Iw\vv\\\ uwnvM | Kant.-Bibliothek 5 j 692 ( 1 THURGAU I WVVVVWW > 1 1 -5 Kant.-Biblii THURGAU •Abdruck a. d. Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, 1910, Nr. 13. Hundert Jahre Geburts- und Totenstatistik der Kirchgemeinde Ermatingen. Von Dr. 0. Naegeli, Bezirksarzt. Wer Jahr um Jahr die Geburts-, Ehe- und Sterbetabellen zusammenzustellen hat, fragt sich gewiss manchmal, wie war das wohl früher, etwa vor 100 Jahren ? Hatten Hebammen, Pfarrer und Aerzte vor Zeiten schwereren Dienst oder weniger Arbeit ? Wie stellt sich das Verhältnis der Geburts- und Totenziffern zu unsern heutigen Zahlen? Vor 100 und mehr Jahren hatten die Leute andres zu tun, als Statistik zu treiben, sie bekümmerten sich mehr wegen dem Zahlen als um Zahlen, und wenn jemand gestorben war, ein Kind vor allem, so hiess es, unser Herrgott hat’s wieder zu sich genommen, ’s ist ihm wohl geschehen ! Todesursache war immer der liebe Herrgott. Erst vom Jahre 1808 an haben die reformierten Geistlichen in Ermatingen angefangen, regelmässig die letzte Krankheit der von ihnen Beerdigten in den Kirchenbüchern zu verzeichnen. Vorher trifft man nur ganz ausnahmsweise, etwa bei einem schweren Unfall, nicht einmal bei einer Epidemie, bezügliche Angaben. Die katholischen Priester führten schon viel länger genauere Verzeichnisse über die Leiber ihrer allerdings bedeutend kleinern Seelenzahl. So war es mir möglich, eine ein Jahrhundert umfassende Aufstellung der Geburten und Sterbefälle und der Todesursachen anzulegen über „einen löblichen Kirchsperg Ermatingen“. Allerdings traten da und dort Lücken auf, es fehlten die Angaben über den Grund des Absterbens. Vom Jahre 1873—1875 hat sich der damalige reformierte Pfarrer von Ermatingen nicht mehr die Mühe gegeben, die Krankheit zu verzeichnen, der ein Verstorbener erlegen war. An Hand eigener Aufzeichnungen und durch Nachforschungen bei Verwandten und Bekannten war ich imstande, den Defekt notdürftig zu überkleben. Vom Jahre 1876 an mussten die Zivilstandsregister von drei Muni/.ipalgemeinden, Ermatingen, Salenstein und Wäldi zu Rate gezogen wurden, von da ab bieten dann allerdings die Zahlen und Scheine grösste Gewähr auf Zuverlässigkeit. Wie zu erwarten stand, bot die Nomenklatur hie und da Schwierigkeit für eine richtige Registrierung. Fehldiagnosen müssen wir natürlich mit in Kauf nehmen. Das „hitzige Gallenfieber“ spielte bei den alten Aerzten eine grosse Rolle. In unsern Listen spukt es bis zum Jahre 1867, hatte aber bereits im vorhergehenden Dezennium viel an seiner Bösartigkeit eingebüsst. Von 1857 bis 1866 starben nur sechs Personen an dieser rätselhaften Krankheit, während im ersten halben Jahrhundert unsrer Aufstellung 152 Fälle zum Tode führten. Das hitzige Gallenfieber muss eine fieberhafte, nicht ausgesprochen epidemische Krankheit gewesen sein, in deren Begleitung häufig Ikterus auftrat. A. Burckhardt in seiner bewunderswerten statistischen Arbeit über Basels Seuchen äussert die Ansicht, es sei auch Typhus unter der Bezeichnung Gallenfieber mitgelaufen. Das trifft wohl bei uns auch zu, jedenfalls immer, wenn Gelbsucht das Nervenfieber begleitete. 5W 2 Sieber war es ein Sammelbegriff. Ein vergleichziehender Blick auf unsere Tabellen belehrt uns schnell, welche Krankheit früher wohl immer als Gallenfieber verzeichnet wurde. Bis zum Jahre 1837 registrieren 119 Fälle dieser Krankheit, während nur ein Fall von Lungenentzündung (1812) aufgeführt erscheint. Von 1837 ab bis 1857 halten sich beide die Wage, bis nach schwachem Abglimmen von 1867 an einzig noch Lungenentzündung das Feld behauptet. Dass die Pneumonie bei Laien — und die, Perkussion und Auskultation nicht übenden, alten Aerzte waren nicht viel mehr — als hitziges Gallenfieber gelten konnte, erklärt nicht nur die sie hie und da begleitende Gelbsucht, sondern ganz besonders der Umstand, dass das Sputum in einem gewissen Stadium der Krankheit eine gelbliche Farbe gewinnt, wodurch ein Zusammenhang mit Galle erwiesen und die Diagnose Gallenfieber gesichert erschien. Gestützt auf diese Ueberlegung und auf unsre Tabelle dürfen wir wohl behaupten, dass bis 1837 bei uns alle Lungenentzündungen hitziges Gallenfieber hiessen, ohne zu bestreiten, dass auch noch andre fieberhafte Krankheiten, Typhus, Diphtherie etc. in diesem Begriffe mitmarschierten. Mit dem Auftreten junger, physikalisch gebildeter Aerzte verschwand die alte Bezeichnung immer mehr. Vom Jahre 1847 bis 1865 praktizierte nebst zwei andern Aerzten, wovon einer der ganz alten Schule angehörte, mein Vater hier, vom Jahre 1867 ab, seit dem ich Totenscheine unterschreibe, ist das hitzige Gallenfieber ausgestorben. Die Bezeichnung „Fauifieber“ findet sich nur dreimal im ersten Dezennium unserer Zeitrechnung. Es war darunter zweifellos eine Sepsis, wahrscheinlich mit faulendem Geruch, am ehesten Diphtherie, gemeint. Diphtherie und Croup kommen im ersten Halbjahrhundert nur fünfmal und, wenn wir den einzigen Fall von Halsentzündung dazu rechnen, bloss sechsmal in Benennung, während der zweiten Hälfte des Ssekulums 92 Todesfälle zukommen. Croup ist eine derartig charakteristische Erkrankung, dass sie kaum mit anderen Krankheiten verwechselt werden kann. Der Ausdruck „häutige Bräune“ taucht schon 1819 auf. Die wenigen Fälle bis zu den 60er Jahren figurieren als Bräune oder Halsbräune, die Bezeichnung „Diphtheritis“ gehört den vier letzten Jahrzehnten an. Mögen auch Diphtheriefälle neben Faulfieber als Nerven- und Gallenfieber zum Abschluss gekommen sein, so muss ich doch annehmen, dass, bei uns wenigstens, die Halsbräune eine moderne, erst seit ca. 50 Jahren allgemeiner und perniziöser auftretende Krankheit ist. Auf die 30 Jahre 1865 —1894 fällt die schwerste Verantwortlichkeit mit 68 Kinderleichen. Von 1895 bis 1907, 13 Jahre, nur noch 12 Todesfälle. Vom erstbezeichneten Jahre an wurde von den hiesigen Aerzten allgemein die Behandlung mit Injektionen von Bering 'schein Serum adoptiert. Es würde einem in der Feder jucken, Vergleiche und Schlüsse zu ziehen, aber Statistik treiben mit kleinen Zahlen gleicht Kegelschieben mit Haselnüssen! Dass Kindsblattern, Pocken und V a r i o 1 a dieselbe Krankheit sind, ist allbekannt. Gerade ein Jahr vor dem Einsetzen unserer tabellarischen Uebersicht starben in der Kirchgemeinde Ermatingen 33 Kinder im Alter von */* bis acht Jahren an den Kindsblattern, im Jahre 1819 forderte die Seuche von Ermatingen elf und 1820 von Salenstein sieben Opfer. Nachher ist durchs ganze Jahrhundert hin nur noch je ein Sterbefall an Pocken 1854, 1867 und 1871 verzeichnet. Die Annahme, dass die Vaccination gleich nach der heftigen Epidemie von 1819/20 in unsrer Gemeinde Eingang, aber auch Vorurteil und Widerspruch fand, wird durch eine Notiz im Pfarrbuch vom Jahre 1822 hübsch dokumentiert: „gestorben ein Kind infolge der Blatternimpfung.“ Hier ist’s wohl erlaubt, mit Eisenholzkugeln zu kegeln und die blinden Impfgegner als Kegel aufs Ries zu stellen; denn jedes helle Auge 3 sieht, wie infolge der Vaccination und zwar der obligatorischen Impfung, die verderblichste der Volksseuchen früherer Jahrhunderte einfach weggewischt wurde. Die Masern werden heute noch im Volk als Röteln oder Rotsucht bezeichnet; früher auch Friesei einfach im Gegensatz von Kindbettfriesei genannt, mancher Scharlachfall mag hier mituntergelaufen sein Die erste Hälfte unseres statistisch bearbeiteten Ssekulums hat 59, die zweite nur noch acht Kinder durch diese Seuche gefordert. Die Ruhr, Dysenterie in epidemischer Form, hat im Anfang unserer Rechnung, wie auch in frühem Jahrhunderten, hier zahlreiche Opfer verlangt. In den Jahren 1810, 1811 und 1817 (Hungerjahr) starben an Ruhr 43 Personen, 1817 allein 21. Vereinzelte Fälle tauchen noch auf bis zum Jahre 1868, seither ist die Ruhr bei uns verschwunden. Grippe in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, kleidet sich gegen dessen Ende auch beim Laien in das lateinische Gewand von Influenza. Im Jahre 1837 tauchen zum ersten Male drei Todesfälle an Grippe auf, in den folgenden Jahren bis anno 48 sind noch weitere zehn Fälle und ein Ausläufer im Jahre 1858 notiert, um im grossen Influenzajahr 1890 mit der gnädigen Dreizahl sich lateinisch zu präsentieren und bis 1907 bescheidentlich mit nochmals zehn Opfern zu begnügen. Keuchhusten hiess bei uns nie anders, nicht Blau- und nicht Stickhusten. Zu verwechseln gewesen wäre er vielleicht früher hie und da einmal mit Croup, sonst scheint seine Diagnose auch durch Laien gesichert. 81 Kinder hat die Seuche dahingerafft; eine unverhältnismässig hohe Zahl anno 1849, nämlich 17. Besondere Beachtung verdient noch das Nervenfieber; dem Typhus begegnen wir erst im zweiten Abschnitt. 87 Fälle stehen in unsern Rubriken bis zum Jahre 1878, von da ab kein Fall mehr, entweder trat die Krankheit seither nicht mehr auf, es heilten alle Fälle oder sie wurden dem Spital zugewiesen. Ich erinnere mich in meiner Praxis nur an ganz wenige Krankheitsbilder, die mir die Diagnose Typhus mit Sicherheit zu stellen erlaubten. Hieher gehören zwei Fälle, Kranke, welche der grossen Typhusepidemie in Zürich (1884) entfliehen wollten und hier erkrankten, aber auch genasen. Oh die 16 Todesfälle anno 1814 und die zehn vom Jahre 1818 um die Kriegsund Hungerjahre herum etwa aufs Kerbholz einer Epidemie von Flecktyphus zu schreiben sind, kann nur als Fragezeichen hingestellt werden. Die Erkrankungen im Wochenbett, welche als Kindbettfieber, Kind- bettfriesel und Puerperalfieber in den verschiedenen Epochen vorliegen, wozu zum ersten Male 1863 ein Fall von Eklampsie kommt und vielleicht auch einige Blutungen zu zählen wären, interessieren hauptsächlich durch die aufsteigende Kurve, welche sie zuerst weisen, und den Absturz, den die Linie zum Schlüsse macht. 87 junge Mütter sind an den Folgen einer Geburt gestorben. Besonders verheerend war die Epidemie vom Jahre 1839, wo elf Frauen im Wochenbett starben, noch Jahrzehnte lang erzählte man davon, ohne mit einem Wort auf eine mögliche Infektion durch die „erfahrenen, bewährten, alten“ Hebammen hinzudeuten. Die Mortalität in den letzten 30 Jahren, mit nur sechs Todesfällen im Puerperium, steht, wenn auch nicht ideal da, doch auf der Höhe der modernen Hygiene. Wie überall, so war auch hier die Rubrifizierung und Statistik der Tuberkulose das schwierigste epidemiologische Kapitel. Die verschiedenen zu berücksichtigenden Synonyma lauten : Lungensucht, Auszehrung, Abzehrung, Hektik und zum ersten Male 1862 begegnen wir dem Ausdruck Lungentuberkulose. Einbezogen in diese Rubrik wurden die nicht gerade zahlreichen Fälle von Skrofulöse und die von den 30er Jahren an häufig notierten Fälle von Hirnentzündungen. Es können unter diesen Meningitiden wohl auch einige nicht tuberkulöser Art vorgekommen sein, immerhin wird der Fehler sehr klein gewesen sein, wenn wir alle Hirnentzündungen zur Tuberkulose zählten. 4 Bei der Bezeichnung „Abzehrung“ war mir wegleitend das Alter, die Jungen wurden zur Tuberkulose, die Alten zum Marasmus gelegt. Die ganz wenigen Todesfälle an Knochentuberkulose und Beinfrass wurden miteingereiht. Die ganze Tabelle ergibt von 1808—1907 668 Fälle von Tuberkulose und 122 Hirnentziindungen, also Summa 790 Fälle und zwar im I. Q. S. (25 J.) 216 ohne Hirnentzündung = 216 im II. Q. S. 174 und dazu „ 36 =210 im III. Q. S. 174 „ 58 = 232 im IV. Q. S. 104 „ 28 = 132 668 122 = 790 Vergleichende Betrachtungen über Zu- und Abnahme dieser verheerenden Seuche müssen später in Verbindung mit der Statistik der Wohnbevölkerung eine Stelle findeu. Rotlauf, Ueberröte, Erysipel spielen mit drei Todesfällen keine Rolle in unsrer Statistik. Das grösste Interesse konzentriert sich auf die Kindersterblichkeit. Hier begegnen wir auffälligen Zahlen. Die Totgeborenen und bald nach der Geburt Gestorbenen zeigen keine erheblichen Schwankungen, unsere Aufmerksamkeit erweckt in höherem Masse die Rubrik: Dyspepsia und Gastroenteritis infantum. Im ersten Halbjahrhundert sind alle Kinder, welche in zartem Alter an Magendarmkatarrh u. dgl. zugrunde gingen, infolge von Gichtern gestorben. Es brauchten keine eklamptischen Anfälle gewesen zu sein, da gab es auch stille Gichter, drückende Gichter, Zahngichter, Darmgichter u. a. m., welche aufs Herz fuhren und dem jungen Leben ein Ende machten. Die Generaltabellen, welche ich über alle Geburten und Sterbefälle des Seekuluras aufgestellt und möglichst den offiziellen „Zusammenstellungen der Todesursachen“ angepasst habe, geben Rechenschaft über 8608 Geburten und 6620 Todesfälle Ueberschuss 1988 der Geburten in 100 Jahren. Totgeboren oder bald nach der Geburt gestorben sind 7 76 Kinder, massgebende Zahl der Geburten 7822. Von diesen Kindern sind an Gichtern, Dyspepsia und Gastroenteritis infantum (Nr. XIII, 2 der offiziellen Liste) gestorben 1481 = 26 °/o der Geborenen und 19 °/o der Lebendgeborenen und zwar nach Gruppen von 25 Jahren: I. 635 ; II. 694; III. 193; IV. 49. I. Q. s. geboren totgeboren 2336) 134/ Dysp. 635 — 29 % der Lebendgeborenen 2202 II. Q. s. geboren totgeboren 24271 1951 Dysp. 604 = 27 o/o 2232 III. Q. s. geboren totgeboren 2284) 353/ Dysp. 193 = 10% 1931 IV. Q. s. geboren totgeboren 15611 94/ Dysp. 49 - 3,4 o/o 1467 Um sich einen richtigen Begriff über die Natalität und Mortalität im Berichtsjahrhundert zu machen, ist ein Vergleich der Bevölkerungszahlen in den verschiedenen Dr. 0. Naegeli, Totenstatistik Korrespondenz-Blatt 1910, Kr. Iß. Zusammenstellung 2 1 1 2 3 3 5 2 3 4 5 2 5 1 3 i — 3 — 3 2 2 1 _2 6 1 2 5 5 2 5 — 8 9 9 12 6 6 15 3 7 7 7 4 14 6 8 7 5 8 10 2 1 _ 1 1 1 _ _ _ _ _ 1 _ _ 1 13 12 8 10 10 14 20 14 10 7 10 5 3 _ 6 3 10 5 3 6 8 4 7 3 2 — 3 — 2 — — 1 1 — 4 i 9 1 2 l 2 1 — 1 3 — 1 1 1 1 — i - 1 1 1 i i 1 1 1 1 — — 2 1 i 2 3 2 1 1 1 1 2 — 4 — 2 1 i 1 1 3 5 3 3 — 3 5 4 1 2 6 4 3 — — 4 2 2 1 3 2 1 2 4 2 4 4 2 8 6 1 3 3 4 i 3 1 1 3 1 i 2 _ _ _ 1 — 1 1 _ 2 2 — — — i — 1 — — — _ _ _ _ 1 _ 1 _ i — _ — — 2 — 1 — — — — 2 — _ _ — 1 _ _ _ _ _ — _ — _ _ — _ i — 1 — 1 — — 4 4 6 7 1 8 3 1 5 5 1 2 1 1 3 4 2 ; 6 1 — 3 7 1 4 4 4 4 — — — ~~' — 3 — — i 1 — 1 1 — 3 1 3 9 4 2 4 2 7 3 3 3 1 1 4 3 2 — 7 2 1 4 1 — 3 3 3 i 1 4 15 — 1 2 — — — — — — i — 4 2 3 — — 10 3 2 — — 97 102 68 71 60 73 95 79 79 77 71 58 73 50 48 71 62 53 61 66 82 59 56 45 52 ! ! Bemerkungen: 1863 erstesmal Eklampsie. 1862 zum erstenmal die Bezeichnung Lungentuberkulose. — 3 1863 erstesmal Pericarditis. IV. Viertel] ahrhundert. VI. Geboren Todgeboren und ) Bald nach Geburt gestorben | Altersschwäche und Abzehrung Gewaltsamer Tod: Ertrunken Andere Fälle Selbstmord Summa gewaltsame Todesarten Infektionskrankheiten: Masern Scharlach Keuchhusten Diphtherie und Croup Grippe (Influenza) Lungenentzündung Kindbettkrankheiten Gehi rnentzündung, tuberku löse Scrofeln, Lungensucht, Tuberku]. Alkoholismus chron. Arthritis, Gicht, Gliederkraukheit Gichter, Dyspepsie und Gastroenteritis infant. l'nterleibsentznndung Perityphlitis Eingeklemmter Bruch Leberleiden, Gelbsucht Ulcus ventriculi, Kolik Bronchitis, Emphysem Pleuritis (Seitenstich) Gangrsena pulm. Herzleiden, Gangrsena senilis Wassersucht Arteriosklerosis Diabetes Hirnleiden Tabes Apoplexia cerebri Epilepsie Xieren- und Blasenleiden Hautkrankheiten, Karbunkel, Eczema XXIV. Krebs Kropf Pvämie Unbekannte Todesursachen Summa XVI. XVIII XXL 1883 i 1884 1885 1886 1 1887 1888 1B89 1898 1891 1892 1893 : 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1906 1901 190Z 1903 1904 1905 1906 1907 68 75 631 60 67 58 58 67 59 48 69 67 73 69 66 62 66 62 58 63 63 42 60 63 55 4 2 3 1 9 6 2 3 6 4 2 1 4 2 3 2 8 2 4 4. 1 1 5 5 4 7 f) 5 5 2 5 3 2 4 3 5 5 3 1 2 l 6 10 6 6 6 5 4 4 3 _ 2 _ i _ i 1 1 _ 1 2 _ 2 2 _ _ 1 _ 1 1 _ 2 _ 2 _ 2 i — i l — 2 — 1 1 i — — — 1 — 1 — — 1 1 — 1 — 2 —. — i — 3 i — — 1 i — i i 1 2 1 — — 1 — 6 1 — — 6 i i 0 1 4 4 1 1 3 4 — 3 3 2 2 3 — 1 3 1 8 2 2 i 1 _ _ _ — _ 2 1 _ — _ - : 1 — — — — _ — — — — 1 i 2 _ _ _ _ _ 1 _ _ _ _: — _ — — »2 — — — — -- — 1 —. 2 2 4 _ _ _ — — — — 1 6 11 1 1 — — 2 — _ 2 2 ' __ 2 — 2 _ _ _ _ _ _ _ 3 _ _ _ 1 _ — — i — 6 — — — — 2 — _ 15 — 2 4 1 6 9 11 3 10 4 9 1 9 4 9 o 3 1 3 4 9 4 3 3 6 1 z _ ; 1 1 1 2 3 2 2 1 2 2 2 2 _ 2 3 1 _ _ 8 4 11 7 2 7 9 4 9 2 2 6 4 i 3 3 2 2 2 4 9 7 1 3 4 1 — — : 1 l l — — — 1 — — ! — 2 i — i — 1 l 1 — — z ') 6 4 3 7 1 2 2 1 _ i! _ i 2 o 8 _ • r, 1 1 3 _ 1 1 _ 1 1 1 2 i — — — 1 — 1 8 i i — i i — — — — — 1 1 — — ZT _ i i 2 1 — i 1 1 1 i — 1 i — i — i — — — — — 1 1 — 2 1 1 i 5 3 i — i 3 ’ 1 i i - 1 i 2 1 — 1 2 1 — 4 4 3 4 3 3 2 2 4 3 1 5 5 3 5 _2 i 3 1 — — — 1 2 1 _ _ 1. l _ 1 i i 1 2 i o - i — . 3 2 3 o 11 2 3 1 i — 1 1 1 — 2 — — — 2 2 : 41 — — — — — — 1 1 3 — 1 ' — — — 1 5 5 3 6 1 _ 3 7 1 4 3 3 8 2 ‘ 2 3 4 3 1 i 3 2 2 i 1 i — 1 1 i 2 i 2 4 — j — 1 i 3 i 1 1 — 1 2 — 3 i — 2 5 3 2 1 3 _ 2 5 6 2 4 4 ' 1 3 4 3 3 1 4 2 4 — 4 11 3 ■ 5 i 1 i 1 9 51 46 44 51 52 38 53 46 46 38 44 50 35 33 40 37 30 46 81 32 37 35 61 31 42 1 ! 5 Epochen notwendig. Die thurgauische Staatskanzlei hatte die Freundlichkeit, mir die nötigen Angaben bereitwillig zu machen. Die erste noch vorhandene Volkszählungsakte datiert vom Jahre 1831, sie weist auf für unsere Kirchgemeinde 2500 Einwohner. Bei der Stabilität unserer Bevölkerung durch Berechnung des Geburtenüberschusses zwischen 1808 und 1831 — 361 — wonach sich für das Anfangsjahr etwa die Zahl 2200 ergäbe, wäre eine Durchschnittsbevölkerung von ca. 2350 fürs erste Ssekulumquartal anzunehmen. Darnach ergäbe sich folgende Aufstellung. Einwohnerzahlen der ganzen Kirchgemeinde Ermatingen. 1808 ca. 2200 Seelen 1870 ca. 2670 Seelen 1831 ca. 2500 77 1880 ca. 2600 7» 1837 ca. 2560 77 1888 ca. 2550 77 1860 ca. 2650 1900 ca. 2600 77 Durchschnitt fürs I. Q. S. = 2350 Seelen II. Q. S. =r 2650 „ III. Q. S. — 2660 7) 77 IV. Q. S. = 2575 „ Durchschnitt fürs ganze Ssekulum ca. 2550 Seelen Demnach betrug die Natalität in je einem Zeitraum von 25 Jahren im Verhältnis zur Einwohnerzahl bei I. 2336 Geburten Med. p. a. 93 = 395 auf 10,000 Einwohner II. 2427 „ „ , 97 = 366 „ III. 2284 „ ' „ , 91=341 , IV. 1561 „ „ » 62 = 202 , Das Mortalitätsverhiiltnis zur Bewohnerzahl gestaltet sich folgendermassen : I. 1913 Todesfälle Durchschnitt p. a. 76 = 326 auf 10,000 Einwohner II. 1950 „ , „ 78 = 290 „ III. 1708 „ „ „ 68 = 255 „ IV. 1049 „ , „ 42 = 163 „ „ Die Kindersterblichkeit einzig durch Brechdurchfall bedingt I. 635 Sterbefälle p. a. 25 = 106 auf 10,000 Einwohner II. 604 „ „ 24 = 90 „ III. 193 , „ 7,7= 29 „ IV. 49 „ „ 2 = 7,7 „ „ Die Säuglingssterblichkeit der Neuzeit beträgt also nicht mehr den elften Teil jener guten Zeit der Breie und Luller, „wo die Kinder doch auch gesund waren und davon kamen“. Allerdings ist die Produktivität dafür eine bedeutend geringere jetzt als vor Zeiten. Von 395 auf 10,000 ist die Natalität gesunken auf 202, fast um die Hälfte, doch auch die Sterbeziffer hat sich in gleicher Weise ebenfalls etwa auf die Hälfte reduziert. Freilich müssen wir in Betracht ziehen, dass jetzt eine Anzahl Schwer- kranker im Spital Münsterlingen Heilung sucht und selbstverständlich auch ein Kontingent für den Friedhof stellt. Die daraus erwachsende Fehlerquelle ist aber nicht gross, weil weitaus die meisten Leichname zurückgenommen und hier beerdigt werden. Aehnliches ist bezüglich der Tuberkulose zu sagen. Es schmücken noch wenige Kreuze Grabhügel von Ermatingern in Davos und Braunwald. Es sind, wie oben angegeben, im Jahrhundert verstorben 790 Personen an Tuberkulose und zwar im I. Q. 8,6 Tuberkulose f IL Q. 8,4 III. Q. 9,3 „ IV. Q. 5,5 6 Im Durchschnitt der 100 Jahre ca. acht Personen per Jahr. In Aufrechnung zu 10,000: I. Q. S. = 34 III. Q. 8. = 32 II. Q. S. = 30 IV. Q S. = 20 Ein doch sehr beachtenswerter Rückgang der Mortalität an Tuberkulose im vierten Seekulumsquartal. Das düsterste Plätzchen im Buche der Tränen nehmen ein V. die gewal't- samen Todesarten und doch bieten sie nicht nur dramatisches Interesse, diese 189 Unglücksfälle. Bei der Nähe des Sees und der Verkehrsfrequenz, welche dabei und darauf herrscht, ist es nicht zu verwundern, wenn mehr als ein Viertel aller Unfälle dem Tod durch Ertrinken zur Last fällt: 52. Die übrigen Unfälle, 93 an der Zahl, schliessen in sich einen Mord, den ein fremder Geselle aus Eifersucht an einem blühenden jungen Mädchen verübte (1845), und einen Totschlag (1854) aus ähnlicher Ursache. Daneben kommen vor: Fall vom Dach, von der Leiter, Treppe, von Bäumen, Pferdehufschlag, Stoss von Hornvieh, Blitzschlag, Verbrennungen, ja sogar Erwürgen durch eine Katze. Die Zahl der Selbstmorde zeigt sich in umgekehrter Kurve zu der sonstigen Todesstatistik : I. Q. 5 II. Q. 7 III. Q. 9 IV. Q. 23 44 Im Anfang des Jahrhunderts wurden die Selbstmörder nicht etwa nur in einer Ecke des Kirchhofs, sondern ganz abseits „hinten im Berg“ verscharrt. Pfarrer Breitinger bemerkt von einem solchen in humaner Anwandlung : „In delirio febrili inflammatoria lacu sese immersit, non autem illi honesta sepultura negata est.“ Die Tatsache, dass die letzten fünf Lustren fast die Hälfte aller Suizidien involvieren, könnte Anlass bieten zu Reflexionen. Uns veranlasst sie, einen Blick zu werfen auf die Rubrik Alkoholismus, welche mit der spärlichen, natürlich aber vollständig unrichtigen Zahl von 11 sehr gelinde wegkommt. Der erste von mir hier rubrizierte Fall wird vom Pfarrherrn als gestorben „infolge der Liederlichkeit“ eingeschrieben. Die Neuzeit mit sechs Todesfällen, mehr als der Hälfte von allen, würde auch da in schlechtem Lichte stehen, wenn nicht die stattliche Reihe von Wassersüchtigen und Schlagflüssigen alten Datums auch teilweise anders beleuchtet werden könnte. Unter W assersucht figurieren : I. Q. 58 II. Q. 107 III. Q. 43 IV. Q. _1 209 Als von den Aerzten die Krankheit nur mehr als Symptom angesehen wurde, verschwand sie aus den Totenscheinen. An Schlagfluss, Apoplexie sind gestorben: I. Q. 66 II. Q. 72 III. Q. 92 IV. Q. 74 304 Die Diagnose Herzleiden taucht zum ersten Male auf 1837. In den zweiten Quinquelustris sind 9, in den dritten 69 und in den vierten 62 Todesfälle infolge von Herz- krankheiten gemeldet. Es versteht sich von selbst, dass die Mehrzahl der früheren Wassersüchten Herzleiden, meist atheromatöse Prozesse, waren, ein Name, der hier erst dem letzten Vierteljahrhundert angehört. Noch andere interessante Exkursionen könnten gemacht werden. Von Anfang an behielt ich die Frage im Auge, ob die Blinddarmentzündung wirklich, wie so oft behauptet wird, früher viel weniger vorkam als jetzt. Natürlich konnte eine andere Diagnose als Unterleibsentzündung nicht erwartet werden. Diese ist aber eine so prägnante Erkrankung, dass sie kaum mit einer andern verwechselt wurde; vielleicht ist hie und da ein Fall auch in den Sammeltopf „Gallenfieber“ geworfen worden. Trotzdem gibt es zu denken, dass im ersten Viertel unserer Liste nicht ein einziges Mal der Name Unterleibsentzündung auftaucht. Im Jahre 1834 begegnen wir ihm zuerst, 19 mal in der zweiten, 27 mal in der dritten und 18 mal in der vierten Periode, was Dicht auf eine Abnahme der Erkrankung des Appendix, sondern darauf hingedeutet werden muss, dass viele Erkrankte ins Spital zur Operation geschickt wurden und genasen. Zum Schluss noch einen Blick auf den Würger Krebs. Wenn im Anfang unserer Periode das Wort spärlicher auftritt, so dass sich eine Progression von 19 : 29 : 68 : 84 ergibt, ist damit keineswegs bewiesen, dass die Krankheit seltener war. Eine Reihe von tiefer sitzenden Karzinomen, wie z. B. Magen- und Darmkrebs, wurden in frühem Zeiten noch nicht diagnostiziert oder, wenn erkannt, nicht als Krebs bezeichnet, weil bis vor einigen Jahrzehnten noch das Wort etwas odiöses an sich trug. Ein schlagender Beweis hiefür ist das katholische Kirchenbuch vom Jahre 1837. Da steht unter den Verstorbenen die Herzogin von St. Leu und als Krankheit: gangrene. Bekanntermassen aber starb die Königin Hortense an Carcinoma uteri. Es ist ein recht bewegtes Bild, das uns die nachstehende Generaltabelle bietet, aus welcher auch von Andern noch vieles herausgelesen werden kann. 22 Jahre schütten einen Segen aus von über 100 Kindern, 1839 das Maximum von 122, das Jahr 1904 schenkt uns nur noch 42. Sieben Jahre, an der Spitze das Hungerjahr 1817 mit 109, raffen mehr als hundert Kinder und Greise dahin, zehn Jahre zeigen eine Sterbeziffer unter 40, das Jahr 1899 als das günstigste hat nur 30 Leichen. Wenn wir alle die Jahre überblicken und die Zahlen vergleichen, begreifen wir, warum die Hebammen jammern, die Aerzte es sich bequem machen können, die Leute gemütlich dahinleben und die Fremden sich gerne an einem Orte ansiedeln, wo das Sterben immer mehr aus der Mode kommt. 8 ?; > M'rT'ufihi 'j'.-fi fn't jiiloK ntl< {•**•* •»*" i’fiv -dote hfokt-yy >!{ .tabfem 1 )»» u«*i!‘ -r'-til t' l i .• ' UiVZ 11!’) 3r!')m ,11 • bioi.Vloil •r.' , lf'>OTI9*¥»V .Jli'irfoj’ll« 3 \ ;hnuihii*:j;loj 7 *jfV Hat!')! 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