Kantonsblbliotbei Bn 503.^ Granbänden - Giiur Hie Schweizerischen Erdbeben im Jahre 1887. Bearbeitet nach den von der Schweiz, Erdbebenkommission gesammmelten Berichten. ttf Inauguraldissertation zur Erlangung der pkilosopliisclierL Doktorwürde yorgelegt der hohen philosophischen Fakultät der Universität Zürich Christian Tarnutzer von Schiers, Graubünden. Begutachtet ■von den Herren Prof. Dr. A. Heim und Prof. Dr. A. Kenngott. Stäiupfli’sche Buchdruckerei in Bern. : wm r Vs ,**. ./iySs- Die Schweizerischen Erdbeben im Jahre 1887. Bearbeitet nach den von der Schweiz. Erdbebenkommission gesammmelten Berichten, Inauguraldissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde vorgelegt der von hohen philosophischen Fakultät der Universität Zürich Christian Tarnutzer von Schiers, Graubünden. Begutachtet "von. den Herren. Prof. Dr. A. Heim und Prof. Dr. A. Kenngott. Stämpfli'sche Buchdruckerei in Bern. Seiner zweiten Mutter Frau Susanne Grill in New-York in tiefster Dankbarkeit gewidmet vom Verfasser. V orbemerkung. Auch das Jahr 1887 hat gezeigt, dass die Annunaki, wie das alte Izdubarepos die Kräfte der Tiefe nennt, nicht zur Ruhe gegangen sind. Ihrem geheimnissvollen Wirken in unserm Lande nachzuspüren, verdanke ich der Anregung meines hochverehrten Lehrers, Herrn Prof. Heim, auf dessen Veranlassung hin mir die schweizerische Erdbebenkommission alles auf die Erschütterungen von 1887 bezügliche Material in freundlichster Weise zur Bearbeitung überlassen hat. Diese Berichte werden alljährlich gesammelt von den Herren: Prof. A. Förster, Bern, in den Kantonen Bern und Preiburg; Prof. L. und Ch. Soret, Genf, in Genf und Savoyen; Prof. F. A. Forel, Morges, im Kanton Waadt; Oberforstinspektor A. de Torrente, Sion, im Wallis. Prof. A. Jaccard, Locle, in Neuenburg; ^ Prof. Hagenbach-Bischoff, Basel, in Basel, Solothurn und im Aargau; Prof. A. Heim, Zürich, in Glarus, Uri, Zürich; Dr. J. Früh, Trogen, in St. Gallen und Appenzell; J. Amsler-Laffon, Schaffhausen, in Schaffhausen, im Höhgau und Schwarzwald; Prof. Hess, Erauenfeld, im Thurgau; Direktor R. Billwiller, Zürich, in Luzern, Zug, Schwyz, Unterwalden und im Tessin; Prof. Ch. Brügger, Chur, in Graubünden. Es war mein Plan, nebst einem möglichst vollständigen Verzeichniss der Erdstösse in der Schweiz und den an sie grenzenden Ländern auch die aus andern Erdgebieten bekannt gewordenen Erschütterungen aufzuzählen; da aber trotz mehrfacher freundlicher Mittheilungen aus den Nachbarstaaten diese Liste mir als eine sehr lückenhafte erscheinen musste, so habe ich mich denn in Bezug auf die fremden Stösse allein auf die Registrirung der Erschütterungen in den Grenzländern der Schweiz beschränkt. Diese Stösse sind jeweilen als eingeklammert in unserm Verzeichnisse angegeben. Für die Periode vom 19. Februar bis 1. März sind die ausserschweizerischen Stösse nicht besonders angeführt, sondern den Betrachtungen über das grosse ligurische Erdbeben vom 23. Februar einverleibt worden. Die Zeiten der eingeklammerten Stösse beziehen sich auf die Zeit von Wien, Rom, Paris etc. Auch diesmal wurden nur solche schweizerisches Gebiet betreffende Erschütterungen als Nummern aufgenommen, welche von mindestens zwei von einander unabhängigen Beobachtern empfunden wurden. 6 Die Intensitätsangaben beziehen sich auf die Skala Possi-Forel: Grad I. Mikroseismische Bewegung, notirt von einem Seismographen oder von mehrern Instrumenten derselben Art, aber nicht im Stande, Seismographen verschiedener Konstruktion in Funktion zu versetzen. Notirt von einem geübten Beobachter. v II. Stoss, registrirt von Seismographen verschiedenen Systems, konstatirt von einer kleinen Anzahl im Zustande der Ruhe befindlicher Beobachter. „ III. Erschütterung, beobachtet von mehrern Personen in der Ruhe, stark genug, dass Dauer oder Richtung geschätzt werden können. „ IV. Erschütterung, beobachtet von Personen in Thätigkeit; Erschütterung beweglicher Objekte, der Fenster, Thüren, Krachen der Dielen. „ V. Erschütterung, allgemein von der ganzen Bevölkerung bemerkt; Erschütterung grösserer Gegenstände, der Möbel, Betten; Anschlägen einzelner Hausglocken. „ VI. Allgemeines Erwachen der Schlafenden; allgemeines Anschlägen der Hausglocken, Schwanken der Kronleuchter, Stillstehen der Uhren, sichtbares Schwanken der Bäume und Sträucher. „ VII. Umstürzen von beweglichen Gegenständen, Ablösen von Gypsstücken aus der Decke und von den Wänden, Anschlägen der Kirchenglocken, allgemeiner Schrecken, noch keine Beschädigung der Bauwerke. „ VIII. Herabstürzen von Kaminen, Risse in den Mauern von Gebäuden. „ IX. Theilweise oder gänzliche Zerstörung einzelner Gebäude. „ X. Grosses Unglück, Ruinen, Umsturz von Erdschichten, Entstehen von Spalten in der Erdrinde, Bergstürze. Meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Prof. Heim, und den geehrten Mitgliedern der Schweiz. Erdbebenkommission spreche ich hier noch meinen wärmsten Dank aus für die freundliche, vielfache Unterstützung während meiner Arbeit, ebenso Herrn Direktor BUhviller für die gütige Ueberlassung meteorologischer, und Herrn Assistent Pr. Wolf er in Zürich für die Mittheilung astronomischer .Notizen. 7 21. Januar, Morgens. Unterstrass-Zlirich. Leichter Erdstoss, den ich aber, da die beiden Beobachter nicht unabhängig von einander die Erscheinung wahrnahinen, nicht zu numeriren wage. 1) 21. Januar, 8 Uhr 50 Min. Abends. Wangen a. A. (Kt. Bern). Horizontaler Erdstoss, bemerkbar durch „Knacken in den Häusern“. 2) 22. Januar, 0 Uhr 50 Min. Morgens. Sion. Ein Beobachter, dessen Haus auf Fels steht, spürte einen horizontalen Erdstoss, der 0—W gerichtet war und dessen Dauer auf zwei Sekunden geschätzt werden konnte. Der Stoss verursachte Krachen in den Kammerwänden, vermochte aber grössere Gegenstände, wie Möbel, nicht zu erschüttern. Die Intensität war nach der Skala Kossi-Forel III. Mehrere Personen hatten die Bewegung wahrgenommen. Nach einem weitern Berichte zählte man 2—3 Stösse in der N—S ßichtung. Es wurde kein Geräusch gehört. (24. Januar, Nachts. Schwacher Erdstoss in Venedig.) (26. Januar, 2 Uhr 30 Min. Abends, bis 27. Januar, 3 Uhr 45 Min. Morgens. Sieben Erd- stösse in Aquila [Abruzzen].) 3) 31. Januar, 4 Uhr 58 Min. Abends . 4) 31. Januar, 5 Uhr 47 Min. Abends . 5) 31. Januar, „kurz vor 7 Uhr“ Abends Erschütterung in Davos-Börfli. Diese drei Stösse wurden auf Schüttboden verspürt und von vielen Personen beobachtet, auch von solchen, welche auf der Strasse gingen. Der erste Stoss schien vertikal zu sein. Der zweite Stoss war deutlich wellenförmig, W—0 gehend. Objektive Wahrnehmungen werden nicht mitgetheilt; die Stärke der Bewegung aber machte mehrere Personen erschreckt von ihren Stühlen aufspringen; die Intensität scheint IV gewesen zu sein. Der erste Stoss war von „unheimlichem Bollen“ begleitet. 6) 31. Januar, circa 11 Uhr 40 Min. Abends. Erdbeben in der ganzen Nordostschweiz. 1. Februar, 0 Uhr 40 Min. — 0 Uhr 50 Min. Morgens. Unterstrass-Zürich. Ein Beobachter verspürte wachend, in sitzender Stellung, „ein Surren oder Zittern“, das von O herzukommen schien. 7) 1. Februar, 4 Uhr 57 Min. Abends. Davos-Platz. Um die bezeichnete Zeit bemerkten zwei mit Handarbeiten beschäftigte Frauen einen kurzen seitlichen Stoss in der Dichtung S—N, welcher Gegenstände auf einem Piano in starkes Schwanken gebracht haben soll. Die Bewegung war von leichtem Geräusch begleitet. 2. Februar, 4 Uhr 55 Min. Morgens, werden von einem "Beobachter in Zürich zwei Stösse, welche die Dichtung S—N nahmen, gemeldet. (2. ( 3. Februar. Zwei Erdstösse in Aquila.) 8) 3. Februar, 0 Uhr 50 Min. Morgens. Leichte Erschütterung in Lausanne; Bewegung oscillatorisch, von N nach S gehend. Man will drei Stösse empfunden haben. 9) 4. Februar, 5 Uhr 15 Min. Morgens. Oberhittnau (Kt. Zürich). Es erfolgten hier zwei sich unmittelbar folgende, anscheinend vertikale Stösse, welche von starkem, donnerähnlichem, unterirdischem Dollen gefolgt waren. Die Stösse 3—7 und 9 bilden zusammen das Erdbeben der Nordostschweiz, dessen Hauptstoss vom 31. Januar 11 Uhr 40 Min. Abends sich über ein Gebiet verbreitete, welches an Ausdehnung jedes andere schweizerische Erdbeben von 1887 übertraf, das Beben vom 23. Februar ausgenommen, das, aus Ligurien herüberkommend, die ganze Fläche unseres Landes erschütterte. 8 a,) Astronomisches. 1. Entfernung der Erde von der Sonne. Nach dem „Nautical Almanac“ war Die Entfernung der Erde von der Sonne am 31. Januar Das Minimum der Entfernung . Das Maximum der Entfernung . 0,9855669 der halben grossen Axe. 2. Januar = 0,983273 „ „ „ „ 2. Juli = 1,016724 „ „ „ 2. Entfernung des Mondes von der Erde. (H = Horizontalparallaxe, E = Entfernung von Erde und Mond.) Entfernung von Erde und Mond am 31. Januar 71—55 Min. 5,5 Sek.; E = 62,4032 Erdradien. Maximum der Erdferne . . . am 2. Januar II — 60 Min. 17,4 Sek.; E = 57,0231 „ Minimum der Erdferne ... am 28. Januar TI = 54 Min. 3,0 Sek.; E = 63,6057 „ Maximum der Erdferne . . . am 9. Februar FI — 61 Min. 6,1 Sek.; E = 56,2657 „ 3. Mondphasen und Mondkulmination. Erstes Viertel am 2. Januar 0 Uhr 50,3 Min. Abends (Berner Zeit). Vollmond am 9. Januar 11 Uhr 2,1 Min. Abends „ „ Letztes Viertel am 16. Januar 3 Uhr 51,8 Min. Abends „ „ Neumond am 24. Januar 3 Uhr 30,9 Min. Morgens „ „ Erstes Viertel am 1. Februar 8 Uhr 56,6 Min. Morgens „ „ Obere Mondkulmination am 31. Januar 5 Uhr 32,6 Min. Abends. Untere Mondkulmination am 31. Januar 5 Uhr 55 Min. Morgens. Es trafen also heim Erdbeben vom 31. Januar Perihelium und Perigäum ziemlich zusammen, und dies würde den Eintritt des Bebens begünstigt haben, wenn man überhaupt eine Fluthwirkung als begünstigendes Moment auffassen dürfte. Ein Tag nach dem Erdbeben trat der Mond in das erste Viertel; dies würde gegen den Einfluss der Mondphase sprechend sein. b) Witterungsverhältnisse. Am 26. Januar hatte der Luftdruck über West- und Mitteleuropa zugenommen; das Maximum (778 mm.) lag mit einer für dieses Gebiet ungewöhnlichen Intensität über Oberitalien. Die Schweiz erfuhr keine erhebliche Aenderung der Temperatur, ihre höchsten Stationen ausgenommen. Am 27. Januar bestand der hohe Luftdruck (775 mm.) über Süd- und Mitteleuropa fort; eine Depression hatte sich im nördlichen Eussland von NW her eingestellt, die eine bedeutende Erwärmung des Ostsoegebietes hervorbrachte. Centraleuropa hatte heiteres, meist nebliges Frostwetter; auf den Höhenstationen der Schweiz war die Witterung sonnig und mild. Die Zone des Luftdrucks bestand am 28. Januar noch immer über dem gleichen Gebiete, das Maximum lag über der Schweiz. Die erwärmte Fläche rückte vom Ostseegebiet nach Ungarn und Polen hin. Centraleuropa hatte ruhiges, trockenes, vielfach nebliges Wetter; die Höhenstationen der Schweiz meldeten Gleiches wie am vorhergehenden Tage. Am 29. Januar vergrösserte sich noch die Intensität des barometrischen Maximums über Centraleuropa. Eine Depression über Skandinavien bewirkte in der ganzen Nordhälfte des Erdtheiles eine Steigerung der Temperatur. Frostgebiet blieb nur noch der südliche Theil Mitteleuropa^; die Witterung war hier ruhig, vielfach neblig, auf den Höhen der Schweiz und am Südfusse der Alpen aber sonnig und mild. i 9 Am 30. Januar nahm der Luftdruck in Westeuropa ah; über Ost- und Centraleuropa bestand er noch mit ungefähr gleicher Intensität und Yertheilung fort. Mit Ausnahme von Basel lagen die Mittagstemperaturen der nördlichen Thalstationen der Schweiz immer noch unter Null. Am folgenden Tage, dem Erdbebentage, nahm der Luftdruck fortdauernd langsam ab, hlieh aber über dem Kontinente noch ziemlich gleichförmig vertheilt. Auf unsern Höhen und am Südfusse der Alpen dauerte das sonnige und milde Wetter fort. Dieser Darstellung des Verlaufes der Witterung vor dem Erdbeben und während desselben lasse ich drei aus den Witterungsherichten der Meteorologischen Centralstation Zürich zusammengestellte Tabellen über Luftdruck- und Temperaturverhältnisse von 12 Stationen der Schweiz an den Tagen des 30. und 31. Januar folgen, sowie eine Uehersicht der in Zürich gemachten Beobachtungen vom 26.—31. Januar. Die Mittelwerthe sind aus 2 Tagesbeobachtungen (7 Uhr Morgens und 1 Uhr Abends) genommen. Zürich. Datum Mittlerer Barometerstand Aonderung des Bar. in 24 h. Mittlere Temperatur Aenderung der Temp. in 24 h. Januar 26 733,1 + 3,1 — 4,5° — 2 Januar 27 733,1 — 0,5 — 6,5° — 3 Januar 28 733,4 + 0,8 — 5,5° + 1 Januar 29 733,4 — 0,8 — 6,5° 0 Januar 30 731,3 -1,8 — 5° 0 Januar 31 729,7 -1,6 1 'UI © — 1 30. Januar. Ort Mittlerer Barometerstand Aenderung des Bar. in 24 h.. Mittlere Temperatur Aenderung der Temp. in 24 h.. Zürich . 731,3 -1,8 — 5° 0 Glarus . . 731,5 -1,8 — 8° + 2 Basel 748,6 -2,1 — 1,5° + 1 Bern . . 723,1 -1,1 — 6° 0 Luzern . . 733,1 -1,8 — 5° + 2 Lugano . . 748,8 -2,3 + JX> 'OT © + 2 Castasegna 710,5 — 2 + 3° 0 Trogen . . 695,4 -1,9 + 4° + 9 Davos . . 639,9 — 0,9 — 4,5° + 1 St. Gotthard 599,2 -1,1 0° + 2 Säntis . . 571,9 — 0,8 0° — 3 Andermatt 649,5 — 0,3 — 6° — 5 2 10 31. Januar. Ort Mittlerer Aenderung Mittlere Aenderung Barometerstand des Bar. in 24 ix. Temperatur der Temp.in 24 3i. Zürich . . 729,7 -1,6 -6,5° — l Glarus . 729,6 ~1,7 — 9° — 2 Basel . 746,8 -1,9 o vT i — 1 Bern . . 721,3 -1,9 — 6,5° + 1 Luzern . . 731,3 -1,9 — 5,5° 0 Lugano. . 746,7 -1,8 + 2° — 1 Castasegna 703,5 -1,9 + 5° + 1 Trogen. . 693,6 -1,8 + 1° — 3 Davos . . 637,4 -2,7 — 4,5° 0 St. Gotthard 598,7 + 1,3 -1,5° — 1 Säntis . 569,7 -2,6 — 0,5° 0 Andermatt 647,4 -2,5 — 4,5o + 3 Uelberall schon wir am Tage des Erdbebens Barometer und Thermometer niedriger stehen als am 30. Januar; das Beben der Nordostschweiz fand bei abnehmendem Luftdruck und sinkender Temperatur statt. In den Berichten über das Erdbeben finden sich nur drei Notizen über Witterungsverhältnisse : Langnau (Kt. Zürich): „Das Erdbeben fand bei sternhellem Wetter statt.“ Näfels (Kt. Glarus): „Das Barometer war über Nacht stark gefallen.“ Flims (Kt. Graubünden): „Dom Erdbeben folgte ein starker, rauschender Wind; am nächsten Morgen war eine reine Atmosphäre.“ Es sind über das Erdbeben im Ganzen 85 Berichte eingegangen; 80 davon beziehen sich auf den Hauptstoss und vertheilen sich auf 44 Orte des Schüttergebictes. 1. Das Schüttergebiet wird begrenzt von der Linie Davos-Chur-Trogen-St. Gallen-Frauenfeld-Biilach-Schönenwerd (bei Aarau) -Knonau-Einsiedeln-Linthal-Waltensburg (Graubünden) -Davos. Ob diese Grenze eine genaue ist, vermag ich nicht anzugeben, da nur sehr wenige negative Berichte eingogangen sind. Die Südwest- und Wost- grenzo haben ungefähr die gleiche Lage wie die entsprechenden Bandlinien des Erdbebens vom 18. November 1881, nach Osten und Nordosten hin war die Ausdehnung aber eine geringere. Das Prättigau blieb diesmal erdbebonfreies Gebiet; aus Tyrol und Vorarlberg sind keine Berichte ein- gogangon; die Erschütterung erreichte keinen Ort am Bodensee, und nach Norden hin war die Ausbreitung eine bedeutend geringere: Schaffhausen meldet nichts mehr, und unter den aus dem Grossherzogthum Baden eingetroffenen Berichten über Erdbeben von 1887 bezieht sich keine Notiz auf eine Erschütterung vom 31. Januar. Unser Schüttergebiet hat auf der Linie Davos-Schönenwerd eine Länge von 150 km., die Breite beträgt auf der Linie Einsiedeln-Trogen etwa 60 km.; die Linie Trogen-Schönenwerd ist 108 1cm. lang. 11 Der Ausbreitungsbezirk bat eine ähnliche oder gleiche Lage wie derjenige der Beben vom 2. Mai 1877 und vom 18. November 1881; der grösste Durchmesser stellt sich quer zum Streichen der Alpen, der kleinste Durchmesser (Trogen-Einsiedeln) ist zu diesem Streichen parallel — unser auf einer verhältnismässig Meinen Fläche aufgetretenes Erdbeben ist also ein deutliches Transversalbeben. !3. Zeit. Yon den 80 Berichten über den Hauptstoss kann bloss aus 9 Notizen genau ersehen werden, dass die Zeitangabe Tclegraphenzeit ist. Die genauem Angaben über den Eintritt des Hauptstosses liegen zwischen 11 Uhr 30 Min. und 11 Uhr 45 Min. Abends, die meisten liegen zwischen 11 Uhr 40 Min. und 11 Uhr 45 Min. Yon den 22 Berichten aus der Stadt Zürich und ihren Ausscngemeinden haben wir die Angabe 11 Uhr 40 Min. von der Sternwarte und 3 Angaben mit Telegraphenzeit: eine mit 11 Uhr 40 Min., die andere mit 11 Uhr 42 Min. 1 Sek. und mit 11 Uhr 40 Min. 30 Sek. Ein Bericht ist ohne Zeitangabe, 9 andere Berichte geben an: „kurz vor Mitternacht“, „ungefähr 11 Uhr 45 Min.“, 11 Uhr 30 Min., „ungefähr 11 Uhr 42 Min.“, 11 Uhr 50 Min., 11 Uhr 55 Min., „vor 12 Uhr“, 11 Uhr 45—55 Min. Scheidet man diese 10 Berichte aus, so bleiben neben den 4 zuerst genannten (11 Uhr 40 Min. Sternwarte, 11 Uhr 40 Min., 11 Uhr 42 Min., 11 Uhr 40 Min. 30 Sek.) noch folgende Berichte: 1 Bericht 11 Uhr 39 Min. (elektrische Uhr St. Peter). 1 Bericht 11 Uhr 46 Min. 30 Sek. (elektrische Uhr St. Peter). 2 Berichte 11 Uhr 40 Min. 2 Berichte 11 Uhr 42 Min. 2 Berichte 11 Uhr 45 Min. 8 Berichte; Mittel =11 Uhr 42 Min. 26 Sek. Dieser Mittclwerth kann kein brauchbarer sein. Nach der zuverlässigsten Angabe (Sternwarte) fällt der Eintritt des Bebens in Zürich auf 11 Uhr 40 Min. Berichte mit Telographenzoit von Glarus und Waltensburg (Graubünden) geben 11 Uhr 45 Min. an, einer von Herisau nennt sogar 11 Uhr 47 Min. Aus Ebnat, St. Gallen und Flims stammt je ein Bericht, der die Tclegraphenzeit zu 11 Uhr 40 Min. angibt, Lachen nennt 11 Uhr 41 Min. Telegraphenzeit. Die nach den Tolegraphonuhron verifizirten Angaben difforiren für Herisau und St. Gallen um 2—5 Min., für Lachen und Glarus um 4 Min. In Zürich selbst haben wir, wie wir gesehen, Unterschiede von 2 Min. Prüft man die übrigen, am zuverlässigsten erscheinenden Angaben, so fallen die meisten auf 11 Uhr 45 Min., und zwar von 21 Orten des Schüttergobiotes (Zürich, Thalweil, Richtersweil, Lunnorn, Langnau, Käpfnach, Wängi, Winterthur, Oberhofen-Münchweiler, Frauenfeld, St. Gallen, Lichtcn- steig, Batzenheid, Kappel, Weesen, Mollis, Schwanden, Glarus, Linthal, Elm, Chur). Dann kommen 8 Ortschaften mit der Zeitangabe 11 Uhr 40 Min. (Zürich, Knonau, Biffersweil, Einsiedeln, Glarus, Oberwangen, Kaltbrunn, Herisau). 11 Uhr 41 Min. meldet Rapperswyl, 11 Uhr 42 Min. Zürich, 11 Uhr 43 Min. geben lllnau, Oberutzwyl, Herisau an und 11 Uhr 44—45 Min. Hitinau und (sikon. Nehmen wir die zuverlässigste Angabe von 11 Uhr 40 Min. für Zürich, ferner die an der Telcgraphenuhr abgelescne Zeit von 11 Uhr 40 Min. an den von Zürich weitentfernten Orten Ebnat, St. Gallen und Flims und die ziemlich sichere Beobachtung von 11 Uhr 41 Min. in Lachen, endlich die vorhin angeführten 8 Angaben von 11 Uhr 40 Min., sowie die in Rapperswyl wahrgenommene Zeit von 11 Uhr 41 Min., so sieht man sofort, dass bei diesem Stosse der Zeitunterschied für die entlegensten Orte nur ein geringer war, dass er jedenfalls nicht eine Minute betrug. Die über 11 Uhr 41 Min. hinausgreifenden Angaben beruhen offenbar auf Differenz der Uhren. Man findet aus den Zeitangaben also kein eigentliches Centrum der Erschütterung, sondern wir erhalten eine Fläche, auf welcher der Stoss um 11 Uhr 40 Min. allgemein auftrat. Eine Fortpflanzung der Bewegung von einem Punkte aus kann hier nicht angenommen werden, wir erhielten in diesem Falle ungeheure Fortpflanzungsgeschwindigkeiten: auf der Linie Zürich-Lachen 1300 m., ja sie müsste in andern Fällen auf 2000 m. und darüber steigen. 12 Der Hauptstoss vorn 31. Januar trat nahezu gleichzeitig auf einer quer zur Streichrichtung der Alpen liegenden Zone auf, welche Zone die Kantone Aargau, Schwyz und Thurgau zum Theil, Zürich, St. Gallen, Appenzell, Glarus ganz umfasste und den nordwestlichen, links des Rheines liegenden Theil Graubündens in ihr Gebiet aufnahm. 3. Bewegungsart. Der Hauptstoss von 11 Uhr 40 Min. wurde entweder als ein einziger Stoss wahrgenommen oder als aus 2—3 Bewegungen zusammengesetzt verspürt. Aus Zürich nennt mehr als die Hälfte der Beobachter 2 Stösse. 3 Stösse werden von Wängi und Herisau berichtet, Mollis meldet 6. Die meisten Beobachter, welche mehr als einen Stoss verspürten, geben für die Dauer der ganzen Erscheinung 2—3 Sek., höchstens 5 Sek. an; die Bewegungen folgten sich also innerhalb sehr kurzer Zwischenräume. „Wellenförmig“, „wellenförmig schwankend“, „schaukelnd“, „zitternde Bewegung“, „ein Erschüttern, Rütteln“ lauten die meisten Angaben, in denen Näheres über die Art der Bewegung mitgetheilt wird. Als vertikal bezeichnen den Stoss nur 8 Berichte. Ein Zittern vor dem Stösse notiren 3 Beobachter (Langnau, Zürich, Näfels). Hittnau meldet den zweiten Stoss als vertikal. Es wiederholen sich wie bei andern Beben die vergleichenden Bezeichnungen: „Rollen wie von einem Wagen“, „wie ein dumpfer Fall“, „wie ein Sturmwind“, „ein Brummen, dem Ausströmen des Dampfes aus einer Lokomotive ähnlich“, „ein dumpfer Schlag“, „eine kurze, dumpfe Intonation“, „wie wenn ein schwerer Gegenstand vor dem Hause niederfiele“, „Bewegung vergleichbar derjenigen ausgestossenen Wassers“, „wie wenn Jemand Schnee an das Fenster geworfen“, „gleich dumpfen Kanonenschüssen“. Yon 2 Orten (Waltensburg, Rifferswyl) wird ausdrücklich bemerkt, dass keine eigentliche Wellenbewegung wahrgenommen wurde. Das genauere Studium der Beobachtungen über die Bewegungsart des Stosses lehrt, dass es sich hier iveniger um ein Erzittern in horizontalen Schwingungen, sondern um eine Wellenbeivegung des Erdbodens handelt, die in den meisten Fallen mit einem stark fühlbaren, fast heftig zu nennenden Ruck begann. Dieser Ruck kam von der Seite und seltener von unten. In Uebereinstimmung damit steht die kurze Datier des Stosses, welche mit wenigen Ausnahmen auf 1—2 Sek. geschätzt wird: ein Bericht von Herisau gibt ausdrücklich für die 3 Bewegungen beim ersten Stösse 1—2 Sek. an. Das dem Stösse nachfolgende Zittern dauerte etwa 2—5 Sek. 4. Stossrichtung. Yon den 80 Berichten, die wir über den Hauptstoss haben, geben 42 die Stossrichtung an. Wie viele von dieser Zahl auf sichern, objektiven Wahrnehmungen beruhen, vermag ich nicht genau anzugeben, vielleicht sind es nur 12. Trägt man die Stossrichtungen in die Karte ein, so erblickt man die verschiedensten Richtungen; in Zürich schauen dieselben nach allen Punkten der Windrose. Im Ganzen bezeichnen 8 Berichte den Stoss als senkrecht. Da in den 34 Angaben über horizontale Stossrichtungen die Herkunft des Stosses und die Fortpflanzung desselben nicht genauer unterschieden sein können, so stelle ich, ohne zu berücksichtigen, woher der Stoss gekommen, die Richtungen zusammen, die an den verschiedenen Orten notirt worden sind: 0—W oder umgekehrt = 8 Berichte von 7 Orten S-N „ 55 = 11 55 55 7 55 SO—NW „ 55 = 7 55 55 6 55 NO—SW „ 55 V 5 55 55 3 55 SSW—NNO „ 55 = 3 55 55 2 55 34 Berichte von 25 Orten. 8 —}- 5 = 13 Richtungen ergeben sich als parallel zum Streichen der Gebirge, 11 —j- 7 = 18 als quer zum Streichen liegend; 3 zeigen sich als indifferent. Untersucht man nun einzelne Gebiete in Bezug auf das Vorherrschen einer longitudinalen oder transversalen Richtung der Erschütterung, so findet man im westlichen Theile des Schütterfeldes die erste Richtung vorherrschend, in St. Gallen 13 und Appenzell etwas ausgesprochener die transversale. Doch sind die Unterschiede gar gering, und man kann im Allgemeinen sagen, dass beim Hauptstoss des Bebens vom 31. Januar die longitudinale und transversale Richtung ungefähr gleichwerthig auftraten und dass aus diesen Richtungen kein Epicentrum gefunden werden kann, ebenso wenig als die Zeitangaben uns auf ein solches hinsuweisen vermochten. £5. Intensität. Trägt man die möglichst sorgfältig aus den objektiven Wahrnehmungen abgelesenen Intensitätsgrade in die Karte ein und sucht man die mittlere Intensität auf verschiedenen, um eine bestimmte Fläche sich herumziehenden Kreisen auf, so findet man keine Gesetzmässigkeit in der Vertheilung. Die Intensität erreichte fast überall den Grad IY oder lag zwischen III und IY. Heben dem Krachen der Wände und Dielen, der Erschütterung von Gegenständen in den Zimmern, dem Klirren der Fenster und des Geschirres wird von den einzelnen Orten des Genauem berichtet: In Zürich verschoben sich an der Wand eines Hauses Bilder um 2—3°. In einem andern Hause bemerkte man ein heftiges Gepolter; eine Hängelampe schwang leicht; Andere glaubten, Gegenstände auf den Möbeln sich heben zu sehen. Eine Thüre schlug zu in einem Hause, das auf einer Grundmoräne steht; ein anderer Beobachter schwankte auf seinem Stuhle; ein Dritter hatte das Gefühl, in einem schwankenden Kahn zu sein. In dem ganz aus Eisen und Stein errichteten Ketortenhause der Zürcher Gasfabrik ward die Erschütterung nicht so stark empfunden, wie in dem daran gebauten hölzernen Wohnliause, in welchem die Glocken des Gasleuchters anklangen und „der Knall“ so stark war, dass der Berichterstatter zuerst an eine Gasexplosion dachte. Die im Retortenhause beschäftigten Arbeiter hatten keine Detonation vernommen, was bei dem sausenden Geräusche der mit Dampf betriebenen Theerofen nicht auffallen konnte. Hingegen hatte ein Arbeiter der Fabrik, in dessen Lokalität es ganz ruhig war, den Knall gehört und zudem ein Fass, auf welchem er Hotizen machen wollte, sich heben und senken gefühlt. In Knonau sollen Hisse in den Hiegelmauern eines Hausganges entstanden sein; auch aus Hottingen-Zürich wird von einem Mauerriss berichtet. Risse aber können schon, je nach dem Erhaltungszustand einer Mauer, entstehen bei einem Stosse, der noch nicht einmal Uhren zu arretiren vermag. In Hittnau glaubte eine Person, das ganze Haus würde Zusammenstürzen. In Winterthur erwachten die Bewohner eines Hauses allgemein. Aus Oberutzwyl und Batzenheid (Kt. St. Gallen) wird die Erschütterung als deutlich fühlbare berichtet, während man in dem zwischen diesen Ortschaften liegenden Jonswyi nichts verspürt hatte. Wir hätten hier einen kleinen Erdbebenrücken, ein ordbobenfreios Gebiet, wo die Bewegung wahrscheinlich in nur einer einzigen Schwingung durch ging, um erst später wieder fortschreitend zu werden. Die Erklärung muss in der Verschiedenheit des Untergrundes liegen. In Oberhofen-Münchweiler wurde der Erdstoss mehrfach wahrgenommon. In St. Gallen verschob sich eine Standuhr leicht, eine nicht fest geschlossene Thüre ging auf, Botten schienen sich zu heben und zu senken. Aus Herisau wird Klirren und Schwanken von Flaschen und Erzittern von Hängelampen berichtet. In Lichtensteig geriethen an der Wand hängende Bilder in pondclartigc Bewegung. Aus dem Kanton Glarus, wo der Stoss nicht als stark empfunden wurde und z. B. in Schwanden „die Häuser in den Fugen krachten“, fehlen genauere objektive Beobachtungen. Die entferntesten Orte des Schüttorgebictes — Chur, Flims, Waltensburg, Schönenwerd — verspürten die Erschütterung sehr deutlich: In Chur und Schönenwerd erreichte die Intensität den Grad HI, vielleicht III—IY, in Waltonsburg zitterte eine Hängelampe und eine Thüre ging auf. An letzterm Orte sollen Personen sichtbar in die Höhe gehoben worden sein (?). — Das Verhalten der Thicre während des Erdbebens erwähnen 3Berichte: in Zürich fiel ein Vogel von seiner Käfigstange und flatterte unruhig umher; in Wängi wurde ein Hund unruhig, desgleichen in Waltensburg. Wir finden auch bei Betrachtung des Intensitätsvorhältnisses kein Centrum, von dem aus mit zunehmender Entfernung die Grade sich niedriger stellten. Mit dieser Gleichförmigkeit im Auftreten, der Intensität an den verschiedenen Orten des Schüttergebietes steht die ziemlich gleichmässige Dauer 14 tvelche aus den sorgfältigem Berichten für die Gesammterschütterung entfernter Stellen gefunden werden kann, ivohl in enger Beziehung. <3. Geräusch. Wir haben 30 Berichte, welche ein charakteristisches Geräusch angeben; 3 Berichte sagen ausdrücklich, dass kein Geräusch vernommen worden sei. Manchem Beobachter wird der den Stoss begleitende Schall durch das Krachen der Dielen, der Wände etc. verdeckt worden sein; in den meisten Berichten aber, die ein Geräusch hervorhehen, bleibt kein Zweifel über die akustische Natur des Phänomens. Das Geräusch wird beschrieben als: „Kurzes Rollen“, „heftiges Rauschen“, „ein dumpfes Gepolter, wie von einer Grundlawine aus der Perne“, „ein dumpfer Knall“, „unterirdisches Tosen“, „dumpfes, donnerähnliches Geräusch“, „knallartiges Getöse, wie vom Pallen eines schweren Körpers“, „brausendes Getöse“, „es war, wie wenn Schnee an’s Penster geworfen würde“, „Getöse, wie bei einem Föhnsturm“, „Erscheinung wie Blätterrauschen“, „wie ein Kanonenschuss“, „eine Detonation“ u. s. w. Bezeichnet man auf der Karte mit den Stössen auch das Geräusch, so sieht man, dass an den allermeisten Orten ein solches wahrgenommen wurde. Ueber das Eintreffen des Schalles in Beziehung auf den Stoss äussern sich die 30 Berichte verschieden , nach der Mehrzahl derselben aber ist das Geräusch der Erschütterung vorausgegangen. Scheidet man den einen Bericht aus, welcher das Geräusch als „vor oder gleichzeitig mit dem Stosse“ notirt, und verfährt man mit den übrigen Berichten, wie Herr Prof. Förster *) es gethan, so erhält man: Geräusch dem Stosse vorausgehend 14 Berichte = 48,30 % „ „ „ nachfolgend 5 „ = 17,25 °/o Geräusch mit der Erschütterung 2 „ = 6,90 °/o Keine Auskunft geben 8 „ = 27,60 °/o 29 Berichte = 100,00 °/o Die Intensität des Schalles war nicht in einem bestimmten Gebiete am grössten, sondern ziemlich gleichmässig über das Schütterfold vertheilt. Dass die Heftigkeit des Getöses nicht im gleichen "Verhältnisse zu der des Erdbebens stehen muss, zeigt das Beben vom 31. Januar mit seiner ver- hältnissmässig geringen Intensität und der Stärke des begleitenden Schalles deutlich. Wo zwei Stösse verspürt wurden, wiederholte sich, meist auch das Getöse. Es ist wohl möglich, dass ein Beobachter, welcher den zweiten Stoss nicht mehr wahrnahm, doch dessen vorauseilendes Geräusch hören konnte und dass. er dieses Geräusch dann als dem empfundenen (ersten) Stosse nachfolgend ansah. Die Dauer des Geräusches war sehr kurz; Berichte von Zürich und Winterthur schätzen sie auf 2—3 Sek. Der Schall ging der Erschütterung unmittelbar voraus oder konnte als gleichzeitig mit derselben erscheinen. Jedenfalls wurde der Schall fast überall primär mit der Erschütterung erzeugt, denn wenn auch der Fortpflanzung des Schalles geringere Findernisse sich entgegenstellen als der Erschütterung in der Erde, so hätte seine Geschwindigkeit doch lange nicht den Betrag erreichen können, der für das gleichzeitige Eintreffen von Geräusch und Erschütterung an den entfernten Orten nöthig wäre. (8./9. Februar, schwacher Stoss in Hz, Steiermark.) 19. Februar (ohne Zeitangabe). Mehrere Erdstösse in Zweisimmen (Kt. Bern). 10) 22. Februar, circa 6 Uhr Morgens. Erschütterung in Lutry, Wilderswyl bei Interlaken und Nidau. 11) 22. Februar, 10 Uhr—10 Uhr 30 Min. Abends. Erschütterung in Olten und Genf. Der Stoss Nr. 10 traf in Lutry um 6 Uhr ein; Wilderswyl berichtet 6 Uhr 10 Min., Nidau „etwas vor 6 Uhr“. Der Berichterstatter von Lutry meldet „une forte secousse de tremblement de terre“ *) „Das Erdbeben der schweizerischen Hochebene, vom 27. Jannar 1881. 15 und gibt die oscillatorische Bewegung als N—S gebend an. Wilderswyl empfand 2—3 starke Stösso in der SO—NW Richtung; in Nidau wurde das Erdbeben als ein circa 0,5 Min. dauerndes Zittern verspürt. Weiteres geben die Berichte nicht an, und da die Zeiten sehr unsicher zu sein scheinen, so lässt sich über den Zusammenhang nichts Sicheres sagen. Es ist wahrscheinlich, dass die Erschütterung an allen 3 Orten nahezu um die gleiche Zeit verspürt worden ist. Der Stoss Nr. 11 wurde in Olten empfunden als „ein Lärmen oder Rumpeln, wie wenn eine Holzbeige zusammenbräche“. Das Bett wurde geschüttelt; alle Insassen eines Hauses erwachten. In Genf wurde die Erschütterung 11 Uhr 10 Min.—11 Uhr 15 Min. wahrgonommen. Der Stoss war horizontal und bewirkte ein leichtes Zittern der Fenster und Küchengeräthe. Die Dauer war 2—3 Sek., die Intensität III. Ein Geräusch soll der Erschütterung gefolgt sein, doch sind die wenigen Berichte, die darüber existiren, von einander abweichend. Ein Beobachter versucht, die Erschütterung in der Erinnerung in 3 Stösse aufzulösen. 22. Februar, 11 Uhr Abends, wird von einem Beobachter aus Genf ein Stoss mit Geräusch gemeldet. 12) 23. Februar, 2—4 Uhr Morgens, wurden in Olten von mehreren Personen 3 Stösso bemerkt. Eine Uhr war um 2 Uhr 35 Min. stillgestanden. Nach einem andern Beobachter erfolgte die Erschütterung um 2 Uhr 45 Min. Auch in Biel will eine Person um 3 Uhr 57 Min. Morgens ein Schwanken des Bettes verspürt haben. 13) 23. Februar, circa 6 Uhr 5 Min. Morgens. Erster Stoss des ligmischen Erdbebens, verspürt in der ganzen Schweiz. 14) 23. Februar, circa 6 Uhr 15 Min. Morgens. Zweiter Stoss des ligurischen Erdbebens, verspürt an vielen Orten der Schweiz. 15) 23. Februar, zirka 8 Uhr 35 Min. Morgens. Dritter Stoss in Lausanne und Genf. Das ligurische Erdbeben vom 23. Februar. a) Astronomisches. 1. Entfernung tler Erde von der Sonne. Nach dem „Nautical Almanac“ war: Die Entfernung der Erde von der Sonne am 23. Februar 0,9898690 der halben grossen Axo. Das Minimum der Entfernung am 2. Januar 0,983273 der halben grossen Axo. Das Maximum der Entfernung am 2. Juli 1,016724 „ „ „ „ 2. Entfernung des Mondes von der Erde. (77 = horizontalparallaxc, E = Entfernung von Erde und Mond.) Maximum der Erdferne 28. Januar 77 = 54 Min. 3 Sek.; E = 63,6065 Erdradien. Minimum der Erdferne 9. Februar 77 = 61 Min. 6,1 Sek.; E = 56,2680 „ Entfernung am 23. Februar 77 = 54 Min. 3,2 Sek.; E = 63,6065 „ Maximum der Erdferne 24. Februar 77 = 53 Min. 57,2 Sek.; E = 63,7236 „ Minimum der Erdferne 10. März 77 = 61 Min. 27 Sek.; E = 55,9472 „ 3. Mondphasen und Mondkulmination. Vollmond 8. Februar 10 Uhr 44 Min. Morgens Bernerzeit. Letztes Viertel 15. Februar 2 Uhr 1,8 Min. Morgens Bornorzeit. 16 Neumond 22. Februar 10 Uhr 10 Min. Abends Bernorzeit. Erstes Yiertel 3. März 1 Uhr 37,6 Min. Morgens „ Vollmond 9. März 9 Uhr 3,7 Min. Abends Bernerzeit. Obere Mondkulmination am 23. Februar 0 Uhr 40,1 Min. Abends. Untere „ „ 23. „ 1 Uhr 2 Min. Morgens. Wenige Stunden yor dem Erdbeben hatte eine Sonnenfinsternis stattgefunden. Perihelium und Perigäum trafen am 23. Februar nicht zusammen, hingegen würde das ligurische Erdbeben, welches sich bald nach Eintritt des Neumondes ereignete, an und für sich für den Einfluss der Mondphase sprechen können. b) Witterunffsverhältnisse. Am 19. Februar hatte Grossbritannien eine Luftdruckzunahme, im Osten Europa’s fiel das Barometer ziemlich stark. Eine Depression lag über Lemberg. Die Isobare yon 765 mm. ging durch Südfrankreich und die Südschweiz nach Triest, wandte sich dann nach Norden und zog sich von Bregenz westlich über Havre hin. Centraleuropa hatte intensiven Frost und trockenes Wetter. Temperatur in Turin —8°, Livorno —2°, Lugano —6°, Genf —8°, Zürich —9°, Karlsruhe und München —6° C. Am 20. Februar blieb die Depression über Polen; die Isobare von 765 mm. ging von Lissabon durch Mittelfrankreich nach Kassel, bog sich dann nach Norden und zog sich durch Mittelengland hin. Barometermaxima bestanden über Südengland und der Westküste des Kontinents, dann im Innern Russlands. Die Isobare von 760 mm. umschloss ein kleines Gebiet im Golf von Genua, von Toulon bis Korsika. Deutschland hatte geringen Frost; auf den Thalstationen der Schweiz war die Temperatur am Mittag über Null; in der Nordschweiz war in der Nacht vorher Schnee gefallen. Temperatur in Livorno 2°, Lugano —1°, Genf —1°, Zürich —3°, München —3°, Karlsruhe —4° C. Am 21. Februar lag die Depression über dem Nordseegebiet und Skandinavien ausgebreitet, während sich die im Osten allmälig ausfüllte. Ein leichtes sekundäres Minimum (760 mm.) lag über dem Golf von Genua, von Toulon nach Livorno und nach Süden bis in die Mitte Sardiniens reichend. Das Wetter war trüb, und es ereigneten sich theilweise Schneefälle in Mitteleuropa. Auf den schweizerischen Thalstationen war die Temperatur nach leichtem Nachtfrost über 0° hinauf gerückt. Turin haite —5°, Livorno —3°, Lugano —1°, Genf —1°, Zürich —2°, Basel —1°, Karlsruhe und München hatten —2° C. Am 22. Februar hatten Süd- und Mitteleuropa eine Luftdruckzunahme; die Isobare von 765 mm. ging von Algier nach Toulon, Livorno, Lestna durch Livadien nach Konstantinopel und bog sich hier nach Nordwesten um, Krakau und Chemnitz berührend und sich dann in Südengland wieder etwas senkend. Die Depression im Nordwesten Europa’s bestand fort. In Centraleuropa stieg die Temperatur, stellenweise war Schneefall. In der Schweiz trat bis Mittags allgemein Thauwetter ein. Livorno hatte 5°, Turin —6°, Lugano —1°, Genf —4°, Zürich —5°, Basel —2°, Karlsruhe und München hatten —2° C. Am 23. Februar nahm der Luftdruck über Süd- und Mitteleuropa zu; die Isobare von 770 mm. zog sich von Perpignan über Genua nach Wien, dann über Prag, Karlsruhe und Paris nach der Westküste des Erdtheils. Die Isobare von 765 mm. ging von Algier an der Südostspitze Siziliens vorbei nach Brindisi und erreichte, durch die Balkanhalbinsel stark nordöstlich ansteigend, das schwarze Meer. Die Depression in Nordeuropa hatte sich noch vertieft. In Mitteleuropa war der Himmel im Allgemeinen bewölkt, die Temperatur war überall im Steigen begriffen. Sie betrug in Livorno 5°, Turin —3°, Lugano —1°, Zürich —2°, Basel 2°, Karlsruhe 0°, München 1° C. Die Aenderung des Luftdrucks und der Temperatur vom 22. auf den 23. Februar in der Schweiz sollen folgende Tabellen etwas deutlicher darthun: 17 22. Februar. Ort Mittlerer Barometerstand Aenderung des Bar. in 24 li. Mittlere Temperatur Aenderung der Temp. in 24 h. Zürich . . 725,3 ~ +2,7 — 1,5» + 1 Glarus . . 725,8 + 3,3 — 2,5» + 3 Basel . . 742,7 + 2,9 + 2» + 2 Bern 716,9 + 3,1 — 2» 0 Luzern . . 727,2 + 3,1 — 1,5® + 1 Lugano . . 741,6 + 3,5 + 3» + 1 Castasegna 702,9 + 3,7 + 0,5» + 2 Trogen . . 689,6 + 3,2 — 1» + 1 Davos . . 632,2 + 3,7 — 9,5» + 3 St. Gotthard 589,7 + 3,8 — 10» + 4 Säntis . . 562,5 + 3,9 1 cc 'oi o + 2 Andermatt 641,5 — 1 i—* o o — 23. Februar. Zürich . 729,0 + 3,5 + 1,5° + 3 Glarus . . 729,5 + 3,6 — 2,5» + 1 Basel . . 746,4 + 3,7 + 5® + 2 Bern . . 720,7 + 3,8 — 1,5® + 2 Luzern . 730,9 + 3,6 0 + 2 Lugano. 745,0 + 3,4 + 4° + 2 Castasegna 706,2 + 3,5 + 4,5» + 3 Trogen. . 693,8 + 4,2 + 1° + 2 Davos . . 636,5 + 4,2 — 7® 0 St. Gotthard 594,1 + 4,4 — 7,5» + 3 Säntis . 567,0 + 4,6 — 7® + 1 Andermatt 645,7 + 4 — 7,5» + 3 Yon schweizerischen Ortschaften, an denen die Erschütterung vom 23. Februar verspürt wurde, sind folgende Notizen über Witterungsverhältnisse mit den Erdbebenberichten eingetroffen: Bursinel, Kt. Waadt: „Starkes Aufthauen.“ 3 18 Lausanne: „Während der Wacht ein ausserordentliches Steigen des Barometers, das bei einem Erdbeben vor 2 Jahren ebenso rasch gesunken war.“ — „Ziemlich rasches Steigen dos Barometers.“ Genf: „Während der Wacht fiel das Thermometer, um gegen 5 Uhr Morgens wieder etwas zu steigen.“ Meiringen, Kt. Bern: „Die Luft war schwer, wie mit Elektrizität überladen.“ Vicosoprano, Graubünden: „Starke Windstösse.“ St. Gallen: „Witterung ruhig.“ Basel: „In der Wacht ging ein ziemlich starker Wind.“ — „Besondere Finsterniss des Himmels.“ Das Erdbeben vom 23. Februar fand allgemein bei steigendem Barometer und steigender Temperatur statt. c) Störung- des Erdmagnetismus. Tägliche Variation (1er Deklination in Mailand, Moncalieri, Alessandria, Genna. Mailand Minuten Moncalieri Minuten Alessandria Minuten Genua Minuten Februar 19 3,0 6,5 4,2 3,3 Februar 20 5,5 6,8 4,8 9,9 Februar 21 0,1 7,9 6,1 4,2 Februar 22 3,4 8,4 3,0 5,1 Februar 23 — 12,5 — 13,5 Februar 24 3,1 7,9 9,0 4,2 Februar 25 3,6 8,6 7,7 6,6 Februar 26 4,2 9,2 8,2 6,0 Februar 27 5,9 7,5 5,6 6,0 Februar 28 5,0 8,9 5,7 5,1 Die Variation der Deklination war am Tage des Erdbebens an den angeführten Orten sehr stark. Yon Mailand und Alessandria konnten die Werthe nicht angegeben werden, da die Oscillationen des Magnetometers die Grenzen der Skala überschritten hatten. *) Wie magnetische Störungen während des spanischen Erdbebens vom 25. Dezember 1884 sich in halb Europa spürbar machten, so auch beim ligurisclien Erdbeben vom 23. Februar, wo solche in Perpignan, Lissabon, Utrecht, Brüssel, Greenwich, Wilhelmshaven, Wien und Krakau auftraten, in Perpignan 4 Min., in Greenwich 6 Min., in Wilhelmshaven 9 Min. nach dom Eintritt des Hauptstosscs in Moncalieri bei Turin. 1. Das Sehüttergebiet. Das Schüttergebiet ist von ungeheurer Grösse. Yon Ligurien aus pflanzte sich das Erdbeben nach Süden hin über Florenz und Rom bis Foggia fort und durch Korsika und Sardinien bis in die *) Dcnza: „Alc.unc notizie sul terranoto de! 23 Feld). 1887“. (Bolle,tino mensuale, Maggio 1887.) 19 Mitte der zwischen der letztem Insel und Afrika liegenden Meeresfläclic, wo auf zwei Schiffen die Bewegung noch wahrgenommen werden konnte. Hach "Wösten hin reichte sie durch die Departements Bouches du Rhone, Vaucluse, Hdrault, Gard etc. bis Perpignan, nach Hordweston durch die Basses und Hautes Alpes über Lyon und Clermont bis Paris und Greenwich. In der Ost- und Hordostrichtung berührte sie Venedig, Pola, Wien und Krakau, gegen Horden hin umfasste sie das Gebiet der See-, Cottischen und Grayschen Alpen, Piemont und die Lombardei, die 414 Q Myriameter der Schweiz und erreichte, Stuttgart und Köln herrührend, Wilhelmshaven an der Hordsee. In Perpignan, Paris, Kew (Grafschaft Surrey), Greenwich, Utrecht, Brüssel, Wilhelmshaven, Pola, Wien und Krakau wurde das Erdbeben auf den Observatorien durch starke Variation der Deklinationsnadeln angezeigt. Die Form des Schütterfeldes ist eine nahezu kreisförmige; der Radius des Kreises beträgt nahezu 900 km., die Oberfläche misst 2,5 Milk □ km. Das Gebiet, in welchem die Erschütterung allgemeiner, ohne Instrumente wahrgenommen wurde, wird von der Linie Stuttgart-Belfort-Clermont-Montpellier-Foggia-Venedig umschrieben; der Radius desselben ist ungefähr 400 km. gross. Von einem Epicentrum im strengen Sinne des Wortes kann nicht gesprochen werden; die Erschütterung ging vielmehr von einer etwa 100 hm. langen, von Nizza bis Savona reichenden Zone an der ligurischen Küste aus. *) In diesem Gebiete trat die Bewegung zuerst und zwar häufig stossweise auf; hier wurde die grösste Zahl von Stössen verspürt und die höchste Intensität beobachtet. Die italienischen Zeitungen erinnerten daran, dass im Jahre 1818 am gleichen Tage ein mächtiges Erdbeben, das seine grösste Intensität ebenfalls in Ligurien zeigte, in der Region des Bebens vom 23. Februar 1887 aufgetreten war. 3. Intensität und Wirkung. In der Ccntralzone Hizza-Savona erreichte die Intensität fast durchwegs den Grad X der Skala Rossi-Forcl; Diano-Marina sah einen Drittel seiner Häuser zertrümmert und zählte 300 Todto, in Mentone blieben mehr als 150 Häuser unbewohnbar, und in Alassio gab es kaum mehr etwas zu zerstören, so grauenhaft war die Wirkung der Stösse gewesen. In Bojardo stürzte die Kirche ein und begrub 300 Menschen unter ihren Trümmern. Savona hatte 8 Todte und 19 Verwundete, Noli eine grössere Zahl, San Remo 300 Todte. Ueberall flohen die erschreckten Bewohner auf die Strassen und freien Plätze oder auf’s Feld, wo man kleinere Zeltstädte aufbauto. In Bussana, Diano-Castello und Castellaro wurden im Ganzen 160 Menschen getödtet, mehrere Personen in Nizza, wo 12 Häuser ein- gostürzt waren und bis zum 24. Februar 10,000 Personen die Stadt verlassen hatten. Die Centralzone mit der Intensität X wird eingeschlossen von einer Mittclzone, die etwa durch die Linie Marseille -Avignon-Mont Cenis-Turin-Pavia-Genua begrenzt ist. Hier erreichte die Intensität den Grad VII—IX. Ueberall wurden die Uhren arretirt, die Glocken läuteten, Kamine, stürzten herab und in den Mauern traten Risse auf. An einzelnen Orten wurden die obern Gebäudetheile zerstört, so bei zwei Häusern in Marseille, Entrevaux und Mourtier (nordwestlich von Hizza). In Genua waren einige Iläusormauern geborsten, in Cuneo aber mehrere Bauten eingestürzt. In Turin fielen viele Kreuze von den Thürmen herab; die ganze Bevölkerung floh erschreckt auf die Strassen bei einer Kälte von —5°. In der Hähe von Alessandria sollen 2 Häuser eingestürzt sein. In Pavia erfolgte an der Bastei links der Ticinobrücke ein Abriss der Erde auf eine Strecke von 12 m. Bei Vado am Golf von Genua, 300 m. vom Strande entfernt, entstanden in einem fast im Hiveau des Meeres liegenden sumpfigen Terrain 100 m. lange Risse und es trat eine Senkung von 25 cm. ein. Zwischen Nola und Final-Marina lösten sich 3 grosse Massen Schutt ab und hielten die Eisenbahnzüge auf. Aus den Basses Alpes wird kein eigentliches Unglück gemeldet; es wurden nur noch Fensterscheiben zertrümmert, Geschirre zerbrochen, Glocken zum Tönen gebracht und Fensterladen bewegt. In Gap (Hautes Alpes) hatte man noch beschädigte Kamine und Risse in den Mauern. *) Früh: „Betrachtungen über das Erdbeben vom 23. Februar 1887.“ (Appenzeller Zeitung 10.—12. März.) 20 Eine sehr auffallende Beobachtung wurde auf dem Telephonbureau von Cannes gemacht: Die Abonnententäfelchen sind in der Zeit, da nicht telephonirt wird, durch eine kleine Scheibe abgeschlossen. Sie sind mit einem Hebel in Verbindung, der durch den Ruf des Abonnenten in Bewegung gesetzt wird, worauf die Scheibe niederfällt. Hach dem grossen Stosse des ligurischen Erdbebens fand man nun, dass alle mit den Drähten verbundenen Scheiben gefallen waren, während die andern, nicht in einer solchen Verbindung stehenden Scheiben in ihrer normalen Lage gefunden wurden. Es war also ein Strom, welcher wohl durch tellurische Induktion entstanden war, durch die Drähte gegangen. In der Itandzone schwächte sich die Intensität vom Grad VI an ab; die Erschütterung ward aber noch in Rom und Sassari, in der ganzen Schweiz und in Sliddeutschland wahrgenommen und durch die Instrumente auf verschiedenen Observatorien, wie Paris, Greenwich, Wilhelmshaven, Krakau, angozeigt. In den der Randzone angehörenden Theilen Italiens und Frankreichs ist kein besonderer Unglücksfall mehr vorgekommen. Stark war die Erschütterung noch in Ajaccio, wo sich grössere Gegenstände verschoben, Uhren arretirt wurden, die Häuser in’s Schwanken geriethen und in manchen Wohnungen die Möbel gegen die Fenster geworfen wurden. Die Intensität war hier noch VI—VII. In Grenoble wurden die Uhren arretirt, Gegenstände bewegten und verschoben sich, die Telegraphendrähte rissen, und im Eise der Strassen der Nachbarschaft bildeten sich vielfach Sprünge aus. In Vauvert (Departement Gard) entstanden Risse in den Mauern des Theaters. In den Departements Ardeche, Vaucluse, Dröme und Herault war die Erschütterung bedeutend geringer; in Montpellier und Umgebung waren die Stösse so leicht, dass sie von vielen Personen nicht mehr verspürt werden konnten. In Clermont wurden Uhren arretirt und es klangen Glocken an, hingegen konnte auf dem dortigen Observatorium nichts Besonderes konstatirt werden, und ebenso wenig auf dem Observatorium des Puy de Döme. In Savoyen war die Erschütterung an vielen Orten gar nicht verspürt worden, so dass auf die Anfragen des Herrn Prof. L. Soret aus Ortschaften des Chablais und Chamounix vielfach negative Antworten anlangten. In Chambery, Annecy und Culoz klangen noch Glocken an oder wurden Uhren arretirt; in Morillon, Cluses, Melan, Thonon und Evian war das Beben aber nur von geringer Intensität, ebenso in Ferney und Gex (Departement Ain) und noch schwächer in Salins im Jura. — Schwächer als in den Ebenen und Thälern von Novarra und der Lombardei war die Erschütterung gegen das adriatischo Meer hin, von Venedig bis Foggia, ebenso nahm die Stärke des Bebens durch Toscana bis Rom und Velletri hin stetig ab. Auch auf dem Meere wurde das Erdbeben wahrgenommen. Ein Fischer von Mentone erzählte, dass die Wände seines Bootes zur Zeit des Stosses geächzt hätten (L. de la Rive). Ein von Marseille nach Genua fahrendes Schiff spürte 43 0 45 ‘ lat. und 5 0 39 ‘ long. östlich von Paris um 6 Uhr zwei heftige Stösse, die sich in einem Intervall von einigen Sekunden folgten. Das ganze Schiff wurde erschüttert. Beim ersten Stosse liess die Maschine in ihrer Thätigkeit nach, und man war auf dem Schiffe allgemein des Glaubens, auf einen Felsen gefahren zu sein. Das Schiff „Perseo“ berichtet von 36° 45' lat. und 4° 34' long. östlich von Paris: „Deviazione da 6—7 gradi a sinistra in con- fronto ad altri viaggi, in cui fu tenuta la stessa rotta“, und das ebenfalls zwischen Südwestsardinien und Afrika fahrende Schiff „Birmana“: „Osservata forte corrente dal Sud al Nord di circa 3 miglia per la durata di quasi 2 ore, dalle 6 alle 8 ant.“ *) Im Ganzen waren circa 300 Ortschaften von der Katastrophe betroffen worden; der Verlust an Menschenleben aber erstieg die Zahl 2000. Todte gab es am meisten unter den Fliehenden, in den Strassen oder Kirchen und Kapellen. In Mentone hatten die an den Gehängen und auf Fels erbauten Häuser am wenigsten gelitten; viele blieben unversehrt, und das Bild der Zerstörung ward erst deutlicher, wenn man gegen den Strand hintrat. Auch in Diano-Marina war die Verwüstung gegen das Meer hin am grössten. Die meisten der zerstörten Ortschaften lagen auf Alluvialboden; den wenigen, die, auf solchem Grunde erbaut, vom Erdbeben verschont blieben, wie Villa Francia, Roca- bruna u. A., scheint die topographische Lage (Vorgebirge, gegen das Meer vordringende Landzungen) *) Bema: loc. cit. 21 günstig gewesen zu sein. Nach E. Schmidt*) gab es genaue Grenzen zwischen Kiesebenen und festem Untergründe, z. B. in Mentone, Nizza, Bordighera. Der Untergrund San Remo’s ist zum grössten Theile felsig, und hier war auch die Zerstörung weit geringer gewesen. In Pegli bei Genua wurde kaum eine Fischerhütte beschädigt. So viele Beispiele nun aber auch darthun, dass die ungleichen Beschädigungen in Yerbindung stehen mit der Lage der Ortschaften an tiefem Stellen auf aufgoschwemmtem Lande oder höher an den Bergen auf felsigem Untergründe, so manche Ausnahme scheint es wieder zu geben. Bussana und andere stark verwüstete Ortschaften liegen auf dem felsigen Bergrücken. In Ventimigiia hatten nicht nur die im untern Stadttheil stehenden Häuser stark gelitten, sondern auch die Forts auf dem Fels der Höhen hatten bedeutenden Schaden genommen: am untern Fort waren die als Essen dienenden Röhren auf dem Dache schief oder zersprungen, am obern Fort aber war aus der an den Fels gebauten Befestigungsmauer ein grosses Stück herabgestürzt. Der auf der Höhe gelegene Theil San Remo’s soll mehr gelitten haben, als der untere. **) Diese Thatsachen erklären sich wohl aus der Yerschiedenheit der Dicke einer Schuttdecke, die auf der festen Unterlage ruht. Eine dickere Schuttdecke, welche die Erschütterung schlechter fortleitet, erweist sich als vortheilhafter gegenüber einer Schichte, die bei einer Erschütterung wie der Sand auf dem Resonanzboden sich bewegt. Steht ein Theil eines Gebäudes auf nacktem Fels, der andere auf Alluvion, oder der eine auf einer dünnen, der andere auf einer dickem Schuttschichte, so werden die Oscillationen der Erdrinde auf die verschiedenen Theile des Hauses auch verschieden einwirken, und man erhält so unter Umständen eine wechselnde Intensität selbst auf dem engsten Raume. Der Einfluss der Bauart hatte sich an vielen Orten deutlich gezeigt: Nizza mit seinen vielen solid konstruirten Häusern bot lange nicht ein solches Bild grauenhafter Zertörung wie Diano oder Alassio. In Turin hatten die Bauten bei Weitem nicht die starken Beschädigungen erfahren wie einige Gebäude Genua’s, obgleich Turin in der Richtung der stärkern Fortpflanzung des Bebens lag und den Stoss als heftig zu spüren bekam. In Diano-Marina gingen ungünstige Bodenverhältnisse und schlechte Bauart der Häuser (Mauern aus Rollsteinen und Salzmörtel bestehend) Hand in Hand. In der Schweiz, wo der Hauptstoss in den Kantonen Tessin, Graubünden, Wallis, Genf, Freiburg, Waadt, Bern und Heuenburg allgemein, im nördlichen Theile aber etwas seltener verspürt wurde, war die Intensität IY. Es sind aus unserm Lande über dieses Beben 220 Berichte eingegangen ; dieselben vertheilen sich auf 102 Orte der ganzen Fläche. Die Berichte zeigen, dass die Wirkungen der Erschütterung unbedeutend waren und in keinem Ycrhältnisso zu dem grossen Ausbrei tungshezirke standen. In Genf war die Amplitude der Schwingungen gerade stark genug, Glocken anschlagen zu machen; Möbel wurden erschüttert, Hängelampen zum Schwanken gebracht. Uhren wurden arrotirt in Lausanne, Villeneuve, Locle, Chaux-de-Fonds, Sonceboz, Bern, Meiringen, Interlaken, Huttwyl, Zürich, Olten, Basel und wahrscheinlich noch an vielen andern Orten. In Interlaken blieben in fast allen Häusern die Uhren stehen, in Basel zwei elektrische städtische Uhren und die astronomische Hauptuhr im Bernoullianum, in Zürich alle Uhren auf dem Telegraphenbüreau der Hauptpost, zwei im dritten Stockwerke, eine im ersten. Yon sehr vielen Ortschaften wird ein Anklingen von Uhren- und Hausglocken gemeldet. In Morges schlug die Kirchenglocke etwa 12 Mal an. Dass sich Hängelampen bewegten, Tahloaux an den Wänden in leichtes Schwanken geriethen und leichtere Gegenstände um einen geringen Betrag sich verschoben, wird von einer Anzahl von Beobachtern gemeldet. Da und dort schlug eine offene Thür zu oder eine nicht fest im Schlosse liegende sprang auf. In Rorschach, St. Gallen, Sils-Domleschg, Locarno u. s. w. schwankten Flüssigkeiten in Gefässen, und zwar da und dort so stark, dass sic zu einem Theile ausflossen. In Bern sollen in den parallel zu einander stehenden Terrassenmauern zweier Häuser drei gleichgerichtete Risse entstanden sein. Aus einer ausgebesserten Gartenmauer in Muralto bei Locarno fiel der Kalk, wie es schien, nach *) Im „Daheim“ 1887. **) Ch. E. Weiss: „Mittheilungen über das ligurische Erdbeben vom 23. Februar und folgender Tage.“ Zeitschr. d. geolog. Ges. 1887, 22 dem Erdbeben leichter heraus, als man es vorher beobachtet hatte. Da und dort fielen Holzstösse, die schlecht im Gleichgewicht standen, zusammen. An vielen Orten wurde die Bewegung von Personen im ersten Stockwerke gar nicht wahrgenommen. In Aarau machte sich das Erdbeben am linken Aareufer stärker fühlbar als am rechten. In Olten erschien es in Wohnungen auf Fclsboden noch so stark, dass von einer Beige Ziegelsteine eine grössere Zahl derselben herabfiel und ein Fensterflügel eines Treibhauses ausgeworfen wurde. Nachher soll der Einsturz der hintern Hälfte des Treibhauses erfolgt sein. Auch von einem Kamineinsturz weiss Olten zu berichten. Wie Yieles hier der Bauart und dem Erhaltungszustand zugeschrieben werden muss, vermag ich nicht zu sagen. In Muralto bei Locarno und Daro bei Bellinzona, wo die Erschütterung von Personen in der Hube allgemein wahrgenommen wurde, spürte man in auf Fels gebauten Häusern auch im Zustand der Ruhe nichts, sondern vernahm nur Geräusch. In Genf wurde das Erdbeben auf einem sandigen Hügel der Stadt weniger stark verspürt, als an andern Punkten der Gegend, eine Erscheinung, die schon bei mehreren Erdbeben in Genf beobachtet worden ist. Im Kanton Genf empfand man die Erschütterung auf dem Lande weniger stark und allgemein, als in der Stadt, was wohl nicht ganz auf der geringem Zahl von Beobachtern beruhen kann, sondern eher dem Umstande zuzuschreiben ist, dass die Häuser auf dem Lande niedriger gebaut sind. Herr Prof. L. Soret bemerkt in einer in den „Comptes rendus“ vom 14. März veröffentlichten und mir freundlichst übermittelten Note, dass die Stösse im Süden des Leman , im ganzen Chablais und Faucigny (Chonon, Sixt, Chamounix) bedeutend schwächer gewesen sind, als nördlich vom See, und es würde sich hier wiederum die Erfahrung bestätigen, dass das südliche Seeufer weniger stark erschüttert wird, als das gegenüberliegende, ja dass es mitunter erdbebenfreies Gebiet bleiben kann. Nach einem weitern, der Erdbebenkommission von Herrn Prof. L. Soret zugestellten Berichte erbebten die dem Mont Saleve benachbarten Gegenden weniger stark als das übrige Gebiet des Kantons; die in der S—N Richtung eingetroffenen Stösse mussten also durch den Bergzug geschwächt worden sein. Von den physiologischen. Wirkungen, welche die Erscheinung hervorgebracht, mögen einige Beobachtungen, die an Thieren gemacht wurden, aufgezählt werden: In Muralto bei Locarno flogen die Hühner erschreckt gegen die Fenster, in Bern flatterten Yögel im Käfig unruhig hin und her, in Montreux „zeigten Thiere Erregung“. In einem Hause in Chur beobachtete man, dass zwei Amseln vor dem Fenster unruhig wurden und in das Zimmer einzudringen versuchten; an einigen von Spatzen stark frequentirten Stellen blieb es für mehrere Tage still und einsam. Herr Dr. Früh hat in Erfahrung gebracht, dass zwei Tage nach dem Erdbeben in Heiden das Yieh aus einem Brunnen von gutem Rufe nicht mehr trinken wollte, was vielleicht den in’s Wasser gedrungenen Gasen zuzuschreiben ist. :!. Stosszahl Zeit. Vor dem Hauptstosse vom 23. Februar ereigneten sich nach Silvestri folgende schwächere Stösse in der Umgebung des Aetna: 19. Februar, 10 Uhr 27 Min. Morgens. Erdstoss in Zafferana, Nicolosi, Belpasso, Via Grande, Paterno, Catania, Randazo. 19. Februar 10 Uhr 27 Min. 30 Sek. Morgens. Horizontaler Stoss in Acireale. 19. „ 11 Uhr 29 Min. Morgens. Stoss in Zafferana. 19. „ 12 Uhr ib. Leichter horizontaler Erdstoss. 19. „ 6 Uhr 10 Min. Abends ib. Leichter, wellenförmiger Stoss. 19. „ 6 Uhr 25 Min. Abends ib. Starker, wellenförmiger Stoss. 20. „ 1 Uhr 50 Min. Morgens ib. Wellenförmiger Stoss. 20. „ 3 Uhr 10 Min. Abends. Leichter Erdstoss in Via Grande. Im Gebiete der Centralzone ereigneten sich schon am 22. Februar vorbereitende Stösse, ferner in dem in der Mittelzone liegenden Ajaccio und Mailand in den ersten Stunden des 23. Februar: 23 22. Februar 10 Uhr 30 Min. Abends. Leichte Stösse in Carcare bei Savona. 22. „ 0 Uhr Abends. Erschütterung in Mentone. 23. „ 2 Uhr, 3 Uhr, 4 Uhr Morgens. Mentone. 23. „ 3 Uhr 40 Min.—4 Uhr Morgens. Nizza. 23. „ 3 Uhr Morgens. Ajaccio. 23. „ 4 Uhr 35 Min. Morgens. Mailand. Auch an andern Punkten der grossen Landfläche, die am 23. Februar Schüttergebiet worden sollte, hatte der Erdboden kurz vorher hie und da gezuckt: Am 22. Februar, 4 Uhr Morgens, in Günthersthal bei Freiburg i. Br., dann in der Schweiz um 6 Uhr Morgens in Lutry, Wilderswyl und Nidau , um 10 Uhr Abends iw Oiten und Genf und in den ersten Stunden des 23. Februar in Olten und Biel. Die Spannungen in der Binde waren also auch ausserhalb der Centralzone vielfach vorhanden und wurden dann durch den grossen ersten Stoss des ligurischen Erdbebens in der Hauptsache ausgelöst. Der Hauptstoss trat nach den von Denzcu verarbeiteten Beobachtungen in' der Zone der grössten Intensität auf: Nizza 6 Uhr 19 Min. 25 Sek. Genua 6 Uhr 22 Min. 55 Sek. Marseille 6 Uhr 21 Min. 41 Sek. Nervi 6 Uhr 23 Min. Alassio 6 Uhr 22 Min. Chiavari 6 Uhr 23 Min. In der Zone geringerer Intensität ist die Zeitangabe für: Moncalieri 6 Uhr 21 Min. 50 Sek. Parma 6 Uhr 23 Min. 36 Sek. Bologna 6 Uhr 22 Min. 50 Sek. Spinea 6 Uhr 24 Min. 12 Sek. Mailand 6 Uhr 23 Min. 37 Sek. Venedig 6 Uhr 25 Min. Cremona 6 Uhr 23 Min. Forli 6 Uhr 25 Min. Verona 6 Uhr 23 Min. Florenz 6 Uhr 25 Min. Piacenza 6 Uhr 23 Min. Velletri 6 Uhr 25 Min. 30 Sek. Die hier angeführten Zeiten beziehen sich auf Bömerzeit. Die vertrauenswürdigsten Angaben, die Herr Prof. L. Soret nach Briefen der Korrespondenten und in den „Comptes rendus“ veröffentlichten Berichten zusammongestellt hat, sind folgende: ^ , . f Anfang 6 Uhr 21 Min. 34 Sek. Zeit von o 3 Marseille (Observatorium Stephan) j g n( j e 6 55 23 55 4 55 55 55 Marseille (Mr. Guerard). 6 55 21 59 18 59 59 55 55 Grasse (Uhren der P. L. M.). 6 55 20 59 ' 18 59 55 55 55 Nizza (Observatorium Mr. Perrotin) . . . 6 55 19 55 32 55 59 55 55 Alassio . 6 55 21 59 18 55 55 55 55 Genua (Mr. Issel). 6 55 21 59 50 97 59 59 55 Genua (Mr. Lasagna). 6 55 21 59 48 59 59 59 59 Moncalieri (P. Denza). 6 59 21 59 50 55 55 55 59 Die Zeitangaben von Cannes und Mentone sind äusserst schwierig zu diskutiren. Ueberhaupt ist die Konfusion, die durch die Ungenauigkeit der Uhren in Frankreich gegenüber der mittlern Zeit von Paris und in Italien gegenüber der Zeit von Bom hervorgerufen wird, eine grosse, und die mannigfaltigsten Differenzen werden dadurch unvermeidlich, wozu noch die lange Dauer des Stosses und die Yerwirrung, in welche die Beobachter durch das Erdbeben versetzt waren, wesentlich beiträgt. Man würde, wenn man sehr genaue Zeitangaben hätte, wohl finden, dass der Stoss auf sehr entfernten Punkten nahezu gleichzeitig aufgetreten war. Vergleicht man einige Angaben mit dem Eintritt des Hauptstosscs in der Schweiz, so erhält man: Nizza .... 6 Uhr 19 Min. 32 Sek. — 5 Uhr 59 Min. 19 Sek. Bernerzeit. Moncalieri . . . 6 „ 21 „ 50 „ = 6 „ 1 „ 37 „ „ 24 Mirano . . . . 6 Uhr 23 Min. 24 Sek. = 6 Uhr 3 Min. 11 Sek. Bernerzeit. Velletri . . . . 6 „ 25 „ 30 „ =6 fl 5 „ 17 „ fl Genf . . . 6 fl 3 „ circa fl Bern . . . 6 W 3 „ 30 Sek. fl Basel . . . 6 fl 4 * 17 „ » Zahl und Dauer der Stösse war an den verschiedenen Orten verschieden. Es wurden mehrere Stösse vor und nach dem Hauptstosse verspürt, doch kann man nach den Zusammenstellungen des Observatoriums Moncalieri bei Turin für die Central- und Mittelzone 3 Perioden unterscheiden: 1. Periode. Um 6 Uhr 22 Min. Morgens ereigneten sich im Zeitraum von 15 Sek. in 3 kurzen Intervallen 3 starke Stösse, die succussorisch und undulatorisch warän. Der zweite war der stärkste. Der seismische Apparat in Moncalieri zeigte für ihn die Richtung 0—W an. Dieser Stoss war für alle Punkte ausserhalb des Centralgebietes der erste; an der ligurischen Küste war er von der fürchterlichsten Wirkung. Er dauerte 10—15 Sek. und seine Bewegungen kehrten mehrmals wieder. Andorno zählte um diese Zeit 10 Stösse. 2. Periode. Um 6 Uhr 31 Min. = 6 Uhr 10 Min. 47 Sek. Bernerzeit erfolgten 2 Stösse von geringerer Dauer (9 Sek.) und der Richtung 0—W. Diese zweite, aus 2 Stössen zusammengesetzte Erschütterung war die schwächste von den 3 Haupterschütterungen. Sie erfolgte in Moncalieri genau 9 Min., in Marseille 10 Min., in Nizza 11 Min. nach dem ersten Stösse. 3. Periode. Ein dritter, sehr fühlbarer Stoss erschien um 8 Uhr 53 Min. Morgens = 8 Uhr 32 Min. 47 Sek. Bernerzeit; er war weniger stark und von kürzerer Dauer als der erste. Er machte in Turin noch Hausglocken anklingen, Fenster und Möbel erzittern, verbreitete aber wenig Schrecken in den Gemüthcrn, da man schon vorbereitet war und die Menschen sich vielfach auf der Strasse befanden. Der dritte Stoss trat in Nizza und Moncalieri 2 Stunden 31 Min. nach dem ersten auf. In der Schweiz wurde der Eintritt des Hauptstosses durch die Arretirung zahlreicher Regulatoren genau fixirt. Herr Prof. L. Soret war so freundlich, mir eine sorgfältig korrigirte Zusammenstellung der in Genf beobachteten Zeiten zur Benutzung zu überlassen. Was in frühem Arbeiten über schweizerische Erdbeben vielfach beklagt worden ist, dass nämlich Genf, die Stadt der Uhren, ihre von der anderer Schweizerstädte abweichende Zeit besitze, ist nun beseitigt; die in Genf allgemein angenommene Zeit ist Bernerzeit und steht theoretisch nur um 8,8 Sek. hinter derselben zurück. In den 42 Erdbebonberichten, die Herr Prof. Soret in der Stadt gesammelt, figuriren nur wenige auf Pariserzeit sich beziehende Angaben. Die Chronometer des Mr. Ekegren wurden um 6 Uhr 3 Min. 12 Sek. (Stadtzeit Genf) arretirt. Dies wäre genau 6 Uhr 3 Min. 20,8 Sek. Bernerzeit, es ist aber zu bemerken, dass die mit der Hauptuhr der Stadt in Yerbindung stehenden elektrischen Uhren untereinander Differenzen von einigen Sekunden aufweisen können, wodurch man die obigen 8,8 Sek. in der Rechnung wohl vernachlässigen darf. Um 6 Uhr 3 Min. 12 Sek. begannen also nach der zuverlässigsten Angabe die stärkern Undulationen, doch bleibt es wahrscheinlich, dass schwache Oscillationen schon vor diesem Zeitpunkt stattgefunden hatten. Mr. Cellerier, mit der Kontrole der Chronometer auf dem Observatorium betraut, gibt für den Eintritt des ersten Krachens 6 Uhr 2 Min., für die fortgehenden Bewegungen 6 Uhr 3 Min. an und setzt das Ende der Erscheinung auf 6 Uhr 4 Min. fest. Andere mit der Zeit des Observatoriums verglichenen Chronometer ergaben 6 Uhr 3—4 Min., 6 Uhr 3 Min., 6 Uhr 3 Min. 40 Sek. Die Dauer des Stosses war nun eine ungewöhnlich lange, und so wird man die höchsten dieser Angaben als das Ende des Stosses bezeichnend annehmen müssen. Nach den Beobachtungen der MM. Thury und Grosclaude erhält man für das Ende der Bewegung 6 Uhr 4 Min. 14 Sek. und 6 Uhr 3 Min. 45 Sek. Wir können den Eintritt des Stosses in Genf also auf circa 6 Uhr 3 Min. festsetzen. In Bern meldete der registrirte Seismometer für den Eintritt der Erschütterung 6 Uhr 3 Min. 30 Sek., in Basel ergab sich aus dem Stillstand der astronomischen Uhr 6 Uhr 4 Min. 17 Sek. Ueberall in der Westschweiz 25 traf die Erschütterung zirka 3—4 Min. nach 6 Uhr ein. Die zuverlässigsten Beobachtungen ergehen blos einen Zeitunterschied von 30 Sek., und dieser ist zum Theil aus der langen Dauer der Erschütterung zu erklären. Meiringen i^ennt 6 Uhr 3 Min. 15 Sek., Interlaken 6 Uhr 3 Min. 20 Sek., Engelberg berichtet 6 Uhr 5 Min., Luzern 6 Uhr 4—5 Min., Brieg im Wallis 6 Uhr 3 Min. Yon Locarno lauten die sorgfältigsten Angaben 6 Uhr 2 Min. 15 Sek. und 6 Uhr 2 Min., von Lugano 6 Uhr 2 Min. Auch aus Graubünden bringen viele Berichte übereinstimmende Zeitwerthe. Chur 6 Uhr 5 Min. 30 Sek., Hinterrhein, Maloja, Vicosoprano 6 Uhr 5 Min. In Zürich blieben die Uhren auf dem Telegraphenbureau der Hauptpost um 6 Uhr 5 Min. stehen; ein weiterer zuverlässiger, auf der Arretirung eines Regulators beruhender Bericht nennt 6 Uhr 4 Min. In Heiden, St. Gallen und Schaffhausen trat die Erschütterung circa 6 Uhr 5 Min. auf. Der Hauptstoss wurde auch noch an verschiedenen Orten Süddeutschlands empfunden, und zwar nach einem durch Herrn Prof. Eck in Stuttgart der schweizerischen Erdbebenkommission gütigst zugestellten Berichte in Geislingen, Tübingen, Stuttgart, Wildberg, Kornthal und Ellwangen in Württemberg und in Konstanz und Blumberg in Baden. Die Zeit wird auf 6 Uhr 5—10 Min. angegeben. Der zweite Stoss ist noch von vielen Bebobachtern in unserem Lande verspürt worden. Er war viel schwächer als der erste und von bedeutend kürzerer Dauer, in Genf 5—6 Sek., in Locarno 3—4 Sek. Die Orte, an welchen dieser Stoss von der ersten Erschütterung genauer unterschieden worden ist, sind folgende: Genf ... 6 Uhr 13; 14, 15 Min. Bern .... 6 Uhr 30 Min. Bex . . . 6 „ 10 Min. Biel .... 6 „ 20 „ Vevey . . . 6 „ 17 „ Locarno ... 6 „ 20, 35 Min. Tour-de-Peilz 6 „ 13 „ St. Gallen ... 6 „ 13, 15 „ Splügen .6 Uhr 15 Min. Der Zeitwerth für Biel ist darum so hoch ausgefallen, weil die von den Beobachtern dem ersten Stosse zugetheilte Zeit 6 Uhr 10 Min. ist. Mr. Cellerier in Genf gibt für den zweiten Stoss 6 Uhr 13 Min. an, der Stoss erschien darnach 10 Min. nach dem ersten oder 9 Min. nach dem Ende desselben. Hach Mr. Bene Thury war der Zeitintervall des ersten und zweiten Stosses 9 Min. 11 Sek., nach Mr. Abel Thury 8 Min. 50 Sek. Da der erste Stoss aber nach zuverlässigen Beobachtungen in Genf kaum weniger als eine Minute dauerte, so darf man nach der oben genannten Zeitangabe für die Grenzen der beiden Bewegungen wohl 9 Min. 50 Sek. annehmen. Die beiden Stösse lagen also nach ihrer Zeit ungefähr gleichweit auseinander wie in Moncalieri, Nizza und Marseille. In Biel scheint der zweite Stoss von allen Orten der Schweiz am kräftigsten gewesen zu sein: es entstand neues und stärkeres Schwanken und Krachen, wobei ein Beobachter fast aus dem Bette geworfen wurde. Der dritte Stoss erschien in Genf nach Mr. Grosclaude 8 Uhr 34 Min. 30 Sek., nach Mr. Tophel 8 Uhr 35 Min., nach einer dritten Angabe um 8 Uhr 30 Min., in Lausanne und Bern 8 Uhr 30 Min. Die Bewegung war sehr schwach, ihre Art eine wiegende. In Lausanne bewegte sich eine Topfpflanze leicht und gab ein geringes Geräusch. Nimmt man für Genf den ersten Stoss zu 6 Uhr 3 Min., den dritten zu 8 Uhr 34 Min. 30 Sek. an, so erhält man als Differenz 2 Stunden 31 Min. 30 Sek., das ist der gleiche Intervall wie für die korrespondirenden Stösse in Nizza und Moncalieri. 4. Stossriclitung und Bewegungsart. Jedenfalls ist der Hauptstoss ziemlich gleichzeitig an der Riviera zwischen Nizza und Savona aufgetreten. Er war vorzugsweise wellenförmig, an vielen Stellen zugleich succussorisch, dann auch drehend-wirbelnd (vorticos). An der Küste wurde er am häufigsten von unten nach oben, dann als wellenförmig wahrgenommen; die dominirende Richtung der wellenförmigen Bewegung war O —~W oder umgekehrt. Der Seismometer in Moncalieri zeigte in der ersten Periode (Hauptstoss) O — W, 4 26 dann W—0 und wieder 0—W an. Die ganze Bewegung dauerte etwa 10—15 Sek. Die Richtung variirte etwas an den verschiedenen Orten. In San Remo konnte man aus der Lage verschobener und umgeworfener Gegenstände auch auf N—S-, NO—SW- upd SO—NW-Richtung schliessen. Das hin- und hergehende Schütteln geschah also nicht blos in einer Richtung, sondern nach verschiedenen Seiten hin, je nach örtlichen und Bodenverhältnissen*). Im Grossen und Ganzen war die Bewegung eine ost-westliche, mit geringem Abweichungen nach ONO—WSW. Die beiden andern Stösse waren ebenfalls undulatorisch, der letzte war etwas intensiver als der ihm vorangegangene; beide hatten die gleiche Hauptrichtung wie der erste Stoss. Viele Stossrichtungen, die aus Piemont bekannt geworden sind, fallen zwischen N und 0, resp. S und 0, und so verhält sich eine überwiegende Zahl derselben in den Westalpen. Aus den westlichen Orten des Departements du Var wird die Richtung N—S und NO—SW, von Avignon und Carpentras (Vaucluse) SW—NO und S—N angegeben. Digne (Basses-Alpes) hatte SW—NO, Puget- Theniers (Alpes Maritimes) SW—NO und das nahe Roure S—N-Richtung. Privas (Ardeche) berichtet SW—NO, Valence (Dröme) SW—NO und S—N, Grenoble die gleichen Richtungen, Lyon S—N. In Ciuses (Savoyen) zeigte der Seismograph des Mr. Depoisier N—S-Richtung an, in Annecy hatte man 0—W- und N—S-Richtung, in Melan (Savoyen) SW—NO. Die Erschütterung flpanzte sich am stärksten quer zur Linie Nizza-Savona fort. In Digne war der Stoss stärker als in Genua, trotzdem die Entfernung von Digne und Nizza diejenige von Savona- Genua um mehr als das Doppelte übertrifft. In Ajaccio trat die Erschütterung mit der Intensität YI—YII auf; in Bologna zeigte der Seismometer nur einen leichten Erdstoss an und doch liegen Savona und Bologna nicht weiter auseinander als Nizza und Ajaccio. Genf fühlte die Erschütterung stärker als Bologna. Von den 220 Berichten über das Erdbeben in der Schweiz geben 138 die Stossrichtungen an. Als senkrecht bezeichnen den Stoss nur 3 Berichte. Im Ganzen überwiegt die west-östliche und sammenstellung zeigt: 32 Angaben N—S 56 „ 0—W 26 „ NO—SW 17 „ SO—NW südwest-nordöstliche Richtung, wie folgende Zu- 1 Angabe SSO—NNW 2 Angaben OSO—WNW 2 „ ONO—WSW 2 „ SSW—NNO Von diesen Richtungen, bei denen unberücksichtigt bleiben musste, woher der Stoss gekommen, ergeben sich: 84 Richtungen parallel zum Streichen der Gebirge, 50 „ senkrecht „ „ „ „ Einige wenige liegen in den Zwischenrichtungen. In Romont zeigte der Seismograph des Mr. Comte die Richtung SW—NO an. Die Pendel der arretirten elektrischen Stadtuhren von Basel schwangen in Richtungen, welche zeigen, dass der Stoss WSW—ONO gerichtet war. In Lausanne, Bern, Zürich und St. Gallen ist die longitudinale Stossrichtung überwiegend. Dürfte man annehmen, dass der Stoss aus 0 gekommen, so erhielte man aus der Vergleichung der Stossmittel von Lausanne, Bern und Zürich einen annähernd gleichen Betrag von Graden, woraus sich ONO—WSW-Richtung ergäbe. Dieses Resultat würde auch mit der in Basel beobachteten, vorhin angeführten Richtung trefflich harmoniren. Deutlich sieht man, dass in der Westschweiz mit Ausnahme Genfs die zum Streichen der Gebirge parallele Stossrichtung überwiegt; dies Verhältniss ist aber noch ausgesprochener in der Ostschweiz. Im südlichen Theile unseres Landes ist es nicht so ausgeprägt; die Erschütterung ist hier vielfach *) Ch. E. Weiss, loc. cit. 27 dem Meridian entlang fortgeschritten. Die zum Streichen des Gebirges senkrechte Stossrichtung zeigen auch viele Orte in den Westalpen und Piemont. Geologische Yerhältnisse, Bauart und Orientirung der Häuser, in denen die Beobachtungen gemacht wurden, und die Irrthümer in der Beurthoilung seitens der Referenten müssen immer die Berichte in Bezug auf Stossrichtungen verschieden erscheinen lasssen. Die Yergleichung so vieler Angaben aus unserm Lande zeigt aber, dass die dominirende Richtung der Bewegung eine zum Streichen von Alpen und Jura parallele, longitudinale gewesen ist. Die Natur der Bewegung war in unsern Gegenden durchaus eine wellenförmige. „Wiegende Bewegung“, „wellenförmiges Schwanken“, „undulatorisches Zittern“, „gleichmässiges Schwanken“, „Schütteln wie von einem Wagen“, „ein Zittern“, „langsames Hin- und Herschwanken“, „schwingende Bewegung“, „ein Balancement“ u. s. w. sind Bezeichnungen, die immer wiederkehren. Eine vertikal aufsteigende Bewegung war nicht oder jedenfalls nur schwach vorhanden; die wenigen Beobachter, die eine solche hervorheben, werden vorzugsweise den unter ihnen durchziehenden Wellenberg verspürt haben und dadurch zu jener Bezeichnung gekommen sein. Yiele Berichte heben hervor, dass kein deutlicher Stoss empfunden worden sei, sondern dass die Bewegung in mehrmals wiederkehrendem Schwanken oder Zittern bestanden habe. Darauf gehen Ausdrücke wie „une douco oscillation“, „une succession de legeres secousses de tremblement“, „plutot un balancement qu’un choc“, „kein deutlicher Stoss“ u. s. w. Die meisten Beobachter sprechen von 2—4 Schwankungen oder Stössen, die sich in kurzen Intervallen folgten; andere versuchen, die Schwankungen in 6—8 oder 12 „Stösse“ aufzulösen. Sie dauerten verhältnissmässig lange; in Morges schlug die Kirchenglocke nach Prof. Forel 12 Mal an. Yiele Beobachter schätzen die Dauer der Erschütterung auf 20—30 Sekunden. Yon Genf berichten mehrere Personen sogar 1 Minute. Diese lange Dauer erschwerte die genauere Bestimmung des Eintritts der Bewegung bedeutend und war die Ursache, dass die besten Zeitangaben eines Ortes um eine grössere Anzahl von Sekunden differiren. In Genf beobachtete man in den höhern Stockwerken auch die grösste Dauer. Der fast gleichzeitige Eintritt der Erschütterung an weit entfernten Punkten zeigt, dass heim ligurischen Erdbeben die Bewegung weder von einem Punkte noch von einer Linie der Erdoberfläche ausgegangen sein kann, sondern dass der Impuls von einer grossen, ihre Stellung verändernden Erdscholle gegeben wurde. Nimmt man am ligurischen Golfe ein bestimmtes Erschütterungscentrum an und berechnet man die Geschwindigkeit, mit welcher die Erdbebenwellen nach verschiedenen Richtungen hin sich fortgepflanzt haben müssten, so erhält man Werthe von 1000—2000 m. in der Sekunde. Bei einer mittlern Geschwindigkeit von 500 m., wie sie im Boden als elastische Fortpflanzung vorkommt, würde eine von Nizza aus sich fortpflanzende Welle nach 10—11 Min. in Florenz und nach 15 Min. in Venedig eintreffen. Yon Alassio ausgehend, käme sie nach 13 Min. in Velletri an. Aus den Zeitangaben aber kann man ersehen, dass der Unterschied für Nizza-Florenz und Nizza-Yenedig 5 Min., für Alassio-Yelletri 3 Min. betrug. Existirten von allen Orten genaue Zeitangaben, so würde man wohl noch bedeutend geringere Differenzen finden. Auch in der Schweiz erhalten wir für das Beben vom 23. Februar so ungeheure Geschwindigkeiten , dass von einer elastischen Fortpflanzung des Stosses von einem wenig tiefen Centrum aus keine Bede sein kann. Dass die Tiefenzone, von welcher die Erschütterung - ausging, eine sehr grosse gewesen sein muss, scheint ferner die Mannigfaltigkeit, mit der die Bewegung an der ligurischen Küste auftrat, anzudeuten. Wenn eine solche Fläche sehr ausgedehnt ist, so ist auch häufigere Gelegenheit zur Durchkreuzung der Wellen gegeben: Die Bewegung ist über dieser Fläche succussorisch, vorticos und undulatorisch, und zwar in der nächsten Umgebung der über dem Erschütterungscentrum liegenden Oberflächenpunkto vorticos und undulatorisch, an den von ihnen entferntem Stellen undulatorisch*). *) Davison: „On the theory of vorticos earth quake shocks.“ Geological Magazine 1882. 28 5. Geräusch. Theils vor, theils mit - den Stessen oder ihnen nachfolgend bemerkte man ein unterirdisches Donnern oder dumpfes Rollen und Dröhnen. Oft zeigte die Schallerscheinung Analogie mit dem Rauschen eines starken Windes. In der Schweiz führen 42 Berichte ein charakteristisches Geräusch an, 15 heben ausdrücklich hervor, dass kein Geräusch wahrgenommen worden sei. Es wird beschrieben als „dumpfer, schlagähnlicher Schall“, als „ein Sausen oder Brummen“, „wie ein starker Wind“, „laut wie von einem Falle“, „Rollen wie von einem Wagen“, „wie ein raschelnder Ton entsteht, wenn Papier an einem rauhen Gegenstände bewegt wird“, „wie wenn eine Kugel durch das Zimmer rollte“, „ein Rasseln“, „donnerähnliches Getöse wie von einem schweren Wagen“, „wie wenn ein starker Windstoss durch’s offene Fenster dränge“, „sausendes Geräusch“, „wie ein Schlag an die Fensterscheiben“, „ein Knistern“ u. s. w. Yon den 42 Berichten bleibt es für 20 derselben unentschieden, ob das Geräusch vor oder nach der Erschütterung aufgetreten ist. Es bezeichnen : 6 Berichte Geräusch dem Stosse vorausgehend. 11 „ Geräusch und Stoss gleichzeitig. 4 „ Geräusch dem Stosse nachfolgend. 1 Bericht Geräusch voraneilend oder gleichzeitig. Das Geräusch trat also in der Mehrzahl der Fälle vor der Erschütterung auf oder war mit ihr zur selben Zeit entstanden. Es hatte sich nicht aus der Ferne hergepflanzt, sondern es wurde an den verschiedenen Orten primär durch den Stoss erzeugt. €5. N ach folg e t icle Stosse. Weitere leichtere Erdstösse waren nach der grossen Erschütterung natürlich noch zu erwarten; sie erfolgten denn auch an der Riviera zu verschiedenen Stunden des 23. Februar und an den nächsten Tagen in bedeutender Zahl: so zitterte in Cannes der Erdboden bis zum Schlüsse des Monats März, und in Mentone zählte man vom Tag der grossen Katastrophe an bis zum 11. März 150 Stösse. 24. Februar, 2 Uhr Morgens, 6 Uhr Morgens und zu verschiedenen Tagesstunden, in Nizza, an der Riviera, in Turin. Erdbeben in Cosenza, Catania und Griechenland. 25. Februar, 2 Uhr 10 Min. Morgens. Leichte Erschütterung in Genua, später stärker in Mentone, 11 Uhr Morgens in Forli, 5 Uhr 20 Min. und 5 Uhr 58 Min. Abends in Nizza, Forli und Foggia. 26. Februar, 2 Uhr und 4 Uhr Abends, in Genua, in Mentone in der Yacht vom 26.—26. Februar. 27. Februar. Erschütterung in Nizza, Mentone, Siena, Forli und Brisigbella bei Ravenna. 1./2. März. Starker Erdstoss in Reggio, Calabrien. In der Schweiz hatte man am 23. Februar, 0 Uhr 30 Min. Abends, eine Erschütterung in Andermatt, Uri, am 24. Februar, 3 Uhr 7 Min. Morgens, in Aubonne, Waadt, am 25. Februar, 2 Uhr 2 Min. Morgens, in Lausanne, am 26., 2 Uhr 20 Min. Morgens, in Verrieres, am 2. März, 4—5 Uhr Morgens, in Clärens, Waadt, und 11 Uhr 56 Min. Abends, in Clärens und Montreux. Ob diese Stösse die lokale Auslösung von Spannungen, welche durch den Hauptstoss vom 23. Februar nicht ganz beseitigt worden waren, darstellen sollen, oder ob sie von selbständiger Bedeutung sein dürfen, wage ich nicht zu entscheiden. Ich werde sie unter den nächsten Kümmern aufführen. 7. Ursache des lig-ui-isolion Enlbebeas. Zu den stets lokal auftretenden, über eine geringe Fläche sich ausbreitenden Einsturzbeben gehört das Beben vom 23. Februar 1887 nicht, denn um Erschütterungen von dem Charakter und der Ausdehnung des ligurischen Erdbebens zu erhalten, braucht es ungleich grösserer Massen und einer andern Art der Bewegung derselben. Ebenso wenig kann unser Erdbeben ein vulkanisches genannt werden, weil die Erscheinungsweise der vulkanischen Beben mit ihrem deutlichen Centrum, ihrem explosionsartigen Charakter, der radialen Fortpflanzung und dem verhältnissmässig kleinen Erschütterungsgebiete eine ganz andere ist, als wir sie bei der Betrachtung unseres grossen Bebens getroffen haben. Dieses weist alle Merkmale eines ausgezeichneten tektonischen Bebens auf. Die tektonischen 29 Beben bilden die weitaus grösste Zahl der Erdbeben. Sie halten sich an die in der Lagerung stark gestörten Gebiete der Erdrinde und dieses sind die Gebirge. Die in denselben verkommenden Brüche sind entstanden durch die horizontale Stauung und heissen dann Faltungsbrüche, oder sie verdanken ihr Dasein einer vertikalen Verschiebung zweier Gebirgsschollen, dieses sind die Verwerfungsbrüche; die „Blätter“ endlich sind durch horizontale-transversale Verschiebung entstanden. In der Richtung solcher Sprünge pflanzen sich hauptsächlich die Erdbeben dieser Gebiete fort. Es gibt hier so viele Arten von Erdbeben, als es Dislokationen gibt, hauptsächlich aber zwei, nämlich solche, die aus tangentialen Spannungen, und solche, die aus Senkung resp. Hebung hervorgehen. Oftmals können diese beiden Arten von Beben nicht scharf auseinander gehalten werden. Wir sehen hier. Schichtengebäude der Erdrinde, in denen die Bewegungen der Gebirgsschollen gegen einander bis heute nicht zur Ruhe gekommen sind, wie die ungeheure Zahl der sich in solchen Gebieten ereignenden Erdbeben beweist. In alten, in der Ausbildung gleichsam abgestorbenen Gebirgen wie den Alleghanies, den Gebirgen Englands und eines Theiles von Skandinavien sind Erdbeben mehr schon eine Seltenheit. Von 74 derselben in den Alpen von 1865—1873 konnte Fuchs*) fast alle der nördlichen oder südlichen Nebenkette der Alpen, also den Regionen der sedimentären Schichten, dem Gebiete der jüngern Falten, zuzählen, während in diesem Zeitraum die aus Gneiss, Granit und Glimmerschiefer bestehende Centralkette von keinem Erdbeben erschüttert wurde, sondern nur einige Male die aus den angrenzenden Kalkalpen hergeleiteten Erschütterungen zu verspüren bekam. Ebenso sind die Erdbeben in Regionen mit wenig oder gar nicht gestörtem Schichtenbau, wie z. B. in Russland selten. Die Beben in dislocirten Gebirgen haben keinen Punkt als Centrum, sondern die Erschütterungen treten auf einer Linie oder Fläche auf, die Stosspunkto wandern bald hierhin bald dorthin und können wieder an die Stelle zurückspringen, von der die Bewegung scheinbar ausgegangen war. Die Richtung des Schüttergebietes ist entweder longitudinal oder transversal zum Streichen eines Gebirges, wobei zu bemerken ist, dass bei einem longitudinalen Beben die Bewegung transversal zu der auf einer Kluft oder Fläche als primär bekannt gewordenen Erschütterung sein kann. Die Tiefe, von welcher ein solches .tektonisches Beben ausgeht, ist eine verhältnissmässig geringe, das Schüttergebiet stets ein grosses. Ungemein oft tritt die Bewegung auf einer ganzen Fläche nahezu gleichzeitig oder gleichzeitig auf. Häufig sind dauernde Stellungsveränderungen von Gebirgsstüclcen mit diesen Beben verbunden; sie zeigen sich in Spalten und verschobenen Schollenrändern und in den durch den Stand des Wassers an Küsten und Binnensee’n dargethanen Senkungen und Hebungen. Wenn man sich die Grösse der bewegten Gebirgsmassen eines solchen Erdbebengebietes vorstellt, so erkennt man unschwer, dass die relative Bewegung selbst sehr gering zu sein, ja oft nur wenige Millimeter zu betragen braucht und dass nur durch die Bewältigung so kolossaler Lasten die grandiosen Wirkungen des Phänomens der Erdbeben erreicht werden können. Wir wüssten nun kaum ein Küstengebiet zu nennen, welches deutlicher für mächtige und zahlreiche Senkungen spricht, als die Gegenden am Mittclmeer es zu thun vermögen. Auf allen Seiten treffen wir ein Abbrechen der Gebirge. Die Strasse von Gibraltar ist ein eingebrochenes Querthal; hier setzte höchst wahrscheinlich die jurassische Kalkzone von Afrika nach Europa über. Das spanische Erdbeben von 1884 war eine Bewegung der Massen längs der Bruchlinie, die durch den Felsen von Gibraltar geht. Malta und Gozzo sind Fragmente von Horsten, um die herum Schollen zur Tiefe gesunken sind, und sind von mehreren Brüchen durchzogen. Die Westküste Calabricns bezeichnet einen unregelmässigen Abbruch des Apennins, und der grosse bogenförmige Steilrand der nordsizilianischen Küste ist ähnlich aufzufassen. Das Adriatischc Meer ist wieder das grosso Senkungsfeld, an welchem die Alpen abgebrochen sind; quer über die heutige Adria hatte noch im Diluvium eine Verbindung bestanden zwischen Dalmatien und der italienischen Ostküste, denn nach Roheit trägt die Landschneckenfauna des Mt. Gargano dalmatischen Charakter. Grabenversenkungen *) „Vulkane und Erdbeben“ S. 149. 30 bilden das Rothe Meer und das Jordanthal; um Kleinasien und Griechenland herum sind die Einbrüche zahlreich, und die Zerstückelung einer einstigen grossen, quer von Afrika über das heutige Mittelmeer reichenden Landverbindung ist ebenfalls gewiss. Die Trennung vieler dieser Landtheile fällt in eine geologisch sehr junge Zeit; das grösste Beispiel solcher Veränderungen jüngsten Datums ist aber die Hinzufügung des Aegäischen Meeres zum Pontus. Auch die Küste Mittelitaliens und der nordwestliche Theil des Apennins ist mit einer Reihe von' Einbrüchen besetzt. Suess *) macht auf die Aehnlichlceit der toscanischen Senkung mit der gesenkten Zone in Wien aufmerksam. Korsika, Sardinien, Elba und Pinosa sind Ueberreste eines zerstückten Landes, das von Afrika herüberreichte und noch in geologisch sehr junger Zeit bestand, wie die bedeutende Zahl lebender Säugethiere, welche Sardinien und Korsika mit Algier gemein haben, deutlich beweist. Hach Forsyih-Major**) schaarte sich an die Kordwestseite des Apennins ein Gebirgszweig, der die genannten heutigen Inseln verband, an. Der Golf von Ligurien ist ein kesselförmiger Einbruch, wo Alpen und Apennin zur Tiefe gehen. Eine erneuerte plötzliche Senkung des Meeresgrundes in dieser Gegend war die Ursache des Erdbebens vom 23. Februar, wie die Bewegungen des Meeres an - der Küste dies beweisen. Bewegung des Meeres. Leider liegen über die Bewegung des Meeres an den Küsten nur dürftige Beobachtungen vor. In Nizza soll das Meer zur Zeit des Hauptstosses ganz ruhig gewesen sein, was jedoch fraglich sein dürfte. In Mentone, so lautet eine Angabe, zog sich das Meer 4—5 Min. nach dem Stosse um 2—3 m. zurück und liess den Kies des Ufers auf dieser Strecke trocken liegen, dem Rückzuge aber folgte unverzüglich ein Steigen des Meeres 2 m. über den Normalstand. Leider wird in den Berichten nicht gesagt, ob das Meer dann wieder in sein ursprüngliches Niveau gesunken sei oder dauernd höher gestanden habe. Nach einem andern Beobachter senkte sich in Mentone der Wasserspiegel langsam um 85—90 cm. Am Hafen von Antibes bemerkten zwei Personen im Moment des Stosses oder eigentlich nach dem Eintritt desselben ein Pallen des Wassers um 50 cm. und ein Zürückweichen vom Ufer im Betrag von einigen Metern. Nachher trat das Meer wieder in sein höheres Niveau und nahm am Ufer wieder seine ursprüngliche Stelle ein, ohne dass es bei diesen Vorgängen grosse Bewegung gezeigt hätte. Wohl bei allen Erdbeben, die sich in Küstengebieten ereigneten, ist das benachbarte Meer bewegt gewesen. Auch auf dem Genfersee hat man zur Zeit von Erdbeben hohe Wogen ohne den leisesten Windhauch beobachtet***). Darwin f) konnte aus den von W. Parish gesammelten Berichten über Beben der Westküste Südamerika^ den Schluss ziehen, dass die erste Bewegung des Meeres bei Erdbeben das Zurückweichen des Wassers ist, und er fand dies beim Erdbeben von Conception vom 20. Februar 1835 wieder bestätigt. Diese Bewegungen des Meeres an den Küsten sind von den durch die Erschütterung im Wasser erregten Undulationen zu unterscheiden; sie sind eine andere Erscheinung, als der Stoss ist, den Schiffe zur Zeit von Erdbeben auf dem Meere verspüren. Das Zurückweichen des Meeres setzt eine Senkung am Meeresgründe voraus; eine Hebung an deren Stelle würde eine Schwellung der Wasser bewirken, und die erste Bewegung müsste sich dann in einer gegen das Land ansteigenden Welle darthun, wie Fr. Tfohrff) gezeigt hat. Senkt sich aber am Meeresgründe eine Scholle, so bildet sich über dem Centrum der Senkung gegen die Küsten hin ein ■ Wellenthal aus, in welches das umgebende Meer sich in eoncentrischem Kreise hineinstürzt, das Wasser an der Küste ist unter sein Niveau gesunken, und wir haben das erste grosse Zurück- tveichen des Meeres vor uns. Ueber der sinkenden Scholle bildet sich gleich nachher ein Wellenberg, der, anfänglich das Meeresniveau überragend, in der Mitte einsinkt und sich nun als ringförmige Welle *) „Das Antlitz der Erde“, I, S. 178 und 442. **) „Die Tyrrhenis“, Komos VII, 1883. ***) Förster, „Das Erdbeben der schweizerischen Hochebene vom 27. Januar 1881“. f) „Die Beise eines Naturforschers um die Erde“, II, S. 70. ff) „Geschichte der Erde“, S. 221 und 228. 31 nach den Küsten hin fortpflanzt. Dies ist das Steigen des Meeres an den Landrändern oder die erste und mächtigste Schwallwelle, ivie sie sich bei grossen Küstenbeben einstellt. Die Welle erscheint erst einige Zeit nach der Erschütterung, weil die Geschwindigkeit der Wasserwellen weit hinter der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erdbebenwellen in den Erdschichten zurücksteht. Ich habe mir diese Bewegungen in einem Apparate veranschaulicht und den Bückzug des Wassers immer als die erste Störung erhalten. Ein grösseres, im Grundriss nahezu quadratisches Gefäss ist nahe einer Wand mit einer viereckigen Oeffnung versehen. Die Küstenabdachung ist im Gefäss durch Cementlagen nachgealimt. Am Grunde eines Behälters wird ein Ausschnitt mit einer elastischen Kautschukplatte geschlossen. Um dieselbe von der Unterseite herabbewegen zu können, befestigt man sie oben und unten je mit einer kleinen Holzplatte gerade über der Mitte der Oeffnung. Eine durch diese Holzstücke von unten her angebrachte Schraube dient zum Anhängen eines grossem Gewichtes. Wenn nun das Gefäss zu einem Theil mit Wasser gefüllt ist und das Gewicht plötzlich angehängt wird, so bewogt sich die Kautschukplatte nach unten und bildet ein Einsenkungsfeld von \_/-Form, welche Form wohl am ehesten den Verhältnissen in der Natur entspricht. An den durch Cement dargestellten Küsten wird ein Bückzug des Wassers bemerkt, während über der Mitte der Einsenkung nach der Bildung des Wellen thales (das sich als solches an die Bänder fortgepflanzt) ein Wellenberg entsteht, der sich als erste und grösste Schwallwelle nach den Wänden des Behälters hin bewegt. Es wiederholen sich diese Bewegungen noch mehrmals in schwächerem Massstabe, bis das Wasser wieder in seine Buhelage tritt. Man könnte dies Alles als selbstverständlich betrachten, wenn nicht eine grosse Anzahl von Schriftstellern die Bewegung des Meeres an den Küsten mit der durch das Erdbeben erzeugten Erschütterung der Wasser verwechselt hätte und Erklärungen gäbe, nach welchen die erste Bewegung ebenso gut eine Schwallwoge sein könnte. Fuchs begnügt sich in „Vulkane und Erdbeben“ mit der sehr allgemein gehaltenen Bemerkung: „Der Ocean ist als ein Gefäss zu betrachten, welches mit Wasser gefüllt ist und dessen Wände von den Küsten der Kontinente gebildet werden. Wie jeder kräftige Stoss an ein fest stehendes, mit Wasser gefülltes Gefäss eine sehr lebhafte Bewegung in dem Wasser erzeugt, so auch jede hinreichend starke Erschütterung an den Küsten des Oceans.“ Warum sich bei Erdbeben aber das Meer zuerst zurückzieht, kann aus diesen Worten unmöglich ersehen werden. Darwin nimmt eine Hebung im Meere an und versucht dann in einer unklaren Darstellung jene mit dem Bücktritt des Wassers an der Küste in Beziehung zu bringen: „Die ganze Erscheinung ist meiner Ansicht nach von einer gewöhnlichen Undulation dos Wassers abhängig, die von einer etwas entfernten Linie oder einem Punkte der Erschütterung ausgeht. Es scheint in der That ein allgemeiner Umstand zu sein, dass in allen Fällen, wo das Gleichgewicht einer Wellenbewegung auf diese Weise gestört wird, das Wasser von der Widerstand leistenden Oberfläche hinweggezogen wird, um die fortschreitende Schwallfluth zu bilden.“ Wasser aber kann nicht von einer Widerstand leistenden Oberfläche weggezogen werden; die Ursache kann nur die Schwerkraft sein, und die einzig mögliche Erklärung der beobachteten Erscheinungen liegt in der Annahme einer plötzlichen Einsenkung eines Theiles des Meeresbodens, die vielleicht nur wenige Millimeter betragen hat. Vielleicht spricht für eine Senkung des Meeresgrundes als Ursache des ligurischen Erdbebens auch noch der Umstand, dass zwischen Antibes und Corsica das Kabel zerrissen wurde. Ein solches Telographentau liegt in seiner ganzen Länge auf dem festen Boden auf; senkt sich nun der Untergrund, so ist das Kabel gestreckt und muss reissen. Doch darf dieses Beispiel nicht als direkter Beweis für eine Senkung angesehen werden. Die Senkung der Meeresscholle erfolgte längs einem Bruchrande und nicht durch den Einsturz von Höhlen, die Mohr als Ursache dieser und überhaupt aller Erderschütterungon angenommen hat. Meine Erklärung der Bewegungserscheinungen des Wassers an der Küste ist ferner von der durch Mohr gegebenen dadurch verschieden, dass sie keiner infolge der Senkung oingetretenen Durchbrüche und Erhebungen in der Mitte des Sonkungsfcldes bedarf, sondern die Annahme eines solcher Art 32 bestimmten, in Hebung begriffenen Centrums als gänzlicli unstatthaft hinstellt. Sie sieht den Grund des Rückzugs des Meeres nicht darin, dass in Folge von Senkung des Meeresbodens über einer „flüssigen Inhalt, Sand, Steine und Schlacken“ herauslassenden Bruchstelle ein Wellenberg und im weitern Umkreis um dieselbe ein Wellenthal entsteht; über dem Einsenkungsfelde ist vielmehr die Bildung eines Wellenthaies die erste Bewegung, und der Wellenberg entsteht erst durch diese im Wasser aufgetretene Strömung. Da der Golf von Ligurien ein eingesunkenes Stück Erdrinde ist, so wird er von einer Z-förmig gekrümmten Falte, die man Flexur nennt, umgeben sein. Diese mag in der Tiefe auch in eine Avahre Verwerfung übergehen. Die Flexur wird gebildet von einer der Küste angehörenden Antiklinale und einer Synklinale, die durch die Grenzen der Tiefsee dargestellt ist. Auch an der ligurischen Küste sieht man, dass die Abdachung bis zu einer gewissen Tiefe eine unbedeutende ist, dass dann der Böschungswinkel ein steilerer wird und der Absturz zu grossem Tiefen rasch erfolgt. Die Tiefenkurven des Golfs von Ligurien zeigen zuerst einen sehr schmalen Küstensaum, an dessen Grenzen die Peilungen nur etwa 50 Faden ergeben; die Hundertfadenlinie hat sich hier in eine Stufe von 50 Faden verwandelt. Eine breitere Zone von mehr als 300 Faden Tiefe folgt dieser zum Kontinent gehörenden Küstenstufe. In dieser Meeresgegend, am ziemlich steil altstürzenden, bogenförmigen Küstenrande, bewegte sich eine unterseeische Scholle gegen die Tiefe hin, und zwar nahezu gleichzeitig auf allen Punkten ihrer grossen Fläche, wobei die Erschütterung im Allgemeinen in einer der Bruchlinie und zum Streichen der Alpen parallelen Richtung fortgepflanzt wurde. Aus der Beivegung des Meeres an der Küste kann man ersehen, dass die Ursache der Erschütterung eine Senkung im Meere gewesen ist. Die fortgesetzte Senkung im Meere muss eine geringere Bewegung der Gebirgsglieder an iveit entfernten Punkten der mittlern Zone zur Folge gehabt haben, denn wir haben erkannt, dass die Angaben über den Eintritt der Erschütterung der Annahme einer physikalischen Fortpflanzung des Stosses von einem Gentrum aus nicht nur ungünstig sind, sondern sie geradezu als »unmöglich erscheinen lassen. Das ligurische Erdbeben vom 23. Februar gehört also zu den tektonischen Beben, und zwar ist es ein peripherisches Senkungsbeben mit vorzugsweise longitudinaler Stossrichtung. Die Stösse wurden von einem Erzittern des Bodens nach vielen andern, regellos vertheilten Richtungen begleitet. 16) 23. Februar, 0 Uhr 30 Min. Abends. Erschütterung in Andermatt, Bewegung schwankend, horizontal, I. = IV—V. 17) 24. Februar, 3 Uhr 7 Min. Morgens. Massiger Erdstoss in Aubonne, Bewegung N—S gerichtet, I. = IV. 25. Februar. In Basel will eine Person früh am Morgen durch eine Erschütterung im Bette geschaukelt worden sein. 18) 25. Februar, 2 Uhr 2 Min. Morgens. Wellenförmiger Erdstoss mit Geräusch in Lausanne. 19) 26. Februar, 2 Uhr 20 Min. Morgens. Horizontaler Stoss in Verrieres, Richtung SO—NW, I. = III. (1. März, 4 Uhr Morgens. Stoss in Savona.) (2. März. Starker Stoss in Reggio, Calabrien.) 2. März, 3 Uhr 40 Min. Morgens. Nach der „Tribüne de Geneve“ verspürte ein Beobachter in Genf einen undulatorischen, O—W gerichteten Stoss. 20) 2. März, 4—5 Uhr Morgens. „Des secousses de tremblement de terre“ von mehreren Personen in Clärens, Waadt, verspürt. 21) 2. März, 11 Uhr 56 Min. Abends. Clärens und Montreux: „un leger tremblement“. Die Bewegung war undulatorisch und pflanzte sich laut dem Berichte aus Clärens von SO nach NW fort. 33 (5. März, 5 Uhr Morgens. Stoss in Cannes.) (6. März, 6 Uhr 40 Min. Morgens. Schwacher Stoss in Cannes.) (7. März. Leichter Stoss in Genua, Ventimiglia.) 7. März, 3 Uhr und 5 Uhr Morgens. Erschütterung in St. Gallen. 7. März, 0 Uhr 25 Min. Abends. Erschütterung in Chaux-de-fonds. 7. März, 4 Uhr 15 Min. Abends, will ein Beobachter in Genf leichte Vibrationen des Erdbodens ohne Geräusch verspürt haben. 22) 7. März, 8 Uhr 45 Min. Abends. Leichter wellenförmiger Stoss in Chaux-de-fonds. 23) 7. März, 0 Uhr 34 Min. Abends. Erdbeben im Domleschg und Savienthal, Graubünden. Ueber den Stoss Nr. 23 sind Berichte von Sils, Thusis, Realta, Rongellen, Paspels, Ems und Savien- Platz eingelaufen. Die genaueste Zeitangabe ist ohne Zweifel die nach der Telegraphenuhr verifizirte aus der Spinnerei Albula (Sils); sie stellt sich auf 0 Uhr 34 Min. 20—30 Sek. Abends. Die übrigen gemeldeten Zeiten differiren alle gegenüber dieser Angabe um ein Bedeutendes; mit Ausnahme von Savien-Platz (0 Uhr 25 Min.) nennen sämmtliclie Referenten 0 Uhr 30 Min. Sie sind viel zu ungenau und fehlerhaft, um aus deren Diskussion einen Stossherd finden und Fortpflanzungsgeschwindigkeiten feststellen zu können. In Sils sollen nach einem Berichterstatter zwei Stösse verspürt worden sein, der genaueste Bericht, den wir aus diesem Orte haben, spricht aber von nur einem Stoss, ebenso die übrigen Berichte der andern Ortschaften. Aach dem Stosse folgte ein kurzes Schüttern. Der Stoss war ein heftiger Seitenruck, der in Sils manche Häuser in den Grundfesten erzittern machte; man hatte das Gefühl, wie wenn schwere Körper gegen die Häuser geschleudert würden. Stossangaben machen Sils, Rongellen und Paspels; die Richtung war an den beiden ersten Orten NW—SO, in Paspels O—W. Rongellen meldet für die Erschütterung eine Dauer von 5 Sek. In Savien-Platz fiel ein Hut vom Nagel, in Rongellen wackelten die Zimmermöbel, in Sils schwankten Flüssigkeiten in den Gefässen, während in Paspels die in einer Werkstatt hängenden Waffen und andere Gegenstände übereinstimmend O—W schwangen. In Paspels wurde die Erschütterung auch im Freien verspürt. Die Intensität war IV—V; sie schien in den im Gebiete der Alluvionen erbauten Ortschaften nicht bedeutend stärker gewesen zu sein als da, wo der Untergrund aus Bündnerschiefer bestand. Mit dem Stosse wurde ein unterirdisches Dröhnen wahrgenommen, welches sogleich zu einem knallartigen Getöse angewachsen war (Sils). Die Erschütterung wird als kürzer und stärker als die am 23. Februar 1887 empfundene bezeichnet. Dieses kleine Erdbeben gehört zu den Querbeben, welche in diesem Gebiete schon häufig konstatirt worden sind. Der Längsdurchmesser (Rongellen-Ems) beträgt 17 km., der Querdurchmesser stellt sich ungefähr parallel zum Streichen des Gebirges. Die Richtung der Bewegung*scheint transversal zu diesem Streiehen gewesen zu sein. Das Beben stellt sich dar als ein auf seiner Zone erfolgter transversaler Verschiebungsruch, der hier so oft schon zur Auslösung von Spannungen im Felsbau gedient hat. 9. März, 2—3 Uhr Morgens. Leichter wellenförmiger Stoss in Genf. (9. März, 4 Uhr 30 Min. Morgens. Leichter Stoss in Nizza.) 24) 10. März, 2 Uhr 30 Min. Horizontaler Erdstoss in Herisau, circa 2—3 Sek. dauernd. 25) 11. März, 1 Uhr 20 Min. Morgens. „Une forte secousse' de tremblement de terre“ in Tour-de- Peilz bei Vevey, Richtung S—N, mit Geräusch. I. = IV. (11. März, 9 Uhr Morgens und 2—3 Uhr Abends. Erschütterung in Cannes, Nizza, Venti- miglia, Alassio, Diano-Marina, Antibes, Mentone, Marseille, Mondovi.) 26) 12. März, 4 Uhr 30 Min. Morgens in Zürich und vor halb 4 Uhr in Dussnang, Thurgau, eine Erschütterung. Auch in Biberach, Württemberg, wurde um 4 Uhr 30 Min. Morgens ein Stoss verspürt. 5 34 12. /13. März. In der Nacht sollen nach der „Tribüne de Geneve“ mehrere Personen in Genf einen leichten Stoss verspürt haben. 13. März, 1 Uhr 30 Min. Morgens. Erschütterung in Basel. 27) 13. März, 2 Uhr 25 Min. Morgens. Erschütterung in Weinfelden und Wigoltingen, Thurgau. Es berichten über dieselbe 8 Beobachter. Die Bewegung wurde in Wigoltingen als ein zweimaliger, als senkrecht betrachteter Stoss, in Weinfelden als ein von SW-—NO gehendes Zittern wahrgenommen. Die Erschütterung war von charakteristischem Geräusch begleitet. Die Intensität betrug III—IY, die Dauer etwa 3 Sek. Es wird weiter bemerkt, dass um 2 Uhr Morgens Hegen fiel und bald darauf sich Schneefall einstellte, dass also das Erdbeben sich zur Zeit eines raschen Temperaturwechsels ereignete. 28) 13. März, 4 Uhr Morgens. Erschütterung in St. Gallen. Man zählte 3 wellenförmige, sich in der W—0 Richtung bewegende Stösse. I. = IY? „Mehrere Tage vorher“ soll ebenfalls ein unterirdisches Rollen und eine kurze, kaum merkbare Erschütterung in St. Gallen wahrgenommen worden sein. (13. März, 10 Uhr 30 Min. Abends. Schwacher Stoss in Cannes.) (14. März, 3 Uhr 30 Min. Morgens und 4 Uhr 45 Min. Abends. 2 Stösse in Cannes, der zweite stärker, Richtung 0—W.) 15. März, 1 Uhr 45 Min. Abends. Leichter Stoss in Basel. (15. März, 4 Uhr 12 Min. und 11 Uhr 40 Min. Morgens. Schwacher Stoss in Cannes.) 30) 15. März, 11 Uhr 15 Min. oder 11 Uhr 45 Min. Abends. Mehrere Stösse in Yverdon. 29) 16. März, 5 Uhr 15 Min. Morgens. Stoss in Yverdon. Die Erschütterung, welche sich aus den Stössen Nr. 29 und 30 zusammensetzte, wurde von mehrern Schulkindern beobachtet; der letzte Stoss (5 Uhr 15 Min.) scheint der stärkste gewesen zu sein. Um 11 Uhr 15 Min. und 11 Uhr 45 Min. sollen Pendulen arretirt worden sein. Die Fenster klirrten, Möbel krachten und die Betten wankten derart, dass ein Schüler von seinem Lager herabfiel. Eine Uhrglocke klang an, ein Glas fiel auf den Tisch und zerbrach. Die Intensität mag auf Y geschätzt werden. Ein begleitendes Geräusch wird nicht gemeldet. (16. März, 7 Uhr 20 Min. Morgens. Horizontaler Stoss in Cannes.) 31) 18. März, 3 Uhr Morgens. Thayngen, Schaffhausen. Vertikaler Erdstoss, 2 Sek. dauernd. Ein von Griesbach (einem der Stadt Schaffhausen nahen, auf einer Terrasse des Randen gelegenen Hofe) berichteter Stoss von 1 Uhr 55 Min. (?) Morgens scheint mit dem in Thayngen empfundenen zusammenzufallen. Die Intensität war in Griesbach III—IY. Die Erschütterung war von dumpfem Rollen begleitet. 20. März, 2—3 ulftr Morgens, vernahmen 2 Wachtposten in Schaffhausen ein beängstigendes Tosen, verspürten aber keinen Stoss. (20. März, 4 Uhr 45 Min. Morgens. Stoss in Cannes.) 32) 20. März, 5 Uhr 45 Min. Morgens. Erdstoss, begleitet von unterirdischem Rollen in Zweisimmen, Bern. Es war diese Erschütterung, wie es für Zweisimmen meistens der Fall, eine rein lokale, durch Einsturz bedingte. 20. März, 11 Uhr 30 Min. Abends. Um die bezeichnete Zeit blieb in Olten eine Uhr stehen; man vermuthet, dass dies von einem Erdstosse herrührte. 33) 21. März, 2 Uhr 8 Min. Morgens. Erschütterung in Olten. Die Bewegung war horizontal, die Intensität IY—Y. Die Erschütterungen vom 12.—21. März fanden zum Theil bei starkem Schneefall, zum Theil bei grosser Kälte statt; viele Orte der Schweiz zeigten in dieser Periode die niedrigste Temperatur, die im Winter beobachtet wurde, Frauenfeld —17°, Diessenhofen —20°, Trogen —10°. 35 (21. März, 5 Uhr 30 Min. Morgens. Erdstoss in Cannes.) (22. März, 6 Uhr und 11 Uhr Morgens. Leichter Stoss in Cannes.) 34) 23. März, 11 Uhr bis 12 Uhr Morgens. Horizontaler Erdstoss in Olten, I. = IY. 35) 23. März, 11 Uhr 15 Min. Morgens. 36) 23. März, 11 Uhr 17 Min. Morgens. 37) 23. März, 11 Uhr 22 Min. Morgens. 38) 23. März, 11 Uhr 30 Min. Abends. Erschütternng im Oberengadin. Die Stösse Nr. 35 bis 38 bilden zusammen das Oberengadinerbeben vom 23. März. Es sind über dasselbe sorgfältige Berichte von Campfer, Silvaplana, St. Moritz, Sils .und Pontresina eingegangen. Auch in Samaden wurde das Erdbeben verspürt. Man zählte an den meisten Orten 3 deutliche Stösse, und von dem aus Pontresina gemeldeten 4. Stoss (8 Uhr 30 Min. Abends) wird gesagt, dass er ebenfalls noch in andern Gemeinden beobachtet worden sei. Der erste Stoss war der stärkste, der dritte aber schon so schwach, dass er von Yielen nicht mehr verspürt wurde. Der Eintritt des ersten Stosses erfolgte überall nahezu gleichzeitig. Die Dauer einer Bewegung wird auf 1—2 Sek. geschätzt. Alle, welche die Stossrichtung anzugeben wissen, stimmen darin überein, dass sie in der N—S Linie gelegen habe. Niemand spricht von einer Wellenbewegung. Die Form, in welcher die Erschütterung auftrat, war ein plötzliches Erzittern in horizontalen Schwingungen und war bei allen Stössen die gleiche. Ein Beobachter hatte das Gefühl, dass ein leeres Fass daher gewälzt würde. Es fehlt nicht an objektiven Wahrnehmungen, an denen man die Intensität der Erschütterung genauer abmessen kann. In Sils schwankte das Pendel einer Uhr und blieb beinahe stehen, in Silvaplana zitterte eine Topfpflanze. Hier war das Erdbeben fast in allen Häusern verspürt worden. Neben diesen Erscheinungen hatte man das obligate Krachen des Holzgetäfels und Rasseln in den Zimmerecken. Die Intensität des Bebens erreichte den Grad IY, die des aus Campfer berichteten Geräusches wird mit einer stürzenden Schneelawine verglichen. Das Oberengadinerbeben vom 23. März ist ein Längsbeben , dessen grösster in der Thalrichtung liegender Durchmesser etiva 15 km. beträgt. Seine Ursache lag wohl in einem Brechen oder Verschieben von Felsschichten in der Richtung des Thaies; die dadurch entstandene Erschütterung scheint sich quer zu dieser Linie fortgeflanzt zu haben. (25. März. Horizontaler Stoss in Stuttgart.) (27. März. Zwei starke Stösse in Friedau, Krain.) (28. März, 5 Uhr 30 Min. Morgens. Leichter Stoss in Cannes.) 39) 30. März, 2 Uhr 15 Min. Morgens. Erschütterung in Yverdon und Grandson. In Yverdon wurden 2 Stösse verspürt. I. = III—IY. (31. März. Erdstoss in Forli, Romagna.) 1. April, 4—5 Uhr Morgens. Stoss in Yverdon. (2. April. Mehrere Stösse in Forli, Romagna.) 7. April, 6 Uhr 30 Min. und 8 Uhr 30 Min. Abends, wurden in Brigels, Graubünden, „mehrere leichte Erdstösse mit unterirdischem Rollen“ verspürt. Da in dem von Herrn Prof. Brügger gesammelten Material über diese Erschütterung keine Notiz vorhanden war, so wage ich es nicht, diese 2 Stösse zu nummeriren. (8. April. Leichte Stösse am wieder thätigen Aetna.) 40) 9. April, 0 Uhr 58 Min. Abends 41) 9. April, 2 Uhr 28 Min. Abends 42) 9. April, 2 Uhr 45 Min. Abends 43) 9. April, 2 Uhr 54 Min. Abends Erschütterung im Oberengadin und in Tinzen. 36 Die Stösse Nr. 40—43 bilden zusammen das Oberengadiner-Oberhalbsteiner Beben vom 9. April. Uober dasselbe sind 8 Berichte eingelaufen, welche sich auf die Ortschaften Maloja, Sils, Silvaplana, St. Moritz, Pontresina, Samaden, den Julierberg und Tinzen vertheilen. In Sils wurden alle 4 Stösse verspürt, in Pontresina und Silvaplana 3—4 Stösse, in St. Moritz, Samaden, Julierberg und Maloja 2, in Tinzen 1 Stoss. Die Zeitangaben differiren in Bezug auf den Eintritt des einen oder andern Stosses mitunter ziemlich stark und reichen gerade aus, den gleichen Stoss an verschiedenen Orten als solchen erkennen zu lassen. Die Zahl der Stösse und ihre zugehörige Zeit kann aus folgender Zusammenstellung ersehen werden: Ort I. Stoss II. Stoss III. Stoss IV. Stoss Sils . . . 0 Uhr 58 M. 2 Uhr 28 M. 2 Uhr 44 M. 2 Uhr 54 M. Silvaplana. — 2 Uhr 28 M. 2 Uhr 50 M. 3 Uhr 5 M. Pontresina. 1 Uhr 50? 2 Uhr 28 M. 2 Uhr 45 M. — St. Moritz . — 2 Uhr 25 M. 2 Uhr 45 M. -- Samaden . — 2 Uhr 15 M. 2 Uhr 30 M. — Maloja . . — 2 Uhr 30 M. 2 Uhr 45 M. — Julierberg . — 2 Uhr 27 M. 2 Uhr 45 M. — Tinzen . . — 2 Uhr 36 M. — — Der zweite Stoss war der stärkste; er wurde im Engadin als ein Gerassel oder donnerähnlicher Schlag wahrgenommen; in Tinzen empfand man ihn als ein leichtes Zittern wie von einem vorüberfahrenden Wagon. Der erste Stoss war sehr schwach, der dritte und vierte bedeutend schwächer als der zweite, der Hauptstoss. Die Dauer des letztem wird auf 2—3, 5 und 15 Sek. angegeben. Yom Maloja wird berichtet, dass der Stoss von 2 Uhr 45 Min. (3. Stoss) am intensivsten und von längerer Dauer war als der um 2 Uhr 30 Min. (2. Stoss) verspürte. Es zeigte sich auch bei diesem Beben, dass ein Unterschied in der Intensität auftrat, je nach den Verhältnissen des Untergrundes. So hatte ein Beobachter auf Eelsboden oberhalb Sils-Baseglia nichts verspürt, während in Sils der Stoss stark genug war, Bilder an den Wänden und halboffene Thüren zu bewegen. Arbeiter, die auf einem schneebedeckten Dache sich befanden, bemerkten nur Geräusch und momentanes Sinken (?) der Schneefläche. Auf dem Maloja war die Intensität IY, in Tinzen bedeutend geringer. In Pontresina soll die Stärke der Erschütterung geringer gewesen sein als beim Beben vom 23. März 1887. Die Stossrichtungen im Engadin fallen, mit Ausnahme einer einzigen (St. Moritz W—0), in die Thallinie; alle sind parallel zum Streichen des Gebirges. In Tinzen war die Bewegung quer zu dieser Ilichtung. Die Stösse waren von Geräusch begleitet; beim Hauptstosse schwoll dasselbe zu einem dumpfen Donner an (Pontresina). Geräusch und Erschütterung waren gleichzeitig. Kartirt man die Stösse, so erblickt man ein Schüttergebiet von dreieckiger Gestalt. Die Grundlinie des Dreiecks liegt in der Thalrichtung, seine Spitze bildet Tinzen in Oberhalbstein. Die Fläche dieses Feldes ist etwa 200□km. gross. Man kann in ihm deutlich zwei Zonen unterscheiden, die in Bezug auf Lage und Stossrichtung Gegensätze darstellen. Die erste Zone zieht sich als eine schmale Ellipse von SW nach NO hin und hat longitudinale Stossrichtungen; sie ist eine Längszone, in welcher die Erschütterung auf\ einer Kluft oder einem Bruche nahezu gleichzeitig entstanden war. Die andere Zone durchquert die obere Hälfte der beschriebenen Fläche und reicht über den Julier- pass nach Tinzen; sie ist nach Lage und Stossrichtung dem Streichen der Gebirgsglieder entgegengesetzt, eine deutliche Querzone, in deren Richtung wahrscheinlich die in der Längsfläche erzeugte primäre Erschütterung mit ehuas verminderter Kraft sich bis Tinzen fortgeflanzt hatte , 37 Von der des das Oberengadin umfassenden Längszone des Bebens vom 9. April 1887 wissen wir, dass auf ihr ungemein häufig Erschütterungen aufgetreten sind, so z. B. am 14. Februar 1882, 4. Januar 1882, 27. April, 2. Juni, 4. Juni, 16. August 1884, am 12. und 25. Dezember 1886. Blickt man auf die Karte, in welcher das Bündnerbeben vom 7. Januar 1880 eingetragen ist*), so sieht man unsere über den Julier bis nach Tinzen sich erstreckende Querzone in die ausgezeichnete Querzone jenes Bebens hineinreichen. Diese lag in der Richtung des alten Rheinstromthaies, Oberhalbstem-Lenzerheide-Chur und wahrscheinlich fällt in ihr Gebiet die grosse Horizontalverschiebung der Gebirgsglieder dieser Gegend, welche Yerschiebung sich darin kundgibt, dass im Osten der Querzone die Trias stark entwickelt, im Westen hingegen nicht erkenntlich ausgebildet ist. Wir werden gleich sehen, dass die Auslösung der Spannungen, welche dem Domleschgerbeben yom 7. März 1887 und dem Oherengadiner - Oberhalbsteinerbeben vom 9. April zu Grunde lag, dann bald längs der Yerschiebungslinie weiter hinunter in’s Rheinthal gelangte und sich dort im Erbeben einer grossem Fläche manifestirte. (15. April. Stösse auf Sizilien, namentlich stark in Santa Flavia.) 44) 23. April, 0 Uhr 47 Min. Morgens. Erschütterung in Lienz, Rüti, Sennwald, Salez im Rheinthal, in Feldkirch und Friedrichshafen. Diese Erschütterung bestand aus zwei Stössen, von denen der zweite schwächer war. In Lienz und Rüti wurden viele Personen aus dem Schlafe geweckt, aber eine im Freien befindliche Person hatte nichts wahrgenommen. Ein unterirdisches Donnern begleitete den horizontalen Erdstoss, dessen Intensität III—IY gewesen zu sein scheint. Die Erschütterung wurde auch in Feldkirch im Vorarlberg und in Friedrichshafen am Bodensee „etwas vor 12 Uhr Kachts“ wahrgenommen. Man beobachtete an letzterem Orte Tosen des Sees bei gänzlicher Windstille. Dieses Beben, über welches leider zu wenig genaue Berichte vorliegen, ist ein ausgezeichnetes Transversalbeben, welches auf einer schmalen Fläche von 50 Km. Länge aufgetreten ist. Wir haben uns daran zu erinnern, dass wir hier im Gebiete der Rheinlinie sind, einem aus horizontaler - transversaler Yerschiebung hervorgegangenem Blatte, das ungefähr senkrecht auf das Streichen der Alpen gerichtet ist. An dieser Linie verschieben sich die Ostalpen gegen die Westalpen um einen mächtigen Betrag; hier, in der Gegend des Bodensees, tritt die schweizerische Flyschzone in flacher S-förmiger Beugung über die westliche Streichungsrichtung vor und dieses Yortreten des Aussenrandes entspricht im Innern des Gebirges der Schleppung des Rhätikon an der Rheinlinie**). Wir erkennen im rheinischen Beben vom 23. April also ein Blattbeben, das Analoga in mehrern frühem Erschütterungen längs der gleichen Linie findet, so z. B. in den Erdstössen des 13. Mai 1885 und des 18. November 1881. (3. Mai, 3 Uhr 45 Min. Morgens, Stoss im Forli.) (4. Mai, Stoss in Forli.) 45) 4. Mai, „kurz nach Mitternacht“ Erschütterung in Ruschein, ob Ilanz. 17. Mai, 8 Uhr 30 Min. Abends. Leichter Erdstoss in Zürich. (19. Mai, 8 Uhr Morgens. Starker Stoss in Ventimiglia und Oneglia.) 46) 19. Mai, 11 Uhr 5—11 Uhr 15 Min. Abends. Erdbeben in Sion, Bex, St-Triphon, Aigle, L’Etivaz, Chateau d’Oex, Rougemont, Clärens und Tour de Peilz. Dieses Erdbeben nenne ich das voralpine Beben vom 19. Mai. Sein Gebiet füllt den grossen Rhonewinkel aus und reicht im Korden bis Chateau d’Oex und Rougemont. Zweisimmen, das sonst bei Rhonebeben häufig mitschwingt, scheint diesmal die Erschütterung nicht verspürt zu haben. Das *) Heim: „Die schweizerischen Erdbeben vom November 1879 bis Ende 1880.' **) Süss: „Das Antlitz der Erde“ I S. 182 und 287, 38 Schüttergebiet zeigt eine annähernd elliptische Form; der Längsdurchmesser (Sion - Tour de Peilz) beträgt 47 Km. und stellt sich quer zum Streichen der Alpen, der Querdurchmesser (Bex-Rougemont) ist 32 Km. gross. Nach der Lage des Schüttergebietes ist dieses Beben als Transversalbeben zu klassifiziren. Die Intensität scheint den Grad III nicht überschritten zu haben, nur yon Tour de Peilz hei Yevey wird gemeldet, dass eine Uhr arretirt worden sei. In Clärens und Rougemont wurde das Erdbeben von je einer Person bemerkt, während in Chäteaux d’Oex mehrere Personen davon Notiz nehmen konnten. Yon St-Triphon bei Aigle wird Klirren der Gläser gemeldet, in L’Etivaz fühlte ein Beobachter sein hölzernes Haus leicht erschüttert. Yon Bex berichten zwei Personen, dass ihr Bett schwach oscillirt habe. Die Dauer der Bewegung, deren Natur aus den wenigen und wenig genauen Berichten zu schliessen, ein Zittern in horizontalen Schwingungen gewesen zu sein scheint, betrug I— 2 Sekunden. Die Zeit wird sehr verschieden angegeben: Sion und Aigle nennen 11 Uhr 5 Minuten, St-Triphon gibt 11 Uhr 7 Minuten (Telegraphenzeit) und Clärens 11 Uhr 5—8 Min. an. Eie Bericht von Tour de Peilz setzt den Eintritt der Erschütterung auf 11 Uhr 15 Min. fest, Chateau d’Oex meldet II— 11 Uhr 30 Min. Aus diesen Zeitangaben lässt sich nichts bestimmtes über Herd und Fortpflanzung herausfinden. Stossrichtungen werden von zwei Orten angegeben: in Bex war die Bewegung SSW—NNO, in Aigle 0—W gerichtet. Ein Geräusch wurde in Bex und Aigle, sowie in Clärens beobachtet. Das Erdbeben scheint sich nicht über das linke Rhoneufer hinaus verbreitet zu haben. Diese Erscheinung, dass bei Erschütterungen im untern Rhonethal und am Genfersee die linke Seite schwächer mitschwingt oder erdbebenfreies Gebiet bleiben kann, ist schon oft konstatirt worden. (19. Mai, 11 Uhr 30 Min. Abends. Leichter Stoss in Savona.) (20. Mai, 6 Uhr 50 Min. Morgens. Stoss in Moncalieri.) (20. Mai, 7—8 Uhr Morgens. Stoss in Moncalieri, Mentone, Monte Carlo, Yentimiglia, Mondovi.) (20. Mai, 1 Uhr 30 Min. Abends. Erschütterung verschiedener Orte in Ligurien.) 47) 23. Mai, 11 Uhr Morgens. Ziemlich heftiger Stoss in Schwyz. (26. Mai, 2 Uhr 35 Min., 5 Uhr, 9 Uhr Morgens. Leichte Stösse in Sinigaglia.) (27. Mai, 3 Uhr 35 Min. Morgens. Wellenförmiger Stoss in Montle.) 27. Mai, 10 Uhr 15 Min. Morgens, beobachteten nach dem „Jommal de Geneve“ mehrere Personen in Carouge bei Genf einen Stoss. 30. Mai, 1 Uhr Morgens. Erschütterung in Zweisimmen. (31. Mai. Ausbruch des Centralkraters am Aetna.) (1. Juni, 6 Uhr Abends. Erschütterung in Hecklingen und Malterdingen, Amt Emmendingen in Baden.) 48) 2. Juni, 10 Uhr 25 Min. Morgens. Horizontaler Erdstoss, begleitet von Geräusch in Zweisimmen. (5. Juni, 3 Uhr 10 Min. Abends. Erschütterung in Römerbad und Cilli, Steiermark.) 49) 9. Juni, 9 Uhr 13 Min. Abends. Zwei horizontale Stösse, begleitet von Geräusch in Cierfs im Münsterthal, Graubünden. (11. Juni, 9 Uhr 30 Min. Abends. Erschütterung in Mittelbaden in Emmendingen, Mahlberg, Lahr, Haslach, Gengenbach, Rauenmünzach, und im Eisass in Strassburg, Neuhof, Erstein, Rheinau.) 50) ; 21. Juni, 1 Uhr Morgens. Erdstoss in Mamried bei Zweisimmen. Die Yermuthung einer Erschütterung zur gleichen Zeit trug auch ein Beobachter in Zweisimmen. 51) 30. Juni, 9 Uhr 30 Min. bis 10 Uhr Abends. Mehrere schwache Stösse, begleitet von einem schwachen unterirdischen Rollen, in Zweisimmen. (17. Juli, Morgens. Erschütterung in Catania, Lecce, Ischia, Livorno, Parma und Griechenland.) (26. Juli, 1 Uhr 55 Min. Morgens. Drei Stösse in Obernzell an der untern Donau und in Wegscheid, Messmerschlag in Niederbayern.) , (4. August. Erschütterung in Lembach in Oberösterreich.) (5. August. Erdfall in Coelleda in Thüringen.) 52) 9. August, 4 Uhr 15 Min. Morgens. „Une tres legere secousse de tremblement de terre“ in Lausanne, 0,5 Sek. dauernd. 53) 16. August, 11 Uhr 10 Min. Abends. Erdbeben im Oberengadin. Der Stoss Nr. 53 wurde in Silvaplana, St. Moritz, Pontresina und Samaden verspürt. Die Bewegung war wellenförmig, wie ein Bericht von Pontresina besagt; die Stossrichtung war wiederum parallel zum Streichen der Gebirgs- glieder, das Beben ein Longitudinalbeben. Die Intensität war III. Dies ist das dritte Beben, das sich in diesem Jahre in dieser Gegend ereignete. 54) 17. August, 11 Uhr 19 Min. Abends. Stoss in Poschiavo, Graubünden. (29. August, 7 Uhr- 58 Min. Abends. Fünf horizontale, NW—SO gerichtete Stösse in Raden- theni, Kärnten.) 55) 3. September, 11 Uhr Abends. Zwei Stösse in Zermatt. (4. September, 4 Uhr 32 Min. Abends. Leichtes Erdbeben in Bonn und Umgebung.) (28. September, Abends. Erdstoss in Benfeld, Weissenburg, Selz und andern Orten im Eisass.) (29. September, 6 Uhr 30 Min. Abends. Erschütterung in Rastatt und der nächsten Umgebung, in Karlsruhe.) 56) 3. Oktober, 1—2 Uhr Abends. Leichtes Erdbeben in Zweisimmen, begleitet von unterirdischem Donner. In der Gegend von Zweisimmen bebte es auch in diesem Jahre im Yergleich mit andern Orten häufig, doch bleibt die Zahl der diesjährigen Stösse weit hinter der Stosszahl früherer Jahrgänge (z. B. 1885) zurück. Der unermüdlichen Thätigkeit des Herrn Sekundarlehrer Gempeler in Zweisimmen haben wir es zu verdanken, dass von diesen vielen lokalen, durch Auswaschung und Einsturz entstandenen Erschütterungen kaum eine deutlicher fühlbare der Yergessenheit anheimtällt. Die Gesteine des südlichen Thalabhanges von Zweisimmen ruhen auf Gyps und Rauchwacke, zürn Theil auf Dolomit, und die Gyps- und Rauchwackenschichten wieder auf blaugrauen Schiefern, sandigen Platten oder faulenden, schwarzen Mergeln; auch die Nordwand bei Zweisimmen besitzt Rauchwacke- schichten, die in ihrer westlichen Fortsetzung den Gyps zu Tage treten lassen. Herr Pfr. Ischer hat diese geologischen Yerhältnisse genau dargelegt und gezeigt, wie die Wasser der Grossen Simme über einer solchen Gypszone eine Neigung zum unterirdischen Abfluss haben und dann die tiefem Gesteinsparthien auswaschen, woraus die vielen Einstürze und lokalen Bodenerschütterungen leicht zu erklären sind.*) 57) 7. October, 9 Uhr 25 Min. Abends. Erschütterung in Interlaken, Zweiliitschinen und Isenfluh. Die zwei rasch aufeinander folgenden leichten Stösse waren horizontal. Das Schüttergebiet zeigt ähnliche Lage wie das der Beben vom 23. Februar 1880 und 14. Juni 1881, nur ist es kleiner und, soviel man aus den dürftigen Berichten schliessen kann, in seinem zonalen Charakter ausgesprochener als beim Beben vom 23. Februar 1880. Der Längsdurchmesser ist senkrecht zum Streichen des Gebirges gerichtet. Sichere Angaben über die Stossrichtung sind nicht bekannt. Wir haben hier ein ruckweises Yorgehen der gleichen Dislokation, ein habituelles Stossgebiet, wie Herr Prof. Heim dies gezeigt hat. **) 11. October, 3 Uhr 20 Min. Morgens. Schwacher Stoss in Biel. *) Förster: „Die schweizerischen Erdbeben in den Jahren 1884 und 1885.“ **) Heim: „Die schweizerischen Erdbeben im Jahre 1881.“ 40 58) 19. October, 1 Uhr 26 Min. Morgens (bad. Zeit.). Stoss in Säckingen und Stein a. Rh. Der Stoss war ein Schlag yon Unten und ganz explosionsartig. Yon schwankender Bewegung wird nichts berichtet. Dieses Beben ist zweifellos ein Einsturzbeben , das seinen Ursprung im Einsturz von Gyps- schichten hatte, die in jener Gegend unter dem Muschelkalke in nicht bedeutender Tiefe sich hinziehen 20. October, 4 Uhr (Morgens oder Abends ?). Stoss in Lyss, Kt. Bern. (26. October. Erdstoss in Ligurien.) (30. und 31. October. Stösse in Ligurien und den Seealpen.) 59) 3. November, 9 Uhr 20 Min. Morgens. Stoss in Poschiavo. Er wird im Berichte als von Unten kommend und einem anhaltenden Rollen folgend beschrieben. 1 5. November, 3 Uhr 50 Min. Morgens. 3—4 horizontale Stösse in Chaux-de-Fonds. (9. November, 1 Uhr 30 Min. bis 2 Uhr Morgens. Drei Stösse in Ferenza, Ferrara, Padua, Yicenza, Forli, Imola und Spinea di Mestre bei Yenedig.) (10. November. Aehnliche Erschütterung der gleichen Gegenden.) (14. November, 7 Uhr Morgens. Starker, N—S gehender Stoss in Florenz.) (14. November. Erdbeben im Gebiete der Durance.) (14. November, 10 Uhr 30 Min. Morgens. Horizontale von Rollen begleitete Stösse in Klagen- furt, Bleiburg, Saldenhofen, Graz.) (15. November, 2 Uhr Morgens. Schwacher Stoss in Wolfsberg, Kärnten.) (17. November, 8 Uhr 50 Min. Morgens. Zwei heftige Erdstösse in Zafferana am Aetna.) (29. November bis 6. Dezember. 50 Erdstösse in Siveric in Dalmatien, von heftigem unterirdischem Getöse begleitet. Ihre Reihe bildet höchstwahrscheinlich ein im Gebiet von Trias und Jura am Monte Promina entstandenes Einsturzbeben.) (3. Dezember, 5 Uhr Morgens. Erdstoss in Calabrien.) (3. Dezember, 7 Uhr Morgens. Grosses Erdbeben in Calabrien; in Bisignano wurden 900 Häuser beschädigt; viele Todte und Yerwundete.) (7. Dezember, 7 Uhr 17 Min. Morgens. Leichte Stösse in Bisignano.) (9. Dezember, 10 Uhr Abends. Heftiger, wellenförmiger Stoss in Oberhausen, Westphalen.) 60) 14. Dezember, 7 Uhr 15 Min. Morgens. 61) 14. Dezember, 7 Uhr 25 Min. Morgens. Erdbeben im Engadin, im Albulathal und Puschlav. Ueber dieses Erdbeben, welches die Stösse No. 60 und 61 miteinander bilden, existiren 15 Berichte, welche ein deutliches Bild von der Erscheinung zu geben vermögen. Wieder ist es hier Herr Prof. Brügger in Chur, der in einer grossen Zahl geübter Beobachter das Interesse für Erdbeben in Graubünden fortwährend wach zu halten weiss und die sorglältigsten Berichte aus den entlegensten Gegenden sammelt. 1. Schüttergebiet. Das Erdbeben wurde fast in allen grossem Ortschaften des Engadins, in Sils, Silvaplana, St. Moritz, Pontresina, Bevers, Zuz, Schuls und im entfernten Martinsbruck wahrgenommen, dann in Berglin und Filisur im obern Albulathal, in Brusio und Poschiavo im Puschlav und in Vicosoprano im Bergeil. Das ganze Schüttergebiet hat eine zum Streichen der Gebirgsglieder parallele Lage; der Längsdurchmesser, dargestellt durch die Linie Yicosoprano—Martinsbruck misst 88 km., der Querdurchmesser, von Brusio über Pontresina bis Filisur reichend, beinahe 60 km. 2. Stosszahl. Die beiden Stösse von 7 Uhr 15 Min. und 7 Uhr 25 Min. wurden im Bergelf und Puschlav, ixn Engadin in den Ortschaften Silvaplana, St. Moritz, Pontresina und Bevers und weiter im Thal 41 der Albula wahrgenommen; Sils, Schuls und Martinsbruck berichten nur den ersten dieser Stösse. Pontresina weiss diese Stosszahl zu bereichern: nach der Aussage einiger Beobachter soll dort schon um 1 bis 2 Uhr Morgens eine Erschütterung stattgefunden haben; ein letzter Stoss erfolgte zwischen 6 und 7 Uhr Abends. In Martinsbruck will man eine Stunde vor dem um 7 Uhr 14 Min. signalisirten Stosse eine Erschütterung verspürt haben. Poschiavo meldet „zwei Erdbeben, deren jedes sich aus zwei Stössen zusammensetzte“. Da der erste Stoss von 7 Uhr 15 Min. Morgens allgemein aufgetreten ist und da, wo mehr als ein Stoss sich einstellte, von allen am stärksten empfunden wurde, so ergibt er sich als der Hauptstoss. 3. Zeit. Diese wird für die auf dem Längsdurchmesser der folgendermassen angegeben: Vicosoprano 7 Uhr 15 Min. Sils 7 Uhr 14 Min. Silvaplana 7 Uhr 17 Min. St. Moritz 7 Uhr 15 Min. Bevers Zuz Schuls Martinsbruck Schütterzone liegenden Ortschaften 7 Uhr 15 Min. 7 Uhr 15 Min. 7 Uhr 7 Uhr 14 Min. Die auf der Querlinie liegenden Ortschaften notiren für den Eintritt des Hauptstosses: Brusio 7 Uhr 7—11 Min. Pontresina 7 Uhr 15 Min. Poschiavo 7 Uhr 15 Min. Bergün 7 Uhr 15 Min. Filisur 7 Uhr 15 Min. Für den Eintritt des zweiten Stosses ergehen sich bedeutend grössere Differenzen als für den Hauptstoss. Vergleicht man die Berichte von Filisur und Brusio, so erhält man einen Unterschied von zehn Minuten. Diejenigen von Vicosoprano und St. Moritz weichen in der Zeit um fünf Minuten von einander ab. Hingegen erhalten wir für Pontresina und Filisur genaue Uebereinstimmung (7 Uhr 25 Min.). Im Ganzen nennen vier Orte 7 Uhr 25 Min. für den zweiten Stoss, diese sind Silvaplana, Pontresina, Bergün und Filisur; St. Moritz gibt 7 Uhr 23 Min., Sils 7 Uhr 27 Min., Vicosoprano 7 Uhr 30 Min. und Brusio 7 Uhr 35 Min. an. Aus diesen Angaben lässt sich leider nichts machen; wir werden aber wohl nicht fehlgehen, wenn wir sagen, dass der Hauptstoss fast gleichzeitig auf der ganzen Fläche aufgetreten und dass ein bestimmtes Centrum, von dem aus die Erschütterung sich fortgepflanzt hätte, nicht vorhanden gewesen ist. 4. Bewegung und Stossrichtung. Die Bewegung war seitlich; sie wird von den Referenten in Brusio, Poschiavo und Pontresina als wellenförmig, von den Beobachtern anderer Orte als ein plötzliches Schütteln oder Zittern beschrieben. Ein Bericht von Schuls sagt ausdrücklich, dass keine wellenförmige Bewegung wahrgenommen worden sei. In Vicosoprano war der Hauptstoss ohne nachfolgendes Zittern. Der zweite Stoss erschien viel weniger ausgeprägt. In Martinsbruck fühlten sich Personen im Bette geschaukelt; eine gleiche Bewegung verspürten zwei Personen, die sich an ein Piano oder eine Kommode angelehnt, unter sich. Stossangaben sind elf sich auf zehn Ortschaften vertheilende. Trägt man die Richtungen in die Karte ein, so findet man auf dem Längsdurchmesser des Schüttergebietes (Vicosoprano-Martinsbruck) fünf Stossrichtungen, die quer zum Streichen des Gebirges stehen, und zwei, die parallel dazu gestellt sind. Im Puschlav finden wir die transversale und longitudinale Stossrichtung im Yerhältniss 2 : 1. Yon Bergün und Filisur existiren keine Angaben. 5. Intensität. Die Intensität des Hauptstosses überstieg nirgends den Grad IY und vertheilte sich, wie es scheint, gleichmässig über das ganze Schüttergebiet. e An vielen Orten klirrten Gläser auf den Waschtischen, Bilder und Lampen schwangen leicht. In Zuz wurden die Fensterladen an die Mauerwand geworfen. Ein schreibender Knabe in Silvaplana sah, wie auf dem Tische ein Globus und ein Glascylinder aneinander schlugen und wie seine Feder während der Erschütterung Zickzacklinien auf dem Papier machte. In Martinsbruck beobachteten die aus dem Schlafe geweckten Personen keine 6 42 Verschiebung von Gegenständen. Im Puschlav war das Beben von gleicher Intensität wie in den Ortschaften des Engadins. In Silvaplana hatte ein Beobachter, der zur Zeit des ersten Stosses sich im Freien befand, keine Erschütterung voi'spürt, während der viel schwächere zweite Stoss von ihm im Hause deutlich wahrgenommen wurde. Da bei einer Erderschütterung die obersten Theile der Gebäude am stärksten mitscliwingcn, so wurde das Beben in den obern Stockwerken besonders deutlich verspürt. Personen in Zuz, die sich im Keller oder im Stalle befanden, hatten nicht gewusst, dass sich ein Erdbeben ereignet habe. 6. Geräusch. Die Mehrzahl der Berichte spricht von einem Geräusche, das als „ein anhaltendes unterirdisches Donnern“, „ein dumpfes Knarren“, donnerähnliches Poltern“, „Rollen wie von einer stürzenden Lauine“ erschien. Kur zwei Berichte sagen, dass es dem Stosse nachfolgte. Der Schall ging der Erschütterung voran oder war mit ihrem Erscheinen gleichzeitig und war wohl überall primär erzeugt worden. Er scheint von bedeutender Dauer gewesen zu sein. — Der Berichterstatter von Vicosoprano schätzt sie auf 2—3 Sekunden, während der Stoss dort kaum 1 Sekunde gedauert haben mochte. Wenn man mit Sicherheit sagen könnte, dass Punkte nordwestlich und südöstlich der Thallinie des Engadins mit Ausnahme der auf der Linie Brusio-Pontresina-Filisur liegenden nicht erschüttert wurden, so erhielten wir zwei lange, schmale, sich scheidende Zonen, auf denen das Beben vom 14. Dezember aufgetroten. Die Längszone dehnt sich im Thale des Inn und der Maira aus. Die Querzone wird erhalten, wenn man Filisur, Bergün, den Berninapass, Poschiavo und Brusio durch eine Linie mit einander verbindet. Auf diesen beiden langgestreckten Zonen hätte die Erschütterung gleichzeitig Spannungen im Felskörper der Erde ausgelöst. Da sie aber auch auf andern, zur abgegrenzten Querflächo parallelen Linien aufgetreten sein kann, uns aber bestimmte negative Berichte fehlen, so vermag ich nicht mehr zu sagen, als dass das Erdbeben vom 14. Dezember 1887 ein ausgezeichnetes longitudinales Beben mit transversaler Fortpflanzung der Stösse war und dass diese Bewegung in der zum Längsdurchmesser des Schüttergebietes senkrechten Richtung durch das Thal der Albula und des Puschlav anscheinend am leichtesten und iveitesten fortgeschritten ist. In beiden Zonen erkennt man ein altes, häufig thätiges Schüttergebiet. Auf der Querzone allein traten z. B. die Beben vom 12. Februar und 14. Juli 1880, vom 8. September und 25. November 1886 auf, auf der Thalzone in ihrer ganzen Länge z. B. das Beben vom 29. Dezember 1885 und ungemein häufige Erschütterungen des Ober- oder Unterengadins allein. Beide Zonen oscillirten gleichzeitig am 13. Februar 1881, am 4. Juni 1884, am 29. September und 6. November 1886. (17. Dezember, 3 Uhr Morgens. Leichter Stoss mit donnerartigem Getöse in Wiesen im Spessart.) 62) 19. Dezember, circa 5 Uhr 50 Min. Abends. Stoss im Rhonethal, in den angrenzenden Theilen der Kantone Waadt und Bern, in Genf und Locle. 63) 19. Dezember, 11 Uhr 20—30 Min. Abends. Stoss in Sion, Bex und Tour-de-Peilz bei Vevey. 64) 20. Dezember, 4 Uhr Morgens. Stoss in Sion. Die Stösse Nr. 62—64 bilden zusammen ein vor alpin-jurassisches Beben, dessen Hauptstoss circa 5 Uhr 50 Min. Abends am 19. Dezember erfolgte. r 1. Schüttergebiet. Das Schüttergebiet hat Aehnlichkoit mit dem der Beben vom 14.—16. Nov. 1881, vom 9. Juni desselben Jahres und weiter mit demjenigen des Bebens vom 26. Sept. 1885. Die Uebereinstimmung mit den Grenzen des letztgenannten ist eine sehr grosse, während die beiden andern Beben sich auch über das Siidufer des Genfersee’s in die Savoyeralpen ausgedehnt hatten und das Schüttergebiet vom 9, Juni 1881 noch Biel und Bern eingeschlossen hielt. Die Erschütterung vom 43 19. Dezember 1887 ging über eine Fläche, deren Grenzen durch die Kurve Siders - Zweisimmen- Locle-Genf-Südufer des Leman-Trois-Torrents-Liddes-Siders gegeben ist. Es existiren keine Berichte, die das Auftreten der Stösse in Savoyen gewiss machten. Die Form des Schiitterfeldes ist eine annähernd halbmondförmige. Die grösste Ausdehnung liegt in der Linie Liddes- (Yallee de St-Bernard) Locle; sie beträgt etwa 120 km. und liegt quer zum Streichen von Alpen und Jura. Am häufigsten trat das Beben im Alpengebiete und zwar auf einer elliptischen, die Berge und Thäler des Unterwallis und die angrenzenden Theile des Waadtlandes einschliessenden Fläche auf, deren Längsdurchmosser senkrecht zur Streichrichtung der Gebirge ist und in das alte Querstammthal St. Bernhard -Martigny- Genfersee fällt. Im Jura wurde das Erdbeben, soviel wir wissen, nur in Locle wahrgenommen. Der westlichste Punkt ist Genf; das Molassegebiet scheint aber mit Ausnahme des letztgenannten Ortes und Tour-de-Peilz bei Yevey gänzlich unberührt geblieben zu sein. Yon Vevey und Morges erhielt Herr Prof. Forel negative Berichte. Das ganze Gebiet von Tour-de-Peilz bis Genf bildet also einen grossen Erdbebenrücken. 2. Zeit. Es sind über dieses Beben 20 Berichte eingegangen. Im Gebiete der Alpen lauten die Zeitangaben von Sion, Liddes (Yallee de St-Bernard), Trois-Torrents, Gryon (bei Aigle), Tour-de-Peilz (bei Yevey) und Zweisimmen übereinstimmend 5 Uhr 50 Min. Abends. Die Beobachter von Sion, Liddes und Gryon bemerken, dass dies Telegraphenzeit ist. Yon diesen Angaben weichen die andern aus dem Gebiete stammenden wesentlich ab: Chateau d’Oex nennt 5 Uhr 45 Min. und 5 Uhr 48 Min., Bex 5 Uhr 46 Min., Clärens 5 Uhr 52 Min.; Sierre verlegt den Eintritt des Stosses in die Zeit von 5 und 6 Uhr, L’Etivaz gibt „etwas vor 6 Uhr“ an. Wir halten die Zeit von 5 Uhr 50 Min. fest und dürfen, ohne den Thatsachen Gewalt anzutliun, annehmen, dass auf der in den Alpen gelegenen elliptischen Schütterfläche der Hauptstoss an allen Orten um die gleiche Zeit empfunden worden ist. Yon den drei Berichten aus Genf geben zwei genauere Zeiten, 5 Uhr 49 Min. und 5 Uhr 49 Min. 10 Sek.; Locle nennt 5 Uhr 47 Min. 51 Sek. = 5 Uhr 47 Min. 51 Sek. — 5 oder 6 Sek. Berner Zeit. Nach diesen Angaben müsste Genf oder vielmehr Locle das Zentrum der Erschütterung sein. Wäre der letztere Ort das Epicentrum, so hätte sich die Erschütterung bis Sion mit einer Geschwindigkeit von 750 m., bis Genf mit einer solchen von 1400 m. fortpflanzen müssen. Diese Ungleichheiten erklärten sich aus den verschiedenen geologischen Yerhältnissen des dazwischen liegenden Gebietes, die Geschwindigkeit von 1400 m. in der Sekunde würde aber nicht für eine elastische Fortpflanzung der Bewegung sprechen. Kahme man Genf als Ausgangspunkt, so ergäbe sich für die Strecke Genf- Gryon eine Geschwindigkeit von 1000 m. per Sekunde. Es sind ferner das ganz isolirte Auftreten der Erschütterung in Genf und Locle, und die geringe Intensität, die bedeutend hinter der im Alpengebiete (z. B. Sion, Gryon) beobachteten zurücksteht, nicht geeignet, Locle oder Genf als Epicentrum erscheinen zu lassen. Wir müssen daher entweder alles Yertrauen in die Zeitangaben preisgeben und schliessen, dass der Hauptstoss auf der ganzen grossen Fläche, von Liddes bis Locle und Genf bis Zweisimmen, gleichzeitig aufgetreten, oder annehmen, das Jrühe Erscheinen des Stosses in Genf und Lode beruhe auf der in den Alpen und im Westen des Schütterfeldes za ungleicher Zeit erzeugten primären Bewegung. Das Letztere ist sehr wahrscheinlich, denn die zonale Spannung braucht nicht nothivendig an den Orten stärkster Intensität zuerst ausgelöst zu werden, sondern kann sich vorher schon an Punkten geringerer Intensität (in unserm Falle in Genf und Locle) ausgleichen; es kommt nur darauf an, ob die Spannung leichter oder schiverer beseitigt werden kann.*) 3. Intensität. Die Intensität erreichte in den Alpen den Grad III—IY, in Genf und Locle III. v4n diesen beiden Orten wurde die Erschütterung nur von wenigen Personen verspürt und als „legere secousse“ bezeichnet. In Clärens wurde kein Krachen im Hause wahrgenommon, wohl aber an den in den Alpen gelegenen Orten. In Gryon machte der Stoss die Häuser erzittern, in L'Etivaz und Zweisimmen wurde er noch ziemlich allgemein wahrgenommen. An letztorm Orte schwankten Stühle und Tische, *) Heim, „Die schweizerischen Erdbeben vom November 1879 bis Ende 1880.“ S. 15. i 44 in Sion wankte eine Lampe. Herr A; de Torrente hat in Erfahrung gebracht, dass der Btoss nicht über Sierre hinauf empfunden worden ist. 4. Art der Bewegung, Stossrichtung. Die Natur der Bewegung war eine oscillatorische, zu deren Definirung häufig der Ausdruck „ un leger balancement “ gebraucht wird. Die seitliche Richtung war an fast allen Orten eine sehr ausgesprochene. Die Dauer wird auf 1,5—3 Sekunden geschätzt. Stossrichtungen sind von Genf, Chateau d’Oex, L’Etivaz, Zweisimmen, Sion und Sierre bekannt geworden. Als vertikal ward der Stoss von einer Person in Chateau d’Oex, ferner von mehrern Personen in Sion in Häusern, die auf Alluvion standen, empfunden. N—S Richtung wird nur von Sierre angegeben. Der Stoss ging in allen übrigen Fällen W—0, war also parallel zum Streichen der Gebirge — das Beben stellte sich dar als Transversalbeben mit longitudinaler Stossrichtung. Mit Ausnahme der Referenten von Genf, Locle, Liddes und Zweisimmen, führen sämmtliche Beobachter ein charakteristisches Geräusch an, welches der Bewegung vorausging, oder gleichzeitig mit derselben erschien. Niemand spricht von nachfolgendem Geräusch. Es wird beschrieben als „Geräusch wie von einer Lauine “ (Trois-Torrents), „un roulement de tonnerre“ (Clärens), „ein polterndes, heulendes, unterirdisches Geräusch“, „ein dumpfes Getöse“ (Sion). 5. Nachfolgende Stösse. In Sion, Bex und Tour de Peilz erfolgte 11 Uhr 20—30 Min. Abends ein neuer Stoss, der bedeutend schwächer und von kürzerer Dauer, im Uebrigen aber vom gleichen Charakter war wie der Hauptstoss. In Sion erschien er 11 Uhr 16 Min. Abends; die Bewegung war S—N gerichtet. In Bex verursachte er Krachen in den Zimmerwänden und Mauern und war von einem unterirdischen Rollen begleitet. Dieser Stoss soll auch noch in Zweisimmen wahrgenommen worden sein. Mit einem dritten, am 20. Dezember 4 Uhr Morgens in Sion verspürten, sehr schwachem Stosse schloss das voralpin-jurassische Beben, und die Kräfte der Tiefe gelangten wieder zur Ruhe für eine kleine Zeit. 6. Meteorologisches. Dem Erdbeben vom 19. Dezember war starker Schneefall vorausgegangen (Zweisimmen, Trois-Torrents, Sion). Das Barometer stand am Tage des Erdbebens tief. In der Centralschweiz (Münster in Luzern, Burgdorf in Bern) und im östlichen Theile unseres Landes traten am Mittag Gewitter auf. (20. Dezember, 3 Uhr 15 Min. Abends. Schwacher, vertikaler Stoss in Hall, Tyrol.) 20. Dezember, 10 Uhr 30 Min. Abends. Zwei Stösse in St. Fiden, St. Gallen. Richtung N—S, I. = IV—V. (22. Dezember, 2 Uhr 45 Min. Abends. Stoss in Hall, Tyrol.) (22. Dezember, 11 Uhr 32 Min. Abends. Schwacher, wellenförmiger Erdstoss in Spinca di Mestre bei Venedig.) (23. Dezember, 5 Uhr 15 Min. Abends. Stoss in Innsbruck und Hall im Tyrol.) (23. Dezember, 11 Uhr 21 Min. Morgens. Schwacher, wellenförmiger Stoss in Spinea di Mestre bei Venedig.) (24. Dezember, 3 Uhr 15 Min. Morgens. Vertikaler Stoss in Hall.) (26. Dezember, 3 Uhr 15 Min. Abends. Starkes Rollen in Hall; 3 Uhr 24 Min. Abends, wellenförmiger, von unterirdischem Rollen begleiteter Stoss in Innsbruck; Bewegung W—O, I. = IV. (27. Dezember, 2 Uhr 45 Min. Morgens. Leichtes Rollen in Hall. Herr Professor Pfaundler in Innsbruck bezeichnet die während der Dezembertage in Hall und Innsbruck aufgetretenon Erschütterungen als rein lokale, vielleicht durch Einsturz ausgelaugter Salz- und Gyps- lager entstandene.) Ich hin mit der Aufzählung der 64 sichern, in der Schweiz verspürten Stösse zu Ende. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in "Wirklichkeit die Stosszahl eine grössere gewesen ist. Das Jahr 1887 war für unser Land nicht besonders stossreich, doch weist es immerhin die grösste Zahl seit 1881 auf. Yon den Erschütterungen sind 10 von bedeutender Ausdehnung und genügender Intensität, um von einem grossem Theile der Bewohner bemerkt zu werden: 1. Das Erdbeben der Nordostschweiz, vom 31. Januar. 2. Das grosse ligurische Erdbeben, vom 23. Februar. 3. Das Erdbeben des Domleschg, vom 7. März, 0 Uhr 34 Min. Abends. 4. Das erste Oberengadinerbeben, vom 23. März. 5. Das Oberengadiner-Oberhalbsteinerbeben, vom 9. April. 6. Das rheinische Biattbeben, vom 23. April, 0 Uhr 7 Min. Abends. 7. Das voralpine Beben, vom 19. Mai, 11 Uhr 15 Min. Abends. 8. Das zweite Oberengadinerbeben, vom 16. August, 11 Uhr 10 Min. Abends. 9. Das ostbiindnerische Beben, vom 14. Dezember. 10. Das voralpin-jurassische Beben, vom 19. Dezember. Alle diese Beben ereigneten sich in Gebieten, von denen schon des öftern nachgewiesen wurde, dass sie in seismischer Thätigkeit gewesen sind. Jede neue Publikation der schweizerischen Erdbebenkommission lässt diese habituellen Stossgebiete deutlicher erscheinen und die Lage der Dislokationslinien, längs welchen die Stosspunkte hinwandern, besser erkennen. Das Blatt des Kheinthales, die Thallinie des Engadins, die alten Bheinstromthäler Bündens, die durch das Alpen- und Molassegebiet der Mordostschweiz von SO nach MW reichende Axe, das untere Rhonethal und die Linien, welche den Winkel zwischen Alpen und Jura bilden, sie haben auch in diesem Jahre gezeigt, dass in ihrer Richtung Spannungen im Felsgerüst der Erde besonders häufig zur Auslösung kommen und die gebirgsbildenden Kräfte, welche jene Diskontinuitäten im Alpenkörper hervorgerufen, noch immer thätig sind. Wir sahen in Graubünden Erdbebengebieto mit gelapptem Umriss und fanden, die Erschütterungen der letzten zehn Jahre durchmusternd, die gleiche Form und Lage der Schütterfelder bei einigen frühem Beben, die ebenfalls auf eine nahezu gleichzeitige Auslösung der Spannungen in zwei aufeinander senkrechten Richtungen hingewiesen hatten. Das fast gleichzeitige Erbeben aller Punkte eines Schüttergebietes, die Gleichförmigkeit im Auftreten der Intensität und der Bewegungsart auf einer ganzen Fläche, die Diskussion der Stossrichtungen, der an weit entfernten Orten gleichzeitig mit dem Stosse erschienene, daher überall primär erzeugte Schall — dies Alles hat die Einheit der Matur aller unserer wichtigem Beben von 1887 dargethan und gezeigt, dass es nicht ein bestimmter Punkt war, von dem die Bewegung ausgegangen, sondern eine ganze Fläche innerhalb welcher sich Gebirgstheile plötzlich verschoben hatten. Meben den tektonischen Beben haben wir dann noch Einsturzbeben von ganz lokalem Auftreten, so in höhionreichen Gegenden des Jura, in Mamried, Zweisimmen in Bern und in Stein a. Rh. Ueberall, wo die Beschaffenheit des Schichtengebäudes der Erdrinde Einstürzen förderlich ist, d. h. wo reichliche Kalk-, Salz- und Gypsschichten vorhanden sind und durch Wasser ausgelaugt werden, können sich solche kleinere Beben ereignen. Da diese Yerhältnisse an den eben genannten Orten vorhanden sind, so braucht das häufige Auftreten von Erschütterungen an denselben nicht als auffällig erscheinen. Eine Statistik der Schweiz. Erdbeben von 1887 zeigt ein Maximum der Stösse während der Machtstunden und im Winterhalbjahr; der grössere Theil der Stösse ist gegen den Einfluss der Mondphasen sprechend oder in dieser Beziehung indifferent; die Beziehung zu den Luftdruckverhältnissen ergibt ein Minimum der Stösse bei hohem Barometerstand. Die folgende Tabelle soll diese Yertheilung deutlicher darthun: 46 1. Die 64 Stösse vertheilen sich auf die Monate folgendermassen: Januar .... 6 Stösse innerhalb 3 Erdbebentagen. Februar . . . 13 „ 77 8 März .... 20 „ 77 13 April .... 5 „ 77 2 Mai. 3 „ 77 3 Juni. 4 „ 77 4 Juli. 0 „ 77 o August .... 3 * 77 3 September. . . 1 Stoss 77 1 Erdbebentag. Oktober 3 Stösse 77 3 Erdbebentagen. November . 1 Stoss 77 1 Erdbebentag. Dezember . . 5 Stösse 77 3 Erdbebentagen. 64 Stösse innerhalb 44 Erdbebentagen. Auf die Wintermonate (Dezember, Januar, Februar) fallen 14 Erdbebentage = 31,8 °/o Auf die Frühlingsmonate (März, April, Mai) fallen . . . 18 „ = 40,9 °/o. Auf die Sommermonate (Juni, Juli, August) fallen . . . 7 „ = 15,9 % Auf die Herbstmonate (Septembe r, Oktob., Novemb.) fallen 5 „ = 11,4 °/o. 44 Erdbebentage = 100,0 °/o. Ob diese grössere Zahl von Erdhehentagen im Winterhalbjahr ihren Grund im Perihelium hat oder von dem Temperaturminimum dieser Periode abhängt, soll dahingestellt bleiben. 2. Yertheilung der Stösse auf die Tagesstunden: Yon 0— 1 Uhr Morgens 4 Stösse. Yon 0- - 1 Uhr Abends 3 Stösse. 77 1— 2 7) 77 3 77 ■ 77 1 - - 2 » 77 1 Stoss. 77 2— 3 77 77 8 77 77 2- - 3 77 77 3 Stösse. 77 3— 4 77 77 2 77 77 3- -.4 77 77 0 D 7) 4— 5 77 77 4 77 77 4- - 5 77 77 2 » 77 5— 6 77 77 3 V 77 5- - 6 77 77 . 2 V 77 6— 7 77 77 3 77 77 6- - 7 V 77 1 Stoss. 77 7— 8 77 77 2 77 77 7- - 8 77 77 0 Stösse. 77 8— 9 77 77 1 Stoss. 77 8- - 9 77 77 2 » 77 9— 10 77 77 1 77 77 9— -10 77 77 3 n rf 10— 11 77 77 1 77 77 10- -11 V 77 1 Stoss. 77 11— 12 77 77 5 Stösse 77 11— -12 77 77 9 Stösse. Yon 9 Uhr Abends bis 9 Uhr Morgens 43 Stösse = 67,2 °/o. Yon 9 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends.21 Stösse = 32,8 %. 64 Stösse = 100,0 °/o. 3. Yerhältniss zu den Mondphasen. Wenn man diejenigen Erdstösse, welche einen Tag vor oder nach dem Eintritt des Yoll- oder Neumondes erfolgt sind, als für den Einfluss der Mondphase sprechend , diejenigen, welche einen Tag vor oder nach dem Eintritt der Quadraturen eingetroffen, als gegen den Einfluss sprechend , bezeichnet, und die übrigen als indifferent annimmt, so erhält man: Für den Einfluss sprechend.24 Stösse = 37,5 %. Gegen den Einfluss sprechend.10 „ = 15,6 %. Indifferent.30 „ = 46,9 %. Yon den 44 Erdbebentagen ergeben sich 25 °/o als für, 13,6 % als gegen den Einfluss der Mondphase sprechend, 61,3 % als indifferent. 47 4. Beziehung zu den Luftdruckvei'hältnissen. Yon den 64 Stössen ereigneten sich: Bei relativ hohem Barometerstand ... 17 Stösse = 26,6 %. Bei sinkendem Barometer.32 „ — 50,0 %. Bei ziemlich stationärem Barometerstand .15 „ = 23,4 °/o. Berücksichtigt man die halbjährliche Periode des Barometerstandes, so fällt die grösste Erdhebenfrequenz mit dem Wintermaximum des Luftdrucks zusammen, doch ist dieses Wintermaximum in unserm Lande vom Sommermaximum nur wenig verschieden. Es bleibt mir noch übrig, im Namen der Kommission den geehrten Mitarbeitern, Sammlern und Berichterstattern für ihre unermüdliche Thätigkeit und die thatkräftige Unterstützung herzlich zu danken, und ebenso den Zeitungen, durch deren Berichte über Erdbeben mancher Beobachter zu einem eifrigen Korrespondenten geworden ist. Die schweizerische Erdbebenkommission spricht weiter Herrn Prof. Dr. Eck in Stuttgart, Herrn Prof. Dr. Pfaundler in Innsbruck, dem Centralbüreau für Meteorologie und Hydrographie in Karlsruhe, der Meteorologischen Centralanstalt in München, sowie den Herren Heilmann , G. A. Koekert in Cannes, L. de la Rive in Mentone , den wärmsten Dank aus für ihre freundlichen Mittheilungen über Erschütterungen in den Nachbarländern der Schweiz. 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