Flucht zur Mutter Natur.
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Gegen Osten sahen die Fenster des Hauses in das Wirrsal vonObstbäumen und Dachgiebeln des Dorfes, aus welchem der erhöhteKirchhof mit der weißen Kirche wie eine geistliche Festung emporragte;nach der Abendseite schaute die hohe lange Fensterflucht des Saalesüber ein sattgrünes Wiesental, durch welches sich der Fluß in vielenArmen und Windungen buchstäblich silbern schlängelte, da er höchstenszwei Fuß tief war und wie Brunnenwasser in lebendigen heftigenWellen über weißes Geschiebe floß. Jenseits dieses Wiesengrundes stiegeine waldige Berghalde auf, an welcher alle Laubarten durcheinanderwogten, von grauen Felswänden und Kuppen unterbrochen. Die unter-gehende Sonne aber hatte einen freien Ausgang über fernere Blau-berge und übergoß das Tal alle Abend mit Glut, daß man an denFenstern des Saales im Roten saß, ja die Röte drang durch diesen hin,wenn seine Türen geöffnet, in's Innere des Hauses und überzog Gängeund Wände. Gemüse- und Blumengärten, vernachlässigte Zwischen-räume, Holunderbüsche und eingefaßte Quellen, alles von Bäumenüberschattet, bildeten eine reizende Wildnis weit herum und dehnten sichnoch mittelst einer kleinen Brücke über das Wasser hinaus. Die etwasweiter oben liegende Mühle aber gab sich nur durch das Geräusch unddurch das Blitzen und Stäuben des Rades kund, welches unter denBäumen durchleuchtete. Das Ganze war eine Verschmelzung von Pfarrei,Bauernhof, Villa und Jägerhaus und mein Herz jubelte, als ich allesentdeckte und übersah, umgaukelt von der geflügelten und vierfüßigenTierwelt. Hier war überall Farbe und Glanz, Bewegung, Leben undGlück, reichlich, ungemessen, dazu Freiheit und Ueberfluß, Scherz undWohlwollen. Der erste Gedanke war eine freie ungebundene Tätigkeit.
Ich eilte^ auf mein Zimmer, welches auch nach der Abendseitelag, und begann meine indessen angekommenen Sachen auszupacken,meine Schulbücher und abgebrochenen Hefte, welche ich so gut möglichnoch zu Pflegen gedachte, vorzüglich aber einen ansehnlichen Vorrat vonPapier verschiedener Art, Federn, Bleistifte und Farben, vermittelstderen ich schreiben, zeichnen, malen wollte, weiß Gott, was alles! Indiesem Augenblicke wandelte sich der bisherige Spieltrieb in eine ganz-gravitätische Lust zu Schaffen und Arbeit, zu bewußtem Gestalten undHervorbringen um. Mehr als alles vorhergehende Ungemach wecktedieser eine, so einfache und doch so reiche Tag den ersten Scheinder Klarheit, die Morgendämmerung der reifern Jugend in mir auf.Als ich meine bisher übermalten Streifen und Bogen auf dem großenBette ausbreitete, daß es mit wunderlich bunter Decke bezogen war,fühlte ich mich mit einem male über diese Dinge hinausgerückt undmit dem Bedürfnis auch den Willen, sogleich einen Fortschritt ausmir selbst hervorzuzwingen.