M.-Wiottiejl ! 7491 Mb ^'rl tzMA WW O§^E WWN W^A 8^ MM MKWEWW MZW 'E^EM AKzLM dM '' »°« MM ME Ä' ^WWiI' 749 Hrrchm Hoth Eine Leöensskizze. Von c. w. Wrich, Druck von Zürcher und Furrer. Eine Lt'öensskizze. Von Druck von Zürcher und Furrer. 1880 . 5 - 15 » I. Zu Ende August 1880 gab ein Familienfest in Winter- thur dem Dr. A. Roth in Basel die fröhliche Veranlassung, die Ostschweiz wieder einmal zu besuchen. Einige gemüthliche Stunden brachte er in Frauenfeld zu, im Kreise uon Freunden und Fachgenossen. Dann kehrte er in Zürich ein und wohnte den 23. August dem schweizerischen Wettrennen auf der Wollishofer Allmend bei; er hatte allezeit Freude an edlem Turnier und schrieb noch den Bericht über das Wettrennen mit so frischer Feder wie je in seine „Grenzpost", die in Nr. 201/2 diese letzte Arbeit von ihm brachte. Obwohl bereits etwas fieberig, verkehrte er doch gern in Freundeskreisen, wo unter anderm auch die Frage berührt wurde, wie den gemeinschädlichen Wirkungen einer schlechten Presse entgegen getreten werden könne, ohne das Prinzip der Preßfreiheit zu beeinträchtigen: eine Frage, zu der gewiß Anlaß genug geboten ist, die aber überall leichter auszuwerfen als zu beantworten sein wird. Dr. Roth hielt das vermeintliche Katarrhfieber für weggeschwitzt, die Cigarre schmeckte ihn: wieder, und nachdem er noch Beethovens Ouvertüren zu Fidelio sowie die Egmont-Mustk aus dem Klavier hatte erklingen lassen, zog er von bannen, dem Bodensee nnd seiner alten Heimat zu. Doch schon in Kreuzlingen packte ihn das Fieber stärker an, so daß er in familiärem Begleite alsbald nach Basel heimkehrte. 4 Dort konstatirte der Arzt sofort und ohne Hoffnung den Typhus, welche Krankheit in Basel in jüngster Zeit aufzutreten scheint und von der er den Keim vermuthlich schon auf die Reise mitgenommen hatte. Er verfiel bald in leichte Phantasien, winkte dem Bilde neben seinem Bette des ihm vor 13 Jahren vorangegangenen Freundes W. Baumgartner mit den Worten: „Ja, ja, ich komme auch", und schlief dann, vom Schmerz der lieben Seinigen umgeben, den 2. September Morgens 3'/? Uhr sanft zur ewigen Ruhe ein. Der Beerdigung am 4. September wohnte ein zahlreiches Trauergeleite bei, aus Nah und Fern. Herr Pfarrer Büß wählte für die Grabrede den Text: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben", und zeichnete darin die sittliche Höhe des Verewigten. Der Sarg, mit Palmenzweigen, Lorbeerkränzen und Blumen überschüttet, wurde auf dem neuen Gottesacker vor dem Spalenthor unter dem Schatten einer jungen Ulme ins Grab gesenkt. Die schweizerische Presse, ohne Unterschied der Farben, widmete auf die völlig unerwartete Todeskunde dem Dahingeschiedenen ihre einmüthige Anerkennung. Abraham Roth, das erste und einzige Kind wohlhabender Eltern, wurde den 22. Februar 1823 zu Märstetten im Thurgau geboren. Die Mutter starb schon in dem Kindbett; der Vater, bürgerlich aus Keßwyl am Bobensee, war Pfarrer in Märstetten und starb sechs Jahre später. Der so früh verwaiste Abraham kam einerseits unter die treue Vormundschaft des Herrn Krtminalgerichtspräsidenten Kesselring in Märstetten, anderseits in Pflege und Erziehung bei Herrn Stadtpfarrer Wirth in St. Gallen, der ihm ein zweiter Vater wurde. Nachdem sich Roth auf den Schulen der Stadt St. Gallen sorgfältig vorbereitet hatte, bezog er 1842 die Universität Bonn und hernach Berlin. Da er von früh auf übelhörig war, so konnte er seiner wissenschaftlichen Ausbildung nur theilweise in den öffentlichen Vorlesungen obliegen und mußte die Ergänzung suchen im Privatunterricht und Selbststudium. Er widmete sich vorzugsweise philosophischen, staatsrechtlichen und historischen Studien; daneben kultivirte er Literatur und Kunst. Ganz besondere Freude hatte er, selbst ein tüchtiger Klavierspieler, an der Musik und er sprach noch lange Jahre begeistert von der schwedischen Nachtigall Jenny Lind, die damals Berlin bezauberte und deren Bildniß seitdem sein Arbeitszimmmer schmückte. Zu seinen nähern Studienfreunden in Berlin zählten Baumgartner (später Musikdirektor in Zürich), welcher die Jenny Lind 6 bisweilen in Konzerten accompagnirte, und Dr. Heer (später Bundesrath). Aber Roth wollte auch die weitere Welt sehen, und so durchwanderte er von Berlin aus mit Studienfreunden Dänemark, sowie einen ziemlichen Theil von Schweden und Norwegen. Ganz besonders sprach ihn Norwegen an, um des fast republikanischen Charakters willen und weil ihin das Volk so treuherzig vorkam. Er hat später in der „Sonntagspost" diese Reise mit köstlichem Humor beschrieben, wovon hier eine kleine Episode Zeugniß geben mag: „Wir waren in Hallingdal, einem viele Stunden langen Thal, das bis zum Fuße der Fillefjellen sich erstreckt, über welche die Gebirgsstraße nach Bergen führt. Dieses Thal ist eines der größten und bevölkertsten von Norwegen ; seine breite grüne Sohle bietet schöne Weiden, die hohen Felsen aber, die es einschließen, eröffnen eine Menge pittoresker Partieen, ja hie und da erhebt sich ihre Wildheit zu wahrer Pracht. Wenn aber über fast allen norwegischen Thälern und Fjorden ein melancholischer, oft schauerlich schöner Ton liegt, so hatte sich an diesem Tage der Himmel nach Kräften angestrengt, die Landschaft in düsterstem Gewände herauszukehren. Dicke schwarze Wolken hingen in der Luft, schwarzgraue Nebel trieben an den tausend und zweitausend Fuß hohen Felsenkämmen umher, gepeitscht vom eisigen Boreas, der auch uns armen Menschenkindern grimmig in das Gesicht und um die Ohren pfiff. Im Dorfe Naas versahen wir uns mit riesigen Wollstrümpfen, die wir über Stiefel und Hosen zogen. So in Mantel und Strümpfe verpackt, die Filzhüte über die Ohren herabgezogen, daß wir von richtigen Lappen kaum mehr zu unterscheiden waren, bestiegen wir auf's Neue den Skyßkarren und trabten den Fjellen, allen Winden und Wettern zu. Den ganzen Tag fiel der Regen so kalt und schwer über uns, als wäre ein halber Fjord ausgepumpt worden. Mit gleich verzweifelter Hartnäckigkeit aber beharrten wir darauf, Alles schön zu finden, was in den Pausen zwischen Wolken und Nebeln uns enthüllt wurde. Und es war wirklich schön. — Bei jeder Station freilich beeilten wir uns, am offenen Kamin- oder Küchenfeuer unsere Kleider zn trocknen und zu wechseln. Da setzte es jedoch dann und wann bedenkliche Scenen ab. So namentlich in Aalrust; ich weiß fast nicht, ob ich's erzählen darf. Das Gehöfte Aalrust hatte nur ein einziges Wohnzimmer. Der abscheuliche Tag, an dem sich kein Hund vor die Thüre wagte, hatte die ganze Bewohnerschaft darin versammelt. Die Männer dampften schlechtes Kraut aus ihren kurzen Pfeifen und schnapsten dazu, die Frauen und Mädchen spannen oder verrichteten andere häusliche Arbeit. Das Regiment führte eine noch ziemlich junge Frau, von welcher jene muntern Rangen stammen mochten, die halbnackt auf dem Boden und der Fensterbank herumkrochen. Wir bemerkten ihr vor allen Dingen, wir möchten uns gerne umkleiden. „Gut, thun Sie das." — „Ja ... ?" — „Soll ich noch mehr Holz zum Feuer legen? Ja, Herrje, es fließt Ihnen ja wie Bäche vom Leib." — „Nicht wegen dem, es ist wegen den Frauenzimmern da. Könnten sie nicht eine Weile hinausgehen, bis wir fertig sind?" — „Wo denken Sie hin? es regnet ja erschrecklich und ein zweites Gemach haben wir nicht." — „Aber, gute Frau, wir müssen uns ganz ausziehen, ganz bis auf die Haut." — „Versteht sich", erwiderte die 8 Frau mit der unbefangensten Miene von der Welt. — „Also darf man . . . ?" — Statt aller weitem Antwort schüttelte die Frau den Kovf» wie Jemand, der etwas nicht begreift und sich vorstellt, im Oberstübchen des Nachbars müßte es nicht ganz richtig fein. Besiegt von dieser unerschütterlichen Naivetät warfen wir endlich alle Prüderie bei Seite und machten uns aus Handwerk, die einzige Vorsicht beobachtend, daß wir der verehrlichen Gesellschaft den Rücken kehrten. Als wir wieder trockene Hemden am Leibe spürten, fragte mich mein Freund: „Was meinst du, haben uns jetzt die Weiber und die Mädel zugesehen oder nicht?" — „Ich bezweifle es höchlich." — „Ich aber, fuhr er fort, bin der Ueberzeugung, sie haben sich die Augen halb ausgestarrt. Bemerktest du nicht, wie mäuschenstill es auf einmal wurde, als wir aus den Hemden schlüpften?" — Ich nahm noch einmal die Partei der Andern, da kam die Frau wieder auf uns zu und sagte im Tone lebhaftester Theilnahme: „Aber Ihr Herren, wollen Sie wirklich in dem abscheulichen Wetter über die Fjellen? Sie haben eine so zarte weiße Haut, Sie werden gewiß krank." — „Da hast du's", lachte mir mein Freund zu. — „Und dann, fuhr die Frau fort und ergriff mit beiden Händen das Hemd, das ich eben angezogen, — dann haben Sie so dünne feine Hemden, die können unmöglich warm machen; Sie. werden sicherlich krank, bleiben Sie bei uns, bis das Wetter besser geworden." So liebenswürdig die Einladung war, so mußten wir doch wieder hinaus in Wetter und Wind; den Regenschauern aber bot die Heiterkeit Trotz, in welche uns für den ganzen übrigen Tag die Naivetät der Leute von Aalrust versetzt hatte. Wir wußten damals noch nicht, daß sich diese edlen Gebirgsbewohner in die Tröge der 9 Fensterbänke in jenem Zustande zu Bette legen, in welchem der liebe Gott Adam und Eva geschaffen hat, und daß sie sich jeden Morgen in diesem paradiesischen Kostüme guten Tag sagen." Nach Abgang von der Universität Berlin begab sich Roth nach Paris, um sich in Wissenschaften, Sprache und Weltkenntniß weiter auszubilden. Es war dieß noch unter König Ludwig Philipp, kurz vor dem Sturze; wie anders präsentirte sich bei diesem ersten Besuche die politische Weltstadt, als später beim zweiten Besuche unter Kaiser Napoleon! Doch dießmal zog es Roth mehr nach dem Süden, er fuhr übers Meer nach Algier und drang, von einem tüchtigen Führer begleitet, ziemlich tief ins Innere bis zu den Arabern. Als sie eines Abends bei einem Zeltendörfchen ankamen und freundlich aufgenommen und bewirthet wurden, er dann aber herausmerkte, daß die sitzlings im Kreise gelagerten Burnusmänner unter sich beriethen, ob sie den Fremdling, in dem sie einen Franzosen vermutheten, schützen und beherbergen oder kalt machen und berauben wollen, da fand sein Auge diese Nacht, auf einem Leopardenfell im Freien, keinen Schlaf. Doch ging Alles gut vorüber, die Klugheit des Führers und das Mitleiden einer jungen Araberin hatten ihn gerettet, und früh Morgens nahm er mit gekreuzten Händen auf der Brust dankbaren Abschied von der Herberge. III. Nunmehr kehrte Roth, 24 Jahre alt, in seinen Heimatkanton Thurgau zurück und siedelte sich in Frauenfeld an. Der schmucke junge Mann, mit den liebenswürdigen Manieren, hatte sich bald in Aller Gunst eingebettet und manch ein Auge schaute ihm nach, wenn er auf seinem eigenen Rohst ausritt oder mit dem Sackschlitten zu dem weißen Prior in die Karthause oder zu dem schwarz- talarirten Benediktiner auf Herdern fuhr und ein feurig Weinlein trank. Es lebten damals in dem thurgauischen Hauptorte eine Anzahl strebsamer und gar fröhlicher Köpfe, aus verschiedenen Amts- und Berufsstellungen, fast jeden Abend in der Kneipe zusammen und politisirten witzig und hitzig, mit ihnen auch Roth. Es waren die Zeiten der Freischaarenzüge und des nahenden Sonder- bundskrieges. Als dieser ausgebrochen war und die wehrpflichtige Mannschaft im Felde stand, bildete sich in Frauenfeld eine Bürgerwehr, um das Städtchen zu schützen, wenn etwa der ultramontane Landsturm vom Hörnst heranrücken sollte. Aber der Landsturm kam nicht; immerhin hatte sich Abraham als Hauptmann der Bürgerwehr gut gehalten, wenn er auch eines kühlen Novemberabends die Schildwache im Mühletobel abzulösen vergaß, die während der ganzen Nacht getreustchst auf dem Posten aushielt. Inzwischen trat die ernstere Frage an Roth heran, welche Berufsthätigkeit er für sein Leben wählen wolle. Bei seinem Gehörleiden waren ihm Gerichts- und Raths- Kollegien verschlossen, und doch drängten ihn Studien und Neigung auf irgend eine staatsrechtliche Bethätigung. So faßte er die Publizistik ins Auge, gewissermaßen als eine wissenschaftlich-praktische Carriere. Vorerst schrieb er die staatsrechtliche Abhandlung über die „Zustände der Landgrafschaft Thurgau im 16. und 17. Jahrhundert", wofür ihn die philosophische Fakultät Bern mit der Doktorwürde beehrte; seine Geistesart giebt sich in der Einleitung kund, wo er gegenüber der öffentlichen Erklärung der Eidgenossen von 1526: „Uns gezimmt nit, Jemandt von seinen Friheiten, Rechten und Gerechtigkeiten, so er erkauft, Ererbt oder sunst aus Rechtmäßigem Grundt an ihn kommen und Einer mit Briefen, Siglen und anderer genügsamer Gewarsami beweisen mag, ohne Recht davon zu trängen" — die Frage stellt: „Wo bleibt der Staat, wenn von Oben herab die Auflösung des politischen Lebens in unzählige Sonderinteressen begünstigt wird?" — Eine Frage, die auch heut zu Tage noch erlaubt wäre! — Alsdann fing er in freier Stellung an, in der „Thurgauer Zeitung" die Tagesfragen in freisinniger und maßvoller Weise zu besprechen und gab so den Beweis, daß er für Journalistik eine ausgezeichnete Begabung besitze. Persönliche Motive, die in einem Cyklus von Gedichten niedergelegt sind, zogen ihn nach Zürich. „Die Wellen des Meeres rauschen Voll Sehnsucht dem Ufer zu, Sie möchten so gerne küssen Die Blumen über dem Strand; — Die armen Wellen! — und müssen Versiegen im heißen Sand." 12 Nun faßte Dr. A. Roth (in Verbindung mit Herrn Nationalrath A. v. Plant« und Andern) den Gedanken, in Bern, als dem Bundessitz, ein neues Blatt zu gründen, welches die Aufgabe habe, Einführung und Ausführung der neuen Bundesverfassung bestmöglich zu vermitteln und zu unterstützen. Damals war noch gar Vieles zu schaffen und durchzukämpfen. Man gab dem Blatte den glücklichen Namen „Bund" und unter der Redaktion von Dr. A. Roth und C. v. Tscharner erschien den 1. Oktober 1850 die erste Nummer. Vorerst aber gründete er sich noch einen häuslichen Herd und führte aus Bischofszell seine Friederike (Zell- weger) heim, in welchen Namen er sein Leben lang das Geheimniß der Liebe versenkte. Im Programm zum „Bund" hieß es: „Der Standpunkt des neuen Blattes kann kein anderer sein, als eben der des neuen Bundes, seine Tendenz keine andere, als die Grundprinzipien der Bundesverfassung festzuhalten und zugleich jede naturgemäße Entwicklung der letzter», sowie im Einklänge mit derselben die Entwicklung der Kantone zu fördern. — Daraus folgt von selbst, daß alle diesem Zwecke heterogenen Elemente bekämpft sein müssen und zwar ohne Ansehen ihrer Herkunft. Es bleibe dahingestellt, von welcher Seite in diesem Augenblicke der neue Bund am meisten zu fürchten hat, ob von links oder von rechts; das aber sei erlaubt zu sagen, daß das neue Blatt zuvörderst ein gegnerisches Auge auf eine jede auch nur indirekte Absicht zur Rückkehr nach dein Ueberwundenen richten wird. Vergessen darf man aber auch nicht, daß ein ruheloses Ueberstürzen und Jnfragestcllen oberster Prinzipien aller eidgenössischen Politik, wovon die ersten 13 Jahre des neuen Bundes zu melden wissen, kaum geringere Gefahren in ihrem Schooße bergen und darum auch nicht minder unsere Gegnerschaft zu jeder Zeit zu provoziren geeignet sind." — Der „Bund" hat redlich Wort gehalten und es hat dieses eidgenössische Organ unter der Mitwirkung einflußreicher Kräfte eine eben so große Ausbreitung als politisch wirksame Bedeutung gewonnen. Dennoch schied Dr. Roth nach 15jähriger Arbeit aus der Redaktion aus, zumeist in Folge innerer Differenzen, die nicht laut wurden, die aber doch ein gedeihliches geistiges Zusammenwirken erschweren mochten. Zu Anfang 1865 eröffnete Dr. Roth die „Sonntagspost" in eigenem Verlag. Diese Wochenschrift, in 16 Quartseiten, nach englischem Vorbild, brachte in jeder Nummer: 1. Leitartikel oder Fachberichte aus den Gebieten der Kirche, Schule, Rechtsleben, Militär, Handel, Industrie und Gewerbe, Landwirthschaft, Vereinsleben und Gemeinnützigkeit. 2. Eine chronikartige Uebersicht der Begebenheiten der Woche im Ausland, im Bund und in den Kantonen. 3. Ein Feuilleton literarischer Produkte und Kritiken. — — Wer den gediegenen und zum Theil meisterhaften Inhalt der sechs stattlichen Jahrgänge (1865—1870) überschaut, wird bedauern, daß dieses prächtige Unternehmen keinen lungern Fortgang haben konnte; die Schweiz hat vorher und nachher nichts Aehnliches besessen. Während der Jahre 1869 und 1870 hatte Dr. Roth neben der Sonntagspost auch noch die täglich erscheinende „Berner Tagespost" in eigenem Verlage übernommen, was der Bürde und Arbeit offenbar zu viel war. Er hatte mit dem Selbstverlag der beiden Blätter einen entschiedenen Fehler gemacht; Rechnerei war sein Leben lang nie seine Auszeichnung; alle Welt lobte und bewunderte die Sonn- 14 tagspost, aber im Verhältniß zu dem mäßigen Preise abonnirten zu Wenige. So hatte Dr. Roth nicht blos alle Arbeit umsonst, sondern auch noch schwere finanzielle Opfer zu bringen für seine patriotischen Unternehmungen; dazu kam, daß seine Herzensgüte vielfach für Anleihen und Bürgschaften angegangen und mißbraucht worden war. Die peinliche Krisis, die im Stillen geordnet wurde, hatte ihn tief gebeugt, aber sein männlich-edler Charakter hat sich niemals schöner geoffenbart als gerade damals, denn nun nahm er frischen Anrung und faßte sich zusammen, einerseits zu äußerster Sparsamkeit in persönlichen und häuslichen Ausgaben, anderseits zu energischer geistiger Arbeit, und im Segen dieser Bestrebungen kamen seine Verhältnisse wieder in gute Ordnung. Mit dem 1. Januar 1871 übernahm er in Basel die Hauptredaktion der neu gegründeten „Schweizer Grenz- post" und wußte auch diesem Blatte, unter der MithMe wackerer Mitarbeiter, rasch eine ausgedehnte Verbreitung und Anerkennung zu verschaffen. Nach 9 Jahren aber mitten in der Arbeit rief ihn der Tod ab. IV. Mit einigen Strichen wollen wir das Lebensbild des Freundes noch besser herauszumeiseln suchen. Aus die staatsrechtliche Schrift über die Landgraffchaft Thurgau ließ er 1850 die „Neuenburgischen Studien" folgen. Darin entwickelte er, wie Neuenburg seine eigene innere Selbstständigkeit historisch begründete, wie es preußisches Fürstenthurn wurde und doch nach Lage und Gesinnung und Staatsoerträgen zugleich ein Schweizerkanton. Die treffliche Schrift von bleibendem Werthe ging der durch Napoleon begünstigten Ausgleichung voran, durch welche Neuenburg dann von Preußen gänzlich abgelöst wurde und seitdem einzig mit der Schweiz verbunden ist. Ein Decennium später erschienen die „Marokkanischen Bilder". Dr. Roth selbst hatte weder Marokko noch Fez betreten, sondern es war der Solothurner Maler Franz Buchser, der im Jahre 1858 unter allerlei Abenteuern den gefährlichen Ausflug unternommen hatte. Buchser, der ein besserer Maler als ein Schriftsteller zu sein scheint, gab seine Reiseskizzen seinem Freunde Roth und dieser verarbeitete daraus die Marokkanischen Bilder, wozu er um so mehr befähigt war, als ihn seine eigene Reise nach Algier mit den Gluten des Südens vertraut gemacht hatte. Das Büchlein streift schon ziemlich an die Novelle, welches Genre er dann auch im „Schönen Anneli" zu kulti- 16 Viren suchte, ohne jedoch über diese Versuche mit sich selber zufrieden zu werden. Dahin kann man auch noch die meisterhaften Uebersetzungen zählen, in welchen er in der Sonntagspost zwei Novellen von Erkmann-Chatrian wie ächtes deutsches Original wiedergab. Roth war auch ein tüchtiger Musiker und trefflicher Klavierspieler. In bewunderungswürdiger Weise und mit ganzer Seele dabei wußte er Beethoven'sche Sonaten mit selbstständiger Auffassung vorzutragen, bald in stürmischem Feuer, bald ins weichste Pianissimo verklingend, daß man kaum begreifen mochte, wie er selbst die Töne noch hören könne. Seine Kritiken über musikalische Erscheinungen zeugten deßhalb von eben so viel Geschmack als Sachverständnis — Ein Maler war er nun freilich nicht, aber auch auf diesem Gebiete bewährte er ein sehr feines Urtheil. Mit ganz besonderer Liebe und eingehender Aufmerksamkeit besprach er die schweizerischen Kunstausstellungen und seine Bemerkungen konnten für den Besucher eine willkommene Anleitung bilden. Wie gerne anerkannte er jedes Talent und munterte auf zur Entwicklung. Mitunter setzte es auch einige Verstimmung ab und gar lustig machte sich die Fehde mit den Reformtheologen, anläßlich der Wandgemälde im Restaurationssaale der Kunsthalle zu Basel, über die ästhetischen und ethischen Grenzen in der Malerei. So oft er konnte, suchte Dr. Roth den eidgenössischen Truppenzusammenzügen und Exkursionen beizuwohnen. Er entwickelte Hiebei eine scharfe Beobachtungsgabe und ließ sich von Sachverständigen gerne belehren. Wie deliciös beschrieb er z. B. in dem illustrirten Prachtheft die militärische Gebirgsexkursion über den Gotthard und Nufenen- paß. Damit schärfte er sich das Auge auch für auswärtige Kriegsoperationen; Dr. Roth bleibt das Verdienst, in dem französisch-österreichisch, preußisch-österreichisch, französischdeutsch und russisch-türkischen Kriege über die Entwicklung der Feldzüge, über die Disposition der Schlachten u. s. w. mit fleißigster Anschaulichkeit orientirt und zum Voraus über die Zwecke der Bewegungen und deren mögliche Erfolge Bemerkungen eingestreut zu haben, die sich nicht selten bewährten. Die Ausflüge richteten sich aber noch früher und noch lieber in friedlichster Weise auf unsere Hochgebirge. Dr. Roth zählt zu den Bergsteigern, welche nach dem Vorbilde oon Studer und Anderen die höchsten Firnen unserer Mpenwelt erklettert und die Alpenklubisterei überhaupt großgezogen haben. Er benahm sich dabei ebenso besonnen als muthig und ausdauernd; sein hauptsächlichstes Exkursionsgebiet bildeten, neben so vielen andern Spitzen, die Kette vom Tödi, Clariden, Dammenstock, Sustenhorn, Fin- steraarhorn, Wetterhorn, Tschingelgletscher, Blümlisalp, Btfertenstock, Balmhorn u. s. w., und seine Schilderungen in den „Gletscherfahrten", „Finsteraarhornfahrt" zeichnen sich wieder durch Anschaulichkeit, Humor und durch herzinnige Freude an der majestätischen Wunderwelt unseres Vaterlandes aus. Er gehörte zu den Gründern des schweiz. Alpenklubs und trat im Jahre 1864 in die erste Redaktion von dessen Jahrbuch ein. In spätern Jahren verlegte er sich mehr auf die sanfter» Thalfahrten und trug in seinen Schriften über Thun und Umgebung, über Glion, über die Bern-Luzernbahn u. s. w. Einiges zu jener Literatur bei, welche die Schönheiten unseres Landes in weiter» Kreisen bekannter machen und zugleich den Besuch heranziehen will. Das Beste, was in dieser Art geschrieben werden kann, legte er noch im Juli 1880 in den Beilagen zu Nr. 209 11 der Augsburg« Allg. Zeitung unter der Ueberschrift „Erinnerungen an Jnterlaken" nieder. V. Die centrale Lebensthättgkeit aber verwirklichte vr. Roth in der politischen Tagespresse; er führte über dreißig Jahre lang im „Bund", in der „Sonntagspost" und in der „Grenzpost" die Hauptredaktion. Wer nun weiß, wie schwer es hält, die vielartigen Verhältnisse in der Schweiz zu verstehen und ihnen an ihrem Orte und in der Zusammenfassung unter allgemeinere Gesichtspunkte gerecht zu werden; wer da weiß, wie auch in der Bundespolitik der verschiedenen Räthe die meisten Fragen keineswegs einfach daliegen, sondern durch mannigfaltige Motive und Interessen komplizirt und bedingt werden; wer im wettern erwägt, wie klein unsere Verhältnisse überhaupt sind, wie schwer es hält, einen Hähern Standpunkt zu gewinnen und zu behaupten, wie viel Neid und arroganter Unverstand herumkriecht, und wie die zahllosen kleinen Lokalblätter, die das Meiste nur abschreiben, das Aufblühen größerer Organe fast verunmöglichen, und wer endlich noch hinzu- nimmt, wie die geistigen Bestrebungen der Redaktoren theils mit den Ansichten, Wünschen und Empfindlichkeiten mitbedingender Kräfte, theils mit der Aengstlichkeit der Verleger leicht in Kollision kommen können, — der kann sich einen Begriff davon machen, was dreißig Jahre Redaktion für eine Fülle von Leiden und Freuden in sich fassen. Und doch bleibt die Presse ein unentbehrliches Bedürfniß ; die öffentliche Diskussion vitaler Landesfragen muß öffentliche Organe haben, in denen sich die Wünsche und Ansichten des Landes kundgeben können und die hinwieder für die Beurtheilung und Ermuthigung und Warnung auf das Land und seine Behörden zurückwirken wollen. Wenn man auch bisweilen fast verzweifeln möchte, wenn man sieht, wie schlechte Ausstreuungen die öffentliche Meinung vergiften und damit ähnlichen Schaden anrichten, wie wenn Wasser und Luft vergiftet würden, und wenn man sich bisweilen überzeugen muß, daß das Schlechte eher Grund zu fassen scheint als das Gute, so bleibt dennoch die Presse nun einmal das Organ, durch welches die Gedankenfreiheit sich aussprechen kann, und es ist jeder redliche Kämpe, der mit freiem Blick und unentwegtem Muth zur Unterstützung und zum Siege des Guten einsteht, der Bürgerkrone werth. Es wird sich nicht abzählen lassen, was in jeder einzelnen Frage die Presse etwa ausgerichtet hat, aber ein redliches Streben und ausgerüstet mit dem nöthigen Wissen und tüchtiger Gesinnung wird im großen Ganzen im Entwicklungsprozeß der öffentlichen Dinge immerhin wohlthätige Wirkung üben und es kann sich der praktische Staatsmann darin zum Segen des Landes so gut beivähren wie in der Rathsstube. Dazu bedarf es aber einer Begeisterung so fest wie Eisen. Dr. Roth vereinigte in sich mehrere treffliche Eigenschaften für die Aufgabe. Neben einer tüchtigen Vorbildung besaß er eine feine Beobachtungsgabe und eine edle Mäßigung im Ausdruck; er schrieb in leichtem gefälligem Styl und gab sich nicht gern mit Polemik ab; doch konnte er, wo es nöthig war, auch sehr bestimmt — 21 auftreten, aber er vergaß der Würde nie. Wenn man auch in dieser oder jener Frage nicht mit ihm einig ging, so fühlte man es doch heraus, daß er es gut meinte und daß ein braver Charakter und eine vaterländische Gesinnung in ihm pulstrten. Das ist denn auch der Grund, weßhalb er in weiten Kreisen bleibender Anerkennung genoß und daß bedeutende Männer gerne in sein Blatt schrieben. Zweimal wurde ihm der Gedanke nahe gelegt, eine Redaktion in Zürich zu übernehmen, aber er lehnte beidemale ab, aus Gründen, die ihn nur ehren konnten; und später war es dann wirklich zu spät. In seiner Redaktionsstellung schenkte er dem Ausland und dessen Beziehungen zur Schweiz eine sorgfältige und kundige Beachtung. Wenn er die zivilisatorische Mission der Engländer höher stellte als die der Russen und eine gewisse persönliche Jnclinatton für die Türken bemerken ließ; wenn er die siegreiche Neugestaltung Deutschlands sowohl gegenüber Oestreich als Frankreich sympathisch begrüßte, theils weil sich darin wieder einmal eine rechte Thatkraft kundgab, theils weil er in der Erstarkung der germanischen Welt überhaupt eine bessere Garantie für geistigen Fortschritt und eine wohlthätige und schützende Rückwirkung auch auf die Schweiz erblickte, so war er deßhalb doch ganz und gar mit keinerlei Abneigung gegen die romanischen Völker erfüllt. Zeugniß dafür liefert, wie freudig er die nationale Einigung Italiens und die republikanische Gestaltung Frankreichs begrüßte. Ihn hatte weder der bescheidene Königsthron Louis Philipps, noch der imperialistische Glanz geblendet, als er im Jahre 1867 bei der Weltausstellung in Paris Gelegenheit fand, am 8. Juni dem großen Balle beizuwohnen, den die Stadt Paris im Hotcllde-ville gab und auf welchem Na- 22 poleon und die schöne Eugenie die Kaiser Alexander und Wilhelm (damals noch König) sowie Bismarck, Moltke und Gortschakow als Gaste um sich vereinigten. Wie hat doch das welthistorische Drama seitdem sich gewendet! In der Schweiz selbst glaubte er die Redaktion nicht dazu berufen, den Bestrebungen der Bundesbehörden auf Schritt und Tritt Hindernisse in den Weg zu legen, sondern er hielt es für seine Pflicht, die Bundespolitik und die vorwärtsschreitende Ausführung der Bundesverfassung bestmöglich zu unterstützen. Dabei bewahrte er sich eine volle Unabhängigkeit, wie er überhaupt auch gegenüber Freunden sich in der Presse niemals zu Concessionen verleiten ließ. Er kämpfte, so viel an ihm lag, für den Re- visions-Entwurf von 1872, und als derselbe verworfen ward, bedauerte er das zwar, aber er freute sich doch auch wieder des minderen Fortschrittes in der Bundesverfassung von 1874 und glaubte, daß nun um so mehr am soliden gesetzgeberischen Ausbau derselben festzuhalten sei. Besonders gern hielt er sich an die Devise Ein Recht und Eine Armee und stand auch mannhaft ein für die große internationale Unternehmung der Gotthardbahn und ihre ehrenhafte Durchführung. Ueber religiöse Fragen rednerte er für sich persönlich sehr wenig, das war ihm vietöse Gemüthssache, und so ehrte er auch jede andere redliche Ueberzeugung und konnte mit Geistlich und Weltlich jeder Farbe persönlich sehr wohl verkehren. Wo aber Kirche und Staat sich auf der Grenzlinie begegneten, die fast naturnothwendig streitig bleiben wird, da nahm er entschieden Partei für den Staat und war gegenüber römischen Intentionen ein allezeit mißtrauischer und waffenbereiter Liberaler. 23 — Für die Schule, von der untersten bis auf die höchste Stufe, besaß er ein weites Herz. Doch wollten ihm die Uebertreibungen in der Volksschule nicht behagen und er hielt dafür, daß dießfalls mit weiser Beschränkung auf das Mögliche und Nöthige und mit sorgfältiger Beachtung der gesundheitlichen Rücksichten für die spätere Leistungskraft der Gelehrten und Ungelehrten bessere Resultate gewonnen werden könnten. Man dürfe von der Schule nicht verlangen, daß sie Alles leiste, und es müsse der Familie sowie dem Leben überhaupt noch ein gut Stück Erziehung überlassen bleiben, was er auch in seinem eigenen Hause zu bewähren suchte. Und was nun endlich die neuern demokratischen Staatsformen betrifft, so war sich Dr. Roth sehr wohl bewußt, wie gewagt und unzuverlässig es ist, die Frage, was recht und wahr und gut sei, dem Zufall anheimzugeben, ob sich das absolute Mehr möglicherweise mit nur einer einzigen Stimme auf die eine oder andere Seite stelle. Er begriff sehr wohl, wie edelste Geister daraus dachten, die mechanische Zahlentheorie durch irgend welche qualitative Garantie für Erkenntniß und Gesinnung zu ergänzen; aber er wußte keinen Rath und hielt sich so an das allgemein übliche Mehrheitssystem, indem er weder zu irgend einer ständeartigen Gliederung zurückkehren wollte, noch der Minoritäten- oder Proportional-Vertretung Geschmack abgewinnen konnte. — Als dann das Referendum in vielen Kantonen und fakultativ auch im Bunde eingeführt wurde, bekannte er sich zu dieser Institution. Er war von den Leistungen des repräsentativen Systems nicht befriedigt, das wie jedes System an sich keineswegs die Vollkommenheit selbst ist und in erhöhtem Maße durch persönliche Tüchtigkeit bedingt wird; dann ließ er sich, wie so manches 24 ideale Gemüth, durch einen gewissen theoretischen Doktrinarismus leiten, und hoffte auch, daß das Referendum zu einer politischen Schule werden und in die bürgerliche Gleichgültigkeit wieder mehr Theilnahme bringen könne. Im Laufe der Jahre aber und an der Hand der Erfahrung mußte er sich überzeugen, daß das Gesetzgeben oder auch nur das Abstimmen über Gesetze keineswegs so leicht zu praktiziren sei, zumal kaum ein Viertel der Bürger die Gesetzesentwürfe überhaupt nur liest, geschweige denn ordentlich durchdenkt und in ihrer Tragweite und organischen Einfügung genugsam verdaut. Er konnte sich die Augen nicht verschließen, daß Referendum und Initiative etwa auch destructiv wirken und manches Gute verhindern oder verzögern lind von schlauen Führern mißbraucht werden können, also daß für die Förderung des geistigen, moralischen und materiellen Wohles des Landes jene vermeintlichen Eroberungen eher einen Rückschritt bedeuten. VI. Will man so recht ins Innere eines Menschen hineinblicken, so muß man ihn im häuslichen Kreise beobachten können: da offenbaren sich im Laufe der Jahre die Tugenden und Fehler des Charakters am deutlichsten. Dr. A. Roth war dießfalls ein schönes Loos beschicken, in heitern und dunkeln Tagen hingen Alle mit der innigsten Liebe an einander und in der Heimstätte der Familie ward es ihm wohl. Es herrschte ein einfacher fröhlicher Ton bei Tische, auch wann Besuche da waren, es fiel manch belehrendes Wort von den Lippen des Vaters und heiterer Friede waltete in diesen Räumen. l)r. Roth that selbst das Möglichste, in Musik und Sprachen, für die Erziehung seiner zwei Töchter sowie des Sohnes, der noch eben erst in der Vorbereitung für polytechnische Studien den leitenden Vater plötzlich verlieren mußte. Das Beste, was er seinen Kindern theils selbst geben und theils durch treffliche Schulen zukommen lassen konnte, war eine solide Bildung, von allen Besitzthümern für's Leben das fruchtbringendste und unverlierbarste Kapital. Hier hat nun der Tod eine Lücke gerissen, die Niemand ersetzen kann; aber wohl ihnen, daß er wenigstens so lange lebte. Auch in Freundeskreisen wird er sehr vermißt werden. Dr. Roth war eine gar gesellige Natur. In allen körperlichen Künsten — Resten, Fechten, Tanzen, Schwimmen 26 — wohlgeübt und so auch in seinen Manieren von graziösem Anstand ward er überall gern gesehn und genoß er nach des Tages Arbeit gerne eine fröhliche Abendstunde. Allem Geldspiel mit Karten und dergleichen durchaus abhold, liebte er dagegen einen kräftigen Kegelschub oder jubilirte mit im musikalischen Muthwillen der Schnurranten- Kapelle zu Bern. Bisweilen bei Ausflügen auf's Land, wenn er etwa eine muntere Gesellschaft traf und er's den Jungfern und Burschen anmerkte, daß sie gerne tanzen möchten, setzte er sich unaufgefordert und ohne daß sie den fremden Herrn kannten, an's Klavier und schmetterte Galopp und Polka und Walzer herunter, daß es eine Freude war und alle Beine in Bewegung kamen, denn er liebte das Volk ungemein, zu dem er aber Alle zählte, Arm und Reich, Hoch und Nieder. Man mußte ihn nur ansehen, so schaute ihm die fröhliche Gntmüthigkeit aus den kleinen blaugraucn Augen heraus und um das rundliche und sorgfältig rasirte Kinn sowie um den frischen Mund spielten Humor und Wohlwollen. Bei ernstem Gedanken drehte er etwa an seinem blonden Schnurrbart oder strich mit der Hand durch die blonden Haare oder blies die Cigarren-Ringlein au der vorspringenden Nase vorbei. Er war im übrigen von mittlerer Größe, von wohlproportionirter, doch etwas gedrungener Gestalt mit breiter Brust; er wurde allmälig beleibter und es blieben auch einzelne Spuren beginnender Alterung nicht aus. Bei allem fröhlichen Scherz kam nie ein unreines Wort über seine Lippen, es ging ein sittlicher Grundton durch sein ganzes Wesen, und wer mit ihm näher in Verkehr trat, fühlte es alsbald heraus, das ist eine lautere Seele. Er hatte viele Bekannte, aber wie jeder rechte Mann nur wenige intimere Freunde, die wußten, welch — 27 — ein goldtreuer Charakter er war, mild in jeder Aeußerung und doch so muthigfrei und wahr, und wie seine charakteristische Stahlfederschrist von früh auf bis zuletzt völlig unverändert geblieben ist, so war auch seine Anhänglichkeit unwandelbar. Fürwahr, so mitten in der Vollkraft des Lebens, mitten in frischer geistiger Arbeit, mitten im Schooße der lieben Seinigen plötzlich vom Fieber ergriffen zu werden, wie von einem Wuchtschlag auf den starken Körper, doch fast schmerzlos, und dann eingewiegt in Phantasien ruhig einschlummern zu können, — das ist ein herrlich Sterben. Leb wohl, du lieber Freund!