? r i e s e .1- e r n e n st e n 'l. Oerl.ig i» ,1-r.uiciiseld. ^ l M. '«»>**-'-'t «s-i DWMM S-Ä WMWW MWM MMM -7,)^ 'LMl WWMM ^ ,l / > 'l'^> '« SüS^Ü! ..« . ' u«> i.<«^v*ii W:< F. V. .-"'!"l! 'u" MMÄ -!!!!^ Ä?, ^-WAAch MM *7..' jl',z >!il " >-' 7» !^^u,!' rMMW «Wi.'- IWüW >44'4.''»j WMM N'.LW KLS8KM UM*. KWWW. > n ^' v.t..^ , t>>. « k,,7» Al. i^''. 4» !MM MN- ^» » ssM'W ! > U1 ' iH l ! WMM MSN Ä SWML M-M n ^ t> j, ? t,> .!/>?! !Ä>ii.LM^ -«!! .'V !,Ü / 'uj'. H^jWNLß L^LNL-li! MZM E9-8 H' 5,j '' . '!« EW i *,D^> WMW-L-! > «!ÄS >''-"i>j.4»^!> 4 ^" ^ . . ' ? aus dem Lernen Osten von E. Vaffter. Zweite vermehrte Auflage. Frauenfeld. I. Ltlber's Verlag. 1S8K. ^ 158 I. kuber's Luchdruckerci. Vorwort. Als Rekonvaleszent nach einer schweren Krankheit schloß ich mich im Sommer 1883 einem nach Indien übersiedelnden Neffen als Rcisegesellschafter an, um bei dieser Gelegenheit die Wohlthat einer längern Seefahrt genießen zn können. Die nachfolgenden, unterwegs skizzirten Rciseeindrücke wurden in der Form von Briefen an die „Thurgancr Zeitung" abgesendet und sollten mich in geistigem Kontakt erhalten mit meinen zahlreichen Freunden und Bekannten, die zu den Lesern des genannten Blattes zählen. Es ist nicht ein Buch, das ich schreiben wollte, sondern es sind fliegende Blätter, die nicht immer unmittelbar zusammenhängen und die — wenig verändert — erst nachträglich auf mehrfach geäußerten Wunsch in Buchform erschienen. Fraucnfcld, im November 1885. Vr. E. tzafftrr. Inhaltsvcr^eichniß. Ilntrrwrgo. I- Seite Fahrt über Gens nach Marseille, — Zur See. — Unser Tampscr. — Neapel. — Slromboli. — Meerenge von Messina. — Kreta. — Reisegesellschaft. tl—l8 II. Port Salb. — Unerwartete Begegnung. — Turch den Sneztanat. — Wüstenball. — Hitze im rothen Meer. — Komisches Intermezzo. — Zusammentreffen mit dem französischen Kriegsschiff Uavarii. — Lad-sl-hlandod. — Ade». — Nächtliche Fahrt nach der arabischen Stadt. — Unruhiges Meer im indischen Lzea». — Seclranlheit . 18—PS III. Ankunft in Colombo (Cehlont. — herrlicher Sonnenansgang. — Einwohner der Insel. — Schönheit der singhatesischen Kinder. — Flora. — Bnddhatempel. — Kasfeepilz. — Fahrt nach Singapore. — Straße von Malakka. — Imposantes Gewitter. — Mecrleuchte». — Szenerie der malahischen Inselwelt.PL—äh IV. Lady Hill aus Singapore. — Sprache der Malahen. — Sehenswürdigkeiten in Singapore. — Malahische Pfahlbauten. — Euro- PLischer Turst in den Trope». — Vaterländische Abende i» der Fremde. — Jagdbergniigen. — Unerwartetes Zusammentreffen mit einem Genosse» der Jugend. — Innerlicher Zwiespalt . 1 N-V 2 V. Abfahrt von Singapore. — Chinesische Mitpassagiere. — Sonstige Reisegesellschaft. — Ter galante Kapitän.t>2—b? VI. Ankunst in China. — Zudringlichkeit der Chinesen. — Hongkong. - Mein Kuliklepper. — Blüthenrcichthum Chinas. — Bankgeschäst VI mit Hindernissen. — Nächtliche Fahrt aus dem Perlflnß. — Kanton. — Feindliche Haltung der Bevölkerung. — Greuel im Gerichtshöfe. — Richtstätte. — Tempel der Schrecken. — Tempel der llllli Götzcn. — Marco Polo. — Examinationszcllen. — Chinesische Hausindustrie. VII. Kanton (Fortsetzung). — Festungswerke. — Originelles Däjeüner. — Siebenstöckige Pagode. — Wasseruhr. — Heilige Schweine. — Rück- sahrt nach Hongkong. — Chinesischer General in Verlegenheit. — Lpiumtrunkener. — Chinesisches Theater. — Sonne,lausgang aus dem Bictoria-Pic. — Mein Leibkcllner im Hotel. — Chinesisches Amtsblatt. — Abfahrt von Hongkong. - Reisegesellschaft nach Japan. — Ter schnapssröhliche Amerikaner. — Sturm. — Japanische Küste in Sicht. — Herrliche Einfahrt »ach 'Nagasaki VIII. Aus dem stillen Ozean. — Rückblicke aus Japan. — Japanische Flora und Fauna. — Erdbeben und Vulkane. — Charakter der Japaner. — Nagasaki. — Religion der Japaner. — Fahrt durch das Binnenmeer nach Kode. — Osaka. IX. Kioto. — Mannkraftwagen. — Maru-Bama-Hotel. — Linguistische Leistung unseres Führers. - Japanische Kinder. — Palast des Mikado. — Tempel. — Thcaterleben. — Besuch an, Biwa-Sce. — Japanische Schule». — Ter Nachtstnhl als Erlösung. — Fahrt »ach'l)okohama. — Jnng-Japan. — Uokohama. — Tokio. — Japanische Poesie. — Schluß. Daheim. I. Abschied von Ladt, Hill. — Empfang an Bord. — „Keine Schwaben- käser mehr." — Abfahrt von Singapore. — Inspektionsreise aus Teck. — Meine kleinen Freunde. — Ein süßes Geheimniß. — Morgenarbeit der Deckpassagiere. — Durch die Bangkastraße. — Reis als Nahrungsmittel. — Haifische. — Aus der Rhcdc zu Batavia. II. Abschied von der „Emirne". — Zollsrenden. — Malahische Drvschkiers. — Bein, schweizerische» Konsulate. — Mein Gastfreund. — Chinesisches Seile 68-87 88 - 10 « 100-120 120-130 143-156 VII HochzeitSseft. — Alt- und Ne»-Batavia. — Badende Eingeborne. — Straßenpolizei. — Amoklausen. — Freundliche Straßenbilder. — Chinese» in Batavia. — Holländisch-indische Armee. — Ankunst in Kebon-Siri. III. Komische Jagdszene. — Die Fra» des Hauses. — Unsers Konversationssprache. — Im Garten. - Kokospalmen. - Fröhliche Mahlzeit. — Spaziersahrt. — Batavia bei Nacht. — Wienerwalzer in den Tropen. — Alleinstehende Dame in Nöthen. — In Morpheus' Armen. — Moskitos. — vntoll Vlks. — Junger Tag. — Erfrischende Morgentoilette. — Holländisch-indische Kiiche IV. schweizerische Gastfreundschaft in Batavia. — Der .behandelte" Arzt. — Museum. — Koniugsplein. — Religion der Javaner. — Mohame- danisches Gotteshaus. — Javanischer Schulmeister. — Holländische Kolonisations-Politik . V. Abendgesellschaft bei meinen Gastsreunden. — Halbblnt. — Im zoologischen Garten. — Orangutanfamilie. — Königstiger. — Nas- hornvögel. — Salaganschwalben. — Gespenfthcuschrecken. Niedere Chirurgie. — Salroo äansunts mit Hindernissen. — Deutsches Heimweh bei einem Kinde der Trope». VI. Aromatische Ueberraschung. — Heimatliche Klänge aus fremder Erde. — Krakatau-Katastrophe. — Elend in Bantam. — In der Altstadt Batavia. — Chinesischer Leichenzug. — Ceremoniell in Trauer- häusern. — Barbier aus der Straße. — Riesenschildkröte. — Chinesisches Dejeuner. — Trödelkrambuden. — Glückliche Requisition. — Lpserstätte. VII. Zwei nationale Gifte der Chinesen. — Opiumsucht und Alkoholismus. — Das Opium holländisches Staatsmonopol. — Marktplatz bei Nacht. — Javanische Theatervorstellung. — Spielplätze der Chinesen. — Opiumbnden . VIII. Nach Buitenzorg. — Reisbau und Reisdiebe. — Bezopfte Reisegesellschaft. — liainn rnaüan tnan Inuon. — Orchideen. — Botanischer Seite 157 170 I7I-IM Ikt-ION 10.1-204 205 - 220 VIII Seite Garten. — Victoria rsgta. — Ueberall Lcktxsaooten. — Eine ärztliche Konsultation mit Schwierigkeiten. — Grausamkeit der Atschi- »esen. — Siesta. — Hiddigeigei in den Tropen. — Kinderszene». — Gewitter. — Ein unheimlicher Konkneipant. — Nach Djandjoär. 229 2-14 IX. Nach Bandong. — Marterkarren. — Fähre über den Tschiparemflust. — Assen. — Javanische Gastsrenndlichkeit. — Aus dem Tangkuban Pra». — Ein Morgen in den Tropen. — Chinaplantagen in Lem- bang. — Der reisende Doktor i» Verlegenheit. — Störrischer Ganl. — Urwald. — Unerwartetes Hinderniß. — Am Krater. — Zur Hölle. — In Todesgefahr. — Zurück »ach Bandong »nd Djandjoör. — Ricscn- schlange. — Sindaglaja. — Verloren und Verdorben. — Pnntjakpasi. — Kratersee. — Springblutegel. — Kaffee- und Theeplantagen . 244 262 X. Wieder in Batavia. — Betrunkener Affe. - Gesängnisse. — Krokodil- jagd. — Sonntagserlebnisse. — Nochmals ins Innere. — Soeka- boemi. — Gesellschaft im Hotel. — Besuch einer Kaffeepflanznng. — Irrenanstalt in Buitenzorg. — Ueberall Schweizer. — Letzter Tag in Batavia. — Slamatan. — Papa Knus. — An Bord. — Ankunft in Singapvrc.200 274 XI. Aus dem stillen Ozean. - Reisegesellschaft. — Ueberall Meher. - Amerikanischer LokalPatriotismnS. — Jung-Japan in Verlegenheit. - Schiffsküche. — Immer wieder ins Rauchzimmer. — Musikalische Unterhaltungen. — Zeitrechnung am 180. Meridian. — Verkehr mit den japanischen Reisegefährten. — Leichcnverbrennnng. — „Segler in Sicht!" — Feuerwehrprobe. — Zum letzten Mal an der Schiffstasel. — Land, Land! — Das bestechliche Argnsauge der amerikanischen Zollbehörde. — Im Golf von Sau FraneiSio. — Lhinesensntz. — Eine Unglückliche. 274 200 XII. Ins Hotel. - Erster Willkomm. — Fahrt nach dem Cliffhonse. - Teelöwen. — Minstrels. — Stratzenlebe» in Sa» Framisco. — Woodwards Garte». — Schweizerheim in Oakland. Ein Gärtner als Arzt. — Amerikanische Reklame. — Familienidpll. — Abschied.— In Pntlmanns car. — Mormonenstadt. — Ueber Chicago und Niagara nach New-Pork. — Heimwärts. 200-008 Unterwegs I. Fahrt über Senf nach Marseille. — g»r Lee. — Unser Dampfer. — Neapel. — Stromboli. — Meerenge von Messina. — Kreta. — Reisegesellschaft. Im Rothen Meere, an Bord des .Sindh", den 19. Juni 1883. Seit zwei Mal 24 Stunden schwimmen wir auf dem Rothen Meere und erfreuen uns einer Temperatur von 55 Grad Celsius au der Sonne und 38 Grad Celsius am Schatte». Zum Vergnügen und aus bloßer Reiselust fährt zur jetzigen Jahreszeit Niemand nach den Tropen. So besteht denn auch unsere Schiffsgesellschaft, mit der ich die Leser später bekannt machen will, meist aus Geschäftsleuten, politischen Botschaftsträgeru und französischen Offizieren (nach Tongkin bestimmt), Alle in Geschäften, die keinen Aufschub gestatten. Alles seufzt, schwitzt, lechzt, schmachtet, und der Kapitän gibt uns die tröstliche Versicherung, daß bis Aden die Temperatur noch steigen werde, um dann allerdings in den indischen Gewässern wieder nachzulassen. Dafür verheißt er uns dort ein stark bewegtes Meer und allgemeine Seekrankheit. So kämen wir vom Bösen zum Schlimmen, von der Scylla in die Charybdis. Die Aussicht, nach Aden wahrscheinlich eine Zeit laug nicht mehr schreibe» zu können, — denn ein seekranker Passagier hat Anderes zu thun, — veranlaßt mich, trotz der Gedanken und Energie tödtendeu Schwüle jetzt schon Einiges von den bisherigen Erlebnissen zu Papier zu bringen. 4 Die Zufahrtslinie nach Marseille (über Bern, Genf und Lyon) ist bekannt genug, bietet auch im Ganzen wenig Interessantes und wird im Erpreßzug viel zu rasch passirt, als daß sich viel darüber erzählen ließe. Bei Paläzieux, wo der Genfersee unerwartet vor das Auge des Reisenden tritt, warf der bis dahin bewölkte vaterländische Himmel plötzlich einige helle Sonnenstrahlen auf das prachtvolle Landschastsbild; Auge und Gemüth waren dafür so empfänglich, wie eine wohlpräparirte photographische Platte, und diese ideelle Photographie macht als letzter freundlicher Abschieds- gruß des lieben Schweizerlandes die Reise nach Indien mit. In Genf wurde gerastet bis zum folgenden Tage. Am vielberühmten Denkmal des Herzogs von Braunschweig, das ich zum ersten Male sah, scheint mir der Platz, auf welchem es errichtet wurde, das Schönste. Die in Erz gegossene Reiterstatue des Verstorbenen, der das ungeheure Verdienst hatte, 20 Millionen zu besitzen, ruht auf einem gewaltigen Postamente, einer unglücklichen Nachbildung des Denkmals der Scaliger in Verona, in der untern Hälfte historisches Monument, in der obern Hälfte kirchlicher Altar. Es sind darin eine Unmasse der herrlichsten Tetailarbeiteu zu einem geschmacklosen Ganzen zusammengestellt; ein dazu gehöriges schmiedeisernes Gitter hat allein 200,000 Franken gekostet. Leider sieht mau dem Ganzen nicht einmal an, was dafür bezahlt wurde; es erfüllt also seinen Zweck durchaus nicht vollständig. Das richtige Postament wäre eine nüchterne Geldkiste, welche die 6 Millionen in gemünzten Thalern enthielte. Der verstorbene Herzog hat genaueste Angaben über die von ihm gewünschte Ausführung seines Denkmals hinterlassen; die Kostenfrage war mit dem kleinen Sätzchen erledigt: kronsr all libitrrm äss ruillions. Genf wurde beneidet wegen der reichen Erbschaft; man würde die republikanische Stadt aber bewundert haben, wenn sie die brannschweigischen Millionen ansgsschlagen hätte. Von Genf nach Marseille fährt ein Erpreßzug in nicht ganz 5 12 Stunde». Etwas abgeschlagen kommt man Morgens vor 6 Uhr dort an; zuvorkommend winken die Droschkiers; dienstbeflissene Jungens, Gasthofportiers und zudringliche Kommissäre fallen über die anssteigenden Fremden her und theilen sich in die Beute. Marseille ist Weltstadt. In rastlosem Gedränge wogen Menschen aller Nationen, Fuhrwerke jeder Art durch die Straßen. Das Leben und Treiben am Hafen ist sinnbetäubend; das noch ungewohnte Auge, das schon Anfangs aus alle Details Acht geben möchte, wird bald verwirrt und müde, und die armen Ohren, die Ketten- gerassel, Schreien und Brüllen in allen Sprachen, Dampfpfeisen, Rollen von Wagen, Kreischen von Papageien u. s. w. zugleich genießen und analysiren sollen, bedanken sich auch bald für die Arbeit und werden stumpf. Doch gewöhnt man sich in wenig Tagen an Lärm und Getümmel. Am 10. Juni, Vormittags 9 Uhr, bestiegen wir (ich habe bis Singapore einen lieben, mir nahe stehenden Reisegefährten) den Dampfer Sindh (der Lleosaxeriss UsritiwW), der um 10 Uhr abfahren sollte, wegen Verspätung der Pariser-Post aber erst um halb 12 Uhr seine Anker lichten konnte. Bald schwammen wir bei herrlichstem Wetter im 6olks äu laou und hatten Marseille in kurzer Zeit aus den Augen verloren. Unser Kurs ging nicht wie gewöhnlich durch die Straße von Bonifacio, sondern führte an der Nordküste von Corsica und der Insel Elba vorbei längs der italienischen Westküste nach Neapel. Der Sindh gehört nicht zu den allergrößten Schiffen, besitzt aber eine hervorragende Geschwindigkeit (13—14 Knoten per Stunde, d. i. 14mal 1852 Meter oder ungefähr 26 Kilonieter), welche Eigenschaft man erst schützen lernt, wenn man, auf einer länger» Seereise begriffen, sehnlichst deren Ende entgegensieht. Unser Schiff ist 120 Meter lang und 12 Meter breit; drei gewaltige Mastbänme tragen Segel, die bei günstigem Wind die Dampfkraft (5—600 Pferde) unterstützen sollen. Zwei enorme 6 Kamine entleeren den Qualm, der aus 18 beständig glühenden Feuerherden stammt; 54 nubische Neger besorgen die Feuerung, indem sie — in drei Gruppen getheilt — nach je 4 Stunden ^ Arbeit 8 Stunden Ruhe haben. Dasür erhalten sie einen Monatslohn von 34 Fr. per Mann. Europäer, die mir ja gegenwärtig in freier Lust säst nicht existiren können, mären kaum im Stande, diese höllische Hitze der Feuerungsräume zu ertragen und dazu noch bedeutende Arbeitsleistungen zu verrichten. Der tägliche Kohlenverbrauch beläuft sich auf 850 bis 1000 Zentner, eine kolossale Ausgabe, wenn man bedenkt, daß in Shanghai, dem jeweiligen Endpunkte der Fahrt, wo das Schiff, wie auch in Port Said, Aden, Colombo und Singapore, Kohlen zu fassen hat, die Tonne (20 Zentner) auf 84 Fr. zu stehen kommt. Die Zahl der Angestellten beträgt 175 Mann, darunter 54 Schwarze, 30 Chinesen zur Besorgung von Küche, Keller, Bäckerei, Schlächterei und niederer ^ ^ Arbeit, 40 Matrosen u. s. w. Zu den größer» Ausgaben, welche die Schiffsverwaltnng bei jeder Fahrt hat, zählt auch das Passagegeld im Suezkanal, das für die einzelne Durchfahrt 30—40,000 Fr. ausmacht, nämlich je 10 Fr. per Tonne und 10 Fr. per Passagier. Der Sindh ist aber für 2000 Tonnen (40,000 Zentner) und 1600 Passagiere eingerichtet. Trotz dieser ungeheuren Spesen macht die , Eowpaxnis äes ^IsssnAsriss doch glänzende Geschäfte, denn die Einnahmen für eine einmalige Fahrt von Marseille bis Shanghai belaufen sich auf 6—800,000 Fr. — Wie alle neueren Dampfer wird der Sindh durch eine Schraube vorwärts bewegt; da sich ^ diese hinten am Schiff, unmittelbar unter dem Steuer, befindet, die Dampfmaschine aber in der Mitte des Schiffskörpers, so I geschieht die Uebertragung der ungeheuren Dampfkraft auf die Schraube vermittelst einer 68 Meter langen, eisernen Achse von */« Meter Durchmesser. Von welcher Wichtigkeit es ist, daß diese Transmission aus solidem, gut gearbeitetem Material bestehe, beweist u. A. das Schicksal des holländischen Dampfers „Koning der Needcrlande"; dasselbe erlitt vor ungefähr einem Jahre auf offenem Meere zwischen Aden und Colombo einen Achsenbruch nahe der Schraube; das mit der Maschine in Verbindung stehende Fragment der eisernen Walze rotirte mit ungeheurer Gewalt und Schnelligkeit weiter, wurde aus dem Lager gerissen und zerschmetterte den Schiffskörper so, das; ein unheilbares Leck entstand und trotz energischer Arbeit aller Dampspumpen das Schiff im Verlaufe einiger Stunden versank. Von den acht mit Menschen vollgepfropften Nothschiffe» landete eines nach zehntägiger Fahrt in Aden, ein zweites in Colombo und ein drittes wurde von einem englischen Dampfer aufgenommen. Die übrigen sind und blieben spurlos verschwunden. Unter den Schiffskellnern unserer Kajüte fanden wir auch einen Bündner aus Tissentis, der schon seit 18 Jahren in dieser Stellung ist und alle Welttheile gesehen hat. Wohl hat er sein Bündner-Teutsch etwas vergessen, nicht aber seine Heimat; denn oft, wenn wir das Gespräch darauf lenken, werden seine Augen naß, und sein höchster Wunsch ist, schließlich wieder in das Vaterland zurückkehren zu können. Seine jetzige, ziemlich einträgliche Stellung ermöglicht es ihm bester, als jede andere ähnliche auf dem Festlands, seinen alten blinden Vater zu unterstützen. Der grundehrliche und brave Bündner ist seither unser aufmerksamer Leibkellner geworden und bedient uns mit ganz besonderer Zuvorkommenheit. Die andern „Herren Kellner" rekrutiren sich aus Franzosen und Italienern, sind meistens ältere Knaben, tragen blendendweiße Hosen, welche — unten ziemlich eng — gegen die Mitte des Körpers geradezu fürchterliche Dimensionen annehmen und dort unter einem koketten schwarzen Jäckchen ihren Abschluß finden. Das Ganze krönt ein wohlfrisirtes Haupt mit Cotelettes. Die Verpflegung auf dem Sindh, wie überhaupt auf den französischen Schiffen, ist eine ganz vorzügliche. Einer besorgten Patientin, die meinte, man werde wohl auf dem Schiffe nichts zu essen kriegen, sondern sich den Proviant selbst mitnehmen müssen, melde ich, das; Morgens von 6—8 Uhr Kaffee und Thee mit Butterbrod servirt wird; 9'/, Uhr läutet's zum Frühstück — reichlich genug, um unter gewöhnlichen Umständen für einen ganzen Tag auszureichen; halb 1 Uhr zum sogenannten Tiffin, wo man Bouillon, kaltes Fleisch, Früchte aller Art, Wein und englisches Bier auf der Tafel trifft; um 5 Uhr ist das große Diner und um 8 Uhr stehen wieder Theekanne und Cognacflasche bereit. — Citronen und Eiswasser sind den ganzen Tag zu haben; schleppt doch unser Schiff 500 Zentner Eis von Marseille mit; freilich stammt auch das Trinkwasser von dort und ist eine Abkühlung mit Eis durchaus nothwendig, um es genießbar zu machen. — Wer alle Mahlzeiten mitmacht, bringt einen großen Theil des Tages an der Tafel zu. Der Aufenthalt daselbst, d. h. in der Kajüte, wäre übrigens kaum erträglich, wenn nicht riesige Fächer über den Tischen angebracht wären, welche durch Chinesen in beständiger Bewegung erhalten werden, so daß man flatternden Haares (so man überhaupt noch welches hat) seine Mahlzeiten einnimmt. — Nach 37stündiger Fahrt langten wir am 12. Juni, Morgens 1 Uhr, im Hafen von Neapel an. Das Rasseln der Ankerketten weckte uns aus dem Schlafe und trieb uns auf das Berdeck. In majestätischer Ruhe lag die Stadt vor unsern Augen, durch das Licht der Mondsichel in ihren Umrissen deutlich genug gezeichnet. Zur Rechten zeigte ein leichter Feuerschein aus dem Gipfel des Vesuv, daß der Vulkan seine Arbeit noch nicht eingestellt hat. Von Zeit zu Zeit machte er seinen, innern Grolle durch eine größere Feuergarbe Luft. Der schönste Sternenhimmel überdachte das Ganze und spiegelte sich in der glatten, dunkeln Fluth, aus welcher in ganz kleiner Distanz die schwarzen Umrisse gigantischer Dreimaster in die Höhe stiegen. Kaum dämmerte der Tag, als sich auch schon die Umgebung unseres Schiffes zu bevölkern anfing. Aus einer Barke mit Sängern, Guitarren, Geigen und Mandolinen v zitterte und zupfte es die „Santa Lucia" zn uns herauf. Auch der „Trovatore" ließ nicht auf sich warten und fo entwickelte sich ein langes Menü von italienischen Volksweisen und Opernmelodien, Straußwalzcrn u. s. w. Die zerlumpten Kerls musizirten übrigens schöner und besser als Manche, die schwarzbefrackt im Konzertsaal stehen, und ich erfuhr neuerdings, wie volksthümlich das musikalische Element in Italien ist. — Weniger entzückte uns ein die Schiffspassagiere mit glycerinsüßer Zudringlichkeit verfolgender, elegant- schäbiger italienischer Hühneraugenoperateur, der uns trotz energischen Protestes Hühneraugen znmuthen und mit seinen rostigen Messern entfernen wollte. Ich fürchte, er hat auf unserm Schiff schlechte Geschäfte gemacht. In dem eckelhast schmutzigen Meerwasser prodnzirten sich zwei nackte Neapolitaner, indem sie schwimmend sich herumbalgten, nach hinuntergeworfenen Geldstückchen tauchten und diese mit großer Sicherheit und im Nu zwischen den Zähnen zurückbrachten. Auf dem Verdecke hatte sich unterdessen ein sörmlicher italienischer Markt entwickelt; Händler aller Art breiteten ihren Kram auf dem Boden aus, und der vorsichtigste Passagier ging auf den Leim und kaufte sich — verlockt durch die niedrigen Preise — irgend etwas, ein pluaa-iior, das 10 Minuten später den Dienst versagte und von dem ärgerlichen Besitzer ins Meer geschmissen wurde, oder eine Cigarrettenspitze „aus echtem Bernstein" natürlich, die beim ersten Gebrauch sich als Kolophonium entpuppte und lustig mitbrannte. Die Letzten, welche unser sich in Bewegung setzendes Schiff verließen, waren die Musikanten, aus deren Barke noch einmal und wirklich schön das „Dolce Napoli" zu uns herauftönte und manchen Saldo heruntcrzanberte. Leider lag ein dichter Schleier über Stadt und Golf, als wir den Letzter» verließen, und auch Eapri und die benachbarten Inseln waren nur als undeutliche Nebelbilder zu sehen. — Gegen Abend fuhren wir dicht an der vulkanischen Insel Stromboli vorbei; sie - ist ein prachtvoller, direkt dem Meeresspiegel entsteigender Berg von der Form einer regelmäßigen Pyramide; am Fuße des oliven- grünen Ostabhanges liegt eine freundliche kleine Stadt gleichen Namens, während der Nordabhang durch darüber fließende Lava zu einer kahlen Fläche verödet ist. Der Krater, nicht ganz an der Spitze liegend, rauchte, und auch aus dein erstarrten Lavastrome sahen wir von Zeit zu Zeit Rauchsäulen aufsteigen, ein Zeichen, daß die in der Tiefe noch feuerflüssige Masse die oberflächlich harte Schichte hie und da zu durchbrechen vermochte. Um 11 Uhr Abends erblickten wir Leuchtthurm und Lichter der Stadt Messina und gegenüber, auf dem italienischen Festlande, die weiß schimmernden Häuser von Reggio. Im Halbdunkel der Nacht paffirten wir die Meerenge zwischen Sizilien und Calabrien. Die Gegend von Catania bezeichnete uns der gigantische, aber oft Schrecken erregende natürliche Leuchtthurm, der Aetna, die ewig glühende Werkstätte Vulkans und seiner Cyklopen. Der Morgen des 13. traf uns anf offenem Meere; Sizilien und Süditalien waren aus dem Gesichtskreis entschwunden. Delphine, die in der Nähe des Schiffes ihr lustiges Spiel trieben und einzelne Möven, die kreischend unsern Kurs verfolgten und sich von Zeit zu Zeit auf dem glatten Meeresspiegel ausrnhten, bildeten einen Theil unserer Unterhaltung. Bei dieser Gelegenheit konnte ich das äußerst scharfe Gesicht dieser Vogel erproben und bewundern und neuerdings erfahren, daß — entgegen der Ansicht des Herrn Professor Jäger in Stuttgart — der Gesichts- und nicht der Geruchssinn es ist, welcher die Aasthiere zu ihrer Nahrung führt. Auf ein ins Meer geworfenes Fleischstück schössen die Möven aus größter Entfernung mit Pfeilgeschwiudigkeit herab; sie änderten aber ihren Flug in keiner Weise, wenn ich Brodbrocken, Pomcranzenschalen u. dgl. hinauswarf; auch in Fleischsauce ge- tunktes Brod ließen sie unbeachtet, was im Falle einer Wahrnehmung durch den Geruchsinn nicht stattgefunden hätte. Auffallend ^11 _ war iiiir, wie nach dem Hinanswersen von Fleisch sehr bald Dutzende von Möven angeflogen kamen. Die Art des Hinabsteigens der P vorher dem Schiffe folgende» muffte den Kameraden in weitesten Fernen sichtbar sein und ihnen anzeigen, daß Beute da sei. Am 14. kam Kreta in Sicht; wir fuhren während zirka 12 Stunden längs der Südküste dieser gebirgigen und im südlichen Theile fast unbewohnten Insel, die unter türkischer Herrschaft steht. Die Berge erheben sich bis zu 2800 Meter Höhe und zeigten in gewaltigen Schluchten noch tiefe Schneelager, ein heimeliger Anblick für uns Schweizer, der gleich eine Menge schöner Erinnerungen wach rief, obschon ein mitreisender Frankfurter hartnäckig den Schnee für „ungelöschten Kalk" ansah. Als einziger Bekannter auf der sonst öden Insel grüßte uns im Osten der klassische Jda, der auch noch eine weiße Schlafmütze trug und sehr mißkreditirt ^ olympisch aussah. Die südlichen Abhänge der kretischen Gebirgs- züge müßten einen prächtigen Wein liefern; aber die Türken sind zu faul und zu koranfest, um solches Gift zu pflanzen. Einige südlich unseres Kurses gelegene Inseln hat ein Engländer der Pforte abgekauft und soll daselbst einen Wein erzielen, der mit dem Cyper konkurrirt. Am folgenden Tag wieder nichts als Wasser und Himmel. Unterdessen haben wir Zeit, uns Schiff und Passagiere einmal anzusehen, und ich lade Dich ein, zu diesem Zwecke mit mir einen Spaziergang auf Deck zu machen. Die Treppe aus der I. Klasse- Kajüte führt uns auf das Hinterdeck, welches mit einem gewaltigen Segeltuchzelte zum Schutze gegen die Sonne überspannt ist und > den Passagieren I. und II. Klaffe reservirt bleibt. Nur die Kabine des Schiffskapitäns erhebt sich als elegantes, harthölzernes Häuschen aus diesem Boden. Das neugierig zwischen die Jalousien hinein- guckcnde Auge erblickt eine behaglich eingerichtete Bude mit Tivan, Schreibtisch, Fauteuils, Bibliothek, Karten und Meßinstrumenten und hinter einem schweren Vorhang die Schlafstütte. — Außer 12 einigen harten und unbeweglichen Bänken trägt das Hinterdeck keine Bestuhlung; säst jeder Reisende kaust sich in Marseille eine . aus Meerrohr geflochtene odaiss louxus, auf welcher der größte ^ Theil des Tages und oft auch die Nacht zugebracht wird. So sehen wir denn auch jetzt eine Anzahl Passagiere in mehr oder weniger ästhetischen Stellungen auf ihre Sessel hingegossen, lesend, schlafend, plaudernd oder sich langweilend. Jener Herr dort init dem grauen Knebelbarte, der seine 55 Jahre hinter sich haben mag, ist ein in chinesischen Diensten stehender französischer General, der es bis zur höchsten in China erhältlichen Auszeichnung, zur Mandarinen-Würde, gebracht hat. Der Titel trägt jährlich 60—100,000 Fr. ein. Der Mann ist seit 25 Jahren in Peking und kommt eben von einem sechsjährigen Urlaub aus Frankreich zurück. Die Dame, die ihm vorliest, ist seine Frau; neben ihnen liegt in der herausfordernd unästhetischsten Stellung ihr einziges Söhnlein, ein rechtes sniaut. gü-ts, stets mürrisch und unzufrieden; ^ jetzt schlägt es der besorgten Mama, die ihm zur Linderung der Hitze das Gesichtchen mit Lau äo Ooloxus bespritzt, die Parfüm- Flasche aus der Hand und wendet ihr die weniger schöne Körper- hälfte zu, was ihm seitens der zärtlichen Dame einen Kuß eintrügt. Wir würden das ungezogene Söhnlein im Einverstündniß mit sämmtlichen Mitreisenden gerne hinter den Coulissen so ein Bischen zurechtweisen, wenn es nicht schon — 25 Jahre alt wäre. Neben dem Nothsteuer dort liegt bequem ausgestreckt, den Blick nach Frankreich gewendet, der von einem Pariser Journal nach Tongkin gesandte Spezialreporter. Er hat die Aufgabe, in Saigon, der Hauptstadt Cochinchinas, zu landen und von dort > aus die Bewegungen des französischen Heeres mitzumachen. Raus allous au Tou§Liu pour vsuxor la rvort äu oolousl Riviöro, sagte er. Wenn Du ihn aber in einer hervorragenden Thätigkeit sehen wolltest, müßte ich Dich zur Tafel bitten. Die Herren, die sich jetzt mit ihm unterhalten, sind französische Offiziere in Zivil, i:; die alle nach tongkin gehen, großentheils nette, gebildete Leute, von größter Liebenswürdigkeit anch gegen Nichtkombattanten. Das immer wiederkehrende ^worrs allons an VonZlriir" kam mir so bekannt vor, ohne daß ich erst wußte, warum. Endlich fand ich die rhythmische Uebereinstimmung mit dem „norm allous L llsriin" von 1870. Damit soll aber nichts Anzügliches oder Prognostisches gesagt sein. Denn zu der Tongkin-Erpedition haben die Franzosen einen triftigen Grund — der ihnen allerdings sehr erwünscht kam — und über den Ausgang dieses Feldznges wird man anch kaum im Zweifel sein. Bekanntlich ist Tongkin die reichste Provinz des Königreichs Anam, welche zudem eine Hauptverkehrsader (auch mit China), den rothen Fluß enthält. Im Jahre 1874 haben sich die Franzosen durch einen Vertrag mit dem König von Anam, Tü-Düc, den ungehinderten Handelsverkehr auf diesem Flusse zu sichern gesucht; der König erhielt 3 Kriegsschiffe und 100,000 Gewehre und übernahm die Verpflichtung, den rothen Fluß von den chinesischen Piraten (den sogen, pavillous noirs) gesäubert zu halten. Die Franzosen durften dafür in Ha'iphong (nahe der Mündung des Flusses) und in Hanoi (in der Mitte des Landes auch am rothen Fluß gelegen) ein Konsulat errichten und den Konsuln je 100 Mann als Leibwache beigeben. Die 10 Millionen Tongkinesen sahen diesen bescheidenen Anfang einer Invasion sehr gerne; denn das anamitischc Joch, unter welches sie 1802 durch Gewaltstreich gebracht worden waren, drückte sie sehr. Als nun im vergangenen Frühjahr die räuberischen Pavillons noirs wieder auftauchten und französische Handelsschiffe plünderten, als der König von Anam, durch chinesisches Geld bestochen, auf die Reklamationen von Seiten Frankreichs nicht eintrat, und als endlich der Kommandant der französischen Garnison in Haiphong, Riviöre, auf einer Reko- gnoszirungsfahrt an die chinesische Grenze in perfider Weise eingeschlossen und mit dem größten Theile seiner Mannschaft erschlagen wurde, da rüstete Frankreich und ist nun unterwegs nach Tongkin, um dieses reiche Land zu aunektiren und den König von Anam für seine Worlbrüchigkeit zu strafen. Einige Offiziere sind der Meinung, daß der erste Streich direkt gegen die Haupt- und Residenzstadt Anam's, gegen Hne, geführt werde. — Mit der Einnahme dieser Stadt wäre wohl der ganze Feldzug zu Ende, vorausgesetzt, ' daß China — vielleicht von srenndnachbarlicher Hand gestupst (England) — sich nicht einmischt. Gehen wir weiter in unsern Deckstudien! Der freundliche Mann, der nun schon vier Mal im raschesten Spaziertrab an uns vorbeirannte, ist ein englischer Militärarzt, der nach Calcutta reist, ein urgewüthliches Haus, das eben jetzt, wie nach jeder Mahlzeit, seinen Berdauungsbummel macht, nm nachher um so behaglichere Siesta zu halten. Auf dem etwas erhöhten hintersten Theile des Deckes siehst Du drei Stühle ganz nahe beisammen, von welchen der eine eben besetzt ist. Der Jnsaße, der so gesnnd schläft und als Beweis für die nnerkennenswerthe Absicht, etwas zu arbeiten, ein Buch über Mechanik neben sich am Boden liegen hat, ist der dritte von uns Thnrganern auf dem „Sindh" und reist nach Deli auf der Insel Sumatra. Stören wir ihn nicht; vielleicht versetzt ihn eben ein Traum um ein paar hundert Stunde» zurück in die Heimat. Die Sektion Thurgan steckt natürlich sehr viel beisammen; Abends 9 Uhr wird der Zapfenstreich gepfiffen und nachher gemeinschaftlich geseufzt, wie gut nun bei der Hitze ein Glas Bier von, dicken Simon schmecken müßte. Teutscher Zunge finden wir noch mehrere in unserer Gesellschaft; da ist ein junger Kaufmann aus Westfalen, ein prächtiger Mann und liebenswürdiger Gesellschafter, der mit uns nach Singa- pore fährt. — Jener kreuzsidele Jüngling, der — die Militär hosenweißbekleideten Beine so nngenirt auf die Schiffsbrüstung hinaufstreckt, ist der alleweil vergnügte Frankfurter (Reiseziel: Deli), der stets pfeift und singt, stets vorzüglichen Appetit und Schlaf 15 hat, auch wenn Andere über das Gegentheil jammern, und immer bei guter Laune ist. In Marseille hat er für 0 Franken ein unfehlbares Mittel contra Is mal äs msr gekauft und einen Marseillaner Dienstmauu einen ganzen Tag wider Willen mit sich herumschleppen müssen, weil er zu gutmüthig war und kein Französisch verstand, um sich den zuvorkommenden Dienstbeflissenen vom Halse zu halten. Weniger vergnügten Sinnes kam ein zweiter nach Deli reisender Westfale an Bord, der auf der Fahrt von Lyon nach Marseille das Pech hatte, all' sein Gepäck zu verlieren und kaum Zeit fand, sich vor der Abfahrt noch das Nöthigste zusammenzukaufen. Jener würdige alte Herr, der an der Leite des Kapitäns anf- und abspaziert, ist der Nachfolger des in Hanol ermordeten Oberst Riviöre und bisheriger Fregattenkommandant in der französischen Marine. Am Klavier, das seit heute — der großen Hitze in der Kajüte halber — aufs Verdeck gebracht und dort festgebunden ist, sitzt ein 22jähriger Engländer, ein sehr gebildeter Mann, der auch ganz geläufig Deutsch und Französisch spricht und eifrig Chinesisch lernt. Er ist von der chinesischen Regierung unter äußerst glänzenden Bedingungen als Zollbeamter cngagirt. China kam in seinem Zollwesen nie zurecht; die Spitzbuben betrogen sich gegenseitig sn ^ros, und das kaiserliche Ministerium fand es für besser, die Aussicht in die Hände von wohlgeschnlten Europäern zu legen, welche nun gegen hohen Lohn als Zollbeamte funktioniren und dem Staate China zu einer bedeutende» Einnahme verhelfen. Der große Herr, der zum Klavier singt, ist ein holländischer Gcnie- hanptmann, an ssrvics äs 8a Nrrjestö 1'smpsrenr än ckapcm, wie auf seiner Visitenkarte steht; doch sieht er Japan auch zum ersten Male; er spricht, wie alle Holländer, in allen möglichen Zungen und ist sehr musikalisch, besitzt aber die kleine Schwäche, zwölf Lieder hinter einander zu singen, so ost man ihn um eins bittet, eine übrigens weit verbreitete Eigenschaft. Ich muß dankbar anerkennen, daß ich dem wirklich schönen Gesänge des holländischen Hauptmannes gerne zuhorche. Das schöne Geschlecht ist wenig vertreten. Zwei Hamburger, der eine in Shanghai, der andere in Vladivostöck (Sibirien) etablirt, haben sich in ihrer Vaterstadt Frauen geholt und verpflanzen sie nun nach der neuen Heimat. Der Letztere hat schon zweimal auf ungefedertem russischem Postkarren den ganzen asiatischen Kontinent durchquert. Dazu braucht's 3'/,—4 Monate Zeit und gutes Sitzleder. Vladivostöck liegt im südöstlichen Zipfel Sibiriens, nahe der Mandschurei, und soll herrliche Vegetation und prachtvolles Klima haben, wie übrigens Südsibirien überhaupt. Weitere Vorstellungen erlasse mir; es wird Dir und mir zu langweilig. Uebrigens kennst Du ja nun einige der handelnden Personen und der Roman kann beginnen. Doch erst sehen wir uns das noch interessantere Vorderdeck an. Unterwegs begegnen wir einem gottlob gesund aussehenden, kugelrunden, fröhlichen Menschen ä 1 Kilozentner, mit blauer Brille, Tabakspfeife, Schiffsuniform. Und warum sollte er nicht fröhlich sein, der Schiffsdoktor? Er hat weder Sorgen noch Patienten und kommt eben vom Mittagsschläfchen, um im Offizierssalon seinen Kaffee zu trinken Wer einen Blick in seine Bude wirft, entdeckt hinter dem einen Sophakissen still verborgen eine Flasche ^rnsr äs ?icon, hinter dem andern eine Bouteille Lirop äs Oitron. — Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Der mittlere Theil des Verdeckes ist durch Mastbaum, Kamine, Oberlicht für die Maschinenräume, Feuerspritzen, Nothkanonen, Osfizierskabinen, Küche, Bäckerei u. s. w. eingenommen; wir gehen weiter und kommen auf das malerische, aber weniger appetitliche Vorderdeck. Chinesen, größtentheils von abschreckender Häßlichkeit, den Kopf bis zum Scheitel kahl rasirt und das Büschel Scheitelhaare zu einem langen Zopf zusammengeflochten. Inder, Neger, Araber, theils Passagiere, theils Schiffsangestellte, sitzen oder liegen 17 herum, wie der Zufall sie hinwarf, so daß mau Mühe hat, zwischen Köpfen und Leibern seinen Weg zu finden. Ein Haufen schweißtriefender Nubier erholt sich an der frischen Luft von der heißen Arbeit im Feuerraume des Schiffes; lachend, schwatzend, schlafend, Tabak kauend verbringen die schwarzen Kerls, in malerische Gruppen sormirt, ihre freie Zeit, und wer eine etwas empfindliche Nase hat, kaun unterscheiden, daß — um mit Professor Jäger zu reden — ihr Seelenstoff anders dnstet, als derjenige der Europäer. Rechts und links am Schiffsrande befindet sich in einer Anzahl Holzstallungen unser lebendige Proviant, zahllose Hühner, Wachteln, Truthähnc, Kaninchen, Schafe, Kälber und drei große Ochsen, denen wir täglich mehrere Besuche abstatten, um ihnen ihr wenig beneidcns- werthes LooS durch mitgebrachte Leckerbissen und theilnehmendes Krabbeln am Halse zu verschönern. Bon Zeit zu Zeit fehlt einer unserer Freunde und wir sehen ihn Abends als Rindfleisch oder Leststsalrs auf der Tafel wieder. — Die freundschaftlichen Beziehungen zu diesen Mitpaffagieren machen es mir unmöglich, mit gehörigem Appetite von ihrem Fleische zu essen. Eine Treppe führt uns in den mittleren Schiffsraum, welcher außer den Kajüten oder Speisesälen, Maschinenräumlichkeiten u. s. w. hauptsächlich die Kabinen für die Passagiere enthält. Die der I. Klaffe enthalten 2, diejenigen der II. Klaffe 6—8 Couchetten oder Kojen (Schlafstellen), die hürdeuartig über einander aufgebaut sind. Wer zu unterst liegt, riskirt Manches; für den, der oben zu liegen das Glück hat, ist das Jnsbettsteigen eine alpcnklubbistische Leistung, bei welcher sein Kopf oft mit den eisernen B-Balken unliebsame Bekanntschaft macht. — Bei unruhigem Meer werden die Kabinen hermetisch abgeschlossen und ist es in diesen eisernen Kästen, in welche kein frischer Luftzug kommt, nicht zum Aushalten- Dann bringt man die Nacht — wenn das Meer es erlaubt — auf dem Verdeck zu oder aber in den größern Schiffsräumlichkeiten; wo gerade ein freier Platz ist, wird eine improvisirte Schlafstelle 18 daraus gemacht. Die Schiffsordnung gestattet, von Abends 8 Uhr bis Morgens 8 Uhr in Nachttoilette herumzugehen, welche große Wohlthat Herren und Damen profitiren. Morgens macht mau sich wohl einmal das Vergnügen und läßt sich von den das Verdeck scheuernden Matrosen mit Wasser beziehen. — Für Bäder ist prächtige Gelegenheit geboten; vier reinliche, gut ventilirbare Badezimmer mit schönen Wannen und Touche stehen jederzeit zur Verfügung der Passagiere und ein immer dienstfertiger Chinese besorgt das Nöthige. So kann man auch zu Schiff eine veritable Meerbadekur machen. H. Port Said. — Unerwartete Begegnung. — Durch den Suezkanal. — Wiisten- ball. — Hitze im rothen Meer. — Komisches Intermezzo. — Zusammentreffen mit dem französischen Kriegsschiff vaxarN. — Lad-ol-LInnNod. — Aden. — Nächtliche Fahrt nach der arabischen Stadt. — Unruhiges Meer im indischen Oeean. — Seekrankheit. Am 15. Juni, Abends Hz8 Uhr, sahen wir in weiter Ferne den Leuchtthnrm von Alexandrien, an seinem rotirenden, unterbrochenen Lichte erkennbar. Fünf Stunden später lagen wir in Port Sold vor Anker. Der Mond verschwand eben hinter dem Horizonte und der prächtigste Sternenhimmel that sich auf. Die Milchstraße glänzte in herrlicher Klarheit, so daß auch die weitere Umgebung des Schiffes in scharfen Umrissen deutlich zu erkennen war, auch der dem Hafen zunächstgelegene Stadttheil. — Trotz der vorgerückten Stunde entstand bald ein Höllenskandal in unserer Nähe: Kleine Barken mit schreienden Jnsaßen umschwärmten uns und suchten sich den Vorrang an der Schiffstreppe abzustreiten. Schwere Kohlenboote wurden per Dampf an beide Schiffsseiten geschleppt, und sofort begann das Geschäft des Einladens. Einige 50 Neger trugen unter fortwährendem infernalischen Gebrüll den 19 Brennstoff beim Scheine einiger erhöhter Kohlenbeckenfeuer auf ihren Schultern in unsern Schiffskörper und zwar mit bewunderungs- 5 würdiger Behendigkeit. Auch im Halbdunkel stachen die weißen Zähne und glänzend weißen Augen grell von der pechschwarzen Hautfarbe ab. — Ein Darsteller der Hölle könnte kein passenderes Motiv finden. Um 3 Uhr Morgens verließ die Sektion Thurgau den Sindh, um durch einen Spaziergang durch die Straßen der Stadt einigermaßen einen Begriff von ihr zu bekommen. Port Sa'i'd ist mit dem Suezkanal rasch aus dem Wüstenstaube erstanden. Das schon früher dagewesene arabische Dorf ist ein Viertelstündchen von der europäischen Neustadt entfernt. Wüstensandige, regelmäßige Straßen, große, meist zweistöckige Neubauten mit den im warmen Klima unentbehrlichen Veranden, wenig Vegetation, nur hie und da eine ^ Fächer- oder Dattelpalme, auch ein Paar Bananen- und Oliven- bäumchen — das ist der Charakter von Port-Scüd, der Schlüsselstadt zum Suezkanal, deren Lebensader eine 85 Meilen weit von Jsmailia herkommende Süßwasserleitung (filtrirtes Nilwasser) in Pariserröhren ist. — Auf den Straßen begegneten uns einige schweigsame egyptische Gensdarmen, aber keine von jenen, die schweizerdeutsch sprechen, und vor den Häusern lagen in allen möglichen Positionen — schlafend und schnarchend — Araber und Nubier und streckten ihre nackten Beine oft bis weit in die Straße hinein. Als wir um eine Ecke herumbogen, um unsern Dampfer wieder in Sicht zu bekommen, da sahen wir ans Haus gelehnt einen europäisch H gekleideten Mann in den Dreißigern, der unser Gespräch'mit den überraschenden Tönen unterbrach: „Wo weit er hi? Der einsame Eckensteher war ein Hr. F. aus Bern, der schon seit zwöls Jahren in Afrika ist. Bei einem Schiffskapitän eingeladen, hatte er sich ! verspätet und konnte nicht ins Haus hinein, weil der „galge" Portier fest hinter der Hausthüre schnarchte und nicht aufzuwecken 20 war. — Die unerwartete Begegnung wnrde in einem Cafö mit einer Tasse Mokka gefeiert. Um 8 Uhr am Morgen des 16. Juni war unser Schiff endlich zur Abfahrt bereit; die Signalglocke ertönte; das Verdeck säuberte sich von zudringlichen egyptischen Verkäufern, arabischen Zauberkünstlern und andern Schmeißfliegen; der für die Kanal- fahrt vorgeschriebene Pilote bestieg den Platz des Steuermanns und vorwärts ging's, aber langsam. Die Fahrt durch den Suezkanal ist das Langweiligste, was man sich denken kann; um durch allzustarken Wellenschlag den sandigen Ufern nicht zu schaden, darf ein Steamer nur fünf Seemeilen (nenn Kilometer) per Stunde zurücklegen und so schleichen denn die Dampfkolosse träge durch die wenig über 25 Meter breite und nur durch fortwährendes Baggern tief genug zu erhaltende Wasserader. Nur in den verschiedenen, den Kanal unterbrechenden Seen ist größere Fahrgeschwindigkeit erlaubt. — Rechts und links erblicken wir nichts als trostlose, graugelbe Wüste. Heiß zittert die Luft über dem glühenden Sande. Keine Vegetation; kein thierisches Leben;' kein Vogel in der Luft. Oefters sieht man Sandhosen aufsteigen und am Horizonte täuschen Luftspiegelungen glänzende Wasserflächen mit Inseln und Fahrzeugen vor. Zur Seltenheit trottet ein Kameel schwerfällig am Ufer einher; oder ein nackter Negerjunge rennt an der Kanalböschnng unserm Schiffe nach, mit großer Ausdauer die Hand ausstreckend und Bakschisch (Trinkgeld) rufend, während sein Herr Papa regungslos wie ein Kaiman im heißesten Sande liegt. Alle fünf Meilen erweitert sich der Kanal so, daß Avei Schiffe an einander vorbeifahren können. An solchen Stellen sind Wachthäuser erstellt, welche — Dank dem Ueberschusse aus der Süßwasserleitung — oft einiges freundliche Grün zeigen, einige Palmen, Bananen oder blühende Oleander, in deren Schatten der wachthabende Posten vergißt, daß er sich mitten in der Wüste befindet. Durch elektrische 21 und andere Telegraphenapparate wird die Passage der Schiffe geregelt. Es kann vorkommen, daß man an verschiedenen Stationen Stunden lang zu warten und früher avisirte Schiffe vorbeifahren zu lassen hat. Wir kreuzten an einem Haltepunkt vier englische, zwei holländische und einen französischen Steamer, und es ist gar nicht selten, daß ein Schiff von Port Sätd bis Suez, also für die 185 Meilen, 3—4 Tage Zeit braucht. Die Frequenz des Kanals nimmt aber noch von Jahr zu Jahr zu und damit auch die Verkehrshemmung, so daß eine Abhülfe, sei es im Sinne einer Erweiterung oder einer Neuerstellung, dringend nothwendig erscheint. Der Suezkanal ist ein großer Triumph des menschlichen Genius; seine Herstellung in diesem leichtbeweglichen heißen Flugsande eine Gigantenarbeit, von deren Riesenmäßigkeit sich nur derjenige die richtige Vorstellung macht, der ihn mit eigenen Augen gesehen hat. Die tägliche Einnahme soll sich ost bis auf eine halbe Million belaufen; aber auch die Unterhaltungskosten sind ganz kolossale. Nachmittags erreichten wir den großen Timsahsee, an dessen nordwestlichem Ufer Jsmailia liegt, Endlinie der Bahn von Kairo, mit schönem Lustschloß des Vizekönigs in der Wüste und entstehendem Seebade. Wo der Kanal in den See eintrifft, erhebt sich auf der Höhe ein villaartiger Bau, der seiner Zeit für die Kaiserin Eugenie zur Benützung während der Eröffnungsfeierlichkeiten extra erstellt wurde. Ein französischer Kaufmann aus Savoyen, ein guter Bonapartist, zeigte mir diesen kavillon äs 1'ikopöratriss; die andern Franzosen wollten nichts davon wissen. So ändern sich die Zeiten. In einer halben Stunde ist der See passirt und die Kanalfahrt beginnt von Neuem. In prachtvollstem Farbenspiele glänzten Wüstenhorizont und Himmel beim Sonnenuntergange; kaum war aber das letzte Segment der goldenen Kugel verschwunden, so lag auch schon die Nacht über der Einöde und unser Schiff mußte, wo wir gerade waren, anhalten und den Morgen erwarten. Nach der Mahlzeit wurde auf Deck eine musikalische Soiree arraugirt; der Eiuzugsmarsch auf der Wartburg aus „Tannhüuser", die Einleitung zu „Lohengrin", Chopin, Weber, Lieder von Schumann und Schubert tönten in die Nacht hinaus und verklangen umgehört und ohne Widerhall in der Einöde. Nachher gab's sogar eine Gesellschaft, die tanzte; der bonapartistische Seidenhändler aus Savoyen wollte durchaus die (jrmärills ärr krirres iiupöris,! aufs Programm bringen, scheiterte aber an den republikanischen Gesinnungen der mitreisenden Franzosen. Der englisch-chinesische Zollbeamte spielte eine Menge deutscher Volksweisen, wobei unsere Kehlen wacker mithalfen. Der Heidelberger Bierwalzer hatte wohl zum ersten Male die Ehre, im Suezkanal vorgetragen zu werden. Leider verunglückte das Oaucksanarm, weil unser freundlicher Begleiter zu Klavier es hartnäckig und unkorrigirbar im */« Takt spielte — für einen alten Studenten und Bierbürger rein zum aus der Haut fahren. Schliesslich hustete noch ein zugeknöpfter Anglo-Amerikaner ein unglaublich fades englisches Liebeslied in die Nacht hinaus, die letzte Strophe mit einem sinnbethörenden Fortissimo s. 1a rävsills äw lion, wie's ja eigentlich für Wüsten- verhältnisse gar nicht so übel paßte. Endlich gab's Ruhe; Alles schlief, auch das Wasser, denn keine einzige Welle störte durch Anschlagen an die Schiffsplaukeu die Stille dieser Nacht. Schreiber dies aber saß noch lange einsam an der Schiffsbrüstung und schaute empor zu dem prachtvollen gestirnten Himmel und erfuhr, daß von allen Erlebnissen des vollbrachten Tages diese einsame Stunde in der stillen Nacht das allerschönste war. Morgens früh um 4'/, Uhr ging's weiter durch die großen Bitterseen und um 9 Uhr hielten wir vor Suez. Das Schiff ankert so weit draußen auf dem Meere, daß man die vor Eröffnung des Kanals ungleich wichtigere Stadt mit ihren großen Docks, weißen, hohen Administrationsgebäuden und schimmernden Palästen nur in ziemlich bedeutender Ferne sieht. Auch Suez hat wenig Grün und steht auf dein Schlamme des rothen Meeres und auf Wüstensand. Nach Erfüllung nöthiger Formalitäten nnd Einladung einiger Passagiere durchschnitt unser Kiel endlich den Spiegel des Nöthen Meeres. Die Temperatur stieg auch sehr bald auf die schon Anfangs gemeldete Höhe und der Aufenthalt aus dem Verdeck wie in dem Schiffsinnern wurde gleich unangenehm und zeitweise fast unerträglich. Während zirka zwölf Stunden führte unser Kurs längs der westlichen, felsig-öden Küste der Sinat-Halbinsel; wir kreuzten also den Weg, den die Juden vor dreitausend Jahren gemacht haben. Nachts halb zwölf Uhr erschienen als riesige Schattenbilder die Berge Sinai und Horeb. Das Sinaikloster hätten wir auch bei Tageszeit nicht sehen können, da es aus dem östlichen Abhänge liegt. — Am 18. Juni, Mittags, befanden wir uns bereits unterm 24. Grad nördlicher Breite, also sehr nahe dem Wendekreis des Krebses, den wir Abends spät noch passirten. Man macht sich keinen Begriff von der Monotonie der Küsten des Rothen Meeres; wo dieselben bisweilen sichtbar werden, starren sie uns in menschenfeindlicher, trostloser Oede entgegen. Das Rothe Meer (schon von den Römern raars rubrrrnr genannt) erhielt seinen Namen wegen einer stellenweise röthlichen Färbung seiner Gewässer, die auf die Anwesenheit von mikroskopischen Zvophytcn zurückgeführt wird. Unter den Ptolomäern nnd Römern war es eine große Handels- und Verkehrsstraßc und schon damals durch einen schiffbaren Kanal, der aber immer und immer wieder versandete, mit dem mittelländischen Meere verbunden. Durch die Entdeckung des Kaps der guten Hoffnung verlor es die große Bedeutung und einige früher wichtige arabische und abyssinische Häfen verödeten ganz, bis die Schöpfung des Suezkanals die Verhältnisse wieder änderte. Das Wasser des Rothen Meeres ist viel salziger als das der andern Meere; dies läßt sich begreifen, wenn man bedenkt, daß kein einziger Süßwasserzufluß existirt und daß die Verdunstung eine ganz ungeheure ist. 92 Stunden brauchten wir von Suez bis zum südlichen Ende des Rothen Meeres, bis zur Straße Lad-sI-iKanäol) (Straße der Thränen), so genannt wegen der vielen Opfer, die der klippenreiche Weg früher gefordert hat. Die Hitze wurde immer unerträglicher; schon Morgens 8 Uhr zeigte das Thermometer 36» 0. im Schatten. Kontinuirliche Berieselung des Verdeckzeltes brachte nur wenig Erfrischung und auch die riesige», von Chinesen stets in Bewegung erhaltenen Fächer bei Tische wehten die Kühlung bedürftige heiße Haut lauwarm an. Die massenhafte, Tag und Nacht gleich starke Schweißproduktion war, so lästig sie fiel, durch Entwicklung der begleitenden Verdunstungskälte schließlich noch das Wohlthätigste. Einförmig und träge schleichen bei solcher Fahrt die Stunden dahin. Das Verlangen nach Erlösung hängt der Zeit Blei an die Füße. Unter derartigen Verhältnissen ist man sehr empfänglich und dankbar für jede kleine Abwechslung; ein Hut, der vom Kopfe eines un> geschickt manöverirenden Passagiers ins Meer fiel, genügte, um einige Aufregung in die schachmatte Gesellschaft zu bringen und die zum Athmen fast zu bequemen Zwerchfelle ein wenig zu erschüttern. Die Küsten verloren wir bald aus dem Gesichtskreise, so daß wir von Nemen, dem glücklichen Arabien und der heiligen Stadt Mekka nichts wahrnehmen konnten. — Am 19. überholten wir das nach Tongkin fahrende französische Kriegsschiff Lo^arä; der breite, eiserne Koloß war über und über bis hoch in die Masten hinauf mit Hosen, Jacken nnd Nastüchern behängen, welche die militärischen Schweißtropfen an die Luft abgeben sollten. Beide Schiffe hielten an; es wurden Grüße gewechselt und ein bemanntes Boot ruderte vom Ls^arä zu uns herüber, um Korrespondenzen in Empfang zu nehmen. Tann ging's weiter und bald hatten wir Schnellfahrer das Panzerschiff aus dem Gesichte verloren. 5 Gleichen Tags brachte ein komisches, kleines Malheur wunderbare Beweglichkeit in die leblose Schiffsgesellschaft, so daß unser Dampfer einem aufgestörten Ameisenhaufen glich. Eine Korbflasche voll Salmiakgeist war auf dem Verdeck ausgelaufen und sickerte durch alle Ritzen in die Tiefe, so daß die Atmosphäre des Schiffes und seiner Umgebung mit Ammoniakdämpfen verpestet war. Alles rennt, flüchtet mit zugehaltener Nase treppans und treppab; aber wo man sich hinwendet, ist die Sache noch schlimmer. Die Matrosen husten, pusten, niesten und schneuzen sich, und die an und für sich schon häßlichen Chinesen verziehen ihre Gesichter zu Fratzen von nie geahnter Abscheulichkeit, und lange Zeit dauert es, bis man sich von der „thränenreichen" Katastrophe erholt hat. Den 20. Juni, Morgens, durchführen wir das klippenreiche Südende des Rothen Meeres, das sich dort rasch zur Straße Lab-sl-Nanäsb verengt. Herren dieser Straße sind natürlich — wie in Gibraltar — die Engländer. 1858 versetzten sie sich durch Handstreich in den Besitz der Insel Perim, welche inmitten der Straße liegt und ein hübsches, neues Fort, sowie einen Leucht- thurm trägt. Die Gefährlichkeit dieser Passage bei Nebel demonstriren zwei unweit von einander gestrandete Dampfer; der eine streckt traurig die kahlen Masten, ein verrostetes Kamin und das Hinterdeck über den Meeresspiegel empor; der andere liegt als Wrack fast ganz auf dem Trockenen. Unser Schiff änderte den Kurs und fuhr direkt nach Osten, um Abends halb 6 Uhr in der Rhede von Aden anzulegen. Es waren wieder die Engländer, welche früher als alle andern Mächte die Bedeutung des Punktes Aden für die Schifffahrt nach Indien erkannten und sich schon 1839 in den Besitz dieses Terrains setzten, um dort ein Kohlendepot zuhaben. Eine weitere große Bedeutung gewinnt der Platz dadurch, daß aller Kaffee des benachbarten Mokka hier in den Handel und zu Schiff kommt. Die Bucht von Aden ist rings von mächtig hohen, grauschwarzen Felsen eingerahmt, die alles und jedes Grüns entbehren. Die 26 « Verwitteruugsprodukte dieser Felsen und der angeschwemmte Meer- sand haben ein Terrain geschaffen, welches die halb arabische, halb europäische Hafenstadt trägt. Sie präsenlirt sich, vom Meere her gesehen, gar nicht übel; denn die englischen Kasernen, Ver- waltungsgebüulichkeiten und Spitäler, sowie einige Hotels sind große, blendend weiße Bauten mit mächtigen Kolonnaden, die sich von dem grauschwarzen Hintergründe hübsch abheben. Aber das Auge vermißt eben schmerzlich das wohlthätige Grün. Feuerrohre größten Kalibers schauen drohend nach allen Richtungen der Windrose; starke Festungsmauern erklimmen im Zickzack die höchsten Felsen und schließen das englische Besitzthum gegen Arabien ab. Da, wo eine zwischen die Felsen gesprengte Straße ins Innere des Landes und vorerst in die zirka eine Stunde vom Meere entfernte arabische'Stadt Aden führt, ist ein stolzes Fort in die Mauern eingeschaltet und jeder Passant hat im Hofraum der Festung zwischen den Augen englischer Wachtposten Spießruthen zu laufen. So ist eine Gefährdung des englischen Hafenplatzes von Seiten der Araber eine absolute Unmöglichkeit. Kaum lag unser Schiff still, so kam auf ausgehöhlten Baumstämmen eine Menge nackter brannrother Jungen hergefahren, die ihr primitives Fahrzeug vermittelst eines kleinen, abwechselnd von der einen Hand in die andere wandernden Ruders mit erstaunlicher Schnelligkeit vorwärts trieben. Die Wellen schlugen über den kleinen Meerfahrern zusammen, aber im Nu war das eingedrungene Wasser mit den Händen wieder ausgeschöpft. Die muntern, lebhaft gestikulirenden und stetsfort schreienden kleinen Teufel befanden sich offenbar in ihrem gewohnten Elemente und tauchten mit fabelhafter Sicherheit nach Geldstücken, die ins Meer geworfen wurden. Ost schössen 6—8 gleichzeitig nach demselben Punkte in die blaue Fluth und man konnte deutlich mit den Augen verfolgen, wie sich die braunen Leiber in einer Tiefe von 5—10 Fuß herumbalgten, um dann endlich pustend und schnaubend wieder zum Vorschein zu kommen, der Eine als Sieger das Geldstück im Munde zeigend. Am meisten Bewunderung erregte ein zirka sechsjähriger Junge, der sein linkesBein in derHöhe derHüste (durch einen Haifisch) verloren hatte, aber mit seinem einzigen Beine gewandter zu tauchen und zu schwimmen verstand, als alle andern. In rhythmischem Zusammenklänge riefen sie unermüdlich im Chöre: „k In iner, Odo! ä In rver, Oko!" u. s. w., bis ein herunter geworfenes Geldstück dem Gekreisch plötzlich ein Ende machte, gleichwie ein fallender Stein dem ohrzerreifienden Geqnacke einer Legion von Frösche». Am Lande bestiegen wir einen der sich uns aufdrängenden Wagen, ein lotteriges, gebrechliches Vehikel, gezogen von einer Schindmähre, deren einzige und höchste Leistung bergauf und bergab ein äußerst gutmüthiger Galopp war, und geführt von einem Araber, der hinter grinsendem Lachen ein rechtes Spitzbnbengesicht verbarg. Wir fuhren bei eintretender Dämmerung nach Arabisch-Aden. Die staubige Straße führt zuerst an gewaltigen Steinkohlcndepots vorbei, dann in großen Windungen hinauf zur Höhe des Forts, passirt die Thore, die von einem englischen Soldaten geöffnet werden, und ist dann zirka 80 Meter tief in die Felsen gesprengt, so daß sie eine gewaltige, glühend heiße Hohlschlucht bildet. Die senkrecht emporsteigenden Wände sind oben durch eine nur von der Festung aus zugängliche Brücke verbunden. Nachher fällt die Straße rasch abwärts und senkt sich zu dem Thäte, in welchem Arabisch- Aden steht. Nirgends ein Gräslein, nirgends ein Tropfen Wasser, keine Spur von Vegetation auf der ganzen Route. Es begegnen uns bcladene Kameele, Araber, zu Fuß oder auf kleinen Eseln trabend, verhüllte Weiber, zudringliche Stranßenfedernverkäuser, türkische Soldaten, Beduinen, Neger mit wassergefüllten Ziegenfellschläuchen beladen u. s. w. Bei Nacht kamen wir in der arabischen Stadt an (zirka 25,000 Einwohner) und hielten auf dem Marktplatz, wo eine zahllose Menge von schreienden Käufern und Verkäufern, Faul- _28 lenzern und Buben durcheinander wogte. Bald waren wir nmringt von einer Schaar jener Blutsauger, die uns dann auch überall hin nachfolgten, sich gegenseitig in Betrügereien nnd Ueberforderungen unterstützten und am Ende aller Enden, wenn sie nichts ausrichteten, Stück für Stück schreiend und schimpfend zurückblicken. Immerhin war's noch ein nettes Häufchen, das uns beim Eintritt in ein arabisches Cafä begleitete und uns erst mit zudringlichen Liebenswürdigkeiten und — als nichts Klingendes dabei herauskam — mit der Kehrseite traktirte. Der brave Kutscher, mit dem ich ein Fahrgeld von 2 Dollars abgemacht hatte, benützte die Gelegenheit, zu erklären, dass wir 3 Dollars zahlen müssen. Belehrt durch früher in Algier gemachte Erfahrungen sagte ich ohne Weiteres zu, um Skandal zu vermeiden und um ja noch zur Zeit wieder in Aden-Hafen zu sein; denn eine halbe Stunde Verzögerung konnte uns in die fatale Lage versetzen, die Nacht hier zubringen zu müssen, da die Festungspassage von 9 Uhr Abends an unerbittlich geschlossen bleibt. Nach der Ankunft an unserm Bestimmungsort bezahlte ich dann die kontraktgemäßen 2 Dollars, wechselte dabei mit dem wackern Rosselenker einige Artigkeiten und lud den Schimpfenden ein, mit auf die Polizei zu kommen, was er aber unterließ. Uebrigens war die Rückfahrt wunderschön; der Mond war unterdessen am Himmel aufgegangen und stund, als wir die Festung passirt hatten, gerade in der Lichtung des felsigen Hohlweges und beleuchtete die zu unsern Füßen liegende Bucht von Aden, die weiße Brandung des Meeres, die geisterhaften Formen der dunkeln Felsen, welche das ganze Bild einrahmten. In der Nähe von Arabisch-Aden befinden sich, in Felsen ein- gehauen, die sogenannten Tangs, kolossale, schon von den Römern erstellte, von den Engländern restaurirte und cementirte Wasserreservoirs, die terrassenförmig übereinander angebracht sind. Regen füllt in Aden nur alle 4 bis 6 Jahre einmal, dann aber in so kolossaler Menge, daß die Wasserbehälter sehr bald gefüllt sind 29 und nun Jahrelang für Tausende von Menschen und Vieh das zum Leben so wichtige Naß liefern können. Von Morgens früh bis zum Untergang der Sonne erscheinen am Ausflusse dieser Tangs Karavanen von arabischen Lastträgern, welche das Wasser in Ziegensellschläuche füllen und nach Hause tragen. Es ist ein großartiger Triumph menschlicher Kraft, daß auf einem Boden mit lauter lebeusfeindlichen Verhältnissen eine jetzt sogar in starkem Wachsthum begriffene Stadt sich entwickeln konnte. Die Getränke werden in Aden von Europäern alle mit Eis genossen, das in gewaltigen Eismaschinen hergestellt wird und sehr billig ist. — Im Lritisd Inäian Hotel war großartiges Konzert angekündigt; in Wahrheit spielte ein mehr als mittelmäßiges, aus österreichisch-böhmischen Musikern beider Geschlechter bestehendes Orchester in einem schwülen und unreinlich gehaltenen Saale ein miserables Programm herunter, wofür pro Person drei Franken bezahlt werden mußten. Im langsamsten Adagio erklang aus dem Munde einer in Schweiß gebadeten Sängerin das Gumbert'sche „O bitt' Euch, liebe Vögeleiu". Dazu wurde geseufzt, gegähnt, geschwitzt, schlechtes Bier für 2'/, Franken die Flasche probirt, dann Sodawasser, und endlich auf unserm wenigstens straßenstaub- freien Schiffsverdecke Schutz vor Hitze und Schwüle und vor Mosquitos und andern Musikanten gesucht, aber nicht gefunden. Wir waren herzlich froh, als sich des andern Morgens 8 Uhr unser Dampfer wieder in Bewegung setzte und schieden ohne alles Bedauern von Aden, dieser Stadt in der Wüste, und hatten erfahren, daß der Mensch mit seiner Kunst und mit seiner Kraft allein wenig Schönes zu Stande bringt, wenn nicht die herrliche Baumeisteriu Natur mithilft und ihre grünen Farben aufträgt. Im Golf von Aden, zu dessen Durchquerung wir zirka 25 Stunden brauchten, war das Meer noch ziemlich ruhig. Delphine spielten schaarenweise in der Nähe unseres Schiffes, und Tausende von fliegenden Fischen schösse», durch den Schiffskiel und 30 die lärmende Maschine aufgescheucht, in die Luft, um nach einer Flugbahn von 10—50 Meter Länge wieder unterzutauchen oder sich von der mit ausgespannten Flügelflossen geschlagenen Wasserfläche weiter zu schnellen. Hie und da fiel ein allzu ungestümer Flüchtling auf unser Verdeck, wurde aber — nachdem wir seine zu flügelartigen Gebilden entwickelten Brustflossen durchmustert hatten — barmherzig dem nassen Elemente wieder zurückgegeben. Am Morgen des 23. Juni sahen wir zur Rechten wieder die klippenreiche afrikanische Küste; hier muß es gewesen sein, wo vor vier Jahren der prachtvolle Messageriedampser „Mecong" auf seiner Rückfahrt von China im Nebel anssuhr und versank. Die an unwirthschaftliche Küste geretteten Passagiere wurden geplündert, kamen aber mit dem Leben davon bis auf Einen, welcher nachträglich dem Sonnenstich erlag. Stolz und theilnahmslos durchschnitt unser Schiff die Wellen, vielleicht direkt über den Masten seines versunkenen Kollege». Unterdessen entwickelte sich bei der Schiffsbemaunung eine rührige Thätigkeit. Taue und Stricke wurden fester angezogen und allzu bewegliche Gegenstände gut versorgt, andere sorgfältig festgebunden. Auf der Tafel fanden wir den Violon aufgesetzt, ein Netz von stramm angezogenen Stricken, zwischen welchen Teller, Gläser und Flaschen auch bei bewegter See sichern Halt finden. Der Kapitän erwartete im indischen Ozean, wo wir die schützende Mauer des afrikanischen Kontinents verlieren mußten, heftigen Wind. Sorgfältig wurden alle Lücken geschlossen und aus dem Schiffskörper ein gut abgeschlossener, hohler Raum geschaffen. Die versprochene Brise blieb nicht aus. Kaum hatten wir Cap Guardafui, den östlichsten Punkt des kahlfelsigen afrikanischen Festlandes, passirt und waren auf der Höhe der (noch von wilden Araberstämmen bewohnten) Insel Socvtra angelangt, als sie ge- wältig von Südwesten her zu blasen anfing. Unser Schiff neigte sich bedenklich auf die Seite und hob abwechselnd Vorder- und 31 Hintertheil in die Luft. Das machte Anfangs Spaß. Die Damen kreischten, die Herren lachten. Die cdaisss lovxuss flogen von einem Schiffsrand zum ander», oft sammt den darauf ruhenden Besitzern. Den guten Frankfurter schmiß es mit aller Gewalt gegen die eiserne Schiffsbrüstung, was Letzterer nichts schadete, ihm aber eine tüchtige Beule zuzog. Mein lieber Reisegefährte machte die nämliche Tour auf seinem Stuhl und kam mit dem Schrecken davon, während der Sessel zerschmettert wurde. Wer aus dem Berdcck herumgeht, wankt und balancirt wie ein Betrunkener und je nach der Neigung des Schiffes werden zierlich kleine und hüpfende Tanzschrittchen gemacht oder aber mit alpenklubbistischen wuchtigen Schritten die Wirkungen der Schwere zu überwinden gesucht. Der heftige Wind ist uns günstig; alle Segel sind aufgehißt und unser Schiff stürzt mit Pfeilgeschmindigkeit in gewaltige Wellen- thäler, um sich rasch wieder von einer nachfolgenden Welle in die Höhe tragen zu lassen. Unsere mittlere Geschwindigkeit beträgt jetzt 14,5 Knoten oder Seemeilen per Stunde (— 26 Kilometer — 5 h, Stunden). Unabhängig von dieser lächerlichen Schiffsbewegung schreitet der chinesische General auf dem Verdeck einher; würdevoll behauptet er — während alle andern wanken — seinen gewohnten militärischen Schritt und, die Hände auf den Rücken gelegt, seine stramme, soldatische Haltung. Plötzlich legt das Schiff auf die Seite. Das ändert die Situation; unter Zuhülfenahme der jetzt in der Luft herumfuchtelnden Arme wird ein Versuch gemacht, in mühsamem Bergsteigerschritt die Schiffsmitte zu erklimmen; während der größten Anstrengung wechselt das Schiff seine Lage und unser General verfällt in einen trippelnd hüpfenden Gang und umarmt einen eben vorbeigehenden schmutzigen Chinesen, als ob er einen lange vermißten Freund wieder gefunden hätte. Der Tongkin erobernde Reporter — im Begriffe, einer Dame eine Artigkeit zu 32 i sagen — macht eine unfreiwillige Bewegung, als ob ihn 'was gestochen hätte; beim Versuche, das Gleichgewicht wieder herzustellen, kommt ihm das Schiff zu Hülfe und er küßt — den Boden. Sogar der Schiffsposthalter rutscht mit der Geschwindigkeit eines Knoten ^ über das Verdeck, stolpert über ein Tauende und sieht sich — wie man das so zu thun pflegt — entrüstet um nach dem unbewußten Uebelthäter am Boden. Der Schreiber dieser Zeilen muß ehrlich sein und gestehen, daß ihm und seinem Reisegefährten auch nicht immer die Füße zu unterst waren. Bald wurde die Szene weniger lebhaft. Die Damen verstummten ; das fröhliche Lachen der Herren hörte mau immer leiser und seltener. Eines nach dem andern verduftete, bei Tische fehlte da und dort ein theures Haupt und wer da war, zeigte, mit Ausnahme der echten und eingefleischten Seeratten, ein bleiches Milchsuppengesicht. Auch die Sektion Thurgau hatte einen Verlust zu beklagen: „Was willst Du, D., so trüb und so bleich?" * „„Mannhaft habe er ausgehalten bis zur zweiten Platte, dann aber sei's nicht mehr gegangen."" Freilich versicherten die meisten Seekranken, ihr Uebel käme von dem miserablen Bier in Aden (auch solche, die keines getrunken hatten), denn seekrank will Niemand sein. Aber der Berichterstatter weiß das besser und das Meer war eben nachgerade so, daß auch gewohnte Meerreisende, welche die Seekrankheit vorher nie gekannt hatten, unterlagen und für zwei Tage in ihre Kabinen verschwanden. O Frankfurter! Warum hast Du dein sechsfränkiges Universalmitlel oontrs 1s mal äs msr ins Rothe Meer geschmissen. Auf Deck sah's Abends bedenklich dünn und blöde aus. Die ^ meisten Passagiere lagen krank zu Bette. Sogar dem jetzt verödeten und sorgfältig in Teppiche ein- und festgebundenen Klavier war's unbehaglich im Leibe. Von Zeit zu Zeit, bei heftigen Windstößen oder wenn eine Welle über Bord ging, ächzten seine Saiten in schauerlichen Dissonanzen. Nur der fröhliche Frank- surter pfiff und fang, aß und trank wie gewohnt, und auch Thurgan hatte seine katzenjämmerliche Stimmung vorüber. Der holländische Hauptmann bewies eine auffallende, früher nie gezeigte Vorliebe für den Sternenhimmel und schien ihn, einsam über die Schiffsbrüstung gelehnt, mit größter Aufmerksamkeit zu betrachten, obschon kein einziger Stern zu sehen war. Ich habe aber bemerkt, daß er von Zeit zu Zeit sein Haupt senkte und „unter der Hand" den dunkeln Wogen seine Naturbegeisterung offenbarte. Da machte es ein älterer französischer Zivilbeamter schon ungenirter. Er fetzte sich neben das Klavier, sagte sein Sprüchlein vor der Gesellschaft offen heraus und ging nachher zu Bette. Das Sprüchlein hat ein unter solchen Uniständen stets dienstbeflissener Matrose schleunigst wieder ausgewischt. — Genug davon! Gesunde Mitreisende haben mich vor Jahren auch gehöhnt, als mir das Herz vor Seekrankheit in Stücke gehen wollte, und die Rache ist süß und hier ja nicht so sehr grausam. Sicher ist, daß alle gegen das mal äs msr empfohlene» Mittel nichts helfe». Der Körper, der vom festen Lande auf den beweglichen Boden eines Schiffes kommt, muß sich diesem beweglichen Dasein akkommodiren, wie jeder andern ungewohnten Lebensbedingung. Der Eine macht diesen Angewöhnungsprozeß schnell durch, der Andere langsam. Sicher aber kann man ihn mit festem Willen und etwas Selbstüberwindung beschleunigen. Wer kontinuirlich liegt, wird allerdings lange nicht zu diesem Punkte gelangen, denn bei jedem Versuche, aufzustehen, wird ihm schwindlig und übel. Wer fastet, bricht, so bald er wieder etwas in den lange Zeit leer gebliebenen Magen bringt. Wer — was häufig empfohlen wird — übermäßig ißt und trinkt, nm den Magen zn „zwingen", ist keinen Augenblick vor einer gewaltigen, Explosion sicher. Wer aber nach wie vor seine gewohnte Tagestour zn machen sich bestrebt, von Zeit zn Zeit etwas kompakte, leicht verdauliche Nahrung zu sich nimmt, mit Vermeidung über- :!4 - mäßiger Anstrengungen seinem Körper doch die nothwendige Bewegung verschafft, nicht bloß das Liegen, sondern auch das Stehen, Gehen und Sitzen probirt, der wird am raschesten Herr über das Uebel und gewöhnt sich am schnellsten an das Rollen und Schaukeln des Schiffes. Es ist — wie mir auch eigene Erfahrungen zeigen — unrichtig, betäubende Mittel (Morphium, Chloral) gegen die Seekrankheit zu geben, da dieselben, wenn sie auch für Momente von dem elenden Krankheitsgefühle erlösen, die Angewöhnungskraft schwächen und den Sieg über das Uebel immer weiter hinausschieben oder geradezu unmöglich machen. Die Fahrt von Aden bis Colombo dauert 7 Tage. Die Entfernung beträgt 2092 Seemeilen, also zirka 800 Stunden. Die wichtigste Tageszeit ist für Reisende, die sich auf einer länger» Meerfahrt befinden, die Mittagsstunde. Da wird die geographische Lage des Punktes bestimmt, an dem sich das Schiff eben befindet (was die Franzosen tairs 1s poinb heißen); das Resultat wird mit Angabe der seit dem letzten Hafenplatze durchlaufenen und bis zum nächsten noch zu durchlaufenden Distanz als Schiffsbulletin veröffentlicht und ungeduldig erwarten gegen Mittag die Passagiere den Dienst thuenden Schiffs-Offizier, der die Affiche zu machen hat. Nachts wurde das Meer noch unruhiger als am Tag und jagte eine Welle nach der andern über Bord, so daß der Aufenthalt auf Deck oft unmöglich war und man sich wohl oder übel in die hermetisch verschlossenen Kabinen verfügen mußte, um am Morgen als tausendfach hin- und hergerolltes, gerädertes Menschenkind vom harten Lager wieder aufzustehen, sofern die Seekrankheit diese Veränderung überhaupt zuließ. — Aber manch Einer, der ahnungslos und sich wohl fühlend die horizontale Lage mit der vertikalen vertauschte, brachte es nur bis zu den Unterhosen und lag dann stöhnend und ächzend — ein rechtes Bild des Jammers, — wieder in seiner schmalen Schlaftrucke, die revolutionäre Kühnheit des Anfstandes büßend. Die Gewalt des Windes mag die Erzählung illnstriren, daß ein starkes Segel am Hauptmaste wie Zunder mitten entzwei gerissen wurde. — Mitte» im indischen Ozean verlor unsere Schiffsschraube einen ihrer riesigen Flügel, wobei wir einen gewaltigen Knall hörten. Das Ereigniß blieb ohne schlimme Folgen. Die Maschine hatte dadurch nur mehr Arbeit, um das Schiff mit der frühern Schnelligkeit vorwärts zu bringen. — Aber hernach unterhielt mau sich doch mit großer Lebhaftigkeit über die Eventualität einer Katastrophe und hörte von Schiffen erzählen, welche ein wegfliegender Schraubenflügel am Hintertheil getroffen, leck gemacht und zum Sinken gebracht hatte. III. Ankunft in Lolombo (Cehlous. — Herrlicher Sonnenaufgang. — Einwohner der Insel. - Schönheit der singhalesifchen Kinder. — Flora. — Bnddhatempel. — Kaffeepilz. — Fahrt nach Singapore. — Straße von Malakka. — Imposantes Gewitter. — Meerleuchten. — Szenerie der malahischen Inselwelt. Donnerstags den 28. Juli, Abends halb 8 Uhr, tauchte endlich in weiter Ferne ein erlösender Schimmer auf — das Licht des Leuchtthurmes zu Colombo. Das gab frisches Blut in die Adern. Es wird überall gepackt und Toilette gemacht. Der nachlässig gekleidete, seekränkelnde Schifssmensch verwandelt sich in eine salonfähige Landratte und schwelgt im Gedanken an ein herrliches Bett im Gasthof und an festen Boden unter den Füßen. Geldwetten werden eingegangen; der Pilot, d. h. der von den jeweiligen Landungsplätzen dem Schiff entgegenfahrende Steuermann, der dasselbe in den Hafen zu bugsiren hat, ist Hauptgegenstand dieser Wetten: Zu welcher Minute wird er aufs Schiffs kommen? Trägt er Schnurrbart oder nicht? Er hält eine brennende Cigarre im 46 Munde, wettet der Eine; er raucht kalt, der Andere. — Wird er erst den rechten oder den linken Fuß auf Deck setzen? Zum Unglück für die Theilnehmer an der letzter» Wette sprang der Pilot (der an einer Strickleiter am Schiffskörper in die Höhe klettert und über die Brüstung steigt) mit beiden Füßen gleichzeitig ab. Um 12'/, Uhr Nachts lag unser dampfende Koloß endlich ruhig da und hatte zu keuchen aufgehört. Wir brachten die Nacht noch auf dem Schiff zu, wo aber vor Kohlenstaub und Ketten- gerassel und dem Höllenskandal der Kohlenträger keine Ruhe zu finden war. Endlich kam er — der sehnlichst erwartete junge Tag. Majestätisch erhob sich die Sonne im Osten und beleuchtete ein Panorama, welches das an die eintönige Unendlichkeit des Meeres und die öden Küsten Arabiens gewöhnte Auge in unbeschreibliches Entzücken versetzte. Vor uns lag das zauberhafte Eiland Ceylon, ein unabsehbarer grüner Wald von Palmen, hineingcbettet die durch ihre großen weißen Magazine, Kasernen und Administrations- gebüulichkeiten und die freundlichen europäischen Wohnhäuser schon aus weiter Ferne sichtbare Stadt Colombo. In scharfen Umrissen hob sich die reichbewachsene Insel schon in der Dämmerung am Horizonte ab; dann umgab sie ein herrlicher goldener Saum und alle die Lücken zwischen den Kronen der Palmen und den Wipfeln gewaltiger Gummi- und Brodbäume schienen mit lebendigem Feuer ausgefüllt — ein unbeschreiblich schönes Farbenspiel mit dem manigfachen Grün der Vegetation, den daraus hervortretenden schneeweißen Häusern und dem tiefblauen, von Schiffen aller Art belebten Meere. In wüthender, brausender Brandung wälzte sich das Meer über denHafendamm und in dem weißen Gischt wurden die Strahlen der Morgensonne in alle Farben gebrochen. Kaum aber war die Sonnenscheibe am Horizonte sichtbar, so änderte sich auch das Bild. Die lebendigen Farbentöne wurden matter und ein feiner Dunst verhüllte schleierhaft das schöne Natnrgcmäldc. Schon wimmelte die Umgebung unseres Schiffes von Kähnen aller Form. Vor allen fallen die eigenthümlichen singhalesischen Boote in die Augen. Sie bestehen aus einem schmalen, tief ausgehöhlten Baumstamme; durch starke Bambusbogen von zirka 1'/- Meter Spannung mit ihm verbunden schwimmt im Wasser, parallel zum Nachen liegend, ein solider Holzbalken, der dem Letzter« einen bedeutenden Halt gemährt und ein Umwälzen durchaus unmöglich macht. Oft schlagen die Wellen gänzlich über dem Fahr- Zeug zusammen; aber es kann nicht sinken, sondern kommt immer wieder znm Vorschein und die nackten Insassen haben das eingedrungen,: Wasser sehr rasch mit den hohlen Händen wieder herausgeschafft. Für l>/, Nupien (zirka 3 Fr.) kontrahirten wir (Sektion Thnrgau) mit einem blatternnarbigen Kahnführer und einige Minuten später betraten wir den Boden Ceylons. Ein Schwärm von schreienden Jungen, Kutschern, Geldwechslern, Händlern, Hotelwerbern umgab uns sofort und Auge und Ohr tauchten in ein verwirrendes Chaos von Bildern und Tönen. Als Blitzableiter und Führer engagirtc ich einen kleinen, schwarzäugigen Buben, worauf die Massenbemerbnng etwas nachliest. Immerhin klebten uns noch drei weitere an den Fersen und wetteiferten im Demo»- strircn von Sehenswürdigkeiten, bis wir uns durch einen Wagen ihrer lästigen Gesellschaft entzogen. Ceylon (das Trnpobane der Alten, Singhala der Hindo- staner) mit seinen fruchtbaren Gestaden, seinen elephantenreichen Wäldern und seiner schönen Gebirgswelt im Innern wäre wohl >m Stande, einen Reisenden wochenlang zu fesseln. Uns blieben leider nur wenige Stunden, in denen wir einen Blick in dieses Paradies werfen konnten, gerade genug, um graste Sehnsucht nach »Länger und Mehr" zu erwecken. Die Insel hat einen Fläcben- 38 inhalt von 63,000 Quadratkilometer, ist also 1'/- mal so groß als die Schweiz. 1507 von den Portugiesen erobert, kam sie später in holländische Hände, bis sie im Frieden von Amiens den Herren der Welt, den Engländern, zugesprochen wurde. Seither ist sie englisches Kronland geblieben und steht mit dem indischen Kaiserreiche in keiner administrativen Verbindung. Die Einwohnerzahl beläuft sich auf 2'/, Millionen. In den ungelichteten Wäldern leben zurückgezogen die jagdtrcibenden Ureinwohner, die Beddas, die aber nur noch in spärlicher Anzahl (zirka 8000) vorhanden sind und sich durch Sprache, Sitten und Schädelbildung von allen andern Bewohnern der Insel durchaus unterscheiden. Sie gehen fast nackt, treiben mit den Nachbarn einen stummen Tauschhandel und erwerben sich von diesen gegen Elfenbein und Wachs Geräthe, wie sie unsere Vorfahren in der Eisenzeit gebrauchten. Mitten unter vielweiberischen Völkern lebend, halten sie streng auf die Ehe mit einem Weibe und haben das Sprllchwort: Der Tod allein kann Mann und Frau scheide». Dieselbe ausfallende Erscheinung der strengen Monogamie traf ich s. Z. auch bei den Knbylen Algiers. Durch eine vor zirka 3000 Jahren von Indien her erfolgte Invasion bildete sich der jetzt der Zahl nach auf der Insel Ceylon dominirende Stamm der rothbraunen Siughalescn. Daneben findet man aber noch ein beträchtliches Kontingent von Jndiern (namentlich der malabarischeu Küste), Bengalesen, Malayen, Mohren, Koffern und arabischen Mohamedanern. So gestaltet sich das Leben auf den Straßen Colombos zu einem überaus malerischen und bunten und wie in einem Kaleidoskop drängen sich jetzt die verschiedenen hübschen Straßenbilder und Racentypen in meiner Erinnerung an einander vorbei. Da ist der rothbraune Singhalese mit seinem pechschwarzen langen Haare und den oft wahrhaft klassisch schönen Gesichtszügen. Die meist großen Gestalten zeigen weiche, schöne Körperformen und Apollo hätte im Paradiese Ceylon manchen Konkurrenten ge- funden. Aeußerst originell ist ihr Fuhrwerk, ein hölzerner, zwci- rädriger, federnloser Karren, dachstuhlartig gedeckt und gezogen von einem oder zwei Stieren, welchen das schwere, hölzerne Joch quer über den Nacken gelegt ist; es findet nach rückwärts seinen Halt an einem großen kameelhöckerartigen Buckel auf der Wirbelsäule, den alles Zugvieh auf Ceylon ohne Ausnahme trägt. Derselbe besteht größtentheils aus Fett und wird von den Eingebornen als Leckerbissen geschätzt. — Beim Anblick der so gebauten Thiere drängt sich der Gedanke auf, es möchte dieser Höcker auf dem Wege der Anpassung sich gebildet haben, so zwar, daß unter der beschriebenen Anwendungsweise des Joches im Verlaufe der Jahrtausende das eigenthümliche Gebilde allmälig entstanden ist und sich endlich kontinuirlich vererbt hat. — Der Wagenleuker hockt mit gekreuzten Beinen hinten aus der Deichsel und treibt sein Thier durch Kneifen und Drehen des Schwanzes zu rascherem Laufe an. Eine schöne Erscheinung ist das siughalesische und indische Weib. Die schwarzen Augen schauen seurig in die Welt hinein; die üppigen Haare sind in einen Knoten geschlungen oder hängen frei herunter. Ein leichter, anmuthig umgelegter Ueberwurf deckt lose den Oberkörper, während der Sarong die Hüften bekleidet. Hand- und Fußgelenke schmücken vergoldete Spangen und auch das arme Weib trägt in Ohren und Nasenflügeln goldene Ringe oder Plättchen, die nach Art von Manchettenknöpfen eingefügt sind. Aber das Schönste und Lieblichste unter der ganzen Bevölkerung sind die Kinder. Nirgends habe ich so prächtige Kindergesichtchcn gesehen, wie auf Ceylon. Da patscheln sie nackt, höchstens eine bunte Kette um den Hals und metallene Reife um die runden Fußgelenke und Aermchcu, vor den Häusern herum und verstehen es, in so naiv köstlicher Weise und ohne alle Zudringlichkeit zu betteln, daß auch das engst geschlossene Portemonnaie gerne von Zeit zu Zeit sich aufthut. Augen haben sie wie große, schwarze Kirschen, krause Locken von Ebenholzfarbe, die immer und immer 40 wieder, so oft sie auch zurückgestrichen werden, über die lieblichen Gesichtchen herunterhängen; Grübchen in den runden Backen, kugelrunde Glieder und eine wahrhaft graziöse Anmuth in allen Be- ^ wegungen. Aber wehe Dir, wenn Du es wagst, kosend mit Deiner Hand durch den wilden Lockenkopf zu fahren. Es ist ein kleines Thierchen, das Dir im Nn Dein Ideal zerstört und Dich erschrocken und ekelnd zurückfahren läßt. — Laus, du gemeines Vieh! Was wagst du es, dieses Engelsköpfchen zum Garten deiner Lüste zu machen? Unablässig wandern die kleinen Händchen kratzend auf dem Kopf herum, übrigens bei Alt und Jung, und vor vielen Häusern sieht mau Gruppen, die sich in menschenfreundlicher Theilnahme gegenseitig ihre Peiniger dezimiren. Der Vater laust der Mutter, die Mutter dem Vater, und dem unglücklichen Großvater, der zu schwach ist, um Kokosnüsse und Bananen zu Markt zu tragen, bleibt es vorbehalte», die Köpfe seiner 12—15 Enkel und Enkelinnen zu durchmustern. Wie die Köpfe, so sind auch die oft elende» Hütten der Linghaleseu voll Ungeziefer, und das Wnuzerl ist noch der unschuldigsten eines, das dort vorkommt. Einen überaus komischen Eindruck machen die Eingebornen und namentlich Mischlinge, welche (zum Theil zum Christenthum bekehrt) auch in der Kleidung und dem äußern Auftreten ihre Annäherung an den Europäer zeigen wollen. Den Neifrock, den ich längst in der Welt ausgestorben wähnte, sah ich unter diesen Leuten noch in schönster Blüthe. Man kann sich keine größere Karrikatur denken, als eines dieser gelbhäutigen Weiber, das in ^ weißem, groß karrirtem oder blumig bedrucktem Kleide, mit ungeheurer .ttrinoline — so zwar, daß unter der pendelnden Glocke die breiten Füße noch bis über die Knöchel sichtbar sind — und einem kokett kleinen, mit alten künstlichen Blumen schwer belasteten Hute einherstolzirt, oder einen barfüßigen Mann, dessen mit 41 lottriger, zerrissener Hose und einem europäischerseits abgedankten, verkommenen Rocke bekleideten Körper eine anderthalb Fuß hohe ^ schäbige Angströhre krönt. Wer etwa im Begriffe war, für singhalesische Franenschönheit zu schwärmen, wird bedeutend ernüchtert durch die Wahrnehmung, daß auch die Weiber ohne Ausnahme, wie die Männer, die absurde Gewohnheit des Siri-Kauens haben. Siri ist ein Gemenge von Arekanuß, Kalk und dem Blatte des Betelstrauches; ein bohnen- bis nußgroßes Quantum dieser ziemlich kompakten Btasse wird in den Mund geschoben; Zähne und Lippen werden dadurch schmutzig roth gefärbt und alle Augenblicke erfolgt eine Explosion einer rothbrauncu Flüssigkeit, welche die unappetitliche Paste im Munde zusammenzog. Zudem erscheint die eine Wange durch den Siri- knollen wie durch eine Geschwulst aufgetriebeu — das jnmmerhafte, schiefe Bild des Zahngeschwürs. Man verzeihe diese ernüchternden Bemerkungen zu dem Loblied auf die singhalesische Schönheit. Um so reiner und ungetrübter ist der Genuß, den die Natur bietet. Uni möglichst viel davon zu sehen, unternahmen wir eine Fahrt nach einem zirka l! Stunden von Colombo entfernten großen Tempel des Buddha. Der Weg war herzlich holprig und schlecht, der Wagen dito, so daß wir sehnlichst nach Luftkissen verlangten. Er fährte uns erst zirka eine Stunde lang durch Eingebornen- Quartiere, deren hervorragendste Eigenschaft nicht die Reinlichkeit ist. Aber die schlechteste Hütte steht in einem kleinen Paradiese und ist beschattet von den Kronen der Palmen, während Pisang, Mangobäume, Limonen, Ananas u. s. w. dem Adam und der Eva und ihren Kindern ungesorgte Nahrung liefern. Die Natur gibt sich alle Mühe, die verlotterten Wohnungen, die herumliegenden Abfälle und andere Spuren menschlicher Trägheit und Gleichgültigkeit unter ihrem frischen Grün zu verbergen. — Der Weg führte uns weiter über eine große Schiffsbrücke, welche die beiden Ufer « 42 eines breiten Flusses verbindet. Der Ausblick von dieser Brücke ist herrlich: Kaum haben die Ufer Platz genug für die erdrückende Menge von gigantischen Laubhölzern, Bambussen, Palmen und ^ Pflanzen aller Arten; das Laubwerk der erstem drängt sich in , einer Höhe von 100 und mehr Fuß überhängend weit hinein > gegen die Flußmitte, während zwischen den Stämmen Sträucher ^ und gewaltige Schlingpflanzen urwaldähnlich die Lücken ausfüllen. Die Perspektive nach beiden Seiten des Flusses, der sich in der Ferne durch eine Krümmung dem Auge entzieht, ist herrlich und ich habe noch wenig Schöneres gesehen als diese majestätische, von üppigem Grün beiderseits eingerahmte Wasserader. Auffallend ist in Colombo und Umgebung, wie überhaupt im größer» Theile von Ceylon, der Reichthum an Blumen, die ich in anderen tropischen Ländern, z. B. auf Java, sehr vermißte. Auf der ganzen Fahrt drangen berauschende Düfte von Jasmin, ^ Zimmt, Zitronenblüthen u. s. w. zu unsern Nasen, die seit Wochen nichts als Schiffsküche- und Kajütendunst genossen hatten. Der Tempel des Buddha, den wir besuchten, steht auf einen, kleinen Hochplateau, zu welchem man auf einer gewaltigen terrassenförmigen Treppe gelangt. Es ist ein möglichst unschönes wunderliches Bauwerk, das aus verschiedenen Gebäuden und Säulengängen besteht und hauptsächlich durch seine Kolossalität sich auszeichnet. Im zentralen Haupttempel befindet sich eine liegende Statue des Buddha, ein fürchterliches Machwerk von gewiß 17—18 Meter Länge. Gefärbte Reliefs an der Wand stellen Episoden aus dem Leben des königlichen Religionsstifters dar und sind, wie auch der Tempel, etwa zweitausend Jahre alt. Es sind traurige, fratzenhafte Figuren, gar nicht zu vergleichen mit den Skulpturen alt-indischer Kunst. Die Spitzbuben von Aufsehern oder Priestern, die uns herumführten, hielten uns, nachdem sie ein großes Trinkgeld eingesteckt, noch eine „heilige" Geldblechbüchse entgegen und bedeuteten eindringlich, daß wir da etwas hineinlegen müßten. Auf diesen 43 Leim gingen wir aber nicht, sondern zogen uns zurück, ohne dem Buddha, resp. seinen bescheidenen Dienern, ein weiteres Opfer ^ gebracht zu haben. ^ Verfolgt durch einen Schwärm von schwarzen Buben und ! Erwachsenen, von welchen jeder etwas zu zeigen, jeder eine Blume zu spenden, eine Thüre zu öffnen, oder einen — wenn auch noch so kleinen — Stein aus unserm Wege zu räumen hatte und Geld dafür haben wollte, retteten wir uns nach unserm beweglichen Zufluchtsorte und rollten unter Palmen und beschattet von mächtigen Bäumen auf einem etwas andern Wege nach der Stadt zurück, wobei Hunderte von fremden Bildern und ungewohnten Eindrücken an uns vorüber gingen: das schwer mit Früchten beladenesinghalesische Weib, dessen Gemahl und Gebieter unbelastet und träge nebenher schreitet; der turbanumwundene dunkelfarbige Kling; der Bengalese, ' der seinen spindeldürren schwarzen Leib nur in einen weißen Fetzen ^ geschlagen hat und unverdrossen seine entblößte Stirne den glühenden Sonnenstrahlen preisgibt; flnghalesische Dörfer mit ihren gebrechlichen, auf vier Palmstämme gebauten und mit Blättern gedeckten Hütten, vor welchen die Bewohner ihre verschiedenen häuslichen Arbeiten verrichten, Taue flechten, kochen, Früchte sortiren :c.; Gruppen von malayischen Weibern, die plaudernd im Schatten einer Palme stehen; spielende und schlafende, lachende und weinende Kinder; bügel- und zügellose Reiter, die ihren kleinen Thieren so nachläßig und faul als möglich hinten auf dem Schwanz sitzen; Wasserträger; auf der Straße rasirende Neger; badende Weiber und Kinder; der Markt mit seinem infernalischen Lärm, seinen keifenden Händlern und feilschenden Käufern und den hunderterlei Früchten und tropischen Erzeugnissen anderer Art, und bei der Annäherung an die europäische Stadt englische Soldaten, ganz in Weiß gekleidet, einen Miniaturspazierstock zwischen den Fingern balancirend, europäische Geschäftsleute, die Havannah im Mund, bequem in ihren Wagen zurückgelehnt u. s. f., und über all' dem bunten Leben und Gewühls ein wolkenloser Himmel, aber auch eine sengende Sonne, die nachgerade Energie und Gedanken lahmte und uns sehnsüchtig nach unserm von kühler Seebrise umfächelten Schiffe Hinausblicken ließ. Trotzdem unternahmen wir noch zu Fuß einen länger« Spazier- gang durch die mehr europäischen Quartiere, bewunderten die schönen, oft ganz aristokratischen Häuser, die herrlichen Gärten und öffentlichen Promenaden, die massiv steinernen, aber lustigen Kasernen und besahen uns das den Hafen beherrschende, von Kanonen strotzende Fort, aus welchem eben eine donnernde Salve abgegeben wurde zur Begrüßung eines nach Tongkin bestimmten französischen Kriegsdampfers. Die Stadt Colombo enthält über 100,000 Einwohner und ist wohl der größte Handelsplatz auf Ceylon, dessen kostbare Produkte, Kaffee, Elfenbein, edle Holzarten, Gewürze, Reis u. s. w., größtentheils dorthin zu Markte gebracht werden. Eine gewaltige Kalamität traf die sonst glückliche Insel durch die Kaffeekrankheit; sie wird verursacht durch einen Pilz (llswilsio, vustatrix), der sich an der untern Seite der Blätter des Kaffeebaumes entwickelt und das Blatt und damit auch die Ertragsfähigkeit des Baumes ruinirt. Die letzte Kaffee-Ernte lieferte in Folge dessen nur des früheren Ertrages. Auch auf Java zeigt sich die Krankheit, wenn auch noch nicht im gleichen Maße. Sie beginnt mit punktförmigen, gelblichen Verfärbungen an den Blättern, welche sich rasch verbreiten und in kurzer Zeit das Blatt saftlos und dürr machen. Alle bisher angewendeten Mittel, z. B. Bespritzen der Plantagen mit verdünnter Carbollösung, sind nutz- und machtlos. Um halb 12 Uhr kehrten wir auf unser Schiff zurück, dessen Abfahrt um 12 Uhr stattfinden sollte. Sie erfuhr aber eine Verzögerung um eins Stunde, da die Süßwasser-Reservoirs noch nicht gefüllt waren. Aus großen Wasserschiffen wurde das kostbare Naß durch lederne Schläuche herübergepumpt und per Tonne (20 Zentner) 45 mit 25 Fr. bezahlt. Es mag auch dann und wann ein Schweißtröpfchen der am Pumpwerk beschäftigten Neger mitgelaufen fein; ^ aber daran denkt der dürstende Schiffpassagier nachher nicht mehr. Endlich tönte der uristierartig brüllende Pfiff zur Abfahrt; unsere dreiflügeligc Schraube peitschte wieder die salzige Fluth und wir entfernten uns mehr und mehr von der feenhaften Insel, an welcher der Blick noch lange sehnsüchtig hängen blieb. Da wir parallel der Westküste nach Süden fuhren, verloren wir sie bis Abends nicht aus den Augen, und sahen bei einbrechender Dämmerung ?oint äs Solls, die früher von allen Postschiffen angelaufene Hafenstadt, und vorher in nebelhafter Ferne den Gipfel des berühmten 2250 Meter hohen Adamsberges; nach der Sage hat dort der Fuß des Buddha (nach christlicher Ueberlieferung derjenige Adams) einen sichtbaren Eindruck hinterlassen. Ein buddhischer Tempel deckt die heilige Stätte. ** Von Singapore, dem Ziele unserer Fahrt, trennte uns noch eine Entfernung von zirka 1300 Meilen. Das Schiffsbulletin vom 1. Juli lautete: Oistaiies poreourirs: 330 rn. I^sbit. 5», 20', 15". „ ö poroorrrir: 969 m. I-onAit. 87», 16', 35". Wir rechneten aus, daß wir zufolge unserer östlichen Lage die Sonne 6 Stunden und 40 Minuten früher aufstehen sehen als unsere Angehörigen zu Hause, und daß sie vielleicht eben erst die höchsten Gipfel unserer lieben Schweizerberge Morgenroth vergoldet, während schon brennend heiße Strahlen fast senkrecht aus unsere Häupter fallen. D Am 2. Juli, gegen Abend, kam eine schön grüne, gebirgige Inselwelt zum Vorschein, die nördlichen Vorposten von Sumatra. Eine dieser kleinen bis hinab zum Meeresspiegel dicht bewaldeten Inseln trägt in einer Waldlichtung den holländischen Leuchtthurm, welcher die Einfahrt in die Straße von Malakka bezeichnet. Der schlanke weiße Thnrm auf der grünen Waldwiese — nebenan ein 46 freundliches Wohnhaus für den Wächter und seine Familie — bildet ein hübsches Miniaturgcinälde im gewaltigen Rahmen deS tiefgrünen Ozeans. Bald erschienen auch die Bergspitzen von Atschin, dem nördlichen Theile von Sumatra, und eine Zeit lang sahen wir deutlich die sanft abfallenden, gröhtentheils noch mit Wald bedeckten Ufer, hie und da auch eine Lichtung mit menschlichen Ansiedlungen und ein aufsteigendes Räuchlein. Wer mochte glauben, daß hinter diesem friedlichen Naturgemälde seit Jahren blutiger Kampf gewüthet habe und neuerdings wieder erbitterter als je geführt werde. Die Atschinesen wehren sich tapfer für ihre Freiheit; man muß sie deßhalb bewundern und kann nicht ohne Sympathie daran denken, wie sie immer und immer wieder die ihnen aufgedrängte holländische Herrschaft abzuschütteln suchen, so ungleich auch der Kampf ist, den sie niit europäisch bewaffneten und in« struirten Soldaten zu führen haben. — Die Holländer sprechen mit Begeisterung von der Zeit ihrer Befreiung vom spanischen Joch, als der glorreichsten Periode ihrer Geschichte, und dem damals erwachten Freiheitsgefühl und nationalen Bewußtsein. Aber ist's denn etwas Anderes, das den Atschinesen, diesem urwüchsigen Bergvolke, die Waffen in die Hand gibt? Die Nacht vom 3. auf den 4. brachte uns ein mächtiges Gewitter. Noch um 9 Uhr Abends überdeckte die Welt ein Sternen- himmel von nie gesehener Pracht. Wie ein feuriger Strom, der sich in zwei Arme theilt, floß die Milchstraße zwischen den Tausend und Tausenden von Sternen, welche nicht, wie im Norden, ein funkelndes, sondern ein planetarisch ruhiges Licht auszustrahlen scheinen. Das südliche Kreuz und der große Bär, diese auffälligsten Vertreter beider Hemisphären, waren gleichzeitig zu sehen. — Bald erfolgten geräuschlose, aber mächtige elektrische Entladungen am östlichen und westlichen Horizonte. Alle paar Sekunden wurde die Nacht zum unheimlich grellen Tage und unser Schiff glitt geisterhaft über die dunkle Meeresfläche. 47 ^ Bald sammelten sich schwarze Wolken rings am Horizonte und schoben sich schwerfällig gegen das Himmelsgewölbe vor; das letzte Sternlein verschwand hinter dieser dichten Mauer und rabenschwarze Nacht deckte die Erde. Das Meer sah aus wie Tinte, zeigte aber, wo der dunkle Flüssigkeitsspiegel bewegt wurde, die herrliche Erscheinung des Meerleuchtens. — Der Schiffskiel schien flüssiges Feuer zu schneiden, und wenn man näher zusah, waren es Milliarden von leuchtenden Punkten, welche diese Erscheinung bewirkten und oft, wie Funken einer Esse, nach allen Seiten auseinander sprühten nnd die schwarze Meeresfläche für Augenblicke und aus kurze Strecken zum herrlichsten sterneubesäeten Teppiche machten. — Die Ursachen dieses Phänomens sind, wie die naturwissenschaftliche Untersuchung nachgewiesen hat, Infusorien, welche bei einem gewissen elektrischen Zustande der Luft zu leuchten beginnen, sobald das Medium, in dem sie sich befinden, also das Meerwasser, bewegt wird. — Ein ins dunkle Meer geworfener Gegenstand brachte sofort unzählige dieser unsichtbaren Wesen zum Leuchten und verwandelte die tintige Fluth wie durch einen Zauber in sprühendes Feuer. Aus dem dichten Gewölk entlud sich nach Mitternacht ein furchtbares Gewitter. Blitz folgte auf Blitz, Schlag aus Schlag. Rechts und links vom Schiffe schien's einzuschlagen und halb betäubter Sinne lag oder saß man da, ergriffen von dem großartigen Naturjchauspiele. Unser Schiff mußte mehrere Male anhalten, weil der Kurs nicht verfolgt werden konnte. — Endlich erlahmte die Gewalt in einem tropischen Regen und in wenigen Minuten waren die Wolken als Wasser auf die Erde gekommen und freundlich — wie vorher — leuchteten die Sterne und die eben aufgehende Mondsichel auf uns hernieder. Der 4. Juli, der letzte Tag unserer Fahrt, brachte ein über- raschendes, schönes Bild nach dem andern: Die Straße von Malakka wird enger und enger; gegen Osten sieht man die Küste der Halb- 48 insel mit der Stadt gleichen Namens, die in englischem Besitze ist. Tann führt der Weg durch eine wunderbar schöne, reiche, grüne Inselwelt; immer tauchen neue, schönere, üppiger bewachsene Eilande ^ auf; oft scheint die Vegetation direkt dem Meere zu entsprießen. Bald sieht man auch im Schatten von überhängenden Baumkronen und Palmen malayische Dörfer, Pfahlbauten, deren Bewohner mit Fischen, Netzeflechten u. s. w. beschäftigt sind. Schon ist auf einem noch ziemlich weit entfernten und durch vorgeschobene Inseln zum Theil noch verdeckten Hügel der Flagstaff von Singapore sichtbar, an dessen riesigem Mäste die ankommenden Schiffe durch Aufhissen der verschiedenen Flaggen signalisirt werden. Unser Schiff windet sich, vom Piloten gelenkt, zwischen einzig schönen, durch kleinere, aber stets grüne, hügelige Inseln gebildeten Coulissen durch, und plötzlich liegt vor unsern Augen die Rhede von Singapore, von Schiffen aller Nationen besetzt, und eingerahmt von Docks und Lagerhäusern und den durch kleinere Landzungen von einander ^ getrennten Anlcgeplätzen und Quais der verschiedenen hier verkehrenden Dampsschifffahrtsgesellschaften. — Schon erkennen wir unter der am Ufer stehenden bunten Menge einen lieben Bekannten, Herrn M. aus St. G.; Tücher wehen durch die Luft; langsam nähert sich unser Schiffskoloß dein ins Meer hinaus gebauten hölzernen Steg; die Brücke wird gelegt und eine Minute später drücken wir unserm Kompatrioten die Hand und bringen ihm die neuesten Grüße und Nachrichten aus dem lieben Vaterlande, erzählen von dem herrlichen Frühling, den wir dort erlebt und den guten Aussichten, welche das Jahr erlaubt, das will's Gott unsern, Bauernstande wieder auf die Beiue hilft, von der Landesausstellung ^ u. s. w. u. s. w. Ein bequemer Wagen führte uns nach Lady Hill, unterdessen gastlichem Dache wir vorerst vergaßen, daß eine Entfernung von verschiedenen tausend Stunden uns von der theuren Heimat trennte. 49 IV. ^ Lady Hill auf Singapore. — Spräche der Malahen. — Sehenswürdigkeiten in Singapore. — Malayische Pfahlbauten. — Europäischer Turst iu den Tropen. — Vaterländische Abende in der Fremde. — Jagbvergnngen. — Unerwartetes Zusammentreffen mit einem Genossen der Jugend. - Innerlicher Zwiespalt. Lady Hill, du herrlich grüner, freundlicher Hügel, du liebliches, stilles Tusculum, zu dessen schattigen Veranden der sinnen- betäubende Lärm der Stadt und das Getriebe der Welt nicht dringen, sei mir gegrüßt! Wie schön bist du mit deinen stolzen Palmen, deinen weiten Rasenplätzen, deinen dichtbelaubten Frncht- nnd ehrwürdigen Wnringinbänmen, in deren Laubwerk unermüdlich und nie durch eine rohe Hand gestört ganze Schaaren buntbeficdertcr 4 Sänger eine endlose Symphonie ausführen, während Blumen und duftende Sträucher den Spielplatz einer Legion von Schmetterlingen bilden. Wie freundlich grüßt aus all dem Grün heraus mit seinen weißen Säulenreihen und lustigen Veranden das schöne Haus, dessen fürnehmster Schmuck eine Gastlichkeit ist, wie man sie in Europa nur selten in gleichem Maße findet. Der sie ausübt, ist ein mir befreundeter Kompatriote, dessen Wiege nicht weit von der meinigen stand. Leider mußte er am Tag nach meiner Ankunft in Singapore aus Gesundheitsrücksichten nach Europa verreisen; aber die Rolle des liebenswürdigen Gastwirths übernahm in seinem Auftrage Herr R . . . . aus Bischosszell, der den Lesern der „Thurgauer Zeitung" durch die Beschreibung seiner Reise-Erlebnisse im Orient bekannt ist. („Von Alerandrette nach Aleppo.") Unter dem gastlichen Dache Lady Hills also sitze ich, nachdem >ch von einer dreiwöchentlichen Tour auf Java zurückgekehrt bin und finde endlich Zeit, meine Erlebnisse niederzuschreiben. Aber "ur mit Mühe läßt sich das Auge auf das todte Papier bannen, 4 wo das Leben und Weben der Natur es in herrlichster Form umgibt; und manches Erlebte blaßt in der Erinnerung etwas ab gegenüber den überwältigend schönen Eindrücken der Gegenwart. Ein erfrischender Regen, wie er in Singapore fast jeden Tag fällt, hat die Luft etwas abgekühlt und man athmet mit einer Leichtigkeit, die den Europäer vergessen läßt, daß er in der Nähe des Aequators sich befindet. Von meiner Veranda aus sehe ich tropische Riesenpflanzen und Eoniferen der gemäßigten Zone dicht nebeneinander; Heinrich Heines träumender Fichtenbanm und trauernde Palme haben hier ihre Sehnsucht gestillt n»d sich zu« sammen gefunden. — Schön belaubte Fruchtbäume, Wellingtonien, australische Nadelhölzer, Fächer-, Sago-, Nreka-, Kokosnußpalmen, blühende und Früchte tragende Kaffeebäumchen, riesenmäßige Orchideen wunderlicblichster Form, den Baumstämmen als Parasiten aufsitzend, Ananas, Tapioka, die schönste» Begonien und Eroton- pflanzen beleben den paradiesischen Hügel und bilden Gruppen, an denen sich das Auge weidet. Ueberall ist die kunstsinnige und natnrsreundliche Hand des Besitzers zu erkennen, welcher sich durch 16 Gärtner sein Eldorado pflegen und in Ordnung halten läßt. Ein ganz beschränkter Theil des Hügels ist noch mit Djungle, wildem urwaldähnlichem Gestrüpp, bedeckt; dort befindet sich ein kleiner Teich, welcher den stolzen Namen Vierwaldstättersec trägt; eine nebenan liegende Erhöhung, die mit drei Sätzen zu ersteigen ist, heißt natürlich der Rigi. Ich freue mich darüber, wie überhaupt über jeden Beweis von Anhänglichkeit und lebhafter Erinnerung auswärtiger Schweizer an unser liebes Vaterland. Von Lady Hill aus erblickt man nach allen Seite» andere theils zu Gärten umgewandelte, theils noch mit Djungle bedeckte Hügel, welche Europäer sich zum Wohnsitze auserwählt haben. Diese Hügelformation erstreckt sich über die ganze, zirka 9 Ouadrat- meilen große Insel Singapore und auch alle die benachbarten kleinen und kleinsten Inseln sind nicht flach, sondern erheben sich als grüne Berge aus dem Meere, aus welche Weise die schon erwähnten verborgenen Buchten und die oft ganz herrlichen Veduten entstehen. Noch vor 70 Jahren war Singapore ein unbekanntes malapisches Fischerdorf; den eben aufblühenden Handel mit Ehina und Japan vermittelte Batavia, die Hauptstadt Javas, das damals vorübergehend in englischen Händen lag. Als aber Java im Wiener Frieden den Holländern wieder zugesprochen wurde, beschloß der frühere Generalgonvernenr, Sir Stamford Raffles, aus Singapore, dessen günstige Lage er sofort erkannte, einen 'ikonkurrenzhafcn für Batavia zu machen. England kaufte die Insel von, damaligen Besitzer, dem Rajah von Johore, nnd schuf einen Freihafen, welcher seither zu einem Zentrum des Welthandels geworden ist. Das Singapore der Jetztzeit zählt 140,000 Einwohner, worunter allerdings 87,000 Ehinesen, 22,000 Malayen, zirka 20,000 Mensche» anderer Racen nnd nur 2700 Europäer (einschließlich der englischen Garnison). Im vergangenen Jahr betrug der Export zirka 290 Millionen Franken, der Import zirka 350 Millionen, welche Zahlen am besten ein Bild von der Handelsthätigkcit der Stadt geben. Vorn Festlande, der Halbinsel Malakka, wird Singapore durch eine Meerenge getrennt, die so schmal ist, daß sie z. B. durchaus keine Abwehr gegen Tiger bildet. Sie schwimmen mit Dichtigkeit herüber, werden aber durch den lebhaften Verkehr doch *uehr und mehr abgehalten. Während noch Hildebrandt, der ^iugapore anno 1862 besuchte, erzählt, daß daselbst fast täglich mu Eingeborner den Tigern zum Opfer falle, ist heutzutage eine Begegnung mit diesem Raubthiere eine Seltenheit. Immerhin hat iu Ansang dieses Jahres ein junger Landsmann von uns dadurch tnn Leben verloren, daß er bei einem Spaziergang im Innern Insel, durch frische Tiger'spnren erschreckt, auf einen Baum ^eg, von dem er — wahrscheinlich vom Schlaf überwältigt — herunterfiel und todt blieb, eine traurige Entdeckung für seine Freunde, die ihn erst nach zweitägigen! bangem Suchen wiederfanden. Die Sprache, die in Singaporc, wie auch auf Malakka, dem größten Theil der Inseln des indischen Archipels und auf Madagaskar (welche Theile nach der Ansicht der Geologen früher einen zusammenhängenden Kontinent bildeten) gesprochen wird, ist das Malayische. Es ist eine höchst einfache Sprache, ohne Ausdrücke für abstrakte Begriffe und jedenfalls auf der frühesten Stufe der Entwicklung stehend. Konjugation und Deklination gibt's nicht. Das Zeitwort kommt nur in einer Form vor. vjalanx heißt z. B. Gehen, bedeutet aber ebenso gut den Imperativ geh'! und ist außerdem noch die Bezeichnung für das, worauf gegangen wird, heißt also auch Weg, Straße. Die Vergangenheit drückt man mit dem Wörtchen 8uäs aus; suäa ckjalanß heißt gegangen; suäa wird aber auch sonst bei jeder Gelegenheit gebraucht, bedeutet schon, vorbei, fertig, genug u. s. w. und kehrt in der Konversation ^ immer wieder. 8ucka sagt man dem einschenkenden Diener, wenn man genug hat, anäa dem Chinesen, mit dem man die Unter- Handlungen abbricht, weil man über den Preis nicht einig wird u. s. w. Um zu zeigen, wie die an Worten arme Sprache verschiedene Begriffe mit einem, aber stets passenden Ausdruck deckt, führe ich einige Beispiele an: List» heißt Auge; Nata ruft man aber auch dem Wächter d«s Hauses; und Nota Llata, zweimal Auge, bedeutet die Polizei, welcher mit dieser Quadratur ein Kompliment gemacht wird, das sie nicht überall verdient. Nata dari, d. h. Auge des Tages, ist die Bezeichnung sür die Sonne. lilier heißt Wasser, dabin Steine, t sier dattn Wassersteine, d. i. Eis. Tlinnm heißt trinken, sisr minnrn Trinkwasser. ^nalr, d. i. Kind, wird sehr viel gebraucht; Lnäa bedeutet Pferd, anal: lenäa'Pferdkind, d. i. Füllen; anale saxi Kuhkind, d. i. Kalb; anale liäad Kind der Zunge, womit das Zäpfchen gemeint ist. 8aronx bezeichnet ursprünglich das um 5Ü die Hüften geschlagene Tuch, das allgemein verbreitete Kleidungs- stück; nun heißt aber in weiterer Verwendung sarouK Iralri Kleid der Beine, d. h. Strumpf, saronx kauxun Handschuh, saronx surut Briefklcid, d. h. Briefcouvert. Ein Trinkgeld kennen die Malayen nicht, wie z. B. die Deutschen und Franzosen (?our- boirs), sondern nur ein siri, d. h. Sirigeld oder Betelgeld, wie sie denn auch jeden übrigen Lsnb für dieses Kaumaterial und nicht für Getränke verwenden. — Bezeichnend ist, daß die malayische Sprache keinen Ausdruck kennt, um zu danken. Wer etwas geschenkt kriegt, sagt: Driiua lrns8z-; triinn ist empfangen; — geben; trima Lass^ also kansmünnisch gesprochen: Ich bescheinige den Empfang. — Wenigen bekannt dürfte es sein, daß die Bezeichnung Oranxntan malayisch ist; orunS heißt Mensch, utnn (nicht ntanK) Wald. Ich erlebe auf Lady Hill das wahrhaftige Märchen: „Tisch- lein deck' dich!" Tagsüber, wenn die Herren im Geschäftslokal in der Stadt sitzen, bin ich oben allein Herr und Meister und ein »nr speziell zur Disposition gestellter chinesischer Boy hat auf meine Wünsche zu horchen. Statt „Tischlein deck' dich!" sage ich „lilalrsn" (d. h. essen) und im Nu wird aus der leeren Tafel eine reich besetzte, und das Zauberwort passanx (d. i. anspannen) ruft augenblicklich Kutscher und Wagen vors Hans, die mich zur Stadt sichren. Ihre staubige, drückend heiße Atmosphäre könnte mich freilich nie aus meinem grünen Paradiese fortlocken, wenn nicht das interessante Völkergemisch auf den Straßen mich hie und da hinzöge. Es gjtzt vielleicht keinen andern Platz in der Welt, der bei einer so geringen Flächenausdehnung so viele und manigfaltige Menschen- racen trägt. Alle Hautfarben vom unschuldigsten Weiß der englischen Lady bis zur Druckerschwärze des Hindu und Afrikaners sind hie,,- vertreten. Die Unterschiede in Form und Farbe der Kleidung sind eben so bedeutende und ich wüßte nicht, was sich an duntscheckigkeit mit der Bevölkerung einer lebhaften Straße in Singapore vergleichen ließe Dazu kommt noch der durch starken Gehalt an Eisen roth gefärbte Boden und ein gesättigt blauer, aber allerdings oft durch Wolken verhüllter Himmel. — Alle diese Farben heben sich hier viel lebhafter ab als bei uns; die mit Feuchtigkeit gesättigte, heiße Luft Siugapores ist ein anderes Medium zur Lichtbrechung, als wir es irgendwo in der gemäßigten Zone haben. Unsere Reisegesellschaft vom „Siudh" sahen wir nach der Ankunft in Singapore nicht mehr. Man hatte sich wohl ein Uenckkr- voii8 geben wollen, aber die großen Distanzen in dieser Stadt erlaubten keine Verabredungen, wie sie bei uns gewohnt sind, wo man sich zwischen 8 und 9 im „Simon" oder im „Schwert" oder im „National" trifft, und als ich zwei Tage später ins Hobel äs I'lllurops kam, waren Alle, auch die Delipflanzer, schon abgereist und sind seither, wie ich höre, gut angekommen und gut aufgehoben. Jeder Steamer bringt neuen Zuwachs aus Europa nach Deli, und dort scheint jetzt so recht der Ort zu sein, wo die gebratenen Tauben einem in den Mund fliegen, so lange — der Tabak gut geräth und hoch im Preise steht. Den Abschiedsschmerz von dem französischen Reporter hatte ich mir auch erspart, um so lieber, als der kleine Mann immer furchtbarer und blutdürstiger wurde, je näher er Tongkin, dem Schauplatze seiner zukünftigen Thaten, kam und an der Schiffstafel zwischen dem sechsten und siebenten Gange sogar etwas von baldigster Revanche für 1870/71 hinter den stark beschäftigten Stockzähnen verlauten ließ. Ueber seinen Besuch bei Arabi Pascha — der als Verbannter auf Eeplon lebt und in Eolombo vis-a-vis dem Museum eine» stattlichen Palast bewohnt — hat er einen detaillirten Bericht an sein Journal gesandt. Die Einleitung dazu lag schon vor der Ankunft in Eolombo fertig da; der Schluß kam nachher. Ich kann aber versichern, daß der Reporter von Arabi Pascha keinen Hoscnknopf gesehen hat, da der Aegpptcr für mehrere Tage nach Kändy znr Jagd verreist war. Die Sehenswürdigkeiten Siugapores, die allenfalls in einem Bädecker stehen könnten, sind bald abgethan. Reizend ist der botanische Garten, in welchem jeden Samstag Abend Konzert der englischen Militärkapelle stattfindet. Da sieht man die elegante europäische Welt, aber auch vornehme Araber und chinesische Krösusse Korso fahren. — Das Museum enthält außer einer hübschen Schlangensammlnng wenig Kompletes; es fehlt eine sachkundige Hand, welche Ordnung in den zum Theil verwahrlosten Kram bringt. — Ein herrlicher Spaziergang, am frühen Morgen zu unternehmen, führt auf den im Westen der Stadt gelegenen, überall sichtbaren Hügel, der die Signalstange trägt, auf welcher alle von hier aus wahrzunehmenden Schiffsbewegnngen und -Ereignisse durch Aufhissen von Flaggen bekannt gemacht werden. Man sieht von diesem Standpunkte aus die wundervolle Einfahrt von der Malakka- straße nach Singapore aus der Vogelperspektive, ein Panorama, das man nie vergessen kann. Der Signalhüter, ein »erweiterter Engländer mit einer Rotte kläffender Hunde, der schon 16 Jahre diesen Posten bekleidet, ließ uns einen Blick in das vorzügliche Teleskop thun, durch welches aus eine Distanz von 25—30 Meilen Details an auftauchenden Schiffen schon zu erkennen sind. Längere Fußtouren zu machen, ist in Singapore nicht statthaft und zwar schon deßhalb, weil diese Anstrengung für den Europäer i»> hiesigen Klima zu groß und die Schwcißproduktion dabei eine ganz ungeheure ist. So ezistiren denn — abgesehen von den Privateqnipagen — sehr viele Miethkarren (Palankins) mit kleinen Pferdchcn und hindostnnischen Kutschern. Außerdem lassen sich Nicht- Europäer sehr häufig in den massenhaft herumstehenden zweirädrigen Handkarren befördern, welche von Chinesen und oft im reinsten Wettlausschritt gezogen werden. — Es wird für einen Europäer auch nicht als eomms il kaut angesehen, wenn er zu Fuß geht. 56 Das hinderte mich aber nicht, stundenlang in den chinesischen und malayischen Quartieren herumzubummeln und den geschäftigen Chinesen zuzusehen, die alle Berufsarten von der niedersten bis zur höchsten treiben. Die malayischen Kampongs sind veritable Pfahlbandörfer von unbeschreiblichem Schmutz und Gedränge; zur Zeit der Fluth stehen sie im Wasser, während der Ebbe in schmierigem Schlamme. — Die Roste sind unordentlich und lotterig ungleichmäßig aufgeführt und manche dieser Bauten gleichen einem schräg geblasenen Kartenhause. — Aber ein malayisches Pfahlbauerdorf, in irgend einer grünen Bucht verborgen, ist ä äistauss betrachtet eines der schönsten und interessantesten Landschaftsbilder, die mir im Gedächtnisse bleiben; und was unsere Paläontologen mühsam aus verkohlten Bruchstücken und stummen Funden sich zusammenleimen und -reimen, das sieht man hier lebendig und irr natura vor sich. Ob man fahre oder laufe, so begleitet den frisch angekommenen Europäer überallhin ein gewaltiger Durst und das an kühles Bier gewöhnte Gemüth leidet Anfangs sehr darunter. Nun hat allerdings die Mutter Natur in den Tropen eine Legion saftiger Früchte geschaffen, um diesem Uebel zu begegnen; aber ich bin ketzerisch genug, zu sagen, das; diese tropischen Früchte alle, so verführerisch oft die Form ist, die Konkurrenz mit einer guten Birne oder einem kräftigen Apfel nicht aushalten. Nur dir sei ein Loblied gesungen, Mangustine, dir schönster der Früchte, die du mich in einer stillen Nacht, als der Boy kein Sodawasser in meinem Zimmer zurecht gelegt hatte, von den Qualen des Durstes erlöst hast. — Aus Dankbarkeit und Ueberzeugung gestehe ich, daß die Mangustine die herrlichste Frucht ist, die ich in den Tropen genossen und eine von den wenigen Erzeugnissen der heißen Zone, die ich gerne mit in die gemäßigte herübernähme. Ueber die Frage, welches Getränk in Siugapore am ehesten zu empfehlen sei, gebe ich dem Hotel äs l'Lrrrops daselbst das Wort, welches an den Wänden seiner Veranda verkündet: De Win gcmt Gicht, Te Brarmtwin Äopper im Gesicht, De Porter ons das Blot verdickt, Champagner gor de Been ons knickt, Te Grogh malt domm, de Kossee blind, Te Thee makt ons de Kraft to Wind. Tat wat de Mensch noch drinken kann, Js Flensburg Beer, dat nehrt de Mann, Makt fresch dat Hart, de Darmkekts rein Und klar de Kopp und flink de Bein. Ich habe nichts dazu zu bemerken, als daß ich nicht begreife, wie in den heißen Ländern von den Europäern (namentlich von Holländern) so gewohnheitsgemäß gebrannte Wässer, in allerdings scheinbar geringer Quantität aber in zahllosen Auflagen, genossen werden. — Die Berichte über meine Erlebnisse auf Java, in welchem Zauberland ich drei Wochen zubrachte, sind mir größtentheils (mit andern Papieren) durch einen unverschämten Windstoß über Bord getrieben worden und beschäftigen wohl längst die Verdauungsorgane eines Haifisches oder liegen in den Fangarmen eines Tintenfisches, dem ja das „Fressen" sehr bekannt vorgekommen sein wuß. — Die so entstandene Lücke werde ich baldigst ausfüllen und hier nur bemerken, daß mein Aufenthalt auf Java Dank einer großartigen Gastfreundschaft im Hause unseres Landmannes, Herrn Z. von Frauenfeld, und Dank einer zuvorkommenden Aufmerksamkeit von Seiten meines Gastwirthes, sowie des schweizerischen Vizekonsuls in Batavia, des liebenswürdigen Herrn T. aus St. Gallen, ä» einem recht genußreichen geworden ist. Neun Tage blieb ich — nach meiner Rückkehr von Batavia ^ unter dem gastlichen Dache Lady Hills und erlebte während dieser Zeit in Singapore so viel Schönes und Freundliches, daß 58 mir die Zeit fehlt, Alles zu beschreiben, und die Worte, um kräftig genug dafür zu danken. Es bleibt nur unter Anderem namentlich in freundlicher Erinnerung ein Abend, den ich in Gesellschaft mit andern Schweizern (es sind deren im Ganzen zwölf in Singapore) bei einem jungen freunde, Herrn M. aus St. Gallen, zubrachte. Wie frei und froh tönten unsere Schweizerlieder von der hohen Veranda her in die stille Nacht hinaus, und wie gerne waren wir stets dabei, wenn der unermüdlichste aller Sänger, Herr St. aus Wyl, immer „noch eines nehmen" wollte. Es that mir in der Seele wohl, zu sehen, daß die Anwesenden alle ihre Liebe zum Vaterlande und das Interesse für seine Geschicke lebendig erhalten haben, im Gegensatze zu einer hochfahrenden Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, wie ich sie bei vereinzelten Schweizern im Auslande wahrnehmen konnte. Bei Herrn R. aus Altstätten, einem Kunstmäcen, der mit seinem Freunde, Herrn H. (aus Winterthnr), das schönste Haus in Singapore bewohnt, versammelt sich jeden Freitag eine musikalische Gesellschaft, zu welcher ich freundlichst auch eingeladen wurde. Ein großer, reich dekorirter Saal enthält in der Mitte einen herrlichen Hamburgerflügel und ist eine Tonhalle, wie man sie sich nicht besser wünschen möchte. Der Zauberer Beethoven entführte mich mit den Klängen seiner I'-änr-Molinsonate (von dem Gastgeber und Hrn. R. aus Bischofszell meisterhaft gespielt) weit nach Westen und beim Adagio erwachten so lebhafte Erinnerungen, daß ich am liebsten ein Billet nach daheim gelöst und stracks heimgefahren wäre. So aber blieb ich dort und heulte beim nachher erekntirten Quartettgesang tapfer den II. Baß. Viel Vergnügen machte mir eine auf Sonntag den 5. August arrangirte Jagdpartie, die damit endigte, daß wir nach vierstündiger heißer Arbeit auf eine Distanz von 500 Meter einen schwarzen Hirsch davonspringen sahen; ein nachgejagter Schuß hatte 89 den fabelhaften Erfolg, daß das Vieh aus einem gemüthlichen Trab in einen wilden Galopp verfiel. Aber es war eineweg schön auf der Jagd: Da fuhr mau erst in der Morgenkühle einige Stunden weit in die Insel hinein, vorbei an malayischen Kampongs, durch Kokosnuß- und Sagopalmen-Pflanzungen, und erwartete im Schatten eines chinesischen Landhäuschens die Jagdgeuossen. Es kam Einer nach dem Andern, Jeder in den schlechtesten Kleidern, die er hatte austreiben können; der stets zu Spaß geneigte Collega Dr. Tr.trug eine riesige Feder senkrecht auf seinem tellerförmigen Korkhute, welche ihn bei den passirenden Malayen und Chinesen in ungeheuren Respekt setzte. — Alles Weiße wurde sorgfältig verbannt, um das schaarenwcise erwartete Wild nicht zu verscheuchen, und sogar der nagelneue, blinkende Hut unseres Waidgcnossen St. von Wyl mußte dieser Nothwendigkeit zum Opfer fallen und wurde unerbittlich mit Dr. . . angestrichen. Nach genaner Revision der allseitig mitgebrachte», für ein Bataillon berechneten Mundvorräthe, ging's vorwärts, zirka eine Stunde weit, durch Gestrüpp und Sumpf und über frisch abgeholzte Hügel dem Walde zu. Nach dieser Anstrengung ergab eine Abstimmung das überraschende Resultat, daß man erst essen und dann jagen wolle. Hühner, Eier, Schinken rc. verschwanden mit wunderbarer Schnellig- keit; ebenso flog eine leere Bierflasche nach der andern in die Luft. Nur Collega Tr.. ein neuer Diogenes, begnügte sich — dem Grundsätze getreu, daß Gurgeln den Durst auch lösche und das Trinken überflüssig sei — damit, den Mund mit Wasser zu spülen, unbekümmert um einen kleinen, schwarzen Roßkops, der munter in dem Inhalt seines kokosnnssenen Schöpflöffels herumschwamm. Endlich ging's los; 16 malerisch oder anch gar nicht gekleidete schwarze Treiber sorgten für den gehörigen Lärm; aber das Resultat des mehrstündigen Höllenskandals waren einige auf- sialternde Vögel und der oben entlaufene Hirsch. Dagegen fehlte es nicht au köstlichen und gemüthlichen Szenen; alle Augenblicke 60 ivurde wieder etwas auf den Zahn genommen und sogar der as- cetische Collega Tr.verlangte in der Hitze des Tages und Gefechtes nach einem Labetrunke. Eine köstliche Erfrischung bildet in diesen heißen Jagdgründen die Kokosnuß mit ihrem süßflüfsigen, kühlenden Inhalte. Frische Eindrücke in weichem, schlammigem Grunde, die wir als Tigerspuren qualifizlrtcn, wurden von dem unerbittlich skeptischen Dr. Tr.zu Tritten eines „wild gemachten Hundes" degradirt und so kann ich nicht niit gutem Gewissen erzählen, in der Nähe eines dieser gefürchteten Raubthiere gewesen zu sein. llebrigens will ich hier beifügen, daß man sich bei uns eine falsche Vorstellung von ihrer Gefährlichkeit macht. Aus Java wie in Singapore hörte ich, daß ein nicht verwundeter Tiger sehr selten einen Menschen angreift und überhaupt eher ein scheues Thier zu nennen ist, so lange ihn nicht der Hunger zum Aeußersten treibt. Müde fuhren wir am späten Abend nach Singapore zurück; ein schönes Schauspiel gewährten bei dieser Fahrt die zur Feier des Neujahrstages (5. August) vor den Hütten der mohamedanischen Bevölkerung brennenden Feuer, welche oft eine bunte Familien- szene beleuchteten und gewaltige Schatten der benachbarten Palmen auf unsern Weg warfen. Im Hütsl äs I'Lurops, diesem Riesengasthos in Singapore, fand ich in der Person des Geschäftsführers einen ehemaligen Schulkameraden, Herrn F. aus Zürich. Wir haben vor 15 Jahren .zusammen die thurgauische Kantonsschule besucht. Er sperrte die Augen nicht übel auf, als plötzlich Einer vor ihm stand, der einst mit ihm auf derselben Schulbank gesessen hatte. Nun ging's an ein Fragen und Erzählen. Lebt denn Der noch? Und was macht Der und Der? Denkst Du noch daran u. s. f. Manch Einen aus unserer gemeinschaftlichen Erinnerung mußte ich todtmclden und mit Wchmuth gedachten wir der Lehrer, über welche sich seit unserer Schulzeit das Grab geschlossen hat. Uns alten Knaben wurde 61 ganz weich ums Herz, als wir uns so i» unsere Jugendzeit zurückversetzten; wir fasten öfters zusammen, um immer und immer wieder davon zu plaudern und ich habe neuerdings erfahren, ein wie starkes Band gemeinschaftlich verlebte Jugendjahre sind und das; Genossen der Schulbank auch nach langer Zeit sich rasch und gerne wieder zusammenfinden. So verflossen denn die Tage in Singapore in recht angenehmer Weise, Dank namentlich auch der allezeit für mich besorgten Aufmerksamkeit und Freundlichkeit des Herrn R. . . . Aber neben dem Menschen, der sich in dieser neuen und schönen Welt behaglich und ungemein zufrieden fühlte, regte sich in mir auch ein zweiter, der stark nach Hause verlangte — und die zwei lagen sich beständig in den Haaren. Wenn der Eine davon alle die fremden Eindrücke nnd ungewohnten Bilder begeistert in sich aufnahm, so kam der Andere, der Konservative, und sagte: „Aber am schönsten ist's doch im lieben Vaterlands, und so recht froh kannst Du doch nicht werden, bis Du wieder daheim und bei Deinem Berufe bist." Säst ich wie ein Sultan im bequeme,; Wagen, aus dem Bocke einen malayischeu Kutscher, auf dem Rücktritte einen chinesischen Jungen, und fuhr unter Palmen und riesigen Mimosen in die tropische Pracht hinein, so lachte dem Fortschrittlichen das Herz darüber; aber dann kam der Konservative und meinte, lieber wär's ihm doch, mit Hugelshofers krummbeiniger „Lisi" aus den bekannten heimeligen Wegen herumzukutschiren und tausend mal schöner als diese auf die Dauer herzlich langweilige Palmenwelt sei ein Tannen- oder Buchenwald. So händelten die Zwei beständig zusammen; Nachts in schlaflosen Stunden war der Konservative Meister, tagsüber, wenn interessante Erlebnisse aller Art den Geist beschäftigten — der welterstürmende Fortschrittliche. Aber seine Macht stund auf schwachen Füßen und ein Stück einer alten Nummer der „Thurgauer Zeitung", ein heimatlicher Brief mit bekannten ^chriftzügen, ja sogar der Anblick eines Stückes — Schweizerkäse 62 genügte, ihn über den Hansen zn werfen, nnd so war denn das Ende des Kampfes die Ueberzeugung, daß ich die Tropen uiit all ihrer Pracht und ihren Wundern gerne wieder und je bülder desto lieber mit dem heimatlichen Boden vertausche nnd daß die fremden Länder mit ihren manigfachen Reizen mich niemals vom Vaterlande abziehen könnten. — So schnürte ich denn mein Bündel und machte mich reisefertig; nni aber den Hauptzweck meiner Reise — die lange Seesahrt — nnd damit die Restauration meiner Gesundheit zn erreichen und gleichzeitig noch ei» Land meiner Jugend- träume, Japan, kennen zn lernen, entschloß ich mich, den Weg über Pokohama nnd Amerika zur Heimkehr zn wählen. V. Abfahrt von Singapore. — Chinesische Mitpasfagiere. — Sonstige Reisegesellschaft. — Ter galante Kavitiin. An Bord des englischen Postdampfers „Ancona", den 12. August 1883, im chinesischen Meere auf der Höhe von Cochinchina. Am 9. August, Morgens 6 Uhr, meldete, wie gewohnt, ein weithin dröhnender Kanonenschuß die Ankunft des englischen, von Europa herkommenden Postdampfers; andern Tags 10 Uhr sollte er nach China weiter fahren und zur festgesetzten Zeit war ich — begleitet von meinem lieben Reisegefährten bis Singapore nnd einigen andern Schweizern — an Bord, wo noch einmal die Gläser auf glückliche Reise nnd frohes Wiedersehen klangen, bevor die Hand zum letzten Abschiedsgrnße gereicht wurde. — Aus dem Schiffe gab's unterdessen allerlei zn sehen. Zirka 250 bis 300 Chinesen (meist Kulis oder kleinere Krämer, die sich etwas erspart 68 hatten und nach ihren: Vaterlande zurückkehren wollten) mit Weibern und Kindern und Tausenden von Kisten, Säcken, Kochapparaten, ^ Theekannen — kurz ihrem ganzen Hausrathe — stiegen als Deckpassagiere ein und mußten alle auf dem Vorderdeck plazict werden. Von einem erhöhten Standpunkte aus konnte ich das ameisen- hausenartige Gewimmel deutlich übersehen und ich wunderte mich ordentlich, wie die vielen Leute sich in dem engen Raume arran- giren und aus den Bergen von Bagagen ihre Kleinigkeiten wieder herauslesen würden. Es war ein furchtbares Durcheinander und ein beständiger Kampf zwischen den Matrosen, welche die Lücken decken und das Schiff zur Abfahrt rüsten sollten und dem halbnackten Menschenknänel, welcher sich drängend und brüllend Plätze zu erobern trachtete. Prügel und Fußtritte flogen nach allen Seiten, ' euch wohl Koffern, so daß sie platzten und die tausend Kleinigkeiten, die sie enthielten, herausfielen, nm größtentheils zerstampft zu 5 werden. Aber Ordnung kam erst in die Sache, als zwei energische Schiffsoffiziere einige der vorlautesten Ehinesen mit Händen und Füßen über den Hansen und ihre den Matrosen stets in den Weg gelegten Bett- und Gepäckstücke ins Meer warfen. Ich war erstaunt über die Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der die Ehinesen dies Alles hinnahmen, mußte mich aber überzeugen, daß diese mir Anfangs roh erscheinende Bchandlungsweise der einzige Weg war, um die unverschämte und zudringliche, aus keine Befehle horchende Bande zur Ordnung zu bringen. ' Endlich war das Schiff zur Abfahrt bereit nnd mein Auge wandte sich weg von der praktischen Lösung der sozialen Frage > unserer Schiffschinesen zn den schönen Bildern, welche die Ratur vorbeiziehen ließ. Langsam fahren wir aus der verborgenen grünen Bucht, dem Anlegeplah der englischen Steamer, zwischen prächtigen Inseln hinaus auf die Rhede nnd sahen von dort aus noch einmal die ganze Stadt vor uns liegen; immer rascher arbeiten die Schiffsschraube nnd in kurzer Zeit schwammen wir auf offenem 64 Meere und erblickten nur noch gegen Westen als Begrenzung des Horizontes einen schmalen grünen Streifen, den letzten Gruß von Singapore und der umgebenden feenhaften Inselwelt. Unterdessen waren die staatlichen Verhältnisse Chinas auf Vorderdeck in bewunderungswürdiger Weise geordnet worden. Die zahllosen Koffern und Gepäckstücke standen als gewaltige Mauern da; theils zwischen denselben, theils aus den Koffern selbst und oft mit einem sabelhaft kleinen Platz sich begnügend, lagen nun Männer, Weiber, Kinder, Leute, die sich vorher blutig geprügelt, friedlich neben einander; beispielsweise zählte ich in einem Raume von zirka 100 Quadratsuß 19 Personen, welche alle ihre nackten Füße radiär gegen den Mittelpunkt des Platzes richtete» und dort buchstäblich aufeinander thürmen mußten. Und die Reise in dieser Weise dauert nun mindestens 5—6 Tage; die Ausschmückung der Szenerie während unruhiger See und im Stadium der Seekrankheit überlasse ich dem Leser. Für den Fall einer Schiffskatastrophe wären wir paar Europäer gegenüber dieser znm großen Theil aus Riesen bestehenden Bande gewiß total verloren; denn auch die Schiffsleute sind Asiaten, auf welche man sich im Ernstfälle nicht verlassen könnte. Eben habe ich wieder eine Visite bei den Kindern Chinas abgestattet, was ich nie thun kaun, ohne ein dankbares Gefühl im Innern dafür, daß ich nicht auch in diesem Pfuhl von schmutzigen Leibern, Ungeziefer, nassen Windeln, Tabakpfeifen und Reispfannen zu liegen brauche. — Ueberall wird gekocht, gegessen, Tabak oder Opium geraucht, und wo immer ein leeres Plätzchen ist, und wäre es auf dem Dache eines Hühnerstalles, haben sich je 8 bis 10 um einen improvisirten Spieltisch gruppirt, wo sie der Leidenschaft des Hazardspieles fröhnend ganze Haufen von Silberdollars neben sich liegen haben und stundenlang, theils mit fieberhafter Hast, größtentheils aber kalten Blutes, ihren Geldvorrath kleiner oder größer werden sehen. * 65 So spielt sich ein wichtiger Theil der Kulturgeschichte Chinas iu lebenden Bildern vor unsern Augen ab. — Eben gab's eine aufgeregte Szene: Ein junger Chinese sprang jammernd und sich die Stirne schlagend auf unser Deck und zeigte uns einen kleinen Koffer, welcher, wie er eben entdeckt haben wollte, in der vergangenen Nacht aufgebrochen und leer gemacht worden war. Er soll aber sein ganzes Ersparniß (zirka 100 Dollars), mit welchem er heimzukehren gedachte, enthalten haben. Eine vorgenommene Untersuchung unter dieser Gesellschaft von Spitzbuben, die sich, wenn Gelegenheit da ist, alle unter einander bestehlen, ergab natürlich nichts. Mir erschien das Auftreten des jammernden Chinesen, sein Händeringen, sein thränenloses Heulen, mit dem er nach Belieben sofort aussetzen konnte, so gemacht und theatralisch, daß ich geneigt bin, ihn für einen Betrüger und den Diebstahl als ersonnen zu betrachten. Einen andern Chinesen fand ich eifrig mit Lesen in einem mit schönen Holzschnitten versehenen chinesischen Buche beschäftigt. Eine in den Bildern immer wiederkehrende Figur schien mir große Aehnlichkeit mit Livingstone zu zeigen und wirklich sagte mir auf mein Befragen der etwas englisch sprechende Leser, daß er Lioing- Itones Reisen in chinesischer UebersetzunG vor sich habe und daß das Buch in China sehr verbreitet sei. — Ich ließ mir einzelne Stellen ins Englische übertragen und fand, daß es sich dabei nicht bloß nm eine unterhaltende, mit Abenteuern gespickte Reisebeschreibung handelt, sondern daß wirklich der Wortlaut der Livingstonescheu Schriften mit all den wissenschaftlichen Erörterungen vorliegt. — Der Besitzer und eifrige Leser ist ein gewöhnlicher Ladenschreiber, und ich dachte so bei mir, wie mancher seines Standes wohl bei uns im zivilisirten Europa zu finden wäre, der seine vorigen , Batzen zum Ankauf solcher Bücher und seine freie Zeit zur Lektüre derselben benützte. Die „Ancona", die mich nach Hongkong bringt, ist ein gut 66 eingerichtetes, noch fast ganz neues Schiff der englischen P. und O. Dampfschiffahrtsgesellschaft, welches die Tour von London via Bombay nach Shanghai und zurück zweimal im Jahre zu machen hat. Man hört so viel schimpfen über die englische Schiffsküche; aber ich muß hier — so wenig mich sonst das Thema „Küche" zum Kampfe begeistern kann — eine Lanze für sie brechen und sagen, daß das famose Habermus des Morgens und der jederzeit erhältliche ganz ausgezeichnete Thee allein im Stande mären, mich für sie einzunehmen; dagegen ist die Disziplin hier lange nicht dieselbe, wie auf dem Messageriedampfer „Sindh", der uns von Marseille nach Singapore brachte. Es mag dies größtentheils am Oberhaupte liegen. Der Kapitän des „Sindh" ist ein ernster, würdiger Mann, der stets auf seinem Posten steht und die Zügel nie aus der Hand gibt. Unsern jetzigen Schiffskommandanten aber habe ich noch nie arbeiten sehen als bei Tische und an der Seite oder auch zu Füßen einer emanzipirten englischen Lady, welcher er in solcher Weise den Hof macht, daß das Paar bereits Gegenstand der Obrouigus soauäalsuso an Bord wurde. Unsere Schiffsgesellschaft ist im Ganzen eine herzlich langweilige (mich natürlich inbegriffen): Ein englischer Hauptmann schlagflüssigen Aussehens, der mit seinen zwei Töchtern ä 60 und 32 Frühlinge von Westindien nach Hongkong verseht wurde; er hat das Malheur, jeden Lehnstuhl — und wenn er sich noch so sachte drauf setzt — unter der ungeheuerlichen Zumuthung erschöpst zusammenbrechen zu sehen. Dazu ein sechzigjähriger englischer Junggeselle, der sich ein Bischen die Welt ansehen möchte; ein achtzehnjähriger englischer Lord oder was Dergleichen, den sein Vater auf Reisen schickte, weil er daheim nicht zu verbrauchen war und der zwanzigmal per Tag — den Hut auf dem Kopfe — sich vors Klavier seht, zwanzigmal denselben Walzer im Leichen- bittertempo hernnterorgelt und gelegentlich auch unsern Altmeister Beethoven schändet; endlich ein Commis aus Penang, der wegen 67 „Magenleiden" nach Yokohama geht und deshalb beim Essen von jeder Platte nur einmal herausnimmt; und ein Doktor aus der Schweiz, der nach Osten fährt, während es ihn doch nach Westen zieht. — VoilL taut. Also Alles kuriose Leute. Doch vergas; ich noch zwei Passagiere, die zusammen acht Beine haben; die Zwei englischen Damen führen nämlich zwei kleine Hunde mit, denen — Dank der Liebenswürdigkeit und Toleranz des Kapitäns — alle möglichen Rechte eingeräumt sind. Die niedlichen Thierchen fressen und ... . auf unserm Verdecke, spazieren gelegentlich auf den Tischen der Kajüte herum, benehmen sich überhaupt in jeder Weise sehr ungenirt. Nun meinte ich, mir auch eine Freiheit herausnehmen zu dürfen und rauchte gestern meine Cigarre auf Deck — also in freier Luft — aber allerdings in bedrohlicher Nähe für Ladies und Hunde. Sofort kam der galante Kapitän aus mich zu und hauchte mir ins Ohr: I-aäiss äoirt Uies snwLiiig. Ich ging natürlich weg und dachte: auä xontlswan ckont lilrs Hunds..., war aber zu artig, es zu sagen. — Zwei Stunden später fand ich den Kapitän mit brennender Pfeife bei seiner Schönen sitzen und seither ist stillschweigend Rauchconsens ertheilt. — Glücklicherweise haben wir bald unser erstes Ziel, Hongkong, erreicht. Morgen, Mittwoch den 15., Mittags, soll die chinesische Küste in Sicht kommen. 68 VI. Ankunft in China. — Zudringlichkeit der Chinesen. — Hongkong. — Mein Kuliklepper. — Bliithenreichthum ChinaS. — Bankgeschäft mit Hindernissen. — Nächtliche Fahrt auf dem Perlflutz. — Kanton. — Feindliche Haltung der Bevölkerung. — Greuel im Gerichtshöfe. — Richtstätte. — Tempel der Schrecken. — Tempel der 600 Götzen. — Marco Polo. — Eraminationszellcn. — Chinesische Hausindustrie. 20. August: An Bord des „Zambesi" zwischen China und der Insel Formosa. Statt über Shanghai, wie ich ursprünglich vorhatte, nach Japan zu reisen, habe ich es vorgezogen, den von Hongkong direkt nach Nagasaki sahrendeu englischen Dampfer „Zambösi" zur Ueber- sahrt zu benutzen. Auf diese Weise gewinne ich für Japan einige Tage und verliere au Shanghai, das eine ganz europäische Stadt mit französischem, englischem und deutschem Viertel sein soll, nichts Originelles. Das Wetter ist so schlecht als möglich: Konträrer Wind von ungewöhnlicher Stärke, hohe See, zeitweilige Regengüsse und dabei doch eine schwüle, schwere Luft und immer noch eine Temperatur von 24—26° R. im Schatten. Gestern und vorgestern machte ich vergebliche Schreibversuche. Das stark rollende und mächtig geschüttelte Schiff erlaubte nichts Derartiges und ein See von Tinte auf dem Teppich des Kajütentisches war das einzige Resultat meines Schreibeeifers. Auch heute wird es mir schwer, die Feder zu führen, und in dem halb seekranken Gehirne taumeln die von China mitgenommenen Bilder und Eindrücke durcheinander, wie die klirrenden Gläser und Löffel im benachbarten Schranke. — Nun zurück nach China. Mittags, den 15. August, sahen wir uns im Bereich der ersten chinesischen Inseln und passirten ganz nahe an einem vor Kurzem gestrandeten englischen Dampfer, dessen von allen Mobilien entblößter Schiffskörper mit den anschlagenden Wellen auf- und 69 abtanzte. Unter manigfacher Veränderung des Kurses windet sich unser Schiff zwischen den grünen Eilanden hindurch; bald werden stattliche Gebirgszüge sichtbar, mit kleinen malerischen Forts, Signalstangen u. s. w., und Mittags halb 1 Uhr biegen wir in den von der Natnr geschaffenen, durch grüne Berginseln rings umschlossenen, gewaltigen Hafen von Hongkong ein und sehen die malerische Stadt vor uns liegen, die sich in ungeheurem Halbkreise längs der Bucht ausbreitet und an dem 2000' hohen Viktoria- Pic terrassenförmig und ähnlich wie Algier in Gestalt eines Dreieckes in die Höhe steigt. — Hongkong macht dem vom Meere herkommenden Beobachter den Eindruck einer recht reichen, italienischen Stadt; die dominirenden europäischen Häuser sind Paläste in italienischem Style und auch die Pinien fehlen nicht, um das Bild vollständig zu machen. Kaum war unser Schiff den Hunderten am Strande liegenden chinesischen Booten sichtbar, so begann unter denselben eine förmliche Wettfahrt. Ihrer drei, mit je 7—8 Chinesen bemannt, kamen allen andern voraus, hielten sich mit eisenbeschlagenen Bambushaken an dem noch in voller Fahrt befindlichen Dampfer fest und kletterten mit großer Behendigkeit längs der Schiffswandung in die Höhe, während ihre gebrechlichen Fahrzeuge vom Strudel der Schraube unbarmherzig hin und hergeschlagen wurden. Kaum aber streckte der erste — ein ganz gut in Seide gekleideter Chinese ^ den Kopf über die Brüstung und machte Miene, auf Deck zu steigen, so fielen einige Matrosen über ihn her und bearbeiteten ihn in einer nach europäischen Begriffen unmenschlichen Weise, warfen ihm seinen Hut ins Meer und hämmerten mit Fäusten und Schlüsseln auf seinen bis auf den Zopf kahlen Schädel los, um ihn zum Rückzug zu zwingen. Ich wußte nicht, sollte ich wehr die Ausdauer des Chinesen oder die Erfindungsgabe der Matrosen in neuen, noch nirgends gesehenen Liebenswürdigkeiten l'ewundern. Mit einem Tauende wurde der Theil, den auch die 70 Chinesen zum Sitzen benutzen, aufs energischste behandelt; der Chinese blieb standhaft, wehrte sich nicht, wich aber auch keinen Schritt zurück. (Uebrigens wäre er — hätte er losgelassen — ins Meer gefallen, was die Matrosen zu wollen schienen.) Der Zopf wurde ihm um den Hals geschlungen und fest zugebunden, bis zu bedenklicher Bläue des Gesichtes; der Chinese behielt nach wie vor seinen lächelnden Gesichtsausdruck, rief beharrlich „Mamma, Mamma" und zeigte aufs Vorderdeck, woraus ich schloß, daß er unter den dort befindlichen Passagieren seine Mutter erwarte. Unterdessen gaben die andern Eindringlinge den Matrosen so viel zu schaffen, daß der Erstbearbeitete glücklich entwischen, unter Deckung mit meinem Körper über die Barrieren hüpfen und mit dem gewohnten Lächeln über Deck zu seinen Verwandten gehen konnte, wo ich eine rührende Begrüßungsszenc mit ansah. — Die übrigen Zöpfe setzten während der Zeit ihre zudringlichen Bemühungen fort, bis die Matrosen ihnen die Bambusstäbe zerbrachen und die Schiffstaue durchschnitten und durch ein Bombardement mit Steinkohlenstücken jeden Kalibers den Angriff abwehren konnten. Grün und blau und schwarz, einige auch blutend, zogen sie sich zurück, ohne einen einzigen Ton des Unbehagens zu äußern. S'sind merkwürdige Leute, diese Chinesen, wie ich schon in Java zu sehen Gelegenheit fand; lassen sich malträtiren und beschimpfen, ohne zu murren, um einiger Cents willen, und kommen mit ihrer scheinbar stupiden, aber durchaus berechneten Ausdauer stets zum Ziele. So roh das Verfahren der Matrosen schien, so mußte ich es angesichts der Thatsachen doch begreifen, war aber sehr ungehalten darüber, daß sie sich nachher eine große Inkonsequenz zu Schulden kommen ließen. Als wir uns nämlich dem Quai näherten, erschienen an der Schiffsseite andere Kinder des Reiches der Mitte, welche mit der nämlichen Unverschämtheit, wie ihre Vorgänger, die Kähne festhakten und den Schiffskörper erklommen, ohne daß ihnen irgend welcher Widerstand geleistet wurde. Es waren einige 71 Häufchen junger, hübsch gekleideter, mit Gold reich dekorirter Chinesinnen, die sich sehr ungenirt unter die Passagiere mischten, ihr ganzes englisches Lexikon mit Oooä woruinx, 8ir! Xoibing to rvasb, 8>r? rixbt, hersagten und sich dadurch als „Wäscherinnen" gualifizirten. Dieselben stereotypen Figuren, unter denen zehn- und zwölfjährige sich befanden, sah ich nachher auch auf andern eben angekommenen oder zur Abfahrt bereit stehenden Steamern. Unterdessen hatte unser Schiff angelegt und die Ueberschwem- mnng mit Kulis und anderm Ungeziefer begann. Wir aßen noch an Bord; der liebeskranke Kapitän war aber sehr schlechter Laune; zwei englische Lieutenants, die den erwarteten Hauptmann mit seinen Töchtern abholten und deren Galanterie sogar einen preußischen Gardelieutenant in den Schatten gestellt hätte, absorbirten die Aufmerksamkeit der Schönen so vollständig, daß für den armen Schiffskommandanten nichts mehr übrig blieb. — Am Lande warteten einige Dutzend Sänften und Jinrikshas (zweirädrige Handkarren), die einzigen Beförderungsmittel in China, aus uns. Einem Kuli, dem ich seiner erbarmungswürdigen Magerkeit halber gerne etwas zu verdienen geben wollte, vertraute ich meinen Leib an, und ich hatte alle Ursache, mit dem Kuliklepper zufrieden zu sein, denn er brachte mich mit einer Langsamkeit vorwärts, die eine gemüthliche Einsichtnahme beider Straßenseiten ermöglichte; Jean Pauls durchbrennender Gaul, der mit einem rechts und links seinen Beruf besorgenden Briefträger gleichen Schritt hielt, muß im Vergleich zu meinem Kuli ein Schnellläufer gewesen sein. — Es widerstrebte mir Anfangs, ich weiß nicht recht warum, mich von einem Mitmenschen aus diese Weise im Schweiße seines Angesichts befördern zu lassen; aber die Macht der Gewohnheit, das tägliche Voraugensehen halfen bald über die unmotivirten Bedenken hinweg und ich denke sogar ohne Gewissensbisse daran, daß ich vermöge meines Körpergewichtes meinen Lastträgern niehr Schweißtropfen gekostet habe, als manch anderer Mensch. Dafür kamen sie aber auch in der klingenden Entschädigung nicht zu kurz. Hongkong, die 16 Quadratmeilen große, am Ausflusse des Kantonflusses gelegene Insel, war noch vor 40 Jahren nur von Piraten bewohnt, welche den vorbeifahrenden Schiffen großen Schaden zufügten. Mancher wackere Segler mit sammt seiner Mannschaft hat in diesen Gewässern sein Grab gesunde». 1841 kam es durch Kaufvertrag mit China in die Hände der Engländer und ist seither Centralstätte des europäisch-chinesischen Handels geworden. Die nach der englischen Besitznahme entstandene Hauptstadt zählt bereits 80,000 Einwohner, worunter natürlich die erdrückende Mehrzahl Chinesen. Die Anlage ist ganz europäisch, d. h. auch die Inländer haben ihre Häuser nach bestimmten Vorschriften bauen und den Straßen eine vorgeschriebene Breite geben müssen. Einzelne Straßenperspektiven sind geradezu prachtvoll; die chinesischen Magazine übertreffen an Prunk die europäischen. Doch gilt dies natürlich nur von den Hauptstraßen. In den Nebengassen herrscht der gleiche Schmutz, dasselbe Gedränge und Gekreische, wie in den chinesischen Quartieren von Batavia und Singapore. — Die Engländer sprechen gerne davon, daß es ihnen gelungen, die starren Chinesen an eine Stadtbauordnung zu gewöhnen und betrachten dies als eine zivilisatorische Annäherung. Aber der Chinese bleibt nach wie vor, was er ist, und so wenig er seinen Zopf wegläßt oder das Geringste an seiner Kleidung und seinen Gewohnheiten nach europäischem Muster ändert, so starr bleibt auch sein Sinnen und Denken; die zivilisirenden Europäer sind ihm eine verhaßte Last, die er jederzeit gerne wieder abschüttelte, und nur die Geldgier, die bei keinem Volke so groß ist wie bei den Chinesen, macht ihn duldsamer gegen die fremden Eindringlinge, durch die eben doch, wie er ganz gut weiß, ein größerer Geldumsatz ins Land gekommen ist. Die Polizeiordnnng in Hongkong darf eine musterhaste genannt werden. Einige hundert aus Indien 73 hergebrachte, imponirende, bärtige Riesen, in gelben, europäischen Kleidern, mit rothem Turban und gutem Schuhwerk, sorgen für die öffentliche Ordnung. Man kann bei Tag wie bei Nacht keine 300 Schritte gehen, ohne aus einen solchen Sicherheitswächter zu stoßen, und das Bewußtsein, überall im Bereiche eines wachsamen Auges oder Ohres zu sein, wirkt auf einem Boden, der so viel Haß, Mordlust und Habgier trägt, sehr wohlthätig. Auffällig im Verhältniß zu den Tropen ist in China der Reichthum an duftenden Blüthen: Moosrosen von nie gesehener Schönheit, duftende Kamelien, Lilien aller Art, Blumen ganz fremder Form und Farbe werden einzeln oder in riesigen Bouquets an den Straßen feilgeboten und oft ist der von solchen Blumenmärkten herkommende Geruch geradezu betäubend. Im klebrigen ähnelt die Vegetation sowohl Hongkongs als des chinesischen Festlandes den Tropen auch durchaus nicht. Die Palme erscheint nur einzeln in Gärten. Koniferen bestimmen den Charakter der Wälder; Obstbäume, in dichten Gruppen zwischen den Reisfeldern stehend, erinnern ebenfalls eher an Südeuropa als an die Tropen. Dagegen ist die Banane eine viel gepflanzte und gut gedeihende Frucht. Am Hafen Hongkongs herrscht ein reges Leben. Hunderte von kleineren und größeren Booten besorgen den Personen- und Güterverkehr mit den größtentheils weit draußen in der Rhede liegenden Schiffen. Viele dieser kleinen schwarzen Fahrzeuge dienen einer ganzen chinesischen Familie als ausschließliche und einzige Wohnung; Vater, Mutter, Kinder, Hühner, Hund und Katze theilen sich in den Kasten, der in irgend einer schmutzigen Ecke den Vorrath an Reis und gedörrten Fischen und die nothwendigsten Küchenutensilien, Koch- und Theetopf enthält. Die Weiber, oft 1—2 Kinder auf dem Rücken, zeigen sich als famose Ruderer, während der Mann vielleicht nebenan liegt und schläft oder die paar lsents, welche seine geplagte Gattin verdient, in einer Opiumbude 74 verraucht. — Näheres darüber, sowie über allerlei Sitten und Gebräuche bei den Chinesen, werden meine Berichte über Java bringen, wo ich hinreichend Gelegenheit fand, die Söhne des himmlischen Reiches zu beobachten. 95 Meilen landeinwärts liegt am User des Kanton- oder Perlflusses die eine Hauptstadt Chinas und Residenz des Vizekaisers, Kanton, mit gegen 2 Millionen Einwohnern, der Hauptpunkt für Seide- und Thee-Export. Im Jahre 1516 wurden von Portugiesen und Arabern die ersten Handelsverbindungen mit dieser Stadt angeknüpft; 1684 schufen die Engländer daselbst eine Faktorei, wonach der Thee-Export begann und bald riesige Dimensionen annahm. Aber die Verträge zwischen England und der chinesischen Regierung wurden von Letzterer oft gebrochen; die wenigen in Kanton lebenden Europäer waren ihres Lebens nie sicher und so sandte England 1857 eine militärische Macht hin, welche die Stadt einnahm und bis 1861 besetzt hielt. — Seither herrscht mit kleinen Abwechslungen, gelegentlichen Meuchelmorden u. s. w., Ruhe daselbst; den Europäern — es sind ihrer vielleicht 40 — ist eine kleinere Insel als Wohnort angewiesen. Die Anziehungskraft der chinesischen Riesenstadt, die von Hongkong aus so leicht zu erreichen ist, war zu groß, als daß ich hätte widerstehen können. Abends 6 Uhr sollte ein Dampfer dorthin abfahren, Morgens 4 Uhr konnten wir an Ort und Stelle und den folgenden Morgen wieder zurück sein. — Zu dem Zwecke mußte ich aber vor Allem den bei der Hitze rasch verdunsteten Inhalt meines Geldbeutels wieder herstellen, was mir denn auch unter Schwierigkeiten bei der Hongkong-Shanghai-Bankkorporation gelang. Der Umstand, daß mein in Singapore ausgestellter Kreditbrief auf 8. 6. lautete, während ich eine vorgelegte Quittung mit Dr. 8. 8. unterschrieb, hatte allgemeines Schütteln des Kopfes und längere mißtrauische Inspektionen zur Folge. Konnte nicht dieser 6. 8. ein von Dr. 8. 8. ganz verschiedener Mensch sein, Letzterer 75 vielleicht ein ganz gefährliches Individuum, das den Erster» gar um» Leben gedrungen und sich seinen Kreditbrief angeeignet hatte? Meine Versicherung, daß beide L H. aus sehr gutem Fuße zusammenstehen, nützte gegenüber der englischen Vorsicht lange Zeit nichts und erst nachdem ich eine Stunde in dem heißen Lokale gewartet und mir die geschäftig hin- und herrennendeu und an ihren Zählbrettchen rechnenden Chinesen, die in Schweiß gebadeten englischen Buchhalter, die gewandten Kassiere und rollenden Geldhausen genugsam angesehen hatte, erhielt ich die gewünschten 50 Dollars und wurde mit Verdacht entlassen. Zur Entschuldigung meiner Inquisitoren sei gesagt, daß ich im Vergleich zu ihrer eleganten Toilette, ihren spitzen, glanzledernen Rosettenstiefelchen, ihren tadellos weißen und antik anliegenden Beinkleidern und wunderbar prächtigen Busennadeln in meinem bestaubten Reise- kostüm, den rationellen Schweizerschuhen und einem ungeheuren Korkhute nicht sehr vertrauenerweckend aussah. Auch war wohl mein Englisch nicht von der allerseinsten Qualität. Um halb 6 Uhr verfügte ich mich mit drei Reisegefährten von der „Nncona" (zwei Engländern und dem deutschen Commis), welche die Fahrt mitzumachen beabsichtigten, an Bord des nach Kanton bestimmten, nach Art der Missisippisteamer gebauten Dampfers, der einer amerikanischen Gesellschaft gehört. Niemals in meinem Leben habe ich ein Dampfbovt von ähnlicher Eleganz und Pracht, von gleichem Comfort und demselben Raffinement der Küche erlebt und gesehen. Aus dem Vorderdeck befindet sich der große, reich ausgestattete und mit Luxusstühlen und Sophas größter Bequemlichkeit ausgestattete Salon 1. Klasse; davor und zu beiden Seiten eine offene Gallerte. Kabinen, Badezimmer, Betten, Abtritte sind von musterhafter Reinlichkeit und Größe. Gegen die Passagiere 2. und 3. Klasse ist man aus später anzugebenden Gründen sorgfältig abgeschlossen. Eigenthümlich harmoniren mit dieser pompösen Ausstattung des Speisesalons sechs Gestelle mit Gewehren, Revolvern und schneidenden Waffen, welch Erstere vor der Abfahrt alle sorgfältig geladen wurden. Grund zu dieser Vorsichtsmaßregel sind die auch in den Gewässern des Kantonflusses heimischen chinesischen Piraten. Erst vor einigen Jahren ist es vorgekommen, daß eine größere Anzahl dieser frechen Räuber als Passagiere 2. und 3. Klasse mitreiste, mitten in der Nacht an einem verabredeten Orte Kapitän, Mannschaft und Passagiere ermordete und ein bereit gehaltenes Segelboot mit dem köstlichsten Theile der Ladung — einigen Säcken Silberdollars — füllte und entwischte. Deshalb wurde auch vor der Abfahrt Inspektion über die mitreisenden chinesischen Passagiere gehalten, und erst als der damit Beauftragte dem Kapitän sein „all riAlit" rapportirtc, ertönte das letzte Signal mit der Dampfpfeife. — Für 4'/» Dollars hatten wir 1. Klasse außer der Fahrt noch eine Mahlzeit, deren Karte 20 Nummern auswies, als letzte Vanille-Eis und als Nachsatz Kaffee mit Cigarren; dabei alle Getränke nach Belieben, Sherry, Bordeaux, Biere, Sodawasser. Grund dieser verrückten Leistungen und geringen Forderung ist die in jüngster Zeit stattgehabte Bildung einer Konkurrenz- Gesellschaft, die auf diese Weise todt gemacht werden soll. Das Steuerrad ist, um dem Steuermann eine bessere Uebersicht zu ermöglichen, vorn über dem Speisesaal angebracht; zudem patrouillirt während der ganzen Nacht auf der Terrasse des Vorderdeckes eine stündlich abgelöste Wache. Bei all diesen Vorsichtsmaßregeln ist ein Unfall kaum mehr denkbar und es fiel mir auch nicht ein, mich mit der Eventualität eines solchen zu beschäftigen, sondern ich genoß die herrliche Fahrt in vollen Züge». — Das Schiff durchquert erst die Bucht von Hongkong gegen Westen zu; der Rückblick auf die Stadt, den Hafen und die Inseln, welche ihn nach dem offenen Meere abschließen, ist prächtig. Noch ist es nicht möglich, einen Ausweg aus der von Gebirgen rings umgebenen Bucht zu entdecken, bis das Schiff plötzlich um einen 77 felsigen Vorsprung wendet und man die breite nnd stark strömende Mündung des Kantonflusses vor Augen hat. Unterdessen war der Mond ausgegangen und beleuchtete die Szenerie. Eine Menge wunderlicher Fahrzeuge glitt lautlos flußabwärts und an den Ufern sah man chinesische Ortschaften, von welchen Sing-Sang aller Art, aber unmelodisch-lärmender, zu uns herübertönte. Um 11 Uhr lag die ganze Reisegesellschaft (vier Personen) zu Bette; auch ich versuchte zu schlafen; aber der Reiz des absolut Neuen und ein Häuschen anhänglicher Stechmücken hielten meine Augen offen und ich blieb in leichten Nachtkleidern bis gegen Morgen im Salon liegen, zu dessen betäubenden Blumendüften ich das Aroma einiger Cigarren mischte. Durch die geöffneten Thüren sah ich weithin den Verlauf der Mondschein- glänzenden Wasserstraße, der mir nur von Zeit zu Zeit durch einen wandelnden Schatten theilweise verdeckt wurde, die patrouil- lirende Sicherheitswache; aber ihr Schritt war, da sie barfuß auf weichem Teppich ging, absolut geräuschlos und von der Schiffsschraube war ich zu weit entfernt, um etwas zu hören; so herrschte totale Stille und ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben so im Gefühl gänzlicher Ruhe und Erholung geschwelgt zu haben, wie auf dieser Kantonfahrt. Morgens 3 Uhr passirten wir die große, aus lauter Bambushäusern bestehende Vorstadt Whampoa und um halb 5 Uhr legte das Dampfboot in der chinesischen Hauptstadt an. Wo finde ich nun aber die Worte, um die auf 12 Stunden zusammengedrängten fremdartigen, theils schönen und theils grauenhaften Erlebnisse zu Papier zu bringen? Was ich schreibe, ist nur der matte Widerschein von dem, was ich sah und hörte So früh am Tage es auch war, so wurde es doch gleich lebendig in der Umgebung unseres Schiffes. Dicht zusammengedrängt an beiden Usern des Flusses lagen viele Tausende von kleinern und größern 78 Booten, von denen einzelne sich schreiend und kreischend einen Weg zu unserm Dampfer zu bahnen suchten. Ebenso viele Tausende chinesischer Familien wohnen in diesen Booten und haben kein anderes Daheim als den kleinen schwarzen Kahn, in welchem Vater, Mutter, Großvater, Kinder, Kleinvieh, Küche u. s. w. beisammen sind. Wie in Hongkong, so sah man auch hier hauptsächlich die Weiber am Ruder, die meist zu ihrer Arbeit noch die kleinen Kinder auf dem Rücken tragen. Manchmal schlafen die Kleinen ruhig in ihrer kuriosen Position und mit jedem Ruderschlag der Frau Mama wackeln die bis auf einen Büschel Haare in der Scheitelgegend kahl rasirten Köpfchen schwerfällig auf und ab. Den Kindern, die schon auf eigenen Füßen stehen, ist oft ein Tönnchen oder eine Schweinsblase um den Hals gebunden, damit, wenn sie ins Wasser purzeln, der Kopf oben bleibt. In diesem Chaos von bewohnten Booten hat 1867 ein Taifun, einer jener Wirbelorkane, wie sie in den chinesischen und japanesischen Gewässern und Küstenländern während der Monate August und September vorkommen, solche Verheerungen angerichtet, daß nachher einige tausend Leichname flußabwärts trieben und die Räder des herausfahrenden Kantondampsers dadurch ausgehalten wurden. Waschmädchen und ein lächelnder Chinese, der sich per Visitenkarte als 6konx Knicks" einführte, waren die ersten Wesen, die unser Deck unsicher machten. Wir engagirten den Letzten: und hatten nachher alle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein. Er sprach ordentlich Englisch und kannte, obschon aus dem Norden von China gebürtig, das Labyrinth Kanton ganz vorzüglich. — Die Stadt ist ohne Plan gebaut; die Straßen oder besser gesagt Gassen führen kreuz und quer durcheinander und es braucht jahrelange Gewohnheit, um sich in ihnen zurecht zu finden. Die breitesten Hauptstraßen sind so schmal, daß ein Fuhrwerk nicht passiren könnte; es existirt aber auch in ganz Kanton kein anderes Beförderungsmittel als die von Kulis auf der Achsel getragene 79 Sänfte; wollen zwei Sänften aneinander vorbei, was nicht in allen Gassen möglich ist, so müssen die Fußgänger rechts und links in die überall offen stehenden Läden und Wohnungen ausweichen. Zur Seltenheit erblickt man einmal hinter der reichen Sänfte eines vornehmen chinesischen Würdenträgers, eines Mandarinen, ein kleines Pferd, das von dem begleitenden Diener geritten wird. Die Wege sind meist mit stark ausgelaufenen großen Kieseln gepflastert; ohne diese Unterlage müßte man vielerorts im Schmutze versinken. Die Häuser sind in gewissen Quartieren sehr hoch, oft fünfund sechsstöckig, mit Gold und Roth — der Lieblingsfarbe des Chinesen — überladen. Zudem hängen überall bis 30 und mehr Fuß lange rothe oder schwarze, mit goldenen Lettern bemalte Aushängeschilder senkrecht an den Häusern herunter, wodurch die ohnehin schon schmalen Straßen noch mehr verengt werden, (kl. L. Die Gewohnheit der Chinesen — wie auch der Japanesen — nicht in horizontaler, sondern in vertikaler Richtung zu schreiben, verlangt auch die entsprechende Form der Aushängeschilder, welche dann mit der Kante, nicht mit der Fläche der Häuserfront aufliegen.) Dekorationen anderer Art, welche daneben angebracht sind: plastische Darstellungen von Drachen und andern Phantasiethieren, bunte Gemälde, farbige Laternen jeder Form geben im Verein mit den beschriebenen Schildern den Straßen ein ganz märchenhaft phantastisches Aussehen. Die chinesischen Magazine der bessern Quartiere, deren Herrlichkeiten an Gold, Seide, Edelsteinen, Elfenbein, edlen Holzarten u. s. w. offen ausgebreitet daliegen, sind prachtvoll, geradezu feenhaft. Nach oben zu rücken die Häuser mit ihrem goldenen Flitter so nahe zusammen, daß vom Himmel nichts zu sehen ist und wenn man im Halbdunkel solcher Straßen zwischen ber fremdartigen drängenden Menschenmenge — betäubt von dem Lärm derselben und von den Düften der Blnmenmärkte — sich leinen Weg sucht, so glaubt man zu träumen oder irgend ein Archen in der Unterwelt zu erleben. 80 Wir hatten zu unserer Beförderung fünf Sänften mit je drei Kulis; der lange Zug machte überall Verkehrshemmung und großes Aufsehen, namentlich weil europäische Gesichter aus den Kästen hervorguckten. Die Bevölkerung behandelte uns — abgesehen von Händlern, die uns in der Hoffnung auf ein gutes Geschäft zuvorkommend in ihre Magazine einluden — sehr unfreundlich und ihr Haß gegen die Fremdlinge war durchaus nicht zu verkennen. Daß sie sich über uns lustig machte, ist begreiflich; würde doch ein bezopfter Chinese bei uns auch Gegenstand der öffentlichen Heiterkeit sein. — Aber die Bewohner Kantons — die nebenbei gesagt abscheulich häßlich sind — führten sich in anderer Weise höchst unangenehm auf, machten nur widerwillig Platz, spuckten sich ostentativ vor uns aus, stießen und schlugen an die Sänften und riefen uns kleine Freundlichkeiten nach, die mir der Führer nachher mit „rother Hund, rother Teufel" übersetzte und als Spitznamen der Chinesen für die Europäer quali- fizirte. — Ich hatte mir die Sache nach mündlichen Berichten von Kantonbesuchern ganz anders vorgestellt und war höchst unangenehm erstaunt über die feindliche Haltung der Bevölkerung, bedauerte auch durchaus nicht, in Gesellschaft zu sein, so gerne ich sonst dergleichen Touren, um ungenirter über meine Zeit verfügen und mehr meinen Liebhabereien nachgehen zu können, allein mache. — Die Erklärung dazu gab mir Abends ein in Kanton lebender europäischer Scidenhändler: Es waren drei Tage zuvor von drei europäischen Zollbeamten, die in betrunkenem Zustande durch die Straßen zogen, ein chinesischer Junge und eine Frau durch Revolverschüsse getödtet worden, und dies Ereigniß hatte eine furchtbare Erbitterung in die Bevölkerung gebracht, um so mehr, als mau europäischerseits verlauten ließ, daß die Thäter nicht, wie die Chinesen stürmisch verlangt hatten, hingerichtet werden sollten. Ich war froh, das erst am Schlüsse des Tages zu vernehmen; der Führer hatte wohlweislich nichts davon gesagt; aber ich begriff 81 dann nachträglich die Sorgfalt, mit der er mich stets von Soloexpeditionen in Häuser und Höfe zurückzuhalten suchte.* Unter den vielen Merkwürdigkeiten Kantons, die wir besuchten, ist mir der Gerichtshof die schrecklichste Erinnerung. Dort sah ich Greuel, die ich bisher nur aus der Geschichte der Vergangenheit gekannt hatte. Durch verschiedene schmutzige Hose, zwischen elenden Wohnungen der Gesangenwärter und einigen schweinestallartigen Einfriedigungen, in welchen Gefangene haufenweise zusammengepfropft standen, kamen wir — stets verfolgt von einer gaffenden und auch schimpfenden Menge — zum eigentlichen Gerichtssaal, einer hölzernen, nach einer Seite hin ganz offenen Halle, in welcher sich uns folgendes Bild darbot: An zwei großen Tischen saßen je drei bis vier chinesische Richter, vornehm gekleidet, mit gewaltigen Zöpfen, zum Theil martialischen Gesichtszügen, aber in sehr häuslich ungenirten Positionen. Vor ihnen standen Theetassen und silberne Wasserpfeifen, welche von Zeit zu Zeit durch kleine Jungens mit Tabak gestopft, angezündet und an den aller- gnädigst richterlichen Mund hingehalten wurden, so daß Ihre Hoheiten nur zu ziehen und sich mit den Händen nicht zu bemühen brauchten. An den Wänden lehnten verschiedene Folterwerkzeuge: Daumenschrauben, Halskragen, geschwänzte Katzen u. s. w. Aus- und abeilende Diener brachten und holten Aktenstöße und schenkten Thee ein. Einen Anblick aber, der mir beinahe das Blut in den Adern stocken machte, hatte ich unmittelbar vor mir, zu meinen Füßen. Bier Chinesen lagen zur Erpressung eines Geständnisses auf der Folter, und zwar, wie ich erfuhr, schon seit mehreren Stunden. An einem sägebockartigen, senkrecht ausgestellten Holzgerüste hingen die Unglücklichen der Art aufgeknüpft, daß Daumen und Zehen der nach hinten zurückgeschlagenen Arme und Beine — mit Stricken geknotet — die ganze Körperlast zu tragen hatten. Die Haut des ' Wenige Tage später brach der Aufstand in Kanton los. 6 82 Rückens war durch vorherige Bearbeitung mit Bambusstäben blutunterlaufen und geschwollen. Die durch die unnatürliche Lage ganz blutleeren Hände und Füße sahen leichenartig blaß aus; die Glieder zitterten; die Gesichtszüge waren vor Schmerz entstellt und gräßlich anzuschauen. Einer der Gefolterten wand sich krampfhaft, wodurch er aber seine Qualen nur erhöhte. Zu Füßen desjenigen, der mir am meisten zu leiden schien, schlief schnarchend ein zirka achtjähriger Junge, eiserne Fußschellen in den Händen, an welchen er den Verbrecher (Dieb) hergebracht hatte; er wartete schlafend auf das Signal, um ihn wieder in die Zelle zurückzuführen. Ich bin überzeugt, daß es längere Zeit braucht, bis ein so Gefolterter zum vorherigen Gebrauch seiner Glieder kommt und wieder marschiren kaun. Eben wurde ein weiterer Angeklagter eingeführt, der sich vor den Richtern auf die Kniee warf, mit der Stirne den Boden berührte und in dieser Stellung verblieb. Theetriukend und rauchend verhörte ihn einer der Justizmänner und durchblätterte einen Band Akten dabei. Einigen Zeugen traten vor, die knieend ihre Aussagen zu machen und mit Unterschrift zu bekräftigen hatten. Wir warteten das Urtheil nicht ab, denn ich wollte nicht riskiren, weitere Greuel mit ansehen zu müssen. Das im Gerichtssaal während der Verhandlungen zirkulirende Volk, das durch unser Gefolge zu einem ganz ansehnlichen Haufen angewachsen war, benimmt sich recht ungenirt, schläft, rancht, spuckt, plaudert, kocht und trinkt Thee nach Belieben und scheint an den Anblick der Gefolterten so gewohnt, daß es sich keine weiteren Gedanken mehr darüber macht. — Was sagt dazu die Abschreckungstheorie? Einen nicht weniger gräßlichen Eindruck nahm ich von der Richtstätte mit fort. Dieselbe befindet sich in einem langen, schmalen und unsäglich schmutzigen Hofe, der Jedermann zugänglich und auf der einen Seite durch eine Lehmmauer, auf der andern durch elende chinesische Wohnungen und Werkstätten begrenzt ist. Ein 83 furchtbarer Verwesungsgeruch kam uns beim Eintritt entgegen; am Boden lagen die Bruchstücke durchschnittener Stricke; wir schritten über eingetrocknete Blutpfützen und an der Wand lehnten kleine kreuzförmige Galgen, auf welchen Tags zuvor sechs Delinquenten gebunden und erdrosselt worden waren. Die Köpfe — die der Henker jeweils nach dem Erdrosseln abzuschneiden, in einen Topf zu legen und auf einem mit dem Namen des Betreffenden angeschriebenen Pfahle öffentlich auszustellen hat — lagen in ihren irdenen Behältern unmittelbar vor uns am Boden. Die Sonne brannte glühendheiß auf die schaurige Statte. Wenige Schritte davon entfernt tummelten sich kleine Kinder und spielten mit den am Boden liegenden blutigen Stricken; und ein Hafner saß so gleichgültig an seinem Geschüft, als ob er nichts von seiner grausen Nachbarschaft sähe. Seine Arbeit bestand darin, Lehmtöpfe, deren Bedeutung ich eben erwähnte, anzufertigen. — In Kanton sollen jährlich zirka 1000 Exekutionen stattfinden; der Tod durch das Schwert wiro für schimpflicher angesehen, als derjenige durch Erdrosseln, weil im erster» Falle der un verhüllte Kopf mit dem Namen des Betreffenden ausgepfählt wird. Die Abschreckungstheorie hat in Kanton noch ein ferneres Institut geschaffen, das wir auch besuchten. Es istder „Tempel der Schrecken". In den verschiedenen Höfen, durch welche wir erst zu gehen hatten, herrschte reges Leben. Eine Menge Volkes war anwesend, kochte, opferte, betete vor den einzelnen Götzenbildern und ließ sich wahrsagen. Die Staatsreligion Chinas ist allerdings der Buddhismus, aber in einer Form, die sich mehr dem Fetischismus nähert. Jeder Chinese hat seine Hausgötzen, denen er opfert; dann geben ihm die bösen Geister unendlich viel zu schaffen und man sieht selten oin Haus, in dem nicht zur Abwehr derselben einige Opferstäbchen brennen. — Die Schiffsbewohuer anderseits suchen durch knallendes Feuerwerk und Goldpapier die Fluß- und Meergötter bei guter Laune zu erhalten u. s. f. — Inmitten dieser erwähnten Höfe, 84 die nach allen Seiten hin Hallen mit ungeheuerlichen Götzenbildern, Buddhastatuen und Opferherden haben, erhebt sich ein in chinesischem Style aus Holz erbauter Tempel, zu dem man aus einer breiten Treppe ansteigt. Bettler, Aussätzige und Blinde ließen uns fast nicht durchkommen und drängten sich mit einer Zudringlichkeit an uns heran, von der man sich keinen Begriff macht. Ein häßlicher chinesischer Thersites packte meine Hand mit seinen schmutzigen und langnägeligen Fingern und kneifte mich, da ich ihn abwehren wollte, weil ich buchstäblich nichts mehr zu geben hatte, so empfindlich, daß die Eindrücke der Nägel andern Tags noch zu sehen waren. Ein altes Weib schmiß mir beim Einsteigen in die Sänfte ihren leeren Bettlerkorb an den Rücken. Im Innern des Tempels befinden sich 12—15 Gruppen von Holzfiguren, plastische Darstellungen aller jener Verfahren, durch welche die chinesische Justiz Verbrecher zu todten das Recht hat. Ich will keine nähere Beschreibung der gräßlichen und grausamen Bilder geben; die raffi- nirteste Strafe aber, die mau gewiß bei keinem Volke der Welt und der Vergangenheit findet, muß ich doch erwähnen. Es ist das Zutodeläuten. Der Verurtheilte wird unter eine große, nur wenige Zoll über dem Boden schwebende Glocke gesperrt und diese alsdann mit eisernen Hämmern so lange bearbeitet, bis der Unglückliche vernichtet zusammenbricht und stirbt. Die Möglichkeit eines solchen Todes kann vielleicht physiologisch bestritten werden; die Idee schon ist aber eine teuflische. Ich war froh, als wir uns wieder in unsern Sänften befanden, und hatte noch mit den schrecklichen Eindrücken der Gerichtsstätten zu schaffen, als wir schon wieder anhielten und ein neues Elend sehen sollten. Durch eine niedrige Thüre traten wir in einen schmutzigen Hof; ein lumpiger Kerl öffnete uns ein Verließ, aus dem schreckliche Dünste heraufstiegen. Nachdem ich eingetreten war und das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, erkannte ich einen engen Raum, in welchem acht Verbrecher eingesperrt 85 waren. Um den Hals trug Jeder eine sogenannte spanische Fidel, zwei zirka einen Meter lange Bretter, die — ein kreisförmiges Loch von dem Umfang des Halses zwischen sich lassend — denselben umfassen und mit eisernen Banden geschloffen sind. Die so behandelten armen Teufel können natürlich niemals liegen, wozu sie übrigens so wie so in dem kleinen Kerker keinen Platz fänden; einige darunter steckten schon drei volle Monate in der fürchterlichen Klammer und sahen elend aus. Alle aber ohne Ausnahme streckten bettelnd und gierig beide Hände nach Geld uns entgegen. Nun hatte ich aber genug des Grauenhaften und verbat mir beim Führer weitere Demonstrationen von ähnlichen Lokalitäten. Das nächste Ziel unserer Wanderung war der in der westlichen Vorstadt gelegene Götzentempel. In einem ungeheuren, hufeisenförmigen Raume, der keinerlei architektonische Schönheiten zeigt, befinden sich in unglaublich langweiliger Einförmigkeit 600 vergoldete Holzfiguren von Menschengröße, grobe, plastische Darstellungen der verschiedensten chinesischen Gottheiten, zum Theil mit blauen Bärten, mit zwei Fuß langen Ohrläppchen oder andern Monstrositäten, über deren Bedeutung der Führer keine Auskunft zu geben wußte. — Wer wird mir aber glauben, daß ich in dieser langweiligen Gesellschaft von goldenen Götzen einen Bekannten fand? Marco Polo ist es, dessen plump gearbeitete, aber schon durch den venezianischen Hut deutlich charakterisirte Statue hier in die Reihe der Götter aufgenommen ist. Der berühmte Reisende, der einige 30 Jahre in China lebte, zu einer Zeit, da nur sagenhafte Kunden von dem Lande nach Europa gedrungen waren, muß es vorzüglich verstanden haben, die Achtung und Verehrung des fremdartigen Volkes zu erwerben, sonst wäre ihm wohl nicht diese seltene Ehre zu Theil geworden. Beim Wiederbesteigen unserer Sänften entwickelte sich jedes Mal ein kleiner Streit unter den Kulis. Der Zankapfel war ich, über in negativer Weise. Da mein Körpergewicht Gottlob immer 86 noch 160 alteidgenössische Psnnd betrügt, die magern Engländer, der deutsche Commis und der Führer aber zusammen nicht viel mehr wogen, so wurden den Letztem jeweils dienst- und wetteisrig sämmtliche fünf Sänften znm Einsteigen präsentirt, während mit mir Niemand zu thun haben wollte. So kam es, daß ich stets der Letzte im Zuge war; dadurch sah ich aber Manches hinter und neben mir, was den Andern entging. Beim Umbiegen um die Ecke des eben beschriebenen Tempel- hofes streckte ein wohlgekleideter Chinese seine Zunge, so lang sie war, in sehr nnliebenswürdiger Weise gegen mich aus. Wurst wider Wurst, dachte ich und hatte dem Zopftrüger schon meine 31 von Freund Wellauer wunderbar geflickten Zähne präsentirt, als ich noch rechtzeitig einen heftigen Anfall von Zivilisation fühlte und das Nedeorgan in seinem Gehäuse zurückbehielt. Als weiteres Kuriosuin besuchten wir die Examinationszellen. 62 parallel verlaufende, aus Backsteinen erstellte Hallen sind in 11,200 gleichmäßig große, isolirte Zellen abgetheilt, in welche die Kandidaten für höhere Beamten- und Militärstellungen drei Tage und drei Nächte eingeschlossen werden behufs schriftlicher Ausarbeitung von gegebenen Themata. Wie ich vernahm und auch in offiziellen Berichten las, ist aber dieses Examen, Dank der überall herrschenden Korruption und Bestechlichkeit, in Wahrheit eine lächerliche Formalität geworden; die Herren Examinanden öffnen sich mit Geld die verschlossenen Thüren und verjubeln die drei obligatorischen Tage in andern Klausuren; und die Herren Examinatoren sind gerne bereit, untergeschobene Arbeiten in Empfang zu nehmen, wenn ein Häufchen Gold oder Silber daneben liegt. — In dem großen Hofe, der die Hallen in zwei Hauptabtheilungen scheidet, übten sich eben chinesische Offizierskandidaten im Bogenschießen. Das ganze OfsizierSexamen soll, wie der Führer versicherte, in drei Pfeilschüssen bestehen; so galt es vor 2000 Jahren, und so gilt es auch jetzt noch in China, das in allen 87 seinen Formen und Institutionen immobil erstarrt ist. — Ein großer Theil der Armee hat keine andere Schußwaffe als Pfeil und Bogen; ein anderer Theil handhabt Zündpfannengeivehre und nur eine geringere Anzahl ist mit modernen Schußwaffen versehen. Sehr interessant ist es, die Hausindustrie der Kanton-Chinesen zu sehen; wo etwas Auffälliges war, ließen wir anhalten und schauten den überaus geschickten und emsigen Arbeitern zu. Seidenstickereien, Bijouteriewaaren, Porzellanmalereien, Elfenbeinarbeiten werden in wunderbarer Schönheit verfertigt. Die Gewebe, oft mit den feinsten und komplizirtesten Dessins, entstehen auf hölzernen, aber sehr großen Handwebestühlen, die je zwei Arbeiter beschäftigen; der eine sitzt am Stuhl und schnellt das Weberschisf; der andere thront in der Höhe und leitet das Dessin. Die Reis- und Getreidemühlen, die wir sahen, bestehen aus zwei auf einander liegenden granitenen Zylindern; der obere trägt einen Hebel; ein angespanntes Stück Dich versetzt ihn auf dem untern in Rotation. Oder es werden eine Reihe mächtiger Holz- hämmer durch eben so viele Männer in rhythmischer Reihenfolge mit den Füßen in die Höhe getreten und fallen gelassen. Ein Blick, den ich im Vorbeigehen in das größte chinesische Hospital zu Kanton warf, zeigte mir einen mächtigen, sehr glänzend ausgestatteten Raum. Betten waren keine darin; die paar hundert Kranken lagen oder saßen gruppenweise am Boden. In der Mitte des Saales hatte sich an steinernem Tische ein chinesischer Doktor mit ungeheurer Brille und zirka zwei Zoll langen Fingeruägelu pastirt, der Räthe ertheilte und Rezepte schrieb. 88 VII. Kanton tFortsetznng): Festungswerke. — Originelles Dejeuner. — Siebenstöckige Pagode. — Wasseruhr. — Heilige Schweine. — Rückfahrt nach Hongkong. — Chinesischer General in B-rlegenheit. — Opiuintrunkener. — Chinesisches Theater. — Sonnenausgang auf dem Viktoria-Pic. — Mein Leibkellner im Hotel. — Chinesisches Amtsblatt. — Absahrt von Hongkong. — Reisegesellschaft nach Japan. — Der schnaps- fröhliche Amerikaner. — Sturm. — Japanische Küste in Sicht. — Herrliche Einfahrt nach Nagasaki. Unterdessen war es 1 Uhr geworden und unsere Magen knurrten bedenklich. Auf einem der sieben Hügel, die Kanton umgeben und über welche im Zickzack die Befestigungswerke führen, steht eine fünfstöckige Pagode, ein einfach schöner, in seinen Dimensionen ungeheurer Holzbau. Dorthin hatten wir uns durch Kulis ein kaltes Frühstück bringen lassen und unter Weh und Ach und unsäglicher Schweißproduktion wurde in der sengenden Mittagshitze der Berg auf schattenlosem Wege erklommen. Die Wälle und Mauern, deren Verlauf wir folgten, sind verlottert und zerfallen und die zahlreich vorhandenen, vor einigen Jahren mit einem Aufwand von 600,000 Dollars angeschafften Positionsgeschütze liegen verrostet auf den halb verfaulten Laffeten. Ein Herr in Hongkong, der schon zwanzig Jahre in China lebt und die Verhältnisse kennt, versicherte mir, daß auch die neu angeschafften Handfeuerwaffen dasselbe Schicksal treffe und daß die Hunderttausende von Hinterladern, welche die Chinesen besitzen, zum großen Theil untauglich seien, so daß China, so ungeheuer auch das Reich ist, eventuell keiner europäischen Militärmacht irgendwie erheblichen Widerstand leisten könnte. Vom obersten Stockwerk der Pagode genießt man eine schöne Rnndsicht auf die ganze Stadt und Umgebung. Unmittelbar zu Füßen liegt ein chinesischer Kirchhof, der — zirka 1000 Jucharten groß — zwei Hügel ganz in Beschlag nimmt. Die Grabmäler 89 vornehmer Chinesen, riesige, halbkreisförmige Steinbauten, bedecken gewiß ein Areal von je einer halben Juchart. Die chinesischen Todtenäcker sind wohl die größten der Welt; beispielsweise braucht zur Durchquerung desjenigen in Batavia der Eisenbahnzug 10 Minnten. Unsere tudls ä'tiSts war bald vorbei; hemdärmelig saßen wir an und auf improvisirten Tischen; schmierige Kulis stellten die Kellner dar; das Menü war kurz genug und eine als Dessert gerauchte Cigarre die beste Nummer desselben. Zuschauer der ungewohnten Szene bildeten einige Gruppen besser gekleideter Chinesen, die uns nachgefolgt waren, sich neben uns häuslich niederließen, Thee kochten und rauchten und ihre Randglossen über uns machten. Für den Nachmittag blieb noch Manches zu sehen übrig. Wir besuchten unter Anderem auch einige der chinesischen Prachtmagazine verschiedenster Art, in denen man fühlen konnte, wie schlecht Kauflust und Inhalt des Geldbeutels oft zusammen har- moniren. Wahre Kunstwerke in Porzellan und Bronze, Vasen edelster Form, Elfenbeinarbeiten, Seidenstickereien und Bijouteriewaaren von höchster Vollkommenheit fesseln das Auge; aber wenn das Ohr die fabelhaften Preise von 2000 und 3000 Dollars per Stück nennen hört, so fährt die schon zahlbereite Hand erschrocken vom Geldbeutel zurück und kratzt verlegen im Barte. Entwürdigend für die chinesische Kunst ist es, daß sie sich gerne und unverblümt im Dienste der gemeinsten und raffinirtesten Obscönität zeigt. Durch dunkle Gasten, vorbei an Hunderten von kleinen offenen Kaufläden mit dem wunderlichsten Kram, den für unsere Begriffe unappetitlichsten Eßwaaren, als entpelzten Ratten, Raupen, gall- artig-schmierigen Seeungethümen u. dgl. ging's per Sänfte wieder Stunde vorwärts bis zum berühmtesten und ehrwürdigsten Monumente Kantons, der alten siebenstöckigen Pagode, die alle Bauten der Stadt weit überragt und schon aus einer Entfernung 90 von mehreren Stunden sichtbar ist. Sie präsentirt sich in der Nähe als ein 250 Fuß hoher, aus Holzwerk und Backsteinen zusammengesetzter Thurm, dessen einzelne Stockwerke durch weit vorstehende und breite Holzgesimse mit wunderbaren Schnörkeln, senerrothen und goldenen Drachen und unmöglichen Riesenthieren von einander getrennt sind. 2000 Jahre lang hat derselbe, ohne zu wanken, die Geschicke Kantons mit angesehen; als aber vor drei Jahren einige chinesische Jungens im obersten Stockwerk sich herumbalgten, sing der Greis bedenklich zu wackeln an und seit der Zeit ist die Besteigung aus Furcht vor einem Zusammensturz untersagt. Ein Taisun wird gelegentlich — oder wer weiß, vielleicht auch europäische Kanonenkugeln — dem lotterigen Gesellen den Untergang bereiten. Als ich mich anschickte, den wunderlichen Ban stehenden Fußes zu skizziren, wurde ich sofort von einem Hausen chinesischer Gassenbuben eingeschlossen. Neugierig drängten sie sich an mich heran und der Verwegenste stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt sich an meinem Rockzipfel fest und trachtete unter allen Uniständen in mein Notizbuch hineinzugucken. Ich riß ein Blatt heraus und dedizirte es ihm mit der Inschrift: „Du bist ein kleiner Spitzbube." Stolz, wie ein Krieger aus den ehrenden Orden, und beneidet von seinen Kameraden, zog der kleine Schlingel mit der Trophäe ab, die nun von allen Seiten betrachtet und angestaunt wurde. Als interessantes Beispiel für die Zähigkeit, mit der die Ehinesen am Alten — und wenn es noch so unvollkommen ist — festhalten, notire ich hier ein Wassernhrwerk, dem wir auch einen Besuch abstatteten. Im obern Stockwerke eines steinalten Thurmes tröpfelt jetzt noch, wie schon vor 3000 Jahren, Wasser ^nis einem Reservoir in eine Reihe terrassenförmig eingemauerter Gesäße; das Steigen des Wasserspiegels bis zn bestimmten, durch Gravüre bezeichneten Stellen entspricht in dem obersten Gefäße genau einer Stunde und wird durch einen Wächter an einer allen Observations- » 9l thürmen der Stadt sichtbare» Tafel markirt. Nicht weniger primitiv und originell ist die daneben sunktionirende Kontroluhr; sie besteht aus langen Cylindern von getrocknetem Büffelmist, denen in Entfernungen von zirka 1 Fuß je ein schwarzer Qner- ring ausgemalt ist. Ein solcher Mistcylinder glüht — einmal in Brand gesteckt — gleichmäsiig weiter und zwar braucht es znr Veraschung eines der bezeichneten Abschnitte gerade eine Stunde. So kontroliren sich Wasser und Feuer gegenseitig, aber wie un- erakt das Verfahren ist, sieht Jedermann ein. Und doch halten sich die Chinesen seit Jahrtausenden an diesen Zeitmesser und geschehen z. B. in Kanton auch jetzt noch die öffentlichen Zeitbestimmungen darnach. Zum Schlüsse unserer Tagesarbeit dnrchsuhre» wir auf einem chinesischen Familienboote den breiten Arm des Kantonflusses, welcher die große Vorstadt Honam von der eigentlichen Stadt trennt, und besuchten in Ersterer noch einen gewaltigen Tempel, der mit seinen Gärten, Hainen, Seen, gedeckten Kreuz- und Quer- gangen und Heiligthümern ein ungeheures Stück Land bedeckt. Hunderte von gemästeten Buddhapriestern liegen darin auf der faulen Haut, ein würdiges Pendant zu den heiligen Säuen, die dort seit 1'/» Jahrtausenden gepflegt und gefüttert und mit eben so viel Respekt behandelt werden als die überall wiederkehrende Statue des Buddha und der vielen Götter des Guten und Böse». Ueber diesen heiligen Thieren schwebt nicht der Mordstahl des profanen Metzgers; in beschaulicher Trägheit verbringen sie ihr Dasein fressend im Schlamme, und hier wurde mir plötzlich klar, woher das tiefsinnige Wörtlcin „sauwohl" seinen Ursprung genommen haben möchte. Schließlich hatte ich genug von Kanton und war froh, als ich vom Verdecke unseres Schiffes, behaglich in einen Fanteuil gelehnt, das Treiben der lärmenden Umgebung nur noch von weitem zu sehen und zu hören brauchte. 92 Um 6 Uhr setzte sich unser stolze Dampfer in Bewegung. Reizende Uferbilder zogen, nachdem wir die Stadt verlassen, an uns vorüber: prächtig grüne Reis- und Gerstenfelder, dazwischen Gruppen, auch ganze Alleen von Obstbäumen, in deren Laubwerk man Finken und Spatzen lärmen hörte; im Hintergründe schön gezeichnete Hügelketten, theils mit Kulturen, theils mit kleinen Nadelholzwäldchen bedeckt — ein recht heimatliches Gemälde! Nur die Bambusgebüsche von tropischer Größe, welche die Ufer stellenweise einrahmen und oft eine Gruppe chinesischer Bauernhäuser in ihrem schattigen Dunkel bergen, störten die Illusion und erinnerten daran, daß ich auf fremder Erde mich befand. Als eben die Sonne untergehen wollte, erschien der Vollmond am Horizonte und in diesem Zwielichte zeigte die umgebende Natur ganz wunderbare Farben; der breite Strom schimmerte wie flüssiges Metall; am Horizonte kämpften Gold und Silber mit einander und die in weiter Ferne wie riesige Leuchtthürme aus dem grauen Häusermeer Kantons zum Himmel steigenden Pagoden schienen zu glühen. Eine kühle Brise erquickte herrlich nach der heißen Tagesarbeit und ungern verließ ich meinen Platz in der schönen Mondscheinnacht, als zum Essen geläutet wurde. Im Speisesalon fand ich einen chinesischen General vor; er trug den flach kegelförmigen Mandarinenhut mit Feder und blauem Knopfe, daneben aber chinesische Zivilgewänder von schwerer Seide und am kleinen Finger der linken Hand nicht einen Fingerring, sondern eine eigentliche Fingerröhre, aus theurem smaragdähnlichem Edelsteine gedreht; der ganze Finger, mit Ausnahme der Spitze des Nagelgliedes, verschwand in dem kostbaren Gehäuse. Der Mann, der zu dick war, um martialisch auszusehen, sprach kein Wort englisch; dagegen radebrechte sein Begleiter, ein ebenfalls gut gemästeter und sehr gemüthlich aussehender Kumpan, ein wenig, war auch sehr gesprächig und glaubte, ungeheuern Eindruck zu machen durch die Erzählung, daß sein Herr monatlich 4000 Dollars Baarauslagen habe. 93 Bei Tische fühlten sich die beiden chinesischen Granden nicht behaglich und mit Messer und Gabel gingen sie sehr unbeholfen um.* Ein noch so sorgfältig auf die Gabel aufgebauter Thurm von grünen Erbsen purzelte während der holperigen Beförderung vom Teller zum Munde erbarmungslos zusammen und für die zum Empfang der großen Ladung im Voraus weit geöffneten Kinnladen blieben nachher nur ein oder zwei lächerlich kleine Erbsen zu verarbeiten übrig. Schließlich vergaß die Excellenz ihrer Würde und begleitete die wankelmüthige Gabelfracht mit den Fingern bis zu ihrem Bestimmungsorte. — So reich die Tafel besetzt war, so schien den Herren doch nichts zu munden, und ich glaube nicht irre zu gehen, wenn ich in ihrem bezopften Gedanken- gehäuse folgenden Denkprozeß sich abspielen sah: „Da ist denn doch so ein Rattenbraten oder ein in ranzigem Oel gekochtes Raupenmues oder ein Regenwurmsalat etwas Anderes als dieses europäische Saufressen!" Der General hatte seine Kabine neben der meinigen und schlief — von einer Wache behütet — bei offener Thüre. Der spezifische Chinesendust (viäs Professor Dr. Gustav Jäger: Duftseele) und ein grunzendes Geschnarche waren aber der Art, daß ich mein Lager auf ein Sopha des luftigen Speisesaales verlegte. Morgens halb 4 Uhr, als eben der Mond hinter dem Viktoria-Pic verschwand, langten wir wieder in Hongkong an. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als an Bord der „Ancona" Zu gehen (die bei Tagesanbruch abfahren sollte), um dort mein Billet und mein Gepäck in Empfang zu nehmen. Aber die »Ancona" schlief von oben bis unten und auch ich sank nach der ungewohnten Anstrengung der letzten 40 Stunden sehr bald in bleiernen Schlaf. Am Pfiff, welcher.der Abfahrt des Schiffes ' Die Chinesen bedienen sich bekanntlich gewöhnlich zum Essen zweier Ttitbchen. 94 vorausging, erwachte ich und fand kaum noch Zeit, meine Geschäfte zu erledigen und mich — halb schlaftrunken — mit meinem Gepäck in ein chinesisches Boot zu stürzen, als die Schraube des Dampfers zu arbeiten anfing. Drei schmutzige Chinesinnen ruderten mich nach dem für Japan bestimmten Dampfer „Zambesi" über, woselbst ich mich rasch installirte und dann der kohlcnstaubigen Schiffsatmosphäre gerne wieder entfloh, um die Zeit der Abfahrt im Hotel in Hongkong abzuwarten. Gerne hätte ich die Zeit zu einem weiteren Ausfluge nach dem nahe gelegenen Makao benutzt, jener ersten portugiesischen Besitzung in China, in welcher Camoöns als Verbannter seine Lusiade gedichtet hat. Die Stadt muß prachtvoll gelegen sein und ein so herrliches Klima haben, daß die in dem Bratofen Hongkong schachmatt gewordenen Europäer dort ihre Sommerfrische suchen. Aber Zeit und Fahrgelegenheit stimmten nicht zusammen, und so blieb ich denn, wo ich war, und sah mir im Schweiße meines Angesichtes Hongkong an von oben bis unten und verweilte schließlich am liebsten in dem herrlichen, am Berge aufsteigenden öffentlichen Garten, wo Schatten, kühle Brise und schöner Anblick auf Meer und Stadt zu finden waren. Auf dem Rückwege stolperte ich über einen alten Chinesen, der wie todt am Straßenrands lag. Die eben herbeikommende Polizei hatte ihn aber bald wieder zum Leben erweckt; der stiere, blöde Blick, die zitternden Hände und blauen Lippen, die engen Pupillen rc. ließen den Opiumraucherrausch nicht verkennen. Die Parallele mit einem besoffenen Schnäpsler war naheliegend — wenigstens einmal eine vaterländische Reminiscenz, die mir keine Sehnsuchtsgedanken heraufbeschwor. Nachts besuchte ich in Gesellschaft eines alten Engländers ein chinesisches Theater. Es existiren deren fünf in Hongkong und der Zudrang zu allen soll gleich groß sein. Schon von weitem hörten wir — nach zirka halbstündiger Sänftentour durch die chinesische Stadt — den Höllenlärm der Musikanten und das Gelächter der zuschauenden Menge. Nach Erlegung eines Dollars per Mann (die Chinesen zahlen 2—5 Cts.) wurden wir in das große hölzerne Gebäude geführt. Ein erstickender Qualm drang uns aus dem Raume entgegen, in welchem an 3000 Chinesen rauchend und dicht gedrängt herumhockten. Auch die Bühne war zu beiden Seiten mit rauchenden Zuschauern beseht und nur ein relativ kleiner Raum blieb iu der Mitte für die Schauspieler übrig und mußte durch auf- und abgehende Polizei mit Hundepeitschen vor dem andrängenden Publikum geschützt werden. Uns wurde auf einer großen Gallerie, auf der die chinesische baute voles sich befand, ein Platz angewiesen; durch einen rohen Bretterverschlag sind hier Männlein und Weiblein sorgfältig von einander geschieden. Sei es durch Zufall oder Malice des Führers — wir ge- riethen auf die Fraueuseite und waren eben im Begriffe, uns hinter eine Reihe hübsch gekleideter chinesischer Mädchen, sichtbar bester Familien, häuslich niederzulassen. Potz Wetter, wie pro- testirten die kleinen Dinger! Eine wahre Fluth unverständlicher Worte — begleitet von lebhaften Geberden — flog uns Schuldlosen an den Kopf. Endlich begriff ich aus den immer wiederkehrenden „Papas" und „Mamas", daß auf der Seite nur die Mamas seien und die Papas auf die andere gehören. Stolz auf die neue und unverdiente Würde empfahlen wir uns der Gesellschaft der kleinen 10—15jährigen Mütter und begaben uns auf die Seite der Vater, wo man uns bereitwilligst Platz machte. Was ich hier wie schon an andern Orten, z. B. in Batavia, auf chinesischen Bühnen gesehen, ist wenig geeignet, mich für die dramatische Kunst des östlichen Reiches zu begeistern. Phantastisch gekleidete, übertrieben geschminkte Schauspieler, mit unmöglichen Bärten, Spießen und andern Mordinstrumenten kommen im bekannten Theaterschritt durch die eine Thüre auf die Bühne, schwatzen 66 mit ganz unnatürlich verstellten Fistelstimmen irgend etwas, machen einige Faxen, stechen einander todt oder bezaubcrn sich durch irgend ein vorgehaltenes Amulet und verschwinden dann durch die andere Thüre, um in kurzer Zeit prozessionsartig wieder zu erscheinen. Gewöhnlich ist eine weibliche Rolle dabei, die aber durch einen Mann mit fuchfinroth gefärbten Wangen und Lippen gespielt wird. Die begleitende Musik ist unter aller Kanone, ein schreckliches, un- melodisches, einförmiges Gequickse einiger theils gezupfter, theils gestrichener Saiteninstrumente, dem sich die Schmrrzenstöne einer Art Klarinette beigesellen; das Ganze wird aber übertönt von Trommeln und Schlagbrettern aus Hartholz. Trifft sich's nun gar, daß einer der Schauspieler — gewöhnlich eine weibliche Rolle — eine Gesangsleistung zu verrichten hat, so thun einem europäischen Zuhörer wahrhaftig Ohren, Herz und Gedärme weh. Gegen den Schluß des Stückes, in welchem ich keine durchgeführte Handlung zu erblicken vermochte, welche (wie ein neben mir sitzender englisch sprechender Chinese mir sagte) hier auch durchaus nicht verlangt wird, kam ein imitirter christlicher Altar auf die Bühne und wurde in nicht zu verkeimender, aber skandalöser Weise die katholische Messe karrikirt. Diese rohe Schändung wurde vom chinesischen Publikum gewaltig applaudirt lind uns setzte es in unangenehmes Erstaunen, daß Dergleichen auf englischem Grund und Boden polizeilich überhaupt geduldet wurde. Halbtaub von dem Lärm suchten wir unsern Gasthof auf, woselbst ich mir für den andern Morgen früh um 4 Uhr drei Kulis bestellte, die mich zum Sonnenaufgang auf den Viktoria-Pic schaffen sollten. Im Traume verfolgten mich die wüsten Gestalten der chinesischen Bühne, und wenn ich mich endlich in sicherem Versteck glaubte, so fielen Schwärme von marionettengleichen Chinesinnen über mich her und behaupteten, das sei ihr Platz; ich solle mich zu den Vätern verfügen. Der Rath der Väter, eine steife Tafelrunde von weißbärtigen Kahlköpfen, wollte aber auch nichts von 97 mir wissen und so wurde ich erbarmungslos hin- und hergesagt und verbrachte die schwüle Nacht in jenem Halbschlnmmer, der mehr ermüdet als erquickt. Früh um 4 Uhr kroch ich unter meinem Moskitonetze hervor und verlangte von dem im Korridor liegenden schlaftrunkenen Portugiesen die versprochenen Kulis. Die über- raschende Antwort war, daß vor 7 Uhr keine Kulis herkomme» würden. Was thun? Die Sonne wartete nicht und spätestens V»6 Uhr mußte ich auf dem Berge sein, um sie aufgehen zu sehen. Ich sagte dem Kerl einige Liebenswürdigkeiten und verfügte mich auf die Straße, wo ich jeden der noch sehr spärlich vorbeigehenden Chinesen mit meinem Begehr anrannte. Endlich führte mich Einer in eine kleine Seitengasse, in welcher zirka ein Dutzend des gewünschten Artikels auf Lager war, d. h. aus dem Plaster ausgestreckt schlief. Ein stierähnliches Gebrüll und einige Fußtritte meines Chinesen machten die Leute munter; Toilette brauchten sie keine zu machen und so saß ich eine Minute später im Tragsessel und raschen Schrittes ging's in der sternenhellen Nacht die steile Bergstraße hinan. Aber ich hielt's nicht lange aus auf meinem Sitze; die armen Kerls von Trägern schwitzten und schnauften so bedenklich, daß ich vorzog, dies auf eigene Rechnung zu thun. 2ch legte den größten Theil des Aufstieges aus kleinen Nebenwegen i" Fuß zurück und sparte mir die Wohlthat des Vehikels auf den Rückweg. Trotzdem die Sonne noch nicht aufgegangen war, herrschte doch schon eine gewaltige Hitze und drückende Schwüle und ich erfuhr — was ich vorher nicht hatte glauben wollen — baß es zu gewissen Jahreszeiten für Europäer fast unmöglich ist, m Hongkong nur eine Stunde weit zu marschiren, geschweige denn bergan zu steigen. Aber meine Mühseligkeit ward belohnt, als uh oben ankam und der Himmel sein herrliches Feuerwerk losließ. Majestätisch tauchte die Sonne aus den Fluthen und beleuchtete bns zu meinen Füßen liegende schöne Relief, die Gebirgsinfel Hongkong mit den sie umgebenden kleinen Eilanden und der 7 98 chinesischen Küste; die prächtige Bucht mit den vielen hundert Fahrzeugen aller Nationen und die malerische Mündung des Kantonflusses. Eben kam ein Bremer Dampfer in Sicht und wurde auf der Flaggenstange des Viktoria-Pic den Stadtbewohnern signalisirt. Den Rückweg nahm ich dann über die andere Seite des Berges, auf reizenden Zickzackwegen, zum Theil im Schatten blühender Büsche oder auch kleiner Gruppen von Föhren und Tannen. Dabei pasfirte ich ein schönes, am Meere gelegenes Lustschloß eines Grafen Douglas und dicht daneben einen nicht weniger stolzen Bau, den die Jesuiten als Erholungsstation für kranke oder rekonvaleszente Ordensbruder eingerichtet haben. Abgespannt und müde langte ich im Hotel an und ließ mir von meinem speziellen Freunde unter der Legion der chinesischen Boys, einem zirka 10jährigen gewandten Jungen mit 3 Fuß langem Zopfe, mein Frühstück serviren. Ich hatte sein Herz Tags zuvor durch ein 20Centsstück gewonnen und der Kerl bediente mich mit einer staunenswerthen Aufmerksamkeit und einer so detaillirten Rücksicht auf meine Schwächen und Liebhabereien, als ob er sie Wochen lang zu stndiren Gelegenheit gehabt hätte. Einmal Fleich, dreimal Kartoffeln, Muskatnuß L äisorötion, viel Zucker im Thee und wenig Milch — der kleine Knirps hatte mich in den 24 Stunden vollständig durchschaut. Als Illustration zu den Kulturzuständen in China füge ich hier einige Notizen bei, die ich mir aus dem 1882er Jahrgang der in Peking erscheinenden offiziellen Zeitung anfertigte. Genanntes Blatt veröffentlicht alle an die Regierung einlaufenden Gesuche und Beschwerden und die daraus bezüglichen kaiserlichen Dekrete, natürlich in chinesischer Sprache. Mir lag eine alljährlich herausgegebene englische Uebersetzung, ein stattlicher Ouartband, vor. Bekanntlich ist China ein Kaiserreich. Der jetzt herrschende Kaiser Kuang Tsii ist der Cousin seines 1875 an den Pocken gestorbenen Vorgängers Tao Kuang, und erst 11 Jahre alt. Ihm 99 zur Seite steht ein Rath von vier Ministern, welche „nachzusehen haben, daß nichts gegen die heiligen Bücher des Konfucius und gegen den Ta-tsing>Huei-tien (d. h. gesammelte Bestimmungen der großen neuen Dynastie) geschehe", und sechs Regierungsräthe, welche die verschiedenen Departemente unter sich vertheilt haben. Außerdem besteht aber ein Rath von öffentlichen Censoren, dessen 40 bis 50 Mitglieder dem Kaiser, resp. seinen Ministern, gelegentlich Opposition machen dürfen. Die jährlichen Staatseinkünfte belaufen sich aus 75 bis 100 Millionen Pfund (1875 bis 2500 Millionen Franken) und bis zum Jahre 1874 hatte China keine Staatsschuld. Durch neuere, namentlich militärische Anschaffungen hat es sich aber seither bei der Hongkong-Shanghai-Bank verschuldet. Das stehende Heer ist zirka 850,000 Mann stark; darunter sind aber noch einige Hunderttausende von Bogenschützen, die mit Feuerwaffen nicht umzugehen wissen. Meine Notizen aus der Pekinger Regierungs-Zeitung sind folgende: 30. August: Tsen-Kuo-Ch'uan, Gouverneur-General von Shan-kan, bittet wegen Krankheit um Entlassung von seiner Stelle. Sein Leben sei nicht mehr werth als das eines Hundes oder Pferdes. Sollte er von seiner Krankheit genesen, so wolle er vor den Pforten des kaiserlichen Plastes erscheinen, sein Haupt in den Staub legen und um Wiederanstellung bitten. Kaiserliches Reskript: Drei Monate Urlaub zur Kräfti- gung der Gesundheit. Nicht entlassen. 5. Juni: Hsiang Hseng, Gouverneur von Ch'abar, bittet um die Erlaubniß, einem militärischen Obersten, der wegen Vernachlässigung seiner Pflicht drei Jahre Straßenarbeit zu verrichten hatte und nach Ablauf dieser Zeit die vorgeschriebene Taxe nicht bezahlen konnte, 100 Stockstreiche und zwei Jahre Gefangenschaft Leben zu dürfen. — Bewilligt. 6. Juni: Lin Chingt'ang bittet um eine Ehrenmeldung für eine Konkubine des verstorbenen Gouverneurs vorn Suitai-Distrikt, welche vier Monate lang ihren kranken Herrn pflegte, ohne die Kleider zu wechseln, und nach seinem Tode sich mit Schaumgold vergiftete. — Bewilligt. 22. Juni: Memorial des Gouverneurs von Mnna», worin er um Kassation und Einvernahme des Magistrates von Chiang- chuan bittet, welcher drei Gefangene so schlagen ließ, daß alle drei kurze Zeit darauf ihren Wunden erlegen sind. Nach seiner Meinung sollte die Folter nur in Fällen von Raub oder Mord angewandt werden; bei einfachem Diebstahl müsse erst eine genaue Untersuchung vorausgehen. Kaiserliches Reskript: Angelegenheit soll untersucht werden. 1. Juni: Es wird eine Ehrenmeldung verlangt für eine Tochter, welche sich ein Stück Fleisch mit den Zähnen aus ihrem Arm riß, dasselbe zerhackte und mit der Medizin für die kranke Mutter mischte, um dieselbe gesund zu machen. — Bewilligt. Am 1. Januar, als dem ersten Tage des ersten Monates des siebenten Jahres der Herrschaft des Kaisers Kuang Tsii, meldet der kaiserliche Hofastronom, daß der Wind am heutigen Tage von einer guten Seite blase und langes Leben und gute Ernte bedeute. 2. Januar: Klageschrift eines Offizierskorps über zwei höhere Offiziere, die sich unterstanden, ihre Kinder zu einer Zeit mit einander zu verheirathen, zu welcher Hoftrauer herrschte. Die Kläger machen den Vorschlag, die Schuldigen sofort zu degradire» und zu entlassen, und bedauern, nach dem Gesetze keine höhere Strafe beantragen zu können. Am Schlüsse der Schrift moralisiern sie in folgender Weise: „Ein Staat kann nur nach fundamentalen Grundsätzen (krmäamsntal xrinoiplss) gut regiert werden; was soll aber aus dem Staate werden, wenn man diese Grundsätze nicht beachtet?" 101 5. Januar: Ei» Gouverneur bittet um Weihrauch, Feuermerk und Goldpapier, um den Gott eines Flusses zu beschwichtigen, der über die Ufer getreten sei und großen Schaden angerichtet habe. 24. Dezember: Kaiserlicher Erlaß: Gestern gaben Wir unsere Zustimmung zu einem Vorschlage von Vang-Chang- chü», einen Tempel zu Ehren Chi Shans, ehemaligen Gouverneurs von Shan-kan, zu errichten. Ch'en Paosh'en berichtet Uns heute, daß der Verstorbene, weit entfernt davon, Verdienste zu haben, sich sogar Nachlässigkeiten zu Schulden kommen ließ. Wir ziehen also Unsern Consens zurück und ertheilen einen strengen Verweis für die Nachlässigkeit, Uns einen solchen Vorschlag zu machen. 6. Oktober: Bericht des Richters Li Uühna: In Hsinhua Hsien werden von Klägern und Gefangenen Geldbußen erpreßt, Zeugnisse zurückgehalten, Untersuchungsgefangene eingesperrt, bis eine gewisse Summe Geldes bezahlt ist. Es existiren daselbst über 2000 Gerichtsdiener und nicht registrirte Unterangestellte, welche dies Geschäft besorgen und die Bewohner aussaugen. Kaiserliches Reskript: Die kompromittirten Oberangestellten sollen sofort entlassen und durch andere ersetzt werden. Auffallend ist, wie wenig in dieser Zeitung — welche also doch das einzige staatliche Publikationsorgan ist und genau die Verhandlungen und Verordnungen der kaiserlichen Räthe bringen soll — den Beziehungen mit den europäischen Mächten Aufmerksamkeit geschenkt ist. — Im ganzen mir vorliegenden Jahrgange finde ich ferner keine einzige gesetzgeberische Leistung. Dagegen nimmt das Ceremonie!! bei Anlaß des Todes der alten Kaiserin Tzu - An- Tuan- Pu - K'ang - Ch'ing-Chao-Ho-Chwang-Ching -- llotn dsns: Das Aussprcchen dieses Namens ist ein schleim- defördcrndes Mittel und sei Biertrinkern als morgendliche Rachen- 102 Gymnastik bestens empfohlen — der Tante des jetzigen Kaisers, viele Seiten ein, und eine Unzahl von darauf bezüglichen Verfügungen und Erlassen erscheinen noch Monate lang nachher. Die kaiserliche Proklamation am Todestage der Kaiserin (9. April) ist voll von jenem Schwulste, den die chinesische Hofetiquette verlangt und der sich besonders komisch ausnimmt, wenn man bedenkt, daß er einem damals 9'/»jährigen Jungen in den Mund gelegt wird, der seine Mutter noch hatte und dem die kaiserliche Tante — wie ich höre — sehr gleichgültig war. „Wir klagten Unser Leid dem Himmel", heißt es z. B. in dieser Proklamation, „Wir warfen Uns in den Staub und schrieen laut in unserem Schmerze; Unser Jammer kannte kein Ende" u. s. w. Und in einer Abschiedsrede, welche als von der sterbenden Kaiserin ausgehend dem Volke zugestellt wurde, heißt es: „Wir wurden den 9. des Monats plötzlich krank; Unsere Krankheit wendete sich zum Schlimmen, bis am 11., 7 Uhr Nachmittags, Uns Unsere Sinne zu verlassen begannen, und Wir fühlten, daß Wir nur noch kurze Zeit zu leben haben werden. Unsere Jahre sind 45. Fast 20 Jahre sind Wir Mutter des Landes gewesen und haben viel Ehren erfahren. Sollten Wir also unzufrieden sein? Nein! — Wir haben nur einen Gedanken, der Uns beim Sterben quält: Der gewaltige Kummer möchte den Herrn der Herren so niederdrücken, daß ihm die Ausgabe, das gewaltigste der Reiche zu regieren, dadurch erschwert wird." Auch diese tragischen Worte wirken durchaus komisch, wenn man weiß, daß dem Herrn der Herren als 9'/»jährigem Bengel (auch die gekrönten Häupter werden dieses Stadium des Knabenlebens durchmachen) das Reich und seine Verwaltung noch höchst Wurst war und er noch leicht -durch Mandeln und Rosinen von einer eventuellen traurigen Gemüthsstimmung befreit werden konnte. — Meine Späherarbeit in dem riesigen und mir in allen 103 Beziehungen so fremden chinesischen „Amtsblatte" wurde schließlich dadurch belohnt, daß ich zu meiner Freude einen befreundeten Namen darin vorfand. Unterm 4. Juni beklagt sich nämlich der Gouverneur General von Two Kuang, daß die gelieferten Feuerwaffen größtentheils in unbrauchbarem Zustande angekommen seien und verlangt dringend 2000 Martini-Gewehre. Gerne entfloh ich so bald wie möglich der heißen Stadtatmosphäre und begab mich schon um 10 Uhr an Bord des „Zambösi", der um 12 Uhr abfahren sollte und auch pünktlich Wort hielt. Bei sengender Sonne und absoluter Windstille verließen wir den herrlichen Golf; so lange wie möglich haftete mein Auge an dem wunderbaren Panorama, das sich an Schönheit mit demjenigen von Neapel und Ajaccio messen kann. Unsere Fahrt nach Nagasaki war Anfangs von gutem Wetter ^ begünstigt. Das Barometer stund hoch nnd das Gespenst des chinesischen Meeres in dieser Jahreszeit — der Taifun — schien uns zu verschonen. Hatte doch wenige Tage vorher ein solcher Wirbelorkan in Shanghai gräßlich gewüthet und — wie man mir später erzählte — mich unser gutes Schiff „Sindh", mit dem ich bis Singapore gefahren, auf offener See überrascht und derart mitgenommen, daß Takelwerk, Verdeckkabinen und sämmtliche Rettungsboote über Deck flogen und der Dampfer als halbes Wrack im nächsten Hafen anlangte. Unsere Gesellschaft bestand aus den zwei Engländern und dem deutschen Handelsbeflisscne», mit welchen ich in Kanton gewesen war. Dann hatte sich in Hongkong als neues, sehr unter- > haltendes Element zu uns gesellt ein feingebildeter chilenischer Pflanzer aus Santiago, mit dem ich gute Bekanntschaft schloß und der auch in Japan so lange als möglich mein getreuer Reisegefährte blieb. Ein altes Ehepärchen aus England, welche», das weiße Haar die Reiselust noch nicht benommen hatte, war auf einer Vergnügungstour von Australien hergekommen, wollte Japan 104 sehen und über Indien wieder heimkehren. Der unzertrennliche Begleiter der kinderlosen Leutchen war ein alter, magerer Köter, der Inbegriff von Häßlichkeit und Griesgrämigkeit. Ein jüngeres Ehepaar, ebensalls aus Australien kommend, hatte zwei reizende Kinder mit. Der 2'/»jährige Junge war ein Prachtskerl mit krausem, blondem Lockenkopf, blauen Augen und dicken Backen und Waden, aber ein unbändiger Wildfang. Das gab ein Bild zum Malen, wenn der in seinem Matrosenkleide mit keck gespreizten Beinen auf dem Verdecke stand und, die Arme trotzig auf die Hüften gestemmt, der etwas mangelhaften mütterlichen Autorität entgegenzutreten versuchte. Da brauchte man aber nur den Pfiff oder die Schritte des Papas — eines Schottländers von altem Schrot und Korn — zu hören, so änderte sich die Situation und der Junge wurde zahm wie eine Taube. Sein drei Jahre älteres Schwesterchen war ein Muster von Folgsamkeit und Artigkeit (wie ja die Mädchen überhaupt!). Das gute Kind kam in sichtbare Verlegenheit, wenn der Trotzkopf von Bruder vor den fremden Leuten sich unartig oder wild aufführte, und suchte ihn in ganz rührend mütterlicher Weise zum Bravsein zu überreden. Beide Kinder wurden meine guten Freunde, das Mädchen sofort, der Spitzbube erst, nachdem ich seine Gunst durch verschiedene Kunststücke erworben hatte. — Ein veritabler Affe, ein schönes und fideles Thier aus Zanzibar, befand sich als gemeinschaftliches Eigenthum der Matrosen auch auf dem Schiffe und den darf ich hier zu erwähnen nicht vergessen, denn er hat uns durch die Fratzen, die er schnitt, und die Sprünge, die er machte, oftmals unterhalten — die großen und die kleinen Kinder. Auf dem Meere ist man eben anspruchslos in seinen Vergnügungen und mit Wenigem zufrieden. — Erster Klasse fuhr ferner ein reicher chinesischer Seidenhändler aus Kanton, der stets schmunzelnd auf demselben Flecke saß und dann und wann aus einer silbernen Pfeife einige Züge rauchte. 105 Endlich muß ich noch von einem Originale erzählen, das in Hongkong sich mit uns einschiffte. Es war ein Amerikaner, die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit selbst, aber meist — betrunken. Als ich ihn schon am ersten Abend in diesem Zustande am Kajüten- tische antraf, mochte er mir meine Ueberraschung anspüren und sagte entschuldigend und mit jenem bekannten, von Glucksen unterbrochenen, versimpelten Lächeln, bei dem die Augenlider sich zur Hälfte schließen und die Backen wie Segel im Windstoß sich aufblasen: „Ich solle mich ja nicht über seinen Zustand wundern; er sei jeden Abend betrunken." Damit glaubte er sich vollständig rehabilitirt. Andern Tages kam er auf den Chilenen zugeschritten, dessen Kabinennachbar er war und dessen Bekanntschaft er noch nicht gemacht hatte, und sagte im vertraulichsten Tone, er möchte entschuldigen, er habe sich erlaubt, einen Schluck aus seiner Cognacflasche zu trinken; die Thüre der Kabine sei offen gestanden und da habe die Flasche so verlockend hereingewunken. Dann verschwand er wieder und eine halbe Stunde später meldete der Steward die auffällige Thatsache, daß die betreffende Cognacflasche leer sei und der Amerikaner wie ein Mehlsack in seiner Koje liege und schlafe. Dem Chilenen ging diese nordamerikanische Gemüthlichkeit fast zu weit; aber als der Sünder Tags darauf seine unwiderstehlich zum Lachen reizende Physiognomie mit der derben Schnauze — wie Oberländer sie seinen Biergesichtern Hinzeichnet — präsentirte und so gar nicht das Bewußtsein einer Schuld zeigte, sondern durch Restitution der Cognacflasche seine Pflicht vollständig gethan zu haben glaubte, da schwand der Un- muth und es wurde stillschweigend Ablaß ertheilt. Der Amerikaner war übrigens — wie gesagt — abgesehen von seinem Laster gar kein übler Kerl und konnte uns, wenn er nicht betrunken war, als vielgereister Mann mancherlei wichtige Aufschlüsse ertheilen. Nachdem wir am 19. August die Insel Formosa passirt hatten und ins offene chinesische Meer hinausgesteuert waren, änderten 106 sich See und Wetter. Der Himmel verdüsterte sich, und aus Norden begann ein Wind zu blasen, der unserem Vorwärtskommen sehr hinderlich war und das Meer in kurzer Zeit mit schäumenden Wellen bedeckte. Auf dem Schiffe traf man alle Vorbereitungen für böse See: Die Segel wurden doppelt fest gebunden, alles Mobile vom Deck entfernt und sämmtliche Lücken verschlossen. Wir sollten am 22., Morgens, in Nagasaki ankommen, waren aber am Nachmittag desselben Tages noch 200 Meilen davon entfernt. Die meisten Passagiere lagen krank in ihrer Kabine und sogar der Chilene, der eben erzählt hatte, er wisse nicht, was Seekrankheit sei, wurde eines Mittags plötzlich so nervös — wie er sagte — und schlüpfte auch in seine Kiste. Bis zum Abend des 22. verschlimmerte sich das Wetter beständig, und Nachts erhob sich ein eigentlicher Orkan, der uns erbarmungslos herumwarf und mich unter Anderm nicht sehr sanft von meinem Lager aus den Boden schmiß. Wie wir nachher erfuhren, hatten wir es mit dem Ausläufer eines Taifun zu thun, der am nämlichen Tage in Shanghai wüthete und im Vergleich zu dem unser „Stürmchen" eine Kleinigkeit gewesen sein soll. Nach langer Nacht brach endlich der Morgen an und mit aufgehender Sonne legte sich der Sturm. Um halb 9 Uhr sahen wir am nordöstlichen Horizont eine blaue Gebirgskette, den ersten Gruß von Japan. Wie durch einen Zauberschlag veränderte sich das Leben an Bord. Der Amerikaner, der die ganze Nacht durch sein in allen Tonarten und Klangfarben variirtes Gestöhn mich unterhalten und bei Tagesanbruch eine beklagenswerthe Physiognomie und einen vollständig gebrochenen Körper präsentirt hatte, nahm sich einen Brandy-Soda, warf sich in neue Gewänder und erschien als ganz verwandelter Mensch auf dem Verdeck, das er, den Nankee-Doodle pfeifend, durchschlenderte. Der chilenische Pflanzer hatte seine ganze Nervosität verloren und rauchte vergnügten Sinnes seine Havanna. Der chinesische Seiden- händler, der seit dreimal 24 Stunden unsichtbar gewesen war, 107 erschien schmunzelnd, als ob nichts passirt sei, auf dem Plane. Die Kinder, deren Aechzen mir stets am meisten zu Herzen ge- gangen war, hatten alles Leid vergessen und freuten sich königlich über eine Maus, die ich aus einem Nastuch für sie anfertigte. Alles lachte und blickte frohen Muthes nach der immer deutlicher werdenden Küste hin, unter deren schützendem Einflüsse denn auch das bisher noch hoch gehende Meer immer ruhiger wurde. Sogar der Affe aus Zanzibar, der sich seit zwei Tagen unter einem Segeltuch verkrochen und wcltschmerzlich jede Nahrung von sich gewiesen hatte, kam hüpfend zum Vorschein und wußte vor Ueber- wüth nicht, wie er sich geberden sollte. Um seine innerliche Gehobenheil zu zeigen, schnellt er seine Hintere Partie einige Dutzend Male rasch in die Höhe und rüttelt wie verrückt an seiner Kette. Eine prüsentirte Banane schmeißt er mir gegen alle Achtung an meine ahnungslos exponirte Stirne. Jetzt erscheint auch das alte Pärchen aus Deck. Der greise Papa schmaucht vergnügt seine Pfeife. Die Mama trägt ihren alten, zahnlosen Schoßhund im Arni und versucht, ihn mit vorgekauten Bissen zu füttern, welche das starrköpfige und noch seekranke Hundevieh hartnäckig resüsirt. In große Verlegenheit und moralische Entrüstung kommt die gute Dame, als der alte Köter die Beinkleider des englischen Lords in sehr unrespektirlicher Meise zu verwenden sich anschickt. Die Küsten nehmen immer deutlichere Gestalt an; man erkennt einige weiße Leuchtthllrme auf felsigen Vorgebirgen; dahinter grüne, zum Theil bewaldete Berge. Der Meeresspiegel ist unterdessen ganz glatt geworden; wir befinden uns schon im Schutze der großen Bucht, in welcher — durch vorgeschobene Inseln dem Auge noch verborgen — Nagasaki liegt. Der Pilot kommt hergefahren und >n seinem kleinen Dampfer sehen wir die ersten Japanesen, fast ganz nackt bis auf einen Leibgurt und ein Kopftuch. Die gelbbraunen Leiber und die breiten, grobknochigen Gesichter zeigen 108 große Aehnlichkeit mit dem malayischen Typus. Jetzt lassen wir rechterseits eine freundliche, grüne, hügelige Insel liegen, deren Reisfelder und Matten terrassenförmig aufsteigen; im Schatten eines förmlichen Waldes von Obstbäumen liegt ein japanisches Dorf. Linkerseits passiren wir die Pappenberg-Jnsel, die in der Zeit der japanischen Christenverfolgung anno 1637 eine traurige Berühmtheit erlangt hat. 1000 Christen, welche lieber sterben, als — wie ihre Verfolger verlangten — das Kreuz mit Füßen treten wollten, wurden von diesem Felsen herab ins Meer gestürzt. In Magibaz, unweit Nagasaki, im Innern des Landes, starben zu gleicher Zeit 37,000 Christen im Kampfe als Märtyrer ihres Glaubens. — Die Bucht verengt sich und scheint keinen Ausgang zu haben. Plötzlich aber dreht das Schiff und fährt zwischen zwei gewaltigen Felsen durch, worauf Nagasaki sichtbar wird. Mit einem Schlag hat das Auge eines jener freundlich-schönen Landschaftsbilder, wie sie in Japan häufig zu sehen sind: an einer malerischen Bucht gelegen eine hübsche Stadt, deren prächtige Tcmpelhaine und -Bauten schon von Weitem erkennbar sind. Den Hintergrund bilden in überaus schöner Weise Hügel mit Reiskulturen und prachtvollen Nadelholzwäldern. Mittags halb 11 Uhr lag der „Zambösi" in Nagasaki vor Anker und eine halbe Stunde später betrat ich erwartungsvoll den japanischen Boden. 109 VIII. Aus dem stillen Ozean. — Rückblicke aus Japan. — Japanische Flora und Fauna. — Erdbeben und Vulkane. — Eharakler der Japaner. — Nagasaki. — Religion der Japaner. — Fahrt durch das Binnenmeer nach Aobe. — Osaka. Stiller Ozean, den 9. Oktober. 151° IV. O. 38° n. L. Es war in der Nacht vom 22. auf den 23. September, als mich in Nokohama einige Söhne Helvetias, mein Gastfreund, Herr Z. aus Winterthur, Herr D. von Frauenseld und Herr St. von Basel, an Bord des amerikanischen Dampfers „Oitzk ok Rio äs äkmeiro" begleiteten, der bei Tagesanbruch in See gehen sollte. Wir halten im Deutschen Club in weiterm Kreise ziemlich lange beim Abschiedsbier gesessen und die Kahnfahrt in der kühlen, sternenhellen Nacht wirkte ungemein wohlthätig auf unsere heißen Gemüther und erfrischte Reden und Gefühle. Aus der Schiffstreppe fand der letzte Händedruck statt; „auf Wiedersehen daheim!" hieß es; dann entglitt der Kahn, aber nicht geräuschlos; einige Hochs erschütterten die friedliche Nachtluft Pokohamas; der Mond verzog sein Gesicht über dem lauten Abschied und die Schiffsmasten singen verdrießlich an zu knarren, als ob sie eben aus dem Schlafe geweckt worden wären. Bald aber ward's ruhig wie vorher und ich stund allein und am Ende meines Aufenthaltes in Japan, der mir mehr wie ein Traum als wie wirklich Erlebtes vorkain. Als ich Morgens erwachte, befand sich unser Schiff schon ein gutes Stück unterwegs und rollte in der ziemlich bewegten See so heftig, daß ich beim Versuche, mich den anderen Passagieren vorzustellen, sofort mit einem heftigen Anfall der Seekrankheit debütirte und Leidensgefährten genug vorfand. Wind und Wetter blieben über eine Woche sehr ungünstig, so daß wir nur 130—150 Meilen per Tag zurücklegten (anstatt 300). Nachts war es gar ungemüthlich; 110 manche Passagiere wurden durch das eindringende Wasser aus ihren Kabinen vertrieben. Der Anprall der Wogen an unsern eisernen Schiffspanzer dröhnte wie Kanonendonner und um uns ein kleines Zeichen seiner Macht und Kraft zu geben, zertrümmerte das Meer durch eine Sturzwelle eine mächtige eisenbeschlagene Thüre mit sammt den eisernen Balken, die sie festrammten, und drang in Strömen herein; zwei Matrosen mußten schwer verwundet weggetragen werden. — Das ist der „stille Ozean!" Wahrscheinlich war er nur anläßlich der Tag- und Nachtgleiche so stürmisch. Endlich — sechszehn Tage nach unserer Abreise von Pokohama — ist das Wetter ganz gut geworden, und wir hoffen, bis in einer Woche in Sän Franzisko zu sein. Eine Fahrt über den großen Ozean ist durch grenzenlose Oede charokterisirt. Kein einziges Schiff bekamen wir bis jetzt zu Gesicht; das Einzige, was die Szenerie etwas belebt, sind 10—12 Sturmmöven, welche tagsüber dem Schiffe mit Gekreisch folgen und die abfallenden Brocken auffangen. Nachts lassen sie sich schwimmend von den Wellen tragen und haben schon bei Tagesanbruch das vorausgeeilte Schiff wieder erreicht. Diese Vögel besitzen, wie ich an einem durch Zufall gefangenen Exemplare sah, große Schwimmhäute und schwimmen mit der Leichtigkeit der Enten. So weit das Auge reicht, ist sonst nichts zu sehen als Himmel und Wasser; sind wir doch nach allen vier Himmelsgegenden mindestens 2000 Meilen vorn Land entfernt (Asien, Amerika, Sandwichsinseln, Aleuten). Bei einer Katastrophe wäre an Rettung natürlich nicht zu denken und die Flucht auf einem Rettungsboote nur eine Verlängerung der Todesangst oder ein Vertauschen des Ertrinkungstodes mit dem Hungertode. Auch das Leben an Bord wird auf die Dauer einförmig; doch habe ich Bücher, Feder und Tinte und eine in Aokohama gekaufte Geige (und was für eine!) mit drei Saiten als Präservativ 111 gegen Langeweile. Dann fand ich gute Gesellschaft in der Person eines Bremer Herrn, der im Auftrage der japanischen Regierung nach Europa reist, um daselbst die Technik der Torpedofabrikation sich anzueignen und nachher in Japan eine Fabrik einzurichten. Das Fabrikationsgeheimniß wird nicht billig erkauft; vorläufig hat das japanische Kriegsministerium 50 Stück L 10,000 Mark per Stück bei der Berliner Fabrik gekauft und muß weitere 50 nachbestellen oder 200,000 Mark baar bezahlen, wenn ihr Abgesandter das Hauptgeheimniß (Darstellung des Bronzemantels) erfahren soll. — Die übrige Gesellschaft erster Klasse rekrutirt sich aus England, Amerika und Japan. Die anderen Schiffsklassen sind mit Chinesen gefüllt. Eines Individuums darf ich nicht vergessen; hält es doch treu zu mir Tag und Nacht und ist nie schlechter Laune, sondern stets freundlich wedelnd und zu Kunststücken bereit. Es ist Tschisei, der kleine Schiffshund, dessen Wiege, wie schon der Name sagt, in Japan stund. Freilich erfuhr unser freundschaftliches Verhältniß beinahe eine kleine Störung, als ich die Entdeckung machte, daß er einen unter meinem Bett liegenden Schwimmgürtel — verlockt durch die glückliche Konfiguration — als Watercloset benutzt hatte. Der Sünder fühlte sich aber so gar nicht schuldig, als ich ihm sein Verbrechen vorhielt, und wedelte so freundlich drauf los, daß ich Gnade für Recht ergehen ließ. Weniger mild verführe ich, wenn's in meiner Macht stünde, mit den abgefeimten amerikanischen Stewards, die mir aus einer von Uokohama mitgebrachten Kiste Bieres heimlicher Weise 25 Flaschen weggetrunken haben und dabei sich so unschuldig stellen wie der Hund neben dem Schauplatz seiner Thätigkeit, dem Schwimmgürtel. Doch zurück nach Japan. Ueber dieses „Wunderland" sind in den letzten dreißig Jahren Legionen von Büchern geschrieben worden. Das verhindert aber ja nicht, daß ein einfacher Gelegenheitsreisender, auch wenn er nur relativ kurze Zeit dort zubrachte, 112 seine subjektiven Eindrücke und Erlebnisse auch zu Papier bringe. Ich kam mit hochgeschraubten Erwartungen nach Japan und hatte keinerlei Täuschungen zu erfahren. Wahrhaftig, es ist ein herrliches Land, vereinigt die Vorzüge der gemäßigten Zone mit denjenigen der Tropen, ohne ihre Nachtheile zu besitzen. Das Klima darf ein vorzügliches genannt werden und zeigt die wohlthätige Abwechslung von Sommer und Winter, wenn auch nicht in der Schroffheit des nördlichen Theiles der geniäßigten Zone. Die wichtigste Pflanze der Tropen, den riesigen Repräsentanten der Familie der Gräser, den Bambus, das unentbehrlichste Baumaterial, auf dessen vielseitige Verwendung ich noch zu sprechen komme, besitzt Japan in reichem Maße und daneben einen Blüthcn- schmuck, wie er dem tropischen Indien oder wohl den Tropen überhaupt fehlt (wilde Camelien, Magnolien, Azaleen, Hortensien rc.) und Nadelhölzer von einer Größe und Schönheit, die unser Staunen erregen; die Kryptomerien, welche als dichte Haine die japanischen Tempel beschatten, sind die schönsten Bäume, die ich je gesehen habe. Die großentheils gebirgige Konfiguration des Landes ermöglicht eine Vielseitigkeit der Vegetation, auch der Fauna, die in andern Ländern vergeblich gesucht wird. Gedeiht doch neben dem Bambusrohr und der lorbeerblätterigen winter- grünen Eiche auch die nordische Kiefer und existirt neben dem Affen auch der Bär. Die Fauna ist überhaupt wie die Flora eine sehr reiche und zeigt eine ganze Reihe bemerkenswerthcr Formen, von dem hochgestellten rothwangigen und menschenähnlichen Affen bis hinab zu den Protozoen. Und zwar fehlen glücklicherweise, abgesehen von einer giftigen Natter, alle jene Thiere, welche das Leben „unter den Palmen" gelegentlich un- gemüthlich machen, große Schlangen, wilde Katzenarten (Tiger), große Eidechsen (Krokodile), Skorpione u. s. w. und sogar die Wanze hat sich bis jetzt in dem begnadigten Lande nicht gezeigt. Den Jäger entzückt ein reiches Wild: Fasanen, Schnepfen, 113 Wachteln, Hasen, Hirsche, Füchse, im Norden auch Bären. Im Riescn- salamandcr, der in Japan allein vorkommt und bis 160 om lang wird, sahen wir einen Thiertypus, der in Europa nicht mehr der Jetztzeit angehört; sein Vetter (^närias Loberrebrsri) starb längst aus und liegt in den Oehninger Schichten begraben. Ein großes Damoklesschwert hängt aber über dem sonst so gesegneten Japan: es hat mehr als alle andern Länder unter der oft verderblichen Wirkung unterirdischer Kräfte zu leiden. Erdbeben und vulkanische Eruptionen haben denn auch im Laufe der Jahrtausende die geologischen Lagerungsverhältnisse der japanischen Inselwelt so durcheinander geworfen und verwickelt, daß ihr Studium für die Geologen eine sehr schwierige und noch kaum angefangene Arbeit ist. Der gewaltigste Vulkan Japans, der 90 Kilometer westlich von der Hauptstadt Tokio gelegene Fusi-Pama, erhebt sich über breiter Basis 3750 Meter hoch als herrliche Pyramide isolirt in die Luft; er gehört zu Japan wie der Vesuv zu Neapel und kehrt mit seinem schneebedeckten Gipfel tausendfältig aus japanischen Kunstwerken wieder, gemalt auf Papier, Porzellan und Lackwaaren, gestickt auf Seide, ciselirt oder eingelegt in Bronze und geschnitzt aus Holz oder Elfenbein. Seine letzte große Eruption fand 1707 statt; es kamen dabei 53,000 Menschen ums Leben und durch gleichzeitig stattfindende Erdbeben und Ueberfluthung der Küstengebiete durch das Meer weitere 200,000. Kein Jahr vergeht in Japan ohne zahlreiche kleinere und größere Erdbeben. Die letzte große Erschütterung (1855, November) hat in Tokio 104,000 Menschen das Leben gekostet und 18,000 Häuser zum Einstürze gebracht; im Anschluß daran brach an 30 Orten gleichzeitig Feuer aus, und was das Erdbeben verschont hatte, vernichtete die Flamme. Es wird von Ethnologen behauptet, das Gemüthsleben eines Volkes sei direkt abhängig von dem Naturcharakter seiner Wohn- stätten; da, wo die Natur mit gewaltigen Schreckmitteln den 8 114 Menschen ängstigt, soll das Gemüth eingeschüchtert, verfinstert und der Aberglaube an übersinnliche Mächte geweckt werden. Japan liefert den strikten Gegenbeweis: sein Volk ist das heiterste, kindlich froheste der Welt, stets zu Scherz und Schelmereien geneigt und in religiösen Dingen außerordentlich sorglos. Wer nur kurze Zeit bei den Japanern lebt und sieht, wie scheinbar geschickt und leicht sich das emsige Volk die Errungenschaften europäischer Zivilisation aneignet, wie gefällig und freundlich es dem Fremden gegenüber ist, wie wohlthätig seine Reinlichkeit gegenüber dem grenzenlosen Schmutz der Chinesen absticht, der wird des Lobes voll sein über das nette Völklein. So lauten auch die Berichte vieler Reisender außerordentlich günstig über den japanischen Charakter. Wer aber lange Zeit in Japan zubrachte, lernt an den Bewohnern auch mancherlei unangenehme Seiten kennen, die dem Globetrotter entgehen und ich habe von einem deutschen Kaufmann in Kobe sogar das scharfe Wort gehört: Je länger man die Japaner kennt, desto mehr verachtet man sie. Sicher ist, daß neben vielen guten Eigenschaften auch Oberflächlichkeit, Unzuverlässigkeit und Lügenhaftigkeit ihren Charakter kennzeichnen. Dagegen möchte ich nicht unbedingt in das Lamento einstimmen, welches viele Reisende über die „Jmmoralität und Schamlosigkeit" des japanischen Volkes erheben. Weil sie gelegentlich Japaner beiden Geschlechtes ungenirt im nämlichen Gemache baden sahen oder weil sie da und dort erfuhren, daß die Nacktheit durchaus nicht als etwas Unziemliches betrachtet wird, glaubten sie sich berechtigt, diesem Volke eine niedere Stufe der Gesittung zuzuschreiben. Dies ist ungerecht. Die Begriffe von Anstand und Sitte sind keine absoluten, sondern wechseln nach Zeit, Ort und anderen Faktoren, und man darf gewiß den sittlichen Werth eines Volkes nicht nach dem Bedürfniß seiner Körperverhüllung abschätzen, da man doch aus der Völkerkunde erfährt, daß Nacktheit und Sittsamkeit sich durchaus nicht ausschließen, daß einzelne Stämme, 115 wie die Eskimos und die Neuseeländer, ihre Kleider nur zum Schutze gegen die Witterungseinflüsse tragen und von Schamhaftig- keit keinen Begriff haben, und daß bei verschiedenen Völkern das Schamgefühl bald diesen, bald jenen Kvrpertheil zu verhüllen gebietet. Gilt doch bei den Araberinnen die Entblößung des Gesichtes als das Unanständigste. Hottentotteufrauen lasten sich durch nichts bewegen, ihre Hauben vom Kopfe zu nehmen und das Hinterhaupt zu entblößen, und eine Chinesin hält sich für tödtlich beschimpft, wenn ein Mann ihren künstlich verkümmerten Fuß sehen will. So ist der Anstand etwas, worüber Brauch und Sitte entscheiden, und ein frommer Muselmann, der sich an arabische Frauensitte gewöhnt hat, würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen, wenn er einen europäisch zivili- prten Ball mit ansähe. Nun fällt aber allerdings jedem Fremden, der zum ersten Male nach Japan kommt, der gewaltige Kontrast zwischen Kulturstufe und gewissen Sitten auf. Einerseits hat sich das japanische Volk die wichtigsten Errungenschaften europäischer Zivilisation angeeignet, arbeitet mit Dampf und Elektrizität, sangt Milch vom Busen der deutschen slwa maßsr, imitirt das französische Militärwesen bis auf den Gamaschenknopf; anderseits steht es noch auf dem Boden jener paradiesischen Naivetät, welche die Anwendung des Feigenblattes noch nicht kennt* oder nicht für nöthig hält. Dieser Kontrast erklärt sich dadurch, daß die Japaner aus ihrem relativen Naturzustände fast ohne Bindeglied sich auf die obersten Sprossen der Kulturleiter heraufgeturnt haben und nun dort herum- balanciren, ohne die vorhergehenden Stufen zu kennen oder ihnen ' Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß die Japaner (abgesehen von dem bis auf einen Leibgürtcl nackten Kuli> meist sehr sorgfältig und geschmackvoll gekleidet sind, daß sie aber an der Nacktheit gar nichts Unziem- l'cheS sehen, wie der Fremde in öffentlichen Bädern oder gelegentlich in Thee. oder Privathäusern genugsam ersährt. 116 Aufmerksamkeit zu schenken. Wollen sie aber oben bleiben, dann müssen sie unter allen Umständen das Versäumte nachholen und die Zwischenglieder der Entwicklung auch durchmachen; denn soll eine errungene Qualität Bestand haben und sich vererben können, so darf sie nicht sprungweise erworben sein, sondern muß sich nach den Regeln der Descendenz entwickelt haben. Sind einmal diese Lücken ausgefüllt, dann werden auch die Begriffe von Sitte und Anstand mehr den unsern ähneln; dann wird die Zivilisation die Schlange sein, welche den Japanern zeigt, „daß sie nackt sind." Ob sie darum dann moralisch höher stehen, ist eine andere Frage. — Ich gehe zu meinen speziellen Erlebnissen über. In Nagasaki konnte ich mich nur wenige Stunden aufhalten. Die Stadt zählt 30,000 Einwohner und enthält ein Fremdenviertel, saubere Häuser und geräumige Straßen längs des Ufers und ein chinesisches Quartier. Auf Desima, einer kleine», künstlich geschaffenen Insel, wohnten von 1639 bis 1858 als einzig geduldete Europäer die Holländer, bewacht und gedemüthigt wie Verbrecher, aber — im geldbringenden Besitze des Handelsmonopols. Holländische Kanonen sollen seiner Zeit bei den grausamen Christen- versolgungen ihr gutes Theil mitgeholfen haben. An einem der umliegenden herrlich bewaldeten Hügel in die Höhe steigend liegt ein großer Tempel im Schatten riesiger Kampherbäume und dicht daneben auf einer schattigen Terrasse, mit herrlicher Aussicht auf Stadt und Meer — ein japanisches Wirthshaus (tont ooiQms obsr nous), Theehaus genannt. Die Theehäuser sind die Hotels und die Kneipen Japans; der Wanderer findet darin nächtliche Unterkunft, der Hungerige Reis und Fisch, der Durstige seinen Thee und — wenn er wünscht — auch Saki (Reiswein); einen Hauptanziehungspunkt bilden aber, namentlich für die Fremden, die freundlichen kleinen Japanerinnen, welche in äußerst anmuthiger und natürlich naiver Weise die Bedienung besorgen und durch kindisches Geplauder und ihre stets heiteren 117 Launen mehr fesseln als der sanfte, »»gezuckerte Aufguß von japanischem Grünthee, den sie in kleinen Porzellanschälchen auftragen oder das Rauchmaterial, das jederzeit mitservirt wird und in einem Feuerbecken mit glühenden Kohlen, einem Spucknapf, einem halbfingerhutgroßen Pfeifchen und etwas feingeschnittenem japanischen Tabak besteht. Auch ich ließ mich, nachdem ich den Tempel mit seinen wunderlichen todten Holzfiguren genugsam angesehen, durch das lebensfrohe Lachen, das mir aus dem Theehause entgegen klang, gerne dort hineinlocken, fand auch einen Theil meiner Schiffsbekannten, die's noch nicht bis zum Tempel gebracht hatten, bereits darin vor und gestehe, daß ich mich auf japanische Art und Weise recht behaglich und gemüthlich fühlte, wenn auch nicht Alles, was 'ch sah, mit der Brille eines strengen Moralisten betrachtet werden durste. Zur Ehrenrettung der vielgeschmähten und verleumdeten japanischen Mädchen will ich gleich hier bemerken, daß sie im Großen und Ganzen mit einem kindlich frohen Sinne und einer naiven llngenirtheit doch auch eine in ihrer Art strenge und sie erst recht zierende Sittsamkeit paaren; dies wird Jeder zugeben müssen, der die japanischen Begrisfe von Anstand mit in Rechnung zieht und der seine Beispiele nicht in den für die fremden Rationen geöffneten Häfen sucht, wo eben — wie übrigens auch in europäischen Hafenstädten — das Laster in jeder Form zu finden ist.* Anläßlich des Tempels erwähne ich hier, daß in Japan zwei heidnische Kulte zur Herrschaft gelangt sind und sich nebeneinander entwickelt haben: der Shintoismus und der Buddhismus, zwei Religionen, denen viele Hunderte von herrlichen Tempeln und viele Tausende von Priestern dienen. — Der Shintoismus, auch Vertrauenswürdige Japankeuner rühmen die v«r Frau von guter Familie. musterhaft strengen Sitten 118 Kamilehre genannt, hat sich in ältesten Zeiten aus der Anbetung von Sonne und Mond, aus dem Naturdienste entwickelt und besteht in der göttlichen Verehrung der Kami oder Geister berühmter abgeschiedener Fürsten, lieber Verwandter, Gelehrter rc. Die Sitt entehre der Shintoisten dagegen stammt von Konfucius, dem chinesischen Sokrates, und enthält als oberstes Gesetz die Pietät gegen die Eltern, welche denn auch in Japan durchwegs in tadelloser und oft rührender Weise geübt wird. Der Kaiser Japans, der Mikado, ist Shintoist und so auch der größte Theil der vornehmen Familien. Der Buddhismus gelangte in der Mitte des sechsten Jahrhunderts nach Japan und fand ungeheure Verbreitung, da er die Shintögötter — wie früher die vielen Gottheiten des Brahmanen- thums — tolerant in sein System aufnahm und da die Schilderung der Seelenwauderungslehre und der fernen paradiesischen Welten, wo Gleichheit aller Buddhaverehrer herrsche, der japanischen Phantasie ungemein zusagte. Noch muß ich der christlichen Religion gedenken, welche gegen Ende des 16. Jahrhunderts 600,000 (nach anderen Angaben die dreifache Zahl) in Japan zählte. Die schrecklichen Verfolgungen, die durch Jahrzehnte fortdauerten, brachten Hunderttausenden einen qualvollen Tod; Marter, wie die Annalen der ersten Kirche sie nicht ausweisen, hatten diese japanischen Christen zu erdulden und zeigten dabei eine heroische Standhaftigkeit, wie sie die Geschichte aus den römischen Arenen und dem Kolosseum meldet. Und doch hat seit der Zeit, also durch mehr wie 200 Jahre hindurch, in der Nähe von Nagasaki, ohne Wissen der Regierung, eine große Gemeinde (Urakami) ihren christlichen Glauben bewahren können; die japanische Behörde soll 1868 bei Entdeckung dieser Thatsache anläßlich der Verkündung der Glaubens- und Gewissensfreiheit nicht wenig überrascht gewesen sein. Unser Schiff verließ Nagasaki Nachmittags 3 Uhr und langte nach dreißigstllndiger Fahrt durch die sogenannten Jnlandseen in 119 Kobe-Hiogo an. Diese Route sucht ihres Gleichen an Schönheit; meist sind ein oder beide Ufer deutlich sichtbar; schöne Wälder wechseln ab mit frischgrünen Reisfeldern; in den zahlreichen, durch Kähne aller Art belebten Buchten liegen freundliche japanische Dörser; oft erblickt man auch zwischen riesigen Kryptomerien die monumentalen Bauten eines Shinto- oder Buddhatempels, charakterisier durch eine zuführende breite Treppe und ein mächtiges Holz- oder Steinthor. Die Jnlandjeen sind reich an Klippen und grotesk geformten felsigen Inseln; oft verschließen diese die Perspektive derart, daß es kaum möglich scheint, einen Durchpaß zu finden; doch steuerte der von Nagasaki mitgenommene Lootse, Dank überall angebrachten Leuchtschiffen und Dank der herrlichsten Leuchte oben am Himmel, dem silberglänzenden Monde, unser Schiff auch bei Nacht sicher an allen Riffen vorbei, und am 23. August, Morgens 9 Uhr, lagen wir in der Rhede von Kobe vor Anker und bewunderten schon an Bord die schöne Stadt mit der prächtigen europäischen Häuserfront längs des Ufers und dem wild zerrissenen, gebirgigen Hintergründe. In Gesellschaft des chinesischen Pflanzers verließ ich das englische Schiff, um von Kobe aus die wichtigen Städte Osaka und Kioto, den frühern Sitz des Mikados, zu besuchen und erst mit zweitnächster Gelegenheit, einem japanischen Dampfer, nach Aokohama zu fahren. Diese drei Städte sind durch eine neuerbaute Eisenbahnlinie verbunden; sie führt durch fruchtbare Gefilde, Reis- und Kartoffelfelder, Theeplantagen u. s. f. und kreuzt mehrere breite Flußbette, die aber zur Zeit fast ausgetrocknet waren; demzufolge erforderte die Bewässerung der Reisfelder eine ganz besondere Aufmerksamkeit und mühevolle Arbeit; wir sahen Tausende von fleißigen Bauern, welche — gegen die Gluth der Sonne nur spärlich geschützt — mittelst riesiger Hebelarme Wasser aus Cystcrnen schöpften und in die Felder goßen. Zu beiden Seiten der Eisenbahnlinie liegen freundliche Dörfer, denen man die Wohlhabenheit ansieht; hie und da auch ein Tempelhain, 12V eine dunkelgrüne Oase in dem hellgrünen Reismeere, oder ein mit Grabsteinen dicht besäter Todtengarten. Streift das Auge weiter, so trifft es aus einer Seite das blaue Binnenmeer, belebt durch zahlreiche Segelboote, auf der andern einen überaus malerischen Gebirgszug mit Wasserfallen, zerrissenen Felsen und schönen Baumgruppen. In Osaka blieben wir nur einige Stunden. Die Stadt zählt 260,000 Einwohner und ist, was Binnenverkehr anbelangt, die erste Handelsstadt in Japan, während der Hafen zu seicht ist, um größere Schiffe hereinzulassen und also mit Koke und Uoko- hama längst nicht mehr konkurriren kann. Imposant ist das alte Kastell mit gewaltigen Umfassungsmauern aus Granitquadern, in deren Umgebung während des japanischen Bürgerkrieges des Mittel- alters Ströme Blutes geflossen sind. Sonst bietet die Stadt wenig Sehenswerthes. IX. Kioto. — Mannkraftwagen. — Maru-Iaina-Hotel. — Linguistische Leistung unseres Führers. — Japanische Kinder. — Palast deS Mikado. — Tempel. — Lheaterleben. — Besuch am Biwa-See. — Japanische Schule». — Der Nachtstuhl als Erlösung. — Fahrt nach Nokohama. — Juug-Japan. — Hokohaina. — Tokio. — Schluß. Um so schöner und interessanter ist Kioto, die westliche Hauptstadt Japans (im Gegensatz zu Tokio, der östlichen), mit 240,000 Einwohnern, 64,000 Häusern, 100 Shinto- und über 900 Buddhatempeln. Schon der Weg nach Osaka bis Kioto ist prachtvoll i die Bahn fährt zwischen Kulturen von einer Ueppigkeit, die an die Tropen erinnert; dichte Bambuswälder wechseln ab mit ehrwürdigen Fichtenhainen und eine überraschende Szenerie folgt der andern. Zu beiden Seiten des Bahnkörpers gedeiht üppig die prächtige Lotos; taufende von faustgroßen Blüthen, 121 deren schneeweiße Grundfarbe an den äußern Blättern rosenroth angehaucht ist, entzücken das Auge. In weiter Ferne taucht ein himmelanstrebendes Monument auf, die eine große Pagode von Kioto. Eine halbe Stunde später waren wir am Bestimmungsort angelangt und ließen uns per Jinriksha nach dem von einem Japaner in europäischer Weise betriebenen Gasthof überführen. Die zweirädrigen Handwagen (Jinriksha — Mannkraftwagen) sind in Japan das einzige, aber überall verbreitete Beförderungsmittel. Sie wurden von einem amerikanischen Missionär erfunden und fanden rasche Nachahmung, da sie sich für die sehr schlecht gehaltenen Verkehrswege Japans außerordentlich eigneten. In Tokio allein sollen über 50,000 Exemplare in Thätigkeit sein. Bedenklich fcheint mir aber, daß durch dieses Institut dem Lande Hundertlausende der besten Arbeitskräfte entzogen werden; denn selbstverständlich können nur kräftige Männer die oft ungeheuerlichsten Leistungen mit der Jinriksha aushalten und haben dabei nicht nur jede andere Thätigkeit aufgegeben, sondern werden auch sehr häufig lungenkrank (dämpfig), was leicht zu begreifen ist, wenn man bedenkt, daß sie oft stundenlang ununterbrochen im raschesten Laufschritte ihre Jnsaßen — oft sind's auch deren zwei — vorwärts ziehen. Nach halbstündiger Karrenfahrt durch eine bunte japanische Welt, vorbei an tausend noch fremden Bildern, welchen das Auge nicht folgen konnte, langten wir im östlichsten Theile der Stadt an und hatten noch einige Minuten bergan zu steigen, um unsern Gasthof in Maru-Pama zu erreichen. Es ist ein einfacher japanischer Holzbau mit Veranden; doch sind europäische Betten und Möbel da und der japanische Besitzer führt auch eine ganz passable europäische Küche. Als ich auf die Veranda trat und einen Blick warf auf das herrliche Panorama, das gewaltige — von breitem Flusse durchströmte — zu meinen Füßen liegende Häusermeer Kiotos und den wunderbar schönen Rahmen von Bergen, folgte 122 ein Ausruf des Entzückens dem andern und mein Reisebegleiter, der doch schon viel von der Welt gesehen hatte, stimmte rückhaltlos mit ein. Auch der Hintergrund des Hotels ist prächtig; der Hügel, an dessen Abhang es liegt, steigt noch einige hundert Fuß weiter in die Höhe und trägt eine majestätische Vegetation; Kampherbäume und Kryptomerien in Riesenexemplaren, dazwischen blühende Strauchgewächse, die man bei uns nur verkümmert in Treibhäusern hat. Die allernächste Umgebung des Hotels ist zu einem japanischen Garten umgewandelt und besteht aus einem malerischen Gemisch von Steingruppen, Zwergbäumen aller Arten, kleinen Tempelchen, Miniaturseen und -Bächen mit dito Brücken, bronzenen Figuren, kurz allen jenen Liliputanlagen und -Bauten, wie sie die japanische Gartenkultur charakterisiren. Wie in vielen andern Dingen, so zeigen auch Hiebei die Japaner eine gewisse naive Kindlichkeit und lieben es, ihre Gärten in einer Weise anzulegen, wie dies etwa einem spielenden Kinde einfällt, dem mau Sand und den Inhalt einer Jahrmarktsschachtel zur Disposition stellt. Doch bewundere ich dabei den Geschmack im Gruppiern und die Kunst, Bäume, welche sonst nur in großen Exemplaren vorkommen, so zu ziehen, daß sie nicht etwa wie unnatürliche Krüppel, sondern wie die zierlichsten Miniaturfigürchen ihrer großen Stammeltern aussehen. Bei unsern Streifzügen durch die Stadt geriethen wir hie und da in große Verlegenheit, weil in ganz Kioto kein Europäer oder ein anderer englisch sprechender Mensch zu finden war. Reisende nehmen sich, wie wir erst nachher erfuhren, gewöhnlich einen Dolmetscher von Osaka oder Kobe her mit. Ein sogenannter Führer, den man schließlich im Hotel für uns auftrieb und der, wie es hieß, englisch sprechen könne, verstund genau so viel, um uns mit dem Wirthe zu verständigen; seine Erklärungen der Sehenswürdigkeiten aber waren eine linguistische Leistung, wie ich sie in meinem Leben nie gehört und die ungefähr so tönte und uns gerade so verständlich war, wie wenn Einer, den Mund voll heißer 123 Kartoffeln, das chinesische Alphabet heruntergelesen hätte. Glücklicherweise hatte ich mich durch Lektüre gehörig vorbereitet und war zusrieden, wenn uns der Führer nur den Weg zeigte. Verständnißvoll lächelte er bei jeder an ihn gestellten Frage und beantwortete sie mit einem tiefsinnigen ^ss, das mich gelegentlich zur Verzweiflung brachte. Z. B.: „Wie heißt jener große Berg dort?" Freundliches Lachen und als Antwort. „Nein, ich frage, wie der Berg heißt?" Verstärktes Lachen und noch- maliges „Verstehen Sie mich nicht? ich frage den Name» jenes Berges." Ungeheures und verständnißvolles Lachen, gefolgt von einem etwas schüchternen „„Ves naurs."" Nochmals wiederholte ich mit einem vaterländischen „Donnerwetter" meine Frage, da ging dem Manne plötzlich ein Licht auf; er machte ein ernstes Gesicht und antwortete mit wichtiger Miene und im Bewußtsein, das Richtige gefunden zu haben- „„'kes mormtain."" Nachdem ich auf diese mühselige Weise erfahren, daß der Berg ein Berg sei, verzichtete ich auf weitere Belehrung von Seiten unseres Führers. Ueber 1000 Jahre lang war Kioto der Sitz des Mikados und in jeder Beziehung der Mittelpunkt Japans, der nun seit 1868 allerdings mehr nach Tokio verlegt ist. Doch nimmt Kioto in der Seiden-, Bronze- und keramischen Industrie jetzt noch weitaus den ersten Rang ein und ist eigentlich die interessanteste aller japanischen Großstädte, weil noch kein Europäer dort Posto gefaßt und noch kein fremder Einfluß die Sitten und Gebräuche verändert hat. ' Meine größte Freude war es, in den Straßen herum zu schlendern, und stundenlang konnte ich das bunte, fremde Leben beobachten, ohne müde zu werden. Die Straßen sind meist gerade und größtentheils sehr reinlich, was wohlthätig ausfällt, wenn man noch den Schmutz chinesischer Städte in Erinnerung hat. Die Häuser bestehen aus leichtem, hölzernen Rahmenwerk, das funda- »lentlos auf Pfählen ruht und durch ein schweres, oft sehr 124 kunstreich geschweiftes Dach gedeckt ist. Durch verschiebbare Rahmen sind auch die einzelnen Zimmer von einander geschieden. Die Lücken zwischen dem Holzgitterwerk sind durch mattweißes Papier verschlossen, welches die Stelle der Fenster vertritt und das Licht einfallen läßt. Wünscht der Neugierige rasch einen Blick auf die Straße zu thun, so fährt er mit dem Finger durch eine dieser papierenen Scheiben. Manche Wände sehen auf diese Weise ganz durchlöchert aus; aber ich habe mehr kleine, zarte Fingerchen als dicke Männerfinger durchschlüpfen sehen. Einen überaus köstlichen Anblick gewähren die Kinder: die kleinen Menschen sind meist glatt rasirt bis auf drei Haarlocken auf Scheitel und Schläfen oder einen ringförmigen Haarbüschel und tragen daneben dieselben Kleider wie die Erwachsenen, nämlich vor Allem den Kimono, einen langen, vorn offenen bunten Rock mit weiten fliegenden Aermeln, der am Leibe mit einem breiten Gürtel, dem Obi, befestigt ist. Die Füße sind, wenn die Kinder nicht barfuß gehen, mit baumwollenen Socken bedeckt, bei welchen die große Zehe, wie bei Fausthandschuhen der Daumen, abgesondert ist; zwischen ihr und den übrigen geht die Strohschnur durch, welche die Sandalen oder die, namentlich bei schlechtem Wetter gebräuchlichen, stelzenartigen Holzschuhe am Fuße befestigt. Wie weise und verständig sehen diese so gekleideten Kinderfigürchen aus, wenn sie Hand in Hand durch die Straßen marschiren! Und wie vernünftig und altklug hockt der kleine, zwei- bis dreijährige Japaner vor dem väterlichen Verkaufsladen, gerade als ob die ganze Last des Geschäftes auf ihm ruhe! Aber der Schalk sitzt ihm doch in den Augen, und wenn Du ihn anlachst, so verzieht sich sein kleiner Mund zu einem neckischen Lachen; die Grübchen erscheinen in seinen Backen, und er steht rasch auf und verkriecht sich hinter den Kimono seines Vaters, hinter dessen Falten er schelmisch hervorguckt. Meine, rückhaltlose Bewunderung zollte ich den Seiden-, 125 Porzellan- und Metallarbeitern Kiotos, die ich in den verschiedensten Werkstätten zu beobachten Gelegenheit fand. Es sind wahre Künstler darunter und ich vergesse namentlich einen Arbeiter nicht, der mit fabelhafter Schnelligkeit und wahrhaft genialer Schöpfung die schönsten und originellsten Bilder ex bsmpors auf Porzellan hinwarf. Die frühere Residenz des Mikado, das jetzt leer stehende Schloß, ist ein riesiges Labyrinth von Höfen, Gängen und Gemächern, die mit feinen Strohmatten bedeckt und wie beim gewöhnlichen japanischen Hause durch Schieberwände von einander getrennt sind. Die Bauten sind aus Holz aufgeführt und mit Rinde gedeckt und nur die Größe der Gemächer und die Feinheit der Matten zeigen, daß man nicht in einem einfachen Privathause sich befindet. Möbel sind nirgends zu sehen; als einzige Dekoration » hängen in dem Saale, an dessen Pforte der Mikado früher die verhüllten Hauptes im Freien liegenden Obersten des Landes begrüßte, die in Oel gemalten Porträts des Kaisers und seiner Gemahlin; er ist ein Mann von 34 Jahren, mit außerordentlich nichtssagenden und widerlichen Gesichtszügen, vorstehendem Unterkiefer u. s. w., und scheint auf dem Oelgemälde wirklich nur das Stativ zu sein für die brillante französische Uniform, welche er trägt. Seine Frau ist eine blaffe, schmächtige Schönheit, mit stark ausgeprägten Schlitzaugen. Der herumführende Diener und ebenso unser in der englischen Konversation so gewandte Führer verbeugten Nch bis auf den Boden vor den beiden Majestäten. Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Kiotos bilden die * Tempel. Sie sind alle mehr oder weniger nach dem nämlichen Typus gebaut, den ich aber hier nur kurz andeuten kann: die Buddhatempel liegen (wie auch die Kamihallen) gewöhnlich etwas abseits der Straßen in großen Höfen oder schattigen Hainen. Der Zugang ist ein durch ein oder mehrere Portale überdachter, mit Steinplatten belegter Pfad. Längs desselben sind oft ganze 126 Reihen von Theehäusern, Verkaufsbuden aller Art, Theatern, Marktschreiern, Zauberkünstlern rc. Durch verschiedene Vorhöfe, die durch größere Portale und Heiligenbilder aller Art von einander getrennt werden, gelangt man erst zum eigentlichen gewaltigen Tempelraum, in dessen Mitte eine breite Holztreppe zu der Halle führt, in welcher die Andächtigen mit Rosenkränzen am Boden kauern. Den Gott bestellen sie sich durch Anschlagen an eine Trommel oder einmaliges Klatschen zur Audienz und zur Bekräftigung ihrer Gebete werfen sie Kupfermünzen in die überall bereit stehenden Geldkästen. Die Altäre, an welchen die Priester amten, sind mit Gold und Edelgestein reich ausgestattet. Eine hölzerne Buddhastatue, die in Kioto Gegenstand häufiger Wallfahrt und Anbetung bildet, ist so groß, daß man bequem in deren Kopf herumspazieren kann; doch ist sie ein plastisches Absurdum und nicht zu vergleichen mit dem knpferbronzenen Daibutzu in Kamakura, den ich später beschreiben werde. An den Tempelportalen und Dächern, sowie an den reich verzierten Fürstengrüften in den Tempeln sind die höchsten und staunenswerlhesten Leistungen der japanischen Kunst zu sehen. Das richtige bunte japanische Volksleben beobachten mir Nachts in den von tausend und tausend bunten Papierlaterneu erleuchteten Hauptstraßen Kiotos. Ich glaubte ein Märchen aus Tausend und einer Nacht zu erleben, als ich am Arme meines Reisegefährten in dieser mir ganz neuen und zauberhaften Welt herumbummelte. In dichtem Gedränge wogte Alt und Jung, Mann und Frau und Kind durcheinander; sogar die kleinen und kleinsten Kinder machten auf den Rücken ihrer Mütter oder ihrer wenige Jahre ältern Geschwister die Nachtpromenade mit und wurden — süßschlummernd — in stickluftige Theaterräume und lärmende Schaubuden geschleppt. Hunderte von Fechtern, Zauberern, Theatern rc. produziren sich zu beiden Seiten der sogenannten Theaterstraße und für wenige Sen (1 Sen — 4 Rappen) unterhält sich hier 127 die japanische Familie einige Stunden und raucht — Männleiu wie Weiblein — ihren Tabak dazu. Wir betraten unter Andern! ein kleines Volkstheater, auf dessen Brettern eine große Familien- tragödie sich abspielen sollte. Als wir hereinkamen, war eben ein zirka zehnjähriger Knabe als einzig handelnde und redende Person auf der Bühne; unsere Erscheinung erregte großes Aufsehen und der bestürzte kleine Schauspieler schloß mitten im Satze plötzlich ab . und verschwand eiligst. Nach kreischendem Wortwechsel hinter den Coulissen erschien er aber bald wieder und sagte schüchtern und desangen sein Sprüchlein zu Ende. Nachher trat der Held des Stückes auf, ein finster dreinblickender Mann mit großem, falschem Schnurrbart, der von den Zähnen auszugehen schien, und setzte sich würdevoll auf einen Stuhl, die Hände auf ein mindestens anderthalb Meter langes Schwert gestützt; als zweite handelnde Person erscheint mit hahnentrittartigem Theaterschritt (größten Kalibers, das sogleich das andere Geschlecht verräth) ein bleiches Weib; es ballt die Fäuste vor dem unbeweglich dasitzenden Manne, offenbar ihrem Gemahl, und spricht mit furchtbar übertriebener Leidenschaft eine lange Rede. Wahrscheinlich sind es Vorwürfe, die sie dem ungetreuen Gatten macht. Aber er rührt sich nicht auch könnte man nichts an seiner innern Erregung errathen, wenn nicht der gewaltige Schnurrbart von Zeit zu Zeit bei dem ergreifendsten Pathos des Weibes gegen die Nasenspitze hinauf- hüpste (wobei der in die Mundhöhle gehende Draht sichtbar wird), um gleich darauf matt wieder zurückzusinken. Endlich wird's ihm zu viel, dem Manne nämlich; er erhebt sich, streift die Aermel zurück und stößt sein Schwert in den Busen des grimmen Weibes; ui diesem Augenblicke erscheint der Knabe des Paares wieder, uni die Mutter zu retten; auch ihn trifft der verderbenbringende Stahl des ruchlosen Vaters; er überpurzelt vier, fünf Mal im Todes- kanipfe und verschwindet von der Bühne, um gleich darauf durch großes Loch der Coulissen zuzusehen, wie sein Vater auch 128 dem Letzten der Lebenden auf der Bühne, sich selbst, den jammervollen Garaus macht. Die japanischen Zuschauer waren tief ergriffen; der mordende Vater schaute nachher stolz und im Bewußtsein, in der Tragik das Höchste geleistet zu haben, auf uns herab und wir — barsten fast vor innerlichem Lachen. Noch Nachts um 1 Uhr, als wir auf der Veranda unseres Hotels von den Tagesmühen ausruhten und die herrliche Kühle und Stille der Nacht in vollen Zügen genossen, drang zeitweise das Getümmel der lebensfrohen Menge wie fernes Brausen an unser Ohr. Einen Tag benützten wir, nm die Endstation der Eisenbahnlinie, das Städtchen Otzu an dem durch seine landschaftlichen Schönheiten berühmten Biwa-See, zu besuchen. Die Zufahrtslinie zeigt die Schönheiten der Route Osaka-Kioto noch in gesteigertem Maße; das Terrain wird schließlich recht gebirgig. Aber der See und seine Umgebung ist nicht so schön, wie sein Ruf ihn darstellt, und kann sich in keiner Weise z. B. mit dem Genfersee messen, mit welchem er eine entfernte Ähnlichkeit hat. Wie überall, ging ich auch in Otzu meiner Liebhaberei nach und schlenderte in all den Straßen und Gäßchcn herum, trat auch in die Häuser und Verkaufsläden ein und die Leute ließen mich — obschon wir uns sprachlich natürlich nicht verständigen konnten — gerne gewähren, weil sie bald sahen, daß der Eindringling keine bösen Absichten hege. Das schönste Haus in Otzu ist — wie fast in jeder, auch der kleinsten japanischen Ortschaft — das Schulhaus. Daß ich da sofort hineinspazierte, versteht sich von selbst. Im Vorraume stunden zierlich in Reih und Glied die Sandalen und Holzschuhe der kleinen Studenten und Studentinnen und daneben lehnten schön gleichmäßig die ölpapierenen Sonnenschirmchen. Das Schulzimmer mit Luft von allen und Licht von einer Seite, war in offener Verbindung mit einem Raume, in welchem die zwei anwesenden Lehrer ihre unentbehrlichen Thee- und Rauchrequisiten auf einem Tische hatten. Die Kinder saßen zn zwei und zwei auf gut konstruirten, der Größe ungefähr angepaßten Holzbänken, mit Rücklehne und Tisch, und waren eben mit Lesen beschäftigt. Es machte mir ganz besonders Spaß, zu sehen, wie die Schulmanieren der japanischen Jugend ganz die nämlichen sind, wie sie unsere Kleinen auch zu haben pflegen. Der siebenjährige Knirps dort, der — zum Weiterlesen aufgefordert — eben aufsteht, hat nicht aufgepaßt und sucht durch verschiedenes Husten und Räuspcrn die Zeit, da er anfangen soll, etwas hinauszuschieben, um von den Einbläsern noch glücklich den schmerzlich gesuchten Faden zu erwischen. Jetzt hat er ihn und mit vorwärts gerecktem Kopse fängt er mit überlauter Stimme zu lesen an und in einem Tempo, das die bisherige Verlegenheitspause wehr als gut machen soll. Aber ich hab' mir's gedacht, daß es nicht so über Kopf und Hals fortgehen kann; bereits beginnt das Stottern und jenes bekannte leere Schlucken, das die holperigen Leser lieben, wenn sie vor einem schwer zu buchstabirenden Worte llehen. Jetzt schneidet ihm ein Spitzbube von Nachbar eine Grimasse ins Gesicht, während die zwei Lehrer sich mit uns unterhalten, und der Redefluß erfährt eine Unterbrechung durch ein mühsam unterdrücktes Kichern. Das Unterrichtsprogramm in den japanischen Volksschulen, deren Besuch während sechs Jahren obligatorisch ist, enthält folgende Fächer: Lesen, Schreiben, Rechnen (mit der japanischen Rechentafel und Kopfrechnen), Geschichte, Geographie, Naturkunde, soweit sie bruchstückweise in den Lesebüchern enthalten ist, und in neuester Zeit auch Turnen, während der Gesangsunterricht vorläufig wegen Mangels an Melodien und Liedern noch ein fruchtloses Bestreben ist. 2iuf die obligatorischen Volksschulen folgen die fakultativen Mittel- fchulen, an welchen auch Deutsch und Englisch gelehrt wird. höchstes Lehrinstitut endlich existirt in Japan die großentheils mit deutschen Lehrern besetzte Universität in Tokio und eine durch wnen Deutschen eingerichtete, aber jetzt von Japanern geleitete 9 130 Medizinschule in Kioto, welche über ein musterhaftes, ganz in europäischem Style erbautes Hospital verfügt. Wie mich Sprachkundige versicherten, ist es aber für die japanische Nation unmöglich, sich jemals auch innerlich zu der hohen Stufe europäischer Zivilisation zu entwickeln, so lange ihre jetzige Sprache nicht durch eine zivilisirte ersetzt wird. Armuth im Wortschatz und Mangel der Flexion (das Japanische ist eine agglutinirende Sprache) sollen den freien Gedankenausdruck so hemmen, daß es z. B. höchst schwierig, oft geradezu unmöglich ist, Produkte der europäischen Kultursprachen ins Japanische zu übersetzen. Ob die Japaner sich zu dieser revolutionären Neuheit entschließen, wird die Zeit lehren; man möchte es fast glauben, wenn man sieht, wie leicht bereit sie sind, alles Alte über den Haufen zu werfen, und wie rasch und ich möchte fast sagen pietätlos sie ihre alten Institutionen mit modern-europäischen vertauschen. Von den beiden Lehrern mit Thee und Tabak bewirthet und schließlich mit den in Japan gebräuchlichen wiederholten tiefen Bücklingen verabschiedet, verließen wir das freundliche Schulhaus und nahmen den günstigsten Eindruck mit fort. Im offenen Eisenbahnwagen des nach Kioto bereit stehenden Zuges genossen wir dann angesichts einer stattlichen Zuschauermenge unser mitgebrachtes Frühstück; jede unserer Bewegungen wurde von mindestens dreißig Paar Augen verfolgt und ich weiß nicht, ob sich dieselben mehr über meinen Durst oder aber über den glücklichen Appetit meines Reisegefährten wunderten. Schließlich geruhten wir „in königlicher Huld" dem Volke die Ueberreste unserer Mahlzeit mitzutheilen, und fuhren, vergnügt über die vielen freundlich lachenden Gesichter, nach Kioto zurück. Bis zum Abend des 28. August waren wir wieder in Kobe und erfuhren daselbst, daß der Mittags erwartete japanische Dampfer durch einen Taifun zurückgehalten worden sei und erst 131 i zwei Tage später ankomme. So blieb uns Zeit genug, auch noch diese Hafenstadt mit ihrer schönen Umgebung und ihrem reichen e s Volksleben anzusehen. Unter dem fremden Einflüsse hat sich dies c allerdings in manchen Beziehungen verändert, namentlich in der e früher schon erwähnten Weise. Die Bedienung in den Thee- ) Häusern Kobes ist denn auch zum Theil von einer Zudringlichkeit e und unverfrorenen Ungenirtheit, die anwidert und recht kontrastirt o mit der zutraulichen, aber äußerst sittsamen Freundlichkeit der h Mädchen, die uns in Kioto unsern Thee servirten. Nochmals i suchten wir eines der vielen Volkstheater auf und fanden neuen Stoff zur Erschütterung unseres Zwerchfelles. Auf einer großen , Bühne spielte sich, angesichts einer beträchtlichen Zuschauermenge a und begleitet von den Tönen einer Samisen (dreisaitige Guitarre) 'i und einiger näselnder Sängerinnen, eine längere Familienintrigue . 7 ab, die damit endigte, daß sich sämmtliche Betheiligte zu einem Gastmahl zusammenfanden; dabei zeigte aber Einer nach dem Andern, v wohl in Folge Genusses einer vergifteten Speise, die unverkenn- n baren Zeichen eines grimmigen Bauchwehs und offenbarte seine s Gefühle und Wünsche in sehr unverblümten Pantomimen; allseitiges Stöhnen, wildes Durcheinanderjagen, vergebliches Suchen nach n ^ einem Ausgang; endlich öffnet sich die verschlossene Thüre und es > uaht die Erlösung in Gestalt eines hereingetragenen — Nacht- n stuhlcs, dessen wohlthätige Wirksamkeit dann auch successive und ß mit einer mimischen Vollendung, die wirklich einer schönern Sache r würdig gewesen wäre, auf den Gesichtern der Schauspieler sich >. ^ ausdrückte. — Ich bitte um Verzeihung für die Schilderung dieser e unästhetischen Szene; zur Charakteristik der dramatischen Kunst e Japans schien sie mir fast unerläßlich; gerne hätte ich irgend einen andern Gegenstand als Erlösungsobjekt eingeschaltet; aber wenn >e Es sich uni einen Nachtstuhl handelte, konnte ich doch nicht von . >e Einer Zuckerbüchse erzählen. st Was sich auf den japanischen Brettern abspielt, ist — wie 132 ich noch mit andern Beispielen belegen könnte — nicht stets der Inbegriff des Anständigen und so ist es begreiflich und ganz am Platze, daß für Mädchen aus guter Familie der Theaterbesuch ein unerlaubtes Vergnügen ist. Auf dem großen japanischen Dampfer, der, von Shanghai herkommend, uns nach Bokohama brachte, hatten wir Gelegenheit, japanische Typen aller Klassen zu beobachten. Das Schiff war überfüllt mit Passagieren und auch die Betten der ersten Kajüte sämmtlich besetzt. Es ist ein großer Sprung von dem Kuli, dessen einziges Kleidungsstück der Lendengurt und Strohsandalen sind, zu dem vornehmen Japaner, der in seiner Kleidung bis ins Kleinste den Europäer nachzuahmen sucht. Aber das erstgenannte Extrem war mir das sympathischere und erschien mir eigentlich als ganz selbstverständlich und gar nicht so auffallend, da die dunklere Hautfarbe, sowie die noch häufigen Tätowirungen (jetzt ist diese Art von Dekoration der Haut gesetzlich verboten) die Nacktheit mehr oder weniger aufheben. Einen um so komischeren und unnatürlicheren Eindruck machte mir „Jung-Japan" in seiner europäischen Hose, welche — sie mag noch so ausgezeichnet zugeschnitten sein — eben die stets krummen Beine doch nicht gerade erscheinen läßt; seinem elegante» Rocke, dessen Schöße bis zu den Knieen reichen und unbeholfen dort herumbaumeln, wenn der Träger die stets nach einwärts gedrehten Füße vorwärts bewegt; seinen riesigen Manchetten und Vatermördern und einem Hute, der nun eben einmal — mag er Cylinder oder Filz- oder Strohhut heißen, mag er rund oder oval oder eckig sein — niemals für einen japanischen Schädel die paffende Form hat. Der europäisch gekleidete Japaner braucht nur eine einzige Bewegung zu machen, um zu dokumentiren, daß er nicht in seinem wahren Kleidungs- , elemente steckt, daß der Rock zivilisirt, aber der Mensch noch sehr japanisch ist; ich mußte bei seinem Anblick stets an einen Jungen denken, der zum ersten Mal die Höslein an hat, unsäglich stolz 133 darauf ist und sich anderseits halb genirt, sie der Welt zu zeigen, von der er sie doch so gerne bewundern lassen möchte. Die japanische Frau aber — auch die vornehme — hat sich in ihren Kleidern noch um kein Jota der europäischen Mode adaptirt; sie trägt den früher beschriebenen Kimono von bunter Seide oder, die ärmere, von Baumwolle; der breite, gürtelförmige Obi ist Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und besteht aus schwerem, steifem Seidengewebe; er wird als Schärpe um die Taille gelegt und hinten in eine mächtige Schmetterlingsschleife geschlungen. Die Hauptzierde der japanischen Frau, ihr prachtvolles, rabenschwarzes Haar, ist durch reichliche Behandlung mit Cameliensamenöl glänzend und geschmeidig gemacht und zu einem so kunstreichen Gebäude verarbeitet, daß dessen Herstellung mehrere Stunden in Anspruch nimmt und es nur alle acht Tage erneuert wird. Um diesen Triumph der Haararchitektonik zu schonen, stützt die Frau während des Schlafes ihren Nacken durch ein schmales, gepolstertes Holz, die Makura, wobei der Kopf vollständig frei liegt. Sehr entstellend für die oft lieblichen Gesichtszüge der Japanerinnen ist es, daß sie nach der Verheirathung ihre Zähne mit gerbsaurem Eisen glänzend schwarz färben. — Auch die Frauen Japans, so zierlich und graziös sie sonst in ihren Bewegungen sind, haben einen plumpen, schleppenden Gang und drehen dabei die Fußspitzen nach «inwärts, so daß man das Modell für eine Aphrodite vergeblich unter ihnen suchen würde. Ueberaus komisch war es, zu sehen, mit welch ausgebildetem und langem Ceremoniell sich die vornehmen Japaner auf unserm Schiffe behandelten. Da verneigen sie sich, indem sie die Handflächen auf die Oberschenkel legen, bis über einen rechten Winkel hinaus und bleiben oft so lange in dieser Position, weil keiner der Erste sein will, der zurückgeht, schielen aber aus ihrer unbequemen Lage gegenseitig zu einander herüber, um es zu sehen, sobald der Andere Miene macht, den Nk der Höflichkeit zu unterbrechen. 134 Aber auch die einfachsten Kuli beobachten einen ceremoniellen Anstand im Verkehr mit einander, verneigen sich, bedanken sich zum zwanzigsten Male für eine Tasse Thee, die der Eine vielleicht vor einem halben Jahre bei dem Andern genossen hat, und was dergleichen Formeln mehr sind. Bei der Kindererziehung wird sehr viel Gewicht auf diese äußern Anstandslehren gelegt und für die kleinen Mädchen existiren praktische Kurse, in welchen sie mit der Handhabung des Theetopfes, mit den verschiedenen Verbeugungen, mit der Art, die Gäste zu bedienen u. s. w. bekannt gemacht werden. Ein vornehmer Japaner versicherte mir, daß zur Erlernung gewisser rein ceremonieller Formalitäten ein Jahr Uebungsund Lehrzeit nothwendig sei. Nach dreißigstündiger Fahrt langten wir am Morgen des 31. August in der Bucht von Pokohama an. Wer vom Meere herkommend die prächtige Stadt sieht, die längs des Strandes verlaufende Hauptstraße — den Bund — mit monumentalen Hotels, stattlichen Klubhäusern u. s. w., der kann kaum glauben, daß im Jahre 1859 nur ein unbedeutendes Fischerdorf daselbst gestanden habe. — Die etwas mehr nördlich gelegene damalige Hafenstadt Kanagawa verschwindet jetzt ganz gegenüber ihrer unter europäischen Fittigen rasch aufgeblühten Rivalin. Dokohama ist gegen Westen durch einen theilweise bewaldeten und an einem Ausläufer (dem sogenannten Bluff) mit Hunderten von prächtigen Villen und Gärten bedeckten Hügelzug abgeschlossen; im Hintergründe sieht man die majestätische Pyramide des Fuji-Dama. Während ich mir dieses prächtige Landschaftsbild in Gedanken vergegenwärtige, tauchen lebendig alle die schönen Erinnerungen auf, die sich damit verknüpfen: Mein gemüthliches Daheim im Hause meines Gastfreundes Herrn Z. von Winterthur, die vielen schönen Stunden innerhalb der Mauern des Konsulats (Herr W. von Zürich), woselbst sich allsonntäglich am Abend eine vaterländische Tafelrunde zusammenfand; die fidele Kompagnie bei dem feuchtfröhlichen Freunde T. von Dübendorf; die wundervolle Mondnacht vor dem erhaben über Stadt und Meer gelegenen Bungalow des Herrn M. aus Basel, die herrlichen Touren nach Kamakura, dessen bronzene Kolossalstatue des Buddha ein Wunder der plastischen Kunst ist, und nach der Insel Enoshima; die Reise nach den malerischen Gebirgsschluchten von Mianoshita, an den Hakonesee und über den Hakonepaß nach Atami, dem durch einen intermiltirenden Strudel berühmten Badeorte, und namentlich auch die in paradiesischer Sorglosigkeit und Ungezwungenheit verlebten Tage in Tomioka, wo meine Gastfreunde in herrlicher Bucht am Meere gelegen ein kleines japanisches Haus gemiethet haben, um Sonntags von den Geschästssorgen daselbst auszu- ruhen. Leider fehlt mir die Zeit, alle diese schönen Erinnerungen jetzt noch weiter auszuführen; aber nur mit Mühe halte ich die Feder davon zurück; habe ich doch auf diesen letztgenannten Touren in angenehmster Gesellschaft einen der schönsten Theile des japanischen Landes und ein gutes Stück seines Volkslebens kennen gelernt. Mehrere Tage verlebte ich auch in Tokio, der japanischen Haupt- und Residenzstadt, die mit Aokohama durch eine Eisenbahn verbunden ist. Mein Quartier hatte ich bei gastfreundlichen deutschen Kollegen, von deren Wohnung aus man einen bezaubernden Ausblick aus die 300jährigen Tempelhaine zu Uyeno und einen zu Füßen liegenden, mit Lotosblumen gänzlich überdeckten See genießt. — Tokio lernte ich, Dank der Führung meines Gastfreundes, vr. S. von Darmstadt, von allen Seiten kennen, von den unzivilisirtesten Volkskreijen bis hinaus zum — deutschen Gesangverein, der, allerdings in bescheidener Mitgliederzahl, aber frohen Muthes und eifrigen Strebens, jeden Samstag Abend unter Leitung eines deutschen Kapellmeisters seine Lieder erschallen läßt. Mein Erstaunen war groß, als ich unter diesen Sängern im Herzen Japans einen 136 Mann aus dem engern Vaterlands, Herrn B. von Häusern bei Wigoltingen, vorfand. Besonderes Interesse hatte es für mich, die medizinischen Lehranstalten Tokios zu besuchen; neben der deutschen Medizinschule existirt auch eine japanische, in welcher die Assistenten der deutschen Professoren die Vortrage ihrer Chefs in japanischer Sprache wiedergeben. Japan thut in neuester Zeit sehr viel für Volks-Hygieine und besitzt seit 15 Jahren auch die Segnungen des Impfzwanges; die Wirkung ist eine so augenfällige, daß sogar der gemeine Mann nicht daraus ausmerksam gemacht zu werden braucht. Während man sehr häufig ältere Leute mit pockennarbigen Gesichtern antrifft und aus Schritt und Tritt jene Unglücklichen, denen die Pocken in der Jugend das Augenlicht raubten, kommen geblätterte Kiudergesichter gar nicht mehr vor. Japaner aus verschiedenen Ständen sagten mir, wie unbegreiflich ihnen, angesichts der segensreichen Wirkung des Impfzwanges in ihrem Lande, die von Europa her gemeldete Agitation gegen dieses Institut vorkomme. — Für die freien Stunden, die ich — der Ruhe pflegend — im Hause meines Gastfreundes, Herrn Z., zubrachte, gesellte ich mir einen Japaner bei, einen durch Pockennarben fürchterlich entstellten, aber gebildeten Mann, der vor der sozialen Umgestaltung des Landes zu den Familien der Vornehmen gehört hatte und nachher verarmt war. Er sprach ziemlich geläufig englisch und ertheilte mir manche Ausschlüsse über japanische Verhältnisse, die in den Büchern nicht zu finden und für gewöhnlich überhaupt nicht erhältlich sind. Durch ihn hauptsächlich lernte ich auch Einiges aus der japanischen Poesie kennen. In der gebundenen Sprache sind die Japaner keine Meister; den Reim wenden sie gar nicht an; die einzige mir bekannte poetische Form besteht aus 31 Silben, die zu 5 und 7 abgetheilt sein müssen und rhythmisch einen eigenthümlichen Effekt machen. Ich lasse als Beispiel ein 137 altberühmtes Neujahrslied folgen und bezeichne die zu arcen- tuirenden Silben: tü-lci-Wil-NL-rü wü-ckru-nö-iii-ckö-ri-wü bri-ru-lrü-rs-dn i-wL-sdi-to-slii-ino-no i-ro-mü-sa-Ii-Iri-ri. Auf Deutsch: Die Fichte ist immer grün und doch werden die Blätter im Frühjahr aufs Neue grüner, als ob sie frisch gefärbt würden. (X6. Frühjahr und altjapanisches Neujahr fallen zusammen.) So unvollkommen die poetische Form, so sinnig und poetisch ist oft der Inhalt; z. B.: „Meine Liebe ist wie eine Abendland- schaft an der Küste von Sumiyoshi; ringsum sieht man nur dunkles Grün vor lauter Föhren; aber das Warten ist etwas Trauriges, etwas Hartes." Oder: „Seit ich von meinem Herrn (oder Schatz) geschieden bin, gehe ich oft auf die Föhrenheide und wie der Thau von den Föhren fällt, so fallen meine Thränen." Das dunkle Grün der Föhren wird als Sinnbild der Traurigkeit, der unglücklichen Liebe angesehen. Weitere Beispiele: „Kann ich bei Dir sein, so will ich meine Eltern verlassen und überall hingehen und wenn ich auch mitten in Saikatschibara (Citrus-Art mit stachligen Dornen) geriethe, so würde mich das nicht verdrießen. Soll ich auf Dich warten, so will ich mich gerne außerhalb des Moskitonetzes von den Mücken zerstechen lasten und sollte ich auch warten müssen, bis die Uhr 7 schlägt, so soll mich das nicht verdrießen." Sehr naiv ist die poetische Formel, mit welcher der freiende Japaner um die Gunst seiner Auserwählten wirbt: 138 „Ihr Gesicht ist eben so schön, wie ein brauner Pfirsich; Ihr Alter kann höchstens 16 Jahre betragen; für den Fall, daß Sie noch keinen Mann haben, will ich der Ihrige sein!" Ebenfalls in gebundener Form seufzt die Japanerin: „Ach, es ist vergeblich, einen Fremden zu lieben; man muß doch später immer weinen zum Abschiede." Ein weiterer Vers charakterisirt den männlichen Bewohner Japans: „Wenn ein Mann durch das Thor der Heimat mit Hoffnung herausgetreten ist, so wird er lieber sterben, als daß er seinen Zweck nicht erreicht hätte." Von den Sprüchwörtern habe ich als besonders charakteristisch aufnotirt: „Selbst ein großer Berg fällt durch Ameisenlöcher zusammen." „Ein wahres Wort ist nicht schön; ein schönes Wort ist nicht wahr." (Derselbe Sinn liegt in dem Lessing'schen Ausspruche: „Gleichwie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so gibt es selten Grobheiten ohne alle Wahrheiten.") Mit der drei Zoll langen Zunge beschädigt man den fünf Fuß langen Körper." „Die Besteigung einer Höhe fängt von der Tiefe an." Endlich erinnere ich mich noch an ein mehr als tausend Jahre altes Lied, welches in jüngster Zeit einer altjapanischen Melodie unterstellt und in dieser Form zur Nationalhymne gestempelt wurde. Es lautet: „Möge des Kaisers Geschlecht tausend und aber tausend Jahre blühen, bis ein kleiner Stein zum Fels wird und Moos ihn bedeckt." * 139 Unterdessen hat sich unser Schiff nach 22tägiger Fahrt dem amerikanischen Kontinente genähert und der Kapitän spricht von der Möglichkeit, morgen früh in Sän Franzisko zu sein. Ich schließe also meinen Brief; allerdings leider im Bewußtsein, die schönsten meiner Erlebnisse und die interessantesten Illustrationen zu den japanischen Volkssitten noch nicht erzählt zu haben. — Aber meine Gedanken werden auch später jeder Zeit gerne »ach dem Mikado-Reiche zurückkehren und die reichen Erinnerungen, die ich von dort mit fortnehme, wieder auffrischen! — Nun bleibt mir noch übrig, den amerikanischen Kontinent zu durchqueren und die November-Stürme des atlantischen Ozeans zu genießen. Nachher aber geht's rasch der lieben Heimat zu und bin ich erst einmal wieder zu Hause und im alten Geleise, so will ich Dir weiter erzählen und Dir auch dasselbe sagen, was ich auf meiner Reise hundert Mal gedacht habe: Die Tropen sind herrlich und Japan ist ein bezauberndes Wunderland; aber nirgends in der ganzen Welt habe ich es so schön gefunden, als — daheim. Daheim. I. Abschied von Lady Hill. — Empfang an Bord. — »Keine Schwabenkiifer wehr.' — Abfahrt von Singapore. — Inspektionsreise auf Deck. — Meine kleinen Freunde. — Ein süßes Geheimniß. — Morgenarbeit der Deckpassagiere. — Durch die Bangkastraße. — Reis als Nahrungsmittel. — Haifische. — Auf der Rhede in Batavia. Vorbemerkung. Nachdem ich wieder aus der alten, lieben Scholle sitze, kehre ich in Gedanken gerne nach den fernen Ländern und Meeren zurück, die ich im vergangenen Sommer zu sehen Gelegenheit hatte. Kaleidoskopisch drängen sich die vielen fremden Eindrücke an meinem innern Auge vorbei, und es ist mir ein Vergnügen, dieselben, soweit sie mir gegenwärtig sind, zu Papier zu bringen; die Leser mögen entschuldigen, wenn die Färbung eine andere sein sollte zwischen den vier Wänden als unter den Palmen oder auf hoher See. Am Abend des 4. Juli hatten wir Singapore erreicht; im Anschluß an die mit uns eingetroffene europäische Post sollte am 7. Juli, Morgens 4 Uhr, der französische Dampfer „Emirne" von Singapore nach Batavia, der Hauptstadt Javas, auskaufen. Ich entschloß mich, gleich diese Fahrgelegenheit zu benützen, über den Aequator hernberzurutschen und mir ein tropisches Eiland, von dessen Wundern ich schon so viel gelesen hatte, anzusehen. Abends 10 Uhr verließ ich die fröhliche Tafelrunde aus Lady Hill, nicht ohne Bedauern, denn ich klebte an dem Stück Heimat, das ich dort zurücklassen mußte. — Vom offenen Wagen aus sah ich — durchs Mondlicht matt beleuchtet — gigantische Mangroven, schlanke Palmen, eine ganz wunderbare Tropenwelt vorüberziehen; hie und da erkannte ich beim Scheine einer Gasflamme noch einen geschäftigen Chinesen, der am Bambusrohre auf der Schulter schwere 144 Lasten im Trabe vorwärts beförderte. Nach halbstündiger Fahrt waren wir (mein Gastfreund Herr R . . . . von Bischofszell begleitete mich) in der Stadt angelangt, genossen daselbst die zweifelhaften Produktionen einer böhmischen Musikbande und stunden Nachts halb 1 Uhr am Hafen, woselbst wir mit Mühe aus den zahlreichen im Dunkel daliegenden Dampfern den gesuchten herausfanden. Es war eine schwüle, drückende Lust; auf dem Verdecke schnarchte, die unvermeidliche Serviette unter dem Arme, mit weit geöffnetem Munde ein alter Kellner, welcher — aufgerüttelt — nicht in der lieblichsten Stimmung mich empfing, ohne ein Wort zum Gruße mürrisch eine flackernde Petroleumlampe ergriff und mir unter Murren und Gähnen den Weg nach meiner Schlafstätte zeigte. Ich vergalt Böses mit Gutem und empfand gleich ein Gefühl von halb mitleidigem, halb medizinischem Interesse für den sauren alten Knaben, als ich sah, daß er die fürchterlichst krummen Beine besaß, die ich je in meinem Leben zu Gesicht bekommen, und die seinem Gange ein entenartig wackelndes Gepräge gaben. — Die angewiesene Kabine war ein heißes Loch zum Ersticken, nach innen wie nach außen hermetisch abgeschlossen. Ein Dutzend Schwabenkäfer krabbelten eifrig an den Wänden herum und machten gelegentlich auch eine Exkursion auf mein Bett. Ich begrüßte diese wettern Landsleute mit geräuschvollem Kriegsgeschrei und begann eine wilde Jagd auf sie, und erst, nachdem der letzte in porzellanener Urne bestattet war, suchte und fand ich Ruhe. In aller Frühe weckte mich der Lärm auf dem Verdeck; noch arbeiteten die Dampfkrahnen; das Höllengerassel ihrer Ketten, welche die Frachten in den Schiffsraum zu versenken haben, könnte auch das toleranteste Gehirn zur Verzweiflung bringen. Endlich — gegen 6 Uhr — gab's Ruhe und es begann der mächtige Pulsschlag der Maschine; das Meer rauschte und floh grollend vor dem mühsam vorwärts strebenden Schiffskiel. — Noch fand ich 145 keinen der Mitpassagiere auf Deck und von der Gallerte der ersten Kajüte aus konnte ich ungestört das herrliche Panorama genießen, das sich bei der Ausfahrt aus dein Hafen von Singapore darbot. Mit Entzücken weilt der Blick auf der malerischen Jnselstadt im «trahlenglanze der Morgenfonne, die immer weiter und weiter Zurücktritt, um schließlich nur noch als grüner Streif den nördlichen Horizont zu begrenzen. — Bis weit hinaus ins Meer liegen zahlreiche, üppig bewachsene Inseln, kleiner, aber nicht weniger schön und farbenprächtig, als das Eiland Singapurs. Wo immer ein Fleck Erde über den azurnen Meeresspiegel hervorragt, ist er in den üppigsten Garten umgewandelt und im Schatten der Palmen sieht man da und dort — von den Wogen bespült — die malerischen Pfahlbauten der Malayen. Aus den größern Inseln sind »um Theil Pfeffer- und Gambirplantagen angelegt. (Vvm letzteren sür die Färberei und Druckerei und auch in der Medizin verwendeten Artikel sKatechus exportirte Singapore allein schon im Äahre 1871 über 34,000 Tonnen g, 20 Zentner.) Die kleineren lind unbewohnt und verlocken unwiderstehlich zu einer Robinsonade. Bald lag die farbenreiche Inselwelt hinter uns; das Auge sah uichts mehr als Himmel und Wasser und blickte sehnsüchtig nach ber entschwundenen grünen Pracht. Mit dem Operngucker erkannte ich in nebelhafter Form noch den Flagstaff von Singapore mit seinen flatternden Wimpeln, durch welche die in Sicht kommenden Dampfer der Stadt angekündigt werden. Ich vertrieb mir die Einförmigkeit durch eine Inspektionsreise uus dem Verdeck. Mein Jnspektoratsbericht — hätte ich einen solchen abgeben müßen — wäre höchst ungünstig ausgefallen. Ich sand in der „Emirne" einen alten Lotterkasten, der das Attribut "seetüchtig" gewiß nicht mehr verdiente und erfuhr auch von Ma- K°sen, daß dies seine letzte Fahrt sein solle und daß er hernach Zründlich reparirt, wenn nicht ganz abgedankt werde. — Die Musterhafte Reinlichkeit und Disziplin, wie sie auf dem famosen 10 146 Dampfer „Sindh" herrschte, der uns nach Singapore gebracht hatte, war hier nicht zu Hause und den Herrn Kapitän sah man mehr bei der Cognacflasche oder in fast unverschämtem Kostüm der Ruhe im Rotansessel pflegen, als auf der Kommandobrücke stehen. — Auf dem Vorderdeck hatte sich eine bunte Gesellschaft gelagert: Chinesen mit hundert Kistchen und Kästchen verbarrikadirt, Schwarze, Malayen, Javaner rc. Unter den schmutzigen Orientalen erblickte ich zu meinem großen Erstaunen auch eine weiße Familie, ein jüngeres Ehepaar mit zwei kleinen zarten Jungen von '/« und 2 Jahren. Ihre Gesichtszüge und Manieren ließen errathen, daß die Leute bessere Tage gesehen hatten; aber jetzt guckte der Mangel aus den Löchern der feingeschnittenen Garderobe, und aus dem Gesichte der Frau namentlich konnte man viel Sorgen und Kummer herauslesen. Der Mann entpuppte sich als Deutsch'Amerikaner. Er hatte sein Glück in Australien gesucht und sich einer Erpedition nach Neu-Guinea angeschlossen, welche in dem noch unerforschten Lande Gold suchen sollte. Die Fahrt wurde in sechs Segelbooten gewagt, welche reichlich Proviant und zirka 150 Pferde für die Reise ins Innere als Ladung führten. Aber ein heftiger Sturm nöthigte sie dazu, alle Pferde über Bord zu werfen. Die einzelnen Boote wurden auf dem wilden Ozean zerstreut und nur viere gelangten überhaupt aus Ziel. Drei Monate blieben die kühnen Abenteurer an der Küste von Neu-Guinea und gingen fast zn Grunde vor Hunger; denn der größte Theil des Proviantes war durch das eingedrungene Meerwasser ruinirt und zudem verstanden sie es nicht, mit den Eingebornen zu verkehren; anstatt mit Milde und mit List — wie einst Christoph Columbus in Westindien — eine Annäherung zu versuchen, übten sie blutige Gewalt mit den Waffen und mußten schließlich unverrichteter Dinge — die meisten elend und krank, alle enttäuscht und mißmuthig — wieder nach Australien zurückkehren. So erzählte mir mein neuer Reisegesellschafter. Nach der verunglückte» Spekulation auf Neu-Guinea 147 war er mit seiner jungen Frau als wandernder Photograph in halb Asien herumgekommen, hatte überall das Glück gesucht und nicht gefunden und wollte nun wieder nach Australien zurück, um endlich einmal auf der Scholle sitzen zu bleiben. Sein Hauptreichthum bestand in einigen hundert Platten, Originalausnahmen aus dem Innern von Siam, Birma und Malacca, die er nachher zu verwerthen hoffte. Die beiden Jungen des Photographen waren internationale Hauptkerls, denen es nicht darauf ankam, ob schwarz oder weiß, Christ, Hindu oder Mohamedaner. Der Dreivierteljährige streckte seine weißen Hündchen einem dunkelfarbigen, halbnackten Kling mit mächtigem Turban ebenso freundlich entgegen als mir, und lachte dem malayischen Matrosen nicht weniger vertraulich, als dem bezopften, schlitzäugigen Chinesen. Eine alte Javanerin von phänomenaler Häßlichkeit war dem Kleinen namentlich mit großer Sorgfalt zugethan und trug ihn fast beständig in einer breiten, an ihrem Hals befestigten Schlinge auf dem Verdeck herum; das Kind stemmte sich dabei — in der Schlinge sitzend — gegen die Hüfte der Wärterin, oder umfaßte sie rittlings, während ihre linke Hand seinen Rücken stützte. — Diese malerische Art, die Kinder zu tragen, sah ich nachher in Java sehr häufig. Der größere Junge hatte ein überaus feines, blasses Gesichtchen und den Kopf voll halbblonder Locken; er schloß eben Freundschaft mit einem Altersgenossen, in der Person eines kleinern, splitternackten, blatternnarbige» Javaners, der mit seinem Vater nebenan aus einer Bambusmatte am Boden lag und sich — wie ein junger Bär — in der drolligsten Weise bald zwei- und bald vierbeinig herumtrieb; bald zerrte er einen benachbarten Chinesen verstohlen am Zopfe, bald warf er Vorübergehende mit herumliegenden Abfällen, zog sich aber stets nach verübter Frevelthat schleunigst in die Nähe seines Alten zurück. Nach javanischer Sitte war dem braungelben Jungen der 148 Kopf glatt rasirt bis auf einen vereinsamte» Haarbüschel auf der Höhe des Scheitels. Diese im Winde flatternde Locke war aber auch Alles, was der kleine Sohn Javas an hatte. Er fürchtete mich anfänglich wie ein reißendes Thier und schrie Zetter und Mordio, so oft ich mich ihm nähern wollte. Durch Vermittlung des jüngern Photographen kam ich jedoch bald in seine Gunst und schon nach einer Stunde war unsere Intimität so weit gediehen, daß er mir unter affenartigen Grimassen die Zunge zeigte, als ich ihm meine goldene Uhr nicht zum Geschenke machen wollte. Der Herr Papa aber verzog sein Gesicht zu einem stolzen Lächeln über diese Aeußerung von besonderer Intelligenz seines Sohnes. Die beiden Kinder des Photographen waren geimpft und der Vater sagte mir, daß er ohne diese Schutzmaßregel es nicht gewagt hätte, wochenlang sich mit seiner Familie an den Brutstätten der Pocken im Innern von Vorder-Indien auszuhalten. Hunderte seien rechts und links von ihnen der gräßlichen Krankheit erlegen oder in Folge derselben erblindet; seine Kinder seien stets gesund geblieben. Ein sprechenderes Beispiel für die Schutzkrast der viel- geschmähtcn und von vielen Laien wegen Uukenntniß zu wenig gewürdigten Impfung hätte ich mir nicht vor Augen stellen können als diese zwei kleinen Weltreisenden, mit ihrer zarten, weißen, seinen Haut und ihrer zarten für die Pocken sonst so leicht zugänglichen Konstitution. Unterdessen erschien mein krummbeiniger Kellner von gestern auf dem Schauplatz, bewaffnet mit einer mächtigen Glocke, durch deren Klänge er zum Frühstück einlud. Dabei wackelte er, wie ein alter Kirchthurm. An der reich besetzten Tafel fand ich außer dem Kapitän und den Schisfsosfizieren verschiedene Bekannte vom „Sindh" her, den Gouverneur von Portugiesisch-Timor mit seinem Attache, sowie den gemüthlichen Mecklenburger, der von einem Besuche in der Heiniat nach Batavia zurückkehrte und das 149 Tagwerk wieder mit einigen Brandy-Sodas eröffnet hatte. Alle klagten über Hitze und Durst, bildeten aber — abgesehen von dem ewigen Jammer — für die Weiterfahrt eine ganz angenehme Gesellschaft. Die Entfernung von Singapore nach Batavia beträgt zirka 480 Meilen; das Meer daselbst ist wegen der zahllosen Inseln und verborgenen Klippen schwierig zu befahren und hat schon manches gute Schiff verschlungen. Ein ordentlicher Dampfer braucht zur Ueberfahrt wenig über 2'/- Tage; unser Kasten aber keuchte und rumpelte noch am Abend des vierten Tages auf offener See, näher der Insel Sumatra als unserm Reiseziele. Die stündliche Geschwindigkeit betrug nämlich nur fünf bis sechs Meilen gegenüber fünfzehn bis achtzehn Meilen der andern Postdampfer; die Ursache dieses Schneckenganges war beim Kapitän nicht zu erfragen und die Schiffsoffiziere, denen sonst ein Glas Wein rasch die Zunge löste, gaben ausweichende Antwort. Endlich erfuhr ich von einem Maschinisten niederster Ordnung, einem gebürtigen „Mülhüüser", dessen Herz ich durch Cigarren gewonnen hatte, in gemüthlichem Elsäßerdeutsch die frohe und vertrauenerweckende Mär, daß der Dampfkessel so defekt sei, daß man nur mit halber Spannung arbeiten dürfe, um nicht eine Explosion zu riskiren. Mit diesem süßen Geheimnisse suchte ich mich Nachmittags auf einer Oliaiss loirxuo in den Schlaf zu lullen. Neben mir schnarchte und fauchte in der denkbar bequemsten Lage ein echter Fallstaff von Figur, der Schiffsdoktor, dem es offenbar ganz Wurst war, ob unser Kasten schnell oder langsam vorwärts kam und ob der Dampfkessel ein Loch hatte oder keins. So oft ich im Begriffe war, einzunicken, verwechselte ich im Halbschlummer das nachbarliche Gebläse mit dem Schnauben der Dampfmaschine, und wenn der schnarchende Herr Collega in sein gleichmäßiges Eägegeräusch einen gehörigen Ruck einschaltete, so fuhr ich erschreckt zusammen, riß die Augen auf und erwartete mich in Gesellschaft diverser Schiffs- 150 lrümiiier und -Kellner einige hundert Klafter hoch in den Lüsten zu finden. — Aber unser Kasten hob sich ruhig und im alten gemächlichen Tempo vorwärts. Das Meer war dabei so glatt wie ein Spiegel. — Gegen 4 Uhr Nachmittags passirten wir den Aequator, der uns mit einer kräftigen Brise aus Südwest aufwartete. Auf jedem andern Dampfer wäre dies eine angenehme Erfrischung gewesen, unser Schiff aber gerieth bei der geringen Geschwindigkeit, die es inne zu halten vermochte, sofort in ziemliches Schaukeln. Mir wurde es schwül ums Herz; auf die Stirne traten kalte Schweißtropfen; die Seele wackelte und der Leib machte leere Schluckbewegungen. Der Rest aber ist Schweigen und bedeutet einen seekranken Mann, der — zum Sterben elend — aus dem harten Lager seiner Kabine ausgestreckt lag und dessen Geist gänzlich aufgehört hatte, sich mit dem Dampfkesfelexplvsionsrisiko zu beschäftigen. Um die achte Stunde „ward ihm wieder wohl" und es folgte eine prachtvolle Nacht, die ich größtentheils auf dem Verdeck zubrachte. Der große Bär stund tief am nördlichen Horizonte, der Polarstern war kaum noch sichtbar, Orion ging durch den Zenith, und von Süden her glänzte das in der nördlich gemäßigten Zone nicht sichtbare einfach-schöne Sternbild des südlichen Kreuzes. Eine Nacht zum Schwärmen! Aber neben mir lag die ganze Zeit der Schiffsdoktor und schnarchte, als ob ihm die beim Mittagessen fervirten Austern im Halse steckten. Der folgende Tag war der 8. Juli und ein Sonntag. Herrlich, majestätisch tauchte die Sonncnscheibe aus den Fluthen und vergoldete den Horizont. — Auf dem Wege nach dem Vorderdecke, dem mein erster Besuch galt, stolperte ich über einen breiten, sackartigen Ballen, der zu meinem Erstaunen plötzlich lebendig wurde, sich öffnete und drei empörte Chinesenphysiognomien gebar, welche sich für die Störung mit einigen nicht zu übersetzenden Liebenswürdigkeiten bedankten. Der kleine Javane lag »och auf dem Bauch und schlief; 10 Minuten später aber spielten er und sein 151 weißer Freund Ball mit einer Mangustine, ein Bild zum Male». — Aus einer hohen Kiste lag zusammengekauert ein javanischer Ein- geborner, der von den andern mit besonderer Ehrfurcht behandelt wurde; es war ein Priester, der von einer Pilgerfahrt aus Mekka zurückkehrte. Offenbar fühlte er sich aber krank, denn ihm zur Seite kniete ein dienstbarer Geist, der ihn vorn Kopf bis zu den Füßen knetete. Dieses Heilverfahren, das sich auch in der abendländischen Medizin eingebürgert hat, ist bei den Orientalen sehr populär. — Jetzt erhebt sich der Geknetete zur Morgentoilette. In eine Theetasse wird Wasser gegossen; daraus mit den Fingern in aller Eile das Gesicht benetzt und abgerieben, mit den Nägeln der hakenförmig gekrümmten Finger die Zunge abgekratzt, schließlich der Sarong fester umgeschlungen und die kübelartige Kopfbedeckung zurecht gesetzt. Damit ist die Toilette beendigt. Die chinesischen Deckpassagiere sind in voller Thätigkeit; es wird Reis und Thee gekocht; das aus Bambus geflochtene Lager wird zusammengerollt und die Pfeife angezündet. — Einer unter ihnen, der Gegenstand besonderer Verehrung zu sein schien und aufmerksam bedient wurde, trug an den Fingern seiner linken Hand Nägel über zwei Zoll Länge. Mit diesen Krallen holte er sich mit einer gewissen Eleganz seinen Tabak aus einem zierlichen, an der silbernen Pfeife hängenden seidenen Beutel. Wie ich mir sagen ließ und später vielfach zu sehen Gelegenheit fand, erfreuen sich die Fingernagel einer ganz besonderen Pflege bei den reichen Chinesen; die durch die unbequemen Krallen zum Nichtsthun ver- "rtheilten Hände sollen dokumentiern, daß ihr Träger nicht nöthig hat zu arbeiten. Es bedarf übrigens einer gewissen Kunst und unablässigen Behandlung, die Nagel so lang zu ziehen, ohne daß ste sich krümmen oder rinnenförmig zusammenlegen können. — Cin chinesischer Collega, dessen Photographie ich besitze, trägt an jedem Finger der linken Hand ein solches Kunstprodukt von 2'/- Zoll Länge. 152 Jetzt präparirt auch der javanische Papa, auf dem Boden hockend, seine Mahlzeit: Reis mit Sauce und getrockneten Fischen; sein Junge braucht nicht erst gerufen zu werden; er läßt den kleinen Photographen schleunigst im Stich und fährt mit seinen braunen Händchen — dem Beispiele des Vaters folgend — tapfer in den Reisbrei hinein. — Die dünne Brühe schafft er sich mit einem rinnenförmig zusammengelegten Palmblatte in den Mund. — Die Jaoanen essen durchwegs unmittelbar mit den Fingern, während die Chinesen seit Jahrtausenden sehr gewandt zwei hölzerne oder elfenbeinerne Eßstäbchen dabei gebrauchen und schon dadurch ihre höhere Kulturstufe beweisen. Immerhin erinnert das Geräusch beim Hineinschieben des halb festen halb flüssigen Reisbreies stark an den Schweinetrog. Gegen Mittag fuhren wir in die Bangka-Straße ein und sahen östlich ganz nahe die Küste der Insel gleichen Namens, westlich den endlosen Urwald Sumatras, den Tummelplatz des Orangutans und der großen asiatischen Dickhäuter (Elephant und Rhinozeros). Die Insel Bangka ist zirka 13,000 Quadratkilometer groß und zählt 70,000 Einwohner. Aus diesem Eiland, sowie aus der weiter östlich gelegenen Insel Biliton zieht die holländische Regierung jährlich zehn Millionen Pfund Zinn, was ihr einen Reingewinn von fünf Millionen Gulden einträgt. Das Metall wird durch Auswaschen der Erde in zirka 300 bis 400 gewaltigen Gruben gewonnen, welches Geschäft fast ausschließlich die Chinesen besorgen. Ein Deckpassagier der „Emirne", den mir mein Reisegefährte aus Mecklenburg als alten Bekannten vorstellte, ein reicher Chinese, hat die Reislieferung für die Zinnarbeiter auf Bangka von der holländischen Regierung übernommen und schickt jährlich 148,000 Pikul (ä 125 Pfund) dieses wichtigen Nahrungsmittels dorthin, wofür ihm die Kleinigkeit von 1,036,000 Gulden ausbezahlt wird, nämlich sieben Gulden per Pikul, ein Preis, der übrigens so niedrig ist, daß die Regierung, wollte sie den Reiseinkauf 153 selbst besorgen, ihn bedeutend überschreiten würde. Die chinesischen Händler begnügen sich mit dem minimsten Benefiz und deßhalb ist ihre Konkurrenz den europäischen Kaufleuten so gefährlich. Abends brachte mir der Elsäßer, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit und als Gegenleistung mein Cigarrenetui leerend, die frohe Kunde, daß der Dampfkessel nun glücklich einen Riß habe und der »vspsur" zum „lätzen Loch" Hinausströme; nun habe man gar keine Pression mehr und komme jetzt erst recht nicht mehr von der Stelle. Wirklich warfen wir denn auch die Anker aus und blieben die ganze Nacht ruhig liegen und das Hämmern und Klopfen im Maschinenraume am lecken Kessel war das einzige Geräusch, welches die nächtliche Stille störte. Den folgenden Tag war ich wieder vor Sonnenaufgang aus Deck; kein Lüftchen wehte; in der Natur herrschte gänzliche Ruhe, und ich glaubte, vom nahe gelegenen Urwalds her das Kreischen der Affen zu hören. Bald nahm unser Schiff seinen Kurs wieder auf und zwar zu meiner Ueberraschung mit der vermehrten Geschwindigkeit von acht Meilen per Stunde. Meine besondere Bewunderung erregten die durchwegs famosen Zähne der auf dem Schiffe anwesenden Orientalen armer Klasse. Der Kontrast mit den schlechten Gebissen der Europäer ist ein auffallender. Da ist keine Ausmauerung kariöser Höhlen zu sehen, keine Zähne, die Nachts in Wasser gelegt werden müssen. Die einfache und ausschließliche Reisdiät ist vielleicht den Kauwerkzeugen zuträglicher als unsere komplizirten europäischen Menüs. — Von der Bedeutung des Reises als Nahrungsmittel kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß 750 Millionen Menschen in China, Japan, Indien, auf dem malayischen Archipel, in Persien, Arabien und Nordafrika fast ausschließlich von dieser Frucht leben. Der Nährwerth ist kein sehr bedeutender, steht allerdings weit über demjenigen der Kartoffel, aber beträchtlich hinter demjenigen unserer Cerealien zurück. Um dem Körper doch die zum Aufbau und zur 154 Erhaltung nothwendigen Nährstoffe zuzuführen, muß ani Quantum nachgeholt werden, was die Qualität zu wenig bietet. 1800 Gramm Reis sind nothwendig, um den täglichen Bedarf eines ausgewachsenen Körpers an Stickstoff und Kohlenstoff zu decken, und beim Kinde, das noch wachsen soll, ist der Verbrauch ein relativ größerer. Der „Reisbauch" ist denn auch ein hervorragendes Charakteristikum der orientalischen Kinder, das ungenirt präsentirt wird und den Eindruck macht, als ob der übrige Körper nur seinetwegen da sei, um ihn spazieren zu führen. Reis wird seit 5000 Jahren in Ehina kultivirt, seit den ältesten Zeiten auch in Indien. Durch die Feldzüge Alexanders des Großen wurde es im Abendlande bekannt; aber erst Mitte des sechzehnten Jahrhunderts kam die Kultur nach Italien und Spanien. Die Bedeutung des Reises als Volksnahrungsmittel wächst übrigens auch bei uns beständig. In Deutschland werden jährlich über zwei Millionen Zentner eingeführt (meistens aus Siam), in Frankreich sogar über zehn Millionen Zentner. Endlich — am Vormittag des fünften Tages nach der Abfahrt von Singapore — kamen wir in den Bereich der Vorposten von Batavia, einer großen Anzahl kleinerer, herrlich grüner Inseln, die bunt zerstreut die gewaltige Bai der Hauptstadt Javas gegen das offene Meer zu abschließen. Es sind dies die sogenannten Duizend-Eilande (Tausend-Inseln), alle unbewohnt und von der holländischen Regierung an einen Chinesen verpachtet, welcher sie von Zeit zu Zeit befählt, um ihre Erträgnisse auszunützen. Nachmittags halb 3 Uhr warfen wir in der trüben Rhede von Batavia die Anker aus. Zahlreiche Haifische hatten bei der Annäherung ans Land unser Schiff verfolgt und sich gierig über die herausgeworfenen Küchenabfälle hergemacht. Was wir an der Schiffs- tasel übrig gelassen, verschwand im Verein mit Konservebüchsen, zerrissenen Tellerwischtüchern und todten Hühnern, welche vor Hitze und Langweile ihr Dasein früher beschlossen hatten, als dem 155 Küchenchef erwünscht war, zwischen den Kiefern der gefräßigen Seeräuber. Die Haie schwimmen unglaublich schnell; ihre Annäherung erkennt man nur bei großer Aufmerksamkeit an der den Wasserspiegel überragenden Rückenflosse und einem bei gewissen Arten davor stehenden dornigen Stachel. Bei der Beute angekommen, schnellt sich das Thier aus den Rücken, denn nur so ist es im Stande, mit der nach unten und hinten liegenden queren Mundspalte seinen Raub zu erfassen. Wurde etwas Freßbares ins Meer geworfen, so dauerte es kaum einige Sekunden, bis man unmittelbar daneben einen Strudel in der ruhigen, aber trüben Meeresfläche gewahrte. Gleichzeitig war auch der weißgraue Bauch des Raubfisches einen Augenblick zu sehen; wer glücklich beobachtete, konnte sogar die sich öffnenden, scharsgezähnten Kiefer wahrnehmen; aber im Nu waren Räuber und Beute verschwunden. Die Riesenhaie werden bis 40 Fuß lang und 160 Zentnev schwer MB. ein Wallfisch dagegen kann ein Gewicht von 300(1 Zentnern erreichen), sind aber plumper, träger und weniger gefährlich, als die kleinern Spezies. Daß der Hai bei Gelegenheit auch den Menschen angreift, ist allbekannt. Dem einbeinigen, arabischen Jungen aus Aden, von dessen Taucherkünsten ich früher erzählte, hatte seiner Zeit auch ein solches Ungeheuer das Bein ausgerissen, oder wenigstens so bearbeitet, daß es nur noch als -ersetzte und verstümmelte Masse am Körper hing und von eng» lischen Militärärzten schleunigst amputirt werden mußte. Die Stelle, wo wir ankerten, war noch mindestens 1'/- Stunden von der Küste entfernt, denn das Meer der Bucht von Batavia ist so seicht, daß Schiffe mit irgendwie beträchtlichem Tiefgang dem Lande nicht näher kommen dürfen. Doch wird zur Zeit mit ungeheurem Geldaufwand ein gewaltiger Hasen erstellt. Derselbe ist bereits durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden und wird in wenig Jahren vollendet sein und dann auch die größten Seeschiffe beherbergen und- gegen die Unbill der Sundasee schützen können. 156 Da lagen wir denn in Gesellschaft einiger hundert anderer Fahrzeuge, Dampfer und Segler, chinesischer Dschunken und javanischer Prauen und hefteten unsere Augen auf das vor uns liegende Land, dessen tropischer Charakter, vor Allem sein Palmenreichthum, schon von Weitem zu erkennen war. Die „Königin des Ostens" aber, oder die „Perle des Orients", wie Batavia früher genannt wurde, prüscntirt sich dem vom offenen Meere Herkommenden durchaus nicht in imposanter Weise; man vermuthet an der flachen, von Palmen eingesäumten Küste keine große Stadt, und nur die gegen Osten sichtbaren riesigen Hafenbauten lassen auf die Nähe einer solchen schließen. — Schon näherte sich unserem Schiff ein Miniaturdampfer, der Post und Passagiere auf festen Boden bringen sollte. Ich packte in der Kabine meine Siebensachen zusammen; die Kellner, auch der frühere Murrkopf, waren mir dabei mir rührender Zuvorkommenheit behülflich ; ja es wurde mir nicht einmal erlaubt, mich mit dem Heraustragen meines leichten Handgepäckes zu bemühen, und mit mütterlicher Sorgfalt bewachte der Krummbeinige Koffer und Plaid auf dem Verdecke und versicherte mir pathetisch, daß er kein Auge davon lassen und mir Alles zur richtigen Zeit auf den kleinen Dampfer schaffen werde. Innig gerührt holte ich aus der Tiefe meines Beutels diverse Fränklein und drückte sie dem sich tief verbeugenden, befrackten Modejournal in die Hand — ach, zu früh — denn, kaum hatte ich ihm den Rücken gewendet, so verschwand es und ward nicht wieder gesehen; mein Gepäck aber lag — als ich später nach ihm sah — unbewacht und vernachläßigt in einer Ecke, und auf dem weichen Shawl, den ich Nachts so gerne aufs Kopfkissen gelegt, ruhten — die Sitzknorren einiger schmutzigen Chinesen. 157 II. Abschied von der .Emirne." — Zollfreuden. — Malayische Droschkiers. — Beim schweizerischen Konsulate. — Mein Gastsreund. — Chinesisches Hochzeitssest. — Alt- und Nen-Batabia. — Badende Singeborne. — Ltraßenpolizci. — Amok- lausen. — Freundliche Stratzenbilder. — Chinesen in Batavia. — Holländisch- Indische Armee. — Ankunft in Kebon-Siri. Bevor ich die „Emirne" — wie ich hoffte, aus Nimmerwiedersehen — verließ, machte ich noch eine Abschiedsvisite bei den Deckpassagieren. Der Glückwunsch, welchen ich der Photo- graphensamilie auf ihre Weiterreise mitgab, kam mir — angesichts namentlich der zarten, lieblichen Kinder — wahrhaft vom Herzen. Die Frau hatte Thränen in den Augen; der Mann sah ungebeugt, säst trotzig kühn in die Zukunft und meine kleinen Freunde waren außer sich vor Vergnügen und schlugen Purzelbäume. — Der nichtsnutzige, kleine, braungelbe Sohn Javas ignorirte mich vollständig und gab mir keine Hand zum Abschiede; mit selbstbewußtem Stolze inspizirte er sein naheliegendes Vaterland und verachtete die weißen Kinder der gemäßigten Zone. Nach vielem Drücken und Drängen hatte sich endlich alles Zweibeinige auf dem kleinen Dampfer plazirt; derselbe war gespickt voll von Menschen, Koffern und Reiscstühlen aus Rotan- geflecht und führte uns rasch dem Lande zu. Nach zirka viertelstündiger Fahrt bog er in einen aus beiden Seiten eingemauerten, tief ausgebaggerten Kanal ein, welcher den Batavia durchströmenden Kali (Fluß) bis weit in das seichte Meer hinaus fortsetzt. Nur langsam fanden wir in der schmalen Wasserstraße unsern Weg zwischen den zahlreichen, schwer befrachteten chinesischen und javanischen Segelbooten, welche die Lasten der auf der Rhede liegenden Schiffe aufs Trockene zu bringen haben. Nach rechts, resp. nach Westen, grenzt der Kanal an eine grüne Wildniß; die durch Schlingpflanzen aller Art verflochtenen Sträucher und Palmen sind belebt 158 noii Eisvogel», welche in den brillanteste» Farben glänzen und krummschnäbligen Möven und Aasgeiern; hie und da sonnt sich 190 nützige und nur auf den eigenen Beutel bedachte holländische Kolonisationspolitik mit einem menschenfreundlichen Mäntelchen, welches dem sernerstehenden Europäer und manchem naiven Ein- gebornen die wahre Tendenz verbirgt. Ich werde bei späterer Gelegenheit noch daraus zu reden kommen. Zu Ansang dieses Jahrhunderts wurde der ganze indische Archipel, 1811 zum Schlüsse auch noch das herrliche Eiland Java von den Engländern erobert; dieselben bewiesen sich sofort als ausgezeichnete Kolonisatoren und Administratoren und es fand zwischen ihnen und den Eingebornen ein herzliches Einvernehmen statt. Aber 1824 fiel Java nebst den benachbarten Inseln durch Vertrag wieder an Holland zurück. Viele blutige Aufstände, die bald darauf stattfanden, zeigten die Unzufriedenheit der Eingebornen über diesen Wechsel und wenn jetzt auch seit Jahren Ruhe im Lande herrscht, so lebt der Hast gegen die europäischen „Bedrücker" doch fort und wird hauptsächlich genährt durch jene Mekkapilger, welche — vom heiligen Grab in ihr Land zurückgekehrt — sich durch diese Pilgerfahrt den Titel und das Ansehen von Priestern erworben haben und in dieser einflußreichen Stellung mit großem Erfolg den Kampf gegen die „christliche Tyrannei" predigen. Die herrschende Religion aus Java ist der Islam; aber erst zu Ende des 14. Jahrhunderts wurde er durch malayische und arabische Geistliche eingeführt; vorher waren die Javaner Buddhisten und Brahmanen; prächtige Ruinen buddhistischer Tempel geben Zeugniß von der hohen Kunstfertigkeit der alten Einwohner; literarische Werke in der alten religiösen Sprache des Volkes, dem sogenannten Kami, dokuinentircn die damalige hohe Entwicklungsstufe des Geistes; und in der ethnologischen Sammlung des Museums ist deutlich zu sehen, wie viel talentvoller und erfindungsreicher die alten Javaner waren als die heutigen stupiden, unter europäisches Joch sich fügenden Einwohner der tropischen Insel. — Auch ohne genauere Kenntniß der Lehren Buddhas und des Brahmanismus einerseits und 191 Mohameds anderseits müßte man aus dieser einzelnen in die Augen fallenden Thatsache erkennen, wie ungleich höher das Religionsgebäude der alten Inder steht und wie unendlich mehr es die Völker für die Segnungen der Zivilisation zugänglich macht als die sinnlichen Suren des Korans. Auf dem Rückweg vom Museum besuchte ich in Kebon-Siri ein mohamedanisches Gotteshaus. Eine ödere, elendere Stätte zur Verehrung Gottes habe ich nie gesehen. Nur die Größe derselben nnd der dazu gehörige freie Platz zeichnete die windschiefe, lotterige Bambushütte vor den miserablen Wohnungen der Ein- gebornen aus. Um Eintritt zu erhalten, wendete ich meine Schritte in eine nebenan stehende, halb verfallene Hütte, welche mir als Schulhaus vorgestellt wurde. In Wahrheit bestund sie aus dem sehr primitiven, von Hühnern bevölkerten Wohnraume des Lehrers und einer daran stoßenden offenen Remise, dem „Schulzimmer", einem schmalen Riemen, in welchem kaum zehn Schüler Platz finden konnten. Stühle und Bänke fehlten; als Sitzplätze für die Lernbegierigen diente eine aus Bambus geflochtene Hürde, worin als stumme Zeugen für den heutigen Fleiß einige zerrissene und beschmutzte Bücher — die wichtigsten Satzungen des Koran in malayischen Typen enthaltend — unordentlich durcheinander lagen. Den Fußboden bildete die Mutter Erde und einige Hühner gaben sich Mühe, festgetretene Speiseüberreste emsig herauszuscharren. — Der Schulmeister hockte nach vollbrachtem Tagewerke vergnügt nebenan und kaute Siri. Ich eröffnete mein Begehr ; schweigend erhob sich der Erzieher der Jugend, spritzte mit Hochdruck einen Eßlöffel voll rothbraunen Speichels zwischen den Zähne» hervor an die Wand und hieß mich folgen. Das Innere des Tempels bestand in einem äußerst kahlen, viereckigen, mit Reisstrohgeflecht bedeckten Raume, dem alle und jede Dekoration fehlte, mit rühmlicher Ausnahme eines Paares nasser Hosen, das der Schulmeister an einem querüber gespannten Seile zum Trocknen aufgehängt 192 halte. Aber nicht einmal das vermochte mich andächtig zu stimmen; mir ward so öd zu Muthe in dem trostlos- kunstleeren Gehäuse und ich gedachte wehmüthig der herrlichen indischen Tempel, in welchen sich tausend Jahre früher die alten Javaner erbaut hatten und jammerte im Stillen über diesen Rückschritt und die Entfremdung vom Christenthum, dem sie einst so viel näher gestanden. Für die Bildung des javanischen Volkes wird von den Holländern gar nichts, oder doch sehr wenig gethan, natürlich! Es liegt ja nicht im Interesse des holländischen Geldbeutels, daß die Eingebornen aus eine höhere Entwicklungsstufe gelangen, aus welcher Selbstbewußtsein, Menschenwürde und Freiheitsgefühl erwachen könnten. Je dümmer und ungebildeter, desto williger unter das Joch des europäischen Usurpatoren. — Das Verbot gegen die Propaganda des Christenthums basirt auch nicht auf der Pietät für die hergebrachten religiösen Anschauungen der Javaner, so schön sich das anhört, sondern auf der eigennützigen Befürchtung, es möchte der herrliche Kern des Christenthums, das Prinzip der Nächstenliebe und die Lehre von der Gleichheit der Menschen Früchte tragen, die den jetzigen Besitzern und willkürlichen Herren des Landes verhängnißvoll werden könnten. Da verfahren die Engländer in ihren Kolonien ganz anders; sie lassen sich das geistige und leibliche Wohl der Eingebornen sehr angelegen sein, sorgen für vorzügliche Schulen und trachten auf alle Weise darnach, ihren 240 Millionen Hindus und Ma- layen diejenige Freiheit zu verschaffen, die der Mensch erst durch (Bildung) Sitte und Gesetz haben kann und zu welcher er sorgfältig erzogen werden muß. .Und das thun sie angesichts der Wahrscheinlichkeit, daß dieses Freiheitsgefühl einst ein nationales Element der Inder und die Triebfeder zur vielleicht baldigen Loslösung Britisch-Jndiens von England werden wird, zur Bildung eines selbständigen, unabhängigen Staatswesens. 193 Die Asiaten holländischer Herrschaft sind »freie Männer" in anderen, Sinne. Sie haben keinen Religions- und Schulzwang, d. h. sie dürfen nach wie vor stupide und dumm bleiben, keinen Impfzwang, d. h. sie liefern, wie vor Zeiten, ein gehöriges Kontingent Geblätterter und Blinder rc. Von welchem Standpunkte aus die Holländer das Geschäft des Zivilisirens betreiben, erhellt aus einer gesetzlichen Verfügung vom Jahre 1883 (!), wonach es den Chinesen auf Java verboten ist, ihre Kinder in höhere Schulen zu schicken. Furcht vor der chinesischen Konkurrenz und die Ueberzeugung, daß die Bildung der Untergebenen die höchste und für die holländische Geldbeutel- Politik gefährlichste Macht ist, haben diesen Paragraphen geschaffen, der wohl in der Gesetzgebung der zivilisirten Völker unseres Jahrhunderts einzig dasteht. Die vornehmen Chinesen wissen sich aber zu helfen; sie senden ihre Kinder nach Singapore oder andern englischen Kolonien, wo die Bildung nicht als Monopol der europäischen Rasse angesehen wird und die Thore der Lehrgebäude für Jedermann offen stehen. V. Abendgesellsch..st bei meinen Gastfreunden. — Halbblut. — Im zoologischen Garten. — Orangutanfamilic. — Königstiger. — Nashornvogel. — Salagan- schwalben. — Gespenstheuschrecken. — Niedere Chirurgie. — Sotroo ckavsanto mit Hindernissen. — Teutsches Heimweh bei einem Kinde der Tropen. Auf den Abend hatte Herr Z. eine Gesellschaft zu Tische geladen. Außer unserm Konsul, Herrn D., und dem vergnügtesten und fidelsten aller Eidgenossen in Batavia, Herrn D. aus Winter- thur, erschienen verschiedene Verwandte von Frau Z., lauter Halbblut (durch Kreuzung von Europa mit Asien entstanden), das den 13 194 europäischen Gesichtsschnitt und die hohe Stirne mit den üppigen Formen, der Hnarfülle und den brennenden Augen der Tropen paarte. Diese Mischlinge, deren es auf Java — wie überhaupt in Indien — eine große Menge gibt, zeichnen sich im Allgemeinen neben ihrer physischen Vollkommenheit durch hervorragende Geistesarmuth und rein materielle Richtung aus. Wo das Gespräch über Essen und Trinken und die kleinen Unannehmlichkeiten des täglichen Lebens hinausgeht, erlischt ihr Interesse und ihr Mund verstummt. Die zum Theil gar nicht, zum Theil halb gebildeten Leute, welche — die Männer wenigstens — meist elend bezahlte Schreiberdienste bei der Regierung versehen, blicken aber mit großer Verachtung aus die Eingebornen herab und leisten in Toilette fast mehr als die Europäer selbst.-Auf der reich besetzten Tafel paradirte u. A. auch eine gewaltige Schüssel mit Gurkensalat, den Frau Z. eigenhändig und in pkima Qualität angerichtet hatte. — Ich stutzte anfänglich über dem „gefährlichen Gericht" zu einer Zeit, da die Cholera gerade ziemlich heftig grassirte und auch unter den Europäern Batavias Opfer forderte; aber man aß männiglich so munter drauf los und die freundliche Wirthin betheuerte so zuversichtlich, daß gut gepfefferter Gurkensalat zur Cholerazeit nicht nur unschädlich, sondern sogar sehr gesund sei, daß ich schließlich auch Bedeutendes in diesem Artikel leistete. — Die Cholera erlischt in den Quartieren der Chinesen und Malayen Batavias gar nie; wenn man aber sieht, in welchen Misthöhlen die Asiaten daselbst leben, welch verpestete Lust sie einathmen, welche zweifelhafte Brühe sie unter dem Titel Master massenhaft zu sich nehmen und wie unmäßig sie im Genuß von oft nur halbreisen Früchten sind, so läßt sich dies begreifen. — Die geregelte Lebensweise der Europäer, ihre luftigen, in schönen Gärten gelegenen, dem Klima vortrefflich angepaßten Wohnungen, die Reinlichkeit und sorgfältige Hautkultur, die Scheu vor ungereinigtem Wasser — dies sind die Momente, welche sie inmitten eines Cholera- 195 Herdes die meiste Zeit seuchefest machen und die nämlichen Momente bilden gewiß auch bei uns den Hauptschutz gegen die mörderische Krankheit. Bis spät in die Nacht hinein blieben wir beisammen sitzen; wie oft hatten wir unser Ohr dem lebendigen Anekdotenalmanach und köstlichen Possenreißer Herrn D. aus Winterthur zuzuwenden! Er trug ziemlich derb auf, denn die Halbenropäer verstanden ja kein Deutsch und zur Motivirung unseres schallenden Gelächters hatte er stets ein unschuldiges Mädchensekundarschul-Witzchen in Bereitschaft, das er den andern Gästen in holländischer Sprache vorerzählte. Andern Tags holte mich Herr Konsul D. mit seinem Zweigespann zu einer Fahrt in den zoologischen Garten ab. Leider spürt man diesem Institut auf jeden Schritt den Geldmangel an. Die klimatischen Bedingungen für das Aufziehen jener Thiere, die bei uns mit aller erdenklichen Sorgfalt und Mühe gehegt und gepflegt werden müssen, sind daselbst natürlich vorzügliche; aber die Anlage des Gartens ist eine sehr mangelhafte; es wird nicht einmal gehörig für Instandhaltung der Wege gesorgt und die überreiche Vegetation, deren Willkür keine Zügel angelegt sind, sieht stellenweise aus wie gigantisches Unkraut, das im Urwald imponiren würde, zwischen von Menschenhänden gezogenen Wegen aber unangenehm auffällt. Die Behälter für die Thiere sind äußerst dürftig und machen alle den Eindruck der Unzulänglichkeit. Die prächtigsten Raubthiere befinden sich in kleinen, vergitterten Holzkasten und es ist ihren natürlichen Lebensgewohnheiten in keiner Weise Rechnung getragen, was doch an dieser Stelle so leicht möglich wäre, unendlich leichter als in der gemäßigten Zone. Der zoologische Garten zu Batavia kann denn auch, was Ausstattung anbetrifft, keinem der europäischen an die Seite gestellt werden. Dagegen sind daselbst verschiedene Thierspezies in wahrhaft herrlichen Exemplaren vorhanden. So stach mir vor Allem ein gegitterter Pavillon in die Augen, der um einen Baumstamm errichtet war und in welchem vier ausgewachsene Orangutaus ihr Wesen trieben. Als wir uns näherten, streckte der größte darunter und offenbar auch der Alterspräsident, der von den übrigen mit ziemlichem Respekt behandelt wurde, einen vier Fuß langen, haarigen Arm zwischen den Gitterstäben uns entgegen und präsentirte gutmüthig seine biedere Rechte zum Gruß. Ich reichte dem natur- historischen Vetter die meinige, die er verständnißinnig schüttelte, um gleich darauf zu einem zweiten Traktandum, zum Betteln überzugehen. Leider verfügte ich über nichts Eßbares und offerirte — aus Mangel an etwas Besserem — ein am Boden liegendes Bambusrohr. Der Herr Orangutan senior zog es vorsichtig in seine Behausung hinein, prüfte es auf alle Weise, beschnüffelte es, guckte dadurch, wie durch ein Teleskop, in die Höhe, hielt es wie ein Trinkgefäß an seine weit vorgestreckten Lippen, in der Hoffnung, es möchte wenigstens etwas Flüssiges darin verborgen sein und warf es schließlich mit einem verachtungsvollen Seitenblick auf den Geber dieser zweifelhaften Gabe zur Seite. — Während dieser ganzen Zeit hatten die drei übrigen Orangutans als aufmerksame — fast andächtige — Zuschauer funktionirt. Jetzt machten sie sich aber an den weggeworfenen Gegenstand und wiederholten in komischer Weise die Untersuchungen ihres Vaters oder Großvaters. Da aber stets ihrer drei gleichzeitig das Nämliche vornehmen wollten, kriegten sie bald Händel und prügelten sich. Der Alte machte dem Streit und Lärm ein Ende, indem er das Oorxvs äslioti zu Handen nahm und sich in raschem und festem Entschlüsse darauf setzte, so daß den drei Streitenden nur noch das Riechen übrig blieb. Die Menschenähnlichkeit des Orangutans ist keine ausfällige, denn der kurze Kopf, der unverhältnißmäßig große Bauch, die langen, bis zu den Füßen herabhängenden Arme sind zu bedeutende Differenzen; und mit seinem sogenannten ausrechten Gang ist's 197 auch nicht weit her. Dagegen zeigt die Physiognomie eines andern Affen, von welchem der zoologische Garten zu Batavia zwei prächtige Exemplare besitzt, eine überraschende und komisch wirkende Menschlichkeit. Es sind dies die Nasenaffen von Borneo, mit rothen Wangen und fleischfarbiger, langer, spitzer Nase, die etwas nach oben umgestülpt ist. Der Anblick dieser Thiere reizt unwiderstehlich zum Lache»; das mimische Spiel der Gesichtsmuskeln gleicht demjenigen des Menschen; überaus komisch war die Entrüstung, welche die beiden Affen zeigten, nachdem ich ihnen eine Frucht präsentirt und wieder weggenommen hatte, als sie eben zugreifen wollten. Die Stirne wurde gerunzelt, die Lippen verlängerten sich rüsselartig nach vorn; die Vorderhände holten aus wie zu einer Ohrfeige und der Kopf wurde halb seitwärts gedreht, wobei die Augen wüthend zu uns hinüberschielten. Zwanzig Schritte von diesen Affen entfernt schlich ein gewaltiger, erst Tags zuvor eingebrachter Königstiger an der Hintern Wand seines Käfigs knurrend auf und ab. Als wir uns näherten, warf er sich brüllend und zähnefletschend an die Gitterlhüre uns entgegen, so daß wir Beide erschreckt zurückfuhren. Das herrliche und noch vollständig ungezähmte Thier maß vom Kopf bis zum Schwänze gewiß drei Meter. In Djandjoer, einer Ortschaft im Innern Javas, kam mir später ein Tigerfell zu Gesicht, dessen Länge 3,75 Meter betrug und ich begriff gut, daß ein solches Thier im Stande ist, mit einem halb ausgewachsenen Ochsen im Maule über sechs Fuß hohe Palissaden wegzuspringen. Unter den Vögeln fiel mir namentlich der in Java heimische Nashornvogel auf, ein riesiger Repräsentant der gefiederten Welt, dessen voluminöser Schnabel einen fast faustgroßen, hornartigen Auswuchs zeigt. Das eheliche Verhältniß dieser Vögel basirt nicht aus großem gegenseitigen Vertrauen; wenn die Frau Gemahlin ihre Eier ausbrüten soll, so wird sie vom Herrn Gemahl vollständig in einen hohlen Baum eingemauert, bis auf eine kleine 198 Oeffnung, durch welche er ihr die nothwendige Nahrung zuführt. Auf diese Weise bleibt auch dem faulsten und leichtsinnigsten Weibchen nichts Anderes übrig, als seine ehelichen Pflichten, wie sich'S gebührt, zu erfüllen. — Einen werthvollen und wichtigen Vogel lernte ich ferner kennen in der Salaganschwalbe. Dieses Thier ist äußerst geschätzt wegen seiner eßbaren und theuer bezahlten Nester. Es nistet zu Tausenden in schweb zugänglichen Höhlen, theils an den Kalkfelsen der javanischen Südküste, theils im Innern des Landes. Viermal jährlich brüten die Schwalben und jedesmal bauen sie ein neues Nest; das Baumaterial besteht aus vegetabilischer Substanz, die durch Magenschleim und halb verdaute thierische Stoffe (Mollusken und andere Seethiere) zusammengekittet wird. Beim Ausbeuten der Nester, welches Geschäft mit großen Gefahren verbunden ist, gehen jährlich mehrere Millionen von der Brüt, theils Junge, theils Eier, zu Grunde. Trotzdem vermindern sich die Salaganschwalben — Dank ihrer enormen Fruchtbarkeit und hauptsächlich in Folge einer gewissen, beim Nestersammelu beobachteten Schonungsmaßregel — durchaus nicht. Die Chinesen, die naH allem Unappetitlichen lüstern sind, bilden die Hauptkonsumenten dieser eßbaren Schwalbennester und bezahlen 5 bis 6000 fl. per Pikul (125 Pfund). Der jährliche Ertrag macht über eine halbe Million holländischer Gulden aus. Von höchstem Interesse für den Naturforscher ist in den Tropen das Studium und die Beobachtung der Insekten, die in größter Manigfaltigkeit und zahllos die Pflanzenwelt bevölkern. Speziell die Heuschrecken zeigen zum Theil sehr merkwürdige Eigenschaften. Einige Arten derselben sind so träge und so absolut wehrlos, daß sie in kurzer Zeit durch ihre Verfolger, die Vögel, ausgerottet werden müßten, wenn nicht die weise Mutter Natur ihnen mit einer Schutzvorrichtung zu Hülse käme. Es sind dies die sogenannten Gespenstheuschrecken, der wandelnde Zweig und das lebende Blatt. Die Erstern werden acht bis zwölf Zoll lang, sind flügellos und gleichen durch Aussehen, Farbe und Form, durch ihre kleinen Höcker an der Oberfläche, durch die Aehnlichkeit der Beingelenke mit kleinen Verzweigungen so vollkommen einem dürren Reis, daß das Auge nicht im Stande ist, die lebenden Insekten und vom Baum gefallene Zweige von einander zu unterscheiden. Sie halten sich meist am Waldsaume auf und oftmals sieht man Ameisen ahnungslos über die scheinbar leblosen Dinger wegspazieren oder Vogel unmittelbar daneben ihre Nahrung suchen, ohne daß sie den leckern Braten entdecken. Das lebende Blatt hat die ungefähre Größe eines mittlern Blattes! die Flügel des Thieres sind geädert und gerippt wie Blätter und ihre grüne Farbe entspricht vollständig der Farbe der Pflanze, von welcher es lebt. Die Beine sind in der Ruhe unter den Flügeln verborgen und da das Thier bei*Tag stille sitzt und nur des Nachts frißt, so rst es absolut unmöglich, dasselbe zu erkennen. Von beiden beschriebenen Arten enthält der zoologische Garten in Batavia zahlreiche Exemplare auf einem von durchsichtigem Drahtgeflecht überdeckten Busche, die lebenden Blätter aus Ku- javenzweigen. Ich sah Anfangs nur eine Pflanze mit vielen gleichmäßigen Blättern, bis ich durch gelinde Erschütterung derselben Leben in die Szenerie brachte und zahlreiche Blätter sich von der Stelle bewegten und als Thiere entpuppten. Sogar kleine Schattirungen, Rostflecken u. s. w., wie sie auf den Blättern der betreffenden Pflanze gefunden werden, sind auch auf den merkwürdigen Thieren zu sehen, und es ist dies das vollkommenste Beispiel von Mimicry (d. h. von Nachahmung der Form und Farbe gewisser Organismen durch andere, welchen dieselben einen Schutz gegen ihre Verfolger gewähre»), das mir je zu Gesicht gekommen ist. Eingedenk eines Versprechens, das ich s. Z. einem verehrten akademischen Lehrer und Jnsektensammler in Zürich gegeben hatte, kaufte ich mir eine Anzahl dieser Gespenstheuschrecken; unverzeihlicher Weise wurden sie mir aber vom Verwalter des zoologischen Gartens in eine Cigarrenkiste zusammengepackt; ich hütete sie wie einen Schatz und trug sie sorgfältigst unter dem Arme nach Hause; wohl spürte ich unterwegs, daß die Thierchen sich — wie ich meinte — recht munter aufführten und emsig herumkrabbelten; aber wer beschreibt meinen Aerger, als ich beim Oeffnen der Kiste nur ein jämmerliches Schlachtfeld mit Trümmern vorfand. Kein einziges Thier war ganz geblieben, sie hatten sich alle gegenseitig die Beine und Fühler ausgerissen und mir blieb nur ein Sammelsurium von zuckenden Leibern und abgelösten Extremitäten. Ich brachte die Ueberreste meiner sechsguldenwerthigen Errungenschaft den beiden Affen des Herrn Z.^ welche sich das unappetitliche Fressen geräuschvoll schmecken ließen und namentlich die langgestreckten, weichen, saftigen Leiber mit behaglichem Grunzen verzehrten. — Später fand ich Gelegenheit, den Verlust zu decken und konnte außer den genannten noch andere seltene Heuschrecken nach Europa senden. Das Zimmer, das mir im gastlichen Hause des Herrn Z. zur Benützung überlassen war, sah nachgerade recht malerisch und unordentlich aus. Sopha, Waschtisch, Stühle, Fußboden, ja sogar das Bett waren überdeckt mit Büchern, Käfern, Schlangen, javanischen Gcräthschaften, Pflanzen, Steinen und frischer Wäsche, die der Zimmerjunge sorgfältig und kunstvoll dazwischen ausgebeizt hatte. Ueberall roch es nach Spiritus, Jodoform und Carbolsäure; mit geschlossenen Augen glaubte man in einer Gifthütte zu sein. Die vier Wände wüßten auch Allerlei zu erzählen: In stiller Nachtstunde, als Alles im Schlummer lag und kein Laut die tiefe Ruhe störte, habe ich beim Schein einer Petroleumlampe und umschwärmt von blutgierigen Moskitos — meine Hosen — das einzige nach Java mitgenommene Paar — geflickt. Aber fraget nur nicht wie! Das Beinkleid grau, der Faden schwarz, die Stopskugel von der Größe eines Maunskopfes, hohl und aus 201 Porzellan. Nähere Benennungen ersterben mir auf den Lippen. Andern Tags gewahrte ich mit Entsetzen, daß mein kurzer Rock nicht reichte, die schwungvoll geflickten, aber fadenscheinigen Partien zu bedecken, und von da an hegte ich Rücksichten und Hintergedanken, die ich vorher nie gekannt hatte, die mir das Sitzen in angenehmerem Lichte erscheinen ließen als das Stehen, und die erst nach der Wiedervereinigung mit meinem Koffer in Singapore aufhörten. Die Thierstudien, die ich Morgens im zoologischen Garten gemacht hatte, konnte ich tagsüber fortsetzen. Ich fing Nachmittags im Garten des Z.'schen Hauses einige prächtige Chamäleons. Die eidechsenartigen Thiere haben einen pyramidalen Kopf und einen sehr langen dünnen Schwanz, mit dem sie sich an Zweigen aufhängen, um stundenlang unbeweglich auf Beute zu lauern. Ihr Fangapparat ist die fadenförmige Zunge, welche oftmals länger ist als das ganze Thier, in der Mundhöhle ausgerollt verborgen liegt und pfeilschnell und mit fabelhafter Treffsicherheit nach Insekten ausgeschleudert werden kann. Eine charakteristische Eigenschaft des Chamäleons ist das Vermögen, im Nu seine Farbe zu wechseln. Die ursprünglich hellgelb schillernden Thiere wurden beim Fangen blauschwarz. — Ebenso erbeutete ich einen großen Skolopender oder Tausendfüßler. Die raupenartigen, eckelhaften Thiere haben eine schreckliche Waffe, zwei giftige, scharf gekrallte, mit den Kiefern verschmolzene Füße (Kieferfüßc), mit welchen sie ihre Opfer packen. Ihre Verletzungen können sogar dem Menschen gefährlich werden. Abends beobachteten wir eine Heerde Galongs, d. i. fliegende Hunde, die wie riesige schwarze Früchte an einem Baume hingen. Herr Z. holte ein Jagdgewehr, legte an, senkrecht in die Höhe; auf den Knall entwich der Schwärm bellend, aber Einer blieb zurück und am andern Morgen kletterte ein javanischer Diener auf die Baumkrone und holte das noch festgekrallte todte Thier herunter. Der Schrotschuß war ihm mitten durch den Kopf 202 gegangen. Jetzt prangt das merkwürdige Vieh längst im naturwissenschaftlichen Museum zu Frauenseld. Als ich Tags darauf in die alte Stadt ging, besuchte ich wieder jenen chinesischen Hof, in dem ich am Tage meiner Ankunft die lärmenden Hochzeitsfeierlichkeiten mit angesehen hatte. Dasselbe bunte Bild wie dazumal: Schauspieler, Musikanten und Gaukler iu schweißtriefender Aktion und umlagert von einer vergnügten Volksmenge. Auf der Veranda der blasirte reiche Chinese mit der Cigarre im Munde! Es sah aus, als ob er seinen Platz nie verlassen hätte. An seiner Seite hockte eine runzelige javanische Kindswärterin, welche einen zirka dreijährigen Sprößling des vornehmen Hauses mit Reis stopfte. Der kleine Knirps war mit Seide und Gold reich gekleidet, hielt sich mit den Händchen am Fauteuil seines Papas fest und verschluckte unglaubliche Mengen von Reisballen, welche die schmutzigen Finger seiner Wärterin kunst- und mundgerecht formten. Dabei stampfte er vergnügt mit seinen dicken Beinchen den Boden und kümmerte sich wenig um den „Jahrmarkt" in seiner Nähe. Abends hatte ich trotz energischsten Protestes meinerseits und trotz Berufung auf meine mangelhafte Touristengarderobe ein elegantes Familienfest mitzumachen. Es wurde der Geburtstag eines Verwandten von Frau Z. in dessen Hause gefeiert; etwa 40 Personen nahmen daran Theil, außer Herrn Z. und einem seit 20 Jahren in Batavia als Polizeipräsekt lebenden Deutschen alles Eingeborne und Mischlinge und auch ein Neger. Die ganze Gesellschaft war in tadelloser Toilette, befrackt, behandschuht und glitzernd von Gold und Edelgestein. Aber manchem der jüngern Männer sah man die entlehnten, etwas zu kurzen oder zu langen Hosen an und um die Oberschenkel des Negers flatterte verzweifelt ein Paar langer Frackschöße, die auch für andere Dimensionen berechnet waren. Ein Frack ist mir stets ein Gegenstand des Gelächters und des spöttischen Mitleids, aber nie in der Welt hat er mir 203 einen komischeren Eindruck gemacht als in dieser Gesellschaft. — Von auffallender Schönheit und Formvollendung waren einige arabisch- europäische Mischlinge. Der dunkelbraune Teint und die pechschwarzen Haare paßten ganz gut zu den wahrhaft griechischen Profilen. Vor den hell erleuchteten Räumlichkeiten saß im Garten, um einen Baum gruppirt, eine javanische Musikbande, die zum Tanze spielte. Es waren Künstler dritten Ranges, auch nach asiatischen Begriffen: ein alter Geiger, zwei Klarinettisten, eine Tuba und zwei Trompeter. Im Gewoge des Tanzsaales hörte man aber nur den Baß und die Klarinette. Die Musik war unter aller Kanone, die Temperatur in dem dicht angefüllten, vierzigfältig aromatische» Tanzlokale zum Metallschmelzen. Ich schwitze jetzt »och, so oft ich an jene Situation denke. — Die Hitze und die bewußten Beinkleider, die ich von Zeit zu Zeit durch einen Seitenblick in einen hohen Wandspiegel kontrollirte, verboten mir, das Tanzgebein zu schwingen. Ich hatte übrigens auch sonst nicht die mindeste Lust dazu. Nur Frau Z. durste ich — galant, wie ich sein sollte — ein Wälzerlein nicht abschlagen. Meine Befangenheit in Betreff des oben erwähnten Gegenstandes erlaubte mir aber nicht die freie Handhabung meiner Glieder, und zu meinem Entzücken stellte mich meine Tänzerin nach einigen fruchtlosen Bemühungen auf die Seite und erklärte, „sie bringe mich nicht herum". Ich dachte meinerseits dasselbe und dankte dem Himmel, als ich wieder auf der Veranda saß. — Aus der Straße standen Hunderte von zerlumpten Eingebornen und bewunderten in elenden Fetzen und vielleicht hungerig die nach außen glänzende Gesellschaft. Diese grellen Kontrastfarben stimmten mich bitter und unzufrieden. Bei Tische war das blonde, aber hektisch aussehende Töchterlein des deutschen Polizeikommissärs meine Nachbarin. Die Mutter des Kindes ist eine Eingeborne; trotzdem verräth bei ihm nur der gelbe Teint das asiatische Blut und herrscht das deutsche Element vor; es zeigte sich namentlich auch in einem Gefühl, das ich bei 204 dem Kinde der Tropen nie vermuthet hätte, einem sehnlichen Heimweh nach Deutschland. Der Vater des Mädchens hatte vor fünf Jahren seine 74jährige Mutter aus Deutschland nach Batavia kommen lassen. Die Großmutter aber, erfüllt von sehnlichem Verlangen nach der frühern Heimat, hatte ihrer Enkelin stets von dem schönen deutschen Vaterlande erzählt und so war die Sehnsucht nach deutscher Erde in das Kindesherz übergegangen. Ich fürchte, das zarte, durchsichtige Wesen mit der matten Stimme, dem trockenen Hüsteln und den sieberglänzenden Augen wird das Land seiner Träume nicht mehr zu sehen bekommen. Unterdessen wurde es 3 Uhr Morgens; noch immer tanzte man unverdrossen weiter; die Damen glühten; die Herren wedelten sich Kühlung zu mit ihren zierlich kleinen, roth geränderten Sacktüchern. Dem alten Geiger waren zwei Saiten gesprungen, der Klarinettist überschnappte im Ton und der Baß gab nur noch hie und da einen lebensmüden Laut von sich. Der schwalbenbeschwanzte Neger stampfte einen Nationalsolotanz; im Speisezimmer toastirte und applaudirte es wie ein Hagelwetter. Plötzlich wurde mir die Welt langweilig; ich bat meine Gastfreunde, Herrn und Frau Z., um Urlaub und empfahl mich. Ein Fuhrwerk brachte mich Gesellschastssatten durch die dunkle Nacht in */4.siündiger Fahrt nach Kebon-Siri, woselbst der alte, treue Hausdiener noch Wache hielt und mir ins Bett leuchtete. Es bleibt mir nun noch übrig, von dem inhaltschweren ersten Sonntage zu erzählen, den ich in Batavia verlebte und der deshalb besonders genußreich und interessant für mich war, weil Herr Z. — seiner geschäftlichen Verpflichtungen ledig — mir seine ganze Zeit widmete und mich in allen Winkeln und Ecken der merkwürdigen Stadt herumführte. — Nachher schnüren wir unser Bündel, lieber Leser, und reisen ins Innere des herrlichen Eilandes Java; dort zeige ich Dir ein wahres Paradies. -» 205 VI. Aromatische Ueberraschuilg. — Heimatliche Kltinge aus fremder Erde. — Krakatau-Katastrophe. — Elend in Bantam. — In der Altstadt Batavia. — Chinesischer Leichenzug. — Ceremonicll in Trauerhänsern. — Barbier auf der Straße. — Riesenschildkröte. — Chinesisches vessünor. — Trödclkrambuden. — Glückliche Requisition. — Lpferftütte. Das Erwachen am Morgen nach der schweißtriefenden Abendgesellschaft war nicht gerade ein freundliches. Die Verpflichtung, zu tanzen, hatte sich im Traume fortgesetzt; aber wenn ich meine Gebeine in Bewegung setzen wollte, stolperte ich über ein Hinderniß; das Hinderniß war meine Tänzerin selber und so oft ich zum Bewußtsein kam, umfaßten meine Hände krampfhaft die roßhaarene holländische Knierolle, welche der schlafenden Phantasie als Balldame imponirt hatte. Als ich erwachte, war ich todmüde und ein dünnes, aber beharrliches Kopfweh lagerte — gleich einem Nebel — auf den Wipfeln meines Haupthaares. Zu meinem Erstaunen wurde am Moskitonetze meines Bettes durch eine unsichtbare Gewalt lebhaft gezupft und gerissen. Ich vermuthete meine Freundin, die junge Hauskatze, am Boden und wollte dem Spiele des niedlichen Thieres zusehen; da stieg ein infernalischer Duft in meine arme Nase. Ein halbverwestes Eichhorn, ein Bruchstück unserer vorgestrigen Jagdbeute, lag neben dem Bette und diente der Katze als Spielzeug. Es brauchte einige Mühe, dem Tiger ov inini^urs das Aas zu entreißen; schließlich baumelte es aber an der Spitze eines langen Bambusstockes und flog in steiler Kurve zum Fenster hinaus, — aber acht Tage lang genügten weder Jodoform noch Carbol, die aromatische Erinnerung an das Eichhorn auszulöschen. Während ich nach dieser ersten Sonntagsarbeit eine Cigarette rauchend auf dem Divan lag — vom Bette hatte ich vollständig genug — tönten mir aus dem benachbarten Salon die Harmoniern des Zwyssig'schen Schweizerpsalms „Trittst im Morgenroth daher" 206 entgegen. Wie die zum Herzen drangen! Fern von der Heimat würdigt man am allerbesten die wahren, schönen, echten Vaterlands» lieder und fühlt ihre Seele heraus. Zwysfigs innig begeistertes Lied und das Gottfried Keller-Baumgartner'sche „O mein Heimatland" haben mich denn auch nie mehr gepackt als in der Fremde. Die Klänge entsprangen einem Klavier und davor saß — im Nachtkostüm mein freundlicher Gastwirth Herr Z., der im Verlaufe des Sonntagsmorgens noch manche Schweizerweise aus dem Gedächtniß reproduzirte und mir dadurch — wie bei manch anderer Gelegenheit — zeigte, daß die Heimat in seinem Herzen noch immer einen bevorzugten Platz einnimmt. Nach dem Frühstück fuhren wir thateudurstig von Kebon-Siri weg und besuchten erst einige der schönen Privathäuser, die im Besitze des Herrn Z. und an einige holländische Familien aus- gemiethet sind. Das eine davon ist mit viel Luxus erstellt und zeigt verschwenderische Verwendung von Marmor als Baumaterial. Wohl verzinst sich eine derartige Kapitalanlage ausgezeichnet; aber dem Besitzer kann oftmals angst und bange werden, wenn der vulkanische Boden Javas zu beben oder einer der vielen riesigen Bergschlöte zu speien anfängt. Denn eine Häuserversicherung gegen Erdbeben gibt es nicht. Als ich in Batavia weilte, waren die dortigen Einwohner noch in gelinder Aufregung; es hatte einige Wochen zuvor die Sonne plötzlich sich verfinstert; der Tag war zur halben Nacht geworden und aus unbestimmter Himmelsrichtung dröhnte und donnerte es wie eine Kanonade. Drei Tage lang dauerte das unheimliche und nnerklärte Naturschauspiel; die Häuser zitterten und ihre Besitzer dazu. Alle die alten Vulkane, Gedeh, Salak u. s. w., wurden nachgesehen, aber ruhig befunden. Endlich kam ein englischer Segler von der Sundastraße her gefahren und meldete, das Meer sei dort über und über mit grauer Asche bedeckt und der Krakatau, eine vulkanische Berginsel, die seit hundert Jahren als ausgebrannt und todt betrachtet wurde, befinde sich in 207 voller Eruption. Nachher beruhigte sich der Störefried wieder, aber nur um neue Kräfte zu sammeln für eine Katastrophe, wie sie die Welt noch kaum je gesehen hat und die Schrecken und Elend über die Südwestküste von Java brachte. Die gewaltige Revolution fand statt, bald nachdem ich Batavia verlassen hatte, während ich in China weilte. Bei der Ueberfahrt nach Japan wurde uns während drei Tagen das eigenthümliche Schauspiel, daß die Sonne als mattgelbe, glanzlose Scheibe am Horizonte auf- und niederging. Der ganze Himmel, namentlich intensiv aber der morgendliche und abendliche Horizont, zeigte eine merkwürdige, blendend gelbe Färbung, die einige Monate später in Europa überall und in gleicher Weise zu sehen war und über deren Erklärung die Gelehrten sich dort die Köpfe zerbrochen haben. Man konnte selbst Mittags, ohne geblendet zu werden, direkt in die Sonne schauen; die Sonnenflekke ließen sich mit einem gewöhnlichen Feldstecher ganz deutlich beobachten.* Das eigenthümliche Kolorit gab der Meerwelt ein ganz unheimliches Gepräge und das Unbehagen und die Angst der Bewohner unseres vom Sturme hin- und hergeworsenen Fahrzeuges wurde noch vermehrt, da der Kapitän — auf den bei solchen Gelegenheiten zur See aller Augen gerichtet sind — durchaus keine Auskunft zu geben wußte und selber etwas ängstlich schien. In Japan angekommen, trafen wir auch dort ziemliche Bestürzung. Die Japaner meinten in ihrer naiven Aufsassungsweise, „die Sonne sei krank", und waren zahlreicher als sonst in den Tempeln, um drohendes Unheil durch Gebet abzuwenden. Erst in Uokohama erhielten wir durch den Telegraph die Kunde von den schrecklichen Vorgängen in der Sundastraße und es wurde außer Zweifel erachtet, daß die eigenthümlichen Lichteffekte und die Verfinsterung der Sonne die Folgen gewesen seien von der in - Bei dieser Gelegenheit lief mein eidgenössischer Ordonnanzseldstecher einem Instrumente sabelhafter Größe, das ein chilenischer Reisender ans London mitgebracht und dort mit 450 Fr. bezahlt hatte, den Rang ab. 208 den obern Luftschichten schwebenden Asche des Krakatau, welche der zur Zeit herrschende Südwestmonsun in der Richtung nach Japan vorwärts getrieben hatte. — Als ich einige Monate später die nämlichen Farben am Horizonte wieder glühen sah, lag der Gedanke nahe, für die nämliche Erscheinung den nämlichen Ursprung anzunehmen, und die Erscheinung ist denn ja auch von einigen Gelehrten so gedeutet worden. Ueber die gräßlichen Zerstörungen, welche die entfesselten Elemente in der Sundastraße anrichteten, ist in diesem Blatte durch die dramatische Feder des Herrn Z. berichtet worden. Das arme Bantam! Zwei Jahre zuvor hatte in dieser Provinz die Rinderpest geherrscht und Hunderttausende jener nützlichen Thiere, der zahmen Büffel, ohne welche keine Reiskultur möglich ist, deren Verminderung also immer auch Hungersnoth bedeutet, mußten getödtet werden. Diese Kalamität zog eine andere, schwerere nach sich. Da die Riesenleiber der todten Büffel oft zu 200 und mehr in ein Massengrab zusammengeworfen und nicht immer sorgfältig zugedeckt wurden, gebar die verpestete Atmosphäre bösartige Fieber, welche im Verein mit Hunger und Elend an die hunderttausend Einwohner von Bantam tödteten. Und kaum ein Jahr später kommt die Krakatau-Katastrophe, welche in ihren Folgen nicht weniger gräßlich ist als die früheren! In der Altstadt Batavia angelangt, verabschiedeten wir unsern Wagen und gingen zu Fuß weiter. Es wäre auch anders nicht möglich, durch die engen Gassen in den Quartieren der Chinesen und Eingebornen durchzukommen; oft genug stellen sich sogar dem Fußgänger noch Hindernisse entgegen, die ihn zwingen, seitwärts in die Krämerbuden oder die offen stehenden elenden Wohnungen auszuweichen und eine Nase voll unbeschreiblicher Gerüche mit fortzunehmen, sei es, weil ein Lastträger die ganze Breite des schmutzigen und schmalen Weges beansprucht, oder daß ein Leichen- zug — eine sehr häufige Begegnung — die Schritte des Passanten 209 aufhält. Wir kreuzten dann auch die Transporte mehrerer Leichen von Chinesen wie von Eingebvrnen. Ohne alles und jedes Geleit wird der javanische Todte auf einer Bahre, nur mit einem bunten Tuche bedeckt, durch vier Inländer in scharfem, fast trabendem Gange vorwärts getragen; Niemand kümmert sich um die Träger mit ihrer Last, die kein größeres Aufsehen erregt als ein transportirter Tuchballen oder ein Sack Kaffee. Ganz anders sieht ein chinesisches Leichenbegängniß aus. Der Leichnam liegt — sorgfältig cinbalsamirt — in einem einfach geschnitzten Sarge, gewöhnlich einem ausgehöhlten und geplätteten Baumstamm. Auf einer oft ungeheuer großen und fast haushohen Bahre, die mit weißen Tüchern behängen ist, wird er auf den Schultern von 30 bis 40 Chinesen vorwärts getragen, begleitet durch einen langen Zug von Angehörigen und Verwandten, in deren Kleidung die weiße Farbe (bekanntlich die Farbe der Trauer bei den Chinesen) vorherrscht. Vor dem Sarge her gehen phantastisch gekleidete, bis über die Ohren vermummte Klageweiber, die aussehen wie wandelnde Kleiderständer. An der Spitze des Zuges wird an mächtig langer Stange eine kolossale Papierpuppe vorausgetragen, welche zur Abwehr der bösen Geister dienen soll; eine Unmasse kleiner, an Stöcken befestigter Figuren aus bunten, Papier stellt das Korps der Diener für den Verstorbenen vor. Die ganze leichte Gesellschaft wird am Grabe verbrannt, d. h. nach der Vorstellung der Chinesen mit dem Todten ins Jenseits befördert. Unterwegs zur Leichenstätte werden von allen Begleitern zahlreiche Opfer gebracht: es knallt mannigfaches Feuerwerk, und Tausende von goldenen und rothen Papierschnitzeln fliegen in die Luft und bezeichnen nachher als bunte Saat den Weg, den der Leichenzug zurückgelegt hat. Auch Gegenstände mannigfachster Art (Schweine, Fische, Früchte :c.) werden in Papier ausgeschnitten und den Göttern geopfert; der praktische und haushälterische Chinese findet, daß ihn die Sache in Papier billiger zu stehen kommt, als wenn 14 210 er sie in natura zu spenden hätte. Materiellere Opfer, Speisen nnd Früchte, welche den Göttern etwa angenehm sein könnten, sind allerdings auch ausgestellt; doch übt der Chinese die Praxis, dieselben schleunigst aufzuessen, nachdem die Götter keinen Appetit hiezn gezeigt haben; denn eßbare Gegenstände liegen und verderben zu lassen, geht gegen den Strich auch des frömmsten Zopfträgers. Ganz besonders interessant war mir ein längerer Besuch, ein stundenlanges Herumflaniren im chinesischen Stadtviertel. Das ist ein Gewirr von eng zusammengepferchten verfallenen Hütten, von schmutzigen und vielfach gewundenen Gäßchen, von Kramläden, Handwerkerbuden, von zerlumpten Kulis, von lärmenden nackten Kindern, schmutzigen Weibern, daß Einem Hören und Sehen darüber vergeht. Jedes Haus ist auch ein kleines Waarenmagazin, dessen Artikel, Früchte, getrocknete Fische, Gewürze, alte Geräthschaften rc., offen gegen die Gaste zu daliegen. Dazwischen schwebt schwer und unbeweglich eine Luft, gegen welche die Riechnerven jedes einigermaßen zivilisirten Menschen des energischsten protestiren. Dieses entsetzliche Gemisch von Knoblauch, Fischgeruch, an der Sonne hängendem und mit Schmeißfliegen bedecktem Schweinespeck, aashaft zersetzten Speiseresten, von allen erdenklichen Ausmucfsstoffen der Häuser (nein — der Misthöhlen), welche ihren Weg durch die Gasse suchen, um sich schließlich einem halbfaulen, stagnirenden Wasser beizumengen, dieses Duflkonzert alles Eckelhasten, durch das hie und da das penetrante Aroma von Gewürznelken oder atschinesischem Pfeffer einen Augenblick durchdringt, wie die Klarinette aus einem Haufen verstimmter Blechinstrumente, wird meine arme Nase ihrer Lebtag nicht vergessen. Da muß man sich nicht wundern, wenn die Leute wegsterben wie die Fliegen und wenn die Cholera und andere epidemische Krankheiten nie aufhören. Hie und da sah ich vor einer chinesischen Wohnung einen halbverkohlten, noch rauchenden Holzblock liegen. Herr Z. erklärte 211 » mir, daß in den betreffenden Häusern Jemand gestorben fei. Es herrscht nämlich bei den Chinesen die Gewohnheit, einen Todten so lange im Hause zu behalten, bis ein zum Glimmen gebrachtes Stück Holz, ein Baumstamm, vollständig verkohlt ist. Reiche Leute ziehen diesen Termin möglichst in die Länge, bis zu 40 Tagen, und haben für jeden Tag, der über die sanitätspolizeilich verfügte Zeit von zwei bis dreimal vierundzwanzig Stunden hinausgeht, große Summen an die holländische Regierung zu bezahlen. Ist ein chinesisches Familienglied gestorben, so wird es sorgfältig angekleidet, bei den Reichen mit Seide, Gold und Edelstein förmlich überdeckt und in einen Lehnstuhl gesetzt. Daneben plazirt man einen Tisch mit all den Lieblingsgerichten des Verstorbenen, wobei Reis, Theekrug und Tabakspfeife nicht fehlen dürfen. Niemand jammert oder klagt und wer ins Haus kommt, muß sich wohl hüten, von einem Todten zu reden, sondern er hat sich zu erkundigen, wie es dem Kranken gehe, ob er gut bei Appetit sei u. s. w. Am dritten Tage endlich legt man den hartnäckig die Speisen versagenden Gestorbenen in den Sarg. Dann erst geht das Wehklagen und Jammern an. Die Außenseite der Häuser wird nun — wie ich häufig zu sehen Gelegenheit hatte — mit weißen Tüchern und kunstvoll geschnitzelten Papierlaternen behängen und des Opferns und Feuerwerkerns wird kein Ende. Es ist überhaupt unglaublich, was die Chinesen darin leisten: kaum eine einigermaßen wichtige Thätigkeit wird begonnen ohne Piff-paff-puff und Papieropfer; Fischer und Schiffer feuerwerkern, um die Wafsergötter günstig zu stimmen; der Reisende, bevor er sich auf den Weg macht; der Dieb und Mörder, um des Gelingens seiner Anschläge sicher zu sein. Goldpapier und Pulver werden denn auch bei den Chinesen in ungeheurer Quantität gebraucht. Wir blieben stehen bei einem Barbiere, der einem seiner Landsleute mit einem schartigen und schmutzigen Messer die nöthige Toilette machte. Gesicht und Schädeldach wurden — bis auf die 212 Ursprungsstelle des Zopfes — kahl rasirt; dann nahm der chinesische Coiffeur den Kopf des Klienten zwischen seine Kniee und reinigte ihm sorgfältig Nasenlöcher und Ohren vermittelst metallener Häkchen und Löffelchen, die er wie einen Malerpinsel und nicht ohne Eleganz zu handhaben mußte. Ich warf einen Blick ins tiefste Innere des noch ungereinigten Chinesenohres; „doch der Mensch versuche die Götter nicht, und begehre nie und nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen." Eben wurde ein brüllender Junge hergebracht, der sich einen Fruchtkern in die Nase geschoben hatte. Der Barbier steckte ohne Umstände den kleinen Kopf in den Schraubstock, d. h. zwischen seine Kniee, und beförderte das oorpus äelioti sehr rasch mit einer langarmigen Zange aus Tageslicht. Die Operation wurde ihm mit 25 Cents (zirka 60 Rappen) honorirt. Alle Augenblicke wurden wir in den schmalen Gassen gepufft, um Platz zu machen; einmal waren es zwei halbnackte, schmutzige Kulis, die von Weitem schon um Passage brüllten. Sie kamen im Trabe und unter unaufhörlichem Geschrei hergerannt und trugen schweißtriefend an einem Bambusrohre eine Riesenschildkröte auf den Schultern, wie weiland Josua nnd Kaleb die Weintraube aus Kanaan. Das Thier war lebend und mit einem durch den fleischigen Schwanz gebohrten Stricke am Bambusrohre aufgehängt, so daß der Kops senkrecht nach der Erde hing; die klugen Augen betrachteten die Welt von diesem ungewohnten Standpunkte'aus sehr mißvergnügt. Mit Ausnahme einer brasilianischen Riesenschildkröte, die anno 1873 über den Ozean ins mittelländische Meer sich verirrte und bei Algier gefangen wurde, habe ich nie ein größeres Thier dieser Art gesehen. Es maß über fünf Fuß Körperlänge und wog mehrere Zentner. Der Rückenschild war felsenhart verknöchert, der Brustschild aber knorpelweich. Die Kulis legten das riesige Thier vor einem Krämerladen zu Boden auf den Rücken, in welcher Lage es hülflos sich nicht von der Stelle 213 bewegen konnte. Die verzweifelten Anstrengungen, die es mit dem weit vorgereckten Kopfe machte, um sich aus die Beine zu stellen, blieben erfolglos. Das Thier war in Wuth und als ich ihm ein Bambusrohr vor die Augen hielt, biß es sich mit seinen verhornten und scharf zugespitzten Kieferknochen (eigentliche Zähne besitzen die Schildkröten keine) so fest hinein, daß es schwer war, den halb durchgebissenen Gegenstand wieder loszukriegen. Die Kulis hatten die sonst in den Süßwasser führenden Flüssen Javas lebende Schildkröte ziemlich weit landeinwärts im Sande, wahrscheinlich beim Geschäfte des Eierlegens, angetroffen und suchten nun den willkommenen Fang zu veräußern. Sie verlangten den bescheidenen Preis von zwei Gulden, wurden aber überall nach längerem Feilschen abgewiesen und trabten mit ihrer Last lange Zeit vor uns her, uns immer wieder überholend. Trotz der unappetitlichen Atmosphäre, in der wir uns bewegten, fing unser Magen über Mittag doch zu knurren an und wir traten in ein chinesisches Restaurant, eine dunkle, nach der Straße zu offene Bretterbude, in welcher emsig gekocht, gebraten und gegessen wurde. Das brodelte und dampfte und schmatzte nach Noten. Der Eßgcruch war recht einladend und schreckte uns durchaus nicht zurück, wenn wir uns auch über manches Aroma keine Rechenschaft abzulegen vermochten. Kaum waren wir abgesessen, so erschien ein,,Kellner", d. h. ein nur mit dem Allernothdürstigsten bekleideter Chinese von appetitstöreuder Häßlichkeit, von dessen gelber Brust und Rückenhaut es troff wie Fett. Wir bestellten Reis mit Sauce und irgend ein Nationalgericht aus gehackter Schweinsleber und eine Art Käse, dann Geflügel und Früchte. Für den Durst stellte man uns zwei Flaschen kuhwarmen deutschen Exportbieres hin. Meine Verdanungswerkzeuge machten erst abwehrende Bewegungen; aber von der fabelhaften Gefräßigkeit der herumsitzenden Chinesen fiel schließlich auch ein Fünklein auf meine Seite und ich vertilgte meine Portion zur Zufriedenheit meines Begleiters, und wo der 214 Goüt mir etwas zweifelhaft schien, ließ ich von der warmen Bierbrühe nachströmen, die doch wenigstens nach Hopsen nnd Malz schmeckte. Zu bezahlen hatten wir überraschend wenig; ich hatte das Fünffache erwartet. Gehoben durch diese billige chinesische Stärkung setzten wir unsere Wanderung fort. Die meisten der zahllosen Trödelkrambuden im chinesischen Kampong sind wahre Rumpelkammern und enthalten auf engen Raum zusammengeschränkt alles Mögliche und Unmögliche: Eß- waaren, Getränke aller Art, neue und getragene Kleidungsstücke, Rauchrequisiten, Porzellansachen, alte, verrostete Waffen. Was die Europäer als Abgang wegwerfen, paradirt oftmals noch als „Prachtstück" auf dem Auslegebrett eines solchen Verkaussladens. — Die Verkäufer benahmen sich, sobald wir Miene machten, ihre Herrlichkeiten eines lüngern Blickes zu würdigen, äußerst unter- thänig und zuvorkommend. Verlangten wir einen Gegenstand, der nicht auf Lager war, so bat der betreffende Chinese »m einen Augenblick Geduld, rannte zu einem Nachbar und kehrte rasch mit dem Gewünschten zurück. — Was verkauft wurde, »otirte er sofort auf. Das chinesische Schreibmaterial besteht in einem fein zugespitzten Pinsel aus Fuchshaaren und Schilf und einer oft nett verzierten Reibschale, in welcher Tusche immer frisch angerieben wird. Der Pinsel wird senkrecht zum Papier geführt; der Chinese schreibt von rechts nach links und fängt die Seite unten an, unten rechts, nicht, wie wir, oben links. Dieser strikte Gegensatz zu unsern Gewohnheiten zeigt sich auch bei manch anderer Gelegenheit: der Chinese nickt mit dem Kopfe als Zeichen der Verneinung und schüttelt denselben, um zu bejahen; er winkt mit der Hand, wenn er abweisen will und macht die entgegengesetzte Handbewegung, um zum Nähertreten einzuladen; die Magnetnadel — die in China schon im Jahre 121 n. Chr. entdeckt war — weist für ihn nach Süden, nicht nach Norden u. s. f. In einem größer» Verkanfslokale zeigte man uns u. A. ein 215 Glasgefäß, enthaltend: Rhinozcroshörner. Es waren zirka zehn Stück jener für das Nashorn charakteristischen hornigen Auswüchse zwischen Stirn und Nase, welche einen Werth von nahezu 2000 Gulden repräsentieren. Der an und für sich werthlose, aus Hornsubstanz bestehende Körper, der höchstens die Größe einer Faust erreicht, wird von den Chinesen deßhalb so geschätzt und so übermäßig bezahlt (200 bis 800 Gulden per Stück), weil sie darin das kräftigste Gegenmittel gegen alle Gifte vorhanden glauben. Das Horn wird geschabt und das Geschabsel als Gegengift genossen. Reiche Chinesen lassen sich besonders große Exemplare auch ausdrechseln zu der Form eines Bechers und benutzen denselben für Speisen und Getränke, welche ihnen gistverdächtig erscheinen. Die Beimengung von Gift soll beim Eingießen der zu untersuchenden Flüssigkeit in den Nashornbecher eine sichtbare Verfärbung bewirken und jedes Gift durch diese Berührung unschädlich gemacht werden. — Was Wahres daran ist, konnte ich nicht ermitteln; doch wird — wie ich im Innern Javas von Seiten eines Arztes hörte — geschabtes Horn vom Rhinozeros, mit Speichel zu einem Brei angerührt, gegen giftige Schlangenbisse mit Erfolg angewendet. Als ich im Vorbeiweg einen Blick in eine chinesische Schmiede warf, sah ich — vom Widerschein der Esse grell beleuchtet — eine prachtvolle Fächerkoralle mit einem Stück ihres Mutterbodens auf einem vorstehenden Steine an der Wand ausgestellt. Sie mußte schon seit Jahren dort stehen, denn der Ruß lag liniendick aus dem schönen Gebilde des Meeres. — Der nackte Schmied lachte mich aus, als ich Lust zeigte, das Ding, das für ihn so gar keinen Werth hatte und zudem unbequem groß war (es maß wohl fünf Fuß im Breiten-Durchmesser) mitzunehmen. Schließlich verlangte er aber doch zwei holländische Gulden dasür, die ich gerne bezahlte. Begleitet von dem mitleidigen Lächeln des Ver- känsers und angeglotzt von Jedermann trug ich das schöne Stück 216 durch die Straßen nach einem sichern Orte und wurde dabei an Händen, Gesicht und Kleidern schwarz wie ein Kaminfeger, so daß ich am Ende meinen Fang theuer genug erkauft hatte. Mein Absteigequartier, in dem ich die jeweils eingehandelten Gegenstände in Sicherheit brachte, bildete die in der Nähe des chinesischen Kampongs gelegene Filiale der holländischen Staatsapotheke zu Batavia. Im Chef derselben, Herrn V. aus Friesland, einem intimen Freunde von Herrn Z., lernte ich einen der liebenswürdigsten Männer kennen, denen ich auf meiner Reise begegnet bin. Ihm verdanke ich außer zahllosen kleinen und großen Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten namentlich auch wichtige Aufschlüsse über die holländische Herrschaft i» Indien, speziell auf Java. Herr V. ist einer von den wenigen Holländern in Batavia, welche die Schattenseiten und die Krebsschäden des Kolvnisationsver- fahrens ihrer Nation einsehen und die im Beamtenheere eingerissene Korruption schonungslos an den Pranger stellen. Ein kleines Beispiel für die Art und Weise, wie der Fiskus (d. h. also indirekt die armen Eingebornen) von Hoch und Niedrig bestohlen und betrogen wird, erfuhr ich innerhalb der genannten Apotheke selbst: Ein monatlich mit 800 Gulden besoldeter Arzt, Direktor des Stadtverbandhospitales, hat als solcher die Verpflichtung, alle in Batavia lebenden Staatsangestellten, welche weniger als 150 Gulden Monatsgehalt haben, unentgeltlich zu behandeln. Natürlich werden aber die dazu erforderliche» Medikamente extra bezahlt, d. h. von der Staatsapotheke gratis geliefert. In der Praxis macht sich nun die Sache so: Der vom Staate mit jährlich fast 10,000 Gulden honorirte Arzt geht seiner Privatpraxis nach. Wer sich krank fühlt (und zu denjenigen gehört, die auf unentgeltliche Behandlung Anspruch haben), schreibt an die Staatsapotheke einen Bries, nennt seine Beschwerden und verlangt Medikamente, eventuell auch ärztlichen Besuch. Der Apotheker öffnet die Briefe — deren im Tage oft hundert sind — und befriedigt die Pctenten größtentheils von 217 sich aus. Auf diese Weife ist ein großartiger Mißbrauch ein- gerissen: Die kleinern Beamten verlangen und erhalten Tag für Tag die verschiedensten Medikamente und Luxusgegenstände: Larr- cke-doloxus, Seifen rc., und schaffen sich auf diese Weise eine gut besetzte Hausapotheke, die sie zu Geld machen, indem sie ihren Inhalt au Eingeborne und Nicht-Medizinberechtigte verkaufen. Tausende von Gulden werden auf diese Weise monatlich dem Staate gestohlen und, wie viele andere Betrügereien, wird auch diese geduldet und ist durch den langjährigen Usus zur selbst, verständlichen Regel geworden. Eine einzige Frau, die, wie mir Apotheker V. sagte, Simulanti» ist, kostet die Regierung auf diese Weise jährlich gegen 700 Gulden, ohne daß je ein Arzt zur Kon- trole sie besuchen würde. Es interessirte mich, auch eine chinesische Apotheke zu sehen; Herr V. führte uns persönlich hin und ich bewunderte die Eraktität und Gewandtheit, mit der die bezopften Apotheker ihre Wurzeln und Kräuter schneiden, Alles von Hand, wie vor 2000 Jahren. Ein eben einlaufendes Rezept eines chinesischen Arztes war wohl zwei Fuß lang und verordnete ein Gemisch von wenigstens zwanzigerlei verschiedenen Droguen. Das muß ja geholfen haben! Wie alle chinesischen Händler rechnete auch der Apotheker jede Kleinigkeit mit Hülse des sogenannten Suanpuan, der Rechentafel. Dieses Instrument wird seit historischen Zeiten in ganz China gebraucht und gehört zu den unentbehrlichsten Schulgegenständen des chinesischen Schuljungen, wie bei uns Griffel und Schiefertafel. — Die Kunst des Kopfrechnens wird gar nicht geübt, und auch der gewandte Geschäftsmann traut sich die kleinste arith- methische Ausgabe, die elementarste Rechenoperation, nicht zu ohne Rechentafel. Dieselbe besteht aus einem viereckigen Rahmen; inner- halb desselben ist eine Reihe paralleler Drähte angebracht, an welchen verschiebbare Kugeln stecken. Jede Kugel des ersten Drahtes bedeutet beispielsweise eine Einheit, jede des zweiten zehn u. s. w: 218 Die kleinste wie die größte Rechnungsaufgabe löst der Chinese durch ein rasches Spiel seiner Finger auf dieser Rechenmaschine, und in größer» Geschäften, wo viele Verkäufer sind, hört man beständig das Klappern der hin- und hergeschobenen Kugeln. Schachmatt in Folge der Hitze und halbkrank durch die Einwirkung der vielen Düfte von Chinesisch-Batavia lag ich nachher wieder aus eine Oksiss lon^us der heißatmosphärigen Staats- apolheke und betrachtete im Schweiße meines Angesichts einen javanischen Lehrburschen, der hinter dem Rezeptirtische unverdrossen seit dem frühen Morgen Pillen drehte und sie nachher mit Schaumgold oder-Silber vergoldete und versilberte, denn nur in dieser Form findet das Medikament aus europäischen Apotheken Gnade bei den Chinesen und Malayo-Javanen. Ein Fläschchen Vsuvs-OIioguot, durch Eis gekühlt und voin liebenswürdigen Apotheker V. kredenzt, brachte neues Leben und frischen Muth in unsere hinfälligen Hüllen und es vergingen noch mehrere Stunden eifrigen Herumrennens und Beschauens, bevor wir „zu Muttern" nach Kebon-Siri zurückkehrten. Der Fischmarkt gewährte einen besonders interessanten Anblick; Tausende der eben frisch dem Meere entnommenen Bewohner, Riesen und Zwerge, zum Theil noch zuckend und nach Luft schnappend, lagen in großen Haufen auf dem Boden der Verkaufshallen beisammen; kaum fanden unsere Füße Platz, um aufzutreten. Der gefräßige Hai war in allen Größen vorhanden und konnte mit Gemüthsruhe aus der Nähe betrachtet werden; Mund- und Rachenhöhle sind von entsetzlicher Geräumigkeit und mit dolchähnlichen, spitzen Zähnen bewaffnet. — Eine eckelhafte Gesellschaft bilden die Kopffüßler mit ihren schleimig gallertigen Leibern und ihren mitSaug- näpsen bedeckten Fangarmen, die auch bei den ihrem Elemente entnommenen Thieren noch stundenlang in steter langsam tastender Bewegung begriffen sind und oft eine riesenmäßige Größe erreichen. Ein im britischen Museum aufbewahrter Cephalopodenarm ist 219 30 Fuß lang; ein so bewaffnetes Meerungethüm wäre wohl mit Leichtigkeit im Stande, einen Menschen in seine Arme zu schließen und — zu verdauen. — Gestank und Lärm eines Fischmarktes sind in der ganzen Welt dieselben, in Batavia wie in Marseille und Hamburg; keifende Fischweiber fehlen auch nirgends. Jeder Gedanke, der über Fischthran hinausgeht, ist in solcher Atmosphäre unmöglich; deßhalb marschirten wir nach kurzem Aufenthalt gerne wieder weiter. Unser Weg kreuzte die imposanten Brandruinen des kurz zuvor eingeäscherten Marinedepots sammt zugehörigen Archiven. Hunderte von Zentnern halb verkohlter Manuskripte und Folianten, die seit Beginn der holländischen Herrschaft in Indien dort aufbewahrt worden waren, lagen zwischen angebrannten Balken, Mauerschutt und demolirten Positionsgeschützen. Der Brand war — wie man vermuthete — entstanden durch die Zündholzschachtel eines „ehrlichen" Beamten hohen Ranges, der Interesse daran hatte, das Archiv zerstört zu wissen. Unweit von dem nördlichen Eingangsthore in die alte Stadt liegt auf einem großen, aber ganz vernachläßigten freien Platze, von Unkraut halb überwuchert, ein mächtiger Kanonenlaus; die Eingebornen erzählen sich darauf bezüglich die Sage, daß noch ei» zweiter, ganz gleicher Laus irgendwo in der Insel verborgen sei; sobald die beiden Zwillinge auf diese oder jene Weise zusammen kommen, werde die Stunde der Erlösung vom Joche der Holländer schlagen. Fast immer genießt man an genannter Stätte das eigenthümliche Schauspiel opfernder und betender Frauen; Räucherkerzen brennen, Papierfiguren werden an Holzstäben in die Erde gesteckt u. s. w. Doch sind es nicht etwa patriotische Gefühle, welche die kleinen Opfer entzünden, sondern meistens ganz private, diskrete Begehren, die den Göttern auf diese Weise sehr eindringlich vorgebracht werden. Gegen sechs Uhr fuhren wir — ermüdet von der heißen 220 Tagesarbeit — auf einer zweirädrigen Karre nach Hause und wurden dort von der guten Hausfrau mit vorwurfsvollem Gesichte empfangen. Hatte sie uns doch über Mittag vergeblich zu Tische erwartet und eine kulinarische Herrlichkeit, einen Triumph ihrer Kochkunst, der uns als Ueberraschuug zugedacht war, allein verzehren müssen. —v VII. Zwei nationale Gifte der Chinesen. — Opiumsucht und AlkoholiSmus. — TaS Opium holländisches LtaatSmonopol. — Marktplatz bei Stacht. — Javanische Theatervorstellung. — Spielplätze der Chinesen. — Opinmbuden. Nach dem Essen machten wir uns nochmals auf die Strümpfe und besuchten die weiter landeinwärts gelegenen Quartiere der Eingebornen und Chinesen Batavias, vor Allem, um zwei Schand- flecke der europäisch-ostasiatischen Zivilisation, die Spielhöllen und die Opiumbuden, zu sehen. Spieltisch und Opiumpfeife sind die zwei nationalen Gifte, welche am Mark des chinesischen Reiches nagen, und die Chinesen im Auslande huldigen den beiden Lastern noch weit mehr und ungezügelter, als sie dies in der Heimat thun können, wo die Regierung bemüht ist, denselben mit strengen Maßregeln — Verbot des Mohnpstanzens, kolossale Einfuhrzölle auf indischem Opium :c. — entgegenzutreten. Die zivilisirten Völker aber, England wie Holland, sehen schmunzelnd zu, wie die beiden Uebel Land nnd Leute ruiniren; fließen doch dabei immense Summen in ihren Geldbeutel. Spielplätze und Opium sind auf Java Monopol der holländischen Regierung und werden Jahr für Jahr um große Summen an einzelne Chinesen verpachtet. Derjenige, der das alleinige Recht hat, Spielplätze zu eröffnen und zu halte», bezahlt für die Stadt Batavia allein 200,000 Gulden per Jahr; für ganz Java macht dies Millionen aus. Bedenkt man aber, daß weitere Millionen den Pächtern als Gewinn zufallen, so ist einleuchtend, welcher materielle Schaden dadurch der chinesischen Bevölkerung* erwächst, ganz abgesehen von der daraus refultirenden moralischen Verderbniß. — Noch verderblicher in seinen Wirkungen ist das sehr verbreitete Laster des Opiumrauchens. Was der Branntwein für unsere Schnapsgegenden, das ist in höherer Potenz das Opium für die Chinesen. Der Reiche raucht das theuerste indische Präparat, das im Verbrennen einen wirklichen Wohlgeruch verbreitet; der mäßig Bemittelte begnügt sich mit einer geringern Sorte, kann es aber immerhin noch auf 6 bis 8 Gulden per Tag bringen, und der Kuli verraucht seinen letzten Heller in den Abfällen von den Pfeifen der Reichen und den billigsten, aber auch schädlichsten, ungereinigten Präparaten. Die Wirkung ist überall dieselbe: schließlicher Zerfall der körperlichen Kräfte und zunehmende geistige Stumpfheit; Unvermögen, etwas zu thun oder zu denken, ohne vorherige Erregung des Nervensystems durch einige Dosen Opium — ganz wie bei unser» Alkoholikern. Alkoholismus und Opiumsucht sind überhaupt zwei vollständige Parallelerscheinungen; ein ganz objektiver Beurtheiler könnte vielleicht im Zweifel sein, welches Uebel er als das größere zu betrachten habe; einem von der europäischen Zivilisation unbeleckten Chinesen mag es sogar viel unbegreiflicher, lasterhafter und gesundheitsgesährlicher vorkommen, jeden Abend bis in die späte Nacht mit dampfender Cigarre im dumpfigen Lokale zu verweilen, Glas um Glas jener Flüssigkeiten, genannt Wein oder Bier, durch die Gurgel laufen zu lasten und schließlich noch einige Schnäpse darauf zu setzen, als die für ihn heimische ' Ten Eingebornen Javas ist das Spiel aus diesen Plätzen verboten; doch helfen sie sich über dieses Besetz hinweg, indem sie Chinesen ihr Eeld zustecken und dieselben beauftragen, für sie und ihr Interesse zu spielen. 222 und verständliche Sitte des Opiumrauchens. Ich für meine Person muß aber gestehen, daß mir die Folgen der Opiumpseise in so widerlicher und trauriger Form zu Gesichte traten, daß ich nur mit Grauen daran denke, und ich kann mich immer noch eher mit einem Studentenbrand oder einem Jubiläumsfähnchen versöhnen als mit der miserablen Erscheinung eines Opiumrausches. Lange, bevor man in China das Opium kannte, wurde es in Vorder-Asien als Arznei- und Genußmittel verwendet; namentlich huldigten der Gewohnheit des Opiumgenusses auch die islamitischen Völker und verbreiteten diese Unsitte weiter nach Osten. Es ist ganz gut möglich, daß die Mohamedaner hauptsächlich durch den Gebrauch des Opiums in jenen raujchähnlichen Fanatismus ge- riethen, der sie mit Muth und Todesverachtung das Schwert führen ließ. Erst im 17. Jahrhundert lehrten Araber die Anwendung des Opiums in China und zwar diente es dort anfänglich nur als Arzneimittel zur Betäubung der Schmerzen, bis gegen Ende des Jahrhunderts das Opiumrauchen trotz vieler Verbote Seitens der Regierung sich zu verbreiten begann. Damals wurden jährlich etwa 14,000 Kilogramm in China eingeführt; jetzt beträgt die Einfuhr durch die englisch-ostindische Kompagnie allein (welche die Opiumkultur in Indien als Monopol hat) über sechs Millionen Kilo per Jahr. In den holländischen Kolonien ist der Verkauf des Opiums Staatsmonopol und es stellt sich aus einleuchtenden Gründen der Preis für das an und für sich theure Mittel sehr hoch. Die holländische Regierung bezog in den Jahren 1874 bis 1878 für 68 Millionen Gulden Opium aus Bengalen und hat mindestens das Dreifache dafür eingenommen. Es sind einzelne reiche Chinesen, welche der Regierung gegenüber die Käufer bilden und sich von ihr außerdem noch um horrende Summen das alleinige Recht des Wiederverkaufes für abgegrenzte Distrikte erwerben. Der monatliche Pachtzins für dieses Recht in der Residenzschaft Batavia 223 beträgt beispielsweise 300,000 Gulden. Diese Ausschlüsse erhielt ich von einem holländischen Marine-Offfzier, mit dem ich im Innern Javas einige Zeit zusammen war; er hatte zwei Jahre lang auf einer jener Fregatten gedient, die zur Verhütung des Opiumschmuggels in der javanischen See kreuzen und auf die chinesischen Segelboote fahnden, welche — mit Opium befrachtet — von Indien oder China herkommen und an unbewachtem Landungsplätze ihre kostbare Ladung zu löschen suchen. Die Mannschast dieser holländischen Kreuzer erhält große Prämien, so oft es gelingt, ein Schmugglerfchiff aufzugreifen (der Kapitän 3000 Gulden, Steuermann und Offiziere je 800 Gulden, jeder Matrose 100 Gulden). Unser nächtliche Spaziergang führte uns erst auf einen großen, freien Marktplatz, auf welchem Hunderte von malayischen und chinesischen Verkäufern Früchte und andere Eßwaaren feilboten. Andere kochten in fahrenden Garküchen oder schenkten Eiswasser und Fruchtsäste aus. Dazwischen flottirte eine bunte Menschenmenge hin und her. Es war ein Gewimmel, wie in einem Ameisenhaufen. Jeder Verkäufer beleuchtete feine auf dem Boden oder auf einem kleinen Tische ausgebreiteten Herrlichkeiten mit einer höchst originellen, einfachen, aber keineswegs feuersichern Lichtquelle, bestehend aus einem mit Petroleum gefüllten Medizin- oder Lau- äk-OoloAno-Fläschchen, auS dessen engem Halse als brennender Docht ein Stück Holzmark der Kokosnußfaser heraushing. Die feilgebotenen Früchte waren zum Theil ganz unreif und nachdem ich eine Viertelstunde mit angesehen, in welchen Quantitäten und wie gierig dieselben von den Eingebornen verzehrt und mit Eiswasser heruntergespült werden, begriff ich, daß Cholera und Dysenterie daselbst einen günstigen Boden finden und gar nie aufhören. In der Nähe des Marktes war auf einem kleinern freien Platze eine javanische Theatervorstellung zu sehen. Vor der mit Bambuszweigen überdachten Bühne hockten in regelmäßigen Reihen 224 etwa hundert Chinesen und Malayen aus dem Pflaster; man räumte uns Europäern sehr zuvorkommend die besten Plätze ein; ein Chinese lies sogar weg und holte zwei Teppiche, um uns das Sitzen bequemer zu machen. Aus der Theatervorstellung wurde ich nicht klug; es trieben einige halbnackte Schauspieler mit scheußlichen Masken anf der kleinen Bühne ihr Unwesen; der Eine davon zeichnete sich durch eine mindestens acht Zoll lange Pappdeckelnase aus, welche er mitten im Spiel ungenirt abhob, so oft er seine richtige Nase zu schneuzen oder sonst etwas mit ihr zu thun hatte. Eine kleine, niedliche Tänzerin mit hoher Blumenkrvne füllte, begleitet von einigen Mitleid erweckenden Musikanten, mit Gesang und Tanz die Zwischenakte aus. Das Theaterstück war — seinen Wirkungen auf die Zuhörer nach zu urtheilen — ein äußerst komisches. Dem dicken Chinesen zu meiner Rechten wackelte die ganze Zeit vor Lachen und Vergnügen der Bauch wie ein Gelatine-Pudding und aus den rothen Triefaugen flößen fröhliche Zähren über sein Vollmondsangesicht. Einige hundert Schritte weiter führten uns auf die Spielplätze der Chinesen. Theils im Freien, theils unter gedeckten Veranden saßen die Spieler gruppenweise um bambusgeflochtene Teppiche herum; im Zentrum jedes Teppichs hockte ein Bankhalter, welcher das Spiel leitete und zwar mit der Gewandtheit eines Croupiers von Monaco. Die Einsätze wurden aus das Bambusgeflecht gelegt, meist in Silber; der Banquier nahm aus einem Gefäß eine Hand voll Bohnen, schüttete sie auf den Boden und theilte sie zu Vieren ab; je nachdem schließlich eine oder zwei oder drei Bohnen übrig blieben, hatten die verschiedenen Einsätze gewonnen oder verloren, wurden vom Bankhalter eingezogen oder verdoppelt und verdreifacht zurückgegeben. An andern Plätzen entschieden drei Würfel über Gewinnen oder Verlieren. Ueberall aber ging das Spiel fabelhaft rasch und es wurden in kürzester Zeit 225 große Summen umgesetzt. Die Spieler zeigten mit keiner Miene ihre innerliche Aufregung und auch der gemeine Kuli setzte scheinbar gleichgültig einige Silbergulden, vielleicht sein ganzes Vermögen, aus den Spielteppich. Kaum hatten wir einige Minuten zugesehen, so erschien barfuß ein eingeborner, aber holländisch uniformirter Polizist und wies uns fort; Europäern wie Javanern ist nämlich der Zutritt zu den Spielplätzen verboten. Herr Z. und etwas klingende Münze besänftigten aber den gesetzeseifrigen Wächter und gestalteten ihn zu einem freundlichen Führer, der uns auch das Innere der Spielhäuser erschloß. Von der Spielwuth der Chinesen macht man sich keinen Begriff. Wo ihrer mehrere zusammen kommen, sei's zu Wasser oder zu Land, wird schnell ein Spielplatz improvisirt und das Bischen erworbene Geld in Bewegung gesetzt. Ich sah auf dem englischen Dampfer, der mich später von Singapore nach Hongkong führte, wie fünf Chinesen aus Mangel an Platz auf dem übervölkerten Hinterdeck eine wahre Burg von Kisten erstiegen und auf der obersten, hoch in der Luft, sich häuslich einrichteten und ihre Dollars rollen ließen. Es kommt vor, daß Kulis, die sich durch Jahre lange Arbeit in der Fremde ein kleines Vermögen erworben haben, am ersten Tage auf der Rückfahrt den letzten ihrer sauer verdienten Dollars verspielen. Die Opiumbuden, die wir zum Schlüsse des inhaltschweren Tages noch besuchten, hätten eine Illustration zu Dantes Hölle geliefert. Ich kann nur mit Grauen an jene verpesteten Lasterhöhlen zurückdenken. Jeweils am Eingang befindet sich zur Seite der Pforte ein kleiner Holzverschlag mit Schalter, hinter welchem schmunzelnd der Opiumverkäufer sitzt, der den Eintretenden das Gift um theures Geld verkauft. Ein Haufen Silber, der neben ihm auf dem Tischchen liegt, wie wir durch das hölzerne Gitterwerk deutlich sehen können, zeigt unS, daß der Mann heute schon gute Geschäfte gemacht hat. Unserm Eintreten widersetzten sich aufs energischste einige schmutzige Chinesen; Herr Z. konnte sie 15 226 aber beschwichtigen durch die Mittheilung, bah ich ein Arzt sei; vom Augenblicke an wurde ich mit großer Zuvorkommenheit behandelt, sogar von dem Opiumhändler, dem ich dann der Kuriosität halber ein kleines Quantum seines Artikels abkaufte. Eine warme, widerlich süß-brenzliche Stickluft wehte uns beim Eintreten entgegen; der Raum, in welchem wir uns jetzt befanden, war niit heißem Qualm erfüllt und das Auge vermochte bei der miserablen Beleuchtung durch einige primitive Kokosöllämpchen erst gar nichts Bestimmtes zu erkennen. Bald aber war es an das rauchige Halbdunkel gewöhnt und die Umgebung gewann Form und Gestalt. Ich sah, daß wir in einem langen, schmalen Raume uns befanden, mit trostlos kahlen, schmierigen Wänden ohne Fenster oder Luftlöcher. Aus beiden Langseiten waren längs der Wände hölzerne Lager erstellt, die sich kaum zwei Fuß über den Boden erhoben, wie Apfelhürden aussahen und nur einen schmalen Gang zur Passage zwischen sich ließen. Auf diesen mit Bambusgeflecht bedeckten Gestellen lag Mann an Mann, jeder mit der Opiumpfeife beschäftigt, jeder nur von der einen Leidenschaft erfüllt, welcher gegenüber alle andern Lebensinteressen gänzlich zurücktreten und jedes bessere Streben erlischt. Es waren alle Stadien der Opiumwirkung zu sehen; dort jener junge, schöngebaute, kräftige Chinese ist noch Ansänger ; er machte vielleicht den ersten Versuch mit der gefährlichen Pfeife, kam allerdings bald in jenes beglückende Stadium des Opiumrausches, in welchem alle Sorgen schwinden, in welchem man nur den einen Wunsch hegt, daß diese unendlich glückliche Stimmung, dieses von keiner Unzulänglichkeit getrübte Dasein ewig andauern möge; dem tiefen Schlafe, der sich an dieses beseligende Stadium anschloß, folgte ein grenzenloser Katzenjammer. Taumelnd richtet sich der Erwachende eben auf und stützt stöhnend den Kopf mit beiden Händen. Der Zopf thut ihm weh bis in die äußersten Haarspitzen und der Kehlkopf macht verdächtige Spazier- gänge nach oben. Dieser Zustand — so miserabel er ist — wird 227 bald vergessen und in kurzer Zeit greift der junge Mann neuerdings zur Opiumpfeife, um immer und immer wieder jene erst geschilderte Opiumseligkcit zu erlangen, und bald reagirt der Körper nur noch mit leisem Unbehagen auf die tagtäglich« Vergiftung; und dieses Unbehagen heißt Opiumhunger und schwindet wieder mit dem ersten Zuge aus der Opiumpfeife. Zwischen je zwei Rauchern war ein kleines Petroleumlämpchen ausgestellt; diesem zugewendet lagen sie da, den Nacken mit einer Rolle gestützt, die Hände zur Bedienung der Pfeife frei. Die Letztere besteht aus einem cylindrischen Rohre von der Größe einer Flöte; demselben ist ein halbfaustgroßes, thönernes Gefäß aufgesetzt, das oben nur eine stecknadelkopfgroße Oeffnnng hat und unten mit der Höhlung des Rohres in Verbindung steht. Der Raucher holt sich mit einer Stricknadel etwas Opiumextrakt aus einer kleinen, neben ihm liegenden Büchse, schmilzt dasselbe unter beständigem Drehen der Nadel über dem Licht zu einer flüssigen Perle, setzt dieselbe auf die seine Oeffnung des Thongefässes, durchbohrt den unterdessen erstarrten Opiumtropfen mit der Stricknadel, nimmt das eine Ende des Rohres in seinen Mund, hält die so armirte Pfeife über das Licht und zieht in ein bis zwei langSn Zügen den beim Verbrennen des Opiumkügelchens entstehenden Rauch tief ein. Er scheint in die Seele zu dringen; kein Atom kommt davon wieder zum Vorschein und der Gesichtsausdruck des Rauchenden wird während dieses Aktes ein widerlich wollüstiger. Rasch klopft er den unverbrannten Rest des Opiums aus und präparirt eine neue Dosis. Mit jeder Pfeife steigt die Erregung; das Gesicht röchet sich; die Augen glänzen; der Ausdruck wird ein unbändig vergnügter; alle Bewegungen des Körpers geschehen lebhaft und elastisch. Dann kommt ein Stadium jener Ruhe, die bei vollständig erhaltenem Bewußtsein nichts zu wünschen und nichts zu beklagen hat, die mit Allem, mit der Umgebung, den Sinnescindrücken in höchstem Maße zufrieden ist, welche zu besitzen glaubt, was immer die lebhaft 228 erregte Phantasie vorspiegelt. Bald aber sinken die Augenlider bleiern herab; die Athmung wird schnarchend. Nach mehrstündigem, von angenehmen Träumen umgaukeltem Schlafe folgt ein trauriges Erwachen: das unter der Opiumwirkung auch im Schlafe noch stark geröthete Antlitz wird blaß, die Züge zerfahren und verfallen, der Blick matt und trübe; aus dem Gesicht lagert der Ausdruck trostloser Verlorenheit. Es gibt nur einen Weg zur Erlösung aus diesem elenden Zustande und dieser Weg heißt — Opium, in immer stärkerer Dosis. Dort liegen auch Weiber in berauschtem Zustande und zeigen das Bild menschlicher Verkommenheit in abstoßendster und widerlichster Form. Mehrere gleich große und ebenfalls bis auf den letzten Platz mit Rauchern besetzte Lokale schließen sich an das beschriebene an. Ueberckll dieselbe brustbeklemmende, schmutzig-dicke Atmosphäre, überall Menschen, die nach dem verführerischen Gifte haschen und sich beeilen, ihren körperlichen und geistigen Ruin herbeizuführen. Ein alter Gewohnheitsraucher, dessen Frau opiumtrunken und schnarchend an seiner Seite lag, präparirte seine Pfeife und streckte mir das durch Schmutz und eingedickten Speichel klebrige Instrument entgegen mit der freundlichen Aufforderung, das Ding auch zu probiren. Ich lehnte verbindlich dankend ab und sah mich nach einem Spucknaps um (was übrigens unnöthig war, denn das ganze Lokal verdiente keinen andern Namen). Es sind allerdings extreme Bilder, die ich hier gezeichnet habe; aber ich sah solche in den Opiumbuden Batavias und nachher in China zu Dutzenden. Daneben muß ich nun freilich daran erinnern, daß Hunderttausende während Jahren Opium in relativ mäßigen Quantitäten rauchen, ohne an der Gesundheit einen augenfälligen Schaden zu nehmen, es wäre denn das Unvermögen, ohne eine Dosis Opium eine irgendwie bedeutendere körperliche oder geistige Leistung vollführen zu können. Dasselbe Verhältniß — nur 229 in höherer Potenz — wie beim Alkoholismus! Wer denselben in der gemeinsten und traurigsten Form in einer Schnapswinkelkneipe sieht, thäte Unrecht, nicht daran zu denken, wie viel tausend Menschen der Alkohol, in bescheidener Quantität genossen, ein wohlthätiges Genußmittel ist. Hier wie beim Opium ist es die Unmäßigkeit, welche das Verderben bringt und den Menschen unter das Thier herabwürdigt. Gesättigt von den Eindrücken des Tages und niedergeschlagen durch die Bilder, welche mir die Krone der Schöpfung in ffv gräßlicher, wahnsinnig verzehrter Art gezeigt, trat ich an der Seite meines gastfreundlichen Führers den Heimweg an. Am wolkenlosen Himmel glänzte der Vollmond; eine erfrischende Seebrise wehte und bewegte die mächtigen Kronen der die Straße begleitenden Waringinbäume in geheimnißvollem Rauschen; herrliche Blumen- düfte wehten uns mit jedem Luftzug an; aber mitten in diesem Paradiese konnte ich doch der Hölle nicht vergessen, die ich eben gesehen und die der Mensch mit seinen Lastern geschaffen hat. Stumm und nachdenklich pilgerten wir nach Kebon-Siri zurück und in tiefen« Schlafe vergaß ich bald die Pracht und das Elend dieser Welt. vm. Nach Buitenzorg. — Reisbau u»i> ReiSdiebe. — Bezopfte Reisegesellschaft. — liuua» ruatlan tuan lausn. — Orchideen. — Botanischer Garten. — Vtotori» rogia. — Neberall Lolltgsaootsn. — Eine ärztliche Konsultation mit Schwierigkeiten. — Grausamkeit der Atschinesen. — Siesta. — Hiddigeigei in den Tropen. — Kinderszenen. — Gewitter. — Ein unheimlicher Konkneipant. — Nach Djandjoer. Auf die bunten Eindrücke, die ich in Batavia dichtgedrängt in mich aufgenommen hatte, auf das rastlose Getriebe der Menschen, den vielgestaltigen Kampf ums Dasein, den Zivilisirte und Nicht« 230 zivilisirte dort mit einander kämpfen, verlangte ich sehnlichst nach der erhabenen Ruhe und Stille der Natur. Ich suhlte ein wahres Heimweh nach dem Urwald, der ja — wie unsere Berge — gewiß vom Menschen und seiner Qual nichts zu erzählen wissen konnte. So schnürte ich denn mein Bündel und reiste Montags den 16. Juli in aller Frühe weg von Batavia. Ziel meiner Reise waren die Preanger-Regentschaften, jener Distrikt Javas, welcher die gewaltigsten Naturschönheiten der indischen Tropenwelt in sich birgt. Bereits ist eine Eisenbahn bis Djandjoör (zirka 150 Kilometer von Batavia entfernt) erstellt und in kurzer Zeit wird dieselbe bis Bandong und Solo fortgesetzt werden, um dort in die nach Surabaja führende Linie überzugehen. Dann ist die Insel Java so ziemlich der Länge nach von einem Schienenstrang durchzogen. Was würde General Daöndels dazu sagen, der als Generalgouoerneur der holländischen Besitzungen in Ostindien zu Ansang dieses Jahrhunderts seine ganze rücksichtslose Energie und die grausamsten Maßregeln anwenden mußte, um die damals widerspenstige» Ein- gebornen zur Anlage einer durch das Land führenden Fahrstraße zu zwingen! Es klebt viel javanisches Blut an diesem noch heutzutage hauptsächlich benützten Verkehrswege! — Und jetzt? Wo noch vor 50 Jahren kaum das Auge eines Europäers hin- gedrungen, schnaubt heute das Dampfroß und der Reisende besieht sich vom bequemen Waggon aus die früher verschlossenen Naturwunder. Schon die Bahnlinie bis Buitenzorg ist äußerst interessant. In langsamer Steigung fährt man zwischen reich gesegneten Feldern und Palmwäldern vorwärts. Die Reiskulturen waren zum größten Theil noch unter Wasser; die terrassenförmig abgetheilten und gleichmäßig bewässerten Felder, über deren Wasserspiegel sich einige Zoll hoch das weiche saftige Grün der Reispflanze erhob, gewährten einen äußerst merkwürdigen und ungewohnten Anblick. Hunderte von schneeweißen Reihern (Oioonia Isueo-cepbala) wateten und 231 flatterten in den Plantagen herum und fanden in dem seichten, fchlammigen Wasser reichliche Nahrung. Wenn man (nach zirka 40 Tagen von der Saat des Reises an gerechnet) das Wasser abfließen und den Reis in trockenem Boden reisen läßt, so verschwinden die weißgefiederten Bewohner und suchen sich ein anderes Freßterrain. Dann erscheinen die Reisfinken und Reisdiebe in dichten Schaaren und thun sich an den Körnern gütlich. Um diese Schmarotzer möglichst fern zu halten, werden Reiswachen ausgestellt; dieselben halten sich in auf hohen Pfählen (zum Schutz gegen wilde Thiere) ruhenden, luftigen Hütten auf; spinngewebeartig sind von diesen Wächterhüttchen aus Bambusstricke, mit klappernden Gegenständen behängen, weit über die Felder gezogen; die zweibeinige Spinne hält die Fäden ihres Netzes in beständiger Bewegung und verscheucht durch den Lärm die geflügelten Diebe. Wie alle Pflanzen der Tropen kann der Reis zu jeder Zeit des Jahres gesäet und geerntet werden; da aber die Bewässerung der Felder einheitlich geschehen muß und für ganze Gegenden einheitlich organisirt ist, so liegt darin die Nothwendigkeit, daß alle daselbst wohnenden Bauern zu gleicher Zeit ihre Saat bestellen. Diese von der Natur geforderte Rücksicht des Einen auf den Andern, welche seit historischen Zeiten bei den reiskultivirenden Völkern besteht, ist sicherlich auf das soziale Leben derselben von großem Einfluß gewesen. Die Leute blieben nothgedrungen in Beziehungen zu einander und lernten, daß sie ihr Einzelinteresse nur dann verfolgen können, wenn sie es dem Gesammtinteresse unterordnen. Meine Reisegesellschaft zur Eisenbahn bestund säst ausschließlich aus Chinesen. Der junge reiche Bezopfte, der mir gegenüber saß, ließ seine zahlreichen Diamanten wohlgefällig im Glänze der eben aufgehenden Morgensonne strahlen. Dabei duftete er gerade so pinandisch und feilte ebenso graziös mit kokett in die Luft gestrecktem, kleinen Finger an seinen langen Nageln herum, wie der eleganteste Lommis vo^aSsur des zivilisirten Europa. Auch die 232 Unverfrorenheit gewisser an bestimmten Wochentagen auf der Stammlinie der Nordostbahn fahrenden Kornju—-nker fand ich im Eisenbahnwagen aus Java und ich kniff einen sich schlafend stellenden Chinesen, der seine Beine auf die gegenüberliegenden Plätze gelegt hatte und mit blinzelnden Augen meine Platznoth beobachtete, rücksichtslos in seine Waden, welche Maßregel mit Erfolg und mit einer nichts weniger als freundlichen Grimasse gekrönt wurde. — Rechts und links von der Bahnlinie liegen, unter Palmen und hinter Kaffeepflanzungen verborgen, kleine javanische Bainbu-Dörfer, deren Kindersegen sich schon in dieser frühen Morgenstunde ohne alle und jede Belästigung durch Kleider herumbalgte. Ein zirka sechsjähriger Junge, dem die Obhut über ein Dutzend grasender zahmer Büffel (Karbaujen) anvertraut war, hatte sich rittlings auf ein solches Thier gesetzt; vom Schlafe übermannt war er rückwärts auf den Hinterleib des Thieres zurückgesunken; die Arnie hingen zu beiden Seiten herunter; der Kopf ruhte auf der Schwanzwurzel des mächtigen Viehs und wurde in höchst komischer Art bewegt, so oft es mit dem Schwänze das Ungeziefer abzuwehren suchte. Auf das braungelbe Gesicht fielen direkt die grellen Strahlen der Morgensonne. Kurze Zeit, bevor der Zug in Buitenzorg einfährt, wird der Ausblick auf das Gebirge frei und es erscheint eine herrliche Hochebene, ein üppiger tropischer Garten, begrenzt durch ein wunderbares Gebirgspanorama, die Bergketten der Vulkane Salak und Gedeh. Die imposanten, zirka 7000 Fuß hohen Kegel sind bis zu einer Höhe von 2500 Fuß mit Thee- und Kaffeeplantagen bedeckt; von dort an bis zur Spitze liegt ewiger Urwald, ein Hort der in jener Gegend zahlreich vorkommenden Rhinozerosse. Die Flanke des Salak ist durch eine wilde Schlucht zerrissen; in dieser sammeln sich die Wasser zu einem schäumenden Bergbache, dem Tschiapus, dessen Bett von Palmen und andern Laubbäumen, von Bambus und wildem Gestrüpp begleitet, als üppig-grüner Streifen in viel- 2Z3 fachen Windungen die Hochebene bis nach Buitenzorg durchzieht. — Nach °/«stündiger Fahrt hielten wir in der geräumigen Halle des Bahnhofes zu Buitenzorg; die Waggons entleerten sich; die klappernden Holzsandalen der javanischen Passagiere dritter Klasse widerhallten mächtig in dem weiten Raume; zu dem Bilde, das ich vor Augen hatte, dem bunten Gewimmel von Chinesen, Malayen, rothbraunen und schwarzen Jndiern, schien mir das fortschrittliche Tosen der Lokomotive so ganz und gar nicht zu passen. — Von den zwei in Buitenzorg existirenden Gasthöfen hatte mir Herr Z. das HütsI äs I'Lnrope anempfohlen, dessen Besitzer, ein ehemaliger Schiffskapilän, von Geburt ein Norddeutscher sein sollte. — Um hin zu gelangen, sagte ich einem Javanen, der müßig herumstand,, das Zaubersprüchlein Rnwo, inakan tuen Innen (rums — Haus; inalreu — Essen; rrrwa walenn — Speisehaus, Hotel; tuan — Herr; Innen — Name des frühern Besitzers), d. h. auf deutsch: Sein's so freundlich und zeigen Sie mir das Gasthaus des Herrn Innen. Der barfuße Kerl nahm mein Gepäck und trabte voraus durcb eine mit Mimosen dicht bewachsene Wiese, in welcher sich allerhand kriechendes Gewürm herumtrieb, und nach wenig Minuten standen wir vor einem ganz einfachen, einstöckigen Verandenbau, bestehend aus einem Mittclgebäude, das den Speisesaal enthielt, und zwei seitlichen, barackenähnlichen Flügeln. In und um das Haus war kein lebendiges Bein zu sehen; ich klatschte in meine Hände und es erschien ein malayischer Diener, der mir ein nach europäischen Begriffen sehr primitives Gartenzimmer anwies, mit liederlichem Plättliboden, Tisch, Stuhl, eiserner Bettstatt sammt Moskitonetz und einer spanischen Wand, welche es möglich machte, auch bei offener Thüre neugierige Blicke fern zu halten. Ein kleines, in der Höhe befindliches Fensterchen spendete das nothwendige Licht. Im Fremdenbuch des Hotels, in das ich mich sofort einschrieb reihte sich mein Name folgender Gesellschaft an: 234 Gomo Eng Tschiang, Lii Tschiang Son, Tschio Teng Tschii, Tschö Toi Tschang, Nio Tam Siang, Nio Kim Kong, Bhei Eng Sang, Jop Tscheng Seng, Thio Joll Yong, Tio Tik Long. Daß ^esen der Zopf hinten hing, brauche ich nicht zu sagen. Es war eine junge chinesische Gesellschaft aus Batavia, so eine Art Turn-, Sing- oder Schützenverein, die „eine kleine Spritztour" nach Buitenzorg gemacht hatte. Im Hosraume zwischen den einzelnen Gebäulichkeiten des Gasthofes sah's nicht sehr einladend aus; Kehrichthaufen, leer getrunkene Flaschen, Petroleumkisten, zerbrochenes Geschirr, Fuhrwerke rc. bildeten ein ungemütliches Durcheinander und auf dem Boden wucherte mannigfaltiges Unkraut. Aber auch diese Stätte hatte die tropische Sonne geküßt; auch hier waren Wunder der heißen Zone zu sehen. Einige Fruchtbäume, die in Schutthaufen wurzelten, zeigten auf ihren Stämmen und an den Theilungsstellen der Aeste als Parasiten herrlichster Form und Farbe verschiedenartige Orchideen. Ein Lüftchen hatte vielleicht die staubförmigen Sämchen hergebracht; einige derselben waren in den Riffen der Baumrinde hängen geblieben und in wenig Monaten war daraus die herrlichste blühende Pflanze geworden. Die Orchideen bilden wohl die artenreichste Pflanzenfamilie, die in den Tropen vorkommt; bereits sind ihrer über 10,000 bekannt und beschrieben; die kleinsten gleichen feinem Moose, die größten haben bis zu 10 Fuß lange, fleischige Blätter; alle zeigen Blüthen von ganz wunderbarer Farbe und Gestalt; die herrlichsten Blumen, die ich je zu Gesicht bekam, waren die Orchideenblüthen im Hofraume meines Gasthauses zu Buitenzorg. Der freie Platz grenzt unmittelbar an die mit tropischen Schlinggewächsen und Bambus dicht bewachsene Schlucht, in welcher der Bach Tschiapus dahin- rauscht. Am Abhänge ist ein kleines Badehaus angebracht zur 235 speziellen Benützung für die Gäste des Hotels. Als ich den kühlen, dunkeln Raum betrat, um mich durch ein Bad aus die Tagesarbeit zu stärken, flohen geräuschlos zwei mittelgroße Schlangen durch ein Mauerloch ins Freie; der Wirth sagte mir nachher, daß diese Reptilien mit Vorliebe sich dort aushalten; beim Eingänge in den Baderaum ist auch ein Besen postirt, mit welchem der Badkandidat vor dem Eintreten solche unliebsame Gäste verscheuchen kann. Nachdem ich die nächste Umgebung des Gasthoses nach allen Richtungen durchforscht hatte, machte ich mich, mit einem Sonnenschirm bewaffnet, auf weitere Entdeckungsreisen und durchschlenderte das holländische, sowie das ungleich größere chinesische und javanische Quartier Buitenzorgs. Diese bedeutende Ortschaft ist seit 1744 Sitz des holländischen Generalgouverneurs. Der 1834 (nach der Zerstörung durch ein Erd- beben) neu erstellte Palast ist ein geschmackvoller Bau, seine nächste Umgebung ein wahres Paradies. Man kann sich kaum einen herrlicheren Fleck Erde denken als diesen sogenannten botanischen Garten, aus welchem die Kunst im Verein mit der Natur ein irdisches Eden geschaffen hat. Durch das nördliche Portal desselben betritt man eine Allee von gigantischen Gummibäumen, deren dichtbelaubte Kronen keinen Sonnenstrahl durchlassen und die breite, gut kulti- virte Straße dunkel beschatten. Welche Wonne für den Fußgänger, der eben noch der intensiven drückenden Wärme und dem grellen Lichte der Tropensonne ausgesetzt war! Jede dieser Kronen wird aber nicht von einem einzigen Stamme getragen, sondern es sind die von den Besten zur Erde reichenden und dort Boden fassenden Luftwurzeln zu der Mächtigkeit von Stämmen entwickelt, so daß der einzelne Baum dreißig und mehr ungefähr gleich starke Stützen, natürliche Pfeiler, hat, unter welchen der ursprüngliche zentrale Stamm oft nicht mehr herauszufinden ist. So zieht sich zu beiden Seiten der Straße eine imposante natürliche Kolonnade von zirka fünf Minuten Länge, und die grünen Kronen wölben sich als ein 236 gewaltiges Laubdach über den zahllosen Säulen. Man glaubt im Mittelschiffe eines ungeheuren Domes zu sein, wenn man durch diese in ihrer Art einzige Allee dahinschreitet. Die Perspektive ist eine wunderbare, und in der Schlußlichtung des Naturdomes sieht man grün eingerahmt ein architektonisch schönes, marmvrweißes Gebäude mit jonischen Säulenreihen — den Palast des Gouverneurs. Im Schatten der Bäume, zwischen den stammgleichen Luftwurzeln, grasten Dutzende von Rehen, welche den einsamen Wanderer neugierig beguckten, sich aber im Ganzen wenig an ihrer Arbeit stören ließen. Als ob an der herrlichen Allee an und für sich des Schönen nicht genug wäre, wurzelten auch hier Hunderte von Orchideen in den Gabeln der Neste, und alle Augenblicke hemmte eine wunderbare Blüthe meine Schritte. Und wo immer ein modernder Baumstamm oder ein kahler Stein am Boden lag, wucherten die mannigfaltigsten Formen jener prächtigen Pflanzen darüber hinweg, gleich als ob die Natur sorgfältig alles Todte mit lebendigem Grün verhüllen wollte. Als ich mich dem Palaste näherte, fiel mein Auge auf einen großen Teich, dessen Wasserfläche über und über mit Nymphäaceen bedeckt war; aber aus allen heraus leuchtete die Königin der Seerosen, die herrliche Vivtvrin rsxi». Unter den zahlreich vorhandenen Blüthen bemerkte ich solche von 35—40 am im Durchmesser. Die äußeren Blumenblätter sind blendend weiß, nach der Mitte zu werden sie allmälig rosapurpurroth. — Ein interessantes Gebilde ist das Blatt; die obere Seite ist schön grün gefärbt, die untere, auf dem Wasser schwimmende, dunkelpurpurn und mit Stacheln besetzt. Der Blattdurchmesser beträgt bis zu zwei Nieter. Die voluminösen Blattrippen enthalten viel Luft und bedingen dadurch eine so bedeutende Tragfähigkeit, daß ein sechsjähriges Kind aus einem solchen Blatte stehen kann, ohne unterzusinken. An der Peripherie ist das Blatt in einen zirka 4 ein hohen, senkrechten Rand umgestülpt. Es war nicht sehr poetisch, aber 237 eine durchaus natürliche Jdeeu-Assoeiation, daß ich angesichts dieser eigenthümlich geformten kreisrunden Blätter lebhaft und lüstern einer vaterländischen „Böllendünne" gedachte. Auf einem freien Platze vor dem Palaste war ein ganz junger Elephant mit einer eisernen Kette von beträchtlicher Länge an einen Baum festgebunden. Er spazierte unverdrossen auf und ab, so weit es ihm seine Fesseln erlaubten, und machte gelegentlich so plumpe und unbeholfene Sprünge und gymnastische Uebungen, daß ich lange Zeit laut lachend vor ihm stehen blieb. Der botanische Garten beschlägt ein mächtiges Areal von sehr glücklicher Hügelformation, mit Bächen, kleinen Seen, Wasser- fällen u. s. w. Er enthält aber auch Alles, was die Tropen unserer Erde hervorzubringen im Stande sind. Die bedeutendsten holländischen Botaniker haben daran gearbeitet, und auch die amerikanische und afrikanische Tropenwelt ist reichlich vertreten. Eine Hauptmerkwürdigkeit bildet ein Waringinbaum (b'icms- Art) seltener Größe und Schönheit. Er wurzelt am Rande eines kleinen Sees, der Umfang der Krone beträgt 400 Schritte, die Wurzeln erheben sich über einer Fläche von zirka 50 Meter Durchmesser als 3'/,—4 Fuß hohe, holzige, vielfach in einander übergehende Rippen über den Boden und sehen aus wie das gewaltige Relief eines Gebirgslandes. Ueberall hängen wie ein Gewirre von Schlangen Luftwurzeln herunter; wo dieselben aber das Wasser treffen und in dem feuchten Grunde Boden fassen konnten, sind sie zu dicken Säulen entwickelt und haben die gewaltigen Aeste des Baunies ganz nach unten gezogen, so daß die Hälfte der Krone den Wasserspiegel fast berührt und für Kähne ein schattiges Versteck bildet. Wunderbar sind auch die gigantische» Schlingpflanzen. Einen mit Lvtaä» Tkovostacb^a angeschriebenen, sieben Fuß im Unifang haltenden Stamm konnte ich 400 Meter weit verfolgen, wie er sich in den wunderlichsten, schlangenähnlichen Windungen und ^238 Verschlingungen von Baum zu Baum zog, um schließlich fadendünn an einer Arekapalme zu enden. Das Fehlen aller und jeder Blätter und Zweige machte die Aehnlichkeit mit einer ungeheuren Schlange zu einer täuschenden. Im Schatten von baumartigen Mimosen fand ich einige sorgfältig gepflegte Gräber mit Monumenten. Wie groß war mein Erstaunen, als ich auf der Marmortafel des zunächst liegenden die folgenden Worte las: „N. au Hohtxsnootö." Mein in vaterländischem Jdeencyclus befangenes Gehirn übersetzte natürlich: „N. N. ein Eidgenosse." Ich hatte die gleichen Worte auch auf der Visitenkarte meines Gastfreundes Herrn Z. in Batavia gesehen und es dazumal allerdings etwas komisch gesunden, daß die Nationalität in dieser Weise herausgestrichen wurde. — Ist es möglich, dachte ich, daß sogar hier an dieser seltenen Stätte ein Schweizer begraben liegt? Eben bückte ich mich mit patriotischen Gefühlen, um eine Blume vom Grabe des Landsmannes zu pflücken, als ich auch auf dem benachbarten Grabmale die sterblichen Ueberreste eines Eidgenossen signalisirt fand. Endlich, nachdem auch der dritte Stein „an Lolitxoiiooten" präsentirte, fing der Leser an zu merken, daß unsere Eidgenossenschaft nichts mit diesen Gräbern zu thun habe, daß das „sn LektAsnoots" niit „und Ehegenossin" zu übersetzen sei und der Eidgenosse auf der Karte des Herrn Z. dessen Gattin bedeute. Die holländische Sprache hat mir übrigens an anderer Stelle noch einen viel komischeren Streich gespielt: In Batavia besuchte ich eines Abends den kleinen, aber wegen seiner zahlreichen Arten von Crotonpflanzen sehenswerthen Garten eines holländischen Unterbeamten, der, so viel ich mich erinnere, den seltenen Namen „Meier" trug. Der Eigenthümer ist gleichzeitig Besitzer des größten Bauches, den ich je in meinem Leben zu sehen Gelegenheit hatte. Seine Augen suchen vergeblich nach den Füßen; denn der Blick ist für alle Zeiten durch die unförmliche Rundung des Rumpfes von den 239 unteren Gliedmaßen abgeschnitten. Als der Mann hörte, daß ich Arzt sei, bat er mich zu sich ins Haus und fing an, mir in holländischer Sprache (deutsch sprach er kein Wort) eine lange Krankengeschichte zu erzählen. Ich verstand so etwas von einer großen Geschwulst im Leibe, die heftige Beschwerden verursache, der bisherigen ärztlichen Behandlung spotte u. s. w. Die Sache schien mir ganz begreiflich und ich nickte mit einem Seitenblick auf den gewaltigen Bauch verständnißinnig und murmelte etwas von großer Leber, Fettbauch und Karlsbadersalz in den Bart hinein. Je mehr ich ihn zu verstehen schien, desto eifriger wurde mein Klient und desto beredter in seinen Schilderungen. Um die Sache abzukürzen, wollte ich mich gleich rusäias m rss stürzen und fing an, den Bauch aufs gründlichste zu untersuchen und mit meinen Fingern zu bearbeiten, bis mir der erstaunte und halb entrüstete Besitzer mit lebhaften Gestikulationen erklärte, nicht er, sondern eine Frau im anstoßenden Zimmer leide an der so einläßlich geschilderten Krankheit. Bis Mittags 1 Uhr schwelgte ich in der paradiesischen Herrlichkeit des Buitenzorger botanischen Gartens; dann aber mahnte der bereits holländisch dressirte Magen an die Reistafel, welche im Hüte! äs I'lünrops eines ganz besonderen Rufes genießt. Getafelt wurde in einem nach drei Seiten offenen, lustigen Gartensaale; reinlich gekleidete malayische Diener machten die Iionnsnrs. — Mein Nachbar zur Rechten war ein Obermaschinist der holländischen Marine, welcher sich im Urlaub befand und mir zur Beförderung der Verdauung haarsträubende Abenteuer erzählte, die er zur See erlebt haben wollte. Er hatte auch einen Theil des Feldzuges gegen Atschin mitgemacht und theilte mir manches Interessante über die Kriegsführung der Atschinesen mit. Dieses von Natur aus tapfere Bergvolk kennt seit Langem den Gebrauch der Feuerwaffen. Dieselben sind aber größtentheils noch sehr primitiver Art, Zünd- pfannengewehre mit nach vorn trompetenartig erweitertem Lause, 240 also die Waffe des dreißigjährigen Krieges. Die an und für sich geringe Treffsicherheit derselben wird zudem noch bedeutend beeinträchtigt durch die Gewohnheit, bei seitwärts abgewendetem Kopfe loszudrücken. In jüngster Zeit aber sind durch zahlreiche Ueber- läufer aus der holländischen Armee den Atschinesen auch Hinterlader überbracht worden; ja sie haben auf diesem Wege sogar die Technik der Patronensabrikation erlernt und werden von Jahr zu Jahr trotziger und erfolgreicher den Holländern die Stirne bieten können. Als Akt größter und rasfinirtester Grausamkeit, welchen nur der verzweifeltste Haß und die durch Jahre lange Unterdrückungsversuche gestachelte Rachsucht erfinden konnte, notire ich den Brauch der Atschinesen, gefangene Holländer mit gewaltsam offen gehaltenem Munde unter den aufgehängten Leichnam eines Kameraden zu lagern, so zwar, daß die Verwesungsprodukte des Kadavers dem darunter liegenden Lebenden in die Mundhöhle träufeln müssen und er nach tagclanger, gräßlicher Qual zu Grunde geht. — Die Erzählungen des holländischen Maschinisten wirkten nicht sonderlich fördernd auf meinen Appetit; ich zog mich gerne zur Siesta auf einen Schaukelstuhl der luftigen Veranda zurück; als Gespielin nahm ich eine kurz zuvor eingefangene, ganz junge und prachtvoll gezeichnete wilde Katze auf meinen Schooß; sie benahm sich aber Anfangs höchst ungeberdig, fauchte und biß und spie und kratzte, bis sie endlich zu der Ueberzeugung kam, daß mir dies Alles nicht imponire und sich resignirt dazu entschloß, die von meiner Manilla aufsteigenden Rauchwölkchen mit ihren zierlichen Tätzchen zu fangen und schließlich nach vielen vergeblichen Versuchen erstaunt darüber zu philosophiren, wie Vieles doch in dieser Welt und bei diesen Menschen Lug und Trug sei und wie so manches reell Erscheinende bei näherer „Betatzung" sich als eitel Rauch entpuppe. — Die noch übrigen Nachmittagsstunden benutzte ich, um Straßenstudien zu machen. Und was für reizende Bilder fielen mir da in die Augen: 241 Dort erblicke ich an den Zweigen einer blühenden Kaffeehecke, deren herrlichen Jasmindnft ich schon von Weitem wahrgenommen, ein Paar kleiner brauner Händchen; sie gehören einem kleinen braunen Mädchen, welches auf die Zehenspitzen erhoben und das neugierige Naschen in die Höhe streckend, sich Mühe gibt, nach dem fremdartigen Wanderer herüberzugucken. Im Garten drin spielt ein dreijähriger Junge, nur mit zwei Armspangen und einer Halskette bekleidet, mit einem blutjungen weißen Schäfchen, dem er ein blaues Band um den Hals gebunden hat; jetzt umfassen die runden Aermchen das zahme Thier und die braune Wange des Kindes legt sich liebkosend an dessen Kopf. — Dort trägt ein gewiß nicht mehr als sechs Jahre altes Mädchen sein jüngeres nacktes Brüderchen mit der Würde einer Mama auf der Hüfte; der Kleine strappelt seelenvergnügt und betrachtet mit großen, kirsch- schwarzen Augen die Welt von seinem erhabenen Stand- oder Sitzpunkte aus. Eine Liebkosung meinerseits nimmt er aber nicht für bekannt an, sondern verzieht seinen Mund zu einer tiefgekränkten Miene, die aus Weinen grenzt. Auch ins Innere der Häuser der Eingebornen warf ich manchen Blick und bewunderte stille stehend die beschauliche Art und Weise, mit der die Leute ihre Tage verleben. Gearbeitet wird wenig. Oftmals liegt die ganze Familie am hellen heitern Tage schlafend und krumm durch- und aufeinander gelagert auf dem Boden, und nur der Wächter des Hauses, der Hund, erwacht und knurrt, wenn ein Zuschauer sich davor postirt. In der Dämmerung hörte ich aus manchem Hause die melancholisch-einförmigen javanischen Weisen, originelle Melodiken, die ich so viel und so genau als möglich anfnotirt habe. Beim Zusehen erblickte ich hie und da eine schlanke Javanerin, welche ihren Gesang mit den Klängen des Gambangs, einer Art Schlagharmonika, begleitete. In meinem Eiser hatte ich nicht bemerkt, daß am Himmel 16 242 dichte Wolken sich zusammenzogen; in wenig Minuten fing ein orkanartiger Wind zu blasen an und bald darauf begann es zu regnen mit einer Mächtigkeit, die nur den Tropen eigen ist. Ich flüchtete mich durch und durch naß in ein Lagerhaus des benachbarten Bahnhofes und lauschte dem Summen eines ebenfalls dorthin geflohenen Eingebornen, der sich's auf Kaffeesäcken bequem gemacht hatte. Die durch den Regen erfolgte Abkühlung war eine so bedeutende, daß ich zitternd vor Frost und Nässe im Hotel anlangte und mir zur Verhütung einer Erkältungskrankheit eine halbe Flasche Schaumwein verschrieb. Das Ding schmeckte aber nicht recht so ohne allen Sang und Klang. Als ich eine Viertelstunde später, durch ein Bad neu restaurirt, in mein dämmeriges Schlafzimmer zurückkehrte, sah ich eben noch, wie ein kleines, schwarz und gelb geringeltes Schlünglein auf dem Schwänze hoch aufgerichtet in 8-förmiger Krümmung seinen Kopf in das noch halb gefüllte und aus deni Tische stehende Schalenglas steckte und von der süßen Flüssigkeit naschte. Mein Erscheinen störte das Thier in seinem Genusse; es huschte über die Länge des Tisches weg und schlängelte sich lautlos an einem Tischbeine zu Boden. Dieser Schlafkamerad war mir denn doch etwas unheimlich; ich durchsuchte das ganze Zimmer, das Bett von oben bis unten mit einer Genauigkeit, die auch für die Jagd auf ein noch kleineres Thierchen hinreichend gewesen wäre, hob alle die losen Platten vom Boden, Alles ohne Erfolg; schließlich legte ich mich doch aufs Ohr und schlief merkwürdiger Weise nicht weniger gut, als wenn ich daheim im eigenen Bette gelegen hätte. Später suchte ich unter der Schlangensammlung des Museums zu Batavia meinen Mitzecher auf, fand ihn, den Unverbesserlichen, in mehreren Exemplaren wie erwartet in Spiritus und erfuhr durch den Kurator, daß ich es mit einer höchst giftigen kleinen Schlange zu thun gehabt habe. 243 Andern Tags verreiste ich mit dem Frühzug nach Djandjoör. Die 4'/, Stunden dauernde Eisenbahnfahrt ist ganz einzig in ihrer Art; ein überraschender Ausblick folgt auf den andern. Majestätisch präsentirt sich bald nach der Abfahrt von Buitenzorg der urwald- bedeckte Bulkan Salak; die Niederungen aber, denen die Bahnlinie folgt, bilden einen großen Garten, in welchem die tropische Natur so recht ihren Reichthum und ihre grandiose Ueppigkeit entfaltet. — Die Reisfelder waren stark bevölkert, nicht nur mit den früher geschilderten weißen Reihern und mit Reisfinken und Papageien, sondern auch mit fleißigen Bauersleuten, welche, bis an die Kniee im Wasser und Schlamme watend, die Reissetzlinge steckten. Die zugehörigen Kinder tummelten sich unterdessen auf den trockenen Wällen herum, welche die einzelnen bewässerten Felder von einander scheiden, und winkten und lärmten dein vorbeieilenden Zuge gerade so nach, wie es bei uns die liebe Jugend wohl auch zu thun pflegt. Ein Bild zum Malen ist mir von der Station Soekaboemi her in Erinnerung; dort stund ein halberwachsenes, bildschönes Mädchen in der Nähe der Eisenbahnlinie im Grünen; mit der linken Hand stützte es das auf seiner Hüfte reitende kleine Brüderlein, mit der rechten hielt es in graziöser Anmuth ein gewaltiges Pisangblatt als Schutz gegen die Sonnenstrahlen über seinen schwarzgelockten Kopf. Am Endpunkte der Bahn — in Djandjoör — das nir Mittags halb 1 Uhr erreichten, hält ein Böhme aus Bvdenbach die Bahnhof-Restauration. Ich war der einzige Gast, der ankam, lind wurde von dem etwas enttäuschten Herrn Restaurateur in Empfang genommen und sofort an die Tafel „versammelt"; zwei reinliche, javanische Jungen jervirten mir die vielen znm Reistisch gehörigen Platten und der Herr Wirth unterhielt mich unterdessen von seinen Erlebnissen in Zentral-Afrika, wohin er im Gefolge des Reisenden Schweinfurth von Zanzibar aus eine Expedition 244 mitgemacht hatte. Ich habe meiner Lebtag keinen Menschen fürchterlicher aufschneiden hören, und die Gemüthlichkeit und Zuversicht, mit der er log, war geradezu klassisch. IX. Nach Bandong. — Marterkairkn. — Fähre über den Tschiparemsluß. — Assen. — Javanische Gastsreundlichkeit. — Aus dem Tangkuban Prau. — Ei» Morgen in den Tropen. — Lhinaplantagen in Lcmbang. — Der reisende Doktor in Verlegenheit. — Störrischer Taut. — Urwald. — Unerwartetes Hinderniß. — Am Krater. - Znr Hölle. — In Todesgefahr. — Zurück nach Bandong nnd Tjandjoär. — Riesenschlauge. — Sindaglaja. — Verloren und Verdorben. — Puntjakpaß. — Kratersee. — Springblutegel. — Kaffee- und Theeplantagen. Von Bandong, dem Endziele meiner Tagesreise und Hauptorte der Preanger-Regentschasten, war ich immer noch über 60 Kilometer entfernt, die ich per Fuhrwerk zurücklegen mußte. Ein schmerzliches Gefühl steigt mir jetzt noch von den Sitzknorren aus gegen die Seele, wenn ich an jene Fahrt denke. Das Vehikel war ein ungefederter, zweirüderiger Armensünderkarren, dessen größten und einzigen Luxus ein zum Schutze gegen die Sonne ausgespanntes, aber durchlöchertes Zelt aus Büffelhaut bildete. Drei kleine javanische Pferde, neben einander gespannt, besorgten das Ziehen, ein zwölfjähriger Junge das Dreinhaneu, ich das passive Geschäft des Geschüttelt- und Geschundenwerdens, und fort ging's stundenlang in ununterbrochenem scharfem Trabe und Galopp über Stock und Stein, bergauf und bergab, auf der oft elenden Straße, vorbei an Palmenwäldern, durch eine unausgesetzte Kette von Kaffee-, Thee-, Reis-, Zuckerkulturen und Gegenden, wo der Arm der Menschen noch nicht in das Walten und Schaffen der Natur eingegriffen hat, wo seit undenklichen Zeiten Urwald die 245 Erde deckt, oder zwischen gewaltigen Flächen von Alang-Alang, jenem 6 bis 8 Fuß hohen Rietgrase, dem Lieblingsverstecke des Tigers, aus dem er wohl in der Dämmerung hervorbricht und sich einen Raub vou der Straße holt. — In solchem Grase sah ich auch die großen tellerförmigen Fußspuren des Rhinozeros. Von zirka 15 zu 15 Kilometer, jeweils in einer größer» Ortschaft, wurde den dampfenden Pferdchen 5 Minuten Ruhe gegönnt und ihnen eine Hand voll Reisstroh und Wasser verabreicht. Ich benutzte die kurze Gelegenheit stets, um aus meinem Marterkasten herauszukriechen und meinen geräderten Gliedern etwas freie Bewegung zu gestatten; das Ein- wie das Aussteigen war ein wahrhaftiges Martyrium, und die zahlreich versammelten Dorfbewohner, Große und Kleine, hatten ihren geheimen Spaß daran, daß ich wie ein halb zusammengeklapptes Taschenmesser in der engen Karre sitzen mußte. — Alle aber ohne Ausnahme waren recht anständig und freundlich, fast unterwürfig: ich machte überhaupt die Erfahrung, daß in den Gegenden Javas, welche dem großen Verkehre mehr oder weniger fern liegen, der Europäer noch mit einer gewissen respektvollen Scheu und nicht geringer Ehrfurcht behandelt wird. So z. B, erwiesen mir viele ältere Leute, an denen ich vorbeifuhr, die gegenüber ihren Fürsten vorgeschriebene Begrüßungsform, indem sie sich am Straßenrand, das Gesicht gegen die Straße gewendet, niedersetzten, den wannen- förmigen Hut vom Kopfe nahmen und gesenkten Blickes meinen Wagen vorbei passiren ließen. Zirka drei Stunden von DjandjoLr weg füllt die Straße plötzlich und jäh zu einer imposanten Schlucht ab, in deren Tiefe das klare nnd breite Gewässer des Tschiparemflusses dahinströmt. Diese Szenerie ist wohl das schönste Naturschauspiel, welches mir aus den Preanger-Regentschaften in Erinnerung blieb. Beide seitlichen Abhänge der Schlucht sind mit jener Dichtigkeit und Mannigfaltigkeit bewachsen, wie sie eben nur dem tropischen Urwalde 246 eigen sind. Die üppige Vegetation scheint zu wenig Raum zu haben und strebt in freier Luft als überhängendes mächtiges Dach weit gegen die Mitte des Flusses; Schlingpflanzen und Luftwurzeln senken sich träumerisch zu den Wassern. In dem ruhig dahinfließenden Strome ist in unglaublicher Klarheit das Spiegelbild der grünen Ufer-Vegetation zu sehen; nur in der Mitte der Wasserfläche bleibt ein Heller Streif, der Reflex des Himmels, der zwischen den gigantischen Baumkronen und dem dichten Urwaldgestrüpp herniederschaut. Die zum Flusse hinabführende Straße fällt so steil ab und ist so holperig, daß wir, Kutscher, Pferde und ich, mit vereinten Kräften arbeiten mußten, um mit heiler Haut herunterzukommen; er hielt die Pferde, ich hatte den bald nach rechts, bald nach links sich neigenden Karrren zu stützen. Ueber den Fluß führt eine Fähre in Gestalt von zwei zusammengerammten Böten, über welche ein Bretterboden gelegt ist, groß genug, um auch Fuhrwerke aufzunehmen, aber ohne alle Barrieren oder andere Sicherheitsvorrichtungen. Zwei mächtige, aus Rotan geflochtene Seile überspannen als weit herabhängende Schlingen das Flußbett, laufen an beiden Ufern über Bambusstützen und sind in höchst primitiver Weise an Baumstämmen befestigt. An dieser lotterigen Führung gleitet die bewegliche Brücke langsam hinüber. Die Pferde wurden ausgespannt und über knarrendes Bambusgeflecht auf die Fähre getrieben; dann kam ich und schließlich noch mein Luxuswagen, den ein halbes Dutzend Javaner scheinbar mit Aufwand aller Kräfte herüberschob, obschon diese Leistung für einen Einzelnen nicht zu groß gewesen wäre. — Auf dem andern Ufer badeten zahme Büffel in der krystallhellen Fluth; sie werden für die meisten Fuhrwerke als Vorspann gebraucht, da es sonst kaum möglich ist, aus der Schlucht herauszukommen; die wegführende Straße hat eine fast verwegene Steigung. 247 Mein Kutscher hieß mich einsteigen, wies die Hülfe der elephantenähnlichen Wiederkäuer, die von ihren Besitzern bereits zuggerecht gestellt waren, mit nachdrücklichem Gebrüll zurück und hieb nun wahrhaft wahnsinnig auf seine Gäule los; ehe ich protestiren tonnte, ging's in gestrecktem Galopp bergan; Peitsche und Stimme des Kutschers ruhten keinen Augenblick; ich hatte Mühe, mich festzuhalten und wurde ganz unbarmherzig hin- und hergerüttelt. Endlich waren wir oben; der Kutscher hielt an und lachte verschmitzt beim Betrachten meiner sauersüßen, ungnädigen Miene und meiner Anstrengungen, den« am meisten gepeinigten Körpertheile etwas Erholung zu verschaffen; die Pferdchen dampften und schnaubten. — Die Straße ist rechts und links ein ziemliches Stück weit durch Urwald eingerahmt; hier war es auch, wo ich die erste Affenfamilie in Freiheit sah; Mutter und Kinder empfahlen sich schleunigst; der Herr Papa aber sah sich das Ding noch ein bischen genauer an, schnitt dann einige verächtliche Grimassen und verduftete auch; seine rothe Kehrseite war das Letzte, was ich zwischen den dichtbelaubten Aesten einer baumartigen Mimose noch erkennen konnte. Eine halbe Stunde später passirten wir die langgestreckte Ortschaft Radjamandala, eine zwei Kilometer lange Doppelreihe von Bambushäusern in Gärten, in welchen die Mutter Natur alleinige Gärtnerin ist. Ich gab meinem Pferdejnngen etwas Geld und erwartete, daß er von den feilgebotenen Früchten sich einige zur Erfrischung kaufen werde. Statt dessen kehrte er mit einer Portion Siri zurück, die in ein Betelblatt gewickelt war, und fing sofort das eckelhaste Kau- und Spuckgeschäst an, wobei im Fahren ein gutes Theil auch für mich abfiel. Einige Kilometer weiter vorwärts saß in der Veranda eines bessern javanischen Hauses eine Gesellschaft gutgekleideter Javaner beisammen und sah den Aufführungen einer wandernden Theaterbande zu. Ich ließ anhalten; sofort erschien der Herr des Hauses, 248 grüßte ehrerbietig und lud mich zum Sitzen ein; eine Tasse Kaffee wurde gebracht; ein Mädchen, nach der Sitte der Gegend gekleidet, d. h. als einziges Kleidungsstück den Saron umgebunden, den Oberkörper entblößt, bediente mich mit Bananen und Backwerk. Die Schauspieler strengten sich an, dem Fremdling das Schönste in dramatischer Kunst zu zeigen. Ich wollte sie, wie die Dienerin, beim Abschiede belohnen; aber dagegen erhob sich ein allgemeiner Protest. Die ganze Gesellschaft begleitete mich schließlich zum Wagen und verabschiedete sich nach dortiger Weise mit tiefen Verbeugungen und Kreuzen der Arme vor der Brust. Etwas vor sieben Uhr, also fast eine Stunde nach Sonnenuntergang, langten wir in Bandong an, woselbst ich als einziger Gast das von einem Deutschen gehaltene, neu erstellte Hotel Homann bezog. Die Nacht war prachtvoll; ich lag noch lange Zeit im Bettkostüm auf der Veranda meines Zimmers; taufende von Glühkäferchen schwärmten in der Luft und produzirten ein Feuerwerk, wie ich es bisher noch nie gesehen hatte. Für den folgenden Tag hatte ich die Besteigung des vulkanischen Tangkuban Prau aufs Programm gesetzt. Schon um r/-6 Uhr war der „Johann" des Hotels mit zwei frischen Pserdchen, aber der nämlichen jammervollen Karre des vorhergehenden Tages, zur Abfahrt bereit. Es war so kühl, daß ich mich gerne in meinen Plaid einwickelte. Prachtvoll erwachte die Welt; die Sonne vergoldete eben erst die Gebirge, denen wir zustrebten; sie hoben sich gegen den Horizont ab, wie glänzende Firnen und Gletscher. Aus der Straße begegneten wir zahlreichen Eingebornen, welche mit Früchten und Produkten ihrer Händearbeit beladen nach Bandong zu Markte gingen, den fröstelnden Körper bis über die Ohren in Fetzen eingehüllt. Die unterdessen am Himmel erscheinende Sonne wärmte bald und belebte auch das Innere der am Wege liegenden Hütten; die bambusgeflochtenen Thüren öffneten sich; gähnende 249 und sich streckende Erwachsene kamen zum Vorschein und sahen sich den jungen Tag an; Kinder erschienen und begannen ihre Spiele; ein Mädchen setzte sein Brüderlein auf ein gewaltiges Pisangblatt, benützte den dicken Blattstiel als Deichsel, fuhr den kleinen Passagier Kutsche und fing immer wieder von vorne an, wenn der Knirps beim Anziehen nach hinten überschlug. Auffallend ist der Hühnerreichthum der javanischen Dörfer; oft sind die Wege förmlich mit Geflügel bevölkert und die Ränder unseres Karrens tödteten leider mehrere Küchlein; das Ereigniß scheint aber öfters zu passiren, machte wenigstens auf die Eigenthümer keinen großen Eindruck. Vielleicht daß auch die Scheu vor dem Europäer sie von Auslassungen zurückhielt. Die Kinder benahmen sich überall sehr zurückhaltend, furchtsam schüchtern, was mir oft leid that; es erschien mir aber begreiflich, wenn ich mich daran erinnerte, wie die dort wohnenden Europäer die Eingebornen behandeln; hatte mir doch der böhmische Bahnhof- Restaurateur in Djandjoör gesagt, die Javaner müssen traktirt werden wie die Hunde, nicht wie Menschen. Um 8 Uhr langten wir in der letzten per Fuhrwerk zu erreichenden Ortschaft, in Lembang, an. Der Ort liegt 600 Meter über dem Meeresspiegel am Fuße des Tangkuban Prau und enthält die Ruhestätte des famosen Java-Kenners Junghuhn, welcher 1864 dort starb, nachdem er 30 Jahre seines Lebens der Erforschung des herrlichen tropischen Eilandes, seiner zweiten Heimat, gewidmet hatte. — Im Weitern gewinnt Lembang Bedeutung durch die Chinaplantagen, die seit Ende der fünsziger Jahre dort angelegt sind. Der Chinarindenbaum, der das wichtigste aller Fieberheilmittel, das Chinin, liefert, war bekanntlich bis zum Jahre 1854 nur in Peru zu Hause. Um diese Zeit aber gelang es dem holländischen Botaniker Haßkarl — trotz nachdrücklichen Verbotes und strengster Aufsicht seitens der peruanischen Regierung — Pflänzlinge und Samen nach Holland und von dort nach 250 Java zu bringen und seither sind in den javanischen Gebirgen über zwei Millionen Chinarindenbäume angepflanzt worden. Ihre Kultur erfordert äußerste Sorgfalt; die jungen Bäumchen müssen gehegt und gepflegt werden, wie kränkliche Kinder. Die Wurzelrinde ist geschätzter als diejenige des Stammes; doch geht natürlich mit ihrer Ausbeutung der Baum zu Grunde; dagegen wird der Stamm in der Weise ausgenützt, daß man die Rinde in langen Bändern ablöst, aber mit sorgfältigster Schonung des Kambiums, und jeweils zwischen zwei abgelösten Bändern eine Rindenpartie stehen läßt, so daß der Baum gesund bleibt und die Lücken im Laufe der Zeit sich wieder ausfüllen. Das Geschäft des Ablösens und Trocknens besorgen Weiber und Kinder. Der Export von Chinarinde aus Java betrug im Jahre 1880 124,000 Kilos, immerhin nur ein geringer Bruchtheil des jährlichen Gesammt- verbrauches auf der ganzen Erde, welcher sich auf neun Millionen Kilo beläuft. Ich hatte Empfehlungen in der Tasche an die zwei einzigen in Lembang residirenden Europäer, den Direktor der'Chinaplantage, Herrn Twiß, und einen holländischen Polizeiaufseher, unter dessen Schutz ich die Bergtour ausführen sollte. Zu meinem Aerger und meiner nicht geringen Verlegenheit bedeutete man mir, beide Herren seien nach Bandong verreist. Was thun? In ganz Lembang war Niemand, der eine mir geläufige Sprache kannte, und so stund ich denn anfänglich rathlos, umgeben von einer gaffenden Menge von Javanern mit Weibern und Kindern, die aus meinen malayischen Brocken erst nicht recht klug wurden, so ernstlich sie auch über jedes von mir gesprochene Wort Rath hielten. Für einen unbefangenen Zuschauer hätte unsere von lebhaften Geberden unterstützte Konversation ein höchst komisches Schauspiel sein müssen. Endlich begriff eine gelbe Tochter Javas, daß ich ein Pferd und einen Führer auf den Berg wünsche. Beides erschien nach geraumer Zeit, der Letztere, ein 12jähriger Junge mit häßlichem, 251 blatternnarbigein, aber intelligentem Gesichte, doch zu klein für einen Kampf mit Tigern und Riesenjchlangen, wie ich ihn vorhatte, der Erstere ein Mitleid erweckendes Thier, das einem kleinen Maulesel ähnlicher sah als einem Pferde. Ich war froh, wenigstens das zu haben, und setzte mich wohlgemuth auf den Rücken des Thieres; es sah dabei erstaunt nach rückwärts und wunderte sich, daß an seinen Flanken zwei so ungewohnt lange Beine bis fast zu Boden Herunterhingen. Nun wollte ich vorwärts, der Führer wollte auch, aber meine Rosinante wollte nicht; alles Zerren, Prügeln, Wadendrücken half nichts; sie stand bockstille; einige der Umstehenden fingen an zu schieben, was den Erfolg hatte, daß das intelligente Thierchen mehrere Schritte rückwärts und mit dem Hintern in eine Dornhecke drängte, wobei auch einige Partien meines Körpers in Gefahr kamen. Schließlich stieg ich gerne ab und „ritt" zu Fuß, während mein Cicerone, den nun lenksamen Gaul am Zügel haltend, vorausging. — Der Pfad führt in ziemlicher Steigung erst durch die Chinapflanzungcn; die Chinarindenbäume sind von äußerst edler, dem europäischen Auge ungewohnter Form und eine derartige Plantage gewährt einen wirklich schönen Anblick. Nach halbstündigem Steigen erreichten wir eine Hochebene, die — vor Kurzem noch mit Urwald bedeckt — nun für die Aufnahme von jungen Chinabäumen hergerichtet wurde. Zu diesem Zwecke wurde der Wald einfach angezündet, gleichviel welche Ausdehnung das Feuer nehmen konnte; die schließlich übrig bleibenden gewaltigsten Baumstämme, welche der Wochen lang dauernde Brand hatte verkohlen, nicht gänzlich zerstören können, waren gefällt worden und lagen nun als schwarze Kolosse da, wie ein Heer erschlagener Riesen auf dem Schlachtfelde. Es dauert Jahrzehnde, bis dieselben vermodert sind; sie bilden aber während dieser Zeit ein kontinuirliches Tüngmittel. Doch braucht es beständiger Arbeit von vielen Händen, um die überall neu auskeimende Waldung auszurotten und das Terrain für die beabsichtigten Kulturen offen zu erhalten. Das Schaffen der Natur ist ein so riesiges, daß 14 Tage genügen würden, um alle die todten Baumstämme mit frischem Grün zu überdecken. Als wir die Hochebene durchquert hatten, begann dichter Urwald und deckte uns mit seinem Schatten bis fast zur obersten Spitze des Berges. Der Weg ist recht steil; er führt im Zickzack hinauf und ist nichts Anderes als ein künstlich erweiterter und offen gehaltener Pfad, welchen sich Rhinozerosse durch das Dickicht gebrochen haben. Seitlich vom Wege sich in den Urwald zu verlieren, wäre fast unmöglich (übrigens auch nicht ungefährlich), denn das Gewirr von Bäumen, Sträuchern und Schlingpflanzen bildet eine meist undurchdringliche, lebendige Mauer. — Oftmals lag ein frischgefallener Stamm quer über den Pfad oder wurde von mächtigen Schling- und Klettergewächsen, die sich an ihm zum Lichte emporgeschwungen hatten, in freier Luft schwebend erhalten, so zwar, daß es aussah, als ob er jeden Augenblick niederstürzen und uns zermalmen könnte. — Als schönste Gebilde des Urwalds, die auch den Palmen weitaus den Rang ablaufen, erschienen mir stets die Baumfarne; von Palmenform zeigen sie ein viel saftigeres Grün und weicher gegliederte Blätter als diese; die an- muthigen Blattkronen ruhen auf Stämmen von 30 bis 60 Fuß Höhe. Namentlich prächtig heben sich die Baumfarne von ihrer Umgebung ab, wenn man Gelegenheit hat, ein Stück Urwald aus der Vogelperspektive zu betrachten. Es ist ein eigenthümliches Gefühl bangen Grauens, das den Menschen beschleicht, wenn er zum ersten Male den Urwald betritt. Die Stille, das ernste Halbdunkel, die imposante Größe überwältigen ihn; das dadurch geweckte Bewußtsein der eigenen verschwindenden Kleinheit und Nichtigkeit macht ihn erzittern, ähnlich wie auf dem uferlosen Weltmeere oder angesichts der unermeßlichen Wüste. Schaudernd ahnt der an Schranken gewöhnte Geist Ewigkeit 253 und Unendlichkeit. Bald aber treten diese Gefühle zurück gegenüber dem Interesse für die schönen Einzelheiten des gewaltigen Ganzen. Was den Urwald am meisten von unsern Wäldern unterscheidet, ist die große Manigfaltigkeit seiner Gewächse; bei uns, wo lebensfeindliche klimatische Bedingungen dem Wachsthum der Pflanzen sich entgegenstellen, sind es nur einzelne, welche denselben Trotz bieten und welche dann in gesellschaftlicher und einheitlicher Weise unsere Wälder formiren. Im Urwald aber sieht man selten zwei gleiche Bäume oder Pflanzen neben einander; die warme und seuchte Tropenlust fördert eben alle und jede Vegetation, und es kämpfen die Gewächse in unendlicher Manigfaltigkeit um den Raum zum Wurzeln und Wachsen, den Kampf unis Dasein. Von der Thierwelt gewahrt man im Ganzen sehr wenig; es herrscht eine geheimnißvolle Stille; nur hie und da schreit ein Vogel oder ein unschuldiger Vierfüßer auf, der von einer Tigerkatze oder einer Riesenschlange gepackt wurde. Oder das Ohr vernimmt aus der Ferne das Krachen eines zusammenbrechenden, lebensmüden Baumriesen. Ein paar Mal guckten auch neckische Affen aus dem Dickicht heraus, indem sie mit den Vorderhänden die laubigen Schlinggewächse auseinander hielten und neugierig die Köpfe hervorstreckten. Als ich aber einen Revolverschuß in die Luft abgab, erfuhr ich, daß die Thierwelt in meiner unmittelbaren Nähe doch reichlich vertreten war: wilde Hühner (von dem wilden javanischen Huhn stammt unser Haushuhn ab) flatterten auf; Affen kreischten mörderlich, und das Knacken von Zweigen und Raffeln im Dickicht zeigte mir, daß auch größere Thiere in der Nähe weilten. Zirka zwei Stunden lang ritt ich — die Rosinante hatte unterdessen Vernunft angenommen — im Schatten des Waldes bergauf. Oftmals war der Weg quer verlegt und dann mußte 254 ich absteigen und den Gaul über das Hinderniß wegbugsiren helfen. Ich setzte mich aber immer gerne wieder auf den Pferderücken, denn unter dem Laub und Geäst, das den Boden bedeckte, konnte kriechendes Gewürm verborgen sein, und trotz eines in der Tasche mitgefühlten Heilmittels gegen Bisse giftiger Schlangen verlangte mich doch nicht nach näherer Bekanntschaft mit denselben. Unterdessen waren wir, wie mein Aneroldbarometer zeigte, 2000 Meter hoch gestiegen. Der Wald lichtete sich; der Boden wurde kahl und trug nur noch holziges Gestrüpp und vereinzelte Bäume, die aber alle ohne Laubwerk dastunden. Erstickende Schweseldämpfe erfüllten die Luft und erklärten mir die Oede der Vegetation. Nach einer weitern Steigung von zirka lOO Metern waren wir auf dem Gipfel, einem kleinen Hochplateau, das einen unvergleichlich schönen Ausblick auf den zu Füßen liegenden Urwald und die herrlichen Gebirgsketten und üppigen Thäler der Preanger Regentschaften gewährt. Als wir uns zum Krater verfügen wollten, hemmte plötzlich ein unerwartetes und absolutes Hinderniß unsere Schritte. Eine 12 Fuß hohe Palissade aus zusammengeflochtenen und in die Erde getriebenen Bambusstämmen schnitt jede Möglichkeit ab, weiter vorwärts zu kommen. Es war dies ein Theil jener riesigen Schutzsperre, welche die Regierung zur Abhaltung der Rinderpest gegen die davon betroffenen Distrikte hatte erstellen lassen und welche direkt über den Gipfel des Tangkuban Prau verlief. Alles Suchen nach einem Durchgang oder nach einer Lücke war vergeblich; überall starrten uns die festzusammengerammten Pfähle entgegen, die auch nicht einen einzigen Blick zwischen sich durchschlüpfen ließen. Was thun? Sollte ich den mühsamen Weg zurückgelegt haben, ohne zum Ziele, zum Krater des Berges, gekommen zu sein? Ich schrie aus Leibeskräften, schoß auch mehrere Male mit meinem Revolver, um einen möglicherweise / 255 nicht allzuweit davon postirten inländischen Polizisten herbei zu locken, der uns vielleicht eine Passage hätte zeigen können. Doch fiel mir nachträglich ein, daß ohne Begleitung des Polizeikommissärs, den ich ja fatalerweise in Lembang verfehlt hatte, die Erlaubniß zum Betreten des abgesperrten Gebietes jedenfalls nicht erhältlich wäre. Ich wartete eine Viertelstunde; Alles blieb ruhig; natürlich, denn wie sollte eine Polizeiwache da hinauskommen? Nur das Tosen des Vulkans war aus ferner Tiefe zu hören. Dies erregte mein Verlangen, den Wüthenden zu sehen, in nur um so höherem Grade. — Ich sah meinen Jungen fragend an und machte dabei die Bewegung des Axthauens; er durchschaute meine Gedanken sofort und holte seinen Kriß aus dem Gurte, ich mein Taschenmesser und so fingen wir die Rotangeflechte, welche die Palissaden zusammenhielten, emsig zu zerschneiden an. Mit großer Mühe und unter zahllosen Schweißtropfen gelang es, eine Bresche in die Umzäunung zu machen, durch die wir durchschlüpfen konnten; der Gaul war kaum hindurch zu bringen und mußte gezogen und geschoben werden. Noch zirka 200 Schritte vorwärts und wir stunden am Rande eines grauenhaften, trichterförmigen Abgrundes, aus dessen Tiefen herauf es toste und dampfte, wie aus einem Höllenpfuhle. Der Umfang des Trichters mochte vier bis fünf Kilometer betragen. Fast senkrecht fielen die kahlen, mit Geröll bedeckten Wände zirka 1000 Fuß zu der grausigen Tiefe ab. Dort erkannte das Auge, wenn sich vorübergehend die Dampswolken etwas verzogen, einen gewaltigen Doppelkrater, durch einen hohen Wall in zwei Theile geschieden. Der nach Osten gelegene war ruhig und enthielt einen kleinen See mit schwefelgelber, glatter Oberfläche. Der westliche Krater aber gewährte das Bild eines ungeheuren Kessels, in dem es brodelte und zischte; alle Augenblicke erfolgte eine Explosion, bei welcher mit furchtbarer Gewalt Wasser- und Schweseldämpfe hoch in die Luft geschleudert wurden. Mich verlangte, das seltene 256 und interessante Schauspiel aus der Nähe zu sehen; deßhalb war ich ja überhaupt hergekommen, und Herr Z. in Batavia hatte mir erzählt, daß es möglich sei, sich herunterführen zu lassen. Aber mein kleiner Cicerone wollte nichts von der Expedition wissen; als ich in die Tiefe deutete und ihn aufforderte, voranzugehen, machte er die unzweideutigsten Bewegungen der Abwehr und der Furcht. So ging ich eben allein. — Die Sonne brannte glühend heiß auf den schattenlosen Abgrund und nur war's, als sei ich beständig im Knotenpunkte der von den steinigen Abhängen reflek- tirten Strahlen. Im Zickzack schlangelte ich mich, mehr auf allen Vieren als aufrecht, oft auch durch ungewollte Rutschpartien befördert, in die Tiefe, und nach ^/« ständiger mühevoller Arbeit befand ich mich am Ufer des ruhigen Kratersees, dessen Wasserfläche mit niedergeschlagenem Schwefel ganz überdeckt war. Wo das Auge hinschaute, erblickte es trostlose, lebensfeindliche Oede. Den thätigen Krater verdeckte mir ein zirka 100 Fuß hoher, aus Schutt und Lava bestehender Wall; ihn zu besteigen war keine kleine Arbeit, denn der Fuß glitt in dem beweglichen Gerölle bei jedem Schritte wieder rückwärts und meine Hände waren wund von den unfreiwilligen Berührungen mit den scharfkantigen Lavabrocken. Aber auch er wurde überwunden und mit Schweiß getränkt. Der Ausblick von der Höhe U>es Walles aus den Zwillingskrater und die ihn einschließende tausend Fuß hohe Kratermauer ist ganz besonders merkwürdig. Ich glaube, daß man dort eine ganz richtige Vorstellung einer Mondlandschaft erhält. Auf vielen Umwegen nahte ich endlich dem tosenden Un- gethüm im westlichen Kraterkessel; fast war das Athmen unmöglich in der von Schweseldämpfen erfüllten Luft, und der Lärm that den Ohren eigentlich weh und war so gewaltig, daß ich Stein- massen, die von oben herab zur Tiefe stürzten, wohl rollen sah, aber ohne ihr Poltern zu hören. Im Vorwärtsschreiten merkte ich plötzlich, daß der Boden anfing, glatt und elastisch zu werden; 257 ich hatte das Gefühl, als ob ich auf Kautschuck gehe und spürte durch die Schuhsohlen eine beträchtliche Wärme; als ich von einem sichern Standpunkte aus einen schweren Stein fallen ließ, sank er durch die kaum erstarrte Schicht in die Tiefe und aus der dabei entstandenen Oeffnung brodelte eine siedende, dickgelbe Brühe heraus. Bis hieher — hatte mir Herr Z. gesagt — war das Gehen ohne Gefahr; ich machte also Halt und betrachtete das grausige Naturschauspiel geraume Zeit, wobei ich — Dank den heißen Wasser- dämpsen — faktisch schwitzte wie in einem russischen Bade. Zum Andenken belastete ich meine Rocktaschen mit mancherlei interessanten und nur dort zu findenden Mineralien, namentlich auch mit löcherigen, rissigen Schwefelkrusten, die an der Unterseite hübsche Schwefelkrystalle zeigen, und begann dann, einige Kilo schwerer, den Rückzug. Ein Blick nach oben machte aber mein Blut erstarren und hätte beinahe meinen ganzen Muth gelähmt; es schien kaum möglich, diese steilen Wände mit so beweglichem Boden wieder hinaufzuklimmen. Allerdings mußte irgendwo eine Art von natürlichem Weg sein, der den Aufstieg erleichterte, aber davon sah ich keine Spur. Mit Neid gewahrte ich am Rande des Trichters, hoch oben, als schwarzen beweglichen Punkt, den Kopf meines Jungen, welcher — auf dem Bauche liegend — meine Reise in den Hades verfolgt hatte. Ein gräßliches Gefühl gänzlicher Verlassenheit und Verlorenheit, das Bewußtsein des lebendig Be- grabenseins, wollte mich beschleichen und an meinen Beinen hing es wie Blei, so oft ich bergan zu steigen versuchte. Von fünfzig zu fünfzig Schritten mußte ich mich immer wieder hinlegen und dem jagenden Pulse und den schachmatten Gliedern etwas Ruhe gönnen. Die Sonne brannte mit sengender Gluth, gleich als wolle sie dem Sohne der gemäßigten Zone zeigen, daß sie ein Faktor ist, mit dem bei dergleichen Touren in den Tropen gerechnet werden muß. Endlich — Gott Lob und Dank — berührten meine Hände den Boden des Hochplateau; es galt, noch Rumpf und 17 258 Beine herauszubringen. Krampfhaft umfaßte ich einen holzigen Strauch und schwang mich in die Höhe; in diesem Momente aber verließen mich meine Kräfte und mein Bewußtsein, ich brach auf der Stelle zusammen und glaubte zu sterben. Als ich zur Besinnung kam, lag ich einige Schritte vom Abgrunde entfernt auf dem heißen Boden. Ob der Junge mich dorthin geschleppt oder ob meine eigenen Kräfte vor der Ohnmacht noch so weit gereicht hatten, weiß ich nicht; der Erstere stund mit seinem Pferde scheinbar gleichgültig nebenan und schien ruhig abwarten zu wollen, was aus dem Manne werde, der ihm noch den Führerlohn schuldete. Nach kurzer Zeit glaubte ich wieder satteltüchtig zu sein und setzte mich auss Pferd; aber schon nach 10 Minuten knickte ich zusammen, wie ein erwärmtes Wachskerzchen, und mußte mich auf den Waldboden gleiten lassen, wo ich eine Viertelstunde liegen blieb, unbekümmert darum, ob unter den knackenden Zweigen kleines und großes Ungeziefer verborgen sei oder nicht. Die erfrischende Kühle des Urwaldes restaurirte mich aber bald wieder; schließlich lief mir sogar mein Gaul viel zu langsam. Ich ließ Roß und Führer im Stich und trabte auf eigene Faust den mir nun bekannten Weg waldabwärts. Komisch war dabei das Bestreben des Jungen, mir auf der Ferse zu bleiben (wohl aus Angst, ich möchte ihm durchbrennen), und die Widerspenstigkeit des Gaules, der von einem so raschen Abstieg nichts wissen wollte. In Lembang angelangt, verzehrte ich unter freiem Himmel meinen von Bandong mitgenommenen Proviant, begafft von einer Schaar Eingeborner, welchen der Junge offenbar erzählte, was dem fremden Manne oben auf dem Berge pafsirt sei. Ich selber konnte mich von der grausigen Erinnerung gar nicht losmachen, und als ich wieder in meinem Rumpelkarren saß und bergabwärts fuhr, schmerzten mich meine Glieder erbärmlich in Folge der ungeheuern Anstrengung. 259 Im Hotel zu Bandong fand ich einen unterdessen angekommenen zweiten Gast in der Person eines holländischen Beamten, welcher auf einer Inspektionsreise begriffen war. Das Interesse, das ich an dem landes- und verhältnißkundigen Manne nahm, ließ mich meine Müdigkeit vergessen; wir saßen in Gesellschaft des Wirthes bis in alle Nacht hinein auf der Veranda des Hotels, tranken kühles Export-Bier und plauderten, als ob wir seit Monaten keine Gelegenheit mehr dazu gehabt hätten. Da erfuhr ich auch, welch horrende Summen Java für seine Verwaltung zu bezahlen hat. Der Gouverneur allein kostet monatlich 100,000 Gulden, jeder Resident (d. h. oberster Verwaltungsbeamter einer Residentschaft) bezieht 1800 Gulden per Monat mit freier Wohnung; ihre zugetheilten Assistent-Residenten zusammen auch so viel; vom Heer der Unterbeamten gar nicht zu sprechen. Daneben verzehren aber auch. die inländischen Fürsten, welche die Holländer aus Politik als gut bezahlte Scheinfiguren auf ihren prunkenden Plätzen beließen, ungeheure Summen. Der Kaiser von Solo, der absolut nichts mehr zu bedeuten hat, braucht jährlich mehrere Millionen Gulden; jeder Regent (eS existiren in Bandong allein deren 20) bezieht 1000 bis 2000 Gulden per Monat und zudem noch einen Gulden Abgabe von jedem Pikul Kaffee, der in seiner Regentschaft gepflanzt wird. (Die letzte Kaffeebohne auch von dem Bauern, der nur einige Kaffeebäumchen in seiner Gartenhecke zieht, muß bekanntlich an die holländische Regierung abgeliefert werden, welche den Kaffee monopolisirt hat.) — Die Lage des javanischen Bauern ist im Ganzen eine miserable; die Chinesen machen sich dieselbe zu Nutzen; sie borgen dem Javaner, der allezeit auf dem Hund ist, Geld, lassen sich dafür seine Büffel oder den zu erwartenden Ertrag der Reisernte verpfänden und wissen es immer so einzurichten, daß ihnen das Pfand zufällt. — Wer möchte behaupten, daß wir im Thurgau nicht auch Chinesen hätten? 260 Mein Gesellschafter lud mich ein, mit ihm nach Soemedang und Cheribon zu fahren und von dort aus über Samarang nach Solo zu gehen, woselbst er mir Zutritt zum kaiserlichen Hofe und zu den Tigergefechten verschaffen wolle, die dort bei Anlaß des nächster Zeit stattfindenden mohamedanischen Neujahrsfestes abgehalten würden. Aber einerseits verlangte mich nicht sehr darnach, diesen glänzenden Prunk mitten im javanischen Elend zu sehen, anderseits zog es mich unwiderstehlich nach Batavia zurück, wo unterdessen Nachrichten aus der lieben Heimat eingelaufen sein mußten. So fuhr ich andern Tags mit meinem Jungen und den unterdessen ausgeruhten Pferden wieder nach Djandjoör zurück. Dort war ich gerade Zeuge, wie eine Riesenschlange eingebracht wurde. Das gewaltige Thier hatte sich vollgefressen und lag, um zwei Baumstämme geschlungen, ruhig da. Herr Sch., der Bahnhof-Restaurateur, der nebenbei sich noch mit Thierfängerei befaßt, packte mit Hülfe von sechs Kulis den Riesenleib, wickelte ihn ab und legte ihn in eine Holzkiste, bei welcher Gelegenheit ihm aber das sonst bewegungslose Thier das Nagelglied seines rechten Daumens radikal durchbiß. Da die Riesenschlange bekanntlich nicht giftig ist, blieb die Verletzung ohne schlimme Folgen. — Für den Rückweg nach Buitenzorg verschmähte ich die bequeme Eisenbahnfahrt und zog es vor, per Karren die in anderer Richtung verlausende, ganz Java durchziehende Poststraße zu benützen. Auf ihr gelangte ich zu Anbruch der Nacht nach Sindaglaia, einer 1120 Meter hoch gelegenen Gesundheitsstation mit ziemlich gut geführtem Hotel und ausgedehnten Militärspitalbaracken, in welchen beständig einige hundert rekonvalescente Soldaten der holländisch-indischen Armee zur Luftkur einlogirt sind. — Mein erster Besuch des andern Morgens galt diesem Militär- Institute; auf meine Nachfrage nach Schweizern erschienen zwei bleiche Jünglinge in sehr nachlässigem Spitalkostüm; der eine davon kaute Siri wie ein Javaner und spuckte in derselben 261 unappetitlichen Weise; er stellte sich als Verner-Bürger vor und sprach ein komisches Gemisch von schlechtem Holländisch und echtem Bernerdialekt; der andere sah etwas anständiger aus; aus dem Kanton Zürich gebürtig, hatte er sich mit 22 Jahren als stnäiosrrs jurio, wie er erzählte, anwerben lassen; vom ersten Tage an war er aber krank geworden und verbrachte nun seit Monaten ein elendes, thaten- und sarbloses Faullenzerleben in den holländischindischen Militärspitälern und Gesundheitsstationen. — Mehr noch als die nach meinem Gefühl miserable Lage dieser Landsleute betrübte mich die an Stnmpfsinn grenzende Gleichgültigkeit, mit der sie sich hineinfanden. — Mein Sondiren nach edlern Regungen war vergeblich. — Verloren und Verdorben! — Der Weg nach Buitenzorg führte mich über den 5200 Fuß hoch gelegenen Puntjakpaß; auf der Paßhöhe, in welcher die Straße sich zu einem geschützten Hohlweg verengt, steht ein einsamer Polizeiposten. Ich ließ anhalten und wanderte unter seiner Führung zirka h- Stunde weit durch den angrenzenden Urwald nach einem seit Jahrhunderten erloschenen Krater, der nun einen herrlich tief-grünen, ganz in die erdrückende Waldvegetation eingerahmten See bildet. Als wir uns dem Rande desselben näherten, hörten wir in unmittelbarer Nähe einen krachenden Lärm, als ob ein Baum langsam zu Boden fiele; es waren — wie mein Begleiter mit großem Geschrei verkündete — Rhinozerosse, die wir aus ihrer Siesta aufgeschreckt hatten und die sich nun im Dickicht des Waldes verloren. Die Bekanntschaft kleinerer, aber mir unangenehmerer Thiere machte ich aus dem Rückwege; als ich mich eben durch ein hundert Schritte weit den Weg verlegendes Gebüsch durchgearbeitet hatte, spürte ich ein juckendes Gefühl an meinen Beinen; ich sah nach und entdeckte eine Anzahl jener kleinen Spring- blutegel, welche zu Millionen den Urwald bewohnen, sich vom Boden her in die Höhe schnellen und so die Opfer ihrer Blutgier erreichen. Sie hatten schon brav gearbeitet; das über ihren Durst an meinen Beinen Herablausende Blut war es, welches mir die eigenartige Empfindung bereitete. Auch an der rechten Wange saß ein solches Vieh; eingedenk eines guten Rathes des Herrn Z. riß ich die Blutsauger nicht los (weil auf diese Weise die Beiß- werkzeuge in der Wunde zurückbleiben und nachher Entzündung veranlassen), sondern berührte ihren Hintertheil mit einer brennenden Cigarre, woraufhin sie schleunigst losließen. — Nirgends wie hier fiel mir der Reichthum des Urwaldes an Schmetterlingen auf; alle Farben sind vertreten; gewisse Arten messen zehn und zwölf Zoll quer über die Flügel und fliegen äußerst langsam; sie wiegen sich dabei — scheinbar mit großem Behagen — hin und her. Die Thalfahrt vom Puntjakpaß nach Buitenzorg ist entzückend; zu Füßen liegt das herrlichste Panorama; das Auge schwelgt die ganze Zeit in großartiger Gebirgsscenerie, Urwald und tropischer Farbenfülle. Die Straße durchschneidet großartige Kaffee- und Theeplantagen; die dazu gehörigen Wohnsitze der Pflanzerfamilien sind oft wahrhaftige Paradiese; im schönsten Garten, im Schatten riesiger Baumkronen ein behaglicher Verandenbau, innerlich und äußerlich mit allem Luxus ausgestattet. So schwelgen die „Herren des Landes", und die Eingebornen durch ihrer Hände Arbeit und der unerschöpfliche tropische Boden liefern das Material dazu. 263 X. Wieder in Batavia. — Betrunkener Affe. — Sesängnissc. — Krolodiljagd. — LonntagScrlcbniffe. — Nochmals ins Innere. — Soekaboemi. — Gesellschaft im Hotel. — Besuch einer Kaffeepflanzung. — Irrenanstalt in Buitenzorg. — Uebcrall schweizer. — Letzter Tag in Batavia. — Slamatan. — Papa KnuS. — An Bord. — Ankunft in Singaporc. Noch denselben Abend traf ich in Batavia ein,' mir war's ganz heimatlich zu Muthe, als ich das gastliche Haus in Kebon- Siri betrat und von meinen Gastfreunden in so herzlicher Weise begrüßt wurde. Briese aus der Heimat, langersehnte, hatten gute Nachrichten gebracht; ich war überglücklich und lief im Garten herum, und suchte, wem ich Gutes thun könnte. Weltschmerzlich saß der eine Affe, der frühere Ausreißer, an seiner Kette; die Physiognomie verbarg er misanthropisch in einer Ecke, nur den Rücken zeigte er der Welt; da erinnerte ich mich an eine halbe Flasche Bordeaux, welche ich als Ueberrest meines Neiseproviants zurückgebracht hatte. Kaum erschien ich mit dem Zaubertranke, so wechselte die Stimmung bei dem Vetter Vierhänder; aus Angst, sein Kollege und Nachbar könnte auch etwas davon erwischen, beeilte er sich, mir die Flasche aus den Händen zu nehmen und leerte sie — die Augen verdrehend — auf einen Zug; schließlich roch er noch daran und als auch die Nase ein Vacuum vermeldete, schmiß er das gläserne Gefäß mit Indignation auf die Seite. Der Wein hatte den Melancholiker umgewandelt; er verließ seine weltschmerzliche Ecke und unternahm einen Spaziergang auf die Pferdekrippe, an welcher seine Kette wurzelte. Aber, wo sonst der haarige Körper mit sicherer Balance herumspaziert war, zeigten sich jetzt bedeutende Gleichgewichtsstörungen; bald purzelte das Vieh vornüber auf den Boden, bald nach hinten gegen die Wand zu und konnte nur durch kräftiges Anstemmen mit den Vorderarmen 264 sich oben halten; alle diese Anstrengungen sahen urkomisch auS und die weinselige Fratze des Thieres reizte unwiderstehlich zum Lachen. Aber schon nach einer Stunde kam das pitoyable Stadium des Katzenjammers, das mich alten Studenten mit innigem Mitleid erfüllte; gebrochenen Körpers saß der Affe am Boden und runzelte die Stirne vor infamem Kopsweh. Vom Augenblicke an machte er die deutlichsten Zeichen des Abscheus, so oft ich ihm eine Weinflasche zeigte, und war nie mehr zum Alkoholgenusse zu bewegen. Vorläufig blieb ich nun wieder einige Tage in Batavia und widmete einen Theil meiner Zeit den dortigen Spitälern; ich sah darin viel Elend und Gewissenlosigkeit, zu dem ich auch in Gedanken nicht mehr gerne zurückkehre. — An der Seite eines Arztes wurde es mir auch möglich, das neue Gefängniß zu Batavia für schwere eingeborne Verbrecher zu besuchen. Ich erinnere mich namentlich deutlich an einen in Einzelhaft befindlichen javanischen Fürsten, der wegen Meuterei eingesteckt war. Er saß — den Kopf in beide Hände gestützt, die Beine übereinander geschlagen — auf dem Boden und las laut, und ohne sich durch unser Eintreten stören zu lasten, im Koran. Das ganze Gebäude ist zwar neu, aber wo die Gefangenen in größern Haufen zusammengesteckt sind, hört ihr Dasein aus, ein menschenwürdiges zu sein. In Soeka- boemi, im Innern Javas, sah ich einige Tage später einen Kerker eigener Art. Ein großer rechteckiger Platz war mit Pfählen eingeschlossen; das Ganze deckte ein primitives Dach, das kaum gegen den Regen Schutz gewährte. In diesem Raume, dessen Boden die Erde bildete, waren an die 150 Gefangene beiderlei Geschlechtes; sie hockten gruppenweise beisammen nud lehnten an den palissaden- ähnlichen Kerkerwänden, zwischen deren Pfählen sie in die verlorene Freiheit hinausguckten. Ich erhielt den Eindruck eines großen Gitterkäfigs mit wilden Thieren; denn die vernachlässigten schmutzigen Gesichter, über welche verfitztes, seit Monaten ungeordnetes Haar wild herunterhing, sahen kaum mehr menschenähnlich aus. 265 Vorläufig blieb ich wieder vier Tage in Batavia; während der Zeit fand ich Gelegenheit, aus die Krokodiljagd zu gehen. Mein Begleiter war ein 17jähriger Anverwandter der Frau Z. Mit guten Beaumont-Gewehren bewaffnet, stiegen ivir in der Altstadt in einen Kahn und fuhren in dem sanft dahinströmenden Wasser, das von Batavia weg dem Meere zustrebt, flußabwärts. Bald hatten wir den belebten und befahrenen Theil des Flusses hinter uns; die Ufer wurden öder; Gestrüpp und Schlingpflanzen, zwerghafte Palmen bekleideten sie; auf den schmalen Sandbänken, die der leichte Wellenschlag nach und nach geschaffen, lagen halb verweste Kadaver, Skelette von Riesenschildkröten, Schlangen und wilden Hunden, die schauerlichen Ueberreste der Krokodilsmahlzeiten. Kein Ton störte die unheimliche Stille. Die Ruder wurden eingeschlagen; wir knieten schußbereit nieder, und der Bootsmann,, ein halbnackter Javane, kauerte am Boden des flachen Nachens, der kaum vier Zoll den Wasserspiegel überragte. Jetzt zupft mich der Schiffer am Rockzipfel und zeigt mit der Hand aufs rechte Ufer, das kaum 30 Fuß entfernt liegt; ich strenge meine Augen au, aber ich sehe nichts als dunkelgrauen Sand; trotzdem lege ich in der angedeuteten Richtung an und drücke los; ein riesen- mäßiger Krokodilkörper entwickelt sich aus dem Sande und schleicht ins nahe Gestrüpp; die Farbe des Thieres ähnelt so dem Sandboden, daß es mir, so lange das Thier sich bewegungslos verhielt, nicht möglich gewesen war, es zu unterscheiden. Unterdessen tauchten rechts und links von unserem Boote jene gräßlichen, gepanzerten Köpfe aus dem Wasser, die sich in einer sichern Menagerie grausig genug ansehen, in Freiheit aber noch viel fürchterlicher. Mit weitgeöffneten, scharfgezähnten Kiefern holten sie Luft oder harrten auf Beute. So ein gut genährter Schweizerdoktor mit straffer, durch die Tropen noch nicht entnervter Faser wäre ihnen wahrscheinlich ein willkommenes Fressen gewesen. Wir schössen wiederholt; ein Fehlschuß hatte das spurlose Verschwinden 266 des Thieres zur Folge; ein Schuß, der traf, brachte eine un- gemüthliche Situation; das getroffene Thier überschlug sich halb im Wasser, halb in der Lust und peitschte die Fluth so fürchterlich mit seinem langen Ruderschwanze, daß das Wasser uns bespritzte, und die dadurch veranlaßten Wellen bis an den Schiffsrand stiegen. Es war also bloße Vorsicht von mir, wenn meine Schüsse meistens fehlgingen. Erbeuten konnten wir keines der Thiere, wohl aber einen prachtvollen Aasgeier, den wir lebendig mit angeschossenen Flügeln nach Hause brachten, und einige herrliche, in den prachtvollsten Farben schimmernde Eisvögel. Schließlich stiegen wir ans Land und suchten, immer schußbereit, das Gestrüpp ab, um auch größere Beute zu machen; aber alle die Ungethüme waren längst entwichen, ehe wir ihnen nahe kommen konnten. Die Atmosphäre der krokodilenen Jagdgründe ist eine schauderhafte; das herumliegende Aas und das zum Theil stagnirende Wasser verbreitet einen schrecklichen Gestank, und wer häufig dort hingeht, holt sich ein schweres Fieber, wie das dem Hauptkrokodiljäger in Batavia, dem Apotheker G., zu wiederholten Malen passirt ist. Weniger abenteuerlich verlebte ich den darauf folgenden Sonntag. Unser liebenswürdige Konsul, Herr D., brachte mich schon Vormittags in seiner famosen Junggesellenwirthschaft unter gefälliger Mithülfe der durch Eis gekühlten „Wittwe Clicquot" in die angenehmste Stimmung. Nach der Reistafel fuhren wir in seinem eleganten Zweispänner kreuz und quer durch die Stadt, auf den Waterlooplein zur Parademusik, wo die feine Welt Batavias in Hunderten von Equipagen herumflanirte, in prachtvolle chinesische Magazine und schließlich auch noch ins Hauptpost- gebäude, dessen Direktorenstelle schon seit 25 Jahren ein echter biederer Glarner, Herr St., bekleidet. Abends saßen wir heimatlich gemüthlich bei Tische und wärmten uns an der gegenseitig gefundenen Liebe zum Vaterlande nnd dem regsten Interesse für seine politischen Geschicke so sehr, daß mir die Uhr viel zu früh 11 Uhr schlug. Welche Freude für mich, in der Fremde einen Mann zu finden, der wie Herr D., Woche für Woche die Vorgänge in unserer lieben Heimat verfolgt hatte und trotz jahrelanger Abwesenheit mit dem politischen und kulturhistorischen Status derselben gerade so bekannt war, als ob er daheim gelebt hätte! Der Name eines Tischgenossen, des Herrn H., der demjenigen eines der schärfsten deutschen Philosophen entspricht, führte unsere Konversation auch auf den Boden der Religionsphilosophie nnd ich gewahrte mit Genugthuung, daß die Tafelrunde des Herrn D. über Kaffee, Zucker und anderen Handelsartikeln die höchsten und wichtigsten Fragen, die den menschlichen Geist beschäftigen können, nicht zu kurz kommen läßt. Unter den Aerzten Batavias traf ich auch einen Schweizer, Dr. G. aus dem Kanton Basel. Er kam s. Z. als holländischer Militärarzt nach Indien und hat sich in den Feldzügen gegen Atschin rühmlichst ausgezeichnet, fand aber schließlich seine Stellung so unerträglich, daß er sich loskaufte und sich in Batavia als Privatarzt niederließ. Er empsahl mir aufs dringlichste, alle Kollegen, die durch das große Handgeld (10,000 Fr.) und die glänzend gemalten Aussichten sich für Niederländisch-Jndie» etwa anwerben lassen wollten, vor diesem unglückseligen Schritte zu warnen. Nochmals lenkte ich meine Schritte ins paradiesische Innere der Insel; mit unwiderstehlicher Gewalt zogen mich die Landschaftsbilder an, die ich zwischen Buitenzvrg und Djandjollr gesehen hatte. So reiste ich denn in zirka vierstündiger Eisenbahnfahrt nach Soekaboemi und traf dort in dem einfachen, aber gut geführten Hotel famose Gesellschaft, u. A. einen deutschen Kaufmann aus Batavia, der gesundheitshalber ins Innere gezogen war. Der Wirth nnd Hotelbesitzer, ein ehemaliger Apotheker, zeichnete sich 268 nicht gerade durch große Zuvorkommenheit aus; auf alle an ihn gestellten Fragen über Land und Leute und dergleichen hatte er nur die eine stereotype Antwort: „Ja myn God, wat soll ich dat weten!" Es wurde mir ein ziemlich primitives Zimmer in einem der beiden sehr flüchtig erbauten einstöckigen Flügel des Hotels an< gewiesen; das ganze, größtentheils aus Bambus erstellte Haus zitterte, wenn ich herumging, und die Wände waren so dünn, das; ich sie mit dem Daumen durchstoßen konnte. — Als ich auf der vor meinem Zimmer liegenden Veranda saß, bemerkte ich vis-ä-vis einen schwarzen Kling mit mächtigem, weißem Turbane, welcher vor der Zimmerthüre seines noch schlafenden Herrn auf dessen Befehle harrte. Bald kam der Letztere dann zum Vorschein und entpuppte sich weder als Asiate noch als Holländer oder Engländer, sondern als „Züribieter", Herr W., der in Deli (Sumatra) Tabak pflanzte und aus Gesundheitsrücksichten zur Kur nach Java herübergekommen war, begleitet von seinem schwarzen Diener. — Wir verlebten einige vergnügte Tage zusammen. An der Tafel saß außer einigen holländischen Beamteufamilien namentlich noch der Oberbefehlshaber der gegen Atschin im Felde stehenden Armee; nachdem alle seine Bemühungen, von der holländischen Regierung mehr Truppen zu erhalten, um rasch und erfolgreicher handeln zu können, vergeblich gewesen waren, hatte er erbittert abgedankt. Dasselbe würde das ganze in Atschin beschäftigte Offizierskorps am liebsten auch thun. Aus politischen Gründen, hauptsächlich um eine unzufriedene Partei in Holland zum Schweigen zu bringen, hat nämlich die holländische Regierung über Atschin den Friedens- - zustand verhängt und ein Civilgouveruemcnt dort eingeführt; faktisch herrscht aber beständig blutiger Krieg und doch bezieht die Miliz — entsprechend der eben angegebenen Verfügung — nur den halben (Friedens-) Sold, anstatt des Kriegssoldes, der ihr voll und ganz gebührte. 269 Die Tage in Soekaboemi gehören zu den genußreichsten, die ich auf Java verlebte. Es war gerade die Zeit herrlicher Mondnächte. Unvergeßlich bleibt mir ein Abeudspaziergang zu einem mohamedanischen Gotteshause; zwischen den schwarzen Umrissen der Palmen lag, freundlich eingebettet, die herrlich erleuchtete Moschee; der Duft blühender Mimosen erfüllte die Luft und durch die Stille der Nacht war deutlich das Beten der andächtigen Menge zu hören. In Soekaboemi vermehrte sich meine Thiersammlung um ein Beträchtliches; namentlich fand ich Gelegenheit, schöne geflügelte Eidechsen zu fangen. Das erste Exemplar brachten mir meine Bekannten, mit einem langen Stricke an ein Bambusrohr festgebunden; die Erbeuter hatten hinter dem unschuldigen Echschen ein giftiges, Tod und Verderben bringendes Thier vermuthet. Die unmittelbare Nähe des Urwaldes veranlaßte gelegentlich zu Gesprächen über wilde Thiere. Herr W. erzählte u. A., wie vor Kurzem ein Tiger sich unter sein Hans geschlichen und mit den Tatzen zwischen den Bambusrohren, aus welchen der Boden besteht, einen jungen Hund, der neben seinem Bette lag, herunter- gekrallt habe. Am mörderischen Geschrei des armen Thieres sei er aufgewacht, aber mit seinen unterdessen geweckten Kulis zu spät gekommen, um den Räuber zu erschießen. Nachts, in schlaflosen Stunden, hörte ich auch mancherlei Gethier auf dem flachen Dache meines Zimmers herumkrabbeln, war aber nie so neugierig, darnach zu sehen. Besonderes Interesse gewährte mir eine Karrenfahrt landeinwärts in Gesellschaft des deutschen Kaufmannes; Ziel des Ausfluges war eine seinem Geschäfte zugehörige Kaffeeplantage. Unterwegs glitt unmittelbar vor unserm Fuhrwerk eine Schlange sehr bedeutender Größe über die Straße und verschwand in dem anstoßenden Reisfelde, in welchem fleißige Bauern, bis an die Kniee im Wasser stehend, arbeiteten. Wir riefen den Leuten, sie möchten fliehen, aber unsere Meldung brachte keinerlei Aufregung 270 in die Gesellschaft. — Den Administrator der Kaffeepfla»z»ng trafen wir nicht daheim, ließen uns aber in seinem idyllischen, vollständig offen stehenden Bambushause, bedient von einer kleinen, freundlichen Javanerin, doch wohl sein. — Die Pflanzung selber zeigte sich in betrübtem Zustande, halb zerstört durch die Kaffeelaus. — Um so schöner waren die Gartenhecken aus Kaffeesträuchern. Die weißen, herrlich duftenden Jasminblüthen lagerten wie Schnee auf dem dunkeln Grün. Auf der Rückfahrt nach Soekaboemi sahen wir eine große Menge Volkes auf den Feldern versammelt; aus einem ^erhöhten Platze in der Mitte stund ein Priester und segnete unter den wunderlichsten Geberden die Reissaaten, eine Ceremonie, die sich alljährlich mehrmals wiederholt. Am Hoteltische hörte man allerlei Interessantes; die anwesenden Beamten und Offiziere unterhielten sich z. B. ganz unverblümt über praktizirte Defraudationen u. dgl. So meinte Einer, der Kaffee, den wir eben tränken, sei sicher gestohlen; die Erklärung gab er in Folgendem: Alljährlich reisen Abgeordnete des Gouvernements im Innern des Landes umher und schätzen den zu erwartenden Ertrag jeder privaten Kaffeepflanzung, jeder Gartenhecke. Der Besitzer erhält dann einen Schein mit Bezeichnung des vorn Schätzer angegebenen Quantums. Ohne einen solchen Versandtschein kann keine Kaffeebohne verkauft oder verführt werden. Denn wer Kaffee verschleißt und sich nicht ganz genau über die Berechtigung dazu ausweisen kann, ist ein Betrüger am Staate, der ja das Monopol hat, und wird strenge bestraft. Während man aber auf diese Wiese den kleinen javanischen Bäuerlein auf die Finger sieht, haben die großen Diebe gutes Wetter. Wenn ein Kaffeekontroleur gut geschmiert wird, so schreibt er einen höher» Ertrag hin als voraussichtlich zu erwarten ist, z. B. statt 6 Pikul 30 Pikul. Die Differenz von 24 Pikul wird dann von den Betreffenden aus den Regierungsplantagen gestohlen, ein 271 Diebstahl, der nicht möglich wäre, resp. dem Diebe keinen Nutzen brächte, wenn der Versandtschein nicht auf ein entsprechend großes Quantum lautete. Als Illustration zu der rücksichtslosen und oft grausamen Per- waltung unter dem früher erwähnten Generalgouverneur Daöndels hörte ich folgende historisch beglaubigte Begebenheit erzählen: Es sollte in Surabaja ein Hospital und ein Regierungsgebäude geschaffen werden. Zwei große, im Besitze eines chinesischen Brüderpaares befindliche Häuser zeigten die hiezu erforderlichen Eigenschaften. Daöndels ließ den einen der Brüder kommen und fragte ihn: „Wie viel willst Du für die Gebäude?" „Und wenn Du den Weg vom Hafen bis zu meinem Hause init Silberstücken belegtest, so würde ich sie doch nicht verkaufen", antwortete der reiche Chinese. Da ließ ihn Daöndels aufhängen, beorderte dann den zweiten Bruder neben den Galgen und stellte an ihn die gleiche Frage. Die Antwort war: „Herr, bestimme Du den Preis." Da ließ Daöndels einen Kaufvertrag aufsetzen und unterzeichnen und bezahlte dem Chinesen ein 2'/,-Centsstück (zirka 6 Rappen) für seine beiden Paläste. Auf der Rückreise nach Batavia besuchte ich die in der Nähe von Buitenzorg ganz neu erbaute Irrenanstalt. Ich hatte lange Zeit aus den Direktor zu warten und spazierte unterdessen unter einer Veranda aus und ab; dabei leistete mir der Portier des Irrenhauses Gesellschaft und wir kauderwelschten einander auf holländisch an. Schließlich fragte er mich nach meiner Nationalität. „Ich bin Schweizer", antwortete ich. „Jk ooch; en St. Galler", tönte es erfreut aus dem Munde des Fragestellers, der, wie sich ergab, seit 14 Jahren, ursprünglich als Soldat, in Java lebte, und weder holländisch noch seine Muttersprache mehr rein sprechen konnte. Sein Name war: Wäger. „W—a—g—e—r ond live klcene Tüppelte up den a" buchstabirte er mir vor. — Also wieder ein Landsmann! Einen zweiten fand ich im Innern der 272 Anstalt. Auf der Privatabtheilung saß inmitten eines eleganten Saales bei weit geöffneten Flügelthüren, durch welche Mimosen- düfte hereindrangen, ein Melancholiker einsam an einem Tische, den Kopf in beide Hände gestützt; es war ein Herr S. aus dem Kanton Aargau; er jammerte mir laut vor, als ich ihn schweizer- deutsch anredete. Ich war in diesem Falle kein objektiver Beurtheile! und konnte mich — die Macht des Heimwehs kennend — des Gedankens nicht erwehren, dem armen Kranken wäre daheim vielleicht doch etwas leichter ums Herz. Die ganze für 450 Betten berechnete, aber vorläufig nur zur Hälfte vollendete Anstalt ist nach den neuesten und besten Grundsätzen erbaut und zeigt namentlich eine Raumverschwendung, wie man sie wohl nirgends findet; prächtige Gärten und große Höfe trennen die einzelnen Gebäulichkeiten. Auf der Abtheilung für geisteskranke Eingeborne ist den Sitten und der Lebensweise derselben vollständig Rechnung getragen; da sie das Sitzen auf Stühlen nicht kennen, sind überall mächtige, nur 1 Fuß über dem Boden erhabene Hocktische errichtet, auf welchen sie — hockend — zu Dutzenden Platz finden. Der Baderaum enthält ein großes Bassin mit fließenden« Wasser, in welches sie nach ihrer Gewohnheit untertauchen und sich waschen können, wie in einem Flusse. Eine andere Art von Toilette, ein separates Waschen des Gesichts oder dgl., kennen die Javaner eben nicht. Anwendung von Zwangsmitteln sah ich nur in einem einzigen Falle. Eine wahnsinnige Javanerin, die sich die Augen mit kon- zentrirter Karbolsäure ausgerieben und natürlich ruinirt hatte, steckte in der Zwangsjacke, da dies der einzige Weg ivar, um sie vor weiter«« Verstümmelungen zu bewahren. Wohlthuend fiel aus die überall herrschende Reinlichkeit und die Disziplin des Wart- personales; die Direktion der Anstalt scheint in vorzüglichen Händen zu sein. Aus der Rückfahrt nach Batavia hatte ich einen interessanten 273 Gesellschafter im Eisenbahnwagen, einen javanischen Fürsten. Er trug einen mächtig großen, rothen Turban schräg um den Kopf gewunden; darüber eine roth- und schwarzsammtene Mütze mit goldener Troddel, einen schwerseidenen Saron, schwarze Jacke, goldgestickte Pantoffeln und — einen blauen Zwicker; in der Hand balancirte ein stutzermäßiges Spazierhölzchen. In Batavia wärmte ich mich noch einige Tage lang an der unermüdlichen Gastfreundlichkeit des Herrn Z.; jeden Abend lud er eine große, fidele Tafelrunde ein. Am letzten Tage gewahrte ich im Garten ein Häufchen Javaner, die, am Boden sitzend, eine Mahlzeit einnahmen. Die gute Frau Z. hatte, ohne mir etwas verlauten zu lassen, der Sitte ihres Landes gemäß ein sogenanntes Slamatan für mich abhalten lassen, d. h. ein Opfer, das mir Glück auf die Reise bringen sollte. Die eingeladenen Javaner mußten für mein Wohlergehen beten und erhielten dafür Speis und Trank. Auch Deiner muß ich noch gedenken, Papa Knus, der Du am letzten Abend noch Nachts halb 11 Uhr nach Kebon-Siri gefahren kamst, um immer und immer wieder von der Stätte Deiner Jugend, vom Thurgau, erzählen zu hören! Mit welchem Interesse erkundigte er sich nach all seinen Schulkameraden in Schönholzersweilen und Bürglen; und wie eigenthümlich berührte es mich, auf fremder Erde so viele Namen aus der engsten Heimat nennen zu hören! Er wollte immer und immer noch nicht fort, der gnte Mann, ob- schon Frau Z. längst die Augen zufielen und der letzte Rest aus der Bordeauxflasche bereits ausgetrunken war. Vom letzten derben Händedruck that mir die Hand noch lange Zeit weh, und die Grüße, die mir dabei aufgetragen wurden, habe ich nicht alle ausrichten können. Am Morgen des 1. August m aller Frühe nahm ich Abschied von dem gastlichen Hause zu Kebon-Siri; Herr Z. und Konsul D. gaben mir das Geleite bis hinaus auf die Rhede, und der alte, 18 _ 274 ^ treue Hausdiener schleppte meine Kisten und Spiritusflascheu mit den erbeuteten Naturalien an Bord. Ohne Sekt kein Abschied in den Tropen! So knallte es denn lustig; das letzte Glas galt einem frohen Wiedersehen im Heimatlande. Dann ging's vorwärts und nach einigen Stunden war Java aus meinem Gesichtskreise entrückt. Aber wie oft dachte und denke ich an das paradiesische Eiland zurück und an meine Gastsreundc, die mir den Aufenthalt daselbst erst recht schön gestaltet haben. Nach 2'/,tägiger Fahrt, die mir Dank einer prächtigen Reisegesellschaft kurz genug vorkam, legten wir in Singapore an. Schnell aus Land, in einen Palankin und zum — Geschäftslokal, wo ich meinen Neffen vermuthete. Dort stund er ja unter dem Portale und lachte von Weitem dem Onkel entgegen. Ich schnellte mich aus dem Wagen, eilte auf ihn zu, nahm seinen lieben Kopf in beide Hände und schüttelte ihn, als ob ich ihn nie mehr loslassen wollte. Das war ein Stück richtigen Heimatgefühles. Xl. Aus dem stellen Ozean. — Reisegesellschaft. — Ueberall Meyer. — Amerikanischer Lokalpatriotismus. — Jung-Japan in Verlegenheit. — Schiffsküche. — Immer wieder ins Rauchzimmer. — Musikalische Unterhaltungen. — Zeitrechnung am I8V. Meridian. — Verkehr mit den japanischen Reisegesiihrten. — Leichenvcr- brennung. — „Segler in Sicht!" — Feuerwehrprobe. — Zum letzten Mal an der Schiffstafel. — Land, Land! — Das bestechliche Argusauge der amerikanischen Zollbehörde. — Im Eols von Sän Francisco. — Chinesenfutz. — Eine Unglückliche. Ueber meine Erlebnisse in Singapore, China und Japan habe ich früher berichtet. Den Rückweg nach der Heimat nahm ich über Nordamerika. — Nach dem elegischen, mitternächtlichen Abschiede von 275 meinen Vokohamafreunden an Bord der City of Ria Janeiro verfiel ich bald in bleiernen Schlaf; erst um 9 Uhr Morgens erwachte ich, aufgeschreckt durch den schmetternden Klang eines chinesischen Gong*, mit dem zur Tafel gerufen wurde. Welches Erwachen! Rollende See, Schädelweh, Kater schwer, klrrs mal äs mer. Ich bleibe liegen und ziehe das Leintuch der Vergessenheit über meine Ohren. Die guten Freunde in Japan haben wirklich etwas auf dem Gewisien. — Schon Mittags turnte ich aber, eine Cigarre im Munde, auf dem Verdeck herum und besah mir das bischen Ozean, auf dem wir nun drei Wochen lang schwimmen sollten. — Gegen Abend verschwanden die letzten Vorinseln der japanischen Ostküste aus unserm Gesichtskreise und noch vor Sonnenuntergang sah das Auge nichts als Himmel und Wasser. Anfänglich entzückt dieser Anblick; bald aber wird er trostlos langweilig und man sucht sehnsüchtig irgend eine Erhebung des kreisrunden Horizontes, um darauf auszuruhen. — Die City of Rio Janeiro ist nicht seetüchtig gebaut; schon 15 Fuß über dem Meeresspiegel trägt sie durchbrochene Gallerten zu beiden Seiten des Speisesaales 1. Klasse; bei ruhiger See lustwandelt sich's dort allerdings angenehm; sobald sie aber hoch geht, finden die Wogen ungenirten Eingang und mehr wie einmal wurden wir an der Tafel oder in unsern Kabinen mit Seewasier übergössen. Schließlich vernagelte man die Lichtungen gegen die Wetterseite mit starken Brettern; dieselben verwehrten aber dem Meere nur theilweise und damit auch dem Lichte den Eintritt und verdüsterten den Speisesaal. — - Der Gong ist ein flaches Metallbecken, mehrere Fuß im Durchmesser hallend; durch Trausschlagen mit einem hölzernen Hammer entsteht ei» trommelfell- erschütternder. gräßlich lärmender Ton. 276 Unsere Gesellschaft 1. Kajüte war sehr klein; erst am 4. Tage erschien Alles vollständig bei der Tafel; das schlechte Wetter hatte Einige trank gemacht und während wir Gesunde beim Essen saßen, hörten wir von den benachbarten Kabinen her ihre Seufzer und ihre schweißtriefenden Bemühungen. — Als die Letzten erschienen bei Tische zwei jüngere Japaner, welche die Regierung auf ihre Kosten nach Deutschland schickte, den einen, um Chemie zu studiren, den andern, um sich mit der Technik der deutschen Porzellan- brennerei vertraut zu machen. Die armen Kerls sahen aus wie ungebleichte Leintücher nach dem 4tägigen Opfer, das der Weg zur Zivilisation von ihnen verlangt hatte. — Während der Suppe erzählte mir der eine, daß er sich Vormittags noch fünf Mal habe erbrechen müssen; ich drückte besorgt den innigen Wunsch aus, es möchte für heute das letzte Mal gewesen sein und rückte meinen Teller etwas ostwärts. Die Tafel präsidirte der Schiffskapitän, ein schöner, korpulenter Mann, der sich auch während des Essens durch amerikanische Ungenirtheit auszeichnete. Er aß sehr rasch und sehr viel; die Schluckorgane konnten die Arbeit nicht immer bewältigen und alle Augenblicke erfolgte ein explosiver Husten und ein Würgen, als ob eine Fischgräte im Halse stecke. Da der Mann trotz alledem Messer und Gabeln nicht aus den Händen ließ, wurde die kleine Katastrophe hie und da verhängnißvoll für die Teller der Zunächst- fitzenden. Anfänglich schaute Alles erschrocken nach dem Tafelpräsidenten und seinem blauroth gehusteten Kopfe; nach und nach aber gewöhnte man sich an diese Sorte Tafelmusik. — Dem Kapitän zur Rechten saß ein englischer Oberst mit seiner Gattin; die Leutchen hatten in Hongkong in Garnison gelegen und wurden nun nach Schottland versetzt. Vorher waren sie 1'/, Jahre auf Cypern und 2 Jahre in Kanada gewesen, kleine Abwechslungen, wie sie einem englischen Offizier passiren können. — Nachdem ich Tage lang und etwas mühsam mich in englischer Zunge mit dem Herrn Oberst unterhalten hatte, erfuhr ich endlich, daß er „Meyer" heiße und erhielt auf meine Anfrage, ob denn in England auch Meyers geboren werden, die sächsisch gemüthliche Antwort: „Entschuldigen Sie, ich bin aus Dräsden!" Ich sah wirklich einen echten Sachsen vor mir, der englische Militärcarriere gemacht und sich durch eine nette englische Frau und ein Paar tadelloser Cote- lettes der Nation angepaßt hatte. Wir wurden gute Freunde zusammen. — Von der übrigen Tischgesellschaft interessirte mich noch der englische Konsul aus Uokohama; er ging seiner aus Europa erwarteten Braut bis Sän Francisco entgegen; dort sollte die Hochzeit sein. Die Hochzeitsreise führte über den stillen Ozean zurück nach Japan. — Gesprächige Tischgenossen waren ein von Hongkong in die Ferien reisender englischer Bankangestellter und ein in Ruhestand versetzter Schiffskapitän, ein kleiner, jovialer, stets vergnügter Engländer, den man nie ohne die Whisky-Flasche sah. Whisky* ist überhaupt das National- getränk der Engländer und Amerikaner und wurde von den Vertretern dieser beiden Nationen an unserer Schiffstasel tischgläser- weise konsumirt. Mir gegenüber saß an der Tafel ein verwetterter amerikanischer Schiffsmann; er hatte als erster Steuermann seit 30 Jahren alle Meere der Welt befahren und kehrte nun mit seinen Ersparnissen in die alte Heimat zurück. Er war es, der gewöhnlich die Konversation leitete und mit seinen Reiseabenteuern unsere Verdauung beförderte. Was immer er von seiner Vaterstadt Boston erzählte, schloß mit dem Refrain »tke best in tbs rvorlck", und wehe dem, der zu vermuthen wagte, daß andere Städte auch ihr Gutes, vielleicht sogar noch Vorzüge vor der Hauptstadt Massachusetts' haben könnten! Der enragirte Lokalpatriot sprach während drei Tagen kein Wort mehr mit dem Schiffsdoktor, weil er ' Branntwein a»S Gerste oder Mais. 278 sich unterstanden hatte, zu behaupten, der Brand von Chicago sei größer gewesen als derjenige in Boston. — Die zwei Japaner suhlten sich bei Tisch recht ungemüthlich; dem einen namentlich war der Gebrauch von Messer und Gabel nicht geläufig und der Sessel war ihm ein Marterstuhl. Wollte er sich's auf Deck behaglich machen, so hockte er wohl in japanischer Weise auf den Boden und rauchte sein Pfeifchen. Da er nicht englisch sprach, war ihm der Inhalt der jeden Tag frisch aufgelegten Speisekarte ein verschleiertes Geheimniß; zwar bestellte er sich, wie die Andern, mit dem deutenden Finger irgend etwas bei dem bedienenden Chinesen, machte aber oft ein erstauntes und bitter enttäuschtes Gesicht, wenn er Schafsbraten erwartet hatte und eingemachtes Obst servirt bekam oder dgl. Schließlich führte der Chinese die Praxis ein, daß er seinem ostasiatischen Vetter während der Dauer der ganzen Tafel ein Gericht nach dem andern hinstellte, welche derselbe dann auch mit Todesverachtung und fabelhafter Schnelligkeit in seinen Mund schob. — Die amerikanische Küche schmeckt unser Einem nicht besonders; die Schiffsküche namentlich leidet an ewigem Schassbraten und fade gekochten (meistens konfervirten) Gemüsen, unter welchen die Kartoffel in drei- oder vierfacher Form der Präparation nie fehlt. Gegen das Ende der Fahrt — die in Folge des schlechten Wetters 6 Tage länger dauerte als vorgesehen war — ging denn unglücklicherweise noch das Trinkwasser aus und es wurde zum Kochen nur noch kondensirtes Maschineu- wasser benutzt, das einen widerwärtig seifig-öligen, Alles durchdringenden Geruch und Geschmack hat und uns von vorneherein den Appetit benahm. — Mein liebster Tifchgefährte war mein Nachbar zur Linken, der früher erwähnte, von der japanischen Regierung nach Europa gesandte Herr M. aus Bremen; wir bildeten die deutsche Insel in dem internationalen Sprachendurch- einander und mancher deutsche Kalauer hat uns die Mahlzeit gewürzt. Nach beendigter Tasel setzte man sich für ein Stündchen 279 ins Rauchzimmer, eine um den Hauptmast gebaute kleine Verdeckkabine ohne alle und jede Bequemlichkeit, woselbst man bei unruhiger See mühsam an Wänden und harten Holzbänken sich festhielt und seine Cigarre rauchte. Nicht selten spritzte aber eine über Bord sich wälzende Woge zu alle» Fugen herein und applizirte uns eine unfreiwillige Touche. Trotzdem blieb eben der „Rauchsalon" während der ganzen langen Reise unser einziger Zufluchts- und Gesellschaftsort; mechanisch lenkten sich nach jeder Mahlzeit die meerschwankenden Schritte dorthin und es war schon mehr in- ' grimmiger Galgenhumor und trug mir von meinem Tischnachbar einen erst freudig überraschten, nachher aber verachtungsvollen Blick ein, als ich am 15. Tage beim Dessert zu ihm sagte: „Sie, Freund, ich habe eine Idee! — Wie wär's, wenn wir heute einmal ins Rauchzimmer giengen?" Dieser unschuldige Witz wurde von da ab täglich drei Mal, nämlich bei jeder Mahlzeit, mit dem entsprechenden Aufwand von Pathos und Mimik gemacht und die Versicherung, daß jedesmal unbändig dabei gelacht wurde, mag eine ungefähre Vorstellung geben von dem Geisteszustand des ftonao sapieirs während einer monotonen Seefahrt. — Tags über schrieb ich fleißig im Speisesaal und brachte es soweit, daß ich dies bei jeder Witterung thun konnte, wenn auch mein Schreibtisch ganz bedenkliche Exkursionen machte; meine treuen steten Gesellschafter waren dabei Tschisei, der kleine Schiffshuud, und ein prächtiger getigerter Kater, welche beide in friedlicher Eintracht quer über meine Kniee ausgestreckt dalagen und schnarchten und schnurrten. Abends wurde häufig konzertirt. Der Schiffsdoktor spielte Klavier, die Frau Oberst sang ganz nett, der englische Bankangestellte blies die Mundharmonika, ich fiedelte auf meiner Geige und der englisch-sächsische Oberst trommelte dazu mit ein paar Castagnetten aus Ebenholz; was Kehle hatte, sang mit und so improvisirten wir eine Symphonie, die glücklicherweise oft von 280 deni Brausen des Meeres zugedeckt wurde und deren Schallwellen besser der Nachwelt nicht aufbewahrt bleiben. — Hie und da wurde aber auch ein ernstes Programm abgewickelt: Schubert'sche Lieder, die ungarischen Tänze von Brahms, die Violin-Romanzen von Beethoven rc. fanden lautlose und dankbare Zuhörer. — Wer Sinn und Freude für Musik hat und etwas — sei's auch noch so wenig — darin zu leisten versteht, trägt einen kleinen Schatz mit sich herum, dessen Werth für sich und Andere er nie besser würdigt, als während einer langen Seefahrt. Am 2. Oktober passirten wir den 180. Meridian; bei dieser Gelegenheit zeigte das Schiffsbulletin zwei Tage hintereinander die nämliche Datirung, nämlich zwei Mal: Dienstag den 2. Oktober; dadurch erhielten wir eine Woche von 8 Tagen. Umgekehrt zählt die Woche, während welcher ein von Osten nach Westen, also von Amerika nach Asien fahrendes Schiff den 180. Meridian pasfirt, nur 6 Tage; die Bewohner jenes Schiffes schlafen beispielsweise am Abend des 2. Oktobers ein und erwachen am Morgen des 4. Oktobers, während wir aus der Fahrt von Westen nach Osten am Abend des 2. Oktobers uns zur Ruhe legten, um am Morgen des 2. Oktobers aufzustehen und den nämlichen Tag nochmals durchzumachen. Scheinbar hatten wir also einen Tag mehr gelebt, als die andern Menschenkinder. Diese eigenthümliche Erscheinung wird verständlich, wenn man bedenkt, daß während der Fahrt nach Osten der Zeiger der Uhr Tag für Tag etwas vorwärts gerückt werden muß; denn der Mittag tritt täglich um so viel früher ein, als man der „von Osten nach Westen gehenden" Sonne entgegengefahren ist. Von der Schweiz bis Singapore macht dies ungefähr 6^/- Stunden Zeitunterschied aus, d. h. während die Uhr in Bern aus 12 Uhr Mittags zeigt, steht sie in Singapore schon auf 6'/> Abends. Bis die Tour um die Erdkugel vollendet ist, beträgt die Summe der sämmtlichen Zeittheile, um welche der Uhrzeiger nach vorne gerückt werden muß, genau 24 Stunden, 281 entsprechend eben der Zeit einer Erdumdrehung.* So ist es begreiflich, daß ein Schiff, wenn es die oben erwähnte Korrektur am 180. Meridian nicht vornähme, in seiner Zeitrechnung um einen Tag zu früh wäre. Beispiel: Denke man sich ein Schiff am ersten Oktober von London nach Osten fahrend; es brauche zur Reise um die Welt bis zur Rückkehr nach seinem Ausgangspunkte genau 90 x 24 Stunden, käme also am 29. Dezember wieder in London an. Dieser Zeitraum, welcher für einen in London Stationirtcn 90 Tage ausmacht, beträgt für die Schiffsbewohner 91 Tage; die 90 Londoner- tage bestehen eben aus genau 24 Stunden, die Schiffstage aber dadurch, daß das Schiff der Sonne entgegenfährt, aus etwas weniger als 24, nämlich aus 24 — Stunden. 90 x 24 ist genau so viel, wie 91 x (24 — So müßte das Schiffstagebuch, würde es nicht irgendwo (und nach allgemeinem Gebrauch wird dies am 180. Meridian vorgenommen) zwei Tage in einen verschmelzen, bei der Ankunft in London den 30. Dezember zählen, wäre also der Londoner Zeitrechnung um einen Tag voraus. Diesen Umstand hat Phileas Fogg (in Jules Vernes Reise um die Welt in 80 Tagen) nicht berücksichtigt. Er rechnete in fortlaufenden Daten und zählte also bei seiner Ankunft in London den 28. November, während in Wirklichkeit erst der 27. war; ' Daraus läßt sich berechnen (24 Stunden " 1440 Minuten dividirt durch »60 (Zahl der Meridianes — 4>. daß der Zeitunterschied siir jeden Meridian 4 Minuten betrügt, datz wir also bei einem täglichen Vorrücken um 10 Längengrade unsere Uhr um 40 Minuten vorwärts rücken müssen. Umgekehrt lann aus der Zeitdifferenz die geographische Länge, unter welcher das Schiff steht, jeden Augenblick bestimmt werden. Ein mitgenommenes Chronometer zeigt die Ortszeit des ersten Meridians (sür England: Ereenwichj sür Frankreich! Paris: sür Deutschland: Insel Ferro). Vermittelst des Sextanten wird die Sonnenhöhe gemessen und dadurch die Zeit des Standortes bestimmt. Beträgt die Differenz zwischen Chronometer- und Sextantenergebnitz beispielsweise 4 Stunden, so Mi, nuten — 2S0 Minuten, so ist die geographische Länge, unter welcher sich das Schiff befindet, 26V: 4 -- LZ. eine für ihn sehr angenehme Entdeckung, da sie ihn die Wette und damit ein großes Vermögen gewinnen ließ. Viel Unterhaltung fand ich im Verkehr mit den beiden Japanern; die armen Burschen langweilten sich fürchterlich und waren dankbar für jede gebotene Zerstreuung. Das Deutsch, das sie sprachen, tönte allerdings oft recht asiatisch und war theilweise schwer verständlich; die aus japanisch-deutschen Wörterbüchern herausgesuchten Ausdrücke fanden hie und da recht komische Verwendung. * Auffallend war mir das nach unsern Begriffen unpassende Mimenspiel, mit dem die zwei Japaner ihre Reden begleiteten. Ernste Dinge wurden mit Lachen, gleichgültige Erlebnisse mit ernstsauren Mienen vorgebracht. — So erzählte mir der eine der beiden Reisegefährten, seine Mutter sei an der Cholera erkrankt; daraufhin habe sich sein Vater 10 Stunden weit ins Gebirge geflüchtet, damit er von der Krankheit verschont bleiben möchte. Die Mutter sei noch 14 Tage am Leben geblieben, der Vater aber in seinem Schlupfwinkel schon nach einer halben Woche an der Cholera gestorben. Schon den Anfang der Erzählung begleitete der Redner mit halb unterdrücktem Lachen; am Schluß aber verfiel er in ein unbändiges Gelächter, so daß die englischen Tischnachbarn glaubten, er hätte mir den größten Witz erzählt. Es ist dies charakteristisch sür die oberflächlich-kindische Denkweise der Japaner; der tragische Inhalt der Geschichte kam dem Erzähler ' Ein nur annähernd korrekt deutsch sprechender Japaner ist überhaupt eine Seltenheit. Die Japaner leben sich nicht in die Elemente und den Geist einer Spräche hinein, sondern ihre Sprachkenntnifse bestehen, wie diejenigen eines Schülers, aus auswendig gelernten Wörtern; Gedanke und Satzsvrm bleiben japanisch. Dieser Defekt gibt hie und da zu komischen Erlebnissen Veranlassung. So schrieb ein für einige Tage nach seiner Heimat beurlaubter Assistenzarzt an seinen Vorgesetzten, einen deutschen Professor in Tokio, „es thue ihm leid, daß er aus den verabredeten Zeitpunkt nicht zurückkommen könne; seine Schwiegermutter sei gestorben und weil das Aas erst in 2 Tagen verbrannt werde, müsse er seine Abreise so lange verschieben." 283 nicht zum Bewußtsein gegenüber der auf ihn komisch wirkenden Thatsache, daß sein Vater sich so verrechnet hatte. — Die beiden Japaner waren Shintoisten und gehörten zu den Feuerbestattern: das Gebet war ihnen unbekannt bis zum To^e ihrer Eltern; dann aber fingen sie an, aus der Stätte, an welcher die Asche der Verstorbenen beigesetzt war, die abgeschiedenen Seelen derselben anzurufen. Diese schöne heidnische Sitte herrscht durchwegs bei den Shintoisten. Die Leichenverbrennung ist in Japan seit Ende des 7. Jahrhunderts (christlicher Zeitrechnung)* eingeführt. Dazumal starb ein berühmter buddhistischer Priester, Namens Dosho, 72 Jahre alt, welcher die Feuerbestattung für sich anordnete. In Kioto existirt ein Tempel zu Ehren dieses Priesters. Nachdem 4 Jahre später auch die Kaiserin Shito gemäß testamentarischer Verfügung verbrannt worden, fand das Verfahren Anklang und wurde während 1000 Jahren allgemein geübt. Dann machte aber ein kaiserliches Verbot dieser Bestattungsweife ein Ende und erst seit 5 Jahren darf man sich in Japan wieder verbrennen lassen. Die Kosten einer solchen Feuerbestattung belaufen sich auf nur 1'/,—2 Dollars; die Verbrennungsdauer belrägt 8 Stunden. Die Feuerstelle ist eine muldenförmige Vertiefung in der Erde, 4 Fuß lang und 1'/,—2 Fuß breit, überquert von 4 starken Holzscheitern, auf welche der in Reisstroh eingehüllte Leichnam gelegt wird. Die Stätte ist überdeckt von einem kleinen, nur 12 Fuß hohen Bambushäuschen mit rundem Schornstein. Schräg an den Leichnam werden nun Holzklötze angelehnt und von den Priestern angezündet. Das Feuer glimmt nur schwach, sonst würde ja auch das kleine Häuschen in Brand gerathen. Andern Tages holen die Angehörigen des so Bestatteten die nicht verbrannten Knochen und setzen sie in einem ' Die Japaner beginnen ihre Zeitrechnung mit dem ersten Kaiser der jetzigen Dynastie und zählen jetzt 0885) das Jahr 2544. 284 Tempel bei. — Ich habe leider nie Gelegenheit gefunden, den Grad der Zerstörung der Leiche durch dieses Verfahren mit eigenen Augen zu beurtheilen, so sehr ich mich auch für diese ideale und schönste Bestattungsweise interessirte; jedenfalls muß das dazu verwendete Holz ganz besonders präparirt oder von eigenthümlicher, langsam brennender Art sein, wenn es während 8—10 Stunden ein leichtes und gleichmäßiges Feuer unterhalten soll. Achtzehn Tage schon dauerte unsere Fahrt durch die Wasserwüste des stillen Ozeans und noch war uns kein einziges Schiff zu Gesichte gekommen. Endlich am Morgen des 19. tönte es vom Mastkorb herab: Segler in Sicht! Alles rannte direkt aus dem Bette, ohne an vorherige Toilette zu denken, auf Deck und nach einer Stunde hatten wir einen vom Sturme hart mitgenommenen Dreimaster eingeholt, der durch aufgehißte Flaggensignale mit dem Kapitän unseres Schiffes sich zu unterhalten anfing. Die Signale bedeuteten: Wir sind Amerikaner, kommen von New-Uork ums Kap Horn herum, gehen nach Sau Francisco und haben seit 54 Tagen kein Land mehr gesehen, wissen wegen seit Langem bedeckten Himmels nicht genau, wo wir sind und bitten um Angabe der geographischen Länge und Breite, auf der wir uns befinden. Unser Koloß verkürzte seinen Lauf, bis die Signalkonversation zu Ende war; die gewünschte geographische Lage wurde in Riesenzahlen mittelst eines mächtigen Stückes Kreide an den Schiffspanzer angeschrieben und '/» Stunde später sahen wir von dem Segler nur noch die Mastspitzen. Am Abend des 5. Oktobers, nach eingetretener Dämmerung, erschreckte uns ahnungslos in der Kajüte Sitzende das schreckliche Dröhnen des Feuerhornes; wir eilten aus Deck, so schnell uns die Füße tragen wollten; dort war ein Schreien und Ketlenrassekn, ein Kommandiren und Durcheinanderrennen, daß Einem fast die Sinne schwanden. Was ist's? Brennt's im Schiff? Dann sind wir Alle verloren! Unsere Aufregung legte sich, als der Kapitän 285 die Mittheilung machte, daß es sich um eine Generalprobe im Feuersicherheitsdienst handle; der erste Schiffsoffizier hatte unverzeihlicher Weise vergessen, den Passagieren vorher davon Anzeige zu machen. Zwei Minuten nach dem Signale war Jeder von der Schiffsmannschaft auf seinem Posten; die Dampfspritzen arbeiteten und sandten Wasserströme nach allen Richtungen. Wir brauchten ziemlich lange, bis sich unsere Aufregung gelegt hatte. Uebrigens beruhigte der Anblick der vom Heizer und Matrosen bis auf den Salonkellner ganz aus Chinesen zusammengesetzten, in Reih' und Glied stehenden Bande, in deren Hände wir bei dergleichen Eventualitäten unser Schicksal gelegt sehen, keineswegs. Wir erhielten den sichern Eindruck, daß im Falle einer wirklichen Katastrophe alle Disziplin ein Ende hätte und daß unser Schiff der Schauplatz eines schrecklichen' Racenkampfes werden müßte. Und was hätten wir verhaßte Nichtasiaten in so geringer Anzahl (wir zählten mit sammt dem Kapitän und den Offizieren kaum zwanzig Mann) gegenüber den paar Hundert Mongolen ausrichten können? Einundzwanzig Tage nach unserer Abfahrt von Aokohama eröffnete der Kapitän bei Tische, daß wir den kommenden Morgen um 9 Uhr in Sän Francisco sein werden. Das gab Leben in die Tafelrunde. Einmal wieder, nach langer Zeit, schien der Schafsbraten zu munden und das im öligen Maschinenwaffe«: gedünstete Kraut fand man gar nicht so übel. Die Konversation war außergewöhnlich lebhaft; die Engländer tranken zwei Gläser Whisky mehr, als gewohnt; der amerikanische Steuermann schilderte zum zwanzigsten Male die unerreichten Vorzüge seiner Vaterstadt Boston; die zwei Japaner ließen ihre Mundwinkel in kontinuirlichem Grinsen gegen die Ohren zu spazieren und mein Bremerfreund und ich dedi- zirten uns gegenseitig einige Flaschen Milwaukee-Bier. Noch eine Nacht! Dann kann uns der stille Ozean gestohlen werden! Ein störendes Intermezzo erfuhr unsere Fröhlichkeit durch einen der beiden Oberstewards, welcher neben der Tafel in epi- 286 leptischem Anfall zusammenbrach. Den chinesischen Dienern schien die Sache nicht ungewohnt; sie schassten den zuckenden Körper ohne Weiteres in ein Nebengemach und fuhren, als ob nichts passirt wäre, unverzüglich mit ihrer Arbeit bei Tische fort. Der Schiffsdoktor, dem ich den Unglücklichen besorgen hals, schimpfte, der Mensch trinke zu viel; dann könne ja das „Keinem" und das „Bromein" (Chinin; Brom), das er ihm verordne, keine Wirkung haben. Die 30 fehlenden Flaschen in meiner Bierkiste lieferten eine kleine Illustration zu dieser Aussage. — Als ich mich wieder an die Tafel setzte, drehte sich das Gespräch natürlich um die eben beobachtete Krankheit; der amerikanische Steuermann hatte das Wort und erzählte gerade, wie viel Dutzend Fallsüchtige täglich in den Straßen Bostons zusammengelesen würden. Die letzte Nacht auf dem stillen Ozeane brachte mir wenig Schlaf; alle Viertelstunden sah ich nach der Uhr und zwei Mal, gleich nach Mitternacht, bestieg ich das Verdeck nnd suchte Land, Land. Amerika erschien mir als Borhos der Heimat. — Mein treuester Schlaskamerad, Tschisei, der Schiffshund, ahnte die baldige Trennung; er winselte kläglich und stellte sich wohl ein Dutzend Mal an meiner Schlafstelle in die Höhe, schnüffelnd, ob ich noch da sei. Vor Tagesgrauen war ich wieder aus dem Verdeck; noch lagerte die Nacht über dem Ozeane; ihre Stille unterbrach nur das keuchende Arbeiten der Maschine und das Rauschen der vom Kiele getheilten Fluth. Endlich erschien Aurora am östlichen Horizonte; ein leichter Schimmer in Rosa umkreiste das Weltmeer und die gewaltige Wasserfläche reflektirte die matten Strahlen in geisterhaftem dunkeln Glänze. Majestätisch erschien Helios und beleuchtete zu meinem Entzücken einen Streifen Landes, die Gestade der kalifornischen Küste. Um 6 Uhr sahen wir das uns entgegenkommende kleine Dampfschiff des Lotsen; in seiner Gesellschaft befanden sich einige elegant aussehende Herren in schwarzem 287 Rock und grauem Cylinder (häßliches Möbel!) und mit goldenen Ketten größten Kalibers. Die Ankömmlinge erkletterten auf einer heruntergelassenen Strickleiter unsern Leviathan und fielen über ein zu ihrem Empfang bereit gehaltenes Dejeuner her, als ob sie seit 14 Tagen darauf hätten warten müssen. — Der Schiffsposthalter, ein magerer Amerikaner, der sich bei Tische die Nase immer mit der Hand schneuzte, weil er sein Essen nicht kalt werden lassen wollte, raunte mir ins Ohr, die grauen Cylinder seien Zollbeamte; wenn ich es wünsche, wolle er mich einem der Herren vorstellen; ich käme dann rasch und leicht über die sonst sehr lange dauernden und 'eingehenden Zollformalitäten hinweg. Dies konnte mir höchstens angenehm sein und vertrug sich — da ich nichts Zollbares mitsührte und im Ein- und Auspacken meines Koffers weder Virtuos noch Liebhaber war — sehr gut mit meinem Gewissen und meinen Wünschen. Die Vorstellung erfolgte; die elegante graue Angströhre blieb nachher noch einige Zeit vor mir stehen und schien auf den Schlußpunkt der Szene zu warten; ich fand aber den Punkt nicht, bis der Posthalter mich zwei Schritte seitwärts nahm und mir bedeutete, ich möchte einen 5- oder 10-Dollar- schein in die Hand des Zollinspektors drücken. Dies fiel mir allerdings nicht im Traume ein. Wozu denn? Ich hatte keinen Grund zur Bestechung und hätte dies auch prinzipiell nicht gethan. Zur Strafe für meine Abgeneigtheit wurden dann auch meine Effekten am Landungsplätze mit der gesetzlichen, gewissenhaftesten Genauigkeit untersucht und durcheinander gewühlt. Der englische Bankangestellte machte es einfacher; er trug chinesische Seidenstoffe unter einer oberflächlichen Schichte von Linge und Strümpfen in seiner Kiste verborgen. Beim Oeffnen des Koffers fand aber der Zollbeamte einen 10-Dollarschein zu oberst liegen. Mit welch eleganter Handbewegung verschwand das Papierchen! Wie rasch flog der Kofsecdeckel wieder zu und mit welchem Schwung wurde ihm das Paffagezeichen aufgekreidet! 288 Der Amerikaner aus Boston, der weniger freigebig war, mußte schimpfend und fluchend zusehen, wie die Argusaugen der Zolldiener sogar in das diskrete Fach der schmutzigen Wäsche in seinen Riesenkoffer drangen und einen ganzen Häselimarkt von chinesischen Porzellansachen herausholten und daneben ausstellten. Er hatte den fünffachen Werth an Zoll zu bezahlen. — Die Korruption der Zollbehörde war der erste Eindruck, den ich auf amerikanischem Boden erhielt. Um 7 Uhr fuhren wir in die Bucht von Sän Francisco; kurze Zeit darauf hörte das eiserne Herz, das während 500 Stunden ununterbrochen gearbeitet hatte, zu schlagen auf und unser an Ruhe gewöhntes Ohr wurde bestürmt von dem Lärm einer amerikanischen Riesenstadt. Sän Francisco oder Frisco, wie es durchwegs von den zeitsparenden Amerikanern genannt wird, liegt aus einer hügeligen Halbinsel, theils am östlichen Abhänge des Küstengebirges, theils auf einer künstlich und mit ungeheurer Anstrengung dem Golfe abgewonnenen Sandebene. Das Küstengebirge (Ooast-rsnKs) zieht sich als mächtiger Wall, welcher den andrängenden Fluthen des stillen Ozeans Halt gebietet, von Nord nach Süd; nur eine Lücke zeigt es, durch welche die Wasser des Weltmeeres und des Golfes sich vereinigen und durch welche alle Schiffe ein- und ausgehen — das goldene Thor. Franz Drake überschritt als der Erste dessen Schwelle, da er von der Magelhaönsstraße herkommend nach Norden fuhr und einen Durchgang nach dem atlantischen Ozean suchte. Sobald wir in dem ruhigen Gewässer der Sän Francisco- Bay schwammen, kamen auch die Vorderdeckpassagiere zum Vorschein, lauter Chinesen mit Kind und Kegel, die während 3 Wochen die verpesteten Zwischendeckräume nie verlassen hatten. Bei der Mehrzahl der Weiber bemerkte ich jene abscheulich verkrümmten Füße, welche in der Form durchaus einem Pferdehufe gleichen; durch Bandagen wird schon beim Säuglinge die Entwicklung des Fußes gehemmt; die Zehen krallen sich nach der Ferse um und 289 das Endresultat ist ein häßlicher unförmlicher klumpen, der seiner Besitzerin das Gehen zur Qual, fast zur Unmöglichkeit macht. Unter der vielhundertköpfigen mongolischen Gesellschaft nahm ein junges Weib vor Allem meine Aufmerksamkeit in Anspruch; sie wurde, wie eine Gefangene, durch zwei gewaltige Chinesen auf das Verdeck geführt und unterschied sich in Kleidung und Gesichtsbildung durchaus von ihrer Umgebung; die feingeschnittenen Züge, der dunkle Teint, die brennend schwarzen Augen und Haare sprachen für edle kaukasische Abkunft; aber aus den glänzenden Augen schaute der Wahnsinn und es machte den Eindruck, als ob jeden Augenblick ein Wuthausbruch kommen könnte. Einen Moment flog der Gedanke durch meinen Kopf: Wie, wenn es sich nicht um eine Kranke, sondern um eine rettungslos in chinesischen Klauen Verlorne handelte, die aus irgend welchen Gründen in dieser Weise auf die Seite geschafft werden sollte? Die Unglückliche kauerte aus dem Boden; die langen schwarzen Haare hingen wirr über das abgezehrte Gesicht herunter; die Ellbogen ruhten aus den Knieen und die Finger krallten sich verzweifelnd in dem Haargewirre fest; der Kops wurde in hastiger Unruhe hin- und hergedreht und die Augen rollten nach allen Seiten, während die Lippen in unverständlichem Murmeln sich bewegten. — Als nach dem Anlegen des Schiffes am Landungsplätze die Auswanderung der asiatischen Passagiere begann, war die arme Kranke nur unter größtem Widerstreben von der Stelle zu bringen; ein schmieriger Chinese, ein wahrer Riese von Figur, packte sie am Arme und zwang sie zum Mitkommen; dabei stieß sie aber einen mark- und beindurchdringenden Schrei aus und sträubte sich mit den Geberden und dem Gesichtsausdrucke der gräßlichsten Angst. Noch lange hörte ich das Schreien und Hülferusen der Geistes- umnachteten, bis es im Getöse des Landungsplatzes unterging. -- 19 290 XII. Ins Hotel. — Erster Willkomm. — Fahrt nach dem Clisfhouse. — Seelöwen. — Minstrels. — Straßenleben in Sän Francisco. — WoodwardS Garten. — Schweizerheim in Oakland. — Ein Gärtner als Arzt. — Amerikanische Reklame. — Familien- idhll. — Abschied. — In Pullmanns oar. — Mormonenstadt. — Ueber Ehiiago und Niagara nach New-Hork. — Heimwärts. Welcher sinnbetäubende Lärm! welches ohrzerreißende Stimmen- konzert von Zolldienern, Dienstmännern, Portiers, Camionneurs! Die Letzteren stunden in dichten Haufen hinter einer Barriere, welche den Zollrevisionsplatz gegen den Ausgang nach der Stadt abschloß und machten den Eindruck von Blutgierigen, die binnen Kurzem auf uns Reisende losgelassen werden sollten. Kiloweise schleuderten sie Adreßkartenbüschel, die ihre Namen trugen, in unsere Mitte; man brauchte nur einige Karten aufzulesen, sie mit seinem Namen und der Hoteladresse zu versehen und an seinen Gepäckstücken zu befestigen. Dann durfte man die Letztern ruhig ihrem Schicksale überlassen und konnte gewiß sein, bei der Ankunft im Hotel dieselben schon dort vorzufinden. Die Frachtspesen las man nachher in der Gasthosrechnung. — Wir waren froh, unser sechs endlich in einem holperigen Omnibus zu sitzen und Aussicht auf baldige Beförderung zu haben. Als der Kutscher den Schlag schloß, sah ich eben noch, wie er mit dem Fuße ein kleines winselndes Thier wegschob; es war mein Freund, Tschisei, der Schiffshund, der seine Leine durchbiffen hatte und mir nachgefolgt war. — Armer Kerl! Du sahst nicht einmal mehr den freundlichen Blick, den ich dir zum Abschiede zuwarf und erhieltest deine Anhänglichkeit mit einem Fußtritte bezahlt! Unser Absteigequartier war das Occidental Hotel, nicht der größte Gasthos Sän Franciscos, aber immerhin ein riesenmäßiges Gebäude mit 650—700 Zimmern und mächtigen Gesellschasts- und Speiseräumlichkeiten. 291 Kaum hatte ich meine Bude bezogen und auf festem Boden wieder einmal behaglich Toilette gemacht, so meldete mir ein schwarzhäutiger Kellner, daß ein Herr unten auf mich warte. Ich fuhr per Lift schleunigst 40 Meter tiefer in den Parterreraum und fand dort einen liebenswürdigen Landsmann, Herrn R. aus Arbon; unser Steamer hatte ihm einen Brief von meinen Uokohamafreunden gebracht, durch den ich ihm empfohlen war und er hatte sich schleunigst auf den Weg gemacht, mich aufzusuchen. Dies gab mir eine Idee von der fabelhaften Schnelligkeit, mit der in einer amerikanischen Riesenstadt die Postsachen expedirt werden. Mein erster Gang in Sän Francisco galt dem deutschen Konsulate, wo ich nach viermöchentlicher Pause wieder einmal Briefe und Gottlob gute Nachrichten von daheim vorfand. Sie waren nach Westen an den Ort gelangt, den ich gegen Osten erreicht hatte. Nachmittags fuhr mich Herr R. in einem von zwei feurigen Rennern gezogenen Wagen nach der Hauptsehenswürdigkeit der kalifornischen Hauptstadt, nach Cliffhouse. Ueber holzgepflasterte breite Straßen, nachher über tadellosen Macadam rollten wir in schnurgerader Linie durch die Stadt; bald hatten wir ihre letzten Häuserreihen hinter uns und passierten die herrlichen Friedhöfe, die wie Lustgärten aussehen und in der ganzen Welt an Schönheit ihres Gleichen suchen; hierauf führte der Weg durch einen Pracht« vollen Park, den kalifornischer Fleiß in wenig Jahren aus einer Sandivüste entstehen ließ; schließlich aber sind wir an allen Schöpfungen von Menschenhand und aller Vegetation vorüber; die Räder rollen geräuschlos über kahle Dünen; aber auch diese tragen den Stempel der Zivilisation: ein einsamer Telephondraht fliegt von Stange zu Stange und verliert sich in weiter Ferne perspektivisch im Sandboden. — Schon hören wir das Tosen gewaltiger Brandung; der stille Ozean pocht am amerikanischen Kontinente und scheint ihn erzittern zu machen. Noch 10 Minuten 292 und wir stehe» aus der Veranda eines Kiosk, der — ein eleganter Einsiedler in der großartigen Einöde — auf einem Strandfelsen erbaut ist und tauchen unfern Blick in das unendliche Weltmeer. — In geringer Entfernung vom Strande erheben sich drei Klippen über dem Meeresspiegel und sie bilden das Eldorado jener gewaltigen Thiere, deretwegen dieser Platz so gerne besucht wird, der Seelöwen. Zu Hunderten sonnen sie ihre grauen Leiber aus den felsigen Klippen, stürzen sich mit Behagen ins Wasser, wälzen sich wieder aufs Trockene und kämpfen wohl auch — laut brüllend — mit einander. — Die Seelöwen werden über zwei Meter lang und verschiedene Zentner schwer; sie sind Flossenfüßler und bilden also den Uebergang der Wassersäugethiere zu den Landsäugethieren. Gesellschaftlich rangiren sie zu den Mormonen, da jedes Männchen mit einer kleinen Herde von Weibchen zusammenlebt. Es ist komisch zu beobachten, mit welchen galanten Bücklingen und Schmeicheleien der Papa Seelöir: seinen Damen den Hof macht. — Die Thiere sind wegen ihrer Gefräßigkeit den Fischern, deren Ernte sie beeinträchtigen, verhaßt, ihres Felles und ihres Speckes halber von den Jägern sehr geschätzt, stehen aber in der Umgebung des Cliff- house unter staatlichem Schutz und dürfen nicht geschossen werden. Sie greisen unter Umständen auch den Menschen an. — Angesichts dieses fremdartigen Naturlebens genossen wir am reich besetzten Büffet des Cliffhouse ein vorzügliches Abendbrod, gewürzt durch seurigen Kalifornier; der ihn ausschenkte, war — ein Schweizer und trug mir einen Gruß aus an „seinen Freund Bartholez, den Gasmeister in St. Gallen." Es dämmerte, als wir nach Sän Francisco zurückkehrten; eine halbe Stunde später aber ward wieder Heller Tag; aber nicht die eine Sonne leuchtete, sondern ihrer viele, die durch riesige Motoren erzeugten elektrischen Zentrallichter. Zum Diner fand sich der größere Theil unserer Schiffsgesellschaft im Speisesaale des Hotels zusammen; es war keine leichte 293 Aufgabe, sich aus der wirklich riesenmäßigen Speisekarte ein Menü zusammenzustellen; denn unsere schiffskostmüden und doch hungerigen Mägen wollten bei jeder Nummer Halt machen und doch gipfelte sich mein Verlangen schließlich in einem Stück langentbehrten frischen Rindfleisches. — Den spätern Abend brachten wir bei den nainstrels zu, in einem jener Theater, auf dessen Bühne eine große Anzahl theils wirklicher, theils imitirter Neger sich produzirt. Das Theater ist schön und komfortabel gebaut; Logen und sammt- gepolsterte Sperrsitze enthielten viel elegante Welt; aber was ich über die Bretter gehen sah, war der fürchterlichste Unsinn, den ich je in meinem Leben gehört, dramatisch-musikalische Kalauer jener Sorte, die nur bei geöffneten Fenstern zu ertragen sind. Ich wußte am Schlüsse wahrhaftig nicht, ob ich mich unterhalten oder gelangweilt hatte und mein Reisekamerad aus Bremen vermochte es auch nicht zu sagen, so sehr uns die Rippen vom Lachen weh thaten. Aber das weiß ich jetzt noch, mit welchem Behagen ich mich nachher wieder einmal — eingedenk des schmalen Marterkastens in der Schiffskabine — in ein weiches, großes kontinentales Bett legte; die Glieder zerstreuten sich arrogant nach allen 4 Himmelsrichtungen in lange entbehrtem Vergnügen und der Kopf durchmaß wiederholt den Raum von einem Kissenende zum andern. Einem unbefangenen Beobachter hätte ich den Eindruck eines horizontalen Turners machen müssen. — Nur etwas vermißte ich — meinen kleinen winselnden Freund Tschisci! — Noch mehrere Tage dauerte es, bis ich das auch aufs Festland übertragene Gefühl der Schiffsbewegung verlor und beim Aufstehen am ersten Morgen taumelte ich wie ein Betäubter. Der zweite Tag meines Aufenthaltes in Sän Francisco war ein Sonntag. Mein freundlicher Landsmann — Herr R. — stellte sich schon in aller Frühe wieder zu meiner Verfügung und widmete sich mir bis zum späten Abend. Der Vormittag wurde zu einer Rundreise durch die Stadt benützt; der Nachmittag brachte mir 294 das lieblichere Theil — ein glückliches Familienidyll innerhalb der behaglichsten vier Wände, die ich seit Langem angetroffen. Sän Francisco ist eine wunderbare Stadt, die einzige in der Welt, welche zu ihrer Größe eine so kurze Geschichte hat. Noch im Jahre 1847 war „Alles wüst und leer"; vier kleine Häuser bildeten den Anfang einer Niederlassung; zwei Jahre später wurde das erste Goldlager entdeckt und diese Entdeckung gab den Anstoß zu einer Völkerwanderung von Osten her. Die Gier nach Gold, nach Reichthum trieb Tausende nach Kalifornien; verblendet vom Mammon kannten sie nur das eine Heil: Gold, Gold; nebenan wucherten alle Laster und Leidenschaften und die Geschichte der ersten Jahre von Sän Francisco ist eine endlose Reihe von Mord und Todtschlag und von wilden Orgien, zu deren Schilderung keine Feder paßt. — 1850 zählte die Stadt schon 25,000 Einwohner und gegenwärtig beträgt ihre Zahl über 300,000. Aber das Gold ist nicht der größte und wahre Reichthum des Landes, sondern seine wunderbare Fruchtbarkeit; was der Boden Kaliforniens Jahr für Jahr hervorbringt, ist unglaublich und noch harren Millionen von Jucharten der Kultivirung. Wenn beispielsweise der Weinbau in gleicher Weise sich entwickelt, wie seit 1870, so wird Kalifornien nach 10 Jahren die ganze Welt mit dem edlen Safte versorgen können. Die Häuser Sän Franciscos sind größtentheils aus Holz, die Hotels und öffentlichen Gebäulichkeiten aber, wie z. B. die City Hall, von beispielloser Pracht. Der neunstöckige Riesenbau des Palace Hotel enthält 800 große Zimmer, die meisten nach amerikanischer Art mit Abort und Baderaum, beherbergt 1300 Gäste auf einmal und kostete annähernd 20 Millionen Franken. — Die Straßen gehen schnurgerade, ohne Rücksicht auf die Gestaltung des Bodens und schneiden sich in rechtem Winkel. Die Steigung ist oft eine so bedeutende, daß Wagen nicht verkehren können. Die Aufgabe der Personalbesörderung in großem Maßstabe, bergauf 295 und bergab über diese gebirgigen Stadttheile löste ein deutscher Ingenieur mit der Konstruktion eines Tramsystems eigener Art. In der Mitte zwischen den längs der Straßen gelegten Eisenbahn» schienen und parallel mit ihnen zieht eine mit Eisen eingefaßte Spalte, welche in einen zirka 2 Fuß unter der Oberfläche laufenden Kanal führt. In diesem Kanal läuft, von einer riesigen Dampfmaschine bewegt, ein Drahtseil in kontinuirlicher, gleichmäßiger Bewegung; jeder Tramwagen besitzt nun eine klammerartige Versenkung durch die Rinne in den Kanal hinein; sobald der Kondukteur durch einen einfachen Mechanismus die Klammer schließt, umfaßt sie das Drahtseil in der Tiefe und der so daran befestigte Wagen macht seine Bewegung mit. So ist es verständlich, daß die Wagen, ohne sichtbaren Motor, die steilsten Bergabhänge hinauf und herunter mit der gleichen und gleichmäßigen Schnelligkeit sich bewegen. — Im Ganzen macht Sän Francisco so recht den Eindruck der rasch, fast provisorisch erstellten Stadt; die Straßen sind größtentheils schlecht, weil in dem weichen und beweglichen Grunde alles Pflaster sich bald lockert. Das Leben und Treiben daraus spottet aller Beschreibung; Equipagen aller Art, die feinsten der Welt, wie die elendesten und ein aus allen Erdtheilen rekrutirter Völkerstrom — von der deutschen Köchin bis zum Chinesen — wogen in geschäftlicher Hast durcheinander; gelegentlich staut sich der ganze Strom an einem echt amerikanischen Hinderniß — einem vielleicht vierstöckigen Hause, das auf Rollen einige 100 oder 1000 Meter weggeführt — in ein anderes Quartier plazirt wird. Die Jnsaßen ziehen deßhalb nicht etwa aus; die aus den Fenstern hängende Wäsche und neugierige Kinderköpfe zeigen im Gegentheile, daß die wandelnde Kaserne stark bevölkert ist. Mehrere Stunden widmeten wir Woodwards Garten — dem Barnum-Etablissement des amerikanischen Westens. Früher Prioat- besitz eines amerikanischen Ministers (Woodward), ist er jetzt durch testamentarische Verfügung desselben der Oeffentlichkeit übergeben 296 und enthält außer prächtigen Anlagen, Treibhäusern, Blumen- gruppen, Gesellschaftsräumlichkeiten und Kinderspielplätzen sehr reiche und sehenswerthe naturhistorische Museen, Gemäldegallerien und eine prächtige Menagerie; namentlich fesselte meine Aufmerksamkeit ein großer Käfig, der die Inschrift: Llappx ckamil^ trug und einen majestätischen Löwen, ein Schaf, ein Schwein, einen Fuchs, einen kreuz fidelen Affen und einen Hund in friedlicher Eintracht beisammen enthielt. Sogar der instinktive Haß der Raub- und Beutethiere erlischt unter der Macht der Gewohnheit. In einem der Museumssäle fällt ein farbenreiches Naturgemälde, tbs tropies, auf. Ueppige tropische Vegetation ist eingerahmt von prächtigen Szenerien. Nur bei ganz genauem Zusehen bemerkt man, daß die benialte Leinwand einen großen zentralen Ausschnitt hat, durch welchen der Blick sich in einen mit tropischen Pflanzen gefüllten Raum verliert. Die Täuschung ist schon in geringer Entfernung eine vollkommene und es kann nicht gesagt werden, wo die Natur anfängt und die Kunst aufhört. Unter zahlreichen Kuriositäten des Gartens befindet sich auch ein kaum 12 Fuß langes verwettertes Boot, in welchem vor wenig Jahren ein tollkühner amerikanischer Kapitän 7000 Meilen auf dem großen Ozean zurückgelegt hat. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, mit der Nußschaale von Kalifornien nach Australien zu fahren. Das Boot ist überall hermetisch abgeschlossen und zeigt an der Oberfläche einen Schieber, durch dessen Oeffnung der Schiffer seinen Oberkörper herausstreckte, um ein kleines Segel zu dirigiren. Nachts aber und bei heftigem Sturme verkroch er sich in den kleinen Schiffsbauch, in welchem er neben seinem Vorrath an konservirten Nahrungsmitteln kaum Platz fand. Schließlich wäre er unweit der australischen Küste doch noch verhungert, wenn ihn nicht ein Segler entdeckt und sammt seiner Holzschachtel an Bord genommen hätte. Zu Mittag fuhren wir mit der Riesenfähre über die Sän Francisco Bay nach Oakland, einer freundlichen Stadt von 297 35,000 Einwohnern und beliebtem Sommeraufenthalt, in welchem viele der großen Geschäftsleute Sän Franciscos ihren Wohnsitz haben. Am Landungsplatz besteigt man einen der Lokalzüge, die ohne Barriere, ohne besondern Bahnkörper, wie ein gewöhnlicher Tram durch die Straßen Oaklands fahren und bald da bald dort anhalten. Zur Warnung für die Passanten wird auf der Lokomotive eine gewöhnliche Glocke durch den Heizer in beständiger Bewegung erhalten; auch die transkontinentalen Bahnen benützen kein anderes Signal; der „schrille Pfiff der Lokomotive" ist nirgends gekannt. — Das Haus des Herrn R. ist ein in Blumen und freundliches Grün gestellter Bau, ein Bijou an äußerer Gestalt und innerer Eintheilung. Und drinnen schaltet eine famose schweizerische Hausfrau, und ihren Hauptschmuck bilden zwei blondlockige Kinderköpfchen; die ganze Gesellschaft wußte vom ersten Augenblicke an dem ankommenden Fremdling so traut und heimisch zu begegnen, daß er nicht ohne Rührung von ihnen Abschied genommen und seither schon manches Mal mit viel guten Wünschen an sie zurückgedacht hat. — Das gastliche Haus des Herrn R. glich an jenem Sonntag Nachmittag einem Taubenschlag. Schweizer und Deutsche gingen in großer Zahl ein und aus und sonnten sich an der Gastfreundschaft der lieben Familie. Von besonderem Interesse war mir ein junger Schaffhauser, Herr M.; er war vor 3 Jahren als Gärtner nach Frisco gekommen; sein Logis hatte er während des letzten Jahres im Hause eines Arztes gehabt und während der Mußestunden in dessen Büchern genascht. Nun fühlte er sich stark und weise genug, um selbständig als Berather und Helfer der leidenden Menschheit aufzutreten. Er kam, Abschied zu nehmen und reiste mit dem nächsten Schiffe nach Guatemala, um sich dort als Arzt aufzuthun. Ich bin überzeugt, daß er die Jnsignien seines wahren Berufes, Gartenspatel und Okulirmesser, nicht auf seinen Hausschild setzen ließ. — Mit der Medizin steht's überhaupt im Süden und Westen Amerikas etwas im Argen. Nicht 298 daß es an tüchtigen Aerzten fehlte, aber der Schwindel auf diesem Gebiete treibt besonders krasse Blüthen. In Sau Francisco hat ein ehemaliger Hotelportier, ein absoluter Ignorant in ärztlichen Dingen, horrende Praxis, seit er — wie die Fama erzählt und wie gerne geglaubt wird — einen Herrn im letzten Stadium der Tuberkulose durch innerliche Darreichung eines Liters Petroleum innerhalb 24 Stunden geheilt hat. Keine Tuberkulose mehr! Steinöl! Steinöl! O Menschheit! Den nüchtern und reell gewöhnten Europäer schreckt überhaupt der Schwindel, der in Amerika auf allen Gebieten getrieben wird, zurück und eckelt ihn an. Jeder, der kleine Geschäftsmann wie das Direktorium der riesigsten Weltbahn benützt eine ins Lächerliche getriebene Reklame; nichts verdient Vertrauen; von jeder Anpreisung müssen 90 Prozent abgezogen werden. Zwanzig verschiedene Bahngesellschasten überschütten den Reisenden mit reich ausgestatteten Gratisbroschüren, in welchen die jeweilige Linie als die einzig sichere, einzig breitspurige, direkteste, einzig mit Palast- und Speisewagen befahrene geschildert wird; die beigegebenen Karten sind geradezu gefälscht, indem die einzelnen Bahntracös gewaltsam so gezeichnet sind, daß ihre Kürze gegenüber den andern Konknrrenzlinien sofort in die Augen fällt. Daran nicht genug: Die Agenten der Bahnen, elegante, süß-liebenswürdige und gefällige Herren überfallen den Fremden, bearbeiten ihn und lassen sich schließlich auch dazu herbei, die Fahrpreise zu reduziren, wenn sie damit ihren Konkurrenten einen Passagier wegschnappen können. — Als Blüthen der Zeitungsreklame notire ich hier folgende Beispiele Ein gräßliches Eisenbahnunglück hat sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober zugetragen. . Der von Ogden nach Sän Francisco fahrende, wesentlich wollene Kleider führende Frachtzug entgleiste aus dem Riesendamme bei X. Viele Jucharten sind mit demolirten Waggons und Kleidungsstücken bedeckt. Die Unterzeichneten haben sich das ganze Terrain käuflich 299 von der Bahngesellschaft angeeignet. Die Kleider werden durch 200 von uns abgesandte Angestellte gesammelt und heute Abend 4 Uhr wird der erste damit belastete Waarenzug hier eintreffen. Der Verkauf findet zu Spottpreisen innerhalb der nächsten acht Tage statt. Sän Francisco, 12. Oktober 1883. X. X. Ein in der Salzstadt wohnender Kunsthändler und Photograph, der fallirt hatte und nun, auf den Ruinen des alten Geschäftes, ein neues eröffnete, machte den nöthigen Lärm mit folgender Annonce: Neueste Telegramme! Empfangen Sie meine Gratulationen zur Eröffnung Ihres neuen Bazars. Alexander III. Das schöne Frankreich sendet herzliches Glückauf dem energischen Besitzer des neuen Bazars! Grevy, Präsident. Ich kann leider nicht selber kommen, aber ich werde meine ganze Familie schicken, um sich in Ihrem neuen Atelier photo- graphiren zu lassen. Vrktoria, Königin von England. Ganz Deutschland ist entzückt. Alle Blätter sind voll des Ruhmes über Ihr neues Atelier und die bei der Eröffnung stattgehabten Festlichkeiten. Kaiser Wilhelm. Betrübt über Ihr Unglück, freue ich mich über Ihre Wieder- auferstehung. Bravo, alter Junge! Fürst Bismarck. Es thut mir leid, daß ich dieses Jahr nicht zu Ihnen nach Utah kommen kann; ich werde Ihnen schreiben, sobald mir ein Besuch bei Ihnen möglich wird. Besten Erfolg wünscht Ihnen Arthur, Präsident der Vereinigten Staaten. Alle diese Telegramme liegen zur Einsicht bei dem sich empfehlenden C. R. Savage. Mit Anzeigen dieser und ähnlicher Art sind die Riesenblätter Amerikas gespickt; eine einsache, der Wahrheit entsprechende Empfehlung findet keine Beachtung; wer reussiren will, muß über- 300 treiben und dieses beständige Rechnen mit unreellen, imaginären Größen, das sich auch aus den mündlichen Verkehr überträgt, ist es, was mir Amerika schon in den ersten Tagen verleidete. Montag der 16. Oktober war der Tag meiner Abreise von Sän Francisco; ich benützte den Vormittag zu Streiftouren in der Stadt und besuchte einen Landsmann aus dem Kanton Thurgau, Herrn D. von Stettfurt, der sich durch unermüdliches Streben und geschäftliche Tüchtigkeit zum Inhaber eines renommirten und soliden Wolltuchwaarengeschäftes gemacht hat. Mehr als für seine Waaren- magazine hatte ich Sinn und Auge für sein freundlich in Blumen gebettetes reizendes Holzhaus; als wir anläuteten, wurde die Hausthüre geöffnet von Frau D., die aus der Zeit meiner Kantonsschuljahre mir wohl bekannt war und deren Erscheinung mit einem Schlage eine Fluth von Jugenderinnerungen heraufbeschwor. Aus jeder Ecke des trauten Häuschens guckte ein gesundes, lachendes Kindergesichtchen; als ich schließlich die kleine Gesellschaft beisammen hatte, waren es ihrer sechse, die alle — bis auf den noch in Windeln liegenden Kleinen — mein liebes „Schwyzerdütsch" plauderten und sich ohne Scheu der Reihe nach von mir wie von einem längst Bekannten auf den Knieen schaukeln ließen. Wieder ein wahres Stück Schweizerheimat an den Gestaden des stillen Ozeans. In dem gigantischen Adreßbuch Sän Franciscos fand ich schließlich auch noch den Namen eines Mannes, dessen elterliches Haus in der Nähe meines Wohnortes, in Hagenbuch, steht und mit dessen Angehörigen, biedern Bauersleuten, ich viele Stunden schwerer Sorge durchgemacht hatte. Ich ließ nicht nach mit Suchen, bis ich den Mann vor mir hatte und traf ihn als Leiter der größten lithographischen Anstalt, die ich je gesehen. Hunderte von Maschinen, durch ebenso viele gutgekleidete Mädchen bedient, waren dort in Thätigkeit. Dem durch meinen unerwarteten Besuch Ueberraschten spürte ich die Rührung an, als ich von seinen Eltern 301 und Geschwistern erzählte; zum ersten Male nach langer Zeit regte sich in dem in Kalifornien zum Manne Gereiften wieder ein rechtes Heimweh, wie er mir nachher schrieb. Möge es ihm vergönnt sein, seinen alten Eltern die Freude des Wiedersehens noch einmal bereiten zu können! Nun drängte aber die Zeit; ich packte im Hotel meine Effekten zusammen und eilte ins Geschäftslokal des Herrn R., der mich noch bis Oakland, dem Ausgangspunkte der Pazificbahn, begleitete. Ueber tausend Personen und wohl 20 Equipagen bestiegen das über den Golf fahrende Nicsenboot; durch die Menschenmenge drängte sich ein silberhaariger Greis in meine Nähe; es war ein Toggenburger, den ein Jahr zuvor nach 30jährigem Aufenthalte in Sän Francisco das Heimweh nach der alten Heimat zurückgetrieben hatte. Dort waren allerdings Berg und Thal unverändert geblieben, aber die Menschen andere geworden; der Greis fühlte sich als Fremdling unter den Unbekannten und lenkte seine Schritte wieder nach Kalifornien zurück. Hier aber weckte das Erscheinen eines heimwärts ziehenden Landsmannes neuerdings die Sehnsucht nach dem altgeliebten Vaterlande; Thränen rollten über das gefurchte Antlitz des Mannes, als er mir zum Abschiede die Hand drückte. Der müde Erdenpilger hat ivohl unterdessen die ersehnte Ruhe gefunden! — In Oakland war der transkontinentale Zug mit dampfenden Lokomotiven und langen Wagenreihen schon zur Abfahrt bereit. Die Fähre entleerte sich rasch in die Waggons und fort ging's — nach Osten. In einem der Pullmann'schen Prachtwagen fand sich so ziemlich unsere Schiffsgesellschaft wieder zusammen. Der englische Kapitän und der Bankangestellte aus Hongkong hatten ein Kompagniegeschäft abgeschlossen, nämlich als Proviant für die lange bevorstehende Fahrt eine 6 Liter haltende Whiskyflasche gekauft; sie sollte bis New-Pork reichen; aber die Rechnung war falsch, denn schon bei der Ankunft in Chicago zeigte das strohnmflochtene Gesäß absolute Leerheit bis aus die Nagelprobe. 302 Der englische Oberst und seine Frau hatten sich vollständig häuslich eingerichtet; ein mitgenommener großer Bastkorb enthielt mancherlei Eßwaaren, kaltes Fleisch, Biskuits rc.; in einem Schnell- brenner wurde Thee gekocht und schließlich erfolgte an uns eine Einladung zur Theevisite; den aromatischen Trank schlürfend saßen wir plaudernd am Tischchen des Ehepaares, während die Nacht hereinbrach und unser Salon einen Kilometer per Minute vorwärts flog. — Um halb 9 erschien ein mürrischer Neger und wandelte im duftenden Schweiße seines Angesichtes den Familien- und Konversationswagen in einen Schlafsaal um. Die seitlich eingerichteten Schlafstellen sind durch Vorhänge gegen einen freibleibenden mittlern Gang abgeschlossen. Bald kroch Eines nach dem Andern unter die geheimnißvolle Draperie; wer noch außerhalb sich aufhielt, genoß ein seltsames Schauspiel; von den verborgenen Mitreisenden sah man nur die Füße oder Füßchen; die in engstem Raume ausgeführten rückgängigen Toilettenkünste und Bewegungen theilten sich in verschämter Form dem Vorhänge mit; dort läßt er ahnen, daß ein langer Herr sich bemüht, seine Beinkleider auszuziehen; da strengt sich der korpulente englische Kapitän an, sich eines Rockes zu entledigen; dort — doch bald gehöre auch ich nicht mehr zu den Außenbewohnern, sondern werde in meiner Rückbildung znm Bettkostüm selber Gegenstand der Unterhaltung für Andere. Eine Stunde später und der letzte Passagier ist aus dem Rauchsalonwagen „heimgekehrt" und unter seine Decke gekrochen; Alles schläft und schnarcht, nur die Lokomotive braust mit nngeschwächter Kraft vorwärts und schleppt uns Träumende über die kahlen Höhen der Sierra Nevada und durch die endlose Steinwüste Nevadas, den Tummelplatz von Büffeln und Indianern. Was mögen die früheren Herren des Landes denken beim Anblick des fauchenden Eisenrosses, das täglich Tausende ihrer Unterdrücker vor ihren Augen vorbeiführt! Zwei Nächte und zwei Tage ununterbrochener Fahrt brauchte 303 es, bis wir Lgden, die Abzweigungsstation von der Zentralpazific- bahn nach Salt-Lake-City, erreicht halten. — Von dort aus benutzte ich die Denver-Rio-Grande-Linie, staunte am Salzsee während 24 Stunden eine der größten Verirrungen des menschlichen Geistes, das Mormonenthum, an und hätte blutige Thränen weinen mögen über das Schicksal einiger tausend verblendeter, dorthin gelockter Landsleute, von welchen es kein einziger auf einen grünen Zweig gebracht hat. 2000 Schweizer und 1000 Teutsche sitzen in Utah, elend, mit getäuschten Hoffnungen, in babylonischer Gefangenschaft, wagen es nicht zu klagen und haben keine Mittel, den unglücklichen Schritt rückgängig zu machen. — Die kleine» Beutel, die sie brachten, flössen alle zusammen im Palaste des größten Schwärmers und Betrügers unseres Jahrhunderts — des Brigham Poung. Er hat auf diese Weise seinen 20 Weibern über 30 Millionen Franken hinterlassen können. — Ich werde an anderer Stelle eingehender über die Mormonen in Utah berichten. Von der Salzstadt weg führt die Bahn südlich 11,800 Fuß hoch über das Coloradogebirge; wo dem Blicke durch die Schneeschutzdächer ein freier Ausfall gestattet ist, fällt er in schwindelnde Tiefen; der ganze Bahnbau ist tollkühn, amerikanisch leichtfertig; aber kein Hahn kräht darnach, wenn hie und da eine Holzbrücke sammt dem darüber rasenden Zuge zusammenbricht. — Bedeutend vermindert wird die Fahrsicherheit auch durch den Umstand, daß die ganze Linie Ogden-Denver schmalspurig angelegt ist. — Auch der Zug, den ich in Salt-Lake-City (trotz inständiger Bitten meines direkt weiterfahrenden Reisegefährten aus Bremen) verließ, verunglückte in der darauf folgenden Nacht. Die anhaltenden Regengüsse hatten Erdrutschungen zur Folge gehabt und der Zug fuhr mit aller Macht auf einen über die Linie gemälzten Felsblock. Lokomotive und vordere Wagen wurden vernichtet; die Hintern Waggons kamen mit dem Schrecken davon. Mein Koffer, der im Gepäckwagen die Reise mitmachte, zeigt jetzt noch die Spuren jenes 304 Unfalles, blieb aber im Ganzen unversehrt, während der brüchige Theil seines Inhaltes durch die gewaltige Erschütterung ruinirt wurde. In Amerika hätte der Fabrikant des Reijekosfers diese kleine Erzählung längst als geschäftliche Reklame verwerthet. Von schauerlicher Großartigkeit sind an den südlichen Abhängen des Coloradogebirges die gewaltigen Cannons, jene 1000 und mehr Fuß tiefen Spalten, welche die fließenden Wässer in die Sandsteinmassen eingesressen haben. Kaum findet der Bahnkörper Platz neben dem tosenden Flusse und der in die Höhe gerichtete Blick sieht senkrecht emporstrebende, sich säst berührende Felswände, welche oben nur einen ganz schmalen Streisen Himmel zwischen sich lassen. In Pueblo, an der Grenze Neu-Mexikos, wendet sich die Linie ostwärts und mündet in Denver in die prachtvolle Chicago- Burlington-Route. Es war am Nachmittag des 21. Oktober, als wir in das riesig ausgedehnte Zentraldepot der Chicago-Alton-Linie einfuhren. Mein Absteigequartier nahm ich in Palmerhouse, einem Riesenhotel; mein Zimmer trug die Nummer 556 h- und war ein großer, mächtig hoher Raum im 6. Stockwerk. Der Gedanke, daß ein in diesem Hotel ausgebrochenes Feuer seiner Zeit die Veranlassung zu dem großen Chicago-Brande gewesen ist, trug nicht gerade dazu bei, mir diese Höhe als angenehme Schlasstätte erscheinen zu lassen. — Chicago ist eine Stadt unheimlicher Größe und Erwerbsthätigkeit; der einzelne Mensch verschwindet vollständig in dem Gewllhle der Straßen und muß froh sein, wenn er nicht überrannt oder überfahren wird. Ein gemüthlicher Spazierschritt ist dort unbekannt; Alles eilt in geschäftlicher Hast und die Triebfeder dieser millionenfachen Jagd ist — der Dollar. Die größte Sehenswürdigkeit der Hauptstadt von Illinois sind nicht ihre Museen, Kunstsammlungen und Theater, sondern — ihre Schlachthäuser, die Union-Stock-Uards. Sie bilden eine Stadt für sich, mit eigenen Kirchen, Schulen und Banken. — Ueber 5000 Menschen sind in den Schlächtereien beschäftigt; von dem Verkehr daselbst 305 mag die Notiz einen Begriff geben, daß zur Zeit der Schweine- metzgerei nur an Schweinen tagtäglich 70,000 Stück geschlachtet und verarbeitet werden. — Theilung der Arbeit bis zur äußersten Grenze, bis zum Arbeitsatom und sinnreiche Verwendung von Dampf und Maschinen aller Arten ermöglichen diese erstaunliche Leistung. Mehrere Tage verwendete ich zu einer Reise aufs Land, nach Odell und Forest (Livingstone County), woselbst ich zwei liebe Vettern, seit Jahren als Farmer in Amerika, mit meinem Besuche überraschte. — Potz Wetter, was machte der „Johannes" für Augen, als plötzlich und unerwartet Einer hinter ihm stand und Grüß Gott sagte, der vor Jahren so manchen tollen Jugendstreich mit ihm ausgeführt hatte. Er war gerade im Begriffe, ei» Pferd zu verkaufe» und hielt das Thier am Zügel. Aber Pferd und Käufer wurden vergessen und stehen gelassen; der liebe Kerl raunte auf mich zu und umarmte mich in altgewohnter derber Weise und kümmerte sich 3 Tage lang nicht mehr um seine Pferde und seine Farm. Vom Wohnhause her ertönte unterdessen ei» freundliches Willkomm; die junge Frau und 2 gesunde Kinder kamen, den „Onkel aus Europa" zu begrüßen. — Den in Forest auf einer Farm lebenden Bruder, zu dem wir per Wagen hinfuhren, überraschte ich nicht weniger. Was hatten wir uns Alles zu erzählen, als wir Abends um die Lampe saßen und den selbst gepflanzten, amerikanischen Wein kosteten! — Von Illinois nahm ich die Ueberzeugung mit fort, daß unsere Bauern es ebenso gut haben können, wie die amerikanischen Farmer, wenn sie auf manche gesellschaftliche Vergnügungen so Verzicht leisten, wie dies in Amerika die Verhältnisse erheischen. Von Chicago gelangte ich in I3stü»diger Eilfahrt zu dem erhabensten Naturjchauspiel Amerikas, vielleicht der ganzen Welt — den Niagarasällen. Der Geist des verrückten Kapitäns Webb schwebte noch über den brausenden Wassern der ispicks; mau sprach noch 20 306 ab und zu von dein wahnwitzigen Unternehmen des Verunglückten und verkaufte in zahllosen Exemplaren eine Photographie des Strudels, in welchen ein kleiner schwarzer Punkt eingezeichnet war, natürlich der Kopf des mit den Wogen kämpfenden Kapitäns. Ueber Buffalo führte mich der Zug nach Albany und von dort längs der Gestade des romantisch schönen Hudson-River nach New-Pork. Sieben Tage und sieben Nächte hatte ich nun seit Sän Francisco im Eisenbahnwagen zugebracht. — Durch die Geldschröpseinrichtungen am Niagara war mein Baarvorrath auf ein Minimum reduzirt; mit ü Cents in der Tasche stieg ich im Park-Hotel in New-Dork ab, wo ich laut Abrede meinen voraus- gereisten Bremerfreund zu finden und — anzupumpen hoffte. Vergebliche Hoffnungen, Täuschungen und Trugbilder! — Auch die Banken waren schon geschloffen und blieben es den folgenden Tag, der ein Sonntag war. Erst am Montag zuckte wieder jener nervrls rsrrcm, ohne den in New-Pork kein Leben und kein Vergnügen denkbar ist. New-Dork ist eine Stadt, die sich ganz gut mit den europäischen Großstädten vergleichen läßt. Aber das Leben und Treiben trägt überall den Charakter des Fieberhaften. Auf die Straße gestellt, glaubt man im dichten Gewoge eines riesigen Eisenbahnperrons zu sein. Alles scheint mit den Sekunden zu geizen, um früh genug auf den Zug zu kommen. Recht im Gegensatz zu der gepriesenen Gleichheit der republikanischen Bewohner Nordamerikas sind die grellen Kontraste, denen man aus Schritt und Tritt begegnet. In Toiletten und Equipagen habe ich nirgends so wahnsinnigen Luxus angetroffen, als in der amerikanischen Metropole. Aber allerdings betrachtet dies der arme Teufel ohne Neid; denn der Reichthum, welcher den Aufwand ermöglicht, ist das Ziel, das auch ihm vorschwebt, das er sicher zu erreichen hofft und oft auch erreicht. So weckt ihm der Anblick der eleganten Welt keine 307 sozialistischen Ideen, sondern reizt ihn zur Arbeit, dem Mittel, vorwärts zu kommen. Um allfällige Briese aus der Heimat in Empfang zu nehmen und mir einige Aufschlüsse zu erbitten, verfügte ich mich aus das Bureau des schweizerischen Konsuls. Der dieses Amt bekleidet, behandelte mich aber impertinent. Ich muß zu wenig gewürdigt haben, daß er in Seide macht und wohl reich, sehr reich ist. Die armen Einwanderer, dachte ich im Stillen, die vielleicht hülslos auf dem Pflaster sind und sich einbilden, daß sie bei ihrem Konsulate freundlichen Rath holen können! Noch sehe ich den hochtrabenden Herrn — ohne mich eines Blickes zu würdigen — hinter seinem Pulte stehen; noch höre ich seine frostige Stimme. Wie koutrastirte sein unfreundliches Wesen mit der herzlichen Weise, die ich an unsern Konsuln in Aokohama und Batavia erfahren hatte! Die Zeit meiner Abreise war auf den 1. November festgesetzt. Gerne schied ich aus dem nüchternen Amerika, wo über der Jagd nach Dollars und dem geschäftlichen Kampfe mancherorts alles ideale Streben und aller Sinn für Höheres erstickt scheint. » * Ein Prachtsdampser des Norddeutschen Lloyd, die „Fulda", führte mich nach England über den Atlantischen Ozean, der seine Winterphysiognomie noch nicht angenommen hatte und uns ausfallend ruhig und freundlich behandelte. — Um so ärger wüthete der Kanal, und ein alter Radkasten, der mit uns von Southainpton nach Havre fuhr, machte mehrmals ernstliche Miene, sich vollständig auf die Seite zu legen; die Seekrankheit habe ich nirgends in so miserabler Form und Allgemeinheit gesehen als auf dieser zwölsstündigen Jammerfahrt von England nach dem europäischen Kontinente. Endlich, endlich sah ich wieder die Schweizerberge, betrat di- Stätte meiner Jugend und den Kreis lieber Geschwister und Angehörigen und — mein Heimweh hatte ein Ende. Zur Strafe dafür geht mir jetzt hie und da, wenn Nebel die Sonne deckt oder Schneestürme Hausen, so etwas wie leises Sehnen über die Seele, wie ein Sehnen nach Palmen und Urwald und tropischer Farbenpracht, aber nur einen Moment, denn bald erhebe ich mich wieder in dem herrlichen Gefühle, den schönsten und besten und liebsten Fleck Erde mein Vaterland zu nennen! ^ - - ev -» >- W ss..!' li'.' *' «ZM WM MMDW WWM l!"i