M / ^>57 M- MMKM 8?V^l L715IUKl(Z Schaffhauserische Kindergeschichten. Vom Verfasser der Erinnerungen. Auf das Neujahr 183 7. S ch a f f h a u s e n, in der Hurter'schen Buchhandlung- 1 8 3 7. §6ie die göttliche Vorsicht so ganz besonders über jungen Kindern waltet , eben also wie ein Gärtner mehr Sorgfalt, Schonung und Aufsicht auf zarte, erst aufkeimende Pflanzen verwendet, daö sieht man, wenn man Acht giebt, in jedem Dorf und in jeder Stadt. Wenn man alle die Geschichten sähe und wüßte, von dem was Gott zur Bewahrung und Errettung der jungen Kinder thut, eS wäre unzählich; denn dessen, was davon verborgen ist, ist noch weit mehr al§ dessen, was man weißt. Wer aber nur auf das achtet, was man wissen kann, aufdie augenscheinlichenWunder seiner Hand an Kindern, der wundert sich nicht mehr darüber, daß von Alters her gesagt ist, und in unsern Liedern besungen wird, daß viel tausend Engel von dem Herrn bestellt sind, die Kinder auf der Welt zu behüten und zu bewahren. Die Schaff- hauserische Jugend hat eS auch je und je erfahren. Ich will euch einige Beyspiele davon erzählen, damit ihr desto sicherer glaubet, Gott habe auch die Kinder zu Schaffhausen von jeher lieb gehabt, und ihr euch darüber freuet; denn er thut es noch, er ist derftlbige in Ewigkeit, 4 Ihr wisset schon durch die Erinnerungen aus den Geschichten unserer Stadt von jenem jungen Knabe» Albert/ dem Söhnlein des Stifters unsers Klosters A. H. / Grafen Eberhardts/ wie er so selig gestorben/ und von jenem Beat Jmthurn/ wie ew als ein noch nicht jähriges Kindlein/ schon im Sarge liegend/ durch den Kuß seiner frommen Mutter vor dem lebendig begraben werden bewahrt wurde / und was alles an dieser Errettung gehangen hatte. Ich weiß aber noch mehr dergleichen KindcrgeschichtenB. Das Wiegenkind. AIS den 10 . Wintermonat 1627 Morgens zwischen 5 und 6 Uhr zwey Häuser am Gerberbach plözlich zusammenstürzten/ und alle Einwohner derselben unter ihrem Schutt bedekten / fand sich un- ter den geretteten auch ein Kind/ Maria Müller/ welches nach zweystündigem Suchen / in der Wiege liegend/ ganz unversehrt unter den Trümmern hervorgezogen wurde. Auch sein Vater und Mutter und zwey Geschwister wurden ihm wunderbar erhalten; den» als ihr Haus zu sinken begann/ gieng es so schnell damit zu/ daß sie nicht einmal das Bert/ geschweige Stube und Haus verlassen konnten / und also gleichfalls mit demselben unter den 5 Schutt begraben wurden; aber obgleich ihre Errettung mit vieler Gefahr verbunden war/ brachte man auch sie glüklich wieder ans Tageslicht / während sonst sechs Personen unter den Trümmern den Tod fanden. Hans Conrad von Waldkirch war vier Jahr alt / alS den st. Mär; 1682 ein reisender Handwerksgeselle die HauSgloke im Unterhaus anzog und um einen Zehrpfennig bat. Da man nicht geneigt war/ dem Reisenden etwas zu gebe»/ mußte das Söhnlein ein »Helf dir Gott" zum Fenster Hinausrufen. Aber Gott läßt sich nicht spotten; daS Knäblein rieft / und dem HandwerkS- Gesellen wurde auf der Stelle geholfen. Obgleich nemlich um diese Jahreszeit noch Doppelfenster am Hause wäre»/ brachen beyde mit dem herausrufenden Knäblein / und eS stürzte herunter — und dem Handwerksgesellen in die Arme; der brachte es dann den erschrokenen und jammernden Eltern wieder unversehrt herauf / und es ist gar nicht zu zweifeln/ daß ihm dann nicht mit Freuden ein zehnfacher Zehrpfennig wird gegeben worden seyn. Die Eltern Hätten gewiß nicht gedacht/ daß der nemliche Noth- dürftige/ den sie so geschwinde abgewiesen / noch in derselben Minute ihnen ein so guter Bote und 6 Retter ihres Kindes seyn würde. Darum ihr Kinder / wenn ihr einmal einen eigenen Tisch habt / so „vergesset nicht gastfrey zu seyn/ denn so haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt." Der selige Herr Pros. Müller hat sich manchmal eine Freude daraus gemacht/ wenn um Essens Zeit ein ehrlicher HandwerkSbursche anläutete'/ ihm herauszuwinken/ an seinem Tisch ihn zu speisen und mit freundlichen Worten ihm zu einer guten Weiterreise zu helfen. Ein anderes Beyspiel der rettenden Hand Gottes an den Kindern habet ihr an dem Knaben Joh. Jakob Veity. Als er acht Jahre alt war/ begab er sich den 8. May 1639 mit zween seiner Kameraden an den Rhein beym Schmidtcnthörlein. Ein am User befindlicher breiter Balke lokte sie hinaus anfS Wasser/ und alle drey belustigte» sich sorglos auf dem tragenden und schwimmenden Holz / wie in einem sichern Schifflein. Allein unvermerkt lööte sich der Balke vom Ufer und trieb mit ihnen in den Strom/ und jezt gieng die Noth an; in ihrer Seclenangst wußten sie nicht was machen / eö zog sie immer den Rhein hinab. Endlich zogen sie alle die Kleider auö/ 7 in der Meinung wenigstens hiedurch ihre Errettung zu erleichtern/ aber keiner konnte schwimmen. Sie schryeen um Hülfe / und die Leute eilten aus den benachbarten Häusern herzu; aber da standen sie am Ufer und vermochten nicht zu helfen. Unter den am Ufer Jammernden sahe Veith feine Mutter / eben in dem Augenblik / als der eine seiner Kameraden/ Bernhard Seeli/ vom Schwindel ergriffe»/ ihn umfaßte/ und mit sich in die Fluchen herabzog. Und Jezt wäre es um ihn geschehen gewesen / wenn nicht im äussersten Augenblik der Noth die bereits bereitet gewesene Hülfe noch im rechten Zeitpunkt angelangt wäre. Das waren zwey Weiber aus dem Fischergäßli / des Conrad Vogels Frau mit noch einer ander«/ welche die Knaben in ihrer Todesgefahr von ferne erblikten/ ein Schiff ablösten / tapfer drauf lossteurtcn und eben ankamen/ als Veith am Ertrinken war. Es war der lezte Augenblik der noch zur Rettung übrig blieb. Der Seeli war schon untergegangen / und den Veith hatte das Wasser bereits bis ganz nahe an die grosse Schleuste beym Wuhr getrieben; aber obgleich bewußtlos rekte er noch von Zeit zu Zeit das eine Aermlein aus dem Wasser empor / und die hülfreichen Frauen zogen ihn heraus / kaum noch ehe es unmöglich gewesen wäre. Er wurde für 8 todt heimgetragen , bald jedoch durch warme Bäder wieder zu sich selbst gebracht. Diese Rettung machte aber auch einen tiefen Eindruk auf den Knaben, den er durch sein ganzes Leben nicht mehr verlor; er lernte später die Hand erkennen, die damals über ihm war, und sagte lobsingend: „Der Herr schikte aus von der Höhe und holete mich, und zog mich aus großen Wassern, er führte mich aus in den Raum und riß mich heraus, denn er hatte Lust zu mir." Psalm 18, 17 und 20. Seine Eltern entschlossen sich nun, daö wiedergeschenkte Kind dem Dienst des Herrn zu widmen, und thaten den Jakob gleich in die lat. Schule; und Gott gab seinen Segen dazu, denn es ist dies der nachmalige Herr Dekan I. I. Veith, der als oberster Vorsteher zehn Jahre lang von 1696 bis 1706 unserer Kirche rühmlichst vorgestanden. Das Kiiäblein im Weinberg. In dem schreklichen Pestjahr 1629 war im Haus zum Weinberg ein Knäblein von sieben Jahren, dem alle die Seinigen schnell nach einander dahin starben. Sein Vater, Junker Andreas Pcyer, seine Mutter und vier Geschwister wurden ein Raub des Todes, und es blieb allein übrig. Wie es dem armen 9 KtiMein seyn mußte/ als es so gar verwaist da stand/ könnt ihr euch wohl denken. Es lebte niemand mehr im Hause als ein gewissenloser Knecht und eine ebenso gewissenlose Magd; denn kaum war der lezte Todte hinausgetragen/ so fielen diese über Kisten und Kästen/ Küche und Keller her/ und hauseten wie Räuber. Sie assen und tranken wie unsinnig mit einander / und führten ein schau- derliches Wohlleben; und damit fie das desto ungestörter forttreiben könnten / sperrten fie das erschro- kene Söhnlein ihres eigenen Herrn in ein hinteres oberes Stübchen/ wo es fie gegen niemand verrathen konnte/ und vergaffen es zu speisen in ihrem Taumel. Das war gewiß ein peinlicher Zustand/ Eltern und alles verloren haben/ und noch dazu in dem verödeten Häuft/ wo nicht mehr die Stimme des Vaters oder der Mutter/ nicht mehr die Stimme der lieben Geschwister zu hören war / unter solchen Händen zu stehen. Denn daß diese Dienstboten an dem Gut ihrer Herrschaft Diebe wurden / das war lange nicht das ärgste / aber daß fie in einer Zeit solcher Gerichte Gottes/ wo das ganze Land im Schreken war (es starben nur in der Stadt über 4oooMenschen)/ wo ein jeder keine Stunde ficher war/ daß ihn der Tod nicht überfalle/ so gotteS-- vergessen handeln konnten/ das war fürchterliche 10 das arme Knäblein war ja wie in einer Hölle. Aber Geduld/ es dauerte nicht lange/ kaum ein oder zwey Tage. Als man dem geängsteten Knäblein zu lange nichts zu essen brachte/ als es immer stiller und stiller im Hause wurde/ als es endlich gar keinen Ton oder Geräusch/ nicht die mindeste Spur von lebenden Menschen im Hause mehr hörte/ da schrye es/ von Angst und Hunger getrieben/ aus seinem einsamen Stäbchen zum Fenster heraus so laut und durchdringlich/ bis ein Nachbar hinten im Haus zur Gerwerstube das Jammergeschrey hörte. Der eilte herbey/ klopfte und schellte am Haus/ und da niemand öffnen wollte/ brach man die Thür ein/ und erlöste das Knäblein aus seinem Gefängniß und seiner Angst. Den Knecht und die Magd aber hatte die Hand Gottes gerichtet/ man fand beyde todt im Bette liegen. Die weissagenden Kinder. Den Mund der Unmündigen und Säuglinge braucht Gott oft / um sein Lob/ seine Macht/ oder seinen Willen kund zu thun; ein neues Zeiche»/ wie angenehm Gott die Kinder sind/ zumal wenn sie Ihn auch lieben. Z. B. wenn ausserordentliche Dinge bevorstehen und im Annähern sind / so ah- 8PVK! 11 nen sie oft mehr davon als andere; wav andere vor lauter Klugheit und Verstand nicht errathen noch merken/ das müssen manchmal Kinder heraussagen. Als schon im Sommer 1611 auch bei uns die Pest einkehrte/ an welcher gegen 900 Menschen dahinstarben/ wer hatte vorher daran gedacht und wie plözlich brach sie aus? Aber woher kams/ daß die Kinder schon im Frühjahr, ehe jemand von einer Pest wußte/ unter ihren Spielen auf der Gasse nichts lieber trieben / als Leichenbegängnisse nachzuahmen und Sterbcnslieder zu singen? Hie und da fällt so etwas einer gleichfalls kindlichen Seele aus/ aber ein großer Theil merkt nichts. Und wenn es freylich den Ungläubigen, welche weder der Ernst noch die Güte des göttlichen Worts anregt , keine Ehre ist, wenn sie der Herr mit den spielenden Kindern vergleicht und sagt r „sie sind „den Kindlein gleich, die an dem Markt sizen, und „rufen gegen ihre Gesellen und sprechen: wir Handen euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen, „wir haben euch geklagt und ihr wolltet nicht wei- „nen" Matth. 11, 16., so ist doch in den Spielen der Kinder, wenn sie gleich ohne Ordnung und Zusammenhang sind, öfter auch etwas Weissagendes, der Ausdruk eines Vorgefühls, das in ihnen ist. So pflegt es auch vor dem Auöbruch eines 12 Krieges zu geschehe»/ daß die kleinsten Knaben auf den Gassen steh militärisch üben/ Musterungen halten und sich gleichsam zum Kriege rüsten/ ohne daß sie jemand dazu anreizt. Freylich beßer und heimlicher ist eö aber / wenn ihr AhndungSsinn gegen denjenigen offen ist/ der der größte und beste Kinderfreund ist/ ja mehr noch als dies / der ein Heiland ist aller Welt und ein König aller Könige/ und sie gleich jenen Kindern im Tempel (Match. 21/ 15.) rufen können: „Hosianna dem Sohne Da- „vid/ gelobet sey/ der da kommt im Namen des „Herrn l« Die früh Erlösten. Aber was werdet ihr denke«/ wenn in einer solchen Zeit/ von der eben jene Kinder einst auf den Gassen unserer Stadt in ihren Spielen weissagte«/ in einer Zeit/ wo der Tod ohne Schonen und ohne Unterschied zu Tausenden unter den Menschen dahinrafft/ gerad wie im Sommer ein Mäder mit der Sense daö Gras hinstrekt / Reihen für Reihen / ganz besonders die jungen Kinder unter der Zahl der Sterbenden gefunden werden? Ist das denn auch ein Zeiche«/ daß Gott die Jugend vorzugsweise lieb ist? Und warum läßt 13 er sie vornemlich von des Todes Hand getroffen werden? Denn unter jenen äoooSchaffhausern/ die im Jahr 1629 zu Grabe getragen wurden/ befanden sich gegen Zooo Kinder und Jünglinge und Jungfrauen; es wurden i 4 oo Blumenkränze gezählt/ die nur auf den Särgen der Jungfrauen und Kinder und Kindlein weiblichen Geschlechts auf den Gotteöaker gebracht wurden / und müssen also wohl ebensoviel Knaben und Knäblein gewesen seyn/ die in jenem Jahr an der Pest gestorben waren. Was ist das nicht für eine Schaar? man konnte eine Zeitlang gar nicht mehr Schul halten; und wie leer und traurig wird es ausgesehen habe«/ als man wieder zum erstenmal in die Schule gieng/ und mehr als die Hälfte von den Kindern nicht mehr da waren? Ist denn das/ werdet ihr fragen / ein Beweis der Liebe Gottes zu der Jugend? Ja! es ist ein altes Sprichwort: wenn Gott lieb hat / der stirbt jung. ES ist ein Werk der Liebe/ daß Gott so junge Kinder durch einen frühen Tod der Gefahr entrinnen macht/ in der Welt verführt/ verdorben und ewig verloren zu gehen. Wenn eben so viele Menschen auf einmal sterben müssen/ so hat Gott dabey vielerley Absichten: die einen werden ihrer Sünden wegen hingenommen und weggerafft als Gottlose/ cö ist ein Gericht über sie; andere weiden dnrch einen so schnellen Tod 14 heimgeholt und aus der Noth dieses Lebens erlöst; es ist eine große Erndw/ wo Unkraut und guter Waizcn mit einander abgeschnitten werden/ das Unkraut kommt an seinen Ort und der Waizen wird in die ewigen Scheunen gesammelt. Und von den Kindern dürfen wir zum voraus die getroste Hoffnung haben / daß ste selig werden. Es fallen mir Hiebey gleich einige Knaben und Jünglinge in den Sinn/ die gewiß Gott liebe Seelen waren / und die mußten im Rhein ertrinken; Gott hätte sie ohne anders so leicht retten können aus dem Wasser als jenen Jakob Veith / und er hat jener ihre Todesangst und Noth gewiß so gut gesehen / als bey diesen / aber er hat ste sterben lassen/ um ste bey ihm in Sicherheit zu bringen. Ihr aber/ wenn ihr nicht früh sterben/ wenn ihr aufwachsen und aus Kindern zu Knaben und Jungfrauen / und dann zu Männern und Frauen ja gar zu Greisen werden sollt/ so trachtet/ daß ihr selig werdet durch den Glauben an Jesum Christum/ und einst die Freude habet/ jene taufende von Kindern aus unserer Stadt/ die in jenem einen Jahr 1629 dahinstürben / mit jenen vier Geschwister«/ deren Leichenstein noch im Kreuzgang zu finden ist/ im Himmel sehen und begrüßen zu können/ sammt noch viel tausend andern/ die vor uns zu den Schaaren der Seligen eingegangen find. 15 Die Linde im Baumgarten. Noch vor achtzehn Jahren stand eine hohe schöne Linde im Bezirk des Baumgartens/ wo die Bogenschiizen ihre Uebungen halten, nahe bey der deutschen Schule/ zur Beschattung des dortigen Brunnens. Hundertmal hat sie durch den blossen Anblik jung und alt erguikt. DaS ist wohl nebst der Eiche der schönste Baum / der unsern deutschen Landen eigenthümlich ist/ und unsere Alten hatten einen guten Geschmak/ daß ste die öffentlichen Pläze mir solchen Lind enbäumen zierten; bey uns hat man noch fast in jedem Dorf wenigstens einen solchen Baum/ unter welchem dann die Jugend ihre Freude hat. Aber sie kommen immer mehr ab; man sieht jezt lieber Papelbäume/ die wie ungeheure Ruthen aussehen/ oder Roßkastanien/ die wohl etwas grell sind/ aber lange nicht daß schöne und sanfte Aussehen haben / noch auch mit ihren Blüthen einen so lieblichen Geruch geben. Nun unsere Linde im Baumgarten zog auch vielmal die kleinen Knaben und Mägdlein der Umgegend in ihre Nähe/ und so geschah es auch an einem Abend des Jahrs 1818/ daß mehrere Kinder in ihrem Schatten traulich mit einander spielte«/ und an nichts weniger als an ein Unglük dachte«/ obgleich 16 ein heftiger Sturmwind zu sausen und zu brausen anfieng. An waS sie gerade dachten/ weiß ich nicht/ aber eS ist immerhin gut/ wenn man/ wie gute Kinder/ nicht an ein Unglük denken muß / und noch besser / wenn man seines Gottes nicht vergißt/ und darum wie David/ der junge Hirte (Psalm 2Z)/ sagen kann: „ich fürchte kein Unglük / denn Du Herr bist bey mir/ Dein Steken und Stab trösten mich." Aber plözlich krachte der dike Stamm; der Sturm hatte die / inwendig durch Fäulniß ausgeholte Linde gefaßt/ und sie stürzte mit ihrer ganzen Last zur Erde und bedekte die Kinder. War das wohl anderS/ als wenn man mit einem wohlbekannten Büschel Reiser auf den Tisch schlägt / darauf Fliegen sind; zweifelt man auch / daß eS sie nicht treffe? Aber den Kindern geschahe kein Leid. Die Linde fiel auf die Seite in den Garten des Hrn. Lang/ der damals Bogner war/ und bedekte ihn ganz. Drey seiner Kinder befanden sich im Garten / ein dritthalbjähriges Knäblein/ ein älteres / und ein Töchterchen von neun Jahren. AlS der Sturm so gewaltig brauste/ und ehe die Linde fiel/ rief der Barer seine Kinder zusammen unter das Dach. Der ältere Knabe / der eine Bütte auf dem Rüken hatte/ kam herauf/ aber die andern beyden (vielleicht hörten sie'S nicht) / verweilten noch im Garten / als 1 - eben der Baum über den Garten stürzte und den Gatter/ und was ihm im Wege war/ in Stuten zerbrach. Mit welcher Angst der Vater jezt an seine Kinder dachte / könnt ihr euch vorstellen / und wie er eine schwache Hoffnung schöpfte / als er sie auS der Tiefe herauf schreyen hörte. Beyde befanden sich zwischen den diksten Aestcn / ohne daß ste einer berührt hatte; das Kleinere wurde durch die Gewalt des Sturzes und von dem dünnern Geäste so zu Boden gcdrükt/ daß sich sein Gestchtlein im Gartengrund / wie im Schnee / abdrükte. Beyde konnten steh nicht rühre»/ und mußten warten bis man durch das Dikicht / welches den ganzen Garten ausfüllte / durchbrach und ste aus ihren Stinken erlöste / aber keinem war ein Haar gekrümmt worden. Die ganze Stadt nahm Antheil an die- ser wunderbaren Erhaltung der Kinder/ und viele bcglükwünschten darum den Vater. — Vielleicht werdet ihr hören / es seyen doch zwey andere Kinder unter eben dieser Linde unglüklich gewesen/ ich weiß wohl/ eines war auf der Stelle todt und das andere schwer verlezt; aber das waren andere / und wir reden jezt nur von solchen / die behütet wurden. Wer weiß/ wie gut es diesen anderen geworden ist, daß es ihnen so gieug? Jene und diese gehörten aber auch gar nicht zusammen. 2 18 Das war aber nicht die Linde/ von der ihr vielleicht auch schon gehört habt/ und die am nem- lichen Plaz stand / die große alte Linde / auf welcher man einen steinernen Brunnen und Laubhütten hatte/ und von der muß ich euch doch auch noch kurz erzählen. Diese war eine Zierde unserer Stadt/ und hat den Kindern besonders gewiß viel Freude gemacht. Sie stand noch den 18. August 1768/ aber damals den lezten Tag. Sie muß wenigstens etliche hundert Jahr alt gewesen seyn; denn als man 1574 das dortige SchiizenhauS erbaute/ hieß sie schon die alte Linde. Sie maß 24 Fuß im Umfang; unten war eö wie in einer Halle/ denn es standen acht steinerne Säulen im Kreis um sie herum/ dike und runde/ aus welchen die Last ihrer Arme ruhten. Auf diesen Armen d. i. auf den unteren Aesten war ein weiter Bretterboden gebaut/ auf welchem nicht nur zehn Tische aufgestellt werden konnten/ um hundert Schüzen und andere Gäste zu speisen/ sondern es stand noch ein zierlich ausgehaltener Brunnen darauf mit immer laufendem Wasser. Die Seiten waren eingefaßt mit spalier- artigen Wänden/ und über sich hatte man den kühlsten und dichtesten Schatten. In der Nacht aber auf den 19. August 1738 entstund ei» so furchtbarer Orkan/ mit Bliz und Donner verbunden/daß 19 er nicht nur anderwärts viele Bäume entwurzelte/ sondern auch unsere große Linde mit all ihrer Herrlichkeit zu Boden stürzte. Der wakere Schulmeister auf der deutschen Schule/ Ioh. Conrad Maurer, der die Jugend seiner Vaterstadt herzlich liebte/ und viel und treulich an ihr gearbeitet hat, hat diesen Sturz nichtnurmit angesehen/ sondern auch in einem erpressen Liede Gott öffentlich dafür gedankt/ daß weiter kein Unglük dabey Statt hatte; ste fiel gerade auf die Seite/ wo keine Häuser stunden, einzig zerschlug fie den kleinen Schüzen- stand, der für die Knaben da war. Ihnen wurde freylich damit eine Freude verderbt, dafür aber ist jezt ein Cadettenkorps da. Und das hätte man auch thun sollen, nämlich Gott danken, und hat es damals gewißlich auch gethan, als 1746 den 31. May der alte schön gebaute Frohnwaagthurm zusammenstürzte. Denn da war auch so offenbar die bewahrende Hand Gottes gegenwärtig, daß ich nicht umhin kann, euch darauf aufmerksam zu machen. Auch dieser Thurm war eine Zierde der Stadt. Das Mäklern oben, daS Königsglöklein, das nie geläutet wird, als nur in der Stunde, wenn es, während die Herren im Rath einen Bürgermeister wählen/ zum Gebet auffordert, erinnerte an den fieg- 2 * reichen Zug der Schaffhauser auf das Schloß Balm; die schönen Mahlereyen an der Vorderseite des Thurms/ Schweizergeschichten/ waren vermuthlich von der kunstreichen Hand unseres Tobias Stimmers / und die vielen beweglichen Zeiger an der schönen Ziefertafel/ der kreisende Mond/ die lausenden Sonnen und Sternen über den 12 himmlischen Zeichen/ erinnern an den wakern Stadtuhrenma- cher Joachim Habrecht/ der das innen befindliche astronomische Uhrwerk verfertigte/ der/ wie ihr wißt/ zwey junge Knabe«/ einen Jsaak und einen Josias hatte/ die schon als kleine Buben die Zeit mit rastlosem Sinnen und Denken und Verfertigung allerley künstlicher Handarbeit/ anstatt mit eiteln Possen und Nichtsthun/ zubrachte»/ so daß sie ihren Vater überwuchsen/ und ihnen der Frohn- waagthurm zu klein war/ um ihr gewonnenes Talent anzubringen/ eS mußte das Straßburger Münster seyn; ja auch das war für beyde zusammen zu wenig / denn der jüngere JofiaS wollte auch nicht nur der Gehülfe seines Bruders seyn / als sie beyde im Münster zu Straßburg arbeiteten/ sondern er überließ.diesem nach zwey Jahren den Straßburger Thurm allein/ und eilte nach CölN/ wo er den dortigen Dom mit seiner Kunst zierte. Diese Ermnerungcn und das hohe Alter und der massive 21 Bau/ dessen Kanten aus lauter auserlesenen Ek- steinen bestunden/ machten unseren Frohnwaag- thurm ehrwürdig. Er muß wohl so alt gewesen seyn als die Stadt/ oder noch alter. Aber das alles schüzte ihn nicht vor dem Untergang; und sein Einsturz/ wie der Brand unserer schönen Nhcinbrüke durch die Franzosen/ erinnerte laut und nahmhaft Lara»/ daß auch SchaffhausenS Herrlichkeit dahin müsse/ sofern sie nur im Zeitlichen wurzelt. Wie ist es aber zugegangen/ daß man von so viel göttlicher Schonung und Bewahrung zu sagen weiß/ die bey seinem Fall obwaltete? Ich weiß nicht weniger als acht Punkte/ die das beweisen; vielleicht waren es noch mehr. Denket nur einmal: 1. Mehrere Wochen vorher hatte man etliche Risse an ihm wahrgenommen/ die auf eine mögliche Gefahr aufmerksam machten / und nach genommener Einsteht/ beschloß man/ ihn gründlich auszubesseren/ troz der Behauptung des Stadt- baumeisterö: der Thurm könne noch Jahrhunderte so stehen. Da aber das Pfingstfest nahe war/ so wollte man nicht über eine so heil. Zeit dergleichen Arbeiten vornehmen/ und schob es auf bis auf die Woche nach Pfingsten. Aber ehe der Morgen deö ersten Werktages/ des Pfingstdiensttages/ anbrach/ fiel er ein. 22 Wäre das nicht geschehe«/ so hätte er alle Arbeiter zerschmettert. 2. Gesezt/ man hätte auch nicht gleich am Pfingst- dienftag die Reparatur angefangen/ so war es doch sonst an diesem Tag dicht um den Thurm her voller Leute/ weil das der erste Tag eines Jahrmarktes ist und dort das Bedräng fast am größten. Was hätte es also für Jammer gegeben/ wenn er nur einige Stunden später eingestürzt wäre. Z. Er fiel nicht so plözlich ein / daß nicht die Schlafenden in den Nachbarshäusern noch zur Zeit hätten gewarnt und wach gemacht werden können. Schon Nachts um 2 Uhr rieselte es so stark vom Thurm herab / daß die Leute auf der Herrenstube/ die noch mit Aufräumen wegen deö vorangegangenen Zunftschmauses beschäftigt waren/ eS merkten/ und gespannt blieben. Gegen 4 Uhr fiel ein großes Stük gegen das Haus zur Tannen herunter/ und daö obere kleine Thürnlein mit dem KönigS- glöklein stürzte zusammen; dadurch wurde die ganze Nachbarschaft aufgeschrekt/ wie auch durch den lauten Ruf der Wächter von der nicht gar fern stehenden Hauptwache / die vollends alles aus dem Schlaf wekren/ und den 23 Leuten aus den Häusern halfen. Darauf stürzte er ganz zusammen. 4. Aber er fiel nicht auf die Seite/ sondern sank in sich zusammen/ so daß die mächtigen Mas. sen die nahe stehenden Häuser nicht zerschmettern konnten. Selbst die künstliche Uhr und das Königsglöklein blieben unbeschädigt auf dem Schutt aufsizen. 5. Doch schleuderte er ein Stük auf die Seite, das in ein Zimmer zur oberen Tanne einbrach/ eine Bettstatt entzweyschlug und die Nebemvände zerschmetterte. Aber kein Mensch befand sich in diesem Zimmer. 6. Der Waagmeifter Senn/ mit den Seinige»/ hatte seine Wohnung hinten heraus / und über derselben hin strekte sich ein Theil des HauseS des PfundzollerS / und daher merkten sie die Gefahr lange nicht. Erst durch den Lärm aller Geflüchttten wurden sie aufmerksam und bewogen / das Haus zu verlassen. Kaum waren sie in Sicherheit / so stürzte der dritte Theil zusammen/ und zerschlug die an den Thurm gebaute Herberge des WaagmeistcrS gänzlich. 7. Aber die Magd war im Stich gelassen, sie zog sich eben eilends an in ihrer Kammer, als 24 die Wohnung zusammenbrach. Allein sie wurde unbeschädigt unter den Trümmern hervorgezogen. 8. Wenn man die große Masse des Schuttes sich denkt/ die mit den größten Quadern die Strasse ben der untern Tanne bis an das erste Stok- werk hinauf ausfüllte/ und Hausthüren und Läden verrammelte/ so ist'S kaum zu begreife»/ daß der Schade so gar gering war. Das sind doch ausfallend Beweise göttlicher Vorsehung/ nicht nur Spure«/ handgreistiche Beweise; denn in den Augen Gottes ist das Leben eines Menschen nicht gering geachtet; fällt ja kein Sperling auf die Erde ohne seinen Wille«/ wie viel weniger überhaupt ein Mensch / und noch viel weniger ein Kind Gottes? „Wer ist weift/ und behält dies? so werden sie merken/ wie viel Wohl- „that der Herr erzeigt/- Psalm 1v7. Das angenehme Opfer. Doch ich habe ja vor/ euch Kindergeschichten zu erzähle»/ und daher will ich euch jczt auch an den Knaben erinnern/ dem in einer Krankheit da§ Herz weich wurde gegen die armen Waisen. Im Jahr 17Q war er so eben von einer Krankheit wieder genesen/ als der Pfarrer I. G. Hurter/ in seinem Waisenhaus wieder neue Kinder angenom- 25 mm hatte. Die Muter gab ihm 16 Bazen/ damit ex sich daraus nach überstandenen Schmerzenstagen eine Freude machen möchte. Da dachte er/ was giebt eS für eine größere Freude als die / anderen Freude zu machen/ denn da ist man nicht allein- und zwar war es ihm nicht um eine eitle Freude zu thun/ sondern um eine rechte/ die da bleiben kann. Er hatte eS selbst erfahre»/ wie gut ein Kind es hat- das unter der Pflege treuer Eltern steht/ und konnte sich's denken/ was daher die Kinder entbehren müssen/ die ihrer Eltern beraubt sind/ und wie wohl es deshalb gethan seye/ wenn man sucht ihren Mangel so viel möglich zu ersezen; er schikte daher die sechszehen Bazen gerade zu in'S Waisenhaus mit dem Sprüchlein: Was zur Stillung meiner Schmerzen von den Eltern ich bekommen/ Solches thu ich opfern auf dem Versorget aller Frommen / Damit es komm' zu gut den Waisenkindern allen; So laß Herr Zcbaoth dies Opfer dir gefallen. ES möchte ihn wohl auch die Dankbarkeit für seine Wiedergenesung dazu bewogen habe»/ und eS war gewiß ein Opfer von einemKinderherzen/ das dem Herrn angenehm war. „Denn wohl dem/ der „sich des Dürftigen erbarmet/ der Herr wird ihn 26 „erretten zur bösen Zeit/' Psalm sil. Ein solches Kind hat's mit dem Herrn zu thun / mehr als es weiß/ und er läßt sich mit ihm ein. Der Knabe wird wohl nur gedacht haben / daß er den Waisenkindern etwas gebe/ aber eS war noch ein anderer/ der das Geschenk noch vielmehr annahm/ und das isi Gott der Herr; denn wer den Armen giebt/ der leihet Gott. Gott tritt hinzu und hat's mit einem solchen zu thun; und wenn Er einmal mit einem etwas anfängt/ den lässet er nicht so bald/ das glaubet nur. Das Brüderpaar. Ich kenne aber noch zwey Knabe»/ an denen so recht zu sehen ist/ was der Segen der Eltern thut. Sie hatten eine Mutter/ welche die Treue an ihnen bewies / sie jede Nacht zu segne«/ nachdem sie sie in's Bett gelegt hatte. Und diese Knaben waren unsere beyden Müller/ der Johann und Johann Georg. Wahrlich es ist kein Wunder/ daß solche Leute aus ihnen wurde»/ als welche sie hernach bekannt geworden sind/ wenn man dies kerüksichtigt / und dann auch ansieht / wie musterhaft diese beyden Segenskinder schon ihre allerftühste Jugendzeit zugebracht haben. Der Johannes konnte 27 noch nicht einmal lesen/ und wußte schon die Heldenthaten unserer Vorväter zu erzählen; und das kam daher/ weil er mit Freuden aufgemerkt hatte/ wenn ihm der geliebte Großvater/ der Helfer Schoop/ die Bilder in Stumpfs Schweizerchronik vorlegte und zugleich erklärte. ES war allemal ein Fest für ihn/ wenn er mit seinen Eltern von Neukirch aus in die Stadt mitgenommen wurde und zum Großvater gehen durfte/ um da allerley schöne Geschichten zu lernen/ die er dann mit der größten Begierde auffaßte und beständig in seinem Gemüth bewegte. Der Großvater lebte ganz in der Geschichte seines Vaterlandes/ und freucte sich innig/ wenn er seine Freude über das viele Gute / das Gott unserem Land und Volk von Alters her gethan/ über die adelichen Tugenden/ mit denen er eö geziert hatte/ über die Tapferkeit/ Klugheit/ Redlichkeit und Biederkeit unserer Vorväter/ über dem sichtbaren Schuz/ mit welchem Gott über ihnen waltete/ auch dem noch kleinen Enkel mittheilen konnte. Es war/ als ob er es ahndete / daß er sich bald von ihm trennen müßte/ und eilte daher ihm noch mitzutheilen / was er nur konnte. Der Enkel war noch nicht fünf Jahre alt / so zeigte er ihm die Menge seiner geschriebenen Bücher und sagte: »Johannes / das ist alles für dich/" um ihn damit 28 zum Fleiß und zu fernerer Lernbegierde anzuspornen/ weil er wohl wußte / wie werth ihm solche Bücher wäre» / aus denen ihm so schöne Dinge mitgetheilt wurden. Die Ahndung des Großvaters aber war nicht umsonst/ denn der nemliche Monat Januar/ in welchem sein lieber Enkel das fünfte Jahr ange- tretten hatte / war sein lczter auf Erden. Und da zeigte steh auch die innige Verbindung / in welcher dieser Greis und sein gar junger Enkel mit einander standen. ES war den 24. Jänner 17L7/ daß die Eltern mit dem Knaben wieder in die Stadt kamen zum Großvater/ um mit ihm den Namenstag der Mutter zu feyern. Und es ist merkwürdig; an eben diesem Tag hätte es im Kirchenrath entschieden werden sollen/ ob er das Pfarrhaus in der Nepfergaß beziehen dörftt/ welches er noch sehr gewünscht/ weil ihm seine bisherige Wohnung zu seinen Arbeiten so gar unbequem war. Er hätte dieß nicht verlangt/ wenn es ihm nicht ausdrük- lich einmal versprochen worden wäre. Als man nemlich einige Zeit vorher einen neuen Triumvir wählte/ und Schoop als Helfer an der Hauptkirche die ersten Ansprüche zu dieser Stelle hatte/ versprach man ihm eine beßere Wohnung/ wenn er diese Stelle einem andern überlasse. Allein da es 29 hätte dazu komme» sollen , so glaubte ein anderer diese Wohnung ansprechen zu dörfen, daher der Kirchenrarh darüber entscheiden sollte/ und es auch au jenem Tage gethan hätte, wenn nicht ein un- vermutheteS Hinderniß eingetretten wäre. Aber es war gut, denn allem Anschein nach hätte er diese Wohnung doch nicht bekommen, und ist also dem alten wohlverdienten Mann die Kränkung erspart worden, nach langem treuen Dienst an der Kirche noch im Alter zurükgesezt zu werden. Er zog aber freylich denselben Abend noch in eine Wohnung, die viel besser ist, als der Pfarrhof in der Nepfeegaß, und die er sich schon vor jener und viel angelegentlicher gewünscht hatte, in ein HauS, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Und wie ist ihm diese »«vermuthete schnelle Veränderung noch so zeitig angedeutet worden durch den eigenen Enkel? Am Abend nemlich sollte die häusliche Feyer seine tägliche Uebung, in Mitte der Seinigen den Tag mit Gebät zu schließen, nicht aufheben oder hindern; dem Enkel wurde also aufgetragen vom wohlbekannten Ort her das Verbuch dem Großvater zu bringen und aufzuschlagen. Jener hatte es flugs bey der Hand, blätterte aber immer hinten bey benSterbenögebäten, und wollte es nicht verstehen, wenn der Alte sagte: Du fuchst ZO am unrechten Ort. Da da/ Großvater/ müßt Ihr lesen / sagte er immer/ auf ein Sterbensgebät deutend. Endlich nahm er ihmö aus der Hand/ und las das Gebät des Tages. Aber kaum hatte er es vollendet/ so berührte ihn der Todesengel / es traf ihn ein Schlag/ der sich bald wiederholte/ und ihm das Leben nahm. Doch hatte er zwischen dem ersten und dem zweiten Schlag Zeit/ sich aufs Sterben zu fassen und zu bereiten; er konnte reden und war bey Sinnen/ nahm Abschied von den Seini- gen und segnete besonders angelegentlich den lieben Enkel/ und starb dann betend/ so wie er eS sich gewünscht hatte/ in den Armen seiner vielgeliebten Tochter. Der Johannes aber nahm zu an allem dem/ was seinen Eltern nur Freude machen konnte. Was er lernte/ lernte er mit großer Lust und Freude. Da er kaum lesen konnte/ saß er schon über seinem Hübner/ von dem er sich oft nicht trennen konnte/ und staunte über den Geschichten und Thaten der Könige und Fürsten/ so eine rege Wißbegierde hatte er. Und kaum hatte er schreiben gelernt/ so nahm er einst die Feder in die Hand/ und schrieb eine Geschichte von Schasshausen in Fragen und Antworten in der Weift/ die er in seinem Hübner gelernt hatte. Ich würde Euch gerne diese Arbeit des jungen Geschichtschreibers mittheilen/ wenn ich sie bekommen könnte / oder wenn sie noch vorhanden wäre. Alö er erst fünf Jahre alt war/ begab es sich/ daß sein Onkel JustuS Müller/ ein Strnmpfsrriker/ Hochzeit hatte/ und er alö ein junger Vetter auch geladen wurde. Da man in derselben Zeit noch die Klugheit hatte/ den kleinen Kindern bey solchen Anlässen nicht dadurch eine Freude zu mache»/ daß sie nach der Geige meist liederlicher Menschen tanzen müsse»/ sondern auf andere und freyere Art mit ihnen sich zu erfreuen / so geriethen einige Hochzeitgäste auf den Einfall/ der begabte Knabe soll ihnen etwas erzähle«/ und stellten ihn auf die Ofenbank. Hier war er in seinem Element und erzählte denn aus denWelt- geschichten mit einer solchen Lebhaftigkeit und Ordnung zugleich/ daß sich nach und nach alles um ihn versammelte/ und erstaunt zuhörte. Freylich haben sich hernach etliche Leute aus Neid daran geärgert/ und gesagt / man mache den Knaben eitel und ein- bildisch; aber er war unter einer guten Hand; seine Mutter/ der es nicht um den Ruhm/ sondern um das Heil ihrer Kinder zu thun war/ sorgte schon dafür. Denn ihr müßt nicht denken/ daß er immer über den Büchern saß / er mußte zuwei- 32 len Magddicnste thun / die ihm schon zeigten , daß man znr Arbeit und nicht zur Einbildung auf der Welt sey. So z. B./ da er in seinem achten Jahr einen Bruder bekam / mußte er ihn manchmal wiegen, was ihm nicht immer gefiel; denn einmal warf er die Wiege im Unmuth um, lief davon und ließ das Brüderchen auf dem Boden liegen. Da hat er fich gewiß geschämt, und kein Lob darüber empfangen, wohl aber vielleicht etwas anderes. Ich glaube auch er wird erschraken seyn, weil er hier hat deutlich sehen können das Böse, das in seinem Herzen war. Indessen scheinen ihm doch unter allem, was er las, die Geschichten die liebsten gewesen zu seyn, die uns in der Bibel erzählt find. Denn als seine beyden jüngcrn Geschwifterte etwas älter waren , freute ihn nichts so sehr, als wenn er ihnen des Abends auf einem Bank beym Ofen (als drey- zehnjähriger Knabe) von Abraham erzählen konnte, von Jakob, von Joseph, von Moses, von Samuel und David, und von Jesu dem Sohne Gottes. Da horchten sie dann mit einer Aufmerksamkeit und Andacht, daß die Mutter selber im Stillen ihre Freude daran hatte; sie that freylich, wie wenn sie nichts daraus machte, aber sie behielt das doch in ilrem Herzen. Denn wenn Kinder eine solche ZZ Freude haben an den Geschichten in der Bibel, wie sie uns z. B. in den Historien von Hübner erzählt sind, so legt daS einen Funken von Gottesfurcht in ihre Herzen, der nicht so leicht wieder erlischt. So haben eS fast alle die Menschen in ihrer Kindheit gehabt, aus denen etwas worden ist zum Lob Gottes. Ich glaube z. B. schwerlich, daß TimotheuS ein solcher Jüngling geworden wäre, der dem Apostel Paulus so gar lieb seyn konnte, wie ein Sohn, wenn er nicht schon von Jugend auf in der Schrift wäre unterwiesen worden von seiner Mutter LoiS, und seiner Grosmutter Eunike. 2 Timoth. 1, 5 und III, 15. Als er in die Schule gieng, hatte er seine Kameraden lieb, obgleich er selten die Possen und Raufereien mitmachte, die eö etwa gab, damit er im Lernen nicht verhindert werde. Wenn die Schule zu Ende war, so eilte er eben nach Hause, seinen Fleiß aber und seine Arbeitslust ließ er seinen Kameraden von Herzen gern zu gut kommen, denn manchmal half er denen, die entweder auö Schwachheit dahinten blieben, oder aus Zeitversäumniß durch das Gassenlaufen in ihrem Pensum zurükgcblieben waren und ergänzte ihnen ihre Arbeiten. Er freute sich recht, wenn er eS verhindern konnte, daß sie keine Schläge bekamen. Viele seiner Kameraden hatten 3 34 ihn auch lieb / und für das / daß er in ihren Spielen auf den Gassen nicht gerne und selten mitmachte, hatte er den Gewinn, daß sie in den Freyftunden zuweilen zu ihm kamen (er wohnte auf der lat. Schule, wo sein Vater Conrektor war) und sich dann von ihm aus den Historien erzählen liessen, oder eine Kupferbibcl mit ihm besahen, die er ihnen dann erklärte. Sei» CatechiSmus muß ihm auch lieb gewesen seyn, denn er hat schon als Schülerknabe Anmerkungen darein geschrieben. Einmal war er auch wo zu Gast mit anderen Knaben, und da sollte er ein Kartenspiel mitmachen, aber es wollte nicht gehen, er war wie vernagelt dabey. Es däuchre ihn eben ein elender Zeitvertreib, wiewohl esss nicht wußte. Er nahm eS zwar mit Recht nicht sehr zu Herzen, daß das Spielen nicht gehen wollte, und doch kam er sich recht komisch vor, daß er cS nicht unterlassen konnte, zu Hause den ganzen Hergang schriftlich aufzusezen, welches dann, ohne daß er'ö beabsichtigt hatte, äusserst drollig herauskam; er wollte nur ein bestandenes Famm beschrieben. Vielleicht ist es auch von dieser Geschichte hergekommen, daß unverständige Leute von ihm sagten, er sey ein dummer Knabe; aber eine Ungeschiktheit zum Kartenspielen istwahr- liche nicht zu verachten. Er hat in seinem ganzen Leben nie gespielt/ und doch ist es denen/ die ihm übelwollten/ erleidet worden zu sagen/ er sey dumm gewesen. Denn aus ihm ist ein Mann geworden/ den ihr später freylich auch einmal kennen lernen müßt/ den Geschichtschreiber der Schweizer, — den Geheimrath der Könige, Johann von Müller. Nicht so rasch und heiter, aber eben so lebhaft und flüssig war sein um acht Jahre jüngerer Bruder Johann Georg. Er kannte also den Großvater nicht mehr / und da ihm sein Bruder um acht Jahre voraus und schon in seinem dreyzehnten Student war, und in seinem siebenzehnten die Universität bezog, hatte er auch von ihm nicht so viel, als man denken möchte, und auch er mußte später sagen: „Gott Du hast mich von Jugend angeleitet." Weil er in seiner Jugend von Natur sehr schüchtern war, war er auch verschlossen und zurükhaltend gegen die Menschen. Nur seine Mntter, der er sich offnere und anvertraute, merkte was in seinem Innern vorgieng. Daher war es ihm auch eine süffe Erguikung, wenn er ihr seine Gedanken ungesehem mittheilen konnte. Wie entzükend war es für ihn, als er die ersten Entdekungen machte, und nun auch eine vertraute Seele wußte, der er sich mittheilen konnte; da er z. B. als Schülerknabe auf den Gedanken kam, daß die Thiere Seelen hätten, und 3 * 36 es also mit seinen Thierlein zu Häuft/ seinem HündleiN/ seiner Kaze nicht gar aus wäre/ wenn sie aushauchten; diese Gedanken waren ihm noch einmal so werth/ wenn er auch mit seiner verständigen Mutter darüber geredet hatte. Eben so gierig cS ihm / da er zum erstenmal aus dem Propheten Daniel und aus dem fünften Buch Mosts etwas faßte. Mit einer seltenen Geistesfreude erzählte er ihr da/ was doch alles in diesen Schriften liegen müsse/ und wie die hohen majestätischen Bilder feine ganze Seele an sich gezogen hätten. Einmal hatte er auch einen merkwürdigen Traum/ der uns wenigstens beweist/ wie sehr und gern er sich mit den Menschen befreundete/ die uns die heil. Schrift als GotteSfreunde bekannt macht. Er träumte nemlich / da er etwa sieben oder acht Jahr alt war / der König Salomon stehe mit seiner Krone auf dem Haupt und einem langen feyerlichen Rok unten an seinem Bette. Er sahe/ wie er sich über sein Bette gegen ihn hinneigte/ und mit auSgerek- tem Zeigefinger ihn sehr ernste Dinge lehrte. Er horchte aufmerksam auf feine Lehren/ und vcrftand alle Worte/ aber des Tages wußte er sie nicht mehr/ wiewohl er einen tiefen Eiudruk davon empfieng. Er glaubte in der Folge/ daß er in seinem ganzen Leben nie so klare und feste Gedanken über die wich- Z7 tigsten Dinge gehabt habe/ als in jenem Traum/ und behielt von daher ein unauslöschliches Bild der Weisheit. Sein Vater hatte eine ganze Sammlung von Calendern von 1666 bis auf seine Zeiten. Hinter diese gerieth einmal der junge Johann Georg / und von den vielen merkwürdigen Geschichten und Begebenheiten hingerissen/ glaubte er da eine reiche Waide zu haben. Stunden lang saß er ob seinen gefundenen Calendern/ so oft er übrige Zeit fand, und verwahrte sie wie einen Schaz. Und weil er das nur heimlich zu thun sich getraute^ aus Furcht/ sein Vater möchte eö ihm untersage«/ so verbarg er sie / so oft er wieder einen Arm voll erwischte / im ganzen HauS herum/ entweder in einenHcustok oder unter die Dachsparren oder anderswohin. Aber da gab eS einmal eine liebe Noth/ als man die Calender suchte / und er sie nicht mehr alle zusammenzubringen wußte; da gab eö Thränen / da mußte er büffen für diese seine Liebhaberei)/ denn sein Vater wollte nicht / daß er ohne Erlaubniß und nur nach seinem Gelüst etwas lesen sollte. Einandermal sah ihn seine Mutter mit einem anderen dergleichen Raub / mit einem diken und großen Folianten auf dem Nüken/ die Stiege heruntcrschlcichen/ um ihn in den Holzschopf zu verbergen; da lachte sie und wies ihn diesmal freundlich zurecht. 38 So brachte dem Knabe» seine Wißbegierde manches Leiden/ weil er sich nicht im Zaum hielt. Bald war er außer sich vor Freuden, wenn er wieder eine neue Nahrung für sie gefunden hatte/ und bald war wieder alle Freude zu Wasser geworden. Einst machte er wieder eine Entdckung von einer neuen Nahrungsquelle für seine Wißbegierde. Er schlich seiner Mutter nach/ alS sie in die Obftkammcr gieng; aber da bekam er nicht nur einen Apfel/ sondern er fand da einen Schrank alter Bücher/ die da aufgestellt waren/ unter denen ein Hübner und eine^cerra plliioiogicr, war. Das war ihm ein Paradies; so oft es sich nur thun ließ / begab er sich mit oder ohne die Mutter in die Obstkammer zu seinen Büchern / und laS da den Hübner oder in der pinioio^iea, einem Buch das auch mir manchmal Freude gemacht hatte; und das so langt/ bis es ihm untersagt werden mußte/ weil sein Vater eS nicht haben wollte/ daß er heimlich und ohne sein Wissen Bücher lese. Da gab cS wieder zu leiden/ denn eS schmerzte ihn doch/ wenn er seine Eltern betrübt hatte. Wie offenbar sind nicht bey all' diesen Geschichten Gottes Führungen und Bewahrungen über dem Kuaben; er hatte eine heftige Begierde nach Kenntnissen/ und das ist nicht nur an sich etwas Unschuldiges / 39 Ändern selbst löblich/ aber er wußte kein Maaß zu halten/ und da ließ denn die Hand Gottes dem ungezügelten Rößlein nicht immer den freyen Lauf/ ließ es anstoßen und stellte ihm Schranken. Und das veranlaßte ihn immer mehr zur Erkenntniß seiner Selbst / denn diese Verirrungen machten ihm iunerlich je länger je mehr zu schaffen. Wie sehr ihn aber das / was er im Hiibner und andern Geschichtbüchern gelesen/ bewegte/ davon sind so manche Scenen Beweise/ die an den Abenden in dem großen Hof der lat. Schule vor- giengen. Da erbaute er Städte und Festungen/ zog sich dann in den Holzschopf zuriik/ und brach dann wieder plozlich hervor als erzürnter Fürst/ eroberte im Sturm schwedisch Pommern und Preussen/ zerstörte die Städte und züchtigte die Rebellen / und hatte dann eine königliche Freude/ wenn er als der große Churfürst siegreich einzog/ den Ungehorsamen Gnade ertheilte/ alle ernst und freundlich ermähnte / und endlich als geliebter Churfürst starb/ tief betrauet vom ganzen Volke. Bald spielte er wieder den König der Schwede« / Gustav Adolf/ bald Heinrich den Großen/ bald andere. Helden zogen damals seine Seele am meisten an. Wer würde es glauben/ daß aus einem solchen Knaben ein Doctor der Theologie hat werden 40 müsse»/ und ei» Man»/ der äußerlich kein sehr bewegtes / ja ein ruhiges Leben führte. Aber glaubet es nur/ zu einem solchen Lauf/ den er hatte/ ihr werdet es vielleicht hernach noch erfahre»/ gehört nicht weniger Heldenmuth/ als draussen mit dem Schwert in der Hand auf dem Schlachtfeld. Das Pfarrkind in Andelfirigen. Noch steht der Pfarrer/ Leonhard OechSliN/ in Andelfingcn bey manchen in gutem Andenken. Vorhatte ein Söhnlein/ Leonhard / geb. im Jahr 1766/ welches mit außerordentlichen Geistesanlagen begabt war. WaS er lernte/ war weit über sein Alter hinaus; und daß sein früher Trieb/ allerley zu lerne»/ kein Fürwi; war/ beweist das/ daß er besonders die Bibel so lieb hatte; die war sein Element/ von der konnte er sich / so zu sagen/ nicht trennen. Denn wenn sie gleich für Kinder wie für Große geschrieben ist/ wenn gleich auch Kinder/ die viel hundert andere Bücher nicht lesen könne»/ weil sie gar nichts davon verstünden/ in der Bibel schon vieles verstehen können / so giebt es doch kein Buch auf Erden/ in welchem mehr Geist wäre als in der Bibel / sie ist ganz vom Geiste Gottes durchwehet. ES ist daher ein gutes Zeichen 41 an einem Kinde / wenn es gerne in ihr liest / und viel lieber als in irgend einem andern Buch; es zeigt doch/ daß es offene Sinnen hat / um von dem Geist zu empfangen / der in ihr ist. Uud daö war bey diesem Leonhard der Fall/ denn ich wüßte nicht/ woher er es empfangen haben sollte / Jesum, den Sohn Gottes/ so zu lieben/ und gegen die Armen so ein mitleidiges Herz zu haben / wie von ihm bezeugt wird. Er theilte selbst seinen eigenen Bissen Brodt mit ihnen/ und hätte eher selber Hunger gelitten/ als daß er einen Armen ungetröstet vom Pfarrhaus weggewicsen hätte. Dabey erinnere ich mich auch eines einst sehr armen Knaben/ der lange Zeit mit dem Bettelsak auf dem Rüken düster und mit gesenktem Kopf umhcrgieng / um Brodt in's HauS zu bringen. Da er aber in ein Haus aufgenommen wurde/ wo man ihm sagte / daß er nicht mehr betteln müsse / und daß steh von nun an liebe Leute seiner annehmen wollen/ fieng er an zu springen und sich zu freuen / und als er kaum das erste Abendbrod empfangen hatte/ schlich er sich unvermerkt in den Garten herunter/ und lauerte zwischen dem Gatter hindurch auf sein Schwesterchen/ mit der er dann sogleich fein Brodt theilte/ ohne hernach etwas zu sage»/ oder ein neues Stük zu heischen. So machte eö unser Leonhard. Ja sein Vater 42 bezeugt sogar / daß er manchmal seine eigenen Eltern in sorgenvollen Umständen getröstet/ gestärkt und „mit göttlich starken Gründen" aufgemuntert habe. Alles dies aber ließ vermuthen / daß er ein Knabe sey / der für eine andere Welt so früh und schnell heranreife / als für diese gegenwärtige. Und das zeigte sich auch bald hernach wirklich. Denn am 10 . Christmonat 1775 wurde er von einer heftigen Brustentzündung angefallen/ die in nicht mehr als 15 Stunden seine zarte und junge Seele vom Leibe trennte. Aber eben dies sein iLstündiges Krankenlager ist merkwürdig genug/ um Euch etwas davon zu erzählen. Man sahe bald/ daß sein Ende mit schnellen Schritten heranrüke. Er selber fühlte eö bald/ und war äusserst getrost dabey / und brannte vor Verlange»/ seinem Heiland entgegen zu gehen. Seine weinenden Eltern tröstete der sterbende Knabe selber/ und munterte sie zur Standhaftigkeit und zu freudiger Ergebung mit den Worten auf: „Der Herr hat's gegeben/ der Herr hat's genommen/ der Name des Herrn sey gelobet." Er war so gefaßt auf sein Sterben und so besonnen/ daß er noch allerley anordnete. Z. B. er wünschte noch von seinem liebsten Jugendgesellen/ einem jungen Arbenz/ von einem stillen gottesfürch- 43 tigern Gemüth / Söhnlein der Frau Sekelmeisterin zur Haldemnühle / Abschied zu nehmen / wobey die beyden Knäblein einander herzlich dankten für die Liebe/ die eins dem anderen erwiesen hatte; und noch eine Stunde vor seinem Verscheiden gab er den Text an / über den man bey seinem Leichenbegängnis predigen möchte/ nemlich den Spruch: „Selig sind die Todten/ die in dem Herrn sterben." Noch zwey Pfarrkin der zu Aride listn gen. Zu solchen Kindern / welche die Hand Gottes schon in ihrer zarten Jugend zu sich herüberholte/ gehören auch die zwey Kinder des ehemaligen Pfarrers zu Andelfingcn I. W. Veith / ein Brüderchen und ein Schwesterchen. Es waren überaus liebliche Kinder / ein Wilhelm und eine M i n e. ES hahen zwar viele Kinder etwas LieblicheS/ aber vieles davon und manchmal alles ist vorübergehend und vergänglich / wie die Blumen des FeldeS/ die verwelken. Wenn aber etwas drinnen ist / das nicht vergeht / das nicht nur von den Eltern herstammt/ sondern von oben herab kommt/ wenn z. B. ein 44 wirklicher/ herzlicher Gehorsam vorhanden ist bey Kinder»/ ein Trieb zum Gebet/ eine anspruchlose Freundlichkeit gegen jedermann, was alles Dinge sind / die einen anderen als blos irdischen Ursprung haben / dann hat man Ursache sich zu freuen. Und solche Kinder waren ste; je mehr einer Gott liebte, desto eher liebte er auch diese Kinder; und als ste gestorben waren, sagte sogar ein gotteöfürchtiger und dabey gelehrter Verwandter von ihnen: es freut mich gar nicht mehr recht, nach Andelfingen zu gehen, seitdem diese Kinder nicht mehr da stnd. Das liebliche Wesen, das über ste ausgegasten war, gab vielfach zu erkennen, daß ste merklich unter der Hand des himmlischen Erziehers standen, von dem ste schon früh allerley gute Gaben empfiengen. Ich habe ein Büchlein vor mir, es heißt: Denkmal aufWilhelm, wo von dem Brüderchen liebliche Dinge erzählt stnd, und von dem will ich euch noch einiges sagen. Mich dünkt das besonders ein gutes Zeichen an diesem Knäblein gewesen zu seyn, daß er so gerne biblische Geschichten erzählen horte; mit gespannter Aufmerksamkeit und inniger Theilnahme horchte er auf, wenn ihm sein Vater vom barmherzigen Samariter oder von anderen Geschichten aus dem Neuen Testament erzählte, und wenn man ihm die schönen Kupferstiche zu den Evange- 45 lien/ die sein Vater hatte/ erklärte / und ihm von Jesu sagte / so verbreitere sich ein feyerlicher Ernst über sein ganzes Gesicht/ daß nicht zu zweifeln ist/ er habe so frühe schon einen guten Schaz in sein Herz gesammelt. Das machte auch/ daß er gerne und ungeheißen betete. Einmal/ da er sechs Jahr alt war / mußte mau ihn des Nachts weken/ weil im Dorf das Feuer ausgegangen war. Da er die gewaltige Flamme sahe/ und den Jammer der Leute auf der Gasse hörte/ während der Sturm die Funken und brennenden Schindeln herum wehte/ betete er laut zu Gott um Hülfe / und als um zwey Uhr daS Feuer gedämpft und die fernere Gefahr vorüber war/ wollte er nicht schlafen/ bis er Gott um die Errettung gedankt und seine Lieder gebetet hatte. Er war auch ein fröhlicher Geber; so oft ihm ;. B. einer seiner kleinen Cameraden auch nur den geringsten Dienst geleistet hatte / so ruhte er nicht / bis er ihm ein Stük Brodt oder einen Schilling geben konnte / und erfreute gerne mit Gaben. Daß dieser Wilhelm ausgezeichnete Anlagen hatte/ das merkte man aus den Gespräche»/ die er mit seinem Vater führte; er begehrte zu lernen/ und daher gab es immer viel Fragens und AntwortenS. Alö ihn der Vater fragte: wer thut dir am meisten Gutes/ dein Vater auf Erden/ oder 46 Gott im Himmel? antwortete er sogleich: Du kannst mir ja nichts geben/ wenn eö Dir nicht der liebe Gott gegeben hat; so thut er mir mehr Gutes als Du/ aber Du bist mir auch ein lieber Vater. Auf die Frage / was thust Du deinen Eltern für das, was sie dir thun? sagte er: Ich kann ihnen ja nichts gebe«/ aber wenn ich recht thu'/ so sind sie zufrieden. Und was sind wir Gort schuldig für seine Wohlthäte»/ fragte der Vater weiter? Wir müssen ihn anbete» / ihn lieben und ihm danke» / antwortete Wilhelm mit feyerlichem Ton. An seinem lezten Namenstage/ da er recht fröhlich war/ sollte er versuchen Verse zu mache»/ obgleich er sagte: ich kann ja nicht. Ich will dir helfen sagte der Vater / ich will den ersten VerS mache»/ und Du machst dann den zweyten. Nun denn: „ES ist nach meines Vaters Sinn/' Wie fahrst Du nun fort? FlugS sezte er hinzu: „Wenn ich ihm recht gehorsam bin" Nun noch einen andern hieß eS/ eS geht ja gut: „Wenn Gott mir recht viel Gut's will geben/" Gleich fuhr er fort: „So laßt er meine Eltern leben." Er hatte freylich schon manche Verse von seinem Vater bekommen/ allein eö zeigt doch / wie achtsam 47 er auf alles war. Z. B. als er die Blattern hatte/ machte ihm sein Vater eine Menge Verse und Siedelten. Ich will euch eins davon hier mittheilen/ es ist eine Aufmunterung/ die unangenehmen Arzneyen willig zu nehmen: LiebeS Kind i Du kannst den Vater hoch erfreue»/ Nimmst Du nur willig die Arzneyen/ Die zur Gesundheit Dir gedeihen. Doch nimm sie ohne Klag und Schreyen/ Daß Dir die Mutter nicht muß dräuen. Wage kühn — und nimm sie schnell und munter/ Frisch in den lieben Hals' hinunter. DaS wird dein Vater gerne hören/ Und Dir dafür etwas beschecrcn. — Nun liebe Mutter! gieb dem Schluker Ein kleines Bischen Gcrstcnzuker. Den soll er aber nur versaugen / Sonst würd er für die Zahn' nicht taugen. Den Zuker/ den ich schikc da/ Schenkt euch die liebe Großmamma. Jezt den»/ mein Wilhelm / ohn Geschrey Nimmst Du die heilsame Arzney. Das heiß ich denn: gehorsam seyn. Da folgt denn bald auch Fleisch und Wein. Doch / deine Eltern zu crfreu'n! Das ist Dir mehr als Fleisch und Wein. 48 Und nun / mein Herzlichlieber! nun Eil ich von Dir/ um was zu thun; Und komm' dann bald — wie wirst Du springen— Zu Dir / mein Kind / nach Andelfingen. Grüß mir die lieben Geschwister zart/ Die Mine und den Eberhardt; Die Caroline auch dazu. Schlaf/ lieber Wilhelm! morgen früh Giebt d'Mutter dieses Briefchcn Dir; Ich grüß euch Lieben alle vier. Jczt noch eins aus einer Handvoll Kinder- gedichten für den Wilhelm/ alS er noch gesund war; es ist eine Aufmahnung zum Fleiße. Die Ameise. Dieses kleine Thierchen nähret Sich durch seiner Arbeit Schweiß. Komm Du Kleiner! Sich es lehret Dich — wie nüzlich sey der Fleiß. Denn im Sommer tragt es Speise In sein Nestgen — auch von fern> Und es macht die kleine Reise / Schwerbeladen/ dennoch gern. Es läßt keinen Tag verschwinden Daß es nicht den Vorrath mehr'; 49 Speis im Winter wiird's nicht finde»/ Wcnn'S auch noch so hungrig wär. Sieh drum sammelt es jezt Speise Noch so lang der Sommer währt; Womit es bey Frost und Eise Sich und seine Jungen nährt. Lernen mußt Du in der Jugend/ Was Dir nüzt / mit Fleiß und Müh / Daß Dein Herz durch Fleiß und Tugend Früh an jedem Guten blüh'. Dieser liebe Kleine genas zwar wieder von den Blatter«/ wurde aber das Jahr darauf von einer Brustkrankheit befallen/ durch die er früh/ erst sieben Jahr alt/ aus dieser Wett genommen wurde. Schon bey den ersten Anfällen dieser Krankheit/ obgleich er sich wieder von ihnen erholt hatte/ ähnele er sein Sterben. Als er einmal nach einer solchen Erholung auf die Frage/ wie es um ihn stehe? antwortete: nicht so übel/ so schöpfte der Vater die Hoffnung / er werde nun eine feste Gesundheit erlangen. Da sagte aber der Kleine sogleich : Nein Vater / ich werde sterben! und wie- dcrbolte das nachher noch einmal mit fester Gewißheit. Der Vater glaubte es znlezt auch / als die 4 50 Krankheit wieder heftiger eingetreten war, und sagte dann: wenn Du also stirbst, mein Wilhelm, und in den Himmel gekommen bist, so denke doch auch dort an deine Eltern; und der Knabe versprach cö: gewiß, gewiß! mein lieber Vater. Den Tag vor seinem Sterben noch verweilte er mit großer Freude in den biblischen Geschichten, und redete davon; den Abend darauf, im Frühling 1796 , wurde seine Seele hinnbergeholt zu den Seligen. Nun müßt Ihr freylich nicht denken, daß dieser liebliche Knabe ohne Fehler gewesen sey; es war BoseS in ihm, wie in einem andern, nur hatte die empfangene Gnade das Uebergewicht. Wer weißt aber, wie es gegangen, wenn er aufgewachsen wäre? Nun das können wir nicht wissen, aber das können wir, uns freuen, daß es so gegangen ist. So habt Ihr denn hier ein schönes Büschel von Blumen, schöner und wohlriechender noch als die Randenblumen. Mich freut eS, wenn sie Euch ein guter Geruch sind l LlisswklÄ LLttti Lep I «L-.