» ?>E-'^ .. ''t-Ä - 4^i Aur -P ' Leonhard Meisters vermischte Historische Unterhaltungen, über Europens Umbildung wahrend der letzten Hälfte des xvE Jahrhunderts. Erste Abtheilung. - St. G a ll en, i 790. b r y H u b er unb C v m p a g nie. , I -» >!> l)uotie! xericulossim rerum Iktnm L torxorem noüruin xr»kentem xervsrssrque conkU» conssäero , totios xuäet ms nnüri in conlxeÄu posseritnt>3. Alsnikekissimnm elt in eo rem esse , ut omnia in Luroxn suss;iie cleque vert»ntur, L tnmen xerjnile sZitur, nc ss omnir tut» essent, Oenni^ue ksbemus Lilejussorem trÄnc^uillitAtis nolirss» Lttinit. a-i /oi-, Lr<^s// in Otio5i«rroii./-^^, s. » * * 2 ^ Innhalt drr ersten Abtheilung. Seite. I. Von dem Uetrechter - Frieden 171). bis ;»IY Achner- Frieden 1748. - - - 1. II. Von dem Frieden zu Achen ,748. bis zum Frieden zu Hubertsburg 1762. - - 4). III. Französische Besitznchmung von Corsika. - 71. IV. Graf von Zinzendorf. - - - - 8i. V. Plötzliche Staatsveränderung in Schweden im I. r?72. ------ 107. VI. Staatsunruhcn in Dänemark in den Jahren 1771 UNd 1772. ----- .12). VII. Polnische Geschichte vom Tode Augusts III. im I. 176;. bis zur Theilung von Polen, im I. 177). ----- i) 9 . VIII. Ritter d'Eon de Beaumont. - « - 157. IX. Holländische Geschichte seit der erblich erklärten Statthalterschaft im I. 1747. bis zum gewaltsamen Angriff desselben im I. 1787. 167. X. James Cook, Weltumsegler vom I. 1728- bis 1779. - - - - - - 191, XI. Bem I n n h a l t. . Seseitk XI. Bttijaminn Franklin und Nordamerikanischer Krieg vom I. 1774-178;. - - » rao;. XII. NussischeGeschichte,vonCathrinaI.imJ. 172;. bis zur Thronbesteigung Catharina II. im I. 1762. 2x;r. XIII. Carharinall. vom I. 1762. biszum 1 . 1780. 2?;-. XIV. Zweyter Russischer Krieg gegen die Türken, vom I. 1782. bis 1784- , - - - 2yv;. XV. Dritter Russischer Krieg gegen die Türken. Seit 1788. ----- ;aoy. XVI. Deutscher Fürstenbund. - » - « ;22y. XVII. Merkwürdige Bündnisse und Kriege aus dem » 8 "." Jahrhundert. - - - - r;;r. L Don dem U etrechtcrfrieden r 7 i z biS zum Achenerfrteden - 7 4 8. Vom Tode -es Königs in Frankreich Ludwigs des Grossen, bis zur Krönung -es Königs in Preussen Friedrichs des Grossen. Vom Jahr i?*;. bis zum Jahr 1740. I. war Ludwigs XIV. Zeitalter in seiner Morgenröthe, glänzend im Mittage, finster und unruhig am dämmernden Abend. Ueberhaupt aber war die letztere Hälfte des XVll«n Jahrhunderts für Künste und Gelehrsamkeit , für Geschmack und Lebensart ein goldenes Alter. Die wichtigste Erscheinung Anfangs des XVIII z-n Jahrhunderts war der Rrieg wegen der Thronfolge in Spanien. Er endigte fich durch die Erhebung eines ^ französischen Prinzen auf den spanischen Thron, und den darauf erfolgten Frieden zu Utrecht im Jahr 171;. A - Nach 4 Nach Ludwigs XIVt.«> Hinscheid im I. 171;. trug während der Minderjährigkeit Ludwigs XV»-- das Par- lement zu Paris die Vormundschaft eigenmächtig dem Herzog Philipp von Orleans auf. Ungeachtet erst noch ganz Europa die enge Verbindung zwischen dem spani« schon und französischen Hofe mit eifersüchtigen Augen ansah , so opferte sie nun auf einmal der Herzog von Orleans einer entgegengesetzten Verbindung mit Eng» land auf. Voll Unwillen hierüber , suchte der Kardinal Alberoni, als spanischer Minister, nicht nur Frank, reich , sondern ganz Europa in Flammen zu jagen. II. In Frankreich reizte er Bretagne zum Aufruhr und nährte in geheim eine Verschwörung gegen den Herzog von Orleans. Der spanische Gesandte zu Paris/ Prinz von Cellamare / stand an der Spitze dieser Verschwörung. Sie wurde durch den Porto-Carrero, einen jungen Abbe in seinem Gefolge / folgender »nassen verrathen : Ein Freudenmädchen, Namens Fillon / mau, sete dem verliebten Abbe einige Papiere aus der Tasche / steckte sie dein Staatssecretair dü Bois in die Hände / und dieser überreichte sie dem Herzog von Orleans. Kaum sah der unbesonnene Jüngling seine Papiere entflogen/ so flüchtete er sich / ward aber zu Poitiers in Verhaft gebracht / und in seinem Mantclsacke entdeckte man die Briefe und den verrathcrischen Anschlag des Prinzen von Cellamare. Um gleiche Zeit / als Alberoni in Frankreich die Flammen eines einheimischen Krieges anzünden wollte/ fachte er gleiches Feuer auch in England an. Seit dem I. 1714. hatte der Churfürst von Braunschwcig - Lüne- burg / Georg 7 . die englische Krone behauptet: Gegen diesen Monarchen bewaffnete nun Alberoni den Anhang des Prätendenten. Der König in England verband sich nunmehr mit dem Rayser Rar! VI. und mit Frankreich/ auch 5 auch lud er in diese Verbindung die Holländer ein. Gegen ein so mächtiges Bündniß trat Alberoni in Unterhand» lungen bald mit dem Könige in Schweden, Rarl Z^II, bald mit Czaar Peter dem Grossen in Rußland, bald mit dem Sultan zu Lonftanrinopel. Während daß er diesen letztem gegen Venedig und gegen den deutschen Kayscr, Rarst VI. aufhetzte, entriß er im I. 17,7. dem deutschen Kayscr in Italien das Königreich Sardinien, und bald hernach dem Herzog von Savoyen einen grossen Theil von Sicilicn. Indeß vermocht' er es nicht , den Frieden zwischen Wien und Lonstantinopel zu hindern. In diesem Frieden traten die Türken Belgrad und Tcmes- war an Oesterreich ab , behielten aber das den Venetia« nern entrissene Griechenland. III. Gegen den Kardinal Alberoni, der vormals ein gemeiner Dorfpriester in der Gegend von Parma gewesen, erhob sich in Frankreich ein anderer Glücksritter, eines Apothekers Sohn, der Abbe dü Bois, nachmaliger Kardinal und französischer Minister. Dieser dü Bois war die Seele des Bundes , welchen der Rayser und die bey» den Kronen England und Frankreich, gegen Spanien geschlossen. Die erste Kriegsunternehmung des noch minderjährigen König Ludwigs XV. geschah also gegen seinen Oheim, den König in Spanien, den Ludwig XIV. nicht ohne grosses Blutvergießen und nicht ohne Aufopferung ungeheurer Summen auf den Thron gesetzt hatte. Das französische Kriegesheer hatte zum Oberbefehlshaber denselben Marschall von Barwick, dessen Dapferkcit dem spanischen König zu seiner Thronerhöhung so ungemein behilflich gewesen. Sein Sohn, der Herzog von Liria, führte das spanische Heer an. Diesen forderte der Vater in einem rührenden Brief auf, gegen ihn selbst seine Schuldigkeit best seines Vermögens zu thun. Eine Eine englische Flotte schlug die spanische bey Messma. Der Herzog von Orkans bewilligte hierauf dem Könige von Spanien, Philipp V. den Frieden nur unter der Bedingung, daß er den Alberoni abdanken sollte. Wirklich überlieferte Philipp V. diesen Minister den französischen Truppen , die ihn an die Gränzen von Italien führeten. Alberoni lebte hernach als päbstlicher Legat in Bolognen. In dem Frieden von Lambray im I. 1720. erhielt der Herzog von Savoien das Königreich Sardinien, und der Kayser Sicilien, welches letztere Reich hernach das Haus Oesterreich verlohr. Den Frieden besiegelte eine dreyfache Verlöbniß, nämlich die Vcrlöbniß zweyer Töchter des Herzogs von Orleans mit zween spanischen Prinzen, und des Königs von Frankreichs mit der Jnfantin von Spanien. Zu diesen Verbindungen bewog der Jesuit d'Auben- lon den spanischen König nur unter der Bedingung, daß der Herzog von Orleans den Iesuiterorden begünstigen sollte. Nicht lange hernach nahmen die abergläubischen Bangigkeiten Philipps V. so überhand, daß er die Krone seinem Sohne, Don Ludwig, abketten wollte. Diesen Vorsatz eröffnete er in der Beichte dem d'Aubenton, und d'Aubenton verrieth die Beichte dem Herzog von Orleans. Der Herzog schickte seinen Brief an den König; der König gab ihn kaltsinnig dem Beichtvater. Hierüber er- schrack dieser Letztere so sehr, daß er nicht lange hernach vor Gram den Geist aufgab. IV. So äusserst entzweyt bisher die beyden Höfe, Wien und Madridr gewesen, so enge vereinigten sich dieselben in den Jahren 1724 und 1725. Ueber ein ganzes Jahr lang wurde der Wienerhof unumschränkt von, dem spanischen beherrschet. So eifersüchtig bisher der Kayser den Spaniern den Weg nach Italien verschlossen hatte, so belehnte er nun gleichwohl den spanischen Prinzen, Don Karlos, 7 Karlos, mit Parma, piazenza und Loscana. Den spanischen Hof kostete es nicht mehr, als aooovo Pistolen- v. Ruhig dauerte mittlerweile die Regentenschaft des Herzogs von Orkans in Frankreich fort. Seit der Regierung Ludwigs XIV. waren die Franzosen an Unterwerfung gewöhnt, und die glückliche Entdeckung der Alberonischen Verschwörung schreckte von neuen Verschwörungen ab. Ungeachtet der Herzog Regent den Münzfuß dreymal höher setzte, als er bisher gewesen ; ungeachtet er keinem Einwohner des Reiches erlaubte, mehr als zvo Franken baares Geldes zu haben, so erregten doch diese harten Gesetze nicht die geringste Bewegung. Freylich zog daS Parlcment fcyerlich von der grossen Kammer nach dem Louvre, allein dieser Schritt hatte keine andern Folgen, als daß es sich lächerlich machte. Nur auf das System des Johann Law's und dessen wunderthätige Zahlungspapiere war die ganze Aufmerksamkeit des Volkes gerichtet. VI. Ein Schottländcr, Namens Johann Law, der kein anderes Handwerk trieb, als das Handwerk eines grossen Spielers und Rechenmeisters, und der sich eines Mordes wegen aus Großbritannien geflüchtet hatte, dieser sonder, bare Mann wurde nun zu Paris Schöpfer eines ganz neuen Geld - und Handelssystems. Dieser Zaubcrmann, dessen Zahlen und Billets eine ganz außerordentliche Rcvo« lution in den Handelsgeschäften und in dem Geiste nicht nur der französischen Nation, sondern mehrerer Nationen von Europa hervorbrachte, Johann Law hatte den Plan zu einer Gesellschaft ausgcdacht, welche die Staatsschulden in Papiern bezahlen, und sich aus dem Uebcrschusse des Gewinstes befriedigen sollte. Sein Plan war eine Nachahmung der Banke und der indischen Handelsgesellschaft in England. England. Umsonst hatte er ihn bald dem Herzoge von Savoyen, bald dem General - Controleur Desmarets cm. pfohlen: sehr günstig schien ihm jetzt die Regentenschaft des Herzogs von Orleans. In Frankreich sollten zwo Milliar« den Staatsschulden getilget werden; in Frankreich ver. schafte der Friede der Regierung zu solchen Entwürfen gehörige Müsse, und das Volk so wohl als der Regent liebten die Neuerungen. Im I. 1716. hatte Law eine Banke errichtet, welche nicht lange hernach alle Einkünfte des Reichs an sich zog. Mit dieser Banke verband er die Missifflpische Handelsgesellschaft , und er versprach den Theilnehmern an dieser Gesellschaft gleichsam göldcne Berge. Jedermann nahm daran durch Actien Antheil. Strohmweife floß das bisher verschlossene Geld von allen Seiten der Banke und der Mississlpischen Compagnie zu. Durch die für baares Geld eingetauschten Aetiendillets verdoppelte man seinen Reichthum, und der Reichthum verdoppelte den Luxus. Um dem Spiel desto mehr Credit zu verschaffen, erhob sich Laws Banke im 1 .1718. zur Banke des Rönjgs, und ganz übernahm sie den Handel von Senegal. In ihre Hand fielen die Freyheitsbriefe der ehmaligen indischen Gesellschaft , die Generalpachten des Reiches, kurz, die sämmtlichen Staatsfinanzen. Law's Anstalt erhielt dadurch ein so unumschränktes Zutrauen,. daß seine Actien zwanzig mal mehr galten, als in ihrem ersten wirklichen Werthe. Ihr abänderndes Steigen und Lallen machte in Zeit von einer Woche oder von einem Tage Bettler zu Herren. Je begieriger man nach diesen Zauberbillets war, desto mehr verfertigte Law. Im I. 1719. war der eingebildete Werth dieser Actien achzigmal grösser als die gesammte wirkliche Geldsumme, die sich durch das ganze Reich im Umlauf befand. Alle Rentiers bezahlte die Regierung nur In solchen Papiern. Voll Mißtrauen vereinigten sich endlich mächtige Handelsleute und Bankiers, um ihre Billets bey bey der königlichen Bancke in Haares Geld umschaffcn zu lassen. Dadurch entblößte sich die Banke. Der Regent suchte sie durch solche Erkenntnisse zu beleben, die ihren Credit ganz tödteten. Anstatt Geldes sah man nichts mehr als Papier, und der chimärische Reichthum verwandelte sich in wirkliche Armuth. Gerade in diesem critischen Zeit« punkte im I. 1720. wurde Law'n die Oberaufsicht der Staatsfinanzen anvertraut, und der Glücksritter erhob sich zur Würde und Gewalt eines Ministers. Umsonst daß sich seiner Erhöhung das parlenient widersetzte: es wurde nach Pontoise verwiesen. Noch in gleichem Jahr aber wurde Law so sehr der Gegenstand des allgemeinen Abscheues, daß er sich durch die Flucht retten mußte, und von seinen ungeheuren Schätzen kaum noch 2000 Louisd'ors mitnehmen konnte. Nach dem Ruin von Law's System arbeiteten unter Autorität der Regierung die vier Gebrüder Paris an einer Liquidation der Staatsschulden , und sie bezahlten die ungeheure Menge der Papiere mit 16;, Millio, ucn baarcs Geldes. Unter den Trümmern von dem äusser- ordentlichen Gebäude des Lawschcn Systems erhielt sich nur noch die indische Compagnie, und zwar eine Zeitlang als ansehnliche Nebenbuhlerin der englischen und der hol. ländischen. Von Frankreich aus hatte sich die Wuth deS Actienficbers auch über Holland und England und über andere Länder verbreitet. Diese Wuth zog ungeheure Bankeroutten und schändliches Sittenverderbennach sich. VII. Die Energie, welche vormals die politische und religiöse Schwärmercy dem französischen Charakter gegeben, verwandelte sich wieder in Ueppigkeit und Leichtsinn. Hiezu trug, ausser dem ausschweifenden Herzog von Or- leans , besonders auch sein Minister, der Cardinal dü Bois viel bey. Dü Bois war vormakS der Erzieher des Herzogs, und nachher der Vertraute seiner Liebesgeschichten rv v---- schichten. Er verkürzte sich durch Wollust das Leben, und starb ohne Oelung. Nicht lange hernach im 1 .172;, starb auch der Herzog. Er hatte die Schwachheiten und auch viele von den Tugenden seines Ahnherrn, des Königs Heinrichs IV. Mittlerweile war Ludwig XV. volljährig geworden. Zum Minister hatte er den Herzog von Burbon - Lande , der aber gar bald seine Stelle dem Cardinal von Fleury abtreten mußte. Bis in sein drey und siebzigstes Jahr betrachtete man Fleury als den liebenswürdigsten Gesellschafter und Weltmann. In dem hohen Alter, in welchem andere Greise sich von der Welt zurück ziehn, übernahm er die Stelle eines Ministers, und behauptete bis an sein Ende den Namen eines ehrwürdigen Weisen. Von dem I. 1726 bis zum I. 1742 waren immer alle seine Unternehmungen nüchtern und glücklich, Nichts war groß und glänzend in seinem Betragen, in demselben aber herrschten Mässigung, Ordnung, Bescheidenheit. Als Lehrer und Erzieher des jungen Monarchen, nahm er nicht den geringsten Antheil an den Hofränken und Reichs, angrlegenhcitcn, beobachtete sie aber, und bildete seinen königlichen Zögling zur Kenntniß der Geschäfte und zur Besorgung derselben. Als Minister bereicherte er Frankreich durch friedlichen Kunstfleiß. Ohne Neuerungssucht, überließ er die Genesung des Staates seiner eigenen innern Kraft und Natur. Zum Glücke für Europa handelte auch in England der Minister Walpole nach den gleichen friedliebenden Gesinnungen. Ohngefähr um diese Zeit erhoben sich unter Europens Mächten zwo bisher wenig hervorglänzende, nämlich die russische und die preussische. VIII. Rußland hatte Czaar Peter der Grosse aus dem Schlummer geweckt. Vor seiner Regierung bewohnte jene uner- irnermesscnen Wüsten ein Volk ohne Künste und Sitten. So wenig bekannt war Rußland dem übrigen Europa, daß man noch im I. 1668 eine russische Gesandtschaft in Paris eben so fremd anstaunete , als heut zu Tage eine Mogolische. Anfangs des XVII?.'» Jahrhunderts aber bildete Peter der Grosse fein Volk, entkräftete Schweden, und verbreitete seinen Einfluß über die nordischen Reiche. IX. Preussen erhob sich unter dem Churfürsten Friedevich im 1 .1701 zum Königreich. Sein Nachfolger, der grosse König und Churfürst, Friedrich Wilhelm, erweiterte (vom I. 171; bis 1740) seine Provinzen ; noch mehr aber verstärkte er sich im Innern durch Kriegeszucht, durch gute Wirthschaft, und auch besonders durch die Aufnahme der französischen Flüchtlinge und ihrer Fabricken. X. Ohngefähr in demselben Zustande behauptete sich Oesterreich, in den es durch den Uetrechterfriedcn vom I. 171; gesetzt worden war. Italien blieb immer gleich in verschiedene schwache Staaten getrennet, ausgenommen, daß nunmehr Mantua an Oesterreich gefallen. Spanien und portugall lebten von America. Schweden schmachtete. Dännemark blühete. England behauptete seine Macht aufm Meere. Holland verlohr von seinem Handelserwerb in eben dem Grade, in welchem dieser Erwerb bey andern Völkern zunahm. XI. Ein sonderbares Schauspiel gab in diesem Zeiträume Savoien. Der Herzog Victor Amadäus hatte sich bald auf österreichische, bald auf französische Seite geneigt, und that endlich, so wohl der Geschäfte als seiner selbst überdrüssig, im I. Verzicht auf die savoische unb auf die sardinische Regierung. Ein Jahr hernach aber be« reuete rcuete cr's. Auf einmal empfand er, der fünfzig Jahre lang auf der Staatsbühnc von Europa so geschäftig gewesen/ in dem ausschließenden Umgänge mit feiner «hcma- ligen Geliebten und nunmehrigen Gemahlin / und unter den traurigen Andachtsübungen eine unerträgliche Leer« heit- Da er die Krone mit Gewalt und um einer herrsch, süclrtigen Gebieterin willen wieder an sich reißen wollte/ so setzte ihn sein Sohn und Nachfolger / RarlEmanuel, in Verhaft/ in dem er auch starb. Ohne die geringste Theil» nehmung sahn die benachbarten Staaten diesem seltsamen Spiel zu. XII. Von Rußland bis nach Spanien herrschte durchgängiger Friede / und auf einmal wieder stürzte der Hin- scheid des Königs August //. von polen und Churfürsten von Sachsen ganz Europa in neue Verwirrung. Es war im I. 17;; / daß der König in Frankreich seinen Schwiegervater / den Stanislas Lescinoky zum polni. scheu Throne beförderte: Diesem aber setzten Rußland und Oesterreich den Sohn des verstorbenen Königes / einen Neffen Kayser Karls VI , entgegen. Aus Besorgniß einer Kriegeserklärung von England unterstützte Frankreich den Stanislas sehr schwach / und gleichsam nur um auch den Schein des Anstants zu retten. Der Verlassene flüchtete sich nach Danzig ; diese Stadt aber ergab sich dem russisch - sächsischen Rriegeeheer / und selbst der französische Gesandte in dem Platze wurde zum Kriegesgefangenen gemacht. Der russische Feldherr Münick bot Geld auf den Kopf des Stanislas / allein dieser entwischte / in einen Bootsmann verkleidet. Seine französischen Hilfstruppen / nicht mehr als izoo Man« / erhielten zwar eine ehrenvolle Capitulation / wurden aber gleichwohl / als ein französisches Schiff ein russisches weg- pahm / als Kriegcsgefangene nach Petersburg geführt. Sehr Sehr gnädig behandelte sie daselbst die Kayscrin Anna. Die polnische Rrone blieb dem Sohne des verstorbenen Königs Friedrich August von Sachsen. XIII. ; Um den Einfluß in Europa nicht ganz zu verlieren, vereinigte sich Frankreich mit Spanien und Sardinien. Allen diesen Mächten war es gleich wichtig, Oesterreich nicht noch furchtbarer werden zu lassen. Der König Rarl i Emanucl von Sardmien hatte Absichten auf Mayland. ! Der König von Spanien Philipp V. der mit Elisa- ^ beth von Parma vermählt war, hoffte seine Besitzungen in Italien noch über Parma und piazcnza erweitern zu können. Der König von Frankreich suchte für einmal nichts anders als die Schwächung von Oesterreich. Der Marschall von Villars eroberte Mayland. Don Carlos, anerkannter Erbprinz von Toscana, erhielt die Königreiche Neapel und Sicilicn, — Im I. 17;;. erfolgte der Friede. In diesem Frieden blieb Don Carlos in dem Besij der eben erwähnten beyden Sicilicn, hingegen Toscana übcrlies er dem Herzog Franz von Lothringen, einem Ey- dam des Kavsers Carls VI, und dem Kaystr selbst dieHer- zogthümer Parma und piazcnza, wie auch das Herzog, thum Mayland, mit Ausnahme eines kleinen Bezirkes, nämlich von Navarra, Torrona und Langhes, welcher den Herzog von Savoyen zufiel. Frankreich willigte ein, daß Granislao für immer auf den polnischen Thron Verzicht that, jedoch nur unter Ausbcdingung, daß erden königlichen Titel beybehalten, und daß ihm Franz von Lothringen, Lothringen und Bar abtreten sollte, und zwar nach dessen Hinschied mtt gänzlicher Uederlassung dieses Herzogthums an Frankreich. Dagegen verpflichtete sich diese letztere Krone zur Gewährleistung der pragmatischen Sanction. XIV. »4 XIV. Vermög dieser pragmatischen Sanction sollten, in Mangel männlicher Erben, zuerst die ältere Prinzessin und ihre Nachkommen, hernach die zwote milden ihrigen, und endlich die Ioscphinischcn Prinzessinnen den Best; aller Rei« ehe und Länder RayserRarl VI. erhalten. Diese Ver- kommniß garantirten schon im 1 .172; Spanien, im I. 1726 Holland, im Jahr 1728 das deutsche Reich und Ruß» land, im 1 .17;! Engelland, und nunmehr im 1 .17)8 auch noch Sardinien und Frankreich. XV. Durch ganz Europa herrschte inzwischen der Friede.— Unter französischer Vermittlung hatten sich im I. 17;- der deutsche Rayser und der türkische zu Belgrad ausgesöhnt. Unter gleicher Vermittlung hörten die innern Unruhen zu Genua und Geneve auf; auch verglich sich Spanien mit England und Portugall. XVI. Mit dem Tode Rayser Rarls VI. im October 174» begann eine neue Epoche. > Von Von der Krönung -es Königs von Preussen Friedrichs n. des Grossen, bis zum Frieden zu Achen. Vvm Jahr 174«. bis zum Jahr 1748. I. Tod Kayfer Rarls VI , als des letzten männlichen Sprößlings aus dem Habspurg - österreichischen Stamme , vcranlassete die blutigsten Kriege. Wer machte nicht Anspruch auf irgend ein Stück des kaiserlichen Erbguts? Es bestand aus Ungarn und Böhmen, vormals Wahlreichen , und nunmehr österreichischen Erbländern ; aus Ober - und Nieder - Oesterreich , einem im XIII«» Jahrhunderte eroberten Herzogthum; aus dem schwäbischen , oder vordem Oesterreich; aus Gteyermark, Rärnthen und Rräin ; aus den 1 ^. Waldstädten am Rhein ; aus Brisgau , Friaul / Durgau / Tirol ; aus Flandern; endlich aus Maylanch Mamua, Parma. Auf diese weitläuftige Erbschaft machte so wohl vermög des Naturrechtes als vermög der pragmatischen Sanction Maria Theresia / die älteste Tochter des verstorbenen Kayscrs, den begründetesten Anspruch. Von verschiedenen Seiten ward er ihr streitig gemacht. ' ll. rt II. i? Der Churfürst von Bayern , Rar! Albert, setzte ihrem Ansprüche den letzten Willen Ferdinands I. entgegen , dessen älteste Tochter, Anna, an einen bayerschen Churfürsten vermählet gewesen. 2? Der Churfürst von Sachsen und König in Polen berief sich auf eine Ver- kommniß des Kayfer Leopolds, kraft welcher die Töchtern des Kayfer Josephs den Töchtern des Kayfer Karls VI. vorgehen sollten. ;? Der König in Spanien behauptete, daß nach einem alten Vertrag zwischen Karl V. und Ferdinanden Oesterreich wieder an Spanien zurück fallen müsse. 4? Der König in Frankreich stammte von mütterlicher Seite gleichfalls von dem österreichischen Haus ab , allein lieber wollte er in diesem grossen Prozesse Schicdrichter als Mitbuhler seyn. Das Ungewitter brach von einer Seite aus, wo man's am wenigsten vermuthete. III. Der König in Preussen, Friedrich II, der Grosse, bestieg kaum den Thron, als er schon im 1 .1740 seine alten Rechte auf vier schlesische Herzogthümer hervor suchte. Inzwischen hatte sich gleichwohl Maria Theresia, die Gemahlin des Großherzogs von Toscana, Franzen von Lothringen, feyerlich in den Besitz ihres grossen väterlichen Erbguts gesetzt. Um so vielmehr gewann sie das Herz der Ungarn, da sie den Eidschwur des Königs Andreas aus dem I. 1222 erneuerte: „ Wenn ich, schwur sie," oder „ irgend einer meiner Nachfolger, eure Vorrechte auch nur „im Geringsten verletzt, so habet Ihr und euere Nach- „ kommen die Freyheit zur Gegenwehr, ohne darum als „ Rebellen betrachtet zu werden." Ihre erste Sorge gieng nun dahin, ihren Gemahl, ohne Nachtheil ihrer eigenen Souverainität, zum Mitrcgentcn zu machen. Auf solche Weise schmeichelte sie sich, ihm den Weg zum Rayser/ throne zu bahnen. Ihre Truppen aber waren schwach und zerstreut, und ihre Schatzkammer erschöpft. Unter nusbedungener Abtrettung von Niederschlesien, anerbot ihr der König von Preussen möglichsten Beystand. Noch so hilflos, beharrte sie nichts desto weniger auf der Unzer, trennlichkeit eines heiligen Kleinods, wofür sie ihr väter. lichcs Erb ansah. Nun drang Friedrich im Christin. 1740 mitten in Schlesien. Noch stand er allein, als er bey Molrvitz das österreichische Heer schlug. IV. Indeß sah er voraus, daß sich bey der bevorstehenden Bayserwahl Oesterreich noch mehrern Ueberfällen bloß setzen werde. Um so viel mehr begünstigte bey dieser Wahl Frankreich seinen alten Bundesgenossen, den Churfürsten Carl Albert von Bayern, je eifersüchtiger ohnehin diese Krone auf Oesterreichs Uebermacht war. Der ftanzösische Marschall von Belle - Isle begab sich nach Deutschland, und auf sein Zureden erwählten die Churfürsten den 4V Jänner 1741 den Churfürsten von Bayern, unter dem Namen Carls VII. zum Rayser. Unter französischem Beystande hatte dieser Passau und Linz erobert, und bis nach Wien den Schrecken verbreitet. Hierauf wendete er sich mit einem sächsischen Heere nach Böhmen, und zog tri< umphierend in Prag ein. V. Ende des Jahres 1741 flüchtete sich Maria Theresia nach Ungarn. Mit einem kleinen unmündigen Prinzen in den Armen, und mit einem ungebohrnen Kind unter dem Herzen, hielt sie mitten unter der Reichsversammlung in lateinischer Sprache folgende Rede: „Von meinen Freun« „ den und Verwandten verlassen, von meinen Feinden „verfolget, bleibt mir keine Zuflucht, als eure Treue, ,, euer Muth und meine Glaubhaftigkeit." Mit gezücktem Säbel schrie die ganze Versammlung: lVloriamur pro re^e noüro Plsris Ikerells ! Wir sterben für unsern Kö» B mg, rs nig, Maria Theresia! dasselbe Volk also, das zweyhundert Jahre lang Theresicns tyrannische Ahnherren durch Verschwörung und Aufruhr beunruhigte, war voll Anbetung für eine Königin, die sie als Mutter betrachteten. Der Anblick einer so tiefgebeugten und gleichwohl so entschlaf, senen Fürstinn erpreßte bey jedermann Thränen; nur sie selbst hielt die ihrigen so lange zurück, bis sie wieder mit ihren Vertrauten allein war. Um diese Zeit hatte sie der Herzogin von Lothringen, ihrer Schwieger, geschrieben: „ Noch weiß ich nicht, ob mir auch nur ein Platz übrig „bleibt, um darin in den Wochen zu liegen." Die englische Herzogin von Marlborough, Wittwe des Feldherrn , der bey Theresiens Vater in Diensten gestanden, beredete die edelsten Damen in London zu einem Beytrage Von rsoooo Pf. Sterlings, und sie selbst schoß 40000 dar: allein die Rönigin von Ungarn verbat sich einen solchen Beytrag , und nahm kein Geld an, als von dem Parle. menle selbst. Auch in Holland, in Flandern und zu Venedig nahm sie Geld auf. Um sich wenigstens von einer Seite sicher zu stellen , schloß sie im 1 .1742 unter englischer Vermittlung mit dem einzigen ihrer würdigen Gegner , dessen Denkart eben so groß war wie die ihrige, mit dem Könige von Preussen, den Frieden ;u Breßlau. In diesem Frieden trat sie an Preussen beynahe ganz Schlesien, nebst Gln ab. VI. Dadurch entstand unter ihren bisherigen Feinden Mißtrauen und Zerwürfniß. Sachsen beschwerte sich über Preussen, Preussen über Frankreich. Der Marschall von Belle-Iole lag krank zu Frankfurt, und zu gleicher Zeit sollte er das Kriegesheer anführen und die Unterhandlungen leiten. Der alte Kardinal Fleury hatte sich ungern und nur auS Nachgiebigkeit gegen Belle - Jsle in das Krieges- spiel hineinziehen lassen. Dieses gestand er dem österreichischen Feldherrn von Königseck in einem Schreiben vom ii«" t rtm Iul. 1742. Anstatt aller Antwort machte die Köni. gin von Ungarn diesen Brief durch den Druck bekannt. Die Bekanntmachung desselben zeigte Frankreich und seinen Minister in einem sehr zweydeutigen Lichte. Der baye- . rische Rayser machte fich bey den Catholiken verdächtig, ^ indem England desselben Anerbieten zur Einziehung einiger Bistümmer für Hannover verrieth. Oesterreich vertilgte nun in Bayern und Böhmen das französische Rrieges, Heer, und verjagte den neuen Rayser aus seinen eigenen Staaten. Im December 1742 verpflantzte sich die Krie. gesbühne von der Donau an den Rhein. Mitten unter den Verwirrungen starb Fleury, und hinterließ das Kriegswesen und die Finanzen in einer sehr kritischen Lage. ^ VII. ! Durch welche Veranlassung aber mischte fich England l in den Krieg zwischen Frankreich und Oesterreich? In ! Ost - und Westindien glühte der Feuerfunke zu den Flam- i Men, die sich über Europa verbreiteten. In dem Uetrech- terfrieden vom I. 171; hatte Spanien den Engländern, r ausser der Abtrettung von Gibraltar und Minorca, auch j noch beträchtliche Handelsfreyheiten ausschliessend bewil- j ligt. Diese Freyheiten Miethen hernach dem ost - und west- ^ > indischen Handel der Spanier selber zum Nachtheil, und wurden deswegen häufig gekränkt. Ein englischer Schifs- ^ Patron, Ienkins, gerieth in Amerika einem spanischen Küstenbcwahrev in die Hände, der ihm sein Schiff und seine Leute wegnahm, und ihn selbst mit gestüMMelter Nase und Ohren nach Europa zurück schickte. Im I. 17 ;y stellte sich der ehrliche Ienkins, der sich keines unrecht, mäffigen Verkehrs bewußt war, mit den gestümmelten , Ohren vor die Versammlung des parlements. Bey der ganzen Versammlung erregte sein Anblick Mitleid gegen ihn und Erbitterung gegen die spanische Hartherzigkeit- An der Thüre schrie das Volk: Entweder Freyheit des Meeres, B » oder oder Rriegeserklärung! — Diese leztere erfolgte noch Ends des 1 .17;-. Im I. 1740 drang der englische Admiral wernon in den Meerbusen von Mexico, schleif!« den vornehmsten Stappelvlatz Porto-Bello , und machte den Handel unumschränkt frey. Nur schwachen Beystand fand Spanien an Frankreich. VIII. Mittlerweile wuchs die Verwirrung auch in Europa. In Italien machte nach dem Hinschcid Kayser Karls VI. der König von Spanien Anspruch auf das Herzogthum Mayland, aufparma nnd piazenza. Zur Verhinderung der Eifersucht begehrte er diese Herzogthümer nicht unmit. tclbar weder für sich, noch für den Don Carlos , der ohnehin schon in dem Besitze von Neapel und Sieilicn war; er begehrte sie für einen jüngcrn Prinzen , den Don Philipp. Aus allen Kräften aber behauptete sich die Königin von Ungarn in dem Besitze von Mayland, und bey gemeinschaftlicher Gefahr verband sich mit ihr der Herzog von Savoyen. Unter dem Verwände des Gleichgewichtes von Europa widersezte sich auch England weiterer Ausbreitung der spanischen Macht in Italien. Nichts desto weniger drangen Ends des Jahres 1741 die spanischen Truppen durch Italien, und zwar selbst durch das Gebiet des pabstes Benedicts XIV, des Herzogs von Modena, ja sogar desGrvsherzogs vonToscaua. Ungeachtet dieser leztere der Königin von Ungarn Gemahl war, so mußte doch auch er sich nicht weniger als andere italiä« Nische Staaten zur Neutralität und zur Bewilligung des Durchzuges einvcrstchn. Eben dazu verstanden sich auch Genua und Neapel selbst ein. Bey Niemand war es im Grunde mit der Neutralität ernsthaft gemeint. Wie konnte bey dem Interesse seines Vaters und Bruders der König von Neapel von ganzem Herzen neutral seyn? Den i8'°" Augstm. 1742. ankerte im Angesicht von Nca- . pel eine englische Flotte, mit der Erklärung: Wofern der i der König nicht sogleich seine Truppen aus dem spanischen ; Heere zurück ziehe / so werde Neapel von den Engländern ^ bombardirt werden. Der englische Commandant Martin ? zog die Uhr hervor, und gab nichr mehr als eine Stunde ' Bedenkzeit. Aus Mangel genügsamer Vorkehr, sah sich i der König zu den vorgeschriebenen Bedingungen genöthigt. ! Da die englische Flotte den Infant Don Philipp an der Landung bey Genua hinderte/ so drang er über Land in Savayrn / und machte sich im December 174z Meister von diesem Hcrzogthurn, Der Herzog und König von Sardinien zog sich nach Piemont zurück. Auch durch pencdig und durch die Schweiz begehrte der spanische Infant den Durchzug, fand aber Widerstand. IX. Die englische Flotte aus dem mittelländischen Meere hinderte die Gemeinschaft zwischen Frankreich und dem spanischen Heer in Italien. Den 22«« Fcbr. 1744. siel zwischen jener Flotte und der spanischfranzösischen bey Toulon ein Sectreffcn vor. Zweifelhaft blieb zwar der Sieg / aber nach der Zerstreuung beyder Flotten erhielten die Spanier doch Zufuhr aus Frankreich. Im Frühling 1744 erklärte Ludwig XV. feycrlich so wohl Oesterreich als England den Krieg. Seine , Kreatur/ der bayerische Rayser/ schmachtete als Flüchtling zu Frankfurt am Mayn. In der Nachbarschaft von Frankfurt litt den 27^ Juni 1744. das französische Kriegeshecr bey Dcttingcn die blutigste Niederlage / und ! flüchtete sich vor dem vereinigten österreichisch - englischen ^ Heer über den Rhein. Der österreichische Parthcygänger > Menzel forderte das Elsaß und Franche Lomtc zur Rückkehr unter die österreichische Botmäßigkeit auf. Auch Holland neigte sich auf die Seite von Oesterreich und England, X. In X. In dieser Verlegenheit rüstete sich der König von Frankreich zu einer Landung an den englischen Rüsten. Zu diesem Ende hin schickte er von Rom aus den Sohn des Prätendenten, einen Enkel des vertriebenen König Jacobs II. mit einer Flotte in den Ranal : allein diese Unternehmung vereitelten theils die Elemente, theils die englische Wachsamkeit. Zur Verhinderung der Vereinigung -Hollands mit Oesterreich siog Ludwig XV. nach Flandern. Mittlerweile drangen die Oesterreicher ins Elsaß und bis an die Grenzen von Lothringen. Ludwig XV. ließ den Marschall von Sachsen in Flandern zurück , und eilte zur Unterstützung des bedrängten Elsaß. XI. Gerade um diese Zeit änderte sich auf einmal das Glück von Oesterreich. Voll Eifersucht über dasselbe setzte nun im Sommer 1744 der König von Preussen, der seit dem Breßlauerfrieden ruhig geblieben war, der Wormserverbindung gegen den bayerischen Rayser, für denselben eine andere zu Frankfurt entgegen. Iene be» stand aus Oesterreich, England, Sardinien, Sachsen und Holland: diese - nämlich zu Gunsten des Kaysers, aus Frankreich, Preussen , Pfalz und aus dem Könige von Schweden , als Landgrafen von Hessen. Den i Sept. 1744. drang der König von Preussen mit 100000 Mann in Böhmen, eroberte Prag, und machte die Besatzung von 16000 Mann zu Gefangenen. Der König von Frankreich machte sich den 6 «» Nov. Meister von Freyburg, und damit zugleich von Brisgau und Schwaben. Der Rayser kehrte nach München zurück : allein den Nov. 1744. vertrieb wieder Karl von Lothringen, die Preussen aus Böhmen. XII. Wenn in diesem Kriege auf der einen Seite England, guf der andern Seite Frankreich die deutschen Provinzen bald j ^ bald mit Gelde, bald mit Bünstcn und Benntnisseir ^ bereicherten, so blieb Italien hingegen ein Schauplatz der Verwüstung. Unthätig sahe der pabst von Roms sieben ! Hügeln dem Handgemeng zwischen den neapolitanischen und österreichischen Briegsvölkern zu. XI II. Nicht lange befand sich der Bayser Bari VII. wieder in München, als er den oot-m Jänner 174;. daselbst vor Gram starb. — Um den König von polen, August H, Churfürsten von Sachsen, von England abzuzichn, anerbot ihm nun Frankreich Beystand zur Besteigung des erledigten Rayscrthrons : allein August schlug den gefährlichen Thron aus. Er war der zweyte Churfürst von Sachsen , der ihn ausschlng. Nicht nur wagte sich der Sohn des verstorbenen Kayscrs, der neue Churfürst von Bayern, Max Joseph , an diesen Thron nicht, sondern er that noch überdieß Verzicht auf die Verbindung mit Frankreich, und warf sich in die Arme von England und Oesterreich. Frankreichs vornehmster Bundesgcnoß war nunmehr der Bönig von Preussen. Um diesen gegen Oesterreich zu schützen, verstärkten sich die französischen Truppen am Maynstrohm. —- Per,ähnlich setzte Ludwig XV. die bisher unterbrochenen Eroberungen in Flandern fort. XIV. ^ So bald die Holländer die flandrische Vestung Tour- ^ nay in Gefahr sahen, so zogen sie den May in die ' Nachbarschaft. Daselbst vereinigten sie sich mit den Eng, i Ländern und Oesterreichern. Das französische Heer ^ hatte bey Fomenoi eine gleich glückliche Lage zum Sieg i und zum Rückzug. Auf beyden Seiten waren Heldcnmuth, ! Fertigkeit und Kriegskunst gleich groß. Nach fürchterlichem Blutvergießen wichen endlich die Engländer, jedoch ohne Tumult und Verwirrung vom Kampfplatz. Mit ihren Bundesgenossen hatten sie svoo Mann verlohren. Weit geringer 24 geringer war der Verlust der Franzosen. Ungeachtet seines glänzenden Triumphs, anerbot sich gleichwohl Ludwig XV. sogleich hernach zu einem Friedenscongresse. XV. Den Holländern schien das Anerbieten verdächtig; den Engclländern war wenig mit einer Aussöhnung ge- dienet: wem aber sollte der Friede willkommener seyn, als der Königin von Ungarn? In Schlesien sah sie sich von dem Könige von Preussen beunruhiget; in Italien zu gleicher Zeit von Neapel und von Spanien und Frankreich; in Deutschland am Maynstrohm auch noch von Frankreich: doch nunmehr gab England den Ton. Auf die verworfenen Fricdcnsvorschläge setzte Ludwig XV. seine Eroberungen in dem österreichischen Niederland fort. Ungeachtet seiner siegreichen Massen verfehlte er nichts desto weniger seinen ersten Zweck, nämlich die Entfremdung der Rayserkrone aus dem Hause Oesterreich. Den Sept. 1745. hatte Maria Theresia die Freude, ihren Gemahl Franz von Lothringen, Großhcrzogen von Toscana , in Frankfurt zum Kayscr krönen zu sehn. Fruchtlos widersetzten sich dieser Wahl die Churfürsten von Pfalz und Brandenburg. Von Frankfurt begab sich die Kay- serin nach Heidelberg. Daselbst bewillkommte sie der Kayscr Franz I. mit dem Degen in der Hand an der Spitze ihres Kriegcsheeres. Es war 6 oooc> Mann stark. Die neue Kayserin gicng zwischen den Linien, grüßte die Soldaten, gab jedem derselben einen Gulden, und spiess auch selbst unter dem Zelte. XVI. Diese kurzen Freudcntage des kayserlichen Hauses umwölkte der König von Preussen. Auf der einen Seite schlug er in der Laußnitz das sächsische Heer, und jagte auch das ungarsche zurück: auf der andern Seite unterwarf er sich Sachsen, und machte sich Meister von Leipzig und und Dresden. In dem Pallaste zu Dresden fand er noch die zween Prinzen und die drey Prinzessinnen des Königs von Polen, als Churfürsten von Sachsen; zärtlich umarmte er sie/ und versüßte ihnen durch alle möglichen Achtsamkeiten ihr Schicksal. Die verschlossenen Krambuden in der Stadt ließ er friedlich eröffnen; er ließ eine italiänische Oper aufführen / und lud an seine Tafel die fremden Mi. nistcr. In seiner Person vereinigte der grosse Friedrich mit dem Helden den feinsten und gefälligsten Weltmann. Mitten unter Trophäen suchte er Frieden. Um seiner Eroberungen sicher zu bleiben / schränkt' er sie ein. So wie Frankreich Vermittlung von dem türkischen Sultan erwartete / so erwartete sie Preussen von der russischen Lzaarin Elisabeth. Endlich überließ Friedrich die ganze Last des Krieges Ludwig XV, und einseitig schloß er „och vor Ende des Jahres 174?. unter russischer und englischer Zwischenkunft den Frieden mit Sachsen und Oesterreich. In diesem neuen Frieden bestätigte Maria Theresia den Brcslaner - Frieden ; Friedrich behielt Schlesien / bekam von Sachsen eine Million Reichsthalcr/ und dagegen anerkannte er nunmehr Franz I. als Layser. Siegreich kehrte der Held nach Berlin zurück, und -ocht nun in die Krone der Kriegeslorbeern die Oelzweige des Friedens. Groß als Eroberer / war er nicht weniger ^ groß als Gesetzgeber / als Schutzgott der deutschen Frcy- ' heit / als Vater des Volkes / als Beförderer der Künste / ^ als Schriftsteller und Virtuos. In dem Geiste des Cäsars ^ beschrieb er seine eigenen Thaten; in Antonins Geiste pre- ; digte er Weisheit und Tugend / in Voltairens Geiste er- i heiterte er den Ernst der Philosophie durch die Spiele der ^ Grazien. Seine nachgelassenen Werke verdienen das Hand- i buch jedes Regenten zu seyn. ; XVII. i Zum Zweytenmale sah sich jetzt der König von Frank. > reich des preussischen Beystandes beraubt, darum aber setzte 26 . setzte er nichts, desto weniger in Flandern fein siegreiches Glück fort. Die Rayserin verließ sich dort auf den holländischen und englischen Beystand : allein Brüssel, die Hauptstadt von Brabant , war schon in die Hände von Frankreich gefallen. Die Staaten von Holland begannen ;u zittern , und wünschten den Frieden , doch die englische Parthey in Holland , welche unter Hand auf die Wiederherstellung der Statthalterschaft bedacht war, unterhielt bey dem Volke die Flammen der Kricges- wuth. Bey der innern Zweytracht der Republik, that sie Frankreich nur schlechten Widerstand. Schon hatte sich diese Krone von Antwerpen, Mons, Namur und andern Plätzen in den österreichischen Niederlanden Meister gemacht. XVIII. So unglücklich Oesterreichs Waffen in Niederland waren, so glücklich hingegen waren sie in Italien und gegen den Alpen. Hier verlor Frankreich weit mehr, als es dort zu gewinnen schien. Noch Ends des 1 .174;. waren das vereinigte Spanien und Frankreich in dem Besitze von Momferrat, von Mayland, von Parma und piazenza; überdies war nunmehr auch die Republik Genua zum Dienste von Spanien besoldet. Kaum aber hatte die Rayserin Theresia durch den Frieden mit Preussen wieder freye Hände bekommen, so verstärkte sie sich gegen Italien, und den 16»» Iunius 1746 erhielt ein österreichisch - piemontesisches Heer bey piazenza den glänzendesten Sieg über das vereinigte Heer von Frankreich, Spanien und Neapel. Gerade nach dieser blutigen Nie- Verlage erscholl die Nachricht von tzcm Hinscheid des König Philipps V. in Spanien. In welche Verlegenheit ge« rieth nicht dadurch das ohnehin schon zerstreute spanisch- französische Rriegesheer? Noch unbekannt waren die Gesinnungen Ferdinands VI, des Thronfolgers von Philipp V. Dsn Philipp, sein Bruder, und der Herzog von > von Modena zogen sich nach Genua zurück- Dkese Stadt war von einer englischen Flotte blockirt, und gegen sie marschierte ein österreichisch-piemontesisches Heer an. Schleunig schickte der genuesische Senat eine Gesand- ^ schaft in das österreichische Lager, mit der Erklärung, daß er in Zeit von 24 Stunden die Stadt übergeben, die fran. zösischen, spanischen und neapolitanischen Truppen auS« liefern, eine beträchtliche Geldsumme bezahlen, vier Senatoren als Geisel nach Mayland senden, und, kurz, sich zu allen Bedingungen einverstehen wollte. Großmüthig aber schlug die Rayserin alle angebotenen Erniedrigungen eines ohnmächtigen Feindes aus, und klüglich schränkte sie sich auf eine, für sie vortheilhaftere, Brandschatzung ein. XIX. j Auf alle Seiten zerstreuten sich die ftanzösischen und ! spanischen Truppen. Völlig getrcnnet, behaupteten sich j diese nur noch inSavoyen; jene flüchteten sich nach der - Provence. Bey solcher Lage der Sachen, wäre Oester- j reich vielleicht bald wieder Meister von Neapel geworden: l allein vor dem Anschlag auf dieses Königreich wendete es ! seine Waffen gegen Marseille und Toulon. Beynahe i die ganze Provence fiel in die Hände von Oesterreich. Bretagne und Frankreichs oft- und westindische Be« ! sitzungen wurden von England beunruhiget. XX. Um die Oesterreicher aus der Provence zu treiben, war kein kürzeres Mittel als die Abfthneidung ihrer Zu- , fuhr aus Genua. Unter österreichischer Bedrückung wa« > ren der Handel, der Credit, die Banke der Genueser zu ^ Grunde gegangen. Diese Unglücklichen mußten stlbst die Kanonen aus ihrem Zcughause zum Dienste Oesterreichs fortschleppen. Von einem österreichischen Befehlshaber wurde einer von ihnen geschlagen, und damit nahm den 5?« December 1746 das Mißvergnügen des Volkes den Aus- -8 Ausbruch. Dasselbe Volk, das sich nicht den geringsten Einfall zur Gegenwehr erlaubte, so lange der Feind noch entfernt war, bewaffnete sich itzt gegen denselben, ungeachtet er mitten in der Stadt lag. Die Bestürzung, welche erst noch die Genueser niederschlug, hatte nun die Oesterreicher niedergeschlagen. Es entstand ein blutiges Metzeln; vom Lande her eilten den Bürgern bey 2000 Bauren zu Hilfe. Die zahlreiche österreichische Besatzung wurde theils ermordet, theils weit ausser die Thore gc. trieben. *) An der Spitze des genuesischen Volkes befand sich ein Prinz Doria. Ganz neutral stellte sich der Senat, im Grunde abcr hieng unter derHand Alles von ihm ab. Aus Furcht vor Oesterreichs Rache, ließ der Senat zu Wien die Erklärung thun, daß er selbst an der Revolution ganz unschuldig sey. Der Wicncrhof forderte hierauf mit unbesonnenem Trotze zur Genugthuung eine ungeheure Geldsumme , die Befrcyung der Gefangenen und die Abstrafung des aufrührischen Pöbels. Dadurch aber wurde bey den Genuesern der Entschluß zu gänzlicher Vertreibung der Oesterreicher aus ihrem ganzen Gebiete nur desto unwiderruflicher. Der König von Frankreich schickte Geld 'und Hilfsvölker nach Genua. Ungeachtet diese Stadt aufs neue vbn England und Oesterreich eingesperret war, so warf sich doch der Herzog Boufflers mit ohnge- fähr 8 o«o Franzosen hinein. Welch eine fürchterliche Verwirrung ? Ganz fremde Hilfsvölker inner den Mauren, wenig Lebensrnittel und Kricgcsvorrath, wenig Po- liccy und Disciplin, grosses Mißtrauen zwischen dem Senat und den Häuptern des Volkes, geheimes Einvcrständ- niß zwischen einigen Bürgern in der Stadt und den österreichischen Belagerern ausser derselben! Unter Boufflers Anführung war es vornemlich ein Zürcher, der General *) S- Lskruccii Lonrmiei Lonunentir. cle dello it-Llleo L»t»vor. 17;» , General von Esther , vormals in kaystrlichen Diensten, der nunmehr Genua gegen Oesterreich in gute Verfassun- sctztc, und bey dem Senate sowol als bey dem Volke sich i unumschränktes Zutrauen erwarb. Aus Privatinreresse ^ opferten die englischen Seccapitains das Interesse ihrer j Nation auf, und führten um baarcs Geld Lebensmiltel nach ^ Genua. Unter der Hand hatten die Ocstcrrcicher zu ihrem ! Vortheile einige Mönche bestochen; mit gleichen Waffen j schwächte sie Genua. In der Stadt erhielten die Beicht» vatcr den Befehl, jedem Freunde Oesterreichs die Abso. lution zu verweigern. Ein Eremit stellte sich an die Spitze der Bürgermiliz, und fiel in einem Scharmützel, während daß er das Volk gegen die Feinde entflammte. Auch das schöne Geschlecht ergriff der Enthusiasmus. Zur Fort. sctzung des Krieges trugen die Frauen und Töchter ihr Geschmeide herbey. Den 27'.°" Iunius 1747 zogen sich , die Oesterreicher zurück. An gleichem Tage starb Bouff. llcrs. Genua segnete ihn, als Retter der Freyheit, und auch Esther erhielt von dem Senat und dem Volke ganz > besondere Ehrenbezeugungen. Der Hof von London und der Hof von Versailles erschöpften sich beyde, dieser zur Vertheidigung, jener zur Stürzung von Genua. XXI. Ungeachtet seiner siegreichen Waffen in Flandern, sah doch der König in Frankreich so viel Verlust a» Geld und Volk hinter sich , und so wenig Gewinn vor sich, daß er immer nachdrüklicher auf einen Friedenocongreß drang. Mittlerweile aber erweiterte sich während dieses Krieges England in Ost - und Westindien so sehr, daß auch izt noch dieser Krone mit dem Frieden in Europa wenig gedient war; um des änssern Anstands willen schien ^ sie gleichwol genöthigt, eben so wol als Holland und Frankreich, zu den Friedcnsuntechandlungen in Breda die Hände zu bieten. Holland war in Partheyen ge» theilt; s° theilt; die eine für / die andre wider die Fortsezung des Krieges. Immer noch daurete bey dieser Republik der Eindruck.jenes schreckenvollen Ucberfalls Ludwigs XIV. fort, und ähnlichen Ueberfall besorgte sie nun von Ludwig XV. Selbst in der Schwäche dieses Königs glaubte sie nichts als Fallstricke zusetzn. Voll Unruhe überließ sie sich blindlings der Leitung von England Während des un« wirksamen Friedenscongressrs drang der König von Frank, reich in das holländische Brabant ein. Durch diesen Ueberfall hoste er die Republik geschmeidiger zu machen, allein er machte sie vielmehr so verlegen und so mißtrauisch, daß der Pöbel überall einen Dictator verlangte, und im Frühlinge 1747 den Prinzen von Oranien, willhelinIV. jum Statthalter und Gencral-Lapitain ausrief. Gern oder ungern mußten ihn die Magistraten als solchen erkennen, und zwar nicht lange hernach als erblich für seine so wohl weiblichen als männlichen Nachkommen, mev als gemeinschaftlichen Statthalter über alle VII. Provinzen und auch über die Generalitätsländer. Der neue Statthalter begann seine Dictatur damit, daß er dem Pöbel jeden Unfug gegen die ihm »«geneigten Staatsräthe erlaubte, und hernach durch Besazungen auch den Pöbel beschämte. Auf solche Weise bekam die Republik eine Art monarchischer Gestalt, die in mancher Absicht noch weniger eingeschränkt ist, als selbst die brittische Monarchie. Voll Zuversicht auf die Klugheit des Statthalters, setzte sie den Rrieg gegen Frankreich mit neuem Muthe fort; sie verbot den Handel mit dieser Krone, und munterte durch Belohnungen die Raperey auf. XXIt. Von der Revolution, welche England in Holland bewirkte, kehren wir nun den Blick auf eine andere Revolution, welche Frankreich in England zu bewirken bemüht war t Prinz Prinz Rar! Eduard war der letzte Sprößling aus ! dem königlichen Hause StUart. Er war ein Sohn deS i Prätendenten, der als vorgeblicher Sohn des vertriebenen König Jacobs II. dem Hannöverschen Hause die großbri« tannischc Krone streitig gemacht hatte. Seine Jugend brach» te der flüchtige Rarl Eduard bald in Rom, bald in Paris zu. Fruchtlos halte Frankreich im I. 1742. eine» Versuch zu seiner Ueberfahrt nach England gethan. Im Sommer des Jahres 174; wagte der Prinz einen neuen i Versuch, und landete mit einigen bewaffneten Schiffen ! auf einer kleinen Insel von Schottland. Die Einwoh. ^ ner warfen sich ihm zu Füssen, bedaurtcn aber ihr Unver- : mögen zu wirksamem Beystände: »So werd' ich denn," ! rief der Prinz aus, »mit Euch dasselbe Feld bauen; mit ! „euch das gleiche Brod essen! Kurz, ich theile eure Armuth, > „ zugleich aber bring ich euch Waffen.» Auf diese Er- i klärung salbeten ihn einige Häupter der schottischen Stäm- ! me zum Könige. Diese Völkerstämme oder Klans verbrei- i ten sich über ungeheuer weitläuftige waldichte Gebirge. ! Ihr rauhes Clima und ihre zufriedene Armuth machen sie > zu einem freyen muthvollen Volke. Nach dem Beyspiele ! der alten Celten hat jeder Klan seinen Liard oder sein I Haupt, und gemeiniglich ergreift er bey Unruhen, Feh« ! den und Kriegen dieselbe Parthey mit dem Haupte. Wenn i nun solche Edelleute von dem Englischen Hofe weder Be» ! dienungcn noch Jahrgehalte erhielten, so verschrieen sie die Vereinigung Schottlands mit England als Unterdrückuug ! und sehnten sich nach der Rückkehr eines Prinzen aus dem j Hause Stuart. Gar bald verstärkte sich des Prinzen Rar! Eduards Parthey. Hievon benachrichtigte er die Könige von Spanien und Frankreich. In ihren Antworten behandelten ihn diese Könige als Bruder, auch schickten sie ihm einigen Beystand an Geld und Kricgesvorrath. j Sehr günstig schien für den Prätendenten der Zeitpunkt, j Der König Georg befand sich in Deutschland, und in ganz 32 ganz England waren an schulgcrcchten Truppen nicht viel mehr als 6000. Einige Compagnien von diesen wurden von den schottischen Bauren geschlagen und ihre Hauptleu« te gefangen genommen. Immer zu Fuß und eben so, wie die Bauren gekleidet, drang der Prinz an der Spitze seines schwärmerischen Haufens vorwärts, und den ie. Scpt. 1746. wurde er in der schottischen Stadt Perth zum Röntg von Großbritannien und Irrland erklärt. Ihm huldigten der Herzog von Perth und der Lord Mur- rai. Den 29 Sept. hatte er sich schon von Edimburg Meister gemacht. Mittlerweile schrieb man zu London einen Preis auf seinen Kopf aus. Er hingegen untersagte seinem Anhang jeden pcrsöhnlichen Angrif des regierenden Monarchen und der hannöverschen Familie. Bey Preston» pans erhielt er den 2 Oct. einen vollkommenen Sieg über den englischen General Cope. Die schottischen Bergleute hatten ihre Flinten weggeworfen, und mit dem Schild über den Kopf und mit dem Säbel in der Faust sich mitten unter die englischen Truppen gestürzt. Triumphirend kehrte der Prätendent nach Edimburg zurücke, verstärkte sein Heer und brachte seinen Hofstaat und sein Kriegslager in Ordnung. Den 11 Sept. war der König Georg wieder in das Reich zurückgek-lMnen, und gegen den Usurpator bewaffnete er sich mit Truppen aus Holland und Hetzen. Den 28 Jänner 1746. wurde das königliche Kriegsherr bey Fallkirk geschlagen. Den 27 April erfolgte bey Lulloden das entscheidende Treffen. Bey dem Heere des Prätendenten befanden sich mehrere heroische Weiber; vier derselben wurden gefangen; die Frau von Seford aber, die einen Trupp Bergleute anführte, rettete sich nach der Niederlage durch die Flucht. Auch der Prätendent siüch, tcte sich, und seine Anhänger zerstreuten sich in den Waldungen. Fünf Tage und fünf Nächte irrete er beynahe ganz ohne Nahrung herum. Vor seinen Augen sah er für sich kein anderes Schiksal als dasjenige, welches nach der Schlacht Schlacht bey Worcester seinen Groß-Oncle, König Karl II. getroffen. Drey Tage und drey Nachte hatte er sich auf einer wüsten Insel in einer Hölc vergraben. Vor dem Uebersalle versteckte er sich im Moraste. Keine andere Wahl blieb ihm übrig, als entweder in der Einöde zu verhungern, oder mitten durch die feindliche Schiffe wieder nach Schottland zu dringen. Er ergriff die leztere Parthey. Als er in Bettlcrlappen an den Ufern herumirrte, begegnete ihm Miß Makdonall, und , da ihr Haus ihm ergeben war, so entdeckte er sich ihr. Sie zeigte ihm eineHöle zur Zuflucht, unweit der Hütte eines vertrauten Bergmanns. Hier lebte der Prinz einige Tage von Haberbrey, und wurde wegen ausgestandener Mühseligkeiten am ganzen Leibe krank. Endlich erfuhr er durch einen Bedienten der Dame, daß in der umliegenden Gegend für ihn nicht die geringste Sicherheit wäre. Sie riech ihm, sich abcrmal auf eine kleine Insel zu flüchten, und zwar nach Benbe- cula in das Haus eines armen Edelmanns, woselbst sie' ihn zu sehen hoffe. Kaum war der Prinz auf dieser Insel angelangt, so vernahm er, daß Nachts vorher der Edelmann imt seiner ganzen Familie weggeschleppt worden. Von neuem fand er keine andere Zuflucht als in einem Moraste. Hernach fand er die "Miß Makdonall unter einem Schaubdache. Sie erklärte sich, daß sie ausser ihm niemand fortbringen könnte, weil mehrere Personen verdäch, tig seyn würden. Seine Begleiter zogen seimHeil dem ihrigen vor, und unter heissen Thränen nahmen sie Abschied. Der Prinz verkleidete sich in ein Kammermädchen, und folgte unter dem Namen Beti der Miß Makdonall, So kamen sie auf die Insel Skie: allein sogleich nach ihr rer Ankunft in dem Hause eines Edelmanns wurde dieses Haus feindlich umringet, und der verkleidete Prinz selbst öffnete den Soldaten die Thür. Sie erkannten ihn nicht, bald darauf aber wurde sein Aufenthalt verrathen. Nun mußte er sich von der Dame trennen. Zu Fuße und m C Be- 34 Begleit eines einzigen Schiffers wanderte er zehen Meilen weiter , und halb ohnmächtig meldete er sich endlich in dem Hausteines Edelmanns, von dem er wohl wußte, daß er von seiner Gcgenvarthey wäre. »Sehr hier," sagte der Prinz, „Pcn Abkömmling eurer ehemaligen Köni- „ ge; er verlangt nichts als ein Stück Brod und einen Rock. Ich weiß, daß Ihr mein Feind seyd, al- z, lein euer Edelmuth ist mir Bürge, das Ihr mein Zu- »trauen und meinen Unstcrn nicht mißbrauchen werdet. Be- „ wahrt meine Lappen, und einst bringt sie mir wieder in „ den Pallas! der Mnigc von Großbritannien! " Ticfge- rührt, unterstützte thndcr Edelmann, soviel es seine Armuth erlaubte, und er verschwieg das entdeckte Geheimniß. Von hier wendete sich der Flüchtling wieder nach Schottland zurück. Unaufhörlich war er in Lebensgefahr. Jeden Augenblick vernahm er keine andere Neuigkeiten als von der Gcfangcnnchmung seiner Anhängerund und ihrer Vorbereitung zum Tode. In dem Verzeichnisse derjenige» , die seinetwegen in Contumaz verurtheilet wurden, las er auch den Namen seiner Wohlthäterin, der Miß Makdonall und beynahe aller, die ihn beherberget hat» ten. Umsonst, daß zu Gunsten der englischen Kriegcsgefan« gencn in Frankreich der Hos zu Versailles bey dem Hofe zu London für den Prinzen und dessen Anhänger noch so dringende Fürbitten einlegen ließ: zu London betrachtete man diese lcztern nicht als Kriegcsgcfangene, sondern als Rebellen. Die in dem Treffen bey Culloden eroberten Fahnen des Prinzen wurden in Edimburg öffentlich durch den Scharfrichter verbrannt. Den io. August 1746. wurden siebzehn der vornehmsten Offiziers des Prätendenten in London theils aufgeknüpft, theils aufs Rad geflochten, und ein paar Tage hernach drey schottländische Pairs, Valmerino,'Kilmarnok und Cromarty, von der Kammer der Pairs zum Schwcrdte verurtheilt. Die Gemahlin des Lord Cromarty, eine Mutter von acht lebenden Kindern, ^ und und mit dem neunten unter dem Herzen, warf sich dem Monarchen zn Füssen, und erhielt Begnadigung für ihren Gemahl. Die beyden andern wurden enthauptet. Auf der Blutbühne äusserte Kilmarnok einige Reue; Balme- rino starb uncrschüttert, in der Uniform, die er in der Schlacht trug, und mit dem lauten Gefchrey: Es lebe König Jacob, und sein würdiger Sohn! — Ein Secre- tatr des Prätendenten, NamcnsMurray, erkaufte fein Lebe» durch Entdeckungen, die dem Monarchen feine äusserst gefährliche Lage in ihrer ganzen Abschculichkeit darstellten. Es zeigte sich, daß überall in den Provinzen und in London selbst die Parthey des Hauses Stuart nichts weniger als ausgetilget sey. Um die Nation durch niedrige und allzuweit getriebene Ausfpähungen nicht unwillig zumachen, begnügte man sich gleichwol nur mit Verfolgung der ganz offenbaren Theilnehmcr an der Verschwörung. Zehn von diesen wurden zu York, zehn andere zu Carlisle, sieben und vierzig zu London zum Tode verurtheilt. Im November mußten die Soldaten des Prinzen, das Loos ziehn; jeder zwanzigste büßte mit dem Leben; die übrigen wurden nach den Kolonien hinüber geschiffct. Ein Priester, der während des Prinzen Aufenthalt zu Carlisle von dem« selben die Anwartschaft auf das dortige Bistum ausgebe- ten hatte, wurde nun daselbst im priesterlichen Gewände zum Galgen geschleppt. Unter vielen andern Pairs, die durch Henkershand starben, erwähnen wir nur noch den Lord Lowat. Dieser achzigjährige Greis war die Seele der ganzen Verschwörung; schon im I. 174s. hatte er dazu die Grundlage gelegt; im Jahr 1-4;. wiegelte er die Klans auf, und in feinem Haufe wurden die rebellischen Versammlungen gehalten. Ungeachtet er zur Rettung seiner alten Tage keine Ränke ungebraucht ließ, so starb er doch auf dem Schaffst, indem er mit frohem Herzen ausrief : llule« «r äseorum eli xio xatria man. Zur Vorkehr gegen neue Empörungen legte man Miliz an die Gränzen von Schottland; man nahm den schott- ländischcn Herren die Gerichtsbarkeit über die Klans, und die trcugebliebenen hielt man durch Jahrgchalte und auf andere Weise schadlos. Zur Rettung der Person des Prätendenten hatte Frankreich zwo kleine Fregatten abgcschikt, die ihn endlich ausspürten, aufnahmen und glücklich bis ins Angesicht von Brest führten: allein aus Furcht vor einer englischen Efcadre in dieser Gegend, fchiffeten sie wieder aufs hohe Meer hinaus; endlich kam der Prinz den October 1746. in dem Hafen St. Paul de Leon ans Land. Nachher wurde er, England zu Gefallen, auch aus Frankreich verjagt, und die übrigen Lebenstage brachte er verborgen und auf der Flucht zn. XXIII. Je nachdrücklicher inzwischen die Republik Holland Großbrittanniens Parthey nahm, desto eifriger verfolgte Frankreich seine Siege im Niederland. Unweit Mastricht erhielt den 2. Iul. 1747. Ludwig XV. bey Laufeid einen glänzenden Sieg über das vereinigte österreichische und holländische Kricgeshccr; den 17. Sept. eroberte er Bergopzom; den ;. April 1748. blockierte er Mastricht. Gegen seine siegreichen Waffen riefen Holland, England und Oesterreich die Kayscrin Elisabeth von Rußland, eine Tochter Czaar Peters, zu Hilfe. Die 100000 Pfunde Sterlmg , die ihr Georg II. bezahlte, waren nicht der einzige Vortheil, den sie aus diesem Kriege zog; ein weit beträchtlicherer war die Abhärtung und Uebung der Truppen , die sie ihm zmn Beystande schickte, XXIV. Ehe wir indeß die Begebenheiten von Europa weiter verfolgen , müssen wir noch einen Blick auf Ost - und Westindien werffen: Zwischen Spanien, Frankreich und Eng-- England entsteht schwerlich ein Krieg, ohne daß er zu gleicher Zeit beyde Lrdbälften erschüttere. Sogleich nach dem Bruche zwischen Spanien und England im 1 .17;-. hatte der Londnerhof den Admiral Mernon nach Mexiko geschickt und daselbst Porto-Bello wcgschleifcn lassen. Im I. 1 740. schickte eben dieser Hof den Commo- dore Georg Anson durch das Südmcer gegen Peru. Anson nahm seinen Weg bey der portugiesischen Insel Madercr vorüber nach den Inseln des grünen Vorgebirges ; von da umzog er Brasiliens Küsten, und wagte sich bis in das kalte patagonien und zu dem Lap - Horn. Theils Sturmwinde, theils Krankheiten rieben über die Hälfte seines Schifsvolkcs auf. Sein Fahrzeug landete endlich in dem Südmcere auf der wüsten Insel Fernande;, ^ und hier streucte er die mitgebrachten Samenkörner von Europeno Gemüsen und Fruchtarten aus; auch fand er hier Hallcy's Muthmaßungen über die Magnetnadel durch eigene Beobachtungen bestätigt. Von der Insel Fernande; aus streifte Anson aufwärts gegen den Aegua- tor, und unter dem fünften Grade der Breite überfiel er die spanische Stadt paita. Ungeachtet er nicht mehr als fünfzig Mann bey sich hatte, so war doch die Bestürzung bey dem spanischen Gubernator so groß, daß er sich sogleich durch die Flucht rettete. Nicht schwerer wurde dem Anson der Sieg über die Spanier, als vormals den Spaniern der Sieg über i die Amerikaner. Er plünderte die Stadt, steckte sie in Brand, und schiffte weiter Panama gegen über. Wär auf der andern Seite dem wernon die Eroberung von Cartha- gena gelungen, so wär Links und Rechts die Landenge, und damit zugleich der Mittelpunkt des spanischen Amerika in Englands Hände gerathen. So wohl Wernons miß- i lungcne Belagerung von Carthagena und die Wiederher« stellung der spanischen Macht in Mexiko als auch Ansons zusammengeschmolzene Mannschaft hinderten diesen kühnen Seefahrer an weiterm Hervordringen landwärts. Mit sei- seinem einzigen noch übrigen Kriegsschiffe kaurte er nun auf die Gallione mit Silber , welche Mexiko alljährlich nach der philippinischen Insel Manilla hingehen läßt. Zu dem Ende hin ankerte er bey einer damals beynahe ganz entvölkerten Marianischen Insel, Namens Tinian. Hier fand er süsscs Wasser, Lehens,nittel und Holz im Ucbcrfluß , übcrdieß noch jenen sonderbaren Brodbaum. ' Von dieser Insel wendete er sich West - Nordwärts gegen Formosa und China. Kaum hatte er sein Schiff wieder in guten Stand gestcllct , so gieng er aufs neue unter Segel, und zwar unter dem Vorgehen einer Fahrt nach Batadia. Erst auf dem hohen Meere entdeckte er dem Schiffsvolke seine wahre Absicht, nämlich die Rückkehr nach Len Philippinen und die Erbeutung des mexikanischen Silberschiffs. Den y. Iun. 174?. entdeckte er es in seinem Lauffe nach Manilla, und, ungeachtet es weit stärker als das seinige bewaffnet war, eroberte er es gleichwohl, und kehrte mit seiner Beute nach Canton. Den 4. Iun. 4744. landete er endlich wieder glücklich in England. Die Schätze, die er zurück brachte, bcliefcn sich über zehn Mill. französ. Livr. Ohne sich davon das Geringste zuzueignen, überließ sie der Monarch den glücklichen Argonauten. Noch beträchtlichere Beuten gewannen andere englische Kapers. XXV. Noch weit wichtiger als Ansons Unternehmung war die Unternehmung einiger englischen Kaufleute in Neu- England. Diese Colonie liegt ohngefähr achzig Stunden von Ludwigsburg oder Cap - Breton , einer damals für die Franzosen sehr beträchtlichen Jnftl an der Mündung des St. Laitrenz. Hier beschäftigte der Stockfischfang überkleine französische Schiffe. Unter Einwilligung und Unterstützung des Londnerhofes nahm die Handelsgesellschaft von Neu - England Cap - Breton mit bewaffneter Hand weg. Zu gleicher Zeit bemächtigte sie sich einiger sehr reichen panischen und französischen Rauf- Rauffardcyschiffe , welche unmittelbar vorher daselbst Erfrischungen gesucht hatten. Wie fürchterlich war nicht überhaupt Englands Seemacht? Im I. 1746 und 1747. schwammen zu gleicher Zeit eine englische Flotte in deut schottländischcn und irrländischcn Meere , eine andere bey Svithcad, noch eine andere in Ostindien, eine besondere bey Iamaica , noch eine besondere bey Antigoa, und zur Ausrüstung von immer neuen war bald rede privatcassa offen. Aller Orten wurde die französische Seemacht zu Grunde gerichtet. XXVI. Im Schoosse von Asten erhob sich Mahn de la Bour- donnair, und rächte die Ehre der Französischen Flaggen : Ostindien genießt des glücklichsten Llimao, und war unter allen Ländern des Erdbodens am frühesten bevölkert , angebaut und gebildet. Räch Holwclls Versicherung ist das indische Shasta beynahe z-no Jahre alt. In Absicht auf die Religion theilen sich die Indianer in die neuere mahomcdanische und in die ältere braminische. Hie und da herrschet wohl auch Götzenvcrehrung. Aus Urkunde der morgenlandischen Sprache und Vorstellnugs- art aber sahen die kalten und ungclchrten Europäer Manches für Idolatrie an, was eigentlich nur Allegorie ist. Wenn man von dem Rcligionsgebäude so wohl der Bramincn als Mahomedancr das äussere sinnliche Gerüst wegnimmt, so erblickt man nichts anders als versinn- lichten Theismus. Ohne die Ueberfalle auf der einen Seite der Tartaren, auf der andern Seite der Europäer wäre kein Volk so fromm und so glücklich gewesen , als die Bewohner am Indus und Ganges. Dieselbe Lehen- oder Feudalverfassung, welche ehemals .die hcrumschweifenden Tartaren über Europa verbreiteten, verbreiteten sich auch über Indien. Diese Verfassung macht die Herren zu reichen Tyrannen, und stürzt die Unterthanen in Armuth und Elend. In den ungeheuren 4v --- — rcn Gefilden von Wen ist beynahe kein Volk frey, als die Maratten. Sie verschanzen fich in den Gebirgen von Malabar, zwischen Goa und Bombay, und sind gleichsam die Schweizer von Ostindien, weniger gesittet als diese, aber eben so abgehärtet und bereitwillig zum Kriegesdienst, und noch zahlreicher und furchtbarer. Unter Europens Völkern waren nach dem Mittel- alter die Portugiesen das erste, welches seine Waffen , seine Religion und seine Untugenden über Indien verbreitete. Ueber 2000 Stunden weit erstreckten sie ihre Herrschaft und ihren Handel von dem Vorgebirge der gerten Hofnung bis nach Malaca. Die Holländer erweiterten ihre Besitzungen von den Malabarischen Rüsten bis zu den Moluckischen Inseln. Die Engländer nisteten auf beyden Seiten der ostindischen Halbinsel bis in Bengalen. Spater kamen noch die Franzosen, und ihnen blieb nur der Ucbcrrest. Die französische Handelsgesellschaft , welche Ludwig XIV errichtet hatte, und die im I. 1712. zu Grunde gegangen, blühte im I. 1720 zu pondichcry, an der Küste von Koromandcl, aufs neue hervor: allein sie brachte doch wenig Gewinn. Eilfhnn- deri Meilen weit von Pondichcry hatte Dü pleix am Ganges in der reichen Provinz von Bengalen so vor- trefliche Handclsanstaltcn errichtet, daß er im I. 1742 mit dem Generalgouvernement über die sämmtlichen französischen Niederlassungen in Pondichcry beehret wurde. Um diese Zeit brach in Europa zwischen England und Frank, reich der Krieg aus, und auch in Asien empfand man seine Erschütterungen. Ohngefähr neunzig Meilen von dem französischen pondichcry liegt die englische Stadt Madraß in der Provinz Arcate. Zwischen beyden herrscht gleiche Eifersucht, wie zwischen London und Paris. Den 6. Iul. 1746 hatte sich der französische Gouverneur der Insel Bourbon, oben erwähnter de la Bourdonnai, von Madraß Weißer gemacht: Dü pleix aber zernichtete seine seine mit den Einwohnern geschlossene Capitulation, und erregte durch seine Grausamkeit in ganz Indien Abscheu. De la Bourdonnar wurde unter dem Vorwande, als war er von den Engländern bestochen gewesen, gefänglich nach Frankreich geschleppt, und in die Bastille geworfen. Erst den Febr. 1761 wurde er unschuldig erklärt. Die Hartherzigkeit des Dü plcix vergaß man, da er den 17. Octobcr 1748 mit so ungemciner Klugheit und Tapferkeit pondichery gegen die Engländer vertheydigte. XXVII. So unglücklich- in Ost - und Westindien die Waffen Ludwigs XV. waren, so glücklich blieb noch immer ihr Fortgang in Flandern. Je länger je mehr indeß sehnten sich alle Staaten nach Frieden. Während des langen Krieges waren von allen Seiten über 7000 Rauffarthey- schiffe, französische, spanische, englische, holländische, verlohren gegangen. Wie viele tausend Familien giengen nicht darüber zu Grunde? Mit dieser Verarmung war der Verlust so vielen Volkes und die Schwierigkeit immer neuer Anwerbungen verbunden. Ein grosser Theil von Italien, von Deutschland und von den Niederlanden schmachtete unter Verwüstung. Schon zog das holländische und englische Geld ein Heer von Russen herbey, welches ganz Europa mit blutiger Uebcrfchwemmung be. drohte. Endlich, als auf der einen Seite England innere Unruhen befürchtete, und auf der andern Seite Holland Mastricht in Gefahr sahe, so gaben auch diese Mächte den französischen Friedensvorschlägen Gehör. Den 16. October 1748 erfolgte der Frieden zu Achen. In diesem Frieden erhielt ein spanischer Prinz, Do« Carlos beyde Sicilien; ein anderer, Don Philipp, Parma, piazcnza und Guastalla; der Herzog vo» Modena und die Republik Genua traten wieder in ihren alten Besitz; auch gab Frankreich die Eroberungen in Flandern 4-2 Flandern zurück, erhielt aber wieder daS wichtige Cap Breton. England verlohr und gewann nichts; für immer indeß wurde daselbst die Hannöversche Thronfolge garantiert. Preussen blieb in dem Besitze von Schlesien und Glaz. An Savoyen trat Oesterreich ein Stück von dem mäyländischen Herzogthum ab. Nun schien ganz Europa in zwo grosse Partheyen getheilet, deren jede die andere im Gleichgewicht hielt. Auf der einen Seite waren Oesterreich, ein Theil von Deutschland, Rußland, England, Holland, Sardinien: auf der andern Seite Frankreich , Spanien , Preussen, Schweden, Sicilien. Auch im Frieden unterhielt jede Macht so viel stehende Truppen, daß in ganz Europa ohn- gefähr eine Million Menschen das- Gewehr trug. Vou II. Von dem Frieden zu Achen ? 7 4 8 bis z„m Frieden zu H ubertsburg 1762. v »; -^ _. — Von dem Frieden zu Achen im Jahr 1748. bis zu dem Frieden zu Hubertsburg zwischen Oesterreich und Preussen im Jahr 1762. ^ ^ Niemals glänzten über Europa glücklichere Tage als vom I. ,74«. bis zum I. 175;. Von Petersburg bis nach ! Cadir blühten die^Künste des Friedens und alle Staaten ^ schienen gleichsam nur in eine einzige Familie vereinigt. Unmittelbar vor den neuen politischen Verwirrungen brach über mehrere Weltgcgcnden, besonders aber über Porrugall s das fürchterlichste Erdbeben aus. Zu Lissabon stürzte l ein Drittel der Stadt ein und unter dem Schütte wurden ' über zoooo Menschen begraben. Um dieselbe Zeit, da die Erde ihren Schlund zum Verderben aufthat, rüsteten sich ihre Bewohner, sie von einem Ende zum andern mit Blute , zu färben. II. Die erste neue Blutsccne lieferte Schweden. In diesem Reiche stellte der Monarch nur das Haupt des Senats vor, und so wohl jener als dieser hiengcn von den Standen - des Reiches ab. Im Iun. 17^6. geschah zu Gunsten des Monarchen gegen diese Verfassung eine Verschwörung. Die Verschworenen wurden entdeckt, und vom Volke zum i Tode verurthcilt. Von dieser Zeit an wurde der Monarch i dem Volke verdächtig. Die Folgen davon werden wir her? - ' nach nach sehen. Nun wenden wir den Blick auf Amerika, woher ßch über Europa neue Kriegssiammen zu verbreitet begannen« III. In den Uctrechtcrfrieden vom I. 1712 und 171; hatte Frankreich in dem nördlichen Amerika Akadten an England abtreten müssen. Man unterließ aber die Ausmarchung zwischen diesem nunmehrigen englischen Ge» biete und dem französischen Cana-a. Nach fruchtlos wiederholten Unterhandlungen griffen die Engländer im I. 175; lezteres Land an, und bemächtigten sich der dortigen französischen und auch anderer Kauffardeyfchiffc. Ludwig XV. schlug zwar die Engländer aus Canada weg , allein, da er sich weniger auf seine Seemacht als auf seine Land. macht verlassen konnte, so wendete er sich mit seinen Waffen siegreich gegen Hannover. So bald der König von England, Georg II. seine deutschen Lander in Gefahr sahe, so rief er Rußland zu Hilft. Als ächter Deutscher vereinigte sich sogleich der König von Preussen mit England. Bey dieser Vereinigung hatte er die Absicht, Deutschland auf der einen Seite gegen die Franzosen, auf der andern gegen die Russen sicher zu stellen. Er hatte ohngefähr i-woo«. Mann auf den Beinen. IV. Zur Fortsetzung des Krieges bediente sich Ludwig XV. der bisher in Frankreich so leichten, aber zugleich auch so fatalen Finanzoperationen. Durch Entlehnungen und durch Verpächtung der Einkünfte hatte er die Kriegseassa verstärkt. Aus Bcsorgniß einer französischen Landung an Englands Küsten, berief Georg II. hannöver- schc und hessische Truppen nach England. Den Engländern waren die fremden Truppen eben so sehr verdächtig, und wirklich dienten diese Truppen eben so sehr zur Abschreckung der Mißvergnügten im Reiche als zur Abschreckung eines französischen Ueberfalls. Anstatt England selbst anzugreiffen überraschte im Frühling 1756. Ludwig XV. die Insel Minorca, eine Insel, die vormals Spanien an England abtrat, und vermittelst welcher seither England die Herrschaft über das mittelländische Meer behaup- , tctc. Nun fiel fie in französische Hand, und wegen ihrer ^ schlechten Vertheidigung wurde hernach der englische Ad- - miral Bing zum Tode vcrurthcilt. i Mittlerweile schmeichelte sich in Deutschland die Ray, j serin Theresia mit der Wiederoberung von Schlesien. Insgeheim trat sie mit der Kayserin Elisabeth von Ruß- ! land und mit dem Könige von Polen, August III. als Churfürsten von Sachsen, in einen Bund gegen den König ! von Preussen. Kaum waren diesem ihre verdächtigen Ab- ! sichten verrathen, so schloß er im I. >756. eine cntgcgcnge- ! setzte Verbindung mit England, Braunschweig, Hanno- l ver und Hessen. Ganz kehrte sich das Spiel um. So wie ^ Frankreich und Preussen sich cntzweytcn, so vereinigten l sich die bisherigen Erbfeinde, Oesterreich und Frankreich. ^ Die vereinigte Macht dieser beyden leztern Staaten unter- stüztcn noch verschiedene Rcichsstände in Deutschland, nebst Rußland und Schweden. Von allen Seiten sah sich der König von Preussen gedrängt. Allein seine an- gecrbtc reiche Schatzkammer und eigne kluge Wirthschaft, sein zahlreiches und schulgerechtcs Kriegeshcer und vor allem ? aus sein grosser und thätiger Geist öffneten ihm aus den fürchterlichsten Labyrinthen den Ausweg. Plötzlich, über- , pügelte er das wehrlose und in Weichlichkeit versunkene Sachsen, und verschanzte sich darinn gegen Oesterreich. < Der König und Churfürst August flüchtete sich gegen Böh- ^ nien; seine Gemahlin blieb in Dresden zurück. In dieser 1 Hauptstadt herrschte nun der König von Preussen als Protcctor. Umsonst stellte sich die Gemahlin des flüchtigen Churfürsten seinem Eingang in die Archive entgegen: er öffnete sie, und entdeckte, wie er vermuthet hatte, einen gegen gegen thu verabredeten gefährlichen Anschlag.*) Airfdas Geschrey von seinem Ueberfall wurde er den 20 Sevt. 17^6 zu Wien von dem kayscrlichcn Reichsrathe als Stöhrer der öffentlichen Sicherheit in die.Acht erklärt. AufdieseAcht- erklärnng antwortete er den 1r. October durch seine siegreichen Waffen bey Lowostz. Sorgfältig verhinderte er die Vereinigung der sächsischen und der österreichischen Truppen. Mch gänzlichem Verlust seines Heeres und seines Churfürstcnthums zog sich der Churfürst von Sachsen in sein Wahlrcich polen zurück, ohne daselbst auch nur den geringsten Beystand zu finden. Das österreichische Heer überwinterte in Böhmen und Mähren; das preussische in dem eroberten Sachsen. Auch während des Winters geschahen verschiedene Treffen. Die Russen drangen durch polen in die preussischen Staaten; die Franzosen, die erst noch dem Könige von Preussen zur Wegnehmung von Schlesien behilflich gewesen, standen nun Oesterreich zur Wicdereroberung zu Dienste. Für französische Subsidicn- gelder ergriffen nun selber die Schweden, vormals Oestreichs so furchtbare Feinde, Oestreichs Parthey gegen den König von Preussen. Dieser Letztere setzte am Rhein dem französischen Heere das hannoveranischenglische entgegen. Er selbst drang den 6 May 1757 mitten in Böhmen und setzte seine Siege bis nach Prag fort. Den 18 Julius aber schlug ihn der österreichische Marschall Dann wieder zurück- Den 29 waren auch schon die Franzosen über die Weser gedrungen, und bey Hastingbcck erhielten sie einen vollkommenen Sieg über das englische Rriegesheer. Den 8 September zog dieses Heer über die Elbe zurück und ließ dem französischen ein offenes Feld gegen die preussischen Staaten. Während daß der König von Preussen Sachsen *) Eines LagcS entdeckte er sogar eine ihm zugedachte Vergiftung , großmüthig aber behielt er dir Entdeckung für sich allein. 4S : Sachsen verwüstete, verwüsteten die Oesterreichs und Franzosen sein eignes Gebiet. Der österreichische General Haddick lag vor Berlin und brandschatzte die Stadt. Unvermeidlich schien der Untergang des preussischen Helden. > Während des Ueberfalls der Russen und Oesterreicher in Schlesien sah er sich noch überdieß auf der einen Seite >> von der deutschen Reichsarmee, auf der andern Seite i von der französischen umringet, und schon war er durch die Reichsacht aller seiner Lehen und Vorrechte verlustig k erklärt. Er selbst gab alles verloren, verfertigte mit vieler ! Gegenwart des Geistes sein Testament in französischen Ver« j sen, und rüstete sich zu einem entscheidenden Schicksal, . zum Sieg oder zum Tode. ! VI. > Gegen ihn führte Soubise mit kaltem Muthe und » gemessenen Schritten ein starkes französisches Heer an. . Dieses Heer war mit deutschen Reichsvölkcrn verstärkt und schon träumte es von der Eroberung von Sachsen. , Den November >757 zog es nach Merseburg und Roßbach. Hier glaubte es, das preussische Heer ganz / sorglos unter den Zelten zu sehn. Plötzlich sanken die Zelten, und welche Bestürzung ergriff nicht Soubisens Heer, als es auf einmal das preussische in Schlachtordnung zwischen zween Hügeln, voll groben Geschützes, erblickte? Beym ersten preussischen Donnergcbrülle zerstreute sich die französi. sche Rcuterey und die ohnehin unwilligen deutschen Reichstruppen gaben den Reißaus. Nur zwey Schweizerregimenter weilten noch auf dem Blutfelde / und mitten durch Feuer und Flammen zog endlich auch sie Soubise Schritt , vor Schritte zurück. Das Gerücht von dem preussischen Siege flog mit Begeisterung durch Deutschland , und bey Friedrichs brittischen Bundesgenossen erhob sich aufs neue der Muth zur Wiedcreroberung des hannöverschen Lhurfürstenthums. D VII. Mit VII. Mit noch brennendem Enthusiasmus seines Helden» Heeres flog der Sieger bey Roßbach und vor ihm her sein schreckender Name wieder nach Schlesien. Den 5 Decem» bcr 1757 schlug er Oesterreich bey Lissa und zog triumphierend nach Schweidnitz und Breßlau. Während daß Sachsen und Schlesien in seiner Gewalt war, verwüste-" ten die Russen Preussen und Pommern und drangen selbst bis in seine Hauptstadt Berlin. Sogleich flog er aus Böhmen und Schlesien zurück nach der Mark, und den 25 August 1758 zwang er bey Zorndorf die Russen zurück. Wechselweise rettete er bald Schlesien, bald Sachsen , und wechselweise sah er das eine Land dem Feind ausgesetzt / wenn er diesen aus dem andern hin, weg schlug. *) VIII. Mittlerweile hatten sich die Franzosen wieder bey Wesel gelagert ; die Hannoveraner bey Münster. Bey Lrevelt / zwischen Eleven und Cölln / gewannen diese den blutigsten Sieg über jene. Den tödtlich verwundeten ein« zigen Sohn des Marschalls von Belle - Isle / Grasen von GisorS/ verließ der siegreiche Prinz von Braunschweig nicht bis zu seinem Hinschied / und mit Thränen beehrte er seinen sterbenden Feind. So sehr den Prinzen von Braun, schweig das Kriegesglück liebkosete / so wurde doch einige Zeit hernach auch er in einem andern Treffen / unweit Frankfurt verwundet. Als Kriegesgefangener fiel er in die Hände seines würdigen Nebenbuhlers / des Prinzen von Conde, und die französischen Officiers sorgten für seine Wiederherstellung wie für die Wiederherstellung eines ihrer eigenen geltebtesten Feldherrn. Woher dieser Contrast zwischen *) Ausfübrlickern Detail erlaubt der Zweck deS ÄbrisseS nicht» Diesen Detail findet man in ArchenholzenS Geschichte und in Friedrichs eigenen hinterlassenen Werken- zwischen der Menschlichkeit der heutigen und zwischen der Wildheit z. B. der Offianischen und Homerischen Krieger ? Mit mehr Wuth kämpften diese, sie kämpften aber auch für eigenen Boden und Namen: ruhiger und ohne persöhnliche Rachgier kämpfen jene, und gewöhnlich nicht für die Hausgötter, nicht für Freyheit und Vater, land , sondern für einen fremden Anführer und für Miete sold. Freylich kömmt bey den Grossen noch die Aufklä, rung und die Lebensart des Zeitalters hinzu. Indeß auch der gefühllosen Maschine des geringsten Söldners hauchte Friedrich der Grosse seinen Geist und die Kraft seines Heldenruhms ein. ^ Den s; Iul. 1759 hatten sich die Russen von Frankfurt an der Oder Meister gemacht. Zwischen ihnen und den Preussen erfolgte hierauf den 12 August das Treffen bey Runnnersdorf, und zwar nicht ohne schrecklichen Verlust dieser Letztern. Als preussischer Major wohnte diesem Treffen auch der unsterbliche Sänger des Frühlinges , Rietst, bey. Schon hatte er mit seinem Bataillon drey Batterien erobert, dabey zwölf starke Quetschungen gelitten und die beyden ersten Finger an der rechten Hände verwundet ; mit dem Degen in der Linken ritt er , nach Verschwindung des Kommandeurs, hinter der Fronte hervor , und griff unter entsetzlichem Kanonenfeuer des Fein, des die vierte Batterie an. Eine Kugel verwundete ihn in den linken Arm ; nun faßte er den Degen wieder in die verwundete Rechte, drang vorwärts; ein Kartetschenschuß zerschmetterte ihm das rechte Bein; erste! vom Pferde, in. dem er schrie : Kinder, verlaßt unsern König nicht! Mit anderer Bcyhilfe suchte er zwcymal sich wieder in den Sattel zu heben, allein ohnmächtig sank er zu Boden, und man trug ihn hinter die Fronte. Ein Feldschere wollte ihn eben verbinden, als er von einem Schusse cnt, ftelt neben Kleisten hinfiel. Diesen zogen die Kosaken D r nakt nakt aus , warfen ihn an einen Sumpf und liessen ihn liegen. Ermattet schlummerte er endlich eben so ruhig, als lag er im Zelte. In der Nacht fanden ihn einige russische Husaren , schleppten ihn aufs trockene, legten ihn bey ihrem Wachfeuer auf Stroh , bedeckten ihn mit einem Mantel und setzten ihm einen Hut auf. Sie gaben ihm auch Brod und Wasser. Ihr Anführer wollte ihm ein Stück Geld geben ; er schlug es aus, aber mit cdelm Unwillen warfs jener auf den Mantel, und ritt mit seinen Gefährten davon. Am Morgen wurde Kleist von den Kosaken wieder beraubet. Nackend lag er auf der Erde bis gegen Mittag ein russischer Officier, der Baron von Buldberg, ihn entdeckte und nach Frankfurt hinführen ließ. Hier litt er ruhig den schmerzhaftesten Verband und starb mit philosophischer Gleichgültigkeit. In der GarnisonsKirche zu Berlin hicng man sein Bildniß neben den Bildnissen eines Schwerin und Winterfeld auf. Und warum sollte er in der neuern Geschichte nicht eben so gut einen Platz verdienen, als Cynegyr in der alten ? Bevor wir in unserer Erzählung fortschreiten, müssen wir überhaupt noch bemerken, daß an dem Lorbecrkranze des grossen Friedrichs, dieses gemeinschaftlichen Günstlings so wohl der Musen als der Siegesgöttin, nicht weniger seine Dichter als seine Feldherren gearbeitet haben. Auch ohne von ihm eines besondern Blickes gewürdigct zu werden , sangen aus reinem Patriotismus eine Rarschin, ein pyra und Lange , vornehmlich aber ein Gleim und Ramler in unsterblichen Gesängen seine unsterblichen Siege. X. Der Zweck unsers Abrisses gestattet uns nicht, jede Kriegesscene besonders zu schildern. Bald von Freunden bald von Feinden wurden Schlesien und Sachsen vcr. wüstet Von dem Rhein bis an das baltische Meer -offen Ströhme von Blute. Eme ungeheure Menge von englischem englischem so wohl als von französischem Volke und Gelde verlohr sich in Deutschland. Welch eine gänzliche Umkehrung der Dinge ? Dasselbe Schweden und Frank» reich , welche das System des weftphälischen Friedens zur Einschränkung von Oesterreich vcstgesitzt hatten, ver, einigten sich nun zur Verstärkung von Oesterreich und zur Stürzung des weftphälischen Friedens. Wer konnte noch die Kraft dieses Friedens erhalten, als einzig und allein der König von Preussen? Im Norden schienen Holland und Dännemark die Neutralität behaupten zu wollen ; Rußland und Schweden hingegen waren an Preussens Feinde verkauft. Wie sehr verschieden waren nicht jetzt, unter dem Könige Adolph Friedrich, die Schwe. den von ihren Vätcrn unter der Regierung Gustav Adolphs? Die Gemahlin des schwedischen Königs war eine Schwester des preussischen. Gegen diesen bewaffnete sich nicht so fast der -Hof von Stockholm als vielmehr nur der Reichsrath, und auch der Rcichsrath nur schwach und nur wegen der französischen Besoldung. XI. In dem Innern von Frankreich herrschte inzwischen Verwirrung. Immer noch daureten die Prozesse zwi. scheu der Rirche und dem Staate fort. Diese Prozesse hatte schon im I. 1750 ein Finanzminister dadurch veran. lasset, daß er von der Geistlichkeit einen Etat ihrer Güter, und zwar in Rücksicht auf eine projektirte Besteurung ver» langte. Von dem Jesuiten Le Maire besessen, schrieb ein alter Bischof von Marseille an den Minister: „ Man »setz' uns ja nicht in die Nothwendigkeit, den Gehorsam »entweder dem König oder Gott aufzusagen. Diesem wür- »dcn wir mehr als jenem gehorchen." Nicht nur gab die Regierung der Geistlichkeit nach, sondern sie ließ sich auch von dieser letztem zur Beschützung der berüchtigten Kuli» unigsnkus und folglich zur Drückung der Ianseniften ver. verleiten. Die letzte Oelung wurde jedem versagt , der jene Bulle verwarf und keinen Beichtzeddel ausweisen konnte. Wirklich verweigerte einem Parlementsrathe ein gemeiner Priester in Saris das Sakrament , aber das Parlement warf den Priester in Verhaft. Diesem Kriege zwischen den Bischöfen und den weltlichen Gerichtshöfen wiedmele der König zu viel Aufmerksamkeit, und dadurch vergrös- serte er die Flammen der Zweytracht. In einem Rcchts- handel zwischen dem Parlement und dem Erzbischof zu Paris verfälltc er jenes. Hierüber beleidigt, wollte es nicht länger die Gerichtspfiege verwalten. Durch Musketiers und Verhaftbillets nöthigte der König die Parle- mentsräthe zur Fortsetzung ihrer Verrichtungen. Schon besorgte man die Rückkehr jener Zeiten der Fronde und Liguc: die Aufklärung des XVIH«n Jahrhunderts aber verhinderte blutige Auftritte. Nichts desto weniger kam es mit den Zänkereyen so weit, daß der König im 1 .175; das Parlement aus Paris bannisirte, und hernach im 1 .1754 auch den Erzbischsf auf seinen Landsitz verwies. Während daß er sich mit diesen Contrsversen beschäftigte , forderte der Rrieg mit England seine ganze Aufmerksamkeit. Den 2 August 17? 6 berief er die Prinzen und Pairs, nebst dem Pariscrparlemente, zu einem Justizlager nach Versailles. Schon hatte er ein Edikt zur Enthebung von zween zwanzigtheil, als Kricgcssteuer, einschreiben lassen: allein gegen diese Einschreibung pro- testirte nun das zurückgekommene parlement, und zu gleicher Zeit lehnte es sich gegen die Bulle und gegen die Beichtzeddel auf. Der Monarch hatte die Schwachheit , hierüber den pabst Benedikt XIV. zu Rathe zu ziehn. So sehr dieser Pabst, der aufgeklärte Lambertini, und sein Secretair, der Cardinal Passionei diese Zänke- rcyen an sich selbst eitel und unwürdig fanden, so glaubten sie doch Ehrenhalber eine päbstliche Bulle und Constitution schützen zu müssen. Von Rom kam nach Versailles ein Breve, Breve, daß man ohne Gefahr des ewiges Heils von der Bulle nicht abgehen, daß aber ein Priester den Gegnern dieser Dulle nichts desto weniger auf ihre eigene Gefahr hin die letzte Oelung zudienen dürfe. Den y December 1750 wurde das päbstliche Breve durch eine fcyerliche Erkenntniß von dem Parlamente verdammet. So wohl dieses Verdammungsurthcil als auch die verweigerte Ein- registrierung des Ediets wegen der Auflagen ärgerten den König. Er begab sich nach Paris, um daselbst das Parle. ment aufheben zu lassen. In Paris verehrte und liebte man das parlement als Schutzgott gegen Bedrückung , und mit stummem Unwillen empfieng man den König. Den 5 Jänner 1757 wurde der König zu Versailles, in Gegenwart seines Sohnes und mitten unter den vornehmsten Kronbcdicntcn und unter der Leibwache meuchel- mörderischer weise verwundet. Es geschah von einem schlechten Kerl, Namens Damiens. In verschiedenen Häusern zu Paris war er als Bedienter gestanden ; das Geschrey gegen die Auflagen, gegen die Bnlla UnigcnituS und gegen die Erniedrigung des Parlcmentcs erhitzten seine ohnehin verrückte Einbildungskraft. Er wollte den König nicht tödten, was ihm sonst leicht gewesen wär; er begnügte sich, ihn durch Verwundung zu schrecken. Der Schwärmer wurde zu martcrvollem Tode vernrthcilt. Nicht wenig trug hernach diese Begebenheit zur Verab» schcuung der eiteln, besonders theologischer Zänkereyen, und zu gegenseitiger Mässrgung und Aufklärung bey. XII. Ohngefähr um gleiche Zeit oder nur wenig später geschah ein noch fürchterlicherer Mordanschlag auf die Per. son des Königes von portugall : So lang paraguai unter spanischer Oberherrschaft gelegen war, so herrschten daselbst die Jesuiten nicht nur mit königlichem , sondern mit theocratischem Ansehn. Ansetzn. In einem Tauschvertrage trat der spanische Hof einen Theil von Paraguai an Joseph von Braganza, den Röntg von portugall ab. Die Einwohner von Para. guai hatten sich wegen dieses Austausches empöret / und zwar auf Anstiften der Jesuiten. So wohl deswegen als wegen anderer Klagpunkte wurden letztere von dem Hofe zu Lissabon verwiesen. Nicht lange hernach vereinigten sie ihre Rache mit der Rache der Lamilie Tavora. Der alte Marquis von Tavora und seine Gemahlin/ einer ihrer Söhne/ ihre Tochter/ die Gräfin Atatbe / nebst ihrem Gemahle / und der Oheim der letzter» / Herzog von Aveiro / faßten wegen einer von dem Könige erlittenen Beschimpfung den Anschlag zu seiner Ermordung/ und in dem Beichtstühle billigten diesen Anschlag die drey Jesuiten / Alexander / Mathoo und Malagrida. Mit Ablasse bewaffnet/ paßten nach der Abenddämmerung den ; Scpt. 1758 die Mitverschworene dem Könige auf/ als er ganz allein und bey Nacht von einem Lustschlosse nach der Stadt zurück fuhr; sie schössen auf seinen Wagen und verwundeten den König. Nur ein Bedienter entwischte ; die übrigen Verschworene geriethen sogleich in Verhaft; die einen wurden enthauptet/ die andern aufs Rade geflochten. Die junge Gräfin Ataide/ Helena dieser blutigen Jliade / verstieß der König für ewig ins Kloster. Nur die drey Jesuiten entgiengcn der Strafe des weit, lichen Armes. Jahr und Tage stritten der pabst und der Röntg über die Frage: Obs diesem erlaubt sey / Mitverschworene eines Königsmordes / wenn sie Geistliche sind / vor weltliche Tribunale zu ziehen? Zur Abschütt- lung des pabstlichen Joches war zwar der portugiesische Minister nicht ungeneigt: allein ihn nöthigten auf der einen Seite die erbitterte Parthey der Hingerichteten Familie Tavora / auf der andern Seite der Anhang des Jesuiterordens und der Aberglauben des Pöbels zur Der« bindung der Behutsamkeit mit Standhaftigkeit. Für im. mer mcr verbannte er alle Jesuiten aus Portugall und schickte die heilige Legion nach Rom. Nur die Thcilnehmer des Köniqsmordes behielt er im Verhafte zu Lissabon. Unter ! dem Vorwande kätzerischer Irrlehren übergab er den Ma- l lagrida der Inquisition. Dieses Glaubensgericht war in den Händen der Dominicaner; die Dominicaner waren ohnehin keine Freunde der Jesuiten. Den rr Scpt. 1761 verdammten sie den Malagrida , nicht als Milverschwor. nen, sondern als Jrrlehrer und Lügenpropheten zum Feuer. XIII. > f Bey den innern Unruhen von portugall war eS dem Hofe zu Lissabon nicht leicht, sich gegen die äusser», Angriffe sicher zu stellen. Während daß der Getreide* Handel zwischen diesein Reiche und Spanien ganz» lich gehindert war, und schon ein spanisches Krieges, heer die portugiesischen Gränzen bedeckte, forderten die beyden bourbonischen Höfe den portugiesischen zu einem bewaffneten Bunde gegen England auf. - Beym Abschlag bedrohte den Hof zu Lissabon ein französisch- spanischer Ueberfall; bey der Einwilligung ein großbrittannischer. Auch als Freunde und Bundesgenossen indeß waren für den König von Portugall die Spanier und Franzosen verdächtig; klüglich blieb er also bey dem alten Defensiv- bunde mit England. Kurz nachher kündigten ihm Frank, reich und Spanien gemeinschaftlich den Krieg an, und dieser Krieg gegen Portugal war die Erstgeburt des bourbonischen Vertrages. XIV. Wir haben gesehen, wie sich die Kriegesflammen auch über das südwestliche Europa ausbreiteten: nun wenden wir uns nach dem nordöstlichen Europa zurück. Während der fürchterlichsten Kriegeswuth waren im Oc« tober 1760 der König von England, Georg II, und hernach im Jänner 1762 Elisabeth, die Kayserin von Rußland, Rußland, gestorben. Diese Monarchin hatte einen per» sehnlichen Groll gegen den König von Preussen genährt. Mit ihrem Hinschied öffnete sich nun für diesen eine neue günstigere Aussicht. Ihr Thronfolger war ein Herzog von Hvllstein Gottorp , unter dem Namen Peters III. Sogleich nach seiner Thronbesteigung vereinigte er sich mit dem Könige von Preussen, gegen eben die Theresia von Ungarn , welcher bisher Rußland so unumschränkt ergeben gewesen. Der Hof zu Stokholm folgte; wie gewöhn» lich, der Leitung des Hofes zu Sr. Petersburg. Den 22. May 1762 unterzeichnete auch er den Frieden mit Preussen. Nicht bloß versöhnliche Zuneigung war die Ursache der schleunigen Verbindung des neuen Kaysers Peters III. mit dem preussischen Könige; zu dieser Verbin, düng hatte der neue Kayser auch einen andern eigennützigen Beweggrund: Als Herzog von Hvllstein, hatte er An, sprüche auf das Herzogthum Schleswig. So lang aber der bisherige Krieg mit Preussen fortwährte, hatte er wenig Hoffnung zu glücklichem Angriff gegen Dännemark. Mit Hintansetzung aller andern auch der wichtigsten Angelegenheiten strebte er nur nach Erweiterung seiner eigenen Familiengütcr, und zu gleicher Zeit, da er ein russisches Heer mit dem preussischen in Schlesien ver» band, schickte er ein anderes nach Hollstein. Der Friede zwischen Preussen, Schweden, und Rußland beförderte also für einmal den allgemeinen Frieden von Europa so wenig, daß er vielmehr neue Partheyen in den Krieg zog. Der König von Dännemark rüstete sich zum Widerstände, und, um Geld zu bekommen, bedrohte er den 18 Iunius die Stadt Hamburg mit unmittelbarer Belagerung, wofern sie nicht augenblicklich in ein Darlehen von einer Million Thaler einwilligte. Zu Erhaltung ihrer Sicherheit ugd Neutralität schoß Hamburg das Geld dar. XV. Kaum XV. ^ Kaum indeß hatte, durch Rußland verstärkt, der König von Preussen nicht nur über Sachsen und Schle» sicn, sondern auch über Böhmen seine Siege verbreitet, so verursachte eine neue Revolution in Rußland zugleich auch eine Revolution in dem preussischen Rriegcsglück» Theils öftere Unterbrechung regelmässiger Thronfolge, theils allzu schnelle und unvorbereitete Abänderung der Sitten erschütterten in Rußland den Thron sehr leicht. Für einen gebohrnen Ausländer, wie Peter III, wurde jede Erschütterung um so viel gefährlicher. Sogleich nach ? dem Antritte seiner Regierung beleidigte er die Hauptstützen jedes unumschränkten Thrones, den prieftcrstand und den Rricgesstand: diesen durch Einführung der ! preussischen Uniform und durch seine Vorliebe zu der hol« > steinischen Wache; jenen durch allzu auffallende Begünsti» ; gung der protestantischen Religion und Abänderung der griechischen Kirchengebrauche. Ganz willkührlich bemäch« i tigte er sich dieser und jener geistlichen Einkünfte und ^ verwandelte sie in Jahrgehalte; er machte Verordnungen ! wegen dem Tempelgewählde und , was in den Augen der Priester das ärgste war, er erlaubte ihnen nicht länger, sich durch die ehrwürdigen Bärte unterscheiden zu dürfen. Mit Verdruß sah überdieß das Volk, daß er so wohl das t Interesse seines holsteinischen Hauses als das preussische dem Interesse des Reiches vorzog. Endlich kränkte er auch seine Gemahlin , eine Prinzessin von Anhalt - Zerbst, eine , Dame von philosophischem Geiste und heroischem Muthe. ? Er lebte ganz öffentlich mit der Gräfin von Woronzoff, f und schon besorgte man, er möchte die Kayserin in ein , Kloster stecken , und statt ihrer diese Dame auf den Thron' - erheben. Die Besorgniß wurde dadurch bestätigt, daß er ! immer noch zögerte, seinen Sohn Paul Petrowitz zum ! Nachfolger zu erklären. Gegen den Kayscr formierte sich eine eine Verschwörung. An der Spitze derselben waren Rasomowski, das Oberhaupt der Kosaken; Panin, Hofmeister des Grosfürstcn; Orlow, Major der Leibwache ; andere der vornehmsten Staats - und Kriegesbe- dienten ; ihre Seele war vielleicht die Kayscrin selbst. Den 28 Junius 176: hatte sich der Senat und die Geistlichkeit zur Entthronung des Monarchen versammelt. Es geschah während daß dieser sich auf einem entfernten Lust» schlösse aufhielt. Sobald seine Gemahlin, die ebenfalls ausser der Stadt auf einem andern Lustschlosse lebte, die Nachricht von der Zusammenkunft des Senats und der Synode erfuhr, flog sie nach Petersburg und rührte durch ihre Rede die Leibwache so stark, daß man sie, mit Aus- schliessung ihres Gemahls, zur Bayserin von Rußland ausrief. Hierauf wandte sie sich mit gleichem Erfolge an die Geistlichkeit und an die Vornehmsten des Adels , und alle Stände legten ihr den Eid der Treue ab. In ununterbrochener Reyhe besassen also den russischen Thron fünf weibliche Regenten, Latharina, verwittwete Gemahlin Peters des Grossen; Anna, Nichte dieses Monarchen; die Herzogin - Regentin von Braunschweig während der kurzen Regierung ihres unglücklichen Sohnes , des Prinzen Iwan; Elisabeth , Tochter Peters des Grossen , und nun Latharina II. Sogleich nach ihrer Anerkennung zog diese neue Kayserin an der Spitze eines Korps Truppen gegen den Kayser. Nichts blieb dem verlassenen Peter III. übrig als die Flucht nach Holstein. Erst noch Beherrscher mächtiger Flotten und Heere, ruderte er jetzt in einem kleinen Fahrzeug gegen Kronstadt; auf die Nachricht aber, daß auch Kronstadt in die Hände seiner Feinde gerathen sey, kehrte er traurig nach seinem Schlosse Oranienbaum zurück, entsagte der Krone, und bedung sich nichts aus, als freye Rückkehr nach Holstein, im Begleite eines einzigen Freundes und der Gräfin Woronzoff. Die Bedin. gungen wurden verworfen, und schriftlich mußte er sich selbst silbst der Regierung unfähig erklären. Den 6 Iul. wurde er ins Gefängniß geführt, woselbst er in kurzer Zeit starb. XVI. Beynahe in allen Stücken war das Verhalten der Kayftrin geradezu das Widerspiel von dem Verhalten ihres verstorbenen Gemahls. Sie entfernte die Ausländer und schenkte ihr Vertrauen den Russen; die Geistlichen schützte sie bey ihren Einkünften und Bärten, kurz, sie formte sich ganz nach den Neigungen des Volkes, und so beherrschte sie es desto unumschränkter und sicherer. Da sie zur Behauptung der innern Ruhe die ganze Macht des Reiches ia sich selbst zusammen zog, so erklärte sie sich zwar zu unver. letzlichcr Beobachtung des Friedens mit Preussen, zugleich aber berief sie ihre Hilfsvölker sämmtlich aus Schlesien, Preussen und Pommern zurück. Bey dem russischen Senate war der Rönig von Preussen als geheimer Rarhgebcr des verstorbenen Kaysers verdächtig gewesen. Unter den Papieren dieses letztem fand man viele Briefe des erstem, und , gegen alle Erwartung, in denselben manchen heilsamen Rath für den Czaar. Der König riech ihm z. B. die äusserste Schonung und Achtsamkeit gegen seine Gemahlin , die Unterlassung des Krieges mit Dän- nemark, die Verehrung der Religion und der Grundgesetze des Reiches , die Mässigung in seiner Neigung für Preussen. Beym Vorlesen dieser Briefe brach die Kayftrin in Thränen der Dankbarkrit aus und erklärte sich in den lebhaftesten Ausdrücken zum Vortheile des Königs; gegen ihn ließ sie sich nicht zu Feindseligkeiten verleiten, sondern begnügte sich mit Zurückberufung der russischen Hilfsvölker. Schon durfte der König von Preussen die Was» fen von diesen Hilfsvölkem nicht mehr benutzen, allein schleunig benutzte er doch noch ihre Gegenwart in dem preussischen Lager. Ehe noch Daun Etwas von ihrem nahen Abzug erfuhr, gricf den 22 Iul. Friedrich das österreichische Heer auf den Höhen von Burkersdorf an; auS aus Furcht vor dem russischen Hinterhalte siüchtete es sich, und ließ Schweidni;, den Schlüssel von Schlesien, in größter Gefahr. Ungeachtet der klügsten und tapfersten Gegenanstaltcn eines. Dauns und Laudon gericthen sie doch mit den österreichischen Truppen zwischen zwey Feuer, litten in den Ebenen von Bunzendorf die blutigste Nie« derlage und hinderten den König von Preussen nicht länger an der Belagerung von Schweidniy. Die Laufgräben eröffnete er in der Nacht des 8. Augusts. XVII. Während daß er in Schlesien seine Siege ausbreitete, machten in Westphalen die Franzosen grosse Bewegun. gen. Was konnten sie aber ausrichten, so lang ihre Generalen , Broglio und Soubise, sich zankten und wechselweise einer den andern bey Hofe verklagte? Durch Kabale wurde Broglio seines Kommando entsetzt. Nun stand das französische Heer an der Weser gemeinschaftlich unter der Anführung des Soubife und d'Etrees, und ein anderes Heer am Niedcrrhein unter dem Prinzen von Conde. Gegen diese französischen Heere setzten sich die preussisch- hannöverischcn, das eine unter dem Erb« prinzen im Bißthum Münster, das andere unter Ferdi» nand von Braunschweig hinter der Diemel. Sehr vor/ theilhast war die Lage des französischen Heeres bey Gre- benstein an der Gränze von Hessen. Es hatte völlige Gewalt über die Gegend; linker Hand verschanzte es sich durch tiefe Gräben und hohle Wege, rechter Hand durch die Stadt Grebenstein und verschiedene Bäche: allein, ausser der vorzüglichern Dapferkeit, hatten in diesem Kriege die Deutschen besonders auch den Vortheil, daß sie mit den Strassen besser bekannt waren, als die Franzosen. Um so viel sorgloser schlummerten diese in ihrer Verschanzungchey Grebenstein, da die Truppen des Herzog Ferdinands von Braunschweig gering an der Zahl, ge- 6 ) getrennt und an entfernten Orten postiert waren: allein Ferdinand überraschte sie durch ganz unvorgcschcnen Ucber- fall. Von der Ostseite der Weser zog ganz in der Stille der General Lukner über diesen Fluß, schlich um den rechten Flügel des französischen Heeres herum und stellte sich ihr, unentdeckt, hinter den Rücken. Der General GpLrken machte sich fertig, eben diesem Flügel in die Flanke zu fallen. Den linken Flügel sollte Lord Granbv zcrreissen. Zum Angriff des Mittcltrcffens gieng Ferdinand selbst über die Diemel. Den 24. Iunius sahn sich die Franzosen ganz unvermuthct mit unwiderstehlichem Ungestüm von vorne, von der Seite und im Rücken be, stürmt. Vor gänzlicher Flucht und Niederlage rettete sie nur noch Stainville. Mit der Blühte der französischen Infanterie warf er sich in ein Holz und deckte, freylich nicht ohne grossen Verlust, den Rückzug des französischen Heeres. Sein Heldcnkorps war ein dem Tode gcwcyhtcs Opfer. Die andern Korps entwischten unter seinem Schilde hals über Kopf theils nach Kassel, theils auf die ander? Seite der Fulda. *) SkamviUm zu Ehren schmückten sich die *) Nach der eigenen Nachricht des Kö»igS von Preussen waren während des siebenjährigen KricgcS 8;;o°c> Mann auf die Todten Liste gekommen; von dem preussischen Heere i8o»8o; Oesterreicher 140000; Russen i-oooo; Reich-« Völker L8ooc>; Schweden,;ooo; Franzosen roo.ooo» Engländer und Alliirte locooo. Daß der König entschlossen war, entweder zu sie« gen, oder die Besitzung eben so wenig als Cato und Otho zu überleben, hatte er hie und da deutlich zu verstehen gegeben, z. B- in jener berühmten Epistel an d'Argen- /tmi , le lort er. elt jette. VII. 17;; auch setzte er sich selbst dadurch in Begeisterung, daß er die letzten Reden der so eben erwähnten grossen Selbstmörder in Verse brachte; und man hat ja das Gift; es sind in einem engen gläsernen Tubus fünf. oder sechs Pillen. die französischen Damen alle mit Hüten und Federbüfche» L 1s 8tsiaviIIe. Die Folgen dieses Treffens aber verschmerzten die Franzosen während des ganzen Feldzuges nicht. Fast alle wichtigen Plätze in dem südlichen Theile von Hessen geriethen wieder in die Hände der Preussen und Hannoveraner. Die Gemeinschaft mit Frankfurt dem bisherigen Hauptmagazinc der Franzosen, war nun für sie gänzlich vcrlvhren. Auch an der Nordfeite von Hessen waren die Hannoveraner und Preussen nicht weniger glücklich. XVIII. Zu gleicher Zeit, da die grossen Scenen des Krieges in Deutschland vorgiengen, lieferte im Kleinen ihr Schattenbild Portugal. So schlecht in diesem Königreiche , der Zustand des Kriegswesens war , so gereichte diesem Reiche doch selbst seine Schwäche zu einigem Vortheil. Jedem Kriegeshcere, es mochte Freund oder Feind seyn, machte die Armuth des Bodens den Unterhalt schwer; eben so schwer machten -die schlechten Wege und die vielen steilen Gebirge jede schnelle und regelmäßige Kriegesoperation; bey den engen Pässen richtete eine Handvoll undisciplinirter Bauren mehr aus, als eine Armee der regelmäßigsten Truppen , und diese Bauren waren nicht nur der Gegend und der einheimischen Lebensart gewohnt, sie waren auch von tief eingewurzeltem Hasse gegen Spanien beseelet. Zu allem dem kam noch der beträchtliche Beystand von England. Nichts desto weniger wagten die vereinigten Bourbontt schen Heere, Frankreich und Spanien, den fürchterlichsten Anschlag auf die portugiesischen Seehäfen, Opor- to und Lissabon. Schon hatten sie Miranda, Bragan- za, Moncvrvo, Chaves erobert. Beym Vorrücken über den Douro wurden sie unter englischer Anführung von den ergrimmten Bauren geschlagen. So wenig waren diese letztem an den Krieg und an seine Geseze gewöhnet, Laß sie sich die ausschweifendeste Wuth gegen die Feinde erlaubten. Den 2;. August 1762. fiel der wichtige Platz Almcida in die Hände der Spanier. Um diese Zeit langte der Graf von Lippe - Bückeburg in Portugal an, und mit Beyhilfe der englischen Generale und Truppen rettete er das Reich. *) XIX. Unter allen diesen unruhigen Bewegungen in Europa vergaß England Oft-und wcstmdien nicht. Schon war Nordamerika ganz in den Händen der Britten. Nunmehr machten sie einen Anschlag auf Martinike, und den r2. Febr. 1762. unterwarf sich ihnen die Insel. Sie war der Sitz des französischen Obergvuvernements, und sogleich folgten dem Beyspiele ihrer Unterwerfung auch Grenada, St. Lucie, St. Vincent und mehrere andere Plätze. Sogleich nach Unterjochung des französischen Westindiens vereinigten sich den 27 May 1762. die brittischen Generalen, Albemarle und Pokoke, bey -Hispaniola zur Unterjochung auch von dem spanischen Westindien. Der englische Admiral hatte die Wahl zwischen zween Wegen nach Havannah. Der gewöhnliche und sicherste zog sich Südwärts von Ruba. Er war aber der langwierigste, und der Erfolg der Unternehmung hieng ganz von der Beschleunigung ab. Lieber also wählte der Admiral seinen Lauf längst der nördlichen Küste der Insel von Osten nach Süden durch die enge alte Strasse von Bahama, in einer Strecke von nicht weniger als 700 englischen Meilen. Von einem Ende zum andern schliessen diesen Weg zur Linken und zur Rechten die gefährlichsten Untiefen und Sandbänke ein. Mit Bcy- hilfe einer guten Karte des Lord Anson aber führte der Admiral seine Flotte von beynahe 200 Segeln in Zeit von *) Nan sehe die Lebensbeschreibung dieses ausserordentlichen Mannes, des Grafen von Bückeburg. E von neun Tagen glüklich durch diese gefährliche Enge hindurch. Nicht ohne grossen Widerstand und außerordentliche Mühseligkeiten eroberten endlich die Britten den 14. August Havannah, einen Platz von ungeheurem Reichthum und äusserster Wichtigkeit. *) In vollem Ernste wünschten nun die Bourbonische Höfe den Frieden. Auch die Engländer waren hiezu nichts weniger als un- geneigt. Je gewohnter sie der Siege geworden, desto weniger berauschten sie diese Siege. Je mehr Beute sie machten, desto mehr liessen sie sich zu verderblichem Auf- wande verleiten. Je langwieriger und ausgebreiteter der Krieg war, desto schwieriger wurden die immer neuen Volkswerbüngen. Je mehr sich der Handel ausdehnte, desto grösser wurde die Begierde nach dem ungestörten Genusse desselben. Warum sollte es nicht für die Britten gerade der rechte Zeitpunkt seyn, den Krieg zu beendigen? Den Zweck des Krieges hatten sie vollkommen und über alle Erwartung erreicht. pitt, welcher den Krieg gegen Spanien mit so vielem Nachdrucke durchgesetzt hatte, war nun von den Geschäften entfernet. Bald nach der Thronbesteigung Georgs III. entstand in dem englischen Ministerium so viel innere Entzweyung, daß es auch deswegen den Krieg nicht mit gleicher Kraft fortführen konnte. Die erstem Anträge zum Frieden schreibt man dem Könige von Sardinien zu. Während der Zeit, da man zugleich mit den Waffen den Krieg fortsetzte und mir der Feder am Frieden arbeitete, hatten besonders in Deutschland die Kricgcsoperationen immer noch hitzigen Fortgang. Den August geschah ein Treffen an den Ufern der Wetter, in welchem der Erbprinz von Brannschrveig gegen die Franzosen Mann verlor und auch selbst eine gefährliche Wunde davon trug. Nichts destoweniger behielt dieser Held *) Auch die Philipinischen Inseln eroberten die Brüten, und gaben sie sogleich wieder in Frieden an Spanien zurük. 67 Held immer noch so viel Gegenwart des Geistes, daß er keinen Fußbreit wich und die Gemeinschaft mit Rassel ferner behauptete. Diese Hauptstadt eines nnglüklichen Fürsten- thums, die schon so oft wegen dieses Krieges erobert und wiedrrerobcrt worden, ergab sich endlich den r. November ganz an den Prinzen von Braunschwcig. Nicht lange hernach, nemlich den r z. November, erhielten beyde feindliche Heere die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien, und damit erhielten alle kriegerische Unternehmungen ein glückliches Ende. XX. Ueber sechs Jahre lang hatten die Franzosen Deutsch« land beunruhigt, und nun waren sie nicht viel weiter vorgerückt, als an dem Tage, da sie zuerst den deutschen Boden betratten. Drey oder vier sehr unerhebliche Plätze waren alles, was sie durch viele Millionen aufgewandter Schätze und durch Aufopferung von vhngcfährsoooooMann an sich gebracht hatten. Unterdeß die Höfe von London und Berlin mit so gutem Fortgange am Frieden arbeiteten, dauerte noch immer die alte Erbitterung zwischen den Höfen von Wien und Berlin. Nachdem der König von Preussen wieder Meister von Gchweidnitz geworden und folglich in Schlesien ganz freye Hände bekommen hatte, verstärkte er nun das Heer seines Bruders, Prinz Heinrichs, in Sachsen. Sein Anschlag gicng auf die Wiedererobcrung von Dresden. Den 2y Octob. schlug Prinz Heinrich in der Nachbarschaft von Freyberg das vereinigte österreichische und Neichoheer. Entscheidend war dieser Sieg für den Ausgang des Feldzugs. Ein Korps der preussischen Armee brach in Böhmen ein, drang bis vast vbr die Thore von Prag , und zerstörte eins der vornehmsten Magazine. Ein andres Korps fiel von einer andern Seite in eben dieses Land ein und legte die Stadt Eger beynahe gänzlich in E r die die.Asche. Einige breiteten sich über ganz Sachsen aus; andere drangen in Franken und sogar bis in Schwaben. Aller Orten erpreßten sie die unerschwinglichsten Brand- schatznngcn und erfüllten alles mit Schrecken. Selbst der Reichstag zu Regeusburg hielt sich nicht langer für sicher. Die freye Reichsstadt Nürnberg , dieser Sitz der friedlichen Künste/ bezahlte eine Steuer von 1200,000 Thalern. Man glaubt, die Preussen haben auf diesen Streif- zügen eine Summe Geldes gehoben, von gleicher Grösse mit den jährlichen Subsidien , welche Grosbritannien vormals feinem Monarchen gegeben. Nothgczwungen. unterzeichneten die mchrern deutschen Reichsländer die Neutralität. XXI. So wie der Krieg in Deutschland unmittelbar auf den Bruch zwischen Frankreich und England erfolgt war, so erfolgte nun auf den Frieden zwischen diesen beyden Mächten der Frieden in Deutschland. Er erfolgte aber nicht ganz so, wie man es erst noch in Deutschland erwartete. In dem Definitiv - Friedcnsverglich vom I. 1761 hatte England sich verbindlich gemacht, ohne Preussens Theilnehmung keinen Frieden zu schliesscn: nunmehr aber unterzeichnete England für sich allein mit Frankreich die neuen Friedenspräliminarien zu Fontainebleau unterm ; Nov. 1762. Die Höfe von London und Versailles zogen sich aus dem deutschen Kriege einseitig zurück. Hierüber beschuldigte der König von Preussen das englische Ministerium der Treulosigkeit : Dieses hingegen glaubte die Veränderung seiner Gesinnungen durch die veränderte Lage des Königs von Preussen gerechtfertigt. Nicht länger war dieser König durch das ganze Gewicht von Oesterreich, von dem deutschen Reiche, von Schweden und Rußland zu Boden gedrückt; auch befreyie ihn der Frieden zwischen Frankreich und England von aller Furcht vor Frankreich. Seine 65 Beine Verfassung schien jetzt eben so furchtbar, als sie vorhin bedaurenswürdig gewesen. Dieselbe Politik, welche auf das Gleichgewicht von Deutschland abzwcckt, zitterte nun vor Preussens Vergrößerung , wie erst noch vor dessen Entkräftung. So scheinbar indeß diese Wachsamkeit der Engländer für das Gleichgewicht von Deutsch, land und von Europa überhaupt seyn mag, so offenbar ist eS nichts desto weniger, daß bey den Fricdeusunterhand« lungcn das Hauptaugenmerk der Engländer auf ihre Seemacht und auf ihren Handel in Ost - und wesiindicn- gegangen. XXII. Der Hauptgegenstand und die erste Ursache des Krieges zwischen Frankreich und England war ein Gränzstrcit in Nordamerika. Dies war auch der.erste Gegenstände worauf man zu Paris und London indem Friedensvcrtrage Nükstcht nahm. Frankreich trat nun , ausser dem eigent- chen Kanada, Louisiana, und zu gänzlicher Abrün- dung des dortigen amerikanischen Gebietes, noch überdies Spanien auch Florida ab. Die Schiffahrt auf dem Missisippi blieb frey. Ganz gerieth also das Monopol mit nordamerikanischem pclzwerke in die Hände der Britten, auch erweiterten fle durch den Besitz von Kanada ihre Fischerey. Nicht nur als -Handelserwerb giebt die Fischcrey sehr beträchtlichen Vortheil, sondern auch in politischer Rücksicht vermehrt sie die Seemacht. England »uhete also nicht, bis es die französische Fischerey bey Newfonndland oder Terreneuve und an dein Lo- renzflusse ungcmcin eingeschränkt hatte. Zu einiger Vergütung für die Abtrcttung der Inseln Kap, Breton und St. John erhielten die Franzosen nur die kleinen Inseln St. Pierre und Miquelon an der Südseite von Newfoundland. Ganz thaten die Spanier auf alle Ansprüche an die Fischerey dieser Küsten Verzicht: hingegen gaben ihnen dir Engländer Havaimah mit einem gross grossen Theil der Insel Ruba zurück; und eben so den Franzosen ihre westindischen Inseln, Martinike, Qua- deloupe, Mariegalante, St. Lucie, Dcsirade, für sich selbst behielten sie nur die Insel Tabago, Dominike, St. Vincent und Grenada; endlich nöthigten sie noch Spanien, daß es ihnen den Handel mit Brasilienholze »md zu dem Ende hin ungestörte Fällung desselben in der Bay von Hondouras bewilligte. In Afrika behielten die Engländer Senegal, und Gorca gaben sie an Frankreich zurück. In Ostindien lbekam Frankreich wieder den ganzen Besitz aller seiner Faetoreycn und Niederlassungen. In Bengalen und Orixa aber that es auf jede Verschanzung und Besatzung Verzicht, und anerkannte als Oberherren die Sudahs von Bengalen, Dekan und Karnatick. Minorka gerieth wieder in die Hände der Britten. Die Vestungswerker und der Hafen von Dünkirchen wurden zur Schleifung verdammet.' XXIII. So wohl dieser Friede zwischen England und Frank» reich als die Ueberlegcnhcit des Königs von Preussen beförderten nun auch in Deutschland den Frieden. Den i; Febr. 176; erfolgte auf dem Chursächsischen Schlosse Hubertsburg der Frieden zwischen Wien und Berlin. Das Wesentliche desselben ist gegenseitige Zurückstellung aller gemachten Eroberungen, jedoch Bestätigung des preussischen Bcsizes von Schlesien. m. * Französische Besttznehmutig von Korsika im Jahr 1768. .MBA ,^-V ^F'W - Französische Befitznehmung von Corßka im Jahr 1768. *) ! ^->cit langem her beschwerten sich die Lorsikaner über j den Druck ihrer Beherrscher, der Genueser. Von Zeit ^ zu Zeit entstanden auf der Insel innere Unruhen und Ein« ^ pörungen. An der Spitze der Mißvergnügten stellte sich ! imJ. 17)6 Theodor von Neuhof. Er war in West, ^ phalen gebohren, und durch gute Erziehung und beson- ' ders durch die Geschichte grosser Männer gebildet. Der schwedische Minister, von Gör;, hatte sich seiner zu j geheimen Unterhandlungen in Spanien bedienet, woselbst i bans, der Gewerbe und Künste. " VI. Auch ausser den Gränzen von Corsika erweiterte paolr seinen triumphirenden Einfluß. Unter der Anleitung ei- ^ uiger Einwohner landeten seine Truppess auf der Insel ' Capraia, S- Boswells Reisebeschrcibung s. »Z6.». folg. 7 » Laprata , und forderten sie zur Abschütlung des genue- fischen Jochs auf. Der genuesische Comissar, Bernhard Oetone, wehrte sich auf seinem Bergschlosse mit verzweifelndem Muthe. Er hatte achtzig Leute, unter welchen auch Frauenzimmer waren, nnd zulczt blieb ihnen zum Unterhalte nichts als Etwas Mehl und Wasser. Da es ihm an Holz gebrach, so riß er das Holz von den Häusern. Die Republik schickte ihm Beystand: allein auch paoli verstärkte die corsischcn Truppen. Unter der Vcr, starknng befanden sich einige hundert Corsen, die er vormals in das unzugängliche Gcbirg verbannet, und nunmehr begnadiget hatte. Sie glichen den Wilden aus dem ersten Zeitalter der rauhcsten Völker. Ueber den ganzen Leib mit dicken Borsten bewachsen, und im Thicrfclle, führte jeder an der Hand einen grossen Jagdhund, der eben so grimmig , als sein Führer schcuslich war. Sie trugen ein langes Messer und kurzes Schießgewehr. Aus Hunger übergab endlich Bernard Ottone die Besinn«; im Angesicht«: der genuesischen Land - und Seemacht. Dadurch hatte paoli seinen Anhang mit dreytauscnd Mann vermehrt, und für seine Marine die kühnsten und erfahrensten Leute bekommen. ^ n Der König von Frankreich schlug der Republik einen Verglich vor, vermög dessen sie zwar noch einige Ve- stnngen behalten übrigens aber ihre Ansprüche aufLorsika ohngefähr nur so weit treiben sollte, wie z. B. der Pabst seine Ansprüche auf beyde Sicilien. Die Auslieferung der Vestungen aber wurde von den Lorsen verweigert. Hoffnungslos dachte nun die Republik auf einen Entwurf , wie sie ohne Nachtheil Lorsika an irgend eine andere Macht abwetten könnte, und diesen.Entwurf verabredete sie mit Frankreich. Um so viel weniger gleich, gültig betrachtete diese Krone den Zustand der Insel, je günstiger ihr England, Holland, Toscana und Sardinien schienen. Im Julius 1768 trat Genua Lorsika an an den französischen -Hof ab. Die ssorsen zerrissen die französischen Ausschreiben/ behandelten den Marbocufals Feind/ und erfochten über seine Truppen verschiedene Siege. Da Frankreich mit den Waffen zu kurz kam / so griff es zu dem Mittel der Bestechungen. Es brachte den Sohn des Groskanzlcrs Masses» dahin / daß er die Auslieferung des paoli versprach. Sein Anschlag wurde entdeckt / und er büßte dafür auf dem Schaffet. Nun anerbot man dem paoli selbst die größten Belohnungen/ wofern er dein Könige nachgeben würde. Als Corsikani- scher Epamtnondas antwortete er: Was ich suche / ist das edelste der zeitlichen Güter / die Freyheit. Das Anerbieten geht gegen meine Ehre und gegen die Freyheit / die in meinem Blute wallet / und mein Herz bis in den Tod beleben wird. Eher schmelzen die mich umgebenden Felsen, als daß ich die Freyheit und mein Volk Preis geben werde. Edel begann ich die Laufbahn ; nicht unedel verlaß ich sie. Wenn mich irgend jemand hätte gewinnen können/ so härte mich Mardoeuf gewonnen: Allein mit der Freyheit hat es gleiche Beschaffenheit , wie mit der Gesundheit; nie lebhafter empfindet man ihren Werth / als bey der Gefahr ihres Verlustes. Schon hatten die Franzosen Corre erobert/ und paoli zog sich in die Waldungen des nahen Gebirges zurück. Er hatte nicht mehr als ohngefähr üoa Insulaner bey sich / aber wegen ihrer Treue / Vaterlandsliebe und Uncrschrockenheit verdiente ihr Name in der Geschichte der Unsterblichen zu glänzen. An die Helden hielt der General folgende Rede : » EndM^theucrste „ Kameraden / sehn wir uns auf dem äussersten. Was ein „ vierzigjähriger Krieg/ was der tödtliche Groll der Genue, „fer und die Gewalt feindseliger Mächte nicht auszurich- „ ten vermochten / das vermag Habsucht. Unsere Unglück« glichen Mitbürger eilen / durch bestochene Häupter ver- „ führt, ihren Fesseln entgegen. Alle unsere Freunde sind „ entweder todt oder gefangen. Was bleibt denn uns übrig ? y Nichts „Nichts als Tod oder Knechtschaft. Nach der Ehre, ge«> „sieget zu haben, ist nichts süsser, als muthig zu sterben. „ Wir müssen uns mit dem Degen in der Hand einen Weg „ durch den Feind bahnen." — Der französische Befehlshaber , Graf von paux, bestürmte den kleinen Haufen mit 12000 Mann. paoli rettete sich nach Porto Vec- chio; fein kleines Heldenhcer aber erhielt die Freyheit, aus der Insel zu gehn. Vaux bot auf paoli's Auslieferung 4000 Thaler. Dieser aber verließ, unter den Segnungen der Patrioten, sein Vaterland. Auf einem englischen Fahrzeuge kam er glücklich nach Livorno , und von da rcifete er durch Italien, Deutschland und Holland nach England. Noch einige Jahre dauerte auf der Insel der Blutkampf zwischen Freyheit und Gewalt, bis endlich jene unter der Uebermacht der französischen Waffen erlag. VIII. Die Insel Lorsika war, so lange sie von Genua akn Hing, wenig bedeutend: allein unter französischem Zepter konnte sie vielleicht für das Seewesen wichtiger werden. Sehr verschieden indeß waren bisher die Meynungen über den.Werth dieser Insel. Die Einen beschreiben ihren Boden, als sehr fruchtbar, und ihre Lage als sehr günstig zum Handelsverkehr: die Andern finden zwar darin,, einen Ucbcrfluß an Waldungen, aber kein zum Schiffbau taugliches Holz. Immer ist soviel gewiß, daß bis auf itzt Frankreich von Corsika wenig Vortheil gezogen. Durch Kunst und Aufwand wird künftig vielleicht die Insel einträglicher gemacht, und immer kann sie durch kleine Kaper den Handel in Kriegszetten beunruhigen. Sonderbar also scheint es,! daß Oesterreich ihrer Abtretrung an Frankreich so gleichgültig zusah. Vermuthlich war Oesterreich damals allzusehr mit den Unruhen in polen beschäftigt, um nicht nothgezwungcn die Aufmerksamkeit von Corsika abziehen zu müssen. IV. Gras IV. Graf von Zinzendorf v o m Jahr 1700 bis 1760. ... — ^ Graf von Zinzendorf Stifter der Herrenhirttscheir Secte. — i. ^)er Graf von Zinzendorf erblickte das Weltlichk im I. 1700. Sein Vater war Minister an dem polnisch« sächsischen Hofe ; feine Mutter eine Baronesse von Gers- dorf. Schon in den Iüuglingsjahren verrieth er auf der Schule zu Halle Neigung zu geheimen Verbrüderungen. Seine Studien setzte er in Wittcnbcrg fort , und nach Vollendung der academifchen Laufbahn that er eine Reise durch Holland und Frankreich. Ungeachtet er die adelichen Künste und Spiele, Reiten, Fechten, Tanzen nicht ver. abfäumte, so zog er doch allen Lustbarkeiten den Umgang mit erfahrnen Staatsmännern und frommen Bifchöffen vor. In Frankreich lebte er sehr vertraut mit dem Kardinal vonNdailles. Nach feiner Zurückkunft in Deutschland erhielt er den Beysitz bey der Regierung zu Dresden. Im I. 1727 hatten sich wegen erlittener Verfolgung mehrere Nachkömlinge der alten waldenser und Hussiten, unter dem Namen der mährischen Brüder , auf seine Güter geflüchtet. Für diese frommen Flüchtlinge erbaute der Graf von Zinzendorf eine neue Pflanzstadt, Namens Hercenhut, nicht weit von seinem Gute Bertholdsdorf an * ) Ganz konnte» wir diese merkwürdige Seite nicht übcrgehn» ungeachtet es uns zu genauerer Beschreibung derselben an hinreichenden Nachrichten fehlt. Wir verweisen aufWalchS ReligjonSstreitigkeiten Theil V, JablonSky UM- LiiriitiLa. I'om. III. Baumgartens tbeolog. Bedenken, IV» Samml. SpangenbergS Leben von Zinzendorf, auf die Vüdingischen Sammlungen, auf -es Grafen von Lynar kurze Beschreibung , u. s> w, Fr an der Poststrasse, die nach Fittau geht. Um für die neue Kolonie desto besser sorgen zu können, bat er sich bey Hofe die Entlassung aus, und erhielt sie zu Anfang des Jahres i7;2. Ungeachtet jetzt seinHauptsttz Herrenhut war, fo that er doch von Zeit zu Zeit verschiedene und weitläuftige Reifen. Als man ihm vorwarf, daß er dem Rayser seine Unterthanen aus dem Land ziehe, begab er sich selber nach Mähren, und stellte dem Kardinal von Schrottcnbach, Bischoffen zu Ollmüy , die Sache in gelindcrm Lichte vor: Unterm Vorwande seiner Irrlehren wurde er aus den Churfächsischen Ländern verwiesen , lebte einige Jahre auf dem Schloß Maricnborn bey Frankfurt am Mayn, erhielt aber hernach die Erlaubniß zur Rückkehr nach Herrenhut. Vo» der theologischen Facultät zu Tübingen begehrte er ein Bedenken : „ Ob eine Kirche von „mährischen Brüdern, in wiefern sie die evangelische „Lehre zum Grunde legt, ungeachtet ihrer besonderer „ Gebräuche und Disciplin , in der Gemeinschaft mit „der lutherischen 'Rirche fortdauern könne ?" *) Von Tübingen aus wurde die Frage bejahet. DenaoMay^;? wurde er hierauf mit Genehmhaltung des Königs von Preussen von Daniel Ernst Iablonsky in Berlin zum Bischofs geweyhet. Zu gleicher Zeit anerkannte ihn auch Sitkov , Aeltestcr und Bischoff der böhmischen Bruder in Großpolen , als würdigen geistlichen Vorsteher der mährischen Gemeinde zu Herrenhut. In einem Beglückwün- schungsschrciben vvm io Äugst. 17;? erhob Zinzendorfen der Erzbischof zu Rantorbüry als einen Bischoff in alt- christlichem Sinne. Indeß schränkte sich der neue Bischof nicht bloß darauf ein, seiner Gemeinde zu Hcrrenhut eine veste Verfassung zu geben, sondern auch anderswo suchte er *) S. Rtik. ccelek. Vot. l, s. r4;- 419. Damit aber vergleicht man ein spätere« tkbingischeS Bedenken vom I- >747. in eben diesen V»i. xn. 5.971. er ähnliche Gemeinden zu stiften, und sie mit der seintgen in die engste Verbindung zu bringen. Durch Missionen von Herrnhut verbreitete er seinen Einfluß nicht nur in den verschiedenen Provinzen von Deutschland, sondern überall in Europa, ja selbst in Ost- und Westindien , und zur Anwerbung geistlicher Rekruten schrieb er sowohl in Versen als in Prosa, in deutscher und in französischer Sprache verschiedene Bücher. Da Herrenhut von allen übrigen Gemeinden das Modell und der Mittelpunkt ist, so verdient diese Muttergcmeinde nähere Beschreibung. H. Merkwürdig ist beydes, sowohl ihre Religisnslehre als ihre äussere Verwaltung. Ihre Religionslehre entdeckte sie in einem Notariatsinstrumcntc vom 1 .172s folgendermasscn: i? Die Herrnhuter sind ein unverletzter Zweig der alten mährischen Brüder, welche von Luther , Ralvin und andern grossen Gottesgelchrtcn für achte fromme Christen angesehen worden. 2? Entfernen sie sich in keinem Stücke von den protestantischen Rir- chen, nur haben sie für sich eine bessere äussere Verfassung getroffen. ;? Verbitten sie sich die Benennung -von waldenser und Hussiten, in wiefern sie es verabscheuen, wie diese, ihren Glauben mit bewaffneter Faust zu verfechten. 4? Berufen sie sich überall nicht auf ihre Vorfahren , sondern auf eigenen Grund, der in der wiederge. bährung bestehe, e? Wollen sie mit Niemanden entzweyt seyn, der wahrhaftig an Christum glaubt, bey was für einer ausser« Kirche ein solcher sich sonst immer befinde. 6? Achten sie auch die geringsten göttlichen Wahrheiten für einen theuren Schatz, finden es aber keineswegs nothwendig, daß diese Wahrheiten alle, zu aller Zeit, an allen Orten und Jedermann mitgetheilt werden. 7? Auch bey erweckten Seelen dürfe man die Zucht nicht aus der Acht lasse», die bey den ersten Christen so heilsam gewcsen- 8°. Dr-n 86 8? Den Namen der Bruder und Schwester behalten sie, als schriftmästlg, den Zusatz Böhmisch und Mährisch wollen sie nicht als Trennungsnamen angesehen wissen. —> Mehrere Erläuterung giebt Zinzendorfs Sendschreiben an den König von Schweden. Im 1 .17)4 hielt sich Zin- zendorf gegen Ostern in Stralsund auf, jedoch unter ver. decktem Namen als Candidat der Gottcsgelehrtheit; öffentlich predigte er unter solchem Charakter. Erst nachher gab er sich dem Superintendenten Langemacken und dem Prediger Sibcth zu erkennen , bewog sie zu einer theologischen Unterhandlung über seine Rechtgläubigkeit, und erhielt den 26. April 17^4 von ihnen eine schriftliche Beurkundung seiner reinen Lehre und Gottseligkeit. Dieses veran. lastete ihn zur Hcrausgebung des schon erwähnten Sendschreibens an den König von Schweden. III. Doch von der Untersuchung der Herrnhutischen Glaubenslehre wenden wir uns nun zur Untersuchung der äusser» Verfassung in der Zinzendorfischen Kirchengemeinde. Die Herrenhuter behalten den Unterschied zwischen Leh, rern und Zuhörern bey, und in Herrnhnt befindet sich ein ordentlicher Prediger zur Erklärung der heil. Bücher und zur Austheilung der beyden Sacrameme. Ausser dem Predigamt aber haben sie noch andere Aemter, und zwar zur Besorgung sowohl der leiblichen als der geistlichen Wohlfahrt. Das Amt der Aeltcsten, Mitaltesten, Vice- Acltesten besteht in Beten, Rathen, und zuweilen auch im Entscheiden; das Amt der Helfer schränkt sich auf Vortrage bey den Versammlungen im Waysenhause, auf Privat, Scelsorge und auf das äussere Directorium der Gemeine ein; das Amt der Aufseher auf die Bemerkung aller bey der Gemeine vorkommenden Gebrechen, das Amt der Er« Mahner auf freundliche Zurechtweisung der Fehlbaren; das Amt der Diener auf den Dienst am Waysenhause, auf Krankenpflege, Besorgung der Armencasse, Ausübung der 87 -er Gastfreyheit. Hiezu kommen noch andere Aemter, z.B. per Almosenpfleger, der Handwerksaufseher , der pri- vatlehrer, u. s. w. Alle Beamte werden von der Gemeine gewählt. Ausser dem Aeltcsten, dem Prediger und einigen Helfern , sind die übrigen Beamten von weiblichem Geschlechte bey der Weibergcmeine, und von männlichem Geschlechte bey der Männergcmeinc. Ferner errichteten die Hcrrnhuter noch überdieß gewisse engere Bande, in welchen sich die Vertrauter« zu unumschränkter gegenseitiger Beichte verpflichten. — Der Versammlungen und Uebungen gicbts mehrere. Des Sonntags wohnen sie ordentlich dem Gottesdienste bey, ausser dem aber ha, den sie an diesem Tage noch ihre besondern Andachtsübungen. Jeden Tag kommen sie Morgens und Abends in den Erbauungsstunden zusammen. In der Frühvcrsammlung hat jeder von den Brüdern die Freyheit, ;u reden. Sehr ins Bleinliche fallen verschiedene von den Anstalten zur Erweckung der Andacht. So z. B. ist ein Stundengeber eingeführt, da, wie sie das Loos trift, sich die Brü. der und Schwestern zum Beten verpflichten; so wird eine heil. Nachtwache gehalten, die, ohne Ausnahme von allen Brüdern, und zwar vorn sechzehnten bis zum sechzigsten Jahre, der Reyhe nach also versehn wird, daß jede Stunde zuerst die Glocke mit einer frommen Erweckung ausgerufen , und hernach an sechs Orten eine erbauliche Strophe gesungen wird. Ihre Rirchenzuchr überhaupt halten sie für die gleiche mit der Kirchenzucht der ersten Kirche, und besonders des Apostels in der Corinthifchcn Gemeine. Die Communion gemessen sie so oft, als sie sich dazu erweckt zu seyn glauben. Auch halten sie Liebesmahle, grössere und kleinere. Grössere bey Hochzeit- Fast- und Betragen, an welchen die ganze Gemeine Theil nimmt; kleinere an Gcburts- und Namenstagen, beym Wegreisen eines Bruders , u. s. w. Bey einigen von diesen Liebesmahlen befinden sich ausschliessend Männer, Weiber, Wittwen, Junggesellen , gesellen, Jungfrauen, oder besondere Banden. DasLoos verehren sie unter gewissen Umständen, als göttlichen Mccht- spruch, und zwar auch selbst bey ihren Verhcurathrmgen. Gegen die kirchlichen Anordnungen in Herrnhut erschienen tue und da verschiedene Schriften, und besonders machte schon frühe der Hofprediger Winkler zu Ebersdorf rn einer eigenen Schrift über die Gemeinschaft der Gläubigen aufmerksam auf den zwcydeutigcn Gebrauch des Bruder - und Schwestcrnamcns, auf den Gehorsam gegen die Brüder; auf ihre Schliessung und Ausschliessung; auf die gegenseitigen Herzcnseröffnungen; auf die verbotene Gemeinschaft; auf die Gemeinschaft der irrdifchcn Güter; «uf die Vereinigung der Seelen in Christo, u. s. w. IV. Ungeachtet der heftigsten Controversen und Verfolgungen verbreiteten sich Zinzendorfo Lehren und An« zstalten über alle Gegenden der Erde. Mit »«ermüdeter Thätigkeit unterhielt und bestätigte er sie bis an feinen Tod im Jahr 1760. Nach den eigenen Versicherungen Der Herrnhuter, hatten sich ihre Misiionairs oder Arbeiter schon vor dem I. 1749 so wirksam bewiesen, daß sie Linter vier und zwanzig verschiedenen Nationen, in vierzehn verschiedenen Sprachen, ihr Evangelium verkündigten. *) So lange Zinzendorf lebte, so hieng unum. schränkt die ganze Verfassung nur von seinem Wink ab. Ilnter ihm standen so wohl die Bischöffe als die weltlichen Aeltesten. Die ganze Gesellschaft theilte er in drey verschiedene Tropen. Alle drey Jahre verordnete er eine allgemeine Synode. In Zinzcndorfs letzten Lebensjahren wurde diese, während seines Aufenthalts in England, unweit London in dem Schlosse der Grafen von Lindscy gehalten, woselbst auch der Vogtshof oder das Archiv, so *) S- IabtonSky »itt. ciiriK. 1. IH. 8scnl. XVtH-LeÄ. ir. l>. Z?l- so wie in Deutschland das Iüngerhans ist. Alljährlich berufen die Nettesten besondere provincialsyno, den zusammen. Je nach Bedürfniß der Umstände wer. den in die verschiedenen Bezirke Visitatoren geschickt. Ueber die Hcrrnhutcr vom weiblichen Geschlechte verordnete Zinzcndorf zur Generalältistin die bekannte Anna Nirsch- mann. V. Hier die Beschreibung von dem gegenwärtigen Zustan. de von Herrnhnt. *) Es ist dies eine kleine offene Stadt die etwa izoo Seelen in sich enthält. Noch immer ist sie der Hauptsitz der Brüdergemcine. Ihre Fabrickcn sind bekannt. Bey den Einwohnern macht das äußerliche sittsame Wesen , einerley Kleidung, Gang, Sprache, eine besondere anscheinende Heiligkeit das Auffallende aus. Ganz Hcrrnhut erhält dadurch das Anschn eines zusammengesetzten Klosters, indem einerley Ton herrscht. Es gereicht ihren jetzigen Lehrern zum Ruhme, daß sie sich der sinnlichen Frömmcley und frömmelnden Sinnlichkeit durch Belehrung und Aufsicht entgegen zu setzen bemüht sind. — Von einer andern Brüdcrgcmeine zu Dicdem dorf, einige Stunden von Gotha, finden wir folgende Beschreibung : **) Es ist unmöglich, sagt ihr Verfasser, diese und ähnliche Wohnsitze und Pflanzschulcn von Arbeitsamkeit, Ncchtschaffcnheit und Frömmigkeit ohne Rührung und Ehrfurcht zu beobachten und zu verlassen. Mau mag die Häuser der Vcrhcurathetcn , oder die Wohnungen der ledigen Brüder und Schwestern, und in beyden mag man wiederum die Schlafsäle (in denen doch bisweilen so bisweilen Betten stehn,) oder die Arbeitsstuben, die sonst durch verjährte Uebelgcrüche abschrecken , oder man *) G. Berlin- Monatsschrift; Febr. i? 8 Z Nro. Reise durch die Lausitz und Sachsen, S. 148- **) C- Berlin. Monatsschrift, März 17z». biro. 9» man mag endlich die Speisezimmer und Küchen sehen, so findet man durchgehends dieselbe musterhafte Ordnung und bezaubernde Reinlichkeit. Gewiß hat kein Religions- vcrbesserer jemals Sinnen und Herz so zu fesseln, und den Genuß der reinsten irdischen Freuden mit den sicher, stcu Hofnungcn ewiger Eeeligkeiten so innig zu verbinden gewußt, als der Graf von.Zinzcndorf. Dieser eben so grosse als seltsame Mann legte in die von ihm eingeführten heiligen Gebräuche lind gottesdienstlichen Handlungen gerade so viel Sinnlichkeit hinein, als nöthig war, die Einbildungskraft zu fesseln, nicht aber sie zu entzünden, oder den Körper in eine mystische entkräftende Ruhe ein, zuwiesen. Seine Nachfolger tretten, wie in andern so auch in diesem Stücke, genau in seine Fußstapfen. Sie wissen in Kirchen und Betsälcn mit der größten Einfalt eine solche Zierlichkeit zu verbinden, welche die Seele erhebt, nicht aber die Sinnen zerstreut, und ohne Pracht zu seyn, mehr als alle noch so verschwenderische Pracht be. zaubert. Ungeachtet ich es mchrmahlen gelesen und gehört hatte, daß der Kirchhof einer jeden Brüdergcmeine einem Garten ähnlich sey, so wurde ich doch durch den wirklichen Anblick eben so sehr überrascht, als wenn ich dergleichen noch nie gehört hätte. Der ganze Ruheplatz war in Grabstätten, wie in Blumenbeete abgetheilt, und diese Grabstätten waren auch wie Blumenbeete eingefaßt. Nirgends entdeckte man Grausen odcr Eckel erregende Ueber, bleibst! von Verstorbenen, nicht einmal unangenehme Bilder des Todes; vielmehr waren die Wände des Kirchhofes mit schönen Bäumen besetzt. — Auch ich fand, was schon andere bemerkt haben, daß die Bruder und Schwestern sich in Ansehung ihrer Züge auffallend ähnlich sind. Auf allen Gesichtern war Gesundheit des Leibes und der Seele, himmlische Reinigkeit des Herzens, am meisten aber eine heilige aus hohem Betrachtungen abstammende Seelenruhe mit unverkennbaren Mcrkmaalen ausgedrückt. Von Von dem geheimen Kummer aber, welchen man bisweilen in den Mienen der ledigen Schwestern und Brüder ent. deckt haben will, sah ich keine Spur. Wahrscheinlich verwechselte man den feyerlichen Ernst, der aus einer beständigen Folge von himmlischen Betrachtungen, nützlichen Arbeiten und stillen heiligen Freuden entsteht, und der in einem Alter, dessen unterscheidender Zug sonst muthwillige Fröhlichkeit ist, immer auf eine gewisse Art unnatürlich scheint, mit dem verbissenen Gram, der oft an den Herzen der Klosterbcwohner nagt. So unangenehm und zwangvoll uns Weltkindcrn die Eingezogenheit der unverhcyrathetcn Personen scheinen mag, so kann man doch schlichen, daß diese strenge Zucht denen die sich freywiüig unterwerfen, nicht so vorkommen müsse. Wie sehr die fleißigen Herrn. Hutischen Jungfrauen von andern Personen ihres Geschlcch« tes verschieden seyn müssen, schloß ich am meisten daraus, daß keine einzige auch nur mit einem neugierigen Blicke auf meiner Begleiterin hängen blieb, und daß mehrere von denen, die mit ihren Gesichtern von uns abgewandt waren, sich nicht einmal umfahn, als wir hincintrattcn und giengen. — So weit die Beschreibung des unge- nannten Verfassers. Wenn wir ihm auch sonst in allen Stücken beypflichten könnten, so sind wir doch nicht ganz ausser allem Zweifel, ob nicht zuweilen bey den Herrn- Hütern mit dem Ernst in der Miene auch geheimer Gram vermischt sey, und ob der Zutritt in ihre nähere Verbindung und das Ausharren in derselben allemal so durchaus freywillig sey? Es giebt ja mancherley Arten des feinern und gröber», des mittelbaren und unmittelbaren Zwanges. — Doch noch liefern wir eine andere Beschreibung , und zwar von einer nordamerikanischcn Brüdcrgc- meine zu Bethlehem in pensylvanien: *) Diese Gemeine stiftete Zmzendorf selbst. Er sowohl als Spangenberg hatten ) S. Berlin. Monatsschrift. Sext. '785- kkro. r> hatten die Reise hicher gemacht. Gegenwärtig mag es ein paar tausend herrnhutischc Bruder in der neuen Republik von Amerika geben. Die mcnstm sind in Pensylva, nicn, und nur Wenige in Karolina. Bethlehem, eine Tagereise von Philadelphia, ist ihr blühendester Ort. Zwcy- tauscnd fünfhundert Morgen (acres) gehören daselbst der Gemeine. Es werden einige Ländereyen durch Bruder verwaltet , deren jeder dreyfsig Pfunde des Jahrs zieht und ausserdem seinen Unterhalt von den Landfrüchten zurückhält. Er verkauft das Kor», oder auch Mehl, Milch, Mutter,Käse, u.f.w. bezahlt vierKnechte und eben soviel Mägde davon, und trägt das klebrige zur gemeinen Rasse. Kömmt er zu kurz, so leidet er nicht dabey. Bey weitem die mehrsten übrigen Glieder der Gemeinde sind in sitzender Lebensart beschäftigt. Im Bruderhause giebt es ohn. gefähr sechzig Junggesellen. Man unterscheidet die unter und über achtzehn Jahren. Einige arbeiten zu Hause an ihren Handwerken, und andere dürfen ausgchn. Im Schwesterhause, wo gleichfalls nur unvcrheurathctc leben, wird täglich für Hunderte angerichtet. Es giebt hier viele alte Jungfern. Diese bezahlen drey Schillinge und sechs Pence die Woche. Dafür haben sie eine Schlafstelle, des Morgens Kasse, des Mittags Suppe und gekochtes oder gebratenes Fleisch mit Gemüse. Was sie des Abends essen müssen sie besonders bezahlen. Die unter dem achtzehnten Jahre schlafen zusammen, und eben so die ältern. Eine jede wird für ihre Arbeit bezahlt; man liefert ihr die Materialien dazu, und die Arbeit wird nachher zum Nutzen der Anstalt verkauft. — Ueberall haben Aufseher oder 'Aufseherinnen, die sehr vertraut mit den Aeltesten leben, freye Macht, jeden aus einer Stube in die andere zu verlegen. *) __ VI. Die ») Von dem jetzigen Zustande der Gemeinden zu Barby und Gnadnau sehe man die Reisenden für Länder» und Völker- künde- l. Band, Nürnberg 178t- Vs. Die merkwürdigsten Urkunden zur Beleuchtung der hcrrnhutischen Geschichte findet man in den Lerls blnllLti.-; krstrum IN ^nglia, welche die hc Nil britische Gemeinde ! selbst in Folio zwey Alphabelh stark zn London im 1 .17;-» herausgab. Wie kam's aber, daß sich die Herrnhuter so ausser- - ordentlich schnell und wert ausbreiteten? Zinzcndsrf wurde schon bloß dadurch ein Abgott des gemeinen Volkes , daß er, ungeachtet er durch Geburt, Reichthum und Ansetzn so hoch über dasselbe erhaben , gleichwohl mit dem Anscheine der Bruderliebe und Demuth zu den niedrig, sten Menschen hinabstieg, und das Herz und die Sinnen dieser Menschen sowohl durch Thcilnehmung gewann, als durch einnehmende Beredsamkeit und auch durch seine schöne Bildung und Physiognomie fesselte. *) Wie - theuer mußte er nicht jenen mährischen Brüdcrn seyn, die er aus den Klaue» de- Verfolgung riß und auf seinen Gütern so liebreich aufnahm? Je mehr er sich selbst ! nach ihren Begriffen zu bequemen schien, desto williger i ehrten sie ihn als Herrn , Vater , Lehrer. Indem er zu i gleicher Zelt für ihr geistliches und leibliches Brod sor- i gcte, beredete er sie ohne Mühe zur Anerkennung gleichsam eines theokratischen Anschns. Da er ihnen (waS armen und dabey bescheidenen Leuten das Wichtigste ist,) n sichern Unterhalt gab , so gaben sie dagegen ihrem j Wohlthäter die Arbeit ihrer Hände, ihr Herz, ihr unum- '' schranktes Vertrauen. Warum sollten sie ihm nicht eben so unbedingt ergeben seyn, wie z. B. die Einwohner von Paraguay den Jesuiten, da er sie doch nicht mit dein ? eisernen Zepter von diesen, sondern mit dein freundlichen > Hirtcnstabe regierte? Das sichere Glück und die selige Zufric- ") Er selbst pralle damir, daß man seiner Miene magnetische Kraft zuschrieb, s. BaumMtenS Bedenken- lVte- Samt- 4 ' -4 Zufriedenheit feiner Untergebenen erweckte Aufmerksamkeit. Von allen Seiten drängten sich verlohrcne Schaafe zu der sorglosen Flur in Herrnhut. Da sie nicht groß genug war , so suchte auf'Reisen und durch Korrespondenzen Zinzendorf hie und da andere Wohnplätzc aus, und, unter der Anführung eines seiner Mitarbeiter, schickte er die eine Heerde da, die andere dorthin. Ungeachtet ihrer Zerstreuung in allen Weltgegcnden, hielt er sie vermittelst ihrer Hirten immer in der genauesten Verbindung mit der Muttergcmeine. Die Leute standen unter Aufsicht seiner Vertrauten , sie hatten ihre glücklichen Niederlassungen und Anstalten Zinzendorfen und dessen Repräsentanten zu danken, warum sollten sie also nicht gerne ihm und sei. nen Stellvertrettcrn gehorchen? Die Grossen und Reichen verstärkten durch Geschenke, die Geringen durch die Früchte der Arbeit die Herrnhutische heilige oder so gehcissene Heilandskasse , und vermittelst dieser Kasse verstärkte Zinzendorf das Heer seiner geistlichen Söldner. Ausser dem sichern Unterhalte hatte denn freylich auch Zinzen. dorfs Glaubenslehre selbst ungcmein viel Anziehendes. Sie war nicht so ausschließend , wie die Lehren der Herr. schenden Kirche. Nicht nur der Rcformirte, sondern auch der Lutheraner, überhaupt jeder, wenn er sich nur an des Heilands Seite anschmiegte, hatte Zutritt zu dieser Gemeine. Bey Hause und öffentlich durfte jeder die an seinem Orte üblichen Gebräuche mitmachen, und er blieb darum nichts desto weniger ein Glied der innern herrn- hutischen Gemeine. Wie verhinderte aber bey solcher Bcfreyung und Dispensation , bey solcher Vermischung ungleicher Glaubensgenossen Zinzendorf in seinem Orden den Synkretismus und Indifferemismus? Er gab den Brüdern und Schwestern ein Schrbolet und vereinigte sie durch den Zauber der Sinnlichkeit und der Imagination, indem erste groffentheils an ähnliche Kleidcrlracht und Lebensart, an ähnliche Gebehrden und Mienen gewöhnte, und und sonderheitlich in allen ihren Gesprächen/ Gesängen, gottesdienstlichcn Versammlungen das LämmleinGottes und sein Blut zum Hauptgegenstand ihrer innigsten Zärtlichkeit machte. Da der Herrnhuter auf der einen Seite mechanisch mit Handarbeit, und auf der andern > Seite eben so mechanisch mit den gleichen frömmelnden ^ Empfindungen und Phantasien beschäftigt ist, so vcr- s schlingt dies alle seine Kraft und Zeit so sehr, daß er ! weder Lust noch Muth zum Selbstdenken hat. Was Wun- ! Vers also, wenn er blindlings, wie ein Lamm , dem leitenden Hirten nachgeht? .Bey dem geringsten Zweifel oder Mißtrauen , das bey ihm aufsteigt , schlägt ihn der Führer mit dem Machtspruchc zu Boden: Der Heiland sagts! der Heiland ihuts l ,— Um dem armen gemeinen Völklcin zu schmeicheln, um es auch in der Erniedrigung und Bedrückung geschmeidig und frölich zu erhalten, wird sein Heiland selbst unter den verächtlichsten und pöbelhaftesten Umständen gemahlt. So z. B. kommen in dem ! herrnhutischen Gesangbuche folgende Ausdrücke vor: * ) : „Mich beucht', ich sehe es, (das Kind Jesus) in Vater - „ Josephs Hüttel, so Handwerksvoll gemäß, bald in dem z „ Ackcrkittel; bald gräbts nach einer Wur;; bald schafts „ so was für's Haus ; bald nimmts den Zimmerschurz; bald „mit der Geisel »'aus. Wenn ichs mit der Idee des „Gottes aller Götter so seh im Negligee, geplagt von ; „ einem Vetter, gedruckt von einer Muhm (ein armen j „Kindeleyn gewöhnlichs Martcrthum!) so möcht' ich ' „Elisichrem." So ergießt sich im Taumel des heiligen Rausches ein Lehrer in folgenden Dithyramben : **) „ Das „Blut des Lammes muß uns überschwemmen , daß wir „ gusli ersaufen, wenn's dahin kömmt, daß man sich ins „ Lamm x *) S. Job. Georg. HeinfiuS kurze Fragen aus der Kirchen» ! bist. IVte Forts««. Lhl. IV. s, zroz. Jena 1754 - , " ) S- HkinsniS s- zoor. „Lamm recht sterblich vergafft hat, daß man nichts mehr „ weiß von Vernunft und Begierde, und recht darauf „erpicht und erpacht ist, u.s. w." Erröthen würden wir, wenn wir die schlüpfrigen Liebeslieder an den Heiland und so viele wollüstige Bilder seiner Gemeinschaft mit den Seelen und mit der Kirche anführen müßten: aber für liebekranke eingeschlossene junge Herrenhutcr und Herren« Hüterinnen mögen sie freylich süsser Trost seyn. V II. So wie die Acltcstcn der Brüdergemeine überhaupt, gleichsam als sichtbare Repräsentanten des Heilands , unumschränkt nicht nur die Hände, sondern auch die Herzen regieren, so leiten sie noch ganz besonders theil» die erste Jugenderziehung, theils die Liebeshandel ihrer noch un- verhcuratheten Zöglinge. Je eingeschlossener diese letztem leben, desto tiefer nagt in ihrem Innern die Flamme der Triebe; je mehr sie an gegenseitige Beichten und Herzcns- crgiessungen gewöhnt sind, desto leichter können die Nettesten ihre geheimen Wünsche erfahren. Die Befriedigung dieser Wünsche erhalten die Verliebten groffentheils unter keiner andern Bedingung, als durch Unterwerfung gegen die Nettesten. „ Wenn ein Freylcdiges sagtschreibt ein schlesischer Gelehrter, * *) „es wolle hcurathen, so wirds „ der ganzen Gemeine am Orte vorgetragen; die Nettesten „ berathschlagen; welche nun diese paaren, müssen sich „ nehmen; daher findet man Fräulein mit Schlössern, „Zimmerleütcn, u. s. w. oder Adcliche mit Bäuriimen ver- „ehligt. Steht einem Theil die vorgeschlagene Hälfte „nicht an, so geschehn andere Vorschläge. Oft aber gc- „ schicht dieses nicht; denn sie stehn einmal unter dem „Gehorsam , dazu sie sich einverstanden , als sie in die „ Brüderschaft traten. Zum drittenmal dürfen sie keine __ Em- * ) Man sehe dir Beschreibung von Gnadenftey m Perle beym HeinsiuS an angeführtem Orte s. ry-y. wie auch Spangenberg Tb' Vt. Eap. r, §- u, und M- vm. Lap, r, 5. z,s.-uo». „ Einwendungen machen; dieß würde man als Wider- „sctzlichkcit gegen die Gemeine, das ist , gegen den heil. „ Geist oder die himmlische Mama betrachten. Die Vika- „rien des heil. Geistes wissen aber auch so zu paaren, daß „ ein armer Bruder eine reiche Schwester, oder ein Vor- „nehmcr eine Vornehme bekömmt, und mit beträchtlichen „ Summen ausgchn in andere Provinzen, Bruder und „Schwestern zu gewinnen. *) Man denke ja nicht, daß _ jeder In der Nachricht von den Herrenhutern , welche im XUstcn Theile des Düschingischen Magazins abgedruckt ist, heißt eS s. i«;. von dem Ehe - Lhsre: „Graf Zinzendors er. „ richtete seine Gemeinde gerade zu der Zeit, wo die Eich- „tclianische Lehre von der Sündlichkeit des Ehestandes ^ noch viele Anhänger hatte. Der Graf fand in der Gichte- „lianischen Lehre vom Heurathen zwar viel falsches, aber „ auch mit unter viel wahre-. Er glaubte, daß die Ehe „nach der heiligen Schrift zwar allerdings zugelassen „ wäre, in einer Gesellschaft wahrer Christen aber gleich- „wol ganz anders geführt werden müßte, als in der „Welt. ES heisse, ein jeder sey gesinnet, wie Jesus «Christus auch war: da Er ledig geblieben, so kännten „alle wahren Christen, wenn sie sonst keinen Beruf „zum heurathen hätten, auch ledig bleiben. So übel „ „ gcrschaft, in der Christenheit und unter der Heiden- „schafk, also und dergestalt, daß nicht nur ohne ihr „Vorwisien in unsern Gemeinden nichts neues beym Grunde aufkommen , noch ein Conclusum von einiger „ Jmportänz ins Ganze gültig seyn , sondern auch auf „ Ihren Grundplan der evangelischen Lehre und des äls. „rbevein en äZaxs mit allen Christen , kein weiteres „Stockwerk gesetzt werden soll, ohne Sie zu hören. „Weil hingegen wir wissen, daß wir die Gnade der rci- „ nen Lehre und der sünderhaftigen Gottseligkeit auf den „ blutigen Fußstapfen des Lammes durch ihre Mithand- „ rcichung empfangen, und überhaupt der ganze Plan „ unserer gesegneten Anstalten wenigstens nicht ohne ihr „nahes Zuthun von seinen ersten Lineamcnten bis so „weit ausgeführt worden , so erlauben wir Ihnen » kraft *) S. die Wcimarschrn Lü. Lcclek. r. X. (.10-7. „ kraft dieser generalen Vollmacht, darinnen um so „viel ungestörter und sicherer fortzufahren , als Ihre „ Handlungen noch zur Zeit allein original sind. Sollten „ sie von der äusserlichen Besorgung vorbcsagter Oblie« „genheit entweder bey Leibcsleben von uns dechargierh, „ oder über dem Geschäfte zum Lamme heimgeholt werden, „ so sind Sie nicht allein befugt , sondern schuldig, „uns ihren Nachfolger zu ernennen." Dieser Brief endet mit folgenden Kurialeen: „ Schließlich geben wir „ Ihnen unsern gemeinschaftlichen Lreuzessegen, und „wollen Sie uns Ihrer Gnade und Gabe ganz besonders „ in die Bewahrung der Wunde Jesu empfohlen, und „ mit seinem heil. theuren Blute dazu gemeinschaftlich be« „sprenget und eingeweyhet haben , als Ew. Ehrw. „ treue Mitstreiter. Die Gemeine des Lammes, die man „ seit dreyhundert Jahren die Bruder nennt." Der letzte unter den Unterzeichneten ist der Nachfolger des Grafen in dem Bischofsamte, Polycarp Müller. —- Ueber das Zinzendorfen ertheilte Recht, seinen Nachfolger zu wählen, macht Sicgm. Jac. Baumgartcn folgende in der That sehr begründete Bemerkung: * *) „Eine Kirche, die sich „ evangelisch nennt, trägt also einem einzigen Menschen „ eine solche geistliche Gewalt auf, die eine beständige „ Untrieglichkeit und Unfehlbarkeit voraus setzt, eine „ Gewalt, die kein Apostel oder Prophet jemals ge. „habt , und die selbst sich kein pabst in solchem Grade „ angemaßt hat." — Wenn bey den bisher angeführten Grundsätzen der Herrnhutcr ihre Conventikeln überhaupt als Staat im Staate verdächtig scheinen, wie vielmehr nicht i» kleinen republikanischen Verfassungen? Bey dem leidenden Gehorsam der Glieder muß es ihren Führern nicht schwer seyn , sich , wo nicht unmittelbar, doch mittelbar in den Wahlen , in der Regierung und überhaupt _ in *) S tbcoloaiscke Bedeuten, Me Sammlung, s- 66;. und Iablonsky Uill. Clirilti»». 1. UI. s. ;sZ. in dcr ganzen Verfassung einen überwiegenden Einfluß zu geben. Wer weiß nicht, wie vielmal die Religion zum Deckmantel der Politik mißbraucht wird? In Amsterdam z. V. verursachten in den Jahren 1748 und 1749, also gerade in jener Epoche der wieder hergestellten und erblichgemachten Statthalterschaft , die heimlichen Versammlungen der Herrnhuter die gefährlichste Gährung. Bey zooo Mann stark versammelte sich dcr Pöbel vor ihrem Versammlungshaufe , wurde aber durch vier oder fünf Bürgercompagnien bald wieder zerstreuet. Zur Ausweichung grösserer Unruhen machte hierauf dcr Magistrat zu Amsterdam den; Jun. 1749 folgende Verordnung bekannt: „Dadie heimlichen Zusammenkünfte dcr Herrnhuter auf „ nichts anders abzielen , als in der Rirche so wohl „ als im bürgerlichen Wesen eine Spaltung zu verursachen, so werden für die Zukunft alle solche Zusammcn- „ knnfre verboten, unter der Verwarnung, daß alle diejenigen , die denselben ferner noch beywohnen, als Stöh« „ rcr der allgemeinen Ruhe werden angesehen werden. " Aus gleicher Rücksicht wurden im 1 .1777 die Herrnhutischen Komentikeln auch in dcr Republik Graubündten vcrbotten. I X. Ob gegenwärtig die Anzahl und Macht der Herrnhu, tevgencinden zunehme oder abnehme, können wir bey dem »crborgenen Gang ihrer Geschäfte nicht wohl bestimmen. *) In dcr Natur jeder Gesellschaft scheint es zu liegen, daß sie, was sie an Ausdehnung gewinnt, an Intensität verliert. Wofern (was uns freylich unbe, kannt *) Ale Hcrrcnhutischcn ErziehiingSanstalteu zu Nist» imd Larby scheine» beynahe ausschließend nur für bürgerliche Zöglinge eingerichtet zu seyn , die bey ihrer eingezogenen Lebensart in der Welt - und Menschcnkenntniß zurükblei- den, und eben darum wenig Einfluß im Grossen versprechen. Indeß hat nunmehr der Herr von Hohutthal, >er auch zu dcr Gesellschaft hinüberactrekte» ist, ein Institut sür Adeljche zu ilhyst, drey Meile» von Pamen an der Spree errichtet, über welches er selbst die Aufsicht führt. kennt ist,) das innere Triebwerk unter mehrere Führer oder veos « mscKinL vertheilt ist, und diese Führer steh in ihren Begriffen und Absichten entzweycn, so möchte wohl einst Zinzcndorfs Orden ein ähnliches Schicksal mit dem Orden des Loiola haben. Ohnehin scheinen weder die Ueppigkeit noch die Aufklärung des Zeitalters viel Geschmack — es sey nun an der eingezogenen Lebensart oder an dem Blute des Lammes zu finden. Der jetzige Bischof zu Barby ist Spangenberg, Zin- zendorfs Biograph, ein liebenswürdiger Greis. Sein Va« ter war ein protestantischer Prediger in der Grafschaft Hohcnstein. Sein Bruder ist nicht weniger merkwürdig. Er studierte zuerst die Gottesgclahrthcit in Jena, trat aber hernach als Cabinetssecretair in Ellwangische Dienste, und wurde katholisch. Auch er halte von jeher grosse Neigung zur Mystik gehabt, und diese Neigung verließ ihn selbst nach seiner Religionsveranderung nicht, wre er denn fortfuhr, mit der Brüdergemeinde in Neuwied in Verbindung zu bleiben. Sein Glaubensbekenntniß und Briefwechsel, die in dem VII. Bande von Herrn von Mo-> sers patriotischem Archive abgedruckt sind, sind voll von den Ideen und Ausdrücken der Vrüdergemeine. „ Es „ kömmt alles , schreibt er, auf den Glauben an; das „ Ucbrige ist Pfaffcnwerk; unsere Pfaffen und eure Pfaf, »fen sind einer, wie der andere/' Nach seinem Uebergang in die katholische Kirche wurde er Kurtrierscher Staats« minister und Kays. Königl. wirklicher geheimer Rath; die Kirchcnreformen in Oesterreich schrieb er selbst, nicht den Katholiken, sondern den Prosclytcn zu. Ob nicht unter solchen Proselyten einige auf die Vereinigung der katholischen und protestantischen Birche bedacht gewesen, und wenigstens mittelbar in verschiedene ascetische Ver. brüderungen unter den Protestanten eingewirkt haben, lassen wir für einmal dahin gestellt seyn. V. Plötz- V. Plötzliche Staatsveränderung in S ch w e de n Im Jahr 1772. W 1 .-' - L / t Plötzliche Staatsveränderung in Schweden im Jahr 1772. *) I. § in den ältesten Zeiten wurde zwar Schweden ! von Röntgen regiert, allein die Könige wurden von dem ! Volke (oder dessen Repräsentanten) erwählt, und in ih- j rcr Gewalt sehr eingeschränkt. Ein Senat hatte gc. ^ wissermassen die ganze ausübende Gewalt, und auf den s Reichstägen führten die Abgeordneten der Geistlichkeit, : des Adels und des Mittelstandes die Aufsicht über daS i Ganze. So glücklich in mancher Absicht eine solche Re-> l gicrungsform seyn mag, so hatte sie doch alle Unbequem, ^ lichkeitcn eines Wahlreichs, und die verschiedenen Rcichs- ! stände konnten eben so leicht das Gleichgewicht erschüt. > lern , als unterhalten. Ueber ein Jahrhundert war daher x Schweden ein Schauplatz des Kriges und Elends. An. ' fangs des XVltm Jahrhunderts führte Christian II. unter entsetzlichem Blutvergießen die unumschränkteste Tyran, ney ein. Von dieser Tyranncy, von der kirchlichen und bürgerlichen, befreyte im I. 1521. Gustav Wasa ftin : Vaterland. Als Abgott des Volkes indeß machte auch er, > der die Krone durch freye Wahl des Volkes erhalten l halte, die Krone erblich auf seine Familie. Zur Ver- k meidung gehässigen Argwohnes aber behielt er zum Scheine 1 die alten Namen und Einrichtungen bey. Der Senat ' und die Reichsstände blieben, aber gröstenthcils stand - die Wahl ihrer Glieder beym König, und am Ende wa. ^ ren ^ Vüschings Magazin Th. VU- und WraxellS Neiftm no -»-- ren sie nichts anders, als die Registratoren von den Befehlen der Krone. Gustavs Nachfolger erweiterten ihre Gewalt. Carl Xll, der Anfangs des XVIM" Jahrhunderts regierte, trieb den Despotismus so hoch, daß er mit Hintansetzung aller Formen in jeder Sache eigenmächtig entschied, ohne den geringsten Widerspruch ertragen zu wollen.Auf der einen Seite durch heroische, aufder andern durch tollkühne Thaten stürzte er Schweden von dem Gipfel der Macht und des Anschns bis in den Abgrund deS Elends. Bey seinem Tode im 1 .1718 hatten sich die Russen der besten Provinzen von Schweden bemächtigt. Zur Entschädigung für die erlittenen Widerwärtigkeiten stellte itzt das Volk die alte Verfassung wieder her. Im 1 .1718 empsieng die Schwester des verstorbenen Monarchen, Ulrrka Lleonora, die Krone nicht anders, als durch freye Wahl des Reichstags, und unter allen ehmahls üblichen Einschränkungen. Ohn» gefähr zwey Jahre hernach übergab die Königin mit Einwilligung der Reichsstände den Zepter unter gleichen- Bedingungen ihrem Gemahl, dem Landgrafen Friedrich von Lasse!. Da die Ehe der Königin Ulrika unfruchtbar war, so schritten die Reichostände nach dem Tode dieser Prinzessin im I. 1741 zur Wahl eines Thronfolgers auf den Fall, daß auch der König mit Tode abgehen sollte. Unter den verschiedenen Kronwerbern erwählten sie zuerst den Herzog von Hollstein-Gottorp. Der Herzog, der als Kayftr Peter M, so unglücklich war, zog den rusirschen Thron vor. Auf seine Empfehlung erwählten hernach 174; die schwedischen Reichsstände den Bischof von Lübeck, Adolph von Hollstein, zum Könige. Nach dem Tode des König Friedrichs im 1 .17;? betrat also Adolph den Thron, und zwar unter denselben Einschränkungen, wie seine beyden Vorgänger. )I. Da» nr II. Damals schon wurde ein Plan zur Umänderung der Staatsform entdeckt, und er kostete die Urheber desselben das Lebe». Im Unmuthe legte hernach im 1 .176; der König den Zepter weg, ergriff ihn aber wieder, als sich seinen Wünschen gemäß ein Reichstag versammelte. Nicht lange darauf sah er seine Gewalt noch mehr eingeschränkt. Wenig gewann bey dieser Einschränkung das Volk. Immer war der Reichstag in Partheyen getheilt, in die Hüte und Mützen. Ohne gemeinnützige Rücksicht aufs Ganze, verhinderte jede die Entwürfe der andern, und meistens leitete sie der Einfluß auswärtiger Höfe. Zur Zeit des versammelten Reichstages herrschte Anarchie, in der Zwischenzeit Oligarchie. Plötzlich starb der König den 16. September 177!. III. E Es wurde ein neuer Reichstag zusammen berufen. ; In der langen Zeit von vierzehn Monaten beschäftigte er sich mit nichts anderm, als mit der Krönung des neuen Königs Gustav III, der eine Lapitulatiou unterschrieb, r die ihn noch mehr als seine Vorgänger einschränkte. Allein t schon den 12 August 1772 zeigte es sich, wie wenig der I König die Capitulation zu beobachten geneigt war. Der ^ Reichstag dauretc noch fort, als sich ein geheimer Plan ' gegen seine aristokratische Regierung zu entwickeln anficng. Er war eben so fein ausgedacht, als er beherzt ausgeführt wurde, und noch jetzt streitet man über die eigentlichen Urheber desselben. Der erste Schritt zur Wiederherstellung j unumschränkter Souverainität geschah gerade auf dem ^ schicklichsten Platze. Damit er seine Wirkung thun ^ könnte, ehe noch der Senat und die Reichsstände davon ^ benachrichtiget würden , sollte er in beträchtlicher Entfer- i nung von der Hauptstadt geschehn. Er geschah in der k kleinen Stadt und starken Vestung Lhristianstadt in , Schone». Schonen. Da dich Provinz die Gränze gegen Dänemark macht, so ist ste sehr wohl mit Truppen und Bestätigen versehn, und überdies enthält sie zu Larlskron die Ma- gazine für die Flotte und das grosse Arsenal. Sie ist sehr bequem zur Unterhaltung offener Gemeinschaft mit auswärtigen Staaten so wohl als mit dem schwedischen Pommern. Ohne Mühe konnte von dieser Seite der König von Preussen seinem Neffen mit Kriegesmacht zuzichn. Da auch die Provinz Schonen sehr oft ihren Oberhcrrn verändert hatte, so schien sie weniger ausschließend vielmehr der einen als der andern Regierung ergeben. Leichter in, deß hoste die königliche Familie den grossen Zweck zu erreichen , wenn sie nicht insgesammt an dem gleichen Orte eingeschlossen seyn würde. Prinz Rarl, des Königs ältester Bruder / brach daher nach Schonen auf, unter dem Vorwandc, der verwittweten Königin auf ihrer Rückreise von Berlin entgegen zu gehn. Prinz Friedrich Adolph, der andere Bruder des Königs, begab sich, unter dem Verwände einer Brunnencur, nach Ostgothland. Beyde Prinzen hatten daselbst ihre Regimenter, und wurden von denselben geliebt. IV. Nach sorgfältiger Vorbereitung , erregte nun die Besatzung zu Christianstadt unter Anführung ihres Kapitals Helichius ganz unvcrmuthct einen Aufstand, bemächtigte sich der Magazine, des Geschützes und der Vcstnngs- wcrker. In einem öffentlichen Manifeste schilderte sie die Stände des Reiches als ein Complot, welches sich zum Nachtheil des Volkes widerrechtliche Gewalt angemaßt habe, welches an auswärtige Höfe verkauft sey, und im Innern des Reiches den Handel und Bunstfieiß, Ordnung und Sicherheit störe. Der Beschluß des Mani- fcsts drang auf Abschaffung der aristokratischen Regierung und Wiederherstellung unbedingter Souverainität des Bönigs. Sogleich auf die Nachricht von dem Aufstand- zog Zog Prinz Barst zu Larstskron die Truppen zusammen, Und bemächtigte sich daselbst der Flotte, des Arsenals und der Magazine So wohl vor jeder Compagnie als auch den nächsten Sonntag von allen Kanzeln in Schonen ließ er ein räthselhaftes Manifest bekannt machen, aus dem man nicht wohl errieth, was für eine Parthey er eigentlich zu ergreifen gesinnt sey. Nach Zurücklaffung einer treuen Besatzung in Larstskron, zog er mit den übrigen Truppen nach Christianstadt. Zur gleichen Zeit übernahm seinBruder, der Prinz Friedrich , das Commando in Ostgorhland. V. Auf die Nachricht von dieser Revolution versamincl- ten sich der Senat und der geheime Ausschuß, und sie gaben dem Senator Funk und dem General Pecklin den Ansträg zur Zusammenziehung der Truppen lind Dämpfung des Aufruhrs. So zweydeutig auch das Manifest des Prinzen Baris war, so äusserten sie gleichwohl das größte Mißtrauen gegen die gcsammte königliche Familie. Aus Argwohn gegen die Regimenter in Stockholm, beriefen sie in aller Eile die Regimenter in Upland und Süder- Mannland nach der Hauptstadt. Die Stadt - Cavallerie, welche aus Bürgern bestand, liessen sie Wachen ausstellen, und den Senator Kalling, welcher als erster Minister be< trachtet wurde, ernennten sie, mit beynahe ganz unumschränkter Vollmacht, zum obersten Befehlshaber. Sie verlangtcn- von dem Bönige, daß er sich nicht aus Stockholm entfernen, und zugleich , daß er seine Brüder zurückrufen möchte. Bey den genommenen Maaßregeln zogen sie den König selbst nicht im geringsten zu Rathe. Er äusserte dem Scheine nach grosse Befrcmdung über den Aufstand, weigerte aber schlechterdings die Unterzeichnung der Vollmacht für die Abgeordneten, welchen man das Commando in Schonen auftrug. Ohne seine Einwilligung drückte der Senat auf diese Vollmacht das Siegel des Königs; Von den versammelten Reichsftänden wurden hernach alle ge- H irof. Iroffenen Verfügungen gebilligt. So unthätig und leidend der Röntg zu seyn schien , so verdächtig war er geworden. Auf einen von dem Prinzen Rarl erhaltenen Brief ließ er den folgenden Morgen, den 19 August, den Senat zu. sammen berufen, und beschwerte sich über die, ohne sein Zuthun, nach Schonen geschickte Befehle. Der Senat forderte die Vorzeigung des Briefs. Der Röntg verweigerte sie. Auf beyden Seiten wurde der Wortwechsel hitzig. Schon schrien einige Reichsrathe, man sollte sich dtr Persohn des Königs versichern. Der König zog den Degen, und machte sie durch seine Entschlossenheit so bestürzt , daß sie ihn ohne Widerstand aus dein Zimmer weggchn liessen. Er gieng einige Stufen der Treppe hinunter , kehrte aber geschwind wieder um, verschloß die Thür zu dem Zimmer, und steckte den Schlüssel zu sich. Sogleich berief er auf der Hauptwache die Officicrc zu. sammen, und beklagte sich über die aristocratifche Faction, unter welcher er und die ganze Nation seufzen. Wollet Ihr, fragte er, ein so schimpfliches Joch abwerfen, und die alte Freyheit wieder herstellen? Ja , schrien die Officiere und die Gemeinen , und auf der Stelle schwuren sie ihm möglichen Beystand. Der König band ein weisses Schnupftuch an seinen Arm, als ein Kennzeichen für seinen Anhang , und so gieng er im Begleite der Wache nach dem Zeughaus und der Admiralität, wo er mit gleichem Erfolge dieselben Maaßregeln nahm. Der Graf von Hessenstem und einige andere Befehlshaber, welche sich zu huldigen weigerten, wurden in Sicherheit gebracht. Als sich der Commendant der Stadt, Baron Rudbeck, von der Besatzung verlassen sah, lief er voll Wuth mit blossem Degen durch die Stadt, indem er überlaut schrie: „JhrBrüder, „ Schweden, zum Gewehr! zum Gewehr l Sonst ist eure „ Freyheit vcrlohren!" Ohne die geringste Unruhe aber wurde auch dieser Liebling des Volkes in Verhaft gebracht. Der König begab sich wieder in das Schloß, ließ die auswärtigen tigen Minister vor ssch kommen, und bat sie, ihren Höfen die Versicherung zu geben, daß dieser Vorgang, in seinem Betragen gegen dicftldcn, nicht das Geringste abändern werde. Gleich drauf schickte er Gegenbefehle nach Schonen , und bestätigte den Prinzen Karl in dem Commando der Truppen. In einer öffentlichen Erklärung machte er sich anheischig zur Unrerdrückyng der aristocratischcn Thran- ncy und zur Wiederherstellung der alten Verfassung, so wie sie vor dem 1 .16H0 gewesen. In einer andern Erklärung gebot er den Einwohnern, in ihren Häusern zu bleiben, und auf keine andern Befehle, als auf die steinigen zu achten. Den folgenden Morgen ließ er sich von dem Stadtrathe, von den Bürgern und von allen Collegien in Stockholm huldigen. Die Reichsrathe und Beamte, welche nicht ausschließend ihm allein huldigen wollten, wurden in enge Verwahrung gebracht. Es wurde ihnen angedeutet , daß sie entweder die neue Rcgierungsform beschwören, oder das Reich räumen sollten. Hiezu bekamen sie einen Monat Bedenkzeit. VI. Den folgenden Tag, den ar August, ließ der König die sämmtlichen Stände zusammen berufen. Ein starkes Dctaschement von der Leibwache besetzte des Morgens den Platz vor dem Ritterhause; der Pallast war anfallen Seiten von Truppen umgeben, und es wurden sogar Kanonen aufgeführt. Der König eröffnete die Scene damit, daß er, mit allen Regalien gejel-mückt, in den Saal trat, worauf er mit dem silbernen Hammer des Gustav Adolph das Zeichen zum Stillschw eigen gab, welches sonst von einem der Reichsräthe zu geschehen pflegte, von welchen aber jetzt keiner gegenwärtig war. Nachdem der König eidlich und fcycrlich auf alle willkürliche Gewalt Verzicht gethan hakte, ließ er den Ständen die neue Regierungsform vorlesen, dieses Stück bestand aus 57 Artikeln. Die vornehmsten waren: daß der König den Reichstag selbst wählen, daß H» er er berechtigt seyn sollte, die Stände zusammen zu berufen, wann es ihn gefalle, und sie eben so, nach Belieben, zu entlassen. Die Auflagen sollten von den Ständen bewilliget werden , wenn aber solches nicht innerhalb drey Monaten geschähe, so sollten die alten bleiben; im Fall eines feindlichen Ucbcrfalls oder einer dringenden Noth sollte der König Auflagen ausschreiben können, so lange bis sich die Stände versammeln; auf den Reichstagen sollten die Stande über nichts rathschlagen, als was der König jh, ncn vorlegen würde; die Armee, die Flotten, die Finanzen und alle bürgerlichen und militärischen Aemter sollten niemand als dem Könige allein unterworfen seyn. — Einmüthig nahm die Versammlung diesen Entwurf an. Nach Beschwörung desselben, zog der König ein Gesangbuch aus der Tasche, und stimmte das:— Herr Gott wir loben dich! — an, worinn ihm die ganze Versammlung folgte. Den folgenden Morgen erhielten alle alten Rcichsräthe schriftlich ihre Entlassung. Dagegen ernennte der König fünfzehn aus dem Rittcrstande zu seinen und des Reichs Räthen. Um das Volk desto weniger zu beunruhigen, änderte er wenig an den Namen und Formeln. Um es ganz zu gewinnen, theilte er Mehl unter das Volk aus. Den 2Z eröffnete der Reichstags » Marschall das Plenum mit einer langen Rede zum Lobe des Königs. Die Stände wetteiferten in der Ergebenheit, und hatten kein anderes Geschäft, als die Vollziehung der königlichen Befehle, die Forderungen des Rönigs gicngcn auf Bcstätl- gung der gewöhnlichen Abgaben und auf eine ungewöhnliche Beysteuer zur Bestreitung der Bcgräbniß- und der Krönungsunkosten für den Verstorbenen und für den jetzigen König. Auch wurde ein geheimer Ausschuß aus den drey Klassen der Stände verordnet, mit welchem der König die etwa nöthigen Verabredungen zu treffen berechtigt seyn sollte. Endlich wurde mit der Bank eine neue Einrichtung gemacht. Den 9 Sept. entließ der König die Stände des Reichs. VII. In. , Inzwischen war der König nicht müssig, die innere i Regierung des Reichs solchen Händen anzuvertrauen, auf i welche er sich vollkommen verlassen konnte. Prinz Rarl ward zum Herzog von Südcrmannland und zum Statt- - Halter der Provinzen Schonen, Holland, Blcckingcn, Bo- ! hus-Lehn und Smaland ernennt; Prinz Lriedrich Adolph ! zum Herzog von Ostgothland und zum Statthalter von Finnland; die Rönigin Mutter zur Statthalters der deutschen Provinzen ; der Capital» Hellichius erhielt den Adelstand und ein eigenes Regiment; die Officiers von ^ der Garde wurden mit dem neucnOrden des meisten Bandes beehrt, zum Andenken des meisten Schnupftuchs, welches der König bey dem Anfang der Revolution um den Arm , gebunden hatte. Allerdings merkwürdig ist es, daß we- , der während dieser grossen Veränderung noch nachher i nicht ein einziger Tropfen Blutes vergossen worden. *) s i Schwedische *) Die ausführliche Geschichte der Schwedischen Revolution lieferte Eheridm. rr8 Schwedische Unruhen im Jahr 1788 und 1789. l. Ä^an erlaube, daß wir auf die erste Veranlassung derselben zurück gehen dürfen : Nach dem Tode Rarls XIII. benutzten die Grossen des Reiches die allgemeine Verwirrung , und erhielten von seiner Schwester und Nachfol, gerin , Ulrika Elconora , eine fcycrliche Akte, vcrmög deren sie auf unumschränkte und erbliche Souverainität Verzicht that. Zugleich vereinigte sie sich schon im 1 .1719 mit dem Senate zur Wiedcreroberung der gegen Rußland verlohrncn Provinzen: Allein im I. 1721 zwang Rußland Schweden zu dem Nystädterfrieden. In diesem Frieden fielen Liefland / Estland , Jngcrmannland , ein Theil von Carclien, wie auch Wiburgslehen in Finnland unter russische Bottmässigkeit. Dagegen verpflichtete sich Rußland in dem Artikel: „Daß es sich in die innern Angelegenheiten von Schweden , wie auch in die Regierungs- „ form und Successionsart keineswegs einmischen wolle. " Von Zeit zu Zeit handelte das russische Ministerium diesem Artikel entgegen. Die Verletzung desselben gab Schweden im I. 1741 mit als eine Ursache des Kriegs an. In dem nachherigen Kriege ließ die Rayserin von Rußland eine Erklärung an die Sinnländer ergehen, deZ Inhalts: „Daß man russischer Scits zur Unterstützung der „ Finnländcr bereit sey, wofern sie sich von Schweden los- „ reissen und einen unabhängigen Staat ausmachen woll- „ ten." Noch deutlicher äusserten sich die Absichten von Rußland im I. 1749. Auf das Gerüchte, daß man in Schweden dem Könige mehr Gewalt, als bisher , einzu-, räumen räumen geneigt sey , protestirtcn gegen eine solche Abän» derung so wohl Rußland als Dänemark. Ohne Zwei. ftl schmeichelte sich Rußland , bey einer vermischten Regicrungsform in Schweden mehr Einfluß auf das Innere des Reiches zu haben, als bey einer ganz unum. schränkten Monarchie. Da der König in Schwede» , Gustav III, diese letztere zu behaupten gesinnt war, so benutzte er jede Gelegenheit zur Schwächung von Rußland. Der Zeitpunkt, als sich die russische Rayserin ganz mit dem türkischen Rriege beschäftigte, schien in dieser Rücksicht der günstigste Zeitpunkt für Schweden. Schweden besaß Haares Geld, und dieses mangelte Rußland lind Dänemark. Ucberdics wurde Schweden mit etwas Geld aus der Türkey unterstützt. II. Im I. 1788 erklärte Gustav III. der Rayserin den Krieg, und zwar in einem Tone, wie man ihn in neuern Zeiten unter gekrönten Häuptern nicht mehr gewohnt war. Die schwedische Flotte schlug sich dapfcr, aber nicht entscheidend. Mit der Flagge eines eroberten Schiffes wurde Komödie gespickt. Es wahrte nicht lange, so wurde die schwedische Flotte eingesperrt, und das Landheer bekam eine Schlappe. Die Rayserin forderte die vertragsmässige Hilfe von Dänemark, und erhielt sie. Schon war das. dänische Heer dichte vor Gothenburg und Gustav III. eilte hin, die Bürger dieser Stadt, an der sein Wohl hieng , zu bewaffnen. Die Bürger schlugen es ab, weil sie ihr Eigenthum nur dann in Gefahr setzten, wann sie sich wehrten. Die Bauren hingegen, die der König, der größte Redner von Schweden, durch seine Predigten rührte, und die er des Vaterlands Stützen und seine Brüder nennte, ströhmtcn ihm zu. Der Senat gerleth in Verwirrung. Ein Theil des Adels schrie, daß der Krieg ohne Einwilligung des Senats unternommen worden, und daß nach nach den Rcichsgcsetzen der König ohne solche Einwilligung keinen Offensivkrieg anfangen dürfe. Ein Theil Lss schwedischen Heeres in Finnland weigerte dem Könige den Dienst. Im Namen, der übrigen Befehlshaber wendete sich der General Baron Arinfeldt unterm 8 . December 1788 mit folgendem Schreiben an die Kayserin von Rußland; „ Da wir den Auftrag erhalten hatten , über r» die Gränze zu gehen, so nahmen wir die von den russischen „ Truppen gutwillig verlassenen Standplätze ein. Wir „ thaten es , ohne zu wissen, was Hiebey die Absicht war. Erst unter den Mauren von Friedrichshamm erinnerten 2, wir uns, daß dieser Schritt gegen die Gerechtsame der 2, Nation gerichtet sey. Sehr verwickelt fanden wir itzt um „ sere Lage. Um unsere Pflichten sowohl wie Mitbürger „ als wie Soldaten zu erfüllen, glauben wir das rechte 2, Mittel gefunden zu haben, wenn wir Ew. Majestät „ versichern, daß der allgemeine Wunsch der Nation, be- 2, sonders der Finnischen, dahin geht, daß zwischen Ruß- „ land und Schweden ewiger Friede seyn möge. Zu „ diesem Ende hinschlagen wir Ew. Majestät fußfällig vor, 2, unserm Reiche die Gränzen wieder zu schenken, welche „ dasselbe vor einem halben Jahrhunderte, (vor dcm Acboi- „ sehen Frieden im I. 174z,) umschrieben. Damit wir „ erfahren, in wiefern eine Unterhandlung mit den schwe- 2, dischcn Reichsständcn möglich sey, senden wir den Ma- „ jor von Iagerhorn ab, u. s. w." — Durch diesen Major schickte die russisch? Rayserm der finnischen Armee folgende Antwort: „ In Betracht der gegenwärtigen kriti. „ schen Lage der Sachen müssen alle diejenigen, die mit ,, Rußland in Unterhandlung eintrettcn wollen, sich in eine „ Gesellschaft vereinigen, welche gesetzliche Autorität haben „ kann, alles schließlich abzuthun. Der General Musin- „ Puschkin, der die russische Armee in Finnland com- „ mandiert, wird in der Absicht bevollmächtigt, sie nicht allein bey dieser Vorbereitung zu schützen, sondern auch, wenn „ wenn sie zahlreicher vereint sind, die Deputierten der fi„- „ irische» Armee zu empfangen. Vorher aber verlangt die „ Kayserin, daß alle eigentliche Finnische Regimenter sich » aus ihrcin Lande znrüekzichn. Im Falle, wie zu besor- gen ist, daß sich der König von Schweden widersetzen „ sollte, würde es für die russischen Truppen eine Noth- „ wendigkcit seyn, in Finnland selbst einzubrechen. Als» „ dann aber sollen sie die russischgesinnten Finnlander „ nicht nur verschonen, sondern auf alle mögliche Weise „ beschützen." III. Dieser Verwirrung konnten die Höfe von London und Berlin keineswegs gleichgültig znsehn. So wohl jener als dieser schickten Gesandte nach Gorhcnburg. Es gelang ihnen, einen Waffenstillstand zu treffen. Während desselben aber nahmen die Schrvcden einen Transport norwegischer Böte weg. Auf den Böten hatte man einen Kasten mit chirurgischen Instrumenten gefunden. Sie wurden aufs Rathhaus gebracht, dem Volk vorgewiesen, und unter feierlichen Deklamationen als Werkzeuge dcx Tortur ausgeführten, welche die Dänen hergebracht hätten, um die Scenen Christierns II. in Schweden zu erneuern, Aller Bemühungen ab Seite der preussischen und englischen Vermittler ungeachtet, yermchrte sich die Verbitterung. IV. In ganz Schweden und selbst in Finnland entschlossen sich der gesummte Bauerstand, und zum Theil auch der Bürgerstand und die Geistlichkeit zur Unterstützung des Königs bey Fortsetzung des Krieges. Was vermag unter solchen Umständen der Ritterstand ? Von den Officieren, welche sich an die russische Kayserin wendeten, sind bereits der General Baron v. Arinfcldt, der Brigadier Hastsehr, die Obersten von Montgommcry< von Otter, 122 von Stedingk, Hästesko, Leyoristädt, Klingsparre, u. a. in Verhaft genommen, und aus Finnland nach Stock- holm versetzt worden. Einige retteten sich mit der Flucht. V. Den 2. Fcbr. 1789 versammelte sich, nach den Ge- sezmässigenvorgangigen Umständen der Wahl der Dcputirten, der Sprecher der IV- Stande,», s. w. zu Stockholm der schwedische 2 -eichstag. Anstatt des Militairs, formirtcn dermalen die Bürger selbst die Wackcn und Reihen. DaS Volk begleitete den König mit Jubclgcschrey nach der Kirche, und von da nach dem Reichssaalc. Den 21. Febr. legte der König dem schwedischen Reichstage eine neue Lonstitutionsacte vor. Vermög derselben wurde nicht nur die Regierungsform vom 21. August 1772. bestätigt , sondern noch überdieß dem Monarchen das Recht ertheilt, Kriege zu führen und Bündnisse zu schlichen. Diese Acte unterschrieben sogleich die drey Stände, der Priester, der Bürger und der Bauren. Zahlreich hingegen widersetzten sich der Unterzeichnung die Glieder des Adels. VI. Während den Kriegesunternchmungen gegen Dänemark hatten der Baron von Benzenstirma , Obrist - Lieutenant bey der schwedischen Marine, und der Hauptmann O'Brie'n den Anschlag gefaßt, die dänische und russische Flotte im Hafen von Kopenhagen verräthcrischcr Weise im Feuer aufgehen zu lassen, allein sie wurden entdeckt, und, ungeachtet aller Bemühungen des schwedischen Gesandten , in Kopenhagen selbst arrestirt. VI. Staats- VI. Staatsunruhen i n Dänemark in den Jahren 1771 und k??r. , , . . . ., n . — , . > -— Staatsunruhen in Dänemark in den Jahren 1771 und 1772. *) I. König Christian VH, kam zu Anfange des Jahres -769 von feinen Reisen zurück. Verführer bemächtigten sich seiner, und er richtete sich in allen Arten von Ausschweifungen zu Grunde. Bey feiner Zurückkunft fand er die königliche Familie durch Zweylracht zerrissen, und den Hof in Partheyen getheilt. Die beyden verwittwctcn Königinnen , Sophia Magdalena, Großmutter, und Iuliana Maria, Stiefmutter des Königs, waren der regierenden Königin, Carolina Mathilda, ganz abgeneigt. Diese letztere, eine Prinzessin von England, war Mit allen Reihen der Jugend und Schönheit nach Kopenhagen gekommen; ihr ganzes Wesen athmete so viel Lcut. ^ seligkcit, und ihr feelvollcr Blick so viel Liede und Wohl- , wollen , daß sie das Volk bezaubcrte. Mit innerlichem Mißmuthe wurde dieses von der königlichen Stiefmutter Julian« bemerkt. Sie wußte, daß der König schon in dem zartesten Alter den gehässigsten Verdacht auf sie' warf, : und daß er nicht ohne Eifersucht die Vorliebe sah, die sie i ihrem eigenen Sohne, dem Prinzen Friedrich , gab. Wirklich verwies er sie mit diesem auf das Schloß Friedensburg. Die junge Königin wurde der Gegenstand ihres Neides und ihrer Erbitterung. Sie tröstete sich durch die Zärtlichkeit des Gemahls, durch die Bewunderung des Hofes, und durch die Lustbarkeiten, woran sie den lebhaft testen ') Auihent. Geschichte von Skruensee und Brand- >7»». 126 testen Antheil nahm. Die Liebe des Königs, die nur Wohltust war, begann zu erkalten ; die Ehrerbietung des Hofes nahm ab ; die Lustbarkeiten verlohrcn durch Wiederholung den Werth. So wurde die junge Königin sehr bald gleichgültig gegen den Gemahl, erbittert gegen die Stiefmutter, mißtrauisch gegen die Höflinge. Bey ihrer Leb. Haftigkeit konnte sie ihre Gesinnungen wenig verbergen. II. Während der Verwirrung erhob sich allgemach, unter bem stillen aber desto sichrem Schutze eines besondern und vertraulichen Umganges mit dem Könige, fein Leibarzt Gtruensee. Johann Friedrich Strucnsce ward im I. i?;? zu Halle gebohren. Sein Vater stand damals als Pfarrer bey einer der vornehmsten Kirchen der Stadt. Im I. 1757 erhielt er einen Ruf nach den deutschen Staaten des Königs in Dänemark, und er wurde Generalsuperinten- dent in Schleswig und Holstein. Der junge Slruensee genoß eine gute und gelehrte Erziehung. Die Natur gab ihm eine angenehme Gestalt , einen feinen Verstand, einen feurigen Geist, aber mit den glücklichen Gaben vermischte sie zugleich auch gefährliche. Frühe schon bemerkte man an ihm einen unternehmenden unruhigen Geist und den unbändigsten Ehrgeitz. Ueberdies hatte er zu viel Hang zum Vergnügen und eine zu freye Denknngsart. Als Doktor der Arzneykunst begleitete er seinen Vater nach Alton«. Hier erwarb er sich die Freundschaft des Grafen von Ran- ;au- Aschberg und von Brandt. Die Frau von Bcr« kenthien, Gemahlin des ehmaligen Obristhofmeisters Friedrichs V. empfahl ihn bey Hofe. Im I. 1768 ward er zum Leibarzt und zugleich zum Begleiter des Königs für seine bevorstehende Reise ernennt. Anfangs sah ihn die Königin ungern; sie mußte es aber dulden, daß ihn der König öfters zu ihr führte. Struensee blieb nicht nur in den Schranken der Ehrfurcht, sondern schien innig gerührt, ; rührt, daß er so vielmal gezwungen wurde, die Königin , durch seine Gegenwart zu beleidigen. Dieses Betragen vcr, i minderte ihren Widerwillen gegen ihn; sie gewöhnte sich ( an seinen Umgang, und in kurzer Zeit begegnete sie ihm mit einer Gnade, die nicht lange unbemerkt blieb. Im May 1770 bekam er den Auftrag, dem Kronprinzen die ^ Blattern einzuimpfen. Zugleich erklärte die Königin, daß > er auch nachher seine Erziehung besorgen sollte. Nach glück- i lichem Erfolge der Einimpfung wurde Struensee zum Con- fcrenzrath und Vorleser des Königs und der Königin mir einem Gehalte von 1502 Thlr. ernennt. Während der Einimpfung hatte er die Königin ganz zu seinem Vortheil gewonnen. Aus zärtlicher Sorge für ihren Prinzen bc« sorgte sie ihn selbst; sie selbst wachte bey ihm. In diesen mütterlichen Verrichtungen mußte ihr Struensee bcysiehn. Dieses vcrschafte ihm Gelegenheit, viele Stunden in ihrer ! Gesellschaft zuzubringen. Seine Unterhaltung war lehr« ! reich und angenehm, und sein ganzes Wesen hatte etwas r Anziehendes. Ihre Gespräche wurden immer vertraulicher ^ und wichtiger. Sie eröfnete ihm ihre geheimsten Plane t und Wünsche. Er wiedmcte sich gänzlich ihren Entwürfen, i Die erste Folge davon war der Stur; des Grafen von ! Holk. Die andern Minister erwachten aus ihrem Schlummer, und sie dachten auf Struensee's Entfernung. Man fieng an über dessen Vertraulichkeit mit der Königin muthr willige Anmerkungen zu machen. Gegen ihn verband sich mit den Ministern der russische Resident Philosophow. Philofophow halte gegen ihn versöhnlichen Groll wegen einer Liebesintrigue, überdies wußte er, daß er den König ; von seiner Abhängigkeit vom russischen Hofe los machen 'wollte. Umsonst hetzte der russische Minister den alten Bernstorf gegen den jungen Günstling auf. Dieser verstärkte seine -Parthey oder die Parthey der Königin da. ! durch, daß er den Kömg zur Zurückberuffung des Herrn von Brandt und des Grafen von Ran;au beredete^ Schon Schon damals bemerkte man an dem König einige Vor« boten des traurigen GemüthSzustandcs, worein er nachher verfiel. III. Seine Gefälligkeit gegen die Königin und gegen Struensee artete in eine Nachgiebigkeit aus, welche die größte Schwache verrieth. Unter solchen Umständen vergaß die Königin nur zu oft die Schonung des Anstandcs; ihr gutes Herz machte sie vor der Welt unbesorgt, und ihre jugendliche Lebhaftigkeit riß fie über die Schranken der Sittsamkeit. Ausser Holk und seiner Schwester, der Frau von der Lühe, Oberhofmcisterin der Königin, erhielt nun auch Bernstorf seine Entlassung. Gleiches Schicksal traf wenige Zeit hernach auch Thott, Lauerwig, Rosenkranz, und jeden, der Struensee'n im Wege stand. Man ernannte niemand zu der Stelle eines Ministers der auswärtigen Geschäfte. Die fremden Gesandten mußten sich in den Angelegenheiten ihrer Höfe an den König selbst, das ist, an Struensee, schriftlich wenden. Hierüber wurde der russische Gesandte äusserst aufgebracht, und auf seine Bitte berief ihn sein Hof nach Rußland zurück. Wenigstens um des äussern Anstandcs willen bedurfte der König einen neuen Minister der auswärtigen Geschäfte. Auf der Königin und Strucnsec's Veranstaltung wurde hiezu der Graf von Osten ernennet, und dieser spielte eine sehr zwcydeutige Rolle. IV. Ends des I. 1770. brachte es Struensee dahin, daß der König mit eigenhändiger Unterschrist den geheime» Staarsrath aufhob, und an dessen Stelle eine geheime Lonferenzcommission errichtete, die aus den Häuptern der verschiedenen Departements bestand, aber deren Gewalt sehr eingeschränkt war. Die Abschaffung des geheimen Staatsrathcs war Struensee's Hauptstreich. Dieser Staats« rath war sonst das ansehnlichste Corps der Nation, und s ihm gebührte vermög der Capitulation Friedrichs III. die k Lhcilnehmung an der Regcntenschaft bey der Mindcr- l jährigkeit der Könige. Zuletzt entließ man auch noch den , Grafen von Ahlfeldt, und seine Stelle als militairischer ^ Statthalter bekam der Obrist Surne, ein Mann, von >! dem Strucnsec nichts zu besorgen hatte. Nun wurde alles ! von dem Könige, oder vielmehr von seinen Rathgcbern cnt- k schieden. Die höchste und unumschränkte Gewalt hieng von l einer Königin von 20 Jahren, von dem Glücksritter Struensce , und von ein paar andern leichtsinnigen Jünglingen ab. V. Und in was für Umständen befand sich eben damals Dänemark? Bisher wurde dieses Reich von Aussen : durch die Höfe von Versailles und Petersburg, und ^ durch die Richtung der schwedischen Angelegenheiten gc. ' leitet. Von Innen hatten die Minister dem Könige die ! Kenntniß der Geschäfte entzogen, und unter ihnen selbst s herrschten Mißtrauen und Zweytracht. Nunmehr gieng in k Ansehung der auswärtigen Politik Struensee's Plan vor- k züglich dahin: Das Reich von dem drückenden Einflüsse f Rußlands zu befreyn, ohne jedoch die Verbindung mit ' dieser Macht zu zerreissen. Ohngeachtet er mit Schweden ' und Frankreich in gutem Vernehmen zu stehn bemüht war, so befolgte er doch überhaupt den weifen Grundsatz, daß der Hof von Kopenhagen bey dem Verkehr mit andern Höfen sich auf Neutralität einschränken, und nichts anders als den dänischen Handelsvortheil im Auge haben müsse. 7 In Ansehung der innern Politik gab sich Struensce allzusehr bloß, daß er ausfchliessend der Beherrscher des Bönigs seyn wollte. Seine Hauptentwürfe betroffen das Finanzwesen, das Seewesen und die Verbesserung der Justiz. Auch bey dem Militair besonders hatte er kühne Veränderungen gewagt. Die vielen und beträchtlichen Reformen setzten eine Menge Menschen ausser Brod, und erregten Geschrey gegen den Reformator. Was half es ihm, daß er die Bauren begünstigte, wenn er durch Ein- schränckung den Adel erbitterte l I VI. Den i;o VI. Den 7 Heumonat 1771 war die Königin mit einer Prinzessin niedergekommen. Diese Niederkunft veranlasste sehr ärgerliche Spöttercyen, und zwar selbst zu Frie« -ensburg, wo sich die verwitwete Königin mit dem Prinzen Friedrich aufhielt. Diese Spöttercyen drangen bis zu dem Ohre der Königin und beunruhigten sie. Voll Acngst- lichkeit entdeckte sie einer vertrauten Hofdame, dem Fräulein vsn Luden, wie sehr sie die Folgen solcher Nachreden befürchte. Mittlerweile erhielt Struensee den gräflichen Tirtel, und mit ihm sein Freund Brandt. Noch nicht befriedigt, ließ er sich den 14. Heumonat zum geheimen Labinets- minifter erklären. Bey solchem Ansetzn glaubte er alle Schmähreden und Spottschriften verachten zu können. Die preßfreyheit aber, die er selbst begünstigte, schleu. derte gegen ihn die giftigsten Pfeile. Unvermerkt verlohr er den Credit bey dem Volke. Unter andern äusserten die Matrosen durch trotzige Forderungen ihren Unwillen, und Struensee's Nachgiebigkeit verrieth seine Furcht. Die > bemerkte Furcht belebte die Hoffnung feiner Gegenparthey zu Friedensburg. Voll unruhiger Ahnungen warf sich Struensee zu den Füssen der Königin, er goß vor ihr seine Dankbarkeit und seinen Schmerz aus, und bat sie inständig um die Erlaubniß einen Hof und ein Land zu verlassen, wo ihn allgemeiner Unwille verfolge. Noch lebhafter stellte er ihr ihre eigene Gefahr vor, wenn sie ihn zu bleiben nöthigte. Die Königin verwarf seine Vorstellungen mit eben so viel Feuer, als er sie gethan hatte. ,, Bleiben „ Siesagte sie endlich, „ oder sie zwingen mich zu einem „ Schritte, welcher mein Schicksal oder mein Verderben „ entscheiden wird." Er kannte ihren Muth; er zitterte, und fügte sich ihrem Willen. Gegen die bisherige Gewohnheit ließ er die Wachen verstärken; die norwegischen Matrosen schickte er in größter Eile nach Hause; ganz unerwartet erwartet suchte er die Gunst des russischen Hofes; in dem Innern des Reiches bewies er merkbare Unentschlosscnheit; angefangene Unternehmungen gab er auf; angesetzte Ent, lassungen nahm er nicht vor; den Ton der Verordnungen milderte er; er tiebkosete Leute , die er erst noch verachtet hatte.Vvr allem aus aber ließ er denKönig nie aus demAuge. Bey der späten Iahrszeit waren die verwirrwete Rönigiir und der Erbprinz nach der Stadt zurück gekehrt : die Rönigin und Struensee aber getrauten sich nicht, von dem Lustschlossc Hirschholm dahin zu folgen; fie beredeten also den König, das nahe bey der Stadt liegende Schloß Friedrichsburg zu beziehn. Bevor sie sich an einen Ort wagten, wo nun alle ihre Feinde zusammen flössen, wollten sie noch vorher die königliche Leibwache zu Fuß abgeschafft wissen. Wirklich wurde die Abschaffung derselben durch den Cabinetsbefehl vom 21. des Christmonats beschlossen, und zween Tage darauf vollzogen. Bey der Ankündigung durchlief die Glieder des Re- . giments ein drohendes Murren, und mit schrecklichem Geschrey traten sie aus einander. Eilends berief man die benachbarten Wachten herbey, und schickte sie den Ent. lasscnen nach. Nun hatte ihr Zorn keine Schranken mehr; sie giengen mit entblößten Säbeln den Pikcts entgegen, fielen auf sie mit flammender Wuth , warfen sie über den Haufen, und von allen Seiten floß Blut. Das bebende Volk floh vor den Wüthenden, und niemand durfte sich dem Kampfplätze nähern. Man gab Befehl zur Bewaffnung der Besatzung; man kämpfte von neuem. Eine Compagnie eilte geradezu nach Friedricheburg, wo der Hof sich aufhielt. Die übrigen verschanzten sich auf ihren Posten bey dem königlichen Schlosse. In aller Eile setzt Struensee ein Decret auf, wodurch der König den Miß. vergnügten in Allem nachgiebt. Mit Ungestüm verlangten diese, den König selber zu sehn, und sie verbinden sich durch die schrecklichsten Schwüre, eher zu sterben, als ein, ander zu verlassen. Endlich um 1 Uhr des Morgens ga. I r den den sie/ besänftigt, die Waffen zurück, und gierigen aus, einander, aber nur nachdem ihnen ihre Forderungen alle mit der eigenhändigen Unterschrist des Königs gewährt worden waren. Den andern Tag in der Frühe riefen ohn- gcfähr Vierhundert in allen Strassen ihren Mitbürgern einrührendes: Lebewohl! zu, und dieser Auftritt machte einen grossen Eindruck auf das Volk; es lief überall zusammen; die Bürger warfen den abgedankten Soldaten Geld zu, und trösteten fie. Die Matrosen schweiften herum, und verbreiteten wildes Geschrey. Das Getümmel erhitzte die Gemüther; man hörte überall Klagen und Flüche, und alles drohte Empörung. Der Generalmajor Gude, Commendant der Stadt, von vielen Officicrs begleitet, erschien zur Beschwörung des Tumultes, aber man riß ihn vorn Pferd in den Koth. Die Officiers wurden gemißhandelt, einige verwundet. Erst gegen Abend legte sich die Volkswuth. Gern oder ungern , kehrte Struensee mit dem Hofe nach der Stadt zurück. Seine kriegerische Vorkehrungen um das Schloß her verriethen Aengstlichkeit, und erhöhrcn den Muth der Gegcnparthey. Die verwittwete Röni, gin fand einen Anhänger, der ihrem Plan Zusammenhang und Kraft gab. Dieser Mann war der Obrist Röller. Er schwur dem Minister, wegen einer Beleidigung desselben gegen seinen Freund, den unversöhnlichsten Haß. Ausser Rollern versicherte sich die Königin Mutter auch noch des Grafen von Ranzau, der seit einiger Zeit mit Strucn. see'n entzweyt war. Zum dritten Anführer der Verschwörung wählte sie den Obrist Eichstädt, einen Mann von mittelmässigen Eigenschaften, aber wichtig als Befehlshaber der Dragoner. ^ ^ ^ Der 17. Tag des Jahrs ,772 wurde zur Ausführung des Vorhabens bestimmt. Ein Ball bey Hofe erleichterte den Anschlag. Um 1. Uhr nach Mitternacht tanzte die junge Königin Mathilde noch mit dem Prinzen Friedrich, und ihre vornehmsten Anhänger halten noch Hie Eh", mit dem dem Könkge zu spielen. Der Ball hatte ein Ende; jedermann eilte zur Ruhe; die Glocke schlug drey; eine öde Stille herrschte im Schlosse. Der Obrist Böller geht zu den Wachen, nimmt die Ofsiciers mit sich, führt sie in das Wachthaus des königlichen Schlosses, erklärt ihnen, daß er von dem Könige den Auftrag habe, die regierende Rönigin und ihre Günstlinge in Verhaft zu nehmen, und befiehlt ihnen, ihm zur verwittrveten Bönigin zu folgen. In der Betäubung dachte keiner von den Offi» cicrs daran, sich den Befehl des Königs vorweisen zu lassen. Böller begab sich mit seinem Gefolge zu der ver, wittweten Königin. Zu gleicher Zeit trafen bey ihr der Prinz Friedrich, der Graf Ranzau und Guldberg, des Prinzen geheimer Secrctair, ein. Inzwischen bewaffnete der Obrist LichstLdr feine Dragoner, stellte sie um das Schloß, verwehrte jedermann den Eintritt, und machte sich bereit zum Empfang der Gefangenen. Böller eilte nach dem Quartier des Grafen Srucnsee. Die ver. wittwete Bönigin, der Prinz Friedrich, der Graf Ranzau, und der Secretair Guldberg begeben sich zum Schlafzimmer des Bönigs. Man läßt ihm keine Zeit, zu sich selbst zu kommen. Mit Gewalt will er aufstchn; mit Gewalt hält man ihn ab. Die Angst überwältigt ihn, mit zitternder Hand unterschreibt er die ihm vorgelegten Befehle, und Ranzau eilt zur Vollziehung derselben. Ohne den Befehl zur Verhaftnehmung zu erwarten, war Böller zu dem Minister getreten. Der schwache Srruensee ^ gab der Gewalt nach, und wurde auf die Citadelle in das Gefängniß gebracht. Sein älterer Bruder, wie auch der Graf Brandt, der General Göhler und dessen Gemahlin, der Obrist Falkenschiolb, der Leibarzt Berger, der General Gude, Commendant der Stadt, der Baron von Bülow, der Staatssecretair Zöga auch einige andere Anhänger des Struensee wurden nach einander und in aller Stille gefangen genommen. Der Graf Ranzau begab sich müdem Obristen Lichstädt und verschiedenen Officiercn zu zu der regierenden Rönigin. Aeusscrst unruhig ruft sse ihren Cammerdienerinnen: „ Geschwind laust zu Struen- see:" Man berichtet ihr aber seine Gefangennehmung: „Verrathen, verlohren, auf ewig verlohren!" schreyt sie init heftigem Schmerz. Dann geht sie selbst den Ver. schwornen halb angezogen und entschlossen entgegen. „ Ehe ich den König gesehen habe, rief sie, ergeb' ich „mich nicht. Laßt mich zu ihm; ich muß, ich will mit „ ilim reden!" Ranzau hält sie auf, und verwandelt seine Vorstellungen in Drohungen. Sie schreyt um Hilfe; niemand kömmt herbey. Ganz allein unter bewaffneten Leu? tcn, von Verzweiflung hingerissen, läuft die unglükliche Fürstin zum Fenster, bereit, sich hinunter zu stürzen. Ein Officier ergreift sie; sie packt ihn bey den Haaren, reißt ihn zu Boden, und kämpft mit gleichem Muthe gegen einen zweyten. Kraftlos fiel sie endlich in die Armen eines andern. Ranzau führte sie zu dem Wagen. Zween Of- ficiere stiegen mit ihr ein, und der eine mit entblößtem Degen. Nur eine ihrer geringsten Dienerinnen begleitete sie. Dreyßig Dragoner umringten den Wagen; ihm folgte ein andrer, und darinn die kleine PrinzcM, Louise, eine Hofdame und eine Amme. Bey der Thüre ihres Gefängnisses in dem Schlosse Kronenburg erwachte die Königin aus der Betäubung. „ Gott!" — rief sie heftig aus, „ es „ist um mich geschehn; mein König verläßt mich! „ Man schleppte sie in ihr Schlafzimmer. Sie hört die Stimme 'ihrer Tochter, und fliegt zu ihr: „Auch du hier? Un, „ schuldiges liebes Geschöpf! O so ist deine arme Mutter „ nicht ganz unglücklich! " Ein wohlthätiger Thränen- strohm erleichterte ihr gepreßtes Herz. VIII. Die triumphirende Verschwörung that hernach alles , um so wohl das Volk als den Röntg in Schlummer zu wiegen. Das Geschehene, glaubte dieser, sey mit dem willen des Volks geschehen; das- Volk ließ sich bereden, daß Alles auf Vefehl des Rönigs veranstaltet i staltet worden. So wohl das erkaufte Geschrey der Matrosen auf den Strassen als die bestochenen Predigten auf der Kanzel billigten die gemachten Verfügungen. Der Graf Osten eröffnete sie den auswärtigen Gesandten, ; und that ihnen im Namen des Königs die Erklärung, i daß der ganze Vorgang nur das Innere der königlichen i Familie beträfe. Reith der englische Gesandte, begnügte sich mit ernsthafter Warnung, daß man sich ja nicht an l der höchsten Persohn der Königin Mathilde vergreiste. Zu. k gleich schickte er durch einen Eilboten Nachricht nach Eng« land. Mittlerweile suchten die verwittwete Königin ! und der Prinz Friedrich jeden ihnen nachthciligen Schritt ! des Königs unkräftig zu machen. So wohl an den Gou- s vcrncur von Kronenburg als überhaupt an alle Gerichte ! und Aemter stellten sie gemessenen Befehl aus, jede Unterschrift des Rönigs unbefvlgt zurück zu senden, wo. § fern eine solche nicht zugleich mit den gewöhnlichen Hand« ^ zeichen des Gtaatsratho begleitet seyn würde. Der Vor- ? wand war, damit nicht irgend ein Betrieger die Unter- ^ schrift des Königs mißbrauchen und nachahmen möchte. ! ix. Neue Commissaricn waren unterdessen zu ° gerichtli« chem Verhöre der Gefangenen niedergesetzt worden. Struensce, sein Bruder und Graf Brandt wurden in Ketten gemorsten. Der Obrist Falkensthiold schmachtete in dumpfigem Kerker. Der Stadtkommendant Gude, den man nur aus Beforgniß, daß er die Besatzung bcwaf-- nen möchte, eingesperrt hatte, wurde seines Arrestes entlassen. Verschiedene Persohnen wurden theils der Stadt, i theils des Landes verwiesen, der englische Gesandte erklärte in Kraft der von seinem Hofe erhaltenen Briefe, daß er Kopenhagen verlassen werde, so bald man ein Ehescheidungsurtheil über Mathilden aussprechen würde. Es wurde beschlossen, daß die Sache der Königin von dem Pro - ^ zcsse der übrigen Gefangenen gesondert, insgeheim geführt, l und in den Akten dem englischenHofc mitgetheilt werden sollte. § Beym Beym Verhör verließ die Standhaftigkeit den Grafen Gtruensee bald, allein der Graf Brandt und der Leibarzt Bergcr zeigten immer ruhige Geistesgegenwart. Nach wiederholten und sehr unrcgelmässigcn Untersuchungen waren die vornehmsten Punkte der Anklage gegen Stru- ensee folgende: e. Ein entsetzlicher Anschlag gegen die Persohn des Königs. 2, Das Vorhaben, Se. Majestät zur Entsagung der Regierung zu zwingen. ;. Sein Umgang mit der regierenden Königin. 4. Seine Methode bey der Erziehung des Kronprinzen. 5. Sein entscheidendes Anschn, und die Art, wie er dasselbe mißbrauchte. Die beyden erstem Punkte waren ohne Grund; mantraute sich auch nicht, ste in die endliche Hauptanklage bringen zu lassen. Strucnsee müßte der thörichtste Mensch von der Welt gewesen seyn, wenn er auf die Persohn und die Gewalt eines Königs, der ja die einzige Stütze seines An- schns war, den mindesten Anschlag gemacht hätte. Der dritte Punkt der Anklage ist wol der einzige, wodurch er sich in Verdacht stürzte. Unter den Schmerzen gebeugt, durch angedrohte Peinigungen erschreckt, durch bedenkliche Fragen in Verwirrung gesetzt, vielleicht auch durch die Hoffnung, daß das Gcständniß ihn rettete, verführt, legte er den 21. Februar in der Beängstigung des Gemüthes ein Gcständniß ab, wodurch er die Ehre der Rö- rUgin aufs anstößigste beleidigte. Dieses Gcständniß war «in neues Verbrechen, welches gegen ihn alle cdeln Seelen empörte. Die Hauptbeschuldigungen gegen den Grafen Brandt waren auf der einen Seite seine Ergebenheit gegen Strucnsee, auf der andern Seite ungezogenes Spiel mit dem blödsinnigen König. X. Den 9 März begann vor vier Commissarien das Verhör der Rönigin. Auch die verwickeltcsten Fragen waren nicht vermögend, ihren Geist in Verwirrung zu bringen. Ihre Antworten waren edel, kurz und genau, und sie setzten d/> ----- r;? die Verhörrichtcr in die größte Verlegenheit. Der Freyherr von Schock-Rathlou/ ein Glied des neuen Scaatsraths , gab die Hofnung auf, ihren Verstand zu besiegen/ und suchte nun, durch Kunstgriffe ihr Herz irre zu führen. Er sagte auf einmal / daß Struensee ein für ihre Ehre höchst- beleidigeudes Gcständniß abgelegt hatte. « Es ist nicht „ möglich / " rief die erschrockene Königin aus / « nein / „ Struensee hat dieses nicht gethan / und , wenn es ge. „schehn ist/ so läugnc ich alles / was er gesagt hat." Schare benutzte ihre Unruhe/ indem er ihr vorstellte / daß also Struensee als Vcrläumder der Monarchin eine noch schrecklichere Todesstrafe verdiente. Für sie war dieses ein Donncrschlag ; betäubt fiel sie auf ihren Lehnstul zurück; sie kam wieder zu sich / und sagte mit schwacher Stimme: « Und wenn ich gestehe, was Struensee gesagt hat, darf « alsdenn der Unglückliche von der Gnade meines Königs „ hoffen ? " Ihre holden Augen erhoben sich zugleich gegen Scback / und ein Blick voll Furcht und Hoffnung sagte, was ihre zitternden Lippen nicht mehr vortragen konnten. Mit aufgeheiterter Miene machte dieser eine Bewegung/ welche die Königin für günstig aufnahm; zugleich legte er ihr ihre Beschuldigung zur Unterschrift vor. Ihr ganzes Wesen war in der heftigsten Bewegung. Durch den gewaltsamsten Schwung erhob sie sich auf einmal über sich selbst, ergriff eine Feder / und ihre bebende Hand fieng an / ihren Namen zu zeichnen. Sie hatte nur Larol geschrieben / als sie wieder einen Blick aus Schock warf. Sie entdeckte in seiner Miene tükische Freude / warf die Feder weg/ und schrie: «Ihr bekriegt mich! Struensee « hat mich nicht angeklagt; ich kenn ihn. " Halb ohnmächtig fällt sie zurück. Schock setzt die Feder in die Hand der Königin / führt diese / und ehe sie wieder zu sich selbst kam / waren die Buchstaben — ine Mathilde dem ersten Larol schon zugesetzt. Die Kommissarien begaben sich sogleich weg. Nach Beendigung der sämmtlichen Verhöre wurde zum Gericht über die Königin ein ausserordentlicher Rath von XXXV Gliedern niedergesetzt. Den 6 Aprill trennte ein förmliches Lhescheidungsurtheil die Königin von ihrem Gemahle. Vor der Hand ließ man es unentschieden , ob die Prinzessin Louise Auguste in die Entehrung ihrer Mutter verwickelt werden sollte / oder nicht? Seit diesem dicftm Augenblicke wurde der Verhaft der Königin gemil- dcrt / und der englische Gesandte erhielt die Erlaubniß, sie zu besuchen. Der Schlag war angebracht, und ihre Feinde hatten von ihr nichts mehr zu besorgen. Den 26 Aprill starben Brandt und Strucnsee auf dem Schaffst. Ihre Anhänger und Freunde wurden theils des Landes verwiesen, theils ihrer Ehrenstellen entsetzt, bekamen aber gleichwohl Gehalte vorn Hofe. Der König von England trug dem dänischen Hof an, daß er seiner Schwester, der Königin Mathilde einen Aufenthalt in d«n Churfürstenthum Hannover anweisen sollte. Der Antrag wurde angenommen. Die Fürstin be» hielt den Titel und die Vorzüge einer Königin; ihr Mitgift von 25000a Thalern fiel an England zurück, und man gab ihr eine lebenslängliche Pension von Thlrn. Zwo englische Fregatten von 52 Kanonen und ein Kreutzer trafen den 27 May zu Helsingör ein , undcherwar der Tag, wo die Königin von Kronenburg abrcißte. Sie mußte sich von ihrem einzigen Troste, ihrem einzigen Gute, von ihrer geliebten Tochter trennen; dieses theuerste Kind mußte sie ihren Feinden überlassen. Unter hcisscn Thränen reist sie sich los; aber ein Wink, ein Lächeln des Kindes zieh» sie unwiderstehlich zurück; sie ermannt sich, nimmt das liebevolle Geschöpf noch einmal in ihre Arme, giebt ihm mit der marternden Innbrunst gekränkter Liebe den letzten Kuß, scheint ihre ganze Seele darinn zu ergießen, übcrgiebt es ihrer Hofdame und ruft wehmüthig aus: „ Fort! — „Fort!. Nun hab ich nichts mehr hier!" Der englische Minister , Ritter Reich , der Herr von Hollftein, Obristhofmeister der Königin und dessen Gemahlin begleitetes die unglückliche Fürstin nach Zelle, kronenburg sah an ihr die aufrichtigste Reue, die zärtlichste Mutterliebe, das edelste Mitleiden gegen ihre unglücklichen Freunde, die deh- müthigste Ergebung in ihr Schicksal. Zelle bewunderte und verehrte in ihr nachher die reinste Tugend, die einnehmendeste Sanstmuth, das edelste Herz, und eine Schadhaftigkeit im Unglücke, welche die letzten Tage ihres Lebens verschönerte. VII. Pol» Polnische Geschichte vorn Tode Augusts m. im Jahr 176;. his zur ^ Theilung von Polen Polnische Geschichte vom Tode Augusts III. im Jahr 176;. bis zur Theilung von Polen im Jahr 177;. I. 9 sicht lange nach dem Friedensschlüsse zu Hubertsburg starb der König August III. Unvermuthet folgte ihm der Churprinz im Tode nach. Seine königliche Gemahlin, eine Tochter Kayser Josephs I, härmte sich in einer Art Gefangenschaft unter immer neuen Erniedrigungen und Schrecknissen ab. Sechs Jahre lang blieb der unglückliche August von seinen chursächsischen Erbländern verbannt, und auch auf dem Throne in polen litt er manche Kränkungen. Im I. 1717 hatten die Stände in Kurland den russischen Oberkammerherrn, Grafen von Biron, zum Herzog erwählt, und der König von polen ihm die Belohnung gegeben : allein im I. 1740 verwies die russische Kayserin Anna ihren ehemaligen Liebling , den Biron, ins Elend, und Kurland behielt sie in ihrer eignen Gewalt. Nach dem Tode dieser Kayserin gelang es dem Könige von polen, unter Begünstigung der neuen Kay. serin von Rußland, Elisabeth , im 1 .1758 seinen Sohn Karl zum Herzogen von Kurland zu machen. Kaum war Elisabeth todt, so erlösete ihr Nachfolger den Biron aus der Verbannung , und im 1 .176; trat dieser wieder in den Besitz des kurländischen Herzogthums. II. Um II. Um gleiche Zeit, als der König von polen im Iahe 176; starb, erregten auf einmal zwey Wahlreiche die Aufmerksamkeit. Die vornehmsten Mächte beschäftigten sich mit der Wahl sowohl eines neuen Königs von polen als auch mit der Wahl eines römischen Honigs in Deutschland. Wenn überhaupt in jedem Wahlreiche die Thronfolge Schwierigkeit hat, so hat sie's besonders in polen, und noch unendlich weit mehr als in Deutschland. In lezterm Reiche hängt die Wahl nur von wenigen Churfürsten und zwar nur von derselben Majorü tät ab: in dem erster« hingegen von einem sehr zahlreichen Reichstage, und zwar von der völligen Uebereinstimmung der Wählenden. In Deutschland braucht man gemeiniglich noch überdies die Vorsicht, den Nachfolger, unter dem Namen römischer König, schon bey Lebzeiten des regierenden Kaysers zu wählen. Jeder polnische Edelmann scheint mehr ein Sou- verain als ein Bürger im Staate zu seyn. Er ist unumschränkter Herr in seinem Güterbczirk und er ist bey Erledigung des Thrones zugleich fähig, so wohl zu wählen als auch selbst gewählet zu werden. Die Macht des Honigs ist äusserst eingeschränkt. Ohne Bewilligung des Reichstages, d. i. der Repräsentanten des Adels, ja selbst ohne Genehmigung des Senats darf er nichts von Wichtigkeit thun. Die Wahl dieses Senates hängt freylich nur von ihm selbst ab, aber widerrufen darf er sie niemals. Die ersten Staatsbeamten, der Grosfeldherr, der Groskanzler, der Grosschatzmeister, der Grosmarschal geben in Absicht auf ihre Verwaltung dem König weder Rechenschaft, noch nehmen sie von ihm Befehl an. Wie leicht werden sie also zur Vernachlässigung der Finanzen, des Kriegs - des Polizey - und des Iustizwesens verleitet? Ausser einer kleinen stehenden Armee, ist dieMiliz „och eben st regellos, wie z. V- vormals die kriegerischen Aufgebote zur Zeit der altfränkischen Lehenverfassung. Unter solchen Umständen ist Polen beynahe immer theils durch innere Faetioncn zerrissen, theils von mächtigen und f ehrgeizigen Nachbarn beunruhigt. III. Nach dem Hinschied des König Augusts III. schien Oestreich eben so geneigt, als Preussen abgeneigt, die pol« Nische Krone einem sächsischen Prinzen zuwenden zu lassen. Wie konnte der König von Preussen ohne Eifersucht zusehn, daß die sächsische Familie seinen Einfluß in polen vermindere und den ihrigen hingegen vermehre? Nicht ungern also ließ cr's geschehen, daß die Kayscrin L von Rußland , deren Interesse es ebenfalls erfordert, eine k Parthey in Polen zu haben, zu dem polnischen Throne einen l Polaken, ihren persöhnlichcn Freund, Stanislae August ^ poniarorvsky beförderte. Den 7. Sept. 1764 erhielt I dieser die Krone. Seine Verdienste und Kenntnisse, seine » Ausbildung auf Reisen, seine Vertraulichkeit so wohl mit ^ den größten Philosophen als mit den mächtigsten Fürsten 'h versprachen dem Reiche die günstigste Ausstchr: allein in ! dem Reiche selbst fand er an den Häusern Radzivil, Bra- nitski und andern immer den gehässigsten Widerstand. Unter dem Deckmantel des Religionseifers verbarg sich die Furie der Zweytracht. IV. Die Reformation hatte vorlängst viele Anhänger ge- ? funden. Nicht nur die Protestanten, sondern auch die Socinianer und andere Glaubcnspartheyen hatten grosse Freyheiten erhalten. Von Zeit zu Zeit wurden diese Freyheiten gekränkt. In dem Frieden zu Oliv« vom 1 .1660. bekamen die Protestanten neue Begünstigungen. Wie oft i aber wurden sie nicht auch seither gedrückt und verfolgt? t Wie schrecklich war nicht die Wuth, welche sich die Catho- ^ liken liken gegen die Dissidenten erst noch im I. 1724 inLhsrn erlaubten? Im I. 1766 wandten sich die Dissidenten, dvs ist die griechischen und die protestantischen Glaubensgenossen in Polen, an die gewährleistenden Mächte des olivischen Friedens und baten sie um ihre Vermittlung. Dieser Ansuchung zufolge kamen nun die Höfe von Petersburg, Berlin, London und Ropenhagen bey dem polnischen Reichstage mit sehr nachdrücklichen Vorstellungen ein und verlangten die Abschaffung der spätern Ge, wisscnseinschränkungen und die Beobachtung des so oft und so tiefverlctzten olivischen Friedens. Bey Eröfnung des Reichstages den i. Sept. 1766 that hierauf der Bischof von Wilma folgende Erklärung : „ Die kaäka convema befch- „ lcn die Aufrechthaltung der katholischen Kirche; folg« „ lieh müsse man den Dissidenten die Duldung ihres Gottesdienstes verweigern, und ihnen die Zuflucht zu aus, „ wärtigcm Schutze verbieten." Mit lautem und allgemeinem Zurhfe billigten die Reichsstände den Vertrag. Zu unvermögend zum Widerstände zog sich der Röntg traurig zurück. Voll Zuversicht auf den Schutz von Rußland, tratten die Dissidenten, und mit ihnen auch die mißvergnügten unter den Catholiken, in Lonföderationen zusammen. Von Thorn aus unterstützte sie ein Korps rus- sicher Truppen. Zur Vermeidung des fürchterlichsten, eines dreyfachen, nämlich zu gleicher Zeit eines auswärtigen, eines bürgerlichen und eines Religionskrieges berief der König einen neuen außerordentlichen Reichstag zusammen. Sehr stürmisch war dieser Reichstag. Da die Bischöffc von Rrakau, Riow und einige andere Senatoren sich gegen die Dissidenten und gegen ihre Beschü, tzer an auswärtigen Höfen sehr heftige Ausdrücke erlaubten , so nahmen sie die Russen mir Gewalt in Verhaft und schickten sie gefänglich nach Petersburg. Voll Bestürzung und Unwillen trennte sich hierauf der Reichstag. Unter dem Schutze der russischen Waffen erhielten für einmal die Dissidenten Alles, was sie verlangte. Aufdie Windstille aber folgte bald wieder neues Gewitter. Wechselweise gab ohnmächtige der Röntg bald dem Sturme des Volkes nach, bald wendete er sich nach dem Leitsterne der auswärtigen Höfe. Welche Scenen des Gräucls, des Elends und der Verwüstung? Bürger, die Bürger zerfleischen; Ausländer, gleich fürchterlich für beyde Partheyen; uner- mcssene Felder, mit den »»begrabenen Leichen ihrer ehemaligen Pflüger bedeckt; zerstörte Tempel und Altäre; ein tief erschütterter Königsthron, und auf diesem Throne ein Monarch von grossem Geiste und Herzen, aber ganz hilflos, verflucht von dem Volke dem er sich aufgeopfert, und zu Grunde gerichtet von den verbündeten Mächten ! Wie? für Freyheit eifert Polen, und in seine Arme nimmt es fremde Eroberer auf? Für Religion eifcrts, und das Interesse der Religion anvertraute es ganz anders gesinnten Glaubensgenossen, auf der einen Seite den griechischen Russen, auf der andern Seite den mahometanischen Türken? Kein Wunder, wenn der Rrieg, der zwischen den Türken und den Russen ausbrach, vornehmlich auch für Polen verderblich geworden l Je gedrückter bisher der Zustand der Bauren gewesen , desto schneller ergriffen sie nun bey der allgemeinen Verwirrung die Gelegenheit, sich wegen des erlittenen Druckes an ihren tyrannischen Herren zu rächen. Im I. 1768 rotteten sich die griechischen Bauren in der Provinz Riow und in der Ukraine in grossen Haussen zusammen; sie verübten die unmenschlichsten Grausamkeiten, mordeten ohne Unterschied Edelleute, Geistliche, Juden, Katholiken, Dissidenten, und selbst der Weiber und Kinder schonten sie nicht. Der Bischof von Pawolocz wurde wegen seiner harten Regierung von ihnen zerfleischt; der Gouverneur von Senil« entwischte im Hemde, indem er Gemahlin und Kind der Baurenwuth zum Opfer zurück ließ. Ganze Starosteyen, Städte und Dörfer wurden K »er- verwüstet. Während daß Polen theils in seinem eigener» Emgeweid wüthete, theils unter den türkischen und russischen Kriegesflammen zu Grunde gieng, litt es im 1 . 177c» noch üderdicß die schrecklichste aller Plagen, die pcftseuche. Diese Seuche brach zuerst an der Gränze der Türkey aus, und von da verbreitete sie sich über Podolien, Voihinien und über die Ukraine. In der Gränzvestung Ramiiüeck wüthete sie so wohl unter den Bürgern als unter der Besatzung so schrecklich, daß die Ueberlebcndcn diese Vcstung gänzlich im Stiche liessen. Mehrere Monathe blieb sie offen, und weder Ausländer noch Eingebohrne näherten sich diesem Echluv.de des Todes. In einem Dorfe des Fürsten Czar- torisky starben alle Bauren auf einen Tag, und in neun Klöstern blieb kein Mensch mehr am Leben. Ueber 250,000 Seelen raffte die Pest weg. Theils durch die Sorgfalt der gezogenen Kordons , theils durch die strenge Kälte des Winters wurde nach und nach ihrer Wuth Einhalt gethan. Ein grosser Theil von Polen war endlich in eine Wüste verwandelt; die Einwohner waren entweder völlig ausgerottet oder in entfernte russische Kolonien weggeschleppt worden; der russische Gesandte war in der That Beherrscher dieses unglücklichen Reiches; jeder Befehlshaber eines kleinen Haufens, er mochte nun von dieser oder jener Parthey seyn, betrug sich in seinem Bezirk als unumschränkter Despote. Dessen ungeachtet erholten sich die Ronföderierten, sie wurden überaus zahlreich und bewiesen ungewöhnliche Lebhaftigkeit. Unter der Hand nämlich genossen sie Unterstützung nicht nur von der Türkey, sondern auch vornehmlich von Frankreich. Dieser betrüg- liche Schimmer eines guten Erfolges verleitete selbst einige von den hohen Kronbeamten zum Beytritt in die Konföderationen. Gegen diese letzter» rückten nicht nur neue russische, sondern nunmehr auch österreichische Truppen in das Land ein, und von diesen Truppen wurden sie, wie ein Hatssen wilder Thiere, von allen Seiten umringet, V. Dn V. Die Ronföderierren schrieben allen Jammer des ? Reiches und besonders die russische Einmischung auf ^ Rechnung des Rönigs. Voll Wuth beschlossen sie seine i Ermordung. In demselben Zeitalter der Politur und ! Aufklärung waren also drey Röntge, der französische und portugiesische/ und nunmehr auch noch der polnische, gegen welche sich politische und religiöse Schwärmerey mit dem Mordstahle bewaffnete. Die Anzahl der Mitver- schworenen gegen den König von Polen bestes sich auf ohngefähr vierzig. Ihre Anführer waren Lukawsky , Stra- wensky und Kosinsky. Auf die fcyerlichste Weise gelobten sie ihrem General Pulasky in seine Hand die Auslieferung ^ -es Königs, todt oder lebendig. Die Verschwörung geschah in einem beseitigten Kloster bey Tschcnstochowa, und zwar vor dem wunderthätigen Bilde einer Madonna. In Bauernkleidern begaben sich die Meuchelmörder nach Warschau , und verbargen ihre Waffen in Heuwagen , die sie nach derResidenz führten. Abends den ; Sept. 1771 lagerte sich ein Theil derselben vor der Stadt, während daß die andern dem Könige in der Kapuzincrstrasse aufpasseten, durch die er nach seinem Pallaste zurück kehren mußte. Zwischen neun und zehn Uhr kehrte er wirklich im Wagen zurück, und zwar in einem Gefolge von ohngefähr sechs- zehn Persohnen. Die Verschworenen thaten verschiedene ^ Schüsse gegen den Wagen, und ein Heyduke des Königs . wurde verwundet. Das königliche Gefolg zerstreute sich. i Ganz verlassen, öffnete der König den Schlag an dem / Wagen, und suchre in der pechschwarzen Finsterniß zu ' cntfliehn. Die Mörder ergreissen ihn bey den Haaren, ! indem sie unter abscheulichen Verwünschungen ausriefen: „Nun bist du in unserer Gewalt; deine Stünde ist ge» „ nahet >" Einer derselben schoß seine Pistole so nahe los , -aß der König die Hitze des Feuers im Gesicht fühlte, während daß ihm ein anderer einen Sästelhieb auf den K - Kopf 14 » Kopf gab. Sie warfen sich auf die Pferde, und schleppten ihn zwischen den Pferden zu Fusse in vollem Galopp ohn- gefahr fünf hundert Schritte fort. Während dieses Vorfalls verbreiteten die entflohenen Begleiter des Königs das Jammergeschrei) in seinem Pallaste. Die Leibwache eilte dem Orte der That zn , fand aber daselbst nichts als des Königs Haarbeutcl und blutigen Hut. Die ganze Stadt geriet!) in Bewegung. Mittlerweile brachten die Mörder ihren Raub zu Pferd weiter. Sie zwangen den König, über einen Graben zu setzen. Zweymal stürtzte sein Pferd, und das zwcytemal brach es ein Bein. Ganz mit Kothe bedeckt / schleppten sie ihn auf einem andern Pferde fort. Kaum befanden sie sich ausser der Stadt, so reisten sie ihm den Orden des preussischen schwarzen Adlers nebst einem dcmantencn Kreutzc vom Halse. Auf sein dringendes Anhalten liessen sie ihm sein Schnupftuch und seine Brieftasche. Die mehreru von den Räubern eilten mit der Bottschaft zu ihrem Haupte und nur sieben blieben unter Kosinsky's Anführung beym König. Der Wege unkundig, irrctcn sie mit müden Pferden im Dunkel ; der König mußte sichs gefallen lassen, wieder zu Fusse zu gehn, obgleich er den einen Schuh verlohren hatte. In einiger Entfernung setzten sie ihn von neuem zu Pferde ; einer führte dieses beym Zügel; zween andere hielten den Gefangenen Links und Rechts bey der Hand. Als sie den Weg nach dem Dorfe Burakow einschlugen, warnte sie der König vor einem dort liegenden Haufen russischer Soldaten. Er thats aus Besorgniß , daß, so bald diese Letzter» auf seine Bcfreyung bedacht seyn würden , die Räuber die Flucht ergreiffen und ihn todt schlagen möchten. Seine Warnung zog ihm gelindere Behandlungsart zu. Ungeachtet die andern alle auf den Königsmord drangen - so widersetzte sich doch immer Rosinsky. Während daß sie indem WaldeBielani, nur eine Stunde von Warschau, ansruheten, herrschte in dieser Hauptstadt die äusserste Ver- Verwirrung. Die königliche Leibwache besorgte, daß sie durch öffentliche und bewaffnete Nachstellung die Räuber nur desto eher zur Ermordung des Königs antreibe» , durch Langsamkeit aber seine Rettung verabsäumen könnte. Beydem Stadtgraben fanden sie des Königs Pelzmantel, voll Blute, ganz zerrissen und von Säbelhieben und Pistolcnkugeln durchlöchert. Mittlerweile hörten die Räuber in dem Walde das Geräusch einer russischen Patrouille, und sogleich flüchteten sich viere von ihnen ; die drey übrigen schleppten ihren Raub weiter. Kaum waren sie eine Viertelstunde vorgerückt , so schrie ihnen eine zweyte russische Patrouille entgegen, und zween von den Räubern gaben den Reißaus. Ihr Anführer, Rosinsky, blieb noch allein bey dem König. Sie waren beyde zu Fusse. So äusserst erschöpft der König war, so schleppte ihn doch Rosmsky unter drohenden Säbelhieben bis zu der Kloster- schwelle von Biclani und von da bis nach Marienbcrg, einem kleinen Lustschlosse, ohngefähr eine halbe Stunde von Warschau. Endlich erkennte sich in dieser Gegend Äosinsky und auf dringendes Flehen gestattete er dem Monarchen einen Augenblick zur Erholung. Während daß sie sich auf dem Boden ausstreckten, bar der König den Führer, daß er ihn möchte entwischen lassen. Er stellte ihm die Abschculichkeit seiner That und die Ungültigkeit seines geschworenen Eydes vor. Kosinsky schien beunruhiget : „ Aber, sprach er, wenn ich auch Se. Majestät „ nach Warschau zurückführe, was gewinn ich als Hcn- „ kcrsschwerdt?" Der König gab ihm sein Wort, daß ihm nichts Böses geschehn sollte. Da jener sich darauf nicht verlassen wollte, so schlug dieser ihm vor, er sollte sich retten. Rosinoky warf sich dem Monarchen zu Füssen, flehte ihn um Verzeihung, versprach ihm Schutz gegen jeden Feind und überließ sich unbedingt der königlichen Großmuth. Feyerlich wiederholte ihm der König die schon gegebenen Versicherungen. So nahmen sie den Weg nach einer einer ziemlich entfernten, aber dem Könige bekannten Mühle. Umsonst klopfte Rosinsky an der Thüre. Er bekam keine Antwort. Endlich zerbrach er ein Fenster und bat durch die Oeffnung, daß man einen von Räubern verwundeten Edelmann aufnehmen möchte. Sie beyde aber hielt der Müller für Räuber. Nach vielem Reden und Wiedcrredcn ließ er sie endlich ins Zimmer. Der König schrieb an den General der Leibwache Cocceij , folgendes Billet: „ Durch eine Art Wunderwerk cntgieng ich den „Händen der Mörder. Nunmehr befind ich mich in der „kleinen Mühle von Marienburg. Ich bm zwar verletzt, „ aber ohne Gefahr. Kommt mir, fo bald immer möglich, „zu Hilfe." Nicht ohne grosse Mühe beredete er jemand; dieses Billet nach Warschau zu tragen. Die Leute in der Mühle fürchteten sich vor den vermeyntcn Strasscnräubcrn. Rosinsky wollte dem König alles Abgenommene zurück stellen, allein er nahm nichts zurück, als das blaue Band des Adlcrordcns. Inzwischen langte Cocceij an der Spitze eines Korps von der Leibwache an. Mit entblößtem Säbel empsteng ihn an der Thüre Rosinsky. Vor Ermattung halb todt , lag der König eingeschlummert auf dem Boden , mit dem Mantel' des Müllers bedeckt. Cocceij warf sich ihm zu Füssen, und nennte ihn bey dem Namrn der Majestät. Welche Bestürzung ergriff nicht den Müller und seine Familie ! Auch sie warfen sich dem Monarchen zu Füssen. In dem Wagen seines Generals fnhr dieser nach Warschau zurück. VI. Was für ein Schicksal hatten die Verfchwornen? Rosinsky, von schlechter Herkunft aus dem krakauifchen Palatinate, sonst Johann Kutsma genannt, hatte sich unter die Armee der Eonföderirten anwerben lassen. In demselben Augenblicke,' als Lukawsky und Strawensky süchtig geworden, schien er zur Rettung des Königs geneigt: neigt: nur sein geschworner Eyd machte ihn schwankend. Auch als er den König schon wieder nach Warschau zurückgeführt hatte, beunruhigte ihn noch immer der Ge- ! danke an die Verletzung seines gegebenen Wortes. Lu- ^ kawsky und Strarvensky, ncbft den meisten andern Mit, - verschworenen, wurden eingezogen. Auf dringendes An- l halten des Königs schenkte der Reichstag mchrcrn von ihnen das Leben und vcrurtheilte sie zum Vcstnngsbau nach Kamiuicck. Nur Lukawoky und Strawensky wurden enthauptet. In scharfer Gefangenschaft mußte Rosinoky alles was er von den Mitschuldigen wußte, umständlich entdecken. Lukawsky stieß seine Umarmung von sich und betrachtete ihn als Verräthcr. Auf der ^ Blutbühne starb dieser Lukawsky mit der lauten Erklä. , rung: Er bereue seine That nicht und er sterbe mit dem ! Muthe eines Patrioten. Alle Zuschauer bewunderten seine j Sündhaftigkeit und bedaurten die fatale Richtung seines s cdcln Geistes und Herzens. Mit eben so viel Standhaf- ! tigkcit und mit eben so weniger Nachreuc starb auch Srra- i rvenoky. Der eigentliche Haupturheber der Verschwö- ! rung, pulawsky, hatte sich nach Amerika begeben. Da- ^ selbst fiel er im Dienste der nordamcrikanischen Staaten bey der Belagerung von Savannah im I. 1779. Die Feinde selbst schätzten seine grossen kriegerischen Talente. Rosinsky wurde aus Polen verwiesen, und lebte hernach von einem Iahrgehalte des Königs. — Nach Wraxalls Versicherung hatte der päbstliche Nuntius in Polen die l Waffen der Mitgeschworncn gesegnet. : VII. ; Bey der Zurükkunft des Rönigs in Warschau wurden alle Strassen mit Beleuchtungen und mit Froh- ^ locken erfüllet. Jedermann eilte dem Pallaste zu und be- - glükwünfchte den geretteten König. Die Rührung war > so groß, daß man selbst den Rosinzky, als Retter des ' Monarchen Monarchen, mit Liebkosungen überhäufte. Heute, rief der König aus,heute ist der schönste Tag meines Lebens! — so ganz beschäftigte ihn die Freude des Volkes, daß es lang währte, bis er den Wundärzten Gehör gab. Sie fanden eine Verletzung am Kopfe bis aufs Gebein. Die Menge gestockctcn Blutes machte die Kur ungemem schmerzhaft, aber er unterzog sich ihr mit außerordentlicher Geduld. Seine Füsse waren so zerschlagen und geschwollen , daß man keine Aderlässe anwenden durfte. Dem Hciduken , der ihn auf Unkosten seines eigenen Lebens vertheidiget hatte, stiftete er ein Denkmal, mit folgender Jnnfchrift: „ Hier liegt Georg Heinrich Butzau, der „den; Nov. 1771 glorreich den Geist aufgab. Erwürbe „ tödtlich verwundet, als er mit feinem Körper , wie mit „ einem Schilde, den König Stanißlaus Augustus bedeckte. „ Unter Thränen wicdmcte ihm der König dieß Denkmal, „ ihm zur Ehre und Andern zum Beyspiel." vm. Theils die polnischen Kriegesverwüstungen , theils Oesterreichs und Preussens neue Kriegeszurüstungen, theils auch der Mißwachs verbreiteten in dem Jahre 1771 überall -Hunger und Theurung. Im Iunius 1771 besetzte Oesterreich verschiedene Gegenden von polen, und zwar unter dem Vorwande einiger Ansprüche auf diese Gegenden. Auf einer andern Seite rückten auch preussische Truppen in Polen, anfänglich nur unter dem Scheine zur Verhütung weiterer Ausbreitung der Pest, und hernach unter dem Scheine des Mittlcramts. Die fremden Truppen aber waren sehr drückend und lästig. Es wurden schwerere Kriegssteuren ausgeschrieben, und Danzig besonders litt sehr viel. Die Sicherheit Polens gründete sich, ausser der innern Kraft dieses Reiches, theils auf die gegenseitige Eifersucht der benachbarten Mächte, theils auf so viele ftyerliche Verträge und Gewährleistungen. Noch erst in » in dem verwichencn Jahrhunderte war Preussen ein pol- i nisches Lehen; lange Jahre hindurch zitterte vormals ^ Rußland vor dem polnischen Zepter ; Oesterreich dankte i seine Rettung dem polnischen Könige, Johann Sobiesky. - Und wie änderte sich nun Polens Verhältniß gegen diese E drey Mächte ? Polen gerieth gleichsam unter ihre Vor. mundschaft. Vormünder aber vergessen über dem Interesse ' eines Mündels selten ihr eignes Interesse. Freylich hielt es ^ schwer/ theils jede Parthey gleicher Weise zu befriedigen/ theils den getroffenen Verfügungen auch vor der Welt ^ einen rechtmässigen Anstrich zu geben. Im 1 .1769 hatten j der König von Preussen und der Kayser Joseph II. eine ! Unterredung zu Reiß / und im I. 1770 eine andere zu ! Neustadt / auch machte der Prinz Heinrich der russischen i Kayserin einen Besuch zu St. Petersburg. Die Folgen l der geheimen Verabredungen sind weltkündig geworden / - aber zweifelhaft bleibt der eigentliche erste Erfinder ^ des grossen Entwurfes. Merkwürdig ist es, daß so wohl ! der König von Preussen als die Kayserin von Rußland - aus die Ehre der ersten Erfindung Verzicht thun. Jener ; will die Welt in seiner Zeitgeschichte bereden / daß er der i letzte und gleichsam nothgezwungcn die Hand gegeben habe, und zwar aus Besorgniß allzusürchtcrlichcr Erweiterung der beyden Kayserthümmcr; diese hingegen / die russische Kayserin / erscheint in Coxc's Nachrichten auch als die letzte Person auf der Bühne. Offenbar war sie die erste mit Truppen in Polen / allein (nach dem Vorgeben ihrer Geschichtschreiber) nur als Vermittlerin/ und nicht eher als Mitwcrberin um die eine oder die andere von den polnischen Provinzen/ bis sie hiezu Oesterreich und Preussen > aufforderte. Nicht weniger merkwürdig indeß ist es / daß jede von den drey theilenden Mächten ihren Eingriff in Polen durch diplomatische Ansprüche beschönigte, und i daß sie diese Ansprüche zu gleicher Zeit und gleichsam in gemeinschaftliche^ Verbindung behaupteten. Welch ein auf« fallende? fallender Beweist, daß auch eine noch so unumschränkte -Gewalt ihre Besitzungen nicht gern bloß der Gewalt dankt? Theils zu ohnmächtig , theils zu kurzsichtig, widersetzte sich öffentlich kein anderer Staat dieser grossen Erschütterung des Gleichgewichtes von Deutschland, vom Norden und überhaupt von Europa. Allzu schwach war Frankreichs geheime Unterstützung zur Rettung von polen. IX. Den i8. September 1772 öffnete sich der Fürhang des politischen Schauspiels. Zu gleicher Zeit erklärten alle drey Mächte ihre Ansprüche auf die polnischen Provinzen, von welchen sie sich schon vorher Meister gemacht hatten: Oesterreich nahm die Grafschaft Zips, die Palatinale Rothrcussen, Bclsk, Pocutien, einen Theil des krakaui- schen und sendomirischen Palatinats, wie auch Poto- llicns, als Länder in Anspruch, die vormals die mit Ungarn verbundenen Königreiche Lodomirien und Galizien ausgemacht harten. 2? Rußland besetzte den Bezirk zwischen den Flüssen Duna, Dnicpcr und Drutsch, d. i. das polnische Licfland, die Palatinate Witepsk und Me- ßslaw und einen Theil von Poloczk und Minsk — alles unter dem Vorwande einer Vergütung für so viele von Polen erlittene ältere und neuere Beeinträchtigungen. ;? Preussen nahm ganz Polnischpreusscn, (init Ausnahme der freyen Städte Danzig und Thorn) nebst dem Bezirke von Grospolen bis an den Fluß Netze. Der Vorwand war, daß dieser Landstrich ehmahls unter der Benennung Pomerellien; den Herzogen von Pommern zugehört hätte, aber denselben von Polen entrissen worden. Bey diesem Theil- ungsvertrage erhielt der Hof von Petersburg den weitläuftig- pen Landbezirk, Wien den volkreichsten, Berlin den vortheil- hafresten in Absicht auf Handel und Kunstsieiß. Der rns- sssche Antheil beträgt Millionen Seelen; der österreichische 2^ Millionen, und der preussische 860,000 Seelen. Bey Bey dieser Zerstückung von Polen wurde der König von Preussen Meister über die Schiffahrt der Weichsel. Dan- zig verlor seinen Seehafen und den darinn erhobenen Zoll. i Nur mit geringer Mehrheit der Stimmen anerkannte Z endlich im April 177; der polnische Reichstag nothge- - zwungen und hoffnungslos die Rechtmässigkeit aller gemachten Anforderungen. X. Eben dieser Reichstag bevollmächtigte eine Comits, Welche mit denen Ministern der drey Höfe an einer Verbesserung der polnischen Reichsverfassung arbeiten sollcc. Die Verathschlagnngcn hierüber dauerten vom May? ! monath 177; bis zum März 177z. Endlich bestätigte ! der Reichstag folgende Artikel: > 1. Polen bleibt für immer und ewig eine freye Re- ' publik. 2. Die Krone wird niemals erblich, z. Die Königswahl fällt auf keinen Ausländer, sondern immer ! auf einen einheimifchen polnischen Edelmann, der im Rei- ! che Güter befizt. Der Sohn oder Enkel eines Königs dürfen nicht unmittelbar dem Vater oder Grosvatcr in ! der Regierung folgen, sondern, bevor sie wahlfähig sind, ! müssen zwo Regierungen vorhergchn. 4. Da der Grundpfeiler der polnischen Verfassung in dem Gleichgewichte zwischen den drey Ständen, nämlich dem Könige, dem Reichsfcnate und dem Adel besteht, so wird zur Erhaltung dieses Gleichgewichtes dem Könige ein beständiger Rath mit vollziehender Macht an die Seite gesetzt, und / dieser Rath aus dem Adel ocr verschiedenen Landschaften, i ohne Theilnehmung des Königs erwählt. Endlich wird ' das llberum yeto oder die Macht eingeschränkt, vermög ^ welcher vormals jeder Landbote auf dem Reichstage die » Berathschlagungen durch seinen einseitigen Widerstand i hatte vereitefn können. Den Dissidenten bewilligte man Kirchen, jedoch ohne Glocken, ferner Schulen und Seminarien, auch Bcysitz in den niedern Gerichtshöfen. XI. Von Zeit zu Zeit geschahen Versuche zur Abänderung der mit Gewalt eingeführten Verfassung. Den 5 Nov. 1788 ließ zwar der russische Hof die mindeste Veranden rung der Verfassung von I. 177; als einen Bruch des Vertrages erklären; nichts desto weniger hob den 19 Jänner 1789 der polnische Reichstag den immerwährenden Rath auf, und schaffte auch alle andern in den Jahren 177? und 1776 getroffene Einrichtungen ab, und Rußland war allzusehr mit dem türkischen Rriege beschäftigt, um eS hindern zu wollen. VIII. Ritter VIII. Ritter d'Eon deBeaumont. TB .--!--^ .^ - WA Ritter d'Eon de Beaumont. i ^)'Eon wurde den ; Oct. 1728 zu Tonnerre in FranL ? reich gcbohren. Sehr frühzeitig kam er nach Paris, k Sein Fortgang in den Wissenschaften war fs schnell und i so groß, daß er noch vor Erreichung des gesetzlichen Alters ^ zum Doctor der beyden Rechte und bald darauf zum Par- lcmcntsadvvkat in Paris ernennet wurde. Zwo Lobschrif- ten in lateinischen Versen, die eine auf die Herzogin von s Penthievre, die andere auf den Grafen von Ons-en-Bray, ^ waren die Erstlinge seines fruchtbaren Genies. Es währcte ^ nicht lange, so verband er mit dem Studium der schönen ? Litteratur die Slaatswiffenschaft. Indem er durch Fleiß und Nachdenken den Mangel an Erfahrung ersetzte, schrick er noch sehr jung den historischen Versuch über Frankreichs i verschiedene Lagen in Absicht auf die Finanzen, wie auch / zween Bände politischer Betrachtungen über die Staats» Verwaltung bey den ältern und neuern Völkern. Im I. 1755 gab er eine lehrreiche Schrift über des Abbö 1 Lenglet dü Frcsnoy Leben und Werke heraus. Unter seinen ' gelehrten Beschäftigungen vergaß er nicht , sich in den Waffen und in allen ritterlichen Spielen zu üben. Es war in obigem Jahre 175;, daß sich für ihn die politische Laufbahn eröffnete. Auf Empfehlung des Prinzen von Conti gab ihm der König den schwierigen Auftrag, ganz insgeheim in Rußland an einer Aussöhnung zwischen Petersburg und Versailles zu arbeiten. Er gewann das ! Vertrauen der Kayserin Elisabeth und ihres Günstlings, des Vtcc - Kanzlers, Grafen von Woronzow. Grossen- theils auf seinen Antrieb geschah es, daß die Kayserin das > Kriegeshcer, welches sie zu Gunsten des Königs von Preussen bewaffnet hatte, nunmehr gegen diesen König zu Gunsten von von Oesterreich und Frankreich vorrücken ließ. Mit der Nachricht von dieser neuen Entschließung und mit dem russischen Kriegsplan in der Tasche, begab sich d'Eon nach den beyden Höfen von Wien und Versailles, dem letzterer Hofe überreicht er ein politisches Gemälde nicht nur von der damaligen russischen Verfassung, sondern auch Aussichten über dieselbe, welche hernach die Erfahrung und Zukunft als begründet darstcllete. Diese Denkschriften hatte er schon im I. 1757 in Ordnung gebracht, und in denselben zum voraus Rußlands geheime Absichten auf polen entdeckt. Allzuweit entfernt glaubte der Hof zu Versailles die Ausführung derselben, um auf diese politische Vorahnung zu achten: hingegen richtete er seine Aufmerksamkeit auf eine geheime Correspondenz, welche ebenfalls d'Eon zwischen dem russi. scheu Großfürsten und dem König von Preussen entdeckte. Um die Parthey dieses Königs an dem Pctersburgerhofe zu schwächen, war niemand geschickter als d'Eon. Als Gesandschaftssecretair reiste er also wieder nach Rußland. Der König von Frankreich verdoppelte ihm sein Gehalt, beschenkte ihn mit seinem Portraite, und beehrte ihn mit den Brcvct eines Dragonerlieutcnants bey dem Generalstab. Kaum war er zu Petersburg angelangt, so geschah daselbst alles nach dem Wunsche der Höfe von Wien und Versailles. Der Großkanzler des Reiches, GrafBeftu- schew - Rumin, das Haupt der preussischen Parthey in Rußland, wurde in dem kayserlichen Pallaste arrestiert. Der Ritter d'Eon blieb ins Jahr 1749 zu Petersburg. Auf der einen Seite besorgte er die Geschäfte eines französischen Gesandschaftssccretairs, auf der andern Seite theilte er sich mit dem Grafen woronzow , dem nunmehrigen Großkanzler, in die unmittelbare und geheime Korrespondenz zwischen Frankreich und Oesterreich. Ludwig XV. schickte ihm die Anweisung auf ein Iahrgehalt von 20» Dukaten nebst dem Brevet eines Dragonereapitains. Die Die Kayftrin suchte ihn ganz in ihre Dienste zu ziehn, allein keine noch so blendende Geschenke und Versprechungen zogen ihn von dem Dienste des Vaterlands ab. Eine Krankheit beschleunigte seine Rückkehr nach Frankreich. Im I. 1760 überreichte ihm Lhoiseul das Brevet zu einem Iahrgehalte von 200» Livres. Mit dem Ruhme, welchen d'Eon im Kabinette erwarb , verband er nun Heldenruhm. Als Aide - de - Camp des Marschalls von Brog- lio , rettete er , mitten unter dem feindlichen Feuer an den Ufern der Weser, das Geschütz und Equipage des Königs. In dem Treffen zu Ultrop bey Soest wurde er an dem Haupt und an der Hüfte verwundet. Den 7 November 1761, verjagte er an der Spitze der Grenadiers von Cham, pagnc und der Schweizer die Bcrgschotten aus der Gegend von Maynschloß. Zu Oesterreich machte er ein preussisches Freykorps zu Kricgesgcfangenen. Im Sept. 1762 hielten ihn die Friedenspräliminarien schon beym Eingänge seiner kriegerischen Laufbahn zurück, und aufs neue beschäftigte er sich mit Staatsunterhandlungen. Als Gefandschafts, Secrctair begleitete er den Herzog von Nivernois nach London. Hier leistete er dem französischen Hof einen wichtigen Dienst. Während daß Nivcrnois mit dem englischen Staatsfccrctair wode bey der Tafel saß, gelang es ihm durch List, das Ultimat dieses Letzter» in aller Eile kopieren und die Kopcy nach Versailles schicken zu lassen. Auf solche Weise erfuhr das französische Ministerium zum voraus die Entschliessungen des englischen, und ließ sich Lurch keine Schwierigkeiten und Einwendungen hintergehen. ImFebr. 176; begab er sich mit den unterzeichneten Fricdcnsbedingungcn von London nach Paris. Zur Belohnung für die geleisteten Dienste erhielt er, nebst neuem Gehalte, das St. Ludwigs Krcutz. Nach dem Abschied des Herzogs von Nivernois, gieng er als französischer Minister nach London zurück. Ganz uuvorgescyene Umstände beraubten ihn auf einmal so wohl seiner Titksl und Bcdie- L nungen lür 2- nungen als seines Glückes. *) Immer indeß behielt er auch im Privatstande noch das gänzliche Vertrauen des Prinzen von Conti, des Grafen von Broglio und anderer Grossen, und bis zu dem Tode beehrte ihn Ludwig XV. mit seiner geheimen Korrespondenz. Wie treu er Frankreich ergeben geblieben, mag unter audern folgende Anekdote beweisen : Im I. 1764 halte die Oppositionsparthey in dem englischen Parlcmente die Urheber des mit Frankreich geschlossenen Friedens der unreinsten Absichten beschuldigt ; es war für diese Parthey sehr wichtig, alle geheimen Gänge der gepflogenen Unterhandlungen zu entdecken , und für die Entdeckung derselben boten ihre Häup- er dem Ritter d'Lon eine Summe von 40200 Pf. Sterling an, allein er dachte zu groß, um auch nur das Geringste verrathen zu wollen. Indeß unterlag nichts desto weniger seine Ehre den Streichen der Verläumdnng. Seiner Stellen beraubt, und gleichsam aus seinem Vaterlande verbannet, lebte er vierzchen Jahre lang als Privatmann in London. Während seiner einsiedlerischen Müsse schrieb er über allerley Gegenstände mehrere Bücher. Den Winter über schloß er sich in seine Bibliothcck ein; den größten Theil des Sommers brachte er auf dem Landgute eines Freundes des Lord Grafen Serrers zu. Ludwig XV. wurde durch die Nachricht von seiner guten Aufführung und von seiner unverletzlichen Anhänglichkeit an Frankreich ger rührt. Er ließ ihm durch den neuen französischen Minister in London ein Gehalt von 12000 Livr. zusichern , um ihn (wie er sich erklärte,) darüber zu trösten, „ daß er so lange „ das bedaurcnswürdige Opfer seines Geheimnisses gewesen." Im I. 1770 erwarb sich d'Ecm zu gleicher Zeit bey beyden Höfen *) S.I.Liürs äu Lkev. ä'kon, Vod Aiemoirss äe Air. N'Lon, und l» Vie cke Ai-III» s'Lon, x»r Air. äe l» kortrile , k»r!s 1779. Höfen, so wohl bey dem englischen als bey dem französischen, neue Verdienste. Es geschah bey Anlaß der immer wachsenden Gährung, welche in dem englischen Parlemente die Verkleinerung des Pariserfriedens verursachetc. D'Eon rechtfertigte das Betragen des Hofes und der Minister, und brachte durch seine juridischen Zeugnisse den Dk Musi grave zum Schweigen. Aus Erkenntlichkeit anerbot ihm der englische Hof ähnliche Kriegs - und Staatsbedienungcn mit denjenigen, die er in Frankreich verlohren hatte: allein standhaft schlug er sie aus. So viele Beweise der Treue bewogen Ludwig XV. zu seiner Zurückberuffung : allein d'Eon wagte es nicht, seinen Feinden bey Hofe entgegen zu gehn. Man anerbot ihm zwar Reichthum und Glanz, aber man verweigerte ihm öffentliche Ehrenerklärung. Wenige Zeit hernach starb der König in Frankreich. Unter seinen Papieren entdeckte Ludwig XVI. desselben Briefwechsel mit d'Eon, und in den Briefen zugleich das Geheimniß von d'Lons Geschlechte. Schon vorher hatte davon das Gerücht etwas verrathen: nun aber erfuhr ganz Europa, daß jener kluge und erfahrene Staatsmann, jener tapfere Krieger, jener tiefgelehrte Schriftsteller, kurz, daß Ritter d'Eon in der That — eine Dame sey. In England und anderswo hatte man über ihr Geschlechte die größten Wetten gewagt. Die Wetten beließen sich von Seite der Engländer über ssoooo Pf. Sterling, und von Seite des Ausländer über 8vovo Pf. St. Wer hätte den Ritter — oder (wie wir sie itzt nennen müssen,) — die Ritterin d'Eon gehindert, insgeheim von diesen Wetten den beträchtlichsten Vortheil zu ziehen? Weit entfernt aber, sich auf solche Weise zu bereichern, empörte sie sich vielmehr gegen den Uebel- stand eines solchen Wettspieles, und sie drang öffentlich auf.die Abschaffung desselben. Wirklich erfolgte La auf auf ihre Klage unterm ;i Jänner 1778 ein Spruch, ver- ,nög dessen der Lord Mansficld, als Präsident bey der königlichen Iustizbankc, in Gegenwart von den XII. englischen Oberrichtern, alle geschehenen Wetten als ungültig erklärte. In Kraft einer englischen Parlcmentsakte vom 20 Mär; 1778 wurde d'Lon in einem Kupferstiche, weder als Man» noch als Weib, sondern als Pallas, mit dem Helm auf dem Kopfe, und mit der Egide unter dem Arm vorgestellt. — Kaum hatte Ludwig XVI. aus den Papieren feines königlichen Vorfahren das Geschlecht der Rittcrin d'Eon entdeckt, so urtheilte er, daß es unschicklich seyn würde, sie langer mit kriegerischen Ehrenzeichen geschmückt herum gehe» zu lassen. Er schickte den Marquis von Prünevaux nach London, und anerbot ihr, unter der Bedingung ihrer Rückkehr nach Frankreich, ein Gehalt von 15000 Livrcs, nebst sicherm Geleite. Madame d'Eon aber drang vor allem aus auf öffentliche Ehrenerklärung. Endlich hatte sie unterm 25. August 1775 folgende, von dem Minister Vergcnnes und von dem Könige selbst unterzeichnete schriftliche Versicherung erhalten: „Se. Majestät werden alle „ jene fatale Streitigkeiten für immer und ewig in das „ tiefste Stillschweigen vergraben, so daß d'Eon unangc- „ fochten und nut völliger Freyheit — es sey auswärts „ oder in Frankreich, — ohne die geringste Verletzung seiner ,, Perfohn oder feiner Ehre soll hin und her gehen dürfen. „ Wegen der Unterhandlungen , wegen der öffentlichen „ und geheimen Aufträge, die ihm der verstorbene Kö- „ nig aufgetragen hat, und wegen der daher entstandenen „ Mißhelligkeiten soll ihn Niemand beunruhigen; dagegen „ soll auch d'Eon das heiligstcStillschweigen beobachten." Noch ziemliche Zeit währete es, bis d'Eon sich entfchliessen konnte, von London nach Paris zu gehn. Unterm rs Iul. § i ! Jul. r?77 erhielt er von dem französischen Minister eine neue Einladung : „ Sie können ," schrieb er auf sicheres z, Geleit zählen, allein Sie wissen schon, unter was für „ Bedingungen/ nämlich wofern Sie über das Vergan- „ gene unbedingtes Stillschweigen halten/ wofern Sie die „ Zusammenkunft mit jenen Persohnen / die Sie als Ur- » Heber ihrer Unfälle betrachten / sorgfältig vermeiden/ „ und endlich/ wofern Sie in weiblicher Kleidung crfchci- „ nen. Sie kennen die Strenge unserer Gesetze über solche „ Verkleidungen." Den i; August 1777 vermiete hierauf d'Lon, und zwar in der Uniform des Regiments/ von London, und langte den l? zu Versailles an. Der Minister empfing ihn mit vorzüglicher Achtsamkeit/ befahl ihm aber, daß er nicht anders als in Weibcrkleidern erscheinen sollte. Den 2. September begab er sich zu seiner Mutter nach Tonnerre. Immer blieb er in der Uniform. Bey seiner Zurückkauft nach Paris zog er auf wiederholten und ausdrücklichen Befehl des Königes weibliches Gewand an, und erschien unter dem Namen der Ritterin d'Eon. Warum sie von der Wiege an in Mannsklcidern aufcrzogcn worden, weiß man nicht eigentlich. Nach der gemeinen Meynung geschah es, weil ihr Vater lieber einen Jungen -ls ein Mädchen haben wollte. Um sich an der Natur zu rächen, entschloß er sich, seiner Tochter wenigstens äusserlich einen männlichen Anschein zu geben. Man hat eine Sammlung von Streitschriften zwischen d'Eou und Beaumarchais, in welchen diese beyden gelehrten und geistreichen Athleten die Welt auf ihre gegenseitigen Unkosten belustigen. Die Veranlassung zu der Kontrovers fällt in die Zeiten, da Beaumarchais sich als ausserordentlicher Gesandter in London befand. Eine von den Ursachen, warum dieser die unglückliche d'Eon nicht nur mit seinen Sarkasmen verfolgte, sondern es 166 - -- rs endlich auch dahin brachte, daß man sie in ein Kloster verwies, war nach ihrer Versicherung gegen Bergendes, weil sie standhaft den Antrag des Beaumarchais und seines Freundes Morande ausschlug, diese beyden bey der Wette über ihr Geschlecht zu begünstigen. Eine andere Ursache giebt Beaumarchais an; er beschwerte sich nämlich, daß ihn d'Eon wegen Entfremdung und Mißbrauch der königlichen Gelder verdächtig gemacht hätte. IX. Hol- IX. Holländische Geschichte seit der erblich erklärten Statthalterschaft tmJahr 1747. bis zum gewaltsamen Angrif derselben, im Jahr 1787. jMAHSk. MMM ?r ,.r ! «!>t ^ Holländische Geschichte vom Jahr r? 47 . bis 1787« I. «^urch den Tod Wilhelms III. erlosch im Iahe 1702 in fünf Provinzen die Statthalterschaft. Jahre lang blieb sie unbesetzt. Erst im Jahr 1718 erwählten wieder Groningen, und im Jahr 1722 Drenthe und Geldern zu ihrem Statthalter und General -Capitain den Erbstatthalter von Friesland. Nach dem Hinscheid Kaiser Carls VI. im Jahr 1740 unterstützte bey dem Ausbruche des oestcrrcichischen Erb- sölgekriegcs Holland die Kayscrin Maria Theresia anfangs mit Gelde, und hernach mit Truppen. Voll Unwillen gegen die Republik, bemächtigte sich hierauf Frankreich nicht nur aller Gränzplätze, sondern auch des holländischen Flanderns. Die Bestürzung hierüber war allgemein, pnd in der Provinz Seeland brach sie im Jahr 1747 in hürgerlichen Tumult aus. Anstatt, nach Roms Beyspiel , nur für den Nothfall einen Dictator zu ernennen, drang das Volk mit Gewalt durch, daß der Prinz von Oranien, Wilhelm IV. schon dem; May obigen Jahres feyerlich in die Versammlung der Generalstaaten als Statt- Halter und General-Lapitain eingeführt würde. Dieser Prinz ist der erste, der seine Statthalterschaft zugleich über alle Provinzen erstreikte. Im November erhielt er für seine weiblichen und männlichen Nachkommen diese Würden als erblich. Voll Zuversicht auf die Klugheit des neuen Statthalters setzte nun Holland den Rrieg gegen Frankreich fort. Im Jahr 174« erfolgte der Frieden von Achen. Holland bekam die verlohrenen Länder und Vestungen zurück , aber grosscntheils blieben die oefter- reichischen Gränzplätze geschleift. II. Gleich Anfangs seiner Statthalterschaft hielt Wilhelm IV. den Magistrat durch den Pöbel in Schrecken, den Pöbel durch die Soldaten. Er starb im 1 .17;,. Seine Gemahlin, eine Tochter des Königs von England, leistete den Generalstaaten sogleich den Eyd , als Statkhal- terin der Republik und als Vormi'mdmn ihres vierjährigen Sohnes, Wilhelms V. Auch erhielt sie durch ein- müthigen Schluß der Staaten den Herzog Ludwig von Braunschweig zum Rathgeber und zugleich zum Stell- vertretter des minderjährigen Erbstatthalters. III. Im Anfang des Jahres 1756. brach jener verwickelte Krieg zwischen Frankreich und England und zwischen Preussen und Oesterreich aus. Dieser französisch - englische Rrieg störte die Ruhe von Holland. Die Engländer durchsuchten die holländischen Schiffe, und behielten die für französische Rechnung beladenen. In Holland gieng der Haß gegen die Engländer, in Haß gegen die Statt- halterin, als englische Kpnigstochker, über. Schon wünschte man, die Erbstarthalterschaft entweder aufheben, oder doch einschränken zu können. Vor Verdruß starb die 'Prinzessin den ir. Jänner 1779. Während der fortdau- renden Minderjährigkeit des Erbprinzen wurde der Herzog von Braunschweig von den Generalstaaten als Vormünder beeidigt. Durch den ganzen siebenjährigen Rrieg genoß - genoß unter seiner Verwaltung Holland der glücklichsten Neutralität. IV. Den 8 März 1766 erhielt Wilhelm V. die Volljäh- - rigkeit. Von diesem Zeitpunkte an folgten wieder zehn Jahre der Ruhe. Im verborgenen indeß gahrte immer - dieanti-oranische, oder gegenstatthaltersche Parthey. > Vormals hieß sie die wittische, hernach die französische, nunmehr die patriotische. Die Statthalterschaft war im ^ I. 1747 im Tumult, folglich ohne genaue Bestimmung . der gegenseitigen Vorrechte des Prinzen und der Stände eingeführt worden. Mittelbar oder unmittelbar mischte sich jener in die Wahlen und in die innere Verfassung der Städte. Eine solche Einmischung beleidigte diese. Der König von England war in Familienverbindung mit dem Statthalter, und Gewährleister der verhaßten - Statthalterschaft, Englands Handelsvortheile vergrös- serten sich zum Nachtheile des holländischen Handels. — Gründe genug zum Hasse so wohl gegen England alS gegen die Statthalterschaft l V. Und nun, was für Beweggründe zur Zuneigung so wohl gegen Frankreich als gegen den neuen nordameri- kanischen Freystaat? dieser lezrere öffnete neue Aussichten für den holländischen Handelscrwerb ; Frankreich zog die Bedürfnisse des Seewesens über Holland aus Norden. England erklärte im Oct. 1778. aste Schifsbedürf- msse, welche unter.neutraler Flagge dem Feinde zugeführt würden, als Schleichwaare. Zu ihrer Sicherheit .verlangten die holländischen Kaufleute von den General- staaten bewaffnete Bedeckung. In welche Verlegenheit geriethen nicht dadurch die Staaten? England drohte bey Bewilligung der Bedeckung, Frankreich beym Abschlag Derselben. Durch Liebkosungen und Bestechungen gewann der 172 -er französische Gesandte, Herzog de la Vaugüyon, das Uebergewicht. Die Provinzen Holland und Friesland stimmten für die bewaffnete Bedeckung, der Statthalter, nebst den Provinzen Geldern, Seeland und Utrecht, stimmten dagegen. VI. Paul Iones; ein geb ohrner Schott, im Dienste des amerikanischen Congresses, hatte zwo englische Fregaten weggenommen, und war damit im Texel eingelaufen. Der englische Gesandte in Holland drang auf Arrestie- rrrng der Prisen. Die Gmeralstaaten mußten des Iones Bestallung von dem Congresse entweder für gültig, oder für ungültig ansehen; im ersten Fall hätten sie die Unabhängigkeit der Nordamerikaner anerkennt, im letztere» Falle wären sie von England genöthigt worden, gegen Iones als gegen einen Rebellen und Seeräuber zu handeln. Zur Ausweichung grösserer Verlegenheit, befahlen sie diesem letz. lern schleunige Abfahrt. Die Abfahrt verzögerte sich gleichwohl bis zum 27 December. Vier Tage darauf rächten sich die Engländer damit, daß sie zehn holländische Schiffe, die nach Brest segelten, unterwegs auffangen liessen. Auf diesen Vorfall bewilligten nun die Generalstaaten durch einen Schluß vom 26 April 178° allen holländischen Kauffar- deyschiffen bewaffnete Bedeckung. Um so viel ernstlicher aber drang England auf die Hilflciftung, welche die Republik vermög der Verträge vom I. 1678 und 1716 schuldig geworden. Nicht nur blieb die Hilfleistung aus, sondern insgeheim hatten einige Rathshäupter zu Amfter- dam schon wirklich einen Handelsvertrag mit den Nordamerikanern zu Papier gebracht. Diese Papiere gericthcn durch Zufall in die Hände des Königs von England. Im November 178c» forderte der König exemplarische Abstrafung der Urheber eines solchen Complots. In Holland waren hierüber die Meynungen verschieden. Mitten unter diesen Streitigkeiten bot Rußland der Republik den Beytritt zur bewaff- ! bewaffneten Neutralität an. Der Statthalter zau« ^ derte mit dem Beytritt/Amsterdam hingegen eilte damit. ? Es war äusserst wichtig / daß der Beytritt der englischen ' Rriegeserklärung zuvorkommen möchte. Plötzlich ge- ^ schah diese den 20 December 178«. ^ VII. j In wenig Monaten waren beynahe zwey drittel von » der holländischen Handelsflotte englische Beute. Theils i durch kleinfügigcn Spargcist/ theils durch langen Frieden, theils durch die entgegengesetzten Interessen des Statthalters und der Provinzen, waren so wohl die Seemacht als i die Landmacht der Republik in den kläglichsten Verfall ge. > funken. Warum verweigerte sie denn gleichwohl den Frie- s den, den ihr das neue Ministerium in England anbot? , Der angebotene Friede sollte nur einseitig seyn, mit Aus- ' schlicssung von Nordamerika und Frankreich. Wie konnte l aber Holland ohne Gefahr sich von Frankreich absön- ! dcrn, da die holländischen Niederlassungen auf dem Vorgebirg ^ der guten Hofnung ganz von französischen Truppen be- ' setzt waren ? Wie konnten die kaufmännischen Holländer ! zur Aussöhnung mit England geneigt seyn, da man ihnen i für die Schätze, die ihnen Rodney auf St. Eustaz weg» ! genommen hatte, nicht die geringste Vergütung bewilligte ? Wie konnte endlich die Gegenparrhey des Statthalters England die Hand bieten wollen, da man von allen Kanzeln und in taufend Blättern schrie: der Statthalter sey an England verkauft! VIII. > Während daß die Republik mit England, als der , Gcwährsmacht des Barrierevertrages, im Kriege war, ' benutzte der deutsche Rayser die holländischen Unruhen, und befreyte feine österreichischen Niederlande von den i eben so müssigen als lästigen Besatzungen. Mit einem Federzuge verrichtete er im Nov. 1781. den Barrierevertrag,, zur zur Sicherheit der Gränzen hatten jene Plätze wenig gedienet, aber durch sie war die Republik von allen schiffbaren Flüssen in den österreichischen Niederlanden Meister gewesen. Der erste Schritt reitzte den Rayser zum zweyten. Im 1 .17»; machte er so gar Anspruch auf die Eröffnung der Scheide. Gegen den Kayscr wäre vielleicht dem Könige von Preussen eine Verbindung mit Holland willkommen gewesen, allein Holland war nun einmal an Frankreich gebunden. Auf Frankreichs Anrathen ließ die Republik in Wien um Verzeihung bitten, weil sie zur Vertheidigung ihrer Rechte einen Schuß losgesteuert halte. Die kayscrliche Begnadigung erkaufte sie um zehn Millionen, und mit Abtrettung von Dalcm, Lillo, Licstkcnshock, wie auch der Souverai- nität über einen Theil der Schelde bis an Saftingen. IX. Alle Schuld der innern und äussern Unruhen schrieb die patriotische Parthey dem Statthalter zu. Den Freund und Rathgeber dieser letztem, Herzog Ludwig von Braunschweig, beschuldigte sie der Vernachlässigung des Seewesens und eines verrätherischen Einverständnisses mit England. Den 8 Iunius 1781 drangen die beyden Bürgermeister zu Amsterdam, Temmink und Rendorp, nebst dem Pensionair Vißher bey dem Statthalter auf des Herzogs Entfernung. Der Herzog von Braunschweig forderte von den Generalstaaten eine Ehrenerklärung, und erhielt sie; aber durch die Mehrheit der Staaten von Holland wurde die gerichtliche Untersuchung gegen die Amsterdamer Bürgermeister gehindert. Immer zahlreicher und wüthender wurden die Sch mäh- schriften gegen den Herzog, und die Magistrate in Amsterdam , Rotterdam, Dordrecht und Alkmaar begünstigten sie. Endlich ließ es der Statthalter geschehen, daß sich der Herzog den 24 May 1782 entfernte , und nach seinem Gouvernement Herzogenbusch zurück zog. In gleichem Jahre verabredeten der Rathspensionair von Bleis- wik, die Pensionaire van Gyzelaar, van Berkcl, van Zeeberg , vanweye, die Bürgermeister Hoofd, van Rempenaar, van Roo und andere folgenden Entwurf: *) „ Der Statthalter fall keinen Sitz mehr in irgend einer „Versammlung behalten. In keiner Stadt Holland soll in „ Zukunft die Wahl der Regenten und der Stabsofficicre „von ihm abhängen. Die Würden eines Gcneralcapitains „und eines Statthalters müssen unter zwo verschiedene „ Persohnen getheilt werden. Dem Statthalter wird nichts „ anvertraut , als die vollziehende Macht der gesetzgebenden „ Staaten. Will er sich den Befehlen von diesen nichts „unterziehen, so wird er entsetzt, und an feiner statt ein „ andrer erwählt. " Zur Durchfezung dieses Entwurfes verabredete man folgende Mittel. i.Freykorps in jeder Stadt. 2. Bit- schriften der Bürger um Absetzung der oranischgesinntcn Regenten. z. Zulassung aller und jeder protestantischer Seelen zu der Regierung. 4. Schwärmerische Predigten. X. Von der gefährlichen Vermischung der Religiono- schwärmerey mit der politischen sah man die fürchterlichsten Beyspiele. Van der Remp, ein Mcnnonitcn Prediger, verglich den Statthalter mit dem Rehabeam, und ließ die christliche Gemeinde folgenden Unsinn singen: Laß Unglük auf Unglük sein Haus umringen, Vertilg alle seine Nachkommen! Er hatte kein Verlangen nach Segen; So laß ihn davon auch nichts empfangen, Sondern laß Fluch ihn überdecken, Und wie Leichgewand über ihn strecken! __ Zu *) S. Holländische Staatsanzeigen von Jacobi und rüder, Lhl- VI. Nro. wie auch SchlözerS Werk über dr» Herzog von Vraunschweig- Zu Ddrdrecht verbot man einem Kandidaten die Kanzel/weil er für den Statthalter betete. In dem Sendschreiben an das Volk hieß es: » Ihr verlangt einen »Statthalter/ und man gab Euch WilhclmIV. wie Saul »den Jsraeliten gegeben wurde. Hat Er/ oder sein SohN/ „der uns jetzt drükt/ eure alten Rechte wieder hergestellt? »Wählet Ihr eure Magistrate und Abgeordnete? Habt ihr „ weniger Abgaben? Zieht man Euch über diese Abga- » ben zu Rathe? Giebt man Euch die geringste Nachricht » von der Verwendung der Gelder des Staats / oder » vielmehr eures eigenen Geldes? Was habt Ihr durch » die Veränderung der Regierungsform anders erhalten/ » als einen neuen Herrn / den zu enthronen es mehr Mühe „ kosten wird / als euch der Sturz eurer ehemaligen Ty- »rannen kostete l" — In einer im December 178; ausgestreuten Schrift forderte man die Patrioten zur Hinrichtung der Prinzen des Statthalters auf. In der Postzei- tung vom Niedcrrhein und in der Xeäer 1 sn 6 lbke - Lou. isnt, einer Zeitung, die in Amsterdam unter den Augett des Magistrats gedrukt wurde/ erschienen die heftigsten Philippiken gegen den Herzogen von Braunschweig. XI. Den 26 August 178; hatten sich die Staaten von Holland mit Mehrheit der Stimmen zur Annahme des Ultimats von England entschlossen; erst aber den 2; Iun. 1784 erfolgte der endliche Friedensschluß : i. Zwischen England und Holland sollte ein ewiger Friede statt haben/ und weder mittelbar noch unmittelbar kein Theil die Feinde des andern begünstigen. 2. Trakt Holland an England Ncgapatnam ab. ;. Stellte England an Holland Trincomale und alle andere Eroberungen zurück. 4- Gestattete Holland den Engländern ungestörte Schiffahrt auf der Ostsee. Der schlechte Ausgang des Krieges vermehrte den Unwillen gegen den Statthalter. Die englische Parthey klagte / daß man ben Krieg nicht aus. -77 ausgewichc», die französische: daß man ihn nicht lebhaft genug geführt habe. Die Angriffe auf den Herzog von Braunschwcig wurden erneuert. Die Staaten von Hol« land beschlossen, mit einer Mehrheit von nur zwo Stimmen , seine gänzliche Entlassung aus dem Dienste der Republik , und diesen Schluß trugen flc den Generalstaa- ten vor. Den 14 Oktober 1784. legte hierauf der Herzog von Braunschweig freywillig alle seine Bedienungen bey der Republik nieder, und entfernte sich aus ihrem Gebiete. Gegen den Statthalter hatten sich Holland, Friesland, tDberyssel und das halbe Utrecht vereinigt. Die Wuth dieser Provinzen gieng so weit, daß sie es für Staatsverbrechen erklärten, eine orangefarbigte Blume am Fenster oder ein Band von solcher Farbe an den Taschenuhren zu haben. Die Bürger in den Städten errichteten Freycorps. Die Schützengescllschaft zu Utrecht empficng von dem Stadtmagistrate eine neue Fahne, und öffentlich verbrannte sie die alte, womit sie von dem vorigen Statthalter beschenkt worden war. Der berühmte Leyd- ner Advokat Elias Lüzac , der sich durch seine Schriften zu Gunsten des Statthalters bey dem Volke verhaßt gemacht hatte, wurde zu Utrecht bey einem Spaziergange mit seiner Gattin mit Stössen und Schlägen verfolgt; als er nach Hause floh drangen die politischen Schwär/ mer in sein Zimmer, schloffen es hinter sich ab, und vielleicht würden sie den alten Mann umgebracht haben, allein noch retteten ihn seine Bediente. Nicht lange hernach hielt sich ein Rotterdammcr Professor, Hofstede, als er durch Utrecht reisen wollte, einige Augenblicke vor dem Thor auf, um das Freykorps mustern zu sehn. Plötzlich erscholl eine Stimme r Da ist der Professor Hofstede, der Englischgesinnte! —— In gleichem Augenblik überfiel ihn -er Pöbel, und verfolgte ihn mit Stockschlägen. Den Tag darauf ward ein utrechter Bürger, den man für ora- msch gesinnt hielt, auf gleiche Weise mißhandelt. Ein M Raths- -78 Rathsglied, van der Gösns, wurde durch eine von der Bürgerschaft eingerichtete Bittschrift zur Abdankung seiner Stelle genöthigt. -— In Rotterdam hatte ein Trommelschläger das bekannte Lied/ Wilhelm von Nassau, auf seine Trommel geschlagen. Er wurde von seinem Trom- mcldienste entsetzt. Den einfältigen Märtyrer suchte die Parthey des Statthalters zu rächen. Diese Parthey drang auf eine Vürgercompagnie ein. Auf Befehl ihres Offieicrs bediente sich die Burgrrwache ihres Schießgewehrs. Nun sieng der oranischgesinnte Haufe an, mit Steinen zu werfen. Mehrere wurden verwundet, und Einen kostete es das Leben. XII. Anfangs des Jahres 17g; zogen kayserliche Truppen durch Aachen, woselbst sich nun der Herzog von Braunschweig aufhielt. Aufs neue machte ihn sein Umgang mit den kayserliche» Befehlshabern verdächtig. In verschiedenen holländischen Zeitungsblattern warf man ihm unerlaubten Briefwechsel vor, theils mit dem Statthalter im Haag, theils milden Befehlshabern in Mastricht, um diese Vcstung an den Kayser zu verrathen. Die Zeitungsblätter setzten hinzu, der Rheingrafvon Salm Grum- bach, Obrister in Diensten der Republik, sey es, durch welchen der König von Preussen diese Sache der Republik habe offenbaren lassen. Hierüber wurde der Rhein- graf von dem Statthalter und von der geheimen Besoyne in Gegenwart einiger Mitglieder des Staatsraths, verhört. *) Er bejahte das ausgestreute Gerücht. Sogleich wurde in Berlin Aufklärung gesucht. Nach des Couriers Zurückkauft von Berlin versammelten sich noch den gleichen * ) S- Schlözers StatSanzeigen, Band Vll. Hrfr -7, wie auch dessen Bericht von . dem Herzogen von Braunschweig, nach der zwoten Ausgabe s. » 7 ? gleichen Abend, zwischen 8 und ic> Uhr, sdcn 22 März 173z.) die Hochmögcndcn. In der Nacht schickten sie einen Eilboten nach Mastricht, mit Befehl zur Verhaftneh- mung des Vice-Obcramtmanns vanSlype. Den;o März meldete die Lsreces äs la Uaxs, und zwar auf höher» Befehl: Der König von Preussen läugne nicht, mit dem Grafen von Salm von der erwähnten Mastrichtcrsache gesprochen zu haben, aber nur psr mZmers äs äilcours keineswegs bestimmt und entscheidend. Mittlerweile that der kaiserliche Gesandte zu Paris dem französischen Minister die Erklärung: Der Kayfer wäre höchst aufgebracht über die holländische Verfahrungsart gegen den Herzogen von Braunschrveig, welcher noch immer in kayser- lichcn Diensten stand. Von Paris kam diese Erklärung nach Holland. Auf einmal stellte man hier alle Proceduren in Bezug auf die vorgebliche Mastrichterverräthcrey ein, und sogleich wurde van Stype wieder in Freyheit gefetzt. Nachher entdeckte Man ein holländisches Com- plot, dem Herzog von Braunschrveig in Aachen feine Papiere zu rauben.*) Das Complot war von dem neu bestellten Generalen der patriotischen Parthey, dem Grafen von Salm und dem französischen Grafen von Maillebois, nebst dem Pensionair Gyzelaar, regiert worden. XIII. Mittlerweile vermehrten sich die bürgerlichen Unruhen. Im December 178; versammelten sich zu Utrecht mehr als 5000 Bürger, und überreichten dem Magistrate eine Bittschrift, mit dem Ersuchen: die obrigkeitliche Commission, die zu einer Unterredung Mit dem Statthalter nach dem Haag bestimmt worden war, sollte daselbst keineswegs in Unterhandlungen über die innere Staats, ver- *) S. SchlözerS StatSanrcigen, B- IX. Heft Zz. M « Verfassung emtretten, sondern diese Verfassung nack einem neu entworfenen Plane behaupten. Der Magistrat gieng auseinander, und mußte sich Nachmittags wieder versammeln. Der Rathshcrr van Häfren stieg auf die Treppe- neben dem Rathhause und erklärte dem unruhige!! Haufen : Wofern er sich nicht sogleich entferne, wolle er seine Stelle niederlegen. — Von allen Seiten schrie man: „Er „ kann sie niederlegen; man vermißt ihn nicht ungern, es „ werden sich andere genug finden! " Ueber dieses Geschrey wurde der Rathshcrr ganz ausser sich, mußte sich aber bequemen, am folgenden Tage bey den Bürgern im Gasthausc zur blauen Traube, durch einen der Conunit- trrtcn, wegen seiner gestrigen Ausdrücke um Verzeihung zu bitten. Als der Rath den ersten Abend, den -y. auseinander gieng, konnten die Bürgermeister nicht ohne Mühe ihre Kutschen erreichen. Dem regierenden Bürgermeister wurde der Mantel zerrissen. Verschiedene andere Rathsherren litten von der Volkswuth noch mehr. Am 20. December war das Rathhaus schon wieder mit mehr als ?c>ocr Bürgern umgeben. DerMagistrat erklärte sich: Er wolle den neuen Regicrungsentwurf annehmen, so bald ihn auch die Stande der Provinz in gesetzlicher Form annehmen würden. Hier ertönte das Geschrey von Tausenden: Nein: nein, alles muß heute abgethan seyn, sonst gehen wir nicht nach Hause! — Blieb also dem Rathe nichts übrig, als völliges Nachgeben. Das erpreßte Ja nahm er hernach zurück, und von Tag zu Tage wurden die gewaltsamen Bewegungen erneuert. Endlich entsetzte die Bürgerschaft ihren ganzen Magistrat, bis auf fünf ergebene Glieder. Zu diesem Schritte trugen wohl die kurz vorher erfolgte Erscheinung des Pensionairs van Gyzelaar und des Bürgermeisters Gevaerrs, aus Dordrccht, viel bey, am meisten aber die am 1. August daselbst eröffnete allgemeine Versammlung der Deputierten von allen bewaffneten Bürgerkorps der VII Provinzen. Auch in Fries- Friesland drangen die Bürgerschaften auf freye Erwäh- lung der Magistraten, allein die Stände bcharrtcn darauf, daß die Wahlen nach bisheriger Uebung, an den Statthalter gebracht werden sollten. Noch weiter gicng Geldern. Daselbst erklärten die Stande diejenigen als Stöhrcr der öffentlichen Ruhe, welche einzeln oder durch Addresscn Veränderungen in der Wahlform durchsetzen wollten. XIV. Den i?. Fcb. 1786 nahm man von dem Gewehr und den Trommeln der holländischen Fnßgardc die Wappen und Namcnzüge des Prinzen von Oranien weg. Der Statthalter zog sich vom Haag auf das Schloß Loo zurück. Kaum war er des Commando der Garnison im Haag beraubt, so machte Rendorp von Markettc, ein Bürgermeister zu Amsterdam, den Vorschlag zu einem Vergleich. Der Vorschlag wurde von dein Statthalter genehmigt, und hierauf faßte die Regierung zu Amsterdam, durch eine Mehrheit von 20 gegen 15 Stimmen, den Entschluß: Daß dem Statthalter unter gewissen Bedingungen das Commando im Haag wieder anvertraut werden soll, und diesen Entschluß übergab sie zur Entscheidung an die Staaten von Holland. Diese Entscheidung war dem Statthalter entgegen. XV. Vermög einer Staatcnresolntion sollte den 16. März 1786 zum erstenmal das Statthaltersche Thor auch für die Rutschen der Staatengliedcr geöffnet werden. Die Neuheit der militairischen Ehrenbezeugungen für die Staaten lockte bey tausend Neugieriger herbey. An diesem Tage fuhr aber keine Staatenkutsche durch das geöffnete statthaltersche Thor. Sogleich sprengten Feuer, köpfe von der spanischen Parthey aus, die Furcht vor dem Volke hätte die Staaten zurück gehalten. Dieses vermehrte » 8 - mehrte die Neugier. Am 17 war der Zulauf noch grösser. Von den aufmerksamen Gcrichtsbedientcn wurden zwey Glieder der oranischgesinnten bürgerlichen Exercicrgescllschaft, Heß und Bauer, besonders bemerkt. Die Staaten fuhren zusammen, und wieder kein Wagen durch das statthal- tersche Thor. Nach gecndigter Sitzung aber wollten der committirte Rath Roo van Weftmaas und der Fiskal Luyken zu Fusse durchgehn. Nur durch Hilfe der Wache drangen sie durch, aber niemand war vermögend das pöbelhafte Geschrey: Lees, Xses l zu hindern. Gleich darauffuhr die Kutsche mit den beyden Dortrechter Deputierten Gy- zelaar und Gepaerts, gerade auf das statthaltersche Thor los. Immer ärger wurde das Geschrey und Gedränge. Der Friseur Morand, der verschiedene Persohnen von des Prinzens Hofstaat zu bedienen pflegte, fiel den Pferden der dordrechtcr Kutsche in die Zügel, schtie: halt! Hier fährt niemand durch als der Statthalter, — und suchte die Pferde umzulenken, wobey er mit den Worten a moi, s moi um mehrere Hilfe rief. Ein junger Advokat, van Nyspen, sprang, den blossen Degen in der Hand, zur Vertheidigung der Kutsche herbey? Die anrückende Reutcrey machte ihr Luft, und der unverschämte Friseur wurde durch die Gerichtsbcdicnten gefaßt. Seine vermeintlichen Anstifter, Hess und Bauer, entflohn aus dem Haag. Zu ihrer Sicherheit boten nun die Staaten das ganze Militair auf, und die Wachen wurden verdoppelt. Schon am 20. liessen die committirten Räthe für den armen Sünder Morand in den Kirchen bitten, und dabey das Volk zur Ehrfurcht gegen die Regenten ermähnen. Am 22. erfolgte das Todes^irtheil. Seine schwangere Frau bat mit ihren sechs Kindern bey den Slaatcn- glicdern um Gnade. Inzwischen wurde der Galgen errichtet; den 24 rückte die ganze Garnison mit geladenem Gewehr zu Deckung der Execution an, Morand erschien zur ' ' r8Z zur Anhörung des TodesurthcilS. Um ihn nicht gan; ausser sich selber zu setzen, hatte man ihn vorher insgeheim seiner Begnadigung versichert. Nach Verlesung der Begnadigung rief der General Sandoz, welcher bis dahin keinen Menschen in den Ninncnhof gelassen hatte, dein Volke zu: Osm nu allen naar'ci Ilinnsndok! Hierauf folgte noch die Aufhebung des ganzen prinzlichgesinnteir Lxer- cierkorps , die Inquisition gegen verschiedene Glieder desselben , und die ewige Verweisung ihres Capitains. Die Exercicrgescllschaft der so geheisscnen Patrioten hingcgei» wurde mit besondern, Schutze beehrt. Bey Gelegenheit der bevorstehenden Reise des Statthalters nach Seeland verbreitete die antioranische Parthey das Gerücht von einem geheimen Coalitionsplan zwischen den Aristocraten und den prinzlichgcsinnten. Nach einem andern Gerüchte erwartete man wahrend des Statthalters Aufenthalte in Seeland einen englischen Prinzen am Bord eines Briegesschiffo. In keiner Provinz hat die Geistlichkeit so viel Einfluß auf das Volk, als in dieser, und hier sind das Volk so wohl als die Geistlichkeit immer dem Prinzen sehr ergeben gewesen. In, Iun. ,786 hatten sich die Walcherschen Bauern in Middclburg in den Wirthshäusern bey ihren Tänzen mit Orangenbän- dcrn geschmückt, und laut Orange - boven geschrien. Den 26 Iul, verließ der Statthalter die Hauptstadt Seelands, konnte aber, nach dem Verluste des Haager-Commando, mit Ehren nicht nach dein Haag zurückgchn. Den 7, August, als an dem Geburtstage seiner Gemahlin, einer Prinzessn von Preussen, wurde nicht das geringste Merkmal öffentlicher Freude geäusscrt. XVI. Unterm 7. und 8. August wurde zu Amsterdam eine Versammlung von 79 patriorcu aus verschiedenen Provinzen ?84 vinzen gehakten. Die Glieder derselben bestanden zwar grossenthcils aus Bürgermeistern, Rathshcrrcn und Adeli- chcn, im Grunde aber halten sie keine öffentliche Vollmacht. Es war die vierte Versammlung dieser Art seit Hern I. 178;. Ob sie es war/ die jene lläks vsn ver- timenis gemacht hat/ laßt sich nicht wohl entscheiden. In dem zweyten Artikel verpflichteten sich die Unterzeichneten zur Beförderung grossem Einflusses der Stände von Holland und Westft'iesland so wohl in der Versammlung der Hochmögcndcn als im Staatsrathe und in der Gencralitätsfinanzkammer. In dem sechsten Artikel zur Unterstützung der Freykorps. In dem achten Artikel zur Absöndcrung der Statthalterschaft von der Stelle eines Generalcapitains- In dem neunten und zehnten Artitel zur Aufhebung des statthaltcrschcn Erbrechts. In dieser Amsterdamer -Versammlung versicherte die Deputation -er Bürgcrkorps / daß diese sämmtlichen Korps zooao Mann stark wären. Um so viel kühner gierigen die Anti- Rheingraf von Salm mit feinem Korps, wie auch ein Dctafchement mit holländischem schweerem Geschütze zu Hilfe. Unterm ik May that der Staatsrath der vereinigten Provinzen Vorschläge zu gütlichen Unter- handlungen. Die Unterhandlungen aber vermehrten die gegenseitige Verbitterung. 2 « Utrecht legte die ganze Bürgerschaft für den erschossenen Bürgerofficicr, Bischer, die Trauer an, und für das Kind, womit die Wittwe des beym nämlichen Scharmüzcl gebliebenen Kanoniers, Viereck, nächstens niederkommen sollte, wurde ein obrigkeitliches Gehalt ausgemacht. Anfangs des Brachmonats nahm die Verwirrung besonders auch in der Stadt Amsterdam übcrhand. , Schifszimmerlcute wollten in einem Wirthshause eine Bitt- l schrift für den Statthalter unterzeichnen ; sogleich be- ! stürmten einige Patrioten das Wirthshaus. Die Schiffs- ! jimmerleute plünderten hierauf die Häuser von diesen. Häc- ^ te nicht in Eile eine Bürgerkompagnie Einhalt gethan, so hatte man auch das Haus des Bürgermeister Dedels zerstöret. Nach langem gegenseitigem Losfeurcn behielte» die Patrioten den Sieg. Es wurden Z9 Häuser geplündert , und vor Schrecken gab der Bürgermeister Beel den Geist auf. *) Der Bürgermeister Rcndorp, seine Frau und sein einzigcrSohn retteten sich auf einer Leiter in des ' Nachbars Hof, und von da weiter über eine Planke. Als ihre Bediente um Mitternacht nach Hause zurückgekehrt waren, >*) Schlözers StaatSanzeigen, xrer Band, Heft 40. waren, sahen sie die prächtigsten Kleider der Madame Rcndorp im Kanale fliesten; ihr Imvelcnkastcn, an Werth 100,000 Gulden, und die Haushaltbörse von 4000 Gl. waren weg. Der Schaden wurde auf i;o->oo Gulden geschätzt. Den andern Tag begab sich der Bürgermeister auf sein Landgut. Das Haus daselbst, einem Schloß gleich, war ringsumher mit tiefen Wassergraben umgeben. Auf der Mauer lagen sechs geladene Kanonen, zwölf Flinten und sechs Pistolen, mit ziemlichem Vorrath von Ammu- nition, und einem duzent entschlossener Bedienten. XVIII. Bey Castationsstrafe befahlen die Generalstaaten allen Officieren der holländischen Regimenter unverzügliche Rückkehr, aus der Provinz Holland in das Gebiet der Generalität. Gerade den entgegengesetzten Befehl gaben den Officieren die Staaten von Holland. Von allen zwölf Regimentern , die sonst zu Mastricht in Besatzung lagen, blieb für einmal daselbst nur das Zürchcrsche. Berber allgemeinen Zerrüttung flüchteten sich mehrere Personen mit Hab und Gut, und der Handel und Aunst- sseiß litten rödtliche Streiche. Unter solchen Umständen rntschloß sich mit der Kühnheit einer Semiramis die Gemahlin des Statthalters durch ihre Erscheinung den Sturm zu beschwören. Zu diesem Ende wollte sie von Ninnvegen eine Reise nach dem Haag thun. Unterwegs aber wurde sie den 28 Iunius, unweit Schonhoven, mit Gewalt an der Fortrcise gehindert. Wegen ocs ge. waltsamen Verfahrens der Patrioten gegen die Prinzessin förderte ihr Bruder, der Lönig von Preussen, unter Kriegeszurüstungen schleunige Genugthuung. Den 14. Iul. bezeugten ihm die Staaten von Holland ihren Verdruß über die geschehene Unhöflichkeit, stellten aber zugleich vor, daß sich die PrinzeM diese Unhöflichkeit selbst I8-- sclbst zugezogen hätte. — Immer noch bauten sie auf s den Beystand von Frankreich, und zwar um so viel mehr, je wichtiger für diese Krone eine genauere Verbm« düng mit der Republik war. Doch bey den erschöpften- - Finanzquellcn mußte der Hof voii'-Vmaillcs leidsam zu. sehen, wie auf der einen Seite England eine Flotte aus. ^ rüstete, - und auf der andern Seite der regierende Hcr- : zog von Braunschweig unterm ir Scpt. 1787 mit 20020 Preussen vorrückte. Umsonst öffneten die Patrioten die ^ Schleusten! Wegen Mangel an Wasser und Winde miß. ! langen die Ueberschwemmungcn; bey der Stadt Utrecht i thaten diese Ueberschwemmungcn unsäglichen Schaden; in der Nacht vom rz September flüchteten sich die Einwohner auS dieser Stadt, und liessen dem Feinde 60 Kanonen und die ganze Kricgcskassa zurück. Nach kurzer Gegenwehr unterwarfen sich die meisten Plätze, die Freykorps zerstreuten sich, und der Anführer der Patrioten , der Rhein, graf von Salm, ein zweydcutiger Mann, war der erste der davon floh. Den i. Oetober fiel bey Amftelvecn ein Gefecht vor; sogleich darauf räumte Amsterdam das Leydnerthor und die Vorstadt Ovcrtoom dem preussischen Feldherrn ein. Wahrend daß Holland von preussischen l Truppen besetzt war, wurden alle der Patriotensucht verdächtige Persohncn ihrer Aemter entsetzt, und mlle Regenten mußten die alte Verfassung vom Jahr 1747 beschwören , und die Erbstatthalterschaft mit allen ihren Vor. rechten als wesentlichen Theil der Union anerkennen. Bey dieser Revolution verlor zwar keines von den Häuptern der anti-oranischen Parthey das Leben, aber viele vcr» liessen das Land. Ganz ist diese Parthey gewiß nicht per. tilgt, aber für einmal zum Stillschweigen gebracht. Nicht nur unterzeichnete Holland im April und May 1788 zwey Schutzbündnisse mit Preussen und England, sondern es - nahm auch vergrößerte auswärtige Landmacht in Sold, und iya und verstand sich zu neuen Abgaben ein. Wenn die Republik vor künftigen innern oder äussern Erschütterungen sicher seyn soll , so scheint für den Statthalter kein sichercrS Mittel, als weiser— nicht willkührlicher Gebrauch seiner Rechte. - X. James *) G. leatecliilriius vs» ket Ltsllkouliertcksx. LotterclLM bv Lokvout, wie auch Introäuüion tko tks tiiüorx vk tkc llutrk Rexublie. I,ooä»n i>^ Ke»rs!e^. ! l ! X. 'James Look, Weltumsegler/ vorn Jahr 1728 bis 1779. k 1 James Cook, Weltumsegler. geb. 1728. gest. 1779. I. N uf der einen Seite liefert die Geschichte das Na- mcnsverzeichniß so vieler Hochgebohrnen, Hoheiten und Majestäten, die, solange sie Luft athmeten, zwar in Gold und Purpur strahlten und sich vom Opfergeruche der Vergötterung aufbliesen, die aber sogleich nach dem letzten Athemzug in ewige Nacht fielen, und, wie niemals ge- bohren, aus dem Andenken der Menschen verschwanden: Auf der andern Seite verweilt mit Wohlgefallen eben diese Geschichte bey so geheisscnen Männern ohne Geburt und aus dem niedrigsten Stande, welche auch noch die späteste Nachwelt als öffentliche Wohlthäter, als Weltlichter und Schöpfer neuer Epochen verehrt und bewundert. Wenn irgend Etwas die innere würde undAraft der Menschheit beweist, so beweist sie der ausgebreitete Einfluß, den sich zuweilen auch der gemeinste Privatmann verschaft. N. James Cook ward im I. -728 in der Grafschaft Aork in einer armen Pachterhütte gebohren. In seinem drcyzehnten Jahre trat er bey einem Schiffer aus whitby, der Steinkohlen von Neukastle nach London zuführen pflegte, auf sieben Jahre in Dienste. Einmal wurde er auf einem Schiffe als Gehilfe des Schiffers (mare) oder Steuermann gebraucht, und bey dieser Stelle entwickelten sich seine Talente. Was bey solchen kurzen Reisen an den Küsten Tausende nicht merken, daß merkte er sehr bald, nemlich, daß man ohne Meßkunst zeitlebens ein elender, N Steuer- Steuermann bleibe. Unerschütterliche Beharrlichkeit in Durchsetzung eines einmal gefaßten Entschlusses war ein Hanptzug in seinem Charakter. Er machte alles ersparte Geld zusammen, und nahm Privatunterricht in der Meßkunst und Schiffskunst. Nach Vermehrung seiner Kenntnisse ward ihm der Kohlenhandel und das Küstcnbcwahren zu einförmig. Er that weitere Reisen nach der Ostsee, nach St. Petersburg und wiburg, auch nach Norwegen. Beym Ausbruche des Krieges zwischen England und Frankreich wurde er bey einem Schiffe als Mcistersgehilfe angestellt , und als solcher dienete er bey der Eroberung von Lort-Louis und Lap-Breron. In den Erhohlungs- stunden las er die besten Werke über das Seewesen, und selbst die Gelehrten, welche die Mechanik der Segel und des Steuerruders durch die Analysis des Unendlichen erklären. Ueber dem Studieren aber versäumte er nicht die kleinste von den Pflichten seines Berufes. Als England im I. 1759 die Eroberung von O-uebek beschloß, so bekam er eine Stelle als Schiffsmcisier bey der Flotte des Admiral Saunders, und war mit bey der Parthey, die auf der Insel Orleans landete. Bey der Unternehmung auf Q-uebek selbst, in seinem ein und dreyßigstcn Jahre, bewies er eben so viel Muth als Pünktlichkeit. III. Der Admiral hatte mit Wolfe, dem Befehlshaber der Landmacht, die Verabredung getroffen, den Feind in D.uebek irre zu führen. Beym St. Lharlesstuffe sollt« der Angriff geschehn, allein, um den Feind dort sorglos zu machen, stellte man sich, als ob man Willens sey, den St. Lorenzfluß hinauf, an der Stadt vorbey zu gehn. Zur Beförderung dieser Täuschung fuhr Look jede Nacht in einem Boote, unter Bedeckung von einigen Soldaten, längs dem Flusse hinauf, um für die Flotte Bvyen zu Merkzeichen zu legen. Als ihn der Feind gewahr wurde, feuerte k feuerte er aus der untern Stadt auf Cooks Boot: dieser i aber fuhr mit der ihm eigenen Beharrlichkeit fort. Alle ' Morgen nahmen die Franzofen die Boyen wieder weg, und alle Abend legte Cook andere hin, und ließ wieder auf sich feuren. Der Angriff geschah endlich beym St. Charlesfluß: allein er blieb fruchtlos. Nunmehr mußte ' also wirklich geschehn, was man Anfangs den Feind blos ' glauben machen wollte. Unter Looks Anführung, alS i Steuermanns, gieng die ganze brittische Landmacht in ^ einer Nacht den Strohm glücklich hinauf, und Scuebek l und ganz Canada wurden erobert, wie wohl nicht ohne ^ Verlust der beyden Heerführer, Wolfc's und Montcalm's. ' IV. Nach der Eroberung von Qucbek blieb Cook bey stimm Schiffe an der Küste von Nordamerika bis nach geschlossenem Frieden. Da hernach die Regierung von ; England die Rüsten von Neufoundland so genau als möglich wollte aufnehmen lassen, so gab man zu diesem Geschäfte Cookn ein kleines Schiff mit zehn bis zwölf Mann. Mit Hilfe seiner Werkzeuge gelang es ihm, von ' der nördlichen Küste einige Spectalcharten zu liefern. > Theils seiner ersten Erziehung, theils und vorncmlich sei« i ncm Aufenthalte in diesen wilden Gegenden schreibt man das finstere und ungesellige Wesen zu, daß man an ihm je länger je mehr zu bemerken begann. V. Die königliche Societät zu London wollte den Durch« gayg der Venus durch die Sonne beobachten lassen, und erhielt zu dem Ende hin von dem König ein Schiff mit einer beträchtlichen Summe. Capitain Wallis, der eben um diese Zeit von seiner Reise um die Welt zurück kam, schlug zur Beobachtung der Erscheinung eine von ihm neuerlich in der Südstc entdeckte Insel, St. Georg, als den vortheilhaftesten Ort vor. Die Ausführung des Un- N 2 ternehmens ternehmens anvertraute der berühmte Admiral, Lord Hawke, dem Schiffmeistcr und Landmesser Cook, den er zum Schiffslieutcnant und Commodore ernennte. Aus eigenem Triebe rcisctcn der nachherige Präsident der königlichen Societät, Joseph Banks, und der DocterSo« lander, nebst verschiedenen Mahlern und andern Künstlern, auch mit. Banks übernahm auf eigene Unkosten die Verpflegung seiner Reisegesellschaft, wie auch Cooks und des Astronomen Green. Das Schis that die Reise nach Grade südlicher Breite und dem Polarzirkel. Die häufigen Schneegestöber und Nebel verhindern in diese» Gegenden die Aussicht, und immer ist man in Gefahr, gegen den einen oder andern von den so häufigen Eisbergen in diesem Meere zu rennen. Indeß wurde auch die Fahrt zwischen diesen von Eise strahlenden Eylanden benutzt. Cook fieng das schimmernde Eis auf, und kochte süsses Wasser daraus. Zuweilen schwebte er sechszehn Wochen zwischen Wasser und Luft, ohne das geringste von Land auszuspähen; zuweilen gerieth er innerhalb vier Wochen aus einer Kälte von 27 Graden des Fahrenheitischcn Thermometers in eine Wärme von 72 Graden, und gleichwohl blieb das Schiffsvolk immer gesund. Er selbst aber wurde gefährlich krank. Nachdem er sich wieder etwas zu bessern anfieng, hatte man keine Nahrungsmittel für seine» ganz entkräfteten Magen. Endlich opferte ihm Dr. Förster seinen treuen O-ThahcitischenHund «ruf, und bereitete daraus für den Kranken stärkende Brü, hen. Nachdem die Argonauten einige Inseln bey dem wm- -ezirkel besucht, und daselbst Erfrischung gcholet hatten, wendeten sie sich zum zweitenmale nachO/Thaheiti. In E>-Aeyeda vernahmen sie die Ankunft von zwey Schiffen n die Welt antrat. Im Iul. 1776 stachen sie in die See, und den 6 Nov. verliessen sie das Lap der guten Hofnung. Vom Cap wendete sich Cook nach Neuholland, Neuseeland und den Societätsinseln. Hier setzte er den Omni, den er aus O-Thaheiti mit sich nach Europa gebracht hatte, wieder aus. Omni wurde mit allgemeinem Frcu« dengeschrey seiner Landslcute bewillkommet. Wäre dieser Omai, mit brauchbaren Kenntnissen bereichert, aus Europa wieder nach seiner Heimat gckehret, wer weiß, ob ihn nicht die unwissenden, aber gutherzigen O-Thaheiten M eben der Ehrfurcht angesehen hätten , wie z, B. die grie- ^ griechischen und mvrgcnländischen Völker ihre Kadmns, ^ Zoroaster und Dnkas? *) Ganz aber wurde er zum Sit- ! tcnlehrcr und Gesetzgeber verdorben. In England fiel l er Leuten in die Hände, welche ihn in die schöne Welt t führten, und ihn alles lehrten, was ihn hier zu einem ^ artigen Maccrone, und in O-Thahciti hingegen unnütz und für immer unglücklich machte. Dieser sonst so licbcns- würdige Sohn der Natur machte nun einen höflichen i Reverenz, bot mit Anstand eine Schüssel herum, ritt sein ! Iagdpferd, machte alle Ausschweifungen mit, hatte alle s Taschen voll Uhren, Ringe, Tabaricren, Portraits von Damen, Etuits, einige Kisten voll Spiclwcrk und Puppen; ^ eine Orgel, eine Elektrisiermaschine, Feuerwerk, kurz, s tausend Dinge, die bey den erwachsenen Kindern in O- l Thahciti Freude und Erstaunen erwecken, aber sie in der s Kultur und Aufklärung nicht weiter bringen. Auch fand ! Cvok nicht, daß Omai seiner Reisen und seines Spielzeuges ^ wegen bey seiner Zurückkunft critweder höher geachtet oder beneidet worden. In O-Thahciti ließ er die am Cap eingenommenen Thiere , einen Bullen und einige Kühe, ! einen Hengst und einige Stuttcn, ein paar Schafböcke und i einige Mutterschafe, einen Pfau, und einige Pfauhennen, ' u. s. w. zugleich mit einigen Muskatnußbaumen und andern Fruchtartcn. Als die grossen Thiere aus Cooks Arche - hervortraten, so sollen sie von den Einwohnern vast ange- bcthet worden seyn. Warum sollten sie ihren Wohlthäter nicht eben so, wie einst die Aegypter den Apis verehren? Gegen Ende des Jahres segelte er Nordwärts, und erreichte im Mär; des Jahres 1777 die Küste von Amerika. Längs dieser Küste fuhr er hinauf, verbesserte manche Fehler der bisherigen Charten, und fand die Meerenge, die'Amerika von Asien trennt. Seit seiner Durchfahrt heißt sie Looks Meerenge, nicht mehr die Strasse Antan. Im August 1778 wurde er in einer Breite von 70 Grad 4I Minute» und 198 Grad der Länge von Greenwich so plötzlich vom Eise umgeben, daß er Gefahr lief, davon eingeschlossen zu werden. Er machte sich aber doch los, und gieng nunmehr nach der asiatischen Seite : allein , längs der Küste von Sibcrien glückte es ihm eben so wenig , und er mußte wie, der nach der Strasse zurück. Unterwegs bemerkte er, daß beyde Erdtheile in dieser Gegend ein niedriges und nackendes __—__ Land ') G- eitscuqlisch Ieilun.MIalt LvillniLe, stutv 1770, rmv das deutsch. Mus. St, VIII, 1776, L02 Land haben, und daß das Meer daselbst nicht tief sey. Auf der Insel Unalaschka übergab er einem Haufen Russen einen Brief, vom Oct. 1778 datirt, in welchem er meldet, daß er auf der Reise nicht mehr als drey Mann verlohren, und zwar einen derselben durch gewaltsamen Tod. Auf einer Fahrt von hier Südwärts traf er unter dem roostm Grad östlicher Länge von Grcenwich und unter dem 22. nördlicher Breite auf einen Archipel von Inseln. Wie erstaunte er, als er da Leute fand, welche an Farbe, Leibesgestalt, Hauptzügcn des Gesichtes, Sit- ten und Sprache mit den O-Lhaheiten so ganz übereinkamen! Dieselbe Sprache verbreitet sich also bis zu diesem Archipel von Neuseeland aus. Spuren der gleichen Sprache findet man auf den Ladroncs Inseln und im Ma- laischcn. Welch ein Räthsel für den Forscher der Weltgeschichte, wenn man bedenket, was für eine schwache Verbindung zwischen so entfernten Völkern die dortigen erbärmlichen Fahrzeuge gewähren! Auf einer von den Inseln dieses Archipels, auf L>- Why- He, anckcrte Cook. Beynahe göttlich verehrten ihn die Einwohner, und trugen ihm alle Erfrischungen im Ueberfluß zu. Kaum segelte er ab, so trieb ihn ein heftiger Windstoß, der seinen Vordermast zerschmetterte; wieder nach,O-Why-He zurück. Nun fand er die Einwohner sehr verändert; sie raubten ihm wirklich ein Boot. Er begab sich zum Oberhaupte, und forderte es zurück. Die trotzige Begegnung, die er von einen: der umstehenden Wilden erfuhr, rechten ihn zur Hitze, und er gab Feuer auf den Wilden. Allein sein Blitz traf nicht; schon vorher hatte Cook sein göttliches Anschn verlohren, und nun wurde er (den 14- Fcbr. 1779) mit vier seiner Leute von den Wilden erschlagen.*) Gleich Anfangs haben wir die Bemerkung gemacht, daß die Muse der Geschichte gleichgültig bey manchen geringfügigen Grossen der Erde vorbcygehe, und sich hingegen gerne bey solchen Menschen verweile, die sich aus der Dunkelheit des Privatstandeö zu Wcltlichtern und Schöp, fern neuer Epochen erheben. Wenn wir diese Bemerkung bey James Cook vorausschicken durften, wie viel mehr werden wir nicht bey Benjamin Franklin zu eben dieser Bemerkung veranlasset. XI. Bcn- *) Man sebe Cook's Leben von Kippis, wie auch eine deutsche Lcbensheschreit'Mlg von I.H. Wiedmann. Erlang. 1739. XI. Benjamin Franklin und Nordamerika»;scher Krieg vom Jahr 1774 k i s 178;. /u/mc/r /ovr 7z//a?!N^. I. Aranklin erblickte das Weltlicht den r? Jänner 1706 zu Boston in Neu-England. Sein Vater war ein gemeiner Gastwirth ; er selbst hatte sich der Buchdruckerkunst ge- wicdMet,Md schon als Setzer solche Kenntnisse erworben, daß er dadurch angefeuert wurde, sich ganz den Wissen, schaftcn zu wiedmen. In verschiedenen Fächern der Naturlehre machte er neue wichtige Entdeckungen. Wir verweisen auf seine sämtliche Werke, welche in drey starken Octav- bändcn auch in einer deutschen Uebersctzung , freylich nicht mit der simplen Grazie des Originals, im Jahr 178« zu Dresden edirt worden sind. Seine Aufsätze betreffen: die Luft, mehrere Erscheinungen zur natürlichen Erdbeschreibung gehörig , als Wind, Kälte und Wärme der Luft, Wirbel, Wasserhosen, Zug des Windes, Lufterschcinungcn; ferner das Feuer, neuerfundene Zimmerwärmcr oder Kamine; die kühle Behandlung bey Einimpfung der Pocken; die Erkältung , die durch flüssige Ausdünstung bewirkt wird , mit Versuchen am Thermometer und Beyspielen auS dem täglichen Leben, als dem Schwitzen, bewiesen ; die Erdschichten; ein nützlicher Durchzug durch den Kamin im Sommer; die Salzigkeit des Meerwassers; die Vergleichung zwischen den Sinnen des Gehörs und des Gesichtes; die Fortpflanzung dcsSchalles; die Tiefe der schiffbaren Kanäle; das Schwimmen mit einer Art Segel; die Lehre von den Farben , nebst Versuchen an Tüchern, die in der Sonne auf Schnee gelegt wurde» z die Nordlichter, das Wasser, die Seewolken, zu- 226 zusammenhangend mit Elektrizität. Vorzüglich wichtig sind Me Entdeckungen über die Elektrizität. Wer kennt nicht die franklinische Spinne, das franklinische Zaubergcmälde, den Hochverrath und die Verschwörung? Die Batterie brauchte er, wo nicht ganz zuerst, doch mit zuerst und am stärksten. Was schon allein ihn unsterblich machen müßte, ist die, vorzüglich so praktische, Anwendung der Lehre von der Elektrizität auf die Theorie der Gewitter. Zwar schon vor ihm hatte winkler in Leipzig die Gewitterableitcr elektrisch gefunden, aber der kühne Gedanke gehört Franklin: Man müsse den Blitz, wie die Elektrizität ableiten können. Er war's, der die Werkzeuge erfand, welche Schiffe, Häuser und ganze Städte sichern, welche die Herrschaft des mensch, liehen Geistes über die fürchterlichsten Elemente und Natursymptomen am deutlichsten zeigen, und uns in den Stand setzen, dem Feuer des Himmels seine Bahn vorzuschreiben. II. Das feine Gefühl des überall wirksamen Mannes und sein vielseitiges Originalgcnie dehnte sich auch über schöne Rünfte und Litteratur aus. Jenes Toninstrumcnt, das an Zartheit und Süssigkcit nichts neben sich leidet, die Harrnonika, ist von Franklins Erfindung. Auch hat man von ihm einige theoretische Betrachtungen über die Tonkunst, über den Gesang und das Versmaaß eines Volksliedes, über die unrichtige Deklamation unserer bewun- dcrtestcn Arien, u. s. w. Von ihm ist der mit Recht so bewunderte Aufsatz: Der arme Jacob, der frey übersetzt im zweyten Theile von Engels Philosoph für die Welt steht; von ihm die Nachahmung jener vortreflichen morr genlandischen Parabel von dem Fremden, der Abraham besuchte und nicht auf gleiche Weise zu Gott betete, die in den dritten Theil von Nikolais Nothanker ringe, rückt ist. PI. Wir Wir wenden uns nach Franklins politischer Lauf- kbahn. Auch bey der Politik, wie bey der Physik, vereinigte er mit theoretischen Kenntnissen praktische Anwen- ^ düng derselben. Ins helleste Licht setzte er die Grund- j sätze von der Bevölkerung, von der Industrie und Han- ldelschaft, vom Getrcidcprcise, von Behandlung der Aromen, von Rcligionsduldung, u. s. w. Diese Grundsätze ltrug er, wie Möser die sinnigen, in mehrerley Formen !vor, ließ einzelne Blätter ins Publikum fliegen, und cr- k wartete bescheiden die Wirkung davon. Luaviwr in moäo, ,ce kortlter in re, war sein Charakter, ganz entlegen gesetzt ^dcm Charakter unserer jungen deutschen Weltrcformatoren. dOft ist sein Vertrag ganz simpel und kalt, oft durch milchige Einkleidung belebt. Von ihm ist unter andern ein ^Aufsatz voll Swiftischer Laune, mit der Aufschrift: An- lwcisnng ein Land herunter zu bringen, für einen Mini- 'ster, beym Antritt seiner Verwaltung. Aus diesem Aufsätze nur folgendes zur Probe: „Eilftens: UmeurcAufla- gen desto gehässiger zu machen, schickt aus der Haupl- stadt zur Hebung derselben in die Provinzen ein Colle- „ gium von Beamten, daß aus den unvernünftigsten lind „ungezogensten Menschen bestehet. Diese müssen dort „grosse Gehalte von den erpreßte» Hebungen gemessen, „ und in offenbarer Schwelgercy auf Kosten des Schweis- „ ses und Blutes der Arbeitsamen leben; sie müssen diese „ letztem mit grundlosen und kostbaren Anklagen vor den willkührlich entscheidenden Hcbungsrichtcrn hcrumzcrren; „alles auf Kosten der gchudclten Parthey, und zwar, „ wenn sie auch unschuldig erkennt wird, denn der König „ kann keine Kosten tragen. Diese Menschen müssen, eurem -» Befehl nach, von allen gemeinschaftlichen Taxen und „Auflagen der Provinz frey seyn, obgleich sie und ihre „ Güter des dortigen Schutzes gemessen. Wenn irgend ein Einnehmer der geringsten Zuneigung des Volkes ver/- „ dächtig „ dächtig ist, setzt ihn ab! Wenn Unterbediente das Volk „reizen/ sie zu prügeln/ so befördert solche Bediente zu „ bessern Stellen! Das wird die andern ermuntern/ sich „ solche einträgliche Prügel auch zu verschaffen / und also „ das Volk immer stärker zu reizen; so wird alles den „ Zweck befördern/ wonach Ihr zielt!" Vorzüglich schrieb und handelte Franklin in Hinsicht auf sein Vaterland. Er stiftete nicht nur Bibliothek und Akademie für Philadelphia/ sondern auch einen wohlthätigen/ politisch-moralischen Blub. Er entwarf einen höchst menschenfreundlichen Plan und eröffnete in Dalrymple's Gesellschaft eine Subscription/ um Produkte der Natur und Kunst den kürzlich entdeckten Neuseeländern zuführen zu können. Ein anderer grosser Vorschlag war, zwo Lolonien in Westen von Nordamerika anzulegen/ wovon der Plan sorgfältig ausgeführt worden. Aber nichts ist für Zeit und Nachwelt wichtiger/ als was er als Staatsbedienter für seine Nation that. IV. Nur so viel davon : Vor den Unruhen in Nordamerika bekleidete er daselbst schon ansehnliche Aemter. Er hatte sie theils von der Krone / z. B- eine Postbedicnung, theils von den dortigen Repräsentantenhäusern. Mit Nachdruck widersetzte er sich den Eigenthümern, die alle Lasten von ihren Schultern auf ihre Mitbürger wälzten; er nahm, wie er selbst sagt / gegen diese Regierung der Eigenthümer seine Zuflucht zü der königlichen Regierung / reisete darum verschiedene male nach England, und drang endlich durch. Die Eigenthümer mußten auch ihren Antheil an demTaxen bezahlen. Acusserst lange verfolgte ihn ihr Haß. Gegen ihn machten sie eine Protestation, die von vornehmen Männern namentlich unterschrieben war / und nicht bloß ihn , sondern auch die Provinzialverfammlung von Pensylvanien angriff. Im I. ,764 ward er zum Agenten dieser Provinz erwählt. Gegen seine Erwählung geschah nun eine Prote« ftation, starion, die er mit Würde und Frcymüthigkcit zurück stieß. Die Schriften über die amerikanische Angelegenheiten sind ungcmein wichtig / z. B. seine Aufsätze über die nothwendige Vereinigung der amerikanischen Kolonien; über den Unionsplan ; über den Plan einer Nationalmiliz; über das Recht der Kolonien sich selbst zu taxieren und Repräsentanten nach dem englischen Parlemente zu schicken; über die Ursachen des Mißvergnügens vom I. 1768. Unter die Ursachen davon rechnet er vornemlich die Einquartierung und das Stempelpapier. »Derjenige/ schreibt » Franklin / der zuerst vorschlug / die gewöhnliche Art der ,, Gcldhebung vermittelst der Requisition zu verlassen / und »durch Stempelpapier Geld aus Amerika zu zichn, » scheint nicht weislich gehandelt zu haben / daß er einen » Weg verließ / den die Kolonien als konstitutionsmäM an- »sahn. Unnöthiger Weise stieß er den eingewurzelten Vor- » urtheilen so vieler königlichen Unterthanen vor den Kopf. ,, Doch der Mann scheint es eingcsehn zu haben / daß seine » Maaßregeln beleidigen würden / und im Voraus suchte er, » den daher entstehenden Unruhen zu steuren. Darum schlug »er zu gleicher Zeit eine andere Bill vor: nämlich die »Soldaten in die Bürgerhäuser zu legen. Diese letztere » Akte sollte das Murren über die erstere dämpfen. Allein » es entstand in London selbst eine grosse Opposition gegen » die Bill so wohl von den Agenten der Kolonien als von » den dorthin handelnden Kaufleuten. Die Kolonien erklärten/ daß unter solcher militairischer Gewalt keiner mehr » sein Haus als sein eigen ansehen könnte." Sehr lcsens- werth ist auch Franklins langes Verhör vor dem Unterhause im I. 1766. Z. B. Srage: Würde wegen Abgele, genhcit der Wohnungen und der nicht überall gehenden Posten die Stempelakte den Einwohnern würklich auch so sehr beschwerlich seyn? Antwort: Sicherlich! Viele Einwohner könnten kein Stempelpapier bekommen, wenn sie es brauchten/ ohne grosse Reisen zu machen/ und O viel- LjO vielleicht drey oder vier Pfunde aufzuwenden, um der Krone sechs Pcnce zu verschaffen. Fr. Isis billig , daß Amerika von England beschützt wird, und doch an England nichts zahlt? A. das ist nicht der Fall; die Kolonien warben, kleideten und bezahlten im letzten Kriege an 25000 Mann. Fr. Erhielten sie nicht vom Parlemcnte Ersatz? 21 . Nur in so weit, als wir über unsere Proportion oder über billige Erwartung ausgezahlt hatten. Der Ersatz war nur ein gar kleiner Theil unserer Kosten. Nur Pensylvanien allein gab über 500,000 Pf. aus, und die ganze Wiederbezahlung betrug nicht mehr als 60000 Pst Fr. Kann auf andere Weise als durch militairische Gewalt die Stcmvelakte durchgesetzt werden? 21- Ich sehe nicht, wie es durch mili- tairische Gewalt geschehn kann. Fr. Warum nicht? 21 . die Truppen werden doch niemanden zwingen, Stempelpapier anzunehmen, so lang man sich ohne solches Papier zu rathen im Stand ist. Die Truppen werden keine Rebellion finden, vielleicht aber eine solche erregen. Fr. Wenn die Akte nicht aufgehoben wird, was, glauben Sie, werden die Folgen seyn ? 21 . Gänzlicher Verlust der Achtung und Zuneigung der Amerikaner gegen England, wie auch Verlust des Handelsverkehrs , der sich auf diese Achtung und Zuneigung gründet. Fr. Was leidet hicbey der Handelsverkehr? 21 . Wenn die Akte nicht aufgehoben wird , so wird man wenig englische Manufakturwaaren nach Amerika beschreiben. Fr. Können die Amerikaner diese Waaren entbehren? 21 . Ich denke, sie können's. Fr. Würden die Amerikaner nicht lieber Stempelpapier brauchen, als in dem Fall seyn, daß sie vor Gerichte kein Recht erhallen und keine Schuldforderung gesetzlich einziehen können? 21 . Es läßt sich schwer sagen , was sie thun werden. Auf das, was andere denken und thun würden, kann ich nur aus dem schließen, was ich bey mir selbst fühle. Ich habe viel ausstehende Schulden, und weit lieber will ich sie nicht gesetzlich eintreiben dürfen, als daß ich mich der Etempelakte unterwerfe. LH werfe. Es werden dann Ehrenschulden seyn. Fr. Was war ehemals der Stolz der Amerikaner ? A. Sich nach den Moden und nach den Manufakturen der Engländer zn richtien. Fr. Was ist jetzt ihr Stolz? A- Ihre alten Kleider imm erfort zu tragen, bis ste sich selbst neue machen können. ImI. 177; betrieb Franklin in London dieRlage ge. gen die königlichen Befehlshaber der Provinz Massachu- setsb.ay, den Gouverneur Hutchinso und den Gouverneur- lieutenant Oliver. Beyde hatten von Boston aus nach London an Thomas Whately (Seeretär bey Georg Gren- ville Dem Schöpfer der Stempelakte,) Klagbriefe geschrieben , die hernach zurück nach Boston an die Provinzialver- sammlung geschickt wurden. Ueber den abscheulichen Inhalt dieser Briefe gab hierauf die Provinzialvcrsammlung ihre Klagpuneten ein. Doch wies man die Kläger ab, und die Advokaten warfen nur die Frag' auf, wie und durch was für Wege die Briefe nach Boston zurückgeschickt worden? Mittlerweile war Whately gestorben ; der Verdacht war nun, daß entweder sein Bruder die Briefe weggegeben, oder John Temple sie von ihm genohmen hatte. Hierüber zankten sich beyde so heftig, daß zwischen ihnen ein Zwey- kampf erfolgte. Auf das Gerüchte davon eilte Franklin vom Lande nach London zurück,, und fetzte kurz und kalt in die Zeitungen: Zu Vorbiegung fernern Unglücks erklär' er, daß niemand als er diese Briefe nach Boston Übermacht habe; Whately habe sie mein Händen gehabt, und Temple sie also nicht aus dessen Händen bekommen. Nun fiel aller Unwillen auf Franklin; er verlohr feine Stelle bey dcrPost, und Wedderbürne, ein Freund Hütchesons, griff mit poe- , tischer Wuth Franklins Charakter vor Gerichte in Frank« lins Gegenwart an. Geruhig ertrug dieser den heftigsten Haß, unterwarf seine Ehrlichkeit gerichtlicher Untersuchung, verrieth aber den Dritten, der ihm jene Briefe mitgetheilt, hatte, nicht. Gegen seinen rasenden Feind, Wedderbürne beobachtete er in allen seinen Maaßregeln und Ausdrücken O r Sanft- Sanftmuth und Würde. So groß seine Nachhielt war, wenn man nur ihn persönlich und seine privarffche angriff, so groß war hingegen seine Heftigkeit, wem er die Sache seiner Nation in Schutz nehmen mußte. Im I. 1775 beschloß die englische Regierung den Rrieg gegen ihre nordamerikanischen Rolonicn, und diesen Krieg führte sie mit Tyrannenwuth : nunmehr glaubte Franklin, der bisher immer zu sanfter gütlicher Auskunft gerathen hatte, nicht stark und heftig genug gegen die stiefmütterliche Regierung von Englandlosdonnern zu können. Nun schrieb er ( um Anleihen zu bewirken) den Beweis, daß Amerika weit mehr Credit verdiene, als das ungerechte England. Nun die Briefe über das schlechte Verfahren der englischen Herren. Nun die starke Antwort auf den höflichen Brief des Lord Howc, woraus wir folgendes hersetzen wollen: „ Daß man den Kolonien, als dem beleidigten Theile, „ Verzeihung anbietet, beweist genugsam, was für Vorstcl- „ hingen sich die schlecht unterrichtete und stolze englische „ Nation von unserer amerikanischen Unwissenheit und „ Gefühllosigkeit mache. Wie sollten wir unter eine „ Regierung zurücktrctten wollen, die mit der mnthwillig- „ stcn Barbaren unsere wehrlosen Städte mitten im Win- „ ter verbrannte, die Wilden zur Schlachtung unsrer „ friedlichen Pächter aufwiegelte, unsere Sclaven reizte „ ihre Herren zu morden, und die noch jezt fremde Mict- „ linge herschickt, um unsere Niederlassungen mit Blute „ zu überschwemmen! — Lange bcmühcte ich mich, das „ schöne kostbare Porzellangefäß, das brittische Reich, vor „ dem Zerbrechen zu bewahren. Euer Herrlichkeit erin- „ nern sich vielleicht noch der Freudcnlhräneu, die meine „ Wangen benetzten, als im Hause ihrer guten Schwester „ in London sie mir die Hoffnung einer baldigen Aussöh» „ nung gaben. Ich war so unglücklich, mich in dieser « Hoffnung betrogen zu finden, und als die Ursache des Um „ falls, dem ich hatte entgegen arbeiten wollen, behandelt zu „ werden. ^ ' 2l Z „ werden. Mein Trost bey dieser ungerechten Behandlung „ war, daß ich noch die Freundschaft mancher weisen und „ guten Menschen in dem Lande behielt, und auch einigen » Antheil an der Achtung des Lord Howe. Ich halte den „ Krieg gegen Uns für eben so ungerecht als unklug; ich „ bin überzeugt, daß eine unpartcyische Nachkommenschaft „ die Anrather desselben zur Schande verdammen, und „ daß selbst Glück sie nicht ganz von aller Unehre befreyen ,, wird. Ich weiß, ihre grosse Absicht bey ihrer Hcrüber- „ kunft war die Hoffnung, eine Vermittlung zu treffen, ,, und ich glaube, wenn sie eine solche unter den Bcdin- „ gungcn, die sie eingehn dürfen, unmöglich finden, sie „ alsdann ein so gehässiges Commando niederlegen und zn >,, chrcnvollerm Privatleben zurückkehren werden." tNord- L-4 . — -- Nordameri konisch er Krieg*) vom Jahr 1774 bis zum Jahr -78;. I. «x^n dem letzten Kriege hatten die englische Rolonien in Nordamerika ihre Kräfte kennen gelernt, und nach Vertreibung der Franzosen aus ihrer Nachbarschaft hatten sich ihre Kräfte vergrößert. Das englische Mutterland begnügte sich mit den Vortheilen des Handelsverkehrs und Lcr Zölle die es aus Amerika zog, und dachte wenig daran seine oberherrschaftlichen Rechte förmlich in Anspruch zu nehmen. Auch war die englische Oberherrschaft nicht in allen Kolonien auf gleiche Weife gegründet. Einige, als Rhode-Island und Connecticut, genossen unabhängiger demokratischer Wahlfreyheit; andere gehörten gewissen Familien eigen und erblich, z. B. pensylvanien der Familie Pen, und Maryland dem Lord Baltimore. In andern Kolonien ernennte der Röntg von England den Statthalter und dessen Räthe. Diese stellten eine Art von «Oberhaus vor, die Repräsentanten des Volkes aber eine Art von Unterhaus, indem nur von ihnen die Bewilligung der Geldsteuren abhieng. - II. England beschränkte den Handel der Amerikaner. Sie borsten zwar Holz und Lebensrnittel nach Wcstindicn, Korn, Reis und Fische nach Portugal!, Spanien und andern *) Wir schränken uns auf einen kurzen Abriß ein Ueber diese merkwürdige Revolution verdiene» Sprengels historisches Taschenbuch und des Soules Geschichte der Revolutionen in Nordamerika ganz gelesen zu werden- dern europäischen Seehäfen, aber ihr Pchwerk, Schis« holz, Eisen, ihren Tabak, Hanf, u. s. w. mußten sie aus- schliessend nur an Britten verkaufen, und nur von diesen allein die ihnen mangelnden Fabrikwaarcn beziehn. Ihr Einkaufgeschah also in sehr hohen Preisen; ihr Verkauf in sehr niedrigen. Den Druck erleichterten sie sich durch Schleichhandel. Den Schleichhandel suchte die Regierung von England durch eine Menge bewaffneter Schiffe zu hindern. Hiezu kam noch, daß der Lord der Schatzkam, mer, Georg Grenville, von den Kolonien einen Beytrag ;ur Verminderung der englischen Nationalschuld einforderte, und diesen Beytrag durch Einführung des Stcm- pelpapiers einziehen wollte. Im August 1764 verbrannten die Einwohner von Boston das ihnen zugeschickte Stcm- pclpapicr. Im März 1765 verordnete das englische Parle- ment die Einführung solches Papieres bey allen rechtsgültigen Handlungen. Die Rolonisten stellten dagegen vor, daß sie, als gebohrne Engländer, keineswegs schuldig wären, Auflagen zu bezahlen, welche sie sich nicht selbst ausgelegt hätten; daß sie also kein Parlement anerkennen, bey welchem sie keinen Zutritt als Mitglieder gemessen. In dem englischen parlemente erhob sich zu Gunsten der Kolonien eine Parthey, die den Lord Grenville stürzte. An seine Stelle kam im Iul. 176; der Markis von Roking- han. Im März 1766 erklärte das neue Ministerium die Stempelakte für nichtig. In der Aufhebungsakte aber behielt sich das parlement über die Rolonien das Be- steurungsrecht vor. Die Rolonien widersetzten sich diesem Vorbehalt. Ganz unerwartet änderte sich schon wieder die Regierung von England. Den Iul. 1766 sie! sie in die Hände des Herzogs von Grafton, des Grafen von Schelburne und pitts, nunmehrigen Grafen von Lha- than. Im März 1768 wurde für die amerikanischen Kolonien ein neues Staatssecretariat errichtet, und dasselbe dem Lord Hillsborough anvertraut. Nicht wenig trug ;ur 216 zur nachhcrigen Empörung der Kolonren die despotische -Härte dieses Mannes bey. Im Scpt. 1768 wurde Lord Lltorth erster Minister. Im I. 176p. setzte dieser im Par« lemcnte die Erkenntniß durch, daß die in den Rolonien Gegangenen Verbrechen in England bestraft werden sollten. Die Kolonien besorgten, einer willkürlichen Gewalt der Lroue unterworfen zu werden. Im I. 177; nöthigte man sie, ausschliessend den Thee nur von der ostindischen Compagnie an sich zu handeln. Hierauf entschlossen sich einige Kolonien, gar keinen Thee mehr zu trinken, und den 18 December 177; warfen die Einwoh« ner von Boston den Thee von drey Schiffen der ostindi- schrn Compagnie ins Meer. Franklin, Washington, Gates und einige andere erhoben sich zu Verfechtern der Nordamerikanischen Freyheit. Das englische parlement sperrte den Hafen von Boston, und verstärkte die dort befindlichen Truppen. Zu gleicher Zeit führte es durch die Qucbckakte in Canada eine Rcgicrungsform ein, welche von der Republikanischen ungemein entfernt war, und auch den Katholiken bewilligte es vollgültiges Bürgerrecht. Diese Abänderung betrachteten die Rolonien als vorläufigen Versuch zu ihrer sclavischcn Herabwürdigung. III. Im Sept. 1774 beschlossen zwölf Provinzen *) auf einem General Congresse zu Philadelphia, die Einfuhr aller englischen Waaren zu verbieten, und (inländische Manufakturen zu gründen. Ihre Miliz nahm den Eng« rändern verschiedene Magazine von Kriegsvorrath weg, und den 19 April 177; floß das erste Bürgerblut bey Lexington, einige Meilen von Boston. Damit nahm ein achtjähriger Krieg seinen Anfang, der verderblichste, den England jemals geführt hat. Die Unkunde der englischen Regierung in Rücksicht auf die eigentliche Stärke der *) Georgien , als die Xllbe trat erst im I- 177; der Vereinigung bey. 2l7 der Kolonien, die innere Zweytracht der Engländer so wohl im Parlemcnt als im Heere, die Nothwendigkeit, den englischen Truppen alle Bedürfnisse aus Europa ;n schicken, der Mangel an topographischen Kenntnissen, Bourgoyncs Unbesonnenheit und Clintons Fahrlässigkeit, die Klugheit ^ und Hcrzhaftigkcit der Kolonien hingegen, Washingtons ^ männliches Zaudern, die holländische, spanische und vor- i nehmlich die französische Unterstützung der Amerikaner, und i noch viele andere Ursachen vereinigten sich zum Vortheil der i Kolonien, und zum Schaden von England. Den 20. May k 177; schlössen die XIII. amerikanischen Provinzen, Neu- f hampshirc, Maßachusttsban, Rhode Island, Connecti- ^ cut, Neuyork, Neuyerscy, Pcnsylvanien, Delawar, ML- ! ryland, Virginien, Nordcarolina, Südcarolina und Ge- ^ orgien eine engere Verbindung. Den 17 Iun. -77z kam's ^ bey Bunkcrohill, nicht weit von Boston, zum ersten förm- ^ lichen Treffen. Den 4 Jul. 1776 erklärten sich auf ihrem z Congrcsse die XIII. vereinigten Provinzen für nnabhän- ! gig von England. Den is October 1777 gewannen sie ! bey Saradoga, oberhalb Kanada, eine entscheidende Schlacht, und in ihre Hände fiel Bourgoyne's ganzes englisches Kriegsheer. Den 26 Ienner 1778 trat Frank, reich mit denselben, als mit einem freyen Volke, in einen Handelsvertrag und den 6. Februar in ein Bündniß, welches der Hof zu Versailles den i;.Mer; dem London- erhofe förmlich bekannt machen ließ. Den 20 Merz 1778 erhielt Franklin, als Gesandter des amerikanischen Frey, staates, Audienz vor dem König in Frankreich, und nach und nach schoß dieser König seinen neuen Bundsgenossen ^ achtzehn Mill. Livr. vor. j IV. ^ Oeffentlich brach nun auch der Rrieg zwischen Frank» i reich und England aus. Graf d'Lstaing führte im ^ April 1778 aus Toulon eine Hilfsflotte nach Amerika; l den 27. Iunius schlug d'Orvilliers die englische Flotte Repr Beppelo bey Guessant. Da der Graf d'Estaing nicht wohl in Boston überwintern konnte, 10 segeite er im November 1778 nach den Antillen. Schon vorher hatten die Franzosen von Martinike aus St.Dominike erobert: nun aber eroberten die Engländer die weit wichtigere Insel St. Lucia. Umsonst suchte sie ihnen d'Estaing wieder aus den Händen zu reisten. Nach verschiedenen nichts entscheidenden Seegefechten gelang es den 18. Jun. 1779 den Franzosen die Insel St. Vincent, und den und 4. Jul. Grenada zu erobern. Weniger glücklich waren sie in Ostindien und Afrika. Freylich hatten sie sich den ;c>. Jänner in Afrika von Senegal Meister ge. macht, die Engländer aber von Gorea. In Ostindien verlohre» die Franzosen gar alle ihre Besitzungen, und selbst pondicheri und Mahie. In Amerika unternahmen die Engländer einen glück, lichcn Angriff auf Georgien von der See und von Florida aus; sie eroberten Savannah und drangen bis in Südkarolina. Unvcrrichteter Sachen kehrte d'Estaing nach Europa zurück. Den 6. Iun. 1779 hatte Spanien — es bleibt ungewiß, ob im Ernst oder zum Schein, — dem englischen Hofe seine Vermittlung anbieten lasten, dabey aber zugleich die Weghcbung eigner Beschwerden gefordert. Da der englische Hof zauderte, so rüstete sich mittlerweile eine Flotte in Ladix. Kaum war die Flotte fertig, so erklärte dem letztem Hofe auch Spanien den Krieg. Man sah neue Folgen des bourbonischen Fanulienvertrags. Sechs und sechzig französische und spanische Linienschiffe erschienen im August 1779 im brittischen Eanal, und segelten zu Anfange des Septembers nach Hanse, ohne einen Versuch auf irgend einen englischen Hafen gemacht zu haben. Theils wegen entstandener Seekrankheiten, theils wegen Entzweyung der Befehlshaber kehrte die französische Flotte nach Brest, und die spanische nach Cadix zurück. Mitt- Mittlerweile griffen die Franzosen und Spanier Gibraltar zu Wässer und zu Land an. Ungeachtet England in dem Besitz dieses unüberwindlichen Platzes blieb, so vcr- lohr es doch seine Macht auf dem mittelländischen Meere. Anfang des Jahrs 1780 wendete sich Rodney mit zwanzig englischen Schiffen nach rvestindicn. Unterwegs erbeutete er eine spanische Flotte, und erfreute -Gibraltar mit Zufuhr. Sogleich nach seiner Ankunft in Amerika maß er sich mit dem französischen Admiral Gütchen, gewann ihm aber nichts «b. Eine grosse englische Rauffarbey-Flotte, hauptsächlich mit Zufuhr für Mdney, nebst fünf nach Ostindien fahrenden Schiffen, ge- ricthen den 10. August in spanische Hände. Die Engländer berechneten ihren Verlust 1,278,000 Pf. St. Um eben diese Zeit behaupteten sich die Franzosen in Rhode - Island. V. Um so viel schwächer war England auswärts, je mehr es in eigenem Schoosse cntzweyt war. Die innere Entzweiung schien grosscntheils aus der Natur der englischen Verfassung zu fliesten. Der König wird nämlich Lurch das Parlement eingeschränkt, allein, da die Erthei- lung der Gehalte und Bedienungen von jenem abhängt, so mangelts ihm selten an Mitteln, den grösser» Theil der Parlementsglieder auf seine Seite zu ziehn. Hintangesetzte und mißvergnügte Glieder vereinigen sich gegen den Hof und die Minister in eine Oppositionsparrhey. Zur Schwächung dieser Parthey zieht der König einzelne Glieder derselben ins Ministerium hinüber: allein so wie die Wünsche der einen befriediget sind, so erheben sich andere gegen den Hof, und verstärken sich durch die abgegangenen Minister. Bey der sonst so vortreflichen Staatsvcrfassung bedroht gleichwohl auf solche Weise England eine Anarchie, wie sie schon so oft z. B. Polen und Schweden erfuhren. Wie kann eine Regierung fortblühcn, wo der weiseste und beste Minister jeden Augenblick von einer Oppvsitionspar. thcy sro the» gehindert oder wohl gar gestürzt werden kann ? WaS für Kraft bleibt dem Monarchen, wenn man ihm gleichsam die Gewalt raubt, treue Diener des Staats zu erwählen, und sie in ihrem Amte zu behaupten? Aus dieser Lage der Umstände fließt dann auch noch gränzenlose Nachsicht gegen die Verwalter der öffentlichen Gelder. Aus den bisherigen Bemerkungen begreift man, wie sich die Nordamerikanischen Rolonien die Opposition im Par- lcmente haben zu Nutze machen können: allein nach ihrer offenbaren Verbindung mit Frankreich durste doch mit Anstaube die «Opposition diese Kolonien nicht mehr begünstigen. Sie suchte also einen andern Weg, den Hof in Verlegenheit zu setzen. Hiczu gab ihr im 1 .1779 Irland Gelegenheit. Durch das Beyspiel der Amerikaner gereizt, beschwerten sich die Jrländer über die Einschränkung ihres Handelsverkehrs. Aus Bcsorgniß eines ähnlichen Anfstandcs, wie in Amerika, setzte der Hof im December eine Parlcmcntsakre durch, vcrmög welcher ihnen ihre wesentlichsten Federungen, insonderheit die freye Ausfuhr ihrer Wollcnfabrikatcn und überhaupt der freye Handel mit den brittischen Kolonien bewilliget wurden. Auch- dieser Zunder der Entzweyung war also gelöscht, und die Opposition suchte einen neuen hervor. Sie fand ihn in, der Verwirrung bey den ökonomischen Zweigen der Rriegesverwaltung. Aus Schonung gegen die allzu- furchtbaren Verwalter schob der Hof die Abstellung der Mißbräuche auf, und behauptete im Parkcmente die Majorität. In den meisten Provinzen vcraulassete dieser Aufschub Associationen der Grossen, und mit bewaffneter Hand überreichten sie dem Hofe Bittschrifften um bessere Anordnung der Kriegesfinanzcn. Nach dem Beyspiele dieser Associationen vereinte Lord Gordon, ein Mitglied des Unterhauses, die Bürger von London zur Unter- schreibung einer Bittschrift um Aufhebung, einer ohn- längst ausgestellten Acte zu Gunsten der Rarholiken. Im Im Begleite von 60000 Mann überreichte er den 2. Inn- 1779 die Bittschrift dem Parlcmente. Zu gleicher Zeit schleifte der-Pöbel die katholischen Kapellen in London, zündete die Häuser der Katholiken mit Feuer an, erbrach die Gefängnisse, und bedrohte selbst die Banke mit Ucberfall. Weitere Ausschweifungen hinderte der Anmarsch regelmässiger Truppen. Viele von den Mordbrennern wurden zum Tode vcrurtheilt, Gordon kam in den Tower, bald hernach^ aber erhielt er wieder die Freyheit. In England nämlich ist kein Gesetz, welches die Ucberrcichung einer Bittschrift— und wenn auch in Begleitung von 60000 Mann — als Verbrechen erklärt. Diese Ausschweifung indeß hatte die wohlthätige Folge, daß die Asso» eiationcn aufhörten. VI. Die innern Unruhen von England und der Krieg dieser Krone mit Amerika machten nicht nur Spanien und Frankreich, sondern beynahe gar alle, besonders auch die nordischen Seemächte aufmerksam. Vormals war es eine Regel des Völkerrechtes, feindliches Gut aller Orten, wo man es findet, als rechtmäsfige Beute anzusehn: von dieser Regel machte hernach der europäische Handelsgcist eine Ausnahme, und stellte unter neutraler Flagge auch Feindes Gur sicher. Nunmehr aber setzten die Engländer diese Ausnahme hintan. Ihre Kaper und Kriegcs- schlffe bemächtigten sich auch auf neutralen Schiffen der feindlichen Güter. Im Jahr 1780 bezähmte die russische Rayserin die brittische Raubsucht durch Einführung einer sogenannten bewaffneten Neutralität. Zur Behauptung dieser Neutralität schickte sie eine Flotte in den Sund, die hernach zu Livorno überwinterte. Solche Flotten rüsteten hierauf auch Schweden und Dänemark aus. Holland befand sich in mißlicher Lage. Kraft alter Verträge war diese Republik verpflichtet, England Hilfe zu leisten: allein theils zitterte sie vor Frankreich, theils versprach sie sich von dem Seekriege und besonders von Amerika's Bcfrcyung den beträchtlichsten Handclsvortheil. Sie zauderte mit ihrem,Beytritte zu der bewaffneten Neutralität. Um so viel mehr suchte England diesen Beytritt zu hindern, je mehr er den Franzosen und Spaniern die Zufuhr der nordischen Schiffsbedürfnisse erleichterte. Mittlerweile wurde der gewesene Präsident des amerikanischen Congrcsscs, Laurens, auf einem holländischen Schiffe von den Engländern ertappt, und gesanglich nach London gebracht. In London entdeckte man unter seinen Papieren, den Entwurf zu einem Handels- und Freund, schaftovcrtrag zwischen Holland und den Nordamerika« ncrn. Dieser Entwurf war das Werk einiger Häupter des Magistrats zu Amsterdam. Den io. Nov. 1780 begehrte der englische Hof die Abstrafung der Urheber desselben. In Holland schob man unter allerley Vorwande Las verdrießliche Geschäft auf, beschleunigte aber den Beytritt zu der bewaffneten Neutralität. Zu gleicher Zeit kündigte England der Republik Holland den Rricg an. Noch mehr wurde dadurch die englische Seemacht getheilt. VII. In Amerika wandte nun Rodney seine Uebermacht an, um den ; Febr. 1781 sich von der holländischen Insel St. Eusta; Meister zu machen. Dem Kricgsrechte neuerer Zeiten zuwider, und nicht ohne heftige Mißbilligung der Opposirionsparthey im Parlamente, wurde der unschätzbare Waarenvorrath aufSt. Eustaz für gute Beute der Sieger erklärt. Die brittischen Sieger hatten sich schon auf dem besten Lande der holländischen Kolonien Demerary und Essequebo verbreitet: allein den 29 Aprill >781 verjagte sie der französische Befehlshaber de Grasse; den 4"" Junius eroberte er Tabago, und darauf segelte er nach Nordamerika. Hier hatte sich im Sepr. 178° der Nordamerika» Nische General Arnold mit dem englischen General Clinton in ein verrätherisches Verständniß eingelassen. Bey Entdeckung ckung desselben gicng er zu den Engländern hinüber. Wechselweise zog sich der Krieg in Amerika von Norden nach Süden, von Süden nach Norden, und wechselweise neigte sich die Waagschale des Sieges bald auf die eine Parthey, bald auf die andere. Den 6 Nov. 1781 wurde Sr. Lust«; den Engländern wieder entrissen. Noch vorher hatten sich die Spanier von pensacsla, und damit zugleich von den» übrigen Westflorida Meister gemacht. ' VIII. Wir werfen einen Blick auf den Einfluß, welchen dieser Seekrieg überhaupt, und besonders die bewaffnete Neutralität auf den Handel von Europa gehabt hat. Diese bewaffnete Neutralität nöthigte England nicht nur zur Schonung der neutralen Schiffen, sondern für einmal auch zur Aufhebung seiner Navigationsaktc, zuerst zu Gunsten von portugall. Da Holland sich nicht unter seiner eigenen holländischen Flagge aufs Meer wagen durfte, so entschloß es sich, den Handel auf neutralen Schiffen zu treiben, und zwar vorncmlich unter nordischen Flaggen. Hierdurch verbreitete sich Anfangs unsäglicher Gewinn unter die nordischen Staaten, hernach aber schwächte diesen Gewinn die immer grössere Loncurren; bey den Handclsuntcrnehmun- gen. — Eine andere Folge des amerikanischen Krieges war, daß so wohl Nordamerika als die Antillen die ungeheur- sten Geldsummen verschlangen. IX. Auch über Ostindien verbreiteten sich die Flammen derZwcytracht. Seitdem 1 .176; beherrschte cinebrittifche Kauffmannsgilde, unter dem Namen der ostindischen Gesellschaft in Bengalen und in den angränzendcn Provinzen Bahar und Orixa ein Land, das grösser ist, als Großbrittanicn und Irland, und zwölf Millionen Einwohner zählt. Ausserdem hob die englische ostindische Gesellschaft Tribut von verschiedenen Nabobs und Fürsten. Nur jallein die Eroberungen des Lord Llive ertrugen jähr. 224 jährlichen Einkünften über zehn Mill. Thaler. In dem Parlamente warf der Minister North die Frag' auf: Ob die ostindifche Gcscllfchaft auch zu Eroberungen, oder nyr allein zum Handel berechtiget wäre? Die Gefcllfchast vcrglicch sich hierauf mit der Regierung in England, und versprach ihr fünf Jahre lang / vom 1 .1763 an / ausser der Entrichtung der bisherigen Abgaben / noch überdicß jährlich 2,400,000 Thaler. Es währte aber nicht lang, fo gericth die Gesellschaft durch die Habsucht ihrer Beamten, durch den Aufwand der Vorsteher und durch eigenmächtig unternommene Kriege gegen die Nabobs in den ungchenrstcn Schuldenlast. Um sie vor gänzlichem Bankerot zu retten, bewilligte ihr das Parlemcnt cin Darlchn von 140,000 Pf. Sterling, auch schrieb es ihr eine bessere Einrichtung vor: aber die Folgen der neuen Einrichtung entsprachen nicht der Erwartung. Schon oben sahn wir, daß das The-> Monopol dieser Gesellschaft mit eine Ursache von der Empörung der englischen Kolonien in Nordamerika gewesen, und von Nordamerika her wurde nun auch Ostindien erschüttert. Auf diese Weltgegcnd nemlich richtete jetzt Frankreich neue Aufmerksamkeit. Zwar hatten sich die Engländer von verschiedenen holländischen Niederlassungen, z.B-Endsdcs Jahres 1781 von Negapat- nam, und Anfangs des Jahres 1732 von Lrinconomale auf der Insel Ceylon, wie auch von der holländischen Factorcy in Surate Meister gemacht, und viele Millionen an Waaren erbeutet: allein eine französische Flotte rettete unter Süffreins Anführung noch zur rechter Zeit daS Vorgebirg der guten Hoffnung. Sogleich nach Süffreins Ankunft siegten in Indien die französischen Waffen über die englischen. In Indien selbst vereinigten sich gegen England verschiedene indische Fürsten. Hyder Aly , das Oberhaupt des Königreichs Mysore, bewaffnete sich gegen die englische Handelsgesellschaft in Verbindung mit -cn Mavatten, einem freyen Volke, das schon lange auf Rache 22 s Rache gegen die raubgierigen Befehlshaber der ostindischen Compagnie bedacht war. X. Während daß die Furie des Krieges Ost- und West« indicn verhecrcte, blieb auch das mittelländische Meer nicht verschont. Den 4. Febr. 1782 entrissen die Spanier mit französischer Verstärkung den Engländern die Insel Minorka. Im gleichen Jahre vereinigten sich, unter Cril- lons Anführung, die französischen und spanischen Truppen zur Belagerung von Gibraltar. Da sie von der Landscite nichts ausrichteten, so bedienten sie sich der sogenannten schwimmenden Batterien. Unter Bedeckung der bourbo. nischen Flotte begannen den 1; Scpt. diese Batterien ihr Spiel, wurden aber noch an eben dem Tage von Gibraltar herab durch Elliots glühende Kugeln in Brand geschossen , und gicngen mit der ganzen Artillerie und dem Verluste von wenigstens izoo Mann völlig zu Grunde. Den 9. Octob. setzten wüthende Sturmwinde die bourbonische Flotte in grosse Gefahr, und im Angesicht dieser grossen Flotte warf Howe neuen Verrath in Gibraltar. Die Belagerung wurde nicht fortgesetzt. XI. Die bourbonische Flotte lag noch in Cadix, und nun rüstete sie sich, unter d'Estaings Anführung, zu einem Angriff auf Jamaika: allein auch dieses Vorhaben wurde vereitelt. Schon im Jänner 1782 hatte Rodney mit 16 Linicnschifen in den antillischen Inseln die Ucber- macht der brittischen Flagge behauptet; Rempenfeldt hatte von der französischen Flotte des Guichen, die von Brest aus den Antillen zu Hilf eilen sollte, vierzehn Transportschiffe erobert; Rodney hatte den de Grasse, der mit seiner Flotte vonMartinike nach Jamaika segelte, bey Do- minike in ein Gefechte verwickelt, bey dessen Ausgange flch de Graffe mit seinem stolzen Schiffe, la Ville de Paris, und vier andern Linienschifen an Rodney ergab. Zwey P an« andere fielen ihm noch auf der Flucht in die Hände, und die meisten giengen hernach mit der ganzen Besatzung im Schiffbruche zu Grunde. XII. Mittlerweile setzte es die OppositionSparthey in dem englischen Parlement durch, daß der König zur Beendigung des amerikanischen Brieges die Hand bieten mußte. Den 20 Merz 1722 wurden die bisherigen Minister, Lord Sandwich und Lord Germaine, entlassen. An die Stelle derselben tratten ihre Gegner, Rockingham, Schel. burne, Fox. Bald hernach starb der Erste, und der Letzte nahm seinen Abschied. Während seiner kurzen Amtsführung indeß trat er so wohl mit Amerika als mit Holland in Friedcnsunrerhandlungcn. Amerika verwarf jeden einseitigen Frieden, auch sah der neue Frcystaat, daß man alle Hoffnung zu seiner Unterjochung aufgab, da wirklich England schon Georgien geräumt hatte, und seine Truppen nun auch von Charlstown zurück zog. — Holland war in Factionen getheilt. Die reichen Handelsleute daselbst sahn auf der einen Seite ihre Niederlassungen auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung so wohl als ihre wie- dereroberlen Kolonien in Amerika in den Händen der französischen Besatzungen, auf der andern Seite sahn sie ihre ostindischcn Waarenlager von den Britten geplündert. Sie haßten England, und zitterten vor Frankreich. Ihr Erbstatthalter und der Herzog Ludwig von Braun, schweig, General Feldmarschall der Republik, waren englischgesinnt, ein grosser Theil des Volkes aber französisch. Umsonst anerbot die Kayserin von Rußland ihre Vermittlung. Während daß Holland so wohl von Aussen als von Innen in größter Gefahr war, so benutzte Oesterreich im I. 1782 die Schwäche der Republik zur Auf. Hebung des Barrierevertrags. Durch Aufhebung dessel» den gewann Kayscr Joseph II. einen gedoppelten Vortheil. Auf der einen Sette durfte er nicht länger in den ohnehin 22 ? hin unhaltbaren Platzen fremde Besatzungen mit so grossen Unkosten besolden, auf der andern Seite schwächte er die holländische Herrschaft über die Flusse in dem österrcichi« scheu Niederland. Freylich setzte er dadurch die Republik in grössere Abhänglichkeit von Frankreich. XIII. Mittlerweile hatten dir grossen Vorschütte zur rcpub. Manischen Freyheit in Amerika auch in Europa die Ir- länder zu ähnlichen Vorschütten gereizt. Noch nicht befriedigt mit den erhaltenen Handelsfrcyheiten, bewaffneten sie sich zur Abschüttlung des englischen Joches. Aüsserst verhaßt war ihnen eine englische Parlementsacte vom I. ,72c». vcrmög dieser Acte hatten sich der König und daS Parlcment die Gewalt angemaßt, für Irland Gesetze zu geben, und allenfalls auch durch den Vice - König von Irland und dessen Räche die Schlüsse des irländischen Parlements umändern zu lassen. Nunmehr aber wurde auf Betrieb der neuen brittischen Minister den 17 May 1782 das irländische parlemenr in eben die Rechte gesetzt , welche das Brittische in Absicht auf England und Schottland besitzt. XIV. Je länger je eifriger arbeitete das englische Ministerium an der Beylegung des Rrieges. In dieser Absicht begaben sich Ends des I. 1782 Fitzherbert und Oswald nach Paris. Im I. 178; erfolgte der Frieden. Vermög desselben bekam Frankreich: 1? Die freye Fischerey bey Tcrre Neuve und in dem Meerbusen des Lorenz- flusses, wie auch die beyden Inseln St. Pierre und Mi- quelon, mit völligem Eigcnthumsrechte. 2? In den Antillen St. Lucia und Tabago, dagegen trat es an England Grenada und die Grenadillen, St. Vincent, St. Christoph, Dominike, Nevis und Monserrat ab. ;? In Afrika behielt es Senegal und lbckam auch noch Gorea. England hingegen ließ es in dem Besitze des Forts an der P s Mün- Mündung dcs Gambia. 4 ° In Ostindien bekam Krank- reich alles Vcrlohrne, ja so gar neue beträchtliche Bezirke um Pondicheri. In Europa endlich freyen Gebrauch des Hafens von Dünkirchcn. Spanien behielt Minorka, und bekam zu dem schon eroberten Westflorida auch noch Ostflorida: dagegen erlaubte es den Engländern das Fällen des Färbcholzcs in einigen Gegenden an der Hondourazbay, auch gab es die Providence und Bahamainscln zurück. Nord- «nicrika erhielt von England die Erklärung gänzlicher Unabhängigkeit seiner XIII. Provinzen; ferner erhielt es Erweiterung seiner Gränzen gegen Canada, und freye Fischcrcy in der Gegend umher. Holland erlangte zwar einen Waffenstillstand, allein erst den 2; Iun. 1784 schloß auch diese Republik Frieden mit England. In demselben trat sie Negapatnam ab, Jedoch mit Vorbehalt zu künftigem Austausch, dagegen stellte ihr England TrincoiNlllc und alle gemachten Eroberungen zurück. XV. Der neue Frcystaat der XIII. vereinigten Provinzen in Nordamerika errichtete unter sich eine ähnliche Verbindung , wie z. B. in Europa die VII. niederländischen Provinzen, oder die Xllk. schwcizcrschen Kantone. Sowie jede von diesen eine eigene freye Verfassung besitzt, so behält auch jede der amerikanischen Provinzen ihre eigene Verfassung. Im Wesentlichen bleiben sie bey der englischen Form der Verwaltung. Das Volk wählt seine Rcpräscn- ten, und die Gesetzgebende Gewalt beruhet auf einem Senate und einem Hause der Repräsentanten. Massachuscts- bay anerkannte noch überdicß einen Gouverneur, der zwar mit dem Statthalter in den vereinigten Niederlanden ähnliche Gewalt hat, jedoch aber alljährlich gewählt wird. . Die allgemeinen Angelegenheiten besorgt ein Congreß, der sich alljährlich zu Anfang des Novembers versammelt. Zu diesem. Congresse schickt jede Provinz zum wenigsten zween und zum höchsten sieben Abgeordnete. Doch hat jede 229 jede Provinz nur Eine Stimme. Keiner dieser Abgeordneten kann länger als drey Jahre in seinem Platze bleiben. In der Zwischenzeit von einem Congressc zum andern be» steht eine Committs der Provinzen, zu welcher jede von diesen ein Mitglied ernennt. I» wichtigern Angelegenheiten , als Krieg, Frieden u. s. w. müssen wenigstens neun Provinzen einstimmig seyn. Unter allen Staaten, deren die ältere und neuere Geschichte erwähnet, ist vielleicht kein einziger, der, so wie der nordamcrikanische, sogleich in der Wiege theils auf kaufmännische, theils auf reine Grundsätze der Philosophie Rücksicht genommen. Bey seiner Entstehung indeß hatte er, ausser dem Kriege, noch mit andern Schwierigkeiten zu kämpfe». Ganz war der Handel der Nord- amerikaner gehemmet; unglaublich fiel der Werth seines Papiergelds, am tiefsten in Südcarolina, wo es im März 1780 auf nooo pro Cent unter dem alten Zahl« werthe stand; noch den ersten Jänner 1781 brach wegen Mangel der Zahlung unter Washingtons Truppen ein Tumult aus, aber nicht ein einziger Mann gieng nach England über, und sehr klug bog der Congreß weiterer Unordnung vor. Nach und nach brachte der Krieg selbst grosse Geldsummen ins Land, insonderheit aus Frankreich. Auch das englische nach Neu-Porküberschickte Geld, gieng durch Schleichhandel, den der Congreß nicht ungern sah, grosscntheils nach den bcfreyten Provinzen; hieher zog sich überdicß die neutrale Handelschaft und Schiffahrt. XVI. Durch die Losrcissung der nordamerikanischcn Kolonien von dem Mutterlande verlohr England nicht allein drey Millionen Menschen, und ein Gebiet von mehr als 40000 deutschen Quadratmeilen, welches die günstigste Lage von der Welt hat, sondern noch überdicß einen Theil seines Handels, und mit diesem auch einen Theil seiner Seemacht. Wenn der neue Nordamerikanische Lreystaat noch noch ferner von dem Genius seiner Frankliu, Washington n. a. beseelt bleibt, wenn er sich nicht in seinem eigenen Schoosse entzweyt, und eifersüchtig jede auswärtige Einmischung vermeidet, zu welcher Ucbermacht muß er denn nicht empor blühn? Ist nicht Nordamerika der stärksten Bevölkerung fähig? Jsts nicht der sicherste Zufluchtsort gegen religiösen so wohl als bürgerlichen Despotismus? Jsts nicht reich und fruchtbar genug in sich selbst? Wird es nicht unter dem Sonnenstrale der Freyheit Künste und Fabriken erzeugen? Von welchem andern Lande darf es künftig abhängen, und hingegen wie manches Land hängt von ihm ab? Einst glänzt es mit Städten, wie London und Paris; einst ziehn Kunstfleiß und Aufklärung aus Europa nach Amerika, und alsdann sehen die Amerikaner anf die Trümmer und Wüsten von Europa, wie jetzt die Europäer auf die traurigen Denkmäler von Karthago, von Gricchenlandund Asten.! So dreht sich die moralische und politische Welt, wie die Jahreszeiten in ewigem Kräislauf! XVII. Nach glücklicher Beendigung des Krieges und Eroberung gänzlicher Befreyung trat der Oberbefehlshaber der uordamerikanischen Kricgsheere, George Washington, freywillig in den Privatstand zurück. Bey Abtrettung feines Oberbefehlshaber-Stabes überreichte er den i8 Jun. 278; dem Congresse ein Schreiben, welches die Würde feines Charakters und Betragens in das feierlichste Licht fetzt. Ganz abgedruckt liest mans in dem historischen Porte» feüille St. X. Oet. 178;. XVIII. Wie sehr, theils durch den Krieg, theils durch Verschwendung , sowohl England als Frankreich in Schul- ren gerathen seyn, beweisen folgende Berechnungen. In England betrugen die Staatseinkünfte vom 10. Oct. i78übisio. Oct. 1787genau 16,004,2; ;Pf.St. die Ausgaben hingegen vom 10. Oct. 1786 bis zum >0. May 1788 genau i Pf. Sterl. In Frankreich betrugen im J. 1788 die sämmtlichen Ausgaben 6;z,i;z,041 franz. Livres, die Einkünfte hingegen nur 472,415,54s Livres. XII. Rus- X XII. Russische Geschichte von C tt t h a r i n a r. im Jahr 1725 ! bis zu der Thronbesteigung Catharinan. im Jahr 1762. Russische Geschichte von Catharina I. im Jahr 1725 bis zu -er Thronbesteigung Catharinall. im Jahr 1762. I. ^^oraus schicken wir einige Nachricht von Peter I. dem Grossen, als dem Schöpfer oder doch Umschaffcr des russischen Reiches. Im Jahr 1682 hatte Feodor seinen noch unmündigen Halbbruder Peter, mit Vorbcygchung des blödsinnigen Iwan zum Thronfolger ernennt. Sophia, die herrschsüchtige Schwester dieser beyden Prinzen, bringt es aber durch Empörung der Strelzi dahin, daß beyde zu Zaren gekrönt werden, und reißt während ihrer Minderjährigkeit die Verwaltung des Reiches an sich. Im Jahr 1689 wird ihr Anschlag auf Peters Leben entdeckt, und man stckt sie ins Kloster. Nach frcywilliger Abdankung seines Bruders regiert nun perer allein. Im I. 1696 entreißt er den Türken Afow, und führt am Donfiuß gegen dieselben den ersten russischen Seekrieg. Nach entdeckter neuer Verschwörung feiner unruhigen Schwester Sophia reiset er im 1 .1697 in seinem fünf und zwanzigsten Jahre, unter verdecktem Namen, im Gefolge seiner Gesandten, durch die vornehmsten Staaten von Eu, ropa, und zwar in der edcln Absicht, die Regierungskunst überhaupt und besonders auch das Seewesen zu lernen. Ein dritter, abermals durch seine Schwester Sophia Sophia angezündeter Aufruhr ruft ihn im I. 1698 nach Hause. Er bezähmt ihn, und schafft bey dieser Gelegenheit das gefährliche Heer der Strelzi, beynahe ganz ab. — Im I. >699 verliert er durch den Tod den le Fort, einen Bürger von Genf, seinen Rathgeber und Freund , dessen weiser Leitung er und Rußland so vieles verdanken. Nach le Fort liebte Peter niemanden höher als Golowin, Menzikof und seine eigene Gemahlin, Katharina. II. Menzikof war von adclichen, aber sehr armen Ael- tern gcbohren. Nach ihrem frühzeitigen Hinschied blieb er so ganz ohne alle Erziehung, daß er weder lesen noch schreiben konnte. Ein Pastctenbecker nahm ihn ins Haus, und für diesen trug er Gebackenes auf den Strassen herum. Wegen seiner schönen Stimme und lustigen Lieder war er aller Orten willkommen. Der Rayser sollte einmahl bey einem Bojaren oder grossen Herren zu Mittag speisen, und, da Menzikof von ohngcfähr in die Küichc kam, so bemerkte er, daß der Bojar dem Koche zu einem Lieb- lingsgcrichte für den Kayscr Anweisung gab umd selbst ein Pulver, als eine Art Gewürze, daran that. Der junge Menzikof behielt die gemachte Bemerkung bey sich selbst, gieng fort, sang seine Lieder, wartete auf die Annäherung des Kayscrs. Dieser kam durch die Strasse und die Stimme des Pastetcnjungens machte ihn aufmerksam: Gieb mir, sprach er, deinen Korb zum Kaufe. Jener antwortete: Nur die Pasteten darf ich verkaufen; wegen des Korbes müßt' ich vorher von meinem Meister die Erlaubniß erhalten. Doch setzte er hinzu, da ohnehin alles Ew. Majestät zugehört, so gehorch' ich dem kayscrlichen Befehle. Die Antwort gefiel dem Monarchen so wohl daß er den Menzikof mitnahm und bey der Tafel aufwarten ließ. Als man das erwähnte Gericht auftrug lispelte der Aufwarter Sr. Majestät etwas ins Ohr. Sogleich gleich gieng der Kayscr mit ihm in ein Nebenzimmer, wo ihin dieser entdeckte, was er in der Küche gesehn, und wie der Bojar hinter des Kochs Rücken ein Pulver hingestreut hätte welches ihm das Gericht verdächtig gemacht habe. Ohne Veränderung der Miene gieng der Kayscr wieder zur Tafel und anerbot dem Bojarn von dem Gerichte. Bestürzt antwortete dieser, daß es dem Diener nicht zukomme, vor dem Herrn zu essen. Die Schüssel wurde hierauf einem Hund vorgesetzt, der alsbald an Zü- ckungcn starb. Nach Eröfnung des Hundes entdeckte man die Wirkung des Giftes. Sogleich warf der Kayscr den Bojar in Verhaft, aber Tags darauf fand man ihn todt auf dem Bethe. *) Menzikof erhielt hernach den fürstlichen Titel und handelte als Vice - Zar an dem kayserlichen Hofe. Von feinem tiefen Falle nach dem Tode Peters des Grossen haben wir Gelegenheit, im Verfolge zu reden. — Von noch geringerer Herkunft, als Menzikof, war die Gemahlin des Raysers. **) III. Die Kayferin Latharina, die sonst Martha hieß, war zu Runghen, einem Dörfchen in Licfland, von sehr armen Aeltern gebohren. Nach dem Hinschied dieser Ael- tern und ihres Herrn, des Grafen von Rosen, kam die Wayfe in ihrem dritten Jahre zu dem Schulmeister ins Hause. Zufälliger Weife sah sie D*. Glack, ein Geistlicher aus Marienburg, und, theils um den Schulmeister von einer Last zu befreyen, theils weil ihm das Mädchen gefiel, nahm er's zu sich. Hier bekam das Kind mehr Gelegenheit, etwas zu lernen, und sein gutes Betragen machte es zum Liebling bey dem Doctor, bey der Frau und bey ihren Kindern. Sie bezeigte auch hernach imn"- die größte Er- *) S. P. H. Bruce Nachricht von seinen Reisen, aus dem Englischen. Leipzig > 784 . *') S- Bruce, wie auch CoxenS Reise durch Rußland. r;6 .— Erkenntlichkeit und vergaß auch den Schulmeister in Rung- hen nicht. In diesem glücklichen Zustande wuchs sie auf, als sich ein liefländischer Wachmcistcr in schwedischen Diensten heftig in sie verliebte. Schon war der Hochzeittag bestimmt und kam auch wirklich, als der Wachmeister an demselben Morgen mit einem Dckaschcment nach Riga abgehn mußte. Vor die Stadt Maricnburg kam der russische General Bauer, und unter einer Menge Kriegsgefangener nahm er auch die liebenswürdige Braut weg. Als er sie unter dem jammernden Haufen erblickte, so sah er, ich weiß nicht was, in ihrer Gestalt, das ihn bewog, verschiedene Fragen an sie zu thun, die sie mit Geist beantwortete. Sogleich nahm er sie in sein Hans und anvertraute ihr die Aussicht über seine ganze Bedienung. Nachher versicherte er öfters, daß seine Wirthschaft nie besser besorget gewesen. Bey ihm sah sie der Fürst Mcnzikof und bat sie sich zur Haushofmeisterin aus. Im I- 1704 machte sie einen solchen Eindruck auf den Kayser, daß er sich mit ihr in ein geheimes Liebcsverständniß einließ. Den Helden hinderte das Mädchen an den heroischen Unternehmungen nicht, vielmehr erleichterten sie ihm die Tröstungen und die Erinnerungen der Liebe. Im I. 1.700 hatte Peter sich mit Dänemark und polen gegen Schweben verbunden und seine Macht an der Ostsee erweitert. Im I. 170; hatte er St. Petersburg und den dortigen See, Hafen gegründet. Als ihn im I. 1709 der schwedische König, Rarl XII, bey Pultawa demüthigte, so konnte ihn niemand ermuntern, als seine geliebte Catharina. Ungeachtet er sich nie wieder völlig erholte, so eroberte er doch noch im I. 1710 Riga, nebst dem ganzen Lieflanb, wieauch Nliborg und Roxholm. Im I. -711 vereinigten sich mit Rarl XII. die Türken und schlössen ihn mit seiner Pcrsohn und mit seinem ganzen Heere am pruth ein. Um ihn aus der Verlegenheit zu zieh», trug Catharina durch ihr Zureden nicht wenig bey. Es war um eben diese Zeit, näm- 2)7 nämlich den 2Y May I?ri, daß er sich insgeheim mit ihr in Gegenwart des General Bruce verheyratcl hatte. *) Zuweilen gränzten seine Anfalle von Mißrraucn und Schrecken an Wahnsinn. Während dieser schrecklichen Augenblicke durfte sich ihm niemand nähern als Latharina. Theils durch Sanftmuth, theils durch fröhliche Laune beschwor sie den Dämon der Schwermuth. Auf allen Reisen und selbst bey seinen kriegerischen Unternehmungen war ihm ihre Gesellschaft unentbehrlich geworden. In dem Fcldzuge vom I. 1711 war er so ins Gedränge gekommen , daß er zur Rettung kein ander Mittel übrig sah, als nächtliche Flucht mitten durch das Kriegsherr der Türken. Nach gefaßtem Entschlüsse v'erbarg er sich unter dem Zelte und verbot bey Todesstrafe jedermann den Zutritt. Während dieser kritischen Lage versammelten sich die russischen Generalen bey Carl-armen und verabredeten mit ihr einige vorläufige.Bedingungen zum Waffenstillstand milden Türken. Alles Verbots ungeachtet begab sich hierauf Latharina in das Zelt des Kaysers und beredete ihn zur Unterschreibung der Bedingungen. Dadurch zog sie sich die Anbetung der russischen Nation zu und unter allgemeinem Frolocken wurde sie hernach zur Rayserin gekrönt. IV. Peter I. erhielt durch Wiedcrabtrettung von Asowden Frieden mit der Türkey und setzte nunmehr den schwedischen Rrieg mit Erfolg fort. Nach Rarls XII«« Hinschied schloß er im 3.1718 einen Frieden mit Schweden. Kraft dieses Friedens behielt er ganz Liefland, nebst einem Theile von Karelicn und Wiborg in Finnland. Um eben diese Zeit erfolgte das traurige Schicksal seines Erbprinzen, Alexis : Alexis war Peters des Grossen einziger Sohn von seiner ersten Gemahlin Eudopia. Er *) Oeffentlich feyerte er sein Beylager mit ihr zu Petersburg den sr §ebr- 171s. 2;8 Er erblickte das Weltlicht im I. Ungemcin vernachlässigte man seine Erziehung. In den boshaftesten Absichten flößte ihm Menzikof auf der einen Seite Haß und Furcht gegen den Vater, auf der andern Seite Ge- schmak an den pöbelhaftesten Lustbarkeiten und Gesellschaften ein. In der Trunkenheit gab der Prinz nur allzulaut zu verstchn, daß ihm die meisten Anstalten des Kaysers mißfallen, und daß er sogleich nach dessen Tode seine Günstlinge entfernen und alles wieder umkehren werde. Die strenge Zucht, unter der er aufwuchs, und eine Menge Kränkungen trieben ihn so sehr zur Verzweiflung , daß er im I. 17 iü auf einmal zu Gunsten eines Sohnes der Latharina auf das Recht der Thronfolge Verzicht that und sich in ein Kloster begab. Bald hernach bcreuete er diesen Entschluß, flüchtete sich und kam endlich nach rvicn. Um ihn vor der Verfolgung des Vaters desto mehr sicher zu stellen, gab ihm der deutsche Kayser Rarl VI. Zuflucht, anfänglich in Infprug und hernach auf einem Schloß bey Neapel. Eine Maitresse verrieth ihn den Ausfpähcrn seines Vaters, und in der Hoffnung gänzlicher Begnadigung kehrcte er nach Rußland zurück. Feyerlich that er auf das Recht zur Thronfolge Verzicht. Hierauf warf man ihn ins Gefängniß , verhörte gegen ihn seine vcrrätherifche Maitrcsse, nöthigte ihn bald durch Vcrheis- sungen bald durch Drohungen, ja (nach l'Evesque's Versicherung) so gar durch unmenschliche Folterungen zum Eingeständnisse eines rebellischen Anschlages. Für ihre Aussagen erhielt seine Maitrcsse, eine Finnländcrin, Lebenslang ein Gehalt. Der unglückliche Prinz aber wurde von einer Art Inquisition oder Vchmengerichte zum Todever- urtheilt. Nach dem öffentlich bekannt gemachten Manifeste Peters I. starb er am Schlage unter Zückungen, die ihm theils die Wuth der Leidenschaften, theils die Furcht vor dem Tode verursachten; nach geheimen Nachrichten aber wurde er rm Kerker enthauptet. Wegen seiner seiner Hinrichtung ist die Kayscrin Catharina nicht völlig von gar allem Verdacht frey. Auf der einen Seite nämlich war ihr eigener Sohn / Peter, zum Thronfolger erklärt worden, auf der andern Seite führte den ganzen Prozeß Tolston, eine Kreatur des Menzikof und Menzikof und Catharina hatten immer das gleiche Interesse. Gegen den Verdacht aber vertheidigte der Rayser selbst seineGe, mahlin. In dem öffentlichen Manifeste sagt er, daß sie für das Leben des Prinzen eine Fürbitte eingelegt und den Vor» schlag zur Ein,Messung desselben in ein Kloster gethan habe. Ucberhaupt konnte man von ihrem bekannten menschlichen und milden Gemüthe keine unmenschliche Maaßregeln erwarten. Zur Erwählung solcher Maaßregeln bedurfte der Rayser wohl keines andern Antriebs als seines angebohrncn Trotzes und beleidigten Stolzes. Ein Monarch, wie er, der nicht selten versöhnlich den grausamsten Folterungen zusah, der so oft mit eigner Hand das Henkersamt ausübte, der zuweilen seinen Günstling Menzikof wie einen Hund trat, und seine erste Gemahlin selbst mir der Ruthe geissclte: warum sollte er eines Prinzen schonen, indem er den künftigen Zer- siöhrer seiner Staatsreform, den Zcrstöhrer des ganzen grossen Gebäudes seiner Macht und seiner Glorie erblickte ? Die erhabene Roheit und die rohe Erhabenheit der Gesinnungen des Kaysers zeigte sich in allen seinen Reden und Handlungen. Wir führen z. B. nach dem Coxe einen Brief an, welchen unterm i; Novcmbr. 1715 der Wiencrgesandte zu Petersburg an den Minister in Wien schrieb : „ An der Tafel des Vice - kanzlers Schaf- „ firof, " schreibt der Gesandte, „ fiel die Unterredung auf „den verstorbenen König von Frankreich. Gewiß niemals, „ sagte der Zar, besaß Frankreich einen grösserer Monar- „chen als Ludwig XIV, aber warum hinterließ er das „Reich, ohne für einen würdigen Thronfolger zu sorgen ? „ Wenn er den Herzog von Orleans für ein so vorzügliches ,, Genie » Genie ansah, warum übergab er nicht lieber geradezu »ihm selbst die Krone, als einem zur Regierung unfähigen »Enkel?'— Dagegen stellte ich ihm die Grundgesetze des » Reichs vor. Er erwiderte: Ein Monarch also , der mit » Aufopferung der Gesundheit und des Lebens seinen Staat „blühend und furchtbar gemacht hat, soll ganz ruhig die »Früchte seiner Arbeit in den Händen eines unfähigen „ Menschen hinwelken lassen, bloß weil ihm dieser Mensch » am nächsten verwandt ist ? Dieser Meynung, fuhr der „Zar fort, bin ich nicht. Es ist nicht genug , daß ein »Fürst nur für feine Lebenszeit für den Staat sorgt, son- „ dern er muß seine guten Anstalten dadurch verewigen, »daß er einen Nachfolger setzt, der ganz in seine Fußstapfen »tritt, und fänd er einen solchen nirgendwo, als in der »untersten Klasse des Volkes. Grausam, setzte der Zar „ hinzu, ist nicht der Fürst , der einen unfähigen Prinzen »von der Thronfolge ausschließt, sondern vielmehr derjenige, der die Wohlfahrt des Staats einer hergebrachten Erbfolge und einem einzelnen Anverwandten auf- » opfert. Wenn der Prinz kein geschickter Regent ist, so » gehört er ins Kloster, nicht auf den Thron. David z. B. » halte mehrere Söhne, aber die Krone gab er dem jüng- » stcn, und Gott selbst billigte die Wahl. " Mit ausdrücklichen Worten erzählt Büsching, daß der Prinz Aleris auf Befehl seines Vaters enthauptet worden sey ,' und daß bey der Enthauptung der Marschall Wcyde den Dienst eines Henkers versehn habe. Bevor die Leiche öffentlich zur Schau dargestellt wurde, nähte die Vertraute der Kayserin, eine gewisse Frau Cramer, den Kopf an den Rumpf. Den 2; Oct. 1711 hatte sich Alexis zu Torgau in Sachsen mit Sophie, einer Tochter Rudolphs von Braunschweig — Vlankcnburg, Schwester der Gemahlin Kay- scr Karls VI, vermähl^. Ungeachtet diese liebenswürdige Prinzessin 24 » Prinzessin von feiner freyen Wahl abgehangen war, so hatte er sie doch immer mißhandelt lind einer schlechten Dirne, Namens Euphrosyne, einer Finnländerin, aufgeopfert. Von feiner Gemahlin bekam er den 2; Oct. 171; einen Sohn, den nachhcrigcn Zar Peter II. Bald hernach starb sie im ein und zwanzigsten Jahr ihres Alters. V. Nicht lange nach des Prinzen Alexis Hinrichtung machte Peter I. unterm 5 Fcbr. 1722 ein Gesetz wegen der Thronfolge, vermög dessen die Ernennung eines Thronfolgers allezeit dem regierenden Souverain frey stehet. Während der Unruhen in persien, bemächtigte er sich einiger persischen Provinzen an dem kaspischen Meere, zog dadurch den persischen Seidenhandel nach Rußland. Im I. 1724 stiftete er die Akademie der Wissenschaf, ten zu St. Petersburg und beförderte den Kunstjleiß, Flor der Justiz und die Kriegskunst zur See, auch errichtete er den Andreasorden und den weiblichen Catharinen. vrden. Er starb den 8 Febr. 172;. VI. Catharina war zwar als Gemahlin des Kayfers gekrönt worden, aber zweifelhaft blieb es, ob sie darum zugleich auch als Thronfolgers sollte angefchn werden. Einige Zeit vor feinem Hinschied war der Kayser gegen Catharinen mißträuifch und unwillig geworden. Er hielt sie im Verdacht eines Liebesverständnisscs mit ihrem Kammerherru, Mono, und überraschte sie mit diesem im Garten. Voll Wuth schlug er die Kayserin mit dem Stocke, begab sich aber sogleich, ohne weiter ein Wort zu verlieren, hinweg. Wenige Tage hernach sperrte er den Mons in ein Zimmer, wo niemand hinkam, als der Kayser, der ihm auch mit eigner Hand den Unterhalt reichte. Unter dem Verwände, als ob er sich hätte bestechen lassen, wurde Q Mons Mons zum Tode verurtheilt. Tags nach der Hinrichtung führte Peter Catharinen in einem offenen Wagen Müdem Richtsätze, wo des Mons Kopf aufgesteckt war, und, ohne die Farbe zu verändern, rief bey dem fchaurvollen Anblicke die Kayferin aus: „ Welcher Jammer, daß das „ Sittcnverdecbcn bey Hofe fo groß ist ! " Dies geschah Endö des Jahrs 1724. Bald darauf erfolgte Peters I. Tod. Sogleich nach ihrer Thronbesteigung berief Latha- rina die Madame Balke, eine Schwester des Hingerichteten Mons, aus der Verbannung zurück, und dadurch setzte sie sich in den Verdacht, als wäre sie selbst zu dem Tode des Monarchen behilflich gcweftn. Sehr natürlich indeß ließ sich fein Tod aus feinen Ausschweifungen erklären. Unter den heftigsten Schmerzen richtete er sich auf dein Stcrbebcth auf, um noch feinen letzten Willen zu schreiben: Allein hieran verhinderte ihn die Verrückung im Kopfe. Während feines Todcskampfes verschwor sich insgeheim ein zahlreicher Adel zu Catharinens Einfpcrrung und zur Erhöhung von Peters Enkel, Peter II. hicvon benachrichtigt, eilte Bassewitz noch in der Nacht zu Catharinen und verrieth ihr den Anschlag.— „ Mein Schmerz, schrie sie, und meine „ Bestürzung sind allzugroß; ich kann nur nicht helfen. „ Geht mit dem Fürst Menzikof zu Rathe, und alle neue „ Maaßregeln werd' ich befolgen. " — In dem Augenblicke bemächtigte sich Menzikof der Schatzkammer und Vestung, und versicherte sich durch Geschenke und Versprechungen der Leibwache, eines Theils der Geistlichkeit und des Adels. Von diesem Anhange umgeben, machte nun Katharina, in Kraft ihrer Krönung, öffentlich auf die Thronfolge Anspruch. —. Sogleich nach Peters Hinschied gab Bassewitz das verabredete Zeichen, und die beyden bestochenen Leibrcgimenter riefen Catharinen zur Throncr- binaus. Inder Versammlung des Senats, der Geistlichkeit, des Adels und der vornehmsten Kricgsbedicnten er- folgtebey der Gegenparthey des minderjährigen Peters ein fin- finsteres Schweigen. Während der ängstlichen Erwartung trat Menzikof mit Cakharma, die sich an den Herzog von Holtstein lehnte/ in die feyerliche Versammlung. So froh die Kayserin innerlich über den Tod ihres Gemahls war / so stellte sie sich doch / als erstickten ihr die Thränen und die Seufzer die Sprache: „ Ich komme / " sagte sie endlich, „ um der Nation zu erklären, daß ich, gehorsam ,z dem Willen meines Gemahles, dessen Andenken mir „ ewig theur und heilig seyn wird, nunmehr bereit bin, „ meine übrigen Tage den Beschwerlichkeiten der Regie«- ^ rung zu wiedmen, bis es der göttlichen Vorsicht gefällt, „ mich einst jenseits des Grabes wieder zu meinem Ge- „ mahle zu führen. " Nach einigem Stillschweigen setzte sie schlauer Weise hinzu : „ Wofern der Großfürst sich meine „ Unterweisungen zu Nutzen macht, so bild' ich ihn wäh. „ rend meiner traurigen Verwittwung zu einem Monar- „ chen, der des Namens und der Abkunft von Peter dem „ Grossen würdig seyn soll. " Hierauf ergriff Menzikof das Wort: „Die kritischen Umstände, sprach er, und „ die Wohlfahrt des Reiches erfodern die sorgfältigsten „ Berathschlagungen: wir ersuchen Ewr. Majestät, daß „ Sie uns dieselben ganz ungestört fortsetzen lasse." — ,, Nicht nur," erwiederte Catharina, „ laß ich der Nersamm« „ lung hiezu völlige Freyheit, sondern ich verspreche zugleich, „ daß, so wie ihr Entschluß immer ausfallen mag , er mir „ heilig seyn soll." Nach Vollendung ihrer Rede begab sich die Reichsversammlung in ein anderes Zimmer und lnß es verriegeln. Schon zum voraus hatten es Menzikof und seine Parthey mit Latharinen verabredet, daß diese letztere auf den Thron steigen sollte. Die Leibregimenter, welche den Pallast umzingelten, schreckten nicht ganz von allen Einwendungen ab: allein Theophanes, der Erzbischof von Pleskow, berief sich auf die Krönung der Kay- fcrin und auf ein mündliches Wort ihres verstorbenen Gemahls. Diesem vorgeblichen mündlichen Worte gab das Q r Zeug- Zeugniß eines Staatssckretairs die Bestätigung. „ Was „bcdarfs weiter," schrie Mcnzikof,„es lebe die Kayserin „ Catharina! " Von allen Seiten erscholl im Wiederhat!: Es lebe die Kayserin Catharina ! — Als Kayserin zeigte sie sich hierauf am Fenster der Leibwache und dem Zahlreichen Volke. Aus vollen Händen warf Menzikof Geld unter das Volk, und das Freudcngejauchz war allgemein. VII. Latharineno Regierung war im Grunde Menzikofs Regierung. 'Ihr selbst wurden die Geschäfte zum Eckcl. Sie überließ sich den Ausschweifungen. Bey schönem Wet. tcr brachte sie ganze Nächte in freyer Lust zu und zerstörte ihre Gesundheit durch den Tokaycrwein. Wie damals der Hofton und die Lebensart beschaffen gewesen, läßt sich aus folgender Verordnung der Kayserin vermuthen: i? Zur Verbesserung derLebcnSart bey dem Frauenzimmer sollen vermischte Assemblern errichtet werden. Derjenige , in dessen Hause die Zusammenkunft ist, soll es durch Aushängzettel oder durch andere öffentliche Anzeigen bekannt machen lassen. 2°. Die Assembler soll erst Nach. mittags um vier oder fünf Uhr angehn und nicht länger dauren bis Nachts um zehn Uhr. Der Hausherr braucht seinen Gasten nicht entgegen zu gehn ; er ist auch nicht schuldig, sie zu begleiten oder ihnen Gcsellschafft zu leisten: Nur muß er für Stühle, Lichter und Liqueurs sorgen und überhaupt alle Nothwendigkeiten anschaffen; imgleichen muß er die Gesellschaft mit Karten, Würfeln und allem, was zum Spiel gehört, versehn. 4°. Zum Kommen oder Weggchn soll keine bestimmte Stunde vest» gesetzt seyn. Jeder hat die Freyheit, sich zu setzen, hcrum- zu gehn oder zu spielen. Auch soll ihn niemand daran hindern oder sich über das, was er vornimmt, aufhalten, bey Strafe den grossen Adler zu trinken (ein halbes Quar. tier Brandtewein). s° Standespersonen, Adeliche, Stabs. offi- «45 officiere, Kaufleute und Krämer, angesehene Handwerker, besonders Ziinincrlcute, die bey der Kanzler) gebraucht werden, dürfen in den Asscmblöcn erscheinen, so wie auch deren Frauen und Kinder. 7. Den Bedienten, jedoch die vorn Hause ausgenommen, soll man einen besondern Ort anweisen, damit man in den Zimmern der Assembler Raum genug habe. 8. Frauenzimmer sollen sich unter kcincrley Verwände betrinken, undMannspersohncn sollen vor neun Uhr nicht betrunken seyn. 9. Damen, die Pfand-Frage- Commandicrspicle, u. s. w. treiben, sollen nicht zu viel lärmen oder zu ausgelassen seyn. Keine Mannspersohn soll mit Gewalt einen Kuß rauben und niemand soll, bey Strafe künftiger Ausschließung, einem Frauenzimmer in der Assembler Schläge anbieten. *) — So befremdend uns andern die einen und andern von diesen Verordnungen seyn mögen, so schicklich waren sie für ein Volk., daß so eben aus der Wildheit hervortrat. Nach einer Regierung von nicht vielmehr als zivey Jahren starb Catharma den 17. May 1727, nach Mensel in ihrem 4;. und nach Coxc im zssten Jahre. — Wahrend ihrer Regierung wurde Rußland gegen persten erweitert , und je länger je mehr verbreitete sich der Einfluß dieses Kayserthmns über Europa. Im I. 172? vermählte Larharina ihre ältere Tochter Anna mit dem Herzog von Holstein - Gottorp. Diesem Eydam , suchte sie zur Wiedereroberung seines Antheils an Schleswig und zur Thronfolge in Schweden behülflich zu seyn. Auch trat sie im 1 .1726 in genauere Verbindung mit Oesterreich. VIII. In Kraft ihres letzten Willens bestieg nun im May 1727 ein Enkel Peters des Grossen, Peter II. als einziger männlicher Erbe des rymanowischen Hauses den Thron *) Diese Statulcn sehe man in London Lkromek kor. -7^» «nd im Hannoverische» Magazin St- roz vom I. 178». Thron. In Kraft eben dieses letzten Willens der Kayserin verlobte er sich nicht lange hernach mit einer Tochter des Menzikof. Während Peters II. Minderjährigkeit herrschte Menzikof so unumschränkt und mit solchem Ucbermuthe daß er die angesehensten Familien und Pctcrn selbst aufs äusserste beleidigte. Zween Tage vor seinem Falle hatte er sich zur Einwcyhung einer Kapelle nach dem Pallaste zu Oranienbaum begeben und zu dieser Feierlichkeit auch den Kayser Peter einladen lassen. Unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit entschuldigte sich Peter, allein nichts dcsioweniger wurde die Kapelle cingeweyht, und Menzikof erschien Hiebey auf einem Throne, der für den Kayser hingepflanzt war. Durch die Kunstgriffe des dolgoru, kischcn Hauses fiel er in Ungnade. Im Scpt. 1727 wurde er eingezogen und unter den tiefsten Erniedrigungen ge- fänglich nach Bereson, einem Städtchen an den Ufern des Oby, weggeschleppt. Hier vollendete er in einer hölzernen Hütte in den armseligsten Umständen seine Laufbahn. Er starb daselbst im Nov. 1729. Seinen Fall ertrug er mit Standhaftigkeit, nur das Elend seiner Familie machte ihm Mühe. Für jeden Tag waren ihm zum Unterhalte zehn Rubel angewiesen. Maser von diesem Gelde ersparte, verwendete er auf Erbauung einer kleinen hölzerne» Kirche und zum Zeitvertreib zimmerte auch er an an dem Holze. Sein Fall setzte seiner Gemahlin so zu, daß sie sich blind weinte und noch vor ihrer Ankunft in Deresow unterwegs starb. Seine Tochter, die mit dem Kayser verlobt war, starb gleichfalls noch vor dem Vater im Kerker. Eine andere Tochter und sein Sohn kamen hernach bey der Thronbesteigung der Kayserin Anna wie, der in Freyheit. IX. Anfangs des Jahres 17 zo starb Peter II. an einem hitzigen Fieber, in seinem fünfzehnten Jahre, und sogleich rief rkcf der geheime Staatskath die Prinzessin Anna, eine Tochter des Zars Iwan Alcxjewitsch , durch freye Wahl auf den Thron. Sie unterschrieb eine schwere Kapitulation, hob sie aber bald hernach auf und führte wieder die alte unumschränkte Gewalt ein. — Im I. 1752 gab sie das Land jenseit des Flusses Kur an den persischen Schah Thamas zurück. Im I. 17;; beförderte sie den Churfürsten von Sachsen auf den polnischen Thron.. Im I. 17; 5 unterstützte sie Deutschland gegen Frankreich. Im Jahr 1736 gcricth sie wegen der Strcifcrcycn der krimmischen Tararn in einen Krieg mit den Türken, in diesem Kriege genoß sie in Kraft der österrcichischcnVcr- bindung vorn I. »726 Beystand von Oesterreich. Wegen der von den Türken erlittenen Einbußen aber machte mit diesen letzter» Kayscr Karl VI. einseitig Frieden. Im I. 17;-- drohte Schweden mit bedenklichen Bewegungen, und nun schloß, unter französischer Vermittlung , auch Rußland Frieden mit der Türkey. Asow wurde geschleift und aller russische Handel auf dem schwarzen Meere mit eigenen Schiffen verboten. Im Octob. 174c» starb die Kavscrin Anna in ihrem sieben und vierzigsten Jahre. Ein Jahr vorher hatte sie ihrer Schwester Tochter , Anna von Mcklcnburg, mit Anton Ulrich von Braun- schwcig-Wolfenbüttcl vermahlt und ihren crstgebohrnen Prinzen Iwan znm Thronfolger, während dessen Minderjährigkeit aber den Herzog Biron von Kurland zum Rcichsverweser ernennt. X. Kaum hatte der Herzog Regent das Reich drey Wochen verwaltet, so wurde er von der Mutter des unmündigen Kaysers, mit Hilfe des Grafen von Münich, gestürzt , und sie selbst zur Großfürstin und Rcgentin erklärt. Um gleiche Zeit hält Frankreich durch schwedischen Ue- berfall Rußland von der Unterstützung der Königin von Ungarn zurück. Noch vor Ende des Jahres 1740 end stand stand eine neue GtaatsVcränderung, indem sich Elisabeth, als Tochter Peters des Grosse», durch Bcyhilfe ihres Leibarztes l'Lstocq, auf den russschen Thron schwang. Die Soldaten, die sie zur Vcrhaftnehmung des Kaysers abgeschickt hatte, trattcn ihrem Auftrage zufolge ganz fachte ins Zimmer. In der Wiege schlummerte der Kay. fcr neben seiner Säugamme. Mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen warteten die Soldaten über eine Stunde, bis er die Augen öffnete. Nun ergriffen sie das Kind, liessen es aber auf sein Geschrey sogleich wieder in den Armen der Wärterin. Diese wickelte es in einen Mantel und führte es auf dem Schlitten in Elisabethcns Pallast. Elisabeth drückte es unter Küssen an die Brust. Während daß sie's im Arm hielt, gicngen vor der Thüre Soldaten vorüber, welche ausriefen: Es lebe die Kayserin Elisabeth! — Dem Kinde machte» die Ausrufungen Freude; es streckte die Hand aus und schien das Gejauchz der Soldaten nachahmen zu wollen. Elisabeth konnte sich nicht enthalten mit gerührter Seele zu schrcyn: „O du unschuldiges Geschöpf, du wcisscst nicht, daß du gegen dich selbst zu re- „ den versuchst!" — Der junge Kayser und seine Acltern wurden in eine Vestung nach Riga geführt, und von da brachte man sie nach Danemünde und weiter nach Oranienburg. Ihr Aufseher, der Baron von Korf, erleichterte ihnen auf alle mögliche Weise ihre Gefangenschaft. Einige Zeit hernach schickte man die Aeltern nach Kolmogori, woselbst die kayserlichc Mutter Anna im Jahr 1746 an einer Niederkunft starb. Nach Büsehings Bericht blieb der junge Iwan, als achtjähriger Knabe, in Oranienburg. Ein Mönch rettete ihn bis nach Smolcnsko, wurde aber ertappt, und mit ihm zurück gebracht. Von dieser Zeit an kam Iwan, aus einem Gefängniß in das andere. Während seiner acht letzten Lebensjahre befand er sich auf der Vestung Schlüssolburg. Unerkannt untcrredete sich mit ihm Elisabeth, und sciy Schicksal erpreßte ihr Thränen. Da Da er seit dem zweyten Jahre seines Lebens immer eingesperrt war, so waren seine Begriffe höchst eingeschränkt. Zu seinem Unglücke wußte er, daß er einmal Kayscr gewesen , und hoffte, daß er es einst wieder seyn werde. Im Rausche war er sehr wilde. Man bediente ihn in Silber und mit Ueppigkeit. Monatlich verzehrte er 20 Pf. St. Sein Kleiderschrank war sehr reich. Nicht selten änderte er in gleichem Tage den Anzug zwanzigmal. Von der griechischen Religion hatte er einige Begriffe und öfters pflog er Umgang mit dem Engel Gabriel. Halb verrückt starb dieser unglückliche Prinz im Iul. 1764. Die Umstände seines Todes werden wir hernach erzählen. XI. Iwans Vater, wie wir schon bemerkt haben, war Anton Ulrich von Braunschweig, ein Neffe jener unglücklichen Prinzessin, welche mit dem Alexis vermählt gewesen. Iwans Mutter, Anna von Mcklenburg, Nichte der Kayserin Anna und vermeynte Throncrbin von Rußland. Während Iwans Minderjährigkeit verwaltete Anna von Meklcnburg die Regierung sehr schlecht. Sie war schön, wohlgcwachscn, verschiedener Sprachen kundig, allein sehr niedergeschlagen, nachlässig und von eigensinniger Laune; auch mit ihrem Gemahle, der das beste Herz von der Welt hatte, lebte sie übel. Mit Hintansetzung der Minister und Staatsräthc schenkte sie ihr ganzes Zutrauen einer Favoritin, Juliane von Merigdcn. Ohne Mühe gelang es Elisabethen, sie mit ihrem Gemahle ins Gefängniß zu werfen. Noch im Gefängnisse gebahv sie vier Kinder, die ebenfalls lange Zeit im Verhaft blieben, und erst nach dem Tode des unglücklichen VaterS im J. 1781 von der itzigen Kayserin Catharina II. in Freyheit gesetzt wurden. XII. Bevor wir weiter gehn, verdient noch der Grase Münich unsere Aufmerksamkeit. Dieser außerordentliche Man» Mann genoß die Gunst von fünf der russischen SouverainS zu der einen Zeit stcalte er auf dem Gipfel der Ehre, zur andern Zeit schmachtete er Jahre lang im Dunkel des Kerkers, immer aber ertrug er mit Muthe die Streiche des Schicksals. Er war der Sohn eines dänischen Officicrs und erblickte im Oldcnbnrgischcn im I. 168; das Welt, licht. Im seinem sicbcnzehntcn Jahre trat er als Hauptmann in Dienste bey dem Landgrafen von Hessen - Darmstadt , und wegen vorzüglicher Fähigkeiten und Kenntnissen erwarb er sich das Vertrauen des Marlboroughs und Eugens. Im 1 .1712 erhielt er ein Regiment. Im I. 1716 trat er aus hessischen Diensten in Polnische und König August II. machte ihn zum Generalmajor. Da ihm aber der Günstling dieses Königs, Graf von Flcmming, Verdruß verursachte, so gicng er nach Rußland, woselbst ihn Peter der Grosse mit den wichtigsten so wohl politischen als kriegerischen Aufträgen beehrte. Hernach erhob ihn die Kayserin Anna zum Marschall und Kriegsminister. Sogleich nach dem Tode dieser Kayserin faßte er den Anschlag zur Entsetzung des Herzogs von Biron, welchem sie während des Iwans Minderjährigkeit die Rcichsvcr- waltung anvertraut hatte. Biron wurde arrcsticrt und Iwans Mutter, Anna, zur Rcgentin erhoben. Die Regentiu machte den Münich zum ersten Minister. Münich war unzufrieden, daß sie ihn nicht zugleich zum Generalissimus gemacht hatte, und, da er sich am Hofe angefeindet sah, so bat er um seine Entlassung, blieb aber, ungeachtet eines Rufes nach Berlin, in Hofnung günstigerer Umstände in Rußland. Auf Befehl der Kayserin Elisabeth wurde er den 6 December 1741 in Verhaft gesetzt. Diese Kayserin, glaubt man, that es aus Rache, weil er bey der Kayserin Anna die Thronfolge für den Iwan ausgewürkt hatte; vornehmlich aber hatte Münich Elisabethen dadurch beleidigt, daß er unter Annens Regierung einen ihrer Liebhaber in Verhaft bringen lassen. Er Er sah/ daß man ihn mit Gewalt strafbar wissen wollte, und sagte zu den Vcrhörrichtem: „ Schreibt mir so viel „ Verbrechen zu, als Ihr gut findet, und ich unterzeichne „ sie alle. " Es geschah. Ohne weitere Umstände wurde er des Hochverraths beschuldigt und zur Vervicrthcilung verdammt: Elisabeth aber verwandelte das Urtheil in ewige Gefangenschaft. Während der ganzen Regierung dieser Kayserin, zwanzig Jahre lang, lebte er als Gefangener in Sibcricn, und zwar in einer Vestung, die er vormals für Biron hatte aufbauen lassen. Er hatte seine Gattin und einige Bediente bey sich, und für den Unterhalt dieser Familie bekam er des Tages nicht mehr als zwölf Sons. Um seine Umstände zu verbessern, hielt er eine Kühe, baute mit eigner Hand sein Gärtchen und gab jungen Leuten Unterricht in der Mcßkunft. So lebte er gelassen und mit seinem Schiksale zufrieden. Jeden Tag trank er seiner Gattin auf glückliche Rückkehr nach Petersburg zu. In den Erholungsstundcn arbeitete er wechselweise an geistlichen Liedern und an einem Werke über die Kriegskunst. In dem letzten Jahre seiner Gefangenschaft machte der Aufseher der Wache einem seiner Bedienten Vorwürfe, daß er den Gefangenen Papier und Dinte hätte zukommen lassen, und sogleich verbrannte Münich, um weiteres Nachforschen zu hindern, alle seine Schriften, die Arbeit und das Spiel mehrerer Jahre. Den n Febr. 1762 setzte ihn bey seiner Thronbesteigung Peter III. wieder in Freyheit. Den 14 März erschien er zu Petersburg in demselben Schaafpclz, der während des Verhaßtes seine Kleidung gewesen. Von dieser Zeit an genoß er der Gunst so wohl Peters III als auch hernach Catharinens II, und starb den ,6 Oclober 1765 in seinem drey und achzig- ften Jahre. Wir kehren zu der Rayserin Elisabeth zurück. XIII. Während ihrer Regierung wurden die Todesstrafen, wo nicht ganz abgeschaft, doch weit gelinder und seltener. Nicht Richt Wender schrecklich indeß, als die Todesstrafen, sind auf der einen Seite die Knoutpeitschc und ihre schmerzhaften und oft tödtlichen Folgen, auf der andern Seile die Verweisung nach Siberien, einem höchst traurigen Klima, dessen äusserste Gränze 4776 englische Meilen von Pe, Irrsburg entfernt sind. XIV. Im I. 1742 zwang Elisabeth den Rest des schwedischen Heeres, ganz Finnland zu räumen, im I. 174; schloß sie einen ehrenvollen Frieden ;u Abo und verschafte dem Herzog von Holstein die Thronfolge von Schweden. Um gleiche Zeit ernennte sie ihrer Schwester Sohn, Vetcr, den regierenden Herzog von Holstein - Gottorp, rum Großfürsten von Rußland. JmI. 174; vermählte sich hierauf dreier Großfürst mit einer Prinzeffn von Anhalt- Zerbft, die seither unter dem Namen Larharina II. so glorreich regierte. XV. Nach dem Frieden zwischen Schweden und Rußland versprach sich die deutsche Rayserin Theresia in dem damaligen Kriege gegen Preussen und Frankreich den Beystand der russischen Rayscrin Elisabeth: allein um eben diese Zeit, im Augstm. 174;, entdeckte die letztere einc Ver, schwörung,in welche auch der Ungerische Gesandte,Botta verwickelt gewcstn. Darüber zerfielen die Höfe von Wien und St. Petersburg. Ein Gesandtschaftsstreit cntzweytr auch Rußland und Frankreich. Dieses Streites bediente sich der Wienerhof zur Aussöhnung mit Petersburg. Nach erhaltener Genugthuung, ließ sich endlich im I. ,747 Elisabeth zu bewaffnetem Beystande für Lheresien bewegen und dadurch beförderte sieden Frieden vonAchen. Nachher verband sie sich im I.i?t 4 noch enger mit Oesterreich ; sie gab ihren Subsidienvertrag mit England auf und unterstützte bis an ihren Tod die Kayserin Theresia gegen den König von Preussen. Sie starb im I. 1762 in ihrem zwey und fünfzigsten Jahre. Sester- Oesterreichs und Rußlands Krieg gegen die Türken. Vom Jahr 17)6 bis 17)9. I. ^^ierübernur eine flüchtige Nachricht, als Einleitung zur Geschichte der nachhcrigen Kriege: Voll Unwillen über die russische Einmischung in die polnischen Angelegenheiten, begünstigte die Pforte die tatarischen Einfälle in das südliche Rußland. Kaum hatte die russische Kayserin Anna Pohlen beruhigt, so suchte sie, an der Pforte Rache zu nehmen, und die schon seit Zaar Peter I. gefaßten Entwürfe auf das schwarze Meer zur Vollziehung zubringen. Ihre Feldherrn Lascy und Mün- nich verheerten dieRrimm, und eroberten Chozin und O« zakow. Ihr Bundesgenosse, Kayser Rarl VI. schickte ein zahlreiches Heer an die Donau und Saw. Drey Feld- züge waren vorüber, und, bey der Zweytracht und Verwirrung am Wienerhofe, bey den so höchst nothwendige» Vorkehrungen zur Behauptung der pragmatischen Sanction, hatte Rarl VI. weder Lust noch Vermögen zur Fortsetzung des unglückliche» Türkenkriegs. II. Zur Wiederherstellung des Friedens schickte er im I. r 7; y den Grafen Neupcrg ins türkischeLagcr. Unter der Hand hatte schon vorher der Graf Wallis den Türken Belgrad anbieten lassen. Da hievon Muperg nichts wußte, so verweigerte er Belgrad. Solche widersprechende Negationen mußten natürlich die Türken befremden. Sie faßten Mißtrauen gegen den Grafen von Neuperg, und hielten ihn wir 254 ipie einen Gefangenen, vier und zwanzig Ianitscharen bewachten ihn im Quartiere des Groß - Wesirs; man nahm mit ihm ein Verhör auf; er legte dem Groß - Wesir und dcm Äassa von Romilien und von Bosnien feine Vollmachten vor. Kaum hatten diese gehört, das er bloß unter der Bedingung, wenn Orsowa geschleift werde, in die Ab, trcttung der österreichischen Wallachey willigen wolle, so wurde der Bassa von Bosnien ganz wild, schalt ihn, spie ihm ins Gesicht: „ Du ungläubiger Hund, schrie er, » du bist doch nur ein Spion, ob du schon eine Voll- „ macht vorzeigst; denn du hast keine Briefe vom Wesir » (Graf) Wallis, und sprichst gar nicht von der Haupt- „ suche, die dieser langst angeboten. Man wird dich nach « Konstantinopcl schicken, damit du deinen Lohn bekommest." III. So war die erste Confcrcnz geendigt, und fast sieben Tage lang sah sich Neuperg wie ein Verbrecher bewacht , ohne daß er eigentlich wußte, warum man ihm so mitspielte. Endlich langte der französische Vermittler, der Markis von Villeneuve, auch an. Am ersten Tage erlaubte der Groß-Wcsir nicht, daß Neuperg mit dem französischen Bevollmächtigten spreche. Ein paar Tage hernach drang dieser durch, daß Neuperg aus dem Hauptquartier zu ihm hinziehen dorfte. Am vierten Tage der unter französischer Vermittlung eröffneten Negotiation ward der Friede geschlossen; am fünften Tage von beyden Theilen unter, schrieben. Die Türken erhielten Servicn, die Wallachey, Orsowa und einen Theil des Bannats nebst Sabatfch und Belgrad, dessen neue Vestungswerker freylich noch vorher» geschleift werden sollten. Lebens- Lebensart am rutschen Hofe, im Jahr 177;. die russischen Hofassembleen im Anfange dieses Jahrhunderts beschaffen gewesen, haben wir oben erzählt: als ein Gegenstück liefern wir hier die Charakteristik des russischen Hofes, wie sie im Jahr 177; ein Augenzeuge entworfen hat. *) Die Kayserin Latharina H. ist von einer Grösse, die zu der vollkommenen Schönheit eines Frauenzimmers nothwendig erfordert wird. Sie hat schöne grosse blaue Augen; Augbrauncn und Haare aber von bräunlicher Farbe; der Mund ist proportionirt, das Kinn rund, die Nase länglieht, die Stirne regelmässg und frey, die Hände rund und weiß, die Gesichtsfarbe nicht ganz lebhaft, und der Wuchs eher stark als schlank. Sie legt, wie es überhaupt bey dem schönen Geschlechte in Rußland Mode ist, ziemlich stark roth auf. Von der gewöhnlichen russischen Fraucnzimmcrtracht hat sie das Modell zu ihrer Kleidung genommen, und durch kleine dabey angebrachte Veränderungen jene so verbessert, daß sie ihr nicht nur gut steht, sondern wirklich eine schöne Tracht ist. Sie besteht aus einer Pekäsche ohne Aermel, die offen und frey herunterhängt ; unter dieser trägt die Fürstin ein anderes Kleid, das bis auf die Füsse geht, Brust und Wuchs einschließt, und dessen mit kleinen Falten belegte Enncl bis an die Hände reichen. Ueber diesen, und also unter dem ersten Kleide trägt sie die Ordensbänder, und die Sterne sind einer unter dem andern auf die Brust geheftet: die Haare trägt die Kayserin vorne in einem niedrigen Toupe, und hinten S- Berlinische Monatsschrift. Iul. 178z» Aro- hinten aufgefchlageu- Reiche Kleider zieht sie blos an grossen Festtagen an; alsdann ist auch Kopf und Korfct ganz mit Brillanten beietzt; bey fcyerlichen Prozessionen hat sie eine Krone von Edelstein auf. Ihr Gang ist majestätisch ; in ihrer Gestalt und in ihrem ganzen Wefcn herrscht fo viel Grosses, daß, wenn man sie auch ohn allen Schmuck unter einer Menge erblickte/ man sie doch gleich für die vornehmste Dame halten würde. Die Kayferin fo wohl als alles russische Frauenzimmer verbeuget sich nicht wie das Frauenzimmer bey uns / sondern mit dem Kopf und dem Leibe vorwärts. Um 7 Uhr des Morgens stehet die Monarchin gewöhnlich auf; bey dem Spiegeltische unterschreibt sie Bestallungen; von 8 bis n Uhr arbeitet sie an den Tagen / da das Conseil sich nicht bey ihr ver» sammelt/ im Kabinet allein; daraufgeht sie gcwöhnlich in die Kirche/ wo der Gottesdienst bis 12 Uhr daurt. Bon i2 bis i Uhr hat einer von den Ministern den Vortrug, und spätestens halb zwey geht sie zur Tafel. Nach aufgehobener Tafel arbeitet sie wieder eine oder mehrere Stunden; sodann geht / reitet oder fährt sie spatzieren; nmsuhr degiebt sie sich in die Komödie, welche abwechselnd in russischer und französischer Sprache aufgeführt wird. Speist die Kayferin des Abends öffentlich, (welches jedoch selten geschieht/) so daurt es niemals später als halb eilf Uhr. Von Civil- Criminal, und Consistorialsachen läßt sich die Käyferin nicht referiern, doch darf ohne ihr Vorwissen niemand zur Todesstrafe verurthcilt werden. Was aber die Armeen, die Flotte, die Finanzen, die auswärtigen Angelegenheiten, die Zölle und den Bau angeht, muß ihr von den Vorstehern der Departements vorgetragen werden. Der einzige Cour-Tag in der ganzen Woche (die Festtage ausgenommen,) ist der Sonntag. So wie die Monarchin an diesem Tage des Morgens aus der Kapelle «ach ihrem Zimmer zurück geht, läßt sie alle fremde Minister, Legationssccrctaire und andere Fremde von ^ Stande Stande zum Handkuß; so wie auch diejenigen / die sich für erhaltene Gnadcnbezeugungen bedanken wollen, die alsdann beym Handkuß auf das eine Knie fallen. Allenthalben , wo die Kayferin im Schlosse bey einer Schildwache vorbcygeht, reicht sie ihr selbst die Hand zum Küssen; öfters sind diese bärtigen Männer so groß, daß sie nicht ohne Mühe mit der Hand bis an ihren Mund hinaufreicht. Um 6 Uhr Abends geht die Kour an: es ist gewöhnlich zugleich Ball oder Conzcrt. Die Kayferin tanzt nicht, sondern setzt sich gleich zum Spiel nieder, wenn sie zuvor ihren Kammcrhcrren selbst gesagt hat, wer von ihrer Parthie seyn soll. Sie spielt Piket oder ein anderes ansehnliches Spiel, wobey sie nicht beständig stille zu sitzen nöthig hat. Um den Spieltisch der Kayferin, die mit dem Rücken nach der Wand fitzet, formirt sich ein halber Cirkcl, welchen die Frauenzimmer auf der linken Hand anfangen , und der Konseil auf der andern Seite schliesset. Wenn die Monarchin ihre Tour qcspiclet hat, so stehet sie auf, und spricht in diesem Zirkel mit den ersten Damen , Generalen -und Ministern, ohne sich dabey au eine gewisse Ordnung zu binden. Um zehn Uhr, und öfters noch früher, endiget sich ihre Parthie, worauf sie durch eine Scitenthüre sich unvermerkt entfernet. Im Sommer hält sie sich meistens anf einem ihrer Lustschlösser, am liebsten auf Sarskonsclo auf. In dem Garten hat sie hier, nach ihrer eigenen Idee, Veränderungen machen lassen; es sind sehr wohlangebrachte Dcnksäulcn, Obelisken und Pyramiden mit Jnnschriftcn, welche die Thaten ihrer Feldherren ganz kurz erzählen. Zu den vielen Spielen, die hier im Garten veranstaltet sind, gehören sieben in grader Linie hinter einander angelegte Berge, wovon immer einer um die Hälfte niedriger ist, als der andere. Auf dem höchsten setzet man sich in eine» Wagen, und fährt ganz steil hinunter. Die R Schncllig- Schnelligkeit des Wagens wird durch das Herablaufcu so groß, daß er dadurch von selbst eben über die Spitze des folgenden Berges, welcher von dieser Seite nur schräg anfwärts geht, hinläuft, und solches auf eben diese Weise noch sechsmal wiederhohlt. Im Hcrunterfahren schießet man mit der Pistole nach dem Ziele, oder wirft mit einem Wurfspieß nach einem aufgesteckten Kopfe, oder sticht auch mit der Lanze nach aufgehängten Ringen. An eben diesem Bergen ist dasselbe Spiel in einer Schlangenlinie angebracht, wodurch das Treffen des Zieles noch schwerer wird. Catha- Xlll. Katharina H. russische Kaystrin. Dom 1 .1762 bis zum I. 1780. MU e^r Catharina ii. russische Kayserin. vomI. 1762 bis zumJ. 1780. I. Um sich auf dem Throne desto vester zu fetzen, gewann Catharina II. durch gelindes Betragen den ohnehin schwachen Anhang ihres entfernten Gemahls; sie bestätigte den Frieden mit Dänemark und Preussen und errichtete mit letzterer Krone ein Schutze und Trutzbündniß. Bey der Durchsetzung neuer Anstalten bediente sie sich ausscrordent- licher Klugheit und Mässigung. In Moskau schafte sie die sogenannte geheime Canzley ab; in Petersburg gab sie der von Elisabeth im I. i??8 gestifteten Academie der Ränfte eine gemeinnützigere Einrichtung und gründete unter der Aufsicht des Generals Betzkoy eine National- erziehung, Schulen, Seminarien, Wayscnhäuser. Dem Senat und andern Reichskollegien bestimmte sie eine regelmässigere Verfassung; sie arbeitete an vortheilhaftcrer Anwendung der geistlichen Güter, verstärkte die Truppen, verbesserte die Gesetze und wendete ein Hauptaugenmerk auf Bevölkerung und Runstfleiß. Fcyerlich lud sie geschickte Ausländer ins Reich und verordnete zu ihrer Versorgung und Sicherheit eine Tutelkanzley; auf kayserliche Unkosten schickte sie junge russische Gelehrte und Rünstler zur Ausbildung der Talente auf Reisen, und sie selbst that verschiedene Reisen durch ihre Provinzen. II. Eben als sie sich auf einer Reise nach Lieffand und Curland befand, erhob sich im Sommer 1764 gegen sie ein Aufruhr. Die Veranlassung dazu gab jener unglückliche liche Prinz Iwan, der seit langem her in der Vestung Schlüsselburg eingesperrt war. Hier hatte ihn Lachn- rina II. nicht lange nach dem Antritt ihrer Regierung besucht. Sie bemerkte, daß es ihm beynahe ganz an Ver» siand fehle, und im Sprechen war er so ungeübt, daß, wenn er auch etwas vernünftiges zu sagen gewußt hätte, er sich doch^nicht würde haben verständlich machen können. Gerührt über die Zeichen seiner Schwäche, gab sie Befehl, baß man ihn mit Sorgfalt und zärtlicher Achtung behandle. Damit ex nicht beunruhiget werden mögte, ließ sie ihn unter einer Leibwache in der Vcstung Schlüsselburg, nicht weit von Petersburg. Er hatte itzt cln Alter von ohnge- fähr vier und zwanzig Jahren erreicht. Seine rührende ^Jugend, das geheimnißrciche Dunkel seiner Lage, seine langen Leiden, sein scheinbares Recht auf die Krone, alles dieses konnte ihn leicht zum Werkzeuge, oder doch zum Verwände von gefährlichen Unruhen machen. Ein gewisser Wassili Mirowitz, Unterlieutenant in dem Smolens- kischen Regiment, gerieth auf den Einfall, ihn in Freyheit zu fetzen. Dieser Mirowitz war ein Enkel eines Rebellen, gleichen Namens, der sich vormals gegen Zar Peter den Grossen auf die Seite des Königs von Schweden, Carls XII, geschlagen. Nun begehrte er die eingezogenen Güter seines Grosvaters zurück, und, als sie ihm verweigert wurden, suchte er die Kayferin vom Throne zu stürzen, in Hoffnung, unter der Regierung des Iwan eine Rolle zu spielen. Sein Vorhaben entdeckte er einem gewissen Uschakof, einem Lieutenant bey dcmRegimentVcliki* Lacki. In ihrem Unternehmen stärkte die beyden Verschworenen die Rcligionsfchwärmercy; sie gelobten einander in der Kirche Verschwiegenheit, und baten den Himmel um Beystand zur Vollziehung ihres Verbrechens. Vor dem zur Vollziehung bestimmten Tage ertrank zufälliger Weife Uschakof. Mirowiy suchte nun andere Vertraute. Mach und nach ließ er bald bey Tikon Lasatkin, einem Bc- Bedienten am Hofe,'bald bey Semen-Tschewaridef, einem Artillcrielicutenant, das eine und andere zweydcutige Wort fallen, als ob gewisse Leute auf die Befreyung des Iwans bedacht seyen. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, einige Soldaten der Besatzung von Schlüsselburg auf seine Seite zu bringen. Den 4. Jnl. 1764 erhielt er die Erlaubniß, auf die Wache zu zichn, ungeachtet die Rcyhc nicht an ihm war. Um zwey Uhr Morgens rief er plötzlich die Hauptwache heraus, stellte sie in eine Linie und gab ihr Befehl, mit Kugeln zu laden. Berenikoff, der Gouverneur der Vcstung, wurde durch das Geräusch aufgeschreckt, lief hinaus und fragte nach der Ursache des Aufzugs. Anstatt der Antwort, bekam er einen Schlag mit der Flintcnkolbc, der ihn zu Boden warf. Kaum hatte ihn Mirowitz in sichere Verwahrung gebracht, so zog er an der Spitze seines Haufens nach dem Zimmer deS Iwan. Die Wache daselbst schlug seinen Haufen zurück. Eben so feigherzig als tollkühn, hielten Mirowitzens Mithafte nicht Stand, bis er sie mit einer falschen Signatur der Kayserin äffte. Nun kehrten sie gegen das Zimmer zurück. Da sie es aber wagten, mit ihren Flinten den Angriff zu wiederholen, so ließ Mirowiy eine Kanone vorn Walle Herabbringen' und machte Anstalt, den Platz zu beschießen. Nun wußten sich Ulusief und Tschekin, die beyden Officiere, die in dem Innern des Zimmers den Prinzen bewachten, nicht langer zu rathen. Welche schreckliche Folgen für die öffentliche Ruhe des Reiches, wenn ihr Gefangener in Freyheit gesetzt wird? Sie faßten den Entschluß, den unglücklichen Iwan, lieber selber zu morden und sich alsdann der Wuth der verschworenen Preis zu geben. Der Prinz lag im Bette und schlief, als er den ersten Hieb bekam. Erfuhr auf, und ungeachtet er so ganz unvermuthet und wehrlos überrascht wurde, kämpfte er doch tapfer für sein Leben, wurde aber endlich überwältigt und fiel entseelt nieder. Die beyden den Befehlshaber schleppten seine Leiche, noch rauchend von Blute,hinaus, und zeigten sie den Vcrschwornen, milden 'Worten : „da habt ihr euren Kayser; laßt euch nun von ihm „anführen!" Bey diesem Anblicke ergriffen den Miro- rviy Schauer und Grausen, bald aber verfiel er in die kälteste Gleichgültigkeit. Demselben Gouverneur, der doch sein Gefangener war, überreichte er gelassen den Degen, indem er sagte: „Euer Gefangener bin nun ich selbst.'' Auch von seinen Gehilfen suchte sich keiner flüchtig zu machen. Tags darauf wurde die Leiche des Prinzeu bloß mit dem Hembde ynd mit Beinkleidern bedeckt, vor der Hauptwache ausgesetzt. Eine Menge Volks lief herbey und jedermann wehklagte über das Schicksal des Iwan. Man legte seinen Körper in einen Sarg und begrub ihn in der alten Kapelle der Vestung. Kaum hatte der Graf panin die Nachrichten von dem Tode des Prinzen und des Mirowitz Unternehmung erhalten, so schickte er sogleich einen Eilboten an die Rayserm nach Lrefland. Die Kayserin ließ den Mirowitz und seine Mithaften zuerst in Schlüsselburg selbst durch den Generallieutcnant von Weimar, und hernach zu Petersburg durch eine Kommits von Geistlichen, von Senatoren und Edelleuten in Verhör nehmen. Mirowitz beharrte darauf, daß er ganz allein und ohne irgend einen Rathgcber den Anschlag gefaßt habe. Während der ganzen Zeit des Prozesses bewies er immer viel Trotz und Uncrschrockcnheit. Den 26. Sept. 1764 wurde er enthauptet und sein Körper zu Asche ver< brannt. Die Mitverschwornen wurden zur Spießruthe und Vestungsbau verurthetlt. Es gab Leute, welche die Rayserm im Verdacht hatten, als ob sie selbst sich Mi- rowizens und der Wache als eines Werkzeuges zur Ermordung des Iwans bedient haben sollte: allein um so viel weniger Grund hat ein solcher Verdacht, da sie auf jede andere Weife und ohne viel Aufschn zu erwecken, den Prinzen hätte aus dem Weg räumen können. III. Im III. Im F. 1767 berief die Kayserin aus allen Provinzen des Reiches Abgeordnete zur Verfertigung eines neuen Gesetzbuchs zusammen. Die Jnsiruction dazu verräth ein gesetzgeberisches Genie, welches keine andere Rücksicht Hat, als das Heil des Volkes. Besondere Bemerkung verdienen theils die Abschaffung der Folter, theils die Erleichterung und Verminderung der Leibeigenschaft. IV. Unter dem Vorwande oder auch wirklich in der Absicht , die Gewissensfreyhcit der Dissidenten zu schützen, mischte sich in dem I. 1767 und 1768 die Kayserin mit bewaffneter Hand in die Angelegenheiten von polen. Wirklich riß sie (wie wir in der Geschichte von diesem Reiche sehen) einige polnische Provinzen an sich. Gegen ihre siegreichen Waffen rief die schwärmerische und unduldsame Barer - Consöderation, unter geheimem Beystände von Frankreich, die Türken zu Hilfe. Um so viel mehr wurde der Sultan gegen Rußland erbittert, da die russischen Kosaken in ihren Streifzügen am Dniper und Dnrestcr bis in das türkische Gebiet vorrückten. Aus Rache setzte «r den 1. Oct. 1768 den russischen Gesandten Obreskow mit feinem ganzen Gefolge in das Gefängniß der sieben Thürme. Dieser gewaltthätigen Handlung folgte die Kriegcscrklarung auf dem Fusse nach. In Zeit von acht Tagen wurden zu Ronstantinopel die Anstalten zum Kriege mehr befördert, als bey jeder andern europäischen Nation in Zeit von eben so viel Monaten nicht möglich gewesen seyn würde. Zuweilen öffentlich, zuweilen verkleidet, untersuchte der Sultan selbst den Zustand des Kriegsheercs, und ihm entgieng nicht die geringste Kleinigkeit. Ocfters wohnte er den Uebungen der Konstablcr bey und bezeigte grosses Wohlgefallen an der Minierkunst einiger französischer Befehlshaber im türkischen Dienste. Die Kriegcsan- kündi, kündigui'g erweckte bey dem Volke Freudengejauchz. Eonderheitlich in den asiatischen Provinzen war der Hang zum Kricgcsgcvränge aufs höchste gestiegen. Die Gczclte der Grossen waren von Gold oder Silberstoff, ihre Stan- arten von verbrämtem Atlaß, ihre Waffen mit Silber aus» gelegt. Wenn uns dieses an die alte Pracht der orientalischen Armeen erinnert, so erinnert es uns zugleich an ihre Verlegenheit und Ohnmacht, so oft sie nur einer Handvoll Leute entgegen gestellt wurden , deren Geist und Körper eisern war, wie ihre Waffen. Nicht nur wurde ein ungeheurer Artillericpark von einigen hundert Stücken schwerer Kanonen formiert, sondern auch, einer üppigen Stadt gleich, ein Feldequjpage für den Sultan bereitet. Der Staatskanzley, dem Finanzrath und andern Kollegien wurde Befehl ertheilt, sie sollten alle Staatspapierc, von Anfange des Jahrhunderts an, mit sich ins Feld nehmen. Wie sehr wurden nicht dadurch die Geschäfte bey Hause gehindert und die Bewegungen im Felde erschweret? So eifrig der Sultan auf gute Mannszucht bedacht war, so geschahe» doch unterwegs verschiedene Ausschweifungen. Da er in die Treue der griechischen Christen ein Miß. trauen setzte, so mußten alle'Christen im Reiche die Waffen ausliefern. Die Griechen, die Armenier und Juden in der Hauptstadt Konstantinopcl mußten eine Kontribution von 6 ?v,ooo Piastern bezahlen. Eine in der That nicht sehr beträchtliche Steuer für Leute, in deren Händen beynahe der ganze Handel und aller Geldverkchr dieser grossen Stadt lag ! Auch bloß zum ersten Fcldzug waren (wie öffentliche Nachrichten lauten) 20,000,000 Piaster an Gelde und 2;y,ooo Mann, ohne die Tatarn, bestimmt. Alle die verschiedenen Korps wurden, so wie sie zu Kon- ßantmopel ankamen, gegen die Donau geschickt, V. Wie unterdessen wohl dem russischen Gesandten in dtm Gefängnisse der sieben Thürme zu Muthe seyn mogte ? Den Den Tag nach seiner Verhaftnchmung stellten der englische und preussische Minister dem Sultan vor, daß er den Obrcskow bey seinen schlechten Gcsimdheitsumständen unter Bewachung nach seinem Hotel sollte zurück gehen lassen. Auf ihre wiederholten Vorstellungen wurde er in dem Hause des Kerkermeisters in eine bequemere Wohnung gebracht, und hernach beym Aufdruck des türkischen Kricgshccrcs in einem Gezelte neben dem Quartier des Großvcziers vcr- wahrt. Bey diesem Aufbruche giengcn die Soldaten in der kriegerischen und religiösen Schwärmerey so weit, daß sie auch die Gesandten vo wohl berittene Ralnmken aus der Nachbarschaft von Stauropol, die ihren Bcfehlhaber, den Brigadier Veghezak, umgebracht hatten. Mit vereinigten Kräften wendete er sich nun gegen Latharincnburg. Daselbst hätte er für 200,000 Livr. Sterling Kupfermünze gefunden, allein auf das Gerüchte von dem Anmarsch eines rujsischen Heeres zog er sich seitwärts. Anfangs hatte Pugatschef in seinem ganzen äuffcrn Betragen grosse Heiligkeit affektiert; ee erschien in bischöflichem Gewandt, theilte mit der Hand Scg- -86 Segnungen aus, vermied allen Anschein von versöhnlicher Ehrsucht, und versicherte, daß es ihm nur darum zu thun sey, seinen Sohn, den Großfürsten, auf den Thron zu erheben. Damals war er auch sehr unternehmend und thätig , und ließ keine Gelegenheit zur Ausbreitung seines Einflusses vorbey gehen: Allein, von dem Glücke seiner Waffen berauscht , glaubte er nachher die Verstellung unnütz, er vcrlohr den günstigsten Augenblick und folgte seinem Hange nach jeder Art der lasterhaftesten Ausschweifungen. An, statt, wie er hatte thun körmen, sich von Moskau Meister zu machen, verlor er den grösten Theil des Winters por Mitsk und Orenburg. Während der Belagerung dieses letztem Platzes mordete er alle ihm aufstosscnden Ofsiciere und Edelleute, und öffentlich erklärte er sein Vorhaben zur Vertilgung des gestimmten russischen Adels; auch Weiber und Kinder opferte er seiner Wuth auf. Nicht weniger unbe. sonnen, als barbarisch, war sein Betragen. Ob gleich er schon mit einer Kosakin, Namens Sophie, verheuratet war, und mit ihr drey Kinder erzeugt hatte, so vermählte er sich doch noch übcrdieß mit einer öffentlichen Dirne von Uaitsk, und versäumte über dem Hochzcitspiclen das Vorrücken seiner Armee. Bey seiner ganzen Parthey befand sich kein einziger Mann von Rang und Gewicht, allein seinen Vertrauten gab er die Namen der vornehmsten russischen Herren und beschenkte sie mir den verschiedenen Ordensbändern der Ritter. Aus Furcht, daß man seine Unkunde der deutschen Sprache, welche doch Petem III. bekannt seyn mußte, aufdecken möchte, ließ er auf einmal alle deutschen Officiere, die ihm in die Hand fielen, durch seine Leute ermorden, —— Mittlerweile rückte gegen ihn der General Bibikof an der Spitze eines beträchtlichen Heeres an, und der General Major, Prinz Salitzin, überraschte den puaatschef mit dessen ganzer Armee unweit von Latischewa. Die rebellischen Truppen wurden zerstreut, und nicht ohne Mühe flüchtete sich Pugatschcf in die »87 die Gebirge von Ural. Bald hernach erschien er schon wieder mit beträchtlicher Stärke, bemcisterte sich einiger Vestungen und steckte Troisk in Brand. Der General Coln schlug ihn in die Gebirge zurück. Voll Wuth wendete er sich hierauf gegen Rasan , wurde aber von po- temkin und Michelson zu Schanden gehauen und über die Wolga gejagt. Aufs neue gesellten sich verschiedene Korps von Kosaken und Baschkiren zu ihm, und schon war er bereit gegen Moskau zu ziehen : allein auf die Nachricht von dein Waffenstillstände mir den Türken änderte er stincn Kricgsplan. Er zog längs der Wolga hinab, schlug bey Dubofka ein Korps des Barons von Dies, eroberte die Vestungen Pensa und Saratostund brachte durch Vcrrathcrcy Demitrefsk in seine Gewalt. In der Nachbarschaft dieser letzter» Vcstung war ganz unbefangen der berühmte deutsche Mcßkünstlcr Lowitz, mit Ausmessung eines Kanals zwischen dem Don und der Wolga beschäftigt , und Pugatschcf verdammte ihn zum grausamsten Tode. Da er hörte, das Lowitz ein Astronom sey, so ließ er ihn auf einer hohen Stange spieße», indem er höllisch sagte: „ So ist er näher bey den Gestirnen." Nach Beendigung des Türkenkrieges schickte die Kay- scrin gegen den Aufrührer den Grafen von panin, den Eroberer von Bender. Dieser überraschte jenen in einem engen Passe zwischen zwo Bergketten an der Wolga. Mit verzweifeltem Muthe vertheidigte sich pugatschcf, endlich rettete er sich durch Schwimmen über den Fluß, und flüchtete sich durch die Wüste nach Ufem zurück. Hier ver, riechen ihn seine eigenen Leute. Ein Kosake von Jlatz, Namens Tugorof, und zween andere von Zaitzk, Tschu- . makef und Fidulcf, erhielten unter der Bedingung, wofern sie ihren Anführer ausliefern würben, die günstigsten Versprechungen. Einer von ihnen stellte hierauf dem Pugatschcf die Unmöglichkeit weiterer Vertheidigung und die Mög? 288 Möglichkeit der Begnadigung auf fteywillige Uebergabe vor: allein voll Unwillen und mit gezücktem? Säbel verwarf Pugalfchcf den Vorschlag. In dem gleichen Augenblicke packten ihn die beyden andern Kofaken und schleppten ihn gefesselt ins russische Lager. Im November 1774 wurde er mit feinen vornehmsten Mithaften nach Moskau gebracht. Den 21. Jänner wurde er enthauptet und vcr, vicrtheilt. Die Kayferin gestattete nicht, daß er peinlich verhört werden sollte, und nicht mehr als fünfe von seinen Mitvcrschwornen wurden zum Tode verdammt. XIV. Um den Faden von Pugatschcfs Geschichte nicht unterbrechen zu müssen, verfolgten wir sie bis zum Ende: Nunmehr aber wenden wir uns zu dem Schauplätze des noch nicht beygelegten Krieges zurück. In Ansehung dieses Krieges gegen die Türken gab es schon im I. 177; an dem russischen Hofe grosse Spaltungen. Die eine Par, thcy, an deren Spitze der Fürst Orlow stand, verlangte die Fortsetzung des Krieges; die andere hielt es mit dem Grafen panin, der sehr eifcrig auf den Frieden bedacht war. Beyde Häupter befassen in gleichem Grade die Gunst der Kayferin, sie selbst aber stimmte in dem geheimen Rathe noch immer für die Fortsetzung des Krieges. Und unter was für schrecklichen Umständen? Während daß die westlichen und nördlichen Gränzen des russischen Reiches den Verwüstungen des Feindes ausgesetzt ivaren, wur. den seine östlichen Gränzen von der Pcstseuche verheeret. Die alte Stadt Bagdad soll unter der Wuth dieser Seuche rza,oc>o Menschen eingebüßt haben. Die Bewohner flüchteten sich an den Ausfluß des Euphrats und an den persischen Golpho. Hier wüthete nunmehr die Seuche noch fürchterlicher; jeden Tag starben 6 bis 7000 Pcrsohnen; die abendländischen Christen starben beynahe ganz aus; die englische Factorey flüchtete sich nach Persien. Zu 28 - Zu den merkwürdigen Vorfällen des Jahres 177; gehört vornemlich auch die Auswanderung einer ganzen Nation Latarn aus dem russischen Reiche. Ein zahlreicher Stamm der kalmückischen Tatarn, die Tor- guten genannt, hatte seit langer Zeit in den Wüsten von Astrakan gewohnt, und war unter gewissen Bedingungen dem russischen Zepter unterwürfig gewesen. Entweder wegen erlittener Beleidigung oder aus Furcht vor dem Anwuchs der russischen Herrschaft beschlossen sie nun den Wegzug. Sie hielten ihr Vorhaben so geheim, daß niemand eher das geringste davon argwohnte, als bis fie mit ihren Familien und ihrem Vieh nach Zongoria in der östlichen Tatarcy aufbrachen. Auf diesem ungeheuer langen Wege ströhmtcn sie mitten durch einen Theil des russischen Gebietes, und umsonst verfolgten fie zwey starke Korps russische Truppen. Durch diese Auswanderung verlor Rußland nicht nur an Bevölkerung, sondern damit zugleich an Kriegsmacht und Handclserwcrb. So stark die russischen Heere immer auch waren, so wurden sie doch durch Vertheilung in verschiedene Gegen* den geschwächt. So friedfertig Rußland und Schwede» gegen einander zu seyn schienen, so waren doch die Staats, Veränderungen und Zurüstungcn in dem letztem Reiche für die Kayserin so beunruhigend, daß fie nicht nur ein Kriegsherr an den schwedischen Gränzen zusammen ziehen ließ/ sondern auch mit einer Flotte die Ostsee bewachte. Wegen eben dieser Beunruhigungen trat fie auch, wie wir schon oben andeuteten, in engere Verbindung mit Dänemark. XV. Noch vor gänzlicher Beylegung des russischen Krieges starb der Sultan Muftava lll. den 21 Jänner 1774» Da sein Sohn Selim erst in sein -reyzehntcs Jahr gicng, so'übergab der sterbende Sultan die Regierung einem Bru» T der 2Y0 der, dem Abdulhamet. Dieser neue Kayser machte sa- gleich die schleunigsten und nachdrücklichsten Zurüstungen zur Fortsetzung des Kriegs. Die Jauitscharen aber, welche lieber den jungen Prinzen Selim auf dem Throne gesehen hätten, hinderten den glücklichen Fortgang der türkischen Waffen durch ihre Mcutereyen zu Abrianopel uud an andern Orten, wo die Armee lag. In dein Frühlinge fielen an der Donau verschiedene Gefechte vor, jedoch ohne Vortheil weder für die eine noch für die andere Parthey. Inzwischen suchte die Pforte, sich die Empörung des Pugatschef zu Nutze zu machen; sie schickte den Dulet Guerat, den vorigen Chan der Krimm, mit beträchtlichen Geldsummen und verschiedenen Befehlshabern aus seiner Vcrwandschaft zu den nogaischen und kubanischen La- tarn, und bey vielen taufenden ergriffen diese unter seiner Anführung die Waffen, wurden aber von den Russen geschlagen. Zu Ronftantinopel rüstete man indeß eine Flotte aus, die zur Unterstützung der Insurgenten in der Rrimm bestimmt war; und an der Donau lagerte sich der Großvczier mit einem Heere von 200,000 Mann. Nach erhaltener Verstärkung machte der russische Feldherr Romanzow Anstalt zur Ucbersctznng über die Donau. Ends des Junius drang er glücklich über den Fluß, und lagerte sich bey Silistria. Die Generalen Ramenokoy und Survarow jagten den Reis Effendi mit seiner ganzen Armee in die Flucht. Das ganze türkische Lager mit einem schönen Vorrathe metallener Kanonen, welche unter der Aufsicht des Ritters Tot waren gegossen worden, gerieth in die Hände der Russen. Von diesem Augenblick an bemächtigten sich Aufruhr und Feigheit aller tückischen Truppen. Sie plünderten das Gepäck, beraubten und ermordeten ihre Officirre, liefen zu taufenden aus einander , eilten in grossen Haufen nach dem Hellespont, und verübten unterwegs alle Arten von Ausschweifungen. Ihre Ankunft in der Nähe von Konstantinopel versetzte den Hof und und die Stadt in solchen Schrecken/ daß/ nachdem alles Bitten / alles Geld / alle Verheißungen vergebens waren / sie zur Rückkehr zu Armee zu bewegen / die Minister sich endlich genöthigt sahen/diesen zügellosen Schwärmern Schiffe zu geben / um sie nach Asien überzusetzen. Romanzow benutzte die gegenwärtige Lage; er stellte die verschiedenen Abtheilungen seiner Armee auf eine so vor- theilhafte Art/ das er den Großvezier von seinen Besatzungen und Magazinen — von Adrianopel und Konstan- tinopel völlig abschnitt. Auf solche Weise war das türkische Lager zu Schumla wie mit einem Netze umzogen. Zween türkische Bevollmächtige kamen in das Quartier des Generals Ramenskoy / woselbst sie den Fürsten Rep, nin um Frieden baten. Da bey ihren verzweifelten Umständen keine Verzögerungen statt hatten/ so wurde nach zwo kurzen Unterreduugen den 21. Iul. 1774 ein für Rußland glorreicher Friede geschlossen *) Der Friedensvertrag besteht aus acht und zwanzig Artickeln. Die vornehmsten sind : Die Unabhängigkeit der Rrimm; die Abtrettung der Städte Rilburn / Rersche und Inikale / wie auch des ganzen Bezirkes zwischen dem Bog und demDniester an Rußland; freye Schiffahrt in allen türkischen Gewässern/ nebst der Durchfahrt durch die Dardanellen. Von den gemachten Eroberungen in Asien behielt die Kayferin nur Asow und Taganrok; alles übrige trat sie den vorigen Eigenthümern ganz ab / unter andern auch Georgien / Imirette / Mingrelien und Guriel/ (das ehemalige Colchis und Iberien ) welche Provinzen während des Krieges frcywillig mit Rußland in Verbindung gctrettcn. **) Nur bedung sich die Kayferin zum besten der Georgier die Bcfreyung von jenem Men- _sehen, * ) Zu Kutschuck Kainardschy in Bulgarien. **) S. BreitcnbauchS Geschichte der Maaten von Georgien. Memmingen 178S. T - sckenrribut aus, welchen die Vasallen sonst dem Sultan bezahlten, nämlich t nach Chardins Bericht) der Fürst von Jrimette 8» junge Knaben und Mädchen,,und der Fürst von Guriel 46. Nicht weniger sorgte sie auch in einem besondern Artikel für die Begnadigung der griechischen Einwohner in der Wallachey. XVI. Noch im gleichen Jahre, im Nov. 17,4 errichtete hierauf die Kayserin einen besondern Handelsmagistrat zu St. Petersburg; im I. 1775 verminderte sie die Auflagen, und schränkte die ungeheure Ueppigkeit ein; j,n I. 1776 machte sie das neue Gesetzbuch bekannt, legte eine Navigationsschule zu Jrkuzk an, stiftete neue Rolo- nien an der Wolga, u. s. w. Im I. 1779 vermittelte sie nebst Frankreich den Frieden zu Leschen zwischen Oesterreich und Preussen; im 1 .178» bewirkte sie während des nordamcrikanischcn Krieges zwischen den nordischen Mächten , dem deutschen Kayser und dem Könige von Preussen eine, für die russische Schiffahrt sehr vortheilhafte, bewaffnete Neutralität. XIV. Zweyter XIV. Zweyter russischer Krieg gegen die Türken. Von 1782 bis 1784. ^ " ! id I i I. 1 i Zweyter russischer Krieg gegen die Türken. Von 1782 bis 1784. I. ^)er Chan der Krimm, Sahin Gueray, suchte die Tatarn gesitteter und glücklicher zu machen; er führte zugleich mit dem europäischen Handel auch die europäische Äriegeszucht ein. Dadurch erregte er bey seinem Volke solchen Unwillen, daß er sich genöthigt sahe, seinen Sitz von Bachasarai nach Laffa zu verlegen. Selbst seine bey, den Brüdcr verursachten im I. 5732 gegen ihn eine Empörung , der eine in Ruban, der andere in Taman. Es war nicht das Werk einer aufbrausenden Gährung sondern die Ausführung eines lange vorbereiteten Entwurfs. Als dieser reif war, so empörten sich alle Häupter der tatarischen Stämme auf einmal , nicht allein in der Halbinsel, sondern auch in den benachbarten Gegenden in Kuban , Cirka,per, Abasgien. Es standen sogleich 4«,00a Mann unter den Waffen. Der älteste Bruder, Bathi Gueray, Statthalter von Ruban, erklärte den jünger» Bruder, Arslrn Gueray, zum Statthalter von Taman. Der Chan , Sahin Gueray, flüchtete sich auf einem russischen Fahrzeuge nach der russischen Vestung Rertsch. Nun huldigte der größte Theil der Myrsen, oder der adelichen Lehei träger der Krimm dem Bathi Gueray. Die Hauptbefchwerden gegen den flüchtigen Chan waren, daß er durch Lnnchmung der christlichen Tracht und durch seine Anhänglichkeit an Rußland die Gesetze des Rorans verletze. Um's> viel heftiger ist bey den Tatarn die Reli- gionsschrvärncrey, je unwissender sie sind. Um Um den verjagten Chan zu rächen, schickte die Kay- serin Catharina sogleich verschiedene russische Regimenter auf den Weg nach der Rrimm, zugleich forderte sie zur Unterstützung desselben vermag einer Vcrkommniß vom I. 1779 den türkischen Großherrn auf. Dieser machte sich marschfertig, ohne jedoch sein eigentliches Vorhaben zu äusser». Auf der einen Seite begünstigte er nicht gern einen russischgesinntcn Chan in der Krimm, auf der andern Seite zitterte er vor dem Ausbruche des Kriegs. In dem Innern des Reichs wütheten bald die Pestseuche , bald entsetzliche Feuersbrünste/ überall drohrten Mißvergnügen und Unruhen. Von Aussen zogen sich die Krieqesflammcn nicht nur von Rußland, sondern auch von «Oesterreich zusammen. «Oesterreich beklagte sich bey dem Sultan über die Unsicherheit der ungarschen Gränzen, und forderte Genugthuung für die Geeräubereyen von Algier. Beym Ausbleiben befriedigender Antwort schickte Joseph II. seine Truppen gegen Belgrad. II. Während dieser Gefahren von Aussen war den rr. Aug. 1782 in Ronstantinopel eine Feuersbrunst entstanden, die z6 Stunden anhielt, und diese Hauptstadt des türkischen Reiches in eine Wüste verwandelte. Ueber 6000 Häuser waren in die Asche gelegt. Die Casernen der Ianitscha« rcn und die Getreidcmagazinc waren mit abgebrannt. Vom schwarzen Meer her hatte Rußland , und vom Archipel Venedig alle Ausfuhr von Gctreid untersagt. Die Hungersnoth drohte den fürchterlichsten Aufruhr. Der neue Großvezier ließ von allen Enden Bauholz herbcyführen, und wendete beträchtliche Summen aus der Schatzkammer zur Erleichterung der allgemeinen Noth an. Sorgfältig schob er den Krieg auf, allein die Ulemas oder Gcsctzlchrcr Drangen auf Unterstützung der Rrimm. Ihr Oberhaupt, der Mufti, wurde wegen Aufwieglung des Volks entsetzt, und und an dessen Stelle der bisherige Nakib-Sherif ernennt Der Großvczicr gab sich alle nur mögliche Mühe, unter Mitwirkung von Oesterreich und Frankreich/ Rußland zu gütlicher Beylcgung der Unruhen in der Rrimm zu bewegen. Mittlerweile nahm der vertriebene Chan, Sa- hin Gueray/ unter russischem Schutze wieder Besitz von seinem Gebiete. Ein Korps Russen blieb zu seiner Bedeckung im Lande. Zwey andere Korps lagerten sich, das eine bey Precop, dem Schlüssel der Krimm/ das andere an den Gränzen von Ruban. Zugleich schnitt eine Flotte bey Asow der Halbinsel alle Gemeinschaft mit der türkischen Tatarcy ab. Der Bruder des wiedereingesetzten Chans/ Bathi - Gueray/ flüchtete sich/ wurde aber eingeholt / und am schwarzen Meere / bey seiner Schwester, gefangen genommen. III. Unter dem Schutze der russischen Seemacht/ die an drey verschiedenen Orten / zu Asoph, zu Cherson und zu Livorno bereit lag / forderte nunmehr der Chan von der ottomanischen Pforte die Abwertung der Vestung Oczakow mit dem herumliegenden Gebiete/ als eine chmals zu der Krimm gehörige Besitzung. Durch die Abtrettung von Oc- zakow aber sah sich der Sultan nicht nur alles Einflusses in die Angelegenheiten der Krimm/ sondern auch eines der wichtigsten Plätze an dem schwarzen Meere beraubet. Ucbcrhaupt war er unter der Hand von dem französischen Hofe allzu wohl unterrichtet/ um nicht einzusehen / daß es den beyden Kayserhöfen/ Wien und Petersburg, um nichts Geringeres zu thun sey, als um uneingeschränkte Freyheit der Schiffahrt an der Donau , am schwarzen und an dem mittelländischen Meere. Nothgezwungen rüstete sich also der neue Großvezier, Hammit Effendi, zum Krieg. Alle Timarioten, oder Gutbcsitzcr, erhielten Befehl, sich in ihrem Bezirke nahe bey ihren Aivi, Bcys Beyo oder Häuptern'aufzuhalten. Von neuem schrieb man die gcsammte junge Mannschaft in der europäischen Türkey auf/ und hob davon 105,000 zum Dienste aus. I» den Stückgiessercyen und Zeughäusern herrschte grosse Lebhaftigkeit / und im Tophana einer Vorstadt von Konstantinopel / machte man Anstalt zur Messung von zooo Kanonen; die Aufsicht über die Artillerie bekam ein abgefallener Engländer, Benjamin Swiburne, jetzt Mustapha. Andere auswärtige Befehlshaber, mehrere Franzosen, führten hie und da bey den türkischen Truppen europäische Kriegskunst und Disciplin ein. So wohl nach Belgrad als nach Oczaksw wurden zur Ausbesserung der Vestungswerker geschickte Ingenieurs abgeschickt. IV. Bereits im Frühlinge 178; waren indes alle russische Feldrcginienrer aus dem Innern des Reiches gegen die türkischen Gränzen marschiert; sie lagerten sich in dem Gouvernement von Biow und längs dem Dnicper bis nach Lherson, an der Mündung dieses Flusses, und gegen Oczakow. Das Oberkommando war dem Fürst potem- kin anvertraut. In der Rrimm selbst nahm die innere Zweytracht je länger je mehr ab. Nach der Gcfangennchmung des Prinzen Bathir Gueray ließ sein Bruder Aslan Gueray Fricdens- anträgc thun. Der Chan Sahin Gueray nahm sie desto lieber an, da er nunmehr in den Stand gesetzt wurde seine Regierung auf die auffallendste Weise bcstättigcn zu lassen. Er setzte also mit seinen Brüdcrn einen Verglich vcst. Diesem zufolge wurden die Mirsen, d. i. die Häupter der Volksstämme, bey dreytausend, zusammen berufen. In der Versammlung ließ Sahin die Frage thun: Ob man ihn, oder einen seiner Brüder zum Chan und Herrscher verlange? Den Sahin schrie die ganze Versammlung. Freylich geschah alles in Gegenwart und unter ter dem Schutze der russischen Truppen. Die Bruder des Sahen wurden zufrieden gestellt, aber drcyzehn von den Anführern der Rebellion zum Tode vcrnrthcilt. Auf solche Weise gewann es den Anschein, als wäre Sahin Gueray von den Reichsständen freywillig wieder in die Würde eines Chans eingesetzt worden. Um die ottomannische Pforte desto weniger zu reizen, schonte Rußland — wo nicht in der That, doch dem Scheine nach, die Unabhängigkeit der Rrimm. V. So wobl Rußland als Oesterreich hätten gerne die Waffen niedergelegt, wenn sie nur ohne Waffen ihren ersten und letzten Zweck hätten durchsetzen können. Dieser Zweck gieng auf Erweiterung des Handels und der Seemacht. Gegenseitig hatten sie schon unter sich selbst Handelsverträge geschlossen, und nun legten sie dem RciS- Effendi zu Konstantinopel den Entwurf eines Handelsvertrages zwischen den drey Rayserhöfcn vor. Mit Mehrheit der Stimmen gieng der Divan die mehrcrn Punkten des Entwurfs ein, und bewilligte unter andern, die freye Schiffahrt auf der Donau, hingegen schränkte «rdie Schiffahrt auf dem schwarzen Meere und durch den Ranal von Ronstantinopel stark ein. Je mehr der Divan durch solche Beschränkung die beyden Kayscrhöfe beleidigte, desto mehr suchte er sich anderwärts Freunde zu machen. Ausser Frankreich und England, suchte er auch Spanien in sein Interesse zu ziehen. Mit dem spanischen Hofe schloß er den 27 April ,78; einen Friedens- und Handelsvertrag. Einen solchen Vertrag schloß hingegen der deutsche Rayser mit dem König von Maroko, der zu dem Ende hin seine Gesandten.nach Wien abgeschickt hatte. Denn 2;. April 173; unternahm Kayser Joseph II. eine Reise nach Ungarn, und besichtigte die Gränzvestun, gen gen und den Cordon an den türkischen Gränzen. Der russische Fürst Potemkin bcgadsich an die polluische Gränze, drang auf Verstärkung der Vcftung Raminiec und suchte polen gegen die Türkcy in Bewegung zu setzen. Von allen Seiten beruhigte man den friedliebenden Sultan. Unter russischem Einflüsse erneuerte der Sophrin persien eine türkische Gränzstrcitigkeit; empörten sich die Bcys in Aegypten, und die beyden Prinzen, Heraclius und Salomo in Georgien ; und der Chan der Krimm forderte den Besitz von Budschiak, das ist, die Vcstung Oczakow, und von da den ganzen Bezirk zwischen dem Dürrster und der Donau, dem schwarze» Meere, und der Moldau, Bessarabien und Bendcr. VI. Im Sommer 178; erfolgte ein kriegerischer Austritt auf der Insel Taman, diese Insel liegt zwischen der Krimm und der Provinz Kuban , an der Strasse von Cassa. Da sie wegen ihrer Lage die Meerenge Cassa und das ganze Meer Asoph beherrscht, so ist sie in einem Kriege von grosser Wichtigkeit. Der türkische Sultan unterließ also nicht, sich von der Insel Taman Meister zu machen. Der Chan der LU-imm beschwerte sich hierüber bey dem türkischen Befehlshaber durch einen Officier, dem aber der Befehlshaber, statt aller Antwort, den Kopf nieder- sädclte. Ungesäumt zog hierauf ein vereinigtes Korps von Tatarn und Aussen aus der Krimm nach Taman, und bemächtigte sich nach hartnäckigem Gefechte des Platzes. Zu gleicher Zeit sperrte ein Cordon von russischen Schiffen, von der Krimm bis an Taman, das Meer Asoph. Die russisch en Truppen, die bey Aiow in der russischen Ukraine standen, zogen zum Theil über den Dnieper in die polnische Ukraine. Ein Korps rückte unter Com- mando des Fürsten Rcpnin bis in Podolien, ein anders Korps unter dem Fürsten Wolkonsky bis nach Niemiroiw gegen gegen den Dniester, ein drittes KorpS unter dem Fürsten Potemkin nach Oczakow vor. Das Hauptquartier blieb unter dem Oberkommando des Fcldmarschalls Romanzow zu Risw. Eine beträchtliche Anzahl russischer Truppen besetzte die Rrimm und die Stadt Lherson. VII. Der bisherige Chan der Klimm, Sahen Gueray', überließ die ganze Rrimm und Latarey dem russischen Zepter. Dafür erhielt er von der Kayserin ein Iahrge- halt von 8o,c>oo, und jeder seiner Bruder ein solches von 10,000 Rubeln. Immer noch suchte der Sultan den Frieden , allein das Volk und die Ianitscharen drangen unter austührischen Bewegungen auf eine Rriegeserklärung gegen Rußland. Welch ein armseliger Herr ist nicht dieser Sultan, Abdul Hamid? Man erlaube, daß wir von seinem Charactcr und von seiner Lage folgende authentische Beschreibung einrücken dürfen: Er wurde den 17. May 1724 geboren. Sein Vater war Achmet III, welcher den 1. Oct. 17,0 in einem Aufruhre des Thrones entsetzt worden war. Abdul Hamid war damals sechs Jahre alt, und wurde von Achmcts Nachfolger, Mahomed V, nach der bey der Pforte gewöhnlichen Weise, in die Einschränkung gebracht, die man unrichtig mit einem Staatsgefängnisse verwechselt. Solche Prinzen dürfen zwar nicht aus dem ihnen angewiesenen Bezirke heraus, gemessen aber die Bequemlichkeit einer guten Wohnung, eines geräumigen Gartens und eines reichlichen Unterhalts. Es entgeht ihnen nichts als die Freyheit; selbstcine Anzahl Frauenzimmer steht ihnen zu ihrem Vergnügen zu Dienste, doch wird dafür gesorgt, daß man von der Unfruchtbarkeit dieser Mädchen versichert ist. So lebte, in eingeschränkter doch wohl genährter Trägheit, Abdul Hamid von seinem siebenten Jahre an bis in sein fünfzigstes. Er hatte hier keine Gelegenheit, wenn er auch Lust gehabt hätte, sich Kennt- Kenntnisse, am wenigsten in der Kriegskunst zu erwerben. Die geringsten Versuche von der Art würden seinen Tod unfehlbar beschleunigt haben. Doch soll er, aus Langeweile, in seinem Garten sich mit Blumen-und Kräuter, kenntniß beschäftigt haben. Ucbrigcns gewöhnte er sich so sehr an Ruhe und sinnlichen Genuß, daß er auch als Kay, ser nichts liebte, als Wollust und Weiber. Er kam den 21. Januar 1774 nach dem Tode seines Bruders, Mu- stapha, zur Regierung, und schloß sogleich sechs Monate hernach den für das türkische Reich so nachteiligen Frieden mir Rußland. Diesen Frieden hob nunmehr die Kay« scrin von Rußland durch die Bcsitznchmung der Krimm auf. VIII. Um jede Spur der ehemaligen Verfassung zu tilgen, änderte die Kayscrin nicht nur den Namen der ganzen Halbinsel, sondern auch aller Städte und Plätze. So unbedeutend eine solche Aenderung den Abendländern scheinen mag, so wichtigen Einfluß hat sie schon oft bey den Morgenländern gehabt. Die Krimm bekam also ihren vergessenen Namen Launen, LKsrlonslus laurica, und die Kuban, von dem Gebirge Caucasus, den Namen Cau- casien. In dieses Gebiet lud die Kayserin zur Beförderung der Bevölkerung und Thätigkeit die Griechen ein, die in Curdistan, Armenien, Circassicn, Mingrelicn und Georgien zerstreut sind. Die ganze Krimm theilte sie in sieben besondere Kreise, die zusammen mit der Insel Ta- man ein Gouvernement formieren, worüber der Fürst Po- temkin als Gcneralstatthalker gesetzt wurde. Besonders wichtig schienen ihr die neuen Besitzungen von Kuban und Ta- man wegen des persischen Handels, welcher nunmehr weit sicherer wurde. Nicht weniger wurde der persische Handel durch das gute Vernehmen mit dem Prinzen He- raclius von Georgien erleichtert. Zu vollständiger Sicherheit dieses Handels erbaute die Kayserin an den persi- scheu Gränzpro-vinzcn am kaspischen Meere drey neue Vcstungen. IX. Um so viel weniger ruhig konnte Frankreich Rußlands Vcrgrösserung im Oriente zusehen, da aufs neue eine russische Flotte durch das mittelländische Meer gegen Konstantinopel zu ziehen bereit war. Seine Eifersucht theilte der französische Hof den Höfen von Madrit und Lissa- ,bon mit. Weniger wirksam hingegen waren die französischen Vorstellungen bey den übrigen Höfen von Europa. Mittlerweile blieben die Türken nicht lässig, wahrend der Unterhandlungen sich zum Kriege zu rüsten. Seit geraumer Zeit stand schon ein grosses Korps, unter dem Pascha Gianikli - Aly jenseit des Bog bey Oczakow, ein anderes zwischen Bender und Fasst, in der Moldau, ein drittes in Bosnien, ohnwcit Belgrad. In dem Ranale von Ronstantinopel hielt sich unter dem Com- mando des alten Kapitain Pascha eine Flotte in Bereitschaft. Der bisherige Fürst der Wallachey, Nicolaus Caraggia, ein Mann von grossem Geiste, aber bis zur Grausamkeit geizig, wurde abgesetzt, und an seine Stelle Draco Suzo, ehemaliger Dollmctscher bey der Pforte, zum neuen Für. sten ernennt. Dem Suzo schien man die Fürstenwürdc nur deswegen gegeben zu haben, um einerseits eine neue Summe Gelds zu bekommen, und anderseits um zu zeigen , daß man auf die wallachey aufmerksam sey. Nicht ohne politische Absicht stellte die Pforte den Krieg bey ihren Glaubens - und Bundesgenossen als eine Religionssache vor. Bey solchen Umständen nämlich hielten es die Ule- mas oder Gesetzgelchrte, welche gleichsam den Staatsrath ausmachen, für erlaubt, die Schätze der Moscheen zum Krieg zu verwenden. Diese Schätze sollen grösser seyn, als alle Kirchengüter der Christenheit. In den vorigen Zeiten erhielt die mahometanische Kirche immer den dritten Theil Theil der eroberten Länder, und noch täglich geben Eigenthümer ihre Güter der Kirche, gegen eine Art jährlichen Gehaltes. Gegen Ende des Jahres 178; wurden auf Frankreichs dringendes Zureden in Koustantinopel selbst zwischen den Ministern der dreyRayserhöfeFricdensuntcrhandlun- gcn gepflogen. Nur mittelbar durch den Grafen von St. priest, als französischen Gesandten, geschahen die ge- gcnseitigcn Anträge. Der Divan suchte Verzögerung, allein Rußland und Oesterreich halten schon zu viele Unkosten gehabt und sie befanden sich in so gutem Vcrthci. digungszustandc, daß sie keine Verzögerung zugeben wollten. Schon Anfangs des Jahres 178; war auch nur die österreichische Kriegsmacht allein auf2oz,zzo Mann Infanterie, 48,6--; Mann Rcuterei, 8,9?8 Mann Feldartil- lerie, 12,740 Schiffsoldatcn, Minierer, u. s. w. gestiegen. *) Bis in die Mitte des Jahres 178; hatten die österreichischen Kriegeszurüstungcn 22 Millionen Gulden gekostet. Rußland, soll 117,000'Mann Infanterie, 66,000 Mann Rcuterei und Mann in Bewegung gesetzt haben, von denen gewiß der größte Theil zum Krieg gegen die Türken bestimmt war. Warum denn wurde noch immer der Krieg nur im Kabinette, nicht im Felde geführt ? So furchtbar an sich Rußland und Oesterreich war, so glaubten sie doch Europens Mächte schonen zu müssen. Sie kennten nicht hindern, daß sich auch England mit Frankreich zur Vermittlung vereinigte. Die Zwischcnkunft dieser beyden Seemächte gab die Besorgniß, daß sich die Kricgcsflammen allzuweit ausbreiten möchten. Wirklich lagen schon mehrere Linienschiffe vor Brest und Toulon in Bereitschaft um auf jeden Fall den Türken zu Hilfe zu eilen. ' X. Den Politisch. Journal von Hamburg 17«; s. s- 7 . und io- 6 . Jahrgang l 7 » 4 > s. X. Den rz. December 178; verlangte der russische Ge, sandte, Bulgakow, bey dem Reis-Effendi in Zeit von fünf Tagen eine entscheidende Antwort: Ob die Pforte die russische Besitznchmung von der Rrimm anzuerkennen bereit wäre ? Mit schwärmischer Wuth drang ein Theil des Divans auf verneinende Antwort, allein ein anderer Theil, wie auch der Großvezier und der Sultan selbst wünschten allzusehnlich den Frieden, um nicht in Rußlands Forderungen einwilligen zu müssen. Der Großvezier gewann unter der Hand die vornehmsten Beysitzer des Divans, und durch Bestechung ließ sich die Mehrheit zum Nachgeben bewegen. *) Line alte Frau von 60 Jahren , welche vormals zum Vergnügen des Sultans gedient hatte, und noch jetzt unumschränkt den ganzen Serail beherrschte, trug zur Wiederherstellung der Ruhe nicht wenig bey. Um so viel wirksamer waren ihre Drohungen und Versprechungen, da sie das Schaymeisteramt-besaß. Freilich ist kein Zweifel, daß nicht auch auswärtige Minister mitgewirkt haben. Den 8 . Jänner 1784 anerkannte die Pforte freylich Rußlands unumschränkte Souvcrainität über die Rrimm, über Ruban und die Insel Taman; zernichtete die sich vormals dahin beziehenden Vertragsartikel; und bestätigte alle andern Friedens - und Handelsverträge mit dem russischen Reiche. XI. Für einmal war also der Friede zwischen Rußland und der Pforte wieder hergestellt : allein zwischen Oesterreich und der Pforte daurcten so wohl die Unterhandlungen als die Kriegszurüstungcn fort, und auf jeden Wink standen an den Gränzen der Wallachey und Moldau österreichische und türkische Kriegsheerc fertig. So nachdrücklich hatte Oester- H Polit. Journal von Hamburg, Jahrgang 1784, s. 14z. U Oesterreich Rußland unterstützt / und warum sollte jetzt nicht Österreich gleiche Unterstützung von Rußland erwarten ? Dessen ungeachtet begnügte sich Kayser Joseph mit den Handelsbegünftigungen , welche ihm die Pforte unterm 24 Februar 1784 bewilligte. In diesem Sened erkennte die Pforte vermög des V"n Artikels, daß der Wienerhof für seine Unterthanen dieselben Handclsfreyheiten fordern könnte, deren andere Nationen, und namentlich die Franzofen, Engländer, Holländer und Russen gemessen. In Folge dieses Tractats gicngen die österreichischen Truppen aus einander, und die Unterhandlungen mit dem Sultan erreichten ihr Ende. Ob aber für den grossen Kriegsaufwand die Lreyheit der österreichischen Schiffahrt auf der Donau, durch die Dardanellen und aufdem schwarzen Meere hinreichende Entschädigung sey, hieran zweifelte man in dem einen und in dem andern Staats- kabinct. Man fieng an zu vermuthen, der Kayser habe sich nur darum auf so mäfsige Forderungen eingeschränkt, weil er sich bey andern, bisher noch geheimen Entwürfen, z. B. bey der Wahl eines römischen Rönigo, bey der Errichtung einer neuen Lhurwürde, bey der Theilung von Bayern, Rußlands Unterstützung versprach. Auch schien der Kayser allzusehr mit den innern Angelegenheiten und Unruhen in seinen eigenen Staaten und mit der Bevcsti- gung seiner politischen so wohl als kirchlichen Reformen beschäftigt, um nicht mit der Erweiterung seiner Herrschaft gegen dem Orient auf günstigere Zeitumstände zu warten. Scheich H A>"> - > -- Scheich Mollah Mansur im Jahr 1736. Sinter der Hand unterstützte die Pforte die unruhigenLa« tarn in der Kuban gegen die Russen. Während der Abwesenheit des Fürsten Potemkin begaben fich die tatarischen Völkerschaften in den Gegenden des Caucasus unter die Fahne eines neuen Afterpropheten Mollah Mansur. Dieser Scheich ist in einem Dorfe am caspischen Meere gebohreu, und seit einiger Zeit gab er sich für einen neuen Propheten und Verbesseret der Lehre Mahomets aus. An der Spitzessürchtcrlicher Horden überschwemmte er Ruban und Tereck. Ein Korps Russen jagte ihn in die Gebirge zurück. Er verbreitete seinen Anhang und seine Lehre in dem obern Theile der asiatischen Türkey, und erschien bald wieder mit einem Heere / das man über 100,000 Mann stark angab. Unter diesem Heere führte er eine solche Disciplin ein/ daß er so gar dem Kaffee und Opium entsagte. Um so viel günstiger war dieser Zeitpunkt zur Verbreitung der Religionsschwärmerey, da nun eben mit dem 4. November 178? das zwölfte mahometanische Jahrhundert ansicng. Ausser dem Mollah Mansur erhoben sich noch zween andere Propheten, Lharris und Aly. Schon wurde der letztere in der Hauptstadt Konstantinopel erwartet , wo er Gericht halten sollte über die hohe Pforte und den Divan, und ausbreiten den wahren Glauben über den ganzen Erdkreis. Dieser Aly wollte viel grösser seyn, als selbst Mahomct , und er verbot daher die Wallfahrt nach Mecca, welche Stadt auch in diesem Glauben sein Vorläufer, Mollah Mansur, bereits plünderte. Rußland verlangte bey dem Divan, daß er sich diesem Stifter U 2 der der Unruhen widersetzen, und die Prinzen von Georgien und Irimette,. als russische Schutzvcrwandte, diesem Schwärmer nicht preis geben sollte. Wenig Gehör gab der Divan. Allzusehr war der Großvezicr, Iussuph pasch«, mit den innern Angelegenheiten beschäftigt, erbe, schwor den Aufruhr in Aegypten; gewann wieder den ein« pörten Pascha von Scutari, bezähmte den Rebellen Kul- schuk Aly an der syrischen Küste, verstärkte die Kriegs macht. Es beleidigte ihn, daß Rußland die Prinzen von Georgien und Irimette vielmehr für russische, als für türkische Schutzverwandtc ansah. Anstatt sich dem Mol- lah Mansur entgegen zu setzen, begnügte er sich, seiner Religtonsschwärmcrey eine politische und kriegerische Rieh, tung zu geben, und er unterstützte die Tatar» mit Kriegsmunition gegen Rußland. Diese wilden Völker wagten schnelle Ueberfällc, plünderten, und eilten dann wieder nach ihren Gebirgen, wo man sie nicht angreifen konnte. Indeß zogen die Russen ihren Kordon näher zusammen, und marschierten in die Gegenden des Laucasus. An dem iaspischen Meer aber blieb Mansur noch immer mit einem starken Haufen gelagert, und drohte, die von den Russen besetzten Provinzen wieder unter die rechtgläubige Herrschaft zu bringen. XV. Dritter XV. Dritter russischer Krieg gegen die Türken. Seit »788. Dritter russischer Krieg gegen die Türken seit 1788. I. ^)cr Kricg schien beendiget, aber die fortgesetzten Kriegs- jurüslungen drohten mit neuem Ausdruche desselben. Den 17 Jänner 1788 machte ein österreichisches Rorps einen Versuch zur Ueberrumplung von Belgrad. Der Versuch mißlang. Bald darauf, den 9. Februar, erschien die Kriegeserklärung des deutschen Raysers gegen den Türkischen. An demselben Tage giengcn die österreichischen Feindseligkeiten gegen Bosnien und Servier» an. Der Kay- ser selbst gieng am 29 Februar zu seinen» Heer ab. Bey Semlin stand seine Hauptmacht. Die Türken wagten schon am 7. März den ersten Angriff auf dein Damm bey Beschania, wurden zurückgetrieben, und wiederholten bis Ends des Jahrs 1788 mehrinal den Angriff. Indeß war ein österreichisches Rorps in die Moldau gerückt, ein anderes in die türkische Wallachey. Jenes belagerte Cho- zim, dieses zog sich vorder andringenden Macht der Türken nach Siebenbürgen zurück. Ein Korps Russen vereinigte sich mit den Oesterreichern vor Lhozim. Den 19. Scpt. 1788 ergab sich diese türkische Vestung anOcsterreich, II. Wahrend dieser und anderer Kricgesvorfälle hatten sich die Türken einiger Pässe von Siebenbürgen bemächtigt, und die Gesterrcicher aus dem Bannate vertrieben. Der Kayser selbst eilte dem Bannate zu Hilfe, zog sich aber den 2i Sept. mit grossem Verluste zurück. Nun war die ganze . Donau Donau in dem'Gewalte der Türken, und schon erwartete man sie zu Temeswar: aber im Octobcr zogen sie sich von der Donau nach ihrem Winterquartiere, so wie die Oesterreichs nach Semlin zurück. III. Glücklicher als die Ocsterreichcr waren die Russen. Ihr Hauptgcgenstand schien die Eroberung von Oczakow. Schon im März 1782 rückten sie gegen diese Vcsiung mit 70,0^0 Mann an. Im May that der türkische Rapi- rain Pascha im schwarzen Meere einen Versuch gegen die russische Flotte, im Junius wiederholte er den Angriff vcr- lohr aber bey der Mündung des Dniepers verschiedene Schiffe, und fand es unmöglich, mit seinen grossen Gebäuden dem Strome entgegen zu fahren, und die Sandbänke zu vermeiden. Er wendete sich gegen Oczakow, und beobachtete die Russen, die schon am 18 Junius die Belagerung der Vestung angefangen hatten. Die Belagerten vertheidigten sich mit unbeschreiblichem Muthe, thaten öftere, zuweilen glückliche Ausfälle, und erhielten durch die Klugheit des Kapitain Pascha Verstärkung. Dieser verließ bey Annäherung des Winters seine Stellung vor der Insel Beresan, und diese Insel wurde hernach, am 18 Nov. 1788, von den Russen erobert, Fünf Tage darauf rächten sich die Türken durch einen heftigen Aus- fall und zerstörten zwo russsche Batterien. Die Kälte wurde-so empfindlich , daß die Russen sich in einiger Entfernung Hütten unter der Erde bauten, und die Belagerung beynahe ganz aufhoben. Die Kälte und die Beschwerlichkeiten aber wurden ihnen in ihren Erdhütten so ganz unerträglich , daß sie lieber einen Sturm wagen, als länger so viel Beschwerlichkeiten ausstehen wollten. Fünf und einen halben Monat hatte bisher die Belagerung ftuchtlos ge- dauret. Nun war die Ebne um Oczakow und alles weit umher unter hohem Schnee und Eise begraben. Grossen- Ihrils hatte die russische Reuterey das Lager verlassen, und und nur über dreißig Meilen weit zum Unterhalte Quartiere Minden. Die im Lager zurückgebliebenen Truppen hatten Mangel an Holze und an den ersten Nothwendigkeiten des Lebens. Man rechnete den Verlust, den auch mir die Kalte verursachte, täglich auf.;» Mann. Ein Hau, fen Hol; kostete Rubel. Um auch nur Einmal des Tages die Lütte erwärmen zu lassen, kostete es einen Of- fieicr -z Rubel. Im Liman der Mündung des Dniepers vor Oczakow war die russische Flotte in einer Nacht eingefroren; sie konnte also nicht mehr manövrieren, und war den türkischen Batterien ganz bloß gesetzt. Den Jammer und das Elend benutzte der Fürst potemkin, indem er den Truppen die Plünderung der Vcstung versprach. Der Sturm ward aufdcn Tag des heil. Nicolauä, des Schutzpatrons der Russen, den December beschlossen. Es wurden 14000 Mann Infanterie, und 200 bcrittne Kosaken zum Sturmlaufen bestimmt. Das übrige Kriegsherr ffrand unter den Waffen. Der erste Angriff gicng sogleich nach Mitternacht vor. Die Türken wehrten sich wie Löwen. Mit dem Verluste beynahe seines ganzen Korps eroberte General Palen, wahrend daß von einer andern «Leite die Hauptvcstung durch einen Regen von Bomben übcrschwcimnt wurde,, das einzeln liegende Fort Hassan Pascha, und hierauf gab er das verabredete Zeichen, und schleuderte Raketen. In dem Augenblicke wurde die Stadt selbst durch sechs Kolonnen an sechs verschiedenen Orten zugleich bestürmt. Der Kolonne des Prinzen von Anhalt * Bernburg setzte sich innerhalb der Maur der zweyte Pascha, oder Commandant der Vestung mit 4000 Türken entgegen. Hier fing ein entsetzliches Gefecht an. Zu gleicher Zeit flog auf der andern Seite der «Lkadt, wo die Russen einbrachen, ein Pulvermagazin auf. Das Krachen so wohl als das Geschrey und Geheul der Einwohner erregte Verzweiflung, und die Türken verkrochen sich in die Häuser und Keller. Der aufgeflogene Pulverthurm hatte über 1200 Menschen gctödet. Die Verwirrung wurde allgemein, und von allen Seiten drangen die Russen ohne grossen Widerstand ein. Die Bestürzung hatte die Türken so sehr aller Besinnung beraubet, daß sie von den sieben fürchterlichen Minen, durch welche alle Sturmlaufcnde hätten gen Himmel geschickt werden können, nicht eine einzige springen liessen. Der türkische Pascha, der gegen den Prinzen von Bernburg mit z 14 II . »V ü-e mik Heldenmuthe focht, blieb auf dem Platze. Unterdessen brach der Tag an. Schon gegen halb neun Uhr brachte man den türkischen Hauptkommanbanten gesanqcnzu dem Fürsten Potemkin ins russische Lager. Die Wuth der Russen war so ausschweifend, daß sie nach dem sich schon die Türken in Schlupfwinkel und Keller geflüchtet hakten, immer noch das Niedermetzeln fortsetzten. Gegen Mittag erst konnten die russischen Generale der Raserey Einhalt thun. Nun gicng es, statt des bisherigen Mordens, aus Plündern. Die ganze Stadt war mit Lerchen bedeckt, die in Ströhmen von Blute lagen. Als man den Pascha Hassan gefangen vor den Fürsten potemkin stellte, sagte ihm dieser mit zorniger Mine; „ Alles das entsetzliche Blutbad vcrur- „ sachte deine Hartnäckigkeit ! — Verschone mich mit „ Vorwürfen, antwortete Hassan, ich that meine Schul- „ digkcit, wie dn die deimge, Die Entscheidung stand „ bey dem Schicksal. " Die Anzahl der gctödteten Lücken gab man auf 7000 bis 8000, und der Gefangenen auf ;oc>o Mann an; die Anzahl der gctödteten und tödtlich verwundeten Russen auf <;ooo bis 6voo, unter derselben viele Officiere, Fürst Wolkonsky, Brigadier Goriz, u. in. a. IV. Während daß im Sommer 1788 der Türkenkrieg in volle Flammen ausgebrochen war, brach plötzlich auch der nordische Rricg aus. Den 2z. Iuniusgicng der König von Schweden mit seinen Truppen von Stockholm nach Finnland. Indem er indeß den Krieg zu Lande anfangen wollte , endigten ihn seine Befehlshaber eigenmächtig zu erst durch Widersetzlichkeit, und dann durch Waffenstillstand r Zur See hingegen lieferte den 17 Iul.dic schwedische Flotte der russischen jenes blutige Treffen, wovon jeder Theil sich den Sieg zuschrieb. Der König von Schweden verließ aber Finnland, und eilte nach der westlichen Gränze seines Reichs, woselbst ihn ein russisches Hilfs- korps von dänischen Truppen beunruhigte. Schon war dieses dänische Rorpo bis gegen Gokhcnburg vorgerückt, als England und Preussen zwischen Schweden und Dänemark einen Waffenstillstand bewerkstelligten. Preussen anerbot sich zur Vermittlung zwischen Schweden und Rußland, für einmal aber schlug diese Vermittlung dcrrumsche Hof aus: Nunmehr suchte Preussen polen von Rußland abwendig zu machen, und in diesem letztem Reiche eins Revolution vorzubereiten. ^ —--- XVI, Bayer- XVI. Bayerscher Successionskrieg im Jahr 1778. Bayerscher Successionskrieg*) im Jahr 1778. I. Ä)Hit dem Hinschied des bayerschen Churfürsten Maximilians den ;c> December 1777 starb der Mannsftamm in Bayern. Verschiedene deutsche Fürsten machten Anspruch auf einige Ländereyen der Erbschaft. Nächste Allo, dialcrbin war die verwittwete Churfürstin von Sachsen, und sie rechnete die Obcrpfal; für Allodialgut. Vcrschie, dene Herrschaften wollte der Rayser als verfallene Rcichs- lehen einziehen. Nach dem Lehcnrechte aber, und nach Familienvcrträgcm, nach den Reichsgcsetzen und nach dem westfälischen Frieden gehörte die bayerische Erbfolge dem Churfürsten von der Pfalz, Rar! Theodor, als nächstem Agnaten. Erst noch im I. 1774 hatte dieser die Erbver- träge zwischen Pfalz und Bayern erneuert. Insgeheim gab er hievon dem Kayser Nachricht. Der Rayser aber suchte einen Beleynungs Brief hervor, welchen vormals im I. 1426 Kayser Sigmund zu Gunsten von Oesterreich ausgestellt hatte, und vermög dieser Urkunde machte er An« Ipruch auf die Länder der Straubingischen Familie in Bay» crn. Wegen dieses Anspruchs verglich sich der Churfürst von der Pfalz mit dem Rayser, daß er ihm die Ober- pfalz abtretten wollte. Nach dem Tode des Churfürsten von Bayern, nahm der Churfürst von der Pfalz sogleich Besitz von seiner bayerischen Erbschaft; der Rayser nöthigte ihn aber den; Jänner 1778 zur Abtrettung des straubingischen Erbthcils, der Herrschaft Mindelheim und der böhmischen Lehen in der Obcrpfalz. Die sächsischen An- fordc- ') Oeuverz xotik, cle krellerie H. 1 °. V. Lerli» 1788- sorderungen also wurden verweigert. Beym Anmärsche der österreichischen Truppen ergaben sich zween Drittel von ganz Bayern deck Kayser. II. Eifersüchtig auf die Anmaßungen und die Vergrößerung des österreichischen Hauses, unterließ der grosse König von Preussen nicht, für das Gleichgewicht und die Freyheit im deutschen Reiche zu wachen. „Gelingt es dem „ Hanse Oesterreich, Bayern an sich zu reißen, so be- „ kömmt der Kayser eine so unerschütterliche Macht, daß „ weder Preussen »och der deutsche Fürstenbund weiter „ hoffen dürfen, ihm widerstehen zu können. Ganz Deutsch, „ land muß sich ihm unterwcrffen. Was für ein Unglück „würde es aber seyn, wenn dieses grosse Reich unter den „ Zepter eines Einzigen käme? Würde es dabey nicht an „ Etärckc, Einförmigkeit, Glanz und Ansetzn gewinnen? „ So lautet die Sprache der Schmeichelcy und des Vorur- „ theils. Man muß also diesen Wahn zuförderst , als Phi- „ losoph, prüfen, aus dem heiligen Gesichtspunkte der „ Menschheit: dann als — herrschender oder beherrschter — „Bürger der grossen deutschen Republick ; endlich als „ Mitglied irgend eines andern, an Deutschlands Schicksal „ theilnchmendcn, Staats. Die Frage über den Nutzen „ oder Schaden grosser Staaten ist für den Philosophen „längst entschieden. In solchen Staaten gehn so wohl die „ Sitten als die Freyheit des Volkes verkohrcn ; da herrscht „weiter kein Gcmcingeist, kein allgemeines Interesse, und „ das Schicksal der Nationen wird nach dem grillenhaften „Eigendünkel der Despoten bestimmt: Wahrists, sehr grosse „Monarchien gemessen verschiedener einleuchtender Vor« „theile; sie haben grössere Konsistenz; sie sind Einfallen von „ aussen weniger ausgesetzt; überdies können öffentliche gc- „mcinnützige Anstalten, z. B. Kanäle, Lantstrayen/ „Dämme, u. s.w. nur in einer sehr ausgedehnten Monar» » chis ,j.chie ausgeführt werden. Dagegen machen sie die häufigen „Unterbrechungen des Zusammenhangs in Deutschland un- „ möglich. Noch giebt es andere Unbequemlichkeiten , die „den kleinern Staaten unvermeidlich anhängen. Dahin „gehören die Verschiedenheit der Münzen , Gewichte und „ Maaße , der Handelsneid und Haß, die Wcggelder und „ Transitzölle. Indeß findet man solche Unbequemlichkeiten „ auch in den Provinzen von Frankreich. Aber , mit Bcy- „ seitsetzung aller Nebengründe, laßt uns nun auf der einen „Seite die Übeln Folgen der Vereinigung der deutschen „ Staaten unter Einem Haupte, und aufder andern Seite „die Vortheile ihrer bisherigen Verfassung vergleichen: — „ Hat das Schicksal einen schlimmen Regenten aufden Thron „ einer grossen Monarchie gefetzt, dann ist alle Rettung vcr- „ lohrcn ! In einem Lande hingegen , das in mehrere Für- „ sienthümcr getheilt ist, wird das Uebel nie allgemein. Hier „ regiert zwar Einer ohne Gcfchicklichkeit, ohne Vcstigkcit und Weisheit; allein dort em Anderer voll Thätigkeit und „Fleiß. Die brauchbaren Männer eilen dann hin zu dem „ Gebiete des wcifcrn Beherrschers. Aus der Vcrthcilung der „ kleinern Staaten entspringt noch überdies der Vortheil, „daß die Fürsten selten mächtig genug find, um ungestraft „tyrannisch, oder auch nur einfältig zu seyn; sie halten sich „ unter einander in Schranckcn, und hängen in mancher „Rücksicht von den Nachbarn und von dem Reichsgericht ab. „ Endlich wird ihnen auch bey eingeschränkter«: Gebiete die „Uebersicht leichter, und mit weniger Mühe erfahren sie „ die Bedrückungen ihrer Bedienten. Wo hingegen die wcir- „läuftigen Provinzen eine einzige Hauptstadt verschlingt, „so ist in dieser Stadt ausschließend der Thron der Betricb-- „ samkeit, und in dem übrigen Reiche bleibt nur der Aus- „schuß von jeder Art. Ganz anders ist es bey einem inkiei- „nere Staaten vertheilten Lande. Hier verbreitet sich das „ Licht in jedem Bezirke; aller Orten findet man fähige „ Männer.. Jeder, noch so kleine Fürst, bedarf ihrer, untz „ ent^ „ entwickelt um seiner selbst willen ihre Talente. Verachtet „ er sie, so kostet es sie nur einen Spazierritt, um sein Geriet zu räumen, und anderswo Nahrung zu finden. Dieser „ Gang der Dinge befördert die Denk - und Prcsifrcyheit. „ Freylich kann ein Fürst verbieten, in seinem Staate über „ diese oder jene Materie zu schreiben, aber/ daß darüber „in den benachbarten Staaten geschrieben werde, dies hin« „dert er fruchtlos. Aber freylich, wenn Deutschland nicht „in eine grosse Monarchie vereinigt wird , so bekömmt es „ nie eine prächtige Hauptstadt, ein bezauberndes National- „ thcater, reizende Schauspielerinnen r Diesen furchtbaren „Einwurf zu widerlegen , fühlen wir uns zu schwach, und „wollen ihn lieber mit Stillschweigen übcrgchn. „ Es bleibt nur noch die Untersuchung übrig , aus web „chem Gesichtspunkte die Vereinigung Deutschlands die „benachbarten Staaten, z. B. Frankreich, betrachten. „Von selbst versteht es sich, daß eine solche Vereinigung „ auch für die Sicherheit von Frankreich sehr gefährlich seyn „ würde." So urtheilt der Grafvon Mirabcau in dem V^ Bande, s. ;6c> seines Werkes äe Is Älouklrcbie xrullienns über das Gewicht und Gegengewicht zwischen Preussen und Oesterreich , und über den deutschen Fürstenbund , mit dessen Errichtung der grosse Friedrich seine Laufbahn gekrönt hat. *) III. Um ja keinen voreiligen Schritt zu thun, erwartete dieser Monarch die Aufforderung von denjenigen Fürsten , welche der Rayser in ihren Ansprüchen zu kränken begann; auch erforschte er zum voraus die Gesinnungen des russische und französischen Hofes. Der Churfürst von Sachsen hatte sich fruchtlos an den Rayser gewendet, und nunmehr nahm __er *) Man sehe vornehmlich auch Müller« Darstellung de« Für- stenbunde«. er seine Zuflucht zu dem Könige von Preussen. Ganz ins, geheim schickte dieser den Grafen von Görz nach München, und versicherte den Herzogen von Zweybrückcn, als recht, mässigcn Nachfolger des Churfürsten von der Pfalz , daß er nicht anders als durch Protestation gegen den gesetzwidri, gen Verglich zwischen der Pfalz und Oesterreich einen Theil von Bayer» für sich zu retten im Stande seyn würde. Wirk, lieh wandte sich der Herzog von Zweybrücken mit einer solchen Protcstation an den Reichstag, an die Gewährleiste«: des westphälischcn Friedens und besonders an den König von Preussen. Zwischen Preussen und Oesterreich entstand hierüber ein lebhafter Briefwechsel. Wahrend der Unter, Handlungen erfuhr der König von Preussen , daß zwar der französische Hof die Anmassungcn des österreichischen keineswegs billigte, aber doch theils aus Achtung für die Königin, eine Schwester dcs Kaysers , theils wegen schlech. tcr Finanzumstände und >vegen des amerikanischen Krieges neutral zu seyn wünschte. Von russischer Seite besorgte Preussen um so viel weniger, da auf der einen Seite diese letztere Krone mit Rußland in gutem Vernehmen stand , und auf der andern Seite Rußland mit der Türke? beschäftigt genug war. Im Märzmonat 1778 gab derRayfer seinen Truppen in Italien , Ungarn und Flandern Befehl, sich zu einem Zuge nach Böhmen marschfertig zu halten. Nicht langer säumte nunmehr der König von Preussen. Er fetzte zwey Heere in Bewegung , jedes 80000 Mann stark. Das eine unter dem Kommando des Prinzen Heinrichs, stand unweit Berlin in Bereitschaft, um sich sogleich beym ersten österreichischen Ucberfall Mit den Sachsen vereinigen zu können; das anders, an dessen Spitze der König selbst trctten wollte, bekam seinen Standplatz in Schlesien. Den 4. April begab sich der König von Berlin nach Breslau, Und von da nach Frankenstein. Hier formierte er bis zur Ankunft der übrj, L gen gelt Truppen in der Grafschaft Glay auf den Anhöhen von pischkowitz eine Verfchanzung. Um gleiche Zeit erhielt er duöch einen Eilboten ein Schreiben vom Rayser, mit ganz unbestimmter Versicherung friedfertiger Gesinnngcn, und bald hernach ein anderes, mit der Einladung zu gegenseitigen Unterhandlungen. Der Bönig begriff gar wohl, daß es dein Bayser nur darum zu thun wäre, zur Zusam- mcnziehung seiner Kricgsvölkcr Zeit zu gewinnen : allein, um bey andern Mächten, besonders bey Rußland und Frankreich , den Charakter der Mässigung zu behaupten , gab er Hand zu den Unterhandlungen, obgleich er den Ausgang derselben voraus sah. Das Ultimat war, daß, wofern der Rayser nicht den größten Theil von Bayern an den Churfürsten von der Pfalz zurück stellen würde, sogleich bis Waffen den Entscheid geben sollten. Den 4. Inl. 1778 brach man zu Berlin die Unterhandlungen ab, und den 6. waren alle preussischen Truppen in voller Bewegung. Ihr Lager in Schlesien war mit Fleiß so gewählt, daß der Feind ungewiß blieb , ob sie in Mahren oder in Böhmen einrücken werden. In Mahren bedeckte ein österreichisches Rorps von ;oc>oo Mann, unter deut Kommando des Prinzen von Teschcn, die Stadt Vlmütz; die Armee des Baysers verbreitete sich hinter der Elbe, von Bönigsgratz bis nach Arnau, unter unübersteigli- chen Fortficationen; 40 bis <0000 eftcrreicher bewachten unter Anführung des Marschalls von Laudon die Plätze gegen der Lausitz. Der König von Preussen gab den beschlossenen Uebersall in Mähren auf, und wendete sich, um Sachsen desto besser sicher zu stellen, nach Böhmen. Während seiner Einrückung war das Kriegsherr des Baysers allzu sehr beschäftigt, um dem Marschall von Laudon Beystand schicken zu können. Ohne Widerstand also drang -er Prinz Heinrich nach Dresden vor , schickte auf der linckeii Seite der Eide Zuzugin Böhmen, und warf sich ganz unvcrmuthet in die Lausitz. Voll Bestürzung und übereilt eilt verließ Laudon seine Stellung, so daß der preussische General von plaren ohne Mühe gegen Prag vorrücken konnte. IV. Unter diesen Umständen , da in Böhmen schon vier grosse Kriegshecre in voller Bewegung waren, meldete stelzn Welsdorf bey dem Könige von Preussen der Secrctair des russischen Gesandten;» Wien, mit einem Schreiben von der Kayscrin Maria Theresia. In dem Schreiben äusserte sie Unruhe über die allzuraschcn Schritte des Kay, fers, und Begierde nach gütlicher Bcylegung des Zwists. Der russische Secretair, Thugut, suchte den König von Preussen von dem Churfürsten von der Pfalz abwendig zu machen. Unter dieser Bedingung versprach er dem Könige im Namen des russischen Hofes, daß dieser Hof nicht nur gegen die preußische Erbfolge von Bayreuth und Anspach nichts einwenden, sondern allenfalls zur Austausehung die, ser Marggrafschaften gegen bequemer gelegene Provinzen, z. B. die Lausitz oder Mecklenburg, Hand bieten werde. Der Bönig antwortete, der russische Hof mische Dinge untereinander,die keineswegs vermischt werden könnten, nämlich sein unstreitiges Erbrecht auf jene Marggrafschaften und des Kaysers Usurpationen in Bayern, so wie auch das bc« sondere Interesse von Preussen mit dem allgemeinen Interesse von Deutschland. Zum Frieden schlug er folgende Bedingungen vor: Oesterreich sollte Bayern an die Pfalz zurück stellen, und sich mit einem Theil der Oberpfalz und mit Burghauscn begnügen ; die Donau sollte frey, und Rcgensburg nicht mehr von der Stadt am Hof blokicrt seyn; für die Ansprüche auf bayersche Allodialgüter sollte Pfalz den Churfürsten von Sachsen mit einer Geldsumme, und der Bayser mit gänzlichem Verzichte auf die vorgeblichen Lchnrcchte in Sachsen befriedigen; dem Herzog von Mecklenburg sollte man zur Schadloshaltung für seine Ansprüche irgend ein Ledigwerden des Reichslehn versprechen - Mit L s diesen Z24 diesen Vorschlägen kehrte Thugut nach Wien zurück, kam aber bald wieder mit neuen Gegenvorstellungen, und kehrte abermals fruchtlos zurück. Als der Rayser von Thuguts Unterhandlung Nachricht erhielt, schrieb er seiner weisen und erhabenen Mutter voll Bitterkeit, daß, wenn sie selbst Frieden schliesset! wollte, er niemals mehr zu ihr nach Wien zurückkehren werde. Die Kayscrin schickte ihren andern Sohn, den Großhcrzvg von Toscana, nach der Armee, um den jungen Kayser zu friedliebenden Gesinnungen zu bewegen. Die Folge war, daß sich die Bruder cntzweyten. V. Unbeweglich behauptete mittlerweile der Raysee seine» bisherigen Platz hinter der Elbe: der Röntg hatte sich mit 40 Bataillons bey dein Flecken Leopold in solche Verfassung gesetzt, daß er dem Korps des Erbprinzen auf der Höhe zu Dreyhäuser und dem Korps des Prinzen von Preussen zu pilnikau, so wie diese Korps auch ibin selbst , auf jeden Fall zu Hilf' eilen konnten. Indeß war es den Oefter- reichern gelungen , daß sie sich mit ihrem Kriegshccre und groben Geschütze auf den Gebirgen bey Hohenelbe verschanzten. ÄZahrend daß beyde feindliche Armeen sich beobachteten , wurde weit umher die Gegend von den Foura, gicrcrn in eine traurige Einöde verwandelt. Endlich zogen sich i:n September die preussischen Truppen auS Mangel an Lebensrnitteln etwas zurück. Der König wendete sich nach Trarenau? Zwischen dem Erbprinzen und den Lwfterrrichern fiel ein Treffen vor, allein es wahrte nicht lange, so gaben diese letzter» den Reißaus. Den Preussen blieb nichts anders übrig, als, nach Vcrzchrung der Lebensrnittel in der einen Gegend, die Lebensnuttel in verändern zu suchen. Auf dem Wege von Böhmen nach Bautzen litt der preussische General Möllen-orf einen Angriff von den «Hesterreichern, allein er schlug sie zurück. Bey heranrückender Kalte verließ auch der Röntg die böhmischen Gc- Gebirge, und wendete sich nach Oberscklesien. Im November dachte er zu Breslau auf Mittel so wohl zur Beförderung des Friedens als zur Fortsetzung des Krieges. VI. Die Kayserin von Rußland hatte sich gegen ihm zum Beystände verpflichtet, so bald sie von türkischer Seite beruhiget seyn würde. Um sie von dieser Seite zu beru. higen, forderte der König den Hof zu Versailles zur Vermittlung zwischen Konstantinopel und Petersburg auf. Nach glücklichem Erfolg dieser Vermittlung erklärte sich die Rayscrin öffentlich für den Röntg von Preussen. Gleich einem Donnerschlagc erschütterte diese Erklärung den Wienerhof. Der Rayser nöthigte seine Mutter zur Verstärkung des Kricgshecrcs mit 80,000 Mann neuen Rekruten. Seine Mutter aber bat, voll Sehnsucht nach dem Frieden, um die Vermittlung von Frankreich und Rußland. Sehr Willkommen war dem Könige von Preussen die Vermittlung des französischen Hofes. Ohnehin ist dieser Hof Gewährleister des westphälifchen Friedens und verdeutschen Verfassung; überdies war er selbst mißträuisch gegen den Kayser, der sich vermittelst der Bcsitznehmung pon Bayern den Weg in die Staaten entweder des Königs von Sardinien oder ins Elsaß und »ach Lothringen erleichterte; mich war der König von Frankreich ein Anverwandter des Churfürsten von Sachsen, und ein Gönner des Herzogen von Zweybrücken. Der König von Preussen theilte dem französischen Minister Maurepas seine Fricdcnsvorschläge mit, und Frankreich legte sie zum Grunde bey den Unterhandlungen. Die Rayserin in Wien billigte die Vorschläge, und Breteuil, der französische Gesandte an ihrem Hofe, schickte sie Ends des Jänners nach Breslau, woselbst sich der russische Gesandte, Fürst Repnin, befand. Die Vorschläge enthielten die schon oben angeführten preussischen Bedingungen. Man schickte schickte sie auch an die Bundesgenossen von Preussen. Der Churfürst von Sachsen schien unzufrieden; er schätzte seine Ansprüche auf die bayerschcn Allodialgülcr auf 40 Mill. Gulden, und mit Verdruß sah er voraus, daß man ihm höchstens sechs Mill. anweisen werde; überdieß forderte er noch, daß der Lavier auch als König von Böhmen, seine vorgeblichen Lehenrechte in Sachsen und in der Lausitz aufgeben sollte. Der Herzog von Zweybrücken widersetzte sich auch der geringsten Zerstückung von Bayern; allenfalls anerbot er sich zur Abtrettung eines Theils von der Obcrpfal; und zur Schadkoshaltung des Churfürsten.von Sachsen, hingegen behielt er sich den KräiS von Burghausen vor. Der König von Preussen unter» stützte die Forderungen seiner Bundesgenossen, allein der Fürst Kaunitz erklärte die, obigen Vorschlage als das Ulti» mat des Wienerhofs. Frankreich und Rußland dran» gen auf Frieden, jenes, um bey Fortsetzung des Krieges nicht dem Hause Oesterreich, dieses, um nicht Preussen beystehen zu müssen. VII. Mittlerweile geschahen während der Unterhandlungen mitten im Winter zwischen den Oestcrreichern und Preussen verschiedene Scharmützel. Den 4. März erfolgte, auf Bitte des Wienerhofes unter französischer Vermittlung ein Stillstand der Waffen; den 6. begab sich der König von Preussen wieder nach Breslau, und verabredete daselbst mit dem Fürsten Repnin einen Friedenskongreß. Zum Mittelpunkte desselben wurde die Stadt Löschen gewählt. In Teschen traten die bevollmächtigten Minister zusammen, nämlich von preussischer Seite Riebest!, von pfälzischer Tör- ring - Seeseld, von sächsischer Zinzendorf, von zweybrüki- scher Hohcnfels, von österreichischer Cobcnzl, von russischer Repnin, von französischer Breteuil. Auf einmal erhielt der Fürst Repnin durch den russischen Gesandten in Regen- spurg spurg Nachricht, daß der Churfürst von der Pfalz noch weit lieber sich zu dem ersten Vergliche mit dem Wicnerhof einverstchen, als sich dem Congressc zu Tcschcn und der Schadloshaltung gegen Sachsen unterziehen wollte. Diese Erklärung beleidigte den Breteuil und Rcpnin, und sie äusserten sich, daß Rußland und Frankreich denjenigen, der von dem einmal angenommenen Fricdensentwurfe zu» rücktrctte, als Feind zu behandeln bereit seyen. Auf diese Aeusserung gaben Copenzl und der pfälzische Gesandte nach. Damit waren die Schwierigkeiten noch nicht alle gehoben. Bald forderte Sachsen für die Allodien mehrere Vergütung , bald machte Zweybrücken Anspruch entweder auf stärkeres Appanage oder auf die Unteilbarkeit der bayer- schen Erbschaft. Man stellte ihnen vor, daß sie ohne den Beystand von Frankreich, Preussen und Rußland ihre Forderungen gänzlich hätten aufgeben müssen. Kaum hatte man sie wieder gewonnen, so trat nun die Pfalz selbst mit neuen Einwendungen hervor. Schon hatten sechs Wochen lang die Unterhandlungen fruchtlos gedaurct, als die Nachricht von dem Fricdcnsvergliche zwischen Rußland und der ottomanischen Pforte den jungen Rayser geschmeidiger machte. Den r;. May wurde hierauf zu Teschen der Friede besiegelt. Hier die Hauptpunctcn desselben: Der Kayser sollte, mit Ausnahme von Burghausen, die Ober- pfaltz und ganz Bayern an den Churfürsten von der Pfalz zurückstellen; die bayersche Erbfolge sollte bey den Herzogen von Zwcybrücken, so wie überhaupt bey den gleicher Weise berechtigten Nebenlinien verbleiben; der Churfürst von Sachsen sollte zur Schadloshaltung sechs Mill. Gulden bekommen, und der Kayser auf das Lehenrecht von Schön- burg in dem Churfürstenthum Sachsen verzicht thun; auch sollte der Kayser die preussischen Ansprüche auf Bayreut und Anspach anerkennen; der König von Preussen hinge, gen zu Gunsten des Snlzbachischen Hauses seine Ansprüche an Iülich und Bergen verlieren; zur Schadloshaltung sollte der -28 der Herzog von Mcklcnburg daS Recht 6e non 8px,eikn6a erhalten. Zu Gewährleistern des Friedens von Tcschen anerboten sich Rußland, Frankreich und Deutschland. VIII. Endlich also erlebte noch die Kayserin Theresia den Frieden. Nicht lange nachher starb diese mütterliche erhabene Monarchin den 29 November 1780. Schon im I. 176? hatte sie durch den Tod ihren Gemahl Kaysev Franz l. verloren. Ein Jahr vorher war ihr Sohn, Joseph II, zum römischen Könige erwählt worden, und nunmehr regierte Ioscph/scit dem I. 176; nicht nur als Kayser, sondern auch als Mitrcgcnt mit seiner Mutter in allen österreichischen Staaten. Der junge Monarch bewies sogleich außerordentliche Thätigkeit, und umfaßte auf einmal mehrere und sehr kühne Entwürfe; zur Befriedigung seiner Wisscnsbegierbe unternahm er verschiedene Reisen durch Frankreich, Italien, seine eigenen Staaten, und selbst bis nach Cherson. Von ihm sagte der grosse König von Preussen, als er ihn zum erstenmal sah: (ls jeune krinss aklbürie uns Irancbile gui lui lbmblnit Naturelle; Ion cgmÄsrs nimsble msrgunie 6e Ingniste jointe ä bsnu- eouo 6s vivacite ; msis nvsc le 6sbe 6'sppren6re l! n'avair PL8 Iq pgrisnoe 6s 8'lnllruire. Mem. - gegen Oesterreich, Rußland und Deutschland — wegen der zwotcn Wahl des Königs von polen. 7? Vom I. '7)7 - l7?y. Verbindung zwischen Oesterreich und Rußland - gegen die Türken. 8 °. Im I. 1740 brach der österreichische Erbfolgekrieg aus. Verbindung zwischen Preussen, Bayern, Pfalz, Sachsen, Frankreich , Spanien, Holland, Neapel, lind Anfangs auch Sardinien gegen Oesterreich und England. Bald aber trat Sardinien auf Seite von Oesterreich; Preussen beruhigte sich im 1 .1742 durch die Eroberung von Schlesien, brach im 1 .1744 wieder los, und söhnte sich im I. 174; mit Oesterreich aus. Hingegen setzten Frankreich, Sachsen und Bayern den Krieg — gegen Oesterreich und England bis zum I. 1748 fort. 9? Vom I. 1741 - 174; Krieg zwischen Schweden und Rußland. i» Vom ;;; ro Vom I. 175; - '76;. Verbindung zwischen Frankreich und Spanien — gegen England, wegen der Grenze Akadiens in Westindien. n Vom I. i ?;6 - 176;. Verbindung zwischen Preussen, England , Brannschweig und Hessen — gegen Oesterreich , Frankreich, Deutschland, Schweden und Rußland. 12 Vom I. 1769 - 1774. Krieg zwischen den Russen und Türken. 'Z Im I. 1772. Verbindung zwischen Oesterreich, Rußland und Preussen — zur Theilung von polen. '4 Im I. 1777. Schutzbündniß zwischen Frankreich und der Schweitz. Vom 1 .177;-178;. Verbindung der englischen Kolonien in Amerika mit Frankreich, Spanien und Holland gegen England. i 6 Vom Jahr 1778-1779. Krieg zwischen Oesterreich auf der einen Seite, und Preussen und Sachsen auf der andern Seite, wegen derbayerschen Erbfolge. Hierauf der Frieden von Teschen , und der deutsche Fürstenbund , zur Sicherstcllung des Gleichgewichts in Deutschland. 17 Vom Vorn I. n? 8 r - l? 8 -- Verbindung zwischen Oesterreich und Rußland - gegen die Türken. ig Im 1 .1738. Bündniß der Republick Holland —- mit Preussen und England. »9 Im I. 1788- Feindseligkeiten zwischen Schweden lind Rußland. XVlll. VON Leonhard Meisters vermischte Historische Unterhaltungen, über Europens Umbildung während der letzten Hälfte des xvm?" Jahrhunderts. Zwote Abtheilung. St. Gallen, 1790. bey Huber und Compagnie. tzuoties periculokum rerum L torxorem nostrum pr-esent-m perverLrque coniilia coniiciero , totie» xuclet mr noüri in consxeöiu poKeriMtis.NsnifeKillimum eli in eo rem ekle , nt omnis in Luroxa tuilius äe^ue vertsntvr, L tsnien perinäe aZitur, sc ü omnis tuts eüent, Deum^us ksbemus näe jullorem trLNHuillitLtlZ nolirT. I-ttönL. ^oö. L.rk/oi/in Otto Krnsv. I. s. 70 / 8T- Innhalt -er zwoten Abtheilung. Seite. XVIII. Von der Vertreibung der Jesuiten aus Por« tugall im 1 .1759. bis zur Aufhebung ihres Ordens im 1 .177;. - - - *) XXI. Pabst (Ganganclli) Clemens XIV. - )5s. XXII. Pius VI. Reise nach Wien. - - ; 6 o. XXIII.' Bcnedikt Joseph Labrs. - - - ,7,. XXIV. Die Herzogin von Kingston. - - ;7s. XXV. Graf Caglioftro 1786. - - ;7y. XXVI. Thierischer Magnetismus vom I. 1778. bis 1787- ----- ;y 5 . XXVII. Shwedenborg und Ziehen. - - ;y?. XXVIII. Erdbeben in Sicilicn und Neapel im 1 .1784.400. XXIX. Horiah , Aufrührer in Siebenbürgen im I. >784- ----- 40;. *) Hier wurden aus Versehen zwo Nummern übersprungen. Innhalt. Seite. XXX. Darren Hastings vorn 1 . 1-82. bis 1788. 40-. XXXVI. Lord George Gordon im I. 1780. - 42s. XXXVII. Englische Rcgierungsform. - - 4,2. XXXVIII. Negerhandel im 1 .1788- - - 44?. XXXIX. Luftballons. - , « - - 4;2. XL. Einige Bemerkungen über heutige Cultur und Aufklärung. - . , , - 4;?. XLI. Französischer Reichstag im I. 1789- 47». '*) Hier wieder fünf. / xvm. Von der Vertreibung der Jesuiten aus Portugal, im Jahr r? 59 . bis zur Aufhebung ihres Ordens im Jahr 1773. EI Von der Vertreibung der Jesuiten aus Portugal im Jahr i 7 ?y. bis zur Aufhebung ihres Ordens im Jahr 17?;., I. vonLoyola, ein spanischer Edelmann,' war der Stifter dieses merkwürdigen Ordens. Nachdem er als Officier bey der Belagerung von Barcellona wegen ei, ncr Verwundung zum Kricgcsdienste unfähig geworden, vertrieb er sich auf dem Krankenlager die einsamen Stunden mit Durchblättcrung rührender Rittcrromancn und der güldenen Legende. Einsamkeit ist die Mutter hoher Gesichter , und Romane und Legenden begeistern zu äusser- ordentlichen Entschlüssen Dem Patienten erschien die h. Jungfrau und ihn wcyhte sie zu ihrem Ritter. Auf einmal fiel es ihm ein , daß es ihm an nöthiger Gelehrfaim kcit gebrach. In Paris wurde seine Lernensbcgierde so groß, daß er sich, wie die Schuljungens, der Zuchtruthe unterwarf. Arm und verachtet vereinigte er sich mit einigen Leuten seines Charakters aind begab sich mit ihnen nach Rom, woselbst er sich im I. iezz dem Pabste Paul III. darstellte. Von diesem Pabste erhielt er den Seegen zur Errichtung einer besondern Congregation, eines geistlichen Ritterordens zu Jerusalem. Wegen Unsicherheit der Strassen aber änderte er seinen Entschluß und widmete sich in Europa der Jugenderziehung. Endlich erhielt V 2 er er von dem Pabste die Bulle zur Errichtung der Iesui- tcrcongregation. Ausser den gewöhnlichen Ordcnsgelüb- den that er noch das besondere Gelübde eines unumschränkten Gehorsams gegen den heiligen Vater. In der Bulle vom I. i?4<> war die Anzahl der Jesuiten ausdrücklich auf sechzig eingeschränkt. Der Himmel aber segnete diese Leibwache des päbstlichen Stulcs, und noch bey seinen Lebzeiten zählte der Ordensstiftcr über tausend Jünger. In seinem Buche von den geistlichen Ritterübungen stellte er Gott als Feldherrn und die Jesuiten als dessen Haupt- leute vor. Von der zwoten Hälfte des XVI»" Jahrhunderts bis in die zwote des XVIII»" wuchs ihre Anzahl bis über achtzehn tausend. Achtzehn tausend Hauptlente also, und, wenn nur jeder an Gedungenen und an Frey- willigen einen Haufen von hundert Mann unter sich hatte, noch ««berechnet den Trost der Weiber und Kinder, wie groß mußte nicht dieses religiöse Heer seyn! In allen Weltgcgcnben wurde der Orden furchtbar und unter seinem Fusse beherrschte er die mächtigsten Thronen. Mit welcher Zauberkraft erhob er nicht Oesterreich? Wie schlau bemächtigte er sich nicht, selbst zur Zeit seiner Verfolgung, des Thrones von Frankreich? War nicht er cs, Ler in den mehrern Staaten von Europa die Erziehung und das Cabinetdcr Fürsten regierte? Welche ungeheure Schätze zog er aus China, Japan, Paraguay und aus allen Enden der Erde? Wie eng und heilig waren nicht alle seine Glieder verbunden? Wie demantvcst ihr Band und wie undurchdringlich ihr inneres Heiligthum? Und wodurch denn fiel dieser allmächtige Orden? Er lehrte eine sehr zweydeutige, eine höchstgefährliche Moral; er sprach von den größten Vergebungen los und authorisirte Verschwörung, Aufruhr, Königsmord. Was ihn vornemlich stürzte, waren (wie vormals beym Orden der Tempelherren) Stolz und Reichthum. II. II. Wegen Theilnchmung an einer Verschwörung wurden die Jesuiten schon im I. 1759 aus allen portugiesischen Provinzen vertrieben. *) Sogleich wurde man auch in Frankreich aufmerksam auf das Betragen ihrer Ordens- genosscn. Immer hatte man sie in diescin letztem Reiche gehaßt und gefürchtet. Die gehcimnißreiche Finsterniß, hinter welcher sie sich schützten, crhclleten mit der Fackel der Aufklärung zuerst ein Pascal und Bayle, und hernach Voltaire, d'Alcmbcrt und so viele andere Schriftsteller aus der encyklopädischen Schule. Am meisten aber schadeten die Jesuiten sich selbst theils durch ihre Controversen mit den Janscnjsten und durch die kirchlichen und bürgerlichen Unruhen , die diese Controversen erzeugten, theils durch die Handclsbankcroute eines ihrer Mitglieder, des la Palette. La Valctte war das Haupt ihrer Missionen auf Martinike und zugleich das Haupt des mächtigsten Handelshauses auf den französischen Inseln. Er machte eine Bankcroute von mehr als drey Millionen Livres. Seine Gläubiger wendeten sich an das Parlcment von Paris. Ben der Untersuchung glaubte mag sich zu der Vermuthung berechtigt, daß der General der Jesuiten zu Rom un- um- *) I» neuern Denkschriften wirst man auf den Minister Pom- bal Verdacht / als wäre die Verschwörung von ihm nur deswegen ausgedichtet worden, damit er Vorwand bekomme, seine Gegner aus dem Wege ;u räumen. (Man sehe GebauerS portugiesische Geschichte, - Lh. s. isy-rrar. AdelungS praqm- GtaatSgcschichle GuropenS Lh. VII, und IX. wie auch Pom- balS Leben , von Iagemann aus dem Italienischen übersetzt.) Ohne indeß weder für noch wider Pombal entscheiden zu wollen, bemerken wir nur, daß sein Biograph als Exjesuite verdächtig sey, und daß überhaupt die Denkschriften gegen ihn erst nach seinem Tode und während einer ihm ungünsti- gen Regierung ausgeheckt worden. ,42 umschranktso wohldie Güter als dicPcrsohncn des Ordens beherrsche. Das parlement zu Paris vcrurtheiltc also den General und überhaupt den Orden zur Bezahlung des La Valcttischen Bankerouts , zugleich setzte es M- Untersuchung des Icsuiteninstituts den Zeitraum von einem Jahre vcst. Ä>Ut vorzüglichem Nachdrucke schilderte die Schädlichkeitdiescs Instituts La Lhalotais, der General- prokurator des Parlements von Bretagne. Durch eine Parlemenlscrkenntniß vom 6. August 1701 wurden vorläufig die Jesuitenschulen beschlossen. *) Mittlerweile zog der Röntg die Bischöffe, die sich in Paris befanden/ zu Rathe» Ohngefähr vierzig von diesen Bischöffcn gaben dem Orden die größten Lobeserhebungen; sechste schlugen eine bessere Einrichtung vor; ein einziger/ der Bischof von Soissons/ erklärte die Ordensvcrfassung für äusserst verderblich. Der Rönig gab ein Edikt zu besserer Einrichtung dieser Verfassung/ nahm es aber auf die Vorstellungen des parlements wieder zurück. Um eben diese Zeit / im März 1762 verlohr Frankreich die Insel Martinike. Schon vorher hatte von dieser Insel aus der Orden durch La Valettens Bankeroute eine gefährliche Erschütterung erlitten; jetzt litt' er eine noch weit grössere. Der Verlust von Martinike zog einen höchst beträchtlichen Handclsverlust nach sich. Um der Aufmerksamkeit des mißvergnügten Volkes eine andere Richtung zu geben / bediente sich die Regierung in Frankreich eines Kunstgriffes / wie einst Alcibiadcs, der seinem Hunde den Schwanz wegschnitt und durch diesen Einfall den Geist der Athener von ernsthaften Dingen abzog Ganz Frankreich beschäftigte sich nur mit den Jesuiten. Den 6 August 1762 erklärte das parlemcnt einmüthig und ohne einige. Widerrede des Monarchen die Gelübde der Jesuiten für aufgelöset. Nach Einziehung ihrer Güter lebten sie also zerstreut *) S. d'Alembert tur la vsürnAion Klima zusammengepackt, eine Menge Menschen von jedem ^ Alter und jedem Gesundheitszustände, ungewohnt an Be- j schwerdcn, zum Studieren und zu sitzendem Leben erzogen, nunmehr aus dem Vaterlande, von ihren Freunden und Verwandten vertrieben , ihrer Ehre und ihrer Heiligthümev verlustig, von Gram und Schrecken niedergedrückt. Einige wurden auf ihren Schiffen durch Stürme von den übrigen getrennt und Wochen lang schmachteten sie zwischen den Inseln des Archipels. Gleich als wär' alles dich nur ein Vorspiel zu dem tragischen Ausgangc des Ordens, erklärte den i; May 1767 das Parlament zu Parts die Jesuiten als Feinde des Staats und der Regenten , und unter Androhung der Criminalproecdur befahl es ihnen , in Zeit von 14 Tagen ganz Frankreich zu räumen. Für immer und ewig Verbotes denselben die Rückkehr und forderte den König auf, bey dein Pabste und bey allen katholischen Mächten auf gänzliche Vertilgung des Ordens zu dringen. V. j ! l Im Julius wurden die Jesuiten in Mexiko, sieben hundert an der Zahl, durch plötzliche Vcrhaftnchnmng überrascht. Mit gleichein Erfolge überraschte man sie auch in allen andern Gegenden von dem spanischen Indien. Auch bloß in den Provinzen von Mexiko bestes sich, (wie man sagt) der Werth ihrer Güter auf 77 Millionen Piaster oder ; 8 z Millionen französischen Livrcs. VI. Inzwischen wurde auch von den meisten andern katholischen Mächten die Aufnahm der verbannten Jesuiten in irgend einem Theil ihrer Sraaten aufs strengste verbotten. Auch in Neapel brach über die Jesuiten der Sturm aus. Man nahm ihnen die Güter und schickte sie gesanglich dem pabste zu. Der Pabst stellte jedem aus^ wärtigen ;48 wältigen Minister in Rom eine Schrift zu , voll Klagen, daß der König von Neapel durch Soldaten heilige Oerter entweiche und die Kirchen und Klöster beraube. Der Kardinal Orstni, neapolitanischer Minister in Rom, amwor- tete hierauf, daß jeder Souverain das Recht habe, die Feinde des StaatS zu vertreiben und ihr Gut cinzuzichn, nach dem Kirchenstaat aber habe man die Jesuiten darum geschickt, weil Neapel zu nächst an den Kirchenstaat gränze. Die Anzahl der Verdammen bclicfen sich, (die aus Sici- lien ungerechnet) auf 1500 Personen. Um so empfindlicher war diese Ucberschwcmmung von Fremden in Rom, je grösser ohnehin der Kornmangcl im Kirchenstaat war. VII. Der Jnfant Herzog von Parma Ferdinand von Bour, bvn, folgte dem Beyspiele der Fürsten aus dem bvurbvni- scheu Hause, indem auch er die Jesuiten verjagte und überhaupt verschiedene klösterliche und kirchliche Mißbräuebe abschufte. Seine Verfügungen erklärte der padst als Eingriff in die päbstlichcn Rechte; diese Rechte gründete er auf die Do- nation der Gräsin Mathilde, welche vormals den Padst Gregor VII. mit verschiedenen Herrschaften und unter andern auch mit Parma und piazenza beschenkt hatte. Für ungültig aber hielten zu allen Zeiten die käyftrlichen Rcchtsgclehrten diese Bcschenkuug. KcinRcichslchcn nämlich konnte ohne Einwilligung des obersten Lchcnherrn weggeschenkt werden. So bald indeß der padst Clemens XIII. das Verfahren des Herzogs von Parma gegen die Jesuiten vernahm, so machte er den Jänner 1768 durch ein Brcve bekannt, daß in seinem Herzogthume (in vuLacu nolkro > der Herzog von Parma, als ein Laye, nichts ohne Einwilligung des pabftcs abzuändern befugt sey. Zugleich that er alle Thcilnchmer an den Kloster- und Kirchenrefsrmen in den Bann. In dem XII. "Jahrhunderte war' ein solcher Bannstrahl fürchterlich gewesen , Wesen, in dem XVIIM war er lächerlich. Das pariern cnt von Paris verdammte das päbstliche Breve und der König von Frankreich forderte von dem Pabste die vormals dem päbstlichcn Scule abgetreltenen Lehen, 2 tvig- non und penaiffin zurück. An der Spitze eines Regiments erschien den n. Iun. 1768 der Graf von Röche« chonart vor dem päbstlichcn Vice Legaten in Avignon und befahl ihm die Abtrcttung dieses Gebietes. Da der Prälat den französischen Truppen keine päbstlichcn entgegen zu setzen im Stande war , so bediente er sich bloß der Waffen der Rirche und suchte den Feind durch die Bulle in cmna Oomini, welche ihn von der Vcrgreifung an den Kirchcngütern abhalten sollte, in Schrecken zu jagen. Bey dem Lichte des XVIIIten Jahrhunderts aber schreckten die Gespenster jener alten Nacht der Barbarey nicht mehr. Der Legat sah sich gezwungen, die Stadt .zu verlassen, und den i i. Iun. rückte ein Detaschement französischer Dragoner in Avignon ein. Etwa drcyssig alte Schweizer, die mit rostigen Hellebarden vor dem päbstlichcn Pallaste standen, wurden, wie unnützer Plunder, auf die Seite geschmissen. Mit Freudengeschrey nahmen die Bürger den Feind auf; in den Kirchen sang man das Te Demn und Abends wurde die Stadt illuminirt. Alle Rlöster wurden versiegelt und die Jesuiten gaben ihre Güter heraus. Nachdem das Volk dem Grafen im Namen des Königs gehuldiget hatte, wurde das französische Wappen über den Thoren angeheftet und die Kommissarien vom Parlcmcnte machten die nöthigen Verfügungen zur Verwaltung der Justiz. Die päpstlichen Beamten und Soldaten schifften sich indeß bey Antibes nach Italien ein. Um gleiche Zeit, als der König von Frankreich Avignon wegnahm, oder noch etwas früher, den i? März 176g, rückte der König von Neapel mit einem Korps von 1800 Mann in das päbstliche Gebiet von pontc Rorvo und Benevem ein; auch bedrohte er Castro und Ron- ciglione; ciglionc; nichts desto weniger fuhr er immer noch fort, dem Pabste jenen sonderbaren Lehntribut, nämlich 7000 Thaler in einem Beuiel an dem Halse eines Pferdes, zu zahlen. Im Grunde ist es nicht so vast ein Tribut als ein frommes Ceremonie!, welches der Aberglaube eingeführt hatte, und die Aufklärung abschaffen kann. Zur Abschaffung aber fand der kluge neapolitanische Minister Tanucci das Projekt noch nicht reif. Den 22 Aprill wurden die Jesuiten auch aus Malta verbannt. Der Großimister that es aus Gefälligkeit gegen den König von Neapel. „ Malta," sagt er in seinem Edikte, „gehörte vormals zu der Insel Sicilien ,und wurde „dem Orden von Kayser Carl V. geschenkt. Nach dem „Beyspiele der Vorfahren dürfen wir also keine Gclcgcn- „ heit Vorbeygehen lassen, uns dem Könige von Stellten »gefällig zu machen. . Vlll. Der blinde Eigensinn des Papstes reihte beynahe alle katholischen Staaten zur 'Zernichtung jener berüchtigten Bulle rn c«,ra Oommr. Schon der gewaltsame Pabst Julius II. hatte diese, jeder weltlichen Regierung so nach- theilige, und schimpfliche, Bulle losdonnern lassen. Erst aber seit der Regierung Pabsts Pauls III. wurde sie alljährlich zu Rom feyerlich verlesen. Diese hierarchische Bulle belegt jeden mit dem Bann, der sich der Vollziehung der päbst- lichen Aus spräche widersetzt und in Kirchenzw istcn die Appellation an den Pabst untersagt. Der König von Neapel schafte einer der ersten diese Bulle durch ein Dekret ab, in welchem er ausdrücklich sagt: Der Pabst sey nichts anders als der erste unter den Bischöffcn; eine Kirehenversammlung habe mehr Ansetzn als er; er besitze keine Gerichtsbarkeit über die Unterthanen anderer Fürsten. — Oeffcntlich trat jetzt allen Maaßnehmungen der Fürsten vom Hause Bourbon auch der König von porrugall bey. Auch die Republick Venedig drang mit Nachdruck auf die Widerrufung des Breve Brevc gegen den Herzog von Parma. Nasi alle Mächte in Italien beschäftigten sich theils mit Einschränkung der Kir- chengewalt, theils mit Untersuchung der Güter der Geistlichkeit, theils mit Beftcyung von den Klostergelübdcn. Alle diese Umstände benutzte der Herzog von Modcna zur Durchsetzung verschiedener Ansprüche auf päbstlichc Länder, und hiczu war ihm Oesterreich behilflich. Gegen den Herzog von Modena glaubte sich der Pabst mächtig genug. Er bot gegen ihu 6200 Mann auf. Als aber die Miliz zu Faenza wegzog, versammelten sich daselbst die Weiber, gicngen mit Fackeln nach einem Iesuitcrklostcr und zündeten es an. — Endlich flehte der pabst in den kläglichsten Ausdrücken die deutsche Kayscrin Theresia um ihre Vermittlung. Noch vor Bcylcgung der Strcithändel gicng er mit Tode ab. Frankreich bediente sich des Kardinal Bcrnis, um den päbstlichen Hirtcnstab in die Hände eines weisem und gemassigtern Mannes zu legen. Ganganclli, ein Franziskaner, erschien nun unter dem Namen Clemens XIV. auf dem päbstlichen Throne. Aus Andringen des Hausis Bourbon hob er durch eine Bulle vvm 21 Iuly 177; den Orden der Jesuiten ganz auf, und erwarb sich dadurch die Zurückgabe von Avignon und Bencvcnr. Seither wurde in den meisten katholischen Staaten die kirchliche Gewalt und das Mönchswescn sehr eingeschränkt , und in Spanien verlohr die Inquisition ihren Einfluß. IX. Ungeachtet aller Gegenvorstellungen des nachherigen Pabst Pins VI. behielt die Kayserin von Rußland die Jesuiten, wegen des Schulunterrichts, in dem ihr zugefallenen Antheile von Polen und begünstigte sie auch selbst in 'Rußland. Theils aus gleichem Grnnde, theils aus Verachtung gegen eine päbstliche Bulle gab ihnen auch der König von Preussen Zuflucht. Daß noch heut zu Tage unter den zerstreuten Jesuiten insgeheim einige Verbindung statt habe, machen verschiedene Spuren wahrscheinlich. Unter andern sehe .sehe man die Berliner Monatschrift 178; Nov. s. 418-429. Mg. deutsche Biblioth. bX, 2.s. 540, undI.XVI, 2. s. Nicolais Reisen; Journal für Deutschland 1784 St. XII ^ s.401. Wiclands Merkur im Nvv. 178;. Winkopps Bibliothek für Denker B- Hl. St. 4, s- 267. Deutsch. Zuschauer St. IX. s. ;7i. u. m. a. * Hoffnung , daß wir künftig nicht wieder auf diesen Gegenstand zurückkehren müsse», erwähnen wir hier noch einiger Vorfälle, welche beweisen, daß besonders Spanien und Portugal! nicht ohne Gefahr von fürchterlichen Rück- fällen sind, und von Zeit zu Zeit von dem Icsuitionnis und von der Inquisition mit neuer Lähmung bedroht werden. Nicht lange nach der Vertagung der Jesuiten aus Spanien ereignete sich daselbst schon im 1 .1768 folgende Ccisis: Bey seinem Namcnsfeste zeigte sich der König, wie gewöhnlich, dem zahlreich versammelten Volke. Bey solcher Gelegenheit pflegt er, diesem eine Bitte zu gewähre». Einmnthig forderte es die Rückberuffung der Jesuiten. Es geschah auf Anstiften des 'kardinal Lrzbischoffs und seines Groß - Vikars. Beyde wurden hierauf vom Hofe verwiesen. Mit dem Leben des Ministers Aranda aber und schon vorher mit der Erlöschung seines AnsehnS erlosch auch zuglcich der erst noch entstandene Funke der Aufklärung. Aus Mißgunst vereinigten sich gegen den Aranda seine Neben, minister und durch die geheimen Ranke sowohl des Kampo- mancs, als des königlichen Beichtvaters stürzten sie ihn. Zu seiner Stürzung bedienten sie sich des öffentlichen Mißvergnügens über eine fehlgcschlagene Unternehmung gegen Algier. Da man in den Arsenalen zur Bezähmung des Volkes nicht Mittel genug simd, so nahm man wieder Zuflucht zu der Inquisition. Im 1 .1777 feycrte dieses Ungeheuer seine neue Austcbung mit einem Auto da Fe und bald hernach mit der Mißhandlung des Olavides. In I» gleichem Jahre erwachte der Vcrfolgungsgcist auch wieder in portugall. Kaum war den -; März 1777 der König Joseph gestorben, so schaffe seine Tochter und Thronfolgerin, Maria, die Einrichtungen ab, welche der Minister Pomkal gemacht hatte, und führte die von ihm abgcschaften neuerdings ein. Pombals Kreaturen wurden in die Gefängnisse geworfen und aus denselben seine Feinde befreyet. Sein Fall war die Wirkung einer Verschwörung der Familien Tavora und Aveiro mit dem Anhange der Exjcsuiten. Was beweisen die Thaten und Schicksale eines Aranda und Pombals ? Plötzliche und nicht durchgängige Erleuchtung ist selten dauerhaft. Aufklärung, die nicht nach und nach durch Nationalschulen zur Reift gedcyht, sondern nur durch das Genie oder durch die Gewalt eines einzelnen Mannes gleichsam erzwungen wird, gleicht dem nächtlichen Blitze, der leuchtet, vielleicht auch verzehrt; aber bald wieder erlöscht. — In unsern Zeiten erwachte auch selbst in Spanien der Geist der Schulreformation. Jm I. 1787 erschien zu Madrid klsn äs Liluclios, aprobsä« xor 8. lVI. 7 manclacio oblervar a la Univerliilacl 6i Valencia. Die Durchsetzung dieses vortrcflichen Schulplans dankt die Universität der Standhaftigkeit des Grafen von Florida- blanca, der Thätigkeit des d. Vic. Blasco und dem wohlthätigen Patriotismus des Erzbischoffs von Valencia, Dr. Fabian y Fuerte, der jährlich 12200 Piaster aus den Einkünften des Erzbistums hergiebt. Sogleich nach Aufhebung des Ordens erklärte sich die Monarchie von Rußland öffentlich als Beschützerin der Exjcsuiten, indem sie sich derselben zur Unterweisung ihrer katholischen Unterthanen bediente. Haufenweise wanderten die Exjesuiten nach Rußland. Inzwischen erhob die Käuferin den Bischof zu Mohilow in Weiß Rußland zu der Würde eines Erzbischoffs. Als Freund der Jesuiten, ruhete dieser neue Erzbischoff nicht, bis am 17 October 1782 in einer General, Csngrcgation der Jesuiten zu Poloc; in 2 Weiß Weiß Rußland ein neuer Generalvicar des Ordens in der Persohn des Pater Lzernievic; erwählt worden war. Es geschah zu Folge einer kaiserlichen Erlaubniß, und eines von der Kayscrin am 15 Junius 1782 eigenhändig unterschriebenen, und vom Reichs - Senate am 4 Jul. ausgefertigten Dccrcts. Mit klaren Worten heißt es in diesem Decret, „ daß der Orden völlig so , wie er bestan- „den, unverletzt, und ohne die geringste Einschränkung erhalten werden soll." Sogleich nach seiner Erwählung begab sich der neue Generalvicar nach Petersburg, und erhielt eine sehr gnädige und vertraute Audienz. Die Mo- narchin gestattete ihm , mit vier Pferden zu fahren, ein Bor, recht, welches in Petersburg nur Personen von hohem Range zusteht. Sie zahlte ihm 2000 Rubel an die Unkosten der Reise, ausserdem ließ sie an den pabft ein Schreiben ergchn, in welchem sie für den Erzbischof von Mohilow das rrzbischvsiiche Pallium, nebst der Würde eines Primas, und für den Epjesuiten Abt Beniolawsky die Coadjutorstellc zum Erzbistum, wie auch die Bestätigung des Gencral- vicars der Jesuiten verlangte, plus ergriff in de» Verlegenheit die alte Politik des päbstlichcn Stuhles, und trug seinem Nuntius in Warschau auf, die Sache in die Länge zu ziehn : der Erjesuit Abt Benislawsky begab sich selbst nach Rom, mit einem Empfehlungsschreiben des römischen Raysers begleitet, und nahin, bey seiner Ankunft in Rom, bey dem dasigcn kayserlichen Minister, Cardinal Hcrzan, Quartier. Inzwischen hatte der pabst bey verschiedenen katholischen Höfen um deren Meynung gefragt, und die Antwort erhalten , daß er allen billigen Forderungen der Monarchie Genüge thun sollte. Hierauf entschloß er sich, durch eine Bulle oder päpstliche Constitulion das Institut der Gesellschaft Jesu im ganzen russischen Reiche zu bestätigen. Zugleich aber gab er den bourboni«. scheu Höfen die ftycrliche Versicherung, daß er anderwärts nichts weiter für die Jesuiten thun wollte. ___ XXI. Pabst XXI. Pabst (Ganganelli) Memens XIV. xxn. Plus VI. Reise nach Wien 1782. XXI. pabft (Ganganelli) Clemens xiv. (^)cit ziemlicher Zeit bekleideten den päbstlichen Stuhl keine Männer von vorzüglicher politischer Klugheit. Clemens Xll, Corsini, war zehn Jahre blind von zwölfen, die er regierte, und man mag daraus urtheilen, ob die Schatzmeister oder Einnehmer damals nicht dreist genug ihre Finger gebraucht habcn.werden. BenediktXIII , Zu oft legen wir die Liebe bey „ Seite, um den Glauben aufreckt zu erhalten; wenn „ es aber nicht erlaubt ist, den Irrthum zu dulden, so »ist es auch nicht erlaubt, diejenigen zu verfolgen, welche „ unglücklicher Weise darein gerathen sind." Im I. 177;. bequemte er sich aus Gefälligkeit gegen die bourbonischen Höfe zur Aufhebung des Ordens dev Jesuiten. Zwey Jahre hernach starb er, und zwar nach einiger Vermuthen, am Gifte. «eise XXII. Reise Des Pabstes Pius vi nach Wtey, im Jahr 178^ ayscr Joseph H,. hatte in einer Reihe neuer Kirchen« Verordnungen einen solchen freyen Toleranzgeist bewiesen, wie man davon seit Kayscr Maximilian II. kein Beyspiel in Oesterreich gesehen hat. *) Allen christlichen Rcligi- snopartheyen bewilligte er beynahe ganz ungehinderten Gottesdienst Auch selbst den Juden gestattete er weit mehr Freyheit, als sie sonst bisher nirgends besassen. Zu gleicher Zeit that er sehr schnelle und ernsthafte Schritte zur Verbesserung der katholischen Ruche und zur Einschrän. kung oder Aufhebung der Rlöster. Weit merkwürdiger ist eine solche Erscheinung in Deutschland, als in jedem andern unumschränkt monarchischen Reiche. In Deutschland nämlich waren bisher die Rechte der päbstlichcn Hierarchie *) Die kirchlichen Revolutionen in Oesterreich kamen nicht von Katholiken, sondern von proselyte« her. Mit Gewißheit versichert dieses ein Mann , der es wissen konnte, und der selbst ein Proselyte war, der Freyherr von Spangcnbcrg, ei« Bruder des BischoffS der Brüdergemeine. Man sehe das Glaubensbekenntniß Herrn Georg Freyherr» von Spangen, berg, Kaiserl. und K- K. wirklichen geheime» Raths, Kur- trierschen StaatSmimsters , u. s. «. in Herrn von Moscrs Patriotischen Archiv für Deutschland , B. VN. IV. In seinem Glaubensbekenntnisse sagt der geadelte Proselyte, Sohn eines protestantischen Predigers in der Grafschaft Hobenstein, » ES kömmt Alles auf den Glauben an Christum an ; das ,, Uebrige ist Pfaffeiigeschwjtz ; unsere Pfaffen und eure Pfaf» ^ fen stnd einer, wie der andere. " Ausser den Proselyte», mag freylich auch Febronius nicht wenig dazu beygetragen habe«, den, einen vdec dem ander« katholischen Hofe die SluM zu öffnen. rarchie gewissermaßen in die TIeichsvcrfassung selbst eingewebt. So wie auf der einen Seite vermög deS Rcli- gionsfriedens so wohl als des wcstphälischcn Friedens die protestantischen Landesherren zugleich auch mit den weltlichen Rechten die kirchlichen besitzen, so Massen sich auf der andern Seite hingegen die katholischen Herrn ein solches Recht über Kirchcnangclcgcnhciten entweder gar nicht, oder doch nicht ohne grosse Einschränkung an. Dieses Kir- chenrccht überliessen sie bisher den Bischöffen, und in Deutschland machen diese nicht weniger als die weltlichen Fürsten einen Theil der Neichsständc aus, zugleich aber stehen sie nicht nur mit dem deutschen Reiche sondern auch mit dem pabst als ihrem Oberhaupte, in genauer Verbindung. Diese letztere Verbindung'nun hob Kayscr Joseph II. in seinen Erbländcrn auf, und, so viel immer möglich, entzog er seine Bischöffe aller Abhanglichkcit von dem päbsr- Uchen Stule, und eben so entzog er auch die noch übrigen Klöster den Ordensgeneralen zu Rom. Endlich reinigte er den katholischen Gottesdienst von so vielen abergläubischen Andächtelcyen und müssigcn, dabey aber höchst kostbaren Fcyerlichkciten. Was that bey solcher Erschütterung seines Dreyfusscs Pabst plus Vl ? In dem XI»« Jahrhunderte hatte sein Vorfahr Gregor VII, den Kayser Heinrich IV. über die beschncytcn Alpen nach Italien Wallfahrten und im armen Sündcrkleide einen Fußfall thun lassen: allein in der letzten Hälfte des XVIII»« Jahrhunderts waren die Päbste schon weit geschmeidiger geworden, pius VI. erwartete keinen Besuch von Joseph II. diesem kam er zuvor, und gegen Ostern 1782 that er eine Reise von Rom nach Wien. Was wol die Absicht einer so sonderbaren Reise seyn mochte? Wollte der Pabst entweder durch geheime Unterhandlungen den RaVser gewinnen, oder durch öffentliche Erscheinung das Volk gegen den Kayser empören? Die merkwürdigste Scene, welche Pins vi. in Wien gab, war die Keycrlichkeit am zi.Mcrz, als am Öfter- ;6r Ostcrfonntage des Jahrs 1782. Diese Fcyerlichkcit bestand in einem Hochamte/ welches er in der Stcphanskirchc hielt. Beym Eingang der Pforte wurden zween Crcdenztischc gestellt/ auf den ersten derselben Sr. Heiligkeit Hnmceal / Alben/ Stolen und Pluvial gelegt/ dann die päbstliche Thiara nnd zwo Inseln gefetzt; auf dem andern Kredenz- tische gegenüber legte man die geistlichen Kleidungen für die drey Kardinäle/ Migazzi, Bathyan und Hcrzan; ansehen diesem Credenztifche rückwärts stunden sieben silberne Leuchter / mit aufgesteckten brennenden Wachskerzen. In dem so genannten Passionschar stralte auf dem Thekla - Altar das heiligste Altars - Sakrament / und vor demselben befand sich ein rothsammtencr Betschemmel mit einem dcrglei. chcn Polster zum Knien. In der obern Sakristei) wurden die Klcidungenfür die Nuntien/ Bifchöffc und Prälaten in Bereitschaft gehalten. An dem Orte / wo sonst der Hochaltar steht/ war ein kostbarer Baldachin für Sc. Heiligkeit angebracht. Bey ihrer Ankunft zu St. Stephan wurden alle Glokcn/ wo der Zug vorübergieng/ und besonders die Josephinische geläutet. Se. Heiligkeit waren ganz weiß gekleidet/ i-ämlich in einem Talar und Röchet/ weißscide- ncn Mozzet/ mit an den Enden ausgcschlagcncn meisten Pelgverk / einer weisscn mit Gold gestickten Stole über die Kleidung/ und einem meisten Häubgcn nebst dem gewöhn, liehen rothen Hut auf dem Haupte. Als sich Se. Heiligkeit in dem Pastionschore dem Altare genähert hatte / küßten ihr die drey Kardinäle mit abgenommenen rothen Häubchen die Hand/ die Bischöffe das Knie/ und die Prälaten den Fuß. Hierauf intonirten Se. Heiligkeit die Terz durch das Denn in gchutorium meum intenäs, die K. K. Hofmusik antwortete darauf und setzte mit dem Dom« kapitel und der Geistlichkeit der erzbischöflichen Kur den Lhorgesang bis zur Oration fort / indeß sich Se. Heiligkeit unter dem Throne zu der fcyerlichen hohen Messe, be» einer bannenden Wachskerze bereiteren. Da die Terz von den» -emkhor zu Ende war, sangen Sc. Heiligkeit die Orativu des Festes. Bey dem Händewaschcn wurden Sie wechselweise von den Fürsten Schwarzcnbcrg und Aucrspcrg bedient, und von dem Nuntius umkleidet. So dann gieng der.Zug zum Hochaltar fort. Sc. Heiligkeit hielten das Hochamt mit einer Andacht , die alle Anwesende bis zu Thränen rührte. Nach Endigung der Episteln setzte der Pabst sich nieder, und hielt, mit aufgesetzter Insel, eine körnigte lateinische Rede, in welcher er die Versammelten theils zur Freude über die Auferstehung des Heilands und zur Erhebung der Herzen zu ihm, theils zu Bercunng der Vcrge- hungcn und zur geistlichen Auferstehung aus dem Grabe der Sünden mit lebhaftem Eifer ermunterte. Stilles Erstaunen verbreitete sich, und aus jedem Auge zitterten Thränen. Nachher trat, als lateinischer Diacon, der Nuntius zum Thron, und saug gebeugt vor seiner Heiligkeit die offene Schuld, oder das Lonstreor , worauf Höchgdicftlbe das lililereatur und Inclulgemism absang , und endlich den päbst- lichcn Segen ertheilte. Nach Endigung der hohen Messe begaben sich Se. Heiligkeit mit der Insel auf dem Haupte in die Katharinenkapellc, und liessen sich daselbst umkleiden, so dann fuhren sie unter zahlreichem glänzendem Gefolge über den hohen Markt nach der K- K. Kriegskanzlcy, um von dem Balkon der dasigen Kirche den vorher angekündigte» päbstlichcn Segen und vollkommenen Ablaß dem Volke zu ertheilen. Eine Volksmenge von mehr als drcyssigtausend Personen, aus allen Klassen und Standen , hatte sich auf dem Hofe versammelt und alle angränzendcn Plätze und Strassen erfüllt. Vor der Austhcilung des Segens erklang die Hofmusik, und in demselben Augenblicke, als der Pabst die Hand zum segnen erhob, wurde auf der Frey- ung von dem daselbst postirten Grenadierkommando durch ein Salve das Zeichen gegeben und alsbald donnerten von den Wällen rings um die Stadt her die Kanonen, um alle Gläubige dadurch zum vorgeschriebenen Gebete, um Er- lau, ?64 langung des verhcissencn vollkommenen Ablasses, zu ermähnen. Nach ertheiltem Segen sitzte der Pabst sich wieder nieder, vor ihm beugte sich der erste Kardinaldiacon Ba« thyan, und b«t ihn im Namen des ganzen Volkes: Inöul- xemiss KsiNiiHme kster! (den Ablas, heiligster Vater!) woraufdcrPabst antwortete: klsnonam! (vollkommenen!) denselben verkündigte nun der Kardinal dem Volke von dem Balkon hinab aus einem eigenen Zettel, und warf ss dann den Zettel unter das Volk. Nach der im Seitenzimmcr geschehenen Entkleidung so wohl des h. Vaters als der Kardinäle gieng der Zug immer in dem gleichen feycrlichcn Gefolge, unter beständiger Erthcilung des pabstlichcn Segens, in die K. K. Hofburg zurück. — Nur incoguito hatte der Erzherzog Maximilian dem h. Schauspiel beygewohnt, der Rayscr aber blieb gänzlich zurück. Dem kaysirlichcn Minister, Fürsten Kauniz, war die Anwesenheit des Pabstcs nicht angenehm. Zwar scheint er eben keine religiösen Schwärmcrcycn und Tumulte, keine Krcuzprcdigten gegen den profanen Monarchen besorget zu haben, immer indeß sah er ungern so viel tausend Hände der dringenden Frühjahrsarbeit entzogen. Das- Volk, welches der Hauptstadt zuströhmre, verursachte Theurung, und die Segnungen des Pabstcs wirkten nur auf abergläubische Gemüther, nicht auf Felder und Fluren. Fruchtlos blieben alle Versuche Se. Heiligkeit gegen die weitere Ausbreitung der kaiserlichen Tolcranzedikte und Ixloster- einziehungen. Auch selbst in Ungarn, in Mayland und in den österreichischen Niederlanden nahmen, des Widerstands ungeachtet, die Kirchenreformen immer noch Fortgang. — Den 22 April 1782 rcisite der Pabst von Wien ab. Zum Andenken seines Abschieds ließ der Kayser in Marienbrnnn über den Haupteingange der Kirche auf bläulichem Marmor deutsch und lateinisch mit goldenen Buchstaben folgende Innfchrifc setzen; » Plus „ PiuS VI. römischer Pabst ,, und Joseph II. römischer Kayscr „ niit dem Erzherzog Maximilian „ sind nach verrichtetem Gebete „ vor diesem Gnadentempel, unter „ zärtlichsten Umarmungen, und » den Thränen aller Anwesenden „ von einander geschieden „ den sr April 1782." Auf der Rückreise besuchte der Pabst noch einige Städte von Deutschland. Den 4. May bewillkommete ihn in Augsburg auf der Stadtdibliothck ein lutherischer Rector der Bibliothekar Viertens, in einer apotheosicrcndcn Rede, in welcher der Lobredner Se. Heiligkeit so weit über das ganze übrige Menschengeschlecht empor hob, daß alle andern Sterblichen gegen den Pabst wie dcnklose Thiere erschienen. II. Nach des Pabstes Zurückkunft in Rom erfolgte den 20. Jän. 1784 eine Verkommniß zwischen dempabfte und dem Rayser. In Kraft derselben trat diesem jener das Recht ab, die geistlichen Würden in Mayland und Mantna zu verleihen, jedoch (um den Finger nicht ganz zurückziehen zu müssen,) nicht ohne Vorbehalt vorhergehender Prüfung der Candidaten in Rom. Eifrig folgte dem Beyspiele des Kayscrs sein Bruder der Großherzog von Toscana. Nicht nur hob auch er verschiedene Rlöster auf, sondern er gab überdicß in einem Kraisschreibcn vom 2. August 1785 seinen Bischöffen Befehl zur Wiederherstellung der alten Einrichtung der Diöcesansynoden, und den 26. Jänner 1786 schickte er ihnen ein Circular zu, das in 57 Artikeln einen in das Grössere gehenden Reformarionsplan enthielt. *) Unter den . _ acht- *) kamt eccteürlliee coinxilstl e trsmeül tu» real«; » tutti jch e Velesvl , Htti «Ikld Lsscinbts-r ilcxli V>?s«uv> III. Schon seit ziemlicher Zeit hatte auch der König von Neapel auf Einschränkung seines vorgeblichen Lchnhcrrn, dcs'pabstes, gedacht. Beweis hievou war schon im I. 1-777 die Geschichte des Bischoffs Andreas Serrao. Als er von dem Hofe zu Neapel zum Bischofs ernennt worden war, wurde ihm, wegen seiner verkäzerten Schrift äc alari, LLcecKlstis, zu Rom die Einweihung verweigert. Der König drohte, daß er den Serrao durch die Bischöffe seines Reiches werde einweihen lassen. Der Pabst begnügte sich endlich mit der schriftlichen Erklärung des Bischoffs, „ daß „ er in dem Pabste das Oberhaupt, den Vorsteher und „ Mittclpunct der vereinigten katholischen Kirche verehre." und hierauf ertheilte er ihm den ,8 Jul. 178; die Präco- nisation. Der neapolitanische Minister, Markis von Sam- bucca, versicherte aber den Pabst. „ daß der König die er- „ wähnte Erklärung des Bischoffs nur nach dem Sinne „ der Kirchenvätcr, nach den Gerechtsamen der Landcs- „ Hoheit und den sicilianischen Rechtsgesctzcn werde ausle- „ gen lassen. '* Seither wies wirklich der König einen Bischofs, der sich in einer kirchlichen Sache nach Rom wenden wollte, an eine Synode von Geistlichen des Landes. In, I. 1788 verweigerte er die Überreichung des gewöhnlichen Zelters und protestirte gegen seine Lehens- abhangigkeit von dem päbstlichen Stule. IV. Selbst in dem deutschen Reiche, das sonst seit Jahrhunderten an den tyrannischen Einfluß des päbstlichen StulS gewohnt war, erfolgten gegen diesen Srul die entschlossensten Schritte. Man suchte den bekannten Urkunden der Acceptation det Baslerdecrete und der Loncordate, besonders auch des sogenannten Aschaffenburger ( oder eigentlich des Wiencrschcn) Vertrages eine für die deut» scheu - ^ 6 ^ ^ scheü Rirchenfreyheiten günstige Auslegung Und Anldcn- düng zu geben. *) In dem Emser-Congressc, dessen Schluß im I. 1787 öffentlich bekannt gemacht worden, hatten Deutschlands vier Erzbrschöffe folgende Punctation vest- gcsetzk: der pabst bliebe zwar Primas der Kirche, allein ohne andern Vorbehalt und Vorzug, als nur wie in den ersten Jahrhunderten. Daher soll allen Diöcesanen der Reeouro nach Rom, und die unbedingte Anerkennung Väbftlicher Verordnungen und Nuntialuren untersagt seyn. Mit Nachdruck widersetzten sich einige geistliche Fürsten besonders der Churfürst von Trier - dem Vorgeben des Padstcs, daß die Bischöffe Wohl als Fürsten in ihrem Landender daß sie nicht als Scclcnhirten in ihrem geistliches Sprengel den Nuntius abschaffen können, **) Bey allen Angriffen aber giebt der Pabst die Hoffnung zur Behauptung seiner Gewalt nicht auft Dieft Zau« *) S- KochS 8,niMo xroZingticz 6ermanorum iUuKrsta. Straß» bürg >78?/ vornehmlich auch den Febron und Würdtwcin. Mit wclcherFrcymüthigkeit und Deutlichkeit untersuchte nicht die Mißbräuche der päbstlichen Gewalt der ungenannte Der» fasscr der Geschichte der päbstlichen Nuntien in Deutschland , die im I. 1788 unter dem Druckorte Frankfurt ünö-Leipzig, eigentlich oder zu Mannheim bey Schwan herauskam k **) S. Erörterung der kölnischen Nuntiatürstreitigkeit, siel st Vorlegung der Urkunden zu mehrerer Bestärkung des Chiir» köllnischen Promemoria, samt eintr Prüfung der ünpar- thcyischen Gedanken übet die dermaligen Nunciatnrstreitig- keiten in Deutschland- «78-. A - Zaubergewalt besteht in einem gordischen Rnotten, den, wie es scheint, nur ein Alexander auflösen kann. In Deutschland unterhält der Pabst Mißtrauen der Bischöffe gegen die Erzbischöffe; in Bayern besonders gelingt es ihm, der Aufklärung durch die Jesuiten den Riegel zustoßen; die Jesuiten dienen ihm in polen und Rußland; in Parma führt er von neuem die Inquisition ein; in porru- gall erquickte ihn schon wieder im I. 177« die Königin Maria mit einem freilich nicht flammenden Auto-da-fe'. XXIII. X X m. Benedikt Joseph Labre. XXIV. D i e Herzogin von Kingston ' '-'L) n; Benedikt Joseph Lahre. -^Venn dieses Zeitalter mit Recht den Namen des aufgeklärten verdient, so ist in demselben Labre's Apotheose eine Gespenstererscheinung am hellen Mittage. Labre er« blickte das Wclllicht den 26 Mär; 1748 zu Anreite im Boulognischcn in Frankreich, und starb den -6 April 17g; zu Rom. Seit seiner Bestattung in der Kirche der Madonna du Monti wirkte er Wunder, nicht nur bey feinem Grabe in dieser Kirche, sondern auch an entfernten Orten » durch seine Reliquie», seine Bildnisse, Erscheinungen, ja bloß durch die Anrufung seines Namens. Eist grosser Theil dieser Wunder ist durch Zeugen, gerichtliches Verhör, eidliche Aussagen, u. s. w. bestätigt- Der Postulator bey dem Prozeß der Seligsprechung zeigte eine Liste von 200 unheilbaren Krankheiten vor, die durch diesen Wunderthäter gcheilet worden. So bald in Rom die Nachricht von seinem Tode bekannt worden tyar, fiengen die Kin. der auf der Gasse an auszurufen: Der Heilige ist gestorben! Des andern Tages wußte schon ganz Rom davon. Ein grosscrThcil dcrStadt wiederholte: Ein Heiliger ist gestorben! ohne zu wissen, wer ? und wo ? Bald darauf lief das Volk haufenweise zu dem Verstorbenen; man küßte ihm die Hand, empfahl sich seiner Fürbitte, und haschte nach seinen Reliquien. Das Gedränge ward so groß, daß man den Leichnam in eine perschloßne Kapelle der Kirche trug; hier kletterte das Volk an die Fenster, um nur noch einmal sein Angesicht zu sehn. Wegen des beständigen Zulaufes befahl dex Pabst die baldige Beerdigung; allein nach derselben vermehrte sich der Zulauf. Rardinäle, Fürsten und Prälaten wählten die Zeit nach Mitternacht,, um dem Lärmen auszuweichen. Durch die Mißhandlungen und N4 und Schläge der Wache wurde die Schwärmerey der Römer eher vermehrt , als vermindert. Man mußte das Hochwürdige vom Hochallare, an dessen Seite Labre begraben lag, in eine innere Kapelle bringen ; mehrere Tage konnte man in der Kirche keine Messe lesen. Bald ströhmte nun auch das Landvolk von 15 bis 20 Meilen herzu, und man mußte endlich die Kirche verschließen. Von dem Heiligen hatte man in ein paar Monaten 8 ; verschiedene Kupferstiche verfertigt , und ganze Päcke davon wurden nicht allein durch ganz Italien, sondern auch nach andern Ländern versendet; der Stickercyen, Wachs- und Gipsbossierungen, Btldhauerarbeiten, Mahlereyen auf Fayanee/U. s. w. nicht zu gedenken. Am Ende Augusts 178; waren von den Lumpen, worinn er sich bey Lebzeiten kleidete, (nach gemachter Berechnung) bereits achlzig- tausend Läppchen als Reliquien ausgetheilt. Schon im Iunius hatte der Prozeß zur Seligsprechung den Anfang genommen. Den Prozeß betrieben die Patres Oratorii; der pabst schrieb sogleich um Nachrichten an den Bischofs zu Boulogne, und das publicum in Rom übernahm die Kosten zu den Untersuchungen. Von mehr als einem Lobredner wurde Labre's Leben beschrieben. Sein Beichtvater in Rom, Signor Marconi, dehnte seine Biogrophie in zween Bände aus; sein Leben beschrieb Dinouart im Journal ecclssialkigus äs kari«, im Jänner 2784; schon im I. 178; erschienen in Frankreich: Lrsmices äss äs- votjoia envsrs le venerable. L. ss Labre; im I. 1784 - zu Mainz; Erstlinge der Andacht zu dem ehrwürdigen B. I. Labre, von dem Verfasser des Religionsjournals, D- Goldhagen, cum Laeultate Oräinarii. Und wer war denn dieser wunderbare Labre? Er war — ein scheußlicher Bettler, und ein trübsinniger Schwärmer. Er gieng einher im Angesichts wegen vernachlässigter Haar« und Bart verwildert, mit zerrissener zerlumpter Kleidung, unter beständigen Bissen des Ungeziefers, mit einem Strick um um den Leih. Er genoß täglich nicht mehr als zwölf Loth Brod , und fraß dazu die aus den-Häusern wegge- worfnen Schaalen der Citronen und Pomeranzen von den Strassen. Er forderte kein Almosen, nahm aber das Dargereichte an , wenn es nur jedesmal nicht über einen Bajocco (ohngefähr 6 Pfennige) betrug. Die Nächte brachte er unter dem freyen Himmel zu. Er war von wohlhabenden Acltern , faßte aber von Kindheit auf aus schlechten Andachtsbüchern übcrfpamite Ideen von Gottseligkeit ? und lief die meiste Zeit seines Lebens auf Wallfahrten herum. Fast den ganzen Tag brachte er, stehend oder knieend, unbeweglich in den Kirchen zu, und betete unaufhörlich mit solcher Heftigkeit fort, daß er davon ganz verzückt, daß ist, stnnlos ward. Ein Pendant zu Labre ist jene italiänische Nonne, Latharina von Sien«, nur daß diese Heilige noch vor ihrer Seligsprechung entlarvt worden war. XXIV. ? 7 § XXI ^ D i e Herzogin von Kingston. *) jung hatte Elisabeth Chudleigh ihren Vater, der Obrist Thomas Chudleigh vcrlohren. Im I. 174; trat sie als Hofdame bey der Prinzessin von Wallis in Dienste. Der junge Herzog von Hamilton bot ihr die Hand an, verschob aber wegen nothwendiger Reisen seine Vermählung. Während seiner Entfernung bewarb sich um die junge Schöne ein Sohn des Grafen von Bristol, Her- pcy. Diesem gelang es, ihre Tante, Mistriß Hemmer, in sein Interesse zu zichy. Die Tante unterschlug Hamil- tons Briefe, und beredete die Nichte, daß ihr der Liebhaber treulos geworden. Insgeheim vermählte sich nun unsere Romanheldin mit Hervcy. Um so viel sorgfältiger verbarg sie das Geheimniß, je unzufriedener sie mit dem Gemahl war. Als Seeofficier verreisete dieser nach West- indien , und sie selbst erschien bey Hof immer als Miß Chudleigh, Nach geheimer Niederkunft und geheimer Beerdigung ihres Kindes, begab sie sich nach Deutschland, und fand die schmeichelhafteste Äufnahme so wohl an dem preussischen als an dem sächsischen Hofe. Bey ihrer Zurück- kunst eroberte sie alle Herzen so wohl durch Geist als durch Liebreiz. Da sie die angesehensten Partheyen anschlug, so glaubte man sie insgeheim mit Lord Howe vermählt, und ein solches Gerüchte war die günstigste Auslegung ihres vertraulichen Umgangs. Noch grössere Glaubwürdigkeit gewann das Gerüchte, da von dieser Zeit an Miß Chud- jeigh den ungeheursten Aufwand dcstrizt. Die ärgerlich^ Chronik 7 ) Man sehe, nebst den Memoirez, die im I- »788 in London beragS kamen, besonders auch hen Vst"" der ssrich- vYM I. ,781' Chronik gab ihr überdieß einen Liebhaber an der Seite des Thrones. Unter der Begünstigung des Staatsministers vertilgte sie aus den öffentlichen Akten die letzte Spur ihrer Verbindung mit Hervcy. ImI. 175s aber erhob sich dieser zum Grafen von Bristol, und zu gleicher Zeit sank er an den Rand des Grabes. Auf einmal reihte sie nun der Ehrgeiz, daß sie mit eben so viel Eifer ihre Vermählung kund machte, als sie vorher dieselbe geheim hielt. Auch jetzt kam der Minister ihren Wünschen zuvor. Nach der unvcrmu- theten Wiederherstellung des Grafen von Bristol kehrte sie das Blat um. Sie verlangte nicht seine Person, nur seinen Reichthum. Ihre Absichten gicngcn nun auf den Herzog von Kingston. Im I. 177? schlug ihr ihr Gemahl der Graf von Bristol , nachdem er sich in eine andere Dame verliebt hatte, die Ehescheidung vor. Sie klagte ihn vor den Dottor's- Commons , oder dem Matrim-nial- goricht an, und vor diesem Gerichte wurde sie frey und ledig erklärt. Einen Monath hernach wurde sie Herzogin von Kingston. Fünf ganze Jahre hatte sie dieser Ehre genossen , als ihr neuer Gemahl starb. Vcrmög seines letzten Willens kam ihr der lebenslängliche Genuß aller seiner Güter und Besitzungen zu, und nach ihrem Hinschied fiel die ganze Erbschaft an einen jünger» Neffen des Verstorbenen, mit völliger Ausschliessung des Evelyn Mcadows, eines ältern Neffen. Voll Unwillen hierüber suchte dieser Letztere die Ehe seines Olheims für ungültig zu erklären. Wqhrcnd daß sich die verwittwete Gräfin auf einer Reise in Italien aufhielt, klagte er sie in England dcrBigamie an. Als sie inRory hrevon Nachricht bekam, flog sie zu ihrem Bankier, Ienkins, Er verbarg sich vor ihr, und sie argwohncte, daß er sich mit ihren Verfolgern verschworen habe. Mit geladenen Pistolen bewaffnet, eilte sie zu ihm, und, indem sie das Gewehr auf seine Brust setzte, nöthigte sie ihn zur Hcraus- licftrung der ihm anvertrauten Papiere. Nicht ohne tödliche Unruhen kehrte sie nach Calais zurück. Hier ermuru terte Z78 terte sie der Lord Mannssicld , und bey ihrer Zurückkuust in England verbürgten für sie der Herzog von Newkastlc, der Lord Mvnt - Stuqrt und Glover. Sogleich beym Anfang ihres Prozesses schrieb Foote, der Aufseher der Bühne auf dem Haymarkct, ein bcissendcs Posscnfpiel, die Wan, derung nach Calais, 2 trip ro Lslsls, und schilderte darin» die Herzogin in dem schimpflichsten Lichte. Sie wurde hierüber beunruhigt, und bat ihn zu sich. Auf ihren Befehl las er ihr das Stück vor. Sie wollt' es vertilgen , und anerbot ihm dafür eine beträchtliche Summe. Er verlangte nicht weniger als zweytaufcnd Guinecn. Fruchtlos bot sie ihm fechszchn hundert. Der Herzog von Newkastle schlug sich ins Mittel, und der Graf von Hertford , als Kammer- herr des Königs, nahm das Stück in die Censur, und untersagte die Aufführung desselben. Der Prozeß begann den e; Aprill 1776 und dauerte fünf Tage durch. Lord Thurlow brachte es dahin, daß jener Spruch , vcrmög dessen die erste Ehe mit Hcrvey als ungültig erklärt worden war, nunmehr als widerrcchtlich aufgehvben, und folglich die zweyte Ehe für ungültig erklärt wurde. Die Herzogin wurde also verurtheilt, allein sie wich der Strafe damit aus , daß sie als Reichs - Pairin das Vorrecht der Clcrgie behauptete. Ihre Feinde machten den Anschlag, sie einsperren zu lassen , glücklicher Weise aber rettete sie sich über Meere nach Calais. Seither lebte sie bald in Rom, bald in Petersburg, und zwar immer phantastisch und glänzend. Da das Testament des Herzogs von Kingston in seiner ersten Kraft blieb, so mangelte es ihr nicht an Mitteln zu dem ausschweifendsten Aufwande. Mehrmal bewirthete sie die Kayserin von Rußland, Endlich begab sie sich nach Frankreich. Zu gleicher Zeit hatte sie ein Haus zu Calais und zu Paris. Sie starb zu Paris im September 1787. XXV. XXV. Graf Lagliostro. t 4 1 » , / ^ » ; 8 - Graf Cagliostro- i?86. D- ^er Hang zum Wunderbaren, der in unserm verzärtelten Zeitalter die Schwärmercy und den Aberglauben jenes Zeitalters der Alexander, der Apollonius von Thyane und der Plotine wieder hervorruft, hat hie und da theils ganze geheime Gesellschaften , theils einzelne Menschen erweckt, die mit Zauberkünsten und Mysterien selbst Gelehrte und Staatsmänner blendeten. Unter diesen Charletans verdient der Graf Lagliostro besondere Aufmerksamkeit. In der Denkschrift, die er zu seiner Rechtfertigung in der Bastille zu Paris giebt, erklärte er sich für ein Kind der Liebe, das die erste Erziehung in Mcdina und Mccca genossen, und von da ganz Asien und Europa durchreiset hatte. Genau gab er seine Äeltern nicht an , hielt sich aber für einen Sohn des vormaligen Großmeisters Pinrs ;u Malta, und einer vornehmen von den Malthcfcrn aufgefangenen Türkin. Seine ganze Erzählung indeß gleicht einem Wundermährchen oder einer Feettgcschichte.*) Nach Andern war er ein natürlicher Sohn des bekannten reichen Juden zu Amsterdam, Meyer pinw, dessen Geld es ihm leicht machte, allerley Tafchenspiele zu lernen und zu treiben. Am wahrscheinlichsten ist es, daß er von Geburt ein schlechter Mensch gewesen, der seine Laufbahn in Rala-rien als Quacksalber begann. Seine Frau, Seraphina Felichiam, die er für eine römische Edeldame ausgab, war die Tochter eines armen Prscurators, die G. pour äe ir blatte xar l'H,vüc»t lloillot i/Lt , wie auch tkeinoirc» »utNeirttPiL; xaur kervir ä 1 KM. g>, Lomtc cle tlrptiogra. )82 dic im zwölften Jahre Licbcshändel angefangen / darauf ihrem Vater entlaufen/ und endlich dem Cagliostro in die Hände gerathen war. Ueber die eigentliche und wahre Herkunft dieses Glücksritters hat sein Onkel von mütterlicher Seite, Antonio Braccomeri, folgende förmliche Aussage gethan / welche am 9 März 1787 zu Palermo schriftlich niedergelegt ist:*) „ Joseph Balfamo / oder wie „ er sich jtzt nennt, Graf Cagliostro / ist der Sohn einer „ meiner Schwestern / die den Peter Balfamo hcnrathete. „ Aus dieser Ehe entsprossen ein Mädchen / jtzt eine Wittwe/ „Maria Anna Capiramminv/ und dieser Joseph Cagliostro/ „der den 2 Iun. 174; gebohren worden. Sein Tauf- „ zeuge war Ioh. Baptist Bcnoni / ein zu Palermo woh- „ncndcr Genueser. Wenige Monate nach seiner Geburt „starb der Vater. Bey anwachsenden Jahren wiedmcte „ ihn die Mutter dem geistlichen Stande / und schickte ihn „ ins Noviziat nach Caltagironne. Er warf das geistliche „ Gewand weg. Seine Mutter schickte ihn'/ um ihn züch- „ tigen zu lassen/ zu den Kapuzinern, um bey ihnen eingeschlossen zu werden. Er war diesen Vatern zu unru- „hig. Sie jagten ihn fort/ und seine Anverwandten ga- „bcn ihn auf. Ganz sich selbst gelassen / überredete er „ einen Goldschmid / Namens Vincent Marano / daß er „ihm einen Schatz entdecken könnte/ wenn er ihm eine „Summe Geldes vorschießen wollte. Marano verschafft „ihm das Geld/ und nun entfloh Balsams nach Rala- „brien. Von Kalabrien gieng er nach Rom/ wo er die „Tochter eines wohlhabenden Kupftrschmides heuratyetc. „Seither kam er unter dem Namen eines Markis pel- „ legrini nach Neapel. Marano entdeckte ihn. AufBe« „fehl des Präsidenten Airoldi wurde er arretiert / und „auf Empfehlung des Prinzen Pictra Pcrsia erhielt er seine Befreyung / jedoch unter der Bedingung / daß er ") S. deutsch gemeinnütziges Magazin, Ersten Jahrgangs IVlcs Vierteljahr, XX, Nr». 4 , s- zrz. „in Zeit von 24 Stunden das Land räumen sollte. Er „schiffte sich Mit seiner Frau nach Malra ein. Nur we- „ nige Tage blieb er auf Malta. Mit seiner Frau kehrte „ er nach Italien zurück.'' Das hübsche Paar suchte nun auf eine» glänzenden Schauplatz zu tretten. Damals hielten sich in Rom viele Engländer auf. Die vorgebliche Gräfin bezog von einigen derselben über zoso Guinecn. Bald darauf begaben sie sich nach Deutschland, und besuchten in Hollftein einen andern Bctricgcr, den berüchtigten Grafen von St. Germain. Dieser weihte sie in seine» Geheimnissen ei». Von Hollstein wendeten sie sich nach Curland, wo sie ziemliche Zeit die Familie der Gräfin von Meden durch Taschenspielerkünste und gcheimnißreiche Deklamationen bethörten, bis endlich diese letztere Dame das B'lcndwerk entdeckte. *) Von Mietau kam Caglivstro nach Petersburg. Hier spielte er den Arzt, und affektierte mit seltener Uneigcnnützigkeit hohe orientalische Weisheit. Seine Frau war zwanzig Jahre alt, gab sich aber für vierzigjährig aus. Unter der Hand streute sie aus, daß ihr Mann das Geheimniß besitze, die Schönheit zu erneuern und das Alter zu verjüngern. Haufenweise zog man in der Stille den Wunderthäter zu Rathe. Von allen Seiten flogen ihm Reichthümer zu. Die Damen wurden nicht schöner, ihre Liebhaber behaupteten es aber, und Cagliostrv's Mittel waren probat. Seine Frau blieb mittlerweile nicht müssig. Ein gewisser Prinz wurde von ihren Reizen be- zaudert, und machte ihr grosse Geschenke. Plötzlich verschwanden sie von Petersburg. Caglivstro hatte die Cur einesKindcs übernommen, das die Aerzte ausgegeben hatten, und das er, um es besser zu besorgen, in sein Haus bringen ließ. Er hielt Wort, und schickte am achten Tage das Kind gesund zurück. Man entdeckte aber, daß es ein *) Man sehr die Schrift der Gräfin von der Recke, geb- von Mcdem. ;84 ein untergeschobenes Kind sey. Den Leichnam des todten Kindes hatte er verbrennt, und er entschuldigte sich damit, daß er einen Versuch über Palingenesie hätte anstellen wollen: Auf Befehl der Käyscrin verließ er nun Rußland. Einige Zeit lebte er hierauf in Warschau. *) Da es ihm hier nicht gelingen wollte, so wendete er sich nach Straßburg. Das blendende seiner Beredsamkeit, der Anschein seiner verborgenen Weisheit, das geheiinnißreiche in seinem ganzen Betragen erwarben ihm grosse Bewunderung, und der Cardinal von Rohair verehrte ihn als einen Magien Wie alt wohl der Wündermann seyn mag? — Auf die Frage antwortete Cagliostro's Bedienter: dieß weiß ich nicht; erst seit 150 Jahren steh ich bey dem Herren in Diensten. Der Herr selbst wahr ehemals als Augenzeuge bey der Hochzeit zu Cana in Galiläa. Nun issar es Zeit, unter dct Ankündigung des Cardinals von Rohan , den magischen Schauplaz in Paris zu eröffnen. In seiner Hauptstadt erschien Cagliostro als Wiederherstellet der ägyptischen Frcymaurcrey und als Priester der Isis und des Anubis. Wie erstaunten nicht seine Anhänger und Jünger, als er ihnen das Geheimniß anvertraute , die Todten aus ihren perwesungshöhlen zurück zu rufen.' Während daß Cagliostro die Todten znin nächtlichen Gastmaie der Lebenden einlud, veranstaltete seine Frau ein anderes Spiclwerk. **) Unter folgenden Bedingungen versprach sie fürwitzigen Damen die Weihe: Es sollten nämlich ;6 Adeptinnen seyn, jede davon >00 Louis bezahlen, und alles genau beobachten, was sie ihnen während der Einweihung vorschreiben würde. Den 7. August 178; gicng der Spaß vor sich. Die Adeptinnen waren iu einfacher ') S. Cagliostro in Warschau, oder Tagebuch über desselben magische Operationen im I. > 78 o. *') G- Politische- Journal von Hamburg 17»;- einfacher Kleidung, und hatten allen ihren Putz vor dcni Eintritt in das Allerhciligste ablegen müssen. Madame Caglwstro saß auf einem erhöhcten Throne, regierte die Genien sprach zu den Weihenden hohe mysteriöse Weisheit, - ließ sie verschiedene fcycrliche Grimassen machen, und endlich entkleiden. In besondern Zimmern vertheilt, wurden sie auf Gefahr ihrer Unschuld und Ehre versucht, und sie triumphierten über jede Versuchung. Endlich nahte der Ausgang. Jede Adcptinn kehrte zur Tafel zurück. Auf einmal erschienen Genien der Wahrheit. Nach einiger Zeit ward ihnen die Maske abgenommen, und die Adep- tinncn sahn zu ihrem Erstaunen ihre Liebhaber. Die Priestern; Lagliostro raisonnierte ein langes und ein breites über die so genannte Gleichheit, und schloß damit, daß es gar nichts ausserordentliches wäre, ;6 Männer und Frauen bey einander zu sehn, und daß Cagliostro die Ungleichheiten der Gesellschaft durch seine Magie aufheben könnte. Die Gräfin entfernte fich darauf ein halbes Stünd- cheu mit ihrem Genie d'Oisemont. Bey ihrer Rückkunft ins Zimmer legte sie das Resultat ihrer ägyptischen Geheimnisse, mit folgenden Worten vor: ,, Studiert 20 Jah- „ rc, denkt wie Locke, raisonniert wie Baylc, schreibt wie „ Rousseau, euer ganzes Wissen wird Euch am Ende i, nichts anders sagen , als daß das Vergnügen das Wett sentliche in der Welt sey. " Unter andern Zaubcrstreichen des .Lagliostro erwähnen wir nur noch desjenigen, der ihn in die Bastille stürzte: *) Im April 178? hatte der Kardinal von Rohan die Gräfin de la Motte beredet, daß sie sich bey dem Wunderthäter um ein geheimes Verhör anmelden sollte. Auf Cagliostrcks Befehl stellte thm die Gräfin ein junges Mädchen, das Fräulein de la Tsur, in dem Saal des _ _ Card inals S. das Memsire Lcs Dotllot. Wenig befriedigend ist Lllytters Widerlegung desselben. ;86 Kardinals vor. Zwanzig Wachslcuchter schimmerten in diesem Saale. Vor dem Bethe stand ein Schirm; vor dem Schirm eine Tafel; auf der Tafel standen noch andere Leuchter, gcrcihet in geheimnisreiche Figuren, nebst einer Glasflafche von sehr Hellem Wasser; Cagliostro zog den Degen, setzte ihn auf das Haupi des kniccndcn Kinds und begann mit demselben eine Unterredung, die es vorher bey ihm hinter dem Schirm auswendig gelernt hatte- Das Mädchen fing an : Ich befehle Dir, Cagliostro, im Namen Michaels und des grossen Cvnfc, daß du mich Alles sehen lassest, was ich verlange. Cagliostro erwiderte: Kleine, was siehst du? — Nichts-Schlag mit dem Fusse, was siehst du? — Nichts. Schlag stark: Siehst du nicht eine grosse Frau in weissem Gewände ? Kennst du die Königin? — O ja, ich sehe die Königin. — Kehr dich rechter Hand; siehst du nicht einen Engel von sehr schöner Bildung? Umarm ihn! - Die Fratz von la Motte, und ohne Zweifel auch der Kardinal hörten das Rauschen der Küsse. — Schau nun am Ende meines Degens über hin, siehst du mich nicht mit Gott reden? Ich schwebe zum Himmel empor. Siehst du's ? — Nein. - Nun, so schlag mit dem Fuß, und sprich: Ich befehle dir im Na, mcn des grossen Confe und bey St Michael, u. s. w. — Siehst du, siehst du die Königin? — Ja, ich seh sie. — Nach vollendeter Ceremonie gestand die junge de la Tour der Frau von la Motte, daß sie die ganze Lection hinter dem Schirm auswendig gelernt hätte. * *) Nichts desto weniger läugnete das Mädchen nicht, daß es bey der Bewegung der Wasserflasche ( ohne Zweifel durch optische Täuschung) wirklich die Königin gesehen habe. - Sie sehn, rief der Kardinal voll Erstaunen, daß dieser grosse Mann alles vermag: allein wenn Sie, meine Freundin, seine Mysterien verrathen, so bedenken Sie, daß er eben so mächtig ' _ ist, *) Aehnlichc Scenen spielte vormals Cagliostro in LurlanL lind in der Schweiz» ; 8 ? ist, Ihnen zu schaden als Ihnen nützlich zu werden. So wurde nun die Frau von la Motte eingeweiht und beeidigt. Im Namen der Königin wurde ein kostbarer Halsschmuck von Demanten eingekauft. Cagliostro zerstückle den Halsschmuck, und gab die Edelgestcine der Frau von la Motte zu Handen ihres Gemahls, der fie in England losschlagen sollte. Der Mißbrauch des Namens der Königin wuroe entdeckt, und so wohl der Kardinal und die Frau la Motte als Cagliostro gericthen in das Gefängniß der Bastillc. Durch Arotcction giengen Cagliostro und der Kardinal frey aus, allein die Frau la Motte wurde öffentlich geschändet und zu ewigem Kerker vcrurthcilt, aus dem sie sich aber hernach losriß. Cagliostro begab sich nach England, suchte daselbst die gleiche Zaubcrrollc zu spielen, wurde von Mo- randier in seinen Betrügereycn enthüllt, wendete sich wieder nach Deutschland, fand Anhänger in derSchrveiz, verbarg sich endlich in den Gebirgen von piemont. Selbst Männer von Geist und Gelehrsamkeit, die aber theils durch Weiberchcn, theils durch lebhafte Imagination , theils durch Zwcifelsucht irre geführt wurden, erniedrigten sich zu Sachwaltern des Aberglaubens und der Schwärmcrcy. Die neuesten Nachrichten von Cagliostro liest man in dem Journale von und für Dcutfchlaiid. Aus dem 12'.'» Stücke des V-l« Jahrganges liefern wir im Auszuge ein Schreiben vom December 1788: „ Cagliostro kam nach » Roveredo. Cagliostro! — hieß es auf allen Gassen und »Strassen von einem Ende Tyrols bis zum andern. »Männer und Weiber aus allen Ständen und aus allen „benachbarten Gegenden kamen, aber freylich aus ver- »schiedcnen Absichten, den Wundermann zu fehen. Der „ Vormittag gehörte den Kranke»; der Abend den Vor, „ witzigen. Ich wa. unter den letzter». Madame Cag- »liostro saß auf dem Sopha, Älanlieur ls Lomre, stand Bb « „auf )88 ,> auf deß Seite, oder in der Mitte, und rund umher „fassen, standen die Besuchenden. — — Ich hörte „den Grafen die größten Sottifcn, die unverschämtesten „Lügen und unerträgliches Eigenlob nach einander her- „ sagen, und ich sah zugleich, daß dieses alles viele seiner „ Enthusiasten noch mehr für ihn einnahm, ich sah so gar, „daß es sehr unklug, sehr gefährlich würde gewesen seyn, „manchen aus diesen nur in etwas aufmerksamer ma- „chcn zu wollen. Und er siegt, mag er auch nur der „flachste Menschenkenner seyn , mag er auch nur die gc- „ mctnstcn Kunstgriffe gebrauchen, mag es ihm auch an „wahren Kenntnissen, an Feinheit, an Welt, an äusser. „ lichcn Vorzügen noch so sehr fehlen. Der Kranke' sucht „ an ihm seinen Aesculap, der Maurer seinen grossen „ Meister, der Alchymist seinen Paraccls, und das alte „ Mädchen den Erneuerer verlohrncr Jugend und Schön- „ heit. Er war noch mehr als das; er durfte nur sagen: „Durch seinen Brief aus London habe er in Frankreich „ das Ministerium gestürzt, seinen Freund Necker wieder „ erhoben, dem König die Augen geöffnet , die bercre8 äs „cacbet in ihrer ganzen Häßlichkeit dargestellt, und taute „Stimmen für das Wohl einer unterdrückten und dar- „ benden Nation hervorgerufen; mag auch dieser Brief „nur aus einigen lange bekannten lleux communs beste« „hcn , mag er auch erst nach erfolgtcr Revolution ge- „ druckt worden seyn — und auch der Cosmopoltt schlägt „sich zu den Bewunderern, nennt ihn den Menschenfreund, „den Staatsmann , den Königslchrer, den größten der „ Menschen. Ist er doch so gar Beherrscher der Natur „selbst! Er erzählte unter andern auch, daß er durch „Anstiftungen seines Feindes Calonne in London mit einem „ andern in einen Rechtsstreit verwickelt worden sey. Geg- „ncr und ihre Rechtsfreunde erschienen in dem grossen „Saale vor den Richtern, taufende von Zuhörern dran- gen herzu: Die Klage wurde angefangen > und Lügen i, über Lügen wurden über Eagliostro vorgebrachtnun „ konnte es der Gerechte nicht mehr aushalten; er sprang „auf einen Sitz, hieß seinen Gegner schweigen, rief laut „die göttliche Vorsicht an, damit sie Zeuge seiner Unschuld „ werde , und den Lügner .öffentlich strafe — und siehe! „und staune! — Der Gegner fallt in einem Augenblicke „ todt zur Erde nieder. Hätten Sie nicht gezittert bey „ dieser Erzählung? Alles schwieg, bis der Thaumaturg „ wieder eine neue Erzählung anfieng, nachdem er sich „ eine Weile'an den langen staunenden Gesichtern der einen „labte, und an den Gesichtern der übrigen, aus welchen „ theils Unwillen, theils Lust zu lachen, theils Mitleiden „ hervorblickten, sich ärgerte. Alle ertheilten ihm schon „beym Eintritte die größten Lobsprüche, einige im Ernste, „ andere nur, um aus ihm zu locken, und deswegen „ glaubte er sich schon berechtigt, erstaunliche Dinge von „sich zu sagen, und war schon sicher, man würde ihm „auch das Ungläublichstc für wahr annehmen; widcr- „ sprach ihm doch niemand; nur ein einziges Mal ge. „ schal) dieses, und hier gcrieth er auch in die sichtbarste „Verlegenheit. Es war die Rede von seinem Aufenthalt „ in der Schweiz, da, wo er sich ein prächtiges Land, „gut ankaufte, wo man ihm so viele Ehre erwies, und „wo , wie er sagte, die Excellentes von Bern die „tinencs hatten, ihm ein äiner zu geben, das einige „ Stunden dauerte. Er erzählte dann, daß er, nun we, „niqstens mit einem kleinen Theil seiner Kenntnisse dem „Menschengeschlechte nützlich und seinen Freunden dank« „ bar zu seyn, den Schweizern vorgeschlagen habe, daS „ viele Gold, Silber und Edelstein, welche unter den „Eisbergen verborgen liegen müßten, aufzusuchen, und, „ um die Eisberge wegzubringen, sie mit Essig und Nitrum „zu beschiessen, wo sie,dann ganz zerschmelzen, und die „ Schätze der Erde offen lassen würben. Hier rissen seine „Verehrer Augen, Mund und Ohren auf, und beklagter» „die „die Thorheit der Excellenzen von Bern nicht wenig, daß „sie einen so nützlichen Vorschlag nicht annahmen , fon- „dern ihm riechen, sich nur mit Heilkunde abzugeben. „ Nun einer unterbrach die lange Pause, und siegte dem „ grossen Manne in aller Demuth: ihn nehme es nicht „ Wunder, daß die Schweizer seinen Vorschlag nicht aus- „ führen wollten , weil sie gefürchtet haben müssen, durch „ die Zerschmclzung der Eisberge möchte die ganze Schweiz „überschwemmt werden. Diesen Zweifel erwartete der „grosse Mann'nicht, legte den Kopf an dem Stuhle zu, „rück, wendete ihn hin und her, und brachte lange nichts „ als ein verdrüßliches non, non, non hervor, gleichsam „ als wollte er das zerschmelzende Eis bitten, ihm diesen „Streich nicht zu spielen. Endlich glaubte er dadurch „ wieder alles gut zu machen, daß er versicherte, die „ Schweiz habe so viele Seen, Flüsse und auch unter- „ irdische Canäle, in welchen sich das Eiswasser sogleich „vertheilen würde. Als ihm aber dieser geantwortet hatte, „ daß er die Schweiz sehr wohl kenne, und daß alle diese „ Seen und Canäle für einen so grossen, so qähen und „hohen Wasscrsturz wenig nützen würden, wußte er sich ^ nicht mehr zu helfen, rief ein lautes »K non, aus, „ und sicng an, von seinen Kranken zu sprechen_Das „ Verbot, das ihm von Wien kam, sich mit Kranken „nicht mehr abzugeben , diente ihm zur Entschuldigung, „daß er sie nicht zur vollkommenen Genesung gebracht „habe. Ein sehr vernünftiger Mann aus Roveredo ließ „mir noch vor der Abreise des Cagliostro schreiben : Lgroü „kurxunt: -LZroü. Desto mehr erzählte uns Cagliostro von „seinen Kuren, die er anderswo wollte verrichtet haben. ,, Geld soll er von seinen Kranken nicht angenommen haben. „ Aber wie ftehts mit ftinem Reichthum ? Er lebte sehr » klein; Madame war sehr schlecht angezogen ; er selbst »sagte: seitdem er in der Bastille bcstohlcn worden, nicht „nur an Geld, sondern auch an erstaunlich kostbaren „ Schriften »Schriften bcstohlen worden, könne er so groß nicht „mehr leben, wie er in Paris gelebt habe. Er spielt sehr „ gern mit seinen Brillantringen, und Madame zeigt mit „vieler Zudringlichkeit eine schöne, mit Brillanten besetzte, „ mit ihrem Portraits gezierte Tabaticrc; (etwas, was „Leute, die das alles leicht haben können, nicht gerne „thun.) — Soll ich Ihnen zum Beweise seiner groben „ Charlatancrie und der Leichtgläubigkeit seiner Verehrer „ noch alles das schreiben, was er uns in einem Athem „ fort mit lauter und äusserst unangenehmer Stimme und „ in einem eben so elenden französischen als wälschen äargon „ von seinen Abenthcuern in Frankreich, von seinen Gesprächen mit der La-Mötte beym Verhör in der Bastille, „ von seinem glorreichen Auszug aus dem Gefängnisse, wie „ das Volk die Pferde ausspannte, und selbst den Wagen „zog, wie ihn alle 0uo8 L krincss besuchten, beweinten, „ und bey seinem Triumphe beklatschten; welches Auf- „ sehn seine Alsmolres machten; wie die.ganze Halsdands- „ gcschichte dem Minister Breteuil, der mit der La-Motte „in geheim einverstanden war, zum Mittel dienen mußte, „das Haus von Rohan zu stürzen; wie er, Cagliostro, „ als Freund dieses Hauses mit verflochten worden ; wie „ er wegen seines Kopfes und Credits zu furchtbar, zu „gefährlich geschienen? u.s.w. — AIs er von Wien den „ Befehl bekam, sich mit Heilung der Kranken nicht mehr „abzugeben, ausser er liesse sich von dem CollegioMcdico „ prüfen und approbieren, so fand er sich gar sehr belei« „ digct, und faßte augenblicklich den Entschluß abzureisen; „ er kam nach Tricnt, führte da sein Geschäft fort, versicherte „ zwar, daß er nicht lange da bleiben würde, weil kleine „Städte nicht für grosse Männer gemacht sind, schenkt »aber doch dieser kleinen Stadt, wie ich glaube, noch „ immer seine beglückende Gegenwart. Welt! Vielleicht „ leistet er dir in Geheim noch einen andern grossen Dienst. ,, Von Lyon aus will er dir Heil bringen; von da aus „sollen „ sollen durch ihn den hochwürbigsten Bevollmächtigten auch „ in unserm lieben Deutschlande gewisse Anstalten gegründet werden, die jenes Heil zur Erfüllung bringen, tzm ,, kabst aures aulliencli, auäiat. —--—- - Das ist NUN »der Mann, den ich kennen lernte, und mit ihm lernte ich „noch manches kennen, was ich vorher nie so gut, so „ deutlich einsah. Ich seh es nun, wie sehr leicht es ist, „Menschen zu bethören, und im Gegentheile, wie schwer „ es ist, sie weiser zu machen. Ein Weiser, der die Men- „schcn ändern will, beleidigt ihre Trägheit, Gewohnheit, „ihren Stolz und ihr Interesse: Der Betrüger hingegen „nimmtjeden, wie er ist, schmeichelt seinen Leidcnschaf- „ten, und will, was er selbst'svill.' Ist er einmal Herr „geworden, hat er ihm seine Seele gleichsam gestohlen, „dqnn kann er ihm unvermerkt alles nehmen und geben, „und so ist schon mancher, der nur ein frommer Schwär- „mer war, später ein Bösewicht geworden. Ich glaube, „Cagliostro wird noch manchen bethören, aber er wird „ auch von manchen nicht wenig belauscht wertzen; seine „Unvorsichtigkeit wird ihn gefangen geben; sein Glück „aufhören; sein größter Schade mag vielleicht seyn, daß „er zu berühmt geworden ist; ich wette darauf, es wird „hie Zeit kommen, wo er mit Schande beladen seine „Rolle ausspielen wird. Scheint er doch nicht mehr zu ,, wissen, auf welchem Winkel der Erde er sich mit Wer „ Glorie niederlassen könne!" XRvr. XXVI. Thierischer Magnetismus Vorn Jahr 1777 bis 1778. XXVII. Swedenborg und Ziehen. XXVIII. Erdbeben in Sicilien und Neapel tm Jahr 1784. kAMs? (ik''»r tNj j'-i H >V XXVI. Thierischer Magnetismus vom Jahr 1777 bis 1787. eckelhaft wäre nicht die Hcrzählung so vieler andern abergläubischer Farcen, wie z. B. Gaßncrs fromme Wunderkurcn, Schwcdendergs Gesichter und Erscheinungen, Elias Artist« geheimnisreiche Cabbala, Schlett- rvyns Licbcsformcn und Schwingungen, des Grafen von TH* Gablidone und Maffon, die Mystificationen und Geisterbeschwörungen zu Berlin, u. s. w. Nur auf die Geheimnisse des Magnetismus und Somnambulismus schränken wir uns ein: Im I. >777 errichtete Mesmer, ein Doctor von Wien, sein Magnetisches Bacquet in Paris. Der Lbcrthcil dieses Behälters ist mit einer Menge Löcher durchbohrt, aus welchen eiserne Stangen ausgeh», welche die geheime magnetische Kraft auf die Kranken leiten. Jeder hält eine solche Stange, die mit Hilfe eines Gelenkes gerade auf den leidenden Theil geht; ein um die Lenden geschlungenes Seil verbindet sie alle, und jeder hält seinen Daumen zwischen dem Daumen und Zeigefinger des Nachbars. Um sie herum gehn die Priester des Magnetismus, mit eiserne« Stäben in der Hand, und sie magnetisieren die Patienten durch folgende Manövres: Bald richten sie den Finger oder den eisernen Stab auf das Gesicht, über oder hinter dem Kopf und auf die kranken Theile; bald sehn sie die Kranken mit starrem Blick an; bald berühren sie die magnetischen Pole des menschlichen Körpers, daß heißt sie kitzeln die empfindlichsten Stellen des Leibes. Die einen von den Patienten empfinden Schmerzen und Erhitzung; andere fallen in d e heftigsten Konvulsionen; andere gerathen in Ohnmacht; nur ;y6 nur wenige (minder ncrvensiech und ungläubig) bleiben » unbewegt. Unter manchen (wollüstigern) entstehn geheime Sympathien, und sie schmelzen einer dem andern entgegen. Die Kraft des Magnetistcn wird durch die Kraft seines Willen, so wie die Empfindung des Magnetisicrten dtzrch die Kraft seines Glaubens und Zutrauns vergrößert. *) Einst gieng Mesmer auf einem Landguthc bey OrlcanS im Walde spatzicren. Zwey lose Mädchen verliessen die Gesellschaft und liessen ihm nach, Er fieng an zu fliehn, aber bald kehrte er um, und hielt ihnen einen Stock vor- In dem Augenblicke knickten ihnen die Knie zusammen, und es war ihnen unmöglich, weiter zu gehn. Den Mär; 178? setzte der König von Frankreich zur Untersuchung des animalischen Magnetismus eine mcdieinische Kommission nieder, und diese Kommission erklärte ihn für eine Chimäre. Nichts destowcnigcr vermehrten sich die Anhänger desselben. Per Markis von püysegür erhöhte den Magnetismus bis zum Somnambulismup. Durch magnetische Berührung oder nur durch sanftes Dcstrcichen und Umschweben wiegte er die Patienten in Schlaf, in welchem sich ihnen, bey verschlossenen äußern Sinnen, neue innere, höhere ahnungsrciche Aussichten öffneten, so daß sie das Unsichtbare sahn, und Geheim, nisse entdekten. Noch weiter gieizgen Püysegürs Schüler. In ihre Zelle eingesperrt, wirkten sie vermittelst magnetischer Glaubens- und Willenskraft selbst in äilchr>§ und sahn mitten durch Wände und Mauren. **) ") S. WiclandS Mercur. Oclober 1784. G. 8^. _ * *) S. Bekmanns Archiv füc Magnetismus und Somnambulismus , wie auch magnetisches Magazin sür Niederdeutsch- land pli) Berliner Monatschrift 8787 und Januar 88» XXVII. XXVII. Swedenborg und Ziehen. ^>icsen beyden Männern spricht man weder Gelehrsamkeit Noch Rechcschaffenhcit ab, aber theils durch allzuhohcs Selbst? gcfühl, theils durch überspannte Gcistesanstrcngung verfie. len sie auf die ausschweifendesten Grillen, womit sie sich selbst, und andere blendeten. Lnranuel Swedenborg beschäftigte sich von Jugend auf mit Naturlchre und Mcßkunst, erwarb sich durch seine mineralische Schriften begründeten Nachruhm, wurde wegen seiner Verdienste geadelt. Dieser Mann, ein Mit* glied der Akademie zu Stockholm, der ein ansehnliches Vermögen besaß, und auf weitläuftigen Reisen einen Schatz von Welt - und Menschcnkenntniß gesammelt hatte, legte zu jedermanns Erstaunen im J. 1747 seine Bedienungen nieder. Und was bewog ihn? „ Er glaubte sich zu einem hei- „ ligen Amte von dem Herrn selbst berufen, der sich ihm „ im I. 174; auf eine überaus gnadenvolle Weise persohu- „ lieh gcoffenbarct, ihm die bleibende Aussicht in die geistige „Welt eröffnet, und mit Geistern und Engeln zu reden „ verstattet hatte. Ich habe, schreibt er, mit Paulo ein „ganzes Jahr geredet, auch von dem, was er Nöm. III. „ 28 gesagt hat. Ich habe dreymal Mit Johannes gc,pro- „ chcn, einmal mit Mosc, und hundertmal mit Luther, „ welcher eingestand, daß er wider die Warnung eine- „ Engels riäcm lnlrim oder den Glauben allein angenom- „ men hätte, und zwar einzig und allein wegen der Trcn- „ nung von den Papisten." Hierüber verweisen wir auf Swedenborgs zahlreiche Schriften, welche in verschiedene Sprachen übersetzt, zu wiederholtenmalen aufgelegt und kom- kommentiert worden sind , vornehmlich auch verweisen wir auf seine authentischen Briefe, betreffend einige Nachrichten von Swedenborgs Leben und Schriften, die im I. 1772 ins Deutsche übersetzt und dem würtcnbecgschen Prälaten Geringer zugeeignet sind. Nur folgender Aneedoten erwähnen wir noch: Eine Wittwe zu Stockholm ward von einem Gläubiger gedrängt. Auf ihre Bitte befragte Swedenborg den Geist des verstorbenen Mannes und und von diesem erhielt er die Anweisung, wo die Quitan; des Gläubigers aufbewahrt sey. — Als er einst von einer Reise nach Schweden zurükgckommcn war, versicherte x er in Gothcnburg, daß zu Stockholm gerade itzt eine '' Feucrsbrunst wäre. Drey Tage hernach erhielt man die Bestätigung seiner Versicherung. — Eine grosse Fürstin gab ihm auf, ihren verstorbenen Gemahl um etwas zu befragen, wovon ausser diesem sonst niemand gewußt ha. den sollte. Die Antwort war von der Art, daß die Fürstin darüber in's äusserste Erstaunen gerieth. — Bey Swedenborgs sonst gepriesener Ehrlichkeit enthält man sich schwerlich des Argwohns, daß er sich vielleicht zuweilen eines frommen Betruges schuldig gemacht habe. Auch nach seinem Hinschied dauerte besonders in Schweden und England der Glaube an seine Zaubcrcyen und Geheim, nissc fort. Im I. l?8z errichtete man in London eine fwcdenborgisch - theologische Gesellschaft. Die Mitglieder bestehn aus zwo Klassen: Subscribentcn und Eigenthümer. Die letztem haben ansehnliche Summen zusammen geschossen. Die Gesellschaft hat eine eigene Buch- druckercy, und sie arbeitet sehr daran, alle Werke Swedenborgs zu übersetzen und seine hinterlassenen Handschriften zu drucken. In Stockholm ist eine ähnliche Gesellschaft, die sich die Exegetische und Philamhropi. sche nennt- Wenr. * ) S. Berliner Monatschrift »78;. Sept- s. 2 L 7 und >788. Jänner, s. s- Weniger Anhänger als Swedenborg, fand ein anderer Träumer, der Suprintendcnt Ziehen zu Zcllersfeld : allein er sprach seine Weissagungen auch zu bestimmt aus, und sehr bald wurde ihr Ungrund offenbar. In den h. Büchern glaubte er geheimnißrciche Hieroglyphen zu sehen. Auch mit der Chemie beschäftigte er sich, und aus der Stellung des Sterns Capella verkündigte er im I. 178» einen Erdbruch, durch welchen auf Ostern 1786 Mähren von Oesterreich und Tyrol, Böhmen von Bayern, die Alpen von Deutschland, Frankreich und die Niederlande^ von Deutschland u. s. w. getrennt werden sollten; überdieß noch bedrohte er die Meerenge zwischen Frankreich und England mit gänzlicher Vertrocknung. Bey seinen Pro- phczcyungen berufte er sich auf eine gewisse gehcimnißrei- che Lhevilla, (Cadballa, Sybilla,) entweder ein Buch, oder wahrscheinlicher eine allegorische und hieroglyphische Auslcgungsart der h. Schriften. Glücklicher Weise widerlegten den Träumer nicht nur ein Prevost und Lichtcn- berg, sondern auch die Alpen selbst, die noch immer un- vcrrückt stehn, und der Kanal, in welchem die Flotten noch nicht auf den Grund sinken. Daß übrigens Ziehen ein Mann von erfinderischem Kopfe und von nicht gemeinen Kenntnissen gewesen, beweisen seine hinterlassenen Schriften. *) * - S. Berliner Monatschrift December -rrz, und März rrrs» XXVIII XXVIII. Erdbeben i n Sicili en und Neapel im Jahr 178;, -^ett Vk" Fcbt. 178;. Abends um 7 Uhr zog sich itt dm Gegenden von Meffma und 2 seggio von Osten gegen Westen ein entsetzliches Erdbeben, anfangs mit er« schüttcrndcr / und alsdann mit wellcnmässigcr Bewegung, begleitet mir dem schrecklichsten Donnerwetter und mit wüthendem Sturme zu Land und zur See. Die stürzen, den heftigen Stösse dauerten sechs Minuten lang. Aber schon am Mittage vorher hatte man zu Messina Erder-- schüttcrungen bemerkt. Schon damals verliessen viele Einwohner die Stadt, kamen aber gegen Abend, da man die Gefahr verschwunden glaubte, wieder zurück. Mit dem,-Abends neu einbrechenden, Erdbeben und Sturme fielen unter unaufhörlichem Donner und Blitze schwere Wolkenbrüche, welche die Gegend in ägyptische Finsternisse verhüllten. In wenigen Minuten war die Zerstörung allgemein. Meffma war nicht mehr. Von dieser grossen Stadt, welche fünf Meilen in ihrem Umkraise hatte, deren Palläste und Thürme das erhabenste Theater formierten , diessn ihrem Schoösse die kostbarsten Dcnkmaale der ältern und neuern Kunst, die Schätze des Handels und der Fruchtbarkeit von Sieilicn, die angesehensten und reichste» Familien besaß , von ihr war nach jenen sechs Minuten nichts mehr vorhanden, als ein Theil der Citadelle , das Kapuzinerklostcr und drey kleine Häuser, Was Was das Erdbeben stehn ließ, verwüstete däs Feuer ünd' das Wasser, und an verschiedenen Orten trat daS Meer aus. Viele tausend Menschen wurden unter dem Schütte vergraben. Nicht allein Mcssina, sondern auch das jenseitige Süd - Ralabricn wurde von diesem Erdbeben verschlungen. Von Städten und Dörfc-n, welche diese Provinz enthalt, wurden i;o davon gänzlich zerstört, und die übrigen grosscntheils verwüsten Regglo, der Sitz der erzbischöffüchen und königlichen Verwaltung, gieng völlig zu Grunde. Bagnctta, Seminara/ Sqnillace, Gerace, u. m. a. versanken. Zu Gcrace wurde die Fürstin Grimaldi unter dem Schütte der Stadt mit dem größten Theile der Einwohner, zu Sguillacc der Fürst-vvn Squil- lace mit 2700 seiner Unterthanen begraben. Zu Palme rntflvhn von Menschen nur gegen 60 dem Tode j zu Gerace von 6oov nur 47. Der Mittelpunkt des Erdbebens in Rataiwien war in dem appcninischcn Gebirge, in dem Berg Cau- lone. Die Strecke, durch die sich der Greuel der Verwüstung verbreitete, hatte 70 Meilen in die Länge, und 20 in dir Breite. Ganz Niederkalabrien öfnct' Fcucr- schlünde, und war wie zerrissen. Viele Berge borsten; andere änderten ihre Gestalt. In Allem gicngen bey 7000» Menschen zu Grunde. Die übrig geblicbncn drückte Hunger , Mangel und Elend. Nach der entsetzlichen Erder- schüttcrnng am Februar daureke das Erdbeben an den Küsten mit wiederholten Stössen noch mehrere Tage^ Es mangelte nicht allein an Brodte, sondern auch an Wasser , da der Lauf der Flüsse fleh ganz veränderte, und viele derselben vertrockneten. Unermeßlich war der Verlust an den untergegangenen Handelsmagazinen und andern Schätzen. Der König ernennte eine Kommission/ «m den verunglückten Oertern Rath und Beyhilft zu geben. * Zur nämlichen Zeit, als Kalabrien erschüttert würde, ereigneten sich auch in andern Ländern solche fürchterliche Naturerscheinungen. Zu Comorn in Ungarn verspürte man den i2 May einige schwache, den ;r May aber sehr heftige Erdcrschütterungen; schänden i; April hatten solche Erschütterungen auch die Stadt Lissabon in Schrecken gesetzt, und in der Mitte dieses Monats beunruhigten sie die ganze afrikanische Rüste, besonders Tunis. Schon wieder im Frühjahr 1789 erschütterten neue Erdbeben das unglückliche Kalabrien. XXIX. XXIX. L». HorLa h , Aufrührer in Siebenbürgen , im Jahr 1784- XXX. Warren HastLngs vom Jahr 1782 bis 1788. 4 »; XXIX. Horiah, Aufrührer in Siebenbürgen,^), im Jahr 1784. ein moderner siebenbürgischer Münzer, hatte im Sommer 1784 zu Wien für den Flecken Brad in dem zarandischcn Kräise das Marktrecht gesucht. Er war nicht unbekannt mit der deutschen Sprache und mit den besten Büchern in dieser Sprache. Sein einnehmendes Aussetzn verschafte ihm Audienz bey dem Kayser. Bey dieser Gelegenheit beschwerte er sich über den Druck des sicbenbür« gischen Adels, und der Monarch entließ ihn lyit günstigen Versprechungen. Nach seiner Zurückkauft von Wien erschien er den r8 October in Brad. Haufenweise versam. meltcn sich daselbst auf dem neuenJahrmarkte die Wallachen. Horiah traf mit ihnen die Abrede, daß sie sich in Zeit pon drey Tagen bey dem Dorfe Matasken auf dem Felde einsinden sollte»/ woselbst er ihnen im Namen des Kaysers wichtige Dinge vortragen werde. Bey einigen Hunderten kamen sie auf dem Felde zusammen. Horiah eröffnete ihnen seinen Anschlag zur Vertilgung des Adels, und diesen Anschlag unterstützte er durch Vorweisung vorgeblicher kay, sittliche Patente» / welche aber eigentlich auf nichts ändert Stengen, als auf die Bewilligung des Marktrechts. Die Wallachen, die nicht lesen konnte»/ zweifelten keinen Augenblick an Horiah'S Vollmacht. Die Vollmacht bekräftigte er durch ein kupfernes Kreuz, das er am Halse trug, _ und *) S> ttn v-kenk-ur 24 December i?84 durch Steckbriefe allenthatbeu beschreiben : mittlerweile hielt er sich mit Rloska und einigen andern Kameraden in den Dickichten der Radakerwaldung verborgen. Der Obristlicutcnant Gray wußte durch seinen Jäger, einen Wallachen, sechs dieser Kameraden zu gewinnen , und sie machten Jagd auf den Horiah, und nahmen ihn mit Rloska gefangen. Den ;. Jänner 178t wurden beyde nach der VestungAarlsburg gebracht. Nach ihrer Gefangennchmung war der Aufstand von keiner Weilern Bedeutung. Die Anzahl der bey dieser Empörung eingeäscherten Dörfer beließ sich in der Hunyadergcspanschaft allein auf 62, und die Anzahl der verwüsteten Edclhöfe auf i zr. Die Menge der Ermordeten wurde auf 4000 gerechnet. Ausser den benannten beyden Anführern wurden noch s 4 » 8 noch verschiedene andere Wallachen eingezogen , und unter andern auch die, welche den Koch des Grafen von BcLh- lem lebendig mit Speck spickten. Allerdings war es ein Glück, daß Horiah so bald eingebracht worden. Der Kamm wuchs ihm mit dem Fortgange seiner Unterncm, mungcn, schon nannte er sich in seinen Dekreten R.er Dscise L Nontium, ^olepbu5 Ill,1erwr ünngsrorum, und zum triumphierenden Erfolge mangelte ihm vielleicht nichts, als auswärtiger Beystand. So wohl er als Rloskcr schielten auf dem 3!ade den Lohn ihrer Puchlosigkeit. XXX. 4 » XXX. Warren Hastings pom Jahr 1782 bis 1788. I. im Jahr 1782 in Großbritannien das Northfche Ministerium gestürzt worden war, so vereinigte sich die triumphierende Gegenparthey des Rockingham und SchcU- bürne zur Bestrafung jener raubsüchtigen briltischcn Han- dclsauffehcr und Statthalter in Indien. Zu dem Ende hin berief das Parlement den General - Gouverneur -Ha» stings aus Bengalen zurück. Schon 'mchrern Gouverneurs der Compagnie hatte man wegen ihrer Bedrückungen den Prozeß machen wollen, allein bisher niemals mit Nachdruck. Allzu sehr war Hastings an morgenländische Ehrfurchtsbezcngungen gewöhnt, allzureichlich halte er die Geldkaffen der vstindifchen Handclsdirectorn gefüllt, allzu mächtige Freunde besaß er unter den herrschenden Ministern, und selbst an dem Throne, um vor irgend einer Anklage zu zittern. Wenn Cäsar mit Kriegsherren nach Rom zurückkehrte, so kehrte Hastings mit Ostindiens ungeheuren Schätzen nach London zurück , und in unfern Zeiten sind leider Gold und Silber nicht weniger mächtig, als bewaffnete Truppen. Doch in England schienen immer noch die Gesetze die größte Macht zu behaupten. Keine Reichthümer, keine Freundschaft der Minister, selbst nicht die Gunst des Monarchen schützten Hastings vor der Schande, als Verbrecher vor das höchste Tribunal des Königreiches gezogen zu werden. Ein ganzes Jahr durch hatte sich ei n Ausschuß von Parlamentsgliedern ^ Untersuchungen beschäftigt, und nun trat dieser Ausschuß im Ramm des Unterhauses gegen Hastings förmlich als Ankläger auf. Air der Spitze der Ankläger befanden sich die feinsten Staatsmänner und gewaltigsten Redner, ein Burke, Fsx, Gheridan,u. a. m. die Hauptklagen waren folgende: Der gerichtliche Mord an einem indischen Fürsten, dem Rajah Nundocomar. Dieser Rajah hatte im J. 1774 gegen den General- Gouverneur Hastings bey der englischen Regierung von Bengalen einen Proceß angefangen. Hastings, der bey der Regierung den Vorsitz hatte, fand sich dadurch höchlich beleidigt. Die Klage wurde verworfen, und der Kläger ins Gefängniß geschleppt. Wegen einer falschen Handschrift wurde endlich dieser Rajah. Minister des Nabobs von Bengalen, ein Bramin von der vornehmsten Caste, wie der niedrigste Böscwicht aufgeknüpft. Die Akten ließ Hastings verbrennen. Diese Hinrichtung, die so sehr mit den Gesetzen und den religiösen Begriffen der Gentos stritt, setzte ganz Indostan in Bestürzung, und am Todestage des Rajah stürzten sich aus Verzweiflung viele hundert Indicr in den Fluß Ganges. Von diesem Augenblick an entstand unter den Bewohnern dieser reichen Weltgegend der unvcrtilgbarste Haß und Abscheu gegen "die Britten. Ein anderer Klagpunkt gegen Hastings war seine ungerechte Einmischung in einen Prozeß vor einem fremden Tribunale zu Patna, wo Impey den unschuldig beklagtenIndianern eine ungchcureGcldstrafe auflegt, und, bey ihrem Unvermögen, sie zu bezahlen, sie in ewigem Gefängniß hinschmachtcn ließ. Diesem Impey, Hastings Mitgenosscn, hatte der Oberst Fullarton in öffentlichem Partemcnte folgende Vorwürfe gemacht: „ Nicht „ von schändlichen Contrakten, Gelderpreffungen, gesetz- » widrigen Besoldungen, politischen und außergerichtlichen Gcwaltsmitteln red' ich; aber fragen will ich, welche „ Antwort Impey den Schaaren unglücklicher Schlacht- 2, opfer geben will, deren Geister sein Urtheil sprechen? »Opfer, s, Opfer, die man aus dem Schoosse ihrer Familien gerif- „ stn, und mehrere hundert Meilen von ihrem müttcrlt- „ chcn Lande fortgeschleppt hat, um sie in Kerker zu wer- „ fcn und zu vcrurtheilen, wegen übertrcttencr Gesetze, „ von denen sie nie gehört hatten; in einer Sprache ab- „ gefaßt, die sie nicht verstanden; und von einem Richter „ gerichtet, dem sie keinen Gehorsam schuldig waren. Das „ Blut des unglücklichen Nathanael Naylor, Bruder des „ Phowzdar odcr Obercriminairichtcrs von Dccea, der auf „ seinen Befehl erschossen wurde, schreit um Rache. Die „ Weiber eben dieses Phowzdar, die Prinzessin von Rasch „ Shafy und andere Frauen von vornehmem Range wur« „ den im Innersten ihrer Zenanas (Gynäcäen ) von den „ Bösewichtcrn genothzüchtigt, die er jenseit den Gränzen „ seiner Jurisdiction sandte. Der Tod des Richters Ca- „ zen Zader ist auf seinem Haupte, u. s. w.! " — In dem grossen Prozeß indes spielte Jmpey nur eine untergeordnete Rolle. Der Hauptgegenstand der Ankläger war Ha- stings, so wohl durch seine Ränke und Beredsamkeit als durch die Gunst des Hofes wurde die Entscheidung vo» einem Jahre zum andern verzögert. Am 17 und 20 Fcbr. 1786 brachte Burke seine Anklagen gegen Hastinge ins Unterhaus. Ein Privatmann , sagte er, der sein Vermögen an Kirchen, Hospitäler und an andere wolthätige Anstalten verwendet, thut bey weitem kein so verdienstliches Werk, als derjenige, der den Tyrannen der Justiz überliefert. Zugleich beschwerte er sich bitter darüber, das den königlichen Ministern die Regulierung der Dreyprocent-Annui« täten viel wichtiger sey, als die Bestrafung eines Mannes, der Millionen ihrer Nebenmenschen in ihren Rechten gekränkt hätte. Das indische Gebiet von Oude, fuhr er fort, ist ^zooo Quadratmeilen groß, enthält 10 Mill. Einwohner, und erträgt jährlich 8 Mill. Pf. Sterl. Und ist denn dieß ein Ländchen das man Hastings Raubsucht preis geben durfte? — Immer noch wußte Hastings seine» feinen Handek in die Länge zu ziehen. Den y May 1787 erkennte das Uytcrl^us mit i- gegen 89 Stimmen, daß der erste Klagpunkt gegen ihn vor das Oberhaus gebracht werden sollte. Am io«n wurde auf Burke's Vorschlag daS Impeachement im Unterhause völlig beschlossen, und, nach Verlesung sämmtlicher Klagcpunkee, Edmund Burke mit demselben ans Oberhaus deputiert. Auf ein von ihm mit der rechten Hand gegebenes Zeichen begleiteten ihn dorthin alle Glieder, die für das Jmpeachement gestimmt hatten. Als er vor den Schranken des Oberhauses ankam, wandte er sich fcyerlich an den Großkanzlcr: Daß er den Auftrag habe, den ehemaligen Gencralgouverneur von Bengalen, Warren HastingS Esquire, im Namen des Unterhauses von Großbritannien, wegen schwerer Verbrechen anzuklagen. Die Ucbcrrci. chung der Klagpunkte geschah am 14»» durch Burke im Oberhause, woselbst man sie sogleich vorlas. Den 21^ wurde Hastings zwar unter den Arrest des Unterhaus- Beamten, Sergeant of Arms, gesetzt, zugleich aber mel. bete Burke dem Obcrhause, daß das Unterhaus zur Auslieferung des Gefangenen an das Oberhaus bereit sey» Hierauf wurde dieser sogleich unter Arrest eines Oberhaus - Beamten gefetzt. Er erschien vor den Schranken hcs Oberhauses, woselbst er auf seine Knie niederfiel, jedoch sogleich die Erlaubniß erhielt aufzustehn, und stehend die lange Vorlesung der ihm gemachten Beschuldigungen zu hören. Auf ftine Bitte bekam er eine Abschrift davon, wie auch seine einstweilige Freyheit gegen 40,000 Pf. Stcrl. Laution, und vier Wochen zu Verfertigung seiner Apolo, gie. Da aber über vier Wochen weiter keine ParlcmentS« fitzungen waren, so verstand es sich von selbst, baß sich die Untersuchung bis zur künftigen Sitzung verzögere. Die Zwischenzeit füllten Hastings Freunde und Gegner mit Verbreitung theils ernsthafter theils spöttischer Pamphlets. Hin Werk, welches durch diese Klagsache veranlasset worden, krn, ist fünf Octavbände stark, kostet zwo Guineen und^ führt die Aufschrift r N.N sutkentic Lopv 'c >5 tke Lorre- chonäence in Inöia, ketveen rNc Lountry Powers ancl tker bloutke Lsk - Inäia Lompon/s servsnts. Auch nur bloß aus dem ostindischen Hause legte man sechs starke Foliobande Prozcßschriftcn vor. Wir übergehn fo viele Neben, fcencn und Zwischenspiele, und wenden uns zu der Hauptaction im Anfange des Jahres 1788. Es war in west- münsterhall, einem ungeheuren Saale an dem Parle- ,Mietshaus:, wo die Gerechtigkeit in ihrem höchsten Pompe hervortrat. * *) 17 . Anwesend waren alle Grossen des Reiches in ihrer» stnatorischen Schmucke ; die Königin und die königliche Familie; alle StaatShäupter, alle Häupter der Kirche, die Minister aller europäischen Reiche und Staaten; alle Brillen, die sich durch Kunst, Gelehrsamkeit und weit- herrschenden Handel auszeichneten; die vornehmsten Damen in festlichem Gewände. Es war am i; Febr. 1788, daß sich die Scene eröffnete. Der abgeordneten Kläger gegen Hastings waren zwanzig. Mit lauter Stimme verkündigte ein Wappenherold die Klage, und rief den Klägern und Zeugen. Der Großkanzlcr wendete sich gegen den Beklagten: „ Warren Hastings! Ihr steht hier vor dts» „fein Tribunal, verklagt wegen schwerer Vergchungcn. »Man gestattete Euch Bürgschaft, Sachwalter und Zeit „zur Vertheidigung. Ihr hattet ein Recht, dies zu vtr, „langen, und allen hier gegenwärtigen wäre gleiches „ Recht bewilliget worden. Die Nothwendigkeit der Sache „erforderte Aufschub, da die angeschuldigten Verbrechen „in einem entfernten Lande begangen seyn sollen. Diese „Beschuldigungen sind von den wichtigsten Beweisen unter- „stützt, und kommen von der höchsten Autorität, dem ., , Haufe *) S. Archeichvij brtttisch« Annalen Ab. 2 Hause der Gemeinen von Großbritannien. So erheblich „dieser Umstand enern Rechtshandct macht, so muß er „Euch doch nicht abhalten, eure Vertheidigung staiid- „ haft und mit Besonnenheit zu führen, in dem vcstcn „ Vertrauen, daß Ihr als brittischer Unterthan vor einem »brittischcn Tribunal völlige Gerechtigkeit zu erwarten „ habt. " Ganz kurz antwortete Hastings : „ Ich erscheine „vor diesem hohen Tribmralc voll Vertrauen auf meine „Rcchtschaffcnhett, und arft'die Gerechtigkeit meiner erhabenen Richter." — Nunmehr las.» die Sccretairs des Oberhauses die Klage, Hastings Sachwalter, Cow- per, die Vertheidigung vor. Damit wurden zwey Tage zugebracht. Der Klagpmikte waren sechs und zwanzig. Sie betrafen den Rohilla - Krieg ; die Vcrkommnissc mir dem Mogul; die Revolutionen in Bcnares; die grausame Behandlung der Prinzefstnen von Oudc; die Hinrichtung des Rajah Nundocomar ; die Geldbcstcchungen und angenommenen Geschenke; die zum Nachtheil der Compagnie geschlossenen Contrakte; die Auslieferung des Moguls an die Marattcn, den Marattenkrieg, u. a. m. Erst am dritten 'Tage trattcn die Abgeordneten des Parlcmcnts perföulich mit ihrer Anklage auf. Es waren 164, und am folgenden Tage 170 pairs gegenwärtig, die das hohe Tribunal formierten; von den Mitgliedern des Unterhauses waren an 400 zugegen. Da Burke die Anklags- rede anhub, herrschte durch die ganze ungeheure Versammlung das tiefste Stillschweigen. Der vornehme Beklagte, der dem Gebrauche Zufolge während des Prozesses bald knicen bald stehen sollte, erhielt die Erlaubniß zu sitzen. Er faß in einem Lehnst»! an einem Pulte , wo er von Zeit zu Zeit Noten zu seiner Vertheidigung niederschrieb. Burke nannte ihn das Oberhaupt aller Ruchlosen und den Urheber aller indischen Greuel. Die Aufmerksamkeit aller Nationen auf diese Scene, von der Themse bis zum Langes, begeisterte den Redner. Der brausende Strohm feiner feiner Beredsamkeit riß alles mit sich fort. Zuhörer und Richter wurden bey der Schilderung der brittischen Grau- , samkeiten in Indien bis zu Thränen gerührt; die Damen sanken in Ohnmacht; Hastings Freunde zagten, und er selbst/ der Mann, der die Rohilla's mit einem Fcderzuge vertilgte/ entfärbte sich. Burkc's Vertrag war gleichsam ' ein historisches und philosophisches Coliegium über den Zustand von Indien, mit den ausgesuchtesten Bildern der Redekunst geschmückt. Selbst die Damen, die nur gekommen waren, um sich in ihrenPrunkklcidern zu zeigen/ fanden hier ungehofte Unterhaltung. Seine drcystündige , Rede brach er bey der Periode ab , da Hastings Ver« waltung den Anfang nahm. Es wurde ihm übel, und er mußte aufhören. III. Am folgenden Tage, am viertM des Gerichts, fitzte er seine Rede fort, und kam nun zur Anklage selbst. Er ' behauptete, daß Hastings der Verderbniß der Sitten eine l gesctzmässige Form gegeben, und die Erprcssuugsklmst unter die Regeln der Arithmetik gebracht hätte. Er schilderte ein ganzes unter dem Fluch der Verheerung jam- . merndcs Land ; hülflose Menschen, der Beleidigung un« , fähig, an Pfäle gebunden, und mit Bambus - Röhren l geschlagen; er führte das schreckliche Beyspiel an, wo ein Vater und sein Kind an einander gebunden und zugleich geprügelt wurden , so daß jedes nebst seinen eigenen Streichen auch die Streiche des Andern fühlte, und im nämlichen Augenblicke gleiche Wunden an der Seele, so wie am Leibe, litt. Menschen wurden gcgeiselt, bis die Nagel von ihren Händen und Füssen abfielen ; Väter wurden gezwungen, ihre Kinder, Kinder ihre Väter zu verkaufen. Endlich beschloß Burke mit folgenden Worten : „ Hice „steh ich , und klage im Namen des hier versammelten „Unterhauses Warren Hastings unerhörter Grausam, „ ketten und namenloser Verwüstungen an; ich klage ihn .. an / an, im Name» unserer heil. Religion, die er geschän- „ det hat; ich klage ihn an, im Namen der englischen j, Staatsverfassung, die er verletzt hat; ich klage ihn an/ j,im Namen der Millionen Indianer, welche Schlacht- „opfcr seiner Naubsucht geworden ; ich klage ihn an, i,im Namen der menschlichen Natur, deren Innerstes er §, zerrissen hat. Md nun beschwör ich diesen hohen und „geheiligten Gerichtshof, diese Klagen nichts vergeblich zu „hören.", — Der Prinz von Wallte war unter den aufmerksamsten Zuhörern; immer war er mit Niedere schreiben seiner Bemerkungen beschäftigt , und nach ge- endigtcr Rede überhäufte er Burke mit Liebkosungen, IV. Nun trat Lox auf. Dieser Prozeß, sprach er, zeichnet sich vor so vielen Staatsprozessen dadurch aus, daß er nicht in der Geschwindigkeit mitten unter bürgerlichen Unruhen und durch Faktionswuth, sondern mit langsamer Vedächtlichkeit und in regelmässiger Ordnung fortgeführt worden, das, ihn im Unterhaus: nicht die herrschende , sondern die schwächere Parthey angefangen, und durch die Wahrheit triumphierend bis hicher gebracht hatte; daß hiebcy weder für das Unterhaus selbst noch für dessen bevollmächtigte Sprecher kein eigener, Vortheil statt haben kann; daß es nur darum zu thun ist, der Welt ein Beyspiel zu geben, daß die brittische Gerechtigkeit für keine Klagen - auch nicht für die Klagen der entferntesten Nationen taub sey. — DerRcyhe nach sprachen auch noch die Andern, und jeder so ganz in seinem besondern Charakter, daß man glaubte, immer neue Entwicklungen zu hören. Sämmtlich wünschten sie, über jeden Punkt der Klage einzeln stimmen zu lassen: mit aller Macht aber widersetzten sich Hastmgs Sachwalter einer solchen Stim- mungsmethode, und, nach heftigem Streite, wurde sie mit acht und achtzig gegen drey und drcysisig Stimmen verworfen. Hierüber gaben dreyzchn Pairs ihre Proteste tion ein: Der Prinz von wallis gab zwar keine für sich ein, gleichwohl hatte auch Er auf ihre Seite feine Glimme gegeben. ^ Den io April schritt man zum Zeugenverhör. Die Aussagen verschiedener Zeugen waren izt ganz anders beschaffen als vorher bey den Untersuchungen im Unterhause. Auf das Gutachten des Collegiums der XII Oberricbter des Rönigreichs wurde erkennt/ daß die erstem Aussagen nicht bindend seyn sollten. Untern andern Zeugen trat auch Middleton auf: Er war viele Jahre englischer Resident in Lucknow gewesen/ und gestand ein/ daß der Nabodvon Fizabad den Engländern für die Ausrottung der Aohil- las vierzig Lacks Rupien (§00,000 Pf. Etcrl.) versprochen, und einen Theil voraus bezahlt habe, und daß er selbst das Werkzeug gewesen, den Begums, d. i. den indischen Prinzessinnen von Oude ihre Schätze und Freyheit zu rauben, und ihre Minister in Eisen schmieden zu lassen. Stables, vormaliges Mitglied des geheimen Rathes zu Calcutta, trat auch als Zeuge gegen Hastings auf. VI. Nachdem der Prozeß vier und zwanzig Sitzungen gedauert hatte , trugen Hastings Freunde im Umerhause auf die Untersuchung der Prozeßkosten an. Mlt Grund sahn die Kläger diesen Schritt als ein Spiel an, um deck Angeklagten zu retten / und der Sache ein Ende zu machen. Sie erklärten sich, besonders Burke / §op und Sheridan/ daß, wenn das parlemenr auch kein Geld zu dem von ihm selbst angefangenen Prozesse mehr hergeben wollte, sie ihn auf ihre eigne kosten / auch ohne Beyhilfe von Sachwaltern, fortführen würden. Zugleich legten sie, auf erhaltenen Befehl die Rechnungen vor. A d VII. Am VII. Am zwey und drcysilgstcn Tage des grossen GenchtS trat endlich Shcri-an mit der letzter» Hälfte der Anklagen auf. Schon zwo Stunden vor der Eröffnung der Thore von Westmünstcrhall waren alle Zugänge grossen- theils von den vornehmsten Personen besetzt. Den Damen wurden im Gedränge die Kleider zerrissen, und alle Höflichkeit wich dem kuhlw- 8pirir. Sheridans Redt/ die vier Tage dauerte, übertraf alle Meisterstücke der Redekunst. Bald belustigte er durch seinen Witz, bald rührte er durch pathetische Beschreibungen, bald dczanbcrte er durch den Glanz und Reichthum seiner Einbildungskraft, bald begeisterte er durch die erhabensten Vorstellungen. Mit seiner Rede wurde d ie Gcrichtssttzunq für den Sommer geendigt, und der Prozeß bis zum 2-. Nvvcmb .1788 ausgesetzt.*) VIII. Am i. April 1789 wurde das feit vorigem Iunius ausgesetzte Staatsverhör über Herrn Warren Hastings in Westmmstcrhall wieder eröffnet, und zwar brachte Herr Burke den siebenten Klagcpunkl wegen der Geschenke «nd Bestechungen in Anregung, welche Hastings wahrend seiner drcyzchnjährigen Regierung in Indien theils selbst angenommen theils durch seinen Agenten habe annehmen lassen. Herr Burke führte es hier als des Herrn Hastings eigene Behauptung an, daß ein General-Gouverneur von Bengalen in Zeit von drey Jahren bey der strengsten Rccht- schaffcnheit und ohne die geringste Habsucht, ein schönes Vermögen erwerben könne ; daß es also zu verwundern sey, Wir können nicht unbemerkt lassen, daß sich HaflinzS, bey allen seinen ilimercchrchkcirc» , doch immer noch um die indische Litteratur verdient gemacht bat- Es geschab auf seine Veranstaltung , daß die ostmLische Compagnie das Werk ft'ne 6«ts , or gialozure ot ideselchnnaiiii ^rjoon heraus aas. Karl Wllkirs übersetzte e§ aus der Sanscntsprachc. scy, daß Jemand unerlaubte Mittel brauche, um dasjenige zu erhalten, was er ohne Verletzung der Gesetze, Ehre und Gerechtigkeit haben könne — nach Aufführung dieser Worte, sagte Herr Burkc weiter: aus einem solchen Tone sprach Warrcn Hasiings in den frühern Zeiten seiner Uncr- fahrcnhcit; kaum aber erhielt er die Gewalt in seine Hände, so wurde er Tyrann Indiens dreyzehn Jahre lang, ließ keinen Schritt, den Gel; und Habsucht ihm eingaben, un- gethan und kommt nun in semcr letzten Bittschrift schon mit der Klage, daß er beynahe bankrott scy. Im Jahr 177; den io. April, fertigte die Ostindische Kompagnie ihm die grosse Vollmacht zu, daß er alle bey der Administration in Indien emgeschlichenen Mißbrauche abschaffen, eine gänzliche Reform einführen, und zur Errichtung dieses grossen Endzwecks die Gewalt haben solle, Schuldige zu bestrafen und das Verdienst in belohnen. Mit solchen Privilegien und Vollmachten würde ein guter, gerechter Mann sich unsterblich haben machen können: Hastings aber habe die ihm anvertraute Gewalt, um Ruhe und Glück in Indien wieder herzustellen zur Ausübung seiner Rache und zum Verderben der unglücklichen Eingebohrncn des Landes angewendet. Er habe einen indianischen Oberrichter, den man für den Großkanzlcr der Eingebohrncn halten können, in seinem Garten arrctirt, habe ihn 2 Jahre gefangen gchal, rcn, ohne seine nächsten Verwandten zu ihm zu lassen, und von dem Nachfolger im Amte des Arrctirten habe er ein Geschenk von 100,00s Pfund Sterling angenommen. Herr Burke wurde in dem Verlauf einer dreystündigcn Rede immer heftiger und verließ die Schranken des An- standes. Er warf dem Herrn Hastings, nach den eigenen Aussagen des Residenten Middlcton vor, daß er jährlich in Indien bloß für Amüsements 7;, »so Pf. Sterlings ausgegeben habe, eine Summe, die grösser sey, als der Thronfolger Großbritanniens sie zu Bestreitung seines ganzen Hofstaats und seiner übrigen jährlichen Ausgaben Dd 2 habe. habe. Bey solcher Schwelgcrcy sey kein Gedanke des Mit- leidcns über das Unglück, das ihn umgeben bey ihm entstanden. Er habe zwar einsmals an die Dirccteurs der Kompagnie geschrieben, daß ihm die Thränen aus-den Augen gedrungen wären, wie er 1400 alte Edelleute ge« funden, welche durch die Manövrcs der englischen Beamten aus ihren Besitzungen vertrieben und beynahe bis znm Hunger gebracht wären, allein Hastings Thränen wären nicht der Balsam der Menschheit. Er sey zugleich Lyrann und Heuchler. Er falle nicht dreist wie ein Adler, auf ein lebendes Opfer, sondern verzehre, wie ein Geyer, die Leichname der Verstorbenen, die keinen Widerstand leisten könnten. Mit solchen heftigen Tiradcn schloß Burkc den ersten Tag des wieder erneuerten Staatsverhörs, und am 22^', da er feine Rede fortsetzen sollte, war er schwach und krank. Am ezt/n setzte Burke seine Klage gegen Warrcn Hastings, wegen Geschenken und Erpressungen, in Wesimin, stcrhall sehr heftig fort. Er beschuldigte ihn der schrecklichsten Grausamkeiten in einer übertriebenen Sprache. In welcher Provinz er auch nur eine Mittagsmahlzeit gehalten habe, da sey gleich eine Hungersuoth entstanden. Mit der Vormundschaft des minderjährigen Nabobs von Bengalen habe er offenbaren Wucher getrieben, und dieselbe bald der Mutter, bald der Stiefmutter des Nabobs übertragen, wodurch er in der Regtcrungs - Verfassung der Eingebohrncn Bcngalens in wenigen Jahren eine vierfache Revolution verursacht habe. Herr Burke schloß diesen Tag mit der Versicherung, daß er noch eine Menge von 'sehr kühnen und unerhörten Handlungen des Angeklagten für die künftige Sitzung aufbehalte. Indessen stand schon am 27«" Aprill der Major Scott, der Agend und alte Freund des Warrcn Hastings, im Unterhause auf, und überreichte eine Bittschrift von Hastings gegen die burkischcn Reden, welche mit so vielen, theils gar mehr zur Sache gehörenden, theils gänzlich ungegründeten Beschuldigungen ange- füllt waren, von deren Ungrunde der Ankläger selbst in seinem Gewissen überzeugt seyn müsse, besonders unter mehren: harten Ausfallen gegen den Punkt, als habe Hastings den Bramimen Nundoeomar durch Sir Ellas Impcys Hände ermorden lassen. Major Scott forderte hicrbey dasParlamcnt auf, ihn als einen Auswurf der Gesellschaft mit Schimpf und Schande aus dieser Versammlung zu treiben, wenn er nicht beweisen wolle, was er eben von Herrn Burke gesagt habe. Nun entstand ein langer Zank zwischen beyden Partheyen, indem die foxische und burki- sche Parthey die Bittschrift Hastings gar nicht annehmen wollten, allein die Ministcrial-Parthcy behielt die Oberhand; die Bittschrift wurde angenommen , und vorläufig ergicng Pas Ersuchen an die Lords, das Verhör über Hastings auszusetzen. Der Zank über diese Bittschrift daurte noch vier Sitzungen fort; man fand in den Parlemcntsbüchern kein Beyspiel von einem ähnlichen Falle; endlich wurde man a»n 4?" dahin einig, daß Hr. Burke zu weit gegangen sey, daß das Unterhans als eygentlichcr Ankläger des Herrn Hastings, (welches aber die Ausführung der Klage, punkte einer Kommitte von Anklägern übergeben, worum ter die Herrn Fox, Burke, Sheridan und Adam die ausgezeichneten sind, ) den Herrn Burke zu solchen Ausdrücken, als er sich bedient, nicht authorisirt habe, und daß rr solche Wort- nicht hätte sagen sollen. Dieser Ausipruch des Unterhauses, der im Grnnde doch immer ein Tadel des Herrn Burke war, wurde auf des Marquis von Graham Vorschlag mit rz; gegen 66 Stimmen beschlossen : Nach einer zehntägigen Pause, welche des Herrn Hastings Kla- zeschxift gegen Hexru Burke in dem Saatsverhöre zu West- § 2 ? -- -- - - 77 -- Westminsterhall veranlaßt hat, wurde dasselbe bey unge- wohnlichem Zuflüsse von Zuhörern am ;tcn May fortgesetzt, da Herr Bücke den Punkt wegen der Geschenke und Bestechungen zum drittenmalc, jedoch mit etwas mehrerer Mässignng, vortrug. Er cröfnete diese Sitzung mit einer Art Vorrede, worinn er alles, was durch Hasüngs Bitt. sehnst gegen ihn im Unterhaus veranlaßt worden, vortrug und sein desfallsiges Betragen zugleich zu rechtfertigen und -u vertheidigen suchte. Nach einer abermaligen drcystündi« gen Rede versprach er in der künftigen Sitzung den Schluß, dieses Klagepunkts und die Vorführung der Zeugen. — XI. Allein Anscheine nach wird dieser Prozeß, welcher bey dem Verfahren der Ankläger noch Jahre dauern könnte, auf «ine oder andere Art von der Regierung beendiget werden, lind das ganze Staatsverhör, welches so.grosse Kosten und Umstände verursacht hat, wird aufhöre» ohne daß «in förmlicher oder entscheidender Urtheilsspruch von den Richtern wird geschehen können., XXXVI. Lord George Gordorr. im Jahr 1780. XXXVII. , / Englische Regierungsform. t XXXVI, Lord George Gordon * *) im Jahr 1780. o Schwärmer bcsiürnitcn die Wohnung des Friedensrichters Hyde, und mehr als ,0002 waren mit dem Militair in Handgemenge Schon plünderte man das Hans des Lord North, als noch zur rech« ton Zeit Truppen den Pöbel zerstreuten. Er zog aber nur nach einer andern Gegend der Stadt. Anstatt kräftiger und durchgängiger Vorkehr oder auch nur anstatt Erthei- lung eines königlichen Befehls, sorgten die Minister nur für ihre eigne Person, und jeder von ihnen verpallifadierte sein Hans mit zwo Compagnien Wache. Lord Manoficld war der einzige, der die Wache nicht annehmen wollte, allein er wurde das Opfer seines populaircn Zutrauens. Kaum hatte er so viel Zeit, sich mit seiner Gemahlin durch eine verborgene Thüre zu retten. Alles , was im Haufe war, wurde geplündert und verbrennt, seine Mcub- lcs, sein Silberzeug, seine Gemählde, seine Bibliothek, seine Handschriften, alles gicng zu Grunde. Endlich' erschien die Wache, unter Anführung des Obersten Wood, ford, verjagte die Schwärmer, und verschloß bereits zehn bis zwölf in ein Zimmer. Von ohngefähr kam wilkes herbey, und als Magistratspcrson verlas er die Akte gegen Meuterey, und sonach berechtigte er den Obersten, auf den übrigen Pöbel, der sich nicht ganz zurück ziehen wollte, Feuer zu geben. Die Soldaten aber hatten zuhoch angelegt, und Niemand wurde getödet. Ungeachtet der Oberste zu wiederholten Malen Feuer kommandierte , so schössen von feinen 182 Soldaten nur i-r, und diese tödeten 7. Menschen. Der Oberste wiederholte die Ordre, allein seine prätvrianischc Cohorte bestand aus Londonermilitz, kannte keine Mannszucht und that nichts. Man trommelte zum Rückzüge, und überließ von neuem das Marmofieldsche Haus dem wüthenden Haufen; in wenig Minuten war Missethäter? hervor. Ein Theil derselben verliessen den Kerker, in welchem sie schon grau geworden, ungern; Andere, denen schon das Todcsurtheil gesprochen war, entflohen dem Tode. Das ganze Land war mit Spitzbuben überschwemmt. Sir fielen unter andern über einen catholischcn Brandwcinbrcn- ncr, Namens Langdale, her, erbrachen seine stark gefüll. ten Keller und Vrcnncrcyen, bctruncken sich, gössen die gebrannten Wasser in Ströhmen über die Anhöhe herab, legten Feuer dazu , so daß man die Flammenfluth in weiter Entfernung erblickte. Schon drohten sie, so gar die Nationaldank zu plündern. Der Lord Maire that nicht die geringste Vorkehr, aber das obenerwähnte Lorps von Rauflcuten eilte bewaffnet zur Befchützung der Bank; cs gab Feuer auf die anrückenden Räuber; zu blieben todt auf dein Platze, und die Andern ergriffen die Flucht. Endlich stellten die Dctaschemcnts von der Garde die Ruhe in der ungeheuren Statt wieder her. Nun bot man denjenigen , die ihre Mitschuldigen angeben würden, Gnade und Geld an. In wenigen Tagen bekam der Magistrat zwey bis drcyhundert Menschen in die Gefängnisse. Es zeigte sich aber, daß davon nicht über fünfzig wirklich schuldig gewesen. Von denjenigen, welche die Bittschrift unterzeichnet hatten, wurden nur zween oder drey todeswürdig gefunden; die übrigen waren anerkannte Spitzbuben, und unter denselben auch viele RathoUken. II. Am Freytag Abend, den y't" Iunius, ward Lorv Gordon in Verhaft gebracht, und nach feiner Verhörung in die Towcr geschickt. Sogleich gab hicvon der 'Röntg dem parlement Rechenschaft. Die Geschwornen von Middlesep beschwerten sich um so viel mehr gegen einen so gewaltsamen Schritt, da Gordono Hochverrath noch nicht erwiesen wäre. Der Rönig hob daS pariern em anst Im I. l7ü i sprachen dir Geschwornen den Gordon von dem Hoehverrath lvs. Er hatte nämlich nichts gethan , als Unterzeichnung auf seine Bittschrift ausgenommen, und gcfttzmässig konnte cr's thun. Den Tag darauf, nachdem der Tumult gestillt worden, ließ man ein Heer von -7000 Mann nach der Stadt kommen, und, obgleich die Gefahr vorüber war, blieb es zween Monate da. Veriuög der briltischcn Verfassung durfte fönst kein Milttair gebraucht werden. Dieser Vorfall also war entweder eine Ausnahme von dem Gesetze, oder eine Autorität , um bey künftigen Fällen den Sinn des Gesetzes nach dem Belieben des Hofes erweitern zu können. III. Seither bcgieng Gordon von Zeit zu Zeit eine Menge der ausschweifendesten Streiche. *) Um ihn, wo möglich, noch närrischer zu machen, wurden Lricft aus allen Hauptstädten Enropcns, aus allen Wcltgcgenden, von Hcydcn , Juden und Christen, ja so gar von Verstorbenen, z. B. von Caglrostro's hervorgerufenem Schatten an ihn gerichtet, und von ihm für baar und ächt angenommen. Die Glieder der Gegenparthic in dem Parlementc, bedienten sich seiner als eines Fangcballs, und sie verleiteten ihn zur Ausführung manches abenthcurlichcn Projects, nur um der Hofparthic Händel zu machen. Wegen seines forrdanrenden sonderbaren Betragens verbot man ihm den Zutritt bey Hofe, unddasMi- mstcrium gab zwo Personen den Auftrag, ihn bey allen seinen Schritten zu beobachten. Nach vielen tollen Ausschweifungen zog er sich im I. 1787 einen Criminalproccß zu, allein, um der Sentenz des englischen Tribunals auszuweichen, flüchtete er sich über Meer. Er kehrte nach Großbrittannien zurück. **) Anfangs führte er in der Stadt Birmingham ein sehr eingezogenes Leben. Hier ward er ein Jude, ließ sich beschneiden , und gieng mit niemand als mit Juden um, _ auch ') S, Politisch. Journal von Hamburg » 7 uT. * *) E>. Urcheiikwlj briktische Limalen, Tb. I, f- Z74> such kannte ihn sonst niemand als ße. Erst am Ende des Jahrs 1787 wurde sein Stand und Name auch andern Einwohnern offenbar. Man holte ihn durch einen GerichtS- diencr nach der Hauptstadt. Der Gerichtsdicncr fand ihn mit einem auffcrordeutüch laugen Bart in einen grossen Talar gehüllt, und mit vielen Juden umringt. Gordon > widersetzte sich dem Verhafte nicht. Er verlangte nur so lang Aufschub, bis seine zur Reise erforderlichen Speisn nach jüdischem Gebrauch zubereitet wären. .Bey seiner - Ankunft in London wurde er erst nach dem Gefängnis i der königlichen Bank , und einige Tage darauf zu den > Missethätern nach Newgatc gebracht, wo ihn die vornehmsten Juden des Königreichs besuchten. Nur ungern ^ ließ er seine Freunde und Verwandten vor sich, und sie hatten Mühe, ihn wieder zu erkenne». Auch von christlichen Bedienten wollte er nichts hören, sondern verlangte , allein von Juden bedient zu seyn. Man bewilligte ihm ! alles, was nur irgend» die Gesetze erlaubten. Den -8 l Januar 1788 wurde ihm sein Prozeß gemacht. DerOber- i richtcr Vullcr hatte dabey im Gerichte der königlichen l Bank den Vorsitz. Die Anklage bezog sich auf zwo l Schmähschriften ; die eine betraf das Parlement wegen ! des Kriminalrechts; die andere gicng gegen die Königin von' Frankreich. Der Gefangene wurde von zween berühmten Sachwaltern, Wood und Dallas, meisterhaft verthu, digt. Gordon selbst schwieg , ,0 sehr es auch sonst seine Gewohnheit war, in Tribunalen die Richter mit seinem Unsinn zu plagen. Mit Anstand und Gelassenheit erwar- lcte er das Urtheil. Er wurde zu fünfjähriger Gefangen- ' schaft in Newgate und zu einer Geldstrafe von zoo Pft i, Sterl. vcrurthcilt. Ucbcrdicß mußte er für seine gute Ausführung auf vierzehn Jahre eine Sicherheit von ioooc>, und zwo Vcrbürgungcn, jede von a;v2 Pf. Sterl. vcr» schreiben. ftXXVll. XXXVIl. Englische Negierungsform- x^ngland blieb lange Zeit unterjocht, bald von den Römern, bald von den nordischen Völkern, bald von den Franzosen. Im I. io66 herrschte daselbst Wilhelm der Erobe» rer mit eisernem Zepter. Bey Todesstrafe verbot er, nach acht Uhr des Abends kein Licht mehr zu brennen. Entweder wollte er damit den nächtlichen Zusammenkünften vor. beugen oder einen Versuch machen, wie weit sich die Gewalt ausdehnen könnte. Auch schon vorher waren in England parlemcnte. Damals bestanden die Glieder aus einer Menge geistlicher und weltlicher Zwingherrn. Die Einführung sdlchcr Ncichs- stände oder Parlamente kömmt von jenen Barbaren, welche vom baltischen Meere her ganz Europa überschwemmten. Mehr oder weniger herrschte auch in Deutschland und Frankreich eine ähnliche Verfassung. Der Monarch sah sich dadurch zwar eingeschränkt, das Volk aber von solchen Reichsständen noch weit mehr gedrückt als beschützt. Unter dem Namen der Grafen, der Lords, der Baronen, u. s. w. theilten sich die Rriegsbefehlshaber als Unter- Tyrannen in die eroberten Provinzen. Die Priester säumten nicht, sich mit ihnen zu vereinigen. Die christlichen Bischöffe waren an die Stelle der heydnischcn Druyden Zettelten. An ihrer Spitze machte sich durch Breveis, Bullen und Mönche der pabft beyden furchtbar, dem Volk und dem Monarchen, End» 4tZ Ends des zivölften Jahrhunderts war der blödsinnige König Johann ohne Land der erste, der auf einer Walls fahrt nach Rom dem Papst den Pc-c.rspftnning von jedem Haus in seinem Reiche bcwilligre. Dieser Tribut bestand ungefähr in einem Thaler heutiger Währung. Johann ohne Land übergab endlich in guter Form sein Gebier an den Papst, der ihn in den Bann gethan hatte. Die Ba. roncn verjagten den elenden Monarchen. An feine Stelle fetzten sie Ludwig VIII, den Vater des französischen Königs Ludwigs des Heiligen. Bald schickten Ire ihn -über. drüssig zurück über Meer. Alis der durchgängigen Verwirrung entsproß die englische Freyheit. Johann ohne Land im I. 1215 und sein Sohn Heinrich III. im I. 122; sahn sich genöthigt, die M2ZNL cksrm oder die Versicherungsakte auszustellen, welche nachher im Jahr 1297 von Eduard I. so fcycrlich bestätigt worden. In der That bestand der eigentliche Zweck dieses berühmten Instruments blos darum, den König von den Lords abhänglich zu machen. Dabey müßte freylich auch das Volk in etwas begünstigt werden, wofern die Lords im Fall von ihm Veschütznng erwarten sollten. Im I. 148;. schwächte Heinrich VII. die Baronen, indem er sie gewöhnte, ihre Ländereyen zu entfremden. Viele davon kauften die gemeinen Bürger an sich. Unvermerkt gelangten sie dadurch zu grösscrm Ansehen und mit ihnen auch ihre Abgeordnete zum Paricment, das isst die gemeine Rammcr oder das Unterhaus. Von Zeit zu Zeit wurden von den Königen neue Barons ernennt, um auf solche Art den Adel, so furchtbar er dem Throne vormals gewesen, nunmehr dem furchtbar gewordenen Untcrhause entgegen zu setzen. Diese neue Pairs oder Baronen, die im Oberhaus sitzen, empfangen von dem Könige den Titel, und beynahe keiner hat das Land selber, von dem er den Namen trägt. Sie haben Gewalt rm Parlement, sonst nirgends. E e Alle 4Z4 Alle Auflagen werden von dem Unterhause bewilligt. Es ist das zweyte an Rang, das erste an Einfluß und Anschn. Das Oberhaus, das ist die Lords und Bischöffc, mögen zwar bey Geldbewilligungen die Bill oder den Spruch des Unterhauses verwarfen , allein nichts bannn ändern. Ganz müssen sie entweder verwerfen, oder ganz annehmen. Nachdem die Bill des Unterhauses von den Lords und dem König bestätigt worden, so weigert sich alsdann weiter.niemand zu zahlen. Jeder giebt, nicht nach Rang oder Stand sondern nach stincn Einkünften. Ausser der magna clmrca sind die vornehmsten Grundgesetze: liebt of llLdeLL Lorpu«. Vermittelst derselben kann niemand einen Engländer angreiffcn als gerichtlich. äl'ke 8-ll ok Uigdts, welche die Volksrcchte bestimmt« H ok 5 s«l?msnc vom Jahr 1722 wegen der Thronfolge. Die Umonsakte von I. 1707 wegen Bereinigung Schottlands mit England. Gegenwärtig beschäftigt man sich, auch Irland damit zu verbinden und von daher Glieder ins Parlement kommen zu lassen. Im I. iü88 sah man sich durch die Flucht des Bönigs Jakobs II. und die unterschobene Geburt dc§ Kronprätendenten genöthigt, den Thron für erlediget zu erklären. In der Person Wilhelms l> 1 . mußte eine Ausnahme von der Kronerblichkcit gemacht werden. Zugleich wurden damals alle Katholiken der Krone unfähig erkennt. Hiedurch sind die katholischen Linien des Stuar- eischcn Geschlechts auf ewig von der Thronfolge ausge« schlössen. Erblich wurde die Krone dein Churhause Hannover, als der nächsten protestautischcn Linie im I. 1722 zugewendet. Der Gouveraiu in Entstand sind die beyden Parken mcnter, oder das Oder - und das Unterhaus, nebst dem Kömg. Alle dr-en müssen zusammenstimmen, wofern etwas gültig seyn soll. Voraus steht die vollstreckende Gewalt walt bey dem König, die Rechtsverwaltuilg best dem Oberhaus, die BorvUligung der 2tuftagen bey dem Unterhaus. Im Gberhause sind etwan 2 ;s Glieder. Unter denselben zween Erzbuchösse, vier und zwanzig Bi schösse, ziveyhundert Lords, die Prinzen vom Geblüt und sechszehtt schottische Pairs, nebst den zwölf Oberrichtern , die auf eine blos berathschlagende Stimme eingeschränkt sind« Das Unterhaus bestehet aus etwas mehr als ?os Beysitzern; sie reisen auf eigne Unkosten nach London. In Schottland bekommen sie Reisegeld. Jeder stimmt wie er selbst will. Zu jedem neuen Parlemcnt werden die Glieder des Unterhauses von den Einwohnern jeder besondern Stadt oder Landschaft gewählt- Ein Parlemcnt darf nur sieben Jahre dauren» Nach Verlauf derselben mögen andere Glieder gewählt werden; wenigsteus alle drey Jahre muß der König das Parlemcnt zusammen berufen- Auch steht, bey ihm die Aufhebung desselben. Jeder von dcii Deputirten des Provinzen Muß so-,, und jeder von den Deputirten der Städte ;oo Pfund Sterling eigenthümliche Landrenten besitzen. Durch Srnn- descrhöhungen kann ihnen der König den Zutritt zu dem Obcrhaufe verschaffen, Jedes Haus kann. sich eigenmächtig bcsöndtts versammeln. Kein Mitglied weder des Ober« noch des Unterhauses darf währender Sitzung, des Parlements weder versöhnlich, noch dürfen ,seine Bediente, Güter u. s. w. arrestitr werden. Das Oberhaus ist Richter aller seiner und des Unterhauses Mitglieder. Jeder Lord kann seine Stimme einem andern auftragen, Der Lordkanzler dirigiert das Oberhaus. Das Uns trchaus wählt seinen Sprecher, Ees Der 4)6 Der König und jedes Parlementsglied kann etwas in Vorschlag bringen. Die angenommenen Vorschlage werden in jedem Hause schriftlich entworfen. An zween verschiedenen Tagen liest man den schriftlichen Entwurf oder die Bill vor und berathschlagt darüber. Alsdann wird die Bill durch eine Coinmisno-i untersucht und hierauf zum drittenmal abgelesen, geprüft und durch Mehrheit der Stimmen ein Schluß abgefaßt. Die beschlossene Bill wird zu gleichem Zweck dem andern Hause zugeschickt. Sind beyde Häuser nicht einerley Meinung, so wählt jedes besondere Glieder aus, die sich vergleichen. Erst nachdem eine Bill von beyden Häuser» und von dem König genehmigt worden, so wird sie zum parlemcm-sschluß. Wie eS in den Parlemcntssitzungcn zugeht, hierüber verweisen wir auf die Beschreibung in Karl Philip Mori- zcns Reisen in England. S- 4?. u. folg. Gebrechen und Vortheile der englischen Verfassung. ld Serum ist ein ganz ausgegangener Ort, wo nur noch ein einziges Haus steht, und doch wählt es noch immer seine zwey Parlcmentsglicdcr, hat also halb so viel Gewicht in der gesetzgebenden Gewalt als London mit seiner Million Einwohner. In Bürcke's Loückcsl vilgui- ütions, Lmilr prelent Kate ok tbe Lritisb Lmpire und bey Chamberlain findt man die Listen, worin die Grösse jeder Grafschaft, die Anzahl der Repräsentanten, und die Flecken welche das Wahlrecht haben, bemerkt sind. Aus denselben sieht man die Unordnung der englischen Repräsentation. Hernach sind die Geistlichen dem Hofe sehr ergeben, und sie haben einen Einfluß auf die Wahl vieler Orte, eben so die Lords, die auch meistens im Interesse des Hofs sind. Der Hof aber kann die Lords und die Geistlichen durch Pensionen, Beförderung, u. s. w. auf seine Seite ge, winncn. Wenn der Despotismus noch bestricken wird, so geschieht es : r? Vermittelst der Einschränkung der stehenden Truppen. 2? Vermittelst des Unterhauses, von welchem die Bewilligung der Auflagen abhängt. Nur Lupus ist es, wenn sich die Parlemcntsglieder vom Hofe bestechen oder hinreisten lassen. Behält sich das Parlemcnt vor, die Fehler des königlichen Ministers zu ahnden. 4? Wird durch die Preßfreyheit der Minister in Furcht gehalten, Pas Volk aber über sein wahres Interesse aufgeklärt. Par- P arlem entssitzung nach Morizens Beschreibung. Nn einem Nachniittagc um drey Uhr, wo gemeiniglich hjy Sitzung anhebt, begab ich mich nach Westminstcrhall. Wenn mqn durch eine lange Halle geht, so freist man am Ende ein paar Stuffen hinauf, und kömmt zur linken Seite durch einen dunkeln Gang ins Hans der Gemeinen, auf einer kleinen Treppe kömmt man zu der Gallcrle für die Zuschauer. Und nun fah ich also zum ersten male in einem ziemlich unansehnlichen Gebäude, das einer Kapelle sehr Ähnlich !>eht, die ganze englische Nation in ihren Repräsentanten versammelt : der Sprecher, ein ä>tlichter Mann, mit einer ungeheuren Mpngcnpcrücke, in einem schwarzen Mantel, den Hut auf dem Kopf, mir grade gegen über auf einem erhabenen Stuhle, der mit einer kleinen Kanzel viel Achnlichkcit hat, nur daß vorne das Pulpet daran fehlt; vor diesem Stuhle ein Tisch, der wie ein Altar aussieht, vor welchem wiederum zwey Männer, welche Clcrks heissen, schwarzgekleidet und in schwarzen Manteln sitzen, And-auf welchem neben den pergamentenen Akten ein grosser vergoldeter Zepter liegt, der allemal weggenommen und ! Dann hört man ein verwirrtes Geschrey von w/ und no , unter einander. Der Sprecher sagt entweder: Mir däucht,, cs sind mehr a/s als nc>'8, oder es sind mehr no's als a/n. Dann müssen aber alle Zuschauer von dcr Gallerie gehn, und das eigentliche Stimmen nihmt erst seinen Anfang. Nach Zählung derselben kehren die Zuschauer zurück. Unter ihnen giebt es Leute von allerley Ständen, auch sind beständig Damen darunter. Von den Parlcmentsgliedern habe ich gesehn, daß einige ihre Söhne, als junge Knaben schon mit in dies Haus und auf ihre Sitze nahmen. Im Oberhause geht cs schon sittsamer und Hofina,sigcr zu. Wenn wir in dcr bisher gegebenen Beschreibung bey den 442 den Versammlungen des Unterhauses einen solchen Mangel des Anstands und die Folgen desselben bemerken/ so werden wir uns nicht länger mit gewissen Afterphilosophen über gar alles Cäremoniel gar.; hinwegsetzen wollen, sondern vielmehr mit den wahren Philosophen erkennen, daß äussere Verwirrung auch im Grossen hervorbricht und daß wir überhaupt alle, auf den Richterstühlen und auf der Gallerte, Menschen bleiben, die mehr oder weniger durch den sinnlichen Eindruck, durch äussern Anstand eingeschränkt werden. xxxvm. XXXVIII. e g e r h a n d e im Jahr »788, XXXIX, Luftballons. I! VX u Ä ^ k'tt XXXVIII. Negerhandel r?88. linker andern Schriftstellern eiferten in unserm Zeitalter gegen den Negerhandel besonders auch Ramsay und Clark- son. * ) Der erstere , der lauge selbst in Wcstindien Prediger gewesen war, schilderte bey seiner Zurückcunft in England die Barbarey der Pflanzer gegen die unglücklichen Neger mit einer Lebhaftigkeit, die grossen Eindruck machte. Die Pflanzer so wohl als die Kaufleute, die mittelbar oder unmittelbar von dem unmenschlichen Menschenhandel Vortheile ziehn, arbeiteten diesem Eindrucke durch AuSstrcu- > ung bitterer Pamphlets entgegen. Ramsay wurde in seinen Antworten je länger je heftiger. Verschiedene brave Männer crgrieffen seine Parthey. Zu Cambridge setzte peckard, ein Geistlicher, über diesen Gegenstand einen Preis aus. Clarkson gewann ihn durch eine lateinische . Abhandung, worin er die Unrechtmäsflgkeit des Sclaven- Handels, aus der Geschichte so wohl als aus allgemeinen Rechtsgründen bewies. Diese Schrift erschien nachher stark vermehrt auch in englischer Sprache. So wie die Bewegung zunahm, so erschienen auch mehrere Untersuchungen im Drucke. Zugleich ficng man an, zur Verminderung des Uebels Vorschläge zu thun, welche sich auf Erfahrung und auf Kenntniß des Handels so wohl als aller Umstände gründeten. Im I. 1788 erwarben sich in dieser Rücksicht mehrere Schriftsteller, z. B. Thomas Looper, John Newton und noch einige Ungenannte __—_grosses *) S. deutsches -gemeinnuzi-eS Magazin Jahrg. Merkeliobr, Ns' 44-6 grosses Verdienst. Alls andern Schriftstellern hatte LM per die abscheulichsten Zeuge zu einem moralische» Gemählde gcsanmielt, welches das Hetz jedes fühlenden Menschen mit bitterm Unmuth erfüllt. Ausführliche Belege Dazu liefern die Schriften eines Belwzct, Falconbridge, Holttngsworth. — Newton, jetzt ein Geistlicher, war chcdem selbst Kapitain eines Ncgcrschiffes Er schreibt also aus Erfahrung, und gesteht offenherzig die Grausamkeiten , wozu ehedem auch ihn sein Geschäft nöthigte, wovon ihn aber glücklicher Weise eine gefährliche Krankheit zurückzog. Unter den Ungenannten bringt sonderhcitüch Afci- kanuo mit so viel Scharfsinn und Nachdruck auf die Abstellung des Ncgerhandels, daß man seine Schrift nicht lesen kann, ohne diesem Gewerbe zu fluchen. Dasselbe stellt er aber zugleich als nachrheilig, nicht bloß als ungerecht vor. Er zeigt umständlich und ausErfahrnngen, daß dicPflan- zer bey menschlicher Behandlung der Sclaven aus der Arbeit derselben grosser« und gewissem Vortheil zieh« würden. Gegen so viele Sachwalter der Menschheit und menschlichen Freyheit erhoben sich Samuel Eftwick,und auch ein Geistlicher, R. Harris, zur Behauptung der Rechtmässig- keit der Sclaverey. Andere begnügten sich, die Bcybc- haltung der Sclaverey aus öconomischer und politischer Rücksicht zu empfehlen, schlugen aber zugleich zu Minderer Behandlung der Sclaven die zweckmämgstcir Mittel vor. Ausser dem schon erwähnten M pcckard, interessierten sich noch verschiedene Geistliche um die Sache der Menschheit- Der Bischofs warbürtoir war der erste, der, «nd zwar noch weit früher a!S die «Quäker, die Abschaffung des Sclavcnhandcls von öffentlicher Kanzel empfahl; seinem'Beyspiele folgeren der berühmte Joseph prieftley, William woassn, William Agutter, William Hughes. Schwesterlich vereinigte sich mit der Religion und Philosophie die Dichtkunst. Ausser den beyden Dichterinnen, Rnn Aearsley und Hannah More, schilderten die Unmensch- Menschlichkeit der Sclavcrey auch puddicombe, Streck, Vküllivan und andere Dichter. Looper-ßiebt die ganze Summe der Neger in America auf fünf und eine halbe Million an; den Amerikanern und Engländern giebt er 1,500/000, den Franzosen 400000 , den Spaniern 2,500,000, den Portugiesen 100,0000, den Holländern und Dänen 100,000. Auch nue in Englands westindischen Inseln zählt er ;8o»oo; andere zählen 480,000. Man rechnet, daß die verschiedenen europäischen Nationen jährlich 110,020 Neger in diese Kolonien einbringen. Hiczu mögen wohl noch 40,000 kommen, die insgeheim eingebracht werden. Jährlich wird der Abgang der Sclaven mit ; auf 100 ersetzt. Diesen Ersatz muß Afrika mehr as doppelt bezahlen. Wenigstens halb so viele sterben unterwegs oder an der Küste, cdc sie an das Bord kommen. Man muß also rechnen, datz ;oo,oo„ Neger wirklich gekauft werden. Aber wer vermag die Menschen zu zählen, deren Blut in Afrika vergossen wird, während daß jene -00,000 als scheues Wild aufgejagt werden? Wie viele öffentliche und Privatkriege, wie viele Vcrra- khcreyen und Mordthaten, wie viele Verbrechen und Greuel müssen noch vergeh«? Man schätzt den ganzen Verlust^ von Menschen / den Aftika durch diesen Handel leidet, jährlich auf 500000. Seit der Zeit, da die« scs Gewerbe anfieng , wurden bis auf jetzt über fünf und nmfzig Millionen Mger geopfert. Die Engländer treiben diesen Menschenhandel bey weitem am stärksten; ste kaufen jährlich allein eben so viele Neger, als die übrigen Nationen zusammen, weil Ae grosscntheils auch die spanischen Kolonien damit versehen. Sie sind auch fast härter, als keine andere Nation , gegen die Sclaven. Das Interesse des Kapitains eines Negcrschiffes besteht in der stärksten Ladung. Die Neger Neger Haken ihre Behältnisse unter dem Verdeck; icdck ein abgesondertes. Diese Löcher sind etwas mehr oder weniger als fünf Fuß hoch. Der Raum wird in der Mitte, also ohngefahr in einer Höhe von 2^ Fuß, durch eine Reihe Bretter getheilt, und auf diesen Brettern liegen sie, gleich- den Büchern auf einem Gestell, so dicht an einander, daß es zuweilen nicht möglich ist, mir noch einen mehr dazwischen zu pressen. Immer sind Zween und Zween an einander gefesselt, und meistens beydes an Hän. den und Füssen. Sie könnensich nicht bewegen, ohne sich zu verletzen. Man denke sich das Schwanken des Schiffes, und wie doppelt peinlich findet man nicht ihre Lage Wenn das Wetter nicht erlaubt, sie auf das Verdeck zu bringen, und wenn also diese Löcher nicht täglich gereini- gct werden, so liegen sie da in unerträglicher Hitze und in verderblichen Dünsten. Sie sterben wie Fliegen, und es »st nichts seltenes, am Morgen einen Lebendigen und ei» ncn Todten an einander gefesselt zu sehen. Oft verbreitet sich die Ansteckung durch das ganze Schiff, und der Tyrann stirbt Eines Todes mit seinen Sclaven. Zuweil n bricht die Angst der Gefangenen in Wuth auS. Ueber die Scenen, die dann sich ereignen, über die schrecklichen Strafen, die dann erfolgen, und die freylich zur Rettung des Lebens der Europäer dann nothwendig seyn mö. gen, über so viele abscheuliche Umnenschlichkeiten zichn wir den Vorhang. Erst wenn man den Hafen zu Gesicht bekömmt-, nachdem das Schiff vier, fünf, sechs und mehr Wochen in See gewesen, werden den männlichen Sclaven ihre Ketten abgenommen. Dann überlassen sich die armen Unglücklichen einer kindischen Freude; aber von kurzer Dauer ist diese Freude, oft ist es die letzte frohe Empfindung ihres Daseyns. D Schande G. Vo7S§e il 1'Irte äe d'rrnce x,r un OKcier üu Rot 'R. I, s- folg. Amsterd- -773/wie auch die Nachrichten vom Ecla« vtttliüavel, welche - Pleere, der Gert- der Rteiiies go k ttsture herausgab , und die Rettrer «pull Luitivstsur dbc. Schande für die Menschheit! Sehr ernsthaft trat Man in Berechnungen, welche Behandlungsart der Sclaven öconomisch vortheilhaster sey, ob die gelinde, beyder man auf der länger« Dauer ihres Lebens gewinnet, oder die härtere, bey der man sie zwar in kurzer Zeit aufreibt, aber auch von ihnen mehr Arbeit erpreßt, und sie mit elenderer Kost unterhält? Wie viel menschlicher und zugleich einsichtsvoller sind nicht hingegen Arthur Kormgs Berechnungen! Nach den Untcrfnchnngen dieses berühmten Ockonomen ist die Feldarbeit der Neger die nachihei- ligstc, und in Vcrglcichung derselben würde kein Arbeitslohn für einen freyen Arbeiter zu hoch seyn. In der menschenfreundlichen. Absicht zur Aufhebung des Sclavcn- handels vereinigte sich in England eine besondere Gesellschaft. Schon Ews des Jahres ,787 richtete an diese Gesellschaft Robert Nickolls ein wichtiges Schreiben, aus welchem wir nur Folgendes anführen wollen: >, Wenn „man, schreibt er, den Sclavenhandcl gänzlich abstellen „ würde, so sähn sich die Pflanzer in der Nothwendigkeit, „ diejenigen Neger, die sie noch besitzen, zu schonen. Die „ Abschaffung des Handels selbst wäre kein Eingriff in ihre „ Rechte und in ihr Eigenthum. Denn ihr Recht schränkt „sich nur auf die schon angekauften Neger ein, und sie „ haben kein Recht auf diejenigen , die noch nicht ihre „ Sclaven sind. Sie können nicht mehr Recht haben, „ ihren Abgang aus Quinca als aus England zu ersetzen. „ Der Britts ist nicht besser berechtigt, Menschen aus „ Africa zu kauft», als der Afrikaner, sie aus Britannien » zu holen. Zwar sagt man, der brittische Kaufmann „ erhandle nur die Sclaven, welche in ihrem Lande zu „ Kriegsgefangenen gemacht sind, aber erregt man denn „ nicht jene Kriege nur darum, damit man Gefangene „ zum Verkauf aufjagen könne ? Ist es nicht der Hehler „ des geraubten Gutes, der den Dieb zum Stehlen am „ recht? Aber, wendet man ein, cS ist dies ja ein Zw-eta F f „des ,,, des Nationalhandrls, den die Gesetzgebung gut heißt l „Ich antworte: So ivvr ja auch ehedem in den gricchi, „ scheu Staaten Sreräuberey nicht allein erlaubt, son- „ dcrn auch rühmlich. Wenn wir einen solchen Handel „ durch Nothivendigkeit entschuldigen wollen, wo soll denn „ die Nothwendigkeit aufhören? Kann sich nicht der Stras- „senräubcr, den wir aufknüpfen , eben damit entschuldigen? Nein/ die Freunde der Freyheit müssen die Ty- „ ranney als die schlimmste unter allen verwerfen, weil „ keine andere Art die Sittlichkeit in dem Grade unter- „ grabt und das Herz so durchaus verderbt. Daß aber „ die Eclavercy überall nicht nothwendig ist, um das „Zuckerrohr zubauen, ist offenbar; vor einigen Iahr- „ Hunderten wurde es in Sicilie'n,— und noch heut zu „ Tage wird es in Cvchin - China ohne Sclaven gebauct. „Aber wäre dem nicht so, was müßten wir wählen: „Zucker in unserm Thee trinken, oder, indem wir auf „ den Zucker Verzicht thun, ganze Nationen von Schand- „ thaten.und Fesseln befteycn? Selbst für den Pflanzer „ würde die Untersagung des Ncgcrhandcls unmittelbar „ wohlthätig seyn; der Werth seiner dermaligen Neger „ würde steigen , und durch gelindere Behandlung würde „sich ihre Kraft und ihre Anzahl vermehren. Zue Ausübung solcher eben so weisen als menschlichen Maximen gab das erste Beyspiel der neue nord- amerikanische Freystaat. Zur Befolgung derselben wurden hierauf auch in England dem parlemente verschiedene Bittschriften überreicht. Die erste dieser Bittschriften überreichte die Gemeine der Quäker, und hierauf hierauf folgten andere ?. B. von den Städten Bristol, Zarmouth; Leiccstcr, Manchester, Hüll, Jork, Birmingham , Sheffield , London, Linkoln, u. f. w. In. Zwischen fährt die Gesellschaft kor ehe Lboüeion ok eke 8!svcL - IrLäe unter ihrem Vorsteher, Herrn Granville Sharp, in ihren Bemühungen eifrig fort. Sie ist hierauf bedacht, ihre Wirksamkeit auch in andern Ländern Zu verbreiten. In Frankreich nahm sie den Brtffot de warrsiUe und Erkenne Llaviere zu Mitgliedern an. nach ihrem Muster wurde auch in Frankreich eine ähnliche Gesellschaft errichtet. Ff- XXXIX. 45 » XXXIX. Luftballons» «^ie Erfindung der Luftschiffahrt wurde im Jahr 178; auf sorgendem Wege gemacht: Die Gebrüder Monr- Zolfier zu 2 innonay wandten ein Stück Lyoner Taffet zu einem Versuche des Robert Vovle über die Schwere der Luft an. Sie näheren eine leichte Hülle zusammen, füllten sie mit leichter Luft von angezündetem Papier an. Die Kugel stieg bis zur Decke des Zimmers schnell hinauf, und nachher im Garten ;6 Fuß hoch. Nach zwo Minuten siel sie nieder, weil, das Gas durch den Lasset zu bald verdünstete. Den ersten öffentlichen Versuch mach- ten die Montgolfier den e. Jun. 178; zu Unnonay in Vivarais. Der Ballon war von Leinwand, mit Papier gefüttert, - und auf ein Gegitker von Bindfaden aufgenäht. Er nahm einen Raum von 2,i?s Pfund Luft ein. Die in ihm eingeschlossene leichtere Luft wog 1078, und die Kugel 500 Pfund. Also blieben 578 Pfund für die Steigekraft übrig, das ist, es erhob sich die Kugel mit einer specifischen Schwere von 578 Pfund. Er stieg zu einer Höhe von - 000 französischen Klaftern, und blieb ohn« gefähr >c> Minuten in der Lust. Hierauf siel der Professor Charles in Paris auf den Einfall, einen Ballon mit entzündbarer Luft aus Eisenfeile und Vitriolsäure zu füllen. Er verfertigte denselben, mit Hilfe der Bruder Robert, von Lasset, mit elastischem Harz überzogen. Den 27. August 178; stieg dieser Ballon auf dem Mars- feide empor. In zwo Minuten erhob er sich auf eine Höhe von a88 Klaftern, verlor sich eine kurze Zeit in den Wolken, Wolken , zeigte sich bald wieder, bis er endlich ganz verschwand, und nach Verlauf von drey Viertelstunden bey den Dorfe Gonesse zwo deutsche Meilen von Paris niederfiel. Der innere Raum dieses Ballons enthielt yg; Cubicfuß, 6 Cubiciinien, und wog 2; Pfund. Die steigende Kraft betrug ;5 Pfund. Nachher ließ Montgol- fier den 12. Sept. 178; einen Ballon von Kanefaslein- wand, in Gegenwart der Abgeordneten von der Paristr- academie, empor fliegen. Der Ball wog ,0 Ccntncr, trieb nach der Aufblähung 4,50-» Pf. Luft aus der Stelle; man füllte ihn in iv Minuten, und brauchte dabey zur Verfertigung der leichten Luft 50 Pfund Stroh, und 10 Pfund gehackte Wolle: die Stcigckraft war 1,250 Pfund. An diesem Ball hicngen 60s Pfund Gewicht, und er wurde von ;o Menschen mit Stricken gehalten. Als er sich 7 bis 8 Fuß in die Luft erhoben hatte, riß er sich, gleich einem wütenden Thier empor. Mit Gewalt und nicht ohne grosse Mühe zog man ihn wieder herab. Den 19. Sept. machte Montgolster zu Versailles, in Gegenwart des Hofes, den Versuch mit einem noch grösser« Ballon. Der Ballon hatte dicßmal die Form eines Zeltes, 57 Fuß hoch, und 41 Fuß breit, von dichter Leinwand, durchaus mit vcstem Firnisse überzogen. Der Innhalt desselben Betrug ;?,eoo Cubicfchuh., und trieb 1,19: Pf. Luft aus der Stelle. Die ganze Ladung von Rauch, welcher halb so schwer als die gemeine Luft war, wog 5,596 Pfund. Es wurden dazu 82 Pfund Stroh und 5 Pfund Wolle gebraucht, welche klein gehakt, und Handvollweift in das brennende Stroh geworfen wurde. In eilf Minuten war der Ballon gefüllt und zur Abreist fertig. Nach Avhau- ung der Stricke stieg er mit immer zunehmender Geschwindigkeit ohngefähr 260 Klafter hoch. Da er 'Nicht schwer genug belastet war, so zwang ihn der stark wehende Westwind zu einer horizontalen Bewegung. Hierauf senkte er sich merklich, und siel ohngefähr 8 Minuten nach seinem Auf- 454 Aufsteigen rm Gehölze von Vaucresson, eine halbe ftanzös Meile von dem Orte des Aufstcigens sanft nieder. Man hatte unter dem Ballon einen Wcidenkorb gehängt, welcher einem Hammel, einem Hahn und einer Ente zum Postwagen diente. Der Ballon war zwar auf einen Holzhauftn gestürzt, und vom Korbe abgesondert, doch befanden sich die Thiere noch in der Ecke ihres Verschlags, und schienen wegen der außerordentlichen Reise nicht sonderlich gerührt zu seyn. Da man nun sah, daß die Thiere glücklich herunter kamen, so machte Moutgolsier täglich neue Versuche, dergestalt daß er sich mit dem an Stricken bevestigtcn Ballon ;» bis Fuß hoch in die Luft nehmen ließ. Den iz Oktober stieg pilatce de Rozier «« Fuß hoch, hielt sich 4 Minuten Secunden schwebend, und kam sehr langsam herunter. Den 21. Nov. machte Mvntgolsicr im Angcsichtc von ganz Paris im Schloßgarten zu la Müette die Anstalt zur ersten eigentlichen Luftfahrt. Der zur Erhebung des Fahrzeuges dienende Ballon war 70 Fuß hoch, und 46 im Durchmesser. Das Gewicht seiner ganzen Schwere, die beyden Luft- schiffer , die Weidengallerie, welche sie tragen sollte, und oas Stroh zur Unterhaltung des Feuers mitgerechnet, betrug r6 bis 17 Ccntner. In 8 Minuten war er, ohn- geachtet des Windes, ganz ausgedehnt und zum Aufsteigen bereit- Der Markis von Arlandes und pilalre de Rozier waren es, welche Muth genug hatten, die Gallerte zu besteigen, und sich den Namen der ersten Luftftglcr zu erwerben. Als sich die unerschrockenen Reisenden ohngefähr 250 Fuß von der Erde befanden, nahmen sie ihre Hüte ab, und grüßten die Zuschauer, die in stilles Erstaunen und in ängstliche Erwartung versunken waren. Nun stiegen sie immer höher bis zu ;ooo Fuß , da dann der Ballon nicht grösser als ein gewöhnlicher Kronleuchter aussah. Der Westwind trieb das Luftschiff von Westen nach Osten, über dir Seine weg , so daß es ganz Paris sah. D»e Lustschiffer 4 ,?; schiffer wollten sich in der Stadt herunterlassen, da sie aber bemerkten, daß sie der Wind auf die Häuser der Vorstadt St. Germain zuführte so brachten sie durch mehr entflammtes Stroh neue Steigckraft in den Ballon und segelten über Baris weg. Alsdann liessen sie sich jenseit der Vorstadt Momnartre auf freyem Felde noch eigener Wiilkühr und ohne Anstoß nieder. Der Weg, den sie in Lo Minuten zurückgelegt hatten, betrug eine halbe deutsche Meile. Die zwote Luftreise unternahmen Charles und Ropert, den r. December 178;, und die Beschreibung derselben findet man in Faujas Werke über die Versuche mit den ärostatischen Maschinen, welches im I. 1784 auch in einer deutschen Uebersctzung zu Leipzig heraus kam. Den 2. März >784 erhob sich Blanchard auf dem Marsfelde zu Paris über die Wolken, folgte der Richtung verschiedener Luftströhme, und durchsegelt: die Atmosphäre in einer Höhe, auf welche noch kein Sterblicher gekommen war. Den 7. Jänner -78? wagte «r mit dem Dr. Iefferies die Uebcrfahrt von England über den Canal nach Frankreich. Man rechnet die Weite von Dover nach Calais Z bis 6 deutsche Meilen. Um I Uhr 1; Min. stiegen die Reisenden vom Casiell zu Dover in die .Höhe. Ihre Ladung bestand, ausser ihnen ftlbst, aus neun Säcken mit. Ballast, einem Csmpasse und verschiedenen mathematischen Instrumenten, zwo seidenen Flaggen, nehmlich einer englischen und einer französischen, etwas Zwieback und Brandtewein, und zweyen aus Kork verfertigten Westen zum Schwimmen. Ueberdies hatte Blanchard am Luftball Strickwerk angebracht , an welchem er steh mit seinem Gefährten hätte anhangen können, wofern es zur Erleichterung des Balls nöthig gewesen wäre, das Schiff abzuschneiden und fallen zulassen. Blanchard zeigte bald nach dem Aufsteigen, daß 4?6 daß er den Ballon in seiner Gewalt habe, indem er ihn bald steige» bald sinken ließ. Um 4 Uhr hatte er sich zwo Stunden hinter Calais, auf dem Camp d'Or, wohlbehalten niedergelassen. So glücklich dieser Versuch ausgefallen war, ft> unglücklich hingcgen'fiel ein anderer Versuch aus, welchen s? Narre de Rozier und Romain machten, um über eben diesen Kanal von Frankreich nach England zu fliegen. Schon schwebten sie über dem Meer, als sie ein W'ndwechsel über das vcstc Land zurücktrieb, und ihr Fahrzeug in Brand steckte. Sie stürzten aus einer Höhe (wie mau glaubt) von 120» Fuß herab, und man fand sie zerschmettert in ihrer Gallcric. Um der Erfindung der Luftfahrt mehr Brauchbarkeit zu geben, sollte man (was freylich bisher nicht geschah.) ein Mittel entdecken , die Luftmaschinen nach Willkühr zu regieren. Schon den Deccmb. 17k; hatte die Aca- demie zu Lyon auf die Entdeckung einen Preis von 1200 Livrcs gesetzt. Wenn auch die Luftfahrt nur Spiel und Zeitvertreib bleibt, so beweist sie doch immer, wie weit man in unserm Zeitalter in der Erforschung der verschiedenen Luftarten vorgerückt sey. Umsonst schmeichelte man sich bisher, über die Lenkung der Schisse in der Lust eben so wie in dem Wasser Meister zn werden. Die Unmöglichkeit einer solchen Lenkung zeigte Hr. Pros. Presost rm )ul. der Berlin. Monatsschrift 1734. Einige Bemerkungen über heutige Kultur und Aufklärung. . -- V ' U !< ^s-n !-: : -LE'kÄ"?.: ^»4>K>j ,i^-'^,7. '.^»gg^-j r?--r« - -----» ^ /^n- ch:ü>4 ' ! ->>:M?-^-'A- ^ ?r7^ „ >' ' ^ - ,>7»^ ^ .'1,!^ ^ V."''- -.' '.'i^^K ^ . ' ' > ^ ^ a?'.ä^> »7^ >^r ün^chvv ^,-7 V : 7 / ^ ^7°/ > 7 vZ 7 ->r.< .^L.ÄSU chM»ä ''.' .--7i—'4> 7 ! '<^L'Zj .-Irr5^s»p-nWj^-.AB ' - -.'.-^.v:4 ' .^'^"' - ^4' 's . 7-' .,, 4».' Q . ^ ?? ^ -..k -ra»'^:.^H»; >'-.'.MD '-^ -'- SL- -,'-?»':^'r:7>-.H -4" -.rr-».'>k'l '.d»s) >xnK, ? ; .?:H s-. ;^'>-.^..--r-.-->. E o/'-..-.'LZ. '"^.n-7k'' -d".^ d'.-^ - !>>d.:7 ,A^ ^ : -:-»')-m «rjr-x.u'?^rrK' 8^ r::pk:n4.-; ä°-rK !-^r.. °->iLirs»l',r'H-L^jl»K^.^'..-". 7 ' 4 ^ - ^7 , >7'g ^ ' // 1 45'9 Xb. Einige Bemerkungen über heutige Cultur und Aufklärung. ^nds des XVII»en und Anfangs des XVIII»n Jahrhunderts waren Leibnitz, Newton, Bayle, Locke, Bernoulli die Schöpfer zugleich einer erhabenern und einer brauchbarern Philosophie. Indem sie weclssclweisc bald den kühnsten Flug genialischer Erstndsamkeit wagten, bald Schritt vor Schritte den ängstlichsten Berechnungen folgten, erweiterten sie die belebte und leblose Schöpfung; sie entdeckten das unendlich Kleine ^die Gesetze der Bewegung, die gegenseitige Anziehungskraft, die Harmonie so wol im Ganzen als in einzelnen Dingen, die Quelle und den Gang der menschlichen Ideen, n. f. w. Nach diesen Entdeckungen berichtigten theils sie selbst, theils und porncmlich aber Christian Wolf das Plamglobium des menschlichen Wissens. Kein Fach von diesem, kein Gegenstand, weder der gestirnte Himmel noch die Feldarbeit des Landmanns, weder das Zauberspicl der Imagination noch die Kataster der Finanz, kammcrn, überall nichts, das man nicht nach philosophischer Methode behandelte l Selbst der Lehre von den Empfindungen gab Baumgartcu in seiner Aesthetik die Form einer Wissenschaft. Ueberhaupt theilten sich in die verschiedenen Fächer der Gelehrsamkeit, Männer von außerordentlichen Talenten, und jeder zündete dem andern Licht an.' Was die einen nach strenger schulgerechter Lehrart vortrugen, das kleideten andere in populäres reizendes Gewand ein. Son-. 46s Sonderhcitlich auf Seite der Sittenlehre und der GpraÄkunst crweittrte sich das Gebiet der spekulativen Philosophie. Schon im I. I?i; hatte Ich. Chamberlayn das Unservater in i;r Sprachen ediert; im 1 .1782 lieferte Rüdiger den Vchsuch eines Universalglossariums, d. i. einer Geschichte der menschlichen Sprache nach allen bisher bekannten Mundarten; um gleiche Zeit erschien Coutt de Gebelin mit sturem U?onde primitif, cincnr Werke nicht weniger voll Scharfsinn als voll Träumcrcy. Ei» eigentliches vollständiges philosophisches Ur.iversaiglvffarium unternahm aufBeschl der KaysennCatbarina II. der russische Collcgicn- rath Pallas. Und wie viel Verdienste erwarben sich nicht um die Philosophie der Sprache, ausser d'Alembcrt, Diderot, Brosse, Marscy, Monboddo, Fulda, Lamdert, Bodmcr, Adclung und andern , besonders auch die neuen Sprachmeister der Taubstummen, ein L Epce, Heinike, Eschkc, Keller? Gleichsam überdrüssig des hellen Mittags, welchen über die Philosophie ein Wolf, Baumgarten, Bülfinger, Lambcrt, Sulzer, Mendclsohn, Plattner , Eberhard, Wcißhaupt, Herder, Condillac, Bratje, Ferguson verbreiteten, belustigte man sich bald wieder mit den Meteoren der Dämmerung. Wenn auf der einen Seite die Berk- ley , Hüme, Kant, Voltaire , Diderot Zweifelsucht prc. digten , st> verkündigten auf der andern Seite so viele Neu- platoniker nichts als Glauben, Erscheinungen, Wunder. Theils die Liebe zum Neuen und Ausserordentlichen , theils die Ausschweifungen des Luxus machten den citeln Weichling begierig nach Mysterien, nach geheimem Umgänge mit Adepten oder selbst mit Dämonen. Je weniger Gewißheit und Nutzbarkeit die spekulativen Untersuchungen versprachen, desto mehr schränkten Andere, sich auf Meßkunst und Naturlehre ein. Aus dem zahl- xeichen Chöre ziehe ich nur Einige, so wie sie mir crnfallen, zum zum Beyspiele hervor: Wie einfach und sicher machten nicht ein Bocrßave, Valksncri, Verheyn, Ruysch, van Swisten, Heister, Murray, Monro, Kämpf, Unzer, Halter, Stoil, Tissot, Sekte, Tode, Weykard, Bal- dingcr und andere die Arzneykunst? Wie rief durchblickten nicht ein Needham, Fontana, Boimet, Svalan- zani, Camper, Sömmcring das Treibwerk des thierischen Rörpero ? Wie vieles gewannen nicht die Scheide- kunst und Metallurgie durch die Bemühungen der Marg- graf, Swedenborg, Sitderschlag, Lavoister, von Born, Gren, Götling, Pott, Crelt, Bergmann, Schlülcr, Scheele ? Wie vieles die verschiedenen Zweige des Landhaus unter der Pflege eines Mirabeau, Duhamel, Zormg, Nozicr, Düpont, Baudeant, Germecshauftn, Münch, Hausen, Kru'nitz, Gleditsch, Benkendorf, Deckmann ? Wie vieles besonders die Technologie durch Lemis, Iusti, Hallen, Bcckmann, Jakobson., Sprengel, Schceber, Lamprccht , und durch so viele Tagebücher, Magazine, Wörterbücher, besonders auch (bey allen übrigen Mängeln) durch Didcrots und d'Alcmderts Encyklopädie und durch die Beschreibungen von den Künsten und Handwerkern der Pariser Acadcmie ? Sonderheitlich in Absicht auf gelehrte Behandlung solcher Künste, Handwerker, Fabriken und Manufakturen scheint unser Zeitalter mit jedem andern wetteifern zu können. Aber auch überhaupt, wie sehr glänzt es nicht a» grossen Entdeckungen ? Wie vieles danken nicht die Mechanik und besonders der Schifbau den Bcrnomlli und Eutern? Wie tief drang nicht Carl Spaltung mit seiner Taucherglocke in den Abgrund des Meeres? Wie sehr erweiterte sich nicht jedes Naturreich unter -der Herrschaft eines Halters, Büffon, Limiäns, und die Welt der Insekten unter den Augen des Neaumürs, Lwnnct, Schäfer und anderer ? Wie kühn überflogen nicht die höchsten Gebirge ein Pallas , de- Lüc, Sanssüre, Donr- rit? Wie unacmein bereicherten nicht durch welrum- seglung ein Boulaniviliicr, Cook, Förster u. a? die Na» turlehre und Erdbeschreibung? Wie viel näher vereinigten sie nicht in Nordost die alte Welt mit der neuen ? Wie viel trugen sie nicht durch Entdeckung fremder Völker zu genauerer Kenntniß der menschlichen Natur und der Ab- stuffung ihrer Ausbildung bey ? lknter allen Elementen keines, das steh nicht der erfinderische Geist unterwarf! Wer kennt nicht Richards und Pricstley's verschiedene Luft- arten und Montgolficrs Reisen über die Wolken? Wer nicht Muschcnbrocks Wunder der Elektrizität und die Gtrahlableiker jenes Franklins, gut c^In srixuie kulmen Lcextrumgue r^rnnms? Wer nicht Maupertuis und anderer acadcmischen Argonauten nähere Bist'mmung der Etdengestalr ? Wer nicht die sdrgfäitige Beobachtung des Durchganges der Venus und Hcrschels Vulkane im dlsond, und den Hcrschclschcn Uranos ncbst seinen Trabanten ? Doch wir wenden den Blick naher auf unser häusliches und bürgerliches Leben zurück : Welche Verdunste haben nicht um das Glück der Menschheit und der Staaten, um öffentliche und versöhnliche Sicherheit, um die Gesetzgebung und Rechte ein Thomasius, Bar- deurac, Lüzac, Montesquieu, Dagncßean, Mably, Pelcy, Böhmcr, Püttncr, Bcccaria, Filsngicri, und unter den Regenten selbst Rußlands Peter I. und Catharma II. Preussens grosser Friedrich, Toscanens Peter Leopold, Sardiniens Amadeus, die Gesetzgeber des nencn nordame- ricanischen Frcystaats? Wie siegreich verbreitete nicht besonders auch Friedrich der Grosse mit seinem Voltaire die pceßfreyheit und Toleranz ? Wie sehr zeichnet sich nicht mitten in unserm verschuldeten Zeitalter die ökonomische und politische Rechenkunst aus? Welches andere Jahrhundert hat einen Melon, Du - Tot , d Argenson, St. Real , Mirabeau , Neckcr, Smiih, Stewart, Young, Baronet, Süßmilch, Michclsen, Roscnthal, Achenwall, Moftr, Möstr, Schlözer , Büschs, Dohm, Hcrzberg? Wel- 46 ; Welches hat einen Geographen, wie Büsching, und überhaupt weiches eine so genaue und ausgebreitete Rennr- niß der Länder und Völker? Mit welch philosophischem und praktischem Geiste bearbeitete nicht die Geschichte ein Gianone, Voltaire, Hüme, Robertson, Maltet, Paw, Barthclemi, Hegewisch, Schlözer, Plant, Spitt- lcr, Schund, Müller, und seine eigene Heldcngcschicyle Friedrich der Grosse? Welchen Werch für Lebensweisheit und Lebensgenuß haben nicht die Wochenblätter eines Sreele und Addison, die Romane eines Ficldings, Nichardsons, Sterne, Smollcts, Marmontcls, Wie- lands , die socratische bürgerliche und menschliche Philosophie eines Dü-Clos, Rousseau, Mcrcicr, Chalotais, Nccker, Swift, Hüme, Shmith, Ferguson, GcUcrt, Abbt, Iselin, Hir-rcl, Möscr, Garve, Engel, und auch in diesem Fache vor allen aus Wicland ? Wie vieles trugen nicht zur Verschönerung des Lebens uns zur Veredlung des Geschmackes so viele Künstler und Runst- richter bey? Unter den letzten, ein Dü-Bos, Algarotti, Diderot, Marmontel, Batteüx, Ramler, Leffing, Sulzer, Engel, Eschendurg, Home, Johnson, und besonders in Absicht auf die zeichnenden und bildenden Rünsie ein Falconet, Spence, Webb, Reynolds, Mengs, Hagedorn, Voltmann, Meufel, Koremon? Wie vieles dankt nicht die Bunst des klassischen Alterthums, ausser so vielen kostbaren lVlull-is, einem Montfaucon, Marictte, Caylus, Stofch, Lrppert, Hamilton, Wmkclmann, Barthelemi? Wie vieles besonders die antike Baukunst einem Le-Roi, Piranefi, Comolli; die Schauspielkunst und Tanzkunst einem Cailhava, Ricodvni , Gaerick, Foote, Noverre, Engel, Gallini, die Gartenkunst cinem Mason, Wha- tely, Girardin, Marnesia, Hirschftld, Medicus, die Bildhauerkunst einem Falconet, Nah!, Messerschmiöl, Pigal, Trippe! , Houdon und Fischer; die Mahlerey einem Rugendas? Riedmger, Lürgilliere,- Greuft, Bat- toni, toni, Mengs, Pesne, Verncs, Luterbnrz, Oescr, West, Tocquct, Dieterich, Hackert , Geßner, und der Angelica Kaufmann ; die Rnpferstecherkunst einem Wille,Schmidt, Chodvwieky, Wollet, Carlen, Ryland und Bylaert, dem Erfinder der Kupferstiche von verschiedenen Farben? Welche Medailleurs ein Natter, Schcga, Samson, Hedlinger? Welche Dichter - auch unter diesen heben wir nur Weinbaus — Englands Aonng, Pope, Akinside, Gray, Prior, Gay; Frankreichs La Chaussee, Destouches, Diderot, Grcffet, Piron, Voltaire, Delisle, St. Lambcrt; Italiens Metastasio, Goldoni, Gozzi, Chiari, Bertola, Parim, Ccfarotti, Passcroni, Aldcrgati, Bettinclli, Pig- notti, Alsieri; Deutschlands Klopstock, Wieland, Geßner, Ramler, Halter, Hagedorn, Lcssing, Denis, Utz,Gleim, Götze, Bürger, Blumaucr, Alxinger, Böthe, Stolldcrg, Hölty? Welche Tonkünsiker — Frankreichs Ramcau, Rousseau, Grctri; Deutschlands Händel,. Graun, Schulz, Gluck, Benda, Rolle, Schweizer; Italiens Galuppi, Jomelli, Zacchini, Marchest, Anfoffi? Welche kunstreiche Mechaniker, z. B.Kempele, Iaques Le Droz? Bey den einzelnen grossen Künstlern in jedem Fache enthalten wir uns nicht, die Bemerkung zu machen, daß sich überhaupt das Zeitalter vielmehr im Rleinen als im Grossen, vielmehr im Detail als im Ganzen, vielmehr in Verzierung der Werke als in dem Werke selbst unterscheide. Eine Ursache davon liegt unter andern auch in dem überall verbreiteten kaufmännischen Verkehr, der auch den Reichtum verbreitet, zugleich aber seine Anhäufung in einem Hause verhindert. Daher heut zu Tage eine weit grössere Anzahl von Handelsleuten, als vormals, hingegen keine Fugger und Medicis. Wenn diese Palläste bauten, so bauen jene nur Pavillons; Letztere sind nur in so west vermögend um ein Zimmer zu schmücken oder Conzcrte und Gastmale zugehen ; die erster» schmü'ckrcn grosse Kirchen, Marktplätze , Städte , und beförderten die Künste im Gros- 4 «- Grossen. Was wir an Ausdehnung gewinnen, dä- i verlieren wir an Intensität, und zwar in Absicht auf Glücksgütcr, wie in Absicht auf Geist und Talente. Weit mehrere leben heut zu Tage elegant, als vormals, aber vielleicht weit wenigere groß; weit mehrere gemessen der Aufklärung und Bildung, vielleicht aber gicbts weniger grosse Semen. Ein Charactcrzng des Zeitalters sind unter andern ^ auch die weit häufigern Reisen, Briefwechsel, Zeitungs- ^ blätter, Journale, ein weit herrschenderer Geschmack an der Lectüre, und eine ganz außerordentliche Publizität , alles dieses erleichtert und verbreitet die Kenntnisse, verlei- , tct aber manchen dazu, daß er sich mit der Oberfläche , befriedigt, und die unsterblichen Werke der Alten hintansetzt. Die Publizität besonders, wen» sie auch den Egoist MUS und Despotismus nicht völlig bezähmt, macht wenigstens, bey klugem Gebrauche, diese Ungeheuer furchtsamer und weniger grausam. Merkwürdig ist auch die neue Epoche der Erziehung und des Schulunterrichts. In der letztem Hälfte des XVlltzn Jahrhunderts hatte sich ein sonst schwärmerischer Kopf, Amos Lomenius, nicht geringe Verdienste um die Verbesserung des Schulwesens erworben. Lebhaft hatte auch Leibnitz auf Einführung von Kunst - und Bürgerschulen gedrungen. *) In dem XVIII tz" Jahrh, gelang es verschiedenen Schriftstellern, nach dem Beyspiele eines Fontcnclle, Algarotti, Voltaire, die Künste und Wissenschaften in einheimischem gefälligen» Gewände aus dem Hörsaale bis an den Nachttisch der Damen und selbst bis in die Wcrkstatte zu führen. Sonderheitlich aber seit der Vertilgung der Jesuiten, dieser chmaligcn Monopolisten des Erziehuugswcsens, empfahlen in Frankreich ein Lha- lotais * ) S. tMuin ttuiuiove^n, L. V. f. iyr , wie «uch leü. XX. lorais und Rousseau, ein Voltaire und d'Alembert, und in Deutschland ein Basedow, Rcsewitz, Lampe, Salzmann, u. a. einen populären Schulunterricht. Nur ist zu besorgen, daß man auch hier von dem einen Ende in das andere falle. Die Weichlichkeit dcS Zeitalters nämlich erschrickt vor jeder Anstrengung, und gerne ärn- tct ste, wo sie nicht gesäet hat. Nur schüchtern wag ich auch einen Blick aufdieTheologie. Die Revolutipn, die zu unsern Zeiten in ihrem Heiligthume vorgieng, scheint der zweyte Theil oder das Supplement von jener Reformation des XVI»" Jahrh, zu seyn. Die Rückkehr zur Freyheit, zur Einfalt und Lauterkeit war die Folge tzanz entgegengesetzter Stürme, auf der einen Seite der dippclianischen und pietistischen Schwär- mercy, auf verändern Seite der Zweifelsucht und Frcy- geisterey. Dein Feinde gab man das fremde Aussenwerk preis, um mit desto mehr Nachdruck das Hciligthum selbst zu behaupten. Die Fcnelon und Quesnel in Frankreich, und die Spener und Franke in Deutschland hatten damit angefangen , die Religion weniger dogmatisch, aber desto erbaulicher zu machen. Allmählich befremdete es nicht mehr, von einem Unterschied zwischen dem Geiste der Offenbarung und ihrer Hülle zu hören. Seitdem die Mill und Wetstein, die Kennikot, Abauzit, Beugel, Ernesti, Töllner, Vernet, Steinbart, Eberhard, Jerusalem, Eichhorn, Griesbach, Seniler, u. a. die heil. Bücher mir der Fackel der Lritik und Historie beleuchteten, wagte es der Vcrfolgungsgeist nur selten, auch noch am hellen Mittage zu spucken. Ganz stirbt er wol niemals, so wie seine Erzeuger , Selbstsucht und abergläubische Dummheit niemals ganz auöstcrbcn werden. Selbst in Berlin, dieser Hauptstadt der Aufklärung, haben wir erst noch im I. 173a bey der Einführung eines neuen geistlichen (Gesangbuches sehr schwärmerische Auftritte gesehn. Zu allen Zeiten, und besonders auch zur Zeit der Reformation Hatte man lebhaft den Einfluß drr Tonkunst und Poesie auf die religiösen Gesinnungen empfunden. Auch in unserm Zeitalter verbreitete sich dieser Einfluß. Man erlaube, daß wir desselben etwas umständlicher erwähnen: Seit mehrern Jahren hatte man in verschiedenen so wohl katholischen als protestantischen Ländern nicht im« -sächliche Versuche in der Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes überhaupt, und besonders auch in der Verbesserung des Lerchengesanges gemacht. Mit einer solche!, Verbesserung schien man in Berlin länger zu zaudern, in der Hauptstadt der philosophischen Aufklärung und Freyheit, aus welcher die E leuchrung, besonders auch in der Religion, sich über die andern Provinzen von Deutschland verbreitete. Doch in Berlin, wie in allen grossen Städten, giebt es der Menschen und tcr M-m- schmklassen so viele, daß nicht nur in verschiede icn Bezirken, sondern selbst in dem gleichen Hause in vcrsAie. denen Stockwerken, die verschiedensten Begriffe und Gesinnungen, neben achter Religiosität auch auf der einen Seite Aberglauben, auf der andern Seite Unglauben schwärmen. Bisher hatte bey dem öffentlichen Gottesdienste das elende porstensche Gesangbuch gcherrschct. Es ist voll nicht nur von pöbelhaften, sondern auch von höchst unwürdigen und falschen Ideen. Im I. ,78» führte LaS Oberkonsistoriunr ein ganz vortrcflichcs neues Gesangbuch für den öffentlichen Gottesdienst ein. Es liegt in dem Charactcr des Volks, daß es das Alte und Gewohnte dem Neuen und Ungewohnten vorzieht, daß es den alten Gesangbüchern eine Art von Heiligkeit beylegt, und daß es ein Buch liebt, welches der gemeine Mann bey fcycrli- chen Gelegenheiten, bey der Konfirmation, bey der Verheiraten,g , bey der väterlichen Erbtheilung, oder zum Vathengeschenke erhalten hat. Dieß sind Anhänglichkeiten Ggs und und Vorurtheile, die man dem Volke verzeih» muß. Mit dem Volke aber vereinigten fleh gegen das neue Gesangbuch auchPerssnm von besserer Erziehung. Auch aufgeklärte Menschen nämlich sind gewöhnlich nur in einem gewissen Kreise von Begriffen aufgeklärt/ und in allen andern lassen sie sich von den Eindrücken der ersten Jugend beherrschen. Die Einen sind gleichgültig bey allem/ was gesungen wird/ und nehmen aus Feigheit und Politik/ oder aus Eigensinn die Parthey des Fischmarktcs; die Andern thun es auch wol aus Neid und Eifersucht gegen dicNeformatorcü; noch andere, z.B. die Besitzer und Verkäufer des alten Gesangbuches, aus niedrigem Eigennutz. Einem gewissen Fcnerkopfc, Namens Apitsch, gelang es, daß er über hundert Schwärmer aufwiegelte, welche dem Könige im Jänn. 1781 eine Klagschrift, unter folgender Aufschrift, überreichten: „ Vorstellung an „ den König von den IV Gemeinen zu Berlin, Dreyfal- „tigkcit, Gertrud, Kölnische Vorstadt, Neuer und Jcru- „falcniü Kirche, betreffend die willkührlicheu Verandcrun- „gen m der Religion, besonders des neuen Gesangbuches, „Katechismi und Bibeln." Unterm 18 Jänner 1781 erfolgte hierauf folgende königliche Resolution : „ Se. Majestät kennen den gros- „scn Werth einer vernünftigen Toleranz in Rcligionsge- „bräucheu zu genau, um aufdie, von vier hiesigen Gemeinden unterm i g. c. eingegebenen, Veränderungen und Neuerungen, Rücksicht zu nehmen, noch weniger dagegen zu „verordnen. Höchstdicsclben haben es sich vielmehr aus „völliger Ueberzeugung , daß es Pflicht eines jeden guten „Landesherr» und Vaters ist, zum unveränderlichen Gesetz „ gemacht, jedem dero Unterthanen völlige Freyheit zu „lassen, zu glauben, und seinen Gottesdienst zu halten, „wie er will, nur daß seine Lehrsätze und Religionsübun- „gen weder der Ruhe des Staates noch den guten Sitten „nachthcilig seyn müssen. Höchstdicsclben wollen daher „ auch 46 ? »auch, baß in der Kirche kein Zwang in Ansehung des „Katechismi und Gesangbuchs herrsche«/ sondern jede „Gemeine hierunter ganz freye Hände haben und behalten „ soll. Vermuthlich ist das neue Gesangbuch, so wie der „neue Katechismus, verständlicher, vernünftiger und dem „wahren Gottesdienste angemessener, weil so viele andere „ Gemeinen, bey welchen so manche in allgemeinem Ruf „ stehende, erleuchtete Männer sich befinden , denselben den „ Vorzug eingeräumt haben. Gedachte vier Gemeinen köm „ nen sich indeß dabey gänzlich beruhigen, da, wie bereits „ gedacht, ihnen so wohl als jedem Sc. Majestät Unter- „ thanen ganz frey steht, zu glauben, und zu singen, was „ und wie er will. " Eigenhändig hatte der König hierunter geschrieben: „Ein jeder kann bey mir glauben , was er will, wem« er „nur ehrlich ist. Was die Gesangbücher angeht, so steht „ einem jeden frey, zu singen : Nun ruhen alle Wälder, „ oder dergleichen thöricht und dmnuies Zeug, aber die „Priester müssen die Toleranz nicht vergessen; denn ihnen „ wird keine Verfolgung zugestattct werden." Friedrich. Der Pöbel fuhr fort, sich dieser Freyheit, thörichtes und dummes Zeug abzusingen, noch ferner zu bedienen. Wen,, also selbst die Fackel der protestantischen Freyheit noch nicht jeden Winkel erheitert, wir darf es befremden, daß die ?ampe in dem Heiligthume der katholischen Rirche keine durchgängige Erleuchtung hervorbringt? Nur selten indeß, gcw'ß selten für lange, wagen es in dem schauerlichen Helldunckel ein Gaßner den Beschwörer, oder ein Labre, und eine Nonne von Siena die Wunderthäter zu spielen. Im Ganze» siegt noch immer die arrfgeklärtere, fteyere Denkart. Freylich sind die Einschränkungen der päbstlichen und mönchischen Hierarchie und die Entwürfe zur Religionsvereinigung zuweilen weniger die Krucht Frucht einer solchen Denkart, als die Frucht des Eigennutzes und der Politik: — Immer aber gereicht es dem Zeitalter zur Ehre , daß hie und da , besonders aber in Oesterreich und in Frankreich die Geroissenefrcyheit sich je länger je mehr zu verbreiten beginnet. Noch mehr gereicht dem Zeitalter die Verbesserung der Ranzelbered» samkeit und des catechetischen Religionsunterrichte« zur Ehre / indem sie nicht nur bey den Protestanten, son« dern hie und da auch bey den Kathslicken weit einfacher- practischer und populairrr geworden. XI.I. Französischer Reichstag im Jahr 1789. ' O-5' ' ^'r ^ MMs ^ - ' -^.-o -- 7 -, - - — > >> XI.I. Französischer Reichstag, im Jahr 1789. «vDcnn wir der heutigen Revolution in Frankreich bis .zur Quelle nachgehn, so steigen wir auf Zeiten zurück, wo das Parlement zu Paris , das man sonst als einen Gerichtshof ansah, zum erstenmale die Gewalt der Reichsstände ausübte. Und wie erhob es sich denn von dem Richteramte z» gesetzgebendem Anschn? Ohngcsähr durch" ähnlichen Kunstgriff, möchten wir sagen , wie sich der Pabst von der Bischofswürde zur Majestät eines Orakels erhob. Beyder Einfluß vermehrte hie und da irgend ein Grosser, und zwar um soviel lieber, je mehr.hinwieder auch sie den ihrigen vermehrten. Nachher wies Ludwig XIV das Parlement in die Schranken eines Gerichtshofes zurück. Sogleich aber nach dem Hinschied dieses Monarchen benutzte es die Umstände zu Vergrößerung seiner Gewalt. Dem letzten Willen des verstorbenen Königs zuwider, erklärte es zum Reichsverwescr — nicht den Herzog von Maine, sondern den Herzog von Orlcans. Je nachdem es dieses letztem eigener Vortheil erforderte , ehrte oder verwarf er das Anschn des Parlcments. Unrsonst daß sich das Parlement an den Platz der Reichsftände zu setzen bemühte, er behauptete die Allmacht des Thrones. Auch die Zusammenberufung der Reichestände wich er sorgfältig aus. Ein einziges Mal schien er ihr nicht unabgeneigt, Er sah kein ander Mittel zur Wiederherstellung der durch den Actienhandel ganz zerrütteten Finanzen. Ein so gefähv, liches Mittel wiederrieth ihm der Kardinal dü - Bois. Hernach 474 Hernach unter der Regierung Ludwigs XV erneuerte». fich die Ansprüche des Parlemcnts. Veranlassung dazu war - die Butte Uingenirus. Gegen diese Bulle eiferten die Ianscnisten, und für sie die Jesuiten. An der Spitze der ^ letztem Parthey stand der Erzbischoff von Paris. Er per- - pflichtete die Geistlichen, keinem Sterbenden die Sacra- mcr.tc zukommen zu lassen , wofern er nicht einen Beicht- schein vorzeigen könnte, mit der Versicherung, daß er die päbstlichc Bulle verehre. Das parlcrnent aber widersetzte sich der Abforderung solcher Cvnfcssionsbillcts. Bey diesem Vorfalle bewies der Hof ein sehr schwankendes Betragen. Bald verbannte er das Parlcmcnt, und bald den Erzbischoff. Im I. 1762 war dem Parlcmcnte die Aufhebung des Iesuitcrordens gelungen. Einige Jahre hernach gelang den Epjesmten die Aufhebung des Parlementes. Einer ihrer eifrigsten Gegner war de la Chalotais, Gcncralpro- curator bey dem Parlcmcnte von Bretagne. Dieser beschuldigte den Herzog von Aiguillon tyrannischer Verwaltung. Da der Herzog ein Pair von Frankreich war, so kam der Handel vor den Gerichtshof der Pairs, das ist , dcs Par- lcmcnts zu Paris. Den 27 Innins 1770 legte der König in cincin Iuftizlags'r beyden Partheyen ein Stillschweigen auf. Noch an demselben Abende nahm er den Herzog mit fich nach Marly, und hernach erhob er ihn, anstatt des anri - jesuitischen Herzogs von Choistul, zum Minister. Seine Erhebung war das Werk der Gräfin du Barry. Voll Unwillen untersagte das parlcrnem dem neuen Minister alle Verrichtungen eines Pairs , bis er sich, wegen der ihm gemachten Beschuldigungen, vor dem Gerichte der Pairs würde gereinigt haben. Tags darauf entkräftete diesen Schluß der königliche Staalsralh. Dagegen that das parlement Vorstellungen. Der Röntg verbot weitere Unterhandlung. Seine Schritte leitete der Kanzler von Mcemvou. Das parlemenr übergab den Gcrichtsstab. Index Nacht vorn ip Jänner 1771 wurden alle Glieder desselben ' desselben von Musketiers ausszcwcckt, die ihnen einen körriA lichen Befehl zur Wiederergrcifung ihrcS Amts vorlegten. ! Den Befehl unterschrieben die Mehrern. Am Morgen aber in voller Versammlung , faßten auch die Feigherzigern Muth, j und widerriefen ihr Wort. Der König hob Las Parlcmenk ! auf/ und verbannte die Glieder desselben, alle nach ver. > schicdencn Gegenden. Standhaft ertrugen sie sämmtlich ! ihr Schicksal. Meaupou errichtete ein neues parlrmmk.' ! Nicht eher sollte dieses GegmvorftcUungcn thun, bis es die königlichen Verordnungen einrcgistricrt hatte. Den j ic>. März 1774 starb Ludwig der XV. Auf Maurcpa's I Rath wurde nun Meaupou verwiesen, und das »erwic, ! sene alte parlement wieder eingesetzt, j Solche und andere Abänderungen und Streitigkeit > ten schienen je länger je mehr dem Nationalgeiste eine j freyere Wendung zu geben; je langer je inehr vcrbrci- > tcte steh die kühnere Philosophie eine- Montesquieu, Bou- ^ lainvilliers, Rousseau und Voltaire. Derselbe Geist der ! Freyheit, der sich bey den hohem Menschenklasscn durch ^ Sprache und Feder äusserte, bewaffnete sich bey der gerin« ! gen Klasse zuletzt mit der Keule. Durch Erpressungen hatte > der Abbe Terrai während seiner Finanzverwaltung das ^ Volk in Verzweiflung gestürzt. Im Aprilmonate 177; ' verbreiteten sich von den Provinzen bis in die Hauptstadt fürchterliche Tumulte. Zu Hiittcrtrcibimg derselben versammelten sich nicht nur der Staatorath, sondern auch das parlement. Diesen letztem untersagte der König die weitere Einmischung in eine Sache, die, seiner Meynung nach, nur die Polizei) angieng. Nichts desto weniger sitzte es seine Versammlungen fort. Es drang auf die Herabk sttzung des Brodpreises. Der König verbot ihm alle Em- wmdunqen, und es gehorchte. Während der Unruhen wachte der Herzog von Birou mit einem Heere von 2z,000 Mann für die Sicherheit der Hauptstadt, und alle Kommandanten, Intendanten und Bffchöjst 4?6 Vischöffc zogen nach ihren Bezirken, Unter der Hand besah! ^ der Minister Türgot gelinde Behandlung der Mißvergnügten, und Erleichterung des Gctrcidkaufs. Es fiel ein Vcr- ' dacht auf die Geistlichkeit, als ob stein der Beichte da« Volk aufgehetzt habe- Der König befahl ihr, in beson- ^ dcru Predigten vor Unfug und Empörung zu warnen. Durch die königlieb-m Befehle glaubte fie sich erniedrigt, und ste schrie den Mmister Türgot für einen Atheisten auS, der nichts geringeres im Sinn hätte, als den König — l zum -Haupte der Lvirche zu machen. Die ganze Scene H cndiqtd sich für die hungrigen Armen mit Prügeln, und ^ Mit Svottliedern für die schwelgerischen Satrapen. j Mit Grunde betrachtet man die Armuth als Mutter ^ der Freyheit, allein eine ganz andere Gestalt bekömmt diese- ^ Eötterkind, je nachdem feine Mutter, wie z. B. in der l Schweü »n^ in Holland, mit Sittcneinfalt und tn Iingc- i schwächter Naturkraft erscheint, oder wie nun in Frank. , reich, durch Luxus entnervt. > Nach Vergcnne's Tode zeigte sich die Erschöpfung der e Finanzen in ihrem ganzen schrecklichen Umfange. Je mehr die Schwäche des Staatskörpcrs zunahm, desto begieriger . wurde man, nicht nur jeden Arzt, sondern auch jeden s Quacksalber zu Rathe zu ziehn. Den eigentlichen Aescu- i lap glaubte man endlich in Nöckern gefunden zu haben, -j Zu Ende des Jahrs 1776 ward er zum Direktor des kö- z niglichen Schatzes, und in dem darauf folgenden Jahre - zum Generaldirektor der Finanzen ernennt. Durch Er- > fharunacn kränkte er eine Parthey, die nicht rührte, bi- , sie ihn von den Geschäften entfernte. Ausser der Familie > des Ministers der Marine, welchen Neckcr schlechter Vcr- j waltung beschuldigte, verfolgte ihn auch die Königin. Als ; er den Beysttz beym Staatsrathe verlangte, wurde er ihm, , als einem Unkatholischen, verweigert. Hierauf verlangte, , und crbicli er seine Entlassung. Viele Feinde zog er sich sondcrheitlich auch durch seine Schrift über die pro- viitzialvcrwaltung zu. In dieser Schrift tadelte er die Be- . Bestellung? der Intendanten als unnütz und lästig. Er , schlug zur Enthebung der Auflagen Provinzialvcrsammlun, gen vor, und behauptete, daß diese weit mehr als die parlementer für den Vortheil der Krone besorgt seyn werden. ' Nach Neckers Entfernung vermehrte sich die Verwir. rung so sehr, daß der Hof immer neue Rathgeber lind Minister hcrbcyrufcn ließ. Im I. 1786. war unter Ca- ^ lonnc's Verwaltung der Verfall der Finanzen aufs höchste gestiegen. Dem Könige blieb kein ander Mittel mehr übrig, als sich bey einer Versammlung der Notabeln Raths ^ zu erholen. Den 22. Febr. 1787 eröffnete er diese Versammlung. In derselben schlug Calonne eine neue Anst läge vor, und zwar auf liegende Gründe, und selbst auf die Domainen. Eine solche Auflage aber siel vornehmlich auf die Geistlichkeit und den Adel, und diese beyden Stande erklärten sie als Verletzung ihrer bisherigen , Freyheiten und Rechte. Mit dieser Auflage verbeuth der Minister noch eine andere, nämlich auf das Stempel- papier. Für die Berathfchlagungen der Notabeln wurden sieben Bureaux oder Kanzleyen niedergesetzt, und bey jedem Bureau präsidierte ein Prinz vom Gcblüte. ,Von allen Seite flogen Pamphlets und Denkschriften, die die Gemüther in Gährung jagten. Mitten unter dem lauten allgemeinen Geschrey setzten die Notabeln ihre.Arbeiten fort. Den 26 und 27 Februar beschäftigten sie sich mit Aufdeckung aller Gebrechen in der Organisation, die man den provinzialoersammlungen zu geben geneigt war; sie fanden ihre Einrichtung zu demokratisch, und nachthcilig für die beyden ersten Stände, die Geistlichkeit und den Adel, Vornehmlich auch widersetzten sie sich der Auflage auf lie. gende Gründe. Calonne schärfte ihnen ein, sie sollten sich nur mit der Form der Sache, und nicht mit der Sache selbst beschäftigen, indem diese von dem Könige zum voraus 474 aus beschlossen wäre. Bey einer solchen Aeusserung gerieten sie auf den Argwohn, der Minister wollte sich ihrer nur als einer Verschärfung bedienen , hinter welcher er desto bequemer auf das parlement losstürmen , und es zur EmreMricrung der königlichen Edikte nöthigen könnte. Je länger je mehr fühlten sie sich ; je länger je mehr gaben sie lieber dem öfentlichen ^Geschrey als der Autho« rität nach; sie widersetzten sich dem Minister, und der Minister gab nach. Er ließ es geschehn, daß man über die Sache selbst, so wie über ihre Form berathschlagte. Nach Vergenncs Hinschied hatte er seine Hauptstütze verrohren. Mit dessen Nachfolger, dem Grafen Msntmorin, stand er in wenig Verbindung. Unter solchen Umständen nahm seine Entschlossenheit in gleichein Grad ab, wie sie bey den Nstabcln zunahm. Die wichtigsten Gegenstände übergaben nun diese den Vrovinzialvorsammlungen zu näherer Prüfung. Man griff nicht blos Calonnc's Vorschlage an, sondern auch die Führung seiner Verwaltung. Den 9. April erhielt er mit Miromcsnil seine Entlassung. An ihre Stellen traten Bouvard de Fourqucux und Lamoi« gnon. Sie waren beyde hisher Beysitzer der Versammlung der Notabeln gewesen. Bald hernach erhielten auch sie den Abschied, und hatten zu Nachfolgern den Erzbischoff Vricnne von Toulouse, und Villedeuil von Rouan, den Intendanten. Alle diese Veränderungen hielten die Notabeln in ihren Berathschlagungcn nicht auf. Sie sahn wol ein, daß es nicht weniger wichtig wäre, für die regelmässige Fortdauer, als für die dieß- inalige Wiederherstellung der Ordnung zu sorgen. Vornehmlich bcharrten sie darauf, daß der Zustand der Schatzkammer alle sechs Monate untersucht, und jährlich eine Gencralrechnung bekannt gemacht werde. Dieß schien ihnen das sicherste Mittel znr Einschränkung der Finanz- meister, zur Sicherstellung der Staarsgläubiger und zuv Verwahrung der Stcuerpflichtm vor willkührlichen Beste», VNN-- 47S rnngen. Unterm 14 May legte der König diese Bemerk,ni- gen zum Grunde seiner Finanzreform, zugleich aber drang er auf die Einführung der beyden Auflagen, fo wohl auf das Stämpelpapier als auf die liegenden Gründe« Die Notabcln aber behaupteten, daß es nicht ihnen, son, dern der Nation selbst zukomme, hierüber Entfcheidung zu geben. Sie forderten eineZufammenberufung der Stände -es Reiches. Unterm 2; May erhielten sie hierauf, ihre Entlassung. Als der König nachher das Stämpelva-chcr einführen wollte, so widersetzte sich den 6 Julius das parlemcnk. Es verlangte, daß man ihm vorher die Nothwendigkeit einer solchen Auflage vor Augen lege, ehe es das Edikt darüber cinrcgtstriere. Der Graf von Artsis "gab zu be-, denken, daß man in die Forderung des Paplements nicht einwilligen könnte, ohne das Recht anzuerkennen, dessen es sich anmaßte, selbst über die königliche Autorität zu gebieten. Das Parlament, welches erst noch als Etellverwalter der Nation hatte angcsehn seyn wollen, behauptete nun, daß nur die Nation selbst, in den Rcichs- lständen vereiniget, zur Bewilligung der Auflagen berechtiget wäre. Den 6. Augnst setzte der König stimm Willen än einem Inftizlager durch. Den 7 erklärte das par» ilrmcnr die erzwungene Einrcgistriernng der Edikte für unförmlich und nichtig. Den g. machte der König die bey feinem Hofstaate verabredeten Erfparungen kund. Die Af- feckation, mit welcher die Kundmachung geschah, verrieth iSchwäche und Murhlosigkeit. Den rz Augnst wurde daS Parlament nach Troyes verwiesen. Nichts desto weniger beharrte cS auf seiner Widersetzlichkeit. Seine Beharrlichkeit diente den souverainrn Gerichtshöfen zum Muster auch die Rechenkammer und Skeuerl'ammer verweigerten die Einregistricrung der Auflagen. Inzwischen beschwerte sich jeder, der mit Rcchtshän« deln zu thun hatte, über die Verpflanzung des iparlc- rnrnts. menrs. Der Pöbel erlaubte sich in dem Hofe des Palais allerley Unfug. Beynahe alle andern Parlemcuter waren mit dem Parifcrparlemente von gleichem Geiste der Freyheit bestell. Endlich nahm der Hof die Edikte zurück. Während daß Frankreich in eigenem Schoosse entzweit war, verhinderte es die Höfe von London und Berlin nicht, in Holland den Meister zu stielen. Bevor es sich auch wieder auswärts einmischen konnte, mußte es auf innere Ruhe bedacht seyn. Der Hof schlug ein neues Darleihen vor. Um das zurückbcruffenc parlemenr zur Einwilligung zu bewegen, begab sich den iy Nov. der König selbst im Gefolge der Prinzen und Pairs in seine Versammlung. Unter den Rednern zeichneten sich Epresmcnil, Sab. datier und Frettcaux vorzüglich aus. Keck behauptete der erstere: „ Ein Iustizlagcr und eine königliche Sitzung ver. „ rathen gleicher Weise den Despotismus, jenes mehr den ,, Trotz, dieses mehr die Tücke desselben. Der König hob die Versammlung damit auf, daß er die Einregistric- rung seiner Edikte befahl. Laut widersetzte sich der Einrc- gistrierung der Herzog von Orlcans. TagS darauf wurden er, Und die Herren Frettcaux und Sabbaticr verwiesen. Ihre Verweisung schreckte die Mißvergnügten nicht, sondern erhitzte sie. Das parlemcnt drang auf die Zurück, bcrufung der Verwiesenen. Der König untersagte den pairs den wettern Zutritt zu seinen Versammlungen. Dadurch erbitterte er diese. Die Streitfragen, welche wie die Schlangenköpfe der Hydra immer neu hervorwuchsen, die Verpflanzung, des Parlemcnts von Bourdcaur^ ein Edikt wegen der Huge- noren, das Vorgeschlagene Darleihen, diese und andere Gegenstände setzten die Gemüther in Gährung. Jens Verpflanzung des Parlemcnts von Burdeaux nach Libourna erregte uni so mehr Unwillen, da sie durch Verhastdillcls bewerkstelliget wurde. Man schrie gegen die VcrhaftbilletS als Weskzeug; der Tyrannen, Den 4. December 1787 erklärte das parlement von Amurs die Verbannung des Herzogs von Orlcans und der Herren Frettcau und Sabbatier geradezu als gesetzlos; Den 22 drang es auf die Zurükberufnng des Par. lcments von Bourdeaux. Den 4. Jänner 1788 beharrte das parlemenr von Paris auf der Bcfreyung der verwiesenen Magistraten , und auf der Abschaffung der Verhaftbillcts. Den 17 Jänner bewilligte der König jene Forderung, verweigerte zugleich aber diese. Um. dem unruhigen GeNe des Parlemcnrs eine andere Richtung zu geben, trug er ihm die Verfertigung des Entwurfes zu einem menschlichem Lriminalgesey auf. Im Aprilmonate 1788 verbot das parlemem von Toulouse die Aushebung der Vmgtiömes, und dic Vcr. haftbillets erklärte es für gesetzwidrig. Hierauf ließ der König den Gcncraladvoraten des Parlcmcnts einziehen, und den Parlemcntsrath, Abbe Sabbatier, nach Arlcs in der Provence verweisen. Den 17. April berief er die Prinzen und Pairs in Pcrfohn, und das Pariferparlemcnt in einer Deputation nach Versailles. Sehr gnädig äusserte er sich gegen den zurückberufenen Herzog von Orlcans, desto ungnädiger aber gegen die Parlcmentsdcputation. Wenn „ die Stimmen - Mehrheit meiner Parlementer , sprach er, „ meine» WilleU zwingen könnte, so würde die Monar- x, chie eine für mich und für die Nation gleich nachthcilige „ Aristocratie werden. " Den May gab das parlement folgende Erklärung: „Frankreich ist eine Monarchie, die „ von dem Könige uur nach den Gesetzen regiert werden „ darf; heilig sind die Gebräuche und Capitulationcn der „ Provinzen; heilig die Unabsetzlichkeit der Magistraten; „ heilig das Recht der Parlementer zur Einrcgistrierung „ der Edikte; heilig das Recht eines jeden Bürgers- nie- „ mals vor andern als den natürlichen und gesetzlichen Rick> „ tern erscheinen zu dürfen; heilig das Recht der Nation, „ die Auflagen in der Versammlung der Reichsstände selbst H h „zu 4?r ^ „ zu bestimmen. " — Dieß war gleichsam kas Lesta- x ment des sterbenden Parlements, das auf solche Weist die Nation zum Nachfahr ernennte. Am 4. May ergieng gegen die Hanpturhcbcr der Parlemcntserklärung, Epres« menil nnd Montsabert, ein Verhastbefchl, sie retteten sich aber in das Palais Royal, als geheiligtes Schutzort. Am 5»?" schickte das Parlcmcnt zu ihren Gunsten eine Deputation nach Versailles. Anstatt der Deputation erschien gegen Mitternacht bey dem Parlementshausc bewaffnete Mannschaft. Ihr Befehlshaber, der Graf von Agoult, las in der grossen Kammer den Ehninlichen Befehl vor, und forderte Epremesnil's nnd Montfabert's Auslieferung. Die ganze Versammlung schrie: „ Jeder von uns ist Montsabert und Eprcmcsnil." Der Graf von Agoult fand Bedenken, seine Soldaten mitten durch die Reihen der Erzbischöffe, Pairs und Marfchälle von Frankreich hindurchdringen zu lassen. Er holte neue Jnstruction ein. Nach Einholung derselben trat er um 11 Uhr Vormittags wieder in die Versammlung, und verlangte im Namen des Königs die Herren Montsabert und EprcmcSnil. Letzterer wollte die ehrwürdige Versammlung keiner wettern Gefahr aussetzen; rührend nahm er Abschied , und gab sich gefangen. Ihm folgte Montsabert. Nach ihrer Wcgführung machte das parlement ein Arrcts, worin es seine Bestürzung ausdrückte, und den beyden Gefangenen die größten Lobfprü- che ertheilte. Den 8 May that d'er König dem Parlcmente in einem Iustizlager die Erklärung, daß er die bisherige Parle- mcntsverfassung aufhebe, und dagegen eine Lour xlemers einführe, bey welcher allein die Emregistrierung der königlichen Edikte stehn soll. Alle Parlementsglieder schrieben an he» Minister, Baron von Breteuil, daß sie ihre Entsetzung keineswegs für gcsetzmässig erkennen; diejenigen Versöhnen aber, welche bey der 43 ; der neuen Einrichtung sollten angestellt werden, verbaten j die zweideutige Ehre. Thätliche widersetziichkeiv erfolgte zuerst in Rennrs. Mit dem Syndikus der Provinz an der Spitze, traten 50 Edelleute ins Parlcmcut, ^ und ersuchten es im Namen der Landftände, jeder . Neuerung zu steuern. Eine Deputation dieser Stände eilte nach Versailles, und auf ihren Trotz versprach der Minister, daß der König alle Vorstellungen der Stände von > Bretagne feiner Aufmerksamkeit werth achten werde. Unter den Minisiern selbst herrschten ungleiche Gesinnungen. Lamoignon und Brctcuil wurden als Hauplurhcbcr der neuen ' Einrichtung verschrieen; der Erzbischoff von Scns hin >cgcn ^ schien ihre gewaltsamen Schritte ungern zu sehn. Auch die Geistlichkeit erhob die Stimme gegen die willkührliche Au. *) Warum flößte Ludwig XVI. nicht dieselbe gleichsam religiöse und so gar fanatische Ehrfurcht ein < wie vormaiS Ludwig XIV? Auch ohne Rücksicht auf ihre» verschiede- neu versöhnlichen Charakter , besaß Letzterer schon im Aeusseiu mehr Würde und Hobest. W-lch ein Unterschied zwischen seinem Hofe und dein Hofe der Erstem t Sultanjsche Verschwendung herrschte an beyde», aber an dem alten Hofe mehr sultanische Grösse. Der Luxus des jetzigen Hofes hingegen hatte etwas Kleinliches und Niedrige« ; er verbreitete weniger Kunst und Talente als Weichlichkeit und Ränke- sucht, eben darum erregte er weniger Verblendung als Ver- achtung unl^Abscheu. Äusser der Verzweiflung des gedrückten Volkes, beförderten die Gährung so viele geschmackw e Ausschweifungen der Grossen; ihre gegenseitige Eifersucht; die Hintansetzung der einen, die Unabhänigkeit der anbeui; ihre Aufwieglung bald durch politische Freygeister, bald durch nicht weniger politische Buhlschwcstern; so viele ärgerliche RechtShandel und Vorfalle, wie z. B dic HalSbandgeschlchce; so viele Kränkungen angesehener Familien; das blutende Andenken an ihre vormalige Schändung durch VerhaftbilletS «»d Justizmorde ; endlich bey allem dem der ohnmächtige Widerstand eines Throne-, dessen Schatzkammer s» ganz erschöpft war- Hhs 484 Autorität; sie verschob die von deut Könige verlangte aus- serordcntliche Beysteuer, und drang auf Zusammenberm fung der Stände des Reiches. Bey der fortdauernden gefährlichen Gährung in Bretagne schickte der Hof Truppen in diese Provinz. Unter den Truppen waren einige Officicre mit den Maaßregeln des Hofes so übel zufrieden , daß sie die Entlassung begehrten; andere zogen sich durch ihren Gehorsam gegen den König den Haß des Volks zu. Zwischen dem Volk und den Truppen geschahen verschiedene Scharmützel. Achnlichc Tumulte erfolgten in Nantes, Toulouse, Di- jon, Roiien, Grcnoblc, Lyon und selbst zu Paris. Durch ein königliches Arret des Staarsraths wurden alle Berathschlagungcn und Einwendungen gegen die neuen Edikte für ungültig, und alle fernern Widersetzlichkeiten für aufrührisch erklärt. Um desto mehr Ernst zn beweisen, hatte die Regierung von den dreyzchn Parle- mentern des Reiches schon acht Parlcmcntcr verwiesen Die Unruhen dauerten fort. Den z. Julius sah sich die Regierung genöthigt, durch ein neues Arret des Slaats- raths zur Zusammcnberufung bcr Reichsstände Hoffnung zu machen. Auf solche Weise glaubte sie Zeit zu gewinnen, und durch Aufwerfung allerley Rechtsfragen die Ge- genparthey theils zu trennen, theils zu ermüden. Sie sah nicht voraus, daß solche Rechtsfragen die Nation eben so leicht entweder aufklaren, oder erhitzen. Nichts verrieth stärker die Verlegenheit der Regierung, als ihre Ungleichen, bald trotzigen, bald nachgebenden Schritte. In der Mitte des Julius ließ sie die sämmtliche Deputation von Bretagne plötzlich in die Bastille bringen. Sogleich aber griff das Volk in dieser Provinz zu den Waffen, und schickte eine neue Deputation ab. Bretenil fühlte, daß sein kalter Widerstand nichts gegen das Feuer des Enthusiasmus vermöge; er ba- beym Könige um seine Einlassung, und erhielt sie. An seine Stelle trat V>l- ledcuil. 48 s ? ledeuil. Wie sehr kontrastirtcn nicht die unaufhörlichen z Umänderungen und die widersprechenden Gesinnungen bey der Regierung mit der Standhastigkeit und Ucbcrein- > stimmuug, welche in dem Mittelpunkte der parke- mcnter alle Provinzen vereinigte? Gleichsam Hand in ' Hand führte der.kühne Genius der neuern Philosophie mit dem Genius der alten Ritterschaft die Nation zum ^ Kampfe für Freyheit. Durch die Unruhen hatten die Finanzen beträchtlich gelitten. Seit dem Mavmonate blieben aus Bretagne, ! aus Dauphin«, Bearn und andern Provinzen die Abga- ^ den grossentheils aus. In der Verlegenheit schränkte der Hof die Bezahlungen ein. Ausserordentlich fielen hierauf die' königlichen Effctti. Der Principalminister, von Bricnne, erhielt feine Entlassung. An die Stelle eines katholischen Bischosss trat den r; August ein prote- : stantifchcr Genfer, Herrkltecker, alsFinanzminister. Das Volk schrie im Freudentaumel: Es lebe Ncckcr! Es lebe , der König! Die erste Verfügung des neuen Finanzdirectors war die Aufhebung jenes Edikts wegen Verkürzung und Aufschiebung eines Theils der öffentlichen Zahlungen, und die Ankündigung schleuniger Znfammenberufung derStände dos Reichs. Zu gleicher Zeit genossen auch die Parle° mentcr und andere Mißvergnügte den Triumph, den Siegelbewahrer Lamoignon, den Schöpfer der Lour xl-mere, entlassen zu sehn. Auf feine Entlassung folgte die Wiedereinsetzung der parlementer. Am 24 Sept. hielt das parlement zu Paris unter allgemeinem Frohlocken wieder die erste Versammlung. Es sich wol nicht voraus, daß es einst von-der allgemeinen Versammlung der Rrichsstände werde verschlungen werden, als es dieZufaimncnberufuug dieser Stände verlangte. Die Zufammcnbcrufung derselben bestimmte der König auf den Jänner des kommenden Jahres. Zu vorläuftiger Bk- 486 Rerathschlagnng über die Einrichtung einer Nationalversammlung, die feit 17; Jahren nicht mehr gehalten worden, wurden die Notadeln auf den ; Novemb. nach Versailles berufen. Inzwischen vermehrte NeckcrS persöhnlicher Kredit die Schatzkammer durch Anleihen und Darschuß. Die bisher in den Provinzen zurückgebliebenen Abgaben flössen wieder dem Hofe zu. Die General-Einnehmer und Pächter ent. sagten verschiedenen von ihren Nutznießungen. Bcv dem Hofstaate erfolgten neue Erfparnngen. Indeß glaubten die Mißvergnügten, daß alles, was geschehe, nur der Lv »ranzen wegen geschehe, und daß der Hof noch nicht auf die willkührliche Gewalt Verzicht gethan habe. Schon erklärten sich fünfzig Adcliche aus Bretagne, daß die Notabeln keineswegs Richter über die Art'dcrZusammenkunft der Reichsstände seyn könnten. In dieser Provinz hatten sich die Stände unter sich selber cntzwcyt. Die Bürger bestrittcn die Vorrechte des Adels. Man besorgte, daß sich der Hof ihre Zweytracht zur Behauptung seiner Autorität zu Nutze machen werde. Mittlerweile fuhren die Notabcln in ihren Berathschlagungen fort. Zahlreich und nachdrücklich verlangte der Tiers Etat oder Bürger- stand, bey der Rcichsvcrsammliing mit den beyden andern Standen, der Geistlichkeit und dem Adel, in gleich starker Anzahl zu erscheinen. Die Gegner des Tiers wendeten ein , daß dieser Stand nicht die Hälfte der liegenden Gründe iin Reiche, folglich auch nicht das Recht gleicher Repräsentation mit den beyden andern Ständen vesitzc. Unter den Büreaux der Notabcln entschied allein das Bürcau des Grafen von Provence, und zwar nur mit einer Mehrheit von iz gegen i r Stimmen für die Gleichheit der Repräsentation. Den ir December hatte die Versammlung der Notabcln zu Versailles ihre Endsthaft erreicht, mit übergroße Mehrheit der Stimmen gicng ihr Schluß dahilij dein Reichstag die Form jenes Reichst«- 4»7 -rs vom I. 1614 zu geben. Eine Form, die bey manchen seither vorgefallenen Veränderungen dem dritten Stande sehr nachteilig schien. Zur Begünstigung dieses Standes vereinigte sich nun mit dem Interesse der Menschheit das Interesse der Krone. Unter dem Adel und der Geistlichkeit selbst thaten mehrere zu Gunsten des Volkes Verzicht auf ihre Vorrechte und Bcfteyungcn. Auf den Bericht des Finanzministcrs wurden den 27. December 1788 im königlichen Gtaatorathe verordnet: 1. Die Anzahl der Abgeordneten zur Rcichsversammlung sollte sich wenigstens auf taufend belaufen. 2. So viel möglich, sollte diese Anzahl dem Verhältnisse der Bevölkerung und dem Bey. trage jedes Bayllage entsprechen. Sollte die Deputation des Bürgcrstandes eben so zahlreich seyn , als die Deputa, tion der beyden andern Stande zusammengenommen. In Bretagne indeß, in Burgund und anderswo widersetzten sich dem Bürgerstande immer noch die beyden andern aristokratischen Stände. Diese letztem betrachteten die politische Gesellschaft gleichsam als eine Handelsgesellschaft. Ohne Unbill kann in der einen wie in der andern zwischen den Gestllschaftsgliedern ein grosser Unterschied seyn. Warum sollten nicht die Haupturhebcr, die vornehmsten Befördrer der Gesellschaft, diejenigen, welche, so zu sagen, ganze Aktien besitzen, mehr Vortheile als dicBesitzer halber Actien, als die Bedienten und Handlanger gemessen? Man wendet ein, daß der Adel und die Geistlichkeit solche Vorrechte in Zeiten der Barbarcy durch List und Gewalt an sich gerissen haben, und daß in Zeiten der Aufklärung das Volk , so bald es hiczu Einsicht und Macht genug hat, jene Vorrechte einschränken dürfe. Auf solche Weise hängt beynahe immer das Recht von der grössern physischen oder geistigen Kraft ab. Auch zeigt die Geschichte, daß sich wechselweise Gewalt und Freyheit im Zirkel herum drehe, und daß durch Ausschweifung die eine wie die andere sich aufreibt. Der Monarch drückt das Parlcment; das par- 488 parlemcnr ruft das Volk zum Beystande auf; nunmehr aus dem Schlummer geweckt, wird das Volk beyden gefährlich; weh ihm, wenn es durch Ausschweifungen wieder unter den Fuß des Despotismus zurückfallt! Umsonst daß itzt das parlemert von Reimes durch ein Arrct pom 8 Jänner 1789 verschied-me freye Schriften zum Feuer verdammet; umsonst daß es alles Zusammenrotten verbietet; sogleich Tags darauf heftet das Volk an allen öffentlichen Plätzen ein anderes Arrct an, Kraft dessen es Las Parle- mentsarret wcgtilgt. In seinem Arret beruft sich das Volk auf die Grundsätze und auf das Vorbild des parlemcnts. Dieses hieß es, bewies durch seine Widersetzlichkeit gegen die Nefchlc des Königs, wie wenig man Machtsprüchen gehorsamen müsse. Die Verbitterung zwischen den zween ersten Ständen und dem dritten Stande brach den 26 und 27-Jänner zu Ncnncs in einen Tumult aus. Während der Streitigkeiten erschien ein Schreiben deS Königs, worinn er die Rcichsstände auf den 27 April 1789 nach Versailles berief. „Die Nationalversammlung heißts in dem Schreiben, „soll uns beystehn, theils, das „ Finanzwesen, theils auch die Staatsverwaltung selbst in „ eine beständige Ordnung zu bringen. Von jeder Dro. „ vinz, Baillage und Scncchansen sollen einige der nota- „ belsten Personen erscheinen, so wie sie nach dem vorge- „ schriebenen Reglement von jedem Stande werden erwählt „ worden seyn.' Die Abgeordneten aber müssen sich mit „ gehörigen Jnstrüetionen und Vollmachten bewaffnen. '' Von dem herrschenden Zeit - und Nationalgeiste zeugen folgende Jnstrüetionen, welche der Herzog don Orleans seinen Abgeordneten mitgab: i. Persöhnlichc Freyheit und Sicherheit für jeden Franzosen. 2. Unbeschränkte Preß- freyheit. ;. Heilige Schonung der Posten. 4. Schonung des Eigenthums. 5. Ausschließendes Bestcurungsrccht der Nationalversammlung. 6. Periodische Zusammenbcrufung solcher Nationalversammlungen. 7. Verantwortlichkeit der . Mi- 48 » Minister gegen die Stände des Reichs. 8 . Abtilgunq der Staatsschuld. 9. Nicht frühere Bewilligung der Au,lagen, bis die Finanzrechnungen bekannt gemacht sind. ' 10. Durchaus gleichförmige Bcsteurung. 11. Reforme der Erziehung, der bürgerlichen »nd peinlichen Gesetzgebung, u. s. w. In besondern Kraisschrciben beherzigte dieser Prinz noch den Zustand so wohl des armen Feld^aners als des bisher so schlecht besoldeten Landgeistlicbcn. Dadurch machte er sich zwar zum Gcspöttc der Grossen, aber zum Abgotte des Volkes. Da sich beym Pöbel die Seele immer noch im Magen regt, wenn sie auch im Kopfe und Herzen gelähmt ist, so entstanden hie und da wegen der Brodtherirmig Tumulte. Einer der ärgsten brach selbst zu Paris am 27 April aus. Die Französischen und Schweizergardcn verhinderten grösser» Unfug. Den z. May 1789 erfolgte endlich zu Versailles die erste Sitzung der Stände des Reiches. Der König eröffnete sie mit einer kurzen Rede. Nach ihm redete der Siegelbewahrer, und hernach las Necker seinen Bericht. Da diese Reden in Jedermanns Händen sind, so übergehen wir sie. Ein paar Tage brachten hierauf die Stande mit Prüfung der Vollmachten zu. Der dritte Stand drang auf gemeinschaftliche Prüfung. Die beyden andern Stände verbaten sich die gemeinschaftliche Vereinigung; jeder von diesen hoffte mit feiner Stimme über die Stimme des Bürgerstandes zu siegen. Es waren drey Pläne auf dem Tapet. Der Plan des Hofes zielte auf Behauptung der Autorität, die den Ständen nicht mehr nachgeben wollte, als zu ihrer Bewilligung neuer Beysteuer und zur Vcrbürgung der Nationalschuld nöthig seyn würde. Der Plan der Aristokratie (das ist, des Adels und der Geistlichkeit ) zielte auf Beschränkung des königlichen Ansehens ; der Plan der Volksführer auf Beschränkung so wol des Königs Königs als der Geistlichkeit und des Adels. Welch interef»' sautcs Wettspiel? Jede Parthey verbarg ihr eigenes Inte« l refft unter dem Deckmantel von dem Interesse des Volkes, j Kaum hatte man dieses beredet , daß auch es ins Spiel - treuen könnte, so drohte es, dem Spiele den Ausschlag ;u ' geben. So viele Millionen Menschen hatte man bisher als Nullen betrachtet; allein gleich wie die Nullen, in Ordnung gercihct, und mit Zahlen an ihrer Spitze, als ansehnliche Summe erscheinen , so erscheinen auch die zerstreuten Mnschcnhecrden als ansehnliches Volk, so bald sie in Gliedern und Reihen von weisen Häuptern angeführt j werden. Während daß der Hof zwischen dem Volk und . den Aristocratcn das Gleichgewicht zu halten bemüht war, ^ setzten sich nun Aristokraten mit gleicher Hitze der Gewalt des Volkes, wie vormahls der Autorität des Thrones . entgegen. Einer ihrer lautesten Schreyer war Epremcsnil, ; ein Mann von bürgerlicher Abkunft, jener Märtyrer für i den Senat des Parlcmcnts. Er glaubte voraus zmschn, ' daß der Hof den Bürgerstand nur so lange schonen werde, < bis er gemeinschaftlich mit diesem den Adel und die Geist- . lichkeit geschwächt haben würde. Einer von den heftigsten Volksverfechtern war ein Mann von adclichcr Abkunft, ' der gelehrte Graf von Mirabcau. In der Mitte zwischen der dcmocrarischen und arisiocratischen Parthey schien Ne- ckcr zu schweben, dem Adel als Vslksfteund verdächtig, . und dem Enthusiasten unter dem Volke als Sachwalter des Thrones. Um dem Bürgersiande eine Schlinge zu legen, schickte A.ssangs des Iunius die Geistlichkeit an diesen Stand eine Deputation, mit der Anzeige, daß sie bey der herrschenden Brodlhcurung den Bürgerstand zur Berathschlagung > über das dringende Bedürfniß einladen lasse. Die Glieder des Bürgerstandes sahn wohl ein, daß sie die Geistlich« ' dcit dem Verdacht aussetzen wolle, als ob sie sich mehr mit ' subtilen Rechtsfragen, als der unmittelbaren Wohlfahrt des gemei- gemeinen.ManneS beschäftigten. Etnmiiihtg erkennten sie, daß zu schleuniger und kräftiger Unterstützung des Vollerem besseres Mittel wäre als die Vereinigung aller drey Stände in eine Gemeinschaftliche Nationalversammlung, und zwar in eine solche, wo die Stimmen nicht nach de« Ständen sondern nach den Böpfcn gezählt werden sollten. Wirklich gab sich den 17 Innins der Bürgerstand die Gestalt und Benennung einer solchen Narisnalversamm. lung, oder einer Versammlung von Ständen. Es geschah vornehmlich auf Antrieb des Abbe von Sycycs und dcS Herrn Bailli *) Verschiedene vom Ade! hatten sich in den Saal eingeschlichcn, und den kühnen Entschluß zu hinter, treiben gesucht. Nun befahl Bailli, als Dccan, die Ein« sammlung der Stimmen. Auf einmal drangen r-- oder ;c» Widerspenstige an- dem Winkel hervor, mit grossen Geschrey : Auf Morgen , auf Morgen ! Ueber ihr Geschrey geriethen bey rooc, Zuschauer auf der Galerie in Aufruhr, und nur mit Mühe konnte der Decan Stille gebieten. Wechclwcife herrschten bis in die Nacht hinein, wie Ebbe und Flut, bald tiefes Stillschweigen, bald lautes Gelärm. Bis auf den Morgen wurde die Einsammlung der Stimmen verschoben. Am Morgen des ,7 Iunius hatten sich schon um 9 Uhr 58; Abgeordnete des Bürgerstande» versammelt. Mit ihnen vereinigten sich einige Geistliche. Die Galerie war überaus volkreich. Gegen 84 Stimmen wurde die Versammlung mit Mehrheit zur Nationalve« sammlung erklärt. Sogleich erkennte fie, daß die Auss- lagen nur bis auf ihre eigene weitere Verfügung fortdau, rcn, und, ohne solche Verfügung, in dem Augenblick ihrer Auflösung aufhören sollten. Zugleich verpflichtete sie sich, die Staatsschulden durch die ganze Nation verbürgen zu lassen. Unter solchen Aeussrungen gelang ihr, den Verhandlungen , Nachdruck zu geben und die beyden andern Stände in heilsamen Schrecken zu setzen._ Den "*) Bailliast eines von den gelehrtesten Nieder» der äM I»leripticnk, Nrrfaffer serschiedemr vsrtresiichcc Werke. 492 Den ly Junius trat auch die Majorität der Geistlichkeit hierüber zu dem Bürgcrstande. Für den Adel war dieß ein Domrerschlag. Auch der Hof suchte jene Vcrci- - nigung zu hindern. Zur Verhinderung derselben beschloß er auf den 22 eine königliche Sitzung. Dessen ungeachtet begab sich Herr Bailli, in Begleite der Herren le Camüs und Pison, als Sccrctairs der Nationalversammlung, mit 20 oder ;» Abgeordneten nach dem Versamm- luugssaal. Da sie den Vorhof mit Truppen besetzt sahn, und den Saal ganz in Unordnung fanden, so verlegten sie ihre Sitzung nach dem Platze des Ballspiels. Hier schwu- ren sie den fcycrlichsten Eid, sich nicht zu trennen, bis die Rcichsvcrfassung auf vestc Pfeiler gegründet seyn würde. Die Nachricht von dem ganzen Vorfalle flog nach Paris, und nur diese Nachricht war vermögend , den Tumult bey dem Palais Royal zu stillen. Auf einmal stiegen wieder die königlichen Effett: n;i Preise. Den 22 Junius, morgens frühe, verkündigten die Wappenhcrolde, daß die königliche Sitzung auf den 2;^» verlegt worden sey. Der Bürgerstand hatte sich mittlerweile nach der Kirche des h. Lduwigs begeben, woselbst sich mich, unter Anführung der Erzdischöffe von Vtenne u d Bourdeaux , mit ihm der Stand der Geistlichen vereinigte. Den 2; erfolgte die königliche Sitzung. Im Grunde war sie nichts anders, als ein Iustizlager in Anwesenheit der Rcichsdcputierten. Diese Deputierten waren mit Truppen umgeben, und ausser ihnen wagte sich niemand in die schreckmvolle Vcrfchanzung. Nach dem Bestreben der Aristocrakcn schien der Monarch die Absonderung der drey Neichsstandc, und die Ansprüche der Geistlichkeit und des Adels begünstigen zu wollen. Zu ftycrlecher Vorbereitung der Trennung zwischen den Ständen ließ man diese Stände nicht nach den Baillages gemeinschaftlich hcrcingchcn; die Geistlichkeit und der Adel treten durch dir König-thüre herein; mittlerweile warteten die 6o-> Abge- ordenteu des Bürgerstandcs in dem Vorhofe, und vor ihnen »erschloß ein starkes Dctaschcmcnt den Eingang. Bailli pochte, und verlangte auf der Stelle den Eintritt. Nach wiederholtem trotzigem Zubringen wurde endlich auch dem dritten Stande die Thüre geöffnet. Bald davauf erschienen die Minister, die Prinzen, der König. Beym Herannahen! des letzter» hörte man nichts von dem sonst gewöhnlichen Freudcngejauchz. Wenig tröstend war für den Rürgcrstand seine Erklärung ; sie war ganz in des abgedankten Lamoignons Geiste. Unter schönen Worten zielte am Ende alles auf Behauptung der königlichen WUicühr., auf Trennung der Stände, auf Zerntchtung der Schlüss- des Bürgerstands. Auch unterließen die beyden ersten 'Stände nicht, durch Frcüdengeschrcy Beyfall zu geben. Unter dem dritten Stande hatte sich dumpfes Schweigen verbreitet, und es beruhigte den König. Beym Wcggchn begleitete ihn kein Zuruf: Es lebe der König! Auf den königlichen Befehl sollten sich alle drey Stande entfernen; der dritte Stand bliebe Mittlerweile thaten die Hitzigern unter den Aristocraten dem Monarchen gewaltsame Vorschläge; die gemäßigtem schlichen niedergeschlagen herum; der König berief itzt die Majors der Leibwache zu sich, und itzt enrließ er sie wieder. Während der bangen Unruhen bey Hofe herrschte in der Bürgerversammlung Ruhe, Eintracht, Standhaftigkcit. Mit grosser Mehrheit der Stimmen erklärte die Versammlung die Pcrfohnen der Na» tionaldcputicrtcn für unverletzlich. Tags darauf versammelte sie sich wieder, und mit ihr eine Menge von Geistlichen. Der Zug gieng durch zahllose Haufen des Volkes; er glich einem Leichenbegängnisse; auf jeder Stirne bemerkte man Unmuth. Der Ernst und die Entschlossenheit der Versammlung erschütterte den Host Nccker wurde zu der Königin und zu dem Könige berufen. Als er bey der Zurückknnft versicherte, daß er bis aus Ende ausharrest werde, werde, erscholl unter dem Volk frohlokendcr Jubel: ES lebe Nccker, es lebe der Bürgerstand! Gleiches Frcudengcschrey erscholl selbst bey den Lejbwachen und andern Truppen. Nur die Ariftocraten hatten eine finstere Miene. Tags darauf, den 24 Innius wurden, zur Verhinde, rmig des Zulaufs, auf Befehl des Königs die Zugänge zu dem Saale, wo sich abcrinal der dritte Stand »ersinn, mcltc, mit 4«o bis ;c>a Mann von der französischen Leibwache besetzt. Die Leibwache hatte vom Hofe gcmef- ftnen Beseht, niemanden von der Geistlichkeit hineintrek tcn zu lassen. Nichts desto weniger trat durch eine Neben- thüre die Majorität der Geistlichkeit herein, und verci» einigte sich itzt genauer mit dem Bürgerstande. Unmittelbar vor. der Entlassung der Versammlung erschien noch der Graf von Clermbnt-Tonnerrc, mit der Ankündigung, daß sich Morgens auch noch der Herzog von Orlcans und die Minorität des Adels mit ihr vereinigen werden. .Ungeachtet sich die Majorität der Geistlichkeit mit dem Bürgerstandr vereiniget hatte, so verweigerte nichts desto weniger der Lrzbischoff von Paris immer noch den Beytritt. Sein Palais wurde von dem Volke belagert; es entfernte sich nicht, bis auch er dem Bürgerstande bcyzutre- tcn versprach. Den 2; Iunius erfolgte die Vereinigung der Minorität des Adels mit der Bürgervcrsammlung. Der Saal war mit Truppen umgeben. Voll Ungestüm wollte das Volk die Thüren erbrechen. Der Erzbischoff von Vienne, der Graf Clcrmont-Tonncrre und Bailli baten Uhr war die Bcrathschlagung geendigt. Die beyden Präsidenten des Adels und der Geistlichkeit wurden mit einem königlichen Schreiben an ihre Stände entlassen, worinn diesen Ständen die Vcr. rinigung mit dem dritten Stande eingeschärft wurde. Noch den gleichen Abend traten also alle drey Stände gemeinschaftlich zusammen. In Begleit eines zahlreichen Vol- kes begaben sich die Deputierten nach dem Schlosse, um dem Monarchen ihren Dank zu bezeugen. Im Freudenräusche füllten zahllose Haufen alle Zugänge, und selbst den Waffenplaz an. Es geschahen verschiedene Ausschweifungen. Dem Volke konnte und wollte die königliche wache nicht im Wege stehn. Ein Brigadier und ein Mrartiermeister stellten ihrem Befehlshaber, dem Herzog von Guiche, vor, ihre ganze Brigade wäre darüber gleichen Sinnes, nämlich die Pcrsohn des Königs zu schützen, keineswegs aber Patrouillcndienste zu thun. Auf der Stelle sagte ihnen der Herzog den Dienst aus, und voll Entrüstung gab der König Befehl zur Abdankung der unwilligen Wachen : allein sogleich Tags darauf nahm er den Befehl wieder zurück, zugleich aber verstärkte er dasRriegs« Heer, unter dem Marschall von Brogliv, rund um Paris her. Zur Abschreckung weiter» Unfugs wurden einige von den zügellosern Soldaten ins Gefängniß geschleppt. Dm Iul. erbrach der Pöbel das Gefängniß, bcfreytc sie, und bat bey der Natonalversammlung um ihre Begnadigung. Freywillig kehrten inzwischen die bcfrcyten Srlda» teil in den Kerker zurück. Auf Fürbitte der Reichsstände wurden sie von dem Könige begnadigt. Da bey der Nationalversammlung das Präsidium ^ auf bestimmte Zeit abwechseln soll, so erwählte nun die i Versammlung, an Hrn. Bailti's Stelle, zum Vorsteher i den Herzog von Orleans. Da dieser die Stelle ausschlug- so übernahm sie der Erzbischof von Vienncs, aus dem > Hause Clcrmont-TonncrrcS. Die Rcichsstandc vertheilten sich in drciAg Bureaux, jedes vierzig Mann stark. Zu l Sccrctairs hatte die Geistlichkeit den Abbe Gregoire; der Adelstand den Hrn. Lallh-Tolcndal und den Grafen Cler- l mont-Tonncrrcs; der Bürgerstand den Abbe Sieges und die Herren Chapclier und Mounier. < Mittlerweile verstärkte der König rund um Paris her das Lrtegshecr so sehr, daß es bey der ohnehin grossen Brodtheurung dem Volke zur Last siel, und über- dieß theils Mißtrauen erregte, theils Mißtrauen verrieth. Auf Mirabeaus Vorschlag drang den io. Julius die Na- ' tioualvcrsammiung sehr ernstlich auf die Entfernung der Truppen. Der Ton ihres Vortragcs bewies, wie sicher sie auf das Volk, und ohne Zweifel auch selbst auf einen Theil des Heeres gebaut habe. Die Versammlung fühlte sich als Versammlung gcsezmässigcr Nationaldeputicrten, bewaffnet mir dem gedoppelten Schilde so wohl des öffentlichen Zutrauens als der königlichen Autorisierung. Obgleich unbewaffnet, und wenig über tausend Mann stark, zitterte sie mitten unter den, zahlreichen Kricgcshcere vielmehr für dieses Kriegsherr und für den Monarchen, als für sich selbst. Die Nationalversammlung nämlich stand nicht allein,,nicht von dem Volke losgetrennt,nicht unter der WiUkühr des Hosest Immer blieben ihre Glieder in regelmässiger Verbindung mit den Comites ihrer Wahlherren in den Provinzen, und auch diese Commit- tss m Verbindung unter einander. So viel auch das klein- kleinste, aber schulgerechre Heer gegen einen noch so zahft reichen , aber ungebundenen Pöbel vermag, so wenig hin, gegen vermag selbst Die größte Ärmce gegen ein Volk, das auf einem veften Vereinig:!,igspunkte steht, das, bey aller Ungleichheit in Nebendingen , doch in der Haupt, fache von gleichen, Interesse beseelt wird, und. das durch Hunger und Mangel zur Verzweiflung gebracht ist. Wie viel weniger vermag nicht die Armee, wenn sie unter sich selbst uneinig ist, wenn die einen aus Brudern des Volkes, wenn sie zum Theil auch aus ehmaligcn Verfechtern i der nordamcrikanischcn Freyheit, und wenn die andern ^ aus fremden Miclhtruppen besteh»? Wie wird sich eine " solche Armee nnt Eifer zu Gunsten des Monarchen bewaffnen, wenn sie die königliche Schatzkammer entblößt sieht, und zum voraus ahnt, daß ihre Besoldung eben so sehr von der Nation als von dem Hofe abhängen werde? Unter solchen Umständen bleibt'fiir den Hof wenig andere Hofnung, als etwün auf auswärtigen Beystand: allein beyder gegcnwärtigen'Lage von Europa, bey den Kriegs- rmternehmungen der einen Staaten, bey dem innern Mißtraun und bey der Erschöpfung der andern, war für den Hof auch diese Hoffnung verschwunden. Warnst: denn gab er nicht jedem Verlangen der Reichsstände lieber frey- willig nach ? Ach - so selten sieht ein Fürst seine ganze Lage mit eigenen Augen; in der Verlegenheit folgt er jedem neuen Rathgeder, und der Nathgebcr, selbst in den Grundsätzen des Despotismus erzogen , selbst unbekannt mit der Denkart des Volkes, sieht und zeigt dem Mortarchen den Geist und die ^ Kraft des Volkes durch ein Verkleincrungsglas, durch ein Vergrößerungsglas hingegen die vorgebliche Allmacht des Thrones. Unzufrieden über die Langsamkeit der Nationalversammlung , und beleidigt durch ihre Zudringlichkeit, giebt ihr der Monarch zu verstehst, daß er am Ende eine istarionalbankeroute den unaufhörlichen Zänkereycffvor« ftcben.wcrde. Bey solchem Vorhaben glaubte er Metern, S i dr» 49 8 den bisherigen Finanzminister, nicht länger nöthig zu ha- ^ bcn. Den n. Julius trug er kein Principalminisier, ? Grafen von Montmorin, auf/ Ncckcrn die Entlassung! zu geben. Montmvrin und la Luzerne baten hierauf um-! ihre eigne Entlassung, und erhielten sie. Auf Befehl des' Königs verließ Nccker incogniro Frankreich und begab - sich nach Bafel. Nun trat 'wieder der Baron von Brc- teuil hervor/ und zwar als Haupt des Finanzraths; a» MontmorchS Stelle trat Voguyon, und in das Kriegs^' dcpartcmcnt theilten sich Broglio und Foulon. Die neuen -' Minister verabscheute das Volk/ allein die Minister fthmei-. cheltsli sich mit dem Schutze der Truppen. Der Nationalver» sammlnng ließ der König ankündigen, daß, wenn sie sich unecr den Truppen nicht sicher glaubte, sie sich entweder nach Soif.- sons oder nach Noyon zurück ziehe» könnte. Von Versailles bis nach Paris waren die Strassen mit Kanonen und Soldaten bedeckt. Mittlerweile erscholl das Gerücht von einem gewaltsamen Complotte der neuen Minister und selbst einiger Prinzen , gegen dasVolkin Paris. Gleich stürmischen Wogen strömte s das Volk dem königlichen Pallastc zu. Ihm widersetzte ' sich das Grenadicrrcgiment Royal-Allcmand; fein Obrist, der Prinz von Lambesk, säbelte verschiedene Menschen zu Boden; es wurde nach ihm geschossen, und er verlohrsich im Tumulte. Sein Regiment nahm den Rcissaus. Die französische Leibwache trat auf die Seite des Volkes. Sogleich wurde der Platz mit Schweizer - und Husaren- regimcntcrn besetzt, und das clysäifche Feld mit Dragonern und grobem Geschütze. Das Volk trieb sie i» ihr Lager zurück. Den iz. nöthigte die Furcht, auf der einen Seite vor den Truppen, auf der andern Seite vor der s Volkswuth, auch die friedfertigen Bürger zur Ergreiffung s der Waffen. Jeder Stadtbezirk vereinigte sich bey seiner Kirche. Das Cvmmittä der Wahlmänner ließ sich auf den Stadrhause nieder. Es formierte sich eine Gemeinde. Sie entsetzte den Prcvot der Handelsleute und die andern Beamten, und ernennte an ihrer statt neue. Die Bürger von Paris bewaffneten steh aus dem Zcughanft. Ge, mcinschaftlich mit ihnen that dir französische Leibwache P Julius erschien Nccker unter Freudenjubel wieder zu Paris , und auch er heftete auf den Hut die Bürgcrcokarde. Wars fühlende Menschlichkeit, oder poli. tische Rücksicht (um sich von der flüchtigen Hofparthcy für seine eigene Pcrsohu desto mehr Schonung zu versprechen,) als er in seinem Vortrage auf dem Stadthause für die Flüchtigen allgemeine Amnestie und Schonung verlangte ? Durch seine Beredsamkeit erregte er durchgängiges Geschrey : Wir geben Schonung und Gnade! — Mit Thränen des Danks und der Rührung, warf sich Nccker hierauf vor der Versammlung auf dezn Rathhause nieder. Sogleich hernach.aber erfolgten gegen die. Amnestie verschiedene Einwendungen, und in der Nationalversammlung, die ja schon vorher alle Civil - und Kricgsbe- dientcn verantworlich erklärt hatte, wurde die Amnestie ftvrlich verworfen. Bcsenwal geriet!) in ein engeres Gefängniß, und dc la Vanguyon wurde im Havre arrestirt. Während daß Frankreich in eigenem Schoosse beunruhiget war, glaubte es sich zugleich noch von 'Aus, sen bedroht; In der Gegend von Bretagne kreuzte kille starke englische Eskadre. Sogleich wurden die Küsten gemeinschaftlich so wohl von der Miliz als von den Trup, pen bewachet. Kaum erfuhr es der englische Gesandte, Herzog von Dorset, so machie er daS Geheimniß offenbar, das er bisher nur ausschließend dem Minister des Königs anvertraut hatte. Durch ein Schreiben an den Grafen Montmorin gab er der Nationalversammlung folgende Nachricht: Schon Anfangs des Junius, schrieb er, hatte man mir den Vorschlag gethan, man wollte den Haven von prüft zerstören, und die dastgen Schiffe und Arsenale in Flammen anfgchn lassen, wofern ich den Unternehmern Sicherheit anbieten könnte. Mit Abscheu verwarf der Hof von St. James den Vorschlag: indeß verhielte Dorset den -Namen der Urheber dieses Complots. Zu Zu der Zügellosigkeit unter dem Pöbel kam noch das häufige Ausreisten unter den Truppen. Je weniger itzt die Nationalversammlung von dem Thron fürchtete, desto mehr fürchtete sie von dem Volke zu Paris. Diese Versammlung, sagte Mirabeau, besitzt gleichsam erne rm» umschrankte Diktatur, in wiefern sie nämlich das Organ der Voiksstimme bleibt: wofem sie hingegen perjvhnlicheu Absichten statt giebt, so wird sie zur Heerde ohnmächtige« Pygmäen. Ohne Zweifel aus diesem Gcsichtspuncte lassen sich mehrere Schlüsse erklären, welche sie allzu eilfertig zu Gunsten des Volks gemacht hat. Unter solchen Umständen nämlich war es nicht leicht, die hergebrachte Rechte der Geistlichkeit und des Adels mit, den Forderungen des gemeinen Mannes in Ausgleichung zu bringen. Es war nicht leicht, als Präsident zwischen allen Partheyen das Gleichgewicht zu behaupten. Sehr weise wechselte zu bestimmten Zielen in der Nationalversamm- > lung das Präsidium ab. Sogleich nach der Bürgcrbewass. nung bekleidete es der Herzog von Lianeonrt. Anfangs des Augustmonats war die Zeit seines Vorsitzes verflossen. Bey der Erwählung eines Nachfolgers waren die Stimmen zwischen Herrn Thouret und dem Abbe Sinnes beynahe gerheilet. ' Herr Thouret wußte, daß er aristocratifcher Grundsätze wegen verdächtig wäre, und that Verziehe auf den Vorsitz; der Adbs Sinyes gab zu bedenken: daß ihm die Arbeit bey der Entwerfnng einer Staatsverfassung die meiste Zeit tvcguchme. Bey neuer Wahl wurde also Herr j? Chapelier zum Präsidenten ernennet. Schon por einiger Zeit hatte die Nationalversammlung xin Lentpal - Lomitr'von acht Gliedern niedergesetzt, zwey per Geistlichkeit, den. Erzbischoff von Bourdcgux und den Bischoff von Antun ; zwey aus dem Adelstände, die Herrn Clcrmont - Tonncrres und Lally - Tolendal; vier aus dem dritten Stande, die Herren Mounicr,-Sinyes, Sl« I« Chapelstr und Vergüsse *) Dieses kointtte legte der Nationalversammlung mit allgemeinem Beyfall folgende Hauptpunctcn vor, über welche nach und nach berathschlaget wurde: r» Rechte des Menschen. 20 Principien der Monarchie. Rechte der Nation. 4° Rechte des Königs. Rechte des Bürgers. 6° Einrichtung der Nationalversammlung. 7° Formalitäten bey Vest- sctzung der Gesetze. Einrichtung der Provinzialvcr- sammiungcn. Pflichten der Gerichtshöfe, 102 Pflichten des Kriegsstandes. Jeder Artikel, den das Central - Lommirr^ ausgearbeitet hat, sollte hernach jedem besondern Büreau der Nationalversammlung, und endlich der ganzen Nationalversammlung selbst zur Prüfung vorgelegt werden. Auch bey solcher Methode leitet das Volk freylich nicht stch seihst, sondern es wird durch Anführer geleitet. Diese Anführer aber sind hin eigen Gcfchövf, sie sind von ihm und aus seinem Schoossc gewählt, von ihm bevollmächtigt, und zwar bedingter Weise lind auf de, stimmte Termine, folglich abhängig vom Volke, und mit diesem durch gemeinschaftliches Interesse verbünde!;. Wie sehr es der Nationalversammlung darum zu thun sey, die Gunst des Volks zu behalten- beweisen folgende Ar- tickc!, die sieden 4 Augstmonat, freilich nicht ohne wichtige Einwendungen, ftycrlich vestgesetzt hat: i? Gleiche Vertheilung der Auflagen, sogleich zahlbar. 2° Aufhebung aller Privilegien, auf welche jeder Stand, Bezirk, Tribunal, u. s. w. freywillig Verzicht thut. Loskaufung von den Feudaldeschwerden. 4° Einführung ein;s durchgängig freyen Iagdrcchts. 5? Abschaffung todter Hand. des Fallgelds und der Leibeigenschaft, so Abschaffung herrschaftlicher Gerichtsbarkeit. 7eß thaten sogleich Anfangs nicht ctwann bloß einige GOctssondern mehrere ansehnliche Gutsherren und gross Erben verzicht. Wir nennen unter andern die Herzogen von Aiguillon, von Chateict, von Nochefoucault, von Coustine, von Foucault; ferner den Grafen dc la Touche, im Namen des Herzogs von Orkans, den Herzog von Villequicr, den Grafen von Egmont, den Vi- cvmtc von Noailles, die Herren Digoinc, Saint - Far- geau , Lameth. Der Enthusiasmus ergriff die Gemüther so sehr, daß man jeden Augenblick eine neue großmüthige Aufopferung vorschlagen hörte. Der Graf von Beauhar- nv:6 drang auf die Zulassung aller Bürger zu allen bürgerlichen und Kricgsbedicnnngen. Herr von Virieu, ein Deputierter aus dem Dauphins, sagte bescheiden : „ Auch- „ ich habe noch ein kleines Opfer zu.thun; es gleicht Ca- „ tulls Vögelchen. Der Daubensiug schadet den Feldern; ich schaffe meinen Daubenffug ab." Die Geistlichen waren die letzten, welche sich von dem Beyspiele der groß- muth hinreisten liessen : endlich aber thaten auch die Bi- schöffe von Ehartres und Naney beträchtliche Aufopferungen ; der Abbe Grcgoire schlug die Aufhebung der Annaten vor ; Herr Alexander de la Motte unumschränkte Gcwissens- fM- freyhei't; Andere noch die Abschaffung deß NegerhanhclS, bis zur Ausschweifung gicngcn die ft>wacbigen Anerdielun- gen, und die Klugheit that ihnen Einhalt, Zum Beweise seiner Achtung geaen die Nationalversammlung , hatte der König an gleichem Tage aus ihrem Schovsse die neuen Minister gezogen. Den Erzbifthoff von Bourdcaux ernennte er zum Siegelbewahrer; dem Erzbischof von Vicnnc anvertraute er die Beneftzftmlle r dem Grafen Tour-Dü» Pin - Paulin das Staatssccrcta- riat beym Kriegswesen ; Ncckern die Oberaufsicht über die Finanzen; Lambcrtcn die Stelle eines Genera! - Controleurs. In Begleite der neuen Minister und des ganzen königlichen Staatsrathes erschien den 7 August Neckcr in der Nationalversammlung, und stellte vor, daß die dringende» Umstände ein Darleihen von zo Millionen erheischen. Nachdem sich die Minister wieder entfernt hatten, wurde über ihre Forderung gcrathschlagt. Der Graf von Mira- beau willigte zwar auch in das Darleihen, zugleich aber gab er zu bedenken, daß die immer neuen Darleihen, welche Neckcr vorschlägt, die politische Schwindsucht, wo nicht gefährlicher machen, doch auch nicht im Grunde vertreiben. Er glaubte, daß es Zeit wäre, auch von dem Könige selbst, den er als Delcgaten der Nation betrachtete , grössere Aufopferungen zu fordern. Seit lam gem her kannte man den Grafen von Mirabeau als scharfen Veiirtheiler von Neckers Finanzoperationen; auch b-!t man ihn für denjenigen, der unter der Hand das Com- mitte der Wahlmänncr zu Paris aufwiegle: sein Vertrag machte daher wenig Eindruck, und die Nationalversammlung übergab die Untersuchung wegen des Darleihens dem Finanz - Committe. Das Darleihen wurde bewilligt, und zwar unter Verbürgnng der Nation, nur 4^ von, Hundert, fand aber bey den jetzigen Umständen wenig Credit. Während daß man sich damit beschäftigte, wagte eS der MarkiS de la Coste, die ergiebigste Fjnanzquelle in der Lur- Einziehung der Rlsstergüter zu suche». Sein Vorschlag erregte Aufmerksamkeit. Die Einkünfte der Geistlichkeit betragen -oc, Millionen; ihre Schuldenlast beträgt an Zinsen »2 Millionen; das Einkommen für die Prälaten und Pfarrer 96 Millionen : folglich würden zur Bezahlung der Staatsschulden 92 Millionen übrig bleiben. Für einmal wurde die Untersuchung des Vorschlags verschoben. Ohnehin schon war für die Geistlichkeit die Aufhebung der Zehnten ein schrecklicher Streich. Dadurch soll sie jähr, lich zo Millionen an Einkommen verlieren. Anstatt der Zehnten empfahl man eine Teruitorialauflage, und zwar mit gleichförmiger Vcrtheilung. So dringend indeß die Sorgen wegen des Finanzwesens waren, so waren die Sorgen wegen Verbesserung der Jnfti; und polizey nichl weniger dringend. Den iQ August machte die Nationalversammlung folgende Erkenntniß: „Da die Feinde der Nation die vcrlohrne „ despotische Gewalt wieder auf dem Wege der Anarchie „ au sich zu rcisscn bemüht sind , so befehlen wir allen » Municipalitäten und Obrigkeiten, so wohl in den Städten „ als auf dem Lande, daß sie für die öffentliche Sicherheit » wache»; so gleich aus ihre Aufforderung sollen die regn» „ lierren Truppen der Nationalmiliz und den Marc. „ chausseen zu gesanglicher Einziehung der Friedensstöhrer „ bcystehn; dre arrestiertcn Persohnen sollen vor den ge, „ hörigen IrrstiztribunaUkN verhört, ihr Vergehen nach „ Beschaffenheit bestraft, und über ihren Prozeß ein ge- „ richtliches Faktum an die Nationalversammlung einge. 2 schickt werden ; aller Orten soll man von solchen Leuten, dickein Handwerk, keinen Erwerb, keinen vestenWohnsitz, „ keinen gültigen Heimatschein haben, genaue Verzeichnisse „ aufnehmen; die Truppen sollen der Nation, uud dem Könige als dem Haupte der Nation, huldigen, und vom höchsten „ Befehlshaber bis zum Gemeinen ftyerlich schwören, daß „ sie nie anders an dir Bürger Hand legen wollen, als aus Bs» 6 Befehl der Civil - und Municipal - Beamten , deren „ Befehl vorher den versammelten Truppen muß bekannt „gemacht werden. " Diese Erkenntniß wurde von den Pfarrern ab der Kanzel verlesen. Den 17 August eröffnete der Graf von Citrmont» Donnerre als neu erwählter Präsident die Nationalversammlung , und Bergasse las den Entwurf des Konstituti« ons-Committs über die Organisation der Justiz. Gros. stn Beyfall fand fonderhcitlich auch der Vorschlag zur Ernennung von Friedensrichtern, die so wohl in den Städten als auf dem Lande die ersten Inchrmationen, und zwar öffentlich, aufnehmen sollten. Ein paar Tage hernach erschien der Plan zu neuer Einrichtung der Municipalität. Bey dieser neuen Stadt, vrdnung oder Stadtvbrigkeit sollte künftig die ganze Verwaltung und Gerichtsbarkeit stehn, welche bisher sowohl in Paris als rund umher das Stadthaus besessen. Die Gerichtsbarkeit erstreckt sich über alle Zweige der Poliz-y und Reinlichkeit, über die Ruhe, Ordnung und Sicherheit, über die Mittel zum Lebensunterhalt, über die Einziehung der Auflagen und Zölle, über die Posten, u. s. w. die Verwaltung der Stadt Paris hängt von dreyhundert Nathsglicdern ab, welche von den Stadtbezircken erwählt werden, und die Generalversammlung der Repräsentanten der Bürgergcmeine von Paris ausmachen. Sechzig von diesen formieren den täglichen Stadtrath, der sich in die gewöhnlichen Geschäfte theilt, und Ein und zwanzig Glieder deS Stadtraths formieren ein engeres Büreau für dringende Fälle und vorläufige Verfügungen. Die Generalversammlung der dreyhundert kömmt jährlich nur zwcymal, nämlich iin Iunius und December» zusammen. Sie ists, welche die Rechnungen des Raths und des engern Büreau prüft, nothwendige Anstalten er» kennt, u. f. w. mit jedem Jahre tritt aus der Generalversammlung eines von den fünf Gliedern ab, die jeder Stadtbezirk bezirk wählt, so daß in Zeit von fünf Jahren die ganze Versammlung umändert. Der Stadtrath besteht aus dem Mairc, dem Gcncratkvminaiidantcii, den acht Echcvms, dem Gencralprokurator, den acht Präsidenten der Dcpartc- mens, und aus ;9 Beysitzern. Die Rathsglicdcr werden beym Serutimum von der Generalversammlung, und aus chrcm Mittel erwählt. — Der ganze Plan fand viel Ein« Wendungen. Wahrend daß sich indeß die Nationalversammlung mit der Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung beschäftigte , unterließ sie nicht, an die allgemeinen grosse» Gegenstände so wohl der politischen als der religiösen Gesetzgebung zu denken. Den 2z Augustmonat berathschlagte sie über die Freyheit der religiösen Meynungen. Daß die Meinungen frey seyn sollten, gab Jedermann zu : nur darüber stritt man, ob die Meynungen frey wären, wenn es der Cultus nicht gleichfalls seyn würde ? Der Pfarrer von Vieux Pvussauge behauptete, daß jeder Gottesdienst gestartet seyn sollte, so lang er die öffentliche Ordnung nicht stöhrtc. Noch lebhafter sprachen für die Toleranz Herr Rabaut von St Etienne und der Bisch off von Lvda. Nach langem Disputieren wurde mit Mehrheit der Stimmen erkennt: „ Niemand sollte wegen » seiner Meinungen, und auch nicht wegen religiöser Mei, „ nungcn beunruhiget werben, so lange die Aeusserung >, derselben nicht der öffentlichen gescyrnässigen Ord- „ nung im Wege sieht. Jeder Bürger darf frey reden, „ schreiben und drucken, nur daß er wegen des Mißbrauchs „ der gesetzlichen Freyheit verantwortlich seyn muß." Sogleich bemerkt man, daß es nur vom Willen und von den Umständen abhängt, um einer so unbestimmten Erkenntniß entweder mehr Erweiterung oder mchrEinschränkungzu geben. Mittlerweile daß sich die Nationalversammlung mit der Gesetzgebung beschäftigte, that Ncckcr nur schwache vnd langsame Schritte zu der Verbesserung der Finanzen. Im«- Immer kehrte er zu seinem Paillatif - Mittel, dem Darleihen , zurück. Je öfterer dieses Mittel gebraucht wurde, desto mehr vcrlohr es seine Kraft und seinen Kredit. Die Ausschreibung des Darleihens von ;« Millionen unterm y. . August war fruchtlos geblieben. An wem lag wohl die Schuld ? In dem Bericht welchen Nccker den 27 August der Nationalversammlung abstattete, wirst er die Schuld ganz allein auf diese Versammlung. Sie hatte bey dem neuen Darleihen den Zins nur auf gestuft. Ohne Zw.i- fei glaubte ste, daß theils die Nationalverbürgung, theus des Finanzministcrs versöhnlicher Kredit das Darleihen am j besten empfehlen: allein sie betrog sich..Es kam nicht zuStande. l Es wäre zu Stande gekommen, behauptete Neckcr, wenn man ! ( nach seinem Vorschlage) den Zinß auf ? vom 102 gestuft haben würde. Nun schlug er ein anderes Darleihen von Lo Millionen vor, und zwar so, daß er die Hälfte der Sum- i mc in königlichen Lffetki annahm, und itzt e vom ro-, ' versprach. Damit er bey Mißlingung dieser neuen Gelb- operation nicht abermal die Schuld von sich auf die Nali- i onalvcrsammlung abwälzen mögte, willigte nun diese Versammlung den 28 August unbedingt, und gleichwol unter Nationalverbürgung, in das vorgeschlagene Darleihen ein. Wie durste aber vor gänzlicher und daurhafter Beseitigung der politischen Verfassung Neckcr für irgend eine Art Darleihen grosses Zutrauen erwarten ? Da§ Darleihen verbürgte freylich die Nationalversammlung; Allein wer war Bürge, daß diese Versammlung mitten unter allen Stürmen ihr Ansetzn, daß sie Emtracht und Ordnung behaupten, kurz, den Sieg davon tragen werde? Man dr'chte sich im Zirkel herum: die Staatsverfassung, glaubte Neckcr, kann nicht ganz wiederhergestellt werden, bis die Finanzen wieder hergestellt sind; die Finanzen, glaubte die Nationalversammlung, und der öffentliche Kredit übcrhant können nicht wiederhergestellt werden, bis es die Staatsvevfaffung seyn wird. Hiczu kam kam vielleicht noch bey den Reichsftänden die Bcsorgniß, daß, wenn der, Hof vor gänzlicher Umschassung der Vcr- fassnng wieder in Absicht auf die Finanzen freye Hände chckamc, er alsdann auch wieder die Rcichsvcrfassung nach eigener Willknhr einrichten könnte. Ncckcr schränkte indeß seine Vorschläge nicht bloß auf Darleihen ein. In seinem Rapport vom 27 August schlug er noch andere Auswege, jedoch nur im Vorbeygehn, vor. Er sprach bald von der Errichtung einer Nationalbanke, bald von einer Vcrmögcnfteuer, bald schlechtweg von einem Darschuß oder Geschenke, oder allenfalls von einem Darleihen/ wozu jedermann nach dem Verhältnisse seiner Glücksgütcr verbunden seyn sollte. Vornemlich machte er aufmerksam auf die Vergrößerung des Deficit so wohl durch den beträchtlichen Ankauf von Getreide als durch die Ausbicibnng und Verminderung der bisherigen königlichen Gefalle. Unter andern that er den Vorschlag, daß von nun an in allen Gabelle - Magazinen der Kalz- preis auf sechs Sous für das Pfund gesetzt werden mögte. Ungeachtet dieser verminderte Preis, sagte er, die königliche Einnahmt um drcysfig Millionen vermindert, so würde koch noch vergrößerter Verbrauch, als Wirkung des geringen Preises, den Verlust in etwas ersetzen; der Schleichhandel würde aufhören, und nach Abgang des Schleichhandels würde man die Unkosten der Wachen ersparen. —- Auf Ncckcrs Auffodcrung setzte die Nationalversammlung anS ihrer Mitte ein Finanz - Lommitt^ nieder. Anfangs des Septembers ernennte die Nationalversammlung zum Präsidenten den Bischofs von Lamgres. Da man ihn für aristocratischgesinnt hielt, so verbreitete sich aus einem Winkel des Palais Royal, aus dcm Kafce- Hame der Motionen, aus dem Schoosse einer so geheißenen patriotischen Gesellschaft, das Gerücht von einer Verben- dung^rs Adels und der Geistlichkeit gegen den Bür- ^erstand. Mit Wuth lief ein gewisser Edelmann, Na- mens St. Hcurcüst, von einem Kaffeehause ziim andern, in dem er saut schrie: Man sollte die hohe Geistlichkeit in Verhaft nehmen, und die Verräthcr des Bürgcrstandcs strafen. Da die patriotische Schwärmerey ansteckend ist, so schrieen seine Anhänger, der Kayser wäre mit 102,00-, Mann an den Gränzen z man solle den König und den Dauphin im Louvrc, und d,c Königin in St. Cyr verschließen. — Am diesen Lärm machten die Repräsentanten der Bürge, gemeinde zu Paris so gleich folgende Erkenntniß „ Da man ungeachtet der sechzig Stadtbezirke, die j, den Bürgern zur Vorlegung ihrer Beschwerden und Ge- danken offen stehn, immer noch fortfährt, durch absehen, v liche Vcrläumdungen und blutdürstige Vorschläge selbst „ den Aufenthalt des Monarchen zu beunruhigen, so cnt- „ decken wir in solchen aufwieglerischen Bewegungen dctt » letzten Versuch der Feinde der Nation zur Beförderung „ des Despotismus durch die Anarchie; wir wiederholen z, daher unsere Erkenntnisse gegen aufwieglerisches Zu« „ sammenlaufcn, und geben dem General - Kommandan- tcn den Auftrag, sich aller Macht der Bürgergemcmde » ziz bedienen, damit die Friedensstöhrcr sogleich arrcsticrt » werden. Diese Erkenntniß soll sogleich nach allen Stadk« i, bezirken abgeschickt, und in jedem derselben von allen Gliedern ein Exemplar unterzeichnet werden, damit „ dieses Exemplar zur förmlichen Urkunde diene, daß die guten Bürger von Paris an Ausschweifungen keinen » Theil nehmen. " Noch an gleichem Tage zerstreuten zahlreiche Bürger. Patrouillen und National-Wachen den schwärmerischen Haufen, und verschlossen das berüchtigte Kaffeehaus der Motioncm Einige von den gefährlichern Schwindelköpfcn wurden in Verhaft gebracht, unter andern ihr Anführer, Herr von Saintehcurcuse, wie auch ein gewisser Baron Tmtot und ein Herr St- Genies, der sich für einen Adjutant des Markis dc la Fayctte ausgab, und in dem Namen dieses Generals Ordres an K k die 2,4 - 57 - 7 -- °-- -- - die Patrouillen austheilte. Die Ruhe wurde bald wieder hergestellt. Bald darauf leisteten die vier Bataillons der Schweizcrgarde in Gegenwart des Matre von Paris auf dem Platze des Stadthauses den Eid/ so wie ihn die Nationalversammlung vorschrieb. —— Die nun bezähmten Aufwiegler hatten sich Deputierte der Anwohner des Palais, Royal gcncnnt; sie hatten verschiedene namenlose Briefe ausgestreut / und einige von ihnen auch per- sohnlich bey den einen Gliedern der Nationalversammlung gegen die andern Klagen geführt; sondcrhcitlich aber hatten sie grossen Unwillen gegen diejenigen geäußert, welche dem Könige das Veto oder Verweigerungsrecht zukenuen wollten. Seit einigen Tagen nämlich beschäftigte sich die Nationalversammlung mit der wichtigen Frage/ in wie weit man das königliche Verweigerungsrecht entweder einschränken oder ausdehnen sollte? Diese Frage erregte heftige Bewegungen. Man untersuchte sie auf allen nur möglichen Seiten / und verschob ihre Entscheidung von einem Tage zum andern. Ein Pfarrer wagte es/ schlechtweg blinden Gehorsam gegen den König zu predigen. Man fuhr aber derb gegen ihn los. Jemand aus der Versammlung erhob die Stimme: „ Mein Herr Präsident / bringen Sie „ den Herrn Pfarrer zu sich selbst. Man redet von mo- „ narchischer Gewalt / und er predigt den Despotismus. „ Beschämt stieg der Pfarrer von der Tribune hinunter. Auch Herr von Epremesnil gab seine Meinung / ließ sich aber ein Wort von den drey Reichsständen entfallen. Bey dem gehässigen Worte entstand durchgängiges Murren. Er wellte den Fehlschuß verbessern / indem er von beschränken Verdaltungsdefehlen und Vollmachten sprach. Dadurch erregte er stärkeres Murren. Mehr als vierzig Glieder sprachen für des Königs Verweigerungs - und Bestätigungsrecht/ oder für die so geheißene königliche Sanction, und ihr entgegen nur zwölf Glieder. Zugleich mit mir dieser Nerathschlagung verband man die Derathschla- gunq über die künftige Form und Gewalt der Reicho- vcrsammlrrngen. Zum Glücke suchte Jedermann, er mochte Roialist, oder Aristocrat, oder Democrat seyn, die Auflösung lieber mit dem Bopf als mit der Lauft. Zur Rolle von Triumvirs oder Dictatoren schien unter den Häuptern der Partheyen niemand hinreichendes Ueber- gcwicht weder an Macht und Reichthum noch an Geist und Talenten zu haben. Den Ausdruck) eines Bürgerkrieges hinderten immer noch so wohl das aufgeklärte Interesse des Volkes, als die durchgängige Noth, und das Bedürfniß gegenseitiger Schonung. Von Zeit zu Zeit setzten freylich die hitzigern Köpfe die Schonung beyseite. Gleich Anfangs, wie wir oben bemerkten, hatte sich der Bischofs von Langres, als Präsident, aristocratischer Gesinnungen verdächtig gemacht. Noch verdächtiger machte er sich in der Sitzung am y 2 " September. Als er die Frage über die Grundpfeiler der Reichsverfassung vorlegte, trug er sie absichtlich unter so viel Nebenfrageu und auf so verwickelte Art vor, daß man seinen Vortrag zuerst mit Stillschweigen , und endlich mit durchgängigem Murren beantwortete. Verschiedene Glieder schlugen andere Methoden vor. Zuletzt erwählte man die Methode des Herrn Ca- müs, nach welcher man über folgende fünf Fragen in De- rathschlagung trat: i? Soll die Nationalversammlung fortwährend sitzen? 2° Soll sie sich nur zu gewissen Zeiten versammeln ? Soll sie aus zwo verschiedenen Kammern , oder nur aus Einer gemeinschaftlichen bestchn? 4°. Soll die königliche Sanction gelten? Und soll sie unbedingt oder nur ein Aufschiebungsrecht seyn ? — Ungeachtet alle oder doch die mehrcrn dieftr Fragen die Vorrechte des Rönigs betrafen, so waren doch dermalen dem Könige allzu sehr die Hände gebunden, um auf die Auflösung Einfluß zu haben. Freylich nicht ohne Tmnult, endlich aber doch beynahe einhellig gieug der Schluß dahin, daß künftig Kkr die si6 - die Rcichsverftrminluirg Ununterbrochen forrsitzen, von Zeit zu Zeit aber durch neue Glieder ergänzt werden sich. — Wenn die Sachwalter der Vorrechte des Lönigs schwach und gering waren, so waren hingegen desto zahlreicher und stärker dir Sachwalter der bisherigen Vorrechte der Aristokratie. Au der Spitze des Adels und der Geist« lichkeit drangen die Herren Mounier, Maury, Cazales, Virieu, Clermont, Tonncrre, Lally - Tolendal, u. a. auf die Eintheilung der Reichsversammlung in die obere und in die gemeine Lämmer. An der Svitzc der Volksparthey widersttzten sich ihnen mit Heftigkeit die Herren Mirabcau, Target, Grancey,». a. Voll Erbitterung hob der Bischof von Langres die Versammlung auf, legte das Prästcium nieder, und gieng aus dem Saal weg. An seine Stelle rief man nun den Herzog von Liancourt: er verdat sich die Ehre, indem er zu bemerken gab, daß in einem solchen Falle der letztere Präsident Platz nehmen mußte. Wirklich übernahm also Clermont-Tonncrre den Vorsitz, predigte Eintracht, und entließ die Versammlung^ Auch nachhcrftihr er fort, anstatt des Bisthoffs, das Amr eines Präsidenten zu führen. Den September las der Deputierte von Dinan ein Arrctä der Stadt Reimes vor, vcrinög dessen die dortige Bürgerschaft das königliche Verweigerungsrecht geradezu als unzulässig, und als Eingriff in die gesetzgebende Gewalt der Nation erklärte. Dieser Erklärung widersetzten sich in der Rcichvvcrsamm- lung der Abbe Maury, der Graf Mirabeau und Herr Garat: dcr Mairevon Dinan nahm das Arrets zurück. Man legte es beyseite; um nunmehr wegen der Eintheilung der Nationalversammlung die endliche Entscheidung zu suchen. Hundert und zwey und zwanzig Glieder, und an ihker Spitze der Abbe Maury und Herr Mounier, weigerten sich, ihre Stimmen zu geben; Achthundert neun und vierzig entschieden gegen neun und achzig, daß die Nationalversammlung *) Nämlich olle zwey Aahr«. lang m eurer und dersdlbcir Ranrmer vereinigt seyn soll. Da von der Galerie herab verschiedene Znschaner den Rednern, bald mit Auszischen ihr Mißfallen, bald mit Händeklatschen ihren Beyfall bezeugten, so beschält sie der Graf von Clcrmvnt - Tonncrrc, unter Bedrohung , daß er diejenigen , welche durch solche Aeusserungen die Ehrerbietung gegen die Bersamnilung hintansetzen würden, durch Häscher werde wegführen lassen. Tags darauf, den n. Septcmbcv kündigt? der Praßdort der Versammlung an, haß ihm Herr Nckcr einen Brief nebst einem Memorial zugeschickt habe, mit dem Resultate des königlichen Staalsrath über die Frage der königlichen Sanction. Nach langem Streite erkannte hie Versammlung, daß man das Memorial um gelesen zurückschicken sollte. Hierauf legte der Vier Präsiden: die Fragen so vor, wie sie .Herr Canigs schon vor? her dargestellt hatte. Man zankte sich lange. End? lieh vereinigte man sich, > sie aus dem Gesichtspuncte zu betrachten, den nun Herr Guilloftin gngab : i° Ba- darfs zur Rcichsverfassung der königlichen Einwilligung? 20 Kann der König zu den Schlüssen und Handlungen der Ncichsikände seine Einwilligung verweigern? Weny er cs kann, soll die Verweigerung unumschränkt oder nur aufschiebend seyn? 4° Ja letztem: Falle fragt es sich, fsstz wie lange Zeit die Aufschiebung gelte? —r Den Herren Mounicr und Freteau gelang, es, daß die erste diestr Frage» als übcrsiüssig beyseite gesetzt wurde. Ueber dir zwote und deckte entschieden 67; Stimmen gegen z-z, haß zwar der König die Einwilligung verweigern könne, daß aber scme Verweigerung nur Aufschiebung seyn seh. Die Bestimmung des Ausschnbtcrmins. verschob man, und zwar vornehmlich auf Barnave's und Mirabeau's Antrieb. Den 17. Scvttmbcr setzten sie's durch, daß man hierüber nichts abschließen sollte, bis der König die sämmtlichen Schlüsse der Krarionaichevsammlung seit denn Ht« August entweder würde bestätigt, oder in Betref derselben ;i8 ».-.-n.» - selben auf jedes Verweigerungsrecht würde Verzicht gethan haben. Den 18'.'" überreichte der König folgende Antwort: „ So sehr ich überhaupt den Geist eurer Schlüsse gut „ hcisse, fo find' ich nichts desto weniger noch einige Ar- „ tikel, die ich für einmal nicht unbedingt annehmen kann. Ueber diese Artikel leg ich meine Gedanken und die Ge- „ danken meines Staatsrathes vor. Ich werde meine „ Begriffe ändern, so bald mich dazu die Nationalver- „ sammlung durch ihre Erläuterungen bewegen wird. „ Nie anders als mit Bcdaurcn weich' ich von ihren Be- », griffen und Gesinnungen ab. " » In Absicht auf den ersten Artickcl in Betref der „ Leudalrechte gab ich selbst schon im I. 1779 das Bey- „ spiel, wie sehr meine Gesinnungen mit den seither gc- „ äusserten Gesinnungen der Nationalversammlung über, „ einstimmen; schon damals nämlich schafte ich in dem „ ganzen Umfange meiner Domaineu , ohne einige Ent- „ schädigung für mich, die Rechte der todten Hand ab. „ Nun glaub ich, daß solche barbarische Rechte durchgän- „ gig ohne Schadloshaltung können und sollen abgcschaft „ werden. Für die Abschaffung persöhnlicheu Bc- „ schwerden und Geldfteurcn aber scheinen die Guts- „ Herren solche Schadloshaltung fordern zu können. Beym „ Ankauf und bey Erbtheilungcn nämlich ist ihnen der „ Ertrag davon in Rechnung gebracht worden. Schon „ dringen auf eine solche Schadloshaltung verschiedene aus- „ wärtige Prinzen, welche in dem Elsasse Herrschaften „ besitzen, die ihnen durch die feyerlichsten Verträge ga- rantiert sind," „ Durchaus billige ich den zweyten Artickel wegen z, Abschaffiing des Dcnidenfiuges. Den dritten Artickel wegen der Iagdfrcyhsit billige ich in so weit, daß v ich mein eigenes Gehege frey mache, daß ich jedermann ,, erlaube, das Gewild auf seinem eigenen Boden zu rs- den s'S „ den, und daß ich die vormals darauf gesetzten Strafen aufhebe. " „In Vctref des vierten Artickels wegen der gcrichrs, ,, herrlichen Iustitz werde ich in ihre Abschaffung wich „ liqen, so bald mir die Nationalversammlung einen gm „ tcn Entwurf über die Jusiitzpffegc überhaupt vorlegen „ wird. " ^ In Bctrcf des fünften Artickels wegen der Zehnten „ erkenn' ich mit Wohlgefallen die großmüthigen Äiifovft' „ rungen des geistlichen Standes. Man setzt den Er- / „ trag der geistlichen Zehnten auf ohngefähr 60 bis 8<- » Millionen. Wenn man ihre Entrichtung den Gntsbr, „ fitzern uncntgeldlich nachlassen wollte, so würde nrit „ Recht ein solches ausschlicssendes Geschenk die Eifersucht „ des übrigen Volkes so wohl in den Städten als auf „ dem Lande erregen. Wenn man hingegen den Gntsbe- » sitzer», anstatt des Zehnten, eine andere Last auflegen „ würde, so frägt es stch, ob nicht eine solche noch weit „ beschwerlicher seyn könnte? Endlich auch frägt es sich , „ ob, nach der Abhebung des Zchntenertrages, der Rest der „ geistlichen Güter für den Unterhalt der Kirchen hinrei- chcnd, oder vielleicht hernach eine andere Beysteuer noth- wendig seyn werde? Die ganze Untersuchung hierüber „ könnte man bis zur Untersuchung der Staatssinanzen „ verschieben. Zugleich muß man die Zehntcnbcsitzungen „ des Maltheser-Ordens nicht aus dem Auge verlieren, j; indem dieser Orden wegen des französischen Handels „ geschont werden muß. " ,, Durchaus billige ich den sechsten Artickel wegen „ Ankaufung der Renten; den siebenten Artickel wegen „ Aufhebung käuflicher Gerichtsämter; .den achten » Artickel wegen Abschaffung der zufälligen Beschenkun- „ gen für die Landgcistlichen; den neunten Artickel, » vermög'dessen der Adel und die -'Geistlichkeit auf ihre ehr- „ ehemaligen Steuerbefreiungen so großmüthig Verzicht ^ thun; den zehnten Arrickcl wegen Abschaffung der aus- „ schliessenden Befreiungen einzelner Provinzen; ^ den eilsten Artickel, vermög dessen alle Bürger zu kirch« „ liehen, bürgerlichen und Kriegsdediennngen Zutritt erhak- „ ten; den zwölften Artikel, vermög dessen ich wegen „ Abschaffung der Annalen mit dem hciligcy Vater in „ Unterhandlung cintretten werde; den drcyzehntcn Artickel, „ vermög dessen die Geistlichen von der Erstattung der „ Gebühren gegen höhere Geistliche befreyk werden sollen, » billige ich in so fern, als man diesen letztem dagegen „ einen billigen Ersatz giebt; durchaus billige ich den „ vierzehnten Artickel wegen Einschränkung der Geistlichen „ aus eine einzige präbcstoe. Bey dem fünfzehnten „ Artickel wegen Bcschncidung der Pensionen und Gna- ^ dengchalre wünschte ich, daß ein allgemeiner Maaßstah „ könnte zum Grunde gelegt werden-" Ueber diest Vorstellungen des Königs machte le Cha. pclicr in der Nationalversammlung folgende Bemerkungen; Dankbar muffen wir ohne Zweifel die väterlichen Gesinnungen des Königs erkennen; über Constitutionsartickel aber dürfen wir mit ihm nicht in Unterhaltungen trettcn. Würden wir nicht die Gewalt der Nationalversammlung und das Interesse des Volkes aus den Augen verlieren, wofern wir länger die Vollziehung der Schlüsse vom a"? August aufschieben wollten? —— Die Herren Camüs und Goupil hingegen behaupteten, daß man vor wirklicher Vollziehung noch mit dem Könige in Berathschlagung cim trctten müßte. Gegen sie unterstützte den Herrn le Cha- xelier Herr Chasse. Er stellte vor, daß die Nationalversammlung schon vorläustig zur Berichtigung der Feüdal- dcr kirchlichen und der Judiiatiirschwierigkeiten drey besondere Kommitkss niedergesetzt habe. Bey den Artickeln vom 4?" August, fuhr er fort, bcdarfs nichts mehr als die Unterzeichnung des Königs, das Siegel des Reichs und die öffentliche Bekanntmachung. In gleichem Geiste sprach auch der Graf von Mrabegu. Vermög des zehnten Artickels des Reglements, Eap. IV. über die Motionen, soll keine Frage, über welche die Nationalversammlung einmal entschieden hat, von neuem in Bewegung gesetzt werden. Die Fragen von 4. August und den darauf folgenden Tagen sind nun entschieden, folglich — schloß Mirabcau_ darf man sie nicht erneuern, sondern die getroffenen Schlüsse müssen völlige Gültigkeit haben. Es sind Constitutionsartickcl, und bey solchen kann der König die Sanction nicht verweigern. Hierüber gab den 2c>st-n September der König selbst der Nationalversammlung folgende Erklärung : „ Sie versichern mich meine Herren, daß Sie „ meine Bemerkungen über ihre Arrctes alsdann beherzige» „ werden, wann es Zeit seyn wird, in den Detail von den ,, Gesetzen zu trcttcn, welche Sie als eine Folge ihrer Ar- „ retes ansetzn, und zu gleicher Zeit verlangen Sie die „ feyerlichc Kundmachung von diesen. Eine solche Knnd, „ machung schickt sich nur für schon durchaus ins Reim ,, gebrachte Gesetze; allein da ich Ihnen schon bezeugt habe, „ dass ich so wol den herrschenden Geist in ihren Schlüst „ sen als auch den weit grössern Theil der Artickcl ohne „ Einschränkung billige, und da ich mit Vergnügen ihren „ cdeln und patriotischen Gesinnungen beystimme, so be- „ fehle ich , daß die Schlüsse der Nationalversammlung durch das ganze Reich bekannt gemacht werden." Hie, rauf bewilligte diese Versammlung dem Könige das Auß- schiebungsrecht auf dreh Legislaturen, das ist auf sechs Jahre. Zu gleicher, Zeit bewies. sie ihre gesetzgebende Hoheit auch dadurch , daß sie über das Recht zur Thronfolge in ltnlerstichuugen tratst. Etwas voreilig erinnerte bey dieser Gelegenheit der Markis von Sillery an den Uetrechtcrver- strag, vcrmög dessen der spanische Zweig des bourbo- ngschcn Stammes auf die Thronfolge m Frankreich Dev- -icht zieht thut. Räch langem Wortwechsel erkennte die Majorität der Versammlung : „ Die Thronfolge sollte nach :> dem Rechte der Erstgeburt geschehn, ohne daß wegen „ geschehenen Verzichtes für einmal etwas vestgcsetzl wer- „ den soll." Inzwischen schrien diejenigen, die sich mehr um den gegenwärtigen Augenblick als um die Zukunft, mehr um ehre Einkünfte und den Genuß derselben als um politische Freyheit und dauerhafte Verfassung bekümmerten, - . länger je lauter nach Brod und Gelde. Schon vor einiger Zeit hatten einige gute Bürgerinnen, sämmtlich entweder Töchter oder Gattinnen von Kaufleuten und Künstlern, in eigener Person der Nationalversammlung ihr Geschmeide überreicht. Das Geschenk cmpsicng der Präsident imt folgenden Worten : „Weit schöner als die Edel- „ steine werden eure Tugenden Euch schmücken. Möchten „ nur die letzter» eben so viel Nachahmung als Bcwun- » derung erwecken!" Wenn sich indeß in ihren Patriotismus nicht etwas Eitelkeit mischte, warum brachten sie dieses Opfer nicht unerkannt? Weder ihr Name noch ihre Anzahl waren groß genug zur Erregung allgemeiner und durchgängiger Nachciferung. Freylich erschienen von Zeit zu Zeit auch andere Partikularen so wohl als ganze Gesellschaften mit rührenden Aufopferungen. Die italiä- schen Schauspieler überreichten 12000 Livrcs; einige Klöster ihr Silbergeschirr; ein Deputirtcr, der aber nicht gemimt werden wollte, 4<,c-o Livrcs; der Herzog von Cha- rvst rov,202> Livres; die Provinz Bcrry bot für zehn Jahre den hundertsten Theil von den Gütern der Einwohner— und verschiedene Bezirke der Provinz Dauphin-- boten die Vorausbezahlung der Auflagen für das 1 .1790 an. Des König und die Königinn schickten ihr Tafelgeschirr in die Münze. Kaum erfuhr es die Nationalversammlnng, s» ließ sie durch deu Präsidenten Ihre Majestäten um die Zurückhaltung solcher versöhnlichen Aufopferungen ersuchen- chen. Der König antwortete: ,jJch brn gerührt über die eäcstnnungcn der Versammlung; aber die Seltenheit des „ Geldes macht unsere Aufopferungen nothwendig. Weder dieKömgin noch ich setzen auf dieselben einen Werth. " Den 20. September bevollmächtigte dcr königliche Staatsrath die Münzaufsehcr, alles goldene und silberne Ge- schmeid und Geschirr, das man ihnen anbieten werde, gegen gültige Verschreibenden in die Münze zu werfen. In dem ganzen Reiche befinden sich über zwo Millionen Menschen, deren jeder zwey bis drey Paar silberne Schuh- schnallen besitzt, die zusammen, nach dcr Einschmelznng, zum wenigsten 8-- Millionen an Gelde ausmachen würden. Zu näherer Prüfung' dcr verdienten oder unverdienten Pensionen befahl die Nationalversammlung die öffentliche Bekanntmachung der Pcnsionsvcrzcichnisse. Freylich leiden durch die Einschränkungen und Ersparungen so wol als durch die häufigen Auswanderungen der Runft- ficiß und Broderwerb: allein hätten sie bey einem Staatsbankcroul nicht weit mehr gelitten? Freylich werden durch knappere Wirthschaft tausend und tausend Diener des Luxus in sehr klägliche Umstände gestürzt: allein wenn man sie schonet, wenn man ihnen zu Gunsten gegen die Sparsamkeit eifert, geschieht es nicht auf Unkosten einer noch weit grösser'» Menge won Menschen, und von weit nützlichern Menschen, auf Unkosten der armen ausgcsoge- ncn Hüttcnbcwohner? Gcfczt auch, daß bey der Sitten- nnd Finanzrcform tausend und taustnd Menschen beynahe verhungern, ists nicht ein unvermeidlich nothwendiges, zugleich aber ein vorübergehendes Uebel; ein Uebel, fruchtbar an den wohlthätigsten Folgen? O der selbstsüchtigen Sophistik! Wenn zur Erweiterung des Despotismus raufend und tausend Menschen in einem Tage, in cmer Stunde auf dcr Schlachtbänke bluten, tausend und tausend Fa. milicnihr Haus und Feld, ihre Väler und Söhne und Gatten und Bruder aufopfern müssen, — ohne befremde», den, ohne Wchmuth vernihmt es der Sklave der Eitel, keil; und ganz ausserordcntlich hingegen befremdet es ihn, wenn zur Erweiterung der Freyheit, zur Beförderung häuslicher und bürgerlicher Sitten eine gewisse Anzahl Menschen aus ihrer bequemern Lage in eine unbequemere gesetzt wird'. Ein allzufchwacheS Hilfsmittel indeß scheinen auch «och so beträchtliche Einschränkungen. Nur erinnere man sich, daß während Ncckers Verwaltung von, 1 .1777 bis März 1781 die neuen öffentlichen Schulden auf 4)9,7^9, 464 Livrcs gestiegen , sämmtliche Schulden aber, nach oem Tcrritorialimpost des Grafen von Lamcrvillc im I. »788, auf s,2ro Millionen, ohne die letzter,, Anleihen zu rechnen. Eine Schuldenlast, deren Zinsen mehr als die Halste der Staascinkünste verschlinget, und deren Kapital mehr als i l Jahr des allgemeinen Einkommens aller liegenden Gründe des Reiches übersteigt. Nothwendig vergrösseri« steh noch diese Schuldenlast imJ. ,789 durch höchst kostbare Vorkehr gegen Brodmangcl und Thcurung, durch das Ausbleiben so vieler Staatseinkünfte, durch häustges Auswandern so mancher begüterten Familien, kurz, durch die fatalen Umstände in dem Begleite der Staatsrevolution. Den Urhebern dieser Revolution, den Häuptern der Nationalversammlung warf man Langsamkeit vor. Und wie denn ? Ware bey den raschen gewaltsamen Schritten der gestürzten Hofparthcy, wäre bey will- kührlichcn übereilten Verfügungen eines königlichen Macht- spruches die aichymifche Wundcvopcration, die man suchte, glücklicher von statten gegangen? Bey dem je länger je mehr sinkenden Staatskccdite erfuhr Mcker, daß feine Darleihen cm abgenutztes Hilfsmittel geworden. Auf beyden Seiten drohte nun der Nation ein schrecklicher Abgrund, auf der einen Seite der Seneralhanckeront, auf der andern Seite neue Besteuruug. D», Fürst oder Minister, bewaffnet mit blinder Autorität, stehst nur das gegenwärtige hge dringende Bedürfniß, siehst nicht die sörchterlrche Ankunft ! Mit eisernem Zepter treibst du die Nalwu nach dem einen oder nach dem andern Abgrund ; aber weh dir, wenn sie vok! Verzweiflung entweder dir den Zcottr aus der Hand reißt, oder wenn sie in den Rachen des Abgrundes hinabstürzt! In dem letztem Falle hörest du auf, über ein Volk von Menschen zu herrschen; du herrschest über jam- mervchle Haufen von Leichen und Todttngcdciiren; in dein erster» Falle rufst du aus der Hölle die Furien der Zwey-- tracht hervor, und verbreitest die Flammen des cim hcimischen Krieges! Heil der Nationalversammlung und ihren Fabius Cunktators, baß sie sich durch noch so drin, genLe Noth nicht voreilig weder zum Bankcrout noch zur Ausschreibung neuer Auflagen hinreisten.liessen! Den Van- kerout hatte die Versammlung für ehrlos erklärt; neue Besteurung schien ihr ein nothwendiges Uebel, aber a>.r» kündigen wollte sie's nicht, bis sic's ohne Gefahr der Empörung ankündigen könnte. Ohne solche Gefahr konnte sie es nicht thun, wofern sie nicht vorher einerseits die U»i- litair- und policeyordnung wiederhergestellt, anderseits die Willfährigkeit des Volkes ausgeforscht, und, um das Volk desto willfähriger zu machen, die Unzulänglichkeit aller andern Hilfsquellen durch alle nur mögliche Erfahrungen und Versuche klar vor Augen gelegt hatte. Den 24. September nahte sich dieser kritische Zcitpuitkt. An diesem Tage stellte Nccker der Nationalversammlung die gänzliche Erschöpfung des Finanzwesens vor, und nun drang er auf eine ausserordentliche durchgängige Bey« stcurung, vcrmög weicher jeder Einwohner im Reiche bey seinem Gewissen den vierten Theil seiner jährlichen unbeschwerten Einkünfte darschiesscn sollte. Den 26. überreichte der Markis von Montesquieu im Namen des Finanz - Comits ein Gutachten über den Nccker- fthen Vorschlag. Dieses Gutachten ist der beste Bcrvris, wie wenig man die Reform der Finanzen hintangesetzt habe- 526 habe. Es stel.» die vcrwickeltesten Angelegenheiten eines großen Reiches, den Zustand der Einnahmen und Ausgaben, den Ertrag aller und jeder Aussagen, den Umfang des Deficit, die möglichen Ersparungcn bey Hofe , bey den Departements und in dem Pcnsions - Etat, die neue Einthcilung der FinauzverwaltuUg in zwo Hauptkassen, in die königliche und in die Nationalkassa, kurz, die ganze Lage der Sachen in dem treusten Gemählde vor. Von allen Seiten erscholl Beyfall. Selbst der Graf von Mira- beau, der sonst immer gegen Nekcrs Entwürfe Einwendungen zu machen gewohnt ist, erhob sich nun zu Gunsten des Nekerfehcn Vorschlags- „In diesem Augenblicke, „spracher, kann die Nationalversammlung nichts bcssers „ thun, als wenn sie hierüber die Entscheidung des Schick- »sals der Nation demjenigen Finanzmiuistcr ganz überlaßt, „den die Nation selbst ausgewählt hat." Schon war die Versammlung auf dem Punkte , seine Meinung für den allgemein angenommenen Schluß zu erklären: allein er bat sich die Frevheit aus , beyseite zu gehn, um die vorgetragenen Ideen in Ordnung zu bringen. Während seiner Entfernung hatte der Baron von Jeffe den Muth, gegen den beynahe schon durchgängig gebilligten Vorschlag Einwendungen zu machen. „ Der Enthusiasmus, sprach er, ist „ eine der schönsten Erschütterungen des menschlichen Her- „zenö, aber noch mehr Ehrfurcht verdient die Gerechtig- „keitsliebe. Fürwahr, wenn man den Staat retten will, „ so muß es nicht durch Bedrückung der Bürger geschehn. „Anstatt von dem Volke den vierten Theil des Einkom- „mcns zu fordern, thut man wohl besser, wenn man das „Silber aus den Riechen wegnimmt. Auch ohne sol- „chen Schmuck wird die Religion ehrwürdig bleiben. „Gerne giebt sie ihre Schätze zur Erqnickung der Armen, „dieser ersten Freunde der Religion und des Himmels." Sogleich unterstützte diesen Vorschlag der Erzbikchof von Paris. Mittlerweile kam der Traf von Mirabeau mit dem in W Ordnung gebrachten Schlüsse zurück. Dieser Schluß begann mit den Worten : „ Ohne Prüfung , shne Unter- „ fuchung, einzig auf Zutrauen nimmt die Versammlung „den Nckcrschcn Plan an." Die Einen schrien , daß es für die Versammlung unanständig wäre , über die wichtigsten Angelegenheiten ohne Prüfung und Untersuchung abschließen zu wollen: die Andern äusserten den Argwohn, als hätte Mirabcau bey diesen Ausdrücken die boshafte Absicht, Nekern wegen aller mißlichen Folgen eines fotcriru Schlusses ganz allein verantwortlich zu machen. Der Graf ließ sich so wenig betäuben, daß er geradezu antwortete: ,, Wenn ich dem Plan des Finanzministcrs beygestimmt „ habe, so that ichs, weil ich auf der Stelle einen Plan „ nothwendig glaubte , und nicht bcgrcissc , wie die ge- „sammle Versammlung einen solchen zu Stand bringen „könnte. Freylich , fuhr er fort, habe ich nicht dir Ehre» „Herrn Meters Freund zu seyn; wär ichs, nun, so würde „mir gleichwohl niemals die Rettung des Zutrauens und „Kredits irgend eines einzelnen Mannes, wer er immer „auch seyn mögte, so unvermeidlich nothwendig scheinen, „ als die Rettung des Kredits der Nationalversammlung „selbst. Gerne gesteh ich, daß ich für meine besondere „Person , als Individuum, den Plan des Ministers eben „ nicht sehr gut finde, und daß ich also bey der Ausführung „dcßseiben die etwanigen unglücklichen Folgen lieber „den Minister allein, als die ganze Nationalvefsamm- „lung mögte verantworten lassen. " Nur der hohe und zuversichtliche Ton, in welchem bisher der Minister, seine eignen Ideen den Ideen der Versammlung entgegen zu sehen gewohnt war, entschuldigte einigermassen Mi- rabeaus belcidigcndcund abschreckende Erklärung., Wie unbillig wärs sonst, den erbettcnen Diener des Königs und der Nation ausschließend dem öffentlichen Unwillen Preis geben zu wollen ? Doch mit Bcyseitsttzung aller Nebeiibetrachluiigen wurde mit 47) Stimmen gegen ^rzr. die neue Beysteuer des vierten Theils der Ein» kr'mfte beschlossen. Ohne Zweifel für taufend und tausend Familien ein drückendes Opfer: allein erkauft man jemals die Nationalehre, eine gute und freye Verfassung zu theuer? Mit Ströhmcn von Blute erkauften diesen Schatz Hclve-, tien und Heiland. So drückend indeß die neue Auflage seyn mag, so reicht sie höchstens zur Tilgung der Zinse, nicht zur Tilgung des Schuldcnlasts hin. Warum sollten zur Verminderung von dieser nicht auch Frankreichs Schuzpatron und so viele andere Heilige etwas von ihrem Schmucke hergeben wollen. Glorreich ist es für die Mär« tyrcr der Kirche, auch für den Staat Märtyrer zu werden. Die patriotischen Mönche der Abtey St. Martin im Felde tratten für ein Iahrgehalt, das sie durch Unterricht zu verdienen bereit.sind/ ihr ganzes sehr beträchtliches Land- eigenthum ab. Umsonst wendete die Geistlichkeit ein, daß sie, als blosse Nützlichster, sich kein solches Aktrcttungsrccht anmassen könnten. Wenn das Eigenthumsrecht nicht den Geistlichen gehört, wem anders gchört's als dem Staate?*) Doch übet den Finanzprv^esscn vergaß man die Ausarbeitung der Gcsczgebui'.g nicht. Den 29. September legte Herr Thoknct im Namen des Constitutions-Comitä den Plan zur Organisation so wohl der provinzialversanmr- lungcn als der Bcickwvevsammlungcn vor. Jeder Lau« desdezirk trägt chr Einrichtung der vollziehenden Gewalt bey, und gegen den Despotismus unterstützt jeder den andern. Jeder schickt mehr oder weniger Abgeordnete, »ach dem grossem oder geringern Umfange so wohl des Bv« dcns, als der Bevölkerung und Beysteuer. In Absicht auf den Boden, ist eine Charte gezogen, auf welcher ganz Frankreich in achzig Departements eingetheilt ist, jedes derselben von achtzehn Stunden in der Länge und Breite Der Mittelpunkt der Ausmessung ist Paris. Es giebt einige Grosse Bewegungen erregte dieses Prdbtem, und noch sind sie nicht beygelegt. einige überzählige Departements, z. B. Paris, welche Stadt wegen ihrer ungeheuren Bevölkerung einen solchen Vorzug verdient. — Jedes Departement besteht aus neun Bezirken, von sechs Stunden so wohl in der Länge als in der Breite. Diese Bezirke heißen Kommunen. Jede derselben besteht aus neun Kantonen, und jeder Kanton enthält allseitig zwo Stunden. Da Frankreich 26000 Q. Stunden in seinem ganzen Umfange begreift, so muß es 6,480 Kantone enthalten. In Absicht auf die Bevölkerung. Sie dient zur er. sten Grundlage bey dem Gebäude der gesetzgebenden Ge. «alt. Wenn sich die Kantone versammeln, so heißen ihre Versammlungen die ersten oder anfänglichen, sssemklees xrimgire.-;. Die Abgeordneten des Kantons gehn nach dem Bezirke, aus dem Bezirke nach den Versammlungen des Departements, aus diefen endlich nach der Nationalversammlung. Man schätzt die ganze Bevölkerung auf 24. Millionen.' Nach Abzug der Weiber, Kinder, Greife, u.s. w. bleiben ohngcfähr 4,400,0^0 wirkliche Bürger. Wenn die Bevölkerung durchgängig gleichförmig wäre, so kämen auf den Umfang jeder Stunde tausend Menschen. (Von nun an zählen wir als wirkliche Bürger diejenigen, welche das Stiinmcnrecht haben.) Allein die Bevölkerung ist ungleich. Die Zahl, die in dem einen Kanton zu klein ist, kann in dem andern zu groß seyn. Jede erste oder anfängliche Versammlung, (allemblee xrimsii-e) muß wenigstens aus 600 Votanten bcstchn. Im Fall einer zahlreichen Bevölkerung kann der Kanton in zwo oder mehrere Versammlungen eingetheilt werden: im Fall einer allzustt,wachen Bevölkerung hingegen könnten sich zwo oder mehrere Versammlungen in eine einzige vereinigen. Hieraus ergicbt sich: i? Daß, obgleich die Anzahl der Kantone unveränderlich ist, es darum die ästemblees prlM2ire8 oder ersten Versammlungen nicht sind. 2° Sie ändern, so wie sich die Bevölkerung ändert. Ein Bürger, der seine Hei- L l mal mat nicht ändert, kann nichts desto weniger in Absicht auf die Versammlung ändern. In Bctref dcr Beysteuer ist es billig, daß der Bo» den, der mehr beyträgt, den Bewohnern auch mehr Einfluß verschaffe. Auf solche Weise reizt man die Provinzen zum Fleiß und grösscrn Beyträgen an, zugleich aber hindert man den Einfluß des aristokratisch-gesinnten Reichthums dadurch, daß man die ganze Masse der Provinzialbeyträgc, und nicht einzelne oder versöhnliche Beyträge im Aug' hat. Die Rcichsabgcordueten stehn in Absicht auf ihre Zahl in Verhältniß mit der Zahl der Votanten. Anfzwcy- hundert von diesen kömmt ein Rcichsadgcordneter. Zu einem solchen kann man jeden erwählen, der i? ein Franzose, oder in Frankreich naturalisiert ist. 2? Der seine Majorcnnität hat. Für die Taxe vo» drey Tagwerken steuerpflichtig, und 4? nicht in Knechtschaft steht. Mittlerweile daß der König seine unbedingte Unter- zeichnung der siebzehn Artickel der Erklärung der Rechte, wie auch die Unterzeichnung der neunzehn Konstitutionsar- tickel aufschob, stand zu Gunsten der unumschränkten königlichen Autorität eine neue Parthey auf. Den 1. Oktober hatte das Korps der Leibwache dem Regiment Flandern ein Gastmahl gegeben. Dazu waren auch dreyssig bis vierzig Offiziere von der Dürgcrmiliz eingeladen. Mit des Königs Erlaubniß wurde das Freudenfest in dem grossen Schauspielsaale des Schlosses gefcyert. Beym Nachtische erschienen der König und die Königin; sie wurden mit so lebhaften Aeusserungen der tiefsten Ergebenheit bewillkommet, daß die Königin bis zu Thränen gerührt schien. Nachdem sich beyde Majestäten wieder entfernt hatten, liessen die Offiziere Soldaten Herbeyrufen , und gemeinschaftlich stiessen sie aufs Wohlergehen des Königs und der Königin die Gläser zusammen. Betrunken eilten sie nachdem Marmvrhofe; hier erblickten sie »om Balkon den König nig und die Königin, mit dem Dauphin im Arme; sie wiederholten ihr Frcudengeschrcy, und schwuren der Maje< stät auf ihre Säbel unverbrüchliche Treue. Ihre Schwär» merey verbreitete sich über den hcrzuströmcnden Pöbel; sie gicng so weit, das sie schrien: Es lebe der Hof, und .... lc relre ! Der Graf d'Estaing und die andern Offiziere der Nationalwache sahn sich wegen ihrer Bürger- kokarde bchonnekt. Aufwieglerische Lieder erhitzten die Truppen. Jenes Lied beym Einzug des Königs in Paris erscholl nun von den Lippen der Leibwache : Ou pem »n ewe mwux gu'su lsln ksmills l — Und jenes andere: o ssicliarll, o man Koi, l'llmvers t'absr.llonne. Laut erschollen die Gelübde, für den König zu sterben. Haufenweise drang man in die königlichen Zimmer, und entfernte die Wachen der Bürger. In der Nacht vor dem fünften Octobcr brach die Verwirrung in Wuth aus, die Wuth vermehrte am Morgen den Mangel an Brodle. Eigentlicher Bropman- gel wars nicht. Nur war bey den Buden der Becker zu grosses Gedränge. Die Weiber waren des Harrens müde, lüften nach dem Stadthause, und bemächtigten sich des Gewehrs. Den Weibern folgten die Männer. Es wird Lärm geschlagen. Die Bezirke tretten unter die Waffen. Von Paris zieht man nach Versailles. Voll Rache wegen der daselbst von der Leibwache und den andern Truppen erlittenen Beschimpfungen, eilen dorthin auch die Rati- vnalwachc und die besoldete Wache. Um ihre Hitze zu massigen, eilt ihnen auf Befehl der Pariser Munizipalitat der Markis de la Fayctte nach. Auf solche Weise wars nicht mehr ein Haufen Mißvergnügter, der aufs Würgen der regulierten Truppen ausgieng; es war die Hauptstadt, es waren die Bürgerwachen, die hinzogen, den König zu holen. Auf die Nachricht von ihrem Anmärsche stellten sich die Truppen zu Versailles unter die'Waffen , voraus die Leibwache, hinter ihr das Regiment Flandern , und die Nationalwache beym Gittcrwerke des Schlosses. Ge- 8 la am gen die Helden der regulierten Truppen rückten die Weiber zu erst an. Ruhig ließ man sie vorbey ziehn, nur verwcU Lerte man ihnen den Eingang durchs Schloßthor. In vollem Galoppe kam der König von der Jagd wieder zurück. Eine andere Colonne von Weibern drang bis zu seiner Persohn, und erhielt von ihm schriftlich die Versicherung zu wohlfcilerm Brodle. Mittlerweile rückten auch die Frcywilligcn von der Bastille an, und unter hönischcn Beschimpfungen schlugen sie die Leibwache zurück. Auf Befehl des Königs steckte jede Parthey das^Schwerdt in die Scheide. Der Markis de la Fayctte begab sich in die Nationalversammlung, und von da ( um n. Uhr nach Abend) zum König. Von dem Könige verlangte er theils wohlfeileres Brod, theils die Entfernung der regulierten Truppen, theils seine Bewachung durch die Na- tionalmiliz. Alles bewilligte der König. Au gleicher Zeit machte er kund, daß er schlechtweg und unbedingt die 1>onsti- tutionsartickel besiegle. Unter dein abscheulichen Geschrey, unter dem Waffcngeklirre ergab sich der Nationalwache die Leibwache des Königs. Die regulierten Truppen wurden unter die Bürgermiliz vertheilt. Durchgängig erscholl das Geschrey; Es lebe die Nation, es lebe der König! Indeß verbargen sich mehrere Befehlshaber der Leibwache vor der Volkswuth. Auf der Flucht wurden ein Paar derselben vom Pöbel erwürgt, und die übrigen von eben derselben Nationalwache , deren sie erst noch spotteten, nicht ohne Mühe gerettet. Der König selbst flehte für sie um Gnade. Das Volk schlug dem Könige nichts ab. Die Leibwache zeigt sich vom Balkon, und zeigt sich mit der Bürgcrko- karde. Sie schwört den Nationaleid, und erhält ihre Begnadigung. Das Volk wünschte, die Königin zu sehn ; sie erscheint an Neckcrs Seite, auf dem Arme den Dauphin. Auf des Volkes Verlangen schlägt der König mit seiner Gemahlin und der ganzen königlichen Familie seinen Sitz , mitten unter der Bürgerwache, in Paris auf. Seine» Einzug begleitete ein starker Zug von Gcträidwagen für's Volk. Um ihn her marschieren über 150,000 Pariser. Tags darauf um 8 Uhr langte er auf dem Stabthaufc zu Paris an. In seinem Namen zeigte der Maire dem Volk an: « Mit Vergnügen und voll Zutrauen laßt sich der König „ unter seinem guten Volke von Paris nieder." Bey Wiederholung der gleichen Worte vergaß er den Ausdruck: Voll Zutrauen. Schüchtern erinnerte ihn hieran die Königin. Nicht ohne Gegenwart des Geistes faßte sich der Maire, indem er laut rief: Meine Herren, wie glüklich find Sie nicht, dies Wort nicht blos aus meinen Munde zu hören ? Durch zahlreiche Deputation beglückwünschte die Nationalversammlung den König, indem sie ihm durch den Herzog von Liancourt ankündigen ließ : ,, Von nun an werde sie ihre Versammlung in Paris fortsetzen, und « sich von der Pcrsohn Sr. Majestät als unzertrennlich » betrachten. " Bey diesem zweyten Siege des Volks über die Truppen vcrlohrcn zween Befehlshaber der königlichen Leibwache die Köpfe, und die Köpfe wurden von dem Pöbel im Triumphe von Versailles nach der Hauptstadt getragen. Den 8 October rückte die Vcstsetzung der Staatsver fassung beträchtlich vorwärts. Es wurde erkennt, daß die gesetzgebende Versammlung dem Könige ihre Schlüsse eben so wohl abgesondert als im Zusammenhange zur Unterzeichnung vorlegen könnte. Die Formel bey der Unterzeichnung ist folgende: „ Der König willigt ein, und wird vollzieh«. " Die Formel beym Aufschieben : «Der König wird „ untersuchen. " Nach der Besicglung schickt der König die Schlüsse an die Tribunale, Administratious-Cvilegien, Stadtobrigkeitcn, um sie ohne weitere Berathschlagung und ohne Verzögerung cinrcgistriercn und vollstrecken zu lassen; bey den öffentlichen Urkunde» nennt er sich: ,, Lud- »Mg, von Gottes Gnaden und vepmög der Rcichsver- fassung » fassung , König der Franzosen; zufolge der Bett rakhschlagung und Willensmcinung der Nationalver- „ sammlung verordnen wir u. s. w." Nicht länger also König von Frankreich heißt er , um nicht zur Vermuthung Anlaß zu geben , als ob cr Eigenthümer des Keichsdo- dcns sey. Je mehr sich indeß in der Nationalversammlung der republikanische Geist ausbreitet, desto mehr sind verschiedene Glieder derselben ( ohne Zweifel von der aristocratisch- gesinnten Parthey) auf ihre Abreise bedacht. Haufenweise begehrten sie von dein Präsidenten Paffeports. Auf Antrieb des Grafen von Micabcau aber wurde den 9'.°" Oetober beschlossen, solche Passeports keinem Reichsabqe- vrdneten anders zu bewilligen, als in wiefern sie ein solcher vor der versammelten Nationalversammlung selbst verlangen , und ihr hinreichende Beweggründe vorlegen würde. So weit rückte bis Anfangs des Octobers der Gang des Reichstages fort. So eben kennt die Nationalversammlung in freylich nicht vollzähliger Sitzung und nur mit 567 Stimmen gegen ;;6 die Rirchcngüter (nach vorhergegangener Besorgung des Küchendienstes - der Nation zu. Hicbey nimmt fie kluge Rücksicht auf das Interesse so wohl der niedern, aber zahlreichern Geistlichkeit, als auch überhaupt der Provinzen. Der Geistlichkeit nämlich weiset sie für die geringste Pfarre, ohne Haus und Garten, 1200 Livr. Einkommen an; den Provinzen aber überläßt sie die Kirchengüter zu eigener Verwaltung. Durch solche und ähnliche Verfügungen vermehrt die Nationalversammlung ihr Zutrauen beym Volke, und, so schwierig es ist, so scheints ihr doch nicht unmöglich, nach und nach so wohl in ihrem eigenen- Schoosse als zwischen den Provinzen die Entzweyung —- wo nicht durchaus zu tilgen — wenigstens unschädlicher zu machen. Wenn noch Tumulte und ' Aus- Ausschweifungen erfolgen, so erweckt selbst ihr Jammer am Ende nur desto lebhafter die Sehnsucht nach Ordnung. Je lebhafter diese Scnsucht seyn wird, desto willfähiger unterstützt auch der bessere Theil unter dem' Volke das An- sehn der itzt noch hin und hcrschwankcnden vollziehenden Gewalt. Unter dem bessern Theile des Volkes aber meinen wir jene zahlreiche Klasse von Bürgern und Landleu- te» , die keineswegs, wie die beyden entgegengesetzten weniger zahlreichen Klassen der gemeinen so wohl als der vornehmen raubsüchtigen Bettler, bey der Verwirrung gewinnen , sondern an ihrem Berufsgcwerbe verlieren. Diese grosse Mittelklasse macht das Knochcngebände an dem Körper des Staats aus. Das letzte Problem für die Nationalversammlung wird dann freylich die Aufsuchnng ei, ncs Mittelpunkts für die bewafftiere Gewalt seyn. ;;6 .- -. - . Tagebu ch des französischen Reichstages seit dem Tumulte zu Versailles im October 1789. Anfangs des Octobers begann mit dem Tumulte zu Versailles und Paris ein neuer Zeitpunkt für den französischen Reichstag. Seit mehrern Tagen herrschte in der Hauptstadt eine, zwar mehr anscheinende als wirkliche Theurung. Den Unwillen darüber vergrößerte das Gerüchte von jenem ausschweifenden Gelage der Leibwache und des Regiments Flandern. Bey diesem Gelage hat, tcn die trunkenen Kricgsmänncr die Bürgerkokarde mit Füssen getreuen. Auf die Nachricht hicvon beredete sich das Volk in Paris, daß die Hofparthcy zu Versailles auf böse. Anschlage gegen die Nationalversammlung bedacht wäre. Besonders die Grenadiers der Bür< gerwacke ärgerten sich über die Beschimpfung ihrer Kokarde Den 5. Ocrob. zerstreuten sie sich durch die Strassen, und gaben das Stadthaus einem schwärmerischen Haufen von mehr als 2000 Weibern Preis. Diese Furien", unter welchen sich wohl auch mehrere Männer in weiblicher Kleidung befanden, stürmten durch alle Zimmer, und bemächtigten sich des GcwehrS und der Waffen. Unter dem Gelärme wurde auch die Kassa bcstohlcn. Em Reichs- abgcordl'.cter wurde von dem Pöbel ergriffen, und nicht ohne Mühe aus seinen Händen gerettet. Verschiedene Banditen, die sich unter das Volk mischten, schrien mit gleicher Wuth so wohl über die Volksdeputirten als über die Verräther bey Hofe. Schleunig schickte die Nationalversammlung zahlreiche Detaschcments von der der Bürgerwache nach dem Stadthause. Von da weg waren die bewaffneten Amazonen mir ewigen Kanonen nach Versailles gezogen. Laut schrien die Grenadiers von der Bürgerwachc» daß man auch sie sollte hinziehen lassen. Man bat 6c um Bedenkzeit, und zwar nur bis zur Zurückkunft eines Eilboten, den man nach Hofe geschickt hatte. Umsonst, nichts hielt sie zurück. Ihre Wuth verbreitete sich durch alle Bezirke. Gegen alles Verbot zog ein grosser Theil der besoldeten Truppen nach Versailles. Nun glaubten die Bürgerregimenrcr, daß es am klügsten wäre, ihnen auf dem Fusse zu folgen. Bey der Unmöglichkeit, den Marsch zu verhindern, gaben die Repräsentanten der Bürgergcmcine dem Generalen der Bürgerwachc gemessenen Auftrag, sich an, die Spitze dieses Heeres zu stellen , um den König um Beruhigung des Volkes zu bitten. Beym Anzüge der Truppen kam der König von der Jagd nach dem Schlosse zurück. Mittlerweile hatten sich gemeinschaftlich mit der Bürgern?«- che die Leibwache, das Regiment Flandern und die Dragoner in Gcgcnvcrfassung gesetzt. Die Letzter« suchten das Ausrücken der Weiber zu hindern , und ihr Befehlshaber ließ seurcn. Eine Frauensperson wurde gctö- det, zwo wurden verwundet. Auf die Seite der Leibwache fielen drey Mann, und dem Kommandanten wurde die Schulter zerschmettert. In diesem Augenblick erschien der Graf d'Estaing, gebot Frieden, befahl dem Rcgimcntc Flandern Entwaffnung, und versprach den Weibern Genugthuung. Die Leibwache zog sich zurück; die Soldaten des Regiments Flandern erklärten sich bürgerlich gesinnt; die Dragoner traten unter das Volkshecr des Markis de la Fayckte. Sogleich verfügte sich ein De- taschcmcnt von den Weibern nach der Nationalversammlung. Die Leibwache wollt'es verhindern. Zween Mann wurden gctödct. Die Weiber drangen vorwärts. Im Namen der Weiber äusserte ihr Sprecher, wie sehr es sie kränke, kränk«, in der Versammlung deS Reiche- Geistliche zu srhn, die fich der Reformation des StaatS widersetzen. So sehr dir Nationalversammlung dir regellosen Schritte des schwärmerischen Haufens mißbilligte, so sah sie sich gleichwol zum Nachgeben genöthigt. Da sie den Brod- mangel als Hauptursache des Tumultes betrachtete, so er. ncuerte sie die Schlüsse über den freyen Gctraidhandcl und über die Zufuhr des Proviants für die Hauptstadt. Diese Schlüsse wurden in Gegenwart der lärmende» Fisch- weiber von dem Könige besiegelt. Zu gleicher Zeit schickte der König einen Eilboten an den Markis de la Fayette, mit der Versicherung, daß ihm so wol sein Besuch als das Anrücken seines Heeres willkommen seyn werden , und daß schon vorläufig der Leibwache und den Truppen zu Versailles alles Blutvergießen mit Ernst untersagt worden sey. Wirklich bemächtigte sich hierauf das Bürgerhecr aller Posten des Schlosses. Noch war der Rachcifcr gegen die Leibwachen nicht aus jedem Herzen verbannet. Einige retteten sich vor der Wuth der erhitzten Pariser in den Arm der friedlichem Patrioten. Nicht eher besänftigte sich der Tumult , bis die Leibwachen von neuem der Nation schwuren, und der Nönig und die Rönigin in eigner Person die Weghebung der Beschwerden versprachen. Noch nicht völlig befriedigt, drang das Bürgerhcer auf ausschlieffende Bewachung des Königs , und es verlangte die Verpflanzung der königlichen Familie nach Paris. Der König gab hierüber der Nationalversammlung Nachricht, und nahm sich vor, noch an gleichem Tage mir dem Heere nach der Hauptstadt zu zieh». Diese unerwartete Neuigkeit erscholl zu Paris gerade in eben dem Augenblicke, als man daselbst die Köpfe von zween erschlagenen Soldaten der Leibwache herumtrug. Herr de la Fayette forderte im Namen des Königs Schönung für die nunmehr nicht länger verdächtige Leibwache, und diese Schonung wurde von den Repräsen- Repräsentanten der Bürgergemeine erhalten. Ma» machte Zurüstung zum Empfange des Königs. Da der Zug, um die Truppen nicht zu ermüden, nur Schritt vor Schritt gieng , so langte der König erst gegen zehn Uhr Abends auf dem Stadthaufe in Paris an. Voraus marschierten die Dragoner, die Soldaten von Flandern , die Leibwache, durchaus mit der Natioualwache und mit den Amazonen vermischt. Auf den Straffen erscholl lautes Freudcngcschrcy. Wie sehr vcrgröffcrte sieh nicht dieses Frcudengcfchrey, als man den König , die Königin , den Dauphin , den Bruder des Königs un d die ganze königliche Familie in den Verfammlungsfaal'dcr Repräsentanten der Bürgergememe hereintrcttcn sah ! Im Namen des Königs versicherte Herr Bailli die Repräsentanten , daß Sc. Majestät sich mit dem größten Vergnügen in der guten Stadt Paris niederlassen. Die Königin unterbrach ihn, indem sie laut rief : Mit dem größten Zutrauen. Diese Aeusserung erregte ein fröhliches Geschrey, und seit langem erscholl zum erstenmal wieder der Ausruf : Es lebe die Königin! den ausscr- ordcntlichcn Tag krönte der Herzog von Lianconrt, indem er den König und die Pariser Bürgergememe im Namen der Nationalversammlung versicherte, daß sich diese Versammlung nie von Sr. Majestät trennen, und, so bald immer möglich, ebenfalls in der Hauptstadt vestsctzcn werde. Die Besorgniß, daß die Nationalversammlung in dem Wirbel der Hauptstadt allzusehr von der wetterwendischen Laune des Volkes abhängen werde, verleitete eine Menge Rcichsabgcordnctcr zu dem feigen und verdächtigen Entschlüsse, ihren, Abschied zu nehmen : allein den 9?" Oktober erkennte die Nationalversammlung, daß sie keinem ihrer Glieder Passeports bewilligen sollte , bevor ihr hinreichende Beweggründe dargelegt worden. Den iL^n Oktober schickten die Repräsentanten der pariser Bürgergememe an alle Ortsobrigkeiten in den Provinzen die feierliche 54 » feierliche Versicherung, daß die Hauptstadt nie ein anderes Interesse haben tonnte, als das gemeinschaftliche Interesse des Reiches , und daß folglich die Nationalversammlung in ihrem Mittelpunkte eben so geehrt und eben so gesichert seyn werde, als an jedem andern Orte. Zugleich wurde zu den Zusammenkünften der Versammlung die Wohnung des Erzbischoffs ausgewählt. Den 12?" Oktober schlug unter dem Vorsitze deS Herrn Freteau der Bischof von Autün zum Verkauf der geistlichen Güter folgenden Entwurf vor : Die Nation, begann er, ist zur Aufhebung einzelner geistlicher Kongregationen berechtigt; ohne Bedenken verwendet sie also die Güter derselben zum Besten des Staates. So bald für das Iahrgehalt der Gcscllschaftsgcnosscu , für den Kirchen, und Schuldienst, für die Unterstützung der Armuth gesorgt ist, so sind die 'Absichten der Stiftung erreicht. Das gcsammte Einkommen der Geistlichkeit beträgt ohngefähr -§<- Millionen, nämlich 8» an Zehnten, und 70 an liegenden Gründen. Diese letztem verkauft die Nation, unter Aufsicht der Lantstände zur Tilgung der Staatsschuld, und die Zehnten verwandelt sie in Gcldstcurcn. Auch dem geringsten Geistlichen sichert sie, ohne Hans und Garten, ein Einkommen von i rov Lwrcs zu. Die Prüfung dieses Plans unterbrachen verschiedene , Vorfälle, vornehmlich auch die plötzliche und zweydeutige Vcrschwindung des Herzogs von Orleans. Er, einer von den ersten Bekämpften der willkührlichcn Gewalt, er, ein Hauplurhcbcr der Reichswicdcrgebnrt , der bisherige Abgott des Volkes, setzte sich in die fatale Lage , nunmehr auch dem Volke, so wie vormals dem Hofe, verdächtig zu werden. Nach jenem Tumulte zu Versailles streute man aus , daß er den König hätte aufheben, und sich selbst zum Connctable des Reiches, zum Major Domus, zum Diktator auswerfen wollen. Wie dem auch seyn mag, insgeheim suchte er sich über die Gränzen zu flüchten. Den i-. Oktober ^ ry'.'» October 1789 kündigte bey der ersten Sitzung, welche die Nationalversammlung zu PariS hielt/ der Präsident an, daß er durch Abgeordnete der Stadt Bvnivgm« snr.-Mcr von der Verhastnchmung des Herzogs von Orlcans benachrichtiget worden. Da aber der Herzog mit einem königlichen Passcport versehen gewesen/ so machte» sich der Präsident und der Minister Montmorin kein Bedenken / ihm durch einen ausgestellten Dcglaubigungsschciii die Ucbcrfahrt nach England zu erleichtern. Zu gleicher Zeit mit der Entweichung dieses Prinzen erfolgten auch andere nicht weniger beunruhigende Vorfälle/ z. B. die Abreise verschiedener Reiche-abgeordneter/ und hie und da gewaltsame Empörungen. So wohl die Erschütterung der Fcudalvcrfassung als der Angriff auf die Kirchcngütcr feuerten hin und wieder den Adel und die höhere Geistlichkeit zum letzten Versuche des Widerstands an. Die Nationalversammlung gcricth in den Verdacht/ daß sie/ nach Beilegung des ministeriellen und aristokratischen Despotismus/ den populaircn oder ihren eigenen Despotismus auf den Thron setzen "wollte. Uncrschroken setzte sie nichts desto weniger ihr angefangenes Werk fort; sie verließ sich auf das Wort und Siegel des Königs und auf das aufgeklärte gemeinschaftliche Interesse des Volkes. Gegen die Aufwieglungen und Tumulte verfaßte sie den 2,. Oetodcr 1789 das vortresiiche Martialgesey. Zur Abschreckung von neuen Verschwörungen stellten die Repräsentanten der Bürgergcmeine zu Paris den a-sim eine Erkenntniß gegen den Prinzen von Lambcfc und die übrigen Theilnehmer an jenem Kvmvlotte vom 12Y" Julius 1789- Kraft dieser Erkenntniß wurde nun die Untersuchung ihres Prozesses dem Tribunal des Chatclet übergeben. Inzwischen verlvhr die Nationalversammlung die Rirchengüter nicht aus den Augen. Nach wiederholten subtilen subtilen Betrachtungen und Gcgenbetrachtungeu beschloß s,e den 2«» November 1789 : Daß, nach Abzug des Unterhalts für die Geistlichen und für die Armen, die Kirchcngütcr unter der Aufsicht und nach der Vorschrift der Provinzen zum Besten der Nation sollten angcwendt werden. 2? z.§ß das Iahrgehalt auch des geringsten Geistlichen, ausser Wohnung und Garten, zum wenigsten 1202 Livr. brtrage. Diese Verfügungen kränkten den Adel und die höhere Geistlichkeit. Hin und wieder jagten sie ihren Anhang unter dem Pöbel in Harnisch. Sonderheitlich in Vretagne reizten durch Schriften und Reden der Bischoff von Tre- guicr und der Mairc von Launion die Land-leute zum Aufstande. Den Aufstand bezähmten die Bürger von Brest, Qnimper und l'Oricnt. Auch iin Dauphins in Lan- guedok und anderswo fragten mehrere Glieder aus den beyden höhere» Ständen bald diesen bald jenen Versuch zur Verbindung gegen die Nationalversammlung. Da der grössere Theil des Volks der Versammlung treu blieb, so waren ihre Anschläge vergeblich. Obgleich aus Verdruß der Erzbischoff von Paris, die Herren Mounicr und To- lcndal sich von dem Reichstage entfernten, so wurde da« rum der Gang der Bcratksschlagungcn nicht im geringsten gehindert- Je mehr das Gespenst der 'Aristokratie von neuem zu spucken ansieng, desto mehr dachte die Nationalversammlung auf wachsame und kräftige Vorkehr. Um ihre Glieder gegen die Versuchungen des Hofes zu sichern, schloß sie dieselben durch eine feyerliche Erkenntniß wäh, rend der ganzen Dauer des Reichstages von dein Mmi- ftcrium oder den Bedienungen bey Hof aus. Um desto weniger von dem aristocratischen Geiste der Parlamenten besorgen zu müssen, schob sie ihre Wiedereinsetzung nnd Vcr, rimgung auf. Den Nvv. beschloß sie daß bis zu neuer Ordnung der rlchterlichenGcwait diese Gewalt noch ferner, wie bisher, von den Vttkationskammern sollte ausgeübt werden. werden. So wol dieser Schluß als alle andern erhielten sogleich die Sanction von dem Lxönige- Nichts desto weniger erklärte die Vakationskammer des parlemenrs zu Rouen die Schlüsse als verderblich ffür die Narion und beleidigend sür die königliche Autorität. Den 9^ November wurde diese Erklärung in der Nationalversammlung verlesen. Sie erregte allgemeinen und heftigen Unwillen. Herr Barere de Vicuzac drang auf die Auslieferung der Glieder dieser aufwieglerischen Vakationskammer an das Malefizgericht des Chatelct. Tags darauf bemühte sich Herr von Frondeville, ein Paclemcntsrath von Roucn, zu Gunsten der Kammer eine Schutzrcde zu halten. Herr Barnave hingegen wendete ein, daß sich durch Nachsicht auch andere richterliche Collcgicn könnten zur Widersetzlichkeit hinreisten lassen. Herr Chapclicr suchte das Mittel zu treffen, indem er vorschlug, die Verschuldung einzelner Glieder nicht auf Rechnung des ganzen Körpers zu schreiben. Nach langer Rede und Widerrede gab endlich den ic,"- Nov. die Nationalversammlung folgende Erkenntniß: Das Arrets der Vakationskammer des Parlemcnts von der Normandie beleidigt die höchste Macht der Nation. Der König hat es verdammt, und er hat den weitem Ausschweifungen dieser Kammer Einhalt gethan. Im Namen der Nation soll ihm der Präsident für die schleunige Vorkehr ftyerlich danken. 2? Zur Aufklärung des Prozesses gegen die Urheber des Arrdts wird diese Schrift demjenigen Tribunal überreicht, welchem die Nationalversammlung vorläufig die Untersuchung der Verbrecher der beleidigten Nation anvertraut hat. ;? Soll der König um die Ernennung einer neuen Vakationskammer aus dem Mittel der andern Parlementsglicder angesucht werden. —- Während daß der König diese Erkenntniß genehmigte, lief schon den nM Nov. bey der Nationalversammlung ein Brief ein, in welchem der Generalprokurator von Rouen Nachricht ertheilte, daß jenes aufwieglerische Arrcle noch 544 nicht öffentlich bekannt gemacht, hingegen aber von der Vakationskanuner ein zweytes ausgestellt worden, kraft dessen ste das Vcrdammungsurthcil des erster» schlechtweg cinrcgisiriert und die in demselben geäußerten Grundsätze verwirft. Nicht ohne Mühe, und nur auf Fürbitte des Königs wurde hierauf die Kammer begnadigt. Den i2«n November trat Herr Thourct zum erstenmal als Präsident auf. Von mehrern Orten erschien die schriftliche Versicherung gänzlicher Zufriedenheit mit den Schlüssen und Verfügungen des Reichstags; von einigen aber liefen beunruhigende Nachrichten ein. So z. B. beschwerte sich das beständige Komitts der Stadt Nar- bonne über eine Aeusserung des A-clssrandes von Toulouse, die es für aufrührifth erklärte; so widersetzte sich ein Kapftcl aus dem Sprengel von Autün dem Bi- fchoffe, der die Rirchcngütcr abtrctten wollte; fv erlaubte sich das Vaillage von Troycs ein beständiges Komitts dieser Stadt für gesetzwidrig zu erklären, und auf den Kopf der vornehmsten Glieder desselben greifen zu lassen. Das Romittc war gleichwol von den Stadtbezirken erwählt worden. Mit Eifer redeten ihm die Repräsentanten der Dürgcrgcmcine zu Paris bey der Nationalversammlung das Wort. Je länger je mehr nämlich unterstützte gegenseitig jede Munizipalität oder Ortsobrigkcit die andere, und Paris war gleichsam der Mittelpunkt und das Vorbild von allen. So wie vormals die Dirche sich durch gemeinschaftliche Verbindung unter den gcistli, chcn Kommunen zur unerschütterlichen Hierarchie empor schwang, so schien nun der Staat sich durch ähnliche, und freylich noch unverdächtigere Verbindung unter den weltlichen Kommunen zur politischen Hierarchie emporschwingen zu wollen. Ausdrücklich schrieb die Dürgerge- mcine von Clcrmont - Ferrand an die Dürgcrgcmcine zu Paris: »Das einzige Rcttungsmittel für Frankreich ist »schleunige und durchgängige Einführung solcher Munizi- „ palitätcn, „palitätcn, wie in der Hauptstadt, und gemeinschafk. „liche Verschwiftcrung unter denselben, wie zum Theil „jetzt schon in Auvergne." - Mittlerweile suchte die Geistlichkeit sich von dem Schlage zu erholen, den ihr der Schluß wegen Einziehung der Rirchcntzütcr versetzte. Um Zeit zu gewinnen, vcr- anlassete sie in der Nationalversammlung einen Streit über die Frage: Ob man sich nicht, anstatt der beleidigenden Versieglung der Rirchenarchrve, schlechtweg mit der redlichen Aussage und Erklärung der Geistlichen befriedigen könnte. Den 12«» November wurde die Frage mit Mehrheit der Stimmen bejahet. Die Nationalversammlung erkennte, daß in Zeit von zween Monaten alle und jede Besitzer geistlicher Güter, alle Obern religiöser Kommunen und Häuser bey den königlichen Richtern oder bey den Ortsbcamtcn einen umständlichen, schriftlichen Bericht über den Zustand ihrer beweglichen und unbeweglichen Kirchengüter, über ihre Einkünfte und Ausgaben einliefern sollten, um ein Exemplar davon an die Nationalversammlung abgehen, und ein anderes an die Kirch- thüre bey jeder Pfarre anheften zu lassen. Diejenigen, deren Bericht und Aussagen falsch und betrüglich ausfallen , werden nicht nur aller Ansprüche auf ihre Präbenden und aller geistlichen Iahrgehalte verlustig , sondern noch übcrdicß zu richterlicher Verantwortung gezogen.— Gegen die Ränkesucht und Habsucht scheint eine solche Vorkehr zu schwach. Nicht ohne Grund warf man der Nationalversammlung vor: VincsrelL!8, viÄoria Mi riescis. Je weniger man sich für einmal von den Rivchengüteru Erleichterung versprach, desto geneigter war man zur Anhörung anderer Entwürfe. Den Nov. schlug Herr Ncckcr die Errichtung einer Nationalbanke vor, oder vielmehr nur die Verwandlung seiner schmachtenden Diskomptekasse in eine M m Banke 146 Bank von grösserm Umfangt. Für die AktionnairS bestimmte er auf gewisse Zeit ein ausschließendes Privilegium; für die Banke 12,500 neue Aktien, jcdcvvn z?;-, Livrcs , nebst den dermaligcn Aktien der Diskomptkasse. Nie sollten mehr Billets im Umlauffe seyn , als für 240 Millionen; zur Aufsicht hierüber sollte die Compagnie vier und zwanzig Verwalter aus ihrem Mittel, und die Nationalversammlung sechs Kommissarien ernennen; zur Sicherstcllung des Publikums sollte die Banke ein Kapital von 150 Mill. erhalten, und die Nation selbst die Anstalt verbürgen. Und woher schöpft Hr. Neckcr das Rapttal dieser Banke? Gegenwärtig hat die Diskomptkassa nicht mehr als ;o Millionen im Umlauf, und 70 Millionen in den Schatz des Königs niedergelegt; sämmtlich also ivo Millionen. Diese Summe ist auf 25,000 Aktien verschrieben, jede Aktie von 4000 Livrcs. Hiczu fügt Herr Nccker noch eine Summe von 50 Millionen zur Errichtung von 12,500 neuer Aktien, an baarem Gelbe zahlbar, und von gleichem Betrage mit den vorhergehenden. Wie wendet der Linanzminifter dieses Capital an? Es beträgt Millionen, nämlich 150 Millionen, die schon wirklich vorhanden sind, und 240 Millionen, welche die Banke schlagen könnte. Nach Abzug jener 70 Millionen aber, welche die königliche Schatzkammer schon im I. 1787 entlehnt hat, bleiben immer noch 520 Millionen: Von denselben sind 170 gegen Anweisungen dem Staate vorgestreckt; 8» sind zuin Diskomptieren bestimmt; 70 endlich zum Geld- kapital für die Kasse. Läuft die Nation bey der Ver« bürgung Gefahr? Schon sind ihr, antwortet Herr Neckcr, siebzig Millionen angewiesen, und dazu bekömmt sie noch 170 andere, in allem 240. Bey der Einschränkung des Umlaufes der Billets auf 240 Will. läuft sie folglich keine Gefahr. Welchen Vortheil erhält dadurch der Staat? Der Zins wird heruntergesetzt. Welchen Vor- 547 Vortheil der Handel? Anstatt der 46 Mill. liefert die Diskomptkassa alsdann 80 in den Handelsverkehr. Woher zieht Herr Ncckcr das Zahlungsgeld? Von dem Betrage theils der patriotischen Bcysteuren und Geschenke , theils der verkauften Kirchen - und Domaincngüter. Nach seinem Vorschlage nimmt ein eigener Einnehmer die zu verhandelnden Rcskriptionobilletö an. Vorn I. 1791 werden von Monat zu Monat zehn Millionen entrichtet. Nur behält Herr Ncckcr dasjenige Geld, welches noch während des I. 1790 außerordentlich hcrbcyfließt , für den Lauf und Gebrauch dieses Jahres zurück. So schwankend die Grundlage seines neuen Systems scheint; so verwickelt seine Berechnungen; so erbettelt bey denselben manche Voraussetzungen sind ; so unsicher erst noch er selbst den Sieg der Nation über die willkührliche Autorität gemacht hat; so wenig also vor gänzlicher Wiedergeburt des Reiches die Staatsverbürgung durchgängiges Zutrauen erweckt : so schmeichelt sich Herr Ncckcr gleichwol, daß auf seine Beschwörung sogleich die 12,500 neue Aktien Herbeyfliegen werden. Und worauf gründet sich seine schmeichelhafte Erwartung? Damit jedermann an seinem Glücksspiele Theil nehmen könne, theilt er die Aktien von »002 Livres in Halbe - und Vicrtelsaktien. Damit er desto mehr anlocke, blendet er durch den starken Geldzins und durch die Nationalgarantie. Nichts dcstoweniger gesteht er selbst ein, daß man nicht hoffen dürfte, für die neuen Billets Liebhaber zu finden, so lang man die alten unter dem Preise von 420» Livr. bekommen kann: allein er beredet sich, daß sein Plan auch diesen Letztem wieder mehr Werth geben werde. Herrn Ncckcrs Absicht ist, für die dringenden Bedürfnisse des Staats 170 Millionen zu suchen. Da er sein ehemaliges Hilfsmittel der Darleihen abgenutzt sieht, so nimmt er zu StaatsbiUets , zu Papiergelde Zuflucht. Wer soll aber dieses Papier schlagen, Mm» die die Diokomprkasse / vdcr der Staat selbst, ohne die Kasse? Der Staat hat entweder Kredit, oder er hat keinen Kredit. Im erstem Falle bedarf er des Beystandes der Diskomvtkasse nicht; vielmehr würde er durch Verbindung mit einer Kasse / die selbst ohne Kredit ist, seinen eigenen Kredit schwächen. Im letztem Falle, wenn der Staat auch für sich des Kredits beraubt ist, kann er ihn der DMomptkaffe weder verschaffen, noch von ihr erhalten. Nur so viel giebt man Herrn Ncckcr zu / daß der Staat noch grosse Hilfsquellen besitze, und folglich des Zutrauens nicht unwürdig sey. An baarem Gelde ist er für einmal nicht im Stande zu bezahlen ; bis das System der Auflagen wieder in Ordnung gebracht ist, muß er sich des Papiergeldes bedienen. Ohne Zweifel über bekömmt dieses Papier mehr Kredit / wenn es Zins trägt, wenn es die Kirchcngüter und Staatsgüter zum Untcrpfande hat/ wenn es in Absicht auf seine Menge und Bestimmung eingeschränkt ist / und auf genau vorgeschriebene Termine eingelöst wird/ als hingegen wenn man es mit den Operationen der ohnehin schon verschrienen Dis- koinptkasse verbindet. Mag auch diese Kasse dem Staate noch so gute Dienste gethan haben / so darf sie darum von dem Staate keine Aufopferungen verlangen / welche die Provinzen und den Handel zu Grund richten würden. Dieß aber würde durch Erthcilung der von Herrn Necker vorgeschlagenen Privilegien geschehn. Die Kasse darf nicht mehr fordern / als jeder andere Staarskreditor. So wie jeder von diesen, so muß auch sie bezahlt werden / entwe- d 'r mit baarem Gelde, oder in der Zwischenzeit mit Papiergeld. Zu glücklicher Einführung dieses letztem kömmt alles darauf an: Ob es realisiert werden kann ? Unter Realisieren aber versteht man für einmal nicht die Verwandlung in metallisches Geld / sondern nur jeden möglichen gebrauch dieses Papiergelds. S» bald man mit dem Papiere Papiere seine Schulden bezahlen, die Gefalle an die kö. niglichen Kassen abführen, oder ein Kapital zur zinsbaren Belegung berichtigen kann, so ist das Papier realisiert, wenn auch bey allen solchen Geschäften kein Pfennig klingender Münze vorkömmt. Sobald der Werth desselben dem Werthe des metallischen Geldes nach dem Münzfnsse entspricht, so mangelt zu Realisation des Papiergeldes nichts mehr. Wenn also z.B. io<-o Mill. Papiergeld zu Abbe- zahlung alter Schulden in Umlauf gebracht würden, wird dessen Realisierung wohl möglich seyn? Dies Kapital hat seinen Eigenthümern bis jczt, zum Zinsenfusse von 5 pro Cent, eine jährliche Rente von 5a Mill. getragen. Werden nun nicht sehr wahrscheinlich mehrere der Eigenthümer, die izt Papiergeld erhalten, auf Renten ausgchn? Wo findet sich aber Gelegenheit, sogleich rooo Milk. zu belegen? Und wie kommen die Kapitalisten zu rechte, wenn sie in Zukunft keine Renten mehr zieh»? Sollen sie Wechselbricfe diskomplicrcn ? Wer lehrt sie die Vorsichtsregeln , die hicdcy nothwendig sind? Wie geht es der Diskomptkasse, wenn die Kapitalisten, aus Mangel anderweitiger Belegung, zu weit geringern Zinsen als diese Kasse diskomplicrcn? Sollen die Kapitalisten die ihnen in Papier zurück bezahlten Summen auswärts belegen? Wie wird es dann mit dem Wechselkurs in Frankreich aussetzn? Würde nicht dadurch das Reich alles metallische Vermögen verlieren ? Gesczt: daß der Skaac selbst das Papiergeld für voll in den Kassen annehmen würde, so würden doch immer ein paar Jahre vergehen, ehe es angebracht wäre. Am Ende müßte der Staat damit entweder klingende Münze eintauschen, um die Kricgcsheere und überhaupt die Arbeiter und Diener des Staats zn bezahlen, oder auch diese lcztern müßten in Papier bezahlt werden. UebcrNcckcrs Vorschlag zur Verwandlung derDiskompt- kaffa in eine Nationalbanke hielt den 20. Nov. der Graf von Mirabcau folgenden Vertrag: 7, Wenn „ Wenn ich mich über einen so wichtigen Gegenstand, „ wie die Diskomptkassa, schon zum zweyten Male deutlich „und entscheidend genug erklärt habe/ und wenn man auS „ Ncbciibctrachtungen die Aufmerksamkeit von meinen Vor- „ stellungen abzieht, so glaube ich mich zum Stillschweigen „ berechtigt: allein der Plan / der uns vorgelegt wird, ist „allzu furchtbar! Es giebt zwo Mcnschenklassen von sehr „verschiedenen Gesinnungen/ auf der einen Seite die „ Finanzmänncr, auf der andern Seite die Gutsherren, „aufder einen Seite Geschäftsleute, auf der andern Seite „die Bürger, welche sie zurückflössen. Meines versöhnlichen „Aberwillens ungeachtet, zwing' ich mich , von neuem das „ Wort zu crgrciffcn. Man suchte uns durch den abgcnutz- „ ten Einfall in Schrecken zu jagen, indem man ausrüste; ,»Wenn Ihr die Diskomptkassa in Verfall sinken laßt - „ was setzt ihr an die Stelle derselben? Herr Necker bedarf „ 170 Millionen. Er kündigte an, daß ihm einige Intcrims- „ mittet nothwendig wären. Dieß sind die Beweggründe, „ wodurch er uns zur Umschaffung der Diskomptkassa in „eine Nationalbanke einladen,' und die Nation zur Vcr- „bürgung bewegen will. Und worauf gründet denn die „Diskomptkassa ihren Anspruch auf eine so glänzende Ver- „ Wandlung? Welchen Ersatz bietet sie der Nation für „ die verlangte Aufforderung an ? Nicht den geringsten. „Wenn sie uns helfen soll, so muß die Nation für dke „ Bankc das thun, was der Minister für die Kassa nicht „ zu thun wagt. Unter diesem Gesichtspunkte betrachte ich „ den Schuldvcrtrag , den man der Nation mit der Dis- „komptkassa vorschlägt. Befinden wir uns aber auch in „einer so schimpflichen Noth? Keineswegs. Dieß erklär' „ ich zum voraus, und zwar damit es der Finanzminister „und seine Freunde genau in's Aug fassen mögen. Wenn „ die Nation nicht sogleich jetzt schon grossen Kredit ver- „ diente, so würde der Entwurf des Ministers auch jetzt „ schon ganz ohne Erfolg seyn. Er verlangt, daß man der »könig- „königlich«!» Schatzkammer 170 Millionen in Bankzeddcln „darleihen soll: allein wer giebt diesen Bankzeddcln Werth? „Ein ansserordentlichcr Einnehmer, sagt man, verwendet „ hiczu den Betrag der patriotischen Beystcurcn und der „ Kirchen - und Domainengülcr. Wer steht gut für den „Passeport und Umlauf der Billets? Die Gewährleistung „der Nation, antwortet man, devSchluß der National- „ Versammlung, der Stämpcl des ReichS. O! lassen Sie „uns wieder aufathme», meine Herren! noch ist nicht „ alles vcrlohreu; Herr Ncckkr verzweifelt nicht an Frankreichs Kredit. Der Minister schlägt vor, daß wir von „ Monat zu Monate die Rcskriptionsbillets bezahlen sollen; „ wir selbst also anvertrauen uns selbst diese vorgeblichen „ Billets der Natronalbanke. Und wie denn? In eine „ Nationalbanke sollten wir die Diskomvtkassa vcrwan- „deln? Die Kassa, die durch vier Moratorien entehrt ist! »Ihre Adern sollten wir über alle Provinzen des Reiches „ verbreiten? Ihr sollten wir unsere Auflagen, unsern „Handel Preis.geben? Wir sollten das Reich in achzig „ Departements abgetheilt haben, und nicht jedes Departement sollte eine eigene provmzialkassa haben? Wo „ ist denn die dringende Nothwendigkeit zur Verwandlung „ der Diskomptkassa in eine Nationalbanke? — Das Be- „dürfniß von 170 Millionen für dieses Jahr und daS „ nächstkünftige. Mag man aber nicht ein Jahr warten? „Wenn ein Feind uns vorschlagen würde, daß wir ihm „eine Hilfe, die in uns selbst liegt, abkaufen sollten, „ wären wir denn gezwungen von ihm die Hilfe zu kanffen? „Gerade von der Beschaffenheit ist der Vorschlag wegen „ der Diskomptkasse. Strenge Wirthschaft dienet für alles. „Erst noch beklagte sich der Minister, daß wir seinen „Darleihen-Entwürfen hatten Einhalt thun dürfen, und „ nunmehr bedient er sich einer entgegengesetzten Mcthod» „Um so viel weniger bedürfen wir seiner Banke, da uns „ dieselbe nichts giebt, was nicht ohnehin in unserer Hand „ steht. „ steht. Der Bankc selbst überläßt das Publikum die Sorge „ für ihre Berechnungen, und hierin,, handelt das Public „kum klug. Wem, die englische Bankc kritische Augenblicke gehabt hat, (nie indeß schob sie die Bezahlungen „ auf) so wußte sie ihre Verlegenheit zu verbergen, und „ nie nahm sie zu Moratorien (oder Aufschub des Rechtes) „ Zuflucht. Wenn wir von den Billets, die uns die Banke „für unsern Stämpcl anbietet, einigen Vortheil zieh» „ sollten, so müßte sie uns dieselben entweder bezahlen, „oder es müßte ein.Tcrmin bestimmt seyn. Von beyden „ eins also: Entweder unbestimmt müßte das Moratorium „ verlängert, oder die Billets müßten von der Banke nach „ihrer eigenen Willkühr, nicht nach dem Begehren der „ Darleiher bezahlt werden. Freylich sieht der Minister „ einen Termin voraus, wo man sie bey eröffneten Kanz- „ lcyen auszahlen wird. Dieser Termin aber ist entfernt. „ Hat wohl der Minister begründete Hoffnung? Darf er „von den Kreditoren Zutrauen verlangen? Sehr verwor- „ ren ist der Zustand seiner Diskomptkasse. Ohne sich Vor- „ würfen auszusetzen, wäre man berechtigt, über ihre bis- „ hcrigc Verwaltung öffentliche Rechenschaft zu fordern. „ Sie bedarf ,70 Millionen; um ihr auch nur zc> zu ver- „ schaffen, müssen ,2,;oo neue Billets ausgestellt werden. „ 1? Der Minister will diese Billets in Halbe - und Vier- „ tclsaktien theilen. O, meine Herren, wiffm wir denn „ nicht, daß es für das Volk kein grausameres Spiel „giebt, als das Agiotage? Selbst der verderblichste Luxus „ kömmt in keine Vergleichung mit den Unruhen der Börse. „ 2? Die Aktionnairs sollen sechs vvM Hundert bekommen. „Wenig genug für die Agiot^urs; für die Nation mehr „als z» viel. Sogleich den 1. Tag des nächsten Iän- „ ncrs soll man die i2,;oa Aktien, wenn sie auch nicht „ existierenals existierend betrachten, so das die Artivn- „nairs den Zins von ihrem Gelde ziehn, ob sie es schon „ noch nicht angelehnt haben." Die Die Vorstellungen des Grafen von Mirabeau unter- stüzte unter andern auch Hr. l'Avenüe. Er verschrie den Neckcrschen Vorschlag als äusserst verderblich, und rief aus: Wenn Herr Ncckcr alle schlimmen Folgen davon vorausschn könnte, so würde er dasjenige, was er geschrieben hat, mit seinen Thränen auslöschen wollen. Herr Düpont hingegen sprach mit Eifer für den Nccker- schen Vorschlag. Er behauptete, daß man die Zcrnichtung der Aristokraric einzig der Diskomptkasse danke, und daß auf ihrer Erhaltung die Freyheit beruhe. Nach langer Rede und Wiederrcde wurde für einmal die Entscheidung verschoben. Während daß die Nationalversammlung auf der einen Seite theils mit der Wiederherstellung der Finanzen theils mit der Gründung der bessern Staatsversassnng beschäftigt war, war sie auf der andern Seite immer noch mit Hin, tcrtreibung der aristokratischen Ränke und Angriffe bcschäfftigt. Kaum hatte sie das parlement vonRouen wieder in die gehörigen Schranken gewiesen, so lehnte sich gegen ihre Schlüsse das parlement von Metz auf. Den i2. November widersetzte es sich der von der Nationalversammlung und von dem Könige beschlossenen Verlängerung der Vakationszeit , und that fcyerlich folgende Erklärung: „ Der Parlemcntshof ist ganz von „ den Gesinnungen der Treue gegen den König und gegen „ die Nation durchdrungen; indeß ist er verlegen, wie er „ bey den gegenwärtigen Zeitumständen seine eidlich be- „ schworencn Verpflichtungen ansehen soll. Das Parlc- „ mcnt entdeckt in dem Schlüsse der Nationalversammlung vom ;. des laufenden Monats und in der beygefügten „ königlichen Sanktion keineswegs jenen Charakter der un- „ gehinderten Freyheit, ohne welche das Gesetz keinen „ Glauben verdient. Es protestirt also gegen den besag- „ len Schluß so wohl als gegen die Sanktion. Zu Vor- „ biegung grösser» Unheils aber registriert es sie für so „ lange tt.4 ,, lange ein, bis hierüber die öffentliche Meynung derfran- „zösischen Nation bestimmter fixiert seyn wird." Auf die Klage der Nationalversammlung kassierte hierauf der König den i ü. November die Erklärung des Parlemenks, mit scharfem Befehl, daß es jenen Schluß schlechtweg und unbedingt einrcgistricre, und sich vor ähnlichen Schritten sorgfältig hüte. Das Parlemcnt unterwarf sich. Ohngc- fähr um eben diese Zeit protestierte die Provinz Lam, bresis gegen die Schlüsse in Betreff der Fendalrechte und der geistlichen Güter. Den 17. November verlas man von der Nationalversammlung ihre Protcstation, so wie fie in dem verstärkten Bureau der Stadt Cambray aufgesetzt worden. Den ry. wurde darüber berathschlaget. Herr le Chapclier gab zu verstehen, daß nicht so vast die Provinz selbst als vielmehr nur der Adel und die Geistlichkeit, oder unter denselben wol gar nur einige Zeloten dir .Protcstation durchgesetzt haben. Gcsezt aber, fuhr er fort, daß die Protestation Willensmeinung der ganzen Provinz sey, wo hätte wol eine Provinz mehr Anspruch auf Vorrechte , als Bretagne ? Nichts dcstoweniger aber machte es sich diese Provinz zur heiligen Pflicht, ihre Vorrecht» als Opfer auf den Altar des Vaterlandes nieder zu legen. Kurz, die vorgeblichen Stände von Cambrcsis sind ent» weder Glieder des Staates, oder nicht. Im ersternFalle dürfen sie keine grössern Anmassungen wagen, als alle andern Franzosen. — Herr d'Estourmel nahm sein Bureau von Cambray in Schutz. Als Deputierter dieser Provinz, sprach er nicht als Repräsentant der Nation. Ungeachtet schon lange nicht mehr von bedingten Vollmachten die Rede war, so wendete er doch die bedingten Instruktionen seiner Provinz vor; ungeachtet schon lange der Unterschied der drey Reichsstände aufgehebt war, so betracht tcte er doch diesen Unterschied von neuem als gültig. Da er es »»gescheut und ungestraft that, so erhellet hieraus, wie wenig die Nationalversammlung den Vorwurf eines intole intoleranten Betragens verdiene. Den »4 November er- kenitte unter dem nunmehrigen Vorsitze des Erzbischofs von Aix die Versammlung, daß die Stände von Cambray und Cambrcsis keineswegs die Provinz vorstellen, und nicht das Organ ihrer Wünsche seyn können; sie erklärte daher dir Bcrarhschlagung des Bureau von Cambray als nichtig und als eine Verletzung der Souverainitat der Nation und der Rechte der Bürger; zugleich bat sie den König um dir nothwendigen Verfügungen zur Bezähmung des Bureau. Noch weit beunruhigender als öffentliche Auflehnungen war das Gerücht von geheimen Verschwörungen. Den November hatte die Jnquisitionokammer oder das Oomite äes Kecbercken der Nationalversammlung von seinen Nachforschungen Bericht abgestattet. In diesem Berichte wurde zwar klüglich aller Detail, alle Erwähnung besonderer Personen und Umstände vermieden, nichts desto weniger aber zu versteh» gegeben, daß man gegen Komplotte noch nicht ganz sicher seyn könnte. Herr Coupe schlug hierauf vor, daß man unter solchen Umständen das Inquisitionskomitts mit den bisherigen Beysitzern besetzt lassen sollte.,, In ihren Händen,» sprach er," „ liegt der erste Faden des Gewebes; sehr leicht könnte in „ andern Händen der Faden zerreißen. " Gegen seinen Vorschlag entstand lautes Murren, allein er rief mit edclm Trotze: „ Nur diejenigen, welche sich vor Nachforschun- „ gen fürchten, wünschen die Zerreißung des Fadens! " Herr Düfraisse Düche entgegnen: „ Immer und unauf- -, hörlich erschallt das Geschrey von Ränken und Ver- „ schwörungen, und nie legt man Beweis vor. Immer „ spricht man von Verbrechen gegen die beleidigte Nation, „ und noch gab man über die Natur eines solchen Vcr- „ brechcns keine Erklärung. Das Inquisitionskomitts „ hascht jedes pöbelhafte Gerücht auf, und legt uns dann „ einen Bericht vor, der nichts beweist, nichts anzeigt, „der 556 „ der ohne Noth beunruhiget, und nur darauf abzielt, ,, daß man ( den ehmaligcn Schlüssen der Nationalver- » sammlung zuwider) diese Staatsinquisition noch länger „ möge fortdauern lassen. " Herr Düfraisse drang aus die Ernennung neuer Beysitzer für das Inquisitionskomittä, auf gänzliche Abschaffung desselben , so bald die angefangenen Nachforschungen gccndigct seyn würden, endlich noch Jede Unterabtheilung schickt also auf d as Gemeine - oder Stadthaus einen Bericht von dein Erfolg ihres besondern Skrutiniums, und dieser Bericht dient dem Gemeine-Haus zur Richtschnur, n. Wenn beym ersten Skrutinium nicht alle Stellen besetzt worden sind, so schreitet man zum zweyten und dritten fort, bis alle besetzt sind. 12. Bey Gleichheit der Stimmen bekömmt das höhere Alter den Vorzug, i;. Mit Mehrheit werden drey Männer erwählt, welche die Stimmen zählen, und öffentlich den Ausschlag verkündigen. 14. 15. 16. 17. Bey der Munizipalverwaltung werden zur Wahlfähigkeit dieselben Bedingungen erfordert, wie beyder Verwaltung der Departements oder Distrikte. Indeß können dabey Vater und Sohn, Schwiegervater und Tochtermann, zween Bruder, Oheim und Neffe nicht zu gleicher Zeit Mitglieder seyn. ig. Die Anzahl der Munizipalitätsgiicder steigt, mit Innbcgriff des Mairc, nicht höher als auf drey, wofern die Bevölkerung des Ortes auf zoo Seelen eingeschränkt ist; auf sechs, wofern die Bevölkerung auf; 000 steigt; auf neune, wenn diese gegen 10000 anwächst; auf Zwölfe, wenn sie auf 2; 000 steigt; auf fünfzehn, bey 50000. In Betreff der Hauptstadt wird wegen ihrer unermeßlichen Bevölkerung die Nationalversammlung ein besonderes Reglement verordnen, jedoch nach derselben Grundlage, wie bey den übrigen Munizipalitatcn des Reiches. 19. Jedes Munizipalkorpv, das aus mehr als drey'Gliedern besteht, hat noch einen Rath und eine Kanzler). Die Kanzler) übernimmt die Vollziehung, und schrankt sich schlechtweg auf die Verwaltung (Regie) ein. 20. Die Kanzleybeamten werden alljährlich von dem Munizipalkorps erwählt oder bestängt. 21. Jede Munizipalität hat einen Prokurator der Gemeine zur Vertheidigung ihrer Angelegenheiten, sr. Er wird bey heimlichem Mehr von den Bürgern erwählt. N n 2;.Wo .z.-Wo dw Bevöltcrui.-i . L S>1-!.-,. gjchj n-.au ihm einen Substikut. -4 L>c l^iiekcr des Munizi» palraihcs haben Aufsicht über die Geschäfte und Ausgaben. 2; - -8. Sie dieiben'zwey Jahre im Amte. 29. Der Ge- i nc-ralrath der Gemeine mag, je nach den Umständen, einen Scckclmeistcr erwählen, und ihn, so wie den Sekretair, abändern. Auch überläßt man dem Gencralrathe die Verfügungen zur Sichersteliung der Fonds der Gemeine. zo.Die wirklichen Bürger jeder Gemeine ernennen beym heimlichen Mehr eine Anzahl Notabcln - (achtbarer Bürger,) nämlich gedoppelt so viele als Glieder des Munizipalkorps sind. ; 1. Diese Notabcln werden für zwey Jahre erwählt; alljährlich wird die Hälfte davon erneuert. Die Abgehenden bestimmt das Loos. za. Nebst den Gliedern des Munizipalkorps machen die Notabcln den Generalrath der i Bommun aus. Nur bey wichtigern Geschäften werben j auch sie zusammen beruffen. Sämmtlich werden sie nur. aus dem Mittel der^Glieder der Gemeine gezogen. ,4» ! ?9. Die Munizipalkorps haben zweyerley Aemter; das eine bezieht sich auf die Munjzipalgewalt, das andere auf die Generalverwaltuug des Staates , und auf die den Munizipalkorps von der Staatsverwaltung aufgetragenen Geschäfte. 40. Unter der Aufsicht der landständischen Ver. sammlungen oder der Provinzialverwaltung besorgen die Munizipalkorps die Güter und Einkünfte der Städte, Marktflecken, Gemeinen und Dörfer, wie auch die Lokal- ausgaben des gemeinen Guts; sie vcranstalteu die öffentli- ^ chcn Arbeiten und Werke, und wachen über die Polizey, ^ Ruhe undSichcrheit in ihrem Bezirk. 4». Unter derAutori, i tät der landständischen Versammlungen bestimmen sie die j Vertheilnng der bürgerlichen Deysteuren, ihre Enthebukg, ihre Ergicssung in die Distriks - oder Departementskassen. 42. Zur Ausübung ihres Amts und ihrer Gewalt sind sie berechtigt, von der Nationalwache den nöthigen Beystand zu fordern. 4). 44. Der Generalrath der Kommun, der . s° ! i 1 io wohl aus den Gliedern des Mnnizipalkorps als aus den Beysitzern derselben, den Notabeln, zusammengesetzt ist - wird so oft zusammcnberuffcn, als es die Munizipalverwal- tungschicklichLndet. Unvermeidlich nothwendig aber ist seine Zusammcnbcruffung bey Bcrathschlagungen über Ankauf oder Verkauf unbeweglicher Güter; über ausserördentliche Auflagen zur Bestreitung der Lokalausgaben; über Anleihen ; über die Unternehmung öffentlicher Gebäude und anderer Arbeiten ; über die Anwendung der Zinse und Gelder; über die Führung der Prozesse. 4t. In allen Städten, die über 4000 Seelen enthalten , sollen die Verwaltungsrech, nungen der Ausgaben und Einnahmen öffentlich im Drucke erscheinen. 46 - ;i- Jeder wirkliche Bürger der Kom- mun ist zur Ueberrcichung seiner unterzeichneten Klagschrif, ten gegen die Munizipalbeamten berechtigt: allein bevor er fie vor den Tribunalen thun darf, muß er sie dem Direktorium des Departements übergeben, auf dessen Gutachten alsdann die Klagschriften entweder zurück, oder an richter. liche Behörde gewiesen werden. ;2. Nach Vollendung der Wahlen sollen die Bürger der Gemeine nicht länger »ersann melt bleiben, noch sich hernach aufs neue in Corpore versammeln , es wäre denn, daß der Generalrath der Gemeine selbst eine neue Zusammenkunft ausschreiben würde. Die Ausschreibung einer solchen aber darf er nicht verweigern, so bald sie in einer Kommun, die über 4000 Seelen hat, von dem sechsten Theil der Einwohner, und in andern Kommunen von i;c> Männern verlangt wird. Ruhig und »»bewaffnet mögen wirkliche Bürger in besondere Versammlungen zusammen tretten, um für sich selbst Bitt - und Klagschriften aufzusetzen, die sie entweder dem Munizipal- korps oder den Departements > und Distriktsdirektorien, oder der Nationalversammlung und dem Könige selbst zu übergeben befugt sind, jedoch unter Bedingung, daß die Ueber- reichung von nicht mehr als von zehn Persvhnen und mit Voriviffen der Munizipalbeamten-geschehe. So 564 So weit die Geschichte bis gegen das Ende des 1 .1789. Nur bemerken wir noch, daß die innere Revolution von Frankreich sich auch über die entferntesten Provinzen verbreitet. So z. B. sollen sowohl St. Domingue und^Martmike, ^ als Corsika gleichförmige Verfassung mit den innern Provinzen bekommen. Auch auswärtige Länder scheinen nach ähnlicher Verfassung begierig. Schon kündigte Avignon ein solches Verlangen dem Pabst an ; schon wendeten sich die Insurgenten in Bradam , freylich für einmal ohne gehört zu werden, an die Nationalversammlung in Frankreich. Anderswo hingegen bemerkt man nicht ohne Unruhe die Fortschritte dieser Versammlung. An den deutschen Ufern des Rheins und selbst bis nach U 7 altha zittern die bisherigen Besitzer von französischen Kirchen - und Fcudalgütcrn über die wenige Schonung jener chmals so ehrwürdigen Verordnungen der mittlern Zeiten. Wir beschließen mit einer Stelle aus Vanini's Dialog. DII. 8ane ea mirsaula vocitantur, guös xok lonZilliman circuiriones ucciännt non gusc naturL vim lupsi-ant. Delierunt oraoula, guia inoeperunr. dtlam guiä- guiä incipir, äelinit. Dslinere autein non pocelk, nil> clilpo- sitiones concrarise aclvsniant. — Ob aber grosse und gänzliche Umkehrung der Dinge zuweilen nicht bey den ersten kleinsten Neuerungen durch Widerstreben beschleunigt, und durch Nachgeben gehindert werdedieß ist eine Frage, deren glücklichere oder unglücklichere Auflösung öfters unermcsscne Schätze und grosse Ströme von Blut entweder gekostet oder erspart hak. >1 ü,