Vc.cU>°! OÜ- ^ D r c Brieftasche aus den Alpen. Dritte Lieferung. St. Gallen, bey Reittiner jünger-^ ,1 ; ch i ö 3 G Gedichte. im Herbst. Äch auch einmal wieder, Lieber Sonnenstrahl, Komm zu uns hernieder In dies Jammerthal! Die Natur will sterben; Blumen welken hin, Bäume sich entfärben Und der Wiesen Grün. Durch die Wälder hallen Keine Lieder mehr; Dürre Blätter wallen Nur im Wind daher. Und am kahlen Zweige Hängen Lröpfgen kalt —> Liebe Sonne zeige Dich auch wieder bald! Wenn dein Himmel lächelt, Hebt sich die Natur; Neues Leben fächelt Ueber Wald und Flur. 6 Und wir athmen freyer, Zeugen leichtes Blut, Lieben wahrer, treuer, Handeln brav und gut. 7 Morgenlied eines Biedermanns. Äie Schalte» flieh» , der Morgen lacht, Die Sonne kehret wieder, Und alle Vogel sind erwacht, Und singen ihre Lieder: Was soll ich denn? — Nichts kann ich nur, Als Freude inS Getümmel Der allfrühlockenden Natur, Laut jauchzen auf zum Himmel. Du hörst mich doch, mein Vater, wohl, Im schönen Blau da oben! Mein Herz ist auch so voll, so voll, Dich überlaut zu loben! Da weihtest Du mir diese Nacht, Mir armen Mann hieniedcn, So freundlich ein zur Schlummernacht, Und gabst mir Ruh und Frieden! Und nähmest treulich mich in Hut, Und alle meine Lieben <- Als wären wir besonders gut 2m Himmel angeschrieben. Des jubeln wir den» alle froh, Ich hier im freyen Grünen, Und herzlicher noch wohl, als so, Im HLuSgen meine Kleinen ; Da hüpfen sie umS Beigen her, Und rufen: Vater'. Vater: — Es gilt nur Dir, Du bist ja mehr Als ich ihr guter Vater: Du giebst uns unser täglich Brod, Zufriedenheit und Segen, Und lächelst uns mit Morgenroth, Und Sonnenglanz entgegen! Und tränkst mit Thau die Blumenflur, Und giebst dem Müden Stärke: O Vater, Vater der Natur, Wie groß sind deine Werke'. In deiner Kraft blüht Berg und Thal, Daß schwindet Sorg und Kummer; Und jeden Abend lohnst Du all Des Lebens Müh mit Schlummer. Und Lag um Lage bringst Du hin Uns unvermerkt Dir näher; An deiner Schöpfung Herz und Sinn Gestärkt und immer höher. O daß ich hier so wandten kann Vor deines Thrones Tiefet Und daß Du eS so siehest an Wenn ich von Arbeit triefe t Mein Herz und Wandel recht und schlecht Ist Dir auch unverborgen; Einst wirst Du mich als treuer Knecht 2» deine Ruh versorgen Bodm er an seinem letzten Geburtstag. schütt achtzig Jahr und mehr zurück—> Wie dämmerts durch die Zeiten So selig her an meinen Blick, Hinüber mich zu gleiten! Dem Gängelband durch Lust und Schmerz, Zur Weisheit und zur Freude, Und höher, weiter, GrabewärtS — Und noch lacht Flur und Heide! Noch sieht dies Auge treu und hell! Noch schlägt dies Herz so bieder, Und strömt der Schöpfung Lebensquell Durch alle meine Glieder! Und um mich blüht mein Vaterland, Der Schauplatz edler Thaten, Und hält in festem Eintrachtsband Die kleinen Heldenstaatcn, Noch schwingt die Freyheit ihren Hut Hoch über niedre Hütten; Noch zeugt die Liebe frisches Blut, Und fromme Männerfittc». Noch Seht ihr da, ihr Alpeuhöhn! So groß und fest wie immer, Wie alte Schweizer Chrfurchtsschön, Im Silberlockcn Schimmer! Und schützt des Waldgebirges Thal, Und spiegelt mir entgegen Den letzten Abcndsonnenstral, Mit allem seinem Segen— Vor euch wuchs ich in Liebe auf, Und übte meine Sinnen, Und schürzte mich zu freyem Lauf, Mein Tagwerk zu beginnen! Da steh ich'nun, und trag den Preis, Den Ehr und Alter geben, Und feyre als ein froher Greis, Mein MackelkoseS Leben ! So herrlich, herrlich neigt eS sich! — Natur, o deine Freuden; Ich trank sie all — Du liebtest michl Wir wolle» freundlich scheiden. Sied für Schweizerknahen. Unter allen, alle» Mädchen die gefallen, Ist wies Schwejzcrmädchen -raun/ KnnS so schön und kräftig — traun! Seht die vollen Waden Nehmt euch Acht yor Schaden'. Lustig eins gejauchzt l Mögen andre lüsten Nach den vollen Kisten, Freyer Schweizer Herz gewinnt Nur ein braves, muntres Kind: Bey uns gelten Lriebe; Liebe löst die Liebe! Liebe macht die Braut. Her, ihr braunen Schwestern, Zu den vollen Gestern Schweizerwein und Schweizerblut, DaS ist brav, und der ist gut: Mancher hal s erfahren, Schon in jungen Jahren, Der es nicht geglaubt. Ha! mit Schweizcrfäusten Ist noch was zu leisten; Gehts zur Arbeit , gehlS ins Feld, Wohl sind Pflug und Lrnd bestellt r Will ein Feind uns plagen, Kommen wir und jagen Ihn mit Schlägen heim» Lud mit Ruhm und Glück« Kehren wir zurücke; Und ein jeder nimmt sein Kind, Und der Hochzcitlag beginnt, Und es wird gesungen, Und es wird gesprungen'. Und zuletzt gejauchzt! 14 Das Schrvetzermädchen. 8)in ein braunes Schweizermädchen, Gar ein braves Aind, Hab ein Btttlcin und ein Rädchen Schon zum Braulgebind; , Für den Sonntag auch ein Mieder, Und noch anders mehr: Fröhlich treib ichs auf und nieder/ Fröhlich hin und her. Kommt denn einst ein wackrer Freyer- Ist mir gar nicht bang; Lustig tönt die Hochzeit. Leyer Lustig Sing und Sang Und ich kann mein Brod gewinnen; Arbeit hat nickt Noth! Bald daheim und bald im Grünen — Arbeit schaffet Brod. Arbeit macht gesunde Glieder, Zeuget frohen Muth; Jeden Morgen hat man wieder, Kräftig ausgeruht. Und wo treue Liebe hauset, Ist man menial arm, , Und wennS draussen stürmt und brauset, Sitzt man drinnen warm. Drum und drum so mag es rücken, Bleibt es doch dabey: Was sich soll, das muß sich schicken; Blumen giebt der May. Und dann weiß ich schon auch Einen, Brav wie sein Gesicht: Aber wer? — ihr möchtet meynen! — Heuer sag ichs nicht. Otzpheus. Orpheus seufzte, Orpheus klagte, Liebeiammernd zog er, ach: Zwischen Felsen, wo'S nie tagte, Seinem trauten Mädchen nach. Dumpfer scholl die goldne Leyer Vor ihm her den dunklen Steg, Heulend floh das Ungeheuer Von der Hölle Pforte weg. Pluto sprang mit wildem Grimme Aus dem Bett' anS Fenster — ha: Schrie der Gotr, mit Donnerstimme, Sterblicher was willst du da? Orpheus seufzte, Orpheus klagte r Pluto, ach, mein Mädchen, ach: Zürne nicht, daß ich «s wagte Meinem trauten Mädchen nach: Gut und friedlich schwebt ich droben So mit ihr durchs Leben hin, Fühlt' an ihrer Brust erhoben, Götter Herz und Göttersinn; Und die Leyer sang mein Glücke, Seligkeit durch Wald und Feld — Stunden stöhn in Augenblicke, Ach es war nur meine Welt. Und da' riß es ohn Erbarmen, Mir das Schicksal aus dem Schoos; Gott der Hölle, gieb mir Armen, Gieb Euridice mir los! Pluto brummte: Welch Begehren: — Aus dem Reich der Schatten — ha: Fremdling gilt kein Wiederkehren, Geh nur, gehr WaS weilst du da? Orpheus seufzte, Orpheus klagte: Pluto, sey auch milder — ach: Liebe, die mein Herz zernagte, Trieb mich meinem Mädchen nach. Keine Freude wohnt mehr droben; Traurig welkt der Wiesen Grün- Winde brausen, Wellen toben — Ach Euridice ist hin: Einsam schwebt fie durch Gefilde, ' Wo kein Licht der Sonne strahlt, B rr Wo nicht mehr zum Morgenbilde Dich ein Blick des Lieblings mahlt — Um dich fliesten diese Thränen: Schlägt so ängstlich dieses Herz! Hörst du wohl des Jünglings Sehnen? Kennst du noch der Liebe Schmerz? Du, die alles mir gegeben, Sieh auch alles bring ich dir! Ohne dich / wie sollt ich leben? Her; und Treue bring ich dir; Hier in grauer Schatten Höhle, Felsen um mich, über mich, Will ich trauren, bis die Seele Lost in banger Wehmuth sich. — Hast des Lärms genug getrieben, Schnellt vom Fenster Pluto her, He da l dringt ihm'S Mädchen rüber; Und du Sänger komm nicht mehr! Das Saurenmädcheit. rAab nun auch die Stadt gesehn r Ey die laß ich bleiben: Wie die Leut' s« schuakisch gehn, Und ein Wesen treiben! Ha, ha, ha, Lralladera, V'hüt mir Gott mein Dörfchen: Muß euch gaffen wie nicht gschrit, Ueber all die Flausen ; Sey es immer Herrlichkeit, Möcht da wohl nicht Hausen: Ha, ha, ha, Lralladera, D'hüt mir Gott mein Dorschen Böum' und Dach und Wiesenflur, DaS sind andre Sachen Gute Kinder der Natur Herzlich froh zu machen: Ha, ha, ha, Lralladera, D hüt mir Gott mein Dörfchen r Krause Moden her und hin, Unsre glatten Köpfe Schmückt ei» Band und Blümchen drinn, Rund herum die Zöpfe: Ha, ha, ha, Tralladera, B'hüt mir Gott mein Dörfchen l Und ein hübscher Sommerhut, Und ein luftig Jäckchen, Steht das nicht recht fein und gut ? — O das schöne Mädchen I Ha, ha, ha, Tralladera, D hüt mir Gott mein Dörfchen! An die Blümchen, mit meinen Freunden gesungen im Lenz. Ädachst auf, wachet auf und blühet alli> Ihr Blümchen groß und klein im Thal, Des Frühlings Odem wehet: Wir schweben hin die kurze Zeit, Mit Iugendlieb und Innigkeit, Wie'L dann auch weiter gehet Fall immer Schmuck und Blätter ab, Sanft ist der Schlummer in dem Grab; Der Schöpfung innres Webe» Treibt all' uns wieder neu hervor, Zur Herrlichkeit empor! empor! In unö wohnt ewigs Leben. SL Nachtgesang. §)er Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel schön und hell: Wie söuselt'S her so stille , Mit aller Liebesfülle, Und murmelt Bach und Quellt Gebt Abscheid jedem Kummer , Und wiegt euch ein zum Schlummer, Des Schöpfers Auge wacht! Er blickt auf niedre Hütten, Wo Lieb und fromme Sitten Das Leben golden macht. Die Schiffahrt. Gelassen, still und Lebensfroh , Segl' ich durch Fluthen hin, Und frage nicht — wie, wenn und wo Genug eS gehet hin. Und geht es gleich oft kreuz und quer Bald langsam und bald schnell, Und stürmen wohl auch Wetter her, Ha — bald ist'S wieder hell i Geht's wieder unter Sonnenschein, Und Sang und Gattenspiel, Durch Silberfluthen hübsch und fein, Und bald ist man am Ziel. F. -4 An Emma. Mädchen: Anmuth, Schert und Freude, Fliehn die Flur; Sieh die Nacht im SterNeukleide! Festlicher wird die Natur.» Alles schweiget; nur die Jugend, Aufgeblüht, Unter Grazien zur Lugend, Singt der Liebe noch ein Lied. Komm auch du, laß meiner Saiten Süssen Klang, Emma, o laß ihn begleiten Deinen göttlichen Gesang! Sieh, der Mond am Sternen«Himmel, Schön wie du l Lächelt sanft in das Getümmel, Winkt uns seinen Beyfall zu. L. Grabgesang bey der Greift eines Freunds. 3^uhe wohl in kühler Erde r Schlummre sanft in MutterschooS! Ach, dein Leben war Beschwerde, Leiden war dein MmschcnlooS ! Aber Ruhe lohnt den Müden; Enqel steigen auf und ab, Wehen Kühlung, lispeln Frieden, Heil dem Schlafenden im Grab! Bald erwachst zu neuem Leben! Bald verschwindt der Zeiten Lauf —> Hügel, Gruft und Erde beben, Und der Himmel nimmt dich auf! rs Gespräch. Rezensent (mit einem Oktavblat.) r^ab mich wieder 'nmal amüsirt, Hab ein klein Düchel rezensirt. Freund. Weis her l Rezensent. Nimm hin'. Freund. Viel Witz darin»; Allein auch ziemlich dumm! Rezensent. Man läßt den Teufel loS, Und kümmert sich nicht drum; Wenn's Aerger nur erweckt. Freund. Schon gut. Allein das Herz e — Rezensent. Der Name bleibt versteckt. -7 Der Adler und die Nrähen. 3^öthlich flammte die Sonne den Morgen- himmel hinauf; ein Adlcrjimgling kam aus seiner Fclscnkluft hervor, blickte sie an und fühlte ihr heiliges Feuer durch seine Adern glühe». Voll inniger Jugend hüpfte er auf, und versuchte zum erstenmal seiner Fittige Schnellkraft, von Klippen zu Klippen, d»rch Gesträuch und Genistcr , die Fichte hinauf, von Ast zu Ast höher. Von dem Geräusch erschraken die Vogel der Einöde, und cine Schaar Krähen versammelte» sich, und machten ein Geschrey: — Traun! pursten sie, daS ist ein ganzer Kerl! — Wie von seinem Flug die Felscnsteine sich losreißen und die Aeste unter ihm zerknicken, daß es prasselt— Nun flatterten sie um ihn her , beguckten ihn vorne und hinten, und verwunderten sich des Starken , der sich mächtig auf seinem Wipfel wiegte. Aber dieser blickte gen Himmel, und wagte den Flug ; langsam und schwer erhob er sich im Kreis, und kämpfte die Luft unter sich; begann dann den kühnen Schwung gerade empor in die glühenden Strahlen der 28 Sonne. — Lief unter ihm lärmte nun das schwarze Geschmeis: Ha: seht doch einmal l Ist das der, der mit seinen Fittigen den Wasserfall überrauschte, und die Einöde mit Schrecken füllte? — mochte sich erleiden, ist er doch nicht grösser als unser einer! — Ihrer hohen Narrheit voll, flogen sie auf über die Wipfel der Launen hinweg — dem nahen Lbal zu , und pickten da dem Lalid- mann den Mist von seine» Steckern. Felix und Regula Die Geschickte, Felir und Regula, fällt in die Zeit der Christen - Verfolgung unter Diokletian. Diese bepden Liebenden flohen in eine Wildniß , die auf den Gränzen zwischen Loggend,reg und Gaster liegt, wo Noch Ueber- blelbsel einer Kapelle, unter dem Namen Re- gulstein, zu sehen, die dies« sollen gebaut haben. ReguIstein Eine Hohle von Felsenstückcn über einander gewölbt nnd mit-Tannenrciftr um und über bedeckt, im tiefen Wald. Felix. r^a du sollst ihren Namen tragen! Aren Namen, mit dem die Liebe mich weckte, der mir so süß, so lieblich klang, bey dessen Ton ich wie ein junges Reh aufsprang, und mit forschendem Sinn umher spähte, wo sie wäre , wo er herkäme: — Ach ihren Namen, den ich nun so oft vergebens aus voller Seele heraus hallte, daß es der Himmel hören sollte und sie kommet nicht, sie höret mich nicht mehr. — Ach wo du bistIn welche schreckliche Wildnis verscheucht, oder von Barbaren zerrissen, die unsern Gott lästerten, und gegen seine Verehrer wütheten! — Nein du haft deine Knie nicht gebogen; du hast nicht geopfertAch wo du bist meine Geliebte! — Hier wär« eine Höhle , eine Wohnung für Zwey, und Freyheil. Führe dich ein Engel hieher, wenn du noch lebst» und hast du über- wunde», so schwebe um mich deine» Jüngling heiliger Schatten! (Geht rings um die Höhle, und besieht sie nachdenkend.) O mit dir, hier mit dir zu leben, wie wür. de ein Blick von dir diese- alles Hinschaffen'. Wie würde mir alles vor deiner Gegenwart zur Genügsamkeit! — wie in den Lagen der Jugend, da wir noch auf väterlichen Fluren in Unschuld binschwärmtett, den Himmel rein über uns sahen, die Erde voll Reichthum und Gluck für uns und die Zukunft in Freuden der Liebe herdämmernd: — (er entfernt sich.) Regula. (kommt vv» einer andern Seite her.) Immer weiter, weiter hinein in diese schreckliche Wildniß ! Was soll ich - Vorwärts ?— Zurück?—- Ueberall ist Lod. Hier reissende Lhiere; dort grimmige Barbaren. Nur weiter, weiter! Vielleicht daß ich ihn auch wieder finde: Er entkam ja seinen Verfolgern?, und floh diesen Gegenden zu ; in einer solchen Wildniß muß er wohnen. Das ist nicht der Pf«d von Räubern, nicht von wilden Thie- rdn, eS ist der Pfad eines Verfolgten, gemalt, sam durch alles Dickigt gebrochen. Ach fänd »eh ihn : Gäbst Du mir ihn wieder, guter Vater »n Himmel! Gäbst Du nur ihn wieder, meinen Armen, meinem Her;! Hier i» dieser wüsten, wilden Einöde, sollte mccnLcb.nDir, mit innigstem Dank, gewidmet seyn!— Halt! — Was ist das ? — Eine anfgen orfne Höhle mit Tannenreiser bedeckt ; die scheinen noch frisch und erst gebrochen ; da muß jemand sey». — Still: — ES kommt was! Wer e- istr — Ich muß mich noch verstecken. (sie verbirgt sich.) Felix. Vergebens ! Vergebens hebt sich die krankne Hofnung; sie richtet sich auf um tiefer hinzusin. ken, und unter zückenden Qualen zu sterben. Ihr Auge, das um den Himmel entgegen spiegelte, ist verloschen, der freundliche Blick, vor dem mein brausendes Blut sich legte und die Seele milder ward, ist nicht mehrZürch- terlich ist diese Einöde im tiefen Wals, schau- der»- diese dumpfe Stille; keine Nahrung als bittre Wurzeln und'Kräuter; nichts als diese schlechte Höhle und diesen Mantel gegen St arm )4 ------ und Wetter Frost und Kilte: — In ber ne?» ten Schöpfung hört mich niemand mehr: Der Stern, der in dunkler Nacht einsam zwischen den Wipfeln der Tanne» herabblickt, geht kalt vorüber; die Sonne scheint über diesen Wohnplatz des Elends hinweg , und läßt mich in dämmernden Schatten, die kein freundlicher Laut unterbricht! AlleinAllein! — Welche Qualen der Hölle dieses Wort umfaßt Hörst Du mich wohl auch. da oben, Vater-! ^ Mein! Ach! Allein! Regula. (kommt hervor.) Du Unendlicher! —Er ist da! Felix. (der sie auf einmal erblickt, und vor Schrecken zusammenfährt.) Ha! Deine Erscheinung, seliger Geist! Regula. Du hast mich erhörn Er istS! Felix. ( sich fassend. ) Wie r -- Bist du Täuschung oder Leben! Regula. (auf ihn zu.) Mein Geliebter! Felix. Sie ißs, sie kommt. Ha, deine Gestalt t Deine Tlicke! — Mein Leb«;.-! (einander in den Armen.) Regula. Ich habe dich wieder gefüllten! Felix. Schlägt dieß Herz wieder an deinem ! Hebt stch die Seele wieder empor! Was ist nun dir Welt? — Regula. Hier, hier bey dir: Laß uns bleiben und leben» Felix. Ich habe dich! Ich habe alles, alles. Und da ist eine Höhle» Regula. Genug für uns. Hier wächst Moos und Laub zum Lager; hier sind Kräuter zur Spei« ;6 7^—7- se; undzwischen diesen rannwivfeln hinauf, sehen wir ja auch zum Himmel unsers lieben Vater-, dem wir dienen. Felix. Ha, Diosletia» mit deinen Göttern und Barbaren ! Hier herrscht Liebe und Freyheit. D e s Korbmachers von Tallheim Rede am versammelten Landtag der Dichter. 4 rAo , ho! Stille Männer: Hät' auch etwas vorzubringen , wenn'S nicht unbeliebig wäre. Bin ein Korbmacher meiner Profeßion; und weil es zar lustig und lieblich ist, unter den Weiden am murmelnden Bach, oder im säuselnden Gesträuch auf einsamer Heide , ein Liebchen aus dem Herzen zu dichtey, so mach ich denn so dann und wann auch ein Liebchen, sing es an der Landstrasse, oder auf dem Bank vor einer Hütte, oder unter der Linde im Dörfgcn, deß geht mir die Arbeit besser von statten, und ich bin so glücklich wie ein König. Bin also auch hieher kommen, und hoffe, die ehrenfesten didern Männer werden mir nicht entgegen seyn, als Dichter auch meine freye Stimm' und Meynung zum allgemeinen Besten der freyen deutschen gelehrten Republik zu geben; ist deS Unwesens so viel und des Larmens und JankenS, daß es eine Schande ist vor Gott, der einem jeden unrer uns aus der Fülle seiner Kraft auch etwas hat zukommen lassen, um Freude um Utts W zu schaffen. 4 -, Laßt uns fein brüderlich leben ; singen im Wald ja Kukuk und Staar und kAm- srl und Zeisig / alles durcheinander , und niemand klagt darüber / daß des Gesangs zu viel sey, oder daß alle nach einer Form und Weise singen sollte». WaS soll denn daS Neidschen und Necken je einer am ander»? — Hat jeder sein eigne Farbe und Gestalt, und seine besondre Nase, und also auch seine eigne Art zu singen und zu dichten: und wenn ein jeder nur cinfäitiglich giebt, wje crS hat, so findt er immer seines gleichen , die sich auch so einsältiglich seiner Gabe erfreuen. Läßt ja der liebe Gott in jedem Weinberg und alle Jahr ungleichen Wein wachsen, er wird all getrunken, der gute wie der schlechte, die- ser löscht den Durst, und jener stärkt den Magen. Wär' also meine Meynung, liebe, bidere Männer und Bruder, man liesse einen jeden ini Frieden sein volles Herz ergießen und über- fiieffen, und treiben so gut er will und kann, und sahe jeder mehr auf sich als auf andre. Und was endlich diejenigen anbetrift, die auf der Welt zu nichts nützen , als andern 4 » ehrlichen Leuten ihre Kinder zu tadle» , weil sie selbst keine machen können , so wäre mein ohnmasgrblichcr Rath, man schickte die mit guter Manier auf die italiänischen Gränzen, um Kornsäcke über den Sprüger und Gott» hard zu tragen: — Welchem also meine Meynung so wohl gefällt als mir, der bezeug'« mit seiner Hand:— Auf! Auf! Gespräch Reich der Todten. 4 ? Goris. Zafire , Wochen, Lage - Stunden, wo sind fic! Wo sind die angenehmen Augenblicke! — Wie lang hab ich dorten zugebracht! — Oder träume ich nur ? Ward ich nicht Landralh Goris genannt, einer von den Vornehmsten des kands auf der Oberwelt l Was ist nun auS mir worden ? Vielleicht kennt man Landrär the hier nicht einmal. — Line Weile schon da, und niemand fragt nach mir, in die« sein unendlichen Raum — alles so finster , so traurig l Pfui, warum schlummrc ich nicht? Aber ich fahre bald wieder auf über demGc» lärm von Herüberkommende» ; und niemand bringt mir Geld und Litcl. Doch was wollt ich Schatten damit? — Ich Lhor der ich war, daß ichs mit so vieler Müh gesucht, Mit Sorgen eingesperrt, und mit Ungemach nachgeschlept, was hab ich nun davon? Warum hab ich meinen Körper nicht für die Würmer gemästet, oder dieses Ich besser für dies« Gefilde beschickt'. Ich dächte — ja das weiß ich nicht mehr — sie sind verschwunden rene Bilder, sie vermodern mit dem Kopf im 46 Grad. He, schon wieder Lärm! — Wen seh ich? — Ein Scharren von Leander — ja, ja, er ists: Leander. Bring mich an ein einsames Ort, Schiff- mann! Ich kann das Gemurmel nicht leiden. Ich will eS ruhig haben, sonst dank ichs dir schlecht, daß du mich der Unruh entführt, und in eine neue bringst! Wer ist der da , der da so störrig auf mich zukömmt? Goris. Und du kommst hier so böse an ! Kennst du mich nicht? Leander. Ha, d« stehst noch hier am Port: Ich glaubt« -ich an einem schönern Ort anzutreffen ; «der ich habe mich betrogen. Goris. Ja, ja, komm nur: Du wirst dich noch weiter bekriegen! Hier bist du nicht mehr Landrath , hast kein Pfifferling mehr zu befehlen: Du wirst dich verwundern, wenn du sehen wirst die alte Kate, die mau droben für eine Hexe hielt - über dir wcgflattern, und ihre Glückseligkeit aus ihren helcn Runzeln schimmern. 47 Leander. DaS hab ich mir wohl eingebildet, daß es hier änderst gehe, als auf der Oberwelt. Ich habe oft gesagt.- dort werde» die Kleinen groß, und die Grossen klein seyn; sonderlich die -wo sich selbst ohne Verdienst groß machen. Gons. Was ist das? Ich verstehe dich nicht, was d« willst mit deinem Groß Leander. Bist du denn so dumm ? Wahrhaftig ich hielte dich für einen ziemlich gescheiten Mann, und du fragst noch : was groß sey? —Hieltst du dich nicht auch selbst für groß droben?— Goris. Ja, aber ich habe mich nicht selbst groß gemacht. Die Baurea haben mich mit allgemeinem Beyfall zu meinen Aemtern erhoben. Deswegen dünkte ich mich freylich auch groß, wen» ich so meine Lite! ordentlich hersagen hörte; wohlthuend drangs durch meine Brust. Und nun geht unser HLnsel — der einfiltige Hänscl, der so oft mit seinem Korb am Weg bettelte, den ich mit Eckeln ansa» 48 he, und lieber meinen Hund zum Gesellschafter hatte — nun geht dieser Häusel mir stolz vorbey, mit einer lachenden Miene, ohne auf mich zm achten. Leander. Jetzt ist die Larve weg. Nun kenn ich auch dich, weil ich deine wahre Gestalt sehe. O wie kriegen dort die Menschen Goris. Was tricgen ? — Ich war ein Mann von Ehre, und jedermann hielt mich auch dafür. Meynst du, daß ich meine Deniungsart durch das blosse Uedcrfahren verlohnn? Nein; Aber der schwarze fürchterliche Both hat mich zu früh abgefedert; Kaum fleug ich an zu leben, meinen Rock zu flicken und auszubürsten, und mich ein wenig empor zu schwingen ; kaum hatte ich eine kleine Höhe erreicht und mit Vergnügen herum geblickt, so kam schnell dek unerbittliche Tyrann, zog mir den Rock aus mit gräßlichem Zerren ; kein Bitten; kein Entschuldigen hälfe ; he , ich mußte hinüber in diese wüsten Schütten - Setter, und wenn ich den Kahn zersprengt härte. — Da denke so mitten im Sommer zu verreisen, das 4s Korn noch im Feld, und nichts als den unlu- stigen Frühling genossen i — Aber warum hab ich nicht eher meinen Hsnig gclecket, fremde Aerzte gerufen, und alles bis zumEÄel versucht, so wäre doch die Begierde, diese quälende Begierde nicht mit mir hinüber gefahren. Leander. Ja was soll deinen Rost abfegen? — Und wenn du ein ohnvermögender , schlotternder Greis worden wärest , so hätten sich deine Begierden immer mit den Jahren verstärkt. Ehr« und Geldgeiz ist eine unheilbare Krank« heit. Da stehst du nun wie ein gerupfter Vogel; der Körper halte Noch deine Höflichkeit verborgen gehalten! Goris. Nein , der Kerl hat mich zu früh abgeholt» Dort war ich nöthig , hier »üz ich nichts» Aber höre, sage mir doch, wie's auf der Oberwelt stunde, als du abreistest. Leander. Glaube, du bist zur rechten Zeit adgerii- fe» worden. Sie waren froh genug, daß du aus dem Wege wärest, freudig im Traut- D 5 -> Habit haben sie deine Güter unter sich getheilt, und brav um deine Aemter geworben. Hier kommt einer , der kamt dir vielleicht besser Nachricht geben. Goris. Wohl, wohl , der Wcibcl! Du bist als» auch da angelangt! Wie stchts droben? werbe!. GNt. Ich hab noch brav springen können, bis ich deine Titel und Aemter an Mann gebracht. Mein Rockermcl würd mir bald darüber verzerrt. Da sollt ich wohl auf beyden Schultern tragen. Aber ich war auch kein Narr; sobald sie die Hände in den Sack steckten, hielt ichs mit zween, dreyen—Doch was hab ich nun davon? vielleicht verluderns iezt meine Buben. Leander. O ich habe der Thorheiten der Mensche» mich müde gesehen ; froh war ich , als der sonst fürchterliche Bott, der Königen gebie- tet und Helden erschreckt, daher kam; willig ließ ich mich von seiner kalten Hand leiten; sagte: Gute Nacht träumende Wanderschaft, ich werde ruhen und schlafen, und dann mit Freuden erwachen. — Und ihr steht da und schleppt euch noch mit vergangenen Dingen l Wie gern laß ich nun den Menschen ihre Schcinehrc mit Geld erkauft! Ich will fort von hier in ruhigere Gefilde , wo nicht so viele Stöhrer hinkommen. Goris. Du hastbrecht , es ist doch hier gar nicht schön, daß man so wenig nach Ehre fraget, wo der schlechteste Bettler so viel geachtet wird als ein angesehener Mann; hatte mich doch der Unverschämte nur noch eine Weile auf meiner Oberwelt gelassen: Leander. Schweig doch einmal von dem , und von deiner Ehre. Sich selbst ohne Verdienst zu Ehren erheben nur durch Geld und Ränke, ist nurj desto grössere Schande. Goris Nein, nein, so arg hab ichs nicht gemacht. Ich habe nur so in geheim meine Freunde gehabt, die den Baure» meine Talente schön heraus streichen müssen; und dabey that ich woiters nichts, als etwa»» einige , die mir im Weg standen, verdächtig zu machen daneben had ich sonst meine Ehr zu dehaup. ten gewußt — nicht wadr Weibel! Bin ich Nicht einer von Weibel. — nicht von den Redlichsten gewesen, ja das weiß ich wohl. Du hast den Mantel nach dem Wind gehängt/ und jeden betrogen. Goris. War du Falscher l Wärest du nicht auch von meiner Parthey? weibel. Freylich so lang mir dein Seckel den Durst gelöscht. Jetzt aber hast du kein Geld mehr; ich könnte lange dürsten wir du nach deiner vorigen Ehre! Goris. Ich mag von diesem jetzt nichts Mehr hören. Sag mir lieber/ wer meine Aemter geerbt hat. Weibel. Fritsch ist Landrath worden. Goris. Was? Was? — Der! Das ist ja ein erj- dummes Ploch» Wie ist denn der dazu gekommen ? Wie hat erS gemacht r — ; Weibe!. Daß du das fragst! Wie du hat ers gemacht; hat feine Unterhändler umhergeschickt , und den Weiler, der neben ihm in die Wahl kommen sollte^ brav verdächtig.gemacht. Leander. > Du warst wohl auch einer von seinen Ull- ° terhändlernl weibel. ? Freylich. Als Weibel hatt' ich die beste ! Gelegenheit, mich aller Orten einzudrängen; da hab ich denn bald diesem bald ienem ins Ohr gefljstert: man solle sich doch wegen der künftigen Landrath-Wahl in Acht nehmen —- ich wolle sie gewarnet haben — der Weiler sey wohl ein! gescheiter Mann, aber — kein Freund der Baurcn, ihre Freyheit sey in Ge« fahr — und so dergleichen. Dieses ist dann von Ohr zu Ohr kommen, und ein allgemeines Frösteln hat sich über der Leichtgläubigen Rücken ausgebreitet» Dann hab ich auf Fritsch gedeutet, das sey ein grundehrlicher Mann, vor dem hätte man am wenigsten zu fürchten, ich wollte wohlmehnend gerathen haben zum allgemeinen Besten, diesen zu wäh. lcn ; erhabe auch so nnd so viel auf den Mann versprochen.-Das wollte freylich denn nicht überall gefallen; aber ich ließ mich nicht abschrecken. Ich gieng zu den Spinnstubc- tcn, wo Weiber waren, lobte und schmeichele te da brav, und dann kam ich wohl auch von ohngrfchr auf Fmschen zu sprechen, strich sei« ne Talente kräftig an , sagte denn aber dabey , daß er einen Fehler an sich habe , um deßwillen ihm die Männer nicht sehr gewogen seyen, er sey ein Weibernarr und so —Was? sagte Rosine, das sollte ein Fehler seyn? — Die unvernünftigen Esel! — Wart nur, ich will meinem herunterkappen, ich will ihm schon sagen, wem er seine Stimme geben soll. Ja, ja, sagt ich, thut das : es ist hohe Zeit, Weiler hat eine starke Parthey, ich förchte das Kind im Mutterleib werde es entgelten müssen, wenns der wird. Goris. Du hast dein Handwerk verstanden! Das muste wirken. weibel. Du hättest nur sehen sollen am Wahltag darauf, die Weiber standen da, gaben aus ihre Männer Acht, und nach einer zierlichen Rede waren die meisten Hände für Fritsch. Goris. Das hätt' ich nicht geglaubt. Er war ja erst noch Knecht, und versteht kaum mit Pferden und Kühen umzugehen. Leander. So gehts dann. Hernach härt man nichts als Klagen über schlechte Verwaltung des ge- meinen WescnS — Lärm, Zank, Strcit und Verwirrung. Goris. Daran muß man sich gar nicht kehren; die Bauren sind von je her wetterwendische Tölpel gewesen; wer wollte jedem recht thun können ! Indessen wollt' ich freylich, wenn ich noch droben wäre, rathen, man sollte ein wenig mehr aufsehen, wo gesunder Verstand wäre. Leander. Und Redlichkeit dabey. Aber insgemein ist der graste Haufen der Daurcn dazu gemacht, sich von einem Prahlhans und Großsprecher an der Nase herumführen zu lassen. weibel. Da hat Leander recht. Ei» paar lateinische Wort r, die so einer aufgeschnappt und selbst nicht versteht, zu rechter Zeit anqe- bracht / thut Wunder. Und weil ein Ehrsüchtiger Dummkovf allmal auch ein Stettkopf ist, so trift sichS ganz richtig, daß die unge. reimteste Meynung immer die Oberhand behält. Goris. Ja das geht freylich nicht so ganz richtig. Aber haben sich nicht auch schon viele in Aemter eingedrungen / nur um Gelegen- heit zu bekommen / nützlich zu seyn? — Wenigstens glaub' ich / ieder von diesen halte seine Person und Gaaben / dem gemeinen Wesen für nützlich und ersprießlich. UeberdaS ist ein gewisser Ehrgeiz allen Menschen eigen; seder sucht empor zu streben, und alle Mittel und Wege einzuschlagen, die ihm Zeit und Gelegenheit darbietet; und den möcht' ich sehen , der lieber in Achtloser Niedrigkeit, als in Ehre und Ansehen leben, und lieber gehorchen als befehlen wollte, wenn er könnte!—- Du wärest auch Landrath, nicht wahr? —. die Ehre war dir zu angenehm, als haß du sie auSgeschlagen hättest. Leander. Sehr gut. Aber die Art und Weis , wie ick sie erlangt, mackt mich gar nicht darüber crröthen. Ich habe meine Untüchtigkejr bekannt, und gebethen, mich in Ruhe zu lassen, und einen tauglichem statt meiner zu wählen; aber es half nichts. Indessen hab ich den Beyfall meines Gewissens, daß ich treu und redlich gethan, so viel ich konnte; der Titel machte mich nicht stolz; ich wußte wohl, daß die Hülle, der diese Ehre bewiesen wurde, bald dahin fallen werde. Aber die Ehre eines guten Gewissens, der Beyfall des Himmels und aller braven Menschen, die lag mir am Herzen. Darum bin ich auch muthig über diesen gefurchteren Strom gefahren. H glückseliger Tag, an dem ich einem Schwärm ehrsüchtiger, dummer und eigennütziger Geschöpfe» entkommen bin! Nun eil' ich zu jenen grossen und edlen Männern, die ihre Ehre nicht in erbettelten und erkauften Litten und Würden, sondern in Recht- schaffenheit und Tugend gesucht. Goris. Ach, schweig doch einmal mit deinem Ge- schwäz. Immer kommt ihr mit eurer Tu- 58 gend und euren edlen Handlungen aufgezo- gen — ja, ja, da» ist bald gesagt; aber wo Einem oft die besten Handlungen so übel ausgelegt werden, so muß man wohl änderst handeln. Könnt ich nur noch eine Zeitlang droben seyn, ich wollte — weibel. Brav reformiren? — Dein Sinn ist beständig noch droben. Fahre wieder hinüber, und spucke droben, kneipe den Beyschläfer deines WeibS, und schrecke mit dumpfer Stimme den, der in deinem Sessel sitzt; predige allen dummen Starrköpfen, sie sollen sich von Gescheitem regieren lassen, und ihr Geld besser anwenden als »m Lite!, die nur ein Weilchen die Ohren kitzeln ; schleiche in alle geheime Komplote — Doch du kannst es nicht! Bleib immer hier, sie haben ja Moses und die Propheten , laß sie dir hören , und gieb dich nun zufrieden. Leander. Ich sehe wohl, hier ist noch kein Ende der Thorheiten der Menschen; Sie werden bisher gezwungen, und ihre Werke folgen ihnen nach. 19 Goris. Ick bin eures Predigens müde ; geht ihr nur weiter auf dieser dürren Heide. Ich will noch ein wenig hier bleiben — Wer bist du ? — Scharten. Ich war eine fromme Frau, mit Namen Rostna. Ich hatte mich von der Welt abgc- sondert, froh, daß ich nicht war wie andre Leut. Glaubte auch ganz gewiß, dieses mein Wesen würde beym Abbrechen meiner Hütte geradezu in den dritten Himmel stiegen; aber ich habe mich betrogen , und muß nun bis auf wciters hier bleiben. Geyt ihr erst letzt angelangt; Ihr werdet wunderbare Sachrn erfahren» Leander. Ich will mich hier gern ein wenig umsehen. Nein, ich wünschte mir nicht mehr auf der Körvecwelt zu wohnen ; stillschweigend all dem Unwesen zuzuschauen, thut weh, und den Sittenrichter zu machen, damit zieht man sich allgemeinen Haß über den Hals, Nosina. Nicht weit von hier sah ich ein grosses Gedränge von Schatten, mit verschiedne» Mi» »en und Gemüthsbewegungen , als wenn sie auf das Herauskommen der Lotterie - Zedul warteten; Forcht und Hoffnung wechselten auf ihren Gesichter» , viele aber schlummerten; man sagte mir, dieses waren lauter einfältige dumme Leute , die so ohngefehr wie das Dich gelebt und so gestorben. Aber dort, in jener sanftern Gegend, erblickt' ich ein Häufigen, mit Mienen voller Ruhe und Hoffnung! Hand in Hand wandeln sie freundschaftlich Lurch hellere Gefilde, und achten nicht des Gelärms fern um sich her. Dieses waren die Stillen im Lande, weise, redliche Menschen, heißt es. Leander. Ich will fort. Zu diesen will ich mich gesellen, und mit ihnen ruhig erwarten, bis LaS Stadtthor ausgehet, und der grosse König des Körper- und Geisterreichs kommen, und seine treuen, redlichen Geschöpfe, ewig glück« lich machen wird. u- s. Auszüge aus einem Tagbuch. 6 ; Thalia , theure Freundin: tausend Dank dir für die innige Seclenfreude, die mir jener rührende Austritt gemacht, wovon du dir tlrsach wärest l — Du hattest verdient ein Zeuge desselben zu seyn , verdient, den Eindruck selbst zu sehen, welchen dein unerwartetes Geschenk auf den guten, ehrlichen Menschen gemacht, dessen Fleiß und Redlichkeit du belohnen wolltest! — icne unentschloßne Verlegenheit , ob er dein Geschenk annehmen — nur berühren dürfe, oder nicht, jenes Erstaunen , welches niit jeder Ueberraschung begleitet ist — jene zitternde Freude, mit welcher er sich endlich dein Geschenk zueignete, und die Thränen des Danks, die in seinen Augen glänzten — Auch die meinen flössen über; wahrlich, liebe Freundin, so ein Austritt ist Dankenswerth : Warum hab ich dir meine Empfindungen nicht ausdrücken können ? — Warum mein erwärmtes , gerührtes Herz verbergen und verhüllen müssen? Indem wir andre um uns her zufrieden und röblich machen, vermehren wir damit zu? 64 gleich die Summe unsrer eignen Freuden — Dies ist eine von den vielen Wahrheiten, Welche wir glauben, aber Nicht eher verstehen, als bis wir sie erfahren. Dir darf ich keine weitere Erklärung davonmachen; die Wicht Zufriedenheit und Freude um sich her zu verbreiten, wd man kann, wird dich kein Weiser und kein Buch bester kennen lehren, als du sie ausübst. Ein vernünftiger Gelehrter (denn gelehrt und vernünftig ist nicht allemal bey einander) ein vernünftiger Gelehrter wollte seinem Bedienten die zehen Gebotte erklären > wie er zum fünften Gebort kam, und ihn fragte: »vieler das verstehet — versetzte der Knecht, es heißt : ich soll meinem alten Vater den halben Theil von meinem Wochenlohn geben, und das hab ich bisher immer gethan. Hans, erwieder- te der Herr, Und nahm den Hut ab, komm sitze du hieher, ich stehe , wo du bist , und höre dir zu , denn du erklärst besser als ich »tid meine Bücher. Geschenke bekommen ihren Werth von der Person, die sie giebt, und von der Art, wie 6 ; sie ertheilt werde». Wenn die Person , die uns ein Geschenk macht, uns lieb und werth ist, so ist cS auch ihr Geschenk, cS mag kostbar oder gering seyn. Und wenn die Art und Weise, wie sie dieses Geschenk ertheilt, zugleich als ein Beweis von Aufmerksamkeit und Werthschätzung angesehen werden kann, so hat es in unsern Augen einen doppelten Werth. Beydes trift bey dir ein, theure Thalia! du verstehst die Kunst , deinen Geschenken durch die Art, wie du sie ausrherlst, einen dreyfachen Werth zu geben — Das lies» fest du mich gestern erfahren» Ein weit kostbarer Geschenk - welches mir Dämon der reiche Dummkopf Machre, als ich ihm half die Blösse seines Geistes zu decken, hat mir keine solche Freude gemacht, wie die, die ich empfand, als ich ein neues Schnupftuch von dir in der Lasche fand; ich betrachtete meinen Namen darauf, dachte mir die Hände, die ihn gemacht , und die Ursache, die dich zu dieser Arbeit bewogen, und küßte den Nä» men — nicht tausendmal wie ein dichterisches Männchen vorgeben würde — sondern Nur einmal im Drang der Freude; legte dann das E SS Schnupftuch beyseite und dachte an Thalia — und so oft ick es wieder zur Hand nehme, denk ich an Thalia. An ihrem Geburtstag. Aejn Gesicht war heute so heiter wie der Tag — gebe der Himmel , betete ich, daß cS immer so aussehen mag: wär ich ein Bürger des jüdische» StaatS gewesen, so hätt ich den fettesten Farcen meiner Heerde für dich geopfert — ES war mir ein fcyerlicher Tag, ob ich gleich nichts besonders that, und sagte: woher mag es wohl kommen, Freunde / daß jch bey solchen Anlässen allemal eine stumme Rolle spiele? Jch denke daher: die Sprache der Redlichkeit und Freundschaft hat keine eignen Worte / sondern nur diejenigen/ wo« mit der Gleichgültige / frostige und falsche Empfindungen und Gesinnungen ausdrückt/ die er nicht hat/ und sie damit entweiht; daher werde ich bey solchen AnlL ^n allemal lieber schweigen, als mit Worten und Ausbrüten reden , die im Munde jedes Betrügers eben so klingen, wie in dem meinen — das Helige, das in den Kath zettelten worden, hat keinen Werth mehr. 6 ? Es ist unsere Pflicht, an den Freuden u». ! serer Freunden Theil zu nehmen und zu be- fördern helfen; und wir haben ein Recht// das gleiche auch von andern zu erwarten. Derjenige, welcher dieser Erwartung nicht j entspricht / und wenn er auch sonst unser lieb« I ster Freund wäre, wird uns doch allemal ! tränken und zum Unwillen reizen. Daher die trübe Wolke, die sich auf einmal über - dein sonst so heiteres Gesicht verbreitete! Möchten wir, so oft unsre Empfindlichkeit auf diese oder eine andere Art gereizt wird, unser Herz und seine Empfindungen in unsrer Gewalt haben l Nicht Schlachten gewinnen und Länder bezwingen, sondern sich selbst bezwingen, ist ! die gröste Heldentugend; aber der hat freylich , noch nicht gelebt, der sie immer ausgeübt hat ; und weder du noch ich werden die ersten seyn. Indessen wenn keiner das Ziel erreicht, erhall j derjenige den Preis, welcher ihm am nächsten ! kommt. : Am Ende des Jahrs. ^ Mas das für ein närrischer Wunsch war: — l Da dacht ich, wenn du doch dort im Kloster i rin Mon/H werden und das Mitternachtglöck- 68 lein lauten könntest. Wahr ists, das ist mir ein liebes Gköcklein; denn ick habe mirs zur Gewohnheit gemacht, nie ins Bette zu gehen, bis mir dieses Glöcklein zur Ruhe läutet» Diesmal tönt es mir feyerlichcr als sonst — das Gekling, in der stillen , melancholischen Mitternachtsstunde, dünkt mich jetzt so rührend, macht mir so weinerlich und doch so wohlig — senkt mich in ein so wunderliches Hinstaunen ins Vergangene und Zukünftige, wobey ich nichts deutlich denke, nur so ge- Heime, sanfte Bewegungen und Empfindungen spühre, die ich nicht mit Worten be- schreiben könnte.— Vein, es ist umsonst, ich kanns nicht ausdrücken, wie mir ist! Aber ist nicht jetzt die Stunde, ws die Geister am liebsten ihr Lhmt haben — Ob ein freundlicher Geist auf mich wirkt ? — mein Schutzengel vielleicht? — Wenn du es bist, lieber himmlischer Freund, so gieb mir spürbare Merkmale deiner Gegenwart ! Lisple meinem Verstand einen neuen hohen Gedanken ein, wie du Gedanken hast'. Erhebe mein Herz zu einer grossen , edlen Empfindung, wie du sie fühlst > oder mache hich sichtbar und fühlbar deinem sterblichen Bruder, daß er dich umarme, und dir ewige Freundschaft schwöre! D» bists! Jch fühls/du bists! Welche feurige Empfindung, die mir durch alle Adern strömt, wie sie empor strebt— Jetzt Men- scheu ! liebe ich euch rechc wie meine Bruder; ich möchte für euch sterben, meiner Hülle entschweben, und dann, theure Thalia! dein Schutzgcist werden. Kling , kling, kling, liebes Glöcklcin! ich folge deinem Ruf; töne mich bald in einen süssen Schlummer. Einst wird mir eine andere Glocke zu einer längeren Ruhe lauten. — Siehe deine Töne machen mich diesmal so ernsthaft, und erwecken in mir Ahndungen des Todes und der Zukunft— Sie erschrecken mich nicht. Habe Dank dafür, er ist entzückend der Gedanke — wenn mein Geist seiner Hülle entlastet ist, wenn diese, beym feycrlichenKlang der Todtenglocke, i» die Erde versenkt wird, und die MitternachtSschauer des T»deö vorüber sind, dann eile ich in jene ewig heuern, seligen Gegenden, wohin alle Guten gesammelt werden 5 dort werd ich dann alle diejenige» wieder finden, die ich hier ge- liebt Habe, werde ihnen meine Empfindungen 7 -> ohne Zurückhaltung sagen dürfen, werde sie in der innigsten Vereinigung ganz gemessen können; denn da findet sich kein anders Band der Liebe, als welches Gleichheit der Gesinnungen und Neigungen knüpfen: Sinnlich, keit, Gesetze und Priestersegc», machen keine Einschränkungen, ihr Zwang ist nicht mehr. L> Lhaliawenn ich dann wieder finde, und du mich noch deiner Liebe werth hältst, wie wird mir seyn ! Dieser Gedanke flößt Entzü- klingen in mein Herz, die es noch nie gefühlt hat.- verzeihe, daß ich mich ihnen überlasse, und nichts mehr sage. Was hör ich? — nicht mehr die sanften Töne meines lieben Glückgens — welch ein Lärm: unharmonisches Geräusch mehrerer Glocken, ferne Musik, dumpfe und hcischece Menschenstimmen, auch mitunter erschüttern- des Knallen Menschenverdcrbenden Geschützes. — Nun merk ich man feyert das Ende oder den Anfang eines IahrS: daß doch die Mcn- schen jeden wichtigen Umstand ihres Lebens , der ihrem Verstand so viel zu denken, und ihrem Herzen so viel zu empfinden geben würde, mit Geräusch und Lärmen verderben müssen! 7i Hin also ein ganzes Iabr, hingeeilt so viele Tage , so viele Stunden meines Lebens, beladen mit meinen Reden, Thaten und Thor. heiten, und tragen sie — Wohin? — DaS ist ein ernster Gedanke: Mensel, — schwach — redlich — was ich kann. Gott ^ Gnade — Güte — Liebe. Am Anfang des Jahrs. Wenn der Wanderer rauhe Wegs bey nächtlicher Finsterniß unter Sturm und ttngewit- ter zurückgelegt , und er dann ermattet sich hinlegt, und Gefahr, Mühe und Kampf im süssen Moraenschlummer verträumt — wie wird ihm zu Muthe seyn, wenn er dann erwacht, und die liebe Sonne am hellen Himmel ihn freundlich anlächelt, und Nacht, Sturm und Gewitter verschwunden sind? — Sein Herz iß so heiter wie der entwölkte Himmel; mit Entzückung und Wonne versenkt er sich in den neuen Genuß der Freuden, die er verlohren glaubte, und die sich ihm jetzt wieder darbieten. Hab es auch erfahren, wie s' ist in Finsterniß und Gewitter zu wandern; wie bang Einem ist, wenn man so vor sich hin schwär« ze Gewitterwolken auf einander gethürmt und Über einander wallend, im drohenden Anzug sieht , und nirgends eine Herberg zu finden ist, unter deren schützenden Dach man Iu- flucht suchen könnte — wenn sie dann immer näher und naher kommen , mit Verderben schwer belade», über dem Haupt hinziehen, wie schwebende Gebirge, und nun mit Blitz und Schlag losbrechen — Angst und Furcht ergreifen den Wanderer, und spannen seine Kräfte der Gefahr zu entrinnen ; aber umsonst , sie ist schneller als seine Schritte. End» sich wirst er sich entkräftet unter den nächsten Baum, überläßt sich dem Schicksal, das ihn treffen soll, ohne ihm länger zu widerstreben ; bey der Erschöpfung seiner Kräfte fühlt er weder Furcht noch Schrecken mehr, an ihre Stelle trittet eine dumpfe Unempfind- lichkeit — Blitz und Schlag rühren ihn nicht mehr , und was ihm noch begegnen könnte § kümmert ihn nicht. Aber meine Wanderschaft durch eine solche finstere Gewitkcrnacht war trauriger und ängstlicher, als die eines einsamen Wanderers. Ich hätte entfliehen können, wär ich einsän, gewesen; aber das war ich nicht , ich 7 ! hatte Mitgefährten, an denen mein Herz hängt, von denen würd ich getrennt, und ihr Klagen und Rufen um Rettung und Hülfe hielt mich zurück, daß ich nicht fliehen durf. te; ihre wehklagende Stimme war meinem Herzen wichtiger, als alle Schrecken des Gewitters , und doch konnt ich nicht helfen, nur von weitem ihnen Trost und Ermunterung zurufen. Es ist angenehm auf einem beschwerlichen Weg, den man mit Müh und Gefahr überstiegen , zurück zu sehen — angenehm dem Abzug eines schweren Gewitters von weitem nachzusehen, nachdem es über unserm Hauvte ausgetobet, und dreymal entzückender die freundlichen Blicke der Sonne, wenn sie aus zerstreuten Gewitterwolken wieder hervorbricht, Auch mir lächelt sie wieder , die freundliche Sonne ain Himmel und überall; aber ihre lieblichsten Blicke der Freude und derk innigsten Wonne, seh' ich o Thalia auf deinem Gesteht!_ Erinnerung ans Vergangne, Unter allen Regeln und Vorschriften zu einem glücklichen, zufriednen Leben zu getan«. 74 geil, welche die lanqbärtigen und glattkinig- teil Weisen alter und neuer Zeiten erfunden, gelehrt und geprcdiqet haben , habe ich in der Anwendung keine besser gefunden, als diese: betrachte deinen Zustand am öftersten und aufmerksamsten von der angenehme» Seite; gewöhne dich mehr an das zu denken, was dich freut und vergnügt, als an das, was dir unangenehm ist und traurig macht. Ich denke nun nicht mehr an euch, ihr finstern, schweren Gcwittertage; die schwer» nnithige Rücksicht auf euch soll mir den gegenwärtigen frohen Augenblick nicht mehr trüben. Ihr, ihr heitern, seligen Lage, die ihr mir, wie stille Bäche, aufcbsnen, Blumenreichen Fluren sanft dahin flösset, ihr, ihr heiligen frohen Stunden, in denen ich fühlte, daß ich ein Herz habe, welches empfinden kann, was gut, edel und schön, waS Freud und Wonne ist — ihr seyt es, die ich zurückrufe : Schon bin ich mit meinem Schicksal des. ser zufrieden — Ha, wie sind ihrer so viele, der heiteren Tage, der frohen, seligen Stnn. den. Aber unter allen ist keine, deren Rücken», nerung mir feyerlichcr und rührender wäre, 75 als die, wo du mir, gütige Thalia , beym blassen Silbcrschcine des freundlichen Monds zum erstenmal deine Hand borest. Ach, Tha- iia, du bemerktest nicht die schnelle Wirkung des sanften Drucks deiner freundlichen Hand, sahest nicht die Frcudcnthränen im weinenden Auge, fühltest nicht wie mein Herz hoch aufschwoll , und in schneller klopfender Bewegung meine Brust hastig auf und nieder hob, wußtest nicht, wie'S mir durch alle Glieder fuhr, wie verlegen, froh und schüchtern, bang und wohlig mir war, und wie ich mich gern zu deinen Füssen geworfen hätte, und nicht dursteWenn ich jemals diese Stunde ver- gcssen, jemals ohne Rührung an Sie denken könnte — wenn die Erinnerung an dieselbe jemals aufhören könnte, mein liebster Gedan- ke in einsamen Stunden zu seyn — so ist niemals ein Mensch von seinem Herzen mehr be- trogen worden, als ich. Aber wenn du meiner Schwachheit spotten könntest, theure Thalia I wenn du mir einst deine Freundschaft, nachdem du mich ihren Werth hast empfinden lassen, wieder entziehen solltest, so müßtest du nie mehr zum Mond aufblicken, ohne ihn trüb und traurig zu sehen — ohne 76 den Dsrwurf zu fühlen, daß er der Zeuge deiner Verstellung gewesen, und daß er jekt der Zeuge schwermüthigcr Seufzer und Heister Thränen ist, die ein Unglücklicher über sich weinet. Welch eine herrliche Scene! Aber kann ich mehr eine Freude gemessen, wenn du sie nicht mit mir theilst, Thalia I Komm und siehe dort, in einem einsamen Zimmer , an einer sparsam besetzten Tafel sitzt ein Greis und ei- ne graue Matrone -'freylich merkbare Spuren von Gram und Kummer auf ibren runz- lichtcn Gesichtern — aber wie fröhlich und heiter sie jetzt sind ! innere Scelenfreude glänzt auf ihren bethranten Augen , jugendliche Nöthe auf ihren welken Wangen : siehe die fromme Matrone nimmt eine» Brief, der auf dem Tisch liegt, küßt ihn, giebt ihn dem Greis, und — glaubst du mir nun Vater, was ich dir oft gesagt, Gott kann uns noch wohl für unsere alten Tage Freude befchchren! Und er, „warum nicht glauben» — erfahren wirS ja." Er greift nach dem Glase, „wir wollen uns freuen und trinken auf langes Wohlseyn der Edlen." Frage nicht, Thalia: wer ist diese Edle? —Wie? du willst es wissen? —Könnt ick dir auch was versagen? — so höre und crröthe: Diese Edle, Thalia, bist du l Es ist leicht seinem Herzen zu Trotz einen Entschluß fassen, der seiner Neigung entgegen ist, aber schwer einen solchen Entschluß aus- zuführen. Milan saß traurig und tiefsinnig in seiner einsamen Hütte, wo er an einem schwülen Sommertag vor den brennenden Strahlen der Sonne, Schutz und Bedeckung suchte;—aber er fand nicht den erquickenden Schatten, welchen ersuchte, denn seit einigen Wochen hatte er versäumt das Dach seiner Hütte mir grünen Zweigen zu flechten ; die sengende Sonne schoß ihre Strahlen durch die dürren Reiser ihm gerade aufs Haupt, er fühlte schwach, tcnde Hitze und lechzenden Durst — da wollte er mit einem frischen Trunk Wasser sich laben ; aber sein Krug röar zerbrochen, und die Quelle seit langem nicht mehr gereinigt. Unmuthig und finster kehrt er zu seiner Hütte zurück , und wirst sich auf einen Rasenbauk hin, auf welchem jedes Gräsgen verwelkt, weil « -8 ihn nicht mehr mit Wasser begossen; umsonst schmeichelt ihn sein treuer Hund , er merkte nicht, daß er ihn um Speise bat, und sah nicht die Merkmale des Hungers an seinen matten Augen, an seinen hervorstechenden Knochen und Ridben ; auch sein Leibschäfgen, welches zu seinen Füssen lag, freundlich seine Hand leckte und ihm liebkosete, rührte ihn nicht; jetzt holt er die Flöte hervor, aber sein bestes Schäferlied gefällt ihm nicht mehr, und die Flöte, die seit langem im Staube gelegen, war trocken, und gab keine harmonischen Töne; er legre sie bey Seite, verliert sich in Staunen, lehnt sich über den Lisch, das Haupt auf beyden Handen ruhend, und betrachtet eine Geschichte, dtc Mikas, der geschickteste Schäfer, künstlich auf denselben geschnitzelt, „wie ehmals ein spröder Schäfer, von der mächtigen Liede endlich besiegt wurde;« er war ein IGünstling der Minerva, lange widerstand er den Reizen der Schönheit, weil ihn Minerva, mit ihrem undurchdringlichen Schilde vor den Pfeilen des gewaltigen Buben der DenuS schützte; endlich da er im Sorglosen Schlummer unter einem schattigen Baum lag, und Minerva eben was anders zu thun hatte, 74 als einen Schäfer wachsam zu schützen, da ge. lingt es dem kleinen gefährlichen Schützen, mit dem schärfsten Pfeil seines Köchers, sein Her; zu verwunden. Milon sann der Geschichte nach, staunte, sprang auf, und sagte: ja so ifts, so wahr ich lebe, so ists, armer Mr- lon, dein Herz ist verwundet. Seitdem ich Mika gesehen, seitdem ich ihr bey der Tränke am grünen Hügel begegnete, ihre küssen Worte gehört, und das sanfte Feuer ihrer Augen gefühlt, seitdem ist meine Ruhe verschwunden; seitdem flieht mich der Schlaf; seitdem sind mir Lieder und Tänze, Fluren und Heerden, Schäfer und Freunde gleichgültig; seitdem Unordnung und Zerstörung in meiner Hütte, Ach Milca, gieb die Ruhe mir wieder , die mir deine Augen qcraubct! Aber du kannst mich nicht hören, kannst den Reiz deiner Augen nickt »»empfindbar machen ; auch seilst du fie um MilvnS willen nicht schliesscn , oder verhüllen ; aber ich kann meine Augen schliesset» uns wenden, daß ich die deinen richt sehe. — Ja Milan, du must nicht mehr scheu den Reiz dieser Augen. Milan war stolz auf seinen Entschluß, und glaubte sich ruhiger» Des folgenden Tags 8o verirrete sich sein« Heerde ins schattige Thal, längst Lein grünen Hügel; zwar lockt er seine Schaafe wieder zurück, und zürnt über sie, daß sie seinem Rufe nicht folgten , aber sah es doch gern. »Und wenn ich Milca begegn ne, dachte er, so schließ oder wend ich meine Augen." Und als ihm Milca entgegen kam, schließt er geschwind seine Augen, um der Gefahr zu entrinnen. Milca sah den blinden Schäfer mit Mitleiden, und fragte ihn r ar- wer Milan, was ist dir begegnet? Wie, hast du dein Gesicht verlohren ? Warum sind deine Augen geschlossen ? Guter Milan, wie kannst du nun ferner deine Heerden hüten? — wie deine Schaafe finden, wenn sie sich verirret haben? — Deine Hand, armer blinder Schäfer l Komm ich will dich zu deiner Hütte leite^, dir dann deine Heerden sammlen, und aüf deine Weide führen! — Aber besinnst du dich noch des glücklichen PhitiaS, wie er einst blind geworden, und wie ihn Philljs mit einem Kusse gebettet; vielleicht gelingt es mir auch, Milon l wir wollen- versuchen — Sie thatS» Wie konnte Milon hören die süsse Rede her Mika, und fühlen den sanften Druck ih« 8 ! per Hand, und den Balsam ihrer Lippen, ohne die hülfreiche Schäferin sehen zu wollen. Er Lfiict wieder seine Augen, seine ersten Bli- ke begegnen dem glänzenden, freundlichen Auge denMilca, und Milon vergißt seinen Entschluß, kund zürnt nicht mehr, wenn seine Scdaafe sich inS schattige Thal längst dem grünen Hügel verirrten. Einst wurde in einer Gesellschaft von mir geurtheilt: Man weiß nicht, woran man mit ihm ist! Auch Thalia, deren Urtheil mir wichtiger ist, als das Urtheil eines Hochweise» Magistrats von "* — schien diesem Urtheil beyzustimmen. Also ein Heuchler, ein Betrüger solltest du seyndem man nicht trauen kann; und Thalia, auch du, solltest so von mir denken können! Auch du solltest mich noch so wenig verstanden, noch so wenig meines Herzens Sinn und den Gang seiner Empfindungen bemerkt haben! Thalia , wennS so ist, so hasse ich die Welt und mich! »Man weiß nicht, woran man mit ihm »ist!« § 8r Lange krankte und empörte mich dieses Urtheil, weil ich glaubte, es geschähe mir grosses Unrecht dadurch ; aber jczt, jezt ists meine eigne Klage: ich weiß nicht, woran ich mit mir selber bin! Da lag ich schon lange auf einem Stuhl, um in der Stille mein Her; auszuforschen, nachdem ich von innerer glühender Hitze entkräftet, mich nicht mehr ausrecht halten konnte: ich habe umsonst gesucht uiid geforschet, noch weiß ich nicht , woran ich mit meinem Herzen bin — es wünscht, und darf nicht gestehen. WaS? ES will und verwirft was es will; es verwirft, und besteht doch auf dem was es verwirft; es fürchtet was es selbst für Einbildung hält; eshoft, was ihm selbst ohn- möglich dünkt; es sucht dieRuhe, und stürzt sich in Unruhe; es faßt Entschliessungen und wünscht sie nicht auszuführen. — So, immer noch so hastig, armes Herz! wie's in dir kocht und braust — wie heftig und stürmisch du hier in meinem Busen klopfest! Wohl, ich verstehe Lieh, es ist dir da zu enge, du möchtest gern einmal des Preffens los werden — ein andrer würde dir Luft machen; ich nicht, du must also Geduld haben, bis diese Hitze 8 sich abgekühlt und der Sturm sich gelegt hat, dann wolle» wir auf Mittel denken, dich wie- der ruhig zu machen. Aber noch währt'S im- mer fort, so kannst du's in die Lange nicht aushalten. — Ha! ich fübl's, das sind heftige Schläge, gewaltige Stösse, die dich vielleicht auf irgend ein äusserstes hinschlcudern, und die- ses wird seyn , Schwermnth oder Leichtsinn. Aas war sein Fehler, daß er immer auf gleichem Fleck blieb, und wie eine Mücke immer umS Licht flatterte, bis er kaput war; aufpacken hatt' er sollen »nd kort nach Amerika. Dank dir, braver Claudius! (denn ich besinne mich, daß dieses deine Meynung war) Das ist eine von den vielen mählichen Wahrheiten und Lehren, die du so ohne alle Anmas- sung aus bidcrem Herzen gesagt hast. Du sollst sie auch nicht umsonst gesagt haben, ich will dir folgen; zwar ist mirs zu weit nach Amerika, nnd jetzt ists ohne dem ein Schauplatz blutiger Zerstörung ; aber dorr , über jene Schneegebirge will ich hinschlcudern, das muß eine herrliche Abkühlung' seyn für die 84 innere Hitze i eine herrliche Equickung für dich gepreßtes , brechendes Herz: wenn ich so zwischen Schneewänden hinziehen und frische, kalte Luft einathmcn kann, die Meilen weit, über gefrornen, Spiegelglänzendcn Schnee hergezogen. — Ha: wie ich sie verschlingen will, so wie ein armes Taubgen nach frischer Lust schnappt, nachdem es von einem grausamen Physiker unter die Glocke der Luftpumpe eingesperrt, bis zum Verschmachten, derselben beraubt war: Noch eine träge Nacht, dann kommt der frische Morgen , und dann zieh ich über Berg und Thal. Briefe d c s Alten vorn Berg. 87 meine Hütte wirds dunkel; die Bäume grünen umher; der Wald ist wieder voll Gesang; der Frühling lacht über alle Berg und Hügel , und mein Gärkwii trägt Blumen. Lieber'. Lieber! was Las für eine Freude ist'. Mein Herz hat wieder volle Jugendkraft, so warm, so innig kann ich an allem sangen/ ich alter Mann kann» noch so! — Und da wallen mir wieder wahre KinderthrLnen den graue» Bart hinunter: nimm sie unter, himmlischer Vater! Nimm sie zum Dank dafür, daß Du mir sie giebst, und die Freuden alle am Ende meiner Lage Das dacht ich wohl nicht, daß mir das alles wicdcr sollte zurückkommen. Da aieug ich aus, durchschwärmte den Labyrinth mensch, lichcr Thorheiten, strebte nach Ruhm und Thaten, und stiege von einer Stuffe zur au. dern, bis zur höchsten Würde des Lands; wähnre oft gutes zu wirken, dazu mir auch mancher Bidermann treuherzig die Hand bot, und wirkte oft gerade das Gegentheil ; um einem alten politischen Gebrechen zu steurm, half ich unwissend, zwey neuen schlimmern 88 damit empor; empfieng oft Haß für Liebe, Bosheit für Güte, und Undank für Wvhltha. ten : bey alle dem that ich was ich konnte, und so lang ich konnte, bis mich meine Iah» re, und das Uebergewicht meiner Last erinnerte» , von- Schauplatz abzutrettcn und auszuruhen. Ich habe den Tribut, den ich mei. ncm Vaterland schuldig war, wie ein ehrlicher Mann entrichtet; ich hab meine Jugend- kraft und Vermögen zugesetzet, dabey Erfahrungen des Lebens gesammelt, zu denen jetzt alle die kleinen, gefälligen Freuden, die mich einst in lieblicher Morgenröthe der Jugend umgaben , und wo ich weder Gold noch Schätze brauchte, wieder zurückkehren : Da sitz ich im Grase, spiele mit bunren Käierchen, lächle den Blumen, hasche nach Schmetterlinge» , und lasse den Vater der Liebe sorgen, der mich heimführen wird zu rechter Zeit. Ich habe über den Rücken des Bergs einen schmalen Pfad durchs Gebüsch gehauen, und an der äussersten Spitze desselben eine Laube aus wildem Gesträuch und Genistcr gezogen. Dahin geh ich nun Morgen und Abend, und 89 weide mich an der herrlichen Aussicht. — Lief vor mir liegt der glatte See mit seinen ma- iiigfaltigen Krümmungen und abwechSlenden Scenen , bald zwischen ungeheuren Felsen- wänden ruhend, bald von schwarzen hcrabstei- genden Wäldern überschattet, die sich in seiner dunklen Liefe zu verlieren scheinen, und näher vom schönsten Gestade begränzt, das sich mit Aeckern, Wiesen, Bäumen und Hütten allmählig emporhebt, und von Alpengcbirgen rings umher umzäunt wird. Denke dir diese Gegend! Wie wohl mir wird , wenn ich so da stehe , und mein Geist sich über alles daS. ergießt: Wenn ich so da stehe in stiller Nacht, die Sternen alle über mir, mit dem hohen Vollmond in ihrer Mitte, des Lebens Ruhe feyrend. — Oder im frühen Morgenglanz, wenn die Sonne hinter den Alpen herauf steigt, der ganze Himmel vor ihr flammt, die Vogel alle durch einander singen, und die Dämmerung wie ein Vorhang weggezogen wird, daß der weite See wie ein Spiegel der Gottheit vor mir liegt, die ganze Schöpfung um sich her auffaßt, und mit dem Himmel darüber zu mir heraufspiegelt, daß sich meine Seele davon fülle und ihres Schöpfers freue, der die- seS alles tragt und erhält in seiner Kraft/ daß es nicht weiche aus seinen Fugen. Siehst du, Lieber! was brauch ich Tempel und Altäre von Steinen — Die weile Welt ist mein Tempel, und dieser Fels hier mein Altar , wo ich mich vor dem Ewigen hinwerfe mit Demuth und Anbetung, im Angc- sichtstriner herrlichen Natur, vor diesen grauen Zeugen seiner Allmacht; da fühl ich das Wehen seines Geiste», den Achem seiner Allze» gcnmart, und kehre zurück mit Ruhe und Frie- den in meinem Herzen, nach meiner Hütte. Ich habe in meiner Einsamkeit schon öftere Betrachtungen über die Religion, und die verschiedenen Begriffe derselben gemacht; ich habe vieles darüber gehört, bemerkt und empfunden , aber das bleibt für sich und der Quelle, wo man sie schöpft. Doch muß ich dir sagen, ich gehe nie einem ehrlichen Land- mann vorüber , daß ich ihn nicht in seiner glücklichen Einfalt segne; im Schweiß seines Angesichts verdient er sein Brod , besorgt HauS und Hcerde, und zufrieden mit ftinem LooS, schläft er rede Nacht ruhig, dem neuen Tag und seiner Arbeit wieder entgegen, hätt daneben treu über seinem Morgen, und Abend- gebet, wie über alte Sitten und Gebrauche, vertraut seinem Gott, und glaubt gerne daS was er thun kann, indem die Gescheitem nur glauben was er nicht thun werde ; und bey seinem Licht sieht er gerade so weit als er sehen soll. Eben darum will es' mir gar nicht gefallen, das; man immer damit umgeht, ihnen ihre Leuchte wegzunehmen und dafür eine Fackel aufzustecken, bey der sie gar nichts mehr sehen. Man nenn es Aberglauben , Vorur- theil, Wahn; wenn der Mann Labey gut und glücklich ist, was hat er zum Ersatz, wenn man ihm das wegnimmt; er ist dadurch weder für Gott noch sein Vaterland besser ge- macht. Und wandlen wir nicht, ein jeder, am glücklichsten, in unserm Wahn, und unser Vater im Himmel läßt es so zu. Wenn ich mir einen Weisen denke, wie er allen Mensche» um sich mir Nachsicht und Güte begegnet, alle ihre Thorheiten und Schwachheiten so gedultig ertragen kann, eines jeden Fehler und Vergebungen nicht siach sich, sondern in Rücksicht aufseilte Erziehung, Lebensart, Temperament, Lage, Zcit und Umstände beurtheilt, und dabey immer milder wird, immer nur den Menschen sieht, und was er nach Y2 seiner Organisation kann oder nicht kann. — Und wenn ick) von diesem hinauf steige, bis zur höchsten Weisheit , zum Vater, der unS alle geschaffen, uns alle am besten kennt, und weiß, was für ein Gemächt wir sind, so wird mir so hell so wohl für mich und alle Menschen, ich freue mich der Ankunft entgegen, und daß er uns alle nach und nach versam» mcln wird iu seinen SchooS. Alle Tage gehe ich hinaus auf den Abhang meines Bergs, und sehe nach, ob du nicht zu mir herauf wallfahrten kommest. Aber bisher vergebens. Willst du dann nicht auch einmal kommen, und meinen Berg , meine Hütte und den Allvater darin besehen? —> Schon lang hab ich mich wieder nach dir gesehnt , mich wieder einmal mit dir satt zu schwätzen, mit dir hinaus zu gehen und neben dir hinab zu blicke» inS Töal , auf die niedern Hütten, wo einst friedliche Unschuld und Genügsamkeit wohnte; wo die grossen, edlen Männer, im Gefühl ihrer eignen Kraft und Stärke hinwandelten, ihre Lecker bau- y; ten, ihre Heerden weideten, und die Stolzen der Erde demüthigten» — Das waren noch Zeiten : Was für ein Abstand gegen die je» zige Politische Krämerey, wo man immer mit Waage und Maaßstab umherzieht, die Verhältnisse bürgerlicher Rechte gegen einander abwägt und abmißt, und so jedem ferne Portion Freyheit zutheilt. Freund l wenn noch etwas meine Ruhe stöhren kann, so ists dieses , daß ich so oft hören muß , daß Schweizer nicht mehr wie Schweizer handle» — daß sie nicht mehr Schweizer sind, und daß es sich allmählig mit uns zu der Ruptur vorbereitet, die noch je- der Republik Ende war; auch bin ich darüber schon lange mit mir eins, daß unter allen Re- gierungsformen die Monarchische die natürlichste ist; die Demokratische gehört nur für Männer, wie unsre Altvodcrn waren, und die Aristokratische hat ihren ordentlichen Ausweg zum Despotismus, insonderheit wenn sich Nachbarn als Beschützer dazu finden. Man frage die Bürger von Genf: — Ich bin ein Schweizer , bin zur Freyheit gebohren und erzogen worden, habe in verschiedenen voll- 94 tischen Lage» meines Lebens mir eine ziemliche Kenntniß von der innern Verfassung jedes so- wohl freyen als unterwürfigen Staats in Helvetica , ihren Maximen und Verhältnissen gegen einander , ihren GtaatS - Bürger- und Land- rechten / erworben , und darum kann ich dir sagen, daß ich lieber unter einem freyen Fürsten, als in einigen Ländern meines Vaterlandes wohnen wollte. Man har nicht selten Beyspiele von so freyen, willkührlichen Hand" lungen der Landvögte, in der Schweiz , wie sichS wohl keiner unter freyen Fürsten erlauben börste ; und so kannst du dir vorstellen, daß man unter solchem Gewalt so gut Abgaben wie unter einem Fürsten, nur unter einem andern Titul, geben muß — Für dieß- mal aber genug, und hiemit Gott befohlen. Du weißt noch nicht , daß ich einen Enkel bey mir habe, einen wackern feurigen Jungen , aus dem ich mir etwas verspreche. Mein Sohn , der seinen Hut auch unterm Arm trägt, erstaunlich viel weißt, und gern davon auskramt, von allem auf ein Haar sage» kann wie s seyn sollte , und mit politi- scheu und ökonomischen Projekten und Anschlägen stark schwanger steht/ wollte ihn , wie'S rrun gebräuchlich / ins Französische schicken, um seine Bärenhaut ablecken zu lassen; ich kam aber noch zu rechter Zeit dazwischen , und nahm den Jungen zu mir , er soll ein Schweizer werden. Draussen schaut nichts heraus; da kommen sie nach einigen Jahren, mit leerem Herz und den Kopf voll Wind , nach HauS, reisten ihres Großvaters niedres Sieindach herunter, und lassen einen französischen Dachstuhl darauf setzen , bcklecken die braunen Wände mit Farben, verzieren sie mit schlechten Gemählden und kostbaren Spiegeln, und sind darum nicht desto minder weder mit Gott noch Menschen zufrieden; das stille Al« penthal ist ihnen eine Wüsteney, und die herrliche Natur des SchweizerlanbS eine Sottise. Was soll man denn mit solchen Leuten anfangen? Was darf man von ihnen erwarten?— Anhänglichkeit und Liebe zu ihrem Vaterland haben sie nicht, weil sie für die grosse Welt gebildet sind, und gerade darum kein Vaterland mehr haben. Und wen» sie vollends »och in den- Staat kommen , wenn sie unter Männern, die »och Gang ünd Mienen «»künden, mit Lem seidnen Mäntelchen zwischen ein hüpfen, zwischen ihnen auf Stühle» Platz nehmen , lind da mit einer Müdigkeit fremde Politik auslüften, wo das Wohl des Vaterlandes be- handelt werden soll. — Höre, das ärgert wich in der Seelelind darum soll mein Junge gerade da erzogen werden, wo er auch hingehört , an der Natur die ihn umgiebt, und für das Vaterland, für das er leben und handeln soll. Das ist meine Absicht schlecht und recht, und dann walte Gott. Da durchgeh ich, während dem Regenwetter, mit meinem Jungen die Schwcizergeschichte, und erwärme mein Herz mit dem seinigcn im Umgang dieser grossen Männer: ich sage, grossen Männer l ob sie gleich nur Bauren waren , und keine Kultur nach dem heutigen Sinn hatten ; aber doch mehr als man jetzt hat, wie nur grosse Männer überhaupt haben können, die alles durch sich selbst, durch ihr bidrcS Herz und hellen richtigen Natursinn sind; und das noch etwas mehr ist, als was Lsvatcr Genie heißt, von dem er sagt: 97 «es komme nicht und gehe nicht, sondern es sey auf einmal da, und auf einmal wieder weg" — Bey ihnen war eS da und gicng nicht. Die Natur war ihre Erzieherin, und Lehrerin noch mehr als ihre Priester; vor ihr wuchsen sie durch Arbeit und Mäßigkeit qe- gesund und stark auf, zu der Geradheit des Herzens, zu dem unbezwinglichen Muth und dem edlen Vertrauen auf Gott, wodurch sie sich in allen Fällen gleich groß auszeichneten. Lis ihre Geschichte, ihre Lobrede, und sage: wer verdiente Freyheit, Wenns solche Männer nicht verdienten fürallcS, was sie Edles thaten?— Aber ein wenig später, da man ansicng für sich und Fremde zu erobern, da man um Fürstensold föchte, da eine ansehnliche Rotte, inlt einer im Panner gemahlten Sau , samt dem herrlichen Wahlspruch darauf: «die när- «rischen Gesellen " umher zöge, Städte und Dörfer brandschazte , und allen Muthwillen verübte, da ist der Schauplaz schon verändert: Und welch ein Abstand gegen unser jetziges kraftloses Zeitalter! , G 98 Mit dcm Schweizerdund fängt die eigentliche Geschichte des helvetische» Frcystaals an. Sie theilet sich in drey Perioden. Erster period. Emporstrebende Freyheit. Kampfe für Rechte der Menschheit. Züge von Heldcn- gröffe und Vaterlandsliebe. Zweyter period. Erobcrungsgeist. KricgSsucht. Züge re- publikanischer Glückseligkeit und Ungebun-- dcnheit. Dritter period. Ruhe und Friede. Aufblühende Handlung, Künste und Wissenschaften. Verfeinerung der Lebensart. Verzerrung des National-Karak- ters und AuSschwächung des SchweizcrsinnS. Drey Gemählde, Leren jedes für sich schon interessant genug ; aber neben einander aufgestellt, durch den Kontrast noch interessanter werden. Vor dem ersten steh ich still mit gefaltnrn Händen voll Ehrfurcht und Dank. ——- 99 Bey dem zweyten schüttle ich den Kopf, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Dem dritten geh ich vorüber, hinaus nm frische Luft zu schöpfen und blauen Himmel anzusehen. — Ach wir werden nicht mehr zurück kehren zu den einfachen Sitten unserer Väter, zu der läutern Einfalt und Reinigkeit ihres Herzens, der erhabnesten Stimmung der Natur; wir fahren immer stärker den Strom herunter, bis uns die Wellen deS Oceans bedecken. Nean sagt so viel von dem Glück, das ausgebreitete Handelschaft einem Land gewahrt: ich seh das nicht ein, und bin Loch nahe dabey alt worden. In einer Monarchie, wo Einer alles ausmacht, mag etwas daran seyn; aber in einer Demokratie, wo alle Eins ausmachen , und wo es nicht um Steuern und Abgaben zu thun ist, um Soldaten zu besolden , mit denen man Länder erobern und Unterthanen im Zaum halten kann, verhält sich daS Ding ganz änderst. Das Glück einer Demokratie muß sich nicht in besondern Dorther- 100 len einzelner Bürger auszeichnen, sondern mehr in der Verfassung des Ganzen beruhen, das sich von daher jedem Bürger so mittheilt, daß sie keinen andern Vortheil kennen, als gemeinsames Interesse nach einem Zweck zu streben. Sobald sich Bürger einer Demokratie in ihren Begriffen sondern, daß jeder dadurch sein eigen Interesse bekommt, so bringen sie damit eben so viel Triebfedern ins Ganze, die gegen einander wirken, und die innere Einrichtung stöhren. Die Geschichte republikanischer Staaten giebt hier den besten Aufschluß: man lese sie von ihrem Entstehen an bis zu ihrem Fall, und sage: Was bildete diese Frevstadt? Was machte sie sicher und stark, unerschütterlich gegen fremde Gewalt? War Reichthum ihre Stiftern:, oder Armuth ihr Verfall? — Ihr werdet finden keines von beyden, sondern die Gleichheit der Stände ibrer Bürger, die also also auch nur Ein Interesse hatten, an dem sie mit unzcrtheilten Kräften ivirkten und hafteten, das machte sie groß und stark, sicher 10 ! von aussen und innen, und glücklich im ruhigen Genuß der Freyheit, bey wenigen Bedürfnissen der Natur; und wie sich diese Gleichheit nach und nach aufhöbe, so näherte sich auch der Staat durch innere Zerrüttungen seinem Verfall. Was die Gleichheit der Stände aufhebt, ist gerade dasjenige, was man nach dem heutigen politischen System für das Glück eines Lands hält, ncmlich ausgebreitete Handelschaft, mit deren auf der einten Seite Reichthum, Ueppigkeit und ihre Töchtern, auf der andern Seite aber Armuth, Unterdrückung und Elend vergesellschaftet sind , durch das ein Reich unter sich selbst zertheilt wird, und nicht mehr bestehen kann. Die Gleichheit der Stände beruht vorzüg. lich auf dem Feldbau und der Viehzucht, diese allein sind unvcrsiegliche Quellen wahrer Güter und Reichthümer: eine einfache Lebensart, liebenswürdige Einfalt und Unschuld der Sitten sind mit ihnen verknüpft, sie machen den Körper stark und dauerhaft, bringen Eintracht und Fröhlichkeit in häus- ljche Gesellschaften, und Züge in den Charakter einer Nation, die die Bewunderung aller Zeiten auf sich ziehen ; durch sie entstanden die kleinen griechischen Staaten, wurden groß, und blieben es so lange ihre Einwohner die Liebe zum Landbau und der Natur mir Freyheit verbanden, und keinen andern Reichthum als gesunde, redliche, uneigennützige Bürger kannten und schätzten. Wie glücklich und groß wäre Rom , da ein Cincinat noch hinter dem Pflug gienge, und CnrinS Rüben äffel glücklicher und grösser , als da sie den lyrischen Purpur und die asiatischen Schwelgereyen kannten. Wirklich war das gerühmte goldne Zeitalter Augusts, wo Künste, Wissenschaften und Handlung im höchsten Flor waren, gerade das Zeitalter, wo diese Herren der Welt vollends alle Männlichkeit, und den Trieb zur Freyheit, vcrlohren, und Sclaven wurden. Auch Helvetiens Geschichte ist merkwürdig. Seine ersten Stifter waren Baurcn; zu was für einer Höhe brachten sie ihren Staat! sogar daß sie unter Fürsten entschieden; und in sem Ansehen blieben sie, so längste noch nicht durch Eroberungen mit dem Geist der Kaufmannschaft bekannt wurden; aber so bald dieser über sie her käme, so spckulirte man in» Grosse und Kleine, und brachte Grosses und Kleines immer weiter her in Städte, Flecken und Dörfer, und mit diesem Trägheit, Weichlichkeit , Ueppigkeit, Stolz, Pracht und Verschwendung, und dieses Hcldenlaud hat nun seine Sicherheit eben der Eifersucht und dem Mißtrauen unter benachbarten Mächten zn danken, die so manche Republik schon über ihren Zeitpunkt erhalten hat. Dieses sind also die allberühmten Vorthei- le der Handlung, daß sie die Gleichheit der Stände, wodurch das Ganze zu einer Familie wird, aufhebt, die innern, mäßigern, aber sichern Quellen des Reichthums stopft, und uns, indem sie uns in fremde» Ländern Geldquellen eröfnet, zugleich mit neuen Lastern und Bedürfnissen assosirt, die gerade wieder so viel aufzehren als sie erhalten. Und was haben wir denn nun vor unsern Altvo- dern voraus? Sie bauten ihr Land, lebten vo» der Viehzucht und dem Feldbau , den Verrath innländischer Produkten setzten sie an nothwendige auswärtige um , bey wenigem Geld hatten sie wenige Bedürfnisse — Hanf und Flachs pflanzten sie selber, ihre Lisch« und Bettgsräthe daraus zu verfertigen , die heut zu Lag von fremden Orten her mit Kosten und Aufwand angcschaft werden; ei» Hausvater war Herr seiner Familie , an ihrer Spitze gieng er a» die Arbeit, Fleiß und Mäs- sigleit machte» ihre Körper gesund und stark, Gehorsam und Eintracht verbanden jede häusliche Gesellschaft, und diese wieder unter einander zu Einem Ganzen. Don dieser Art Glückseligkeit kann man sich freylich in einem Land, wo der Handlungsgeist die Köpft und Herzen aller Bürger einmal in Beschlag genommen, keine Vorstellung mehr machen: da >v:ll jeder Kaufmann und Herr seyn, müßig gehen und Staat machen, jeder sich mit Unterdrückung des andern emporschwingen und bereichern, je einer den andern an Pracht, Aufwand, Ueppigkeit und Verschwendung übertreffen; der Bamenstand, der ehrenvollste und gesegneteste, von dem Nahrung für Fürsten und Bettler herkommt, wird verachtet ; der Feldbau kommt in Abgang, weil der HauS- vater nicht mehr Herr seiner Familie ist, nicht mehr die nöthige Hüls und Unterstützung hat seine Güter mit Nutzen zu bebauen , sobald seine Kinder arbeiten können, entziehe» sie sich sciner Aufsicht und Herrschaft, gehen in fremde Kost, und halten eigne Beutel , um desto eher ihren Ausschweifungen nachhängen zu können, verheyrathezi sich ehe sie recht mannbar geworden, und übersäen das Land mit kraftlosen, ohnmächtigen Geschöpfen, die weder für Sonnenschein noch Regen taugen. Jedes Jahr nimmt mit ihrer Familie auch Mangel und Armuth zu , zuletzt überlassen sie ihre Kinder ihrem eignen Geschick , die ohne Sitten und Religion zu einem Vieh- artigen Wesen aufwachsen, zur Arbeit entwe- der zu träg oder zu entnervt, und des Müs- siggaugs gewohnt sich alles erlauben, um ihre natürliche Begierden auf die leichteste, beste Art zu befriedigen. Und was ist denn nun der Reichthum einzelner Bürger gegen das allgemeine Der- derben, gegen die Noth und den Mangel, das alles natürlich in einem Land entstehen muß, wo übermäßiger Gewinn und Verdienst eine Zeit lang beynahe auSschliessendes Mo« nopolium war, und dann auf einmal eben so stark avnimmt, als eS übertrieben war! In der letzten grossen Lhcurung war Armuth und Elend am grösten in den Ländern , wo sonst am stärksten Handelschast getrieben wurde. Aber , sagt man, der Fehler liegt hier blos an den Leuten, die solche GlückSqucllcn nicht besser benutzen — DaS Messer ist ein sehr nützliches, unentbehrliches Instrument, aber was istS in der Hand eines Kinds oder Rasenden? So ists mit der Handlung und dem dadurch zufließenden Gewinn und Verdienst : an und für sich selbst ist alles in der Welt weder schädlich noch unschädlich ; alles hat keinen andern Werth als nur in Rücksicht auf den Menschen , und wie der gemacht ist weiß man ja, darf man allenfalls nur um fleh sehen, und sehen was oft das' Aeusscre für Einfluß auf das Innere habe ; wie oft der Uebergana von einem Stand zum andern, Ehrenstellen,.Titel, Glück rc. bey einem so sinnlich gemachten Volk, die Gestalt der See. lcn verändern und sie ganz aus sich selbst rü- krn könne, daß es in Gang, Mienen und Ge- bchrden sichtlich wird; und was dieses wieder für eine Wirkung in Gemeinden und Raths- stnben hat , das läßt sich aus diesem besser folgern als schreiben, da ich ohnedem fühle, daß mir schon warm genug darüber worden, und darum hier, bis auf weiters abbreche. r'- r.