Iriedrich Isröbet. 8 067 MZ Iviedrich IröbeL. Aus FröbelS „Menschenerziehun^" (1826) bearbeitet vo» Aviedrich Zimmer. Berlin lilttti. O e l,», i (i l e' s e r l a g (A'- i>l pPclii, ö). Dvwtheenstt'asre >'!8,"'>r». Friedrich Fröbel. Der letzte der drei großen schöpferischen Pädagogen, Friedrich Fröbel, hat mehr noch als seine Borgänger, Comcnins und Pestalozzi, die erste Kindheit zum Gegenstände seines Studiums gemacht und sich Muhe gegeben, die Mütter zur Ausübung ihres Erzieherinnenberufs zu befähigen. Sein Kindergarten sollte in erster Linie eine Schule für Mütter sein. lieber dieser seiner Tat sind seine Schriften so gut wie vergessen. Allerdings sind sie auch fast unlesbar, denn Fröbel, ein sinnender Beobachter und intuitiver Denker, war ein äußerst mangelhafter Stilist; seine Schriften lesbar zu machen, erfordert teilweise fast mehr Arbeit, als ihre Uebersctzung in eine fremde Sprache. Darum wird der Versuch, aus dem (Bruchstück gebliebenen) Hauptwerke Fröbels „Die Menschenerziehnng" ( 1826 ) die die erste Erziehung behandelnden Abschnitte in liebevoll ausgeführter Bearbeitung einem weiteren Leserkreise zugänglich und besonders für junge Mütter !)eeig„et zu machen, aus Zustimmung rechnen dürfen. Freilich, auch in dieser Bearbeitung sind die Fröbelschen Darlegungen keine leichte Lektüre. Aber iluch das Erziehen selbst ist ja kein Kinderspiel. Worin die ganze Bedeutung des nun vor einem halben Jahrhundert dem Leben geschiedenen deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel belicht, wird erst allmählich deutlicher. Vielleicht werden seine Gedanken die Erziehungsarbeit des angebrochenen Jahrhunderts grundlegend bestimmen ^ bielleicht ist er berufen, als führender Pädagoge Pcstalozzi und Herbart abzulösen — jedenfalls haben wir viel von ihm zu lernen, denn er war einer der ursprünglichsten Pädagogen, tiefgründend und umfassend, ja, er war einer der Vordergeister der Menschheit. Wie bei dem großen Tschechen Comenius und bei dem großen Schweizer Pestalozzi war auch dei diesem großen deutschen Pädagogen das äußere Leben ein viel zerrissenes. Aber durch sein Inneres geht von früh aus ein beherrschendes und ersolgreiches Streben nach Einheit. Was so häufig zusammenhanglos neben einander herläuft oder gar in unvereinbarem Gegensatz steht, Naturerkcnntnis und Religion, das ging bei ihm sein ganzes Leben hindurch unmittelbar einig und zusammen. Die Erziehung soll »ach ihm den Menschen zur Klarheit über sich und in sich, zum Frieden mit der Natur und zur Einigung mit Gott leiten, und in der gesuchten und gefundenen „Lcbcnseinignng" sah er selbst sein eigenes Wesen und seine geschichtliche Bedeutung. Im Nngesichte des Todes wagte er von sich das kühne Wort: „Ich erkenne mein Leben als ein durch und durch in sich einiges; lange ist kein solches in der Menschheit erschienen: es hat sich auch nur unter seltenen Umstünden dahin emporarbeiten können. Aber es ist die Bedingung für die Erfüllung der Forderung der Zeit." Unausgesetzte Selbstbeobachtung und Sclbsterziehnng waren das Rückgrat dieser Einheitlichkeit seiner Persönlichkeit. Sie zu üben, bot sein äußerer Lebensgang reichlichen Anlaß. Mutterliebe hatte dem am 21. April 1782 geborenen Kinde gefehlt, auch dem Baker, einem thüringischen Landpfarrer, sah es durch die Stiefmutter sich entfremdet: aber im Leben mit der Natur fand der Knabe sein Genüge: sie wurde ihm das Zentrum aller seiner Wünsche, seines Schncns: jedoch etwas Höheres, Unerklärbares schien ihm in ihr zu leben und trieb ihn zu der Frage: Was ist dieses Einzige? Mit 1."> Jahren Försterlchrling, besuchte er 19 jährig die Universität Jena, verließ sie zwei Jahre später, wurde Landmann, nach seines Bakers Tode Forstamtsaktuar, war dann bei Landvermessungen und als landwirt schastlicher Sekretär tätig. Mit 2k> Jahren im Begriff, Architekt zu werden, empfing er durch den Schulmann Grüner in Frankfurt a. M-, einen Schüler Pestalozzis, den Anstoß, seinem Streben, „die Menschen ihnen selbst zu geben", durch Eintritt in die Erzichertätigkeit eine Bahn zu schaffen. Er ward Lehrer in Frankfurt, dann Hauslehrer, nahm als solcher seinen Zögling zu Pestalozzi für zweijährigen Aufenthalt in Werdan mit und begann nach Beendigung seiner Hanslehrertätigkeit als 29 jähriger abermals akademische Studien in Göttingen und Berlin, nahm 1812 an den Befreiungskriegen teil, wo er unter den Lützow-Jägeru seine späteren Mit arbciter Langcthal und Middendvrsf kennen lernte, und ward noch im selben Jahre Assistent am Mineralogischen Museum in Berlin. Seinen Plan eines eigenen ErziehnngsinstitutS reifte die Notwendigkeit, drei Söhne seines verstorbenen Bruders zu erziehen. So eröffnete er 1819 i» dem schwarzburgischen Dorfe Gricshcim seine allgemeine deutsche Erziehungsanstalt, die ek im folgenden Jahre nach Keilhan bei Rndolstadt verlegte. Hier schrieb er 182«, sei» Hauptwerk „Die Menschenerziehung", „Ihm", d. h. Gott, gewidmet. Die Weitcrsührnng der Keilhauer Anstalt seinem Freunde Barop überlassend, ging Fröbel wieder in die Schweiz, wo er Erziehungsanstalten in Wartcnsee und Willisan begründete und 1835 die Leitung des Waisenhauses in dem durch Pestalozzi bekannten Bnrgdors übernahm. Hier sand er die langgesnchte Gelegenheit einer Erziehungsarbeit an Kindern von 4 bis 6 Jahren: hier entstand ihm die Idee einer Erziehnngsstätte sür das früheste Kindcsalter. Davon begeistert, eilte er nach Deutschland und begründete in Blankenburg in Thüringen unter dem Wahlspruch „Kommt, lasst uns unsern Kindern leben!" den ersten Kindergarten. Später wieder nach Keilhau, dann nach Licbcnstein übersiedelnd, konnte er noch vielseitig anrege», aber den Grundgedanken seines Erziehungswcrkes nicht mehr über den Kindergarten hinaus ausführen: 7l> Jahre alt starb er. „Ein Grab des Kirchhofs zu Schweina, in der Nähe Liebensteins, ziert ein seltsamer Denkstein. Er stellt Kugel, Walze und Würfel, Fröbels „zweite Spielgabeh dar: der sinnige Middendvrff hat sie gewühlt. Und der unter dem Zeichen ruht, er wäre längst vergessen, wenn er nur Phantast, nur Schwärmer gewesen wäre. Aber er war einer von denen, welche wirken, gestalten und schassen, obschon sie nicht blos; in ihrer Zeit und in ihrem Nanme leben; und diese, die wahren Idealisten, waren von jeher die Lehrer der Menschheit." So rief dem Meister zu seinem 100 jährigen Geburtstage einer seiner kenntnisreichsten und eifrigsten Jünger, Engen Pappenheim, nach. Und er hat recht: Fröbel war einer von den wahren Idealisten, den Lehrern der Menschheit. Wie Comenius ging auch Frvbel als Erzieher von einer einheitlichen Weltanschauung aus, der er seine Zöglinge zuführen wollte: wie dieser hat auch er es unternommen, „den Gedanken der Erziehung von neuem selbständig zu durchdenkcn und im einzelnen auszugestalten". Lebcnscinignng war sein Ziel, eine nicht fordernde, sondern ivon der Kindcsnatur) geforderte, darum sich au die Entwickeluugsstufcu der körperlichen und geistigen Natur des Kindes eng anschließende und durch dieselben bestimmte, biologische — nicht blos; Psychologische — Pädagogik sein Mittel. Darum forderte er, allseitige Bildung, auch die der Sinne und Triebe: darum baute er auf die Selbsttütigkeit auf: darum lies; er nicht blos; im Denken — aus Grundlage der Anschauung — selbsttätig sein, sondern auch im Darstellen, und das Darstellen wurde ihm auch ein Erkenntnismittel wie das Anschauen: darum pflegte er das Spiel und mit dem Spiel den Frohsinn. So hat er im Kindergarten, dem allein znr Verwirklichung gekommene» Teile seines Erziehungswerkes, etwas geschaffen, was bei verständnisvoller Durchführung eine geradezu ideale Erziehungsstüttc ist, Lernfchule, Arbeitsstätte und Tnmmelplat. der Freude in eins. Welcher Gewinn, wenn unsere Schulen allgemein das wären, was auf seinem Gebiet der Kindergarten ist! So hat Fröbel für die Weiterbildung unseres Schulwesens Aufgaben gestellt, die großenteils noch gar nicht begriffen, geschweige denn gelost sind. Wir werden noch lange von ihm zu lernen haben! Besonders für Frauenbildnng und Mädchenerziehnng hat er Ziele und Wege gewiesen. „Die Unmündigen," sagt er, „sollen mündig werden in unserer Zeit, und das sind vor allem die Granen und die Kinder, deren Menschenwürde bisher nicht in vollem Maße anerkannt worden ist." „Das Menschenwcsen verstehen lernen im Kinde, heißt das nicht, das eigene Wesen und das Wesen der Menschheit verstehen? .... Höheres, Umfassenderes tonnen die Frauen nicht lernen und in sich aufnehmen." „Wissenschaft der Mütter" nannte er das, was Zielpunkt der Mädchenbildnng sein soll. In seinem letzten Lebensjahre (185)1) hatte Fröbel den Kummer, das; der preußische Kultusminister v. Räumer die Kindergärten für Preußen verbot. Das Verbot wurde 1860 aufgehoben: der Minister Falk genehmigte 1876 die Zulassung der Verbindung von Kindergärten mit Mädchenschulen, und sein Ministerium erwog bereits, wie weit in den Lehrcrinnenseminaren den angehenden Lehrerinnen Gelegenheit gegeben werden könne, sich in der planmäßigen Beschäftigung mit noch nicht schulpflichtigen Kindern zu üben: endlich der gegenwärtige Kultusminister Studt hat noch weitergehend nicht nur den Aufbau eines Lehrcrinncnseminars auf dem Kindergärtnerinnenscminar im Bonner Eomeninsseminar gestattet, sondern in der 40. Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses >17. März 1002) unter dem Beifall des Hauses geradezu die Fröbelsche Forderung einer „Wissenschaft der Mütter", wenn auch ohne Nennung von Frvbels Vorgänge, zum Ziele der preußischen Unterrichtsverwaltung gemacht. „Zahlreiche junge Mädchen suchen nach der Schulzeit eine Erweiterung ihrer allgemeinen Bildung. Noch wichtiger aber als die Ausdehnung wissenschaftlicher Kenntnisse und gesellschaftlicher Fertigkeiten ist eine Ergänzung der Bildung unserer jungen Mädchen in der Richtung der allgemeinen Lebensaufgaben einer gebildeten deutschen Frau, ihre Einführung in den Pflichtkrcis des häuslichen wie des weiteren Gemeinschaftslebens, in die Erziehnngslehre und Kinderpflege, in Hauswirtschaft und Wohlsahrtskunde und die weiten Gebiete helfender Liebe. Nach diesen Zielen wird die allgemeine Fortbildung der reiferen weiblichen Jugend zu leiten sein." — Sie haben Friedrich Fröbel vor einem halben Jahrhundert in die Erde gesenkt, aber siehe da — er lebt! Professor d. Theol. a. D. I). . Friedrich Zimmer. / Einleitung. «Das Ziel -er Erziehung.) O , allem wirkt ein ewiges Gesetz. Es spricht sich immer gleich klar dem aus, den entweder von dem Gemüte aus die Notwendigkeit erfüllt, daß es gar nicht anders sein kann, oder dem, dessen klares GeistcSangc in dem Äußeren das Innere schaut und aus dem Innern das Äußere mit Notwendigkeit hervorgehen sieht. Diesem allwaltenden Gesetze liegt eine' allwitkende, sich selbst klare, lebendige Einheit znm Grunde; diese wird auf gleiche Weise entweder durch Glauben oder durch Schauen gleich lebendig erkannt, so daß sie von einem still achtsamen Gemüte wie von einem besonnene», klaren Geiste von jeher sicher erkannt ward und immer davon erkannt werden wird. Diese Einheit ist Gott. Alles ist hervorgegangen aus Gott und durch Gott einzig bedingt: in Gott ist der einzige Grund aller Dinge. In allem wirkt Gott. Alles besteht in Gott und durch Gott. Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt. Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das Wesen jedes Dinges. Die Bestimmung aller Dinge ist, ihr Wesen — und so das Göttliche -- an sich entwickelnd darzustellen. Die besondere Bestimmung des Menschen als vernünftigen ist, sein Wesen Lind seine Bestimmung sich zur klaren Einsicht zu bringen und es mit Selbstbestimmung und Freiheit im eigenen Leben wirksam sein zu lassen. Das Anregen des Menschen als eines denkenden Wesens z»r reinen Darstellung des inneren Gesetzes — des Göttlichen — mit Bewußtsein und Selbstbestimmung und die Borführnng twn Weg und Mittel dazu ist Erziehung* des Menschen. Der Zweck der Erziehung ist Darstellung eines bernsstrenen, reinen, heiligen Lebens. Das Wirken dafür ist Weisheit. Weise zu sei» ist das höchste Streben des Menschen, ist die höchste Tat der Selbstbestimmung des Menschen. Sich selbst und andere erziehen, mit Bewußtsein, ss-reiheit nnd Selbstbestimmung erziehen, ist Dvppcltat der Weisheit: sie begann mit dem ersten Erscheinen der Einzelmcnschen aus der Erde und war da mit dem ersten Erscheinen des vollendeten Selbstbewußtseins des Einzelwesens und fangt jetzt an, sich als notwendige, allgemein menschliche Forderung aus- zusprechen und als solche Gehör nnd Anwendung zu finden. Diese Tat ist das Betreten des Weges, welcher einzig durch ein bernfstreues, reines, heiliges Leben zum seligen Leben führt. Das Göttliche also in dem Menschen, sein Wesen, muß durch die Erziehung in demselben zum Bewußtsein, nnd der Mensch z»m freien bewußten Nachleben nach diesem in ihm wirkenden Göttlichen erhoben werden. Das Göttliche, welches das Wesen der Natur ausmacht nnd sich bleibend in ihr ausspricht, muß die Erziehung dem Menschen znr Anschauung bringen, sonne sie in lebendiger Wechselwirkung das Gleichgesehige zwischen der Natur nnd dem Menschen darstellen muß. Das Bcdingtsein des Menschen nnd der Natur aus Gott soll die Erziehung in ihrer Gesamtheit in dem Mensche» zum Bewußtem erheben nnd im Leben wirksam machen. * Das Erkennen jenes ewigen Gesetzes, die Einsicht in seinen Grund, in sein Wesen, in die Gesamtheit, den Znsammenhang nnd die Lebendigkeit seiner Wirkungen, d. h. das Wissen vvm Leben in seiner Gesamtheit ist Wissenschast; nnd vvn dem bewnssten, denkenden, vernehmenden Wesen bezogen anf die Darstellung nnd Ausübung durch und an sich, ist sie Erziehungs w i s s e n s ch a f t. Die aus der Erkenntnis jenes Gesetzes hervorgehende Vorschrift für denkende Wesen zum Bewnfstwcrden ihres Bernfes nnd znr Erreichung ihrer Bestimmung ist Erziehnngs l e h r c. Die freitätige Anwendung dieser Erkenntnis für unmittelbare Entwickelung und "Ausbildung vernünftiger Wesen znr Erreichung ihrer Bestimmnng ist Erziehungsknnst. Grund Mhe. Die Erziehung soll dc» Menschen zur Klarheit über sich und iu sich, zum Frieden mit der Natur und zur Einigung mit Gott führen: sie soll den Menschen zur Erkenntnis seiner selbst, Gottes und der Natur und zu dem dadurch bedingten reinen und heiligen Leben erheben. In allen diesen Forderungen gründet sich die Erziehung auf das Innere. Alles Innere aber wird durch das Aenßere erkannt: das Wesen der Dinge wird erkannt an ihren Aeußerungen. Db demnach nun gleich die Aeußerungen der Dinge dasjenige sind, an welches sich alles Leben als Erzeugnis der Freiheit anknüpft, so daß der Erzieher von dem Aenßeru auf das Innere schließen muß, so darf dennoch die Erziehung nicht von dem Aenßeru aus das Innere geradezu schließen, sondern das Wesen der Dinge fordert, daß von dem Aenßeru aus das Innere und von dem Innern auf das Aeußere immer in irgend einer Beziehung umgekehrt geschlossen werde. So darf von der Vielheit in der Natur nicht auf eine Vielheit der letzten Bedingung derselben — nicht aus eine Vielheit der Götter —, und von der Einheit Gottes darf nicht auf eine Abgeschlossenheit der Natur, sondern es muß in beiden Fällen umgekehrt von der Mannigfaltigkeit in der Natur auf die Einheit ihres letzten Grundes, Gottes, und von der Einheit Gottes auf die in Ewigkeit fortgehende Mannigfaltigkeit der Natnrentwicke lnngen geschloffen werden. Das Nichtanwcnden der eben ausgesprochenen Wahrheit ist der wesent lichste Grund der so häufigen Mißgriffe im Lebe» und in der Erziehung: hierin hat unendlich viel mißratene Kindererziehung, so viel Mißverständnis zwischen Eltern und Kind entweder von der einen oder der anderen L:eite her, so viel unnötiges Klagen, sowie ungebührliches Erheben und törichtes Erwarten von den Kindern seinen gewissen Grnich. Darum ist diese Wahrheit in ihrer Anwendung für Erzieher so hochwichtig, daß sie sich sämtlich — IN — brmührn sollten, sich mit dieser ihrer Anwendung bis in das Kleinste hin vertraut zu machen; dies würde eine Klarheit und Sicherheit in die Eltern und Kinder-, Zöglings- und Erzieher-, Schüler- lind Lehrerverhältnisse bringen, welche jetzt vergebens angestrebt werden, indem das äußerlich gut scheinende Kind vft in sich nicht gut ist, d. h. nicht durch Selbstbestimmung oder aus Liebe, Achtung und Anerkennung das Gute will, svwie das äußerlich rauhe, trotzige, eigenwillige, also nicht gut erscheinende Kind ost in sich das regste, eifrigste, kräftigste Streben nach Darstellung des Guteil mit Selbstbestimmung hat: der äußerlich zerstreute Kuabe in sich einen stehenden, festen Gedanken hat, der ihn alles Aeußere nicht beachten läßt. Schon deshalb sollen Erziehung, Unterricht und Lehre ursprünglich und in ihren ersten Grundzügen notwendig leidend (uach- gchend, nur behütend, schützend!, nicht vorschreibend (bestimmend, eingreifend) sein.* Die Erziehung muß dies aber auch notwendig an sich sein: denn das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut. Diese Notwendigkeit muß voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das Beste an sich will, und zwar noch überdies in einer ihm gaiu angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Kräfte in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt. Jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen wirkenden Gesetze» gemäß schön entfalten und gut wachsen: aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Tvnklnmpen, aus dem er knete» kann, was er will. — Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiese und Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euer» Sinn nicht, das zu hören, was die Natur in stummer Sprache euch lehrt? Sehet die Pflanze an, die ihr Unkraut nennt, und die, in Druck und Zwang herausgewachsen, kaum innere Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld uud im Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein in allen Teilen und Aeußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt — eine gestaltete Sonne, ein strahlender Stern, der der Erde entkeimt: so könnten eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur * Was auch immer gegen jene vorhin ausgesprochene Wahrheit des umgekehrten Schließen? und diese des beachtenden Nachgchens und deren Anwendung in der Erziehung gejagt werden mag, so wird sie sich einst doch in ihrer Klarheit und Wahrheit bei dem Geschlechte rechtscrtigcn, das, ihr ganz vertrauend, sie anwendet. ll aufdringt, und dir darin» in Siechtum und Unnatürlichkeit um euch waudelu, auch schau sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden. Alle vorschreibende (bestimmende, ergreifende). Erziehung mns; — die Menschen in ihrer ursprünglichen Gesundheit betrachtet — not wendig hemmend nnd zerstörend wirken. So soll — um weiter uns von der Natur lehren zu lassen — wohl der Weinstock beschnitte» werden: aber das Beschneiden als solches bringt bei dem Weinstock noch keinen Wein: vielmehr kann der Weinstock durch das Beschneide», geschehe es auch in noch so guter Absicht, ganz vernichtet, wenigstens seine Frucht- und Tragbarkeit zerstört werden, wenn der Gärtner dabei nicht ganz der Natur des Ge Wachses nachgeht. Bei N'atnrgegenständen und deren Behandlung gehen wir sehr häufig recht, wo wir bei Menschen den ganz falschen Weg betreten, und doch wirken in beiden Kräfte, welche aus einer Quelle geflossen und nach gleichem Gesetze tätig sind: darum ist das Betrachten der Natur auch von dieser Seite für den Menschen so wichtig. Die Natur zeigt uns nun zwar jenen unverletzten ursprünglichen Instand, besonders bei den Menschen, selten: aber um so mehr mns; er, öesonders bei dem einzelnen Menschen, so lange vorausgesetzt werden, bis das Gegenteil sich gewiß ausgesprochen hat, weil sonst der ursprüngliche Zustand da, wo er sich noch gesund finden sollte, auch noch leicht vernichtet werden könnte: geht aber die Gewißheit der Verletzung des Ursprünglichen aus der Gesamtheit des zu erziehenden Menschen hervor, so tritt fordernde Erziehungsweise in ihrer ganzen Strenge ein. Jedoch ist das verletzte Hervortreten des Innern nicht immer mit Gewißheit nachzuweisen, wenigstens die Quelle, in welcher das hcrvorgetretene Verletzte seinen Grund und Anfang und die Richtung hat, die es genommen: auch liegt der letzte, dem Wesen nach untrügliche Prüfstein darüber nur in dem Menschen selbst. Darum muß auch von dieser Seite Erziehung, Lehre nnd aller Unterricht bei weitem mehr nachgehend als vorschreibend sein, weil durch das reine Hervortreten des letzteren schlechterdings die reine Fort- entwickelung des Menschengeschlechtes, d. h. die Darstellung des Göttlichen durch das Leben des Menschen mit Freiheit und Selbstbestimmung, — was ja das Ziel aller Erziehung und die einzige Bestimmung des Menschen ist — verloren gehen würde. Darum beginnt die rein vorschreibende Erziehuugs- weise des Menschen erst bei dem beginnenden Klarwerden über sich, bei dem beginnenden Geeintleben zwischen Gott und Mensch, d. h. nach begonnenem Einverständnis und Gemeinleben zwischen Vater nnd Sohn, Jünger nnd Meister, weil dann die Wahrheit aus dem Wesen des Ganzen und der Natur des Einzelnen abgeleitet werden; kann. 12 Ehe also diese Störung des ursprüngliche», gesunde» Zustandes des Zöglings im einzelnen auf Quelle und Richtung nachgewiesen ist, bleibt nichts zu tun übrig, als ihn in Verhältnisse zu bringen, wv ihm von den verschiedenen Seiten her sein Betragen durch dasselbe selbst wie aus einem Spiegel entgegentritt, und er dasselbe leicht und schnell in seinen folgen erkenne, wo so sein wahrer Zustand von ihm selbst und andern leicht erkannt werden kann, und wo die Ausbrüche der innern Lebensgcstörtheit am wenigsten schaden. Die vorschreibende Erziehung hat überhaupt nur ein zweifaches für sich: entweder den klaren, lebendigen Gedanken, oder das schon früher dagewesene und anerkannte Musterhafte. Da aber, wo der in sich selbst gegründete lebendige Gedanke das in sich selbst Wahre vorschreibt, da herrscht gleichsam das Ewige selbst, und darum eben soll es wieder nachgehend auftreten, denn der lebendige Gedanke selbst fordert und bedingt freie Sclbsttätigkeit des zur Freiheit geschaffenen Wesens. Aber auch das früher dagewesene und anerkannt vollendetste Muster- leben will nur einzig seinem Wesen, nie aber seiner Form nach Mnstcr sein: es ist das grösste Mißverstehen alles menschlich Musterhaften, wenn es der Form nach als Muster genommen wird. Daher die so häufige Erfahrung, daß die zum Vorbild gewordene Erscheinung des Musterhaften hemmend, statt erhebend, auf und für das Menschengeschlecht wirkt. Jesus selbst bekämpft deshalb durchweg in seinem Leben und in seiner Lehre die Fest- haltung des äußerlich Musterhaften: nur das lebendig Musterhafte soll vorbildlich festgehalten, die Art der Erscheinung - die Form desselben — aber freigegeben werden. Das vollendetste Mnsterleben, welches wir als Christen in Jesu sehen, und welches die Menschheit nur kennt, ist dasjenige, welches den nransänglichen Grund seines Lebens klar in sich erkannte und selbst tätig nach dem ewigen Gesetze aus dem ewig Schaffenden hervorging; und dies höchste Mnsterleben selbst fordert, daß jeder Mensch ein Nachbild seines einigen Vorbildes und selbst wieder ein solches Muster für sich und für andere werde, daß er nach dem ewigen Gesetze, mit Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstwahl aus sich hervortrete; und dies ist das Ziel aller Erziehung und muß es einzig sein. Also auch selbst das ewig Musterhafte ist nach gehend in demjenigen, was es bezüglich der Form verlangt. Dennoch soll das Musterhafte fordernd auftreten, und es tritt als solches auf; aber wir sehen es: es tritt wohl fordernd und streng anß unerbittlich und cinschränknngslos steht es da, aber immer nur da, wo die Forderung aus dem Wesen des Ganzen und der Natur des Einzelnen mit Notwendigkeit sich selbst anSsPricht und in dem, zu welchem gesprochen wird, als solche erkannt werden kann, wo das Musterhafte als Drgan der Notwendigkeit spricht. Das Musterhafte tritt nur da fordernd aus, wo es den andern in den Grund der Forderung eingehend — sie einsehend oder twm Gemüte aus glaubend — voraussetzt, also entweder in ungetrübt kindlichem oder in klarem — wenigstens beginnend männlichem — Verhältnisse. Wohl steht in diesen Fällen das Musterhafte entweder durchs Beispiel oder durchs Wort fordernd da, aber immer nur in Beziehung aus Geist und Leben, nie fordernd in Beziehung auf die Form. In der guten Erziehung muss also die Notwendigkeit die Freiheit hervorrufen und das Gesetz die Selbstbestimmung, der Zwang von außen den freien Willen im Innern, der Haß von außen die Liebe im Innern. Da, wo der .Haß den Haß gebiert, das Gesetz den Betrug und das Verbrechen, der Zwang die Sklaverei, die Notwendigkeit die Knechtschaft: da, wo die Strenge und Härte die Widerspenstigkeit und Falschheit gebiert — da ist jede Wirkung der Erziehung vernichtet. Um dies z» vermeiden und jenes zn erreichen, muß alles vorschreibend Erscheinende nachgehend wirken. Dies geschieht, wenn alle Erziehung bei allein bestimmenden Auftreten bis in alle Einzelheiten hin den nnividersprechlichen Ausdruck hat, daß der Fordernde selbst einem ewig waltenden Gesetze, einer nnnmgehbaren ewigen Notwendigkeit streng und nnausweichbar unterworfen, und so alle Willkür verbannt sei. Der echte Erzieher muß in allen seinen Bestimmungen also doppelseitig sein: gebend und nehmend, vorschreibend und nachgehend, bestimmend und freigebend, und ebenso muß der Zögling gesetzt werden: aber zwischen beide, Erzieher und Zögling, muß unsichtbar ein Drittes, das aus den Bedingungen notwendig hervorgehende und Willkürlos sich anssprcchende Rechte walten, ein Drittes, welchem Erzieher und Zögling ganz ebenmäßig unterworfen ist. Das ruhige, heitere Hingeben an das Walten dieses Dritten ist eS ganz besonders, was sich in dem Erzieher schwankcnlos und rein, oft aber auch wohl fest und ernst aussprechcn soll. Das Kind hat dafür ein so richtiges Gefühl, ob das, was der Erzieher fordert, sich persönlich und willkürlich aus ihm oder allgemein und als Notwendigkeit durch ihn sich ansspricht, daß es Wohl selten darin irrt. Dieses sichere Waltenlassen eines wandellosen Dritten, dem Zöglsirch und Erzieher gleich nnterwvrsen ist, muß sich daher bis ins Kleinste-ichZeder Forderung des Erziehers aussprechcn. Darum ist die notwendige allgemeine Formel des Unterrichts: Tue dies und sieh', was in dieser bestimmten Beziehung aus deinem Handeln folgt, und zu welcher Erkenntnis es dich führt: — und die Vorschrift für das Leben an sich, für jeden, stelle dein geistiges Wesen im Handeln dar und siehe, was dein Wesen fordert, und wie es beschaffen ist. Jesus selbst fordert zur Erkenntnis der Göttlichkeit seiner Sendung und der Wahrheit seiner Lehre einzig mit dieser 14 Vorschrift auf, und es ist dies darum die Vorschrift zur Kenntnis alles Lebens und aller Wahrheit. Darin löst sich die folgende Forderung: Der Erzieher muh das Einzelne und Besondere allgemein, das Allgemeine besonders und einzeln machen und beides im Dasein nachweisen; er mns; Acnßerliches innerlich und Innerliches äußerlich machen, und für beides die notwendige Einheit zeigen, er muß Endliches unendlich, Unendliches endlich betrachten und beides in Ausgleichung setzen: er muß Göttliches im Menschen wahrnehmen und das Wesen des Menschen in Gott nachweisen und beides in einander im Leben darzustellen anstreben. Dies ist es, was aus dem Wesen des Menschen um so klarer hervorgeht, je mehr der Mensch sich in sich selbst, in dein herauswachsenden Menschen und in der Geschichte der Menschheitsentwickelung beachtet. Da nun sonach die Darstellung des Unendlichen im Endlichen — das Leben des Mensche» im Göttlichen — durch Pflege seines ursprünglichen göttlichen Wesens von jeder Seite her als das einzige Ziel aller Erziehung unwiderlegbar entgegentritt, darum muß von diesem einzig wahren Standpunkte aus der Mensch gleich von seiner Erscheinung auf der Erde, ja (wie bei und von der Maria) gleich von seiner Verkündigung an betrachtet lind schon im Mutterschoße beachtet und gepflegt werden. Jeder Mensch soll seinem unsterblichen Wesen nach als das erscheinende Göttliche in menschlicher Gestalt erkannt und gepflegt werden, als ein Unterpfand der Gnade Gottes, als eine Gottcsgabe, wie auch die ersten Christen ihre Kinder wirklich erkannten, was die Namen bezeugen, welche sie ihnen gaben. Jeder Mensch schon als Kind soll als ein wesentliches Glied der Menschheit erkannt und gepflegt werden, und so sollen die Eltern sich als Pfleger Gottes, dem Kinde und der Menschheit verantwortlich fühlen. Nicht weniger auch sollen Eltern das Kind in lebendiger Beziehung aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Menschheitsentwickelnng betrachten und so die Erziehung des Kindes mit der Forderung der Entwickelung der Menschheit in Übereinstimmung setzen: so wie der Mensch als ungehörig Gott, der Natur und den Menschen und zugleich als Gegen wart, Vergangenheit und Zukunft in sich tragend betrachtet werden soll. So soll der Mensch nicht als ein schon vollendet Erschienenes, sondern als ein sich Entwickelndes, immer noch von einer Stufe der Entwickelung und Ausbildung znr andern nach dem in der Unendlichkeit ruhenden Ziele fortschreitend betrachtet werden. Die Betrachtung der Entwickelung der Menschheit als einer abgeschlossenen und nun gleichsam sich immer nur von neuem und nur in größerer Allgemeinheit wiederholenden ist eine über alles Anssprechen nachteilige Ansicht: denn jedes folgende Geschlecht wird dadurch schlechterdings nur ein nachahmendes, gleichsam ein Abguß des früheren, aber nicht ein für die Zukunft noch für seine Entwickelungsstufe, aus der es in der Gesamtheit der Menschhcitsentwickelnng stand, wieder lebendiges Borbild. Wohl soll jedes folgende Menschengeschlecht und jeder folgende einzelne Mensch die ganze gesamte frühere Entwickelung des Menschengeschlechtes in sich durchlaufen — und er durchläuft sie, sonst verstände er die Borwelt und Mitwelt nicht —, aber nicht auf dem toten Wege der Nachahmung, sondern aus dem lebendigen Wege der freitätigen Entwickelung. Jeder Mensch soll sie wieder frei aus sich darstellen: denn in jedem Menschen als Gliede der Menschheit und Kinde Gottes ist die ganze Menschheit, aber in jedem persönlich, aus eine ganz eigene, in sich einzige Weise, ausgeprägt und soll in jedem einzelnen Menschen uns diese ganz eigentümliche, einzige Weise dargestellt werden, damit das Wesen der Menschheit und Gottes als alle Mannigfaltigkeit in sich fassend immer mehr erkannt werde. Nur bei dieser einzig erschöpfenden Einsicht in das Wesen des Menschen, aus welcher alles, was noch weiter zur Pflege und Erziehung des Menschen zu wissen nötig ist, wie von selbst hervorstießt, nur bei dieser Ansicht des Menschen kann wahre Menschenerziehung gedeihen. Hieraus geht alles einfach hervor, was Eltern zu tun haben: rein und klar zu sein in Wort und Tat, durchdrungen von der Würde des Menschen, sich zu betrachten als die Bewahrer einer Gottesgabe, sich zu belehren von der Bestimmung des Menschen und von den Mitteln, durch welche er seine Bestimmung erreicht. Wie nun die Bestimmung des Kindes als Familienglied darin besteht, die Kräfte der Familie in ihrer Übereinstimmung, Allseitigkeit und Klarheit zu entwickeln, so besteht die Bestimmung des Menschen als Glied der Menschheit darin, die Kräfte der gesamten Menschheit zu entwickeln. Die Glieder einer Familie aber stellen das Wesen der Familie — welches wohl, von ihr noch unerkannt, in ihr ruhen kann - am vollendetsten dar, wenn jedes der Glieder sich selbst am vollkommensten und abseitigsten und doch am eigentümlichsten und persönlichsten entwickelt: und so stellen auch die Menschen als Kinder Gottes und Glieder der Menschheit das Gesamtwesen Gottes und der Menschheit — welches, wenn auch noch keineswegs allgemein erkannt und anerkannt, in ihr ruht — am vollendetsten dar, wenn jeder einzelne Mensch sich am eigentümlichsten »nd persönlichsten ausbildet. Dies geschieht, wenn der Mensch sich »ach dem Gesetze entwickelt, nach welchem sich alle Dinge entwickeln, und welches überall herrscht, wo Gott und Natur sich findet: wenn jeder Mensch sei» Wesen darstellt in Einheit in sich selbst, in Einzelnhcit an irgend einem Ein- zeliwn von ihm ausgegangenen und in Mannigfaltigkeit an allem, was u; durch ihn geschieht: nur iu dieser dreifachen, aber in sich einigen Darstellung ist die Sffcnbarmachnng des Innern jedes Wesens vollendet. Wo eine Seite dieser dreifachen Darstellung — in der Wirklichkeit oder auch nur in der Erkenntnis — mangelt, da ist unvollkommene Darstellung bezw. Einsicht: nur einzig auf diese Weise tut sich jedes Ding in seiner Einheit kund: nur die Anerkenntnis dieser dreieinigcn Darstellung jedes Dinges fuhrt einzig znr wahren Einsicht in sein Wesen. Die Säugliiigsstuse. Darum muß das Kind gleich von seiner Geburt an seinem Wesen nach aufgefaßt und in den freien Gebrauch seiner Kraft gesetzt werden. Nicht soll der Gebrauch einiger Kräfte und Glieder auf Unkosten der andern befördert und diese in ihrer Entfaltung gehemmt, das Kind soll weder gewickelt noch später gegängelt werden. Den Schwerpunkt aller seiner Kräfte und Glieder in sich zu finden, in demselben zu ruhen, frei sich zu bewegen und tätig zu sein, mit eigenen Hände» zu greifen und festzuhalten, auf eigenen Füßen zu stehen und zu gehen, mit eigenen Augen zu finden und anzuschauen, alle seine Glieder gleich kräftig zu gebrauchen, das soll das Kind früh lernen. Früh soll das Kind die schwierigste aller Künste, bei aller Abschweifung doch den Mittelpunkt seiner Lebensbahn festzuhalten, lernen und frühe sie in Anwendung bringen. Die erste Äußerung des Kindes ist die der Kraft. Kraft ruft Gegenkraft hervor: daher das erste Schreien des Kindes, daher das Treten des Kindes gegen das, was sich seinen Füße» entgegenstemmt, daher das festhalten dessen, was sein Händchen berührt. Bald nach diesem und gemeinschaftlich mit demselben entwickelt sich in dem Kinde das Gemeingefühl: daher sein Lächeln, sein Wohlbefinden, seine Freudigkeit, seine Beweglichkeit in behaglicher Wärme, in klarem Lichte und in reiner frischer Luft: — es ist dies das Beginnen des Selbstbewnßtwerdens des Kindes in seinen äußersten Endpunkten. Und so sind also die ersten Äußerungen des menschlichen Lebens Ruhe und Unruhe, Lust »nd Schmerz, Lächeln und Weinen. Ruhe, Lnst.und Lächeln bezeichnen alles, was im Gefühl des Kindes der »»getrübten Entwickelung seines Wesens angemessen ist: an sie muß sich das erste Erziehende knüpfen. Unruhe, Schmerz »nd Weinen bezeichnen in ihrem ersten Erscheinen alles das, was der Entwickelung des Menschen als Kind entgegen ist: auch an sie muß aus nachgehende Weise die Erziehung ihr Wirten anknüpfen: es muß gestrebt werden, die Gründe davon aufzufinden und sie zu entferne». 17 In den allerersten (aber fast anch nur in den allerersten) Erscheinungen des Schreiens ist dem Kinde aller Eigensinn gewiß fremd: aber er keimt so frühe, sobald nur dem kleinen Wesen ein Fühlen kommt, das; eS mit Willkür oder aus Unachtsamkeit oder Trägheit dem überlassen bleibe, was ihm Unruhe und Schmerz macht. Ist nun dem Kinde dieses unglückselige Gefühl gleichsam eingeimpft, so ist auch der Eigensinn, der erste und häßlichste aller Fehler, erzeugt, der Fehler, der ohne Beschädigung einer anderen besseren Anlage im Menschen kaum zu verbannen ist, und er wird bald die Mutter der Verstellung, der Lüge, des Trotzes, der Halsstarrigkeit und aller spätere» so traurigen, als häßlichen Fehler. Aber auch aus dem Betreten des rechten Weges kann gefehlt werde». Der Mensch soll seiner Bestimmung nach von der Ertragung unbedeutender Leiden zur Ertraguug. schwerer, Vernichtung drohender Lasten herausgebildet werden. Haben also die Eltern die sichere Überzeugung, daß dem unruhigen Kinde das gereicht worden, was ihm jetzt Bedürfnis sein kann, daß alles entfernt worden, was seinem Zustande jetzt nachteilig ist und sein kaun, so sollen sie das unruhige Kind ruhig sich selbst überlassen, ihm Zeit geben, sich selbst zu finden. Denn hat das kleine Wesen einmal oder gar wiederholt bei Scheinleiden und leicht zu tragender llnbehaglichkeit sich fremde Teilnahme und Hilfe erzwungen, so haben die Eltern viel, fast alles verloren, was kam» durch Gewalt wieder errungen werden kann; denn die kleinen Wesen haben einen so seinen Sinn für die »schwächen der ümgebnng, daß die in ihnen ursprünglich wirkende Kraft eher auf die leichtere Weise heraustritt, so wie die.Schwäche anderer es ihnen darbietet, sie zu beherrschen, als daß sie im eigenen Tragen und Tun sie darstellen. Auf dieser Stufe heißt der werdende Mensch Säugling und ist es auch im vollsten Sinne des Wortes: denn Einsangen ist noch des Kindes fast einzige Tätigkeit (saugt es nicht den Zustand der ihn umgebenden Menschen ein?),-und jene genannten Äußerungen: Weinen, Lächeln bleiben noch ganz innerhalb seiner selbst und sind noch eine unmittelbare, ringe- trennte Wirkung jener Tätigkeit. Darum ist schon diese erste Stufe der Menschenentwickelnng für den Menschen so über alle Beschreibung wichtig. Es ist hochwichtig, daß der Mensch auf dieser Stufe nichts Niederes, Gemeines einsänge; rein soll darum der Gesichtsansdrnck der Umgebenden, rein und klar soll jede Umgebung selbst sein: reine Lust, klares Licht, reiner Raum, so dürftig er auch sonst immer nur sein möge. Denn leider überwindet der Mensch oft kaum durch sein Leben die Eindrücke seiner Jugend, eben weil sein ganzes Wesen, wie ein großes Auge dafür geöffnet, ihnen preisgegeben war. Dft die härtesten Kämpfe des Mensche» mit sich selbst, und selbst seine späteren widrigsten und drückendsten Schicksale haben in dieser Stufe der Entwickelung 18 ihren Grund: darum ist die Säuglingspflege sv wichtig. Mütter, welche einige ihrer Kinder selbst säugten, andere nicht, und beide in ihren späteren I Lebensäußerungen beachteten, können hierüber mit Bestimmtheit entscheiden. r Sa wissen Mütter auch, das; das erste Lächeln des Kindes einen sv be- 8 stimmten Entwickelungsabschnitt in dem Leben des Kindes macht, das; es s der Ausdruck wenigstens des ersten leiblichen. Sich-selbst-findens, wenn nicht § noch bei weitem mehr ist: denn nicht nur in einem leiblichen Eigengcfühle, ; sondern auch in einem leiblichen und noch höheren Gcmeingefühle — zuerst z unter Bkutter und Kind, dann unter Bater und Geschwistern, später zwischen ^ Geschwistern und Menschen und Kind — hat jenes erste Kindeslächeln seinen p Grund. v Dieses erste Gefühl des Gemeinsamen, welches zuerst das Kind mit h Mutter, Vater und Geschwistern einigt, welchem die höhere geistige Einigung n zu Grunde liegt, an welche wiederum sich später die nnbezweifclbare Wahr- i L nehmnng anknüpft, das; Vater, Mutter, Geschwister, endlich alle Menschen ^ ö sich mit einem Höhern (Menschheit, Gott) in Gemeinsamkeit und Einigung s, fühlen und erkennen: dies Gemcingefühl ist der äußerste Keim aller echten Religiosität, alles echten Strebens nach ungehemmter Einigung mit Gott. A Echte und wahre, lebendige, sich in den Gefahren und im Kampfe, im Drucke n und in der Not, in Lust und Freude bewährende Religion muß dem Menschen u als Säugling (kommen: denn das im Menschen erschienene Göttliche ist sich jc seines Hervorgegangenseins aus Gott dunkel ahnend frühe bewußt, und diese dunkele Ahnung, dieses weniger noch als nebelgraue Bewußtsein muß frühe di in dem Mensche» gepflegt, später zum Bewußtsein erhoben und geläutert e> tverden. w Nicht nur für den still Beobachtenden rührend, sondern für das Kind li ewig Heil und Segen bringend ist es daher, wenn die Mutter das n schlummernde Kind mit innigem Blick zu ihrem gemeinsamen himmlischen K Vater um väterlichen Schutz und liebendes Walten auf sein sanftes, sicheres et Lager legt. Es ist nicht nur rührend und hoch erfreuend, es ist für das ke ganze jetzige und künftige Leben des Kindes hochwichtig und segensreich, ii wenn die Mutter mit freudig dankendem Blick zu ihrem Vater für die gc» kc schenkte Ruhe und Stärkung das ihr gleichsam von neuem geschenkte Kind n von seinem Lager nimmt, — nein, für die ganze Zeit des nun folgenden tu Zusammenlebens zwischen Kind und Mutter hat dies den erfreulichsten Ein- fcl fluß: darum erlaubt auch die echte Mutter nur ungern einem zweiten, das w eingeschlummerte Kind auf sein Lager zu bringen, das erwachte Kind von dc demselben zu nehmen. sil Das Kind, von der Mutter so gepflegt, ist wohl gebettet — Gebet dc bettet —: durch Gott ruht der Mensch in Gott, dem letzten Beziehnugs- I punkte, wie dem ersten Anfangspunkte alles Erschienenen. >» 19 Wollen Eltern ihren Kindern diesen nie schwankenden Halt als höchste Mitgäbe fürs Leben verschaffen, sv müssen Eltern und Kind immer innerlich und äußerlich geeint erscheinen, wenn sie in stiller Kammer oder in freier Natur sich mit ihrem Gott und Vater im Gebet in Einigung erkennen. Es sage ja niemand — denn er raubt schlechterdings den Kindern dadurch ihr Höchstes —: die Kinder werden es nicht verstehen: sie verstehen es und werden es verstehen, wenn sie nur sich selbst und ihren Eltern nicht schon zu sehr entfremdet sind: sie verstehen es, nicht im Begriffe, aber in ihrem Innern. Religiosität, inniges Leben in Gott und mit Gott in allen Zuständen und Lagen des Lebens und des menschlichen Gemütes, welches nicht von Kindheit auf so mit dem Menschen herauswächst, wird sich später nur höchst schwer znm vollen kräftigen Leben erheben, so wie ein so gekeimter und gepflegter religiöser Sinn unter allen Stürmen und Gefahren des Lebens den Sieg davontragen wird. Dies die Früchte des frühesten religiösen elterlichen Beispiels, und wenn es auch selbst das Kind nicht zu beachten scheint, llnd sv in jedem Falle des lebendigen elterlichen Beispiels. / Aber nicht allein in Beziehung aus die Ausbildung des Religiösen im Menschen, sondern für die Gesamtansbildnng des Menschen ist es höchst wichtig, wenn seine Entwickelung von einem Punkte aus stetig fortschreite und als stetig fortschreitend immer beachtet werde. Und wesentlich nachteilig, ja vernichtend ist es darum, wenn innerhalb der stetig fortlaufenden Reihe der menschlichen Entwickelungsjahrc so scharfe Grenzen gemacht werden, daß das bleibend Fortlaufende, des Lebens Mark, dadurch ganz der Beachtung entzogen wird. Wesentlich nachteilig ist es darum, wenn die Stufen der menschlichen Entwickelung: Säugling — Kind — Knabe, Mädchen — Jüngling, Jungfrau — Mann, Frau — Greis, Matrone — als wirklich getrennt und nicht, wie es das Leben zeigt, ineinander übergehend, vielmehr der Knabe als etwas ganz anderes als der Jüngling oder der Mann und als etwas so Geschiedenes betrachtet werden, daß das Gemeinsame „Mensch" nur kaum schwach für den Begriff durchschimmert, aber fast gar nicht beachtet nn Leben und für das Leben hervortritt. Und doch ist es so in der Wirklichkeit: denn''beachtet man das Leben, wie es ist, wie steht schon da das Kind und der Knabe so ganz getrennt: besonders sprechen die späteren Stufen von den früheren wie von etwas ganz Fremdem, von ihnen völlig Verschiedenein: der Knabe sieht in sich nicht mehr das Kind und in dem Kinde uicht den Knaben : der Jüngling sieht in sich nicht mehr den Knaben und das Kind und in diesen beiden nicht den Jüngling: vornehm wegweisend sieht er über sie hinweg. Doch das Schädlichste von allein ist, daß besonders der Mann i» sich nicht mehr den Säugling, das Kind, den Knaben und Jüngling, überhaupt nicht mehr die früheren Entwickelnngsstnscn schaut und >u diesen sich nicht selbst findet lind sieht, sondern vielmehr vom Kinde und 20 Knabe» und Jünglinge wie von Wesen ganz anderer Art mit ganz anderen (c Anlagen redet. h Dies scheidende Gegenüberstellen, welches seinen Grand im Mangel H an Aufmerksamkeit auf die Entwickelung des eigenen Lebens hat, bringt ^ unsägliches Unheil und Störung der Entwickelung des Menschengeschlechts, « welche nur angedeutet, aber nicht ausgeführt werden kann. Es läßt sich ö nur sagen, daß eine einzig seltene innere Kraft dazu gehört, die von außen K geseßten Grenzen zu vernichten, was immer nur durch eine gewaltsame, ^ andere Entwickelungen wenigstens störende Tat geschehen kann. Alle si Lebcnsänßernngen eines Menschen, bei dem dies auf irgend einer Stufe f, stattgefunden, behalten darum auch für das ganze Leben etwas Gewaltsames. Wie ganz anders würde es nach jener Seite hin sein, wenn die Eltern das p Kind in Beziehung auf alle menschlichen Entwickelungsstufen, ohne einige , dabei zu überspringen, anschauten: wenn sie besonders beachteten, daß die > d kräftige »nd vollständige Entwickelung jeder folgenden Stufe auf der kräftigen, vollständigen und eigentümlichen Entwickelung jeder einzelnen vorhergehenden >, Lebensstnfe beruhe. Dies ist es ganz besonders, was Eltern so leicht si übersehen: so glauben und sehen sie den Menschen als Knaben, wenn er n das Knabenalter erreicht habe, so sehen sie den Menschen als Jüngling oder L Mann, wenn er das Jünglings- oder Mannesalter erreicht habe: aber l ebensowenig als der Knabe dadurch Knabe wird, daß er das Knabenalter b erreicht, sondern dadurch, daß er die Kindheit den J-ordernngcn seines ß Geistes, Gemütes und Körpers getreu durchlebt hat, ebensowenig wird der u Mann durch das Mauuesaltcr Mann, sondern nur dadurch, daß die u Jordernugen seiner Kiudheits-, Knaben- und Jünglingsstufe treu von ihm : H erfüllt worden sind. In anderen Beziehungen sonst sehr einsichtige und ^ e tüchtige Eltern fordern nicht allein, daß das Kind sich schon als Knabe und j d Jüngling, sondern besonders, daß der Knabe als Mann sich zeige, daß er v gleich Mann in allen seinen Erscheinungen sei und so die Knaben und i: Jünglingsstnfen überspringe. Etwas ganz anderes ist es, in dem Kinde i, und Knaben den einstigen Jüngling und Mann in seinen Anlagen sehe» H und achten, und etwas ganz anderes, von dem Kinde und Knaben fordern, n schon als Jüngling und Mann zu empfinden und sich zu betragen. Eltern, .'s welche dieses fordern, übersehen, daß sie selbst fast immer nur dadurch »»d l in dem Maße tüchtige Menschen wurden, als sie die Stufen ihrer Natur : e nach in irgend einer Beziehung durchlebten, welche ihr Kind nach ihren Jordernngen überspringen soll. 2 Diese Nichtwürdignng früherer, besonders der frühesten Entwickelungs- n stufen in Beziehung auf spätere ist es, welche dem künftigen Erzieher des a Knaben kaum zu hebende Schwierigkeiten in den Weg legt, indem einmal : i! der so gesetzte Knabe nun auch meint, jeden Unterricht der frühere» i 21 c» Entwickelnngsstnse rein überspringe» zu könne», und es dann so aus ihn höchst nachteilig wirkt, wenn ihm früh ein Ziel, ein fremdes außer ihm, zum w'i Nachahmen gegeben wird, sa z. B. Ausbilde» für ein gewisses Amt. Das >gt Kind, der Knabe, der Mensch überhaupt, soll kein anderes Streben haben, ts, als auf jeder Stufe ganz das zu sein, was diese Stufe fordert; ich dann wird jede folgende Stufe wie ein neuer Schuß aus einer gesunden c» Knaspe hervorschießcn, und er wird auch aus jeder folgenden ^tuse bei gleichem Streben bis zur Bollendnng wieder das werden, was diese Lcknfe Hc fordert; denn nur die genügende Entwickelung des Menschen auf jeder >!>-' früheren erzeugt eine genügende Entwickelung jeder späteren Stufe, es. Dieses ist besonders in Beziehung auf die Ausbildung der Menschen- as tätigkeit zur Hervorbringnng äußerer Erzeugnisse hoch zu beachten wichtig. >ge Der Mensch hat jent wohl dnrchgehends einen ganz falschen äußeren, die darum unhaltbaren, toten Begriff von Arbeit und Werktätigkeit, en, Gatt schafft ununterbrochen, jeder Gedanke Gottes ist ein Werk, wirkt >cn mit schaffender Kraft erzeugend bis in die Ewigkeit fort: wer es nicht schon cbt siehet, schaue Jesum in seinem Leben und Wirken, schaue das echte Leben er und Wirken des Menschen, schaue — wenn er wahrhaft lebt — sein eigenes xr Leben und Wirken selbst an. Der Geist Gottes schwebte über dem ber llngcformten und bewegte es, und Steine und Gewächse, Tiere und Menschen, ter bekamen Gestalt und Leben. Gott schuf den Menschen, ein Abbild seiner les selbst, znm Bilde Gottes schuf er ihn: darum soll der Mensch schaffen >er und wirken gleich Gott: sein Geist soll über dem llngcformten schweben die und es bewegen, daß Gestalt und Leben in sich Tragendes heröorgehe. hm Dies ist der hohe Sinn der Arbeit, des Wirkens und Schaffens, wie wir nd ^ es ja ganz wahr und bezeichnend nennen. Durch Wirken und Tun, welches »d l das lebendige Gefühl begleitet, daß wir dadurch Gedachtem Gestalt geben, er werden nur wahrhaft Gott ähnlich, und durch Gottähnlichkeit steigen wir »d immer mehr und mehr znr echten Gotterkenntnis empor, und so kommt Gott ide innerlich und äußerlich uns immer näher. Darum sagt Jesus auch in dieser >cn Beziehung so ewig wahr: „Den Armen ist das Himmelreich," wenn sie es rw nur einsähen, durch Wirken und Schassen übten. Auch den Kindern ist das rn, Himmelreich: den» sie geben sich kindlich vertrauend, wenn nur nicht die nid llberklngheit der Erwachsenen sie störte, willig dem in ihnen wirkenden tut Tätigkeitstricbc hin. ce» Erniedrigend ist der Wahn, als arbeite der Mensch nur darum, sich Brot, Hans und Kleider zu erwerben: nein, der Mensch schafft ursprünglich gs- und eigentlich nur darum, damit das in ihm liegende Geistige sich gcs außer ihm gestalte, und er so sein eigenes, geistiges Wesen und das na> : Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch kommende Brot, Haus, Kleider ee» ist unbedeutende Zugabe. Darum sagt Jesus: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, d. i. nach Darstellung des Göttlichen in eurem Leben und durch euer Leben, so wird euch alles andere, was das endliche Leben sonst noch bedarf, dadurch von selbst zufallen. Darum sagt Jesus: Das ist meine Speise, das; ich den Willen Gottes thue, schaffe, was mir und wie es nur Gott aufgetragen hat. Darum werden die Lilien auf dem Felde von Gott gekleidet, die nach menschlicher Ansicht nicht arbeiten, prächtiger als Salomo in aller seiner Herrlichkeit. Denn die Lilie, treibt sie nicht Blatter und Blumen, verkündigt sie nicht in allem ihren Erscheinen Gott und stellt Gott dar? Die Bügel unter dem Himmel, sie säen wohl nach menschlicher Ansicht nicht, sie arbeiten nach menschlicher Meinung nicht: aber stellen sie nicht durch jede ihrer Äußerungen, wenn sie singen, wenn sie Nester bauen, durch alle ihre hundert und tausend verschiedenen Handlungen, das Leben dar, das Gott in sie legte? Darum nährt und erhält sie Gott. So soll der Mensch von den Lilien auf dem Felde, so soll er von den Bügeln unter dem Himmel lernen, immer das von Gott in ihn gelegte Wesen äußerlich an Gestalt und Stoss auf die Weise, wie sie Ort und Zeit, Stellung und Berns fordert, kund zu tun, sei es nun in diesem Augenblick so klein und unscheinbar oder so groß und wichtig, als es wolle: nnd'dann soll er wegen seines Unterhaltes sicher sein, Gott wird ihm hundert ^Wege zeige», er wird beim Gebrauch seiner Geisteskraft jederzeit ganz gewiß einen Weg finde» — und mehr bedarf es ja gar nicht —, wo er seine irdischen Bedürfnisse befriedigen kann. Und schwände äußerlich alles, so bleibt ihm nicht nur unverkürzt, sondern steigert sich in ihm sogar die entwickelte Gottcskraft, durch Ertragnng den Mangel schwindend zu machen.* Darum ist denn eine zweifache unerläßliche Forderung, daß der wachsende Mensch früh zur Tätigkeit für äußeres Werk entwickelt werde. Und dies fordert auch die Natur des Menschen an und für sich. Die Sinnen- und Gliedertätigkeit des Säuglings ist der erste Bildnngstrieb: * Weil alle geistigen Wirkungen als Erscheinungen im Endlichen eine Aufeinanderfolge bedingen, sv ist schlechterdings unerläßlich, daß, wenn der Mensch zu irgend einer Zeit seines Lebens verabsäumt hat, seine Kraft zu einem Werk zu erheben »der mindestens für Werk und Tat zu entfalten, ihn zu einer Zeit Mangel treffen wird in dem Maße als er verabsäumte, seine Kraft znin Werk zu erheben; wenigstens wird ihm z» irgend einer Zeit nicht das werden, was ihm hätte werden können, wenn er seinem Berufe, dem Gebrauche seiner Kräfte als Gvtteskraft, immer treu nachgekvmmen wäre: denn es muß den irdischen und Welt-Gefehen gemäß, unter denen wir leben, eine Zeit kommen, in der das Erzeugnis jener verabsäumten Tätigkeit Hütte erscheinen sollen; war nun die Tätigkeit verabsäumt, wie kann da Erzeugnis kommen? Bei diesem zu irgend einer Zeit nun eintretenden Mangel bleibt dem Menschen nichts übrig, als die zweite Seite seiner Geisteskraft, die der Entsagung und Ertragnng, wirksam sein zu lassen und so den Mangel selbst schwindend zu machen und auf das eifrigste tätig zu sein, durch Wirksamkeit für die Zukunft jeden solche» Mangel zu vermeiden. Spiel, Banen, Gestalten die ersten zarten Jugendblüten: und dies ist der Zeitpunkt, wo der Mensch befruchtet werden muß für künftige Arbeitsamkeit. Kein Kind und später kein Knabe und Jüngling, wes Standes und wes klage er sein mag, sollte sein, der sich nicht täglich wenigstens ein oder zwei Stunden einer ernsten Tätigkeit zur Hcrüorbringnng bestimmter, äußerer Werke widmete. Der Mensch treibt jetzt des Gestaltlosen zu viel und vielerlei und der Arbeit zu wenig, obgleich das Lernen durch und bei der Arbeit das über alles eindringlichere ist. Kinder und Eltern halten die Tätigkeit des eigentlichen Arbeitens so sehr zum Nachteil ihrer selbst und so unwichtig sür ihre künftigen Lagen, daß Erziehnngs- und Lehranstalten es sich zur festesten Ausgabe machen müssen, diesem zu steuern. Die jetzige häusliche, wie die Schnlerziehung führt die Kinder zur Kvrperträgheit und Wcrkfanlhcit: unsägliche Menschcnkraft bleibt dabei unentwickelt, unsägliche Menschcnkraft geht verloren! Höchst heilsam wäre gleich den bestehenden Unterrichtsstunden die Einführung echter Arbeitsstunden in der Schule, und dahin muß es auch noch kommen; denn der Mensch hat durch den bisherigen unbedeutenden und nur nach äußeren Rücksichten bestimmten Gebrauch seiner Menschcnkraft das Maß und die Wertschätzung derselben verloren. Wie frühe Bildung für Religion, gleich so wichtig ist frühe Bildung sür Arbeitsamkeit. Frühe Arbeit, der inneren Bedeutung derselben angemessen geleitet, befestigt die Religion. Religion ohne Werktätigkeit, ohne Arbeit läuft Gefahr, nichtige Schwärmerei zu werden, so wie Werktütigkeit ohne Religion den Menschen znr Maschine macht. Arbeit lind Religion sind ein Gleichzeitiges, wie Gott, der Ewige, von Ewigkeit schuf. Würdcn'die Menschen von der Wahrheit dieses durchdrungen sein, würden sie derselben gemäß im Leben handeln: bis zu welcher Stufe würde sich das Menschengeschlecht bald erheben! — Doch nicht nur in sich ruhend als Religi osität, nicht nur herauswirkend als Wcrktätigkeit, sondern auch auf sich zurückziehend soll die Mcnschenkraft sich entwickeln als Enthaltsamkeit. Was ist hier mehr nötig als anzudeuten? — Wo die ungeteilten drei in echter, ursprünglicher Einigung, wo Religion, Arbeitsamkeit und Mäßigung in Eintracht wirken: da ist der irdische Himmel, da ist Friede, Freude, Heil, Gnade und Segen! — Damit ist der Mensch im Kinde als Ganzes betrachtet, und die ganze künftige Wirksamkeit des Menschen im Kinde als Keim gesehen. Und so muß es sein: der Mensch muß, um ihn ganz zu entwickeln, schon in dem Kinde in der Gesamtheit der irdischen Beziehungen in Einheit geschaut werden. Da aber alle Einheit in der Erscheinung Einzelheiten fordert, und alle Allseitigkeit in der Erscheinung ein Nacheinander notwendig macht, so entwickeln sich auch Welt und Leben in dem Kinde nur als Einzelheiten und in Aufeinanderfolge; so sollen auch die Kräfte, Anlagen und Richtungen, die Mieder und Sinnentätigkeiten des Menschen i» der nvtlvendigen Reihenfolge entwickelt werden, in der sie selbst in dein Kinde hervortreten. Dem Kinde tritt die Außenwelt zuerst in chaotischer Verworrenheit, Kind selbst und Außenwelt ineinander vcrschwimmend, entgegen. Aus dieser neblichten Dunkelheit treten die Gegenstände ihm nach und nach gleichsam wie aus ihrem Nichtdasein ins Dasein hervor, besonders durch das seitens der Eltern dazwischentretende trennende und einende Wort, und so tritt das Kind zuletzt sich selbst als ein von allen anderen verschiedener Gegenstand entgegen. So wiederholt sich in der geistigen Entwickelungsgeschichte des Menschen in jedem Kinde, von seinem Erscheinen auf der Erde an, die Entwickelnngs- und Schöpfungsgeschichte aller Dinge, wie solche uns die heiligen Bücher erzählen, bis dahin, wo der Mensch zuletzt selbst im Gottesgarten, d. h. in der ossen vor dem Kinde liegenden schönen Natur, sich findet: sowie sich später in jedem Kinde dem Wesen nach dieselbe Tat wiederholt, mit welcher die sittliche Freiwcrdung, die Bernünstigkeit, beginnt, sowie damit die sittliche Freiwcrdung des ganzen Menschengeschlechtes begann lind notwendig beginnen mußte. Die ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes in sich anzuschauen, bleibt jedem auf seine Entwickelung achtsamen Menschen überlassen. Darum aber, daß er es könne, soll jeder Mensch sein und das Andcr-Lebcn immer als ein stetiges, nach göttlichen Gesetzen sich entwickelndes Ganze erkennen. Nur auf solche Weise versteht der Mensch die Geschichte, die Geschichte der Menschheitsentwickelnng, sowie seiner selbst: nur so versteht er andere: nur so verstehen Eltern ihr Kind. , Innerliches äußerlich, Äußerliches innerlich zu machen, für beides die I Einheit zu finden, dies ist die allgemeine äußere Form, in welcher sich die /Bestimmung des Menschen ansspricht: darum tritt auch jeder äußere Gegenstand dem Menschen mit der Anforderung entgegen, erkannt zu werden. Dazu besitzt der Mensch die Sinne, d. h. die Werkzeuge, durch welche er jene Forderung erfüllt. Alles aber wird nur erkannt, wenn es mit dem Entgegengesetzten seiner Art verknüpft und mit demselben die Übereinstimmung gefunden wird, und die Erkenntnis geschieht um so vollkommener, als die Verknüpfung mit dem Entgegengesetzten und die Auffindung des Einigenden geschiehet. Die Gegenstände der Außenwelt treten dem Menschen vorwaltend in einem mehr festen oder mehr flüchtigen oder mehr tnftigen Zustande entgegen. Diesem ganz entsprechend findet sich der Mensch mit Sinnen für das mehr Feste, für das mehr Flüchtige und für das mehr ilnstige begabt. Jeder Gegenstand aber tritt wieder vorwaltend mehr in Ruhe oder vorwaltend mehr in Bewegung entgegen. Demgemäß ist jeder dieser Sinne wieder an zwei ganz verschiedene Organe verteilt, wovon das eine vorwaltend mehr zur Erkenntnis der Gegenstände in Rnhe, das andere Organ dagegen mehr zur Erkenntnis der Gegenstände in Bewegung wirkt: so daß also der Sinn für das Luftige an die Organe des Hörens und Sehens, der Sinn für das Flüssige an die Organe des Schmeckens und Riechens, der Sinn für das Feste an die Organe des Fühlens und Tastens verteilt ist. Gemäß dem Gesetze der Erkennung der Dinge durch das Entgegengesetzte entwickelt sich in dem Kinde zuerst das Gehör, und erst durch dieses gereizt später das Gesicht: durch welche Entwickelung dieser beiden Sinne in dem Kinde den Eltern und den Umgebungen erst möglich gemacht wird, die Gegenstände mit dem Entgegengesetzten derselben, dem Worte, und dann dem Zeichen auf das innigste, gleichsam zu eins, zu verknüpfen und so das Kind zum Anschauen und später zur Erkenntnis derselben zu führen. Mit der fortschreitenden Sinnenentwickelung entwickelt sich an dem Kinde gleichzeitig und gleichmäßig der Gebrauch der Glieder, und zwar wieder in einer in der Natur derselben und in den Eigenschaften der Gegenstände der Kvrperwelt bedingten Folge. Die Gegenstände der Außenwelt sind selbst mehr ruhend und fordern daher durch sich zur Rnhe auf: oder sie sind mehr sich entfernend und fordern dadurch zum Ergreifen auf: oder sie sind an feste, entfernte Räume tzeknüpft und fordern dadurch aus, sich zu ihnen und sie zu sich zu bewegen. L)v entwickelt sich der Gebrauch der Glieder zum Sitzen und Liegen, zum Umfassen und Ergreifen, der Glieder zum Gehen und Springen. Stehen ist die vollkommenste Gesamtheit alles Gliedergcbrauchö: es ist das Finden des körperlichen Schwerpunktes. Das körperliche Stehen ist für diese Stufe ebenso bedeutend, als das Lächeln, das leibliche Sichsclbstfindcn, für die frühere Stufe war und das sittliche und religiöse Stehen für die letzte Stufe der Menschheitsentwickelung ist. Auf dieser Stufe der Entwickelung ist es dem Menschen nur noch um den Gebrauch seiner Glieder rein um des Gebrauches, nicht aber um des willen zu tun, was aus diesem Glicdergebrauch hervorgeht; dieses ist ihm ganz gleichgültig, oder bezeichneter, davon ahnt er noch gar nichts; daher das auf dieser Stufe beginnende Spiel des Kindes mit seinen Gliedern: seinen Hündchen, Fingern, seinen Lippen, seiner Zunge, seinen Füßchcn, aber auch seinen Augen und Mienen. Diesem Mienen- und Gliedcrspiele in den Gesichts- und Körperbewegungen liegt nun zwar anfangs, wie eben gesagt, keine Darstellung des Innern am Äußern zu Grunde: dvch sind diese Spiele das erste znr Beachtung als Kindesäußcrungcn Gegebene, damit das Kind sich nicht Körper- und besonders Gesichtsbewegnngen angewöhne ohne allen inneren Grund, so z. B. Augen- und Mnndverdrchungen, und sich so frühe eine Trennung zwischen Gebärden und Gefühlen, zwischen Körper und Geist, 2 «. zwischen Äußerm und Jnnerm umschleiche, die entlveder znr Heuchelei oder dahin führt, daß der Körper Manieren annimmt, die später sich gar nicht mehr der Willenskraft unterwerfen und den Menschen durchs ganze Leben wie eine Maske begleiten. Kinder dürfen daher von früh an nie zu lange in Wiegen ohne Gegenstand znr Tätigkeit sich selbst überlassen bleiben: auch überdies zur Vermeidung körperlicher Verweichlichung, denn sie erzeugt und bedingt notwendig geistige Verweichlichung und Schwäche. Um dies letztere zu vermeiden, soll daS Lager der Kinder gleich von dem ersten Augenblick an weniger weich sein: es bestehe darum aus Kissen von Heu, Seegras, feinem Stroh, Spreu oder höchstens Roßhaaren, aber nicht aus Federn: so sei auch die Bedeckung des Kindes während des Schlafes nur leicht, der Einwirkung der reinen Luft ausgesetzt. Damit das Kind vor dem Einschlafen und besonders »ach dem Erwachen sich nicht geistig untätig auf dem Lager selbst überlassen sei, ist es sehr zweckmäßig, in der natürlichen Gesichtslinie des Kindes einen schwankenden Käsig mit einem muntern Vogel oder noch einfacher einen Ball aufzuhängen: dies fesselt die Sinnen- und Geistestätigkeit des Kindes und gibt ihm mehrseitige Nahrung. Die Kindheitsstufe. Mit der entwickelten Sinnen- und Gliedertätigkeit, wo das Kind nun ansängt, Innerliches selbsttätig äußerlich darzustellen, hört die Sänglings- stnfe der Mcnschencntwickelung auf, und es beginnt die Stufe des Kindes. Bis zu dieser Stufe ist das Innere des Menschen noch eine ungegliederte, mannigfaltigkeitslose Einheit. Mit der eintretenden Sprache beginnt Äußerung des Innern des Menschen, beginnt nach Mittel und Zweck verknüpfte Mannigfaltigkeit im Innern des Menschen: es bricht sich das Innere des Menschen und strebt, sich äußerlich kund zu tun, der Mensch strebt mit eigener Kraft, sein Inneres außer sich darzustellen. Mit der Stufe der Kindheit nun beginnt die eigentliche Erziehung des Menschen durch zwar vermindert körperliche, aber erhöhte Geistespflege. Aber die Erziehung des Menschen ist auf dieser Stufe »och ganz der Familie anheimgestellt, denn das Darstcllungsmittel, das Sprechen, ist auf dieser Stufe noch ein von dem Menschen ganz Ungetrenntcs, ja er erkennt sie noch gar nicht als etwas Eigenes: sie ist eins mit ihm, wie sein Arm, sein Auge, seine Zunge, ohne daß er selbst noch etwas von ihr weiß. Zwar läßt sich unter den verschiedenen Entwickelnngsstnsen des Menschen außer der notwendigen Ordnung ihrer Erscheinung, nach welcher das Frühere und Früheste immer das Wichtigere und Wichtigste ist, in Hinsicht aus ihre größere oder geringere Wichtigkeit keine Rangordnung festsetzen; jede ist an ihrer Stelle und zu ihrer Zeit gleich wichtig. Doch ist diese Stufe, weil sie die Entwickelung des ersten Verknüpfenden und Einenden mit der Umgebung enthält, so hochwichtig. Denn es ist für den sich entfaltenden Menschen wichtig, ob ihm die Außenwelt als ein Edles oder Unedles, als ein Niederes, Totes, als eine Sache nur zum Genießen, oder als Selbstzweck, als ein Hohes und Lebendiges, als ein Geistiges, Beseeltes und Göttliches erscheine: ob als ein Klares oder Trübes, als ein Veredelndes, Erhebendes oder als ein Erniedrigendes, Drückendes; ob er die Sache in ihren wahren oder in schiefen Verhältnissen sehe. Darum soll das Kind auf dieser Stufe, wie alles richtig anschauen, so auch richtig bezeichnen. Es soll richtig bezeichnen die Verhältnisse der Gegenstände sowohl zum Raume und zur Zeit, als auch unter sich, jedes mit seinem richtigen Worte und jedes Wort in sich klar nach seinen Bestandteilen. Da diese Entwickelungsstufe fordert, daß das Kind alles bezeichne, darum ist es so nötig, daß ihm altes Umgebende auch richtig vorgeführt werde, daß es alles richtig anschaue und erkenne; beides ist unzertrennlich und bedingt sich gegenseitig. Doch fällt auf dieser Stufe noch, wo die Sprache noch eins ist mit dem sprechenden Menschen, auch die Sprache und Sprachbezeichnung dem sprechenden Kinde »>it dem zu bezeichnenden Gegenstände in eins zusammen, d. h. es kann ätZort und Sache, sowie Körper und Geist, Leib und Seele noch nicht trennen, sie sind ihm noch ein und dasselbe. Dies zeigt besonders das Spiel der Kinder in dieser Epoche; gern und, wenn es kann, viel spricht das Kind beim Spiel. Spiel und Sprechen ist das Element, in Welchem das Kind jetzt lebt: darum erteilt das Kind auf dieser Stufe der Entwickelung jedem Dinge Lebens-, Empfindungs-, Sprachsähigkeit mit, und von jedem Dinge glaubt das Kind, daß es höre: eben weit das Kind beginnt, sein Inneres äußerlich darzustellen, so setzt es gleiche Tätigkeit auch in alles übrige ihn Umgebende, sei es ein Stein oder ein Hölzchen, sei es ein Gewächs, eine Blume oder ein Tier. Und so entwickelt sich dem Kinde auf dieser Stufe ganz besonders sein Leben mit der Natur; als ein Hanptbeziehnngspnnkt des gesamten Kindes- lebcns muß besonders das Leben mit der Natur von den Eltern in dieser Zeit gepflegt werden: und dies geschieht ganz besonders durch die Pflege des .Kindesspieles, welches anfänglich nur Natnrleben ist. Spielen ist die höchste Stufe der Kindesentwickelnng dieser Zeit, denn es ist freitätige Darstellung des Innern, die Darstellung des Innern aus Bedürfnis des Innern selbst. Spiel ist das geistigste Erzeugnis des Menschen — 2 !-! — auf dieser Stufe und ist zugleich das Vorbild und Nachbild des gesamte» Menschenlebens, des iuueru geheime» ölaturlebens im Mensche» und i» allen Dingen: es gebiert darum Freude, Freiheit, Zufriedenheit, Ruhe in sich nnd außer sich, Frieden mit der Wett. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen bau ihm hervor: ein Kind welches tüchtig, selbsttätig, still, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiß auch ein tüchtiger, stiller, ausdauernder, Fremd nnd Eigenwohl mit Aufopferung befördernder Mensch. Ist nicht die schönste Erscheinung des Kinderlebens dieser Zeit das spielende, das in seinem Spiele ganz aufgehende — das in seinem völligen Aufgegangcnsein im Spiele cingeschlafene Kind? Das Spiel dieser Zeit ist nicht Spielerei, es hat hohen Ernst nnd tiefe Bedeutung : pflege es, Mutter, behüte es, Batcr! Dem Blicke des Menschenkenners liegt in dem freitatig gewählten Spiele des Kindes dieses Zeitraums das künftige innere Leben desselben offenbar vor Augen. Die Spiele dieses Alters sind die Herzblätter des ganzen künftigen Lebens: der ganze Mensch entwickelt sich und zeigt sich in denselben in seinen feinsten Anlagen. Das ganze künftige Leben des Menschen bis dahin, wo er seinen letzten Fuß wieder aus demselben setzt, hat in diesem Lebenszeitranm seine Quelle, und ob dieses künftige Leben klar oder getrübt, sanft oder brausend, tatenreich oder tatenarm, dumpf hinbrütend oder klar schaffend, dumpf anstaunend oder klar anschauend, bildend oder zerstörend, Eintracht oder - Zwietracht bringend sei — sein künftiges Verhältnis znr Familie, zu der bürgerlichen Gesellschaft, zu Natur nnd Gott hängt den eigentümlichen An- § lagen des Kindes gemäß besonders von der Lebensweise desselben in diesem Alter ab. Denn des Kindes Leben in sich, in den Seinen, in der Natur und Gott ruht hier noch ganz in einer Einheit. So weiß kaum das Kind in diesem Alter, ob ihm die Blumen lieber sind oder seine eigene Freude über dieselben oder die Freude, die es macht, wenn es sie ihnen bringt, oder die dunkle Ahnung des liebe» Gebers. Wer mag diese Freuden, an welchen dieses Alter so reich ist, zergliedern? Ist das Kind in diesem Alter ^ verletzt, werden in demselben die Herzblätter seines künftigen Lebensbanmes verletzt — nur mit der größten Mühe nnd höchsten Anstrengung wird dann das Kind zum Manneslcben erstarken, höchst schwer nur sich auf dem - Entwickelnugswcge dahin vor Vcrkrüppelung, lindestens vor Einseitigkeit sichern. Ganz vorzüglich wichtig sind in diesen Jahren des Kiudesalters die Nahrungsmittel desselben, nicht nur für das jetzige Alter des Kindes — denn das Kind kann durch seine NahrungSmitkel lebeusschwach nnd lebenskräftig werden —, sondern für das ganze künftige Leben: denn Eindrücke, Neigungen, ja eigentliche LebenSrichtnngen, die das Kind durch seine Nährungsart empfangen hat, lassen sich schwierig, sebst von dem künftig selbständigen Menschen, ablegen; sie sind eins mit seinem ganzen leiblichen und verwachsen mit seinem geistigen, wenigstens mit seinem Empfindungs- nnd Gefühls-Lcben. Darum sei die erste Kost des Kindes nach der Muttermilch einfach und mäßig, nicht künstlicher und nicht verfeinerter, als eben nötig, besonders nicht reizend und aufregend durch vorherrschende Gcwürzigkeit, nicht fett, um die Tätigkeit der inneren Organe nicht zu hemmen. Als allgemeine Wahrheit, aus der jede einzelne Borschrift hervorgeht, sollen Eltern sich immer sagen: das; der Mensch in der Zukunft um so glücklicher und kräftiger werden wird, als der unvcrwöhnten Menschennatur angemessener die Lebensmittel und Körperbedürfnissc waren, mit welchen er als Kind herauswuchs- Wer sieht nicht oft in dem durch Gewürzigkeit oder tlnmäßigkeit überreizten Kinde Gelüste von sehr niederer Art, von welchen, es gar nicht mehr losgemacht werden kann: Gelüste, die, wenn sie auch zuückgetreten scheinen, doch nur schlummern, zur Zeit der Gelegenheit mit noch größerer Gewalt zurückkehren und dem Menschen alle seine Würde zu nehmen drohen? Möchten doch Eltern bedenken, nicht allein wie viel Persönliches, sondern sogar wie viel häusliches und Familienglnck, ja Bürger- wohl dadurch verbreitet werde — wie ganz anders würden sie dann doch wohl handeln! Aber hier ist es die törichte Mutter, dort der kindische Vater: und Gift über Gift sehen wir den Kindern in allen Formen und Arten reichen, grobes und feines, dort durch die erdrückende Masse, die man mnner nur gibt, ahne das; der Körper des Kindes sie verarbeiten könnte, blos; „m die Langeweile zu vertreiben, welche das unbeschäftigte Kind plagt, hier durch überfeinerten Stoff, der das teibliche Leben aufregt und dadurch schwächend auf den Körper wirkt- Dort wird Körperträgheit als Ruhe betrachtet, die dem Kinde wohl zn vergönnen sei: hier wird die vom geistigen, echten Lebcnseinflnsse unabhängige Körperbewcglichkeit des Kindes — eine ssmlge des Überreizen wirklicher Giftzucknngen — für echte Lebenssteigerung geachtet. Bei weitem einfacher ist das Wohl des Menschengeschlechts befördert als wir glauben: Nur haben alle die Mittel leicht und nahe, aber wir sehen sie nicht: wir sehen sie wohl, aber wir beachten sie nicht; sie sind uns in ihrer Einfachheit und Nähe zn gering, wir verachten sie: wir suchen von fernher Hilfe, da wir uns nur allein helfen können. Darum reicht auch später unser ganzes Vermögen nicht hin, unsern Kindern das zn verschaffen, was wir bei größerer Einsicht als ihr Bestes erkennen müssen, waS ihnen nun doch gar nicht oder wenigstens nicht in Reinheit und Fülle kommt, und was ihnen gleichsam von selbst gekommen wäre, wenn — wir bedeutend weiiiger für ihre Körperpflege ausgegeben hätten. Könnte doch nur jedem jungen Ehepaare eine von den traurigen Erfahrungen mitgeteilt werden, welche der Erzieher Hunderte zn machen 80 genötigt ist, und deren Kenntnis ihm wenig dazu beitragen kann, diese Erscheinungen bei denen im künftigen Leben unschädlich zu machen, an welchen er sie bemerkte: denn wer kennt nicht die Allgewalt der Jngendcindrncke! Und einfach ist es, hier das Fehlerhafte zu vermeiden und das Rechte zu finden: die Speise sei immer nur Nahrungsmittel, nie etwas mehr, nie weniger: nie sei die Speise Zweck an sich, sondern nur einzig Zweck zur Förderung der Körper- und Geistcstätigkeit: noch weniger seien die Eigenschaften der Speisen — Geschmack und Feinheit derselbe» — je Zweck an sich, sondern nur Mittel, bedingt durch den Zweck, ein gesundes Nahrungsmittel zu sein; sonst wirken in beiden Fällen die Speisen Gesundheit zerstörend. Die Nahrung des Kindes sei darum die einfachste, welche das Verhältnis, in dein das Kind lebt, nur reichen kann, und sie werde ihm in einem Maße gereicht, welche mit seiner Körper- und Gcistestätigkeit in gleichem Verhältnisse steht. Damit das Kind in dieser Zeit frei und ungehindert sich bewegen und spielen könne, sei auch seine Kleidung weder schnürend noch pressend noch fesselnd; denn solche Kleidung wird auch den Geist des Menschen schnüren. Die Kleidung in diesem wie in dem folgenden Alter sei weder zerschneidend noch zerstückelnd für den Körper; denn dieselbe Wirkung, die sie aus den Körper hat, wird sie auf die Seele des Kindes haben. Die Form, Farbe und Gestalt der Kleidung erscheine nie als Zweck an sich: sonst wird sie früh das Kind aus sich herausziehen, eitel und äußerlich und znr Puppe statt zum Kinde, znr Marionette statt znm Menschen machen. Keineswegs gleichgültig ist daher die Kleidung, weder für das Kind noch für den späteren Menschen, wie es nicht ganz gleichgültig selbst für den Christen ist, sagen zu können: ungestückt und ungcnäht wie das Kleid Jesu wär auch dessen Leben und Wirken, ist seine Lehre. Also die Entwickelung der Gesamtkräfte und die Befähigung aller Glieder des Menschen, den Forderungen seiner Anlagen Genüge zu leisten, ist der Zweck der KindeSpflege von Mutter und Vater im Familien- kreise. Ohne alles Lernen tut dies die natürliche Mutter aus sich selbst; allein das ist nicht genug, sondern es ist nötig, daß sie es mit Bewußtsein und in einem gewisse» lebendigen, sich bewußten Zusammenhange tue. Möge darum die folgende Vorführung ihres Wirkens ihr dasselbe seiner Bedeutung »nd seinem Zusammenhange nach znm Bewußtsein bringen? „Gib her das Ärmchen! — Wo ist dein Händchen?" — so sucht die Mutter dem Kinde die Mannigfaltigkeit und die Verschiedenartigkeit " Wohl konnte dies die einfachste, aber beachtende Mutter nach vollkommener and tiefer; dach durch Unvallkamnienheit stecht der Mensch znr Vollkommenheit empor: so miche b u Ü n Ä A n V n l> >p d n. ii a d n d p Ä il A fi di lv E das Vorgeführte sinnige und vernünftige Elternliebe wecken und nns den Entwickelungsgang unserer Nindheit in nngestnckter Vorführung seiner Äußerungen znm Bewußtsein dringen. es bl dt di K sp K i 5!1 seiner Glieder vorzuführen. — „Beiß dein Fingerchen." Dies ist > besonders eine voin tiefen Natnrgefühle richtig geleitete Handlung der sinnig § und kindlich scherzenden Mutter, um das Kind zur Anschauung eines gesonderten und doch mit ihm geeinten Gegenstandes zu führen. Nicht minder wichtig ist die lieblich scherzende Weise der Mutter, das Kind zur Kenntnis seiner von ihm selbst nicht gesehenen Glieder zu leiten. Die Mutter zieht leise an Nase und Ohr, als wollte sie es vom Kopfe trennen und spricht, ihm die halbverborgene Fingerspitze zeigend: „Da hab' ich das Ohr, das Naschen," — und das Kind greift schnell nach Ohr und Nase i und freut lächelnd sich, daß es beide an ihren Stellen fühlt. Diese Handlung der Mutter ist die Anleitung des Kindes,, einst alles sich zur Kenntnis zu bringen, auch was von ihm äußerlich nicht gesehen werden kann. Alles dies hat den Zweck, das Kind einst znm Bewußtsein seiner selbst zu bringen : wie ein zehnjähriger Knabe wohl auf gleiche Weise vom Natursinn geleitet i im Selbstgespräche zu sich sagte: „Nietn Arm bin ich nicht: — mein Ohr auch nicht! — wer bin ich denn nun eigentlich?" In gleichem Geiste fährt die Mutterliebe mit dem Kleinen zu reden fort, wenn sie spricht: „Zeige mir dein Züngelchen." — „Zeige mir dein Zähuchen." — „Beiß zu mit deinem Zähuchen" — um es so zugleich zu dem Gebrauch desselben zn sichren..— „Steck's Füßchen rein" — in den Strumpf, in den Schuh. — „Lrin^steckts Füßchen" — iu dem Strumpfe, in dem Schuhe. ^o führt Muttcrsinn und Mutterliebe nach und nach dem Kinde seine kleine Außenwelt, vom Ungetrennten znm Getrennten, vom Nahen zum fernen fortschreitend, vor: und sowie sie dem Kleinen Gegenstände zur Anschauung zu bringen suchte, so bringt sie ihnen auch bald ihre Eigenschaften, und zwar natürlich zuerst in ihrem Wirken und dann erst in ihrem ruhenden Zustande, zur Kunde: — „'s Licht brennt:" — indem die Mutter den Finger des Kindes leise zum Lichte führt, daß es sein Feuer fühlt, ohne sich noch wirklich zn brennen, um es vor der nngekaunten Gefahr zu behüten. Oder — „'s Messer sticht:" — indem die sorgsame Mutter die spitze des Messers leise auf des Kindes Finger drückt. — „'s Süppchen brennt." — Später sagt erst die Mutter, gleichsam die Dauer der wirkenden Eigenschaft oder den Grund derselben in dem Kinde voraussetzend: „Das Süppchen ist heiß, es brennt." — „Das Messer ist spitz, ist scharf, cS sticht, es schneidet: laß es liegen." Bon der Wirkung führt die Mutter zu dem bleibenden Grunde, der Eigenschaft scharf, spitz, und später von der Kenntnis der Eigenschaft zur Einsicht in die Wirkung stechen, schneide» an sich, ohne die Wirkung selbst au sich zu erfahren. Weiter bringt die Mutter dein Kinde die eigene Handlung desselben selbst erst znm Fühlen und dann später die Handlung an sich zum Anschauen. So sagt die Mutter zu dem Kinde, wenn es Speise genieße» soll: „Öffne dein Mäulchen." — Beim i i 82 Waschen: „Schließe deine Äuglein." — Oder die Mutter lehrt das Kind den Zweck seiner Handlung erkennen; in diesem Sinne sagt sie, indem sie das Kind auf sein Bettchen legt: „Schlafe, schlafe." — Oder indem sie ihm den Löffel mit Speise znm Munde führt: „Iß, Kindchen." — Und um es aus die Wirkung der Speisen auf die Geschmacksnerven aufmerksam zu machen: „Das schmeckt gut." — Um es aus den Geruch der Blumen aufmerksam zu machen, macht die Mutter das Geräusch des Niesens und spricht nachher: „Das riecht gut, Kind: riech einmal" oder wendet im Gegenteil Nase und Gesicht mit dem Ausdruck des Unangenehmen von der Blume weg, welche sie vom Kinde entfernt. So strebt die einfachste Mutter, die mit ihrem Lieblinge sich fast schämig, um dies Heiligtum nicht von ungeweihten Äugen.gemein machen zu lassen, in Unbcmerktheit zurückzieht, aus die natürlichste Weise denselben in die Bolltätigkeit aller seiner Sinne und Glieder zu setzen. Leider verlieren wir durch unsere llberklngheit diesen natürlichen und göttlichen Anfangspunkt aller menschlichen Entwickelung aus den Augen: ratlos stehen wir da, weil wir den Anfangs- und Endpunkt und so die rechte Richtung verloren haben. Gott und Natur haben wir verloren und suchen nun bei Menschen- klngheit Rat; wir bauen Kartenhäuser, aber das Handeln der Natnrmutter findet darin kein Plätzchen, göttliches Wirken keinen Raum, und die leiseste Äußerung des von Lebenslust und Lebensdrang getriebenen lindes wirft es über den Hansen: soll es stehen, muß das Kind, wenn nicht körperlich, doch geistig gefesselt werden. Wo sind wir hingekommen? — In die Kinderstube der Wortklugen, der sogenannten Gebildeten, die kaum glauben, daß etwas schon in dem Kinde liege, was, wenn es gedeihen soll, notwendig frühe entwickelt werden muß: die noch weniger wissen, daß alles, was das Kind einst sein soll, wenn auch in noch so leiser Anlage, schon in ihm liegt und ihm nur dadurch kommt, daß es aus ihm entwickelt wird. Darum, wie tot ist hier alles, wie kalt, höchstens wie schreiend und lärmend! Aber ist denn die Mutter nicht hier?! — O, es ist ja nicht der Mutter Stube, es ist ja nur die Kinderstube! Auf, laßt uns wieder dahin gehen, wo nicht allein Mutter- und Kinderstube, sondern wo sogar Mutter und Kind noch eins sind, wo die Mutter nur ungern ihr Kind von sich läßt und Fremden übergibt; laßt uns sehen und hören, wie dort die Mutter dem Kinde Gegenstände in ihrer Bewegung vorführt: — „Horch', 's Bögelchcn pfeift." — „Der Hund macht hau! hau!" — Und nun gleich von der Äußerung znm Namen, von der Entwickelung des Gehörsinns zur Entwickelung des Gesichtssinnes: „Wo ist das Piepvögelchen?" — „Wo ist der Hauhan?" — Noch geht die Mutter sogar so weit, von der verknüpften Anschauung des Gegenstandes und der Eigenschaft zur Einzeluschauung der Eigenschaft selbst zu führen: —^ ld ie m ,» ht a- !>c ist cn m ?n s- >a, en >1- » ^! stc j cst ' ch' >ie ag aS Kt .ne -st es ter. !tN w- cht x-r ist ter oer „'s Vögelcheu fliegt" — sagt die Mutter zuerst bei dem wirklichen Pogel, welcher fliegt: „schau 's Vögelcheu" — sagt später auch die Mutter dein Kinde bei dem schwankenden, unstüten Lichtpunkte, welchen der Wiedersehe,« einer bewegten Wasser- und Spiegelfläche hervorbringt. Um nun das Kind dahin zu führen, das; dies eine unkörperiiche Erscheinung ist, die mit dem Vogel nur das Bewegliche gemein hat, sagt die Mutter: „Fangs Vögcl- ehcn," — indem die Mutter das Kind auffordert, den Lichtpunkt mit seinen Händen zu bedecken; oder, um das Kind zur Anschauung der Bewegung -selbst zu führe», sagt die Mutter: „bim bäum" beim Pendelartigeu Schwünge von irgend etwas Linearem, oder — „hin, her." Auf ähnliche Weise sucht die Mutter das Kind auf den Wechsel der Dinge aufmerksam zu machen, z. B. aus das Licht zeigend: „Da iit's Lichtchen," — es wegnehmend: „Weg ist's Lichtchen," oder: „Der Pater kommt," — „Fort ist der Pater." Oder aus die Sclbstbcwegbarkcit der Dinge: „Komm, .Kätzchen, komm zum Kinde." — „Fort läuft's Kätzchen." — So regt sie die Körper- und Gliedertätigkeit des Kindes an: „Halt's Blümchen." — „Greifs Kätzchen:" oder, indem die Mutter die Kugel langsam rollt: „Hol' die Kugel." — Das so wichtige Gesamtgesühl zwischen Kind und Pater und Geschwistern sucht die alles umfassende Mutterliebe zu wecken und zu deuten, iucem sie sagt: „Streich den lieben Vater:" oder, indem sie streichelnd die eigene ^Hand des^ Kindes über die Wange des Paters führt: „Ei, Ei! lieber Vater, oder „streich das Schwesterchen" und wieder sagend: „Ei, Ei! lieb' Schwester" usw. Außer dem Gemeingefühlc an sich, dem Ei, auS dem so herrliches sich entwickelt, sucht die Liebe der Mutter, auch das Leben in dem Kinde diesem selbst zum Gefühle zu bringen durch Bewegung, und zwar, was so vorzüglich wichtig ist, durch gesetzmäßige Bewegung, durch das sogenannte Tänzern der Kinder aus Arm und Hand, d. i. durch rhythmische Bewegung nach rhythmischen Tonen. So geht die Mutter dem leise in dem Kinde sich allseitig regenden Leben allseitig leise nach, stärkt es und weckt so immer mehr das noch in.der Tiefe schlummernde Leben und entwickelt es. Die andern setze» in dem Kinde Leere, wollen ihm Leben einimpfen, machen es so leer, als sie glauben, daß es sei, und geben ihm den Tod: und so geht auch dies, was so einfach und natürlich zur Entwickelung des Rhythmischen, gesetzmäßig Gebundenen aller menschlichen Lebeusünßerungcn führt, als Mittel znr Ausbildung in Sprache und Ton so ganz wieder verloren, weil es nur von wenigen in seiner Bedeutung erkannt, von noch wenigeren festgehalten und dem Leben und Menschenwesen gemäß weiter entwickelt wird. Und dennoch würde die frühe Entwickelung der rhythmisch gesetzmäßigen Bewegung in dem nächsten und spätern Gesamtlebeu des Kindes höchst heilsam sein: wir nehmen uns als Erziehern sehr viel und nach mehr dem Kinde als Zögling und Mensch dadurch, daß die Entwickelung gesetzmäßiger . Bewegung in früher Bildung sv bald zurücktritt; es würde leichter das gesetzmäßige, angemessene Maß seines Lebens erfassen: viel Willkür und Roheit würde aus dem Leben verschwinden; es würde mehr Haltung und Maß, mehr Einklang in dasselbe kommen, wie sich auch später ein Sinn ' entwickeln würde, der in Natur und Kunst, in Ton- und Dichterwerke tiefer eindränge. Auch daß ruhige, besonders einschlafende Kinder gern nachsingen, ist- von der Mutter nicht unbemerkt geblieben und sollte von den Kinderpflegen: als der erste Keim der künftigen Gesangsentwickelung noch mehr beachtet werden: so würde sich gewiß bald auch hier eine solche Selbsttätigkcit der! Kinder wie beim Sprechen zeigen, wo Kindern die Worte zur Bezeichnung! neuer Begriffe gleichsam wie von selbst entgegentreten. So ruft ein ganz kleines, rein kindlich und mütterlich geführtes Mädchen nach langem, sinnigem Befühlen und Besehen der mit starkem, weichem Filz überzogenen Blätter einer Pflanze seiner Mutter freudig zu: „Ach, wie wollig!" — Die Mutter s war sich nicht bewußt, das Kind auf eine gleiche Eigenschaft se aufmerksam! gemacht zu haben. So sah dieses Kind die zwei glänzendsten Planeten,! eben da sie an einer klaren, sternenhellen Nacht in großer Nähe am Himmel ! beisammenstanden. „Bater- und Mnttersterne!" — rief das Kind freudig ' in die ruhige Stille der Nacht hinein, ohne daß die Mutter sich im mindesten sagen konnte, wie diese Anwendung auf die Sterne in dem Kinde geweckt worden sei. Zum Stehen und Lausen soll den Menschen keine Krücke und kein Gängel führen: er soll stehen, wenn er Kraft hat, sich selbsttätig im Gleich- gewußte zu erhalten, und soll gehen, wenn er sich selbständig im Gleichgewichte erhalten kann. Er soll nicht eher stehen, bis er aufrecht sitzen und sich an einem ihm nahe stehenden erhabenen Gegenstände in die Höhe ziehen und so endlich frei sich im Gleichgewicht erhalten kann: er soll nicht eher gehen, als bis er kriechen und sich frei erheben, sich im Gleichgewichte erhalten und sich darin erhaltend fortschreiten kann. Zuerst wird ihn dazu, wenn er sich selbsttätig, entfernt von der Mutter, emporgehoben, die Rück kehr znm Schoße der Mutter auffordern; bald aber fühlt das Kind die Kraft in den eigenen Füßen, freut sich innig derselben und wiederholt nun sich zur Lust, nur um zu gehen, wie vorher das Stehen, die neu erlernte Kunst. Und wieder nur kurze Zeit, und es übt die Kunst, ohne es zu wissen, und nun reizt ihn das bunte, glatte Steinchen, das farbige Papierchen, das Brettchen, die rechtwinkligen Klötzchen, das durch seine Form, seine Farbe, seinen Glanz, seine Zusammensetzung sich auszeichnende Platt, und es sucht sich solches durch den ueuerlernten Gliedergebrauch anzueignen. Seht dort ein Kind, das sich kaum erst ausrecht hatten und nnr mit großer Sorg- lichkeit fortschreiten kann! Es sieht einen Strohhalm: mühevoll wird derselbe herbeigeholt, gleichsam wie vom Vogel mit jungem Leben im Frühling zum Neste getragen. Seht dort das Kind unter der Traufe des Daches sich mühevoll bücken und langsam fortbewegen. Die Gewalt des vom Dache gefallenen Regens hat kleine, bunte Steinchen aus dem Sande gewaschen, und wie Material zu einem künftigen Bau sammelt sie sich der alles beachtende Blick des Kindes. Und hat es Unrecht? Ist es nicht wirklich so? Trägt das Kind nicht Materialien zu seinem künftigen Lebensbaue zusammen? Gleichartiges will da zufammeugeordnet, Ungleichartiges geschieden fein, nicht das Rohe, nur das Entrechte soll der Mensch zusammenfügen. Soll das Gebäude tüchtig werden, so muß jedes Material nicht nnr seinem Namen, sondern auch seinen Eigenschaften nach vollständig gekannt sein, nnd daß dies Kind will, zeigt nies des Kindes emsiges Treiben. Wir nennen es kindisch, weil wir es nicht verstehen, weil wir keine Augen haben zum Sehen, keine Ohren zum Hören nnd noch Weniger Gefühl, um mit dem Kinde zu fühlen: tot sind wir darum, ist uns das Leben des Kindes tot, können wir es uns nicht deuten — wie können wir es da dem Kinde deuten? Und doch ist dies die Sehnsucht, die das Kind zu uns treibt. Wie können wir den Gegenständen des Kiudeslebens Sprache geben, da sie uns stumm sind? Und doch ist dies das innigste Verlangen, mit dem das Kind im sestgeschlossenen Händchen uns seinen Fund bringt und in unsern Schoß legt: es soll, gleichsam so erwärmt, ihm Kunde von sich selbst geben. Lieb ist dem Kinde alles, was in seinen noch so kleinen Gesichtskreis tritt, was seine noch so enge Welt erweitert: das Kleinste ist ihm eine neue Entdeckung. Aber tot soll es nicht in die kleine Welt kommen, tot soll es nicht in derselben bleiben: sonst verdunkelt es den kleinen Gesichtskreis, erdrückt die junge Welt. Darum möchte das Kind selbst wissen, warum es ihm lieb ist; alle seine Eigenschaften, das innerste Wesen desselben möchte es kennen, um einst sich selbst in seiner Neigung zu verstehen. Darum wendet das Kind den Gegenstand nach allen Seiten, darum zerzupft nnd zerschlägt es ihn; darum steckt es ihn in den Mund und zerbeißt ihn. Wir schelten und zanken das Kind als häßlich und unklug, nnd ist es nicht klüger als wir Scheltenden? Das Kind will des Dinges Inneres erkennen: ein Trieb, den das Kind sich nicht selbst gegeben hat — der Trieb, der, recht erkannt und recht geleitet, Gott in allen seinen Werken zu erkennen sucht, — drängt ihn dazu. Die, denen Gott dazu Vernunft und Sprache schon gab, die älteren Umgebenden, verhelfen ihm dazu nicht, können es nicht tun; wo kann und soll es nun anders Befriedigung seines Dranges suchen, als bei dem Dinge selbst? Freilich bleibt auch das zerstückle Ding — ?.6 — noch stumm; ober zeigt es nicht in seiner Zcrteilung zunächst entweder gleichartige oder ungleichartige Teile — dort der zerschlagene Stein, hier die zerzupfte Blume —, und ist dies nicht schon eine Erweiterung der Kenntnisse? Vermehren wir Erwachsenen unsere Kcntnis aus eine andere Weise? Ist das Innere der Pflanze nicht markig, hohl oder holzig? Ist der Durchschnitt derselben nicht rund oder kantig, und hier drei-, vier- oder mehrkantig? Zeigt sich die Trcnnnngsfläche nicht eben oder uneben, glatt oder rauh, dicht oder löcherig, splitterig oder muschelig oder zackig oder faserig? Sind die Teilungsstückchcn nicht scharf- oder stnmpfkantig? Zcr springt etwas, oder gibt es den Schlägen nach ohne zu zerspringen? Alles dies untersucht schon das Kind, um aus der Mannigfaltigkeit der äußern Erscheinungen des Dinges sich das innere Wesen desselben kund zu tun und dessen Verhältnis zu sich, um zu erkennen zunächst den Grund seiner Liebe, seiner Neigung, seiner Anziehung zu demselben. Und tu» wir Größeren, Erwachsenen, wir Forschenden etwas anderes? — Aber erst, wenn der Lehrer von, Katheder herab unsere Söhne dazu auffordert, dann hat es für uns Wert und Bedeutung; aber in dem Kindestnn überschauen wir es. Darum bleibt auch nun des klarsten Lehrers klares Wort so häufig bei'unseren Söhnen ohne Wirkung, weil sie jetzt vor dem Lehrstnhle lernen sollen, was ihnen ihre Kindesjahre schon durch unser erklärendes, belebendes Wort hätten zeigen sollen. Und wenig bedarf es dem Kinde zu geben, was die Kindesjahre fordern, nur Worte demjenigen zu geben braucht es, was das Kind treibt und findet. Reich ist das Leben des zum Knaben heranreifenden Kindes, aber wir sehen es nicht; lebendig ist dessen Leben, aber wir empfinden es nicht; der Forderung der Menschcnbcstimmung angemessen, aber wir ahnen es nicht. Wir entwickeln nicht nur den innern Keim seines Lebens nicht, sondern wir lassen es entweder unter der Last seines eigenen Strebens erdrücken, oder es macht sich selbst auf irgend einer schwachen Seite in Nnnatürlichkeit Luft, und nun sehen wir dieselbe Erscheinung, die wir an der Pflanze Wasserschoß nennen: Mißleitung der Triebe in dem Kinde, der Menschenpflanzc genau so wie in dem Gewächs. Nun möchten wir wohl Kräfte und Triebe in dem zu», Knaben heranwachsenden Kinde anders leiten: aber schon ist es zu spät: denn wir haben die sinnvolle Bedeutung des zum Knaben übergehenden Kindeslebens verkannt, nicht nur nicht gepflegt, sondern dasselbe erdrückt. Seht, dort hat ein Kind an einem eben gefundene» Steinchen, welches es auf einem Brettchen rieb, die Eigenschaft des Abfärbens entdeckt: es ist ein Kalk- oder ein Lehm-, ein Rötel- oder ein Kreidestückche». Schaut, wie es sich der neu entdeckten Eigenschaft freut, und wie es mit geschäftigem Arm sie übt: schon ist die Außenfläche des Brettes fast ganz verändert. Erst freute den Knaben die noch »»gekannte Eigenschaft, dann die veränderte Fläche, einmal rat, einmal weiß, einmal schwarz, einmal braun: aber bald machen ihm die verschlungenen, geraden, krummen und anderen Formen an sich Freude. Durch diese linearen Erscheinungen wird das Kind auf die linearen Eigenschaften der umgebenden Gegenstände aufmerksam: jetzt wird der Kopf zu einem Runde und die rundlich in sich zurücklaufende Linie znm Kopfe, die damit verknüpfte länglich runde, in sich zurücklaufende Linie zum Rumpfe: Anne und Beine erscheinen als gerade oder geknickte Linien, und solche Linien werden ihm Arme und Beine; die Finger schaut es als in einem Punkte zusammenlaufende Linien, und so verbundene Linien werden ihm, dem schaffenden Kinde, Hände und Finger: Augen erscheinen ihm als Punkte, und Punkte werde» ihm zu Augen; und eine neue Welt geht ihm in sich und außer sich auf; denn was der Mensch darzustellen strebt, fängt er an zu verstehen. Das erste Kernen und Arbeiten. Eine neue Welt geht dem nun bald zum Knaben herangewachsenen Kinde durch die Auffassung des Linearen aus. Nicht nur, daß es sich die ; Außenwelt verkleinert und so, seinen Augen leichter faßbar, dieselbe und daS, was es als Erinnerung in sich trügt, außer sich darstellen kann: sondern die Kenntnis einer ganz neuen, unsichtbaren Welt, der Welt der Kräfte, treibt bis hierher ihre seinen Wurzeln. Die rollende und gerollte Kugel, der geworfene und fallende Stein, das gedämmte und in kleine sich verzweigende Grüben geleitete Wasser hat das Kind gelehrt, daß die Richtung der Kraft- wirkung immer linear ist. Die Darstellung von Gegenstände» durch Linien führt das Kind bald zur Auffassung der Richtung, in welcher die Kraft wirkt. „Da fließt ein Bach" — das Kind macht einen Strich, der bei diesen Worten den Lauf des Baches bezeichnet. Das Kind hat Linien verknüpft, die ihm einen Baum bezeichnen. „Da wächst noch ein Ast und noch ein Ast heraus", und im Augenblick des Sprechens zieht es vom Baume weg die die Aste bezeichnenden Linien. Sehr bezeichnend sagt das Kind: „Da kommt ein Bogel geflogen," und in der Richtung des gedachten Fluges zieht es zugleich seine.gewundene Linie. Gebt dem Kinde Kreide oder Ähnliches, und bald wird vor ihm und euch eine neue Schöpfung stehen. Auch male der Bater selbst ihm durch wenige Striche einen Mann, ein Pferd; und dieser Linienmann, dieses Linienpferd macht dem Kinde mehr Freude, als das wirkliche Pferd, der wirkliche Mann ihm macht. Wie ihr, Mütter und Umgebungen, das Kind hier zu führen habt? — Schaut, beachtet es nnr, das Kind lehrt es euch selbst. Hier zeichnet sich 38 das Kind einen Tisch ab, indem es dessen Grenzen und Kanten umfährt, soweit es solche erreichen kann; das Kind zeichnet so gleichsam den Gegenstand an dem Gegenstände selbst ab — die erste nnd ihm sicherste Stufe, wodurch es selbst sich erst die Grenzen und Formen des Gegenstandes zum Bewußtsein bringt. Auf gleiche Weise zeichnet das Kind Stuhl und Bank und Fenster. Aber schon schreitet das Kind selbst weiter: hier zieht es die Dnerlinien auf viereckigen Brettern, auf Tischblatt, Bank nnd Stuhlsitzcn, in dunkler Ahnung, daß so die Form und Verhältnisse der Flächen festgehalten werden können. Nun schon zeichnet es die Form verkleinert. Seht, dort hat das Kind Tisch, Stuhl nnd Bank, alles auf ein Tischblatt, und mehr noch gezeichnet. Sehet ihr nicht, wie es sich selbst dazu ausbildete? — Gegenstände, die sein Blick überschauen konnte, legte es aus den Tisch und zeichnete dessen Form, mit der Hand an der Grenze des Gegenstandes hingleitend, aus die ebene Flüche. Bald werden so Scheren und Schachteln, bald aber auch Blätter und Zweige, ja selbst die eigene Hand oder der Schatten von Gegenständen nachgezeichnet. Viel wird durch dieses Tun in dein Kinde entwickelt, mehr als auszusprechcn möglich ist: klare Auffassung der Form, Möglichkeit der Darstellung derselben getrennt von dem Gegenstände, Festhaltnng der Form au sich, Bekräftigung nnd Befähigung der Hand für die freie Darstellung derselben. Die Mutter kann, ohne je nur im mindesten selbst etwas gezeichnet zu haben, das zum Kuabcn heranwachsende Kind so weit bringen, daß es ziemlich genau eine gerade Linie, eine Lkneriinie, ja selbst einen rechtwinkligen Gegenstand in senkrechter Lage, z. B. Spiegel, Fenster, mit einiger Ähnlichkeit zeichnen kann nnd wohl noch mehr. Aber nicht allein gut, sondern sogar notwendig znr Entwickelung der Fähigkeit des Kindes ist es, wenn die Mütter und Väter, ohne darin ängstlich und kleinlich zu sein, daS Tun des Kindes immer aus Wort binden; z. B.: Ich zeichne einen Tisch, einen Spiegel: ich ziehe die Qnerlinie der Tafel. Dies Verfahren erhöht nngemein die Kraft, vermehrt die Kenntnis, erweckt die Urteilskraft und das Nachdenken, was auf dem Naturwege dem Menschen nicht frühe genug kommen kann; denn Wort und Zeichen dienen sich, da keines von beiden in Beziehung auf den darzustellenden Gegenstand erschöpfend ist, immer gegenseitig znr Erklärung und Ergänzung. Das Zeichen hat Eigenschaften mit Wort und Sache gtmein nnd ist darin als Bildnngsmittel so sehr wichtig. Das echte Zeichen hat mit der Sache gemein, daß es diese in ihren Umrissen darzustellen strebt: mit dem Worte hat es gemein, daß es doch nie die Sache selbst, sondern nur ein Abbild derselben ist. Wort nnd Zeichen sind unter sich wieder rein entgegengesetzter Natur; den» das Zeiche» ist ein Totes, wie das Wort ein Lebendiges ist — das Zeichen ist ein Sichtbares, wie das Wort ein Hörbares ist. Wort und 30 (»eichen gehören dnrnm unzertrennlich zusammen, wie Kickst und Schatten l darum liegt die Zcichenfühigkeit so unmittelbar in dem Kinde wie die Sprachfähigkeit lind fordert so unbedingt wie diese ihre Ausbildung, was auch schon in der Erfahrung die Zeichenlnst, ja der Zeichendrang des Kindes laut ausspricht. Das Zeichnen, das Darstellen des Gegenstandes durch ein Zeichen und die dadurch bedingte scharfe Anschauung, führt das Kind sehr bald zur Erkenntnis einer immer wiederkehrenden Berknüpfnng einer gleichen Menge gleichartiger Gegenstände, z. B. zwei Augen und zwei Arme, fünf Finger und fünf Zehen, sechs Beine des Küfers und der Fliege. So führt das Zeichen für den Gegenstand znr Beachtung der Zahl. Und so erweitert sich wieder durch die Ausbildung der Zahlfähigkeit in dem Kinde dessen Erkenntniskreis, und ein wesentliches Bedürfnis seines Innern wird durch die Entwickelung desselben befriedigt: denn mit einer dunkeln Ahnung, das; ihm noch irgend ein Erkcnntnismittel mangle, betrachtete bisher das Kind seine größeren und kleineren Kaufen gleichartiger und ungleichartiger Gegenstände: das Mengenverhältnis dieser verschiedenen Haufen war ihm »och nicht aufzufassen möglich: aber nun weis; es, es hat zwei große und lrei kleine Stcinchcn, vier weiße und fünf gelbe Blumen u. s. w. Die -Kenntnis der Mengenverhältnisse erhöht das Keben des Kindes außerordentlich. , Geist des Kindes fordert es aber, daß hier die Mutter die Zahlungsfähigkeit gleich anfangs auf die iu dem Wesen der Zahl liegende ^este und „ach'den in dem menschlichen Geiste bedingten Denkgesetzen, je uachdem sich dem lieben die Aufforderung dazu zeigt, in dem Kinde entwickele. Beachtet man das Kind still, so findet man leicht, wie das Kind von selbst den in den Gesetzen des menschlichen Denkens liegenden Weg, von dem Sichtbaren zu dem Unsichtbare» und Gedachten emporsteigend, wenn auch sich selbst unbewußt, doch sicher geht. Denn das Kind fügt zuerst gleichartige Gegenstände zu gleichartigen und bekommt so z. B. Apfel, Nüsse, Birnen, Bohnen. Die Mutter füge nun nur noch das erklärende Wort hinzu, d. h. knüpfe an das Sichtbare das Hörbare und bringe es so der Eckenntniv des Kindes näher, nämlich: Apfel — Birnen — Nüfse — Bohnen n. s. w. Wer hätte nun nicht gesehen, wie das Kind die Gegenstände jeder Art einzeln in einer Neihe nneinanderlegt und ordnet. Die Mutter füge aber hier wieder das erklärende, belebende Wort hinzu, z. B-: Apfel — Apfel — Apfel — Apfel n. s. w. — lauter Apfel, Birne — Birne — Birne — Birne u. s. w. — lauter Birnen, Nuß — Nuß — Nuß — Nuß u. s. w. — lauter Nüsfe, Bohne — Bohne — Bohne — Bohne u. s. w. — lauter Bohnen, oder was sonst immer das Kind aneinanderordne; immer sind vvn jeder Art — 40 — der verschiedenartigsten (Gegenstände oder Dinge mehrere da. Damit ader dies dem .(linde besonders zur Einsicht komme, spreche es die Mutter mit demselben gemeinsam, wie soeben angedeutet wurde. Weiter spreche die Mutter, indem sie einen Gegenstand zu dein andern von dem (linde sägen läßt, dieses Hinzusagen mit dem Kinde gemeinsam bestimmt und klar aus, z. B.: Ein Apfel — noch ein Apfel — wieder ein Apfel — noch ein Apfel — viele Apfel; so auch Birne, Nüsse, Bohnen, Finger n. s. w. Die Menge jeder Art von Gegenständen vermehrt sich immer durch das gleichmässige Hinzufügen von einem Gegenstand derselben Art. Anstatt des unbestimmt hinzugefügten Wortes: noch eins, wieder eins, spreche die Mutter das die Vermehrung bestimmt bezeichnende Zahlwort aus, und zwar mit dem Kinde gemeinsam die Gegenstände immer wirklich-zählend, z. B.: Ein Apfel — zwei Apfel — drei Apfel u. s. w. Weiter lege die Mutter von jeder Art der Gegenstände mehrere in natürlich steigender Menge oder Zahl und bezeichne durchs Wort, was sie thut, z. B-: . Apfel -- . . Apfel — ... Apfel — .... Apfel u. s. w. Später spreche Mutter und Kind gemeinsam, zuletzt lasse die Mutter das Kind, so wie die Handlung, so auch das Bezeichnen durchs Wort, das Zählen, allein tun. Wie hier bei jeder Zahl noch die Art der Gegenstände bezeichnet und ausgesprochen wurde, so werde laufend nur immer die Zahl allein und erst am Ende die Art der Gegenstände genannt und bezeichnet; z. B.: . (ein) — . - (zwei) — . . . «drei, — . . . . (vier) Apfel, u. s. w. Hier werde» die Mengen der Gegenstände vorwaltend in Beziehung auf ihre bestimmte Anzahl mit zurücktretender Beachtung der Art derselben betrachtet. Zuletzt hebt die Mutter nur die bestimmten Zahlmengen in ihrer Reihenfolge allein in der Bezeichnung hervor und läßt die Art der Gegenstände ganz unberücksichtigt, als: . icins) - - - lzwei) — . . . (drei, — . . . . «vier, —.(fünfi n. s. w. Dies ist reine Anschauung der Mengen an sich j» ihrer natürlichen Folge, die Anschauung der reinen Zahl. Eine solche Kenntnis der Zahlenreihe wenigstens bis zehn in Klarheit und Sicherheit soll in dein Kindesalter entwickelt werden: aber keineswegs sollen dem Kinde die Zahlwörter als leere Klänge vorgesprochen und von demselben mechanisch nachgesprochen werden: wo es dem Kinde sonst ganz gleichgültig sein könnte, zn sagen: zwei, vier, sieben oder acht, eins, fünf, zwei, wenn der menschliche Geist nicht am Ende selbst durch eigene Kraft jede Unnatur abwürfe. 41 Das Kind soll lange Zeit hindurch niemals ohne Anschauung von wirklich gezählten Gegenständen die Zahlwörter aussprechen. An der Durchführung der Entwickelung der Zahlenbegriffe ist zngleich ein Beispiel gegeben, wie das Kind von der Anschauung der einzelnen Sache znm immer allgemeineren Begriffe hinaufsteigt, freilich für die Beobachtung oft mit einem Schlage. Mit welch einem Reichtnme, mit welch einer Fülle und Frische des inneren und äußeren Lebens finden wir nun das richtig geleitete Kind beim Austritt aus dem Kindes- nnd Eintritt in das Knabenalter! Wo ist ein Gegenstand des späteren Mannesdenkens, Wissens nnd Könnens, welcher feine äußersten Sangwurzeln nicht bis in die Kindesjahre treibe, wo ein Gegenstand des künftigen Unterrichtes, welcher nicht schon in der Kindheit keime? — Die Sprache nnd Natur liegt offen vor dem Kinde: die Eigenschaften der Zahl, der Form, der Größe, die Kenntnis des Raumes, das Wesen der Kräfte, die Wirkungen der Stoffe fangen an, sich ihm zu erschließen; Farbe, Rhythmus, Ton und Gestalt treten schon in ihren Keimen und in ihrer eigentümlichen Beachtungswürdigkeit auf: die Natur und die Kunstwelt fängt schon an, sich mit Bestimmtheit in ihm zu scheiden, sowie er mit Sicherheit der Außenwelt als einem Entgegengesetzten gegenübersteht: und schon entwickelt sich in ihm das Gefühl einer eigenen Innenwelt. Und dennoch haben wir eine ganze Seite des Kinderlebens noch gar nicht berührt: es ist die des Begleitens von Vater nnd Mutter, Bruder oder Schwester bei den Geschäften ihres Berufes. Ich schaue ins Freie, und das kaum zweijährige Kind eines Lohnarbeiters führt dessen Pferd: der Vater hat dem Kinde den Zügel in die Hand gelegt. Es schreitet ruhig und sicher vor dem Pferde her und schaut sich festen Blickes um, ob auch das Pferd folge. Zwar hält der Vater den zähmenden Zaum >u der Hand, dvch trägt das Kind in sich die feste Überzeugung, das; es das Pferd führe, und das; das Pferd ihm folgen müsse. Denn seht, der Vater bleibt stehen, um einem Bekannten etwas zu sagen, natürlich steht das Pferd auch; aber das Kind, das das Stehen des Pferdes als Willkür ansieht, legt sich mit seiner ganzen Kraft in den Zügel, um das Pferd znm Fortgehen zu bewegen. Meines Nachbars kaum dreijähriger Sohn hütet am Zaune meines Gartens die kleinen Gänse seiner Mutter: klein ist der Raum, auf welchem er die muntern Tiere ihre Nahrung suchen lassen soll; sie entschlüpfe» dem kleinen Hirten und kommen in den Fuhrweg, wo der viele Verkehr ihnen schade,; könnte: die Mutter sieht es und ruft dem Kinde zu: „Sohn, gib Achtung!" Mißmutig erwidert der kleine Knabe der Mutter: „Mutter! Ihr glaubt wohl, es ist nicht schwer, die Gänschen zu hüten?" — Wer mag die Entwickelungen nachiveisen, die aus diesem Teile des elterlichen Geschäftes für das Kind hervorgehen nnd noch nrehr hervorgehen könnten, wenn die Gütern sie beachteten und später zum Unterrichte nnd zur Lehre ihrer Kinder weiter benutzten! Seht hier das heranreifende Kind des GärtnerS; dieser jätet, das Kind will ihm helfen, und er lehrt es Gleise Vvn Petersilie zu unterscheiden: da wird der verschiedene Glanz der Blattflächcn nnd der Geruch beachtet. Dort begleitet der Sohn des Försters diesen auf den Schlag: grün steht alles; das Kind glaubt lauter Fichtenpflänzchen zu sehen: aber der Pater sagt, das; das eine Art Wolfsmilch sei, nnd lehrt es die verschiedenen Eigenschaften kennen. Dort schiefst der Pater: er trifft, nnd er zeigt dem achtsamen Kinde, das; das Rohr des Gewehres nach einem bestimmten Punkte zu richten ist, das; notwendig drei Punkte in dieser Richtung liegen müssen, und das;, wenn dies zutrifft, auch alle übrigen Punkte in derselben Linie nnd Richtung liegen. Dort steht das Kind nnd sieht seinen Vater das glühende Eisen schlagen, nnd der Pater lehrt es, daß die Glut die Dehnbarkeit des Eisens vermehrt, aber auch, indem er sich vergebens bemüht, die nun glühende Eisenstange durch die Sffnung zu stecken, durch die es vorhin leicht ging, das; die Hitze das Eisen ausdehnt. Hier zeigt der bei der Wage stehende Vater seinem ihn beachtenden Kinde, das; die eine Wagschale immer sinkt, indem er entweder auf sie mehr legt oder von der andern mehr hinwegnimmt, und das; die Wage immer in ihrer wagerechten Richtung bleibt, wenn nur auf beiden Schalen gleich viel oder gleich wenig liegt. Dies aber nicht durch Worte, sondern dadurch, das; er das Kind selbst etwas von den Wagschale» und auf dieselben legen lässt. Hier zeigt der Weber seinem ihn beachtenden Kinde, wie das Niedertreten der Schemel ein Erheben der Faden hervorbringe, nnd lässt das Kind selbst beobachten. Dort zeigt der Zengdrucker, wie gewisse Flüssigkeiten die Farben verändern und gewisse Farben immer auf dieselben Weisen verwandeln. Er sagt ihm, das; diese Flüssigkeit Säure n. s. w. heiße: er zeigt ihm, wie die Zeichnung auf der Form umgekehrt stehen müsse, wenn die Zeichnung auf dem Zeuge recht erscheinen solle. Hier lehrt der Kaufmann seinen Sohn, daß der Kaffee die geschälte Frucht einer Pflanze sei, nnd bennttt die nächste Gelegenheit, sie ihm zu zeigen: er zeigt ihm beim nächsten Gange ins Freie, wo und wie der Kümmel, der Mohn, die Hirse, der Hanf n. s. w. wächst, die als Körner einen Handelsgegenstand ausmachen. Der Bergmann, der Schmied, der Kaufmann, der Eisen- und Metallhündier lehrt seinen Sohn Gewicht vvn Schwere zu unterscheiden. Ein Pfund Blei nnd ein Pfund Kreide haben gleich viel Gewicht, aber das Blei ist schwerer als Kreide. Hier zeigt der Seiler feinem Kinde, wie das Drehen an der Haspel in bedeutender Entfernung die einzelnen Flachs- oder Hanffädcn zu einem Ganzen zusammcnwindet. Der Fischer, der die Reusen in der Richtung des l l i I l l l t ! ! l fließenden Wassers legt, lehrt seinen ihn begleitenden Sohn, das; die Fische, die ihre Nahrung suchen, flußaufwärts schwimmen. Dem Sohne des Tischlers, des Zimmermanns, des Böttchers, des Wagners u. s. w. wird durch immer wiederkehrendes Schauen und Selbstmachen, begleitet von dem belebenden Worte des Vaters, die Wirkung des Hobels, Bohrers, Meißels klar; der Vater sagt ihm dabei, daß das Material dazu teils der Baum, teils der Stein liefere: daß das Schmelzwerk erst das Eisen läutere, daß der Schmied es erst zu dieser Form bearbeite, und daß dieser Schmied wegen des verschiedenen Zeugs, was er verfertige, der Zeugschmied heiße. Der Tischler u. s. w. lehrt augenscheinlich seinen lernbegierigen Sohn, daß nicht jedes Holz zu seinem Handwcrkszcugc, tauge, nicht Fichten- und Tannen-, wohl aber Buchen- oder Ahorn- oder Birkenholz, kein Nadel-, wohl aber Laub- und Obstbaumholz. Und den nächsten Spaziergang ins Freie benutzt der Pater nicht nur dazu, seinen Sohn Laub- und Nadelholz kennen und voneinander unterscheiden zu lehren, sondern auch dazu, daß derselbe Buche und Eiche, tiefer und Erle, jedes leicht bei seinem Namen nenne. Der Rindenschäler belehrt sein Kind über den Gebrauch der Eichen- und Erlenrinde und zeigt ihm selbige beim nächsten Male, wann er in der Stadt bei dein Gerber sich ein Ltück Sohlenleder kauft. führt das natürliche, an Geist und Körper gesunde Kind den treuen Puter, und der sorgsame Vater das immer Tätigkeit suchende Kind twm Lande in die Stadt, von der Natur zur Kunst und umgekehrt vvm Gewerbe znm Land- und Gartenbau: und wenn auch die Veranlassung verschieden ist, so ist es doch jedem möglich, den Erkenntniskreis des andern aus dem seinigen kennen zu lernen. Jeder Beruf des Vaters reicht einen Anfangspunkt znr Aneignung aller menschlichen Erkenntnis. Zu welch einer Lumme von Kenntnissen kann nur das Kind des Bauern durch den Wagen und Pflug seines Vaters, der Sohn des Müllers durch des Vaters Mühle, der -Lohn des Kaufmanns durch die Naturerzengnissc, welche Gegenstände des Handels des Puters sind, geführt werden! Welch ein Reichtum von Kenntnissen läßt sich uns den verschiedenen Geschäften des Fabrikbetreibers entwickeln! Lauter Erkenntnisse, welche das spätere Schullebcn den Kindern nur mit großen Kosten und Schwierigkeiten, oft gar nicht zu geben im stände folgen des beachteten und des unbeachteten Kindes- und (Miiilienlebens. Euer Kind, ihr Väter, ahnet dies auch so tief: darum umgibt es euch bei allem, was ihr nur treibt. Weiset es nicht unfreundlich zurück, seid nicht ungeduldig bei seinen immer wiederkehrenden Fragen: mit jedem abweisenden Worte vernichtet ihr einen Trieb an seinem Lcbensbanme. Aber beantwortet ihm auch durchs Wort nicht viel mehr, als es ohne euer Wort sich selbst beantworte» könnte: denn es ist freilich leichter, die Antwort von einem andern zu hören, vielleicht nur halb zu hören und halb zu 44 — verstehen, als sie durch sich selbst zu finden: aber die Antwort, znm Viertel ^ durch sich selbst gefunden, ist für das Kind wichtiger, als sie halb zu ' verstehen: dies macht gebauten- und geistesfanl. Beantwortet darum die Fragen eurer Kinder nicht immer geradezu: aber, sobald sie Kraft und Erfahrung dazu haben, gebt ihnen die Bedingungen, die Antwort aus dem Kreise ihrer Einsicht sich selbst zu geben. Ruhen wir Eltern, besonders wir Bäter — denn uns ist in diesem Alter das Kind der besonderen Pflege und Führung hingegeben —, ruhen wir aus der Anschauung dessen, was uns die Erfüllung unserer Vaterpstichte» reicht: empfinden wir die Freuden, die sie uns gibt! Es ist nicht möglich, das; uns von irgend einer Seite her höhere Freude komme, als davon, das; wir unsern Kindern leben. Es ist unbegreiflich, wie wir irgendwo höhere ! Freuden erwarten können, als in der Beschäftigung mit unsern Kindern, mehr Erholung als im Kreise der Unsrigen, wo wir in mehr als zwiefacher ! Beziehung uns Freude schaffen könnten. > Sähen wir doch alle den stillen Pater in seinen einfachen, bürgerlichen ; Verhältnissen, in seiner glücklichen, lebensfrohen Familie, der aus sich i darstellte, was nur teilweise hier ausgesprochen wurde — die Wahrheit : desselben würde uns dann tief durchdrängen, lind nur in wenig Worte ^ fasst er sich selbst die Richtschnur seines Handelns: „Die Kinder frühe zum § Nachdenken zu führen, das halte ich für das Erste und Wichtigste der Kindererziehung." Die Kinder frühe zur Tätigkeit anzuhalten, schien ihm so natürlich, das; es ihm auch nicht eines Wortes z» bedürfen schien. Und überdies, wird das zum Nachdenken geführte Kind nicht auch dadurch zugleich zur Arbeitsamkeit, zu allen häuslichen und bürgerlichen Tugenden ^ geführt sein? — Jene Worte sind ein Kern, aus welchem ein ganzer, ^ schaltender, immergrüner Lebensbaum voll duftender Blüten und gesunder, ! reifer Früchte sich entfaltet. Hören und beachten wir es, die wir unsere ; Kinder gebauten- und arbeitslos und darum tot um uns wandeln lassen! ! Aber — es ist hart, doch ist es wahr; laßt uns nur bei unserm Umgänge mit unsern Kindern einen prüfenden Blick aus uns werfen: es soll keineswegs im mindesten mehr gesagt werden, als was wahr ist — wir sind tot: was uns umgibt, ist für uns tot: bei allem Wissen sind wir für unsere! Kinder leer; fast alles, was wir sprechen, ist hohl und leer, ohne Inhalt und ! ohne Leben; nur in den seltenen Füllen, wo unserer Rede Natur- und Lcbensanschaunng zu Grunde liegt, erfreuen wir uns ihres Lebens. Darum! eilen wir, lassen wir uns selbst und unsern Kindern, lassen wir durch sie ! unserer Sprache Gehalt und den uns umgebenden Gegenständen Leben! geben! Darum leben wir mit ihnen, lassen wir sie mit uns leben: so werden j wir durch sie bekommen, was uns allen not tut. Unsere Reden im geselligen ^ Zusammenleben sind tot, sind Hüllen ohne Mark, Marionette» ohne Leben,; 45 . Spielmarken ohne inneren Wert: denn ihnen mangelt die Anschauung des innern Lebens, ihnen mangelt der Inhalt: es sind böse Geister, weil sie keinen Körper und Leib habe». Unsere Umgebungen erdrücken, statt zu erheben: denn ihnen sehlt das belebende Wort. Wir empfinden den Sinn unserer Rede nicht, denn sie besteht aus auswendig gelernten Begriffen, denen keine Anschauung zum Grunde liegt. Darum wirkt sie auch keine Anschauung, keine Gestaltung, kein Leben, denn sie ist nicht aus dem Leben hervorgegangen und geht nicht aus dem Leben hervor. Unsere Rede gleicht dem Buche, aus dem wir sie, sei es auch im dritten oder vierten Gliede, auswendig gelernt haben: wir sehen selbst nicht, was wir reden, können es nicht gestalten, was wir reden: darum ist unsere Rede so leer und gehaltlos. Darum ist unser Leben so arm, und wird wieder das Leben unserer Kinder so arm, weil unsere Rede nicht aus einem innerlich und äußerlich, schauend und schaffend reichen Leben geboren ist, weil unserer Rede die Sachanschaunng dessen fehlt, was sie bezeichnet. Darum hören wir wohl den Schall, aber wir bekommen kein Bild: wir hören das Geräusch, aber nur sehen keine Handlung. Eltern, was uns mangelt, auf, laßt es unS unsern Kindern verschaffen: was wir nicht mehr besitzen, die alles belebende, alles gestaltende Krast des Kindeslebens, lassen wir sie von ihnen wieder in unser Leben übergehen! ^nßt uns non unsern Kindern lernen, laßt uns den leisen Mahnungen ihres Gebens, den stillen Forderungen ihres Gemütes Gehör geben! Laßt uns ^Nern Kindern leben, so wird uns unserer Kinder Leben Friede und ,N'ende bringen, so werden wir ansangen, weise zu sein! Die Snabenstufe. Aus der Kindheitsstuse der Entwickelung des Menschen werden die Gegenstände der Außenwelt auf das innigste mit dem Worte und durch das Wort wieder aufs innigste mit dem Menschen verknüpft. Diese Stufe ist darum vorwaltend die Stufe der Entwickelung der Sprachsähigkeit des Menschen. Deshalb ist auf dieser Stufe bei allem Tun des Kindes die Bezeichnung desselben durch das bestimmte Wort so unerläßlich. Jeder Gegenstand wurde hier gleichsam für das Kind erst durch das Wort: vor dem Worte war es für das Kind, wenn auch das äußere Auge es wahrzunehmen schien, noch gar nicht da: das Wort selbst schuf gleichsam die Sache erst für das Kind: deshalb erschien und war Wort und Sache, wie Riark und Stamm, wie Ast und Zweig eins. lind ungeachtet dieser innigen Berkuüpfnng der Gegenstände mit dem Worte und durch dieses mit dem 4 «> Menschen steht dennoch — was nicht genug beachtet werden kann - anf dieser Stufe der Meuscheueutwickelung jeder Gegenstand von dem andern geschieden, jeder Gegenstand und jede Gesamtheit an sich wieder in ihren Teilen ungegliedert da. Aber ganz anders fordert es die Bestimmung des Menschen: der Mensch soll nicht allein jedes Ding als ein Ganzes, sondern er soll es auch als ein für Darstellung eines Gesamtzweckes in sich Gegliedertes und zugleich selbst wieder als Glied einer höheren Gesamtheit für Darstellung eines höheren Gemeinzweckes erkenne»: von jedem Dinge sollen nicht nur seine äußern Verknüpfungen, sondern dessen innere Beziehungen eingesehen werden. Doch die Gesamtheit dessen, was den Menschen als Außenwelt umgibt, kann als solche von dem Menschen in ihrer Einheit nicht erkannt werden, sondern wieder nur durch die Kenntnis des eigentümlichen Wesens jedes einzelnen Dinges. Der Mensch erkennt aber das Innere jedes Dinges schwer, wenn es ihm innerlich und äußerlich zu nahe gerückt ist, und fast in dem Maße schwerer, als es ihm i» den beiden Beziehungen zu nahe steht. Das Mißverstehen zwischen Eltern und Kind innerhalb des häuslichen und Familienkreises n. s. w. sind häufige Beweise dafür. Darum erkennt überhaupt-der Mensch sich selbst so schwer. Eine äußere Trennung bringt dagegen häufig innere Einigung hervor. So kennt ja leider der Mensch vieles Fremde, fremde Gegenden, fremde Zeiten, fremde Menschen besser, als seine Gegend, seine Zeit, sich selbst. Will der Mensch sich wahrhaft erkennen, muß er sich außer sich selbst darstellen, sich gleichsam sich selbst entgegensetzen. Soll ' nun der Mensch das Wesen jedes Dinges der ihn umgebenden Außenwelt und durch dasselbe sich selbst recht erkennen, so muß nach der Stufe der Kindheit für ihn eine neue, der vorhergehenden, die Mensch und Gegenstand eint, ihrem Wesen nach entgegengesetzte, also Mensch und Gegenstand wieder trennende Stufe der Menschencntwickelnng eintreten, eine solche Stufe, die dem Menschen die Gegenstände innerlich dadurch nahebringt, daß sie Gegenstand und Wort trennt, d. h. jedes als etwas von dem anderen Geschiedenes, Verschiedenes und doch Einigendes erkennt. Diese Stufe ist die, wo die Sprache an sich als etwas Selbständiges auftritt: es ist die nun folgende Stufe. Mit dem Trennen des Wortes von der Sache und der Sache von dem Worte, mit der Trennung der Sprache von dem Sprechenden und umgekehrt, ja mit der später eintretenden Änßerlichmachnng der Sprache durch Zeichen und Schrift tritt der Mensch von der Stufe des Kindes heraus und zu der Stufe des Knaben empor. So wie die vorige Stufe der Menschenentwickelung — die Stufe der Kindheit, d. h. vorwaltend die des Gebens an sich, nur um zu leben — die 47 Stufe war, Innerliches äußerlich zu machen, so ist die jetzige, die Knaben- stufe, vorwaltend die Stufe, Äußerliches innerlich zu machen, die Stufe deS Lcrnens. Von feiten der Erziehenden war die Säuglingszcit vorwaltend die Zeit der Pflege; die Zeit der Kindheit ist diejenige der vorwaltenden Erziehung: die eben bezeichnete Stufe der Knabenzeit dagegen nimmt den Menschen vorwaltend in einzelnen Beziehungen und für einzelnes in Anspruch, um später ihre innere Einheit abzuleiten: es werde» für die Einzeln- hciten die inneren Richtungen aufgesucht und nachgewiesen, in welchen sie unter sich stehen. Das ist aber das Geschäft des Unterrichtes: und so ist die Knabenzeit die Zeit des vorwaltenden Unterrichtes. Der Unterricht geschieht nicht sowohl nach dem Wesen des Menschen selbst, als vorwaltend nach den in dem Wesen der Dinge liegenden Gesehen, besonders nach denen, welchen Mensch und Gegenstand gleich nnterworsen sind; oder bezeichnender, nicht sowohl nach der Art und Weise, wie sich das allgemeine Geseh eigentümlich in dem Mensche», als vielmehr, wie es sich eigentümlich in jedem der Gegenstände außer dem Menschen ansspricht. Demnach kann es nur mit Einsicht und Bewußtsein geschehen. Ein solches zerfahre,, heißt aber Schule im weiteste» Sinne des Wortes. Schule ist p!" ^ Mensch zu der Erkenntnis der Gegenstände nach den in ihnen legende» Gesetzen gebracht wird, wo der Mensch durch Vorführung des D^Ä^ere» zum Erkenne» des Allgemeinen gelangt. Darum wird der -len>ch alK Knabe zugleich znm Schüler. Mit der Stufe des Knaben be- Bnnt für den Menschen auch der Ansang der.Schule, sei dies in oder außer ls'ni .zganse, vom Vater oder von einem Lehrer. Unter Schule wird also l'" weder die Schnlstnbe, noch das Schnlhalten verstanden, sondern die --Utteilnng von Kenntnissen mit Bewußtsein für bewußten Zweck und in wwnßtem, innern Zusammenhang. Die Ausbildung des Mensche» zur Erreichung seiner Bestimmung ist aber ein stetig ununterbrochen fortgehendes, immer von einer Steigernngs stufe zur andern sich emporhebendes, nnzerstücktes Ganzes: — aus dem in cem Säugling geweckten Gemeingesühl entwickelt sich in dem Kinde die Reignng: sie führt zur Gemütsbildnng, und aus ihr gebt in dem Knaben Geistes- lind Willenstätigkeit hervor. Die Erhebung der Willens- sestigkeit nun und so che Bildung eines reinen, festen und ausdauernde» Willens für Darstellung der reinen Menschheit ist das Hauptaugenmerk in der Leitung des Knaben in der Schule. Wille ist die mit Bewußtsein immer von einem bestimmten Punkte mis, in einer bestimmten Richtung, zu einem bestimmten, bewußten Ziele behende, mit dem Gesamtwesen des Menschen in Übereinstimmung stehende Geisst-stätigkeit desselben. Hiermit ist alles bestimmt, was Eltern und 48 Erzieher, Lehrer und Schule iu diesen Jahren den, Knaben in dieser Be- j ziehung sein und geben sollen. — Der Punkt, aus dein alte Gcistestätigkeit ^ des Knaben hervorgeht, soll gesund sein, die Richtung bestimmt, das Ziel > sicher, fest, bewußt, dem Wesen nach Leben entwickelnd, würdig des Bc- j strebens, würdig des Wesens des Menschen und dasselbe entwickelnd und darstellend. Um also die natürliche Willenstätigkeit des Knaben zur wahren, echten Willenssestigkeit zu erheben, müssen alle Tätigkeiten des Knaben von der Darstellung des Innern ausgehen und sich darauf zurückbeziehen. Bei- spiel und Worte sind das Mittel dazu. Nicht Beispiel allein und nicht Worte allein! — Nicht Beispiele allein: denn das Beispiel ist ein Einzelnes, welches durch das Wort erst seine Allgemeinheit und Anwendbarkeit erhält: nicht Worte allein: denn das Wort ist ein Allgemeines, Geistiges, oft Vieldeutiges, welches durch das Beispiel erst Anschaulichkeit, Bedeutung und Dasein erhält. Aber Beispiel und Wort als ein Einiges tut es doch allein auch nicht, sondern einzig treffend ein feines, gutes Herz, und zu diesem ' wirkt die Erziehung der Kindheit. Darum ruht die Knabenbildung auch einzig auf ihr: darum geht Willensfestigkeit aus Herzens und Gemüts- zestigkeit hervor, und wo das erstere mangelt, wird das zweite nur schwer zu erreichen sein. Die Äußerung eines seinen, guten Herzens, eines sinnigen, frommen Gemütes in dem Kinde ist aber das innig sehnende Streben, wie es in sich selbst eine Einheit trägt, so auch für die äußerlich getrennten Dinge, von welchen es sich in so großer Menge umgeben sieht, eine innere Einheit, ein allbclebendes, geistiges Band und Gesetz zu finden, wodurch sie Bedeutung fürs Lebe» bekommen. Diese Sehnsucht wird nun zwar dem Menschen für . die Stufe der Kindheit durch den vollendeten Besitz des lebendigen Spieles ! erfüllt, indem er durch dasselbe als Kind in den Mittelpunkt aller Dinge gesetzt wird, und alle Dinge nur in Beziehung zu seinem Leben gesetzt werden: j doch gibt mir einzig das Familienleben die für jede Bildnngsstnse, ja für ! das Gesamtlebcn des Menschen über alle Bergleichnng wichtige Ausbildung j eines guten Herzens und eines sinnig frommen Gemütes in ihrer echten Lebendigkeit und volle» Kniffigkeit. Da nun jeder einende Sinn die Grund bedingung aller echt menschlichen-Entwickelung ist und jeder, trennende Sinn die rein menschliche Entwickelung zerstört, so bezieht schon in dem Kindesalter der Mensch alles auf das Familienleben, sieht alle Dinge nur in dem ! Spiegel und der Form des Familienlebens, wie uns dies ja das Kindes- - alter klar zeigt. j Dem Kinde wird dadurch das eigene Familienleben selbst ein Äußeres, und es wird ihm ein Mnsterleben. Dies sollten Eltern immer bedenken- Das Kind möchte es in seiner Reine, seinem Einklang, seiner Wirksamkeit, wie es ihm außer ihm erscheint, so auch aus sich darstellen. In der Familie 49 sieht es aber die Erwachsenen arbeiten; und so möchte nun auch das Kind aus dieser Stufe, was es sieht, selbst darstellen: es versucht alles darzustellen, was es seine Eltern arbeiten sieht, und woran es so die Möglichkeit und Art der Darstellung durch Menschenkraft erkennt. Was früher in dem Kinde nur Tun um der Tätigkeit willen war, das ist in dem Knaben jetzt Tätigkeit um des Werkes, des Erzeugnisses willen: des Kindes Tätigkcits- trieb hat sich in dem Knaben znm Gestaltn ngstricbe entwickelt, und hierin löst sich die ganze äußere Erscheinung des Knabenlebens diese» Zeit auf. Wie teilt zuerst der Knabe und das Mädchen dieses Alters so innig gern die Arbeiten des Baters und der Mutter: nicht die spielenden und leichten, nein, gerade die anstrengenden, Kraft und Muhe fordernden möchte es mit den Eltern teilen. Hier seid achtsam, hier seid sorgsam und sinnig, ihr Eltern! Ihr könnt hier mit einem Male den Tätigkeits- und Bildungs- tricb eurer Kinder wenigstens für lange vernichten, wenn ihr die Hilfe eurer Kinder als kindisch, ja vielleicht gar als hindernd zurückweiset. Laßt euch durch den Drang der Geschäfte ja nicht verleiten, hütet euch ja, zu sagen: »Geh hinweg! Du hinderst mich nur!" oder: „Ich muß eilen, laß es mich geschwind allein machen!" Der Knabe, das Mädchen werden so in ihrer innern Tätigkeit gestört, sie sehen sich aus dem Ganzen, mit welchem sie sich so s">ug eins fühlten, herausgesetzt; ihre innere ganze Kraft ist aufgeregt, sie lcheu sich allein, wissen mit der erregten Kraft nichts anzufangen, ja sie selbst Mrd ihnen lästig, druckend, sie werden verdrossen und träge. Kaum dreimal jene Zurückweisung von den Eltern geschehen, und das Kind wird sich mcht wieder zur Hilfe melden, es steht nun verdrossen und langweilend umher, auch wenn es die Eltern jetzt Arbeiten verrichten sieht, au welchen sv wohl Anteil nehmen könnte, lind wer hat nicht später über solche früher >u behandelte Kinder von feiten der Eltern die Klage gehört: „Wie der Knabe, das Mädchen klein war und noch nichts helfen konnte, da war es bei allem geschäftig; jetzt, wo es Kenntnisse und Kräfte hat, jetzt mag es nichts tun." Seht, Eltern! der erste Tätigkcitstrieb kommt aus dem Menschen, ohne alle sein Zutun, ja wohl gegen seinen Willen, wie das auch wohl der Mensch im späteren Alter noch in sich wahrnehmen kann; tritt nun dem Menschen, besonders dem jüngeren, gegen diese innere Aufforderung znr -Tätigkeit besonders zum Schaffen, was immer mit körperlicher Anstrengung verknüpft ist — ein äußeres Hindernis, namentlich ein solches entgegen, welches nicht beseitigt werden darf, wie der Wille der Eltern, so ist sogleich die Kraft in sich geschwächt und tritt bei mehrmaliger Wiederholung dieser Schwächung ganz in den Hintergrund und in Untätigkeit zurück. Das gestörte Kind wägt nun nicht ab, ob und warum seine Hilfe einmal statthaft, das andere Mal unstatthaft war: es wählt das Bequemere, cS 4 unterläßt die Tätigkeit um so leichter und lieber, als es durch den Willen der Eltern dazu verpflichtet zu sein scheint: das Kind wird träge. Darum, ihr Eltern, wollt ihr später und znr gelegenen Zeit von euren Kindern Hilfe, so nährt frühe in ihnen den Tätigkeit^, und besonders in der jetzigen Knabenzeit den Bildungstrieb, auch wenn es euch einige Überwindung tosten sollte; viel, viel, ja hundertfältig, wie eine gute Frucht in gutem Boden, wird es euch später vergolten werden. Gebt cuerm Kinde das Höchste, was es jetzt bedarf: vergönnt ihm, seine Kraft an ein elterliches, ihm darum besonders liebes Werk anzuknüpfen, damit es nicht allein ein Bewußtsein seiner Kraft, sondern besonders ein Maß derselben bekomme. War die frühere Tätigkeit nur Nachahmung des häuslichen Lebens, so ist das jetzige Tun Teilen des häuslichen Geschäftes, Heben, Ziehen, Tragen, Graben, Spalten; an allem will der Knabe seine Kraft üben und messen, daß seine Kraft wachse und er ein Maß derselben erhalte. Üeberall, nach dem Felde und in den Garten, nach der Werkstätte und in die Bücherei, zu den Geschäften des Waldes und der Wiese, bei der Pflege der Haustiere und zur Hervorbringung der kleineren Hausgeräte, zum Holzsägcn, Holz- spalten und Holzlcgen, bei alle» den verschiedenen Geschäften des Vaters nach dessen verschiedenem Gewerbe begleitet der Sohn den Vater; Frage aus Frage drängen sich aus der nach Erkenntnis strebenden Seele des Knaben hervor. Wie? — Warum? — Wodurch? — Wann? — Weshalb? — Wovon? — Wozu? — Und jede nur einigermaßen genügende Antwort eröffnet dem Knaben eine neue Welt; die Sprache erscheint ihm überall als Vermittlerin und dadurch in ihrer Selbständigkeit. Der an sich gesunde, in seiner Kindheit einfach und natürlich geführte Knabe dieses Alters umgeht nirgends ein Hindernis, nirgends eine Schwierigkeit, nein! er sucht sie auf, und er überwindet sie. „Laß liegen!" . ruft der kräftige Junge seinem Vater, welcher ihm ein Stück Holz aus dem Wege, welchen er gehen soll, wälzen will, „laß liegen, ich komm' schon drüber." Mit Mühe zwar kommt der Junge das erste Mal hinüber: aber er ist doch durch sich hinübergekommen: Kraft und Mut ist in ihm gewachsen. Ergeht zurück, übersteigt das Hindernis von neuem, und bald geht er leichten Fußes , darüber hinweg, als läge nichts im Wege. Machte dem Kinde die Tätigkeit! vordem Freude, so macht dem Knaben jetzt das Tun Lust: daher die Erscheinungen der kühnen, wagenden Kraft des Knabenalters: das Steigen " in Höhlen und Klüfte, das Klettern auf Bäume und auf Berge, das Suchen in : Höhen und Tiefen, das Schweifen in Wäldern und Feldern. Leicht ist daS Schwerste, gefahrlos das Kühnste; denn die Aufforderung dazu kommt aus dem Innersten, geht aus dem Willen hervor. Doch nicht das Üben und Messen der Kraft allein ist es, welche den Knabe» schon dieses Alters in Höhe und Tiefe, in Weite und Breite treibt, sondern besonders das Bedürfnis seines sich jetzt entsaltendcn innersten Lebens, das Mannigfaltige zu überschauen, das Vereinzelte in einem Ganzen zu sehen, besonders das Entfernte sich nahe zn bringen, das Ganze in sich aufzunehmen, seinen Gesichtskreis von Stufe zn Stufe zu erweitern. Das Ersteigen eines neuen Baumes ist für den Knaben zugleich die Entdeckung einer neuen Welt; alles zeigt der Blick von oben doch ganz anders als unsere gewöhnliche, zusammenschiebende und verschiebende Seitenansicht: wie liegt da alles so klar unter dem Knaben! Könnten wir wieder die Seele und Herz erweiternden Gefühle zurückrufen, die in uns selbst als Knaben lebten, als vor dem erweiterten Blick die beengenden Grenzen der Umgebung niedersanken, wir würden dem Knaben nicht so kalt zurufen: „Steig herunter, du fällst!" — Nicht durch Gehen und Stehen allein lernt man gehen und stehen: nicht durch Gehen und Stehen, Sitzen und Kriechen hütet man sich vor dem Fallen, auch durch Um- und Überschauen; und wie ist doch auch das Gewöhnlichste so ganz anders, als wenn man es mit einem Blicke von oben beschaut! — Wollen wir unserm Knaben diese Erhebung des Geistes und Gemütes nicht frühe verschaffen, soll er in klarer Höhe nicht seinen Sinn klären, durch den Blick in die Weite nicht Herz und Gemüt erweitern? — „Aber der Knabe wird ein Wagehals: nie verläßt mich die Sorge um ihn." Der von Jugend auf r'"l)ig, der stetigen Entwickelung seiner Kraft gemäß geführte Knabe wird »mner nur um ein weniges seiner Kraft mehr zumuten, als er sie schon geprüft hat, und so wird er wie von einem schützenden Genius geleitet durch uile diese Gefahren hindurchgehen, während der andere, Kraft und Forderung nicht kennend, sich zn tun erdreistet, wozu ihm die wenn auch noch so geringe geübte Kraft mangelt, und da schon in Gefahr kommt, wo auch der Sorglichste noch keine Gefahr ahnet. Immer sind aber auch diejenigen Knaben die unüberlegt dreistesten, denen ohne stetig geübte Kraft mit einem Male ein Anfing von Kraft und zugleich die Gelegenheit zum Gebrauch derselben kommt: sie werden dann, besonders von andern beobachtet, leicht in Gefahr kommen. Nicht minder bedeutungsvoll ist des Knaben Neigung zum Steigen in Höhlen und Klüfte und zum Wandeln im dunkeln Wald; es ist das Streben, noch nicht Gesehenes kennen zn lernen. Da bringt nun der Knabe von solchen Wanderungen unbekannte Steine und Pflanzen, in der Verborgenheit wohnendes Getier: Würmer, Käfer, Spinnen, Eidcchschen als reiche Ausbeute mit zurück, und: „Wie heißt, was ist das?" u. s. w. n. s. w. sind die dem Knaben bei seiner Rückkehr zu beantwortenden Fragen; und mit jedem Worte wird reicher ihm seine Welt, wird klarer die Außenwelt; nur darf freilich dein Knaben nicht schon auf halbem Wege zugerufen werden: „Fi! wirf's weg, das ist häßlich!" — oder: „Laß fallen, es beißt!" — Hat das Kind gehorcht, so hat es auch einen wesentlichen Teil seiner Mcnschenkraft weggeworfen und später magst du ihm zurufen, später mag 52 Verstand und Vernunft ihm selbst sagen: „Sieh', das ist ein unschuldiges ^ Tierchen!" — der Blick wird sich wegwenden, und eine Summe von > Erkenntnis wird zugleich verloren gehen, während dort der kaum sechsjährige j Knabe dir von dem wunderbaren Bau eines Küfers und dein eigentümlichen ' Gebrauch seiner Glieder Dinge erzählt, die bisher alle unbeachtet vor deinem Blicke vorübergingen. Wohl magst du ihn zur Vorsicht bei Anfassen unbekannter Tiere warnen, aber nicht mit Ängstlichkeit. Doch keineswegs immer auf der Höhe, in der Tiefe und Dunkelheit ist der kräftige Knabe dieses Alters: dasselbe Streben, welches ihn auf Berge und in Täler trieb: sich Übersicht und Einsicht zu verschaffen, hält ihu auch dort aus der ebenen Erde fest. Seht! dort macht er sich unter der Hecke an ^ dem Zaune seines Vaters ein Gärtchen: dort stellt er sich in seinem Fuhrgeleife an seinem Wassergraben den Lauf eines Flusses dar: dort i bringt er sich die Wirkung des Falles oder des Drucks des Wassers an - seinem kleinen Wasserrade zur Anschauung: hier beachtet er die Eigenschaft des Schwimmers an einer kleinen Holzsläche oder an einem Stücke zeitiger "Holzrinde auf seinem zu einem kleinen Teiche gedämmten Wasser. Besonders ist das Beschäftigen mit dem klaren, lebendigen, beweglichen Wasser, in ! welchem der gern über sich selbst klare Knabe das Bild seiner Seele wie in j einem Spiegel schaut, sowie überhaupt das Beschäftigen mit bildsamen - Stoffen, Sand, Lehm, dem Knaben dieses Alters ganz besonders lieb, man konnte sagen: ein Lebensclcment, denn er sucht nun im früher gewonnenen Gefühle der Kraft den Stoff zu beherrschen: alles soll und muß sich seinem Bildungstricbe unterwerfen, dort in dem Erdhaufen ein Keller, eine Hohle, aus demselben ein Garten, eine Bank. Bretter, Zweige, Latten und Stangen müssen sich dort zu einer Hütte zusammenfügen, der tief gefallene Schnee , muß sich zu einer Festung zusammenballen, und die rohen Steine auf einer Anhöhe zu einer Burg zusammenfügen, alles im Sinne des Menschen in diesem seinem Knabenalter, im Sinne der Einigung und Aneignung. Seht dort die beiden kaum siebenjährigen Knaben, wie sie, friedlich und traulich , beratend, den Hos hinabwandcln: sie wollen sich Handgeräte holen, um in j einem dunkeln Gebüsche der Anhöhe hinter dem Wohnhause eine HiUtc mit ! Bank und Tisch zu bauen, von wo aus ihr Auge das ganze Tal in einem j Blick und als ein schön gegliedertes Ganzes überschaut. So eint der einende, ! aber auch auf sich ruhende Sinn alles, was seinem Bedürfnis angemessen ! ihm nahe kommt, Steine und Menschen zu gemeinsamem Zweck für gemeinsames Werk. Und so bildet jeder sich bald seine ihm eigene Welt, j denn das Gefühl eigener Kraft fordert auch bald den Besitz eigenen Raume? > und eigenen Stoffes. Sei sein Reich nun ein Winkel des Hofes, sei es der Raum eines Kastens, oder sei es eine Höhle, eine Hütte, ein Garten, er, der Knabe dieses Alters, muß auch einen äußerlichen, am besten einen selbst 53 geschaffenen EinigungsPunkt seiner Tätigkeit haben. Ist gras; das zu beherrschende Gedieh sv tritt brüderliche Einigung Gleichsinniger ein; und begegnen Gleichsinnige sich in gleichem Streben und finden ihre Herzen sich, so wird entweder das angefangene Werk erweitert oder das einzeln begonnene ein gemeinsames. Wollet ihr Eltern im kleinen, gleichsam wie in einem Bilde, was hier angedeutet sehen, so schaut mir her in diesen Kreis von mehr als acht sieben- bis zehnjährigen Knaben. Aus dem großen -tische der vielbenutzten Stube steht ein Kasten mit Bauhölzern — Klötze sind ee> in der ^orm und dem Verhältnis der Mauerbacksteine, ohngeführ der wirklichen Größe, dem schönsten und vielgestaltigsten Material, welches der wachsenden Kraft als Darstcllungsmittel gereicht werden kann; Sand oder Sügespüne haben sich auch in die Stube eingefunden, und schönes grünes Moos hat der jüngste Spaziergang in reichem Maße zur Ausbeute gegeben. Es ist Freizeit, und jeder hat nun für sich sein Werk begonnen. Dort in jener Ecke steht ganz verborgen eine kleine Kapelle: Kreuz und Altar bezeichnen den Geist der Bestimmung; es ist die Schöpfung eines kleinen, stillen Knaben: dort aus jenem Stuhle haben zwei gemeinsam schon ein bedeutend größeres Werk unternommen; es ist ein mehrstöckiges Gebäude ^ Sckstvß sein, welches vom Stuhle wie vom Berge ins trat schau. -der wcw hat jener dort ruhig unter dem Tische gebaut? Ein grüner Hügel stt e^, anf dem eine alte Burgruine thront. Unter den Händen er andern hat sich dort in der Ebene ein Dörfchen ausgebreitet. Jetzt hat jeder sein Werk beendigt, jeder besieht es jetzt und besieht das Werk der andern; jedem tritt der Gedanke und Wunsch entgegen, das Vereinzelte mochte zu einem Ganzen sich einen, und kaum ist der Wunsch als ein allen gemeinsamer erkannt, so werden auch gemeinsam Wege vom Dörfchen zur nrg, von der Burg zum Schloß, vom Schlosse zur Kapelle angelegt, und Wiesen und Bäche ziehen zwischen beiden sich hin. Oder - wäret'ihr ein anderes Mal da — einige hatten aus Lehm sich eine Gegend geschaffen, ein anderer hatte aus Pappe sich ein Haus mit Fenstern und Türen gefertigt, und wieder ein anderer dort aus Nußschalen sich Schiffchen bereitet. Ein jeder schaut nun sein Werk: gut ists, doch es steht allein; er sieht auch das Werk seinem Nachbarn vereinigt wäre es doch schöner: und gleich steht das Haus wie ein Schloß aus der Anhöh' der Gegend, und das Schiffchen schwimmt aus dem kleinen künstlichen See; zu aller Freude bringt noch der jüngste seinen Schäfer und seine Schäfchen weidend zwischen Berg und den See. Nun stehen sie alle und schauen mit Wohlgefallen und Lust das Werk shrer eigenen Hand. Oder, dort unten an dem Bache, welch reges Getümmel: ältere Knaben sind es. Kanäle haben sie gebaut und Schleusen und Brücken und Seestädte, Wehre und Mühlen, ein jeder unbekümmert und nicht beachtend das Werk des andern; nun aber soll das Wasser seiner Natur 54 nach benutzt werden nnd Schiffe anf demselben von der Hohe zur Tiefe gleiten: aber nach jedem Schritt ist eines andern Grenze, nnd jeder fordert sein Recht und erkennt die Forderung der andern an. Was kann hier vermitteln? Nur Vertrage, und gleich Staaten verbinden sie sich durch strenge Verträge; wer mag die vielseitige Bedeutung und vielseitigen Früchte dieser Knabenspiele nachweisen? Nnr ein zweifaches steht fest und wahr: Aus einem Sinne und einem Geiste, dem einen Knabensiune, dem einen Knaben- geiste gingen sie hervor, und: die Knaben, die sie spielten, waren brave Schüler, fleißig und strebsam, sind tüchtige Jünglinge an Kopf nnd Herz, rat- und tatfertig, und die so spielten, sind tüchtige Männer nnd werden tüchtige, ein- und umsichtige Männer werden. Wichtig, ganz besonders nächtig ist in diesem Alter das Bearbeiten eigner Gürten um des Erzeugnisses willen: denn der Mensch sieht da zuerst anf gesetzmäßigem Wege Früchte aus seinem Tun hervorgehen, die vielseitig, obgleich den innern Gesetzen der Naturkraft unterworfen, doch auch von seiner Tätigkeit abhängen. Besonders findet dadurch das Leben des Knaben mit der Natur und dessen Sehnsucht, die Natur zu erkennen, vielseitige nnd volle Befriedigung, und die Natur scheint auch dieser Beschäftigung ganz besonders hold zu sein: denn bei einem Blick auf die Knabengürten sieht mau sogleich, daß die Gewächse und Blumen von Knaben, welche sie mit ganz besonderer Liebe erwarten, auch ganz besonders frisch und freudig blühen. Kann der Knabe kein selbst zu pflegendes Gärtchen haben, so sollten wenigstens ein paar Gewächse in Kasten oder Blumentöpfen sein Eigentum sein, nicht mit seltenen, schwer zu pflegenden, gefüllten, nein, mit leicht fortkommenden, blüten- und blütterreicheu, gewöhnlichen Pflanzen. Der Knabe, welcher ein äußeres Leben, wenn auch einer sehr untergeordneten Stufe, pflegte, wird auch leichter zur Pflege und Hut seines eigenen Lebens hinzuführen sein. Nnd durch die Pflege der Pflanzen wird auch des Knaben sonstige Sehnsucht nach der Beachtung lebendiger Natnrgcgenstände, Küfer, Schmetterlinge, Vogel befriedigt, denn diese kommen ja gern in die Nähe der Pflanzenwelt. Keineswegs aber sind alle Beschäftigungen der Knaben dieses Alters nur reine Gegenstandsdarstellungen, nein, viele sind vielmehr überwiegend reine Kraftübungen und Kraftwägungen an sich, viele haben bei weitem mehr nur das Ziel der reinen Kraftdarstcllung. Doch hat auch das Spiel dieses Alters immer einen eigenen, dem innern Leben desselben ganz entsprechenden Charakter; sowie nämlich in dem vorigen Zeiträume, dem des Kindesalters, nur Tätigkeit au sich Zweck des Spieles war, so ist jetzt dessen Zweck immer ein bestimmtes Ziel, welcher Charakter der freieil Knabenspiele in dem fortschreitenden Alter sich immer mehr ausbildet: so selbst bei allen Spielen der Körperbewegung, den Spielen des Laufens, Schlagens, Ringens Ballspielen, Barlansen, Kriegs- und Jagdspieleu usw. Das Gefühl gewisser, sicherer Kraft, daS Gefühl der Erhöhung und Steigerung derselben ist es, welches den Kunden mit der alles durchdringenden, jubelnden Lust bei diesen Spielen erfüllt: aber keineswegs ist es nur die physische Kraft, welche hier so stärkende Nahrung erhält, nein! auch die Geistes-, die sittliche Kraft erscheint bei allen diesen Spielen in einer Sicherheit, das;, wenn es darauf ankäme, abzuwägen, nach welcher Seite hin sich der Ansschlag neige, ob auf die geistige oder leibliche Seite, schwerlich wohl dem Körper oder dem Leibe das Übergewicht zuzugestehen sei. Gerechtigkeit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, Wahrheit, Treue, Brüderlichkeit und doch auch strenge Unparteilichkeit — wem duften nicht alle diese schonen Blumen des Herzens und Gemütes und des festen Willens entgegen, wenn er einem Kreise solcher spielenden Knaben sich nähert, — die schönfarbigeu, wenn auch vielleicht weniger duftenden Blumen: Blut, Ausdauer, Entschlossenheit, Besonnenheit, Geißelung und Ausscheidung des aus Trägheit Bcguemlichen gar nicht mit in den Strauß gewunden! Wem es um das Einatmen eines erfrischenden Lcbeusatems zu tun ist, der besuche die Spielplätze solcher Knaben. Doch noch zarter duftende Blümchen blühen, und der mutige Knabe schont ihrer, wie das mutige Roß des Kindes, welches in der Bahn seines raschen Laufes liegt; diese zarten, dem Beilchen und dem Frühlingsweiß ähnlichen Blumen sind: Schonung, Duldsamkeit, Pflege, Ermutigung des nicht durch eigene Schuld Schwächeren, des Zarteren, Jüngeren, Billigkeit gegen den mit dem Spiele noch Unbekannten. Möchten dies doch alle die bedenken, welche Knaben- spiclplätzen nur eben duldend einen Raum in der Knabencrziehnug einräumen! Wohl ist manches Wort rauh und manche Tat keck; aber die Kraft, das Gefühl der Kraft soll erst da sein, ehe die gebildete Kraft da sein kann; und scharf ist des Knaben Auge, das Innere zu erkennen, und darum scharf und bestimmt, auch wohl hart und rauh ist sein Urteil gegen den Ebenbürtigen, sich wenigstens ebenbürtig Stellenden. Jeder Ort sollte für seine Knäbenwelt einen eigenen gemeinsamen Spielplatz haben: herrlich würden die Früchte sein, welche daraus für die ganze Gemeinheit hervorgehen. Denn die Spiele dieser Entwickelungsstufe sind, wo es nur immer möglich ist, gemeinsam, und so entwickeln sie den Sinn für das Gemeinsame, für das Gesetz und die Forderungen des Gemeinsamen. Der Knabe sucht sich in seinen Genossen zu sehen, sich an denselben zu messen und sich durch sie zu finden; so bilden diese spiele unmittelbar fürs Leben nud wecken und nähren viele bürgerliche und sittliche Tugenden. Doch Jahreszeiten und Umstände erlauben dem von häuslichen und Schulgeschästen freien Knaben nicht immer, seine Kraft im freien zu üben und zu entwickeln, und untätig soll der Knabe schlechterdings nie sein; darum machen in diesem Alter auch alle Arten anderer äußerer Beschäftigungen und Darstellungen, die an Haus und Stube geknüpft sind, besonders das, was man mechanische Arbeiten nennt: Papier- und Papparbciten, Formen usw., einen wesentlichen Teil des Knabcntums und der Knabcnfnhrnng ans, und sind diese für denselben so wichtig. Doch es ist in dem Menschen noch eine Forderung des Gemütes, welche durch alle äußern Beschäftigungen sich nicht befriediget fühlt; die Gegenwart mit aller ihrer Fülle und ihrem Reichtum kann ihm nicht genügen. Dadurch, das; etwas in der Gegenwart ist, erkennt er, das; etwas in der Bergangcnheit war. Auch das, was vor ihm war, mochte er wissen; er möchte den verflossenen Grund von dem, was gegenwärtig ist, kennen, ja das; ihm das ans der alten Zeit noch Zurückgebliebene von sich selbst, von jener alten Zeit erzählen möchte, das wünscht er. Wem ist wohl aus seinem .Knabenalter nicht die deutliche Sehnsucht erinnerlich, die sich in seinem Gemüte beim Anblick alter Gemäuer, Türme, Ruinen, ja nur alter Gebäude, auch beim Anblick alter Gedenksteine und Säulen auf Höhen und an Wegen laut aussprach, das; andere von diesen Gegenständen, ihrer Zeit und ihren Ursachen Kunde geben möchten? Ja, wer hat in sich dann nicht eine dunkle, unbestimmte Ahnung, als könnten irgend einmal diese Gegenstände selbst von sich und ihrer Zeit Kunde geben, wahrgenommen? — Doch wer anders kann ihm Kunde geben, als die, welche schon vor ihm da waren, als die Älteren? Das; diese es ihm erzählen möchten, das wünscht er, und so entwickelt sich in dem Knaben dieses Alters das Bedürfnis und ; der Drang nach der Erzählung, nach dem Erzählen überhaupt, später nach / dem Geschichtlichen. Dieser Drang ist in diesem Alter so groß, daß, wo er ! nicht durch die Umgebung befriedigt wird, ihn die Knabenwelt aus sich selbst zu befriedigen sucht, und dies besonders in den Zeiten der Ruhe, namentlich auch dann, wenn die Körper- und Drdnungsschäfte des Tages beendigt sind. Wer hat nicht gesehen und ist nicht davon mit Achtung erfüllt worden, wie ein Kreis von Knaben dieses Alters sich um den ans ihrer Mitte versammelt hak, welchen ei» gutes Gedächtnis und eine lebendige Einbildungskraft zu ihrem Erzähler bestimmt hat, wie da die übrigen mit gespannter Aufmerksamkeit zuhören, wenn seine Erzählung ihren Kebcnswunsch erfüllt und Beispiel und Wort in Einigung mit ihrem Innern ihnen vorführt! Aber auch selbst die Gegenwart, in welcher der Knabe lebt, enthält noch vieles, was der Mensch dieser Entwickelungsstufe sich selbst nicht deuten kann und sich doch so gern deuten möchte; was ihm stumm erscheint, und von dem er wünscht, das; es reden möchte: was ihm tot erscheint, und von dem er doch so gern möchte, daß es lebend und lebendig wäre. Bon ander» wünscht er diese Deutung zu vernehmen; er wünscht, das; sie die stummen Gegenstände ihm hörbar machten; den inneren, lebendigen Zusammenhang aller Dinge, welchen sein Innerstes ahnet, möchte er klar ausgesprochen hören. Doch auch diese» ander» ist meist nicht möglich, des Knabe» Wnnsch zu erfüllen, nnd so entwickelt sich in demselben das Bedürfnis der Fabel und des Märchens, welche beide sprachlosen Gegenständen Sprache und Vernunft beilegen, die erstere innerhalb der Grenze der menschlichen nnd das zweite über die Grenze der menschlichen Verhältnisse und der menschlichen, irdischen Erscheinungen hinaus. Auch dies hat gewiß jeder bemerkt, welcher das Leben der Knaben dieses Alters mit Aufmerksamkeit beachtet hat: sowie, wenn auch hier durch des Knaben Umgebung dieses Bedürfnis desselben nicht befriedigt wird, daß er dann ganz durch sich selbst auf die Erdichtung und Darstellung von Märchen und Fabeln füllt. Diese Märchen und Erzählungen legen dann dem Beobachter sehr sprechend dar, was in dem tiefen Gemüte des jungen Erzählers sich bewegt, demselben ohne Zweifel selbst noch ganz unbewußt. Was er in sich selbst fühlt, und was in ihm lebt, und wozu sogar, um es sich nur selbst auszusprechen, ihm noch die Sprache mangelt, das wünscht er von andern ausgesprochen zu hören. Was des Knaben Gemüt ahnet, was ihm das Herz schwellend macht im Gefühl der Freude und Lust, das möchte sein Wort sagen; doch der Knabe fühlt sich für sich selbst unmündig, er sucht nach Worten, nnd da er solche noch nicht in sich finden kann, so freut er sich innig, solche außer sich durch Aussprüche, besonders im Liede zu finden. Singt nicht der heitere, frohe Knabe auf dieser Stufe so gern? Fühlt er nicht im Gesänge sich selbst erst wahrhaft lebend? — Ist es nicht das Gefühl der wachsenden Kraft, welches das Lied laut erschallend macht? Der Drang, so gern über sich selbst klar zu sein, fesselt den Knaben: st' sahen wir ihn an dem klaren, lebendigen Wasser: immer zieht es ihn in seinem Spiele wieder an dasselbe zurück, weil er darin sich selbst, das Bild lemer ^eele schaut, und er durch dasselbe über das geistige Wesen derselben klar zu werden hofft. Was das Wasser im Bach und See, was die reine Lust und klare Ferne vom Gipfel des Berges für die Seele des Knaben ist, dav ist ihm das Spiel: — ihm für das Leben ein Spiegel der ihn künftig erwartenden Kämpfe des Lebens: darum, um für diese zu erstarken, sucht wohl sogar der Knabe „iid der spätere Jüngling Hindernis, Schwierigkeit nnd Kampf im Spiele auf. Sehnsucht, von der Vorwelt nnd von der Natur Kunde zu bekommen, fesselt den Knaben von neuem und immer wiederkehrend an altes Gemäuer und verfallene Gewölbe; Drang nnd Darstellung dessen, was Gemüt nnd °Horz schwellend macht, treibt ihn zum Gesang, llnd so ist es gewiß, daß sehr vieles von dem Tun der Knaben eine innere, geistige Bedeutung hat, also sinnbildlich, symbolisch ist. Wie heilsam würde es für Eltern und Kind, für deren Gegenwart „iid Zukunft sein, wenn von den Eltern an dieses Sinnbildliche des lindes- und Knabenalters geglaubt, wenn in dieser Beziehung von Eltern das Leben ihrer Kinder beachtet wurde: welch ein neues lebendiges Band wurde dies zwischen Eltern und Kind schlingen, welch ein neuer Lebensfaden würde sich zwischen deren jetziges und künftiges sieben hinziehen! So das reine Knabenleben dieses Alters, welches uns zum Segen der Menschen nach da, wo eine der Menschennatnr angemessene Erziehung herrscht, lind dort wohl in noch größerer Schönheit, Fülle und Lebendigkeit, als hier dargestellt, entgegentritt. Blicken wir nun von diesem reinen Knabenleben auf das Knabenleben, wie es uns leider meist in der Wirklichkeit sich zeigt, so müssen wir nnnmwunden anssprechen, daß da vieles ganz anders entgegentritt, das; Eigensinn, Trotz, Bequemlichkeit, Geistes- und Körperträgheit, Sinnen- und Ganmendienst, Eitelkeit und Eigendünkel, Rechthaberei und Herrschsucht, Uubrüdcrlichkeit und Unkiudlichkcit, Leerheit und Oberflächlichkeit, Arbcits-, ja sogar Spielscheu, Ungehorsam und Gottesvergcssenhcit usw. begegnet. Suchen wir nun nach den Quellen dieser und der vielen andern fehlerhaften Erscheinungen im Kindeslcbeu, welche keineswegs verneint werden können, so tritt in seinen äußersten Endpunkten eim zweifacher Grund entgegen: einmal völlig unterlassene Entwickelung verschiedener Seiten des reinen Menschenwesens, dann die frühen Verdrehungen der ursprünglich guten menschlichen Anlagen und Bestrebungen durch willkürliches Eingreifen in den gesetzmäßigen und notwendigen Entwickelungsgang des Menschen. Denn das Wesen des Menschen an sich ist gut: keineswegs ist der Mensch an sich schlecht, ebensowenig, als es durch sich selbst schlechte Eigenschaften des Menschen gibt, wenn mau nicht das Vergängliche und Leibliche an sich und daS, was notwendig daraus folgt —, daß der Mensch muß fehlen können, um gut zu sein, daß er sich muß zum Sklaven machen können, um wahrhaft frei zu sein, — wenn man dies nicht an sich bös, schlecht und fehlerhaft nennen null. Wer das Göttliche und Ewige mit Selbstbestimmung und Freiheit tun soll, der muß das Irdische und Endliche tun dürfen. Da Gott sich in der Endlichkeit kund tun wollte, so konnte es nur am Endlichen geschehen: wer darum das Zeitliche und so das Endliche und Leibliche an sich schlecht nennt, der verachtet dadurch die Schöpfung, ja er lästert im eigentlichen Sinne Gott. Ebenso ist es schon Verrat an der Menschheit, wenn gesagt wird, der Mensch sei seinem Wesen nach weder gut noch schlecht; wie vielmehr ist es noch Verrat, wenn sogar ansznsprechen gewagt wird, der Mensch sei seinem Wesen nach schlecht. Der Mensch vernichtet dadurch für den Menschen Gott: denn er vernichtet dessen Werk und so Mittel und Weg, Gott wahrhaft zu erkennen, und bringt so die Lüge, die einzige Quelle alles Bösen, in die Welt. Gibt es ein Böses, welches an sich böse genannt werden kann, so ist es dies, weil es das erste 5,9 Böse ist; aber die Lüge Hut kein Bestehen in sich, sie ist schon vernichtet und wird, svwie sie dem Wesen nach schon vernichtet ist, anch als Erscheinung vernichtet werden: denn der Mensch ist weder mit noch zur Lüge erschaffen, sondern mit und zur Wahrheit; der Mensch schafft auch nicht die Lüge aus sich, aus seinem Wesen; sondern er schafft die Lüge, eben weil er von Gott zur Wahrheit geschaffen ist, dadurch, das; er dies (entweder sich sür sich selbst oder sür andere) nicht anerkennen macht. Der Mensch als Erdenwesen ist bestimmt, daß -Leib nnd Seele in einem gewissen Gleichgewichte mit Bewußtsein ausgebildet werde. Alle Fehlerhaftigkeit und Bosheit, die am Menschen ist und die durch ihn geschieht, die ihm gleichsam anklebt und ihn wie ein Truggcwand umgibt, hat bloß in dem gestörten Verhältnisse dieser beiden Seiten des Menschen: seiner Natur, dein Gewordenen, und seinem Wesen, dem Seienden in ihm, ihren Grund. Er würde sie sogleich von selbst abwerfen, wenn er nur zur klaren Erkenntnis seines Wesens kommen könnte, und wenn er durch Schwächung nur nicht so krast- nnd willenlos gemacht wäre, es durch sich selbst abzuwerfen. Darum liegt aller Fehlerhaftigkeit in dem Menschen ursprünglich ein gutes Streben, nur zurückgedrängt, mißverstanden oder mißleitet, zum Grunde: und darum besteht das einzige, aber nie trügende Mittel, alle Fehlerhaftigkeit, ja Bosheit und Schlechtigkeit zu vernichten, darin, die ursprünglich gute Seite des menschlichen Wesens auszusuchen, in deren Störung die Fehlerhaftigkeit ihren Grund hat, und diese dann recht zu leiten: so wird die Fehlerhaftigkeit endlich, wenn auch mit mühseligem Kampfe gegen die Gewohnheit — nicht gegen ursprünglich Böses im Menschen — schwinden, nnd dies um so sicherer, weil der Mensch selbst gern den Weg der Fehlerhaftigkeit verläßt, denn der Mensch will lieber das Rechte als das Schlechte. So ist, um eins hervorzuheben, keineswegs zu leugnen, daß jetzt äußerst wenig eigentlich kindlicher, echt frommer Sinn in der Kinderwelt, dagegen viel Selbstsucht, Unfreundlichkeit, besonders Roheit uffv. in derselben herrsche; der Grund davon aber liegt ganz einfach darin, daß das Gemeingefühl nicht allein Vvp frühe an im Knaben nicht geweckt und später in demselben nicht genährt, sondern im Gegenteil von frühe an zwischen Eltern und Kindern vernichtet nnd gestört worden ist. Soll darum wieder echte Kindlichkeit, vertrauender, echt liebend frommer Sinn, Verträglichkeit, Schonung und Achtung des Genossen und Nebenmenschen herrschend werden, so kann es nur dadurch geschehen, daß jetzt noch an das in jedem Menschen ruhende Gemeingefühl — so viel oder so wenig sich davon noch vorfinde — angeknüpft und dies mit der größten Sorgfalt gepflegt werden; dann werden wir auch gewiß bald wieder das besitzen, was wir jetzt mit so großem Schmerz in Beziehung auf Familien-, menschliches nnd religiöses Leben so sehr vermissen. Eine andere Quelle vieler Knabenfehler ist die Gedankenlosigkeit, das heißt, das Handeln nach einein alle Sinne» und .Körpertätigkeit gefangen nehmenden, an sich ganz unschuldigen, mahl sogar lobenswerten Triebe, dessen unzweckmäßige Befriedigung aber in diesem einzelnen Falle dem Knaben als solche in seiner Lebenserfahrung noch nicht klar geworden ist. So puderte ein Knabe von nichts weniger als bösem Gemüte seines ihm sehr lieben Oheims Perücke in wahrer Lust über sein Werk mit klar gemahlenem Gips, ohne sich im mindesten etwas Fehlerhaftes dabei zu denken. Ein anderer Knabe fand in einem großen Wassergefüß tiefe Porzellan- schüsseln; zufällig bemerkte er, daß diese Schüsseln, umgekehrt auf die glatte Wasserfläche fallend, einen knallenden Schall bei einer schnellenden Bewegung von sich gaben. Diese Erscheinung machte ihm Freude, er versuchte sie oft, sich bestimmt sagend, daß ja das Gesäß in dem ausweichenden tiefen Wasser nicht zerbrechen könnte; oft glückte es, und um die Wirkung immer schöner zu machen, mußte die Schüssel immer höher herabfallen: doch einmal fiel die Schüssel so ganz wagrecht auf die wagrechtc Wasserfläche und von einer solchen Höhe herab, daß die zwischen der Wölbung der Schüssel und dem Wasser eingepreßte Lust nach keiner Seite ausweichen konnte und doch so zusammengedrückt wurde, daß die Gewalt dieser gewaltsam eingepreßten Luft die völlig schadlose Schüssel durch einen senkrechten Stoß in zwei fast völlig gleiche Teile teilte. Betroffen und betrübt stand nun der kleine sich selbst lehrende Physiker bei dem unerwarteten Erfolg seines ihn so hoch erfreuenden Spieles. — Doch noch bei weitem mehr und kaum glaublich kurzsichtig ist der Knabe in dein Nachgehen seines Lebenstriebes. Ein anderer Knabe warf lange nach dem kleinen Fenster eines benachbarten Gebäudes mit recht ernstem Bemühen, es doch zu treffen, ohne daran zu denken, daß, wenn der Stein das Fenster treffe, dasselbe entzwei gehen müsse: der Stein trifft, es klingt, und der Knabe steht fest an der Stelle gewurzelt. So zielte ein anderer, sehr gutmütiger Knabe, welcher Tauben sehr liebte und pflegte, nach des Nachbars schöner s.anbe aus dessen Hans- first, ohne dabei zu bedenken, daß, wenn die Kugel träfe, notwendig die Taube fallen müßte, ohne weiter zu bedenken, daß dies wohl eine Mutter ihrer Pflege noch ganz bedürftiger Jungen sein könnte; er schoß, die Kugel traf, die schöne Taube sank, ein sehr schönes Tanbenpaar war zerrissen, und erst bcslanmtc Junge hatten ihre Mutter verloren u. s. w. — Es ist gewiß eine sehr tiefe Wahrheit, deren Nichtanerkennung sich leider täglich schwer rächt, daß es am meisten der Mensch ist, welcher den Menschen erst schlecht macht; dies geschiehet selbst bei Erziehern dadurch, daß sie alle dem, was von feiten des Kindes entweder aus Unüberlegtheit oder auch wohl als Folge eines sehr scharfen Blickes für das Rechte oder Unrechte außer ihm — also aus einem sehr tüchtigen »nd lobenswerten Rechtsgefühle — geschieht, immer eine 61 schlechte, wenigstens schiefe Absicht zn Grunde legen. Leider gibt es solche Unglücksmenschen, auch unter den Erziehern; sie sehen immer in den Kindern kleine boshafte Teufel, wo andere höchstens einen zn weit getriebenen Scherz oder die Wirkung einer zu sehr freigelassenen Lebenslust erblicken. Solche Unglücksvögel, besonders als Erzieher, machen ein solches Kind erst schnld- ooll, denn sie setzen Gesinnungen in das Kind, die ihnen noch fremd sind: sie machen den Knaben, wenn auch zunächst nicht willens-, doch tatschlccht: sie schlagen ihn geistig tot, nehmen ihm das Leben, damit er erkenne, er habe dieses Leben nicht aus sich, könne es sich auch nicht selbst geben; aber das echte Leben ist nun weg, er kann es sich auch nicht geben: was hilft nun die tatlose Erkenntnis, was hilft der kraftlose Wunsch ohne Tatkraft! Das, was sie bös und schlecht gemacht haben dadurch, daß sie glauben, auch nicht einmal das Kind könne znm Besitze des Himmels gelangen, ohne vorher, lindestens gesagt, durch die Schuld hindurch zn gehen, das soll dann der liebe Gott wieder gut machen, und das nennen sie: das Kind fromm machen. Dies Verfahren ist gleich dem des kleinen gutmütigen Jungen, welcher von seinem Käser, der von seinem vielen Behandeln matt, auch wohl sußlos ist, in fester Überzeugung sagt: „Er ist zahm." So gibt es noch Kinder, welche bei großer Fehlerhaftigkeit in der äußern Erscheinung doch das allerinnigste, sehnlichste Streben haben, gut und tüchtig zn werden. Solche Knaben werden aber leider zuletzt wohl gar wirklich schlecht und eben erst dadurch, daß man sie in ihrem innersten Streben verkannte: würde ihnen die Anerkenntnis aber noch zur rechten Zeit werden, so würden sie gewiß oft noch die tüchtigsten Menschen werden. Ja, Kinder werden sehr häufig von Eltern und Erziehern wegen solcher Fehler bestraft, die sie früher vielleicht von ebendenselben erst bekommen haben; besonders legt sehr häufig die Strafe, namentlich die Wortstrafe, erst Fehler in die Kinder, bringt ihnen sogar dadurch erst Fehler zur Kunde und Kenntnis, welche sie gar nicht besitzen. Der Mensch versündigt sich darum bei weitem mehr gegen den Menschen (gegen die Kinder), als gegen Gott; denn was vermag das schnöde Handeln des unnützen Kindes gegen die Würde des in anerkannt bewährter Tugend dastehenden Vaters? Aber was kann der unnütze Knabe nicht dein jüngeren Kinde an Seele und Leib durch Wort und Tat schaden! — So das Verhältnis des Menschen znm Menschen und zn Gott! Es zieht, wie schv„ angedeutet, ein tiefer, ahnender, sehnender Sinn in des Knaben Gemüte durch alles hindurch, was er in diesem Zeiträume tut: alles sein -tun hat einen gemeinsamen Eharakter, denn er sucht die alle Dinge einende Einheit und so auch sich in allen Dingen zn finden. Eine ihn selbst nicht deutende Sehnsucht treibt ihn besonders zu den Dingen der Natur, Pflanzen und Blumen n. s. w., die im Verborgenen stehen: denn ein sicheres Gefühl sagt ihm: nicht äußerlich liegt da, was das Sehnen des Gemütes 62 befriedigt, ebenso aus der Verborgenheit und Dunkelheit muh es hervorgefördert werden. Das Nähren dieser Sehnsucht wird nicht allein früh versäumt, sondern sogar das Streben des Knaben, sie aus sich zu nähren, wird leider früh gestört; denn der natürlich geführte Knabe dieses Alters sucht, so schwach und sich unbewußt auch immerhin die Andeutungen sein mögen, eigentlich nur die alle Dinge einende, notwendige, lebendige Einheit, den Grund aller Dinge — Gott —: nicht den von Menschenklugheit und Menschenwitz geformten, sondern nur den, der immer dem lebendigen Geiste nahe ist und darum auch nur im Geiste und in der Wahrheit erkannt, und zu dem auch nur so gebetet werden kann. Der Knabe in seiner Reise findet einzig auch nur darin Befriedigung, ihn, den in unerklärlichem Sehnen und Suchen Gcahneten, gefunden zu haben, weil er nur dann auch sich selbst erst gefunden hat. Inhntt. Seite Friedrich Frdbel (Vom Herausgebers. 3 Einleitung (Das Ziel der Erziehung) . ..7 Grundsätze.9 Die Snnglingsstnfe.16 Die Äindheitsstnsc. 26 Das erste Lernen und Arbeite».3" Die Miabcnstnfe. 4-7 64 — Zil §. Oeymigke's Verlag iN. Appelius), (Abteilung für Kindergarten-Literatur), in D erlitt >VV. 7, Doratheenstraße 38/39. sind ferner erschienen: Pappenheim, Professor Dr. Engen, Leiter des .Kindergärtncrinnen-Seminars rc, Grundriß der Kleinkinder- und Kindergarten-Pädagogik Friedrich Fräbels. Noch den Worten seiner Schriften ots Leitfaden'für Kindergärtnerinnen- Seminare und zum Privotstndimn zusammengestellt 2. durchgesehene Anfinge. Preis 80 Pfg. — — Friedrich Fröbel. Aufsätze aus den Jahren 1861—1863. Preis 1 M. 20 Pfg. Neinecke, Hermann, Konigl. Seminardirektor, Kreis- und Stadtschnlinspcktor in Berlin, Friedrich Fröbels Kellen und Kehre. Band I: (Biographie von 1782—1826. Die kleinen Keilhauen Schriften. Die „Menschcncrziehung"). 2. Auflage. Preis 3 M. Mneliel, Th.. Rektor in Berlin, Kinder-Gnrken-Fibel. Illustriert von Oskar Pletfch. Kartoniert 1 M- keriollt der Londerkomitess IX der „Doutsollen prsuen-^bteilung bei der " Stellung in Dkivsgo 1893" über Krippen, Kindersollntrvereine, Ober! Lowallranstalten, Dröbsl'sells Kindergärten, Kindsrllorts und Xnst Xusllildnng von Kleinkinder - Krriollorionsn unter Ujtvvirkung ' Dsnriette Lollradsr n. a., bearbeitet von Droksssor Dr. Dugsn keim, Kmanusl Vogslgssang und Otto danke. Kreis 5 N. Dohltt, H., Vorsteher einer höheren Knabenschule in Berlin, Unsere Kinder und Schule. Blicke in die Praxis der Kindererziehung. 4. Auflage. Ettgel, Ernst, Das erste Schuljahr. Gekrönte Preisfchrift der Diestcrwcg-1 Ein Beitrag aus der Schule — für die Schule. Preis 1 M. 60 Pfg. ForlÜNg, Therese, Fingerspiele und Sanügymnastik. 2. Auflage. Preis 61 Grttjs, Chr., Muklerlielle. Ein Weihegeschenk. Dichtungen. 3. vermehrt Elegant gebunden 3 M. Htzttvli, iVilll., Ortsscllulinspektor und Rektor in liotksnditmold-Kassel, si, kose-, 8okrsib- und Sprsoll-IIntsrrivllts in der silementarklasse arbeit. Kreis 1 N. Aallfcher, Dr. S., Arzt für Nervenkrankheiten. Was können nur für den ' und die Erziehung unserer schivachllegabten und schwachsinnig thun? Preis 50 Pfg. Ueitthe, Wilhelm, Rektor in Berlin, Die Unterweisung und Erziehung schw (schwachbefnhigter) Kinder. Bericht über eine im Auftrage der „D i Stiftung zu Berlin" unternommene Reise zur Besichtigung von schwachsinnige Kinder in einigen Städten Deutschlands. Preis 2 M. Druck der Frcyhoffschcn Buchdruckern in Nanen. -^4 -» WM »^., ,-, >. S^i' r» SMM MMÄ MWtzSLVM ^2^22ÄV?^ MVA'VL'-'rV ^ MÄN^ ZW ^«^MÄ8L«-Z N-S8ÄM MÄZFZ ^^WWM- ^WßWMM .NMÄW M-M LAKL WW ^'«1- 'E lEOW LMM E^'-- Ä-' ^ i^-SL- ^ ,.