Die Kaiserwahl. — Der Graf von Habsburg.
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Nicht freudiger hätt' ihn die Welt begrüßt.
95 So wallten sie den Strom entlang nach Mainz,Woselbst der König im erhabnen DomDer Salbung heil'ge Weihe nnn empfing.
(Wen seines Volkes Ruf so hoch gestellt,
Dem fehle nicht die Kräftigung von Gott!)
100 Und als er wieder aus dem Tempel trat,Erschien er herrlicher als kaum zuvor,
Und seine Schulter ragt' ob allem Volk.
88. Der Graf von Habsburg.
Vo» Fried
1. Zu Aachen in seiner Kaiser-pracht,Im altertümlichen Saale,
Saß König Rudolfs heilige MachtBeim festlichen Krönungsniahle.
Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,Und alle die Wähler, die sieben,
Wie der Sterne Chor um die Sonnesich stellt,
Umstanden geschäftig den Herrscher derWelt,
Die Würde des Amtes zu üben.
2. Und rings erfüllte den hohen BalkonDas Volk in sreud'gem Gedränge;
Laut mischte sich in der Posaunen TonDas jauchzende Rufen der Menge;
Denn geendigt nach langem, verderblichem
Streit
War die kaiserlvse, die schreckliche Zeit,Und ein Richter war wieder auf Erden.Nicht blind mehr wallet der eiserne Speer,Nicht fürchtet der Schwache, der Fried-liche mehr,
Des Mächtigen Beute zu werden.
2. Und der Kaiser ergreift den
goldnen Pokal
Und spricht mit zufriedenen Blicken:»Wohl glänzet das Fest, wohl prangetdas Mahl,
Mein königlich Herz zu entzücken;
Doch den Sänger vermiss' ich, den
Bringer der Lust,
Der mit süßem Klang mir bewege dieBrust
Und mit göttlich erhabenen Lehren.
So hab' ich's gehalten von Jugend an,Und was ich als Ritter gepflegt undgetan,
Nicht will ich's als Kaiser entbehren.'
4. Und sieh! in der Fürsten um-
gebenden Kreis
Trat der Sänger im langen Talarc;
Ihm glänzte die Locke silberweiß,Gebleicht von der Fülle der Jahre.„Süßer Wohllaut schläft in der SaitenGold;
Der Sänger singt von der Minne Sold,Er preiset das Höchste, das Beste,
Was das Herz sich wünscht, was derSinn begehrt;
Doch sage, was ist des Kaisers wertAm seinem herrlichsten Feste?" —
5. „Nicht gebieten werd' ich demSänger", spricht
Der Herrscher mit lächelndem Munde;„Er steht in des höheren Herren Pflicht.Er gehorcht der gebietenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust,Man weiß nicht, von wanne» er kommtund braust,