Joh. Ulrich Rebsamen thurg. Seminar-Direktor. Sein Lebens- und Charakterbild gezeichnet von Jakob Christinger. Separatabdruek aus der „Schweizerischen Pädagogischen Zeitschrift“ Heft 4, VIII. Jahrgang, 1898. L 6158 ZÜRICH. ABT. INSTITUT OBELL PÜSSLI. 18 9 8 . 'V Mi *r¥'*T: f£XA%;& '■* ."%> .''- J-- ';SXM •>^Wv: rj!&?#* 4 £ ><>. ••?, i'r r^>. -.'.** ■**&?£ V. s " "£*VV - y^; v .--'i •W-./*y ■Äßsys^ psgr^g. %~y>:g ’^yd\h- »£«5*^ *-'r-v Vr-;F \:-»^4*^-'''- 3 ''T:' i-ärff JO?/.' WWM WWM aä&jfö s?J5S Ht®^ »IS» ■Mj SM aSSSlsss mm KSS®; Joh. Ulrich Rebsamen, thurg. Seminar-Direktor. Geb. 24. Juni 1825, gest. 6. Juni 1897 c Joh. Ulrich Rebsamen, thurg. Seminar-Direktor. Sein Lebens- und Charakterbild, gezeichnet von Jakob Christinger. Der Thurgau hatte das Glück, nach dem Rücktritt seines ersten Seminardirektors, des vortrefflichen Joh. Jakob Wehrli, als Leiter seiner Lehrerbildungsanstalt in Kreuzlingen einen Mann zu gewinnen, der nicht minder zu diesem Amte berufen und befähigt, nicht minder arbeitsfreudig und hingebend und dabei mit einem reicheren Masse von wissenschaftlicher Bildung als sein Vorgänger ausgerüstet war. Nachdem der erste vorzugsweise dahin abgezielt hatte, einfache und anspruchlose, aber praktisch tüchtige und für ihren Beruf begeisterte „Schulmeister“ heranzubilden, war sein Nachfolger darauf bedacht, ohne jenes Ziel aus dem Auge zu lassen, seinen Zöglingen auch den Weg zu den Wissenschaften zu eröffnen und ihnen eine dem wachsenden Bedürfnis der Zeit entsprechende allgemeine Bildung in ihre Berufstätigkeit mitzugeben. So ergänzten sich die beiden in äusserst glücklicher Weise, indem der eine mit rüstig-tätiger Hand den Grund zur thurgauischen Volksschule legte, und die grössten Hindernisse beseitigte, der andere als ein kluger und einsichtiger Baumeister das angefangene Werk weiterführte. Dieser zweite hat eine so lange und bedeutsame Wirksamkeit abgeschlossen und war Jahrzehnte hindurch ein so treues und lebenskräftiges Glied am Körper des Schweizer. Lehrervereins, dass ihm darum auch in diesen Blättern ein biographisches Denkmal gebührt. Wenn ich etwas spät dazu komme, es zu entwerfen, so mag als Entschuldigung dienen, dass es mir durch einen Einblick- in den schriftlichen Nachlass des trefflichen Mannes ermöglicht wurde,"däfür etwas mehr und zuverlässigeres aus seinem Leben zu bieten, al^Tsolches gewöhnlich in einem eilends verfassten Nekrologe ges^eheQilgann. . VI33 3 2 Joh. Ulrich Rehsamen entstammt dem kernigen Yolke der zürcherischen Landschaft und wurde geboren den 24. Juni 1825 in der kleinen Ortschaft Schmidreuti unweit Turbental. Seine Eltern, Johs. Rebsamen und Elisabeth geb. Bosshard, besassen daselbst ein kleines landwirtschaftliches Heimwesen, betrieben daneben noch Hausweberei und lebten mit ihren drei Kindern in bescheidenem Wohlstand. Schmidreuti liegt in beträchtlicher Höhe über der Talsohle (ca. 800 m ü. M.), wie das eine halbe Stunde entfernte Sitzberg, wohin es kirchlich zugeteilt ist, und besteht aus einer Anzahl zerstreut liegender Gehöfte, die sich bis an die Grenze des Kantons Thurgau und zum Teil über dieselbe erstrecken. Es ist Schulort für die Kinder aus diesen Gehöften und auch für diejenigen aus dem Kirchorte Sitzberg; politisch gehört es zur Gemeinde Turbental, von wo es eine gute Stunde entfernt ist. ! ) Der begabte und lernfreudige Knabe besuchte zunächst die Schule seiner Heimatgemeinde, die nach seiner eigenen Bezeichnung noch eine Schule „alten Schlages“ war, und half daneben seinen Eltern bei ihrer ländlichen und gewerblichen Arbeit. Als er zwölf Jahre alt war und seine hervorragende Begabung mehr und mehr offenbar wurde, ward ihm zu seiner grossen Freude die Erlaubnis zu teil, die neugegründete Sekundarschule in Turbental zu besuchen. Hier fand er einen der besten Lehrer, die zu jener Zeit an Mittelschulen unterrichteten; es war der Deutsche Georg Geilfus 2 ) (aus Worms), nachmals Rektor der höheren Stadtschulen in Winterthur und Verfasser eines Lehrbuches der Schweizer- geschichte, das meines Wissens zuerst der neuzeitlichen Entwicklung unseres Volks- und Staatswesens volle Beachtung und Würdigung schenkte, sie auch der Jugend verständlich und anziehend zu machen suchte. Mit stiller Verehrung blickte der Knabe Ulrich zu diesem reich begabten und vielseitig gebildeten Mann empor, und es ist wahrscheinlich, dass in seiner Schule der Gedanke in ihm reifte, selbst ein Lehrer zu werden und womöglich von den Schulfächern zu den Wissenschaften und ihren Quellen vorzudringen. Nachdem er kaum das gesetzliche Alter erreicht hatte (zu Ostern 1841), trat er dann mit den besten Zeugnissen in das Zürcher Lehrerseminar zu Küsnacht ein, wo er drei Jahre verblieb und mit rastlosem Fleisse an seiner Ausbildung arbeitete, welche *) Das Dörfcheu Sch. breitet sich aus über den ganzen südlichen Abhang des kleinen Bergtales, das vom Ruppenbach düichstrüujt wird und sich westlich nach dem Tal der Ttiss herabsenkt. 2 ) Helvetia, herausgegeb. v. Georg Geilöi%—Lehrer, zwei Bände. Winterthur 3 zunächst auf den Beruf eines Volksschullehrers gerichtet war. Das Seminar (gegr. 1832) hatte eben die erste Periode seiner Entwicklung unter der Leitung des württembergischen Pädagogen Dr. J. Thomas Scherr und unter dem freisinnigen Erziehungspräsidenten Melchior Hirzel zurückgelegt. Die bekannte Erhebung des zürcherischen Volkes gegen die Berufung von Dr. D a v i d S t r a u s s als Lehrer der Theologie an die Universität hatte neue Männer an die Leitung des Staates und der Schule gebracht (1839). Bald nach dem Rücktritt der freisinnigen Regirung hatte Scherr einen langem Urlaub erhalten, auf welchen hernach seine Entlassung aus dem Dienste des zürcherischen Staates erfolgte. Das Seminar in Küsnacht ging unter dem Einfluss der herrschenden Strömung nunmehr in eine konservative Richtung über. Aber die Wege und Ziele des Unterrichts, welche der erste Leiter desselben eröffnet hatte, die Schreiblesemethode für die Elementarschule, die wissenschaftliche Behandlung der deutschen Sprache auf allen Stufen, sowie endlich die Bildung der Lehrer zu selbständigem Denken und zur modernen Weltanschauung, konnten nicht mehr völlig beseitigt werden, sondern wurden in weniger auffallender Gestalt und Weise beibehalten. Der neue Direktor, Dr. Joh. Heinrich Bruch von Wädensweil, entwickelte, wenn auch unter vielfachen Hindernissen, doch bald eine recht gedeihliche und fruchtbare Tätigkeit, und das frühere Lehrerkollegium war in seinem Bestände fast unverändert geblieben. Das Seminar bot, wie sein Geschichtschreiber sagt, in dieser Zeit das Bild einer Hausfrau, die zwar nicht viel von sich reden macht, aber deswegen nicht weniger tätig und tüchtig ist. 1 ) Die bedeutendsten Lehrer, welchen der junge Rebsamen hier seine weitere Bildung verdankte, waren ausser dem Direktor Bruch Dr. Friedrich Haupt aus Hessen für deutsche Sprache, Wilhelm Den zier von Zürich für Mathematik, Diethelm B u r k a r d für Religion und Geschichte, Joh. Fischer aus Württemberg für Gesang und Musik. Dr. Thomas Scherr war zur Zeit des reaktionären Sturmes nach Emmishofen im Thurgau übergesiedelt und hatte die Anstalt seit 1839 nicht mehr betreten. Nach Absolvirung der drei Jahreskurse in emsiger Arbeit und wohlbestandener Dienstprüfung wandte sich Rebsamen im Frühjahr 1844 seiner ersten praktischen Wirksamkeit als Primarlehrer zu. Er wurde vom Erziehungsrate als Vikar an die Elementarschule Hottingen bei Zürich bestellt und wirkte hier während des Sommersemesters mit so *) Das Lehrerseminar des Kantons Zürich in Küsnacht, von C. Grob, Sekretär des Erziehungswesens. Zürich 1882. 4 viel Eifer und Geschick und so gutem Erfolge, dass die Gemeinde ihn dauernd für ihre Schule zu gewinnen wünschte, womit er auch selbst einverstanden war. 2 ) Aber schon im Herbste desselben Jahres sollte sich das kaum geschlossene Band lösen, indem die kantonale Erziehungsbehörde ihn als Lehrer der Übungsschule beim Seminar zu Küsnacht berief. Es war vergeblich, dass die Gemeinde Hottingen und ihr jugendlicher Yikar einmütig gegen die Versetzung petitionirten. Die Berufung wurde nicht mehr rückgängig gemacht, und Bebsamen entschloss sich nun, wenn auch mit etwelcher Besorgnis ob der neuen und weit grossem Verantwortlichkeit, ihr Folge zu leisten. Besser, als er gehofft hatte, gelang es ihm auch hier, die Aufgabe seines Amtes zu erfüllen und sich die ungeteilte Anerkennung seiner Mitarbeiter und Vorgesetzten zu erwerben. Es hat auch hier ein guter Stern über seinem Leben gewaltet; denn sein Wirken an der Musterschule zu Küsnacht gab einen bedeutsamen Baustein zu seiner praktischen Bildung ab und wurde später die Veranlassung dazu, dass sein bewährtes Können ganz in den Dienst der Erziehung und der Schule, und zwar an hervorragender Stelle, gezogen wurde. Die Verhältnisse am Seminar waren indes nicht so angetan, um ihn dauernd fesseln zu können; auch wollte sich sein reger, weitausblickender Geist mit der Bildung, die ihm auf der Stufe des Primar- lehrers erreichbar schien, nicht begnügen. Nach einer Lehrtätigkeit von zwei Jahren im Dienste der Übungsschule fühlte sich Rebsamen gedrungen, eine folgewichtige Veränderung in seiner Laufbahn herbeizuführen. Er fasste den für seine Freunde ziemlich unerwarteten Entschluss, Theologie zu studiren und sich dem geistlichen Berufe zu widmen, was notwendig machte, dass er unverweilt zur Aufnahme der klassischen Studien überging. Er hatte dazu bereits in Turbental als Lateinschüler und im Lehramt einen bescheidenen Grund gelegt, auf dem er weiter baute. Es zog ihn vor allem zu den Wissenschaften hin, zur tiefem Erkenntnis der Wahrheit, zu einer grossen, umfassenden und harmonischen Weltanschauung, und sodann allerdings auch zu einem freieren und grösseren Wirkungskreise, dessen Art und Natur ihm wohl damals noch nicht völlig klar vor Augen stand. Nachdem er mit ehrendem Zeugnis seine Entlassung erhalten, widmete er sich in Zürich einige Zeit nur dem Studium der alten Sprachen (Latein und Griechisch), und zwar mit solcher Kraft und mit so be- 2 ) Nach handschr. Auszügen aus den zürcher. Arch. von Prof. Dr. 0. Hunziker; mündlicher Überlieferung zufolge hat R. noch vorher an den Schulen zu Meilen und Altstätten einige Zeit als Lehrer gewirkt. 5 merkenswerten Erfolge, dass er bereits ein Jabr später (im Herbst 1847) die Maturitätsprüfung für die Universität in sehr befriedigender Weise bestehen konnte. Nur im Hebräischen, für das ihm zu wenig Zeit übrig geblieben war, wurde ihm eine Nachprüfung auferlegt, die er später ebenfalls mit sehr gutem Zeugnis bestand. Zu Anfang des Wintersemesters liess Rebsamen, mit einem Stipendium des Kirchenrates bedacht, sich als Student der Theologie an der Hochschule in Zürich einschreiben, wo er indes ein Jahr lang vorzugsweise geschichtliche und philosophische Vorlesungen hörte und daneben seine Kenntnisse in den alten Sprachen ergänzte und vertiefte. Hierauf ging er zu den eigentlich theologischen Studien über, die er unter Leitung der ausgezeichneten Lehrer Ferdinand Hitzig (für Hebräisch und Exegese des Alt. Test.) und AlexanderSchweizer (für philosopihsche und christliche Ethik und Dogmatik, Leben Jesu) in der kurzen Frist von zwei Jahren soweit zum Abschluss brachte, dass es ihm nicht schwer wurde, das theologische Examen vor der zürcherischen Behörde in glänzender Weise abzulegen. Es widerstrebte seiner unabhängigen Natur, fremde Hülfe in Anspruch zu nehmen; darum hat er sich während dieser Zeit nicht geringe Entbehrungen auferlegt und auf die Freuden eines sorglosen Studentenlebens fast gänzlich verzichtet. Auch lag es ihm sehr am Herzen, die ökonomischen Mittel seiner Eltern möglichst zu schonen und ihnen eher Hülfe zu bieten, als von ihrer Seite Opfer zu fordern. Durch die Weisheit und Freigebigkeit des zürcherischen Staates bestand die Einrichtung, dass hervorragenden jungen Leuten, welche ihre Fachprüfung mit Auszeichnung bestanden, ein Reisestipendium in erheblichem Betrage bewilligt wurde. Diese Wohltat ward dem jungen Rebsamen zugleich mit zweien seiner Freunde zu teil. Er erhielt aus der Staatskasse ein Reisestipendium von tausend Gulden, damit er eine deutsche Universität beziehen und daselbst ein Jahr lang sich seiner weitern allgemeinen und beruflichen Bildung widmen möge. Da es eine Belohnung und Aufmunterung für solche junge Leute war, die durch Fleiss, Talent und sittliche Tüchtigkeit den Staat oder die Kirche zu grösseren Hoffnungen auf ihr nachfolgendes Wirken berechtigten, so legte es dem Empfänger allerdings nicht geringe moralische Pflichten auf, doch bewies die Erfahrung, dass diese sehr selten vernachlässigt wurden. Mit diesem Stipendium, das für ihn den Wert eines Vermögens darstellte, begab sich Rebsamen im Spätjahr 1849 auf die Universität Berlin, fest entschlossen, von den ihm gebotenen Mitteln den besten Gebrauch zu machen. Was er sich gelobt hatte, das führte er mit der Kraft seines eisernen Willens getreulich aus und liess sich durch die Zerstreuungen 6 und Versuchungen der Grosstadt nicht beirren, die schöne Zeit des Sammelns und Lernens gewissenhaft anzuwenden. Es waren namentlich Vorlesungen des originellen und tiefdenkenden Philosophen Prd. Ed. Beneke über Psychologie, Metaphysik und Religionsphilosophie, und des freisinnigen Theologen K. Wilh. Vatke, eines Schülers von Pr. D. Schleiermacher, über die Entwicklung der christlichen Dogmen, die seinem Geiste neue, kräftige Nahrung boten und auf den Ausbau seiner philosophisch-christlichen Weltanschauung grossen Einfluss übten. In Anlehnung an die Psychologie Benekes ist das Heft verfasst, nach welchem Rebsamen später seine Zöglinge in die Elemente der Seelenlehre einführte, und die pädagogischen Grundsätze dieses Philosophen sind für seinen Schüler mass- und richtunggebend geworden. In Berlin liess Rebsamen übrigens auch dem geselligen Verkehr mit gleichgesinnten Freunden und der edlen, von Poesie und Witz verklärten Freude ihr Recht zu teil werden. Er gründete mit mehreren Genossen aus der Heimat, wie Ferdinand Zehender, dem gemütvollen Dichter und Pädagogen aus Schaffhausen, K. W. Kambli (Dekan iu St. Gallen), Friedrich Meyer (Aktuar des Kirchenrates in Zürich) u. a. einen Freundschaftsbund, das „Berliner Kränzchen“, an dem sie mit grosser Treue bis ins Alter festhielten. Mit einigen von ihnen führte er eine Ferienreise zur See bis Kopenhagen aus, von der er manche interessante Beobachtung und hübsche Erinnerung zu erzählen wusste. Die genannten vier besuchten sich später noch oft, besonders war der muntere und liebenswürdige Zehender häufig bei Rebsamen zu sehen, und dann war das Angesicht des ernsteren Freundes von heller Freude verklärt, und er schien um etliche Jahre jünger geworden. Das letzte Jahr des akademischen Studiums ging ebenso schön als reich und gewinnbringend vorüber. Am Ende desselben kehrten die Freunde in die Heimat zurück, und Rebsamen stellte sich dem zürcherischen Kirchenrate zur Verfügung, der ihn nicht lange auf Arbeit warten liess. Schon nach Berlin war ihm berichtet worden; dass er als Pfarrverweser nach Fischental bestimmt sei, und er schickte sich sofort an, dieses Amt bei der armen und weit verstreuten Gemeinde am Fusse des Hörnli und des Schnebelhornes anzutreten. Es war ihm damit ein schweres Stück Arbeit zugeteilt worden, dem er sich aber trotz seiner Jugend und zarten Konstitution alsbald gewachsen zeigte. Ohne Aufsehen, aber mit dem stillen, heiligen und andauernden Eifer, der seiner Natur eigen war, lebte und schaffte er sich rasch in die Erfüllung seines geistlichen Berufes hinein. Das Pfarrhaus war vernachlässigt und schier zerfallen; die Gemeinde befand sich in ähnlichem Zustande und zeigte überall die Spuren 7 der Verarmung und Hülflosigkeit; der Zudrang von Rat und Hülfe suchenden Gemeindegliedern war so gross, dass der junge Pfarrer viele Stunden brauchte, um sie anzuhören, und bei weitem nicht alle ihre Bedürfnisse und Wünsche befriedigen konnte. Doch liess er sich dadurch nicht entmutigen, sondern tat sein Bestes, in der Hoffnung, dass Gott und gute Menschen das Übrige tun werden. Er schreibt darüber an seinen Freund Kambli: „Neues gibt’s hier nicht viel, als den ganzen Tag steht mir einer nach dem andern in der Studirstube, will und fordert, bittet und klagt, weint oder schmäht, dass es zum Davonlaufen ist. Doch hat’s auch hier einige Rosen an den Dornen, und für mich heisst es jetzt: Lerne nur das Tal ergreifen, Fische sind noch immer da.“ In richtiger Erkenntnis dessen, was die Gemeinde bedurfte, suchte Rebsamen nicht allein ihr geistiges Leben zu wecken und zu heben, sondern auch ihrer Armut kräftig entgegenzuwirken, und zwar durch Belehrung über die vornehmsten Ursachen der Armut. Erhielt z. B. eine treffliche Predigt über die Bitte im Unser Vater: „Unser tägliches Brot gib uns heute“, die er auf den Wunsch einiger Gemeindeglieder im Drucke herausgab und verbreiten liess. Ich führe daraus nur die folgende, kennzeichnende Stelle hier an: „Zuletzt sage dir zum Tröste: Tue, was du kannst, so wird Gott tun, was du nicht kannst! Alles kannst du nicht; dir fehlt die Kraft. Aber es wird auch von keinem mehr gefordert, als dass er treu erfunden werde. Hast du nur das eine Pfund, das dir vertrauet worden, treu verwaltet, so wird der Herr das Andere tun, das nicht in deinen Kräften liegt. Da sei du denn getrost, verzage nicht und lass ihn walten!“ Es waren gesegnete Jahre, die Rebsamen in der Stille des ländlichen Pfarrhauses und im Verkehr mit dem mühseligen und geplagten Volke zugebracht hat. Er lernte dadurch seine Bedürfnisse kennen, seine guten und schlimmen Seiten und besonders die Quellen seiner Armut und Not. Er lernte darüber nachdenken, wie ihm am besten zu helfen sein möchte, und gewöhnte sich an den Gedanken, dass des höher begabten Mannes beste Kraft nicht ihm selbst, sondern seinem Volke gehöre. Nachdem er in Fischental drei Jahre (1851 — 54) in ernster, selbstverleugnender Arbeit im Dienste des geistlichen Amtes gestanden, kam unerwartet wie eine Botschaft vom Himmel an ihn die Berufung in ein anderes, seiner eigentlichen Begabung völlig entsprechendes Amt. Es war die Anfrage des thurgauischen Erziehungsrates, ob er geneigt wäre, die Stelle eines Seminardirektors in Kreuzlingen anzunehmen, welche durch die Resignation Wehrlis erledigt war. Er selbst 8 wusste nicht, wie die berufende Behörde auf ihn aufmerksam geworden; doch ist mehr als wahrscheinlich, dass der damalige Präsident derselben, Dr. Thomas Scherr, ihn in Vorschlag gebracht hatte, nachdem er von zürcherischen Freunden zuvor nähere Erkundigungen über einen geeigneten Kandidaten eingezogen. ßebsamen, der wieder im Dienste der Schule und der Wissenschaft seinen eigentlichen Lebensberuf erkannte, überlegte nicht lange, sondern sagte nach kurzer Unterhandlung mit der thurg. Behörde freudig zu, wenn auch der Schwere und Verantwortung seiner künftigen Stellung sich wohl bewusst. Die Tatsache, dass man im Thurgau daran dachte, das Seminar nach Wehrlis Abgang wieder aufzuheben und sich ohne eigene Lehrerbildungsanstalt zu behelfen, vermochte ihn nicht abzuschrecken. In pädagogischer Richtung lag ja, wie er wohl fühlte, die Kraft seiner Begabung, die wissenschaftliche Ausrüstung seines Geistes und die überwiegende Neigung des Gemütes. Wissenschaften zu lehren und durch sie den innern Menschen zu bilden, für das Gute und Schöne zu gewinnen, das war ihm in so hohem Masse wie wenigen gegeben. Im Mai des Jahres 1854 siedelte er mit seinem einfachen Haushalte in die Räume des alten, ehemaligen Augustiner-Klosters Kreuzlingen über, wo er sogleich den Unterricht in deutscher Sprache und Literatur, Geschichte und Pädagogik, später auch den evangelischen Religionsunterricht übernahm. Ich war mit unter den Zöglingen, die ihn damals beim Antritt seines Amtes begrüssten und seiner Programmrede mit hoffender Seele zuhörten. Der greise Dr. Thomas Scherr stellte uns den neuen Direktor vor und führte ihn mit freundlichem Zuspruch in die Rechte und Pflichten seiner Stellung ein. Dann sprach Rebsamen über die Grundsätze und Zielpunkte, die ihn bei der Führung seines Amtes leiten werden, klar und schön und mit wohltuender Wärme sittlicher Begeisterung. Sodann legte er das Gelübde ab: soweit seine Kräfte reichen, alles zu tun, was zu Nutz und Frommen der Anstalt und ihrer Zöglinge diene, damit er das Vertrauen, das ihm die Wahlbehörde entgegengebracht, in allem recht- fertigen möge und nicht hinter seiner Aufgabe zurückbleibe. Er hat uns nicht getäuscht, sondern die ausgesprochenen Vorsätze und Gelübde treulich erfüllt. Wir fassten Zutrauen zu ihm, und die Hoffnung, dass es bei ihm viel zu lernen gebe, und dass er es verstehe, uns zu den Geisteswissenschaften und zu einer tüchtigen Bildung für den künftigen Lebensberuf hinzuführen. Wenige Monate später durfte ich ihn an seinem Namenstage, der nach Sitte der Anstalt gefeiert wurde, im Namen der ganzen Schülerschaft festlich begrüssen und ihm das ungeteilte Zutrauen derselben aussprechen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, 9 wie freundlich, dankbar und liebevoll und mit wie verklärtem Angesichte er darauf geantwortet hat. Es waren arbeitsvolle, aber auch schöne und gewinnreiche Tage, die jetzt für uns junge Studenten zu den Füssen des trefflichen Lehrers aufgingen. Wir fühlten einen rechtschaffenen Hunger nach den Wissenschaften und hatten uns lange genug bei den Anfangsgründen aufgehalten. Das Seminar war nach dem Weggang des hochverdienten Jakob Wehrli (im Herbst 1853) und zum Teil schon in den Jahren seiner letzten Wirksamkeit in seinen alten überkommenen Hofwyler Formen erstarrt, weil der Geist sie nicht mehr wie früher belebte. Es ging unter der Handhabung der Ordnung viel Zeit unnütz verloren; jeden Tag musste ein Zögling als „OrdnungsWächter“ sämtliche Lehrstunden versäumen, um sich den Hausgeschäften und der Aufsicht zu widmen. Der Betrieb der Landwirtschaft nahm ebenfalls viel Zeit in Anspruch, von der wir meinten, dass sie eigentlich den Studien und der Übung in den Kunstfächern gehörte, und dazu sollte in dreissig Monaten unsere ganze Bildung für den Lehrerberuf vollendet sein, während manche von uns bei ihrem Eintritt nicht einmal über einige Sekundarschulbildung verfügten, sondern von der Primarschule und von der Bearbeitung der Ackerscholle her in die Anstalt gekommen waren. Da hat uns, die wir einer bessern Zukunft harrten, Rebsamen einen neuen Geistesfrühling gebracht, ein reges wissenschaftliches Leben, ein neues und hochgehendes Streben nach Wahrheit, Bildung, geistig-sittlicher Freiheit und Tüchtigkeit. Es war wie eine Erlösung von leerer Formen Zwang, was damals mit ihm in die alten Klostermauern unserer Behausung eingezogen ist. Durch sein reiches und fest gefügtes Wissen und Verstehen, wie durch die lichtvolle Klarheit seines Vortrages bot er uns frische Geistesnahrung dar. Durch seinen milden Freisinn, seine Humanität und Vaterlandsliebe wirkte er auf Gemüt und Charakter ebenso wohltätig ein. Es war keine hochfliegende Begeisterung, aber ein stiller, glühender Eifer für das Werk seines Berufes, für unsere Bildung und Erziehung, der ihn beständig beseelte. — Seine Hauptfächer: Deutsche Sprache, Literatur, Pädagogik und ihre Iiülfswissenschaften arbeitete er selbständig und mit grösster Sorgfalt in Heften aus und trug sie mit so ruhiger Klarheit und Ordnung, aber auch mit so viel Anteil und Wärme vor, dass es für die begabteren Schüler eine Lust war, ihm zu folgen und auch die weniger Befähigten nicht leer ausgingen. Besonders anregend waren seine Besprechungen über den behandelten Stoff, kurze Repetitionen von Stunde zu Stunde, wobei er ebenso bestimmt und trefflich zu fragen, wie 10 zu erläutern wusste und jeden verständigen Hörer, so viel es die Zeit erlaubte, zum Worte kommen liess. Es war kraftbildende Übung, nicht blosse Wiederholung des Gelernten, und man langeweilte sich trotz der Strenge der Methode selten dabei. Besonders ausführlich, umfassend und sorgfältig war sein Heft über deutsche Grammatik gearbeitet. Durch treffliche Gruppirung des Stoffes, durch Klarheit und Einfachheit der Definitionen und durch praktische Anlage für den Gebrauch der Schule ist es ein Werk von bleibendem Werte. Wer darin wohl bewandert war, der konnte jede sprachliche Erscheinung richtig bezeichnen, jede Periode auflösen, jeden Fehler im Sprachbau erkennen und das Gesetz angeben, welches bei der Verbesserung zur Anwendung kommen musste. Er hat es nie im Drucke herausgegeben, doch bildet es einen Schatz in seinem Nachlass, der vielleicht später noch einem weiteren Kreise von Schülern zu gute kommen wird. Bei der Korrektur der Aufsätze vor der Klasse pflegte er ebenfalls auf die Regeln und Sprachgesetze zurückzugehen und die Schüler selbst finden zu lassen, warum eine Schreibart oder Konstruktion als unrichtig zu bezeichnen sei. Auch wählte er mit Vorliebe solche Themata aus, für deren Bearbeitung der Schüler sich einigermassen vorbereiten musste und wobei er noch etwas lernen konnte, forderte aber, dass die Ausarbeitung dann frei aus dem Kopfe und ohne Hülfsmittel geschehe. Die pädagogischen Systeme ältern und neueren Ursprungs hatte er fleissig studirt und fuhr fort, sich mit ihnen zu beschäftigen und von jeder bedeutenden Erscheinung auf diesem Gebiet Kenntnis zu nehmen. Doch gab er sich keinem derselben völlig zu eigen hin, sondern wählte aus jedem das ihm Gutscheinende aus, das er dann auch am richtigen Orte in seinen Vorträgen unterzubringen und zu verwerten wusste. Am meisten war er wohl von der Ethik des Aristoteles, der Didaktik des Amos Comenius und von der Psychologie und Pädagogik seines Lehrers Fr. Ed. Beneke beeinflusst. In Theorie und Praxis bekannte er sich zu dem aristotelischen Grundsätze, dass die Wahrheit und die Tugend, ebenso das Nützliche und Brauchbare stets zwischen zwei Extremen in der Mitte liegen und nie in einer einseitigen Richtung gesucht werden müssen. „Die Extreme taugen nicht“ — pflegte er zu sagen, wenn er von Neuerungen hörte, die ihm von der bewährten goldenen Mittelstrasse weit abzugehen schienen. Doch war es nicht das Mittelmässige, sondern das weise Masshalten in allen Dingen (rb fiijäiv ayav des Solon), was er meinte. Es hängt mit seinem eklektischen (auswählenden) Standpunkte zusammen, dass er vor- 11 zugsweise die Geschichte der Pädagogik interessant und fruchtbar zu behandeln verstand und sie zu einer Quelle der mannigfaltigsten Belehrung, zu einem Jungbrunnen auch für den im Berufe stehenden Lehrer zu machen wusste. Yon seinen Zöglingen forderte er ein reiches und vollgerütteltes Mass von Arbeit, aber es wurde von der grossen Mehrzahl derselben gerne geleistet, denn jeder hatte das Gefühl, dass er dabei auf dem Wege seiner Bildung tüchtig vorwärts kam. Die Disziplin handhabte er mit Strenge, doch ohne rigorose Mittel, meist nur durch das ermahnende oder tadelnde und strafende Wort, das von einem Tone der Trauer oder sittlicher Entrüstung getragen, seine Wirkung niemals verfehlte. „Das sollte nicht Vorkommen“ — war in leichteren Fällen Zurechtweisung und Strafurteil. Das wirksamste dabei war seine eigene musterhafte Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, Ordnungsliebe und Zuverlässigkeit, auf die man sich fast wie auf ein Naturgesetz verlassen konnte. Aber sein heller Verstand, milder Ernst und sichtbares Wohlwollen gaben allen seinen Werturteilen eine erhöhte Bedeutung. Nicht lange nach seinem Einzug in Kreuzlingen hat sich Rebsamen einen eigenen Hausstand gegründet, der ihm für die ganze Folgezeit eine Quelle des Friedens und häuslichen Glückes ward. Seine Lebensgefährtin wurde eine wackere Thurgauerin, Katharina Egloff, Tochter des verdienten Regirungsrates und Oberst-Divisionärs Konrad Egloff von Tägerweilen, damals in Frauenfeld (1856). Sie war ihm eine treue Gehülfin und praktische Ratgeberin, die an allen seinen Sorgen liebreich Anteil nahm und seinen unter der Last der Arbeit etwa sinkenden Mut erheiterte und stärkte. Ihrer Ehe entstammen vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, von denen zwei der ersteren den Beruf ihres Vaters ergriffen und die thurgauische Staatsprüfung als Sekundar- lehrer bestanden. Zwei der Söhne wanderten später nach Mexiko aus, wo der älteste (Heinrich) in der Provinz Vera Cruz als Direktor eines Lehrerseminars zu Jaläpa mit bestem Erfolge wirkt, der andere eine den beiden Brüdern gemeinsame landwirtschaftliche Besitzung verwaltet. Möge den beiden wackern Pionieren die friedliche „Eroberung Mexikos“ für schweizerische Kultur und Sitte wohl gelingen! An allen diesen Gliedern seines Familienkreises hing Rebsamen mit grosser Zärtlichkeit und war in ihrer Mitte ein Hausvater, der männlichen Ernst und zwanglose Heiterkeit in liebenswürdigster Weise zu verbinden wusste. So war auch sein Verhältnis zu den Zöglingen, wirklichen und ehemaligen, deren Zahl sich mit jedem Jahre mehrte, ein familiäres zu nennen. Nach Wehrlis Beispiel wurde das gemütliche „Du“ allen gegen- 12 über bis nach Ablegung ihrer Staatsprüfung und oft weiter noch beibehalten. An dem Schicksal jedes einzelnen nahm Rebsamen persönlichen Anteil, suchte ihn zu fördern und ihm die Wege zu ebnen. Ihrer viele pilgerten später wieder nach Kreuzlingen, um einen Rat bei ihm zu erholen oder auch nur, um ihn wieder zu sehen und ihm die Hand zu drücken. Ein bleibend dankbarer sagte mir einst von ihm: „Ja, er hat doch manchem jungen Menschen zu einer tüchtigen Bildung und einem guten Stück Brot verholfen.“ Im übrigen war der Inhalt von Rebsamens Leben köstlich, wie die Schrift sagt, d. h. Mühe und Arbeit, aber nicht vergeblich, sondern mit Erfolg und Segen gekrönt, auch durch manche Beweise von Anerkennung und Dankbarkeit belohnt. Nachdem er als Seminardirektor das Vertrauen der Lehrerschaft und der Behörden gewonnen, mehrten sich seine Ämter und wurden zahlreicher, als ihm lieb war. Bis zur Verfassungsrevision von 1869 war er Mitglied des thurg. Erziehungsrates und Referent in allen Fragen, die das Unterrichtswesen und die Volksschule betrafen. Die kantonale Lehrerkonferenz und später die an ihre Stelle getretene Schulsynode wählten ihn ständig zu ihrem Präsidenten und legten damit die Vorbereitung aller ihrer Geschäfte in seine Hand. Mit grosser Umsicht und Gewandtheit stand er auch diesem Geschäftskreise vor, bis die Beschwerden des Alters ihn zum Rücktritt von dem anstrengenden Präsidium bewogen (1893). Seine Eröffnungsworte zu den Versammlungen der Synode waren nicht selten wahre Meisterstücke lehrhafter Beredsamkeit und pädagogischer Weisheit. Auch in die Verhandlungen griff er öfter mit einem schlagfertigen Worte ein und wusste das, was nach seiner Meinung das Beste war, so geschickt zu verteidigen, dass auch die wohlgerüsteten Gegner nur selten dagegen aufkommen konnten. Ebenso war er fast von Anfang bis zum Ende seiner Wirksamkeit im Thurgau Mitglied und Präsident der Verwaltungskommission der Lehrer-Witwen- undWaisenkasse und liess es sich fortwährend angelegen sein, die Verhältnisse des Lehrerstandes auch ökonomisch besser und lohnender zu gestalten, namentlich ihm eine ausgibigere Altersversorgung zu verschaffen. Ein Jahresbericht über den Gang und Stand dieser Kasse (v. 1896) war seine letzte schriftliche Arbeit, die er noch in den Tagen seiner Krankheit mit müder und fiebernder Hand zu Ende brachte. Die erste Anregung zum neuen Lehrerbesoldungsgesetz ist auf sein überzeugendes und eindringliches Wort von der Gerechtigkeit und Notwendigkeit dieser Verbesserung zurückzuführen. 13 In besonders naher Wechselbeziehung stand Rebsamen alldiezeit mit dem thurg. Sekundarschulwesen. Als Inspektor über einen Teil der Sekundarschulen hatte er Gelegenheit, sie persönlich kennen zu lernen und wegleitend in ihre Tätigkeit einzugreifen; als Präsident der Inspektionskommission erhielt er Kenntnis von sämtlichen Spezialberichten und war durch seine reiche pädagogische Erfahrung und Einsicht befähigt, auch organisatorisch fördernd auf die Entwicklung des Ganzen einzuwirken. Dieser Tätigkeit brachte er alljährlich fast seine ganzen Frühlingsferien zum Opfer. Auf diesem Gebiet haben wir uns später als Kollegen wieder gefunden und mehr als drei Jahrzehnte hindurch, wenn auch oft im einzelnen ungleicher Meinung, doch in treuer Männer- freundschaft zusammengewirkt. Auch hier erschien er mir stets als das Vorbild eines Lehrers und Beamten, der sich im Dienste seines Volkes, ja im Dienste Gottes weiss, und der ein für allemal entschlossen ist, alles, was er tun soll, nach bestem Wissen und Vermögen zu tun. Er war immer rechtzeitig zur Stelle, wo man ihn erwarten konnte, immer vorbereitet und mit dem nötigen Material gerüstet, meist auch in der richtigen Stimmung. Seine Berichte zeugten von grosser Umsicht und Einsicht, Gerechtigkeitsliebe und Wohlwollen; sie Hessen es bei aller Entschiedenheit doch an Milde und Rücksicht auf die Verhältnisse nicht fehlen. x ) Seine Art und Weise, die Fähigkeitsprüfungen der Kandidaten zu leiten und daran teilzunehmen, war derart, dass seine Kollegen noch lange von ihm zu lernen hatten. Gleich von Anfang seines Wirkens in Kreuzlingen an trat Rebsamen dem Schweizer. Lehrerverein bei, wurde bald in den Zentral-Ausschu8s desselben gewählt, besorgte eine zeitlang auch das Aktuariat des Vereins und blieb bis zu der eingreifenden Neu-Organi- sation des Vereins (1894) Mitglied seiner leitenden Behörde. Hier fand er vertraute Freunde und tat mit ihnen das Beste, um das Ansehen des noch jungen Vereins zu heben, seine Wirksamkeit fruchtbarer zu gestalten und die schweizerischen Lehrer aller Parteifarben, Konfessionen und Richtungen zu einer im Geiste Pestalozzis geeinigten Körperschaft zusammenzuschliessen. Deshalb übernahm er auch zweimal die Redaktion des Vereinsorgans, der Schweizer. Lehrerzeitung (1866 und 1870) für je zwei bis drei Jahre, und nur weil seine Zeit und Kraft durch nähere Pflichten schon hinreichend belegt waren, gab er sie nach so kurzer Frist wieder in die Hände des Z. A. zurück. fl Im Thurgau gelangen sämtliche Inspektionsberichte an die Regirung, die Schul- vorsteherschaften und Lehrer in wörtlich gleicher Fassung. 14 Aus seinem Programm im höchst bescheidenen Vorwort zur ersten Periode führe ich als kennzeichnend folgende Stelle hier an: „Die Lehrerzeitung ist eine schweizerische; sie soll, soweit die Beiträge es möglich machen, nicht einzelne Kantone zu gunsten anderer hintansetzen, und soll jede religiöse Überzeugung ehren. Sie sucht Eingang in politisch und pädagogisch mehr oder weniger getrennten Lagern und soll das Gute anerkennen, wo sie es findet. Sie kann nicht auf Polemik ausgehen, am wenigsten auf persönliche, aber sie wird doch Farbe bekennen. Sie wird entschieden einem besonnenen Fortschritt huldigen, den sie für möglich und in mehrfacher Hinsicht für notwendig erachtet. In bezug auf das Recht abweichender Ansichten und Standpunkte gelte uns der Wahlspruch: in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas.“ Indem er von der Lehrerzeitung die Behandlung vaterländischer und gemeinnütziger Fragen nicht ausschliessen, sonderneinbeziehen will, bemerkter: „Die Lehrer sollen zwar fest und männlich Zusammenhalten, aber sich vor jeder kastenartigen Abschliessung sorgfältig hüten.“ An den Schweizer. Lehrertagen, die von bescheidenen Anfängen (250 Mann) ausgehend, in den Sechzigerjahren einen sehr erfreulichen Aufschwung nahmen, war Rebsamen fast ausnahmslos anwesend und ermunterte auch seine Thur- gauer, sich dem Vereine und seinen Bestrebungen anzuschliessen. Am Lehrertag zu Frauenfeld in 1882 referirte er in der Hauptversammlung in ausgezeichneter Weise über das Thema: „Was kann die Volksschule zur Lösung der sozialen Frage beitragen?“ Sehr mannigfaltig und zahlreich ist die Reihe von pädagogischen und gemeinnützigen Vorträgen, Referaten und EröfF- nungsworten, die er im Laufe der Jahre in verschiedenen Vereinen und Gesellschaften gehalten hat, von denen nur der kleinere Teil gedruckt ist, andere aber in Handschrift vor mir liegen und es zum teil heute noch wert sind, einem grösseren Leserkreise vorgelegt zu werden. In der Thurg. gemeinnützigen Gesellschaft sprach er im Frühjahr 1861 in gehaltvollem Vortrage „über die Früchte der verbesserten Schuleinrichtungen“ und machte hier bereits die Anregung, den Schuleintritt und folglich auch den Austritt um ein Jahr hinauszuschieben, und Fortbildungsschulen einzurichten, welche die Bildung der Jünglinge bis in die Jahre der Militärpflicht weiterführen. ! ) Das gesetzliche Alter für den Eintritt in die Primarschule war damals im Thurgau das zurückgelegte fünfte Altersjahr und war damit erfahrungsgemäss bedeutend zu tief gegriffen. 0 Als Brochüre erschienen, Frauenfeld, b. J. Huber, 1861. _ 15 Als die Schweizer, gemeinnützige Gesellschaft das erstemal in Frauenfeld tagte (Herbst 1861), erstattete der thurg. Seminardirektor Bericht über die Fragen: „Was wird in den verschiedenen Kantonen durch besondere Anstalten für die geistige, sittliche und bürgerliche Ausbildung der Jünglinge im Zeitraum vom 16.—20.Lebensjahr wirklich getan? Können diese Leistungen als hinreichend bezeichnet werden, oder welches weitere Ziel hat die Zukunft in dieser Hinsicht anzustreben? Welche Mittel und Wege führen dazu?“ Wie er darauf Antwort gab, ist aus den oben erwähnten Vorschlägen zu ersehen. — Als dieselbe Gesellschaft vierzehn Jahre spater „Das Verhältnis der Volksschule zum Religionsunterricht“ zur Behandlung brachte und den kantonalen Sektionen zur Vorberatung empfahl, trug in der thur- gauischen wiederum Rebsamen über die schwierige Frage ein Gutachten vor, worin er den Gedanken ausführte, dass der Unterricht in Religion, d. h. in den geschichtlichen Tatsachen und Grundlehren des Christentums, allerdings ohne konfessionelle Ausprägung, in die Volksschule gehöre und von den Lehrern, wie jedes andere Unterrichtsfach nach den Grundsätzen der Pädagogik, zu erteilen sei. J ) Zum zweitenmal referirte Rebsamen in der Versammlung der Schweizer, gemeinnützigen Gesellschaft bei ihrer Tagung zu Frauenfeld a. 1883: „Über die erzieherische Aufgabe der Volksschule mit besonderer Rücksicht auf die sozialen und sittlichen Zustände der Gegenwart.“ Die Gesellschaft beschloss einstimmig auf den Antrag Ferd. Zehenders, dem trefflichen Vortrag ihres Referenten durch Separatabdrücke weitere Verbreitung zu geben. * 2 ) Im Schulverein Kreuzlingen hielt der unermüdliche Mann eine bunte Reihe von Vorträgen verschiedenen, hauptsächlich erziehungsgeschichtlichen Inhalts, so über „Adolf Diesterweg“, „Arnos Komenius“, die „Helvetische Gesellschaft“, über „Konzentration des Unterrichts“ (1896), die, wenn auch für einen engeren Kreis von Lehrern und Schulfreunden bestimmt, doch einen reichen Gehalt pädagogischer Gedanken und Erfahrungsweisheit darbieten. Auch das benachbarte Konstanz nahm ihn in Anspruch, wo gemeinnützige und freisinnige Männer ihn baten, einen Vortrag für die Wessenberg-Denkmal-Stiftung zu übernehmen. Er sprach hier ] ) Erschienen in der Schweizer. Zeitschr. für Gemeinnutz., Jahrgang XIY und in Separatabdr. Zürich, b. J. Herzog, 1875. 2 ) Erschienen in der Schweizer. Zeitschrift für Gemeinnütz. 1883 und in Separatabdruck. Zürich, bei J. Herzog. 16 „Über die Extremein Fragen der Erziehung“ (1886) und stellte abwägend die stärksten Gegensätze in der wissenschaftlichen und praktischen Pädagogik sich gegenüber, um daraus den Weg der richtigen Mitte zu weisen. Treffend schloss er dann unter grossem Beifall mit den Worten Wessen- bergs: „Es ist über allen Zweifel erhaben, dass unter allen Staatsbedürfnissen die Yolksbildung das erste, vornehmste und höchste sei. Auch ist keine Art wahrer Wohlfahrt und ächten Glanzes, wozu eine gute Jugendbildung ein Yolk nicht befähigte. Die grössten Güter einer Nation stehen immer im geraden Yerhältnisse zu dem Grade von Licht und Finsternis, die in den Volksmassen verbreitet sind.“ Ich erwähne endlich noch zwei Vorträge über Heinrich Pestalozzi, wozu die Feier vom 12. Jan. 1896 Veranlassung gab. Der erste wurde in einer grösseren Versammlung in der „Helvetia“, der andere vor der Lehrerschaft und den Zöglingen des Seminars gehalten; beide ergänzen sich und sind wie durch Klarheit und Wärme der Darstellung, so auch durch praktische Anwendungen und Winke bemerkenswert. Ich führe daraus folgende Stellen aus seinen eigenen Reflexionen hier an: „Es ist ein schöner Zug des menschlichen Herzens, dass die Enkel von Zeit zu Zeit in Liebe und Dankbarkeit ihrer verdienten Vorfahren gedenken, und es gilt eine solche liebevolle und dankbare Rückerinnerung als eines der vorzüglichsten Mittel zur eigenen Gemüts- und Geistesbildung.“ — „Wenn ihr im Sinn und Geist Pestalozzis wirken wollet, so bemühet euch, eure Kinder kennen zu lernen.“ — „Dazu ist auch nötig, mehr als es gewöhnlich geschieht, der häuslichen Erziehung seine Aufmerksamkeit zu schenken.“ — »Um nach Pestalozzis Vorbild zu unterrichten und zu erziehen, braucht es ein reiches Mass von hingebender Liebe, aber sie schliesst den Ernst und die anstrengende, tüchtige Arbeit, auch von seiten der Kinder nicht aus.“ — „Das ist das Kennzeichen wahrhaft grosser Männer, dass man auch ihre Fehler nennen darf, ohne dass sie deswegen aufhören, gross zu sein. *) Auch ein Lehrmittel, das einem Bedürfnis nach erweiterter Volksbildung glücklich entgegenkam, verdanken wir Rebsamens rastlos tätigem Geiste. Als durch das Unterrichtsgesetz von 1876 im Thurgau die obligatorische Fortbildungsschule für Jünglinge ins Leben trat, hatte er bereits für dieselbe seinen „Leitfaden der Gesellschafts- und Verfassungskunde* geschrieben, der für das neue Unterrichtsfach nach Stoff und Form massgebend wurde und heute noch im Gebrauche steht. * 2 ) *) Heinrich Pestalozzi. Zwei Vorträge von J. U. Rebsamen, Seminardir. Kreuzungen, b. Aug. Honer, 1896. 2 ) Von 1875 bis 1894 in sechs Aufl. ersch. bei J. Huber, Frauenfeld. 17 Dem bürgerlichen Leben stand Rebsamen mit lebendiger Teilnahme beständig nahe, auch dem seiner zweiten Heimatgemeinde Kreuzlingen; er interessirte sich für alle Fragen, welche das aufblühende Gemeinwesen bewegten und verschmähte es nicht, etwas zu ihrer richtigen Lösung beizutragen. Durch vier Jahrzehnte war er Mitglied und zeitweise Präsident der Primär- und Sekundarschulvorsteherschaft, besuchte die Anstalten fleissig und liess sich gelegentlich auch in Spezialkommissionen wählen. In der Thurg. gemeinnützigen Gesellschaft erschien er, so oft die Pflichten seines Amtes es ihm zu gestatten schienen, namentlich dann, wenn eine Frage der Erziehung oder sonst ein Gegenstand von idealem Interesse zur Verhandlung kam. Während einer Amtsdauer bekleidete er auch das Präsidium dieser Gesellschaft, wobei sein Freund, Dekan Künzler, ihm als Aktuar zur Seite stand (1865 bis 1868). Es darf wohl erwähnt werden, dass dem verdienstvollen Schulmann, Lehrer und Förderer einer gesunden, zeitgemässen Volksbildung Beweise von Anerkennung und Dankbarkeit im Thurgau und auch im weitern Vaterlande nicht fehlten. Schon im Jahr 1855, als seine Wahl an das zürcherische Seminar zu Küsnacht in Vorschlag kam, sprach ihm die thurg. Lehrerschaft in ihrer grossen Mehrzahl durch eine Adresse ihr volles Zutrauen aus und wurde darin von den Zöglingen des Seminars durch eine Kundgebung lebhaft unterstützt. Er selbst hätte es indes für unrecht gehalten, seinem neuen und dankbaren Wirkungskreise so bald den Rücken zu kehren. Im Oktober 1860 wurde er von der Behörde der Stadt St. Gallen unter sehr verlockenden Bedingungen als Schuldirektor berufen und bald nachher vom Erziehungsrate des Nachbarkantons als Seminardirektor nach Mariaberg. Beides lehnte er ab, sobald er erkannte, dass die Lehrer und Behörden seiner zweiten Heimat auch jetzt mit Einmut zu ihm standen und die letzteren bereit waren, seiner grossen Arbeit mehr als bisher gerecht zu werden, was dann allerdings auch nicht länger auf sich warten liess. Der thurgauische Grosse Rat bewilligte ihm auf den Antrag der Regirung mit Rücksicht auf sein treues Ausharren und „wegen seiner ausgezeichneten Leistungen“ eine Personalzulage von 400 Fr., und der Erziehungsrat sorgte auch in bezug auf seine Lehrpflichten für etwelche Erleichterung. „Ich darf das schon für etwas halten“, schreibt er darüber seinem Freunde C. W. Kambli, „ich will jetzt zufrieden sein und gerne aufs neue wieder in meiner Arbeit fortfahren.“ Und etwas später bei einer ähnlichen Gelegenheit: „Jetzt würde ich mich vom Thurgau nicht mehr so leicht trennen; man hat 2 18 doch so ziemlich alles getan, um Stellung und Wirken mir leichter und angenehmer zu machen. Dass Thurgau nicht so viel bieten kann wie andere, grössere Kantone, ist nicht seine Schuld. Was ich am meisten vermisse, ist die Ausstattung der Anstalt als solcher; insbesondere haben wir immer zu wenig Lehrkräfte.“ J ) Damit hatte er allerdings den schwachen Punkt berührt, wo die Anstalt am meisten der Stärkung und Hebung durch die Opferwilligkeit des Staates bedurfte. Dieser Wunsch wurde ihm später wenigstens teilweise erfüllt, und so blieb er dem Thurgau von seiner Berufung an bis ans Ende getreu. Er hat in 43 Jahren mehr denn 800 Jünglingen aus diesem und einigen andern deutschen Kantonen, vorzugsweise Appenzell A.-Rh., Glarus und Baselland, zu einer tüchtigen Lehrerbildung verholfen und sich im Gedächtnis seines Volkes ein lebendiges Denkmal erbaut. Ein heller Lichtpunkt im Leben Rebsamens war das fünfzigjährige Jubiläum des Seminars, das am 1. Oktober 1883 festlich gefeiert wurde. Er verfasste auf diesen Zeitpunkt eine Festschrift, worin er die Entwicklung der Anstalt von ihrer Vorgeschichte und den Tagen Wehrlis an in treuen und anschaulichen Zügen darstellt und einen hoffnungsvollen Blick auch in ihre Zukunft wirft. 2 ) Am Jubiläum selbst hielt er vor einer gewaltigen Versammlung von Lehrern und Schulfreunden in der Klosterkirche zu Kreuzlingen die Festrede. Ausser den Abordnungen der thurg. Staatsbehörden waren auch Bundesrat Deucher und Minister Dr. Kern dazu erschienen nebst mehreren Deputationen aus andern Kantonen, die ihre Glückwünsche darbrachten. Es wurde manches gute Wort gesprochen, aber zum Trefflichsten gehörte, was Rebsamen in seiner schlichten Weise über die Aufgaben und Zielpunkte der Schule und Volksbildung vortrug. Im Laufe der Jahre war unser Rebsamen, von Hause aus entschieden freisinnig angelegt, durch Erfahrung und Entwicklung immer mehr eine vorsichtige und bis zu einem gewissen Grade konservative Natur geworden, „erhaltsam“, wie sie es in Deutschland nennen, wenn sie die gute Seite dieser Eigenschaft hervorheben wollen. Er suchte vor allem zu erhalten, was aus der bisherigen Entwicklung der Dinge Gutes und Bewährtes entstanden war. Allem Neuen, noch Unbewährten, das auf dem Gebiete der Schule und der Erziehung sich Geltung verschaffen wollte, war er abhold und suchte es so lange als möglich ferne zu halten. *) C. W. Kambli, Zum Andenken an «Toh. Ulr. Rebsamen, Rel. Yolksbl. Nr. 26 und 27 vom Jalirg. 1897. 2 ) Das Lehrersominar zu Kreuzlingen. Zur Feier des fiinfzigj. Jubil. d. Anst. Von U. Rebsamen. Krauenfeld, b. J. Huber 1883. 19 So stand er auch den Bestrebungen der Herbart-Zillerschen Schule kühl und in mehreren Punkten gänzlich ablehnend gegenüber. Ihn störte die Systematisirung des Unterrichts, die schwere methodische Rüstung, und nicht am wenigsten die von Ziller befürwortete Ablösung der Schule und der öffentlichen Erziehung vom Staate. Dabei ist er dann den tiefen Wahrheitsgedanken und psychologischen Entdeckungen Herbarts nicht immer yöllig gerecht geworden. Das war eine Schranke seines Wesens, die man zuweilen bedauern konnte; denn sie erstreckte sich gelegentlich auf Dinge, die wir andern für erstrebenswert hielten, wie Handfertigkeitskurse, weitere Entwicklung des naturkundlichen UDd des Turnunterrichts in den Sekundarschulen, neue Lehrpläne und Lehrmittel, die mit der Zeit doch sich Bahn brechen mussten und entschiedene Yerbesserungen mit sich brachten. Waren sie aber einmal angenommen und gesetzlich geordnet, so half er auch getreulich mit, sie ins Leben zu führen und wollte nicht, dass sie bloss auf dem Papier stehen sollten. So musste auch er die alte Wahrheit bestätigen, dass kein Mensch in jeder Hinsicht Autorität sein kann, und dass jedes heranwachsende Geschlecht neue Aufgaben vor sich sieht, neue Mittel und Wege der Hülfe suchen und finden muss. Seine abwehrende Haltung gegen das Neue hatte übrigens auch einen nicht geringwertigen Vorteil; denn sie verhinderte durch das Ansehen seiner Persönlichkeit und die schlagfertige Verteidigung seiner Ansichten, dass die Schule im Thurgau zu einem Versuchsfeld für alle möglichen unreifen und unklaren Bestrebungen gemacht werden konnte; und sie trug wesentlich dazu bei, dass man weniger von neuen Formen und Einrichtungen als von verständiger und tüchtiger Arbeit in den gewohnten das Heil und den Fortschritt erhoffte. — Politisch konnte man Rebsamen stetsfort zu den währschaften Liberalen der alten Schule zählen. Ziemlich unverändert ist durch den Sommer und Herbst des Lebens sein religiöser Standpunkt geblieben. Er stand mit beiden Füssen auf dem Boden eines freisinnigen, aber lebendigen und ernstgemeinten Christentums. Die Versöhnung zwischen Glauben und Wissen, die er in seiner Jugend gesucht, hat er in der Arbeit des Lebens, wenn nicht theoretisch, was ja keinem strengen Denker ganz gelingt, so doch praktisch gefunden. Er sprach nicht viel von religiösen Gefühlen, noch weniger in frommen Worten, die nicht aus dem Grunde der eigenen Überzeugung gekommen wären. Aber die Lehre Jesu war ihm die vollkommenste Gottesvorstellung, die Grundlage der Weltanschauung, die reinste Offenbarung des Sittengesetzes und die Quelle, aus welcher das 20 Herz und das Gewissen ihre besten Kräfte schöpfen. Diesen Glauben verhehlte er nie, und machte es sich zur Pflicht, ihn auch vor der Gemeinde darzustellen, indem er ihre sonntäglichen Gottesdienste bei jeder Jahreszeit und Witterung mit der grössten Regelmässigkeit besuchte und sich vom Drange der Geschäfte nur selten davon abhalten Hess. Auch empfahl er seinen Zöglingen öfter, als Lehrer Frieden zu halten mit der Kirche und nicht durch unnötige Konflikte das harmonische Zusammenwirken der erziehenden Geistesmächte in ihren Gemeinden zu stören. Dabei war er der Selbständigkeit der Schule als Staatsanstalt von Herzen zugetan, nur dass er ihre Lehrer nicht gerne auf dem Kriegspfad, sondern lieber auf dem Felde friedlicher Kulturarbeit sehen mochte, und überzeugt war, dass sie dabei unter dem Schutze der Gesetze hinreichend gesichert seien. Diese Auffassung hat sich denn auch bei der Mehrzahl der thurg. Gemeinden vollkommen bewährt. Ebenso war es ihm angelegen, dass der Friede der Konfessionen untereinander durch die Tätigkeit der Schule in keiner Weise gefährdet werde. Mit seinem kathol. Kollegen im Lehrerkollegium des Seminars, dem alten Stiftsdekan von Kleyser, stand er auf dem besten Fusse und gab jederzeit das Beispiel nicht bloss passiver Duldung, sondern auch freundlicher Anerkennung, von dem Grundsatz ausgehend, dass alle Kirchen, wenn auch in ungleichem Masse, an der Wahrheit Teil haben. So hatten denn die katholischen Zöglinge der Anstalt das Gefühl, dass sie darin wie die übrigen zu Hause, gleichen Rechtes und gleicher Liebe teilhaft seien. Die meisten übrigen Lehrer des Kollegiums waren zuvor Rebsamens Schüler gewesen, dann seine Mitarbeiter und allmälig seine Freunde geworden, wie ein Weiser treffend bemerkt, dass der erwachsene Sohn, wo es recht bestellt sei, der Freund seines Vaters zu werden pflege. „Unvergesslich“, so schreibt Herr Erni, „wird seinen Mitarbeitern bleiben, was sie seiner Fürsorge und pädagogischen Einsicht verdankten und mit welch freundlicher Zuvorkommenheit er bemüht war, den Rangunterschied zwischen dem Direktor und den einfachen Seminarlehrern auszugleichen.“ Mit der Aufsichtskommission des Seminars, an deren Spitze seit Jahrzehnten der geistvolle Dekan Künzler steht, wurden stets die besten Beziehungen unterhalten, und die Verhandlungen hatten mehr einen freundschaftlichen als streng geschäftsmässigen oder gegen das Lehrerkollegium herablassenden Ton. Bis um die Mitte der Sechzigerjahre s. L. hielt Rebsamens Gesundheit den Anforderungen seiner vielseitigen und angestrengten Tätigkeit be- Aunderungswürdig stand. Da trat ein Augenleiden bei ihm ein, das ihn 21 nötigte, die Arbeit bei der Lampe zu meiden oder doch so viel als möglich einzuschränken. Es kamen noch andere Beschwerden des vorrückenden Alters hinzu und bewogen ihn zu dem Entschlüsse, einmal das Amt eines Sekundarschul-Inspektors, das die Frühlingsferien unbarmherzig hinwegnahm, niederzulegen und dann auch auf die Direktion des Seminars zu verzichten, in der Meinung jedoch, dass ihm daran noch eine leichtere Lehrstelle in seinen Lieblingsfächern gewahrt bleiben möchte. Als er uns im Kollegium der Inspektoren von dem ersteren Entschlüsse Kenntnis gab, ersuchten wir ihn, noch eine zeitlang mit uns auszuharren und anerboten uns freiwillig, ihm die meisten seiner Schulen abzunehmen, wenn er nur noch Mitglied und Leiter der Kommission bleiben wolle. Er sagte uns lächelnd: „Ja, es wird Ihnen auch einmal so ergehen, m. II., wenn sie nicht früher zu den Vätern verreisen.“ Doch liess er sich zu unserer Freude bestimmen, noch einige Jahre im Kollegium auszuharren und auch der Verzicht auf die Anstaltsleitung wurde einstweilen zurückgelegt. Da kam unerwartet die Entscheidung durch höhere Gewalt, wo keine Einrede mehr stattfand. Während der Examen-Periode des Jahres 1897 hatte ßebsamen noch mit unverdrossenem Fleisse und klaren Geistes die gehäufte Arbeit seines Berufes ausgerichtet. Nun stellte sich, scheinbar vorübergehend, aber seiner Natur nach unerbittlich zunehmend und todbringend, ein Leberleiden (im Gallenwege) bei ihm ein, das ihn nötigte, von der Ausarbeitung seiner Berichte und der gewohnten Tätigkeit abzustehen und sich der unerwünschten Buhe des Krankenlagers hinzugeben. Es folgen noch etliche Wochen des Duldens und schwerer Prüfung, durch die liebevolle Pflege der Angehörigen und herzliche Teilnahme der Freunde so viel als möglich erleichtert, doch mit abnehmender Hoffnung auf Wiederkehr der Gesundheit. Der lebensmüde Arbeiter machte sich zum Feierabend bereit und ergab sich in den Willen seines Gottes, der ihn zu seiner Buhe eingehen hiess. Er entschlief am Pfingstsonntag den 6. Juni 1897 nachmittags sanft und friedevoll, wie er gelebt hat, in seinem nahezu vollendeten zweiundsiebzigsten Lebensjahr. Seine sterbliche Hülle ruht auf dem Friedhof bei der Kirche zu Egelshofen, wo ein einfaches Denkmal mit seiner Büste in Marmor, von seinen Schülern und Freunden gestiftet, von dem Werke seines Lebens Zeugnis gibt. Ulrich Bebsamen war von kleiner Gestalt, aber von gesundem Stamm (sein Vater war einundneunzig Jahre alt geworden), eine kräftige, arbeitsfreudige und willensstarke Natur. Er war körperlich bedeutend stärker und ausdauernder, als seine äussere Erscheinung erwarten liess, 22 noch als Fünfziger ein rüstiger Fussgänger und gegen die Einflüsse der Witterung auffallend widerstandsfähig. In seiner Lebensweise blieb er äusserst einfach und nahm auch in vorgerückten Jahren nicht leicht ein neues Bedürfnis an. Ein Spaziergang am Abend und eine Stunde der Geselligkeit mit etlichen Freunden genügte ihm zu seiner Erholung. Die spätem Abendstunden brachte er regelmässig im Kreise seiner Familie zu. Sein braunes Auge leuchtete von Geist, Wohlwollen und sittlichem Ernste, aber auch von köstlichem Humor und Lebensfreude, wenn die gute Stunde der Erholung und freien Geselligkeit im engern oder weitern Freundeskreise vorhanden war. Auch in der Familie konnte er, wenn nicht übermüdet, heiter scherzen und mit den Fröhlichen fröhlich sein. Doch war ein ruhiger Ernst, von Düsterkeit und Leichtsinn gleichweit entfernt, seine vorherrschende Stimmung. Er war wohl geneigt, die Dinge ernsthaft, aber nicht gerade tragisch zu nehmen. Seine Stimme hatte einen hohen, oft gehobenen und feierlichen Ton. Langsam, aber klar und eindringlich, nie sich überstürzend, floss der Strom seiner Rede dahin, ein Bild der Lebensweisheit, Sammlung und Besonnenheit. Was ihn als Lehrer neben der Klarheit des Denkens besonders auszeichnete, das war die ungewöhnliche Selbstbeherrschung, welche er vor seinen Zöglingen bewahrte, auch wenn Berufs- und Familiensorgen ihn drückten oder unliebsame und betrübende Erscheinungen zu Tage traten. Nie sah man ihn in den Stunden des Unterrichts übellaunisch oder gänzlich verstimmt. Wich er jemals von der gewohnten gleichmütigen Stimmung ab, so war es eher nach der sonnigen als nach der dunkeln Seite hin. Über Vergehen gegen die guten Sitten wurde er wohl unmutig, aber selten aufgebracht. Als Würze des Gesprächs, besonders im Familienkreise, führte er gerne ein Sprichwort oder eine Sentenz, oft auch ganze Strophen aus den besten Dichtern an. Dem Saumseligen sagte er: „Was du heute tun kannst, verschiebe nicht auf morgen!“ Dem Weltkinde: „Edle Gesinnung ist mehr wert als Rang und Reichtum.“ Dem Absprechenden: „Kein Mensch ist vollkommen, aber auch keiner so tief gesunken, dass nicht noch etliche gute Seiten an ihm wären.“ Dem Sehnsüchtigen: „Willst du in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Dem Unbeholfenen und Mutlosen: „Man muss sich zu helfen wissen!“ Dem Knaben: „Früh übt sich, wer ein Meister werden will.“ Dem Ungeduldigen: „Gut Ding will Weile haben.“ Dem Sorgevollen und Än ö stlichen: „Kommt Zeit, kommt Rat.“ 23 Ein reicher Schatz von Liedern und Dichtersprüchen war treu und fest in seinem Gedächtnis aufbewahrt und diente oft dazu, in die alltägliche Unterhaltung oder das an Aussendingen haftende Gespräch Geist und Leben oder Humor und Witz zu bringen. Er hatte einen empfänglichen Sinn auch für die Poesie der Natur. In jüngeren Jahren liebte er es, am Sonntagmorgen einen Gang durch den Garten zu machen und sich eine Blume ins Knopfloch zu stecken, ehe er mit seinen Zöglingen den Weg zur Kirche antrat. Die Rose war seine Lieblingsblume. x ) Ulrich Rebsamen wird im Gedächtnis des thurg. Volkes fortleben als ein Lehrer von Gottes Gnaden, ein Freund der Jugend, der Schule und der edlen Bildung, ein treuer Arbeiter im Reiche der Wahrheit, das der Erde das Heil und den Frieden bringt. Er gibt uns eine lebendige Rlustration zu dem Worte des Dichters: Voll Mühen ist das Leben, doch verhiess Auch teures Glück es immerdar den Guten; Dem, dessen Herz nie von der Tugend liess, Dem, dessen Hände niemals müssig ruhten. Mit ihm ist Gott. — Drum willst auch du den Kranz Des besten Glückes sicher dir erringen, Sei wahr und rein, sei, was du sein sollst, ganz! Durch Arbeit und Gebet wird dirs gelingen. *) Nach schriftl. Aufz. von Frau Dir. K. R.-E. A /*■ J. 1981048603 981 048 603 SHEsaj: fdÜlfiJüi IHgäS »I pjgggg rniHjf« IwSÜis iHKjuinrpj %S_5! tWvM :crn£äj| ihhkks; 'mm ii^i •Kglfgs I^id£d^5sfsdtcr3?int ;SE3jH5 l!§j§w «nSSSsäSal «jg0J§i§gg(i gjsStHjgsjgEjl Hp!|p™?rdi PSrJSH- SiSiK®£ üüi WM SSg?: !cK3§B.j .‘KnrIHg i IpSSS KSCSgjjSSS ITWpZl ÜÜ! k2k£s&; iliilllC K;r£*% WM 3&-S§8sS§pj 7S2§ä3§S8$KS jrgpKJggKhjvjH SKvföjC g sssg gteg Bgftsjsp yy£Si£n?ü 5>:£2& ÄMihcfifti^SSSihj Sk-vKjg llllifll WMM igpigtji hesf^y. SvSpß msssm S^SS "C-dsdÜL" «bang: X*»£r aSs^«3 SSBBSfSt Pöa£H jjäagsggg .*■/* •; * "| : rWW-~^W Wzm C#f;pg ISSipS! iBk-spgn gjg'Ig^ggry^ d^firtrSrÜÄV’Ä'- fss^ig? jHressg; •SSiSog WfWm. §g«si ^.pjgxjgäiÄj: &rZ-^2ar;j3g% ?£•§£>» §§efM .-■jjTsS, & 5 % 5 £ß Mi SSIÖ aai fegSfl gg^j §|iil§i#ll gfess mmim HS«sS*