Mnt.-WiüM 7E6KU Lebensh^MimE S--LL-. Hi»r.»» -^?A7s e- -Ei Vr. Adolf Wartenweiler Romanshorn Ein Lebensbild, nach eigenen Aufzeichnungen Separat-Abdruck aus dem Sonntagsblatt der „Thurgauer Zeitung" Druck von Huber L To. in Frauenfeld l9l3 Bis zur Schule. Was die Frage betrifft, wo ich geboren, wo ich das Licht dieser besten aller Welten zuerst erblickt habe, so weist ich diese, wie jeder und jede andere, auch nur vom Hörensagen zu beantworten. Es ist das ja auch vollständig irrelevant, sintemalen sich doch keine Gymnasiasten späterer Jahrhunderte um mich kümmern und ihr Gedächtnis mit dem Einpauken meines Geburtstages werden quälen müssen. Ich war das zwölfte Kind biederer Bauersleute. An die Erstgeborne, die mich in schwesterlicher Liebe aus der Taufe hob, weih ich mich noch zu erinnern, allerdings sehr dunkel. Dann kamen in ziemlich rascher Folge zehn Nachkommen, von denen sechs im zartesten Alter, bald nach der Geburt, starben. Der Geburtstag meines letzten Bruders Fritz liegt mehr als sieben Jahre vor dem meinigen. Der pflichtgetreue Vater, der über seinen ganzen Haushalt genau Buch führte, hatte diese „Einnahmen" alle auf dem letzten leeren Blatte der Hausbibel notiert. Da muhte er nach dieser langen Pause das Buch der Bücher nochmals hervorholen, das zwölfte junge Lebewesen seines Hauses zu Protokoll zu nehmen. Aber o weh! Die ganze Seite war voll beschrieben und, ubsit omen, für den neuen Kandidaten kein Plätzchen mehr vorhanden. Was tun? In bäuerlicher Findigkeit wird ein zollbreiter Papierstreifen zurechtgeschnitten, mit 2 Kleister zuunterst an die bewußte Seite gepappt, und da hing ich nun. Und hing, nicht nur im Bilde, sondern wie mir das liebe Mütterlein später oft erzählte, in der Tat lange zwischen Leben und Sterben. Doch meine scheint's schon dazumal kräftige Natur, von elterlicher, schwesterlicher und sogar brüderlicher Liebe unterstützt, trug den Sieg davon. Sind doch sonst solche Spätlinge nicht nur in der Stadt, sondern fast noch mehr auf dem Land in Bauernsamilien, wo das Gut, wenigstens in Gedanken, schon fast geteilt ist, nicht allzu willkommen. Auf dem erwähnten Papierstreisen war also zu lesen: Den 19. November 1842, ein Knäblein: Johann Adolf. Meine Geschwister, namentlich die Schwestern, sollen das „Nachwismeli" ordentlich verwöhnt und verhätschelt haben. Einmal aber muß ihnen doch die Sorge für meine Wenigkeit etwas zuviel gewesen sein: Meine Wiege stand in Neukirch an der Thür. Eines Tages war irgendeine Festivität in dem benachbarten großen Pfarrdorse Schönholzerswilen, und meine Schwestern bekamen die Erlaubnis zum Besuch derselben nur unter der Bedingung, daß sie mich mitnahmen. Dieser Apfel war ihnen jedenfalls etwas sauer; aber, item, sie bissen darein; sie müßten ja auch keine Evastöchter gewesen sein. Als sie sich aber dem Festorte näherten und bereits die Töne der Trompeten vernahmen, schlugen sie ein etwas rascheres Tempo an in ihrer Gangart. Sei es nun, daß die Straße etwas holperiger war, als wir sie jetzt im Thurgau zu sehen gewohnt sind, oder ob der Kinderwagen in seiner damaligen primitiven Konstruktion den verschiedenen Hindernissen nicht gewachsen war — 3 Kurz, er entleerte seinen Inhalt, und die lustigen Schwestern fuhren fröhlich weiter. Ein Nachbar, der die heitere Szene beobachtete, hob den schreienden Findling auf und übergab ihn den erstaunten Kinderhüterinnen. Die gute Mutter soll es aber erst einige Wochen später erfahren haben. Das war meine erste Fahrt in die Welt. Wie weit zurück meine eigene Erinnerung reicht, weiß ich natürlich nicht genau zu sagen. Am weitesten dürste folgendes reichen, das mir noch so fest im Gedächtnis haftet, als wäre es gestern passiert: Es war in der Herbstzeit, zur Zeit des Mostens. Ich zählte wohl noch keine vier Jahre. Die Mutter hatte mich eben gewaschen, angekleidet und mir anbefohlen, beim Hause zu bleiben, und war an ihre Arbeit gegangen. Da war einem Nachbarn, der eben die Obstpresse leerte und den Trester in ein Faß bringen wollte, das schon zur Hälfte gefüllt war, beim Losmachen des Türchens eine Schraube Hinuntergefallen. Wie der mich erblickte, schien ich ihm just das passende Menschenkind, die Schraube heraufzuholen. Der gute Mann dachte eben nicht daran, daß in dem verschlossenen Fasse der Trester bereits in Gärung übergegangen war, so daß sich giftige, betäubende Gase entwickelt hatten. Er hob mich auf das Faß, schob mich durch das Türchen und sah mich plötzlich verschwinden. In seiner Angst rief er meinen Namen; ich solle das Aermchen strecken. Das hörte ich noch und er zog mich aus dem dunkeln Fasse, das ein paar Sekunden später unfehlbar mein Grab geworden wäre. „Er wär' jo denn alls ab g'si", meinte später eine teilnehmende Nachbarin. 4 Als mich der Mann unserer unmittelbar nebenan- stehenden Wohnung zuführte, war mein Gedankengang - ich weiß es noch bis aufs einzelnste genau - der: „Io, jo, so isch es jetz halt, wenn me gstorbe-n-ischt." Natürlich war das ganze Haus, fast das ganze Dörfchen, alarmiert worden; aber unter der Pflege des lieben Mütterleins, nach der Waschung, dem warmen Läppchen und in dem frischen Kleidchen erholte ich mich zur Freude des fast verzweifelnden Nachbars in kürzester Zeit wieder. Ich wußte aber wohl, warum ich in späterer Zeit bei ihm, wie man zu sagen pflegt, immer einen Stein im Breite hatte. Bei allen Tollheiten der losen Bubenjahre war der „Fög" immer mein Fürsprech und Verteidiger. Die erste Schulzeit. Nun kommt eine ziemliche Lücke in meinem Gedächtnis, ein weißes, unbeschriebenes Blatt sozusagen, bis zu meinem Schuleintritt. Den Lehrer kannte ich schon, da wir nächste Nachbarn waren und auch sonst bekanntermaßen in einem so kleinen Dörfchen mancher des Nachbarn Haus besser kennt als sein eigenes und alles weiß, was darin vorgeht, oder wenigstens zu wissen glaubt. Zudem wurde er mit seiner Frau von meinen Eltern hie und da abends eingeladen. So unfehlbar jeweils am Sylvester; es war das ein eigentliches Seroitut geworden, wo er dann durch neue und aufgewärmte alte Witze und Spässe, durch Anleitung zu Spielen für die genossenen Speisen gewissermaßen ein geistiges Aequivalent zu bieten suchte. 5 An jenem Morgen, vor meinem ersten Gange zur Schule, wurde meiner Toilette ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die gute Mutter konnte nicht fertig werden, mit der mit Wasser genetzten Bürste über meine weißen Haare zu fahren, damit sie ja dem Kopse recht glatt anliegen sollten. Und obwohl es nur zwei Schritte zum Schulhause waren - wir hatten gerade gebacken — wurde mir der größte Apfelwecken in die rechte Hosentasche gepackt, so daß die mittlere Zone meines kleinen Schülerleibes ein ganz unförmliches, hügliges Aussehen bekam. Der Dater machte die Sache kurz und bündig ab: „Tue recht ond lehr brav", das war der Wahlspruch, den er mir mit auf den Schulweg gab. Ich glaube, er hatte mit diesen paar Worten so ziemlich alles gesagt und besser als langatmige und zudem vom Kind unverstandene Ermahnungen es hätten tun können. „Tue recht ond lehr brav", diese Worte mußten den Weg finden auch in das einfältigste Kinderherz. Klopfenden Herzens, harrend der Dinge, die da kommen sollten, öffnete ich die Zimmertüre. Aus dem Gange schon hatte die Frau Lehrer die jungen Schülerknospen gemustert, ihnen freundlich zugenickt, vielleicht je nach der Größe des zu erwartenden „Gutjahrs." Ebenso begrüßte mich der Lehrer freundlich und wies mir einen „bessern" Platz an. Es war eben das Schul- zimmer nicht sehr groß, etwas niedrig, und der Schüler nach heutigen Begriffen von Hygiene viel zu viele. Große Angst vor dem Lernen hatte ich nicht, kannte ich doch, dank der opferwilligen Lehrtätigkeit meiner Schwestern, 6 schon eine große Anzahl Buchstaben, von welchen mir namentlich das Tüpfli i, das Aeugli e, das Ringli o, das Vörsteli k und das Fräuli z viel Freude machten. Es war das etwas Mnemotechnik (Gedächtniskunst) des Lehrers, und man sieht, daß sie nicht ganz schlecht war,' sind mir doch diese Eindrücke alle noch so klar und frisch wie am ersten Tage. Besonders viel Interessantes kam nun allerdings nicht vor. Hie und da, wenn der Lehrer recht eifrig korrigierte, fiel ein Tabaktropfen auf das Heft — er war ein arger Schnupfer - und diese braungelben, stinkenden Kleckse waren das Aergste, was mir passieren konnte. Es schienen mir diese später gleichviel zu bedeuten wie Abnormitäten in der Charakterentwicklung, Schwächen, Fehler, wie sie so gerne zu Lastern auswachsen. Der alte Lehrer muß dann gestorben sein. Weiteres weiß ich von ihm nicht zu melden. An seine Stelle kam ein anderer. Daß dieses Interregnum gewissenhaft benutzt wurde, um die ewig pendenten Streitigkeiten mit den „Feinden" von Bühl, Langhalden, Kuderacker und Rothen einmal gründlich auszusechten, brauche ich nicht zu sagen. Manche Skalplocke wurde in heroischem Iwei- kampfe gewonnen und verloren. Der neue Lehrer muß jedenfalls mit Gütern dieser Welt nicht allzureich gesegnet gewesen sein. Er wohnte in einer Art Turbenhütte, fast der ärmlichsten Behausung des Dorfes. Mein Vater mußte sich jedenfalls in meinen Anlagen getäuscht haben, oder er sah wohl, daß da und dort, namentlich auch in der Schrift, vieles zu verbessern wäre. Item, unser zwei, mein ewiger Kampf- 7 genösse I. St. und ich, waren dazu ausersehen, zweimal in der Woche abends quasi Privatstunden zu nehmen in der Schönschreibekunst. Mein guter Vater, da warst du auf dem Holzwege. Schön schreiben habe ich nie gelernt! Ich habe die Hütte des Lehrers als Turbenhütte bezeichnet, und das hat noch seinen ganz besonderen Grund. Vor seinem Einzüge war der damals in aller Eile zu einem Wohnzimmer hergerichtete Raum zum Aufbewahren von trockenem Torf benutzt worden. Nun war, damit das Kleeblatt vollzählig sei, noch ein Dritter im Bunde - ich will ihn Hannes heitzen - der allerlei merkwürdige Ideen in seinem jungen Strudelkopfe hatte. (Er ist dann später, nachdem er das väterliche Erbe durchgebracht, elend verkracht und zugrunde gegangen.) Der war das Haupt der Bande in der Turben» Hütte, die wir zu einer Art Räuberhöhle eingerichtet hatten. Einmal, als er den Haufen Torf recht nachdenklich betrachtete, meinte er, wenn wir auch keine Tabakpfeifen hätten, könnten wir doch rauchen. Flugs zog er sein Taschenmesser, das er am letzten Maimarkt gekauft, nahm eines der schönen Torfstücke, bohrte ein Loch in der Längsachse bis zur Mitte, dann darauf ein zweites in vertikaler Richtung. Dann nahm er ein Stück Zunder, schlug den Stahl, schob das entzündete Agens bis zur Stelle, wo sich die beiden Kanäle trafen, und fing an, zur einen Oeffnung hineinzublasen wie ein währschafter Posaunenengel. Und in der Tat quoll bald ein Räuchlein zur andern Oeffnung heraus, das bei weiterem Blasen zu einem gewaltigen Rauch wurde. 8 Nun ist aber der Nachahmungstrieb einer der stärksten. Die zwei gelehrigen Schüler taten sofort desgleichen, da ihnen die Sache außerordentlich vergnüglich vorkam, und bald muß ein gewaltiger Qualm aus den zwei kleinen Fensterchen gedrungen sein, so daß alsbald die Sturmglocke geläutet wurde und die Männer des Dorfes mit gefüllten Tansen und Kübeln daherkamen, den Brand zu löschen. In unserem Eifer hätte das Weltall in Stücke gehen können, ohne daß wir das Geringste gemerkt und gehört hätten. Als endlich der Spritzen- kommandant als Tapferster sich hereinwagte, da saßen die drei eifrigen Feuerwerker und Klüsen und Klüsen - Tableau! - Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht mehr ganz genau. Vielleicht ist das Papier, auf dem ich heute schreibe, aus den Hinterteilen meiner damaligen Hosen hervorgegangen. Noch eine frühere Erinnerung taucht mir da auf, aus dem Sonderbundsjahr 1847. „Sie kommen, sie kommen!" hieß es eines Abends, als es schon ziemlich spät und dunkel war. Wie ein Bienenschwarm flogen sie aus, all die Brüder und Schwestern, um sie zu sehen und zu grüßen, die Männer des Dorfes und der Umgegend, die „im Kriege" gewesen. Da krachten die Büchsen, und der Feuerschein der Schüsse blitzte in unsere Stube, daß ich mit dem zitternden Mütterchen mich hinter den Kachelofen verkroch. Ob es wohl daher kommen mochte, daß ich später, beim Feuerrohr der Kanone stehend, wenigstens bei den ersten zwei, drei Schüssen unwillkürlich zusammenzuckte? An jenem Abend floß der Most und Saft in Strömen, und Heldentaten 9 wurden berichtet, wie sie einmal fast einen Feind gesehen, und, nach dem Donnern der Kanonen zu schließen, seien sie jedenfalls nicht mehr viele Stunden vom Kampfplatz entfernt gewesen. Aber jetzt habe ich meine Turbenhütte fast vergessen. Daselbst also hätte ich die Anfangsgründe der Kalligraphie mir zu eigen machen sollen. Da saßen wir auf einer Art Kanapee. Die Frau Lehrer suchte ihre eigenen wißbegierigen Jungen zu beschwichtigen, daß sie uns ja nicht stören sollten in unserer anstrengenden Arbeit. Kommando: „Aus - ab — auf - ab!" So wurden die ersten Uebungen durchgenommen, bis wir ganz gewaltige Fortschritte machen - sollten. Da es aber - es war Winterszeit - oft steife, ungelenke Finger gab, so gestattete uns mein Bater, jeweils zu unseren Studien einen Korb Torf mitzunehmen, der von der Frau Lehrer auch jeweils mit freundlichem Nicken entgegengenommen wurde. Eine Abwechslung, fast die einzige im immerwährend gleichen Gang des Lebens, bot der Maimarkt in Bischosszell. Da waren wir nicht so verwöhnt wie die gleichaltrigen Kinder unserer Zeit, die alle paar Wochen ein Karussel, einen Zirkus oder eine wirkliche, wahrhaftige Menagerie mit lebendigen Tigern, Löwen und Elefanten zu sehen bekommen, die schon einen Begriff haben von Theatervorstellungen usw. Da wurde das ganze Jahr gespart und sozusagen jeder Rappen, den man geschenkt bekommen, der Mutter Zum Aufbewahren übergeben. Und wenn dann der schöne Morgen anbrach, da zogen sie in Scharen, die Knaben und Mädchen im 10 schönsten Wichs, geschmückt mit den ersten Blümchen, hinein in die alte Bischofsstadt. Wie schauten da die hellen Kinderaugen all die bunten Herrlichkeiten! Die Mädchen kauften natürlich farbige Tücher oder eine Puppe für ein kleineres zu Hause gebliebenes Schwesterchen, wohl auch Näschereien, während wir Burschen natürlich auf die Pferdchen der Reitschule kletterten, uns dann Wurst und Brot, ein Taschenmesser (das wir gewöhnlich auf dem Heimweg schon verloren) und zum Schlüsse, wenn das Geld bald „alle" geworden, selbstverständlich noch ein Portemonnaie kauften, je größer, desto besser. Nun, es waren doch schöne Stunden, von denen wir jedenfalls nachhaltigeren Genuß hatten als die verwöhnten, übersättigten Kinder der Stadt. Dann kam wieder ein anderer Lehrer, ein junger Mann, der scharf mit uns ins Zeug ging. Es regnete oft nur so „Tatzen", und die größeren Schüler hatten noch das besondere, zweifelhafte Vergnügen, die Hasel- stöcke, mit denen später ihr Rücken oft unliebsame Bekanntschaft machte, selbst zu schneiden. Mir gegenüber ging bald eine für mich persönlich äußerst angenehme Veränderung vor sich. Bon körperlichen Strafen war sozusagen keine Rede mehr; wenn ich seltener Weise noch einmal die Hand zu einem Tatzen bieten mußte, war es, als ob ich mit einem Sammetpfötchen gestrichen würde. Meine schriftlichen Arbeiten wurden aufs genaueste durchgegangen, und auf alle Fehler wurde ich in liebenswürdigster Weise aufmerksam gemacht. Meinen Zeichnungen wurde so trefflich nachgeholfen, daß ich sie bald selbst nicht mehr kannte - und das alles um der 11 blauen Augen meiner Schwester willen. Diese jüngeren Bruder sind eben oft eine gefährliche Sache, und da die Berliebten bekanntlich blind sind, sind deren Augen dafür offener und klarer. Mein Vater hielt seiner verschiedenen Aemter wegen eine Wirtschaft, und da war denn auch der junge Lehrer ein häufiger und gern gesehener Gast. Meine Schwester war eine etwas schwärmerische Natur, las gerne Romane und war, wenn sie am Spinnrads saß, mit ihren Gedanken oft in Wolkenkukuksheim. Ich erinnere mich ganz gut, wie die beiden an einem Sonntagabend aus einem Katalog die für die Gartenflora zu bestellenden Samen auslasen und verstohlene Händedrücke unter dem Tische austauschten, wenn sie von „Fungferng'sichtchen und Männertreu" sprachen. O, diese Buben! Es wurde aber nichts aus der Sache. Des Vaters Machtwort galt. Und es kam wieder ein anderer Lehrer. Ich hatte das Vergnügen, in meiner Primarschnlzeit nicht weniger als sechs der Herren Pädagogen kennen und lieben (?) zu lernen. Daß dieser beständige Wechsel aus das Erwerben der elementarsten Kenntnisse nicht den günstigsten Einfluß hatte, brauche ich wohl nicht zu sagen. Eine Episode aus dieser Periode meiner Schulzeit, so unbedeutend sie an sich ist, bleibt mir unvergeßlich. Sie beweist nur, wie solche Sachen dem Kindergemüt außerordentlich wichtig sind und sich dem Gedächtnis unauslöschlich eingraben. Es war ein wunderherrlichcr Sommermorgen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und überflutete Wiesen und Felder und Wälder mit einem Meer goldenen Lichtes. Das Dörfchen war wie 12 ausgestorben; denn die Iungmannschaft war mit Pferd und Pflug und Egge schon längst ausgezogen zu fröhlicher Arbeit. Und da stand ich armes Bübchen mit der Schiefertafel unter dem Arm und sollte hinein in die enge, dumpfe Schulstube. Und draußen war es doch so schön, die Bögel sangen so verlockend, die Katze, mein Liebling, sonnte ihren scheckigen Pelz an der Ecke des Holzschopfs und schien mich mit den halbgeschlossenen Augen höhnisch anzublinzeln. Da warf ich die Tafel auf die Seite, hüpfte über Stock und Stein und Graben und pflückte gelber Ringelblumen und Vergißmeinnicht, der schönen blauen, die Menge. Vergessen waren Vater und Mutter und Lehrer und Haselstock. Da, horch, ertönen vom nahen Kirchturm die sieben Schläge zum Beginn der Schule. Jetzt ein heftiger Kampf in der erschrockenen Kinderbrust. Dort Pflicht und Gewissen, da Sommerfreude und Sommerlust. Ja, das Gewissen hämmerte gewaltig, und das Herzchen pochte zum Zerspringen. Nur schnell dort hinter jenen Zaun, bis die Schule begonnen hat! Der liebe Gott hat doch gewiß diesen schönen Morgen auch für dich gemacht. Aber das Herzchen hämmerte immer zu, und ich wäre nicht im entferntesten erstaunt gewesen, wenn gleich auch die Glocke herangewandelt gekommen wäre, mich in Person in die Schule zu holen. Jetzt mußte aber der Unterricht unfehlbar begonnen haben und das Namensverzeichnis verlesen sein. Da wagte ich mich hervor aus meinem Versteck und schlenderte herum, harmlos, als ob ich kein Wässerlein getrübt hätte. Da entdeckte mich das scharfe Auge der Mutter, und dieses Auge las auf dem Grunde 13 meiner Seele all die losen Bubengedanken, aber auch alle meine Gewissens- und Herzensangst. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie mich beim Aermchen und führte mich zur Schule. Der neue Lehrer muhte offenbar nicht von den Augen meiner Schwester bezaubert sein; denn die „ungebrannte Asche", die ich zu kosten bekam, habe ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen. Und es war gut so, besser, als wenn die Mutter Fürsprache für mich eingelegt hätte. Leider muß ich zu meiner Beschämung gestehen, daß ich in späteren Jahren hie und da ein wichtiges Kolleg geschwänzt habe, ohne derartige Gewissensbisse zu empfinden. So wurde ich fast elf Jahre alt, und da ich schon mit ziemlicher Sicherheit wußte, daß zwei mal zwei vier sei, munkelte man da und dort in der Verwandtschaft, das sei etwas ganz Besonderes; ich sei nicht zum Bauern geboren. (Heute ist es freilich ganz anders!) Ich müßte notwendigerm:ise in die Sekundärschule; man könne ja nie wissen ... o sancta simplicitas! Also wurde ich angemeldet als Sekundarschüler in Bischofszell. Der Dater legte seinen besten Rock an; die Mutter rückte sein Halstuch zurecht, so exakt wie noch nie; von mir, dem armen Opferlamm, wollen wir gar nicht reden, von dem Extrakaffee und den dito Glückwünschen ebenfalls nicht. Ich war schon oft über das „Stapfentöbeli" gegangen ohne besonderes Grauen, aber an jenem Tage war mein Gedanke: „Wirst du auch wieder zurückkehren?" Ein Sekundarschulaufnahmsexamen war eben dazumal etwas Schreckliches. Im Waldbach stand natürlich der ewig lustige Dachdecker an der Straße. Der 14 mußte etwas von der Sache wissen. Sofort begann er mit dem Vater ein Gespräch: So, ob er seinen Buben auch in die Metzg geben wolle? Das sei nun so eine Sache. Sobald so ein kleiner Knirps etwas nicht wisse, werde er geschunden und geschlachtet, und die armen Eltern bekämen nur noch die Knochen, höchstens noch ein paar „Servelen" - und Tervelats atz ich fürs Leben gern. Die weitzen Härchen, die mir die Mutter wieder fest an den Kopf gebürstet, sträubten sich ordentlich. Der Vater nahm mich lachend bei der Hand, schlug wieder denselben gleichmäßigen, markigen Schritt an und sagte: „Deker, du bist halt all de gliich Spatzvogel, b'hüet di Gott!" „Wünsch Glück, Schimmelt!" rief der uns nach. Jetzt aus der Höhe ob der G'wand zeigte sich das altersgraue Städtchen. Das war etwas anderes, jetzt hineinzugehen als am Maimarkt. Luther konnte kaum schwerere Bedenken tragen, als er den schweren Gang tat nach Worms hinein. Katzensteig und Muggensturm, wie freundlich grüßtet ihr! Aber der unerbittlich gleichmäßige Schritt des Vaters führte mich über die Thurbrücke, dann hinaus und hinein zur Examenstätte - fast hätte ich gesagt Richtstätte. Und da waren sie schon, die Aufnahmskandidaten und -Kandidatinnen alle, die mir später so bekannt und befreundet wurden. Die „vom Lande" machten alle so ziemlich dasselbe Armesündergesicht wie ich, während die Bischofs- zeller, schon etwas blasiert, die Sache nicht so schwer nahmen. Endlich kamen die Herren Lehrer. Wenn sie schon blutrote Mäntel gehabt hätten und das scharfgeschliffene 15 Schwert darunter (o Decker!), ich hätte nicht mehr Angst bekommen können. Und nun ging's los. Zuerst wurden die Stabiler gefragt, und als da und dort die einfachsten Fragen, die ich schon von der „Turbenhütte" her kannte, nicht beantwortet werden konnten, da folgte ich dem väterlichen „Kopf auf" schon besser; kurz, das Aufnahms- examen verlief gut. So wurde ich wohlbestallter Se- kundarschüler von Bischofszell. Ich hatte geglaubt, die Intelligenz wachse in der Schule mit der Höhe und der Mauerdicke mindestens im Quadrat, konnte mich aber im spätern Leben des Oeftern überzeugen, daß dem in der Tat nicht also sei. Wie mir dann die lange Bratwurst im „Herzen" (Hirschen) schmeckte, den ich später noch kennen lernen sollte, das zu beschreiben ist meine Feder nicht mächtig. Es war aber auch das erste Mal in meinem Leben, daß ich eine wirkliche, wahrhafte, ganze Bratwurst bekam; sonst war immer nur ein größerer oder kleinerer Zipfel mein Teil gewesen. Aus dem Heimwege konnte ich kaum begreifen, daß mein Bater noch im „Muggen- sturm" einkehren und einen Schoppen Gelbjogglersast trinken wollte. Als er mich aber der Frau Base als neuen Sekundarschüler vorstellte, mit etwelchem väterlichen Stolze natürlich, da begann ein ganz eigentümliches, dunkles Gefühl in mir zu dämmern, und mit stolzen Schritten ging's den „Hackberer Stich" hinan. 2m Waldbach arbeitete der Decker immer noch an seiner unendlichen Dachrinne. Ich schaute ihn nur so über die Achsel an, und in meinem kleinen Herzen hätte er 16 lesen können: „Aber oha, Decker, i bi denn ka Servele morde!" Die liebe Mutter mutzte jedenfalls „hangend und bangend in schwebender Pein" zum duhendstenmal ans obere Fenster gegangen sein und sich gefragt haben: „Worom chomed's jetz all no nöd? 's werd doch guet g'gange si." Das Hausbuch mit dem Gebet für „besondere Nöthen" lag nicht umsonst im Nebenkämmerchen aufgeschlagen. „So", sagte der Vater, „jetz hescht no acht Tag Ferie, ond denn wascht, wa d' z'tue hescht." Das war mein Aufnahmsexamen für die Sekundärschule, für ein Kind jener Zeit eben ein viel wichtigeres Ereignis als für die Kulturträger von heute. In diesen acht Tagen mutzte ich noch ausgerüstet werden,- d. h. es mutzte in erster Linie ein Schultornister angeschafft werden, damit ich sei wie die andern. Da wutzte natürlich „Buureschniders Hannes", ein alter Freund meines Vaters, Hilfe. Der war ein eigentümlicher Kauz. Er zog an alle Ganten und mutz jedenfalls im Laufe der Jahrzehnte einen Krimskrams zusammengekauft haben, datz die Arche Noahs, von den Tieren abgesehen, ein reines Kinderspiel dagegen war. Der rückte schon am folgenden Tag an mit einem ante- diluvianischen Ungetüm. Der Pfarrer Soundso habe ihn getragen, ein so hochgelehrter Herr, und er wutzte soviel Gutes und Schönes von dem alten Inventurstück und seinem frühern Besitzer zu sagen, datz der guten Mutter fast die Augen übergingen und sie leise seufzte: „Wenn no äsen EHIine o so an wor." Ich bin der festen Ueber- 17 Zeugung, daß sie glaubte, schon das bloße Tragen eines Erbstückes von einem solchen Manne müsse gewissermaßen - das Wort war allerdings damals noch nicht erfunden - einen suggestiven Einfluß haben, und zwar selbstverständlich einen ganz vorzüglichen. Mir aber gefiel das schäbige, mottenzerfressene Leder absolut nicht. Zudem war er für meine schmalen Schultern viel zu breit. Item, was wollte ich machen? Gegen des Baters Machtwort gab's keine Appellation; da wäre ich schön angekommen! Aber geärgert hat mich der Kerl immer in meiner ganzen Sekundarschulzeit, so oft ich ihn auf den Rücken nehmen mußte, namentlich wenn ich die eleganten Tornisterchen der Städtler betrachtete und sie sich über das Scheunentor des Landbuben lustig machten. Hoffentlich hast du, verhaßter Drache, nicht etwa später noch einem andern die gleichen Schmerzen bereitet. Es war ein wunderschöner Maimorgen, da mein erster Sekundarschultag anfing. Lieb Mütterlein hatte die besten und schönsten gedörrten Birnen und Aepfel- schnitze in das bewußte Ungetüm gepackt, und mit et- welchem Stolze ging's hinaus in die herrliche Natur. Die Bögel sangen von allen Bäumen, aus allen Hecken; mir war's, als vernähme ich ihre Stimmen: „O du domms Büebli, bliib du bi üs; lueg, wie Hand mer's so schö! Mer chönd nöd lese ond nöd schreiibe, ond doch isch es üs so wohl, so wohl. Wörf din g'waltige Tornister döt über d'Thurbrogg abe!" Und als ich die Brücke überschritt, fehlte wahrhaft wenig, daß ich den lockenden Stimmen gefolgt hätte. 2 18 Die Sekundärschule. Schuppli, mein Lehrer, mein Ideal! Jetzt mein alter Freund! Wie mutztest du den jungen Geist zu fesseln! Wie klar mutztest du deine Ziele darzulegen, zu zeigen, was du von uns verlangest, was wir von dir verlangen dursten! Wie ernst stelltest du uns das Leben vor, ohne uns den Weg zum Ziele gar zu schwer zu machen. „Vouloir, c'est pouvoir!« Ich verstand das aber nach feinem vollen, ganzen Inhalt erst später. Ueber Mittag war ich im „Herzen" einquartiert, wo mir, nebst drei oder vier andern, eine Suppe, und zwar eine sehr grotze in mächtiger Schüssel, mit einem Brötchen, zum Kostenpreise von zwanzig Rappen verabreicht wurde. Jetzt klingt's freilich anders. Da müssen solche Zungen, wenn sie eine halbe Stunde weit herkommen zur Schule (ich hatte I Vi Stunden), wenn nicht Table d'hüte mit allerlei Süßigkeiten, doch wenigstens mit zweierlei Fleisch und dito Gemüse abgefüttert werden. Unser Getränk fanden wir gratis und ad libitum beim „Herrn Vrunnenwirt." Die Zeiten ändern sich! In einem prächtigen Liede: „Die Thurbrücke bei Bischofszell" heitzt es: Wer die Brücke will betreten, Soll im Gehen auch Fromm ein Vaterunser beten, Nach der Vorzeit Brauch! Ich glaube aber, ich habe den frommen Brauch, zum Andenken an den traurigen Tod der Söhne der Frau von Hohenzorn in den Wellen der Thür, mehr als einmal vergessen. 19 Am meisten gespannt war ich in meinem neuen „Wirkungskreis" auf die französische Sprache, da ich in der Tat der Ansicht war, daß ich einzig und allein derenthalben die Sekundärschule besuchen müßte, und absolut nicht begreifen konnte, daß da einer und dort eine sich von den Französischstunden dispensieren ließ. Diesen Unterricht erteilte den Erstkläßlern, den „Fröschen", wie wir von den Schülern der oberen Klassen höhnisch genannt wurden, Herr Braun, ein ebenfalls sehr tüchtiger Lehrer. Er war blaß, trug, wie ich später erfuhr, schon den Keim der Schwindsucht in sich, war oft gereizt, etwas jähzornig, und sein lederner Gurt fuhr oft klatschend um die Köpfe. War zufällig (?) einmal die Schnalle am äußern Ende, so setzte es oft blutige Striemen ab! aber deswegen lief keiner zum Schulpräsidenteu, Klage zu führen. Trotz alledem wären wir alle für ihn durchs Feuer gegangen. Einmal war die körperliche Züchtigung in zehn Fällen neunmal eine wohlverdiente, und dann wußten wir, daß die Sache nicht so böse gemeint, und wenn der Zorn verflogen, der Herr Lehrer wieder der liebste und beste Mensch war. Auch Herr Schuppli war etwas jähzorniger Natur, und wenn er sich von seinem Temperament in Wort und Tat etwas hatte hinreißen lassen, so war es ihm bitter leid, oft mehr als dem Gemaßregelten. Da kam er aus eine originelle Idee, so originell, daß zweifelsohne weder vor noch nach ihm ein Pädagoge darauf verfallen ist. „Burschen", sagte er eines Tages, „wenn ihr seht, daß meine gornesader anschwillt oder sonst Zeichen eines anbrechenden Sturmes vorhanden sind, 20 dann ruft getrost: „Schuppst, halt!" Daß wir nicht hie und da einmal, um ganz sicher zu gehen, die Beschwörungsformel etwas^vor der Zeit in Anwendung gebracht hätten, will ich nicht behaupten. Aber es tat jedesmal seine wunderbare Wirkung, das Zauberwort. Unser verehrter Lehrer lief zwei-, dreimal das Zimmer auf und ab, und der Friede war wieder hergestellt. Also, es begann der französische Unterricht. Da wollte mir zuerst absolut nicht in den Kopf, datz man statt u ü sagen sollte. Wenn das so sei, so müsse man doch auch zwei Tüpfchen machen. Immerhin, es wurde das nach und nach mein ganzer Stolz, und als ich eines Abends nach der Schule meine Schwestern mit „bon soir" anredete, da dünkte ich mich ein ganz besonderes Kerlchen. In Lesen und Aufsatz war ich den Städtlern mindestens gewachsen. Anders war es mit dem Rechnen. Jene hatten natürlich in der Oberschule längst die De- zimalbrüche kennen und lieben (?) gelernt. Als bei der ersten Aufgabe Herr Braun diktierte: „Sieben, Komma ..." und ich in Tat und Wahrheit sieben Kommas aufs Papier zeichnete, da bekam der Lehrer einen Lach- krampf, wie ich ihn später nur noch einmal bei ihn, gesehen habe. Jedenfalls mutz auch ich ein entsprechendes Gesicht dazu gemacht haben. Nachdem das erste Examen überstanden war, bekam ich ein fast zu gutes Zeugnis für meine bescheidenen Leistungen. Sonderbarerweise war Eins die mindeste, Sieben die beste Note, und als ich freudestrahlend dem Vater den Ieugnisbogen darbot, der eine ziemliche Anzahl 21 von Sechsern und Siebnern auswies, da verdüsterte sich der Horizont; der Vater wollte nicht begreifen, daß ich ein so unfähiger und fauler Schüler sei, konnte sich in die „verkehrte Welt", wie er die Sache nannte, durchaus nicht finden, und erst, als mein Mitschüler aus dem Dorfe alles bestätigte, fand er sich kopfschüttelnd in die Neuerung, und erst da gab's wieder eine Bratwurst zum Nachtessen. Dank dem ausgezeichneten Rufe der Anstalt mehrte sich die Schülerzahl derart, daß man nach einem neuen Lokal Umschau halten mußte; ein passendes fand sich dann zuunterst im Städtchen. Zu ebener Erde war ein Zimmer für die Erstkläßler, während im obersten Stock die zweite zusammen mit der weniger zahlreichen dritten Klasse unterrichtet wurde. Im mittleren Stock hatte Herr Braun seine Wohnung. Das neue Schulhaus wurde natürlich feierlich eingeweiht. Ueber den Fenstern des zweiten Stockes hatten die Mädchen in Moosbuchstaben die Worte von Schupplis Wahlspruch „Ora et labora" (bete und arbeite) angebracht, eine ganz hübsche Arbeit. Diese Zier blieb lange an ihrem Ort. Als nun an einem Wochenmarkt mein Freund, der Decker, mit dem ich inzwischen schon manches Hühnchen gerupft hatte, dieselbe sah und las, da hielt er mich auf dem Heimweg an, wie er es schon so oft getan. „Du", brummte er mich an, „was schreibt ihr denn für dummes Zeug an euer Schulhaus? Ich hätte geglaubt, die Lehrer wären gescheiter." Meine Übersetzung, die ich mit Stolz kundgab, wollte er nicht gelten lassen. Die „Ohre", Meinte er, werden eben auf uns dumme Jungen gemünzt 22 - sein, und „Labohre" werde heißen, daß man uns brav daran zupfe. O Decker! Allmählich bekam meine Stimme einen etwas andern Klang, der Stimmbruch kündigte sich an, und ich wurde mit mehreren andern (Herr Bundesanwalt!) von der Gesangsstunde dispensiert. Diese Stunden nun brachten wir im untern Schullokal zu, das auch als Garderobe für die Mädchen diente. Statt zu arbeiten, trieben wir natürlich meist Allotria; es ging oft hoch oder wenigstens sehr laut her und zu. Einmal kamen wir auf die tolle Idee, einen Kameraden (o du armer Eyprian, bist ja längst tot) in einen Mädchenmantel zu stecken und ihm den „passendsten" Hut aus den Kopf zu binden. Als der geplagte Junge - wir hatten ihn aus einen Tisch gestellt und hielten ihn dort fest - in Angst und Jörn mit den Füßen strampelte und der Jubel immer höher stieg und immer unbändiger tollte, öffnete sich plötzlich die Iimmertüre, und Herr Braun stand grimmigen Angesichts auf der Schwelle. Die Schnalle an seinem Gurt blitzte, soweit dies durch den dicken Staub sichtbar war, äußerst verdächtig am vordern Ende. AIs er aber die Situation überschaute, mußte ihm das Komische derart überwiegend vorkommen, daß vor Lachen seine Augen übergingen und wir mit dem Schrecken davonkamen. Das war das zweite und letzte Mal, daß ich Herrn Braun so recht von Herzen lachen sah. Ein sehr schöner Brauch, den nachzuahmen ich jedem Lehrer empfehlen möchte, war der, daß wir ein Tagebuch führen mußten, in welches bald Aufsähe, deutsch oder französisch, bald Diktate, auch kleinere Arbeiten 23 nach freier Wahl eingetragen wurden, so daß uns ein prächtiger Spiegel unseres Schullebens blieb. Den ersten Aussatz habe ich oft wieder durchlesen. Er war verfaßt von Herrn Schuppli, unserm Mentor, wie wir ihn nannten, und trug den Titel: „Gefühle eines Sekundarschülers beim Beginn eines neuen Schuljahres" und das Motto: Vorwärts, mein Geist! Den schroffen Pfad Nicht trag hin aufgeschaut! Dort oben winkt die Ruhestatt. Wohlauf nun, Gott vertraut! Geradezu mustergültig sind die „Schul- und Lebensregeln", eine Serie von zwanzig fundamentalen Wahrheiten, getragen von echt christlichem Sinne, die uns Herr Schuppli als ebensoviele kostbare Perlen in unser Tagebuch diktierte. Ich kann nicht umhin, etwas Weniges davon hier wiederzugeben, z. V. Nr. 6: Bilde deinen Körper. Nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele wohnen! Ohne Gesundheit ist kein volles Lebensglück möglich. Luxus und Genußsucht, Hochmut und Eitelkeit, die Angelpunkte der jetzigen Gesellschaft, erzeugen die Schwächlinge und entnervten Kreaturen, die bald die Mehrheit der menschlichen Gesellschaft ausmachen. Zu diesen gehöre du nicht! Kraft, Mut und Unabhängigkeit ist die schönste Zierde eines moralisch freien Mannes. Verachte alles Geckische, Läppische und lobe dir das wahrhaft Schöne und Kräftige. Turne fleißig, stähle, übe deine Kräfte; denn: Kraft im Arm, Tugend im Herzen, Licht im Kopf : Dann ist der Mensch erst frei! 24 Suche deinem Körper immer eine schöne Stellung zu geben. Gehe ausrecht, mit Anstand, aber ohne Affektation. Ertrage körperliche Schmerzen mit Geduld und Mut. Lerne alles, was zur Entwicklung und Kräftigung deines Körpers etwas beitragen kann, wie Turnen, Schwimmen, Reiten, Fechten usw. Dann die paar kernigen Worte in Nr. 18: Rede wenig, höre mehr. Rede wenig, ohne Fehler, nie unnütz und von niemandem Böses. Sprich nur das, was dir und andern nützt, und vermeide läppische und unnütze Gespräche. Bewahre deine Junge vor jeder Lüge. Kein Schwur oder Fluch soll über dieselbe kommen. Deine Rede sei aber: „Ja und Nein." Daß auch der Außenwelt, d. h. dem politischen Leben unseres kleinen Daterländchens die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist begreiflich. Waren doch beide Lehrer Patrioten im edelsten Sinne des Wortes und bestrebt, das erhabene Gefühl nach Kräften in die empfänglichen Herzen ihrer Schüler einzupflanzen. Es wäre geradezu unverzeihlich, hier nicht einige, den „Neuenburger Handel" berührende Notizen herauszugreifen. So vom 22. Dezember 1856. Nachdem der eigentliche Grund des Zwiespalts mit Preußen erörtert worden, heißt es: Schwarze, gewitterdrohende Wolken am politischen Himmel! Alles ist in Aufruhr! Auszug und Reserve sind auf Piket gestellt. 20,000 Mann sind aufgeboten. Die Schweiz muß sich auf das Aeußerste gefaßt machen. Aus Berlin wird gemeldet, Graf v. d. Groeben sei mit der Leitung 25 der Expedition gegen die Schweiz beauftragt,- man spricht von einer Mobilmachung von 140,000 Mann. Es geht das Gerücht, die preußischen Garden haben Marschbefehl erhalten. Dann kommt die „Proklamation des schweizerischen Bundesrates an das Schweizervolk!" vom 3. Januar 1857, die mit den begeisterten Worten schließt: „Eidgenössische Wehrmänner! Das Vaterland, die Welt blickt auf euch! Ihr werdet die Hoffnungen, die sich an euch knüpfen, zu erfüllen wissen; ihr werdet es durch die Tat beweisen, daß ihr würdig seid, die Löhne großer Vater zu heißen; ihr werdet unsere Geschichte durch ein schönes Blatt zu bereichern euch bestreben! „So sei denn gesegnet, eidgenössische Wehrkraft! Sei gesegnet, teures Vaterland, und mögest du, wie seit Jahrhunderten, so noch aus Jahrhunderte der Wohnsitz freier und glücklicher Völkerschaften sein! „Treues, liebes Schweizervolk, Gott mit Dir! „Bern, den 3. Januar 1857. „Im Namen des schweizerischen Bundesrates: Der Bundespräsident: T. Fornerod. Der Kanzler der Eidgenossenschaft: Schieß." Wie diese Worte zündeten, läßt sich nicht beschreiben. Und als nun gar die Kanonen daherrasselten, um an die bedrohte Grenze zu eilen, da war kein Halten mehr. Schule hin, Schule her; und daß wir nicht allerlei jugendliche Torheiten begingen, war nur der Besonnenheit unserer Lehrer zu danken. Ich weiß nicht, will es aber doch hoffen, daß unter ähnlichen Umständen heute (ich schreibe den 21. Dez. 1895) 26 sich in unserem Ländchen dieselbe Begeisterung kundgeben würde. Doch, kehren wir zu unserem Schulleben zurück! Leben und Treiben in unserer Schule unterschied sich nicht unwesentlich von dem, was wir heutzutage unter einer Sekundärschule verstehen. Wir hatten allerdings auch einen Lehr- und Stundenplan, aber — und damit hatte er große Ähnlichkeit mit vielen Gesehen - damit er nicht gehalten werde, wenigstens nicht allzustrenge. Am Montagmorgen z. V. fiel die erste Stunde gewöhnlich aus, da unser Mentor dieselbe benützte zu einem Dortrag über dieses oder jenes Kapitel aus der Schule oder aus dem Leben, ohne bestimmten Plan, gerade, wie der Geist über ihn kam. Diese Vortrage, von echt religiösem Sinn und Wesen durchdrungen, sind gewiß allen unvergeßlich. Dann ging man in die Klassen, zu intensiver Arbeit bis zum Mittag. War es aber im Sommer gar zu heiß, so daß wir nachmittags einzuschlafen drohten, dann legte man Schreibheft, Buch und Reißbrett weg und zog hinaus ins Freie, in den Wald oder hinüber in die Höhlen am „Hohlenstein", über deren Zweck, Entstehung und Benützung als Wohnungen, Schutz bei Verfolgungen, Mördergruben wir oft die schrecklichsten Vermutungen und Kombinationen ausstellten. Oder wir passierten die hölzerne Brücke, bogen dann rechts ab und suchten eine passende Stelle, um die erhitzten Leiber in den kühlen, grünen Fluten der Sitter zu erfrischen. Zur Winterszeit, wenn ein srischgefallener Schnee uns lockte, wurde zu beliebiger Zeit Pause gemacht, oft schon um neun Uhr. Flugs entstand unter 27 den alten Linden beim Untertor eine Festung, eine Besatzung wurde hineingelegt, und dann begann der Sturm mit einem Bombardement von Schneebällen, die so dicht flogen wie bei Malakoff die Granaten. Sogar die Mädchen und nicht selten auch die Lehrer nahmen Teil an dem Wintervergnügen. Don weiterem Schulhalten war dann allerdings an einem solchen Vormittag keine Rede mehr. Daß die so erworbenen Kenntnisse (?) auch zu Hause in dem stillen Dörfchen verwertet wurden, ist klar. Aus zusammengesteuertem Gelde war Pulver gekauft worden. Unter dem Dache lagen in unserem Hause noch die alten Fenster, die moderneren hatten weichen müssen. Die Bleifassung dieser Scheiben schien nun wie für uns geschaffen, Kugeln zu gießen. Ein alter Flintenlauf wurde mit unendlicher Mühe und Ausdauer durchsägt und das Ende mit der Jündpfanne aus einem Holzblocke festgenagelt, der auf vier Rädern ruhte. So war unsere Kanone fertig. Schon am nächsten Sonntag nach der Kinderlehre zogen die vier vorgespannten Jungen das Geschütz in scharfem Trab auf die Höhe des Rappen- waldes. „Abgeprotzt! Schars geladen!" Das Ziel war eine Mannsfigur, mit Kohle auf ein Brett gemalt, das an eine Tanne gelehnt war. „Feuer!" Aber wir kühnen Artilleristen hatten nicht bedacht, daß unsere Mordwaffe gerade nach dem Dörfchen gerichtet war, ebensowenig, daß hie und da einmal eine Kugel neben unserer Scheibe vorbeifliegen könnte, bis mehrere in „Scheidemanns" Häuschen einschlugen. Darob großes Entsetzen im Dorfe, wie billig, und schließlich waren doch wir bei aller 28 Tapferkeit trotz unserer „artilleristischen Überlegenheit" die „Geschlagenen." Zwei ganz besondere Lichtpunkte bildeten in meinem Sekundarschulleben die beiden Reisen, die erste auf die Ebenalp, die zweite aus den Rigi. Die Tour auf die Ebenalp sei allerdings keine besondere Leistung, und es könne von eigentlichen Strapazen keine Rede sein, wurde uns gesagt,- immerhin werden es unsere jungen Beine spüren. Das machte uns Neukirchern nun allerdings nicht bange, machten wir doch tagtäglich einen Marsch von mindestens zweieinhalb Stunden. Mährend meiner ganzen dreijährigen Sekundarschulzeit ging ich jeden Abend nach Hause, gur Sommerszeit war das ja sehr angenehm, namentlich der Spaziergang in der Frühe des Morgens, obwohl auch dieser oft einen nicht besonders lieblichen Beigeschmack hatte. Kam es doch oft vor, datz mich mein Bruder schon um drei Uhr weckte, damit ich Ochsen oder Pferde anschirre und mit Pflug oder Egge ins Feld fahre bis gegen sechs Uhr. Dann wurde in aller Eile etwas kalte Milch genossen, und im Trabe ging's nach Bischofs- zell, um bis sieben Uhr in der Schule zu sein. Schlimmer war es im Winter. Wie oft, wenn wir in der Frühe des Morgens bei stockdicker Finsternis hinaus mutzten, war Weg und Steg verloren. Futzhoch lag der Schnee, noch kein einziger Wanderer war des Weges gekommen. Da hietz es eben „psaden", und in redlicher Teilung der Arbeit ging bald der eine voran, bald der andere. Mein Vater hatte mir oft zugeredet, ich solle doch, wenn das Wetter gar zu schlecht sei, im Städtchen 29 übernachten. Ja, Kuchen! Dazu war ich viel zu schüchtern; das Wetter mochte sein, wie es wollte, ich mutzte heim „zu Muttern." Also, aus nach der Ebenalp! All die Empfindungen, die frohen Gefühle zu schildern, welche die jungen Herzen erfüllten, als wir das erste Mal auszogen, „in die Berge", wäre kaum möglich. Sahen wir doch täglich auf unserm Schulweg die Ehurfirsten, den Säntis und, sich anlehnend, die Ebenalp. Und nun sollten wir hinaufwandern dürfen in das unbekannte, romantische Reich. Ios. Victor v. Scheffel hatte dazumal noch nicht geschrieben; der „Ekkehard" lag noch lange nicht in den Windeln, und das Walthari- Lied ruhte noch unentdeckt in der Klosterbücherei. Wenn nun auch keine poetisch verklärten Gestalten uns begleiteten, war um so größer der Zauber, den Mutter Natur auf uns ausübte. Wie eine kleine Herde übermütiger Geitzen kletterten wir den Berg hinan, da und dort eine unbekannte Blume pflückend, ein paar Steine sammelnd, den Lehrer mit Fragen bestürmend. Als wir nun gar in einer schattigen Mulde noch Schnee ent- ^ deckten, da gab's unter Hellem Jauchzen mitten im Sommer eine gewaltige Schneeballenschlacht. Beim Wildkirchli war's zu jener Zeit noch nicht so eingerichtet wie heute, und die plötzlich anstürmende Schülerschar brachte den Wirt in etwelche Verlegenheit. Wo sollte er die nun einquartieren? Doch bald wurde Rat geschafft. Vom gewaltigen Felsen überdacht, stand am Rande des Abgrundes ein kleiner Iiegenstall. Die heimatberechtigten Insassen hatten sich bereits zur Ruhe 30 gelegt, als die Störenfriede anlangten. Ausgetrieben! Etwas frisches Stroh eingelegt, und da lagen die Jungen und blickten zum nächtlichen Himmel, zu einem Himmel, wie sie ihn noch nie gesehen. Die Sterne schienen viel größer, viel Heller, viel glänzender, viel näher zu sein. Dann ruhte das Auge aus auf dem riesigen, trotzigen Haupte des „Altmanns", um dann mit Schaudern hinunterzutauchen in die Schlucht, in deren Tiefe der ewig liebliche Seealpsee schlummert. Und wenn ich hundert Jahre alt würde, könnte ich jene Nacht nicht vergessen. Trotzdem da viel tolle Jugend, die jederzeit zu losen Streichen und Neckereien aufgelegt war, sich im engen Raume zusammendrängte, herrschte doch eine ungewohnte Ruhe. Es war, als ob ein sehnendes, göttliches Ahnen, ein Ahnen der Unendlichkeit uns gefangen hielte. In der Frühe des Morgens ermunterte, wo es noch nötig war, ein Mörserschuß, den der freundliche Wirt abgefeuert, die junge Schar. Fast mit Grauen lauschten wir dem Echo, wie die gewaltigen Schallwellen von einer Felswand zur andern zurückgeworfen wurden und fast nicht zur Ruhe kommen konnten. Nach kurzem Frühstück ging's mit Fackelbeleuchtung durch die große Höhle und dann hinauf aus die Alp, die wohl, wie ein naseweiser Bursche meinte, den Namen Ebenalp daher habe, weil sie so bucklig sei. Als endlich die Sonne aufging und all die Spitzen und Jacken der Berge vergoldete, als wir in Alpenrosen förmlich badeten und dann noch schönere und immer noch schönere pflücken wollten, da war des Jubels kein Ende. 31 Doch es lag noch ein weiter Weg vor uns, ins Thurgau hinunter, und der Abstieg setzte unseren Knieen mehr zu als der Aufstieg. Müde zwar, aber geistig frisch und froh zogen wir Bürschchen unter Hellem Liederklang im Städtchen ein, dann ein jeder nach Hause, wir noch unseren „Hackberer Stich" hinan, um Eltern und Geschwistern zu erzählen, datz wir jetzt wohl das Herrlichste, was die Erde bieten könne, gesehen und erlebt hätten. Die Rigireise. Meine zweite Schülerreise war eine größere, d. h. sie war nicht von Anfang an so geplant, sondern nahm nach und nach, durch allerlei Zufälligkeiten den kurz zu beschreibenden Verlauf. Es war wieder ein zweitägiges Fährtchen ins Appen- zellerland in Aussicht genommen, und zwar auf den Hohen Kasten, mit Abstieg ins Rheintal. Der 20. Juli 1856 war als erster Reisetag bestimmt. Da man in der frühesten Frühe des Morgens aufbrechen wollte, rückten die auswärts Wohnenden schon am Abend zuvor ein, um die paar Stunden der Nacht im untern Schul- lokal zuzubringen. Unsere ebenen Schultische wurden zusammengestellt, Herr Lehrer Braun war so freundlich, uns ein paar Kissen und Bettdecken zur Verfügung zu stellen, und so wurde ein Nachtlager improvisiert. Aber von Schlaf war nicht viel die Rede. Die Neckereien wollten kein Ende nehmen. Und dunkle Wolken hingen am Himmel, tief, tief herunter, als wir in das Städtchen hinaufzogen, und der erfahrene Wächter der Nacht stellte uns nicht die beste Witterung in Aussicht, wir sollten nur die Reise verschieben. Aber da kam er 32 schön an. Vorwärts war die Parole. Aber schon bald ob Hauptwil rief einer: „Ein Regentropfen!" Daß er nicht stehenden Fußes gelyncht wurde, war alles. Doch bald machte ein zweiter und ein dritter dieselbe Meldung; es war kein Irrtum mehr möglich. Es begann in der Tat ganz ordentlich zu regnen, so daß wir uns in ein nahe an der Straße liegendes Wäldchen flüchten mußten. Da wurde nun Rat gehalten, was zu tun sei. Der Mentor brachte die zwei naheliegenden Fragen zur Abstimmung: „Weiter marschieren oder umkehren?" Der letztere Antrag wurde mit zehn gegen zwei Stimmen verworfen. Man sieht, daß unser Lehrer nicht immer nur diktierte und befahl, sondern auch den freien Willen seiner Schüler entscheiden ließ. Hofften wir doch zuversichtlich auf besseres Wetter. Pflanzt doch der Greis noch am Rande des Grabes die Hoffnung aus. Nach wiederholten größeren und kleineren Regengüssen erreichten wir die Eisenbahnstation Goßau. Da wurden zuerst die Reisetaschen geöffnet und nach Eß- waren durchsucht, während unser Mentor ungefähr folgende Rede hielt: „Ihr habt die Weiterreise beschlossen; also wird auch weiter gereist. Mit unserer Tour in die Berge ist's natürlich nichts; das könnte geradezu gefährlich werden. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als die Eisenbahn zu benutzen und nach Zürich zu fahren; hoffentlich wird sich dann das Wetter ändern." Nach Zürich zu gehen - nach unseren damaligen Begriffen einer wirklichen, wahrhaftigen Großstadt! Wie da alle Augen aufleuchteten! An unsere Geldbeutel 33 (man sagte damals noch nicht „Portemonnaie") dachten wir nicht. Vater hatte mir drei Fünffrankenstücke mitgegeben. „Fünfzehn Franken, das ist ja ein Kapital! Was kostet Hamburg?" so dachte ich. Auf diesem nicht ganz gewöhnlichen Wege gelangte ich das erste Mal nach Zürich. Diese Stadt zu beschreiben, will ich, an dieser Stelle wenigstens, nicht wagen; sie wird mich wohl später noch des östern beschäftigen. Soviel ist sicher, daß ich später nie beim Basthof zur „Sonne" vorüberging, ohne an die dort als Sekundarschüler zugebrachte Nacht zu denken. In meinem Tagebuche heißt es: „Wir okkupierten zwei Kammern und freuten uns sehr, so in Gesellschaft auch die Nacht zubringen zu können. In unserem Zimmer waren je drei in einem Bett, und alle genossen einer wohltuenden Ruhe." Ich erlaube mir heute noch ein dickes Fragezeichen hinter diesen Herzenserguß zu setzen. Am Morgen regnete es in Strömen, und auch die Redefreudigsten unter uns versöhnten sich mit dem Gedanken, mittags wieder den Heimweg zu Muttern anzutreten. Zudem hatten wir damals schon begriffen, daß Zürich ein etwas teures Pflaster habe, daß Gelegenheit nicht nur Diebe, sondern auch kleine Verschwender machen kann. Da wir glaubten, daß unsere Heimreise bevorstehe, mußten doch noch allerlei Andenken an die Stadt, die uns so sehr gefallen, eingekauft werden, was unseren kleinen Geldbeutel sehr erleichterte. Mittags aber zerteilten sich die Wolken, und die liebe Sonne strahlte aus klarblauem Himmel auf uns 3 34 herab. Und wir Knirpse nahmen die Karte zur Hand und heckten einen neuen Reiseplan aus: Horgen, Zug, Rigi, Tinsiedeln, Richterswil usw. Unser Mentor machte anfänglich ein etwas bedenkliches Gesicht; aber er wollte das Glück, die zuversichtliche Hoffnung, die aus unseren Gesichtern strahlten, nicht stören und sagte schließlich ein freudiges Ja. In rascher Fahrt trug uns die „Stadt Zürich" nach Horgen, von wo es wieder auf Schusters Rappen über Baar nach Zug ging und von dort mit einem Schiffchen nach Immenses. Längst hatten sich die Schatten der Nacht herunter, gesenkt auf die spiegelglatte Fläche des kleinen Sees. Nur das leise Plätschern der Ruder unterbrach die fast melancholische Stille. Wellen rauschen, Wellen ziehen, Stunden kommen, Stunden fliehen, Schmerz und Freude gehn vorüber; Drum bewahre rein dein Herz! Also klang's und sang's ins Dunkel hinein. Und die Sterne blickten herunter oom Himmelszelt, und Friede senkte sich in die Kinderbrust. In Immenses trafen wir es im Gasthof zur „Teilskapelle", was Bewirtung und namentlich was Nachtquartier anbelangt, außerordentlich viel besser als in Zürich. In der Frühe des Morgens, als wir ins Freie traten, war eitel Sonnenschin. Die ersten Schritte galten natürlich der hohlen Gasse und der Tellskapelle, wo unser Patriotismus derart stieg, daß jeder Kraft und Mut eines Teil in sich spürte. Man wußte damals noch nichts von den Zweifeln, die spätere Gelehrte erhoben, mit 35 denen sie uns das Teuerste ins Land der Sage verweisen wollten. Wenn einer gesagt hätte damals, die vorgewiesene Armbrust sei nicht die wirkliche und wahrhaftige Waffe Wilhelm Teils gewesen, nun - der hätte es mit uns zu tun gehabt. Einen weniger erhebenden Eindruck machten uns die zehn bis zwölf ungewaschenen und ungekämmten Buben, die zur Frühmesse herkom- niandiert schienen. Aus die Schwärmerei der jugendlichen Gemüter, als das ewig herrliche Panorama des Rigi vor und unter uns lag, will ich nicht zurückkommen, ebensowenig auf den quasi sozialpolitischen Exkurs unseres Mentors, als wir all die Reisenden aus fremden Ländern anstaunten, die da hinaufkamen, zu Fuß, zu Pferd, auf dem Esel oder gar im Tragsessel, deren Träger unter ihrer faulen Last keuchten und schwitzten. Munter ging's den Berg hinunter, dann durch das schauerliche Massengrab von Goldau, über Sattel und Rotenturm nach dem so reizend gelegenen Ensiedeln. Es war ein Tagemärschchen von zwölf Stunden, das wir zurückgelegt, fast zuviel für unsere jungen Beine. Einsiedeln will ich nicht beschreiben, auch nicht die Eindrücke, welche die jungen Protestantenherzen von dort mitnahmen, von dem Brunnen mit den zwölf Röhren, aus welchen wir alle Wasser tranken, nicht Zu reden; auch nicht die prächtigen Ortschaften am Jürichsee. Aber aufs neue sind, während ich schreibe, olle Eindrücke aus jener glücklichen Zeit wieder so neu und frisch, als hätten sie sich erst gestern in die dankbare ?eele eingegraben. 36 Mit etwas Ermäßigung für die Eisenbahnfahrt, die Mentor noch ertrotzt hatte, vielleicht hatte ertrotzen müssen, kramen wir wieder ins geliebte Thurgau. Als mich folgenden Tages der Vater fragte, was aus den drei Fünslivres geworden sei, warf ich mein Geld- beutelchen mit den zwei Ringen zum Abscheiden des Silbers und Goldes (?) aus den Tisch. Es klang aber nicht laut, und dem Tische blieb kein Merkmal davon. Ich hätte gar nicht hinzuzufügen gebraucht, das sei alles, aber auch gar alles, was geblieben sei. „Nun", meinte Vater, „die Hauptsache ist, daß ihr alle wieder gesund und munter zurück seid." An der Reisebeschreibung hat nachher auch er seine helle Freude gehabt. Schon war das dritte Schuljahr weit vorgerückt, und die ernste Frage der Berufswahl kam immer näher. Wie es in diesem Alter oft geht, schwankte ich hin und her, ohne zu einem Entschlüsse zu kommen. War von einem Berufe die Rede, so gefiel er mir ausnehmend, tauchte ein anderer Vorschlag auf, so war es ebenso. In den mathematischen Fächern war ich nicht der Letzte, auch ein ordentlicher Zeichner. Da ich eine Aufgabe, eine Drehbank auszumessen und in verkleinertem Maßstab aus Papier zu bringen, ordentlich gelöst hatte, fragte mich Herr Schuppli, ob ich nicht Lust hätte, eine derartige Carriere einzuschlagen und die Kantonsschule in Aarau, die damals in hohem Ansehen stand, zu besuchen. Der Vorschlag leuchtete mir sehr ein, auch dem Vater, so daß dies als beschlossene Sache galt. Da hielt Herr Schuppli noch einen kleinen Exkurs über Anthropologie, über den Bau des menschlichen Körpers, 37 seiner Organe. Obgleich die Sache naturgemäß außerordentlich mangelhaft war, fiel es mir da wie Schuppen von den Augen; nun war mir klar, was ich wollte. Freilich waren die Kosten des Studiums ein gewaltiger Ltein des Anstoßes. Mentor aber trat mir treu und fest zur Seite und lies nicht nach, bis mein Vater seine Zustimmung gab. Nun fiel natürlich Aarau aus Abschied und Traktanden; der Besuch des neugeschaffenen Gymnasiums in Frauenfeld wurde in Aussicht genommen. Um dort nicht ganz von vorn anfangen zu müssen, hieß es nun für mich, noch über Kopf und Hals Privatstunden in Latein Zu nehmen, damit wenigstens eine Klasse übersprungen werden könne. So brachte mir das Ende des dritten Kurses Arbeit die Fülle. Es ging zum Schluß, und dankerfüllten Herzens gegen meine Eltern, die schon so viel für mich getan und die freudig zu weiteren großen Opfern bereit waren, gegen meine beiden Lehrer, denen ich in der Tat bis zur Stunde noch dieselben Gefühle der Verehrung, Anhänglichkeit und Dankbarkeit bewahrt habe, ging's einer neuen Zukunft entgegen. Ja wohl, eine neue Aera lag vor den Augen des lungen Bürschchens. Und es war, als ob der Familien- deschluß: „S'Kolbe-n-Adolf chont i d'Kantonsschuel", etwas ganz Besonderes gewesen wäre. Kolk war näm- iich der Name des Großvaters von mütterlicher Seite, und bekanntlich haften solche Bezeichnungen auf dem Land oft Generationen hindurch. Er war Kreisamtmann gewesen, wie jetzt noch auf der Steinplatte des alten Kachelofens in der Wohnstube aus den Buchstaben 38 OK. K zu lesen ist, auch Kantonsrat. Wie oft habe ich nicht seinen Degen mit dem goldblanken Knäufe, den er so oft in den Sitzungen der obersten Landesbehörde als Zeichen seiner Amtswürde trug, umgürtet! Mein Vater, musikalisch angelegt, blies flott das Kla- rinett und brachte es im Militärdienst zum Kapellmeister. Das war natürlich ein genügender Grund, unseren Zunamen zu ändern.. Aus „S'Kolbe" wurde „Kapellmeisters." Den fast meterlangen, schneeweißen Federbusch auf dem vorsintflutlichen Tschako habe ich bei unseren Kriegsspielen oft getragen. Es ist wahrhaftig ein Unglück, daß dieses Stück verloren ging. Etwas von der musikalischen Begabung muß auch auf Bruder Fritz übergegangen sein; er wählte aber die Trompete, trat in die Musikgesellschaft von Bischofszell und später diejenige von Mettlen ein. Das Beste daran war, daß die wandernden Händler aus Ungarn und Kroatien während längerer Zeit in Neukirch weder Mäusefallen noch Rattenpulver mehr an den Mann brachten. Die Kantonsschule. Also wurde ich beim Rektorate der Kantonsschule angemeldet und fuhr kurz nachher in Begleitung des Vaters nach Frauenfeld zum Aufnahmsexamen. Mein Herzchen war nicht mehr an seinem gewöhnlichen Platz; schon als ich ahnungsvoll beim düstern Schloßturm vorbei- schritt und als endlich die Kantonsschule vor mir stand, die ich unbedingt als das größte Gebäude der Erde taxierte, da war es jedenfalls bedeutend nach der Hosen- 39 gegend gerutscht. Da wurde ich mit drei andern, gleich armen Opferlämmern in ein Klassenzimmer geführt, wo wir harrten, bis endlich die prüfenden Lehrer oder Professoren, wie wir nun sagen muhten, erschienen. Es beruhigte mich einigermaßen, daß alle ziemlich wohlgenährt aussahen und jedenfalls ordentlich gefrühstückt hatten. Doch die Sache lief ganz glimpflich ab; die Sekundärschule Bischofszell durfte sich neben den andern sehen lassen; allen vier Kandidaten wurde nach kurzer Frist erklärt, daß wir definitiv in die zweite Gymnasialklasse aufgenommen feien. Nun war der Mühlstein vom Hals, und die Bratwurst schmeckte womöglich noch besser als seinerzeit diejenige in Bischofszell. Wenn ich da des andern Tages bei einem Buben, dem ich so oft in die Haare geraten, oder bei einer früheren Mitschülerin vorbeiging, da las ich auf dem Besicht deutlich die Worte: „So, der chont jetz i d'Kan- tonsschuel us Frauefeld", und ich richtete mich strammer auf und wuchs jedenfalls ein paar Zentimeter. Natürlich war für mich das Konvikt ausersehen, fürs Erste, weil's billiger war, und dann, weil da mehr Aufsicht und dafür gesorgt sei, daß das Bubenreis nicht gar zu üppig gedeihe. Als dann das Reglement kam wit den Vorschriften für alles, was mitgebracht werden wüsse: Matratzen, Decken, Kissen, so und soviele Paar Ltrümpfe, Hemden, Nastücher usw., jedes Stück mit Ar. 10 bezeichnet, da gab's Arbeit für die Schwestern, die geschäftig waren „wie d'Bruut im Bad." Dann kam der Abschiedstag. Alles war längst gepackt, der alte Bläh eingespannt, Bruder Fritz gerüstet, 40 und doch konnte ich mich fast nicht losreißen, bis der Vater endlich ernstlich mahnte: „So, fetz isch g'nueg; mached emol!" Kaum waren wir um die Ecke beim Garten, knallte Fritz mit der Peitsche, so daß sogar dem braven Vläß die Situation klar wurde und er einen flotten Trab anschlug. Ich verbiß die aufsteigenden Tränen, zog beim Pfarrhaus noch grüßend und dankend die Mütze; dann aber ward's still, totenstill im Herzen. Als wir Bürglen, dann auch Weinfelden hinter uns hatten, wäre ich am liebsten wieder umgekehrt. In Eschikofen erhielt Bläß das wohlverdiente Futter, und auch wir ließen uns einen währschaften Z'nüni geben. Der Sorgenbrecher mußte dabei gute Wirkung getan haben; denn als wir weiter fuhren, schien die Sonne viel Heller, strahlte der Himmel viel klarer und winkte die Zukunft weniger düster. Meine Habseligkeiten wurden abgeladen und in den „obern Schlafsaal" gebracht. Dieser war gerade unter dem Dach, aber bequem, hoch, mit acht Betten und entsprechenden Kästen, Waschtischen usw. Als Bruder Fritz endlich Abschied genommen und ich dem lieben alten Bläß zum letztenmal den Hals gestreichelt und noch viele, viele Grüße nach Hause aufgegeben, ward es wieder dunkle Nacht in meinem Innern. Aber der Konvikt- führer, Herr Sulzberger, der offenbar erriet, was in meinem Innern und wohl noch im Herzen manches meiner Kameraden vorging, nahm mich bei der Hand, führte mich an mein Pult und tröstete, morgen werde es schon besser sein. Die Nacht war nicht besonders gut, der Bläß, der wieder wohlgesüttert nach Hause, nach 41 meinem lieben Dörfchen traben durfte, spielte eine Hauptrolle in meinen Träumen. Ja, ich war wirklich dort, und die Buben, von denen ich mich so stolz verabschiedet, höhnten mich, ich solle nur froh sein, wieder bei ihnen bleiben zu können. AIs dann am Morgen die zahlreichen Schüler aus dem Städtchen und vom Lande daher strömten, jeden Augenblick neue Gesichter, die ersten Stunden kamen und alles seinen geregelten Gang nahm wie bei einem großen Uhrwerk, da war keine Zeit mehr für Heimweh nach Eltern und Geschwistern, nach dem Haus im Grünen, nach Tyras und Bläh und der alten Katze. Doch abends, wenn wir unseren Spaziergang machen durften oder, besser gesagt, machen mußten, richteten wir die Sache fast immer so ein, daß wir zur Zeit der Ankunft und Abfahrt der Züge im Bahnhof sein konnten, um gelegentlich ein bekanntes Gesicht aus der Heimat zu erspähen. Da, eines Abends, als gerade der Zug von 2slikon daherbrauste, erfaßte den einen unserer Kameraden das Heimweh mit Himmelsgewalt: Billet lösen und in den letzten Wagen springen war eins, und fort war er, ehe wir nur recht zur Besinnung kamen. Aber in der Frühe des folgenden Morgens war unser Fritz- chen wieder da, freilich mit etwas verweinten Augen, von seinem Vater begleitet,- von Stund an war sein Spitzname gemacht, der ihm bis zum heutigen Tage geblieben ist: Deser (Deserteur). Die Kost im Konvikt war im ganzen gut und reichlich, obgleich wir von den Externen derentwegen immer gehänselt wurden. Freilich für verwöhnte Gaumen waren 42 die weißen Rüben wohl nicht besonders angenehm. Des Morgens gab's eine dicke Mehlsuppe; nur Sonntags bekamen wir Kaffee. Diese spartanische Suppe mit den dicken Knollen wollte aber nicht allen schmecken, und so wurde eines Tages eine Deputation an die Konvikt- führung abgesandt, mit dem Gesuche, man möchte uns am Morgen auch eine Suppe geben, wie wir sie hie und da des Mittags hatten. Unserem Begehren wurde bereitwillig entsprochen. Aber schon nach vierzehn Tagen wanderte die gleiche Kommission wieder zu Frau Sulz- berger, dem A und O, dem Ein und Alles des ganzen Haushalts, man möchte uns doch ja die alte dicke Mehlsuppe wieder geben. Die dünne Brotsuppe hielt nämlich gar nicht an; wenn wir um sieben Uhr gefrühstückt hatten, herrschte nach einer Stunde schon Hungersnot. „Nun, ihr seid ja noch sehr schnell zu Verstand gekommen", meinte Frau S. in ihrer trockenen Weise. Ein Hauptereignis war es für die jungen Strudel- köpfe selbstverständlich, als der Kadettendienst begann. Die schmucken Uniformen hatten es uns angetan, und als wir erst die Gewehre im Ieughause gefaßt hatten, da durfte in der Tat auch unser kleines Vaterland ruhig sein. Wie wurde da jeden Samstag geputzt! Die Knöpfe blitzblank, die Patronentaschen glänzend schwarz, die Bandeliere weiß wie frisch gefallener Schnee, so zogen wir in strammer Haltung nach dem Takte der Trommeln zum Städtele 'naus auf den Exerzierplatz. Wie exakt wurden da die Schwenkungen ausgeführt und erst die Ladung in acht Tempi. Und als ich schließlich, gegen Ende meiner Tarridre, mit dem Abzeichen als Ober- 43 lieutenant in die Ferien kam, da war ich so etwas wie ein Löwe in unserm stillen Dörfchen. Den Glanzpunkt dieser Kadettenjahre bildete ein Manöver mit den Winter- thurer Kadetten. Diese hatten die Höhen bei Wiesen- dangen besetzt i unsere Ausgabe war, sie von dort zurückzuwerfen. Der Hauptkampf „wogte" um das schloß Hegi. Es war ein kleines Vazeilles. Nach Gefechtsabbruch marschierten Freund und Feind einträchtig nach Winterthur, wo wir gefeiert wurden, fast wie die Helden von 1871. Ein jeder wollte das beste Quartier gehabt haben. Noch einmal sei es gesagt: Dieser Tag war ein Glanzpunkt in meinem Schülerleben. Sonst nahm das Leben seinen regelmäßigen Gang, und von Klasse zu Klasse ging's vorwärts. Einen Markstein bildete der Tod meines so innig geliebten Vaters. Es war der letzte Tag meiner Ferien. Vater hatte sich etwas unwohl gefühlt. Der gewohnte Humor war abhandengekommen. Ohne sich zu Bett zu legen, drückte er sich bald dahin, bald dorthin. Als ich abreisen sollte, stand er — ich sehe ihn heute noch vor mir - am Ofen, sah mich an mit seinen treuen Augen und sprach die gewohnten Worte: „Sei brav und fleißig." Und meine Schwester faßte den kleinen unscheinbaren Reisesack, dann: »Lebt wohl!" Ich saß schon im Eisenbahnwagen, als Nachbars Knecht im Galopp dahergefahren kam. Ich solle nochmals heimkommen, berichtete er. Aus unsere Frage, was es denn gegeben habe, lautete seine ausweichende Antwort: „Es habe mit dem Vater etwas geschlimmert." In aller Eile konnte ich noch aussteigen 44 und fuhr mit der Schwester heimwärts. Als wir etwas oberhalb Buhwil hinfuhren, bei einer dicken, alten, knorrigen Eiche, sagte er uns, der Vater sei gestorben. So oft ich in späterer Zeit auch dort vorbeikam, ich konnte jenen Baum nie ansehen, ohne daß mir jener 2. November 1858 mit allen Einzelheiten lebhaft und schmerzlich ins Gedächtnis kam. Ueber die darauffolgenden Stunden will ich hinweg- gehen. Die treuen Augen waren geschlossen, die Lippen verstummt für immer. Man zog mir eine schwarze Weste an. Dann ging's wieder nach Frauenseld. Das Maturitätsexamen war eine harte Nutz. Doch spielte hier, wie so manchmal im Leben, ein glücklicher Zufall eine Rolle. Es war ein paar Tage vor Beginn der Prüfung, als ich mit einem Klassengenossen ins Rektoratszimmer kam, Bücher zu holen aus der Bibliothek, die wir fleißig benühten. Plötzlich erhielt ich einen Rippenstoß: „Haltstill!" wurde geflüstert, und während ich steif wie ein Brett dastand, schrieb mein Kamerad hinter meinem Rücken, emsig wie eine Ameise. Mit seinen Adleraugen hatte er auf dem Tisch einen Zettel entdeckt, auf dem die schriftlichen Arbeiten für unser Examen notiert waren. Gab das ein Hallo, als wir mit unserer Beute ins Klassenzimmer kamen! Flugs wurden die alten Lexika herbeigeholt und übersetzt im Schweiße des Angesichts,' dann wurde der deutsche Aufsatz vorbereitet, die Auf- gaben für Physik, Mathematik usw., und so ging's „wohlbestellt" ins Examen. Aber, o weh, statt aus Taesar, de bello Gallico kam ein Thema aus Cicero, 45 de osficiis. Es wäre wohl schwer zu entscheiden gewesen, welcher von den vier Kandidaten das längste und dümmste Gesicht machte. Jedenfalls wäre es für einen Photographen ein dankbares Stück Arbeit gewesen, diese Physiognomien der Nachwelt aufzubewahren. Sollte unser Streich verraten sein? Aber wie wäre das möglich gewesen? Hatten wir unser Geheimnis doch so treu gehütet. Lei der griechischen Aufgabe wurden die Gesichter wieder fröhlicher. Das paßte und klappte aufs Haar, so auch bei allen folgenden Aufgaben. Nun, ich bin überzeugt, daß wir alle auch ohne diesen glücklichen Zufall durchgekommen wären. Auch das mündliche Examen verlief trotz schwerer Aufgaben - so mußten wir z. B. Sophokles vom Blatt weg übersetzen - ordentlich, und bald waren die Reifezeugnisse in unseren Händen. Da lag sie nun vor mir, die langersehnte, goldene, göttliche Studentenzeit! Die letzten zweieinhalb Jahre hatte ich in einem Prioatlogis zugebracht,- diese Zeit sollte ein Uebergangs- stadium bilden zwischen dem engen Anstaltsleben und der nachherigen vollen Freiheit. Denn die Schulzucht wurde strenge gehandhabt, in den Klassen, im Konvikt, wie in den Freistunden. Es waren auch oft Schüler aus anderen Kantonen, aus dem Ausland selbst, im Konvikt, guasi zur Pönitenz, untergebracht. Rauchen und Wirts- Hausbesuch waren streng verboten bis zur fünften Klasse und auch da nur denen gestattet, welche eine Bewilligung von Eltern oder Vormund vorlegten; aber „verbotene Früchte..." Heute sind ja die Kantonsschüler 46 schon halbe Studenten, haben Vereine, tragen Mützen und Bänder und kennen schon den ganzen Comment. Sie sind denn auch oft schon etwas blasiert, während für uns damals all das so neu, so erfrischend und belebend war wie ein sprudelnder Gebirgsquell. Studentenjahre. Zürich. Selbstverständlich kam ich an die nächst- gelegene Universität, nach Zürich. Mit welchem Stolz ging's da aufs Obmannamt, die Kollegien zu „belegen" und dann ebenso selbstverständlich auf die Suche nach einer „Bude." Wir hatten noch eine entfernte Verwandte in Riesbach, die Frau von Metzger P. Da bekam ich ein prächtiges Zimmer. Die Kost war, wie es bei einem Metzger ja nicht anders sein kann, kräftig und mehr als genügend; aber es war doch gar zu weit von Universität, Spital und botanischem Garten, die ja unter sich wieder weit auseinanderlagen. Schließlich wurde es des Rennens und Jagens manchmal zu viel, und so bezog ich ein Logis im selben Hause wie ein Kantonsschulfreund und aß am selben Tische, bei einer Frau W. Die gute, liebe, alte Frau war immer krank, wassersüchtig, aufs Kanapee gebannt, entwickelte trotzdem bei Tisch einen Humor, mindestens so vorzüglich wie der Appetit von unseren stets hungrigen Mägen. Sie machte sich oft lustig über die zwei jungen Mediziner, die nichts, aber auch gar nichts wüßten, um sie zu kurieren. Dafür straften wir sie mit einem, wenn mög- lich noch größeren Appetit, brachten dann aber den 47 Trost, daß wir, wenn sie es erlebe, daß wir ganz ausstudiert seien, alle Kräfte anspannen wollten, die vielen vorzüglichen Braten und die berühmten Schüblinge ab- zuoerdienen und sie wieder jung zu machen. Das Lächeln, das bei unseren burschikosen Spässen ihre Züge verjüngte und verschönte, war wie schon aus einer andern Welt. Zu meinen liebsten Kollegien zählten am Anfange diejenigen bei dem unvergeßlichen Oswald Heer, der im Sommer meistens am Morgen von 6-7 Uhr im botanischen Garten las, obwohl sich der Bortrag gewöhnlich über 7 Uhr hinauszog, so daß wir nachher die Beine strecken mußten, um trotz allen Laufens keuchend und schwitzend und doch verspätet in der Anatomie auf dem Derge droben anzulangen. Ich war damals ein überaus fleißiger Student, schrieb die Kollegien nach wie verrückt. Ja, es ist vollkommen wahr oder man glaubt es wenigstens, „was man schwarz auf weiß besitzt, läßt sich ge- lrost nach Hause tragen." Aber schon im zweiten oder dritten Semester kam ich zu der Ueberzeugung, daß die ewige Schreiberei nichts nütze, daß ich beim Verlassen des Kollegs wenig oder gar nichts mehr von dem Dor- lrage wußte. Stenographie nachzuarbeiten, die Mühe kennt "ur, wer selbst einmal mangelhaft stenographiert hat. Allein nicht nur „in den dumpfen Sälen, groß und klein, die in Parade dastanden", sondern auch auf dem Hechtboden war ich häufig zu treffen. Mein alter Freund, Leibbursche, zur Zeit wohlbestallter Bezirksarzt, sogar eidgenössischer Oberst, war „Jofinger", da war es selbstverständlich, daß ich auch dort einsprang. Da mir auch l>ie und da ein mehr oder weniger gelungener Witz 48 entfuhr, wurde mir dort die Ehre zuteil, das Kneipblatt zu schreiben. Es versteht sich von selbst, daß da jede Blöße meiner Kommilitonen unbarmherzig unter das Seziermesser genommen wurde. So ging in abwechslungsreicher Zeiteinteilung - zwischen dem Besuche der Vortrage und Demonstrationen verehrter, von ihrem Fache begeisterter Professoren und * Dozenten, dem Fechtboden, wo ich eifrig das Rapier schwang, dem Studium in Bibliothek und auf der Bude, und dem regen Verkehr mit lieben, von gleichen Idealen erfüllten Freunden, ein Semester um das andere fast unbemerkt vorbei. Am Ende des vierten Semesters meinte Freund M., es wäre doch nicht ohne, die Universität einmal zu wechseln, z. B. nach Stratzburg zu gehen, wo sein Vater, auch Mediziner, ebenfalls einige Zeit studiert hatte. Man müsse die Zeit benützen, auch etwas Land und Leute zu studieren,- wir könnten da auch richtig französisch lernen, kurz, es sei Gelegenheit geboten, mindestens drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Da ich seit dem Tode meines Vaters sozusagen selbständig war, sagte ich natürlich zu, und hinunter ging's nach Basel. Dort wurde ein kleiner Halt gemacht, namentlich auch, weil da unsere Iofinger Brüder an jenem Abend gerade Sitzung hatten. Da ich die Stadt von früher her schon etwas kannte, hätte längeres Verweilen keinen Sinn gehabt. Um die mitternächtliche Stunde zogen wir über die Rheinbrücke; dabei kam mein linker Ellbogen, wie es eben gehen kann, in etwas zu nahe Berührung mit dem Arm eines entgegenkommenden 49 Helveters. Austausch von Höflichkeiten, die Karten werden gewechselt. Stehe zu Diensten (mit Vergnügen natürlich), aber gleich morgens in der Frühe, da wir abends unsere Fahrt nach Stratzburg fortsetzen wollten. Nun hatten aber weder die Herren Helveter noch wir Zofinger Waffen und Paukwichs. Also auf später. Ich hatte die einfältige Geschichte schon total vergessen, als eines Tages ein Brief mit dem Poststempel Basel erhielt, in welchem mir kund und zu wissen getan wurde, ich möchte mich an dem und dem Tage in Bern, sage in Bern, einsinken, um den Handel auszufechten. Ich mutz nicht gerade bei besonderem Humor gewesen sein! denn ich antwortete, es gebe allerdings Ströme von Tinte in Ttratzbnrg! aber ich «nützte doch gerade von der dümmsten erwischt haben, wenn die aus meiner Feder fließende berichten sollte, datz ich einer solchen Lappalie wegen nach Bern fahren wolle. Schwamm drüber! Man kann über das Duell in guten Treuen verschiedener Ansicht sein. Die Meisten wohl betrachten es als einen Auswuchs studentischen Uebermutes, von Prahlerei und Rohheit und verlangen des entschiedensten, datz dieser Auswuchs beschnitten und beseitigt werde. Soviel ch indessen gewiß, datz es oft größere Rohheiten verhütet. Gesetzt, zwei oder mehrere Träger verschiedener darben, unter denen etwelche Animosität herrscht, treffen aufeinander, vielleicht in einem Wirtschaftslokal. Da werden erst höhnische, dann feindliche Blicke gewechselt! dann fallen anzügliche Bemerkungen. Wäre nun nicht der Ausweg da, die Karten zu wechseln und später bei ruhigem Blut die Differenz mit ein paar mehr oder B> 4 50 weniger träfen Schmarren zu schlichten, was wäre die Folge? Eine Rauferei, eine Keilerei mit Ziegenhainern und Stulbeinen, die oft übler Hausen als eine nach den Regeln der Kunst abgespielte Mensur. Sogenannte Bestimmungsmensuren, wie sie bei den Korps üblich sind, wo junge Leute sich schlagen müssen, die einander vielleicht in ihrem Leben noch nie gesehen, geschweige denn beleidigt haben, nur damit der Ehrenkodex erfüllt sei, sind natürlich barer Unsinn, oft noch etwas mehr. Straßburg. 8tru8bour§! Ln voiture, messieurs! Das waren die ersten französischen Worte, die an unser Ohr schlugen. Und hinunter ging's, erst in der Dämmerung, dann im Dunkel der Nacht, nach der „wunderschönen Stadt." Die erste Nacht brachten wir selbstverständlich im Gasthofe zu, um uns danli in der Frühe des Morgens auf die Suche zu machen nach einer Bude. Die gelben und roten Zettel mit dem ewigen „ü lauer" an den Häusern fanden wir sehr praktisch. Beim Mittagskaffee schon trafen wir eine Anzahl Mediziner aus der französischen Schweiz, die uns mit Rat und Tat an die Hand gingen. Die Universität, das fühlten wir bald am kleinen Finger heraus, war bei weitem nicht auf der Höhe der deutschen oder schweizerischen Anstalten; es war mehr eine Drillanstalt für die Armee und Marine. Und doch entbehrte der Studienplan des Interessanten und Nützlichen keineswegs. Es machte uns anfangs riesigen Spaß, zu sehen, wie diese uniformierten Studenten in der Frühe des Morgens in die verschiedenen Hörsäle getrieben wurden, wie sie jeweils beim Appell ihr „präsent" rufen 51 mußten; wie dann ein Unteroffizier Wache stand, damit ja keiner entwischen könne. O alte Burschenherrlichkeit, Wohin bist du verschwunden? Wo bist du hin, du gold'ne Zeit, So flott, so ungebunden? Während des einjährigen Straßburger Aufenthalts wurden natürlich verschiedene Ausflüge gemacht. So erinnere ich mich noch mit gemischten Gefühlen, wie wir Goetheschwärmer Sesenheim besuchen wollten, um ein Kränzlein, wenn auch nur in Gedanken, auf Friederikens Grab zu legen, und es nicht finden konnten. Wiederholt hätte sich Gelegenheit geboten, Paris zu besuchen, da von Zeit zu Zeit Vergnügungszüge mit billigen Taxen dorthin abgingen; aber immer wieder ließen wir sie unbenützt vorbeigehen, in der Meinung, nach Paris würden wir immer noch kommen. An den Rhein! war die Losung. Einer der ersten Ausflüge galt dem schönen Baden-Baden. Wir durchzogen die paradiesische Gegend, hinauf, hinunter durch Wald und Wiesen. Aber da kam der Satan, der Böse, und versuchte uns in der Gestalt eines lieben Kommilitonen. In Baden-Baden gewesen zu sein, ohne den Tpielsaal besucht zu haben, wäre dasselbe, wie wenn man uach Rom gepilgert wäre und den Papst nicht gesehen hätte. Also auf zum Kursaal! Die goldenen Pforten öff- Ueten sich den armen Studiosen, von Saal zu Saal immer größere Pracht. Und da saßen sie um die grünen Tische, und die Troupiers ließen ihre Simme ertönen: »iVlessieurs, kuites votre seu! l^e seu est iuit! k?ien ne 52 va plus!" Und die elfenbeinerne Kugel rollte, dann klang es: „^iumöro 12, rou^e, pair" usw., und mit bewundernswürdiger Sicherheit wurden die gewonnenen Beträge mit kleinen Rechen für die Bank eingezogen oder den glücklichen Gewinnern zugeschoben, oft ganze ^ Hausen von Banknoten, Gold und Silber, daß uns der Kopf zu schwindeln begann. Und der Versucher erhob abermals seine Stimme: „Seht, es braucht nichts als etwas Glück, und ihr schwimmt im Gold; ein glücklicher Wurf, und die Sorgen eines ganzen Semesters sind gehoben." Und wir holten unsere Silberstücke, welche die lieben Eltern vielleicht im Schweiße ihres Angesichtes erworben, hervor und sehten und setzten, bis nur noch etwas Kleingeld blieb. Es war ja nicht viel, was wir besessen hatten, aber alles, alles hatte der unersättliche Moloch verschlungen. So traten wir mit leichten Taschen, aber nicht mit leichtem Herzen, den Rückweg an, mit dem, wie wir meinten, festen Vorsatz: Einmal und nicht wieder. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, einmal so etwas gesehen zu haben, sei auch etwas wert und die Erfahrung am Ende nicht allzuteuer bezahlt. Am meisten hatte es uns interessiert, die Gesichter, die wechselnden Physiognomien der Spieler und namentlich der Spielerinnen zu studieren. Da saßen sie, zum Teil ohne eine Miene zu verziehen, starren Blickes nach der Roulette schauend, dann wieder pointierend, um nach einem gewissen System und Plan die Einsätze zu machen, neue Opfer für den Spieltisch zusammenzählend. Wurde ihnen ein Gewinn zugeschoben, dann wurden die Banknoten gesichtet, die Goldstücke geordnet; doch überzog bei 53 den einen kaum ein Ausdruck der Befriedigung die unbeweglichen Züge, während bei anderen der Wechsel des Glücks sich deutlich aus den Gesichtern malte. Aber nicht nur der Weg zur Hölle, sondern auch der nach Baden-Baden ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Einige Wochen später unternahm ich einen zweiten Zug ins Goldland, ganz allein. Anfangs ging alles gut; ich gewann einmal ums andere und hatte schließlich die Taschen voll Silber, wie es in Märchen und Träumen Zu gehen pflegt. Plötzlich aber wandte mir die wankelmütige Göttin den Rücken, und im Nu war sowohl der Gewinn als das eigene Geld zerstoben, wie vom Wind verweht. In etwas melancholischer Stimmung verließ ich den Kursaal mit seinem glänzenden Elend, über Fortunas Wankelmut philosophierend. In einem Biergarten in der Nähe des Bahnhofes bestellte ich mir schließlich noch ein Glas Bayrisches. Beim Bezahlen entdeckte ich im Geldbeutel noch ziemlich viel Kleingeld. Nun stieg mir eine ganz tolle Idee in den Kops. Ich ersuchte den Wirt, mir mein Kleingeld gegen ein Zwei- guldenstück einzuwechseln, und nochmals ging's dem » Kursaale zu. Du hast ja das letzte Mal mit Rot angefangen, sagte ich mir, und setzte klopfenden Herzens Mein Geldstück auf diese Farbe. „Schwarz!" rief der Eroupier mit einer Stimme, die mir wie die Posaune des Gerichtes klang, und höhnisch - so schien es mir wenigstens — zog er mit seinem Rechen meinen Schatz 3u sich. Da stand ich nun wie ein begossener Pudel Mieder im Park. Der letzte Zug war unterdessen abgefahren, und mein Hab und Gut betrug nicht mehr 54 ganz zwei Franken. Was tun? Die Uhr versetzen wollte ich nicht- so blieb keine andere Wahl, als den Weg unter die Füße zu nehmen. Und so ging's von Dorf zu Dorf, Straßburg zu. Es mochte etwa zehn Uhr sein, als ich in Ottersweier ankam. Ich trat in die hell erleuchtete Gaststube im „Löwen" - zu einem Glase Wein und einem Stück Brot reichte es ja noch. Bescheiden setzte ich mich etwas abseits an einen Tisch, während der Wirt mit den Honoratioren des Dorfes an einem andern beim Abendtrunk sah. Die Kellnerin brachte mir mein Glas auf einem feinen Teller- da ich ordentlich gekleidet war, setzte sie offenbar ein entsprechend gespicktes Portemonnaie voraus. iUuis I'kubit ne iuit pus toujours le moine. Der forcierte Marsch mutzte mir nach der Aufregung des Nachmittags doch etwas in die Kniee geschlagen haben- die Müdigkeit übernahm mich, und ich fragte die Kellnerin, was die Nachtherberge koste. Da ich aber den geforderten Preis nicht mehr besaß, galt es, weiter zu marschieren. Da näherte sich der Wirt, ein freundlicher jüngerer Mann, der mich jeden- » falls schon länger beobachtet hatte. Gewiß waren ihm schon mehr solche „Abgebrannte" vorgekommen, so daß er auch in diesem Falle seine Diagnose gleich richtig stellen konnte. Als er auf seine Frage erfuhr, ich sei ein Straßburger Student, meinte er lachend: ,,^b, vous uve? äte clier Lärmtet (so hieß der damalige Spielpächter), und als ich das freimütig zugestand, gab ein Wort das andere. AIs er ferner erfuhr, daß er einen Schweizer vor sich habe, rief er der Kellnerin zu: „Der Herr wird hier über Nacht bleiben, Zimmer so und so!" 55 Tr hatte längere Zeit in Zürich und in der französischen Lchweiz gelebt und war dem kleinen Lande, seinen Bewohnern und seinen Institutionen sehr sympathisch gesinnt. Schließlich lud er mich ein, am Tische der kleinen Gesellschaft Platz Zu nehmen; in angeregtem Gespräche war Mitternacht herangekommen, ehe man sich's versah. Am Morgen stattete mich der gefällige Herbergsvater noch mit dem nötigen Gelde für die Rückfahrt nach Straßburg aus, von wo ich selbstverständlich meine Ehrenschuld sofort tilgte. So klug war ich denn doch gewesen, nicht meine ganze Barschaft nach dem grünen Tische mitzunehmen. Eine Ferienfahrt führte mich den Rhein hinunter nach Mainz. Die alte Festung imponierte mir gewaltig, wie übrigens auch Straßburg mit seinen Wällen, Gräben, Toren und Kasematten. Bon Mainz wurde noch ein kleiner Ausflug gemacht nach Frankfurt a. M., der „Römer" bewundert, im Goethehaus geschwärmt und dann noch ein Abstecher nach Homburg unter- nommen. Wie bereits angedeutet, war in Straßburg von einem Ltudentenleben, ähnlich demjenigen an schweizerischen oder deutschen Hochschulen, absolut nichts zu spüren, vereine waren verboten, daher von Farben und Mühen, Kommersen, selbstverständlich auch von Mensuren keine bpur. Gleichgesinnte fanden sich etwa abends am Biertische zusammen; aber da drehte sich das Gespräch um Tagesneuigkeiten, Theater und andere derartige Gegenstände. Politik zu treiben war unmöglich, aber auch total unnötig. Die Jugend sonnte sich in der Gloire 56 de la grande nation, welche der Abenteurer an der Seine so hübsch am Gängelbande zu führen wußte. Die großen Artilleristen in ihren schmucken Uniformen, die Kürassiere mit den roßschweisgeschmückten Helmen, die Thasseurs d'Afrique belagerten die Billards wie die Boulevards; die durch den Putsch Napoleons III. historisch gewordene Kaserne in der Rue soupe ü l'eau war sozusagen ver- » gessen, und kein Mensch hier hatte eine Ahnung, daß jenseits des Rheines gearbeitet wurde, fieberhaft, daß ein Heer herangebildet wurde, das in der Schlacht von Sadowa die erste Revanche nahm für die erlittenen Drangsale und die unter Louis XIV. und Napoleon I. erduldete Demütigungen, für all die Fußtritte, die sich die deutsche Nation in ihrer Ohnmacht und Zersplitterung hatte gefallen lassen müssen. Ich will hier abbrechen, da Straßburg in meinem Lebenslaufe später wieder berührt werden wird. Mit den besten Zeugnissen ausgerüstet — selbstverständlich — sagten wir der schönen, uns liebgewordenen Stadt Lebewohl und kehrten zurück nach unserem lieberen Zürich. Wieder in Zürich. Hier galt es nun, ein Stück ernster Arbeit zu bewältigen, da Straßburg, wie gesagt, in wissenschaftlicher Beziehung weit hinter Zürich lag. Es war im Winter 1865, also im siebenten Semester, wo man schon etwas wissen soll. Ich hatte eben noch mit acht Semestern zu rechnen, während die Medizner von heute deren zehn bis zwölf studieren. Da bot sich Gelegenheit, gerade in die Fußstapsen meines Freundes Naegeli einzutreten und Assistent in der Poliklinik zu 57 werden. Gegenüber der heutigen Großstadt war das damalige Zürich noch ein kleines Nest. Und trotzdem herrschte so viel Armut und Elend! Kräuel, Außersihl usw. waren Orte, wo Mangel und Unsittlichkeit ihren Sitz aufgeschlagen. Die Stadt war da in eine Anzahl von Kleinen Bezirken eingeteilt. Jeder poliklinische Student hatte die Aufgabe, täglich sein Quartier, das ihm zugewiesen wurde, zu durchwandern, die armen Kranken zu besuchen, Rezepte zu verschreiben, die dann gratis in der Spitalapotheke zubereitet wurden, während ich verpflichtet war, bei schwereren Patienten persönlich nachzusehen, eventuell den Professor, Herrn l)r. (Soll, zurate zu ziehen. Plötzlich kam die Nachricht, es stehe sehr schlimm wit dem lieben Mütterlein; ich eilte nach Hause,- doch bald war das liebe Auge erloschen, und das treueste Herz hatte aufgehört zu schlagen (22. Oktober 1865. Nach Zürich zurückgekehrt, fand ich natürlich wieder Arbeit die Fülle. Die Kollegien mußten doch besucht werden; dann galt es, zu Haus auf der Bude zu arbeiten und dazu die Assistenz in der Poliklinik zu besorgen. Fatalerweise war damals gerade die Kost etwas Mangelhaft. Da war nicht mehr die besorgte alte Frau Wyß mit Bäbeli, der rastlosen Köchin. Ich glaube, Wagenbeschwerden wären keine zu riskieren gewesen, wenn ich allein alles aufgezehrt hätte, was da unter sieben Personen geteilt werden mußte. Bei der rauhen Witterung stellte sich dann noch heftiger Husten ein, derart, daß es oft zum Brechen kam, mit heftigem Dlutspeien. 58 Es war eines Abends um die Dämmerstunde, als ich das „Halseisen" hinankeuchte, durch den Schnee. Aus der Höhe des Künstlergütli stellte sich wieder eine heftige Attacke ein, als zufällig Freund Huguenin, damals Assistent bei Professor Biermer, jetzt selbst Professor, des Weges kam. In seinem Jüribieter-Seebuben-Dialekt fragte er: „Wos machst do, wos machst?" „Da kannst du ja die Sauce sehen", antwortete ich, auf den mit . Blut gefärbten Schnee hinweisend. Ohne viel Federlesens nahm er mich beim Arm (ich hatte noch ein krankes Kind, hoch oben in Fluntern, besuchen wollen) und führte mich ins Spital. Da begann nun ein gewaltiges Gebühren. Die Temperatur gemessen, auskultiert, per- kutiert, um irgendwo einen tuberkulösen Herd oder etwas derartiges Verdächtiges zu entdecken. Am Morgen gab sich der Herr Professor in Person noch alle erdenkliche Mühe. Glücklicherweise umsonst, ohne ein positives Resultat. Ich fühlte mich vollkommen wohl, keine Spur von Fieber, auf der Brust nichts Krankhaftes; stammte ich doch, wenigstens was Lungenaffektionen betrifft, aus einer vollkommen gesunden Familie. Was mir fehlte, darüber war ich nicht im Zweifel; es war das Essen, und da war ich nun am richtigen Ort. Huguenin hatte auch den Speisezettel für die Patienten zu schreiben, und da gab es nun tüchtige Extrazulagen, so daß die Köchinnen bedenklich den Kopf schüttelten über den Appetit des Studenten aus Nr. 126. Der s.... schließlich noch den ganzen Spital aus. Dazu verordnete der Herr Professor Fischthran, täglich drei Eßlöffel, und damit der unangenehme Geschmack sich besser verliere, 59 ausgezeichneten Veltliner. Das schreckliche Oel wollte mir aber absolut nicht hinunter; die Lust, mich zum Einnehmen zu zwingen, war um so geringer, als ich mich bald vollkommen wohl fühlte. Die drei Eßlöffel Fischthran wurden daher pünktlich an einen gewissen Ort getragen, was vom Veltliner nicht gesagt werden kann. Vier Wochen dauerte der Aufenthalt im Spital; es war mir aber schon von der zweiten an gestattet, Kranke zu besuchen usw. Nach dem Austritt wurde natürlich schleunigst der Kostort gewechselt; ich hatte diesmal mehr Glück. In diesem siebenten Semester war viel gearbeitet, das Studentenleben auf ein Minimum reduziert worden. Mit welchem Stolz die vier Napoleons, Mein Gehalt als poliklinischer Assistent, das erste selbstverdiente Geld, auf dem Rathaus in Empfang genommen wurden, wäre schwer zu beschreiben. Bern. Nun wurde Zürich abermals Lebewohl gesagt. Ich hatte beschlossen, das achte Semester in Bern Zuzubringen und daselbst das Doktorexamen zu machen. Daß hier das Studentenleben sozusagen ganz liegen gelassen wurde, ist selbstverständlich. Die acht Tage Klausur sür die schriftlichen Arbeiten nahmen ein Ende wie alles in der Welt, und nachdem noch das mündliche Examen an dem schrecklichen grünen Tisch abgelaufen, war ich wohlbestallter Ooctor meciicin. et cliirurZ., cum laucle. Ts war das allerdings keine besonders gute Note (mit Lab); wenn ich aber bedachte, daß die Meisten ein Jahr länger studierten, bis sie so weit waren, mußte ich mich Zufrieden geben und mir den Humor nicht trüben lassen. 2lls Entschädigung für ausgestandene Examennot erlaubte 60 ich mir eine kleine Tour ins Oberland. Ein Freund, der mitkommen wollte, hatte sich verschlafen, so unternahm ich die Wanderung allein. Ich habe dieses Alleiu- reisen später noch oftmals praktiziert und immer mit größtem Genuß. Don Interlaken ging's nach bescheidenem Frühstück nach Lauterbrunnen, zu Fuß natürlich. Immer wilder wurde die Gegend, immer größer auch der Genuß. Dom Staubbache fiel mir die Trennung schwer. Im Hotel Staubbach gab's ein kleines Mittagessen; der Billigkeit halber, wie ich meinte, wurde eine Flasche Bier statt Wein bestellt. Da das Getränk ausgezeichnet, das Wetter sehr heiß war, folgte eine zweite Flasche. Wie erstaunte ich aber (wie doch solche Kleinigkeiten oft im Gedächtnisse hasten bleiben!), als die zwei Flaschen Bier mit nicht weniger als vier Franken berechnet wurden! Es war Ale, ein teures, englisches Bier gewesen. Beim Aufstieg nach der Wengernalp war das kleine Intermezzo bald vergessen. Die Natur übernahm es, mich für die erlittene Unbill hundertfach zu entschädigen. Der Sonnenuntergang aus der Wengernalp, im Angesichts der Alpenriesen, alle überragt von der majestätischen Jungfrau, in der Pracht des Alpenglühens, wer wollte das beschreiben? Im Gasthose sehe ich mich kühn zu Engländern und Franzosen; das Nachtessen war aber auch nicht im Billigmagazin gekauft. Am Morgen ging's früh aus den Federn. War doch der Tag entzückend schön. Mit nüchternem Magen wanderte ich hinunter nach Grindelwald, dann zum gleichnamigen Gletscher, immer und immer wieder angebettelt und angesungen von schmutzigen Buben und Mädchen. In einer 61 Hütte hätte ich gern etwas Milch und Käse zu mir genommen; aber in solchem Schmutze verging auch der stärkste Appetit; es war mir absolut unmöglich, von dem Dargebotenen das Geringste zu genießen. Also vorwärts! Für den Durst gab's ja gratis „Gletschermilch." So erreichte ich, wenn auch etwas erschöpft, die große Scheidegg. Nach längerer Rast ging's an den prächtigen Rosenlauigletscher, natürlich auch in die Gletscherhöhle hinein, dann hinunter nach Meiringen und mit einer Retourchaise noch nach Brienz. Der folgende Abend sah mich wieder in Bern. Unterdessen hatte die Weltgeschichte einen bedeutenden Ruck nach vorwärts gemacht. Der siebentägige Krieg war beendet. Die Kanonen von Königgrätz hatten eine neue Aera verkündet. Da noch ziemliche Zeit verstrich, bis das Staatsexamen gemacht werden konnte, benühte ich die Gelegenheit, die Fremde noch etwas zu besehen. Prag. Wie oft hatte ich als Student mit alten Häusern begeistert gesungen: Auf nach Pragien, aus nach Pragien Sollst, du Musengaul, mich tragien. Nun sollte es doch wahr werden. Bald lag es vor mir; Prag, das hunderttürmige. In diese Stadt zog es mich in erster Linie wegen dem Praktikum in der Geburtshilfe. Der Name Seiffert zog damals Studenten aus aller Herren Ländern an. Aus dem Windberg bezog ich Quartier in der sogenannten Kaserne, einem der Entbindungsanstalt gegenüberliegenden, langgestreckten, einstöckigen Gebäude. Eigentliche Kurse wurden aber nicht 62 gehalten, und nur der Gefälligkeit des Assistenten, des jetzigen Professors Säxniger, hatten wir (zwei Schweizer und zwei Schleswig-Holsteiner) den Zutritt usw. zu verdanken. Denn Prag war voll von preußischen Truppen, von Verwundeten, von Tholerakranken, so daß in der kurzen Spanne Zeit von sechs Wochen doch sehr viel zu sehen und zu lernen war. Die nötigen Brocken, um bei den czechischen Insassinnen auch ein kleines Krankenexamen aufnehmen zu können, waren bald aufgeschnappt. Abends trafen wir gewöhnlich den Professor, der oft bis Mitternacht am Biertisch im Schary-Garten vor den aufmerksamen Zuhörern die Schätze seines Wissens entfaltete. Hochinteressant war auch der Besuch des Tholera- spitals. Da lagen schon Leichen mit den weißen Tüchlein über den schmerzverzerrten Gesichtern, dort andere, die sich in ihren Wadenkrämpfen wanden, da wurden stets neue Kranke hereingebracht. Und oft, wenn man am folgenden Morgen nach einem Wärter oder einer Krankenpflegerin fragte, war die ganze Antwort ein bedeutsames Nicken und ein Wink nach der Totenkammer. Wien. In ermüdender Eintönigkeit rollt der Zug durch die Nacht. Es graut ein nebliger Morgen; doch endlich ist es erreicht, das herrliche, fröhliche Wien, die alte Vindobona. Die Reisenden reiben sich die verschlafenen Augen, recken und strecken gähnend die steifgewordenen Glieder. Ich ergreife meinen kleinen Reisesack, denn omniu meu mecum porto (ich trage all' meine Habe mit mir) ; ich bin „an der schönen, blauen Donau", bin in Wien. Wien zählte damals fast eine Million Einwohner. Den Mittelpunkt 63 der Stadt bildet der Stephansdom, eines der schönsten Denkmäler deutscher Baukunst. In der Augustinerkirche hat Abraham a Santa Clara gepredigt. Don den neueren Kirchen hat mir besonders die Botivkirche gefallen. Sie ist erbaut zum Andenken an die Errettung des Kaisers aus Mörderhand 1853. Ein eigentümliches Wahrzeichen ist der „Stock im Eisen." Es ist ein kurzer Baumstamm, mit Klammern verwahrt, welche nebst dem Schloß ein dem Teufel ergebener Schlosserlehrling geschmiedet haben soll. Jeder wandernde Schlossergeselle schlug, so lange noch ein Fleckchen Raum war, einen Nagel in den Ltamm. Dieser soll das Ende des Wiener Waldes bezeichnet haben. Das medizinische Leben ist ein wahrhaft großartiges, das allgemeine Krankenhaus eine kleine Stadt. Die Kliniken, der Kurs daselbst, sowie ein paar von Assistenten geleitete Privatkurse, boten des Interessanten und Belehrenden fast erdrückend viel. Nach einem kurzen Aufenthalt in München kam ich wieder über den Bodensee zurückgeschwommen. Das Nächstliegende war nun natürlich die Vorbereitung für das Staatsexamen. Es war damals noch kantonal, und da mußte das ganze Wissen auf einmal ausgekramt werden. Da konnte man noch nicht ein Propädeutikum, dann in einem folgenden Semester wieder ein Examen wachen; bis die ganze Geschichte con amore abgewickelt war, mußte Chemie, Zoologie und Botanik nochmals repetiert werden. Einige Tage nach meiner Rückkehr entdeckte ich an der Stirne ein paar rötliche Knötchen oder Bläschen, 64 dazu trat etwas Kopfweh und allgemeines Unwohlsein. Ich wurde nicht recht klug aus der Sache, machte mir nichts daraus und war auch nicht eine Stunde im Bett. Da kamen eines Tages Bruder Jakob und Schwager H. auf Besuch, blieben etwa zwei bis drei Stunden. Während dieser Zeit saß ich auf dem Kanapee und plauderte mit ihnen. Beide kamen nach Haus, und beide erkrankten aus den Tod — an Pocken. Keine Frage, sie hatten diesen Krankheitskeim bei mir geholt. Meine paar Bläschen waren also Dariola in leichtester Form, aus der sich dann zwei Fälle allerschwerster Art entwickelten. Aber woher kam die Krankheit bei mir? Weder in einem Wiener, noch in einem Münchner Spital hatte ich einen Pockenkranken gesehen, sonst hätte sich die Diagnose von selbst aufgedrängt. Zweifelsohne hatte ich die Keime in einem Gasthofbett in München erwischt, vielleicht auch auf der Eisenbahnfahrt. Aus guten Gründen lautete mein Billet nicht aus die erste Klasse,- da gab's denn unter der Reisegesellschaft oft auch allerlei unsauberes Slovaken- und Kroatenvolk. Merkwürdigerweise blieb Bruder Fritz, bci dem ich wohnte, mit Familie und Gesinde, völlig frei von der Krankheit, während sie in einem Nachbarhause, wo ich mich scheint's zu früh blicken ließ, ebenfalls auftrat. Gefährlicher hätte für mich ein Sontagnachmittags- ritt, er hätte ein Todesritt werden können. Ich saß am Tisch und arbeitete, als ein Freund und Vetter daher kam, mich zu einem Spazierritt einzuladen. Lange sträubte ich mich. Schließlich wurde gesattelt, und in munterem Trabe ging's nach Schönholzerswilen, dem Wohnorte — 65 meines Begleiters. Dort wechselten wir die Pferde,- das seinige war nicht besonders vertraut und konnte namentlich die Sporen absolut nicht leiden. Nachdem wir noch in Mettlen gewesen, meinte mein Begleiter, wenn ich sein Pferd reite, begleite er mich noch bis nach Haus, es sei ja noch früh. Oberhalb Laachen, ich weiß nicht, ob das Tier über etwas erschrocken war, oder ob meine Sporen es berührt hatten, ging es plötzlich durch, und wie ich mich im Sattel noch recht festsetzen wollte, fiel ein Bügel aus dem alten, morschen Sattel klirrend auf die Straße. Ich glaube, es war an derselben Stelle, wo vor Jahren die aufmerksamen Schwestern mich aus dem Kinderwagen verloren. Nun war mir klar, daß mein Schicksal besiegelt war; denn ich war durchaus kein perfekter Reiter,- um beim Hinunterfliegen nicht hängen zu bleiben, zog ich den andern Fuß aus dem Bügel. Und, hurre, hurre, hopp, hopp, hopp, ging's fort in sausendem Galopp, bei Reuti vorbei, bis ich, vielleicht etwa hundert Lchritte ob dem Dorfe doch noch in den Sand flog. Bon da an weiß ich lange, lange nichts mehr. Line tiefe Ohnmacht infolge der erlittenen commotio cerebri (Gehirnerschütterung) hatte mich umfangen: mehrere Wochen sind aus meinem Leben total ausgelöscht. Auf den Bor- schlag von Bruder und Schwägerin, einen Arzt zurate Zu ziehen, soll ich energisch protestiert haben mit der Behauptung, die verständen ja alle miteinander doch nichts. Soviel ist mir noch erinnerlich, daß ich alles vollkommen vergessen hatte, nicht nur die jüngsten Ereignisse, sondern mein ganzes Studium, daß, wenn ich wieder ein Buch zur Hand nahm, mir aufdämmerte: W 5 66 „Jawohl, das hast du alles auch einmal gewußt." So war alles noch einmal durchzunehmen. Als mir im Lehrbuche der Chirurgie das Kapitel „Hirnerschütterung" vorkam, überlief es mich siedend heiß, als da stand, daß die Sache, wenn man auch ganz hergestellt sei, immer noch verdächtig bleibe. Es können im Schädel, namentlich an der Basis, kleine Fissuren entstehen und sich später ein Abszeß entwickeln; ja, es sei ein Fall bekannt, wo solches sieben Jahre nach der erlittenen Verletzung noch passiert sei. Das grub sich tief in mein » Gedächtnis ein, und erst als sieben Jahre bei vollständigem Wohlbefinden verflossen waren, fühlte ich mich vollkommen frei. Dann kam das Staatsexamen. Die schriftlichen Arbeiten gingen gut, ebenso, das Praktikum; beim mündlichen aber waren die Anforderungen doch noch etwas zu stark an mein vielleicht noch nicht ganz normales Gehirn. Kurz, ich hatte das Vergnügen, in zwei Fächern eine Nachprüfung bestehen zu dürfen. Diese Zwischenzeit wußte ich nirgends besser zuzubringen als im Spital Münster- lingen, wo ich unter der so trefflichen, freundschaftlichen Leitung von Herrn Dr. Kappeler noch diese und jene Lücke auszufüllen Gelegenheit hatte. Endlich war auch das letzte Examen bestanden; mit dem Patent in der Tasche konnte ich, wie ein alter Praktiker sich drastisch ausdrückte, „auf das Publikum losgelassen werden." Don Herrn Or. Henne, damals Irrenarzt in Münster- lingen, hatte ich die Privatapotheke gekauft; Bruder Fritz hatte dieselbe mit meinen wenigen Effekten abgeholt, und nun harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. 67 Welcher Arzt sollte seinen ersten Patienten vergessen? Es war am 23. Februar 1868. Ich lag, müde von der Fahrt des vorhergehenden Tages, noch in tiefem Schlummer, als mich mein Bruder weckte mit der frohen Botschaft: „Ein Patient!" Das wirkte elektrisierend. Ich hatte als poliklinischer Assistent, dann stellvertretend für meinen Freund Dr. Albrecht, dann auch für den nachmaligen Bundesat Or. Deucher, schon viele, viele Kranke selbständig untersucht und behandelt, aber doch nicht mit dem Gefühl des Stolzes und der alleinigen Verantwortlichkeit wie hier. Dieser, mein erster Patient war ein gewisser B. von D., ein währschafter Bauer von vielleicht fünfzig Jahren. Als ich ihn fragte, wie er dazu komme, seine Zuflucht zu einem ganz jungen Anfänger zu nehmen, während es doch hüben und drüben erfahrene Aerzte gebe, antwortete er, er habe kalkuliert: „Das ist allerdings ein Anfänger, aber gerade deshalb wird er sich alle Mühe geben, mich zu kurieren, um neue Kunden zu erhalten. Zudem kommt er gerade von den Hochschulen und Spitälern, wo er die neuesten Behandlungsmethoden kennen gelernt hat." Ueber diese raffinierte Logik und Schlauheit mußte ich herzlich lachen. Nachdem ich ihn untersucht hatte, verlangte er, meine Ansicht zu wissen. Auf meine Erklärung, sein Leiden sei unheilbar, es werde sich jeden Frühling und Herbst störend einstellen, machte er ein etwas negatives Gesicht. Doch blieb er mein treuer Patient bis an sein seliges Ende. Am gleichen Tage kam, wie mir mein erstes Journal Zeigt, noch ein Patient, am folgenden waren es schon 68 deren vier, dann zur Abwechslung wieder zwei oder einer, manchmal auch gar keiner, aber im ganzen entwickelte sich meine Praxis, trotzdem der frühere Arzt von Neukirch seinen Assistenten noch dreimal wöchentlich nach dem kleinen Dörfchen hinausschickte, recht ordentlich. Dann begann die militärische Laufbahn. Da wurde man ohne weitere Umstände in die schöne, kornblumenblaue Uniform gesteckt (o Mörsburg, mit deinem idyllischen Zauber!) und als Lieutenant zum Sanitätskurs nach Luzern kommandiert, für drei Wochen. Dieser Kurs war im Grunde nicht viel anderes als eine neue Auflage wiedererwachenden Studentenlebens unter etwas anderen Umständen. Da traf man alte Freunde, mit denen man seiner Zeit da und dort studiert hatte, und lernte neue kennen. Es herrschte natürlich militärische Ordnung, und die Theorien von morgens halb fünf bis sieben Uhr sind wohl allen Teilnehmern noch in mehr als zweifelhaftem Andenken. Dann mußten wir auswendig lernen, was die verschiedenen Fourgons alter und neuer Ordonnanz enthielten, wie viele Teppiche, Leintücher usw. Es wurden auch praktische Uebungen vorgenommen in der Einrichtung von Ambulanzen. Das Angenehmste an der ganzen Geschichte waren die zwei Stunden Reitunterricht täglich, mit dem Ausritt nach Rotzloch. Wie ich da auf dem „Silvan" meine Schenkel zerschunden, braucht nicht schriftlich fixiert zu werden. Eine erwünschte Unterbrechung bildete ein eintägiger Urlaub zum Besuche des eidgenössischen Schützenfestes in Zug. Zum Schlüsse kam noch der Oberfeldarzt, den 69 linken Aermel geschmückt mit der eidgenössischen Feldbinde, dem weißen Kreuz im roten Felde, zu der obligaten Prüfung. Auf diesen im wahrsten Sinne des Wortes würdigen Herrn hatte unser Herr Oberinstruktor R. schon längst aufmerksam gemacht, seine Stellung und seinen Gehalt, den er mit dem schönen Vers illustrierte: Der Oberfeldarzt hat etwas, Man darf es fast nicht sagen, was, Er hat zwölfhundert Franken. Bei seinem Schlußwort waren wir ziemlich erstaunt, zu vernehmen, daß wir Vorzügliches geleistet hätten, während man im Innersten eigentlich der Meinung war, den Sold, den einem das teure Vaterland bezahlte, nicht verdient zu haben. Ls soll aber heute noch etwa so gehen, natürlich nicht bei der Sanität! Wieder zu Hause angelangt, führten mich berufliche Pflichten hie und da in das Haus des Herrn Pflegers W. in A. Und da war es um meine Freiheit geschehen. »Die oder keine" war, wie es glücklicherweise heute noch etwa vorkommt, die Losung, als ich das holde Töchter- lein näher kennen lernte. Aber es brauchte einen harten Kampf. Eisen ist eigentlich zu wenig gesagt, die Willensstärke meines künftigen Schwiegervaters zu bezeichnen. Dertha sei noch viel zu jung, um ans Heiraten zu den- ben. Vielleicht mochten ihm auch meine noch etwas studentischen Manieren und Allüren nicht die nötige Garantie bieten für das Glück seines Kindes. Aber heimliche Lieb ... Und wenn ich wie weiland Laban um die Rache! zweimal sieben Jahre hätte dienen müssen, 'ch hätte es fertig gebracht. 70 Dann klang's abermals wider von Krieg und Kriegsgeschrei — man schrieb 1870. Da packte ich mein Bündel aufs neue und eilte in Uniform nach dem Schauplatze des Schreckens. In Basel gab's ein Zusammentreffen mit zwei Kollegen, die denselben Plan hatten: Neues zu sehen, dabei verwundeten und kranken Nebenmenschen beizustehen. Das Hilfskomitee wies uns nach Karlsruhe. Dort sollten « wir bei der Direktion der sanitarischen Organisation Weisung erhalten, wo wir allenfalls Verwendung finden könnten. Die beiden Kollegen wurden beordert zur Begleitung von Sanitätszügen, während ich zu den Belagerungstruppen von Straßburg nach Kehl dirigiert wurde. Wie manchmal war ich doch als froher Student Sonntags von Straßburg nach dem schönen Kehl gepilgert, und nun sollte ich dorthin in die Batterieen, um zu helfen, Tod und Verderben auf die arme Stadt zu schleudern. Das liebliche Städtchen lag zum großen Teil in Trümmern; es wurde am Tage wenig mehr geschossen, so daß ich mit meinem Krankenwärter in den Straßen herumpilgern konnte wie im tiefsten Frieden. Da wanderte mancher Schinken und manche Flasche Wein aus den Kellern zusammengeschossener Häuser in die Batterieen südlich und nördlich von der Brücke. Wohl mancher mag auch ein vielleicht mehr oder weniger wertvolles Andenken mitgenommen haben. Das meinige bestand in einem wohl wertlosen Täßchen, das der zurückgekehrte Hausbesitzer schwerlich vermißt haben wird. Aber am Abend, wenn die Nacht sich herabsenkte 71 auf Fluß und Flur und Stadt, da begannen die Schrecken des Krieges. Vor unseren Kasematten stand eine ziemliche Anzahl Mörser, welche die ganze Nacht hindurch eine schreckliche Musik machten, abgesehen von den langen Belagerungsgeschützen, die Granaten und anderes derartiges Teufelszeug in die geängstigte Stadt warfen. Die Geschosse, die da in gewaltigem Bogen wie mächtige glühende Bälle durch das nächtliche Dunkel flogen, gewährten einen schauerlich-schönen Anblick. Gefahr war eigentlich wenig dabei; man sah die Feuerkugeln daherkommen, und wenn sie die Richtung etwas gar zu sehr nach unserem Standort nahmen, konzentrierte man sich schleunigst rückwärts in die Kasematten und ließ sie draußen platzen. Und so brüllten Hunderte und Hunderte von Feuerschlünden die ganze Nacht hindurch. Während der ganzen Dauer der Belagerung wurden von deutscher Seite etwa 193,000 Schüsse abgegeben. 448 Gebäude lagen in Trümmern, darunter die Neukirche. Mit mathematischer Sicherheit näherten sich die Belagerer der Festung. Alle Ausfälle wurden zurückgeschlagen. Die dritte Parallele vor dem Steintor hatte ihre Bollendung erreicht und das Breschenschießen begann. Die Vorbereitungen zum Sturme waren getroffen, als General Ulrich am 27. September, nachmittags 5 Uhr die weiße Fahne am Münster hissen ließ. Ueber 17,000 Mann streckten die Waffen, 1200 Bronzegeschütze, 12,000 Thassepots, 1800 Pferde usw. wurden erbeutet. In Kork, einem etwas weiter rückwärts gelegenen Orte, war das Hauptquartier und der Standort des Großherzogs von Baden. Die Deutschen hatten gehofft, — 72 — durch eine schreckliche Kanonade die Uebergabe Straß- burgs zu erzwingen. (Bravourschuß auf das Kreuz auf dem Münster.) Aber sie mußten doch zur regelrechten Belagerung schreiten, mit Laufgräben und Parallelen. Und Ulrich wankte immer noch nicht. Als Freiwilliger konnte ich mit meinem Passe, der vom preußischen Gesandten in Bern, General von Boeder, unterzeichnet war, mich begeben, wohin ich wollte. Dies benutzend » zog ich hinunter in der Richtung nach Wörth. Da traf ich es gut. Ein Schlößchen in der Nähe des Schlachtfeldes, Walburg, beherbergte in schönen Räumen etwa sechzig französische Verwundete, Offiziere und Soldaten, ohne Arzt, denen meine Hilfe gelegen kam, bis wieder, nach etwa vierzehn Tagen, ein Schweizer Arzt (von Schaffhausen) mich ablöste. Ueber die Schlacht von Wörth oder von Fröschwiller oder Reichshofen, wie die Franzosen sie nennen, kann ich mich natürlich nicht weit verbreiten. Es war am 6. August. Mac Mahon hatte den hohen Talrand des Sonderbachs bis nach Reichshofen hin besetzt, als der Kronprinz von Preußen, nach dem Siege von Weißenburg am 5. August seinen Marsch fortsetzend, heranrückte. Hüben und drüben wurden Wunder der Tapferkeit verrichtet; die französische Kürassierbrigade Michel, von einem Lancier-Regiment unterstützt, versuchte, von Ebersbach her vordringend, die preußische Infanterie aufzuhalten und wurde bei Morsbronn fast vollständig vernichtet. Die Deutschen hatten 10,642 Mann verloren, die Franzosen an Toten und Verwundeten 8000, außerdem 6000 unverwundete Gefangene, 6000 Versprengte, 73 einen Adler, vier Fahnen, 28 Geschütze und fünf Mitrailleufen. Aus den Trümmern der Kirche von Fröschwiller nahm ich als Andenken ein Stück von der beim Brande geschmolzenen Glocke mit, ferner eine Turkomütze, eine Hülse von einer Mitrailleusenpatrone, dann einige Briefe, wie sie auf dem Schlachtfeld in unendlicher Menge herumlagen. Alle diese Andenken an jene schreckliche Zeit wären nicht leicht zu kaufen. Aus der Fahrt von Kehl nach Walburg mutzte einmal übernachtet werden. In einem Bauernhause, wo ich deswegen vorsprach, wurde ich nicht mit besonders freundlichen Blicken empfangen, da man wohl meine Uniform für die der Bayern, der gesürchteten „blauen Teufel", hielt. Wo man ein Ieitungsblatt in die Hand bekam, las man allerlei tolle Geschichten, wie da und dort ein einzelner deutscher Soldat von den Franzosen gegen alles Kriegs- und Völkerrecht ermordet worden oder spurlos verschwunden sei. Alles das ging mir im Kopf herum; als ich die Kammertüre schließen wollte und keinen Riegel vorfand, schien mir die Sache nicht ganz geheuer. Ich lehnte daher den einzigen vorhandenen Stuhl derart an die Türe, datz er beim leisesten Versuch, diese zu öffnen, hätte umstürzen und mich mit Ge- polter wecken müssen. Es war aber glücklicherweise unnötige Angst; am Morgen fand sich mein Stuhl noch genau in derselben Stellung. Mein nächstes Ziel war Metz. Allein in Reichshofen, wo unter den zusammengepferchten Verwundeten Typhus und Dysenterie herrschte, überkam auch mich nach einigen 74 Tagen heftiges Unwohlsein. Da ich nicht selbst Insasse eines solchen schauderhaften Spitals werden wollte, rich- tete ich meine Schritte wieder nach Kehl. Damit war meine „kriegerische Laufbahn" im Eisast beendet, und über Basel ging's in tunlichster Eile wieder der Heimat zu. Wenn ich auf dieser Streife auch nicht soviel hatte nützen können, als ich gehofft, so wird doch das ganze Getriebe des wirklichen, mörderischen Krieges, all die , schrecklichen Szenen und Bilder, meinem Gedächtnis für immer unauslöschlich eingeprägt bleiben. Wer da nicht ein abgesagter Feind des Krieges und ein Freund der Friedensbestrebungen wird, der mutz eigentümlich geartet sein. Nachdem mich die Sehnsucht nach Hause getrieben, begann wieder dasselbe Hangen und Bangen. Doch es sollte auch draußen noch keine Ruhe geben. Das gewaltige Ringen im Westen wollte kein Ende nehmen. Bon Zeit zu Zeit verkündeten die Kanonen von Konstanz neue deutsche Siege. Der Bundesrat hatte natürlich aus alle diese Vorgänge ein wachsames Auge; alle Maßregeln wurden getroffen, die Grenze von Genf bis Basel möglichst rasch besetzen zu können. Unsere Division blieb auf Pikett gestellt. Am 8. Dezember hatte Bourbaki Befehl erhalten, die Ostarmee zu bilden und mit dieser, 150,000 Mann stark, Belfort zu entsetzen, das Elsaß wieder zu nehmen und die deutsche Verbindung zwischen Paris und dem Rhein zu unterbrechen. Nach der dreitägigen Schlacht an der Lisaine gegen General v. Werder trat Bourbaki den Rückzug aus Besan^on an. Doch schon am 25. Januar 1871 war es den Deutschen gelungen, ihm den 75 Weg westlich und südwestlich von Besonnn zu verlegen und die Eisenbahnverbindung mit Lyon abzuschneiden. Daher faßte Bourbaki den Entschluß, auf das linke Ufer des Doubs überzugehen, dann auf Pontarlier zu marschieren, um von dort längs der Schweizergrenze in südwestlicher Richtung zu entkommen. Durch die Niederlagen demoralisiert, ohne Verpflegung, vom Feinde gehetzt, in den Bergen durch Schnee und Eis gehemmt, ohne Weg und Steg, befanden sich seine Truppen in der trostlosesten Lage. In Verzweiflung machte Bourbaki am 26. Januar einen Selbstmordversuch. Nun übernahm Elinchant die Führung der Armee. Unter großen Verlusten an Mannschaft und Material aus Pontarlier gedrängt, mußte Elinchant am 1. Februar mit 90,000 Mann Zuflucht in der Schweiz suchen. Auch Bourbaki wurde dahin gebracht und verpflegt, kehrte aber bald wieder nach Frankreich zurück, wo er, wieder hergestellt, noch verschiedene Kommandos bekleidete. Es war also — ich muß wieder etwas zurückgehen — gegen Mitte Januar 1871, als ich eines Tages, von der Praxis zurückkehrend, die Ordre vorfand, in der Frühe des folgenden Morgens mit dem ersten Zug in Frauenseld einzurücken. Ein frostiger, trüber Wintertag. Bleischwer hing der Himmel herunter. Die Nachrichten von der Grenze lauteten immer bedenklicher. Die Mannen Machten ernste Gesichter. Und als Herr Regierungsrat Braun das Bataillon beeidigte, die Hände emporgehoben wurden zum Schwur der Treue zur Fahne des Vaterlandes, da ging ein weihevoller Zug durch die Reihen. Während ich dies schreibe, erwacht ein sonderbares 76 Gefühl des Schmerzes bei der Erinnerung an einen blutjungen Lieutenant, einen Freund von der Kantonsschule her, Heuer von Weingarten. Er stellte sich auch zur Untersuchung. Ja, wenn wir Leute wie dich, wie Milch und Blut, zurücklassen müssen, was soll denn werden? Er wollte nicht dispensiert werden, nur wünsche er hie und da etwas Berücksichtigung. Es war das» aber nicht vom Guten. Im ganzen Dienst konnte er sozusagen nichts leisten, klagte über leichtes Hüsteln und etwas Seitenstechen. Nach seiner Rückkehr nach Hause verschlimmerte sich sein Zustand bald, und das blühende Leben erlag der Schwindsucht, die zweifellos wegen der Strapazen des Feldzuges einen rascheren Verlauf nahm. Mit einem Extrazuge ging's nach Basel in die Kaserne zu Klingenthal. Während die ganze Brigade am Sonntag im Münster beim Gottesdienst weilte, begann es eigentümlich zu rumoren; es lag etwas in der Luft. Adjutanten flüsterten mit den Kommandierenden, und bald ging's hinaus nach dem Jura, über Lausen nach Delemont. Es war das zur Winterszeit ein ganz anständiger Probemarsch für die Brigade, aber es sollte noch viel besser kommen. Bei Delemont wurde unser Bataillon auseinandergerissen, zwei Kompagnien nach Underoelier, zwei nach Glovelier verlegt, während ich mit den beiden Schühenkompagnien nach Boöcourt marschierte. Es war wieder Samstag, als die paar Kom- pagnieosfiziere in der primitiven Wirtsstube des Ortes saßen, plaudernd und politisierend, als es plötzlich einem jungen Lieutenant einfiel, morgen Sonntags könnten 77 wir etwas Abwechslung schaffen, z. B. ein Tänzchen arrangieren. Die kriegerischen Ereignisse würden ja doch ihren blutigen Weg nehmen. Die Musik hätten wir ja, und an Tänzerinnen würde es in dem großen Orte gewiß nicht fehlen. Man müsse die Gelegenheit beim Lchopf fassen: „Lurpe cliem", so schloß er seine An- spräche. Die Anregung fiel auf guten Boden. Allgemeine Zustimmung. In froher Zuversicht legten wir uns zur Ruhe, als gegen drei Uhr die ver .. zwickten Kavallerie- Trompeter daher getrabt kamen und Generalmarsch bliesen. In aller Eile wurden die Kompagnien besam- welt, die Borposten eingezogen und gegen sechs Uhr abmarschiert. Das war eine andere Art von Tanz, als geplant war. Der große Teil der Mannschaft hatte nichts Warmes im Magen. In Glovelier und Under- velier stießen wir auf die vier andern Kompagnien, und nun ging's keuchend die Pichoux hinauf. Die Soldaten waren aber auch arg belastet; denn die sechzig scharfen Patronen und die über den Tornister geschnallte Wolldecke waren eine nicht besonders angenehme Zugabe. Der Weg war trotz des Winters sehr schön. Wie mächtige Tannzapfen hingen die Eiskristalle an den Felswänden und stürzten oft mit gewaltigem Krachen in die Tiefe. Bellelay, Sonceboz: hier ein kurzer Halt. Aber mit der erwarteten Stärkung war es wieder nicht weit her. Wein gab's schon, aber wenig zu essen. Weiter, weiter nach Viel. Es war längst Nacht geworden, als wir da ankamen; mancher, der sich halb tot vor Ermüdung und Schlaf noch maschinenmäßig weiter bewegt hatte, fiel in den Schnee, als das Kommando „Halt!" 78 erscholl. Bald herrschte Ruhe, als die Quartiere bezogen waren, mußte doch das Bataillon am Morgen in der Frühe wieder bereit sein, um per Bahn weiter befördert zu werden. Nach ungeduldigem langem Harren erschien der Extrazug. Da ging's am schönen Neuenburgersee hinunter nach Poerdon, von dort wieder zu Fuß nach* Orbe. Wir hätten allerdings auch bis Lhavornay fahren und in halbstündigem Marsch Orbe erreichen können, statt den weiten Weg von Poerdon zu Fuß zu machen; der leere Zug fuhr so wie so nach Lausanne weiter. Es war das eben auch eine der verschiedenen vorzüglichen Leistungen der obersten Vorgesetzten. In Orbe herrschte reges kriegerisches Leben; eine Masse Infanterie lag da, auch Artillerie und Kavallerie. Mein Lager bildete eine Matratze auf dem Boden. Eines Mittags ging ich aus, ein paar kranke Soldaten zu besuchen, als ich plötzlich auf der Landstraße zwei berittene französische Offiziere in den mir so wohlbekannten Uniformen mit den roten Hosen erblickte. Wie die durch unsere Borposten gekommen waren, weiß der Himmel. So schnell mich die Füße trugen, eilte ich ins Hotel zurück, dem Kommandanten Rapport zu erstatten. Der schnallte seinen Säbel um und kam gerade recht, die Herren zu empfangen. Sie wurden aus die Wache geführt und interniert samt der Masse Gold, die sie bei sich trugen. Und bald, bald kamen sie daher in endlosen Kolonnen, die armen geschlagenen „Bourbakis", selbstverständlich ohne Waffen; die waren ihnen an der Grenze abgenommen worden. Nun verrichteten die Einwohner von Orbe wahre Wunder der Nächstenliebe. 79 Die noch irgend inarschfähig waren, wurden weiter eskortiert in die umliegenden Dörfer. Am andern Tage war von unserem Bataillon fast nur noch der Stab im Ltädtchen. Die nachrückenden Franzosen wurden untergebracht, so gut es eben ging, in Kirchen, Schulen usw. Als auch da das letzte Plätzchen besetzt war - es langten in 36 Stunden etwa 27,000 Mann in Orbe an - führte man sie vor den Ort; zu beiden Seiten der Landstraße wurden ihrer je 50, 60 um ein Feuer gelagert. Es war ein schreckliches Bivouak. Und dann kamen die braven Einwohnerdes Städtchensheraus mit großen Kesseln voll Suppe, Kaffee,' auch große Mengen von Zigarren wurden verteilt,' diese waren fast begehrter als die warme Luppe. Am liebsten aber war ihnen die Ruhe, das Gefühl der Sicherheit, das sie auf neutralem Boden empfanden, nicht mehr gejagt und gehetzt zu werden wie das Wild. Am Morgen war natürlich der meterhohe Schnee unter der warmen Menschenmasse geschmolzen; da sah wan längs der Straße links und rechts in schrecklicher Ausdehnung große runde Löcher im Schnee und auf dem Grunde derselben die braunschwarze Ackererde. Das Elend ist ja unzähligem«! beschrieben worden in Dort und Bild. Aber die kühnste Phantasie bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Wie sich die blutjungen, an solche Strapazen nicht gewöhnten, oft etwas verwöhnten Franzosen daherschleppten auf ihren erfrorenen Füßen; uus der Masse wieder hervorragten die hohen Gestalten ber Kürassiere mit dem roßschweifgeschmückten Helm und dem blitzenden Harnisch, die bloßen Füße in Holzschuhen oder mit etwas Stroh umwickelt. L'est la ^uerre! 80 Als das Gros der Trümmer einer großen Armee nach dem Innern des Ländchens abgeschoben war (die Deutschen höhnten ja, wir Schweizer hätten nicht einmal genug Löffel für diese Franzosen), gab's wieder etwas Ruhe in Orbe und ein ganz behagliches Dasein. Diese . Pause mußte doch benützt werden und zwar zu einem Ausritt nach der Grenze, nach Vallorbe. Der Herr Kommandant stellte mir eines Mittags in liebenswürdigster Weise sein zweites Pferd, einen Schimmel, zur Verfügung, und nun ging's durch den Schnee, hinan an den Abhängen, den Spuren der eingerückten Armee folgend', bald an einem umgestürzten Caisson vorbei, bald über den Kadaver eines Pferdes setzend. In dem kleinen Vallorbe lagen auch viele Truppen und Pferde, so daß mein armer müder Gaul kaum unterkommen konnte. Heu und Hafer bezahlte ich! ob das Tier sie bekommen, ist eine Frage. Was in Vallorbe zu sehen war, bot einen jammervollen Anblick. Marode und Schwerkranke aller Art, Uniformstücke, dann in langer, langer Reihe Thassepots und andere Gewehre aufgeschichtet wie Scheiterbeigen. Fast betäubt von all diesen Eindrücken, ließ ich den Schimmel wieder vorführen. Bedächtigen Rittes ging's zurück. Schon sah ich in der Tiefe des Tales die Lichter von Orbe schimmern, als der arme Gaul plötzlich in die Kniee sank. Glücklicherweise nahmen wir beide keinen Schaden. In der Ebene wurde doch wieder ein kleiner Trab versucht. Aus einmal ertönte der Ruf: „Halt, werda!" und zwei blanke Bajonette richteten sich nach dem Halse meiner Rosinante. „Offizier!" - „Paßwort!" Jetzt kam das Pech. Ich hatte 81 bei meinem Abritt vergessen, nach dem Paßworts zu fragen. Die Bajonette der wackern Zürcher wichen nicht um Haaresbreite. Ich könnte meine blaue Uniform auch ge-funden haben, meinten sie. Erst als ich sagte, sie hätten ganz recht mit ihrem Eifer, auch ein Franzose oder ein Spion könnte sich eine solche Uniform verschafft haben; aber das sei doch sicher, daß ein solcher nicht so gut Schweizerdeutsch mit ihnen reden könnte, leuchtete ihnen dies ein, und sie ließen mich passieren. Kaum waren wieder einige hundert Meter zurückgelegt, ertönte es abermals: „Halt,, werde!" - „Offizier!" - „Paßwort!" Wieder dieselbe Geschichte. Die dritte Vorpostenkette endlich war von Thurgauern gebildet, die mich persönlich kannten; da gab's dann keinen wettern Anstand. Aber ich sagte mir: „Einmal ohne Paßwort und nie wieder!" Andern Tages ertönten plötzlich wieder die uns allmählich bekannt gewordenen Töne des Generalmarsches, mit klingendem Spiele ging's zu dem uns wirklich lieb gewordenen Städtchen hinaus. Und weiter, weiter geht der Lauf, wieder ins Gebirge. Schnee, nichts als Schnee in schrecklicher Menge. Aur in der Mitte eine kleine Gasse. Das Bataillon muß sich tatsächlich im Gänsemarsch da Hinauswinden. Wer nicht ganz wasserdichte Stiefel hat, badet seine Füße im Lchneewasser. Endlich wird Le Pont erreicht; zwei weitere Kompagnieen werden abgegeben in Le Sentier, und ich habe natürlich wieder das Vergnügen - wahrscheinlich weil man mich auch als einen harten Soldaten taxierte - noch über den Lac de Ioux hinaus bis nach Le Brassus Zu marschieren. 6 82 Schon in Basel war unser lieber Freund und Kollege Dr. Lenz an Angina erkrankt. Wir schleppten ihn trotzdem weiter mit in den schneeigen Jura. Datz er « seinen Dienst nicht machen konnte, habe ich - wenig stens kam es mir so vor - wohl am besten gespini. Also gab man seinem Drängen nach und entlietz ihn nach Hause. Kollege Streckeisen war vom thurgauischen Militärdepartement als Ersatz bestimmt. Der fuhr ins Hauptquartier nach Neuchütel. Er erklärte, er sei als Nachfolger von Herrn Or. Lenz herbeordert, und erkundigte sich, wo das Bataillon 49 stehe. „In Gens", hietz es. Streckeisen fährt sofort nach Gens, findet aber keinen Mann von der gesuchten Truppe und meldet es nach Neuenburg. Irren ist menschlich. Das Bataillon stehe im Bal de Ioux; er solle sich schleunigst dorthin begeben, war die Antwort. Kaum waren wir in Le Brassus angelangt, gab's Arbeit. Das dort stationierte Waadtländer Bataillon mutz sich in ziemlicher Aufregung befunden haben, wenigstens warf ein Soldat zum Abschied seinem Quartiergeber das Gewehr ins Gesicht, derart, datz das Bajonett diesem die Nase aufschlitzte. Bevor ich mich setzen und etwas ausschnaufen konnte, mutzte erst die geschlitzte Nase genäht werden,- was ein Eidgenosse verdirbt, soll / ein anderer flicken. Einer für alle! Endlich fand ich doch meine Leute. Aber an Essen war nach diesen Strapazen nicht zu denken. Nur rasch in meine Kammer. Jetzt schnell die Stiefel ab und unter die Decke! Ja, Kuchen! Bei dem langen Marsche durch Schnee und Schneewasser hatte sich das Leder wie Eisenklammern um meine Fütze 83 gelegt. Alles Winden und Zerren, selbst im Schweiße des Angesichtes, nützte nichts. Des Klügere gibt nach, dachte ich, legte mich mit den Stiefeln ins Bett und schlief, wie nur ein übermüdeter, abgeschundener Soldat schlafen kann. Morgen werde es schon besser gehen, war mein letzter Stoßseufzer. Daß die Leintücher dann besonders sauber gewesen seien, will ich freilich nicht behaupten. Die größte Mühe machten uns in dem schönen Brassus nicht unsere Soldaten, sondern die zurückgebliebenen Kranken des abgezogenen Waadtländer Bataillons und die Franzosen. Etwa dreißig Minuten vom Dorf, auf einer Anhöhe, waren in einer ziemlich geräumigen Lennhütte, im sogenannten Thalet Thomasette, eine größere Anzahl Pockenkranker untergebracht. Die Waadtländer, die doch alle, in der Kindheit wenigstens, einmal geimpft waren, boten ausnahmslos ganz leichte Fälle. Anders war es mit den ungeimpften Franzosen. Die lagen auf ihrem Stroh, nicht mehr Menschen, sondern bloße schwarze Fleischklumpen, die noch durch kleine Oeffnungen, früher Mund und Nase, atmeten oder röchelten. Da war ich, wenn mein Besuch im Chalet Thomasette vorbei war, bei den Herren Offizieren kein gern gesehener Gast. „Zwanzig Schritte vom Leib!" rief mori ^ros capitaine. Als dann der Erste starb und selbstverständlich sofortige Beerdigung vorgenommen werben mußte, die Gemeinde aber aus religiösen Gründen "icht einwilligen wollte, mußte mir doch der „Zros cs- Pitsine« helfen,' wir setzten eine förmliche Urkunde auf, bie mit den denkwürdigen Worten begann: „blous, les 84 80U88>gn^s, orclormons, que le solclat irangsis, nommö X., mort au cbalet Tbomasette, 80it enternd immöäiatement" usw. Don Le Brassus ging's dann über St. Georges nach St. Lergues. Da war, wie es hieß, noch kurz vorher der Kanonendonner vom Fort Les Rousses leicht zu hören gewesen. Das Klima war schrecklich. Ein schneidender Wind setzte unseren Soldaten auf dem eisigen, ungeschützten Kamme bedenklich zu; viele begannen Blut zu speien. Aus unzähligen Kehren gelangten wir dann nach Ngon, zu einem wieder einigermaßen menschenwürdigen Dasein. Dann nach Gens. Diese schöne Stadt am ewigschönen Leman hätte, wenn unser Aufenthalt länger gedauert hätte, leicht ein förmliches Tapua werden können. Zutun gab's nicht sehr viel; auch die Soldaten hatten Quartiere wie Fürsten. Als ich, an dem einzigen freien Sonntag - sonst waren diese Tage immer Marschtage - gegen Mittag noch einen Soldaten am Quai des Bergues besuchte, lud mich der Herr Quartierträger - sein Name ist mir leider entfallen - zu einer Nachmittagsspazierfahrt ein, mit der Weisung, auch den Bataillonsarzt mitzubringen. Das ließen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Pünktlich erschienen wir in seiner Wohnung. Ob uns nicht noch etwas „eau cle 8elt?" gefällig sei, wurden wir gefragt. Ich akzeptierte für beide - Freund Bis- segger stand mit der französischen Sprache immer aus sehr gespanntem Fuß — obwohl es mir etwas kurios vorkam, um diese Stunde pures Selterserwasser trinken zu müssen. Es kamen aber zwei Flaschen mit den 85 bekannten silbernen Hälsen zum Vorschein, und bald perlte Champagner, eine feine Marke, in unseren Gläsern. Dann ging's nach dem Pont du Montblanc, wo unser liebenswürdiger Führer das flotteste Zweigespann aus- las, und nun trabten die flinken Pferde über die breite Brücke. Der Fürst von Sigmaringen konnte nicht stolzer dreinschauen als die beiden Dökter vom Bataillon 49. Wunderschön war die Fahrt dem See entlang — es war schon heitrer Frühling in dem sonnigen Genf - dann eine kleine Halde hinan, gegen die savoyische Grenze hin. Ein herrliches Panorama lag vor uns, im Hintergründe die riesige Montblanckette. Plötzlich bog der biedere Rosselenker ab von der Landstraße, die schon von fast sommerlich gekleideten Spaziergängern belebt war, und durch ein monumentales Portal gelangten wir in den Park der Villa des Bankiers Donna. Freundlichste Begrüßung vonseiten des jovialen, alten Herrn. Was wünschen die Herren: Champagner, Bordeaux, Rheinwein? Freund B. erstarrte beinahe ob der Frechheit, mit der ich erwiderte, nach meiner unmaßgeblichen Meinung wäre es wohl am besten, wenn wir gerade fortfahren würden, wie wir angefangen, also mit Champagner. Und es geschah also. Da wurde geplaudert, so gut es eben ging, eine kleine Erfrischung eingenommen, die eines Pariser Gourmands würdig gewesen wäre usw. Als sich im Verlaufe des Gespräches herausstellte, daß ich aus einem thurgauischen Dörfchen stamme, in welchem Herr Bonn« auch schon gewesen, bei seinem Geschäftsfreunde Herrn Fabrikant Häberli, da wurde noch eine Flasche Extrafeiner aufgestellt. Mit herzlichem Danke 86 wurde in fröhlicher Stimmung Abschied genommen von unserem splendiden Gastgeber,- die ausgeruhten Pferde griffen mächtig aus, und ehe wir's gedacht, waren wir » wieder beim Pont du Montblanc angelangt. Es war das nach dem mühsamen Marsche durch den verschneiten Jura ein wahrer Lichtblick in unserem Soldatenleben. Fast täglich wurde auch nach Carouge hinausgepil- gert, Freund Streckeisen zu grüßen. Nachdem sich uns noch das Schauspiel der brennenden Luserne blolluncle geboten, wobei die platzenden Patronen in den Munitionswagen ein wunderschönes Feuerwerk bildeten, ging's wieder zum Städtele'naus. Immer zu Fuß. Der Eisenbahn entlang lief die Landstraße, aber fahren durften nur Marode. So kamen wir über Nyon, Morges bis nach Aubonne und am folgenden Tage wieder in das geliebte Orbe, wo wir aufgenommen wurden wie alte gute Bekannte. Dann kam der Tonhallekrawall in Zürich. In frühester Frühe wurde nach Ehavornay marschiert. Per Extrazug ging's über Viel und Ölten nach Zürich, wo wir indessen erst am Abend anlangten. Unsere Truppen mußten in die Predigerkirche, wo ganz kurz vorher internierte Franzosen gelegen, was manchem nicht recht passen wollte. Wie weiland die Kinder Israels die Fleischtöpfe Aeggptens nicht vergessen konnten, so sehnten sie sich zurück nach den Quartieren Genfs. Bald war für die Mannschaft frisches Stroh in das Schiff der Kirche geschafft; mit vieler Mühe konnten noch Wurst und Brot für alle aufgetrieben werden; dann lagen sie da, immerhin froh, der Heimat wieder nähergerückt zu sein. Schließ- 87 lich konnten auch wir Offiziere uns um ein Quartier umsehen. Aber in allen Gasthöfen, wo wir, unser drei, anläuteten, hieß es: „alles beseht", bis wir schließlich im Hirschen im Niederdorf ein mehr als bescheidenes Nachtlager erhielten. Kaum waren wir eingeschlafen, ertönte die Sturmglocke: es brenne in der Enge, hieß es. Doch diesmal überließen wir das Löschen anderen, drehten uns auf die andere Seite und schnarchten weiter. Die paar Tage in Zürich gefielen uns ungemein. Zu tun gab's nicht viel, die Ruhe war längst wiederhergestellt. Die Herren Zürcher konnten es schwer verdauen, daß Truppen aus ihrem ehemaligen Untertanenland bei ihnen Ordnung schaffen sollten. Und so wurden wir rup'ite cupite entlassen und nach Frauenseld befördert, wo wir natürlich mit etwelchem Stolz einzogen und ordentlich gefeiert wurden. Endlich nach acht langen, zum Teil sehr schweren, zum Teil fröhlichen Wochen ging's wieder der Heimat zu. Bruder Fritz holte mich in Bürgten ab. Schon bevor Neukirch erreicht war, mußte unterwegs ein Kranker besucht werden, was mir natürlich als ein gutes Omen vorkam, während später unser Herr Pfarrer mich mit der Bemerkung aufzog, die Abwesenheit der Aerzte müsse manchmal doch auch für etwas gut sein, wenigstens sei während meiner langen Abwesenheit in der ganzen Gemeinde niemand gestorben. Kurz, man lebte sich bald wieder ein, und alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Daß ich während dieser Zeit immer und immer an mein Mädchen dachte, obwohl ich ihm keine Zeile zu 88 schreiben wagte, versteht sich von selbst. Sein Vater mußte aber doch endlich eingesehen haben, daß alles nichts nütze, daß wir festhalten an unserem Worte,- so gab er endlich die ersehnte Zustimmung, freilich mit der Bedingung, daß die Hochzeit erst in zwei Jahren statt, finden dürfe. Wer war da glücklicher als wir zwei? Konnten wir uns doch fast täglich sehen und sprechen. Da wurden Ausflüge gemacht, der Winter brachte „Stu- beten" usw. Eine längere Trennung - sind drei Wochen für Brautleute nicht eine schrecklich lange Zeit? - gab es nur noch, als ich als Hauptmann in den Operationskurs nach Zürich mußte. Diese Zeit benützte Bert« aus mein Betreiben zu einer kleinen Kur in Davos, um die gesunde Alpenluft zu atmen. Da fuhr tagtäglich ein Brief in die Berge, und als der Kurs zu Ende war, eilte ich diesen Boten nach, um mein Lieb so bald als möglich zu grüßen und in die Heimat zu führen. Aber alles in der Welt nimmt ein Ende, auch der Brautstand. Ich hatte ein hübsches Heim käuflich erworben,- Schreiner sowohl als Näherinnen arbeiteten an der Aussteuer, und es kam der glückliche Tag, der uns vereinte. Die Hochzeitsfeier wurde nach aller Wunsch in ganz bescheidenen Rahmen gehalten, im Hause meines Bräutchens. Schwer ward ihm zwar der Abschied von allen Lieben, aber in flottem Trabe fuhr Bruder Fritz mit seinem Braunen davon, und bald war Konstanz, die erste Etappe unserer Hochzeitsreise, erreicht. Wie wir nach Basel gekommen, wußten wir kaum; was kümmerte uns der Hohentwiel und Säckingen mit seinem Trompeter! Selbst die holde Margaretha war 89 uns schnuppe. Aehnlich war's in Basel. Straßburg, das ich 1871 nur von außen gesehen, interessierte uns schon mehr. Aber trotz alledem weiter! Nicht daß unsere Hochzeitsfahrt eine der gewohnten Hetzjagden gewesen wäre, nein, wo gut wohnen war, ließen wir uns nieder. In Frankfurt schaute man doch wieder etwas in die wirkliche Veit. Der Römer, die Gemäldegalerien, der zoologische Garten wurden gewissenhaft besucht, in Stuttgart auch das Theater (Wallensteins Tod). Dann aber ging's im Flug in unser Nestchen. Wer nur einen Augenblick wahren Glückes zählt in seinem Leben, der soll bei allen Schicksalsstürmen nicht murren. Und nun erst wir! Die Feit bekam Flügel. Eine gute Praxis, liebste Anverwandte in der Nähe, in Aspenreute Eltern und Geschwister, in Neukirch Bruder und Schwägerin, dann die lieben Pfarrersleute usw., die alle teilnahmen an unserem Glück. Die ersten Besuche, die überreichen Geschenke von allen Seiten. Und dann, kaum ein Fährchen später, da schüttete das Glück sein ganzes Füllhorn über uns aus, als ich dem lieben Mütterlein ein rundes, molliges Kindchen, natürlich ein Berteli, in die Arme legte. - Dann kam ein strammer Funge, der aber bald etwas zu kränkeln begann, bis er etwa nach einem halben Jahre mehr erstarkte. Das dritte Wochenbett verlies verhältnismäßig sehr leicht. Aber der Husten, der sich schon vorher eingestellt hatte, wurde heftiger, die liebe Patientin begann zu fiebern, und nachdem am 12. April 1878 das Kindlein gestorben, folgte ihm, fünf Tage später, die treue Mutter. Ueber die schreckliche Zeit, die folgte, muß ich mich 90 Kurz fassen. Solche Wunden bluten noch nach Jahrzehnten, wenn man daran rührt. Da stand ich wie ein entlaubter Baum, wie eine Tanne, die der Blitz getroffen. Doch nein, die Ausgabe war nun, die Pfänder der Liebe zu pflegen, zu erziehen im Sinn und Geiste der lieben Verstorbenen. Dabei die Erfüllung der Berufspflichten, mit einem Wort treue und gewissenhafte Arbeit. Wohl hatte ich eine treue und besorgte Haushälterin in der Person der Frau Häberli, aber die erwachenden geistigen Anlagen mit Verständnis zu pflegen, dazu fehlte die richtige Kraft. So entschloß ich mich im Jahre 1879 zu einem neuen Ehebunde mit Elise Roth von Amriswil, einer Verwandten und Jugendfreundin Bertas. Dieser Bund, dem zwei kräftige Knaben entsprängen, war bis zur Stunde ein hochbeglückter und wird es bleiben bis an die Pforten des Todes. Der 30. Oktober 1879 war der Hochzeitstag, und eine prächtige Reise über Gens, Turin, Genua, Mailand, Venedig und München entzückte das frohe Paar. Nicht daß ich, namentlich körperlich, Grund gehabt hätte, meine Praxis zu wechseln. Allerdings war mir das ewige Reiten und Fahren allmählich etwas lästig. Daher entschloß ich mich, am 15. Juli 1883, als gerade durch den Wegzug von Herrn Or. Lötscher die dortige Praxis frei wurde, nach Romanshorn überzusiedeln. * * Leider sind die Aufzeichnungen von Dr. Wartenweiler selbst nicht weitergeführt worden; sie mögen daher nach andern Dokumenten etwas ergänzt werden. In Romans» 91 Horn lebte er sich rasch ein,- in kurzer Zeit vergrößerte sich auch seine Praxis. Eine Abwechslung bot ihm im September 1888 ein mehrwöchiger Aufenthalt in München 'zu Studienzwecken. Seine in. der „Bodensee-Zeitung" erschienenen „Münchner Briefe" schildern die Eindrücke: „Also das Bündel gepackt. Romanshorn, leb' wohl! Vorbei bei den Hallen, die den goldenen Segen der Nordostbahn kaum zu fassen vermögen, vorbei bei den Räumen, wo halb Ungarn seine Borräte aufstapelt, vorbei bei der Stätte, wo der Reisende ausgepreßt wird wie eine Zitrone, ein Opfer für den Nimmersatten Rachen unseres Militärmolochs, vorbei am Leuchtturm, a non lucencto, hinaus ins schwäbische Meer - selbstverständlich erst, nachdem Herr Dammeister Rüegg mit eisigem Ernst, mit Lippen, als hätten sie nie ein Lächeln gekannt, die letzten sichtbaren Bande, die uns mit dem heimatlichen Strande verknüpft, gelöst hatte. „Das Wetter war nicht gerade schön zur Seefahrt; Passagiere befanden sich wenige auf dem Dampfer, unter den wenigen selbstverständlich das unvermeidliche Hochzeitspärchen. Am Rorschacherberg krochen dicke Nebel- massen fast bis zum See herunter. Nur hie und da öffnete sich die Szene; dann winkte St. Annaschloß, wie ein im dunklen Grün verstecktes Märchen, einen letzten lieben Gruß. „Die Zollrevision in Lindau war mit einer Geschwindigkeit von 0,5 passiert. Der Herr Douanier mochte es mir wohl ansehen, daß ich keine anarchistischen Schriften mitführe; hätte er mir aber ins Herz schauen und die kleine sozialistische Ader entdecken können, ich wäre 92 sicher nicht passiert. Als er beim Oeffnen des Koffers und beim Lüften eines leichten Tüchleins eine mächtige Kleiderbürste entdeckte, welche die sorgsame Gemahlin zu fleißigem Gebrauch eingepackt, da führte ihn seine Logik, ich las das ganz deutlich auf seinem Gesichte, zu dem positiven Schluß: Ein Mann, der eine so saubere Bürste mit sich führt, kann unmöglich ein schwarzes Anarchistenherz in seinem Busen tragen. „... Wo ich wohne, wünschen Sie zu wissen. Nun, bei keinem Geringern als beim »Deutschen Kaiser.' Etwas hoch oben hinaus gebaut hat er seinen Bienenstaat. Bei der 66. Treppenstufe ist für Herzkranke, Asthmatiker und solche, die es werden wollen, ein bequemes Sofa ausgestellt, um wieder etwas Luft zu schnappen; bei der 80. gedenkt man in mehr oder weniger despektierlicher Weise des Fürsten der Finsternis, und bei der 96. ist man oben. Dann blickt man aber auch, wie aus einer andern Welt, hinunter aus das Pygmäenoolk, das sich wie Ameisen herumtreibt. „Oktobersest. Nun hinein in das bunte Treiben! Wer das nicht gesehen, der suche nicht, sich einen Begriff davon zu machen. Vorbei bei all' den Tingeltangeln, vorbei bei den Fisch- und Geslügelbratern, dahin, wo der gewaltige Ochse am Spieße schmort. Unter diversen Rippenstößen, die ich kaltblütig entgegengenommen und freundlich weitergeschickt, gelingt es, ein Stück Filet zu erhäschen, wie ich es in meinem Leben nie gegessen. „Allein, die Sache mußte doch dem Himmel etwas zu bunt vorgekommen sein. Plötzlich prasselt ein Platzregen herunter. Ein paar Tausende retteten sich wohl, 93 zu Fuß und auf den überfüllten Trams, in die Stadt; die andern aber, Männlein und Weiblein, rückten nur näher zusammen; Heller klangen die Trompeten; verlockender summte die Violine, und gewaltiger tönte der Brummbaß. Da sah man auch manche für ein Künstlerauge interessante Gestalten, von den vielen Bettlern ganz abgesehen, die auch gern am Becher der Freude genippt oder lieber daraus einen vollen Fug getan hätten, wenn, ja wenn - und die sicherlich auch den Satz unterschrieben hätten, daß ein leerer Geldbeutel viel schwerer drückt als ein voller. Daneben wieder dicke Leiber mit schwerer, baumelnder Uhrkette und Gesichtern, denen man es von weitem ansah, daß nichts sie rühren kann, als vielleicht einmal der Schlag. „Das Leben in München ist bekanntlich außerordent- lich angenehm, von seiner Billigkeit nicht zu reden. Der Münchner ist eine biedere, leutselige Natur, dem Fremden gegenüber äußerst zuvorkommend. Als ich mir jüngst im Hosbräuhaus fast mit Lebensgefahr ein ,Maßerl' geholt, nirgends, nicht einmal im Hof, ein Plätzchen fand, drückte ein jovialer Herr die andern auf seiner Bank sitzenden Gäste ohne viele Umstände an die Wand, um mir einen Sitz zu verschaffen. Als ich meine Verwunderung ausdrückte über den wirklich kolossalen Besuch des Lokals, meinte er lachend: ,Woas, 's sind jo gar koane Leut da, 's ist jo olles auf der Wiesen! Do hätten's sehen sollen, wie's an der Ienlenarfeier zu- g'angen ist.' Wie es denn da eigentlich zugeht, wenn wirklich einmal Leute da sind, wäre gewiß interessant zu sehen. 94 „Der Bierkultus der Münchner ist zu bekannt, als daß ich da viele Worte verlieren wollte. Nur erwähnen muß ich das Hofbräuhaus. Wer das früher gekannt, « ist höchst erstaunt über sein jetziges modernes Aussehen. Aus der alten, schmutzigen Kloake ist ein elegantes, reinliches Lokal geworden. Allerdings muß man seinen Krug immer noch selber spülen und sein Bier selbst holen. Doch kann sich der echte Münchner immer noch nicht mit der Neuerung befreunden, kann den alten, wenn auch noch so schmutzigen Stammtisch nicht vergessen. Und so gerät er des Abends in großen Jörn, und in seinem Zorne trinkt er zwei bis drei Liter mehr als sonst. Und das Merkwürdigste bei dieser Leidenschaft ist das, daß sie nie verraucht, sondern jeden Abend wieder neu wird. Ueberhaupt ist der Besuch der Restaurants des Abends ein geradezu enormer. Mann und Weib ziehen aus, des Le' ens Bedürfnisse zu stillen. Man rede mir da nicht von größerer Billigkeit. Ein solcher Wirtshausbesuch en iamille, wie er ja auch in kleineren Ortschaften einreiht, ist für das Familienleben entschieden vom verderblichsten Einfluß. Und wenn sie erst allein gingen, die sparsamen Eltern! Aber nein, da werden auch die Kinder mitgeschleppt. Dort, jene lieben, großen, dunklen Kinderaugen, die nur das Schönste vom Schönen und das Zarteste vom Zarten sehen und hören sollten, die gehören gewiß nicht hieher! Und jenes halbwüchsige Backfischchen mit dem glitzernden Bettel- armband, wie verständnisvoll schlägt es mit der Fußspitze den Takt zu den prickelnden Melodien der .Leichten Kavallerie.' II u'^ a plus cl'ensants! Herrgott, 95 in welches Erdreich werden doch deine zartesten Pflänzchen oft verseht!" Den Abschluß des Münchner Aufenthalts bildet ein Ausflug nach Herrenchiemsee: „Der Nundgang durch das stolzeste Königsschloß ist beendet; man verläßt es wie im Traum, überwältigt von der ungeahnten, märchenhaften Pracht. „Ein paar prosaische Bemerkungen muß ich doch noch anschließen. Es war seinerzeit ein mächtiges Gebrumm und Gelärm in der halben Welt, was für Schulden König Ludwig mit seinen unsinnigen Bauten dem Land aufgebürdet. Aber die .königlich bayrische Staats- schuldentilgungskommission' (so heißt die Ausschrift an einem öffentlichen Gebäude am Maximiliansplatz) arbeitet ja rasch und wacker, und bald wird die ganze Geschichte im Reinen sein und der Vergangenheit angehören. Um einem philisterhaften Gedanken Ausdruck zu geben, müssen wir doch in erster Linie sagen, daß bei all den vielen Ausgaben das Geld im Lande blieb. Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun. Und dann, welch mächtige Hebel waren nicht alle diese Bauten zur Hebung der Kunst. Der Name Ludwigs I>. wird leben, so lange ein Stein seiner Schlösser auf dem andern bleibt. Denken wir uns sodann einen Augenblick die kurze Spanne Zeit eines Jahrhunderts zurück; vergegenwärtigen wir uns z. B., welche Lasten die französischen Könige ihrem Land aufgebürdet haben. Und wie! Denken wir an die schwarzen Blätter, welche die Namen einer Dubarry, einer Pompadour tragen. Denken wir an Napoleon III., an die Millionen, die Mexiko 96 gekostet, und vergessen wir nicht, daß all das Stümper sind im Schuldenmachen im Vergleiche mit dem Advokaten- ^ regiment der französischen Republik, viele Tonking. „Doch wir wollen uns den Genuß dieses Tages nicht trüben lassen durch derartige Nachklänge. Niemals wird unserem Gedächtnis entschwinden der Zauber dieses Märchens aus 1001 Nacht." Nach der Rückkehr von München überwogen während längerer Zeit die „sauren Wochen." Im Sommer 1891 wandelte I)r. Wartenweiler die Lust an, wieder einmal ein paar Tage ganz allein mit dem Ränzel auf dem Rücken die schöne Heimat zu durchwandern. Als Reisesrucht erschien dann im Sonntagsblatt der „Thur- gauer Zeitung" seine Schilderung: „Vom Bodan zum Leman." Er schreibt: „Eine Reise mit all' ihren Genüssen, all' ihren Mühen zu Hause, am Schreibtische, nochmals zu durchleben, gewährt oft ein ebenso lebhaftes Vergnügen wie die Tour selbst, und wenn diese paar Blätter, die ich der Tit. Redaktion übergebe, einen der verehrten Leser oder eine der liebenswürdigen Leserinnen veranlassen sollten, dieselbe oder einen Teil derselben auch zu machen, so wäre ihr Zweck vollständig erreicht. „... Wie ich so langsam, festen Schrittes die Gott- hardstraße ansteige und da und dort noch etwas an meinem Tornister zu ändern hatte und es doch nicht so recht passen wollte, mußte ich unwillkürlich fühlen, daß sich die Heinesche Weltschmerzpoesie, wenn auch in etwas anderer Form, auch aus mich anwenden lasse, und lange, lange summte es: 97 Anfangs wollt' ich fast verzagen, Und ich glaubt', ich trüg' es nie, Und ich hab' es doch getragen; Aber fragt mich nur nicht, wie. „Einige Minuten hinter Göschenen beginnt die eine Stunde lange Felsenschlucht der Schöllenen. Ringsum steigen die Berge senkrecht, platt und kahl in grauenhafter Nacktheit empor, schwarze Mauern, 100 und 1000 Fuß hoch. Man wandelt wie aus dem tiefen Boden eines ungeheuren Felsenkessels. Oft scheint der Ausweg zu fehlen, und wenn er wieder erscheint, öffnet er den Ausblick in eine noch furchtbarere Wüstenei. Man erblickt den Strom der Reich, statt tief zu den Füßen, vor sich droben, in weiße Staubwolken verwandelt, über die aufgetürmten Felsblöcke hinstürzen. Er bricht da durch den Riß der Berge zwischen dunkel glänzenden Klippen, schwindelt jählings in die Tiefe hinunter, und, im finsternGeklüft zerschellend, steigt er als Wasserstaub gespenstisch unter dem hohen Bogen der Teuselsbrücke wieder aus und umgaukelt sie unter ewigem Donner und Windsturm mit Wolken, die einander drängen und jagen. Da heißt's die Kopfbedeckung tief in die Stirne drücken; der ,Hutschelm' läßt nicht mit sich spassen. Die Straße verliert sich; denn anderer Raum fehlt für sie, in der finstern Höhle eines gegenüberliegenden Felsens. Der Ausweg vom Tale der Schrecken droht Eingang zu einem noch grauenvolleren Schauspiele zu werden. Aber wie der Wanderer nach etwa hundert Schritten heraustritt aus der Dämmerung des Urner- lochs, so umfängt ihn eine neue Welt. Ein geräumiges, 7 W 98 ebenes Wiesental, von grünen Bergen umfangen, liegt träumerisch vor ihm da. Von Erlen und Weiden sind » die User der Reuß bekränzt, die klar und leise dahin- rinnt. In großer Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, fünsthalbtausend Fuß hoch über dem Meer, atmet er die reinste Lust. Er ist im Urserental. „Unwillkürlich versetzt man sich da hundert Iährchen zurück, als sich im August und September 1799 hier Franzosen und Oesterreichs! verzweifelt herumschlugen. Es rollt zwar kein Tropfen militärischen Blutes in meinen Adern, und es ist daher das laienhafteste Urteil, wenn ich sage, daß das Wenige, was ich von der heutigen Gotthardbefestigung gesehen habe, mir ganz außerordentlich imponiert hat. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die dem Militärmoloch immer mehr Millionen in den unersättlichen Rachen werfen möchten; ich wüßte da bessere Verwendung; aber alle Mittel, alle Kräfte sollten wir aufwenden, ein zweites 1799 zu vermeiden." Ueber die Furka, am Rhonegletscher vorbei, ging's hinunter nach Oberwald: „Ein kleines Mittagessen, wobei mir die toten Fliegen mehr zu schaffen machten als die lebendigen, ist bald bewältigt. Während der homöopathisch verdünnte Walliser den ausgetrockneten Körper zu erfrischen strebte, bemerkte ich am nächsten Tisch einen Herrn, dem es schon ziemlich in Haar und Bart geschneit, mit jovialem Gesichtsausdruck, wo aus jedem Fältchen um die hell blickenden Augen ein kleiner Schalk hervorguckte. Der Zug des Herzens hatte nicht getäuscht; es war einer von der Zunft. Heute ist sonst die Diagnose leichter, wo 99 aus der linken Rocktasche das elegante Stethoskop, ich weiß nicht, ob in mehr demonstrativer oder dekorativer Weise, herausschaut. In launiger Rede werden die Leiden und Freuden dieser Berg- und Talpraxis beschrieben, in so wahren Zügen nicht die Misdre der Leute, sondern des Arztes geschildert, daß ich in Gedanken tief den Hut zog vor meinem wetterharten, allzeit unentwegt aus seinem Posten stehenden Kollegen. In herzlichem Ge- plauder wird dies und jenes berührt. Er erzählt, wie er schon ziemlich lange hier praktiziere, während er früher an einem andern Orte gelebt. Da sei aber ein jüngerer Kollege gekommen, der habe die Sache besser verstanden. Da habe er gesehen, daß er, pour kaire cle I'ar^ent, das Ding verkehrt angefangen habe. Er habe immer geglaubt, es sei Sache des Arztes, Kranke zu behandeln, und nun werde er sich auch nicht mehr ändern. Sein Kollege habe es klüger angefangen, nämlich angefangen mit den Gesunden. ,Ich will Ihnen eine Lehre geben: Sie müßen verstehen zu plaudern und zwar angenehm. Trotzdem Sie natürlich immer namenlos beschäftigt und überanstrengt sind, müssen Sie sich ein Biertelstündchen aufs Kanapee setzen. Sie erkundigen sich bei der Dame des Hauses, selbst wenn sie von Gesundheit strotzt, nach ihren Nerven, machen der Tochter ein Kompliment, das die jugendliche Mutter bequem auf sich beziehen kann. Sie kennen ja auch alle Familien- verhältnisse, alle Sym- und Antipathien, verstehen es vorzüglich, durch eine abfällige Bemerkung über das neueste Kleid der Frau T ein Lächeln auf die schwellenden Lippen zu Zaubern? Mein Gesicht mußte bei 100 Mitteilung dieser,Geheimnisse aus der Praxis" interessante Dimensionen angenommen haben; denn plötzlich brach der joviale Jünger Aeskulaps in schallendes Gelächter aus: ,Ia, sehen Sie, was man in unserem verlorenen , Erdenwinksl noch alles lernen kann!' „Der Weg nach Brig hinunter wurde per Post zurückgelegt; es folgte ein Abstecher nach Zermatt, das, nebenbei gesagt, füglich auch gechmatt heißen könnte; denn die Zeche zu machen, verstehen die Leutchen da droben aus dem Fundament. Aus dem Gornergrat gab's Regen und Nebel statt der erhofften Aussicht. Einige Entschädigung bot der Besuch des Leukerbades. „Eine Visitenkarte vermittelte rasch die Bekanntschaft mit Herrn Dr. Brunner, der mir mit südlicher Lebhaftigkeit und Liebenswürdigkeit entgegenkam. Am Morgen des zweiten Tages ging's ins Bad. Das Thermometer an der Wettersäule zeigte 7 Grad Eelsius. „Etwas Interessanteres als diese Bäder habe ich noch selten gesehen. Das gemeinsame Baden der Geschlechter ist immer noch üblich. Ein mittelhoher Damm trennt die beiden Bassins. Lange Badehemden hüllen den Körper ein bis an den Hals. Ringsum den Wänden nach sind Bänke angebracht, und da sitzen nun die Herren, spielen Domino oder Schach; dort sieht man Frauengestalten in der Stellung der Venus uceroupie. Nachdem das Frühstück genossen, wird die Stimmung gewöhnlich etwas animierter, da wird gelacht und gesungen. Ich selbst tummelte mich in meinem riesigen Einzelbade nach Herzenslust, schwamm nach Kräften; in einem Bade, wo eine einzige Quelle in 24 Stunden 101 zwei Millionen Liter liefert, braucht man mit dem Wasser wahrhaftig nicht zu geizen. Nun kommt mein Frühstück. Da schwimmt es daher auf einem Brettchen, die Manchen mit Milch und Kaffee, die Semmeln, der Zucker, der Honig, und wenn das kleine Fahrzeug etwas Tan- talus spielen will mit mir, wird es flugs wieder hergeholt. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so gut gefrühstückt. Daß nicht etwas Autosuggestion dabei war, will ich nicht leugnen." Ohne weitern Aufenthalt wurde die Reise fortgesetzt, an den Genfersek und mit dem Dampfschiffe hinunter nach Genf, wo noch einige Tage verweilt wurde. Seine Beschreibung der Stadt Rousseaus schließt mit den Worten: „Wenn es auch nicht mehr ist, was der Graf Tapo d'Istria am Wiener Kongresse sagte: ,Le Zruin <1e musc qui purkume toute I'Lurope', so ist es doch, was ein geistreicher Autor sagte: ,koste le moncle ctuns une noix? „Ich will nicht versuchen, das schöne Genf weiter zu beschreiben; es ist das besseren Federn nicht gelungen. Aber so lange ich atme, werde ich seiner gedenken; hat es mir doch die schönsten Stunden meiner kleinen Reise gebracht." Den bevorzugten Freundeskreis von Or. Wartenweiler bildete neben dem Aerzteverein „Werthbühlia" die Gesellschaft „Eintracht" in Romanshorn. Im Laufe der dreißig Jahre seiner Mitgliedschaft hielt er im Schoße der „Eintracht" zahlreiche Vortrüge über die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft und Literatur. Manchen gelungenen Ausflug machte er in diesem Kreise mit, und 102 verschiedene Berichte aus seiner Feder, in Poesie und Prosa, erinnern bleibend an vergnügte Stunden, die er mit seiner „Eintracht" verlebte. Im Sommer 1892 griff er abermals zu Rucksack , und Wanderstab, zu froher Fußreise, allein „Don der Albula zum Gotthard." „In Chur traf ich einen alten Freund, mit dem ich anno dazumal, als Bismarck bei Gitschin und Königgräh die Oesterreicher unter Benedek in die Pfanne gehauen, Männer, wackere Männer, die für Gott und König und Vaterland geblutet, gepflegt und geflickt. Wohl! Für Gott und König und Vaterland und ähnlich lauten die schönen Worte und Phrasen, mit welchen friedlich wohnende Völker aufeinandergehetzt werden. Und heute macht derselbe Bismarck bei denselben Österreichern eine Anstandsoisite und läßt sich von ihnen beweihräuchern. Um Gott, marschiert denn die Weltgeschichte so schnell?" Zu Fuß ging's von Thür nach Reichenau, Vonaduz, Rhäzüns und Thusis: „Wer dächte bei Erwähnung des Dorfes Thusis nicht gleich an die Via mala! Aber wer wollte das Unmögliche versuchen, sie zu beschreiben und zu schildern, die tosenden Wasser des jungen Rheines, wie sie in düsterem Dämmerlichte Hinunterrasen in gräßliche Tiefe, während die Felswände zu beiden Seiten Hunderte von Metern emporragen, sich oben fast schließen und nur durch schmale Lücken das Tageslicht spärlich eindringen lassen." Alvaneu bietet dem dort Uebernachtenden auch wieder mancherlei beruflich Interessantes. In der frühesten Frühe des folgenden Morgens trat er den Weitermarsch an: 103 „Bergün ist als Luftkurort schon ziemlich frequentiert; in der Tat glaube ich, datz es sich da, abgesehen von der Luft, auch sonst sehr angenehm leben läßt. Bald verengt sich das Tal wieder und zieht sich mehr südlich. Ein wundervoller Wasserfall, la Pischotta, verschönert die sonst schon so romantische Gegend. Gegenüber liegt das kleine Dörfchen Preda. Da rannte mir ein Bettler entgegen, ein kleiner, schmutziger, rotznasiger Junge, der es übrigens, wie mir schien, nicht nötig hatte zu betteln. Schon von weitem schrie er: ,Geben Sie Rappen, geben Sie Rappen!' „Das Hospiz auf der Patzhöhe, mit Telegraphen- bureau, mutz jedenfalls ein sehr angenehmer Aufenthalt sein. Es waren mehrere Basier Familien zur Kur da. Neun Monate wird ja heutzutage gearbeitet, gehetzt und geschunden, und drei Monate braucht es dann, den malträtierten Körper zu flicken. Ob's aber jedesmal gelingt, ist freilich eine andere Frage. „In prachtvollem Blau, ich glaube, noch nie etwas so Schönes gesehen zu haben, wölbte sich der Himmel über die Wunder der Alpenwelt. Weit und breit kein menschliches Wesen. Kaum getraut man sich, seine Stimme hören zu lassen. Aber allmählich wird es sogar zum Bedürfnis, und ich begreife es, wie das Menschenherz in so erhabener Einsamkeit aufjubeln, seine Gefühle hinausjauchzen mutz. (Im Vertrauen gesagt, Herr Re- daktor, ich habe es auch ein bitzchen getan, aber nur ein ganz klein wenig.) Jetzt begreife ich es, woher all' die Jauchzer und Jodler unserer Aelpler, woher die Tiroler Ländler und Lieder stammen, aus der Menschen- 104 brüst, die übervoll ist von der Freude an der großartigen Natur. „In langen, langen Windungen und Kehren geht es hinunter, und endlich ist es erreicht, das Ziel meiner Träume, das Engadin. Eine mächtige Lärche am Wege ladet den Wanderer ein, sich noch einen Moment auszuruhen und sein Herz bereit zu halten für all' das neue Schöne, das seiner harrt. Noch eine Wendung des Weges, und Ponte ist erreicht. Und wärest du mächtig wie Alexander und reich wie Krösus, einen solchen Tag kannst du dir nicht erkaufen, den mußt du erleben! „... Kühl, fast kalt war es in der Frühe des folgenden Morgens, als ich weiter zog von Samaden nach Pontresina. Anfangs wollten die Kniee nicht recht funk- tionieren; denn die waren abends vorher total -gelöst? Selbst meine Schuhe, die bei der Abreise'noch ganz unverschämt .gibsten', waren bedenklich zahm und mäuschenstill geworden. Ueber dem ausgebreiteten Heu lagerte ein ziemlich schwerer Reif. Heißt es doch in einem alten romanischen Verschen: kwgiaäina, terro üna, 8i von to88u la kruina. (Engadin, du schönes Land, wenn nicht der Reis deine Fluren verheert.) Der Engadiner spöttelt nicht umsonst selbst: .Neun Monate Winter und drei Monate kalt? „... Warum ich den Piz Languard nicht bestiegen, da ich doch einmal da war, oder wenigstens dem Mor- teratsch-Gletscher einen Besuch gemacht habe? fragen Sie, Herr Redaktor. Das hat folgende Gründe: Fürs Erste bin ich, wie Sie gesehen haben, ein ziemlich ausdauernder 105 Fußgänger; aber Berge zu besteigen, ist nicht meine Sache. Dann hätte es mir auch zu viel Zeit weggenommen. Auf den Morteratschgletscher bin ich aus einem andern Grunde nicht gegangen. Als Urbild der Schönheit eines Gletschers trage ich von der letzten Reise her immer noch den Rhonegletscher in meinem Herzen, gleichsam niein Ideal. Der Morteratschgletscher mag nun auch sehr schön sein; aber ich möchte meinem Ideal - fast möchte ich sagen Idol — keinen nicht ebenbürtigen Rivalen, und daher bin ich meines Weges weitergezogen. „St. Moritz, Maloja. Der Maloja ist der niedrigste Alpenpaß, bloß 1817 Meter, und zeichnet sich aus durch seinen leichten, sanften Anstieg von der Cngadinerseite. Trotzdem bietet er eines der schönsten Naturgemälde des Oberengadins. In scharfen Kehren geht's hinunter ins Tal. Da geht man nicht, sondern da wird man gegangen; da ist's ärger, als wenn man beim stärksten Westwinde mit aufgespanntem Regenschirme von der Hub herunterkommt. Der erste Ort im Vergell ist Lasaccia. Das Tal, das von der Mera oder Maira durchströmt wird, ist in seinem obern Teile schweizerisch. Während ich in meinem Reisehandbuche lese: ,In Windungen, welche Fußgänger den Telegraphenstangen nach, auf dem alten, zum Teil mit antik-römischem Pflaster versehenen Weg abschneiden können, hinab nach Asarina', guckt mir eine knorrige Telegraphenstange über die Schulter (sie sind eben wie die Leute, nicht so geschniegelt und glatt wie die drunten im Tal), und ich höre ein leises Lispeln: ,Ist es nicht sonderbar, wir, die Trägerinnen des Mediums der neuesten Kultur, müssen noch als Wegweiser 106 dienen nach Straßen früherer Jahrhunderte?' Gut erhalten ist die Straße, wie ja alles, was die Römer bauten, für die Ewigkeit berechnet war. Ob Cäsar oder ein anderer Heerführer dieselbe gebaut, weiß ich nicht; jedenfalls gehört sie zum Straßennetze des Septimer, der von römischen und deutschen Kaisern oft zum Uebergange mit ihren Heeren gewählt wurde. Wie manchmal mag der Erbauer der Straße ausgeschaut haben, wie jener spätere Heerführer, der es auch nicht erwarten konnte, bis der Simplon gebaut war, ,pour kaire passer le canon.' „... Thiavenna hat jedenfalls viel Industrie, nach all' den himmelanstrebenden Kaminen zu schließen; auch viel Seidenindustrie. Beim Anblick all' dieser rauchenden Schlote drängt sich alles die Neuzeit Bewegende in den Vordergrund, Arbeiterelend und Streik, Kapital und Sozialismus. Lebhaft wird man daran erinnert, was Marx einmal geschrieben: >Die Kapitalwirtschast erzeugt ihre Totengräber selbst, angesichts der Brotlosmachung der Massen durch die Entwicklung der Technik. Es mag ein erhabenes, stolzes Gefühl sein, so und soviel tausend Hände überflüssig zu machen durch eine genial erfundene Maschine. Ob aber das Gefühl des Glückes für den Erfinder auch noch so groß ist, wenn er bedenkt, wie viele Menschen er brotlos gemacht hat, in wieviele Familien er den Hunger und die Not getragen, aus wie- vielen Hütten er die Zufriedenheit verbannt hat?' „Die Leute sollen eben etwas anderes ansangen, wird erwidert. Du lieber Himmel, das ist eben leichter gesagt, als getan, wie wir es ja täglich erleben bei der Misöre in der Stickereiindusirie. 107 „Bellagio. Ein reizenderer Punkt dürfte nicht leicht zu finden sein. Die Villa Melzi mit ihren Kunstschätzen ließ ich, wo sie war. Für Kunstgenüsse weniger empfänglich, hielt ich mich wie bisher an die Mutter Natur. Ein prächtiger, wohlgepflegter Fußweg führt zur Villa Serbelloni. Beim prächtigsten Abendsonnenschein, das Tagesgestirn schien noch fast etwas zu heiß, wurden die Bosquets alle besucht, die Grotten, die Tunnels durchwandert; bei jeder Wendung des Weges ein neuer, wenn möglich noch prächtigerer Ausblick auf Land und See. Die Aussicht von der Villa Pallavicini bei Genua aufs Meer ist gewiß auch sehr schön, aber die von der Villa Serbelloni finde ich, wie soll ich sagen, wechselnder, lebendiger, dankbarer. Einer dieser Tunnels bildet einen stumpfen Winkel. Stellt man sich nun nach Weisung des Führers an die Spitze dieses Winkels, so erblickt man durch den einen Eingang des Tunnels Varenna am Lago di Lecco, durch den andern die Villa Earlotta am Comersee. Ganz überwältigt von der Macht dieser Szenerie steigt man hinunter zum See. Dämmerung, italienisches Dämmerlicht lagert über Land und Wasser, es zeigen sich zahllose Sterne; selbst Luna sendet ihr frostiges Licht herunter, die ohnehin zauberhaften Ufer magisch beleuchtend. Und nun tritt noch die Technik in ihre Rechte. Wie ein riesiger Glühkäfer anzusehen, dampft das Fahrzeug mit seinem elektrischen Licht hinunter und fährt endlich in den taghell erleuchteten Hafen von Como." Lugano war das nächste Ziel; nach kurzem Aufenthalt wurde dann der Weg über den St. Gotthard unter die Füße genommen. 108 .. Der Lucendro-See, schreibt Bädeker, läßt sich mit einem Mehraufwand von einer halben Stunde Zeit leicht besuchen. Ich halte das nicht für richtig. Denn, wer den allerdings kleinen Abstecher macht, der kann sich so schnell unmöglich losreißen von dem lieblichen Bilde, er müßte denn kein Herz in der Brust haben. Wie eine liebliche Idylle liegt das blaugrüne Seelein da, umgeben von zum Himmel ragenden Bergspitzen. Im Hintergründe der Piz Lucendro mit seinem prächtigen Gletscher. Und diese Stille, diese Einsamkeit, dieses Gefühl des Nichts, das in dieser großartigen Einöde das Menschenherz befällt! Wahrlich, die halbe Stunde, die ich da zubrachte, war auch eine Art Gottesdienst! „Teufelsbrücke! Wie das tost und braust und schäumt! Schöllenen, du bist mir doch die schönste und liebste Partie. Mögen Schyn und Via mal« sich streiten, ich gebe dir den Preis! „Als ich in Göschenen anlangte, hatte ich das Gefühl, es sei nun gerade genug mit dem Wandern. 215,6 Kilometer für fünf Marschtage, wie mein verehrter Freund, Herr Postverwalter Schwank, ausgerechnet hat, soll's tun. Schön sind die Spitzen der Berge und schön die Lande, die fremden. Wie ist der Himmel so blau! Wie ist die Matte so grün! Sprudeln und springen die Quellen so lustig von Felsen zu Felsen. Und das Wasser so klar, fast wie am .römischen Horn? Doch das Schönste, das Höchste, das bietet die gütige Erde, Ewiglich bleibt es der Ort, der dein Beliebtestes trägt." 109 Dies war die letzte größere Fußwanderung dieser Art gewesen. Zur Ausübung seines Berufes kam bei Or. Wartenweiler je länger je mehr auch die Tätig- keit mit der Feder. In seinem poetischen Werklein „Vorn Ooulum zum Doktorhut" ließ er seinem medizinischen Humor in froher Laune die Zügel schießen, betonte aber auch da die ideale Auffassung in Beruf und Leben. Im Laufe der Jahre veröffentlichte namentlich die „Bodensee-Zeitung" zahlreiche Abhandlungen aus seiner Feder. Es waren namentlich Fragen der Dolkshggiene, der Erziehung und Bildung, zu denen er sich auf diese Weise äußerte- manchmal war es ein geschichtliches, literarisches oder philosophisches Thema, das ihn anregte. Nur die Politik konnte ihn wenig zum Schreiben begeistern, wenn er auch sonst treu zur Fahne des Freisinns und Fort- schritts stand. Am 15. März 1896, genau 25 Jahre nach dem Entlassungstage des Bataillons 49 vom Grenzbesetzungs- dienste, folgte er mit Freude und Begeisterung der Einladung zur Erinnerungsfeier in Frauenfeld. Bei diesem Anlasse trug er von der Tribüne vor die hiefür verfaßten: Leiden und Freuden des Assistenzartes. S'war etwa Mitte Januar, da kam Befehl von Berne: Frisch auf, Kameraden, flott ins Feld, geh's gerne, geh's ungerne. Trüb war der Himmel, wolkenschwer, Das Portemonnaie auch ziemlich leer: O armer Assistenzarzt! no Die Red' des Herrn Regierungsrat war voll Begeisterung, Und fester fassen das Gewehr die Mannen, alt und jung. Wer geht so trüb und still einher? Wer seufzet tief und seufzet schwer? Der arme Assistenzarzt. In der Kaserne Klingenthal, da war's uns nicht zum Spassen; Zwar gab es Kneipen ohne Zahl, und viele, viele jassen. Wer leidet da die größte Qnal? Wer schreibt Rapporte ohne Zahl? Der arme Assistenzarzt. Im roten Turm in Delömont schön Aennchen füllt die Humpen, Und Kommandant und Aidemajor, die lassen sich nicht lumpen. Wer sitzt so traurig dort am Tisch? Die salzigen Tränen rinnen frisch Dem armen Assistenzarzt. O BoLcourt, o BoScourt! Fünf Meter Schnee's Höh'. Ist's jeden Winter hier so kalt? iVIon clieu, MSE >2° ^-SM ROM ?>5-- - DUÄ L-r^L^ SWW L'Mßk ^AMA > iifÄAMNÄs >-^Ä ^K^- WNr^ M-- MW