1271 Sdnübud) THURGAUi *• ' VWYVY UUVlWl luv bni ^~==v ¥ 4\ 4mit1)lirt)cu und muiitiTi 1 )cn-'lJjiten*iit)t IN ttjurgattischen ^rtmarfdiusfit. JV. 5 iij u I ] ii Ij r. 4 r *rs: >1 ,¥inv / Ed A2&5 Schulbuch für den sprachlichen und realistischen Unterricht thurgauischen Primärschulen. IV. S ch u l j a Ij r. Zürich, Druck und Verlag von Orell Füßli L Komp. 1885 . SZ^&O Vorbemerkung. Das vorliegende Schulbuch bietet den sprachlichen und realistischen Unterrichtsstoff für die vierte Jahresklasse der thurgauischen Primärschulen. Es wurde im Auftrage des Tit. Erziehungsdepartements nach den Vorschriften des neuen Lehrplanes, mit möglichster Berücksichtigung der in Lehrerkonferenzen ausgesprochenen Wünsche und mit Benützung der vorhandenen Schulbuchliteratur von einer Lehrmittel- kommission bearbeitet. Insbesondere schließt es sich eng au H. R. Rüeggs Lehr- und Lesebuch für schweizerische Volksschulen an, dessen Benützung der Herausgeber und die Verlagshandlung (Orell Füßli & Komp.) mit verdankenswerter Bereitwilligkeit gestattet haben. So wurde namentlich die größere Zahl der Lesestücke und der Abschnitt aus der Naturkunde mit nur wenigen Abänderungen der erwähnten Arbeit des Herrn Pros. H. R. Rüegg entnommen. Wurde auf diese Weise ein Anschluß an ein Schulbuch gesucht, das in einer Reihe von Kantonen unseres Vaterlandes Eingang gefunden, so machte sich auf der andern Seite, namentlich im Gebiete der Geographie und Geschichte, auch das Bedürfnis geltend, dem Heimatkanton eine weitergehende Berücksichtigung zuzuwenden, als es in einem allgemein schweizerischen Schulbuche möglich ist, und auch sonst da und dort einen etwas andern Gang einzuschlagen. Wenn der Abschnitt „Heimatkunde" in Rüeggs Lehr- und Lesebuch, dessen Aufnahme in das thurgauische Schulbuch zum größem Teile anfänglich beabsichtigt war, nach Beschluß von kompetenter Seite schließlich fallen gelassen wurde, so geschah das nicht allein, um einen allzugroßen Umfang des Schulbuches zu vermeiden, sondern hauptsächlich, indem von der Anschauung ausgegangen wurde, daß derselbe doch eher eine wertvolle Wegleitung für manche Lehrer, als ein Lehrmittel für die Hand des Schülers sei. Damit soll aber nicht etwa einer Praxis Vorschub geleistet sein, welche den geographischen Unterricht ohne weiteres an der Hand des Schulbuches mit Besprechung des Heimatkantons beginnen wollte. Die anerkannte Forderung der Pädagogik, daß der geographische Unterricht von der Betrachtung des Wohnortes auszugehen habe, und die Vorschrift unsers Lehrplanes: „Einführung in das Verständnis der Landkarte" bleibt bestehen; nur wird es besser sein, die bezüglichen Belehrungen an die ivirkliche Heimat der Kinder statt an eine Jdeallandschaft anzuschließen. Wertvolle Dienste werden dabei dem Lehrer die betreffenden Blätter der topographischen Karte leisten können (vergl. Zirkular des Tit. Erziehungsdepartements an die thurgauischen Primarlehrer vom 26. November 1880 und die Einleitung zu Wettsteins Schulatlas, insbesondere die Bemerkungen zu Blatt III. desselben). Besondere methodologische Winke über die Behandlung des gebotenen Lehrstoffes scheinen an dieser Stelle nicht notwendig zu sein. Einzig soll ausdrücklich gesagt werden, daß es nicht die Meinung haben kann, es müßte der Lehrer jedes Jahr unter allen Umständen das Buch dem ganzen Umfange nach durcharbeiten; vielmehr wird er je nach Befähigung der Klasse und nach andern lokalen Verhältnissen eine geeignete Auswahl zu treffen suchen und z. B. die einen Partien einläßlicher, andere kürzer oder im einen oder andern Jahre auch gar nicht behandeln. 2m Dezember 1884. Die Lehrmittelkommission. jrachlick Abteilung. (Erster ' . Leseftücke. *1. Sott grüße dich! 1. Gott grüße dichl-Kein andrer Gruß gleicht dem an Innigkeit. « Gott grüße dich!—.SIeirt andrer Gruß paßt so zu aller Zeit. . «7- 2. Gott grüße dich!- Wenn dieser Gruß so recht von Herzen geht, gilt bei dem lieben Gott der Gruß so viel, wie ein Gebet. X 2. Wo wohnt der liebe Sott? 1. Wo wohnt der liebe Gott? Sieh' dort den blauen Himmel an, wie fest er steht so lange Zeit, sich wölbt so hoch, sich streckt so weit, daß ihn kein Mensch erfassen kann, und sieh' der Sterne goldnen Schein, gleich als viel tausend Fensterlein: das ist des lieben Gottes Haus; da wohnt er drin und schaut heraus und schaut mit Vateraugen nieder auf dich und alle deine Brüder. * 2. Wo wohnt der liebe Gott? Hinaus tritt in den dunkeln Wald; die Berge sieh' zum Himmel gehn, die Felsen, die wie Säulen stehn, der Bäume ragende Gestalt. Horch, wie es in den Wipfeln rauscht; horch, wic's im stillen Tale lauscht! Thurg. Schulbuch f. b. 4. Schuljahr. J 2 Dir schlägt das Herz, du merkst es bald, der liebe Gott wohnt in dem Wald. Dein Auge zwar kann ihn nicht sehen; doch fühlst du seines Odems Wehen. 3. Wo wohnt der liebe Gott? Hörst du der Glocken hellen Klang? Zur Kirche rufen sie dich hin. Wie ernst, wie freundlich ist's darin! Wie lieb und traut und doch wie bang! Wie singen sie mit frommer Lust; wie beten sie aus tiefer Brust! Das macht, der Herr Gott wohnet da; drum kommen sie von fern und nah, hier vor sein Angesicht zu treten, zu flehn, zu danken, anzubeten. 4. Wo wohnt der liebe Gott? Die ganze Schöpfung ist sein Haus. Doch wenn es ihm so wohl gefällt, so wählet in der weiten Welt er sich die engste Kammer aus. Wie ist das Menschen herz so klein! Und doch auch da zieht Gott herein. O, halt' das deine fromm und rein, so wählt er's auch zur Wohnung sein, und kommt mit seinen Himmelsfreuden und wird nie wieder von dir scheiden! 3. Pie zwei Kesch,visier. Jakob und Anna waren einmal allein zu Hause. Da sagte Jakob zu Anna: „Komm', wir wollen in dem Hause etwas Gutes zu essen aufsuchen und es uns recht wohl schmecken lassen." Anna sprach: „Wenn du mich an einen Ort hinfuhren kannst, wo es niemand sieht, so will ich mithalten." „Nun," sagte Jakob, „so komm' mit in das Milchkännner- lein; dort wollen wir eine Schüssel voll süßen Nahm verzehren." Anna sprach: „Dort sieht es der Nachbar, der auf der Gasse Holz spaltet." „So komm' mit mir in die Küche," sagte Jakob; „in dem Küchenkasten steht ein Topf voll Honig. In diesen wollen wir unser Brot eintunken." Anna sprach: „Dort kann die Nachbarin Hereinsehen, die an ihrem Fenster sitzt und spinnt." „So wollen mir drunten im Keller Äpfel essen," sagte Jakob, „dort ist es so stockfinster, daß uns gewiß niemand sieht." Anna sprach: „O, mein lieber Jakob! Meinst du denn wirklich, daß uns dort niemand sehe? Weißt du nichts von jenem Auge dort oben, das die Mauern durchdringt und ins Dunkle sieht?" Jakob erschrak und sagte: „Du hast recht, liebe Schwester! Gott sieht uns auch da, wo lins kein Menschenauge sehen kann. Wir wollen daher nirgends Böses tun." 4. Kottvertrauen. Gott ist bei mir! Er ist bei seinen Menschenkindern allen; es kann kein Haar von ihrem Haupte fallen, daß er's nicht weiß. Mag es auch donnern oder blitzen, er will vor Unglück mich beschützen! Gott ist bei mir! 5. Der gerettete Kandwerksöursche. Ein Handwerksbursche ging unweit Preßburg in Ungarn in der grimmigsten Kälte mit seinem Bündel über die Heide. Seine Kleider waren dünn und seine Strümpfe zerrissen. Ach, da fror's ihn sehr; er weinte, und die hellen Zähren froren ihm an den Augenwimpern. „Lieber Gott," seufzte er, „weit und breit kein Dorf und keine Stadt und keine Köhlerhütte! Ich werde erfrieren; — ach, was wird meine arme Mutter sagen? — Meiie Vater ist gestorben, und nun hat sie niemand, der ihr Brot erwirbt." Er wollte laufen, aber seine Glieder waren starr. Er wurde schläfrig, legte sich im Schnee auf sein Bündel und schlief ein. Ein Postknecht ritt vorbei und sah ihn starr daliegen; er bemerkte jedoch einige Lebenszeichen in ihm, ritt schneller und zeigte es unter dem Tore der benachbarten Stadt an. — „Was hilft's? Bis wir hinauskommen, ist er tot," sagten die Unempfindlichen. Ein armer Tagelöhner aber war in der Wachtstube, um sich zu wärmen; der hörte es, und ihm brach das Herz. Ohne ein Wort zu sagen, ging er auf die Landstraße, trug den erstarrten Handwerks- burschm ins nächste Dorf, rieb ihn mit Schnee, brachte ihn der Wärme näher und erweckte ihn endlich wieder. Darauf nahm er ihn mit sich in die Stadt und teilte sein Holz und seinen Tisch, ob er gleich selbst nicht viel hatte, mit dem armen Handwerksburschen so lange, bis derselbe imstande war, weiter zu reisen. Kaiser Joseph erfuhr die schöne Handlung, rief den Tagelöhner nach Wien und belohnte ihn, wie er alle guten Handlungen, die ihm bekannt wurden, zu belohnen pflegte. * 6. Wandersmairn «nd Lerche. W. Lerche, wie früh schon fliegest du jauchzend der Morgensonne zu! L. Will dem lieben Gott mit Singen Dank für Leben und Nahrung bringen; das ist von alters h?r mein Brauch; Wanderer, deiner wohl auch? Und wie so laut in der Luft sie sang, und wie er schritt mit munterm Gang, war es so froh, so hell den zwci'n im lieben, klaren Sonnenschein. Und Gott, der Herr im Himmel droben, hörte gar gern ihr Danken und Loben. 7. Abendlied. 1. Müde bin ich, geh’ zur Ruh’, schliesse meine Augen zu; aber eh’ ich schlafe ein, lieber Gott, gedenk’ ich dein. 2. Denk’ in stiller Freude dran, was du Gutes mir getan, hoff auf deine Lieb’ und Huld, * dass sie decke meine Schuld. 3. All’ die Meinen im Verband ruhn in deiner Vaterhand. Alle Menschen, gross und klein, sollen dir befohlen sein. 4. Kranken sende süsse Ruh’, nasse Augen trockne du! Gott, dein Vaterauge wacht; gib uns eine gute Nacht. 8. Die Treue. Ein heidnischer König liess einen frommen Bischof vor sich führen und verlangte, dass er seinen Glauben verleugnen und den Götzen opfern sollte. Der Bischof aber sprach : „Mein Herr und König, das tue ich nicht.“ Da ward der König sehr entrüstet und sprach: „Weisst du nicht, dass dein Leben in meiner Gewalt steht und ich dich töten kann? Ein Wink, und es geschieht. “ „Das weiss ich,“ antwortete der Bischof; „aber gestatte mir zuvor, dass ich dir ein Gleichnis vorlege und eine Frage zur Entscheidung. Gesetzt, einer deiner treuesten Diener fiele in die Gewalt deiner Feinde, und sie suchten ihn zur Untreue gegen dich zu bewegen, damit er ein Verräter an dir würde! Aber als dein Diener unverrückt beharrte in seiner Treue, nahmen ihn die Feinde, zogen ihm alle seine Kleider aus und jagten ihn nackt und mit Spott von dannen. Sage, mein König, wirst du, wenn er also zu dir kommt, ihm nicht von deinen besten Kleidern geben und ihm die Schande mit Ehren vergelten?“ Da antwortete der König und sprach: „Nun wohl, aber was soll dieses, und wo ist solches geschehen?“ Da sprach der fromme Bischof: „Siehe, du kannst mich auch entkleiden von diesem irdischen Gewände; aber ich habe einen Herrn, der wird mich neu bekleiden. Sollte ich denn des Kleides achten und die Treue dafür hingeben?“ Da sprach der heidnische König: „ Gehe, ich schenke dir dein Leben!“ 9. Alles zum Guten. Immer gewöhne sich der Mensch zu denken: „Was Gott schickt, ist gut, es dünke mir gut oder böse.“ Ein frommer Weiser kam vor eine Stadt, deren Tore verschlossen waren; niemand wollte sie ihm öffnen; hungrig und durstig musste er unter freiem Himmel übernachten. Er sprach: „Was Gott schickt, ist gut,“ und legte sich nieder. Neben ihm stand sein Esel, zu seiner Seite eine brennende Laterne um der Unsicherheit willen in derselben Gegend. Aber ein Sturm entstand und löschte sein Licht aus. Ein Löwe kam und zerriss seinen Esel. Er erwachte, fand sich allein und sprach: „Was Gott schickt, ist gut.“ Er erwartete ruhig die Morgenröte. Als er ans Tor kam, fand er dasselbe offen, die Stadt verwüstet, beraubt und geplündert, eine Schar Räuber war eingefallen und hatte eben in dieser Nacht die Einwohner gefangen, weggeführt und getötet. Er war verschonet. „Sagte ich nicht,“ sprach er, „dass alles, was Gott schickt, gut sei? Nur sehen wir meistens am Morgen erst, warum er uns des Abends etwas versagte.“ 10. Das betende Kind. Therese, eine arme Witwe, sprach eines Morgens zu ihren fünf unerzogenen Kindern: „Meine lieben Kinder, ich kann euch diesen Morgen nichts zu essen geben. Ich habe kein Brot, kein Mehl, kein einziges Ei mehr im Hause. Ich habe immer so viel Arbeit mit euch, dass ich fast nichts verdienen kann. Bittet doch den lieben Gott, dass er uns helfe; denn er ist ja reich und mächtig und sagt ja selbst: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“ Der kleine Christian, welcher kaum sechs Jahre alt war, machte sich nüchtern und sehr betrübt auf den Weg in die Schule. Er kam an der offenen Kirchen- türe vorbei, ging hinein und kniete vor dem Altare nieder. Da er niemanden in der Kirche sah, so betete er mit lauter Stimme: „Lieber Vater im Himmel! wir Kinder haben nichts mehr zu essen. Unsere Mutter hat kein Brot und kein Mehl mehr, nicht einmal ein Ei. Gib uns doch etwas zu essen, damit wir nicht samt unserer lieben Mutter verhungern müssen. Ach ja, hilf uns! Du bist ja reich und mächtig und kannst uns leicht helfen. Du hast es uns ja versprochen. Gewiss, du wirst auch Wort halten.“ So betete Christian in seiner kindlichen Einfalt und ging dann in die Schule. Als er nach Hause kam, erblickte er auf dem Tische einen grossen Laib Brot, eine Schüssel voll Mehl und ein Körbchen voll Eier. „Nun, Gott sei Dank!“ rief er freudig; „Gott hat mein Gebet erhört. Mutter, hat ein Engelein dieses alles zum Fenster hereingebracht?“ „Nein,“ sagte die Mutter, „aber Gott hat dein Gebet dennoch erhört. Als du am Altare betetest, kniete die Frau Amtmännin in ihrem vergitterten Kirchenstuhle. Du konntest sie nicht sehen; aber sie hat dich gesehen und dein Gebet gehört. Deshalb hat sie uns dieses alles geschickt. Sie war der Engel, durch den uns Gott 8 geholfen hat. Nun, Kinder, so danket denn alle Gott, seid fröhlich und vergesset in euerem Leben nicht den schönen Spruch: Vertrau’ auf Gott und lass ihn walten; er wird dich wunderbar erhalten.“ 11. Die Hirtenflöte. Ein König hatte einen Schatzmeister. Neidische Hofleute verklagten ihn bei dem Könige, daß er die Schätze des Reiches veruntreue, und daß er die geraubten Gelder imb Kostbarkeiten in einem verborgenen Gewölbe aufbewahre, das mit einer eisernen Türe verschlossen sei. Der König begab sich in den Palast des Schatzmeisters; er ließ sich die Türe zeigen und befahl, sie zu öffnen. Aber wie erstaunte er, als er hineintrat! Er sah nichts, als vier leere Wände, einen ländlichen Tisch und einen Strohsessel. Aus deni Tische lag eine Hirtenflöte nebst einem Hirtenstabe und einer Hirtentasche. Durch das Fenster sah man auf grüne Weiden und rvaldige Berge. Der König fragte den Schatzmeister: „Wozu benützest du dieses Gemach?" Der Schatzmeister aber sprach: „In meiner Jugend hütete ich die Schafe. Du, o König, zogst mich an deinen Hof. Hier in diesem Gewölbe bringe ich täglich eine Stunde zu, erinnere mich mit Freuden meines vorigen Standes und wiederhole die Lieder, die ich ehemals bei meinen Schafen zum Lobe des Schöpfers gesungen habe. Ach, damals war ich auf meinen väterlichen Fluren bei all' meiner Armut glücklicher, als in diesem Palaste bei allein Reichtume, womit die Gnade meines Königs mich überhäuft hat. O, laß mich in nteinen früheren Stand zurückkehren !" Da drückte ihn der König an sein Herz und bat ihn, er möchte noch ferner bei ihm bleiben, und ehrte ihn hoch vor seinen Verleumdern; diese aber trieb er von seinem Hofe weg. )<12. Die Schwalben. 1. Mutter, Mutter! unsre Schwalben — sieh' doch selber, Mutter, sieh'! Junge haben sie bekommen, und die Alten füttern sie. — 2. Als die lieben, kleinen Schwalben wundervoll ihr Nest gebaut, hab' ich stundenlang am Fenster heimlich ihnen zugeschaut. 3. Und nachdem sie eingerichtet und bewohnt das kleine Haus, schauten sie mit klugen Augen ganz verständig nach mir aus. 4. Ja, es schien, sie hätten gerne manches zwitschernd mir erzählt, und es habe sie betrübet, was zur Rede noch gefehlt. 5. Eins ums andre, wie ein Kleinod, hielten sie ihr Haus in Hut. Sieh' doch, wie die kleinen Köpfchen streckt hervor die junge Brüt. 6. Und die Alten, eins ums andre, bringen ihnen Nahrung dar;-— o, wie köstlich ist zu schauen so ein liebes S chwalbenpaar!_ 7. Mutter, weißt du noch, wie neulich krank im Bett ich lag und litt? Pflegtest mich so süß, und abends brachte Vater mir was mit. 13. Die goldene Dose. Ein Oberst zeigte den Offizieren, die bei ihm speisten, bei Tische eine neue, sehr schöne goldene Dose. Nach einer Weile wollte er eine Prise Tabak nehmen, suchte in allen Taschen und sagte bestürzt: „Wo ist meine Dose? Sehen Sie doch einmal nach, meine Herren, ob nicht etiva einer sie in Gedanken ein- gesleckt habe." Alle standen sogleich auf und wendeten die Taschen um, ohne daß die Dose zuin Vorschein kam. Nur der Fähnrich blieb 10 in sichtbarer Verlegenheit sitzen und sagte: „Ich wende meine Taschen nicht um; mein Ehrenwort, daß ich die Dose nicht habe, sei genug!" Die Offiziere gingen kopfschüttelnd auseinander, und jeder hielt ihn für den Dieb. Am andern Morgen ließ ihn der Oberst rufen und sprach: „Die Dose hat sich wieder gefunden. Es war in meiner Tasche eine Naht aufgegangen, und da fiel sie zwischen dem Futter hinab. Nun sagen Sie mir aber, warum Sie Ihre Taschen nicht zeigen wollten, was doch alle übrigen Herren Offiziere getan haben?" Der Fähnrich sprach: „Ihnen allein, Herr Oberst, will ich es gerne bekennen. Meine Eltern sind arm. Ich gebe ihnen daher meinen halben Sold und esse mittags nichts Warmes. Als ich zu Ihnen eingeladen wurde, hatte ich mein Mittagessen bereits in der Tasche — und da hätte ich mich schämen müssen, wenn beim Umwenden der Tasche ein Stück schwarzes Brot und eine Wurst herausgefallen wären." Der Oberst sagte gerührt: „Sie sind ein sehr guter Sohn! Damit Sie Ihre Eltern desto leichter unterstützen können, sollen Sie nun täglich bei mir speisen." Er lud alle Offiziere zu einem festlichen Gastmahle ein, bezeugte vor ihnen allen die Unschuld des Fähnrichs und überreichte ihm zum Beweise seiner Hochachtung die goldene Dose als ein Geschenk. Wer seine Eltern liebt und ehrt, ist Gott und Menschen lieb und wert. 14. Die Glieder. Die Glieder des menschlichen Körpers wurden einmal überdrüssig, einander zu dienen, und wollten es nicht mehr tun. Die Füße sagten: Warum sollen wir allein euch alle tragen und fortschleppen? Schaffet euch selbst Füße, wenn ihr gehen i 11 wollt! — Die Hände sagten: Warum sollen wir allein für euch arbeiten? Schafset euch selbst Hände, wenn ihr welche gebraucht! — Der Mund brummte: Ich müßte wohl ein großer Narr sein, wenn ich immer für den Magen Speise kauen wollte, damit er nach seiner Bequemlichkeit verdauen möge; schaffe sich selbst einen Mund, wer einen nötig hat! — Die Augen fanden es ebenfalls sehr sonderbar, daß sie allein für den ganzen Leib beständig Wache halten und für ihn sehen sollten. Und so sprachen auch alle übrigen Glieder des Leibes, und eines kündigte dem andern den Dienst auf. Was geschah? — Da die Füße nicht mehr gehen, die Hände nicht mehr arbeiten, der Mund nicht mehr essen, i>ie Augen nicht mehr sehen wollten, so fing der ganze Körper in allen seinen Gliedern an zu welken und nach unb nach abzusterben. Da sahen sie ein, daß sie töricht gehandelt hatten, und wurden einig, daß es künftig nicht wieder so geschehen sollte. Es diente wieder ein Glied dem andern, und alle wurden wieder gesund und stark, wie sie vorher gewesen waren. 15. Die sieben Kindlein. Am frühen Morgen, als die Dämmerung aufging, erhob sich ein frommer Hausvater mit seinem Weibe von dem nächtlichen Lager, und sie dankten Gott für den neuen Tag und für die Stärkung des Schlummers. Das Morgenrot aber strahlte in das Kämmerlein, und sieben Kindlein lagen in ihren Betten und schliefen. Da sahen sie die Kindlein an nach der Reihe, und die Mutter sprach: „Es sind ihrer sieben an der Zahl. Ach, es wird uns hart fallen, sie zu ernähren!“ Also seufzte die Mutter; denn es war eine Teurung in dem Lande. 12 Der Vater aber lächelte und sprach: „Siehe, liegen sie nicht und schlummern alle sieben und haben rote Wangen allzumal! Und es fleusst auch von neuem das Morgenrot über sie her, dass sie noch schöner erscheinen und wie sieben blühende Röslein; — Mutter, das zeiget uns ja, dass er, der das Morgenrot schafft und den Schlaf sendet, getreu ist und ohne Wandel.“ Und als sie nun aus dem Kämmerlein traten, da standen an der Türe vierzehn Schuhe in einer Reihe, immer kleiner und kleiner, je zwei für ein jegliches Kindlein. Da sah die Mutter sie an, dass ihrer so viele waren, und sie weinte. Der Vater aber antwortete und sprach: „Mutter, w r as weinest du? Haben sie doch alle sieben die runden und muntern Füsslein empfangen, wie sollen wir denn um die Hüllen uns ängstigen! Haben doch die Kindlein Vertrauen zu uns, wie sollten wir es denn nicht zu dem haben, der mehr vermag, als wir bitten und verstehen? Siehe, seine Sonne kommt! Wohlan, lass uns auch unsern Tageslauf, wie sie, mit fröhlichem Antlitz beginnen!“ Also redeten sie und wirkten, und Gott segnete ihre Arbeit, dass sie genug hatten samt den Kindern. Denn der Glaube erhebet das Herz, und die Liebe gewähret Stärke. >(16. Das Lamm. Zum Lamm spricht seine Mutter bang: „Kind, geh’ nicht an den Felsenhang!“ Das Lamm denkt aber still für sich: „Wie ist die Mutter wunderlich! Die schönsten Blumen stehn ja dort; die hol’ ich mir nun eben fort.“ — Doch wie es drauf die Blumen pflückt und in den tiefen Abgrund blickt, erschrickt es, gleitet von dem Rand 13 und stürzt hinab die Felsenwand. Da liegt es nun im tiefen Grund, im Herzen weh, an Gliedern wund, in Disteln und in Dorngehegen und kann nicht rühren sich, noch regen. Die Sonne sank; es kam die Nacht; kein Auge hat es zugemacht. Stets dacht’ es an sein Mütterlein, wie es so traurig werde sein, auch an die Brüder allzumal und an den schönen warmen Stall und sprach: „’s ist alles meine Schuld; drum muss ich’s tragen in Geduld.“ So litt es Hunger, Frost und Sorgen, bis dass erschien der lichte Morgen. Da ist der gute Hirt gekommen und hat sein Rufen bald vernommen. Von Dornen und von Herzeleid hat er das arme Lamm befreit und hat’s der Mutter heimgebracht, der so viel Kummer es gemacht. 17. Das Beil. Einem Knaben hatte der Vater ein kleines Beil geschenkt; daran hatte er grosse Freude und hieb damit, wie es eben traf, und es traf manchmal hin, wo es nicht gut war. Als der Kleine mit dem Beile auch in den Garten kam, dachte er: „Nun will ich ein tüchtiger Holzhauer sein,“ und fing an und hieb seines Vaters schönstes Kirschbäumchen um. Den andern Tag kam der Vater in den Garten, und als er das schöne Bäumchen welk am Boden liegen sah, wurde er betrübt und zornig. „Wer mir das getan hat,“ rief er, „der soll mir’s schwer büssen!“ Aber wer es getan hatte, das wusste kein Mensch, — 14 ausser einem; der stand gerade hinter der Hecke, hörte, wie der Vater so zürnte, und wurde feuerrot. „Es ist schlimm,“ dachte er; „aber wenn ich’s verschweige, so wär’s eine Lüge, und lügen mag ich nicht.“ So trat er denn schnell in den Garten zum Vater und sagte: „Vater, ich habe das Bäumchen umgehauen. Es war dumm von mir!“ — Da sah der Vater den Knaben an, und er machte wohl noch ein ernstes Gesicht; aber er zürnte nicht mehr. Der kleine Knabe lebte in Amerika und wurde nachher ein braver Mensch und dazu ein gewaltiger General, hat auch in seinem Leben nicht gelogen. Er hiess Georg Washington. , 18. Das Rechenexempel. Der edle Kaiser Joseph traf auf einem Spazierritt einen fleissigen und frohen Landmann beim Ackergeschäft an und liess sich mit ihm in ein Gespräch ein. Da erfuhr er, dass der Acker nicht sein Eigentum sei, sondern dass er als Taglöhner täglich um 15 Kreuzer arbeite. Der Kaiser, der für sein schweres Regierungsgeschäft freilich mehr Geld brauchte und zu verzehren hatte, konnte es in der Geschwindigkeit nicht ausrechnen, wie es möglich sei, täglich mit 15 Kreuzern auszureichen und noch so frohen Mutes dabei zu sein, und verwunderte sich darüber. Aber der brave Mann im Zwilchrocke erwiderte ihm: „Es würde mir übel bekommen, wenn ich täglich so viel brauchte. Mir muss ein Dritteil davon genügen; mit dem andern Dritteil zahle ich meine Schulden ab, und den übrigen Dritteil lege ich zu Kapitalien an.“ Das war dem guten Kaiser ein neues Rätsel. Aber der fröhliche Landmann sprach: „Ich habe noch zwei alte Eltern, die nicht mehr arbeiten können; diesen bin ich noch viel schuldig für die Liebe, die Mühe, die Gc- 15 duld und die Sorgen, die sie meinethalb getragen haben, als ich noch jung war und noch nicht für mich sorgen konnte. Und da trage ich mit dem zweiten Dritteil das Kapital ab, das sie mir an Liebe und Fürsorge vorgeschossen haben. Dann hat mir Gott auch Kinder gegeben; auf die verwende ich den letzten Dritteil und lege noch ein Sümmchen von Vaterliebe und Vatersorge dazu, und so wird’s ein Kapitälchen, das sie mir einmal wieder abtragen sollen, wenn sie heranwachsen; denn von ihnen hoffe ich, dass sie mich in meinem Alter auch nicht verlassen, mich pflegen, versorgen und'mir Freude machen werden.“ „Das ist brav gedacht,“ sagte der Kaiser, „und wohlgetan, und Gott gebe euch gute Kinder!“ Und er schickte dem wackern Taglöhner am folgenden Tage zwei Röllchen ; darauf stand: „ Kapital- zuschuss.“ Was mag wohl darin gewesen sein? 19. Der Grossvater und sein Enkel. Es war einmal ein alter Mann; der konnte kaum gehen; seine Kniee zitterten; er hörte und sah nicht viel und hatte keine Zähne mehr. Wenn er nun bei Tische sass und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er die Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Munde. Sein Sohn und dessen Frau, welchen es davor ekelte, hiessen den alten Grossvater sich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt. Da sah er betrübt nach dem Tische, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zitternden Hände das Schüsselchen nicht festhalten; es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt; er aber sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm für ein paar Pfennige ein hölzernes Schüsselchen, aus welchem er essen musste. Wie sie nun eines Tages da sitzen, so trägt der kleine Enkel 16 von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ei,“ antwortete das Kind, „ich mache ein Tröglein; daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin.“ — Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten sofort den Grossvater an den Tisch und liessen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er etwas verschüttete. 20. Die Pfirsiche. Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten, die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen die Frucht zum ersten Mal. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen Apfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaume. Darauf verteilte sie der Vater unter seine vier Knaben, und eine erhielt die Mutter. Am Abend aber, als die Kinder in das Schlafkämmer- lein gingen, sagte der Vater: „Nun, wie haben euch die schönen Apfel geschmeckt?“ — „Herrlich, lieber Vater,“ sagte der älteste; „es ist eine schöne Frucht, so säuerlich und so mild von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.“ „Brav,“ sagte der Vater, „das heisst haushälterisch auch für die Zukunft sorgen, wie es dem Landmann geziemt.“ „ Ich habe die meinige sogleich aufgegessen, “ rief der jüngste, „und den Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir noch die Hälfte von der ihrigen gegeben. 0, das schmeckt süss und zerschmilzt einem im Munde!“ — „Nun,“ sagte der Vater, „du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist noch Raum genug im Leben. “ Da begann der zweite Sohn: „Ich habe den Stein, den der kleine Bruder fortwarf, gesammelt und aufgeklopft. 17 Es war ein Kern darin; der schmeckte so süss wie eine Nuss. Aber meine Pfirsich hab’ ich verkauft und so viel Geld dafür erhalten, dass ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf dafür kaufen kann.“ — Der Täter schüttelte den Kopf und sagte: „Klug ist das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht. Bewahre dich der Himmel, dass du kein Kaufmann werdest!“ „Und du, Edmund?“ fragte der Täter. Unbefangen und offen antwortete Edmund: „Ich habe meine Pfirsich dem Knaben unseres Nachbars, dem kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht. Er wollte sie nicht annehmen. Da hab’ ich sie ihm auf das Bett gelegt und bin hinweggegangen. “ „Nun,“ sagte der Täter, „wer hat denn wohl den besten Gebrauch von seiner Pfirsich gemacht?“ Da riefen die andern drei: „Das hat Bruder Edmund getan!“ Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit einer Träne im Auge und freute sich seines wohlwollenden Herzens. 21. Der gute Sohn. Karl zeichnete sich in der Schule als der beste Schüler im Schreiben aus. Einst wollte ein reicher Mann im Dorfe einen Brief abschreiben lassen und schickte ihn deswegen in die Schule. Diese Arbeit wurde unserm Karl zuteil. Als er damit fertig war, trug ihm der Lehrer auf, den Brief mit der Abschrift selbst zu dem reichen Manne zu tragen. Dieser freute sich über die schöne Handschrift des Knaben und belohnte ihn für seine Mühe mit zwei Franken. Der Knabe jubelte vor Freuden; denn so viel Geld hatte er noch nie besessen, und dieses war gewissermaßen der erste Gewinn, den er sich selbst erworben hatte. Auf dem Wege nach Hause fing er an, bei sich selbst zu überlegen, was er mit diesem Gelde anfangen THurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 2 18 wollte. Sein erster Gedanke war, davon alle Wochen einige Zehner zu nehmen und sich allerlei gute Sachen zu kaufen. Wird dann aber auch, war sein zweiter Gedanke, deine Mutter damit zufrieden sein, wenn du es zu solchen Dingen verwendest? Deine arme Mutter, die es sich so sauer werden lassen muss, dich und sich selbst zu ernähren ? 0, dies gab mir ein guter Geist ein; denn jetzt weiss ich, was ich mit diesem meinem zum ersten Male selbst verdienten Gelde anfangen soll. Hierauf ging Karl mit schnellen Schritten nach Hause, trat mit freudestrahlenden Blicken zu seiner Mutter und drückte ihr die zwei Franken mit den Worten in die Hand: „Hier, liebe Mutter! ist das erste Geld, das ich mir durch meinen Fleiss erworben habe. Du hast mich schon so viele Jahre durch deiner Hände Arbeit ge- speiset und gekleidet. Nimm jetzt dieses Geld und tue dir etwas zum Besten damit.“ Der Mutter stürzten vor Freuden die Tränen aus den Augen; sie konnte vor Rührung nichts darauf antworten und drückte den guten Sohn voll innigster Liebe an ihr mütterliches Herz. Die Seligkeit, welche der Knabe dabei empfand, lässt sich nicht mit Worten beschreiben; aber nachempfinden können diese süsse Seelenfreude alle jene Kinder, die wie Karl gegen ihre Eltern gesinnt sind und sich zeitlebens befleissen, diesen ihre Liebe und treue Sorgfalt, so oft sie nur können, dankbar zu vergelten. 22 Per Samstag. Die fromme Mutter Gertrud betete alle Abende mit den Kindern, bevor sie dieselben zu Bette brachte. Dann erforschte sie auch mit jedem Kinde das Gewissen über die Fehler, die es während der Woche begangen, und mahnte es mit einem schönen Zuspruch zur Besserung. Sie fing beim kleinsten an lind fuhr fort bis zum größten. Einst an einem Samstag sprach sie also: Mutter. Sehet, Kinder, wie gütig der liebe Gott auch diese Woche wieder gegen uns war! Habt ihr diese Güte aber auch verdieut? Wie ist es mit dem Nechttun gegangen? Sag', Gritli, hast du nicht auch diese Woche wieder oft deinen Kopf gesetzt und bei Tische gezwängert? Gritli. Ich will es ja nie tun; aber es kommt mir allemal, ohne daß ich's merke, wenn du mir so lange nicht herausschöpfst. Mutter. Ja, sieh', mein Kind, du mußt dich wehren, mußt dein Gelüste bezwingen und Geduld haben, bis die Reihe an dich kommt. Denk', daß du noch andere Geschwister hast, die uns auch lieb sind. Bald bist du, bald ist ein anderes das erste, je nachdem ihr es verdient. — Nun, Anneli, wie hast du diese Woche getan? Hast du dich immer brav aufgeführt? Anneli. Ach nein, liebe Mutter! Du weißt es wohl, — wegen des Brüderchens. Mutter. Ja, ja, ich zittere noch jetzt vor Angst, wenn ich daran denke, wie das Kind in seiner Wiege hätte ersticken können, als du es so allein gelassen hattest. Wie ivürdest du selbst gejammert haben, wenn du schuld gewesen wärest an dem Tode deines Brüderchens; das wäre ja schrecklich. Anneli. Glaube mir's, Mutter, ich will gewiß nie mehr von ihm weggehen, wenn du fort bist. Mutter. Und du, Niklaus, wie ist es dir in dieser Woche ergangen? Niklaus. Ich weiß nichts Böses. Mutter. Denkst du nicht mehr daran, daß du am Montag das Gritli umgestoßen hast? Niklaus. Ich hab's nicht mit Fleiß getan, Mutter. Mutter. So! Wenn du es noch gar mit Fleiß getan hättest! Schämst du dich nicht, das zu sagen? Niklaus. Es ist mir leid; ich will's nicht mehr tun, Mutter. Mutter. Sieh', wenn du so unachtsam und tölpelhaft bleibst, so wirst du einst in viel verdrießliche Streit' und Händel geraten und wirst die brävsten Menschen von dir stoßen. Wer wird dann dein Freund und Gespane sein? Der Stelzen- sritz und der Steckenbaschi! Drum nimm dich ja bei Zeiten im Umgang mit andern Menschen in acht und halte dich ordentlich! Niklaus. Liebe Mutter, ich glaube dir und will gewiß von heut' an besser auf mich achtgeben. Mutter. Und du, Life? Wie hast du dich in dieser Woche aufgeführt? Life. Ich weiß einmal nichts anderes diese Woche, Mutter. Mutter. Gewiß nicht? Life. Nein, Mutter, so viel ich mich einmal besinnen kann, weiß ich nichts. Ich wollte es gerne sagen, Mutter; aber ich weiß nichts. Mutter. Aber ich weiß etwas. Ich weiß, daß du immer, auch wenn du nichts weißt, mit so viel Worten antwortest, als ein anderes, wenn es recht viel zu sagen hat. Life. Was habe ich denn jetzt gesagt, Mutter? Mutter. Eben nichts — und hast doch viel geantwortet. Wenn du schon wieder vergessen hast, worin du auch diese Woche so viel gesündigt, so will ich dich daran erinnern. Was hattest du am Dienstag des Untervogts Vreni zu berichten? Warum konntest du am Mittwoch mittags bei der Ma- tilde nicht fertig werden? Warum wird dir beim Brunnen der Kessel so lange nicht voll? Wer hat dich gestern heißen antworten, als der Amtmann den Vater etwas fragte? Life. Es ist mir leid, Mutter. Mutter. Sieh', wir haben dir schon dutzendmal verboten, so viel zu reden, und es half bis jetzt so wenig. Ich ermähne dich heute wieder, nicht alles so im Dorfe hin und her zu berichten, unsere eigenen Tisch- und Familiengespräche nicht an die große Glocke zu hängen. Was einen nicht brennt, das soll man nicht blasen. Wie leicht hätte gestern deine vorlaute, unbesonnene Rede dem Vater schaden oder doch Unangenehmes bereiten können! Life. Es würde mir sehr leid sein; aber, liebe Mutter, bisher hat mir ja niemand gesagt, wozu ich schweigen und was ich weiter sagen dürfe. Mutter. Ei, ei, das muß jetzt doch der Vater wissen, wenn er heimkommt. Du meinst also, wir sollten zu jedem Worte, das wir in deiner Gegenwart reden, immer beifügen: „Das darf jetzt die Life sagen beim Brunnen und über alle Gartenhäge, — aber das nicht, — aber das wieder." So weißt du dann immer, wovon du plappern darfst. Lise. Verzeih' mir doch, Mutter; ich habe es ja nicht so gemeint. Mutter. Man hat es dir schon für ein- und allemal gesagt, daß du nichts und in nichts plaudern sollst, was dich nicht angeht; aber es ist vergeblich.- Der Fehler ist dir nicht anders als mit dem strengsten Ernste abzugewöhnen. Merke dir's: „Das erste Mal, daß ich dich wieder ob solchem Geschwätz ertappe, werde ich dich mit der Rute züchtigen!" Wie viel Lug, Haß, Streit, Verleumdung und Unglück entstehen nicht aus unvorsichtigem Geschwätz! Dir hoff' ich diesen Fehler noch auszutreiben. 22 Darauf beteten die Kinder das schöne Samstagsgebet, welches die Mutter sie gelehrt hatte. Life aber schluchzte während des Gebetes; denn sie bereute ihren Fehler. Das freute die Mutter im Herzen; aber sie verschwieg es, segnete die Kinder und empfahl sie und ihre guten Vorsähe dem lieben Gott. f 23. Zur Schule. Ist es morgens gegen acht, spring ich hurtig auf vorn Stuhle; alles wird zurecht gemacht, was ich brauche in der Schule. Yon dem Nagel kommt die Kappe, umgehängt wird schnell die Mappe, eingepackt nun Buch und Schrift, Tafel, Federrohr und Stift. Nicht vergess’ ich aber auch das, was ich besonders brauch’. Nummer eins: zwei frische Augen, die zum Schaun und Merken taugen; Nummer zwei: zwei feine Ohren, dass mir nichts kann gehn verloren; Drittens: einen lauten Mund, der da spricht aus Herzensgrund, aber auch nichts eher sagt, bis der Lehrer hat gefragt; und was noch das beste heisst: muntres Herz und muntren Geist. Nun, wohlan, ich will schon heut’ lernen, dass es eine Freud’, dass es eine Lust soll sein, bis der Abend bricht herein, dass ich auch, wenn ich bin brav, spielen kann und ruhig schlaf. v 24 v Versuchung. 1. Gar emsig bei den Büchern ein Knabe sitzt im Kämmerlein; da lacht herein durchs Fenster der lust’ge blanke Sonnenschein und spricht: „Lieb’ Kind, du sitzest hier? Komm doch heraus und spiel’ mit mir!“ Den Knaben stört es nicht; zum Sonnenschein er spricht: „Erst lass mich fertig sein!“ 23 2. Der Knabe schreibet weiter; da kommt ein lustig Vögelein; das picket an die Scheiben und schaut so schlau zu ihm herein. Es ruft: „Komm mit, der Wald ist grün, der Himmel blau, die Blumen blühn!“ Den Knaben stört es nicht; zum Vogel kurz er spricht: „Erst lass mich fertig sein!“ 3. Der Knabe schreibt und schreibet; da guckt der Apfelbaum herein und rauscht mit seinen Blättern und spricht: „Wer wird so fleissig sein? Schau meine Apfel! Diese Nacht hab’ ich für dich sie reif. gemacht!“ Den Knaben stört es nicht; zum Apfelbaum er spricht: „Erst lass mich fertig sein!“ 4. Da endlich ist er fertig. Schnell packt er seine Bücher ein und läuft hinaus zum Garten. Juchhe! Wie lacht der Sonnenschein ! Das Bäumchen wirft ihm Apfel zu; der Vogel singt und nickt ihm zu. Der Knabe springt vor Lust und jauchzt aus voller Brust. Jetzt kann er lustig sein! 25. Das seltsame Rezept. Es ist sonst kein grosser Spass, wenn man ein Rezept in die Apotheke tragen muss. Aber vor langen Jahren war es doch einmal ein Spass. Da hielt ein Mann von einem entlegenen Hof eines Tages mit einem Wagen und zwei Stieren vor der Apotheke still, lud sorgsam eine grosse, tannene Stubentüre ab und trug sie hinein. Der Apotheker machte grosse Augen und sagte: „Was wollt ihr da, guter Freund, mit eurer Stubentür? Der Schreiner wohnt um zwei Häuser weiter links.“ — Dem sagte der Mann, der Doktor sei bei seiner kranken Frau gewesen und habe ihr wollen ein 24 Tränklein verordnen. Es sei aber in dem ganzen Haus keine Feder, keine Tinte und kein Papier gewesen, nur eine Kreide. Da habe der Herr Doktor das Rezept an die Stubentür geschrieben, und nun solle der Herr Apotheker so gut sein und das Tränklein kochen. — Item, wenn es nur gut getan hat. Wohl dem, der sich in der Not zu helfen weiss! 26. Die Tollkirsche. Ein Vater wandelte mit seinen beiden Kindern, einem Knaben und einem Mägdlein, auf den Hügeln, und die Kinder ergötzten sich, Erdbeeren zu pflücken, die reichlich am Wege und in den Gründen wuchsen. Plötzlich vernahm der Vater ein lautes Freudengeschrei der Kinder, und es wunderte ihn, was sie gefunden haben möchten. Er trat hinzu und sah, wie jedes Kind eine schöne Frucht, gleich einer Kirsche, in den Händen trug und sie beschauete, um sie zu essen. Aber der Vater nahm ihnen die Kirschen, warf sie auf die Erde und zertrat sie vor ihren Augen. Darauf riss er auch die Pflanzen aus der Erde und zertrat sie samt den Kirschen, die daran sassen. Da murrten die beiden Kinder und sahen den Vater an mit Unmut. Der Vater aber schwieg und ging weiter. Endlich fragten die Kinder und sprachen: „Wie vermochtest du, lieber Vater, also die schöne Frucht und uns die Freude zu verderben? Warum tatest du das?“ — „Kinder,“ antwortete der Vater, „hättet ihr diese Frucht gegessen, so wäre es euer Tod gewesen. Es war eine Tollkirsche, eine tödliche Giftpflanze.“ Da sahen die Kinder beschämt vor sich nieder, dankten dem Vater und sprachen: „Lieber Vater, warum sagtest du uns dieses nicht? Wir hätten dich dann nicht betrübt durch unser törichtes Murren.“ Der Vater aber antwortete: „Eben euer Unmut und Murren hat mich daran gehindert; denn ihr hättet’s doch nicht glauben wollen. 25 Hatte ich euch denn gewehrt, die süssen und heilsamen Erdbeeren zu pflücken? — Jetzt wisset ihr, welche Freuden ich euch verbiete.“ 27. Die zwei Hunde. Ein Junker hielt sich ein paar Hunde; es war ein Pudel und sein Sohn. Der junge, Namens Pantalon, vertrieb dem Herrchen manche Stunde. Er konnte tanzen, Wache stehn, den Schubkarr’n ziehn, ins Wasser gehn, und alles dieses aus dem Grunde. Der schlaue Fritz, des Jägers Kind, war Lehrer unsers Hunds gewesen, und dieser lernte so geschwind, als mancher Knabe kaum das Lesen. Einst fiel dem kleinen Junker ein, es müsste noch viel leichter sein, den alten Hund gelehrt zu machen. — Herr Schnurr war sonst ein gutes Vieh, doch seine Herrschaft zog ihn nie zu solchen hochgelehrten Sachen; er konnte bloss das Haus bewachen. Der Knabe nimmt ihn vor die Hand und stellt ihn aufrecht an die Wand; allein der Hund fällt immer wieder auf seine Vorderfüsse nieder. Man rufet den Professor Fritz; auch er erschöpfet seinen Witz umsonst; es will ihm nicht gelingen, den alten Schüler zu bezwingen. „Vielleicht,“ sprach Fritz, „hilft hier der Stock.“ Er holt den Stock; man prügelt Schnurren; doch der bleibt steifer als ein Bock, und endlich fingt er an zu murren. 4 26 „Was wollt ihr?“ sprach der arme Tropf, „ihr werdet meinen grauen Kopf doch nimmermehr zum Doktor schlagen. Geht, werdet durch mein Beispiel klug, ihr Kinder! lernet jetzt genug; ihr lernt nichts mehr in alten Tagen!“ 28. Die beiden Pflugscharen. Yon gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes; die andere ward in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und sieh’, sie war ganz mit Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wieder sah und sich selbst mit ihr verglich! Sie fand diese hell und glatt, ja fast glänzender, als dieselbe anfangs gewesen war. „Ist das möglich!“ rief die Verrostete aus, „einst waren wir einander gleich; was hat dich so herrlich erhalten, da ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet worden bin?“ — „Eben diese Ruhe,“ erwiderte jene, „war dir verderblich. Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.“ 29. Der Hund und der Wolf. Ein Schäfer war einst bei seiner Herde eingeschlafen. Dies bemerkte ein Wolf und gab sich alle Mühe, aus diesem günstigen Augenblicke Vorteil zu ziehen und den wachenden Hund auf die Seite zu locken. „Du lässest dir’s sauer werden, guter Philax, “ sprach der Wolf, „wahrhaftig, ich bewundere deine Geduld, deine unverbrüchliche Treue. Du bist unaufhörlich für das Wohl deiner Herde besorgt. Wirst du denn des beständigen Wachens nicht müde?“ 27 „Müde, sagst du ? Seiner Pflicht darf man nicht müde werden!“ „Das ist wahr,“ sagte der Heuchler, „aber wer ■wird auch ein beständiger Sklave seiner Pflicht sein? Siehe, das Beispiel deines eigenen Herrn, der sich der sanften Ruhe überlässt, sollte dich lehren, nicht zu gewissenhaft zu sein und mehr an dich selbst zu denken.“ „Eben weil ich das Zutrauen meines Herrn besitze,“ erwiderte der treue Philax, „darf ich meine Pflicht um so weniger vernachlässigen “ Nach diesen Worten fing er so laut an zu bellen, dass der Schäfer erwachte und vereint mit ihm die boshaften Absichten seines alten Feindes vereitelte. Es ist leicht, Versuchungen zu widerstehen, wenn man von Treue und Rechtschaffenheit beseelt ist. 30. Die Nuss. Zwei Knaben fanden eine Nuss. Da rief der eine: „Sie gehört mir; denn ich habe sie zuerst gesehen.“ „Nein, sie gehört mir,“ schrie der andere; „denn ich habe sie zuerst aufgehoben.“ Und beide gerieten in einen 28 heftigen Streit. Da kam ein grösserer Knabe dazu, der sehr schlau war. Er stellte sich in die Mitte der beiden Zänker, machte die Nuss auf und sprach: „Die eine Schale gehört dem, der die Kuss zuerst sah, und die andere Schale gehört dem, der die Nuss zuerst aufhob; den Kern aber behalt’ ich für den Urteilsspruch.“ Da sahen ihn die beiden andern verwundert an. Er aber sprach: „Je nun, Prozesse enden nicht anders,“ ging mit dem Kerne davon und liess die beiden mit den leeren Schalen stehen. 31. Der kluge Star. Ein durstiger Star wollte aus einer Wasserflasche trinken und konnte das Wasser in derselben mit seinem kurzen Schnabel nicht erreichen. Er hackte ins dicke Glas und vermochte nicht, es zu zerbrechen. Er stemmte sich gegen die Flasche, um sie umzuwerfen; aber dazu war er zu schwach. Jetzt kam er durch * seine Klugheit und sein Nachdenken auf den glücklichen Einfall, daß er Steinchen zusammenlas und sie in die Flasche warf. Dadurch stieg das Wasser endlich so hoch, daß er es erreichen und seinen Durst löschen konnte. 32. Me soll es sein? Ein Kinderherz soll sein, wie eine Lilie so rein, wie der Tau so klar, wie der Spiegel so wahr, wie der Quell so frisch, froh wie die Vöglein im Gebüsch. ^ * 33. Die Mchtigassen. „ Zwischen dichtbelaubten Zweigen sang mit süßem Schall, keinem Klänge zu vergleichen, eine junge Nachtigall. 29 ( Horch, da tönte $art und leise aus dem nahen Wald einer ältern sanfte Weise, und die junge schwieg alsbald. 0 „Warum schweigst du?" fragte jene, und die junge sprach: „Schöner klingen deine Töne; noch ist meine Kraft zu schwach; darum horch' ich deinen Lehren, spreche selber nicht!" — Möchten alle Kinder hören, was das weise Alter spricht! 34 Dankbarkeit. Es war einmal ein armer Knabe im Wallis. Er hieß Matthäus Schinner und zeigte schon in früher Jugend viel Verstand und eine große Begierde, recht viel zu lemen. Aber seine Eltern waren sehr arin. Darum konnten sie ihn nicht nach Bern in die Schule schicken. Nun lebte in Bern eine alte Frau in einem niedern Hause, und diese sprach zu des ? '' i Matthäus Eltern: „Ich bin zwar auch nicht reich; aber ich habe doch so viel, daß ich den kleinen Matthäus ernähren und kleiden kann. Lasset ihn zu mir ziehen, daß er die Schule besuchen mag!" Die Eltern gaben es zu; Matthäus zog zu ihr, besuchte unter Tags die Schule und sang am Morgen und Abend vor den Häusern der Reichen, welche ihm dann eine Gabe reichten. So wuchs Matthäus heran und wurde ein sehr geschickter Jüngling, der viel in den Schulen erlernt hatte. Um aber noch mehr zu lernen, mußte er nach Italien an höhere Schulen gehen. Er nahm weinend Abschied von der guten Frau, dankte ihr für alle Wohltaten und versprach ihr, dieselben zu vergelten, I wenn er es einmal imstande sein werde. 30 Viele Jahre vergingen; Matthäus Schinner war unterdessen ein Geistlicher geworden und zu hohen Ehren und Würden gelangt. Da geschah es, daß der Papst einen Gesandten nach Bern schickte, und derselbe kam, gekleidet in Purpur und Gold und mit stattlichem Gefolge. Dieser vornehme Gesandte aber war eben jener Matthäus Schinner, der einst als armer Schüler in Bern gelebt hatte. Wie er nun in Bern angekommen war, fragte er alsbald, ob seine gute Pflegemutter noch lebe. Als man dies bejahte, schickte man einen Dienerin ihr Haus, daß er dasselbe mit kostbarem Geräte ausschmücke. Dann begab er sich mit einigen Ratsherren dahin, grüßte die Frau mit Achtung und Ehrenbezerigung und gab sich ihr zu erkennen. Sie wußte sich vor Erstaunen und Freude kaum zu fassen und getraute sich nicht recht, mit dem vornehinen Herrn zu reden. Er aber ließ eine Mahlzeit herrichten, nahm die alte Frau an seine Seite und nannte sie vor all' ben Herren seine gute Mutter. Als dann die Mahlzeit geendigt war, schenkte er der Frau all' die kostbaren Geräte und Geschirre und überdies noch 200 Goldstücke. So wurde die Wohltätigkeit der armen Frau reichlich belohnt. Den Kardinal Schinner aber lobten die Leute, weil er seine alte Wohltäterin nicht vergessen hatte. 35. Kitfe in der Kot. Basel, heute eine große und reiche Stadt am Rheinstrome, wurde im Jahre 1356 von einem furchtbaren Unglück heimgesucht. In denselben Zeiten nämlich verspürte man einige Male, daß die Erde erbebte und die Häuser erschüttert wurden. Am 18. Weinmonat aber kam ein großes Erdbeben. Es gab so gewaltige Stöße, daß Türme und Kirchen, Schlösser und Häuser, Mauern und Tore mit fürchterlichem Krachen und Getöse einstürzten. Wer fliehen konnte, floh hinaus ins 31 freie Feld; aber über 300 Menschen wurden von den herabstürzenden Steinen und Balken erschlagen und zugedeckt. Zudem brach noch Feuer aus, und viele Tage stiegen Rauch und Flammen aus den Trümmern der eingestürzten Gebäude. Die Einwohner von Basel hatten Haus und Habe verloren und mußten aus freiem Felde ihre Hütten aufschlagen. Doch vertrauten sie auf Gott und suchten Hilfe und Unterstützung bei ihren Nachbarn und Freunden. Überall fanden sie Teilnahme, und selbst der Herzog Friedrich von Österreich, mit dem sie eben noch Krieg gehabt hatten, erzeigte ihnen Mitleid und Freundschaft und schickte 400 Männer, welche den Schutt aufräumen halfen. Indem die Basier Gott gelobten, auch fortan fromm und tugendhaft zu leben, gingen sie nüt Mut lind großem Fleiße an das Werk, räumten den Schutt weg und singen an, ihre Häuser und Kirchen wieder aufzubauen. Gott segnete ihr Bemühen, und so gelang es ihnen, ihre Stadt wieder herzustellen, schöner und größer, als sie gewesen war, und also steht sie noch bis auf den heutigen Tag. i 36. Tut Kutes denen, die euch hassen! Zwei gottesfürchtige Familien wohnten in einem Dorfe rechts und links von einem feindseligen Mann. Er kränkte seine Nachbarn, wo er nur konnte. Eines Tages kam er mit einem großen Fuder Heu nach Hause und konnte es nicht abladen, sondern mußte es im Hofe stehen lassen. Es stand ein schweres Gewitter am Himmel; alle seine Leute waren auf den Wiesen beschäftigt, um wo möglich auch noch das übrige Heu nach Hause zu bringen. Voll Sorge spannte er aus und ritt in vollem Trabe auf seine Wiese zurück. Aber kaum war er fort, so eilten seine Nachbarn herbei und luden das Heu ab; sie taten auch noch eine ihrer Scheunen auf, damit ihr Wider- 32 sacher auch mit dem andern Wagen ohne Aufenthalt ins Trockene fahren konnte. Schon fielen einzelne große und schwere Tropfen, als er auf dem Heimwege war. Er konnte nicht anders denken, als seine Heuernte nehme ein schlimmes Ende. Zu seinem Erstaunen fand er aber den ersten Wagen schon bis auf den letzten Halm abgeladen. Nun durfte er mit dem andern nur durch ein weit geöffnetes Tor einfahren. Er war so gerührt, daß er kein Wort sagen und mit keinem Wort um Verzeihung bitten konnte; aber seine beiden Hände reichte er den Nachbarn und war mit ihnen von dem Arigenblick an ein Herz und ein Sinn. 37. Lein Mensch zu Haas. „Geh, es ist kein Mensch zu Haus!“ rief der Geizige heraus, als den Gast er hörte pochen. Hat er Wahrheit nicht gesprochen? Wo man lässt den Gast nicht ein, muss kein Mensch im Hanse sein. 38. Wiedervergeltnng des Guten. In Amerika wurde ein Neger als Sklave an einen Pflanzer verkauft. Der Herr war jedoch ein guter und frommer Mann; er liess den Sklaven nicht grausam behandeln. Dieser arbeitete fleissig und war stets gehorsam und treu. Nach einiger Zeit liess der Pflanzer den Sklaven frei, und derselbe zog in ein entferntes Städtchen, wo er eine Kramerei einrichtete. Er lieferte gute Waren zu billigem Preise und war sehr höflich und gefällig gegen die Leute. Es kamen immer mehr Käufer in den Kramladen, und das Geschäft ging so gut, dass er es bald grösser und schöner einrichten konnte. Er blieb auch stets höflich und redlich und setzte immer billige Preise. So konnte es nicht fehlen, dass er viel verkaufte, und 33 da er sparsam lebte, so wurde er ein wohlhabender und geachteter Mann. Es wohnte in dieser Stadt auch ein Verwandter des Pflanzers, bei dem er Sklave gewesen war. Diesem Verwandten, der nicht reich war, lieh der Neger ziemlich viel Geld und Waren; denn er dachte daran, dass ihn der Pflanzer mild behandelt uifd ihm die Freiheit gegeben habe. Nun geschah es einst, dass eine Feuersbrunst aus- brach und viele Häuser des Städtchens in Asche legte. Auch das Haus jenes Verwandten samt allen seinen Waren wurde von den Flammen verzehrt. Das Haus des Negers jedoch blieb unversehrt und wohlerhalten. Der Neger suchte nun jenen Verwandten auf und führte denselben in sein Haus. Er liess Speise und Frank bringen und auch Zigarren zum Rauchen, indem er eine brennende Kerze zum Anzünden hinstellte. Wie nun der Gast sich labte und erholte, brachte der schwarze Kaufmann die Papierblättchen, auf welchen geschrieben stand, wie viel Geld und Waren ihm der Verwandte schuldig sei. Er zeigte diese Schuld scheine vor, drehte sie in eine kleine Röhre zusammen und hielt dieses Röhrchen an das Kerzenlicht. Zugleich nahm er eine Zigarre, und mit den brennenden Schuldscheinen zündete er dieselbe an. Der Verwandte war ganz erstaunt. Der Neger aber sagte freundlich: ,,So, mein Herr! Die Schuldscheine sind verbrannt, und ich erkläre, dass ich keine Bezahlung von Ihnen verlange. Dem guten Pflanzer verdanke ich die Freiheit und alles, was ich habe. Es freut mich 4 dass ich einem Verwandten dieses edlen Mannes meine Dankbarkeit bezeugen kann.“ y39. Der blinde Geiger. 1. Ein armer Geiger wandert durchs Land, des Hündleins Schnur in zitternder Hand. Der Körper ist alt und schwach und blind; es kennet den Armen ein jedes Kind. LHurg. Schulbuch f. K. 4. Schuljahr. 3 2. Und wenn er vor den Türen geigt, wird alles traurig und horcht und schweigt. Und wenn er von seinem Leiden singt, das Lied in die tiefste Seele dringt: 3. „Ich wandle in Sacht schon achtzig Jahr; mein Leben ein Leben voll Tränen war, ein Leben voll Angst und Hunger und Sot; o lag’ ich im Grabe, o wäre ich tot! 4. 0 wär’ ich bei dir, Herr Jesus Christ, wo keine Sacht, keine Trübsal ist! 0 läg’ ich im Grabe, o wäre ich tot! AVer reicht dem Geiger ein Stücklein Brot?“ 5. So singt er, mein Kind, und wirst du ihn sehn, darfst du nicht spottend vorübergehn. Leg’ eine Gabe freundlich und gut dem blinden Geiger in seinen Hut. 40. Der Specht und die Taube. Ein Specht und eine Taube hatten einen Pfau besucht. „AVie gefiel dir unser Wirt?“ fragte der Specht auf dem Heimwege; „ist er nicht ein widriges Geschöpf? Sein Stolz, seine unförmlichen Füsse, seine hässliche Stimme, sind sie nicht unerträglich?“ „Auf alles dieses,“ antwortete die gute Taube, „hatte ich keine Zeit zu sehen; denn ich hatte genug an der Schönheit seines Kopfes, an den herrlichen Farben seiner Federn und an seinem majestätischen Schweife zu bewundern.“ 41. Die Kröte und das Johanniswürmchen. 1. Ein Johanniswürmchen sass, seines Demantscheins unhewusst, im weichen Gras eines Eichenhains. 2. Leise schlich aus faulem Moos sich ein Ungetüm, eine Kröte hin und schoss all’ ihr Gift nach ihm. 3. „Ach, was hab’ ich dir getan?“ rief der AYurm ihr zu. „Ei,“ fuhr ihn das Untier an, „warum glänzest du?“ 42. Der Löwe nnd die Maus. Ein Löwe lag in seiner Höhle und schlief. Die Schnauze hatte er auf seine Tatze gelegt. Auf einmal krabbelt ihm was auf der Nase; das juckte so, dass er halb im Schlafe mit der Tatze über die Nase strich, und siehe, er hatte ein Mäuslein gefangen. Das Mäuslein schrie und flehte: ,,Erbarmen, Herr Löwe! Hätte ich gewusst, dass da euere grossmächtige Nase läge, ich wäre wahrhaftig eine Meile davon weggelaufen; lasst mich los! Verschluckt ihr mich, was frommt das euerem gewaltigen Magen? Ihr merkt so wenig, als ob man einem Kamele einen einzigen Tropfen Wasser zu saufen gäbe oder ein Sandkorn in den Brunnen würfe. Lasst ■5**S=! rnmmus* B-3TJ mich los; ich werde es euch gedenken!“ — „Was?“ sprach der Löwe, „meinst du so wegzukommen! — Mi r auf der Nase zu spielen! — Doch — lauf’ hin; man soll nicht sagen, dass der Löwe an einer elenden, jämmerlichen Maus sich räche.“ Das Mäuslein schlüpfte zitternd in sein Loch. — Nach ein paar Tagen fiel der Löwe in ein Garn und brüllte fürchterlich vor Wut; denn er konnte das Garn nicht zerreissen. Da rieselte dicht neben ihm die Erde. Das Mäuslein kam hervor, nagte flink an dem Garne, und siehe, der Löwe ward frei in wenigen Augenblicken. „Wer hätte das ahnen können,“ sagte er, „dasj ich dir wieder mein Leben danken sollte, du kleines Geschöpf! Es ist doch gut, dass ich dich nicht gefressen habe,“ und streichelte das Mäuslein. Das Mäuslein aber rief froh: „Habe ich nicht Wort gehalten?“ und huschte wieder in sein Loch; denn des Löwen Liebkosungen behagten ihm nicht sonderlich. 37 43. Besser offene Hand als geballte Faust. In der Stadt Strassburg auf dem Markte hielt eine arme Bauersfrau Eier feil. Da rannten zwei mutwillige Knaben an den Korb, stiessen ihn um und liefen mit Lachen davon. Das sah ein anderer Knabe, und im Zorn mit geballten Fäusten rannte er den beiden nach, und denen war schon angst. Aber der Knabe blieb auf einmal stehen, als ob er sich besänne, kehrte dann um und lief nach Hause. Wie aber die Bauersfrau noch über ihre zerbrochenen Eier weinte, langte auf einmal eine kleine Hand in ihren Schoss und schüttete eine Sparbüchse in die Schürze der Frau aus. Die kleine offene Hand war dieselbe, die vorhin im Zorne sich geballt hatte. Aber der Knabe, dem die Hand gehörte, und der eben seine letzten Kreuzer hergegeben hatte, war schon wieder fort, ehe die Bauersfrau sich bedanken konnte. Wollt ihr wissen, wie der Knabe hiess? — Er hiess Oberlin und wurde später Pfarrer in Steintal. Jetzt ist er tot; aber in Steintal und weit und breit sprechen die Leute noch von dem frommen und braven Pfarrer Oberlin. ^ 44. Aic Wttrörücke öei Mischofszess. 1. Willst du etlich' Augenblicke nicht hier stille stehn? Alt ist freilich, krumm die Brücke, doch der Zoll gar schön „Wer die Brücke will betreten, soll im Gehen auch fromm ein Vaterunser beten, nach der Vorzeit Brauch." 2. Eh' noch ob des Stromes Spiegel kühn der Bogen stand, glänzte dort ein Schloß vom Hügel stolz herab aufs Land. Wo sich Epheuranken dehnen, Buschwerk jetzt und Dorn, lebte froh mit beiden Söhnen Frau von Hohenzorn. 3. Einst, als mit dem Jagdgeschosse beide fortgeeilt, hört die Witwe auf dem Schlosse, daß der Thurstrom heult. Hört's und schaut. Von Regengüssen schwillt er donnernd an. Wog' auf Woge! Pfeilschnell schießen sie die krumme Bahn. 38 4. Sieht sie recht? Zwei Wandrer springen drüben in das Boot, wollen keck hinüberdringen, kommen sehr in Not. Hilfe! Hilfe! Diese Töne treffen wie ein Schwert. Ach, sie sieht die eignen Söhne und den Kahn verkehrt. p. Angstvoll fliegt die Mutter nieder zu der wilden Thür; Schiffer suchen hin und wieder — nirgend eine Spur. Erst nach drei durchiveinten Tagen stößt der Fluß sie aus, werden Leichen hergetragen in das öde Haus. 6. Welch' ein Schlag dem Mutterherzen! O, der harte Fluß! — Plötzlich dämmert aus den Schmerzen herrlich ein Entschluß. Sie erscheint vor dem Konvente, noch im Trauerflor, weist dem Propste Pergamente, Gold und Kleinod vor. 7. „Eine Brücke will ich gründen an dem Unglücksort, und kein Weib soll mehr empfinden, was mein Herz durchbohrt. Eins nur soll die Nachwelt üben: Wer hinübergeht, ach, für mich und meine Lieben sprech' er ein Gebet!" — 8. Und bald steht das Werk vollendet ob dem feuchten Grab, und die gute Witwe sendet manchen Blick hinab; sieht, wie Mütter jetzt und Kinder froh hinüberziehn, fühlt die tiefen Schmerzen minder, die im Busen glühn. 9. Lang schon wohnt sie bei den Söhnen hoch im Vaterhaus; doch der Brücke Bogen dehnen schützend noch sich aus. —- Schreite, Wandrer, denn hinüber, ziehe deine Bahn! Bete gläubig — oder lieber tu', was sie getan. l0. Welkt vielleicht im Lebenskranze dir auch manche Lust, schließ', o Frerind, aus große Ganze dich mit voller Brust! Pflanz' auf deiner Hoffnung Grabe still der Menschheit Glück, und an andrer Freuden labe sich betn Tränenblick. 45. Die drei Kausräte. „Wie fangt ihr's denn an, lieber Nachbar, daß euer Hauswesen so wohl bestellt ist, und man sieht doch nichts besonderes an euch und an dem, was bei euch vorgeht? Wir andern arbeiten doch auch und geben acht auf das Unsrige und halten es zu Rate, so gut es gehen mag, und doch hilft es nicht." 39 7 -•.« " ■- jg.rfriT Der Nachbar antwortete: „Ich wüßte nicht, was schuld daran sein sollte, es wären dem: meine drei Hausräte, denen ich wohl das alles zu verdanken habe." — „Eure drei Hausräte? Wer sind denn die?" — „Der Haushund, der Haushahn und die Hauskatze." — „Ihr spottet!" — „Es ist mein barer Ernst; denn seht, der Haushund bellt, wenn ein Feind herbeischleicht, und da heißt es denn: Aufgeschaut! Der Haushahn kräht, wenn der Tag anbricht, und da heißt es denn: Aufgestanden! Und die Hauskatze putzt sich, wenn ein werter Gast kommt, und da heißt es denn: Aufgetragen!" — „Ich verstehe, Nachbar, was ihr damit sagen wollt. Ihr meint, daß drei Dinge nötig seien, um dem Hauswesen aufzuhelfen: Vorsorge gegen alles, was schaden kann; Tätigkeit in allem, was nützen kann, lind Freundlichkeit gegen alle, die uns wohlwollen und wohltun." — „Wenn ihr's so nehmen wollt, so ist's mir recht; aber meine Hausräte lob' ich doch darum, daß sie mich jederzeit mahnen, was zu tun ist; ich könnt' es sonst leicht vergessen." 46. Aatertändischer Sinn. Auf der linken Ufcrseite des Vierwaldstättersees, am östlichen Abhänge des Seelisberges, liegt eine Bergwiese, das Rütli oder Grütli genannt. Da entspringen drei Quellen, die dem Volke heilig sind; denn dieselben erinnern an die drei ersten Eidgenossen, welche einst eine auserwählte Schar ihrer Lands- lcute ins Rütli zusammenriefen, um den ewigen Bund der Eidgenossen zu gründen. Tausende von Schweizern haben seither das Rütli besucht. Namentlich werden Scharen der schweizerischen Schuljugend häufig an diese geheiligte Stätte geleitet, damit sie sich in feierlich stiller Einsamkeit dankbar an die Stifter der Eidgenossenschaft erinnern. 40 Nun vernahm man im Jahre 1858, das Nütli solle verkauft werden, und es war zu befürchten, daß der geheiligte Boden zu einem Tummelplatz geräuschvoller Vergnügungen bestimmt oder durch eigennütziges Treiben dem freien Zutritt ent- \ zogen würde. Da erließen gemeinnützige Männer einen Aufruf * an die schweizerische Schuljugend, daß dieselbe unter sich eine freiwillige Steuer sammle zum Ankans des Rütli. Der Aufruf erregte in den Volksschulen große Bewegung. Die jugendlichen Herzen wurden von Vaterlandsliebe erwärmt, und Tausende von Kindern holten ihre Sparbüchsen hervor und baten die Eltern: Lasset uns doch auch beisteuern zum Ankaufe des Nütli! Freudig gewährten die Eltern diese Bitte, und Tag für Tag eilten nun Kinder mit fröhlichem Antlitz in die Schul- häuser und brachten den Lehrern ihre Beisteuern. Diese waren so zahlreich und so ergibig, daß die große Summe von 100,000 Franken zusammenfloß. Nun vollendeten die Männer, welche * jenen Aufruf erlassen hatten, das schöne Werk. Sie kauften das Rütli, und dasselbe wird nun, gesichert vor jeder Entweihung, ein wohlerworbenes und wohlerhaltenes Eigentum der schweizerischen Schuljugend bleiben für alle Zeiten. 47. Aienchen im Arühting. Es war Frühling geworden; die Sonne hatte den Schnee von den Bergen weggeschienen; die grünen Grasspitzen kamen aus den welken Halmen hervor; die Knospen der Bäume brachen , auf und ließen schon die jungen Blättchen durchscheinen. Da ^ wachte das Bienchen aus seinem tiefem Schlafe auf, worin es den ganzen Winter gelegen hatte. Es rieb sich die Augen und weckte seine Kameraden, und sie öffneten die Tür und sahen, ob das Eis und der Schnee und der Nordwind fortgegangen 41 wären. Und siehe, es war überall Heller und warmer Sonnenschein. Da schlüpften sie heraus aus dem Bicneukorbc, putzten ihre Flügel ab und probirten wieder zu fliegen. Sie kamen zum Apfelbaum und fragten: „Hast du nichts für die hungrigen Bienchen? Wir haben den ganzen Winter nichts gegessen." Der Apselbaum sagte: „Nein, ihr kommt zu früh zu mir; meine Blüten stecken noch in der Knospe, und sonst habe ich nichts. Geht hin zu der Kirsche!" Da flogen sie zu dem Kirschbaume und sagten: „Lieber Kirschbaum, hast du keine Blüten für uns hungrige Bienen?" Der Kirschbaum antwortete: „Kommt morgen wieder; heute sind meine Blüten noch alle zugeschlossen! Wenn sie offen sind, sollt ihr willkommen sein." Da flogen sie zu der Tulpe; die hatte zwar eine große farbige Blume, aber es war weder Wohlgeruch noch Süßigkeit darin. Die Bienchen konnten keinen Honig darin finden. Da wollten sie schon wieder traurig und hungrig nach Hause zurückkehren, als sie ein dunkelblaues Blümchen an der Hecke stehen sahen. Es war das Veilchen; das wartete ganz bescheiden, bis die Bienchen kamen; dann aber öfsnete es ihnen seinen Kelch; der war voll Wohlgeruch und voll Süßigkeit, und die Bienchen sättigten sich und brachten noch Honig mit nach Hause. 48. Des Vliimkeins Wachstum. 1. Kindlein, kommt, ich will euch zeigen, wie das Blümchen wächst und blüht! Kommt ins Freie, wo das Auge wunderschöne Dinge sieht! 2. Samenkörnlein fällt zur Erde, und mit Staub bedeckt's der Wind; ruhig schläft es dann da unten, wie das wohlverwahrte Kind. 3. Manchmal niöcht's auch gerne trinken in der trocknen Niederung; dann spricht Gott zum Blumenengel: „Eil' und bring' ihm einen Trunk!" 42 4. Und der Engel fliegt vom Himmel, rühret mit dem Finger bloß an die Wolke, — und es regnet. Körnlein trinkt und bald wird's groß. 5. Dehnt und streckt sich bald nach oben, bald nach unten weiter aus; oben will ein Stielchen werden, unten Wür- zelchen gar kraus. 6. Also wächst es langsam weiter im verborgnen Kämmer- lein, daß sich's fast hervor kann wagen an die Luft im Sonnenschein. 7. Ungeduldig wird es nimmer in der stillen Einsamkeit; wie ein gutes Kind erwartet auch das Pflänzchen seine Zeit. 8. Endlich kommt's herauf. Wie freut sich's auf der schönen Frühlingsau! Wäscht sich ab geschwind die Erde rein mit kühlem Morgentau. 9. Und ihr freuet euch und rufet: „O, das Blümlein zart und fein!" Und nicht lang, so könnt ihr sehen ihm ins frische Äugelein. 10. Wie die Blümlein, so die Kinder, wenn sie gut geworden sind; dann erschallt aus jedem Munde: O, das wohl- gerat'ne Kind! 49. Der Tierquäker. Schon waren die jungen Rotschwänzchen herangewachsen und beinahe flügge geworden, als der böse Peter die Alten aus der Ritze der Mauer herausfliegen und bald wieder mit dem Futter hineinfliegen sah. „Aha," dachte er, „da ist ein Vogelnest ; dahin muß ich einmal klettern und nachsehen, was in deni Reste ist." Und sogleich kletterte er an der Mauer hinauf und kam bis an die Ritze, worin das Restchen stand, und da hörte er die Jungen zwitschern und sah sie die Schnäbel aufsperren, weil sie meinten, ihre Mutter käme. Der böse Peter aber wollte sie aus dem Reste herausreißen und wollte mit ihnen sein Spiel treiben, bis sie tot wären. Es ging aber nicht so, wie er dachte. Das Loch, wo die Böglein ein- und ausflogen, war sehr eng, 43 so daß er seine Hand nicht leicht hindurchstrecken konnte. Nun drückte er zwar so lange, bis er die Hand hindurchgezwängt hatte; als er sie aber drinnen und die armen Vögelchen gefaßt hatte, konnte er die Hand nicht wieder herausziehen. Er mochte ziehen und zerren, wie er wollte, es half ihm nichts; die Hand steckte fest. Zuletzt tat es ihm wehe, und er fürchtete, die Hand werde nicht wieder herausgehen. Da fing er erbärmlich an zu schreien, so daß die Leute herbeigelaufen kamen. Die halfen ihm zwar endlich nach vieler Mühe aus dem Loche heraus; aber sie schalten ihn auch, daß er die armen Rotschwänzchen habe stören und quälen wollen, und sagten es seinem Vater. Der strafte ihn hart. 50. Die Lilie auf dem Aelde. 1. Du schöne Lilie auf dem Feld, wer hat in solcher Pracht dich vor die Augen mir gestellt, wer dich so schön gemacht? 2. Wie trägst du solch ein weißes Kleid, mit goldnem Staub besät, daß Salomonis Herrlichkeit vor deiner nicht besteht! 3. Gott hob dich aus der Erde Grund, hat liebend auf dich acht; er sendet dir in stiller Stund' ein Eng'lein bei der Nacht. 4. Das wäscht dein Kleid mit Tau so rein und trocknet's in dem Wind und bleicht es in dem Sonnenschein und schmückt sein Blumenkind. 5. Du schöne Lilie auf dem Feld, in aller deiner Pracht bist du zum Vorbild mir gestellt, zum Lehrer mir gemacht. 6. Du schöue Lilie auf dem Feld, du kennst den rechten Brauch; du denkst, der hohe Herr der Welt versorgt sein Blümlein auch. 51. Einkehr. 1. Bei einem Wirte wundermild, da war ich jüngst zu Gaste. Ein goldner Apfel war sei» Schild an einem langen Aste. 2. Es war der gute Apfelbaum, bei dem ich eingckehret. Mit süßer Kost und frischem Schaum hat er mich wohl genähret. 3. Es kamen in sein grünes Haus viel leicht beschwingte Gäste. Sie sprangen frei und hielten Schmaus und sangen auf das beste. 4. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh auf weichen, grünen Matten. Der Wirt, er deckte selbst mich zu mit seinem kühlen Schatten. 5. Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit. Da schüttelt' er den Wipfel. Gesegnet sei er allezeit von der Wurzel bis zum Gipfel! 52. Die Mitch. Ferdinand, ein reicher Knabe aus der Stadt, spazierte an einem Frühlingstage auf einen benachbarten Bauernhof, ließ» sich für Geld eine Schüssel Milch geben, setzte sich unter einen schattigen Baum in das Gras, brockte Brot in die Milch und aß nach Herzenslust. Friedrich, ein armer Knabe aus dein nächsten Dorfe, der vor Hunger und Elend mager und blaß aussah, stand nicht weit von ihm, sah traurig zu und hätte auch gerne etwas davon 45 * i * 1 gehabt. Allein er war zu bescheiden, darum zu bitten. Dem reichen Ferdinand fiel es wohl ein, er sollte dem armen Knaben etwas übrig lassen. Er hörte aber nicht aus die gute Stimme seines Herzens und aß begierig fort. Als er nun die Milch bereits aufgezehrt hatte, erblickte er auf dem Boden der Schüssel ein Vcrschen. Er las es und errötete. Da ließ er sogleich die Schüssel noch einmal füllen und ein großes Stück Brot dazu geben. Dann rief er den armen Friedrich freundlich herbei, brockte ihm das Brot selbst ein und sprach ihm liebreich zu, es sich wohl schmecken zu lassen. Den Spruch, meinte Ferdinand, sollte man in alle Schüsseln der Leute schreiben, die da reich sind und mehr haben, als sie bedürfen. Er lautet so: „Der du des Armen kannst vergessen, Verdienest nicht, dich satt zn essen." 53. Das gerettete Blümchen. 1. Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. 2. Im Schatten sah ich ein Blümlein stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön. 3. Ich wollt’ es brechen, da sagt’ es fein: „Soll ich zum Welken gebrochen sein?“ 4. Ich grub’s mit allen den Wurzeln aus; zum Garten* trug icli’s an unserm Haus. 5. Und pflegt’ es wieder an stillem Ort. — Nun zweigt es wieder und grünet fort. - 54. Der Wolf. Hans hütete nicht weit von einem grossen Walde die Schafe. Eines Tages schrie er, um sich einen Spass zu machen, aus allen Kräften: ,,Der Wolf kommt! Der Wolf kommt!“ Die Bauern kamen sogleich mit Äxten und Prügeln in Scharen aus dem nahen Dorfe gelaufen und wollten den Wolf totschlagen. Da sie jedoch nichts von einem Wolfe sahen, gingen sie wieder heim, und Hans lachte sie heimlich aus. Am andern Tage schrie Hans wieder: „Der Wolf! Der Wolf!“ Die Bauern kamen wieder heraus, wiewohl nicht mehr so zahlreich, als gestern. Da sie aber keine Spur von einem Wolfe erblickten, schüttelten sie die Köpfe und gingen voll Verdruss nach Hause. Am dritten Tage kam der Wolf wirklich. Hans schrie ganz erbärmlich: ,,Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Wolf! Der Wolf!“ Allein diesmal kam ihm kein einziger Bauer zu Hilfe. Der Wolf brach in die Herde ein, erwürgte mehrere Schafe und darunter das artigste Lämmchen, das dem Knaben selbst gehörte, und das er ungemein lieb hatte. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. 55. Der Fleiss der Tiere. Wie emsig im Grund sich die Ameise regt, und Körnchen bei Körnchen zum Vorräte trägt! Sie schafft in dem Sommer, damit es ihr nicht im Froste des Winters am Brote gebricht. Dort sammelt die Biene mit fleissigem Sinn von Blume zu Blume den süssen Gewinn. Das wirtliche Völkchen fliegt ein und fliegt aus und füllet mit Honig das zierliche Haus. Geh’, siehe das kleine, das fleissige Tier, du müssiger Fauler, und lerne von ihr! Geh’, sammle wie Bienen, noch weilet die Zeit; bald sind mit Gestöber die Fluren beschneit. 1 . 9 3 . 56. Der Hirsch am Bache. Ein Hirsch trank aus einem kleinen Gewässer und erblickte in demselben sein Bild. „Fürwahr,“ rief er, „die Natur meinte es nicht so böse mit mir, wenigstens mit meinem Kopfe nicht! Wie prächtig ist das Geweih, das ihn schmückt! Nur meine Schenkel könnten etwas besser sein, und ich würde dann an vortrefflicher Gestalt allen Tieren Trotz bieten.“ Indem er noch dies sprach, hörte er in der Ferne Jagdhörner ertönen und sah die Hunde schon, die mit Bellen auf ihn zueilten. Er flog über die Felder hinweg und liess seine Verfolger weit hinter sich. Jetzt kam er in den Wald; aber indem er hier sich in ein Dickicht retten wollte, blieb er mit dem Geweih an den Asten eines Baumes hängen; die Hunde kamen herbei und rissen ihn nieder. „Ach,“ seufzte er, indem er verschied, „ich Unglücklicher habe in törichter Weise meine Freunde für Feinde und meinen Feind für einen Freund gehalten! Die Schenkel, die ich tadelte, hatten mich beinahe schon gerettet; aber das Geweih, das ich pries, hat mich ins Verderben gestürzt. ‘ 1 57. Die dunkelblaue Wiese. Vater. Ich kenne eine grosse dunkelblaue Wiese. Emil. Vater, das ist dein Spass; solche giht’s ja gar nicht; die Wiesen sehen grün aus, aber nicht blau. Vater. Meine Wiese sieht aber doch blau aus und ist grösser, als alle Wiesen der Welt. Laura. Habe ich sie gesehen, Vater? Vater. Du und ihr alle habt sie schon gesehen und bekommt sie alle Tage zu sehen. Auf meiner Wiese gehen jahraus, jahrein, einen Tag wie den andern, eine unzählbare Menge grosser und kleiner Schafe auf die Weide, obwohl nichts dort wächst. 43 Anton. Aber, Vater, was machen sie denn dort, wenn sie nichts zu fressen finden? Die Schafe können doch nicht hungern! Vater. Meine Schafe und meine Lämmer hungern nicht und fressen nicht. Emil. Dahinter steckt etwas; das sind gewiss keine lebendigen Schafe; denn sie müssen doch fressen, sonst verhungern sie. Vater. Lebendig sind meine Schafe; sie leben schon über tausend Jahre, und immer sind sie noch so wie ehemals, obwohl sie weder hungern, noch dürsten. Lina. Über tausend Jahre sind deine Schafe alt, Vater? Das kommt mir wunderbar vor; die Schafe, hat unser Lehrer gesagt, werden nur höchstens vierzehn Jahre alt. Vater. Aber es ist doch so, wie ich gesagt habe, liebes Kind, und schön sind meine Schafe, so schön und glänzend, dass die Schafe in — in — wie heisst doch das Land, wo die besten Schafe sind? Emil. In Spanien, in Spanien! Sieh’, Vater, ich hab’s behalten! Vater. Dass die Schafe in Spanien gar nicht mit ihnen können verglichen werden; denn die ganze Herde hat goldene Pelze. Die Kinder sahen einander verwundert an, brachen aber plötzlich in ein lautes Gelächter aus und riefen: „Nein, solche Tiere gibt’s nicht, mit goldenen Fellen! — "Wie könnten die schwachen Tiere so eine Last tragen! Vater, du willst nur sehen, ob wir es glauben! Vater. Es ist mein Ernst, Kinder; die Felle schimmern, wirklich wie Gold, so hell und leuchtend, und ihr habt euch schon oft darüber gefreut. Emil. Vater, sind sie den ganzen Tag auf der Weide? Hört man sie auch schreien? Vater. Sie sind zwar den ganzen Tag darauf, aber man sieht sie nicht immer. Auch habe ich sie noch nie schreien hören. 49 Lina. Wenn nun der böse Wolf kommt, da schreien sie doch und laufen davon! Vater. Auf diese Weide kann niemals ein Wolf kommen, und dann haben sie auch einen Hirten, der über sie wacht. Anton. Einen Hirten, einen Hirten? Kann denn der auf so viele Schafe Achtung geben? Wie sieht er denn aus? Vater. Der trägt ein schönes, helles Kleid, das wie Silber glänzt und niemals schwarz wird. Und ob er weit länger als tausend Jahre die Herde bewacht hat, so ist er doch noch nie eingeschlafen und hat sein Kleid nie ausgezogen. Er bleibt stets wach und munter und sein Kleid immer rein. Emil. Nein, daraus kann ich nicht klug werden; das muss ein närrischer Mann sein; der muss weder stehen noch gehen können und blind sein, wie der alte Tobias da drüben, der doch erst achtzig Jahre alt ist! Vater. Er steht nicht still, sondern geht immer unter seinen Schafen umher; auch ist er nicht blind, sondern sieht sehr hell. Laura. Vater, er schläft gewiss, und du sagst nur so, damit wir nicht so lange schlafen sollen! Er kann auch schlafen; denn seine Hunde werden schon die Herde bewachen. Vater. Seine Hunde? — Hunde hat er gar nicht und braucht auch keine. Laura. Aber eine Schalmei hat er doch und bläst darauf. Vater. Eine Schalmei zwar nicht, aber ein schönes, silbernes Horn; blasen kann er aber nicht, und das Horn gibt auch keinen Ton von sich. Anton. Nun, das kommt immer wunderlicher. Ein Hirt mit seinen Schafen, die über tausend Jahr’ alt sind, der ein Horn hat und nicht blasen kann, der nie schläft und doch munter ist, — das begreife ich nicht. Thurg. Schulbuch f. b. 4. Schuljahre/ 4 50 Emil. Vater, in welchem Lande liegt denn die "Wiese, wo die Wunderschafe gehen? Vater. Die Wiese liegt in gar keinem Lande, sondern geht über alle Länder weg. Lina. In der Luft also, Vater, in der Luft? Vater. Noch höher hegt sie. Lina. Aber wie kommen denn die Schafe dahin? Sie können doch nicht fliegen. Vater. 0 ja, meine Schafe können über der Luft umherspazieren und fliegen und fallen nicht herunter. Anton. Nun, die möchte ich fliegen sehen! Vater. Du kannst sie alle Tage gehen sehen. Wenn es Abend wird, kommen sie zum Vorschein und weiden die ganze Nacht. Emil. Ach, nun weiss ich, wer die goldenen Schafe sind; aber der Hirt? Vater. Der ist auch bei den Schafen, und wenn ihr ihn sehen wollt, so seht einmal zum Fenster hinaus; denn dort kommt er herauf. Alle Kinder. Der Mond, der Mond! 0, nun wissen wir’s, und die Sterne sind die Schafe, und die blaue Wiese ist der Himmel. Du hast es uns aber zu schwer gemacht, Vater! Aber noch eins; es war so hübsch; noch eins! Vater. Morgen, Kinder, heute weiss ich keins mehr. 58. Der Bauer. Der Bauer ist doch ein vielbeschäftigter Mann! Jahrein, jahraus gibt es für ihn die Hände voll zu tun. Kaum hat er eine Arbeit vollendet, so wartet schon wieder eine andere auf ihn. Das Ackerland muss teils schon im Herbst, teils erst im Frühjahr gepflügt, besäet und geegget werden. Sobald das Gras reif geworden, beginnt bei anscheinend günstiger Witterung die Heuernte. Kaum aber hat der Landmann das letzte Heu 51 eingebracht, so rüstet er sich schon wieder auf die Getreideernte. Nach ihr kommt die Zeit zur Einsammlung des Emdes. Unterdessen reifen Obst und Trauben , Kartoffeln und Rüben. All der reiche Segen muss unter Dach ^ gebracht werden, bevor die Kälte des Winters und mit j. ihr Schnee und Eis einrücken. Ein bekanntes Sprichwort der Bauern sagt: Wer im Heuet nicht gabelt, in der Ernte nicht zappelt und im Herbst nicht früh aufsteht, j der schau’, wie’s ihm im Winter geht. !j Stehen Feld und Wiesen und Weinberg leer, dann ;j gibt es ausser der Pflege des Viehes wieder mancherlei andere Arbeiten. Das Getreide wird gedroschen. Die Obstbäume bedürfen des Schnittes und der Reinigung. Der Dünger muss auf die Wiesen und Felder geschafft werden. Droben im Walde wird Holz gefällt. Man führt # es auf Schlitten oder Wagen heim und schichtet es auf. Nur die Nacht, und auch diese nicht immer, gewährt den Landleuten die nötige Ruhe. 59. Die Weinlese. Heissa! Der Herbst ist gekommen, und die Trauben sind reif geworden. Man rüstet sich zur Weinlese. Früh morgens zieht die Winzerschar hinaus in den Weinberg. Sie achtet nicht des Nebels und nicht der Kälte. Doch ist sie froh, wenn sich die Herbstsonne bald blicken lässt. Sorgfältig schneidet man die Trauben vorn Weinstocke und füllt damit „Gelten“ und Tansen. Daneben ^ isst man sich allmälig satt. Die vollen Tansen werden in Fässer oder Standen geleert, welche auf Wagen in der Nähe des Weinberges bereit stehen. Hie und da trägt man die süsse Last geradenwegs in die Kelter (Trotte), wenn diese nicht allzuweit entfernt ist. Mit- ^ tags begnügt sich die Winzerschar mit kaltem Tisch, 52 indem sie Brot, Wein und Wurst oder Käse sich schmecken lässt. Jung und alt ist frohen Mutes. Das Gejauchze beginnt schon am frühen Morgen und ertönt bis zum Abend. Die fröhliche Stimmung der einen Winzerschar findet ihren Widerhall in derjenigen der andern, die im benachbarten Iiebgelände beschäftigt ist. Ganz besonders lustig geht es am Abend des letzten Arbeitstages her. Da vereinigt man sich zum gemeinsamen Schmause. Das ist die übliche Schlussfeier der Weinlese. 60. Die Nacht. Hinter den westlichen Höhen ist die Sonne, die Königin des Tages, verschwunden, um ihr Licht und ihre Wärme anderswo zu spenden. Der helle Tag weicht der Dämmerung, und an deren Stelle tritt bald die Dunkelheit. Die Nacht lagert sich nun über der weiten Gegend. Droben am Himmel aber flimmern viel tausend • Sternlein. Sie blinken in lieblicher Pracht hernieder, die schwarze Nacht zu erleuchten. Stille zieht der Mond herauf, die Sternlein als seine Lämmer zu weiden. Freundlich schaut er zu uns herab, indem er sein mattes Licht durch die unheimliche Nacht an unsere Fenster sendet. Die meisten Geschöpfe schlafen. Nur wenige Tiere benutzen die Finsternis, um auf Raub auszugehen. Der pflichttreue Nachtwächter schreitet durch die Strassen und bewacht Haus und Hof der schlafenden Bewohner. Yom Himmel hernieder schaut durch Nacht und Dunkel das allsehende Vaterauge Gottes. Seiner Obhut empfehlen wir uns, bevor wir unser Auge zum Schlummer Schliessen. V 61. Eine Bnrgruine. Vor ungefähr tausend Jahren stand es in unserer und andern Gegenden des Landes ganz anders, als heut- , 53 zutage. Damals herrschten mächtige Gutsherren oder Adelige über die ländliche Bevölkerung. Diese gehörte ihnen mit Hab’ und Gut, Leib und Leben als Eigentum. Sie konnte verkauft, vertauscht oder verschenkt werden. Solche ländliche Bewohner hiessen Leibeigene oder Hörige. Auf Hügeln und Bergen standen feste, sichere Burgen oder Schlösser. Da wohnte der Adel und blickte stolz hinunter auf die Hütten der Täler. Die Jagd war seine Liebhaberei. Ein weiteres Vergnügen bereiteten die friedlichen Wettkämpfe (Turniere). Aber es folgten ernstere Zeiten. Die Edelleute befehdeten sich gegenseitig, um ihre Macht und ihr Ansehen zu vermehren. Manch eine Burg wurde erobert und zerstört. In spätern Kriegen sank eine nach der andern in Trümmer, und nur wenige haben sich bis auf unsere Zeit erhalten. Heutzutage finden sich noch hie und da Spuren jener ehemaligen Herrschaft und Herrlichkeit. Zerfallene Türme und Burgmauern, mit Gesträuch bewachsen, ragen mancherorts aus dem Dickicht der Wälder hervor. Blosse Schutthaufen alten Gemäuers decken da und dort den Boden. Das alles sind Überreste jener stolzen Ritterburgen. Man nennt sie Burgruinen. 62. Rätsel. Mein Erstes drückt Verwundrung aus; auch liefert’s etwas dir zum Schmaus. Mein Zweites ist nicht das noch die, mein Drittes gar ein Federvieh; mein Ganzes von des Letzten Art, und seine Gabe warm und zart. 54 t Zweiter Mschnitt. Übungen in -er Sprachlehre. A. Die Glieder des einfachen, nicht erweiterten Satzes. 8 i. Der Bauer pflügt. Der Schreiner hobelt. Das Kind weint. Die Tochter strickt. Der Lehrer fragt. Die Amsel singt. Die Henne gackert. Das Pferd wiehert. Das Gras wächst. Der Wind weht. Jeder dieser Sätze besteht aus zwei Teilen oder Gliedern, Satzglieder genannt. Das erste Satzglied bezeichnet einen Gegenstand, von welchem man etwas aussagt; es gibt Antwort auf die Frage wer oder was. Z. B. Wer pflügt? Antwort: der Bauer. Das zw.-ite Satzglied gibt an, was man vom ersten aussagt, z. B. pflügt, hobelt. Dasjenige Satzglied, welches den Gegenstand bezeichnet, von dem man etwas aussagt, und welches Antwort gibt auf die Frage wer oder was, heißt der Satzgegenstand. Dasjenige Satzglied, welches angibt, was man vom Satzgegenstand aussagt, heißt die Aussage! Aufgabe. a. Unterscheidet in obigen Sätzen den'Satzgegenstand und die Aussage! b. Betrachtet die folgenden Wörter als Aussage und setzet einen Satzgegenstand davor, indem ihr die mit der Aussage verbundene Frage wer oder was beantwortet: — schreibt. — zeichnet. — arbeitet. — schläft. — mäht. — näht. — blüht. — verwelkt. — fliegt. — schwimmt. 55 c. Suchet zu folgenden Sahgegenständen eine passende Aussage: Die Sonne —. Der Wind —. Das Gras —. Der Hund —. Das Schaf —. Die Ziege —. Der Wolf —. Die Ente —. Die Blindschleiche —. Die Biene —. § 2 . Der Hammer ist ein Werkzeug. Der Rock ist ein Kleidungsstück. Der Tisch ist ein Hausgerät. Das Faß ist ein Kellergerät. Der Schuster ist ein Handwerker. Die Rose ist eine Blume. Die Tanne ist ein Baum. Der Roggen ist ein Getreide. Die Amsel ist ein Singvogel. Die Aussage kann angeben, was ein Gegen st and sei. Aufgabe. Bildet Sätze, indem ihr von folgenden Gegenständen angebet, was sie seien: Der Hobel, der Hut, der Sessel, der Maurer, der Zimmermann, die Nelke, die Eiche, der Weizen, die Henne, die Forelle, die Fliege! Erst mündlich, dann schriftlich! 8 3 . Die Kugel ist rund. Die Nadel ist spitzig. Das Seil ist lang. Die Hauptstraße ist breit. Der Fußweg ist schmal. Das Eisen ist schwer. Die Flaumfeder ist leicht. Das Eis ist kalt. Das Glas ist durchsichtig. Das Brett ist undurchsichtig. Das Blut ist rot. Das Wasser ist flüssig. Die Aussage kann angeben, wie ein Gegenstand sei. Aufgabe. a. Bildet Sätze, indem ihr von folgenden Gegenständen aussagt, wie sie seien: Die Wandtafel, das Buch, die Tinte, das Messer, die Gabel, das Faß, das Wagenrad, der Schnee, die Kreide, der Baum, das Schreibpapier, das Lineal! b. Bildet Sätze, indem ihr Gegenstände aufsuchet, von denen man aussagen kann, sie seien schwarz, weiß, blau, eckig, rund, spitzig, stumpf, schmackhaft, süß, wohlriechend, fleißig, reinlich, unreinlich, klein, groß! 56 § 4 . a. Der Fisch schwimmt. Der Vogel fliegt. Der Stein fällt. Der Knabe schreibt. Der Schüler singt. Ein Tag- löhner mäht. Der Schnitter schneidet. d. Der Brief wird geschrieben. Das Lied wird gesungen. » Das Gras wird gemäht. Das Korn wird geschnitten. Das Brett wird gehobelt. Ein Baum wird gefällt. Das Holz wird verbrannt. Der Verbrecher wird bestraft. Die Aussage kann auch angeben, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan wird. Aufgabe. Bildet Sätze mit den Wörtern fragen, kaufen, holen, tragen, tadeln, trinken, suchen, pflügen, und zwar mit jedem deren zwei, nämlich einen, welcher sagt, was ein Gegenstand tut, und einen andern, welcher angibt, was mit einem Gegenstand getan wird! Z. B. Der Lehrer fragt; der Schüler wird gefragt. § 5. a. Der Löwe ist ein Raubtier. Die Amsel ist ein Singvogel. Die Biene ist ein Insekt. b. Der Himmel ist blau. Die Einbeere ist giftig. Das Blei ist schwer. o. Der Landmann pflügt. Der Acker wird gepflügt. Der Schreiner hobelt. Das Brett wird gehobelt. Die Aussage kann angeben: 1. was ein Gegenstand ist; 2. wie ein Gegenstand ist; 3. was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan r wird. Aufgabe a. Folgende Sätze sind in drei Abteilungen abzuschreiben, nämlich 1) alle diejenigen, in welchen gesagt wird, was ein 57 Gegenstand ist; 2) diejenigen, in welchen gesagt wird, wie ein Gegenstand ist; 3) diejenigen, in welchen angegeben wird, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan wird! Der Schiffer fährt. Der Nuß ist schwarz. Das Mäuschen springt. Die Biene summt. Die Biene ist ein Insekt. Die Bienen sind Insekten. Die Bienen sind fleißig. Die Nelken sind Blumen. Die Tannen sind Waldbäume. Die Schüler singen. Die Rosen blühen. Die Fensterscheiben sind durchsichtig. Ich bin jung. Du kommst. Er schreibt. Wir sind Schüler. Ihr seid fleißig. Sie gehen. Karl wird gefragt. Der Berg ist hoch. Jakob schreibt. Der Aufsatz wird geschrieben. David war ein König. Der Thurgau ist ein Schweizerkanton. Der Rhein ist ein Fluß. Das Hörnli ist ein Berg. Aufgabe b. Bildet neue Sätze und zwar je sechs, welche angeben: 1) was ein Gegenstand sei; 2) wie ein Gegenstand sei; 3) was ein Gegenstand tue oder was mit ihm getan werde! § 6 . a. Das Dorf ist eine Ortschaft. Die Stadt ist eine Ortschaft. Die Tannen sind Waldbäume. Ich bin ein Schüler. Du bist ein Mensch. David war ein König. b. Die Einbeere ist giftig. Die Rosen sind wohlriechend. Ich bin jung. Du bist zufrieden. Ihr seid fröhlich. Jesus war menschenfreundlich. Wenn man angibt, was ein Gegenstand sei oder wie er sei, so zerfällt die Aussage immer in zwei Teile: S a tz b a n d und Ausgesagtes. Die Wörter in gesperrter Schrift (ist, sind, bist, bin, seid, war u. s. w.) nennt man das Satzband; der übrige Teil der Aussage (eine Ortschaft, giftig u. s. w.) heißt das Ausgesagte. Das Satzband verbindet das Ausgesagte mit dcm Satzgegenstand. 58 Aufgabe. Bildet neue Sätze nach der Formel: Satzgegenstand, Satz- band, Ausgesagtes! § 7 . a. Ein Knabe i st gefallen. Der Schnee i st geschmolzen. Die Störche sind gekommen. Heinrich hat geschrieben. Die Schüler haben gesungen. Das Lied wird gesungen. Die Briefe werden geschrieben. Ein Ring wurde gefunden. Die Äpfel wurden eingesammelt. b. Ein Schüler zeichnet. Die Knaben turnen. Ich komme. Du gehst. Ihr fraget. Der Lehrer unterrichtet. Die Mädchen stricken. Der Mond leuchtet. Wenn man angibt, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan wird, so zerfällt die Aussage bisweilen, aber nicht immer, in Satzband und Ausgesagtes. Aufgabe. Bildet Sätze, in denen angegeben wird, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan wird, und zwar deren sechs nach der Formel: Satzgegenstand, Satzband, Ausgesagtes; und sechs nach der Formel: Satzgegenstand, Aussage! 8 8 . a. Löwen und Tiger sind Raubtiere. Buchen, Eichen und Tannen sind Waldbäume. Zimmerleute, Maurer, Schreiner und Schlosser sind Handwerker. Hügel und Berge sind hoch. Einbeere, Stechapfel und Herbstzeitlose sind giftig. Schnee, Kreide und Milch sind weiß. Knaben und Mädchen lernen. Vater, Mutter und Kinder arbeiten. Rosen und Nelken blühen. b. Die Tanne ist ein Baum, ein Waldbaum. Die Ente ist ein Vogel, ein Schwimmvogel. Der Apfel ist rund und schmackhaft. Das Gold ist gelb, hart und schwer. Die Pferde sind mutig, stark und lebhaft. Du bist jung, klein und fröhlich. 59 Der Knabe singt und pfeift. Emil liest, schreibt, zeichnet und rechnet. Die Blumen blühen und verwelken. Die Sonne leuchtet und erwärmt. Eine Linie ist gerade oder krumm. Der Schüler ist reinlich oder unreinlich. Das Wasser ist kalt, warm oder lau. Zu einer Aussage gehören bisweilen zwei oder mehr Satzgegenstände, zu einem Satzgegenstand bisweilen zwei oder mehr Aussagen. Aufgabe. a. Unterscheidet in obigen Sätzen die Satzglieder! b. Bildet neue Sätze mit zwei oder mehr Satzgegenständen zu einer Aussage; ebenso solche mit zwei oder mehr Aussagen zu einem Satzgegenstand! 8 9 . a. Das Feuer brennt. Der Sturm braust. Die Knaben arbeiten. Der Rollen ist ein Berg. Romanshorn ist ein Dorf. Frauenfeld ist eine Stadt. Ein Ring ist rund. Die Rute ist biegsam. Die Henne ist furchtsam. d. Brennt das Feuer? Arbeiten die Knaben? Ist die Biene ein Vogel? Sind die Amseln Singvogel? Ist die Blindschleiche giftig? Ist der Schnee geschmolzen? Sind die Störche zurückgekehrt? Haben die Schüler gesungen? Wird Rudolf gestraft? Werden die Trauben eingesammelt? Was ist die Forelle? Wie ist die Kugel? Wie sind die Bienen? Wo steht die Tanne? Wann kommen die Störche? Warum weint das Kind? Wozu dient das Messer? Gewöhnlich steht der Satzgegenstand vor der Aussage oder vor dem Satzband. Bisiveilen aber, namentlich in Fragesätzen, steht der Satzgegenstand nach der Aussage oder nach dem Sahband. Nach einem Behauptungssatz setzt man einen Punkts.). Nach einem Fragesatz setzt man ein Fragezeichen (?). Aufgab e. Bildet Fragesätze, a) »ach der Formel: Aussage, Satzgegenstand; b) nach der Formel: Satzband, Satzgegenstand, Ausgesagtes; e) zuerst ein Fragewort (was, wie, wo, wann, warum, wozu u. s. w.), dann ein Satzband oder eine Aussage, zuletzt ein Satzgegenstand! Z. B. a) Kommt der Vater? b) Ist die Maus zahm? o) Wie ist das Blei? Was tut der Knabe? 8 10 . a. Schreibe! Arbeitet! Kommet! Sei fleißig! Seid aufmerksam! Seid geduldig! Werdet brav! Werde ein Mann! b. Emil, sei aufmerksam! Anna, sei reinlich! Kinder, seid wahrhaft! Soldaten, marschiret! Berta, komme! Esset, Kinder! Verzeihe, Vater! Seid ruhig, Knaben! Bisweilen, namentlich in Bitte- und Befehlsätzen, wird der Satzgegenstand weggelassen, oder er steht als Anrede vor oder nach der Aussage. Nach einem Bitte- oder Befehlsatz schreibt man gewöhnlich ein Ausrufzeichen (!). Zwischen einer Anrede und der Aussage schreibt man ein Komma (,). Zwischen zwei Satzgegenständen und ebenso zwischen zwei Alissagen schreibt man ebenfalls ein Komma, wenn sie nicht durch „und" oder „oder" verbuilden sind (vergleiche die Sätze in § 8). Aufgabe. a. Bildet Bitte- und Befehlsätze mit Weglassung des Satzgegenstandes ! b. Ebenso mit Beifügung einer Anrede! o. Schreibet folgende Sätze ab, setzet die richtigen Satzzeichen und stets nach einem Punkt, Fragezeichen oder Ausruf- zeichen einen großen Anfangsbuchstaben! Der Schnee ist iveiß ist die Fliege ein Vogel sind die Trauben reif sitzet Kinder singet Schiller Bienen Wespen und 4 61 Käfer sind Insekten Zürich Bern Basel und Genf sind Schweizer- städte das Wasser ist kalt warm oder lau die Schüler lesen schreiben zeichnen rechnen singen und turnen Rosen Nelken Tulpen Levkojen und Hyazinthen sind Blumen Weiler Dörfer Flecken und Städte sind Ortschaften ist das Wasser warm kalt oder lau Arbon Bischosszell Dießenhofen Frauenfeld Kreuzlingen Münchweilen Steckborn und Weinfelden sind Bezirks- hauptorte. L. Die Wortarten im einfachen, nicht erweiterten Satze. § 11 . a) Bienen summen. Yögel singen. Pferde wiehern. Ich schreibe. Du liesest. b) Die Biene summt. Ein Vogel singt. Das Pferd wiehert. Ich bin jung. Ihr seid fröhlich. c) Die Kugel ist rund. Der Schnee ist geschmolzen. Die Biene ist ein Insekt. Der Mond ist ein Himmelskörper. Ich bin ein Mensch. Du bist ein Schüler. Jeder dieser Sätze enthält zwei Satzglieder: Satzgegenstand und Aussage. Die Sätze unter a enthalten auch je zwei Wörter; diejenigen unter b enthalten drei Wörter; diejenigen unter c sogar vier oder mehr Wörter. Aufgabe. Unterscheidet in den Sätzen von § 5: a) je die zwei Satzglieder; b) die Anzahl der Wörter! Bildet neue Sätze mit Satzgegenstand und Aussage und zugleich a) mit zwei, b) mit drei, c) mit vier oder mehr Wörtern! § 12 . a) Wolken ziehen. Blitze zucken. Städte sind Ortschaften. Zürich ist eine Stadt. David war ein König. Europa ist ein Erdteil. Italien ist ein Land. 62 b) Die Wolke zieht. Der Blitz zuckt. Das Gras wächst. Ein Bote kam. Eine Wiese grünt. Die Rosen blühen. In den Sätzen unter a) ist der Satzgegenstand durch ein einziges Wort, in den Sätzen unter b) ist der Satzgegenstand durch zwei Wörter bezeichnet. Die Wörter in Kursiv-Schrift geben an, wie ein Gegenstand heisst oder was ein Gegenstand ist. Jedes Wort, welches angibt, wie ein Gegenstand heisst oder was ein Gegenstand ist, ist ein Hauptwort. Aufgabe. Beantwortet folgende Fragen, erst mündlich, dann schriftlich! Wie heisst die Schulsache, mit der man auf die Wandtafel schreibt? Wie heisst die Schulsache, mit der man auf die Schiefertafel schreibt? Wie heissen die Schulsachen, mit denen man auf Papier schreibt? Wie heissen verschiedene Kleidungsstücke, die als Kopfbedeckung gebraucht werden? Wie heisst das Werkzeug, mit welchem der Schneider das Tuch zerschneidet? Wie heisst das Tischgeschirr, mit welchem man die Suppe zum Munde führt? Wie das Nahrungsmittel, das der Bäcker bereitet? Wie das Getränk, das man aus Apfeln und Birnen gewinnt? Wie das Insekt, das uns den Honig verschafft ? Schreibet Hauptwörter, und zwar je sechs Namen von Handwerkern, Werkzeugen, Zimmerteilen, Kopfteilen, Blumen, Bäumen, Vögeln, Haustieren, Insekten! § 13 - Das Hörnli, der Rollen, der Kohlfirst, der Otten- berg, der Säntis und der Glärnisch sind Berge. Die Thür, die Murg, die Sitter, der Rhein und die Aare sind Flüsse. Kreuzlingen, Amrisweil, Weinfelden, Sulgen, Sirnach und Müllheim sind Dörfer. Fiauenfeld, Zürich, St. Gallen, Schaff hausen und Bern sind Städte. Jakob, Rudolf, Karl, Emil, Albert, Heinrich und Friedrich sind männliche 63 Personennamen. Anna, Berta, Emilie, Albertine, Karoline, Maria und Martha sind weibliche Personennamen. Es gibt Eigennamen , die man einem einzelnen Gegenstände beilegt, um ihn von andern Gegenständen der gleichen Art zu unterscheiden, z. B. Säntis, Thür, Ermatingen, Basel, Alfred, Agathe. Es gibt Gemeinnamen, welche allen Gegenständen der gleichen Art gemein sind, z. B. Berg, Fluss, Dorf, Stadt, Knabe, Mädchen, Mann, Frau, Blume, Baum, Tier. Es gibt auch Namen von Gegenständen, welche man nicht mit den Sinnen wahrnimmt , z. B. Weisheit, Güte, Treue, Geduld, Gedächtnis, Verstand, Tugend, Schönheit, Glaube, Hoffnung, Freundschaft. Alle Namen von Gegenständen, seien diese sinnlich wahrnehmbar oder nicht, sind Hauptwörter. Alle Hauptwörter werden mit einem grossen Anfangsbuchstaben geschrieben; aber nicht alle Wörter, die mit einem grossen Anfangsbuchstaben geschrieben werden, sind Hauptwörter. Aufgabe. Suchet in einem Lesestücke alle Hauptwörter auf! § 14 . Der Mann, der Apfel, der Stein; die Frau, die Taube, die Rose; das Holz, das Gras, das Veilchen. Ein Mann, ein Apfel, ein Stein; eine Frau, eine Taube, eine Rose; ein Holz, ein Gras, ein Veilchen. Der Hund, ein Hund; die Kuh, eine Kuh; das Huhn, ein Huhn. Der gewöhnliche Begleiter des Hauptwortes ist eines der Wörtchen: der, die, das; ein, eine, ein. Diese Wörtchen bezeichnen das Geschlecht der Hauptwörter und heissen Artikel oder Geschlechtswörter. Hauptwörter mit dem Artikel „der“ oder „ein“ heissen männliche, Hauptwörter mit dem Artikel „die“ oder „eine“ heissen weibliche, Hauptwörter mit dem Artikel „das“ oder .ein“ heissen sächliche Hauptwörter. „Der“ und „ein“ ist der männliche Artikel, „die“ und „eine“ ist der weibliche Artikel, „das“ und „ein“ ist der sächliche Artikel. Der Artikel „der“, „die“, „das“ wird gebraucht, wenn man von einem bestimmten, bekannten Gegenstände spricht, z. B. der (uns bekannte) Lehrer; „der“, „die“, „das“ ist der bestimmte Artikel. Der Artikel „ein“, „eine“, „ein“ wird gebraucht, wenn man von einem unbestimmten, nicht genau bekannten Gegenstände spricht, z. B. ein (anderer, uns nicht genau bekannter) Lehrer; „ein“, „eine“, „ein“ ist der unbestimmte Artikel. Aufgabe. Schreibet je 12 männliche, weibliche und sächliche Hauptwörter mit dem bestimmten und mit dem unbestimmten Artikel! Fragen: Welches ist der bestimmte männliche, der unbestimmte weibliche, der bestimmte sächliche Artikel? Was für ein Artikel ist „die“, „ein“, „das“? Anmerkung. Man beachte: der Bleistift, die Bank, das Lineal, der Sand, die Butter, der Frosch , der Rahmen. § 15 . Der Baum ist eine Pflanze; die Bäume sind Pflanzen. Ein Hund ist ein Haustier; Hunde sind Haustiere. Die Rose ist eine Blume; die Rosen sind Blumen. Eine Buche ist ein Waldbaum ; Buchen sind Waldbäume. Das Buch ist eine Schulsache; die Bücher sind Schulsachen. Ein Dorf ist eine Ortschaft; Dörfer sind Ortschaften. Manche Hauptwörter, namentlich Gemeinnamen, können entweder nur einen oder aber mehrere Gegenstände der gleichen Art bezeichnen; sie haben dann eine Einzahlform und eine Mehrzahlform , z. B. Einzahlform: Baum, Hund, Rose, Buch, Dorf, Pflanze; Mehrzahlform: Bäume, Hunde, Rosen, Bücher, Dörfer, Pflanzen. Die Mehrzahlform der Hauptwörter wird aus der Einzahlform auf acht verschiedene Arten gebildet: 65 1. durch die Endung n: Rose, Rosen; Knabe, Löwe, Wiese, Auge, Schwester, Feder, Sichel; 2. durch die Endung eil: Frau, Frauen; Mensch, Hirt, Ochs, ITerr, Schlacht, Welt, Gestalt, Waldung, Eigenschaft, Ohr, Herz; 3. durch die Endung e: Berg, Berge; Tisch, Fisch, Wind, Stern, Hund, Greis, Weg, Steg; 4. durch die Endung e und den Umlaut: Strom, Ströme; Fluss, Bach, Sohn, Axt, Wand, Kraft, Saft, Frucht, Kuh, Hand; 5. durch die Endung er: Kleid, Kleider; Licht, Rind, Kind, Weib, Bild, Geist, Leib; 6. durch die Endung er und den Umlaut: Wald, Wälder; Buch, Dorf, Grab, Gras, Blatt, Rad, Glas, Mann, Wurm; 7. durch blossen Umlaut: Garten, Gärten; Graben, Vater, Bruder, Mutter, Tochter, Apfel, Faden, Laden, Ofen; 8. ohne Veränderung am Hauptworte : der Redner, die Redner; Hügel, Lehrer, Blümlein, Messerchen, Brunnen. Hauptwörter mit den Endungen „in“ und „nis“ verdoppeln überdies in der Mehrzahl den letzten Buchstaben (n, s), z. B. Freundin, Freundinnen; Verhältnis, Verhältnisse. Aufgabe. Gebet an, wodurch die folgenden Hauptwörter aus der Einzahlform ihre Mehrzahlform bilden! Feder, Flügel, Fass, Fuss, Kopf, Hand, Mensch, Tier, Vogel, Fisch, Insekt, Stuhl, Herz, Wiese, Schreiner, Wagner, Vetter, Schwager, Land, Fenster, Haus, Hund, Stiefel, z. B. das Hauptwort „Feder“ bildet die Mehrzahlform durch die Endung n. § 16 . a) Bern, Zürich, Thür, Rhein, Säntis, Hörnli, Jakob, Anna, Diviko, Orgetorix, Ida. T^urg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 5 b) Milch, Thee, Leder, Blei, Gold, Silber, Eisen, Messing. c) Güte, Liebe, Hass, Hache, Unschuld, Treue, Reinlichkeit. d) Ostern, Pfingsten, Ferien, Kosten, Eltern, Geschwister, Leute, Blattern, Pocken, Masern. Es gibt Hauptwörter, namentlich Eigennamen, Stoffnamen und Namen von nicht sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen, die nur eine Einzahlform, aber keineMehrzahlform haben. Es gibt auch einige Hauptwörter, die nur in der Mehrzahlform gebraucht werden, dagegen keine entsprechende Einzahlform haben. Die mit „Mann“ zusammengesetzten Hauptwörter verwandeln dieses Wort in der Mehrzahlform meist in das Wort „Leute“, z. B. der Kaufmann, die Kaufleute; der Zimmermann, die Zimmerleute; ein Arbeitsmann, Arbeitsleute. Aufgabe. Aufsuchen sämtlicher Hauptwörter in einem Lesestück, wobei diejenigen zu unterscheiden sind, welche keine Mehrzahlform oder keine Einzahlform haben. Von den übrigen ist anzugeben, wie sie aus der Einzahlform die Mehrzahlform bilden. § 17 . a) Der Mann arbeitet; er ist fleissig. Der Stein ist ein Mineral; er ist hart. Die Rose blüht; sie duftet. Die Tanne ist ein Baum; sie ist hoch. Das Mädchen kocht; es ist reinlich. Das Gras ist reif; es wird gemäht. Die Schüler lernen; sie sind folgsam. b) Karl sagt zu Arnold: ich frage, du antwortest. Anna sagt zu Berta: ich stricke, du nähst. Ein Schüler sagt von sich und den andern Schülern: wir sind fertig; wir kommen. Der Lehrer sagt zu den Schülern: ihr seid entlassen. c) Jemand fragt; niemand antwortet; jedermann war verwundert; etwas ist unrichtig; nichts ist vollkommen ; alles ist verloren; man sagt. Wenn man in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen vorn gleichen Gegenstände etwas aussagt, so gebraucht man im zweiten Satze gewöhnlich nicht wieder das gleiche Hauptwort, sondern ein anderes kleineres Wort, und zwar für ein männliches Hauptwort in der Einzahlform das Wörtchen er, für ein weibliches Hauptwort in der Einzahlform das Wörtchen sie, für ein sächliches Hauptwort in der Einzahlform das Wörtchen es, für irgend ein Hauptwort in der Mehrzahlform das Wörtchen sie. Derjenige, der spricht (der Sprechende), setzt für seinen Namen das Wörtchen ich, und für den Namen desjenigen, zu dem er spricht (des Angesprochenen), das Wörtchen du. Für sich und andere zugleich gebraucht der Sprechende das Wörtchen wir, für mehrere Angesprochene das Wörtchen ihr. Die Wörter ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie heissen Fürwörter, weil sie im Verlauf der Rede für andere Wörter gesetzt werden. Fürwörter sind auch die Wörter: jemand, niemand, jedermann, etwas, nichts, alles, man u. a. Der Satzgegenstand wird gewöhnlich ausgedrückt durch ein Hauptwort mit oder ohne Artikel, bisweilen aber auch durch ein Fürwort. Das Hauptwort ist ein bleibender Name für einen bestimmten Gegenstand, s. B. Haus, Baum, Schüler, Thür, Wein- felden, Emil. Das Fürwort ist nicht ein (bleibender) Name, für einen Gegenstand; es kann für ganz verschiedene Namen stehen und bald diesen, bald einen andern Gegenstand bedeuten. So kann „ich“ stehen für Jakob, Arnold, Anna, Vater, Mutter, Kind, Lehrer, Schüler u. s. w.; allemal für den Namen dessen, der von sich selber etwas aussagt. Aufgabe. Bildet Sätze mit den Fürwörtern ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie und füget in Klammern hinzu, für welche andern Wörter diese Fürwörter gesetzt seien, z. B.: ich (Arnold) bin ein Schüler; es (das Gold) glänzt. 68 4 * 8 18 . a) Was ist die Katze, der Bär, die Ente, der Specht, das Eisen ? Was sind die Griffel, die Frösche, die Blüten, die Apfel? Die Katze ist ein Haustier. Der Specht ist ein Klettervogel. Die Blüten sind Pflanzenteile. Die Äpfel * sind Baumfrüchte. b) Wie ist das Blut, der Turm, das Meer, der Blitz? Wie sind die Rosen, die Erdbeeren, die Eier, die Nadeln? Das Blut ist rot. Das Meer ist tief. Der Blitz ist schnell. Die Erdbeeren sind schmackhaft. Die Eier sind rund. Wenn man angibt, was der Satzgegenstand sei, so ist das Ausgesagte ein Hauptwort und zwar in der Einzalilform gewöhnlich mit dem unbestimmten Artikel, in der Mehrzahlform gewöhnlich ohne Artikel. Wenn man angibt, wie der Satzgegenstand sei, so ist das Ausgesagte ein Eigenschaftswort, z. B. rot, tief, schnell, schmackhaft, rund. ^ Eigenschaftswörter sind solche Wörter, welche angeben, wie ein Gegenstand sei. Aufgabe. Bildet Sätze und gebrauchet darin folgende Eigenschaftswörter als Ausgesagtes! Weiss, schwarz, rot, braun, blau, klein, gross, alt, neu, lang, kurz, schmal, breit, durchsichtig, undurchsichtig, nass, trocken, kalt, warm, fleissig, träge, geduldig, ungeduldig. § 19 . a) Ein Turm, welcher hoch ist, ist ein hoher Turm. Eine Schlange, welche giftig ist, ist eine giftige Schlange. Ein Haus, welches neu ist, ist ein neues Haus. Wiesen, ^ welche grün sind, sind grüne Wiesen. b) Ein alter Mann, ein geduldiger Patient, eine schöne Gegend, eine grosse Scheune, ein reinliches Mädchen, ein scheues Reh; rote Blumen, weisse Bänder, kalte Nächte, warme Winde; der junge Knabe, die ) 69 fleissige Tochter, das reinliche Mädchen, die guten Freunde. Das Eigenschaftswort, das (nach § 18) häufig im Satze als Ausgesagtes steht, wird in diesem Falle ein ausgesagtes ^ Eigenschaftswort genannt. Das Eigenschaftswort steht aber auch manchmal vor einem Hauptwort als Antwort auf die Frage „was für ein?“ und heisst dann beifügendes Eigenschaftswort. Das beifügende Eigenschaftswort nimmt je nach dem Hauptwort, zu welchem es gehört, verschiedene Endungen an, z. B. er, e, es, en. Das ausgesagte Eigenschaftswort dagegen nimmt keine solche Endungen an, bleibt also unverändert. Aufgabe. a) Gebrauchet folgende Eigenschaftswörter je in zwei Beispielen, 1. als ausgesagtes, 2. als beifügendes! Blau, biegsam, glatt, weich, mutig, furchtsam, menschenfreundlich, ge- X schickt, langsam, klein, schwer, wohlriechend, furchtbar, fruchtbar. b) Aufsuchen aller Hauptwörter und Eigenschaftswörter in einem Lesestücke. § 20 . a) Der Yater arbeitet , die Mutter näht, das Kind spielt, der Lehrer unterrichtet, die Schüler lernen; das Pferd trabt, die Amsel singt, die Hunde bellen; die Gräser ivachsen, die Blumen blühen; der Donner rollt , das Wasser gefriert. b) Der Schnee ist geschmolzen , die Störche sind gekommen, ein Vogel ist fortgeflogen; der Knecht hat gc- ^ arbeitet, die Schüler haben geschrieben, die Krieger haben gekämpft , du hast gesungen, ihr habet gerechnet. c) Der Acker wird gepflügt , die Trauben werden eingesammelt, das Getreide wird geschnitten , das Unkraut wird ausgejätet, die Schafe werden geschoren, der 1 Lügner wird getadelt, ein Verbrecher wird bestraft. 70 Die “Wörter arbeiten, nähen, spielen, unterrichten, lernen,, schmelzen, kommen, fortfliegen, schreiben, pflügen, einsammeln, schneiden u. s. w. geben an, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm geschieht. Alle Wörter, welche angeben, was ein Gegenstand tut oder was geschieht, nennt man Zeitwörter (Tätigkeitswörter). Das Ausgesagte kann durch drei Wortarten ausgedrückt werden: 1. durch ein Hauptwort, 2. durch ein Eigenschaftswort, 3. durch ein Zeitwort. Tätigkeiten von Tieren sind z. B. gehen, springen, hüpfen, fliegen, kriechen, schwimmen, schleichen, summen, singen, pfeifen, heulen, brummen, wiehern, brüllen, bellen, miauen, zwitschern. Tätigkeiten von Pflanzen und Pflanzenfetten: wachsen, gedeihen, blühen, reifen, verdorren, verwelken, nützen, schaden, nähren, erquicken, beschatten, schmücken, duften. Körperliche Tätigkeiten von Menschen: arbeiten, pflügen, eggen, säen, hacken, graben, mähen, tragen, schneiden, führen, sägen, hobeln, hämmern, schlagen, nähen, stricken, fädeln, essen, trinken, schlafen, ruhen, sitzen, marschiren, steigen, schmieden. Geistige Tätigkeiten von Menschen: denken, verstehen, begreifen, vergleichen, urteilen, fühlen, lieben, hoffen, glauben, furchten, bereuen, verzeihen, wollen, wünschen, dulden. Die Tätigkeiten der Sinne: sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen. Aufgabe. a) Saget in Sätzen noch weitere Tätigkeiten aus von folgenden Gegenständen! Der Wind, die Sonne, die Wolke, das Wasser, das Feuer; der Bäcker, der Haler, der Arzt, der Pfarrer, der Lehrer, die Schüler, die Sänger, die Eltern, die Kinder, die Knechte, die Mägde; die Post, der Bauch, der Bach, die Quelle; das Eichhörnchen, das Schaf, der Hahn, der Kuckuck, der Frosch, der Schmetterling. b) Suchet in einem Lesestück die Hauptwörter, Eigenschaftswörter, Zeitwörter und schreibet sie in drei Rubriken! a) Die Sonne ist ein Himmelskörper. Die Käfer sind Insekten. Ich bin ein Schüler. Teil war ein Schütze. c) Dass Fass ist hohl. Die Bienen sind arbeitsam. Du bist gehorsam. Ihr wäret fleissig. c) Ein Schiff ist untergegangen. Die Blätter sind gefallen. Du bist gekommen. Karl hat gezeichnet. Die Schüler haben gesungen. Ich hatte gesucht. Er wird gefragt. Du wirst geliebt. Sie werden geholt. Der Unachtsame wurde getadelt. Als Satzband gebraucht man besondere Zeitwörter, die man Hilfszeitwörter nennt, weil sie zu Hilfe genommen werden, um das Ausgesagte mit dem Satzgegenstande zu -verbinden. Solche Hilfszeitwörter sind: sein (bin, bist, ist, sind, seid, war), haben (habe, hast, hat, habet, hatte), werden (werde, wirst, wird, wurde). Fragen und Aufgaben zur Wiederholung. A. 1. Welche zwei Satzglieder haben wir im einfachen Satze unterschieden? 2. Welches Satzglied heisst der Satzgegenstand? 3. Welches Satzglied heisst die Aussage? 4. Welche drei Fragen können durch die Aussage beantwortet werden? (Je mit einigen Beispielen!) 5. In welche zwei Teile zerfallt häufig die Aussage? 6. Wie verhält es sich mit dem Satzband, wenn man angibt, was ein Gegenstand ist oder wie er ist? 7. Wie verhält es sich mit dem Satzband, wenn man angibt, was ein Gegenstand tut oder was mit ihm getan wird? 8. In welcher Reihenfolge treffen wir gewöhnlich Satzgegenstand, Satzband und Ausgesagtes a) im Behauptungssatz, b) im Fragesatz? 9. Welche Eigentümlichkeit mit Beziehung auf den Satzgegenstand findet sich im Bitte- und Befehlsatz? 10. Welche Satzzeichen schreibt man am Schlüsse von Behauptungssätzen, Fragesätzen, Bitte- und Befehlsätzen? 11. Nennet ■zwei Regeln über die Anwendung des Komma! B. 12. Welches Wort ist ein Hauptwort? 13. Nennet je acht Eigennamen, Gemeinnamen und Namen von sinnlich ä *-' 1 72 nicht wahrnehmbaren Gegenständen! 14. Wie nennt man die kleinen Wörtchen der, die, das, ein, eine, ein, welche meist vor dem Hauptwort stehen und das Geschlecht desselben bezeichnen? 15. Wie können die Artikel eingeteilt werden? 16. Auf welche Arten bildet man die Mehrzahlform der Hauptwörter aus der Einzahlform? (Je mit einigen Beispielen!) 17. Nennet einige Hauptwörter, die nur eine Mehrzahlform und keine entsprechende Einzahlform haben! 18. Ebenso solche, die nur in der Einzahlform gebraucht werden! 19. Wie nennt man die Wörter ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie, und warum? 20. Nennet noch einige andere Fürwörter! 21. Durch welche Wortarten kann der Satzgegenstand ausgedrückt werden? 22. Durch welche Wortarten wird das Ausgesagte bezeichnet? 23. In welchen Fällen wird das Ausgesagte durch ein Hauptwort, ein Eigenschaftswort, ein Zeitwort ausgedrückt ? 24. Gebrauchet die Eigenschaftswörter klein, gross, leicht, schwer, hart, weich, je in zwei Beispielen, a) als ausgesagtes, b) als beifügendes Eigenschaftswort! 25. Welche Wörter nennt man Eigenschaftswörter? 26. Welche Wörter nennt man Zeitwörter? 27. Warum nennt man die Zeitwörter sein, haben und werden Hilfszeitwörter? 28. Suchet aus einem Lesestücke Hauptwörter, Eigenschaftswörter, Zeitwörter und Hilfszeitwörter, Fürwörter und Artikel auf! 73 Realistische Abteilung. Erster- Mschiült. Heimatkunde. 1. Der Kanton Thurgau. Lage, Gestalt, Grenzen und Grösse. Der Kanton Thurgau liegt in der nordöstlichen Ecke der Schweiz. Er ist einer der Grenzkantone, weil er auf einer langen Strecke an das Ausland, an einzelne Staaten von Deutschland, grenzt. Wie uns die Karte zeigt, hat der Kanton Thurgau so ziemlich die Gestalt eines Dreiecks. Die etwas gekrümmte Grundlinie dieses Dreiecks bilden der Bodensee und der Rhein, von Horn und Arbon bis Diessen- hofen und Paradies. Die Spitze des Dreiecks aber bildet das Hörnli bei Fischingen. Im Osten grenzt der Thurgau an den Kanton St. Gallen und an den Bodensee (Württemberg und Baden), im Süden an den Kanton St. Gallen, im Westen an den Kanton Zürich, im Norden an den Rhein und Bodensee (Kanton Schaffhausen und Grossherzogtum Baden). Diesseits des Bodensees und Rheins liegt auch noch die badische Stadt Konstanz und ein kleines Stück vorn Kanton Schaffhausen (bei Stein). Von st. gallischem Gebiet eingeschlossen ist die Gemeinde Horn zwischen Arbon und Rorschach. Der Kanton Thurgau ist weder einer der grossem, noch einer der kleinsten Kantone, sondern er nimmt 74 hinsichtlich seines Flächeninhalts einen mittlern Platz ein. 11 Kantone sind grösser und 10 Kantone sind kleiner als der Thurgau. Sein Flächenmass beträgt 988 Quadratkilometer (km 2 ). Ein Quadratkilometer ist aber ein rechtwinkliges Viereck, das einen Kilometer (d. i. 1000 Meter) j lang und eben so breit ist. Bodengestaltung. Der Thurgau ist im Vergleich zu den gebirgigen Kantonen der Schweiz ein tiefgelegenes Flachland, das nur von kleineren Bergen und Hügeln durchzogen ist. Man findet da keine Gletscher und keine mit ewigem Schnee bedeckten Berge. Da gibt es keine kahlen Felshöhen, wo selbst die Waldbäume nicht mehr gedeihen, keine Gegenden, wo Stunden weit das Getreide nicht mehr fortkommt. Hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit erfreut sich also der Thurgau einer glücklichen Lage. Überschauen wir die Berge und Hügel unseres Kan- * tons, so lassen sich besonders drei Gruppen oder Reihen unterscheiden: eine Reihe an der südlichen Grenze des Kantons, eine mittlere Reihe und eine solche an der nördlichen Grenze. Die südliche enthält die höchsten Punkte, die nördliche ist am niedrigsten. Alle drei haben im ganzen die Richtung von Westen nach Osten. In der südlichen Reihe, am südlichsten Punkte des Kantons, befindet sich der höchste Berg des Thurgau’s überhaupt, das Hörnli. Auf ihm treffen um einen Grenzstein die Kantone Zürich, Thurgau und St. Gallen zusammen. Es erhebt sich 1135 Meter über das Meer und 735 Meter über den Spiegel des Bodensees. Bei hellem j Wetter geniesst man auf der Spitze des Berges eine prachtvolle Aussicht über den ganzen Thurgau bis zum Bodensee, einen grossen Teil des Kantons Zürich und in die Schweizeralpen. — Unter den niedrigeren Bergen, welche sich in nordwestlicher Richtung an das Hörnli 75 - reihen, bemerken wir . namentlich den Haselberg (823 Meter über Meer) bei Bichelsee. Unter den Hügeln der mittleren Reihe ist der Hollen (737 Meter) ebenfalls durch eine schöne Aussicht bekannt. Auf dem westlichen Teile des Immenbergs erhebt sich das weithin sichtbare Schloss Sonnenberg. Die nördliche Bergreihe bildet der Seerücken. Derselbe zieht sich dem Bodensee und Rhein entlang von Romanshorn bis Paradies. Sein höchster Punkt (bei Horn- Schloss Arenenberg. '**«*>: bürg) erhebt sich wenig über 700 Meter. Dennoch fehlt es auch in diesem Höhenzuge nicht an schönen Aussichtspunkten, die namentlich in frühern Zeiten zur Erbauung von Schlössern eingeladen haben. Solche sind beispielsweise am Untersee: Freudenfels, Liebenfels, Eugensberg, Salenstein, Arenenberg und Kastell. Ein 670 Meter hoher Ausläufer des Seerückens ist der Ottenberg bei AVeinfelden. Gewässer. Der Thurgau liegt auf einer langen Strecke an dem, zweitgrössten der schweizerischen Seen, dem Bodensee. ' %■ Einzelne Teile desselben heissen: der Obersee, der Untersee, der Zeller- oder Radolfszellersee, und der überlinger- see. Der Thurgau berührt jedoch nur den Obersee und den Untersee. Die andern Kantone und Staaten, welche ausser Thurgau an den Bodensee grenzen, sind Schaff- hausen bei Stein a. Bb., St. Gallen bei Rorschach, Oesterreich (Bregenz), Bayern (Lindau), Württemberg (Friedrichshafen) und Baden (Meersburg, Überlingen, Konstanz, Radolfszell). Die beiden schönen Inseln im Bodensee, Mainau und Reichenau, gehören zum Gross- herzogtum Baden. Der Bodensee liegt 400 Meter über dem Meere, erreicht eine Wassertiefe von 276 Meter und hat einen Flächenraum von 540 Quadratkilometer. Er ist reich an verschiedenen Arten von Fischen; namentlich am Untersee ist der Fischfang bedeutend. Vor etwa 50 Jahren wurden auf dem Bodensee die ersten Dampfschiffe gebraucht und wie ein Wunder angestaunt; jetzt sieht man deren eine grosse Zahl von einem Ufer zum andern fahren. An einem schönen Sommertag ist es ein hoher Genuss, eine Dampfschiffahrt auf dem Bodensee zu machen. Aber der See birgt auch manche Gefahr in sich. Nebel und Stürme haben schon vielen Schiffen den Untergang gebracht, und mancher Badende und Schlittschuhläufer ist in die Tiefe des Wassers versunken. — Im Winter wird die Schiffahrt auf dem Untersee oft dadurch unterbrochen, dass sich eine feste Eisdecke bildet. Der Obersee dagegen ist in unserm Jahrhundert erst zweimal (im Winter 1829/30 und 1879/80) zugefroren, so dass man auf dem Eis von Romanshorn nach Lindau wandern konnte. Der Bodensee ist der einzige grössere See in unserm Kanton. Als kleinere Seen sind noch zu nennen: der BicJielsee und die Ilüttweilerseen, nahe an der zürcheri- schen Grenze. Der Ilauptfluss des Kantons ist an der nördlichen Grenze der Rhein. Er verlässt hei Konstanz den Ober- see und erweitert sich zwischen Gottlieben und Erma- tingen zum Untersee, den er bei Stein verlässt, um an Diessenhofen und Paradies vorbei sich Schaffhausen zuzuwenden. Drei Brücken führen auf dieser Strecke über den mächtigen Fluss, der zwischen Konstanz und Schaffhausen auch von Dampfschiffen befahren wird. Ein zweiter Fluss zieht sich so ziemlich in der Mitte durch den ganzen Kanton, die Thür, die dem Kanton den Namen gegeben hat. Sie kommt aus dem Kanton St. Gallen in den Thurgau und geht von da in den Kanton Zürich,, wo sie in den Rhein mündet. Unter den mancherlei Brücken, welche von Bischofszell bis Üsslingen über die Thür führen, ist aus alter Zeit besonders die Thurbrücke bei Bischofszell bekannt. Zuflüsse zur Thür sind: die Sitter bei Bischofszell und die Murg unterhalb Frauen- feld. Die übrigen Gewässer sind zumeist grössere oder kleinere Bäche. In die Murg ergiessen sich: die Lauche, die Lützehnurg, der Thunbach ; in die Thür: der Giessen, der Kemmenbach u. s. w.; in den Bodensee und Rhein: die Goldach, Salmsach, Schwarzach u. s. w. Auch Flüsse und Bäche beleben eine Gegend und gewähren ihr oft grossen Nutzen. Oft aber richten solche Gewässer unermesslichen Schaden an, wenn sie über ihre Ufer treten, ganze Strecken fruchtbarer Felder und Wiesen überfluten oder mit sich fortreissen, Brücken zerstören, Häuser zum Einsturz bringen und selbst Menschenleben gefährden. Klima , Produkte , Beschäftigung der Bewohner. In unserm Lande ist es nicht so warm, wie in den Tälern vorn Tessin und Unterwallis, aber auch nicht so kalt, wie in den Hochalpen. In der Umgegend vorn Hörnli und selbst auf der Höhe des Seerückens ist die Witterung etwas rauher als am See und im Thurtale; doch sind die Unterschiede nicht sehr gross. 78 i An den untern Bergabhängen, besonders am See und im Thurtale, wird viel Weinbau getrieben. Daneben finden sich viele und fruchtbare Ackerfelder und gute Wiesen; auch sind grosse Bodenflächen mit Wald bewachsen. Einen grossen Reichtum besitzt der Thurgau an Obstbäumen, und im Frühling, wenn dieselben in Blüte stehen, bietet das Land und besonders der obere Thurgau einen herrlichen Anblick. Aber nicht minder freut sich der Landmann im Herbst, wenn die Bäume von Apfeln und Birnen schwer beladen sind und ihm einen reichen Ertrag versprechen. Häufiger als jetzt traf man noch vor einigen Jahrzehnden grosse Acker mit Hanf und Flachs bepflanzt, der dann an den langen Winterabenden von den Hausfrauen verarbeitet wurde. Dagegen findet man jetzt überall zahlreiche Kartoffelfelder, die vor hundert Jahren in unserer Gegend noch selten waren. In letzter Zeit hat die Viehzucht und die Bereitung von Käse bedeutend zugenommen, wodurch den Bauern schöne Einnahmen zufliessen. Freilich ist in Folge hieven die für die Haushaltungen so unentbehrliche Milch an manchen Orten nur noch schwer erhältlich. Die grosse Mehrzahl unserer Bevölkerung beschäftigt sich mit der Landwirtschaft .. Daneben setzen die Handwerke aller Arten hundert und hundert Menschenhände in Bewegung, um unsere mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Mit jedem Jahr wächst auch die Zahl der Fabriken, die manchen Leuten Verdienst verschaffen. Ein stark verbreiteter Zweig der Gewerbstätigkeit ist die Stickerei. Aber auch der Webstuhl beschäftigt noch viele Hände. Einen grossen Handelsplatz haben wir im Thurgau nicht. Doch hat Romanshorn einen bedeutenden Verkehr in Getreide. In allen Teilen des Kantons ist aber eine grosse Zahl von Leuten beschäftigt als Kaufleute, Krämer, Fuhrleute, Schiffer und als Angestellte bei Posten und Eisenbahnen. Andere bekleiden eine Stelle als Be- I 79 amte, Räte und Richter; andere besorgen das Lehramt in Kirche und Schule, noch andere die Gesund- des fThurgau’s be> heitspflege u. s. w. Die Gesamtzahl der Einwohner trägt nach der letzten Volkszählung 9»,200 Seelen. 11 Kantone haben eine grössere, 10 eine kleinere Einwohnerzahl. Nach Flächeninhalt und Einwohnerzahl nimmt mithin unter den 22 Schweizerkantonen der Thur- gau den 12. Rang ein. Wie viele Einwohner kommen auf einen km 2 ? Ortschaften. Der Ilauptort des Kantons ist Frauenfeld. Die Stadt ist zum grossem Teil auf einer felsigen Bodenerhebung, auf der rechten Seite der Murg, erbaut. Nur ein kleiner Teil derselben liegt auf der linken Seite dieses Flusses. Schmucke Häuser und saubere Strassen und Plätze geben dem Ort ein recht freundliches Aussehen. Besonders bemerkenswerte Gebäude sind: die evangelische und die katholische Kirche, das altertümlich gebaute Schloss, das Rathaus, die städtischen Schulhäuser, die Gebäulichkeiten der Kantonsschule, das Regierungsgebäude, das kantonale Zeughaus. Alle diese Gebäude liegen im obern Teile der Stadt. In tieferer Lage beim Bahnhof befinden sich die Kaserne und das eidgenössische Zeughaus. — In Frauenfeld hat die Kantonsregierung ihren Sitz; hier versammelt sich das Obergericht; auch hält hier der Grosse Rat im Winterhalbjahr seine Sitzungen. Frauenfeld gehört zu den grössten Ortschaften im Thurgau, aber zu den kleinern Städten in der Schweiz. Die Zahl seiner Einwohner beträgt 3800. In Winterthur und Schaffhausen (und in der badischen Stadt Konstanz) belauft sich die Zahl der Bevölkerung auf das Dreifache, in St. Gallen auf das Sechsfache. Die Stadt ist mit ihrer nähern und fernern Umgebung durch eine Eisenbahn und durch mehrere gute Strassen verbunden. Auf der 80 Eisenbahn gelangt man östlich nach Weinfelden und Romanshorn, westlich nach Winterthur und Zürich. Eine Hauptstrasse führt in nordwestlicher Richtung nach Diessenhofen und Schaffhausen, eine andere in entgegengesetzter Richtung nach Wyl. Nahe der westlichen Kantonsgrenze liegt das Dorf Gachnang mit der Eisenbahnstation Islikon. Unternehmen wir von Frauenfeld aus eine Wanderung per Eisenbahn gegen Osten, so gelangen wir zunächst nach Felben. Frauenfeld. ^assasrsÄä; J* 1 /' ^ tr^y Wir lassen Pfin links und Ilüttlingen rechts liegen, passiren eine gedeckte Eisenbahnbrücke über die Thür und kommen in die Nähe von Müllheim, Wigoltingen und Märstetten. Die nächste grössere Ortschaft ist Wein- felden am Fusse des Ottenbergs. Baumgärten, Felder und Rebgelände bilden eine freundliche Umgebung des Fleckens. Hoch über demselben erhebt sich ein Schloss mit schöner Aussicht. Gegen Süden, in der Nähe der Thür, ist eine grossartige Fabrik zu bemerken. Unter den Gebäuden des Ortes sind besonders das Rathaus und das geräumige Schulhaus zu erwähnen. Weinfelden 81 wird etwa auch der zweite Hauptort des Kantons Thur- gau genannt. Hier versammelt sich nämlich im Sommerhalbjahr der Grosse Rat und hier wird auch das Schwurgericht gehalten. Da hat ferner die thurgauische Kanto- , nalbank ihren Sitz. Weinfelden gegenüber, auf dem linken Ufer der Thür, liegt die ausgedehnte Gemeinde Buss- nang. Weiterhin gelangen wir auf unserer Fahrt nach Bürglen, Sulgen, Erlen, Amrisweil und endlich nach Romanshom, dem belebten Hafenort am Bodensee. Von da führt eine zweite Bahnlinie gegen Rorschach hin nach dem obstbaumreichen Egnach; dann folgt das gewerbsame Städtchen Arbon und als äusserster Punkt das Dorf Horn, das ganz von st. gallischem Gebiet umschlossen ist. Eine dritte Bahnlinie führt von Romanshorn aus gegen Konstanz hin nach Uttweil, Kessweil, Güttingen, Altnau, Münsterlingen (mit dem Kantonsspital) und Kreuzlingen (mit dem Lehrer- u seminar) in unmittelbarer Nähe der badischen Stadt Konstanz. Von Konstanz oder Kreuzlingen aus führt eine andere Eisenbahn dem Untersee entlang nach Emmishofen, Tägerweilen und Gottlieben, Ermatingen, Mannenbach, Berlingen, Steckborn, Mammem (mit einer Kuranstalt), Eschenz und dem schalfhausischen Städtchen Stein a. Rh. Die thurgauische Grenzstation ist Etzweilen. Von da geht die Bahn in das Gebiet des Kantons Zürich. Unweit dieser Bahnlinie bemerken wir noch die thurgau- ischen Dörfer Nussbaumen und Nennform Die bisher bezeichneten Eisenbahnen Islikon-Romanshorn, Rorschach- Romanshom - Konstanz und Konstanz - Etzweilen bilden es einen Teil der schweizerischen Nordostbahn. Um die weitem Ortschaften an der Nordgrenze des Thurgau’s kennen zu lernen, reisen wir zu Fuss oder mit dem Dampfboot auf dem Rhein nach Diessenhofen und Paradies, indem wir die Dörfer Basadingen und Schlatt weiter landeinwärts erblicken. Diessenhofen ist THurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 6 82 ein schön gebautes Städtchen mit einer Rheinbrücke. In der Nähe befindet sich das Kranken- und Greisenasyl St. Katharinental. Im bisherigen haben wir die wichtigern Ortschaften im Thurtal, am See und Rhein in Augenschein genommen. Auf einer dritten Wanderung, die wir von Osten nach Westen und zumeist auf den Höhen des Seerückens ausführen, gelangen wir nach Sommeri, Lang- rickenbach, Birwinken, Berg, Lippersweilen, Raapers- weilen, Homburg, Gündelhard, Herdern, Hüttweilen, Warth und Üsslingen. Bei Hüttweilen findet sich die Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain. Noch haben wir auf der rechten Seite der Thür einige andere Ortschaften zu nennen. Wir gelangen ebenfalls auf einer Eisenbahn (Bischofszellerbahn) dahin, nämlich von Sulgen aus nach Sitterdorf an der Sitter, dann nach dem schön gelegenen Städtchen Bischofszell, wo die Sitter in die Thür mündet, und nach dem gewerb- samen Dorfe Haupt weil. Bei Bischofszell aber gehen wir über die berühmte, in Liedern besungene Thurbrücke auf das linke Ufer des Elusses. Wir kommen nun in grösserer oder geringerer Entfernung von der St. Galler Grenze nach Neu- kirch a. d. Th., Schönholzersweilen, Wuppenau, Braunau, Rickenbach bei Wyl, Sirnach. Von Sirnach führt eine Strecke der „Vereinigten Schweizerbahnen“ durch thur- gauisches Gebiet über Eschlikon an die zürcherische Grenze zu dem gewerbsamen Dorfe Aadorf. Zwischen dieser Bahnlinie und dem steilen Südabhang des Immen- bergs liegen die Ortschaften Wängi, Matzingen, Stettfurt, Lommis, Affeltrangen, Tobel (mit der Strafanstalt), Bettwiesen, St. Margarethen und Münchweilen. Im südlichsten Teil des Kantons aber liegen noch die Dörfer Bichelsee, Dussnang, Fischingen und Au. — So haben wir nun die meisten grossem Ortschaften des Kantons aufgezählt. Daneben findet sich aber noch eine weit grössere Zahl 83 von kleinern Ortschaften, Weilern und Höfen, die mit andern zu Gemeinden vereinigt sind. Gebietseinteilung. Man unterscheidet im Thurgau, ohne dass jedoch die Grenzen scharf bestimmt wären, den Oberthurgau am Obersee und am obern Laufe der Thür; den Unter- thurgau am Untersee, am Rhein und am untern Laufe der Thür, und den Hinterthürgau, zumeist zwischen der südlichen und der mittlern Bergreihe, im Gebiete der Murg. Bisweilen redet man überdies von einem mittlern Thurgau und versteht darunter die Umgegend von Weinfelden. Eine genauere Abgrenzung finden wir bei der Einteilung des Kantons in 8 Bezirke, von denen jeder seine eigenen Behörden hat. Von diesen 8 Bezirken liegen vier am See und Rhein: Arbon, Kreuzlingen, Steckborn, Diessenhofen; drei an der Thür: Bischofszell, Weinfelden, Frauenfeld; einer im Hinterthurgau: Münchweilen. — Die Bezirke werden wieder in Kreise und diese in Munizipalgemeinden eingeteilt. Der ganze Kanton enthält 32 Kreise und 74 Munizipalgemeinden. Folgende Übersicht enthält die Bezirke und Kreise. Bezirk Kreise Arbon Arbon, Egnach, Romanshorn, Uttweil. Bischofszell Bischofszell, Neukirch, Sulgen, Zihlschlacht. Diessenhofen Diessenhofen. Frauenfeld Frauenfeld, Matzingen, Thundorf, Üsslingen. Kreuzlingen Kreuzlingen, Altnau, Altersweilen, Erma- tingen, Tägerweilen. Münchweilen Sirnach, Fischingen, Lommis, Tobel, Schön- liolzersweilen. Steckborn Steckborn, Berlingen, Eschenz, Müllheim. Weinfelden Weinfelden, Berg, Bürglen, Bussnang, Mär- stetten. 84 Fragen und Aufgaben zur Einübung. 1. In welchem Teile der Schweiz liegt der Kanton Thur- gau? 2. Warum heisst der Thurgau ein Grenzkanton? 3. Nenne die Grenzen des Kantons Thurgau! 4. Wie viele Kantone haben einen grossem, wie viele einen kleinern Flächeninhalt als der Thurgau? 5. Wie viele Kantone haben eine grössere, wie viele eine kleinere Einwohnerzahl als der Thurgau? 6. Welchen Rang nimmt der Thurgau unter den Schweizerkantonen ein hinsichtlich des Flächeninhaltes, hinsichtlich der Einwohnerzahl? 7. Nenne einige Kantone, die grösser, und einige, die kleiner sind als der Thurgau! 8. Was ist ein Quadratkilometer? 9. Bezeichne vier Punkte in der Nähe deiner Heimat, durch deren Verbindung annähernd ein Quadratkilometer eingeschlossen würde! 10. Wie viele solcher Quadratkilometer hat die Bodenfläche des Thurgau’s ? 11. Nenne Kantone, die mehr und höhere Berge haben als der Thurgau! 12. Wie viele und welche Höhenzüge haben wir im Thurgau unterschieden? 13. Welches ist der höchste Punkt im Thurgau? 14. Welche Kantone treffen auf dem Hömli zusammen ? 15. Nenne ausser dem Hörnli noch einige andere Berge im Thurgau! 16. Nenne einige Schlösser am Untersee! 17. Wo liegt das Hörnli, der Nollen, der Ottenberg, der Immenberg? 18. Von wo bis wohin zieht sich der thurgauische Seerücken? 19. Wie hoch ist der Seerücken, das Hömli? 20. Welche Kantone und welche fremden Staaten liegen um den Bodensee? 21. Zu welchen Staaten gehören Romanshorn, Rorschach, Bregenz, Lindau, Friedrichshafen, Konstanz, Kreuzlingen, Steck- born, Stein a. Rh., Radolfszell, die Insel Reichenau, die Insel Mainau? 22. Wie tief ist der Bodensee? 23. Wie hoch liegt der Spiegel des Bodensees über demjenigen des Meeres? 24. Wie verhält sich der Flächeninhalt des ganzen Bodensees zu dem des Kantons Thurgau? 25. Wann ist zum letzten Mal der Bodensee ganz zugefroren? 26. Nenne kleinere Seen im Thurgau! 27. Welches ist der grösste Fluss im Thurgau? 28. Welcher Fluss gibt dem Kanton den Namen? 29. Nenne 4 85 Zuflüsse zur Thür !| 30. Nenne kleinere Gewässer, die sich in die Murg, in den Bodensee ergiessen! 31. Welche Thur- brücken sind dir bekannt? 32. Wie sind die Witterungsverhältnisse in unserm Kantone beschaffen? 33. Nenne Schweizergegenden, wo es wärmer, und solche, wo es kälter ist, als irgendwo im Thurgau! 34. Welche Winde bringen in unserer Gegend eher Wärme, welche eher Kälte? 35. Welches ist die Hauptbeschäftigung im Thurgau? 35. In welchen Landesteilen wird namentlich Wein gebaut? 36. Ist dir eine Ortschaft mit Käserei bekannt? 37. Eine solche mit Stickerei? 38. Nenne Ortschaften mit grossem Fabriken! 39. Was für Handwerker finden sich in deiner Gemeinde? 40. Was für ein Landesgetränk ist im Thurgau mehr verbreitet, als in den meisten andern Kantonen? 41. Welches ist der Ilauptort des Kantons? 42. Nenne einige hervorragende Gebäude in Frauenfeld! 43. Nenne bekanntere Ortschaften von Islikon bis Romanshorn! 44. Ebenso von Horn bis Paradies! 45. Ortschaften auf dem Seerücken! 46. Ortschaften an der Bischofszeller-Bahn! 47. Ortschaften in der Nähe der südlichen Kantonsgrenze von Bischofszell bis Bichelsee und Aadorf! 48. Ortschaften im Gebiete der Hurg und der Lauche! 49. Ortschaften am Fusse des Hörnli, des Ottenberges, des Immenberges! 50. Welche Orte haben ihren Namen von einem Bischof, vorn Kreuzeszeichen, vorn reichen Baumwuchs, vorn Wein, von der Sitter, von einem See? 51. Nenne Ortschaften auf weil oder wyl, weilen oder wylen, hosen oder kosen, ingen oderlingen! 52. Wo liegt Steckborn, Arbon, Diessenhofen, Frauenfeld, Bischofszell, Weinfelden, Fischingen? 53. Wo liegt der Ober-, der Unter-, der Hinter- Thurgau? 54. Wie viele Bezirke, Kreise und Munizipal- gemeinden sind im Kanton? 55. Zu welcher Orts- und Hunizipalgemeinde, zu welchem Kreis und Bezirk gehört dein Wohnort? 56. Wie verhalten sich in der Regel Hunizipalgemeinde und Kreis, Kreis und Bezirk nach ihrem Umfang? 57. Welche Bezirke liegen am Bodensee und Rhein, im Thur- tal, im Ilinter-Thurgau? 58. Welche thurgauischen Bezirke * 86 sind Grenzbezirke ? 59. Welches ist der grösste, welches der kleinste Bezirk? 60. An welchem Fluss liegen Wängi, Pfin, Affeltrangen, Gottlieben, Diessenhofen, Sitterdorf, Paradies? 2. Aöerökick des Schiveizertandes. Allgemeiner Anblick. Die Schweizerkarte. Das Land, das wir bewohnen, heißt die Schweiz. Wer diesem Lande angehört, ist ein Schweizer. Die Schweiz ist sein Heimatland, sein Vaterland. Wo wir auch von der Höhe eines Berges in unser Land hinaus schauen niögen, wir können es nirgends ganz überblicken. Es muß uns demnach als ein großes Land erscheinen. Allein unsere Nachbarländer Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich sind noch weit größer. Die Schweiz gehört zu den kleinsten Ländern. Aber an Schönheit und Erhabenheit der Natur steht sie keinem Lande der Erde nach. Darum wird sie auch alljährlich von tausend und tausend Fremden besucht. Von jedem Hügel unseres Kantons können wir gegen Süden hin eine ganze Reihe schneebedeckter Berggipfel erblicken. Das sind alles Schweizerberge. Wie hoch mögen diese wohl sein? Ein recht großer Baum ist etwa 30 Meter hoch; die höchsten Türme sind etwa 100 Meter hoch; ein Berg aber, der nur 3 — 400 Meter hoch ist, wird gewöhnlich nur ein Hügel genannt. Viele Berge der Schweiz erreichen eine Höhe von 2—3000 Meter; manche steigen sogar 3—4000 Meter hoch an; ja einige der höchsten Gipfel erheben sich zu einer Höhe von mehr denn 4000 Meter. Auf diesen obersten Berggipfeln ist die Luft sehr rein und kalt. Deshalb sind die muldenförmigen Flächen zwischen den 87 Gipfeln und Kämmen des Hochgebirgs Sommer und Winter mit Schnee bedeckt. An manchen Orten haben sich in solchen Einsenkungen auch große Eisfelder gebildet, die man Gletscher nennt. Unterhalb der Grenze des ewigen Schnees grünen * und blühen die saftigen Kräuter und Gräser der Alpen, und da weiden im Sommer die Hirten ihre Herden, und die Sennen bereiten aus der Milch den schmackhaften Schweizerkäse. Unter den Alpenweiden stehen in den Gründen und Schluchten dunkle Tannenwälder; noch weiter unten grünen herrliche Buchen, Ahorne, Linden und anderes Laubholz; dann gegen die Täler hinab alle Arten Obstbäume und in mildern Lagen die Weinrebe. In den Tälern und auf den mittlern Höhen und Hügeln sind Wiesen, Fruchtfelder und Gärten. Überall in den fruchtbaren Geländen findet man zahlreiche Wohnstätten der Menschen: Landhäuser und *» Schlösser, Höfe und Weiler, Dörfer, Flecken und Städte. Hier an der Wand sehen wir eine große Karte, auf welcher unser Land dargestellt ist. Es ist die Wandkarte der Schweiz. Alles, was man sehen würde, wenn man unser Heimatland auf einen Blick überschauen könnte, ist auf dieser Schweizerkarte bezeichnet. Wir wissen auch schon, was die verschiedenen Figuren auf der Karte vorstellen sollen. Jene Zeichnungen, die wie Baumäste und Zweige aussehen, bedeuten Berge, Gebirgsketten, Bergstöcke. Diese schwarzen Linien bezeichnen Flüsse, die bläulichen Flächen 4 mit schwarzen Rändern sind Zeichen für See n. Diese Punkte und kleinen Kreise, sowie diese rötlichen Figuren bedeuten Ortschaften: Dörfer, kleinere und größere Städte? Kellers Landkarte der Schweij. 88 Gebirge. Die Hauptgebirge der Schweiz sind die Alpen und der Jura, jene mehr im Süden, dieser im Westen. Beide aber ziehen sich von Südwest nach Nordost durch unser Land. Um eine Übersicht über die wichtigsten Mpenketten zu gewinnen, denken wir uns in den südlichen Teil der mittleren Schweiz versetzt. Dort erhebt sich ein gewaltiger Gebirgsstock, der Gotthard, den wir als den Mittelpunkt der Alpenweltbetrachten können. Von ihn, laufen fünf Hauptketten oder Hauptgruppen der Schweizeralpen nach verschiedenen Richtungen aus. Eine dieser Ketten erstreckt sich gegen Südwesten. Hier finden wir den höchsten Berg der Schweiz, den Monte Rosa (4638 Meter hoch); westlich davon liegen das steile Matt erhörn und der Große Sankt Bernhard. Mächtige Berghäupter ragen auch aus der zweiten Kette empor, welche in westlicher Richtung von, Gotthard ausläuft. Wir nennen das Wetterhorn, das Schreck Horn, das Finsteraarhorn und die Jungfrau. Eine dritte Kette zieht sich gegen Norden hin. Hier sind besonders der Titlis und der Urirotstock zu bemerken. In der nordöstlich gelegenen vierten Bergreihe gewähren der T ö d i und der Glärnisch (2921 na) einen majestätischen Anblick. Eine fünfte Hauptgruppe endlich erstreckt sich gegen Osten hin; von ihren Gebirgsstöcken sind namentlich das Rheinwaldhorn und der Bernina zu erwähnen. Alle diese Berge gehören zum schweizerischen Hochgebirge. Die uns näher liegenden Berge der Alpen nennt man die Voralpen. Sie sind weniger hoch und darum im Sommer meist schneefrei. Wir merken uns besonders den Rigi, den Pilatus, die Kurfirsten und den Säntis (2504 m). Weltberühmt durch eine prachtvolle Aussicht ist der Nigi, ein freistehender Bergstock von 1800 m Höhe. Große und wohleingerichtete Gasthöfe stehen auf seinem Gipfel, und zwei Eisenbahnen führen zu seinen Höhen. Tausende von Fremd«: besuchen jedes Jahr diesen Berg, um auf seinem Kulm die wundervolle Nundsicht zu genießen. Die westlichen und nordwestlichen Teile der Schweiz sind vom Jura durchzogen. Dieses Gebirge besteht ebenfalls aus vielen einzelnen Ketten. Keine aber erreicht die Höhe der Alpen; nur einige der höchsten Punkte erheben sich über 1600 Meter. Gletscher und bleibende Schneefelder sind da nicht vorhanden, und bis zu den Gipfeln der Berge hinan findet man Wälder und Weiden. Als einzelne hervorragende Punkte unterscheiden wir: den W e i ß e n st e i n, einen vielbesuchten Kurort mit sehr schöner Aussicht; den Hauen stein, den Bötzberg und den Randen (914 in). Gewässer. Bergstraßen. Die Schweiz ist ein wasserreiches Land. Eine Menge Quellen strömen aus den Abhängen der Berge und Hügel hervor, vereinigen sich zu Bächen und Flüssen und bilden zahlreiche klare Seen. Die bedeutendsten Gewässer der Schweiz sind: Der Rhein, welcher von drei Quellflüssen gebildet wird. Bon diesen entspringt der Borderrhein am Badus, der Mittelrhein am Lukmanier und der Hinter- rhein am Rheinwaldgletscher. Der Rhein bildet den Bodensee, zu welchem auch derÜberlingersec und der Untersee gehören. Die Aare entspringt am Aaregletscher und bildet den Brienzer- see und Thunersee. 90 Die Reuß entspringt am Gotthard und der Furka und bildet den Vierwaldstättersee. Die Linth oder Limmat entspringt am Tödi und bildet den Wallenstattersee und den Zürichsee. Die Rhone entspringt am Rhonegletscher und bildet den * Genfersee. Der Tessin entspringt am Gotthard und der Nufenen und bildet den Langensee. Der Jnn entspringt aus dem Malosasee in Bünden. Die Orbe und Zihl haben ihren Ursprung im Jura und bilden den Neuenburg er- und Bielersee. Ueber die Alpen und den Jura führen mehrere große Straßen und viele Pässe und Saumpfade. Jene Bergstraßen sind mit großer Kunst und mit bedeutenden Kosten gebaut worden. Die Gotthard st raße beginnt am Vierwaldstättersee, zieht auf der Nordseite das Neußtal hinaus, 0 übersteigt in einer Höhe von 2100 Meter eine Einsattelung des Berges und geht dann auf der Südseite durch das Tessintal gegen den Langensee hinab. — Östlich vorn Gotthard führt eine Straße über den B e r n h a r d i n. Man steigt auf derselben aus dem Tale des Hinterrheins bis zu einer Höhe von 2060 Meter, und dann südlich hinab ins Moösa- tal. — Noch weiter östlich ist die S p l ü g e n st r a ß e. Sie führt, ebenfalls aus dem Tale des Hinterrheins, bis zu dem Bergsattel des Splügen (2120 Meter hoch) hinauf und südlich hinab an den Comersee. — Im Westen der Schweiz führt eine vierte Heerstraße über die Alpen, nämlich die ^ Simplonstra ße. Diese beginnt im Rhonetal, biegt dann südlich in die Gebirge ein und steigt 2010 Meter bis zur Simplonhöhe. Dann geht sie unter vielen Biegungen hinab an den Langensee. 91 « Hauptstraßen des Jura sind die über den obern und untern Hauen st ein und über den Bötzberg. Die Landesteile. * Auf unserer Karte übersehen wir mit einein Blicke die ganze Schweiz. Dieselbe ist aber in 22 Freistaaten oder Kantone abgeteilt, und diese wollen wir auf der Karte aufsuchen. Wir können leicht drei Reihen von Kantonen unterscheiden : eine südliche, eine mittlere und eine nördliche Reihe. a. -Zur südlichen Reihe gehören drei Kantone. In der Mitte erstreckt sich ein Landesteil iveit hinab gegen Italien bis an den Langensee und Luganer- see. Das ist der Kanton Tessin. Derselbe hat seinen » Namen von dem Flusse Tessin, an welchem auch der Hauptort Bellinzona liegt. In westlicher Richtung, zu beiden Seiten der Rhone, liegt der große Kanton Wallis mit dem Hauptort Sitten. G r a u b ü n d e n, der größte Kanton, bildet den südöstlichen Teil der Schweiz. Er ist von mächtigen Bergketten durchzogen und wird vom Rhein und Jnn durchflossen. Chur an der Plessur ist Hauptort. b. Die mittlere Reihe umfaßt zwölf Kantone. Am südwestlichen Ende des Genfer- j, sees finden wir den Kanton Genf. Der Hauptort, die schöne und große Stadt Genf, liegt da, wo die Rhone aus dem See tritt. Zwischen dem Genfersee und dem Juragebirge breitet sich ein schönes, reiches Getreide- und Weinland aus. Es ist der 92 Kanton Waadt mit der Hauptstadt Lausanne am Genfersee. Weiter östlich, zu beiden Seiten der Saane, finden wir den Kanton F r e i b u r g. Der Hauptort, die Stadt F r e i b u r g, ist auf felsiger Höhe über der Saane erbaut. Jenseits des Neuenburgersees liegt der Kanton Neuenburg, ein gebirgiges und meist rauhes Land. Am See erhebt sich die schöne Stadt Neuenburg, der Hauptort des Kantons. Nun folgt zu beiden Seiten der Aare der große Kanton Bern. Derselbe reicht von der Nordgrenze des Kantons Wallis bis über den Jura hinaus. Auf einem Hügel, von der Aare fast ganz umflossen, liegt die Bundesstadt Bern. Nördlich vom Kanton Bern, und ebenfalls von der Aare durchschnitten, ist der kleinere, eigentümlich geformte Kanton Solothurn gelegen. Der Hauptort dieses fruchtbaren und schönen Landes ist die Stadt Solothurn am Aarcfluß. Östlich von Bern kommt man in den Kanton Luzern. Sein Haupttal, das Entlibuch, ist von der kleinen Emme durch- flossen. Da, wo die Reuß aus dem Vierwaldstättersee tritt, ist die herrlich gelegene Stadt Luzern. Auf der Südseite des Vierwaldstättersees finden wir den Kanton Unterwalden. Derselbe ist durch einen langen Gebirgswall in zwei Teile geteilt: westlich liegt Obwalden mit dem Hauptort Sarnen, östlich Nidwalden mit dem Flecken Stanz. Nun kommen wir in den Kanton Uri, den vom Gott- hard bis zum Vierwaldstättersee die Reuß durchströmt. Der Hauptort ist A l t o r f. Nördlich vom Urnerlande folgt der Kanton Schwyz. Jn^ seinem Gebiete liegt der herrliche Rigi, und auch der Roßberg, bekannt durch den großen Bergsturz, der Goldau verschüttete. Hauptort ist der Flecken Schwyz. Zwischen der Sihl und der Reuß ist das Ländchen Zug, der kleinste Schweizerkanton. Der Hauptort Zug hat eine schöne Lage am Zugersee. Östlich vom Kanton Schwyz finden wir den Kanton Glarus, wo außer andern Gebirgen sich der Tödi, der Hausstock und der Glärnisch erheben. Das Haupttal durchstießt die Linth, an welcher auch der Hauptort Glarus liegt. 6. Die nördliche Reihe, mit sieben Kantonen, beginnt im Westen mit dem Kanton Basel. Derselbe zerfällt, wie Unterwalden, in zwei Halb- kantone, nämlich Baselstadt mit der großen und reichen Hauptstadt B a s e l am Rhein, und B a s e l l a n d mit dem Hauptort L i e st a l. Gegen Osten folgt der Kanton A a r g a u, von der Aare, Reuß, Limmat und vielen kleinern Gewässern durchflossen. Die Stadt Aar au liegt -an der Aare. Weiter östlich betreten wir den Kanton Zürich. Zahlreiche Flüsse bewässern seine Gauen, und der größte Teil des Landes ist fruchtbar an Getreide, Obst und Wein. Ein kleinerer Teil desselben befindet sich jenseits des Rheins. Sehr schön gelegen ist die Hauptstadt Zürich am Ausflusse der Limmat aus dem Zürichsee. Der Kanton Schasfhausen liegt fast ganz jenseits des Rheins, nämlich am rechten Ufer. Unweit der Hauptstadt Schaffhausen ist der berühmte Rheinsall. Nun folgt in der Reihe der Kanton Thurgau, den wir bereits genauer betrachtet haben. Der Kanton St. Gallen reicht vom Bodensee weit hinauf bis in die mittlere Schweiz. Im Osten ist er vom 94 i Rhein begrenzt; der westliche Teil ist auf langer Strecke von der Thür durchflossen. Die Stadt St. Gallen liegt an der Steinach, hoch zwischen grünen Hügeln in schöner Umgebung. Der Kanton Appenzell, Außerrhoden und Jnnerrhoden, ist ganz vom Kanton St. Gallen umgeben. In dem hochgelegenen Ländchen reiht sich Hügel an Hügel und Berg an Berg. Wer alle überragt der mächtige Stock des Säntis, der sich im Süden erhebt. Hauptorte sind: Trogen, Herisau, Appenzell. Fragen und Aufgaben zur Einübung. 1. Welche Länder liegen im Osten, Süden, Westen und im Norden der Schweiz? 2. Welches sind die beiden Hauptgebirge der Schweiz? 3. Welches derselben nimmt den größern Teil des Landes ein? 4. Welches ist höher? 5. Welchen <» Gebirgsstock kann man als den Mittelpunkt der Schweizeralpen betrachten? 6. Wie viele Hauptketten oder Hauptgruppen laufen von diesem Mittelpunkte aus? 7. Bezeichne die Richtung jeder einzelnen, vom Gotthard auslaufenden Gruppe! 8. Nenne aus jeder der fünf Hauptgruppen einige Berge! 9. Welches ist der höchste Berg der Schweiz, welcher in Europa? 10. Bon wo an wird gerechnet, wenn man die Höhe eines Berges angibt? 11. Wie hoch ist ungefähr unser Kirchturm? 12. Wie hoch ist der Monte Rosa, der Rigi? 13. Auf welchen Berg der Boralpen führen zwei Eisenbahnen? 14. Nenne einige Berge der Jurakette! 15. Ebenso einige der Boralpen! 16. Welcher Berg des Jura ist durch seine Aussicht berühmt? 17. Welches sind die größern Alpenstraßen, die aus der * Schweiz nach Italien führen? 18. Welches sind die bedeutenderen Flüsse der Schweiz? 19. Welches die größeren Schweizer- seen? 20. Welche Seen bilden der Rhein, die Rhone, der Tessin, die Linth, die Reuß, die Aare, die Orbe und Zihl? 21. Aus wie vielen Kantonen besteht die Schweiz? . 95 22. Welche liegen in der südlichen Reihe? 23. Welche in der mittleren Reihe? 24. Welche in der nördlichen Reihe? 25. Welches sind die östlichen, welches die westlichen Grenz- kantone? 26. Welche grenzen an Deutschland, welche an , Italien? 27. Welcher Kanton ist ganz von dem Gebiet eines andern Kantons umgeben? 28. Welche Kantone liegen am Vierwaldstättersee? 29. Welche am Zürichsee, am Wallenstatter- see, am Neuenburgersee? 30. Welche Kantone und Staaten liegen am Bodensee? 31. Welches ist der größte, welches der kleinste Kanton der Schweiz? 32. Welche Kantone berühren der Rhein, die Rhone, der Tessin, der Jnn? 33. Welcher Kanton liegt fast ganz auf dem rechten Rheinufer? 34. Nenne Kantone, in welchen der Hauptort den gleichen Namen hat, wie der Kanton! 35. Welches sind die Hauptorte von Uri, Graubünden, Aargau, Thurgau, Tessin, Waadt und Wallis? 36. Welches ist die schweizerische Bundesstadt? 37. An welchem s^luß liegen Zürich, Bern, Luzern, Solothurn, Basel, -» Schafshausen, Aarau, Genf? 38. Was für ein Unterschied ist zwischen Aarau und Aargau? 39. Woher kommen die Namen Aargau, Thurgau, St. Gallen, Rheinfelden, Aarburg? 40. Welches ist die Landessprache im Kanton Tessin? 96 Zweiter üßsdjrutt. Sagen unö Geschichten aus alter unS neuer Zeit. 1. Aie ersten Bewohner unseres Landes. a. Liebe Kinder! Das herrliche Land, in dem wir wohnen, heißt die Schweiz oder das Schweizerland. Schon unsere Väter lebten darin; mit ihrem Blute verteidigten sie seine Freiheit gegen fremde Unterdrücker; wir nennen es unser liebes Vaterland. Früher hieß es Helvetien, das heißt „Land der Herden". In jenen alten Zeiten war es aber noch nicht so prächtig anzuschauen, wie heutzutage. Damals erblickte das Auge noch keine grünen Matten neben fruchtbaren Getreidefeldern ; es hatte noch keine Dörfer und Städte, keine Straßen und Brücken, keine Kirchen und Schulen. Die Luft war rauh und der Boden noch nicht so fruchtbar, wie jetzt. Manche Pflanzen, die uns jetzt herrliche Früchte bringen, wurden damals noch nicht angebaut. Der größte Teil des Landes war Wald und Wildnis. Da hausten noch viele wilde Tiere, auf welche der Mensch Jagd machte. Bären und Wölfe, Luchse und Wildschweine machten das Land unsicher. In den tiefer gelegenen Gegenden hielten sich Hirsche und Rehe auf; neben der schnellen Gemse lebte auf den Bergeshöhen der stärkere Stein- bock. b. Woher die ersten Bewohner unseres Landes kamen, das wissen wir nicht. Anfangs wohnten sie in Erdhöhlen 97 später aber an den Ufern der Seen und Teiche. Da standen ihre Wohnungen, auf Pfählen über dem Wasser erbaut. Ihre Beschäftigung war zuerst nur Jagd und Fischfang; nachher aber trieben sie auch Viehzucht und etwas Ackerbau. Ihre Geräte bestanden in der frühesten Zeit aus Stein, Horn und Knochen; später verwendeten sie Erz und Eisen dazu. Die Gefäße wurden in kunstloser Form aus Ton bereitet. 6. Vor etwa 2000 Jahren lebten dann in den Gegenden zwischen dem Rhein, der Rhone und dem Jura die Helvetier, von welchen die Pfahlbauleute vertrieben worden waren. Diese Bewohner unseres Landes gehörten zu dem damals weit verbreiteten Volke der Kelten, welches auch das benachbarte Gallien bewohnte. Sie waren von hoher Gestalt, hatten eine weiße Hautfarbe, blaue Augen und rötliche Haare. Als ein ackerbautreibendes Volk nährten sie sich von Getreide, dem Fleische ihrer Herden und von Wildbret. Zur Kleidung dienten ihnen vorzüglich die Felle der Jagdtiere. Kunst und Wissenschaft blieb ihnen fremd; dagegen waren schon Anfänge von Handwerk und Gewerbe vorhanden. Nach und nach entstanden Städte und Dörfer im Lande. Es sind jedoch keine Schriften und Bücher von jenen Einwohnern vorhanden. Was wir über dieses Volk wissen, das erfuhren wir aus den Schriften der Römer. — Die alten Helvetier kannten den einigen, wahren Gott nicht. Sie waren Heiden und verehrten mehrere Götter. Diesen errichteten sie Altäre in geheiligten Hainen; da opferten sie Tiere und Feldftüchte. In schweren Kriegszeiten wurden sogar Menschenopfer dargebracht. Die Priester, welche Druiden genannt wurden, waren die Lehrer, Ärzte und Richter des Volkes. Die Kelten anerkannten als tapfere Männer keinen Fürsten über sich. An den großen Volksversammlungen erschienen alle Thurg. Schulbuch s. d. 4. Schuljahr. 7 freien Bürger des Landes, bewaffnet mit Schwert und Speer; da bestimmten sie ihre Gesetze und da wurde entschieden über Krieg und Frieden. Die Helvetier waren ein streitbares, sehr unruhiges Volk. Häufig unternahmen sie Kriegs- und Raubzüge, und die Besiegten wurden mit abscheulicher Grausamkeit * behandelt. Gewöhnlich verloren die Unterdrückten Besitztum und ! Freiheit, häufig sogar das Leben. 2. Aiviko. In jenen uralten Zeiten lebten im jetzigen Deutschland, das damals Germania hieß, ebenfalls rohe, beutegierige Völkerschaften. Sie führten öfters Kriege mit den Römern, welche damals das mächtigste Volk der Erde waren. Als ums Jahr 111 vor Christo solche wilde germanische Horden auf ihrem Zuge nach Süden an die Grenze Helvetiens kamen, da ergriff & Kriegslust und Raubsucht auch viele Bewohner unseres Landes. Es gelüstete sie nach der reichen Beute, welche sie in Italien und Gallien zu erlangen hofften. Ein Teil der kriegerischen Helvetier, der Stamm der Tiguriner, ließ sich darum bald überreden, an dem Zuge der Germanen teilzunehmen. So fielen sie mit diesen in das südwestliche Gallien ein. Hier und in Italien herrschten aber die Römer. Als nun die Tiguriner im Jahr 107 vor Christo unter ihrem jugendlichen Anführer Diviko bis zur Garonne vorgedrungen waren, stießen sie dort auf ein römisches Heer. Es gelang den Helvetiern, dasselbe in einen Hinterhalt zu locken und zu schlagen. Der römische Feldherr Lucius Cassius und viele seiner Soldaten waren umgekommen. Der Rest der römischen Krieger wurde gefangen genommen und gezwungen, unter einem Jochgalgen durchzugehen. Einen solchen erstellte man aus drei Spießen, von denen zwei 99 * in der Erde steckten; der dritte war querüber, nicht hoch über der Erde, daran festgebunden. Ohne Kleider und ohne Waffen mußten die Überwundenen zwischen den hohnlachenden feindlichen Reihen ihren Nacken beugen, gleichsam wie unter einem Joche, um unter dem Galgen durchzukommen und mit Schmach und Schande bedeckt abzuziehen. So besiegte der heldenmütige Jüngling Diviko die Römer, und mit reicher Beute beladen kehrten die Tiguriner wieder in ihre Heimat zurück. 3. HrgeLorir. Die Helvetier waren zwar ein freies, stolzes, starkes Volk; doch hatten sie viel zu leiden von ihren ebenfalls kriegslustigen Nachbarn, den Germanen und Rättern. Vermochten sie einem Feinde nicht zu widerstehen, so gaben sie ihre Hütten r^ \ dem Feuer, preise Mit den Greisen, Frauen und Kindern, mit ihren Herden und Kostbarkeiten wichen sie dann in die Wälder oder auf Berghöhen, welche leicht zu verteidigen waren. Zu jener Zeit galt Orgetorix als der reichste und angesehenste Helvetier. Mit einem Anhang von 10,000 Schützlingen und Schuldnern erschien er bei den Volksversammlungen. Der Stolz verleitete ihn zu dem Gelüsten, König^uber sein Volk zu werden. Doch er bedachte, daß das nur unter außergewöhnlichen Umständen möglich sei. Darum sprach er auf ^ einer Landsgemeinde also: „Helvetier, eure Freude ist der Krieg! Wie mögt ihr denn in unserm engen Lande zusammen- sitzen? Auf, nach Gallien (Frankreich)! Dort unterwerfen wir uns Städte und Völker mit unserm Schwerte!" Viele Helvetier hatten auf einem frühern Kriegszuge mit eigenen Augen Gallien geschaut, das schöne Land, wo Trauben, 100 t Feigen und Oliven gedeihen. Darum liehen sie den Worten des Orgetorix ein williges Ohr. Eine allgemeine Auswanderung mit Weibern und Kindern wurde beschlossen. Doch zwei Jahre lang sollten darauf hin noch Vorräte gesammelt und Kriegs- wie Wandergeräte gerüstet werden. In seiner Aussicht auf das Gelingen des ehrgeizigen Planes vergaß Orgetorix alle Vorsicht. Er ließ unbesonnene Worte fallen. Damals bestand aber ein Gesetz, das jeden Helvetier, der nach Fürstenmacht über sein Volk strebte, mit dem Tode bedrohte. Darum wurde Orgetorix vor Gericht gefordert. Er erschien, aber von so vielen Anhängern und Dienstleuten umgeben, daß man ihn nicht ergreifen konnte. Doch alsbald entstand ein Aufruhr des Volkes im ganzen Lande. Alle braven Männer gelobten, das Gericht gegen jede Gewalt zu schützen. Orgetorix fand nun keinen andern Ausweg mehr, der drohenden Strafe zu entgehen, als daß er sich das Leben nahm. 4. Auszug der Kelvetier. Zur Zeit, da Orgetorix die Helvetier zu einem Auszug nach Gallien beredet hatte, war Diviko der Kriegsanführer des Volkes. Es sollte nun der Greis Diviko sein ganzes Volk nach dem Lande im Südwesten 'führen. Die zwei Rüstjahre waren vorüber, und die Helvetier schickten sich zum Auszuge an. Ehe sie schieden, legten sie ihre Wohnstätten, zwölf Städte und vierhundert Dörfer nebst vielen einzelnen Weilem und Hütten, in Asche; denn sie wollten Vorsorgen, daß niemand von ihnen sich nach der alten Heimat zurücksehne. Auf Tafeln waren mit griechischer Schrift die Bewaffneten verzeichnet, je nach den einzelnen Stämmen oder Völkerschaften I » 101 geordnet. In endlosen Wagenreihen wandte sich der Zug südwestwärts, dem Genfersee zu. Aber die Römer, welche die Gegend am Leman, wie sie den See nannten, besetzt hielten, verwehrten mittelst auf- tz geworfener Wälle und Gräben die Benutzung der Straße nach Gallien. So mußten nun die Helvetier auf mühsamen Pfaden zwischen Abgründen und Felswänden durch die Juraberge ziehen. Weit im fremden Lande drinnen gelangten die Auswanderer an den Fluß Saone. Auf Flößen gewannen sie das jenseitige Ufer. Nur die Tiguriner aus Nordhelvetien standen noch auf der Ostseite. Jetzt erschien Julius Cäsar, der römische Feldherr. Er überfiel den abgetrennten Völkerstamm, schlug und zerstreute ihn. Dann ließ Cäsar eine Schiffbrücke schlagen. Die Helvetier, welche 20 Tage zur Ueberfahrt gebraucht hatten, sahen mit 3 » Erstaunen, wie das feindliche Heer in einem einzigen Tag über die Saone gelangte. Bei der Stadt Bibrakte kam es zur Hauptschlacht. In dichten Scharen griffen die helvetischen Sturmhaufen an. Aber die Römer fochten fest geordnet gegen die ungestümen Horden. Auch waren die Helvetier minder gut bewaffnet. Als die Römer mit geschickter Hand erst ihre Wurfspeere schleuderten und dann mit gezücktem Schwert auf die Helvetier eindrangen, da wichen diese in die Wagenburg zurück. Verzweiflungsvoll nahmen hier auch die Frauen, Greise und Kinder ani Kampfe teil. Aber aller Mut war umsonst. Die Wagenburg wurde erstürmt. Der Rest des Volkes mußte sich gefangen geben. Diviko war gefallen. Cäsar befahl den Gefangenen: „Kehret in eure Heimat zurück, bauet eure Hütten wieder aus und nutzet neu die verödeten Fluren!" So kam Helvetien unter die römische Herr- 4 102 schüft. Der Feldherr Cäsar, welcher Geschichtsbücher schrieb, hat auch den Auszug der Helvetier nach Gallien beschrieben. Das alles geschah in dem Jahre 58 vor Christi Geburt. 5. Der hü Kassus. f 64«. a. Auf Irland, einer großen Insel im Meere westwärts von uns, waren die Einwohner schon zur Zeit der Römerherrschaft zum Christentum bekehrt. Dort bestanden Klöster, in denen Mönche als Lehrer des Volkes beisammen wohnten. Ihrer einige entschlossen sich, die Heiden in andern Ländern zum Christentum zu bekehren. Ein damals noch fast ganz heidnisches Land war unser Helvetien. Hieher kam aus dem fernen Irland der Mönch Gallus mit einigen Genossen. In Zürich fand er Christen. Unverweilt setzte er seinen Stab weiter. Nahe am Ende des obern Zürichsees lebten in dem Dorfe Tuggen Heiden. Auf der waldigen Bergeshöhe ob dem Seesufer brachten sie ihren Göttern (Sonnengöttin, Donner-, Wald- und Kriegsgott) Opfer dar. Vor diesen Heiden predigte Gallus mit begeisterten Worten von Christus, dem Erlöser. Aber die Tuggener erwiderten: „Unsere Götter geben uns reichlich Sonnenschein und Regen. Warum sollten wir ihnen untreu werden?" In heiligem Eifer schleuderte Gallus ein Opfer von dem Altar in den See hinab. Das erbitterte die heidnischen Priester so sehr, daß die christlichen Männer weichen mußten. Gallus und seine Gefährten wanderten nun an den Bodensee. In A r b o n fanden sie ein christliches Kirchlein, und der Priester Willimar nahm hocherfreut die Fremdlinge auf. Doch Gallus verlangte unausgesetzt darnach, den Heiden das Evangelium (die frohe Botschaft von Christus) zu verkünden. 103 Deshalb zog er mit einigen Genossen nach B r e g e n z. Hier bauten sie Gemüse, pflanzten Obstbäume, strickten Netze und teilten den Gewinn ihres Fischfangs mit armen Leuten. So erlangten sie das Zutrauen der Umwohner. Ungestraft durfte hier Gallus die Götterbilder in den See werfen und den heidnischen Tempel zu einer christlichen Kirche weihen. Nach drei Jahren war in der Gegend von Bregenz das Christentum gesichert. Darum suchte Gallus einen neuen Wirkungskreis. b. Über die felsige Wand eines waldigen Vorberges stürzt heute noch wie vor tausend und mehr Jahren das Flüßchen S t e i n a ch. Dann wendet es sich nach dem Bodensee oberhalb Arbon. In der Waldeinsamkeit nahe dem rauschenden Wasserfall siedelten sich Gallus und seine Freunde an. Von Bären und Wölfen ließen sie sich nicht schrecken. Sie bauten Zellen, umzäunten Gärten und pflanzten Gemüse. Sie sammelten Heilkräuter und bereiteten Arzneien für die zerstreut lebenden Hirten und Jäger. Auf ihren Wanderungen verkündigten sie freudig die Lehren des Heilandes, des Erlösers von Aberglaube und Sünde. Im hohen Alter von 95 Jahren ging Gallus, eine hohe, am Wanderstab etwas gebückte Gestalt, noch zum Besuche nach Arbon hinunter und hielt in der Kirche daselbst eine Predigt. Aber seine Lebenskraft war bereits erschöpft. Gallus starb plötzlich. Den Leichnam holten seine Schüler und begruben ihn bei seiner Zelle. Dann vereinigten sie ihre Wohnungen unter einem Dache zu einem Kloster. Dieses samt den Gärten und Nebengebäuden umzogen sie mit einer Mauer. Zu Ehren des verstorbenen Meisters nannten sie ihre Anstalt St. Gallen. Bald gründeten sie darin eine Kloster schule. Im Halbkreis um das Stift her aber 104 entstand allmälig die Stadt St. Gallen. Hievon erhielt der jetzige Kanton St. Gallen den Namen. 6. Karl der Grosse. Westwärts von Helvetien hatte sich in dem grossen Gallierlande ein starker deutscher Yolksstamm, die Franken, niedergelassen, und Gallien hiess nun Frankreich. Unter dem fränkischen Volke wurde ein Fürst, Namens Karl, gross und mächtig. Er wird der Grosse genannt, weil er gute Eigenschaften besass, ein grosses Reich begründete und den guten Willen hatte, seine Völker glücklich zu machen. Er war von hoher Gestalt und stark am Geist. Von Jugend auf übte er sich im Ringen, Laufen, Schwimmen und im Gebrauch der Waffen. So wurde er ein stattlicher Krieger und tüchtiger Heerführer. Schreiben konnte er nicht, weil er in seiner Jugend keine Gelegenheit fand, es zu lernen. Im Mannesalter suchte er noch, diese Fertigkeit sich anzueignen; aber es fiel ihm das sehr schwer. Als er Frankreich, Italien, Deutschland, Helvetien und andere Länder zu einem grossen Reiche vereinigt hatte, bemühte er sich, das Christentum auszubreiten. Er wollte seine Völker zur Frömmigkeit, Tugend und Weisheit leiten. Deshalb liess er Kirchen und Schulen erbauen und gebot, dass sein Volk im Lesen, Schreiben, Rechnen und in der Musik unterrichtet werde. Vorn Auslande her berief dieser grosse Fürst gelehrte Männer an seinen Hof und gründete eine Hofschule. Diese besuchte er oft und wollte durch sein Beispiel die vornehmen Leute ermuntern, sich recht viele nützliche Kenntnisse zu erwerben. Oft ging Karl in seinem Reiche umher, um Gericht zu halten und die Übeltäter zu strafen. Auf seinen Reisen kam er auch nach Zürich und hat sich daselbst längere Zeit aufgehalten. 105 7. Ein Schulbesuch Kaiser Karls. Kaiser Karl weilte mit Lust in den Schulen; er besuchte sie öfters und wohnte gerne den Prüfungen bei. 4 Da zeigte sich’s denn einmal, dass gerade die Söhne der Vornehmsten am wenigsten leisteten. Alsbald trat der Kaiser vor die Schüler hin und befahl, dass man die Fleissigen zu seiner Rechten und die Faulen zu seiner Linken stelle. Mit liebreichen Worten sprach er zu den ersteren: „Fahret fort, ihr braven Knaben, mir durch euere Fortschritte Freude zu machen! Ich will euer gedenken, und ihr sollt an mir einen gnädigen Vater haben; der Lohn für euern Fleiss soll euch in reichem Masse zuteil werden.“ Dann aber wendete er sich zornig an die übrigen und strafte sie für ihren Unfleiss, indem er ihnen zurief: „Ihr Söhne der Vornehmsten, ihr feinen und zierlichen Bürschchen, die ihr auf euern Adel euch ^ verlasset und zum Lernen zu nachlässig seid, wahrlich, , ich sage euch: Euere Schönheit und euer Adelsstolz gelten nichts bei mir. Wenn ihr das Versäumte nicht durch den grössten Fleiss wieder nachholet, so sollt ihr nichts Gutes von mir zu erwarten haben! “ i 8. Gründung von Klöstern im Thnrgau. a. Bischofszell. Konstanz war schon frühe der Sitz eines christlichen Bischofs. Ums Jahr 900 war aber ein Thurgauer, Namens Salomo, zugleich Bischof von Konstanz und Abt des Klosters St. Gallen. Zu dieser Zeit . unternahmen die wilden Ungarn viele räuberische Ein- * falle nach Deutschland. Sie verwüsteten das Land weit umher und machten so die meisten Gegenden des deutschen Reiches höchst unsicher. Bischof Salomo, der ein mächtiger Herr war, hatte am Einflüsse der Sitter in die Thür sein väterliches Erbgut. In dieser vorn Wasser umflossenen Gegend erbaute er nun eine feste Burg und 106 daneben ein Kloster, das er Bischofs-Zelle nannte. An diesem festen Orte bauten sich dann bald viele andere ihre Wohnungen auf. Nach und nach entstand ein Städtchen daraus, welches mit Mauern umgeben wurde und dem der Name Bischofszell verblieb. b. Kreuzlingen. Gegen das Ende des 10. Jahrhunderts war der edle Konrad Bischof von Konstanz. Derselbe stammte aus dem Geschlechte der Grafen von Altorf. Wegen seiner Frömmigkeit und Wohltätigkeit war er hoch geachtet und weit berühmt; nach seinem Tode wurde er als ein Heiliger verehrt. Dreimal unternahm er die Wallfahrt nach Jerusalem, um am Grabe des Erlösers seine Gebete und Opfer darzubringen. Auf diesen gefährlichen Reisen fand er oft Aufnahme und Labung in den Herbergen, welche fromme Christen für die fremden Pilger gestiftet hatten. Da fasste er den Entschluss, in einer Vorstadt von Konstanz ebenfalls eine solche Anstalt errichten zu lassen, in welcher Fremde, Kranke und Arme von Klosterleuten freundlich aufgenommen würden. Der fromme Mann soll mit eigener Hand Steine zum Bau dieses Hauses herbeigetragen und nachher die Kranken oft darin besucht und selbst verpflegt haben. Es hatte dieser Bischof auch ein kleines Stück von dem Holze des Kreuzes, an dem der Heiland gelitten, von einer Wallfahrt nach Hause gebracht. Dieses schenkte er der geistlichen Anstalt, welche er gestiftet hatte. Darum erhielt das Kloster, welches später aus derselben entstand, den Namen Kreuzlingen. c. Münsterlingen. Der deutsche Kaiser Otto I. hatte eine Tochter des Königs von England zur Gemahlin; diese hiess Editha. Sie hatte eine Schwester, mit Namen Angela, und einen Bruder, der Stiftsherr im Kloster zu Einsiedeln geworden war. Nun fühlte Angela ein grosses Verlangen, ihre Schwester und ihren Bruder wieder zu sehen. Sie fuhr über das Meer, um beide zu besuchen. Die zwei Schwestern wollten dann von Deutschland aus mit einander nach Einsiedeln zu ihrem Bruder reisen. Auf dem Wege dahin kamen sie an den Bodensee. Als sie aber ein Schiff bestiegen hatten, um an das diesseitige Ufer zu gelangen, da erhob sich ein so gewaltiger Sturm, dass das Schiff dem Untergänge nahe war. In dieser grossen Not flehte Editha zu Gott um Hilfe und gelobte, sie wolle da ein Kloster gründen, wo sie wieder das Land erreiche. Sie entkamen glücklich der Gefahr. An der Stelle des diesseitigen Ufers, wo sie das Land betraten, liessen Angela und Editha nach ihrem Gelübde ein Kloster errichten, das Münsterlingen genannt wurde. d. Fischingen. Ums Jahr 1170 bewohnte der Graf Heinrich die Toggenburg. Sie stand unweit des Hörnli- berges, östlich von der Murg, auf einer Anhöhe. Graf Heinrich war ein tapferer Mann, aber sehr jähzornig und misstrauisch. Seine Gemahlin hiess Ida und war berühmt wegen ihrer Schönheit, Güte und Frömmigkeit. Nun geschah es, dass ihr ein Rabe den kostbaren Brautring stahl und in sein Nest trug. Hier fand ihn ein Dienstmann des Grafen und steckte ihn an seinen Finger. Sobald der Graf ihn sah, erkannte er den Ring. In seinem Misstrauen glaubte er, die Gräfin sei treulos an ihm geworden und habe dem Knappen den Ring gegeben. Sogleich liess er den Dienstmann an den Schweif eines wilden Pferdes binden und totsehleifen. Dann stürmte er in das Zimmer der Gräfin und stürzte sie in seinem Grimme zum Fenster hinaus über eine Felswand hinunter, die man jetzt noch zeigt. Dichtes Gesträuch hielt jedoch den jähen Sturz auf, und Ida wurde glücklich gerettet. Sie kehrte aber nicht mehr in das Schloss auf der Höhe zurück, sondern blieb in der waldigen Gegend am Fusse des Hörnligebirges. Da wohnte sie lange Zeit in einer Höhle. Sie nährte sich von Beeren und Kräutern des Waldes und von den Gaben, welche ihr gutherzige Leute spendeten. Einige Zeit nachher erzählte aber ein alter Diener dem unglücklichen Grafen, 108 * dass früher bisweilen ein Rabe ins Schloss geflogen sei, um glänzende Sachen fortzutragen. Als Graf Heinrich dieses vernommen hatte, bereute er seine schreckliche Tat. Vergeblich suchte er Trost für sein geängstigtes Gewissen; er wurde immer trauriger, immer betrübter. Erst nach einigen Jahren fand er bei einer Jagd seine Gemahlin wieder als Einsiedlerin. Er bat sie auf den Knieen um Verzeihung für sein Unrecht und gedachte, sie wieder auf sein Schloss zu führen. Doch sie wollte lieber den Rest ihres Lebens im Gebete dem Gotte weihen, der sie so wunderbar errettet hatte. Sie bezog deshalb eine Zelle bei Fischingen, in welcher sie bis zu ihrem Tode sich aufhielt. Ums Jahr 1197 starb sie und wurde in Fischingen begraben. Jetzt noch ist in der Klosterkirche daselbst ihr Grabmal zu sehen. Nach ihrem Tode soll dann zu ihrem Andenken in Fischingen neben dem schon längere Zeit bestehenden Männerkloster ein Schwesternhaus oder Nonnenkloster gegründet worden sein. Der Berg aber, auf dem die Toggenburg stand, hat den Namen Idaberg erhalten. 9. Berta, die Spinnerin. ( 921 - 970 .) In Westhelvetien, im heutigen Waadtland, liess sich ein deutscher Völkerstamm nieder, Burgundionen genannt. Sie nahmen die Sprache der Römer an. Ein König Rudolf von Burgund wollte sein Reich vergrößern. Er führte deshalb Krieg gegen den Herzog Burkhard von Schwaben, wurde aber bei Winterthur besiegt. Doch versöhnten sich die beiden Gegner, und Burkhard gab seine Tochter Berta dem jungen König zur Frau. Diese zog mit ihrem Gemahl in das schöne Waadtland. Aber so lieb König Rudolf seine Gattin hielt, so zog er doch etwa von ihr weg in den Krieg. Aus Italien brachte er die heilige Lanze heim, mit der Jesus am Kreuze sollte in die Seite gestochen worden sein. Dafür, dass er dieses Heiligtum einem deutschen Kaiser Heinrich abtrat, verlangte Rudolf die Yergrösserung des bur- gundischen Reiches bis an die Aare hin. Während der Zeit, da König Rudolf abwesend war, regierte die Königin Berta. Sie liess durch die Mitte des Waadtlandes vorn Neuenburger- bis zum Genfersee eine Reihe von Türmen bauen. Dahin konnte die Landbevölkerung sich flüchten vor den Raubzügen der Ungarn und Sarazenen. Städte und Dörfer wurden neu gegründet und Klöster gestiftet. Nur in diesen bestanden damals Schulen. Oft ritt die Königin Berta zu Pferde von Gegend zu Gegend. Dabei handhabte sie während der Reise die Spindel. Einst traf sie auf einem Weideplätze eine junge Bäuerin, welche beim Hüten der Herde zugleich spann. Erfreut darüber machte Berta der Jungfrau ein reiches Geschenk. Am folgenden Tage erschienen die Frauen ihres Gefolges, jede mit der Kunkel in der Hand, vor der Königin. Sie sagte aber lächelnd zu ihnen: „Meine Damen, die junge Bäuerin ist, wie Jakob, zuerst gekommen und hat meinen Segen mitgenommen.“ Sie munterte durch ihr Beispiel andere zur Arbeit und Sparsamkeit auf. Überall mahnte sie zur Bebauung des verödeten Bodens. Als der König Rudolf starb, war ihr ältester Sohn erst 10 Jahre alt. Da regierte sie über ihr glückliches Land, bis ihr Sohn Konrad die Regierung übernehmen konnte. Sie gründete auch viele Kirchen und Schulen. Im Jahr 970 starb sie zu Peterlingen. von allen Leuten geliebt und von jedermann tief betrauert. 10. Gründung der Kaösöurg. Im Aargau erhebt sich in der Nähe der Aare der steile Wülpelsberg. Auf diesem baute der Graf Radebot ein neues Schloß, das er die Habsburg nannte. Von da an wurden er 110 und seine Nachkommen die Habsburger genannt. Zu dem Baue gab ihm sein Bruder Werner, der Bischof von Straßburg war, viel Geld, daß er die Burg mit Mauern und Gräben stark befestige. Nadebot baute aber nur ein kleines Schloß ohne Ringmauern und Wallgräben. Mit dem übrigen 's Geld erwarb er sich eine große Anzahl Freunde und Kriegsvolk. Werner kam, um die Baute anzusehen. Er war aber unzufrieden mit seinem Bruder; denn er glaubte, dieser hätte das viele Geld für sich behalten. In der Nacht bot Nadebot alle gewonnenen Freunde und Kriegsknechte auf. Als der Bischof am Morgen zum Fenster hinausschaute, erschrak er sehr; denn das ganze Heer stand rings um die Burg herum. Er meinte, das Schloß sei von seinen Feinden belagert. Radebot aber kam und sprach: „Herr Bruder, seid ohne Sorge! Das sind unsere Freunde und euere Diener, die ich mit euerem Gelde gewonnen habe. Treue Freunde und ein tapferes Volk sind l* viel mehr wert, als die stärksten Mauern." Als der Bischof das hörte, lobte er seinen Bruder, daß er das Geld so weislich angewendet hatte. 11. Wudolf von Kaösvurg. Etwa 200 Jahre nach dem Grafen Nadebot regierte auf dem Schlosse Habsburg der tapfere Graf Rudolf, geboren am 1. Mai 1218. Er ist der berühmteste Sprößling aus dem Geschlechte der Habsburger. Als ein Jüngling von 21 Jahren trat er sein väterliches Erbgut an. Er war groß von Wuchs, * hatte eine hohe Stirne, eine gebogene Nase und war von ritterlicher Gestalt. Rudolf liebte die Einfachheit in Nabrung und Kleidung; er zeigte sich gegen jedermann freundlich. Im Kriege war er sehr tapfer, und wo er seinen Feind nicht mit d Gewalt zu bezwingen vermochte, da gelang ihm dies durch seine List. Von ihm wird auch folgende schöne Handlung berichtetr In der Gegend zwischen der Reuß und der Limmat hatte Rudolf ein Jagdschlößchen. Als er einstmals dahin kam, um dem Jagdvergnügen nachzugehen, da traf er an dem Waldbache, Neppisch genannt, den Pfarrer von Dietikon an. Derselbe war auf dem Wege zu einem Sterbenskranken, welchem er das heilige Abendmahl bringen wollte. Kurz vorher hatte aber der angeschwollene Wildbach den Steg weggerissen. Doch der fromme Priester ließ sich dadurch nicht abhalten, seines Amtes zu warten. Eben zog er seine Schuhe aus und wollte barfuß das Wasser durchwaten, als Graf Rudolf herzugeritten kam. Demütig entblößte der fromme Graf sein Haupt vor dem Allerheiligsten. Dann stieg er vom Pferde und hieß den Pfarrer dasselbe besteigen, damit er desto leichter seiner Berufspflicht nachgehen könne. Hocherfreut nahm der Geistliche dies freundliche Anerbieten an, und Rudolf bestiedigte seine Jagdlust auf dem Tiere seines Knappen. Am folgednen Morgen brachte der Priester das Pferd dankerfüllt wieder ins Schloß zurück. Aber der Graf nahm es nicht mehr an, sondern rief aus: „Gott verhüte, daß dieses Pferd jemals wieder zum Streiten und Jagen bestiegen werde! Willst du es nicht für deine eigenen Geschäfte benutzen, so brauche es zur Besorgung deines Amtes, zum Dienste Gottes! Es soll von nun an dem gewidmet sein, von dem ich Ehre und irdisches Gut zu Lehen trage, und der mir Seele und Leib und Atem und Leben geschenket!" — So sprach der ebclfinnige Graf und überließ sein prächtiges Pferd dem greisen Priester, damit derselbe auf den weiter entlegenen Höfen die Kranken und Notleidenden besuche. Von dem Volke aber wurde Rudolf gepriesen um seiner Fröiumigkeit und seines edeln Herzens willen. 112 12. Hludokf von Kabsöurg wird der Zürcher Schirmherr. a. In Deutschland hatten sieben Reichsfürsten das Recht, den König zu wählen. Einst aber waren die Wahlfürsten unter einander uneins, und die Königswahl kam deswegen nicht zustande. So geschah es denn, daß in den Jahren 1254 bis 1273 in Deutschland kein Oberhaupt war. Diesen Umstand machten sich viele Mächtige und Gewalttätige zu Nutzen. Weil keiner die Strafe fürchten mußte, so tat ein jeder, was ihm wohlgefiel. Es wurden keine Reichsgesetze mehr gehandhabt. Der Stärkere überfiel den Schwächer» und beraubte ihn, ja tötete ihn wohl gar. Ungestraft wurden so viele Freveltaten begangen; denn es fehlte der oberste Richter im Lande. Ganz besonders waren die Kaufleute der Plünderung ausgesetzt. Streitigkeiten und Ungerechtigkeiten ohne Maß und Zahl erfüllten diese kaiserlose Zeit; man nennt sie darum die Zeit des „Faustrechts". b. Einer der gewalttätigsten Herren war zu dieser Zeit der Freiherr Lüthold von Regensberg, dessen Stammschloß Alt-Regensberg am Katzensee stand, zwei Stunden von Zürich entfernt. Ihm gehörten viele starke Burgen rings um die Stadt Zürich, sowie auch das feste Städtchen Glanzenberg an der Limmat. Von diesen Schlössern aus konnten die Zürcher Kaufleute leicht angefallen und geschädigct werden. Darum wandten sich die Bürger der Stadt Zürich an Lüthold mit der Bitte, er möchte in diesen bösen Zeiten des Faustrechts ihr Schirmherr sein. Sie erhielten eine hochmütige, verächtliche Antwort, weshalb sie ihre Bitte um Schutz und Beistand an den noch mächtigeren Grafen Rudolf von Habsburg richteten. Rudolf nahm die Zürcher freundlich auf, eilte alsbald nach 113 Zürich und versprach mit einem Eide, er wolle die Stadt schützen und schirmen gegen jeden Feind. Ergrimmt über dieses Bündnis, erklärte der Regensberger der Stadt Zürich den Krieg. Aber die Zürcher rüsteten sich zur Gegenwehr, und Rudolf kam ihnen zu Hilfe. Unter seiner Anführung gewannen sie in manchem Treffen die Oberhand, so daß Lüthold der Stadt selbst nichts anhaben konnte. 13. Kroöerung der Mtkiburg. Der Krieg zwischen den Zürchern und dem Herrn von Regensberg dauerte lange fort. Endlich sahen die Zürcher ein, daß sie ihres Feindes nur dann los werden könnten, wenn sie ihm seine Burgen zerstörten. Mit List und Gewalt gelang es ihnen auch, die Schlösser Wulp, Utznaberg und Baldern einzunehmen und zu verbrennen; aber auf deni Ütliberg stand immer noch das stärkste und gefährlichste derselben. Es schien unmöglich, es mit Gewalt zu bezwingen; darum sann Rudolf auf eine List. Der Herr von Regensberg unternahm von der Ütliburg aus häufig Streifzüge ins zürcherische Gebiet, wobei seine besten Krieger auf 12 weißen Pferden ausritten. Darauf gründete nun Rudolf seinen Plan zur Eroberung der Feste. Er hieß die Zürcher in aller Stille ebenfalls 12 Schimmel kaufen. Als er dann noch die Reiter genau so ausgerüstet wie jene des Regensbergers, so legte er sich mit ihnen und einem Haufen Fußvolk aus Zürich unweit des Schlosses in einen Hinterhalt. Sobald nun Lüthold zur Jagd auszog und sich ziemlich weit von der Burg entfernt hatte, sprengten die Zürcher auf den Schimmeln im Galopp den Berg hinan, dem Schlosse zu. Das zürcherische Fußvolk mußte sie zum Scheine hitzig verfolgen. Als der Lhurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 8 Torhüter das sah, meinte er, sein Herr schwebe in der größten Gefahr, und er gedachte, ihn eiligst zu retten. Schnell ließ er die Zugbrücke nieder und öffnete das Tor. Nun aber stürmten die Zürcher alle heran. Sie bemächtigten sich des Tores, und auch diese Burg war für Lüthold verloren; sie wurde alsbald geplündert und in Asche gelegt. Also wurden endlich alle festen Plätze des Regeusbergers eingenommen. Tief gedemütigt mußte er seine Gegner um Frieden bitten. Er verlebte seine letzten Jahre als ein armer Mann in der Stadt Zürich, deren Bürger er geworden war. So haben schon oft Herrschsucht, Hochmut und rohe Gewalt ein trauriges Ende genommen. Die Stadt Zürich aber ist unter Rudolfs Beistand reich und mächtig geworden. 14. Rudolf wird König. 1273. In den schrecklichen Zeiten des Faustrechts wünschten alle Gerechten, daß ein starker und redlicher Mann zum König erwählt würde, der Frieden und Sicherheit im deutschen Reiche wiederherstellte. Nun reiste einmal der Erzbischof Werner von Mainz, einer der Kurfürsten, nach Rom, und Rudolf von Habsburg gab ihm sicheres Geleite über die Alpen. Beim Abschiede dankte der Erzbischof Werner mit den Worten: „Wenn ich nur so lange lebte, um diesen großen Dienst vergelten zu können!" Dazu fand sich bald eine gute Gelegenheit. Als sich im Jahr 1273 die deutschen Wahlfürsten in Frankfurt versammelten, um einen König zu wählen, da wurde auf Anraten des Erzbischofs Werner der Graf Rudolf von Habsburg zum deutschen König gewählt. Wie nun dieser nach Aachen gekommen und daselbst gekrönt worden war, da sollte er die Großen des Reichs mit ihren Rechten belehnen. Aber 115 das Zepter war nicht vorhanden, auf welches die Reichsfürsten ihre Treue geloben sollten. Deshalb verbreitete sich Streit und Bestürzung in der Versammlung. Da ergriff Rudolf mit besonnenem Ernste ein Kruzifix und bediente sich dessen ♦ als Zepter, indem er sprach: „Sehet, hier ist das Zeichen, wodurch wir und die ganze Welt erlöst worden! Wo könnten wir ein heiligeres Zepter finden, um dem Reiche unsere Treue zu geloben?" — Dieser Zug von Geistesgegenwart machte einen tiefen Eindruck auf alle versammelren Reichsfürsten. In kurzer Zeit erfüllte der König Rudolf die Wünsche der Redlichgesinnten im Lande. Mit Heeresmacht zog er im Reiche umher, eroberte und zerstörte die Raubburgen und ließ viele der gewalttätigen Adeligen hinrichten. Ordnung und Sicherheit herrschten nun wieder im Reiche. Ruhig pflügte der Landmann seinen Acker, und sicher vor Plünderung zogen ^ die Kaufleute ihre Straße. Rudolf von Habsburg hat von 1273—1291 segensreich in Deutschland regiert. 15. Wilhelm Teil. a. Der deutsche König Albrecht, der Sohn Rudolfs von Habsburg, sandte grausame Vögte in die drei Länder Uri, Schwyz und Unterwaiden. Die suchten, die Bewohner der Waldstätte ihrer Freiheit zu berauben; sie plagten und kränkten das Volk durch vielerlei Gewalttaten. Zu dieser Zeit lebte in Bürglen im Lande Uri ein ^ wackerer Bürger, Wilhelm Teil genannt. Der war ein kräftiger, mutiger Mann, bekannt als vortrefflicher Schütze, Jäger und Schiffmann. Er liebte die Freiheit seines Vaterlandes über alles; darum konnte er die Gewalt der Vögte nicht leiden. Er sah wohl, dass sie sein Volk unter die Oberherrschaft von Österreich zu bringen suchten. Einer 116 dieser Vögte hiess Hermann Gessler; er stammte von Brunegg aus dem Aargau. Jede Gelegenheit benutzte er, um die freiheitsliebenden Bürger des Landes zu verderben. Auch dem Teil war er feindlich gesinnt und suchte, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Nun kam Gessler auch in das Land Uri. Als er in Altorf wohnte, liess er aut einem öffentlichen Platze einen herzoglichen Hut auf einer Stange aufstellen. Dazu gab er den Befehl, wer da vorbeigehe, müsse das Knie beugen vor dem Hute, wie wenn der Herzog selbst da wäre; wer es nicht tue, den werde er hart bestrafen. Da geschah es, dass auch Teil vorüberging; aber er beugte sich nicht vor dem Hute. Deswegen wurde er von den Wächtern verklagt. Der Vogt liess den Teil vor sich führen und fragte ihn, warum er das Gebot übertreten habe. Teil antwortete: ,,Es ist von ungefähr geschehen; ich bin eben nicht witzig, sonst würde man mich nicht den Teil (Einfältigen) nennen.“ Der Vogt befahl, Teils Kinder zu holen; dann fragte er ihn, welches ihm das liebste sei. Er antwortete: „Es sind mir alle gleich lieb.“ Da sprach der boshafte Gessler: „Ich höre, dass du ein vortrefflicher Schütze seiest. Das sollst du mir nun bewähren. Du musst deinem Knaben diesen Apfel vorn Haupte schiessen.“ Teil war ein liebevoller Vater; darum erschrak er heftig und bat den Vogt um Verzeihung und Gnade. Aber da war kein Erbarmen; er musste zielen auf des Kindes Haupt. Voll Grimm nahm Teil einen Pfeil und steckte ihn in sein Göllerkleid; den andern legte er auf die Armbrust, zielte und traf den Apfel mitten durch. Der Vogt sprach: „Das ist wahrlich ein Meisterschuss; aber eines musst du mir noch sagen, Teil. Warum hast du den ersten Pfeil in dein Göller gesteckt?“ Teil wollte sich ausreden und entgegnete: „Herr, das ist so der Schützen Gewohnheit.“ Gessler glaubte es aber nicht und sagte: „Offenbare mir die Wahrheit; es soll dir deshalb nichts am Leben geschehen.“ „Da du mich des 117 Lebens gesichert hast,“ sprach Teil grimmig zum Vogt, „so wisse: Hätte ich mit dem ersten Pfeil statt des Apfels mein liebes Kind getroffen, so würde ich mit dem zweiten Pfeil dein grausames Herz durchbohrt haben.“ Als der Vogt das gehört hatte, liess er sich also vernehmen: „Wohl habe ich dir dein Leben zugesichert; aber ich will dich an einen Ort hinbringen lassen, wo dich weder Sonne noch Mond mehr bescheinen sollen.“ Darauf liess er den Teil binden und auf sein Herrenschiff bringen, mit dem er zurück nach Küsnacht fahren wollte. Dort sollte Teil sein Leben im Kerker enden. b. Teils Rettung. Als der Vogt mit seinem Gefangenen in die Nähe des Axenberges kam, erhob sich ein gewaltiger Sturm. Alle fürchteten, in den tobenden Wellen unterzugehen. Keiner getraute sich mehr, das Schiff zu lenken. In dieser Not baten die Knechte den Vogt, er solle doch den Teil losbinden lassen und ihm das Steuerruder anvertrauen; niemand sei so geschickt und stark hiezu -wie er. In seiner Todesangst willigte der Vogt ein, und Teil steuerte nun mit sicherer Hand das Schiff durch die Wogen des Sees. Dabei sah er sich nach der Armbrust um, die in seiner Nähe lag. Als sie dann in die Nähe einer vorspringenden Felsplatte gekommen waren, ergriff er schnell seine Armbrust, schwang sich vorn Schiff auf die Felsplatte hinauf und stiess dabei das Schiff wieder in die Wellen zurück. Der Vogt entkam ebenfalls und wollte auf dem Landwege nach Küsnacht gelangen. Teil war ihm aber vorausgeeilt. Nahe bei Küsnacht in einem Hohlwege, wo der Vogt durchkommen musste, versteckte er sich in einem Gebüsche. Und da schoss er ihm einen Pfeil ins Herz, dass er alsbald tot niedersank. Damit befreite er sein Vaterland, seine Familie und sich selbst von dem rohen Gewaltmenschen. 118 4 16. Teils Tod. Die Heimat Wilhelm Teils ist das Dorf Bürglen im Kanton Uri. Es liegt in der Nähe von Altorf, am Eingänge des Schächentales. Dieses Tal wird vorn Schächen- bache durchflossen, einem wilden Bergwasser, welches * oft so stark anschwillt, dass es im Tale alles überschwemmt. Im Jahre 1354 dauerte einmal das Regenwetter so lange, dass der Schächenbach mächtig anwuchs, über seine Ufer trat und grosse Steine, Bäume, Häuser und Ställe das Tal herunter brachte. Teil war damals schon ein betagter Greis. Wie er die grosse Wasserflut betrachtete, sah er, dass die wilden Wogen ein Kind in seiner Wiege daher brachten. Jeden Augenblick drohten die Wellen, es zu verschlingen. Schnell entschlossen sprang der Greis zum Flusse hinab, stürzte sich ins Wasser, ergriff mit der einen Hand die Wiege und mit ^ der andern hielt er sich an einem Baumast fest. Dann hob er die Wiege aus dem Wasser und brachte so das Kind glücklich ans Ufer. Als er aber sich selbst aus dem Wasser schwingen wollte, brach der Ast. Teil stürzte wieder ins Wasser zurück und fand in dem wilden Strome den Tod. Also erzählt die Sage. An der Stelle aber, wo zu Bürglen das Haus des edlen Mannes stand, erhebt sich jetzt eine Kapelle, sein Andenken zu ehren. Eine andere steht, mit Bildern reich geschmückt, auf der sog. Teilsplatte, wo er der Gewalt des Vogtes entkam. Eine dritte Kapelle erinnert uns im Hohlwege bei Küsnacht, wo Gessler den Lohn für seine bösen Taten empfing, an den freiheitsliebenden, mutigen Schützen Teil. 17. Die Solotlrarner und der Herzog von Österreich. Schon vor mehr als 500 Jahren stand die Stadt Solothurn. Im Jahr 1318 kam der Herzog Leopold von 4 4 119 Österreich und wollte sich der Stadt bemächtigen. Er liess dieselbe von seinem Heere einschliessen. Oberhalb der Stadt war vorn Feinde auch eine Brücke über die Aare gebaut worden. Zehn Wochen lang wurde Solo- ^ thum von den Belagerern hart bedrängt. Die Männer und Jünglinge standen auf den Mauern und wehrten sich tapfer gegen die Feinde; Frauen und Kinder flehten in den Kirchen zu Gott um Hilfe und Beistand. Und siehe, Gott sendete mächtige Regengüsse, so dass die Gewässer der Aare hoch anschwollen. Der Herzog von Österreich befürchtete, das Wasser möchte die Brücke fortreissen; darum befahl er, dass seine Kriegsleute grosse Steine auf die Brücke wälzten, um sie zu beschweren und zu befestigen. Wie aber viele Feinde auf der Brücke arbeiteten, kam ein gewaltiger Wasserschwall. Die Brücke wurde fortgespült, und die feindlichen Krieger stürzten in die Fluten. Als sie nun jämmerlich um Hilfe riefen, <6 vergassen die Solothurner Krieg und Feindschaft. Sie eilten hinzu und retteten mit Schilfen und Stangen viele ihrer Feinde aus dem Wasser. Darnach führten sie die Geretteten in die Stadt, reichten ihnen Nahrung dar, trockneten ihre Kleider und liessen sie dann frei wieder ins Lager des Herzogs ziehen. Als der Herzog vernahm, wie edel und grossmütig sie gehandelt, wollte er keinen Krieg mehr mit ihnen haben; sogleich liess er Friedensboten in die Stadt abgehen. Diese brachten gute Botschaft zurück, und der Herzog ritt nun selber als Freund hinein. Er ehrte die Bürger hoch und schenkte ihnen ein schönes Banner zum Andenken. Also gewannen die Solothurner durch eine grossmütige Tat den Frieden, ^ und Not und Gefahr des Krieges war vorüber. 18. Berner und Freibnrger. Bern und Freiburg waren schon in alten Zeiten reiche : und ansehnliche Städte im Schweizerland. Am 14. Mai 120 des Jahres 1405 wurde Bern von einem schweren Unglück betroffen; es entstand eine Feuersbrunst in der Stadt. Weil die meisten Häuser aus Holz erbaut waren, so nahm das Feuer mit fürchterlicher Gewalt überhand. In wenigen Stunden lagen 550 Häuser m Trümmern^ Schutt und Asche. Sobald dieses Unglück unter ÖenEidgenossen bekannt wurde, zeigte sich der christliche Sinn und die brüderliche Teilnahme. Grosse Scharen eilten von allen Seiten herbei; viele hundert Wagen kamen gefahren und brachten den Verunglückten Kleidung und Nahrung. Mehrere Tausende arbeiteten, um den Schutt wegzuräumen, um Hütten und Zelte aufzuschlagen, damit diejenigen wieder ein schützendes Obdach erhielten, deren Häuser verbrannt waren. In derselben Zeit hatten die Bern er und Freiburger Krieg mit einander, und es war noch viel Hass und Feindschaft zwischen ihnen. Als aber die Freiburger von dem grossen Unglück hörten, das über Bern gekommen sei, da verwandelte sich die Feindschaft sogleich in Mitleid und Teilnahme. Ein Freiburger Ratsherr wurde nach Bern geschickt; mit ihm zogen 100 Knechte und 12 wohlbekannte Wagen. Als sie bei der grossen Brandstätte anlangten, sprach der Freiburger Ratsherr zu den Bemern: „Wir sind lange Zeit Feinde gewesen; da nun aber so grosses Unglück über euch gekommen, sind wir hieher gesandt worden, euch unsere Gaben darzubringen und euch arbeiten zu helfen in eurer grossen Not.“ Das vernahmen die Bemer mit Freude und hiessen die Freiburger dankbar willkommen. Diese gingen alsbald ans Werk und arbeiteten einen Monat lang mit Eifer und Geschick. Man fand im Schutt viele Kostbarkeiten, Gold und Silber, wie es in den niedergebrannten Häusern der Reichen vorhanden gewesen. Die Freiburger sprachen nun aber zu einander: „Alles, was wir finden, das wollen wir unserm Hauptmann zustellen, damit er 121 es den Bernem wieder zurückgebe.“ So taten sie redlich, und keiner behielt etwas von dem, was er gefunden hatte. Darum ehrte auch jedermann die Freiburger und rühmte ihre Teilnahme, ihren Fleiss und ihre Redlichkeit. - L- ? g vj,-/ /^C' r 19, Das mntige Thnrgauermädchen. Der deutsche Kaiser Maximilian kam im Jahr 1499 nach Konstanz. Hier sammelte er ein grosses Heer, um die Eidgenossen zu bekriegen. In derselben Zeit herrschte aber unter den Schweizern eine Hungersnot; sie litten besonders Mangel an Getreide und Salz. Weil zudem der Krieg weit umher namenloses Elend verbreitet hatte, wünschten sie sehnlichst, mit dem Kaiser einen Vergleich abzuschließen. Sie schrieben ihm deshalb einen Brief, worin sie ihn um den Frieden baten. 4 Die gegenseitige Erbitterung war aber so gross, dass man nicht wagte, einen Mann in die Stadt Konstanz zu senden. Da anerbot sich ein mutiges Mädchen aus dem Thurgau, dem Kaiser diesen Brief zu überbringen. In dem Vorbote des Hauses, wo der Kaiser sich aufhielt, musste es auf die Antwort warten. Hier stand aber die Leibwache des Kaisers und sein oberster Schreiber. „Was machen die Schweizer im Lager draussen?“ fragte einer der kaiserlichen Trabanten. „Seht ihr denn nicht, dass sie euren Angriff erwarten?“ erwiderte das Mädchen. Ein anderer fragte: „Wie gross ist ihre Zahl?“ Das Mädchen antwortete: „Gross genug, um euren An- T griff abzuschlagen.“ Die feindlichen Krieger wollten nun durchaus wissen, wie viele Schweizer beisammen seien, und verlangten, dass es eine Zahl angebe. Da sprach das Mädchen: „Ihr hättet sie ja in dem Treffen, das letzthin vor den Toren dieser Stadt vorfiel, zählen können, - wenn die Furcht euch nicht blind gemacht hätte.“ Als 122 einer spottend fragte, ob die Schweizer auch zu essen hätten, entgegnete es: „Wie könnten sie denn leben, wenn sie nichts zu essen hätten?“ Die Umstehenden fingen an zu lachen. Einer aber griff nach seinem Schwerte und drohte, dem Mädchen den Kopf abzuhauen. Doch dieses erschrak ganz und gar nicht, sondern sprach mutig: „Wahrlich, du bist ein wackerer Held, dass du ein wehrloses Mädchen umbringen willst. Wenn du so kampflustig bist, so stürme doch ins feindliche Lager hinaus. Dort wirst du gewiss einen finden, der deinem Verlangen entspricht. Aber es ist leichter, ein schwaches Mädchen anzufahren, als dem bewaffneten Feinde entgegenzutreten, der seine Sache nicht mit Worten, sondern mit dem Schwert in der Hand verficht.“ Der so zurechtgewiesene Kriegsmann wurde von den übrigen verlacht; er schämte sich und zog sich zurück. Der Schreiber des Kaisers aber, der uns das berichtete, und der Willibald Pirkheimer hiess, redete freundlich mit dem Mädchen und liess es sicher wieder zur Stadt hinaus- geleiten. 20. Kleinjogg als Baner. In dem Nebendorfe Wermatsweil bei Uster besassen die Prüder Felix und Jakob Gujer ein weitläufiges, aber wenig fruchtbares Heimwesen. Weil Jakob der jüngere Bruder war, wurde er Chlijogg genannt. Dieser dachte viel darüber nach, was bei der Bauersame besser gemacht werden könnte. In den sumpfigen Wiesen legte er Abzugsgräben an. Wies ein Acker lettigen Tonboden, durch den das Wasser nicht sickerte und in den die Wurzeln der Pflanzen nur schwer eindringen konnten, so führte Kleinjogg sandige Erde herbei. Dann pflügte er sie unter, damit sie den festen Grund lockere. Aus einem Gemisch von Laub, Unkraut, Asche und Erde gewann er durch öfteres Begiessen mit Jauche 123 viel guten Dünger. Darum erntete Kleinjogg ab dem gleichen Lande bald zwei- bis dreimal so viel als früher. Statt 10 Stück Vieh konnten die Gebrüder Gujer nun 30 und mehr halten. Dadurch bekamen sie auch aus den Ställen weit mehr Düngstoff. Zwei neue, sehr nutzbare Gewächse wurden von Kleinjogg zuerst in seiner Heimatgegend eingeführt: Die Kartoffel als Nahrungsmittel für die Menschen und der Klee als Futtergewächs für das Vieh. Im Dorfe Wermatsweil herrschte zur Zeit, da Kleinjogg ein so guter Bauer wurde, grosse Hinlässigkeit. Um die baufälligen Häuser lag viel Kot. ' Die Gärten waren verwildert, die Zäune verfallen. Auf den unreinlichen Dorfplätzen tummelte sich die Jugend in zerfetzten Kleidern. Nun starb der alte Schulmeister, und zum neuen wurde Felix Gujer, der Bruder Kleinjoggs, gewählt. Dieser sagte freudig: „Jetzt ist der Weg offen, Böses auszurotten und Gutes zu pflanzen. Wir fangen bei der Jugend an.“ Wer von jetzt an ungewaschen und ungekämmt zur Schule kam, musste zum Brunnen wandern. Zerrissene Kleider waren aus der Schulstube verbannt. Kleinjogg machte sich selber auch zum Lehrer der jungen Leute. Im Garten unterwies er ältere Schüler über die Pflege von Gemüsen und Blumen und im Pfropfen von Obstbäumen. Bald entstand ein schöner Wetteifer unter dem heranwachsenden Volke. Die Knaben holten aus dem Walde wilde Baumstämmchen, setzten sie in guten Boden und veredelten sie. Die ganze Gemeinde fing an, längs den Hügelabhängen und Strassen Obstbäume zu pflanzen. Dann beredete Kleinjogg seine Nachbarn, dass sie ihr klein zerstückeltes und weit auseinander liegendes Land gegenseitig austauschten. So erhielten sie grössere, zusammenhängende Grundflächen und brauchten darum minder Zeit zum Gehen und Fahren von hier nach dort. 124 * 21. Konrad Esclier von der Linth. Vor achtzig Jahren war die Gegend um den Wallen- etattersee und von da bis zum Zürichsee großenteils ein ungesundes Sumpfland. Das kam daher, weil die Linth, ein aus dem Glarnerland kommender Fluss, viel Gestein 's und Morast mit sich führte und keinen rechten Abfluss hatte. Nicht nur wurde hiedurch viel gutes Land unfruchtbar, sondern in dem Sumpfe entstanden auch allerlei schädliche Dünste, welche mancherlei Krankheiten erzeugten. Die Bewohner jener Gegenden sahen blass und kränklich aus, und es gab Dörfer, in denen mehr als die Hälfte der Einwohner vorn Fieber und andern Krankheiten ergriffen wurden. Das Elend war gross, und fler Ruf nach Rettung ertönte immer lauter; aber das Rettungswerk stiess auf grosse Schwierigkeiten. Es handelte sich zunächst darum, die Linth in den Wallen- stattersee zu leiten, wo sie das Geschiebe ablagern konnte; dann sollte auch zwischen dem Wallenstattersee und * Zürchersee ein grosser Kanal gebaut werden. Alles aber musste zum voraus bis auf Einzelheiten überdacht werden, und die ganze grosse Arbeit musste unter einer sichern, einheitlichen Leitung stehen. Der Mann nun, der sich dieser Aufgabe mit voller Hingebung unterzog, war Konrad Escher von Zürich, später Escher von der Linth genannt. Er übernahm das ganze Rechnungswesen, schloss persönlich die Verträge mit den Lieferanten und Arbeitsunternehmern ab und überwachte alles. Fast täglich besichtigte er die verschiedenen Baustellen und half nach, wo etwas fehlte. Oft watete er Stunden lang auf sumpfigem Boden und ermunterte die Arbeiter durch sein Beispiel. ^ Eines Tages war er vorn frühen Morgen an bei Wind und Regen unter den Arbeitern und hatte vorn Hin- und Herlaufen durch Sumpf und Kot seine Kleider ganz beschmutzt. „Wie können Sie nur,“ Sagte zu ihm ein armes Bäuerlein, „wie können Sie nur bei solchem Wetter draussen bleiben? Wenn ich solch’ ein Herr wäre wie Sie, liesse ich mir’s daheim in der warmen Stube Wohlsein!“ Escher erwiderte: „Wisst Ihr, warum Euch der liebe Gott nicht reich werden liess? — Eben darum, weil Ihr nicht mehr arbeiten würdet, wenn Ihr reich wäret. “ Im Jahr 1807 wurden die Arbeiten am Linthkanal begonnen, im Jahre 1822 durften sie als vollendet und gelungen betrachtet werden. Ein 5200 m langer Kanal leitete die Glarner Linth in den Wallenstattersee, und von da führte ein zweiter Kanal von 16,000 m Länge zum Zürchersee. Über 7200 Hektaren Landes waren durch die Entsumpfungsarbeiten wieder anbaufähig geworden, und eine Bevölkerung von etwa 16,000 Menschen wurde dadurch von manchen Krankheiten und Gefahren befreit. Durch die langjährigen, ausserordentlichen Anstrengungen wurde Eschers Gesundheit untergraben, und schon im Jahre 1823 erlag er einer Krankheit. Sein Andenken aber bleibt der Nachwelt im Segen. Der Grosse Rat des Kantons Zürich erteilte dem hochverdienten Manne und seiner Familie den Ehrennamen „Escher von der Linth“, und die Tagsatzung liess am Biberli-Kopf folgende Inschrift anbringen: „Dem Wohltäter dieser Gegend, Johann Konrad Escher von der Linth, die eidgenössische Tagsatzung. Ihm danken die Bewohner Gesundheit, der Fluss den geordneten Lauf. Natur und Vaterland hoben sein Gemüt. Eidgenossen! Euch sei er Vorbild!“ 126 Dritter . Aus der Naturkunde. 1. Aas Erwachen der Uflanzen im Arühting. 1 . Die strenge Herrschaft des Winters ist endlich vorbei. Die freundliche Sonne und die warme Frühlingsluft haben den Schnee geschmolzen und das Eis gebrochen. Es naht für uns Menschenkinder das frohe Osterfest und für die Natur der Auferstehungstag. Die zarten Pstänzchen in Wiese und Feld, die so lange unter der Schneedecke geschlafen, erwachen wieder. ' Hier hebt das weiße Schneeglöcklein sein zartes Köpfchen empor. Es bringt uns den ersten Frühlingsgruß. Bald folgt das Maßliebchen oder Gänseblümchen nach. Die Schlüsselblume will nicht zurückbleiben und ladet die Kinder ein, die ersten Blumenkränze zu flechten. Am Rande des Baches kommt die gelbe Dotterblume hervor. Dort, wo das Büchlein die Wiese bewässert, entsteht ein grüner Rasen. Allerlei Gräser strecken zarte Blättchen in die Höhe und bereiten dem muntern Zicklein ein leckeres Mahl. Wie wunderbar! Tag für Tag erscheinen neue Blumen, und bald ist die Flur bekleidet mit tausend und tausend Pflänzchen. „Wo nume'n au es Löchli isch, schläft 's Leben use jung und frisch!" 4 127 So verwandeln sich bald Wiese, Feld und Wald zu einem herrlichen Blumengarten. Wie ist es möglich, daß die Pflanzen nach langem Winterschlafe so plötzlich wieder erwachen können? ^ 2 . Wir wollen diesen wunderbaren Vorgang etwa an der Dotterblume zu erklären suchen. Der unterste Teil des Stengels, der in der Erde steckt, hat eine Verdickung. Es ist dies der Wurzel stock. Derselbe stirbt im Herbst nicht ab. Im Winter bleibt er durch die Überreste der abgestorbenen Blätter vor dem Erfrieren geschützt. Im Frühling sendet der liebe Gott den warmen Sonnenschein. Dann entspringt aus dem Wurzelstock ein neuer Stengel mit neuen Blättern und Blüten. Fast alle kraut- artigen Pflanzen der Wiesen haben einen Wurzelstock und können ^ daher viele Jahre lang leben. Man heißt solche Pflanzen ausdauernd. Die Pflanzen auf dem Ackerfeld hingegen sterben im Herbst ganz ab. Man muß daher im Frühjahr den Samen in den lockeren Grund ausstreuen. Nach wenig Tagen wird der Samen schon Wurzeln und Blätter ausschlagen. Pflanzen, die man alljährlich neu ansäen muß, heißen einjährige Pflanzen. Ganz anders ist es bei den Bäumen. Sie entstehen auch aus dem Samen. Aus jedem gesunden Apfelkern kann ein mächtiger Apfelbaum werden. Das dauert aber gar viele Jahre. Jenen großen Birnbaum hat der Großvater gepflanzt, -f' als er noch ein Knabe war. Im Herbst fallen die Blätter von den Bäumen. Diese stehen im Winter kahl da. Aber man erkennt an den äußersten Zweigen kleine, rotbraune Anschwellungen (Bollen). Sie sind mit harten Blättchen gut zugedeckt und gegen die 128 Winterkälte geschützt. Dies sind die Knospen. Im Frühling fangen sie an zu schwellen, und bald entstehen aus ihnen Laub und Blüten. So hat der liebe Gott die Natur mit gar mannigfaltigen Kräften ausgerüstet. Aus dem Samen, aus dem Wurzelstock, aus der Knospe sprießt jeden Frühling neues Leben hervor. Hier entsteht ein schwaches Kraut, dort ein kräftiger Baum, hier ein zartes Gras, dort ein knorriger Strauch. Die Natur ist zu frischem, fröhlichem Leben erwacht. Der Lenz ist angekommen, habt ihr es nicht vernommen? Es sagen's alle Blümelein, es sagen's alle Vögelein: Der Lenz ist angekommen! 2. Dtüle und Irucht des Apfelöaumes. 1 . In unserem Obstgarten stehen Apfelbäume, Birnbäume und Kirschbäume. Schon hat der Kirschbaum sein weißes Frühlingskleid angezogen. Bald steht auch der Birnbaum in vollem Blütenschmucke da. Zuletzt öffnen sich die Knospen des Apfelbaumes. Aus der einen bricht ein Büschel zarter Blätter, aus der andern ein Sträußchen von 6 bis 10 schönen, rötlichen Blüten hervor. Dieselben sind vom Schöpfer gar wunderbar eingerichtet; denn aus ihnen sollen sich die schönen, wohlschmeckenden Äpfel entwickeln. Wir wollen daher die Apfelblüte aufmerksam beobachten. Fig. 1- 129 2 . Das Blüten st ielchen ist grün und zart; es leitet die Nahrung in die Blüte und später in die Frucht. Oben trägt es eine becherartige Anschwellung mit weißen, filzigen Haaren. Dies ist der Kelch. Er endigt in 5 Zipfeln. Der Kelch trägt die übrigen Blüten teile. Zunächst sehen wir fünf große, rundliche, rötlich-weiße Blätter. Sie zieren die Pflanze, wie die Krone den König. Daher nennt man sie Blunienkrone. Die Blumenblätter sind nicht bloß zierlich gefärbt, sondern sie verbreiten auch einen wohlriechenden Duft. Am Kelchrande, innerhalb der Blumenkrone, sind die Staubgefäße, mehr als zwanzig an der Zahl, angewachsen. Sie bestehen je aus einem zarten Staubfaden und aus einem gelben, gefurchten Kolben; dieser heißt Staubbeutel, weil er den B l ü t e n st a u b enthält. Der innerste Teil der Blüte, welcher aus der Mitte des Kelches hervorkommt, heißt Stempel. Er besteht aus dem Fruchtknoten, aus 5 hohlen Griffeln und aus einer klebrigen Narbe. Der Fruchtknoten ist im Kelche eingeschlossen und enthält die Samen eierchen. Soll nun die Blüte zur Frucht reifen, so muß der Blüten- staub auf die Narbe fallen. Von hier gelangt er durch die hohlen Griffel zu den Eierchen im Fruchtknoten. Dieser Vorgang heißt Befruchtung. Staubgefäße und Stempel sind also notwendige Glieder einer gesunden Blüte und dürfen darum nie fehlen. Kelch und Blumenkrone hingegen dienen mehr nur zum Schutze und sind nicht streng notwendig. Lhurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 9 Fig. 2. Bald nach der Befruchtung fallen die Blumenblätter ab. Die Staubgefäße verdorren, während der Kelch von Woche zu Woche größer wird. Doch fällt gar mancher junge Apfel vorzeitig ab. Der Baun, könnte sie ja nicht alle ernähren. Ost kommt eine kalte Frühlingsnacht, und die Früchtchen erfrieren. Oder während der Blütezeit weht ein trockener, warmer Wind — der Föhn — und die Blüte verdorrt. Alls allen Obstbäumen halten sich auch gefräßigeRaupen und Würmer auf. Wenn unsere Siugvögel diese schädlichen Tiere nicht so emsig zusammensuchten, so bekämen wir wohl gar keine reifen Äpfel. Hat das Apfelfrüchtchen alle Gefahren überstanden, so reift es zum goldgelben, wohlschmeckenden Apfel heran. Derselbe ist rund, an der Spitze und am Stiel etwas eingedrückt. Er enthält ein saftreiches, säuerliches oder süßes Fleisch. Junen ist ein lederartiges Samengehäuse. Dieses enthält in seinen 5 Fächern die braunen Fig. 3. Die Apfelfrucht. Apfelkerne. Aus diesen kann man wieder junge Apfelbäume heranziehen. Das eßbare Fleisch des Apfels ist nur die schützende Hülle des Samens. Der Apfel wird roh, gekocht oder gedörrt gegessen. Auch bereitet man daraus ein gesundes Getränk, den Apfelwein oder Most. Gutherzige Kinder vergessen nicht, im Winter die Apfelkernchen für die hungrigen Singvögel aufzuheben. 3. Aer Stamm des Apfelöaums. 1 . Der kräftigste Teil des Apfelbaums ist der Staunn. Er entspringt aus der Wurzel, tvelche sehr kräftig ist unb sich weit und tief in das Erdreich verzweigt. Der Stamm ist 131 etwa 2 in hoch. In dieser Höhe verzweigt er*sich in 2 bis 5 fast gleich starke Hauptäste. Diese vergabeln sich in die Breite und in die Höhe und bilden aus diese Art die Krone des Baumes. An den letzten Verzweigungen der Äste sind die Blätter und die Blüten. Der Stamm des Apfelbaums ist in der Jugend dünn und schwach. Man stützt ihn daher durch einen Pfahl. An diesem wird das Stämmchen festgebunden und gerade gezogen. Jetzt kann man es noch biegen, strecken und ziehen, wie man will. Der alte Baum hingegen läßt sich nicht mehr ziehen. Ohne Pfahl würde das junge Stämmchen verkrüppeln, oder der Wind würde es abbrechen. Gleicht ein solches Stämmchen nicht dem Kinde? 2 . Von Jahr zu Jahr wird das Stämmchen dicker und die Krone mächtiger. Es wächst von innen heraus. Der äußerste, braune Teil des Stammes ist die Rinde. Am jungen Stämmchen ist sie glatt. Bei ältern Bäumen wird die Rinde durch das Wachstum von innen gesprengt. Sie zerbricht in Borken. Viele kleine, schädliche Tiere legen ihre Eier unter diese Borken. Die Singvögel hüpfen daher gar emsig Stamm auf und ab, besonders im Winter. Sie suchen diese kleinen Eierchen und zerstören auf diese Weise viele schädliche Insekten. Der fleißige Landmann muß überdies den Stamm von Zeit zu Zeit reinigen. Moos und alte Borkenstücke werden abgekratzt und dadurch die Schlupfwinkel der Insekten zerstört. Der innere Teil der Rinde ist noch weich, saftig und grünlich. Dies ist der B a st. Wird die Rinde ringsum bis auf das Holz abgeschält, so niuß der Baum absterben. 3. Unmittelbar unter der Rinde liegt das jfi weiche Holz oder der Splint. Er ist im Frühjahr und im August saftig. An U dieser Stelle wächst der Baumstamm alljährlich um einen Ring in die Dicke. Am durchschnittenen Holzstamm erkennt man diese Ringe ganz deutlich. Sie heißen V Jahrringe. An denselben kann man ». , m r r. ... . . das Alter des Baumstammes ablesen. Das Flg. 4. Durchschnitt eine- . , ' ' HolzstammeS. feste, zähe Holz liegt innerhalb der jüngsten Jahrringe und heißt Kernholz. In der Mitte des Stammes ist ein weißliches, weiches Holz, das Markholz. Von ihm aus gehen durch das Kernholz bis an die Rinde die Markstrahlen, welche, wie das Mark, aus weichem Holz bestehen. Ein Baum kann innen ganz hohl und faul sein, und dennoch stirbt er nicht ab. Das Markholz ist also zum Leben des Baumes nicht nötig, weil der Saft durch Splint und Bast strömt. Der Stamm leitet den Saft von der Wurzel zur Krone. Er hebt Blätter und Blüten zu Lust und Sonnenschein empor. Pflanzen, welche einen Holzstamm besitzen, ähnlich wie der Apfelbaum, heißen Bäume. Es gibt Laubholzbäume und Nadelholzbäume. Bei diesen sind die Blätter dünn und schmal wie Nadeln. 4. Die Wiesensalöei. 1 . Die Wiesensalbei wächst wild in trockenen Wiesen, an Wegen und Hecken. Sie hat eine braune Hauptwurzel 133 und sehr viele Seiten wurzeln. Aus dem Wurzelstock kommen meist mehrere Stengel. Aber diese sind nicht holzig, wie beim Apfelbaum, sondern weich und grün. Die Wiesensalbei hat also einen Kraut st enge l. Sie ist eine Krautpflanze. Der Stengel ist vierkantig, behaart und hohl. 2 . Die Blätter sind gegenständig, weil je zwei einander gegenüberstehen. Die Anwachsungsstelle des Blattes bildet mit dem Stengel ein kleines Grübchen. Das ist die Blattachsel. Aus ihr treten Äste hervor, welche dem Hauptstengel ganz ähnlich sind. Der Stengel ist oben und unten beblättert; die untern Blätter sind gestielt, die obern hingegen sind sitzend und viel kleiner. Alle sind herzförmig und am Rande gekerbt. Die Blattfläche ist runzlig. 3 . Die Blüten stehen rings um den Stengel herum, in einem Quirl. Unter jedem Quirl sitzen zwei kleine Blätter. Der Kelch ist einblättrig, zweilappig. Die Blumenkrone ist blau. Sie besteht aus einer Röhre. Diese spaltet sich oben in eine Oberlippe und in eine Unterlippe. Die Oberlippe gleicht einem gebogenen Helm. Die Unterlippe dagegen ist dreiteilig, kropfig. In der Oberlippe liegen zwei gebogene Staubfäden. Aus der Spitze des Helins ragt der zweiteilige Griffel hervor. Er steht höher als die Staubbeutel. Die Blüte kann sich daher nicht gut befruchten. Nun aber ist im Gmnde der Blumenröhre ein Honigtröpfchen. Das weiß die Biene sehr wohl. Sie kommt hungrig daher geflogen, setzt sich auf die Unterlippe und nascht mit ihrer langen Zunge den Honig. Dabei drückt sie auf den untem Teil der Staubfäden, so daß sich die Staubbeutel gegen den Rücken der Biene bewegen. So wird der Blütenstaub an den haarigen Leib der Biene abgestreift. Wenn nun die Biene wieder davon fliegt, so können gar leicht einige Körner Blütenstaub auf die Narbe fallen. Auf solch wunderbare Weise befruchtet sich die Blüte der Salbei. 5. Die Keckenrose. 1 . Die Rose unserer Gärten ist die Königin der Blumen. Wie angenehm duften die zarten, schöngefärbten Blumenblätter! Wie zierlich und lieblich ist die halbgeöffnete Rosenkuospe! Unsere Gartenrose hat in Hecke und Wald eine wildwachsende Schwester, die Hecken- oder Hundsrose. Diese muß mit andern Pflanzen um ihre Nahrung kämpfen. Auch entbehrt sie der sorgfältigen Pflege durch die Menschen. Ihre Blumen sind daher viel magerer und kleiner und duften nicht so lieblich, wie diejenigen ihrer wohlgenährten Schwester im Garten. 135 2 . Die Heckenrose besitzt einen Holz stamm. Dieser ist aber viel schwächer und kleiner, als derjenige des Apfelbaums. Sie ^ ist daher nur ein Strauch. Stämmchen und Äste sind mit sichelförmigen Stacheln besetzt. Keine Rose ohne Dornen! Fig. 6. Blüten und Blätter. Fig. 7. Durchschnittene Rosenblüte. Fig. 8. Hagebutte. Die Stacheln sitzen nur in der Rinde fest. Die Äste dagegen kommen aus dem Holz heraus und durchbrechen die Rinde. Das Blatt des Rosenstrauchs ist zusammengesetzt; denn an einem gemeinsamen Blattstiel stehen mehrere (5—7) Blättchen. Die einzelnen Blättchen sind eirund und am Rande gezähnt. Es stehen je zwei Blättchen einander 136 gegenüber; nur an der Spitze sitzt ein Blättchen, gewöhnlich das größte, allein. Das Rosenblatt ist also unpaarig gefiedert. Die obere, der Sonne zugekehrte Blattfläche erscheint dunkelgrün, die untere mehr blaugrün. Die Blüten stehen an den Enden der Zweige. Der Kelch ist bauchig, oben eingeschnürt und endigt in fünf langen, zierlichen Zipfeln. Wenn sich die Blüte öffnet, so legen sich die Zipfel zurück. Die Blumenkrone besteht aus 5 hellroten, rundlichen Blättem. Auf dem Kelchrande sind sehr viele Staubgefäße. Diese verwandeln sich bei der Gartenrose in lauter Blumenblätter. Sie erscheint daher als gefüllte Rose. Der grüne, fleischige Kelch der Heckenrose verwandelt sich zur roten Hagebutte. Sie schließt viele harte Sämchen ein, welche zwischen steifen Haaren liegen. Die rote, fleischige Hülle ist eßbar. 3. Aus dem wilden Rosenstrauch kann man eine edle Gartenrose heranziehen. Man schneidet aus dem Stämmchen der Gartenrose eine Knospe aus und bindet sie sorgfältig unter die Rinde der wilden Rose. Diese ist aber vorher von der Hecke in den Garten versetzt worden. Der Lehrer will uns dieses Kunststück bei unserm nächsten Spaziergang auch zeigen. 6. Aer Winterreps oder Lervat. 1 . Der Reps ist eine krautartige Ackerpflanze. Im Mai und Juni steht er im goldgelben Blütenschmucke da. Zahllose Bienen summen von Blume zu Blume und naschen Blütenstaub und Honig. Das Repsfeld ist vom Landmann schon letzten Herbst bestellt worden. Bor dem ersten Schnee hat sich das braune ] 37 Samenkörnlein zu einer starken Hauptwurzel und zu mehreren bodenständigen Blättern entwickelt. Die zarte Pflanze hat unter Eis und Schnee den Winter überdauert, ohne Schaden zu nehmen. * 2. Im Frühjahr hat nun der Reps vor andern Saatpflanzen einen großen Vorsprung. Rasch entwickelt sich die Hauptwurzel. Bald ist sie fingerdick, unten zugespitzt wie ein Pfahl. Man heißt sie daher Pfahlwurzel. Sie befestigt die Pflanze im Boden. Seitlich an der Pfahlwurzel entspringen zahllose kleine Fäserchen, welche das Erdreich nach allen Seiten durch- dringen. Sie saugen die Nahrung aus dem Boden und heißen daher Saugwurzeln. Auch der Stengel wächst lebhaft in die Höhe. Bald ist er ^ meterhoch. Oben verzweigt er sich in mehrere Äste. Stengel und Äste sind stark beblättert. Die Blätter sind gelappt und blaugrün. Die obern Blätter umfassen den Stengel und sind sitzend. Die Blüten stehen auf dünnen, fast gleich langen Stielchen, welche an verschiedenen Stellen der Äste entspringen. Man heißt diesen Blüten st and eine Traube. Der Kelch ist vier- blättrig; die vier goldgelben Blumenblätter bilden ein Kreuz. Der Reps hat also eine Kreuzblüte. Es sind 6 Staubgefäße vorhanden, von denen 4 länger sind als die andern 2. *► Am Grunde der Staubgefäße finden sich 4 kleine Wärzchen, welche von Honig gefüllt sind. Diese Honigdrüsen locken die Bienen an. Durch den häufigen Besuch dieses Insekts wird die Befruchtung der Blüte gefördert, ganz ähnlich, wie bei i der Salbei. 138 3. Nach der Befruchtung fallen alle Blüten- teile ab, bis aus den Fruchtknoten. Dieser entwickelt sich zu einer langen Schote. Die Schote hat eine Scheidewand. Zu beiden Seiten derselben liegen die kleinen Samen, welche sehr viel Öl enthalten. Man gewinnt dasselbe durch starkes Pressen. Früher wurde der Neps viel häufiger gebaut, als jetzt. Man kannte weder das Petroleum, noch das Leuchtgas. So mußte man damals an den langen Winterabenden beim trüben Öllicht arbeiten. Der Neps ist keine wildwachsende Pflanze, w wie die Wiesensalbei, sondern er gehört zu den Schotenfrucht, angebauten oder kultivirten Pflanzen. 7. Aie angebaute Kröse. 1. Ansaat und Entwicklung. Meine Mutter pfianzt alljährlich im Garten ein Beet Erbsen an. Denn wir essen die grünen, süßen Hülsen gerne, und im Winter schmeckt die Erbsensuppe sehr gut. Ich habe der Mutter letzten Frühling beim Anpflanzen des Erbsenbeetes geholfen. Das war gar lustig und lehrreich dazu. ! Das Erdreich wird vorher durch Untstechen uitd Hacken ganz ' locker gemacht. Auch Dünger wird in die Erde vergraben. Aus diesem soll die Wurzel ihre Nahrung saugen. Wie O wunderbar! Hier ist Erde und Dünger, und daraus soll die Erbse Stengel, Blätter und eßbare Samen bilden! Das Gartenbeet wird in Reihen abgeteilt. In jede Reihe macht man nun Handtiefe Löcher. In jedes Loch kom- 13 » men 10—12 Erbsen. Die Zwischenräume werden mit dem Rechen schön verebnet, und der Mensch überläßt die Ansaat getrost der Natur. Der liebe Gott schickt Regen und Sonnenschein, und nach wenig Tagen hebt jede Erbse ein zartes Stengelchen mit zwei rundlichen, dicken Blättchen in die Höhe. Diese Blättchen erkennt man ganz gut als die beiden Hälften des Sainens. Sie heißen Samenlappen oder Keimblätter. Das junge Pflänzchen zieht aus ihnen die erste Nahrung. Sie schrumpfen daher zusammen, je mehr die junge Pflanze wächst. Bald ist die Wurzel so erstarkt, daß sie nun selbst die Nahrung aus dem Boden aufsaugen kann. Zwischen den Samenlappen zeigt sich eine Knospe. Diese entwickelt sich rasch zu einem neuen Stengelglied. Oben an demselben zweigt sich ein Blatt ab. Aus einer neuen Knospe entspringt ein neues Stengelglied, und bald ist die Pflanze groß geworden. 2. Beschreibung der Erbsen pflanze. Der krautige Stengel der Erbsenstaude ist nicht so stark wie derjenige des Reps. Er kann nicht selbständig aufrecht stehen. Man muß ihn daher mit einem Pfahl stützen. Das zusammengesetzte Blatt ist paarig gefiedert. Der Blattstiel endigt oben nicht mit einem Blatt wie bei der Rose, sondern er läuft in einen feinen Draht aus. Diese Ranke ist gleichsam die Hand der Erbsenstaude. Sie windet sich um den festen Pfahl, und auf diese Weise kann sich der rankende Stengel aufrichten und festhalten. So genießt die Erbse mit Hilfe der Krücke Luft und Sonnenschein. Zu dem Hauptblatte gehör.» noch je zwei große Nebenblätter. Sie sind halb herzförmig und umfassen den Stengel. Die Blüten haben eine gar merkwürdige Form. Der Kelch ist glockig, fünfspaltig. Die Krone besteht aus 5 ungleich großen, weißen oder blauroten Blumenblättern. Diese sind so gestellt, daß sie einem sitzenden Schmetterlinge gleichen. Das nach oben gerichtete große Blumenblatt heißt Fahne, die zwei gleich großen, zusammenneigenden Blätter an der Seite sind die Flügel. Diese letztem schließen das Schiffchen ein, welches aus zwei an der Spitze verwachsenen Blättchen besteht. Im Schiffchen sind 10 zu einem Schlauche verwachsene Staubfäden und der Stempel. Der Fmchtknoten entwickelt sich zu einer Hülse. Sie besteht aus zwei langen, fleischigen Blättern, welche durch eine Naht verwachsen sind. Im Innern der Hülse sind 6 bis 7 Samen, die runden Erbsen, angewachsen. Der Nahrungsstoff für die Samen wird anfänglich in die Hülsenblätter abgelagert, welche daher eßbar sind. Die Samen sind dann noch klein. Bald aber wird die Hülse dünn und holzig, und die Samen reifen zu den großen, kugeligen Fig 10. Erbsen aus. Jetzt springt die Hülse von selber auf. Die Erbse hat eine Schmetterlingsblüte und trägt eine Hülsenfrucht. Die Hülse hat keine Scheidewand, wie die Schote. 8. Aie Tollkirsche oder Welladonna. 1 . Die Pflanze ist eine gar wunderbare Küche. Bald kocht sie aus Wasser und Erde eine nahrhafte Erbse oder eine zuckersüße Birne. Bald aber bereitet sie geheimnisvolle Säfte, die den kranken Menschen gesund machen oder aber unsern Leib zerstören. Jene Pflanzen, aus denen man heilende Tränklein für 14t I -3 den kranken Menschen bereitet, heißen Heil- oder Arzneipflanzen. Giftpflanzen hingegen haben so starke Säfte, daß sie die Gesundheit von Menschen und Tieren gefährden, ja ihnen sogar den Tod bringen. 2 . Fig. 11. Durchschnittene Beere. Zweig der Tollkirsche mit Blüte und Beere. Die gefährlichste Giftpflanze unserer Gegend ist die Tollkirsche. Sie wächst im schattigen Walde an unheimlicher, vereinsamter Stelle. Ein dicker Wurzelstock treibt alljährlich krautige, fast mannshohe Stengel, die im Herbst wieder absterben. Der einzelne Stengel ist rötlich angelaufen, fingerdick und verbreitet sich oben in doldige Äste. Stengel und Äste sind mit eiför- 142 migen Blättern beseht. Dieselben verbreiten einen unangenehmen, betäubenden Geruch und sind, wie Stengel und Wurzel, giftig. In der Blattachsel entspringen ein bis zwei Blütenstielchen. Der Kelch ist einblättrig, fünfzipflig. Die Blumenkrone besteht auch nur aus einem Blatt. Sie ist glockenförmig, am ? Rande gelappt und von blaßrötlicher Farbe. Innen an der Blumenkrone sind 5 Staubgefäße angewachsen. Bald fällt die Blumenkrone ab, und der runde Fruchtknoten entwickelt sich zu einer Beere. Dieselbe ist anfangs grün, dann rot, endlich bei der Reife glänzt sie schwarz und hat ungefähr die Größe einer Kirsche. In dem weichen, saftigen Fleische sind viele braune Sämchen eingeschlossen. Die Tollkirsche ist eine ausdauerndeKraut- pflanze. Sie hat große Blätter, eine glockige Blumenkrone und eine Beerenfrucht. 3. Vergiftung durch Tollkirschen. Gar häufig kommt es vor, daß unerfahrene Kinder im einsamen Walde die Tollkirsche treffen. Verlockend lachen ihnen die glänzenden Beeren entgegen. Sünde und Versuchung gehen ja immer in glänzendem Gewände einher! Unglückliches Kind, zieh' deine Hand ab von dieser Frucht, sonst ist es um dein junges Leben geschehen! Doch es hört nicht die warnende Stimme: „Iß keine Frucht, welche du nicht als unschädlich und ungefährlich kennst!" Es ißt von den fade süßlich schmeckenden Beeren nur einige Stücke, was leider schon zu viel ist. Nach kurzer Zeit wird es unwohl. Der Augenstern erweitert sich. Ein hetäubender Kopfschmerz stellt sich ein. Halb ohnmächtig taumelt es dahin. Bald weiß es nicht mehr, wo es ist. Die bangenden Eltern finden ihr liebes, blühendes Kind nur als eine Leiche wieder. Wenn bei Vergiftung durch die Tollkirsche rasch ärztliche Hilfe hinzutritt (Erbrechen), so kann öfters das Schlimmste verhütet werden. 4 143 Merkwürdig ist es, daß gerade die Giftpflanzen auch Heilkräfte besihen. So kann der Arzt das Gift der Tollkirsche gegen Augenkrankheiten anwenden. Die wunderbaren Säfte der Pflanze können also zum Tode oder zum Leben führen. * Wir wollen uns die Lehre merken: „Esset keine Früchte, von denen ihr nicht ganz bestimmt wißt, daß sie gut und genießbar sind!" 9. Ale weiße Lilie. 1 . Im Lande Kanaan ist die Heimat der weißen Lilie. Dort wächst sie wild, die herrliche Blume. Wegen ihrer Schönheit ist sie zu uns verpflanzt worden. Sie ist die schönste Zierpflanze unserer Gärten. Es gibt noch viele * andere Pflanzen, welche bei uns bloß im Garten oder im Treibhaus gedeihen. In wärmeren Ländern der Erde wachsen sie wild und werden doch viel größer und glänzender, als bei uns unter der sorgfältigsten Pflege. Wie dort unter dem warmen Himmelsstrich die Pflanzen viel reicher, größer und schöner werden, als bei uns, so gedeihen sie dagegen in kalten Ländern viel spärlicher, als in unserer Gegend. Unsere große Tanne verkümmert dort zu einem kriechenden Strauch. 2 . Die weiße Lilie hat in der Erde eine Zwiebel (Fig. 12 «* und 18). Dieselbe besteht aus 20—30 in einander geschachtelten Blättern. Sie kann mit einer Knospe verglichen werden. Aus der Zwiebel schlagen nach unten die Wurzeln aus; nach oben treibt der Stengel. Man bezeichnet daher die Zivicbel als eine unterirdische Stengelform. 144 Die Wurzeln bilden einen seinen Haarbüschel. Alle einzelnen Würzelchen sind ungefähr gleich stark. Die Lilie besitzt also Faserwurzeln. Der Stengel, welcher aus der Zwiebel hervorbricht, ist rund und fast meterhoch. Er ist mit länglichrunden, schmalen Blättern besetzt. Am obern Teil des Stengels hangen 3—8 wunderbar schöne und liebliche Blüten. Sechs schneeweiße, große Blumen- M » 7 > W i Ä WM Fjg. 12. Zwiebel, äußere Ansicht. Fig. 13. Durchschnitt der Zwiebel, blätter sind zu einer Glocke zusammengestellt; der Kelch fehlt. Die Blütenhülle ist also nur einfach. Im Innern der prächtigen Blumenkrone sehen wir 6 große Staubfäden mit großen, goldgelben Staubbeuteln. Wer den herrlichen Duft genießen will, bekommt sicher eine gelbe Prise an die Nase. Der große Stempel hat eine dreiteilige Narbe und einen dreifächerigen Fruchtknoten. Dieser entwickelt sich zu einer Kapsel, welche bei der Reife aufspringt. Die neue Pstanze entsteht selten aus dem Samen. Während des Sommers bildet sich eine neue, unterirdische Knospe oder Zwiebel. Aus dieser entsteht im Frühling eine neue Lilienpflanze. 145 Die Lilie in ihrem schneeigweißen Blütenschmucke ist das Sinnbild der Unschrlld. 10. Aer Weizen. Der Weizen stammt, wie die weiße Lilie, aus dem Morgenlande. Er wird seit uralter Zeit gebaut und ist die wichtigste aller Kulturpflanzen. Als man den Weizen noch nicht anbaute, mußten sich die Menschen durch Jagd und Fischfang ernähren. Sie hatten daher noch keine bleibenden Wohnsitze. Erst durch den Anbau des Weizens kamen die Menschen dazu, sich an einem häuslichen Herde niederzulassen und Städte und Dörfer zu bauen. 1. Ansaat und Entwicklung des Weizens. / Der Anbau des Weizens ist wohl die wichtigste Beschäftigung des Landwirts. Im Herbst streut der Säemann das Korn in das lockere, gutgedüngte Erdreich. Bald beginnt die Saat zu keimen. Aus dem Grunde des Samenkorns entspringt nach oben ein zartes Stengelchen mit ineinander geschachtelten Blättchen. Würzelchen. Das Hauptwürzelchen stirbt jedoch bald ab; dafür entwickeln sich eine Menge gleich starker Neben- wurzeln. Sie bilden einen Büschel und gehen nicht tief in das Erdreich. Der Weizen kann daher seine Nahrung nicht aus der Tiefe holen, wie etwa der Klee und die Esparsette. Er ist keine tiefgründige, sondern eine ^ obergründige Pflanze. Wcizcnähre'. Thurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 10 Einzelne Blüte einer Weizenähre. Z Nach unten wächst ein Der Inhalt des Samenkorns ist bald aufgebraucht. Das junge Pflänzchen muß sich nun selbst ernähren. Wohl ihm, wenn es ein reichgedüngtes Erdreich findet! Bald kommt der Winter. Das zarte Pstänzchen müßte wohl erfrieren, wenn es nicht unter der schützenden Schneedecke wohl verwahrt wäre. Schneearme Winter sind daher dem Weizenfelde nachteilig. In den sonnigen Tagen des Frühlings erwacht das zarte Weizenpflänzchen zu neuem Wachstum. 2. Beschreibung des Weizens. Der Weizen hat eine büschelförmige Faserwurzel, aus welcher meist mehrere Stengel emporwachsen. Der Stengel des Weizens ist ein Halm; denn er ist oben und unten fast gleich stark und durch Knoten gegliedert. Letztere schließen je ein hohles Stengelglied durch Scheidewände ab. Bei jedem Knoten tritt ein Blatt aus dem Stengel hervor. Der untere Teil des Blattes umschließt das folgende Stengelglied, wie die Scheide das Schwert; dieser Teil des Blattes heißt daher Blatt scheide. Der obere Blatteil steht vom Stengel ab und ist lang und schmal, linealförmig. Der Stengel endigt oben in einer Ähre. Auf einem gemeinschaftlichen Blütenstiele, der Spindel, sitzen wechselweise wieder Ährchen. Die Weizenblüte bildet somit eine zusammengesetzte Ähre (Fig. 15). Vergebens suchen wir nach der schöngefärbten Blumenkrone. Die Blüten- hülle besteht nur aus grünen, steifen Spelz blättern. Die ersten zwei Spelzblättchen schließen ein kleines, meist vierblätt- riges Ährchen ein (Fig. 14). In den innern zwei Spelzblättern finden wir endlich Staubgefäße und Stempel. Zur Blütezeit (Juni und Juli) sind die Spelzblättchen geöffnet. An dünnen Fäden hangen drei Staubbeutel heraus. Der Fruchtknoten trägt 147 zwei sederförmige Narben. Sobald der Blütenstaub auf die Narbe gefallen ist, schließen sich die Blütenspelze wieder zu. 3. Die Ernte. Nun beginnt eine rasche Veränderung mit der Pflanze. Der Fruchtknoten füllt sich mit einem süßlichen Milchsäfte. Die heißen Sommertage reifen ihn endlich zu einem harten, mehligen Samenkorne. Stengel und Blätter, welche bisher grün und weich waren, werden nun hart, holzig und gelbweiß. Das wallende Kornfeld harrt der Ernte. Bescheiden neigen sich die mit reicher Frucht beladenen Halme zur Erde; nur die tauben Ähren heben stolz ihr Haupt empor. Schnitter und Schnitterinnen kommen am frühen Morgen und mähen das Kornfeld ab. Am Nachmittag werden die dürren Halme in Garben gebunden und in die Scheune geführt. Muntere Lieder ertönen vom heimkehrenden Volk, und der Landmann hebt dankend seinen Blick zum Himmel, der seine Saat so reichlich gesegnet hat. In den nebligen Herbsttagen werden die Garben gedroschen. Früher war das eine beschwerliche Handarbeit. Heute benutzt man fast überall die Dreschmaschine, die meist von Pferden getrieben wird. Die gelben Samenkörner fallen dabei aus den Spelzen. In der Mühle werden die harten Körner zwischen zwei Steinen in Mehl zerrieben. Durch ein feines Sieb entfernt man die rotgelben Samenhüllen (Grüsch), und aus dem weißen Mehl bäckt man das Brot, ohne welches wir nicht leben könnten. Darum bitten wir den lieben Gott um unser täglich Brot. Diele Kinder wissen nicht, woher das Brot kommt. Es muß durch Fleiß und Arbeit mühsam erworben werden. 11. Das Torfmoos. 1 . Die Moose sind gar zierliche und bescheidene Pflänzchen. Im Walde, auf Bäumen, ja selbst auf Hausdächern und Steinen siedeln sie sich in geselliger Weise an. Es gibt gar 148 verschiedene Arten von Moosen. Das Torfmoos, das wir betrachten wollen, kommt in feuchten Wiesen, in Sümpfen und stehenden Gewässern vor. Es ist leicht kenntlich an seiner gebleichten, ins Rötliche spielenden Farbe. 2 . Ng. 16. Der 2—3 cm hohe Stengel ist oben gabelig verästelt. Er trägt unten feine Wurzelhaare. Die Äste sind mit kleinen, sitzenden Blättern dicht besetzt. Diese Blättchen haben eine abgerundete Spitze und sind dachziegelartig gelagert. Am Gipfel der Ästchen entspringen dünne Stielchen, welche an der Spitze eine kleine, eirunde Kapsel, die Moosbüchse, tragen. Diese Büchse ist mit einem Federhütchen geziert. Unter dieser Haube hebt sich ein Deckelchen, und aus der geneigten Büchse fällt ein feiner Staub. Wie sonderbar! Das ist nicht etwa der Blütenstaub, sondern gleich die reise Frucht. Das Moos entwickelt somit eine Frucht, ohne Blüten zu tragen. Es ist eine bluten lose Pflanze. Die kleinen, staubigen Körner, welche aus der Büchse fallen, heißen Sporen. Sie sind so 149 klein, daß sie der Wind nach allen Seiten tragen kann. Fällt der Sporen auf feuchte Erde, auf ein Hausdach oder sonst wohin, so entsteht daraus ein neues Moospflänzchen. In sumpfigen Orten bildet das Torfmoos dichte, bürsten- ^ artige Lager. Der untere Teil der Pflanze verwest, sinkt ins Wasser zurück und bildet den Tors. Oben auf dem Grabe des abgestorbenen Pflänzchens wächst es lustig fort. 3 . Das Moos ist nach unserer Meinung eine unvollkommene Pflanze. Es hat keine eigentliche Wurzel; die Blätter sind fast verkümmert; Blüten kommen gar nicht vor. Dennoch kann das Pflänzchen fröhlich gedeihen und sich vermehren. Ja im Haushalt der Natur ist es sehr wichtig! Wie gerne lassen wir uns im schattigen Walde auf ein weiches Mooslager nieder! Gewöhnlich ist dieses Mooslager feucht; denn es hält * den Regen lange Zeit zurück, um in Tagen der Trockenheit andere dürstenden Pflanzen damit zu tränken. Das Moos wächst selbst auf nackten Steinen und bereitet dadurch höhern Pflanzen ein gutes Erdreich. So erkennen wir, daß in der Natur jedes Geschöpf, ob es vollkommen oder unvollkommen sei, an seiner rechten Stelle ist. Das stolze Pferd und der arme Wurm im Staube, der gewaltige Eichbaum und das bescheidene Moospflänzchen — jedes Geschöpf muß im Zusammenhang mit den andern Wesen die Aufgabe erfüllen, welche ihm der Schöpfer angewiesen hat. „Schön ist die Natur! Bach und Wald und Flur ^ spricht: Es ist ein Gott! Von des Baumes Moos, aus der Erde Schoß tönt's: Es ist ein Gott!" 150 12. Ergebnisse. I. Die Pflanze ist ein lebender Naturkörper. Sie entsteht'aus dem Samen und treibt Wurzeln, Stengel, Blätter imb Blüten. Aus der Blüte entwickelt sich die Frucht, welche wieder keimfähige Samen enthält. Nachdem die Frucht gereist ist, stirbt gewöhnlich die Pflanze ab. Es gibt einjährige, zweijährige und ausdauernde Pflanzen. Die zwei- und einjährigen Pflanzen werden angesäet ; jene im Herbst (Reps), diese im Frühling (Erbse). Im Herbste sterben beide ab. Die ausdauernden Pflanzen entwickeln sich im Frühling aus Knospen. Bei Bäumen und Sträuchern stehen die Knospen an Stamm und Ästen, bei ausdauernden Krautpslanzen hingegen im W u r z e l st o ck. (Lilie, Tollkirsche.) Die meisten ausdauernden Pflanzen verlieren im Herbste die Blätter; andere behalten dieselben und sind darum immergrün. (Tanne, Stechpalme.) Im Winter steht das Wachstum still. II. Es gibt wildwachsende und Kulturpflanzen. Manche der letzteren sind aus fremden Ländern zu uns gebracht worden. (Weizen, Lilie.) Sie werden vom Menschen sorgfältig gepflegt, angebaut, weil er ihrer zum Leben bedarf. Unter der Pflege der Menschen wird die Pflanze vollkommener, veredelt. (Heckenrose — Gartenrose; Holzapfel — Rosen- apftl.) III. Eine vollkommene Pflanze hat Wurzel, Stengel, Blätter und Blüten, (Früchte). Man heißt die Pflanzenteile Glieder oder Organe. Es gibt auch b l ü t e n - lose Pflanzen (Moos). 1. Die Wurzel wächst nach unten. Sie saugt die Nahrung aus der Erde und gibt der Pflanze festen Halt im Boden. Viele Pflanzen haben eine Pfahlwurzel mit vielen Saugwurzeln. (Reps.) Andere Pflanzen haben nur gleich starke Neben wurzeln. (Lilie, Weizen.) 2. Der Stengel. Nach der Beschaffenheit des Stengels gibt es Bäume, Sträucher und Kräuter. Pflanzen 151 mit starkem Holzstamm heißen Bäume. Die Sträucher haben auch einen ausdauernden Holzstamm; derselbe ist aber nicht stark und meist von Grund aus verästelt; die Kräuter hingegen haben einen weichen, grünen Stengel, der jedes Jabr abstirbt. Der Stengel ist ein Halm, wenn er Knoten hat (Weizen), ein Schaft, wenn er unverzweigt und blattlos ist (Löwenzahn). Der Stengel ist rund (Reps) oder kantig (Wiesensalbci), kriechend (Erdbeeren), rankend (Erbse) oder starr aufrecht (Tollkirsche). Beim Weizen ist er ungeteilt, beim Reps und bei der Tollkirsche in Äste verzweigt oder gäbe lästig. Der Stengel wächst in die Höhe und in die Dicke. Er leitet den Saft von der Wurzel zu Blatt und Blüte. 3. Das Blatt ist, wie die Wurzel, zur Ernährung der Pflanze notwendig. Es strebt nach Lust und Sonnenschein. Daher zweigt es sich vom Stengel ab und entwickelt sich meist zu einer ausgebreiteten Blattfläche. Es ist grün. Die Plattformen sind sehr verschieden. Sie bieten ein Erkennungszeichen für jede Pflanze. 4. Die Blüte. Die Blüten stehen oft in Büscheln (Apfelbaum); bald bilden sie eine Traube (Reps), bald eine Ähre (Weizen). Eine vollständige Blüte besteht aus Kelch, Blumenkrone, Staubgefäßen und Stempel. Kelch und Blumenkrone sind nur Blütenhüllen. Sie sind unwesentliche Organe und können daher oft fehlen. Bei der Lilie fehlt der Kelch, beim Weizen die Krone. Staubgefäße und Stempel sind wesentliche Organe. Sie dürfen daher bei keiner fruchttragenden Blüte fehlen. a) Der Kelch ist gewöhnlich grün. Bald ist er einblättrig (Rose), bald mehrblättrig (Reps), abfallend oder bleibend. b) Die Blumen kröne zeichnet sich meist durch i.we schönen Farben und durch ihren Geruch aus. Sie ist einblättrig (Tollkirsche) oder mehrblättrig (Rose). Die einblättrige Krone ist glockig (Tollkirsche) oder l i p p e n f ö r m i g (Wiesensalbci). Die mehrblättrige Krone ist bei der Apfelblüte aus 5 gleichen Blättern ge- 152 bildet, also regelmäßig. Der Neps hat eine Kreuz- blüte, die Erbse eine Schmetterlingsblüte. Bei allen Blüten fällt die Krone ab. c) Die Staubgefäße bestehen aus Staubfäden und Staubbeuteln. Letztere enthalten den Blütenstaub. Die Zahl der Staubgefäße ist sehr verschieden (Weizen 3, Lilie 6, Apfelbaum mehr als 20). d) Der Stempel besteht aus Fruchtknoten, Griffel und Narbe. Der Fruchtknoten enthält die Sameu- eierchen. Er trägt oft nur einen Griffel (Tollkirsche), oft mehrere (Rose). Soll die Blüte zur Frucht reifen, so muß der Blüten- staub auf die Narbe fallen. Von da gelangt er durch den hohlen Griffel zu den Sameneierchen des Fruchtknotens. Dieser Vorgang heißt Befruchtung. Durch honigsuchende Insekten wird diese häufig befördert und dadurch die Fruchtbarkeit der Pflanze vermehrt. e) Die Frucht bildet sich aus dem Fruchtknoten. Sie enthält die Samen. Die Frucht ist bald eine Kapsel, welche bei der Reife aufspringt (Erbse, Reps), bald eine Apfelfrucht, bald eine Beere (Tollkirsche). 13. Die Hauskatze, l. Sie hat einen rundlichen Kopf, einen schlanken, geschmeidigen Leib und vier starke, ziemlich kurze Beine. Den langen Schwanz bewegt sie im Zorn und in der Freude. Kopf, Rumpf und Glieder sind die Hauptteile des Tierleibes. Am Kopfe unterscheiden wir das Maul mit Oberlippe und Unterlippe, die Nase, die Augen und die Ohren. Die Nase der Katze ist jiackt L die Oberlippe gespalten und mit Schnurrhaaren besetzt. Die Augen sind 153 gross und grau; der Augenstern ist spaltförmig, des Tages schmal, des Nachts weit geöffnet und leuchtend. Die Katze sieht daher auch bei Nacht ziemlich gut. Die Ohren sind kurz, aufrecht. Nase, Augen und Ohren sind Sinnes Werkzeuge; sie dienen dem Tiere zum Riechen, zum Sehen und zum Hören. Die Katze hat ein scharfes Auge und ein feines Gehör. Das Gehiss der Katze ist sehr scharf. Im Ober- und Unterkiefer stehen je sechs kleine, meisselförmige Schneide- zähne. Hinter letzteren steht in jedem Kiefer je ein grosser, spitziger Eckzahn. Er heisst auch Reisszahn, weil er zum Zerreissen der Beute dient. Nun folgen die Backenzähne, oben je vier, unten je drei. Sie sind höckerig und zackig, auch dicker und breiter als die Yorderzähne. Sie dienen mehr zum Kauen und Zer- mahlen der Speise. Das Gebiss zeigt uns, dass die Katze ein fleischfressendes Tier ist. Der Katzenfuss ist eine weiche Sammetpfote; daher der leise Gang. Die nadelscharfen, krummen Krallen sind beim Gehen eingezogen. Sie werden als Waffe und beim Klettern benutzt. Das Fell der Katze ist mit weichen Haaren besetzt. Die Farbe der Haare ist sehr verschieden, bald schwarz oder grau, bald weiss oder gelb, oft gestreift oder vielfarbig. 2 . Die Katze bringt lebendige Junge zur Welt, welche noch blind und hilflos sind. Gar zärtlich werden sie von der Mutter genährt und gehütet. Oft trägt sie dieselben an die Sonne, spielt mit ihnen und unterrichtet sie in ihren Künsten. Wenn Gefahr droht, so packt sie mit dem Maul ihre Kleinen am Rücken und trägt sie an einen geschützten Ort. Todesmutig stürzt sie sich selbst in das brennende Haus, um ihre Jungen zu retten. 154 Ist ihr ein Junges abhanden gekommen, so miaut sie ängstlich den ganzen Tag und ruft betrübt nach dem Verlorenen. So zeigt uns die Katze die hingebende, aufopfernde Mutterliebe. Die Katze hat rotes, warmes Blut , im Innern ein Knochengerüst und einen mit Haaren bedeckten Leib. Die Jungen icerden mit Milch gesäugt. Die Katze ist ein Säugetier. 14. Lebensweise der Katze. Ein junges Kätzchen ist ein gar munteres, possierliches Tier. Überall findet es ein Spielzeug. Es duckt sich nieder, schlägt mit dem Schweife und springt hoch und weit in einem Satze. Jetzt richtet es sich auf den Hintersassen auf, gebraucht die Vorderpfötchen, wie Händchen, und wendet sich zierlich und schnell nach allen Seiten. Doch schon in früher Jugend erweist sich die Katze als ein grausames Raubtier. Ein furchtsames Mäuschen kommt aus seinem Schlupfwinkel hervor und sucht nach Brosamen. Das Kätzchen hat die Maus erblickt. Es verlässt sein Spielzeug. Mordgier blitzt aus seinen Augen. Es duckt sich auf den Boden, streckt die Krallen aus den Tatzen und richtet die Ohren in die Höhe. Jetzt macht es blitzschnell einen Sprung, und die arme Maus zappelt hilflos in den Krallen ihres Todfeindes. Da beginnt ein neues Spiel, aber ein gar grausames. Die Katze lässt die gefangene Maus laufen, fängt sie wieder, lässt sie von neuem frei, bis sich endlich das arme Mäuschen vor Todesangst nicht mehr rühren kann. An diesem Spiel sieht man so recht die grausame Katzennatur. Kinder, welche Käfern oder Fliegen Beine oder Flügel ausreissen, oder andere Tiere zu Tode quälen, haben auch eine solche Katzennatur. Aber gerade durch diese Mordsucht wird die Katze zum nützlichen Haustier. Sie befreit unsere Wohnungen von den lästigen Mäusen. Ohne Katzen würden sich die Mäuse so stark vermehren, dass wir unsere Wohnungen verlassen müssten. In Ägypten wurde daher die Katze als ein heiliges Tier verehrt. 155 Doch wird die Isatzo auch schädlich; denn sie lauert nicht nur den Mäusen auf, sondern sie verfolgt auch die nützlichen Singvogel. Und wer unserm Freunde Schaden zufügt, der schadet auch uns. Die Katze ist äusserst reinlich. Sie leckt das weiche Pfötchen, streicht und wascht sich damit auf allen Seiten. Das Schmeicheln versteht sie sehr gut. Gar zutraulich streichelt sie an unsern Beinen. Wenn wir ihre Liebkosungen vergelten, so spult (spinnen, schnurren) sie gar gemütlich. Mit dem Hunde lebt sie fast immer im Krieg. Doch gar mutig und tapfer verteidigt sie sich gegen ihren viel grossem Gegner. Sie zieht den Rücken zusammen, sträubt die Haare und blickt wild drein. Jetzt pfaucht (schneuzt) sie und haut mit den scharfbekrallten Tatzen um sich. Der Hund fürchtet ihren Zorn und wird meist von der Katze in die Flucht geschlagen. 15. Der Löwe. 1 . Der Löwe ist der König der Tiere; denn er übertrifft sie alle an Kraft, Mut und Gewandtheit. Sein Körperbau ist demjenigen der Katze ganz ähnlich. Auch das Gebiss und die Pfoten des Löwen sind gleich beschaffen, wie bei der Katze. Man zählt ihn daher zu den Katzennrten. Sein Fell ist einfarbig, braungelb. Das Männchen hat eine starke Mähne und eine Sdncanzquaste (Büschel- schwanz). Die Mähne ist die schönste Zierde des Löwen. Sie verleiht ihm ein stolzes, männliches Aussehen. Der Löwe wird über 2 m lang, 1 m hoch und 150 kg schwer. Mit dem meterlangen Schwänze kann er selbst einen kräftigen Mann niederschlagen. 2 . Des Kachts zieht er auf Raub aus. Mit donnerälmlichem Gebrüll verlässt er seine Felsenhöhle. Er neigt den Kopf zur WWW mm ***?■ vtVtx. sSsStoöifts ~2fc. ■] M »ii r iS3|tä ; *--- fürurrii»!®««! s%ss UryWM ^_L--i Fig. 17. Erde und holt aus seiner breiten Brust so gewaltige Töne hervor, dass davon die Erde erzittert. Ochsen und Pferde erbeben in ihrer Hütte, und die Tiere der Wüste laufen scheu nach allen Seiten. Jetzt hat er ein Rind erspäht. Er erhebt den Schweif und peitscht damit die Erde. Die lange Mähne richtet sich empor, und aus den Augen blitzen Tod und Verderben. In gewaltigem Sprung stürzt er sich auf sein Opfer. Da hilft keine Gegenwehr. Mit Zähnen und Krallen hat er das Rind im Rücken und Nacken gepackt. Wie gewaltig muss seine Kraft sein; denn er springt mit dieser schweren Beute selbst über einen 3 m hohen Zaun leicht hinweg! Seine Mahlzeit ist vollendet. Den Rest schleppt er in seine einsame Felsenhöhle. Dort wartet die Löwin mit ihren Jungen auf ihn. Er versorgt sie fleissig mit frischem Fleisch 157 und richtet die täppischen Jungen zum Fange ab. Die Löwin hängt gar zärtlich an ihren Jungen und verteidigt sie mit grenzenloser Wut gegen jeden Feind. Wenn der Löwe nicht vorn Hunger geplagt wird, so ist er ruhig und ungefährlich. Aus seinen braunen, klaren Augen blickt Treue. Den Menschen greift er nicht an. Wird er aber durch kühne Jäger gereizt, so setzt er sich gar mannhaft zur Wehr. Er kämpft, so lange noch ein Funken Leben in ihm ist. Er bleibt im Tode noch der König der Tiere. Die Löwenjagd ist daher sehr gefährlich. Wird der Löwe jung gefangen, so lässt er sich zähmen. Gegen seinen Herrn zeigt er sich dann sehr anhänglich und treu. Gar seltsame Geschichten erzählt man von der Dankbarkeit und Grossmut des Löwen. Im Altertum waren die Löwen viel häufiger als jetzt. Julius Cäsar, ein römischer Feldherr, liess einst zur Belustigung des Volkes 400 lebendige Löwen vorführen. — Jetzt ist der Löwe in einöde, felsige Gegenden des heissen Erdteils zurückgedrängt. 16. Das Rind. 1 . Das Rind hat einen eckigen, grossen Kopf. Am dicken Halse ist eine herabhängende Haut, die Wamme. Der Leib ist dick und plump, hat einen kantigen Rücken und einen Quastenschwanz. Die Beine sind stark. Der Fuss endigt in zwei Zehen, welche in hornigen Hufen stecken. Das Rind ist daher ein Zweihufer. Zwischen den Hinterbeinen befindet sich das Euter mit vier Zitzen (Zapfen). Das Gebiss gleicht dem der Katze durchaus nicht. Im Unterkiefer sind acht Schneidezähne, im Oberkiefer keine. Dagegen hat das Rind eine lange, rauhe Zunge, welche zum Abrupfen des Grases benutzt wird. Eckzähne fehlen ganz. In jeder Kieferhälfte stecken acht breite, flache Backenzähne. Aus der Beschaffenheit des Gebisses erkennt man deutlich, dass das Rind keine Tiere zerreisst, sondern auf Gras und Heu angewiesen ist. Das Maul ist gross, die Oberlippe dick, fleischig und glatt. Die Nasenlöcher stehen weit auseinander. Die grossen, blöden Augen sind seitlich am Kopfe. Die Stirne ist breit und stark. Sie trägt zwei glatte, gebogene und hohle Hörner ; diese sind die gefährlichste Waffe des Stiers. An der Grösse und Biegung der Hörner erkennt man die verschiedenen Viehrassen. — Die Ohren stehen seitlich auswärts. Sie sind gross, behaart und beweglich. Die Haut ist mit glatten, anliegenden Haaren bekleidet. Die Farbe ist verschieden. In der Schweiz kennen wir hauptsächlich zwei Viehrassen, das Braunvieh und das Fleckvieh. Bei letzterem ist die Färbung entweder schwarzweiss oder rotweiss. 2 . Eigentümlich ist beim Vieh das Wiederkäuen. Wenn das Rind sich satt gefressen hat, so zieht es seine Füsse unter sich und ruht behaglich aus. Nun beginnt es seine Mahlzeit noch einmal zu kauen. Das verschlungene Futter kann es aus dem Magen wieder heraufholen, um es zwischen den breiten Backenzähnen fein zu zermahlen. 3 . Im Altertum gab es bei uns auch wilde Stiere, Auerochsen. Sie hatten eine lange, zottige Mähne und schwarzbraunes Haar. In vielen Ländern (Südamerika) ist das Rind verwildert. Man sieht dort oft wilde, herrenlose Herden von viel tausend Stück. Solche Herden werden oft von reissenden Tieren angefallen. Dann wissen sie sich aber gar geschickt zu verteidigen. Die jungen Kälber und die schwachen Kühe werden in die Mitte genommen. Die Stiere bilden mit ihren harten Köpfen und den gefährlichen Hörnern einen geschlossenen Ring. Wehe dem Tiere, das einen Angriff wagt! Es würde mit den Hörnern an die Erde gespiesst. — Ein verein- samtes Rind hingegen fallt den Raubtieren gewöhnlich zum Opfer. Es wird von hinten angegriffen, wo es sich nicht verteidigen kann. Aus diesem Grunde wohl haben sich die Rinder gewöhnt, gesellig zu leben. Auch bei den Tieren gilt der Spruch: „Eintracht macht stark!“ 17. Das Rind als Haustier. Es ist ein freundliches Bild aus dem ländlichen Leben, wenn wir auf grüner Trift eine Rinderherde sehen, die ein Knabe bätet und leitet. Eine stattliche Milchkuh, fast gesättigt vorn grünen Grase, steht vor dem jungen Hirten und blickt ihn still und gutmütig an. Nun kommt zu der Kuh auch ihr Junges, das Kalb, gesprungen. Es tut gar vertraulich mit dem Hirten, der es streichelt und ihm hinter den Ohren krabbelt. Dann wendet es sich zu der Mutterkuh, die es freundlich beleckt. Der Stier ist nicht so gutmütig wie die Kuh. Er gerät bisweilen in Zorn, besonders beim Anblick roter Tücher. Dann fangt er an zu brummen und greift sogar den Menschen an. Der Ochse, welcher zum Mästen und als Zugtier gehalten wird, ist zahmer. Der Zugochse zieht langsam, aber mit Kraft, den Pflug und den Wagen. Der Mastochse bringt uns durch Fleisch, Fett und Haut grossen Nutzen. Man schilt Ochsen und Kühe dumme Tiere. Freilich sind sie nicht so klug und geschickt, wie Hunde und Pferde. Aber sie lernen doch Wagen, Pflug und Egge ziehen. Sie kennen die Leute, von welchen sie gepflegt und gehütet werden, und wissen bald solche zu unterscheiden, die ihnen dann und wann einen guten Bissen reichen. Freilich, die Milchkuh, welche stets im dumpfen Stall gehalten wird und nur fressen, wiederkäuen und Milch geben soll, die muss ja träg und dumm werden. Doch ob die Kuh auch dumm und plump sei, -sie ist ein gutes Vieh und ein sehr nützliches, ja für uns das nützlichste Tier. Viele tausend Menschen, ganze Völkerschaften leben vorn Nutzen der Kuh. 18. Der Buchfink. Der Buchfink ist ein gar niedliches und schönes Tierchen. Der ganze Leib mit Ausnahme des Schnabels und der Beine ist mit Federn bedeckt. Das Finkenmännlein hat ein braunrotes Brustgefieder, einen braunen Rücken und schwarze Flügel mit je zwei weissen Streifen. Gar prächtig schimmern und schillern die Federn, besonders im Frühling, wenn Fi &- 18 . die Sonne scheint und der Fink fröhlich von Baum zu Baum hüpft. Er ruft dann seinem graugefiederten Weibchen. Dieses hat ein einfacheres Kleid als das Männchen. Der Buchfink ist ein Vogel. Er hat rotes, warmes Blut , im Innern ein Knochengerüst, einen mit Federn bedeckten Leib, zwei Beine, zioei Flügel und einen hornigen Schnabel. Er legt Eier, aus denen sich während der Brutzeit die Jungen entwickeln. 19. Finkenleben, l. Im Frühling wiegt sich der Fink gar lustig auf den Zweigen der Bäume und singt unermüdlich seine munteren Weisen. Jetzt baut das Finkenpaar ein zierliches Nestchen aus Moos und Halmen. Sorgfältig wird es in eine Astgabel befestigt und innen mit Haaren und Federn ausgepolstert. Das Weibchen legt nun in das Nest 5—6 blaugrüne, rötlich blaugesprenkelte Eier, welche es 14 Tage brütet. Nun schlüpfen die Jungen heraus. Sie haben sich während der Brutzeit aus dem Ei entwickelt und die zarte Schale gesprengt. Sie sind aber noch sehr unbehilflich und nur mit grauem Flaum be- -\i\ • 161 deckt. AVie viel Müh’ und Arbeit haben nun die alten Finken, die junge Brüt zu ernähren! Fort und fort bringen sie Raupen und anderes Ungeziefer und legen sie in die aufgesperrten Schnabel der Jungen. Sorge und Kummer machen ihnen auch die zahlreichen Feinde, welche den jungen Finken nachstellen. Käme ein böser Raubvogel herangeflogen oder eine schlaue Katze herangeschlichen, die armen Finkeneltern könnten ihre Brüt nicht schützen! Bald sind die Sorgen überstanden. Die junge Brüt ist flügge geworden. In der ersten Zeit nach ihrem Ausfliegen werden die jungen Finken gar sorgfältig von den alten begleitet, vor den Feinden gewarnt und im Raupenfang wohl unterrichtet. Die gelehrigen Jungen können bald selber Raupen und Mücken fangen. Das Weibchen bringt nun das Nest wieder in Ordnung und legt nochmals Eier. 2 . Im Herbst, wenn die kalten Nebel über die Stoppelfelder streifen, ist der Fink nicht mehr so lustig. Sein Gesang ist verstummt. Man hört nur noch seinen eintönigen Ruf: Fink! Fink! Er wird unruhig und sucht seine Kameraden auf. Nun fliegen die Finken in grossen Zügen weit, weit von dannen- Sie suchen die warmen Länder auf, wo der Winter nicht bekannt ist. Dort leben sie in grosser Gesellschaft als Gäste, brüten jedoch nicht. Eine grosse Zahl Finkenmännlein bleibt jedoch auch im Winter bei uns zurück. Das ist eine harte Zeit für diese armen Tierchen. Trotz seines dichten Gefieders leidet der Fink von der Kälte. Auch vorn Hunger wird er oft geplagt. Die Beeren und Früchte an wilden Sträuchern und Waldbäumen mangeln. Wald und Feld sind mit tiefem Schnee bedeckt. Der Buchfink leidet grosse Not. Jetzt fliegt er bittend auf die Fensterbank und pickt die Brosamen auf, welche gutherzige Kinder ihm und seinen Leidensgenossen gestreut haben. Seht, wie er uns mit seinen Äuglein dankbar anblickt! — Endlich ist die böse Zeit überstanden. Der Frühling naht. Aus fernen Landen kommen die Kameraden wieder berge- Thmg. Schulbuch f. d. 4 . Schuljahr. 11 162 flogen. Auch sie haben auf der weiten Reise manche Gefahr überstanden. Doch bald sind die Tage der Not vergessen, und ein lustiges Finkenleben beginnt von neuem! 20. Der Star. 1 . Fig. 19. Der Star ist ein gar munterer und fröhlicher Zugvogel. Wenn er bei uns ankommt, so ist das Wetter noch recht trübe. Schneeflocken wirbeln dem Frühlingsboten ins Gesicht. Das stört aber den Star nicht in seiner Fröhlichkeit. Vergnügt singt er sein Lied in die Welt hinein. Er setzt sich auf die höchsten Dächer und Bäume und plaudert mit seinen Gespielen von der schönen, weiten Reise. Er begrüsst mit munterem Geschwätz seine Heimat und ist erstaunt, dass hier noch alles so winterlich aussieht. Das Land, das er vor wenigen Tagen verlassen, war schon so schön geschmückt mit Gras und Blumen! Unser Dörfchen muss ihm doch ausserordentlich gut gefallen, dass er das schöne, reiche Land verlässt und zu uns zurückkehrt! Sonderbar! Im Herbst, als der Star von uns wegzog, hatte jedes Federchen auf der Brust und auf seinem Rücken eine weisse Spitze. Jetzt ist sein Gefieder schwarz, mit grünlichem Schimmer. Wir erkennen ihn aber gleichwohl, nicht bloss an seinem gedehnten Gesang, sondern auch an seinem Körperbau. Der Schnabel ist so lang, als der Kopf, und schwarz; die Füsse sind rotbraun und mit breiten Schildchen bedeckt. Drei Zehen sind nach vorn, eine nach hinten gerichtet. Der Schwanz ist kurz; die Flügel sind lang und spitzig. Die ganze Körperlänge beträgt 22 cm. 2. Lebensweise. Die Stare lieben Geselligkeit. Zu Hunderten und Tausenden sitzen sie oft beisammen und singen in fröhlichem Gewimmel ihr Hoiho! Jetzt fliegen sie schnurstracks davon und schweifen ziellos, wie eine Wolke, aus lauter Vergnügen über die Erde. Sind sie endlich des Schweifens müde, so schwenken sie plötzlich herab auf die Wiese. Da hüpfen sie durch einander, schwatzen, pfeifen und singen gar drollig. Sie durchstöbern das Gras und suchen Schnecken und Würmer, Heuschrecken, Raupen und Käfer. Stechende Fliegen, Bremsen und anderes Ungeziefer schnappen sie sogar vorn Rücken des Viehes weg. Freilich schmecken ihnen auch Kirschen, sowie die süssen Trauben, gar trefflich. Der Schaden, den sie dadurch anrichten, wird aber reichlich gut gemacht. Wie viele schädliche Raupen und Schnecken verzehrt nur ein einziges Paar Stare während eines Sommers! Der Star ist daher ein sehr nützlicher Vogel. Da er zu wenig hohle Bäume findet, um in dieselben sein kunstloses Nest zu bauen, so macht man ihm Nistkästchen an Bäume und Stangen. Der Star bezieht dieselben sehr gerne- Im April legt das Weibchen 5 bis 6 schön glänzende, lichtblaue Eier und brütet sie aus. Nach vierzehn Tagen schlüpfen die Jungen aus. Vorn grauen Morgen bis zum späten Abend holen nun die Alten Schnecken und Kerbtiere herbei und füttern damit die junge Brüt. Zum Singen haben sie jetzt keine Zeit. Oft müssen sie das Nest gegen allerlei Feinde verteidigen. Besonders die Krähe ist den jungen Staren 164 aussätzig und raubt oft mit ihren Krallen das Starennest aus. Umsonst ist dann das Klagegeschrei der unglücklichen Mutter. Gegen die starke Krähe vermag sie sich nicht zu wehren. — Ist die junge Brüt allen Gefahren entronnen und endlich flügge geworden, so geben ihnen die Eltern noch 4—5 Tage das Geleite. Nicht wahr, das ist eine kurze Lehrzeit? Sie genügt aber vollkommen; denn der junge Star kennt jetzt schon alle Künste der Alten. Ziellos fliegt die junge Gesellschaft über Feld. Die Alten ziehen unterdessen eine neue Brüt heran. Ist auch diese gross geworden, so suchen die Alten mit der zweiten Brüt die ersten Kinder auf. Sie verbringen nun den ganzen Sommer in lustiger Gesellschaft und unter fröhlichem Gesang. Im Herbste, wenn der erste Schnee unsere Fluren deckt, so ziehen die Alten mit der lieben Jugend wieder den wärmeren Ländern zu. Wer den Star kennt, muss ihn lieb gewinnen. Er ist genügsam, klug und sehr gelehrig. Er lernt Lieder pfeifen und Worte nachsprechen. Seinem Pfleger ist er dankbar und anhänglich. Er wird fast so alt wie der Mensch. 21. Die Eidechse. 1. Wer kennt es nicht, dieses niedliche, hurtige Tierchen! Wenn wir im Sommer spazieren, hören wir oft in der Hecke am Wege ein leises Rauschen. Schauen wir schnell nach, so entdecken wir ein Eidechslein, das sich vor uns zu verbergen sucht. Die Kinder brauchen es nicht zu fürchten; denn es tut keinem Menschen etwas zu leide. Man kann junge Eidechsen zähmen. Sie werden zutraulich, lassen mit sich spielen und fressen ihrem Ernährer das Futter aus der Hand. 2 . Die Eidechse hat einen rundlichen, dünnen Leib, der etwa 20 cm lang wird. Die Hälfte dieser Länge nimmt der bewegliche Schwanz ein. Derselbe bricht leicht 165 > b \ tih i» ab, wächst aber wieder nach. Der Körper ist mit Schuppen bedeckt, welche auf dem Rücken dunkler und härter sind als am Bauche. Über den Rücken geht ein braunes Band mit hellen Flecken. Die Eidechse wechselt jährlich zweimal die Haut. Am Kopfe sind zwei kluge Äuglein. Das äussere Ohr fehlt; dennoch hört das Tierchen sehr gut. Es lässt sich sogar durch Musik und Gesang locken. Im Munde befinden sich zahlreiche spitzige Zähnchen, aber nicht zum Kauen, sondern zum Fassen von Käfern, Grillen, Mücken und Regenwürmern. Die Eidechse besitzt vier kurze Beinchen. Jedes Füss- chen ist mit fünf bekrallten Zehen versehen. Sie kann gut klettern. 3 . Die Eidechse legt im Frühjahr 6—8 Eierchen in das Moos an einem sonnigen Orte. Aber sie brütet dieselben nicht aus, wie der Buchfink und der Star. Die Sonnenwärme genügt, um aus den Eiern bis zum Herbst die Jungen zu entwickeln. Diese haben die Gestalt der Alten und springen sofort munter umher. Gar viele Feinde stellen der Eidechse nach, über der Erde die Raubvogel, die Kröten und Schlangen, in ihrer unterirdischen Wohnung Wiesel und Maulwurf. Im Spätherbst, wenn die Zugvogel in wärmere Länder ziehen, da möchte es dem Eidechslein bange werden um den langen, kalten Winter. Wo soll es seine Nahrung hernehmen? Aber auch für das arme Eidechslein sorgt der gütige Schöpfer. Er schenkt ihm den Winterschlaf. Das Tierchen zieht sich in sein Erdloch zurück und schläft den langen Winter hindurch. Erst wenn der Kuckuck wieder ruft, da erwacht es und beginnt von neuem sein munteres Treiben. Die Eidechse hat rotes , kaltes Blut und ein inneres Knochengerüst. Die Jungen entwickeln sich aus Eiern. Der Leib ist mit Schuppen bedeckt. Die Eidechse ist ein kriechendes Tier oder ein Reptil. 166 22. Der Laubfrosch. 1. Letzten Sonntag hatten wir eine besondere Freude. Meine Schwester Anna und ich waren auf Besuch bei unserem heben * Oheim. Er bewohnt in der Nähe der Stadt ein schmuckes, 53 allein stehendes Häuschen, welches von einem schönen, blumen- » reichen Garten ganz umgeben ist. An einem Ende des Gartens befindet sich ein kleiner Teich. Ein sprudelnder Springbrunnen liefert das Wasser. Goldgelbe Tischchen schwimmen gar lustig und hurtig im Teiche dahin. Am andern Ende des Gartens hat der Oheim aus Drahtgeflecht einen grossen Käfig gebaut. Darinnen sind mehr als hundert fremde Vogel, wie ich noch keine solchen gesehen. Ihr prächtiges Kleid schimmert in allen Farben, und allerlei lustige Vogel weisen erklingen den ganzen Tag. Der Onkel ist ein besonderer Freund der Tiere. Er kennt nicht bloss die Namen von allen seinen Vögeln, sondern er weiss auch von jedem seiner Lieblinge gar seltsame Ge- schichtchen zu erzählen. 2 . Was uns Kinder aber besonders in Verwunderung setzte, das war ein kleiner, niedlicher Frosch. Er sass in einem mit Papier zugedeckten Glase und stieg auf einer kleinen Leiter auf und ab. „Seht, liebe Kinder,“ sagte der Oheim, „das ist ein Laubfrosch. Ich besitze das Tierchen schon seit acht Jahren. Es macht mir viel Spass. Bei schönem Wetter steigt es in die Höhe. Bei Regenwetter verbirgt es sich unten im Glase. Im Sommer füttere ich es mit Mücken, Fliegen und Würmern; im Winter frisst es sehr wenig, weil es fast beständig schläft. Auch dieses Tierchen hat Verstand. Es weiss ri ganz gut, wenn ich ihm Futter bringe.“ Der Oheim hielt jetzt dem Frosch eine Fliege hin. Sofort stieg der Frosch aus dem Glase, setzte sich auf den Rand und lugte mit seinen zwei kleinen Äuglein nach der Fliege aus. Wir konnten ihn jetzt genau betrachten. "»I 1 ■*> 167 3. Der Laubfrosch hat einen 4 cm langen Körper, welchem der Schwanz fehlt. Die Haut ist nackt, klebrig feucht, oben blattgrün, unten graulich - weiss. Zwischen beiden Färbungen zieht sich ein schwarzer, gelbgesäumter Streifen hin. Die kleinen Vorderbeine haben vier Zehen. Die Hinterbeine sind viel stärker und haben je fünf Zehen. Diese sind mit zarten Schwimmhäuten verbunden. Das Maul des Laubfrosches ist breit, enthält spitzige Zähne und eine lange, klebrige Zunge. Dieselbe wird zum Abfangen der Mücken und Fliegen hervorgeschleudert. Die Nasenlöcher können nach Belieben geöffnet oder geschlossen werden. Unter jeder Zehe hat der Laubfrosch ein kleines Saugnäpfchen. Mit Hilfe desselben kann er sich an glatte Wände, an Baumstämme, ja selbst an die Blätter der Bäume festkleben. Der Laubfrosch ist daher nicht bloss ein geschickter Ilüpfer und ein schneller Schwimmer, sondern auch ein guter Kletterer. Am nächsten Turnfest soll er den ersten Preis bekommen! Der Frosch ist ganz kalt anzufühlen; denn sein Blut ist nicht wärmer, als die Luft oder das Wasser, in welchem er lebt. 23. Lehen nnd Entwicklung des Laubfrosches. 1 . Der Laubfrosch lebt nur im Frühjahr in Teichen. Bei beginnendem Sommer klettert er auf Sträucher und Bäume und sonnt sich bei schönem Wetter auf den höchsten Blättern. Hier oben führt er ein gar lustiges Leben. Jetzt hüpft er von Blatt zu Blatt und wirft seine lange Zunge nach Fliegen, Mücken und Raupen aus. Nach Sonnenuntergang beginnt er seinen Gesang. In den warmen Sommernächten schreit er bis Mitternacht 168 immer: „Kräh! Kräh!“ Dabei treibt er am Halse eine grosse, schwarze Schallblase auf. Im Herbste, wenn Fliegen und Mücken seltener werden, verlässt er seine Wohnung. Er sucht den Teich auf und vergräbt sich mit dem übrigen Froschgeschlecht in tiefen Schlamm. Hier hält er, im Eis erstarrt, seinen totenähnlichen Winterschlaf bis zum Ostertag. Im Frühjahr wird es im Schlamme wieder lebendig. Das Froschleben beginnt von neuem. 2 . Das Weibchen legt jetzt in sumpfiges Wasser viel tausend kleine, schleimige Eier. Die Frühlingssonne brütet sie aus. Aber wie wunderbar! Aus diesen Eierchen schlüpfen nicht etwa junge Frösche heraus, sondern schwarze Fischchen mit dicken Köpfen und dünnen Schwänzchen. Man heisst sie Kaulquappen oder Ross- köpfe. Sie schwimmen lustig im Wasser umher und nähren sich von Pflanzenstoffen. Nach drei bis vier Monaten beginnt eine Verwandlung. Aus der schwarzen Schleimhaut treten zuerst die Hinterfusse, dann die Yor- derfüsse hervor; der Schwanz fällt ab, und aus dem schwarzen Fischlein ist ein junger Frosch geworden. Er kommt nun an die Oberfläche des Wassers; denn er hat jetzt Lungen und muss daher an der Luft atmen. Nun kriecht er auf das Trockene. Wie ein Hündchen setzt er sich auf seine Hinterbeine und lauert der Fliege auf. Alle 14 Tage wechselt er seine Haut, wie wir Menschen das Hemd. Wenn er den Storch heranfliegen sieht oder den Menschentritt hört, so plumpst er rasch ins Wasser und lässt es sich in seiner alten Heimat wohl sein. Im Grunde des Wassers bleibt er jedoch nicht lange. Bald streckt er seinen Kopf wieder aus dem Wasser empor, schnappt nach Luft und freut sich des hellen, warmen Sonnenscheins. 3. Der Laubfrosch hat ein inneres Knochengerüst, rotes , kaltes Blut. Det' Leib ist mit einer nackten Haut bedeckt. Das Junge entwickelt sich aus dem Ei und macht eine Verivandlunq durch. Er ist ein Lurch. 24. Der Hecht. 1 . So wie Erde und Luft von allerlei Tieren belebt sind, so birgt auch das Wasser viel tausend und tausend Geschöpfe. Da wohnen die kleinen und grossen Fische ohne Zahl. Wie herrlich muss es da unten im klaren See zu leben sein! Die Sonne scheint so freundlich auf den Wasserspiegel, und das Fiscblein schwimmt vergnügt hin und her, auf und ab. Doch auch hier ist kein Frieden. Die Geschöpfe des Wassers leben in ewigem Kriege. Das kleine wird vorn grossem verfolgt, und dieses muss sich vor dem noch grösseren flüchten. 2 . Der gefährlichste und gehässigste Raubfisch in unsern Seen und Teichen ist der Hecht. Sein Leib ist langgestreckt, schmal und mit harten Schuppen bedeckt. Der Rücken ist schwärzlich, der Bauch weisslich; die Seiten sind grau mit gelben Flecken. Der niedergedrückte Kopf endigt in eine breite Schnauze. Im grossen Maule sitzen an die 400 kleine, stachelige Zähne. Sie dienen nur zum Festhalten der Beute. Mit Füssen oder Flügeln könnte sich der Fisch im Wasser nicht wohl bewegen; darum hat er Flossen. Am Platz der Vorderfüsse finden wir die zwei Brustflossen; statt der Hintersasse besitzt er zwei Bauchflossen. Überdies hat der Hecht noch eine Afterflosse, eine Rückenflosse und eine grosse Schwanzflosse. Mit diesen Fig. 20. Bewegungswerkzeugen schlägt der Hecht das Wasser und schwimmt pfeilschnell dahin; er ist nicht minder schnell und gewandt im Wasser, als der Vogel in der Lust. Der Hecht atmet durch Kiemen. Es sind dies zwei seitliche Öffnungen am Halse. Sie bestehen aus vielen zierlichen Bogen. Hier kommt das rote, kalte Blut des Fisches mit der Luft, die im Wasser ist, in Berührung. So wie der Mensch im Wasser ersticken muss, so stirbt der Hecht, wenn er aus dem Wasser an die Luft versetzt wird. Der Hecht verfolgt alle Tiere, welche er bemeistern kann; Fische, Frösche, Wasservögel, ja selbst seine eigenen Jungen dienen ihm zur Speise. 3. Im Frühjahr legt das Hechtweibchen an die 100,000 Eier; aus diesen schlüpfen nach wenig Tagen die Jungen. Diese tragen das Eichen noch monatelang an ihrem Leibe nach. Sie ziehen daraus ihre erste Nahrung. Ist sie aufgebraucht, so fällt das Eichen ab, und es beginnt stir die Jungen das Räuberleben. Jedoch kommen die meisten um, bevor sie gross werden. Sie werden von andern Fischen, von ihren Eltern, ja selbst von stärkeren Geschwistern aufgefressen. Hat ein junger Hecht Glück, gerät er nicht in das Netz oder an die Angel des Fischers, so wird er sehr gross und alt. Es gibt Hechte von 1—2 m Länge, 10—20 kg Gewicht und 100 Jahre Alter. Das Fleisch des Hechtes ist sehr schmackhaft. Der Hecht hat rotes, kaltes Blut, im Innern ein Knochengerüst. Er bewegt sich durch Flossen, atmet durch Kiemen und kann nur im Wasser leben. Er ist ein Fisch. 25. Der grosse Kolibveissling. Fig. 21. a. Raupe, b. Puppe, o. Schmetterling. 1 . Die Schmetterlinge sind gar zarte, zierliche Wesen. Darum sind sie auch die Lieblinge von gross und klein. Einer der bekanntesten „Sommervögel“ ist der Kohl- weissling. Sein Leib gliedert sich durch zwei Einschnitte deutlich in drei Teile, in Kopf, Brust und Hinterleib. Er ist daher ein Kerbtier oder Insekt. Am Kopf befinden sich zwei Fühler , zwei Augen und eine aufgerollte, lange Zunge. Die Fühler sind am Ende kolbenartig verdickt. Sie dienen dem Schmetterling zum Tasten, Riechen und Hören. Die grossen Augen sehen nach allen Seiten gleich gut; denn sie sind aus 172 viel tausend Äuglein zusammengesetzt. Die Zunge ist ein hohler Rüssel, womit der Schmetterling vorn Tautropfen trinkt und den Blumenhonig nascht. Das Bruststück trägt sechs schwache, gegliederte Füsse und vier grosse, gelbweisse Flügel. Die Spitzen der Vorderflügel sind schwarz. Beim Weibchen tragen die Flügel überdies noch einige schwarze Punkte. Beim Berühren der Flügel bemerken wir einen feinen Staub. Er besteht aus zierlichen Schüppchen, welche den Flügeln Glanz und Farbe verleihen. Sie können daher mit dem Gefieder der Singvogel verglichen werden. Der Hinterleib besteht aus sieben Ringen und ist, wie Kopf und Brust, mit feinen Härchen dicht besetzt. 2 . Der Kohlweißling führt ein heiteres, schuldloses Leben. Vereinzelt im Frühling, scharenweise im Sommer flattert er in Garten und Feld von Blume zu Blume. Jetzt setzt er sich auf eine Repsblüte. Er stellt die Flügel in die Höhe und streckt die lange Zunge hinab zum Honigtröpfchen. Sein Mahl ist zu Ende und nach wenig Tagen auch sein heiteres Blumenleben. Bevor er stirbt, sucht er ein Kohlfeld auf. Hier legt das Weibchen mehr als 100 gelbe Eierchen auf ein Blatt. 3. Aus jedem Eichen schlüpft nach einigen Wochen ein grünliches Räupchen hervor. Dieses ist sehr hungrig und darum äusserst schädlich. Es frisst sogleich ein Loch in das Blatt und hört nicht auf zu fressen, bis es zu einer 3—4 cm langen, fetten Raupe herangewachsen ist. Nicht umsonst heisst man diese Raupen Teufelskatzen; denn sie nagen und nagen, bis vorn dicken Kohlblatt nur noch die Rippen übrig bleiben. Wer würde es diesem gefräßigen Tiere ansehen, dass in ihm ein schöner, zarter Schmetterling steckt? 173 Die Raupe ist graulich-grün, voll schwarzer Tüpfel und Härchen. Der Kopf hat zwei starke Fresszangen. Der Leib besteht aus 12 fleischigen Ringen, von denen 8 mit Fusspaaren versehen sind. An jeder Seite sehen wir 9 Luftlöcher zum Atmen. Die Raupe häutet sich viermal, dann kriecht sie an Wänden oder Bäumen empor. Hier kleidet sie sich in ihr Totenhemd. Sie wird zur festschaligen, gelben, schwarz - getüpfelten Puppe. Während 14 Tagen hängt sie wie tot da. Jetzt kommt der Auferstehungstag. Am frühen Morgen sprengt sie die Schale, und aus der Puppe ersteht der zart geflügelte Schmetterling. Mit dem Raupenkleide hat das Tier auch seine Gefrässigkeit abgelegt; denn es lebt jetzt nur noch von Tau, Honig und Sonnenschein. Das neue Geschlecht der Schmetterlinge legt im Spätsommer wieder Eier. Die daraus entstehenden Raupen verpuppen sich und überdauern den Winter im Schlafe. Dem Kohlweissling fehlt ein inneres Knochengerüst; sein Blut ist farblos. Er hat einen gegliederten Körper mit sechs Füssen und vier Flügeln. Er macht eine Verwandlung durch. Er ist ein Gliedertier. 26. Die Weinbergschnecke. 1 . Das muss ein starkes Tier sein, dass es sein Haus mit sich herum tragen kann! Langsam kriecht die Schnecke mit ihrem Häuschen im Garten und im Weinberg von Pflanze zu Pflanze. Eine breite Strasse von weisslichem Schleim bezeichnet ihren Weg. Wenn wir sie oben am Gehäuse fassen und empor heben, so zieht sie sich ganz in das Schneckenhaus zurück. Es ist dies eine harte Schale mit vielen Windungen. Dieselbe ist innen mit einer festen, glatten Haut, dem Mantel, ausgekleidet. Halten wir die Schnecke einige Zeit ruhig, so streckt sie langsam ihren Kopf hervor. An diesem bemerken wir das Maul und vier Fühler. Die zwei hintern Fühler sind länger. Sie tragen an der Spitze je ein schwarzes Pünktchen; es sind dies die Augen der Schnecke. Jetzt streckt sie auch den fleischigen Fuss heraus. Dieser dient zura Kriechen und sondert Schleim ab. Wollte man die Schnecke aus ihrem Häuschen ganz heraus nehmen, so müsste sie sterben. Seitlich am Mantel ist ein rundes Loch, das sich bald öffnet und bald schliesst. Es dient zum Atmen. 2 . Die Schnecke nährt sich von Pflanzen; sie geht aber nur bei feuchtem Wetter und im Morgentau auf Nahrung aus. In lockere Erde macht sie ein Loch, welches mit Schleim ausgemauert wird. Hier legt nun die alte Schnecke ihre erbsengrossen Eier, etwa 30 an der Zahl. Das junge Schnecklein, welches aus dem Ei kriecht, gleicht schon vollständig der alten Schnecke. Es trägt bereits sein zartes Häuschen auf dem Rücken. Die Schale wächst mit ihm und wird hart und spröde. Zum Winterschlaf zieht sich die Schnecke in das Häuschen zurück und vermauert den Eingang mit einem harten Deckel. Die Deckelschnecken werden im Winter häufig gesucht. Man bereitet daraus eine leckere Fastenspeise. Der Schnecke fehlt das innere Knochengerüst. Ihr Blut ist farblos. Der Leib ist nicht gegliedert ; er erscheint als eine Masse. Da das Tier sehr schleimig ist und auch Schleim absondert , so nennt man es ein Schleimtier. 27. Ergebnisse. 1. Einteilung. Sämtliche besprochene Tiere kann man einteilen in Wirbeltiere, Gliedertiere und Schleimtiere. Katze, Buchfink, Eidechse, Laubfrosch und Hecht haben rotes Blut und ein Knochengerüst. Sie sind Wirbeltiere. Der Schmetterling hat kein Knochengerüst; sein Blut ist farblos; der Leib ist deutlich gegliedert. Er ist ein Gliedertier. Der Leib der Schnecke ist nicht gegliedert; er bildet vielmehr eine schleimige, weiche Masse; die Schnecke ist daher ein Schleimtier. Die Wirbeltiere sind unter sich sehr verschieden. Man teilt sie daher ab in Säugetiere, Vogel, Reptilien, Lurche und Fische. Katze, Löwe und Rind haben rotes, warmes Blut und einen mit Haaren bedeckten Leib. Sie bringen lebendige Junge zur Welt, die eine Zeit lang gesäugt werden. Es sind Säugetiere. Buchfink und Star sind auch warmblütig. Ihr Leib ist mit Federn bedeckt. Die Vorderglieder sind zu Flügeln entwickelt. Die Jungen werden aus Eiern gebrütet. Es sind Vogel. Die Eidechse gehört zu den Reptilien (Kriechern), welche kaltes Blut haben, meistens Eier legen, vier oder keine Füsse haben und deren Leib mit einem Panzer oder mit Schuppen bedeckt ist. Die Reptilien sind unter sich viel mehr verschieden als die Vogel. Der Frosch ist ebenfalls ein kaltblütiges Tier, das mit einer nackten Haut bedeckt ist. Aus den Eiern entstehen Junge, die eine Verwandlung durchmachen. Er ist ein Lurch. Die Lurche können, wie auch manche Reptilien, auf dem Lande und im Wasser leben. Man heisst sie deshalb auch Amphibien. Der Hecht hat auch kaltes Blut. Sein Leib ist mit Schuppen bedeckt und mit Flossen versehen. Er kann nur im Wasser leben und atmet durch Kiemen. Er ist ein Fisch. 2. Empfindung. Alle Tiere haben Empfindung. Sie freuen sich ihres Lebens und fühlen den Schmerz. Viele Tiere können Freude und Schmerz durch ihre Stimme ausdrücken (Buchfink und Katze). Um die Umgebung wahrzunehmen, besitzen alle Tiere Sinneswerkzeuge. Gefühl und Gesicht fehlen bei keinem der besprochenen Tiere. Die Wirbeltiere haben überdies noch Gehör und meistens auch Geschmack und Geruch. — Die Tiere besitzen auch gewisse geistige Fähigkeiten. Sie kennen ihre Freunde und ihre Feinde gar wohl. Mit zärtlicher Liebe 176 hüten viele ihre Jungen. Einige erlernen mancherlei Künste (Star); andere machen weite Reisen und linden über Land und Meer ihre Heimat wieder. (Buchfink, Star.) 3 Bewegung. Alle Tiere haben Bewegungswerkzeuge; sie können daher ihrer Nahrung nachgehen und sich vor dem Feinde flüchten. Katze und Frosch besitzen Beine zum Gehen, Hüpfen und Klettern. Buchfink und Schmetterling haben Beine und Flügel; sie können daher gehen und fliegen. Der Hecht schwimmt mit Hilfe der Flossen. Die Schnecke kriecht mit Hilfe des ganzen Leibes. 4. Leben. Alle Tiere entwickeln sich aus Eiern; nur die Säugetiere werden lebendig geboren. Die Jungen sind noch zart und schwach und bedürfen meist der Pflege der Alten. Sie nehmen durch den Mund Nahrung zu sich und werden bald so gross wie die Alten. Einige Tiere nähren sich von Pflanzen (Rind, Schmetterling, Schnecke). Die meisten leben von Fleisch (Löwe, Frosch und Hecht). Daher ist unter den Tieren ein ewiger Kampf um Leben und Nahrung. Das stärkere verfolgt das schwächere. Jedes Tier hat seinen Todfeind. Es wehrt sich seines Lebens. Dabei dienen ihm bald die Zähne, bald die Glieder als Waffe. Nur der Schmetterling ist schutz- und waffenlos. Die Tage des Tieres sind gezählt. Nach kürzerer oder längerer Lebensdauer stirbt es und macht seinen Nachkommen Platz. Es wird zu Staub und Erde, wovon es genommen ist. 5. Aufenthalt. Die Tiere beleben die Erde, das Wasser und die Luft. Katze und Schnecke bewohnen das Land; der Hecht ist ein Wassertier. Buchfink und Schmetterling führen ihr lustiges Leben auf der Erde und in der Luft. Der Frosch hält sich bald auf dem Lande, bald im Wasser auf. -—äse—- 177 Inhaltsverzeichnis. Sprachliche Abteilung. Erster Mschuitl. Lesestücke. Nr. Seite. 1. * Gott grüße dich! Julius Sturm . 1 2. * Wo wohnt der liebe Gott? Wilh. Hey .... 1 3. Die zwei Geschwister. Christoph Schmid .... 2 4. * Gottvertrauen. Karl Enslin. 3 5. Der gerettete Handwerksbursche. Schubart .... 3 6. * Wandersmann und Lerche. Wilh. Hey. 4 7. * Abendlied. Nach Luise Hensel. 5 8. Die Treue. Friedr. Adolf Krummacher. ... 5 9. Alles zum Guten. Herder. 6 10. Das betende Ivind. Chr. Schmid. 7 11. Die Hirtenflöte. Chr. Schmid. 8 12. * Die Schwalben. Adalbert von Chamisso. 9 13. Die goldene Dose. Chr. Schmid. 9 14. Die Glieder. Joachim Heinrich Campe. 10 15. Die sieben Kindlein. Fr. Ad. Krummacher . . 11 16. * Das Lamm. Robert Reinick. 12 17. Das Beil. Schlez. 13 18. Das Rechenexempel. Joh. Peter Hebel.... 14 19. Der Grossvater und sein Enkel. Nach Jung Stilling 15 20. Die Pfirsiche. Fr. Ad. Krummacher. 16 21. Der gute Sohn. Thurg. Schulbuch. 17 22. Der Samstag. Heinrich Pestaloz;!. 18 23. * Zur Schule. Fr. Güll. 22 24. * Versuchung. Robert Reinick. 22 25. Das seltsame Rezept. J. P. Hebel. 23 26. Die Tollkirsche. Fr. Ad. Krummacher .... 24 27. * Die zwei Hunde. G. Konrad Pfeffel .... 25 28. Die beiden Pflugscharen. A. Gott]. Heissncr . . 26 29. Der Hund und der Wolf. Gotth. Ephraim Lessing 26 Die mit * bezeichneten Lcsestücke sind Gedichte. Thurg. Schulbuch f. d. 4. Schuljahr. 12 178 «i Nr- Stile. 30. Die Nuss. Solothumer Lesebuch. 27 31. Der kluge Star. 28 32* Wie soll es sein? H. Klette. 28 33. Die Nachtigallen. Reiser. 28 34. Dankbarkeit. Thomas Scherr. 29 35. Hilfe in der Not. Th. Scherr. 30 36. Tut Gutes denen, die euch hassen! A. Stöber . . 31 37. * Kein Mensch zu Haus. Friedr. Rückert ... 32 38. Wiedervergeltung des Guten. Th. Scherr ... 32 39. * Der blinde Geiger. Joh. Staub. 33 40. Der Specht und die Taube. A. G. Meissner . . 34 41. * Die Kröte und das Johanniswürmchen. Pfeffel . 35 42. Der Löwe und die Maus. W. Curtmann ... 35 43. Besser offene Hand als geballte Faust. A. Stöber. 37 44. * Die Thurbrücke bei Bischofszell. Thom. Bornhauser . 37 45. Die drei Hausräte. Berthold Auerbach. 38 46. Vaterländischer Sinn. Th. Scherr. 39 47. Bienchen im Frühling. W. Curtmann ..... 40 48. * Des Blümleins Wachstum. Lieth. 41 49. Der Tierquäler. W. Curtmann. 42 50* Die Lilie auf dem Felde. K. I. Phil. Spitta... 43 51. * Einkehr. Ludwig Uhland. 43 52. Die Milch. Chr. Schund. 44 ' 53.* Das gerettete Blümchen. J. W. Göthe .... 45 54. Der Wolf. Chr. Schmid. 45 55. * Der Fleiss der Tiere. Seume. 46 56. Der Hirsch am Bache. A. G. Meissner ... 47 57. Die dunkelblaue Wiese. J. H. Campe .... 47 58. Der Bauer. H. R. Rüegg. 50 59. Die Weinlese. H. R. Rüegg. 51 60. Die Nacht. H. R. Rüegg. 52 61. Eine Burgruine. H. R. Rüegg. 52 62. Rätsel. 53 o Zweiter Mschnilt. Übungen in der Sprachlehre. * A. Die Glieder des einfachen, nicht erweiterten Satzes. 8 1—10.54—61 B. Die Wortarten im einfachen, nicht erweiterten Satze: Hauptwort, Artikel, Fürwort, Eigenschaftswort, Zeitwort § 11—21.61—72 «I 179 Realistische Abteilung. Erster Mschnitt. Heimatkunde. Nr. Seite. 1. Der Kanton Thurgau. Lage, Gestalt, Grenzen, Grösse. 73 Bodengestaltung. 74 Gewässer. 75 Klima, Produkte, Beschäftigung der Bewohner . 77 Ortschaften. 79 Gebietseinteilung. 83 Fragen und Aufgaben. 84 2. Überblick des Schweizerlandes. Allgemeiner Anblick. Die Schiveizcrkarte. 86 Gebirge. 88 Gewässer. Bergstraßen. 89 Die Landesteile: Südliche, mittlere, nördliche Reihe . 91 Fragen und Aufgaben. 94 Zweiter Mschnitt. Sagen und Geschichten aus alter und neuer Zeit. 1. Die ersten Bewohner unseres Landes. 96 2. Diviko. 98 3. Orgetorix. Nach H. R. Rüegg. 99 4. Auszug der Helvetier. Nach H. R. Nüegg.... 100 5. Der hl. Gallus. H. N. Rüegg.102 6. Karl der Grosse.104 7. Ein Schulbesuch Kaiser Karls.105 8. Gründung von Klöstern im Thurgau.105 9. Berta, die Spinnerin. Nach H. R. Rüegg . . . 108 10. Gründung der Habsburg.109 11. Rudolf von Habsburg. 110 12. Rudolf von Habsburg wird der Zürcher Schirmherr . 112 13. Eroberung der Ütliburg.113 14. Rudolf wird König. Nach Th. Scherr.114 15. Wilhelm Teil.115 16. Teils Tod. Nach Herzog.118 180 Nr. Sekte. 17. Die Solothurner und der Herzog von Österreich. Nach Scherr.118 18. Bemer und Freiburger. Th. Scherr.119 19. Das mutige Thurgauermädchen.121 20. Kleinjogg als Bauer. H. R. Rüegg.122 21. Konrad Escher von der Linth. Rebsamen . . . 124 Dritter Mschmtt. Aus der dtaturkunde. (Nach H. R. Rüegg.) 1. Das Erwachen der Pflanzen im Frühling .... 126 2. Blüte und Frucht des Apfelbaumes.128 3. Der Stamm des Apfelbaumes. 130 4. Die Wiesensalbei.132 5. Die Heckenrose. 134 6. Der Winterreps. 136 7. Die angebaute Erbse. 138 8. Die Tollkirsche oder Belladonna.'. . 140 9. Die weiße Lilie. 143 10. Der Weizen. 145 11. Das Torfmoos. 147 12. Ergebnisse.150 13. Die Hauskatze.152 14. Lebensweise der Katze. 154 15. Der Löwe. 155 16. Das Rind.157 17. Das Rind als Haustier.159 18. Der Buchfink.160 19. Finkenleben.160 20. Der Star.162 21. Die Eidechse.164 22. Der Laubfrosch.166 23. Leben und Entwicklung des Laubfrosches ... 167 24. Der Hecht.169 25. Der grosse Kohlweissling.171 26. Die Weinbergschnecke.173 27. Ergebnisse.174 <*• -*J* ■ist •' A-L'.'-LS von Grell Fükli k C, chulbüchlein für die Schmeizerische Unter Mitwirkung ^ | f frhl 1 f i> bewährter Schulmänner I j Ijetnaijtgtbtti von Professor K. Hl. Püegg, a. Seminardirektor. 2£jr’ Obligatorisch eingeführt in den Kantonen Bern, Svlothurn, St. Gallen, Thurgau, Baselland und Appcnzell. D£jT° 3m Kanton Aargau Hut die kantonale Lehrerkonfcrenz dem Erzichungsrate die Einführung empfohlen. jXlT’ In fakuttativem Gebrauch sind die Rüegg schon Schiilbüchleiii in den Kantonen Züricll, Tellaffhausen, GtaruS und Graubünden. 3n den deutsch»" Lchulra des Kantons Freibnrg und der Ctadt Genf werden die Rüegg'schen ^ulbüchre b-a'allv verwendet. ßakmverg, Adolf, Dr., Die Kunst der Rede. Lehrbuch der Rhetorik, Stilistik und Poetik. 2. Aufl. Geb. Fr. 4. 00 Geeignet für Gymnasien und andere Mittelschulen. Fcherr, J. Klioru., Bildungsfreund. I. Bd. Fr. 2.50 *,* Prosa; neu Learbestet von Dr. G. Geilsu«. — — Bildunzssreund. H. Bd. Fr. 2.50 9 0 * Poesie: neu feeaiWd von öottfrif v « stelln. Spörri, Keiurich, Deutsches Lesebuch für Schivcir. Sekundär-, Real-und Bezirkchchul.il. I. Tc l. 2. Anst. Fr. 0 —* — — Deutsches Lcscbn ch für Schweiz. Sekundär-, Real- und Bezirksschulen. II. Teil. 2. Aufl. ' Fr. 3. — — — Deutsches Lesebuch für Schweiz. Sekundär-, Real rmd Bezirksschulen. III. Teil. Fr. 3. 50 •»* Diese- vielrerbreitete kesebuch wurde vor der Drucklegung vrm Verfasser einer sro'.lmi''fiou von anerkannte« Fachmännern vorgrlegr, au» derer, emlählrck'.r r^iainnq er in seiner nunmehrig-« Form hervorging. Da- vaterländische Vtrment r- dann ii« .seit- gehende Detse derücksrchtigt, u::d der neuesten ktterarur schenk: der Verfasser seine volle Austner? ao-keil. " * * -ttehuf» ^rmäglichung der Einführung sind wir bereit, Soezialrabatte >2r diese« Leiebuch zu gestatten. &