Kleine Sitten - Gemälde für Kinder. D » » I. M. Armbruster. St. Gallen, bey Huber und Lomp. 179». ) n r 1 . _ -e '4 - -- " < ^r r « r -k ^ : : .Z - <-^rI ^ ^ s > i- < - , -» ,! it -> 1 Aioö munux ksipublicL msjus meliurve oüerrs , , xot7umu§, c^uLM ü äoccmur sl<;ue eruäimur -, ^.juventutem? ^ cicrLo. ^ ^- 4 I > .. ' -L Den liebenrwürdigeri Kindern meines Freundes und Arztes des Herrn Professor v. Maximilian Kar g's Karl und Maximilian gerviedmet. 3 3 " n h a l t.,, I. Die Zauber-Laterne. II. Der Blinde mit der Harfe, oder der undankbare Sohn. 25 ^ III. Der Abend-Spaziergang, oder Versprechen muß man halten. 37 IV. Machmud und sein Vater. 49 V. Flucht, Abentheuer und Reue des ungehorsamen Karls. 59 VI. Kaspar aus dem Entlebuch. ' 8z VII. Die Reise nach der Stadt, oder Vetter Jakobs weise Sprüche. 95 VIII. Die deutschen Kinder in Frankreich, oder das Grab in der Felsen-Höhle. 109 IX. GemäldeMs der Kinder-Welt. 141 Vor rede. Blumen, die ich hier in die Hände der vaterländischen Jugend übergebe, entsprangen alle auf fremden Garten-Beeten. Aber ich verpflanzte sie/ mit einer Art von Vorliebe, auf deutsche» Grund und Boden, pflegte ihrer mit Sorgfalt, verhütete besonders, daß kein üppiger Auswuchs an den gejunden Stengel sich ansezte, und ich könnte sie beynahe als eigenes Gewächse zu Markte bringen, wenn ich es nicht, seit meinem ersten Eintritts in die Schriftsteller-Welt mir zur Pflicht gemacht hätte, mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit alle Quellen anzuzeigen, aus welchen ich — mehr einzelne Auftritte als den Stoff der Erzählungen ab- borgte,'sind also auch bey diesem Werkchen in der Jnnhalts-Ueberschrift angezeigt. Man erlaube mir bey diesem Anlasse die Erklärung: Laß auch die kleine Iugendschrift: A malie Seckendorf, über welche die Kritik ein so günstiges, ermunterndes Urtheil sprach, mich zum Verfasser habe. Konstanz, im Julius 1798. ' ' ' Z. M. Armbrüster, I. Die Zauber - Laterne. Nach einer Erzählung in der Zeitschrift: I.- Louri-r äcs Lnksni, x»r 1^. k. Iruffret. kriis 1796. I. Die Zauber - Laterne. war ein kalter Winterabend. Vater Schulze saß am erwärmenden Ofen und las die Zeitungen; seine Gattin war ausgegangen, eine Freundin in der Nachbarschaft zu besuchen. Die Kinder hatten sich um einen Tisch gelagert und blätterten still und friedlich in Bcrtuchs schönem Bilderbuche, und gähnten wobl auch mitunter, weil die Stunde zum Nachtessen so lange nicht schlagen wollte. Auf einmal hörten sie von der Straße her den Ton einer Leyer, und welcher dem Hause immer näher kam. Alle spizten die Ohren und horchten imt gespannter Ncugierde auf die einfache Melodie. Gewiß, der Mann mit der Zauberlaterne, sagte Ludwig. O wenn der Vater wollte! Alle meine Sparpfennige gäbe lch, sie zu sehen. As » 4 » Und ich meine schönste Puppe — lispelte Karolin- chen. / Und ich mein Steckenpferd mit dem rothen Zaume — fiel Theodor ein, stand auf/ schlich auf ^ den Zehen ;u seinem Vater, ergriff schmeichelnd die Hand desselben und bat ihn: Er möchte ihnen doch erlauben, die Wunderdinge »u sehen, von welchen sie schon so vieler gehört hätten. Noch hatte Vater Schulze nicht geantwortet, als der Mann mit der Zauberlaterne schon in's Zrm- mer trat. Frau Schulze folgte ihm auf dem Fuße nach. Denn sie selbst hatte ihn mit sich hergebracht, um ihren Kindern eine unerwartete Freude zu machen. »Ihr wäret, sagte sie, heute fleißig und gesittet. Dafür sollt Ihr jezt ein Vergnügen haben, für das Ihr mir doppelt danken werdet, weil er Euch zugleich nüzen und belehren kann. Denn merkt es wohl! Diese Zauberlaterne ist keine der gewöhnlichen , wie man sie überall herumtragt. Der brave Mann hier hat sie ausdrücklich für Kinder zur belohnenden Erhohlnng eingerichtet und bestimmt. Seyd nur immer so, wie Ihr heute wäret! Dann wird Euch nie die Belohnung fehlen, die auf jede treue Erfüllung unserer Pflichten, auf jede schöne Handlung folgt. Sie heißt freylich nicht immer, wie heute, Zauberlaterne, aber, was noch ein größeres Ver» 5 gnügen gewährt, sie heißt immer: innere Zufriedenheit und froher Sinn!" Die Kinder wußten sich kaum ru fassen für Freude. Karolinchcn fiel der Mutter, Theodor dem Vater um den Hals, Ludwig aber eilte, mit einem Laternchen in der Hand, zu seinen kleinen Freunden m der Nachbarschaft , um sie m dem Feste einzuladen. Indessen hatte der Wundermann ein großes weißes Tuch, auf welchem die Gegenstände erscheinen sollten, an der Wand aufgespannt, und alles angeordnet, was zur Vorstellung gehörte. Er stellte nun die Kinder in einen Halbzirkcl, löschte alle Lichter aus, spielte eine angenehme Melodie auf der Leger und begann dann seinen Spruch: Hieher gesehen, meine Kinder! Hieher, auf den hellen schimmernden Zirkel! Hier werden Euch Wunderdinge erscheinen und — damit ich mit einem der größten Wunder anfange, so seht hier — die Sonne in ihrem höchsten Glänze! Die Augen nicht zugedrückt ! Ihr dürft ihr kühn in's Angesicht schauen, sie blendet Euch nicht! Aufgemerkt! Es ist die Sonne, die täglich, ohne jemals ru ermüden, wie es oft bey kleinen und großen Leuten der Fall ist, ihren vorgeschriebenen Lauf vollendet, des Abends vor unsern Augen verschwindet und am andern Morgen wieder erscheinet. Ihr danken wir die Wärme, durch welche 6 alle Früchte der Erde gereifft werden. Stünde sie so hoch, wie dre Sterne, so wäre sie zu weit von uns entfernt und der ganze Erdball wäre ein ungeheurer Eisklumpen, wie die Gletscher in der Schweiz. Wäre sie aber im Gegentheil uns so nahe, wie der Mond, so würden ihre Strahlen unsern Erdball bald zu Asche verbrennen. Dieß sagte mir ein berühmter Gelehrter zu Mannheim, als ich seinen Kindern meine Zauberlaterne zeigte. Er sagte mir noch viele andere Din^, die ich zwar auf meinen Reisen vergessen habe, die Ihr aber in der Folge von geschickten kehrern erfahren oder in nüzlichen Büchern lesen werdet, zum Beyspiele: wie viele tausend Meilen Sonne und Mond von der Erde entfernt seyen? Wie man ausrechnen könne, wenn an der Sonne oder amMonde eine Verfinsterung sich zeige? Nun kömmt der Vollmond. Er hat ein viel matteres Licht als die Sonne. Aber auch dieses Licht ist von großem Nnzen. Es erhellet dem Wanderer seinen Weg, wenn er, um der Hize des Tages auszuweichen, die Nacht zur Reise wählt. Habt ihr den Aufgang des Vollmonds-noch nie gesehen, meine Kinder ? Seht ihn einmal. Ihr wcrdet's nicht bereuen- Feuerroth ist dann sein Angesicht, wie die Sonne, wenn sie untergeht. Beschreiben läßt sich's nicht. 7 ^eht es selbst. Die Zauberlaterne ist schön, sehr schön- Aber ich sage Euch, die Natur ist millionen- mal schöner! Aufgemerkt! Ihr habt doch wohl schon etwas von den Göttern und Halbgöttern der alten Griechen und Römer gelesen? Kennt auch vielleicht, wenigstens dem Namen nach, den starken Herkules und die Keule, mit welcher er so viele Ungeheuer erschlug 7 Ich will ihn Euch hier zeigen, wie er noch als Kind- in der Wiege liegt. Richt wahr, ein herrlicher, gesunder, rothbackigter, kraftvoller Knabe? Er ist noch nicht einmal einen Monat alt, und doch ist's, als ob man ihm schon ansähe, was einst aus ihm werden würde- Jett nähem sich ihm Mv Schlangen. Sie wollen ihn durch ihren Biß todten. Aber . . .. daraus wird nichts! Seht, wie er selbst sie ergreift, wie er sie drückt. Nun schleudert er sie hinweg. Sie sind todt und — Herkules lebt. O, meine Lieben! gewöhnt Euch frühe, gewöhnt Euch schon als Kinder, Furchtsamkeit und Feigheit ab. Fasset Muth. Wer als Knabe vor nichts zittert, vor nichts sich fürchtet, als vor bösen Handlungen, der wird einst als Jüngling und als Mann tausenderley Gefahren trozen, seines Lebens froher genießen, und Ruhm und Ehre einerndten. Der starte braunlockigte Mann, den ihr hier scher, ist wieder der nehmliche Herkules, nur etwa um ein Jahr zwanzig alter. Hier kämpft er mit einem ungeheuren Löwen in dem Nemaischen Walde. Seht, mit welcher Wuth der König der Thiere auf ihn losstürzt. Aber Herkules kennt keine Furcht. Er ergreift den Löwen mit nervigtem Arme, drückt ihm die Kehle zu und erstickt ihn, als wär er ein schwaches Lämmchen. Ersticket, meine Kinder, eben so glücklich, wie Herkules die Schlangen und den Löwen erstickte, die Leidenschaften, die sich Eueren jugendlichen Herren eiunisten, als da sind: Zorn, Rachsucht, Stolz, Eigenliebe.', Naschhaftigkeit und dergleichen mehr. Suchet, wie Herkules, nur in schönen und edlen Handlungen Ehre: Gewiß wird's Euch dann wohlgehen! Aufgeschaut! Es kommt nun eine andere Vorstellung. Nicht wahr, Ihr bedauert den jungen Menschen, der dorten den Kopf auf die Hand ge- stütt, an einen Eichbaum sich lehnt? Wie ihm Hunger, und Elend aus den Augen sehen! Lumpen sind seine Kleider... Ist es nicht, als ob er die Schweine beneide, welche umher laufen und mit ihren Rüßrln ,n der Erde Nahrung suchen? Es ist der verlohrne Sohn, von welchem Ihr wohl schon gehört habt. Weil er trage und ein Verschwender war, muß er jett darben, muß die Schweine hüten, muß oft, um nicht ru verhungern, die Treber essen, die man diesen Thieren vorwirft. O ! er wagt es kaum, seine Augen rum Himmel aufzuheben, weil er ihn beleidigte, da er aus dem väterlichen Hause floh und den Lasiern sich ergab. Die Reue über sein voriges Betragen quält ihn weit mehr, als das Elend, das er erduU den muß. Ach! ruft er in der Angst und Verzweiflung aus: Ach! tausendfach hab' ich Alles verdient, was ich leiden muß. Ich habe die Liebe meines Vaters von mir geflossen; darum nimmt jert kein Mensch auf der ganten weiten Erde meiner sich an. Ich hake meinen Bruder gehaßt und gequält. . . jert muß ich in der Gesellschaft der eckelhaftesten Thiere leben! Ehemals waren die gesündesten, nährendsten Speisen nicht köstlich genug für meinen leckeren Gaumen... und jezt... ach, wie glücklich wollte ich mich schäre», wenn ich die Brosamen hatte, welche von dem Tische der Knechte meines Vattrs fallen! Des Tages habe ich keine Ruhe; des Nachts ängsiigen mich fürchterliche Träume. Aber — wie? wenn ich hingehen, wenn ich ru seinen Füssen mich niederwerfen und mit Thränen der Reue Vergebung suchen würde? Er ist ein so liebevoller, so zärtlicher Vater! . . . So spricht der arme Sünder zu sich selbst. Noch ist er nicht entschlossen. Unruhig geht er hin und her. Jett faßt er Muth. Er verläßt seine Heerde und... da liegt er, und umfaßt die Knie seines Vaters und erfleht Vergebung. Sehet, wie geruhn der gute Vater ist. Thränen strömen aus seinen Augen und die Wiederkunft des verlohrncn Sohnes wird ein Fest für das ganze Haus. Wie glücklich ist iezt dieser! Sein Angesicht erheitert sich. Kaum vermag er seine Freude, seine Dankbarkeit auszudrücken. Seht ihn recht an. Es rst, als spräche er ru Euch: »Kinder, laßt Euch mein Betragen und mein Elend zur Lehre und zur Warnung dienen. Beleidiget ja nie Euere Aeltern, Eure Wohlthäter, und wenn ihr unglücklich genug seyd, dieses irgend einmal zu thnn, o so bereuet es schnell und aufrichtig; schlinget Euere Arme um ihren Hals und bittet, daß sie Euch vergeben möchten!" Hier, merne lieben Kleinen, sehet Ihr das Schloß Hohenkrähen- Es liegt im Schwabenlande, auf einem hohen, steilen Felsen. Aber härter, als der Felsen, auf welchem er steht, war das Herz des Ritters Otto, welcher vor vier bis fünf Jahrhunderten dort haußte. Wer ihn nur kannte, haßte ihn. Dann er liebte auf Gottes Erdboden keinen Menschen , als sich selbst, und that so viel Böses, als er nur vermochte. Seine Unterthanen und Knechte be- handelte er wie Lastthiere, vnd um des geringsten Vergehens nullen schlug er sie mit eigenen Händen, bis ihnen das Blut aus Mund und Nase strömte und einige Glieder zerknirscht waren, oder er warf sie in dunkle Kerker, wo sie oft verhungerten oder im Elende verschmachteten. Einst war er, ohne Ursache, über einen seiner treuesten Knechte so wüthend erbittert , daß er ihn an eine Achse zwischen zwey Räder binden und so den steilen Berg Hinabrollen ließ. Jedermann glaubte, der Unglückliche mäße auf eine lei- denvolle Art zerschmettert worden seyn. Aber die Vorsicht hatte über ihn gewacht. Er lag nur in einer Ohnmacht, als die Räder am Fusse des Berges stille standen^ So fand ihn ein menschenfreundlicher Ordensgeistlicher, löste seine Bande ab, trug ihn auf dem Rücken in eln nahes Kloster und pflegte seiner, bis er vollkommen genesen war. Aber in dem Herzen des Knechtes stieg jezt eine unwiderstehliche Begierde auf, an dem Manne sich zu rächen, von welchem er, ohne Schuld, so grausam aushandelt worden war, und nun hatte er weder Rast noch Ruhe, bis er diesen Vorsatz ausführen konnte. Drey Tage und drey Nachte lauerte er im Dickigt des Forstes, in welchem Otto, gewöhnlich ohne Gefolge, jagte. Am Morgen des vierten Tages kam endlich der Ritter.. . Seht, wie schlau er umherschleicht, um das schlanke Rehe, das eben vom ?ager aufsprang, zu errerchen. Er spannt seinen Bogen. Er legt den Schaft der Armbrust an die Wange. Er will losdrücken . . . Huh da fährt dem Ritter selbst ein scharfgeschliffener Pfeil durch das Bubenberz. Er slürzt zu Boden , walzt sich hin und her und haucht seine schwarze Seele aus. Durch die rächende Hand des Knechtes fiel er in der Blühte der Jahre, und jeder Biedermann, der die Nachricht davon hörte, rief, die Augen gen Himmel gerichtet, frohlockend aus: Gott sey gelobt! O, meme Kinder, wenn Ihr einst Hausväter oder Hausmütter werdet, seyd nie hart, noch weniger unmenschlich, unbarmherzig gegen jene, welche ein unglücklicher Schicksal zwang, Euch ru dienen. Betrachtet sie als Brüder und Schwestern, über die Euch nur der Zufall erhob; behandelt sie mit Güte rmd Schonung; fordert nie mehr von «hnen, als sie zu leisten im Stande sind ; kurz, seyd so, wie Ihr wünschet, daß Euere Gebieter gegen Euch seyn mochten, wenn Ihr zu dienen gezwungen wäret. Beherziget dabey fleißig das goldene Sprüchlein: „ Wer dir als Freund nicht nüzen kann, kann dir als Feind doch schaden ! « und — Ihr werdet Euch lausend Unannehmlichkeiten erspahren. IZ Nun, meine kleben! kommt ein Auftritt anderer Art. Es ist ein Sterbebette. Der ehrwürdige Greis, der dort auf dem Stroh liegt, schien wohl nicht gebohren, sein keben einst in einem so ärmlichen Zimmerchen, auf einem so harten Lager und im drük- kendsten Mangel zu enden; ja, wer ihm nur vor wenigen Jahren noch gesagt hatte: er würde am Ende seiner Tage Wohlthaten, große Wohlthaten aus den Händen des Mannes empfangen müssen, der ihm dort Arzney reicht, wahrlich den würde er, wo nicht ausgelacht, doch als einen falschen Propheten bemitleidet haben! Aber Reichthum und Ansehen schüren nicht vor Gefahren und Unglück. Reich, sehr reich ' war einst der arme Greis, den jezt kein Bettler um seine ganze Haabe beneiden würde. Er besaß in Paris einen herrlichen Palast, hatte einige schöne Land, güter, jährlich mehr als zrhentausend Thaler Einkünfte, war Graf und General, hielt sich Wagen und Pferde, und konnte hoffen, im Genusse dieses Wohlstandes zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Plözlich brach in Frankreich die Revolution aus, durch welche der König, Ludwig der Sechzehente, fernes Thrones und seines Lebens beraubt wurde. Auch unser guter Graf sollte eingekerkert werden, weil man »hn der Anhänglichkeit an die vorige Ncgrcrungssvrm, und der Theilnahme an einer Verschwörung gegen die l4 neue Verfassung beschuldigte. Aber mit der Hülfe des redlichen, treuen Bedienten, der dort, eine Schaale mit Arzney in der Hand, vor ihm steht, entfloh er in dem nemlichen Augenblicke, als die Wache in seinen Palast eindringen wollte. Beyde kamen glücklich an die Gränzen, und sie hatten nur noch eine Vier. telmeile, bis zu dem ersten schweirerschen Dorfe, als ein Soldat von der Nationalgarde den alten Grasen erkannte und ihn nebst dem Bedienten gefangennahm. Indessen fand der Lertere Mittel, ru entspringen. Der Graf aber wmde, nachdem man ihm sein Geld, seine Juwelen und Papiere hinweggenommen hatte, in einen finstern Kerker geworfen. Drey Tage und drey Nächte schmachtete er hier, ohne Spctse, ohne Trank. In der vierten Nacht öffneten sich die Thüren des Gefängnisses und der Kerkermeister trat herein , ein Greis von siebzig Jahren. Herr, sagte dieser, ich komme, Sie tu retten. Morgen sollten Sie nach Paris geführt «nd dem Blutgerichte übergeben werden. Daß Ihr graues Haupt unter der Güllotine fallen würde, dieß können Sie selbst sich denken. Aber ich will keine Schuld haben an Ihrem.Blute. Fliehen Sie. Ich sage dann, Sie hätten die Thüren erbrochen und . . . Gott wird mir diese Lüge vergeben. Die 'Schildwache vor dem Gefängnisse ist mit uns einverstanden. Niemand wird Sle aufhalten. Der Graf erstaunte. Alles war ihm ein Traum. Er wollte danken — aber treuherzig fiel ihm der Kerkermeister in's Wort: Nicht mir, Ihrem rechtschaffenen Bedienten müssen Sie danken. Er hat durch seine Bitten, seine Thränen mich gerührt und durch sein Gold die Schtldwache bestochen. Eilen Sie! Wenige Schritte von hier erwartet er sie. Der Graf gieng, fand seinen Retter an der Stelle, die man ihm angezeigt hatte, sank, Thränen des Dankes im Auge, in die Arme desselben, und glücklich erreichten Beyde die Schweiz. Leben und Freyheit hatte nun der Graf gerettet, aber außer diesen besaß er auf der Welt nichts! Doch nein Er besaß noch einen Schar, der nie bösen Menschen zu Theil ward, einen rechtschaffenen, treuen Freund, seinen Bedienten. Herr Graf, sagte dieser brave Mann, und legte hundert blanke Louisd'or und zwo goldene Uhren auf den Tisch, Herr Graf, dieses Geld ist von jert an Ihr Eigenthum. In Ihrem Hause erwarb ich es. Ich war ein armer, verlassener Savoyarden Junge, hatte nichts ru brechen und nichts zu beißen, da nahmen sie mich auf, kleideten mich, ließen mich unterrichten und behandelten mich immer mit Nachsicht und Güte. Tausendmal wünschte ich im Stillen, Ihnen einen TheU dieser Wohlthaten vergelten ru können.. . Machen Sie mir das Vergnügen, und i5 lehnen Sie den kleinen Beweis der Dankbarkeit, den ich Ihnen hiemit gebe, nicht ab. Ist dieses Geld rrr Ende, so soll noch meiner Hände Arbeit Sie nähren.. . Und er hielt Wort, der biedere Savoyar- de. Als das Geld und der Werth der Uhren verzehrt waren, arbeitete er vom Morgen an bis Mitternacht, und brachte, was er im'Schweiße des An» gesichtes erworben hatte, als ein Opfer der Dankbarkeit seinem Gebieter. Freylich war dieses wenig, aber es schürte doch Beyde vor dem Hungertode. Endlich erlag der unglückliche Graf dem Kummer über sein Schicksal. Er fiel in eine tödtliche Krankheit. Da er die Hausmiethe nicht mehr bezahlen konnte, zwang ihn der harte Landmann, bey welchem er wohnte, mein elendes Stäbchen unter dem Dache ;u riehen, wo Stroh sein Lager und ein alter Mantel im starrenden Wintersrost seine Decke war. Wie ein dankbarer Sohn, pflegte auch jert der treue Bediente des Kranken, und eben hat er seinen leiten Oberrock verkauft, um die stärkende Arzney tu bezahlen , welche er in der Hand hält, um den Sterbenden noch einmal zu erquicken. . . . O, meine Kinder, vergesset dieses Sterbebette nicht. Es zeigt Euch, daß der Barmherzige immer Barmherzigkeit findet, und daß ein guter Herr auch gutes Gesinde macht. Auf. X Aufgemerkt / meine Lieben! Ihr sehet vor Euch, dasSüdmecr. Es ist ruhig, wie die Seele eines Biedermanns. Ein günstiger Wind schwellt die Se, gel des Schiffes, welches tanzend auf der Fläche desselben dahin schwebt. Die Matrosen schwingen die Hüte Himmelan und freuen sich der glücklichen Fahrt. Aber bald wird ihre Freude in Wchgeschrey sich verwandeln. Der Himmel trübt sich. Schwarze Gewitterwolken ziehen heran. Sie werden immer düsterer. Furchtbare Blize zischen auf dem Gewässer. Dsr Donner rollt. Der Sturmwind heult. Jezt schleudert er das Schiff Himmelan, jezt liegt es meinem Abgrunde zwischen aufgethürmten Wellen. Denkt Euch, meine Kinder, das Entfettn Alles, welche ihr Leben und ihre Haabe diesem Zerbrechlichen Fahrzeuge anvertrauten. Wie die Matrosen arbeiten, die Segel einzuziehen und sich uud das Schiff zu retten. Leute, welche nie noch an Gott und an Vergeltung jenseits des Grabes dachten, schlagen an ihre Brust und rufen aus: Vater im Himmel, sey uns gnädig! Immer wüthender wird der Sturm. Der Hauptmast bricht. Die schäumenden Wogen dringen in das Schiff und... wehe! wehe! jezt wird es an eine verborgene Klippe geworfen und jede Hoffnung ;ur Rettung ist verlohren. Hunderte der Unglücklichen, welche auf demselben sich befanden, werden von den Wellen B verschlungen. Wer kann , ergreift ein Brett, oder Trümmer des Mastes, um sein Leben noch um einige Minuten ru verlängern. Dort hält Einer in dem rechten Arme ein Kästchen mit Goldstangen, während er mit l^em linken durch die empörte Fluch sich durchzukämpfen bemüht ist. Gott im Himmel, ruft er aus, rette mich und den Schar, den ich im Arme trage. Vergebens. Das Kästchen selbst richt den Unglücklichen durch sein Gewicht in den Abgrund. Dort erscheint ein Anderer, im Schwimmen geübter als Jener. Er hält in der einen Hand ein langes Seil, an dessen anderm Ende ein Faß befestiget ist. Gott im Himmel, ruft er aus, rette mich und dieses Faß mit Brandtwein. Vergebens. Der Unglückliche verwickelt sich in das verschlungene Seil und auch ihn verschlingt eine Woge. Hier schwimmt zwischen Leichen und Trümmern hindurch ein Dritter. Es ist der arme Robinson Crusoe, den ihr nocy naher, als nur dem Namen nach kennen lernen müsset, falls Ihr ihn nicht bereits schon kennet. Er sucht weder ein Kästchen mit Gold, noch ein Faß mit Brandtwein, er sucht allein fein Leben zu retten. Und es gelingt ihm. Eine Welle schleudert ihn an das Ufer einer Insel. Freylich ist diese Insel unbewohnt. Aber der gute Robinson weiß sich ru helfen. Die Noth erweckt seinen Erfindungsgeist. Bald wird er Baumeister, Acker mann, Schüre, Schuster, Schneider. Alles durch eigenes Nachdenken, ohne Hülfe. O! meine Kinder, der Mensch kann vieles, sehr vieles, wenn er nur will. Aber leider will er gemeiniglich nur dann erst, wenn er muß! Glaubt mir, ich habe Mancherley aus dem Nobtnsonbuchlein des Kinderfreundes Campe gelernt. Leset es, ich bitte Euch, und fasset die guten Lehren, die in diese abenthruerliche Geschichte ver» webt sind, recht tief in's Herz! Aufgemerkt! Es kommt ein Mann, der einen Baren tanzen laßt. Seht, wie Alt und Jung zusammen laufen, den Tänzer zu sehen! Freylich tanzt er nicht so leicht und schön, wie MadaM Vigano,*) aber er thut, was in seinen Kräften steht, lind ich denke, im Vorbeygehen gesagt, das Sprüchlein sey sehr weise: „ Thu jeder das nur, was er kann! „Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!" Es muß in der That viele Mühe gekostet haben, bis der Bär abgerichtet war, gegen seine Natur auf zween Füßen zu stehen. Könnte er sprechen, mich dauchi, er würde ungefähr folgende Rede an Euch halten: Kinderchen! Seht an mir ein Beyspiel, was llnterricht und Erziehung vermögen. Kann ein Bar sogar tanzen lernen, wie weit könnet nicht Ihr erst *) Die bcrühmtcstc Tänzerin unserer Zeit. B 2 20 in den Wissenschaften kommen, worinn man Euch unterrichtet, vorausgesM, daß Ihr fleißig seyd und auf, merksam, und nicht, wie der leichte Schmetterling, von einem Gegenstände ru dem andern hüpfet! Ich war, als man mir Unterricht gab, unverdrossen und jezt crndte ich die Fruchte meiner Anstrengung ein. Sobald ich den Ton der Trommel und der Pfeife höre, richte ich mich empor und tanze nach der Weise, die mein Führer mich lehrte. Neugierige kommen dann in Menge, bewundern und bezahlen meine Ge- schicklichkcit, und von dem, was ich auf diese We se verdiene, nähre ich nicht nur mich selbst, sondern auch meinen Lehrer und seine Familie. O! Er gab sich viele Mühe, mich zu bilden. Denn, meines guten Willens ungeachtet, hatte ich anfangs einen sehr harten Kopf, und sehr plumpe, ungelcnksame Füße. Jett hat er freylich an mir einen dankbaren Schüler und seine Mühe wird ihm täglich mit reichlichem Gewinn belohnt!" Nicht wahr, meine Kinder, Ihr raffet die guten Lehren, die der Bar Euch gab, nickt unbenü-t an Eueren Obren und Herzen vorüberge» Heu? Jeder, der Euch etwas Gutes, etwas Angenehmes lehrt, bat Anspruch auf Euerc Dankbarkeit, ^ selbst wenn er, wie der Bärenführer, bey Euerer Unterweisung zugleich auch seinen eigenen Vortheil zur Absicht hatte. 2l Noch zeigte der Man» mit der Laterne den Kindern/ die ganz Auge und Ohr waren/ auf dem weis- scu Tuche manche andere Auftritte aus dem menschlichen Leben / und vergaß nie / weise und gute Lehren an die Erklärung derselben anzureihen. Hier erschien eine treue Tochter / welche ihre schönen blonde»/ von Jedermann bewunderten Haare sich abschnitt und verkaufte/ nm ihre kranke Mutter durch eine stärkende Arzney zu erquicken; Dort sah man einen Jüngling/ der die Hälfte der Nacht hindurch Holz sägte / und andere niedrige Geschäfte verrichtete/ um aus diesem/ im Schweiße des Angesichtes errungenen Verdienste sich m'nliche Bücher zu erkaufen, die ihm sein armer 1 Vater anzuschaffen nicht vermochte; hier erblickte man einen Verschwender, der das Brod vor den Thüren jener bettelte, denen er ehemals auf einen freundlichen Gruß kaum gedankt hatte; Dort fuhr ein Mann , der von armen Acltern herstammte, aber durch Gelchicklichkeit, Ncchtschaffenhcit und Genie sich zu einer hohen Wurde im Staate emporgeschwungen hatte, in einem Wagen mit vier Pferde und ehrfurchlvotl neigten Alle, denen er begegnete, vor ihm das Haupt. Seyd ihr nun zufrieden, meine Kinder? fragte , der Mann mit der Laterne, als die lerre Erscheinung vorüber war. Alle klatschten in die Hände, lind das Einzige, was sie auszuseren hatten, war: daß sie nicht die ganze Nacht hindurch zusehen und zuhören konnten. Man zündete die Lichter wieder an, Vater Schulze drückte dem Wundermann einen Thaler in die Hand, dankte ihm mit herzlicher Warme für das Vergnügen, das er ihm und seinen Kindern gemacht habe, und zufrieden schieden beyde von einander. II. Dcr Blinde mit der Harfe oder der undankbare Sohn. Nach einer Anekdote in: Lockcile sentimental et moral, xar vucrsy -vuminil. 25 II. Der Blinde mit der Harfe »der der undankbare Sohn. ^ine glänzende Gesellschaft von jungen Männern und Frauenzimmern war bey dem Hofrath von Berg in Wien versammelt. Eben wollte man sich nicdcr- sezen, um den langen Winterabend mit Spielen rie vertändeln, als ein Wagen, mit zween Rappen bespannt, vor der Hausthüre hielt und Werner, ein junger Rechtsgelehrter in das Zimmer trat. Die ganze Gesellschaft'freute sich über die Ankunft dessel den. Denn überall war er willkommen, weil er sei ne Weltsitte und die Gabe der Unterhaltung besass und dabey für einen Mann von vorzüglicher Geschiek- lichkeit galt. Auf die Frage: warum er nicht früher ^ gekommen sey? erzählte er: Ein blinder Vater habe ihm eine Streitsache mit seinem Sohn übertragen. Der Sohn', fuhr er fort, weigert sich, dem un- 26 glücklichen Greisen den Jahrgehalt zu bezahle»/ den er demselben für die Abtrettnng seines ganzen Vermögens versprach. Im Clend schmachtet nun der Vater, und in'Saus und Braus, wie der reiche Mann im Evangelium lebt der Sohn. Aber ich werde dbn Niederträchtigen züchtigen und dem gebeugten Vater nicht blos Gerechtigkeit, sondern auch Rache verschaffen.« Die ganze Gesellschaft pries den Eifer des jungen Rechtsgelehrten; Hofrath von Berg aber drückte ihm mit deutscher Herzlichkeit die Hand, und versicherte ihn seiner wahren Verehrung. ,, Wehe, sezte er hinzu, dreymahl Wehe dem Sohne, der seinen . Vater verachtet. Früher oder spater wird ihn die Rache Gottes und der Haß der Menschen treffen.« Man sezte sich nun nieder zum Spiele. Haufen Goldes und Silbers sagen auf dem Tische. Werner gewann. Auf einmal ertönte unten im Hofe der Klang einer Harfe, und eine männliche Stimme sang dazu ein trauriges Lied, welches die Leiden der Blindheit schilderte und gefühlvolle Herzen zum Mitleid aufforderte. Als das Lied geendiget war, rief der Harfenspieler im bittenden Tone: „ Dem armen blinden ,, Mann eine milde Gabe, um Gottes willen!" „ Der Mann spielt die Harfe mit vieler Ge- -7 schicklichkeit, sagte der'Hofrath. Wie war es, wem ich ihn herauf rief ? Er würde uns unterhalten und — wir würden ein Werk der Barmherzigkeit thun? Sie gewinnen heute, Herr Werner... Ich weiß, von Ihnen allein hatte der arme Mann einige Thaler zu hoffen. Sie sind ja der Schuzpatron der Blinden ! « Die Gesellschaft gab dem Vorschlage ihren Beyfall und der Harfenspieler ward berufen. Er erschien. Es war ein Greis mit schneeweißen Haaren. An der Hand eines kleinen Knaben wankte er herein. In seinen Gesichtszügen waren Redlichkeit und Kummer unverkennbar. Mit Theilnahme betrachteten ihn die meisten aus der Gesellschaft und mit eben so vieler Theilnahme hörten sie der Wiederholung seines Trauergesanges zu. Gerührten Herzens näherte sich ihm der biedere Hofrath, ergriff ihn bey der Hand und fragte: Ob er lange schon blind sey? Der Blinde. Seit zwey Jahren, guter Herr! Ach, ich glaubte wohl nicht: daß ich noch das Mitleid Anderer würde suchen müssen. Geben sey seliger, als nehmen, dachte ich immer; arbeitete wacker, Gott segnete meinen Fleiß und ich könnte einst manchem Leidenden seine Thränen abtröcknen. Jett ist es Anders. Gott hat es so gewollt, sein Name sey gepriesen! Der Hofrath. Was für ein Gewerbe treibet Ihr? 28 Der Binde. Ein sehr nüzltches. Ich war Schustermeistcr auf einem Dorfe, hatte reichen Verdienst, weil ich ein ehrlicher Mann war und gute -Arbeit lieferte, und konnte mir nach wenigen Jahren em klemes Gütchen kaufen. Alles gelang mir, denn ich unternahm nichts, was ich nicht verstand und lebte, als ich einiges Vermögen besaß, so sparsam, wie damals, wo lch auf Gottes Erdboden nichts hatte, als eine baufällige Hütte und ein kleines Gärtchen. Wenn meine Nachbarn in der Schenke sich herum- inmmclten, ergriff ich zur Erhollung die Harfe, die lch als Knabe schon zu spielen gelernt hatte, oder las rin geistreiches Buch. ... Der Hofrath. Aber wer stürzte Euch in das Elend, in welchem Ihr jezt schmachtet? Der Blinde. Wer? Ach Gott. . . mein eigener Sohn ... Ja, wem eigener, mein einziger Sohn ; herrlich und in Freuden lebt er jezt, wahrend rch mein erbetteltes Stück Brod mit blutigen Thränen neze. Der Hofrath. Ist es möglich? Euer eigener Sohn? Und er lebt im Wohlstände, sagt Ihr? Der vlnide. Ja; durch die Erziehung, die ich ihm gab, bahnte ich dem Undankbaren zu Reichthum und Ehre. Jezt arndtet er die Früchte dessen ein, was ich für ihn aufopferte und. . . verachtet imch! Der Hofrath. Schrecklich ! Schrecklich! Der Älinde. Um ihn auf der Universität unterhalten zu kennen, entzog ich nur Alles, Alles, was der Mensch zu entbehren vermag. Er schaftc sich eine Büchersammlmig an und ich verkaufte einen Acker, sie zu bezahlen. Er kleidete sich kostbar, fiel in die Hände falscher Spieler, stürzte sich in Schulden, und ich verkaufte zwo schöne Kleewresen und rettete ihn aus den Handen der Gläubiger. Er wollte die Doktorswürde annehmen, und dann in der Hauptstadt als Nechtsgelehrter sich niederlassen, und ich verkaufte den Ueberrest meiner Güter, verkaufte selbst mein Haus und gab ihm den Erlös. O dachte ich, wenn nur dein Ferdinand erst glücklich ist, dann wirst du es auch seyn. Auf den Handen wird er dich tragen, wird deiner pflegen und dich ehren im Alter und dir einst mit Thränen die Augen zudrücken. So dachte ick, und . . . Alles, was ich aufopferte, kostete mich nicht einmal einen Seufzer... Aber ach.. wie fürchterlich ward ich getäuscht . . . Kaum hatte sich mein Sohn in der Hauptstadt niedergelassen, kaum sich durch seine Schmeicheleyen Gönner und durch seine Gcschicklichkeit einen Ruf erworben, als er anfieng, meiner sich zu schämen. Niemand sollte es wissen, daß er nur der Sohn eines ehrbaren Schusters sey. Er wollte für cmcnMann von vornehmer Geburt angesehen seyn. Die Armuth, in welche ich Mich freywillig, aus Liebe Zu ihm, gestürzt hatte, wartn seinen Augen eine Ursache mehr, mich gering zu schären. Nun dachte der Undankbare, dessen Herz durch einen gränzenlosen Stolz beherrscht und mit jedem Tage harter und gefühlloser wurde, nur auf Mittel, mich ganz von seinem Angesichte zu verbannen. Der Trük< sinn, in welchen diese Mißhandlung mich stürzte, gab ihm bald Anlaß, seinen grausamen Zweck zu erreichen. Ach... guter Herr, Sie werden es kaum glauben und doch ist es so wahr, so wahr, als mein Elend! Der hartherzige Sohn erklärte mich als einen Verrückten und übergab mich einem eben so hartherzigen Baader auf dem kande. Dieser warf mich in ein finsteres, mit Gittern verwahrtes, feuchtes Zimmer, schlug mich, wenn ich im Uebermaaße des Elendes verzweiflungsvvkl zu Gott empor schrie, ließ mich un Unrathe beinahe ersticken und .... hier erlöschte allmählich das Licht ineiner Augen. Unvermuthct starb dieser mein Peiniger. Ich benüzte die Verwirrung im Hause, und entfloh. Noch konnte ich, obgleich dunkel, die nächsten Gegenstände unterscheiden. So kam ich in das nächste Dorf. Mein ganzes Vermögen war eine Dnkate, welche ich längst schon als einen Nothpfenuig in das Unterkleid eingenäht hatte. Um dieses Geld kaufte lch eine Harfe. Der Knabe hier, kiil armer Waise , erbot sich mir zum Führer. Ich Nahm ihn an. Denn wenige Tage nach meiner Flucht, verlohr ich den leiten Strahl des Augenlichtes. Unter seiner Leitung kam ich hieher. Des Tages verberge ich mich, damit mcm Sohn mich nicht entdecke und aufs neue mir die Freyheit raube. Nur des Nachts wage ich es, durch meinen Klaggesang das Mitleid glücklicherer Menschen ru erwecken. Thränen entflürrten dem Greisen wahrend dieser Erzählung. Der Hofrath war erschüttert. Mit edlem Unwillen drang er in den unglücklichen Vater, ihm den Namen des grausamen Sohnes ru entdecken. Aber vergebens. Ich will, sagte jener, nicht Böses vergelten mit Bösem, will ihn nicht der Schande und Verachtung Preis geben. Freylich verdient er keine Schonung. Aber er ist mein Sohn, er ist noch in meinem Herzen und sterbend will ich ihn noch segnen ! Werner ward bleich, wie ein Marmorbild, als er den Greisen sah und hörte. Die ganze Gesellschaft, welche während der Erzählung die Karten ruhen ließ, bemerkte dieses. Indessen hielt man es für ein Zeichen gefühlvoller Theilnahme und bewunderte das Her;, das fremden Leiden so leicht sich eröffne. Aber die Bewunderung gieng in Erstaunen über, als der Hofrath rief: „ Herr Werner! Auch dieses mißhan« deltcn blinden Vaters müssen Sie sich annehmen" und der Greis mit einem lauten Schrey aufstand: - „Jesus! ich bin verrohren! Mein Sohn ist hier!" Kaum war dieser -Ausruf geschehen, so fuhr Werner gleich einem Rasenden auf, rief: Wehe dir, Vater! Du hast mein Glück gemordet! Eilte, ohne Hut und Stock, hinweg und ließ die Gesellschaft wie verstemt dastehen. Erst nach einigen Minuten erhohlte man sich wieder. Ununterbrochen jammerte der arme Greis: „ Ich bin verlohnn. Mein Sohn hat mich erkannt!" Nur mit vieler Muhe vermochte es der Hofrath, ihn zu beruhigen. Vater, unglücklicher Vater, sagte der rechtschaffene Mann, von diesem Augenblicke an gehört Ihr mir zu. Ich will Euer Sehn seyn. Von meinem Tische sollt Ihr essen, von meinem Weine sollt Ihr trinken. Ich will Euch die Augen zudrücken, wenn ihr sterbet. Zum Ersaze aber sollet Ihr mich lehren: Beleidigungen vergeben und Jene lieben, die mich hassen und verfolgen. Alle Mitglieder der Gesellschaft äußerten nun ihren gerechten Zorn über den jungen Werner, und schwuhren, nie wieder Umgang mit einem Menschen zu haben, der größerer Verbrechen schuldig sey, als Mancher, der auf dem Rade liege oder unter dem Hochgerichte modere. Undankbarkeit überhaupt ist schon 33 schon ein verabscheulingsivürdigeS Laster, sagte der Eine; aber Undankbarkeit gegen einen so guten, redlichen Vater ist ein Greuel vor Gott und den Menschen. Und... fiel ein Anderer in's Wort... erinnern Sie sich noch: mir welcher scheinbaren Bitterkeit er immer gegen Undank und Hartherzigkeit sprach? Wie schlau er Tugenden Zu heucheln verstand, die er nicht besaß? Und, fuhr der Hofrach fort, zu all diesen Lastern, zur Undankbarkeit, zur Het- ienshärte, rur Heucheley, knr Grausamkeit brachte ihn allein der Ehrgeiz, die Sucht: zu glänzen, und wehr zu scheinen, als er war. Durch diesen falschen .Ehrgeiz hat der Vater einen Sohn und der Staat einen talentvollen Bürger verrohren, und — o wie manches Unglük für ganze Familien kam schon aus dieser Quelle; einer Quelle, die zum verheerenden Strom wird, weim man ihr nicht frühe einen engen Damm entgegen stellt. Bald erfuhr der junge Werner die Folgen seiner Entlarvung. Man floh ihn überall, gab ihm überall, wo die Geschichte bekannt wurde, Beweise der Verachtung, und erwähnte seiner Kenntnisse nur, um sogleich hinzuzusczeu: »daß dtebewunderungs. würdigsten Talente für die menschliche Gesell, schaft ohne wahren Nuzcn seyen, wer-o nicht C 34 ein guter, rechtschaffener Charakter mit denselben sich vereinige." Werner suchte endlich eine Stelle als Beamter, tu welcher er alle Fähigkeiten besaß. Aber der Kaiser > gab sie ihm nicht, mit der Bemerkung: „daß ein Sohn, der seinen Vater verachte, auch die Geseze nicht ehren werde." Ein Mann, der um seiner Kenntnisse und Geschicklichkcit willen eine ehrenvolle Anstellung hoffen durfte, sein ganzes kcben hindurch mrückgesezt, weil er die ersten Pflichten des Menschen: kindliche L»ebe und Dankbarkeit ver- lezt hatte. Der Abend-Spaziergang oder ' ' Versprechen muß man halten. Nach: kiäclite 2 8» xswle jn 1-ivre äs fsrnNs psr Ler^um^ III. Der Abend>Spaziergang.' oder Versprechen muß man halten. >^n wem ist heute die Reihe, mit mir spazieren m gehen? fragte Pfarrer Lerchcnfeld seine Kinder, und nahm Hut und Stock in die Hand. Es war ein schöner Sommerabend. Ein wohlthätiges Gewitter hatte die schwülste Luft abgekühlt. Süßer düfteten die Wiesenblumen, froher sangen die Vögel in den Wipfeln der Baume voll reifenden Obstes; freyer athmeten die Menschen, und wer Empfindung hatte, blickte bewundernd und dankvoll empor zu dem, der den Blumen den Dlstt, den Vögeln den Gesang und den Bäumen das Obst gab. Die Abend - Spaziergange waren gewöhnlich ein Fest für jene Mitglieder der zahlreichen Kinderfami- lie des Pfarrers, welche die Ordnung traf, ihn begleiten zu dürfen, und wer nicht blos durch die abwechselnde Reihe, sondern gar zur Strafe davon ausgr- schloffen wurde, der weinte gewiß so heftig, als wenn er einen lieben Freund vcrlohren hatte. Oft gab eines der Kinder dem anderen sein Lieblings-Spielge- räthe, um an der Stelle desselben den allgeliebten Vater begleiten nr dürfen. Und dieser Fall rrat auch jert ein. Die Reibe des Spazierengehens traf die kleine muntere Luise und den ernsthaften aber großmüthigen Adolf. Frohen Angesichtes kamen beyde auf die Frage des Vaters hervor und kündigten sich als Begleiter desselben an. Düsteren Blickes aber ' stand Otto in eine Ecke. Nie hatte er sich so sehr in's Freye gesehnt, als an diesem schönen Abend, und mit Freuden hatte er etwas Anderes aufgeopfert, um die Erfüllung seines Wunsches damit zu erkaufen. Thetlnebmend nahxrte sich ihm Adolf und folgte ihn um die Ursache dieses Trübsinns. Otto erzählte sie und endete mit dem Vorschlage: Adolf möchte ihm die Freude, spazieren zu geben, für diesen Abend abtrettcn. Ich will dir, fügte er hinzu, zum Ersare ein anderes Vergnügen machen, Adolf, lind welches? Otto. ,Du wünschtest schon lange mein Wach- tclpseifchen zu haben... Ich gebe dir's. Adolf. Eingeschlagen und ein heiteres Gesichte gemacht l Ich bleibe zu Hause. Wo ist das Pfeifchen? Otto. Ich hab' xs nicht bey mir. 39 Zfdolf. So kannst du es hohlen. Es sind nur zween Schritte in dein Zimmer. > Otto. Sobald wir zurückkommen, flugs erhälst du es. Schulmeisters Frire hat es mit sich genommen in's Roggenfeld und noch diesen Abend bringt er mir's wieder. Adolf. Das ist etwas Anders! Du bleibst also zu Hause. Otto. Wenn du aber das Pfeifchen heute noch erhältst? Adolf. Dieß ist sehr ungewiß. Kurz, Brüderchen ! Entweder, dn giebst mir das Pfeifchen, jezt, ober. . . Otto. Du bist anch; sehr hart. Wie kann'ich dir geben, was ich selbst noch nicht habe? Adolf. Ich bleibe bey'meinemMorte. End weder. . . oder... ' Der Vater. Du bist sehr eigensinnig, Adolf. Wenn Otto dir das Pfeifchen verspricht, so wirst du es gewiß auch erhalten. Einige Stunden früher oder später, darauf wird eS dir doch nicht ankommen? Adolf. Gewiß nrcht! Aber Otto hält sehr selten , was er verspricht. Noch gestern serst versprach er mir zwo Birnen für eine schöne Nelke, die ich in meinem Gärtchen gepflanzt hatte. -Mamma gab ihm die Dirnen. Aber er aß sie selbst und lachte mich noch aus, rum Danke für mein Vertrauen. 4 « Otto. Nun, die Wachtelpfeife werd' ich doch wahrlich nicht essen? Adolf. Aber behalten und meiner gutmüthigen Einfalt spotten! Der Vater. Wenn dieses wahr ist, so hat Adolf volles Recht, so zu handeln, wie er handelte. Denn wer seinem Worte nicht getreu ist, dessen Versprechen sind falsche Münzen, die Niemand annimmt. Verwundere dich also nicht über das Mißtrauen deines Bruders. Antworte mir bestimmt: Kamst du ihm das Wachtrlpfeifchen auf der Stelle geben oder nicht! Otto. Nein! ich hab' es Frizcn auf den ganzen Tag geliehen. Der Vater. So kann ich dir nicht helfen. Du mußt zu Hause bleiben. Uebrigens wünsche ich, daß dir dieser Vorfall die Lehre einprägen möchte: jn Zukunft immer redlich zu halten, was du versprichst. Otto. Aber, lieber Papa . . . Der Vater. Kein Wort weiter. An mir ist jezt die Reibe, mit d,r zu reden. Weil du gestern deinem Bruder die Birnen mcht gabst, die du ihm versprachst, so wirst du sie ihm heute geben. Dann wirst du zur Strafe, daß du dein Wort brächest, dreymal, wen« dich die Ordnung träfe, spazieren »U gehen, hübsch zu Hause bleiben. 4 » Alle'Kindcr staunten über diese Strafe, die ih« nen ru strenge dünkte für Otto's Fehler' Der Vater bemerkte dieses. Ihr glaubt, fuhr er voll Ernstes fort, Otto sey rn hart bestraft? Ich lese so etwas in Eueren Blicken. Ihr irrt Euch. Nichts scrt einen Menschen so sehr in der Achtung seiner Mitmenschen herab, nichts führt leichter in die unangenehmsten Verlegenheiten, als eben dieser Fehler, dessen Otto sich schuldig machte. Nicht wahr, Ihr nennet den einen sehr niederträchtigen Menschen, der das Eigenthum eines Andern antastet? Nun... ist der besser, der etwas, das er zu geben versprach, nicht giebt, sondern gegen sein Wort behalt? Denn, merket es wohl! in dem Augenblicke, da Ihr einem Andern etwas, sey es cm Wachtelpfttfchcn oder was es immer seyn mag, ru geben versprechet, in dem ärmlichen Augenblicke hört es auf, Euer Eigenthum ru seyn und wird Eigenthum des Andern. Nicht wahr, Otto, hattest du das Wachtelpfeifchen bey der Hand gehabt, so hättest du es ihm gegeben und es wäre von jert an sein Eigenthum? Otto. Ja! Der Vater. Weil dn es aber nun nicht bey der Hand hast und folglich nicht geben kannst, so^ versprichst du: dasselbe in dem ersten Augenblicke, wo man dir's wieder zurückstellen würde, deinem Bru- 4 » der zu geben. Du willst also , daß er sich schon jezt als Besirer desselben betrachte, und dir, als wenn er es wirklich empfangen hätte, sein Recht, mich zu begleiten , dafür abtrette? Otto. Ja! So haben wir gehandelt. Der Vater. Aber dein Bruder kann nur dann sich jezt schon als wirklichen Besizer betrachten, wenn er überzeugt seyn kann, daß du dein Versprechen wirklich erfüllen werdest? Wie sollte er aber davon überzeugt seyn können, da du ihm gestern die Birnen, die du ihm auf gleiche Weise versprochen hattest, nicht gäbest? Otto. O! dießmal will ich gewiß, gewiß mein Wort halten. Der Vater. Wie kann aber dein Bruder wissen, ob du es wirklich in diesem Fall halten werdest.? Sieh', Otto: wer einmal als ein Mensch bekannt ist, der nicht erfüllt, was er verspricht, den behandelt man gerade so, wie einen Menschen, der als — ein Lügner bekannt ist. Man glaubt dem Leitern selbst dann nicht, wenn er die Wahrheit sagt, und... wer einmal im Rufe steht, daß er leicht sein Wort breche, der findet selbst dann kein Zutrauen, wenn er wirklich festen Sinnes ist, zu erfüllen, was er versprochen hat. Welche Schande für dich, mein Sohn, wenn man auf deine s-Dersprechungen nicht mehr und nicht weniger achtet, als auf die*Worte eines erklärten Lügners? Otto weinte. Er fühlte tief, wie sehr der Feh-- ler, den er begangen hatte, erniedrige und entrhre- Mit aufrichtiger Neur versprach er, desselben nie wieder schuldig zu werden. Es ist gut, fuhr nun der Baker im sanfteren Tone fort, daß du dir für die Zukunft ähnliche Demüthigungen, wie die heutige war, erspahren willst. Hass du dir einmal wieder den Ruf erworben, daß du pünktlich erfüllest, was du versprochen habest, dann wird man schon dein Wort allein, wie die Sache selbst ansehen und ich werde mich freuen, daß ich dein Vater bin. Aber... wehe dir, wenn du fortfahren solltest, mit deinem Worte, wie mtt einem Balle zu spielen. Selbst deinen feyerlichsten Vetheurnngen wird man dann nicht mehr glauben, und ich werde mich schämen, daß du mir angehörest! Otto. O.' wie unglücklich würde ich seyn! Der Vater. Von dir allein hängt es ab, es nicht zu werden. Ich hatte einen Schulfreund, der blos dadurch, daß er leicht sein Wort brach, sich in die unangenehmsten > Verlegenheiten und in große Verachtung stürzte, ob er gleich um seiner Talente nullen auf Glück und Ehre Ansprüche hatte machen können. Niemand vertraute ihm, wenn ihn Man- 44 gel an Geld drückte , das Geringste an; ^beynahe Niemand wollte ihm, da er als ein geschickter Rechtsgelehrter in seiner Vaterstadt zu praktiriren ansteng, Geschäfte übergeben; selbst Freunde und Verwandte flohen ihn, weil er die Hochachtung guter und weiser Menschen verscherzt hatte. Bey jedem Versprechen, war es auch noch so feyerlick, tönte ihm die demüthigende Frage entgegen: »Ist es auch wahr? Werden Sie dießmal wenigstens Ihr Wort halten?" So tief hatte diese böse Gewohnheit in dem Ka- rakter des jungen Mannes Wurzel geschlagen, daß ihn mir das unabsehbarste Elend, welchem sie ihn entgegen führte, von derselben nach und nach heilen konnte. Aber Jahre gicngen vorüber, ehe er wieder das verlohrne Vertrauen seiner Mitbürger gewinnen konnte. Denn nichts wird leichter verrohren, als die Achtung, und nichts so schwer wieder gewonnen. Dtto. Verzeihung, lieber Vater, um Gottes Willen Derzeitig! Gewiß, ich werde nie, in meinem Leben nie wieder so leichtsinnig handeln! Der Vater. Dann wirst du dir tausendcrley Verdrüßlichkeircn, tausend unangenehme Stunden ersvakren und — frühe schon die Früchte deines Entschlusses reifen sehen. Erinnerst du dich noch des 4S Wirthes zu Friedenheim, bev welchem wir einkehrten , als wir in die Stadt reiste» ? Otto. O ja! Sie bewunderten die Ordnung und Reinlichkeit, die wir in seinem Hause fanden, ließen sich die ganze Einrichtung zeigen, und als wir abreisten, nicht wahr, da umarmten Sie ihn, und nannten ihn einen braven Mann! Der varee. Eben dieser! Sich, Otto, der Mann, den die ganze Gegend umher nicht nur für einen braven, sondern auch für einen sehr reichen Bürger halt, dankt sein Glück größtentheils der unerschütterlichen Treue, mit welcher er immer pünktlich erfüllte, was er versprach. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind war und hinterließen ihm auf der weiten Erde nichts, was er sein nennen konnte. Er ward in einem Warsenhause erzogen, und als er viemhen Jahre alt war, von einem Gastwirthe endlich als Austräger angenommen. Hier zeigte er sich aber bald als einen braven Jungen, war imer. müdet in seinen Geschäften, treu und redlich, und, wie ich eben sagte, so gewissenhaft, daß er lieber sein leztes Hemde hinweggegeben, lieber Tagelang gehungert, als eine gegebene Zusage nicht gehalten hatte. Deßwegen galt auch im ganzen Hanse fern Wort so viel als ein Eid und Jedermann schärte und liebte ihn deßwegen. Als er nun älter wurde, bot ihm der 46 Wirth selbst eine beträchtliche Summe Geldes an, um den Gasthof zu Friedenheim zu erkaufen, welcher eben feil geboten wurde. Du wirst es mir wieder zurückgeben , sagte der Wind, so bald du kannst. Einer Handschrift bedarf ich nicht, dein Wort ist mir Unterpfandes genug. , , ^ Müller, so heißt der brave Mann zu Frieden- heim, versprach, die Summe in gewissen Fristen ru- rückzubezahlen, und mit äußerster Pünktlichkeit erfüllte er dieses. Eine solche Handlungsart erwarb ihm das Zutrauen Wer, Mit welchen er Geschäfte Hatte, und bey allen Unternehmungen konnte er auf Untcrstüzung von seinen Bekannten rechnen. Hatte er jemand eine Dienstleistung, eine Gefälligkeit zugesagt, so war ebenfalls nichts in der Welt im Stande ihn daran zu htndern. Er drohte selten. ,Aber wenn er Ursache hatte, dieses zu thun, so erfüllte er auch seine Drohungen ebenso genau, wie das, was er versprach. Und so wurde er zu gleicher Zeit von den Rechtschaffenen geliebt und,von den Bösen gefürchtet. Iert erndtct er die Früchte des Vertrauens ein, welches man auf ihn sezte. Der Gasthof ist frey von Schul- den, vortrcflich eingerichtet, stark besucht und der rechtschaffene Müller lebt kummerlos m dem blühendsten Wohlstände. Hatte er die böse Gewohnheit gehabt, mit seinem Worte leichtsinnig Zu spielen, wie mein Schulfreund, so wäre Armuth auf der einen und Verachtung auf der andern Seite sein Loos gewesen. Tief prägten sich die Erzählungen des Vaters in das weiche, jedem Eindruck offenen Herz des gede- müthrgten Otto's ein und bewahrten ihn, daß er nicht wieder in seinen Lieblingsfchler fiel. ^ Mach- IV. Machmud und sein Vater. Nach einer Erzählung in: Xouvssu NLnxe-. Louil. Ion 1781. nZr) 6! ^ ^-t.-rrj-E -s' ;obt .r^-z-:^"'7^ r,>«-n:;^5 .?:) '-r.^U^rr? 49 IV. . Machmud und sein Vater. Eine Morgenländisthe Erzählung. Äl^achmud war arm, armer als keiner seiner Nachbarn. Er wohnte in der elendesten Hütte; Sturm und Regen drangen durch die Riten derselben, und weckten ihn oft aus dem Schlafe, den er so redlich verdient hatte. Denn man kannte in ganz Konstan- tinopel, wo er sich aufhielt, keinen thätigeren, un- ermüdetcren Mann, als er war. Ehe noch der Tag graute, stand er schon in dem kleinen Gartchen, das nahe an seiner Hütte lag, und arbeitete dort, daß ihm schon der Schweiß von der Stirne hcrabrieselte, wenn die Sonne hervorgicng. Kaum hatten dann die Kaufleute ihre Gewölbe eröfnet, so ellke er dahin, und trug, um einen geringen Lohn, schwere Lasten an den Seehavcn oder holt sie dort ab, oder verrichtete andere Alberten mit eben so vieler Treue als Geschicklichkcit. Mit dein, so schwer erworbenen Taglohne ernährte.er nrcht nur sein junges Weib, fon < 7 > dem auch seinen Vater, einen Greisen von achzig Jahren. Nie hörte man eine Klage von ihm; nie sah man eine Falte des Mißvergnügens auf ferner Stirne, bis ihm ein Sohn gebohren wurde. Irrt änderte sich auf einmal Machmuds gute heitere Laune. Sein Auge trübte sich, und oft entfielen ihm Thränen, wenn er auf den kleinen Säugling herab- blickte, der kein anderes Bette hatte, als dürres Moos, keine andere Decke im Winrerfrost, als em zerrissenes Unterkleid seiner Mutter. Ach.' sagte dann der gerührte Machmud, Ach! du bist zum Unglücke gebohren, armes Kind. Wie ich, wirst du einst vom Morgen bis zum Abend arbeite» muffen und dann dich nicht einmal satt essen, nicht einmal kleiden, nicht einmal ungestört schlafen können in der morschen Hütte. Vielleicht — o, nicht vielleicht, gewiß verwünschest du mehr als einmal den Vater, der dir das Leben gab. Denn wer kann mir dafür stehen, daß du dem hartes Schicksal so leicht ertragen lernst, wie ich?" Tag und Nacht dachte nun Machmud einrig und allein auf Mittel, wie er sich 4ine bessere Lage und dem kleinen Liebling seines Herzens für die Zukunft ein glücklicheres koos verschaffen könnte. Jett ward ihnl rum erstenmal sein alter, eisgrauer Vater zur Last. Könnte ick, sagte er ru sich selbst, nur Lr einstweilen das für mein Knw zurücke legen, was er mich kostet. Sey es auch noch so wenig-, immer ist es am Ende des Jahres doch ein hübsches Sümmchen ! >>i - Anfangs fuhr Machmud freylich bey diesem unseligen Gedanken zusammen. Aber immer kam er ihm wieder, und endlich ward Doch der Entschluß gefaßt, den armen Greisen zu verstoßen. Denn der Blir ist nickt so schnell, als der Uebergang vvm Gm ten zum Bösen. . In Konstantinvpel sind mehrere Hospitäler für schwache, durstige Greise. Hier sollten ste, nach der Absicht der wohlthätigen Stifter, gut genährt und verpflegt werden. Aber durch den Eigennm und die Nachlässigkeit der Aufseher und Verwalter kamen diese schönen Anstalten so weit Herunter, daß Jeder zittert, den das Nnqiück rwinqt, die Aufnahme m dieselbe zu suchen. Noch vor wenigen Monaten hatte Mackmud selbst, mit emer Thräne im Auge die armen Greise bedauert, die dort Hunger und Mißhandlungen erdulden mußte, und jezt zwang er selbst seinen Vater, sich dahin zu begeben. Der Alte sank vor Schrecken zu Boden, als ^ ihm diese Nachricht angekündet wurde. Zu geben vermochte er oknediess kaum mehr. Machmud nahm ihn daher auf den Nucken und trug ihn so aegcn dem nächsten Hospitale zu. Auf dem halben Wege ruhte er aus. Die Last war ihm zu schwer. Bis dabin hatte der verstoßene Greis, immer geweint. Machmuds Haare waren durchnaßr vo» seinen Thränen. Auf einmal verstummten jezt die Seufzer und die Thränen versiegten. Nachdenkend stierte der Alte eine Zeitlang vor sich. hin, dann streckte er seine dürren, zitternden Hände aus und schlang sie um Machmuds Nacken. Ich vergebe dir, mein Sohn, sagte er und drückte ihn fester an das D -Herz ! Ich vergebe dir. Denn ich habe diese Mißhandlung verdient. Heute vor fünfund vierzig Jahren trug ich deinen Großvater eben so in das Armenhaus, wie du mich sezr hinträgst. Ich blieb ungerührt'bey seinen Seufzern, ungerührt bey seinen Thränen. Ich war undankbar gegen ihn, wie du es feit gegen -mich bist und wie es einst dein Sohn vielleicht gegen dich sein wird. Machmud! Machmud! 'Gott ist gerecht. Keine unserer Handlungen bleibt ihm verborgen. Früher oder spater vergüt er das Gute wie das Böse. Gelobt sey sein heiliger Name! So sagte der Greis, warf sich nieder auf die Erde) küßte sie, und betete den Ewigen an, ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt. Machmuds Herr ward gerührt und erschüttert. Er sah das Schreckliche, das Undankbare seiner Handlung nicht bloß ein, sondern suchte es anch zu vergüten, lud den Alten wieder,auf seinen Rücken, kehrte zurück mit ihm in seine Hütte und verdoppelte von diesem Augenblicke an seine Sorgfalt und seine Liebe 'für denselben. Der Gedanke, daß ihm der achzig- jährige Vater eine Last sey, kam nicht mehr in seine Seele? hingegen arbeitete er mit desto größerer Anstrengung und Alles gelang ihm besser als vorher. Ein armenischer Kaufmann vertraute ihm bald darauf eine kleine Geldsumme, mit welcher er einen HiUidcl ansteng und nach wenigen Jahren hatte er jenen mäßigen Wohlstand erreicht, den er aus väterlicher Sorgfalt sich gewünscht hatte. So wird oft die süßeiste aller unserer Pflichten, die kindliche Liebe belohnt. Erhalten wir aber auch diese Belohnung nicht immer, so giebt uns schon der Gedanke: daß wir diese heilige Pflicht mit Treue erfüllt haben, eme Beruhigung, eine innere Freude, die mehr ist, als Reichthum und Schare. Flucht, Abentheuer und Reue des ungehorsamen Karls. Nach einer Erzählung in: ?ente LMiotke-iue ä-z ens-lns, vsr LIsnckArä. 17, «-: ;-. .: -?^i. i.. '.ö ^ 'r s ^ ^ j!t !- r " " ^ 'i /> N 7 > 4 d' ^ 'S'^« ,4 44« >« ^ V ^4 .» srd 'Ls-sri^rXIT : , - ' - - - - - -M ^'. > . 55 V. Flucht, Abentheuer und Reue des ungehorsamen Karls. ^'err Wagner, ein reicher Gutsbcsirer im Würten- bergischrn, hatte zween Söhne, die aber in Rücksicht der Sitten einander so wenig gliche», als Rosen und Disteln. Wenn eine Mutter in dem Dorfe, wo Herr Wagner wohnte, ihre Kinder ermuntern wollte , so sagte sie: ,, Werdet fromm, gesittet und gefällig , wie Wilhelin Wagner.« Wollte man aber ernen unartigen, ungehorsamen, leichtsinnigen Knaben beschimpfen, so nannte man ihn einen Menschen, der dem allgemein gehaßten Karl Wagner gleiche. Wahrend alle Kinder des Dorfes den guten Wilhelm liebten, und kein Vergnügen kannten, welcher er nicht mit ihnen theilte, flohen sie den Umgang Karls, wie man einen Menschen flieht, der an einer anste- kendrn Krankheit lerdet. Undlsie hatten Recht. Keine Krankheit steckt so leicht und so schnell an, alr böse Sitten. Herr Wagner und seine Gattin wein- ten oft Mße Thränen, daß sie Acltern eines Kinde? waren, auf welches weder Ermahnungen und Beyspiele noch Warnungen wirkten. Karl sah die Thränen fließen, kannte die Ursache derselben, und blieb entweder ungerührt, oder wenn ihm auch für einige Augenblicke das Herz ängstlicher schlug, so trieben ihn bald Leichtsinn und Gewohnheit wieder ru seiner vorigen Lebensweise. Karls liebster Zeitvertreib wor, Vorübergehende mit Steinen zu werfen, Kiesel in die Fenster der Nachbarn zu schleudern, junge Dögcl langsam zu todten, oder seinen Hund, der ihm an Bosheit glich und ihn beständig als Gefährte begleitete, an Bettler und alte Leute zu deren. Einst schlug er einen kleinen Knaben, der ihn gar nicho beleidiget hatte. Andere Kinder welche in der Nähe standen, sahen dieses. Schnell stürzten die stärksten aus ihnen auf den Boshaften los, warfen ihn zu Boden und schlugen ihn mit geballten Fäusten so lange, bis Wilhelm, der das Geschrey hörte, hcrbcycilte. Kaum harte dieser sie gebeten, den armen Sünder loszulassen, dem bereits das Blut aus Mund und Nase ströhmte, als sie augenblicklich aufstanden und dem Bestraften nur die Warnung noch in's Ohr riefen: künftig kein Kind mehr zu beleidigen, wenn er nicht noch derber durch- geblaut werden wollte. Karl brüllte für Zorn und Schämn und Schmerz, schimpfte über seinen Bruder, daß er ihn nur gerettet und nicht, statt bittender Worte mit einem Kno- tcnstocke unter die rächenden Knaben geschlagen habe. Und als ihn der gute Wilhelm noch mit aller Schonung die Lehre gab: „Thue mchts Böses, so wird dir nichts Böses geschehen."... Da fuhr er, wie rasend empor, ballte die Faust und drohte, die brüderliche Ermahnung mit Schlägen ;n vergelten. Indessen ergriff ihn noch an dem nehmlichen Tage ein heftiges Fieber, welches ihn drey Wochen lang in das Bette bannte. Aber kaum war er wieder genesen , so ließ er zum Danke für chic Sorgfalt seiner zärtlichen, vielleicht allzuzartlichen Mutter einen Kanarienvogel, den sie besoirders liebte, nuithwillig dem Käsigt entfliegen und lachte dabey, als hätte er eine bcyfallswürdige That vollbracht. Iezt beschloß Herr Wagner, nicht mehr Worte allein, sondern auch Strafen anzuwenden, und mit unerbittlicher Strenge führte er diesen Entschluß aus. Jeder Ungehorsam des kleinen Wildfangs, jede muth- wrllige Handlung, jede Nachlässigkeit in den Stunden des Unterrichts ward von diesem Tage an mit Verbannung in ein finsteres, enges Zimmerchen bestraft und hier musste er gewöhnlich die Hälftessseiner Zeit als Büßender zubringen, während Wilhelm seine freyrn Stunden rm Kreise froher Gespielen durchlebte. Allein diese Strenge wirkte weniger , als nichts, auf Karls Herz , im Gegentheil schien er festen Vorsa; gefaßt zu haben, den lczten , schwachen Schimmer der Hoffnung, daß er jemals sich ändern werde, zu vertilgen. Ich will, sagte er zu sich selbst, nicht länger in einem Hause verweilen, wo Alles mich haßt und verfolgte Mag dann der schmeichlerische, heuchlerische Wilhelm alle Liebkosungen weghaschcn, wenn ich's nur nicht sehen muß. Fort will ich, fort, so weil mich meine Füsse tragen. Robinson lebte auf einer wüsten Insel, und war glücklich. Ich werd' es auch seyn, wenn ich von meinen harten Aeltern und All jenen entfernt bin, die mich vom Morgen bis Abend schulmeistern wollen. Tausend Kinder leben ferne von Vater und Mutter. Sollt' ich's allem nicht können? Frey will ich seyn, thun, was mir behagt. Sobald dieser unselige Gedanke in dem Herzen Karls aufgestiegen war, hatte der kleine Wicht, der rum Bösen so schnell, zum Guten so langsam über- gieng, weder Rast noch Ruhe. Er baute sich die buntesten Luftschlösser; Das Hans seines biedern Vaters schien ihm eine Hölle, und Alles, was außer den Mauern desselben lag, ein Paradies des Glückes ;u seyn. An den Kummer, den er durch die Flucht allen seinen Venvamdten verursachen würde, dachte er nicht, der Leichtsinnige; vergaß des Guten, -aß er aus den Handen seiner Aeltern, empfangen hatte, erlaubte sich zum Abschiede Äle Gattungen von Unarten und sezte endlich einen Tag fest,.an welchem er verschwinden wolle. Die ganze Nacht vor der Ausführung dieses Entwurfes konnte er kein Auge schließen. Angst und Hoffnung, Furcht und Freude trieben ihn hin und her. Endlich stand er auf, als kaum das Morgenroth den Saum des Himmels bcstreifte, zog seine beßten Kleider an; steckte seine Taschenuhr und ein paar Schuhschnallen von Silber zu sich, um aus dem D? löse derselben die abenthcurliche Reise fortseien zu können, packte ein Stück Schinken, welches er am Vorabende aus der Küche heimltch hinweggenommen hatte, in ein Tuch, schlich leise, auf dest Socken, die Treppe hinab, zum Hause hinaus und eilte, ohne von Jemand bemerkt zu werden, leichten Herzens und noch leichteren Fußes hinaus m's Freye. Sem kieblingshund, Tarro folgt ihm nach. So lief der junge Glücksritter zwo Stunden lang auf der Land straffe fort, ohne sich umzusehen. Endlich trieben ihn Hunger und Ermüdung, unter einem Nußbaume, der seitwärts der Straffe stand, ffch niederzuseren, und das Stück Schinken, das er 6o «m Taschentuche trug, zu verzehren. „ ES ist doch etwas herrliches, sein eigener Herr zu seyn, sagte er ru sich selbst und blickte voll Stolzes umher, als wollte er die Dögel, die in den Wipfeln der Baume ihren Morgcngesang zwitscherten, auffordern, seinen Sprung in's Land der Freyheit zu bewundern. Ich gehe, stehe still, esse, trinke,, schlafe, wenn, wie und wo mir's behagt. O! gewiß, ich wäre ern Thor gewesen, zu Hause zu bleiben, wo ich immer nur thun mußte, was Andere wollten. Jett ist es sechs Uhr. Nun muß Wilhelm, der Sklave, aufstehen, muß seine langweiligen Bücher ergreifen, Vokabeln und der Himmel, weiß was lernen, bis ihm die Schweißtropfen auf der Stirne stehen; um nenn Uhr erhalt er erst seine Milchsuppchen! Und ich? Juchhe! ich hüpfe umher, esse ungestört meinen saftigen Schinken und lebe frey, wie die Vogel unter dem Himmel. " Während dieses Selbstgespräches fieng Tarro an, gewaltig zu bellen. Karl fuhr zusammen, blickte empor und sah einen Kerl auf sich zukommen, der statt des Grußes dem zähnefletschenden Hunde emen dichten Knvtenstock über den Rücken schlug und ihn selbst mit großen Augen vvm Haupt bis zur Sohle so scharf ansah, als wenn er ihn durchblicken wollte. Zum erstenmale fühlte jczt Karl das Unangenehme seiner Lage. Furcht ergriff ihn. Denn -er Unbekannte, -er in emcm zerrissenen Svb- datcnrvcke fleckte, halte sehr wenig Anziehendes in seinen Gesichtszügen und in seinem Acnßcrcn überhaupt. Zitternd und mit stotternder Stimme lud ihn endlich Karl rum Frühstücke ein. Die Einladung ward, ohne daß sie wiederholt werden durfte, sogleich angenommen. Der Unbekannte warf sich. nieder in's Gras, sah behaglich auf die Bruchstücke des Schinkens bin, zog eine Feldflasche aus seinem Tornister und sagte mit grinsenden: Lächeln: „ Wir wosi len uns gütlich thun. Ich esse mit dir, Junge, und du trinkst mit mir, dann sind wir beyde berathen. Der Wein in meiner Fasche ist trefflich, du darfst mir's glauben.'" Karls Angesicht erheiterte sich bey diesem leckenden Antrage. Ich habe mich, dachte er, doch nicht getauscht, daß man mich überall mit mehr Liebe und Güte behandeln würde, als zu Hanse. Der Fremde hier, de? mich kaum sah, und der, aus seinem Anzüge zu'schließen, sehr arm zu seyn scheint, will seinen Wein, seinen köstlichen Wein imt mir theilen. Wie werden mich nicht erst reiche Leute, Leute, die mich naher kennen, aufnehmen! O: ich bin ein Glückskind! Wahrend Karl mit dem Traume seines künftigen Glückes sich' einwiegte, hatte sein Gast, der w-ohi lang kein so gutes Mahl genossen haben mochte. schon den tteberrest des Schinkens verschlungen, ruin großen Aerqer des kleinen Mannes, der gerne noch etwas davon auf den Mittag bewahrt hätte. Allein er, der sonst nie den Ausbruch eines Mißvergnügens ru unterdrücken gewohnt war, wagte es nicht, etwas ru sagen, und suchte nur stillschweigend durch einen Schluck aus der Flasche sich zu trösten. Aber Pich! wie verzog er den Mund, als er kaum genippt hatte! Denn der sogenannte trefliche Wein war das herbste, bitterste Getränke, welches man je noch aus Trauben gepreßt hatte. Der Unbekannte that, als ob er es nicht bemerke. Endlich fragte er seinen Gesellschafter: wohin er zu reisen gedenke. Rarl. Gerade auf dieser Straße fort. Der Unbekannte. Gut! Ich gehe den nehmlichen Weg. Es ist der bcßte und kürzeste nach der Schweiz. Rarl. Wie? Ihr geizet in die Schweiz? „ Wenn Ihr es erlaubtet, so wollte ich Euch wohl begleiten. . . . Der Unbekannte. Warum nicht? Obnedteß scheint mir's, du habest noch keine weiten Reisen gemacht! Nicht wahr? Gut! Ich will also dein Wegweiser seyn! 6z Wie froh war Karl, einen Gefährten gefunden zu haben, der ihm so gefällig schien. Leichten Sinnes trabte er neben demselben einher und erzählte ihm offenherzig: Dass er dem väterlichen Hanse entlaufen sey. Dabey vergaß er nicht, seiner Uhr und einiger anderen Dinge von Werth zu erwähnen, die er weislich zu sich gesteckt habe. Der Fremde lächelte boshaft bey dieser Erzählung. Aber Karl hielt es für ein Lächeln des Beyfalls. llm die Mittagzcit kamen die Reisenden in eine Dorfschenke. Der Fremde bestellte sogleich ein gutes Mittagsmahl für sich und den jungen Herren, irr dessen Diensten er stehe. Welche Freude für unseren Helden, in dem Gasthofe als Herr eines Bedienten Zu erscheinen! Aber bald verwandelte sich das augenblickliche Vergnügen in Verdruß. Denn der sogenannte Bediente griff nicht nur zuerst in die Schüßeln, sondern verschlang auch, den größten Theil dessen, was man auftischte, niit solcher Behendigkeit , daß Karl noch hungerte und dürstete, als er aufstand. Aber noch nicht genug/ Er mußte nun auch auf den Befehl seines Führers die ganze Zeche bezahlen, zu welcher all seine Vaarschast nur zur Noth hinreichte. Voll inneren Grimms beschloß er jczt, bey der ersten Gelegenheit von einem so ungerechten usd 64 theuren Gefährten sich zu trennen. Indessen wagte es doch eben so wenig, als des Morgens, seinen Zorn zu äußern. Ruhig zogen also beyde ihre Straße fort, bis zur Abenddämmerung, wo der Fremde endlich in einer elenden Schenke, die in der Mitte eines dichten Waldes lag, einkehrte, um hier die Macht zuzubringen. Karl vergaß über der Hoffnung, Hier eine gutbereitete Mahlzeit zu finden, seinen Groll, und selbst die Unreinlichkeit, die er überall erblickte, schien ihm kaum aufzufallen. Aber wieder betrog er fich. Statt einer kraftvollen Suppe brachte man ein Gemengsel von schwarzem Brod und siedenden Wasser, auf welchem an der Stelle der Acug- . lein des Fettes ein Heer von Fliegen schwamm; . dann ward ein Stück, schon rum Theil in Fäulung übergegangenen Speckes aufgeschüßelt, dessen Anblickt» rum Erbrechen reizte und mit einem Käse, den Würmer durchlöchert hatten, ward die Mahlzeit gekrönt. Abgestandenes Bier, das dem Pfüzenwasscr glich, war der Trank bey diesem Schmause. Karl zwang sich zu essen und zu trinken. Aber, so sehr ihn auch hungerte und dürstete, so vermochte er's doch nicht, den Eckel zu überwinden. Eine Thräne kam ihm in's Auge und schwer fiel ihm der Gedanke aufs Herz: So wär's nicht im Hause meines Vaters. Ermüdet durch dte werte Reise, forderte er ein Bette. 6S Bette. Aber... neues Ungemach! Alte Betten im Hause waren schon von Bauern, welche Gctraide in die Schweir führten und hier übernachteten, brsezt. Man breitete also in einem abgelegenen, dunkeln Winkel des Hauses einen Bund Stroh auf den Boden, und der Wirth leuchtete den Reisenden dahin, mit der Versicherung: Sie werden eben so gut hier schlafen, als in weichen Federbetten. Karl seufzte, legte sich nieder und schlief ein; Sein Gefährte legte sich neben ihm nieder und entschlief — nicht! Indessen hatte Karls Entfernung in dem väterlichen Hause eine große Bestürzung veranlaßt. Denn der großen Fehler ungeachtet, die ihm den verdienten Haß aller anderen Menschen zuzogen, liebten ihn seine Aeltern mit inniger Zärtlichkeit. Man fürchtete: , er habe eine Drohung, die er bey jeder ernsten Strafe wiederhohlte, erfüllt und sich in's Wasser gestürzt. Die Schleußen des nahen Teiches wurden eröffnet, und überall in die Nahe Boten ausgesendet. Erst bey der Bemerkung daß Taschenuhr, Schnallen und der Hund zugleich mit ihm verschwunden seyen, ward man überzeugt, daß er — nur entflohen sey. Aber welchen Weg er genommen habe, dieses konnte man weder vermuthen noch erfahren. O hatte der Flüchtling den Kummer seines Vaters, die Thränen seiner Mutter gesehen, gewiß er würde nicht mehr an der E 66 Liebe derselben gezweifelt und vielleicht, endlich einmal gerührt, sich geändert, sich gebcßert haben. Aber wahrend seine Aeltern eine bange, sorgende Nacht durchwachten, schlief er auf seinem Strohlager ruhig fort, bis die Sonne hoch am Himmel stckiid. Endlich raste er sich auf, rieb die Augen, sah umher und vermißte seinen Gefährten; Er griff in die Tasche , um nach der Uhr zu sehen, und vermißte die Uhr; er wollte in der Hast die Schuhe anziehen, und vermißte die silberne Schnallen; Der Angstschweiß trof ihm von der Stirne. Er wollte ihn abtrocknen und vermißte sein Taschentuch. Er suchte seinen feinen Kastorhut und fand statt dessen die weiße Müze von grobem Tuche, mit gelbem Gebrä- me, welche sein Gefährte an^ vorigen Tage getragen hatte. Er gieng in die Wirthsstube, rang die Hände, erzählte mit tausend Thränen: er sey bestohlen worden , und ein sportliches Gelächter war der Trost, den er hier erhielt. So viel konnte er indessen doch aus den Erzählungen der Dienstboten, die um Mitternacht ein Geräusche und das Knarren der Hausthüre gehört hatten, schließen: Daß Niemand, als sein Begleiter, den man einen bekannten Gaumer nannte, ihn beraubt und dann mit der Beute sich davon geschlichen habe! Um den Jammer zu vergrös- 6 ? fern, forderte nun der Wirth noch mit Ungestümm die Bezahlung für das Nachtessen. Vergebens erklärte Karl: er habe nicht einen Heller in der Tasche; Er sey unglücklich genug, daß man. ihm Uhr und Schnallen m diesem Hause gestohlen habe- Der Wirth achtete weder der Bitten noch der Thränen. » Bezahlt will ich seyn, rief er mit gräßlicher Stimme, und schlug mit geballter Faust auf den Tisch; Bezahlt will ich seyn! Das wäre mir eine schöne Wirthschaft, wenn ich alle Landstreicher umsonst füt lern sollte! Am Ende müßt' ich selbst betteln. Nichts! Wärst du mit ehrlichen Leuten gegangen, nicht mit Schelmen, so wäre dir dieses Unglück nicht begegnet. Aber gleich und gleich gesellt sich gerne. Kurz! Entweder Geld oder ich ziehe dir den Rock aus!" Weinend gab Karl endlich dem Wirthe eine Halsbinde von feiner Mousscline und sein Stückchen von Bambusrohr mit goldenem Rcifchen statt der Zeche hin, und — nun konnte er, nüchtern und traurig, seine Strasse weiter riehen. Er that es, aber mit ganz anderen Empfindungen, als am vorigen Tage. Er war nicht mehr der stolze Knabe, der zu sich selbst sagte: »Ich lebe frey, wie die Dögel unter dem Himmel, bin mein eigener Herr und thu nur, was mir behagt." Die Erfahrung, die so Manchen schon bekehrte, der auf Lehren und Vor E 2 68 stelluugen nicht achten wollte / begann/ auch an ihm ihre große Kraft zu beweisen. Mit gesenktem Haup. te sezte er sich / als er kaum hundert Schritte weit gegangen war/ unter emcm Baume nieder und überdachte zum er-kenmal seine Lage/ fühlte zum erstenmale : daß er thöricht nnd leichtsinnig gehandelt habe/ das Haus seiner Aeltcrn zu verlassen. Wie? dachte er bey sich selbst, wenn ich zurückkehren, ihre Vergebung suchen und besser werden würde? Vielleicht würden sie mich wieder aufnehmen. . . . Schon stand er auf, um heimzukehren. Aber plvzlich erwachte wieder sein Stolz. „ Wenn auch meine Achtern mir verzeihen, sagte er m seinem Herzen, so werden doch. andere Leute meiner spotten. Mit Fingern wird man auf mich zeigen. Die Kinder werden mir nachrufen: Da geht der Entlaufene. Nein! ich kann, ich will diese Demüthigung nicht erdulden, und sollte ich noch tausendmal unglücklicher werden, als ich schon bin!" Der Stolz siegte über die Reue, und Karl sezte, obgleich mürrisch und unzufrieden mit sich selbst, seine Reise fort, bis er für Ermattung und Hunger kaum mehr zu gehen vermochte. Thränen traten ihm wieder in die Augen. Aber Thränen stillen den Hunger nicht. Der Unglückliche riß Gras ab und kaute es. Endlich fand er in der Tasche seines Oberrockcs eine harte B«dkrummc. Ha 69 stlg nahm er sie heraus, weichte sie ein in dem Bachlein, welches an der Strasse hinströmte, und verzehrte sie, während er mit Sehnsucht und Weh- muth an die vollen Schüsseln in seinem väterlichen Hause dachte. Lange sah er so, trüben Blickes, vor sich hin. Tarro, der nicht weniger Hunger hatte, forderte inzwischen unaufhörlich, bald winselnd, bald klirrend Brod. Aber Karl gab ihm voll Mißmuths, statt seines Antheils an der Brvdkrumme, einen heftigen Stoß in die Seite, und gieng weiter. Der Hund hingegen, der diese Behandlung nicht gewöhnt war, kehrte um, und fand glücklicherweise wieder den Weg nach Hause. Irrt war Karl ganz allein. Seinen einzigen lezten Freund hatte er mit Füssen von sich geflossen und bald machte er die sehr richtige Bemerkung: daß er verdiene, von der ganzen Welt verlassen zu werden , weil er immer des Bösen viel und des Guten sehr wenig gethan habe. »Alle Lehren, alle Warnungen, alle Vorstellungen, die man ihm ehemals über sein Betragen und die Folgen derselben gemacht hatte, giengen ihm nun nach einander durch den Kopf, bis ihn der Anblick eines Dorfes in seinem Nachdenken stöhrte. An dem ersten Hause, zu welchem er kam, war eine Tanne anfgestellt, rum Zeichen : daß es eine Schenke sey. Karl, dessen Hun- 7v ger durch die Brodkrumme nur noch mehr erweckt/ nicht gestillt worden war, gieng hastig darauf zu, »og vor der alten Frau, welche als die Wirthin sich ankündigte, ehrerbietig die Müze ab, und fragte mit schüchterner Stimme: Ob er nichts zu essen haben könne. Die Wirthin. Warum nicht? Suppe, Fleisch, Gemüse. . . . Alles steht beym Feuer. Rarl. Aber, gute Frau, ich habe kein Geld. Die Wirthin. Kein Geld? Das ist schlimm! In diesem Falle habe ich auch nichts zu essen für Ihn. Rarl. Und mich hungert so sehr! Muß ich also sterben, weil ich kein Geld habe? Die Wirthin. Warum arbeitet Er nicht? Wer arbeitet, erhalt Geld. Rarl. Aber... ich verstehe keine Arbeit. Die Wirthin. Desto schlimmer. Wer nicht arbeitet, verdient auch nicht zu essen. Rarl. In Gottes Namen, so muß ich eben sterben, weil mir Niemand zu essen geben will. Thranenströme rollten ihm die Wangen herab, als er dieses sagte. Indessen erinnerte er sich, daß der Wirth in der Waldherbcrge statt Geldes eine Halsbinde rc. angenommen habe, und ängstlich frag' ie er die Alte: ob sie ihm auch für seinen Obrrrock — er war von feinem Tuche — kein Mittagessen geben würde 7 ,, Warum nicht, antwortete die Schlaue lächelnd, während ihre Augen und Hände das Kleid scharf untersuchten. Und damit Er sieht, daß ich's redlich mit ihm meyne, so gebe ich Ihm noch Nachtessen und Nachcherbcrgc obendrein! Die Betrügerin! Sie hätte noch gewonnen, wenn sie ihn für acht Tage lang dafür unterhalten haben würde. Aber Karl kannte den Werth seines Kleides nicht, und mit Freuden hätte er es um ein Stück Brod hingegeben, so sehr folterte ihn der Hunger. Am Morgen des folgenden Tages steckte ihm die Alte noch ein kleines Stück Brod in die Tasche und gab ihm die Lehre auf den Weg: Er solle Arbeiten lernen, weil für Müßiggänger kein Brod wachse." So begann Karl den dritten Tag seiner aben- theuerlichen Wanderschaft. Um ein Mittagessen und einen halbzerrissencn, leinernrn Kittel, wie die Kinder der Landleute tragen, mußte er sein Röckchen und seine Weste hingeben, und als es Abend war, hatte er nichts mehr, weder ru essen noch ru verkaufen. Zitternd klopfte er an einem Pächterhause, welches er beym Untergang der Sonne erreicht hatte, an und bat um ein Nachtlager. Die Pächterin, ein junges, gutmüthiges Weib, gewährte ihm dieses, und befahl einer Magd, ihn in den Stall ru führen und ihm ein Lager von Stroh ru bereiten. Karl faß- 7r te Muth und bat , man möchte ihm um Gottes willen auch etwas zu essen geben. Diese Bitte wurde ebenfalls erfüllt. Man wärmte ihm eine Suppe von schwarzem Brode, welche die Dienstboten übrig gelassen hatten, und hieß ihn, als er dieses kärgliche Mahl aus einem hölrernen Löffel genossen hatte, m den Stall gehen. Während er für diese Wohlthat dankte, betrachtete ihn die Pächtcrin genauer. Der Knabe gefiel ihr. Junge, sagte sie, es wäre wohl vernünftiger, du würdest arbeiten, als dein Brod vor fremder Leute Thüren suchen. Rarl. Ihr irrt Euch, licbe Frau, ich bin kein Bettler. Die päclncrin Nicht wahr, du bettelst nicht, aber nimmst, was man dir giebt? Je nun, es ist gleich viel.- Immer mußt du arbeiten, wenn du essen, und essen, wenn du leben willst. Hast du zur Arbeit Lust, so kannst du hier bleiben. Ich brauche emen Hirten - Jungen ! Hirtenjunge werden? sagte er halblaut und wie Fieberfrost fuhr es ihm durch alle Glieder. Eine solche Demüthigung hatte er nicht erwartet und doch mußte er sich selbst gestehen, er habe durch seinen Ungehorsam und seine Flucht zekenfach verdient. Allein ln dieser Lage hatte er nur eine Wahl. Er mußte, so sehr es chn schmerzte, entweder Pas Anerbieten an- 75 nehmen, oder — nach Hause'zurückkehren. DaS kerkere wollte er nicht, weil er den gerechten Spott der Menschen fürchtete. Er wählte also das Erstere, und ward sogleich in das, für den Hirten - Jungen bestimmte Bette, das heißt, auf einen Strohsack gelegt, über welchen ein Decke von grober Wolle ausgebreitet war. Am anderen Morgen, als kaum die Sterne verschwunden waren, stand schon die Magd vor seinem harten Lager, befahl ihm aufzustehen, und wies ihn an: den Dünger unter den Kühen hervorzuziehen und die Schweife derselben abzuwaschen. Hier war sein Lieblingsspruch: „Ich will nicht, will durchaus nicht! " unanwendbar. Er mußte, wie die Alte gesagt und eine kurze aber traurige Erfahrung ihn belehrt hatte, entweder arbeiten oder Hungers sterben. Mit Thränen m Auge, die er aber sorgsam verbarg, that er, was die Magd ihm befahl, und dachte dabey an den Unterschied zwischen diesen Befehle» und den Befehlen seiner guten Mutter, und zwischen diesen eckelhaften Arbeiten und jenen angenehmen und nüilichen Beschäftigungen , zu welchen ihn sein wackerer Vater anhalten wollte. Als der Stall gereiniqet war, erhielt der neue Hirtenjunge ein großes Stück Waizenbrod und einen Lopfzmit Milch, die ihm ruin Mittage Essen dienen 74 ' sollte, und nun trieb er die Heerde auf die Waide, unter mancherley Betrachtungen über sein Schicksal. Als er Abends nach Hause kam, mußte er, ob er gleich äußerst müde war, noch einige andere Geschäfte verrichten, und er that es, so schwer es ihm fiel, ohne Murren. Ueberhaupt hatte ihn das Unglück in kurzer Zeit so folgsam, so geschmeidig gemacht, daß ihn jene, welche er vorher durch seinen Ungehorsam und seine Unarten so oft beleidiget hatte, nicht mehr erkannt haben würden. Auch gewann er dadurch die Liebe der Pachterin so sehr, daß sie ihn bald, wie ihren eigenen Sohn behandelte. Indessen verglich er doch immer seine gegenwärtige, mühevolle Lage mit dem ruhigen, angenehmen Leben, das er im väterlichen Hause geführt hatte, und der Gedanke wieder dahin zurückzukehren, mußte sehr natürlich oft in ihm aufsteigen, und endlich zum Entschluß werden. O, sagte er in seinem Herzen, meine Aeltern find gut; Sie werden mir vergeben, und strafen sie mich auch... in Gottes Namen, ich hab' es ja verdient, zeben-und zwanzigfach verdient. Wenn ich gut werde, wie Wilhelm, fleißig und gehorsam bin, wie er, werden sie mich auch lieben, wie ihn. Denn — je mehr ich nachdenke, desto mehr finde ich, daß ich von Allem, was ein gesittetes, braves Kmd thun soll, gerade das Gegentheil that. Ja, 75 ich will zurückkehren und Allem mich unterwerfen. Sein Herz ward ruhiger, sobald er diesen Entschluß gefaßt hatte. Noch am nehmlichen Abend entdeckte er der menschenfreundlichen Pächterin seinen Namens seine Flucht, die Unglücksfälle, welche er erduldet habe, und seinen Wunsch, wieder heimzukehren. Die gute Frau bestärkte ihn nicht nur in seinem Entschlüsse, sondern gab thm auch manche mütterliche Lehren, die tief in scm nur leichtsinniges, nicht ganz verdorbenes Herz sich eindrückten. Die ganze Nacht hindurch konnte Karl kein Auge schließen und als er das Zwitschern der Schwalben hörte, die den kommenden Tag verkündeten, stand er schnell, frohen Sinnes auf, nahm Abschied von der guten Pächterin, die ihm einen mütterlichen Kuß auf die Lippe und einen halben Thaler in die Hand drückte, dabey aber auch nicht vergaß, einen kleinen Vorrath von Obst und Brod in seine Taschen zu pake» , und so gieng der kleine Flüchtling, an nüzlichcn Erfahrungen reicher und voll guter Entschlüsse, den Weg wieder zurück, welchen er gekommen war. Am Abend des dritten Tages war er nur eine kleine Viertelstunde von seiner Heimath entfernt. Vergoldet von den lezten Strahlen der untergehenden Sonne schimmerte ihm die Windfahne von dem Giebel des väterlichen Hauses entgegen. Starker schlug ihm das Herr. Alle bösen Handlungen,'welche er seit einem Jahre begangen hatte/ stellten sich jert seinem Gedächtnisse dar und ängsteten ihn über die Art/ wie er empfangen werden würde. „ Gott im Himmel/ seufzte er und faltete die Hände, Gott im Himmel, erbarme dich meiner. Ich habe meinen Vater und meine Mutter beleidiget. Aber ich will es nicht wieder thun. Sey du mit mir, wenn ich vor thuen erscheine!« Und leichter ward ihm um's Her;. Doch wartete er noch, bis es dunkler wurde. Dann schlich er leise, wie er entflohen war, sich in das Haus, und verbarg sich, ohne daß Jemand ihn bemerkte, hinter einem Schranke im Speisezimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war. Hier wollte er hören: ob man nicht etwa von ihm sprechen würde und ob seine Aeltern so erzürnt seyen über ihn; dann erst wollte er hervortretten und ihnen zu Füssen fallen. Mach wenigen Augenblicken sezte man sich zu Tische. Wenig wurde gesprochen. Nur einige Seufzer hörte Karl und Thränen traten ihm in's Auge, weil er fühlte: daß wohl Niemand Anderer, als er, die Ursache dieser Seufzer seyn könne. Endlich fieng Frau Wagner an: Wo auch jezt unser armer Karl seyn mag? Heute sind es gerade vrrrzehen Tage, daß er sich entfernte . . . vierzehen lange kummervolle Tage! 77 Wilhelm. Wenn ihm nur kein Unglück kegeg- „et ist! Ach, ich habe ihn lieb, wie mein Leben. Herr Wagner. Unglück ist eine harte, aber nüzliche Schule. Vielleicht lernt er in dieser, was er in unserer Schule nicht lernen wollte. Frau Wagner. O, das gebe Gott! Wie innig will lch lhn wieder an mein Her; drücken, wenn er gebeßert zurückkehrt. Herr Wagner. Auch ich will dann der schlaflosen Nachte vergessen, die er mir verursachte. Zärtlich liebte ich den Knaben. Nur seine Unarten haßte und bestrafte tch. Besser, er klage jezt über Härte, als einst üher Derzärtlung. ^ Frau Wagner, ylber... wenn er nicht wieder zurückkäme ? Wenn die Furcht vor der Strafe ihn abschreckte? Herr Wagner. Die Noth wird stärker seyn, als die Furcht. Auch hab' ich bereits an meine Freunde, in der Nähe und in der Ferne geschrieben, und den Knaben genau geschildert. Vielleicht ist erhall) wieder in unseren Armen. Wilhelm. O, ich träumte heute Nacht; Er sey wieder zurückgekommen . . . sey mir um den .Hals gefallen; sey ... Wilhelm hatte noch nicht ausgeredet, als Karl, mit glühendem Gesichte hervorsprang , zu den Füssen seiner Aeltern niederstürzte. 78 ihre Vergebung erflehte / und mit Herzlichkeit versprach : sie nie wieder zu beleidigen oder ;u kränken. Herr Wagner und seine Gattin konnten kaum sich fassen/ so sehr hatte diese unvermuthete Erscheinung sie überrascht. Schweigend drückten sie den Wiedergefundenen an's Herr. Wilhelm aber sprang hoch empor für Freude / eilte hinaus und verkündete den Dienstboten die Rückkehr seines Bruders. Werden Sie mich aber auch wieder lieben können ? fragte Karl endlich mit gerührter Stimme seine Aeltern, als sie sich erhvhlt und die Geschichte seiner Entfliehunq / seiner Unglücksfälle und Erfahrungen angehört hatten. Ich verdiene freylich Ihre Liebe noch nicht. Aber ich will suchen/ sie durch gute Sitten/ durch Gehorsam, Fleiß und Verträglichkeit zu verdienen, will auf alle Ihre Winke achten, will brav und rechtschaffen werden, wie Wilhelm. Ach! ich weiß nun, daß Sie es gut mit mir meyn- ten, selbst wenn Sie mich bestraften. Aber ich will nun auch nicht ruhen, bis sie vollkommen mit mir zufrieden sind." Und er hielt Wort, gegen die Gewohnheit so mancher'Knaben und Mädchen, die, wenn sie für Fehler gestraft werben, mit Thränen versprechen, sich zu beßern, und in wenigen Tagen, oft in wenigen Stunden eben diese Fehler wieder begehen. 79 Freylich kostete es ihm Mühe und Anstrengung, die bösen Gewohnheiten, deren einige ihm beynahe rur Natur geworden waren/ ganz zu entsagen. Aber... er überwand sie doch nach und nach, weil er da;» den ernstlichen Willen hatte. Und ... glaubt mir, Kinder, Alles wird Euch gelingen, wenn Ihr es nur recht ernstlich wollet.' — Oft, noch in späteren Jahren segnete Karl das Unglück, durch welches er auf den Pfad der Rechtschaffenste» und guter Sitten zurückgeführt worden war. Fühlte er einen Hang zur Trägheit... schnell dachte er an das Wort der alten Wirthin: Wer nicht arbeitet, verdient auch nicht zu essen, und er ruhte nicht, bis seine Arbeit gethan war. Fiel es ihm schwer, Befehlen, die man ihm gegeben hate, zu gehorchen . . . schnell stellte sich ihm der Pachthof dar, wo er mit Geschmeidigkeit selbst den Befehlen einer Magd hatte gehorchen müßen, und er that ohne Murren, was man ihm aufgetragen hatte. Hatte er einen Anfall von Lüsternheit, von Naschbegierde, von Mißbehagen an den Speisen, die man ihm auftischte . . . schnell erinnerte er sich der traurigen Lage, in welcher er Gras kauen mußte, um den Hunger zu stillen und mit Zufriedenheit genoß er, was ihm vorgesrzt wurde. Hörte er ein Kind, das über seine Aeltcrn, über die Strenge derselben klagte, und den thörig- 8o ten Wunsch äußerte/ fsrne von ihnen zu sey» / so erzählte er ihm seine Geschichte und endete immer mit der Ermahnung: „ Seyen deine Aeltern auch noch so strenge, liebe sie, gehorche ihnen, verlaß' sie nicht, denn bessere, liebevollere Freunde, als sie sind, findest du nirgends." VI. Kaspar aus dem Entlebuch. Nach I^'orßusil pum in: Llbliotkeyu» «jer Villsgez, ^>sr Lerquin. A 4 8Z - 5 - VI. Kaspar aus dem Entlebuch. -vHn dem schweizer'schen Kanton Luzern liegt das Enk- lebuch, e»ne Landschaft/ die von einem schönen, kraftvollen, freyen, verständigen Hirtenvolke bewohnt wird, einem Volke, welches in Sitten und Gesinnungen zeigt, daß der alte Stamm der biederen Schweizer noch nicht ganz ersterben sey. Unter diesem Volke, das seine vielen Vorzüge nur durch einen übertriebenen, oft in Hochmuth ausartenden Stolz zuweilen verdunkelt, ward Raspar Schlüpfer geboh- ren, ein Knabe voll schöner Anlagen, die schon frühe sich zeigten und sehr schnell sich entwickelten. An einem Alter, wo andere Kinder kaum noch die Sylben radebrechen, konnte er schon mit Fertigkeit lesen, und schreiben und rechnen lernte er beynahe spielend. Diese Fortschritte seines glücklichen Talents erwarben ihm bald die Liebe der Lehrer und die Bewunderung der Schüler. Aber das Lob, das man ihm allzufrey- gebig ausspendete, legte auch zu gleicher Zeit den F 84 Keim des Stolzes in sein Herr, und dieser Keim, den man zu spät erst zu unterdrücken suchte, schlug mit jeder neuen Kenntniß, jeder neuen Geschicklich- kcit, durch welche Kaspar sich auszeichnete, liefere Wurzeln. Die Liebe sur Schule erlosch freylich bald in dem lebhaften feurigen Knaben. Lieber kletterte er, gleich der Gemse, auf die Zacken hoher Felsen, oder übte sich im Bogenschießen und im Ringen, und auch in diesen körperlichen Uebungen übertraf er bald alle seine Altersgenossen. Dabey war er ein schöner, schlanker Junge, von blühender Gesichtsfarbe, ncrvigt und stark, reinlich in seinem Anzüge und mit Wohlgefallen verweilten die Augen der Vater und Mütter auf ihm. Allein mit Mißvergnügen wendete man die Augen wieder von ihm hinweg, wenn man hörte, wie stolz er von sich und seinen Vorzügen, und wie verächtlich er von allen andern Menschen dachte und sprach. Oft sagte ihm der rechtschaffene Pfarrer, der ihn wie einen Sohn liebte: „Daß man durch Stolz und Hochmuth sich selbst und Anderen rur Last werde, und daß geschickte Leute nur desto mehr geschärt und geliebt würden, wenn sie bescheiden seyen, und mit lkrcn Vorzügen weder prahlen noch sich um derselben willen für höhere Wesen hal ten, als Andere." Aber ohne Wirkung blieb jede Vorstellung. AlS nun Kaspar achtrehen Iahte alt 85 war, da wurde er ihm ru enge in seinem schönen Vaterlande. Gerstenbrod und Käse schmeckten ihm nicht mehr. Der Tsthope (Oberrock) von schwarz- brauner Wolle schien ihm zu grob. Die Laschensckuhe drückten ihn; die einfache Melodie des Kühreyhcns machte ihm Ohrenwrh. Er wollte hinaus in die weite Welt, und dort höheres Glück und eine glänzendere Belohnung seiner Verdienste zu suchen, welche man, wie er glaubte, in dem Entlebuch nicht nach Wür- den scharte. Doch sollte, ehe er abrcisete, daß Volk noch ein Meisterstück seiner Körperstarke und Gewandtheit sehen und bewundern. Ein Schwingftst ") war angeordnet. Aus dem Emmenthale, dem Gran;« lande der Kantons Bern gegen den Kanton Lmern, kamen zehen stattliche Kampfer, um mit eben so vielen Entlebuchern zu ringen. Der Preis war ein milchweißes, mit Bändern geschmücktes Lamm. Kaspar stand, als Meister im Schwingen, an der Spize der Entlebucher. Der Sieg konnte ihm, nach dem Urtheile seiner Eigenliebe, unmöglich fehlen. Mit *) Schi» in g c n (Ringen) ist eine Leibesübung der Jünglinge in dem Entlebuch und dem Emmenthale. ES hat seine besonderen Handgriffe und Gescze. Wer zwcymal auf den Rücken niedergeworfen wird, muß seinem Gegner den Sieg zugestehen. (Siehe Skaldcrs Fragmente über das Entlebuch.) 86 stolzen Blicken erschien er auf -er reizenden Wiese, welche zum Kampfplaze bestimmt war. Neugierige Zuschauer bildeten einen Kreis umher, und harrten ungeduldig dem Aufrufe zum Angriffe entgegen. Endlich traten, nach den Gesczcn des Schwingens, zuerst die zween Schwächsten unter den Jünglingen hervor. Ihre Beinkleider waren aufgerollt bis zum Gurt, die Acrmel der Hemden bis hinter die Ellenbogen gewunden. Ein Taschentuch hielt ihre Haare zusammen. Sie reichten einander die Hände, versprachen, den Kampf in Freundschaft anzufangen und ru enden, und rangen so lange, bis der Entlcbucher erlag. Der Reihe nach ward nun fortgcrungen. Der Sieg schien endlich auf die Seite dcr Emmentbaler sich zu neigen. Drey der gewandsten, kraftvollsten derselben standen noch im Kampfkreise, und von den Entlebuchern nur einer noch, der stolze Kaspar. Um Sieger zu seyn, und das Lamm zu erringen, mußte er jene drey niederkämpfen. Daß er unterliegen könne, daran dachte er nicht einmal. Vielmehr maß er seine Gegner mit so verächtlichen Blicken, als würde er es mit sehen, nicht blos mit dreyen aufnehmen. Aber... Stolz kömmt vor dem Falle. Schon der zweyte Emmenthaler schwang ihn mit solcher Kraft und Behendigkeit, daß er zwey' mal zur Erde fiel und seinem Gegner den Sieg zugestehen mußte. Ein allgemeines Jauchzen, von lau tem Händeklatschen begleitet, tönte durch die Lust. Denn unter allen Zuschauern war auch nicht ein Einziger, der sich nicht freuete, daß der stolze Jüngling einmal seinen Meister gefunden habe. Aber, wie vom Blize getroffen, stand Kaspar da im Kreise. So war sein Stolz noch nie gedemüthiget worden. Er weinte für Aerger, weigerte sich, an dem ländlichen Schmause der Schwingergescllschaft Antheil zu nehmen, schlich beschämt nach Hause, machte seinen Bündel, und verließ das schöne Entlebuch, um im Aus- lande Kriegsdienste zu suchen. Er ließ sich also in Konstanz als Soldat unter die östreichischen Truppen anwerben. Da er gut gewachsen, in allen Leibesübungen geschickt und gegen alle Beschwerden abgehärtet war, auch schreiben und lesen konnte, so ward er in kurzer Zeit Unteroffizier. Jezt erwachte der Stolz, den er als gemeiner Soldat nicht zeigen durfte, aufs neue, und verleitete ihn zu mancher Härte gegen seine Untergebenen. Indessen hatte er in dem Kriege gegen die französische Republik so viele Beweise der Unerschrockenheit und des Muthes gegeben, daß er nach wenigen Jahren zu der Stelle eines Offiziers befördert wurde, eine Beförderung, die seinen Stolz und seine Verachtung gegen Andere ' noch weit höher trieb. Die übrigen Offiziere flohen deswegen seinen Umgang, und^ wenn sie auch den 88 Muth und die Tapferkeit der jungen Ma:-:ner preisen, so vergaßen sie doch nie, jenes Fehlers mit Bitterkeit und Abscheu zu erwähnen. Dessen ungeachtet erhielt Schlüpfer doch nach einer ruhmvollen That, durch welche er sich bey der Belagerung der Beste Kehl ausgezeichnet hatte, rur Belohnung eine Hauptmannsstelle. Als die Nachricht von dieser Beförderung in das Entlebuch kam, beschlossen Schlüpfers Bruder: ihn mit einem Besuche zu überraschen und nach langer Abwesenheit einmal wieder an ihre redliche Schweirerherzen zu drücken. Wie wird er sich freuen, sagten sie zu einander, wenn er uns so unvcrmuthet, wie aus den Wolken gefallen, erblickt. Unsrer scha, men darf er sich nicht. Wir sind rechtschaffene Männer, und rechtschaffene Männer sind überall geehrt. Dre guten Leute dachten nicht daran, daß der Stolz, wenn er recht tkrf gewurzelt ist, sogar die Bande der Natur zerreißt und die süßesten Empfindungen des Herzens erstickt.' Aber bald erfuhren sie dieses. Eben ließ Hauptmenn Schlüpfer seine Soldaten exerciren, «ls sie m Lörrach, wo das Regiment lag, ankamen. Stillschweigend sahen beyde zu, bis die kriegerische Uebung vorüber war; dann naheten sie sich treuherzig ihrem Bruder, und wollten ihm, im Ausbruche der reinsten Freude, um den Hals fallen. Mer wie persteint standen sie da, das Wort erstarb ihnen auf 89 der Lippe, als Kaspar sie mit Tror'von sich stieß, sie ru kennen läugnete und ihnen endlich drohcte, sie als Betrüger auf die Wache sezen zu lassen, wenn sie ferner behaupten würden: Er sey ihr Bruder! Die Offiziere und Soldaten, welche Zeugen dieses schändlichen Auftrittes waren, konnten kaum sich fassen für Aerger. Sie gaben, als der stolze Hauptmann sich entfernt hatte, den erstaunten Drüdern Beweise wahrer Theilnahme. Besonders murrten die gemeinen Soldaten sehr laut. »Wie? sagte» sie, unser Hauptmann schämt sich, der Bruder rechtschaffener Landleute ru seyn? Er sollte sich's vielmehr zur Ehre rechnen, daß er durch sich selbst, nicht durch vornehme Geburt das ward, was er ist. Aber nur Geduld ! Nimmt ihm einst eine Kugel Arm oder Bein hinweg, dann wird er froh seyn, wenn ihn seine Brüdcr in ihre Alpenhütten aufnehmen!" Bisher hatten die Soldaten den Stolzen nur gehaßt, jezr verachteten und verabscheuet?» sie ihn, und alle wünschten , daß er vom Regimente entfernt werden möchte. Und schon nach wenigen Monaten ward dieser Wunsch erfüllt. Schlüpfer erhielt von seinem Generale, in Gegenwart anderer Offiziere, einen sehr derben Vcr weis, daß er einige Unteroffiziere, welche bey dem ebcnerjähltcn Auftritte ru laut ^gesprochen hatten, 9 -> täglich mißhandle und auf eine grausame Art verfolge. Der General , ein würdiger Greis, der ebenfalls der Sohn eines Landmanns gewesen war und nur durch Verdienste sich zu seiner gegenwärtigen Würde emporgeschwungen hatte, verflocht in diesen Verweis noch einige andere bittere Vorwürfe. Dadurch ward Schlüpfer so sehr beleidiget, daß er in dem Sturm den Degen zog, und den General zu ermorden drohte. Aber sogleich drangen die anderen Offiziere auf ihn ein, entrissen ihm den Degen, und — die Wache trat in das Zimmer, um den Mann, der gegen die Krregsgeseze so schwer sich vergangen hatte, wie einen gemeinen Verbrecher in das Gefängniß zu führen , und am dritten Tage ward das Urtheil gesprochen: „Schlüpfer solle erschossen werden." Schon war Alles zur Hinrichtung angeordnet. Schon kniete Schlüpfer m einem geschlossenen Kreise, mit verbundenen Augen, auf einem Sandhaufen. Schon hatten die Soldaten die Gewehre angeschlagene Todes- stllle herrschte. Mit jedem Augenblicke erwartete man den Wmk, loszudrücken. Auf einmal ertönte der Nuf: Gnade! und die Todesstrafe ward in eine Verbannung aus allen Staaten des Kaisers verwandelt. Jett war Schlüpfer, der vor weenigen Tagen noch. sich für ein Wesen höherer Art gehalten hatte, auf einmal von seiner Höhe herabgesrmken. Sechzig Gulden warm sem ganzes Vermögen. - Freunde hatte er nicht; Aussichten -u einer Anstellung in-anderen Kriegsdiensten eben so wenig. Dam kam noch eiir neues Unglück, Er stürzte, als, er nach Basel ritt» vorn Pferde und zerschmetterte den linken Arm so sehr/ daß man'!denselben ablösen imHto.- Als ein Krüppel, unfähig, durch irgend eine Arbeit sein Brod zu er» werben, kehrte nun der Unglückliche in. sein Vaterland zurück. Freylich hätte er verdient, daß ihn seine Brüder jett eben so behandelt hätten, wie er sie behandelt hatte. Aber unter ihrem groben Kittel schlug ein besseres edleres Herz. „ Sie Hergaben ihm, nahmen ihn auf in ihre ländliche Hütten, theilten mit ihm, was sie im Schweiße des Angesichtes erworben hatten, und pflegten seiner mit so viel Liebe, als hätten sie ihm große Wohlthaten zu danken gehabt. In dessen hatte doch Kaspar ein trauriges freudenloses Leben. Nicht alle Entlebucher dachten so edel, wie seine Brüder. Vielmehr gaben sie ihm bey jeder Gelegenheit sehr sprechende Beweise der Verachtung, die immer am Ende der Lohn des Stolzes ist. Er selbst quälte sich unaufhörlich mit der Vorstellung: wie glücklich, wie geschärt er hätte seyn können, wenn er seinen Stolz gemäßiget und jene Bescheidenheit beobachtet hätte, welche den Werth wahrer Verdienste in den Augen aller guten und weisen Menschen -s erhöht. Manche Thräne -es Kummers und der Reue floß über seine braunen Wangen herab. Eine stete Unruhe trieb ihn umher, und in der Blüthe der Jahre, arm und verachtet, starb der Mann, der durch seine Talente sich selbst und Anderen Großes hätte »uzen können, wenn er sie nicht durch einen Fehler geschändet hätte, der leider lange nicht so selten ist, alS er seyn sollte, ot-:' -> ^n! ln:.:,, . ' - r>. vn. Die Reise nach der Stadt. oder ^ Vetter Jakobs weise Sprüche. Nach Manuel ä« kkiloroxdic xrstiquo. Dausansv » 79 ?- vn. Die Reise nach der Stadt, oder Vetter Jakobs weise Sprüche. ^Hn einer der angenehmsten Gegenden Schwabens, an den fruchtbaren Ufern des Bodensee's, lebte Vater Biedermann, ein ehrwürdiger Greis, der in einem weiten Bezirke umher als ein Mann von ed- lem Herzen, vieler Erfahrung und MenschenkennL- niß, und besonders als ein warmer Freund der Jugend bekannt und geschärt war. Seit mehr als fünfzig Jahren besaß er pachtweise eine Mcycrey, die er durch anhaltenden Fleiß und eine tiefe Einsicht in die kandwirthschaft wesentlich verbessert hatte. Sein «nzigcr Sohn war in der Blüthe des männlichen Alters gestorben, aber er hatte zwey Kinder, Knaben voü guter Anlagen hinterlassen, deren Er riehmig und Bildung nun das wichtigste undlanae- tz6 nehmste Geschäfte des Greisen war. Wo er gierig, mußten die Kleinen ihn begleiten, und während er ihnen die ersten Handgriffe des Ackerbau's des Pfiü- gens und Säens rc. und anderer Gegenstände der Landwirthschaft beynahe spielend beybrachte, versäumte er auch nicht einen schicklichen Anlaß, ihr Her; zu bilden. Jede Erscheinung in der Natur gab ihm Gelegenheit, eine Lehre der Weisheit oder der Tugend wie guten Saamen in ein fruchtbares Erdreich, rur künftigen Erndte auszustreuen. Sah er — rum Beyspiele — ein Ephcugesträuche fest an die Tanne sich anklammern, die seinen zarten Ranken, als sie kaum aus der Erde cmporgesproßt waren, Schuz gegeben hatten, so sagte er seinen Enkeln: Nie, meine Kinder, nie müsse das Andenken an empfangene Wohlthaten aus Euerem Herzen und Euerem Gedächtnisse verschwinden. Wie das Epheu noch jert seine Ranken um die alternde Tanne schlingt, durch welche es in seinem ersten Keime beschütt wurde, so müssen gute, rechtschaffene Menschen auch im höheren Alter noch dankbar an Jene sich anschließen, die Ihnen in der Jugend Gutes thaten und rur Bildung ihres Verstandes und Herrens mitwirkten. Sah er einen Sperber, der lange im Kreise sich umkerdrehte, auf Beute lauschte und dann schnell wie 9 / Wie ein Pfeil auf eine Lerche herabschoß, die ihr sparsames Futter auf den Stoppeln suchte, so nahm er die Rinder bey der Hand und sagte: Dieß sey das B»ld eines Niederträchtigen, der darauf lauere, einem Unschuldigen zu schaden. Zuweilen, fuhr Vater Biedermann fort, gelingt ihm sein Werk. Der Unschuldige muß unterliegen. Wer, wie der Geyer über den Sperber kommt, so kommt gewöhnlich, früher oder spater, die Gerechtigkeit über den bösen Menschen und bestraft ihn für seine Missethaten. Darum, meine Kinder, seyd immer sanftmülhig, wie die Taube, lenksam, wie das Lämmchen, sparsam, wie die Ameise, thätig, wie die Diene. Fliehet die Bösen, die Verlaumder, die Müßiggänger, die Verschwender. Verabscheuet ihre Handlungen. Aber vergeltet nie Haß mit Haß, Verfolgung mit Verfolgung , Niederträchtigkeit mit Niederträchtigkeit. Tief prägten sich diese Lehren, die Biedermann mit Wärme gab und durch sein Beyspiel bestätigte, m die jugendlichen Herzen ein. Einst riefen ihn Be- rufsgeschafre nach Lindau. Auch dahin dursten ihn seine Enkel, die lange schon diese schöne, auf einer Insel des Bvdensee's liegende Reichsstadt zu sehen gewünscht hatten, begleiten. Als sie einige Straßen durchwandert hakten, kamen. sie zu einem großen G 98 Hause, in welchem die Verlassenschaft emes, vor Kurzem gestorbenen reichen Mannes, an die Meistbietenden verkauft werden sollte. Männer und Weiber, Jünglinge und Kinder waren vor der Thüre versammelt, und warteten auf den Anfang der Versteigerung. Mit Ehrerbietung entblößten die Männer das Haupt, als der rechtschaffene Biedermann, den die Meisten kannten, erschien. Freundlich dankte der Greis, dessen gutes Herz in der freyen, offenen redlichen Mine, und in dem hellen, truglosen Auge unverkennbar war. Alles drängte sich an ihn hin, drückten ihm mit Herzlichkeit die Hände und freuten sich seines Wohlbefindeirs. Bald ward das Gespräche allgemeiner. Man redete vom Kriege, von den Verheerungen der schönen Provinzen am Rheine, besonders aber von den großen und drückenden Abgaben, welche die Bürger und Landleute bezahlen müssen, um die Krixgsheere zu unterhalten. Es ist nicht mehr möglich, mit Ehren zu leben, sagte ein junger Bürger. Die Kriegssteuern bringen uns an den Bettelstab. Was denket ihr davon, Vater Biedermann ? Mit gutmüthigem Lächeln antwortete der Greis: Gerne will ich Euch meine freymnihige Meynung über diesen Punkt sagen, wenn ihr es begehrt. Viel- 99 leicht giebt es mitunter ein Dortchen, das den großen und kleinen Kindern hier Mich werden könnte. Und was vom Herzen kommt, wird wohl auch da oder dort rum Herzen gehen. Die ganze Gesellschaft bat nun den ehrwürdigen Alten , zu reden, wie es ihm mirs Herz sey. Eine allgemeine Stille herrschte. Alles war ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit, und Vater Biedermann ficng an: Es ist wahr, die Kricgssteuern sind drückend, und ich wünsche, so sehr als jeder deutsche Biedermann, die Rückkehr des lieben Friedens, der allein von dieser Last uns bcfreycn kann. Aber wollte der Himmel, es gäbe keine drückendere Auflagen, als diese. Ich wenigstens kenne noch viele weit lästigere. Glaubt mir, zweymal soviel, als der Staat fordert, kostet uns unsere Trägheit, dreymal so viel unsere Eitelkeit, und viermal so viel unsere Thorheit und unsere Unvorsichtigkeit. Das Schlimmste dabey ist: daß bey diesen Auflagen kein Nachlaß einer gutmüthigen Obrigkeit Statt findet. Indessen giebt es gegen dieses Uebel doch mancherley Mittel, durch welche wir unsere Lage verbessern können. Hilf dir selbst,, dann wird dir Gottes Beystand nicht fehlen! sagte Vetter Jakob. Wie laut würde man über Hätte und Ungerech- G 2 IO0 tigkeit schreyen: wenn die Obrigkeit uns zwingen wollte, den zehnten Theil unserer Zeit zu ihrem Dienste anzuwenden? Gut! Die Trägheit geht noch viel schlimmer mit uns. Wir würden zurückbeben, wie vor einem rasenden Menschen, wenn wir alle Stunden zusammenzählen würden, welche wir mit Nichtsthun, oder, was um kein Haar besser ist, mit unnüzen Dingen verschwenden. Müßiggang erzeugt Krankheiten und verkürzt so unser Leben. Habt Ihr also Euer Leben lieb, so vcrliehret Euere Zeit nicht. Denn die Zeit ist der Stoff, aus weichem unser Leben gewoben ist. Aber daran denkt man nicht, und . verschläft so manche schöne Stunde, die man — weit nüzlicher anwenden könnte. Darum sagte Vetter Jakob immer: eine schlafende Kaze fängt keine Mäuse und — o! wir werden noch genug schlafen können, wenn wir einmal in der Nacht des Grabes liegen. Unter allen Verschwendern ist der, der ftineZeit verschwendet, der leichtsinnigste. Alles läßt sich wie- der gewinnen, nur die vcrlvhrnr Zeit nicht. Darum wollen wir immer thätig seyn, aber thätig mitRlug- hett, das ist vcrdollmctscht: wir wollen nichts thun, als was gut, nüziich und zweckmäßig ist! Der Tha tigkeit ist jede Arbeit leicht, der Trägheit jede schwer. Wer reisen will, sagte Vetter Jakob, muß frühe aufstehen. Sonst muß er seine Schritte verdoppeln und doch kann es sich ereignen, daß er zu spat am Orte seiner Bestimmung ankömmt und die Hälfte seiner Geschäfte versäumt. Die Trägheit schleicht auf der Reise des Lebens so langsam fort, daß'sie beynahe immer von der Armuch erreicht wird, so weit auch beyde Anfangs von einander entfernt waren. „Willst du glücklich und gesund seyn, so lege dich frühe zu Bette und stehe frühe wieder auf,c- sagte mir einst ein braver, alter Mann und ich habe mein ganzes langes Leben hindurch gefunden, daß sein Rath weise und auf Erfahrung gegründet war. Es sind schlimme Zeiten, klagt Ihr? Aber Ihr bedenket nicht, daß es größtcnthcils von Euch selbst abhängt, sie besser zu machen. Aber nur durch angestrengtere Arbeit, nicht nur durch Wünsche macht Ihr sie besser. Denn, sagte Vetter Jakob, wer von der Hoffnung lebt, der wird Hungers sterben. Man hat nichts ohne Mühe, und wer kein eigenes Vermögen besizt, der muß seine rehen Finger rühren , wenn er Brod haben will. Ein Handwerk hat einen goldenen Boden. Es ist ein sicheres Kapital, und in jedem Beruf können wir uns Nuzen und Ehre erwerben. Aber man muß sein Handwerk und sein Gewerbe verliehen und mit unermüdeter Thätig» keit betreiben und die Pflichten seines Berufs erfüllen, sonst hat man kein Geld, die Kricgssteuern zu bezahlen ! Thätigkeit leidet nie Mangel. Vetter Jakob halte darüber ein sehr schönes Gleichniß. Man schlaft doch, sagte er, recht ruhig unter dem Dache eines arbeitsamen Mannes. Der Hunger steht in der Ferne, schielt mit neidischem Blicke nach dem Hanse hm, aber hinein zu gehen wagt er es nicht. Kein Häscher, kein Gerichtsdiencr kommt über die Schwelle. Denn der Fleiß zahlt seine Schulden und die Faulheit verachtet sie. Es krankt Euch, daß Ihr noch nie einen Schar gefunden, noch nie eine reiche Erbschaft gemacht habt? O, die Thätigkeit ist der größte Schaz, und Gottes Beystand, der dem redlichen Fleiße nie fehlt, hat einen größeren Werth als alle Erbschaften. Aber, es ist nicht genug, daß man thätig und fleißig sey. Man muß. auch Ordnung, strenge Ordnung in feinen Geschäften haben. Die geringste Nachläßigkeft kann die schädlichsten Folgen nach sich ziehen. Vetter Iakob erzählte darüber ein schröcklichts Beyspiel. Im Kriege am Rhein sah rm Dragbncr , der Schildwache stand, eilten großen Haufen von Feinden vordringen. Er gäv seinem / ,oz Pferde die Sporen, nm nicht umrui-gen;u werden. Aber ein Nage! fehlte im Hufeisen am linken Hinterfüße des Pferdes. Nach wenigen Schritten sprang das Eise» ab. Und dieses fehlende Eisen war Ursache , daß das Pferd stürzte und den Reuter abwarf, der sogleich von den Feinden umzingelt, und, da er sich vertheidigen wollte, getvdtet wurde. Hätte der Dragoner, wie es die Ordnung fordert, nach dem Hufeisen seines Pferdes fleißig gesehen, so wäre dieses Unglück ihm nicht begegnet. Nachlaßig- kcit brachte ihn also um das Leben. Wollt Ihr aber nichts von den Früchten Euerer Arbeit, Eueres Fleißes verliehren, so seyd mäßig und haushälterisch. Es ist nicht hinreichend, zu erwerben, man muß auch mit dem Erworbenen gut haushalten. Seyd genügsamer und sparsamer. Entsagt der Eitelkeit in den Kleidern, dem thörigten Stolze: eben so gut zu essen und eben so gut zu trinken, als Euere, vielleicht reichere Nachbarn; entsagt dem Müßiggänge, den Ihr Erhohlung nennet. Eine nüzliche Arbeit ist die beste Erhohlung. Leget Euch lieber ohne eine Suppe zu Bette, als daß Ihr mit Schulden aufstehet, und — Ihr werdet nicht mehr über böse Zeiten, über Auflagen und Kriegssteuern klagen. Was Ihr brauchet, nm einer 124 einzigen bösen kiebllngsneigung Genüge zu thun, würde gewiß hinreichen, Euerc Kriegssteuern dreyfach zu beruhtem Da seyd Ihr jert versammelt, um dieses oder jenes bey der Versteigerung zu kaufen. Ihr rechnet: Alles recht wohlfeil, vielleicht um die Hälfte des Werthes zu erhalten. Gut! Aber bedenket, daß das, was man nicht unentbehrlich bedarf, auch um die Hälfte zu theuer ist. Vetter Jakob sagte daher oft: »Wer Ueberstüssigrs kauft, wird am Ende das Nothwendige verkaufen müssen." Kehret einen Kreuzer zweymal um, ehe Ihr ihn ausgebet. Nicht Alles ist Bedürfniß, was Ihr dafür haltet. Die Natur bedarf nur wenig. Ersparet, so lange Ihr verdienen könnet, dann werdet Ihr Ucbcrstiiß haben, wenn Euch Alter oder Krankheit zwingen, der Arbeit zu entsagen. Die Zeit, wo Ihr erwerben könnet, ist kurz, wie ein Frühlingsmorgen. Aber Ausgaben habt Ihr Euer ganzes keben hindurch. Kurz, wendet alle ehrliche, rechtschaffene Mittel, die in Euern Kräften sind, an: um Euch Vermögen zu erwerben; widerstehet allen Versuchungen, auch nur einen Heller unnüzer Weise auszugeben. Dieses ist das wahre und einzige Mittel: die bösen Zeiten besser rn machen, und seine Kriegk- steuern ohne Murren beschien zu können. - ' Ich sage Euch nichts, als was ich selbst als wahr und gut gefunden habe. Und die Erfahrung ist eine treue Lehrerin. Sie halt überall eine offene Schule, in welcher Weise und Narren mancherley lernen können. Aber... sagte Vetter Jakob... wer die Erfahrung nicht hört, den wird sie am Ende mit dem nemlichen Stäbe, mit welchem sie ihm den Weg zum Glücke zeigte, den Schädel einschlagen. Noch horchten die Männer und Jünglinge und Kinder mit offenem Munde, als Vater Biedermann schon aufgehört hatte, zu reden. Vorzüglich um der Lezteren Willen hatte der biedere Greis weitläufiger über die Mittel: glücklich und zufrieden zu leben, sich erklärt. Männern, sagte er, predigt man gewöhnlich vergebens. Auf Rinder muß man also wirken. In ihren Herzen fassen die Lehren der WahrhriU und Weisheit noch Wurzeln, und wenn von all dem, was ich sprach, nur ein Wort in einem Herzen Früchte trägt, so bin ich belohnt genug. Aber, fragten die Kinder, wer war denn Vct». ter Jakob, von dem Jhri heute so oft erzähltet? Ein Mann ohne IFalsch, antwortete der Greis, ein! edler, biederer, thätiger, haushälterischer Mann! is6 Ich war ein Waise, und er nahm mich auf an fernen Tisch. Ich war arm, und er lehrte mich die Kunst: bey wenigem zufrieden zu seyn, und mehr zu erwerben. Alles, was ich bin und habe, danke ich ihm, und das, was ich eben« sagte, war der Hauptinnhalt der Lehren, die er mir gab. Faßt sie in'« Herz wie ich sie faßte, und Ihr werdet glücklich werden, wie ich es bin. 1 » VIII. Die deutschen Kinder in Frankreich, oder: Das Grab in der Felsen-Höhle. Nach Llsnckarä. r »- L ^ "'^)^ *">6 I»' k».'K> Lf ^ ,* » <>» ^ ^ ^ »^/ H»I, ! röL^2H'»! nicht von langer Dauer. Die Vögel fanden, als* der Sommer kam, reifes Getraide in den nahen Feldern, und die Lockspeisen, welche Jakob ihnen verstreute, reizten sie nicht mehr, in die Schlingen zu gehen. Ein anderer Unfall kam noch dazu. Frau Zimmermann ward krank und vermochte nicht mehr, niedliche Körbchen ru flechten. Der zwiefache Erwerb hörte also auf, der Verrath von gedörrtem Obst und Zwieback, den die vorsichtige Mutter in anten Zeiten gesammelt hatte, war in sechs bis acht Tagen aufgezehrt, die Milch der Ziege reichte nicht !2Z hin, und — doch sollte man leben! doch sollte man der kranken Mutter pflegen! Die Lage der Kinder war schröcklich. 4 . Nach und nach erhohltc sich Frau Zimmermann wieder ein wenig. Jakob und Llsette giengen also, jedes ein Körbchen mit Blumen am Arme tragend, in die Stadt, voll Hoffnung, wenigstens den Preis eines Brodes zu lösen. Aber neues Unglück! Niemand wollte mehr Blumen kaufen. An einigen Orten , wo sie dieselben anboten, wies man sie sogar mit einiger Harte ab. Jakob, der den Muth noch nicht verlohr, ergriff nun ein anderes Mittel, das ihm Geld bringen sollte. Er sang auf der Strasse ?1n rührendes Lied, das seine Mutter ihn gelehrt hatte, mit so vieler Anmuth, daß schnell ein Kreis von Kindern und jungen Leuten sich versammelte, und aufmerksam dem kleinen Sänger zuhörte. Aber kaum hatte er zu singen aufgehört, als die Umste' henden sich verlohren, ohne ihm auch nur einen Heller in die vorgestreckte Hand zu legen. Jezt wußtLn die armen Kinder nur ein Mittel noch, Brod zu erhallen. Sie ergriffen es und klopften an der Thüre ei nes schönen großen Hauses an. Um Gottes willen, flehte Lisette und eine Thräne rieselte über ihre er- 124 blatten Wangen herab, um Gottes willen, einen Bissen Brod, daß meine Mutter nicht Hungers sterbe! Zehenmal wicderhohlte sie diese Bitte mit wehmüthigem Tone, als endlich ein Mann in einem seidenen Kleide heraustrat, seinen Stock emporhob und die armen Kinder unter gräßlichen Flüchen und den pöbelhaftesten Beschimpfungen Hinwegs agte. Beschämt und erschrocken eilten sie, mit blutendem Herzen rum Thore hinaus, ohne daß sie es gewagt hatten: ihre Bitte an einem andern Hause zu wiederhohlen. Um den Hunger zu stillen, rissen sie an einem Kornfelde unreife Activen ab und saugten den milchichten Saft aus denselben. Aber sie wurden davon nicht satt. Indessen quälte der Hunger sie lange nicht so sehr, als der Gedanke an ihre gute Mutter. Sie wird sterben, sagte Lisette. Sie wird's, siel Jakob ein) und mit jhr werden auch wir sterben, weil Niemand unserer sich erbarmet. , Heftig weinten sie während dieses Gespräches. Die Schalten wurden allmählig länger und die Sonne neigte sich rum Untergänge, vergebens hatte Jakob Stundenlang seinen erfinderischen Kopf angestrengt, um ein Mittel zu ersinnen, wie er mindestens für seine Mutter ein Stückchen Brod sich verschaffen könnte. Kein ausführbarer Gedanke siel ihm ein. Es blieb ihm.'also nichts übrig, als diMückkehr » l2L in die Felsenhöhle und die Aussicht auf den nahen -Hungertod. Langsam, niedergedrückt von Kummer, schlenderte er mit Lisetten dem Walde zu, als auf einmal ein Gerassel im Gehäge, welches den Weg ein. zäunte, ihn aus seinen düsteren Gedanken weckte. Er sah um sich und erblickte eine Henne, die sich in das Dornengebüsche verwickelt hatte und weder vorwärts noch rückwärts konnte. Ich hasche sie, sagte Jakob, so hat doch unsere gute Mutter etwas zu essen. Lisette. Ach nein! Die Henne gehört nicht unser , und du wirst doch keinen Dtebstahl begehen wollen? Jakob. Also muß ich unsere gute Mutter sterben sehen? Nein, dieß kann und dieß will ich nicht! Der Eigenthümer wird gewiß seine Henne leicht entbehren , und wir... o Lisette! wir verlängern damit unserer guten Mutter das Leben. Lisette. Aber wir sind dann eben doch Diebe! Jakob. Ach! du hast freylich Recht. Aber willst du, daß unsere Mutter Hungers sterbe? Nein! man soll mich einen Dieb nennen, man soll mich peitschen und in ein finsteres Loch werfen, wie einen Missethäter, wenn nur sie, nur sie gerettet wird. Vergeben mir auch die Menschen diese That nicht, so wird mir doch der liebe Gott sie vergeben. rs6 Lisette konnte nun nichts mehr einwenden. Sie bat nur ihren Bruder, behutsam ;n seyn, damit ihn niemand entdecke. Denn ängstlich schlug ihr Herz. Hastig ward also die Henne ergriffen, in die Schurre des Mädchens gepackt, und nun eilten die Kinder, so schnell sie konnten, fort. Aber kaum hatten sie etwa dreyßig Schritte gethan, als sie die Fußtritte eines Mannes und den Befehl hörten, stille ru stehen. Es war der Gärtner eines nahe gelegenen Landhauses. Er hatte das Gekrächze der Henne gehört, von Ferne die Gefangennehmung derselben gesehen, und war nachgeeilt, sie wieder zu erlösen. Mit zorniger Geberde riß er die Schürze des Mädchens auf, faßte mit einer Hand die Henne bey den Flügeln und mit der anderen den erblaßten Jakob, der vergebens sich losruwinden strebte, bey der Brust, und schleppte so, unter gräßlichen Drohungen und Beschimpfungen die armen Kinder in das Landhaus, wo eben der Herr desselben sich aufhielt, ein ehrwürdiger alter Mann, mit einer freundlichen, gutmüthigen Mine. Was bringt Ihr hier, Robert? fragte der Greis, der schon von ferne das klägliche Geschrey der Kinder gehört hatte. Der Gärtner. Diebe bring'ich. Eine Henne haben sie gestohlen, die kleinen Gauner! Der Bube hier hat sie gehascht, und das Mädchen da in der Schurre verborgen. O! wer sein Handwerk so frühe anfängt , kann es sehr weit darinnen bringen. Der Greis. Wie, so jung noch und schon zum Stehlen abgerichtet? Pfuy! Schämet Euch! Iakob. Ach, guter Herr, wir sind gewiß, gewiß keine Diebe. Der Greis. Aber gestohlen habt ihr doch? das Eigenthum eines Anderen Euch zugeeignet? Iakob. Wir haben es freylich gethan, und das war Unrecht. Aber gewiß nicht aus Bosheit. Unsere Mutter ist krank, sie hat keinen Bissen Brod wir weinten und wußten uns nicht zu helfen! Da fanden wir die Henne und nahmen sie, um unserer guten Mutter das Leben zu retten. Ach... sie ist so gut und so krank... Der Greis. Gcsert, ihr sagtet mir, was ich aber nicht glauben kann, die Wahrheit. Hattet Ihr nicht besser gethan, mich um Hülfe zu bitten? dann hattet Ihr mir einen Verdruß und Euch ein Verbrechen erspähet. Lisette. (Ihre Thränen mit der Schürze abtrocknend) Lieber Gott! wie durften wir hoffen, daß Sie unsere Bitte erfüllen würden? Ich habe in der Stadt an einem grossen, schönen Hause angeklopft, so groß und schön, wie das Ihrige hier, habe nur um einen Bissen Brod gebeten und man hat mich mit einem Stocke hinweg gejagt. Da wagte ich's nicht mehr, um etwas zu bitten. Nur die Noch,juud tie Liebe für unsere gute Mutter haben uns zu dieser bösen Handlung gezwungen, r Der Greis. Wer stiehlt, dem kostet auch das Lügen nichts! Robert! Sperrt die Kleinen Lauge» nichtse einstweilen in die Kammer gegen dem Garten zu. Jakob. llm Gotteswillen, Herr, lassen Sie mich peitschen, lassen Sie mir die Ohren abschneiden, kinr einsperren lassen Sie uns nicht. Unsere Mutter ist krank, ist allein in" der Felsenhöhle im Walde oben. Sie würde sterben für Hunger und Kummer, wenn wir nicht zurückkamen. Der Greis. In der Felsenhöhle im Walde wohne Euere Mutter, sagt Ihr? Jakob. Ja, dort wohnt sie! Der Greis. Gut! Morgen wollen wir sehen: ob Ihr die Wahrheit redet. Einstweilen — geht Ihr in's Gefängniß! Vergebens baten sie um Erlassung dieser Strafe; vergebens warfen sie sich dem Greis zu Füßen. Er - blieb bey seinem Entschlüsse, und Jakob und Lisette wurden in ein enges Kämmerchen zu ebener Erde eingesperrt. Jezt sahen sie erst ein, was für ein schweres Verbrechen sie begangen hatten, und daß ihre ihre Mutter sie selbst dafür gestraft und eher den Tod gelitten als einen Bissen von der Henne genossen haben würde. Thränen der liinigsten Neue rieselten, brennend wie Feuer, über ihre blassen Wangen herab, dann knieten sie nieder und beteten: daß Gott ihnen d»e Sünde vergeben und ihrer armen Mutter sich erbarmen möchte. 5 . M sie gebetet hatten, ward ihnen das Herr etwas leichter. Aber den Gedanken an den Kummer, den ihre Mutter die Nacht hindurch leiden würde, konnten sie nicht unterdrücken. Abends brachte ihnen Robert Brod und kaltes Fleisch. Kam' es auf mich an, sagte der rohe Mensch, so gäbe man Euch Schlage statt des Brodes. Mein Herr ist viel zu mitleidig mit solchem Gesinde!. Brummend gieng er dann wieder fort und verschloß die Thüre von außen mit einem Riegel. Allem die Kinder aßen nicht. Der Schrecken hatte sie ru sehr betäubt. Ob wir nicht entfliehen können ? rief auf einmal nach langem Nachdenken Jakob aus, und husch! war er am Fenster und maß beym Scheine des Mondes, der durch zerrissene schwarze Wolken schimmerte, die Höhe vom Zimmer hinab in den Garten. Hoch klopfte sein Herz für Freude, als er sah, dak sie nur fünf I bis sechs Schuhe betrug, und daß er ohne Mühe und Gefahr hinabspringcn konnte. Schnell wurde der Plan zur Flucht gemacht, und eben so schnell ausgeführt. Jakob stieg zuerst hinab. Dann kam Lisette, klammerte ihre zarten Hände an die Fensterrahmen an und hops! stand auch sie glücklich und wohlbehalten am Boden. Gottlob, sagten Beyde und höhlten tief Athem — Gottlob! nun sind wir frey und könnest zurückkehren zu unserer Mutter. Das Brod und das Fleisch, das ihnen gebracht worden war, hatte Lisette weislich in ihre Schürze gepackt. Denn mit gutem Gewissen kennten sie dieses mit sich nehmen , weil man es ihnen gegeben hatte. Im Garten waren sie nun, die Entflohenen. Aber — eine neue Verlegenheit! Die ?hüre desselben war fest verschlossen und im Gefängniß - Zimmer- chen hörten sie ein Geräusche und bald darauf des bösen Roberts furchtbare Stimme. Zitternd schlichen sie, Hand in Hand, an dem Gehäge hin. Jedes rauschende Blatt erschröckte sie. Nirgends zeigte sich ein Ausweg. Schon waren die Armen entschlossen, wieder in ihren Kerker zurückzukehren, als Jakob in der dichten Hecke eine Lücke erblickte, durch welche er, mit Mühe, auf Händen und Füßen, sich hindurch- winden konnte. Eben so mühsam kroch ihm Lisette nach, und bald befanden sich Beyde im Freyen. Aber nur kurz war die Freude über diese Erlösung. Denn kaum hatten sie einige Schritte gethan, so verfolgte sie ein großer Hund, der beym Lichte des Mondes ihnen noch größer schien, mit fürchterlichem Gebelle. Sie verdoppelten ihre Schritte. Vergebens. Je mehr sie sprangen , desto heftiger bellte der Hund. Unbeschreiblich war ihre Angst. Kalter Schweiß ergoß sich über ihre Körper und durchnäßte ihre Kleider. Endlich schwieg der Hund und athemlos sezten sich die Kinder nieder in das Gras, das der Nachtthau schon befeuchtet hatte. Aber... eben dieses Niedersten auf die nasse Erde, wahrend das Blut in Wallung und der Körper mit Schweiße bedeckt war, hakte für die arme Lisctte sehr traurige Folge, wie wir bald hören werden. Die Nacht ward immer dunkler. Schwarze Gewitterwolken zogen herauf am Himmel und bedeckten den Mond. Schon rollte von ferne der Donner, und ach! die armen Kinder hatten sich, wahrend sie vor dem Hunde flohen, weit von dem Wege verirrt, lieber Stöcke und Steine gicng ihr Pfad. Bald stürzten sie in Graben, bald verwickelten sich ihre Füße in Dorngebüschen. Von den Bäumen herab tönte das widrige Geschrey der Eulen. Fledermäuse schwirrten ihnen um die Köpfe. Endlich kamen die unglücklichen Flüchtlinge an einen Wald. Ermattet sanken I 2 sie hier nieder, während das Gewitter immer naher kam, und immer furchtbarer ward. Blize fuhren durch die Luft und erhellten die Nacht, daß sie rum Tage ward. Schlag auf Schlag folgte der Donner. Der Sturmwind braußte in den Wipfeln der Bäume. In dichten Tropfen fiel der Regen und verwandelte sich bald in Schloßen. Es war eine schröckliche Nacht! Die Kinder glaubten beynahe, die Stunde ihres Todes sey gekommen. Die Bäume krachten. Aeste stürzten herab, kisette sank halb ohnmächtig nieder. Ach, stammelte sie, wir haben Böses gethan. Dafür werden wir jczt gestraft. O! Jakob! wir wollen noch einmal beten, daß uns Gott vergebe! Und die Kinder beteten und gelobten: me wieder den Fehler zu begehen, den sie begangen hatten. Nach und nach legte sich endlich der Sturm und das Gewitter. Der Regen hörte auf. Aber die armen Kinder waren durchnäßt bis auf den Leib, und voll Beulen von den Schloßen und den herabgestürzten Aesten. Fieberfrost ergriff sie. Denn eine schneidende Kälte war auf das Gewitter gefolgt. So Hamen sie hier, bis die Morgenröthe den Tag verkündete. Aber mehr als das, was sie diese Nacht hindurch erduldet hatten, kränkte sie der Gedanke an die Angst ihrer guten Mutter. Mit den ersten Strahlen der Sonne verließen sie den Wald; beyde waren blaß, wie Leichen. Lisekte besonder- schien ganz entstellt und von einer heftigen Krankheit bedroht zu seyn. Kaum vermochte sie m gehen. Glücklicherweise entdeckte Jakob bald: daß sie mehr nicht, als höchstens eine Viertelstunde von der Felsenhöhle entfernt seyn können, da er in der nehmlichen Gegend, wo er jezt sich befand, schon Erdbeeren gepflückt hatte. Aber erst nach einer Stunde erreichten sie dieselbe; denn wenn sie zehen Schritte gethan hatten, so sanken sie immer wieder ermattet nieder. Fröhlich hüpfte die Ziege den Kommenden entgegen, als sie dem Felsen sich nahten und leckte ihnen meckernd die Hände. „Gottlob! sagte Jakob, daß wir hier sind! Gottlob! seuftte Lisette und eine flüchtige Nöthe überzog ihre bleichen Wangen. Wir wollen unserer Mutter nun Alles haarklein erzählen. Sie wird freylich mit uns ranken, wie wir es verdient haben, aber sie wird uns auch wieder gut werden, wenn wir ihr versprechen, nie wieder Böses zu thun." Mit diesem Vorsare traten sie in die Höhle. Aber — ihre Mutter war nicht dort. Sie riefen ihr und keine Stimme antwortete. Sie ist gestorben... sagte Jakob ängstlich. Sie ist gestorben, wiederhohlte Lisette mit lautem Geschrey, und wir, wir sind Ursache an ihrem Tode! Jakob kletterte auf eine Tanne am Ein- gange'des Waldes, von wo er die Gegend übersehen konnte, und rief mit angestrengter Stimme: Mutter! Mutter! — Zehenmal rief er so, ohne eine Antwort zu erhalten. Alle seine Glieder zitterten und heiße Thränen .rieselten ihm die Wangen herab. Schon wollte er wieder nicdersteigcn... als er von ferne zugleich seine Mutter erblickte und ihre Stimme hörte! Gottlob! jauchzte er zehenmal nach einander, Gottlob, sie lebt noch! und — schnell, wie ein Eichhörnchen, sprang er herab von der Tanne und in die Arme seiner wiedergefundenen Mutter! Aber — die Freude verwandelte sich schnell wieder in Schrecken, als Lisette und Jakob zu gleicher Zeit schon ganz in der Nähe den Hcrm des Landhauses erblickten, der am vorigen Abend sie ins Gefängniß hatte werfen lassen. Todtenblafi wurden beyde bey dieser Erscheinung. Sie verbargen ihr Angesicht in die flache Hand und drängten sich näher an ihre Mutter hin, um nicht gesehen zu werden. Allein bald beruhigte sie dieser durch die Versicherung: Herr Gerbert, so nannte sich der rechtschaffene Greis, habe ihnen bereits ihren Fehltritt vergeben. Indessen war dieser herbeygekom- men. Ja, ja, sagte er gutmüthig, ich vergebe Euch Euerc böse That!, weil Ihr dadurch Euere Mutter vom Tode zu retten suchtet. Aber — nicht wieder gethan ! Ich rath' es Euch. Eine gute Absicht rechtfertiget niemals eine schlechte Handlung. Merkt es Euch. Mit Rührung küßten die Kinder dem Greisen die Hände und versprachen: seine Lehre tief in ihre Herzen einzuprägen. 6 . Während die arme aber liebenswürdige Faimlie in die Felsenhöhle zurückkehrt, um dort von so manch- faltigen Leiden auszuruhen, will ich Euch, meine kleine Leser, erzählen, was sich während der Gefan- gennchmung der Kinder ereignete. Sie hatten, wie Ihr Euch erinnern werdet, dem Herrn Gerbert ihren Wohnort angezeigt. Dieser brave Mann, den ihre Thränen und ihre Erzählung rührten, schickte sogleich einen seiner Bedienten in den Wald, um die Mutter aufzusuchen und die Wahrheit jenes Vergebens zu erforschen. Frau Zimmermann saß eben am Eingänge der Felsenhöhle, voll Unruhe über das Aufienbleibcn der Kleinen, als der Bediente ankam, und ihr die niederschlagende Nachricht von den Vorfällen auf dem Landhause brachte. So schnell, als es ihre Schwäche erlaubte, folgte sie demselben nach, aber... eine neue Verlegenheit !... bey ihrer Ankunft waren die Kleinen schon aus dem Gefängnisse entwichen. Herr Gerbert bemühte sich indessen mit seinerj gewöhnlichen Herrlichkeit, die traurende Mutter zu trösten. Sie mußtc die Nacht in seinem Hause zubringen, und kaum hatte sie am künftigen Morgen, voll Angst und Sorgen, sich zurück in den Wald begeben, so folgte er selbst ihr nach, weil er den schönen, großmütigen Entschluß gefaßt hatte, das Schicksal dieser guten, unglücklichen Menschen zu erleichtern. Ihr habt wohl vieles hier ausgestanden, sagte Herr Gerbert, als er in der Höhle ankam uud überall dre Spuhren der tiefsten Armuth erblickte. Jakob. O! Nein! Erst seit einigen Tage« geht es uns so übel! Als ich noch Dögel sieng, meine Schwester Erdbeeren pstückte und Strauße band und unsere gute Mutter noch mcht krank war, da halten wir immer, was wir bedurften. Nulag schliefen wir auf unserem Bette von Rohr und Moos und waren so zufrieden, als wenn wir alle Schare der Erde besessen hatten. Herr Gerdert. Im Sommer.... ja, ja! da kann man zur Noth schon in einer Höhle leben. Aber wenn nun der Wmter kommt? was wollt Ihr dann anfangen? Frau Ziminermann. Auf Gott vertrauen-' Er hat uns m Sommer geholfen, er wird uns im Wmter auch nicht verschmachten lassen. Herr Gerbert. Brav, rechtschaffene Frau. Das Vertrauen, das Ihr auf Gott sezt, wird Euch nicht tauschen. Jett bin ich der Mann, den Er aus» ersehen hat, in seinem Namen Euch Gutes zu thun und Enere Hoffnungen zu erfüllen. Am Eingänge des Waldes will ich Euch ein Häuschen bauen lassen, mtt einem kleinen Gartchen daneben, dort sollt Ihr wohnen. Auch ein Stück Ackerfeld und eine Kuh und einige Ziegen sollt Ihr haben, und kurz: fehlen soll Euch nichts, was Ihr bedürft. Arbeitet fleißig und betet. Aber arbeitet nicht, ohne zn beten, und betet nicht, ohne zu arbeiten und es wird Euch wohlgchen. Die Freude der Mutter und das Entzücken der Kinder vermag ich nicht, darzustellen. Erst waren sie stumm und betroffen, dann konnten sie kaum Worte genug finden, ihren Dank auszudrücken. Aber Herr Gerbert riß sich los aus ihren Armen und sagte, indem er sie verließ: „Nicht mir, sondern der Vorsicht danket. Ich bin nur ihr Werkzeug!" Und Frau Zimmermann kniete nieder mit ihren Kindern und dankte der Vorsicht. Schon am folgenden Lage kamen Zimmerlente und Maurer, um den Bau des kleinen Hauses anzufangen. klsette sezte sich unter einen Baum an die Sonne, und sah der Arbeit zn. Aber nach wenigen Stunden wurde sie von einem heftigen Fieber überfallen , das immer starker wurde und am folgenden Tage wieder kam. Vier Wochen lang litt die Mmc die heftigsten Schmerzen. Immer sprach sie vvm Tode, und mehr als zehenmai nahm sie Abschied von ihrer Mutter und ihrem Bruder. Zwar schickte Herr Gerbert einen Arzt in die Felsenhölfle. Aber dieser erklärte: daß seine Kunst nicht mehr zu helfen vermöge. In der fünften Woche starb endlich das oute Mädchen unter deftigen Zückungcn, und büßte so nut ihrem Leben die Folgen einer einzigen bösen Handlung. Denn die Erhiznng während der Flucht, das^Nicder- seren in das feuchte Gras, der Schrecken über das Gewitter im Walde, die Erkältung durch den Regen, Alles hatte, zusammengewirkt, ihren schwachen Körper zu zerstöhren! Jakob warf sich voll Schmerz hin über die Leiche, bedeute sie mit tausend Küssen, und glaubte, sie wieder zum Leben erwecken zu können. Aber — als am folgenden Tage auf Herrn Gerberts Befehl der Tod- tengräber kam, die Leiche in eine Bahre legte und sie unter eine Tanne nicht weit von der Höhle be- grub, da sank er nnmächtig nieder und erst nach einer Stunde erhohlte er sich wieder. Frau Zimmermann war nicht weniger traurig über diesen Verlust. Auch ihre Kräfte nahmen mit jedem Tage ab, und — ebe noch die Hütte, welche der menschenfreundliche Greis ihr bestimmt hatte, ausgebaut war, starb auch sie, sanft und ruhig, weil ihr keine böse Handlung den Tod schwer und die Erscheinung vor dem Richter der Lebenden und der Todten fürchterlich machte. Räch ihrem Wunsche ward sie am Eingänge in die Höhle begraben. Den braven Jakob aber nahm Herr Gerbert an Kindesstatt auf und ließ ihn in Allem unterrichten, was einen Menschen gut und nürlich und glücklich machen kann. Allein, so gut es ihm auch gieng, so konnte er doch seine Mutter und seine Schwester nicht vergessen und nie dachte er an sie, ohne heiße Thränen zu weinen und die besten Vor- fäze zu fassen. „Ach, sagte er tausendmal zu sich selbst, ich begieng in der besten Absicht eine böse Handlung, und verkürzte dadurch meiner Schwester und meiner Mutter das Leben! Aber eher will ich nun selbst den Tod leiden, als wieder eine solche That mir erlauben." Und er erfüllte seinen Vorsar. Gemälde aus der Kinder-Welt. i. Die Horcher. > 3. Das milchweiße Lämmchen. I Nach 3. Klärchen am Bache. I ^utsret. 4. Die Aprikosen. ^ §. Das Grasmücken-Nest. Nach öi-mck-rä. ^Li.' IX. Gemälde aus der Kinder-Welt. i. Die Horcher. Unter einem Syringengrsträuche saßen Lottchen und Luise, zwey holde kleine Mädchen, und banden Kran« von duftenden Veilchen mit blaßgelben Primeln dazwischen. Kühle Abendwinde säußrlten im Wipfel deS Gesträuches und wehten rothe und bläulichte Blüten herab in ihren Cchoos. Der kleine Julius sah sie von ferne. Leise rief er seinem Gespielen, dem muntern Rudolf, der am Ufer des Fischteiches stand und glatte Kiesel auf der ruhigen Fläche des Wassers tanzen ließ. Siehst du, zischte Julius ihm ins Ohr, als er herbeygeeilt war, siehst du dort unter dem Syringcngesträuchc, an der Ecke des Gartens, das schnippische Lottchen und meine »42 Schwester / die eigensinnige allkluge Luise/ die Alles besser weiß und mich immer hofmeistert! Komm; Leise schleichen wir hin/ belauschen/ was"sie einander erzählen/ dann schütteln wir auf einmal die Stamme des Gesträuches... Puh! wie sie dann erschrecken, wie sie aufspringen werden! Wir aber bleiben rubig, bis sie entfernt sind, und lachen dann laut der Furchtsamen! Rudolf war nicht minder neugierig, nicht minder ein Freund des muthwilligen Scherzes als Julius. Freudig willigte er also in den Vorschlag, und leise schlichen und krochen Beyde hin zu dem Gesträuche. Kaum wagten sie's, zu athmen. Aber laut schlug ihr Herz. Sie drängten, so behutsam als möglich war, ihre Köpfe zwischen den Zweigen hindurch und horchten begierig auf das Gespräche der traulichen Mädchen. Es ist doch Schade, fieng kottchen an, recht sehr Schade um deinen Bruder, Luise. Keinen Menschen läßt er ungeneckt! Weil er schöne blaue Augen, ein blondes Härchen, eine Haut, wie Milch, und Wangen, wie Rosen hat, so glaubt er, er sey nicht nur schöne, sondern auch besser als Andere! Da soll dann Jedermann seine muthwilligen Launen, seine Neckvreyen und klcinenBosheiten ertragen. Aber nur Geduld! Ich hörte neulich, seine Lehrer haben ernstlich geklagt: daß er » 4 ? sehr träge sey, und jede Anstrengung seines kleinen Köpfchens fürchte. Eine Züchtigung wird also nicht ausbleiben! Wie werden da die Kinder nicht frohlocken, die er unaufhörlich beleidiget! Was würde auch am Ende aus ihm werden, wenn er in diesem Geleise fortführe? Ein einbilderischer, unwissender, unausstehlicher Mensch! So ein Wesen ungefähr, wie ein Pfau... Man bewundert sein schönes Gefieder, und flieht, wenn er den Schnabel eröffnet, vor seinem abscheulichen Geschrey! Pfui! du hast Recht, liebes Luis'chen, antwortete Lotte. Täglich predige auch ich ihm die gleiche Lehre. Aber der Leichtsinnige! Er spottet meiner noch, sagt: ich sey nicht seine Hofmcisterin, und thut, nur um mich zu ärgern, gerade das Gegentheil von dem, was er thun sollte. Deßwegen fliehe ich, so viel ich kann, seinen Umgang, und andere gute, gesittete Kinder fliehen ihn ebenfalls. Wie lange Rudolf sein Freund bleiben wird, weiß ich nicht. Schwehrlich länger, als vierzehen Tage. Denn ohncdieß hat Rudolf nie lange Lust und Liebe zu der gleichen Sache. Fch kenne den Flüchtling. Er ist veränderlich, wie Aprilwetter, und aufbrausend dabey, wie eine Wasserwoge im Sturme. Heute hat er eine, wie es scheint, sehr innige Freude an einem Singvogel. Er reicht ihm zeheninal des Tages Futter. Morgen denkt er nicht 144 mehr an das arme Thierchen, oder nimmt er, wenn er zornig ist, und schleudert es mit grausamer Hand an die Wände. Einst bat er seine Mutter, ihm ein Pläzchen im Garten einzuräumen, um Blumen darauf zu pflanzen. Sein Wunsch ward erfüllt. Aber ein Erdkrebs zernagte ihm eine Hyazintenzwiebel. Die Blume erstarb also, ehe sie noch ganz sich entfaltet hatte und — aus Zorn sieht nun der kleine Wildfang sein Gärtchen nicht einmal mehr an. Wenn er nun erst einen Beruf sich wählen soll, wie wird es ihm da gehen? Heute wird er sich entschliefen: die Handlung zu lernen; Morgen wird ihm vor derselben eckeln; übermorgen wird es ihm einfallen: die Rechte zu studieren. Don den Rechten wird er zur Mahlere», von der Mahlerey zu der Theologie übergehen , und am Ende in Allem etwas und im Ganzen nichts werden. So sagt mein Vater! Glutrvth wurden Julius und Rudolf, bey dieser Schilderung ihrer Fehler. Kaum wußten sie sich zu fassen, so beschämt waren sie. Sie vergaßen, die liebenswürdigen Mädchen zu erschröcken, und schlichen leise, wie sie gekommen waren, wieder zurück, um ja nicht entdeckt zu werden. Aber ohne Nuzen war diese Vorsicht. Denn die Mädchen hatten früher die kleinen Lauscher bemerkt, und mit Absicht die Unterredung auf die Fehler derselben gelenkt. Ob 145 Ob Julius bescheidener und fleißiger und Rudolf gelassener und in seinen Neigungen fester ward, weiß ich nicht. Aber ich weiß: daß sie von diesem Tage an Niemand mehr belauschten. * Das milchweiße Lämmchen. V^ine reizende Wiese lag vor dem Landhause, welches Herr Walter mit seiner Familie in den schönen Sommermonaten bewohnte. Doppelte Reihen fruchtbarer Obstbaume durchschnitten sie. Im Mittelpunkte entsprang zwischen duftenden Feldblumen eine spicgel- helle Quelle, floß ruhig, wie das Leben eines guten Menschen, dahin durch das Thal, und ergoß sich endlich in einen mit hohen Pappeln umpflanzten Fischteich. Die röthlichen Blumen des hohen Klees hauchten einen sanften Wohlgcruch aus, wahrend ihre Kelche den emsigen Bienen Honig gaben. Gerne verweilten in den Wipfeln der Obstbaume die Singvogel. Denn ruhig durften sie dort ihre Nestchen bauen. Keine muthwllligc Hand raubte ihnen die Jungen; keine Schlinge drohte ihrer Freyheit. K Auf dieser Wiese spielte» und scherzten Herrn Walters Kinder gewöhnlich in ihren Erhohlungsstun- den und freuctcn sich bey dem Anblicke der schönen Natur ihres sorgenftcyen Lebens. Indessen schien ihnen doch einst etwas zu ihrem Vergnügen zu fehlen. „O! sagte Wiprecht, wenn wir ein Lämmchen hätten, das mit uns umherhüpfen könnte. Das wäre herrlich! Wo wir hingiengen, würd' es uns folgen; schmeichelnd uns die Hände lecken, wenn wir ihm junges Gras reichten! Wir hätten einen Spielgesellschafter mehr.... c- Wenn es nur schon da wäre, das liebe Lämmchen, antwortete Heinrich. Saftigen Klee würd' ich ausreifen, und ihm zum Futter geben. Ein Bett von weichem Gras würd' ich ihm machen, würd' ihm Wasser schöpfen mit der hohlen Hand, wenn es dürstete. Euer Wunsch sey gewährt, sagte der gute Vater, der, ohne daß die Kinder ihn bemerkt hatten, Zeuge ihrer Unterredung gewesen war. Morgen sollt ihr ein Lämmchen haben, weiß, wie der gefallene Schnee. Aber ich mache Euch die Bedingung, die Euch wohl Euer eigenes Herz schon machen wird: daß ihr es mit Sanftmut!) und Liebe behandelt. Denn wer ein schuldloses Lämmchen quälen kann, ist gewiß kein guter Mensch. Emporhüpfend für Freude versprachen die Kinder, was der gefällige, liebevolle Vater ge-' fordert hatte, faßten seine Hände, drückten sie an ihre klopfenden Herren, dankten und... o! wie lange däiichtc ihnen die Nacht bis rum Morgen, an welchem sie die Gewährung ihres Wunsches erhalten sollten! Sie träumten nur von dem Lämmchen und als sie erwachten, stand es — schon vor ihrem Vette. Welche Überraschung. Sie kleideten hastig sich an; hohe Freude glänzte in ihrem Auge und äußerte sich in jeder ihrer Gcberdcn. Was für eine sanfte Mine das holde Thierchen hat! sagte Wiprccht! Und wie schlank es ist, wie fern gebaut, fuhr Heinrich fort. Weich wie Seide ist seine gekräuselte Wolle. Sieh, wie freundlich es uns anblickt, als hatte es uns lange schon gekannt. Geschwinde, geschwinde hinunter mit ihm auf die Weise! Mit leichten Füßen folgte ihnen Häuschen, wie sie ihren neuen Gesellschafter nannten, nach, horchte, wenn sie ihm riefen, hüpfte "munter umher, nahm, begierig den driftenden Klee, den sie ihm reichten, und schlürfte aus ihrer hohlen Hand das Wasser, das sie aus der Quelle schöpften. Wer war glücklicher, als Wiprccht und Heinrich? Acht Tage giengen so vorüber. Die Knaben schienen unzertrennlich von dem holden, sanften Geschöpfe. 148 Wie'geht es mit Euerem Lämmchen? fragte endlich der Vater mit bedeutendem Blicke. Ist es nochim- merEuere Freude, noch immer das liebe, guteHänschen? So so! antwortete Wiprecht mit gleichgültiger Mine. Der erste Anblick hat mich getäuscht. Wer sollte wohl glauben, daß ein so sanftmüthig scheinendes Wesen eigensinnig und boshaft seyn konnte? Der Vater. Ich bin begierig, die Beweise zu hören. wiprecht. Sehen Sie. Mich kann es gar nicht ausstehen. Wenn lch mich ihm nähere, um es liebzukosen.... husch, macht es einen Seitensprung und weg ist es! Ertapp' ich es dann zuweilen, o da sollten Sie sehen, wie es sich windet und sträubt, bis es sich wieder losgerissen hat. Der Vater. Gegen Heinrich wird es wohl eben so sich betragen? wiprecht. O nein! Gerade das Gegentheil! Eben dieß ärgert mich am meisten. Kaum ruft Heinrich... im Augenblicke steht Häuschen da, steht ihn so freundlich an, als wenn es fragen wollte: was er befehle ? Hüpft um ihn herum, leckt ihm die Hände, läßt sich haschen und streicheln. Nur ich allein darf das eigensinnige Geschöpf nicht berühren. Der Vater. Mir scheint es, Wiprecht, das Lämmchen sey wohl weniger eigensinnig nnd boshaft, als du. Ohne Ursache flieht es dich wenigstens gewiß nicht. Thatest du ihm nie etwas ru Leide? wiprecht. Zu Leide? Nein... Ich'spielte mit ihm, hob ihm die Vorderfüße in die Höhe und ließ es tanren... oder neckte es... oder... Heinrich. Oder rissest es an dem rothen Halsbande dir nach über Stock und Stein , bis es ermattet niedersank. Der Vater. Nun begreife ich, warum es vor dir flieht. So machte es wohl Heinrich nicht? Heinrich. Gewiß nicht! Warum sollte ich das gute, liebe Thierchen plagen? Es ist ja so sanftmü thig, leckt mir so dankbar die Hände, wenn ich ihm Futter reiche, folgt mir, wie mein Schatten, und Hat mich so lieb, so lieb.... Der Vater. Eben, weil du es liebst, liebt es dich wieder. Hättest du es mißhandelt, wie Wiprecht that, o gewiß würd' es dich fliehen, wie ihn. Die Thiere wissen sehr wohl zu unterscheiden, ob man sie liebt oder nicht. O! meine Kinder: vcrgeßt nie den goldenen Denkspruch: »wer sich Freunde machen, wer geliebt seyn will, der muß Andere gerade so behandeln, wie er wünscht von ihnen behandelt zu werden.« Hättest du diesen schönen, ewlgwahsen Gmndsa; beobachtet, Wiprecht, so würdest du das Lämmchen nicht gequält, sondern wie Heinrich, die Liebe desselben dir erworben haben. Z. ' Klärchen am Bache. -^er Frühling ist gekommen. Schon hört' ich das Aed der Schwalben auf der Rinne des Daches. Schon lab ich sunqe Veilchen blühen ant Ufer des Teiches. Veilchen ? Wie, wenn ich hingienge, eine Handvoll der duftenden Blümchen pflückte, und sie in ein niedliches Sträuschen bände? Mamma liebt die bescheidenen Veilchen. Von meiner Hand werden sie ihr willkommen seyn; denn ich werde ihr sagen: Kindliche Liebe habe sie gepflückt. So sagte das liebenswürdige Klärchen, ein kleines schwarzaugigtes Mädchen, das, kaum sieben Jahre alt, schon die schönsten Anlagen des Herzens und des Verstandes zeigte. Um zu dem Teiche, den Trauerweiden mit herabhängenden Zweigen umzäunten, zu kommen, mußte man über ein kleines Bachlem schreiten. Mit einem leichten Sprung hüpfte Klärchen hinüber, flog hin» zu den Weyden und pflückte die Veilchen, die am Fusse derselben aus blaßgrüncm Moos ihre blauen Kelche erhoben. Es ist doch schön auf dem Lande, sagte das blühende Mädchen, während sie die Blumen in einen pyramidenförmigen Strauß band. Immer giebt es neue Freuden. Jett bringt uns der kommende Frühling Veilchen und Mayenblümchcn; Dann brechen die Rosen aus ihren Knospen, und erfüllen mit Wohlgeruch die Gärten und Gchäge. Ist die Blüthenzeit vorüber, dann rothen sich Erdbeeren und Kirschen und manche süße schmackhafte Frucht reift für den Gaumen der Knaben und Mädchen. Jett ertönt der Gesang der Lerche in den Lüften ; in den Pappeln am Bache singt der Zeisig, im Hollunderstrauche schlägt der Zinke. Jeder Monat, der kommt, bringt andere Vögel und neue Gesänge. So will es die Natur. O! sie hat Alles gut gemacht! Als der Straus gebunden war, wollte Klärchen, entzückt über. die reiche Veilchenarndte, nach Hause zurückkehren. Sie wählte einen Fußsteig, den sie nicht genug kannte, der aber kürzer seyn sollte, als jener, auf welchem sie hergekommen war. Von ferne hörte sie bald das Rauschen des Wassers. O, sagte sie, da bin ich schon nahe am Bache. Aber das Geräusch ward heftiger je näher sie kam, und endlich erschien der sonst leicht überschreitbare Bach wie ei» kleiner Strom! Denn eine Schleußt, über welche das Wasser schäumend hinabstürzte, trieb ihn hier zurück und erweiterte seine Ufer. Sinnend, wie sie hinüber kommen könnte, gieng die gute Kleine hin und her. Aber nirgends fand sie ein bequemes Pläzchen, um hinüber zu springen. Ach, sagte sie ein wenig mürrisch, warum muß hier das Beete des Büchleins breiter seyn, als dort, wo ich leicht, mit einem Sprunge, mich Hinüberschwang? Die Natur hat es so gewollt. Es ist doch nicht Alles gut, was sie gemacht hat. Wahrend Klärchen so mit sich selbst sprach, erschien am andern Ufer des Baches Engelbert, ein holder, schöner Knabe. Er kam eben aus dem Walde, wo er dürres Holz gesammelt hatte. Denn frühe schon hatte seine Mutter, eine arme Wittwe, ihn gewöhnt, den Müßiggang zu fliehen, und keine Stunde vorübergehen zu lassen, ohne etwas Nüzli- ches zu thun oder zu lernen. Engelbert sah die Verlegenheit der guten Kleinen, die noch immer ängstlich hm und her trippelte, um ein Pläzchen zum Ueber- gang zu suchen. „Sey ruhig, kleines Mädchen, sagte er, und warf schnell seine Bürde von sich. Ich helfe dir herüber. Nur einige Augenblicke Geduld!« Und nun gleng er und walzte einige große Steine, die in der Nahe lagen, herbey, und senkte sie hinab in den Bach, daß sie über das Wasser emporragten und eine Art von Brücke bildeten. Die Augen der Kleinen wurden Heller für Freude bey diesen Anstalten. Engelbert reichte ihr die Hand, und in vier Schritten stand sie jenseits am Ufer. Kennst du mich auch, guter Knabe 7 sagte sie, als sie Engelberten mit Herrlichkeit für diese gefällige Hülfe gedankt und ihm einige Veilchen rum Zeichen ihrer Erkenntlichkeit dargeboten hatte. Engelbert. Nein! Ich sehe dich heute rum erstenmale. Rlärchcn. Und doch kamst du mir so freund- ' schaftlich zu Hülfe, noch ehe ich dich gebeten hatte? Engelbert. Warum nicht? Muß man sich denn jede Gefälligkeit erst abbetteln lassen? Und that ich mehr, als jeder andere Knabe auch gethan haben .würde? Rlärchen. O, zwanzig Andere wären vor-' übergegangen, ohne auf das kleine Mädchen zu achten ! Vielleicht hätten sie wohl gar noch über meine Verlegenheit gespottet. Engelbert. Pfuy, wer das könnte! Immer sagt mir meine gute Mutter: „Du bist arm, Engelbert, folglich kannst du deinen Mitmenschen keine Wohlthaten erweisen. Aber durch ein gefälliges Betragen, durch kleine Dienste, die du willig 154 oder unaufgefordert Andern leistest, wirst du dir leicht die Herzen gewinnen." lind was mir meine Mutter sagt, das, thu' ich und... ich befinde mich recht wohl dabey. Zufrieden verließ die Kleine den wackern, gefälligen Knaben. O, sagte sie zu sich selbst, wahrend sie nach Hause gieng, ich war wohl thöricht zu klagen. Ja! ja! Die Natur hat alles gut gemacht. Ware der Bach hier schmal gewesen, wie dort, wo ich zuerst hinubersprang, so hätte ich ein gutes Kind weniger kennen gelernt und eine recht nüzliche Lehre weniger gehört! Und mit jedem Tage bewiest Klärchen durch ein zuvorkommendes, dienstfertiges Betragen, baß jene Lehre Wurzeln gefaßt habe. 4 - Die Aprikosen. F rau Bürger bewohnte, seit dem Tode ihres Gatten, ein kleines Landhaus nahe bey Augspurg. Die erste Beschäftigung der rechtschaffenen Mutter war die Erziehung und Bildung ihrer einzigen Tochter, i5S der liebenswürdigen Philippine, und ein glücklicher Erfolg krönte ihre Bemühungen. Philtppme wußte im zwölften Jahre Alles, was ein gesittetes, tugendhaftes Mädchen wissen soll, und Alles war ihr unbekannt, was ein gesittetes Mädchen nicht wissen darf. Sie theilte ihre Zeit, nach einer unveränderlichen Ordnung, zwischen den Arbeiten am Nährahmen, am Schreibtische und in der Küche und den Erhohlungen am Klavier und besonders im Garten. Bald begoß sie die Blumen in den Beeten, bald band sie die Nelkenstengel mit Bast an grüne Stäbe mit goldenen Knöpfen, bald klaubte sie mit geschikter Hand die schädlichen Raupen von den Zwcrgbäumen, bald pflückte sie reifes Obst, und brachte die schönsten der schmackhaften Früchte ihrer Mutter! Die Ihr dieses leset, kleine und größere Mädchen, gehet hin und thut desgleichen. 7 Lange schon hatten die Neffen der Frau Bürger,- Edmund und Anton, welche rn einer Erziehungsanstalt zu Augspurg sich befanden, den Wunsch geaus- sert, die Ferien auf dem Landhause ihrer Tante zuzubringen , und mit Vergnügen willigte diese ein. Die Knaben kamen. Es war in der schönen, fruchtbaren Herbstzeit. Die Aeste der Bäume senkten sich zur Erde unter der Last des Obstes. Die Keltern knarrten, und preßten den süßen Most aus blauen und weißen Trauben. Das war ein Fest für Edmund und Anton: lüstern sahen sie nach den reizenden Früchten, fest entschlossen: sich's weidlich schmecken ;u lassen. Schon am anderen Morgen ward ihr ' Wunsch erfüllt. Philippine tischte ihnen in einem medltchen Körbchen Trauben/ Pfirschen und Aprikosen auf/ und lud sie ein: von diesen süßen Gaben der wohlthätigen Natur nach Herzenslust zu genießen. Sie thaten's / verschlangen die Früchte mlt Heißhunger/ schlichen dann / mit dem reichlichen Mahle noch nicht zufrieden/ selbst in den Garten / lauschten: ob sie von Niemand gesehen würden/ und rissen/ als sie sich unbemerkt glaubten / die schönsten Trauben und Aprikosen vom Geländer ab. i Nach einer Stunde kam der Gärtner/ blaß wie eine Leiche und an allen Gliedern zitternd in das Zimmer der Frau Bürger. Erschrocken fragte sie: was ihm fehle? Ach! antwortete er beynahe athemlos, sie sind fort / abgerissen / gestohlen. . . . Frau Bürger. Wer? was ? redet doch deutlich! Der Gärtner. Wer? was? Die schönsten Trauben/ die schönsten Aprikosen! Gewaltsam hat man sie abgerissen; hat die jungen' Schosse zerknickt / die Levkoyen und Sternblumen in den Rabatten am Geländer zertretten. ... O! es ist ein Greuel der Verwüstung! 157 Frau Bürger. Aber wer hak es denn gethan? Der Gärtner. Diebe, gottlose, ehrvergessene Diebe. Ich möchte mir die Haare ausraufen aus meinem alten Kopfe! Die schönsten Früchte so zu verliehren! Frau Bürger. Habt Ihr Verdacht axf Jemand, Christian? Der Gärtner. Noch hab' ich keine Spuhr entdecket. Nur aus den Fußtritten, die ich in der Erde bemerkte, schließe ich, daß es noch junge Buben waren. Frau Bürger. So muß man scharf nachforschen, um die Thäter zu entdecken. Denn wenn dieser Diebstahl unbestraft bliebe, so würden die kleinen Diebe vielleicht in wenigen Jahren große Diebe werden. Beruhiget! Euch indessen über den Verlust, guter Christian! Im nehmlichen Augenblicke, als der alte Gärtner das Zimmer verließ, kamen Edmund und Anton von ihrer Streiferey zurück. Höret einmal, meine Kinder, sagte Frau Bürger, und sah den beyden Knaben mit scharfem Blicke in's Gesichte. Man hat mir — vermuthlich in der verflossenen Nacht — die schönsten Trauben und Aprikosen im Garten gestohlen. Solltet Ihr vielleicht etwas davon wissen? Edmund. Ach Gott,-das wäre schrecklich! 158 Wir bekommen also keine Traube», keine Aprikosen mehr? Frau Bürger. Wenigstens keine der schönsten. Diese sind dahin/ wie der Gärtner sagt. Nach den Fußtritten ru urtheilen/ waren es noch sehr junge Diebe. Anton. Wie? wenn es der Knabe wäre/ den wir über die Gartenmauer springen sahen? Frau Bürger. Ihr sahet also den Dieb? Kanntet ihr ihn vielleicht. Edmund. So ganz nicht. Doch schien mir's/ er habe viele Aehnlichkeit mit dem kleinen Stephan. Frau Bürger. Dem Sohne meines Gärtners? Edmund. Ja, so schien mir's. Anton. Mir schien's nicht nur. Ich kannte ihn genau an langen weißen Haaren und der blauen Jacke. Den kleinen Schleicher konnte ich schon von dem ersten Augenblicke an nicht leiden. Bis jezt hatte die gute Philippine geschwiegen. Aber als man den kleinen Stephan anklagte / da sagte sie mit einiger -Heftigkeit zu ihrer Mutter: Stephan ist unschuldig. Dafür bürge ich mit meinem Leben. Ich kenne ihn. Der gutmüthige, schüchterne Knabe würde es nicht wagen / nur eine Stecknadel ru entwenden. 159 O! fiel Edmund spöttisch ein. Das wird sich bald zeigen. Manldarf ja nur den gutmüthigen jungen Herrn hohlen und ihn recht scharf fragen. — Und schnell sprang er die Treppe hinab, suchte den armen Kleinen auf, packte ihn bey der Brust , und führte ihn, wie einen armen Sünder herbey. Frau Bürger mißbilligte diese harte Behandlung, und fragte mit sanftem Tone: Ist es wahr, Stephan, baß du in meinen Garten gestiegen bist und mir Trauben und Aprikosen entwendet hast? Es fällt mir schwer, dich schuldig zu glaube». -Aber hier sind Zeugen. Kannst du dich vertheidigen? O — rief der trozige Anton dazwischen, wie sollte sich der langfingrigte Bube vertheidigen können? Wir sahen's ja mit unseren eigenen, gesunden Augen, wie er über die Gartenmauer hinübersprang. Da stand nun der gute Knabe, erschrocken, als wenn ein Bliz vor ihm in die Erde gefahren wäre. Er konnte keinen Laut zu seiner Vertheidigung hervorbringen. Thränen erstickten die Worte, die er hervorzubringen sich bemühte. Diese Verwirrung , das Stillschweigen, die Thränen. . . Alles vergrößerte den Verdacht der Frau Bürger. Nur Philippine allein schrieb diese Verlegenheit der wahren Ursache, dem furchtsamen, schüchternen Charack- ter des Knaben zu, und behauptete immer: er sey unschuldig. Noch war die Untersuchung nicht geendet, als der alte Gärtner in's Zimmer trat, einige zornige Blicke auf Edmund und Anton warf, und Frau Bürger um Erlaubniß bat, mit ihr allein sprechen zu dürfen. Sie entfernte also die Kinder und der ehrliche Alte begann : Nun sind die Diebe entdeckt ! Der Hirtenjunge hat Alles gesehen. Nicht in der verflossenen Nacht geschah's. Heute geschahe! heute am hellen lichten Tage. Die ehrvergessenen Jungen! O wer hatte das geglaubt. Noch so klein und schon so boshaft. Frau Bürger. Ihr ereifert Euch so sehr, guter Christian, daß Ihr darüber die Hauptsache vergesset. Wer sind denn die Diebe? Der Gärtner. Wer? Darf ich's, soll ich's sagen? Frau Bürger. Warum nicht? Frey heraus? Der Gärtner. Also... Ihre Neffen sind's, die jungen Herrchen , die gestern von Augsburg kamen. Frau Bürger. Meine Neffen? Es ist nicht möglich! Bedenkt, was Ihr redet, Alter! Der Gärtner. Hab's schon bedacht. Ich rede die Wahrheit. Der Hirtenjunge ist ein braver Kerl. Er lügt nicht und ein paar gesunde Augen hat er auch im Kopfe. Frau Bürger. Noch kann ich's kaum glaube»! Ich muß mich selbst überzeugen... Mir fallt etwas ein. Geschwinde, Anton! füllt mir ein Körbchen mit Aepftln und Aprikosen. Noch in dieser Stunde will ich die Probe machen. Der Gärtner that, was ihm befohlen worden war und brachte die Neberreste der Aprikosen. Eben spielten Edmund und Anton auf einem Nasenplaze, nahe bey dem Landhause, Stephan aber saß in einiger Entfernung, traurig, den Kopf in die Hand ge- stüzt, als Frau Bürger, mit dem Körbchen voll Obst unter dem Arme, von Philippinen begleitet, zu ihren Neffen hintrat. Kinderchen, sagte sie mit freundlichem Tone, ihr werdet an schmackhaftem Obste keinen Mangel leiden, ob man gleich meine Zwergbäume geplündert hat. Ein gefälliger Nachbar, füllte mir von seinem Verrathe das Körbchen hier. Bey Tische wollen wir's uns recht schmecken lassen. Spielet indessen fort. Bald wird die Mittagsglocke schlagen. Während sie so sprach, ließ sie, wie von Ungefähr, einige gvldfarbigte Aprikosen mit hochrothen Bäckchen aus dem Körbchen fallen, und gieng dann fort. Edmund und Anton, deren Augen fest auf das Körbchen geheftet waren, hatten die herabrol- lenden Früchte kaum bemerkt, so empfahlen sie em- L ander mit aufgehobenem Finger Stillschweigen, und theilten sich, als die Tante sich entfernt hatte, in den Fund, den sie für sehr glücklich hielten. Indessen gicng Frau Barger auch bey dem traurigen Stephan, jedoch ohne ihn anzureden, vorüber, und ließ hier, wie dort, einige Aprikosen aus dem Körbchen fallen. Kaum sah dieses der gute Knabe, als er schnell die Früchte aufhob, und sie der Frau Bürger brachte. Gerührt über diese Redlichkeit drückte die Wittwe den Knaben an's Herr, und sagte, wahrend eine Thräne der Freude aus Phillppinens Auge sich schlich: Nun bin ich ganz von deiner Unschuld überzeugt. Bcrgieb mir, daß ich ein so braves Kind im Verdachte haben konnte. Nicht du hast die Trauben und Aprikosen entwendet, sondern meine Neffen. Die Niederträchtigen k Erst begiengen sie das Verbrechen, und dann solltest du noch, guter Junge, dafür büßen. Nein! So viele Bosheit hätte ich in so jungen Herzen nicht vermuthet. Aber du sollst Genugthuung haben, noch ehe ich von dieser Stelle gehe. Mit zürnender Stimme rief sie nun ihre Neffen herbey. Der Ton des Rufes, r noch mehr aber die freundschaftliche Art, mit welcher die Tante Stephan'- Hand hielt, verkündete ihnen nichts Gutes. ,6z Langsam lind zitternd kamen sie also. Es ahndete ihnen, daß sie verrathen seyen. Frau Bürger sah diese Verwirrung. „Nun isi die Reihe an Euch zu zittern, sagte sie. Ungerathene, bvsherzige Kinder! Euere Verbrechen sind entdeckt. Diebe, Heuchler, Ver- laumder seyd ihr; als Rascher sienget Ihr an, und wo Ihr enden werdet, das mag Gott wissen! Aber — schändlich, vielleicht schauderhaft, schrecklich wird Euer Loos seyn, wenn Ihr den Lastern nicht entsagt, deren Ihr Euch heute schuldig machtet. Nieder auf die Kniee. Ihr seyd nicht würdig vor einem Kinde zu stehen, das Ihr so schwer beleidiget habt und das tausendmal besser ist als Ihr. Denn das Herz macht den Werth des Menschen aus, nicht der Stand. Ohne Widerrede niedergekniet! In dieser armen Sündersstellung bittet die Unschuld, welcher Ihr Euere Laster aufbürdetet," daß sie Euch vergebe. Und nun — fort aus meinen Augen. Mein Angesicht sollt Ihr nicht wieder sehen, bis ich Beweise habe, daß Ihr gebessert seyd." Noch an dem nehmlichen Tage kehrten Edmund und Anton nach Augspurg zurück. Der gute Stephan aber erhielt zum Andenken die schönen Bücher, welche Frau Bürger ihren Neffen zugedacht hatte. 164 Das Grasrnücken-Nest ^)egleitet von ihrem Erzieher, Herrn Weiße, gierigen Maximilian und Emilie in das Gehölze spazieren. Aus allen Gebüschen tönte der frohe Gesang der Vogel ihnen entgegen. Hier führte eure Hänflingsmutter ihre Jungen von Zweig zu Zweig, und übte sie, die Flügel zu schwingen. Dort brachte ein Distelfinke seinen Kleinen, die zwitschernd die gelblichten Schnabel eröffneten, Nahrung in den Wipfel eines wilden Apfelbaums. Ach, sagten die Kinder, wenn wir nur auch in den Gesträuchen hier ein Nest- chen entdecken könnten... Wie herrlich war's! Und nun schlichen sie umher in-den Gebüschen, rissen an jeder Stelle, wo ein Vögelchen aufflog, die Zweige von einander, und spähten so emsig und aufmerksam umher, als ob sie einen Schar zu finden hofften. Auf einmal rief Maximilian voll Entzückens: »Gefunden! Gefunden! Ein Grasmückennesi mit vier niedlichen Jungen!« Hastig flog auch Emrlie hinzu, bog sich nieder am Schlehenbusche, an dessen Fuße das Nest künstlich in die Erde gebaut war, nahm eines der Vögelchen heraus und eilte damit zu Herrn weiße, ' 6 § der in einiger Entfernung Lai- Sehen Sie doch, sagte die Kleine mit einer Freik., die sich über ihr ganzes Wesen verbreitete, sehen doch das artige Geschöpfchen an! Ich nehme es mit ii! "ach Hause, und... o! es soll gefüttert und gepfle», "^den , wie ein kleiner Prinz! Indessen brachte. Ma?E'an auch die übrigen drey Vögelchen, die immer er den Zeigefinger gegen sie hinhielt, die Schlichen hochaufrissen, als wollten sie Futter von ihm fordern, und auch er erklärte: er wolle die Fündlinge nach Hause tragen, und sie mit Sorgsamkeit erziehen. Aber Herr Weiße schüttelte den Kopf zu diesem Entschlüsse. Glaubt Ihr wohl, sagte er mit liebreichem Ernsie, es werde die arme Mutter nicht schmerzen, wenn ihr so grausam die Kinder ihr raubt? Emilie. Sie haben Recht! Es wird der armen Mutter wehe thun. Ach! Sehen Ste, Herr Weiße! die Grasmücke, die dort an dem Schlehen- busche, wo das Nesichen war, umher fliegt, gewiß ist dieses die Mutter! Wie ängstlich sie jezt auf der Erde flattert. . . Jett fliegt sie wieder empor..'. iett flattert sie wieder. Maximilian. Jezt sizt sie dort, wo das Nest chen war. Wie traurig sie ist. O man sieht ihr.an, daß man etwas Liebes ihr entriß. >66 Herr Weiße. man einem Mutter; -Herren Lieberer entsßx^, M Kinder? Wenn Jemand käme', un^Euch gewaltsam Eurer Mutter entrisse.. beynahe verzweifeln? Emit« x^>ten würde sie der Kummer. Tau- sendmasgg^e sie ja, sie könnte nicht mehr ohne uns . leb e r Maximilian. Die arme Grasmücke würde also wohl auch sterben? Herr Weiße. Vielleicht. Wie sehr der Verlust sie schmerzt, sahet Ihr selbst. Maximilian. O so war' es ja niederträchtig, wenn wir die Jungen mit uns nähmen. Herr Weiße. Wenigstens würde es entweder Leichtsinn oder Hartherzigkeit verrathen. Warum sollen . wir einem guten Geschöpfgen, das uns nicht nur nichts LeydcLthut, sondern uns durch seinen frohen Gesang Freude macht, muthwilliger Weise Schmerzen verursachen? Glaubt mir, meine Kinder: wer ohne Ursache und absichtlich einem anderen Wesen, ' war' es auch nur eine Grasmücke, wehe thun kann, der ist gewiß kein ganz guter Mensch. Gebt also die kleinen halbnackten Vögelchen der Mutter zurück. Unter Eueren Händen würden sie bey der sorgfältigsten Pflege sterben, während sie bey der mütterlichen Wartung in wenigen Wochen das Nest verlassen und in einigen Monaten schon Ohr und Herz durch ihren Gesang ergözen können. Das wird Euch dann gewiß größere Freude machen , als wenn ihr sie in einem Kefigt würdet hinsterben sehen. Gewiß, gewiß! antworteten Emilie und Maxi-' milian mit liebenswürdiger Gntmüthlgkeit, und eilten , die Vögclchen wieder in ihr weiches, künstlich- gebautes Nest zurückzutragen. In wenigen Augenblicken flog schon die Mutter herbey, deckte mit ihren Flügeln die Kleinen, und Zufricdenhkit und Ruhe waren in dem kleinen Haushalte wieder hergestellt. Oft noch spazierten die guten Kinder an der Hand ihres Erziehers in diesem Gehölze, aber nie hörten sie den frohen Gesang einer Grasmücke, ohne Zu sagen oder wenigstens zu denken: ,, Vielleicht ist es eines jener Kleinen, welche wir ihrer Mutter wiedergaben. Hatten wir unserem guten Lehrer nicht gehorcht, so müßten wir wohl das Vergnügen entbehren , daß wir jett empstnden!" ei «l . ! . F iss i « k -.r