DIE p SCHWEIZER IN PARIS t ODER DER IO te AUGUST I792 EIN TRAUM AUS DEM XEZTEN DEZENNJO UNSERS JAHRHUNDERTS DEM BERNERSCHEN HEERFÜHRER 1 ERLACH ZUGEEIGNET. St. Gallen, fcey J. J. Hausknecht , ßuchhändleir. * 7 9 8 . 1 Afl den General ERLACH. öüfs, wie der herzerhebeude Gesang Der Nachtigall am Frühlings-Abend , tönt Mir jenes Landes Name, wo ich einst Zum erstenmahl das Licht der Sonne sah; Zum erstenmahl den Thau des Wilsens trank; Ziim erstenmahl der Väter Thaten hört’; Zum erstenmahl in ihrer ganzen Pracht Den Reichthum der Natur erblickt’ und fühlt’ Sie, die gleich grofs im Bau der Alpen ist Wie in dem Bau des bunten Schmetterlings.. Noch izt, gereift zum Jüngling, hängt mein Herz An dir, erhabnes Bern! am Horizont Helvetiens , das glänzendste Gestirn — Durch deiner Väter Weisheit, durch den Geist, Den edeln Geist des Volkes, das sein Herz Der Lockung des Verführers vest verschliefst, Und seine Gröfse nur in Biedersinn, In Muth und Treue für das Vaterland Und in dem Hafse der Empörung sucht! 0! dafs nicht Heldenkraft in meinem Arm, Nicht Riesenstärke ruht in meiner Faust; Ich stürzte mich — des Vaterlandes werth — In’s Schlachtgewühl! ich würgt’ wie Herkules Des Aufruhrs Schlangen, war auch Tod mein Loos! •I ( Doch, ach! mich schuf die Hand des Schicksals nicht Zum grofsen Helden! meine Waffen sind Die Pfeile des Gesanges nur! wohlan, Ich weyhe sie dem Vaterland und Dir O Führer eines Heeres , das durch Muth Und Eintracht gröfser ist, als jenes Heer, Das, stolz und wild, nach Hunderttausenden Die Zahl erzwungner Krieger zählt, und nun Mit kühnem Schwcrdt, das grofse Bruderband Der EidgenofsenschaFt zu trennen sucht. Nimm, Erlach! dieses kleine Opfer an! O! war es Deiner werth., wie Du, o Held, Der grofsen Ahnhcrr’n Deines Stammes, bist. St. Gallen im Febr. 1798. J. C. Appenzeller, t / I \ Sohn meiner Kraft, begann der Gebiether, ergreif die Lanze Fingals 1-Lafs deinen Ruhm vor dir her, wie ein reitzendes Lüftchen, zurücke kehren, dafs meine Seele frohlocke über meinen Erzeugten, der den Ruhm unserer Väter erneuert. OSSIAN. Dafs ich würdig meinen Traum besinge Und wie Ossian in Selmas Hain, In das Herz von Heldensöhnen dringe, Hauch, o Muse , mir Begeiftrung ein'. Trage den Gesang mit Adlers-Flügel Von dem Bodan bis zum Mont-blanc hin ; Auf der Brust der Wahrheit hohes Siegel,. Werde meines Volkes Lehrerin J. Wo die Aare von der Grimsel Rippe». In die Thäler strömend sich ergiefst,. Ueber Felsen tanzt und zwischen Klippen In des Vater Rheines Arme fliefst, Schlief ich jüngst, umrauscht von ihren Wogen, Ruhig, wie ein müder Schnitter ein, Schlummerte, bis an des Himmels Bogen Mählich schwand der Sterne blafser Schein, 8 Banger Ahnung Qualen, Lust und Kummer, Tod und Leben, Krieg und stille Ruh Theilten sich in diesem sanften Schlummer Immer wechselnd ihre Rollen zu : Bald verschlangen mich des Orkus Pfühle, Bald durchflog ich kühn die Sternenwelt, Bald erlag ich in dem Schlachtgewühl Und bald war ich Sieger, war ich Held i Dort, wo meine Brüder blutend sanken An der Seine ; wo im Pulverdampf Sie wie Löwen kämpften mit den Franken Jenen schreckenvollen, grofsen Kampf — Dort sah’ ich im Traum zerstückte Leichen Edler Schweitzer, himmelan gethürmt — Sah sie liegen, wie die Alpeneichen , Wenn fie die Lauwine niederstürmt. Angefefselt an die Jammer-Scene, Starrten mir die Glieder; glühend drang Jezt der Wehmuth langverhaltne Thräne Durch die Wimper; — dumpfen Grabgesang Hört’ ich fernher melancholisch wallen; Der Erwürgten Schatten wogten her Längs den Mauern; an des Tempels Hallen Riefen sie vereint zum Sternenheer: „Rächen, rächen •werden unsre Brüder, „Väter, Söhne, Enkel unsern Tod! „Rache stürzt euch feige Mörder nieder, „Häuft auf enern Nacken Finch und Nothl! Also riefen mit erhobnen Blicken Jene Schatten, als der Genius Ihres Vaterlandes mit Entzücken Sie erhob zum seligsten Gennfs. Fortgerifsen, himmelan geschwungen Mit dem Chor der Geifter, flog ich nun Auf zum Sterngewölbe; bald errungen War das hohe Ziel, wo Helden ruhn. Einmal noch im Fluge sahn wir nieder Auf die Hüllen an der Seine Strand, Segneten die Aeltern, Söhne, Brüder, Und dich, schönes, theures Vaterland! Schnell umzingelt von der]'EdIen Menge Jedes Volkes aus dem Alterthum, Sahn wir izt in heiligem Gedränge Ködrum, Hannibal und Mucium, Scipionen , Telle, Winkelriede, Wolleb , Wala und die Helden all’, Die der Menschheit Segen, Himmelsfriede Kühn erkämpften beym Trommetenhall. „Seyd willkommen, Söhne! in den Hallen ,, Höhrer Sphären ; kommt, empfangt den Kranz, „ Männer, die im Schlachtgewühl gefallen , „Leuchten hier im ew’gen Strahlen-Glanz! S o sprach Tell und tausend Hochgefühle Stürmten unser Herz und — schneller schlugs, Als auch Stauffach, Arnold , Fürst und viele Helden zu uns schwebten leichten Flugs: „Heil den Edlen! Heil dem Vaterlande! „Heil Euch, Schweizern! strahlt im höchsten Licht! „Heilig hält dein Volk die vestcn Bande „Alter Eide; ehret jede Pflicht! „ Giebt mit edler Treue selbst sein Leben „Um den Schwuhr für Könige dahin, „Stirbt getrost; die Pflieht, es darzugeben, „Ist geleistet! welcher Biedersinn! Jetzo trat mit Majestät im Blicke Mitten in die Gruppe von der Flu’, Ehrfurchtsvoll trat Jeder nun zurücke Und es schwieg der Lieder Harmonie; Schon auf Erden, Engel, Gottgeweihter, Reicht’ er izt verklärter uns die Hand j Er, der Friedensstifter, Herzensleiter, Fragt zuerst nach seinem Vaterland; II „ Sagt mir, Schweitzer! herrscht in Euren Hütte* „Treue, Einmuth und der Ahnengeist? „Glaub’ an Gott und Tugend, reine Sitten? ,,Männerkraft, die Fortan Thaten reifst? „ Blendet nicht des blanken Goldes Flitter „ Euer Aug’? verwöhnt die Weichlichkeit „Nicht den Schweitzer? droht kein Ungcwittsr „ Zügelloser Unabhängigkeit ? A1 so fragt’ mit Wärme Saxelns Weiser Uns im Kreise einer Schweitzerschaar ~ Alles schwieg -die Palmen wehten leiser In Elysiums Lauben; düster war Alles um uns her; die Blüthenzweige Dufteten nicht mehr den Wohlgeruch} Die Cyprefsen bogen sigh zur Neige Und wir ahneten des Edlen Fluch — — Thränen quollen wieder, wo wir Freuden, Seligkeiten hofften — ha! es drang Neuerdings ein Schwerdt zu gröfsern Leide* Uns in Busen; jedem wurde bang: Sterbliche i was schmeichelt ihr auf Erden Euch der Wonne, die der Himmel schenkt? Kann des Schicksals Schlufs vermieden werden t Wenn ihr nicht als Weise edel denkt? IS Träume sind oft Boten guter Seelen; Wenn die Nacht den eh’rnen Scepter neigt , Steigen sie hernieder und erzählen, Was die Zukunft weislich uns verschweigt. D’rum, so hört, was auf die ernste Stille Izt erfolgte — als Prophet ergofs Nikolaus seines Herzens Fülle, Schweitzer! hört des Vaterlandes Loos« ,,Euer Schweigen, sprach er, regt den Schauer 5, Banger Ahnung für die Zukunft auf; „Kinder! steht, wie Schlangen auf der Lauer, „ Bald beginnt ein neuer Zeitenlauf »Euere Volks, das, leider! schon entartet, „Doch die Welt mit Ehrfurcht noch erfüllt, „Rühmlich, kühn'auf Siegstrophäen wartet „ Und auf Ehre, die dem Kampf entquillt. „Aufgeweckt vom Dämon neu’rer Zeiten, „Wandelt ihr Gefetz’ und Rechte um ! „Träumt ein Leben voller Seligkeiten! „Sprecht von Freyheit, Gleichheit, Eigenthum! „Nun, so sey's! doch wifst, dafs Erdenbürger „Keinen Himmel schaffen einer Welt, »Die den Menschenfreund , so wie den Würger „Schmäht und schändet, ihrer unwerth hält, i *3 ,j Finch der Abart grofser, tapfrer Väter, „Die verworfne S ch weit zers ohne nährt! „Untergang dem Vaterlands-Verräther, „Ihm, der frech zu imsenr Feinden schwört. (Lache hier dem dustern Nachtgesichte! Tadl’ es nur als leeren Träumerwahn! Spotte seiner! kiindigt’s die Geschichte Deiner Nachwelt doch als Wahrheit an!) „Und ihr, Edle! ehrt die stille Gröfse} „Strebt nach Eintracht! — das ist Biirgergliick «• „Siege winken dann vom Schlachtgetöse „ Goldne Tage in die Schweitz zurück. „Nun, wohlan, der Lorbeer harret Euer! „ Blickt empor zur grauen Alpenwand! „Dort zerschellt sich Frankreichs Ungeheuer, „ Wie die Woge an des Meeres Strand! „Bald vielleicht, drängt sich an deine Gränzen, „Schweitzerland! sein stolzes, zahllos Heer! „Lanzen, Spiefse, Schwerdter werden glänzen „Au dem Le man und vom Rhenus her! „Aufgedunsen von der Frechheit Stärke, „Sieggewohnt, mit Bürgerblut befleckt, „Droht es mit dem Gräuel seiner Werke, „ Der den Erdkreis längst schon aufgeschreckt. 14 „Tilget «einen Namen! im Gefechte „ Mäh’ es eure Sichel, wie das Gras! „Jeder Schweitzer kämpf“ für seine Rechte, „Wie einst Griechenlands Leonidas! „Nimmer wird Helvetiens Ruhm dann weichen! „ Leben wird sein Nam’ im Völkermund! „Nicht so schnell wie Sparta’s Glanz erbleichen „Nicht erschüttert wird sein Felsengrand-! „ Ewig wird das Glück Helvetiens währen! ,5 Segnet sie die guten Schweitzer all’! ” — Also schlofs Er — Im Gewölb der Sphären Jener Welten, rollt’ der Wiederhall Seiner Worte; tausend Harmonien Füllten izt des Himmels weiten Raum, Alle sanken hin zu FlüEns Knieen, Ich erwachte ... was ich sah — war Traum. % Wieder auf der Muttererde wohnend, Sing ich wärmer, Brüdern an das Herz; Angenehm für mich und siifs belohnend Ist der Saitenklang bey stillem Schmerz! Lafst des Dankes Thräne mir entfliefsen, Wenn die Zukunft meinen Traum erfüllt! Lafst mich auch die Wonne mit geniefsen, Wenn sie tröstend bange Sehnsucht stillt! Lafst mich würdig meiner großen Ahnen, Wenn in’s Schlachtfeld mein Geschick mich tuSt In die Reihen tretten , wo die Fahnen Erlachs siegend wehen durch die Luft! Triumphierend mit den Helden ziehen, Die der Bubeneerge Geist beseelt! Eher sterben — als dem Heer entfliehen, Das zum Führer einen ERLACH wählt. ’-W: