Elternhaus und Schule und deren Mlimmkimirkeii bei -er Ermhung -er Kinder. ' ^ Zm Auftrage der Bezirks-Lehrer-Konferenz versasst van Dlodert Schwarz» Ü b u n g s s ch n l s e h r e r in St. Polten. S^ssis pro ErempL'ar 10 kr. 25 Exemplare 2 fl. 25 kr., 50 Exemplare 4 fl., 100 Exemplare 7 fl., 500 Exemplare 30 fl. II 8 700 ^ Wien, Verlag von Karl Graeser. idemiestrasre 2 0. Elternhaus und Schule und dcrcn Zilsainiiltnimkkil bei der Eyiehung der Kinder. Im Luftrage der Bezirks-Leljrer-Aonferenz verfasst van Uodert Schwarz, ü b n n q ß s ch u ll e h r e r in St. Polten. ^reis pro Lremplar 10 kr. 25 Exemplare 2 fl. 25 kr., 50 Exemplare 4 fl., 100 Exemplare 7 fl., 500 Exeinplare 30 fl. Wien, WtLlOLLLLLiE Verlag von Karl Graeser. I. Akademiestraße 2 d. L 8 K. k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker L Schickardt, Brunn Vorwort arüber ist die gesammte Lehrerschaft einig, dass die jeweiligen Erziehungs- und Unterrichtserfolge der Schule vielfach durch die Verhältnisse des Elternhauses bedingt werden. Durch günstige Einslussnahme auf das Elternhaus vermag man also ohne Zweifel die Schule zu fördern und dem allgemeinen Wohle zu dienen. Dies war der treibende Gedanke bei der Abfassung der vorliegenden Schrift. Nach der Idee des Verfassers soll dieses Büchlein von den löblichen Bezirksschulräthen, Ortsschulräthen, Gemeindevertretungen u. s. w. in größeren Partien angekauft und den betreffenden Lehrern zu dem Zwecke eingehändigt werden, damit dieselben das Büchlein bei der Aufnahme der Kinder in die Schule oder bei sonstigen Gelegenheiten an die Eltern vertheilen. Damit der Geldstandpunkt bei der Anschaffung des Büchleins kein Hindernis abgebe, hat der Verleger des Werkchens den Preis desselben trotz der schönen Ausstattung außerordentlich niedrig gestellt. Auch lässt sich erwarten, dass viele Eltern den bezüglichen Geldbetrag bereitwilligst erlegen werden, wenn man dies eben wünscht oder gestattet. An die genannten löblichen Behörden sei nun die ergebenste Bitte gerichtet, das Büchlein gütigst beachten und im Falle der Zustimmung zu dessen Inhalt und Tendenz die Verbreitung desselben in der oben angedeuteten Weise fördern zu wollen. Ebenso seien die geehrten Collegen und Colleginnen im Berufe um wohlwollende Ausnahme des Büchleins und Förderung des ganzen Unternehmens freundlichst gebeten. St. Pölten, November 1888 . Seite Vorwort .......... 3 >1. Einleitung . 5 2. Der gute Wille .......... 6 3. Das gute Beispiel. 7 4. Die Liebe - - - - - - - - - 8 5. Die Gewöhnung ... ..... 9 6. Einigkeit.10 7. Gehorsam . ........ 11 8. Ordnung. ... 12 9. Reinlichkeit .......... 12 1V. Wvhlanständigkeit. 13 11. Genügsamkeit - - ..... 14 12. Liebevolle und werkthätige Theilnahme ...... 15 13. Gewissenhaftigkeit ......... 16 14. Spiel und Arbeit .......... 17 »15. Schule und Lehrer .... ..... 19 >16. Aufgabe der Schule.20 <17. Schulpflichten ........... 21 18. Gemeinde und Schute ......... 24 19. Schluss..24 j. Einleitung. Ein Mensch ohne Erziehung und Bildung ist wie ein Baum ohne Frucht; derselbe kann weder Gott noch seinen Mitmenschen gefallen, weder der ewigen Bestimmung entsprechen noch in der menschlichen Gesellschaft etwas taugen. Und wie der unfruchtbare Baum ausgestoßen und vernichtet wird, so muss auch ein solcher unfruchtbarer Mensch einsam und freudlos durchs Leben gehen, und alles Ungemach dieser Erde droht am meisten ihm. Es ist Gottes Wille, dass wir unausgesetzt an der Ausbildung unseres Verstandes und Charakters thätig seien; dazu gibt uns Gott ja die bildungsfähige Seele. Aber auch die bürgerliche Brauchbarkeit des Menschen fordert Erziehung und Bildung; ohne solche kann der Mensch sein Fortkommen heutzutage nicht mehr finden. Wie Vater und Mutter verpflichtet sind, für das leibliche Gedeihen der Kinder Sorge zu tragen, so haben sie auch die Pflicht, ihre Kinder zu verständigen und gottesfürchtigen Menschen zu erziehen. Wie aber schon die Herbeischaffnng des täglichen Brotes den Eltern- oft nicht leicht wird, so wird ihnen die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder aus verschiedenen Gründen häufig ganz unmöglich. Damit nun der Jugend die geistige Führung und Pflege nicht fehle, dass mit dem Körper also auch der Geist allmählich wachse und gedeihe, dass der junge Mensch nicht nur immer größer und kräftiger, sondern auch immer verständiger, geschickter und sittlicher werde, — zu diesem Zwecke hat der Staat die Volksschule geschaffen und als allgemeine Erziehungs- und Unterrichtsanstalt eingerichtet. Die Schule übernimmt die Kinder aber erst dann, wenn dieselben das sechste Lebensjahr vollendet haben. Die Erziehung der Kinder in der vorschulpflichtigen Zeit liegt also ausschließlich in den Händen der Eltern. Und auch während der Schuljahre wird die erziehliche Gewalt und Einwirkung des Elternhauses fortdauern. Daraus ist nun leicht zu schließen, dass die Schule nur dann zu recht guten Erfolgen wird gelangen können, wenn das Elternhaus in den sechs ersten Lebensjahren des Kindes einen guten Grund gelegt oder wenigstens nichts verdorben hat, und wenn Vater und Mutter während der Schulzeit die Wirksamkeit der Schule nicht nur nicht schädigen und aufheben, sondern nach Kräften unterstützen und fördern. Wie also Haus und Schule dasselbe Ziel anstreben, nämlich das zeitliche und ewige Glück des Kindes, so müssen Haus und Schule auch 6 einig sein und bleiben in ihren Mitteln und Wegen zur Erreichung dieses Zieles. Zu dein Zwecke nun, dass eine solche Einigkeit, ein solches gleiches und sruchtbares Streben z w i s ch e n S ch n l e und Haus zustande komme und bestehen bleibe, zu diesem Zwecke richtet die Schule an euch, Vater und Mütter, in der Stunde, da ihr euer Kind der Schule übergebt, die folgenden Worte. Warme Liebe für das Wohl eurer Kinder liegen diesen Worten zugrunde; die Schule hat keine andere Absicht, kein anderes Streben, als euch und euren Kindern so viel als möglich zu nützen. Vater und Mütter, ihr werdet deshalb die Hand, die euch hiemit geboten wird, nicht verschmähen und die folgenden Worte nicht unbeachtet lassen! 2. Der gute Wille. Das Beste auf der Welt ist ein guter Wille. Der Mensch, der das Gute wirklich ernstlich will, ist nicht nur Gott wohlgefällig, sondern auch eine Freude seiner Mitmenschen; ebenso wird er nicht bloß andern zum Glücke leben, sondern auch selber glücklich sein. Der gute Wille bewahrt den Menschen vor Fehlern und Schlechtigkeiten und erhält demselben so die Unschuld und Heiterkeit seiner Seele; der gute Wille führt den Menschen ferner stets zu neuen Kenntnissen und Fertigkeiten und fördert und sichert so sein leibliches Wohlbefinden; der gute Wille macht den Menschen endlich geneigt, nach Kräften auch anderen zu nützen, namentlich die ihm auferlegten Pflichten recht und getreu zu erfüllen und erwirbt demselben so das Wohlgefallen und die Liebe seiner Mitmenschen. Wenn nun schon jeder Mensch eines guten Willens sein soll, so gilt dies umsomehr von Vater und Mutter. Groß und schwer sind die Pflichten, welche die Eltern als Erzieher ihrer Kinder von Gott übernommen haben, und ein strenges Gericht ist namentlich den Erziehern angedroht: „Wer eines aus diesen Kleinen ärgert (d. h., wer irgendwie Schuld trägt, dass es sündiget), dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde." So ließ sich einst Christus vernehmen. Die Eltern werden häufig selber noch vieles lernen, gar oft selber guten Rath suchen und annehmen und vielleicht in manchen Stücken erst selber besser werden müssen, um ihren Kindern in rechter Weise Erzieher und Vorbild sein zu können; sie werden ferner sich viele und vielerlei Genüsse versagen müssen, damit ihre Kinder an dein Nöthigen niemals Mangel leiden. Und was wird den Eltern Kraft geben, neben ihrer Sorge um das tägliche Brot noch ihre Erzieherpflichten recht erfüllen zu können, was wird ihnen diese Pflichten sogar leicht und genussreich machen? Ihre Liebe zu den Kindern und ein guter Wille! 3. Das gute Beispiel. „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen." „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." „Wie der Herr, so der Knecht." — Diese und viele andere Sprichwörter sagen uns, dass Kinder meistens die Gewohnheiten ihrer Eltern annehmen. Diese Thatsache ist so allgemein, dass sie wohl jeder Erwachsene zu seinen persönlichen Erfahrungen zählt. Oft findet man sogar, dass Kinder ihre Eltern bis in die kleinsten Einzelheiten nachahmen, und man hört dann wohl freudig oder bedauernd ausrufen: „Der ganze Bater!" oder „Die ganze Mutter!" Freudig oder bedauernd hört man diese Worte aussprechen. Denn wie sich das Gute von den Eltern auf die Kinder forterbt, so verhält es sich leider auch mit dem Bösen. Ja, es scheint sogar, als ob das Böse viel leichter angenommen und angewöhnt werde, als das Gute. Daraus geht nun klar hervor, dass es die heiligste Pflicht der Eltern ist, dafür zu sorgen, dass die Kinder im Hause nur Gutes sehen und hören. Vor allem sollen Vater und Mutter in ihrem ganzen Thun und Lassen ihren Kindern das Gute vorleben, und dann sollen die Eltern auch mit aller Sorgsamkeit darauf achten, dass auch seitens der Dienstleute, Spielgenossen u. s. w. kein schlechtes Beispiel gegeben werde. . Alles, was die Eltern als gut und schön erkennen, müssen sie in ihrem Denken, Reden und Handeln erst selber befolgen; und alles, was sie für gemein und schlecht und schädlich ansehen, müssen sie erst sorgfältig von sich selber ferne halten. Auch wird es gut sein, wenn sich Vater und Mutter nicht immer auf ihr eigenes Urtheil verlassen. Gar oft werden es andere Menschen besser wissen und besser machen; und wahrlich, nur ein Thor könnte sich schämen, auch in späteren Jahren noch zu lernen, guten Rath anzunehmen, andere im Guten nachzuahmen. Wenn in einem Hause Reinlichkeit, Ordnung und Pünktlichkeit herrschen; wenn freudiger Gehorsam, Wohlanständigkeit, Friedfertigkeit und Arbeitsamkeit von jedem gefordert und beobachtet werden; wenn ferner alle Bewohner in ihrem Thun und Lassen Einfachheit, Genügsamkeit, Gerechtigkeit und liebevolle Theilnahme üben und bewahren; wenn 8 sich aufrichtiges Wohlwollen endlich auch dem Thiere zuwendet: dann ist das Gedeihen der Kinder gesichert, und ein solches Haus ist in Wahrheit ein Tempel Gottes. Das Gegentheil wäre des Hauses und der Kinder Unglück. Wenn man schließlich noch bedenkt, dass Gewohnheiten nur sehr schwer wieder abzulegen sind, dass sie, wie man sagt, zur zweiten Natur werden, und dass namentlich Gewöhnungen aus der frühen Jugend am festesten haften, so kann man wahrhaftig nichts für nöthiger erkeüncn und mit mehr Eifer und Ausdauer anstreben, als gute Beispiele und Vorbilder in allem Wichtigen für die Jugend. — Die Liebe. Das gute Beispiel ist nicht zugleich auch die bewegende Kraft, welche die Kinder antreibt, diesem Beispiele nachzufolgen. Denn das Gute ist nicht immer auch das Leichte und Angenehme; auch hat ja das Kind noch kein Urtheil über Gut und Böse, ebenso noch kein sittliches Streben. Das Kind sucht meistens das Leichte und Angenehme, auch wenn dieses nicht das Richtige und Sittliche ist. Und wer wollte dem Kinde darum zürnen, da es ja in der Schrift auch von dem Erwachsenen ganz richtig heißt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach." Es handelt sich also darum, einen Beweggrund zu schassen, der dem jungen Menschen die Kraft verleiht, dem guten Beispiele und Vorbilde auch dann zu folgen, wenn es ihm Überwindung und Selbstverleugnung kostet. Dieser Beweggrund ist nun die Liebe. Aus Liebe zu den Eltern überwindet das Kind seine Neigung, sein Verlangen, und — unter Thränen lächelnd — thut es, was ihm Beispiel oder Gebot auferlegen. Diese Liebe ist auch der einzig ausreichende und echt christliche Beweggrund zur Nachfolge im Guten. Schon in der Schrift heißt es: „Nur wo man aus Liebe gehorcht, dort wird das Gesetz wahrhaft erfüllt." Und diese Liebe der Kinder ist die natürliche Folge, der Widerschein der Elternliebe. Wenn die Eltern den Kindern Liebe entgegenbringen, so lohnen die Kinder sicherlich wieder mit Liebe. Unter Elternliebe ist aber keineswegs zu verstehen, dass das Kind des Tages mehrmals abgeküsst und gehätschelt werde, dass man demselben jeden Willen erfülle, und dass man durch Kindischsein dasselbe beruhige, unterhalte und zum Lachen bringe. In dieser Sache wird oft schwer gefehlt. Die rechte Elternliebe besteht allein darin, dass sie aus vernünftige Weise das Gedeihen des Kindes will und anstrebt. 9 Vater und Mutter sollen nie vergessen, dass sie dem Kinde auch Achtung einflößen müssen. Geduld und liebevolle Theilnahme dürfen nie versiegen, und für die Kinder müssen Vater und Mutter immer Zeit haben; niemals sollen die Kinder unfreundlich behandelt und barsch abgewiesen werden, namentlich seien Schimpfwörter und körperliche Strafen ängstlich vermieden; Ernst mit Heiterkeit gepaart sei und bleibe die Art und Weise des Verkehrs, und unschuldige Freuden und Vergnügungen seien den Kindern stets von Herzen vergönnt. Aber die Eltern sollen sich auch niemals scheuen, dem Kinde zu versagen, was demselben nicht heilsam und dienlich ist; sie sollen aus falscher Liebe und Zärtlichkeit ihren Kindern nicht stets Mühe und Schmerz ersparen und bei jeder Kleinigkeit trösten, lindern und helfen wollen; und in allem, was Vater und Mutter wollen, verlangen und thun, seien sie einig, entschieden und unwandelbar. Ist es so, dann wird der Knabe überall, wo er auch sei, „der ganze Vater" und das Mädchen „die ganze Mutter" sein. Die ganze Familie ist dann nur ein Wille; und was das Beste ist: diese Liebe erlischt nie im Herzen der Kinder, sie bleibt ihnen als theures Vermächtnis ihrer Eltern und als treuer Schutzgeist vor allem Gemeinen und Schlechten bis aus Ende ihrer Tage. — ö. Die Gewöhnung. „Jung gewohnt, alt gethan." Die große Macht der Gewohnheit hat jeder an sich selbst schon erfahren. Gewohnheit erweist sich meistens stärker als Überzeugung und Wille. Und wenn der Mensch bei schlimmen Gewohnheiten auch seinen guten Namen, Hab und Gut und Gesundheit einbüßen und seinen unvermeidlichen Untergang vor sich sehen sollte, er fährt dennoch gewöhnlich fort, zu thun, wie er gewohnt ist, und zwar nicht deshalb, weil er nicht anders handeln will, sondern weil er nicht anders handeln kann. Was kann darum wichtiger sein, als bei den Kindern schon in der frühen Jugend aus gute Gewöhnung zu achten! In der Jugend ist das Gewöhnen auch noch nicht schwer. Körper und Geist sind viel bildsamer und gelehriger als in späteren Jahren; das Böse wurzelt noch nicht fest und kann leicht ausgerodet werden; das Schwere wird minder schwer, weil die Elternliebe helfend zur Seite steht. Wie geschieht nun dieses Erzeugen von guten Gewohnheiten bei den Kindern? Haben Vater und Mutter gute Gewohnheiten, so werden solche auch bei den Kindern entstehen. Allerdings bedürfen die Kinder einer 10 liebevollen Nachhilfe, denn „das Fleisch ist schwach." Die Kinder müssen so oft als nöthig durch gütige Worte angehalten, ermähnt und ermuntert und, sobald sie es verstehen können, auch auf das Nützliche und Schöne und Ehrbare hingewiesen werden. Mangeln aber den Eltern selber die guten Gewohnheiten, so erwarte man solche auch nicht bei den Kindern. Was man selber nicht besitzt, kann man doch einem andern nicht geben, und Worte allein haben keine Wirkung. Große Strenge, Härte und körperliche Züchtigung werden meistens mehr schaden als nutzen. Bei gehöriger Sorgfalt in der Erziehung wird man so strenger Zuchtmittel niemals bedürfen. Und sind die Kinder schon verderbt, dann werden sie durch solche Mittel auch nicht gebessert. Nur die rechte Liebe wird auch hier gute Wirkung thun, denn „die Liebe überwindet alles." Welche guten Eigenschaften sollen sich nun die Kinder durch Gewöhnung vor allen anderen erwerben? Am wichtigsten sind ohne Zweifel die sittlichen Grundtugenden, ohne welche ein Mensch weder brauchbar noch achtenswert erscheint: Gehorsam, Ordnung, Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Wohlanständigkeit, Arbeitsamkeit, Dienstfertigkeit, Mitleid und Mitfrcude, Einfachheit, Genügsamkeit, Duldsamkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit u. s. w. In den Kinderjahren kann der Mensch freilich noch keine Vollendung in diesen Tugenden erreichen. Was aber geschehen kann, das soll auch geschehen. 6. Einigkeit. Wenn Vater und Mutter in der Erziehung ihrer Kinder nicht einig sind, wenn beide nicht übereinstimmen in dem, was sie wollen und thun, dann ist die Erziehung schlecht bestellt. Die Kinder müssen dann irre werden; sie kommen nie zur Kenntnis des Rechten und Wahren und von guter Gewöhnung kann keine Rede sein; sie folgen nur dem Zwange und wählen im übrigen stets das Leichte und Angenehme; sie verlieren schließlich alle Liebe und Achtung für die Eltern, und in ihrem Herzen keimt vielfach der Same des Bösen. Der Vater hat z. B. dem Knaben für einen strafbaren Fehltritt - Brot und Wasser als Mittagmahl bestimmt; die Mutter aber steckt dem Knaben aus falscher Liebe und einzeiligem Mitleide heimlich Leckerbissen zu. Zuweilen wird sogar das Kind geradezu zu einer Lüge aufgefordert. U. s. w. Alles dieses muss nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern verderblich werden. Gegenseitige Achtung und Liebe schwinden 11 immer mehr aus dem Hause, Unfriede und Verwirrung aber wachsen, und die Kinder werden nicht zu einer Stütze der alten Tage ihrer Eltern, sondern zu einer Plage, zu einer Geißel. Mögen die Eltern nun reich oder arm, vornehmen oder geringen Standes sein; wirklich glücklich oder unglücklich werden sie stets erst durch ihre Kinder. Wer das nicht glaubt, der möge nur in die Familien einwenig hineinschauen; er wird das Gesagte gar bald als eine allgemeine Thatsache anerkennen. Mögen also auch die Mühen und Sorgen des Lebens schwer aus den Eltern lasten, so müssen die letzteren dennoch Zeit finden für ihre Kinder. Sie müssen den rechten Weg der Erziehung suchen, nöthigenfalls mit dem guten Rathe anderer, und dann im bleibenden Einverständnisse handeln. Das verlangt ihre Pflicht, und das verlangt ihr und der Kinder Wohlergehen. 7. Gehorsam. Gehorsam ist der Grundstein der Erziehung und der Sittlichkeit. Während der Kinderjahre ist der Wille der Eltern das Gesetz der Kinder; und wenn Verstand und Vernunft erwacht sind, so muss der Mensch jener Stimme Gottes lauschen und gehorchen, die in unserem Innern spricht und uns zeigt, was gut und was böse ist. Williger und freudiger Gehorsam ist das erste, was die Eltern ihr Kind lehren müssen. Und wie schon früher gesagt, ist die Liebe zwischen Eltern und Kindern der beste Beweggrund zu dieser willigen und freudigen Nachfolge. Aber diese Liebe wird doch nicht in allen Fällen ausreichen und jedes andere Mittel entbehrlich machen. Das Kind soll z. B. etwas thun, was ihm schwer fällt. Da wird es trotz seiner Liebe zu den Eltern zögern, vielleicht weinen. Aber ein gütiges Wort des Vaters oder der Mutter wird das Kind schnell zum Gehorsam zurückführen, und das Zögern wird bald nicht mehr wiederkehren. Würde man aber aus falscher Liebe dem Kinde seinen Willen lassen, so wird sich dieses Zögern beim Gehorchen gar bald wiederholen, der Ungehorsam wird Wurzel fassen, und das Kind wird eines Tages wohl gar zur Antwort geben: Ich mag nicht! Dann ist bei der Erziehung schon viel versäumt worden, und die Eltern haben durch doppelte Sorgfalt und Achtsamkeit schon vieles gut zu machen. Das Kind muss eben seine Triebe und Neigungen beherrschen lernen; es muss sich willig und freudig dem Willen der Eltern unterwerfen, es darf nur dasjenige wollen, was Vater und Mutter wollen. Nur auf solche Weise wird der Mensch zum Gehorsam gegen die innere Stimme, die Stimme der Erkenntnis und des Gewissens, geführt. 12 Diese Führung zum Gehorsam muss in jener Zeit beginnen, wo das Kind anfängt zu hören und zu gehen. Sobald das Kind gerufen wird, muss es zu Vater und Mutter eilen und freudig sagen: Dabin ich, liebe Mutter! oder: Was wünschest Du, lieber Vater! Dies muss geschehen zu jeder Zeit, ob das Kind im selben Augenblicke heiter oder traurig, ob es mit Spiel oder Essen beschäftigt gewesen war. Aber je gehorsamer sich das Kind zeigt, desto mehr Freiheit soll es genießen. Es wird die gestattete Freiheit gar selten missbrauchen. 8. Ordnung. „Lerne Ordnung, übe sie! Ordnung spart dir Zeit und Müh'!" Ordnung in Sachen und Lebensverrichtnngen spart nicht bloß Zeit und Mühe, sondern auch Geld und Gesundheit, und die Eltern werden nicht unterlassen dürfen, die Kinder von Jugend auf an Ordnung zu gewöhnen. Selbstverständlich wird dies am besten gelingen, wenn im ganzen Hanse Ordnung herrscht, wenn jedes Ding seinen bestimmten Ort und jede Verrichtung ihre bestimmte Zeit hat. Sobald das Kind gehen kann, leite man es an, Ordnung zu halten. Wenn das Kind aufhört zu spielen, so soll es jedesmal sein Spielgcräth an den dazu bestimmten Platz bringen und so verwahren, wie es dasselbe gelehrt worden ist. Ebenso halte man es mit den Kleidern des Kindes, mit Zimmer-, Hans- und Gartengeräthen. Auch in allen Verrichtungen, im Aufstehen und Schlafengehen, in den Mahlzeiten und Beschäftigungen, im An- und Auskleiden, Waschen und Reinigen kann und soll bestimmte Ordnung herrschen. Im Ordnunghaltcn zeigt sich auch Verstand und Sinn für das Schickliche und Schöne. Man lasse die Kinder urtheilen, welcher Platz für ein bestimmtes Ding der passende sei, u. s. w. Warum sollen z. B. in einem Zimmer Möbel, Geräthe und Bilder nicht schicklich vertheilt, gestellt und aufgehängt sein? Es kostet doch nichts und ist angenehm für das Auge. Znr Ordnung gehören endlich auch Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. Es gibt im Hause vielfach Gelegenheit, die Kinder auch hierin zu üben. 9- Reinlichkeit. „Reinlichkeit sei meine Freude; sie ziert mehr als Gold und Seide." Reinlichkeit ist die Gewohnheit, seinen Leib und alles Eigenthum von Schmutz und ekelhaften Dingen freizuhalten. In vielen Häusern ist die Reinlichkeit noch nicht ausreichend. Die Reinigung des Körpers, der Wäsche und der Kleider, des Zimmers 13 und des ganzen Hauses und Hofes wird zu oberflächlich und nicht häufig genug vorgenommen. Es ist schon wahr, viele Beschäftigungen der Erwachsenen machen die Reinhaltung des Körpers und des ganzen Besitzes oft schwierig, und es mangelt oft die nöthige Zeit zu gründlicher Reinigung. Aber es geschieht auch das häufig nicht, was geschehen könnte. Die Kinder laufen des Tages hundertmal bei der Hofpumpe vorbei; sie haben aber dennoch Gesicht, Hände, Hals und Füße voller Schmutz; die Haare bleiben oft wochenlang ungekämmt; die Kleider werden kaum alle Monate einmal ausgeklopft und ausgebürstet, und in Zimmer und Küche, in Haus und Hos kommt es zu einer gründlichen Reinigung im Jahre oft nicht häufiger als einmal. In jedem Hause gibt es täglich solche Stunden, wo ein Paar Hände feiern; und die Kinder haben häufig viel freie Zeit. Vater und Mutter brauchen also nur ernstlich wollen, ein gutes Beispiel geben und Kinder und Hausleute zur Reinlichkeit anhalten, und es wird im Hause gar bald freundlicher und menschenwürdiger aussehen. Reinlichkeit ist ja auch halbe Gesundheit. Je öfter der Körper durch Waschen erfrischt wird, je häufiger Kleider, Betten und Zimmer gereinigt und gelüftet, und je reinlicher auch Speise und Trank zubereitet werden: desto fester und dauernder ist die Gesundheit und desto rascher und sicherer die Genesung von einer Krankheit. Wenn also Reinlichkeit so viel Nutzen schafft und dabei nichts weiter kostet, als eine kleine Bemühung, warum sollten wir uns nicht daran gewöhnen! Und wer keinen Schmutz aus seinem Körper und in seiner Wohnung duldet, der wird auch keinen sittlichen Schmutz an sich leiden mögen und auch seine Seele nach Möglichkeit rein halten und bewahren. ^0. Wohlanständigkeit. „Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land." „Ein gutes Wort findet einen guten Ort." Unter Erziehung und Bildung versteht man nicht bloß die Bildung des Verstandes und Willens, sondern auch die Gewöhnung an Anstand und Sitte. Rohes Betragen ist so abstoßend, wie Unreinlichkeit an Körper und Kleidung. Dagegen ist Wohlanständigkeit überall wohlgelitten, und gar mancher hat sich durch dieselbe schon sein Lebensglück gegründet. Es ist aber auch natürlich. Uns gefällt Schönheit und Feinheit ja schon an jedem Dinge; warum sollten wir kein Wohlgefallen haben an Schönheit und Feinheit in Sprache und Benehmen? Schön und reich kann nicht jeder sein; auch durch Wissen und Kunst kann nicht jeder glänzen; ebenso kann nicht jeder hohen Stand 14 und Würden ausweisen. Aber artig und höflich kann jeder sein; durch Bescheidenheit und Anstand kann sich jeder auszeichnen, kann sich jeder Freunde machen. Die Eltern haben also die Pflicht, ihre .Kinder an Anstand und feinere Sitte, mindestens aber an die einfachen Formen der Artigkeit und Höflichkeit zu gewöhnen. Die Kinder sollen wenigstens ordentlich grüßen, bitten und danken können; sie sollen sich weder in Sprache und Gebcrde, noch in Gang und Haltung roh und lümmelhaft zeigen; sie sollen in Gegenwart Erwachsener nicht vorlaut und aufdringlich, überhaupt niemals launenhaft und heftig, dagegen immer heiter, theilnehmend und hilfbereit sein. Auch hier wird natürlich das gute Beispiel der Eltern nöthig sein, wenn die Kinder Wohlanständigkeit lernen und gewöhnen sollen. Genügsamkeit „Maßhalten ist das Beste." „Wohlgeschmack bringt Bettelsack." „Frohsinn, Mäßigkeit und Ruh' schließen dem Arzt die Thüre zu." Genügsamkeit ist ein Hauptmittel zu einem langen und glücklichen Leben. Der Genügsame wird nicht leicht in Noth kommen oder krank werden; häufig aber wird er zu Wohlstand und Ansehen gelangen und bis in das Greisenalter die Heiterkeit und Gesundheit der Jugend bewahren. Gegen die Genügsamkeit sündigt heutzutage fast jeder Mensch; deshalb ist auch überall so viel Elend und Jammer. Kein einziger Mensch begnügt sich mit jener Nahrung und Kleidung, mit der er wirklich auskommen könnte; jeder will nur immer gut essen und trinken und sich kleiden und putzen, wie es die Mode vorschreibt. Dazu kommen dann noch andere unsinnige Gewohnheiten, welche Geld und Gesundheit verzehren und dafür Armut und Krankheit in die Welt schaffen. Auch den Kindern reicht man anstatt einfacher, gesunder Kost Näschereien, Leckereien, Fleisch im Übermaß, Kaffee, Thee und geistige Getränke und wundert sich dann, wenn dieselben bleich aussehen, schlechte Zähne und allerlei krankhafte Zustände bekommen, reizbar und launenhaft werden. Um gesund und kräftig bleiben zu können, genügen dem Menschen sicherlich Brot und einfache Mehlspeisen, Milch, Butter und Käse, Obst und Gemüse, Hülscnfrüchte, Eier, etwas Fleisch, als Würze das Salz und als Getränk das Wasser und für den Erwachsenen hie und da ein Glas Bier oder Wein. Kaffee, Thee, sämmtliche fremdländischen Gewürze, alle NüschcrcKn und Leckereien, Tabak, Brantwein, alles Übermaß von Fleisch, Bier und Wein n. v. a. müssen hingegen als überflüssig und zum größten 15 ) Theil schädlich bezeichnet werden. Dazu kommt noch, dass die meisten 'der genannten Artikel häufig gefälscht oder ganz künstlich erzeugt sind. Ein ebenso verderblicher Lnrus herrscht allgemein in Kleidung und Putz. Der Reiche und Vornehme kann und darf sicherlich mehr Geld ausgeben für Nahrung und Kleidung; aber der gewöhnliche Arbeitsmann, Handwerker und Bauer u. s. w. sollten doch vernünftig sein, sich auf das wirklich Nothwendige beschränken und etwa übriges Geld ' lieber in die Sparcassa tragen. In der Beschaffung der Wohnung findet man hingegen meistens nnzeitige und unvernünftige Sparsamkeit. Hier aber soll der Mensch nicht sparen; denn eine geräumige, hohe, lichte, lustige und genügend eingerichtete Wohnung fördert nicht nur die Gesundheit, sondern auch das häusliche Glück. In einer engen, feuchten, dumpfigen und finsteren Stube kann sich der Mensch nimmer Wohlbefinden; kein Wunder, wenn er sich dann an die Wirtsstube gewöhnt. Genügsamkeit fordert endlich auch, dass wir in der Menge Maß halten, dass wir auch von den genannten, einfachen Speisen nur soviel und so oft genießen, als wir znin Leben bedürfen, und dass wir auch in allen übrigen Genüssen, in Ruhe und Schlaf, in Spiel und Vergnügen, wie auch in dein Streben nach Lob und Ehre, nach Besitz und Macht bescheiden und mäßig bleiben. Manche Leute glauben, es sei lieblos, die Kinder auf die genannten, einfachen Speisen zu beschränken und an bestimmte, regelmäßige Mahlzeiten zu gewöhnen. Nein, dies ist gerade ein Beweis von Liebe, Klugheit und Weisheit. „Salz und Brot macht Wangen roth." „Hunger ist der beste Koch." „Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß (Was ich nicht kenne, nach dem hab' ich kein Verlangen)." (2. Liebevolle und werkthätige Theilnahme. „Du sollst Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst lieben!" „Jeder ist dein Nächster." „Der Gerechte erbarmt sich auch der Thiere." An der liebevollen und wcrkthätigen Theilnahme erkennt man echtes Christenthum und wahre Menschlichkeit. Wir sollen Leid und Freude mit unseren Mitmenschen theilen und willig helfen, soviel in Unsern Kräften steht. Wenn auch ein solches lebendiges Mitgefühl heutzutage nicht besonders geachtet, zuweilen sogar verspottet wird, und auch nicht gar häufig vorkommt, so ist es dennoch der schönste Schmuck 16 eines Menschen und in Gottes Augen wahrscheinlich des Menschen größtes Verdienst. Es ist also gar kein Zweifel, dass gewissenhafte Eltern ihre Kinder auch zu solchen Gewohnheiten führen werden. Zu diesem Zwecke müssen im Hause Klatschen, Necken, Spotten, Zank und Thätlichkeiten möglichst vermieden, hingegen Freundlichkeit, Geduld und Dienstfcrtigkeit von allen beobachtet werden; Bettlern und Bittenden begegne man niemals hart und unfreundlich und helfe ihnen nach Möglichkeit; die Hausthiere behandle man ebenfalls mit Güte und dulde niemals, dass sie oder dass sonstige Thiere geneckt oder gequält werden. Wenn nun noch die Liebesgaben häufig durch die Hand der Kinder gereicht und diese veranlasst werden, willig und freudig auch sich selber etwas abzubrechen und damit andere zu betheilen, oder durch ihr Wissen oder ihre Kraft andern nützlich zu sein; so kann es nicht fehlen, dass die Kinder zu liebevollen Menschen heranwachsen, an denen Gott und die Mitmenschen ihr Wohlgefallen haben müssen. Es ist hier keineswegs gemeint, dass man die Müßiggänger füttern und die Leichtsinnigen aus selbst verschuldetem Unglück stets befreien müsse u. s. w. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen," und „Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen." Aber demjenigen, Verwirklich und ohne seine Schuld dürftig und elend ist, dem sollen wir Mitleid und Hilfe nicht versagen; desgleichen sollen wir uns ohne Neid des Glückes anderer Menschen freuen und dasselbe nach Möglichkeit fördern. „Mit dein Maße, mit dein ihr ausmesset, wird euch cin- gemessen werden." sZ. Gewissenhaftigkeit. Sittlicher Ernst und Gewissenhaftigkeit sind heutzutage ziemlich selten geworden. Anstatt in der Erfüllung der Pflichten seines Standes und Berufes seinen Lebenszweck zu erblicken, lebt der Mensch meistens nur dem sinnlichen Genusse. Arbeit und Pflichten zählt man allgemein zu den Lasten und Mühsalen des menschlichen Daseins; einfache, natürliche Vergnügungen gelten als schal und reizlos; ein vernünftiges Gespräch findet man abgeschmackt und langweilig, und ein Mensch, der wirklich Wahrheit und Treue übt und fordert, ist unbequem und gemieden. Es lässt sich nicht leugnen: Eine sich oft bis zur Gewissenlosigkeit steigernde Lauheit gegenüber den verschiedenen Pflichten ist ein hervorstechendes Merkmal der heutigen menschlichen Gesellschaft. Es ist darum eine heilige Pflicht der Eltern und Lehrer, durch gute Erziehung der Jugend eine Wendung dieses beklagenswerten Zustandes zum Besseren anbahnen und vorbereiten zu helfen. Jedes — 17 gesprochene Wort soll ein „Ehrenwort" sein, und jede, auch die kleinste Pflicht soll als „Ehrensache" angesehen werden. Dann werden Treue und Glauben mit allen wohlthätigen Folgen derselben in der menschlichen Gesellschaft wieder heimisch werden. Es liegt auf der Hand, dass auch die Erziehung zur Gewissenhaftigkeit schon in der frühen Jugend beginnen muss. Man zeige sich dem Kinde stets treu und wahr und in freudiger Hingabe an die verschiedenen Pflichten und fordere von dem Kinde ein Gleiches, Man dulde niemals Leichtfertigkeit und Unwahrheit in Rede und Handlung und sehe mit aller Strenge aus willige, pünktliche und volle Erfüllung übernommener Pflichten, so klein und unwesentlich dieselben auch sein mögen. Schon im vorschulpflichtigen Alter kann das Kind so weit gebracht werden, dass es einen Stolz daraus setzt, das gegebene Versprechen zu halten, bewiesenes Vertrauen zu rechtfertigen, mehr zu leisten, als gefordert und erwartet wird u. s. w. Aus solchen Kindern werden dann sicherlich verlässliche, vertrauenswürdige Menschen, an denen es heute so sehr fehlt. Das Leben des Menschen bleibt ja auch ohne vernünftige Bedeutung, wenn es nur auf irdischen Erwerb und aus sinnlichen Gennss gerichtet ist. Ebenso wird der Mensch niemals dauernd befreit sein von Sorge und Angst und Enttäuschung und seine Tage wahrscheinlich in Bitterkeit und Reue beschließen, wenn sein Sinnen und Streben in letzter Absicht nicht sittlicher oder, was dasselbe ist, menschlicher Vollkommenheit zugewendet ist. Nach diesem erhabenen Ziele Blicke und Schritte der Kinder zu lenken, möge darum die erste und liebste Aufgabe aller Eltern und Lehrer sein! ^>piel und Arbeit. Zu jeder Berufsarbeit des gesellschaftlichen Lebens gehört eine gewisse Befähigung, und diese Befähigung erlangen wir durch Arbeit an uns selbst. Jedes Organ des menschlichen Körpers muss sich bilden, das Gemüth muss sich sammeln, der Wille muss sich kräftigen, der Geist muss denken lernen und sich mit vielfachen Kenntnissen ausrüsten. Eine solche Arbeit hat nicht den Zweck, irgendeine Sache fertig zu stellen; sie soll nur den Menschen zur späteren Berufsarbeit tauglich machen. Diese Arbeit ist gewissermaßen eine Vorarbeit; sie ist hauptsächlich Aufgabe und Arbeit der Jugend. Diese Jugendarbeit ist von größter Wichtigkeit; die Eltern haben die Pflicht, die Kinder dabei zu leiten und zu unterstützen. Dies alles und zum Theil auch, wie diese Leitung und Unterstützung durch die 2 18 Eltern geschehen müsse, ist schon früher gesagt worden. ES sotten hier nur zwei Punkte, nämlich die Entwicklung des Körpers und des Denkvermögens, näher betrachtet werden. Ein kräftiger Körper und eine feste Gesundheit sind für den Menschen von größter Wichtigkeit; ohne diese ist er gehindert, sowohl im Arbeiten und Erwerben als auch im Genießen. Und zur Erlangung von Kraft und Gesundheit ist außer richtiger Ernährung und Körperpflege das beste Mittel die Arbeit. Die Arbeit der Kinder ist nun hauptsächlich das Spiel. Sobald das Kind Kraft in seinem Körper verspürt, beginnt es sich zu regen, und es hört nicht auf, sich zu bewegen, bis es diese Kraft verbraucht hat; dann ruht und schläft es wieder. Sobald das Kind stehen und gehen kann, läuft es hin und her, fasst die Dinge an, hebt die leichteren, schlägt mit denselben umher, wirft sie wieder weg n. s. w. Man sieht deutlich, das Kind will thätig sein, es will arbeiten bis zur Ermüdung. Es handelt sich jetzt nur darum, das Kind zu überwachen, dass es keinen Schaden nehme oder anrichte, und die Beschäftigung des Kindes so zu leiten, dass es Vergnügen und Nutzen dabei finde. Dies geschieht allerdings am besten durch passende Spielkameraden und durch allerlei Spiele, bei denen die Kinder reden, singen, lachen, laufen und umherspringen können. Aber auch allein wird sich das gesunde Kind meistens prächtig zu unterhalten wissen. Die Knaben peitschen, knallen, trommeln, trompeten; sie spielen Ball und rollen Kugeln; sie exercieren mit Gewehr und Säbel, sie hüpfen wie der Spatz, bellen wie der Hund, reiten auf dem Ltecken, fahren den Stuhl durchs Zimmer u. s. w.; die Mädchen betten die Puppe, kleiden sie an und au§, speisen sie, waschen, bügeln, kochen, tanzen u. s. w. Vernünftige Eltern werden sicherlich nicht gleich unwillig werden und schelten, wenn die Kinder beim Spiel einmal etwas laut werden, wenn die Kleider mitunter einen Fleck oder Riss bekommen, oder wenn sonst ein kleines Unglück geschieht. Was aber stets und strenge zu rügen ist, das ist Lüge, Unverträglichkeit, überhaupt sittliche Gebrechen. Selbstverständlich können die Kinder auch zu allerlei häuslichen Verrichtungen, die ihren Kräften entsprechen, herangezogen werden, und gewöhnlich sind die Kinder dabei willig und anstellig. Werden die Kinder größer, so werden ihre Spiele und Beschäftigungen sinniger. Die Kinder sind aufmerksamer, gesammelter, sie fangen au zu denken und zu überlegen; sie zeichnen und malen, sie bauen mit Sand, Lehm und Steinen u. s. w. Reiche Leute geben häufig viel Geld für Spielsachen aus. Man kann aber bemerken, dass die Kinder viel lieber Arme und Beine 19 gebrauchen als die Augen, dass sie sich mit Stecken und Peitsche, mit Kugel und Ball, mit Sand und Bausteinen, mit Säbel und Flinte viel lieber und nutzbringender beschäftigen und unterhalten, als mit theuren Bilderbüchern und anderen Schaustücken. So ist nun des Kindes Arbeit beschaffen. Dabei wird das Kind allmählich größer und kräftiger, der Körper wird gewandter und ausdauernder, die Sinne werden schärfer, das Gemüth bleibt andauernd heiter und der Wille erhält Kraft und Bestimmtheit. Das ist der Arbeit schöner Lohn. Während dieser Spielzeit erwacht auch der Geist des Kindes. Das Kind sieht, hört, tastet u. s. w. und lernt eine Menge von Dingen, Eigenschaften und Thätigkeiten kennen; es merkt sich die Namen, lernt allmählich selber sprechen; es sängt endlich an, zu betrachten und zu beobachten und zu fragen und kommt so zu eigenen Gedanken und Willensreguugen. Eine Hauptsache ist nun, dass die Kinder ordentlich sprechen hören ' und angehalten werden, selber ordentlich zu sprechen. Die Eltern müssen viel mit den Kindern sprechen, die Fragen der Kinder stets beantworten, zuweilen ein passendes Geschichtchen erzählen und dasselbe nacherzählen lassen; auch kleine Lieder und Räthsel thun immer gute Wirkung. Man rede und unterhalte sich unk den Kindern meistens von solchen Dingen und Vorgängen, die das Kind in Haus und Hof und Garten selber sehen kann, also von den Haustyieren, von den Vögeln des Gartens, vom Fischlcin im Bache, vom Frosch in der Pfütze, von den Erscheinungen, welche die Jahreszeiten mit sich bringen, vom Lernen und Arbeiten, vom Artigsein, selbstverständlich vielfach von Gottes Allmacht, Güte u. s. w. Die Kinder werden dadurch angeregt, selber zu beobachten und zu betrachten, und sie sammeln sich schon in dieser Zeit Kenntnisse und Grundsätze fürs Leben. Von Riesen und Zwergen, von Zauberern und Drachen, von Hexen, Feen u. s. w. den Kindern zu erzählen, kann nicht empfohlen werden; überhaupt sind Märchen als Erzühlstoffe für Kinder weniger geeignet. Wenn das Kind kräftig und gesund ist, wenn eS gehorchen gelernt hat, wenn es auf einfache Fragen ordentlich antworten kann, wenn es gerne aufmerkt, gerne etwas betrachtet, gerne erzählen hört, dann ist es zur Schule reif, und das Elternhaus hat seine Pflicht gethan. Will das Elternhaus noch etwas mehr thun, so gebe es dem Kinde zur rechten Zeit Tafel und Griffel und die nöthige Anleitung zum Gebrauche derselben. schule und §ehrer. Wenn für das Kind die Zeit des Eintrittes in die Schule herannaht, so wird in der Familie von Schule und Lehrer gewöhnlich häufig 2 * — 20 gesprochen. Und dies wäre recht schön und gut, wenn es eben in der rechten Weise geschehen würde. Wenn aber von Schule nnd Lehrer nur gesprochen wird, um das Kind zu schrecken, wenn man aus der Schul- stube einen Marterkaslcn und aus dem Lehrer einen Wauwau macht, dann hat man weder sich selber, noch der Schule genutzt, man hat gröblich gelogen, das Ansehen von Schule und Lehrer untergraben nnd das Wirken des Lehrers erschwert und geschädigt. Wie kann das Kind dann mit Freuden zur Schule gehen, zum Lehrer Vertrauen fassen und beim Unterrichte gesammelt sein, wenn es immer an mögliche Strafen und Martern denken muss! Und dann ist dies ja, wie schon gesagt, Unwahrheit. Der Lehrer bringt dein Kinde die Liebe eines Vaters entgegen; er hat keinen andern Willen, als das Kind zu erfreuen und allmählich verständiger und besser zu machen; er wirkt nur durch Liebe und Geduld, durch Ermunterung nnd Anerkennung; körperliche Strafen kommen nie vor, sind sogar gesetzlich untersagt. Die Schnle ist nicht nur durch das Gesetz bestimmt, eine Wohlthat für Eltern und Schüler zu sein, sie ist in ihrer jetzigen äußeren und inneren Einrichtung für die Kinder wirklich ein Ort der Freude. Die Lchrziminer sind gewöhnlich geräumiger, lichter nnd luftiger als die Elternwohnung; die Bänke sind bequem; die Unterrichtsknnst steht jetzt auf so hoher Stnse, dass das Lernen den Kindern leicht wird wie ein Spiel; die Dinge, von denen der Unterricht handelt, werden meistens wirklich vorgezeigt; der Wechsel der Lehrgegcnständc und eingeschobene Erholungspausen schonen die Kräfte, und Zeichnen, Singen nnd Turnen erhalten und mehren Lernlust und Heiterkeit. Wahrlich, die Schnle ist jetzt den Kindern ein zweites Vaterhaus und der Lehrer ein zweiter Vater der Kinder. Der Lehrer ist Vater des geistigen Lebens der Kinder; er facht den göttlichen Funken im Kinde zur Flamme an, aus dass dieselbe den Menschen für sein ganzes Leben erleuchte und erwärme. Wenn also Eltern im häuslichen Kreise von Schule und Lehrer reden, so geschehe es doch so, wie es der Wahrheit entspricht nnd ihr eigener Vortheil verlangt. s6. Aufgabe der Schule. Wenn der Mensch nur aus Gewohnheit das Gute und Rechte thut und sein Herz daran keinen Antheil hat, so ist seine Erziehung noch nicht vollendet. Der Mensch soll aus Grundsatz sittlich handeln, d. h. aus Liebe zur Sittlichkeit; er soll das Gute also nicht bloß aus Gewöhnung thun, sondern er soll es auch lieben, suchen und wollen. Die Sittlichkeit soll also nicht in bloßer Gewöhnung wurzeln, sondern im Herzen des Menschen, in der Gesinnung. 81 Die gute Gewöhnung führt also für sich allein noch nicht zu echter Sittlichkeit. Gute Gewöhnung ist aber deshalb von allergrößter Wichtigkeit, weil sie dem Menschen stets einen hohen praktischen Wert verleiht, weil sie denselben sicherer und schneller zu sittlichem Handeln befähigt, als dies durch Bildung sittlicher Grundsätze geschehen könnte, und weil sie ferner der Gesinnnngsbildung unbedingt vorangehen muss und der Schwachheit des menschlichen Willens zuhilfe kommt. Die echte Gesinnung ist also das Ziel der Erziehung des Menschen. Diese Gesinnung ist zugleich das Schönste und Wertvollste, was der Mensch aus Erden erwerben kann. Die Erziehung der Kinder zu dieser rechten Gesinnung ist nun Aufgabe der Schule. Selbstverständlich kann die Schule diese Erziehung niemals zu Ende führen; die Schule soll diese Erziehung nur beginnen und ihre Schüler befähigen, dass sie nach dem Austritte aus der Schule die Gesinnungsbildung durch eigene geistige Arbeit fortsetzen. Der junge Mensch soll aber nicht bloß zu sittlichem Werte, sondern auch zu praktischer Brauchbarkeit gelangen. Daraus erwächst der Schule die weitere Aufgabe, den Schülern jenes Blaß von nützlichen Kenntnissen und Fertigkeiten zu vermitteln, welches heutzutage zu praktischer Brauchbarkeit erforderlich ist. Auch hier ist es wichtig, dass der Schüler durch den Schulunterricht zur Fortbildung durch Selbstthätigkeit willig und fähig werde. Der Unterricht in der Volksschule ist durch die Auswahl der Lehrstoffe, durch die Art und Weise des Lehrens und Lernens selbst und durch die Art und Weise der Einwirkung auf die Kinder überhaupt so eingerichtet, dass derselbe der bezeichneten doppelten Aufgabe genügen kann, wenn das Elternhaus dem Wirken der Schule nicht hinderlich wird, sondern dasselbe nach Kräften unterstützt und fördert. s7. Schulpflichten. Mit dem vollendeten sechsten Lebensjahre wird nach dem Gesetze nicht bloß das Kind schulpflichtig, sondern in gewissem Sinne auch das Elternhaus des Schulkindes. Der Staat hat die schwierige und wichtige Arbeit der Erziehung und Ausbildung des Kindes dem Elternhause abgenommen und in die Hand der Schule gelegt, dadurch aber nicht bloß das Kind in Abhängigkeit znr Schule gebracht, sondern auch dessen Eltern. Schon das Gesetz legt den Eltern mancherlei Verpflichtungen gegen Schule und Lehrer auf; und die Klugheit und der eigene Nutzen werden die Eltern noch in vielen anderen Füllen bestimmen, auf die Wünsche und Rathschläge der Schule zu achten und den Anordnungen derselben Folge zu leisten. Es gilt ja doch das Wohl des eigenen Kindes! 22 Aus den zahlreichen Fällen dieser Schulpslichtigkeit des Elternhauses sollen nun die wichtigsten und allgemein geltenden hervorgehoben werden: 1. Die Eltern sind verpflichtet, ihre Kinder während der ganzen Dauer der Schulpslichtigkcit ununterbrochen zur Schule zu schicken. Sind Kinder am Schulbesuche zeitweilig wirklich verhindert, so sollen die Eltern sobald als möglich mündlich oder schriftlich der Schule davon Meldung erstatten. Wünschen die Eltern aus irgendeinem Grunde einmal eine Enthebung der Kinder vorn Schulbesuche für einen halben oder ganzen Tag, so mögen sie darum ansuchen. Für ungerechtfertigtes Fernbleiben der Kinder vom Unterrichte sind die Eltern vor dem Gesetze strafbar. 2. Die Eltern sollen dafür sorgen, dass die Kinder stets zur rechten Zeit in der Schule eintreffen. Das Znspätkommen der Schüler ist nicht nur ein grober Ordnnngsfehler, sondern auch stets eine arge Störung des Unterrichtes und ein Zeichen der Geringschätzung von Schule und Lehrer. 3. Die Eltern sollen mit großer Strenge darauf achten, dass die Kinder beim Schnlgange in ihrem Äußeren nicht gegen die Forderungen der Reinlichkeit und Ordentlichkeit verstoßen. Gründliches Waschen, Ausspülen des Mundes, Kämmen und Ordnen der Haare und Reinigen der Kleider und Schuhe sollte vor jedem Schnlgange vorgenommen werden. Ebenso sollten die Eltern ihre Kinder niemals zerrissene Kleider tragen lassen, sondern entstandene Schäden an den Kleidern immer sofort ausbessern. Dringend mögen die Eltern an dieser L teile ersucht sein, ihre Kinder an den Gebrauch des Sacktuches zu gewöhnen und sie stets mit einem solchen zu versehen. 4. Die Eltern müssen auch für die Beschaffung der nöthigen Lern- mittcl für ihre Kinder Sorge tragen; auch sollen die Eltern beim Ankaufe von Theken, Papier u. s. w. nicht eigensinnig dasjenige wählen, was ihnen gut dünkt, sondern das kaufen, was die Schule znm Gebrauche vorschreibt. Was das Kind zum Lernen nothwendig braucht, ist so nöthig wie Nahrung für den Leib, und wer vernünftig ist und sein Kind lieb hat, kann bei solchen Auslagen unmöglich unwillig werden. 5. Es ist den Eltern dringend anzurathcn, dass sie den Kindern in der Wohnung einen ganz bestimmten Platz für die Aufbewahrung der SchNlsachen anweisen und darin auf strenge Ordnung sehen, dass sie ferner eine bestimmte Zeit des Tages festsetzen, während welcher der Schüler seine Aufgaben anfertigen oder überhaupt für die Schule arbeiten muss. 6. Es wird die Aufmerksamkeit und Lernlnst der Schüler außerordentlich erhöhen und für die Fortschritte der Kinder im Lernen von der besten Wirkung sein, wenn sich die Eltern täglich oder doch öfters erzählen und berichten lassen, was in der Schule gelehrt und geübt 23 worden ist. Ungehörige Bemerkungen der Kinder über Mitschüler und Lehrer sind natürlich entschieden abzuweisen. Bei solchen Berichten der Kinder wird es zuweilen vorkommen, dass den Eltern am Lehrvorgange des Lehrers etwas unverständlich ist oder überflüssig und unpraktisch erscheint. In solchen Fällen werden vernünftige Eltern sicherlich nicht vorschnell und abfällig urtheilen über Schule und Lehrer, denn erstens werden bessere Einsicht und besseres Urtheil in Unterrichtssachen wohl immer auf Seite des Lehrers zu finden sein; ferner könnte das Kind die Sache ja auch unrichtig berichtet und dargestellt haben und schließlich wäre jede Herabsetzung des Lehrers in Gegenwart des Kindes vor allem ein Schaden für das Kind. 7. Damit die Eltern imstande sind, die häusliche Lernbeschäftigung der Kinder einigermaßen zu leiten und den Kindern im Falle des Bedarfes in der rechten Weise Hilfe zu geben, müssen sich die Eltern beim Lehrer häufiger anfragen und um die Art und Weise des Verhaltens und Verfahrens erkundigen. Es will eben alles gelernt sein. Auch ist die gegenwärtige Art und Weise des Unterrichtens nicht nur sehr verschieden von dem Vorgänge in früherer Zeit, sondern dieselbe kann sogar in einzelnen Punkten verschieden bei jedem Lehrer sein. 8. Der Lehrer hat das Recht und die Pflicht, unordentliche und faule Kinder zu strafen, und die Art und Weise zu strafen ist ihm durch das Gesetz vorgezeichnet. Und wenn auch das Strafrecht des Lehrers nicht im Gesetze begründet wäre, so würden vernünftige Eltern sich doch niemals gegen ein solches auflehnen. Die Eltern sollen vielmehr stets in Lob und Tadel der Schule einstimmen. 9. Den Eltern sei es nicht gleichgiltig, mit welchen Spielgenossen und erwachsenen Personen ihr Kind verkehrt, denn „Böse Beispiele verderben gute Sitten." Der Lehrer wird den Eltern in Bezug auf Kameraden sicherlich Rath und Wink geben können, und im übrigen werden die Eltern wohl selber Bescheid wissen. Der Besuch von Wirtshäusern, Tanzlocalen, Komödien, Theatervorstellungen u. dgl. ist Schulkindern gesetzlich verboten, ebenso der Gcnuss geistiger Getränke und das Rauchen. Möchten die Eltern dergleichen sich doch nicht erst durch das Gesetz gebieten und verbieten lassen! 10. Ein sehr gutes Unterhaltungs- und Bildungsmittel ist das Lesen guter Bücher. Auch Schulkinder können und sollen schon an freien Tagen zuweilen gute Bücher lesen. Damit dies geschehen könne, besteht bei jeder Volksschule eine Sammlung auserwählter Bücher für die Jugend, aus welcher der Lehrer an fleißige Schüler regelmäßig Bücher verleiht. Außerdem gibt es mehrere Zeitschriften, die als Untcrhaltungs- nnd Bildnngsmittel jeder Familie zu empfehlen sind. 24 In allen Fällen, die eine Verständigung und Einigung von Haus und Schule nöthig und wünschenswert erscheinen lassen, seien die Eltern an die Person des Lehrers selbst verwiesen; es wird demselben sicherlich jederzeit eine Freude sein, jemandem mit Rath und That dienen zu können. ^8. Gemeinde und schule. Die Schule ist sicherlich ein Wahrzeichen der Gemeinde. Von dem Äußeren des Schulgebäudes, von der inneren Einrichtung desselben und von der Zahl und Beschaffenheit der vorhandenen Lehrmittel wird man stets mit ziemlicher Sicherheit schließen können auf den Geist, der in der Gemeinde herrscht. An den Schulausgaben sparen und kargen zu wollen, ist, gelinde ausgedrückt, Lieblosigkeit und Unverstand, denn was man an gerechten Dingen der Schule entzieht, versagt man ja doch den eigenen Kindern: auch kann man von der Schule solange keine volle Leistung erwarten und fordern, solange ihr vielleicht nöthige Mittel vorenthalten bleiben. Ein zweckmäßig erbautes, wohl erhaltenes und hinreichend ausgestattetes Schulgebäude ist darum eine so natürliche, gerechte und zugleich praktische Forderung, dass es heutzutage nur noch sehr wenig Gemeinden geben dürfte, welche in dieser Richtung grobe Mängel ausweisen. Sicher wird auch die Opferwilligkeit der Gemeinden bei den bisherigen Leistungen keineswegs stehen bleiben, sondern mit gleichem Verständnisse und mit gleicher Liebe für die nöthigen Bedürfnisse der Schule auch fernerhin Sorge tragen. Dadurch erwirbt und sichert sich, wie schon angedeutet, die Gemeinde dann das Recht, eine gleiche Hingabe an die Sache und eine volle Leistung auch von der Lehrerschaft fordern und erwarten zu dürfen. _ ^9- Schluss. Zwischen Vater und Mutter muss Einigkeit herrschen in der Erziehung der Kinder, nicht minder aber auch zwischen Elternhaus und Schule. Diese Einigung anregen, fördern und sichern zu helfen, ist die Absicht dieses Büchleins. Mögen die Eltern die gute Absicht nicht verkennen und den Winken und Wünschen der Schule jene Beachtung schenken, welche dieselben sicherlich verdienen. Der Preis ist das Heil unserer Kinder, d. i. eine bessere Zukunft.