausgedehntes Eisenbahnprojekt, das alles bis dahin auf diesem Felde Geleistete hinter sich ließ, war ein großes Ereignis, aber auch angethan, um die bedenklichsten Zweifel zu rechtfertigen. Wir können uns leicht vorstellen, daß die Finanzmänner nur mit Vorsicht an die Uebernahme von Verpflichtungen herantraten in einer Angelegenheit, in der die Technik erst noch ein Problem zu lösen hatte, und es daher schwere Kämpfe kostete und wohl nur dem treuen, heldenmütigen Ausharren der genialen Urheber zu verdanken war, daß sich nach und nach die Wellen der vielfachen Einwürfe legten und die gesamte Versammlung sich zu einer Gesellschaft mit bindenden Verpflichtungen konstituierte. Die Unterhandlungen hatten am 16. September begonnen und wurden bis zum 27. täglich fortgesetzt. Am 27. war Schlußsitzung und galt es, noch die letzten Entschlüsse zu fassen und noch manche Einwürfe zurückzudrängen. Endlich nach langer, heißer Sitzung wurde uin 2 Uhr morgens am 28. September 1845 der Vertrag von den Teilnehmern unterzeichnet. Derselbe wurde dann bei der Administration des Konsulats (Nngsstruto cksl Lonsolnw) legalisiert und eingetragen und durch öffentliche Anzeige bekannt gemacht wie folgt: Am 28. September wurde bei dem NaZistrsto cksi 6oo8oIslo Folgendes registriert: „Zwischen den Herren Nareksss 8t«kaiio „diustinisni, il eonts 17 äi Onilnrano, ljnrbnroux L 0>, „l'imtsili Lovts cki 8sz?88sl ä'4ix, Uared68s völlu „kovsi-6, 17 Laui L 0. 6tc. st krnuäi, LiIIin.8, kotta „V 620 Ü, Carbonazzi, La Nicca rc. hat sich eine Vorbereitungs- „gesellschaft für den Bau einer Eisenbahn vom Langensee nach „dem Bodensee durch die drei schweizerischen Kantone Tessin, „Graubünden und St. Gallen konstituiert." Nun kehrte La Nicca glücklich wieder nach Hause zurück. 132 Der glänzende Erfolg in Turin ebnete dann den Weg, um nun auch die drei schweizerischen Regierungen zur Teilnahme zu gewinnen. Es wurde daher auf der gewonnenen Grundlage mit den drei Kantonsregierungen weiter unterhandelt, und es gelang im Tessin den vereinten Bemühungen von Killias und Rotta, in St. Gallen besonders der Unterstützung von Landammann Näf, daß der Gesellschaft zu Anfang des Jahres 1846 von den drei Kantonen die Konzession erteilt wurde. Vom 10. bis 12. Oktober 1845 fand eine Konferenz der Abgeordneten der drei Kantone statt, bei welcher die gemeinsamen Verbindungen und Verträge für die Konzessionserteilung, sowie für den Staatsvertrag mit Piemont beraten und festgestellt wurden. Bald daraus wurden zwischen den drei Kantonsregierungen und der piemvntesischen Regierung betreffs des ganzen Eisenbahnbaues Unterhandlungen begonnen, deren Resultat der im Januar 1847 abgeschlossene Staatsvertrag war, durch welchen dem Unternehmen von den beteiligten Staaten die Sanktion erteilt und die gegenseitigen Beziehungen fest normiert wurden. Die Konstituierung einer Gesellschaft, die ein so wichtiges, großartiges internationales Unternehmen, den Bau eines direkten Schienenweges zwischen Deutschland und Italien sich zur Aufgabe gestellt hatte, mußte die Aufmerksamkeit der baierischen Regierung, die von dem Unternehmen den größten Vorteil erwarten konnte, auf sich ziehen. Dieselbe sandte daher im Dezember 1845 Herrn Oberzolldirektor Joris nach Chur, um bei 8a Nicca über das Unternehmen nähere Informationen einzuholen; er überreichte demselben als Akkreditiv folgendes Schreiben des Freiherrn von Berger, baierischer Geschäftsträger bei der Eidgenossenschaft: „Es werden Ihnen diese Zeilen durch den königl. baierischen „Oberzollinspektor und Hafenkommissär in Lindau, Herrn Jöris, überleben werden, welcher infolge speziellen Befehls der königlichen Re- 133 „gierung verschiedene Kantone der Schweiz zu bereisen beauftragt ist. „Wie nämlich die Zukunft der baierischen Süd-Nordbahn durch neu- „liche Staatsvcrträge mit deutschen Regierungen auf naturgemäße „Weise gesichert ist und schon in dieser Beziehung nichts mehr zu „wünschen übrig bleibt, so mußte es, bei den sich so häufig durchkreuzenden Nachrichten, für die bairische Regierung von Interesse sein, „durch Erkundigungen, in der Schweiz an Ort und Stelle eingezogen, „in Erfahrung zu bringen, welche Projekte, die eine Eisenbahnver' „bindung zwischen dem Territorium der Eidgenossenschaft und Ober- „italien bezwecken, mehr oder minder Aussicht auf wirkliche Realisierung bieten. Dieses Interesse mußte sich in einem Momente steigern, wo der k. Regierung mehrere analoge Mitteilungen vorliegen, „welche die Unterstützung Bayerns ansprechen. Inwiefern diese und „in welchem Maße ausgesprochen werden, ist noch unentschieden. Hie- „für die nötigen Materialien zu sammeln, ist zunächst der Zweck der „Sendung des Herrn Oberinspektor Jöris. „Wie Ihr Unternehmen, geehrter Herr Oberst, die gewünschten „Garantien eines glücklichen Gelingens bietet, so ist auch Herr Jöris „speziell angewiesen, vor allen andern sich mit Ihnen ins Vernehmen „zu setzen und die Möglichkeit zu beraten, zwischen Ihrer Bahn und „der baierischen Süd-Nordbahn eine unmittelbare Influenz herzustellen „Ich verkenne keineswegs die Schwierigkeiten, welche größtenteils „lokaler Natur, eine in unser beiderseitigem Interesse zu wünschenden „Verständigung erschweren, anderseits kann ich nicht der Hoffnung „entsagen, daß eine reifliche Abwägung der Verhältnisse von einem „höhern Standpunkte aus alle Hindernisse wird beseitigen können. „Jedenfalls mögen Sie, Herr Oberst, darin einen Beweis erkennen, „welches Vertrauen die bairische Regierung in ein Unternehmen setzt, „welches durch Ihre Thätigkeit hervorgerufen, durch Ihre Beharrlichkeit und Sachkenntnis seiner Verwirklichung entgegenführen wird. Freiherr von Berger. 22. Dezember 1845." La Nicca erteilte Jöris auf seine Anfrage die von ihm gewünschte Auskunft. . Wir werden später die Fortsetzung der mit Baiern begonnenen Unterhandlungen berichten. Auf Ende Juni 1846 wurde La Nicca durch das Luk- manierkomitee nach Turin berufen, um demselben die Kon- 134 zessionsakten vorzulegen und die Maßnahmen zu wettern Schritten zu beraten. Nachdem er während acht Tagen mit dem Ausschusse des Komitees in dieser Angelegenheit gearbeitet hatte, erhielt er vom Könige Carlo Alberto die Aufforderung, am 1. Juli zu einer Audienz bei ihm zu erscheinen, um ihm über das Eisenbahnprojekt einen Vertrag zu halten. Es wurde hiefür die zwölfte Stunde festgesetzt. Obwohl 8a Nicca schon etwas früher im Audienzsaale eintraf, wo vor ihm schon einige höhere Militär- personen auf den Vortritt zum Könige warteten, so wurde er doch sofort nach seinem Eintritt zum Könige beordert, der ihn höchst huldvoll empfing, seinem Vortrage mit lebhaftem Interesse folgte und zum Schlüsse ihm die Versicherung gab, daß er das Projekt entschieden unterstützen werde. Nachdem 8a Nicca noch verschiedenen höhern Persönlichkeiten, dem Finanzminister Grafen Revel, dem Eisenbahnchef Ritter Bona und dem ersten Sekretär des Ministeriums des Innern seine Aufwartung gemacht hatte, begab er sich zum preußischen Gesandten, dem Grafen Redern, dem er die Wichtigkeit einer direkten Verbindung der Zollvereinsstaaten mit Italien darlegte und sein Projekt der Unterstützung der preußischen Regierung empfahl. Die piemontesische Regierung war ebenfalls bemüht, die dabei interessierten Staaten für dasselbe günstig zu beeinflussen, indem sie, um vorläufige Beziehungen anzuknüpfen, Cavalier Ricci nach Süddeutschland abordnete. Es wurden in Turin nun täglich im Schoße des Komitees Eisenbahnkonferenzen abgehalten. Die Vorbereitungsgesellschaft hatte einige hunderttausend Franken zusammengelegt, welche sie teils zu Kautionen, teils für die Studien der Pläne, teils für die Reisen der in ihrem Interesse wirkenden Persönlichkeiten verwendete. Es sollten, nachdem sich aus der vorbereitenden eine ausführende Gesellschaft gebildet hatte, 75 Millionen Franken in 135 Aktien ausgenommen werden. Es wurde angenommen, daß die Schweizerkantone am Unternehmen als Aktionäre sich beteiligen werden, während Piemont eine bestimmte Zinsgarantie, im Marimiim 3'/s Prozent übernehmen sollte, sodann wurde eine solche von den beiden süddeutschen Staaten Württemberg und Bayern erwartet. Durch eine solche Zinsgarantie hätte man jedenfalls in genügender Weise englisches Kapital anziehen können, umsomehr als das Königreich Sardinien damals nicht nur schuldenfrei war, sondern einen Staatsschatz von mehr als 20 Millionen Lire besaß. Mit diesen 75 Mill. gedachte man zunächst die Thalbahnen zu bauen und über den Lukmanier eine Straße zu erstellen. So hätte man über alle andern Verbindungen einen bedeutenden Vorsprang gewonnen und die Bergbahn, analog dem Mont Cenis,vollendet. Herr Prandi, Mitglied des Komitees, der in England ausgezeichnete Verbindungen besaß, wurde zur Anbahnung diesbezüglicher Anknüpfungen dorthin abgeordnet. Am 4. Juli wurden die Eisenbahnkonferenzen geschlossen, und La Nicea kehrte nach Hause zurück. Im Laufe des Sommers wurden ihm nebst den kantonalen Obliegenheiten noch folgende Aufträge erteilt. Von der Regierung von Zürich erhielt er die Einladung zur Vornahme einer Expertise des Eisenbahntrace's von Zürich über Winter- thur, Frauenfeld nach Romanshorn, für welches ein Konzessionsgesuch eingereicht worden war, behufs Begutachtung desselben. Eine solche erging an ihn von Seiten der Regierung von Baselstadt betreffs der Begutachtung des Projektes für die neue Rheinbrücke. Vom Fürsten von Lichtenstein wurde ihm der Auftrag erteilt, einen Korrektionsplan für die Bewuhrung der Gewässer seines Fürstentums zu entwerfen. Diesen drei Gesuchen entsprach er, wobei er die nach seinem Projekte ausgeführten ebengenannten Korrektionsarbeiten von Zeit zu Zeit inspizierte. 136 Oberbaurat von Etzel hatte dem Lukmanierunternehmen ein reges Interesse gewidmet und dasselbe in verschiedenen Nummern seiner in Stuttgart erscheinenden Cisenbahnzeitung behandelt. Die Vorteile dieser Bahn wurden überhaupt in den dortigen Regieruugskreisen lebhaft besprochen. Als La Nicca im September in Friedrichshafen sich befand, so benachrichtigte Oberzollinspektor von Schäfer, der ein warmer Freund des Alpenbahuprojektes war, den dort residierenden König von der Anwesenheit La Niccas daselbst, worauf derselbe ihn durch ein Schreiben seines Adjutanten, Oberstallmeister von Taubenheim, m einer Konferenz mit Seiner Majestät beorderte. Der König ließ sich von La Nicca während fast zwei Stunden über die Eisenbahnverhältnisse vortragen. Noch am gleichen Abend erhielt La Nicca eine Einladung, einem großen Militärmanöver der Württembergischen Armee beizuwohnen, das in der Gegend zwischen Ravensburg und Waldsee stattfand. Es wurde ihm hiezu am folgenden Morgen ein vorzügliches Pferd aus dem königlichen Marstalle zugeschickt. Die hohen Offiziere, unter welchen der Kriegsminister von Sontheim, Prinz Wilhelm von Württemberg, Fürst von Sigmaringen, Gras von Lippe und andere, behandelten ihn in freundschaftlich zuvorkommender Weise. In dieser interessanten Gesellschaft folgte er den Bewegungen der Armee bis Waldsee. La Nicca hatte von Chur aus durch das bündnerische Oberland, am Lukmanier und im Cristalinathal zu wiederholten Malen mit seinen und im Verein mit den piemontesischen Ingenieuren, welche hauptsächlich auf der Tessiner Seite operierten, Ausstellungen und Aufnahmen gemacht, so daß er im Falle war, ein durchgehendes Trace zu entwerfen. Nachdem am 11., 12. und 13. Oktober eine Konferenz der Abgeordneten der drei Kantone und des Turinerkomitees, letzteres durch Ricci vertreten, in Chur stattgefunden hatte, begab sich derselbe mit La Nicca nach St. Gallen, woselbst sie 137 der Regierung die Eisenbahnpläne vorlegten. Dort war mittlerweile ein Schreiben der baierischen Gesandtschaft in Bern eingegangen, das wir hier mitteilen: „Bekanntlich legt die baierische Regierung und speziell S. M. „der König den größten Wert auf das Zustandekommen einer Bahn „vom Bodensee an den Imgo NnKgiors. Das Unternehmen stößt, wie „es scheint, auf Schwierigkeiten, die in der Natur der Sache liegen, „auf Schwierigkeiten hinsichtlich der Bildung von Aktiengesellschaften. „Von der Ueberzeugung getragen, daß der Kredit des Unternehmens „nur gehoben werden könne, wenn Baiern das Interesse, das es an „jenem nimmt, durch einen offiziellen Schritt bethätigt, hat mich der „König beauftragt, an die Regierung von St. Gallen die Anfrage zu „stellen, ob dieselbe geneigt wäre, über den Bau einer Verbindungsbahn zwischen Lindau und der Bahn vom Bodensee an den Usgo „Uaxxiaro mit Baiern in förmliche Unterhandlung zu treten. „Die diesfällige Anfrage geht heute nach St. Gallen ab. Ich „sollte meinen, die Antwort sollte eine bejahende werden, inwiefern „man sich aber über die Bedingungen verständigen könnte, ist freilich „eine andere Frage. Gleichzeitig bin ich beauftragt, dem Herrn Oberst „La Nicca, und hiezu nehme ich speziell Ihre gefällige Vermittlung in „Anspruch, von dem geschehenen Schritte Kenntnis zu geben und durch „sein Organ eine Verständigung mit der gebildeten oder noch zu „bildenden Aktiengesellschaft anzubahnen. Ich baue auf die Gefälligkeit Herr La Niccas, daß er mir seine Adresse und zugleich seine „Ansichten über die beste Art und Weise, znm Ziele zu gelangen, mitteilen wird. „Wird der Sache weitere Folge gegeben, so stellen sich zwei getrennte Verhandlungen, eine mit der St. Galler Regierung, die andere „mit der Aktiengesellschaft, von selbst heraus, und es bedarf dann wohl „kaum der Versicherung, daß die erbetene Mitteilung einzig und „allein zur Kenntnis meines Gouvernements werde gebracht werden, „wie ich anderseits auch nicht zweifle, daß die Bemühungen des Herrn „Oberingcnicur auf die in Aussicht stehenden Verhandlungen günstig „einwirken, in München die verdiente Anerkennung finden werden. „Vorerst nur so viel, daß nach baierischer Ansicht eine Verbindung „der beiden Bahnen in der Nähe von Rhein eck am geeignetsten „wäre, dann daß nach den getroffenen Einleitungen zu schließen von „Seite Oesterreichs nicht nur keine Schwierigkeiten, sondern vielmehr bereitwilliges Entgegenkommen in Aussicht steht. Wünscht Herr 138 „La Nicca oder das Komitee von meiner Hand ein spezielles Schreiben« „so bin ich hiezu gern bereit. Dem Ermessen Herrn La Niccas stelle „ich es übrigens anheim, ob er auf den Grund meiner Anfrage in „St- Gallen selbst einwirken will. „Bern, den 17. Scpt. 1846. «>Z. Freiherr von Berger." Dieses Schreiben wurde La Nicca sofort mitgeteilt; er beeilte sich daher, von Berger über alle Verhältnisse des Unternehmens und die erreichten Erfolge in Kenntnis zu setzen, und da er vom Komitee beauftragt worden war, mit Ricci eine Reise nach München zu machen, so erbat er sich von Berger Empfehlungen für München. Auf dieses erhielt er von Berger folgende Antwort: „Euer Hochwohlgeboren beeile ich mich, den Empfang vom >5. „d. M. zu bestätigen und die Mitteilung der interessanten Details „bestens zu verdanken. Ich zeige noch heute meiner Regierung Ihre „bevorstehende Ankunft in München an, wobei ich Sie wohl im voraus „der wohlwollendsten persönlichen Aufnahme versichern kann. Obliegend aber zu allem Ueberflusse ein Einführungsschreiben bei Herrn „Staatsrat Grafen von Bray, zur Zeit Ministerialverweser des Ministeriums des K. Hauses und des Aeußern, unter welchem in Baiern „das Eisenbahnwesen steht. „Genehmigen u. s. w. „Bern, den 18. Oktober 1846. Frh. von Berger." Die Zuvorkommenheit, die sich in diesem Briefe aussprach, veranlaßte La Nicca, vor seinem Abgänge nach München sich mit Ricci von Berger in Bern vorzustellen und seine persönliche Bekanntschaft zu machen. 14. Kapitel. Am 29. Oktober 1846 traf 8a Nicca in München ein, und da er von seinem dortigen Aufenthalte seinem Schwager Landrichter Hößli, der damals Regierungsmitglied war, in einem Schreiben einen ausführlichen Bericht erteilte, so lassen wir dasselbe hier folgen: „Mein erster Besuch hier mit Cavalier Ricci galt dem pie- „montesischen Botschafter am hiesigen Hofe, dem Marchese Pala- „vicini, um uns mit ihm über die zumachenden Schritte zu beraten. „Er hatte bereits von seiner Regierung Aufträge erhalten. Infolge derselben überreichte er dem hiesigen Ministerium des „Aeußern eine Note, in welcher er den Zweck, die Wichtigkeit „und den Stand unseres Unternehmens entwickelte und die Mitteilung machte, daß die piemontesische Regierung gesonnen sei, „dieses Unternehmen durch eine Zinsgarantie für 10 Jahre zu „unterstützen, in der Voraussetzung, daß auch die angrenzenden „deutschen Regierungen an demselben Anteil nehmen, daß sich „besonders Bayern dabei beteiligen werde, in Berücksichtigung „der großen Vorteile, die aus der projektierten Verbindung „für seine Süd-Nord-Bahn notwendig erfolgen müßten. „Nach diesem ersten diplomatischen Schritte war unser „Bestreben dahin gerichtet, diejenigen Männer für unsere Sache „günstig zu stimmen, welche vermöge ihrer Stellung auf die „Entschließungen der bayerischen Regierung Einfluß ausüben „können. Vorerst übergab ich dem Grafen von Bray, unter „welchem gegenwärtig das Ministerium des Aeußern und der „Betrieb sämtlicher Eisenbahnen und Posten steht, den mir von 140 — „Herrn Baron von Berger zugestellten Empfehlungsbrief. Er „ließ sich mit mir in umständliche Erörterung unserer Angelegenheiten ein, jedoch eher in opponierendem Sinn, was mir „übrigens gar nicht unerwünscht war. Zuerst bemerkte er mir, „es sollten diejenigen Schweizerkantone, durch welche die Bahn „gezogen werde, zu der verlangten Zinsgarantie beitragen, weil „ihnen aus diesem Unternehmen die größten Vorteile zufließen „und sie überhaupt dabei direkt beteiligt seien. Hierauf erwiderte „ich ihm, daß diese Kantone dasselbe wahrscheinlich durch Aktien- „übernahme unterstützen werden, daß sie aber bei ihren beschränkten Finanzmitteln und bei ihren eigentümlichen Verhältnissen sich unmöglich in eine Zinsgarantie einlassen können. „Daß sie übrigens schon Bedeutendes zur Förderung des Unternehmens geleistet haben, namentlich durch Erteilung günstiger „Konzessionen, durch Zusicherung großer Reduktion der Transit- „gebühren, so daß man billigerweise nichts mehr verlangen „könne. Was die Vorteile anbelange, welche für jeden Staat sich „ergeben möchten, so werden dieselben größer für Bayern aushallen, als für die Schweiz selbst, denn die bayerische Südbahn „erhalte erst durch die rhätische Alpenbahn eine weit wirkende „Verbindung und die Aussicht auf bessere Verzinsung der darauf „verwendeten Kapitalien u. s. w., daher müßte Bayern noch „mehr als die Schweiz wünschen, daß unser Unternehmen zu „stände komme. Nur durch dieses könne sich Bayern den „großen europäischen Transit sichern, der ohne dasselbe abgeleitet „werden dürfte, worauf auch Oesterreich hinziele. Indem „Bayern unser Unternehmen unterstütze, erreiche es den Bor- heil, daß seine Südbahn nicht am Bodensee sich abschließe, „sondern ihr Ende erst am Mittelmeer erreiche und so den „Welthandel aufnehmen könne. Sodann gingen wir auf den „technischen Teil unseres Projektes über, mit welchem wir bald „fertig wurden, da der Herr Graf kein Techniker ist. Seine „Schlußäußerungen waren befriedigend und bewiesen mir, daß 141 „Bayern jedenfalls an dem Zustandekommen unseres Werkes „großes Interesse nehme. „Zwei Tage später hatte ich mit Ricci eine Audienz bei „Herrn Minister von Abel. Wir legten ihm die Eisenbahn- „plane vor und da er unsern Kanton gut kennt, so konnte ich „mit ihm die Eisenbahnrichtuug Schritt für Schritt verfolgen. „Ueber die Wichtigkeit unseres Unternehmens in Bezug auf „Bayern verloren wir kein Wort, indem er dieselbe von vornherein unbedingt anerkannte. Ich beschränkte mich also nur „ihm darzuthun, daß dasselbe ohne kräftige Unterstützung der „dabei beteiligten Regierungen nicht ins Leben treten könne „und daß es sehr davon abhänge, welches Gewicht Bayern „Hiebei in die Wagschale lege. Piemont habe sich entschieden „für einen Ausgang nach Norden ausgesprochen und werde, „um ihn zu erreichen, bedeutende Opfer nicht scheuen. Wenn „es denselben nicht in der projektierten Richtung finde, werde „es ihn in derjenigen des Gotthards zu erlangen suchen, wohin auch das erste Projekt Piemonts und Tesstns sich gerichtet „habe. Wenn man das jetzige Projekt fallen lasse, so werde „Piemont das frühere wieder aufnehmen und laufe dabei Bayern „mit Graubünden Gefahr, abgeschnitten zu werden. Der Minister „schien meine Gründe anzuerkennen und schloß mit den Worten: „Sie haben Recht, man muß das Eisen schmieden, solange es „warm ist. Ich werde den Gegenstand in der nächster Tage „stattfindenden Ministerkonferenz vorlegen und dann ungesäumt „S. M. dem Könige Bericht erstatte». Dieser Minister, welcher „als ein Jesuitenfreund und Ultramontaner passiert, hat mir „(Gegner der Jesuiten) sehr gut gefallen. In seinem Benehmen „herrscht natürlicher Anstand und kräftige Ruhe, seine Rede „ist gehaltvoll und verrät ausgezeichnete Tüchtigkeit. „Ich erwarte übrigens hier keine entschiedenen Schritte, „bevor nicht die Ansichten Oesterreichs über die Verbindung „seiner Bahnen mit den bayerischen bekannt sind. Um die 142 „selben zu erforschen, befindet sich dermalen Direktor Pauli in „Wien. Wenn die kaiserliche Regierung den Anschluß der „bayrischen Bahnen bei Rheineck zugibt, so wird dies Bayern „um so mehr ermutigen, unser Unternehmen zu fördern. Allein „ich zweifle, daß Oesterreich schon jetzt diesen Anschluß genehmigt, „sondern es wird eher unser Unternehmen auf schickliche Weise „zu hindern suchen. Der hiesige Württembergische Gesandte, „Graf Degernfeld, hat sich rücksichtlich der Beteiligung seiner „Regierung an unserm Unternehmen mit etwelcher Zinsgarantie, „eher günstig geäußert, doch möchte ich nicht daraus bauen. „Jedenfalls werden wir suchen zuerst von Bayern etwas zu „erhalten, und dann erst uns an Württemberg wenden. Einen „günstigen Eindruck bei der hiesigen Regierung machte die „Mitteilung vom Abschlüsse des Staatsvertrages zwischen den „drei Kantonen und dem in Aussicht stehenden mit Piemont „betreffs der Eisenbahn und dem Transitverhaltnis. Solche „Verträge zwischen Regierungen sind am ehesten geeignet hier „Zutrauen einzuflößen, indem man sie als notwendige Grundlagen des Unternehmens ansieht. 4. November. Heute hatte „ich zwei Konferenzen mit dem Eisenbahnministerialrat von „Folz, Referent beim Ministerium des Innern, einem Mann „von vielen Kenntnissen und Einfluß, der eine wichtige Stimme „in Eisenbahnsachen hat. Ich zeigte ihm unsere Pläne und „demonstrierte ihm die Ausführbarkeit derselben. „Auf den 5. November Nachmittags war ich sodann durch „Direktor Schierlinger eingeladen worden, in dem Bureau der „Generaldirektion der öffentlichen Bauten meine Eisenbahnpläne „auszustellen. Es fanden sich dort neben dem obgenannten „noch die Oberbauräte von Schlichtegroll, Panzer, Ehringer „und Hummel ein. Wir bildeten ein förmliches technisches „Collegium. Diesen legte ich nnn meine Pläne vor, erläuterte „dieselben und entwickelte die Gründe des vorgeschlagenen Traces „und bewies die Ausführbarkeit desselben. Diese wurde von 143 „Niemanden bestritten. Man erörterte verschiedene wichtige „Punkte der Anlage, namentlich in Bezug auf die Sicherstellung „derselben vor Wasserzerstöruug und Erdschlipfen. Die meiste „Besprechung jedoch veranlaßte die Bergpartie. Hiebei wurde „die Schwierigkeit der Ausführung eines so langen Tunnels „wie der projektierte sei, die Anwendung der schiefen Ebene „in Krümmungen, sowie die Störungen des Betriebs durch „große Schneefälle in der Winterszeit hervorgehoben. Ich „benutzte diesen Anlaß, um diese Punkte zu erläutern und „glaubte am Schlüsse wahrzunehmen, daß manche Bedenken, „die diese ausgezeichneten Techniker erhoben hatten, dadurch „wesentlich beschwichtigt worden sind." Am 10. November verließ La Nicca München und reiste nach Stuttgart, wo er vorerst seinen Freund und Collegen Etzel besuchte; dann aber noch über die Alpenbahnfrage mit den verschiedenen Ministern Gärtner und von Schlayer, mit dem Präsidenten der Ständekammer Herr von Wächter, sowie auch mit dem badischen Gesandten von Forbeck Unterredungen hatte. Da in diesem Momente die Württembergischen Finanzen zu wünschen übrig ließen, konnte La Nicca betreffs einer Zinsgarantie wenig Aussicht gemacht werden, doch sollte die Frage erwogen und vor die Stände gebracht werden. Von Stuttgart kehrte La Nicca wieder nach Chur zurück. Daß dann aber doch schließlich Württemberg in eine Zinsgarantie eintrat, bestätigt uns ein Schreiben Etzels vorn 17. Januar 1847 an La Nicca. Stuttgart, 17. Januar 1847. „Ich freue mich Ihnen ankünden zu können, daß unser Minister „der auswärtigen Angelegenheiten vorgestern eine Note an das „Finanzministerium abgegeben hat, betreffend die Lukmanierbahn und „enthaltend eine Aufforderung von unserer Regierung, sich bei der „Ausführung der Bahn mit einer Garantie von Fr. 375,000 jährlich „von der Vollendung der Bahn an wie Sardinien und Baiern zu beseitigen. Die Note ging zuerst der Eisenbahnkommission zur Aeußer» 144 „ung zu und diese hat sich einstimmig dahin ausgesprochen, daß „auch Württemberg nicht zurückbleiben dürfe, sondern die verlangte „Summe garantieren müsse, unter der Bedingung jedoch, daß entweder „eine Verlängerung der Bahn von Rorschach oder Rheineck nach Lindau „oder Konstanz nicht zu stände komme, oder wenn eine solche zu stände „komme, der Fortsetzung dieser Verbindung nach Friedrichshafen kein „Hindernis in den Weg gestellt werde. Ich schmeichle mir zu dieser „Aeußerung der Eisenbahnkommission nicht wenig beigetragen zu haben. Ihr erg. Freund Carl Etzel." Dieser Beschluß bedurfte aber noch der Annahme der Kammer. Während in der Ostschweiz man mit regem Eifer die Erstellung von Eisenbahnen anstrebte, wurden die politischen Verhältnisse in der Mittelschweiz immer gespannter und kritischer. Da die Tagsatzung den Freischaren gegenüber nicht nach Willen der «Luzerner Regierung gehandelt hatte, so trat in den römisch gesinnten Kantonen eine immer größere Erbitterung gegen die Tagsatzung und die Miteidgenossen zu Tage. Es war daher nicht schwer für die Luzernische Jesuitenregierung, die gleichgesinnten Kantone enger an sich heranzuziehen. Die österreichische und die französische Regierung, die mit Argusaugen die Fortschritte der liberalen und radikalen Tendenzen und Handlungen in den Hauptkantonen verfolgten und denselben nach Kräften entgegenzuwirken sich bemühten, glaubten hiefür keine bessere Maßregel zu ergreifen, als durch die moralische und faktische Unterstützung der Jesuikönregierungen. Das Bewußtsein, von zwei so mächtigen Nachbarstaaten unterstützt und beschützt zu sein, verbunden mit der Ueberzeugung, für den katholischen Glauben einzustehen, gab den Jesuitenkantonen das Gefühl einer beträchtlichen Machtstellung der übrigen Eidgenossenschaft gegenüber und ermutigte sie, die gleichgesinnten Kantone zu einem Sonderbündnis zu vereinigen. Zwölf Kantone hatten auf der Tagsatzung dahin ihre Stimmen abgegeben, daß ein Sonderbündnis zwischen einzelnen Kantonen dem Gefamtstaat gegenüber ein Bnndesbruch sei, der 145 nicht geduldet werden könne und gegen den, wenn er nicht gelöst werde, mit Exekution vorgegangen werden müsse. Einige Kantone, unter denselben Graubünden, in denen die Bevölkerung teilweise dem ultramontanen Geiste huloigie, oder die wie Baselstadt konservativ waren, verhielten sich neutral. Die Gesandten von Oesterreich und Frankreich waren von ihren Regierungen angewiesen worden, zu Gunsten der ultra- montanen Kantone ihren Einfluß, besonders bei den neutralen, geltend zu machen, um dieselben an dem Beitritt zu dem Votum der 12 Kantone zu verhindern. Gras Bois le Comte, französischer Gesandter, und Graf Philippsberg, österreichischer Gesandter, traten nun ihre Missionsreisen in der Schweiz an. Ein Schreiben Landrichter Hößlis, der Regierungsmitglied war, an La Nicca schildert uns genau das Vorgehen dieser Herren; wir lassen es hier folgen. „Chur, den tu. November 1846. „Lieber Schwager! „Deinen ausführlichen Bericht über euere Verwendungen in „München zu Gunsten der bündnerischen Eisenbahn habe ich richtig erhalten und ihn meinen Kollegen zur Kenntnis gebracht. Wir freuen „uns über den scheinbar günstigen Erfolg derselben. Die merkwürdigste „Neuigkeit ist hier folgende: Der frühere österreichische Geschäftsträger „in der Schweiz, Herr von Philippsbcrg, erschien vor einigen Tagen „plötzlich in Chur, hielt um eine Audienz beim Kleinen Rate an, hielt „da einen pathetischen Vortrag über die freundnachbarliche Gesinnung „seines Kaisers für die Schweiz und besonders für den hiesigen Kanton. „Derselbe habe erkannt, daß das Zustandekommen eines Zwölfcr- „bcschlusscs in der Sonderbundfrage den Ausbruch eines Bürgerkrieges „zur Folge haben würde und ihn dieser beauftragt, gegen unsern „Kanton die dringende Erwartung auszusprechen, daß derselbe einem „derartigen Beschlusse nicht beistimme. Im entgegengesetzten Falle „würde er sich genötigt sehen, gegen den Kanton diejenigen Maßregeln „anzuordnen, welche das Völkerrecht ihm erlaube und überdies sogleich „die exzeptionellen Begünstigungen einstellen, welche dem Transit über 10 146 „den Splügen bewilligt waren. Wir erteilten ihm ebenfalls mündlich „eine nach unsern Ansichten entsprechende und die Selbständigkeit und „Unabhängigkeit des freien Kantons wahrende Antwort, behielten „übrigens dem in der Sache allein kompetenten Großen Rate das „Weitere vor. Schriftliche Beglaubigung legte er keine vor. und wir „begehrten auch keine von ihm. Dagegen wurde der eidgenössische „Geschäftsträger in Wien ersucht, auf angemessenem Wege genaue „Auskunft zu erheben, ob ein derartiger Auftrag erteilt worden sei „und in diesem Falle die nötigen Vorstellungen zu machen. Auch ersuchte ich in einem Privatschreiben den Herrn Bürgermeister Dr. „Furrer, sich dafür zu verwenden, daß die allfällig beabsichtigte Versammlung einer außerordentlichen Tagsatzung so lange wie möglich „verschoben werde. „Die Sache erregte hier natürlich großes Aufsehen, und wird „anderswo wohl noch größeres erregen. Wie sie sich wirklich verhält „und wozu sie führen wird, weiß der Himmel. Unter der Hand erfuhr man. daß Herr v. Philippsberg allerdings ausdrückliche Instruktionen von seiner Regierung habe und daß ähnliche Einwirkungen „auch auf andere Kantone im Werke seien. Er fragte unter anderm „auch, wie es mit der Lukmanierbahn stehe, worauf wir ihm eine „mehr ausweichende Antwort erteilten. Dein Schwager P. Hößli." Am Anfang des Jahres 1847 wurde La Nicca von einem gastrischen Fieber befallen, das ihn wahrend des ganzen Monats Januar nötigte, teilweise das Bett und fortwährend das Haus zu hüten. Hinsichtlich der Eisenbahnbestrebungen war der in Lugano am 25. Februar 1847 abgeschlossene Staatsvertrag der drei Kantone mit Sardinien ein fester Grundstein. Dadurch wurde dem Unternehmen der Weg geebnet, indem die staatlichen Schranken beseitigt und die möglichste Begünstigung demselben von den Kontrahenten zuerteilt wurde. Das Komitee war nun bemüht, sich die finanziellen Mittel zu verschaffen, die zur Ausführung des großen Werkes unerläßlich waren. Erst nach Sicherung der Fonds konnte sich die Baugesellschaft konstituieren. Piemont hatte sich für eine Zinsgarantie erklärt, eine solche wurde von Baiern, Württemberg und Baden erwartet. Wir haben schon oben berichtet, daß in den regierenden Kreisen dieser Länder, besonders in dem Handels- und Baufache, die schweizerische Alpenbahn als ein unerläßliches Verbindungsglied zwischen Deutschland und Italien betrachtet und deren Unterstützung warm befürwortet und nach Kräften angestrengt wurde. Den Landtagen dieser Länder hingegen, die über Finanzbeiträge zu entscheiden hatten, lag diese Angelegenheit noch zu fern. Sie hatten nähere und dringendere Fragen zu lösen. Die deutsche Nation war in jenen Jahren so ganz durch Verfassungsfragen und Erweiterung der Volksrechte in Anspruch genommen, daß die Landtage für die Uebernahme einer Zinsgarantie durchaus nicht eintreten wollten. Sardinien hatte alle Mittel angewendet, um die deutschen Staaten hie- für zu bewegen. Der sardinische Gesandte in München, Graf Palavicini, verfolgte unermüdet diesen Zweck. Caval. Ricci war, wie wir schon früher erwähnten, speziell mit der Mission für Unterhandlungen in diesem Sinne von der sardinischen Regierung betraut und nach München, Stuttgart und Karlsruhe geschickt worden. Derselbe hatte sich höheren Ortes großer Zuvorkommenheit zu erfreuen, aber zu einem bestimmten Resultate konnte er nicht kommen. Wäre den Aktien eine gewisse Zinsgarantie bewilligt worden, so hätte es natürlich an Geld nicht gefehlt. Nun wurde vom Turinerkomitee der Versuch gemacht, für das Alpenbahnprojekt das Interesse Englands zu gewinnen. Hoffte man für den Bau auf englische Kapitalien, so mußte England ebenfalls von einer Bahn, die direkt und in kürzester Linie an die südlichste Spitze des europäischen Kontinents führte und die rascheste, leichteste und gefahrloseste Verbindung mit Aegypten und Indien bewerkstelligte, das größte Interesse nehmen. Dazu ließ dieselbe die Großstaaten Frankreich und Oesterreich unberührt und wurde durch Staaten geführt, von denen eine Teilnahme an einem Kriege nicht leicht erwartet werden konnte. Dieses sollte der englischen Regierung und den englischen Handelskreisen, besonders der ostindischen Kompagnie klar gemacht werden. Man hoffte, daß, wenn solche mächtige Faktoren ins Interesse gezogen würden, man wohl am ehesten zum Ziele gelangen könnte. Das Turinerkomitee beauftragte Herrn Prandi, wie schon oben erwähnt, der sehr lange Zeit in England gelebt, wo er sich hauptsächlich wissenschaftlich beschäftigt hatte, seine dortigen angesehenen Relationen zu benützen, um Verbindungen anzuknüpfen, durch welche es ihm gelingen sollte, das Alpenbahn- projekt in England bekannt zu machen. Die piemontesische Regierung hatte Cav. Ricci mit ihrer Vertretung betraut und der sardinische Gesandte in London, Graf Revel, wurde angewiesen, den beiden Herren die möglichste Unterstützung ange- deihen zu lassen. Da aber den beiden Abgeordneten eine eingehende Kenntnis in den Eisenbahnbetrieb und in die kommerziellen Verhältnisse, sowie für gründliche Auseinandersetzung der Baupläne fehlte, so wurde ihnen Herr Killias beigegeben. Aus den Briefen desselben haben wir die folgende Darstellung geschöpft, die im übrigen mit den Berichten der beiden Italiener übereinstimmt. Der Moment, um Kapitalien für ein so großes Unternehmen zu erhalten, war nicht gut gewählt. Auf dem Geldmärkte fanden, infolge häufiger Fallimente, große Schwankungen statt und war derselbe überhaupt gedrückt. Herr Prevot, schweizerischer Konsul in London, nahm die Herren zuvorkommend auf und bemühte sich, ihnen nützlich zu sein und sie mit Personen, die ihr Projekt fördern konnten, in Verbindung zu bringen. Durch Revel wurde das Ministerium mit demselben bekannt gemacht. Palmerston erkannte dessen große Wichtigkeit und erklärte, daß die englische Regierung sich ihm 449 günstig erweisen werde. In der englischen Presse wurde dasselbe besprochen und verschiedene Chefs solider Firmen wurden soweit für das Projekt gewonnen, daß sie die Idee, eine Gesellschaft für den Bau desselben zu errichten, ernstlich erwogen. Sowohl La Nicea als Killias hielten es für vorteilhaft, die Bauunternehmung in englische Hände zu legen. Den Italienern hätte die Administration für die Ausführung eines so großen Werkes nicht allein übertragen werden können, hiezu hätte ihnen die Erfahrung, die Geschäftstüchtigkeit und die Solidität der Gesinnung gefehlt. Dazu zeigten sich letztere sehr ängstlich, wenn es gelten sollte, bedeutende Kapitalien für den Bau zu exponieren. Unterdessen war es Herrn Killias gelungen, sich mit einem der Hauptagenten der ostindischen Gesellschaft, Herrn Emerson, in Verbindung zu setzen. Er legte ihm den Plan für die schweizerische Alpenbahnroute vor und bewies ihm, welche unendliche Wichtigkeit diese für die ostindische Kompagnie haben müßte. Herr Emerson schenkte dieser Mitteilung sein volles Interesse und ließ sich durch Herrn Killias eingehende Erklärungen über das Spezialprojekt geben. Nachdem Killias Emerson mit den leitenden Ideen und den schon erreichten Erfolgen der Vorbereitungsgesellschaft bekannt gemacht hatte, versprach letzterer, die Angelegenheit bei der nächsten Direktionssitzung der ostindischen Kompagnie zur Unterstützung zu empfehlen. Es wurde dann in der Direktionssitzung beschlossen, die Angelegenheit durch ein Schreiben und erläuternde Karten dem Ministerium und der Admiralität darzulegen. Dieses geschah im Sommer 1847. Unterdessen gestalteten sich die politischen Verhältnisse in der Schweiz immer drohender. Es war begreiflich, daß man dermalen in diesem Lande nichts unternehmen konnte. Emerson mußte nach Cal- cutta reisen, und so erblaßten für einmal die so schön aufgegangenen Hoffnungen. 15. Kapitel. La Nicca hatte sich unterdessen immer noch der Hoffnung hingegeben, daß der heillose Konflikt, der das nationale Leben der Eidgenossenschaft durchwühlte, doch noch durch eine friedliche Lösung gehoben werden könne. Leider sollte sich diese Hoffnung als eitel erweisen. Durch die Verdrängung der gemäßigt Liberalen wurde die radikale Partei in Bern ans Ruder gestellt und derjenige Mann, der eben erst als Anführer der Freischaren in Luzern eingedrungen war, stand jetzt als Haupt der Regierung des Vorortes an der Spitze der Eidgenossenschaft. Die Krisis ging rasch ihrer Lösung entgegen. Die sieben Kantone des Sonderbundes schloffen sich immer enger zusammen; die bestimmte Voraussetzung einer Intervention der auswärtigen Staaten zu Gunsten des Sonderbundes veranlaßte denselben, sich auch militärisch zu organisieren und zu seiner Verteidigung oder Agression gegen die übrige Eidgenossenschaft sich durch Aufstellung einer Armee vorzubereiten. Die am 18. Oktober in Bern versammelte Tagsatzung ließ an die sieben Sonderbündskantone die Weisung ergehen, ihr Sonderbündnis aufzulösen. Dieselbe wurde aber abschlägig beantwortet, worauf die Bundesexekutive unter Anführung des Generals Dufour beschlossen wurde. Bei der Ernennung der Offiziere wurde La Nicca, damals Oberstlieutenant im Geniestab, der VII. Division Luini als Geniechef beigegeben. Am 2. November ging La Nicca mit seinem Adjutanten Fornaro und seinem Sekretär S. Bavier 151 (nachmaligen Minister) nach Bellenz ab, um sich dort der aus Tesstnern bestehenden Truppenabteilung, die den Gotthard zu überwachen hatte, anzuschließen. Luini ließ die ganze Mannschaft das Livinenthal hinauf bis Airolo vorrücken und verlegte sodann das Hauptquartier von Faido nach Airolo, eine Maßregel, die La Nicca durchaus nicht billigte, weil er voraussah, daß bei einem allfälligen Ausfalle des Sonderbundes dasselbe, wenn die Tessiuer nicht durchaus Widerstand zu leisten im stände wären, zu sehr bedroht und keine Operationsbasis vorhanden wäre. Was er voraussah, geschah. Die Urner fielen wirklich in den Kanton Tessin ein, stiegen von der Höhe des Gotthards nach Airolo hinunter, wo Luini die tessinische Mannschaft gegen sie anrücken ließ. Bei Annäherung der Urner wurde dieselbe so von Schrecken erfaßt, daß es unmöglich war, sie zum Stehen, geschweige denn zum Vorrücken zu bringen. Auch Luini verlor den Kopf und befahl den Rückzug, der danu in sehr ungeordneter Weise vor sich ging. In Dazio Grande wurde von den Offizieren Kriegsrat gehalten, La Nicca drang darauf, hier Stellung zu nehmen. Allein während die Offiziere beratschlagten, vollführten die Truppen ohne Aufenthalt den Rückzug und nötigten dadurch auch die Offiziere, ihnen zu folgen und machten erst Halt, als sie die schützenden Mauern von Bellenz erreicht hatten. Da für das entblößte Livinenthal die Besetzung durch den Sonderbund zu befürchten war, so eilte La Nicca nach Bünden zurück, um einen sofortigen Nachschub der im Kanton Graubünden stationierten Truppen, sowie die Bildung eines Freikorps zu bewirken. Ueberall, wo er durchkam, verbreitete er die Kunde vom Rückzug der Tessiner und forderte aller Orten die streitbare Mannschaft auf, ein Freikorps zu bilden, um die von den Tesstnern verlassenen Positionen wieder einzunehmen. Und wirklich stand bald ein gut ausgerüstetes 152 Freikorps im Misvx, das an der Spitze der nachfolgenden Bündnerbataillone das Livinenthal hinaufzog, denen dann auch die Tessiner nachfolgten. Die Urner waren aber schon abgezogen, und weder im Thale noch auf der Höhe ließ sich der Feind sehen. Die eidgenössischen Truppen konnten daher ohne Behelligung den Gotthard besetzen, was sie um so kühlern Mutes ausführten, als mittlerweile Dufour den Sonderbund besiegt und zur Kapitulation gebracht hatte. Der besiegte Sonderbund fügte sich der Mehrheit der Kantone. Der Friedensengel durchzog, die Wunden heilend und die Gemüter versöhnend, bald wieder das Land. Im Jahre 1848 wurde die neue Bundesverfassung der Eidgenossenschaft von der Nation angenommen, die, wenn auch im Jahre 1874 revidiert und öfters durch Gesetze ergänzt, doch in der Hauptsache bis heute die Einrichtung und Verfassung der Schweiz geblieben ist, die gegen Umsturz eine starke Feste bildet, in der sich das Land kräftig entwickelt hat. Kaum war in der Scbweiz die Ruhe wieder hergestellt, so fanden in Frankreich, Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien die bekannten politischen Umwälzungen statt. Während Oesterreich in der Lombardei alle Mittel anwendete, um die dort herrschende Unzufriedenheit und den italienischen Patriotismus niederzuhalten, hatte in Piemont Carlo Alberto eine freiere Staatsverfassung eingeführt und die Idee der italienischen Einheit zu der seinigen gemacht. Nun scharten sich alle jene Italiener, die seit der Restauration für Italiens Einheit und Freiheit gekämpft und gelitten hatten, um seinen Thron und drängten ihn, nachdem die Lombarden durch einen Ausstand die Oesterreichs vertrieben hatten, mit seinem Heere in der Lombardei einzuziehen, die ihm dargebotene eiserne Krone anzunehmen und in Mailand die Fahne der italienischen Einheit und Freiheit aufzupflanzen. 153 Aber noch war die Zeit nicht gekommen, wo Italien geeint und frei sein sollte, denn bald gewannen die Oesterreicher wieder die Oberhand, besiegten die Piemontesen und nahmen die Lombardei wieder ein. Aber die Opfer waren nicht umsonst, denn fortan bis zur wirklichen Befreiung Italiens blieb, Piemont das Herz dieses Landes, an dem sich alle diejenigen die das Vaterland liebten, erwärmten und dem alle gesunden nationalen Elemente zuströmten. In der Schweiz war man in dieser Zeit mit der Neugestaltung der staatlichen Verhältnisse vollauf beschäftigt; vorerst galt es, das Militär-, Zoll-, Finanz- und Postwesen der verschiedenen Kantone in eine einheitliche eidgenössische Verwaltung zu bringen. Die Eisenbahnen harrten noch der Erledigung. 8a Nicca gewann daher mehr Muße, sich in dieser Zeit noch andern Aufgaben zu widmen. Neben der kantonalen Thätigkeit nahmen das Linthunternehmen und die Juragewässerkorrektion sein Interesse und seine Zeit fortwährend in Anspruch. Sodann beschäftigte ihn in den Jahren 1848 und 1849 noch die Korrektion der Reuß, sowohl im Kanton Uri bis zu ihrem Einfluß in den Vierwaldstättersee, als auch diejenige dieses Flusses in der Gegend von Mühlau. Sodann vollendete er in dieser Zeit das Projekt für die Aarebrücke in Aarau, nach welchem dieselbe ausgeführt wurde. Bei den Vakanzen, die sich für die Eisenbahnbestrebungen durch die politischen Ereignisse ergeben hatten, verstrich nichtsdestoweniger der Konzessionstermin, den die drei im Staatsvertrag mit Piemont stehenden Kantone der Lukmaniergesell- schaft bewilligt hatten und neigte sich dem Ende zu. Um daher die errungenen Vorteile nicht einzubüßen, versammelten sich in Bern im Sommer 1849 die daselbst anwesenden Mitglieder der Bundesversammlung, Weder und Hungerbühler als Vertreter St. Gallens, Bapt. Bavier und Ganzoni als solche Graubündens und Luini und Pioda als Vertreter Tessins zu 154 einer Eisenbahnkonferenz. Es wurde beschlossen, eine Eingabe an die respektiven Kantonsregierungen abzugeben und dieselben zu ersuchen, in offizieller Weise das provisorische Lukmanier- komitee zu einer bestimmten Darlegung seiner Thätigkeit und seiner für den Bau zu eröffnenden Aussichten aufzufordern. Die Kantonsregierungen genehmigten diesen Vorschlag, und La Nicca wurde von denselben beauftragt, sich nach Turin zu begeben, um sich die Gewißheit zu verschaffen, was man dort für den Lukmanier zu leisten geneigt sei. Zu gleicher Zeit wurde ihm auch von Seiten des eidgenössischen Militärdepartements der Auftrag erteilt, mit Oberst Diezinger und Oberst Perier die Befestigungs-Abtragungen in Genf zu untersuchen. Dort hatte Fazys Regiment mit allen alten ehrwürdigen Einrichtungen gründlich aufgeräumt. Wie er alle Schranken niederriß, um der Demokratie Eingang zu gewähren und auch den Ultramontanen, die er für sich gewonnen hatte, ebenfalls die Thore in diese Republik geöffnet hatte, so sollten nun auch die äußern Bollwerke fallen, die Genf in mancher schwierigen Lage so trefflich geschützt hatten. Mochte auch das Bedürfnis für eine Stadterweiterung diese Maßregel rechtfertigen, so konnte die Bundesregierung doch nicht gleichgültig zusehen, daß eine so wichtige Grenzstadt ihrer Befestigungen beraubt und einem feindlichen Einfalle bloßgestellt werde. Die für diesen Zweck ernannte Kommission traf am 10. Januar 1850 in Genf ein. Ein großer Schneefall hatte es La Nicca ermöglicht, diese Reise von Chur bis Genf im Schlitten zu machen. Die Kommission wurde von der Genfer Regierung mit Zuvorkommenheit empfangen. Das Benehmen der Menge, besonders der an der Abtragung der Bollwerke beschäftigten Arbeiter, war dagegen ein geradezu empörendes. Entgegen der Verfügung der Genfer Regierung, die Arbeiten bis auf Weiteres einzustellen, begaben 155 sich die Arbeiterkompagnien, obwohl es Sonntag war, mit Fahne und Tambour dennoch auf den Arbeitsplatz und setzten das Zerstörungswerk ungehindert fort. Solche Austritte wiederholten sich täglich, so lange die eidgenössische Kommission sich in Genf befand und La Nicca war es nicht klar, ob Fazy über seine Elemente selbst keine Macht habe oder ob er ihr Treiben billige; immerhin erfüllten ihn diese Zustände mit Betrübnis. Es war daher für ihn ein herzerfrischender Genuß, wenn er nach des Tages Arbeit seine Abende bei seinen Freunden General Dufour, Pfarrer Lütscher u. a. zubringen durfte, welche Kreise ihm das alte Genf in seiner vollen Noblesse zur Erscheinung brachten. Die eidgenössische Einsprache kam indessen zu spät, denn schon waren die meisten Bollwerke abgetragen und Genf zum offenen Platze gemacht. Die Eidgenossenschaft war genötigt, das kait aeeompli anzunehmen. Von einer kurzen Inspektion, die La Nicca im Auftrage der Regierung im Freiburgischen zu machen hatte, wieder nach Genf zurückgekehrt, trat er von dort die Reise über den Mont Eenis nach Turin an. Dort angekommen, begrüßte er vorerst seine Mitarbeiter am Lukmanierunternehmen, Prandi, Carbonazzi u. a. Sodann erhielt er eine Einladung zu dem am folgenden Abende beim Ministerpräsidenten, dem bekannten Schriftsteller d'Azeglio stattfindenden Balle. Die ganze Diplomatie des Königreichs und die Blüte Turins fand sich dort versammelt. 8a Nicca wurde dort Cavour vorgestellt, der aber noch nicht Minister war, sich aber durch seine große Beredtsamkeit in der Kammer auszeichnete; sodann dem Marchese Ricci, ehemaligem österreichischen Gesandten, dem Genieoberst (nachmaligem General) Menabrea, wobei das Lukmanierprojckt den Unterhaltungsgegenstand bildete. Am folgenden Tage besuchte er das Caffee Nazionale, den Sammelplatz der lombardischen Emigranten. Dort lernte er die Häupter der Linken Ratazzi und den 156 Schriftsteller Valerio kennen, auch knüpfte er damals die Verbindung mit dem Vertreter Brasseys, Nettlam Giles, an. Später besuchte er den Minister der öffentlichen Arbeiten, den edeln, vielverdienten Paleocapa, der ihn schon mit seiner Korrespondenz beehrt hatte und der ihn sehr cvrdial als Kollegen empfing. Ueber das Lukmanierprojekt äußerte er sich als Techniker und Politiker auf die vorteilhafteste Weise und bemerkte ihm, daß sich England und Preußen zu gunsten dieses Unternehmens ausgesprochen hätten, welchem sowohl in Politischer, als kommerzieller Beziehung eine große Tragweite zukomme. Auch den Sitzungen der Vorbereitungsgesellschaft wohnte La Nicca bei, die als Konzessionsinhaber die Gründung einer wirklichen Unternehmungsgesellschaft anstrebte. Die Vorbereitungsgesellschaft hatte nach vielfachen und langen Beratungen sich endlich zu einem Berichte über seine Thätigkeit an das Ministerium geeinigt, den eine Deputation, bei der auch La Nicca vertreten war, demselben am 10. Februar überreichte. Die Antwort des Ministers war folgende: „Die Regierung „werde das Unternehmen mit Nachdruck unterstützen und sich „auch in eine entsprechende Zinsgarantie einlassen, wofern auch „die. andern an demselben interessierten Staaten sich in gleicher „Weise beteiligen würden, jedoch nur einer Gesellschaft das „Werk anvertrauen, die ihr alle nötigen Garantien biete." Die Gesellschaft setzte ihre Beratungen bis zum 19. Februar fort, an welchem Tage sie ihre Sitzungen schloß. La Nicca benützte diese Zeit, um mit verschiedenen einflußreichen Personen Verbindungen anzuknüpfen, Berichte an die Schweizerregierungen zu erteilen und mit seinen Mitarbeitern, besonders mit Carbonazzi das gemeinsame Werk immer mehr und näher zu untersuchen und zu beleuchten. Bei diesem Aufenthalt wurde ihm mannigfacher Genuß zu teil, wie ihn eine große Stadt und angenehme und interessante Verbindungen gewähren. Nebst — 157 - verschiedenen Einladungen zu Diners und Abendgesellschaften bei seinen Freunden und dein damaligen Schweizerkonsul, Herrn Charles Müsset, widmete er sein Interesse auch dem bewegten sozialen und politischen Leben, das eben gerade zu jener Zeit Turin erfüllte. Obwohl der piemontesische Staat durch den unglücklichen gegen Oesterreich geführten Krieg unendliche Einbuße gemacht hatte, so schien es La Nicca keineswegs, als lebe man hier im Lande des Geldmangels; wurde doch die damals gemachte Staatsanleihe in Turin in anderthalb Tagen gedeckt und erreichten in Genua die Subskriptionen 36 Millionen. Auch war das Leben in Turin viel bewegter, Handel und Verkehr belebter, alle Vergnügungsorte besuchter, als vor diesem mißglückten Feldzuge. Die Stadt wimmelte von exilierten Italienern anderer italienischer Staaten, besonders von Lombarden, die, zum Teil reiche Herren, ihr Einkommen dort verzehrten und ihr Geld in Cirkulation brachten. Auch der Nationalgeist lag nicht darnieder. Von der innern Ueberzeugung geleitet, daß die Einigung Italiens unwiderruflich bald kommen müsse, arbeiteten die großen Männer, mit denen La Nicca eben in Verbindung getreten war, unermüdlich am Fundamente, das einst das geeinigte Vaterland tragen sollte. Am 21. Februar begab sich La Nicca zur Abschiedsaudienz zu Paleocapa, bei welcher sich derselbe, wie La Niccas Tagebuch berichtet, in folgender Weise aussprach: „Die piemontesische Regierung beabsichtigt, das Unternehmen der Lukmanierbahn mit Nachdruck zu fördern. Um „aber dasselbe zu stände zu bringen, ist eine Zinsgarantie nötig, „welche Piemont aber nicht allein übernehmen kann, wiewohl „es zur Uebernahme des größten Teiles geneigt ist, wofern „die Schweiz und die andern beteiligten Staaten ebenfalls „dazu beitragen, namentlich Preußen, welches sich günstig geäußert und wegen des deutschen Zollvereins ein besonderes 158 „Interesse bei der Sache hat. Die piemotesische Regierung „hat auch in England, nicht ohne Erfolg, Schritte zur Auf- endung der zu diesem Unternehmen erforderlichen Kapitalien „gethan. Es hat sich auch eine Gesellschaft, jedoch gegen eine „ziemlich hohe Zinsgarantie von 5°/», zur Ausführung bereit „erklärt, wenn auch die englische Regierung dabei mitwirken „werde. „Hierauf wandte man sich an Lord Palmerston, welcher „sich dahin äußerte, daß die englische Regierung sich zwar in „keine Zinsgarantie einlassen könne, jedoch ihre moralische „Unterstützung diesem Unternehmen und der Gesellschaft, die „dasselbe ausführe, zusichere, wobei sie jedoch wünsche, daß „die piemontesische Regierung die Sache in die Hand nehme „und die nötigen Unterhandlungen durchführe. Die hiesige „Regierung ist nun gesonnen, dieses zu thun, deswegen Solorolis „Sendung (Abgeordneter der Regierung) nach Berlin und Bern „und die Unterhandlungen mit der Vorbereitungsgesellschaft. „Mit dieser gedenke man sich auf billige Grundlage hin zu „verständigen. Dabei berührte er auch La Niccas besondere „Stellung als Gründer und als derjenige Ingenieur, welcher „die meisten Vorarbeiten gemacht habe, welche auf die eine oder „andere Art berücksichtigt werden müßten; sowie er sich auch „La Niccas schon ausgearbeitete Ausführungsprojekte vormerkte, durch welche, wie er sagte, der Beginn der Arbeit „beschleunigt werden könne; diese Vorarbeiten daher alle Berücksichtigung verdienen." Daß La Nicca durch seine Bestrebungen für die Alpen- bahn bei der piemontesischen Regierung schon volle und gerechte Anerkennung gefunden hatte, wurde ihm im Jahre 1847 durch eine Ordensverleihung bewiesen, eine Auszeichnung, die vor Konstituierung der neuen Aera Ausländern gegenüber selten vorkam, wie sehr auch das neue geeinigte Königreich später damit Verschwendung übte. 159 Am 23. Februar verließ La Nicca Turin, traf am 28. Februar wieder in Ehur ein und nahm sofort seine dortigen Amtsgeschäfte wieder auf, die nicht unbeträchtlich waren, denn es wurden in diesem Jahre im Prätigau, Oberland und Puschlav größere Straßenstrecken, sowie auch die Korrektion der Landquart ausgeführt. Am 28. Juli 1850 wurde er durch den Besuch General Dufours beehrt, der in Begleitung der Obersten Ochsenbein und Buchwalder zur Inspektion der Luziensteig nach Chur gekommen war. 8a Nicca lud diese Herren zu einem Festdejeuner in seinen Pavillon am Roseithügel ein. Die Stadt war nicht wenig erregt, den gefeierten General in ihren Mauern empfangen zu dürfen und bald war die Anlage, in der man die Gäste bewirtete, von einer Volksmenge umgeben. Der Churer Männerchor erbat sich die Erlaubnis, hinter einer Gebüsch- und Baumgruppe sich aufzustellen, von wo aus er dem Besieger des Sonderbundes ein Ständchen brachte. Du- four war von dieser Ovation ganz ergriffen, so daß ihm die Thränen in die Augen traten. Bald nach Dufours Abreise mahnte die schon vorgerückte Jahreszeit La Nicca, sich nach dem Bernina zu begeben, über welchen die Straße projektiert werden sollte. Er erlaubte seinem dritten Sohne und seiner Tochter, ihn auf dieser Reise zu begleiten, während der älteste Sohn, der ihm als Ingenieur- praktikant bei den Ausmessungen helfen sollte, schon ins Engadin vorausgereist war. Die reizvollen Thäler, durch welche die Straße nach dem Engadin führt, sowie das Wunderland selbst war damals noch wenigen Schweizern und noch weniger den Ausländern bekannt, um so ungestörter und poetischer konnten die Reisenden alle diese Herrlichkeiten genießen. Die Familie reiste im kleinen offenen Fuhrwerk; es war am zweiten Reisetage, dem 1. August, der Bella Domenica der Engadiner, daß von der Höhe 160 — des Juliers das herrliche Engadin mit seinen Seen und Gebirgen sich ihren Blicken darbot. Nach einer Stunde gelangte man nach St. Moritz, wo die Gesellschaft im Wirtshaus zur Post abstieg. Von größern Gasthäusern war in St. Moritz noch keine Spur, einzig das Haus Padrutt konnte den Namen eines bessern Gasthauses verdienen. Pension Bavier und Pension zu Post waren einfache Engadiner Privathäuser, in denen die größten Stuben den Gästen als Speise- und Konversationszimmer dienten, die teils im Hause selbst, teils in andern Häusern einquartiert waren. Eine schlechte Straße führte zur Quelle, die ein einstöckiges, geringes Gebäude umschloß, in welchem sich noch ein kleines Wirtszimmer und 6 Badekabinette befanden. Die Quelle umgab eine kleine Halle, in der sich diejenigen Kuranten bei schlechtem Wetter bewegen konnten, die das Mineralwasser dort trinken wollten, während es den Frauen nach dem Dorfe gebracht wurde. Nichtsdestoweniger befand sich in jenem Sommer eine kleine gewählte Gesellschaft in St. Moritz, die mit Bewußtsein die schöne Natur genoß und bei schlechtem Wetter durch anregende gegenseitige Unterhaltung die Zeit angenehm zu verbringen wußte. Bald trat auch die Familie La Nicca in diesen Kreis ein, doch nur, um nach einem schon verlebten Tage die Reise über den Bernina fortzusetzen. Von Pontresina an gab es keine Kunststraße mehr und die Reisenden wurden auf dem steinigen Wege nicht wenig herumgeschüttelt, so daß sie vorzogen, die steilern Partien zu Fuß zu machen. Sie konnten stundenlang reisen, ohne jemand anzutreffen und auch dann höchstens einen Hirten, der seine Heerde weidete, oder hie und da ein kleines Wägelchen, das reisende Puschlaver nach dem Engadin brachte. Der Weg führte an den dunklen Seen und Felskoloffen vorbei, hinter welchen sich die Eisberge erheben, deren Gletscher 161 sich bis zur Paßsohle herandrängen. Diese großartige ernste Natur stimmte auch die Reisenden ganz feierlich, sahen sie sich doch in eine fremde Welt versetzt. Aus dieser Stimmung wurden sie durch den Vater von Zeit zu Zeit herausgerissen, der mit seinem strategischen Auge die Gegend besah und im Vorbeireden sich schon im Geiste ein Bild über das Haupt- tracö der zu bauenden Straße entwarf. Auf dem alten Hospiz wurde das Mittagessen eingenommen und dann die Höhe des Passes erstiegen, dessen südlicher enger Abfall, das Kamin genannt, deni Ingenieur nicht wenig Schwierigkeit für die Straßen- aulage darbot. Hinter dem weißen See erhoben sich, Italien verratend, die Bergspitzen des Vcltlins, und eine reiche Ausbeute der herrlichsten Alpenblumen entzückte die Reisenden. Schon fiel die Nacht ein, als bei la Rosa die neuerbaute Straße erreicht wurde, auf der man gefahrlos bis Poschiavo gelangen konnte. 11 16. Kapitel. Mittlerweile hatten die Vertreter der geeinigten Eidgenossenschaft die Neugestaltung ihrer Gesamtverwaltung vollendet und nun trat die Eisenbahnfrage gebieterisch in den Vordergrund. Bevor die Frage ob Staatsbau oder Privatbau entschieden wurde, beschloß der Bundesrat, den im Eisenbahnbaufache berühmten und erprobten Ingenieur Stefenson als Experten nach der Schweiz kommen zu lassen, um von ihm zu erfahren, welche Linien am meisten zu empfehlen seien. Stefenson hatte bereits im Juli einen seiner Ingenieure, Svinebeurne, nach der Schweiz geschickt, um dort Voruntersuchungen zu machen, und hatte derselbe auch mit La Nicca die projektierte Linie gegen den Walensee und die Via Mala besichtigt. Mitte September traf denn auch Stefenson selbst in der Schweiz ein. La Nicca begrüßte ihn in St. Gallen, wo er sich eben mit Frau und Tochter befand; er überließ es vorläufig Näf und Hartmann, mit demselben die st. gallischen Linien zu untersuchen, indem die neuen Familienverbindungen, in die er durch die Verlobung seiner Tochter eingetreten war, ihn noch während einigen Tagen in St. Gallen und im Rheinthale festhielten, um sich dann nach seiner Rückkehr in Chur ebenfalls der englischen Autorität zur Verfügung zu stellen. Näf und La Nicca begleiteten Stefenson und Swinebeurne über 163 den Lukmanier bis Bellenz, wo sie sich trennten; erstere über den Bernhardin, letztere über den Gotthard zurückkehrten. Soviel Verdienst Stefenson für die Erstellung der englischen Eisenbahnen gehabt hat, für die Schweiz wollten seine Vorschläge nicht passen. Dem Gebirgseisenbahnbau schien er keinen Glauben zu schenken; für die übrigen Linien wählte er vor allem diejenigen Gegenden, die die geringsten Bauschwierigkeiten darboten, ohne auf die Bevölkerung und industriellen Verhältnisse Rücksicht zu nehmen. So fanden seine Vorschläge bei der Bundesversammlung wenig Anklang. Die Kommission, die diese mit der Untersuchung der Frage ob Privat- oder Staatsbau zu empfehlen sei, betraut hatte, entschied sich in der Mehrheit für letztem. Sie befand sich dabei ganz auf dem Boden, den unsere heutigen Staatsmänner einnehmen, indem sie das Eisenbahnwesen in die Hände des Staates zu legen sich bestrebte. Was damals leicht erreichbar gewesen, ist jetzt vor Ablauf der Konzessionstermine kaum mehr zu bewerkstelligen. Allein da es sich fast als eine Unmöglichkeit erwies, ein Eisenbahnnetz zu erstellen, das allen Anforderungen der verschiedenen Landesteile auf gerechte Weise entsprechen konnte, ohne hiedurch zu neueu Parteiuugen Anlaß zu geben, so wurde beschlossen, es sei von einem Staatsbau durch den Bund abzusehen. Der Eisenbahubau sei unter die Kompetenz der Kantone gestellt (die zwar nicht selbst bauten, sondern den Bau Privatgesellschaften überließen). Der Bund habe für den Bau jeder von den Kantonen konzessionierten Bahn, wv- fern sie die militärischen Interessen der Eidgenossenschaft nicht beeinträchtige, seine Einwilligung zu erteilen. Wohl mochten auch die finanziellen Bedenken zu diesem Beschlusse beigetragen haben, da es nicht als unbedenklich erscheinen mußte, das neue Staatengebilde schon in der Wiege mit einer so großen 164 Staatsschuld zu belasten, wie sie ein ausgedehnter Bahnbau zur Folge gehabt hätte. Nachdem nun für den Eisenbahnbau der Rechtsboden geschaffen worden war, so legten sofort die verschiedenen vorbereitenden Gesellschaften die Hand ans Werk. Die Basier bauten ihre Linie durch Baselland nnd den Hauenstein nach Ölten, um die Verbindung mit Bern und Luzern und eine solche durch den Aargau nach Zürich zu erstellen, ohne die Zürcher zu berücksichtigen, die vorerst eine Verbindung durch den Bötzberg anstrebten. Als diese sich abermals von den Basiern ignoriert sahen, so löste sich die Nordbahn auf, indem sie sich mit der Ostbahn fusionierte und als Nordostbahn den Bahnbau über Winterthur nach Romanshorn als erstes Werk ausführte. Für die Verbindung mit dem industriellen Glatthale bildete sich eine eigene Gesellschaft. Die St. Galler gründeten die St. Gallen-Appenzeller Bahn, und in der französischen Schweiz wurde die Westbahn gebaut. Zwischen der österreichischen Regierung, der Lombardei und dem piemontesischen Staate herrschte, wie natürlich, stets ein gespanntes Verhältnis. Dort der niedergedrückte Volkswille, hier die angehäufte Expansivkraft der nationalen Wünsche und Entwicklungen. Wußte doch keiner, was er in nächster Zeit von dem andern zu erwarten hatte. Es mußte daher begreiflich erscheinen, daß die Lukmanierliuie als unmittelbar an Oesterreich sich herannähernde Eisenbahn der piemontesischen Regierung etwelche Bedenken einflößte, und daß sie daher nach einer andern Richtung sich umsah, welche von der Schweiz direkt in das Herz Piemonts führen würde. Da war nun der Simplen, die berühmte Napoleonische Verbindungsstraße, und sowohl in Bern, als in Piemont wurde die Idee einer 165 Bahn durch die Grimsel nach dem Wallis und von dort durch den Simplen mit Interesse aufgenommen. Die piemontesische Regierung wünschte nun durch eine von beiden Regierungen bestellte Expertenkommission, dieses neue Projekt untersuchen und mit dem Lukmanier vergleichen zulassen; es wurden hie- für von Piemont Ingenieur Negretti, von der Schweiz Ing. Koller und La Ricca, welchen noch der preußische Ingenieur Hächener beigesellt wurde, ernannt, die im September 1851 diese Expertise vornahmen. Die Lukmanierlinie konnte wegen eingetretenen schlechten Wetters nur am südlichen Abhänge untersucht werden, doch da die vollständigen Pläne des ganzes Trams und Terrains vorlagen, so genügte dieses vollkommen, um den Vergleich mit dem Grimselprojekte und die vollständige Superiorität des erstem vor dem letztem hervorzuheben, sodaß man sowohl in Piemont, als in Bern sich überzeugen mußte, daß das Grimsel- projekt im Vergleich mit andern Alpenbahnen keinen Erfolg sich sichern könne und deshalb aufgegeben wurde. Wie sehr damals das Lukmanierprojekt sich der allgemeinen Anerkennung zu erfreuen hatte, geht aus folgendem Schreiben von Ing. Koller an La Nicca vom 12. Dezember 1851 hervor. Er sagt u. A.: „Ich frage Sie, wo hat eine Alpenlinie den Vorsprung für eine „durchgehende Bahn, wie der Lukmanier sie besitzt, wenn Sie die „Rorschach-Chur-Linie mit aller Macht poussieren. In 2 bis 3 Jahren „können Sie die beiden Enden der nur durch die Alpen getrennten „Bahnen zwischen Biasca und Chur an einander rücken, und dafür „sind in der Schweiz blos 20 Stunden Eisenbahn auszuführen und „zwar von den wohlfeilsten." Bei dem Wettbewerb für Erbauung der Eisenbahnen, der allenthalben in der Schweiz stattfand, wollte auch Graubünden, das schon seit Alters her den Verkehr zwischen Süden und Norden vermittelt hatte, nicht zurückbleiben. Die Alpenbahn schien einem großen Teil der Bevölkerung eine Utopie zu sein, und man wollte das leicht ausführbare 166 nicht einem noch nnsichern, so weit verzweigten und von so vielen Chancen abhängigen Projekte opfern. Dachten ja auch die klugen Basler noch nicht an eine Alpenbahn. Es wurde im Lande hin und her diese wichtige Frage besprochen und sodann hauptsächlich auch in der Session des Großen Rates vom Juli 1852, in welcher, da trotz der öftern Konzessions- verlängerung es der von La Nicca vertretenen Lukmaniergesellschaft nicht gelungen war, den Bau ins Werk zu setzen, beschlossen wurde, dieser resp. La Nicca als Konzessionsinhaber, die Konzession als erloschen zu erklären. Man ging Hiebei von der Ansicht aus, einer sich neu zu bildenden Gesellschaft einen reinen, ebenen Boden zu bereiten. Eine solche ließ auch nicht auf sich warten. Infolge von vielfachen privaten Besprechungen und Uebereinkommen konstituierte sich nach einer großen Versammlung von Teilnehmern aus St. Gallen, Glarus und Graubünden die Südostbahngesellschaft, deren Programm die Linie Rorschach-Chur und Sar- gans-Wesen war. Die Seele dieses Unternehmens war Nationalrat Andreas Planta, der seinerzeit, als Killias und Prandi in London für das Lukmanierprojekt Interesse zu erwecken suchten, sich zufällig in London befand und sich lebhaft für dasselbe interessierte. Planta war sehr bemüht, La Nicca für seine neu zu konstituierende Gesellschaft zu gewinnen, und dieser wollte dein Projekte auch nicht hemmend entgegentreten, obwohl er dabei erkennen mußte, daß das große Einheitsprojekt, der direkten Verbindung vom Bodensee an den Langensee, zerrissen und dadurch die Führung der Bahn über die Alpen erst in zweiter Linie zur Berücksichtigung gelangen werde. Er sah durch dieses Vorgehen seinem heißerkämpfteu Plane einen schweren Schlag versetzt. 167 Die bündnerische Regierung sowohl, als auch das Komitee der neugegründeten Südostbahn-Gesellschaft, welch letztere noch nicht Konzessionsinhaberin war, erkannten, daß man die mit Piemont abgeschlossenen Verträge, sowie die vielfachen für die Lukmanierbahn in jenem Lande schon bestehenden Bestrebungen nicht außer Acht lassen, sie nicht durch ein Unternehmen gefährden dürfe, das in das von ihr schon in Anspruch genommene Gebiet eingreife und, bevor man eine neue Konzession erteile, sich noch einmal mit der alten italienischen Gesellschaft, sowie auch mit der sardinischen Regierung auseinanderzusetzen habe. Auch hoffte man, daß die Südostbahn durch eine Vereinbarung italienisches Kapital anziehen werde. La Nicea wurde deshalb aufgefordert, sich für diesen Zweck nach Turin und Genua zu begeben, wozu ihn die bündnerische Regierung mit einem besondern Empfehlungsschreiben, datiert 6. Dez. 1852, versehen hatte. Killias, ebenfalls Konzessionsinhaber, wurde bestimmt, La Nicea zu begleiten und bei den Verhandlungen zu unterstützen. Das Lukmanierprojekt hatte in Graubünden sich keineswegs einer allgemeinen Zustimmung zu erfreuen. Im Gegenteil sahen sich sehr viele durch dasselbe in ihren Interessen gefährdet; dieses war nicht nur bei denjenigen Thalschasten der Fall, die von der Bahn abseits lagen und durch dieselbe ihren bisherigen Verkehr einzubüßen befürchteten, sondern, wer sollte es glauben, selbst in Chnr gab es eine einflußreiche Partei, deren festes Bestreben es war, alle Hebel anzusetzen, um die Bahn nicht weiter als bis Chnr bauen zu lassen. Diese geeinigte Opposition, sowie die Südostbahnförderer drängten die bündnerische Regierung, noch bevor die beiden Abgesandten in Turin zu einem Abschluß gekommen waren, einen außerordentlichen Großen Rat einzuberufen, der über die Eisenbahnangelegenheit bestimmte Beschlüsse fassen sollte (die koste Frage bei demselben bildeten die Konzessionsrechte der 168 bisherigen Inhaber La Nicca und Killias, als Vertreter des italienischen Lükmaniervorbereitungskomitees). Nachdem der erste Termin der Konzession abgelaufen war, so hatte die Regierung dieselbe auf unbestimmte Zeit erneuert, mit der Bedingung, daß ihr je von halb Jahr zu halb Jahr über die Resultate der Gesellschaft Bericht erteilt werde. Durch die Lukmaniergegner gedrängt, hatte die bündnerische Regierung diejenige von Tessin benachrichtigt, daß sie die an die Lukmaniergesellschaft erteilte Konzession zurücknehmen werde, worauf ihr dieselbe unterm Datum 1. Januar 1853 ein Schreiben folgenden Inhalts zustellte. Die iessinische Regierung spricht in demselben ihr lebhaftes Bedauern aus, daß die bündnerische Regierung den Großen Rat einzuberufen gedenke, um ihm ein Kouzessionsgesuch für eine Eisenbahn vorzulegen, die einen Teil der schon konzessionierten Lukmanierbahn in sich fasse. Durch ein solches Vorgehen würde dieses Unternehmen, für welches sich die Gründer so viel Schweiß und Mühe haben kosten lassen und für welches sich die respektiven Regierungen bei der Bundesregierung so dringend verwendet haben, nicht nur in Frage gestellt, sondern auch der Staatsvertrag mit Piemont aufgehoben. Wenn die Bahn nur bis Chur gebaut werde, so werde dieses bei Piemont und Tessin die Befürchtung erwecken, daß eine Fortsetzung über den Splügen oder Septimer ins österreichische Gebiet gelenkt werden könnte. Es seien auch schon Versuche gemacht worden, die tessinische Regierung von dem gemachten Vertrage abzuwenden, die sie aber immer abgewiesen habe. Sie ermähne die Granbündner Regierung, ein Gleiches zu thun und nicht in dem Momente, wo Piemont große Sub- sidienbeiträge für das Lukmanierunternehmen votiere, dasselbe durch eine Konzessionserteilung für eine Bahnstrecke, die im 169 obigen Unternehmen Inbegriffen sei, in Frage stelle oder gar vernichte. La Nicca war indessen am 1. Januar 1853 von Turin und Genua wieder zurückgekehrt und reichte sofort der Regierung von Graubünden über das Resultat seiner Sendung einen Bericht ein, der dann in der ersten Sitzung des auf den 4. Januar 1853 einberufenen Großen Rates vorgelesen wurde und wie folgt lautete: „Da sich besonders in Genua die Stimmung zu gunstcn des „Lukmaniers kund that, so begaben wir uns vorerst nach dieser Stadt. „Dort hatte die früher dem Grinisel- und auch dem Gotthardübcrgang „huldigende Stimmung sich wieder mehr unserm Projekte zugewendet. „Der genuesische Divisionalrat hatte schon sechs Millionen für den „vukmanicr votiert und es gelang uns, daß noch während unserer „Anwesenheit der Munieipalrat ebenfalls für dieses Unternehmen sechs „Millionen votierte, welches mit den zwei Millionen, die die (lamsra „äei (lomercio uns zugesagt hatte, 14 Millionen ergab. Ferner wurde „von diesen Administrationen beschlossen, die Municipalräte der Städte „Savona, Alessandria, Bcrcelli, Novarra und Arona zu entsprechenden „Subsidicn aufzufordern, sodann aber allen Einfluß auf die Regierung „auszuüben, um dieselbe zu einer großartigen Teilnahme an dem „Werke zn bewegen. Hicbci wurde die Ansicht maßgebend, daß sich „die bisherige Vorbereitungsgcscllschaft zu einer Ausführungsgcsellschaft „konstituiere. Zu diesem Behufe wurde von dem Präsidenten Gius- „tiniani ein Zirkular erlassen, in welchem das Programm einer Bahn „einerseits bis Dissenlis, anderseits bis Olivone mit einstweiliger Verbindung durch eine bequeme Straße über den Berg festgestellt und „für 66 Millionen veranschlagt wurde. „In Turin fanden wir die Situation weniger günstig. Die „Ansicht, daß es für Picmont vorteilhafter wäre, über den Gotthard „in den Mittelpunkt der Schweiz und in die Verbindung der nord- „curopäischcn Eisenbahnen zu gelangen, hatte besonders seit der Senkung KollerS als' cidg. Experte »ach Turin wesentliche „Fortschritte gemacht und war auch der sonst dem Lukmanier günstig „geneigte Bauministcr Palcoeapa hicvon beeinflußt. Immerhin äußerte „sich dieser Minister dahin, daß seine Regierung mit den wirksamsten „Mitteln eine Bahn unterstützen werde, die die gewünschte Verbindung „mit der Schweiz und Deutschland baldigst herbeiführe. 170 „Der Premier- und Finanzministcr Cavour erklärte sich, nicht „ohne ebenfalls die Vorteile eines Gotthardtibcrgangcs zu erwähnen, „doch entschieden für den Lukmanier; er beauftragte uns, ihn mit den „notwendigen Materialien zu versehen, auf welche gestützt er die Angelegenheit vor die Kammer bringen und dort vertreten werde. Die „bisherige Idee einer Zinsgarantie halte er für unpraktisch und würde „er eine Subvention L kamt psräu beantragen. Er halte es für das „beste, wenn auf dem betretenen Wege fortgeschritten werde, die Konfession der alten Gesellschaft verbleibe, diese zur Ausführungsgesell- „schaft sich umgestalte und die Basis, die der Staatsvertrag von 1847 „geschaffen, unerschüttert bestehen bleibe." La Nicea machte sodann noch den Großen Rat aufmerksam, welche Verantwortung er übernehme, wenn er die im Staatsvertrag fest bestimmte Gesamtkonzession zerreiße und dadurch alle schon gewonnenen Resultate vernichte. Daß er dem Großen Rate die Frage vorlege, welches man für vorteilhafter halte, eine Bahn, die nur bis Chur geführt, oder eine solche, die dem Lande eine Welthandelsstraße eröffne und ohne welche der totale Ruin unseres Transites sich in Kurzem ergeben werde. Im fernern beantragte er, daß zur Verhütung einer Zerreißung der Lukmanierbahn die nach Chur bauende Gesellschaft (Südostbahn) verpflichtet werde, die Konzession der Lükmanier- bahn bis an die Kantonsgrenze zu übernehmen, damit sie entweder selbst bauen, oder die Konzession einer andern Gesellschaft überlassen könne, oder daß La Nicea für die noch bestehende Gesellschaft dieselbe übernehmen werde. Nur durch dieses Mittel sei ein Bruch mit Tessin und Piemont zu verhüten, der eine entschiedene Zuwendung der beiden Interessenten an den Gotthard zur Folge haben werde. Beide Anträge wurden abgewiesen. Von einer Verpflichtung der Südostbahn, die Konzession der Alpenbahn zu übernehmen, wurde abgesehen, dagegen wurde ihr in Art. 8 der Konzessionsakte für den Fall eines Weiterbaues unter gleichen Bedingungen vor andern Bewerbern der Vorzug ein- 111 geräumt. Sodann wurde noch der fromme Wunsch ins Protokoll aufgenommen, daß die neue Gesellschaft sich mit der piemonte- sischeu Lukmaniergesellschaft in Verbindung setze und ihr unter gleichen Bedingungen eine vorzugsweise Beteiligung an der Ausführung gestatte. Einige Redner des Großen Rates betonten nachdrücklich die Gefahr, die dadurch erwachse, daß man die geschlossenen Verträge mit Tessin und Piemont zerreiße und daß man dadurch dem Gotthardprojekte in die Hand arbeite, wodurch dann dem bündnerischen Transite das Todesurteil gesprochen werde. Zum Schluß stellte La Nicca noch die Behauptung auf, daß die Konzession ihm eigentlich noch nicht gekündet sei und er das Recht habe, dieselbe noch zu besitzen, was er gerichtlich beweisen könne, worauf der Große Rat den Beschluß fassen mußte, falls 8a Nicca den gerichtlichen Weg betreten werde, ihm auf demselben zu folgen. Dieses wurde dann natürlich von La Nicca unterlassen, da er dadurch den Bruch doch nicht hätte verhindern können. In der Stadt Chur war über den Beschluß des Großen Rates unter einer großen Anzahl von Einwohnern ein ungeheurer Jubel, daß die Bahn in der bündnerischen Hauptstadt ende und man nun in derselben alle Vorteile allein ernten könne. Nun war die Südostbahn konzessioniert und gegründet, und Land auf Land ab ergingen Einladungen zu Aktien- zeichnungen. Die Patriotismusglocke wurde geläutet und veranlaßte manchen Vaterlandsfreund, sein sauer erspartes, wohl gehütetes Schärftet» dem Unternehmen zu weihen. Verschiedene Gemeinden, besonders Chur, beteiligten sich mit einem weit über ihre Kräfte gehenden Kapital an dem Unternehmen. Aber trotz aller Vaterlandsliebe war es doch nicht möglich, in den drei beteiligten Kantonen von Privaten mehr als 3 Millionen in Aktienzeichnung zu erhalten, was mit den 6 172 Millionen, die die Kantone und Gemeinden übernommen hatten, 9 Millionen repräsentierte, während der Bau auf 25 Mill. veranschlagt war. La Nicca wollte auf dem rechten Ufer des Zürichsees bis Zürich bauen, um die Bahn in diese Stadt direkt einmünden zu lassen und ihr dadurch als große Verbindungsbahn die internationale Bedeutung, die ihr zukam, schon von vorne- herein zu geben. Es war und blieb sein unentwegtes Bestreben, eine Weltbahn zu schaffen, die hindernden Elemente fern zu halten und alle Faktoren zu benutzen, um dieses Ziel zu erreichen. Zürich und der Bodensee sollten die Ausgangspunkte für die bündnerische Alpenbahn bilden. .Die Leiter der Nordostbahn gingen hierin mit La Nicca einig. Obwohl Planta im Ganzen diese Ansicht teilte, so war doch der größere Teil des Verwaltungsrates durch kleinliche Lokalinteressen befangen, denen fort und fort große Hauptzwecke zum Opfer fallen mußten. Mit der Subskription von nur 9 Millionen sah sich die Südostbahn außer Stand, den Bau zu beginnen. Da die Gründer aber selbst der notwendigen Verbindungen, sowie der Sachkenntnisse entbehrten, sahen sie sich, um das Unternehmen fortzusetzen, veranlaßt, mit La Nicca und Killias anzuknüpfen. Es war unbedingt notwendig, einen großen Geldmarkt für das Unternehmen zu interessieren. Es wurde daher Herr Killias nach London geschickt, um seine frühern Verhandlungen wieder aufzunehmen. Dabei zeigte es sich aber, daß nicht für eine Lokalbahn, sondern nur für die große Verbindungsbahn über die Alpen eine Beteiligung des englischen Kapitals zu erwarten war. Die englischen Banquiers und Kapitalisten, die sich für das Unternehmen bereit zeigten, erklärten, daß sie nur dann in das Geschäft eintreten würden, wenn die Konzession des Kantons Tessin, diejenige Piemonts und vor allem eine finanzielle Beteiligung des letztem Staates gesichert sei. In 173 Piemont war es besonders Graf Cavour, der als Staatsmann, dann Torelli und Carbonazzi, die als Deputierte und Techniker sich für die Sache bemühten. Die Angelegenheit wurde vor die Kammer gebracht, und Torelli meldet La Nicca in einem Schreiben vom 18. Mai, daß die Kammer für die Lukmanierbahn 10 Mill. votiert habe und weitere 10 Mill. in Aktien übernehmen werde. 17. Kapitel. Mittlerweile war Killias in London thätig, eine Gesellschaft zur Beteiligung sowohl an der Südvstbahn als erste Sektion, als auch zur Fortsetzung der Alpenbahn zu gewinnen und zu bilden. Sein Bemühen ward durch Erfolg gekrönt. Eine Anzahl namhafter Banquiers und Kapitalisten bildeten ein Komitee, als dessen Chef John Gurney ernannt wurde. Ingenieur Hemanns wurde bestellt, die dem Komitee vorgelegten Pläne zu studieren und sein Urteil abzugeben. Schon im Mai 1853 wurde der Gesellschaftsvertrag entworfen und präzisiert, und nun fehlte noch die Konzessionserwerbung des Kantons Tessin. Von St. Gallen und Graubünden wurden alle Hebel angesetzt, Tessin für diese Konzession zu gewinnen. Graubündeu sandte A. Marca, St. Gallen Hungerbühler zu diesem Behufe nach Bellenz, wo auch Killias und Torelli von Turin her sich eingefunden hatten. Nachdem die Konzessionserteilung des Kantons Tessin gesichert schien, so schloß die englische Gesellschaft mit der schon konstituierten Südostbahn ihren Vertrag rechtlich ab, was laut Urkunde am 17. August in London und am 1. September 1853 in Chur stattfand. Zu diesem Akte hatten sich die Engländer Gurney, Hemanns und Brett und Landammann Curti von St. Gallen in Chur eingefunden. Nach Abschluß der Geschäfte in Chur besichtigten diese Herren in La Niccas Begleitung die ganze projektierte Linie von Chur aufwärts über den Lukmanier bis Bellenz, von dort weiter bis Chiasso; kehrten dann nach Bellenz 17k> zurück, wo der versammelte Große Rat über die Lukmanier- bahnkonzession eben verhandelte (zu welchem sich, wie La Nicca in seinem Tagebuch schreibt, ein großer Eisenbahnkongreß ein- gefunden hatte, sechs Engländer, Torelli, zwei Abgeordnete von Genua, je einer der beteiligten Kantone, zwei Abgeordnete der Nordostbahn rc. Die Nordostbahn wollte sich damals beim Lukmanier mit zwei Millionen Subsidien beteiligen). Während die Abgeordneten der Kantone, der piemontesischen Regierung, der Stadt Genua und der vereinigten Südvstbahn mit der Tessiner Regierung über die Konzession unterhandelten, traf auch eine Abordnung der Zentralbahn bei der Regierung in Bellenz ein mit dem Verlangen einer Konzessionsbewilligung zum Baue einer Gotthardbahn. Die Regierung sah sich deshalb veranlaßt, diese beiden Konzessionsbegehren in ihrem Berichte an den tessinischen Großen Rat zu prüfen und einander gegenüber zu stellen. Die Regierung konnte in ihrem Berichte nicht umhin, zu erwähnen, daß eine Gotthardbahn für den Kanton Tessin ebenso vorteilhaft, als eine Lukmanierbahn wäre, daß aber nur einem der beiden so nahe gelegenen Pässe die Konzession erteilt werden könne, und in diesem Falle aus verschiedenen Gründen dem Lukmanier der Vorrang gebühre. I. Der Kanton Tessin habe durch den Staatsvertrag von 1847 gegenüber den andern kontrahierenden Kantonen und Piemont bindende Verpflichtungen übernommen, die ausdrücklich durch die neue Bundesverfassung garantiert worden seien. II. Habe sich die sardinische Regierung entschieden für diesen Paß erklärt, den sie sowie die Stadt Genua mit Subsidien zu unterstützen beschlossen habe. III. Wolle eine schon gebildete und finanziell gesicherte Gesellschaft die Ausführung des Unternehmens bewerkstelligen. Alle Bestrebungen der Gotthardbahnfreunde bestehen dermalen nur in Wünschen und Hoffnungen. Die im Vor- 176 jähre in Luzern stattgefundene Versammlung der Zentral- bahnabgeordneten und der dabei interessierten Kantone hätte zu gar keinen wirklichen Resultaten geführt. Es habe sich noch keine Ausführungsgesellschaft gebildet und niemand auch nur die geringste pekuniäre Unterstützung dem Unternehmen zugesagt. Die Zentralbahngesellschaft sei schon zweimal mit dem Verlangen vor die tessinische Regierung getreten, finden Abschluß einer Konzession ihr jeweilen drei Monate Frist zu gewähren. Ein solches Vorgehen mußte es jedem Unbefangenen nahe legen, daß die Zentralbahn, weil dermalen noch nicht im Falle, den Gotthard auszuführen, sich um so mehr bemühe, dem andern Unternehmen hindernd in den Weg zu treten. Die Konzession für die Lukmanierbahn wurde sodann vom tessinischen Großen Rate mit "/i» aller Stimmen erteilt. Der Konzessionsvertrag vom 13. September 1853 enthielt die gleichen Bedingungen, wie die der andern Kantone. Die Organisation der Südost-Lnkmanierbahngesellschaft war folgende: „Sie bestand aus zwei geteilten Verwaltungen, einer englischen, die in London residierte, und einer schweizerischen, deren „Domizil in Chur war. Jede Partei hatte 12'/s Millionen „für die erste Sektion, resp. die Südostbahn aufzubringen. „Die englische Sektion hatte den Bau zu dirigieren und „alle Materialanschaffungen zu machen und für die Oberleitung einen Oberingenieur zu bestellen. Die schweizerische Sektion hatte die Bodenerwerbnngen, die Unterhandlungen mit den Gemeinden und Regierungen rc. zu besorgen. Es war unstreitig, daß man für die versprochenen englischen Millionen den Engländern ein großes Uebergewicht in dem Geschäftsbetrieb einräumen mußte. Denn noch lag die große kommerzielle Entwicklung, die seit dem zweiten Kaiser- 177 reich ihren Anfang genommen und seither mehr und mehr die Kulturstaaten beherrscht, in ihren Anfängen; noch war es nicht möglich, für ein gut akkreditiertes Unternehmen Ströme von Kapitalien flott zu machen, wie dies heutzutage der Fall ist. An der Spitze der Aktiengesellschaft stand ein Generalkomitee, dem die Einberufung und Leitung der Versammlungen und die Ueberwachung des Gesamtgeschaftsbetriebes statuten- vertragsgemäß zukam und dessen Präsident Nationalrat Andreas von Planta war. Für die Ausführung der Geschäfte waren drei Direktoren aufgestellt. Killias, der damit betraut war, mit dem englischen Verwaltungsrate den Verkehr zu vermitteln, sowie die Comptabilität zu überwachen; Baumgartner, dem alle rechtlichen Fragen, als Expropriationen, Abkommen mit den Gemeinden und Regierungen rc. übertragen waren und La Nicca, der die technische Abteilung, hauptsächlich die Bauleitung zu kontrollieren hatte. Da La Nicca sich nun ganz dem Eisenbahnbau widmen wollte, so nahm er am Schlüsse des Jahres seine Entlassung als Oberingenieur des Kantons Granbünden. Dreißig Jahre hatte er in dieser Eigenschaft seinem Kantone gedient und nun waren jüngere, sehr tüchtige Kräfte da, die ihn ersetzen konnten. Ingenieur Adolf Salis, der nachmalige eidgenössische Oberbauinspektor, wurde hieraus an seine Stelle ernannt. Das Jahr 18Ö4 sollte für La Nicca eine Zeit schwerer Prüfung werden. Der Beginn desselben schien schöne Aussichten zu versprechen. Der Bau der Eisenbahn wurde in diesem Frühjahr begonnen. Die Verhältnisse hatten sich jetzt so geordnet, daß für die Verwirklichung seines großen Planes nichts mehr im Wege z» stehen schien. Doch in jenen Tagen, wo die ersten Spatenstreiche für die Eisenbahn sielen, erkrankte seine edle Gattin, die als treue Mutter und umsichtige Hausfrau seine Familie und seinen Hausstand so vorzüglich und selbständig zu leiten verstand, daß La Nicca sorgenfrei sich 178 seinem Berufe hingeben konnte. Die Krankheit entwickelte sich zu einem Typhus, welcher nach vierwöchentlichem Krankenlager ihrem irdischen Leben ein Ende machte. Es war ein harter Schlag, den ihr Hinschied seinem Herzen und seinem Hause versetzte. Noch war die Erziehung seiner jüngern Kinder zu vollenden; die ältern erwachsenen befanden sich auswärts, die Tochter verheiratet, die Söhne in ihrer Berufsbildung begriffen. Wohl trug er seinen Schmerz mit tiefer Ergebung in Gottes Ratschluß, allein der Kummer nagte dergestalt an seinem Herzen, daß seine Gesundheit hiedurch ernstlich erschüttert wurde. Da sich sein Zustand immer mehr verschlimmerte, so wurde ihm ein gänzliches Ausruhen von seinen Geschäften und der Gebrauch eines Seebades angeraten, weshalb er sich im Juli mit seiner Tochter auf die Reise nach Ostende begab. In Stuttgart erkrankte er so bedenklich, daß von einer Weiterreise keine Rede mehr sein konnte. Er wurde sodann nach dem nahe gelegenen Cannstadt gebracht, wo ihm die beste ärztliche Hilfe zu teil wurde; leider nahm seine Krankheit immer mehr zu, und eine Krisis brachte ihn an den Rand des Grabes. Ein Höherer wollte ihn aber seinem Vaterlande und seiner Familie noch länger erhalten, und so geschah es, daß er diese Krisis glücklich überstand, nach und nach genas und im Oktober wieder nach Hause in seinen Wirkungskreis zurückkehren konnte. Gewiß brachte diese lange Unthätigkeit La Niccas für die Einleitung des Eisenbahnbaues manche Nachteile, aber noch viel verhängnisvoller für eine gesunde Entwicklung des Unternehmens war die Organisation der Verwaltung. Es muß jedem Unbefangenen klar in die Augen fallen, daß ein einheitliches Arbeiten an dein gleichen Unternehmen von zwei Verwaltungssektionen, davon eine in London, die andere in Chur domizilierte, zu unaufhörlichen Mißverständnissen führen und auf die gegenseitige Thätigkeit höchst lähmend einwirken mußte, und nur zu bald zeigten sich die fatalen Folgen. Der Bau war ganz in die Hände der englischen Gesellschaft gelegt, allerdings war der Ingenieur derselben, Ing. Hemann, ein Mann, der in seinem Fach einen bedeutenden Ruf genoß und sich auch dahin äußerte, daß eine bestmögliche Ausführung dieser Eisenbahn für ihn eine Ehrensache sei. Nichtsdestoweniger galt es, für die englischen Partner ein gutes Geschäft zu machen, und da der Obeiingenieur noch andere Bauten in England zu leiten hatte, so war er mehr dort als in der Schweiz und überließ die Aufsicht hier einem Stellvertreter. Da der Bau einem tüchtigen Unternehmer übergeben worden war und die schweizerische Sektion das Trac6 und die Baupläne zu prüfen und zu bestimmen hatte und ihr auch ein Einspruchsrecht zustand, so hätte bei gehöriger Ueberwach- ung der zweckmäßigen Anlegung des Tracös, sowohl als auch der guten Ausführung der Arbeiten, sich gleichwohl die Vollendung des Baues ohne zu große Hemmnisse bewerkstelligen lassen. Hatte doch die schweizerische Sektion in La Nicca einen Mann zur Verfügung, der die gründlichsten Studien für dieses Projekt schon früher gemacht und sogar dasselbe bearbeitet hatte, der als erprobter und durch seine Bauten rühmlichst bekannten Ingenieur vollkommen befähigt gewesen wäre, mit seiner Autorität sowohl die Uebergriffe der Engländer zurückzuweisen, als auch durch seine Kenntnisse und Erfahrungen einen solchen Bau zu kontrollieren. Indessen fand es das Generalkomitee nicht für geeignet, demselben als technischen Direktor die Kompetenzen zu überlassen, die zum Wohle des Unternehmens ihm als einzigen Techniker hätte zugeteilt werden sollen. Obwohl das Generalkomitee der schweizerischen Sektion nur aus Rechtsgelehrten, Banquiers und Fabrikanten bestand, so glaubte dasselbe doch auch die technischen Fragen selbst besser lösen zu können, als sein technischer Direktor. 180 Das Komitee übernahm es, über wichtige technische Punkte, von denen es nichts verstand, von sich aus, ohne Zuziehung der Direktion zu verfügen. Daß sich die Unternehmer die Unkenntnis des Komitees zu Nutzen machten, ist erklärlich. Umsonst suchte die Direktion das Generalkomitec zu bewegen, durch eine konzentrierte Organisation der Verwaltung und Beaufsichtigung des Baues, den Uebergriffen des Unternehmers und der englischen Partner zu begegnen; diese Vorschläge wurden vom Komitee nur wenig beachtet. Ueberhaupt schien dasselbe die technische Tüchtigkeit La Niccas sehr in Frage zu stellen und derselben nur mit Vorsicht zu trauen. Da es nach nnd nach einzusehen begann, daß man den englischen Partnern doch nicht ganz die Aufsicht des Baues überlassen könne, so wurde von Seiten der schweizerischen Sektion noch ein technischer Inspektor ernannt, der die Pläne und Ausführung mit seinen Unterangestellten kontrollieren sollte, derselbe war aber der Direktion nicht unterstellt, und so hatte die schweizerische Sektion drei exekutive Gewalten, von welchen keine richtig in die andere eingriff, so daß das Uebel immer ärger wurde und zu mannigfachen Reibungen zwischen der englischen und schweizerischen Sektion Veranlassung gab. Dieses Verhältnis drückte La Nicca so sehr, daß er schon Ende des Jahres 1854 um seine Entlassung einkam. Das Generalkomitee nahm aber dieselbe nicht an, indem es erklärte, der Austritt La Niccas aus der Direktion würde zu noch mehr Mißtrauen und Schwankungen Veranlassung geben, und so harrte er, in der Hoffnung, dein Unternehmen doch dienen zu können, noch bis auf weiteres in seiner Stelle aus. Der Stand des Unternehmens wurde aber wesentlich durch die politischen Verhältnisse verschlimmert. Der orientalische Krieg, der im Frühling 1854 ausbrach, hielt Europa, besonders England und Frankreich, in banger Aufregung. Die Geschäfte 181 stockten, und einer der großen englischen Aktieninhaber mußte seine Zahlungen einstellen. Die Folge davon war, daß die englische Sektion überhaupt ihren Verpflichtungen in keiner Weise nachkam und die schweizerische Sektion beschloß, ihr zu künden, d. h. weil sie die Bedingungen nicht erfüllt hatte, ihr Mandat als erloschen zu erklären. Bevor aber dieser entscheidende Schritt gethan werden konnte, mußten für die fehlenden englischen Aktien neue Hilfsmittel geschaffen werden. Die piemontesische Regierung, besonders Cavour, behielt unterdessen die Lukmanierbahn unverwandt im Auge. Dieser konferierte öfters über diesen Gegenstand mit Torelli, durch welchen der Minister seine Weisungen und Ansichten La Nicea schriftlich mitteilen ließ. Aber nicht weniger als der Staatsmann wendeten die Finanzgrößen den Alpenbahnen ihr Interesse zu, konnte doch erst durch die durchgehende Verbindung mit dem Süden und Osten, den schon bestehenden Bahnen, in denen ihr Kapital lag, aller erreichbare Verkehr und Gewinn zugewendet werden. Der orientalische Krieg wurde im Frühling 1855 beendet, worauf die Börsen von London und Paris auflebten und die großartigsten Eisenbahnprojekte portierten. Der piemontesische Staat hatte sich auch an der Krim- erpedition beteiligt und dadurch sich als Verbündeter der beiden Westmächte erklärt, was ihm die besvndere Gewogenheit des französischen Kaisers und seine spätere Teilnahme an der Eroberung der Lombardei eintrug. Im Oktober 1855 fand eine Zusammenkunft des Königs Viktor Emanuel mit Napoleon in Paris statt, zu welcher der König von Eavour begleitet wurde. Das piemontesische Ministerium hielt nun den Zeitpunkt geeignet, daß La Nioca während der Anwesenheit ihres Premier in Paris den französischen Financiers seine Lukmanierpläne vorlege. 182 La Nicca erhielt deshalb von Cavour die Weisung, sich in Paris einzusinken. Auch das Generalkomitee erteilte La Nicca den Auftrag, nach Paris zu gehen, da Schultheß Rech- berg (Mitglied des Verwaltungsrates) sowohl durch seine dortigen Verbindungen*) als auch durch Escher-Bodmer, der ebenfalls in Geschäften der Nordostbahn dort weilte, benachrichtigt worden war, daß sowohl Rothschild, als der Orsäit mobilisr geneigt wären, die schweizerische Alpenbahn zu bauen und daß er deshalb dort Unterhandlungen beginnen und seine Pläne vorlegen solle. Als La Nicca am 13. November in Paris anlangte, fand er die Stadt im größten Festjubel. Napoleon III. bot alles auf, um seinem Gaste Viktor Emanuel seine Sympathie zu bezeigen und das französische Volk für seine italienischen Pläne vorzubereiten. Es fanden große Truppenmanöver, sowie Empfangsfeierlichkeiten bei Hofe statt. Die Stadt Paris gab dem Gaste des Kaisers im Stadthause ein Ballfest, das an Großartigkeit und zauberischem Glänze alles bis dahin Dagewesene übertraf. Bevor La Nicca an seine Geschäfte gehen konnte, sollte auch er von diesen Herrlichkeiten etwas sehen, und er benutzte daher gerne die ihm für obiges Fest zugestellte Einladungskarte. Graf Cavour hatte ihn tags darauf zu sich in das piemontesische Gesandtschaftshotel bestellt, allein der Zu- drang von Besuchenden war dort so groß, daß von einer eingehenden Besprechung über die Eisenbahnen keine Rede sein konnte; doch ermangelte Cavour nicht, Rothschild mit La Niccas Mission bekannt zu machen und ihm denselben zu empfehlen, worauf La Nicca mit dessen Geschäftsvertreter Guibert und Ingenieur Talbot in Unterhandlungen trat und ihnen seine Lukmanierpläne vorlegte. Cavour begleitete inzwischen den König nach London und ließ La Nicca von dort aus berichten, daß er bei seiner Rückkehr nach Paris ihm jedenfalls einen Besuch abstatten möge, für welchen er ihm dann die Zeit genau *) Laut einem an La Nicca gerichteten Briefe. 183 bestimmte. Mittelst Handbillet des Grafen vom 28. November 1856 lud er ihn zu einer Konferenz auf Donnerstag den 29. November, morgens 10 Uhr, im Hotel Louvre ein. Bei diesem Anlasse wurde 8a Nicca von Cavour bestens empfangen. Ca- vour teilte ihm mit, daß er Rothschild sehr zu gunsten des 8ukmaniers gestimmt habe und daß alle Aussicht vorhanden sei, daß derselbe eine Gesellschaft für diese Bahn gründen werde. Es fanden in der Folge weitere Verhandlungen zwischen 8a Nicca und den Bevollmächtigten Rothschilds statt, wobei die Pläne von Talbot genau geprüft wurden, was zu mannigfachen Erörterungen und Erklärungen führte. Rothschild empfing La Nicca selbst und äußerte sich, er sei sehr geneigt, den Ban des Lukmaniers an die Hand zu nehmen und dann auch die übrigen ostschweizerischen Eisenbahnlinien mit demselben zu verbinden. Wie sehr sich Rothschild mit dem Plane beschäftigte, den Lukmanier zu bauen, zeugten verschiedene Mitteilungen eines gut informierten Pariser Finanzmannes an Schultheß Rechberg, von denen Planta-zu wiederholten Malen an 8a Nicca schriftlich berichtete. Während 8a Nicca in diesen Unterhandlungen stand, langte von Frankfurt die Nachricht vom Tode Anselm Rothschilds an, und sein Bruder in Paris sah sich veranlaßt, nach Frankfurt zu gehen; er ließ aber 8a Nicca sagen, er möchte doch, bis er zurückkomme, in Paris bleiben, um dann die Verhandlungen mit ihm fortzusetzen. Dieses war 8a Nicca nicht möglich, da man seine Anwesenheit in Chur bedurfte. Bei seiner Rückkehr eröffnete er dem Präsidium des Generalkomitees seine in Paris gemachten Schritte und Erfolge, von welchen er dasselbe schon zum Teil schriftlich in Kenntnis gesetzt hatte und mahnte es, diese angebahnten Verbindungen fortzusetzen und ja nicht nutzlos vorübergehen zu lassen. Die Verhältnisse der Südostbahn verwickelten sich je länger je mehr. 8a Nicca, der mit der 8eitung ihrer Angelegenheiten 184 durchaus nicht einverstanden war, glaubte, daß durch dieselbe das Unternehmen zu keiner gedeihlichen Entwicklung gelangen könne. In diesem Wirrwarr war es für La Nicca eine große Erleichterung, daß ihm von der Borbereitungsgesellschaft der Inragewässerkorrektion der ehrende Auftrag erteilt wurde, sich mit dem Projekte einer sogenannten schwimmenden Eisenbahn zu beschäftigen, das Rappart ihr eingereicht hatte. Es sollte nämlich die Verbindung von Basel über die Juraseen nach Lausanne, teils mittelst Eisenbahn und teils mittelst Trajekt- schiffen, an eine Gesellschaft konzessioniert werde», welcher dann die Verpflichtung überbuuden worden wäre, die Juragewässerkorrektion nach La Nicca's Plänen auszuführen. Die Vorbereitungsgesellschaft suchte für dieses Projekt die Unterstützung des Kantons Bern und der Eidgenossenschaft nach und beauftragte vorerst die beiden Ingenieure Kocher und La Nicca, eine Inspektionsreise nach England und Schottland zu machen, um die dortigen ähnlichen Einrichtungen zu besichtigen und dann der Gesellschaft und der Regierung ihr Gutachten über dieselben abzugeben. Diese neue Aufgabe und die Möglichkeit, hier einen weniger dornenvollen Wirkungskreis zu finden, boten ihm einen gerechtfertigten Grund, im April 1856 seine Demission als Direktor der Südvstbahn einzureichen. Es war dabei aber durchaus nicht seine Absicht, auch an der Teilnahme zur Förderung der Lukmanierbahn zu verzichten. Im Gegenteil glaubte er derselben besser dienen zu könne», wenn er sich von den Händeln der Südostbahn entfernt halte. Er war nebst Killias und Carbonazzi nicht nur Schöpfer des Projektes, nicht einer Idee, sondern auch eines klar dargelegten, reiflich studierten Alpeneisenbahntracs's, das von Kennern gewürdigt wurde. Die Reise nach England wurde von den Experten auf Ende April und Anfangs Mai festgesetzt. 185 Einige neue Erfindungen, die für den Tunnelbau des Mont Cenis versucht wurden, veranlaßten La Nicea, den Weg über Turin zu nehmen. Von dort reiste er am 22. April über Lyon und Paris nach London, wo er mit Herrn Kocher zusammentraf und von seinem Sohne Hans, der dort in einem Geschäftshaus thätig war, empfangen wurde. Das Leben und Treiben, besonders die industrielle Thätigkeit Englands veranlaßte La Nieca in seinem Tagebuch zu einigen geistreichen Bemerkungen. So sagt er unter anderm: „Man findet sich in „eine Allerweltswerkstätte hingezaubert, wo nicht nur die „Menschen der Gegenwart für die Bedürfnisse des ganzen „Weltkreises arbeiten, sondern wo auch die Götter der Unterwelt noch ihr Fenerhandwerk treibe», gleich als wären sie „wieder durch den allgewaltigen Jndustriegeist, den Gott der „Jetztzeit, aus der grauen Vergangenheit zurückgezaubert und „ihm dienstbar gemacht." Als die Herren Kocher, La Nicea und Ingenieur Philipson, von Manchester nach Edinburg reisend, in ersterer Stadt hoch über die Häuser wegführen, so verglich er dieses dem Treiben der alten Hexenmeister. Nachdem die Herren Experten die beiden schwimmenden Eisenbahnen der Edinburg Perlh Dundeebahn bei Granton und Burntsland durch die Firth vf Forth und zwischen Ferry Port on Craig und Dundee auf dem Meerbusen Firth of Tay besichtigt und untersucht hatten, kehrten sie wieder nach London zurück, wo La Nicea noch eine Woche bei seinem Sohne verweilte und die Herrlichkeiten Londons genoß. Die Experten gaben dann der Gesellschaft ihren Bericht ab, in welchem sie die Ausführbarkeit des Projektes empfahlen. 18. Kapitel. Vvll London begab sich dann La Nicca am 9. Mai nach Paris. Die Unterhandlungen, die er im Dezember des vergangenen Jahres mit Rothschild angeknüpft hatte, waren ins Stocken geraten; ersterer hielt es für einen Fehler, daß das Generalkomitee ihm nicht gestattet hatte, auf dem begonnenen Wege dieselben mit Rothschild persönlich fortzuführen, da er sich damals geneigt zeigte, für den Lukmanier entschieden einzutreten. Die Verhältnisse zwischen beiden Sektionen der Südostbahn hatten sich mittlerweile noch verschlimmert. Es war schon eine bekannte Thatsache, daß die Gesellschaft in sich zerfallen sei und die englischen Partner, sobald ein Ersatz für dieselben gefunden werden konnte, aus derselben herausgedrängt werden sollten. Im Kanton Tessin tauchten daher verschiedene Unternehmer auf, die nach einer Konzession für den Lukmanier trachteten, denn schon hatte dieses Projekt das Interesse der Geschäfts- und Gründerwelt in vollem Maße in Anspruch genommen. Hatte doch laut Art. 12. des Konzessionsvertrages bei einer Auflösung der Südostbahn die Regierung von Tessin das Recht, ihre Konzession zurückzuziehen. Es war daher vor allem nötig, dort ein wachsames Auge zu haben und auch von Turin aus auf die tessinische Regierung einzuwirken; eine Aufgabe, der sich sodann Killias und Torelli unterzogen. Da La Nicca nicht mehr der Südostbahnverwaltung angehörte, so war es auch nicht mehr seine Aufgabe, in Paris zu unter- 187 handeln, und kehrte er von dort wieder nach der Schweiz zurück. Diese Mission fiel nun vorerst Killias zu, der im Juni von Turin sich nach Paris begab und zu dem sich auch später Schultheß gesellte. Rothschild und die »Rsunion ünnneisrö«, eine von Rothschild gegründete Associationsgesellschaft der größten französischen Finanzmänner, die man für den Südostbahnbau zu gewinnen sich bestrebte, wollten auf keine Bedingungen eintreten, bevor das Verhältnis mit den Engländern nicht geordnet sei. Diese wurden um so schwieriger, je mehr sie durch Beitritt der »lismuon ünnneiörs« noch etwas zu erhäschen hofften. Immerhin hatten sie ihre Bedingungen nicht erfüllt und war ihre Ausscheidung gerechtfertigt. Eine viel wichtigere Frage entstand aber hinsichtlich des Bauunternehmers Pikering, der den Vertrag mit beiden Sektionen abgeschlossen hatte, dem also durchaus nicht mit dem Abschieben der englischen Partner gekündigt werden konnte. Auch hatte Pikering im Ganzen seine Pflicht erfüllt, und wenn hie und da etwas weniger gut gebaut worden war, so waren hinwieder die Hauptarbeiten durchaus befriedigend, was ein Schreiben von Ingenieur Wild von Zürich, der von der Gesellschaft hiefür als Experte bestellt war, bezeugt. Wahrscheinlich hätte Pikering unter Aufsicht eines schweizerischen Oberingenienr auch noch besseres geleistet, als unter der des englischen. Wild äußert sich über die ausgeführten Arbeiten durchaus nicht ungünstig, lobt die Erdarbeitern wogegen er das Mauerwcrk etwas sorgfältiger ausgeführt wünschte und schließt dann mit folgenden Worten: Wäre der Bau von Anfang au unter Ihre (La Niccas) Oberleitung gestellt worden, so stünde es nunmehr ganz anders. Wir sehen hieraus, daß Pikering wirklich seine Pflicht in baulicher Beziehung soweit erfüllt hatte, daß eine Kündigung von Seiten der schweizerischen Sektion doch nicht gerechtfertigt erschien, um so weniger als er auch hinsichtlich seiner Kaution das Verlangte geleistet hatte. Als nun für die Fusion der 188 Südostbahn mit der Glatthal- und Appenzell-St. Gallen-Bahn ihm gekündet wurde, so hielt er an seinem Rechte, den Bau fortzusetzen, fest. Nachdem er die Angelegenheit der gerichtlichen Entscheidung unterstellt hatte, wurde durch die bünd- nerischen Gerichte seine Berechtigung durchaus anerkannt und die Gegenpartei zu einer erheblichen Entschädigung wegen Kontrakibruches verurteilt. Die Südostbahnverwaltung befand sich nun in großer Bedrängnis, wie sie sich für die abgeschobenen Engländer Geldmittel zum Fortbau der Bahn verschaffen sollte. Sie war nun aber nicht allein in diesem Dilemma, sondern auch die Appenzell- St. Gallen- und die Glatthalbahn-Gesellschaften waren ohne neue Hülfsmittel nicht im Falle, ihre Linien zu vollenden. Alle drängten sich an das große Finanzadmiralschiff, den allmächtigen Rothschild und Konsorten heran. Als im Jahr 1855 La Nicca mit Rothschild unterhandelte, um bei ihm die sofortige Anhandnahme der Alpenbahn zu erreichen, sah er sich besonders durch die Unterhandlungen unterstützt, die Escher-Bodmer betreff eines Anlehens an die Nordostbahn mit der »Ukuniou kuaneibl-ö« betrieb. Escher-Bodmer und La Nicca, die sich in Paris nahe befreundeten, hielten eine Fusion der Nordostbahn mit der Südostbahn als die am besten zum Ziele führende Verbindung für die Erstellung des Lukmaniers. (Wenn die Alpenbahn gesichert war, so hatte dann La Nicca kein Bedenken, wenn Rothschild die Seknndär- bahnen, als vie Appenzell St. Gallen-, Glatthalbahn rc., auch in die Fusion aufnehmen wollte.) Hiedurch wäre Zürich Sitz der Verwaltung geworden; die Bötzbergbahn, die auch mit inbegrifsen werden sollte, hätte den direkten Anschluß an Basel vermittelt, sodaß die Fusion das Hauptnetz der schweizerischen Bahnen umfaßt hätte. Diese Idee der Fusion der sämtlichen nördlichen und östlichen Schweizerbahnen war es, die Rothschild veranlaßte, mit den 189 Gesellschaften, von denen Südost-, Appenzell-St. Gallen- und Glatthalbahn sich schon für eine Fusion verständigt hatten, in Unterhandlungen einzutreten. Bevor wir den Verhandlungen folgen, die nun in Paris vor sich gingen, wollen wir einen Blick auf denjenigen Platz werfen, der in der Folge Sitz der Verwaltung der fusionirten Bahnen wurde. Die st. gallisch-appenzellische Industrie hatte seit Beginn der dreißiger Jahre eine immer steigendere Entwicklung eUangt. Auf allen bedeutenderen Handelsplätzen in und außer Europa befanden sich st. gallische Kaufleute, die der heimatlichen Industrie Absatz verschafften. Da dieselbe zum größten Teil Hausindustrie war, so wirkte sie auch höchst befruchtend auf die Landwirtschaft. Eine gut und solid fundirte und geleitete Privatbank, sowie einige kleinere Bankhäuser besorgten die Geldverkehrsbedürfnisse für Industrie und Landwirtschaft der Kantone St. Gallen, Appenzell und des östlichen Thurgaus. Diese Bankinstitute genügten nun aber den neuen Anforderungen, die die große, durch den Eisenbahnbau hervorgerufene Geldbewegung an sie stellte, in keiner Weise, weshalb gerade diejenigen Männer, die in St. Gallen an der Spitze der Bahn- verwaltung standen, es mit Freuden begrüßten, als verschiedene bayerische und württembergische Bankhäuser in St. Gallen um die Konzession einkamen, dort eine größere anonyme Handelsund Spekulationsbank zu errichten; eine jener Gründungen, wie sie, dem Beispiele des Pariser «Lrsäit wobilior« entsprechend, schon in vielen Handelsplätzen ins Leben getreten waren. Da die bayerische und württembergische Regierung aus solchen Spekulationsanstalten nachteilige Folgen für das Land befürchteten, so wurde den Gründern die Konzession in jenen Ländern verweigert, weshalb sie sich nach der Schweiz wendeten und vorerst in St. Gallen und dann in Zürich je einen 190 »Oväit wodilier« gründeten. Die beiden Institute waren in keiner gegenseitigen Beziehung und für unsere Eisenbahngeschichte kommt nur das erstere in Betracht. Kehren wir nun wieder nach Paris zurück. Wir sehen hier Killias und Schultheß in den Monaten Juli und August in immerwährenden Unterhandlungen mit Rothschild und seinen Agenten, wozu noch Unterhandlungen mit der Nordostbahn kamen. Von der Südostbahn wurde vor allem verlangt, daß sie mit den Engländern reinen Tisch mache. Es galt daher für die Forderung der Fusion ü tout prix mit den Engländern aufzuräumen. Rothschild war es sehr daran gelegen, die Nordostbahn in die Fusion zu bringen; er sandte deshalb im Januar 1856 den Vertreter der «Usunion llng.nei6r6«, Arnaud, behufs Unterhandlungen für eine Fusion nach Zürich*). Allein dort waren die Ansichten über den Beitritt zur Fusion sehr geteilt. Alfred Escher und sein Anhang waren dagegen und wollten nur unter den günstigsten Bedingungen in dieselbe eintreten, indem sie für die Nordostbahnaktien 20°/o Agio verlangten. Escher-Bodmer war für die Fusion. Als derselbe nach seiner Rückkehr von Paris seinen mit Rothschild stipu- lierten Vertrag, nach welchem die »Uäunion ünaueisrs« sich mit einem bedeutenden Kapital an dem Nordostbahnunternehmen beteiligen wollte, der Generalversammlung zur Annahme vorlegte, wurde derselbe von Alfred Escher bekämpft und gelang es diesem, die Verwerfung des Vertrages durch die Versammlung durchzusetzen. Von diesem Zeitpunkte an blieb Alfred Escher als Präsident des Berwaltungsrates die allein leitende Persönlichkeit der Nordostbahn. Der Wegfall der Nordostbahn miß- stimmte Rothschild immer mehr. Zu Schultheß und Killias *) Arnaud schrieb von dort an La Nicca: „>t'e8psrs tos xraaäs xrosets äe nos capitnlisteo parisiens, prgjets äaos Israels vos stnäes spscialss vono reserveot uns Zrrmäe pnrt pourious dientöt nous srnsner L karis. - 191 kamen im August auch Planta, Wirth-Sand und Bänziger- König nach Paris, um die Fusion ohne Nordostbahn durch- zubringen. Fürst Rothschild war aber gar nicht traitabls. Am 30. August erklärte er sogar, die Verhandlungen abbrechen zu wollen. Nun trat aber Wirth-Sand vor und sagte, die Fusion könne auch ohne »köuvion tinaueioro« ausgeführt werden, indem der st. gallische »Orsäit inodilisr«, Kreditbank, im Falle sei, derselben die erforderliche Unterstützung zukommen zu lassen. Dies wirkte, Rothschild trat ein und unterzeichnete. Das Dokument wurde am 4. September 1850 ausgefertigt und später auch von den Aktionären der drei Gesellschaften angenommen. Nun beherrschte Rothschild den Zugang zum Lukmanier, wie er sich im Vorjahr den Zugang zum Brenner gesichert hatte. Dem österreichischen Kaiserstaat, der durch die revolutionären Erschütterungen in Wien, in Italien und Ungarn, die Ende der vierziger Jahre stattgefunden hatten und die fortdauernd gedrückten, unsicheren Zustände, sich in schwerer finanzieller Bedrängnis befand, war er im Jahre 1855 zu Hülfe geeilt, indem er durch die »Uöuniou üuimeioro« die österreichischen Staatsbahnen übernehmen ließ, wodurch er dem österreichischen Fiskus eine wesentliche Erleichterung verschaffte. Er konnte nun ruhig zuwarten, in welcher Richtung sich zuerst die Verhältnisse zur Durchbrechung der Alpen durch eine Eisenbahn gestalten würden. Wir werden in der Folge zeigen, wie dieser Umstand ihn abhielt, der Lukmanierbahn im gegebenen Falle seine Unterstützung zu gewähren. In St. Gallen wurde nun emsig an der Konstituierung der Gesellschaft »Union Luisso« oder Vereinigte Schweizerbahnen, welchen Namen die drei fusionierten Bahnen angenommen hatten, gearbeitet, so daß am 4. April 1857 durch die Delegierten der drei vereinigten Bahnen und diejenigen der »Usuiiion önLueiörn« der Konstituierungsvertrag abgeschlossen werden konnte. 192 Hauptinhalt desselben war Folgendes: 1. die Bauten der Bahnen sollen geschätzt und die Aktien derselben durch neue Titel, ersetzt werden. Als Baukapital wurden Fr. 46,900,000 festgestellt. Sitz der Gesellschaft ist St. Gallen. Die Gesellschaft ist durch 24 Verwaltungsräte vertreten, wovon 8 aus St. Gallen, 4 aus Graubünden, 4 aus Zürich, 2 aus Glarus und 6 von der »kounion kinaneisre« aus Paris gewählt werden müssen. Der französischen Abteilung müssen alle von der schweizerischen gemachten Beschlüsse unterbreitet werden und haben diese erst Geltung, wenn sie von ersterer genehmigt werden; auch die französische kann keinen Beschluß ohne Einwilligung der schweizerischen fassen. So lange der Bau dauert, leitet eine Direktion von 5 Mitgliedern die Geschäfte, die nach dessen Vollendung einem Betriebsdirektor übertragen werden. Die Wahl des Oberingenieurs ist Sache des Verwaltuugsrates. Das Alpenbahuprojekt wurde nicht in den Vertrag aufgenommen. Die «Union Luissv« war ihrem ganzen Charakter und ihrem Zwecke nach ein Binneneisenbahn- netz. Rothschild, der sie zu stände gebracht hatte, war weit mehr bemüht, eine direkte Verbindung mit den Bedensecufer- staaten (Gürtelbahn), besonders mit Baiern und Oesterreich zu erzielen, als eine Fortsetzung über die Alpen. Im Osten in Oesterreich lag sein Schwerpunkt. Am 20. April 1857 fand in St. Gallen die erste Versammlung der fusionierten Eisenbahugesellschaft statt. Eine tiefgehende Mißstimmung bemächtigte sich der Churer, als die Bedingungen bekannt wurden, unter welchen die Südostbahn in die Fusion aufgenommen worden war. Fast derjenigen einer besiegten und annektierten Stadt vergleichbar. Hatte doch schon die Streitfrage in der Angelegenheit Pikeriugs nicht unbedeutende Erregung Partei für und gegen hervorgerufen. 193 Pikering hatte sich für seine Bauten in verschiedene Engagements eingelassen. Die zwei ersten Churer Handlungshäuser hatten ihm, auf Hinterlegung von Südostbahnaktien, ansehnliche Borschüsse gewährt. Da er durch den raschen Abbruch seiner begonnenen Unternehmung tief geschädigt und lahm gelegt worden war, so sah er sich veranlaßt, seine Aktien den Darlehnern als Zahlung zu überlassen. Ein Umstand, der diesen nach einigen Jahren die Zahlungsunfähigkeit zuzog. Der Sitz der Verwaltung wurde von Chur nach St. Gallen verlegt, dort war der Mittelpunkt des Eisenbahnnetzes, das fortan vorwiegend einem internen Verkehr zu dienen, hauptsächlich die entfernten Landesteile dem Hauptmarkte näher zu bringen hatte und dessen Hauptbestimmung Verbindung des Bodensees über St. Gallen und des alten Kantonsteiles mit der Mittelschweiz war. Die Verbindung des Netzes wurde bei Winterthur durch die Nordostbahn unterbrochen. Die Rheinthallinie, die Hauptader und Zufahrtbahn für den Lukmanier, die nur geringe bauliche Schwierigkeiten darbot, mußte mit die Gesamtkosten tragen, die. der fusionierten Bahngesellschaft aus der sehr schwierigen Anlage von Rorschach nach Winkeln und durch die Tunnelbauten am Walensee erwuchsen. Bei der Fusion wurden die schon erstellten Bauten der verschiedenen Linien taxiert und nach ihrem Werte die Aktien berechnet. Die Rheinthallinie, deren Baukosten die geringsten waren, wurde zum niedrigsten Preise geschätzt. Hätte doch gerade dieser Umstand dazu dienen sollen, die Aktien, weil rentabler, im Preise zu steigern. La Nicca sprach in der Generalversammlung der Aktionäre der Südostbahn sich entschieden gegen diese für Graubünden so nachteiligen Bedingungen der Fusion aus und riet auf Nicht- eintreten. Seine Ansicht war, daß, wenn die Bündner einig seien, man eine eigene, neue Gesellschaft bilden könnte, die den is — 194 — schon ordentlich vorgerückten Bau der Rheinthallinie und die gegen Zürich bis an die Wasserstraße des Walensees, der Linth und des Zürchersees begonnene Bahnanlage vollenden würde (ein Hauptwerk der Rheinthallinie, die Rheinbrücke bei Ragaz, war schon erstellt). Die geringen Baukosten dieser Linie würden bald durch die Frequenz verzinst und einer den Lukmanier bauenden Gesellschaft eine billige Zufahrtslinie zugesichert. Durch die Aufnahme der Südostbahn in die »Union Luisss« mußte erstere ihr Mandat als Konzessionärin des Lukmaniers aufgeben. Nun war ihre erste Bestimmung, um die so heiß gerungen, eine Zufahrtslinie zum Lukmanier zu werden, dahin. Da aber die ostschweizerischen Kantone St. Gallen und Grau- bünden die Errungenschaften der Alpenbahn nicht preisgeben wollten, so wurde zu folgendem Mittel gegriffen. Die Südostbahn trat ihre Lukmanierkonzession der st. gallischen Kreditbank (Lroäit inobilitzr) ab. Die drei beteiligten Kantone und Piemont bewilligten Ende 1856 diese Uebernahme. Leider gelang es der Konzessionärin nicht, die nötigen Fonds zu finden, um das große Werk zu beginnen, da Rothschild sich passiv verhielt und der englische Geldmarkt durch den ostindischen Aufstand durchaus lahm gelegt war. Tessin hatte sehr strikte Baubedingungen aufgestellt, es mußten daher alle Mittel angewendet werden, um von Tessin eine Konzessionsverlängerung zu erhalten. Killias war beauftragt, für dieselbe sich zu bemühen, es wäre ihm aber schwerlich gelungen, sie zu erhalten, hätte nicht die Subsidienerneuerung von Seite der piemon- tesischen Regierung, sowie eine direkte Aufforderung des Ministerpräsidenten Cavour ermunternd auf den Großen Rat Tessins eingewirkt, welcher eine Verlängerung der Konzession von zwei Jahren bewilligte. Diesen Erfolg hatte man aber, wie wir weiter zeigen wollen, La Nicca zu verdanken. Torelli hatte am 1. Juni 1857 La Nicca die Zeichnungen der Modelle, die Someiller, Grattoni und Prandi für 195 die Tunnelbauten der Apenninenbahn (zwischen Allessandra und Genua), besonders aber für den in Aussicht genommenen Mont Cenistunnel konstruiert hatten, zugesandt, mit der Einladung, dieselben selbst am Orte ihrer Thätigkeit sich anzusehen. Dieser Einladung leistete La Nicca nun Folge, um so mehr, als es ihm am Herzen lag, da in Turin eben die piemontesische Kammer versammelt war, sich über den Stand der Lukmanier- augelegeuheit in Piemont Klarheit zu verschaffen. Ein Brief La Niccas an Killias gibt uns darüber ebenfalls Kunde. Brief an Killias. „Turin, den 29. Juni 1857. „Der Mont Cenistunnel ist nun nach ziemlich lebhaften, „z. T. interessanten Erörterungen von der Kammer beschlossen „worden, und es sollte nun die Reihe an den Lukmanier kommen, „allein dieser hat hier an Terrain verloren, statt gewonnen, „und es richten sich viele Blicke nach dem Gotthard, welcher „auch hier durch die von Basel influierte Presse stark vertreten „wird, während für den Lukmanier von außen her keine Anlegung geschieht, und das lukmanierfreundliche Genua, durch „innere Verwaltungszwiste in Anspruch genommen, zu keinen „Entschlüssen fähig ist. „Das Zutrauen zum Lukmanier ist auch deshalb in „etwelche Schwankung geraten, weil die Erwartung, daß eine „tüchtige, finanziell gut fundierte Gesellschaft sich präsentiere „und dem Ministerium die Behandlung der Subsidienfrage in „der Kammer erleichtern werde, sich nicht erfüllt hat. Statt „dessen hat man erfahren, daß Rothschild weder mithalten, „noch gar sich an die Spitze einer solchen stellen werde, und „die Befürchtung gewonnen, daß er im österreichischen Interesse „veranlaßt worden sei, sogar das Lukmanierunternehmen zu „verhindern. Talbot hat sich dem Minister Paleocapa gegen- 196 „über in einer Weise geäußert, die für unsere Angelegenheit „keineswegs ermutigend lautete, wie mir letzterer selbst bezeugte. „Die (Konzessionsinhaberin) Kreditbank von St. Gallen „ist hier zu wenig bekannt. Diese Umstände machen das Ministerium ungeachtet seiner uns günstigen Stimmung unschlüssig, „in welcher Form ein Antrag gemacht werden soll, um den „im Jahr 1853 gefaßten Beschluß für Subsidien an den „Lukmanier zu bestätigen, und doch sollte dies in der jetzt „stattfindenden Kammersession geschehen, weil die bald statt- „findenden Neuwahlen wahrscheinlich mehr savoische und unge- „neigte Elemente der Kammer zuführen könnten. „Ich begab mich mit Torelli zu Paleocapa, der mich sehr „freundlich empfing; ob er mich für eine halb oder ganz offi- „zielle Person angesehen hat, weiß ich nicht. Doch ermutigte „mich seine freundschaftliche Begrüßung, ihm ohne Rückhalt die „Thätigkeit der St. Galler Kreditbank und ihren Erfolg, gute „finanzielle Kräfte für das Unternehmen zu gewinnen, darzulegen, sowie die Thatsache anzuführen, daß die Erdarbeitcn „für die Bahn zwischen Locarno und Bellinzona schon begonnen „worden seien. Der Minister versprach sodann, für die Bestätigung der Subsidien in der Kammer aufzutreten." La Nicca erhielt dann kurz nach Abgang dieses Briefes von Torelli folgende Anzeige: Triumko eomplsko. Im eu.8a anäo xröeisaiüönts eonas vsnus eowbinako M'i ssrn ool winistro. Obwohl La Nicca keinen offiziellen Auftrag hatte, eine solche Mission auszuführen, so glaubte er doch, durchaus korrekt und im Interesse des Unternehmens gehandelt zu haben, in einem so wichtigen Moment seinen Einfluß beim piemon- tesischen Ministerium für die Erneuerung der Subsidien- gewährung geltend gemacht zu haben. Nachdem zum Oberingenieur des Unionnetzes Herr Pestalozzi von Zürich ernannt worden war, so wurde der bisherige Ingenieur der Glatthalbahn, Herr Wetli, seines Mandates entledigt und statt dessen ihm der Auftrag erteilt, für eine Lukmanierbahn Studien zu machen. Bei den fortgesetzten Bemühungen, die La Nicca dem Lukmanierprojekte zuwendete, den Studien, die er von Zeit zu Zeit am Mont Cenis machte, in Anbetracht seiner technischen Kenntnisse und Erfahrungen und des schon von ihm entworfenen Bauplanes hätte man annehmen sollen, daß die neue Konzesstonärin der Lukmanierbahn seine technischen Vorarbeiten gerne benutzt hätte, allein dieses war nicht der Fall. Dieselbe ließ nun wieder neue Studien auf dem Alpenübergang und für die Zufahrtslinien vornehmen. Es war allerdings für La Nicca sehr schmerzlich, sich als Schöpfer des Projektes und des Rufes, den er sich durch dasselbe erworben, so umgangen zu sehen. Es gereichte ihm daher zu großer Genugthuung, daß der große Bauunternehmer Brasset), mit dessen Associe Giles er schon wegen der Juragewässer-Korrektion in Unterhandlung getreten war, sich für die Uebernahme des Lukmanierbaues bei ihm präsentierte. La Nicca wurde von dieser Firma zur Vornahme von gemeinschaftlichen Studien für ein Ausführungsprojekt eingeladen, wobei Giles und La Nicca die Erlaubnis zu Messungen in den die Bahn berührenden Gegenden erteilt wurde. La Nicca begab sich nun mit seinen Hülfsingenieuren noch im Oktober 1857 nach dem Lukmanier, wo er bis in den November hinein trotz der Unbill der Witterung seine Messungen vornahm. 198 Nachdem La Nicca mit Brasset) und Giles einen verbindlichen Vertrag abgeschlossen hatte, so wurde er von letzterm, der das Geschäft leitete, gedrängt, das Projekt beschleunigt zu entwerfen, damit aus dasselbe hin eine Gesellschaft gebildet werden könne. Brasset) selbst wollte nur als Bauunternehmer, nicht aber als Gründer in dieselbe eintreten. La Nicca hatte nun Arbeit genug, um dieser Aufgabe nachzukommen, um so mehr, als es ihm an Hülfsingenienren fehlte, weil die damaligen Bauten alle diese Kräfte in Anspruch genommen hatten. Auf Pfingsten 1858 begaben sich Brasset) und Giles nach der Schweiz; ersterer blieb in Basel, wo er wegen des Hauensteintunnelbaues, den er ausgeführt hatte, mit der Zentralbahn in einen Rechtsstreit geraten war; er wünschte hierüber auch La Niccas Ansicht zu vernehmen. Giles kam nach Chur, um La Niccas Arbeiten zu prüfen und dann mit ihm dieselben Brasset) vorzulegen. Brasset), der noch keine Alpenbahn ausgeführt hatte, worüber die Kühnheit der Anlage, die La Nicca projektiert hatte, und das riesige Mauerwerk derselben nicht wenig erstaunt und beschloß, nun selbst sich die Gegend anzusehen, was er dann auch im Oktober dieses Jahres in Begleitung La Niccas ausführte, indem er vom 8. bis 12. Oktober sich mit der Untersuchung des Lukinaniertracss beschäftigte. Im Juni hatte La Nicca in Bellenz mit Ingenieur Someiller, dem genialen Erbauer des Mont Cenis eine Zusammenkunft, dem er ebenfalls seine Pläne vorlegte. Someiller, dem eine große Erfindungsgabe und die reichsten Erfahrungen zu Gebote standen, durchleuchtete mit seinem Urteile die Bahnanlage und ermunterte durch die Anerkennung des Projektes nicht wenig den oft enttäuschten Urheber desselben. Am 30. Juni war die Eröffnung der Eisenbahn von Rorschach nach Chur. Trotz allem Festjubel, der in dem 199 Städtchen Chur herrschte, konnte sich La Nicca der traurigen Ahnungen nicht entheben, die auf seinem Gemüte lasteten. Es war für ihn schmerzlich, seine Heimatstadt am Schwänze des Unternehmens zu sehen, ohne Sicherung für eine Verbindung mit dem Süden; mit der wahrscheinlichen Voraussicht, daß es für lange, vielleicht für immer, bei dieser Bahnstrecke bleiben und das Land alle Vorteile einbüßen werde, die es früher als Verbindungsstraße nach Italien besessen hatte. Aber er ließ sich durch diese Befürchtungen in seiner Arbeit nicht stören, indem er damals im Verein mit Giles das Tracü zwischen Reichenau und Jlanz feststellte. In diesen Studien wurde er durch den unerwarteten Besuch seines Freundes Torelli überrascht, der ihm die baldige Ankunft Cavours in Chur mitteilte. Und wirklich traf derselbe auch am 27. Juli in Chur ein. Cavour kam eben von Frankreich, wo er mit Napoleon über die italienische Frage unterhandelt und Frankreichs Mitwirkung zur Vertreibung der Oesterreichs aus der Lombardei erwirkt hatte. Da am 28. das Wetter ungünstig war, so konnte er seine Reise nach dem Lnkmanier nicht wie er vor hatte fortsetzen, sondern er blieb diesen Tag in Chur. Dort stattete er La Nicca einen längeren Besuch ab und ließ sich alle Lukmanierpläne vorlegen. Am Abend fand zu seinen Ehren ein Bankett statt, das die Regierung von Graubünden veranstaltet hatte, wo La Nicca dem mächtigen Protektor des Lukmaniers, dem Repräsentanten Piemonts und Italiens einen Toast brachte. Wir entlehnen nun La Niccas Notizbuche das Weitere über Cavours Besuch und seine Weiterreise, bei welcher La Nicca ihn begleitete; wir beschränken uns dabei auf eine wörtliche Wiedergabe. 200 „29. Juli. „Da die regnerische Witterung stets fortdauerte, so durften „wir es nicht wagen, Graf Cavour auf den Lukmanier zu „nötigen, besonders da er am 31. d. M. in Turin eintreffen „mußte, und so entschloß er sich, die Bernhardiner Richtung „einzuschlagen. „Da der Regen allmälig nachließ, so konnte er das verlorene Loch, die Viamala und Roffla in günstiger Beleuchtung sehen und war sehr erfreut über diese Reise und in „heiterer Stimmung. „Obwohl wir schon um 5 Uhr in Splügen ankamen, so „entschlossen wir uns doch, daselbst zu übernachten, und machten „nach dem Mittagessen noch einen angenehmen Spaziergang „gegen den Splügenberg hinan. Seine Begleiter bestanden „aus Torelli und seinem Sekretär Veuillet, einem jungen, „geistreichen Manne, dann aus seinem Kammerdiener, welcher „mit viel Ruhe und Anstand sein Amt versah." „30. Juli. „Aufbruch morgens 4 Uhr nach Hinterrheiu. Von da „gingen wir zu Fuß bis auf die Anhöhe des Berges. „In Bernhardin (bündnerischer Kurort) drängte sich das „ganze Volk der Wassertrinker um diesen berühmten Mann, „es bildete förmlich Spalier aus seinem Gange zur Quelle. „Auch das zierliche See'chen wurde besucht im Geleit seines „Freundes Casinis, Kammermitglied und berühmter Rechtsgelehrter. „In Bellinzona empfing uns eine Deputation von Lo- „carno, aus Oberst Rusca und andern bestehend. „Gleich nach seiner Ankunft in Locarno wurde Cavour „durch eine Regierungsabordnung, dem Regierungspräsidenten „an der Spitze, begrüßt. „Die Regierung wollte ihm auch ein Diner geben, allein „Proferio hatte ihn schon vorher auf sein Landgut eingeladen, 201 „wo sich nun eine interessante Gesellschaft zu einem glänzenden „Diner einfand. Dieses Diner schien mir noch einem höhern „Zwecke zu dienen. „Proferio, der gewaltigste Redner in der piemontesischen „Kammer und oft in Opposition gegen Cavour, wollte ihm „eine Huldigung darbringen und ihm dadurch andeuten, daß „er überwunden sei und sich ihm anschließe. Proferio gestand „mir selbst, daß seine Opposition gegen Cavour oft auch daraus „entstanden sei, weil er geglaubt, Cavour gehe, namentlich in „den allgemeinen italienischen Geschäften, zu langsam vor. „Nun sei er aber durch dessen Erfolge etwas belehrt worden. „Er selbst wollte wahrscheinlich zu rasch vorwärts. Diese „Vereinigung hat hauptsächlich ihr gemeinschaftlicher Freund „Farini, früherer Minister, vermittelt, welcher dem Grafen „Cavour bis hierher entgegengereist war. „In den Gasthof zurückgekehrt, wurden wir durch die „Regierungsräte Bolla und Lavizzari empfangen, und wir „fanden wieder eine mit Backwerk und feinen Weinen wohl- „besetzte Tafel. Bald langte eine zahlreiche Musik in einen „großen Fackelzug eingehüllt an, um den Grafen Cavour durch „eine Serenade zu bewillkommnen. Nachdem diese einige Zeit „gespielt hatte, hielt Regierungsrat Varenna eine feurige, gelungene Anrede, aus welche Cavour mit warmen Worten und „auf sehr freisinnige Weise antwortete; beginnend mit dem „freundlichen Empfang, womit er im Westen der Schweiz in „Genf überrascht und wie er dann später nach einer wettern „Reise bei seinem nochmaligen Eintritt in dieselbe ebenfalls „freundlich begrüßt worden sei, wie ihn dann die ernsten „Graubündner nicht nur herzlich aufgenommen, sondern ihm „auch die Ehre einer besondern Begleitung erwiesen haben „p 6 r W6220 ä'nn uowo äsi piu äistinti äslln LvirMra „äsl Col. Im Aleea, (auf mich hinweisend). Diese Ehrengeleitschaft bis an die User des malerischen Langensees betonte 202 „er insbesondere, woraus man schließen muß, daß ihm dieselbe willkommen war. „So sehr ich mich durch diesen Ausspruch eines so „eminenten Mannes vom hohen Balkon zum zahlreich versammelten Volke von Locarno beehrt fühlen mußte, ebenso „sehr war ich davon überrascht und meine Bescheidenheit fühlte „sich fast verletzt, so daß ich mir nachher die Freiheit nahm, „dem Herrn Minister zu bemerken, daß seine wohlwollende „Auszeichnung meine geringen Verdienste viel zu weit übertage und ich dieselben nur annehmen könne als eine ermutigende, vielleicht die einzige Entschädigung meiner Mühen „und Opfer für das Lukmaniernnternehmen und als ein „schönes Andenken an die in seinem Umgänge verlebten glücklichen Tage. Der Kern seiner durch öftere Beifallsrufe „unterbrochenen Anrede, namentlich aber der Schluß derselben, „galt den immer enger werdenden Sympathien der schweizerischen und piemontesischen Völkerschaften und ihres durch „Ähnlichkeit der Bestrebungen stetsfort inniger werdenden „Verbandes. „Nach manchen heitern Gesprächen brach der Minister „endlich 1 i/s Uhr nachts auf und wir begleiteten ihn auf das „für ihn eigens angelangte Dampfschiff, mit dem er dann „nach Arona fuhr, wo ein Extrazug ihn erwartete. Es waren „für mich dieses wirklich äußerst schöne Tage. Cavour war „stets guter Laune und wirklich liebenswürdig. Seine einfachen Manieren, sein gemütliches Wesen, im Verein mit „einer heitern, geistreichen Unterhaltung machten mir den „wohlthuendsten Eindruck, so daß ich mich recht behaglich an „seiner Seite fühlte." La Nicca begab sich wieder zur Fortsetzung seiner Tracö- studien nach dem Lukmanier. Etwelche gemütliche und gesellige Erfrischung wurde ihm Hiebei durch die Anwesenheit 203 Giles zu teil, welcher mit seiner Gattin sich ebenfalls in Disentis befand, wo er mit La Nicca arbeitete. Wir haben schon oben erwähnt, daß die Konzessionärin der Lukmanierbahn mit Umgehung La Niccas Herrn Ingenieur Wetli beauftragt hatte, ein neues Eisenbahntracö zu entwerfen. Sie sah sich daher in nicht geringer Verlegenheit, als Brasset) und Giles durch Cavour veranlaßt, sich für eventuelle Ausführung des Lukmanierbaues meldeten. Eine so vorteilhafte Aussicht auf Realisierung des Unternehmens durfte nicht von der Hand gewiesen werden, um so weniger, als hiedurch ein Bruch mit Sardinien hätte entstehen können. Brasset) hatte sich nur in das Geschäft eingelassen, als er von Rothschild die Versicherung erhielt, daß er mit diesem Unternehmen ganz einverstanden sei. Durfte letzterer doch Piemont, dem Alliierten des französischen Kaisers, in einer so wichtigen Angelegenheit nicht entgegentreten. Aber mit Oesterreich stand Rothschild als Inhaber von dessen Eisenbahnen, zu denen noch der soeben konzessionierte Brenner hinzugefügt wurde, in nicht weniger bindenden Beziehungen. Welch feine politische Balance mußte er handhaben, um den Interessen der beiden, sich immer mehr feindlich gegenüber stehenden Mächten zugleich zu genügen. Dieses Schwanken in der Politik Rothschilds mußte die »Union Luisso« und die mit ihr verschwägerte Kreditbank hart empfinden, waren doch dieselben Männer an der Spitze beider Unternehmen und konnte in St. Gallen kein Schritt, nicht das Geringste unternommen werden, was in Paris nicht gutgeheißen wurde. Nun wollte Rothschild, ehe er für den Lukmanier eintrete, daß die Gürtelbahn, d. h. die Bahnverbindung der »Union Luisso« zwischen St. Mar- grethen und Lindau gesichert sei. Die Verwaltung der Union erschöpfte sich in Unterhandlungen mit Oesterreich und Baiern wegen dieser Verbindung, und im Zeitpunkt, in welchem wir 204 bei unserer Darstellung stehen, hatte dieselbe noch nicht ihren Zweck erreicht. Cavour hingegen drang auf Ausführung des Lukmaniers. Dieses Unternehmen stand auf seinem Programm in der wichtigen Wende, die er vollzog, als er Italien an Napoleons Stern kettete, dann in Deutschland sich die Ueberzeugung holte, daß man dort ein Vorgehen gegen Oesterreich nicht hindern werde. Er wollte, bevor die Würfel der Entscheidung gefallen, diese Verbindungsstraße für seine neue Staatenbildung sicher stellen. Er veranlaßte deshalb die ersten piemontesischen Techniker, vorab Someiller und Molard mit Talbot, Guibert, Brasset), Giles und andern in Paris eine große technische Eisenbahnkonferenz zu veranstalten, von welcher die Lukmanier- pläne geprüft und begutachtet werden sollten. Da Giles und La Nicca ihre Arbeit gemeinsam ausgeführt hatten, so drang dieser, sowie Brasset) darauf, daß La Nicca auch an der Konferenz teilnehme. Den Leitern der Kreditbank war dieselbe nicht gelegen, doch ergaben sie sich in das Unvermeidliche und ließen die mit schwerem Geld erstellten Pläne ihres Ingenieurs an der Konkurrenz teilnehmen. Diese Konferenz fand Ende November 1858 in Paris statt. Wetli sowohl als La Nicca und Giles legten derselben ihre Pläne vor. Bei der Prüfung der beiden Projekte, desjenigen Wetlis, das als Durchgangspnnkt das Massiv des Greina und desjenigen von Giles und La Nicca, welches den Lukmanier hiefür festgestellt hatte, wurde dein letztem Projekte unbedingt der Vorzug zuerkannt. Es wurde dasselbe als Basis für die Erstellung der Alpenbahn angenommen. Die anwesenden Ingenieure faßten aber noch keinen definitiven Beschluß, sondern verschoben ihr offizielles Gutachten auf eine spätere Zusammenkunft. 205 La Nicca kehrte nun wieder nach Chur zurück. Durch sein erstes Projekt hatte er die Möglichkeit einer Bahnführung in eine bisher noch nie gewagte Gebirgshöhe bewiesen, es war natürlich vorgesehen, daß hiesür alle zu Gebote stehenden technischen Mittel angewendet werden sollten. Brasset) und Giles war es aber auch sehr darum zu thun, dasjenige Tracö zu finden, das die geringsten Kosten verursache. Es galt nun, mit dem Rate des erfahrenen Gebirgsingenieurs, der das Terrain und die dadurch bedingten Bauschwierigkeiten kannte, die allgemeine Praxis des Eisenbahnbaues zu vereinigen. Den englischen Ingenieuren gelang es im Verein mit La Nicca vollkommen, in dieser Weise ein beide Teile befriedigendes Trac6 zu entwerfen. Die Kreditbank, die für das Lukmanierunternehmen ein eigenes Komitee gebildet hatte, ließ ebenfalls fortwährend durch ein Kontingent von Ingenieuren, dessen Chef Wetli war, die ganze Bahnanlage aufnehmen und zwar im Jahre 1859 im Kanton Tessin. Das »Union 8ui886«-Netz nahte sich mehr und mehr der Vollendung. Im Februar 1859 wurde die Bahn nach Glarus eröffnet, und es blieb jetzt noch der schwierigste Teil, die Strecke am Walensee, zu vollenden. Allein jetzt sah sich die Bahnverwaltung in ihrem Baukapital erschöpft. Die schon eröffneten Strecken ergaben bei weitem nicht die erwarteten Betriebseinnahmen. Die Bahn war schon vollständig durch Obligationen verpfändet, so daß eine neue Anleihe nicht gemacht werden konnte. Es mußte daher abermals in Paris angeklopft werden, um sich die noch fehlenden zwölf Millionen zu verschaffen. Um das nötige Kapital zu erlangen, wurden durch Aufzahlung von je Fr. 100 auf eine Stammaktie von Fr. 500 Prioritätsaktien im Werte von Fr. 500 errichtet, die nach Zahlung der Obligationen durch die überschüssigen Einnahmen bis zu 5 V« verzinst werden sollten. 206 Die «Uoumou llnuneioro« hielt es aber für geboten, die Betriebseinrichtung einem in dieser Branche erfahrenen französischen Landsmann zn übergeben und wurde hiefür Herr Ingenieur Michel ernannt, der dann auch von der Kreditbank als Mitglied des Lukmanierkomitees aufgenommen wurde. Der Rückschlag der »Union Lumss«-Aktien lahmte die Kreditbank, die eine große Anzahl derselben besaß, die zinslos dalagen und die sie nur mit unerhörtem Schaden verkaufen konnte. Andere ungünstige Unternehmungen kamen dazu, so daß die Aktien der Kreditbank auf die Hälfte ihres ersten Emissionspreises hinnntersanken. Wer wollte einem Institute, dessen Aktien nur mehr die Hälfte der Einzahlnngssumme wert waren, das Vertrauen schenken, daß es im Falle sei, sich an die Spitze einer so großen Unternehmung, wie es der Lukmanierbau war, zu stellen; selbst bei intaktem Kapital wären sowohl die Mittel derselben, als der Kredit der die Bank stützenden Persönlichkeiten viel zu gering gewesen, um ein solches Riesenwerk auszuführen. Indessen hielt das piemontcsische Ministerium unentwegt an der Lukmanierbahn fest und suchte mit allen Mitteln Rothschild, als den einzig Mächtigen, für dieselbe zu gewinnen. Es waren piemontesische Aufmunterungen, die Brasset) zur Uebernahme des Baues engagiert hatten, in der Hoffnung, daß ein solcher Fachmann die Gunst der Finanzwelt anziehen werde. Denn wenn auch Piemont ein Erhebliches für den Ban ü konä porcku leisten wollte, so waren die geringen Beiträge, die die drei Schweizerkantone geben konnten, kaum zu rechnen, und war von Deutschland damals gar nichts zu erwarten. Nach den Bewegungen der 48er Jahre war in den deutschen Staaten eine Stagnation eingetreten, die einem regern Unternehmungstrieb entgegenstand. Waren dieselben auch eifrig bemüht, die Eisenbahnen in ihren Ländern ohne Unterbrechung auszubauen, so herrschte doch im allgemeinen ein Geist des 207 Mißtrauens, der durch den Zwiespalt und die Eifersucht der beiden größten deutschen Bundesstaaten Preußen und Oesterreich genährt wurde, so daß in diesen Jahren von einer Teilnahme Deutschlands am Lukmanierbau, wie ihn Württemberg und besonders Baiern früher kund gaben, nichts zu spüren war. Die »Union 8ui88s« mußte froh sein, daß es ihr allmähig gelang, den Wunsch Rothschilds zu erfüllen und den Anschluß ihrer Bahn in Bregenz und Lindau zu erreichen. Baiern hatte sodann am Brenner eine südliche Ausgangsbahn erhalten, so daß es nun weniger am Lukmanier hielt, als 14 Jahre früher, ' wo von einer Bahn durch das Tyrolergebirge noch nicht gesprochen wurde. Was diese Staaten noch besonders abhalten mußte, mit Piemont in ein Eisenbahnvertragsverhältnis zu treten, war die täglich wachsende Gegnerschaft Oesterreichs und Piemonts. Nachdem es seit Neujahr 1859 Thatsache geworden, daß Napoleon die italienische Angelegenheit zu der seinigen machen werde, und die Verhältnisse in Italien mehr und mehr unhaltbar wurden, so schien es unabweisbar, daß der Kriegstanz in der Poebene wieder beginnen werde. Das Vorgehen Oesterreichs gegen Piemont rechtfertigte für dieses die Hülfe Frankreichs und die Neutralität Englands und Preußens. La Nicca, der seit seinen Jugendjahren sich oft in Italien aufgehalten hatte, der dort ganz besondere Anerkennung gefunden und sich der Freundschaft der edelsten Männer dieses Landes rühmen durfte und dessen Bestreben es war, die Interessen der Schweiz mit denjenigen Italiens zu verbinden, verfolgte mit der regsten Aufmerksamkeit die Entwicklung des blutigen Dramas und begrüßte in der Befreiung Italiens den Anbruch einer neuen Aera in der Geschichte Europas. Während er sich mit ganzem Herzen an den Siegen des italienisch-französischen Heeres erfreute, erhielt er unerwartet von St. Gallen den telegraphischen Bericht von der schweren 208 Erkrankung seines geliebten Schwiegersohnes, des tüchtigen, durch seine edle Gesinnung und seine Gemeinnützigkeit so sehr geachteten ehemaligen Bankpräsidenten Jakob Bänziger. Obwohl er sofort nach St. Gallen abreiste, so traf er doch den geliebten Sohn nicht mehr am Leben; es gereichte ihm beim eigenen Schmerze zum großen Troste, daß er seine geliebte Tochter bei diesem schweren Schicksalsschlage stützen und aufrichten durfte. 20. Kapitel. Nachdem der italienische Krieg beendet und der Friede wieder hergestellt war, schenkte das piemontesische Ministerium sofort wieder sein Interesse dem Lukmanierunternehmen, dem das vergrößerte Königreich eine erweiterte Verkehrszone eröffnte. Infolge seiner Initiative wurde abermals eine technische Konferenz nach Paris bestellt, zu der die piemontesische Regierung die beiden Ingenieure des Mont Cenis, Someiller und Grandis, abordnete, um mit den Vertretern Rothschilds, den Jngenienren Talbot und Molard, das durch Giles und La Nicca entworfene, sowie das durch die Vertreter der Kon- zessionärin, die Herren Ingenieure Michel und Wetli, vorgelegte Tracs zu begutachten und ein entscheidendes Urteil abzugeben. La Nicca glaubte sich durch Giles hinreichend vertreten, allein derselbe verlangte durchaus La Niccas Teilnahme an der Konferenz, weil sie das Projekt Chur-Olivone gemeinschaftlich entworfen hatten und Giles für die Begründung desselben die Terrainkenntnisse La Niccas zu bedürfen glaubte, und so begab sich derselbe Ende Dezember nach Paris. Die Konferenz fand zwar erst am 2. Januar 1860 statt. Es würde zu weit führen, wenn wir die Verhandlungen dieser Konferenz, wie sie uns ein Bericht La Niccas an Killias genau darlegt, hier mitteilen wollten, und wir beschränken uns daher auf die Hauptfragen und das Schlußresultat derselben. Es wurden der Konferenz zwei Projekte vorgelegt, das eine von Ingenieur Wetli, das andere von der Firma Brasset) 14 210 und Giles entworfen, das mit demjenigen von La Nicca übereinstimmte. Das Projekt Wetli wendet sich hinter dem Dorfe Sur- rhein auf die rechte Thalseite in das Somvixer Tobel und unterfährt den Massiv des Greina in einer Höhe von 950 Meter über Meer mit einem Tunnel von 19,8 Kilometer Länge, wovon nur 4 Kilometer schachtbar, um auf einer Höhe von 908 Metern oberhalb Olivone wieder zu Tage zu treten. Das Projekt La Nicca, von Brassey und Giles angenommen, verläßt das Vorderrheinthal erst bei Dissentis und entwickelt sich weiter in dem Medelserthal, welches die Möglichkeit bietet, je nach dem Stand der Technik vermittelst kürzerer oder längerer Tunnels, höher oder tiefer den Gebirgsstock zu durchqueren. Ueberdies ermöglicht es, die Enden der beiden Zufahrtsbahnen durch eine bequeme Kunststraße zu verbinden und auf derselben eventuell bis zur Vollendung des Tunnels einen Straßenbahnbetrieb einzurichten, wie ein solcher beim Bau des Mont Cenistunnels in Anwendung gebracht wurde. Nach dem damaligen Stand der Tunnelbau-Technik, wo überhaupt noch keine längern unschachtbaren Tunnels gebaut worden waren und man nach langjährigen Erwägungen und Versuchen es endlich gewagt hatte, den Bau eines Mont Cenistunnels zu beschließen und die Arbeiten zu beginnen, ohne Erfahrungen über die Arbeitsresultate in größern Tunneltiefen, über die erforderliche Bauzeit, sowie überhaupt über die Möglichkeit des Lokomotivbetriebs durch solche Tunnels, mußte wohl das Projekt Wetlis als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen, das einen Tunnel von nahezu der doppelten Länge desjenigen des Mont Cenis vorsah. Die Konferenz lehnte auch deshalb das Projekt Wetlis ab und acceptierte dasjenige von Brassey und Giles, für welches sie nach gründlichem, mehrtägigem Studium folgendes Bauprogramm in einem Protokoll festsetzte: 211 1. Bau einer Eisenbahn vom Langensee nach Biasca und Pianezza bei Olivone. 2. Bau einer Eisenbahn von Chur nach Truns und Curaglia im Medelserthal mit Maximalsteigungen von 10°/„» für die Strecken Langensee-Biasca und Chur-Truns und solchen von 25 °/»o für die obern Bahnstrecken. 3. Bau einer Knnststraße von 24 Kilometer Länge von Curaglia über den Lukmanier nach Pianezza mit Maximalsteigungen von 50 o/oo. Die Tunnelfrage sollte noch offen bleiben, bis die am Mont Cenis erzielten Resultate die Ausführung eines kürzern oder längern Alpentunnels vorteilhafter erscheinen lassen. Die Konferenz war unterzeichnet: 6l. Lowslllsr. k InZsnisurs äsläZuäs ll. dranäis s äu Oouv. 8uräs N. Mestsl, InA. äss konts st Ostausssss virset. äs I'uoiov Fuisss. L. Im Niesn, ColousI ksäsrni äu dänis. - Wir bemerken noch, daß die gewählten Endpunkte Curaglia und Pianezza bei Olivone der Anlage des größeren, von La Nicca im Projekt XI vorgeschlagenen und später im Jahre 1804 von der italienisch-tessinischen Alpenbahnkommission angenommenen Tunnels entsprach. Derselbe unterfährt den Ge- birgsstock in einer Höhe von 1102 Meter über Meer in einer Länge von 17,4 Kilometer, wovon 5,7 Kilometer schachtbar sind. Ueberdies waren, wie schon betont, durch beidseitige Höherführung der Bahn noch eine Anzahl günstigerer und kürzerer Tunnellagen vorhanden. Herr Wetli war nicht wenig verschnupft, daß sein Greina- projekt in Paris Fiasco gemacht hatte, und es war ihm wohl keine kleine Genugthuung, daß er zu gleicher Zeit vom Kanton Bern eine ehrende Anstellung erhielt. Dort schien sich überhaupt mehr Thätigkeit für den Gotthard zu entwickeln, und besonders 212 seitdem Pioda Bundesrat geworden, mochte er wohl die Ueberzeugung gewonnen haben, daß dnrch den diplomatischen Einfluß des Bundesrates und durch die Mithülfe des Bundes am ehesten die Ausführung einer schweizerischen Alpenbahn bewerkstelligt werden könne, so daß dieser Mann, der früher den Lukmanier poussierte, nun immer mehr sich dem Gotthard zuwandte und mit seinen Kollegen dessen Interesse förderte. Diese Strömung in Bern blieb La Nicca und Killias nicht verborgen, weshalb die Idee, die Gotthardrichtung mit dem Lukmanier zu verbinden, in ihnen auftauchte, nämlich: Statt der höchst schwierigen Bahnrichtung von Amsteg nach Göschenen und durch den Gotthard die Bahn von Amsteg durch das Maderanerthal und mit einem kurzen Tunnel durch den Kreuzlipaß in das Tavetsch bis Disentis zu führen, wo sich die Linie dann an die Lukmanierbahn anschließen sollte. Dieses war wohl ein Hauptgrund, warum La Nicca, nach der Pariser Konferenz und nachdem er noch während einigen Tagen mit Giles die vorgeschlagenen Planveränderungen studiert hatte, statt nach Chur, sich nach Genf begab, wo er mit Dufoür die topographischen Verhältnisse dieser neuentwvrfenen Linie untersuchen wollte. Während er in Genf im Hause seines Neffen, Herrn C. Rudolf-Schnceli, die angenehmste Gastfreundschaft genoß und sich des herzlichen Empfanges seiner übrigen Genferfreunde zu erfreuen hatte, traf ein Brief von Giles ein, welcher in der Übersetzung folgendermaßen lautet: Paris, den 16. Januar 1860. Mein lieber Oberst! Ich hoffe, daß dieser Brief Sie in Genf erreichen wird, denn ich glaube, daß es weit besser ist, wenn Sie statt nach Bern, sogleich nach Turin gehen. Ich habe eben Molard gesehen, der mir sagt, daß Talbot und Blount, von Wien kommend, 213 morgen in Bern sein werden, von Bern gehen sie nach Mailand und von dort nach Turin, wo sie gegen Ende dieser Woche ankommen werden, um über die Angelegenheiten der lombardisch-venetianischen Eisenbahn zu unterhandeln (es war dieses die von Rothschild patronirte Eisenbahngesellschast). Dieses ist nun ein ausgezeichneter Moment für die piemon- tesische Regierung, um sich mit diesen Herren über den Luk- manier ins Einverständnis zu setzen und besonders daß sie das Tracs bestimmen, ob über Magavino oder über Locarno, eine wichtige Frage, da der Monat Mai nicht ferne liegt, Ist die sardinische Regierung entschieden, vorwärts zu gehen, so soll sie in den Unterhandlungen, welche mit der Lombarda- Veneta gemacht werden, diese zwingen, sich für oder gegen uns zu erklären. Wenn es Ihnen also möglich ist, so könnten Sie nichts Besseres thun, als sich auf Ende der Woche nach Turin zu begeben. Sie können gewiß keinen größer» Vorteil unserm Unternehmen bringen, als indem Sie Bona, die Minister und Grandis sehen. Sie begreifen, daß Brasset) und ich für den Augenblick das Geschäft nicht mehr weiter poussieren können, ohne den Schein des Eigennutzes auf uns zu lenken. Sie aber, als Schöpfer des Projektes, können dieses weit eher thun, als irgend sonst jemand. Ich schlage Ihnen also die kleine Tour nach Turin vor. Im Falle, daß Sie nicht dorthin gehen könnten, sollten Sie Schritte durch Carbonazzi oder einen andern thun lassen, damit die beiden Beteiligten (die Regierung und die Vertreter der lombard.-venetianischen Gesellschaft) sich nicht trennen, ohne etwas für den Lukmanier gethan zu haben. Es erschiene mir sehr thöricht, wenn die sardinische Regierung der Lombarda-Veneta Konzessionen gewähren würde, ohne von ihr einige Opfer für den Lukmanier zu verlangen. Lassen Sie uns aber dabei aus dem Spiele. Ihr Giles. 214 Es liegt uns ein zweiter Brief von Giles vor, in welchem er seinen Wunsch, daß La Nicca nach Turin gehe, noch dringender betont und zugleich ihm mancherlei Weisungen erteilt. Es geht aus demselben hervor, daß La Nicca dafür galt, großes Zutrauen und Anerkennung bei den bis dahin in Turin maßgebenden Persönlichkeiten zu genießen und daß selbst Brasset) deshalb seine Mitwirkung dort gerne benutzen wollte. La Nicca begab sich infolge dieser Aufforderung nach Turin. In Turin hatte sich durch die Vereinigung der Lombardei und der mittelitalienischen Staaten mit dem Königreich Sardinien die Situation vollständig verändert. Auch hinsichtlich der Eisenbahnen war der frühere Gesichtspunkt wesentlich verschoben, da die Interessen der neuerworbenen Staaten ebenso wie diejenigen Piemonts berücksichtigt werden mußten. Für das neue Bau- und Handelsministerium war das Ueberein- kommen mit der Lombarda-Veneta-Eisenbahngesellschaft ein wichtiger Moment. Die Inhaber dieser Bahn, die »Iksunion ünuneiöi's« in Paris (Rothschild rc.), standen ganz zwischen zwei Sitzen, indem sie in Turin ihre Interessen wahren, in Wien sich die Gunst der Regierung erhalten mußten, weil dort immer noch der Schwerpunkt ihres österreichischen Eisenbahnnetzes lag. Hören wir indessen La Nicca in einem Briefe an Giles, der in der Uebersetzung ungefähr folgendermaßen lautet: „Ich habe Ihre Briefe vom 22., 23. und 24. Januar „in Turin erhalten und werde mich bemühen, nach Ihren darin „niedergelegten Ansichten zu handeln. Es hat hier ein vollständiger Wechsel im Ministerium stattgefunden und einige „dieser neuen Persönlichkeiten haben selbst noch nicht ihre „bleibende Stellung eingenommen, in welcher sie sich erst noch „zu orientieren und mit deren Geschäften und Obliegenheiten „bekannt zu machen haben, so daß bei diesem Interregnum „sich nichts thun läßt. Es ist fatal, daß wir in diesen 215 „Moment der Organisation hineingefallen sind. Das Ministerium der öffentlichen Bauten hat Jacini von Mailand „übernommen, welcher ein vorzüglicher Mann sein soll, aber „noch nie hier war, wie mir Grandis sagte. Vor allem ist „es nötig, daß wir seine Ansicht betreffs des Lukmaniers kennen, „denn als Lombarde hat er vielleicht eine andere Meinung „als diejenige, welche uns conveniert. „Es scheint hier immer mehr die Ansicht vorzuherrschen, „daß die Regierung nicht selbst die Ausführung und Betreibung „der Lukmanierbahn übernehmen soll, sondern an derselben sich „nur mit einer Subsidie beteilige und in keine wettern Verpflichtungen einlasse. Graf Cavour, welcher anfangs abwesend war, habe ich nicht besuchen wollen, ohne ihm etwas „Bestimmtes und gut Begründetes vorlegen zu können. Talbot, „Vertreter der »Usumou üuaueisrs«, hat sich in Mailand „Jacini vorgestellt, um mit ihm zu unterhandeln. Dieser „antwortete ihm, daß er auf den Gegenstand nicht eintreten „könne, bevor er denselben studiert habe, er möge ihm hiefür „seine Papiere überlassen. „Ich habe Talbot gesprochen, der nicht mit guter Laune „von Wien zurückgekommen ist, wo die Verhandlungen noch „schwebend sind, so daß er wahrscheinlich noch einmal dorthin „zurückkehren muß. Nach seiner Meinung kann dermalen hier „kaum etwas für den Lukmanier gethan werden, weil die Verhältnisse der schon erstellten italienischen Bahnen vorerst geregelt werden müssen; er meint, dieselben seien noch sehr verwickelt und liegen der Kammer mehr am Herzen. „Dieses wird mich aber nicht hindern, in dem verabredeten Sinne zu handeln, um diejenigen Personen zu interessieren und zu verbinden, die Einfluß besitzen und welche „im stände sind, in diesem günstigen Momente auf die Lom- „barda-Veneta zu unserem Nutzen einzuwirken. „7. Februar 1860. La Nicca." 216 „An Giles! „Cavour ist zurückgekehrt, aber es ist nicht möglich, ihn „zu sprechen, weil er stets mit dem Könige und dem französischen Minister Konferenzen hat. Farini und Ricasoli sind „auch angekommen, weshalb die politischen Fragen die ganze „Zeit des Ministers in Anspruch nehmen. La Nicca." Es handelte sich damals vor allem um die Abtretung Savoyens an Frankreich. Am 29. Februar schreibt La Nicca an Giles: „Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat mich mit „großer Liebenswürdigkeit empfangen und äußerte sich sehr offen „und warm; er hat seine Ansicht in der Alpenbahnfrage noch „nicht festgestellt." Mittlerweile empfing La Nicca ein Schreiben von Torelli, damals Gouverneur des Veltlins, vom 4. Februar, worin er ihn auffordert, Cavour zu besuchen. Torelli schreibt: „Sie haben Unrecht, nicht zum Grafen Cavour gehen „zu wollen, weil er zu beschäftigt ist; er hat für alles Zeit, „und ich kann Sie versichern, daß er eine sehr gute Meinung „von Ihnen hat und mir öfters von Ihrer angenehmen Gesellschaft im Juli 1858 gesprochen hat." Dieses ermutigte La Nicca, Cavour um eine Audienz zu bitten. Cavour antwortete ihm am 8. Februar durch Handbillet, daß er sein Schreiben erhalten und ladet ihn zugleich zu einem Diner ein. La Nicca schreibt hierüber an Giles: „Turin, den 13. Februar 1860. „Ich habe gestern die Ehre gehabt, an einem Diner bei „Cavour teilzunehmen. Es waren dort unter andern die „Minister Cassini und Jacini, und unser neuer schweizerischer 217 „Gesandter, Herr Tourte von Genf. Sie begreifen, daß man „bei solchen Anlässen der Konversation, sowie sie sich darbietet, freien Lauf lassen und seine Lieblingsfragen nicht immer „berühren darf, um so mehr, als Herr Tourte wohl kein Luk- „manierfreund sein wird. Ich fand indessen doch einen günstigen Moment, dem Grafen Cavour meine Ansichten hinsichtlich der delikaten Punkte zu den bevorstehenden Unter- handlungen mit Talbot und Blount (Vertreter der »Vsostu „Uomburäs. rsuuion üuaneisrs«) anzudeuten. „Mit Jacini geriet ich tiefer ins Gespräch und begleitete „ihn auch nach Hause. Ueberhaupt benimmt er sich so freund- „lich und vertraulich gegen mich, daß ich gar nirgends den „Minister fühle und aus seinem ganzen Benehmen schließen „darf, daß er ein aufrichtiges Vertrauen zu mir habe und „auf meine Ratschläge hören werde." In Turin war La Nicca schon lange kein Fremder mehr. Durch seinen öftern Aufenthalt in dieser Stadt und seine Beziehungen zu den ersten dortigen Persönlichkeiten war er dort heimisch geworden, und jetzt hatte sich noch sein Zweitältester Sohn Hans daselbst etabliert, wodurch ihm dort ein bequemes Absteigequartier zur Verfügung stand. Die finanziellen Verhältnisse der »Union Luisss« gestalteten sich immer schwieriger, so daß Gerüchte von einer möglichen Liquidation herumgeboten wurden. Die mit der Union affilierte Kreditbank mußte natürlich die Folgen auch mittragen. Jedenfalls konnte durch die Betriebseinnahmen der Obligationenzins nicht bezahlt werden. Wirth-Sand begab sich daher im April 1860 nach Paris, um bei der »Uounion knaneiöro« ein neues Anleihen von 1,800,000 Franken zu kontrahieren, was ihm nach schwerer Mühe gelang. Wenn 8a Nieca in seiner Treuherzigkeit wähnte, Michel sei mit ihm hinsichtlich des Projektes Giles einverstanden, da 218 er den Expertenbericht, der dasselbe als ausführbar erklärte, anerkannt und ohne jegliche Opposition unterzeichnet hatte, was öffentlich bekannt war, so zeigte es sich bald, daß er sich hierin getäuscht hatte. Während Giles durch La Nicca in Turin das Terrain sondieren ließ, um im gegebenen Momente mit den Konzessionären sein von denselben und den sardinischen Experten acceptiertes Projekt dem italienischen Ministerium vorzulegen, war Michel in St. Gallen ohne Mitwissen ersterer mit Oberingenieur Pestalozzi beschäftigt, statt der projektierten Verbindungsstraße, die vorläufig bis zur Ausführung des Tunnels die südliche und nördliche Bahnlinie verbinden sollte, nach den topographischen Aufnahmen von Wetli eine kontinuierliche Bahnlinie über den ganzen Bergübergang mit vielfachen Kehren zu Projektieren, um dann im übrigen das Projekt Giles benützend, dieses neue Projekt dem italienischen Ministerium vorzulegen. Während Giles und La Nicca über diese Vornahme mit Recht entrüstet waren, und Someiller und Grandis erklärten, sie werden nie demselben ihre Zustimmung gewähren, war man in St. Gallen ebenso ungehalten, daß La Nicca in Turin sich mit Lukmanierangelegenheiten beschäftige. Es lag diesem durchaus fern, irgend eine Verbindlichkeit einzugehen, die den Konzessionären Präjudiz gebracht hätte. Er hatte sich dorthin begeben, weil seine gewichtigen Freunde, die Förderer des Lukmaniers, Giles, Brassey, Torelli und andere, ihn dringend aufgefordert hatten, als Urheber des Projektes in dieser Periode der gänzlichen politischen Umgestaltung Italiens, wo neben den alten piemontesischen Staatsmännern neue Persönlichkeiten aus den fusionierten Ländern sich Anfanden, deren Bestreben dahin zielte, die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Provinzen berücksichtigt zu sehen, den Einfluß, dessen er sich bei Cavour, Paleocapa und andern rühmen durfte, auch bei den neu herzu- 219 getretenen Staatsmännern zu erwerben und das Interesse für die Lukmanierbahn bei denselben zu erwecken. La Nicca war nicht der Mann, solche dumpfe Anklagen ruhig über sich ergehen zu lassen, er sah sich daher veranlaßt, Herrn Wirth-Sand in einem Schreiben Turin Datum 19. März zu interpellieren, indem er darauf hinwies, daß der Verwaltungsrat durch Killias von seinem Aufenthalte in Turin Kenntnis erhalten und daß er in der bestimmtesten Ueberzeugung, zum Vorteile der Lukmanierbahn zu wirken, die ihm befreundeten einflußreichen Persönlichkeiten Cavour und Paleo- capa, sowie Jacini, dessen Bekanntschaft er auch gemacht, angeregt habe, bei dem Vertrage mit der Lombardo-Venetabahn die Interessen des Lukmaniers nicht nur zu wahren, sondern auch in denselben Bedingungen aufzunehmen, die dessen Ausführung befördern könnten. So sehr Cavour und Paleocapa hiemit einverstanden, so scheine Talbot, der Vertreter der obigen Bahngesellschaft für die »Lsunion ünuneiors«, diesem Bestreben abgeneigt. Aus der Antwort Herrn Wirths vom 25. März, die uns vorliegt, entnehmen wir Folgendes: „Wenn ich mich mit Ihrer Reise nach Turin nicht gerade „einverstanden erklärt habe, so ist es namentlich deswegen geschehen, weil ich besorgte, daß ohne ein gehöriges allseitiges „Einverständnis in dieser oder jener Richtung, in der besten „Absicht, Schritte gethan werden könnten, welche vielleicht mit „den Absichten der Konzessionsinhaber nicht übereinstimmen „und zu einer Zerfahrenheit in den Bestrebungen für die Erreichung des gleichen Zweckes führen möchten, welche der „Sache natürlich nichts nützen würden. Niemand wird es „lieber sein, als mir, wenn meine Bedenken sich als unbegründet erweisen. Was nun Ihre Frage anbelangt, ob es „in meinen Wünschen und daher in meiner Absicht liege, Ihre „Bethätigung am Lukmanierunternehmen fern zu halten, so 220 „muß ich Ihnen offen sagen, daß Sie mich überfragen. „Sie wissen, daß die Kreditbank nicht mehr im ausschließlichen „Besitze der Konzession ist, sie also in allen auf das Unternehmen bezüglichen Fragen keine entscheidende Stimme hat, „sondern an die Mehrheit kommen muß; zudem aber werden „die Konzessionsinhaber selbst bei weitem nicht in allen Punkten „so verfugen können, wie sie wollen, sondern sehr wahrscheinlich „in gar manchen Fragen sich nach denjenigen richten müssen, „welche die Kapitalien liefern. „So wird es auch Sache der Baugesellschaft sein müssen, „diejenigen Techniker zu bezeichnen, deren Beteiligung sie bei „der Bauausführung wünscht. Meine persönlichen Wünsche, „insoweit diese in Betracht gezogen werden können, gehen allerdings dahin, daß sich gerade diejenigen Männer, welche vergnüge ihrer Stellung das größte Interesse an dem Lukmanier- „unternehmen haben, sich an demselben und für dasselbe bethätigen möchten. Ich zweifle nicht, daß Sie sich hierüber „ebenfalls mit den Herren Michel, Planta und Killias besprechen werden und soll es mich freuen, wenn auch diese „Frage eine alle Teile befriedigende Lösung finden kann. Die „mir versprochene Abschrift Ihrer dem Bauminister eingegebenen „Abhandlung werde ich mit größtem Vergnügen empfangen „und schließe mit dem Wunsche, daß wir endlich einmal an „das lang ersehnte Ziel gelangen möchten. „Wirth-Sand." Von den Kapitalisten und der Baugesellschaft, die Wirth in seinem Briefe erwähnt, ist niemals eine Kunde in die Öffentlichkeit gelangt. In dieser Beziehung war die Part Giles La Nicca wenigstens insoweit besser bestellt, als Brasset) ^/s der sich ergebenden Baukosten auf sich nehmen und zu einem festen Preise den Bau ausführen wollte. Einem so gewichtigen Ge- 221 schäftsmanne hatte wohl die italienische Regierung ihre Sub- sidien anvertraut, und für den Rest wäre auch die Geschäftswelt zu finden gewesen. Während La Nicca den neuen Boden recognoscierte, auf dem er suchte seine Verbindungen fortsetzen zu können, vollzogen sich in Turin friedlich die wichtigsten Ereignisse. Am 18. März 1860 erschienen dort die Deputationen von Parma, Piacenza, Modena und der Romagna, an ihrer Spitze Farini, um dem König Victor Emanuel die Huldigung dieser Länder darzubringen. Das Gleiche geschah am 22. desselben Monats durch Toscana, für welches Ricasoli dem Könige die Huldigungsadresse überreichte. Die Festlichkeiten, die in Mailand und Florenz der Vereinigung der lombardischen und toscanischen Länder folgten und bei welchen den Ministern und einflußreichen Staatsmännern die Aufgabe zufiel, den König zu begleiten, ließen in Turin eine Art politischer Vakanzen eintreten, die La Nicca für einen Besuch in Toscana benutzte. Wir haben schon früher mitgeteilt, daß er im Jahre 1844 für die Korrektion des Serchio und die Entsumpfung der Gegend von Massaciucoli ein Projekt entworfen hatte, das aber, obwohl es allenthalben Anerkennung gesunden halte, doch nicht ausgeführt worden war, weil die beiden Souveräne, in deren Länder das zu entsumpfende Gebiet lag, der Großherzog von Toscana und der Herzog von Lucca, sich für dessen Ausführung nicht einigen konnten. Jetzt, da diese politischen Schranken gefallen waren, glaubte La Nicca, die Zeit zur Verwirklichung seines Projektes könnte vielleicht nicht mehr ferne sein. Torelli gab ihm hiefür eine Empfehlung an den Grafen Ricasoli mit. In Florenz fand eben in jenen Tagen, in welchen La Nicca in dieser Stadt weilte, der feierliche Einzug Victor 222 Emanuels statt. La Nicca konnte daher an den Festlichkeiten teilnehmen, die das Land Toscana in seiner Hauptstadt dem neuen Souverän veranstaltet hatte. Von Ricasoli wurde La Nicca sehr freundschaftlich empfangen, und es war für ihn von großem Interesse, diesen Mann, der später an Cavours Stelle treten sollte, persönlich kennen zu lernen. Die große Aufregung, in der sich alles befand, und die völlige Umgestaltung der Verhältnisse vereitelten jede Anknüpfung für das Entsumpfungsprojekt, so daß La Nicca ohne Besichtigung der in Frage stehenden Gegend am 5 Mai Florenz verließ und nach einem Aufenthalte in Bologna am 8. Mai wieder in Turin eintraf. 21. Kapitel. Michel hatte indessen sein Projekt vollendet, die Konzessionäre beschlossen, dasselbe der Regierung von Italien und den maßgebenden Finanzmännern vorlegen zu lassen. Planta sollte Michel als Diplomat begleiten. Da diese beiden Vertreter der Konzessionärin auf italienischem Boden noch wenig bekannt waren, erschien es vorteilhaft, ihnen den alten, ergrauten Lukmaniermann Killias, mit seinen vielfachen Beziehungen, mitzugeben. Killias war von der Südostbahn bei der Gründung der »Union Luisss« zuerst in die Direktion und nach Vollendung des Baues in den Verwaltungsrat derselben eingetreten und war auch Mitglied des Lukmanier- komitees; er unterhielt mit La Nicca eine sehr rege Korrespondenz, seinen Briefen haben wir die Vorgänge im Schooße der »Union Lumso«-Verwaltung entnommen. Die hier folgenden Briefe empfing La Nicca in Turin und in Florenz: „Chur, den 16. März 1860. „Michel wird am 23. in Paris sein, sich dort zwei bis „drei Tage aufhalten, um sein Projekt Talbot vorzulegen, und „von da zu Planta und mir nach Turin, Genua und Mailand „reisen, um die Subsidien zu erobern und im Mai in Locarno „fest auftreten zu können." An La Nicca nach Florenz. „Turin, 1. Mai 1860. „Planta ist gestern von Genua zurückgekehrt und heute „reist er mit Michel dahin zurück, um durch ihn die Pläne 224 „zeigen und erklären zu lassen. Er soll gute Hoffnung haben, „hält aber mit den Details zurück. „Cavour soll an Iocteau schreiben, damit er bei Pioda zu „gunsten unserer Konzessionsverlängerung im Tessin wirke. „Von Jacini sollen wir eine Empfehlung nach Locarno „bekommen; er hat gewünscht, daß wir ihm hierüber ein Gesuch „zukommen lassen, was geschehen ist. Von Genua werden „Planta und Michel nach Mailand und Lugano ziehen. Ich „soll sie Freitags dort erwarten und begleiten." . „Locarno, 48. Mai 4860. „Wir sind gestern Abend hier angelangt und haben „soeben der Regierung unsere Aufwartung gemacht, mit der „Anzeige, daß das königliche Dekret betreffend die Ernennung „eines Komitees zur Untersuchung der Alpenbahnfrage heute „in der »Og, 226 ttg. OtVoials« erscheinen und infolge dessen „Jacini das schon bereite günstige Erläuterungsschreiben uns „übergeben werde. Die Regierung ist mehr als günstig gestimmt, aber ich fürchte, trotz aller Gunst wird unser Gesuch „in Detailschwierigkeiten ersticken." „Turin, den 49. Mai 4860. „Der Schluß der Verhandlungen mit dem Tessiner „Staatsrat war die entschiedene Erklärung, daß wir keinen „Schritt weiter gehen, als unser Programm, also keine weitere „Kautionszahlung, dagegen Verfall der Konzession am 4. Mai „4864, wenn bis dahin nicht gearbeitet wird." „Chur, 20. Mai 4860. (Auf der Heimreise nach Genf.) „Wir haben nun doch beschlossen, Bellenz-Como ins „Programm aufzunehmen, und in diesem Sinne wird Planta „schon an Ranulli geschrieben haben." — 225 — Während sich La Nicca noch in Turin befand, hatte das italienische Ministerium beschlossen, die Alpenbahnfrage einer neuen gründlichen Prüfung zu unterwerfen. Es wurde hiezu von der Kammer ein Kredit bewilligt und eine Kommission ernannt. Diese sollte die in Frage stehenden Alpenpässe gründlich besichtigen und dann denjenigen feststellen, der nach ihrer Ansicht sich zur Anlegung einer Alpenbahn am besten eignen würde. Da durch diesen Beschluß alle wettern Unter- handlungen für den Lukmanier sistiert werden mußten, so kehrte La Nicca wieder nach Chur zurück. In Chur angekommen, fand er schon folgendes vom 4. Juni datiertes Schreiben des Präsidenten der italienischen Alpenbahnkommifsion, Paleocapa, vor, welches übersetzt folgendermaßen lautet: „Turin, 4. Juni 1860. „Verschiedene Mitglieder der durch Dekret vom 14. Mai „zum Studium des für eine Eisenbahn sich am besten eignenden „Passes der helvetischen Alpen ernannte Kommission werden „sich gegen Mitte nächster Woche in Chur einfinden, um vor „allem die Linie des Splügens zu untersuchen; es sind die „Herren Grandis, Rovero und Tatti, welche beauftragt sind, „mit Ihnen, hochgeehrter Herr, persönlich zu konferieren, um „alle diejenigen Dokumente zu prüfen, welche Sie denselben „über diesen Gegenstand beibringen können. „Andere Mitglieder derselben Kommission werden sich mit „dem Uebergange des Lukmaniers, des Gotthards und des „Bernhardins beschäftigen, und es ist auch notwendig, daß „Sie denselben gründlichen Ausweis über die Studien erteilen, „die in Ihrem Besitze sind. Um jedem Mißverständnisse vorzubeugen, wäre es alsdann vorteilhaft, wenn Sie die obge- „nannte Kommission für den Splügen in Chur erwarten „und mir dann unterdessen olle Dokumente, welche den Luk- 226 „Manier, den Gotthard und den Bernhardin betreffen, zusenden „würden. Sehr erwünscht wäre es, wenn diese Dokumente „mir durch Herrn Killias überreicht würden, welcher sich mir „durch die Erläuterung derselben nützlich erweisen könnte. „Nachdem ich Ihnen hiemit den Wunsch betreffs der Splügen- „kommission ausgesprochen, werde ich mir dann auch erlauben, „Ihnen den Tag und den Ort anzuzeigen, an welchem Sie „sich zur Besprechung der Lukmanier-, Gotthard- und Beru- „Hardin-Linien mit der Kommission zu vereinigen haben werden. „Paleocapa." Die Splügenkommission langte nach Besichtigung des Splügens am 15. Juni in Chur an; nun sollte auch die Septimergegend untersucht werden und 8a Nicca hatte die Herren auf dieser Tour zu begleiten. Dieselben begaben sich wieder nach Thusis; von dort nahmen sie am 17. Juni den Weg durch den Schyn, den sie, da dort noch keine Fahrstraße existierte, zu Pferde zurücklegen mußten. Dann folgten sie der Julierstraße bis Stalla, wo es sich zeigte, daß der Septimer noch nicht schneefrei war, also nicht begangen werden konnte, weshalb die Herren über den Julier und Maloja durch das Bergell sich nach dem Comersee wandten, wo sie am 20. Juni einen Höhepunkt über Sau Carlo und Villa Sommariva erstiegen, von wo aus die nach dem Splügen und Septimer sich öffnenden Thäler vollständig übersehen werden konnten. Die Kommission kehrte dann nach Turin, 8a Nieca über den Splügen nach Chur zurück. Am 19. Juli begaben sich die Herren Negretti, Bella und Peyrone mit Michel und La Nicca, der sich wieder in Turin befand, nach dem Tessin, von dort auf den Lukmanier, den sie überstiegen und dann in Chur eintrafen. Nach einem Aufenthalt von zwei Tagen daselbst kehrten die italienischen Kommissionsmitglieder über den Bernhardin nach Turin zurück. 227 Auch die dritte Abteilung der Alpenbahnkommission, welche aus dem nachmaligen Minister Peruzzi, Cav. Boccardi und Jng. Tatti bestand und in der ersten Hälfte August ihre Untersuchungen vornahm, wurde durch La Nicca begleitet. Als belebendes, geselliges Element hatte sich derselben die Gattin Peruzzis, Donna Emilia, angeschlossen. Nachdem wir La Nicca auf seinen Reisen mit den italienischen Abgeordneten auf die verschiedenen Alpenübergänge begleitet haben, müssen wir jetzt die Vorgänge erwähnen, die sowohl im Schoße der Konzessionäre, als zwischen den beiden Projektanten sich indessen ereignet hatten. Giles schreibt an La Nicca: „Paris, 19. Mai 1860. „Armand (Bevollmächtigter der »Rsumon Lnaoeiers« in „Paris) hat durch ein Billet mich gestern eingeladen, in sein „Bureau zu kommen, da er mir Mitteilungen aus Italien zu „machen habe. Als ich heute dort war, sagte er mir, daß „Michel unsere Mitwirkung wünsche und daß er uns ersuche, „nach St. Gallen zu kommen." „25. Mai. „Michel hat in Turin Brasset) besucht, welcher seine „Mitteilung angehört hat. Michel hat ihn gebeten, mir zu „schreiben, daß er mit uns sich vereinbaren wolle. Infolge „davon hat mir Herr Brasset) selbst einen Brief von Michel „gebracht, in welchem er mich bittet, mit ihm in St. Gallen „zusammenzutreten, um sich endgültig mit uns zu verständigen. „Wir wollen sehen, was Michel damit meint." Der Wunsch, daß die beiden verschiedenen Projekte in ein einheitliches vereinigt werden, erhielt durch die offizielle Einladung des Präsidenten der italienischen Alpenbahnkommission Paleocapa eine bestimmte Wendung. Sowohl Giles und La Nicca, als auch Michel wurden in derselben aufgefordert, sich mit einander zu verständigen und dann gemeinsam mit nur einem Projekte in Turin bei der dort auf den 15. Juli ein- 228 berufenen Versammlung dieser Kommission zu erscheinen. Laut Brief an La Nicca verließ Giles am 25. Juni Paris und begab sich nach St. Gallen, von dort telegraphierte er an La Nicca am 28. Juni: „Sie müssen diesen Abend hierher kommen. Ich erwarte „Sie, denn die Sache ist sehr wichtig." Im Tagebuch schreibt La Nicca: „30. Juni Konferenz „mit Wirth, Michel und Giles wegen Lukmanierbahn, fruchtlose Vermittlung für Vereinigung der verschiedenen Projekte „in ein einziges, der piemontesischen Regierung vorzulegendes." La Nicca kehrte wieder nach Chur zurück. St. Gallen am 8. Juli schreibt Giles an La Nicca: „Gestern großes Gewitter mit Michel, heute ist das Wetter „besser, aber wir haben unsere Diskussion noch nicht beendet." Während die Ingenieure über ihre Projekte verhandelten, beschloß der Verwaltungsrat der st. gallischen Kreditbank, die Konzession der Lukmanierbahn an ein Konsortium von einflußreichen Männern der Ostschweiz zu übergeben. Schon seit geraumer Zeit hatte die Konzessionäre die Besorgung und Verwaltung der Lukmanierbahn-Angelegenheit einem Komitee übertragen, dessen Präsident Planta und dessen Mitglieder Wirth-Sand, Michel, Killias und einige andere waren- Jetzt sollten noch einige Persönlichkeiten gewonnen werden; es wurden hiefür Dr. Alfred Escher, Heer, La Nicca und Boller angefragt, aber nur letzterer nahm das Mandat an. Dieses vereinigte Lukmanierkonsortium sollte als Konzessionär der Lukmanierbahn auftreten und handeln. Es wurde bei der Errichtung eines Komitees von einflußreichen Männern, Vertretern der Nation, der Grundsatz geltend gemacht, daß eine solche nationale und internationale Schöpfung eben gerade durch dieselbe gefördert und gestützt werden sollte. Leider wurde aber dabei zu wenig berücksichtigt, daß es bei einer Alpenbahn nur mit politischem Einfluß im Lande, 229 Patriotismus und den Vorzügen des Geistes und Charakters der Vertreter nicht gethan sei, sondern daß es vor allem Geld- männer brauche, die ihre Fonds, in der Hoffnung, ein gutes Geschäft zu machen, hergeben. (Dieses war in jener Zeit noch mehr der Fall, als heutzutage, wo Aktienunternehmungen stets gläubige Teilhaber finden.) An dieser letztem Klippe, am Mangel einer stützenden Finanzkraft, ist denn auch das Lukmanierkomitee gescheitert. Es war dem sehr scharfsinnigen Dr. Alfred Escher klar, daß die Hoffnung, Rothschild werde sein Stiefkind, die «Union 8ui886«, die seine »R6union ünaneiors« durchaus beherrschte und durch ihren Generaldirektor am Gängelband führte, durch die Teilnahine am Lukmanierunternehmen stützen, eine trügerische sei. Er wollte auch jetzt freie Hand behalten, wie damals, als er bei der Gründung der »Union 8ui886«, trotz den eifrigsten Bemühungen Rothschilds, sich nicht bewegen, ließ, die Nordostbahn der «Union« anzuschließen. Jedenfalls war die Verbindung der »Union 8ui88o« mit der Lukmanier- bahn, die Persönlichkeiten, die zugleich an der Spitze beider Unternehmen standen, nicht geeignet, den Leiter der mit ersterer Linie konkurrierenden Nordostbahn zu einem Beitritte in ihr Komitee zu ermutigen. Wäre es geglückt, den Lukmanier zu bauen, so hätte Escher sich gewiß nicht dem Gotthard zugewendet, sondern von ersterem die vorteilhaftesten Konsequenzen für Zürich gezogen. Was La Nieca anbelangt, so war derselbe allerdings sehr bereit, mit den Konzessionären gemeinsam zu handeln und daher auch nicht abgeneigt, dem zu gründenden erweiterten Lukmanierkomitee beizutreten. Er hatte hierüber schon im Mai mit Planta, Michel und Killias unterhandelt und infolge davon erhielt er vom Präsidenten desselben, Nationalrat Planta, folgendes Schreiben: 230 „Chur, den 29. Juni 1860. „Hochgeehrter Herr Oberst! „Ich habe die Ehre, Ihnen im Namen des Lukmanier- „ Gründungskomitees mit Bezug auf die zwischen Ihnen und „den Herren Michel, Killias und mir in Turin gepflogenen „Unterhandlungen behufs Vereinigung unserer Bestrebungen „für das Lukmanierunternehmen und Ihren diesfälligen schriftlichen Propositionen Folgendes zu eröffnen: „1. Das Gründungskomitee ist sehr bereit, Sie als Mitglied desselben aufzunehmen und zwar gleich jetzt, während „die sonst beabsichtigte Erweiterung desselben, von der ich „Ihnen jüngst mündliche Mitteilung gemacht habe, einstweilen „suspendiert bleibt." Paragraph 2 und 3 des Briefes handelt über die von La Nicca beanspruchte Vergütung seiner Spesen für Reisen und Arbeiten, sowie über die Bedingungen einer allfälligen Abgabe seiner Lukmanierpläne und Studien; dann folgt: „Die St. Galler Kreditbank, einsehend, daß sie bei ihrem „sonstigen Geschäftskreise sich in diesem wichtigen Momente „nicht genug mit dem Lukmaniergeschäft abgeben kann, hat die „Leitung desselben den Herren Wirth-Sand, Michel und dem „Unterzeichneten übertragen. Ich soll nun, hochgeehrter Herr „Oberst, im Namen dieses Ausschusses Sie anfragen, ob Sie „geneigt wären, in nächster Zeit eine Mission an die süddeutschen Staatsregierungen zu übernehmen. Dieselbe hätte „zum Zwecke, die frühere Neigung und Teilnahme dieser „Staaten für den Lukmanier wieder anzuregen und die Dispositionen derselben zu einer finanziellen Beteiligung in dieser „oder jener Form zu sondieren und eine solche auszuwirken. „Gewärtigend, daß die eigentlichen Subsidien zunächst von „Turin Herfließen werden, würde man sich auch mit einer „einfachen Aktienbeteiligung allenfalls begnügen können. „Im Falle Sie, wie ich zuversichtlich hoffe, diesen Auftrag 231 „übernehmen wollten, bitte ich, sich diesfalls rasch mit dem „Lukmanierkomitee, Herrn Wirth-Sand in St. Gallen, ins Einvernehmen setzen zu wollen, indem ich selbst morgen nach dem „Engadin verreisen muß. Die Parteinnahme Deutschlands für „den Lukmanier scheint mir nicht nur finanziell, sondern auch „in moralischer und politischer Beziehung wichtig, indem dadurch ein neues Gewicht in die Wagschale des Lukmaniers „gelegt wird und die große internationale Bedeutung desselben „mehr in die Augen springen muß. Nur muß man sich dabei „wohl in Acht nehmen, daß man nicht Sardinien selbst zu „Anknüpfung diplomatischer Verhandlungen mit diesen Staaten „veranlasse und dadurch die 22 Millionen Subsidien etwa „schwäche oder weiter verschleppe. Es müßten unsere diesfälligen „Bestrebungen daher nicht allzuviel Aussehen verursachen. „Letzteres ist auch mit Bezug auf Bern während der Sitzung „der Bundesversammlung ratsam. „Planta." Obwohl Michel laut einem Schreiben an La Nicca vom 9. Juni denselben selbst ersucht hatte, an den Unterhandlungen mit Giles teilzunehmen, so schien ihm doch die Gegenwart des erstern in Turin gar nicht erwünscht. Aus dem Briefe Plantas und dem gleich darauffolgenden von Wirth ersehen wir die Bemühung, La Nicca von der Teilnahme am Kongreß in Turin fernzuhalten, indem man ihm eine andere Mission übertragen wollte. Noch hatte La Nicca nicht Gelegenheit, Herrn Wirth betreffs der Anfrage von Herrn Planta eine Antwort zu erteilen, als am 2. Juli 1860 wieder ein Brief von Herrn Wirth folgenden Inhalts an ihn gerichtet wurde: „St. Gallen, 2. Juli. „Hochgeehrter Herr! „Als ich heute mit Herrn Michel wegen Ihrer beabsichtigten Reise nach Turin gesprochen habe, ist auch die Frage 232 „aufgetaucht, in welcher Eigenschaft Sie die Sache unternehmen werden. Noch weiß ich nicht, welches die Antwort „aus das Schreiben des Herrn von Planta, Ihren Eintritt „in das Lukmanierkomitee betreffend, sein wird. Wenn Sie „die Ihnen gemachten Vorschläge annehmen, also ins Komitee „eintreten, so muß natürlich daraus folgen, daß Sie dem „Unternehmen Ihre Mitwirkung in der Weise angedeihen lassen, „wie sie von der Majorität des Komitees, resp. dem Ausschusse „gewünscht wird. In welcher Richtung sie nun in Anspruch „genommen werden will, sagt Ihnen das Schreiben des Herrn „von Planta. Wenn ich nun auch die Gründe, welche gegen „eine sofortige Reise nach Deutschland sprechen, als richtig „anerkenne, so dürfte ich doch von mir aus ohne Zustimmung „des Komitees seinen Beschluß nicht ändern. Sollten Sie „durch das Schreiben des Herrn von Planta nicht veranlaßt „werden, in das Lukmanierkomitee einzutreten, so könnte dasselbe begreiflich über Ihre Reise nach Turin gar nichts beschließen, in welchem Falle es dann aber auch selbstverständlich „wäre, daß Sie die Reise weder im Auftrage noch für Rechnung des Lukmanierkomitees machen würden. Ich muß „Ihnen diese Mitteilung machen, werde und muß auch, je „nachdem Ihre Antwort auf das mehrerwähnte Schreiben des „Herrn Planta ausfällt, die Angelegenheit zn späterer Entscheidung dem Komitee vorlegen. „Wirth-Sand." La Niccas Antwort an Wirth ist folgende: „Chur, 5. Juli. „Hochgeehrter Herr! „Infolge meiner mit Herrn Michel gepflogenen Unterredung richten Sie an mich die Frage, in welcher Eigenschaft „ich nach Turin zu reisen gedenke. Hierauf beehre ich mich, „zu erwidern, daß diese Reise aus spezielle Einladung der 233 „italienischen Kommission für die Untersuchung der Alpen- „übergänge mit Eisenbahnen stattfindet. Es ist dies blos als „ein Akt des persönlichen Zutrauens anzusehen, welches diese „Kommission unverdienter Maßen in mich setzt. Ich befinde „mich also in einer ganz andern Stellung als Herr Michel, „der sich nach Turin verfügt, um sein Projekt für die Führung „einer Bahn über den Lukmanier vorzulegen und zu befürworten, sowie Aehnliches Brassey und Giles für das ihrige „gemäß Aufforderung der nämlichen Kommission zu thun „haben. Es hat zwar seinerzeit diese Kommission auch an „mich das Verlangen gestellt, ihr meine Studien und Pläne „für die Ueberschreitung des Lukmaniers vorzulegen. Allein „ich bemerkte ihr, daß dieselben gewissermaßen in den vorerwähnten enthalten seien, die alle wesentlichen Angaben zur „Behandlung und Beurteilung der technischen Fragen umfassen, „mit Ausnahme einiger Spezialitäten und des nach dem Sinne „der piemontesischen Regierung ausgearbeiteten Straßenprojektes, „das ich bereit sei, der Kommission als Ergänzung des sämtlichen Materials vorzulegen. Ueherhaupt sei meine Ansicht „und mein Bestreben dahin gerichtet, die verschiedenen Projekte „und deren Variante in ein einziges Projekt zu verschmelzen, „in ein solches, das der piemontesischen Regierung gefallen könne, „um auf diese Weise um so eher und schneller zur Verwirklichung des großen Unternehmens gelangen zu können; denn „je mehr die Techniker in ihren Projekten auseinander gehen, „je weniger wird die Vereinigung der Regierungen und Geld- wächte sich vollziehen können, weshalb ich mich auch zur „Vermittlung zwischen Michel und Brassey-Giles nach St. „Gallen begeben hatte. Aus dem Gesagten ergibt sich klar „meine gegenwärtige Stellung gegenüber der italienischen Alpen- „bahnkommisston, die meine geringen Fach- und Lokalkenntnisse in „Bezug auf alle fraglichen Bergpässe zu benutzen, sowie auch „meine unparteiischen Ansichten darüber zu vernehmen wünscht- 234 „So stelle ich es Ihrem eigenen, unbefangenen Urteil anheim, „ob dieses vielleicht unverdiente Zutrauen nicht auch rücksicht- „lich unserer Verhältnisse anerkennenswert sei, oder ob ich dasselbe von der Hand weisen solle? „Was dann die mir zugedachte Mission an die süddeutschen Regierungen anbelangt, so muß ich dem Komitee „für diesen ehrenvollen Auftrag meinen besten Dank ausdrücken; „allein so gern ich mich ihm auch widmen möchte und so „angenehm mir derselbe auch wäre, so erachte ich es doch in „meiner Pflicht, die Vollführung desselben auf einen günstigern „Zeitpunkt anzuraten. Die Gründe hiefür habe ich Ihnen „bereits mündlich angedeutet, und ich erlaube mir noch, hier „im allgemeinen zu bemerken, daß es, sowie überhaupt in „allen Dingen, insbesondere aber in einem so wichtigen Geschäft, wie das vorliegende, gar sehr auf die schickliche Wahl „des günstigen Augenblickes zur Erreichung des Zweckes ankommt. Namentlich glaube ich, daß man an hohen Stellen „nicht unnütz belästigen, sondern nur dann anklopfen soll, wenn „der günstige Moment erschienen ist. Denn wenn auch Mühe „und Zeitaufwand erfolgloser Schritte verschmerzt werden „können, so sind diese doch gewöhnlich für den zu erreichenden „Zweck schädlich. Es handelt sich jetzt, meines Erachtens, „nicht, die deutschen Regierungen im allgemeinen günstig für „das Lukmanierunternehmen zu stimmen (wozu schon vielseitige „Anregungen gemacht worden sind), sondern dieselben vielmehr „zu wirksamer Beteiligung, sei es mittelst Subsidien, wie „Piemont, oder wenigstens zu nachhaltiger Aktienübernehmung „zu veranlaßen. Allein um dieses Ziel zu erreichen, müssen „wir eine bestimmtere, festere Grundlage für das Lukmanier- „unternehmen gewonnen haben, als wir gegenwärtig besitzen. „Denn stellen Sie sich z. B. nur den Fall vor, der Minister „eines deutschen Staates, den wir zu einer wirklichen und nicht „nur abwartenden Beteiligung am Lukmanierunternehmen an- 235 „gehen, frage uns, in welches Stadium dasselbe nun getreten „sei und wir ihm antworten müssen (was er ohne Zweifel „schon weiß), daß die piemontesische Regierung eine Kommission „zur Untersuchung der Alpenpässe aufgestellt habe, um dann „nach deren endlichen Bericht und Antrag den ihr convenabelsten „Uebergang zu wählen, so darf man zweifelsohne gewärtigen, „daß sich dieser Minister dahin aussprechen würde, man müsse „das Ergebnis dieser umfangreichen Untersuchung abwarten, „bevor man auf diese so wichtige Frage näher eintreten und „einen bindenden Beschluß fassen könne. So halte ich daher „eine Mission an die süddeutschen Regierungen unter gegenwärtigen Umständen noch als verfrüht, besonders da wir uns „im Stillen selbst nicht verhehlen können, daß wir in betreff „der Subsidien für das Lukmanierunternehmen jetzt weiter „zurückversetzt sind als früher, wo dieselben sowohl von Seite „der piemontesischen Regierung, als von Genua demselben „ausschließlich zugesichert waren, während der Lukmanier gegenwärtig mit seinen Rivalen wieder einen neuen Wettkampf „bestehen muß. Das Schreiben von Herrn von Planta, „welches Sie mir in St. Gallen ankündigten, habe ich bei „meiner Rückkehr erhalten und findet sich z. T. durch Vorstehendes beantwortet. „8a Nicca." „Nachschrift. Michel hat mich auf seiner Durchreise „in Chur nicht besucht, obwohl er weiß, das; ich mit Giles „von der Kommission dorthin beordert bin; es scheint ihm „meine Anwesenheit dort nicht angenehm zu sein. Ich habe „auch durch ein Schreiben an den Präsidenten der Kommission „mich von dem Erscheinen in Turin dispensieren lassen wollen, „allein ich erhielt die telegraphische Antwort, daß ich mich „dort einsenden solle und daß ich erwartet werde." 22. Kapitel. Am 12. Juli 1860 begaben sich La Nicca und Giles nach Turin. Nachdem sie am 14. Juli dort angelangt waren, wurden sie schon auf den folgenden Tag, obwohl es Sonntag war, von Peleoeapa zu einer Besprechung mit Michel und Negretti aufgefordert. Am 16. wurden sodann die Lukmanier- pläne den Vertretern dieser Abteilung, Negretti und Bella, zur Beurteilung vorgelegt. Die piemontesischen Ingenieure, besonders die Erbauer des Mont Cenis, Grattoni und Someiller, waren sehr aufgebracht über Michel, daß er sich erlaubte, der Regierung ein Uebergangsprojekt einzureichen, welches dem nunmehr von ihnen mit aller Energie angenommenen Grundsatz, der Anwendung von großen Tunnels, widerspreche und dieselben in Mißkredit zu bringen drohe. Als eines Tages in Gegenwart Cavours das Michelsche Projekt erwähnt wurde, so erklärte derselbe, indem er mit der Hand ein Zickzack in der Luft beschrieb, von diesem Projekte wolle er nichts wissen. Infolge dieser Konferenz wurde von obigen Herren die schon erwähnte Lukmaniererpertise der Alpen- bahnkommission ausgeführt, bei welcher La Nicca wieder nach Chur zurückkehrte. Wir haben schon oben die Korrespondenz mitgeteilt, die Wirth und Plauta mit La Nicca betreffs seines Eintrittes in das Lukmanierkomitee geführt hatten, wobei es sich klar herausstellte, daß La Niccas Mitwirkung nur so weit erwünscht war, als er sich prüfungslos den Anordnungen des Lukmanier- 237 komitee-Ausschusses unterziehen würde, nur da demselben zu Hülfe käme, wo er mit seinem Einfluß dessen Zwecken dienen konnte, sich überhaupt nur als Werkzeug des höhern Willens zu betrachten hätte. Verschiedene einflußreiche Männer, Bavier, Lätour, auch Planta und Killias hatten seine Teilnahme am Lukmanierkomitee gewünscht, überhaupt schien es allenthalben befremdlich und bedauerlich, daß der Schöpfer des Unternehmens nicht an der Spitze des Komitees stand, das dasselbe auszuführen beabsichtigte. Es ist wohl einleuchtend, daß die blinde Unterwerfung unter den Willen des Lukmanierkomitee- Ausschusses mit den Erfahrungen und bisherigen Leistungen La Niccas in der Lukmanierangelegenheit nicht vereinbar gewesen wäre und es seinem Charakter nicht entsprochen hätte, an Maßnahmen mitzuwirken, bei welchen er nach seiner Ueberzeugung keinen Vorteil für das Werk erkennen konnte. Da man überhaupt seinen Beitritt fern halten wollte, so wurden zum voraus diese unannehmbaren Bedingungen aufgestellt. Als Entschuldigung wurde dann die Behauptung vorgebracht, La Nicca habe eine sehr hohe Summe als Entschädigung schon gemachter Reisen für seinen Eintritt ins Lukmanierkomitee zur Bedingung gestellt. Es wird jedermann zugeben, daß es billig war, ihm für seine Auslagen, die er zum Vorteile des Unternehmens gemacht, im Verhältnis wie den andern Mitgliedern eine Entschädigung zu gewähren. Es wäre in seiner langen Praxis das erste Mal gewesen, daß man ihm eine Ueberforderung zur Last legen wollte, eine Handlung, die mit dem heißen Bestreben, das Werk zu fördern nicht vereinbart werden kann und wohl bei Entgegenkommen von der andern Seite eine leichte Lösung gefunden hätte. Allein Michel konnte einen solchen Rivalen, der sich durch seine Vorarbeiten und vielfachen Bemühungen am Lukmanier einen Namen erworben hatte und das vollste Zutrauen sowohl der italienischen Minister, als der piemontesischen Ingenieure 238 besaß, nicht neben sich dulden. Michel war hinwieder der Bevollmächtigte der »ksunion Lnuneioro«, dem Stecken und Stab der »Union Luisso«. Die »Union Luisso«-Verwaltung befand sich aber in bitterer Verlegenheit; es war bestimmt vorauszusehen, daß der am 31. Dezember 1860 fällige Obligationenzius aus den Iahreseinnahmen nicht gedeckt werden konnte; der Konkurs schien unabweisbar, wenn nicht Hülfe geschafft werden konnte, und hiefür sah man sich zu einer neuen Anleihe bei der »kounion ünanoioro« veranlaßt. Es galt daher für die leitenden Persönlichkeiten der »Union Luisso«, die ebenfalls den Ausschuß des Lukmanierkomitees bildeten, jeder Mißstimmung bei der «Uüuuiou üuuneiöro«, natürlich ihres Vertreters/ auszuweichen. Dem Wunsche Paleocapas gemäß verfügte sich La Nicca Ende Januar 1861 nach Turin. Die Alpenbahnkommission hatte den ganzen Herbst und Winter hindurch an der Ver- gleichung der verschiedenen Uebergangspässe, von welchen besonders Gotthard, Lukmanier, Splügen und Septimer in Frage kamen, gearbeitet. Da La Nicca, wie kaum ein anderer Ingenieur, mit den Lokalverhältnissen derselben bekannt war, so konnte er auch über unklare Punkte am besten Auskunft erteilen. Das Lukmanierkomitee hatte ein gemeinschaftliches Handeln mit La Nicca von der Hand gewiesen, die Ursache hievon haben wir schon oben angeführt. Die italienischen Minister dagegen verlangten für jede Unterhandlung La Niccas Rat, was Letztem, dem die Absichten des Lukmanierkomitees nicht bekannt waren, öfters in Verlegenheit setzte, weil er, ohne es zu wollen, Ansichten aussprach, die mit denjenigen des Lukmanierkomitees nicht übereinstimmten. Der Regierung von Graubünden war es sehr erwünscht, an La Nicca über die Entwicklung der für diesen Kanton so wichtigen Eisenbahnsrage einen zuverlässigen Berichterstatter zu 239 besitzen; in einem Schreiben derselben, das er vor seinem Abgänge nach Turin erhielt, wird seine Reise wohlwollend begrüßt und er um Angabe seiner jeweiligen Adresse ersucht. Die Benachteiligung, die Graubünden durch die Gründung der »Duion Luisso« erleiden mußte, und die nachfolgende mißliche Lage derselben hatten in Graubünden vielfach Mißtrauen gegen deren Leiter hervorgerufen und den Wunsch erweckt, die große wichtige Angelegenheit der Alpenbahn möchte nicht allein einer Privatgesellschaft überlassen bleiben, sondern vor allem durch die Regierungen der Kantone an die Hand genommen werden. Diese Ansicht wurde besonders von der Graubündner Regierung geteilt, was wir einem Briefe entnehmen, in welchem ein Mitglied derselben confidentiell gegen La Nicca sich dahin ausspricht, daß die Regierung durchaus nicht so vertrauensvoll, wie es bei der »Union Zuisso« geschehen, und nur mit durchaus sichern Garantien den Bau einer Alpenbahn einer Privatgesellschaft überlassen würde. Die lang andauernden Arbeiten der verschiedenen Sektionen der Alpenbahnkommission, wodurch der Entscheid, welcher Paß gewählt werden solle, sich mehr und mehr hinausschob, war für das Lukmanierkomitee eine schwere Geduldsprüfung, weil die Konzession im Kanton Tessin am 1. Mai, in Graubünden am 1. Juni 1861 ihr Ende erreichte und es zweifelhaft schien, ob im Tessin die Verlängerung derselben erlangt werden könne, falls der Bau nicht vor Verfall der Konzession gesichert sei. Dieser Umstand versetzte das Lukmanierkomitee in fieberhafte Aufregung, während Woche um Woche verstrich, ohne daß ein Entscheid der Kommission erfolgte. Es war dessen Vertretern unmöglich, unthätig denselben abzuwarten, und es begaben sich daher die Herren Wirth, Planta und Michel nach Turin, um mit dem italienischen Ministerium vorläufige Unterhandlungen anzuknüpfen. Herr Michel war dabei sehr bemüht, seinem Plane Geltung zu verschaffen.' Eine dritte 240 Potenz für den Lnkmanier war in Turin in der Person des Herrn Giles, Associe von Brasset), anwesend, dessen Projekt, das er gemeinsam mit La Nicea entworfen, die Superiorität von der technischen Kommission in Paris zuerkannt worden war; sodann hatte die Firma Brasset) und Giles auch sehr annehmbare Bedingungen für die Uebernahme des Baues gemacht. Herr Brasset) fand es notwendig, daß Rothschild mit seiner Vornahme sich einverstanden erkläre, weil derselbe doch als Herr der »Dnivn Lui886« in der Angelegenheit maßgebend wirken müsse, da ja weder Kreditbank noch «Union 8ui886« von sich aus die Mittel besäßen, um in irgend einer Weise für den Lnkmanier finanziell etwas zu leisten. In Paris verhielt man sich durchaus passiv und so mußte auch Giles in Geduld den weitem Gang der Verhältnisse abwarten. Noch bevor die Alpenbahnkommission ihre Arbeiten vollendet hatte, trat ein Ministerwechsel ein, indem das Portefeuille der öffentlichen Bauten Peruzzi aus Toscana übertragen wurde. Derselbe war einer der Delegierten zur Inspektion des Lukmaniers und hatte sich bei derselben mit La Nicea sehr befreundet; auch war Peruzzi persönlich dem Lukmanierprojekte zugethan. Mit Peruzzi wurden nun die Verhandlungen der Delegation des Lukmanierkomitees wieder aufgenommen und dieser zeigte sich auch, in Anbetracht der Schwierigkeiten, die sich durch den Konzessionsverfall ergeben konnten, hiefür geneigt. Nachdem nun für alle Bergpässe die Materialien gesammelt waren, wurden dieselben von: 26. März bis 1. April von der Gesamtalpenbahn-Kommission geprüft und von derselben mit Mehrheit (nur drei Stimmen waren für den Splügen) der Lukmanier als der für eine Alpenbahn zu wählende Ueber- gang bestimmt. Es war nun noch die Aufgabe des Bauministeriums, die für diesen Bau zu machenden Anträge an das Parlament zu formulieren, um sie mit den vielen andern 241. Eisenbahnvorlagen, die von Süd- und Mittelitalien eingegangen waren, vor die Kammer zubringen; man hoffte dabei, dieselbe werde, um allen gerecht zu werden, sich auch zu gunsten der Alpenbahn erklären. Ingenieur Cav. Bella war vom Ministerium beauftragt, die Unterhandlungen mit dem Lukmanier- komitee zu fuhren. Das Lukmanierkomitee verlangte vorerst von der italienischen Regierung einen Vorschuß von 40 Mill. Franken, was aber nicht angenommen wurde; überhaupt wollten die Unterhandlungen zu keinem Resultat führen, weshalb Bella Gilcs ersuchte, mit seinen Anträgen an denselben sich zu beteiligen. Als erste Bedingung wurde von diesem festgesetzt, daß von dem Projekt Michel Umgang genommen und dasjenige, das Giles in Paris vorgelegt hatte, ausgeführt werde. Es sollen vorerst die beiden Strecken Chur-Dissentis und Olivone-Locarno gebaut werden, welche dann in der eigentlichen Bergregion vorläufig durch eine Fahrstraße verbunden werden, bis der Bau eines Tunnels sich bewerkstelligen lasse, welcher auf Kosten der italienischen Regierung, sowie durch Subsidien der Städte Mailand und Genua auszuführen wäre; wogegen die beiden andern Bahnstrecken mittelst Subsidien der Kantone und Städte, und durch Aktien und Obligationen erstellt werden sollten. In den ersten Tagen April wurde dieses Projekt von Giles durch Bella dein Lukmanierkomitee mitgeteilt und die Verhandlungen fortgesetzt. Am 12. April schreibt La Nicca in seinem Tagebuch: Bella teilt mir mit, daß der Ausgang der gestrigen Unterhandlungen mit den Delegierten des Luk- manierkomitces nicht so ausgefallen ist, wie man erwarten konnte, indem dieselben von dem begonnenen Entgegenkommen mit Giles wieder ablenkten. Bella sagte, daß sie über Giles Anerbieten keineswegs erfreut waren, sondern eine gewisse Empfindlichkeit durchblicken ließen, weil man ihnen dasselbe gewissermaßen aufdränge, statt ihnen vollkommen freie Hand zu lassen. Die Regierung soll ihnen 26 Millionen Subsidien i« 242 geben und dann wollen sie die übrige Summe aufbringen und den Bau billiger als die von Brassey und Giles berechneten Kosten ausführen. Da die Vorschlage des Komitees mit denjenigen Bellas nicht in Uebereinstimmung gebracht werden konnten, erkärte derselbe, er werde die Angelegenheit dem Minister überlassen und die diesbezüglichen Akten ihm aushändigen; infolge dessen sah sich Peruzzi veranlaßt, die Unterhandlungen abzubrechen. Durch einen Empfehlungsbrief von Rothschild unterstützt, gelang es dem Lukmanierkomitee am 17. April die Unter- handlungen mit Bella wieder anzuknüpfen, worauf ersteres erklärte, mit 20 Millionen Subsidien sich befriedigen zu wollen, was dem Minister die Frage nahe legte, woher dasselbe das übrige Geld nehmen werde und was für Garantien es darbiete. In seinem Mißtrauen gegen das Komitee beschloß er, bevor er den Vertrag mit demselben unterzeichnen werde, eine Bürgschaft von Million Franken von ihm zu verlangen- Er erklärte den Vertretern, daß er nur unter dieser Bedingung mit ihnen abschließen werde. Diese Zumutung brachte die Herren in große Aufregung, was den Minister sehr befremdete, indem er nicht begreifen konnte, daß eine solche Kaution die Vertreter der Kreditbank in Verlegenheit bringen könne. Nun offenbarten ihm die Herren Delegierten, daß die Kreditbank die Konzession an das Lukmanierkomitee abgetreten habe und dasselbe von sich aus nicht über die Mittel zur Hinterlegung einer solchen Kaution zu verfügen habe. Diese Mitteilung steigerte noch das Mißtrauen des Ministers, worauf er noch folgenden Ausweis verlangte: Ob die Abtretung der Konzession von der Kreditbank wirklich rechtskräftig erfolgt und von den betreffenden Regierungen genehmigt worden sei, und ob eine solche auch ohne Regierungsgenehmigung Rechtskraft erhalten könne. Die Kaution von 500,000 Franken und obiger Ausweis waren die Bedingungen des Ministers, um folgenden Vertrag mit dem Lukmanierkomitee abzuschließen: 243 „Brassey und Giles übernehmen den Bau der Linien Chur- Dissentis und Olivone-Locarno, sowie die Straße von Olivone nach Dissentis. Die Gesellschaft muß ein Kapital von 45 Millionen aufbringen. Die italienische Regierung macht einen Vorschuß von 25 Millionen zinsfrei, der aber in fünf Jahren nach Eröffnung der gesamten Strecke in Raten zurückbezahlt werden muß. Die Baufirma verpflichtet sich, den Bau mit obiger Summe auszuführen, wozu sie noch Vorschüsse von 11 Millionen zu machen und für 16 Millionen Aktien und Obligationen zu übernehmen hat, so daß das Baükapital auf 81 Millionen, ohne Tunnel, berechnet wurde." Am 20. reisten Giles und La Nicca von Turin ab und langten am 22. in Paris an. Die Ingenieure verwendeten die folgenden Tage zu technischen und finanziellen Verhandlungen. Das Lukmanierkomitee befand sich unterdessen in peinlichster Verlegenheit wegen der Austreibung des Kautionskapitals. Die allgemeine Annahme, Rothschild, als Hauptinhaber von »Union 8uis86«-Aktien werde die Hauptstütze des Lukmanierkomitees sein, stellte sich als eine Illusion dar. Die »k^union tinnneisrs«, sonst immer die Helferin in der Not, wollte nur gegen Deckung durch Bürgschaft das Gelv geben. Rothschild, für diese Bürgschaft angefragt, verweigerte dieselbe. Nun wendete sich das Komitee an die drei beteiligten Kantone, von welchen jeder einen Teil der Bürgschaft übernehmen sollte. Die Regierung von St. Gallen bewilligte denselben, nicht aber Tessin und Graubünden. In ersterm Kanton war nicht nur das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Lukmanierkomitees dahin, sondern die Einflüsse zu gunsten des Gotthards und die Rivalität der Gegenden jenseits des Monte Cenere, die von der Linie ausgeschlossen waren, veranlaßte die Regierung, auf die Bürgschaft nicht einzutreten. In Graubünden herrschte 244 Verstimmung gegen die Gründer der »Union 8ui886«, die die Hauptlinie, statt einfach nach dem Bodensee und Zürich zu führen, mit der Konkurrenzlinie der Nordostbahn verbunden und das Schwergewicht von der Hanptlinie auf die Nebenlinien gerückt hatten, wodurch die Interessen von Chur und Granbünden sehr benachteiligt wurden. So sehr man die Alpenbahn wünschte, so waren doch nicht alle Landesteile in gleicher Weise beim Lukmanier beteiligt, als daß die in aller Eile zusammengerufene Standeskommission es gewagt hätte, ihre Kompetenz für diese Bürgschaft zu überschreiten, indem es ihr gesetzlich nicht gestattet war, über eine solche Summe ohne Volksvotum zu verfügen. Es gab überhaupt eine große Partei, die für die Lukmanierbahn eine andere Direktion, als die aus der »Union 8ui886« und Kreditbank hervorgegangene und hauptsächlich den dominierenden Einfluß der Regierungen wünschte. Ein Volksvotum hätte bei dem kurzen Termin nicht bewerkstelligt werden können. Die Nachricht von der Bürgschastsverweigerung der beiden Kantone traf am 28. April in Paris ein. Nun setzten die dort anwesenden Vertreter des Lnkmanierkomitees alle Hebel in Bewegung, um die »Uöunion tinaneiörs« für Hinterlegung der Kaution zu gewinnen. Am 1. Mai endlich gelang es, die »ü-örmion« zur Hinterlegung der Kaution zu bestimmen, doch als der italienische Minister den Bericht hievon erhielt, nahm er dieselbe nicht mehr an, weil der Termin am vorhergehenden Tag verfallen war. Es ist klar, daß diese Weigerung ein Beweis der großen Unlust war, mit der überhaupt Peruzzi in die Sache eingetreten und daß er bei gutem Willen den Vertrag immerhin hätte unterzeichnen können. Die Kaution war eben ein Fühler, um den politischen und finanziellen Kredit des Luk- manierkomitees zu prüfen, vor allem zu untersuchen, ob dasselbe die nötigen finanziellen Stützen besitze, und ob Rothschild, 245 als Beherrscher der »Union Luisss«, auch die Absicht habe, der Lukmanierbahn wirklich Mittel und Kredit zu gewähren. Da Peruzzi dieses letztere aus dem zögernden Vorgehen in Paris nicht entnehmen konnte, und auch die Regierungen die Konzessionäre nicht unterstützt hatten, diese selbst über nichts verfügten, so scheint seine Handlungsweise natürlich. Auf eine Interpellation in der Kammer über die Abbrechung der eingeleiteten Verhandlungen und Verträge betreffs der Alpen- Eisenbahnangelegenheit antwortete er: Er hätte es nicht mit seiner Pflicht vereinbar gehalten, ein so wichtiges Werk einer Gesellschaft mit so geringem finanziellem Kredit anzuvertrauen. Da nun der Vertrag nicht zu stände kam, so wurde auch jede weitere Unterhandlung mit Brasset), der hiefür nach Paris gekommen war, aufgehoben und Brasset) reiste wieder nach London zurück. In einem Schreiben an die Graubündner Regierung vom 7. Mai, in welchem La Nicca derselben von dem oben berichteten Verlaufe der Eisenbahnangelegenheit in Turin und Paris Mitteilung macht, fährt er weiter fort: „Herr Talbot ließ mir durch Herrn Giles den Wunsch „ausdrücken, mich noch vor meiner Abreise von Paris zu „sehen, worauf ich mich zu ihm verfügte und dann von ihm „vernahm, daß er meine Ansicht teile, daß nunmehr ein „anderer Weg, als der bisher befolgte, einzuschlagen sei und „auf meine Idee einging, es würde dadurch am ehesten die „Verwirklichung des Unternehmens gefordert werden, wenn in „Turin eine Konferenz von Abgeordneten der beteiligten Kan- „tone und Delegierten der Bahngesellschaften mit der italienischen Regierung stattfinden könnte. Herr Talbot erbot „sich bei einer in wenigen Tagen zu unternehmenden Reise „nach Turin dort in diesem Sinne zu wirken, wogegen ich „das gleiche bei der bündnerischen Regierung zu thun versprach. Ich glaube, daß in dieser Weise ein Vertrag zu „stände kommen könnte, der unsern Interessen besser entsprechen 246 „würde, als derjenige zwischen Bella und der Delegation des „ Lukmanierkomitees stipulierte." La Nicca reiste sodann nach Chur zurück, worauf dann sein Bericht an die bündnerische Regierung der Standeskommission vorgelegt wurde, welche beschloß, an die Regierung von St. Gallen und Tessin eine Aufforderung zu einer Konferenz ergehen zu lassen, um die Verhandlungen mit der italienischen Regierung wieder aufzunehmen. La Nicca wurde der Auftrag erteilt, sich nach Turin zu begeben, um die Geneigtheit der italienischen Regierung behufs Anhandnahme des Lukmanierunternehmeus durch die beteiligten Regierungen zu erforschen. Dieser Auftrag wurde ihm durch ein amtliches Schreiben vom 9. Mai samt Kreditiv an die italienische Regierung Übermacht. 23. Kapitel. Am 10. Mai 1861. reiste La Nicca, etwas erkältet, über den noch mit hohem Schnee bedeckten Bernhardin nach Locarno, woselbst er den dort anwesenden Regierungsmitgliedern Baren na, Bolla und Bicari den Zweck seiner Reise mitteilte und zugleich mit Vergnügen entnehmen konnte, daß sie mit den Ansichten der bündnerischen Regierung vollkommen übereinstimmten, daß nur dann Aussicht auf Verwirklichung des Lukmanier- unternehmens sei, wenn dasselbe von den beteiligten Regierungen gegründet und unter ihrer Aufsicht und Mitwirkung ausgeführt werde. Die Herren bemerkten dann noch, daß die Verweigerung der Kautionsleistung für das Lukmanierkomitee von Seiten des Kantons Tessin hauptsächlich dadurch veranlaßt worden sei, weil bei dem mit Peruzzi stipulierten Vertrag die Monte Cenerelinie nicht berücksichtigt worden sei. Uebrigens können sich die Lukmanierkonzessionäre als noch im Besitz ihrer Konzession betrachten, und bei ihrer verlorenen Stellung müsse es ihnen eonvenieren, eine für den Zweck dienliche Vereinbarung mit den Regierungen zu treffen. Von Locarno begab sich La Nicca nach Turin, wo er am 12. Mai anlangte. Bella, den er zuerst besuchte, sagte ihm, daß das Lukmanierkomitee durch die Unfähigkeit sowohl von sich aus als durch die Kreditbank, die Kaution zu hinterlegen, das Zutrauen des Ministers eingebüßt habe. Das Bemühen Michels, um jeden Preis sein Projekt durchzubringen, habe ihn veranlaßt, Giles gegenüber eine abweisende Haltung 248 einzunehmen, was nicht, nur diesen, sondern auch die Minister und Ingenieure sehr gegen ihn und feine Partner eingenommen habe. Am folgenden Tage wurde er von Peruzzi empfangen, dem er das Kreditiv der Regierung übergab. Ueber diese Audienz schreibt er unterm Datum 24. Mai folgendes an den damaligen bündnerischen Regierungsrat Hold nach Locarno: „Ich eröffnete zuerst dem Minister die Ansichten der „Graubündner Regierung über die Anhandnahme des Luk- „manierunternehmens, bemerkte ihin, daß ich auf meiner Reise „in Locarno ebenfalls bei der Tessiuer Regierung Geneigtheit „für das beantragte Vorgehen gefunden und von Seite der „St. Galler Regierung Aehnliches zu erwarten stehe und fügte „dann bei, es sei auf gestern eine Zusammenkunft Abgeordneter „der drei Regierungen in Locarno zu vorläufiger Besprechung „der fraglichen Angelegenheit angeordnet worden, der dann „möglicherweise auch ein Vertreter des Lukmanierkomitees beigewohnt habe." „Die Graubündner Regierung habe ihm den Auftrag „anvertraut, sich an das italienische Ministerium zu wenden, „um dessen Gesinnungen in betreff der obschwebenden Frage „zu erfahren und die geeigneten Mittel zu besprechen, um „durch direkte Vereinbarung der schweizerischen Regierungen „mit der Regierung von Italien das Lukmanierunternehmen „zu begründen und zur Verwirklichung zu bringen. „Auf diese Mitteilung äußerte sich der Minister dahin: „Seine Regierung sei stets von der nämlichen Bereitwilligkeit „beseelt, das Zustandekommen des Lukmanierunternehmens anzustreben, er erkläre sich daher bereit, auf die ihm auseinander „gesetzten Grundlagen mit den Regierungen von Graubünden' „Tessin und St. Gallen in Unterhandlungen zu treten. Es „möchten also selbige zu diesem Zwecke ihre Abgeordneten 249 „wählen, er werde seinerseits auch einen Delegierten bezeichnen, „der ihn vertrete. Dann verlange er, daß jede der beiden „Eisenbahngesellschaften »Tombaräu-Vonstar, und »Union ,,8ui88s« durch einen Abgeordneten an dieser hier abzuhaltenden „Konferenz vertreten werde. Hingegen könne er sich mit Vertretern der sogenannten Lukmanierbahnkonzessionäre nicht ein- „lassen. Insofern sie noch wirklich Besitzer von Konzessions- „rechten wären, so müßten diese entweder zum Nutzen des „Unternehmens abgetreten oder aber ihr Verfall abgewartet „werden. Es habe sich die hiesige Regierung, um über diese „und verwandte Verhältnisse genaue Auskunft zu erhalten, „durch ihren Gesandten an den Bundesrat gewendet. Dabei „könne er aber nicht unterlassen, beizufügen, daß es zweifelhaft sei, wenn auch durch die Konferenz die beabsichtigte Vereinigung zu stände gebracht und hierauf vom Ministerium „ein Gesetzesvorschlag der Kammer gemacht werde, dieselbe bei „den zahlreichen und wichtigen Vorlagen, die während dieser „Session zu erledigen seien, bei der vorgerückten Jahreszeit „auf denselben eintreten werde. „Indem ich hierauf das Ergebnis der in Locarno abgehaltenen Konferenz zur Mitteilung an den Minister, sowie „die wettern Aufträge der graubündner. Regierung gewärtigere. „La Nicca." Die Regierungen von Graubünden und St. Gallen hatten die Herren Land. Aepli, Regierungsrat Hold und Ständerat P. C. Planta zu einer Abordnung für eine Konferenz in Locarno mit der Regierung von Tessin ernannt, weshalb La Nicca seinen Bericht dorthin sandte. Obwohl die Abordnung keine Vollmacht erhalten hatte, in Turin mit den Ministern zu konferieren, so fand dieselbe es doch angemessen, dieses zu thun, weshalb sich die obgenannten Herren, sowie Staatsrat Varenna, Beroldingen und Nationalrat Planta als Abgeordneter der »Union Luisso« nach Turin begaben. 250 Diese^Herren und La Nicca wurden nun von Peruzzi ^1^8.^Mai zu'einer Konferenz empfangen, in welcher folgendes beschlossen wurde: Der italienische Minister und die Abgeordneten der drei Schweizerkantone haben sich vereinigt, um über den am 18. April stipulierten Vertrag Beleuchtung und Erläuterungen auszutauschen. Es hat sich Hiebei die gegenseitige Ansicht kund gethan, in aufrichtigster Weise, mit den möglichsten Anstrengungen, gemeinsam alle Schwierigkeiten zu beseitigen, welche einer baldigen Verwirklichung dieses für die beiden Länder so zvichtigen Unternehmens sich entgegensetzen könnten, welches schon der Gegenstand eines am 16. Jan. 1847 zwischen dem König von Sardinien und den drei Kantonen abgeschlossenen Vertrages war. Der Minister erklärt, daß, obwohl der Vertrag vom 18. April zwischen Bella und dem Lukmanierkomitee wegen der Nichthinterlegung der Kaution annulliert worden, er dennoch bereit sei, ohne dieses Mal eine Kaution zu verlangen, in neue Unterhandlungen einzutreten, welche obige Convention zur Basis haben soll. Doch soll im Interesse der Kontrahenten die Disposition dahin abgeändert werden, daß die Verhandlungen statt mit der St. Galler Kreditbank (der Konzessionärin resp. mit dem Lukmanierkomitee) durch eine Konferenz von Abgeordneten der drei Kantone und Vertretern der Mnion Zuissö« und der Lombardisch-Venetianischen Eisenbahngesellschaft geführt werden, wodurch die Verhandlungen mehr Festigkeit erlangen und zu einem befriedigenderen Abschluß führen werden. Sodann wurde von den Delegierten der Ansicht des Ministers beigestimmt, daß diese Konferenz so bald als möglich in Turin stattfinde und auf der festgestellten Grundlage die Verhandlungen weiter fortzusetzen seien. Die Abgeordneten des Kantons Tessin machten aber folgenden Vorbehalt: Obwohl sie die Notwendigkeit einer Eisenbahnlinie, die den Luk- manierübergang mit dem italienischen Eisenbahnnetz verbindet, 251 anerkennen, so sehen sie sich dennoch genötigt, sich die Wahl des Verbindungspunktes an der Grenze der beiden Staaten zu reservieren und können der Ansicht des Ministers nicht betreten, schon jetzt den Vereinigungspunkt der beiden Linien zu bestimmen, wobei sie sich ihre Rechte Italien gegenüber vorbehalten. Nichts destoweniger werden sie sich bemühen, alle Schwierigkeiten zu überwinden, die sich der Ausführung der Lukmaniereisenbahn entgegenstellen. Unterschriften. Peruzzi. Die Delegierten der drei Kantone, Aepli, P. C. Planta, Hold, Varenna und Beroldiugen, Vertreter der »Union 8uisss«, A. Planta und La Nicca, Bevollmächtigter von Graubünden. Die Herren Delegierten wünschten dann noch vor ihrer Abreise von Turin Cavour ihre Aufwartung zu machen, und da sie hiefür kein Kreditiv besaßen, so ersuchten sie La Nicca, sie beim Ministerpräsidenten einzuführen. Cavour bestellte die Herren auf 6 V 2 Uhr in seine Wohnung, wo er sie in seinem Arbeitskabinete im Schlasrock empfing. Die Herren waren nicht wenig erstaunt über die freundschaftliche Art und Weise, mit der er La Nicca begrüßte und vornehmlich das Wort au ihn richtete und sich für die von Bünden vorgeschlagene Initiative als die am besten zum Ziel führende aussprach. Wer ahnte damals, daß die Tage des großen Mannes gezählt feien, und daß 14 Tage später er nicht mehr unter den Lebenden sich befinden werde. Nachdem die Delegierten wieder abgereist waren, begab sich La Nicca mit seinem in Turin etablierten Sohne Hans nach Mailand, wo sein jüngster Sohn Rudolf in einem Handlungshause die Lehre machte, um denselben dort zu besuchen. Als die beiden La Nicca am 3. Juni nach Turin zurückkehrten, vernahmen sie dort die Kunde von der gefährlichen Erkrankung Cavours, und als La Nicca am 7. Juni seine 252 Heimreise antrat, war Italien von der Trauer um den Hinschied des großen Mannes erfüllt, dessen Genius die losen italienischen Staaten zu einem ganzen, einigen und festen nationalen Körper verbunden, die große Idee, die die italienischen Patrioten seit 1815 beseelte, für die sie gekämpft und gelitten, znr Wesenhaften Wirklichkeit geschaffen hatte. War La Nicea tief betrübt, diesen großen Mann, der ihm Gunst, Freundschaft und Zutrauen bewiesen, und den er hoch verehrte, zu verlieren, so trauerte er mit Italien, daß nun dessen kaum begonnene Schöpfung andern, jedenfalls weniger kundigen Händen überlassen werde, und auch die wichtigen Alpenbahn- interessen, an denen sich Cavour so lebhaft beteiligt hatte, die Parteinahme für den Lukmanier durch seinen Tod eine für Bünden nachteilige Wendung nehmen könnte. Die Regierungen von St. Gallen und Graubünden entsprachen sofort der Aufforderung Peruzzis. Die Graubündner Standeskommission bestätigte laut einstimmigem Beschluß die schon bewilligte Subsidie von zwei Millionen für den Bau des Lukmaniers, was allerdings noch durch Volksvotum bestätigt werden mußte, sowie Fr. 10,000 für die vorzunehmenden Unterhandlungen; ein gleiches that St. Gallen. Die Konferenz sollte Ende Juni oder Anfang Juli stattfinden. Für dieselbe wurde von St. Gallen Landammann Aepli, von Graubünden Ständerat Romedi und La Nicca, von Tessin Varenna und Beroldingen abgeordnet, die »Union 8uis86« war durch Banquier Hentsch aus Paris, die Iwindaräa- Vonotg. durch ihren Generaldirektor Du Houx und Talbot vertreten. Am 25. Juni reisten Aepli, Romedi und La Nicca znr Konferenz nach Turin ab. Am 26. hielten diese Herren eine Besprechung mit der tessinischen Regierung in Locarno, wobei letztere die entschiedene Absicht kund gab, daß Tessin um keinen Preis die Südlinie aufgeben werde. Nachdem der Minister 253 am 29. die Abgeordneten in Audienz empfangen und denselben mitgeteilt, daß er Cav. Bella als seinen Vertreter bei der Konferenz zur Führung der Verhandlungen ernannt habe, wurde am 1. Juli die Konferenz eröffnet, bei welcher sich Bella vergebens bemühte, die lessinischen Abgeordneten Jauch und Beroldingen zur Annahme der Mittellinie Luino-Olegio zu bewegen, indem dieselben unentwegt festhielten, daß sie nur dann in die Unterhandlungen für die Lukmanierbahn eintreten werden, wenn der Bau der Südlinie Monte Cenere-Lugano- Chiasso von der Konferenz acceptiert werde. Um dem Wunsche der italienischen Regierung, eine möglichst gute Verbindung mit der italienischen Staatsbahn herzustellen, zu entsprechen, machten sie den Vorschlag, über Mendrisio die Verbindung mit Genua herzustellen, einem Auswege, der auch Bella einleuchtete. Während Bella über diesen Gegenstand dem Minister Mitteilung machte, trat Talbot ein, und nachdem er sich über den Stand der Unterhandlungen unterrichtet hatte, erklärte er, die Lukmaniergesellschaft könne nicht zwei Linien bauen, wenn Tessin auf der Meridionallinie beharre, so müsse man dieselbe wählen und es der italienischen Regierung dann überlassen, einen zweiten Anschluß von sich aus zu bauen. Talbot erbat sich, Hiebei den Versuch zu machen, den Minister iür diesen Plan zu gewinnen. Dieser Versuch, der in Gegenwart von Paleocapa durch Talbot beim Minister gemacht wurde, blieb resultatlos, weshalb Talbot sich nicht mehr für denselben bemühte, überhaupt an den weitern Verhandlungen nicht mehr teilnahm. Am 5. Juli berief Peruzzi die tessinischen Abgeordneten zu sich und erklärte ihnen, daß er nur eine Mittellinie annehmen werde von Bellenz über Monte Cenere nach Varese-Olegio mit Zweigbahn nach Lugano. Wenn daher Tessin diese verwerfe und auf seinen Ansprüchen beharre, so sei es seine Schuld, wenn das wichtige Werk nicht ausgeführt werde. Die tessinischen Abgeordneten begaben sich wieder zur 254 Beratung mit der Regierung und andern einflußreichen Persönlichkeiten nach Locarno zurück, wo die Regierung es für gut fand, auf den 12. Juli den Großen Rat einzuberufen. Mittlerweile arbeiteten die in Turin zurückgebliebenen Abgeordneten mit Bella an der Redaktion des neuen Vertrages. Dieselben erhielten sodann von Locarno aus die dringende Einladung, sich dorthin zu begeben, um ihren Einfluß auf die Mitglieder des Großen Rates auszuüben. Am 12. Juli, nachmittags 2 Uhr, wurde derselbe eröffnet, bei welchem neben der Vorlage des Regierungsrates auch die Einlagen von Lugano und Mendrisio vorgelesen wurden. Man ernannte eine Eisenbahnkommission, in welcher die Opposition durch Luini und Cataneo vertreten war. Am 13. Juli wurde statt einer Berichterstattung betreffs der Bahnlinien vorerst die Frage dem Großen Rate vorgelegt, ob die Konzession sich noch in Kraft befinde. Am 14. Juli wurde der Kommissionsbericht eingegeben, wonach die Regierung sich dahin aussprach, daß die Konzession als verfallen zu betrachten sei, daß aber beim Zustandekommen der Meridional- linie Gründe vorhanden wären, welche eine andere Anschauung gestatten würden. Sodann wurde der Antrag gestellt, den Entscheid für die Eisenbahn bis auf den 15. September zu verschieben, besonders weil man hoffte, unterdessen in Como und Mailand Stimmen für die Meridionallinie zu erwerben. Es war umsonst, daß La Nicca die Tessiner zu überzeugen suchte, wie gefährlich der Aufschub sei, indem nun die Lukmanier-Eisenbahn dieses Jahr nicht mehr vor die italienische Kammer gebracht werden könne und man dann nicht wisse, ob das nächste Mal eine so günstige Chance wie dieses Jahr hiefür sich darbieten werde. Nach vielen Debatten wurde endlich der Verschub beschlossen. Aepli und Romedi kehrten hierauf wieder nach Hause zurück, während La Nicca sich nach Turin begab, um dem Minister von den 255 tessinischen Vorgängen Bericht zu erstatten. Leider mußte er vernehmen, daß dieser durchaus nicht gewillt war, die tessiu- ischcn Ansprüche zu acceptieren, wiewohl er entschieden sich dahin erklärte, nach Kräften sür das Zustandekommen des Luk- maniers wirken zu wollen und auch Bella anwies, mit La Nicca den schon entworfenen Vertrag nochmals durchzuarbeiten. Am 3. August verließ La Nicca Turin und reiste bis Bernhardin, wo er seine Genferfreunde fand und woselbst er noch während einigen Wochen in der herrlichen Bergluft und an dem kräftigen Eisensäuerling sich stärkte. In St. Bernhardin erhielt er ein Schreiben von Landamm. Aepli, in welchem ihm dieser mitteilte, daß die Regierung von St. Gallen die Ansicht habe, die für die Lukmanier-Angelegenheit Delegierten als ihres Mandates noch nicht entlassen zu betrachten, sondern dasselbe noch weiter fortbestehen zu lassen; die Regierung von St. Gallen beantrage daher bei der bünd- nerischen, daß die Herren Delegierten der Angelegenheit ununterbrochen ihre Aufmerksamkeit zuwenden und sich so oft als nötig versammeln und beraten sollen. Es wurde nun infolge hieven in St. Gallen von den Delegierten Aepli, Romedi und La Nicca eine Konferenz abgehalten, an welcher auch Wirth, als Vertreter der »Union Luisso«, teilnahm. Diese Konferenz beschloß, Romedi nach dem Tessin abzuordnen, um die dortige Situation nicht nur zu beobachten, sondern womöglich zu gunsten des Lukmaniers umzustimmen; die Lage war dort so verworren als möglich. Wir entnehmen den Berichten Romedis folgendes: „Während im Blegnothal ein Memorandum (Initiative) an den Großen Rat unterzeichnet wurde, das, an den Staatsvertrag von 1847 appellierend, zum Festhalten an der Lukmanierbahn aufforderte, war der Süden des Kantons, Lugano, Mendrisio rc. von dem Begehren der Linie Bellenz-Lugano- Chiasso nicht abzubringen. Es hatte sich dort unter dem Vorsitze Cataneos und Luinis ein Komitee gebildet, das mit dem 256 Gotthardkomitee Hand in Hand ging und die obige Linie por- tierte, sowie die Absicht aussprach, die Konzession von Biasca aus durch den Kanton zu verlangen. Bei all diesen Bewegungen hielt Peruzzi an seiner Annahme fest, die Chiassv-Linie nicht in sein Lukmanierprojekt aufzunehmen und überhaupt die Verhältnisse sick noch weiter entwickeln zu lassen. Mittlerweile wurde auch Herr Wirth von der St. Galler Regierung nach dem Tessin abgeordnet." Die Lukmanierbahnfrage wurde aber nicht, wie erwartet, von dein im September 1861 versammelten Großen Rate behandelt, sondern auf die nächste im November stattfindende Session verschoben. Die Gotthardpartei hatte mittlerweile sehr an Boden gewonnen und sich hauptsächlich mit derjenigen identifiziert, die die Meridionallinie (Ostsüdbahn), nämlich Bellenz-Monte Cenere-Lugano-Chiasso verlangte. Der italienische Minister hatte sich so entschieden gegen diese Linie, als eine für die piemontesischen Bahnen nachteilige Verbindung ausgesprochen, daß es kaum zu hoffen war, daß er von dieser Ansicht zurücktreten werde. Die Direktion der Lombardischen Bahnen hatte zwar in Aussicht gestellt, die meridionale Ostsüdbahn als Verbindungsbahn mit derselben herzustellen, unter der Bedingung, daß keine Konkurrenzbahn gebaut werde, was hinwieder auch nicht der Ansicht des Ministers entsprach, der eine Linie dem See entlang mit Verbindung nach Varese und Mailand wünschte. 24. Kapitel. Bei diesen kriiischen Verhältnissen sahen sich die Lukmanier- freunde veranlaßt, durch ein engeres Zusammenwirken die Thätigkeit der Regierungen zu unterstützen, weshalb auf den 1. Oktober 186 k eine Versammlung derselben nach St. Gallen einberufen wurde, zu der sich die einflußreichsten Männer der beiden Kantone einfanden. Es wurde sodann von der Versammlung ein Ausschuß ernannt, eine sogenannte Lukmanier- kommission, deren Mitglieder Aepli, Weder, La Nicca, Bavier, Romedi und Wirth waren, welch letzterm das Präsidium zu- erteilt wurde. Im Einverständnis mit den Regierungen wurden Bavier und Romedi zu einer abermaligen Abordnung nach dem Tessin erwählt. Die beiden Herren Abgeordneten erteilten sodann von Lugano aus am 20. Oktober dem Präsidenten der Luk- manierkommission in St. Gallen einen ausführlichen Bericht über die Situation iin Kanton Tessin. Da La Nicca sich in Chur befand, so erachtete Herr Bavier es für angemessen, den Inhalt desselben ihm in einem Privatbriefe mitzuteilen. Wir entnehmen demselben folgendes: „In Lugano und „Mendrisio ist man sehr ungünstig gegen die Agnolinie (diejenige, die der italienische Minister wünschte) gestimmt. Viele „zweifeln an dem Zustandekommen unserer Unternehmung und „glauben, es fehlen uns die Mittel, weil die im Frühling in „Turin verlangte Kaution nicht geleistet werden konnte. Diese „Begriffe werden von den Einsichtigen, welche zwischen früher 17 258 „und jetzt zu unterscheiden wissen, nicht geteilt, jedoch haben „dieselben eine andere Hoffnung, auf welche sie sich verlassen. „Es sind nämlich die beiden Gesellschaften Strousberg L Co. „und Patocchi L Co. aufgetreten, erstere eine englische, letztere „eine französische, und haben Konzessionen für die Linien Chiasso- „Lugano-Bellenz und Locarno-Biasca verlangt. Diese Gesellschaften, wie uns die Herren Varcnna und Bolla angedeutet, „ganz im Gotthardlichen Interesse, finden allerdings bei den „Trans Cenere vielen Anklang, weil sie hoffen, daß durch „diese den Kanton durchschneidenden Linien alles gewonnen sei, „indem später sich sowohl Gotthard als Lukmanier denselben „anschließen müssen und man dann gegenüber einem kait „ueeoinpli nicht mehr über die Richtung im Tessin streiten „könne. „Wie uns aber die Mitglieder des Staatsrates, Nationalist Jauch und andere sagen, werden diese Gesellschaften „schwerlich konzediert werden, erstens weil man nicht eine Gesellschaft will, die nur eine Linie in der Ebene, d. h. wenn auch „mit Monte Cenere, doch ohne Fortsetzung baut, sondern weil „diese Gesellschaften noch dazu den Staat auf eine unverschämte „Weise in Anspruch nehmen wollen und nur für ihre kurze „Strecke vom Kanton eine Beteiligung von neun Millionen „verlangen. Am gefährlichsten scheint mir die Konkurrenz des „Gotthards zu sein. Die Herren vom Gotthard haben eine „Menge Ingenieure angestellt, welche eifrig am Arbeiten sind; „da diese Arbeiten erst Ende dieses Jahres fertig werden „sollen, ist dem Großen Rat ein neuer Grund zur Verschiebung „geboten. Wenn nun diese Herren mit ihrem Projekte nach „Turin gehen sollten, so wäre Ihre Gegenwart dort unerläßlich. „Der tesstnische Staatsrat hat sodann vor das Gotthardkomitee „aufzufordern, seine Erklärungen jetzt schon abzugeben, damit „man noch Zeit habe, dieselben vor Zusammentritt des Großen „Rates zu behandeln. Das Gotthardkomitee hat auch zwei 259 „hiesige Zeitungen für sich gewonnen. Eine dritte Gesellschaft ist „diejenige des italienischen Abgeordneten Boggio, die ein vollständiges Lnkmanierprojekt besitzt, das sie wahrscheinlich durch „einen Angestellten Pickerings, Lanhey, der es diesem gestohlen, „erhalten hat. Männer, wie Staatsrat Varenna, Nat. Jauch „und Battaglieni und andere haben erklärt, daß, wenn das „Projekt Lugano-Chiasso-Camerlata in das Lükmaniernetz „aufgenommen und durch Piemont und die Kantone schriftlich „als Bestandteil dieses Unternehmens garantiert werde, wir „dann fast alle Stimmen, mit Ausnahme des Leventinerthales, „für uns haben werden." Nach diesen Berichten und in Anbetracht, daß es sehr zweifelhaft sei, ob der italienische Minister diese Linie accep- tieren werde, fanden es die Lukmanierkommisston, sowie die beiden Kantonsregiernngen für das Angemessenste, bei der Verwaltung der Lombard. Venet. Eisenbahn anzufragen, ob dieselbe nicht geneigt wäre, diese Linie, für den Fall daß sie nicht ins Lukmanierprogramm aufgenommen werden könnte, zu übernehmen. Durch Talbot wurde dann die Znsicherung erteilt, daß die Lombard« Veneta sich verpflichte, diesem Gesuche zu entsprechen. Die beiden Herren Delegierten unternahmen dann noch eine Reise nach Turin und Genua, an welch letzterm Orte sie die Stimmung für den Lnkmanier sehr günstig fanden. In einer Sitzung des Gemeinderates von Genua wurde der Beschluß gefaßt, daß die sechs Millionen Subsidien, die die Stadt für eine Alpenbahn unterzeichnet hatte, einzig und allein für den Bau des Lukmaniers verwendet werden sollen und die Regierung dringend ersucht, diese Angelegenheit so rasch als möglich zu fördern. Nach Rückkehr der Delegierten sah sich dann die Regierung von St. Gallen veranlaßt, eine offizielle Abordnung in den Herren Aepli und Wirth nach Loearno zu senden, wovon sie die Regierung von Graubünden benachrichtigte, welche ebenfalls in 260 der Person La Niecas eine Vertretung ernannte und durch Schreiben vvm 14. Nov. 1861 letzteren aufforderte, sich der st. gallischen Abordnung anzuschließen. Wir entnehmen den hinterlassenen Aufzeichnungen La Niccas über diese Sendung Folgendes: „Den 18. November. „Bei meiner Ankunft in Locarno fand ich diesen bescheidenen Regierungssitz ziemlich belebt durch die verschiedenen „Eisenbahukonkurrenten, die schon Posto gefaßt hatten. „Bei all diesem Ueberfluß an Konzessionsverlangen schien „der Regierungsrat sich doch in Verlegenheit zu befinden über „die Art und Weise, wie er dieses komplizierte Eisenbahn- geschäft vor den Großen Rat bringen solle. Er entschied „sich dann dahin, vor Behandlung desselben durch den „Großen Rat noch eine Abordnung an den Minister Peruzzi „zu senden, um diesem die ganze bedenkliche Sachlage darzustellen und ihn zu veranlassen, den Arm über Chiasso zu „gewähren, weil ohne eine beruhigende Zusicherung hierüber „es nicht möglich sei, den Großen Rat zu einer für den Luk- „manier günstigen Schlußnahme zu bringen. Diese bei unserer „Ankunft schon ernannte Abordnung bestand aus den Herren „Jauch, Beroldingen und Bianchetti; auf Gesuch der tessinischen „Regierung schlössen sich auch die drei Abgeordneten St. Gallens „und Graubündens dieser Delegation an. „Zuerst wurde mit Paleocapa, als Präsident der Alpen- „bahnkommission und Mitglied des Verwaltungsrates der Lombards Veneta eine Konferenz abgehalten, an der außer den „Tesstnern nur Wirth teilnahm. Paleocapa äußerte sich sehr „ungehalten über die Tessiner, die, nachdem Italien so bereitwillig das große Unternehmen zu fördern sich bemühe, „von ihm verlangen, daß es allen Privatinteressen noch besondere Rücksicht schenken solle. An der Konferenz mit dem „Bauminister nahmen die drei Abgeordneten St. Gallens und 261 „Graubündens nicht teil; dieselbe fiel im ganzen befriedigend „aus. Es wurde denselben von den Tessinern folgende „Mitteilung gemacht, die dann zu Protokoll genommen und „von den drei Herren Delegierten unterzeichnet wurde. „In der Uebersetzung lautet es ungefähr folgendermaßen: „„Der Minister macht von seiner Seite keine Einwendung „„gegen den Beschluß des tessinischen Großen Rates, falls „„dieser beschließen sollte, die Linie von Lugano nach Chiasso „„in das Eisenbahnnetz des Kantons Tessin aufzunehmen, und „„daß die Erstellung und Betriebseröffnung dieser Linie zu „„derselben Zeit (zugleich) mit derjenigen des Lukmaniers „„stattfinde. „„Die italienische Regierung bewilligt den Anschluß der „„Linie Lugano-Chiasso an die Linie Camerlata-Mailand. „„Die unterzeichneten Delegierten erklären namens ihrer „„Regierungen für den Fall, daß der Große Rat des Kantons „„Tessin den Entschlüssen des Ministers analoge Beschlüsse „„fassen werde, sich denselben anschließen zu wollen und den „„Bau und die Betriebseröffnung der Linie Agno-Lugano- „„Camerlata mit derjenigen des Lukmaniers zu erstellen, so- „„weit dieses von ihnen abhängt. „„sig- Aepli, Wirth, La Ricca. „„Turin, 23.^November 1861."" Auszug aus La Niccas Schreiben an die Regierung von Granbünden: „Locarno, den 27. Nov. 1861. „Ich erlaube mir, Sie mit den Anträgen, die der tessin- „ische Reg.-Rat dem Großen Rat stellen wird, bekannt zu machen: „1. Die im Jahre 1856 erteilte Konzession einer Bahn „von der Anhöhe des Lukmaniers nach Bellenz und von dort „über Lugano nach Chiasso ist als erloschen zu betrachten. „2. Der Große Rat kann dem Verlangen von Strous- „berg, Lanay ch Co. und demjenigen von Boggio L Co. be- 262 „treffs Anlegung von Lokalbahnen auf tessinischem Gebiet nicht „entsprechen. „3. Der Große Rat erklärt sich unter Bestätigung von „schon beschlossenen Subsidien, die Konzession für folgende „Linien zu erteilen: Von Bellinzona über Biasca-Olivone „an die graubündnerische Grenze des Lukmaniers. Von Bellin- „zona nach Locarno. Von Bellinzona über Agno an die „lombardische Grenze mit Zweigbahn nach Lugano. Von „Lugano über Mendrisio-Chiasso an die lombardische Grenze. „4. Mit Festhaltung dieses Eisenbahntracss erteilt der „Große Rat des Kantons Tessin dem Regierungsrat Vollmacht, mit aller Beförderlichkeit die Unterhandlungen mit den „dabei interessierten Regierungen und Gesellschaften fortzusetzen, „um die für das Unternehmen erforderlichen Elemente zu vereinigen und zu sichern, und das Ergebnis dann dem Großen „Rate vorzulegen. „5. Der Große Rat erneuert die Erklärung vom 30. „September 1860 bezüglich Begünstigung einer über den Gott- „hard anzulegenden Eisenbahn durch verhältnismäßige Staats- „beteiligung, im Falle eine solide Gesellschaft die Konzession „hiefür verlangen und erhalten sollte und dieses sowohl im „Falle, wenn die Lukmanierbahn ausgeführt wird, als auch „dann, wenn ihre Ausführung unterbleiben sollte." Im wettern machte La Nicca in seinem Schreiben noch eine Darstellung der dortigen Lage, wonach die Vertreter der Lokalbahnen alle Hebel in Bewegung setzten, um das Publikum gegen den obigen Konzessionsvorschlag zu beeinflussen. Ein Hauptpunkt der Opposition gegen die Regierungsvorlage bildete die Befürchtung, daß eine Bahn, die durch hauptsächliche Teilnahme und Mitwirkung von Italien gebaut werde, Veranlassung zur Annexion des Kantons Tessin an Italien geben könnte. 263 Wie sehr sich auch die tessinische Regierung bemühte, ihr Eisenbahukonzesstons-Programm beim Großen Rate zu empfehlen, so war dieses nicht in derselben Weise bei der von dem Großen Rate ernannten Eisenbahnkommission der Fall. Es sahen sich deshalb die Tessiner Regierung und die drei Herren Delegierten veranlaßt, in einer Konferenz mit derselben folgendes darzulegen: „Es liege in der Pflicht des Kantons Tessin, die schon seit vielen Jahren mit den Kantonen Granbünden und St. Gallen angestrebte und durch vielfache Vertrage stets erneuerte Eisenbahnverbindung des Lukmaniers nun durch die verlangte Konzessionsentscheidung zur Ausführung zu bringen. Die Lokalbahnen, die von Strousberg L Co. proponiert werden, seien ohne Verbindungsbahn mit der Schweiz und Deutschland nicht betriebsfähig und werden auch kein fremdes Kapital anziehen." Nach dieser Konferenz sahen die Herben Delegierten ihre Mission als erschöpft an und begaben sich auf die Heimreise. La Nicca verfügte sich nach Mailand, wo eine Septimer- gesellschaft sich gebildet hatte, welche ihre Pläne ihm vorlegen wollte. Der Syndiko von Mailand, an den La Nicca durch Empfehlungsschreiben von Jauch eingeführt worden war, erklärte, daß seine Stadt, sowie Genua und alle westlich gelegenen lombardischen Städte eine Septimerbahn sehr begrüßen würden. La Nicca erwiderte, daß, so lange als eine Möglichkeit vorhanden, das Lukmanierprojekt auszuführen, er an demselben festhalte und erst wen» die Verwirklichung desselben unmöglich sei, er sich dann gerne ihren Bestrebungen anschließen werde. Die tessinische Eisenbahnkommission beeilte sich nicht mit dem Abschluß ihrer Vorlage, so daß für die Intriguen Strous- bergs immer mehr Terrain gewonnen wurde und wirklich in der Sitzung des Großen Rates vom 3. Juni 1862 der Re- 264 gierungsantrag verworfen und Strousberg die Konzession für die Lokalbahnen erteilt wurde. Indessen konnte dieser Beschluß erst nach nochmaliger Durchberatung in der nächsten Grvßratsversammlung Rechtskraft erhalten. Die Firma Strousberg entpuppte sich als eine Schwindelgesellschaft, die die verlangten Konzessionsbedingungen von vorneherein nicht zu erfüllen im stände war. Auf diesen Bericht hin sahen sich die Herren Brasset) und Giles veranlaßt, im Verein mit Herrn Blount sich um die Konzession des Lukmaniers zu bewerben. Es wurde hiefür von denselben in Paris mit Talbot und den schweizerischen Delegierten Wirth-Sand und Ballier eine Konferenz abgehalten, und begab sich hierauf Giles nach Locarno, um der dortigen Regierung seine Antrage zu stellen. Leider fand er dort das Terrain ganz zu Ungunsten des Lukmanierbaues unterwühlt. Er schreibt am 6. Mai an La Nicca: „Nicht nur die Gott- gardisten, sondern diejenigen auch, die bis jetzt für uns „waren, stimmen nun gegen uns, weil die Tessiner keine Sub- „sidien zahlen wollen, sondern verlangen, daß die Bahn ohne „dieselben gebaut werde." Es trat sodann ein neuer Bewerber für den Bau von tessinischen Thalbahnen in der Person Silars auf, der sich einen großen Anhang zu verschaffen wußte. Die Gotthard- kommission entwickelte eine zunehmende Thätigkeit, wodurch es ihr gelang, im Juni 1862 mit einem Bericht, der sich auf ein aufgenommenes Gesamtprojekt stützte, vor die Oeffentlichkeit zu treten. Die Gotthardpartei mehrte sich zusehens im Tessin und besaß einflußreiche Männer, die alles aufboten, der Lukmanier- bahn entgegen zu arbeiten und die jeden Aufschub, der sich derselben entgegenstellte, willkommen hießen. Giles, der La 265 Nicca von all seinen Vornahmen und Schritten stets aufs genaueste unterrichtete, sah sich veranlaßt, die unfruchtbare tessinische Erde zu verlassen. Im November 1862 wurde nochmals von den Eisenbahnfürsten Brasset), Blount, Talbot, Giles und den Herren Wirth und Bavier eine Konferenz in Paris abgehalten, die sich zu den möglichst vorteilhaften Bedingungen für den Lukmanier- bau verpflichten wollten. Indessen wogten die Meinungen und Interessen im Kanton immer hin und her und kam es in diesem Jahre zu keinem Entscheid. Es hatte sich mittlerweile ein neuer Bewerber für den Lukmanierbau in der Person des französischen Bauunternehmers Mouton eingestellt. Mouton hatte sich vorerst an La Nicca gewendet und ihn um Ueberlassung seiner Lukmanierpläne ersucht, die, wie er sagte, in technischen Kreisen als die zweckmäßigsten anerkannt seien. 8a Nicca teilte dies Giles mit und riet ihm, denselben in die Assocciation aufzunehmen. Graubünden werde nur Brassey, Giles L Co. die Konzession erteilen, also könne Mouton mit einer Tessiner Konzession nichts ausrichten. Die Herren Brasset), Giles und Blount vereinigten sich hierauf mit Mouton und reichten nochmals eine Konzessionsbewerbung für den Lukmanierbau der Regierung von Tessin ein. Da diese Herren als Bauunternehmer und Finanzgrößen ersten Ranges dem Unternehmen die möglichsten Vorteile und Garantien bieten konnten, wobei die Kantone mit einer.runden Summe Beteiligung vor jeder Nachzahlung sicher gestellt waren, dem ganzen Unternehmen eine sichere Basis und zweifellose, gute und rasche Ausführung garantiert war, so bleibt es eine unbegreifliche Thatsache, daß dennoch dieser Antrag verworfen und die Konzession nur für die Thalbahnen mit ziemlicher Mehrheit vom Großen Rate am 6. Juni 1863 Silar erteilt wurde. 266 Ein Grund, den die Tessiner gegen Erteilung einer Konzession für eine Alpenbahn von Brnsscy, Giles L Co. geltend machten, war die Befürchtung. Italien werde denselben die bewilligten Snbsidicn nicht mehr erteilen. Diese sahen sich daher veranlaßt, an das italienische Ministerium eine Interpellation zu richten, auf welche ihnen der Minister eine Antwort folgenden Inhalts erteilte: „Die italienische Regierung habe die bestimmte Absicht, an ihren „gegebenen Versprechungen festzuhalten; es sei aber nicht ihre Aufgabe, die Partciintriguen der tcsfinischcn Bevölkerung zu untersuchen, „welche sich gegen das Lukmanierprojekt erhoben Hütten, wobei der „Minister den lebhaften Wunsch aussprechc, daß diese Schwierigkeiten sich bald lösen möchten, damit das Werk zur Ausführung gegangen könne." Die Gotthardpartei hatte im Leistn immer mehr zugenommen, besonders durch die Initiative angeregt, die vom Gotthardkomitee, von der Zentralbahn und Basel ausging, obwohl das Gotthardprojekt noch keineswegs vollständig ausgearbeitet und bei den großen Schwierigkeiten, die der Bau darbot, sich keine Ausführungsgesellschaft für denselben gemeldet hatte. Wenn wir die Schwierigkeiten erwägen, die die Zusahrts- linien des Gotthards dem Bau entgegenstellten, dem Aufwand an Subsidien, den er erforderte, so muß wohl jedermann zugeben, daß die Lukmanierbahn für eine Ueberschienung der Alpen eine unvergleichlich vorteilhaftere gewesen wäre. Die größten europäischen Eisenbahnbauer waren bereit, ihn auszuführen, er war technisch und finanziell gesichert Die drei Ostkantone der Schweiz hätten das große Werk mit der alleinigen Hülfe von Italien, ohne diejenige der Bundesregierung, auszuführen vermocht. Daß dieses aber dennoch nicht gelang, ist einzig und allein der Opposition des Tessinervolkes zuzuschreiben, das in dem Moment, wo man den Bau beginnen wollte, durch Konzessionsverweigerung die mit so vielen Opfern und so großer Ausdauer erreichten Erfolge zerschlug. 25. Kapitel. In Bern war das schon einmal behandelte Projekt einer Grimselbahn wieder aufgetaucht; dasselbe fand in Bundesrat Stämpfli einen warmen Vertreter und war die Ursache, daß in Bern dein Gotthard noch kein Interesse zugewendet wurde. Natürlich sah sich Tessin durch dasselbe in seiner Stellung gefährdet, weil die Grimselbahn den Simplon verlangte. Bundesrat Pioda wünschte daher La Niccas Ansicht über dieses Projekt zu vernehmen und bewog ihn zu einer Untersuchung desselben. La Nicca begab sich hiefür im Juni 1803 nach Gens, wo er im eidgenössischen topographischen Bureau vorerst einige Studien über das in Frage stehende Tracs machte und dann von dort nach dem Wallis, um dieselben an Ort und Stelle zu vervollständigen. Don der Grimsel reiste er über den Brünig nach Luzern, von wo aus er Pioda den von diesem gewünschten Bericht Übermächte. Er schreibt an Pioda: „Luzern, 24. Juni 1863. „Ich habe die Simploneisenbahnprojekte durchmustert, die „beantragten Durchtunnelungen von Nuffenen und Grimsel „untersucht. Das Terrain in der Grimselrichtung ist für die „Anlage einer Eisenbahn äußerst ungünstig und wäre eine „solche durch zahlreiche Lawinen und Steingerölle gefährdet; „auch habe ich die erforderliche Länge der Alpentunnels be- 268 „deutend größer gefunden, als das Projekt sie angibt, bei welchem, „wie mir scheint, etwas oberflächlich verfahren worden ist. „La Nicca." Ueber Luzern schreibt er in seinem Tagebuch: „Durch „Gestaltung der Gegend und Lage von Luzern würde dasselbe „sich zu einem Militarzentralpunkte der Schweiz vorzüglich „eignen, und ich muß nur bedauern, daß eine solche Idee „nicht verwirklicht werden konnte. Mit ungefähr 15 detachierten „Befcstigungswerken verschiedener Art, wobei auch der Rigi in „die Befestigungslinie gezogen werden müßte, könnte man „einen uneinnehmbaren Stütz- und Waffenplatz für die eidgenössische Armee bilden." La Nicca begab sich von Luzern aus nach Altdorf, wo er das Schächenthal untersuchte, dann nach Amsteg und von dort ins Maderanerthal, durch das Etzlithal über den Kreuzli- paß nach Sedrun und von dort nach Chur zurück. Je mehr Schwierigkeiten sich durch die Umtriebe im Tessin der Ausführung des Lukmaniers in den Weg stellten und je allgemeiner das Bedürfnis nach einer direkten Eisenbahn- Verbindung mit dem Norden von Europa in Italien sich kund gab, um so mehr wurde auch die Frage allenthalben erörtert, ob es nicht vielleicht gegeben wäre, einen andern Paß für die Alpenbahn zu wählen. Mailand hing mit großer Zähigkeit am Splügen, der als nächster Alpenpaß schon seit langem den Verkehr dieser Stadt mit der Schweiz und Deutschland vermittelt hatte; eine andere Partei glaubte, durch den Septimer, der in frühern Jahrhunderten sehr begangen war, den geeignetsten Durchgangspunkt zu finden. Diesen Bestrebungen wurde durch eine gründliche Darlegung des berühmten Ingenieurs und frühern Ministers Paleocapa, die er in einer Broschüre veröffentlichte, ein entschiedenes Dementi entgegengesetzt. Paleocapa bewies mit den überzeugendsten Gründen die eminenten Vorteile des Lukmaniers für die Anlegung einer 269 Eisenbahn in technischer Beziehung sowohl als in kommerzieller. Allein, da das italienische Reich durch den Anschluß vou Neapel sich seither vergrößert hatte, so traten für alle großem staatlichen Unternehmungen nun neue Faktoren hinzu, und da es den bisherigen Ministern nicht gelungen war, dem Wunsche der italienischen Nation, nach einer von Oesterreich unabhängigen Alpcnbahn, zu entsprechen, so glaubte nun das neue Parlament, diese Frage am besten zu lösen, wenn für die nähere Prüfung derselben eine große Kommission gewählt werde, die in kommerzieller sowohl als technischer Beziehung dieselbe gründlich untersuche und dann ihre Ergebnisse und Ansichten dem Parlament vorlege, nach welchen dann dasselbe einen entscheidenden Entschluß fassen könne. Diese Kommission setzte sich im August 1864 in Bewegung, um vorerst die vier Alpenpässe Septimer, Splügen, Lukmanier und Gotthard zu untersuchen. Zur Führung dieser Kommission wurden für Septimer und Splügen die Herren Ingenieure Vanotti, Antonini und Bellini ernannt, die die Bahnanlagen für diese Pässe bis auf einen gewissen Punkt studiert hatten; für den Lukmanier die Herren La Nicca, Jng. Bavier und Ingenieur Engster. Am 21. August traf diese Kommission in Chur ein; ihre erste Arbeit war dort die Besichtigung der ihr von La Nicca vorgelegten Pläne, worauf sie sich dann in zwei Sektionen teilte, von welchen die eine sich nach dem Oberhalbstein, die andere mit La Nicca und Bavier nach dem Bündner Oberlande und dem Lukmanier begab. Nachdem die Kommission in Graubünden ihre Aufgabe vollendet hatte, begab sie sich zum gleichen Zwecke nach dem Gotthard. Nun galt es für La Nicca, sich wieder den Studien für den Lukmanier zu widmen und die für denselben gemachten Pläne zur bequemen Durchsicht für die große Alpenbahnkommission vor- zubreiten, die sich im November in Turin versammeln sollte. 270 Diese Arbeiten beschäftigten La Nicca bis zn seiner Abreise nach Turin, die am 1. November 1864 stattfand, wohin er sich mit all dem vielen Material in Bewegung setzte. Am 28. November versammelte sich in Turin die große Alpenbahnkommission und nahm aus 8a Niccas Händen die Lukmanierbahnprojekte in Empfang, wobei derselbe alle erforderlichen Aufschlüsse und Erklärungen der Kommission erteilte. Bald nachher langte auch der Abgesandte des Gotthardkomitees, Herr Ingenieur Koller, an, der an die Kommission einen Bericht von Gerwig und Beck über den Bau des Gotthards einreichte. Nun hieß es für La Nicca, auf der Warte zu stehen und nach Kräften alle Vorteile abzuwehren, die der Konkurrent zu erreichen suchte, und das war allerdings keine leichte Aufgabe, denn von der eidgenössischen Regierung (dem Bundesrate) hatte der schweizerische Gesandte die Weisung erhalten, in erster Linie für den Gotthard und erst in zweiter Linie für den Lukmanier zu wirken. Die Wahl des Splügens oder Septimers wäre von der Bundesregierung durchaus ungünstig aufgenommen worden, und diese Pässe, die sich sehr der Vorliebe der Lombarden erfreuten, hätten in der Schweiz den größten Widerspruch wachgerufen. Am 16. Januar 1865 hatte La Nicca beim Bauminister Jacini eine Audienz, bei welcher der Minister sich dahin aus- sprach, daß er entschlossen sei, die Alpenbahnfrage in ihrem ganzen Umfange, sowohl in technischer, als kommerzieller, industrieller und finanzieller Beziehung studieren zu lassen, so daß sich dann durchaus mit fast mathematischer Genauigkeit beweisen lasse, welchem Alpenpasse die Entscheidung zufalle; er selbst hege für keinen derselben eine besondere Vorliebe. Nachdem die Untersuchungen beendet seien, werden dann erst in Florenz, wohin die Regierung im Jahre 1865 versetzt werden soll, die Verhandlungen beginnen. Dabei sei es ihn: aber nicht gestattet, sich mit den schweizerischen Kantonsregier- 271 ungen einzulassen; wogegen 8a Nicca sich ihm zu bemerken erlaubte, daß es in der Schweiz die Kantone seien, die vorerst die Konzession zu erteilen hätten, und der Bund eine solche nur verweigern könne, wenn es sich dabei um militärische Fragen handle. Der Vertreter des Gotthards war ebenso bemüht, die italienische Regierung für sein Interesse zu gewinnen, wobei er eidgenössische Subsidien in Aussicht stellte und in seinen Bemühungen vom badischen Geschäftsträger unterstützt wurde. So lange die Arbeiten der Alpenbahnkommission dauerten, verharrten die beiden Pioniere 8a Nicca und Koller auf ihren Posten, während in der Heimat die Gegner den Vertreter jeder Richtung in der Presse, durch Broschüren und Zeitungen bekämpften und das eigene Interesse als das vorteilhafteste hervorhoben. Nun war mit dem Ende April die Zeit gekommen, wo La Nicca seine Schritte doch heimwärts lenkte. Als er sich bei Jacini verabschiedete, sagte er demselben, daß es gerade zwanzig Jahre her seien, seit er in der Lukmanier- alpenbahnfrage zum ersten Male die Ehre gehabt, sich dem piemontesischen Minister der öffentlichen Bauten vorzustellen und daß er in dieser langen Zeitperiode mit jedem Bauminister zu verhandeln gehabt habe. Nun nehme er von Turin, das in Zukunft nicht mehr Residenz sein werde, Abschied, mit der Hoffnung, daß der Bauminister, mit dem er schon in zwei verschiedenen Perioden für das große Werk unterhandelt habe, durch die Verwirklichung desselben den Einzug in der neuen Residenz verherrlichen möge; worauf der Minister antwortete, er werde sein Möglichstes für die Lösung der Alpenbahnfrage thun und auch eine Gesetzesvorlage für Subsidienbeteiligung an das Parlament machen. Paleocapa schien bei La Niccas Abschiedsbesuche für die Verwirklichung der Alpenbahn ziemlich herabgestimmt, er bemerkte ihm, daß die Ostkantone leider versäumt hätten, den 272 günstigen Moment für eine Alpenbahn zu benutzen, und daß es nun eine sehr zweifelhafte Sache sei, ob dieselbe nicht dem Konkurrenten unterliegen müsse. Bei dem Abschiedsbesuche bei Menabrea äußerte La Nicca sein Bedenken, daß bei der gegenwärtigen gedrückten Finanzlage wohl das Zustandekommen einer Alpenbahn zweifelhaft sei; worauf der General antwortete, daß dieselbe durchaus ein Bedürfnis des Landes sei und auch im Interesse der Eisenbahninhaber liege, so daß er an der Erstellung derselben gar keinen Zweifel hege. La Nicca verließ Turin im Gedanken, daß nun seine Wirksamkeit in dieser Stadt abgeschlossen sei. Doch gewährte ihm der Umstand, daß dieselbe seinem Sohne ein lohnender und angenehmer Aufenthaltsort geworden, und er noch genußreiche Tage im Familienkreise dort verleben werden könne, eine erquickende Genugthuung. Zu Hause angekommen, widmete er sich den Sommer hindurch größtenteils wieder den Alpenbahnarbeiten, bis im Herbst die Versammlung der Alpenbahnkommission ihn nach der neuen Residenz Florenz rief. Es hatten sich zur Vertretung des Lukmaniers bei derselben nebst La Nicca die Herren Präsident Wirth, Nationalrat Bavier und Comandatore Boccardo von Genua eingesunken. Die Alpenbahnkommission mußte hinsichtlich der technischen Ausführung dem Lukmanier entschieden den Vorzug zuerkennen, während sie glaubte, daß in kommerzieller Beziehung dem Gotthard der Vorrang zukomme. La Niccas Aufgabe in Florenz war nun, die Mitglieder der Alpenbahnkommission in seinem Interesse zu beeinflussen, wozu er sich der Presse bediente; seine Kenntnisse der italienischen Sprache kamen ihm dabei sehr zu statten. Dessenungeachtet neigte sich die Wagschale der Entscheidung immer mehr zu gunsten des Gotthards, um so mehr, als der Bundesrat 373 durch den schweizerischen Gesandten seinen politischen Einfluß dem Gotthard zuwendete Die Alpenbahnkomm ssion vertagte sich vor Weihnachten und so begib sich dann auch La Nicca, mit mehr Befürchtungen als Hoffnungen für das Gelingen seines Werkes erfüllt, wieder in die Heimat zurück. Tessin hatte sich ganz vom Lukmanier abgewendet; seine Konzession lag in den Händen von Spekulanten, die sie demjenigen, der am meisten Chancen hatte, abzutreten bemüht waren. Die Alpenbahnkommission und das italienische Parlament hatten sich für die Unterstützung des Gotthards entschieden, den die bestsitnierten schweizerischen Eisenbahngesellschaften, Central- und Nordostbahn, ebenfalls portierten. Die einflußreichsten Männer der Mittelschweiz traten als Förderer des Goithards auf und wurden mit Missionen an die deutschen Staaten betraut, um dieselben für diese Alpenbahn z» gewinnen. Die gänzliche Niederlage des Lukmaniers war daher eine ausgemachte Thatsache. In dieser peinlichen Lage, in welcher sich nun die Ostschweiz befand, beschloß sodann die Lukmanierkommission, alle Kräfte für die Erstellung einer Splügenbahn einzulegen. Wie gerne hätte La Nicca dieses Bestreben unterstützt, das dem Alpenpasse, der schon früher durch seine Alpenstraße sein Interesse in Anspruch genommen hatte, so große Ehre und Vorteile bringen sollte. Allein es war ihm zu klar, daß, nachdem der Gotthard ein so großes Uebergewicht erlangt hatte, alle Versuche zur Hebung des Splügens unnütz seien, der in technischer Beziehung wenig mehr Vorteile als der Gotthard darbot und vom eidgenössisch politischen Standpunkte aus durchaus auf keine Annahme zu hoffen hatte, und selbst Mailand sich mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, daß seinen kommerziellen Bedürfnissen auch durch den Gotthard genügt werden könne. Durch die Erfolge des österreichisch- 18 274 preußisch-italienischen Krieges wurde nun auch Venedig mit dem Königreich Italien vereinigt; die Brennerbahn mündete fortan direkt in die Bahnen des vereinigten italienischen Staates ein, so daß die östlichen Provinzen für eine zweite östliche Alpen- bahn wenig Interesse mehr hatten. Aus diesem Grunde konnte sich La Nicca von einer Splügenbahn gar keinen Erfolg versprechen, weshalb er sich auch nicht an den Bemühungen beteiligte, die für dieselbe nun von den frühern Förderern des Lukmaniers gemacht wurden, so sehr er auch ihren Bestrebungen von Herzen Erfolg wünschte. Er war überzeugt, daß den Gotthardisten in keiner Weise mehr der erlangte Vorteil aus der Hand gerissen werden könne, daß für die Ostschweiz nur ein Mittel für die Erlangung einer Alpenbahn übrig bleibe, wenn es derselben gelingen könne, ihre Bahnlinie mit der des Gotthards zu vereinigen. Wir haben oben bemerkt, daß er diesen Gedanken schon früher aufgenommen hatte und denselben nicht nur gegen Dufour und StLmpfli geäußert, sondern auch mit Paleocapa besprochen hatte, der demselben für den Fall des Mißlingens des Lukmaniers seine volle Billigung erteilte. Die politischen Umwälzungen des Jahres 1866 ließen übrigens in keinem Lande größere Eisenbahnunternehmungen zu, und so trat für einige Zeit eine Ebbe auch in den Alpen- bahnbestrebungen ein. Eine freundliche Erquickung gewährte ihm nach so vielen Mißerfolgen im Herbst 1866 die Verheiratung seines zweit- ältesten, in Turin etablierten Sohnes. 26. Kapitel. Im Jahre 1867 nahm La Nicca sodann die Studien für sein Vereinigungsprojekt mit aller Energie auf. Er hatte an dem bekannten Ingenieur Co/nandatore Valvassori, Inspektor der Mont Cenisbahn, einen Mitarbeiter für dasselbe gewonnen. Gegen Ende Juli stationierte sich La Nicca mit einem Jn- genieursgehülfen in Sedrun, von wo aus er seine Untersuchungen und Aufnahmen gegen den Kreuzlipaß hin begann. Am 13. August traf auch Valvassori mit einem ihn begleitenden Ingenieur in Dissentis ein, und nun untersuchten diese Ingenieure das Tavetscherthal behufs Anlegung eines Eisen- bahntracss; am folgenden Tag begaben sie sich auf den Weg nach dem Kreuzlipaß, den sie überstiegen und von welchem sie durch die Ezlialp (Ezlithal) ins Maderanerthal gelangten, indem sie diese ganze Gegend bis nach Amsteg für die Anlage eines Eisen- bahntrac^s rekognoszierten. La Nicca begleitete Valvassori bis nach Andermatt, wo sich derselbe von ihm verabschiedete und nach Italien zurückkehrte. La Nicca begab sich wieder nach dem Maderanerthal und nach dem Ezlithal, woselbst er mit seinem Gehülfen seine Vermessungen, trotz der eingetretenen regnerischen Witterung, fortsetzte, so daß er innen von Schweiß und außen vom Regen durchnäßt wurde. Eine Sennhütte, welche eine in halbem Naturzustand lebende Urnerfamilie bewohnte, bot ihm und seinem Gehülfen eine dürftige Zufluchtsstätte. Hier feierte er auch am 16. August 1867 seinen drei- undsiebenzigsten Geburtstag, mit innigem Danke gegen Gott, 276 der ihm noch bis in dieses Alter seine geistigen und körperlichen Kräfte in so reichem Maße erhalten hatte. Nach seinen Untersuchungen fand er nun, daß von Altdorf aus mit allmähliger Erhebung durch das Schächen- und Maderanerthal eine Bahn bis in das Ezlithal hinauf angelegt werden könne, von wo aus sie sich mit eineni Tunnel von sieben Kilometer, wovon zwei schachtbar, nach dem Tavetsch und von dort in den Lukmaniertunuel führen lasse. Hiezu wurde er auch noch durch den Umstand bestärkt, daß die Zufahrt zum Gotthardtunnel von Ainsteg bis Göschenen mit fast nicht zu bewältigenden Schwierigkeiten verbunden war, auch der Tunnel länger als der des Lukmaniers erstellt werden mußte. La Nicca suchte zu beweisen, daß durch eine solche Fusionsbahn den Bahnen der Mittel- und Nordwestschweiz die gleichen Vorteile wie bei einer direkten Gotthardbahn hätten gewährt werden können. Er war indessen nicht der Einzige, der diese Idee hatte, dieselbe wurde auch von Fürsprech Forrcr in Winterthur geteilt und von demselben im Jahre 1860 durch eine Broschüre verbreitet, also zu einer Zeit, wo für den Lnkmanier noch die günstigsten Aussichten vorhanden waren. Wenn die Alpenbahn lediglich ein schweizerisches Nationalwerk gewesen wäre, bei dem es sich um die möglichste Gleichberechtigung aller Bundesteile gehandelt hätte, so wäre jedenfalls ein solches Projekt sehr zu empfehlen gewesen, allein noch mehr als für die schweizerischen Bahnen war für den allgemeinen europäischen Verkehr, besonders denjenigen Deutschlands und Italiens, die Alpenbahn nutzbringend, weshalb sich auch diese Staaten mit so großen Subsidien an derselben beteiligten. Es galt, den Verkehr auf eine Hanptlinie zu konzentrieren, um bei dem großen Kostenaufwand die möglichste Rentabilität zu erzielen. 277 Wohl hatte man damals noch keine Idee von dem großen Verkehr, den die Gotthardbahn zu bewältigen berufen war, und da es sich später herausstellte, daß Bayern und auch zum Teil Württemberg bei dem Gotthard nicht den gehofften Vorteil erlangten, so hätte ein solches Projekt wohl noch mehr erwogen werden können. Allein nachdem sich schon die schweiz. Bundesregierung und die schweizerischen Hauptbahngesellschaften für den Gotthard geeinigt hatten, und das neu errichtete deutsche Reich mit dem die gleichen Interessen verfolgenden geeinigten Italien diesen von der eidgenössischen Regierung por- tierten Paß, der in der Mitte der Schweiz gelegen, doch am ehesten geeignet war, den meisten Interessen zu dienen, als Verbindungslinie gewählt hatten, war jeglicher Versuch, dem Fusionsprojekte Eingang zu verschaffen, durchaus aussichtslos. Wir sind nicht im Fall, dieses Fusionsprojekt nach seiner technischen und kommerziellen Seite hin zu beurteilen, hingegen erweckte dasselbe bei verschiedenen hohen Persönlichkeiten, sowie auch bei anerkannt tüchtigen Technikern großes Interesse, wie , dieses durch die Teilnahme Valvassoris, technischer Inspektor des Mont Cenis-Tunnelbaues, an La Niccas Voruntersuchung der Fall war. Eine genaue Beschreibung des Fusionsprojektes wurde samt erläuternden Zeichnungen und Plänen von La Nicca seinerzeit allgemein verbreitet. Hievon befinden sich Exemplare in den verschiedenen Kantonsarchiven und -Bibliotheken, sowie bei vielen Privaten unv der Familie La Nicca. Bei zwei einflußreichen, hochstehenden Persönlichkeiten des deutschen Reiches fand das Projekt große Anerkennung; es waren dies Prinz Wilhelm von Baden, Bruder des regierenden Großherzogs und Fürst von Sigmaringen. La Nicca wurde der Reihe nach zu diesen beiden Herrschaften eingeladen, zuerst von Prinz Wilhelm auf sein Schloß Kirchberg am Bodensee, wo der Prinz nach aufgehobener Tafel sich von La Nicca das 278 neue Projekt ausführlich erklären ließ; ein gleiches geschah von Seiten des Fürsten von Sigmaringen auf seinem Schlosse Weinburg bei St. Margrethen. Diese beiden Herren ermutigten La Nicca, sein Projekt Bismarck vorzulegen und begleiteten dasselbe mit einer schriftlichen Empfehlung. Mit diesem Projekte trat La Nicca erst in die Oeffent- lichkeit, als die Verträge für die Gotthardbahn schon festgestellt waren, weshalb er sowohl bei der schweizerischen Bundesbehörde, als auch iu Berlin die höfliche Antwort erhielt, es seien schon bindende Verpflichtungen für die Gotthardbahn eingegangen worden, die ein Eintreten in das vorgelegte Projekt durchaus nicht mehr gestatten. Es wurden indessen von einem mit La Nicca befreundeten Mitgliede des deutschen Reichstages während jenen Sitzungen im Oktober 1871, in welchen die Alpenbahn- frage diskutiert und der Subsidienbeitrag für die Gotthardbahn genehmigt wurde, einige Exemplare des La Nicca'schen Fusionsprojektes im Sitzungssaale aufgelegt. Der Abgeordnete von Stuttgart, Moritz Mohl, fand sich sodann veranlaßt, in ehrender Anerkennung dieses Projekt zu erwähnen, indem er Folgendes sprach: „Wenn der Gegenstand Gotthardvertrag nicht „in seinem letzten Stadiums wäre, so würde ich auf einen im „höchsten Grade ausgezeichneten und geistreichen Plan hinzuweisen mir erlaubt haben, den einer der ersten europäischen „und schweizerischen Ingenieure, Oberst La Nicca von Chur, „entworfen hat, vermöge dessen die Gotthardbahn eine kleine „Ablenkung erhalten und eine Kabelbahn gebildet haben „würde, wovon der eine Teil über Chur, der andere über „Flüelen gegangen und so der Osten der Schweiz und der „Westen durch die Gotthardbahn vermittelt worden wäre, allein „im gegenwärtigen Stadium kann leider von diesem geistreichen, ausgezeichneten Plane keine Rede mehr sein." 27. Kapitel. La Nicca fühlte sich allerdings als geschlagener Feldherr, und so schreibt er denn in sein Tagebuch: „Jedenfalls bleibt „mir die Befriedigung, mit dem Aufgebot all meiner geistigen „und materiellen Kräfte für das Beste beharrlich gewirkt und „gekämpft zu haben, ohne andere Gunst zu verlangen, als das „Gelingen meiner wohlgemeinten, mühevollen Bestrebungen. „Obschon mein Fustonsprojekt, die Idee einer doppelarmigen „Alpenbahn als gescheitert zu betrachten ist, so bildet dasselbe „doch einen wichtigen Beitrag zur Alpenbahngeschichte, indem „es zeigt, wie durch dasselbe den Interessen der ganzen Nord-, „Mittel- und Ostschweiz hätte entsprochen werden können." Nun waren alle seine Eisenbahnprojekte zu Grabe getragen. Seit dreißig Jahren hatte er unermüdet für dieselben gearbeitet. Er war einer der ersten europäischen Ingenieure, jedenfalls der erste Schweizer, der die Idee der Alpenbahn bestimmt und praktisch aufgefaßt hatte; unterstützt wurde er in seinen Anfängen durch seine Freunde Friedrich von Tscharner, Nationalrat Bapt Bavier, Ulrich von Planta und Killias. Wir haben schon erwähnt, wie sehr Tscharner durch den Bau einer Handelsstraße durch Graubünden seinerzeit als Staatsmann sich verdient gemacht hatte; mit eben solcher Thätigkeit und Erfolg wirkte Bavier später für das Postwesen des Kantons Graubünden. Killias war der erste Bündner, der gründliche Eisenbahnverwaltungskenntnisse besaß. 280 indem er die Stelle des Betriebsdirektors der Monza-Mailand- bahn schon anfangs der Vierziger Jahre innehatte. Nicht nur diese Männer allein, sonder» alle einsichtsvollen Bnndner waren von der Ansicht durchdrungen, daß das Bündnervolk in seinen weitverzweigten, abgeschiedenen Alpenthälern nur dann im ganzen Umfange diejenige Kulturstufe erreichen und festhalten könne, zu der es von Natur durchaus befähigt ist, wenn es durch hinreichende Verkehrswege mit der übrigen gebildeten Welt ungehindert in Verbindung gebracht werde. Darum auch die großen Opfer, die sich das Volk für den Straßenbau auferlegt hat. Es haben daher die obenerwähnten Männer (bündnerische Transportgesellschaft 1842), als das Problem der Eisenbahn gelöst und die Ausführbarkeit derselben thatsächlich erwiesen war, sofort die Hand aus Werk gelegt, zuerst die Miteidge- nossen in St. Gallen, Glarns, Zürich und Basel zur Mitarbeit aufgefordert und dann auch den südlichen Nachbar Piemont für dasselbe gewonnen. Basel und Zürich hatten sich dem Staatsvertrage mit Piemont nicht angeschlossen, weil Basel seine Interessen am Gotthard suchte und Zürich schwankend in der Mitte stand, obwohl seine natürliche Alpenstraße seit Alters her durch Bünden führte. Doch nahm es bis zur politischen Uebermachtsstcllnng des Gotthards an den Unter- handlungen für die bündnerische Alpenbahn immer teil, hatte derselben auch schon Subsidien zugesagt. Es war auch gelungen, das Interesse der süddeutschen Staaten und Preußens auf die Lukmanierbahn zu lenken. Die Teilnahme Deutschlands wurde durch die politische Situation von 1848 bis zur Gründung des deutschen Reiches dann aber wesentlich abgeschwächt. - Verhängnisvoll für die bündnerische Eisenbahn war dann aber die Verschmelzung der Südostbahn mit den beiden Seiten- 281 bahnen, der St. Gallen-Appenzell- und Glattthalbahn, wobei sie ihr Mandat als Konzessionärin des Lukmaniers einbüßte. Rothschild, als Hauptinhaber der »Usunion ünaiieiöro«, unter deren Leitung die «Union Suisso« stand, bewies durch die Richtübernahme der Lukmanierkonzesston in den Gesellschafts- oertrag derselben, sowie durch sein späteres Vorgehen, daß er das Lukmanierunternehmen eher zu hemmen, als zu Portieren geneigt sei. Wäre es ihm aber seinerzeit gelungen, die Nordostbahn für die »Union Lnisso« zu gewinnen, so wäre das ganze Schwergewicht der Mittel- und ostschweizerischen Bahnen dem Lukmanier zugefallen und seine Ausführung ohne Zweifel vollführt worden. Immerhin muß man das Vorgehen Peruzzis bedauern, der im Moment, wo sich die Tessinerkonzession ihrem Ende zuneigte, den schon stipulierten Vertrag durch seine Kantionsforderung in Frage stellte, so daß bei dem kurz gestellten Termin und der wenigen Beliebtheit des Lnkmanier- komitees es nicht möglich war, die beiden Kantone St. Gallen und Granbnnden zu der gemeinschaftlichen Uebernahme der Kaution zu veranlassen. In Bünden war weder die Regierung, noch das Volk den Konzessionsinhabern gewogen, und das italienische Ministerium benutzte gern die Gelegenheit, dieses Verhältnis aufzulösen und es durch ein mehr seinen Interessen entsprechendes zu ersetzen. Es ist aber ungerecht, das Mißlingen des Lukmanier- komitees La Nicca zuzuschreiben. Er zweifelte durchaus nicht daran, daß es demselben gelingen werde, die verlangte Kaution zu erlangen, und das Abweisen Peruzzis im Moment, wo er in Paris mit Brassey und Giles und den französischen Ingenieuren über die Organisation für die Bauleitung und Bauten der Lukmanierbahn Unterhandlungen pflegte, berührte ihn aufs peinlichste. Hiedurch wurde indessen das Unternehmen durchaus 282 nicht geschwächt, Italien war sehr bereit, die abgebrochenen Unterhandlungen und zwar noch unter günstigern Bedingungen und gestützt auf die schweizerischen Regierungen wieder aufzunehmen. Brasset) und Giles waren aufs äußerste bemüht, die Lukmanierbahn zu bauen, die sie für den festen Preis von 81 Millionen Franken, wovon zwei Millionen für die Verbindungsstraße berechnet waren, ohne den Tunnel, auszuführen sich verpflichteten; dazu gewährleu sie eine Anleihe von 11 Millionen, der italienische Staat eine solche von 25 Millionen; für die übrigen 45 Millionen sollten noch die Subsidien der italienischen Städte, sowie diejenigen der Schweizer Kantone verwendet und das Uebrige durch Aktien und Obligationen gedeckt werden. Die Bauunternehmer machten sich dabei anheischig, für den dritten Teil letzterer Summe von sich aus Aktienzeichnungen zu garantieren. Wäre dann im Laufe der Sechziger Jahre die Bahn bis zum Tunnel erstellt worden, so hätten die Staaten wohl nicht gezögert, durch gemeinsame Mittel den Tunnelbau auszuführen. Wir überlassen es den Lesern, einen Vergleich über die Kosten, die der Gotthard erforderte, mit diesem fest beschlossenen Bauverträge der englischen Firma für den Lukmanier anzustellen. Von der Opposition und den Intriguen des Tessiner- volkes, die das große, gut und fest eingeleitete Werk der Lukmanierbahn durch Konzessionsentziehung zerstörten, haben wir schon oben eingehend berichtet. Nachdem die Geburtswehen, die das Gotthardnnternehmen durchzukämpfen hatte, schon längst verschmerzt und durch das blühende und kräftige Dasein dieser Schöpfung gerechtfertigt sind, so ist es allerdings einleuchtend, daß eine Alpenbahn, die die Mitte der Schwei; innehält, politisch und kommerziell mehr Berechtigung hatte als eine solche, welche nur den östlichen Teil der Schweiz durchzogen hätte; was letzterer den 283 Vorzug gewährte, war ihre leicht zu bewältigende technische Ausführung Um den Verlauf der Eisenbahnangelegenheiten nicht zu unterbrechen, haben wir es unterlassen, andere Arbeiten zu erwähnen, mit denen La Nicca sich während jener Epoche ebenfalls beschäftigt hat. Er war wohl seinerzeit derjenige schweizerische Ingenieur, den man bei der Losung schwieriger hydraulischer Fragen in unserm Lande am meisten zu Rate zog. Wir können aber nicht alle Expertisen, zu denen er berufen, und alle Gutachten, die er abgegeben hat, hier anführen, sowie wir auch früher manche interessante Aufträge, die an ihn gestellt wurden und denen er entsprochen hat, Übergängen haben. Zwei Werke, denen La Nicca eine sehr lange, andauernde Thätigkeit gewidmet hatte, wurden im Jahre 1863, infolge der neuen Organisation der eidgenössischen Militär- und Bauverwaltnng von diesen an die Hand genommen, wodurch die früher damit betrauten Behörden ihrer Mission enthoben wurden. Das eine war das Linthwerk, an dem La Nicca als technisches Mitglied der Linthkommission und Ingenieur derselben während 22 Jahren gearbeitet hatte. Das andere war das Festungswerk der Luziensteig, welches unter seiner Leitung neu erbaut und ihm zur Verwaltung während 32 Jahren unterstellt war. Das Baudepartement des Kantons Bern übertrug La Nicca die Korrektion der Aare im Haslithal, für die- er im Jahre 1866 ein Projekt entwarf, das sich von den Anfängen dieses Flusses bis zu dessen Einmündung in den Brienzersee erstreckt und nach diesem Plane^ ausgeführt wurde. Das Vorbereitungskomitee der Brünigbahn beauftragte ihn ebenfalls, ein Tracä für dieselbe zu entwerfen und beschäftigte ihn diese Angelegenheit Ende der Sechziger Jahre. Das Projekt für die Glanebrücke, die als solider,' schmucker 284 Bau die Straße zwischen Freibnrg und Bulle ziert, ist ebenfalls von La Nicca entworfen worden. Mit einer sehr schwierigen hydraulischen Aufgabe betraute ihn im Jahr 1861. die Regierung des Kantons Aargau. Es war dieses die Korrektion des Aabaches, mit welcher er sich schon im Jahre 185 > beschäftigt hatte, sowie hauptsächlich auch die damit verbundene Tieferlegung des Hallwylersees. Auch vom Ausland her wurden ihm Projekte von Wasserbauanlagen eingesandt; unter denselben befand sich auch ein solches für einen Nord- ostseekanal; eine italienische Gesellschaft wollte ihn zur Uebernahme der Entsumpfung des Podeltas engagieren, was er natürlich ablehnte, während er hingegen der Aufforderung einer Unternehmungsgesellschaft Folge leistete, die sein schon im Jahr 1842 entworfenes Projekt für die Entsumpfung der Gegend zwischen Pisa und Lucca ausführen wollte, zu welchem Zwecke er sich im Frühling 1864 nach Florenz begab. Leider konnte aber auch dieses Mal keine Totalkorrektion vorgenommen werden, weil mittlerweile Partialkorrektionen stattgefunden hatten, in die man nicht eingreifen durfte. Da er auf dieser Reise von seiner Tochter und einer Nichte begleitet wurde, so benutzte er diesen Anlaß, um mit seinen Reisegefährtinnen weiter nach Süden vorzudringen und Rom, wo der heilige Vater, von den Franzosen beschützt, noch unumschränkt regierte, und Neapel, das eben von den Bourbonen sich befreit hatte, zu besuchen. In diesem Jahr machte' er auch ein Projekt für eine Eisenbahn von Chur nach Thusis im Auftrage einer Mailänder Gesellschaft, welche ein Splngenprojekt durch die Ingenieure Antouini und Vanetti ausarbeiten ließ. 28. Kapitel. Nachdem wir nun in den Hauptzügeu über La Niccas Thätigkeit berichtet haben, gelangen wir zuletzt noch an die Darstellung der Iuragewässerkorrektion, die seinem öffentlichen Wirken einen schönen, reichen Abschluß gewährt hat. Wir haben, wie es der Fortgang der Lebensgeschichte La Niccas mit sich brachte, schon zu wiederholten Malen Mitteilungen über dessen Anteil an der Forderung dieses Unternehmens gemacht, allein um die Bedeutung des großen Werkes zu ersassen, glauben wir, daß eine kurze Darstellung der Geschichte desselben unerläßlich sei. Wir lassen daher hier einen Auszug aus dem Werke Dr. Schneiders „Geschichte der Juragewässerkorreküon" folgen, wobei wir uns getreu an Schneiders Arbeit halten, da wir über diesen Gegenstand sonst keine andern Quellen benutzt haben; hingegen werden wir hie und da einige Bemerkungen beifügen, die La Nicca besonders betreffen. Personen, die sich eingehender mit der Juragewässerkorrektion beschäftigen wollen, verweisen wir auf dieses Werk und die demselben beigegebene, von La Nicca verfaßte Baubeschreibung, oder aus Morlots Arbeit in der schweizerischen Bauzeiinng 1895. Das Gebiet der Iuragewässerkorrektion beginnt bei Entreroches und dehnt sich zwischen Orbe, Chavaney und Ependes bis an das Neuenbnrger Gestade aus; es ist das Tiefland, welches die Gewässer des Talant, der Orbe und der 286 Zihl durchstießen; sodann umfaßt es alles Tiefland von Payerne bis zum Murtensee, das ganze dortige Flußgebiet der Broye und kleinen Glane bis zu ihrem Einfluß in den Neuen- burgersee, sowie auch alles Tiefland, das sich vom Neuen- burgersee an zwischen der Jurakette und der Hügelreihe, die sich dem Aarlaufe entlang bis nach Solothurn erstreckt, befindet. Es umfaßt den Neuenburger-, Vieler- und Mnrten- see mit ihren Ein- und Ausflüssen, sowie den ganzen Aarlauf von Aarberg bis Solothurn. Als Ursache der Versumpfung wird das geringe Gefalle betrachtet, das die Gegend von Entreroches bis Solothurn in einer Ausdehnung von 110 Kilometern dem Abfluß der Gewässer darbietet. Die Höhe des Mooses bei Entreroches beträgt 442 Meter über Bteer und der mittlere Aarwasserstand bei Solothurn nur 429 Meter, so daß der Höheunterschied in dieser Ausdehnung nur 13 Meter beträgt. Diesem geringen Abflusse steht das starke Gefäll der sich in dieses Tiefland ergießenden Gewässer entgegen, die von steilen Abhängen rasch hinabfließen, ihr Geschiebe mitreißen und es im Tiefland, wo das Gefäll schwach wird, anhäufen. Der in diesen Gebieten vor der Korrektion sich befindliche Sumpf- und Moorboden bedeckte eine Fläche von 67,000 Jucharten oder 24,000 Hektaren. Allein das Brachliegen ^ eines so großen Areals war noch das kleinere Uebel, im Vergleich mit den schädlichen Wirkungen, die die Ausdünstungen dieser Sümpfe und Moore sowohl auf die Gesundheit der Anwohner, als auch auf das Klima der ganzen Gegend ausübten. Die Vegetation im ganzen Umkreise blieb durch die große Feuchtigkeit und die Moderluft eine höchst kümmerliche. Aber ganz besonders unheilbringend waren für diese Gegenden die häufigen, durch Hochwasser verursachten Ueber- 287 schwemmungen, die auch das gut angebaute Land verheerten und die Wohnstätten der Menschen bedrohten. Diese Versumpfung war um so bedauerlicher, als die Beschaffenheit des Bodens, der hauptsächlich aus Süßwasser- molasse besteht, sowie die geographische Lage der Gegend sie zu einer großen Fruchtbarkeit berechtigt, die sie wohl auch seinerzeit besessen hat, als sie unter der Herrschaft der Römer der bevölkertste Teil Helveticas mit dessen Hauptstadt Aven- ticum war. Als La Nicca im Jahre 1841 im Neuenburgersee seine hydraulischen Messungen vornahm, entdeckte er an einigen Stellen Pfähle, deren Spitzen sich zwei Meter unter dem Seespiegel befanden und gerade die Höhe hatten,- welche der See nach der von ihm erwarteten Senkung durch die Korrektion erhalten sollte. Es waren dies die nachmals aufgefundenen Pfahlbanstationen, die er für römische Unterbauten hielt, was ihn zu der bestimmten Annahme führte, daß zur Zeit der Römerherrschaft die Seen das durch die Korrektion zu erzielende niedere Niveau gehabt hätten. Haben auch die spätern archäologischen Forschungen die Entstehung der Pfahlbaustationen einer undenkbar ältern Zeitperiode zuerkannt, so waren doch viele derselben in römischer Zeit noch bewohnt, was aus den dort aufgefundenen Gegenstände», Waffen und Münzen, sich ganz bestimmt beweisen läßt. In seiner Annahme wurde La Nicca auch durch den Unistand bestärkt, daß man bei den Korrektionsarbeiten auf dem großen Moose Ueberreste der alten Römerstraße, 15 Fuß unter dem mittlern Niveau des damaligen Wasserstandes, aufdeckte. Wohl mögen sich schon zur Römerzeit hie und da einige Hindernisse durch Ablagerung von Geröll in den Flüssen fühlbar gemacht und etwelche Versumpfung in den niedrigsten Partien der Gegend veranlaßt haben, was ein in letzter Zeit 288 der Römerherrschaft begonnener, aber unvollendet gebliebener Abflußkanal, der auf dem großen Moose bei den Korrektionsarbeiten entdeckt wurde, beweist. Allein eine wirkliche Kalamität entstand dadurch nicht, denn die Flüsse besaßen noch ein hinreichendes Gefall, um ohne Verwüstung und Überschwemmung dem Rheine zuzueilen. Auch wendeten die Römer, nm das Land vor lleberschwemmnngen zu schützen und die Gewässer- für die Schifffahrt offen zu halten, dem Wasserbau die größte Sorgfalt zu. Nachdem aber durch die Einfälle der Germanen Helvetieu seiner Einwohner entblößt worden und einer vollkommenen Verwüstung anheimgefallen war, so überfluteten die Flüsse, sich selbst überlassen, das Land und erhöhten dasselbe 'durch Sandbänke. Die Aare änderte ihren Lauf, was die geologischen Forschungen beweisen. Indem sie beim Einfluß der Zihl einen Schuttkegel bildete, trieb sie dieselbe rückstauend in die Seen zurück. Die Folge davon war, daß von der Mitte des vierten bis gegen das neunte Jahrhundert hin die drei Juraseen einen einzigen großen See bildeten, der sich von Orbe bis Viel, von Aventicum über das große Moos bis Walperswil erstreckte. Das Land ringsum, zur Wüste umgewandelt, bedeckte sich bald mit dichtem Wald. Von diesem verödeten Lande nahmen dann links von der Aare die Burgundionen, rechts die Allemanen Besitz, die bald nacheinander unter fränkische Oberhoheit gerieten. Während die Allemanen vorzugsweise Viehzucht trieben, widmeten die Burgundionen, sowie die übrig gebliebenen alten Einwohner sich mehr dem Acker- und Weinbau. Die christlichen Bischöfe gingen ihnen Hiebei mit gutem Beispiele voran, indem sie in ihren Besitztümern den Wald rotteten nnd bebaute Felder anlegten. Mit der alten Kultur waren die Heimstätten der christlichen Religion, die schon sehr frühe hier gegründet worden waren, keineswegs untergegangen. Das alte Bistum 289 von Avent'cum ließ das Licht christlichen Glaubens, trotz dem Untergänge der alten Welt und der es -umgebenden Wüste, immer noch leuchten und erst als die Gewässer die alte aven- tinische Kirche unterspnhlten und in die Grüfte der Bischöfe eindrangen, versetzte Marius, der 23. Bischof von Aventicum, im Jahre 581 seinen Sitz nach Lausanne, von wo aus christliche Sitte und Thätigkeit immer weitere Kreise und Landstriche eroberten, die bald auf das ganze Land ihre wohlthätige Wirksamkeit ausübten. Die Bevölkerung wuchs und mit ihr das Bedürfnis nach kultivierbarem Lande. Auf dem Abhänge des zwischen dem Murtner- und Neuenburgersee gelegenen Jensberg, auf den Ruinen der römischen Petenisca wurde das Stift Bürzeln gebaut. Es ist wohl den Bemühungen der Geistlichen von Bürzeln zuzuschreiben, daß zur Zeit des zweiten burgundischen Reiches, unter den Königen Rudolf I. und II., Konrad und dessen Gattin Bertha, die Aare in ihr altes Bett nach Dotzigen, Maienried und Büren zurückgedrängt wurde. Die Folge davon war, daß die Juraseen sich senkten, das Land in ihrem Bereiche sich mehr und mehr entsumpfte, so daß im elften Jahrhundert das große Moos von den Bürgern von Neuenburg als Weidgang benutzt werden konnte, und der Bischof von Lausanne sich getraute, das Kloster Johansen im Jahr 1091 auf einer Stelle zu erbauen, die in den letzten Jahrhunderten größtenteils unter Wasser stand, die Grafen von Nidau ihr Schloß im Jahre 1242 und ihre Stadt 1338 an einer Stelle erbauten, die später von einem großen Sumpfe umgeben war. Diese Berbältnisse änderten sich aber im Laufe der folgenden Jahrhunderte in ungünstiger Weise. Bei der Einme, die sich unter Solothurn in die Aare ergießt, traten in manchen Jahrgängen Hochwasser ein, wodurch der regelmäßige Abfluß der letzteren gestört wurde, was Ueber- schweminunge» in der Gegend von Solothurn verursachte und auch rückstauend auf die Zihl einwirkte. lg 290 Aber auch bei der Aare und Saane ereigneten sich Hochwasser, die in den Niederungen des Seegebietes Schutt- und Schlammansammlungen zurückließen und das Flußbett der Aare erhöhten, wodurch der regelmäßige und genügende Abfluß der Zihl in dieselbe gehemmt und infolge davon die Juraseen derart gestaut wurden, daß der Wasserstand derselben wesentlich erhöht und ihre Gestade gefährdet wurden, was ebenfalls stauend auf den Einfluß der Broye, Zihl, Orbe und kleinen Glane einwirkte, so daß die große Ebene im Gebiete der Juraseen in Sumpf und Moorland verwandelt wurde. Das Uebel verschlimmerte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert und spottete allen Vorkehrungen, die zu dessen Abhülfe von den Gemeinden und Kantonen vorgenommen wurden. Im l 8. Jahrhundert entstand eine Anzahl von Projekten zur Hebung der Uebelstände, doch wurde keines derselben ausgeführt; hingegen hatte die unternommene teilweise Räumung des Zihlbettes von Kies und Schlamm zeitweise etwelche Besserung zur Folge, ohne aber eine gründliche Abhülfe zu schaffen, so daß die Kalamitäten im 19. Jahrhundert nur um so mächtiger auftraten. Die nach dem Projekt des badischen Oberingenieurs Tulla so sehr gelungene Korrektion der Linth veranlaßte die Regierung von Bern, diesen ausgezeichneten Hydrauliker mit dem Studium eines Entsumpfungsprojektes für die Juragewässer zu beauftragen. Derselbe entwarf auch einen Korrektionsplan für die verschiedenen Abteilungen des in Frage stehenden Gebietes, ohne daß er die beim Walensee vorgenommene Maßnahme, nämlich die Leitung des Hauptflusses in den See, hier anzuwenden für nötig fand. Dieses geschah im Jahre 1816. Allein die verschiedenen beteiligten Regierungen konnten sich für die Ausführung nicht einigen, so daß Tulla, der durch seine Amtsgeschäfte vollauf in Anspruch genommen und dabei kränklich war, sich nicht veranlaßt sah, sein Projekt auszuarbeiten. 291 Im Jahre 1830 ereignete sich im Kanton Bern die große Regierungsänderung, bei welcher an der Stelle des Patriziates der Bürgerstand die Leitung des Staates übernahm. Neue Männer mit frischen Kräften und zeitgemäßen Ideen und Bestrebungen nahmen die öffentlichen Geschäfte in die Hand; es war für diese eine Gewissens- und Ehrensache, das ihnen geschenkte Zutrauen durch die That zu rechtfertigen. So wurde auch der Entsumpfung des Seelandes ein regeres Interesse zugewendet. Die Hochwasser des Jahres 1831 hatten den Notstand wieder schlimmer als je eintreten lassen. Infolge davon faßte der Schutzverein von Nidau (in jedem Bezirke des bedrohten Landes bestanden Schutzvereine, die die Gewässer zu beaufsichtigen hatten), hauptsächlich durch Dr. Rudolf Schneider angeregt, den Entschluß, alle Schutzvereine der übrigen bedrohten Ortschaften aufzufordern, zu einem einzigen Verein zusammenzutreten, der sich die Ausführung einer vollständigen und rationellen Korrektion der Juragewässer zum Ziele setze. Auf die vielfachen Bemühungen dieser Männer hin fand dann wirklich am 3. März 1833 eine Versammlung nicht nur der direkt Beteiligten, sondern auch anderer angesehener und gemeinnütziger Männer, darunter verschiedene Regierungsräte, in Murten statt. Es waren bei derselben 120 Personen anwesend. Der Verein hatte die Regierung von seinen Bestrebungen in Kenntnis gesetzt und um wohlwollende Unterstützung derselben angegangen. Die Versammlung beschloß, das vom Schutzverein von Nidau beantragte Programm anzunehmen und durch Wort und Presse die gesamte schweizerische Nation zur Mitwirkung aufzufordern. Es war besonders Vater Zschokke, der im „Schweizerboten" einen sehr patriotischen Aufruf an alle Eidgenossen ergehen ließ, auch wurde eine Broschüre über das Entsumpfungswerk verbreitet. Der Schutzverein von Nidau wurde als Zentralkomitee, das die Geschäfte zu besorgen hatte. 292 ernannt. Seine erste Thätigkeit richtete sich dahin, die Regierung von Bern zu veranlassen, abermals die Entsumpsungs- frage durch einen tüchtigen Ingenieur prüfen und mit Benutzung der Pläne Tullas einen neuen Korrektionsplan anfertigen zu lassen. Die Regierung entsprach diesem Gesuche und beauftragte damit Oberst Lewel. Am 6. Dezember 1834 versammelten sich die Vertreter der beteiligten fünf Kantone, Bern, Neuenburg, Freiburg, Waadt und Solothurn, an welche die Einladung von Bern ergangen war, zu einer Versammlung in Bern, um die Vorlage Lewels zu prüfen. Mit diesem Akte wurde dem Unternehmen die offizielle staatliche Anerkennung erteilt. Neben Lewels Projekt tauchten noch andere Projekte auf, doch unser Raum gestattet uns nicht, in alle diese Fragen einzutreten. Das Zentralkomitee von Nidau, im Einverständnis mit den übrigen Vertretern des Seelandes, richtete nun an die Regierung von Bern das Gesuch, es möchte dieselbe für die Weiterführung der Korrektionsangelegenheit eine eigene Kommission ernennen. Dieses geschah im Juni 1837. Diese Kommission hatte folgende Fragen zu beantworten: I. Soll die Korrektion eine partielle, sich nur auf den Kanton Bern erstreckende, oder eine Gesamtkorrektion des ganzen Sumpfgebietcs sein? II. Soll das Unternehmen durch den Staat oder eine Privatgesellschaft ausgeführt werden? Die Kommission entschied sich für eine Totalkorrektion und für die Ueberlassung an eine Privatgesellschaft. Es wurde nun eine Vorbereitungsgesellschaft gebildet und Einladungen zur Aktienzeichnung ausgeschrieben, die hauptsächlich in den beteiligten Kantonen, aber auch in andern Teilen der Schweiz Ausnahme fanden. In der am 29. September 1839 in Ins abgehaltenen ersten Generalversammlung wurde die Direktion der Gesell- 293 schaff und als deren Präsident Dr. Rudolf Schneider ernannt. Derselbe hatte schon bis dahin den Haupthebel für die Entwicklung der wichtigen Frage gehandhabt; er blieb auch forthin, bis zum vollen Entscheide, die Seele des Unternehmens, dem er seine volle und opferbereite Hingabe und seine besten Kräfte widmete. Die Direktion entwickelte nun eine rastlose Thätigkeit. Infolge reiflicher Beratungen, bei welchen sich verschiedene Ansichten geltend machten, beschloß sie am 7. September 1840, daß von den schon vorhandenen Korrektionsplänen abzusehen sei und ein neuer Plan entworfen werden müsse. Die Wahl des damit zu betrauenden Ingenieurs stet auf Oberst R. La Nicca, der dann auch nicht zögerte, den ehrenvollen Ruf anzunehmen, und dann so bald als es seine Berufsgeschäfte erlaubten, sich an die Arbeit begab. La Nicca benutzte für sein Projekt die vorhandenen Vorarbeiten, die für die frühern Projekte gemachten Aufnahmen, wobei er aber auch gründliche eigene Untersuchungen vornahm, um sich über die Richtigkeit der erstem Gewißheit zu verschaffen und um dann mit Sicherheit die Studien für sein eigenes Projekt vorzunehmen, dasselbe festzustellen und ausarbeiten zu lassen. Das Programm für die Jnragewässer-Korrektion war folgendes : 1. Sicherung der weiten Thalebene von Entreroches und Peterlingen bis hinab zur Solothurner Fußbrücke, in einer Länge von ungefähr 110 Kilometern, vor den Ueber- schwemmungen und Verheerungen der Aare und der Jura- gewässer. 2. Vollkommene Entsumpfung, Trockenlegung und Kultivierung der in diesem Gebiete befindlichen Sümpfe von 67,000 Jucharten. 3. Erzielung einer Wasserstraße von 50 Kilometern zur Benutzung für die Dampfschiffe. 294 Nachdem La Nicca seine Arbeit beendet hatte, sandte er am 12. März 1842 seinen Gesamtkorrektionsplan der Direktion ein. Derselbe bestand aus folgenden Hauptteilen: I. Leitung der Aare durch einen von Rappenfluh bei Aarberg nach Hagneck führenden Kanal in den Bielersee. II. Abführung der im Bielersee vereinigten Gewässer der Aare und Zihl durch einen Kanal, der von Nidau nach Büren führt. ^Verschiedene Durchschnitte des Aarlaufes zwischen Büren und Solothurn, um dem ganzen Flusse ein gleichmäßiges Gefäll zu verschaffen. III. Korrektion der obern Zihl zwischen dem Neuenburger- und Bielersee und der untern Broye zwischen dem Murten- und Neuenburgersee, um ebenfalls ein gleichmäßiges Ge fäll mit den obigen Gewässern herzustellen. IV. Entsumpfung des großen Mooses durch zwei Haupt- und mehrere Seitenkauäle. Die Direktion ließ nun das Projekt La Niccas durch eine Kommission der ersten schweizerischen Fachmänner prüfen und begutachten, unter welchen wir vor allen die Herren Oberst Dufour (nachmaliger General) und Oberst Fraisse erwähnen, welche sich in folgender Weise aussprachen: „Das Projekt berechtige die Annahme, daß durch dasselbe die Korrektion der Juragewässer und die Entsumpfung der Gegend infolge der Senkung der Seen vollständig erreicht werde." Nachdem dieses geschehen, wurde am 18. November 1843 die Generalversammlung nach Nidau einberufen, und ihr von der Direktion folgende Anträge gestellt: I. Die Korrektionspläne La Niccas sind unverändert anzunehmen. II. Mithin betrachtet die Vorbereitungsgesellschaft ihre Aufgabe, soweit sie sich auf den technischen Teil bezieht, als erfüllt. Diese Anträge wurden nun ohne Diskussion von der Versammlung einstimmig zum Beschluß erhoben, wobei nach 295 ernster Erwägung ein stürmischer Beifall erfolgte, der dann seinen Höhepunkt bei dem darauf folgenden Festessen im Stadthause erreichte. Wohl war nun ein Projekt vorhanden, das das Uebel heben sollte, allein die Ausführung bot um so mehr Schwierigkeiten dar, als das Korrektionsgebiet sich auf fünf Kantone verteilte und in jedem derselben Gemeinde- und Privatinteressen in unzähliger Menge berührt wurden. Deshalb erhob sich auch bald von verschiedenen Seiten eine kräftige Opposition gegen La Niecas Projekt. Bis zur Ausführung des Unternehmens ruhte die Opposition nicht, die selbst durch einflußreiche Persönlichkeiten, zum Teil auch durch Fachmänner, gegen La Niecas Projekt sich erhob, wobei dieselben immer wieder mit neuen Projekten und Vorschlägen auftraten und dabei vom Volke unterstützt wurden. La Nicca sah sich daher veranlaßt, durch einige Broschüren das Irrtümliche und Zweckwidrige dieser Vorschläge zu beweisen, was bei einem jeweiligen Erscheinen eines neuen Projektes auch von Seiten seiner Freunde geschah. Einen wesentlichen Stillstand brachten die politischen Wirren, die vom Jahre 1844 bis Ende 1847 alle Interessen der schweizerischen Bevölkerung in Anspruch nahmen. Als dann aber der neue Bund mit seinen Einrichtungen und Gesetzen entstanden war, da erblickten die weit und klar sehenden Förderer des Werkes gerade in demselben die Garantie zur Verwirklichung ihrer Bestrebungen. Es war auch zum Teil ihrem Drängen zu verdanken, daß in die neue Bundesgesetzgebung folgender Paragraph aufgenommen wurde: „Dem Bunde steht das Recht zu, öffentliche Werke auf Kosten der Eidgenossenschaft zu unterstützen." Es handelte sich übrigens bei der Ent- sumpfung des Seelandes und der Korrektion der Gewässer nicht nur um Opfer, die einem großen gemeinnützigen Werke gebracht werden sollten, es stellte dasselbe auch einen bedeutenden reellen Gewinn in Aussicht. Ein großes Areal 296 Landes konnte dadurch gewonnen und anderes um vieles er- tragbarer gemacht werden. Das Korrektionsgebiet hatte sehr ausgedehnte Torflager, deren Ausbeutung einen großen Nutzen abzuwerfen versprachen, die dann aber leider noch vor Ausführung des Projektes durch die Gemeinden an Unternehmer verkauft wurden. Das Projekt La Nicca hatte eine Kanalisation der Flüsse in Verbindung mit den Seen zur Benutzung durch Dampfschiffe für einen längern Wasserweg in Aussicht genommen, bei welchem einer Gesellschaft, gleich einer Bahn, die Konzession zum Alleinbetrieb hätte eröffnet werden können. Es hatte also einer solchen Gesellschaft für die an den Bau geleisteten Auslagen auch entsprechende Vorteile von Seiten des Staates, der beteiligten Gemeinden und Privaten eingeräumt werden können. Es meldeten sich auch hiefür verschiedene Gesellschaften, weshalb die Vorbereitungsgesellschaft es für angezeigt hielt, zwei Experten, Herr Ingenieur Kocher und La Nicca im Frühling 1856 nach Schottland zu senden, wo eine sogenannte schwimmende Eisenbahn, d. h. eine Trajektschiff-Berbindung auf dem Meerbusen des Tay und des Forth bestand, die die Eisenbahnzüge von einem Eisenbahnnetz zum andern auf einer Wasserstraße beförderte, wie dieses zwischen Perlh und Dundee stattfand, da man die Absicht hatte, die Juragewässer auch in solcher Weise zu benutzen. Obwohl sich eine solche Einrichtung durch die sich bei den Juragewässern ergebende Wasserstraße leicht hätte einführen lassen, so mußte man doch bald von diesem Plane abstehen, weil den Seen entlang Eisenbahnen gebaut wurden, die dem direkten Verkehr noch bessere Dienste leisteten. Es hatte dieses denn auch zur Folge, daß bei dem Korrektionsplane auf die Schiffahrt keine Rücksicht mehr genommen werden mußte und deshalb hauptsächlich die von La Nicca und Bridel gemeinschaftlich entworfene spätere Abänderung im ersten Plane La Niccas gemacht wurde. 297 Nachdem im Jahre 1856 das Seeland durch ein noch nie dagewesenes Hochwasser heimgesucht worden war, wurde aus Betreiben der unglücklichen Bewohner desselben und der Vorbereitungsgesellschast im Nationalrat folgende Motion gestellt: „Es mochte die Bundesversammlung die Korrektion der /, Juragewässer als Bundessache erklären und der Bundesrat „angewiesen werden, die erforderliche Einleitung zur Ausführung „derselben von Bundeswegen zu treffen"; worauf der Nationalrat den Beschluß faßte, den Bundesrat zur Untersuchung der Angelegenheit einzuladen. Infolge des bundesrätlichen Gutachtens beschloß dann der Nationalrat im August 1857: „Der Bundesrat möge die „technischen und finanziellen Untersuchungen für das Unternehmen vornehmen und mit den beteiligten Kantonen hinsichtlich ihrer Ansichten sich ins Einverständnis setzen." 29. Kapitel. Infolge dieses Beschlusses ernannte der Bundesrat sowohl eine technische, als auch eine landwirtschaftliche Expertenkommission zu gründlicher Untersuchung dieser wichtigen Angelegenheit. Für die technische Kommission wurden die Herren Oberbaurat v. Gerwig, Oberingenieur Hartmann, Ingenieur Oberst Müller, Professor Culmann und La Nicca ernannt. Dieselbe versammelte sich im September I8ö7 in Bern und unternahm von dort aus ihre Untersuchungen im Seegebiet. Das Resultat der Verhandlungen war folgendes: Es sei das Projekt La Niccas im Prinzip anzunehmen. Da dasselbe aber für die Schiffbarmachung der Aare berechnet war, so sollte, weil durch die Eisenbahn hinreichend für den Verkehr gesorgt sei, es insoweit abgeändert werden, daß von der Be- schiffuug der Aare Umgang genommen und als alleiniger Zweck des Unternehmens die gründliche Korrektion der Gewässer angestrebt werde, um jede weitere Ueberschwemmung zu verhüten und die große Versumpfung und Verödung des Landes zu heben. Die Baukosten wurden von der technischen Kommission auf 14 Millionen geschätzt. Die landwirtschaftliche Expertenkommission stellte dieser Auslage einen Nutzen von 12 Mill. entgegen, welcher aus der durch die Korrektion erzielten Landgewinnung und Verbesserung des schon bestehenden Kulturlandes sich ergeben werde, so daß für die großen Kalamitäten, die einem so ausgedehnten Landstriche jährlich drohten, verhältnismäßig kein so großes 299 Opfer gebracht werden mußte. Nach diesem Vorgehen hätte man denken sollen, die beteiligten Kantone würden ihr Möglichstes thun, diese hülfreiche Hand zu ergreifen und sich zu einer Einigung herbeizulassen. Allein es geschah gerade das Gegenteil. Nicht nur glaubten sich Kantone, Gemeinden und Private dadurch bedroht, daß sie für den ihnen durch die Korrektion zufallenden Nutzen auch etwelche Opfer bringen sollten, sondern es traten auch wieder allenthalben oppositionelle Ansichten gegen das Projekt La Nicca auf. Trotz diesen Strömungen setzten die nationalrätlichen Kommissionen ihre Arbeiten fort und nachdem dieselben vor den Nationalrat gebracht worden waren, faßte derselbe folgenden Beschluß: „Es sei die Juragewässerkorrektion nach dem Plane La „Niccas als ein Unternehmen zu betrachten, welches durch den „Bund unterstützt werden soll, welcher ein Dritteil der Kosten „hiefür leisten werde, sofern die beteiligten Kantone die ihnen „noch zufallenden wettern Baukosten übernehmen werden." Aber noch war die Opposition nicht gestillt. Zuletzt trat noch besonders die Frage aus, ob das Unternehmen durch eine allgemeine Bauleitung dem Projekte gemäß ausgeführt, oder ob die in jedem Kanton vorzunehmenden Arbeiten von demselben gemacht werden sollten. Die Kantone konnten sich nicht entschließen, zum vollständigen Gelingen des Projektes ihre Sou- veränetätsrechte auf ihrem Gebiete einzuschränken und zu einer einheitlichen Bauleitung Hand zu bieten. Um nun alle Hindernisse zu beseitigen, beschloß die Bundesversammlung im Juni 1867: „Die Eidgenossenschaft zahlt an „das Werk der Juragewässerkorrektion 5 Millionen, von welchen „für den Hagneck- und den Nidau-Büren-Kanal Fr. 4,340,000, „für Arbeiten Büren-Attisholz Fr. 36,000, für Korrektion der „obern Zihl und Broye Fr. 300,000 bezahlt wird. Diese „Korrektion soll nach dem von La Nicca und Bridel revidierten 300 „Projekt La Nicca ausgeführt werden. Jeder Kanton hat in „einer ihm bestimmten Zeit die Arbeiten auf seinem Gebiete „auszuführen und die Mehrkosten durch die Steuer des verbesserten Bodens, aus den Verkaufserträgnissen des gewonnenen „Landes und den Rest aus der Kantonalkasse zu decken. Der „Bund hat die Oberaufsicht über alle Bauten und erwählt „hiezu seine Beauftragten." Mit diesem Beschluß war nun die Frage definitiv gelöst und der Bau wurde sodann in Angriff genommen. Die Kantonsingenieure führten denselben unter Aufsicht des eidgenössischen Oberbauiuspektors aus, wobei die Herren Oberst Fraisse und Oberst La Nicca zu schwierigen Fragen und einer jährlichen Inspektion zugezogen wurden. Die durch La Nicca und Ingenieur Bridel vorgenommene Abänderung des ersten Planes betraf hauptsächlich den Nidau- Büren-Kanal, der dem allseitigen Wunsche der Anwohner zufolge dahin abgeändert wurde, daß das alte Flußbett der Zihl so weit als thunlich für denselben beibehalten wurde. Der von La Nicca in rationeller Weise projektierte Kanal hätte mannigfache Zerteilung des Grundeigentums zur Folge gehabt, was unendliche Reklamationen verursacht haben würde, so daß eine neue Opposition drohte, die das Unternehmen wieder ins Stocken gebracht hätte. Auch glaubte man, daß durch diese Abänderung eine wesentliche Ersparnis erzielt werden könne. La Nicca ging nur mit innerem Widerstreben an diese Abänderung, die den hydraulischen Wert seiner Schöpfung nicht unwesentlich alterierte, da es schwer hielt, bei der Verlängerung und mehrfachen Krümmung des Kanals das gleichmäßige Gefall, wie es der Abfluß aus dem See erforderte, zu erreichen. Statt einer Ersparnis verursachte aber diese Variante dem Unternehmen eine Mehrausgabe von mehr als einer Million Franken. 301 Indem die Entsumpfung des Moorlandes den Kantonen überlassen blieb, so lag die Befürchtung nahe, dieselbe werde nicht in entsprechender Weise vollendet und ausgeführt werden. Diese Befürchtung hat sich aber als unbegründet erwiesen, indem die betreffenden Kantone immer noch unermüdet an der durchgreifenden Entsumpfung ihres Gebietes arbeiten, wobei die Eidgenossenschaft sie mit neuen, reichlichen Subsidien unterstützt Es kann daher keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die vollständige Ausführung des Werkes, so wie es die Vorbereitungsgesellschaft in Aussicht genommen hatte, erreicht wird. Den beiden wackern Kämpen, Dr. Rudolf Schneider, der das Unternehmen der Juragewässerkorrektion ins Leben gerufen und es ungeachtet aller Schwierigkeiten und trotz der sich immer neu erhebenden Opposition mit der größten Energie der Ausführung entgegengeführt hat, und La Nicca, der das rettende Projekt entworfen und mit klaren schlagenden Beweisen unentwegt allen andern Ansichten und Meinungen gegenüber verteidigt hatte, sollte noch die Genugthuung werden, das Hauptwerk der Korrektion, nämlich die Einleitung der Aare in den Bielersee nicht nur zu erleben, sondern auch an der großen Festfeier, die bei diesem Ereignis am 17. August 1878 abgehalten wurde, teilzunehmen, bei welcher diesen würdigen, ausgezeichneten Männern die vollste Anerkennung ihrer Verdienste gezollt wurde. Es hatten sich zu diesem Feste der Präsident des Bundesrates, Präsident und Vizepräsident des bernischen Großen Rates, die sämtlichen Mitglieder der Regierung von Bern, die ausführenden Ingenieure und Unternehmer, sowie alle bedeutenden Persönlichkeiten der beteiligten Gemeinden, in Aarberg eingefunden, und eine große Menge Volkes sich mit ihnen beim Schleußenwerk versammelt, das die Aare von ihrem neuen Kanal trennte. Durch allmälige Wegnahme der Schleußen wurde der Fluß behutsam in sein neues Bett gelenkt, um sich in den Bielersee zu ergießen. 302 Nach dieser Vornahme und einem in Aarberg eingenommenen Mahle begab sich die Gesellschaft teils zu Fuß, teils zu Wagen bis zur neuen, den Kanal überschreitenden Walpers- wylerbrücke, von dort auf Rollwagen, mit einer Lokomotive bespannt, bis zum Hagneckdurchschnitt, durch welchen der Aarkanal den am östlichen Gestade des Bielersees sich hinlagernden Molassehöhenzug in einer Länge von 900 Metern und einer Tiefe von 34 Metern durchschneidet. Bei Hagneck bestieg die Gesellschaft ein Dampfschiff, dem noch ein Schleppschiff angehängt werden mußte, um alle Festgäste aufzunehmen. Die Schiffe brachten dieselben nach Nidau und führten sie durch den Nidau Bürenkanal bis Brügg, wo der festliche Tag noch durch ein Abendessen beschlossen wurde. Schluß. Sein letzter Lebensabschnitt gestaltete sich für 8a Nicca, obwohl er sich mit Ausnahme seiner Teilnahme an der Juragewässerkorrektion und jeweilen an der Rheinkorrektion von den Geschäften zurückgezogen hatte, immer noch ziemlich wechselvoll. In seinem Hause am Graben, das er schon im Jahre 1853 bezogen hatte, führte er, umgeben von seiner Tochter und drei Enkelinnen, ein sehr gemütliches Familienleben, das durch häufige Besuche seiner auswärts wohnenden Söhne, Verwandten und Freunde noch verschönert wurde. Im Sommer brachte er oft mehrere Wochen bei seinen am Bodensee etablierten Söhnen zu. Er liebte Geselligkeit, die er im eigenen Hause, sowie auch auswärts Pflegte. Leider wurden diese glücklichen Zeiten durch ein schmerzliches Ereignis durchaus getrübt. Sein in Turin etablierter Sohn Hans, dem ein glückliches Familienleben und ein aufblühendes Geschäft eine schöne Zukunft zu verheißen schienen, wurde von einem schweren Leiden befallen, das aller ärztlichen Kunst spottete. In der Hoffnung, ein Aufenthalt in der Schweiz werde dem Kranken Heilung bringen, wurde derselbe ins väterliche Haus nach Chur gebracht, wo aber leider schon nach 10 Tagen im Juni 1872 sein Hinschied erfolgte. Es war dieses für La Nicca und seine Familie ein unendlich schwerer, schmerzlicher Verlust. Kaum hatten sich diese aus der großen Trauer etwas aufgerichtet, als ein zweiter tiefergreifender Todesfall nochmals die Familie erschütterte, indem auch La Niccas jüngster Sohn Rudolf, der 304 neben einem eigenen Geschäfte noch dasjenige seines verstorbenen Brnders leitete, den Seinigen unter sehr peinlichen Umständen durch den Tod plötzlich entrissen wurde. Es war eine trübe Zeit für La Nicca und seine Familie, denn die Liquidation der beiden Geschäfte brachte viel Bitteres und Unangenehmes. Indessen glätteten sich auch wieder die stürmischen Wellen auf seiner Lebensfahrt und ließen ihn wieder Zeiten des gemütlichen Behagens in einem noch durch die verwaiste Familie seines Sohnes Hans vergrößerten Kreise erleben. Mit seinen Enkelinnen machte er noch einige Reisen und nahm dann in voller Lebenskraft an der Hochzeit seiner ältesten Enkelin teil, die ihm noch zwei Mal die Urenkel zum Besuch von England ins großväterliche Haus brachte. So rückte er mehr und mehr ins höhere Lebensalter hinauf. Seine Altersgenossen und auch manche seiner jüngern Freunde waren schon aus dem Leben geschieden. Sein Schwager, Landrichter Hoßli, schon im Jahre 4854, dann in den Siebenziger Jahren zuerst Arnold Escher von der Linth, der, nachdem er schon schwer krank, La Nicca beim Hinschied seines Sohnes Hans in einem Briefe seine herzliche Teilnahme ausgesprochen hatte, den letzten, den dieser edle Freund überhaupt geschrieben hat; dann Killias und zuletzt im Jahr 4880 nach langem Leiden auch Schneider. Nur Fraisse, mit dem er häufig verkehrte, überlebte ihn. So sah er sich von einer jungen Welt umgeben, und obwohl er mit merkwürdiger Lebensfrische mit der Jugend zu verkehren verstand, auch geistig klar und körperlich sehr rüstig war, so konnte er sich doch nicht immer mit dem Neuen befreunden, um so mehr, als der Mißerfolg seiner Eisenbahnbestrebnngen wie eine dunkle Wolke sich hie und da über seinem Gemüte lagerte. Im Sommer 4882 stellte sich ein ernstes Leiden bei ihm ein, dessenungeachtet begab er sich noch im August zur Inspektion der Juragewässerkorrektion nach Bern und ins Seeland. Den Winter brachte er leidend zu, doch stellte sich 305 nach Neujahr etwelche Besserung ein, so daß er noch längere Zeit allabendlich eine Partie Billard spielen konnte, in welchem Spiele er große Gewandtheit hatte. Auch an der Hochzeit seiner zweiten Enkelin konnte er im Frühjahr 1883 noch einigen Anteil nehmen. Von jener Zeit an nahmen seine Kräfte immer mehr ab, und die Tage waren wirklich für ihn gekommen, von denen der biblische Sänger sagt, daß sie uns nicht gefallen. Nichtsdestoweniger blieb er geistig klar, las stets ohne Brille und mußte nie das Bett hüten. Nachdem er am 16. August sein 90. Lebensjahr angetreten hatte und er am 21. August abends sich noch La- vaters Lied „Herr der Tage und der Nächte, meine Seele harret dein" hatte vorlesen lassen, schlief er zuerst ruhig ein, dann aber weckte ihn ein Beengungsanfall, der seinem Leben in wenigen Minuten ein Ende machte. Zum Schlüsse fügen wir dem Lebensbilde noch eine Betrachtung hinzu, die La Nicca in seinen letzten Lebensjahren bei einem Jahreswechsel in sein Tagebuch niederschrieb und folgendermaßen lautet: „Wenn man schon so alt geworden ist wie ich, so fühlt „man um so mehr das Bedürfnis, an der Pforte des neuen „Jahres einen Rückblick aus die entschwundenen Jahre zu thun. „Ich widme der liebevollen göttlichen Führung meinen kindlichen „Dank. Diese hat es ermöglicht, daß eines meiner Lebens- „werke, die Juragewässerkorrektion, der Verwirklichung nahe „gerückt ist. Auch eine andere Erinnerung tritt ermutigend vor „mich hin. In meinem Ausruf zur Teilnahme an der Rhein- korrektion im Domleschgerthale vom 20. Februar 1829 (m. s. „die Unternehmung der Rheinkorrektion im Domleschg, historisch „und technisch dargestellt, bei F. Schultheß, Zürich) sagte ich: „Einst bedeckte den Fuß des schönen Heinzenberges ein Teppich „grüner Wiesen, fruchtbarer Aecker und Baumgarten; nun liegt „das herrliche Gelände in weitem Raume in grausem Schutt so 306 „und Verwüstung. Was aber einst war, kann Fleiß und „Anstrengung wieder herstellen. Diese Hoffnung ist nun in Er- „füllung gegangen, und meine vieljährigen, beharrlichen Anstrengungen sind von dem schönsten Erfolge gekrönt worden, „obwohl vor fünfzig Jahren, wo ich den Grund zu dem Unternehmen legte, wenig Teilnahme und fast kein Geld dafür fand, „seine Verwirklichung schwierig war. „Der Allmächtige ebnet die Erde, und wir sind seine Gehülfen und Bauleute und sollen die Stosse klein und groß, „ein jeglicher in seinem Kreise liefern und formen und zusammenfügen. Wenn dann auch nicht alles so wird, wie wir gehofft „und gewünscht haben, so sollen wir uns doch geduldig darein „schicken und alles, was wir nicht begreifen, dem großen Baumeister überlassen, der's besser weiß als wir, und soll unser „Streben unentwegt dahin gerichtet sein, seinem Willen gemäß „zu handeln, jeder auf seinem Platze nach bestem Vermögen „mutig vorwärts zu streben, die Erde als eine Vorbereitungs- „station zu betrachten, von der wir auf unserer Pilgerreise zu „einer schönern, höhern und bleibenden Heimat Hinansteigen. „So leben wir hier schon in der Ewigkeit. Je mehr wir „Irdisches ins Himmlische verflechten, können wir zugleich „nützliche und glückliche Bürger der Erde sein und uns zum „Himmelreich befähigen." VO8I5/>.IöIS-^s^dusic! XL68 Ä 8s 0Z2S