Separatabdruck aus der Schweizerischen «Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde», Band VIII — 1898 — Heft I. Ist kalkarmes Wasser als eine Hauptursache bei der Zahnverderbnis zu betrachten? Eine objektive Kritik von Zahnarzt Ad. Brodtbeck , Frauenfeld. Die im Titel dieser Arbeit enthaltene Frage wurde öfters bei Anlass von Zahn-Untersuchungen bei Militär und Schulkindern ventilirt und stets in bejahendem Sinne beantwortet. (Rose, Seitz, Bartels.) Ich selbst legte schon vor fünf Jahren wenig Gewicht auf die so allgemein gewordene Ansicht; waren doch die Resultate meiner Beobachtungen ganz anderer Natur*). Die Zahl der von mir untersuchten Zähne bei den Kindern der unteren Primarschulklassen im Februar 1803 betrug 2500; davon waren 1205 Zähne erkrankt. Dieses kleine Bild beweist immerhin genügend, dass die Zahn- *) Es wurde mir leider zur Untersuchung der Zähne nur die II. und III. Primarschulklasse überlassen; aus diesem Grunde musste ich auf grössere Erhebungen verzichten. 2Tf'So 1 2 Rrodtbock — Ist kalkarmes Wasser als eine Verderbnis bei uns erschreckend um sich greift. Bei der Landbevölkerung steht es noch weit schlimmer und man darf sagen, dass die ostschweizerische Bevölkerung von allen Bewohnern der Erde den grössten Prozentsatz von «Zahnkaries» aufweist. Ich habe in vielen Werken über «Natur- und Völkerkunde», welche in Sachen nur einiger- massen Aufschluss geben konnten, nachgesehen ; aber nicht das Geringste gegenteiligen Beweises gefunden. Das Verstümmeln und Färben der Zähne von Seite gewisser Völker, deren eigenartige Gebräuche indirekt Karies befördern, können nicht in Berechnung fallen. Als interessantes Gegenstück zur grossen Zahnverderbnis ist das stark kalkhaltige Wasser der alten und neuen Leitung Frauenfelds, wie auch bei den übrigen Gemeindequellen zu betrachten, dessen Untersuchungen von Seite des Kantonschemikers, Herrn A. Schmid, folgende Resultate ergaben: Milligramm pro Liter: Alte Leitung: Feste Bestandteile 408,o 344,0 11,80 Glührückstand Organische Substanz Ammoniak Albuminoides Ammoniak Chlor Salpetrige Säure Sulfate leise Spur deutliche Reaktion. 0,oi 0,04 8,8 Neue Leitung: Feste Bestandteile (bei 100—105°getrocknet) 333,o Glührückstand (Gesamthärte 29, 6 französische Grade) Organische Substanz Ammoniak (durch Destillation ) Albuminoides Ammo- 0,012 niak flauplursaehe bei der Zahnverderbnis zu betrachten? 8 Chloride (als Chlor berechnet) Salpetrige Säure Sulfate 4,8 keine deutliche Reaktion. Die Temperatur im Reservoir betrug 5 x /2 0 und 9° Celsius. Der mikroskopische Befund ergab keine lebenden Infusorien. Wenn nun das Trinkwasser auf die Entwicklung der Zähne von solch bedeutendem Einflüsse ist, wie allgemein angenommen wird, so müsste es mit der Qualität der Zähne, gestützt auf das Resultat des analytischen Ergebnisses der Trinkwasser-Untersuchungen, entschieden besser stehen. Fassen wir ferner die Härtegrade aus den chemischen Untersuchungen verschiedener Quellgebiete des Schwarzwaldes (Rose, Bartels) ins Auge, welche als Maximum 11,7° bis 12,8° aufweisen, so spricht der Härtegrad von 29,5 (französische Grade) respektive die Differenz 6,7° deutlich genug, dass das Wasser nicht als eine Hauptursache zu betrachten ist; dieselbe liegt meiner Überzeugung nach in der Nahrung und Lebensweise des Volkes allein. Zur weiteren Rechtfertigung meiner Aussage mögen noch folgende Beobachtungen dienen: Während meines schon viermaligen Aufenthaltes in Locarno fiel mir bei dem dortigen Fischervölklein, welches das Gestade von Muralto (Lago Maggiore) belebt, die äusserst gute Qualität der Zähne auf. Ich unterliess es nicht, die Zähne ganzer Familien zu untersuchen und kam auf 12 erkrankte Zähne. Weitere Forschungen betreffs Trinkwasser, Nahrung und Lebensweise ergaben bei dem armen, jedoch gesunden Menschenschlag folgendes Ergebnis : a) Trinkwasser. Dasselbe wird schon seit Jahrhunderten in unfiltrirtem Zutsande aus dem «See» genommen und fand so seine 4 Rrmltbeck — ist kalkarmes Wasser als eine Verwendung. Auf den cm 3 Seewasser kamen durchschnittlich 173 Bakterien. In Ermangelung einer Analyse ergab ein einfacher Versuch mit dem Reagenzgläschen geringen Kalkrückstand; das gleiche Experiment mit Quellwasser entsprechend grösseren. b) Nahrung. Dieselbe ist für die jetzige Generation so ziemlich die gleiche geblieben und besteht aus: 1. Ziegenmilch (Säuglinge geniessen in der Regel Muttermilch). 2. Minestra (dicke Reissuppe mit Gemüse-Einlagen). 3. Polenta (Mais mit Wasser gekocht). 4. Brot aus Roggenmehl (ohne Hefe!); gebacken wird alle 3 — 4 Wochen. Der Genuss dieses Brotes bedingt zum voraus ein kräftiges Gebiss. 5. Käse. 6. Fische. c) Lebensweise. Vom frühen Morgen bis am Abend Aufenthalt im Freien. Während die Männer ihrem Broterwerb, dem «Fischen» nachgehen, geben sich die Frauen und Greise mit dem Herstellen und Flicken von Netzen ab. Inzwischen sorgt die Jugend durch körperliche Bewegungen jeder Art für einen gesunden Appetit. Im Augenblick ist z. B. von zwei Rangen die grösste Portion (Polenta oder Minestra) verschlungen. Ein köstlicher Anblick, welcher dem Volks- hygieiniker mehr imponirt, als der unheimliche Genuss von Süssigkeiten (kleines Gebäck, Konfekt!) seitens unserer Jugend. Die Frau vom Süden ist die Vernunft selbst; dass sie aus Bequemlichkeit ihrem Säugling die Brust entzieht, kommt nicht vor. Der Mann wiederum gefällt uns durch seine Enthaltsamkeit im Genuss alkoholhaltiger Getränke. War für ihn die Tagesarbeit noch so streng und Hauptursache bei der Zahnverderbnis zu betrachten? O gefahrvoll, er begnügt sich mit seinem nahrhaften Gerichte und einem Trünke Wasser; dabei ist er ein glücklicher, ja rücksichtsvoller Ehemann, von einem nervösen Temperamente keine Spur. Ein weiterer Beweis ihrer vernünftigen Lebensweise ist die geringe Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr; dieselbe beträgt nur 8°/o; bei uns durchschnittlich 22°/o. Gegen Krankheiten wie Scharlach, Masern, Diphtherie, Halsbräune, Keuchhusten etc. zeigen die Kinder bedeutenden Widerstand. Denselben kräftigen Menschenschlag treffen wir, wenn wir von Locarno aus einen Abstecher nach Vallemaggia, Valle Onsernone und Centovalli, Valle Verzasca, Valle di Campo und Bosco machen. In allen diesen Tälern leben die Leute ziemlich abgeschlossen für sich und pflegen in Nahrung und Lebensweise ein Dasein, welches in vielen Beziehungen uns als Muster dienen könnte. Aus Obigem kann der Leser das Resume ziehen, dass die Ernährung und Lebensweise die Hauptbedingungen sind für eine kräftige Entwicklung des menschlichen Geschlechtes, wobei selbstverständlich Wohnung und Klima nicht unwesentlich mithelfen; soll nun der Versuch gemacht werden, die so erschreckend um sich greifende Zahnverderbnis erfolgreich zu bekämpfen, so müsste der Volks- d. h. zuerst der Kinderernährung der Krieg erklärt werden. Dieselbe wird bei uns (mit geringen Ausnahmen) sehr unglücklich betrieben. Muttermilch erhält der Säugling selten; statt derselben wird Kuhmilch verabfolgt, welche dazu noch mit einem Stärkemehlprodukt zu einem Brei gekocht wird. Diesen Brei erhält das Geschöpfchen 2—3 Jahre lang; inzwischen werden die grössten Anforderungen an die Konstitution des Kindes gestellt. Ein berühmter Kinderarzt schrieb schon Ende des letzten Jahrhunderts: Kindermehlbrei ist Gift; trotzdem werden Millionen von Kindern mit Mehlbrei ernährt, wobei aber Hunderttausenden das Leben genommen wird. Später tritt dann der Genuss von Weissbrot fi Brodtbeck — Ist kalkarmes Wasser als eine (mit möglichst viel Hefe) und Kartoffeln hinzu; ferner Surrogate verschiedener Art, von welchen die Cichorienbrühe, sogen. Kaffee, über den grössten Konsum verfügt und den bekannten Arzt Dr. Sonderegger zu folgendem Ausspruche zwang: «Die Kaffee-Surrogate sind ein diätetisches und nationalökonomisches Unglück, sie liefern anstatt Nährstoffen ein förmliches Spülwasser für Millionen von Frauen und Kindern, die um ein gleiches Geld Speisen mit grösserem Nährwerte hätten haben können.» Ich selbst kenne viele so bedauernswerte Familien, die zum Frühstück, Mittag- und Abendessen verdünnten Kaffee- Extrakt mit gerösteten Kartoffeln geniessen. Es muss einen nicht wundern, dass bei dieser Volksernährung die Entwicklung und Qualität der Zähne zu wünschen übrig lässt. Die Vorschläge von Bartels etc., den Kalkgehalt des Bodens durch Kalkzufuhr zu erhöhen, scheinen in Anbetracht obiger Faktoren wirklich zweifelhaft. Wollen wir die Zahnverderbnis mit Erfolg bekämpfen, so muss eine vernünftige, soziale Bewegung zuvor gesunde, billige Volksküchen gründen, ferner der Fabrik- und Landbevölkerung gut ventilirbare Wohnräume etc. verschaffen, verbunden mit den nötigen Aufklärungen über «Volkshygieine». Gestützt auf solche Basis liesse sich mit gutem Resultat eine obligatorische Mund- und Zahnpflege bei unserer Jugend einführen. Geringer Erfolg wäre jedoch zu verzeichnen, wenn die Einführung ohne Revolution auf dem Gebiete der Volksernährung geschehen würde. Man muss auch hier das Übel bei der Wurzel fassen; ist eine Durchführung im angedeuteten Sinne nicht möglich, so wird die Zahnheilkunde betreffs Erhaltung der Zähne nur für die oberen Zehntausend schätzbare Dienste zu leisten imstande sein, für den Gewalthaufen hingegen werden nur Brosamen abf allen. Fig. 1 (vide lith. Tafel), 55 mal vergrössert, zeigt ein be- J ntergl ob u Ja rrä u m e Hauptursache hei der Zahnverderbnis zu betrachten ? 7 kanntes mikroskopisches Bild. Ich habe zirka 30 Präparate aus intakten Zähnen hergestellt, welche schlecht genährten jungen Burschen und Mädchen im Alter von 18 — 22 Jahren angehörten. Die Durchschnittsbeobachtung der mikroskopischen Präparate ergab: 1. Mangelhaft verkalktes Dentin. Das Vorhandensein vieler Interglobularräume, wie ich sie bei gut verkalkten Zähnen (gut genährten Individuen, gleicher Altersstufe angehörend) nicht fand. 2. Die vielen Risse in der Schmelzstruktur. Die Risse hatte ich mit der Luppe schon vor der Präparation der Zähne beobachtet; sie sind also nicht während dem Schleifprozess entstanden. Der Schmelz war stark transparent.