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Auch haben Sie, so lange ich den Vorzug geniefse Ihr gastfreyes Haus zu besuchen, mich immer mit so viel Güte überhäuft, dafs ich auch die geringste Gelegenheit nicht vorbeylassen kann, Ihnen, so gut ich es vermag, meine aufrichtige Erkenntlichkeit an den Tag »zu legen. Wenn also der Inhalt dieser Bo^en auch nicht Ihre Aufmerksamkeit verdienen sollte, so bitte ich Sie, wenigstens auf die Ehrerbietung zu sehn, mit welcher sie Ihnen dargebracht werden. Sie erscheinen ohne allen Schmuck. Als ein Mann, dessen Handwerk nicht die Schriftstellerey ist, und den das Schicksal so gestellt hat, dafs er in jeder Sprache ein Ausländer blieb, wäre es für mich vergeblich gewesen nach Schönheit im Vortrag zu ringen. Der Mann, an welchen diese Briefe gerichtet sind, und der sich in seinen Arbeiten als einen gleich behutsamen und scharfsinnigen Forscher der Alten gezeigt hat, hat sich eben jetzt wieder durch seine schätzbare Bearbeitung des Vitruv ein unbezwuifeltes Pmcht auf uiisern Dank erworben, welches erst dann In seinem vollen Licht erscheinen wird, w r enn durch seine Bemühungen ein ernstlicheres Studium dieses in mehr als einer Rücksicht wichtigen Autors unter uns auf- leben wird. Zu diesem Zwucke mitzuwirken schien mir eine schmeichelhafte Bestimmung; und die Aufmunterung jenes verdienstvollen Mannes hat nicht wenig dazu beygetragen, die Zweifel an meiner Fä- liigkeit in dieser Balm zu überwinden. Wäre es mir also nur gelungen, in meinem Vortrag die nothige Deutlichkeit zu erreichen, und den schlichten Ton, der der Würde des Gegenstandes, und der Person an welche ich mich richte, an gen'essen ist, so wäre das alles wonach ich trachten ,durfte. Wenigstens wünsche ich von unnützer Kleiimmth und eitler Vermessenheit gleich frey befunden zu werden. Aus dem Titel ersehen Sie, dafs ich gesonnen bin diese Arbeit fortzuseszen: und gleich im folgenden Hefte gedenke ich den Brief über des älteren Plinius Beschreibung von dem berühmten Mausoleum einzurücken, welchen ich zuerst auf Ihr Geheifs schrieb, und der die. Veranlassung zu diesen hier war. Das Vorhaben den Vitruv selbst zu übersetzen, in welchem der Herr Kabinetsrath Rode mir nur zuvorgekommen ist, hat so zwar eine andre, aber vielleicht eben so nützliche Wendung erhalten. Ich kann dabey wohl nicht auf viele Leser rechnen : doch das Urtheil auch nur Eines kundigen Mannes, aafs meine Arbeit nicht vergeblich ausgefallen sey, und vor allem Ihr freundlicher Beylali, ist das einzige was ich zu meiner Aufmunterung nur wünsche. Genehmigen Sie, Herr Präsident, dieses geringe Zeichen der Hochachtung. Hans Clnistian Genelli. Erster Brief. Über die Scamilli impares. Ew. verlangen , dafs ich Ihnen meine Bemerkungen über einige Stellen im Vitruv mitzuth eilen fortfahre; und zu diesem Behuf wähle ich für jezt die Stelle im dritten Kapitel des dritten Buches, welche von den bestrittenen „Scamillis impnribus „ handelt, von "welchen ich bey Ihrem lezten Hierseyn schon die Ehre hatte Ihnen meine abweichende Meinung anzuzeigen. Später hin hatten Sie die Güte, mir Ihre nachher gefafsten und genauer bestimmten Ideen dincp-n opgpnctanrl miumrtieilen 7 welches mich jezt in den Stand sezt, die meinigen vollständiger zu ordnen. Dabey aber schmeichle ich mir, Sie werden überzeugt seyn, dafs ich dessen ungeachtet meine besondere Meinung in so schwieriger Sache nicht für entscheidend ansehe, sondern sie nur hingebe als einen Beytrag mehr, um ein uns immer so unentbehrliches Werk, als das des Vitruv ist, von allen Seiten zu beleuchten. Dafs Sie gleich im Anfang dieses Kapitels die Leseart des Abb. Fea der des gewöhnlichen Textes vorgezogen haben, scheint mir sehr richtig zu seyn, indem sie die Art der Grundlegung wirklich deutlicher angiebt. Und so bin ich auch überzeugt, dafs Sie den Sinn der Stelle — Sin autem circa aedem ex tribus lateribus p o dium faciendum er'it: etc. — ganz richtig erklärt haben; ob ich gleich Ihre Vorgänger entschuldigen mufs, wenn sie sich durch diefs ganz unerwartete „podium,, verführen liefsen. y Warum Vitruv aber hier die Benennung „ podium „ und nicht „stylobata,, oder „stereobata,, gebraucht , erkläre ich mir so. In den unmittelbar vorhergehenden Stellen — extructis autem fundamentis: etc. — und — graclus in fronte ita: etc. — hat er offenbar zuvörderst die Giebelfronte des Tempels vor Augen, die in den abgehandelten Punkten immer gleich bleibt, von welcher Gattung auch der Tempel seyn möge; und was an den Seitenaufrissen ferner anzumerken blieb, fügt er überall nachher noch hinzu. Da nun an der \ orhalle die „ stylobata „ worauf die Säulen gestellt sind, durch die vorliegenden Stufen verdeckt wird, und also nur an den Seiten nach der Tiefe der Vorhalle und an den voispringenden Armen, welche etwa die Vorderstufen umschliefsen, den Profil mit I Sockel, Würfel und Deckkranz zeigen kann; so sezt er noch hinzu: „Soll aber in diesem Falle auch unter den andern drey Mauern der Grundhau als ein fortlaufender Sockel angedeutet werden — so dafs folglich die Süden nicht rund um den Tempel herum laufen dürfen — so soll solcher in allen seinen Theilen der vordem stylobata völlig gleich sevn.„ Dafs er aber diese, auf den ersten Anblick müfsig scheinende, Anmerkung macht, geschieht wohl darum, weil man vielleicht auch an den Seitenmauern den Grundbau oft gar nicht durch solche Simse auszeichnen mogte. Doch jezt zu unserm Y orhahen. Vitruv* sagt: — Stylobatmn ita oportet exaequari , uti habecit per medium ciclje- ctionem per scamillos impares; si enim ad Hb eil am dinge tur, alveolatus oculo videbitur. Und dann sezt er noch hinzu: -— Hoc autein uti scamilli ad id convenienter fiant, item in extremo libro forma et demonstratio erit descripta. — Welches Sie in Ihrer Ueber- setzung — wie mir dünkt ■.?— in so weit richtig gegeben haben, aufser dafs ich-lieber statt: ungleiche Bänkchen; schräge Bänkchen gesagt hätte. Der Rezensent Tiner TTher<;pt'7/nng in rRr A. T Z. \y ill hier unter „ scamilli im- parcs„ keine Bänkchen oder Unterlagen unter den Basen verstanden wissen; sondern erklärt diesen Ausdruck durch abschüfsige Rand flächen. Er versteht nämlich unter „ scamilli„ Böschungen nach aussen herab,, die nur im Gegensatz mit der waagerechten Linie „ impares„ von Vitruv genannt würden; und scheint zu verstehn, Vitruv wolle angeben, dafs die Ausladung des Kranzes am Säulenstuhl von der Plinthe der Base an abschüfsig gehalten werden solle, daüiit diese Ausladung von der Höhe benannter Plinthe nichts dem Auge verdecke: und hierauf bezieht er den Ausdruck, alveolatum , oder des Ausgehöhltscheinens. Ich hin nicht genug Lateiner, um zu entscheiden, oh man in irgend einem Falle „ scamülus„ durch Böschung, oder was die Franzosen talut nennen, geben könne. Allein ob es mir gleich auf jeden Fall etwas widersinnig scheint, Eine Böschung, die docli in Einem fort läuft, durch „scamilli,, im Plural, und das Verdecken der zurück weich enden Theile durch den Vorsprung der unterliegenden, durch „alveolatum,, auszudrücken, welches doch immer zu den Begriff einer Aushöhlung in der Waagefläche verführen nxufste; so sind doch die Zweifel, die ich dagegen erheben will, blos von der Sache selbst und nicht von dein, Ausdruck hergenommen; und diese sind fol- . gende: Erstlich konnte Vitruv diese Verdeckung durch den Vorsprtmg nicht Wohl im Sinne haben: denn oft waren jene SäulensLülile nicht so hoch, dafs sie diese Wirkung hervorbringen konnten; und Vitruv spricht doch von einer Wirkung, die durchgängig ein treffen soll. Er scheine folglich hier von einer optischen Täuschung andrer Art zu reden: welches nebenher auch wider Weinlig gelten mag. Zweytens, wenn Vitruv wirklich von nichts Anderm als solcher Böschung der Ausladung des Deckkranzes am Säuienstuhl reden wollte: so scheint mir, er hätte es entweder blos bey dem Gesagten bewenden lassen; oder hätte er ja hierin genauer seyn zu müssen geglaubt, so brauchte er nur hinzuzusetzen, wie viel solche Böschung betragen solle. Aber einen besondern B-ifs von der Gestaltung dieser Böschung zu gehen, war auf jeden fall unnütz, sobald ex keinen andern Kunstgriff dabey beabsichtigte. / Newton setzt den optischen Grund, den Vitruv für sein Verfahren angiebt, ganz aus der Acht und erklärt die „ scamilli „ für Unterlagen, die, wie die über den Platten der Kapitelle, blos zur Correction der Ungleichheiten in den Höben der Säulen bey der Ausführung dienen sollten. Allein zu geschweigen, dafs selbst die Auflagen über die Kapitelle, wenn sie gleich oft auch diesen Dienst leisten mogten, doch sicher nicht zu selbigem Belnif ersonnen worden, so würde auch Vitruv sie wohl schwerlich in diese r Hinsicht mit dem JBeywort „impar,, bezeichnen: was auch Weinlig zur Vertheidigung der Auslegung Scaligers anführen mögte. Er erwähnt derselben gar nicht als zufälliger, sondern vielmehr — wo nicht gerade wesentlicher — doch als durchaus nothwendiger Theile, und bedient sich des Beywortes „ impar „ mit Bedacht, als wesentlich bezeichnend. Nach Newtons Voraussetzung aber war es gar nicht unmöglich, dafs-sie in der That vollkommen gleich, und folglich unnütz würden. Und dann wäre es ihm wohl auch schwer geworden, einen B-ifs und Anweisung zu ihrer Gestaltung zu geben, indem solche in diesem Sinne gar nicht bestimmt werden konnte. Nicht-ab er weil Einer anders war als der Andre, bezeichnet er sie so; sondern jeder für sich war „impar,,. Mir scheint nämlich das „ad libellarn,, weder dem „ impar „ wie Ihr Pvezensent will, noch dem „scamillus,, —sonderndem „exaequari . in adjectionem,, entgegengesetzt zu seyn. Und dieses „ exaequari„ halte ich für einen technischen Ausdruck — so wie bey uns etwa das Douqiren ■—- das Verblasen der Maler, und scheint mir ein allmähliches Abgleichen zu bezeichnen: ein Ahschüfsig- machen das nicht schroff nach gerader Linie geschieht; und diesem setzt er das „ad li- bellani,, entgegen, welches nach seiner Meinung wie ausgehöhit erscheinen würde. Die „scamilli „ aber scheinen mir wirkliche Bänkchen oder Unterlagen zu bezeichnen vie Baldus sie zuerst erklärt hat — und nicht blofse Abböschungen, wie ihr Rezensent behauptet aber absichtlich angebracht, um einer solchen Abböschung wieder abzuhelfen, die der optischen Täuschung wegen gemacht worden. Daher sagt er, dafs die „ adjeebio „ deren Allmählichkeit schon in dem „ exaequari „ angedeutet liegt, — per 4 scamillos impares — vermöge solcher Scamillen gemacht werde: weil nämlich ohne das Hülfsmittel dieser Scamillen die „ ndjectio „ nicht ausführbar seyn würde. Ich erkläre mir demnach seinen Rifs auf folgende Weise: Wenn das Auge in o Tab. I. über eine Linie a b erhöht ist, so. wird demselben der Punkt p, wo der Strahl winkelrecht von derselben ins Auge fällt, am niedrigsten erscheinen , von diesem Punkte an aber wird sich die Linie nach beyden Seiten hin allmählich zu heben scheinen, so dafs die Enden a b am höchsten, der Punkt p aber am tiefsten, und folglich die ganze Linie dem Auge wie hohl Vorkommen wird. Je näher der Gesichtspunkt, oder je länger die Linie ist, desto merklicher wird diese Wirkung seyn. Aber auch auf einer schmalen Breite kann diese Täuschung dadurch verstärkt werden, dafs die Mitte der Fläche durch aufgesetzte Gegenstände — wie hier die Basen — bezeichnet wird, während die Ränder leer bleiben, Vitruv nimmt nun die vordere Ansicht seines Tempels, wo er —— wenigstens im Hinansteigen der Stufen — unfehlbar eine Aufsicht auf die obere Fläche des Säulenstuhls bekommen nmfs, diV pr rlm- w^rsr.hierlenheit des Pilasters von dem Fufs- boden der Seitengänge abgesondert ansieht; und findet da, dafs ihre leeren R ander neben den Rasen sich zu heben , und folglich die ganze Fläche wie eine hohle Rinne scheint. Diesem fehlerhaften Schein will er dadurch abhelfen, dafs er die Fläche nach aussen hin allmählich senkt, und zwar nach einer gelinden Curva in entgegengesetzter Richtung mit der des optischen Scheins — die er dann durch einen Rifs zu verdeutlichen nöthig findet — und den gleichen Stand der Säulen wieder herzustellen, gebraucht er nun die angegebenen Scamillen. D ö Dafs es mit diesem wie mit den meisten perspektivischen Irrungen geht, die nur in den Augen der Kinder Statt haben, hat den Vitruv nirgends abgehalten auf dieselben Rücksicht zu nehmen. Einem geübtem Auge wird freylich eine gerade Linie so wenig gebogen scheinen, als ein hoher Thurm überhangend, und das Hülfsmittel dagegen würde es oft mehr in Irrung bringen als die Täuschung selbst. Allein Vitruv hält sich so gern bey dergleichen Bemerkungen auf, dafs man vielleicht daraus folgern könnte, er sey kurzsichtig (Myops ) gewesen. Zwar giebt es allerdings optische Wirkungen die man in der Architektur nicht aus der Acht lassen darf; allein, wo sie auch zu beobachten sind, wird es wohl immer mehr geschehen müssen um absichtlich das Arne zu täuschen, als um es zu berichtigen. Ich stelle mir demnach vor, Vitruv wolle die Breite des Säulenstuhls vom Mittel an. und bis hinaus auf die äufserste Ausladung des Kranzes allmählich abschüfsig gemacht 5 wissen,.und zwar nach einer gelinden Gurre, die er wahrscheinlich durch Ordinaten, welche er auf der verlängerten waagerechten Linie des Säulenstandes als der Tangente seiner Gurre austheilte, in dem benannten Rifse bestimmt hat. Nach dieser Voraussetzung würden die Scamiljen auf der äufsern Seite höher als auf der innern, und auf den beyden andern in ihrer Grundlinie nach einer gesenkten Gurre gebildet werden; und rerdienten folglich auf alle Weise den Beynamen „impar„ das heifst: ungleicher Verhältnifse in sich — nicht einer gegen den andern — folglich zu Deutsch schräge. Also erkläre ich mir die „scamilli impares„ als geringe Unterlagen unter den Basen um diese in den lothrechten Stand zu erhalten, den die allmähliche Abböschung der Grundfläche aufgehoben hatte. Und dieses Verfahren halte ich für nachahmungswürdig — nicht in jener perspektivischen Rücksicht, die doch nur in Einem gegebenen Gesichtspunkt befriediget würde — sondern um den Fufsboden unter dem Portikus den nöthigen Abflufs des Regens zu verschaffen. Vielleicht hat sogar Vitruv an berühmten Tempeln dieses Verfahren, jedoch blos in letzter Rücksicht angewandt, bemerkt, und nur seine Lieblingsidee zur Erklärung desselben gebraucht, Ob Ji LlII glfic-lx iii ciu-f diese öcamillen ganz gleichgültig ist, ob die Basen mit oder ohne Plinthen gemacht werden; so bin ich doch mit Ihnen überzeugt, dafs Vitruv nirgends in seinem Werke an Basen ohne Plinthen gedenkt, wie Weinlig zu verstehen geben will. Hingegen bin ich geneigt zu glauben, wenn auch keine Beyspiele davon vorhanden seyn sollten, dafs man schon früher sich dieser Scamiiien bedient habe,, als die Base noch in ihrer ursprünglichen Reinheit, und also*ohne Plinthe, construirt wurde: indem gerade diese Plinthe mir erst nachher durch Mifsverständnifs aus dem Scamillus entstanden zu seyn scheint. Hieraus erkläre ich mir auch, warum Vitruv die Base immer mit den beyden Worten bezeichnet „ spirae cum plintko „ und also die Wülste der Base von der Plinthe als einem besonderen Theile absondert. Und ob man gleich Beispiele von dem Gegentheile findet, fo scheint mir doch die Angabe Newtons, den Scamiiien nicht die völlige Ausladung der Basen zu geben, der hefsern Constructionsart der Alten gemäfser zu seyn. Denn erstlich sind sie keine wesentlichen Constractionstheile, und sollen daher dem Auge möglichst entzogen werden; und dann helfen sie auf solche.Art, durch den untergelegten scharfen Schatten, die Basen von dein Grunde, worauf sie gestellt sind, besser zu detachiren. Auch ist eine andre Verfahrungsart in ihren guten Constructionen öfters Zu sehen, welche wohl hierbey angeführt zu werden verdient. Bey den Stufen nämlich — und auch bey andern Gelegenheiten, wo ein Block über uen andern fo gelegt wurde, dafs der untere sLufenweis hervortrat — pflegten sie oft 2 einen Tlieil von der Höhe der obem Stufe noch aus dem Block der untern zu bauen, auch -wohl den Block der obern Stufe über diese Kante vorspringend zu machen: und diefs augenscheinlich um zu verhindern, dafs nicht der Regen, der sich auf der untern Stufe sammeln konnte, in die Fuge eindringen möchte. Beyspiele hiervon findet man im Serlio. So siehet man auch häufig einen geringen Theil von der Höhe des Frieses noch aus dem Block der Architrave gemacht: damit der Regen, der auf der Ausladung der Krone des leztern fällt, keine Fuge vor sich finde. Und so findet man das Bänkchen über der Platte des Kapitells immer aus demselben Block mit diesem, die Architrave aber meist über jenes Bänkchen vor- springend gemacht. Man mufs demnach die Scamillen am Säulenstuhl — als einen integrirenden Theil des Fufsbodens, der nur zur Wiederherstellung des gleichen Standes der Säulen diente — als aus Einem Stück mit den Blöcken des Fufsbodens, und von den Basen völlig gedeckt denken. Und zu Folge dieser Ansicht würde ich nun die bestrittene Stelle also überfetzen : „Der Säulenstuhl mufs allmählich abgeglichen werden, so dafs er im Mittel einen „Anwuchs erhalte: und zwar vermöge schräger Bänkchen. Denn, wird er ganz nach „der Waage abgerichtet, so wird er dem Auge wie ausgehöhlt erscheinen.“ D ie schrägen Bänkchen nämlich sehe ich hier an — nicht als das Mittel wodurch der Anwuchs entsteht — sondern als das wodurch es möglich wird solchen anzubringen. Denn ohne dieselben würde er den Säulen den lothrech- ten Stand rauben. Und so würde ich auch die andre Stelle (Band V. Kap. 9.) — Stylobatisque adjectio qune fi t per scamillos impares — also übersetzen: „ Der An- „wuchs auf den Säulenstühlen, welcher bewirkt wird vermöge schräger Bänkchen.“ Sie selbst erklären mir jezt in Ihrem lezten Schreiben diese „ scainiüi impares „ als zwey über einander gelegte Bänkchen von ungleicher Höhe oder Breite: und ich gestehe, unter allen Auslegungen, die man bis jezt versucht hat, würde diese mich am meisten befriedigen. Auch führen Sie für dieselbe gar nicht verwerfliche Beyspiele an der Maison-Carree und an dem Tempel der Fortuna virilis zu Rom an. Ja nach derselben würde ich nicht mehr anstehn die meinige wieder aufzuge- ben, wenn ich nur folgende Bedenken wegzuräumen wüfste. J°. An der Maison-Carree ist der ganze Fufsboden des Tempels um zw r ey beträchtlich hohe Stufen oder Auflagen über den Kranz der Stylobata erhöhet, die die- ser 'ein gedrücktes Ansehn gehen, keinen weitern Grand in der Idee der Construction einer Stylobata haben und doch dem Auge -so auffallend bleiben,- dafs man sich immer fragen mufs, warum man nicht lieber statt dieses Überllufses gleich die Stylobata selbst so hoch gemacht habe/ 1 An der Vorderseite vollends geben diese Auhagen den vorspringenden Armen ein wunderlich zugespitztes Ansehen; und da die Stufen der Vortreppe nicht mit dem Kranz der Stylobata aufhören, sondern bis an die oberste Waagelinie jener Auflagen fortgehn, so geben sie in dieser Ansicht dem Dinge geradezu das Ansehen, als hatte man aus Versehen die Stylobata zu niedrig gemacht und diesem Fehler durch jene Auflagen wieder abhelfen müssen.^ Sieht man aber dieses Monument genauer an, so entdeckt man, dafs die Ursache derselben darin liegt, dafs man — entweder aus Versehen oder wegen der Erfordernifs des Raumes im Grandgewölbe — die Breite des Tempels im Unterbau' gröfser genommen hatte als die Stellung der Säulen es erforderte, und also — bey der nicht geringen Höhe der Stylobata — damit ihr Kranz die Basen der Säulen nicht völlig dem Auge verdecken möchte, wohl genötliiget war diese über jenen zu erhöhen, weil sein Vorsprung gär zu beträchtlich>wurde. Bemerken Sie nur iri dieser Rücksicht, dafs die unterste Ajecer :ekr Ati Rogen -- clio ciolior niclit mit dem Diminutiv ,, SCCl - jnilli „ zu benennen sind — mit dem Leben des Würfels, die obere aber genau mit der Ausladung der Basen übereintrifft. Vitruv aber lehrt die Breite der Stylobata nicht gröfser als die Ausladung der Base zu machen: das heifst, anderthalb Saulen- dicken: er müfste folglich seine Bänkchen auf den Vorsprung des Kranzes herüber treten lassen, welches noch viel widerlicher aus fallen wurde. Auch -wäre an der Maison-Garree diese Vorrichtung in der Absicht, das Ausgehöhltscheinen der obern Fläche zu vermeiden, wohl ziemlich unnöthig, indem diese nur zwey Säulenweiten und also schwerlich lang genug ist, um dem Auge hohl scheinen zu können. Wollte man aber, um all dem Mifsstand aus zu weichen, der an diesem Beyspiel auffällt, und dadurch unsern Vitruv zu retten, auch annehmen, er wolle seine Scamillen durchaus mcht so schwer wie hier, sondern nur von sehr geringer Höhe, und zwar auf dem fufsboden au fliegend, gemacht w ifsen; so würde die Oberfläche der Stylobata freylich nicht mehr ausgehöhlt scheinen können, indem sie jezt vielmehr geradezu einen Sattelrücken bekäme. Allein dieses würde sicher das Auge noch widerlicher stören als das Hohlscheinen selbst thun könnte, und würde aufserdem nur dazu dienen das Regenwasser in dem Säulengang aufzuhalten. 2°. Sollen sie hingegen blos unter den Basen liegen und nichts über den ganzen Saulenstuhl fortlaufen; so helfen sie dem optischen Fehler nicht allein gar nicht ab, sondern sie sind dann an und für sich eme hlofse Spielerey des ‘Steinmetzen, die ■wenigstens ein Lein er nicht vorschreiben wird, ela ein einzelnes von der gesamm- o ten Höhe beycler dieselbe Wirkung, und zwar' ohpe ünnütfcen ’Lerm, thun. kann: und es wäre wohl eitel hierin eine fixe Proportion angeben zu wollen. 3°. In beyden Fällen aber hätte Vitruv nur nöthig gehabt die Abweichung dieser beyden Bänkchen gegen einander — sey es nun in ihrer Höhe oder in ihrer Breite — in Zahlen anzugeben. Wie er aber nöthig linden konnte einen Rifs * o dazu zu verfertigen — der nicht einmal so genügend ausfallen konnte als die reine Angabe in Zahlen, das sehe ich gar nicht ein, sobald die Schwierigkeit nicht gerade in der Aufreifsung liegen soll: so wie bey dem Rifs für die Verjüngung des Säulenschaftes. Was nun die Auflagen auf den Kapitellen betrifFt, so scheint mir Ihre Abänderung des Textes unnöthig zu seyn: indem hier unmöglich die Rede von Abheilung des Ausgehöhltscheinens der Oberfläche der Platte seyn kann — als welche dem Auge völlig entzogen bleibt— und folglich das „exaequata,, hier unnütz seyn würde, wenn gleich Vitruv der Ähnlichkeit wegen auf die Scamillen an der Stylo- bata zurückdeutet. Eben SO wenig learm ioli cli© d oppel tfi Anflag© übet' den Kapitellen am Tempel des Jupiter tonans zu Rom als eine Autorität für die „ sen- rnilli ivvpnres,, gelten lassen. Denn ausser dem oben erwähnten Grund ist diese Verdoppelung hier — wie ich weiter oben schon bemerkt habe -— eine blofse Spielerey. Hauen Sie den Vorsprung des untern Bänkchens weg; und die beabsichtigte Wirkung wird gleich gut erreicht; ja, die Genauigkeit in der Ausführung wird noch erleichtert. Sie scheinen mir aber eben so wenig erfunden, um zu verhindern, dafs der Vorsprung der Platte am Kapitelle nichts von der Flöhe der Architrave verdecke. Denn dieser Vorsprung ist ■—■ besonders an jonischen Kapitellen — so gering, dafs -— wenn man ja diese Kleinigkeit compensiren wollte und weiter nichts — man ge- wifs vorgezogen haben würde, lieber gleich die Architrave um ein geringes zu verstärken..-welches denn auch an den meisten Griechischen Monumenten der Fall ist — und an Dorischen Kapitellen, wo dieser Vorsprung der Platte beträchtlicher ist, entsinne ich mich nirgends solche Auflagen bemerkt zu haben. Sondern ihre eigentliche Veranlafsung war sicher blofs um die Platten der Kapitelle für den Anblick von unten hinauf besser von der Architrave zu lösen. _ Denn bey figurirtern Kapitellen scheint die scharf aufgelegte Architrave in die Platten einzuschneiden, wenn man im Durchgehn sie von der Seite betrachtet. Besonders ist diefs der Fall bey ausgeschweiften Platten: daher man auch solche Auflagen am häufigsten auf Korinthischen Kapitellen antrifft, schwerlich aber auf einem Dorischen. Noch weniger aber kann ich den-Grund*geltertH&ssäfly* w&llfren / N$fnön für diese Scamillen- angibt: nämlich üm r die etwämgen Irrthümer an r den Höhen der Saü- len in tW Ausführung' L ‘auszugieiclien. 'Denn"'Venn f sie r gleich 'zufällig 1 diese Hülfe manchmal leisten mooten — und beiläufig gewährten sie wohl auch den Vortheil, dafs man bei Auflegung der Arbiträren weniger Gefahr lief, die Simse der Kapitelle zu zerstören —■ so wäre das doch eigentlich nur ein Pfuschergrund, den man bei einem Lehrer, der die Verhältnisse der Ordnungen v-o^fägt, r nicht voraussetzen darf, als welcher• ‘ vielmehr vernünftiger Weise 1 überall annehmen rnüfe , dafs' diese Verhältnisse durchaus richtig ausgeführt werden. Auch ist es wohl schwerer, alle einzelnen Simse in ihren richtigen Verhältnissen gegen einander nicht zu verfehlen, als die Totalhöhe der ganzen Säule beizubehalten. Die Scamillen sind überall aus Einem Block mit den Tlfeilen der Ordnung, auf welchen sie aufliegen: wenn sie nun blofs zur Berichtigung der Höhe dienten, warum nahm man dann nicht gleich dieses Übermafs mit zu jenen Theilen und vertheilte es gleichmäfsig unter den Gliedern derselben? welches doch leicht angieng: denn war das Übermafs hierzu zu beträchtlich, so mufste es ja ; — in den meisten der Fälle, die N e wton anführt —— auch als Sco-rxiillxis eirtGia IVXifeclancL aaclicn. ' d ,j/ru ‘ ') i T An den Basen aus zwei :i Blöcken, zwischen welchen er solche Bänkchen .bemerkt (siehe seine Note über die Scamillen im Appendix zu seiner Übersetzung ^Vilnius im zweiten Band,) sind sie offenbar da, erstlich um den Pfuhl von den Einziehungen merklicher abzulösen ; dann -aber auch um den obern Block mit mehr Gewifsheit genau auf den untern aufzustellen, als sonst bei so rundem Theilen möglich ^väre. Jene Basen .sind-von der eigentlichen Jonischen Art, an welchen man den obern Pfuhl als noch zum Stamme gehörend, die Einziehungen aber als eine besondre Unterlage ansah ; und dieses wollte man hauptsächlich durch jene Absonderung anschaulich machen. ^ Daher blieb auch ■ dieses Leistchen noch in d,en -.späteru Attischen Basen zwischen der Einziehung und dem obern Pfuhle bei. Die Griechen machten ihre Fugen an den Säulen meist da, wo sie das Zusammentreffen zweier Haupttheile annahmen. Auch sind diese Bänkchen oder vielmehr Leistchen nie merklich ungleich, sondern — so viel nur in der Ausführung möglich, und sicher der Intention nach — gleich. Die von ihm angeführten Bänkchen sind demnach alle nicht mit Fug ungleich zu nennen, und können gar nicht mit den „scamillis imparibus “ Vitruvs vermengt verden, als welche noch weniger diesen Nebenzweck haben konnten, da sie nach meiner Einsicht schon bestimmt waren, einer wichtigem Ungleichheit — dem absichtlichen Abhang des Bodens den mufsten. abzuhelfen, wozu sie sehr genau genommen wer- 5 - 10 Allein Newton sieht seine geliebten Scamillen überall, wo er sich hinwendet, da sie doch nur in einer dürftigen Pfuscherabsicht erdacht seyn sollen: und so sucht er sie zuletzt gar unter den Kapitellen am Parthenon, am Tempel des Thesevs und^an andern Dorischen Tempeln Griechenlands: also zwischen dem Stamm und dem Hals des Kapitells, welcher in seinem Profil niic dem Stamm zusammenläuft. Schöne Unterbrechung! wenn sie — de v **usgleichung wegen ungleich werden sollte. Es ist aber em hloöer fciMsclmitt, den der Künstler absichtlich machte, um das Unangenehme einer zufällig scheinenden Fuge dadurch zur bestimmten Absonderung zu machen. Daher findet man manchmal sogar drei solcher Einschnitte über einander, als einen blofsen Zierrath, um die wahre Fuge dem Auge zu entziehn. AVo er aber wirklich die schrägen Bänkchen, jedoch auf eine andre Art, als die x Vitruv angibt, unter Dorischen Säulen antreifen konnte, ist an einem alten Tempel — zu S egest, welchen H. B. I. Gentz neuerdings in seines Bruders teutscher Monatsschrift beschrieben hat, wo die Stämme auf runden Unterlagen stehn, welche in einer A^ertiefung liegen. Der Fufsboden war lieber abfehüssig; und die Bänkchen lagen mit ihrer Oberfläche in der- Waagolinio, waren aber in der Holling einer andern Platte eingesenkt, die sie wie Rahmen umkränzen, um die Höhe der ersten Bänkchen zu verbergen, weil die Stämme ohne Basen hart auf dem Boden zu stehn scheinen sollten. f Diese Bemerkungen habe ich noch hinzu fügen wollen, mehr um Sie zu veran ~ lassen Ihre eigene Meinung fester zu bewähren, als um die meinige zu vertheidigen. Ja, 'ich gestehe Ihnen fogar unverholen, clafs ich im Schwanken stehe, welcher Erklärungsweise ich jezt den Vorzug einräumen solle: Ihrer lezten oder meiner. Empfangen Sie meinen freundschaftlichen Grufs und' die aufrichtige Versicherung meiner ganzen Hochachtung. " " ■m' _v7 r s XiSÜO'ijjrcr.rxm '-evi ? ■ oi? ov f ' r blafini ij'gbür grunflbirm. ie'« u' i i x r ')'o .i gn u gi b Juo J i r i r . ■ Hi , r ''' Hin. r f nr ’ — jioifrk ? t T IHlSUüUll n •O 11 Zweyt er Brief. Über die griechifchen Tempel. Sie verlangen meine Meinung über die Frage: Ob ausser den Hypäthren, es noch andre Tempelgattungen gab, welche an der Hinterfronte ein zweites Pronaos hatten? Sie bemerken das Yitruv nichts davon erwähnt; ja selbst bey den Hypäthren, sagen Sie, können wir auf ein solches zweytes P r o n a o s nur aus seinen Worten B. III. K. 1. — fchliessen. Nach ihrer Uebersetzung lauten diese Worte so: „Von beyden Seiten, sowohl in der Vorder — in pronao — als in der Hinterfronte in posbico — führen Thüren hinein.“ Ob wir aus diesen Worten wirklich auf ein zweytes Pronaos schliessen dürfen?-Das wollen wir nachher noch näher beleuchten : Fürs erste sehen wir nur auf die Bestimmung dieses Theils selbst. Das Pronaos war ein bedeckter Baum an dem Tempelhaus, welcher eigentlich zu den Opfern bestimmt war. Die Opfer aber sollten vor dem Angesicht der Gottheit geschehen , man musste während derselben die Gottheit sehn, man musste ihr ins Gesicht sehn können. Diefs bestimmt die natürliche Lage des Pronaos: vorn vor der Thür des Naos, so wie es schon dessen Nähme deutlich angiebt, und es ist keine andere zweckmässige Stellung desselben gedenkbar. Hiergegen führen Sie mir jedoch noch jezt bestehende Tempel des Alterthums an, *) auf w r elche ich im Verfolg wieder zurück kommen muls. Nur frage ich jezt, ob wir das, was wir an der hinteren Seite solcher Tempel gewahr -werden, mit Fug ein zweytes Pronaos nennen können? Hinter dem Bilde der Gottheit können wir doch nicht voraussetzen dafs man ihre Opfer verrichtet habe — wenn man es auch dort schauen konnte? Die HinterLhüre an den Hypäthren war blos zum Eingang bestimmt, weil diese Tempel ihrer Natur nach immer von beträchtlicher Grösse waren, und das Bild der Gottheit gegen die Mitte der Zelle stand. Aber freylich hing die besondre Beschaffenheit der Tempel von mancherley religiösen Konvenienzen ab, die wohl oft ohne Rücksicht auf die Opfer, die der Gottheit dargebracht werden sollten , noch einen Raum hinter der Zelle fordern durften. Man konnte hinter dem Tempel eine andre, vielleicht subordinirte, Gottheit aufzustellen haben, welcher ) Den Tempel des Thefevs zu Athen, den kleineren der Tempel zu Pästum, und den Konkordienteropel zu Girgenli, f * 12 eigene Opfer dargebracht werden sollten: man konnte Opfer zu bringen haben die absichtlich hinter dem Tempel verrichtet weiden mufsten — etwa um den Neid anderer Gottheiten gleichsam hinterrücks der Hauptgottheit zu versöhnen. Konnte man nicht zum Beyspiel hinter das Naos des Thesevstempels das Bild der Nemesis, der Athene, oder der zu Athen so hoch verehrten Evmeniden zur Anbetung aufgestellt haben? Hierzu war ein Flaz nöthig; und welche Gestalt konnte man wohl füglicher diesem Plaze geben als eine der Vorzelle ähnliche ? Darum hatte er aber doch nicht dieselbe Bestimmung mit diesem, und kann folglich, da wo er gefunden wird, nicht mit diesem als gleichbedeutend verwechselt werden. Allein Ihre Frage kann auch nicht darauf abgesehen seyn, ob es überhaupt im Alterthum Tempel mit solchen Hinterpläzen gegeben habe: Das wifsen wir schon aus der Ansicht der Ueberbleibsel. Sondern sie ist blos in Rücksicht auf die Lehre Vitruvs gestellt. Ich werde demnach im Verfolg einen solchen Hinterplaz zur deutlicheren Unterscheidung eine Nachzelle nennen, da von einer wirklichen zweyten Vorzelle oder Pronaos in der That gar nicht die Rede seyn kann, und demnach Ihre Frage min stellen: „G-ieüfc ©e in üei* JClaeexiicAiinn <1 er rpgnlaren Tempel, Wlö sie Vitruv aufstellt, solche Gattungen bei welchen eine Nachzelle statt hat, oder müssen wir die Beyspiele die wir noch sehen können, durchaus in sein Kapitel von den Anomalien verweisen?“ Diese so gestellte Frage läfst sich nun nicht anders auflösen, als indem wir versuchen, alle von Vitruv aufgestellte reguläre Gattungen wirklich genau nach sei- , j An allen griechischen Tempeln, die bis auf uns gekommer?, sind cliA Gänge des Pteroma durchaus tiefer als eine Säulenweite; ja sie sind nicht einmal ringsum gleich tief, sondern gemeiniglich an den Giebelseiten tiefer als an den langen Seiten und zwar wiederum ungleich, so clafs der Gang im Postikum nicht selten auf zwey volle Säulenweiten steigt. Vitruv hingegen besteht unabänderlich auf die gleichmäfsige Tiefe von einer Säulenweite, so clafs alle Säulen und Mauern bey ihm immer schnurgerecht hinter einander zu stehn kommen. Nun beträgt aber obenbenannte Länge von acht Weiten und einer Säulendicke, nach den verschiedenen Arten der Säulenstellungen wie folget: Pyknostylos — Systylos — Dinstylos — Eustylos. — Modul. 21 = 25 33 - ■ 27 —- Li n einfaches Tempel- haus aber, oder ein templum in antis, hält in seiner Länge nach eben diesen Arten: Pyhnost. 18 Systyl. 21 Diastyl. 27 Eustyl. Modul. 3 • 4-6-3- Folglich würde, ■wenn man ein blofses Tempelhaus in dem Pteroma einschliefsen wollte, der vordere und der hintere Gang breiter als die Seitengänge: bey dem Pyknostylos und Eustylos jeder um anderthalb, bey dem Systylos um zwey, und bey dem Diastylos gar um clrey Modul. Nun kann ich zwar nicht in Abrede seyn, dafs es nicht wirklich solche Tempel gegeben habe, die nur ein blofses Tempelhaus innerhalb dem Pteroma hatten: der KonkorcLientempel zu Girgenti würde allein schon nur als Gegenbeweis hinreichen' aber eine ganz andre Frage ist’s, ob Vitruv dergleichen hn Sinne hatte. Diefes aber glaube ich verneinen zu dürfen: denn er Wurde seine eigne Regel von der oben bestimmten gleichen Tiefe des Pteroma da- j 2 . JE jy.g , durch brechen müssen, von welcher er doch nirgends im ganzen Buche auch nur einmal absteht. Ich meyne daher, da Ts so wie im Prostylos und Amphiprostylos ein ordentliches templuin in antis enthalten ist; so soll hinwiederum das Pteroma des Peripteros ein vollständiges Prostylos einschliessen. Auch haben wohl unter den übrig gebliebenen Peripteren die meisten wirklich innerhalb dem Pteroma noch ein Prostylium. Die Länge eines Prostylos aber beträgt nach den verschiedenen Säulenstellungen : Eustylos — Vylmostylos — Systylos — Diastylos — Modul, = 27* - - - - - 20i —-24 : -— 31 sollte aber betragen 27 ■ ■ 21 -- 25 - 55 Modul, um genau die durch das Pteroma bestimmte Länge zu füllen. Bey dem EusLyios würde diesem nach das Tempelhaus für das äufsere Pteroma zu lang ausfallen, um ein Viertel-Modul: doch um diese Kleinigkeit mögte leichtlich das Prostylium enger werden sollen. Bey dem Pyknostylos würde demselben ein halber Modul an der erforderlichen Länge fehlen. Das Teinpelhaus könnte also wohl halbe Säulen an seinem Postikum haben sollen. Hingegen bey dem Systylos würde ein ganzer Modul an der. gehörigen Länge fehlen und man müfste folglich ausser den halben' Säulelr am Postikum noch das Prostylium um einen halben Modul tiefer annehmen als es von Rechtswegen seyn soll Le. So habe ich diesen Tempel auf der fünften Tafel Fig. 2. dargestellt. Dem Diastylos endlich würden gar noch zwey Modul zu der gegebenen Länge abgehn. Waren Treppen auf das Dach hinauf nöthig, so war dieser Überschufs leichtlich angebracht: sonst aber wüfste ich ihn auf keine Weise anzuwenden , man möchte denn eine spurische Art von Amphiprostylos annehmen wollen, da nämlich zwar freystehende Säulen am Postikum wären, die aber keinen ordentlichen Gang bildeten. Doch dieses schmeckt mir zu modern; eher bin iclf geneigt zu glauben, dafs Vitruv die weitern Arten der Säulenstellungen gar nicht bey den Peripteren angewandt, wissen wolle, da diese doch schon nach einem gröfsern Maafsstab aufgeführt werden sollen. Es ist schon der Natur der Sache gemäfs, bey einem kleineren Maafsstab, des Raumes -wegen, die weitern Säulenstellungen, bey einem gröfsern aber, der Architrave wegen, die engeren vorzuziehn. Kurz, auch bey dieser Gattung findet sich im Vitruv nicht allein keine Andeutung einer Nachzelle, fondern es ist sogar der nöthige Raum darzu in keinem Falle äuszumitteln, und es wird daher klar, dafs er bis hierher dasselbe nicht als einen wesentlichen Theil eines Tempels ansieht, und wir folglich nach ihm alle Periptere mit Nachzellen schlechthin als Ausnahmen von der Regel anzusehn haben. Solcher Ausnahmen führen Sie mir zwey an, die übrigens in mehr als dieser Rücksicht Aus- * nahmen von Vitruv’s Regel sind. Der eine Von beyden ist der Tempel des Theseus zu Athen, welcher im Postikum eine der Gestalt nach dem Trönaos völlig ähnliche Nachzelle'hat. Stuart giebt demselben auch, wie dem Pronaos, eine Thüre in die Nachzelle hinein; aber ohne irgend eine Veranlafsung dazu zu haben, weswegen ich mich auch für berechtigt halte diese Thüre zu verwerfen. Eine mögliche Ursache zu dieser Nachzelle habe* ich schon oben, angegeben; und was mich besonders in ** jener Vermuthung bestärkt, ist «liefe, dafs sowohl der >Gang des Pteroma im Posti-.^ ^ kum, als auch die Nachzelle beträchtlich tiefer sind, als das Pronaos und der vor- ~ dere Gans des Pteroma, indem von diesen jedes nur ungefähr andertnalb Säulenweiten des Pteroma, von jenen aber jedes volle zwei solcher Weiten einnimmt. Die Nachzelle war hier eigentlich em Aftertempel, der nicht so grofs seyn durfte wie die Hauptzelle, aber doch gröfser "werden mufste als das Pionaos: denn hiei war der Platz nur für die Opfer bestimmt, dort mufste aufser dem hierzu nöthigen Raum noch Platz für die Gottheit seyn. Der zweyte Tempel dieser Art ist der Konkor- ^ % dientempel zu Girg entl. An diefem ist die Zelle selost noch ein Mal so lang als breit, und hat auf jeder der langem Seiten sechs Bogenölfnungen. Es ist leicht möglich, dafs hier das Bild der Gottheit m der Matte der Nachzelle gestanden habe, ' wie Houel in seinem Wunderlichen Durch schnitt es angiebt. Es liegt etwas in der Idee der Konkordia, welches leicht dazu veranlassen konnte: doch ist das nicht mit Gewifslieit zu bestimmen. Erwägt man noch, dafs, "wegen der SeitenöfFnungen in der Zelle, das Pteroma leicht durchaus durch Pin Lei verschlossen seyn mogte, so könnte man vielleicht berechtiget seyn, diesen Tempel für ein Mittelding zwischen einem bedeckten Peripteros und einem vollständigen Hypäthros aiizusehen. Dem sey aber wie ihm wolle, die Gottheit mag mm mitten in der Zelle oder hinten im Grunde derselben gestanden haben, so glaube ich doch, dafs man die Darstellung des Houel gerade umkehren müfse : das heifst, was er für die vordere Fronte des Tempels ausgiebt, halte ich für die hintere. Nach meiner Meinung also war das Pro- naos, welches liier nur halb so tief als weit ist, gar nicht durch v eine Mauer, sondern blos durch drey Stufen, von der Zelle abgesondert, so dafs man während dem Opfer ganz ungehindert den Anblick der Gottheit hatte. Sie sollte der ganzen Welt so viel als möglich immer vor den Augen gestellt seyn: daher auch die Bo°enöfF- nungen an . den 1 Seiten des Naos. Hinter diesem lag eine Nachzelle von gleicher Gestalt und Dimension mit dem Pronaos, welche aber durch einen Treppenraum von dem Naos • abgesondert war; und da doch der Zugang in das Naos von allen Seiten möglich bleiben mufste, so rvar eine Thüre, die durch diesen Treppenraum führte, in der Mitte offen gelassen, welche, von der Seite des Pronaos angesehen, durch das Bild der Gottheit gedeckt wurde. Kurz, dieser Tempel weicht so sehr von der gewöhnlichen Einrichtung ah, dafs er unmöglich gegen den Text Vitravs, 6 . 22 welcher nur das Regelmäfsige erläutern soll, zeugen kann. Das Hauptmotiv bey dem Konkordientempel scheint dies , ihn so licht und offen als möglich zu halten: ganz gegen die gewöhnlichen Tempel, und daher trachtete der Baumeister wohl auch, seine beyden Giebelseiten so gleich als nur möglich zu machen. Aus ähnlichen Gründen zweifle ich gar nicht, dafs es nicht irgendwo im Alterthum viereckige Tempel gegeben, die, wie unter den runden, blofse Mon^tfere waren; aber gewifs waren solche eine Seltenheit, auf welche Vitruv nicht Rücksicht zu nehmen brauchte. Als ein drittes Beyspiel führen Sie mir den kleineren Hexastylos zu Pästum auf, welchem Sie, wahrscheinlich nach Major oder Baumgärtner, ebenfalls eine Nachzelle beymessen. Allein Major giebt ihm diese Nachzelle, so wie den Treppenraum nur aus eigner Willkühr: von den Zellenmauern fand er nur einzelne Spuren und konnte ihren Plan unmöglich ausmitteln. Seit seiner Zeit mufs man den Boden dieses Tempels mehr gereinigt haben , denn ich habe hier ein sehr sauberes Modell desselben von einem römischen Baumeister verfertiget vor Augen, *) welches ihn genau in seinem jetzigen Zustande darstellen soll. Nach diesem betragt die Länge seines Pteroma zw r ölf Säulenweiten, die Tiefe des Säulenganges ist auf allen Seiten ungefähr gleich tief und einer Säulenweite ziemlich gleich. Das Pronaos ist kaum halb so tief als weit: nämlich ungefähr anderthalb Weiten des Pteroma. Es hat .weder Anten noch Parastaten, sondern statt derselben auf jeder Seite clrey Säulen, ' wovon die hintere immer um eine Stufe höher steht als ihre vordere, und die hinterste ist in die Ecke der Zellenmauer eingemauert. In der Fronte des Pronaos sind weiter keine Säulen; aber die Stufen, auf welchen die Säulen der Anten stehen, ziehen sich immer zwischen beyden zurück, so dafs die mittlere derselben den Fufs- boden in zwey ungleiche über einander liegende Plane theilt, der Tempel aber hat keine Nachzelle, sondern man sieht sehr deutlich die vollständigen Maliern der Zelle, welche folglich an die neuntehalb Weiten des Pteroma lang ist, und gar keine Säulen an ihrem Fostikum hat. Aber die Säulen des Pteroma sind vollzählig erhalten, und mitten in der Zelle ist die Spur einer besondern ablangen Substruction, die fast wie ein zweytes Tempelhaus aussieht, und einen beträchtlichen Raum der Zelle einnimmt. Diese Substruction halte ich für das Postament der Statüe, und bin geneigt daraus zu schliefsen, dafs die Statüe der Gottheit gewöhnlich, wo nicht ganz in der Mitte der Zelle, so doch völlig von der Hintermauer abstehend gestellt war. **) Die *) Es ist zu sehen in der hiesigen Akademie der Künste. **) Tn dem antiken Plane von Rom beym Piranese kommen verschiedene Tempel vor, in welchen diese Substruction hart an der llintermauer in viereckiger Form angodeutet ist, durch drey Linien, welche 25 Statue mufs man sich durchaus so grofs denken als nur immer die Höhe der Zelle es erlaubt, -welches die Tempelzeichner niemals beobachten: und daher die Gröfse seiner Substxuction; und in diesem Tempel war die Gottheit sitzend, daher ihre ablange Form. Ich beschreibe diesen Tempel so genau, weil ich nicht weifs, ob eine neuere Darstellung desselben in Kupfer exisrirt. Jezt zu unserm Autor zurück. Als Beyspiel eines einfachen Peripteros führt Vitruv nebst demjenigen Tempel Je. iÜl^e-3r/>to des Jupiter Sator, dessen Baumeister er Hermodus nennt, des Marjtellus Tempel Ehre und der Tapferkeit an „welchen Mutius — aber ohne Postikum erbauet hat.“ Dieses Postikum übersetzen Sie durch „Hinterthüre„ und um nun diese so übersetzte Anmerkung, die in der That etwas überflüfsig scheinen könnte, zu recht- fertigen , sagen Sie, * *) dafs da derselbe zwe/en Gottheiten geweiht war, er eigentlich auch zwey Ausgänge haben sollte, und führen dabey den heiligen Augustin an, welcher sagt: „In den Tempel der Ehre ist kein andrer Eingang als durch den Tempel der Tapferkeit.“ Allein erstlich mufste ein Tempel, der zweyen Gottheiten zugleich geweiht war, nicht durchaus zwey Thüren haben. Der Tempel des Antonin und der Faustina zu Rom hatte zum Beyspiel wohl schwerlich zwey Thüren. Sondern weil dieser, wie eben die Worte Augustins deutlich zeigen, zwey unterschiedene Zellen hatte, mufste er auch zwey Thüren haben, und hatte sie auch in der That. Diese Thüren aber, oder wenn Sie lieber so wollen, Durchgänge, brauchten nicht gerade Ausgänge aus dem Tempelhaus zu seyn. Zweytens mufste das Motiv zu dieser zweyten Thüre, welches aus den Worten des Kirchenvaters erhellt, so allgemein bekannt und als in der Sache selbst liegend angenommen seyn, dafs es für Vitruv schwerlich eine Veranlassung werden konnte, diese Bemerkung zu machen: war es aber nicht so trivial wie ich voraussetze, so konnte derseil)e dieses Umstandes unmöglich so nachläfsig und zweydeutig erwähnen. Und endlich so bedeutet — posbiewn — wirklich nicht so ausschliefslich eine Hinterthüre \ sondern es hat einen viel allgemeineren Sinn, und die Hinterthüren konnten nur mitunter auch diesen N amen führen, wie so manches andre was unter diesen allgemeinen Begriff gehört. O Ö Ö — Posticum — bedeutet denjenigen Theil eines Ganzen, welcher als hinLengelegen angesehen wird, und stünde folglich dem — nnticum — entgegen, obgleich Vitruv diefs leztere nirgends gebraucht, weil er, um das Vordertheil eines Tempels anzudeu- anzeigen, dafs es dort, so wie hier, inwendig hohl war, und wovon die vordere eine Oeflhung in der Mitte zeigt. Meine obige Vermuthung aber geht nur auf griechische Tempel. Die Römer hatten nicht selten an der Ilintermauer eine Nische für die Statüe wie auch an den oben angezeigten templuin in antis zu sehn, welches wir aber meines Wissens nie bey den Griechen finden. *) B. III. K. I. N. R. i len, schon an der Bezeichnung durch das Pronaos genug hat. Allein hier* wo er nur im Allgemeinen den Peripteros karakterisirt, hat er einzig das Pteroma vor Augen; und folglich heifst hier — posbicum — der Säulengang an der hintern Giebelseite r der Hinter fliigel, das Pos likuni des Pteroma. Hätte er eben so von dem vordem Gang des Pteroma zu reden , so miifste er es — anticinn — nennen, und die Seitengänge -würde er schlechtweg durch — alae — bezeichnen. Er sagt folglich blos : Mutius habe einen Peripteros, jedoch ohne Hinterflügel — ohne freien Säulengans: an der hintern Giebelseite erbauet. Um diefs klärlich einzusehn, so stel- len Sie sich nur vor, auf was Weise es möglich war die zwey Zellen in einem Peripteros anzuordnen? Sie wären immer unter allem Verhältnifse klein geworden, so bald nicht' die eine quer hinter der andern gelegt wurde. Dagegen nehmen Sie vön der Hänge des Pteroma die hinteren drey Weiten weg, so wird Urnen vorne zu einem (einfachen templum in nntis nur anderthalb Modul fehlen. Schliefsen sie ferner den hinten gelassenen Raum mit Mauern zwischen den Säulen zu; so erhalten Sie ein zwey- les Naos, welches nun quer hinter dem ersteren liegt, und beynahe von gleicher Breite mit demselben ist. Es fällt aber länger aus als jenes, welches wohl auch seyn nmfste, wenn alles was zusammen in beyden Theilen des vordem verrichtet wurde, auch in 'diesem geschehn sollte. Yermuthlich fand man es auch der Anspielung, die in dieser Herbindung liegt, angemefsener dafs das hintere Naos geräumiger sey als das vordere. Durch die Rückwand des ersten Naos gieng der Eingang in das zweyte; und es scheint mir sogar glaublicher, dafs hier statt aller Mauer eine blofse Architrave , durch zwey Säulen gestützt, beyde Zellen von einander getrennt habe. Die Statiie der Tapferkeit nahm dann den Raum der mittleren Säulen weite ein, und die beyden andern blieben für den Durchgang: das innere Naos aber hatte wahrscheinlich Fenster, entweder auf den beyden kiirzern Seiten oder in der hintern Giebelmauer. Durch solche Einrichtung verlohr nun das Pteroma sein Postikum: und gerade diefs ist es, und nichts anders, was Vitruv mit jenen Worten anzeägen will. Auf der siebenten Tafel habe ich benannten Tempel nach eben gegebener Erklärung dargestellt, und ich meyne dafs man nicht wohl sich ihn anders denken darf. Demnach war es eigentlich eine Abart des Peripteros, Vitruv konnte ihn aber demungeachtet füglrch als Beyspiel anführen, besonders da er ihn sonst noch als vorzüglich schön auszeichnet. Wurde das Pteroma verdoppelt; so hiefs der Tempel JDipberos und bekam dann nothwendig auf den Giebelseiten acht Säulen: seine Breite betrug folglich sieben YV eiten, und die Länge vierzehn. Der Pscudodipteros behielt im Umfang dieselbe 25 Zahl der Säulen und Weiten; denn der Unterschied zwischen Leyden Gattungen bestand blos darin, dafs in der lezteren das innere Pteroma weggelassen wurde. Nach der Analogie nun müssen diese Tempel in ihr Pteroma einen ordentlichen Amplii- prostylos Snschliefsen, und dieser soll in der Länge zehn Weiten einnehmen: denn zwey müssen auf jeglicher Fronte für die Tiefe des Pteroma bleiben. Von obigen zehn Weiten gehn zwey auf die Leyden Säulenstellungen des Amphiprostylos — die Weite von Axe zu Axe gemessen , Naos und Pronaos aber betragen in der Länge mit der übrigen Hälfte des vordem Eckpfeilers zusammengenommen, sechs solcher Weiten, und noch zwey Modul darüber. Es bleiben demnach noch zwey Weiten minder zwey Modul von der Länge des 'Pteroma übrig , welche in Modul berechnet wie folget betragen: im Vyknostylos: Modul 5. im Systylos: Modul 4. im Eustylos: Modul 4y. im Diastylos: Modul 6 . Diesen Überschufs nun zu einer Nachzelle zu verwenden, bleibt freylich ganz- , _ V lieh 1 in unsrer Willkiihr, allein wenn man erwägt, dafs bey Tempeln -von so gröfseni Umfang , so wie doch sicher diese Leyden Gattungen gewöhnlich ausgeführt wurden, wohl schwerlich die Treppen auf das Dach anzubringen unterlassen wurden ; so scheint es eher glaublich, tkvfs Vitruv für solche jenen Überschufs bestimmt habe, und da die Nachzelle immer eine besondere Ausnahme war, so wird wohl angenommen werden müssen, dafs in dergleichen Fall der ganze Tempel um die derselben zugedachte Tiefe länger gemacht werden soll. Demnach behält auch im regulairen Di- pteros das Naos mit seinen Mauern in der Länge fünf VierLel, das Pronaos ohne die Eckpfeiler drey Viertel der Breite, und ein Viertel bleibt für den Treppenraum. Sö sind beyde Gattungen auf der achten Tafel dargestellt. Die Treppen wurden entweder zwischen'dem Pronaos und dem Naos angelegt: wie Fig. 1. zeigt, oder auch la gen sie hinter dem Naos, wie bey Fig. 2. Es gab Peripiere, wie der Theseustempel, deren Pteroma und Pronaos steinerne Decken hatten. Waren die Zellen an solchen Tempeln nicht gar gewölbt — welches jedoch , nach der Stärke der Mauern zu urtheiien , nicht sehr wahrscheinlich ist — so mufsten ihre Balken über die steinerne Decke des Pteroma erhöht liegen, und die Zelle wurde sonach im Lichten höher als das Pronaos. Ein solches Dach bestand wahrscheinlich aus weiten gelegten starken Balken, welche Dachstuhl träger waren — trnbes ev erganeae — und nur nach der Breite lagen. Über dieselben liefen /‘/'{f < ? ■ tlann.Jlg*übers Kreuz gelegt, welche zwischen ihnen kleinere Felder bildeten; und dk tronstfr C xe icli ten über die Kö pfe der Lagerbalken weg j um auch über die Flügel ^ -des Pteroma den Hang des Daches zu stützen : wie ich solches auf der sechsten Ta- fei dargestellt habe. Bey den Dipteren war dies wohl sicher der Fall: denn wozu ' A /• 7 * £Ö sonst das innere Fteroma ? Ans demselben Grunde aber können wir auch schliefsen, dafs an den Pseudoclipteren das Fteroma keine steinerne Decke hatte. In den Ruinen von Pästum steht ein Tempel, der in den Giebelfronten neun Säulen hat, und folglich eine im Mittel. l T m zwey Weiten einwärts sind die Spuren der Zellenmauern, und die Zelle ist demnach noch einmal so breit wie einer der Säulengänge. Diese Breite ist wieder in gleiche Hallten gethc-ilt durch eine Reihe Säulen, welche höher und stärker sind als die des Fteroma, und schnurgerecht mit den Mittelsäulen der Fronten stehn. Erwähnte Säulenreihe gieng dem Anschein nach nicht durch die ganze Ränge des Gebäudes, sondern liefs vorne und hinten einen freyen Flaz. Dies war nach aller Wahrscheinlichkeit ein Pseudodipteros, an welchem man die Breite der Zelle zu grofs für die Tragbarkeit der Balken erachtet hatte, daher man sie denn im Mittel durch einen Träger und Säulen gestützt hatte: so dafs also die Spannung der Balken in vier gleiche Theile getheilt war. Vielleicht &<■ auch, dafs die trabes e verganeae nicht aus einem Stücke waren,, und also deshalb die Unterstützung im Mittel nölliig befunden worden, wie solches leichtlich der Fall werden konnte, sobald man zur Dachverbindung fremde und seltene Holzarten bestimmte. Von den beyden leeren Plätzen war der eine zur Aufstellung der .Statue bestimmt, und der andre diente zum Pronaos, wo geopfert wurde, und war durch keine Mauer von der Zelle getrennt. Hieraus erklärt sich die mittlere Säule in den Fronten, indem der Balkenträger fortlaufend bis auf die Giebel reicliLe, wo dessen Kopfenden durch jene Säulen gestützt wurden. Einen vollkommenen Dipteros aber glaube ich in den Überbleibseln des Ogclostylos zu Selinurt zu erblicken, Welchen II ouel, meines Bedrinkens fälschlich, für einen Plypäthros ausgiebt. r x -v ^ ■- o A ’ Aus meiner bisherigen Entwickelung scheint mir deutlich genug hervorzugehn, W'elchermafsen unter den vier Hauptv ersch i eden b ei Len der Tempelgattungen die vorhergehende immer in der folgenden enthalten ist: der Tempel in nntis in dem Prostylos und Amphiprostylos, jener wieder im Peripteros , dieser im Dipteros und Pseudodipteros. Aus diesem Grunde bestimmt Vitrav die näheren Verhällnifse des eigentlichen templum in nntis nur zu aller]ezt, ob er ihn gleich in der Reihe zuerst beschreiben mufsLe: weil er in allen folgenden Gattungen zum Grunde liegt, folglich aber auch seine Dimensionen ihnen sämmtlich gemein sind. Und daher rührt es ebenfalls, dafs er in ihren Fronten die Zahl der Säulen so gleichmäfsig immer um zVVe y steigen läfst: so dafs die erstere Gattung zwey, die andre vier, die dritte sechs, \ . und die vierte acht erhält. An diese Progrefsion der Säulenzahl scliliefst er' nun die \ jV*, Ilypäthren an, deren es, in Rücksicht auf das Fteroma, ‘ in seinem System, ^wey ' 'Gattungen giebt: nämlich solche, deren Pteroma einfach ist, und solche, die ein doppeltes Fteroma haben. 2-7 Des inneren Feristyls wegen mtifs die Zelle eines Hypäthros immer um zwey Säulenweiten breiter werden, als an einem gleichnamigen bedeckten Tempel. Em Hypäthros per ipteros hat demnach in den Fronten zrvvey Säulen mehr, als em bedeckter Peripteros: also achte; soll er hingegen Dipteros seyn, so bekömmt er deren zehn in den Fronten. Tn seiner Beschreibung hat Yitruv nur diese lezle Gattung vor Augen, weil er, von der Liebe" zur oben bemerkten. Progrefsion der Säulenzahl geleitet, hinter dem bedeckten Dipteros , welcher acht Säulen in den Fronten zählt, nur noch einen zehnsäulichen aufiühren zu müssen glaubte; da hingegen die von ihm angeführten Beyspiele, des achtsäuligen Parthenons — welches ein Peripteros war — und des zehnsäuligen Tempels des olym pischenJupiters -— welcher ein Dipteros war — augenscheinlich darthun, dafs er beyde Gattungen sta- tuirt: und das -als Ogdostylos angeführte Parthenon macht sicher in keinem Betracht eine Ausnahme von der gegebnen Regel. ^ Tp/z.jr/kY. Unter dem Dekastylos aber, welches er als Beyspiel aufstellt, kann er unmöglich den Tempel zu Olympia gemeynt haben. Denn erstlich hat dieser, wie Pan- sanius berichtet, nur ein einfaches Pteroma, und war folglich — wenn er ja ein Hypäthros gewesen wäre — sicher höchstens Ogdostylos. Wollte man auch wider alle deutliche Anzeige darauf bestehn, Vilruv halte in dem Parthenon eine Ausnahme anzuführen gemeynt, so wird«-man doch nicht behaupten wollen, dafs er die Ungereimtheit so weit getrieben habe, zu beyden Beyspielen nur Ausnahmen zu wählen: hätte er aber gar kein genaueres Beyspiel zu seiner Vorschrift finden können; so hätte er diefs zu melden wohl nicht unterlassen. Zweylens so war der olympische Tempel gar kein Hypäthros , sondern seine Zelle hatte eine Decke und folglich war er nur Hexastylos. Denn man findet anderwärts bemerkt r dafs der Gott mit seiner Scheitel schier die Decke berührte, worauf sogar einige ihren verfehlten Tadel gründeten: weil nämlich solchergestalt der Gott ja nicht aufstehen konnte, sondern gezwungen war, ewig zu sitzen. Es ist mir nicht entfallen, dafs Tansanias sagt *)Es stehen inwendig in dem Tempelhause Pfeiler , auf denen eine Gallerie in der Höhe ruhet, worauf man zu der Bildsäule geht. Allein, eben die Stellung dieser seiner Anmerkung deutet mir an , dafs er von einer besonderen Eigenheit an diesem Tempel zu reden vermeinet; m den ITypäthren aber war das Penstyl nicht nur eine durchgängig angenommene Sache,, sondern es bildete auch, sicher keine Gallerie in der Höhe, und am wenigsten konnte es zur Statüe hinführen. Der Thron des Gottes stand auf einem sehr hohen Unterbau, von solcher Art, wie wir oben m dem klei- *) Nach Goldha gens^Uebersetzimg: Elea, 6. 601. neren Tempel zii Pas!um bemerkt haben. Hfttler diesem Unterbau lief in derselben Höbe längs der. Rückwand eine Gallerie auf Säulen , und um- auf sie herauf zu gelangen, war kein andres MiLLel, als vermöge'der "Windeltreppe , die, wie der Autor berichtet, bis auf das Dach hinauf führte, und welche folglich hinter der Zelle angebracht war. Völkels Abhandlung über diesen Tempel ist mir gänzlich unbe- kannt, und ich Greifs also nicht ob er meiner Erklärung entgegen ist, oder nicht. Von dem Inneren dieser Tempelgattung sagt Vitruv: „Das Naos bleibt ohne Dach, bekömmt aber inwendig einen Gang von zwey übereinander folgenden Säulenreihen, und von beyden Seiten sowohl in den Pro naos als an der Rückmauer — in postico — führen Thüren hinein.“ Aus diesen Worten nun glauben seine Ausleger auf zwey Pronaen an den entgegengesetzten Seiten schliefsen zu dürfen; aber augenscheinlich blos, weil sie das Pronaos nur als ein Prunkstück vor dem Eingang ansehn, welches keine andre Bestimmung haben soll, als den Zugang zu dem vornehmen Gotte zu verlängern ; welches doch sclrnurstraks mit der Einfalt streitet, welche bey der Erfindung der Tempelfor.men ,;, oT)gewaltei hat. Allein , aufser dem, was ich gleich Anfangs angeführt — da ich-:nicht begreife was das Pronaos hinter der Gottheit zu schaffen habe —■ bin ich vielmehr durch diese seine Worte darauf geführt, gerade entgegengesezt nur auf ein einzelnes Pronaos zu schliefsen; eben weil er nur Eins nennt. Hätte er auch nur im geringsten an zwey Pronaen gedacht: hätte er dann nicht sagen müssen „sowohl ivorn als hinten sind Pronaen, welche durch Thüren in das Naos fuhren ? “, Bey jeder Verlegenheit über die Nach- läfsigkeit des Textes klagen, ist freylicli ein leichtes Mittel die Materie auf die Seite zu schieben. Aber wo beschreibt Vitruv so nachläfsig? Er .unterläfft wohl manchmal zu beschreiben, was wir gern von ihm erfahren mögten, weil er gerade nicht für uns geschrieben hat; aber sehen wir seine Worte ..genau an, so werden wir bestehen müssen, dafs er richtig,'beschreibt, was-er sich nur vornimmt; und wo wir seine Worte gar nicht verstehen, da r liegt es «daran dafs wir keine Römer sind. Wir dürfen aber nicht übersehen, dafs er liier nur von einem Pronaos spricht; und durch den ganzen übrigen Text sehen wir, glaube ich deutlich, clafs,: wo wir an einem affen Tempel etwas dem* Pronaos ähnliches an 1 der hintern Seite erblicken, wir es als eine Ausnahme von der Regel anzusehen haben, die durch besondre Umstände veranlagst worden. uwi ma &) >..,] Sehe 'ich jezt zur Aufklärung meiner Zweifel mich um nach Überbleibseln von ■wirklichen Hypäthren, so finde ich deren drey: den gröfseren Tempel zu Pästum, der aber in so ( vieler Rücksicht wider die Regel ist, dafs er durchaus nicht zur 29 Aufklärung unsres Textes dienen kann, und auf dessen Plan beym Major, den einzigen der mir bekannt ist, wir uns gar nicht verlassen dürfen: ich habe mehr als eine Anzeige, dafs er fast in nichts der Wirklichkeit treu bleibt. Dann den Tempel des Olympischen Jupiters zu Athen, aus dessen Überbleibsel wir weiter nichts ersehen können, als dafs er unbezweifelt ein Hypälhros war; von Naos und Pronaos aber ist keine Spur mehr zu linden. Und endlich das Parthenon, dessen 1 lan glücklicher Weise noch völlig erhalten ist. Dieses aber hat bestirpmt nur ein Pronaos: denn dafs Stuart das Prostylium vor demselben und vor dem Postikum Pronaen nennt, ist ein MifsgrifF, der jedem sogleich in die Augen springen mufs: und bestätiget demnach meine Vernuilhung. Ja dieses Pronaos hält ziemlich genau das Ver- hälLnifs , welches Vitruv im allgemeinen festsetzt, und kann noch in andern Rücksichten uns Aufklärung sehen. Das Naos aber überschreitet in der Länge die Be- Stimmung unsers Autors, weil die griechischen Tempel überhaupt länger sind, als er festsetzt. Nach der Analogie der oben entwickelten Anordnung der übrigen Tempelgattungen, mufs der Hypälhros innerhalb seinem Pteroma noch auf jedweder Fronte des Tempelhauses ein sechssäuliges Prostylium haben: und so hat auch in der Thal nicht nur das Parthenon zwey Prostylien, sondern, wie wir unverkennbar aus der Stellung der noch übrigen Säulenstumpfe ersehen können, hatte sie der Tempel des Olympischen Jupiters ebenfalls. Es soll aber an einem Hypäthros -peripteros das Pteroma in der Länge vierzehn Säulenweiten messen, an einem Dipteros aber neunzehn. Ziehen wir von diesen die nöthigen Säulen weiten für die Tiefe des Pteroma, und oben benannten Prostylien ab, so bleiben in dem einen Falle zehn, in dem andern aber dreyzehn Weiten für die Länge des eigentlichen Tempelhauses übrig. Nehmen wir jezt von dieseiy4wey Pronaen — in der Voraussetzung der Ausleger — die nöthigen sechs Viertel der Breite ah , so bleibt viel zu wenig übrig für die bestimmte Länge der Zelle selbst, da sie doch ihrer Beschaffenheit nach eher mehr Länge vertrüge als Vitruv für sie festsetzt: gehen wir hingegen dem Naos auch nur die im Text angegebene Länge, so bleibt für die Pronaen nur ungefähr die Huij&e der gehörigen Tiefe: daher auch Newton, selbst indem er die Prostylien zur Tiefe der Pronaen hinzuzieht, nur im Dekastvlos so eben die vorgeschriebenen Maafse herausfindet. / # / * TfytJTyfr. /£ Es wird mir demnach von allen Seiten her bestätigt, dafs auch der Hypälhros so gut wie alle übrigen viereckigen Tempel in der Regel nur ein Pronaos haben soll, so wie Vilruvs Worte es auch anzeigen; und wo nur an dem Postikum etwas dem Pronaos Ähnliches erscheint, da ist es hier wie sonst eine blofse Abwci- 8 . 50 chvmg. *) Da icli nun diefs nicht zu leugnen vermag, so versuche ich den Hypä- tliros auf folgende Weise nach den zerstreuten Angaben Vitruvs zu konstruiren. Das wird hier um zwey Weiten breiter, als bey andern Tempeln, solche / 'Aye JT j.lC Breite aber ist für die Spannung der Decke augenscheinlich zu grofs. Im Pronaos des Parthenon sehe ich aus diesem Grunde längs den Anten zwey Reihen — jede zu drey Säulen angebracht, welche die Spannung der Decke auf die gewöhnliche Breite von drey Weiten einschränkt, und halte dieses für eine eigenthümliche Einrichtung aller Hypäthren. Nehme ich nun nach Vitruvs allgemeiner Verordnung die Tiefe des Pronaos zu drey Viertel der Breite, und die des Naos zu fünf, und übertrage dies nach Vitruvs schnurgerechter Säulenstellung auf Weitenmaafs; so , mufstc ich für die Tiefe des Pronaos vier Säulenweiten rechnen , und das Naos behielt dann sechs übrig, und jeder Theil würde bey dem Ogdostylos nur etwa um die Dicke einer Mauer, oder wenig mehr, kürzer als es eigentlich seyn sollte. Dieses träfe also ziemlich genau mit Vitruvs Angaben überein , woraus wir denn abneh- men können, dafs er in dem Parthenon einen vollkommenen regulären Ilypäthros aufweisen wollen. Allein Vitruv scheint in seiner Beschreibung hauptsächlich auf den Dekastylos gesehen zu haben: und hier wird bey gleicher Breite des Naos das Pteroma um vier SäulenweiLen länger. Hier nrufs ich eine zweyte Erinnerung voranschicken. An den beyden noch vorhandenen Hypäthren sehen wir Treppen welche auf das Dach führen : und betrachte ich die ansehnliche Platteforme , welche liier die Decke oben bildet und welche in ihrer geringsten Breite doch wenigstens zwey SäulenweiLen beträgt; so wird es mir ziemlich ausgemacht, dafs wir durchaus bey dieser Gattung solche Treppen annehmen müssen. Bey dem Ogdostylos müssen es, wie am ParLhenon, Windeltreppen seyn, die entweder im Pronaos oder im Eostikum . .angebracht werden. Bey dem DekasLylos hingegen bähen wir Platz genug, um sie so anzulegen, wie wir sie am Tempel zu Pästum erblicken. Glaubt man daher durchaus nicht annehmen zu dürfen, dafs, da doch dieses Naos der inneren Einrichtung nach, von den der anderen Tempel so sehr abweicht, Vitruv auch die Meynung gehabt, demselben eine gröfsere Länge zu geben, indem gerade die Art dieser Einrichtung wie von selbst auf mehr Länge zu deuten scheint; so gebe man ihm doch vrenigstens sein vollständiges Maafs von fünf Viertel der Breite , und mache das Pronaos wie oben, -und man wird dann bey dem Pyknostylos ungefähr anderthalb SäulenweiLen übrig behalten — bey dem Systylos Avenig mehr — av eiche zu dem *) Ja noch mehr; ich bin festiglich überzeugt, dafs unter allen viereckigen Tempeln gerade der Ilypäthros nie eine Nachzelle hatte, eben weil er hier eine Thüre hatte, und folglich dieser Hinterplatz zu nichts anderem angewandt werden konnte. n $ an- \ M'l V 1 II s I h h & a i P di i V —* 51 — Treppenraum anzuwenden bleiben. Will man diese Treppen in dem Postilcum so - anlegen, dafs dieses um eine Säulenstellung tiefer wird; so glaube ich, wäre im Alb gemeinen nichts darwider einzuwenden , so bald man es nur weder für notliwendig noch für ein Pronaos ausgeben will. Giebt man aber zu, dafs in dieser Gattung aucli wohl nach Vitruvs Absicht die Zelle länger seyn mag, als bey andern Tempeln; so wird man gestehen müssen, dafs er diese Länge dann gar nicht genauer anzugeben brauchte, so bald er, wie ich zu sehen glaube, weiter von keinen neuen hinzukonunenden Theilen spricht. Denn nimmt man die Tiefe des Pronaos, das wie der Gestalt so auch den Yerhältnifsen nach den gewöhnlichen Pronaen gleich bleibt, von der gesammten Länge ab; so ergiebt sich die Länge der Zelle von selbst. Doch mit dem Maafse möge es hier beschaffen seyn wie es wolle: er mag wirklich vergessen haben es anzugehen — so wie er es in der That in eben der Stelle versäumt die näheren Verhältnifse des inneren Peristyls zu bestimmen — nur was überhaupt die Gestalt und Beschaffenheit der Hypäthren anbetrifFt, müssen wir doch den ausdrücklichen Worten seiner Beschreibung getreu bleiben; und diese lauten bestimmt nur von einem einzelnen Pronaos. Die zehnte Tafel stellt den Ogdo- stvlos, die elfte den Dekastylos nach dieser meiner Auslegung dar. Sollte die Breite innerhalb der Säulen für die Spannung der Decke im Pronaos noch zu grofs ■werden, so werden nach des Autors Vorschrift in aa noch zwey Säulen erfordert. Dafs übrigens Newton meiner Ein; icht nach hierin den Text eben so wenig verstanden hat, wie seine Vorgänger, brauche ich wohl nicht erst anzumerken. Besonders kraus und armselig sind seine doppelten in einander geschobenen Pronaen, wovon das eine wie ein Futteral über das andere ist. Den Ortiz kenne ich leider gar nicht. Da übrigens die Zelle in dieser Gattung keine Decke duldet, so bleiben auch die aufsern Giebel, blos als Verzierung der Fronten, ohne Verbindung unter einaii -^gg 1 jler \ und Pronaos und Pteroma sind nur flach gedeckt. Daher kommt es, dafs am 2T*J> S' Parthenon, wie uns d. B. J. Gentz ein Mal sehr richtig bemerkte, der Binnleisten nicht über die Seitenflügel fortläuft, sondern mit seinem Sammelkasten gleich über den Ecksäulen endet. Die Bache Decke über das Pteroma und, das Pronaos war durchgängig von Stern lconstruirt ; daher unter den Hypäthren an keine Pseudodipteren zu gedenken ist. Die Decke lief aber in einem Plane auch über das innere Peristyl fort, daher die bey den Säulenreihen desselben mit ihrem Gebälke zusammen der Höhe der äufsern Ordnung gleich kommen mufsten, Obgleich , wie ich kurz vorher angeführt habe , Vitruv hier in der That versäumet, uns die Verhältnifse der beyden Ordnungen des Peristyls anzugeben, so ist dieser Fehler doch nur anscheinend, und rührt Idos von Wortkargheit her. »Denn vergessen hat er es nicht; sondern er hat es nur aufgeschoben bis er auf die Bühne des Theaters kommt, wo er sagt, dafs die Säulen der oberen B.eihe immer in der Höhe drey Viertel von der Höhe der untern, und ihr Gebälk ein Fünftel ihrer eignen Höhe haben soll. Auch früher schon bey den Basiliken sagt er etwas davon. Nach dieser Angabe läfst sich auch hier die bestimmte Höhe jeder Säulenreihe ausmitteln. In dem gröfseren Tempel zu Pas tum — dem einzigen noch stehenden Beyspiel an welchem wir die Anordnung des Peristyls in seinem Aufrifs erblicken — sehen wir über die untern Säulen nur eine blofse Architrave gelegt, auf Avelcher die oberen unmittelbar aufstehn. Also troz der zwey B.eihen Säulen bildete das Peristyl liier nicht zwey besondre Gaden , sondern nur einen Gang unten um die offne Area herum; und ich bin sehr überzeugt, dafs es in allen Ilypäthren eben so war: denn avozu hier der doppelte Gaden, da es ungeziemend gewesen Aväre , die Anbetenden höher zu stellen, als das Angebetete? Es haben zwar einige Neuere, aus der Beschreibung Avelche ViLruv von seinem Ägyptischen Saal macht, das Gesetz herleiten wollen, nie zwischen zwey Säulenreihen mehr als eine blofse Architrave zu legen: allein ich leugne, dafs die angezognen Worte desselben ihnen eine Autorität dazu geben. Er gebraucht zwar daselbst Avie gervöhnlich die Benennung „ Epistylium „ — Avclches jedoch Avohl eben so leicht ein ganzes Gebälk bezeichnen könnte als eine blofse Architrave. Dagegen aber verordnet er, auf die Epislylien eine conti^natio mit ihrem Ästrich zu legen, und über diese erst die oberen Säulen zu stellen, diese contignntio aber mufsLe mit ihrem Ästrich doch über die Architrave eine geAvifse Höhe eiimelnnen, um Avelche mithin die obern Säulen noch über diese erhöht wurden: und Avir müfsten also daselbst Avenigstens annehmen, Avas Avir jezt ein archi- # tra vir tes Gebälk nennen, das heifst: Architrave mit Kranzleisten, so Avie es die Karyatiden am Jonischen Tempel auf der Burg zu Athen haben. Sodann merkt er noch zum Überllufs an, daß' diese Ägyptischen Säle seinen Basiliken ähnlich’sevn* sollen: es ist aber nicht schwer darzuthun, dafs er in diesen den untern Säulen so gut Arie den obern ein vollständiges Gebälk bestimmt. Und endlich so giebl er bey Anordnung der Scene des Theaters ausdrücklich jedweder der drey über einander gestellten Säulenreihen ein volles Gebälk, Aveil sie wirklich drey besondre Gaden vorstellen sollten. Kurz avo die Ursache vorhanden ist, da soll auch die Wirkung erscheinen; an dem Tempel zu Pästurn aber erscheint sie nicht, sondern die obern Säulen stehen unmittelbar auf der untern Architrave. Diese ist zAvar auf der inneren Seite ganz glatt und ohne Krone geJafsen , man entdeckt aber nirgends einen eingeschnittenen Absatz, der als Lager für die Balkenköpfe hätte dienen können: unti 33 zwischen die oberen Säulen konnte die conbignatio doch auf keine Weife gelegt -worden seyn. wo sie bey Jonischer Ordnung wenigstens die Basen derselben verschluckt hätten. Auch an den Zellenmauern im Parthenon erblicken war durchaus keine Spur eines Balkenlagers: und folglich ist hier an keinen oberen Gaden zu denken. Das innere Peristyl wurde aber darum aus zwey Säulenreihen übereinander festgesetzt, -weil so grofse Säulen w r ie die des Pteroma mit dem engen Raum der Zelle in Mifsverhältnifs gestanden w r ären, und durch/ihre Dicke dem Gang des Pe- ristyls zuviel von feiner Tiefe geraubt hätten. Auch gab die mittlere Architrave einen fehr angemelTenen Platz, um manche der fo vielen verfchicdenen Vota darauf herum zu ordnen. Die unteren Säulen bekommen folglich die Hälfte der gefamm- ten Höhe, die oberen drey Achtel, und giebt man dem Gebälk derfelben ein Viertel ihrer Höhe, —denn Vitruv bemerkt, dafs an den Tempeln die Verhältnifse der Ordnungen gröfser seyn sollen, als an den Theatergebäuden, — so bleibt für die untere Architrave ein Sechszelmtheil der ITöhe der untern Säulen. Das Peristyl bekommt auf den langen Seiten acht bis neun Säulen, die Ecksäulen mitgerechnet, auf den breiten Seiten sechs, so dafs die mittlere Weite etwas gröfser wird. Die Tiefe aber wird gleich einer Säulenweite des Pteroma. Dies wären meines Bedünkens diejenigen Verhältnifse für den Hypäthros, welche mit dem Texte am meisten verträglich sind, wobey ich nur noch bemerke, dafs wenn die Art des T empels Evstylos ist, das Naos natürlich breiter und folglich auch der Raum für die Treppen geringer wird. Jetzt noch einen Rückblick auf die annoch stehenden Reste von HypäLhren. Den gröfsten der Tempel zu Selinunt mÖgte Houel gern für einen Hypäthros geben, w eil er unter den Ruinen die Bruchstücke einer kleineren Ordnung fand. Allein wo nun diese im Naos gestanden, vermag er nicht mit Gewifsheit anzugeben: die Stellung die er ihnen in seinem Plan giebt, ist völlig aus eigner Willkühr bestimmt. Auch diese kleine Ordnung , welche ein volles Gebälk hat und folglich be-vreiset, dafs sie eine Decke trug, ist selbst für die obere Reihe des Peristyls in diesem Tempel noch viel zu klein, indem ihre Säulen noch nicht ein Viertel der Säulen des Pteroma hoch sind. Übrigens ist benannter Tempel Ogdostylos und Dipteros, und meines Dafürhaltens war er auch bedeckt. Das Pteroma zählt in der Länge sechszehn Säulen. Das Pronaos ist ungefähr zw'ey Weiten des Pteroma tief, und hat statt der Parastaten Säulen: vor demfelben ist noch innerhalb des Pteroma ein Prostylium von vier Säulen. Von einem zwey teil Pronaos ist keine bestimmte Spur zu sehen., Hatte nun das Tempelhaus an seinem Posdkum ein zw r eytes Pro- stylium, 'welches jedoch nicht auszumitteln ist; fo maafs das Naos in der Länge sieben Weiten, denn zwischen dem Naos und dein Pronaos ist noch ein Treppenraum von ungefähr einer Weite. Die Griechischen Tempel hatten insgemein eine sehr lange Zelle. Wahrscheinlich stand die Statue des Gottes ziemlich im Mittel, und war mit ihrem Throne — oder, was sie sonst für ein Postament haben mogte — auf einem Gestelle erhöht wie das, wovon wir die Reste im kleinen Tempel zu Päslum bemerkten. Diefes Fufsgestell war dann so hoch wie die kleine Ordnung, und diefe bildete eine Gallerie, die auf das Fufsgestell hinauf, und alfo hin zur Statue führte, so wre es von dem Olympischen Tempel berichtet wird. Der gröfsere Tempel zu Pästimi ist nur ein Hexastylos, und zahlt in der Länge vierzehn Säulen; daher dann sein Naos so lang und schmal geworden wie eine Gasse. Darf man sich hierin anders auf den Major verlassen, fo hat er auf jeder Fronte ein Pronaos, aber beyde ohne Prostylium. Jedes ist tief anderthalb Weiten, und eben so Lief ist auch das i'teroma in den Fronten. Zwischen dem Naos und d£m ausgemachtesten der Pronaen ist ein Treppenraum, der eine White der Länge einniimnt. Das Peristyl bekleidet nur che langen Seiten des Naos, und von einer Reihe zur andern mifst der Raum ungefähr zweyWhrer Würden, und ist nicht weiter als die Öffnung des Eingangs. Die unteren Säulen messen ungefähr zwey Drittel der äussern sowohl im Durchmesser als in der Höhe: die oberen haben in der Höhe wenig über die Hälfte der untern. Die Decke des Peristyls lag entweder höher als die des Pteroma, oder, welches mich wahrscheinlicher dünkt, sie hieng abscliüfsig nach aussen hin: denn schon die Architrave ihres Gebälks überschreitet die Höhe des Pteroma. Dieser Tempel gehörte vermuthlich zu den ältesten Hypä- thren: er scheint ein erster Versuch zu seyn, und nach diesem rohen Produkt Vi- truvs Beschreibung beurtheilen wollen, wäre ungerecht. Doch vielleicht ist er in der That nicht so unförmlich wie ihn Major darstellt. An dem Tempel des Olympischen Jupiters zu Athen kann man jetzt nichts mehr unterscheiden, als dafs er ein Dekastylos und Dipteros, folglich unbezw r eifelt ein Hypätlrros war, und vorn und < hinten innerhalb dem Pteroma noch ein Prosty- lium hatte; woraus mit alle der Gewifsheit, die bey solchen Dingen möglich ist, geschlossen werden mag, dafs diefer das Vorbild zu Vitruvs Beschreibung w r ar. Auf dem antiken Plan von Rom findet sieh der Grundrifs eines Gebäudes, das man bald verleitet werden könnte für einen Hypäthros zu halten, wenn nicht Vitruv versicherte, dafs zu Rom kein solcher zu sehen gewesen. 35 An dem Parthenon ist das Pronaos, völlig wie ein Naos, von allen-vier Seiten durch Mauern eingeschlossen, mit einer Thüre vorn im Pteroma der Thüre in das Naos gegenüber : ein Umstand, den wir noch an verschiedenen andern Tempeln Griechenlands, und auch auf dem oben benannten Plane von Rom wiederholt bemerken. Die Vordermauer, an deren Statt Vitruv zwey Säulen stellt, scheint mir die Veranlassung seiner Plutei zu erklären, weil nämlich das Pronaos so gut wie das Naos verschlossen scyn mufste. Auch scheint sie mir zu beweisen, dafs jene Plutei nur in der mittleren Säulen weite Thürflügel hatten;‘und dafs sie was Höheres als gewöhnliche Brustlehnen oder Geländer seyn mufsten. Sie durften aber eben so wenig die ganze Säulenhöhe einnehmen, sie mufsten denn ein blofses Gitter bedeuten sollen — wogegen zu streiten scheint, dafs Vitruv wohl hölzerner und marmorner Plutei, aber keiner metallenen erwähnt. — Denn wollte er wirklich das Pronaos vor allem Lichte verschliefsen; warum liefs er es denn nicht bey der alten Mauer bewenden? Vielmehr sollten sie oben unter der Architrave einen leeren Raum für das Licht lassen. Der Gang des Peristyls war um eine geringe Stufe über die mittlere Area erhöht, und die Statue stand ohne Zweifel von allen Seiten frey, jedoch nach meiner,• * Vermuthung näher an die Hinterseite, so dafs sie den gröfseren Raum vor sich hatte. In manchem bedeckten Tempel mochte die Statue umgekehrt eher der Thüre näher gestanden haben, wegen der deutlicheren Ansicht vorn. Pronaos aus. Vielleicht ist diefs der Grund, warum Vitruv seine Zellen kürzer macht, als die Griechen, und aus demselben Grunde sehen wir vermuthlich auf dem oben erwähnten Plane aus Rom bey dem Piranese, einen Tempel, in welchem die Verhältnifse zwischen Äaos und Pronaos gar umgekehrt sind. Die Thüre ist, sowohl am Parthenon als am Tempel zu Päslum, viel zu weit, als dafs man vemrnthen könnte, sie hätten, wie Newton will, mit der Höhe der unteren Säulen im Peristyl geschlossen. Auch brauchten sie es nicht, da das Peristyl nicht wirklich zwey Gaden bildet, sondern dieselben müssen ihr bestimmtes Verhältnifs zu den äussern Säulen beobachten, -welches nach Vi~ truvs Vorschrift so ist, dafs sie mit fammt ihren Plyperthyrien gleiche Höhe mit diefen behalten, Sollte es mir nun gelungen seyn, die Lehre von den Tempeln im Vitruv durch Hülfe der Überbleibfel genügend zu erklären, ohne durch diefe mich von dem Sinne des Textes ableiten zti lassen, So wird mail gestehn müssen, dafs in feiner Klassification wirklich genau jede Hauptverschiedenheit in zw r eckmäfsiger Ordnung enthalten ist, welche' nur aus allen verschiedenen Tempeln, die auf diefem Typus erdacht werden mögen, als reine Gattungen ausgehoben werden können, und dafs 36 er sie sonrfälti' 1 ' genug beschreibt und konstrniren lehrt. Denn wir müssen nicht vergessen dals er für Römer schrieb und auf uns keine Rücksicht nehmen konnte. Er ordnet sie aber wie folget: Prostylos Tetrastylos Peripteros Tlexastylos. Templum in antis Distylos. Amphiprostylos Tetrastylos DipLeros. Pseudodipteros. — Hypathros Ogdostylos. Peripteros — Dipteros. Ogdostylos Decastylos. / . '{? he*ct utS- Dies sind, wie gesagt, seine reinen Gattungen. Er merkt aber selbst noch an, dafs in Rücksicht der oft so mannigfaltig verschiedenen Opfergebräuche und religiösen Zeremonien, auch manche anomalische Abänderungen in cliefen Gattungen vorgenom- men Wurden: und als Beyspiel führt er sogar solcher Abweichungen vier an *). Die einfachste derselben ist der Pseudodipteros, da man die Tiefe des Pteroma mit zur Weite der Zelle zieht, und folglich ihre Mauern zwischen die Säulen hinausrückt. Diese Abart sehen wir sehr oft wiederholt, weil sie gleich die Zelle beträchtlich erweiterte und also den VorLheil gewährte, einem Tempel, den man des Maafsstabes wegen höchstens hätte Prostylos machen können, der Zelle unbeschadet doch gewis- sermafsen die äufsere Pracht eines Peripteros geben zu können. Hier wurde blos die Zelle mit Mauern umschlossen, und der Rest des Pteroma wurde für das Pro- naos ganz olfen gelassen , so dafs dieses keine geschlossenen Anten bekam. Hier erinnere ich mich, auf der Barberinifclien Bibliothek zu Rom, in dem bekannten Manuscript des Architekten San. Gallo, einen solchen kleinen Ps'euß^ftp teros gefunden zu haben, an welchem die Seitenwände der Zelle blos aus dünnen Platten bestanden, welche zwischen den Säulen ein gefalzt waren. Auf der dreyzehnten Tafel habe ich ihn, jedoch nur aus dem Gedächtnisse, dargestellt. Ich vermulhe, dafs an diesem Tempel die Zelle auf die Weise eingeschlossen war, wie es an andern Tempeln nur das Pronaos zu seyn pflegte: dieses aber war, hier vielleicht mit blofsen Gittern verschlossen. Bey Gelegenheit der Basiliken werde ich wohl noch einmal auf ihn zurückkommen. Eine zweite Abweichung war, wenn nach Toskanischer Weise die Anten weggelassen, und blofs statt der Parastaten zwey Säulen hingestellt wurden. Ent- *) Band IV. K. 7. 37 weder konnte diese Abweichung auclr in der Jonischen Ordnung nur im Araostylos Statt haben, weil die Länge, welche die Anten einnehmen, für eine steinerne Archi- trave zu arofs ist; oder das Pronaos mufste an der vorgeschriebenen Tiefe beträchtlich einhüfsen. Am kleinen Tempel zu Pästum haben wir schon gesehn, dafs auch hinter der Ecksäule die Länge der Anten in mehrere Weiten getheilt wurde. Gleiche Bewandtnifs hat es mit dem einen Tempel zu Pola, und mit so vielen andern von derselben Einrichtung, welche sämmtlich als eine Abart des einfachen templum m cuitis anzusehen sind, wo man statt der Eckpfeiler Säulen gesetzt, und die Länge der Anten in zvrev Säulenweiten verwandelt hat. In dem oft erwähnten antiken Plane von Rom erblickt man unterschiedliche vollkommene Griechische Periptere, an denen jedoch, gleichfalls nach Toskanischer Weise, das Postikmn gänzlich mangelt. Sollten Sie demnach gegen die oben gegebene Darstellung des Tempels der Tapferkeit und der Ehre unauflösliche Bedenken finden ; so müfsten Sie doch anneh- men, dafs er einer von dieser Gattung gewusen: denn durch das sine postic-o zielt er umvidersprechlich auf das Jiintertheil des Pteroma. Eine dritte von den Abweichungen die Vitruv anführt, macht der Jonische Tempel auf der Burg zu Athen, und die Tempel des Kastor und des Yejovis zu Rom. Sie bestand darin, dafs dergleichen Tempel an den beiten einen Eingang mit einem Prostylimn batten. An dem Tempel des Kastor aber scheint es , dafs die ganze Länge des Tempels der Zelle allem zugelheilt, und das Pronaos mitten vor der einen langen Seite angelegt gewefen sey. Ich denke mir nämlich diesen Tempel bey- den Brüdern zugleich geweiht, obschon Vitruv ihn nur nach dem einen benennet: weil ich nicht glaube, dafs man irgendwo den einen von dem andern getrennt habe. Von ihren Bildsäulen nahm sonach jede eine der Frontenmaiiern der Zelle ein, so dafs sie zugleich abgesondert , und doch gemeinschaftlich in einem Naos verehrt wurden, und man sollte nun mitten zwischen beyde in den Tempel eintreten, daher folglich das Pronaos, oder — wie auch wohl möglich, wenn er gar kein Pronaos hatte — das Prostyliuni mitten auf einer der Längenseiten angebracht werden mufste. Da aber doch die Breitefronten ihre gewöhnlichen Giebel liaLten, so waren sie vermuthlich auch wenigstens mit Säulen in der Mauer geziert. So habe ich diesen Tempel auf der vierzehnten Tafel entworfen. Endlich führt er noch als eine Art von der Begel abzuweichen, den Tempel der Diana im Walde bey Aricia an, an dessen Pronaos noch rechts und links — ad hinncros pronai — Säulenstellungen angebracht waren. Wie abgeschmackt Stuart diefs ad humeros erklärt, bios weil er das Prostyliuni für das Pronaos annimmt, brauche ich nicht erst aus einander zu setzen; ich kann nur mein Erstaunen nicht verbergen, so oft ich sehen nmfs, dafs man an den Hekatonpedon eine Regelwidrigkeit finden will. Dieses ad Immeros 10. 58 \yeifs ich selbst nicht mir anders auszulegen als so, dafs auch in- den AiRen Eingänge in das« Pronaos angebracht waren, welche ihre eignen Prostylien , und also auch eigne Giebel hatten. Vennuthlicli waren diese Säulenstellungen kleiner als die vordem, wie ich es auf der vierzehnten Tafel dargestellt habe. So viel von den viereckigen Tempeln. Von den runden führt er nur zwey Gattungen an : den MonopLeros und den Peripteros. Der Monopteros bestand aus einem blofsen kreisförmigen Pteroma. Dessen Unterbau, stylobata, erhielt zur Höhe ein Drittel seines Durchmessers, und hat folglich im Aufrisse die Gestalt eines Fufs- geslells mit Sockel und Deckkranz. Die Säulen bekamen zur Höhe den ganzen Durchmesser des Grundbaues, und hatten in ihrer untern Dicke ein Neuntel ihrer Höhe; Ihre Axen fielen folglich um drey Viertel von einem Neuntel des Durchmessers der Stylobata innerhalb dem Leben der letztem, und es konnten ihrer nicht mehr als zehn seyn. Die Architrave soll die halbe Säuiendicke in der Höhe haben, Fries und Karnies aber dem gemäfs eingerichtet seyn. Hieraus erhellet erstlich, dafs Vitra.v sich den Monopteros bestimmt von Jonischer Ordnung gedacht hat, da seine Korinthifche Säule nie auf die Höhe von neun Dicken stehn bleibt. Weit entfernt aber sie für eine Toskanische Erfindung anzugeben, wie Piranese will, schliefst er sie sogar aus der Dorischen Bauart aus. ' Und in der That ist die ganze Zusammensetzung des • Gebälks in dieser Ordnung sowohl als in der Toskanischen, der Kreis form gänzlich enl gegen. Zweytens dachte er sich die Monoptere nur auf einem kleinen Maafsstab, da er der Architrave ausschliefslich nur die halbe Säulendicke beymifst; und sie durften wohl auch nicht sehr grofs ausgeführt werden, wenn der Thol ns für die Unterstützung der blofsen Säulen nicht zu schwer werden sollte. Aus' eben diesem Grunde mufs der Tholus durchaus im vollen Halbkreis gewölbt seyn, Wenn auch die Alten sonst Gebrauch von gedruckten Bogen gemacht hätten. Es ist aber zu bemerken, dafs er inwendig unmittelbar auf der Architrave ruhn mufs: denn er vertritt die Stelle des Dachverbandes , "welches äusserlich durch. Fries und Krantz angedeutet wird. Auch ist dessen innere Fläche durch Ribhen in Felder abgelheilt; von aussen aber verliert sich dessen Wölbung allmählich in die Ausladung des Kranzes, und dieser bekam gewöhnlich keinen Rinnleisten, sondern statt dessen wurde er mit Hohlziegelköpfen geziert. Auf die Stylobata hinauf führte eine vorspringende Freytreppe. Übrigens mufs man sich diesen Tempel immer mitten in einem zierlichen Peribolus denken , in welchem er nur wie ein besondrer Baldachin über die Gottheit angebracht ist; wenn gleich Vitruv nichts davon sagt. Überhaupt waren wohl che meisten Tempel — wenigstens von den berühmteren in Griechenland — mit einem solchen Peribolus umgeben, und es ist auffallend, dafs unser Autor gar nichts davon meldet. Gewöhnlich inufs er aus einem Peristyl bestanden haben , welches von aussen durch eine Mauer eingeschlossen war. Aus dem antiken Plan von Rom aber ersieht man, dafs er auch manchmal aus ganz offenen Säulen gangen bestanden hat. Der Peripteros hatte ein Naos , welches von einem freyen Fteroma umgehen war. Die Beschreibung die Vitruv von demselben giebt, scheint schon mehr Schwierigkeit zu enthalten als die der vorigen Gattung: doch hat sie diesen Schein vorzüglich nur den Auslegern zu verdanken. Wir haben von dieser Gattung noch zwey Beyspiele vor Augen: den einen zu Piorn, den andern zu Tivoli. Jener hat zwanzig Säulen im Umkreis, dieser achtzehn. Bey jenem deutet alle Spur des Grundes sowohl als seine Lage in der Ebene darauf, dafs er nur durch rund herumlaufende Stufen über den Erdboden erhöht stand; dieser hat eine hohe Stylohata, weil er an einem Abhang erbaut ist, und diese Stylohata hat die Gestalt eines Fufsges teils , wie bey dem Monopteros. Es findet sich zwar keine Spur von einer Freytreppe oder anderem Wege, wodurch man hinauf gekommen wäre; allein da doch die Fufs- schwelle der Thüre über dem Kranze der Stylohata liegt, so mufste man auf irgend eine Weise auf der letztem hinauf gelangen können: sey es nun durch eine Freytreppe, oder durch einen Gang, der von der höchsten Fläche des Bodens, auf jene hinübersprang; oder dafs vielleicht die Erde immer von der Seite des Eingangs bis hinauf reichte, so dafs etwa nur der Kranz der Stylohata frey blieb, und man also durch zwey vorgelegte Stufen auf dieser Seite heran gelangte, von welchen leichtlich alle Spur vergehn konnte. Anlangehd die Verhältnifse, so verlasse icli mich gänzlich auf den Desgodez, den ich immer treu befunden. Nach diesem beträgt die Weite von dem scharfen Umkreis des Grundbaues bis an die Zellenmauer an bey den Teinpein gleichmäfsig ungefähr ein Fünftel des ganzen Durchmessers; die Dicke der Mauer aber beträgt an dem erstem nur wenig über ein Fünftel benannter Weite, aber an den letztem ein Viertel, wenn man die Ausladung des Kranzes am Grund- bau noch hinzunimmt. An jenem ist die Höhe der Säulen gleich dem äussern Durchmesser der Zelle mit der Mauer, und sie haben nur ungefähr ein Elftel der Höhe zur Dicke; an diesem ist die Höhe der Säulen gleich dem inneren Durchmesser der Zelle ohne die Mauer, und mifst neunmal die Säulen dicke. Mich dünkt, diese Leyden Beyspiele sollten hinreichen um den so schlichten Text Vitruvs zu erläutern , sobald wir nur aus seinen Worten nicht mehr und nicht weniger heraus deuten wollen als er gerade hineingelegt. Lassen Sie uns versuchen. „Man mache den Unterbau,“ Tagt er — „die Stylobata, — und zwny Stufen.“ Diese Stufen müssen vor der Stylobata liegen, und letztere ragt folglich um drey Stufen- liöhen über den Erdboden heraus, oder: der Tempel ist um drey Stufen erhöht. „Dann errichte man die Mauer der Zelle, mit oder in einem Abstand von der äus- s-ern Schärfe der Stylobata von ungefähr einem Fünftel des Durchmessers der letzteren — cum recessu ejus n Stylobata circa lathudinis partcm quintam. u — Was sollte und könnte recessus hier wohl anders bedeuten, als eine Rückweichung, ein Abstand *)? und wo wäre hier wohl eine Nische gedenkbar? So hat es auch Ihr Rezensent, und wie mich dünkt sehr richtig verstanden. „Und im Mittel — der Mauer — lasse man den gehörigen Raum für die Thüre zum Eingang— medioque — ejus parictis — valv aru m locus ad aditus relinquatur — Nämlich bey Aufrichtung der Mauer soll man diesen Raum für die Thüre mit ihren Pfosten und Schwellen aussparen oder Licht lassen. Dies konnte Vitruv um so füglicher also ausdrücken, da nach ihm die Thüre mit Schwelle, Fries und Sturz, wie an dem Tempel zu Tivoli, immer die ganze Höhe der Säulen einnehmen soll, und folglich der Umkreis der Mauer hier wirklich von unten bis oben gänzlich durschnitten ward. Freylich hat wohl ein Kreis für sich, wie Ihr Rezensent einwendet, keine Mitte. Allein eben durch die Thür wird erst am runden Gebäude die Mitte für die Ansicht bezeichnet. Die Dicke der Mauer wird hier gar nicht angegeben; Vitruv scheint aber dennoch ihr ein bestimmtes Maafs zugedacht zu haben, da er den inneren Durchmesser der Zelle — praeter parietes et circuitioncm — der Zelle im Lichten, als Maafs der Säuienhöhe festgesetzt, und jener folglich als ein beständiges Maafs angesehen werden niufs. Vermuthlich soll die Mauer sich hier, wie bey den andern Tempeln, nach der Stärke der Säulen richten. Theilen wir nun ein Fünftel des Durchmessers der Stylobata, als einen Abstand der Mauer von dem äusseren Umkreis, in vier Theile, und geben der Mauer einen davon zur Dicke; so behalten wir zehn solcher Theile auf die Flöhe der Säulen, und die Mauer richtet sich ziemlich nach der Stärke derselben , indem diese auf keinen Fall weder viel über noch unter das Zehntel der Flöhe werden kann, da Vitruv hier wahrscheinlich Korinthische Säulen mr Sinne hat. Deswegen glaube ich auch, hat "Vitruv die Stärke der Säulen festzusetzen unterlassen, da sie sich nach dem Maafse der Weiten richtet, welche in dieser Gattung variiren, indem die Zahl der Säulen hier von sechszehn auf zwanzig steigen kann: und so hätten wir von ungefähr gefunden, was Herr II. R, Hirt im Text und in den vorhandenen Reyspielen Liehet. Vracter parietes et circuitionem aber *) Uie Nau erstarke wie jede andre Dicke, lieifst schlechthin crassituelo, und Lat nirgends eine andre Benennung. Audi kann icli mir wohl die Mauer selbst hier in Hinsicht auf die Stylobata als ein rece- dens denken, niemals aber ihre Dicke als ein recessut. 41 f kann liier schlechterdings nichts anders heifsen, alsausser der Mauer und dem Um» o-ang. Nicht als wollte ich ländischer Weise jeden Buchstaben in einem Worte übersetzen; sondern eben weil dieser Ausdruck einen viel allgemeineren Sinn hat, der überhaupt alles Umgehn, Umkreisen, Umgeben, Umkleiden, unter sich begreift, und auch alles was umgeht oder umgiebt; und die Umgebung besteht hier ausser der Mauer eben in dem Umgang des Pteroma. Und trotz Ihrem Rezensenten darf ich wohl hier den Raum zwischen Säulen und Mauer für einen Gang halten, sobald man durch denselben durchkommen kann. An dem Tempel zu Tivoli aber mifst dieser Raum fünf und ein Viertel Pariser Fufs. Der Tholus soll in der ’äussern Höhe über das Gebälk hinaus den Halbmesser der ganzen Zelle oder des Tempelhauses — totius operis *) — das heifst: des Gemäuers der Zelle haben. Die Blume — ohne die Pyramide — soll die Gröfse eines Kapitells der Säulen haben, und diefs bekräftiget mir noch mehr, dafs Vitruv bey dem runden Peripteros Korinthische Säulen beabsichtigte, so wie sie an den noch vorhandenen Beispielen zu sehn sind. Und in der That ist auch dieses Kapitell für die Kreisstellung das schicklichste: die Höhe die er seinem Jonischen Kapitell giebt, wäre aber für die Blume offenbar zu wenig. Übrigens setzt Newton die Pyramide oben in die Blume, welches wunderlich genug aussieht: ich meine aber, es sey unter der'Blume ein von der Kuppel aus allmählich zusammenlaufender Untersatz, um zu verhindern, dafs die Wölbung des Tholus nicht die Blume selbst dem Auoe verdeckte. Daher bestimmt ihr auch Vitruv keine Höhe, weil diese von der Gröfse des Gebäudes und von andern optischen Umständen abhängt. Vielleicht ist es mh- lieh, in lateinischer Sprache sich über dergleichen Gegenstände klarer und reiner auszudrücken, als Vitruv thut; allein ich gestehe, für einen Werkmeister, der auf vollendete Schreibart keinen Ausspruch macht, und dessen einzige Pflicht die Deutlichkeit bleibt, scheint er mir sorgfältig genug zu schreiben: und ivenn wir in Sachen die uns nicht gänzlich unbekannt geworden sind, ihn nicht verstehn, so glaube ich, dafs die Schuld an uns liege. — Auf der fünfzehnten und sechszehnten Tafel habe ich seine bey den runden Tempel entwoifen. Wollen Sie noch das Bortfawran zu Rom, da' es oben offen ist, für einen' run- den Hypäthros ansehn, und sonach seine zwey Ordnungen zwischen den Nischen *) Dieses Opus ist nicht im artistischen Sinn, als bezeichne es den ganzen Rifs des Tempels, oder das ganze Werk der Idee, so wie wir es zu brauchen pflegen^ sondern technisch als ein Ausdruck des Maureis zu nehmen, und bedeutet das massive Gemäuer. Daher opus in s er tum , opus reticulatum etc. Und totum opus heifst: alles zusammenhängende Gemäuer, der ganze Umkreis des Mauerwerks. 11 . 42 <*v% gegen das innere Peristyl in den viereckigen Tempeln dieses Namens setzen; so hätten Sie da bine dritte sehr reguläre Gattung runder Tempel. In der That hat das Prostylium des Pantheon sehr die Gestalt des Pronaos an einem gewöhnlichen Hyp- äthros ; und das innere Peristyl kann mit Fug als in zwey Geschosse abgetheilt angesehen werden, da die Säulen nicht die ganze Höhe der Wände einnehmen, und die Karyathiden statt der oberen Säulen nur eine zufällige Abweichung sind. Es bliebe mir jetzt noch übrig den Toskanischen Tempel zu untersuchen. Doch ist dieser Trief nicht schon über alle anständige Schranken hinausgedehnt? Ich gestehe meine Ermüdung, und befürchte die Ihrige. Bleibt cs ihnen aber noch wichtig, so behalte ich mir diesen Gegenstand für einen folgenden Brief vor, nachdem ich Ihnen zuvörderst meine näheren Bemerkungen über die griechischen Ordnungen werde vorgetragen haben. Auch habe ich Ihre Erinnerungen gegen II. R. Hirt noch nicht gelesen. Doch ich kann die Feder nicht weglegen, ohne Ihnen noch in der Geschwindigkeit zu gestehn, dafs ich im achten Kapitel des vierten Buchs den Schlufs für verdächtig halte. In der Zelle selbst wurde gewifs nur thus geopfert: jedes andre Opfer, welches immer Gestank verursachen mufste, der in der Zelle keine Zertheilung fand und also unfehlbar stocken bliebe, wurde im Pronaos verrichtet, das ausdrücklich hierzu bestimmt war. Dafs das Pronaos vorn offen blieb, dafs man sogar oft die Anten desselben wegliefs, hatte sicher seinen Grund darin, dafs man eben der Opfer wegen diesen Theil luftiger halten mufste. Bey alle dem zahllosen Krame, womit oft die Zelle angefüllt war, konnte ein Opferheerd schwerlich noch Platz finden: zu den Schlachtopfern vollends war nicht einmal das Pronaos hinreichend. Denken Sie sich eine Hekatombe mit allen ihren Unsauberkeiten, zu welchen das Pantheon zu Rom nicht einmal hingereicht hätte! und die folglich unter freyem Himmel verrichtet werden mufsten. Kurz, ausser den hlos dargebotenen und nicht verbrannten Opfern, konnten in der Zelle meines Bedünkens nur Trankopfer und Weihrauch dargebracht werden, und hierzu waren Opfertische, Drey- füfse und Altäre, die nie viel höher als ein Tisch seyn konnten, hinreichend. -Wozu also hier diese sorgfältige Angabe, dafs sie immer niedriger bleiben, sollen, als der Stand der Götterbilder, den sie nie erreichen konnten? Ich glaube daher, dafs Vi- ^ truv hier von den grofsen Schlachtopferaltären zu“redewwvermeynt, welche ausserhalb der Tempel im Freyen errichtet waren, und in Rücksicht der beträchtlichen Opfer immer ansehnlich grofs seyn mufsten; und dafs demnach in dem Schlüsse jenes Kapitels statt: „die Altäre in den Zellen,“ es heifsen soll: die Altäre bey den Tempeln, oder schlechtweg: die Altäre der Tempel. Von solchen nun sagt er, dafs sie immer gegen Morgen gelegen seyn sollen, weil der Tempel nicht immer so gelegen war, dafs sie dieser ihrer Bestimmung gemäfs gerade vor seiner Fronte liegen konnten. Stand der Altar in dem Tempel, so scheint mir, wäre diese Anmerkung ungereimt gewesen. Sind sie der Vesta, der Erde oder dem Meere geweiht, so sollen sie niedriger gehalten, den himmlischen Göttern aber sollen höhere errichtet werden: und da diese Höhe bey ihrem Stand im Freyen immer so grofs wie möglich genommen wurde; so war von ihm die Einschränkung sehr zweckmäfsig, dafs sie jedoch nie den Stand der Gottheit übertreffen sollten, Einen solchen Altar des Olympischen Jupiters beschreibt uns Pausanias *). Ver- muLhlich war derselbe im Plane quadrat, und seine Seiten liefen in Böschung, so dafs die obere Fläche etwas kleiner war als die Grundfläche. Sein Unterbau, auf welchem er stand, und der Prothysis genannt wurde, maafs im Umfange hundert und fünf und zwanzig Fufs. Zu beyden Seiten führten Treppen auf denselben, so wie auch auf den oberen Altar hinauf. Die Opfer wurden auf der Prothysis geschlachtet, und ihre Keulen dann oben auf der Ara verbrannt. Diese hielt im Umfang zwey und dreyfsig Fufs, und der ganze Altar war hoch zwey und zwanzig Fufs. — Nehmen wir nun die Höhe des Fufsgestells im Tempel auf welchem der Thron Jupiter stand, und die Erhöhung des Fufsbodens oder die Stufen des Tempels zusammen; so mochte leicht der Stand der Bildsäule den Altar noch übertreffen, da des Tempels ganze Flöhe acht und sechszig Fufs betrug. Jedoch läfst sich hier von dem einen auf das andere nicht mit Sicherheit schliefsen, weil der Altar, wie es scheint, nicht die Ansicht der Bildsäule hatte, welche Vitruv als Grund seiner Bestimmung angiebt, und folglich dessen Höhe leicht ohne Rücksicht auf diese gewählt seyn konnte. Übrigens war dieser Altar des Materials wegen nur von roher Form; und bey derselben Gelegenheit erzählt uns auch Tansanias, dafs die Athc- nienser ihre Opferheerde nur in der Eil zu errichten pflegten, und folglich gewöhnlich keine stehenden Altäre hatten, Mit Schüchternheit nur lege ich Ihnen diese Vermuthung vor, indem es mir immer mifsüch scheinet, die Worte eines Textes zu ändern, als wozu wenigstens weit mehr Erudizion erfordert wird, als ich mich zu besitzen rühmen darf. Zum Schlüsse genehmigen Sie die Versicherung meiner uneingeschränkten Flochachlung. *) Elea, nach Goldhagens Uebersetzung i. Th. pag. 6ig, 44 Dritter Brief. Über die Toskanischen Tempel. Ihre heyden Schreiben an den II. R. Hirt — über die Toskanische Bauart, und über das Oniiton des Varro — habe ich endlich gelesen. Anlangend das letzte von heyden, so werden Sie schon aus meinem vorigen Briefe ersehen haben, in wie fern ich von Ihrer Erklärung der runden Tempel abgehe. Was er sonst enthält, gehört nicht mehr zu unserem Vorhaben. Ihr erstbenanntes Schreiben aber hat in mir den ersten Vorsatz über den Haufen geworfen, nach welchem ich Ihnen zuvörderst meine Anmerkungen über die Griechischen Ordnungen noch vollends vorzutragen gesonnen war. Diese mögen für jetzt noch ruhn, und ich will nur gleich jenen so vielfältig gemusterten Toskanischen Tempel vornehmen. Also zur Sache. Schon in Ihrer ersten Übersetzung *) hatten Sie dem Pronaos dieser Tempel- gattuiur die vortretenden Anten abgesprochen, indem Sie dieses Wort durch Eckwand- pfeiler ausdrückten, und also mit parnstntn für gleichbedeutend annahmen. Hirt hat diese Anten in ihrem Platze zu schützen unternommen, dadurch dafs er, wie mich dünkt, sehr bündig den Unterschied zwischen nntn, par ns tatet und pila auseinander setzt. Als Beleg wie Vitruv diesen Unterschied beobachte, führt ' er aus dem vierten Buche die Stelle an: trnbes enim supra cohnnnns et parastntns et antas ponantur, in welcher schon aus der Ordnung, nach welcher diese drey Namen auf einander folgen, die Verschiedenheit ihrer Bedeutung deutlich erhellet. Hiergegen wenden Sie wieder ein: „wenn nur nicht so oft beym Vitruv et soviel wie sive liiefsei“ und zum Beweis, dafs wenigstens nicht immer jener von Hirt aufgestellte hxe Begrill in dem Worte nntn liege, sondern zurreilen auch für ‘parnstntn steife, oder sonst was dem nur ähnliches bedeute, führen Sie eine Stelle aus dem Festus an, wo Sie pilae quadrae , statt: pnrnstatae und antae gar zur Bezeichnung der Thürpfosten gebraucht finden. Allein, erstlich frage ich: w r o findet man denn beym Vitruv das et für sive gebraucht? — ich fürchte von solchen Stellen, wo dieses unwiderleglich erwiesen *) Bund IY. K. 7. 45 werden könnte, möchten wir schwerlich auch nur Eine, bey ihm auftreiben. Soviel ich gesehen, sagt er überall sive, wo er zwey Benennungen desselben Dinges als eleichbedeutend zusammenstellt. Da ihm der Unterschied beyder Bindewörter gar nicht unbekannt bleiben konnte, wie sollte er gerade hier auf die Verkehrtheit ge- rathen, eines mit dem andern zu vertauschen! Könnte man ihm gar noch dergleichen Mifsgrilfe erweisen, so würde ich die Zeit für verloren achten , die auf seine Ausleerung verwendet würde i da wir me wissen könnten, ob wn uns nicht vergeblich be- mülieten den rechten Sinn aus einer Stelle auszuspähen , wo er vielleicht gleich einem Abwesenden etwas anders gesagt als gemeint hätte. Vielmehr, wo es uns so Vorkommen möchle, da werde ich, bis man mir das Gegentheil genüglich darthut, vor der Hand annehmen, dafs wir ihn nur mifsverstehen. Sollen war aber auf jene Weise auslegen, so müssen wir ja gleichfalls annehmen, dafs in der angezogenen Stelle auch columnas für parastatas , und also alle drey Benennungen als gleichbedeu- . . tend gesetzt seyen; denn warum sollte das erste et nicht eben so gut für -sive stehn als das zweyte? Aber wo würde das zuletzt hinführen! .v, ' .T».-'»-A. Die Stelle im Festus ist mir nicht bekannt*, und hätten Sie sie auch angegeben, so wäre ich doch nicht in der Lage sie nachschlagen zu können. Es ist möglich, dafs bey ihm quadrae columnae statt pnrnstntae stehn, und nicht vielmehr statt pilae: obgleich der Eckpfeiler, der nur der Schlufspfosten einer Mauer ist, und- sogar nur selten ein den Ääulen ähnliches Kapitell hatte, schwerlich mit einer Säule verglichen werden mochte, die ihrer Natur nach als freystehend gedacht wurde; wohl aber die pila. Doch warum sollte man nicht zugeben, dafs ein Autor, in Sachen die nicht seines Forums sind, sich einmal habe mifslich ausdrücken können; und so mag derselbe auch eben so unrichtig die Thürpfosten, die sonst meines Wissens stipites liiefsen, mit dem Worte antae haben bezeichnen wollen. Was bewiese das gegen den Vitruv ? Dennoch aber mufs ich die gröfste Evidenz vor mir haben, ehe ich es wage irgend einem Klassiker eines solchen Fehlgriffes zu beschuldigen. Und da Sie bey dieser Stelle, — ich weifs nicht nach wen? — die ausdrückliche Erklärung des streitigen Wortes durch latera osbium hinzufügen; so wird es mir mehr als wahrscheinlich, dafs Ihr Autor unter seinem antae nicht eigentlich die Thürpfosten welche die Oberschwelle stützten, sondern eher die hineinlaufenden Seitenwinde ^cler f auc es 'verstanden wissen wolle. Diese fauces waren nie viel breiter als die Thüröffnun 0 ’, und liefen parallel durch die Tiefe des Vordergebäudes bis hinein, entweder an das Atrium oder an das Peristyl, welches nun das nächste seyn mochte; und waren demnach mit Fug antae osbium zu nennen. Jedoch alles kommt darauf an, von welcher Art von Gebäuden Festus hier redet. is. Allein Ihre Einwendung gegen Hirts Auslegung ist noch von gröfserm Umfang. Nicht nur hatten Sie statt der Anten zwey Säulen gesetzt; sondern trotz der Anfangsworte — spatium quocl erit ante Cellas in pronao — welche doch deutlich zu erkennen gehen, dafs Vitruv nicht blos von der Linie des Prostyliums, sondern von dem ganzen Raum, den das Pronaos einnimmt, zu reden gesonnen sey, hatten Sie diesen Raum inwendig der Säulen beraubt: vemiuthlich weil Sie solchergestalt vier Paar Säulen bekommen hätten, und im Text doch nur drey Paar bezeichnet fanden. Nachdem nun Hirt die Anten wieder hergestellt hatte, so setzte er auch das dritte Paar Säulen wieder hinein in das Pronaos. Diesem wieder entgegen zu steuern, zeigen Sie jetzt einen unausweichlichen Widerspruch in den Worten des Textes, und erklären ihn für verfälscht. — „Er soll“ sagen he, „von den mittleren v äulen der vorderen Reibe sprechen, und drückt sich doch so aus, als sollten dieselben zwischen den Anten und den vorderen Säulen stehn!“ Habe ich recht verstanden, so ist dies die Vereohw« die eie in dieser Stelle finden; und in der Thal:, wenn dem so ist, so mufs ich an jeder vernünftigen Erklärung der Toskanischen Faulenstellung verzweifeln, wenn Sie sie nicht wieder retLen. Doch zum Glück linden sie diese Rettung in einer verschiedenen Leseart, die Ihnen di e Editio princeps und andre Codices an die Hand geben. „ — altera aedis ponatur u statt alterae disponantur ! Wirklich läfst es sich hören; die Verwechselung war leicht. Jetzt will Vitruv im Prostylium nur vier Säulen anordnen, ohne an andre hinter denselben zu gedenken; und sie sollen so gestellt werden, dafs — neben der Haupt zelle noch eine andre — angebracht werde. — Doch gemach! Lassen Sie fürerst uns noch unsere Freude mäfsigen und die Sache genauer ins Auge fassen. Von mittleren Säulen hat er zu reden — gleichviel von welcherley; und nun spricht er von N eb en zellen. Ist dies denn weniger verworren als jenes? — Das duo mediae e regione parietum qui etc. scheint völlig hinlänglich um die Stellung der mittleren Säulen im Pröstylium zu bestimmen. Von den drey Zellen und ihren Verhältnissen hat er nur wenig Zeilen vorher alles erforderliche beygebracht. Und jetzt sollte er sogleich wieder auf dieselben zurück kommen, und zwar auf^ eine Art, die weder die Stellung der Säulen, noch die Beschaffenheit der Zellen na^er zu bestimmen taugt? Scheint Ihnen das im Ernst glaublich? • l ' ■ t „Lege drey Zellen neben einander an von gleicher Tiefe, und von welcher die mittlere sich in der Breite zu jeder der anderen verhalte wie 4 zu 5. Vor denselben ab?r stelle Säulen, die äussersten gerade vor den äusseren Zellenmauern, die miLiieren vor den inneren Scheidewänden, doch so, dafs im Mittel zwischen dem Eckpfeiler und der Mittelsäule noch eine Zelle angebracht werde.“ Ist uns nun damit wirklich geholfen? Welche Richtung ist das, zwischen dem Eckpfeiler und der vorn stehenden Mittelsäule? Und wie verworren soll sich Vitruv endlich noch ausdriicken! Nein: Heber denke ich, werfen 'wir noch einmal einen Blick auf die alte Leseart zurück, und lassen vor der Hand die drey Paar Salden immer noch gelten , die wir am Ende doch wohl nöthig haben werden. Wollen Sie diese Nothwendigkeit durch Indukzion wahrscheinlich gemacht sehn? Gut! — In einem Prostylos sollen hinter den vordem Säulen, wenn die Breite über zwanzig Fufs betragt, in der Linie zwischen den Eckpfeilern der Anten noch zwey Säulen gestellt werden. Diese Breite aber ist an den Toskanischen Tempeln wohl doppelt so grofs wie an anderen Tempeln , und in Vergleichung mit derselben können die äusseren Seitenmauern immer nur sehr schwach gegen die Spannung der Balken ausfallen, wenn man anders nicht wider alle Gereimtheit den inneren Raum der Zellen vergeuden will. Und hier nun sollten die mittleren Stützen ausgelassen werden, die allein der Tragbarkeit der Balken zu Hülfe kommen können? — Vf eiche Mauern würden hier erfodert, um diese Spannung der Balken auszuhalten! Die überskreuz gefügten Deckenbalken, die wi c ein zusammenhängendes Nez bilden, tragen sich freylich gegenseitig nach beyden Richtungen; allein sie vermehren auch die mittlere Schwere der ganzen Decke. Über die Hälfte der Zellen wird sie in der Richtung der Tiefe durch die inneren Scheidewände gestützt: im Pronaos kann sie nur in der Richtung der Breite gestützt werden, vermöge der Architrave die von Ante zu Ante laufen; und sie mufs es, wenn anders in allen ihren Theilen die Last gleich vertlieilt bleiben soll. „Gut!“ sagen Sie, „aber der Widerspruch im Texte---“ Nun — ist er denn wirklich vorhanden? — "Wenn er da ist, so ist er wenigstens nicht die einzige Schwierigkeit, wie ich aus den Verhandlungen ersehe. Die trnbes compactiles , die plintlius pro abaco , das stillicidiurn, und vor allen das verzweifelte tcrtiariuni — geben nicht weniger zu schaffen. Will nicht H; R. Hirt Ihnen sogar den starken Vorsprung der Deckenbalken abstreiten? den Sie doch meines Dafürhaltens so treffend erwiesen hatten. Durch eine leichte Wendung sucht er sie Ihnen zu entreissen, indem er ijuartct parte alti- tudinis colunmae auf trojectura mutulorum bezieht. Allein mit Recht scheinen Sie mir Ihren Fund zu vertheidigen: der Sinn der Worte ist zu deutlich für Sie, sollte dieser Vorsprung auch wirklich so ungereimt seyn wie er doch nicht ist. So lange mu* tulus einen Balkenkopf und trcvjetturne den durch- herüber- oder herausrugenden Theil eines Dinges bedeutet, können Sie mit allem Fug fragen, was denn nun „die um den \ iei Len Theil der Säule herausragenden Balkenköpfe — oder durch Gezogenen Balkenenden mutulorum trajecturae qutirtn pnrte alt. col. — für einen Sinn gäben, ler nicht klarer und bestimmter durch “'„die herausragenden Balkenenden, denen man den vierten Theil jener Höhe zum Vorsprung geben soll ■— prcjiciantur“ ausgedrückt ■wäre ? Beyderseits, glaube ich, verleitet Sie das Wort — — oaer vielmehr die Übersetzung die Sie davon geben, vorauszusetzen, dafs der Toskanische Giebel niedriger seyn solle als an den Griechischen Tempeln: obgleich der rohere Zustand, den Sie beyde an dieser Bauordnung anerkennen, vielmehr auf das Gegentheil hin* weiset. Selbst die Griechischen Ordnungen hatten anfänglich einen viel höheren Giebel , der nur nach und nach abnalmi, so wie die Ordnungen mehr ausgebildet und verfeinert wurden; und diese Abnahme ward wohl hauptsächlich durch den Gebrauch der steinernen Decken in dem Aufsenwerk veranlasset. Allein, erstlich bedeutet bciry- cpphnlus ja keineswegs plattköpfig, d. h. ein Geschöpf, das einen platten oder Hachen Kopf hat, wie etwa ein Frosch; sondern es heifst eigentlich tiefköpfi«- und bezeichnet eine Gestalt, an- welcher der Kopf tief in den Schultern sitzt- und gerade je größer an solcher Geslalt der Kopf ist, je auffallender wird jener Fehler werden, und je mehr wird sie den Beynamen barycepholus verdienen. Zweytens so giebt ja Vitruv diesen Beynamen nicht ausschliefslich nur den Toskanischen Tem ein sondern er sagt es überhaupt von jedem Aräostylos aus. Dafs aber unter dein Aräostylos mellt Toskanische Tempel zu verstehen seyen, sondern vollkommen Griechische, das erhellet unverkennbar daraus, dafs Vitruv ihn unter den andern Säulen" Stellungen der Jonischen Ordnung auiFührt, und auch dort seine VerhältnissT bestimmt, die ganz anders ausfallen als die der Toskanischen Ordnung Sobald die Weiten über das Maafs des Diastylos steigen, mag’s viel oder wenig seyn"; so Lennt er dort die Stellung Aräostylos, und setzt die Höhe ihrer Säulen auf acht Modul da die Toskanischen nur sieben Modul hoch werden, und ihre Weiten ein fixes Maafs haben. Da nun an einem solchen Aräostylos der Giebel, wegen der Großen Länge des Kranzes, gegen die Säulen gehalten viel höher, das Gebälk unter clenreT ben aber gegen die Breite der Fronte niedriger wird, als an andern Tempeln -\ 0 " vergleicht Vitruv diese Tempelart mit einem Menschen, der einen großen Kopf und einen kurzen Hals hat, und nennt sie diesemnach barycepholus. Sowohl nach Ihren als nach Hirts Bestimmungen, wird auch der Giebel am Toskanischen Tempel ffa r nichts niedriger als er an einem Jonischen Aräostylos werden würde; und Sie oj sich daher vergebliche Mühe, ihm seinen Scheltnamen durch die Niedrigkeit T Daches zu verdienen. Vielmehr, wenn gleich Vitruv ihn nicht so nennet* ist d ^ noch gerade der Toskanische Tempel mehr als irgend eine andre Tempelart bar ^ Phalus ; aber aus zweyen jenem ganz entgegengesetzten Ursachen, erstlich- welT^" seiner .geringen Säulenhöhe der Giebel durch die starke Ausladung der D^ckenbalke^ unmafsig breit und grofs wird 5 und dann weil dieser Giebel spitzer und hoher ist als der auf den andern Tempeln, und folglich durch seine grofse Fläche die Wirkung des ohnehin sehr unansehnlichen Gebälkes noch schwächet. Doch warum halte ich immer nofch hinter dem Berge! Ist es nicht besser ge- tban, sogleich herauszurücken mit meiner trocknen Auslegung, als erst so viel Vorredens hin und her zu treiben, womit ich Sie doch nicht beschleiche, sobald jene nicht Stich hält? Also nur gleich zum Text gegriffen. Ich will versuchen ihn ganz gewissenhaft, Wort für Wort zu übersetzen, auf Eleganz kann es hier ohnehin nicht ankommen. Und dann will ich suchen, wo es Noth thut, meine Auslegung beyzu- fiigen , und sie, Schritt vor Schritt zu rechtfertigen. Findet sich dann clafs der r l ext vollständig ist, und Vilruv auch hier kein Wort umsonst gesagt und auch nichts zur Sache gehöriges übergangen hat ; so dürften wir wohl glauben endlich hinter die eigenthümliche Konstrukzion des Toskanischen Tempels gekommen zu seyn. Locus in quo acclis constituetur , cum Tiabuerit in lougitudine scx partes , una dempta, reliquum quocl erit latitudini detur: I0n2.it udo autem dividatur bipar- tito , et quae pars interior, cellarwn spatiis designetur, quae erit proxima fronti , columnannn dispositioni relin- quatur. Item latitudo dividatur in partes deoem, ex his ternae partes dextra ac sinistra celiis minoribus , sive ubi alae futurae sint, dentur , reliquae qua- tuor mediae aedi attribuantur. „Hat der Plan, auf welchem der Tem- „pel aufgeführt werden soll , in der „Länge sechs Theile , so ziehe man „eines ab und nehme den Pvest zur „Breite. Die Länge aber theile man „in zwey Theile, und nehme die hindere Hälfte zum Raum der Zellen, „die vordere lasse man zur Säulen- „stellung. Desgleichen theile man die „Breite in zehn Theile, und je drey „Theile sowohl rechts als links gebe „man den kleineren Zellen, oder auch „statt ihrer den Seitenflügeln, die iibri- „gen vier aber bleiben für die mittlere Zelle.“ In der Breite der Nebenzellen ist die Dicke der äusseren Zellenmauem mit inbegriffen , so wie die für die Mittelzelle bestimmte Breite auch die Dicke ihrer Seitenwände in sich begreift. Spatium quod erit ante cellas in pro- nao , ita columnis designetur, ut angulares contra antas parietum extremo- „Tn dem Raum welcher vor den Zellen „im Pronaos. bleibt, sollen die Säulen „also gestellt werden, dafs die Ecksäu- — 5<-> rU f n e regio ne collocentur: duo mediae e regione parie tum , qui inter antns et me di am aedem fuerint, ita distribuantur , ut inter antns et co - lumnas priores per me di um iisdem regionibus altcrae disponantur. „len in der Richtung gegen die Anten „der äusseren Seitenmauern zu stehn „kommen ; von den mittleren aber „zwey in der Richtung der Scheide- „wände, die zwischen den Anten und „dem mittleren Tempelramn errichtet „worden, vertheilt werden ; so dafs auf „dem Mittel der Leyden Riohtungsli- „nien , zwischen den Anten und den „vorbenannten Säulen die anderen bey- „den aufgerichtet werden.“ Wo ist hier ein Widerspruch zu linden? — Der Raum vor den Zellen, der Platz i m Pronaos , bedeutet nicht die blofse Richtungslinie des vordem Prostyliums; und Vitruv kündet demnach gleich zum Voraus an, dafs er auch von inneren Säulen zu reden habe. Auch nennt er nachher ausdrücklich drey Paar Säulen, welches denn vier MitteLsäulen giebt. Das duo mediae bezeichnet nicht schlechtweg , dafs es nur zwey mittlere Säulen geben solle: in einer Sprache die sich keines Artikels bedient, heifst duo homines sowohl zwey Männer überhaupt, als auch die beyden Männer, und zwey Männer aus der Zahl die vorhanden ist. Hier also bedeutet duo mediae zwey von den mittleren; und hierauf beziehet sich das folgende alter ae i. e. alterae duo mediae columnae. Iisdem regionibus oder ex iisdem etc. heifst freylich nicht Durchschneiden: das konnte Hirt nie sich einfallen lassen; sondern es heifst: in denselben Richtungen — nach beyden Richtungen. Und bey Gelegenheit des templum in antis *) sagt Vitruv: inter antas in medio , weil er dort nur Eine Rieh tun gslin ie — die inter antas — hat, auf welcher das medium zu suchen ist; hier hingegen mufs er per medium sagen, weil er hier zwey Richtungslinien vor sich hat, die zwischen den Anten und die der Scheidemauern und der vordem Mittelsäulen, durch deren Durchschneidung — per medium — die Stellen für die Säulen bestimmt werden soll. Columnae priores heifst aber hier nicht die vorderen, sondern die vorigen, die vorbenannten Säulen. Hierdurch wird nun die Decke in gleiche Theile getheilt , und ihre Last ist, sowohl in dem Zellenraum als im Pronaos gleichmäfsig unterstützt. Ist es ein Tem- ) .Band K. * 1 . pel mit drey Zellen, und also eine Art von Prostylos; so geschieht diese Unterstützung, wie gewöhnlich, durch eine zweite Arcliitrave, die von einer Ante zur andern und über die beyden inneren Säulen hinläuft. Dies, dünkt mich, mufs den in Verdacht gezogenen Anten wieder Gnade verschaffen, und mithin auch die Konsequenz in der Terminologie Vitruvs retten. Soll aber der Tempel Flügel haben, und mithin dem gewöhnlichen Peripteros ähnlicher werden ; so laufen die inneren Arcliitrave um die Ecke nach den Seitenmauern der Zelle hin, und treffen nicht auf die äusseren Arcliitrave ; der Gang des Pteroma wird vorn und auf den Seiten gleich tief, so w r ie es Vitruv bey allen anderen Peripteren fodert; die Anten fallen weff. und der Raum zwischen den inneren Architraven und der Frontewand der Zelle ist mit dem Pronaos innerhalb des Pteroma zu vergleichen. Wir fahren fort. Eaeque sinb irna crassitucline ciltituclinis „Dieselben sollen in der unteren Dicke parte septima, altibudo tertia parbe „den siebenten Theil ihre Höhe halten, latitudinis bempli , swmnnque columna „diese aber soll gleich dem dritten Theil quarba parbe crassitudinis imae contra- „der Breite des Tempels, und oben soll hatur. „die Säule um den vierten r l heil ihres „unteren Durchmessers verjüngt werden. Folglich wird der Tempel breit 21 Modul und lang 25 t. Spirae earurn älbae dimidia parte crassitudinis Jzanb: habeant spirae eannn plinthum ad circinmn altcmi suae crassitudinis dimidia parte : torurn insuper cum apophygi crassum , quantuni plinthus. „Ihre sollen hoch seyn gleich „dem halben Durchmesser. Sie sollen „eine Plinthe haben nach dem Zirkel „abgerundet, die zur Höhe die Hälfte „der Höhe der Base bekommt : darauf „einen Pfuhl, mit samint dem Saume „gleich der Höhe der Plinthe.“ 4 Von der Plinthe sagt Ihre Fibersetzung, sie solle halb so hoch als dick seyn; allein das hat gar keinen Sinn, und es bedarf keines Beweises, dafs das suae crassitudinis auf die ganze Base Bezug habe. ■ Capituli albitudo dimidia crassitudinis: abaci latitudo , quanta ima crassitudo colwnnäe : capitulique crassitudo divi- datur in partes tres , e quibus una plintho, quae estpro abaco, detur, „Des Kapitells Höhe sey gleich der „Hälfte des Durchmessers , der Platte „Breite gleich dem ganzen unteren „Durchmesser. Die Stärke des Kapitells „aber werde in drey Theile gelheilt, altera echino, tertia hypotrochdio cum npophygl ,von welchen eines der Platte gegeben , wer de, die wie eine Plinthe gestaltet ,ist, das andere dem Wulst, und das ,dritte dem Halse mit dem Saume.“ Aus diesem — plintho quae est pro abaco — scheint Ihnen sowohl als dem II. R. Hirt zu erhellen, dafs auch die Platte des Kapitells hier, so wie die Plinthe der Base nach dem Zirkel abgerundet seyn solle: und das wäre in der Tlrat eine besondere Eigenheit, die nicht mehr von rohem, sondern von verderbtem Geschmacke zeugen würde. Denn die Rohheit bleibt gern bey dem Eckigen, wo nichts ihr die runde Form unumgänglich gebietet; die Verderbtheit hingegen ist im Runden verliebt, weil es einen Schein von Künstlichkeit hat. Sonach würde dies Kapitell, den geringen Unterschied der Maafse ausgenommen, der Base völlig ähnlich; die Säule sähe aus wie eine drehende Spindel ohne Raihe; dieses ohnehin so kleine Kapitell würde nun aus Mangel an Ausladung so viel thun, als wäre es gar nicht da; und der Werkmeister hätle ohne alle Notli und Veranlassung sich die richtige Auilegung der Architrave erschwert. Bey der Plinthe war eine vernünftige Veranlassung, da die Hörner der viereckigen Pünthen wirklich immer im Wege stehn; aber am Kapitell: wozu da diese Abrundung? Und wenn sie selbst an der Plinthe eine Abweichung ist, die nur in dieser Ordnung üblich war; warum drückte denn Vitruv jene befremdende Ähnlichkeit mit so allgemeinen Worten aus, die jeden sogleich auf die Idee einer gewöhnlichen p t lh.iLh.e bringen mufsten, und nicht auf die der seltneren 'Toskanischen? •— Wie, wenn nun gar in der Sache selbst ein Grund läge, warum diese Platte nicht rund seyn konnte? — Dieser nämlich, dafs bey derley runden Platten von keinem gröfseren Durchmesser als ihnen Vitruv hier vorschreibt, über den Ecksäulen die scharfe Kante der Architrave im Freyen schweben würde ; ein Umstand, der in jedem Falle so häfslich als mifslich seyn würde, und gerade hier, wie wir bald deutlicher sehn werden, noch weit häfslichcr und mifslicher als in irgend einem andern Falle. Kurz, Vitruv kann mit jener Bezeichnung durchaus keine runde Platte haben angeben wollen. „Was denn?“ Dieses. Beydes, Plinthe sowohl als Platte sind viereckige Steine, einer zum unterlegen, der andre zum aufle<>en Allein die Platte hat beyrn Vitruv durchgängig einen Kronleisten: selbst am Dorischen Kapitell, wo sie sonst der Plinthe ganz ähnlich sieht, verordnet er ihr einen solchen Kronleisten. Diesen aber entbehrt die Plinthe durchaus : und er wird ihm daher zum charakteristischen Unterscheidungszeichen. Wenn er demnach sagt, man solle hier statt der Platte eine Plinthe legen; so will er damit anzeigen, sie solle ganz glatt wie eine gewöhnliche Plinthe, und also ohne Kronleisten seyn; und das ist alles. Plätte er die Rundung im Sinne gehabt, sicher würde er dann m?sa°t ha- 53 ben: „ein Theil für die Platte, die, wie die Plinthe, nacli dem Zirkel abgerundet werden soll,“ oder ich müfste mich in ihm gänzlich geirrt haben. Das Apophygis übersetzen Sie durch Anla u f: Hirt richtiger durch Saum. Aber g, gp ist’s der Saum dös Säulenschaftes? Mit nichten. Der Hals läuft hier, wie am Dorischen ? * ^ • ^-/j . 3 $ Kapitell, ungesondert fort, und der Saum liegt unmittelbar unter dem Willst, wie er unmittelbar über dem Pfuhl der Base liegt. Es ist leicht zu sehn, dafs Yitruv selbst an der Dorischen Säule noch von keiner Absonderung des Kapitells vom Schafte durch Saum oder Ring weifs; und es ist klar, dafs er in der Toskanischen Ordnung noch der ersten Einfalt näher bleibt als in der Dorischen. Super columnas trabes compacbiles im- ponnntur , uti sinb altitudinis rnodulis iis , qui a magnitudine operis postula- buntur: eaeque trabes compacbiles po- nantur, ut banbani habeant crassitucli- nem , quanta suimnae columnae erib h'ypobrachelium , eb iba sinb compactae subsudibus et securiclis , ut compactura duorum digitorum haheab laxationem; cum enim inber se tangunt , eb non spiramentum et, perßabum venbi red-- piunt , calefaciunbur , eb celeriter pu- trescunt. ß „Auf die Säulen soll man gegen einander gestofsene Balken legen , die in „solchem Verhältnifs der Höhe seyen, „wie die Gröfse des Gemäuers es erfordert. Auch sollen sie mit ihrer Stärke „den Hals oben an der Säule genau „decken, und dergestalt zusammen ge- „stofsen seyn, vermöge Klammern und „Döbbelhölzer, dafs die Zusammenfü- „gungen einen zwey Finger breiten 'piel- „raum behalten. Denn berühren sie „sich unter einander, und gestatten der „Duft keinen Durchzug, so erhitzen sie „sich und gerathen schnell in Fäuinifs.“ Meines Wissens ist .Ihr Rezensent in der Allg. Lit. Zeitung der einzige der diese Stelle richtig gefafst hat. Die trabes compacbiles können unmöglich, was man gekuppelte Balken nennen könnt'e, d. i. der Länge nach neben einander gelegte Balken bezeichnen sollen. Denn erstlich: wozu wäre das? Auch bey dem gröfsten Maafs- stab blieb es immer nicht schwer, so starke Balken zu finden, dafs sie den oberen Durchmesser der Säulen deckten; denn bey einer Säulenhöhe von zwanzig Fufs beträgt dieser noch nicht volle zwey, und das Theilen wäre mithin hier nur Flickerey für die Langeweile. Zwey Leus wäre es abgeschmackt zu behaupten, dafs Hölzer, die der Länge des Fadens nach zusammengefügt worden, sich erhitzen und faulen sollten. Die Ausdünstung, die die Fäuinifs verursacht wenn sie aufgehalten wird, geschieht nicht auf der Längenseile; gegentheils aber geht die Schwindung des Holzes auf diesen Seiten vor, und cs 'war daher vielmehr nÖthig, den Architraven nicht noch 14. 54 zwey solcher Flächen mehr zu gehen, als sie nothwendig haben mufs. Wurde es demnach ja nöthig sie der Stärke nach aus zwey Stücken zusammen zu setzen; so wird man sie sicher lieber so dicht als nur immer möglich zusammengetrieben haben, f um die Schwindung; nur an den äufseren Flächen zu verstauen. » i Andrerseits aber wäre es nicht immer möglich gewesen, die ganze Länge der Architrave aus einem Balken aufzutreiben; und zwar je stärker sie seyn mufsten, je weniger war jenes möglich. Es war also nöthig sie zusammen zu stofsen , auf den ..Ecken war es ohnehin unumgänglich. Und von diesem so viel wichtigeren Verband sollte Vitruv geschwiegen haben, um so bedächtlich von jener unbedeutenden Nebensache zu reden? — Fand man aber auch Balken von der erforderlichen Stärke, die diese ganze Länge leisteten; so wurde es sehr schwierig, ich will nicht sagen unmöglich, eine so lange Architrave aus einem Stücke richtig auszuhauen: und gelang auch dies, Io konnte es doch nur von kurzem Bestand seyn. Der Balken wirft und sakt sich, und würde nie fest auf den Säulen aufliegen. — Kurz, diese hölzernen Architrave sollen, so wie die steinernen, nur von Säule zu Säule reichen; und über die Axen der Säulen, wo sie mit den Stirnen Zusammentreffen, sollen sie einen Spielraum behalten, damit die Feuchtigkeit verwittern könne, welche aus den Foren der Stirne ausdünstet. Denn treffen sich diese, so fliefsen die Ausdünstungen in Tropfen zusammen, halten die Stirnen beständig feucht , und verursachen dafs sie schnell stocken. Dies ist der Sinn der Stelle. Damit nun die Architrave nicht rücken, sollen sie durch schwalbenschwanzförmige Döbbelhölzer zusammen gehalten, und diese wieder mit übergespannten Klammern befestiget werden. Durch solche Zertheilung der Architrave bleibt nun bey jeder Veränderung des Holzes ihre Lage dennoch immer fest und sicher, und man ist immer gewifs, das Holz von der erforderlichen Stärke aufzufinden. Die Fugen aber treffen gerade auf die Axen der Säulen, und folglich mitten in dem Lager eines Deckenbalkens, und je eine derselben auf jede scharfe Kante. Wäre nun die Platte des Kapitells auf der Ecksäule abgerundet; so würde diese Fuge in der freystehenden Spitze die Schwierigkeit des richtigen Auflegens und die Widrigkeit des Augenscheins noch beträchtlich vermehren, wie ich oben bey dem Kapitell erwähnte. Aus den Worten — modulis iis, qui a mcignitudine operis postulnbuntur — erhellet, dafs die Höhe dieser Architrave, so gut wie die der Jonischen Ordnung, mit der Gröfse des Tempels steigen soll. Jedoch ist dabey zu bemerken, dafs, da sie von Holz ist, ihr Verhältnifs zur Säulenhöhe nicht in der steigenden Progression, wie bey der Jonischen, sondern gerade umgekehrt ausfällt. Denn bey einer Säulen- 55 höhe von zwanzig Fufs ist die Architrave überflüssig stark, wenn sie einen halben Modul hoch wird, welches einen und drey Siebentheil Fufs macht; bey einer zwölf Fufs hohen Säule hingegen wird sie sicher nicht zu stark, -wenn man sie einen Fufs, d. i. sieben Zwanzigtheil Modul, hoch macht. Und eben so verhält sich’s auch mit den Deckenbalken. Supra trabes et supra parietes traje- cturne mutulorum quarta parte altitu- clinis coluninae projiciantur: item in eorurn frontibus antepagmenta ßgantur. „Über die (obbenannten) Balken und „über die Mauren lasse man die hervorragenden Balkenköpfe um ein Viertel der Säulenhöhe vorspringen; und „vor ihren Stirnen nagle man Bekleidungen.“ v >; i.Vs W Dieser Vorsprung liegt zu deutlich in den Worten Vitruvs, um ihn verwerfen zu können. Selbst indem man der Konstrukzion der Phrase Gewalt anthut, um eine andere Verbindung ihrer Theile auszufinden, giebt sie dennoch keinen anderen Sinn; und dieser Vorsprung ist weder so ungewöhnlich noch so ungereimt, dafs man ihn sollte verwerfen müssen. Fürs erste giebt er durch den Gegendruck der Dachgebinde und der Giebel eien Deckenbalken mehr Spannung; und dann so ist er auch nöthig um das ganz gezimmerte Gebälk vor dem Regen gehörig zu schützen. Bey Tempeln mit drey Zellen hält er auch den Regen von den Mauern ab, und giebt folglich einen bedeckten Gang um dieselben herum, wie Sie richtig bemerkten. Was aber die Antepagmente anbetrifft, so wunclre ich mich, dafs weder Sie selbst, noch der H. R. Hirt, das B. IV, K. 2. von den Triglyphen beygebrachte, hierauf an wen den, obgleich die auffallende Ähnlichkeit, sowohl der Sache selbst als ihrer Veranlassung, diese Anwendung zu gebieten scheint. Hier wie dort, sind die Stirnen der Balken zu bedecken, theils um ihnen eine glattere Aussenseite zu geben, theils aber auch um dieselben vor der Nässe der Luft zu schützen; und dieses letztere war wohl die Hauptabsicht. Dies war aber hinlänglich erfüllt, indem man,vor jeder Stirn ein Brettchen von der Breite derselben vernagelte, wie auch der Text deutlich besagt. Wozu nun die Verschwendung der Bretter in den Balkenweiten ? -Es lag ja vielmehr daran, der Witterung so viel von dem Holzwerk als nur immer, möglich zu ent- ziehn , als weswegen eben der große Vorsprung der Balken verordnet war. Sie vollends oben und unten vernageln zu wollen, wie Hirt angiebt, wäre ; eine völlig müfsige Maskirung, die nicht lange in den Fugen halten könnte,,wegen der Schwindung der der Luft ausgesetzten Bretter, und die ganz gegen den Geist der alten Kunst läuft, welche nie ohne Noth ihre Konstrukzionsart verbarg, und das Maskiren verschmähte. Übrigens ist eo wahrscheinlich, dafs, da hier clie Stirnen der Balken 56 nicht wie in der Dorischen Ordnung, in der LothLinie der Architrave liegen, man sie auch nicht 'senkrecht, sondern nach unten hineinlaufend abgestutzt habe, und dafs die Stirnbretter wenigstens oben einen Kronleisten bekamen. Aus den Worten — suprn trnhes et supra parictes — geht hervor , dafs die Architrave nicht unnützerweise über die Mauern fortgezogen werden sollen. Folglich mufslen die Mauern so hoch wie Säule und Architrave zusammen werden, und die Anten muhten vorne mit einem Eckpfeiler schliefsen, der die Architrave auf- nahm, und mufste auch jede innere Mauer gerade unter einem Deckenbalken to . treffen. Supra ea tympanum fastigii ex stru- „Über diese (die vorspringenden Bal- ctura seu materia collocetur , supraque „kenköpfe) errichte man das Giebelfeld id fastigiuni, columen, cantherii , templa „aus Mauer- oder Zimmerwerk , und ita sunt collocanda , ut s tillicidiuin „über dieses wieder ist die Giehelbe- tecti ab s o lut i tertiär io respondeat. „kränzung: Firsfbalken, Sparren, Streck- „hölzer also zu legen, dafs des vollen- ' 1 „deten Daches Abhang das Drittel des . „Ganzen erreiche.“ Dies ist die Stelle, welche, 'wie Hirt versichert, den Auslegern am meisten zu schaffen macht. Allein auch hier wage ich zu behaupten; dafs die-Schwierigkeit bios daher rühret, weil sie sich keinen richtigen Begriff von der Bedeutung der Worte machen. Lassen Sie uns dem zufolge sie eines nach dem andern vornehmen. Sie, Herr Kahinetsrath, sind meines Wissens der erste, welcher bemerkte, dafs zufolge dem — supraque ea : i. e. antepagmenta mutulorwn — das Giebelfeld ganz heraus über die äufserste Stirn der Balken gerückt werden müsse. Der Vorsprung der Balken mag noch so gering seyn, wie sollen wir sie anders schützen ? Nageln Sie immerhin'wieder ein Brett über dieselben; umkleiden Sie sie ganz mit Brettern, dafs sie wie in einem Troge stecken; diese Bretter werden bald sich werfen, aus einander gehn, und die Balken nicht mehr schützen. Stellen Sie hingegen den Giebel über dieselben hinaus, und sie sind rund herum hinlänglich verwahrt. Vorn snd 'sie durch den Giebel, auf den Seiten durch den Hang des Daches gedeckt. Das ist so klar , -so zweckmäfsig und so glücklich heraus gefunden,. dafs es vergeblich wäre, Ihnen das Verdienst davon .absprechen zu wollen. Also, das Giebelfeld springt vor und deckt alles Gebälk. Von demselben geht der Firstbalken aus, und hält das 'ganze-Dach-durch alle seine .Gebinde, zusammen, die‘die Gestalt des Giebels wieder- holen. Über alle laufen nun clie Streckhölzer, die Dachrahmen , oder wie Sie sie nennen, die Fetten, parallel mit dem First. Folglich feMetjäemJlki^^ eigentlich nicht der Fries: diesen nehmen die Köpfe der Deckenbalken ein; wohl aber 5^7~K^^Ieisten7Ttatt dessen hier nur die Stärke der Deckenbretter wie ein Rand unter dem Giebel sichtbar wird. Aber auf den Flanken des Giebels', warum lassen Sie da die Köpfe Iler Streckhölzer nicht vortreten? Die Flächendes Giebels mufste doch auch geschützt werden; und das sicherste Mittel hierzu war doch wohl das, die Streckhölzer über dasselbe vortreten zu lassen, so wie es in dieser. Absicht noch jetzt in Italien üblich ist. Kurz, das Toskanische Dach ist ein reines Bild vom Zimmer verband, an welchem die charakteristischen Glieder nie dem Blicke zu entziehn, das erste Erfordernifs des guten Geschmacks ist, welchem man in den ersten Zeiten einer Kunst immer treu blieb, weil man noch keine Systeme, und folglich auch keine falschen Maximen aufstellte. So sieht man hier die Figur der Sparreugebinde im Giebelfeld, die Köpfe der Streckhölzer, und die Latten, deren Köpfe auf den Seiten des Tempels Sichtbarwerden. Und schon die Stellung der Worte im Texte zeigen dies, da die Streckhölzer als ein Beytrag zur völligen Erhöhung des Daches aufgeführt stehn. Allein diesem widerspricht Ihre Übersetzung , und Sie werden es mir folglich Hiebt so leicht einräumen. Ich werde also wohl meine Auslegung Schritt vor Schritt bis zu Ende rechtfertigen müssen. Ihre Übersetzung giebt den Schlafs also: „so dafs des eigentlichen Daches Traufe einem Drittel entspreche,“ und hierauf münden Sie ihre Behauptung, dafs der untere Rand der Seitenflächen des Daches uni ein Drittel der Dachhöhe vorspringen solle. Da hätte denn freylich Vitruv sich dunkel, verworren und ungereimt ausgedrückt: und hat er mehr -solcher Stellen, so niufs man billig zweifeln, oh er selbst wisse, was er wolle. Wie durch einander gewürfen sind diese Bestimmungen der Maafse jenes Vorsprungs: zuerst der Balken nach der Säulenhöhe; dann der Traufe — nicht so weit sie vor den schon bestimmten Balken reicht — sondern mit sammt dem Vorsprung derselben; und zwar nicht mehr nach der Säulenhöhe, noch auch nach der Stärke der Balken oder nach ihrem Vorsprung, welches doch hier der nächste Modul wäre; sondern nun mit einem Male nach der Dachhöhe die noch nicht bestimmt ist! Diese letzte Einwendung hat Ihnen schon der II. R. Hirt gemacht, und Sie erwiedern dagegen: Vitruv könne mit allem Fug sagen: „wie hoch auch das Dach werde, so soll die Traufe immer um ein Drittel dieser Höhe vorspringen.“ Da fertigte er sie ja sehr nachläfsig ab ; und freylich, wvr ihm jene Höhe in der That so gleichgültig, so konnte, der Vorsprung der Traufe ihm allerdings noch gleichgültiger bleiben. Dem gemäfs mufste diese Traufe immer weiter heraus reichen, je höher man den Dachgiebel machte; und umgekehrt konnte sie leichtlich sogar innerhalb dem Vorsprung der Balkenköpfe zu liegen kommen, sobald man das Dach nur halb weg hach hielt. Und diese geringere Höhe neli- xnen Sie ja gerade als eine Eigentümlichkeit des Toskanischen Tempels an ? — Und dann warum sagt er denn nicht — tertiario altitudinis ejus ( tecti)? Sagt er nicht kurz vorher — quarta parte altitudinis columnnc? — Und wie? soll ich lesen: stillicidium tecti nbsoluti, oder: tecti absoluti tertiario? Letzteres wäre Ihrer Auslegung doch noch günstiger; denn „des eigentlichen Daches Traufe“ hat. keinen Sinn: eher „des eigentlichen Daches Drittel“. Allein die Hauptsache ist, dafs er alsdann nicht tertiario , sondern tertia parte altitudinis etc. hätte sagen sollen, so wie er weiter oben sagte: „ tertia parte labitudinis templi. u Soll ich unter Traufe den unteren Rand der Seitenflächen des Daches verstehn — die Reihe der' äussersten Dachziegel, von welchen der Regen in Tropfen herabläuft ; so heifst solcher beym Vitrav subgrundatio , und nicht stillicidium. Soll ich aber unter jenem Worte die Dachrinne verstehn, die diesen Rand schliefsen soll; so heifst diese siiua, canaUs, oder wie Sie sonst wollen, nur nicht stillicidium. „Was bedeutet denn nun diefs letzte Wort?“ Die Etymologie desselben allein zeigt es schon hinlänglich an: es bedeutet den Fall, den Abschufs, den man dem Regen verschafft, indem man das Dach auflirstet, den Hang der Dachseiten. —- t Und tectum absolutum heifst nicht: das eigentliche Dach, das wäre ipsum tectum. Im anderen Sinne aber gie.bt es kein eigentliches Dach, da es kein uneigentliches geben kann. Im technischen Gebrauch hingegen heifst absolvere immer abfertigen, schliefsen, vollenden, und: absolutum folglich hier vollendet; tectum absolutum aber das vo 11- endete — das fertige —■ oder das geschlossene Dach. Was soll aber nun endlich durch dies tertiariwn bestimmt werden ? •— L e R o y antwortet: die Höhe des Giebels, und zwar nach der Höhe der Fronte. Hirt fragt dagegen: wo hat Vitruv je etwas ähnliches nach der Frontenhöhe bestimmt? Le Roy könnte erwiedern: was hätte er wohl sonst so bestimmen sollen und bey welcher Gelegenheit? Die Giebelhöhe bestimmt Vitruv nur noch Einmal, nämlich in der Jonischen Ordnung, und zwar nach der Fronten breite. Warum sollte er sie nicht eben so gut nach der Frontenhöhe bestimmen dürfen? Dort bestimmt er pur die Höhe des Giebelfeldes; hier die des geschlossenen Giebels, weil dort der Giebelkranz schon durch die Flöhe des horizontalen Kranzes bestimmt wird , hier aber nicht. Die Ziegelstärke, die Latten, die Streckhölzer, nehmen nicht an Stärke zu* nach Maafsgabe der Gröfse des Moduls; und Vitruv konnte also hier nicht die Flöhe des Giebelfeldes allein bestimmen, sondern er mufste die des ganzen DaTh.es angeben: eine Anzeige mehr, dafs die Streckhölzer über den Giebel sichtbar bleiben rollen. Hirt will, das tertiariwn beziehe sich auf die Säulenhöhe. Allein wie kommt er dazu? Überall, wo Vitruv sonst etwas nach der Säulenhöhe messen will, versäumt er nie das altitudinis columncie hinzu zu setzen; und hier, wo gar nicht mehr die Rede von den Säulen war, wo er sich eines in solcher Gelegenheit ganz ungewöhnlichen Wortes bedient; hier sollte er es unterlassen haben? — Schon dies allein rnüfste auf die Vermtithung bringen",-dafs er liier das tertiariutn nicht blos zur Ab-, wecbselung gebraucht. "Wenn er nicht seiner Sprache ganz unkundig war, mufste er aber auch in dieser Voraussetzung sagen: tertia parte altitudinis etc. und nicht tertiario. Der Unterschied nämlich ist dieser. Das Drittel einer andern Gröfse, oder was solchem Drittel gleich ist, heifst tertia pars] das Drittel desselben Ganzen ist ter- tiariwn. Setze ich auf jeglicher Seite eine Gröfse, von welchen die eine nur ein Drittel der anderen beträgt; so ist jene tertia pars von dieser. Setze ich aber eine und dieselbe Gröfse ans drey gleichen Theilen zusammen; so ist das Drittel tertiariwn totius ejus dem. — Was Ihr Rezensent in der Allg. Litt. Zeitung mit dem Prisma will, vermag ich nicht auszumitteln. Was rneynen Sie, sollte Le Roy am Ende dennoch Recht behalten? — Es wäre mir selbst vielleicht verdriefslich“, nach ihm so viel Mühe übel verwendet zu haben. Doch so ganz Recht soll er wohl nicht. behalten; denn nach ihm würde die Höhe des Daches eigentlich nur ein Viertel ausmachen. Des Daches Elöhe soll aber ein Drittel des Ganzen betragen, folglich die Hälfte der übrigen Fronte ohne den Giebel. — Solcher Gestalt bekommt der Toskanische Tempel einen viel höheren Giebel als die Griechischen Tempel, wie es auch die Idee seiner rohen Konstrukzion mit sich bringt; und da sein Dach ganz von Zimmerwerk ist, und also nichts Fremdes nachahmt , so braucht er auch keinen seiner Konstrukzionstheile zu verbergen. Übrigens^sagt Vitruv gar nichts von Rinnleisten, und •will also auch hier keinen angebracht wissen. Denn um den Regengufs von dem Tempel abzutreiben, ist schon der Vorsprung des Daches hinlänglich. Ob aber, wie der angeführte Rezensent ver- meynet , statt der Latten Bretter gebräuchlich wären, lasse ich dahin gestellt seyn, weil es zur Auslegung unsres Textes nichts verschlägt. Meine Sache ist es freylich nicht zu entscheiden, ob Vitruv unter die ausgebildeten und eleganten Schriftsteller seiner Nation, gehöre oder nicht. Aber auch ohne es entscheiden zu können, bin ich doch geneigt anzunehmen, dafs sein Styl den Kennern arm, trocken und schmucklos erscheinen könne. Seine Lage, sein Gegenstand, seine muthmafsliche Erziehung, und seine eigene altfränkische und herkömmliche Denkungsart, machen es mir mehr als 'wahrscheinlich. Nur wagte ich Sie zu fräsen: wenn er sich in seiner Sprache auch wirklich ganz so steif und ängstlich ausgedrückt hätte, wie er in dieser meiner mit Absicht -wörtlichen Übersetzung erscheint; würde er nicht dennoch ordentlich und deutlich genug geschrieben haben um verständlich zu bleiben? Versteht sich, wenn wir sonst nur eine Idee von der Sache haben die er behandelt; denn freylich, so lange w r ir den Gegenstand nicht kennen, können "wir nicht wissen ob seine Beschreibungen und Vorschriften passend sind oder nicht. So schlecht wie Sie immer wollen, nur ungereimt und unzusammenhängend kann ich nicht glauben dafs er sich ausgedrückt habe, dessen Eigenheit mir vielmehr in einem übertriebenen Bestreben nach Konsequenz zu bestehn scheint. Jetzt zur Erklärung der beygefügten Risse. — jSo — j)] 0 Breite wird in 21 Modul getheilt, und r die Länge "bekommt deren 25I *); Hat der Tempel nur Eine Zelle; so fallen auf die Länge des Flügels vier Weiten und fünf Säulen. Für diese Säulen 5 Mo.dul abgezogen ; so bleiben für die Summe der Weiten Modul so i. Jede Weite beträgt folglich 5x0 Modul. In der Fronte sollen billig die Eckweiten gleich den Weiten der Flügel seyn. Also, für zwey Weiten und für vier Säulen die Summe von 14x0 Modul abgezogen von den 21 der Breite; so blieben für die mittlere Weite Modul 6t 9 o. Diese Brüche aber taugen nichts, auch würden auf solche Weise die Deckenbalken über die mittleren Säulen nicht gerade über ihre Axen treffen. Man rnufs folglich annehmen, dafs die mittlere Weite gleich der Säulenhöhe seyn solle, d. h. gleich einem Drittel der ganzen Breite oder 7 Modul. So werden die Eckweiten zu 5 Modul, und die Weiten an den Flügeln zu 5x0 Modul, welches einen ganz unmerklichen Unterschied giebt. Die Weiten der Deckenbalken zu 2 Modul von Axe zu Axe, giebt auf die mittlere Säulenweite_ vier Balkenweiten, und auf jede andre drey. Die Zelle mit ihren Mauern ward zwey Fünftheil der Fronte breit, und drey lang. An den vordem Ecken hat sie Eckpfeiler, die von der Seite nur um so viel vor der Mauer ausspringen, als nöthig ist, auf dafs sie gerade hinter den Mittelsäulen zu stehn kommen; und zwischen benannten Pfeilern und den vordem Mittelsäulen kommen noch zwey Säulen, welche in der Richtung der Fronte unter sich, und nadi der Tiefe mit den Eckpfeilern durch Arehitrave verbunden weiden; um die Hohe dieser Arehitrave aber werden die Mauern höher als die Säulen. Da das Pteroma den Tempel nicht auf der Hinterfronte umgiebt, so könnte es leicht seyn, dafs der Flügel hier durch eine Ante geschlossen worden soll; und es ist mir sogar wahrscheinlich, dafs der Toskanische Tempel bestimmt sey, mit seiner Hinterfronte an der Mauer des Peribolus anzulehnen. Solche Ante mufs der Arehitrave wegen, als mit welcher sie Flucht halten soll, in ihrer Stärke gleich der oberen Säulendicke seyn; und der Pfeiler soll etwa um ein Achtel Modul breiter seyn, und eine Platte haben in der Breite gleich der Platte der Säulen **). Hat aber der Tempel drey Zellen, so brauchen die Seitenwinde der mittleren nur einen halben Modul stark zu seyn; und die äusseren Seitenmauern treten hervor bis auf die Linie der inneren Säulen im Pronaos, wo sie mit einem Eckpfeiler schliefsen; die inneren Arehitrave aber laufen von Eckpfeiler zu Eckpfeiler über die Zwiscliensäulen hin. Solcher GesLalt wird nun der Gang des Pteroma an dem Tempel mit Einer Zelle auf allen drey Seiten gleich tief, welches den Forderungen Vitruvs entspricht: und die Decke bleibt in beyden Fällen gleiclimäfsig eingelheilt. Denn in jeder der mittleren Weiten hat sie 12 Felder , in den andern je 9, in der mittleren Zelle 24, und in jeder Nebenzelle iß. Der Plinthe Durchmesser ***_) werde zu anderthalb Modul genommen, und der Saum des Säulenschaftes soll von der Höhe der Base abgenommen werden, und mag sich zum Pfuhl verhalten wie j zu 5 oder zu 4. Des Knaufes Plals läuft unten mit ) Sielie Tab. 1<3* **) Tab. 20 . ***) Tab. 6i dem Profil des SHulenscliaft.es zusammen, und oben in einen Saum aus. Der Wulst bat nur wenig Ausladung, und rnufs folglich sehr Hach gehalten werden. Es ist aller noch die Frage, ob er hier, wie am Dorischen Kapitell, die Form einer Schale affeklute, oder nicht vielmehr gleich dem Pfuhl der Base war, und also einen Kranz nachahmte. Wenn man die Deckenbalken *) halb so breit wie die Architrave macht, und zur Höhe ihnen drey Viertel von der Höhe der letzteren giebt, so wird ihre Stärke immer der Gröfse des Gebäudes angemessen bleiben. Aber ihr Lager — Ope — wird m die Architrave eingeschniiten, und in dein Lager ist das Döhbelholz mit seinen Klammern angebracht **). Die Bekleidungen der Balkenköpfe scheinen wie gewöhnliche Thürein Fassungen architravirt werden zu müssen. Über den Balkenköpfen tritt die Stärke der Deckenbretter hervor ***), und bildet einen Leisten zwey Brettdicken stark, und darauf erhebt sich das Giebelfeld. Dieses hat immer eine Schwelle; ist es von Zimmer werk, so spannt diese Schwelle zwischen Sparren oder Dachschenkel, vcelche in der Flöhe noch mit einem andern Spann- rie°cl verbunden sind, um die Schalbretter des Giebelfelds darauf befestigen zu können. Die Fugen dar Schalbretter müssen nach der Lotblinie gerichtet seyn, und das ganze Feld wird auf seinen drey Seiten mit einem Leisten eingefafst werden, um die Enden der Bretter in Zamn zu halten. Auf einem gemauerten Felde wird dieser Leisten ebenfalls nachgeahmt. Über die hangenden Seiten treten die Köpfe der Streckhölzer heraus: im Quadrat etwa halb so stark wie die Deckenbalken breit sind ; und ihr Vorsprung ist hinreichend , wenn er der Höhe der Deckenbalken gleich wird. Über die Streckbölzer liegen die Latten — mögen sie nun wirkliche Latten oder auch Bretter seyn ■— deren Köpfe auf den Seiten des Tempels****) nicht weiter hervortreten dürfen, als dafs sie eben die obere Linie der Deckenbalken berühren. Auf diesen endlich liegen die Ziegel oder die Dacbdecke, und die Höbe die die Stärke derselben füllt, soll vorn über die Giehelseiten eine verzierte Bekleidung bekommen, gewöhnlich von der Materie der Dachziegel. Die ganze Flöhe des Giebels aber soll dem tertiarium entsprechen. Zu diesem Ende also theile man die Frontenhöhe bis an den Giebel in zw r ey Theiie, und gebe dem Giebel einen dieser Theile zur Flöhe. tliier die 'l Flüren legen Sie — wie ich sowohl aus dem Risse, den Sie die Güte hatten mir zu überschicken, als auch aus dein letzten ersehe, welcher Ihre Antwort an den FI. R. Hirt begleitet — ein Frontispiz, ganz gleich dem des Tempels selbst, obgleich ein solches Frontispiz auf keinen Fall irgend eine Veranlassung zu vorspringen- den Latten giebt, die es nicht haben kann. Allein die Frontispize über den Öffnungen batten ihren Ursprung in den gemeinen Wohnhäusern, wo man öfters keine Thürpfosten setzte, sondern die Obersclnvelle von FIolz quer über von Mauer zu Mauer leg Le, und, um über dieselben den Druck der oberen Mauer abzulenken, über sie zwey Schenkel in einen Winkel spannte, oder auch einen Bogen wölbte. Daher sind auch sol cbe Frontispize ohne Unterschied bald rund, bald spitz; und so sieht man *) Sibhe Tab. ±g, 20 et 21. **) Tab. 20. Tab. ig. ****) Tab. jg. et 20. 1 o *** Qi noch jetziger Zeit in Toskana und den angrenzenden Gegenden oft, dafs die Öffnungen ohne stehende Pfosten und Oberschwellen , blofs durch einen glatten Sturz von gehauenem Stein geschlossen werden, welcher giebelförmig in seiner Mitte etwas stärker gelassen wird als an den Enden. Irreich nicht, so ist es Leo Bapt. Alberti, welcher dieses sehr deutlich gezeigt hat; aber aus Mangel an den gehörigen Büchern, kann ich auch hier Ihnen nicht die Stelle angeben. Hingegen an Tempeln, wo die Kon- srukzion mit Pfosten und Schwellen durchgängig üblich war, sähe man wohl schwerlich diese Wiederholung von Giebel unter Giebel. Man ist daher berechtiget anzu- nelimen, dafs auch hier die Thüren Pfosten und Schwellen hatten; jedoch, da Yitruv nichts, weder von Bekleidungen noch von Sturzen erwähnt, so wird es wahrscheinlich, dafs Pfosten und Schwellen ganz glatt bleiben, und nur in die Mauer eingesenkt seyn sollen, wie wir auch an vielen Griechischen Tempeln sehen*). Übrigens mufsten die Plutei, die bey andern Tempeln nur das Pronaos abschlossen, hier , sobald der Tempel nur Eine Zelle hatte, den ganzen äusseren Umgang bis an die Hinterfronte umschliefsen, wenn anders, wie doch zu vermuthen, auch an den Toskanischen Tempeln Plutei angebracht wurden. Sollte ich jetzt noch des Toskanischen Hofes zu erwähnen nöthig haben? Leicht könnte ich ihn auf eine andre Gelegenheit ersparen. Allein Sie werden nach dem bisher entwickelten schon ersehen haben, dafs, wenn ich auch in der Anordnung desselben in nichts Wesentlichem von Ihnen ab weichen möchte, ich doch den Text etwas anders übersetzen würde, nämlich so: „Toskanisclie Höfe sind solche , wo zwischen „den Elaupthalken, welche nach der Breite des „Atriums vorgelegt werden, eingehängte Bal- „ken liegen, und Kehlrinnen von den Winkeln „der Mauern nach den Winkeln der Deckenbal- „ken hinlaufen; und so auch durch die Lage der „Latten des Hanges der Vordächer ein Ablauf „nach dem mittleren Raum hinverichtet ist.“ Tuscanica — sunt , in quibus trabes in atrii latitudine trajectae habeant interpensiva, et colliquias ab anzulis parietwn ad anzulos tisniorum inter- currentes : item (ex sive mediante) asseribus stillicidiorwn in medium coinpluvium dejectus. Ich kann ihn also füglich übergehn, jedoch -will ich noch erinnern, dafs, obgleich iiitcipensivum von Balken gebraucht, sowohl das eine als das andere bedeuten könne, mir doch Hirls Anordnung verständiger und kunstgemäfser scheint, So brauche ich jetzt wohl nicht noch anzumerken, dafs das, was Yitruv von Vermischung der Toskanischen mit der Griechischen Bauart sagt, von jeglichem Tempel zu verstehn ist, wo wir statt der Anten des Pronaos Säulen gestellt finden; und dafs diese ^Stelle, wie ITirt schon erinnert hat, sich blos auf die Toskanischen Tempel mit einfacher Zelle beziehet. Ich schliefse demnach mit dem Wunsche, dafs Sie von meiner Hochachtung und Ergebenheit überzeugt bleiben. — ') Tab. 19. gleich önne, i i .ifwBgS*r ■w-» Tal. A "^4. r.^?r<^; ■p&xms*.:??. lnsTOä.^j^a«?. a BB ..umnm>JUJTUJ.j.v ^^5g? ! mm \ ) I A. s .1 I •k ■i \ ■ ;> * 2M. II. l - -f -^POl-7 'Pl J Ü.U- U-LJ UU U Uj rjjQnnQOaaaöD DnnQannüpö JQBaeBSBBi H D □ □ O’O □□□üb aDDDÖÖDGÖElD .iBaßDonotiaB |CJÜUUL)U:UD __j,omümc iaQ'nnnopaD lödJBBS-BBOE .□Paan □!□□■□ □p'pppppo □ HlQQEMQSPc;. ■Pb □' ■5' C±g 1=] cEq eh) c=r IdI □10 |0D □ 0 0 V- 1 ä ip fS □□t □ □' O rin i □Q : □ Q, .□ mü jip □ m iHeq f\l 1 i a fei □ 0 ca a □ □ □ 7 Tab. JK &*^&re§ä*i&T *mmm& '>•«,'>• ^ ft * mm .<~sr*ns*£wr > atzon man □ÖD uaua onn asm on'Bn nnm in .1 •. : ,J i&Vjv;^: >.-',£*#• tW-W: .-' . •' rHifojfi—z 5 ; . - V / I . €. \ *$;5 tu. m. - iT'lrrfi^ n ^ ; k ' ^ :.j^£k%siLjfco»'i: 7ä&. vnr. i^l ^ '»fiü#&:#?&; h *:'< TsÄ.VavV; 3hI«#T- ä f' i r iu,^ri. • * * * * ! ! : prv^* , '** , iV7 ■M&* isia wsm iiapaiii^ii mm. < SÄ : m •pOM». «■»EMM (4S® ätäMdtö&Svlii mm IPSSSY "iSiSSH »II Lj; tuai^guä^gJvS ] •isgi? iüü Wf r mu +&?;'*'* * *■ *> •tß j &ty. W &P&f! yTT- jisäf $ TO «Siiig Ml.,.; mm nxm * 5*1 JS|@ Mg! Ä .. Mm mm ! > ÄStsii \M$mi i*i r il§tS mm tWMffim |H|Ä Stül mm wsm 7U MK ^gg£ä£ i^^,- ppsfejl ■y*a&*l. r— er.. rSJ^SSs: ■g^ü» |sg«M ■ vi&fcfc; v. LJ -4M mzsäs ^■sasa ■&Mkii>k sLcsW*: ISS " . : ►jsgrSiS HÜ pgM£jgai l^ä^y'Jn» fffSÜMj IggÄt y<&w»re&8& mm plil c sm 'ZZ&. JCFH. ^" 7^1 . k - ~ k. Ü' IM 0 ’ ; *ii vVXrt'V □nnnc i i n i iiamriiMmw u n i WiniT : Mm M9m§90 |: V - & ifßi *_• iS ‘ Tal.JT. «JJfl £ä££ :BMl ; ii®« wmk ipSK^sj iiifcfeag. Briefe E x e g e t 1 s c über Marcus Vitruvius Pollio Rode August von G e n e 1 1 i C h r i Hans Zweites Heft. K u p fertafeln. Berlin In der Realschulbuehhandlung. i.iin »T>JUMmHi'4n c-j, ^ i ^5» '■fsim- 3*»*" tWs^ ■ > -fs ,>■*»'••’-*■»>-*. -<:'5WV i I» l •jt :> 3:-. V> *SSS ;. • '^''Sy.: ^ ÄV ,'i J?i ^j$SSfc N-, Vierter Brief. Als Vorbericht zu diesem Hefte. (3hne Zweifel werden Sie, mein Herr*, diese Correfpondenz über Ihren Vitruv nach einem Stillschweigen von mehr als zwei Jahren für gänzlich aufgehoben gehalten haben. Auch ich glaubte es, wenn ich sie gleich selbst nie aufgegeben hatte. Allein nachdem der erste Verleger mich im Sti@»h gelassen, war die Schwierigkeit, einen zweiten zu finden, nicht gering, ja sie schien mir beinahe unüberwindlich, so oft ich recht erwog, wie wenig Leser grade diese Materie zu gewärtigen hat. Denn ich verhehlte mir nicht, dafs von denen, auf die ich allein rechnen durfte, die Antiquare jetziger Zeit beinahe alle diesen Gegenstand auf die Seite geschoben, die Philologen aber als eine irreparable Lücke aufgegeben zu haben scheinen, und die Bauleute keine Notiz davon nehmen. Nachdem ich aber nun endlich einen andern Verleger gefunden habe, fasse ich meinen Vorsatz wieder auf, wovon Sie hiermit eine zweite Folge erhalten; und wenn mich nicht auch dieser wieder sitzen läfst, so bin ich gesonnen heftweise noch weiter damit fortzufahren. Da übrigens nur auf Ihr eigen Begehren diese Unterhandlungen öffentlich geworden sind, so habe ich auf diesem Wege nicht geglaubt, erst weiter Vorfragen zu müssen, ob auch Ihnen selbst noch die Fortsetzung gefällig sey, indem es Ihnen ja völlig frei steht, falls Sie Ihre Aufmerksamkeit so gänzlich anderswohin gewendet hätten, dafs dieser Gegenstand Ihnen gar nicht mehr wuchtig geblieben w r äre, meine Hefte ungelesen zur Seite zu legen, mir aber hinlänglicher Anlafs zur Fortsetzung meiner Arbeit ist, wenn unter den andern, die nun einmahl Theil daran zu nehmen aufgefordert sind, ich auch nur Einen annehmen darf, der ein Verlangen nach dem Weitern trüge. Ich leugne nicht, dafs ich eben so gut auch die Briefform hätte unterlassen können, da, was ich liefre, eher Abhandlungen als Briefen ähnlich sieht; allein was liegt am Namen? und mir hingegen, der ich in den Formen des Styls so ungeübt bin, war es eine grofse Erleichterung, wenn ich mei- !te Gedanken an eine bestimmte Person richten konnte. Es gab aber für mich i. keine bestimmtere, als die des Ueberseizers meines Autors, der so viele Jahre sich ausschliefslich mit ihm beschäftiget hat. Gönnen Sie mir also immerhin, dafs diese Briefe ferner noch unter Ihrer Adresse durchgehn, da ich dadurch doch sicher keinen Mangel an Achtung kann an den Tag legen wollen. Die Eil, mit der ich vor vier Jahren die beiden letzten Briefe des ersten Heftes schreiben mufste, weil ich erst die hier gelieferten zu geben gedacht hatte, die damaligen Verhandlungen aber ein andres forderten, und ich dabei von dem Verleger getrieben wurde, der doch nachher selbst den Druck so lange aufschob, diese hat mich verleitet, über manchen Gegenstand, der dort nicht grade weiter ausgeführt werden sollte, zu flüchtig und unachtsam hinweg zu gehn, wodurch einige Irrungen der Uehereilung und Unreife entsprungen sind, die ich nun in diesem Hefte an ihren Orten gehörig angezeigt und verbessert habe. Eine Irrung aber bleibt mir noch übrig, wozu mich nicht die Uebereilung, sondern allein der Mangel an eigener Ansicht des Gegenstandes, und ein dadurch genöthigtes Verlassen auf die Autorität des Reisebeschreibers verleitet haben. Es ist die Stelle a) über den Concordientempel zu Giogenti, wovon ich, auf die Risse des Houel eingeschränkt, mir so viel vergebliche Mühe gebe, aus der Bestimmung desselben, wahrscheinliche Gründe für die Bogenöffnungen in den Seitenmauern seiner Celle aufzufinden. Freilich hatte ich diesen Houel vorher schon oft genug unzuverläfsig gefunden; allein was bleibt einem übrig, wenn man nur einen solchen zur einzigen Gewähr vor sich findet. Nachher hat Herr Hofrath Hirt mir versichert, wie es keinem aufmerksamen Blick verborgen bleiben könne, dafs dieselben Bogenöffnungen erst in christlicher Zeit durchgebrochen worden sind. Die Verschiedenheit des Materials in den Bogenwölbungen von dem der Übrigen Mauer, sowohl als die moderne Construction in denselben und ihren Pfeilerecken, erlauben hierüber keinen Zweifel. Dieser Tempel war also~ein gewöhnlicher Peripteros, an welchem die Christen, um eine Kirche für ihren Gottesdienst daraus zu machen, erstlich die Intercolumnien des Pteroma zumauerten, und dagegen die Gellenmauern in Schwibbögen öffneten, wodurch sie eine gewöhnliche Kirche mit Mittelschiff und Seitengängen erhielten. Und hätte Houel nur die moderne Mauer in den Intercolumnien mit angegeben, so wäre wahrscheinlich in ihrem ganzen Zusammenhang die Neuerung von selbst in die Augen gefallen. In diesem Hefte nun erhalten Sie meine Auslegung der beiden Ordnungen, und damit wäre dann die Lehre von dem Tempelbau bis auf die Thüren durchgegangen. Darum erlauben Sie mir hier noch einige Zweifel zu erörtern, die zur a) Siehe Seite si de» ersten Heftes. 3 letzten Vollendung meiner Ansicht dieses Gegenstandes gehören. ' Erstlich habe ich im vorigen Heft den Ueberschufs am inneren Tempelhaus über die Länge der Celle und des Pronaos durchweg I3$r zu Treppen angewendet: weil man in den Ueberbleibseln solcher Tempel nur die Stelle der Treppen an ihm erkennt. Derselbe steigtp nicht nur nach der. Art der angewendeten'Säulenstellung, sondern auch mit der Erweiterung der Gattung des Tempels selbst. Das folgt nothwendig aus den Angaben Vitruvs: in jeglichem Dipteros mufs solcher Ueberschufs gröfser werden als im einfachen Peripteros; im Diastylos gröfser als im Systylos u. s. w.; an einem — templum in antis — am Prostylos und Amphiprostylos hingegen ist er bei ihm nicht auszumitteln, und man darf aufs höchste voraussetzen, dafs er es da freistellt ihn anzubringen, wo er für nöthig erachtet werden möchte. Freilich waren an diesen kleinern Tempelgattungen wohl seltner Treppen nöthig: denn wo sollten sie hinlühren, sobald im Innern der Celle nicht Gänge über Säulen angebracht waren? diese aber konnten nur bei ziemlich grofsem Maafsstabe Statt haben. In den meisten Peripteren hingegen können wir wohl solche Gänge über Säulen annehmen, und zwar nicht blofs, wie ich im zweiten Heft angab, um auf das Fufsgestell der Gottheit zu führen; sondern ich bin versichert, dafs auch häufig sie an den längeren Wänden der Celle hinliefen, wenn gleich ihre Säulenstellung nicht wie in den Hypäthren aus zwei Reihen bestanden. Diese forderten nun allerdings Treppen; und eben wegen der Richtung dieser Gänge längs den Seitenwänden finden wir auch die Treppen in den Ecken angebracht, und zwar oft im Pronaos selbst. Allein solche Treppenräume brauchten dann doch nicht nach der Erweiterung der Gattung des Tempels, sondern höchstens nur mit dem Maafsstab zu wachsen: und blofs aus Bequemlichkeit der Eintheilungen dürfen wir nicht annehmen, dafs man diesen Raum habe wachsen lassen. Wäre er nicht mit Erweiterung der Tempelgattung immer nöthiger geworden, so hätte man sicher andre Verhältnisse ausgemittelt. Hingegen finden wir in den Beschreibungen vorzüglich gröfser Tempel oft besonders der Tempel Wärter erwähnt, die in den Tempeln selbst wohnten; solche Wohnung aber forderte einen Platz, der ihr nicht schicklicher als hinter der Gelle angewiesen werden konnte, und mufste nothwendig mit den Treppen in Verbindung stehn, da die Gänge in der Celle wohl vorzüglich wegen der Lampenbeleuchtung angebracht waren, Ferner mufste mit der Gröfse des Tempels das Bedürfnifs nach besonder« Kammern steigen, worin die grofsen Schätze und so viele Geräthe aufbewahrt würden, die nicht immer gebraucht wurden und nicht beständig in der Celle stehn bleiben durften. Jener übrige Raum war mithin wohl in mehr Geschosse einge- theilt, da die beträchtliche Höhe eines Tempels ohnehin für die Wärterwohnung i. allein nicht gelassen werden konnte: und dies wäre dann die zweite Forderung zu Treppen. Ich meine nehmlich annehmen zu dürfen, dafs Prostyle und Amphi- prostyle nur für Gottheiten angewendet werden, die des Orts nicht mit besondrer Devotion ausgezeichnet wurden; weswegen sie denn auch bei weitem die häufigsten seyn mufsten. Für die Schutzgottheiten! der Städte, -*oder die man in denselben mit^ besondrer Auszeichnung verehrte, waren die Periptern bestimmt; und solchen Tempeln, die durch Wunder .und Orakel berühmt worden waren und .eine allgemeine AffLuenz der Völker herbeizogen, wurde in der Folge die Form der Hypäthren und Dipteren zugeeignet. Demzufolge mufste bei den drei ersten £ einfacheren Tempelgattungen^seltner ein Tempelwärter und eine Schatzkammer erfordert werden, bei den andern ;aber fast immer. Dafs wir am Parthenon keinen .Platz für diese Sachen angedeutet finden — denn dafs Stuart das Pronaos für das * Opistodomus nimmt, worin der Schatz aufgehoben wurde.» ist ein zu auffallender Mifsgrilf. Wie schroff auch der Fels der Acropolis seyn mochte, so konnte das kein Hindemifs seyn, die Propyläen überall anzulegen,, wo man sie für dienlich erachtet hätte; da sie nun vollends nach dem Tempel, oder doch zu gleicher Zeit mit ihm erbaut'wunden, so wird man sie ohne Zweifel nicht haben hinter dem Tempel anlegen wollen. Auch sieht man unter jener Voraussetzung nicht ein, wie dort drin die drei Paar Säulen grade zu denselben Verhältnissen und demselben Profil mit den äufsern gekommen wären, da man sie im Innern immer gern ein wenig dünner hielt, sie auch hier auf keine Weise mit denen des Pteroma in Vergleichung gesetzt werden konnten: auch wäre nicht abzusehen, wozu die Schatzkammer der ganzen Höhe des Tempels bedurfte, und dagegen weder Tempelwärterwohnung noch Treppen angebracht worden. — Dafs wir also diesen Platz hier nicht ausmitteln können, giebt keine Bedenklichkeit gegen meine Meinung ? denn aufs er einigen Säulen in der Hinterfronte des Pteroma ist hier alles verfallen. Das Prostylium innerhalb dem Pteroma so wie die Hintermauer der Celle hat Stuart nach Analogie der andern Fronte hinzu gezeichnet. Zu Whelers Zeiten war in dieser Hinterwand eine Nische angebracht, um den Chorsitz bei dem christlichen Gottesdienst aufzunehmen. Und das Prostylium zeichnete Stuart nur hin, weil er diese Seite für die Vorderfronte hielt und meinte, sie dürfe nicht geringer bestellt gewesen seyn, als die er für die Hinterfronte hielt. Allein nichts versichert uns dafs hier wirklich ein Prostylium war, uud diese Säulenweite könnte gar gern zu Wärterwohnung, Treppenraum und einer kleinen • Schatzkammer angewendet gewesen seyn. Der grofse eigentliche Schatz aber lag ohne Zweifel im Tempel der Minerva Polias; und das grofse Opistodomus, was dieser Tempel wirklich hat, und das eben deswegen seinen ei- genen Eingang mit einem besondern Prostylium hinten an der einen Seite des Tempels, und in der Hinterfronte Fenster bekommen hat, dies ist sicherlich die berühmte Schatzkammer, welche die Autoren das Opistodomus der Minerva nennen. Zum andern, so habe ich zwar die irrige Meinung, der Hypäthros habe auch .. 3[. über das Pronaos und über die Gänge des Pteroma und Peristyls kein Satteldach, sondern nur die flache Decke gehabt; im sechsten Briefe wieder zurückgenommen; Allein dafür bleibt mir noch der Zweifel, ob wirklich und ohne Ausnahme das innere Peristyl um alle vier Seiten herumging, wie es alle Ausleger angenommen haben, und auch von mir selbst in den Rissen zum sechsten Brief noch wiederholt worden ist. Sie und mich nehmlich berechtigen dazu die ausdrücklichen Worte Vitruvs e)— sed interiore parte columnas in ciltibuäine duplices remotas a pa~ rietibus in circuiti onem ut porticus p eris tyli orum — allein an dem] einzigen Tempel, (dem grofsern zuPästum) an welchem wir noch mit Sicherheit die Anordnung der inneren Gange ersehn können, laufen sie nur längs der Seitenwände. Wenn sie alle vier Seiten bekleiden sollten, wozu dann die Höhe der Thüre, die innerlich vom Gebälk der untern Säulenreihe durchschnitten wurde und also doch nichts höheres durchlassen durfte, als die Höhe dieser Säulen gestattete? Er erwähnt aber nichts davon, dafs am Hypäthros die Hauptthüre sich nach dem in- nern Peristyl richten solle; welches er doch nicht unterlassen durfte, sobald er nicht haben wollte dafs sie sich, wie an andern Tempeln, nach der äufsern Ordnung richten solle, Auch dafs er die Thüren erst nach Abfertigung aller Tempelgattungen beschreibt, zeigt dafs siefür alle ohne Unterschied gelten sollen; und was Stuart darüberbei dem Parthenon zu Athen muthmafset, ist nur in den Wind gesagt, weil daselbst die Stellung des Peristyls nicht gewifs, die Thüre aber viel zu breit zu so geringer Hohe ist. Sie mufste aber am Hypäthros, so gut wie an andern Tempeln, so hoch seyn als nur immer die äufsere Ordnung erlaubte, und also von innen auch frei bleiben, um das Bild der Gottheit, das doch in solchen Tempeln immer co- lossal war, einestheils in das Haus hinein bringen, anderntheils aber bei offener Thüre, von aufsen ungehindert überschauen zu können. Vitruvs Meinung mufs also seyn, dafs das Peristyl um die drei Seiten laufen und die Thürseite frei bleiben solle, so dafs die Gänge der beiden Seiten durch die an der Hinterwand mit einander communiciren: und darum nur braucht er wohl den Ausdruck — in cir- cuitionem Jedoch vermuthe ich stark, dafs die meisten älteren Hypäthren, und selbst vielleicht das Parthenon, den Säulengang nur an den Seitenwänden hatten. Hat es hingegen seine unbezweifelbare Richtigkeit mit den von Stuart gemeldeten 0 S. Libr. III. Cap. I. pag. 64. d. R. A. 6 Indicationen am Fufsboden des inneren Peristyls, so wäre wohl zu wünschen, dafc wir auch mit mehr Gewifsheit wüCsten, ’ob die von Wheler erwähnte Nische wirklich erst von den Christen in die Hintermauer angebracht worden, oder ob sie nicht vom Ursprung an der Stand der Bildsäule war. Hat es aber seine Richtig- keit mit Whelers Angabe, so könnte doch wohl das innere Peristyl auch längs der Hinterwand gelaufen seyn, da es auch auf der Vorderwand bis an die Thüre hervorgeht. Die Christen hätten es dann so weit niedergerissen als zur Oeffnung ihrer Nische erforderlich war; und eben durch diese Bauanstahen, und auch durch das häufigere Betreten um den Altar, könnten wohl die Indicationen der Circul auf dem Boden verlöscht worden seyn. Oben erwähnter, und in meinem zweiten Briefe d) beschriebener gröfserer Tempel zu Pästum hat die obere Reihe Säulen unmittelbar auf die Architraven der unteren aufgestellt; und an keinem andern können wir meines Wissens aus- mitteln, wie sie sonst wohl gestanden haben möchten, Wäre solche Stellung durchgängig von allen Hypäthren zu erweisen, so müfste ich auf meine dort auf- gestelle Behauptung bestehn, dafs die zwei Säulenreihen doch nur Einen Gang un" ten um den Cellenraum bildeten; denn es ist dann kein versfändiger Platz zu einer — Contignatio — da. Allein das Uebel ist, dafs ich nicht einmal sicher bin, ob sie selbst an dem erwähnten Tempel auch wirklich so geordnet w r aren, oder •ob nicht vielmehr der Zeichner in seinem Aufrifs sie blos nach Muthmafsung also aufgestellt hat, weil er vielleicht, wohl die Architraven auf den Säulen, aber im noch übrigen Schutt keine Fragmente des übrigen Gebälks, sondern nur die oberen Säulen noch gefunden haben mag. Und wäre die Stellung daselbst auch un- bezweifelbar: dürfen wir denn, was dieses, auch sonst noch so regelwidrige Beispiel hierin uns zeigt, als Norm, wonach alle andre Hypäthren zu beurtheilen, oder gar als Absicht Vitruvs annehmen, der grade nur das allerregelmäfsigste angeben will? In seinen Worten ist keine Spur davon da, und auch sonst finden wir in seinem ganzen Werke nichts von einer solchen Anordnung. Aber eine Säulenstellung in zwei Reihen über einander, ohne durch eine mittlere— Contignatio — mit der Mauer in Verbindung gesetzt zu seyn, ist, ich gestehe es, ein wenig mifs- lich und unzuverläfsig: und konnten die bedeckten Tempel einen erhöhten Gaden über ihren Fufsboden haben, warum sollte ihn dann nicht auch der Hypäthros haben und brauchen können? Demzufolge erhielte dann auch die untere Säulenreihe ein ganzes Gebälk wie die oberen, und zwischen diese kämen Brustlehnen. d) Siehe Seite 34 dei eitle« Heftes. Zum dritten, so habe ich im vorigen Hefte e) den Tempel zu Olympia für einen bedeckten Peripteros ausgegeben aus diesen drei Gründen Erstlich konnte ich aus den vom Pausanias angegebenen Maafsen nach den Verhältnissen, die zur Zeit der Erbauung dieses Tempels in Griechenland üblich waren, nicht mehr als einen Hexastylos herausbringen f}: Vitruv aber fordert eine zehnsäulige Fronte. Allein das ist kein hinlänglicher Grund zu leugnen, dafs er ein Hypäthros war, da es mehr Hypäthren gab, die nur fünf Säulenweiten breit waren. Zweitens gedachte ich des Gespöttes über die Grofse des Gottes, der mit der Scheitel an die Decke reichen sollte, so dafs er nicht vom Throne aufstehn konnte: allein ich kann nicht beurtheilen, in wiefern solche Stellen aus dem Griechischen richtig übersetzt werden mögen; es könnte wohl, statt der Decke, von demVelarium die Rede seyn, welches als Schirm über die offene Celle gespannt wurde. Drittens lag mir in der Erinnerung, wie Pausanias g) vom dem assyrischen Vorhang vor dem Bild des Gottes meldet, dafs er nicht, wie in dem Tempel der Diana zu Ephesus, in die Höhe an die Decke gezogen, sondern auf den Boden herunter gelassen wurde: woraus ich folgern zu müssen glaubte, entweder dieser, oder der Tempel zu Ephesus sey ein bedeckter Tempel gewesen; nun war aber letzterer unstreitig ein Hypäthros. Doch auch gegen diesen Grund gilt, was ich gegen den vorigen erinnert habe. Dagegen aber erwähnt Pausanias einer Plinterthüre am Olympischen Tempel; und was er von dem Säulengang in der Celle sagt, liefse sich doch gar wohl auf einen Hypäthros deuten. Kurz ich kann meine Behauptung über diesen Tempel nicht verfechten, auch weifs ich nicht ob unter den verschiedenen Meinungen über die Zeit, da Vitruv gelebt haben soll, irgend eine ibn so spät setzt, dafs er den des Olympischen Jupiters zu Athen in seiner letzten Gestalt gesehen haben konnte. Obgleich die Worte des Pausanias h), da wo er von den Bildnereien am in- nern Fries des Pteroma spricht j „Ueber der Thür des Tempelhauses etc. — und „Ueber der Thür an der Plinterseite etc. — sehr deutlich von Einer Thür im Mittel der Hinterfronte am Tempel zu Olympia zeugen; so glaube ich dennoch nicht, dafs solches durchaus Regel war. Auch sagen Vitruvs Wortei) — e) Siehe d. aten Brief, pag. 27. 1 ) Nehmlich in der Fronte zu fünf und in der Länge zu dreizehn Säulenweiten. g) In Goldhagens Uebersetzung: Elea, pag. C09. h) Ibidem, pag. 601. i) Libr. III, Cap. I. pag, #4, 8 aditusque 'valvarum ex ulraque parte in pronao et postico — nicht bestimmt dasselbe, sondern nur überhaupt, dafs man zu beiden Seiten herein konnte. Das aber konnte auch geschehen durch zwei Thüren an den Enden dieser Fronte, da wo die Treppen lagen, so dafs sie grade in die Seitengänge der Celle führten- Gewifs war dies häufig, und besonders an solchen Tempeln der Fall, wo die innern Colonnaden nur längs den Seitenwanden der Celle liefen; und das Mittel der Hinterwand nahm dann das Bild des Gottes ein. Zum vierten: war das der Fall, so konnte das Bild an dieser Wand wohl auch zu besserm Schutz in einer Nische stehn, wie ich eben beim Parthenon angemerkt habe; war aber die. Hinterthür in der Mitte der Wand, oder ging das Peristyl auch um diese Seite herum, so mufste das Bild frei stehn. So stand es im Tempel zu Olympia, und um es besser abzusondern, war deswegen hinter ihm eine Art von Wand frei und im Bogen um dasselbe herum gezogen, die grade hinter der Statue himmelblau angestrichen war k). Vielleicht dafs auch oft solche Wand wie eine freie Nische um die Gottheit bildete, und also zu besserer Beschü- tzung sich oben zuwölbte, Was beim Pausanias 1) zu Amyklä ein Thron des Apollo genannt wird, scheint so eine Art von freiem Tabernakel für das Bild des Gottes gewesen zu seyn m): und der runde Monopteros scheint eben daher seinen Ursprung zu haben. Denkt man sich ihn in einem Peribolus, so kommt etwas sehr ähnliches heraus wie die Celle eines Hypäthros mit einem Baldachin über die freigestellte Gottheit» k) Ibid. pag. 604. 3 ) Laconica, pag. 405 und folg. m) Gegen den freien Stand des Bildes im Hypäthros hat man mir eingewendet. dafs S'atuen aus Elfenbein und Ebenholz und Gold zusammengesetzt, wie man sie so häufig in den Beschreibungen anuifft, nicht geeignet waren in freier Luft auszudauern. Allem nicht des Velariums zu erwähnen, und zu geschwei- gen, dafs eine blofse Nische sie gegen die Luft gar nicht, und gegen Regen nur schwach zu schützen vermochte; so bedurften grade solche Bilder, die aus Materien zusammengesetzt waren, die im Trocknen, und zwar in verschiedenem Maafse schwinden, einer beständigen Anfeuchtung. So wurde der Jupiter ira tiefliegenden Tempel zu Olympia, nach Pausanias Aussage (Elea, pag. 606,} mit Oel begossen. Hingegen auf der Akropolis zu Athen war dem Bilde dar Minerva, nicht Oel, sondern Wasser zur Erhaltung nützlich. Denn weil die Burg wegen der grofsen Höhe sehr trocken ist, so verlangte die Bildsäule Regen und Thau. Dies dünkt mir ein sichrer Beweis, dafs auch zu Athen die Bildsäule frei stand. Auf dem Capitolium zu Rom war, nach de6 Plinius Aussage, ein Bild des Saturn von Elfenbein inwendig zur Erhaltung ganz mit Oel gefüllt. Zum fünften: war die Hinterthür, wenn sie, wie es zu Olympia gewesen zu seyn scheint, mitten in der Fronte angebracht war, eben so grofs wie die vordere und ihr vollkommen gleich? Das wäre doch nur da angegangen, wo das innere Peristyl auch nicht längs der Hinterwand gezogen w r ar und die Bildsäule doch frei von der Wand abstand: denn wo Hinterthüren in die Seitengänge hinein führten, mufsten sie sich wohl von Noth nach ihrem Säulenmaafs richten. Allein wozu wäre überhaupt jene grofse Höhe dem zweiten Eingang nöthig gewesen? Ich glaube nicht, dafs die Alten diese Zweideutigkeit zwischen Vorder- und Hinterfronte statuirt hätten: und lief, wie ich aus dem Pausanias zu ersehn meine, im Olympischen Tempel das innere Peristyl auch die Hinterwand entlangs; so mufste wohl hier die Thüre sich mit der Hohe der untern Säulen in demselben begnügen. Dies sind die Bemerkungen, die ich über die Lehre von den Tempeln zur gehörigen Vollständigkeit noch nachzutragen nöthig hatte. Jetzt zu der Lehre von den Säulenordnungen, wo ich wohl wünschte dafs, was ich vorbringe, wichtig genug seyn möchte, um Ihre Aufmerksamkeit von Neuem zu fesseln: der Gegenstand verdient sie auf alle Weise. Wie Sie ersehn werden, habe ich nicht nur Vitruvs Lehren und Angaben über die beiden Ordnungen auszulegen und zu erklären , sondern auch seine Theorie über den Ursprung derselben kritisch, nach dem Geist der Kunst, zu untersuchen gewagt; und auf beiden Wegen glaube ich der eigenen Ansichten genug aufgestellt zu haben, um auf einige Aufmerksamkeit rechnen zu dürfen. Allein möchte ich immer nur so viel zu erregen vermögen, dafs ein der Sache gewachsener Mann sich mir entgegen stellen möchte: ich zweifele nicht dafs auch andre als ich allein bei der Debatte lernen könnten. An dem leeren Ruhm, etwas besondres aufgestellt zu haben, ist mir wahrlich nichts, desto mehr aber daran gelegen, dafs in der Baukunst der so lange gänzlich verlassene, und vielleicht nie.recht und ernstlich betretene bessere Weg endlich einmal wieder eingeschlagen werde. Wegen der Entfernung des Druckortes haben sich im ersten Hefte dieser Briefe manche grobe Druckfehler eingeschlichen, wovon ich schließlich die entstellend- sten hier noch anzeigen will. Seite 12. Zeile n. von unten: statt — Amphipronas —- lies: Nachzelle. I 9* 5- von oben: sollte mit den Worten: Die Periptere: ein neuer Paragraph anfangen. 19. 11. von unten: statt — Eustyl. 27 — lies: Eustyl 24 Modul. 2a * 6. von oben: statt — Monastere — lies: Monoptere. IO Seite 23. Zeile 7. von oben: statt — Mariellus —- lies: Marcellus. 3» yon unten: statt — iranstra — lies: Cantherii, 32. lies: zu zwei Pronaen. 3. von oben: statt — das Naos wird — lies: das Pronaos wird. Pseudodipteros — lies: Pseudoperipteros Parthenon — lies: Pantheon (zu Piom) oder — lies: der — fauces — Verschiedenheit — lies: Schwierigkeit, ihre Bogen — lies: ihre Basen, und sie mufste — lies: und so mufste« 29. - 3t>. 56» 41. 45 - 46, 5i. 56 » 10 et 19. v. unten 2. 6. 14. von oben 15. von unten g. von oben f l i ’ wird, pteros, ■om) Fünfter Brief. Über die Jonische Ordnung. N achdem wir nunmehro die Gattungen der Tempel, so wie Vitrnv sie uns nach ihren bedeutenden Verschiedenheiten aufstellt, durchgegangen und zu erläutern gesucht haben; so erlauben Sie mir in derselben Materie sogleich noch einen Schritt weiter zu gehn und Ihnen meine Bemerkungen über seine Construction der Säulenordnungen mitzutheilen, da er selbst sie hauptsächlich in Hinsicht auf den Tempelbau entwickelt. Auf den ersten Anblick möchte es wohl scheinen, als nähme Vitruv vier verschiedene Ordnungen an: die Jonische, die Ko rintische, die Dorische und die Toscanische. Allein genauer betrachtet, so hat fürs Erste die Korinthische nichts Eigenthümliches oder Characteristisches aufzuweisen, aufser allein das Kapitell, welches für sich wohl die Säule selbst auszeichnet, auf keine Weise aber eine besondere Ordnung zu constituiren vermag: als wozu vor allem eine eigenthümliche Construction des Gebälks erforderlich ist. Auch betrachtet Vitruv beide, das Korinthische wie das Voluten-Kapitell, durchgängig als einer und derselben Ordnung zugehörig. Beim Gebrauch des Korinthischen Kapitells behält er alle andern Theile der Jonischen Ordnung bei, ohne sie w r eder der Gestalt noch den Dimensionen nach im geringsten abzuändern: ja sogar die Höhe des Säulenschaftes bleibt in den Verhältnissen der Jonischen Ordnung, so dafs nur die totale Säulenhöhe durch das höhere Kapitell, jedesmal um zwei Drittel der Säulen- dicke, gröfser wird als wo er das ältere Jonische oder Voluten-Kapitell anwendet a). Sodann beweisen auch die Worte, mit welchen er die Beschreibung des letztem anhebt: — capitulorurn ratio* si pulvinala erunt» his etc . — b) „wenn es Voluten-Kapitelle seyn sollen“ — dafs er in derselben Ordnung beide Ar- a) Siehe Lib. IV. Cap. I. gleich Eingang?. L) Lih. III. Cap, III. p. ;i. i 12 ten ohne allen Unterschied verstattet. Zwar scheint es wohl, als wolle er auch in der Dorischen Ordnung dieselbe Abwechselung erlaubenc); doch scheint es auch nur so: denn eigentlich berichtet er blos, als historischesFactum, dafs es Beispiele gebe, wo auf Säulen mit Korinthischen Kapitellen ein Dorisches Gebälk gelegt sey. Aber nach den auf uns gekommenen Resten des Alterthums zu urtheilen, scheinen doch dergleichen Beispiele nicht gar zu häufig gewesen zu seyn, indem meines Wissens sich keines bis auf unsre Zeit erhalten hat. Da er nun sogar in diesem hall an der Säule für sich alle Verhältnisse der Jonischen beibehalten wissen will* so erhellet daraus sattsam, dafs er benanntes Kapitell eigentlich zur Jonischen Ordnung rechnet, und folglich jene Beispiele lediglich als eine Mischung dieser beiden Ordnungen anzusehn sind, keineswegs aber als Beweisthum für noch eine dritte gelten dürfen. Solche Mischung mag nun freilich wohl manchmal Statt gehabt haben: besonders zu Korinth, wo man wahrscheinlich eine Vorliebe für das belaubte Kapitell hatte, da man dort gern dergleichen in Metall ausführte» wozu die Gestaltung, dieses Kapitells sich vorzüglich schickt. Doch scheint es immer als einen Verstofs gegen den reinen Styl angesehn worden zu seyn, weil alle noch bestellende Überbleibsel von Griechischer Baukunst uns diefs Kapitell stets mit einem Jonischen Gebälk gekrönt zeigen. So viel wenigstens ist ausgemacht, dafs nach Vitruvs eigener [Ansicht das Korinthische Kapitell zur Jonischen Säule gehört, und dafs Er von keiner besondern Korinthischen Ordnung wissen will. Die spätere Ausbildung, in welcher wir sie an Römischen Denkmälern erblicken^ ist ihm noch unbekannt, oder er nimmt keine Notiz davon. Höchst wahrscheinlich istVftruv unter den Ptömern der erste Schriftsteller über diese Kunst gewesen, da, wie sie in jeglicher Disciplin immer mit Uebertragung des Griechischen anfingen, so auch Er auf seine Weise nur Griechische Construction lehren will. Hätte er aber noch eine dritte so vollständige Ordnung vor Augen gehabt, die bei einem eigentümlichen Constructionssystem in allen übrigen Theilen dem Reichthum dieses Kapitells entsprochen hätte, wodurch sie in ihren Verhältnissen wenigstens eben so zärtlich und pünktlich wie die Jonische ausfallen mufste: so hätte er wohl schwerlich behaupten mögen, dafs nur in dieser die feinsten Verhältnisse zu finden seyen, wie er in der Vorrede zum vierten Buche thut. Zw 7 ar führt er selbst einen Argelius an, der über die Korinthischen Ebenmaafse geschrieben haben soll, welches auf eine besondere Ordnung hinzudeuten scheint; doch die ganze Verbindung jener Phrase — „Argelius über die Korinthischen Ebenmaafse und den Jonischen Tempel Äsculaps zu Thralles, welchen er selbst erbauet haben ) Lib. IV. Cap. I. gleich Eingangs. soll“ d) — zeiget dafs er eben bei Veranlassung dieses Tempels von jenen Verhältnissen handelte: und es ist daher eher zu glauben, dafs derselbe Tempel Säulen mit solchen Kapitellen gehabt habe, als dafs Vitruv eine eigene Korinthische Ordnung annehme. Anderntheils aber scheint auch die Toscanische Ordnung nichts weiter als ein noch übrig gebliebenes Abbild von dem ursprünglichen Zustand der Dorischen Ordnung, oder ihr Aräostylos, zu seyn. Das Kapitell ist wie ein verarmter Entwurf des Dorischen; die Base linden wir ebenfalls in dieser Ordnung wieder: im kleinen Tempel zu Pästum, und in den Propyläen. Auch der Schaft war in der Dorischen Ordnung ohne Entasis, obgleich Vitruv sie ihm beilegt. Der Vorsprung der Deckenbalken über ihr Auflager hinaus kann sie eben so wenig für eine wesentlich verschiedene Ordnung ansehn machen, da solches überhaupt zum gezimmerten Kranz des Aräostylos zu gehören scheint, und da wenigstens aus dem was Vitruv über die Entstehung des Dorischen Gebälks e) beibringt, wahrscheinlich wird dafs auch hier den Triglyphen der Stand im Loth erst an steinernen Kränzungen zu Theil geworden ist, wo bei erhöhter innerer Decke sie die Stelle des Jonischen Frieses zu vertreten haben und eigentlich auch wohl die Auflager für die Deckenbalken der Zelle darstellen. Sonach können wir also mit Fug die Toscanische Ordnung als einen blofsen Aräostylos der Dorischen betrachten. Wollte man aber letzteres auch nicht ein räumen, so bleibt doch so viel ausgemacht, dafs Vitruv für sich, aufser der Toscani sehen nur noch zwei Griechische Ordnungen annimmt: nehmlich die Jonische und die Dorische, und in erster er eine unwesentliche Abänderung durch die Verschiedenheit der beiden Kapitelle, Sein drittes Buch nun handelt von dieser; von jener das vierte. Nachdem er nehmlich das dritte Buch damit angefangen, die verschiedenen Gattungen der viereckigen Tempel überhaupt aufzuzählen, so richtet er gleich im zweiten Ca- pitel sein Augenmerk ins Besondre auf die Jonische Ordnung, und hebt an mit der Bestimmung der verschiedenen Arten von Säulenstellungen in ihr. Mehrere Ausleger haben dieses schon bemerkt; ich sehe jedoch, dafs Sie, mein Herr, solches nicht wollen gelten lassen, sondern der entgegengesetzten Meinung beitreten, dafs die hier von ihm angegebenen Arten von Säulenstellungen für alle Ordnungen ohne Unterschied gelten sollen f). Allein, aufser dem dafs in der Vorrede zum d) Vorrede zum siebenten Buche. *) Lib. IV. Cap. II. b In der Uebexsetzung: zweites Capitel, Anmefkung s). vierten Bach Vitruv ausdrücklich sagt, er habe im vorigen die verschiedenen Gat- tunoen der Tempel, ihren Abweichungen gemäfs — nach den Weisen der Joni- sehen Ordnung — als welche die feinsten Verhältnisse der Modulation gäben, aus einander gesetzt; so steht auch noch solcher Meinung die ganze Anordnung beider Bücher entgegen. Denn zuvörderst giebt er fünf verschiedene Stellungen an, als: den Pycnostylos, den Systylos, den Diastylos, den Aräostylos und den ^Eustylos, dessen Eigenheit darin bestellt, dafs seine mittlere Weite gröfser ist als die andern g). Sodann bestimmt er, im vierten Buche, sehr genau erstlich die Dorischen Säulenstellungen li), deren er zwei annimmt. Dieselben benennt er zwar, der Ähnlichkeit wegen, mit Namen, die er in der Jonischen schon gebraucht hatte: Diastylos und Systylos; allein die Art ihrer Bestim. raung sowohl, als ihr daraus entspringendes Verhältnifs, sind von dem, was er dort festsetzte, ganz verschieden, da in der ersten Angabe der Systylos in seiner Säu- lenböhe zehntehalb Mal die Dicke, der Diastylos neuntebalb Mal bekam; liier hingegen behalten beide die gleiche Säulenhöhe von achtehalb Dicken, und beide Stellungen sind hier eigentlich von der Art des Eustylos, welches dort eine be- sondre Stellung ist. Folglich kann er bei jener frühem Bestimmung die Dorische Ordnung schon nicht im Sinne gehabt haben. Anlangend aber die Toscanische, so beruht die Meinung, dafs auch sie in jener ersten Aufzählung der fünf Stellungen mit begriffen sey, blos darauf, dafs er sagt, der Aräostylos bekomme hölzerne Architraven, und dafs er nachher dem Tos* canischen Tempel eben solche giebt, auch ihre Weiten den Diastylos weit übertreffen. Und allerdings ist auch die Toscanische Stellung ein Aräostylos und zwar, wie ich schon oben bemerkte, der Aräostylos der Dorischen Ordnung: der einzige, welchen Vitruv näher entwickelt. Allein darum kann er doch keinesw'egs unter diesem Namen in jener ersten Aufzählung schon gemeint seyn; denn erstlich nennt er dort jede Weite, die den Diastylos übertrifft, überhaupt Aräostylos, und läfst es völlig in unsrer Wiilkühr, wie grofs wir sie nehmen wollen i); der Toscanische Tempel hingegen hat seine unveränderlichen Weiten, und seine Stellung ist zugleich Eustylos, welches in der ersten Angabe bei der gelassenen Wiilkühr gar nicht anzunehmen ist. Zweitens giebt er im dritten Buch dem Aräostylos eine Säulenhöhe von acht Durchmessern, der Toscanisehen Säule aber giebt er nur sieben: und zum Ueberflufs noch wird der Toscanische Tempel erst nach g-) Lib. irr. Cap. II. h) Lib. IV. Cap. III. i) I.ib. III. Cap. II. den Dorischen beschrieben, recht wie zur Andeutung, dafs er als ihr Aräostylos angesehn werden solle. Dafs übrigens jeder Aräostylos durchweg das gleiche gedrückte Ansehn behalten müsse, wie Vitruv an denselben rüget, bleibt wohl ge- wifs, auch bei Jonischen Säulen, da jedenfalls bei der verhältnifsmäfsig grofsen Breite der Fronte, der Giebel gegen die übrige Höhe gehalten, höher ausfällt als in jeder andern Stellung', und das Gebälk, welches Vitruv aller Wahrscheinlichkeit nach aLo construirt wissen will, wie er es an seiner Basilica lehrt, nicht so viel Höhe erreichen kann als sonst: grade wie beides an seinem Toscanischen Tempel der Fall ist. Weswegen er denn auch anführt, dafs man die Giebel an dergleichen Tempeln mit vergoldeten irdenen oder ehernen Statuen zu krönen pflegte — „auf Toscanische Weise;“ — welches er gereimter Weise nicht sagen durfte, sobald er den Toscanischen Tempel selbst unter jenem Aräostylos verstanden hätte. Es w r äre ja abgeschmackt zu sagen: der Toscanische Giebel soll auf Toscanische Weise mit Statuen besetzt werden: eine Art Yon Geschwätzigkeit, die, wie ich meine nur in modernen Schriften zu finden ist. Sonach wird wohl ausgemacht bleiben, dafs die im dritten Buch aufgezählten fünf Arten von Säulenstellungen ausschliefslich den Jonischen Tempeln angehören: die Dorischen haben deren nur zw r ei, die Toscanische eine, und diese werden im vierten Buche beschrieben. Für jetzt aber wollen wir nur bei dem dritten, und mithin bei der Jonischen Ordnung stehn bleiben. Benanntes Buch nun fängt er mit diesen Worten an. s£&diurn compositio constat ex Symmetria etc . — Dieselben aber übersetzen Sie also: — Die Einrichtung der Gebäude hängt vom Ebenmaafse ab u. s. w. — Mit diesenWor- ten beginnt Vitruv den Theil seiner Lehre, welcher eigens dem Bau der Tempel gewidmet ist; und mithin müfste schon erstlich — cedes > — wenn es auch sonst nicht die gewöhnliche Bedeutung dieses Wortes wäre, doch hier durch Tempel und nicht durch Gebäude übersetzt werden. Zweitens geht die Bedeutung des Wortes Einrichtung auf die innere Vertheilung der Räu- me, — compositio — [aber bezeichnet gegentheils die Zusammensetzung der äufsem Gestalt eines Gebäudes, den Aufrifs, an. Diesem zufolge schlage ich vor also zu übersetzen: — Der Aufrifs der Tempel beruht auf das Eben- maafs k). — Dieses, sagt er dann, entspringt aus der Proportion oder dem Ver- t) Gleicher Weise mufs im Ersten Buch folgende Stelle des zweiten Capitels — ffcec eomponiiur ex quan- titate, quce grcece "«ron js dieitur. — Alsc^ heifsen: -*• Dieselbe (die Anordnung — ordinatio —) erhält ihre Vollendung durch die Grofsartigkeit (Grandiosität) welche die Griechen sr Storni nennen. — Dan» hältnifs, welches die Griechen Analogie nennen; das Verhältnifs aber erklärt er durch die — Commodulalio , Die Commodulation bedeutet nehmlich nach unsers Autors eigener Erklärung, die gegenseitige Bestimmung aller Theile und des Ganzen in ihren respecti- ven Dimensionen, so dafs wechselsweise eins dem andern, theils zum Maafsstab dient, oder auch das Moment zu seiner Gröfse Bestimmung dar bietet. Solches sucht er dann auch an der menschlichen Gestalt deutlicher zu machen, indem er zeigt, wie jegliches ihrer Glieder ein bestimmtes Theil.von der Länge der ganzen Gestalt mifst, wie auch, dafs in ihr sowohl ein Mittelpunkt, um weichen die ausgestreckten Glieder einen Kreis füllen, als auch in den beiden Totallängen das Kreuz, mithin die beiden Fundamentalfiguren der Mathematik, angedeutet sind. Was er bei dieser Gelegenheit von den Verhältnissen des menschlichen Gliederbaues erwähnt, ist freilich nur eine summarische Audeutung; allein da er es blos als Beispiel anführt, so brauchte er diese, seinem Vorsatz sonst fremde Materie nicht zu erschöpfen. Jedoch bleibt es merkwürdig, dafs er in aller Unschuld die Lehre von den Tempeln mit der Betrachtung der Menschengestalt anhebt. Aus der Anwendung hingegen, die er von dieser Vergleichung auf die Form der Tempel macht, sieht man deutlich, welchen bestimmten Begriff er mit dem Worte — commodulatio —- verband, wenn gleich in der Anwendung er ihr hernach nicht immer streng genug gefolgt seyn sollte. Die Commodulation beteht nun darin, dafs immer eines bestimmten Thei- les Dimension der Maafsstab für ein anderes Theil wird, und zwar nach Angabe eines obwaltenden Umstandes. Sie entspringt folglich aus dem Zusammenhalten dreier verschiedener Gröfsen: derjenigen, welche bestimmt wird; der, die ihr zum Maafsstab dient und welche wir Modul nennen wollen; und der, wodurch jene bestimmt wird, oder dem Regulativ. Die Beschaffenheit, der Zweck und die Stellung jeglichen Theiles, entscheidet welches andre dessen Modul, und welches dessen Regulativ seyn soll* müfste, wie in der oben angeführten Stelle, so auch hier — Sjmmetria — durch E b en mi a fs übersetzt werden; Eurythmia — aber steht jenem entgegen, da erstes auf die Dimensionen, letztes aber auf das Sinken und Steigen der Umrisse geht, auf die gehörige Abwechselung des Graden und Runden, des Hohlen und Rauchigen, des Starken und Femen; und müfste sonach durch Wohlgestalt gegeben werden. — Distribuiio ist besser durch Verth eilung als durch Eintheilung zu geben, weil es lediglich auf die zweckmäfsige Anwendung de» Materials in der Construction geht. Der — Decor — aber müfste eingetheilt werden nach der Aufgabe — — nach dem Ueblichen und nach dem Local. Sonach setzt die Commodulation zwei Maafse verschiedener Gattung voraus; nebmlich die GröCse, die ein gegebener Theil in Verhältnifs zu einem andern gr. gebenen hat, <— ob jener die Hälfte, das Drittel u. s. w. von diesem sey oder umgekehrt — und das Maafs seiner Gröfse nach einem allgemein angenommenen Maafsstab, als Fufs, Elle oder dergl. gemessen. Dieses könnte man die positive, jenes dagegen die respective Gröfse des Theiles nennen. Da erstere oft das nothwendige Regulativ zur Bestimmung der andern abgiebt, so wird es nöthig stets beide vor Augen zu bebaken. Solcher Gestalt ist die untere Dicke der Säulen der eigentliche Modul, sowohl für ihre Höhe, als für die Weiten ihrer Stellung; dagegen aber geben die Weiten das Regulativ, nach welchem die Höhe zu bestimmen ist: denn es ist begreiflich, dafs dieselbe respective Höhe bei ungleichen Weiten auch nicht die gleiche Wirkung hervorbringen kann. Eben so ist die untere Säulendicke der eigentliche Modul für die obere; ihr Regulativ aber liegt in der positiven Höbe der Säule: weil die Wirkung der Verjüngung verschieden ausfällt, je nachdem jene obere Dicke von der untern w r eg und über den Aügpunkt entfernt wird. Aber von dem, was die Neueren Modul genannt haben, weifs Vitruv durchaus nichts; und aus obiger Entwickelung dessen, was Er unter Commodulation verstand, erhellet dafs er auch keinen Gebrauch davon machen konnte, indem solcher eines Theils blos eine müfsige Wiederholung des Maafsstabs ist, wozu man an dem gemeinen Zollstock vollkommen genug hat, andern Theils aber ein Hindernifs wird in der Proportion der Theile die Vollendung zu erreichen, weil er beim Aufrifs die Einwirkung der positiven Gröfse als Regulativs aus den Augen rückt. Gleich in Bestimmung der fünf Säulenstellungen sieht man schon vollständig diesen Begriff vom Ebenmaafs in Ausübung gebracht, da beides sowohl die Weiten als die Höhen der Säulen mit einem gemeinschaftlichen Modul, welches die Dicke ist, gemessen werden, unter einander aber sich gegenseitig reguliren. Es ist an sich vernünftig, dafs die Säulen immer stärker, und der Architrave auf beiden Köpfen stärkere Widerlager zu bieten scheinen, je weiter sie aus einander stehn; und umgekehrt, dafs je schlanker sie sind, je näher sie auch zusammen gerückt werden. Denn das Dünne scheint dem Auge überall schwach; und w r enn es gleich in senkrechtem Stellung, streng genommen, nicht also ist, so bleibt es doch schwankend und unsichern Standes. Das Auge fühlt, dafs bei so kleinerem 3 . Verhältnifs der Base zur Hohe, solch Ding um so leichter umzustürzen wird, und fodert daher dergleichen Stützen näher verbunden zu sehn: damit durch die nahe- re Haltung der Architraven der Abgang der festem Base ersetzt werde. Dies ist zugleich der Grund, warum sowohl die Jonische Säule wegen ihrer Höhe, als auch die Toscanische wegen der Weite ihrer Stellungen, durchaus eine Base verlangen, um sich wenigstens das Ansehn eines breitem Standes zu verschaffen, wessen die an sich dicke, conische und enger gestellte Dorische Säule nicht bedarf. Eine Säule scheint aber allemal stärker, je geringer ihre Höhe in Verhältnifs zum Durchmesser ist; und umgekehrt wird sie immer schlanker, je geringer ihr Durch- »messer in Verhältnifs zur Höhe ist. Nun sind die von Vitruv angegebenen Verhältnisse folgende: — Pycnostylos — Systyios — Diastylos — Aräostylos Weiten “ Modul i-| 2 3 nach Belieben ''JonischZI IO g| 8 Korinth.“ iof iof gf 8f. Höhen Wobei wohl nicht seine Meinung ist, dafs. genau nur diese Maafse der Stellung Statt haben sollen. Vielmehr scheint jegliches, zwischen den beiden äufsersten Grenzen, mögliche Maats gleich erlaubt zu seyn, sobald nur das Verhältnifs der beiden Dimensionen nach dieser Stufenleiter modiflcirt wird. Diese äufsersten Grenzen aber sind hier einer Seits der engste Pycnostylos zu einer Weite von anderthalb Modul, und der gröfste Diastylos zu drei Modul: und von ein und drei Viertel bis drittehalb Modul ginge demnach das Spiel des Systyios. Und da bei der Wahl der Weiten vorzüglich die Möglichkeit, einer Seits des Durchgangs zwischen den Säulen, andrer Seits der Tragbarkeit der Architraven, in Betracht kommt; so stünde wohl die Gröfse der Weiten in umgekehrter Beziehung auf die Gröfse des Maafsstabes. Dem Aräostylos giebt Vitruv durchaus nur acht Dicken zur Säulenhöhe, die Weite mag so grofs seyn wie sie will; und das, weil solches die geringste Höhe ist, die die Jonische Säule vertragen mag. Bei noch geringerer Höhe nehmlich würde das Jonische Kapitell entweder zu plump, oder, wenn man diesem abhelfen wollte, gegentheils zu dünn und mager ausfallen. Auch ist jede Weite, die über den Diastylos hinausgeht, für das Auge ohnehin schon zu grofs, als dafs ihre Verschiedenheit noch einen bemerkbaren Einflufs auf die Säulenhöhe haben könnte. Ueberdem wurde diese Bauart gewöhnlich nur angewendet, wo man die Kosten sparen wollte; daher denn der Baumeister lieber gleich das geringste- Maafs für die Säulenhöhe wählte und es vorzog, sie eher aus einem einzigen, oder doch aus so wenig Blocken zusarninenzusetzen als ihm möglich war, Vertrüge daher die Säule nur eine geringere Höhe, so würde er sie wohl ange- 19 nommen haben. Die giöfst-mögliche Weite scheint jedoch nie die mittlere Weite am Toscanischen Tempel übertreffen zu dürfen: d. h, von Stamm zu Stamm darf sie nie über die Säulenhöhe hinausgehn. Im Eustylos ist die mittlere Weite, wie im Diastylos zu drei Säulendicken, die an den Seiten aber messen nur zwei und ein Viertel; die Säulenhöhe macht er auch gleich der im Diastylos, d. i. zu neuntehalb Dicken Allein ein mittlerer Durchschnitt der Weiten giebt drittehalb Dicken, welches in der aufgestellten Stufenfolge grade zwischen dem Systylos und dem Diastylos hinein pafst: und wenn nur nicht dieselbe Angabe zweimal gleich hinter einander wiederholt würde, und zwar das letzte Mal mit dem ausdrücklichen Zusatz: wie beim Diastylos 1 ); so wäre ich deswegen geneigt hier einen Schreibfehler zu vermuthen, und statt neuntehalb, neun Säulendicken für die Höhe zu lesen. Dann erst fiele die Graduation vollständig aus, also: Diastylos — Eustylos — Systylos — Pycnostylos Modul S§ 9 9I 10 auf die Säulenhöhe. Die Plinthen der Basen nimmt Vitruv zu anderthalb Mal die Säulendicke in Quadrat an. Mithin beträgt die übrige Weite zwischen zwei Plinthen im ZZ Diastylos — Systylos — Pycnostylos. Modul ZZ i§ 1. Da nun zum Durchgang, auch nur für eine einzelne Matrone, doch wenigstens nach Römischem Maafs zwei Fufs erfordert wurden; so folgt dafs schon der Systylos gar nicht mehr anzuwenden war, sobald die Säulenhöhe nicht wenigstens zwanzig Fufs betrug, und der Pycnostylos forderte zum mindesten eine Höhe von dreifsig Fufs: und bei diesem Maafs blieb ihnen doch immer noch der Vorwurf, welchen Vitruv ihnen macht, dafs die Frauen im Durchgehn einander nicht anfassen konnten. Folglich blieb bei einer Säulenhöhe von zwanzig Fufs der Diastylos die einzig schickliche Stellung; erst bei einer Höhe von dreifsig Fufs fing der Systylos an brauchbar zu werden, und zwischen beiden fiel die Anwendung des Eustylos, Der Pycnostylos aber hatte wenigstens eine Säulenhöhe von vierzig Fufs nöthig, wenn er der Forderung Vitruvs entsprechen sollte: welches man nie aus der Acht lassen darf, wenn man seine Anleitung zum Aufrifs der Ordnung richtig beurtheilen will. An den besten Griechischen Ueberbleibseln diefer Ordnung spielt auch wohl darum die Säulenweite meist immer zwischen dem Diastylos und dem Systylos Vitruvs, 1) I.ihr. III. Cap, II. - ' 2,0 - Die hier angegebenen Verhältnisse der Höhen zu den Weiten gelten jedoch lediglich für die Tempel ; an andern Gebäuden will Vitruv aus guten Gründen nur den Diastylos gebraucht wissen. Denn da an prophanen Gebäuden die Säulenstellungen nie nach einem so ungemein grofsen Modul ausgeführt wurden, wie häufig an den Tempeln geschah, die Frequenz, hingegen viel häufiger in solchen Säulengängen seyn mufste; so wurde es wohl nöthig die offenste Weite zu wählen. In diesen Fällen vermehrt er daher die Säulenhöhe um die Höhen der Base und des Kapitells, so dafs sie, mit dem Voluten-Kapitell neun und ein Drittel, mit dem Korinthischen hingegen zehn Dicken beträgt. „Denn,“ sagt er, „an den Tempeln der Götter so 11 en die Säulen mehr Würde, an öffentlichen Flallen und andern Gebäuden hingegen ein leichteres Ansehn haben m). ) Siehe Tat). I. and hieraus mag späterhin leicht die sogenannte Korinthische Base entstanden seyn. So wie sie hier angegeben ist, durfte die Einziehung nicht mehr von der Plinthe getrennt werden; und so blieb für eineFuge nur noch die Linie, durch welche das Pfühl von den Einziehungen gesondert wird. Wollte man aber hier nicht durch das Aufsetzen die obere Lippe zu zerbrechen Gefahr laufen: so mufste man entweder dieselbe ungeziemend stark machen wozu jedoch nicht viel Raum übrig blieb; oder man mufste über ihr eine zurückgezogene kleine Erhöhung lassen, so dafs das Pfühl die Lippe nicht zu berühren kam: und diese wurde dann das Supercilium der Scotia, oder Einziehung genannt. Dadurch gewann man denn auch, dafs die Lippe der unter dem Pfühl zurück tretenden Einziehung besser abgesondert wurde, die jenes sonst zu stark verdeckte: ja, da die Einziehung eigentlich die ursprüngliche Plinthe ist, so konnte es leicht, selbst wenn hier keine wirkliche Fuge fiel, Gebrauch werden sie dennoch anzudeuten. — Supercilium — wäre mithin das, was Newton, wie ich anderswo gerügto), an antiken Jonischen Basen so grundlos für ein scamillus impar —- ausgiebt. Wie Ortiz dies Wort erklärt, ist mir nicht bewufst. Die andre Base nennt Vitruv ■— atticurges —• die Attische, und sie scheint bei ihm den Vorzug gewonnen zu haben. Beim Systylos führt er ausdrücklich an, dafs die Weite zwischen zwei Plinthen grade ihrer Breite gleich bleiht; bei der Jonischen Base aber würde dieselbe Weite gröfser bleiben. Aber diese Breite von anderthalb Säulendicken, die er der Attischen Plinthe in Quadrat zu einer Höhe der ganzen Base von einer halben Dicke giebt, ist auch beträchtlich genug und mufs durch die unnützen Ecken der Plinthe noch auffallender werden. Auch verändert er sie nicht nach dem Regulativ der Weiten, wie die von ihm aufgestellte Definition von der Commodulation zu erwarten berechtigte, indem allerdings der Einfiufs der Base auf den Anschein der Säulenstärke bei einer engern Zwischenweite immer anders ausfallen mufs als bei einer weitern. Ob er übrigens gleich die besondern Ausladungen der Glieder nicht weiter angegeben hat, so scheint es doch seiner Eintheilungsmethode nicht zuwider die Hälfte der ganzen Ausladung für die des obern Randes der Scotia, und die Plälfte der Ausladung des obern Pfühls für die des Saumes am Schaft anzunehmen : und hiernach ist der Rifs entworfen p). o) Im ersten Brief, pj Siehe Tab. II. Die allererste Idee zu einer Base scheint in dem blofsen Pfühl bestanden zu haben. Da aber selbiges in seiner alhnäligen Rückweichung unten keinen scharfen Rand gab, welches die genaue Aufstellung auf den angewiesenen Fleck in etwas erschwerte; so verfiel man bald darauf ihm in dieser Absicht eine Plinthe unterzulegen. Natürlich machte man diese anfänglich gleichfalls rund, weil, sie nicht der Form der Säule folgen zu lassen, kein Grund da war, so wie am Abacus des Kapitells, wo das Auflager der Architraven die winkelrechte Figur herbeiführt. Und so entstand dann aus der nächsten Erweiterung der ursprünglichen Idee die sogenannte Toscanische Base» Bald aber mufste man in vielen Fällen diese Gestalt der Plinthe zu roh finden, und gab ihr deswegen in ihrem Umkreis eine geringe Ausschweifung, wodurch man denn auch am Grund der Base einen etwas gröfsern Durchmesser gewann, ohne doch merklich den Anschein der Schaftsstärke zu beeinträchtigen; und um den hierdurch geschwächten untern Rand wieder zu verstärken, legte man ihm endlich noch ein Leistchen unter. So entstand der Troch ilos oder die Scotia; und es sind annoch Basen von dieser Gestalt vorhanden. Aus dieser Veranlassung der Glieder der Base rührt es her, dafs an den meisten Griechischen Basen das Pfühl nicht wie an den späteren Römischen mit seiner ganzen Ausladung über den Rand der Einziehung heraus läuft, sondern immer etwas, meist sogar ganz, oben auf derselben liegen bleibt. Aber durch diese Ausbildung waren nun die Th eile der Base inniger verbunden und gleichsam mit einander zusammen geschmolzen worden, indem die Spur ihrer Absonderung nun weniger bemerklich blieb, als an der ersten Gestaltung. So konnte man nun diese Base als ein Ganzes betrachten, woran die beiden runden Glieder blos als Begrenzungen erscheinen; und da fing man an, den untern Leisten, als den meist ausgesetzten allmälig zu verstärken, bis er endlich zum untern Pfühl ward: wodurch denn die Atticurges vollendet war, an der wir auch noch das untere Pfühl häufig schwächer als das obere finden. Gleich aber durften sie auf keinen Fall gemacht werden. Es leuchtet wohl ohne Schwierigkeit ein, wie aus der Einen Grundidee alle diese Abweichungen entspringen mufsten, welche im eigentlichen Sinn nicht dieser oder jener Ordnung insbesondre angehören, ja nicht einmal ausschliefslich als Fufs der Säule im Allgemeinen betrachtet werden können; sondern siegehören allem Gestell überhaupt zu, sind Basen schlechthin. Nur nachdem sie schon in ihrer Stufenfolge da waren, wurden sie nach dem Grad ihrer Verfeinerung auch den verschiedenen Ordnungen zugetheilt, so dafs die erste Art der Dorischen, die zweite aber der Jonischen zu eigen fiel. Eben so leicht aber ist nun auch einzu- 4 . sehn, dafs die bis dahin ausgebildete Base eben ihre Vollendung erreicht hatte und nicht weiter mehr umgebildet werden durfte, ohne die Reinheit der Grundidee dabei einzubüfsen, da nur noch müfsige und blos angetragene Glieder hinzugefügt werden konnten. Die unschuldigste unter de^ ferneren Erweiterung/war, etwa da wo das untere Pfühl noch nicht angenommen war, die vielleicht sehr hohe Einziehung durch umgelegte Stäbchen in zwei zu sondern, um ihr so das zu plumpe Ansehn zu benehmen; wodurch man denn das gewann, der Säule, wie schon bemerkt worden, den Anschein einer kühnem Stellung zu verschaffen und die Stärke des Schafts mehr hervorleuchtend zu machen. Vitruv nennt dies vorzugsweise die Jonische, vermuthlich weil er sie nur in Asien angetroffen, hatte; wie er denn auch wohl die andre blos darum Attisch nennt, weil er nur diese in Attica gebraucht fand. Allein eben daraus erhellt schon, dafs jene späterer Erfindung als diese ist. Sonach hätte man meines Bedünkens bei der reinen Attischen Base, ohne untergelegte viereckige, unbequeme und anstöfsige Plinthe verbleiben sollen: was ich von dieser halte, habe ich jedoch schon anderwärts erklärt q). Wie der Architektonische Geist in seinen Plasmen immer nach belebenden Analogien bildet und bilden mufs, welche seinen Construclionen eine Seele gleichsam auf allegorische Weise anhauchen, die dann Symbol seiner selbst wird, so dafs er sich dadurch seinem Werk als einer zweiten Persoii entgegen gestellt findet, die wieder ihn ansprechen will; davon giebt Vitruv ein schönes und merkwürdiges Beispiel in dem, was er vom Ursprung der eigenthümlichen Verhältnisse beider Ordnungen erzählt r). Von beiden, sagt er, sey unter den Griechen die Dorische zuerst, und von langer Zeit her, im Brauch gewesen. — Viele Tempel mögen in der Zeit nach dieser Ordnung im eigentlichen Griechenland errichtet worden seyn, ohne dafs man sonderlich auf Auswahl in ihren Verhältnissen achtete.— Doch, fährt er fort, als endlich die von Athen ausgesandten Jonischen Colonien sich in Asien festgesetzt hatten, und nun Tempel zu erbauen anfingen; so war der erste, den sie unternahmen, der des Pannonischen Neptuns. Diesen errichteten sie noch nach dem gewohnten System, wie sie es in den Dorischen Städten üblich gefunden, welches sie auch darum das Dorische nannten. Allein, weil sie der jungen Hoffnung noch voll mit Liebe an die Werke der Religion gingen, so fingen sie an mit Sorgfalt nach den angemessensten Verhältnissen für einen solchen Bau zu forschen und strebten ihm die schönste Harmonie zu geben. — Als der Gottheit eines gewaltigen, zerstörenden Elements — gefiel es ihnen wohl das q) Im ersten Brief. t) Lib. IV. Cap. I. mächtige und festeGebälk der altenOrdnung beizüb eh alten, das auf seinen Säulen wie auf stämmigen und unerschütterlichen Trabanten ruhn sollte. So verfielen sie denn darauf des männlichen Fufses Spur auszumessen, und als sie fanden, dafs solche das sechste Theil von der ganzen Höhe des Mannes betrug, so wandten sie dies auf ihre Säulen an, und gaben ihnen das sechste Theil ihrer Höhe zur untern Stärke: so dafs die Dorische Säule von nun an der männlichen Gestalt Verhältnifs, Festigkeit und Anstand in den heiligen Gebäuden darstellte. Danach unternahmen sie der Diana einen Tempel zu bauen, und, durch den ersten Erfolg angetrieben, gingen sie auf derselben Bahn weiter zur weiblichen Schlankheit über, und machten die Säulen zuerst ein Achtel ihrer Höhe dick, damit sie ein rankeres Ansehn hätten. Dem Fufs legten sie die Reifen — spirce — (die Base) wie Sohlen unter; und am Kapitell rückten sie die Hörner auf die Vorderseite hervor, dafs sie, wie gelocktes Haupthaar an den Schläfen, rechts und links herabhingen; mit — Cyma- tium — und — Encarpos — aber um die Haare gelegt, (nicht statt der Haare) zierten sie die Stirn. Am Schaft hingegen zogen sie, wie Falten des weiblichen Gewandes, Riefen herunter. Also, setzt er hinzu., ist denn die Erfindung der Säulen nach ihren beiden Gattungen, eines Theils nach dem männlichen schlichten Anstand, und andern Theils nach der weiblichen Schlankheit, Anmuth und Sorgfalt ausgebildet worden s). Es ist Mode geworden über diese Stelle die Achsel zu zucken, als über eine einfältige und müfsige Poeterei. Ich aber bekenne unverhohlen, dafs ich es nicht nur für ein wirkliches und treulich berichtetes historisches Factum halte, sondern auch noch recht schön in diesen Worten deutlich gemacht finde;, wie die Allegorie der Menschengestalt nie die architektonische Bestimmung verdrängte, wie der strenge Gonstructionsgeist bei dem ganzen Spiel immer frei blieb und das ihm zu- gebrachte ruhig zu seinem Homogenum verarbeitete: wie es denn auch seyn mufs- te, wenn anders was Vollendetes und Gediegenes herauskommen sollte. Ein blöderer oder befangenerer Sinn verliert sich im Vorbild, und bringt dann auch ein solch Product heraus, das, ohne doch trotz aller Ängstlichkeit die Allegorie zu erschöpfen, am Ende allen Charakter seiner Bestimmung eingebüfst hat und weder Fisch noch Mensch bleibt. Ich meine aber auch eben so deutlich in diesen Worten Vitravs zu finden, dafs hier gar von keiner ursprünglichen Erfindung die Rede 0 Von dieser Stelle habe ich nur anführen wollen, was zu meinem Zweck gehört; und auch das habe ich nicht wörtlich übersetzt, sondern meine Auslegung zum Theil gleich hinein verwebt, von welcher die Gründe theils sogleich folgen werden, theils aber auch vielleicht auf einem andern Ort weitläufiger aus einander gesetzt werden können. ist, sondern dafs er, wie er von der Dorischen ausdrücklich sagt, von beiden Ordnungen einräumt, dafs sie ihrer Hauptgestaltung nach schon vor dieser Epoche da waren: welches auch wohl seyn mufste, damit der bildende Geist etwas hatte, woran er sich halten konnte, um nicht trunkener Weise sich von der architektonischen Bestimmung ab, in das Spiel der Allegorie zu verlieren. Es waren — nicht etwa blos Stützen, als Träger eines Gebälks, überhaupt — sondern wirkliche zwei, nach verschiedenen Normen gebildete Säulenarten in Uebung, die schon aus einer näher liegenden Analogie entsprungen waren. So sind augenscheinlich alle antike Kapitelle ursprünglich aus der Idee eines Gefäfses entstanden; wozu die uralte Sitte Säulen, oder Gestelle mit Opfergefä- fsen an den Gräbern und vor den Tempeln zu errichten, die erste Veranlassung gegeben haben mochte. Das Dorische Kapitell ist von einer flachen Schale hergenommen, das Korinthische von einem hohen glockenförmigen Gefäfs oder Korb, und das Jonische von einem Krater mit Henkeln. Letzteres mag wohl in den allerfrühesten Zeiten schon, als man noch statt der festen Wände oft blofse Teppiche in den Säulenweiten aufhing, gewählt worden seyn, um dieselben in den Henkeln befestigen zu können. Dadurch kamen die Henkel dazu am Kapitell Krallen oder Hörner genannt zu werden. An dem ausgebildeten Jonischen Kapitell aber ist die Spur der ursprünglichen Henkel annoch an den Mittelgurten der Glockenseite zu finden: und Vitruvs Vergleichung mit den Haarlocken soll nur gelten als Motiv jener Jonier das Skablon. der ursprünglichen Henkel auf die Fronte^des Kapitells vergröfsert hervorzurücken, wo sie ohne den Körper des Gefäfses zu treffen, sich volutenartig in sich selbst krümmen mufsten. Eine zweite Spur von dem Gefäfs, das zum Urbild gedient, liegt in dem schalenförmigen Gliede, welches Vi- truv in der Dorischen Ordnung wenigstens ausdrücklich Echinos nennt, welchec in Griechischer Sprache eine Art Geläfs, und zugleich auch den Boden an allen solchen Geläfsen bezeichnet, die ihn gerundet haben. Auch ist die Verzierung mit Eiern, die eben an diesem Gliede angebracht wurde, wohl am frühesten grade am Boden der Gefäfse üblich gewesen. Hier am jonischen Kapitell nennt er diefs Glied zwar — Cymatium — (ein Weilchen) gleichsam die in Wellen fallende Binde: weil er hier es eben mit einer solchen Binde verglichen haben will, und es bei der beträchtlichen Gröfse der Voluten ohnehin eine ziemlich untergeordnete Stelle einnimmt. Der Hals des Gefäfses aber hat sich in der Mittelfläche der Voluten verloren. Als eine Zierde der Stirn nennt Vitruv airfser dem Cymatium noch die En- carpi, die den Auslegern von jeher nicht wenig zu schaffen gemacht haben. In der nähern Beschreibung seines eigenen Jonischen Kapitells kommt nichts vor, was er mit diesem Namen belegte: derselbe mufs folglich irgend etwas bezeichnen sollen, was am Kapitell nicht für unumgänglich nöthig gehalten wurde. Die meisten Ausleger beruhigen sich zuletzt mit einer buchstäblichen Uebersetzung des Wortes, und nennen das Ding Fruchtschnüre; allein wo wären nun solche angebracht gewesen, und wie? das bleibt immer noch die Frage. So windig und locker, wie unter den Neuern meines Wissens zuerst M. Angelo sie an seinen Kapitellen angebracht hat, konnten sie wohl nie in den Sinn eines Griechen kommen: da selbst er augenscheinlich nur durch den mifsverstandenen Ausdruck Vi- truvs darauf gebracht worden ist. Auch hat man bis jetzt aus dem Alterthum noch kein solches Kapitell aufgefunden. M. Angelo bog seine vier Voluten auf den Diagonalen wie Hörner heraus, wodurch sein Kapitell vier gleiche Seiten bekam, an welchen er gleichmäfsig die Fruchtsehnüre in den Volutenaugen anheften konnte: ein antikes Kapitell bot nur Platz für zwei an; und an einem Eck-Kapitell mufs- ten ihrer gar drei kommen, die ziemlich breit über den Säulenschaft hätten herunterhängen müssen. Und wie sollte in diesem Fall es nun dem Vitruv eingefallen seyn, solches mit einer Stirnzierde oder einem Diadem zu vergleichen? Kurz, die Encarpi waren in der That eine Kopfzierde. Da nehmlich die Jonier bei Ausbildung ihrer Ordnung sich einmal die weibliche Gestalt zum Vorbild gesetzt, und die Voluten auf der Stirn hervorgezogen hatten als zierliche Hauptlocken, zwischen welchen das Cymatium sich als Stirnbinde zeigte; so setzten sie noch einen festlichen Kranz über dasselbe: grade so wie sie ihre Töchter geschmückt zum Tempel der Göttin gehn sahen. Und auch darauf könnte sie etwa eine noch frühere Tempelsitte gebracht haben, nehmlich die, einen ähnlichen Kranz zwischen den Henkeln oder Krallen des noch gefäisartigen Kapitells durchzuwinden, der dann in der That wie eine durch die Henkel gezogene Trage oder Handhabe aussehn mufste, und vielleicht eben daher technisch den Namen — Encarpos — (von der Faust) erhalten hatte. Demzufolge ist das Encarpos ein rundes pfühlartiges Glied über dem Cy- matium, welches wie ein mit Bändern .umwundener Blumenkranz behauen ist. Dieses Glied kann nur auf den beiden Fronten des Kapitells sichtbar seyn, und ist mithin in zwei getheilt: daher der Plural — encarpi. — Der angeführte Dianentem- pel in Jonien hatte also solche Kapitelle, wie die an dem Jonischen Tempel auf der Burg zu Athen, und war der erste, an welchem dergleichen angebracht worden. Ausgemacht hingegen ist, dafs die Encarpi an Vitruvs eigenem Kapitell nicht statt linden: in der Beschreibung desselben geschieht ihrer gar keine Erwähnung; 3<5 und dann fänden sie auch keinen Platz daran, da sie die ohnehin sehr niedrige Yoluteniläche fast ganz verschlingen würden. Demnach besteht selbiges lediglich aus dem Cymatium, der Yoluteniläche und der Platte: und er giebt zwei verschiedene Proportionen dazu an. Die kleinere soll für Säulen gelten, welche bis au fünfzehn Fufs Höhe haben, und mithin sich um ein Sechstel ihrer untern Dicke verjüngen; die gröfsern hingegen ohne Unterschied für alle andern, welche geringere Yerjüngung bekommen. Das Kapitell, als unmittelbar auf die obere Schaftsstärke aufgestellt, auf welche es genau passen soll, kann nicht füglich mit einer andern als dieser Dimension verglichen werden; und demnach ist die obere Säulenstärke zugleich der angemessenste Modul, und enthält auch das eigentliche Regulativ für die Verhältnisse eines Kapitells. Doch Vitruv verliert hier das rechte Wesen der Commodu- lation aus den Augen, und nimmt den untern Durchmesser der Säule zum Modul an. Allein sonach müfste er nun eigentlich für jede mögliche Verjüngung des Schafts ein eigenes Kapitell angeben: denn sein gröfseres kann doch nicht allen gleich gut anpassen. Bei einer Verjüngung von zwei Dreizehntel mufs sogar das kleinere immer noch wenigstens eben so schicklich’ ausfallen als das gröfsere; und so können auch Säulen Vorkommen, deren Kapitelle, um erträglich zu passen, noch gröfser werden müssen, als wie er sie angiebt. Doch jetzt wollen wir die Beschreibung selbst vornehmen, welche nur die kleinere Dimension angeht t). Die Platte, (der Abacus) soll in ihrer obersten Fläche neunzehn Achtzehntel des Moduls in Quadrat messen. — Am gröfsern Kapitell zehn Neuntel; und daraus fliefsen alle andern Abweichungen von selbst her. — Zur Höhe habe das ganze Kapitell — nach der ganzen Höhe der Voluten — „die Hälfte davon.“ — Wie ich sehe, so nimmt man gewöhnlich diese Hälfte von der Höhe des Moduls: wie Sie, mein Herr, es verstanden wissen wollen, ist aus den Worten Ihrer Übersetzung nicht auszumitteln. Allein ohne allen Zweifel verlangt Vitruv die Hälfte von der eben angegebenen Breite der Platte: denn anderswo sagt er, das Kapitell solle in der Höhe bis an den Ring des Schafts ein Drittel Modul messen v), welches auf keine Weise möglich wäre, wenn die totale Höhe desselben nur einen halben Modul betragen sollte, wohl aber wenn sie die halbe Breite der Platte mifst, wie ich nachher zeigen werde. *) Lib. III. Cap. in. p. 71. ▼) Lib. IY. Cap. I. Die Fronten der Voluten stehn enger innerhalb dem obern Quadrat der Platte zusammen um anderthalb Achtzehntel des Moduls, — welche wir lortan Minuten nennen wollen: — das heifst auf jeder Fronte um drei Viertel einer Minute. Folglich bildet die Platte in ihrer Dicke einen unterwärts zurücktretenden Leisten, und die untere Fläche derselben mifst achtzehnthalb Minuten in Quadrat. Von den zehntehalb Minuten der Höhe kommen anderthalb auf die Platte, und die übrigen acht bleiben den Voluten. Folglich kann die Höhe der Platte nur in einem Kropf- oder Kehlleisten bestehn, oder in einem Kehlleisten — Eine — und einem Rand darüber; — eine Halbe Minute hoch; und sie behält keinen platten Streifen, wie die Dorische und Toscanische. Die Höhenlinie, worauf er die Thei- lung vornimmt und welche er von den äufsern Ecken der Platte herabfallen läfst, nennt er Cathetus; was aber wir jetzt so nennen möchten, die Lothlinien, die durch''die Mittelpunkte der Volutenaugen gehn, fallen näher gegen das Mittel der Fronte um anderthalb Minuten, und stehn mithin auf der Fronte aus einander um die doppelte Volutenhöhe, oder um sechszehn Minuten. Fünftehalb Minuten bleiben über dem Mittelpunkt des Auges, und viertehalb darunter; und durch denselben soll die Horizontallinie gezogen werden, welche Vitruv den Di am et er der Volute nennt. Aufser 'diesen beiden winkelrechten Richtungen braucht Vitruv keine weiter zur Aufreifsung seiner Volute; und die dritte Diagonale, welche Newton dazu nothig hat, bezeuget genugsam, dafs er die rechte Methode verfehlt hat. Das Auge dieser Volute hält im Durchmesser nur ein Achtel ihrer ganzen Höhe, und fällt also erstaunlich klein aus. Der Volutenzug selbst besteht durchaus aus völligen Quadranten oder Viertelkreisen, deren Radien immer um eine halbe Minute, oder um den Radius des Auges, von einander abgehn w). Folglich müssen die Mittelpunkte der Umzüge schlechterdings ein Quadrat, eine Minute messend, bilden; und es können auf keine Weise mehr als vier Centra seyn, wovon eins mitten auf den obern, das andre mitten auf den untern Radius des Auges, die beiden übrigen aber aufserhalb desselben fallen. Unter allen Auslegern hat demnach Gold mann zuerst und allein Vitruvs Methode richtig gefafst, und es ■vv) Ich lese nehmlich diese Stelle also tune ab summo tub abaco inc'eptum, in singulis tciraniorum ac- tioriibus dimidiatum oeuli spatium minuatur, donicum in eundem tetrantem, ejui cst super o cula (ni(ht — sub abaco —) veniat — und übersetze sie so: „dann wird mit dem obersten Quadranten unter der Platte angefai gen, und bei jeglichem folgenden immer um den Radius des Auges abgenommen, bis- man auf den Quadranten kommt, der oben an dem Auge schliefst.“ — Nach ihrer Uebersetzung soll der Umlauf schliefsen mit „dem Quadranten, auf welchen die Perpendicularlinie der Platte herabfällt,“ welchem ich aber eben so we 11g einen Sinn abgewmnen kann, als dem gewöhnlichen Text. 52 ist zu bewundern, wie seine Nachfolger nie darauf achten wollen, blos weil er sie weiter ausgebildet und vervollständigt hat. Er bemerkte nehmlich an allen Ueber- bleibseln einen Umzug mehr, als Vitruv seiner Volute gegeben, und daher zog er innerhalb dem ersten noch zwei andere Quadrate; wodurch er, indem nun alle zwölf Gentra aufser einander fielen, zugleich einen etwas bessern Anschein von Verjüngung gewann. Newtons Methode hingegen, so viel Mühe er sich auch damit giebt, verfehlt gänzlich das Ziel. Er gebraucht ein Centrum mehr als er sollte, und dieselben stehen nicht um eine halbe Miuute aus einander, ja sie sind nicht einmal gleichmäfsig vertheilt: wie doch Vitruv beides federt. Daher besteht denn auch sein Zug nicht aus blofsen Quadranten, sondern abwechselnd aus Halbkreisen und Octanten, und es ist sonach gar nicht für Vitruvs Volutenzug zu halten. Perrault setzt das Quadrat also, dafs das Centrum des Augenkreises zugleich Mittelpunkt des Quadrats ist. Allein solches kann nach der Strenge, mit welcher man Vitruvs Sprache nehmen mufs, nicht verstattet werden: denn dafs er aufser dem Cathetus, der zur blofsen Eintheilung der Höhe hinlänglich war, noch eine Lothlinie durch den Mittelpunkt des Auges zieht, w r äre eine Spielerei ohne Sinn, wenn er sie nicht brauchte, um den Volutenzug darauf zu beginnen und zu schliefsen. Bei ihm aber ist jene Linie die Richtschnur für den/Umlauf und, da das erste und letzte Centrum auf sie fällt, zugleich dessen wahrer senkrechter Durchmesser. Auch stehen ferner Perraults übrige Centra, deren er gleichfalls zwölf annimmt, also dafs die Quadranten nicht ununterbrochen in einander überHiePsen können. In dem Vitruvschen Volutenzug beträgt sonach der Radius des innersten Umzugs drei Viertel, der nächste Eine und ein Viertel, der dritte Eine und drei Viertel, der vierte Zwei und ein Viertel, der fünfte Zwei und drei Viertel, der sechste Drei und ein Viertel, der siebente Drei und drei Viertel, und der achte Vier und ein Viertel Minuten; die Totaibreite aber, oder der ganze Di am et er desselben beträgt Sieben Minuten. Die Felder dieser Methode bestehen darin: dafs, wie schon Perrault an der Goldmannsdien tadelte, sie zu sehr nach aufsen hin trägt, indem die Centra dorthinwärts liegen und nicht in der Mitte, und folglich die Volute innerhalb der Lothlinie mit einemmal zu schwach wird: dafs bis auf den allerinnersten Quadranten, wo sie sich plötzlich zuspitzt, die Volutenfiäche durchweg die gleiche Breite von zwei Minuten behält, wodurch sie bei dem so schnellen Anwuchs des Zuges im innern Umlauf sogar breiter als im äufsern erscheint: so wie auch die Goldmannsche und Perraultsche immer noch durch vier Quadranten sich gleich bleibt, statt sich durchaus durch jeden Punkt allmälig zu verjüngen; dafs ihr ein ganzer Umlauf fehlt, da erst aus drei Umschwingungen ihre Vollständigkeit hervorgehn kann; und endlich dafs sie keine innere Umzüge von Leisten und Rändern erlaubt, wie sich bald an ihrem änfsern Saum deutlicher zeigen wird. Es ist zu bewundern, dafs mit allen so oft wiederholten Versuchen es doch noch niemand gelungen ist, eine wesentlich bessere Methode als diese Vitruvsche aufzufinden, da die wahre eigenthümliche so nahe vor Augen liegt, Sie ist dabei, wie von einer echten Methode gefodert werden mufs, so geschmeidig, und jedem Bedürfnis sich anschmiegend, dafs ich sogar nicht verzweifle, durch einen Versuch die gepriesensten antiken Voluten mit derselben herzustellen, und dadurch wahrscheinlich zu machen, dafs die Griechischen Baumeister eine ähnliche Methode befolgt haben. Wenn ich diesen Versuch zu Stande bringe, so behalte ich mir vor in einem andern Briefe Ihnen Rechenschaft davon zu geben. Von der Höhe des Kapitells sollen drei Minuten noch unter x) den Ring des Säulenschafts hinabhängen; im Mittel aber soll das übrige Kapitell, wie schon bemerkt worden, ein Drittel Modul hoch werden. Ein Drittel Modul trifft nun grade auf den Diameler der Voluten, unter welchem noch viertehalb Minuten übrig bleiben. Die Stärke des Rings soll demnach gleich dem Radius des Auges seyn, oder eine halbe Minute betragen, welches ein sechs und dreifsigstel Modul ist. Wollte man nun auch unten über der Base dem Schaft einen Ring anlegen, wie wir solches an manchen Beispielen des Alterthums bemerken, und solchen von gleicher Stärke mit dem obern machen; so betrüge er dann grade ein Drittel von der Stärke des obern Pfühls. Den Saum der Apophygis y) mag man füglich auf zwei Drittel von der Stärke des Ringes ansetzen. x) Ihre Uebersetzung besagt zwar — über den Ring herab; — doch mögen Sie wohl dasselbe darunter verstanden haben, da Vitruvs — infra — Ihnen hierüber keinen Zweifel lassen konnte. y) Siehe Tab. III et IV, — Im dritten Brief habe ich bei Gelegenheit des Toscanischen Kapitells ein wenig übereilt Hirts Uebersetzung des Wortes — Apophygis — durch Saum vor der Ihrigen den Vorzug gegeben: welches ich hiermit zurückneiime. Jenes Wort bedeutet grade den Anlauf, und der Saum heifst beim Vitruv, wo er ihn nennen zu müssen glaubt, — Apothesis. — Da der perspectivische Effect durch den Anla uf hervorgebracht wird, von welchem der Saum nur eine beiläufige und gezwungene Folge ist; so nennt Vitruv immer nur jenen und übergeht diesen. Nachdem aber die lebendige Anschauung dieser Dinge einmal hintangesetzt war, und man überhaupt nicht mehr recht praktisch zu Werk ging; so verfielen die Neuern natürlich darauf, immer nur den Saum anzugeben, weil er im Rifs sich oben und unten abgesondert zeigt, und dagegen den Anlauf zu übergehn. 34 Die Höhe des Cymatium bestimmt Vitmv gar nicht. Die Ausleger finden sich bewogen (lediglich durch die Autorität einiger schlechten Kapitelle aus der Römischen Zeit) der Volutenfläche auch zwischen beiden Voluten durchweg die gleiche Breite von zwei Minuten zu geben, da denn für die Höhe des Cymatium drittehalb* übrig blieben. Allein bei dem beträchtlichen Vorsprung desselben bedeckt es ohnehin schon zu sehr jene niedrige Volutenfläche im Mittel des Kapitells, so dafs dadurch die Voluten selbst an den Seiten gleichsam herabzusinken scheinen und dem Ganzen einen matten Anstand geben. An den schönsten Kapitellen, die wir noch aus dem Griechischen Alterthum besitzen, wächst jene Fläche im Mittel der Fronte um ein beträchtliches an, so dafs ihre Breite unaufhörlich wechselt und ohne Stillstand fortfliefst; welches viel mehr Leben in den Umrifs bringt und unläughar von der Analogie der Haupthaare hergenommen ist. Ob nun Vitruv schon nichts hierüber festsetzt, so meine ich doch, dafs man ihn nicht t aus eigener Willkühr von seinen Griechischen Vorbildern entfernen darf; und ich habe darum zum mindesten die Dimensionen umkeliren wollen, und dem Cymatium zwei Minuten zur Flöhe gegeben, die übrigen drittehalb aber zur Breite der Volutenfläche genommen. Der Vorsprung des Cymatium — vor der Platte — soll den Durchmesser des Volutenauges, betragen: d. h. Eine Minute. Solches aber ist von der untern Schärfe der Platte aus zu rechnen; denn setzt man den angegebenen Vorsprung vor die obere Breite derselben hinaus, so wird die Ausladung des Cymatium gar zu ungeheuer. Und dafs dem also seyn solle, wird sich sogleich erweisen. „Die — Axes — der Voluten dürfen in ihrer Breite den Durchmesser des Auges nicht überschreiten; und die Volutenfläche selbst soll also ausgehölt werden, dafs ihre Vertiefung das zwölfte Theil ihrer Breite (d. i. ein Sechstel einer Minute) betrage,“ Diese Zusammenstellung hat verleitet zu glauben, dafs Vitruv unter — Axes — hier den äufsern Saum der Voluten verstehe, welcher auf der Fronte horizontal unter der Platte fortgezogen, auf beiden Seiten den eigentlichen Umlauf der Voluten bildet und an den Augen endigt. Allein dieser Saum kann unmöglich hier gemeint seyn, weil die angegebene Breite für ihn zu ungeheuer ist, da sie die Hälfte der Volutenfläche wegnehmen und ihrer Aushölung nur das widerliche Ansehn einer engen Rinne lassen würde. Auch würde in diesem Fall Vitruv schwerlich den Namen im Plural gesetzt haben, da er immer nur von der Einen Fronte redet, und da giebt es ja nur Einen solchen Saum. So deutet auch die Art, wie er die Tiefe der Aushölung (aus der ganzen Breite der Fläche) bestimmt, darauf, dafs er gegentheils jenem Saum nur eine geringe Breite erlaubt, und sie auch deswegen eben so wenig angiebt, als die Breite der Ränder an der Einziehung der Base. Nach ihm nehmlich soll derselbe so schmal werden, als nur immer das Korn des Gesteins ihn zu hauen erlaubt; und wir können daher das sechste Theil der Flächenbreite, oder ein Drittel einer Minute, als das gröfste Maafs annehmen. Dabei aber ist zu bemerken dafs, da die Volutenfläche durch den ganzen Umlauf sich stetig gleich bleibt, dieser Saum gleichfalls nicht yerjüngt werden darf, sondern aus den nehmlichen vier Mittelpunkten gezogen werden mufs und nur im innersten Viertelkreis zunächst am Auge plötzlich zuzuspitzen ist. Dies ist eben der Grund, warum er gar keine Stärke verträgt, sondern so schwach nur immer möglich gehalten seyn will: und eben darum auch verträgt Vitruvs Volute, wie schon oben erwähnt worden, gar keine Verzierung von. Leist- eben und Lippen, die den Iieitz der Haarlocken so lebendig darstellen. Die Axes hingegen müssen anderswo zu suchen seyn, wslches schon die Gegeneinanderstellung beider Sätze zu erkennen giebt: denn sollten sie jenen Saum bedeuten, so hätte er ja billig sagen müssen: — und der Rest soll ausgehölt werden: statt; — und die Voluten selbst: — wie der Text lautet. Sicherlich bedeuten die Axes die Umschläge der Voluten am Pulvinum oder der Glockenseite : diese können füglicher so breit werden, und ihrer sind auch auf jeder Seite zwei: daher der Plural. Er sagt aber ihre Breite solle den Durchmesser des Auges nicht übertreffen, weil dieses das Maafs für das kleinere Kapitell ist: bei dem gröfsern ist dieses Maafs veränderlich, wie wie wir bald sehn werden, „An den — Pulvinis — oder an der Glockenseite, sollen die Mittelgurte solche Ausladung haben, dafs wenn man den einen Fufs in den Viertheilungspunkt des Kapitells — in Capituli tetrante — stellt und den andern bis an die Peripherie des Cymatium öffnet, beim Herumdrehen diese Gurte berührt werden.“ Hier ist eine zwiefache Schwierigkeit: was wird beabsichtiget, und was ist dieses tetrans» wodurch es erreicht werden soll? Ich erkläre es mir also. Es ist die Rede von der Einziehung der Glockenseite in jeder Richtung, welche folglich sowohl im Plan als im Durchschnitt durch Zirkelschläge bestimmt werden soll. Zu diesem Ende theile man sowohl im Plan als im Aufrifs z) auf der Grundfläche des Kapitells an dem Diameter, welcher die Pulvina durchschneidet, den Durchmesser der obern Schaftsdicke in vier Theile, wodurch man aufser dem Mittelpunkt noch zu beiden Seiten desselben die zwei Viertheilungspunkte _ te- trantes — erhält. Nun sollen, im Plan, der äufsere Einziehungsbogen zwischen den beiden Axes gezogen, den obern Umkreis des Cymatium, der innere aber 2) Siehe Tab. IV. den untern auf dem Diameter berühren; diesen untern Umkreis des Cymatium aber bestimmt Vitruy nichtweiter. Er mufs mit dem des Ringes zusammenfallen, denn diesen dürfen die Gurte nicht bedecken, weil er nicht mehr zum Kapitell gehört; und sobald man hier den Einziehungsbogen zu reifsen weifs, so erhält man dadurch zugleich den Radius dieses Kreises. Man stelle also den einen Fufs des Zirkels in einem der Vertheilungspuncte, und sperre den andern über den Mittelpunkt hinaus bis an das innere Eck der Axes an den Voluten, und ziehe mit solcher Weite die Bogenlinie der innern Einziehung; so wird diese auf dem Diameter den Radius des Ringes geben. Mit derselben Weite, aus einem Punkt auf dem verlängerten Diameter aufser dem Kapitell gefunden, wird der äufsere Einziehungsbogen eben so zwischen beiden Umschlägen gezogen, der dann gleichfalls den obern Umkreis des Cymatium auf dem Diameter berühren wird» Hierdurch also wird erstlich ausgemacht, dafs der gegebene Vorsprung des Cymatium von dem untern Rand der Platte aus genommen werden soll, und nicht vom obern, wo das Pulvinum keinen Raum für seine Einziehung behielte. Zweitens begreift man nun, warum Vitruv für die Breite der Umschläge oder Axes den Durchmesser des Volutenauges als das gröfste Maafs angiebt und das grade seinem kleinern Kapitell zuschreibt. Die Ausladung des Anlaufs am Schalt fällt hiernach grade auf die senkrechte Mittellinie der Volute, und der Ring bildet einen halben Kreis; dieses aber soll bei jedem positiven Maafs der Säule unabänderlich also verbleiben. Wenn nun die innere Einziehung gleichfalls immer auf dem Diameter nur bis an den Umkreis des Ringes herein greifen darf; so müssen die Axes der Voluten immer schmäler fallen, je stärker die obere Dicke des Schafts, oder mit andern Worten, je geringer dessen Verjüngung wird, das heifst, je gröfser das positive Maafs angenommen wird; welches auch der Sache ganz angemessen ist. Ferner soll im Durchschnitt bestimmt werden, nach welcher Bogenlinie sich die Mittelgurte oben unter der Platte zurückziehen. Also setze man auch hier den einen Fufs des Zirkels auf der Grundlinie des Kapitells in den nächsten Viertheilungspunkt, und fasse mit dem andern die Ausladung des Cymatium. Unter der Platte wird auf dieser Seite ein Stäbchen gezogen, welches den Vorsprung derselben deckt. Uebrigens ist noch zu merken, dais Vitruv hier iin Profil, wie bei der Fronte, immer nur den Einen Aufrifs vor Augen hat, auf welchem er alles nachweiset. — Pulvina — sind also bei ihm eigentlich die Glocken oder To ruhen formen zu beiden Seiten der Gurte; und dafs er auch —■ Balthei — im Plural setzt, beweiset sonach, dafs er mehrere Gurte neben einander setzt, deren, nach — 37 — Analogie der Finger einer umgreifenden Hand immer vier seyn müssen: folglich hat er noch nicht an die späterhin üblich gewordene Geländerdockenform gedacht, sondern er bleibt noch bei der altern einfachen Einziehung, wie wir sie an Griechischen Kapitellen erblicken. Wenn nun gleich sein Kapitell nach der eben gegebenen Auslegung unläug- bar bei weitem schöner ausfällt, als es sonst seine Ausleger darzustellen pflegen, so mufs man dennoch bekennen, dafs es noch sehr weit hinter dem Ziel der Vollkommenheit zurückbleibt. Aufser dem schon oben gerügten Fehler, dafs es wegen der unrichtigen Wahl des Moduls sich nicht gleichmäfsig an jegliches Verhältnifs des Schafts anfüget; aufser dem etwas matten, und gleichsam lahmen, Ansehn, welches ihm aus den ärmlichen Voluten, denen die stetige Verjüngung der Volutenfläche gebricht, die an den schöneren Griechischen Kapitellen ein so reges Leben in den Umlauf derselben bringt, und aus der geringen Breite jener Fläche im Mittel der Fronte entspringt, die zusammen mit dem Vorsprung des Cymatium verursacht, dafs das ganze im Aufrifs auf der Axe zu schwach und an den Enden dagegen schwer und hängend erscheint; aufser dem unfehlbar zu kleinen Auge, das sich nicht nach dem Regulativ des positiven Maafses abändert und folglich bei geringerer Säulenhöhe zuletzt gar unansehnlich werden mufs, ohne dafs jedoch dadurch die Volutenfläche, aus Mangel der Verjüngung, im Umlauf am Anschein der Breite gewinnen mag; aufser all diesen Mängeln ist es offenbar noch im Ganzen zu niedrig, trägt die kleinlichen Voluten zu weit aus einander, da sie, statt die ganze Breite in die Dreizahl zu theilen, jede beinahe nur ein Viertel derselben messen; und giebt nur auf eigene Kosten dem Schaft ein langes und schweres Ansehn. Unten nur sollte alles angewendet werden, durch die Verhältnisse der Base dem Schaft den Anschein von Stärke und Rankheit zu vermehren; oben ^hingegen soll vielmehr das Gegentheil bezweckt werden: und eben deswegen soll das Kapitell immer höher werden, jemehr die Säule zunimmt sowohl an positiver als respectiver Höhe, und immer mehr Ausladung gewinnen, je geringer die Verjüngung des Schafts wird. Zur Vervollständigung meiner Erklärung der Scamilli impares aa) mufs ich hier noch nachtragen, dafs da Vitruv seine Säulen rückwärts geneigt stellt, und es der Idee solcher Stellung angemessen ist, den obern Ring des Schafts nun nicht waagerecht zu legen, sondern ihn in seinem Diameter der Rückweichung des Schafts folgen zu lassen; so bekäme dadurch das Kapitell ebenfalls eine unmerk- aa) Siehe den ersten Brief. lieh zurückgebeugte Stellung, die von aufsen die Säulenhöhe vermehren, von innen aber die Architrave mehr dem Blick frei machen würde, und welche dann für das Auflager der letzten wieder durch ein keilförmiges- Bänkchen über der Platte (ein wahres scamillus impar —) corrigirt werden müfste. Diesem nach mufs ich, wie ich schon bei jener Gelegenheit that, hier den alten Text gegen Ihre Verbesserung bb) in Schutz nehmen, und lese wie folget; <— CapiLulis perfecliSß deinde in columnarum scapis, non ad libellam sed ita ad ceqvalem moduhnn collocaixda* uti quee adjcctio in slylobatis facta fueritj, in supeiioribus membris respondeat symmetria episLyHorum, Diese Worte übersetze ich also; — „Wenn die Kapitelle fertig sind, sind sie auf die Säulenschäfte zu setzen, und zwar nicht nach der Waage gerichtet, sondern also auf die Neigung der Säule gepafst, dafs ein aufgelegtes Bänkchen, wie auf den Stylobaten geschehen ist, erst mit gleicher Abwägung den darauf liegenden Theilen der Architraven »Wieder entspreche.“ — Ich erkläre ■— ad cequalem modulum — so dafs die obere Fläche des Schafts nicht elliptisch, sondern zirkelrund wie die Grundfläche des Kapitells werden und beide genau auf einander passen sollen. Dafs die erste Veranlassung zu einer solchen Auflage auf der Platte sicher die von mir im ersten Briefe angegebene war, schadet dieser Auslegung nicht; aber Vitruv würde sie nicht hier mit denen an der Stylobata verglichen haben, wenn er nicht auch hier ein wirkliches — scamillus impar — gemeint hätte. Unser Autor regulirt die Höhe seiner Architrave nach der positiven Höhe der Säulen: und das mit vollem Recht. Denn aufser dem optischen Grund, welchen er für sein Verfahren angiebt, so fodert auch die Befriedigung des Auges noch, dafs die Architrave immer höher werde, je breiter sie in ihrer Lagerfläche wird; und nicht nur das Auge, sondern auch die Gesetze der Schwere fodern dies. Die positive Säulenhöhe ist also das eigenthümliche Regulativ für die Höhe der Architraven; und da ihre verschiedenen Dimensionen mit einander in Verhältnis» gesetzt werden sollen, so wäre wohl ihre schon bestimmte untere Breite selbst, welche immer gleich der obern Säulendicke seyn soll, der eigentliche Modul für die andern. Doch Vitruv macht lieber gleich die Säulenhöhe zum Maafsstab für die bb) Lib. III. Cap. III. pag. jpg. — 39 ~ Architrave. Beträgt jene nicht über fünfzehn Fufs, so soll diese zwar nur die Hälfte der untern Säulendicke zur Höhe haben; nachher aber, wenn die Säulenhöhe von fünfzehn bis auf zwanzig Fufs wächst, soll die Architrave zur Höhe ein Dreizehntel von jener erhalten; wächst sie weiter bis auf fünf und zwanzig Fufs, so soll die Architrave hoch werden Ein Theil von dreizehnthalb derselben u, s, w, In dieser Stufenleiter ist nun freilich das erste Glied aufs er dem Verhältnis: denn in diesem beträgt die Höhe der Architrave nur ein Siebenzehntel aer Sau- lenhöhe- Doch der wesentliche Fehler liegt darin, dafs im ersten Glied die Flöhe der Architrave offenbar, auch an sich betrachtet, zu gering ist, wahrend am andern Ende der B.eihe es zu einer Säulenhöhe kommen kann, wo die Höhe der Architrave sogar die untere Säulendicke übertrifft. Wenn Vitruv klagt, dafs beim Diastylos die Architraven so leicht brechen, so mufs das um so mehr zu befürchten seyn, je weniger Strebekraft die Flöhe der Schwerktaft der Breite entgegen zu setzen hat. So ist für die Tragbarkeit die tauglichste Lage die, welche wir auf die hohe Kante nennen; und das geringste Verhältnifs, oder das gleichgültige für dieselbe, ist das des Quadrats. Was umgekehrt auf die breite Kante liegend genannt werden könnte, taugt immer weniger zu diesem Behuf, in dem Grad, wie das Verhältnifs der Dimensionen zunimmf. Wenn wir hierzu'.noch in Erinnerung bringen, dafs die gröfseren Weiten für geringere positive Maafse, die engern aber für gröfsere bestimmt sind; so leuchtet ein, dafs*in sämmtlichen die Verhältnisse der Architraven, nicht so gar sehr von einander abw r eichen dürfen, und dafs selbst die, welche die blofse Befriedigung des Auges nach Maafsgabe der positiven Säulenhöhe fodert, solche Grenzen hat, dafs die Höhe der Architrave nie der untern Säulendicke gleich werden, und nie viel unter die obere hinabschwinden darf. Sonach fällt beim Vitruv die Architrave im Diastylos viel zu schwach.» im Pycnos- tylos aber gegen die schwanke Säule leicht zu schwer aus. Die Fronten der Architrave sollen in- und 'auswendig gleich^ gestaltet seyn. Znm Kronleisten soll ein Siebentel der ganzen Flöhe genommen* werden, und eben so viel soll er im Vorsprung haben; die drei Streifen aber sollen sich zu einander verhalten wie — 3 * 4 •' 5* — Wie schon gesagt worden, soll die Breite der untern Fläche gleich der obern Schaftsstärke seyn; in der obern aber bestimmt er diese Breite gleich dem untern Durchmesser des Schafts. Nimmt man nun demzufolge eine Säulenhöhe von zehn bis gegen fünfzehn Fufs, welches ein Sechstel Verjüngung giebt; so bleibt für die obere Ausladung der Architrave auf jeder Seite em Zwölftel des untern Durchmessers, oder ein Sechstel von ihrer eigenen Höhe; und jeder Streifen bekommt sonach nur ein Vier und achtzigstel der ganzen Höhe 4 © zum Vorsprung, oder ein Zwölftel von der Höhe der Kronleisten. Nimmt man hingegen die Säulenhölie zu fünfzig Fufs. und zehn Säulendicken an, so dafs also die Architrave eine Säulendicke hoch, und die Verjüngung des Schafts gleich ein Achtel derselben wird; so bleibt der Architrave zur obern Ausladung auf jeder Seite nur ein Sechszehntel, da doch der Kronleisten allein schon ein Siebentel verlangt. Aus dieser Vergleichung springt hervor, dafs Vitruv, wie er vorher nur sein kleineres Kapitell beschrieb , also auch hier nur von seiner kleinsten Architrave redet: an dieser bestimmt er erstlich den Vorsprung der Leisten, also dafs sie, aber nur hier, im Ganzen der Verjüngung des Schafts gleich kommen, und will dann, dafs sie durch alle Dimensionen dieselben Verhältnisse unter sich behalten, ohne dafs sie ferner noch jene Bedingung zu erfüllen hätten. Hier mufs ich um Erlaubnifs bitten, eine Stelle anzuführen, wo, wie ich meine, Ihre Uebersetzung das grade Gegentheil von dem besagt, was der Text aus- drücken will. Es ist folgende am Schlufs des Buches: — Mambra omnia quce supra capitula columnarum sunt futura» id est epistylia* zophori» coronce» lympana» fasbigia» acroteria» inclinanda sunt in frontis sugl cujusque altitudinis parte XII; ideo quod cum steterimus contra fronles » ab oculo Iin eie duas si extensw fuerint » et una tetigerit im am operis partem» altera summam» quce summam tetigerit, longior ßet. Iba quo longior he, ei. fraupt. ‘fsen sie ®ü\iung ^lorun Helices ö sprie- ismetn hier 4 $clinör. sh Ms als h- 'ha sol- sich Bern ge Best haben e noch et- Icktt et aiom rient in Was and ei* afs Sie» t und 47 Sechster Brief. Über die Dorische Ordnung* Ehe Vitruv auf die Angabe der Verhältnisse in der Dorischen Ordnung kommt, läfst er sich ein in eine Theorie über den Ursprung des Gebälks an aller Ordnung welche in mehr als einer Rücksicht zu wichtig ist, als dafs ich sie unbeleuchtet lassen könnte. Schon dadurch, dafs er, um vor häufig begangenen Fehlern zu warnen, sie hier aufstellen zu müssen glaubt, beweist sie, dafs die Bedeutung dessen, was man herkömmlich auszuüben gewohnt war, schon grofsentheils verlohren und zweifelhaft geworden war. Auch zeigt die Art seines Vortrags für sich schon dafs diese Theorie nicht mehr aus reiner Überlieferung herrührt, sondern das Product eines neuen Forschens nach dem Verlohrnen ist 5 und es darf wohl vorausgesetzt werden, dafs die ersten Versuche solcher Art immer durch Willkührlichkeit sündigen werden, und dafs das rechte Wiederfinden erst dann zu erwarten ist, wenn alle Irrwege schon durchlaufen sind. Es wäre sonach in der That zu bewundern, wenn Vitruv hier etwa den rechten Weg eingeschlagen wäre, und es wird wohl niemand befremden, wenn ich grade hier eben so viel Verdacht gegen ihn hege, als ich sonst festes Vertrauen auf seine practischen Lehren geäufsert habe. Er wählt nehmlich eine solche Erklärungsmethod©, die man eine historische zu nennen beliebt hat: das heifst, dafs er den Ursprung in irgend eine Zufälligkeit setzt, die so weit hinauf datirt, dafs sie im günstigsten Fall doch wenigstens zur Hälfte auf Wahrscheinlichkeit angenommen werden mufs, und die Noth- wendigkeit, die jede Kunsttheorie fordert, lediglich in der Blindheit einer müfsigen Nachäfferei sucht; wobei denn nicht einzusehn ist,-wodurch der Kunstgeist endlich genöthigt wurde, grade die Ideenleere Dürftigkeit zu seinem Typus zu erwählen. Nehmlich eben so wie er im zweiten Buch die erste Entstehung aller Architectonik aus zufälligen historischen Factis der rohesten Dürftigkeit deducirt, die zu keiner Evidenz gebracht werden können; so sucht er auch hier wieder ins besondre den Ursprung aller Theile des Gebälks in den Ordnungen, aus dem Zimmeryer- band zu erklären, welchen er für älter als die Steinstructur annimmt. V 48 Zu diesem Behuf nun giebt er zuvörderst eine kurze Beschreibung des Dach- Verbandes, die an sich schon wichtig ist, weil, da sie allem, was von dieser Art bis auf uns gekommen ist, genau entspiicht, sie trotz ihrer Kürze und Beiläufigkeit hinlänglich deutlich, und dennoch noch von keinem Dollmetscher, und auch von Ihnen nicht, gehörig verstanden worden ist. Erlauben Sie mir deswegen diese Stelle, ehe ich weiter gehe, hier durch nähere Auseinandersetzung des antiken Dachverbandes in ihr rechtes Licht zu stellen. Hierbei wollen wir, wie Vitruv selbst thut, immer die Tempelform, als die einfachste Gestalt eines Gebäudes, vor Augen behalten, und die Richtung des Giebels die Breite, die von Giebel zu Giebel aber die Tiefe nennen. Also nach der Tiefe gerechnet, zwischen beiden Giebeln, wurden über, jegliches Säulenpaar, oder wo solche ausgingen, über die Seitenmauern der Zelle in ähnlichen Weiten, das heilst nach der Gröfse des Baues von acht bis zwanzig Fufs aus einander, zuerst die Gebindbalken gelegt, die also nach der Breite, oder parallel mit den Giebeln lagen. Die Stärke derselben mufste sich nach der Gröfse der Spannung, das heifst nach jener Breite richten. Auf nicht mehr als zwanzig Fufs Spannung war ein Fufs zur Balkenhöhe genug, auf sechszig aber zwei; und bei so grofser Spannung kämmte man den Balken aus zwei Stücken zusammen, welches dann eine — trabs everganea — (ein gefügter Balken) hiefs. Solches geschah aber nicht etwa blos, wenn man nicht so langes Holz aus einem Stück haben konnte; sondern es wurde meist immer beobachtet, sobald die Spannung dreifsig Fufs überstieg: weil nehmlich so langes Holz einem zu gewaltsamen Werfen ausgesetzt ist, wobei die Stätigkeit des Daches nicht mehr gesichert bleiben kann. Dies sey vorläufig angemerkt wider diejenigen, welche (Lib. V. Cap. I.) statt — trab es everganece — trab es eternm — lesen wollen: und hiernach müssen auch einige Steilen in meinem zweiten Briefe berichtiget werden, wo derselbe Name irrig angewendet ist a). Aber an allem Holz, welches in waagerechter Streckung tragen sollte, machte man die Stärke nie quadrat, sondern man stellte sie auf die hohe Kante. Zu einem Fufs Höhe war der Balkenkopf dreiviertel Fufs zu zwei Fufs Höhe ein Fufs bis sieben Sechstel breit. Auf jedem solchen Balken wurde aufgerichtet, was wir den Dachstuhl nennen würden, der mit jenem ein Gebin d macht, und auf vier verschiedene Weisen zusammen gesetzt wurde; die wesentlicli^Theile davon waren aber durchweg die Schenkel oder Sparren, die die Bedeckung tragen, und die Firstbalken, die a) Seite xg. Zeile 9. von oben. — Seite 25. Zeile 4. von unten — lind Seite 26. Zeile 14. von oben. — 49 ~ die Gebind zusammen halten. Letztere aber wurden aus Einem Stück nie langer gemacht als von Gebind zu Gebind, wo je zwei durch eine eiserne Klammer zusammen gehalten wurden: und dieses gilt von allen Hölzern, welche dem Firstbalken parallel, nach der Tiefe des Raumes zu strecken waren. Dadurch wurde das schädliche Sperren und Ziehen verhütet, welches aus der ungleichen Beugung der verschiedenen Hölzer nach ihrer Beschaffenheit und Lage mit der Zeit entstehn muff, und zuletzt dann Risse verursacht. War nun die Spannung nur gering, so dafs sie nicht über zwanzig Fufs ging; so w r aren benannte Theile genug zum Gebind, und die Firstbalken wurden dann oben in die Sparren eingeklemmt b). Diese hiefsen — Cantherii c), — jene — Culmina: — und die ersten wurden im Kopf an drei Viertel Fufs hoch genommen. Wurde die Spannung weiter, bis gegen fünf und dreifsig Fufs, so dafs man die Flölzer stärker hätte nehmen müssen; so klemmte man in die Sparren eine Hangsaul ein, welche — Columen hiefs, und auf diese wurden nun die Köpfe der Firstbalken gelegt. Selbige Hangsaul stand aber nicht auf den Gebindbalken auf, sondern schwebte frei über demselben, damit das Gebind Raum behielt sich gehörig zu senken und zu sperren; und sie diente dazu, in ihrem Fufsende zwei Streben einzuspannen, die zu beiden Seiten hinauf nach den Sparren gingen, um diese in ihrer Länge zu stützen; die Balken aber wurden im Mittel mit eisernen Bändern in die Säulen aufgehängt. So brauchte man nun, weder Sparren noch Balken, sonderlich stärker zu nehmen, und der ganze Druck der Last fiel auf die Saul, wodurch das Gesperr noch fester gespannt wurde. Diese Streben hiefsen — Capreoli d). — Stieg die Spannung über vierzig Fufs hinaus, so dafs die Saul länger, mithin wankender wurde; so war die Spannung der Firstbalken nicht mehr hinlänglich für den festen Stand der Gebind, sondern es mufsten die Säulen in ihrem Mittel noch einmal unter einander, und zwar mit gröfserer Festigkeit, verbunden werden. Solches geschah nun vermöge der ■— translra — die wir Spannriegel nennen wollen, und welche aus zwei beisammen laufenden Holzern, nach der Tiefe des Dachs gestreckt, bestanden, zwischen denen die Säulen eingeklemmt standen, und die je zu beiden Seiten derselben durch eiserne Bänder zusammen gehalten wurden. Es versteht sich, dafs da sie nicht ihrer ganzen Länge nach aus Einem Stück sejn konnten, ihre Fugen alterniren mufsten. Dann wurde im Winkel, wo h) Siehe Tab. XII. Fig. 1. c) — Für — Canthclii — von — x*v$r,Xt»t — eia Lastesd. d) Srehe Tab. IX. Fig. i. Sc Tab. XII. Fig. 3. ; * 5o die Sparre aufsteht, über alle Balken bin eine Schwelle gezogen, auf dieser unter jeglichem Sparren eine Strebe hingestreckt, die, mit jenem zusammen laufend, im Mittel desselben sich mit der Strebe aus dem Fufs der Saul begegnete, wo wieder zwischen ihnen einfache Spannriegel nach Art der Firstbalken eingeklemmt wurden: so dafs also die Gebind auf keine Weise wanken konnten. Derselbe Spann riegel aber hiefs — transbrum — davon, weil er durch die Tiefe des Dachs hindurch lief und von einem Gebind zum andern hinüber langte e). Sollte hingegen das Dach noch breiter werden, so dafs die Spannung gegen sechszig Fufs heranwuchs; so wurden die Gebind paarweis gestellt. Es wurden zweifüfsige — trabes everganecie — paarweis um die Dicke der Saul aus einander gelegt, und darauf einfüfsige Sparren gestellt, die in der Giebelspitze nach heutiger Weise sich durchkreuzten. Zwischen jeglichem Paar Sparrengebind wurde die Saul eingehängt, die zwischen die Balken unten durch ging. ^ Ein Bolzen wurde durch die Spitzen der Sparrengebind und durch den Saulenkopf gezogen, um sie zusammen zu halten; ein andrer ging unmittelbar unter die Sparren in ihrem Winkel, und ein dritter unmittelbar unter die Balken, um solche zu tragen, durch die Saul durch, die oben und unten mit einem Ring umschlossen war, und ihr Fufsende hing unter die Decke herunter. Die Streben , welche unter den Sparren hinlaufen, trafen mit einem dritten zusammen, der horizontal zwischen ihnen hinlief und unmittelbar auf die mittleren Spannriegel auflag;, und wo sich diese drei Streben trafen, war ein Paar kleinerer Säulen eingeklemmt, in welche die Balken noch einmal aufgehängt wurden. Die Nebenriegel fielen weg, wogegen die Streben mit Bändern an die Sparren festgehalten wurden; und die Schwellen im Winkel der Sparrenfüfse brauchten hier nicht weiter als you dem einen Balken zu seinem nächsten zu reichen f). So waren die verschiedenen Verbandarten der Dachstühle bei den Alten. Auf diese kamen nun die eigentlichen Träger des Gedecks, die eben daher —- templa — hiefsen und die wir die Streckhölzer nennen wollen. Dieselben liefen parallel mit dem Firstbalken, reichten, wie dieser, nur von Sparren zu Sparren, und richteten sich in ihren Weiten und Stärken nach der Distanz der Gespärre. Das unterste lag noch vor den Sparren auf den Balkenköpfen, in welchen es eingezapft war; die andern aber stützten sich gegen kleine Knaggen, die auf e) Siehe Tab. XI. Fis. s. ' 6 ' CtlL Siehe Tab. X. >vo Fig. 2. die —- Transtra — und Fig. 3. das — Climen — wie sie in einander greifen, jedes besonders gezeichnet sind. den Sparren* vorgenagelt wurden. r Ueber einen kranzlosen Giebel traten sie so weit hervor, als notbig war, um seine Fläche gehörig zu decken. Auf die Streckhölzer endlich wurden die Latten — asseres —> genagelt, die gleichlaufend mit den Sparren so weit auseinander lagen, als es die Breite der Deckziegel erforderte, und ihre Stärke richtete sich nach der Schwere der Bedeckung, 'Wie die Sireckhölzer über den Giebel, so traten diese zur Bedeckung über die Seit’eri- nxauern heraus, sobald dieselben ohne genörigen Kranz blieben; und damit war die ganze . Construction des Satteldachs fertig. Dies Hervortreten aber,’sowohl der Streckhölzer über den Giebel, als der Latten über die Seitenmauern hatte begreiflicher Weise nur am Aräostylos oder an dem ähnlichen Gebäuden statt, und dann wurde der Binnleisten von Metall vom auf die Lattenköpfe angehängt. Hatte hingegen das Gebäude ein von Stein gehauenes Gebälk und mithin auch eineh solchen Giebel, so behielt dieser in seiner Stärke inwendig die Lothlinie der Archi- trave, und hinten an ihn stiefs das Gezimmer an, in welchem er die Stelle des äufsersten Gebinds vertrat, also dafs er mit seinem obersten Rand ein wenig über die Ziegelbedeckung heraustrat; auf den Seiten aber ging dann* die Ziegelbedeckung bis an die Aushölung des Rinnleisten hinab. * ' ' ; "■ ■ . n Die Dachbedeckung selbst konnte zwar nach Verschiedenheit des Materials, das dazu angewendet wurde, (Metall, Marmor oder gebrannte Ziegel) in der Zierf lichkeit der Arbeit und in den Dimensionen von einander abweichen, blieb aber doch im Ganzen bei demselben Constructionssystem, welches das der Ziegelbede- ckung ist. Dieses aber war also beschaffen. Mit rechtwinkligen Deckziegeln — tegula — von Latte zu Latte, und in Kalch dicht an einander gelegt, so dafs sie in beiden Richtungen sich genau trafen, ohne jedoch über einander zu treten, deckte man das Dach eben zu. Die unterste Reihe der Deckziegel hatte am äufsersten Rand eine erhöhte Kante; und an einem über die Mauern heraus tretenden Dache tnufste dieselbe durch Krampen gehalten werden, die an den Latten befestigt waren. Bei einem steinernen Kranz aber fanden sie vor dem Rinrileisten ohnehin genugsam festen Aufstand. Darauf mauerte man die Traufziegel __ imbrices — so dafs die obere Reihe immer um etwas auf die untere herüber trat; und oben erwähnte Kante an den untersten Deckziegeln war eben/ um der untersten Reihe Traufziegel gleiche Lage mit den folgenden zu verschaffen. Diese Traufziegel waren oben etwas breiter als unten und hatten an den Seiten aufgebogene Ränder. Ueber diese Ränder und ihre Fugen wurden endlich die Hohlziegel gereihet, so wie bei uns auf der Firste und den Walmen geschieht. Auf der Firste aber wurde bei den Alten gemauert, so hoch es jene Hohlziegel zur Deckung ihrer Köpfe erforderten, und dieses Gemäuer dann — 5a —? wieder mit waagerecht gelegten. Traut- und übergestülpten ‘ Hohlziegeln gedeckt g). Die ebene Bodendecke aber wurde also constuirt. Die Balken’, so darin verwandt wurden, nannte man — tigna h) — welches wir mit Deckenbalken geben könnten* Sie wurden über Kreuz gelegt, und solches hiefs eine — C0/2- tignatio —- ein Deckennetz, Bei Böden von geringerer Bedeutung, wie an nicht sehr breiten Säulengängen u. d. gl. wurden die — tigna — wohl nur quer über, nach der Breite des Piaumes gelegt, und die Bretter darüber in der andern Richtung, deren Fugen unterwärts durch kleine Leisten gedeckt waren. Aber an Hauptdecken waren anfänglich die Deckenbalken mit den Gebindbalken von demselben Caliber* Zuerst nehmlich wurden diese gelegt; dann wurden die Querbalken, die ihre Köpfe auf die Säulen der Fronten legen, darüber gelegt und in dieselben sägeförmig eingesenkt; über diese wieder nach der Breite die in den Säulenweiten noch erforderlichen, und endlich die letzten Balken wieder nach der Tiefe. Da solcher Gestalt alle Last sich auf die Säulen vertheilte, so behielt das Ganze die gehörige Tragbarkeit; und dies ist diejenige Balkenlage, welche Vitruv an seinem Toscanischen Tempel lehrt. Doch wenn man in der Folge auf gar grofse Spannungen kam, so mufste man bald finden, dafs die alte Anordnung ohne Nutzen eine viel zu grofse Last gab, so lange alle Balken gleiche Stärke behielten. Man unterschied demzufolge nunmehr die Gebindbalken von den übrigen Deckenstücken, gab ihnen nach der Breite des Raums alle erforderliche Stärke um die ganze Decke zu tragen, und die Balken des Deckennetzes konnten nun um so leichter werden. Denn die ersten derselben wurden jetzt von einem Gebindbalken zum andern quer über gelegt, welches wohl nie viel mehr als fünfzehn Fufs Spannung geben konnte, und wenn kein Estrich drüber kam, so brauchten sie nicht einmal einen Fufs zur Höhe. Sie wurden zwischen den Gebindbalken keilförmig eingehängt; und auch die im Netz parallel mit diesen liefen durften nur aus kurzen Enden bestehen. Also hing jetzt die ganze Last auf die Saiden des Daches i). g) Siehe Tab. IX. Fig. i Sc 3 t. Vergleiche auch hiermit in A. Rodens Uebersetzung, Drittes B. Kap. 3. di« Note k). h) Im ersten Heft meiner Briefe (Seite 19, Zeile 4. von. oben **• und S. S 5 * 2 . 4 « "von unten) habe ich »eh* übereilt — tigna,. — und — axes — verwechselt. i) Siehe Tab. XI. Fig, a 3, 53 '<« rer. ’ Co«, wie an r quer ^derii toeran t dem- er6at n di* n San. cli der dt das VitruT rf gar ig oli- i he- iibri- 'tär- ten m bnt* so i Ge- iefen : die 3 .if iebf Dies ist das eigentliche System, wonach die Alten ihre Decken und Dachverband construirten, und welches so richtig und genau auf seinen Zweck berechnet ist, dafs gar nicht abzusehn, wie es hätte sollen aus dem Brauch kommen können. Die Stelle aber, in welcher Vitruv dieser Zimmerverbande gedenkt, wollen wir jetzt näher ansehn: sie lautet also k). „In cedifciis omnibus insuper collocatur materiabio variis vocabulis no- minaba. Ra aubem ubi in nominabionibus iba in re varias haheb ubilibabes , Trabes enim supra columnas eb p ar asb a bas eb anbas ponunbur: in conbignabionibus big na eb axes; sub tectis, si majora spabia sunt, cuhnen (nicht columen: wie Sie richtig bemerkt haben} in summo fasbigio co l u mini s, unde eb columnas dicunbur , eb Iransbra et capr e ol i; si connnoda, culmen (nicht wie Sie lesen — columen) et cantherii prominentes ad ex- tremam subgrundationem , Supra cantherios, temp la; deinde insuper sub tegulas a ss er es iba prominentes, uti parietes projeeturis eorum teganbur. Zuvörderst mufs ich in diesem Text, wie er hier steht, eine obsolete Form rügen, welche ich jedoch nicht habe corrigiren wollen. Es ist diese: — culmcn in summo fasbigio columinis, unde et columnae di cunt ur. — Mich dünkt wenn er auch hätte behaupten wollen, dafs die Säulen der Ordnungen — columnae •— wären genannt worden nach der Dachsaul — columen ; — so hätte er doch sagen müssen: — u. eb columnae nomen brahunb — oder u. e, columnis nomen datum esb — columnae dicunbur — die Säulen werden genannt — läfst immer die Frage übrig, wie sie denn genannt werden? Aber es scheint mir auch gar nicht wahrscheinlich, dafs er hier eine so müfsige Anführung machen wollen über diese beiden Worte, die ohnehin so augenscheinlich dasselbe sind. Erwäge ich dagegen, dafs das — culmen t — um aufzuliegen, wenigstens zweier Säulen bedarf, und dafs er also billig diese. im Plural setzen sollte, wie er mit den — cantherus — thut, die auch nicht einzeln gedacht werden können; so werde ich geneigt also zu lesen: — culmen in summo fasbigio columinum, unde etc. Dann bedeutete es, dafs die Dachsaulen auch Säulen genannt wurden; weil sie nehmlich das — culmen trugen, grade auf dieselbe Weise, wie die Säulen das — epistylium, — Vergleiche ich ferner diesen Text mit Ihrer Uebersetzung, so fällt mir sofort auf, dafs ob Sie gleich so richtig die Verwechselung der beiden Worte — culmen -<■* i in, k) üb, IV. Cap. II. 54 _ unc j colinnen im alten Text bemerkten, Sie doch wieder aus der Acht lie- fsen, wie eben dadurch, weil nun — columen — in das erste Glied hinauf gerückt worden war, es in der Wiederholung im zweiten Gliede wiederum für —. culmen — gesetzt worden: welches freilich den Text sehr verwirrte. — Zweitens bemerke ich , dafs Sie die — trabes, — die beim Vitruv zum Dachverband gehören, mit den Unterbalken, Architraven, (die bei ihm — epistylia — heifsen) verwechseln, welche doch-hiermit gar nichts zu schaffen haben. Grofsentheils hat Ihre Vermengung der Anta mit der Parastata Sie hierzu verleitet 1), die von Hirt sowohl als von mir schon hinlänglich ist bestritten worden. Die — trabes —• aber sind die Gebindbalken, die erst über die Unterbalken gelegt werden; und — supra parastatas — über die Eckpfeiler heifst so viel als von dem einen zu dem andern, also quer über die Breite des Gebäudes m). In derselben Richtung sollen sie auch über die Säulen gelegt werden: das will sagen, dafs sie immer um eine Säuienweite aus einander liegen sollen. Demnach würde meine Ucberse- tzung nun, gegen die Ihrige gehalten, also lauten: ]) Stieglitz: (Archäologie der Baukunst Gr, und R. Th, 1.) übernimmt beiläufig auch das zuwiderlegen, was,Hirt dem Herrn von Rode hierüber entgegen gesteht hatte, wobei er sich aber so vornehm benimmt, dats man, um seine Irrthümer aufzudecken, leicht so viele Seiten verschwenden müfste, als er Worte gebraucht, Was er als Beweis für sich über die Einrichtung der Tempelzellen und Pronaen vorgiebt, ist hoffentlich schon durch meinen zweiten Brief widerlegt. Uebrigens führt er Autoren an, die nicht ganz sagen, was er gern möchte, und die, wenn sie es thäten, hierin von keiner Autorität wären. Seine eigne Meinung ist, dafs Anta der Lateinische und Parastata der Griechische Name sey, die eigentlich dasselbe, oder — wenn man will — oft auch was Verschiedenes bedeutet haben. Ich aber meine, dafs beide Wörter Griechisch sind. Die Seitenmauern des Pronaos hiefsen Antä von — ’xvtxm — „ich komme entgegen: empfange: nehme auf“ — und der Eckpfeiler vor solcher Mauer, der sie schliefst, hiefs Parastata von — «'»gisas ’t> — oder — xxpavftt — „Etwas an, oder vor was anders stellen. *n) Hier mufs ich zwei Irrthümer zurücknehmen, die ich in meinem zweiten Briefe: über die Tempel: begangen habe, Der erste befindet sich: Seite lg. Zeile 3. von oben, des ersten Heftes, wo ich behauptet habe, diese — trabes — wären oft überkreuz gelegt worden; welches aber wohl nie in solchen Fällen wie die dortigen, geschehen ist, sondern nur im Toscanischen Bau, wo — tignum — und — trabs —- gleich waren. Ueberall hingegen, wo G e b i 11 d b al k e n und Deckenbalken von einander verschieden t waren, wurden jene sicher nur nach der Breite des Raumes gelegt, T)er andere Irrthum besteht darin, /yy '■ dafs ich, ich weifs nicht durch welche Uebereilung, die ■— axes —- weiche doch nur Bretter oder Boh- ' len sind, durch den ganzen Brief mit den — lignis — vermengt habe. r 1 Rode. In jedem Gebäude kommt das Zimmerwerk zu oberst zu liegen, Die Benennungen desselben sind verschieden; denn nach- dem mannichfaltigen Gebrauche , wozu solches bestimmt ist, bekommt es auch mannichfaltige Namen. Unterbalken werden über Säulen, Pilaster und (Eckwandpfeiler) gelegt: zu Boden werden Hauptbalken und Bretter gebraucht: beim Dache wird, wenn es sehr breit ist, der Firstbalken oben auf die Spitze der Giebelsäule — colu- merii — w r ovon — columnee — die Säulen, benannt worden ■— angebracht, nebst Spannriegeln und Streben; ist es aber nur mäfsig, blos die Giebelsäule: ferner Sparren, die bis unten an die Dachtraufe herab reichen; über den Sparren D a ch f e 11 e n ; endlich üb er diesen, jedoch unter den Ziegeln, Latten die so weit hervor ragen, dafs durch ihren Vorsprung die Wände geschützt werden. G enelli. An allen Bauten wird zu oberst ein Zimmerwerk aufgelegt, das in seinen Theilen verschiedentlich benannt wird. Dieselben 'aber haben, wie in den Namen, so auch in der Anwendung Ver- scbiedenheit des Zwecks. So werden die Gebindbalken quer über die Säulen, über die Eckpfeiler und über die Seitenmauern gestreckt: zu Deckennetzen hingegen werden Deckenbalken und Bretter gebraucht: im Dache werden, bei gröfserer Spannung, Firstbalken, oben auf die Flangsaulen gelegt, die daher auch Säulen genannt werden, und Spannriegel und Streben angewendet; ist hingegen die Spannung gering, nur der Firstbalken mit den Sparren,- welche bis am Traufrand des Dachs vorlaufen, Ueber die Sparren kommen die Streckhölzer, und endlich unmittelbar unter die Deckziegel, die Latten, unten so weit herausragend als nöthig ist, um mit ihrem Vorsprung die Mauern zu schützen. Deutlicher hoffe ich diese Stelle durch die beigefügten Risse gemacht zu haben, welche den Dachverband der Alten nach Maafsgabe seiner Spannung darstellen. Dem von Ihnen gelieferten Rifs sieht man es an der völligen Zwecklosigkeit der Theile auf den ersten Blick an, dafs Sie ihn einem nagelneuen Architec- ten zu verdanken haben. So war die Zimmerconstruction beschaffen, auf welche Vitruv seine ganze folgende Theorie von der Construction der steinernen Gebälke in den Ordnungen bauet. Dieses stellt er als Vorbild auf, und behauptet, dafs die spätem Steinmetzen solches zu befolgen sich gedrungen gefühlt, und nichts weiter gethan hätten, als nur die Theile desselben, so gut sie konnten, mit dem Meifsel nachzuah- men. Wenn aber in der That die Natur des Steins ihnen so gar keine andern Motive aufdrang, so müfste man doch nun erwarten dürfen, dafs sie in ihrer Nachahmung auch mit Consequenz verfahren wären und nicht ohne Grund ein Theil des Vorbildes vorgezogen und andre dafür unterdrückt hätten: man müfste stringente Gründe anzugeben haben, warum so manche Theile des Zimmerverbands nie in Stein nachgeahmt zu finden; warum hier Ein Theil, dort ein andres ausschließlich nachgebildet worden; und wie es kommen konnte, dafs diese so willkührliche Abwechselung bei einer und derselben Nation zu hinlänglicher Charakteristik werden mochte, um ein solch Gebälk der Einen .Ordnung lieber zuzulegen als der andern. „Nachdem, sagt er, die ältern Zimmerleute an einer ihrer Bauten die über die Mauern hinausragenden Deckenbalken gelegt, dann die Balkenweiten vermauert, und drüber dann Kränze und Giebel, nach ihrer Weise mit sorgfältigerer Zierlichkeit gearbeitet, aufgesetzt hatten; so gingen sie an einem folgenden Bau weiter, und fingen damit an, die heraus ragenden Enden der Deckenbalken nach dem Loth und Leben der Mauern abzusägen, und da solches ihnen noch zu roh dünkte, so hefteten sie vor den abgestutzten Balkenköpfen Täfelchen in der Gestalt, wie jetzt die Triglyphen erscheinen, welche sie mit Wachs überstrichen.“ Er legt demnach auch den Anfang zur Ausbildung der förmlichen Ordnung schon in den Zimmerbau. Allein hier mufs man doch zuvörderst fragen: * wie kamen jene Zimmerleute doch auf die Idee solcher Kränze, wozu in ihrer Constructionsweise gar keine Veranlassung liegt? was mögen sie über das schon vollendete Zimmerwerk noch bedeuten sollen? Und was hilft es, die spätem Steinmetzen vor dem Tadel willkührliqher Erfindungen zu retten, wenn man es nur dadurch vermag, dafs man ihn auf die Zijnmerleute zurück schiebt? War es für jene etwa löblicher, eine solche WiHkührlichkeit nachzuahmen, als sie aus eigenem Vorsatz zu begehn? Ferner: wenn es den Zimmerleuten gefiel die Balkenköpfe abzusägen, deren Vorragung so zweckmäfsig war, um die Mauer zu schützen; so konnte das nur geschehen, in so fern jetzt der eben so vortretende Kranz diese Function übernahm: allein dieser müfste doch nun irgend auf w r as aufliegen? „Darum, fahrt Vitruv fort, liefsen sie jetzt die Sparren über die Balkenköpfe hinaus ragen.“ Wozu nun das? Lag etwa der unnütze Kranz nicht sicherer, und war er nicht bequemer zu befestigen auf den waagerecht liegenden Balken, welche noch obenein näher beisammen lagen als die Sparren, die nach seiner eigenen Angabe nur“über die Säulen, oder in ähnlichen Weiten aufgerichtet wurden? Weiters sollen wir hieran lernen, wie es von ungefähr gekommen seyn möchte, dafs an den steinernen Triglyphen die Dreischlitze gehauen wurden ; doch wie kamen denn nun jene Zimmerleute dazu, ihre Bretterchen also zu kerben? Soll es überall am blofsen - 57 ” Zufall liegen: was hilfts uns dann, ihn immer früher hinauf zu schieben? Vitruv mag wohl recht haben, den von ihm als Toscanisch angegebenen Deckenverband als den altern anzunehmen; allein der andre, wo man die Gebindbalken stärker unterlegte, um die Netzbalken desto schwächer halten zu können, diese so wesentliche Erweiterung des Zimmerwerks, ist doch wohl nicht neuern Ursprungs als alle jene Künsteleien? und wo nicht: wo bleibt denn sein Nachbild; warum ist nicht auch Er nachgeahmt worden? Doch da giebi es noch so manches, worüber diese Frage wiederholt werden müfste. Wie aus den Balkenköpfen die Triglyphen, so sollen nach nnserm Autor im steinernen Gebälk die Mutuli ihren Ursprung aus den Sparrenköpfen herleiten. Nun wollen wir nicht weiter fragen, warum denn die steinerne Decke innerhalb erst über die äufsern Triglyphen liegt, die doch ihre Gonstruction äufserlich andeuten soll. Man möchte uns antworten, dafs es eben nur ein äufseres Trugbild seyn soll, gleichsam eine übergeworfene Maske, die keine wirkliche Uebereinstim- mungmitder innern Construction zu haben braucht, wie etwa die Mus culatur eines Körpers einen aus dem innersten hervorgeh enden Organismus ausdrückt. Ebenso wenigwol- len wir uns dabei aufhalten, dafs solcher Deckenverband grade nur am Dorischen Gebälk naehgeahmt worden, der Jonische Fries hingegen ohne alle Bedeutung geblieben ist; denn dieselbe Hypothese weist uns immer weiter auf den Zufall zurück; es hat nun einmal so beliebt n), Allein wenn auch nur auf den äufsern Schein nachgeahmt werden soll, und wenn man hinterher solche Strenge über die Nachahmung alfectirt; so sollten doch der Mutulen eigentlich weniger seyn, da der Sparrenköpfe doch höchstens nur so viele als der Balkenköpfe zum Vorschein kommen können, indem jedes Sparrengebind doch einen Gebindbalken voraussetzt. Warum sind denn nun noch einmal so viel Mutuli als Triglyphen. Ich weifs wohl dafs, um dieser Einwendung auszuweichen, viele wider den Vitruv in den Mutulen nicht die Sparrenköpfe, sondern die Köpfe der Deckbretter sehn wollen; doch solche Bretter konnten höchstens nur da Statt Enden, wo sie das oberste Gedeck selbst vertraten. Sobald man eine solidere Deckung kannte, (und das mufs doch wohl als eine der frühesten Erfindungen angesehen werden?) so konnte die Schädlichkeit ganzer Bretter statt der Latten nicht unbemerkt bleiben; und n) Durch diese Supposition über die Entstehung des Frieses habe ich mich., oh ich sie gleich gänzlich verwerfe, dennoch verführen lassen, im dritten Brief zu versichern, das Toscauische Gebälk entbehre nicht den Fries; es entbehrt ihn aber allerdings. Das Gebälk dieses Aräostylos ist mit dem zu vergleichen, was man an steinernen Gebäuden ein architravirtes Gebälk zu nennen pflegt. 8 . 58 Vitruv, der seiner Quelle dach näher war, weifs unläugbar nur von Latten zu sagen. So leitet er eben von den Latten den Zahnschnitt in der Jonischen Ordnung her; und um danach seine Hypothese über die Trigiyphen zu beschönigen, widerlegt er sehr ernsthaft die Meinung, dafs sie Fenster vorstellen sollen, womit wohl niemand sie auch nur im Scherz verwechseln konnte: eher wäre einem das bei den Metopen eingefallen. ' Dabei stellt er sich an, als müfsten nach jener Voraussetzung auch die Zähne für Fenster angesehen werden. Allein wenn der Zahnschnitt denn wirklich die Lattenköpfe vorstellt, wie mögen denn diese unter dem Kranzleisten zum Vorschein kommen? Sollten die Zimmerleute, die das Vorbild lieferten, in der That so einfältig gewesen seyn, ihren Kranz über die Bedeckung der Pultseiten des Daches zu legen und so sich auszusetzen, dafs der Regen zwischen beide eindringe? Ferner: wenn in der Dorischen Ordnung, nach Vi- truvs Behauptung, die Mutuli für Sparrenköpfe sollen angenommen werden, wo bleiben denn da die Latten in dieser Ordnung, die so scrupulos ist: warum werden sie selbst in der. Jonischen oft unterdrückt? Doch wenn diese sich einmal von so laxen Grundsätzen erwies, dafs sie die Hauptcharakteristik am Fries unterdrücken durfte; so war wohl auch diese leichtfertige Wechselsucht von ihr zu erwarten, Dagegen aber wird es nun lächerlich, wenn man in einem so willkührli- chen und schwankenden System noch so ernst und streng kritisiren will, wie Vi- truv thut, und behaupten, im Nachbild sollen die Theile genau so auf einander folgen, wie sie im Vorbild geordnet sind, und was hier über einem andern Glie- de folge, dürfe dort nicht unter demselben angebracht werden: wie etwa die Zähne unter die Mutule zu setzen. So sollen nach ihm auch die Griechen festgesetzt haben, dafs über dem Giebelfeld weder Zahnschnitt, noch Mutulen anzubringen seyen, darum, weil Latten- und Sparrenköpfe niemals am Giebel, sondern nur an den Traufseiten zum Vorschein kommen können. Allein so können sie eben so wenig unter dem waagerechten Kranz der Giebelfronte erscheinen: warum werden sie nun dennoch daselbst angebracht? Der blofsen Symmetrie wegen? warum denn nicht aus demselben Grund auch im Giebel? Und endlich wieder, wenn sie so scrupulos zu unterdrücken sind, da wo sie im Vorbild nicht erscheinen, so sollten sie dagegen wieder eben so scrupulos immer und ohne Ausnahme da angegeben werden, wo sie zum Vorschein kommen können und müssen. Doch zu welchem Zweck alle diese ängstliche Nachahmerei? Wenn der Steinmetz sich in der Nothwendigkeit befand, sich ein Vorbild vom Zimmermann zu entlehnen, woher mochte nun wohl dieser das seine wieder genommen haben? u. s. f, Oder sollte etwa in der Natur des Steinmaterials nicht eben so viel Bestimmung zu einer eigenen Gonstructionsweise liegen, als in der des Zimmermate- rials? Nimmermehr wird sich ein menschliches Streben dadurch zur Kunst erheben, dafs sie eine ihr fremde Bedürftigkeit nachahmt: alle Beschränkung einer Kunstäufserung soll in ihr selbst als eigene Nothwendigkeit liegen, und was sie von diesen Schranken aus etwa Fremdes sich zueignet und auf sich bezieht, darf nur aus dem Innern des menschlichen Geistes selbst geschöpft seyn, Aber sobald man nur einmal versucht, einerseits ein steinern Gebälk ganz genau nach irgend einem hölzernen Vorbild zusammen zu setzen, oder gegentheiis irgend ein Haupt- theil aus den vorhandenen da auszumerzen, wo jenes Vorbild dazu berechtigte, und dann sieht, wie sinnleer sogleich das Product ausfällt: so kann man sich nicht länger verhehlen, dafs solche Hypothese gar nicht Statt haben kann: und man mufs sich gestehn, dafs sobald im Gestein auch nur eine Nöthigung läge, so viele Theile des Vorbildes zu unterdrücken, oder zusammen zu schmelzen und grade nur solche darzustellen, der Grund der Construetion in Stein, auch da, wo sie spätem Ursprungs als der Holzbau seyn möchte, nur in solcher Nöthigung allein, und nicht in einem fingirten Vorbild zu suchen sey. Es ist aber zu bewundern, wie allem diesem unerachtet unter allen Lehren Vitravs grade diese von jeher am ernstlichsten und treusten ist aufgenommen worden : eben nur weil sie diese Miene einer historischen Deduction annimmt. Zu allen Zeiten hat sie eifrige Verfechter gefunden, die mit dem possierlichsten Ernst ihr ganzes Leben damit beschäftigten und sich kindisch freuen konnten, so oft es ihnen glückte, aus ihrem hölzernen Vorbild irgend einen Grund heraus zu hngiren, w,arum in den Ordnungen dieses oder jenes Leistchen grade so gestaltet, grade an diesem Ort angebracht seyn sollte. Vor dem Zweifel, wie doch die Griechen darauf verfallen seyn möchten, den echten schönen Kunstweg, auf welchem sie schon die Ausbildung der Säulen selbst zu Stande gebracht hatten, bei dem Gebälk mit einemmal wieder zu verlassen, um einer mechanischen Nachschreiberei nachzuhangen; vor solchem Zweifel sind jene auf immer gesichert, indem sie die ganze Angabe als poetische Schwärmerei, die sie über ihre Kräfte hinauszwingen möchte, schon im voraus verworfen haben. Doch die Griechen haben in der That jenen richtigen Weg nicht verlassen, und die lebendigen Typen, die der ersten Erßndung vorschwebten, blieben ihnen gewifs immer naher, als jene zwecklosen mechanischen Deuteleien. Nicht bei der Construetion der Glieder, auf die er eben mit dauerndem Absichten bedacht war, sondern höchstens nur bei der totalen Gestaltung des einfachen — templum in antis, — als welcher der Kern aller andern blieb, konnte dem Griechen etwa die hölzerne Hütte seiner Voreltern im Allgemeinen beifallen. Ihre genügliche Einfalt mufste er der Würde der Götter angemessen finden, welche das künstliche Bedürfnifs weitläuftiger Einrichtungen eben so wenig mit den verzärtelten Nachkommen theilten, als ihnen mit den rohen Vorfahren 6o dte notlidürftige Einschränkung in Material' und Constraction gemein bleiben sollte. Schwerlich fiel daher einem Griechen je ein, die einzelnen Glieder des prächtigen Tempels, der ihm ein ewiges Denkmal seyn sollte, auf die Theile des Zimmerbaues zu deuten o), desto häufiger aber, bald den Giebel als einen aufffiegen- den Adler, oder als ein Herrscherdiadem, oder auch als eine gedankenvolle Stirn; bald die Metopen als offene Augen, oder die Jonischen Friese als mienenreiche Wangen, den Kranz als Augbrauen, und die Architrave mit ihrer Inschrift als einen redenden Mund anzuschauen: ja, allgemeiner betrachtet, ward ihm die Zelle zum Leib, das Gebälk zum Hals, der Giebel zum Antlitz. Und so wie ■— templum — überhaupt ein Obdach heifst und der Dichter daher den umwölben- den Himmel — templa cceli — nennt; so mufste ihm wieder das Tempeldach immer ein Bild des Himmels seyn, und das Gebälk daher in mehr als einer Hinsicht als das vornehmste Theil an dem Gebäude erscheinen. Also zu jeglicher Constructionsweise ist die Nötbigung in dem Material zu suchen, welches dazu angewendet wird: daneben mag sich dann allerdings eine Analogie zwischen ihnen hervorthun, die jedoch lediglich aus der Gleichheit der Zwecke und keineswegs aus blöder Nachahmung entspringt. Allerdings giebt es auch gemeinschaftliche Maximen, die die eine Ausübung meinetwegen gern der andern mag abgesehen haben, weil sie nehmlich allem Gebild überhaupt zu eigen sind: als z. B. die Verbindung der Glieder unter einander rein und deutlich zu zeigen, wie sie eins aus dem andern nothwendig werden und zusammen die Gestalt des Ganzen motiviren: welches in mechanischer Construction der anatomischen Andeutung im plastischen Gebild entspricht. So wird sich auch in derSteinconstruction ein Spiel der Zufälligkeit hervorthun, welches aus der Möglichkeit, denselben Zweck in gleichem Material auf verschiedenen Wegen zu erreichen, entspringt; allein die Wahl derselben kann doch nie dem Ungefähr überlassen bleiben, sondern iiiufs der hohem Bedeutung, die die Seele des Ganzen macht, dem symbolischen Sinn anheim fallen, welcher sich durch das ganze Gebild aussprechen will. Dieser ist es, welcher die mechanische Construction erst zum Kunstgebikl erhebt, und nur durch ihn werden überhaupt erst zwei Ordnungen in einer und derselben Architectur möglich. Dieser symbolische Sinn nun, auf welchen jede Arehitectur ausgehn muff, um zur Kunst zu werden, kann freilich wohl verschieden seyn : das heilt, es kann verschiedene Architecturen geben. So ist er in der Gothischen Bau- ©) An die Gleichheit der Benennungen mancher Üinge in der Zimmer 1 - und der Steinmetzenkunst, als — epa — metopa — metoche — u. d. gl. soll man sich nicht stofsen; denn natürlich -wird, was in der Ausübung gleiches beabsichtigt, technisch auch gleich benannt werden. kunst ein malerischer, der alle seine Motive gleichsam landschaftlich entwirft; in der Griechischen ist es ein plastischer, der allen seinen Gebilden die Idee der menschlichen Gestalt zura Grunde unterlegt: in jener deuten alle Spiele der Ausbildung auf eine geheime Vielheit, welche drin weben soll, ein Universum ? ^ ein Himmelreich, alle Siicula; in dieser sprechen sie eine innere Einheit aus und gehen hervor wie lebendige Mienen, in denen sich der Menschengeist abspiegelt und die Eindrücke der Aufsenw r elt auf ihn: in jener nimmt die technische Absicht eine physische Neigung an: in dieser behält sie den reinen mathematischen Charakter bei: jene zeigt sich phantastischer, diese verständiger p). Hingegen der Weisen, in welcher in jeglicher Arcbitectur diese Symbolik hervorbricht, mufs es nach der nothwendigen Anschauungsart des menschlichen Gemüths, das sie erzeugt, schlechterdings zwei geben und es können ihrer nicht mehr seyn: das heifst es mufs durchaus zwei Ordnungen, eine Männliche und eine Weibliche, geben: grade wie jede Sprache die beiden Geschlechter haben mufs, und zwar nicht blos in ihren Worten, sondern auch in den einzelnen Klängen, blos als solche betrachtet. Dafs aber die Griechische Architectur, (unter welcher hier nur das Constructionssystem, als Architectur ’ifyxw, und nicht die Einrichtung der Gebäude begriffen werden soll) dieser anerkannten Scheidung, wie in der Ausbildung der Säulen, so auch in der der Gebälke, durchweg getreu geblieben sey: dieses deutlicher zu machen, so lassen Sie uns jetzt wieder zum Anfang zurück kehren, und ins be- sondre die Analogie, die zwischen Stein- und Zimmerconstruction sich ergeben mufste, zuvörderst am gezimmerten Gebälk des Aräostylos aufsuchen. Zuerst also der Toscanische, weil das Deckennetz, welches Vitruv an demselben lehrt, doch wohl das ältere ist. Von der modernen Pfuscherweise, unter allen Balkenköpfen sogenannte Mauerlatten zu strecken, wufsten aber die Alten, wie sich erachten läfst, noch nichts; sondern sie legten ihr Deckengebälk unmittelbar auf die Mauern, Zum sichrem Auflager stellte man nehmlich oben auf der Mauer so viele waagegleiche gehauene Steine, als Gebindbalken kommen sollten; und erst wenn diese auf ihren Lagersteinen geordnet waren, wurden zwischen p) Aus dieser Grundverschiedenheit läfst es sich vielleicht erklären, warum in Landschaftsgemi.lden gewohn- lich die Griechische Architectur einen ausgezeichnetem Effect macht, weswegen auch diese Maler sie lieber anbringen, als die Goihische. Diese nehmlich erscheint wie eine künstliche Landschaft, wie eia künstlicher W ald oder künstlicher Fels , mitten in der natürlichen: jene wie eine freie Person, der Abdruck des Menschen selbst, und mindert also für sich schon einigermafsen das Bedürfnifs menschlicher Figuren in der Landschaft. Ueberhaupt hat wohl die Unterbrechung durch mathematische Linien m Landschaften ihren Beiz eben daher, dafs sie wie Spuren eines besondern Verstandes Sind, der n?fb eige- **m Gesetz in die wilde Natur hindurch greift, denselben die Weiten ausgemauert. Die Eckarchitrave der Seitenfron’e fiel mit ihrem Innern Kopf auf die Platte des Eckpfeilers; so hoch wie dieser Pfeiler und die Säulen waren, wurde die Seitenmauer durchweg aufgeführt, und die Lagersteine für die Gebindbalken auf derselben mufsten folglich wieder gleiche Höhe mit den Architraven bekommen. Auf die Gebindbalken wurden dann die ersten Netzbalken, die nach der Tiefe des Raums laufend ihre Köpfe über die Säulen der Giebelfronten hinaus streckten, eingelegt, auf diese wieder die nach der Breite laufenden die noch fehlten, welche sonach weiter keiner Lagersteine bedurften, weil sie schon in den erstem fest lagen: u, s. w, q) Dann kam die zweite Art, wo das Deckennetz aus schwächeren Kreuzbalken, nur von einen Gebindbalken zum andern, gelegt, und diese dafür nun ^stärker als die anderen genommen wmrden. Man konnte sich nicht lange verhehlen, dafs Balken auf Balken zu schichten, wie im vorigen mit den — tignis — und — epi- styliis geschehen war, nicht zur reinsten Construction gehört: und auch sobald man anhng sein Werk mit Kunstsinn anzuschauen, welcher fordert, dafs jedes sichtbare Glied eine frei gebildete und in sich beschlossene Gestaltung gewinne, und so darauf kam die Architraven mit zierlichen Ivronleisten und Streifen zu schmücken und zu umschliefsen; so mufste es in die Augen springen, dafs dieselben eigentlich nicht zum Gebälk; sondern zu den Säulen gehören, mit denen sie die Unterstützung des Gebälks erst bilden, gleichwie die Mauern. Die Leisten der Architraven wurden demnach £tn den Mauern als Kronsims fortgeführt, die nun dadurch so hoch wie die Säulen mit ihren Architraven wurden, und jene Lage r- steine kamen über diesen Kronsims zu stehn. Da aber die Decke auch über die Säulen in gleicher Höhe fortlaufen mufste, so war man genöthigt, über die hölzernen Architraven die Lagersteine durch hölzerne Pfosten zu ersetzen, die des festem Standes w'egen in jene eingelocht wurden. Diese machte man so stark als es die Breite der Architraven erlaubte, und immer niedriger als dick, damit sie nicht wanken konnten. Das äufserste Gebind über die Frontsäulen machte zugleich den Giebel; und da hier die Netzbalken nur inwendig bis an den Balken dieses Gebinds und nicht über ihn hinaus reichten, so wurde dieser nun blos liegende Balken aufserlich mit einem Kronleisten umkleidet; das Giebelfeld trat nicht mehr über das Loth der Säulen hervor, und die Fronte wurde nun durch den soviel nö- thigern Vorsprung der Streckhölzer des Daches geschützt: und damit war das zweite Gebälk für den Aräostylos der Jonischen Ordnung vollendet, zugleich aber auch das erste Beispiel eines Frieses am Gebälk gegeben, r) q) Siehe Tab. XI. Fig. r. Sieh« Tab, XI. Fig. 8 8c 4 . Als es nachher zum Bau gröfserer Tempel kam: denn erst an den Tempeln hat sich das Bauwesen zur Kunst erhoben; so war das erste Bestreben, was man haben konnte, dahin gerichtet, seinem Werk die grofste mögliche Dauer zu verschaffen. Gern hätte man das Ganze aus Steinen allein zusammengesetzt: und wo man es konnte, wie in dem, an grofsen Blöcken harten Gesteins eben so reichen, als an Piegen armen Egypten, da that man es auch ohne Anstand; in andern Gegenden aber mufste man wohl der Zelle wenigstens seine hölzerne Decke lassen, wenn man nicht wölben w'ollte, welches man, vielleicht noch nicht verstand, gewiss aber verwarf, um nicht zu übermäfsig starken Mauern gezwungen zu seyn; und zum Satteldach nothigte das regenreichere Clima. E.s blieb demnach der Vorsatz darauf eingeschränkt, das alles Zimmerwerk zu seiner gröfsern Dauer vor Nässe und unversehener Feuersgefahr zurückgezogen und beschützt werden sollte: das heifst, man entschlofs sich, die Decken der Pronaen und Peristylien von Stein zu machen: s) und damit kamen die Steinmetzen an die Reihe. Diesen aber mufste ihr erstes Absehen doch wohl vor allem dahin gehn, wie nun solche Decke aus Steinen zusammenzusetzen möglich w r äre; keineswegs aber konnten sie auf eine blinde Nachahmung der Zimmerleute verfallen. Das Maals der Säulenweiten ward also zuvörderst, auf die mögliche Länge tragbarer Architrave von Stein, und die Tiefe der Gänge auf die solcher Platten zur Decke eingeschränkt, welche beiden Grenzen ungefähr gleich befunden werden mufsten. Ueber die also reducirte Tiefe der Gänge konnten sie nun die Decke durch Platten herstellen, welche von der Mauer bis auf die Säulen langten und dicht neben einander gereihet wurden, je eine über jede Säule, und über jede Zwischenweite eine: und weil sie den Vorsprung des Dachzimmers nicht mehr statuiren konnten und diesen also mit eigener Arbeit ersetzen mufsten; so liefsen sie gleich benannte Deckenstücke um das nö- thige vorn über die Säulenreihe herübertreten, und legten dann die Dachrinne auf ihren) vordersten Rand, t) So entstand der Kranz, Aber natürlich mufste die s) Freilich hat dieses Bestreben schon früher, als mit den Decken, bei Mauern und Säulen angefangen, die man als die meist befärdeten lange schon von Stein errichtete, da immer noch die ganz hölzernen Decken beibehauen wurden. Schon die ganze Construction des Daches auf den hölzernen Architraven weiset auf fest stehende steinerne Säulen. Auch hat man nachher noch lange nicht die Aräostyle aufgegeben, so oft mehr auf die Ersparung uer Kosten, als auf die Dauer des Monuments abgesehen wurde. • Ja, die späteste Erfindung an den Tempeln:^ der Pseudodipteros, zeigt, dafs man auf den höchsten Gipfel der Kunst, an sehr grofsen Prachttempeln, wo die Decke des Pteromas schon durch ihre hohe Lage, wenigstens dem Feuer nicht so gleich ausgesetzt war, es vorziehn konnte, um in den Gängen mehr Freiheit zu gewinnen, die eine Säulenreihe wegzunehmen, und dafür lieber die Decke von Holz zu machen. Daher aber auch diese Tempel zuerst zu Grunde gegangen sind; Doch hier ist die Bede vea ersten Anfang der Ausbildung zur Kunst. 0 Siehe Tab, XII. Fig. 2 8c g. Schwierigkeit, oft so lange Deckenstücke aufzutreiben und zu handhaben, sie sehr bald darauf führen, diese nur bis auf die Axen der Säulen gehn zu lassen, und den äufseren Kranz hernach aus anderen Blöcken heran zu schieben; und daraus entstand die erste Forderung für die Dimensionen, dafs der freie Vorsprung des Kranzes nie die halbe Breite der Architrave übertreffen durfte, und die nötJhige Dicke für die Deckenstücke gab die Jiöhe des Kranzes. Danach mufsten sie an letzterm Vorbeugen, dafs nicht der Regen auf der unteren Fläche des Vorsprungs stehen bliebe und da verd ei blichen Schimmel zeugte: daher sie dann, um der yor- dern Kante mehr Schärfe zu geben, damit die Tropfen sich an solchem scharfen Kinn leichter brächen, sich genöthigt sahen, die Grundfläche des Kranzes wieder nach innen in die Höhe zu ziehn, wobei sie noch den Vortheil gewannen, dafs ihr Kranz dadurch vorragender erschien als er in der That war. Die Tendenz zur Parallelität, die der Bauconstruction überhaupt eigen ist, fand keine nähere und angemessenere Richtungslinie für diese Einziehung, als die der Pultseiten des Daches. Bis dahin sind die Steinmetzen also frei von Nachahmung geblieben. Um weiter ihren Deckenstücken selbst die Schwere, so viel nur thunlich war, zu verringern, ohne jedoch ihnen die Tragbarkeit zu rauben, die sie aus ihrer Dicke gewannen; lag ihnen doch sicher kein Mittel näher als das, sie also auszuhöhlen, dafs nach beiden Richtungen in bestimmten Distanzen die ganze Dicke dennoch bestehn bleibe: wodurch dann nothwendig die winkelrechte Form und Richtung der Cassaturen entsprang. Es ist nicht zu läugnen, dafs das Deckennetz des Zimmermanns sie wohl zuerst auf diese Idee bringen konnte, ja schier mufste; jedoch konnte dies nur geschehn, weil sie bei ihm schon vorfanden, wonach sie auf ihrem Wege eben suchten, und worauf sie doch zuletzt auch ohne Vorbild von selbst kommen mufsten; und die hier bemerkte Analogie ist also nicht der Nachahmung, sondern dem Uebereintreffen der Zwecke beider Arbeiten zuzuschreiben. Auch sieht man, recht w r ie zur Beurkundung der Freiheit, mit welcher sie dies Vorbild aufgenommen, sie auch hier das Entlehnte nach eigenem Bedürfnifs modi- ficirten. Denn indem ihre Steinplatte die gröfste mögliche Erleichterung forderte, und gegentheils wieder nicht verstattete, dafs das Feld, wo sie nun am diinnesten wurde, gar grofs bliebe; so mufsten sie bedacht seyn, ihre Aushöhlungen nach unten weiter zu machen, nach oben aber zusammen zu ziehn: so dafs man wie zwei bis drei Cassetten übereinander gelegt erblickt, welches sicher nie in einem Zimmerwerk der Fall war, Dafs die Architraven, als Schlufssteine, welche die Säulen unter einander verbinden und allererst in Stand setzen, ein Gebälk aufzunehmen wie die Mauerr mit diesen ein Ganzes ausmachen und nicht zum Deckenwerk gehören; das konnte den Steinmetzen noch weniger entgehn als den Z Immerle uten. Es mufste ihnen schon daher zum unerlafslichen Gesetz werden, ihre Architraven, die bei ihnen auch über die Säulen schon dicht zusammen geschoben und mit fortlaufenden Leisten umschlossen worden waren, als Kronsims auch über die Mauern hinzuziehn, und sie durch eine bestimmte Distanz von dem Kranz zu sondern, da ihnen ohnehin noch an ihrem Gebälk ein freier Raum für das Plastische Spiel fehlte, welches in der Architectur als Kunst das zweite Element ist, und sich an der Säule überall, vorzüglich aber am Kapitell, hervorgethan hatte. Da sie in der vermehrten Höhe ihre grofsere Würde gegen die vorigen Bauten mit Zimmergebälk, als welche immer in der Fronte breiter ausgefallen waren, vorzüglich suchen mufs- ten; da die Continuität des Materials, die verminderte Anzahl bedeutender Glieder und der Ausladungen, ihnen eine breitere Absonderung der Haupttheile zum Bedürfnisse machte, um ihre Bedeutsamkeit nicht zu verdunkeln und zweideutig zu machen; so mufsten sie mit Begierde jede Veranlassung zu einem Fries ergreifen, und so wäre es in der That wunderlich gewesen, wenn sie das einzige Stück, was sie vordem dazu geliefert hatten, an ihrem eigenen Gebälk unterdrückt hätten, wenn sie auch weiter keine Aufforderung zum Fries erkannt hätten. Doch wie wir weiter unten sehn werden, fanden sie eine sehr gebietende in der Tiefe des Pronaos. Da aber ihre Deckenstücke nicht, wie die gezimmerten Balken in Distanzen, sondern dicht an einander lagen; so mufsten nun auch ihre Lagersteine continuirlich an einander geschoben werden: und so war der glatte Fries da. Aber in einem Peripteros entsteht zu beiden Seiten der Eckpfeiler des Pronaos, da wo der Gang des Prostyliums in die Seitengänge des Pteroma hinüber beugt, eine Linie an der Decke, wo der innere Kopf eines Deckenstücks kein Auflager findet, sondern in der Luft schwebt. Hier also mufste in gleicher Flucht mit der Fronte des Pronaos ein Träger eingeschoben werden, welcher vom Eckpfeiler der Mauer nach der ihm entsprechenden Säule im Flügel hinüberlief, stärker als die Deckenstücke selbst seyn, und mithin unter ihnen herabreichen mufste. Die sichtbare Höhe dieses Trägers mufste sonacli rings umher noch über den Fries zugesetzt werden: und dieses neue Steinlager konnte ihnen nun auch äußerlich willkommen seyn,. um, indem sie es über den Fries herausspringen liefsen, dadurch die Ausladung des Kranzes desto besser stützen zu können. Doch welche Gestalt diesem Vorsprung geben? Keine abgerundete: denn es sollte den Charakter eines besondern Gliedes, und eines tragenden, behalten, und eine Rundung hätte es scheinbar mit dem Fries verbunden. Unter dem Schutz des Kranzes liegend, be- 9 * durfte es der Glätte nicht mehr, wie dieser, sollte auch nicht wie eine Wiederho. lung desselben erscheinen; hingegen verlangte es, dort im Schatten versteckt, scharfer Einschnitte, wenn es gehörig sollte distinguirt werden: und so entstand die funkelndste Zierde des Gebälks, der Zahnschnitt, wodurch jenem Vorsprung die Hälfte seiner Schwere genommen wurde, ohne dafs er an seiner Fähigkeit den Kranz zu stützen einbüfste. Da er aber zu letzterin Zweck nicht unumgänglich nothig war, so wird nun aus seiner Veranlafsung selbst klar, warum er an Tempeln ohne Pteroma, wie ich im vorhergehenden Briefe bemerkte, ausgelassen wurde. Hingegen könnten schon die stätig beibehaltenen Verhältnisse des Zahn- sehnitts die Vertheidiger des Imitationssystems allein überführen, dafs hierbei durchaus auf keine Nachahmung des Lattenwerks konnte gedacht worden seyn: denn nie lagen die Latten verhältnifsmäfsig so nahe, besonders bei den Alten nicht, wo sie wegen der Gröfse 'der Deckziegel wenigstens einen Fufs weit aus einander geordnet wurden. Nicht einmal als blofses Hülfsmittel zu dem beziehen Zweck haben sie sich den Zahnschnitt von den Latten zu abstrahiren gebraucht: denn dazu lag ihnen das Beispiel viel naher in dem Verfahren der Maurer, welche sicherlich vom frühesten Anbeginn an schon das Mittel ausübten, um einen Mauerkranz zu stützen, dafs sie die nächst letzte Lage Steine auf die Kante stellten und alternirend einen hervortreten, den aber zurückstehn liefsen. / \ Ferner hatte ein Pronaos dreiviertel seiner Breite zur Tiefe, und solches betrug ungefähr die doppelte Tiefe, die man zum Gang des Prostylium oder Ptero- ma anwendbar gefunden. Wenn demnach hier die Deckenstücke nicht vermöge ihrer eigenen Schwere zu brechen Gefahr laufen sollten, so durften sie nicht mehr nach der Tiefe hin aus ganzen Platten gelegt werden. Die haltbare Länge eines Deckenstücks war schon am Säulengang auf ungefähr eine Säulenweite ausgemittelt und festgesetzt, und solcher mafs die Dicke tles Pronaos, in der Tiefe zwei in der Breite drei. Es blieb mithin nichts übrig als solchen Raum durch Träger abzutheilen, die dann nothwendig nach der kürzesten Spannung gelegt werden mufsten: und somit wurden deren zwei nöthig, die die ganze Breite in drei Reihen Deckenstücke von gleicher Länge mit denen im Säulengang zertheilten. Weil aber nun diese Träger der Tiefe nach drei Deckenstücke zu tragen hatten, so war die geringe Stärke der äufsern im Säulengang auf keine Weise für sie mehr hinreichend. Bei der wohl sechsfachen Last auf eine doppelt so lange Streckung lag dem Werkmeister gegentheils alles daran, ihnen bei der kleinsten möglichen Breite die gröfste mögliche Höhe zu verschaffen: und hierin lag für ihn die innere Nö- thigung zum Fries, der mithin keineswegs aus blofser Nachahmung, noch auch le- diglich zur Befriedigung des Auges angebraeht ward, wie ich schon oben an^ zeigte u). Damit war nun die eine Constructionsart zu Stande gebracht, welche ein Gebälk giebt, das gegen die Säulen nie von betächtlicher Höhe werden will, und so auch auf hohe und schlanke Säulen berechnet ist, und eine Ordnung constituirt, in welcher das plastische Spiel der Phantasie sich freier hervorthun und bewegen kann. Und untersucht man nun solches Gebälk aus diesem Gesichtspunkt, sowohl so wie Vitruv es angiebt, als wie wir es in Griechischen Ueberbleibseln finden; so wird man bewundern müssen, wie Zusammensetzung und Vernaltnisse an demselben sowohl durch das innere Bedürfnifs vollkommen motivirt, als auch der Forderung des äufsern Anstandes eben so völlig entsprechend sind: als durch welche Uebereinstimmung allein eine wahre Eurythmie producirt wird. Es bedarf übrigens wohl keiner Erinnerung, dafs diese ganze Construction nur auf Marmor und andre Kalksteine, nicht aber auf Porphyr oder Granit berechnet ist* Auch haben die Griechen höchstens Säulenschafte, nie aber ein Gebälk aus letzt benannten Steinarten verfertigt. Dieselbe Rücksicht auf das übliche Gestein müfste man aber eben so vor Augen behalten, wenn man die Egyptische Architectur richtig beurtheilen wollte. Es war aber, denselben Zweck zu erreichen, eine zweite Art möglich. Die Dorische Säule hatte dem plastischen Trieb weniger Gelegenheit geboten sich thä- tig zu zeigen, als die jonische: ihrem männlichen Charakter nach blieb sie ohne Base, oder bekam doch nur eine sehr schlichte, und ihr Kapitell durfte nicht mit üppigen Zierathen prangen, verkündete aber in seiner mächtigen winkelscharfen Platte schon stark eine mathematische Strenge, der vorherrschend die ganze Ord- u) Siehe die ganze Construction im Plan und Durchschnitt, Tab. XII. Fig. 2 8c 3. nach Vitruvs kleinstem Verhältnifs. Hierbei mufs ich noch anmerken, dafs wenn ich in meinem zweiten Briefe (pag. ig. Zeile 9 8 c 10. von oben) sagte, dafs bei einer Breite des Pronaos, die noch unter zwanzig Fufs blieb, zwischen, den Parastaten die beiden Säulen mitsammt ihren Are hitraven weggelassen wurden, solches nur in dem Fall anzunehmen ist, wenn die Decke im Pronaos und Prostylium von Holz zusammengesetzt wurde. Bei steinernen Decken konnten, auch bei dem kleinsten Maafsstab, wohl die Säulen, aber, wie man aus dem oben entwickelten ersieht, nie ddurchgehenden Architraven entbehre^. Auch habe ich dort (Seite 35 - Zeile 3. von unten) hei Gelegenheit der Periptern mit steinernen Decken vorgebracht, dafs die Sparren des Dachgebindes über die Köpfe der Gebindbalken hinaus bis an den Traufrand hinüber reichten; welches ich hier zurücknehmen mufs. Der Fehler liegt darin, dafs ich im Bisse dort die Gebindbalken zu hoch legte; sie sollen aber so liegen, dafs die Sparren mit ihren Füfsen auf ihren Kopfenden völlig aufstehn und nicht weiter zu reichen brauchen, als welches eine fehlerhafte und mifsliche Methode wäre. 68 nung charakterisiren sollte, und also auch ein genauer eingetheiltes Gebälk forderte, welches zu seiner Bereicherung keiner plastischen Spiele bedurfte, oder wenn es sie doch annahm, nur als einzelne unterbrochene Blicke zeigte. Auf der andern Seite forderte ihre gedrungene, mächtige Proportion auch ein hohes und starkes Gebälk und auffallende Dimensionen in demselben, wobei man leicht Gefahr lief es zu sehr zu beschweren. Der erste Versuch ging folglich dahin, die gröfste Hohe des Gebälks, und dieserwegen also auch die grölste Stärke der Ar- chitraven zu beabsichtigen. In dieser Absicht fing man also damit an, die De ekenstücke schmäler zu nehmen, und so zu ordnen, dafs wechselsweis immer eines stärker wurde als das andre und ihm zum Träger diente, welches eine Decke gab, woran die Constructionsweise gleich entschiedener hervortrat. Natürlich wurden die Träger schmäler als die Platten genommen und da diese nun ziemlich dünn werden durften, so höhlte man sie zu ihrer inehrern Erleichterung durch kleine, dicht wie in einem Rost an einander folgende einfache Casseten aus, die oft wegen der geringen Dicke der Platten ganz durchbrochen, und dann von oben mit noch dünneren Deckeln zugedeckt wurden. Auf jeglicher Säule kam ein solcher Träger, und mitten über jede Weite wieder einer: das machte auf jedes Paar Säulen fünf wechselnde Deckenstücke. Der äufsere Kranz sollte nun eben so hoch werden, als die ganze Stärke der Decke: dafs heifst gleich der Stärke der Träger, die wir nur gleich — muLuIi — nennen wollen, wegen ihres Alternirens mit den Platten, da diese Benennung doch wohl eben daher ihren Ursprung hat. In der Fronte mufste er, sowohl der Witterung wegen, als um oberwärts die Ansicht des Ganzen rein zu beschliefsen, wie am vorigen Gebälk glatt bleiben. Allein eben der Wechsel der innern Decke sollte an ihm angedeutet werden, das war ein Forderung der Kunst; daher liefs man seine glatte Fronte nur so hoch wie die dünneren Deckenstücke waren, den Ueberschufs aber, der unten am Kinn blieb, zerschnitt man in gleiche Stücke von der Breite, wie in der Decke die starkem Mu» tuli waren, und zog diese Abschnitte nach innen zu in die Höhe, und was die dünneren Deckenstücke mehr an Breite hatten, blieb zwischen den Einschnitten als Gassen leer. So entstanden am äufseren Kranz die Mutuli, die blos das Al- terniren der Deckenstücke sowohl der Lage als der Dimensionen nach bezeichnen, und wobei mithin weder an hervorragenden Sparren - noch Dielenköpfen zu gedenken ist, Ueber die Säulen bedurfte solche Decke der Unterstützung eigentlich nur unter jeden ihrer stärkern Mutulen, welche bereits selbst die leichteren Platten trugen. Das nun sollte am äufseren Fries bezeichnet werden; und man fing also seine Construction damit an, dafs man unter jeden solchen Mutulus einen Block, gleichsam als einen Lagerstein für Balken, auf die Architrave setzte. Es war keine Veranlassung da, diesen breiter zu machen als der Mutulus selber war, und seine nöthige Höhe bedingte das Bediirfnifs der Unterstützung der Decke im Pronaos. Wohl nur deswegen, weil er solchergestalt höher als breit wurde, senkte man ihn des sichrem Standes wegen mit seinem Fufs in die Architraven ein; für den Träger der Decke in der Wendung des Pteroma legte man ihm die nöthige Verstärkung oben als einen Kopf auf: und daraus ward dann der Triglyph. Je mitten auf jeglicher Architrave kam also einer, und über jegliche Säule wieder einer, die äufsersten aber standen scharf an den Ecken; und weil man ihren Stand in den Architraven nicht besser als mit dem Ausdruck der Zimmerleute — ’o-jj — (Ope : ein Loch oder hohles Lager) benennen konnte, so bekam nun die Weite zwischen zwei Triglyphen den Namen — — (Metope). Es mag vielleicht seyn, dafs diese Metopen anfänglich bestimmt waren, offen zu bleiben: wie denn Winkelmann eine Stelle im Euripides will gefunden haben, wo eines solchen Tempels mit offenen Metopen Erwähnung geschieht, (ob es mir gleich wahrscheinlicher dünkt, dafs der Dichter, wenn es anders damit seine Richtigkeit hat, eher einen Tempel mit gezimmertem Gebälk — einen Aräostylos — vor Augen hatte) und dafs man also erst in der Folge darauf verfiel sie mit Platten zuzuschliefsen, die dann wie von selbst zu Bildern wurden. Auf allen Fall mufste, so lange dies beobachtet wurde, der äufsere Kranz noch mit den Deckenstücken in ganzen Blöcken zusammenhängend gearbeitet seyn; doch ein so luftiges Zusammensetzen hätte nur dadurch veranlafst werden können, dafs man etwa die Säulenweiten noch zu weit und die Architraven zu schwach gewählt hätte, welches, wenn es ja Statt hatte, als ein blofser Versuch nicht bestehn konnte, und mithin nicht zur Erklärung der Construction gehört. Sobald hingegen man nur gewahr wurde, dafs die ganze Anordnung, die ohnehin geneigt war in die Breite zu gehn, engere Säulenweiten forderte und die Stärke der Säulen nur durch das höchste mögliche Gebälk moti- virt werden konnte, und deswegen schon damit anfing den Architraven die Höhe aufs äuteerste schickliche zu vermehren; so konnte kein Bedenken aufstehn, den Fries nicht continuirlich zu machen, wovon doch die Festigkeit des Ganzen so sehr abhängt. Hingegen die graphische Bezeichnung der mathematisch allein nö- thigen Stützen mufste nach dem Charakter des Ganzen am aufsern Fries beibehalten werden: dafs sie inwendig weggelassen wurde, geschah, weil sie wegen der Enge des Ganges doch nicht bemerkt wurde, und so sehen wir sie innerhalb des Pteroma auteen an der Fronte des Pronaos oder dessen Prostyliums und längs den Seitenmauern der Zelle dennoch oft wieder angedeutet. Dieser nöthigen Andeutung wegen mutete also die Füllung der Metopen gegen jene zurück treten,. 7 <> f-1 Cd) i und eben weil sie nun einzelne, durch die Triglyphen abgesonderte Bilder darstellten, mufste das Quadrat ihr absolutes Verhiiltnifs werden» In der Wendung des Pteroma bekam der Deckenträger, wie gesagt, die Ver- y- ' Stärkung, die äufserlieh deji Kopf des Triglyphen andeutete, um die erstem, quer gegen ihn anlaufenden aufnehmen zu können; und die Hauptträger im Pronaos nahmen noch die Höhe des Frieses zu sich. Weil aber wegen der starken und eng zusammengestellten Säule diese Stellung immer Eustylos werden mufste, und also das Pronaos mehr als zwei Säulenweiten tief werden konnte, so bedurfte es auch hier bei dieser Ordnung stärkerer Träger, als bei der andern: und darin liegt die innere Nöthigung zu dem so viel höheren Fries, der aufserlich schon durch seine bedeutenden Eintheilungen motivirt war, Da übrigen^ der Träger in der Wendung des Pteroma nach der ganzen Einrichtung immer präsumirt werden soll, als auf einen äufserlichen Triglyph fallend, ob er gleich nicht immer so gefunden wird, und es auch nicht nothwendig brauchte, da innerlich die Triglyphen nicht angedeutet waren; so folgte daraus, dafs seine herab ragende Stärke äufser- lich nur am Triglyph als Kopf angegeben wurde.» in der Metope aber weg blieb: daher denn der ähnliche Rand über diese, als blofser Schlufsleisten des Bildes, immer hinter jenem zurück gezogen, meist auch von verschiedener Breite erscheint, j.a oft sogar ganz weggelassen wurde. Inwendig aber über den hier glatten Fries erschien diese Bande fortlaufend und ununterbrochen, grade wie am vorigen Gebälk v). Das ist der Grund und Ursprung der beiden Verschiedenheiten iin der Con- struction der Gebälke: und schon beim ersten Anblick kann kein Zweifel seyn, mit welcher Säulenart jedes zu einer Ordnung vereinigt werden solle. Das erste mit seiner glatten, stillen Anmuth, das relativ genommen keine sehr schwere Höhe fordert, mufs der weiblichen Jonischen, das andre, viel mehr ins Grolse gehende aber, mit seinen regelmäfsig wiederkehrenden, scharfen, stark bezeichnenden Eintheilungen , der männlichen Dorischen Säule zufallen. Diese fordert durch ihre Stämmigkeit ein mächtiges, jene wegen ihrer Schlankheit ein leichtes Gebälk: und je gröfser ein Gebälk wird, desto bedeutender mufs es in seinen Gliedern und desto auffallender in seinen Eintheilungen seyn, wenn es anders befriedigen soll; was gegentheils bei einem eigenthümlich leichten Gebälk, bald ins kleinliche und unbedeutende ausarten und zu Bröckelwerk werden würde. So findet man auch in der Ausübung, dafs wenn man dem Dorischen Gebälk in \ erhaltnifs zur Höhe v) Siehe Ta h. XIII. Fig. i. s & 3. der Säulen einen so kleinen Modul gäbe wie dem Jonischen, seine Zusammensetzung sogleich ins kleinliche, nichts bedeutende und zerstückelte verfiele, grade wie die Säule selbst, bei gleicher Schlankheit mit der Jonischen, ein nüchternes und kraftloses Ansehn gewönne; dahingegen das Jonische Gebälk, auf die Gröfse des Dorischen Moduls gebracht, grade wie die Säule selbst, wieder aus Schwerfälligkeit unbedeutsam werden würde. In diesem Mifsgriff liegt der Grund, warum den modernen Architecten die Dorische Ordnung so durchaus mifsrathen ist, indem sie durch Reduction auf Jonische Verhältnisse sie gleichsam ihres Geschlechts beraubt haben. Bei Wiederaufsuchung antiker Architektonik hat man nehmlich diesen geschlechtlichen Charakter, der die Basis aller ihrer Gebilde ist, gänzlich übersehen und den Unterschied in den Verhältnissen, wie etwas nur zufälliges, an der einen schlechtweg für fein, zierlich und also wohlgerathen, an der andern für plump, schwerfällig und verfehlt angenommen, da man denn, jenes durchaus suchen, dieses schlechthin vermeiden zu müssen geglaubt; wodurch aber endlich die Griechische Architectur unter den Händen der modernen so gänzlich in die Insi- pidität verfallen ist: und an einigen ganz neulichen Versuchen kann njan absehn, wie es der Goihischen auch nicht besser ergehn würde, wenn es den unsrigen Architecten wirklich beikommen sollte, sie wieder ins Leben zurückrufen zu wollen. Nach diesem Unterschied des geschlechtlichen Charakters wurden nun auch beide weiter in ihren einzelnen Theilen ausgebildet. Am jonischen Gebälk ward zuvörderst der Fries, der von starren mathematischen Bezeichnungen, die von technischer Nöthigung entsprängen, ledig geblieben war, am fähigsten gefunden die freien regen Abdrücke der Phantasie zu tragen, gleichwie auf den glatten und reglichen Wangen des weiblichen Antlitzes immer zarte, wechselnde Mienen spielen. Eß bekam davon den Namen — — Zophorus — Träger lebendiger Gebilde: gleichsam der Lebenverk ßnder, und wurde mit Reliefs angefüllt, die in fortlaufender Verkettung, wie ein ununterbrochener Gesang, den ganzen Tempel umgaben. Dagegen blieben die Architraven, die in der Constrnction eine viel strengere und unerlafslichere Bedeutung batten und deswegen nur rein architecto- nischer Verzierung fähig waren, für die Inschrift bestimmt. Nachdem sie oben durch einen Kronleisten umkränzt worden, um sie vom Fries zu trennen, welches bei allen Gliedern der Ordnung, um sie als vollendet und beschlossen darzustellen, als eine Forderung der Kunst anerkannt wurde; so blieb für die übrige Fläche keine andre Verzierungsart übrig als, theils zur Andeutung ihrer waagerechten Tragbarkeit, theils durch die Linearrichtung der Inschrift veranlafst, sie der Hohe nach wie das Untertheil eines Gesichts in drei Regionen einzutheilen, wovon die obern beiden, als die Stellen der Lippen einnehmend, vorzüglich der Inschrift zu getheilt wurden, die unterste aber gemeinhin leer blieb. Die Wahrscheinlichkeit ist, dafs man eben durch die Inschrift bewogen wurde, zuletzt die Streifen so zu graduiren, dafs der oberste der breitere, der unterste aber der schmälere wurde; doch so wie am regelmäfsigsten Gesicht die^e drei Theile als gleich erkannt worden; so ist auch an derArchitrave die gleiche Ein theilung der Streifen als die correcterevorzuziehn. w) Unter dem Kranz aber, als unter den beschattenden Augbrauen, was konnte wohl da für die geringe Höhe, die der innere Träger hier veranlafste, äufserlich für eine bessere Bezeichnung gefunden werden, als eben die schon erwähnte des Zahnschnitts, der wie ein aufgereihter Schmuck durch den stäten Wechsel von Lichtern und Schatten zugleich das Funkeln der Blicke und den schimmernden R.eiz der Zähne in Erinnerung bringt. Inwendig bestimmt sich an diesem Streifen die Ausladung in der Krone auf die Lothlinie der untern Schaftsdicke, und jeder Deckenstein wurde gemeinhin in sechs Cassetten also eingetheilt, dafs auf die Breite zwei, und auf die Tiefe drei kamen; dieselben aber wurden nach Erfordernifs des Maafsstabes in zwei bis drei Rückweichungen vertieft, so dafs das innere Feld nie über zwei Fufs in Quadrat zu halten brauchte. Am Dorischen Gebälk hingegen mufsten die Löcher der t Metopen auffallend als streng blickende Augen erscheinen, die, sobald sie nicht offen bleiben sollten, sprechende Bilder forderten, .Aber diese immer wiederkehrenden Lieder wurden nun gesondert durch jene kahlen Lagersteine, die in sich weiter keine Nöthigung zu fernerer mechanischer Ausbildung bothen: was sollte man nun diesen für eine geistige Bezeichnung geben? Welche andere als die eines Symbols immer begleitender undmodulirenderHarmonie? Unten gingen sie, wie schon bemerkt worden, ein wenig in die Architraven hinab, und oben erhielten sie aus der Höhe des Trägers einen Kopf, der der Absonderung wegen vorn ein wenig vorspringen mufste. So liefs man nun den eingefalzten Fufs gleichfalls als ein Stäbchen auf der Architrave vorspringen; und indem man danach die Fronte des Steins der Länge nach in Dreischlitze kerbte, und unter dem Stäbchen an der Architrave jeder scharfen Kante des Dreischlitzes ein Zäpfchen gegenstellte, so entsprang das Bild von den ausgespannten Saiten einer Leier. Leicht ist möglich, dafs der erste Tempel, an welchen man auf diese Ausbildung verfiel, dem Apollo oder dem Hermes bestimmt war; doch für den Sinn der Sach^ ist solche Zufälligkeit ganz gleichgültig. Genug, so wie der jonische Fries durch seine in Einem fort strömenden Bildnereien einen Epischen, so bekam dagegen der Dorische nun durch diesen recht männ- w) Vv ie sehr daher, die die Bedeutung verfehlten, die späterhin sich begnügten, die Architrave nur in zwei Streifen zu theilen, das fällt jetzt von selbst in die Augen. 73 liclic-n Zug solches immer Wiederkehr enden Regulamens einen Lyrischen Charakter. Beiläufig sey hier angemerkt, dafs alle Triglyphen , die ihre Schlitzen, noch ehe sie den Triglyphenkopf erreicht haben, oben, schliefsen, sey es auf welche Art es wolle, nach meiner Ansicht fehlerhaft sind. Auch haben die besseren Exemplare alle sie dicht unter dem Kopfe waagerecht und in so geringer Distanz geschlossen, dafs beide Linien für Eine gelten können. Da ohnehin die Schwere des ganzen Gebälks für die Architrave allen erzielbaren Anschein von Stärke forderte, der ihr aber nur aus der Ungelheiltheit zuflie- fsen konnte; auch der dem Ganzen inwohnende Charakter grade in diesem Theile eine anspruchslose Schlichtheit heischte; so liefs man dieselbe glatt bleiben: siö hatte Schmuck genug an den herabhängenden Zäpfchen; und da bei dem fortlaufend soliden Fries die Einsenkung des Triglyphen mechanisch gar nicht nöthig w r ar, sondern nur charakteristisch als Bezeichnung der einzig nöthigen Stützen der Decke beibehalten werden mufste; so konnte man die Architraven oben wieder mit einem Leisten krönen, der aber glatt und winkelscharf bleiben mufste, und welcher auch oben ihre Waagelinie herstellte, also auch über die Stäbchen der Triglyphen durchlief, und wahrscheinlich eben darum beim Vitruv — tasnia — die Binde, heifst. Am Kranz endlich mochten die durch das aufgezogene Kinn vermiedenen Regentropfen w r ohl zuerst veranlafst haben, dafs man an den Mutulis die Zäpfchen der Triglyphen wiederholte, wozu jedoch allein schon die völlige Gleichheit der Breiten und die unmittelbare Lage übereinander verleiten konnte. Man ordnete sie in drei Reihen hintereinander; und es ist nicht zu läugnen, dafs vorzüglich diese Zäpfchen zwischen diesem und dem reinen jonischen Kranz denselben charakteristischen Unterschied vollenden, der von den reichen Augbrauen eines männlichen zu den glatten und scharfgezogenen eines weiblichen Antlitzes Statt hat. An den Deckenplatten wurden die Gassetten eben so in zwei Reihen geordnet, wie in der jonischen Decke. An beiden Gebälken mufste das Giebelfeld notliwendig dem Hauptgebild geweiht bleiben; wenn aber jetzt der Kranz über den Giebel gelegt werden sollte, so war hier auf keine Weise weder an Zahnschnitt noch an Mutulen, die ohnehin mißfällig hätten gerathen müssen, da sie entweder schief gelegt oder schief geschnitten werden mufsten, zu gedenken: denn weder war hinter denselben eine Decke zu legen die des Trägers bedurft hätte, noch war es äufserlich nöthig den Vorsprung des Kranzes hier zu stützen, da er durch die geneigte Lage seiner Stücke und durch seinen gewölbartigen Schlufs sich selbst schon besser trug als der io. waagerechte. Der Zimmerverband des Daches kam jetzt zwischen beide Giebeln, also in den offenen Tlieilen des Tempels über die steinernen Decken zu stehn, und war daher, von unten durch diese, von oben aber durch seine doppelte Ziegel- bedeekung vollkommen aller Witterung und Feuersgefahr entzogen: welches der erste Vorwand war ein steinern Gebälk zu fordern» Freilich wurde dieser erste Vorwand zu 'solchem Construiren, nach der zu Stande gebrachten Construction gleich nicht inehr so gewissenhaft erfüllt, selbst an Tempeln nicht: Beweis die Pseudodiplern, die sogar im Pteroma hölzerne Decken forderten, wo man denn gewiff nicht hinter solchen Gang wieder ein Pro- naos mit steinerner Decke wird angebracht, sondern lieber auch hier den säulenfreien Raum vorgezogen haben; Beweis die vielen Prostyle, an welchen das Pronaos von allen seinen Seiten offen, und mithin viel zu geräumig und stützenberaubt ' für eine steinerne Decke war. Derselbe Vorwand brauchte auch nur bei der ersten Ideatxon vorzuwalten; und es muffte hernach hinreichend seyn, daff nur die Kopfenden der Balken dem Regen völlig entzogen wurden, um auch da den steinernen Kranz mit seinem Fries und den steinernen Architraven beizubehalten, wo das Bedürfnifs, wie an prophanen Portiken, unter welchen die Menschen auch in ganzen Schaaren sollten wandeln können, so weite Gänge forderten, an welchen die Decken nicht konnten aus Stein hergestellt werden. Zu geschweigen daff man überall, wo auf Kunst Anspruch gemacht wurde, die vollendete symbolische Charakterisirung des steinernen Gebälks nicht entbehren konnte. Auch bedarf es keiner Erinnerung, daff nachdem man in der Jonisch en Ordnung Veranlassungen gefunden, die dazu berechtigten den Zahnschnitt wegzulassen, ohne daff die äuffe- re Charakterisirung etwas wesentliches dadurch einbüffte, man dennoch in solchen Gelegenheiten ihn oft auch heibehalten konnte, ohne dadurch einen Fehler sich zu Schulden kommen zu lassen. Auch muffte man hier neben der oben beschriebenen Eintheilung der Deckenstücke bei kleinen Dimensionen auch andre als gleich gut ßnden: wie z. B. statt drei nur zwei Platten, jede zu vier oder gar nur zu zwei Cassetten zu legen: ja am Tempel der Vesta zu Rom konnte über jede. Säulenweite die Decke gar nur aus einem Stein bestehn. Dahingegen der strengere Sinn des Dorischen Gebälks in keinem Fall irgend ein Glied zu unterdrücken erlaubte, w r eil die kunstgexnaffe Ausbildung sie alle zu strict in Anspruch genommen und eng mit einander verbunden hatte: auffer daff man etwa Veranlassung fand, ein Gebälk ohne Fries zu machen, wovon mir aber kein Griechisches Beispiel aus der Dorischen Ordnung beifallen will. Nehmen wir jetzt die Construction dieses letztem Gebälks in nähere Betrachtung, so linden wir zuvörderst, daff ihrer ursprünglichen Idee nach nothwendig zu — 7S — aufserst auf Jedem Eck, dann wieder über Jede Säule, ein Triglyph gesetzt 'werden mufste: dieser, weil zur Stützung der Decke die festesten Stellen nicht übergangen werden durften * jener, weil unter dem Eck des äufsern Kranzes die Bezeichnung der Unterstützung auch nicht ausbleiben darf und nicht nahe genug gerückt werden kann. Denn die Metopen gelten in der Kunstanschauung für leer. Daraus aber erfolgte, dafs die äufsersten Säulenweiten der Ecken enger werden mufs- ten als die andern. Dann nöthigte die Schwere des Gebälks, die sowohl in der Art der Zusammensetzung mechanisch, als künstlerisch in dem bezweckten Charakter begründet ist, die Architraven so kurz als immer möglich zu wählen, die Schicklichkeit aber forderte dagegen wenigstens im Mittel einen etwas bequemem Durchgang; auch wurde es anständiger die Fronte im Mittel durch eine Metope zu theilen, weil diese mit ihrem lebendigen Bilde interessanter geworden war als ein Triglyph. Daher wurde denn die eigenthümliche Stellung für diese Ordnung der. Eys ty lo s, so ein geth eilt, dafs auf die mittlere Weite drei Metopen, auf die Nebenweiten aber nur zwei kamen 1 , und auf die Eckweiten noch um etwa ein Viertel von der Breite eines Triglyphs weniger. Es ist glaublich, dafs die Jonische Ordnung diese Stellung erst der Dorischen abgesehen, und sich zugeeignet habe, nachdem sie zuvor die Modification der Eekweiten, die ihre Nöthigung nur in der eigenen Construction des Dorischen Frieses fand, weggenommen hatte. Es konnte also hier keine merkliche Verschiedenheit der Stellungen Statt linden, indem alles mögliche Spiel der Weiten von dem Maafs abhing, welches man für die Metopen wählte, das jedoch nie beträchtlich variiren konnte, da man sich in dem Verhältnis derselben nicht gar weit vom Quadrat entfernen durfte. Es mufste deswegen in dieser Ordnung der Triglyph, als das durchweg Regulirende, zum fixen Modul für das ganze Werk, und die Anwendung dieser Ordnung mithin etwas schwieriger als die der Jonischen werden. Darum sagt Vitruv x), es hätten mehrere Architekten der Vorzeit geleugnet, dafs es schicklich sey, Tempel von der Dorischen Ordnung zu erbauen, weil dadurch die Verhältnisse an ihnen fehlerhaft und unbequem auslielen. Doch, setzt er hinzu, kam diese Weigerung nicht daher dafs diese Ordnung etwa in Gestaltung oder Bedeutung ohne Reiz wäre; sondern weil in der Ausübung die Eintheilung der Triglyphen und Deckenstücke schwierig und unbequem ist. Trotz dem einseitigen Tadel dieser berühmten Baumeister aber ist sie jedoch unter den Griechen, zum Tempelbau, wegen der vielen männlichen und männlich gesinnten Gottheiten, bei andern Bauten aber, theils wegen der wohlfeilem Bearbeitung ihrer Säulen , theils aber auch nach dem so vorzüglich *) Lab. IV. Cap. III. vergleiche Rodens Uebersetzung, El politischen Geist jener Volker grade wegen ihrem strengen Gepräg der Gesetzlichkeit, wenigstens eben so vielfältig angewandt worden wie die Jonische, und nur als die Römische 'Weltherrschaft den öffentlichen Geist zum Luxus hinleitete, konnte sie durch die Korinthische Pracht ganz verdrängt werden. So lange sie aber bestand, mufste die genannte Stellung, wenigstens beim Tempelbau, (ihr aus- schiiefslich eigen bleiben, und nur in sehr w r eitläuftigen Hallen konnte ! man bei mäfsigem Modul sich erlauben, die Säulenweiten durchaus zu drei Metopen zu nehmen, indem man diese auf die geringste mögliche Breite reducir- te, um dadurch der Ordnung noch eine zweite Stellung zuzulegen, die mit dem Jonischen Diastylos zu vergleichen wäre. Sehen wir hinwiederum auf den Charakter, den äufserlich das Ganze trägt; so teuchtet sogleich ein, dafs die Cornmo- dulation der Dimensionen eine der Jonischen grofsentheils entgegen laufende Tendenz haben mufs. Zwar das wird beiden gemeinschaftlich verbleiben, dafs je mehr die positive Gröfse zunimmt, desto mehr mufs auch an der Architrave die respec- tive Höhe zu-, und die respective Länge abnehmen, oder desto enger müssen die Säulenweiten und mithin auch die Metopen werden. So würde auch das Kapitell wie in der Jonischen Ordnung, sich nach der obern Säulendicke moduliren müssen, Hingegen wird erstlich der Dorische Schaft die vegetabilische Schwellung des Jonischen gänzlich verschmähen und der ursprünglichen mathematischen Kegelform getreu bleiben, da bei seiner Kürze, wo die äufsersten Differenzen sich so nahe stehen, die Entasis ihm nur ein kulbichtes Ansehn geben würde, wie sie gegentheils dem schlanken Jonischen Schaft durch ihre energische Schwellung die Gracilität benimmt, die sie bei einem gradlinichten Profil zeigen würde. Ferner wird er diesem darin entgegen stehn, dafs je mehr das positive Maafs wächst, je grofser und schwerer also das Gebälk wird, er auch in gleichem Verhältnifs immer stärker und conischer werde; so dafs also die Säulenweiten hier respective zugleich durch die schmäleren Metopen und durch die stärkeren Schalte nach Maafsgabe der anwachsenden positiven Höhe enger würden, und die Schafte immer stärkere Verjüngung gewönnen, so wie die Jonischen immer geringere bekämen. Seine obere Dicke würde sonach ein fixes Verhältnifs zum Triglyph behalten, die untere hingegen erst aus jener nach Maafsgabe der positiven Gröfse bestimmt werden müssen. Wie an der Jonischen, wird auch an der Dorischen Säule die obereDicke denModul zumKapitell geben; dieses aber würde mit der positiven Gröfse immer an respectiver Ausladung gewinnen müssen, weil das Kapitell die untere Schaftsdicke bedecken soll. Wenn gleich der Kopf des Triglyphen sich wie der Jonische Zahnschnitt nach der Höhe der Architrave moduliren mag, so kann es hingegen der Kranz selbst nicht mehr, weil er durch die Mutuli unabänderlich an den Triglyph gebunden wird. Die Metopen müfsten immer tiefer werden, je enger sie würden, u. s. JF, i Ob nun zwar Vitruv weit entfernt ist diese Grundsätze zu befolgen, so* wage ich dennoch auch bei dieser Ordnung zu behaupien, dafs seine Aufrisse bei weitem nicht so unschicklich, und viel correcter ausfallen, als es ihm seine Ausleger gönnen wollen, Die Breite des Triglyphs ist sein durchgehender Modul, und mit diesem theilt er, wie billig zuvörderst die Metopen des Frieses ein, und bestimmt danach die Breite der Fronte und ihre Säulenstellungen. Deren aber erlaubt er beim Tempelbau zweierlei anzuwenden. Die oben als der Ordnung ei- genthümliche beschriebene nennt er Systylos, weil sie nach seiner Eintheilung in den Nebenweiten gleiches Maafs mit der aisobenannten Stellung in der Jonischen Ordnung hält; die andre nennt er Diastylös und nimmt in ihr die Nebenweiten zu drei, die mittlere aber zu vier Metopen an, so dafs also ein Triglyph im Mittel kommt. Das Gesetz aber, dafs der Ecktriglyph auf der äufsersten Kante stehen sollte, verwirft er, und stellt sie mitten gegen die Axe der Ecksäule, so dafs aus seinen beiden Seiten nun zwei besondere Triglyphen werden. Denn, sagte er y), die Schwierigkeit liegt darin, dafs mitten über alle Säulen Triglyphen fallen, und die Metopen so breit als hoch seyn sollen; nun werden aber die Eck- triglyphen auf der äufsersten Kante gesetzt, und nicht mitten über die Echsäulen: so dafs entweder die letztem Metopen nicht mehr quadrat, sondern um eine halbe Triglyphsbreite oblonger, oder wenn man die Metopen von gleicher Breite haben will, die Ecksäulenweiten enger werden müssen als die andern; welches aber beides gleich fehlerhaft ist.“ Danach ist seine Eintheilung der Fronte zu be- urtheilen, die er unten an die Durchschnittslinie der Frontesäulen anstellt. Das Breitenmaafs welches er hier angiebt, haben unter den mir bekannten Auslegern alle bis auf den Newton fehlerhaft finden wollen; allein die Berechnung, die dieser anstellt, um die Angabe des Textes zu retten, ist so schülerhaft und irrig, dafs sie die Richtigkeit des Textes eher verdächtig machen als retten könnte. Erstlich setzt er eine genaue Gleichheit der Nebenweiten mit den gleichnamigen Stellungen, der Jonischen Ordnung voraus, wozu ihn nichts berechtiget, da eben das erst aus- zumittein stellt; und von der Beweglichkeit der Stellungen in obiger Ordnung ahndet er auch nichts. Zweitens nimmt er an, die Metope solle grade so hoch seyn wie der Triglyph, d. h, anderthalb Modul; wovon doch nirgends was geschrieben steht. Drittens hält er die €juadrate Proportion der Metopen, die er jedoch in seiner Berechnung nicht beizubehalten vermag, für wichtiger als die Gleichheit derselben unter einander; die ganze obige Stelle aber beweifst, dafs Vitruv gegentheils auf die stricte Gleichheit der Weiten allein dringt, die Proportion aber nur möglichst dem Quadrat nahe behalten will. Denn wollte er nur letzteres bezwecken, so war das kein. Grund die engere Ecksäulen werte zu verwerfen: schien ihm aber diese fehlerhaft, die doch, besonders bei mehr als viersäuligen Fronten, den Charakter des Eystylos erst recht vollendet; so mufste ihm die der Metopen eben so sehr und vielleicht mehr noch verwerflich werden. Kurz die Berechnung kann nicht nach den Säulenweiten, sondern lediglich nach der Zahl durchweg gleicher Metopen gelingen. Also : im Diastylos soll die Breite der Fronte unten durch den Fufs der Säulen genommen, wenn sie viersäulig ist, 28 Modul messen. Davon gehen zu beiden Seiten bis an die Axen der Ecksäulen 2 Modul ab; so bleiben 26 Modul übrig. Wenn die Mittelweite vier, die beiden Eckweiten aber drei Metopen haben sollen; so macht das von der einen Ecksäulenaxe zur andern io gleiche Weiten zu 2|- Moduls wovon 1 Modul für den Triglyph, und 1* Modul für die Breite der Metope. Mithin werden die Säulen von Axe zu Axe auseinander stehn, in den Nebenweiten 7^, in der Mittelweite aber 107 Modul; der Jonische Diastylos aber, wie ihn Vitruv angab, würde solcher Modul g in seinen Weiten von einer Axe zur andern zählen, z) Eben so: wenn die Fronte sechssäulig ist, mifst sie 44 Modul; also bleiben von einer Ecksäulen Axe bis zur andern 42 Modul, in 16 gleiche Weiten zu theilen: jede mifst folglich 2^ Modul, wovon 1 Modul für den Triglyph, und i|- Modul für die Breite der Metope kommen. Auf dieselbe Weise berechnet, werden im Systylos, er mag nun vier- oder sechssäulig werden, die Metopen durchweg zu 2 Modul Breite befunden werden, a) Es leidet wohl keinen Zweifel, dafe 'Vitruv seinen Diastylos nur für die kleinsten Maafsstäbe bestimmt habe, da seine Mittelweite die gröfste Länge der Archi- trave, die: in der Jonischen Ordnung erlaubt wurde, stark überschreitet; allein auch bei dem kleinsten Modul mufs die Klage, die er dort über den Diastylos überhaupt führte, hier in gedoppelter Kraft eint.reffen, da bei einer Säulenhöhe von nicht mehr als j 4 Fufs seine mittlere Architrave zu einer Stärke von 1 Fufs nicht weniger als ro*, und im Peripteros io| Fufs Lange bekommt, und auch im Systylos übertrifft sie die längste Jonische Architrave noch um einen Modul oder um eine halbe Säulendicke. Im Diastylos würde ein — templum in antis — sieben Säulen weiten, oder ein und zwanzig Metopen in der Länge zählen; b) und in dem Peripteros hätte 0 Sielie Tab. XIV. Prostylos Diastylos: und Tab. XVII. a) Siehe Tab. XIV. Prostylos — Systylos und Tab. XVIII. Peripteros Systylos, Die Maafse des Systylos giebt der Text an pag. 186. der Rodenschen Ausgabe. I») Siehe Tab. XIV. Prostylos Diastylos. 79 es also in dieser Stellung keine Schwierigkeit mit dem Verhäitnifs der Zelle, da auf die Gänge des Pteroma zwei Weiten und eine auf das Prostylium des Pronaos gehen und der ganze Tempel zehn Weiten in der Lange hat. Doch in der Voraussetzung, dafs diese Stellung nur für den kleinsten Modul bestimmt sey,‘ wie es « dem? nicht gut anders anzunehmen ist, konnte der Peripteros in ihr nicht häufig vorfallen. Häufiger wurden schon solche Tempel nach einem gröfsern Modul errichtet, wozu denn auch Vitruv seinen Systylos bestimmt zu haben scheint, ohne jedoch w r eiter seine Säulenweiten nach der Gröfse desj Maafsstabs izu modifici- ren. In dieser Stellung nun gehen fünfzehn Metopen oder achtehalb Säulenweiten auf die Länge eines — templum in antis — c); in einem Peripteros mufs folglich das Pronaos eine halbe Säulenweite an der vorschriftmäfsigen Tiefe einbüfsen d); da hingegen in einemDipteros hinter der Zelle aufser dem dort anzubringendenPro- tylium noch eine halbe Säulenweite zu Treppen und Wohnung| des Tempelwärters übrig bleibt. An einem Hypäthros aber, welche Gattung schlechthin nur in dieser Stellung gedenkbar ist, ist im Pronaos die doppelte Reihe von drei Säulen, meiner Ueberzeugung nach, wegen der sonst zu breiten Decke ein unerlafsli- ches Gesetz, daher denn solches nicht füglich über vier Weiten tief werden kann und also eine halbe Weite einbüfsen mufs. Danach kann im Monopteros die Zelle vor der hintern Thüre kein Prostylium bekommen; im Dipteros aber wohl, und es bleibt dahinter noch eine ganze Säulenweite zu Treppenraum und andern, e) Jetzt wollen wir die Verhältnisse seines Aufrisses der Ordnung vornehmen. Dem entgegen, was er im Anfang dieses Buches von der ersten Ausbildung der Säule erzählte, gibt er ihr vierzehn Modul zur Höhe, und zwei zur unteren Stärke. Wegen der Verjüngung verweiset er auf die bei der Jonischen Ordnung gegebenen Vorschriften; und eben nach der nehmlichen Entasis will er auch dafs i ■c) Siehe eadem. Tab. Prosrylos Systylos» d) Siehe-eadem Tab. Peripteros Systylos. e) Siehe Tab. XV. — Durch die flüchtige Anmerkung des B. j. Gf-nt:, dafs am Parthenon zu Athen der Rinnleisten nicht über die Seitenflügel fortlaufe, sondern über die Ecksäulen aufhöre, habe ich mich verleiten lassen, in meinem zweiten Briefe zu behaupten, dafs über die Gänge und das Pronaos auch kein Dach gewesen und die Giebel sonach blofs als Frontzierrath dagestanden wären; welche mifsliche Behaup- ^ tung ich aber hiermit wieder zurücknehme. Denn erstlich scheint es mir unglaublich, dafs die Alten an irgend einem Gebäude eine Decke, die mit keinem Estrich wäre überkleidet gewesen, ohne Dach gelassen hätten; und zweitens schmeckt mir ein Giebel, als blofser Zierrath aufgestellt, ohne Function, zu modern, als dafs ich ihn schon hei Festsetzung der Tempelformen angenommen glauben könnte. Stuart kann etwa nicht für gut gefunden haben, ihn auf seinen Rissen weiter anzugeben, als am äufsersten Block, wo er des Giebels wegen nothwendig mit dem Kranz unter demselben aus einem Stein gehauen, seyn mufste; zwischen den Giebeln aber ist es, hei der Gröfse des Werks leicht möglich, dafs er ein besonderes Steinlager bildete, und so mag Stuart ihn vielleicht auch nicht mehr weiter vorgefunden haben. 8o der ProHl des Schaftes gezogen werde. So lange also die Säulenliöhe nicht über 15 Fufs reicht, soll die Verjüngung ein Sechstel der untern Dicke betragen u. s. w. bei 5o Fufs Höhe ein Achtel. An den Griechischen Exempeln dieser Ordnung beträgt dieselbe selten unter ein Viertel, nie unter ein Fünftel. Das Kapitell soll ei- nen Modul hoch werden: so dafs für die Höhe des reinen Schaftes dreizehn Modul übrig bleiben. Derselbe soll in seinem Umfang zwanzig Biefen ohne Zwischenstege zahlen, die entweder nach dem viertel Theil eines Kreises ausgehölt, oder auch platt gelassen werden können, so dafs der Durchschnitt ein geometrisches Zwanzigeck bilde. Es ist jetzt aber voraus zu bemerken, dafs er alle übrigen Verhältnisse hier eben wie in der Jonischen Ordnung nur am kleinsten Modul, wo die Verjüngung ein Sechstel beträgt, zeigt und uns das fernere Modificiren nach zunehmender Grölse des Moduls überläfst. Wenn er also sagt dafs auf diesem seinen kleinsten Maafsstab die obere Breite des Abacus zwei und ein Sechstel Modul betragen solle; so ist das also zu übersetzen, dafs selbige Breite die obere Schaftsdicke um einen halben Modul übertreten solle: denn sonst bliebe zuletzt bei ein Achtel Verjüngung die ganze Ausladung des Kapitells auf nur fünf Vierundzwanzig- stel des Moduls eingeschränkt; welches er nicht kann gewollt haben, da eine Ausladung von ein Viertel Modul schon die geringste mögliche zu seyn scheint. Die Höhe theilt er in drei Theile. Eins dieser Theile giebt er dem Abacus, mit seinem Kronleisten zur Stärke; die besseren Monumente aber haben solchen Leisten nicht. Da es nun höchst wahrscheinlich ist, dafs er auf dem kleinsten Maafsstab die untere Breite des Abacus auf gleiches Maafs mit der untern Schaftsstärke, als auf die geringste mögliche Ausladung desselben, festgesetzt wissen will, und also das übrige Sechstel für die doppelte Ausladung des Kronleisten bleibt; so folgt daraus dafs solcher ein Zwölftel Modul stark seyn soll. Das zweite Theil kommt auf den — Echinus — oder Schalenrund, mit den Piingen; das dritte aber bleibt dem Hals» Die Ringe also, er mag sie nun als Ptundstäbe, oder, wie sie an vielen schönen Griechischen Beispielen gefunden werden, als blos einge- schnittne Pteifen bilden wollen, gehören zum Schalenrund und sollen noch auf dessen Profil abgetheilt werden: wie sie denn in der That ihren Ursprung haben von den auf der Töpferscheibe eingeschnittenen oder gezogenen Reifen, womit der Schlufs der Schale am Boden umzogen zu werden pflegte. Gewifs soll auch der Hals ohne Absatz in einem Profil mit dem Schalenrund verfliefsen, weil er an ihm weder Apophygis noch Apothesis angibt: so wie derselbe wohl auch Ursprünge lieh nur den Fufs der Schale bedeuten sollte. Die Architectonische Intention aber mufste bald jede andre Gestaltung für ihn verwerfen, als die in einer Linie mit dem. Profil des Schaftes fortlief; wie denn auch am letztem Vitruv keines Anlaufes noch Raumes oder Ringes erwähnt: und das ist die Ursache warum er zuletzt zu solcher Hohe anwachsen konnte. Er soll also auch beim Vitruv vom Schaft nur durch eine Lagerfuge oder leichte Einkerbung gesondert seyn. Das Schalenrund bekommt nur die Hälfte seiner Höhe zur Ausladung; und da solches mir sehr wenig bedünkte, so habe ich den Profil dieses Kapitells auf einen etwas gröfseren Maafsstab versuchen wollen, f) Auf den kleinsten Modul gibt er der Architrave hier grade dieselbe Höhe, die er in der Jonischen Ordnung annahm: das ist zu einem Modul. Es ist also mit Fug anzunehmen, dafs er sie auch hier nach Maafsgabe der positiven Gröfse will zunehmen lassen; denn was dort Noth that, wird hier noch dringender, wo die sehr weite Stellung nicht nach der Gröfse des Maafsstabes in engere übergeben kann. Mithin wird bei einer Säulenhöhe von Ewanzig Fufs, von solcher Flöhe ein Dreizehntel, oder Modul i hoch werden. Ist die Säule 3Fufs hoch, so bekömmt die Architrave zur Höhe ein Zwölftel von jenem Maafs, oder Modul Ist jene 40 Fufs hoch, so bekommt diese ein Elftel, oder Modul i, 3 t ; ist aber jene 5° Fufs hoch, so wird diese hoch ein Zehntel davon, oder Modul ijk Wegen der respectiven Kürze der Säule kann folglich die Architrave hier nie zu solcher Höhe anwachsen, wie in der Jonischen Ordnung, da gegentheils hier alles, und vorzüglich bei Vitruvs so weiter Stellung, eine viel höhere Architrave als dort fo- derte: ja sie erreicht in ihrem Durchschnitt auch bei dem gröfsten Maafsstab nicht einmal das Quadrat, uiid sie bleibt also immer zu schwach. Die — tcenia — soll ein Siebentel des Moduls hoch werden, und nach seinen Grundsätzen soll sie auch gleichen Vorsprung haben; das Stäbchen unter dem Triglyph aber soll mitsammt den Zäpfchen ein Sechstel des Moduls in der Höhe einnehmen. Man soll aber hier nicht meinen, dafs die hier angegebenen Theilungen nicht vom blo- fsen Modul, sondern, wie in der Jonischen Ordnung, von der Hohe der Architrave zu verstehn seyen: denn zu geschweigen, dafs wenn diese Leisten auch nach der Gröfse des Maafsstabes wüchsen, die Architrave auch bei der gröfsten Höhe immer das gleich schwache Ansehn wie beim kleinsten Maafsstab behielte: so werden wir gleich am Kranz einen Grund linden, warum das Stäbchen unter dem Triglyph, und also auch die — tcenia* — an den Modul gefesselt bleiben mufs g). Des Triglyphs Fronte soll in gleichem Loth mit dem Leben der Architrave stehn. Er wird einen Modul breit und anderthalb hoch. Seine Breite soll in b Siehe Tab. XXII. S) Siehe Tab. XX. das ganze Gebalk des Dia stylos auf den kleinsten, und Tab. XXI. das des Sy Stiles auf den gröfsten Maafsstab von 50 Fufs zur Säulenhöhe. 82 seclis Th eile getlieilt werde», wovon die fünf auf der Fronte, auf jedem Eck aber ein halbes abgestochen werden. Im Mittel soll ein Stab zum Schenkel, der im Griechischen den gleichen Namen — — meros — führt, bleiben, ihm zu Seiten zwei Rinnen, nach dem rechten Winkel vertieft (wovon sie auch den Namen haben) dann wieder zwei Schenkel, und an den Ecken Halbrinnen. So beschreibt ihn Vitruv: es kommen also auf demselben zwei Dreischlitze, drei Schenkel und zwei nach der Diagonale abgestumpfte Ecken; und da Vitruv nichts anmerkt über die Art, wie diese Dreischlitze und Schenkel zu enden haben, so will er ohne Zweifel, dafs sie die ganze Höhe des Triglyphs durchlaufen sollen. Grade unter jeglicher Kante der Schenkel kommt unter das Stäbchen an der Architrave ein Zäpfchen. Der Kopf des Triglyphs soll auf dem kleinsten Maafsstab ein Sechstel des Moduls hoch werden; da Vitruv aber am Jonischen Gebälk den Zahnschnitt, welcher in der Function diesem Kopf entspricht, nach der Höhe der Architrave bestimmt; so ist kein Grund da, warum auch dieses Maafs nicht wieder hier ein Sechstel von der Höhe der Architrave gelten sollte. An der Fronte soll der Kopf nur eben so viel vortreten als nöthig ist, um ihn vom Triglyph abzusondern; um die Ecken aber ist gar kein Grund zu solchem Vorsprung da, der diesen Kopf breiter machen würde, als der über ihm liegende Mutulus, welches nicht gut stünde. Die Metope wird, wie schon eTwiesen, im Diastylos entweder ein und drei f ünftel, oder auch ein und fünf Achtel Modul breit, je nachdem der Tempel vier- oder sechssäulig wird, im Systylos aber durchweg zwei Modul; und ihre Höhe nimmt die des Triglyphen mit seinem Kopfe ein. Diese also nimmt zu nach dem Steigen des Maafsstabes: welches auch gerecht ist, da die Tiefe der Metope, wie wir sogleich sehn werden, in demselben Verhaltnifs stärker wird. Eines Gurtes oben am Metopenfeld wird gar nicht erwähnt; derselbe mufs also nicht für nö- thig erachtet worden seyn: wenn Viiruv aber, auf seinem Exempel nach dem kleinsten Maafsstab, angiebt, dafs nach der Vertheilung der Triglyphen die Mcto- pen so hoch als breit gemacht werden mögen; so beweist das erstlich, dafs er einen solchen Gurt nicht verbietet, und eben in diesem Fall wegen dem niedrigen Stand über das Auge des Betrachtenden erlaubt, zu solchem Gurt etwa anzuwenden, was der Raum hier nöch über das Quadrat in der Flöhe hält; zweitens widerspricht es seinen Auslegern, welche das reine Feld der Metope nicht höher als bis zum Kopf des Triglyphs wollen gehn lassen, verleitet durch die Prätention auf das quadrate Verhaltnifs, welches doch auf diesem Wege in keinem Fall zu errei- dien ist Ii). Auf alle Weise blieb dieser Gurt immer sehr gleichgültig, da die Bilder des Feldes ihn doch nie respectirten, sondern beständig die ganze Höhe des Raums für sich vindicirten, und er ist also nur als eine Sitte der Steinmetzen, keineswegs aber als ein Th eil der Construction anzusehn. Danach schreibt er vor dafs man an den äufsersten Ecken der Fronte, zur Vollendung des Frieses, da die letzten Triglyphen nicht an diesen Ecken, sondern über die Axen der Ecksäulen gestellt wurden, noch einen halben Modul einbiegen solle: wodurch, sagt er, man alle Fehler an den Weiten, sowohl der Metopen, als der Säulen und Deckenstücke vermeiden wird: durch welche Stelle, gegen den Newton klar darge- than wird, dafs bei allen diesen Einteilungen Vitruv die durchgängige Gleichheit der Metopen, wie der Säulenweiten sich zur stricten Bedingung gemacht hat» An diesem Einschiebsel eines Stücks Metope von eines halben Moduls Breite haben aber alle Ausleger so durchgängig eine harte Schwierigkeit gefunden, dafs Sie, mein Herr, sich eigens in einer Notei) wundern zu müssen glauben, wie selbst Newton, dem doch auch sonst das Fehlschiefsen so geläufig ist, dafs wohl ihm so gut wie den Andern das Biecht der Gewohnheit zustehn müfste, an dieser Stelle gescheitert ist; Sie thun es aber aus einem Grunde, dem ich, so wie Sie ihn ausdrücken, keinen Sinn abgewinnen kann. So viel sehe ich wohl, dafs Sie nicht am Fries bleiben, wie Sie wohl sollten und zwar genauer an der Flucht der Metopen; sondern auf die Architrave zurüekgehn,, um den Baum für diesen Zusatz aus- zumilteln: welches Ihnen jedoch zu nichts hilft; denn die Eckarchitrave ist auch nicht um einen halben Modul, sondern um die halbe obere Säulenstärke länger als die andern, welches weit mehr beträgt. Vitruv aber drückt seinen Vorsatz in zwei verschiedenen Stellen aus k). Bei seinem Diastylos sagt er: — - in extremis b) Um nicht zu ungünstig von ihnen zu urtheilen, -will ich gern annehaaen, dafs am meisten folgende Werte Vitiuvs sie hierzu verführt haben mögen: — snpra epistjlium collocandi sunt triglyphi cum suis me t o p is — da sie' denn etwa beide zusammen als Ein Steinlager genommen haben, das von gleicher Höhe seyn müsse, wobei ihnen aber nicht eingefallen seyn mufs, dafs in den leeren Zwischenräumen zuerst di« nicht gar starken Tafeln der Bilder und danach nur die inwendige glatte Ausfüllung eingescho- ben werden mufste, auf welcher allein, nicht aber an der äufsern Fronte die Höhe des Triglyph-enkopfs einen fortlaufenden Gurt bildete. Allein in der angezogenen Stelle bedeutet — metopa — weiter nichts als die Weite von einer — Opa zur andern, wobei an keine Höhe gedacht ist, da sie hier noch als offen ansusehen sind. Denn erst nachher spricht er von den Tafeln der Metopen, nachdem er mit Anordnung der Triglyphen fertig geworden ist. 0 In der Uehersetzung viertes Buch, drittes Kapitel, Seite jy %, Kote e., k) Lib. IV. Cap. III. pag. 85 Sc 86. in der R, A. angulis semimebopia sint itnpressa dimidice moduli latitudine — auf den äußersten Ecken seyen Iialbmetopen von eines halben Moduls Breite eingedrückt: eingeklemmt: eingebogen. — Das zweitemal beim Systylos drückt er sich also aus. In angularibus (colioGCindum estj hoc amplius dimidiabuni quanlum est spatium hcmibriglyphL — An beiden Enden aber (soll noch zugesetzt werden) so viel mehr, als die Hälfte von der halben Breite des Triglyphs beträgt. Diese alte und klare Leseart finden Sie nun für gut, Ihrer Idee zu lieb mit dem Philandro abzuändern so, dafs es danach hiefse: nicht mehr als was die Breite eines halben Triglyphs beträgt: welchen halben Modul Sie denn, wie gesagt unten an der Architrave von der Axe der Ecksäule heraus messen. Allein auch so umgeändert berechtiget die Phrase sie noch keineswegs dazu: denn es wird eine halbe Metope genannt: die soll am Fries, und zwar noch aufserhalb des letzten Triglyphs zugesetzt, und kann also gar nicht von der Säulenaxe aus abgestochen werden. Aber am äufsern Rand des letzten Triglyphs angesetzt, würde die Breite eines halben Moduls die Architrave weit überflügeln; und an dem Vorsprung des Triglyphs vor der Metopenfläche ist vollends nicht dabei zu gedenken, der doch eben durch diese Stelle ausgemittelt werden sollte. Auf dem Eck, welches die beiden Architraven bilden, die ihre Köpfe auf der Ecksäule zusammenstofsen, treffen zwei Triglyphen zusammen, die für sich einen tiefen Winkel bilden und das Eck des Kranzes ohne Unterstützung lassen würden. Dieser Winkel nun soll ausgefüllt werden, und zwar von beiden Seiten in gleicher Flucht mit den übrigen Metopen: so dafs auch der Fries hier ein volles Eck bilde. Darum wird das, womit gefüllt werden soll, eben auch Metope genannt: da aber Vitruv hier nur von einem Risse und blofsen äufserlichen An- schein zu reden hat; so stellt er auch das Füllungsmittel als eine blofse geometrische Fläche und nicht als einen soliden Block dar. Jedoch zur grofseren Deutlichkeit betrachtet er seinen Rifs auf zwei verschiedene Weisen. Das erstemal nimmt er ihn perspectivisch, Überecks anzuschauen, — und darum sagt er hier — in angulis — und fafst demzufolge die bezweckte Operation von beiden Seiten zusammen als Eine, und sagt dann: du sollst ein Stück Metopenfläche zu eines halben Moduls Breite nehmen und in den leeren Winkel als füllendes Eck einbiegen. Ein Eck aber hat zwei Seiten, und auf jeder fällt also die Hälfte der angegebenen Breite. Das zweitemal nimmt er den blofsen geometrischen Aufrifs der Fronte vor sich, wo nur die eine Seitenfläche des Eckes zu sehn ist — und darum sagt er hier — in angularibus. —— Dieses angulare aber beträgt nur die Hälfte des gemachten Ecks, und kann mithin nicht mehr als die Hälfte von einem halben Triglyph: d. h. einen viertel Modul in der Breite zeigen. Also tritt die Metopenfläche um drei Viertel des Moduls vor der Säulenaxe heraus: und das bleibt wie alle andere Dimensionen des Frieses ein fixes und unabänderliches Maafs. Wenn aber die obere Säulenstärke auf den kleinsten Maafs- stab ein und zwei Drittel Modul beträgt, und der Triglyph mit ihr im Loth stehn soll; so wird er hier grade um ein Zwölftel des Moduls vor den Metopen hervortreten: welches grade so viel ist, wie die Abstumpfung seines Ecks fordert; und so wie mit der Gröfse des Werkes die obere Säulenstärke zunimmt, so fallen auch die Metopen immer tiefer, und der Triglyph gewinnt hinter seinen abgestumpften Ecken noch einen Rand, der immer stärker wird, so wie der Modul vergröfsert wird. Das aber war es eben, was uns diese Stelle sollte finden lehren. Uebrigens ist nicht zu leugnen, dafs hier eben der faule Fleck an Vitruvs Con- struction ist, indem er, um nicht nur die Gleichheit der Metopen, welches löblich war, sondern auch der Säulen weiten, die gar nicht zu suchen war, zu erreichen, dies zweideutige Unwesen einschiebt, und was sinnlich ein Vacuum, einen Spiegel bedeutet und deswegen eben und umschlossen zu seyn fordert, ganz mi£$- verstanden in ein hartes Eck ausbieget. ' Den Kranz beschreibt er mit folgenden Worten: Supra triglyphorum capitula co- Auf den Köpfen der Triglyphen soll rona est collocanda in projectura di - der Kranz aufgelegt werden mit einem midia et sexta parte (moduli) habens Vorsprung von einem halben, und cymatium doricum in imo 3 alterum in ein Sechstel Modul, unten mit ei- summo: ita cum cymcitiis corona cras - nem Dorischen Leisten versehen und sa ex dimidia moduli . Dixidendce oben eben so: mit Inbegriff beider Lei- autem sunt in corona ima ad perpen- sten sey er also einen halben Modul diculum triglyphorum et ad medias hoch. Es sollen aber unten am metopas viarum directiones et gutta- Kranz lothrecht über die Triglyphen rum distributiones ita uti guttce s^x und mitten über die Metopen die Rich- in longitudinem tres in latitudinem tungen der Gassen, und die Stellungen pateant: reliqua spatia 3 quoel latiores der Tropfen abgetheilt werden also, sunt metopen quam triglyphi 3 pura re- dafs ihrer sechs in der Fronte und drei linquanlur aut in fulmina scalpantur> nach der Tiefe erscheinen. Die übri- ad ipsumque mentum coronce incida - gen Zwischenräume, weil die Meto- tur linear quee scotia dicitur 1). pen breiter sind als die Triglyphen, mögen leer bleiben, oder auch mit Donner- — ‘ keilen ausgefüllt werden; und am eigentlichen Kinn des Kranzes soll man Pag. 85 & 86. d. R. Ausgabe. eineKrinne ziehn, die Scotia genannt wird. Aus der Anordnung dieser Steile finden sich die Ausleger verbunden anzunehmen, dafs Vitrav an seinem Dorischen Ivranz die Mutulen auslasse und die Tropfen gleich auf der ebenen Unterfiäche vertheile: und ich kann nicht läugnen, dafs seine Worte nicht mächtig dazu verführen sollten. Dennoch gestehe ich, dafs ich mich nie habe überreden können, dafs Vitrav hier in seiner speciellern Anweisung ein ganzes Glied, das er kurz vorher für wenigstens eben so wichtig angab, wie den Zahnscbnitt am Jonischen Gebälk, den er dort so genau detaiilirt, so mir nichts dir nichts unterdrücken sollte, ohne nur ein Wort zu seiner Rechtfertigung beizubringen, da er doch an eben der Stelle sich so sorgfältig bemüht [zeigt, seine Gründe, um den Ecktriglyph über die Axe der Säule hineinzurücken, anzugehen . Wenn wir an Griechischen Monumenten, die doch seine Vorbilder waren, wohl oft den Zahnschnitt, nie aber die Mutulen ausgelassen finden — denn wie schwach wir auch zuweilen diese Andeutungen, die man mit jenem Namen belegt hat, an Griechischen Werken finden; so fehlen sie doch nie: an viel späteren Römischen Gebäuden werden sie freilich oft vermifst — und dagegen erwägen dafs er die Zähne die doch nur die Latten vorstellen sollen, so scrupulos angiebt, ohne uns auch nur die Erlaubnifs zu geben sie irgendwo zu unterdrücken; so mufs es ganz unerklärlich erscheinen, dafs er nun hier ein Glied, das da es den Sparrenkopf vorstellen soll, ihm doch ungleich wuchtiger als jenes Vorkommen mufste, soll ausmerzen wollen, ohne es nur der Erwähnung werth zu finden, was ihn dazu bewogen. Auf der andern Seite wieder wird es mir verdächtig, dafs nach der angenommenen Voraussetzung die Untersicht des Kranzes nicht inehr nach innen in die Höhe gezogen werden kann; auch stöfst mir die Frage auf, warum Vitruv seinen Kranz so ungewöhnlich hoch halten mag, da doch kein Grand abzusehn ist ihn sonderlich gröfser zu machen als am Jonischen Gebälk. So steigen mir auch andre Zweifel auf. — in ima corona — heifst doch nicht ausschliefslich: auf der untern Fläche des Kranzes, sondern nur überhaupt: unten am Kranz, warum sollte es nun nicht eben so gut die untere Schärfe vorn am Kranz bezeichnen können, oder etw r as das noch unten an seiner Fronte erscheinen mag? Und warum sagt er grade; — dividendae sunt viarum etc, — warum nicht vielmehr: — dislribuendce — oder — ordinandce sunt etc , — was doch in solchem Fall viel genauer das blofse Vertheilen oder Anordnen der Tropfen bezeichnen würde, dahingegen — dividendce — vielmehr ein Abtheilen, ein Absondern, ein Abschneiden anzudeuten scheint? Kurz, ich fühle mich bewogen anzunehmen, ja so fest es in solchen Sachen möglich ist, bin ich überzeugt dafs er die Mutulen wirklich beibehalte, und ob er — 87 — sie gleich für Sparrenköpfe erklärte, doch in der Ausübung dem bessern technischen Brauch gefolgt sey, sie nicht als ein besondres Glied, sondern als unzertrennlich zum Kranz gehörig anzüsehn; und da nicht« weiter an ihnen zu bestimmen war, als eben ihre Abschneidung und die Anordnung der Tropfen an denselben, weil alles übrige sich von selbst ergiebt, indem Breite und Vorsprung an ihnen schon durch die Reihen der Tropfen und ihrer Gassen, ihre Höhe aber durch die Zurückziehung nach der Flucht der Giebelseiten angegeben wird; so hat er auch an ihnen weiter nichts, als grade jene beiden Umstände, der Erwähnung nö- thig gefunden. Auch dafs er die Ausladung des Kranzes also in zwei Gliedern — durch einen halben, und ein Sechstel Modul — andeuten zu müssen geglaubt, da er doch mehr als einen näheren Ausdruck für zwei Drittel in seiner Gewalt hatte, scheint mir zu beweisen, dafs er den Mutulus in der Ausladung absondert, ihn einen halben Modul tief, oder doppelschachtig macht, und das übrige Sechstel für die Ausladungen, des Leisten hinter, und des Kranzes vor demselben hinaus, anwendet. Also vor dem Mutulus bliebe noch ein Zwölftel Modul für die Krinne und den Kinnrand, und eben so viel Ausladung behielte der Leisten über dem Triglyphenkopf. Vitruv aber hat zweierlei ausladende Leisten.: — cy- matium doricum — ist das was wir einen Kropfleisten nennen; die Kehlleiste aber nennt er — cymatium lesbium, — Was wir Hohlleisten nennen, kommt bei ihm nicht Yor und scheint unter den Apophygis mit gerechnet worden zu seyn. Dieser Leisten soll also ein Kropf seyn: seine Höhe aber soll der des Mutulus gleich seyn; denn er ist eigentlich da, um die Zurückziehung desselben hinten zu ersetzen. Wenn wir aber nun diese Zurückziehung parallel mit den Seiten des Giebels ziehen; so findet sich dafs der Mutulus in der Fronte ein Zehntel des Moduls hoch werden mufs. Die Tropfen werden ganz gleich den Zäpfchen auf der Architrave. und auch in gleichen Distanzen ausgetheilt, so dafs die Gassen in jeder Richtung gleich breit werden; aber die Höhe dieser Tropfen ist so wenig wie die der Zäpfchen bis dahin noch ausgernittelt worden, und bleibt mithin noch zu suchen. An der Architrave gibt Vitruv nur die gesammte Flöhe des Stäbchens mit seinen Zäpfchen an, und wir wissen also auch noch nicht wie stark dieses Stäbchen seyn soll. Es ist aber zu bemerken, wie an den meisten Dorischen Gebäl- ken griechischer Arbeit die Fronte der Mutulen von gleicher Höhe mit benannten Stäbchen an der Architrave ist. Oft wurden beide nur äufserst schwach gehalten: daher denn auch oft über den Mutulen, am Kranz noch ein schmaler Streifen ab- 12 . $8 geschnitten wurde, um äußerlich die übrige Höhe der Innern Balkenstücke unter den Deckplatten zu erreichen; welches mir ein deutliches Zeichen scheint, dafs sowohl der Mutulus als das Stäbchen an der Architrave als blofse Indicationen der Idee, nicht aber als wesentliche gesonderte Glieder der Construction betrachtet wurden. Nehmen wir demnach die Höhe des Stäbchen an zu einem Zehntel Modul, gleich der Fronte des Mutulus; so bleibt uns noch ein Fünfzehntel Modul für die Höhe des Zäpfchen, und eben so hoch werden dann auch die Tropfen. Weil aber die Zwischenräume, an denen es ganz gleichgültig ist, dafs Vitruv, weil sie bei ihm eine beträchtliche Breite haben, es für zierlicher hält, sie mit Bildnerei zu füllen, zur bessern Unterscheidung der Mutuli nicht mehr zurückgezogen werden durften; so mufste am äufsersten Rand des Kranzes eine Krinne vor denselben ein geschnitten werden, um die Regentropfen zu brechen: und dafs Vitruv hierbei sagt — ad ipsum mentum coronce — scheint mir bestimmt die Abscheidung des flachen Kranzes von seinen Mutulis anzudeuten. Der flache Kranz also behielte zur Höhe mit seinen Kronleisten noch zwei Fünftel Modul; welches erst bei einer Säulenhöhe von 50 Fufs den zwei Siebenteln der Arcliitra- venhöhe entspricht, die Vitruv dem Jonischen Kranze zumafs, bei kleinerem Maafs- stab aber übersteigt: woraus ich schliefsen zu dürfen glaube, seine Meinung sey, dafs der Kronleisten des Kranzes immer stärker gehalten) werde, je kleiner der positive Maafsstab sey. Vieles hat Vitruvj nicht anzuzeigen gebraucht, weil er seine Vorschriften mit Rissen begleitet hatte, die das, was keine wörtliche Erläuterung brauchte oder zuliefs, klar vor Augen stellten: daher unsre Auslegung vorzüglich auf Wiederherstellung dieser Risse gerichtet seyn mufs, so dafs sie dem gesagten nicht widersprechen und das verschwiegene ausmitteln. Dies sey angemerkt zur Rechtfertigung meines Verfahrens: wenn aber Vitruvs Werk durch Hülfe seiner Risse von seinen Zeitgenossen deutlich verstanden w'erden konnte, wofür doch die Erhaltung grade nur seines Werkes, in so trockner Materie bis auf diese Zeiten, doch einige Wahrscheinlichkeit gibt; so war sein Vortrag hinlänglich rein, und es erhellt daraus wie milslich es für uns wird, über seine Sprache abzuurtheilen, Uebrigens wird die Höhe hinter den Mutulis, die Vitruv in einen Kropfleisten ausbildet, an den meisten Griechischen Exemplaren als ein glatter, winkelscharfer Rand gefunden. Dem Giebelfeld, dem Rinnleisten, und den Acroterien, gibt Vitruv dieselben [Verhältnisse, wie in der Jonischen Ordnung. Aber der Charakter der Ordnung 8 $) scheint einen höheren .Giebel als in der Jonischen zu fordern, und gegentheils wird wohl derselbe Rinnleisten für die Dorische Ordnung etwas au hoch gerathen. Auch scheinen die Griechen in dieser Ordnung nur sehr niedrige Acroterien gebraucht zu haben. Jetzt bleibt mir nur noch übrig zu zeigen, wie Vitruv diese Ordnung für pro- phane Gebäude einrichtet. Wie schon öfters angezeigt worden, will er in solchen Gelegenheiten die Säule durchaus schlanker gehalten wissen: hier um einen Modul. m) Beiden Ordnungen erlaubt er hier nur den Diastylos zu gebrauchen; in der Dorischen aber macht er die Stellung enger als an seinen Tempeln, nebmlich von Säule zu Säule zu sechstehalb Modul, von Axe zu Axe aber zu achtelialb, da an Tempeln diese Weite sieben und vier fünftel Modul messen soll. Der Unterschied ist kaum der Rede werth; und der Umstand, dafs dadurch die Breite der Metope gleich der Höhe des Triglyphs wird, kann auf keine Weise für die Ursache dieser Reduction angenommen werden: denn hätte er so was gesucht, so hätte er es eher hei den Tempeln, als hier thun müssen; nichts hinderte ihn dort daran. Im Gegentheil sieht er vielmehr die Gröfse und Breite der Metopen als eine Schönheit und als eine Würde vermehrende Qualität an, die er nur hier gegen eine nöthigere Bedingung aufgiebt. Und diese Bedingung ist keine andre als die, dafs an zwei Säulengängen über einander die Metopen an beiden Gebälken gleichmäfsig sollen ausgetheiit werden können. Eine Säulenweite von achtehalb Modul von Axe zu Axe gibt drei Metopen, jede zu anderthalb Modul Breite. Wird auf diese Stellung eine zweite angebracht, an welcher die Säulenhohe drei Viertel der untern beträgt; so messen hier- die Weiten von Axe zu Axe zehn von den neuen Moduln, welche zehn Modul vier Metopen, jede ebenfalls zu anderthalb Modul Breite, geben. Das ists was Vitruv bei Angabe jenes Maafses im Sinne hat. Ferner, da in der Tiefe des Ganges über jegliche Säule ein Balken nach der Mauer hin kommen mufs, und die Säulen grade halb so weit auseinander stehn als der Gang breit ist; sc fallt in seiner Wendung mitten auf die Breite noch ein Balken, und die Decke bleibt gleichmäfsig K 0 Siehe Lib. V. Cap. IX. pap. c?. R. A , • A 9 ° vertheilt, n) Vitruy- hatte mithin einen sehr*-.triftigen Grund seine Stellung hier also zu modificiren. * - ' - : Weiter finde ioh für jetzt nichts mehr über diese Ordnung anzumerken # und schliefse demnach mit Bezeugung aller gebührenden Hochachtung. n) 'Siehe Tab, XIX, V e r b e s s e r u n g e n. Seite s. Zeile iS. von oben, statt Giogenti lies Girgenti« 2 9 - Zusammeo Setzung lies Zusammensetzung. 16, 2. von unten, BifiotuFftof 1. Sipxd-irpoi;. 92 . I. fahre lies Fahre. 2 6* 4. von oben, der ferneren Erweiterung lies den ferneren Erweiterungen. 28. Pannonisehen lies Panionischen. ' 34 * 4. von unten, Einen lies Einer. ' ; 49 . 17, von oben, sua lies suce. X 43 * ’ Mil 12. dem gesetzmäfsigen lies das gesetzmkfsige, 44 * 16. Löschung lies Böschung. * 46. 1. eitndem lies candem. , 48 * 33 * wesentlich lies wesentlichen« 50. 9. von unten Cu.lm.en lies Columeu. 52- 99. von oben Säulen lies Säulen. 53. ^ g6. dasselbe. 66. 19. den aber lies den andern aber. 67, 6. von unten der 1. die und statt entbehren L entbehrt werden. 70. 4. von oben den lies der. 7 1 * 25 * Es lies Er, \ > —t*" Iii Erklärung einiger Kupfer platten> und der auf anderen befindlichen Zeichen. Tab. E. Kleines Gebälk mit dem hohen Fries . S'äulenhöhe c= Durchmesser. Verjüngung =rr ± - H öhe der Architrave ™ $ Durchmesser, Säulenstellung: Diastylos. Tab. VJ. Grofses Gebälk mit dem niedrigen Fries , Säulenhöhe zu io Modul und 50 Fufs. Säulenstellung: Pyknostylos. Verjungung Höhe der Architrave Tab. IX. a — Trabes. Culmina. Columnia. Camherii, Capreoli. Templa. Tab. X. aa ■— Trabes evergsneae. Cantherii. Columina. Capreoli. Transtra, Templa. C ulmen. Asseres. — Epislylia, — Pilae ex fulmentis. Tab. XI. a b c d e f aa a b ccc d» ee ff hh a b c d e f g h Durchmesser, ■— Asseres. — Tegulae. — Der Bort an der untersten Reihe derselben. — Imbrices. — Die Hohlziegel. — Das kleine Gemäuer auf der Firtse. Lagersteine. 1 k 1 Tab, XIII. a b et c d Trabes. ru Opae tignorum. 11 Tigna. o Templa. p Cantherii. Tab. XII. a — Trabs. b — Culmen. c — Cantherii. d — Templa. e — Asseres. f — Knaggen, wogegen dis Templa ruhen, g — Träger in der Wendung des Pterorna, h — Träger im Pronaos. Hauptträger im Pronaos. Wechselnde Deckenstücke. Träger im Pteroma, Innerer Fries. Capreoli. Columen. Culmen. Transtra. Asseres. Tegulae. Firstgemäuer. f — Triglyphus, g — Metope. b — Aeufsere Mutulx. i — Kranz, k — Rinnleisten. 1 — Kopf des Triglyphen» m — Architrave, w — Typanum, — Gebindbalken, der über dem Pronaos nicht so stark ist als über der Celle. — Sparre. — Spannriegel, — Hangsaul, — Streben. — Firstbalken. — Streckhölzer. — Latten. — Platz für die Dachziegel. - - rr i W- ;\\tr* t/w. Wn« 4 \$>Ui^\\a\<\xs>\ T*snvu»Tj * 5 '$Kp^ •,<).\\ . TO'-'l' Ü t ‘■U> X ., üi/i.' _iai. .> i **. J *« W 9 »V : i;v i A v»i ■öl) -■ - ':S „Vol 'A.' ttaju-»'. Sffl .iojü o,j i’-i:: i-vL-M oi trs K*?f'>’! .•* rss ‘•n-cjyu'nV**" ' •75*?3ii > :*f)TCÜ'/ j er. .• > •'j.v’rii. .-rat* -jjS.-.F ,S.-. 3 äüA — .';sif;'t'iT =— « ( 'jüz*j:iiu •*=!'!> iib i.oö t ><1 *3 it» f nT ijC r ~'\B3 'itii-i .?.sl*muiii ‘ad .! 52 ni~i 13 u ipKÜmiiO o;ibL f c.-Q •» i.Si -J'tlrs-*'; V I ... V, , .IIüStrsD — i .iV 3 mifio'> — ä ’> , 1 - .rsm/xO -* .t-Sit*?* k \ *.. .;. 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