Z«r ErimeruH an E -4 >r. Hoch-Irllmger. Kedaktar. -- ^evloncrtten und LeicHenveöe ! gehalten bei der Beerdigung, Samstag den 4.September 1880, irr der krMchsischen Kirche in Kusel von Herrn Ernft Büß, Pfarrer. --- Basel. Buchdruckerei der „Grsnzpost" (K. I. Wyß). 1880 . ^- Offenb. Joh. 2, 10: Sei getreu bis iu Leu Hob, fo rvM ich dir die Krone Les Lebens geben. In dem HErrn geliebte Trauervcrsammlung! ^m großen Gewebe des Schicksals erschüttert nichts so tief das Glück der menschlichen Geschlechter, als das unerbittliche Todesgeschick. Aller Hoffnung spottend, alle Pläne durchkreuzend, legt es seit Jahrtausenden den Mann neben das Kind, die Stütze der Gesellschaft neben den, der nur zur Geduldsprobe für die Andern geschaffen scheint: zum warnenden Zeichen, daß über uns eine höhere Macht waltet, gegen welche jeder Widerstand nur kindischer Wahnwitz wäre. Die wenigen schwarzen Bretter, die der Leichenwagen hinausführt, sind nun einmal nach Gottes Rath unser irdisches Ziel, und vor dieser heiligen Thatsache haben wir uns Alle demüthig zu beugen. — In solcher demüthigen Beugung, überwältigt vom majestätischen Ernst der Sterblichkeit, stehen wir heute hier am Sarg eines Mannes, den wir Alle hoch verehrten, der aber uns voran zur gerechten Trauer Aller, die ihn kannten, den schweren Todesweg beschreiten mußte. «Z 4 Dr. Abraham Roth war geboren den 22. Februar 1823 in Märstetten, im Kanton Thurgau, als erstes und einziges Kind des dortigen Pfarrers Johann David Roth von Keßwell und der Anna Barbara geb. Spitzli von Ober - Utzwyl. Schon wenige Wochen nach der Geburt starb seine Mutier und einige Jahre später sein Vater. So stand das Kind mit sieben Jahren völlig verwaist da; verwaist, aber nicht verlassen. Denn es fand im befreundeten Hause des Stadtpfarrers Dekan Wirth in St. Gallen freundliche Aufnahme und eine sorgfältige Erziehung. Frühe schon entwickelten sich in ihm bei ungewöhnlicher Strebsamkeit vorzügliche Eigenschaften des Geistes und des Gemüths. Die Schwierigkeiten seines schwachen Gehörs fröhlich überwindend, absolvirtc er in St. Gallen das Gymnasium und bezog dann im Frühjahr 1842 die Universität. Mit regem Eifer und im belebenden Verkehr mit csngcnialen Jugendfreunden widmete er sich in Bonn, Berlin und Paris philosophischen, historischen, literarischen und kunstgeschichtlichcn Studien, lernte Welt und Leben auf großen Reisen kennen, die ihm den hohen Norden Schweden's und Nmwegen's und im Süden Algier und Marokko erschlossen, und kehrte endlich, wissenschaftlich vielseitig und gründlich ausgerüstet, im Frühling 1847 in seine Heimat zurück, um die reiche Ausbeute seiner Studien- und Wander- jahre im Dienste des Vaterlandes fruchtbar zu machen. Er wandte sich sofort der publizistischen Thätigkeit zu, indem er sich in Frauenfeld an der „Thurgauer Zeitung" bctheiligte. Allein, bevor er für immer in den großen Kampf des öffentlichen Lebens trat — und es waren damals ernste Zeiten, in denen neue Ideen und Verhältnisse sich mit stürmischer Gewalt heraufarbeiteten — sollte erst die Hochschule ihm ihren Segen mit auf den Lebensweg geben. Bern verlieh ihm die philosophische Doktorwürde. Dergestalt ausgewiesen, betrat er frisch und kräftig die Publizistische Laufbahn. — Die Freischaarenzüge, der Sonderbundskrieg, die neuen Verfassungen, die Umgestaltung der Eidgenossenschaft aus einem losen Staatenbund in einen fest gegliederten Bundesstaat, alle diese Bewegungen gaben der Presse eine erhöhte Bedeutung und erforderten besonnenes Urtheil, rüstige Kraft und stramme Haltung. Alles dies vereinigte sich in Roth. Die „Thurgauer Zeitung" nahm einen schönen Aufschwung, und sein journalistischer Name war begründet. Als nun die Bundesverfassung zu Stande gekommen, siedelte er nach der neuen Bundesstadt über, um mit seinem Freunde Dr. Tscharner zur Befestigung der neugeschaffenen Situation ein eigenes Organ zu gründen. Es entstand der einflußreiche „Bund", dem er 15 Jahre lang mit hervorragendem Erfolg seine Manncskraft widmete. Zur neuen Heimat gehörte ein eigener Hausstand. Er vermählte sich am 9. September 1851 mit Friederike Zellweger von Hauptwyl bei Bischofszell, die jetzt als Wittwe mit zwei Töchtern und einem Sohne um den liebevollen Gatten und Bater trauert und die Auflösung eines Familienglücks beweint, wie es so rein und ungetrübt nur Wenigen zu Theil werden kann. 1865 bis 1871 gab er die groß angelegte, prächtig rcdigirte „Sonntagspost" heraus, eine Zeit lang gleichzeitig die „Tagespost" und als würdige Fortsetzung der bisherigen publizistischen Thätigkeit stit 1871 die „Schweizer Grenzpost", die seine Uebersicdlung nach Basel nöthig machte und von der nun der Tod ihn unerwartet schnell hinweggerisscn hat. Roth war wie ein Freund und gründlicher Kenner von Kunst und Musik, so auch ein hoher Verehrer der Natur, deren Zauber er als Schriftsteller in farbensrischen Schilderungen beredten Ausdruck lieh. Der Alpenklub, den er gründen half, verliert in ihm eines seiner verdientesten Mitglieder. So trieb ihn die Wanderlust auch dieses Jahr für einige Wochen in die Ferne. Wie von Todesahnung getrieben, suchte er in der Ostschweiz die Stätten seiner Jugend und seiner Verwandten auf, feierte fröhlich und erfreuend noch eine Hochzeit mit, wurde aber alsdann in Kreuzungen von einer Krankheit ergriffen, deren Keim er schon von Basel mitgenommen. Als er heute vor acht Tagen heimkehrte, war die Krankheit schon in voller Entwicklung. Und vorgestern früh halb 4 Uhr hatte sie sein: erst noch so frischen Kräfte aufgezehrt, seinem reichen Leben ein rasches Ende bereitet. 6 H> Noch bis in die letzten Tage verließ ihn nie sein köstlicher Humor; für Alle hatte er noch ein freundliches Wort, einen Blick der Liebe. Mittwoch Abends traten seine Angehörigen, eins um's andere an sein Krankenlager: ein wonniges Lächeln, ein letzter Druck der lieben Hand, das war sein Abschied. Lieblich und friedlich und ohne Kampf ist er im Alter von 57 Jahren 6 Monaten und 11 Tagen zur ewigen Ruhe eingeschlummert. In dem srbcitsvollcn Leben nun, dgs wir hier sich vollenden sahen, ist es ein Zug, der uns vor allen andern entgegentritt: eine unwandelbare, wahrhaft goldene Treue. Getreu bis in den Tod! mit diesem Wort ist seine ganze sittliche Persönlichkeit gezeichnet. Sein reiches öffentliches Wirken ist ein fortlaufendes Denkmal heiliger Treue gegen sich selbst und seine Ueberzeugungen. Es bewegte sich in einerlei Beruf und Arbeit und so auch in einerlei Geistesrichtung. Ob die Zeiten und Stimmungen wechselten, Dr. Roth blieb fest und unentwegt allezeit derselbe; stets derselbe klare, geistvolle Mund jenes selbstbewußten Freisinns, der einst die Bundesverfassung schuf und sie seither nach allen Seiten hin ausgestaltete; stets derselbe durch und durch wahre, gemüthvolle Verfechter einer ebenso ernsten als idealen sittlichen Weltanschauung, die auch in den schwersten Tagen fröhlich auf den Sieg der Wahrheit baut, weil sie dieselbe unverrückbar gegründet weiß in Gott. Sein Leben ist ferner ein Denkmal unwandelbarer Treue gegen das Vaterland. Wie er hingerissen war von der Schönheit der Berge und Thäler der Schweiz, so war er nicht weniger tief durchdrungen von der Hoheit und Größe ihrer Aufgabe, eine Hochwacht edler Freiheit zu sein im Herzen Europa's, wie vom bleibenden Werth ihrer republikanischen Einrichtungen. Dem Vater- lande, seiner schönen Heimat, war sein ganzes Schaffen gewidmet. Und diesem warm geliebten Vaterlande mit Wort und That und — sagen wir es laut an dieser Stelle — auch mit sittlichem Beispiel dienen zu dürfen getreu bis in den Tod, dieses Bewußtsein und dieser Segen erhielt ihn allezeit, auch in Tagen deS Kampfes, frisch und muthig und war die Quelle jener innern Genugthuung, die aus all seinem Wirken sprach. Goldene Treue bis in den Tod hat er auch seinen Freunden bewahrt, den Freunden, die, zahlreich in allen Kantonen wie im Ausland bis in die höchsten Kreise der Staatsmänner, Künstler und Gelehrten, einen unversieglichen Reichthum der Geselligkeit fanden in seiner idealen Lcbensrichtung, seinem reinen, warmen, frommen Gemüth, seinem liebenswürdigen Humor, vor Allem aber in der grundklaren Lauterkeit und Gradheit seiner Seele. Goldener Treue bis in den Tod endlich erfreute sich zumal die Familie des Verewigten. Was er dieser gewesen und was sie an ihm verliert, das vermag nur zu ermessen, wem es je vergönnt war, einen Blick in die Zartheit und Innigkeit dieser Verhältnisse zu werfen. Die Erinnerung an so viel Glück und Treue möge den schwer Geprüften zu wohlthuender Aufrichtung dienen in ihrer tiefen Trauer! Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben! Treu ist er gewesen, und so hat sich denn auch der Segen dieser Verheißung bereits mannigfaltig an ihm bewährt. Als Krone der Ehren ruht auf seinem nun im Tod erblaßten Haupte die ungetheilte Hochachtung seiner Mitbürger im ganzen, weiten Schwcizerland, die bleibende Liebe nicht nur seiner Angehörigen, sondern auch seiner Freunde und Gesinnungsgenossen. Und diese Hochachtung und Liebe wird nicht allein seinen Grabhügel schmücken, sondern auch sein Bild neu unter uns beleben und verklären zur Freude der Seinen, um über Tod und Grab hinaus mit ihm fortzuleben. Als Krone der Ehren schmücken seinen Namen die Werke alle, die sein klarer Geist bei Lebzeiten schuf, die fortgehenden Nachwirkungen seines lebenslangen Kämpfens für Licht und Freiheit, die gesegnete Frucht seines reinen Lebens. Wir blicken aber heute auch über die engern Grenzen des irdischen Lebens hinaus in's weite Reich der Ewigkeit. Dort, meine Freunde, dort, wo die Gott suchende Seele erst zu ihrer wahren Ruhe kommt, in der ewigen, persönlichen Lebensgemeinschaft mit dem Vater der Geister durch Jesus Christus, unsern HErrn, dort erst leuchtet die wahre Krone des Lebens, das ewige unver- welkliche Erbe dem, der von Gott getreu erfunden worden bis in den Tod. Gerade der Tod eines solchen Mannes predigt es laut und unwidersprechlich: diese gesunde, allem Guten dienende Geisteskraft vermag der Tod nicht zu todten. Es gibt ein ewiges, unsterbliches Fortleben für die Seele, die hier mit frommem Sinne der Wahrheit geweiht war. Was hier nur in sündiger Schwachheit begonnen ward, drüben und droben wird es sich herrlich vollenden. So ist denn dem entschlafenen Getreuen nun auch diese Ehrenkrone des ewigen Lebens gegeben in reicher, seliger Vollendung des Geistes. Der Blick auf diese bleibende Ehrenkrone sei in der Erinnerung an den Heimgegangenen ein reicher Trost in den Tagen der Thränen besonders Euch, die Ihr als seine nächsten Angehörigen durch sein Scheiden einen unersetzlichen Verlust erleidet. Ihr fühlet es an Euch selber: die Liebe hört nimmer auf. Wenn nun schon menschliche Liebe unsterblich ist, wie viel mehr gilt dies von der Liebe des ewigen Gottes! Sie, die Euch bisher in schönen und schweren Stunden, zumal in dem Entschlafenen, so reich gesegnet und ihm die Krone des Lebens verliehn, sie wird Euch auch fernerhin tragen, leiten, trösten, die Wunden heilen und Euer Leben zu dem gesegneten Ziele führen, welchem das Wiedersehen folgt. Sei getreu bis in den Tod! Hiezu ermuntert uns Alle kräftig das leuchtende Vorbild des Verewigten. Sei getreu bis in den Tod! Diese Mahnung lasset uns Alle mit nach Hause nehmen von seinem Grab, sie sei einem Jeden in's Herz hinein- gerufen und auf's Gewissen gelegt. Auch uns sind Kräfte gegeben und Aufgaben gestellt. Möchten wir, wenn Gott auch uns einst abfordert, als treue Haushaltcr erfunden werden, getreu bis in den Tod, und von ihm empfangen die Krone des Lebens! Amen. 981199369