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Deutsche Geschichte bis zur Gründung des nationalen Staats 919.
Kaiserliche
Selbst-
regierung.
Herrschaft derLegionen.
Absterben derNationali-täten,
des Bürger-sinnes,
der Selbst-verwaltung.
Zeitraume gegen äußere Feinde geschützt blieben, teilweise erweitertwurden. Unter dem Schutze des Weltfriedens erlebten mancheLänder des Mittelmeers, z. B. Afrika und Kleinasien, ihre blühendsteZeit. Beschirmt von einer starken Regierungsgewalt, die überall ge-ordnete Rechtsverhältnisse schuf, die Sicherheit auf den Landstraßenund den Meeren herstellte, ein einheitliches Münzwesen durchführte,entwickelte sich ein Weltverkehr, der die verschiedenen Gebiete ininnigere Beziehungen als je zueinander setzte; in seinem Gefolge ent-stand eine Weltkultur, welche, im Westen von der lateinischen, imOsten von der griechischen Sprache getragen, die Grenzen der Natio-nalitäten verwischte, die Völker einander innerlich näherte und unteranderem das Emporkommen einer W e l t r e l i g i o n, des Christen-tums, erleichterte.
Allmählich aber hatten innere und äußere Gründe einen fort-schreitenden Verfall des römischen Weltreichs herbeigeführt; zu-nächst in politischer Beziehung. Die von Augustus be-gründete Doppelherrschaft des Kaisers und des Senats war mehr undmehr zerstört und durch die Ausbildung der kaiserlichen Selbst-Herrschaft ersetzt worden. Aber noch entbehrte die Verwaltung,obwohl bereits die Kaiser des zweiten Jahrhunderts teilweise daraufhinstrebten, der Centralisation und der Stütze eines geordneten, un-bedingt abhängigen Beamtentums; dazu fehlte eine gesicherte Erb-folgeordnung. Die Stütze der Kaiser waren die Legionen, aufderen Treue man nicht zählen durfte und deren Kämpfe um dieMacht zu fortwährenden Revolutionen und Bürgerkriegen führten;zudem ergänzten sie sich nicht mehr aus Bewohnern der kultiviertenLandschaften, welche bei der Abnahme der Bevölkerung und dersteigenden Abneigung gegen den Heeresdienst längst nicht mehr dennötigen Ersatz lieferten, sondern aus den halbbarbarischen Grenz-provinzen und bestanden schließlich zum größten Teil aus Fremden,vornehmlich aus Germanen.
Indessen war die Verschmelzung der in dem Weltreichverbundenen Völker immer weitergegangen. Von einem VorrechtItaliens war nicht mehr die Rede, seit Caracalla an alle Untertanendas Bürgerrecht erteilt hatte. Mit dem Absterben der Nationalitätenwar eine Ertötung des nationalen und politischenSinnes, des Patriotismus verbunden; die Weltmonarchie fordertenicht mehr selbsttätige Hingabe an den Staat, sondern den Gehorsamdes Untertanen. Diese Entwickelung wurde dadurch befördert, daß diestädtische Selbstverwaltung, auf der bisher das politische Leben desgriechisch-römischen Altertums beruht hatte, mehr und mehr vernichtetund durch die Verwaltung kaiserlicher Beamten ersetzt wurde.