Deutsches Lesebuch für die untern Klassen Schweizerischer Mittelschulen ?»Lrs!orÄ«i!U rüniott 8LHII 1.11^8- >171>tL OLS SLttÜI-LLS KI.Ä.8LL LK.N^I.'rL!^ LL6e6LSLK ^8206 Ä.II8 OLK 0KO^I7>I6 LLI-«.. VIL A.6- 6Ä.LL VLK 0Lll6. 2 ) Die 8cliu1er sind verpüiclitet, ru den llinen ul,er^el>enen I^elir- Mitteln 8orßs TU trafen (^rt. 2). l>) Die I^elirmittel sind mit 8cliutrliullen ru verseilen. c) Das 8elrreilisn und 2eiclrnen m die öuclisr ist verboten. d) ?ur liesclisdlAte oder verloren ^s^nn^ene I^elirniittel smd der lietrellende 8eliu1sr, l>eriV. seine ^esetrliclien Vertreter Meliniten, nul eigens Kosten ^rsntr ru IiescliLlIen. e) ^edes I^elirmittel trsAt nul der Innenseite des vorderen Deelcels einen Zettel, nul dem der 8cliulsr seinen I^Is-men und dns I^mxlsnFs- lie^v. ^.I,^Ll>edLtum emrutrs^en Iiat. OIL 8 L II v 1 >1 71 T' L L I 71 1 V L L >V Ä. 1 ^ 17 6 -vsoksnkl Deutsches Lesebuch für die unteren Klassen schweizerischer Mittelschulen /E ^ 2 . 5 - <5. 6. umgearbeitete Aussage ?68t3!oH!3NUM Lehrmittelverlag des Erziehungsdepartements Basel-Ltadt 1923 . v3 >^3^3 Druck von Emil Birkhäuser >L Cie., Basel a- 2017 Vorwort zur ersten Auflage. Vor fünf Jahren kam in den oberen Klassen der unteren Realschule Basel (7. und 8. Schuljahr) in Ersetzung des bis dahin benutzten Lesebuches von Hops und Paulsiek (Band für Quarta und Band für Tertia) das Bächtold'sche Lesebuch Erster Band, untere Stufe, zur definitiven Einführung; in den unteren Klassen (5. und 6. Schuljahr) blieben die entsprechenden Abteilungen des Hopf-Paulsiek'schen Lehrmittels (für Serta und für Quinta) weiterhin im Gebrauche. Doch nur um so deutlicher zeigte sich nun bald die Wünschbarkeit, auch hier mit dem Lesebuch zu wechseln. In ähnlicher Lage befand sich das hiesige untere Gymnasium, das, nachdem auch da das Bächtold'sche Lesebuch in den oberen Klassen Eingang gefunden hatte, Ersatz suchte für das in seinen unteren Klassen provisorisch fortgeführte Buch von Ph. Wackernagel. Begreiflicherweise mutzte der Wunsch nach einem Lehrmittel gehen, das mit den Grundsätzen und Anschauungen in Übereinstimmung stand, nach denen Bächtold sein Lesebuch bearbeitet hatte. Die Hoffnung, es werde vielleicht vom nämlichen Verfasser noch ein solches Lehrmittel erscheinen, blieb leider unerfüllt. Unter diesen Umständen übernahm auf das Ansuchen seiner Kollegen Herr Theophil Burckhardt Sohn die Aufgabe, das Material für das gewünschte Buch zusammenzutragen; Hiebei hatte er sich der Beihilfe seiner Freunde vom Gymnasium zu erfreuen. Aber als die Sammlung beendigt war und die Sichtung beginnen sollte, erkrankte Burckhardt und starb, zu früh für seine Jahre, zu früh für seine Arbeit, zu früh auch für die Schule, der er mit seinem reichen Wissen in musterhafter Treue zu Diensten gestanden hatte. In die Lücke trat einer der Arbeitsgenossen des Verstorbenen, Herr 1)r plnl. Adolph Vögtlin, ein und führte unter Beratung seiner Kollegen und unter Mitwirkung des Herrn Pros. Dr St. Born das Werk in verdankenswerter Weise Zu Ende. Das neue Lesebuch wird, nachdem es die Billigung der Er- ziehungsbehörde gefunden hat, auf das neue Schuljahr hin in der IV 1. und 2. Klasse der untern Realschule und des untern Gymnasiums Basel zur Einführung gelangen. Möge es seinem Zwecke, eine Vorstufe für das Bächtold'sche Lesebuch zu sein, vollauf entsprechen, und möge es in Gemätzheit der Absicht seiner Verfasser in Basel und anderwärts bei der heranwachsenden Jugend reichen Segen stiften! Basel, Weihnachten 1890. Werder. Vorwort zur sechsten Auflage. Durch den Tod des Herrn Rektor Dr I. Werder, welcher mit seiner bekannten Gründlichkeit und Sachkenntnis bei der Schaffung und bei den darauffolgenden Auflagen des Lesebuchs für die untern Klassen schweizerischer Mittelschulen leitend und bestimmend mitgewirkt hatte, entstand eine bedeutende Verzögerung in den Vorbereitungen für den notwendig gewordenen Neudruck. Die vorliegende sechste Auflage ist eine Neubearbeitung des ursprünglichen Buches und soll bis zur endgültigen Regelung der Basier Schulverhältnisse nicht nur wie bisher an der Realschule, dem Gymnasium und der Töchterschule, sondern versuchsweise auch an den beiden Sekundärschulen verwendet werden. Eine siebengliedrige Kommission der genannten Schulanstalten hat versucht, — allerdings durch die Kürze der verfügbaren Zeit allzu sehr gedrängt — eine Umarbeitung zu schaffen, welche einerseits geziemende Rücksicht auf die ursprüngliche Anlage des Buches zu nehmen hatte, andererseits aber auch durch Proben zeitgenössischen Schrifttums bereichert werden sollte. Die Mitglieder der Lesebuchkommission wissen gar wohl, daß ein unveränderter Neudruck der 6. Auflage oder ein ganz neues Buch einfachere Lösungen der gestellten Aufgabe gewesen wären; doch glauben sie durch diese teilweise Erneuerung der früheren Geschlossenheit des alten Buches keine Gewalt angetan zu haben, da diese seit den Neubearbeitungen der 4. und 6. Auflage überhaupt nicht mehr vorhanden war. V Ungefähr der vierte Teil aller Lesestücke und Gedichte, sowohl der Zahl als auch dem Umfang nach, sind aus der früheren Auflage entfernt und durch neue ersetzt worden, wobei da und dort Umgruppierungen der Nummern nach stofflichen Gesichtspunkten durchgeführt wurden. Die Lesebuchkommission hofft, datz der frische Hauch der neueren und neuesten Jugendliteratur dem Unterricht in der Muttersprache willkommene Anregungen bringen werde, und daß zugleich einer künftigen gründlichen Bearbeitung brauchbare Vorarbeit geleistet worden ist. Den Mitgliedern der Lesebuchkommission, den Herren Karl Brändli und Dr Ernst Wüthrich von der unteren Realschule, Dr Paul Geiger und Dr Fritz Weist vorn untern Gymnasium, Fräulein Rosa Göttisheim von der Töchterschule, den Herren Paul Kölner von der Knaben- und Willy Schalch von der Mädchensekundarschule, dankt der unterzeichnete Vorsitzende für die aufopfernde und zeitraubende Arbeit, die sie bei der Umarbeitung und bei der Korrektur der Druckbogen geleistet haben. Basel, Ostern 1923. Dr. Max Meier. Inhaltsverzeichnis. Die neu aufgenommenen Lesestücke sind mit einem Sternchen bezeichnet. Erster Teil. No- Seite Vorwort.IN 1. Die gute Mutter.Joh. Peter Hebel 3 2. *Der Vater.Björnstjerne Björnson 5 3. Kannitverstan.Joh. Peter Hebel 7 4. Mut zweier Knaben.Friedrich Jacobs 10 8. Der arme Musikant und sein Kollege ... O. W. v. Horn 11 0. Meister Hämmerlein.Joh. Ferd. Schlez 14 7. *Der Held.Felir Möschlin 16 8. *Der beste Empfehlungsbrief.Magdeburger Zeitung 17 9. *Alte Schweizerart.Friedr. Ahlfeldt 18 10. Heldenmut.Sterns Lesebuch 18 11. Der Dieb.Rob. Reinick 20 12. Baron v. Münchhausen erzählt einige Abenteuer.R. E. Raspe und G. A. Bürger 22 13. Die teure Zeche.Eduard Veith 28 it. Wie das Zicklein starb.Peter Rosegger 30 15. *Kunsturteil.Fritz Marti 35 16. *Halifar und Biwifar.Fritz Müller 38 17. Der überführte Dieb.David Hetz 43 18. *Das standhafte Maranneli.Meinrad Lienert 43 19. Eine lustige Eeistergeschichte.Wilh. v. Kügelgen 50 20. Die zwölf Eier.K. Jos. Simrock 52 21. Der Schultheis; und die Raben.53 22. Seltsames Rotzfutter.Albert Richter 55 23. Die Uhren.Ludw. Aurbacher 56 24. Der Araber und sein Pferd.Helm. v. Moltke 57 25. Das wohlfeile Mittagessen.Joh. Peter Hebel 59 26. Der listige Quäker. do. 60 27. Der geheilte Patient. do. 61 28. Der silberne Löffel. do. 63 29. *Der Star von Segringen. do. 65 30. Mut über Gut.Ludw. Aurbacher 66 VIII No. Seite 31. Der König kommt.Berth. Auerbach 68 32. Die Skiläufer.Heinr. Steffens 68 33. Schlechter Lohn.Joh. Peter Hebel 69 34. Die Freunde in der Not.Ludw. Aurbacher 70 , 35. Wie schön leuchtet der Morgenstern.... Friedr. Ahlfeldt 70 36. *Die heilige Nacht.Selma Lagerlöf 73 37. Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern H. C. Andersen 76 38. *Das Rotkehlchen.Selma Lagerlöf 79 39. Die Boten des Todes.Brüder Grimm 85 . 40. Frau Holle. do. 87 41. Dornröschen. do. 89 42. Hans im Glück. do. 92 43. Sechse kommen durch die ganze Welt... do. 97 44. Das Hirtenbüblein. do. 102 45. Drei Wünsche.Joh. Peter Hebel 102 46. Der Wunschring.Rich. Volkmann 105 47. *Fünf aus einer Hülse.H- T. Andersen 109 48. *Der Biene Maja Gefangenschaft bei der Spinne..Waldemar Bonsels 112 49. Braun der Bär.„Reineke de Vos" 119 50. Der Zaunkönig und der Bär.Brüder Grimm 125 51. Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Schweinigel.nach W. Schröder 127 52. Der gestiefelte Kater.nach Perrault 130 53. Dädalus und Ikarus.nach Ovid 133 54. Geschichten von Herkules.B. G. Niebuhr 136 55. Der trojanische Krieg.Ludwig Stacke 152 56. Hektor und Andromache.Karl Fr. Becker 160 57. Des Odysseus Heimkehr. do. 168 58. Siegfrieds Tod. A. F. C. Vilmar 183 59. Der Schwanenritter.Brüder Grimm 187 60. Frauensand. do. 189 61. Die Überfahrt der Seelen.Heinr. Heine 192 62. Das Licht der treuen Schwester.Karl Müllenhoff 194 63. *Der Holländermichel.Wilh. Hauff 194 64. Der schwedische Rittmeister.Herm. Kletke 197 65. *Der Schmid von Rumpelbach.Joh. Jegerlehner 199 66. Knaben entscheiden einen Rechtsfall. . . . Karl Müllenhoff 203 67. Winkelried und der Lindwurm.Brüder Grimm 204 68. *Der letzte Froburger.Ludw. Rochholz 204 69. Ein sonderbares Geschenk.Rud. Herzog 206 70. Das Erdmännchen und der Hirtenjunge.208 71. Das Fegmännchen im Simmental . . .'. I. R. Wys; 209 72. Die Entstehung des Kuhreihens.Rud. Herzog 211 73. Die Sage von der Blümlisalp.2l4 IX No. 74. Der Friesenweg. Ad. Frey Seite 216 75. Der Grenzlaur. Brüder Grimm 219 76. "Die Raben des hl. Meinrad . . . Meinr. Lienert 220 -— 77. Der Kaiser und die Schlange . . Brüder Grimm 222 78. "Der Schäferkönig. Herm. Löns 223 79. Der Greis und der Tod. nach Aesop 227 80. Die Eiche und das Schwein . . . G. E. Lessing 227 81. Der Rangstreit der Tiere. do. 228 82. Esel und Jagdpferd. do. 229 83. Rabe und Fuchs. do. 229 84. "Kranich und Wolf. Martin Luther 230 85. Das Wunderkästchen. Chr. Schmid 230 86. Die Katze läßt das Mausen nicht. Joh. Agricola 231 87. Wo nichts ist. Joh. Peter Hebel 231 88. Es ist nicht alles Gold. do. 232 89. Der weise Simonides. nach Phädrus 232 90. Die Stimme des Gerichts .... F. A. Krummacher 233 91. Zwei Parabeln. A. Schopenhauer 234 92. *Die Doppelfreude. . . M. 235 93. Zwei Reiche. Iwan Turgenjeff 236 94. *Die geflickte Hose. Fr. Förster 236 95. Die Erziehung des jungen Eyrus. C. L. Roth 238 96. Lakonische Kürze. 239 97. Krösus. nach Herodot 240 98. Der Bote, über die Schlacht von berichtend. Salamis . Auspitz, nach Aeschylus 244 99. Alexander und Diogenes. Th. B.Welter 245 100. König Richards Tod. Charles Dickens 245 101. Hohe Selbstschätzung. Karl Becker 247 102. Alba bei einem Frühstück zu Rudolstadt . . Fr. Schiller 248 103. Das Ei des Kolumbus. Fr. Förster 250 104. Wie Admiral Ruyter den Spott bestraft O. W. v. Horn 251 105. König Friedrich und sein Nachbar Joh. Peter Hebel 253 106. Kaiser Napoleon und die Obstfrau zu Brienne do. 254 107. General Grant. Basier Nachrichten 256 108. Kosciuskos Pferd. Soloth. Lesebuch 258 109. Wie Georg Washington einen Flucher abfertigt . Rud. Herzog 258 110. Wellingtons Gleichmut. Wendts Lesebuch 259 111. Das Heim des Pfahlbauers . . . Fr. Th. Bischer 259 112. Eallus und seine Gefährten . . . Jak. Burckhardt 262 113. "Ein Turnier. Paul Kölner 266 114. "Kaiser Heinrichstaq. A. Heusler, P. Kölner 271 115. "Ein Überfall. Jerem. Eotthelf 273^" 116. Einnahme von Utzenberg . . . . I. R. Wyh 277 X No. Seite 117. "Winterschlacht.G. Fischer 278 118. Die Einnahme der Festung Hüningen. . . Karl Wieland 288 119. "Weihnachten in der Schlacht.Georges Clairon 289 120. "Rat zum Frieden.I. Pauli 291 121. Nur ein Gaul.A. Henle 291 122. Das Mammut.M. Heyck-Jensen 299 123. Der Spatz.Ludw. Gurlitt 295 124. "Der Sperling.Iwan Turgenjews 296 128. Das Hündchen des Touristen.I. V. Widmann 297 126. "Schnüffel, der Igel.Arno Marr 301 127. Der Fuchs.Herm. Masius 304 128. "Hermännchen.Arno Marr 307 129. "Der Ameisenhügel.Karl Ewald 310 130. "Auf einsamer Wanderung in den Alpen.< . Jak. Boschart 313 131. "Raubritter.Arno Marr 315 132. "Bei den Schlangen.Ulr. Ramseier 318 133. Das Eichhörnchen und die Schlange . . . Arth.Schopenhauer 320 134. Die Brillenschlange.Fr. Grüner 322 135. Jagdabenteuer in Afrika.A. E. Brehm 324 136. Eine Bärengeschichte.Sven Hedin 326 137. Das Last- und Zugtier in Italien .... Viktor Hehn 328 138. "Die Großmutter.Herrn. Löns 329 139. "Die allerschönste Blume. do. 333 140. "Aus dem Tornister eines Fußreisenden . . I. V. Widmann 336 141. "Über den Simplon. do. 338 142. "Wie man heutzutage das Matterhorn besteigt Andreas Fischer 343 143. Brockenreise.Heinr. Heine 347 144. Die Burgruine.I. W. v. Goethe 349 145. Die Landsgemeinde von Appenzell-A.-Rh. nach Eberhard 351 146. Der Luftschiffer über dem Vierwaldstättcrsee Ernst Arnold 353 147. "Eine Nacht in Aegypten.Mar Eyth 354 148. Die beiden Pflüger und ihre Kinder . . . Eottfr. Keller 355 149. Kindertheater. do. 360 160. Der jugendliche Sammler. do. 361 151. "Die geblendete Schwalbe.Jak. Boßhart 364 152. Aus Seumes Jugendzeit.Eottfr. Seume 368 153. Der Alpbach.Meinr. Lienert 369 154. "Aus dem Leben eines Hirtenbübleins . . . Ulr. Bräkker 372 155. "Der fahrende Schüler.Thomas Platter 378 156. "Sommerferien.Herm. Hesse 383 157. Das Gütlein der Großmutter.Th. Meyer-Merian 388 168. "Abschied von Sentisbrugg.Karl Spitteler 389 159. Besuch beim Oheim.Eottfr. Keller 391 160. Dietegens Eintritt in die Försterei .... do. 393 161. Besuch bei Hofe.W. v. Kügelgen 394 XI No. Seile 162. "Am Schraubstock.Herm. Hesse 400 163. *Aus dem Leben eines Taugenichts .... I. v. Eichendorff 403 164. Der Bursche hinten auf dem Wagen ... da. 407 165. Die Heimkehr.Jerem. Gotthelf 408 166. Ein Gewittertag auf dem Lande.Gustav Freytag 411 167. Die Feuersbrunst.nach E. de Amicis 413 168. Das gescheiterte Schiff.nach Eh. Dickens 416 169. "In der Augenklinik.Herm. Hesse 419 170. Seltsamer Transport einer Lokomotive . . Niki. Riggenbach 421 171. *Jn einem Kohlenbergwerk.Mlh. Schalch 424 172. Nachtzug.Jsabelia Kaiser 428 173. "Letzte Fahrt.R. F. Scott 434 Zweiter Teil. 174. Der aufgeblasene Frosch.Julius Sturm 441 175. Ellengröhe.A. E. Fröhlich 441 176. Der Mops als Patient.Jul. Sturm 441 177. Die Katzen und der Hausherr.M. G. Lichtwer 442 178. Unser Fritz.. Ed. Mörike 443 179. "Latz stehen.Joh. Trojan 444 180. Der Bauer und sein Sohn.Chr. Fr. Gellert 444 181. Vom Bäumlein.Fr. Rückert 445 182. Vom Büblein. do. 448 183. Das Schlauraffenland.Hans Sachs 449 184. Legende vom Hufeisen.I. W. von Goethe 452 185. Die Schatzgräber.G. A. Bürger 453 186. Die beiden Geizhälse.Heinr. Seidel 454 187. Lhidher.Fr. Rückert 456 188. Sprüche der Weisheit. do. 457 189. "St. Margrethen.Jonas Breitenstein 458 190. Aus meiner Kindheit.Fr. Hebbel 461 191. Das Kätzchen. do. 463 192. Das grüne Tier.A. Kopisch 465 193. "Das Häslein.Christ. Morgenstern 466 194. Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt . . . Karl v. Gerok 467 195. Der Schneiderjunge von Krippstedt.... Aug. Kopisch 467 196. Der weitze Hirsch..Ludw. Uhland 470 197. Botenart.Anast. Grün 198. Die Tabakspfeife.Konr. Pfeffel 471 199. Das Gewitter.Gust. Schwab 473 200. Peter in der Fremde.A. G. Eberhard 477 201. Barbarossa.Fr. Rückert 202. Siegfried Schwert., . Ludw. Uhland 477 203. Roland Schildträger. do. 478 XII No. Seite 204. Das Riesenspielzeug. . Ad. v. Lhamisso 484 205. Das Enomenwirtshaus. . Heinr. Seidel 485 206. Schwäbische Kunde. . Ludw. Uhland 487 207. Der Schenk von Limburg. do. 488 208. Das Kind am Brunnen. . Fr. Hebbel 490 209. Die Sonne bringt es an den Tag . - - . Ad. v. Lhamisso 491 210. «Die Schnitterin. . Gusi. Falke 493 211. Das Lied vom braven Manne. . Eottsr. Aug. Bürger 484 212. «Nis Randers. . Otto Ernst 497 213. «Theodor.- . Ferd. Avenarius 498 214. Herr v. Ribbeck auf Ribbeck im Havelland . Theod. Fontäne 500 215. Der Trompeter. . Aug. Kopisch 502 216. Hofers Tod. . Jul. Mosen 502 217. Der Feldpostbrief. . Ed. Morasch 504 218. «Abschied. . Ad. Frey 505 219. Prinz Eugen. .. . Volkslied 506 220. Alte Fritz Grenadiere. . Theodor Fontäne 507 221. Die Grenadiere. . Heinr. Heine 508 222. «Nächtliche Heerschau. . I. Chr. v. Zedlitz 509 223. Gotentreue. . Felir Dahn 510 224. Wollenstem vor Stralsund. . Albert Möser 511 225. Der Dersflinger. . Fr. v. Sallet 512 226. Bettlerballade. . E. F. Meyer 513 227. Es mutz doch Frühling werden. . Eman. Geibel 514 228. Wenn der Frühling kommt. . Alfr. Hugqenberger 515 229. «Der Pslüger. do. 516 230. Abendlied. . Gottsr. Kinkel 518 231. «Der Abendstern. . Joh. Peter Hebel 519 232. Der Sommerabend. do. 522 233. Das Gewitter. do. 523 234. «Jüngst sah ich den Wind. . Arno Holz 525 235. Ach, wer doch das könnte!. . Viktor Blüthgen 525 236. Der Winter. . Joh. Peter Hebel 526 237. Knecht Ruprecht. . Theod. Storm 528 238. «Weihnachtsabend. do. 528 239. Der Jenner. . Joh. Peter Hebel 529 240. Sonntaqsfrühe. do. 531 241. Das Liedlein vom Kirschbaum. do. 533 242. «Der erste Flug. . . Jos. Reinhart 534 243. Der Wegweiser. . Joh. Peter Hebel 535 244. Der Mann im Mond. do. 536 245. «Und halt di guet. . Marg. Kiefer 538 246. Das Erkennen. . I. N. Vogl 539 247. «Mütterchen. . Alfr. Huggenberqer 539 248. Der Strom. . Rob. Reinick 540 XIII No. Seite 249. Das Schifflein.Ludw. Uhland 841 250. Des Bauernknaben Beschreibung der Stadt I. Fr. Castelli 542 251. Die Musik kommt.D. v. Liliencron 544 252. Kasperletheater.Rud. Baumbach 545 253. *Adie Maß.Dominik Müller 546 254. *Wandern.Jak. Löwenberg 547 255. In der Fremde.Heinr. Leuthold 547 256. Mein Herz ist im Hochland . . F. Freiligrath nach R. Burns 548 257. Lieder aus „Wilhelm Teil".Fr. Schiller 549 258. Des Knaben Berglied.. Ludw. Uhland 550 259. Das weiße Spitzchen.C. F. Meyer 551 260. Die Rheinquelle. do. 551 261. *Der Rhy.Dominik Müller 552 262. *Usf der Pfalz. do. 553 263. Nadowessische Totenklage.Fr. Schiller 554 264. Die Kapelle.Ludw. Uhland 555 265. Der kleine Hydriot.Wilh. Müller 555 266. Festlieder zur Sempacherfeier.C. F. Meyer 556 267. An das Vaterland.Eottfr. Keller 558 268. Gute Nacht.Eman. Geibel 558 269. Meines Kindes Abendgebet.Heinr. Lenthold 560 Quellenverzeichnis zu den neu aufgenommenen Stücken . . XV XV Quellenverzeichnis zu den neu aufgenommenen Stücken. No. 2: Im Strome des Lebens 1. Reihe*, Leipzig 1914, Dürrsche Buchhandlung. — No. 7: Führer und Reinhart, Lesebuch für schrveiz. Fortbildungsschulen^, Zürich 1913, Müller Werder Verlag. — No. 8: Deutsches Lesebuch für schweig. Sekundärschulen und Progymnasien von P. A. Schmid, Bd. 1, Bern 1906, Kantonal. Lehrmittelverlag. — No. 9: Der deutsche Spielmann, gute alte Zeit, München, D. W. Callwey Verlag. - No. 12: 4. und 8. Stück aus Bürger: sämtl. Werke, Mar Hesse Verlag, Leipzig. — No. 15: Deutsches Lesebuch für untere Mittelschulen von I. Reinhart, A. Frey, L. Weber, Aarau 1921, Sauerländer Verlag. — No. 16: Schweiz. Jugendpost 1921/22, Ergänzung zum Jugendborn. — No. 18: Lesebuch für die erste Stufe der Sekundärschulen", St. Gallen 1915, Fehr'sche Buchhandlung. — No. 29: Lesebuch für aarg. Fortbildungsschulen, I. Keller Sem.-Dir. — No. 36: wie No. 2. — No. 38: Jngendborn XIII. Jahrg., herausg. von G. Fischer und I. Reinhart, Aarau, Sauerländer Verlag. — No. 47: wie No. 15. — No. 48: wie No. 15. — No. 63: Jugendborn III. Jahrg. — No. 65: Jugendborn IV. Jahrg. — No. 68: wie No. 15. — No. 76: Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Olten-Stuttgart, Levy L Müller Verlag. - No. 78: Jugendborn II. Jahrg. — No. 84: Jnselalmanach auf das Jahr 1914. — No. 92: wie No. 78. — No. 94: Im Strome des Lebens, Neue Folget Leipzig 1912. — No. 113: Unterm Baselstab, 2. Bdchen, Basel, Helbing L Lichtenhahn 1922. — No. 114: Geschichte der Stadt Basel, Frobenius A.-G. — No. 115: Hofer Bücher: Der Ritter, Gebr. Hofer, Verlagsanstalt Saarbrücken. — No. 117: wie No. 63. — No. 119: Lesebuch für die zweite Stufe der Sekundärschulen, St. Gallen 1917. — No. 120: wie No. 7. — No. 121: Jugendborn VIII. Jahrg. - No. 124: Jugendborn I. Jahrg. — No. 126: Geschichten aus dem Tierleben, Leipzig 1911, Haupt L Hammon Verlag. - No. 128: wie No. 126. — No. 129: wie No. 65. — No. 130: wie No. 15. — No. 131: wie No. 126. — No. 132: wie No. 16. — No. 138: wie No. 15. — No. 139: wie No. 15. — No. 140: Spaziergänge in den Alpen, Frauenfeld 1898, I. Hnber Verlag. — No. 141 wie No. 18. — No. 142: Hochgebirgswanderungen, Frauenfeld 1913, Huber L Lo. — No. 147: Wanderbuch eines Ingenieurs, Heidelberg 1871, C. Winter Verlag. — No. 151: Garben und Kränze, herausg. von H. Corray, Leipzig, Aarau, Wien, E. E. Meyer Verlag. — No. 154: wie No. 78. — No. 155: Ein Lebensbild aus der Reformationszeit, Bd. 81 der blauen Bündchen, herausg. von I. v. Harten und K. Henniger, Köln a. Rhein, H. Schaffstein Verlag. — No. 156: Unterm Rad, S. Fischer's Bibliothek zeitgenöss. Romane. — No. 158: wie No. 78. - No. 162: wie No. 156. - No. 163: wie No. 15. - No. 169: wie No. 18. — No. 171: wie No. 78, von: Verfasser stillst, umgearbeitet. - No. 173: Letzte Fahrt, engl. Südpolar- erpedition 191113, Brockhaus Verlag. — No. 179: wie No. 2. — No. 189: Lesebuch für Sekundärschulen des Kantons Baselstadt 111° 1913. - No. 193: Der deutsche Spielmann. Wald. — No. 210: Kornfeld, II. Bdchen, herausg. von der Schweiz. Pädagogischen Gesellschaft, Bern, Francke Verlag. — No. 211: wie No. 15. - No. 212: wie No. 119. No. 217: Kornfeld III. Bdchen. — No. 221: wie No. 65. — No. 228: wie No. 18. — No. 230: Sämtliche poetische Werke. Mar Hesse Verlag, Leipzig. - No. 233: wie No. 193. — No. 237: wie No. 2. — No. 241: wie No. 65. — No. 244: wie No. 189, II.Teil 1919. - No. 246: wie No. 63. - No. 252: Neue Verse, Basel, Samstagverlag. — No. 253: wie No. 18. — No. 260: Verse III. Bdchen, Basel, Samstagverlag. — No. 261: wie No. 252. — Erster Teil ER- HWW ÄEN 1. Die gute Mutter. I. P. Hebel. Im Jahre 1796, als die französische Armee nach dem Rückzug aus Deutschland jenseits hinab am Rhein lag, sehnte sich eine Mutter in der Schweiz nach ihrem Kinde, das bei der Armee war, und von dem sie lange nichts erfahren hatte, und ihr Herz hatte daheim keine Ruhe mehr. „Er mutz bei der Rheinarmee sein," sagte sie, „und der liebe Gott, der ihn mir gegeben hat, wird mich zu ihm führen," und als sie auf dem Postwagen zum St. Johannistor in Basel heraus und an den Rebhäusern vorbei ins Sundgan gekommen war, treuherzig und redselig, wie alle Gemüter sind, die Teilnehmung und Hoffnung bedürfen, und die Schweizer ohnedem, erzählte sie ihren Reisegefährten bald, was sie auf den Weg getrieben hatte. „Find' ich ihn in Kolmar nicht, so geh' ich nach Stratzburg; find' ich ihn in Stratzburg nicht, so geh' ich nach Mainz." Die andern sagten das dazu und jenes, und einer fragte sie: „Was ist denn Euer Sohn bei der Armee? Major?" Da wurde sie fast verschämt in ihrem Inwendigen; denn sie dachte, er könnte wohl Major sein oder so etwas, weil er immer brav war; aber sie wutzte es nicht. „Wenn ich ihn nur finde," sagt', sie, „so darf er auch etwas weniger sein; denn er ist mein Sohn." Zwei Stunden herwärts Kalmar aber, als schon die Sonne sich zu den Elsässer Bergen neigte, die Hirten trieben heim, die Kamine in den Dörfern rauchten, die Soldaten in dem Lager nicht weit von der Stratze standen partienweise mit dem Gewehr beim Futz, und die Generale und Obersten standen vor dem Lager beisammen, diskurierten miteinander, und eine junge, weißgekleidete Person von weiblichem Geschlecht und feiner Bildung stand auch dabei und wiegte auf ihren Armen ein Kind; die Frau im Postwagen sagte: „Das ist auch keine gemeine Person, datz sie nahe bei den Herren steht. Was gilt's, der, wo mit ihr redet, ist ihr Mann." Der geneigte Leser fängt allbereits an, etwas zu merken; aber die Frau im Postwagen merkte noch nichts. 4 Ihr Mutterherz hatte noch keine Ahnung, so nahe sie an ihm vorbeigefahren war; sondern bis nach Kolmar hinein war sie still und redete nimmer. In der Stadt im Wirtshaus, wo schon eine Gesellschaft an der Mahlzeit saß, und die Reisegefährten sehten sich auch noch, wo Platz war, da war ihr Herz erst recht zwischen Bangigkeit und Hoffnung eingeengt: daß sie jetzt etwas von ihrem Sohne erfahren könnte, ob ihn niemand kenne, und ob er noch lebe, und ob er etwas sei, und hatte doch den Mut fast nicht zu fragen; denn es gehört Herz dazu, eine Frage zu tun, wo man das Ja so gerne hören möchte, und das Nein ist doch so möglich. Auch meinte sie, jedermann merke es, daß es ihr Sohn sei, nach dem sie frage, und daß sie hoffe, er sei etwas geworden. Endlich aber, als ihr der Diener des Wirts die Suppe brachte, hielt sie ihn heimlich an dem Rocke fest und fragte ihn: „Kennt Ihr nicht einen bei der Armee, oder habt Ihr nicht von einem gehört, soundso?" Der Diener sagt: „Das ist ja unser General, der im Lager steht. Heute hat er bei uns zu Mittag gegessen," und zeigte ihr den Platz. Aber die gute Mutter gab ihm wenig Gehör darauf, sondern meinte, es sei Spaß. Der Diener ruft den Wirt. Der Wirt sagt: „Ja, so heißt der General." Ein Offizier sagte auch: „Ja, so heißt unser General," und auf ihre Fragen antwortete er: „Ja, so alt kann er sein," und „ja, so sieht er aus und ist von Geburt ein Schweizer." Da konnte sie sich nicht mehr halten vor inwendiger Bewegung und sagte: „Es ist mein Sohn, den ich suche," und ihr ehrliches Schweizergesicht sah fast ein wenig einfältig aus vor unverhoffter Freude und vor Liebe und Scham; denn sie schämte sich, daß sie eines Generals Mutter sein sollte, vor so vielen Leuten, und konnte es doch nicht verschweigen. Aber der Wirt sagte: „Wenn das so ist, gute Frau, so laßt herzhaft Eure Bagage abladen ab dem Postwagen und erlaubt mir, daß ich morgen in aller Frühe ein Kaleschlein anspannen lasse und Euch hinausführe zu Eurem Herrn Sohn in das Lager." Am Morgen, als sie in das Lager kam und den General sah, ja, so war es ihr Sohn, und die junge Frau, die gestern mit ihm geredet hatte, war ihre Schwiegertochter, und das Kind war ihr Enkel. Und als der General seine Mutter erkannte und seiner Gemahlin sagte: „Das ist sie," da küßten und umarmten sie sich, und die Mutterliebe und die Kindesliebe und die Hoheit und die Demut schwammen ineinander und gössen sich in Tränen aus, 5 und die gute Mutter blieb lange in ungewöhnlicher Rührung, fast weniger darüber, daß sie heute die Ihrigen fand, als darüber, daß sie sie gestern schon gesehen hatte. — Als der Wirt zurückkam, sagte er, das Geld regne zwar nirgends durch das Kamin herab; aber nicht 200 Franken nähme er darum, datz er nicht zugesehen hätte, wie die gute Mutter ihren Sohn erkannte und sein Glück sah, und der Hausfreund sagt: „Es ist die schönste Eigenschaft weitaus im menschlichen Herzen, datz es so gerne zusieht, wenn Freunde oder Angehörige unverhofft wieder zusammenkommen, und datz es allemal dazu lächeln oder vor Rührung mit ihnen weinen mutz." 2. Der Vater. Björnstjerne Björnson. Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, war der mächtigste in seinem Kirchspiel; er hietz Thord Oeveraas. Er stand eines Tages hochaufgerichtet und ernsthaft im Studierzimmer des Pfarrers: „Ich habe einen Sohn bekommen," sagte er, „und ich will ihn getauft haben." „Wie soll er heißen?" „Finn, nach meinem Vater." „Und die Gevattern?" Er nannte sie, und es waren die angesehensten Männer und Frauen des Kirchspiels, alle aus der Familie des Mannes. „Ist da sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer stand einen Augenblick da, dann sagte er: „Ich möchte ihn gern allein getauft haben." „Das heißt an einem Wochentage?" „Am nächsten Sonntag um zwölf Uhr mittags." „Ist da sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer. „Sonst ist da nichts." Der Bauer drehte die Mühe in den Händen, als wolle er gehen. Da erhob sich der Pfarrer. „Ja, eins ist noch vergessen," sagte er, ging auf Thord zu, faßte seine Hand und sah ihm in die Augen: „Gott gebe, datz das Kind dir zum Segen gereichen möge!" Sechzehn Jahre nach dem Tage stand Thord wieder in der Stube des Pfarrers. „Du hältst dich gut, Thord," sagte der Pfarrer; er bemerkte keine Veränderung an ihm. „Ich habe auch keine Sorgen," sagte Thord. Hierzu schwieg der Pfarrer, aber nach einer Weile sagte er: „Was führt dich heute abend hierher?" „Heute abend komme ich meines Sohnes wegen, der morgen konfirmiert werden soll." „Er ist ein tüchtiger Junge." „Ich wollte den Herrn Pfarrer nicht bezahlen, ehe ich wüßte, welchen Platz er in der Kirche erhalten solle." „Er soll der Erste sein." „Das habe ich gehört, und hier sind zehn Taler für den Herrn Pfarrer." „Ist da sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah Thord an. „Sonst ist da nichts mehr." Thord ging. Abermals verstrichen acht Jahre, da vernahm man eines Tages lautes Geräusch vor dem Arbeitszimmer des Pfarrers; denn es kamen viele Männer, und voran schritt Thord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn. „Du kommst heute in großer Begleitung." „Ich will das Aufgebot für meinen Sohn bestellen; er soll sich mit Karen Storliden, der Tochter Gudmunds, der hier steht, verheiraten." „Das ist das reichste Mädchen des Kirchspiels!" „Das sagt man," erwiderte der Bauer und strich das Haar mit der einen Hand in die Höhe. Der Pfarrer saß eine Weile wie in Gedanken versunken da; er sagte nichts, trug aber die Namen in seine Bücher ein, und die Männer unterschrieben. Thord legte drei Taler auf den Tisch. „Mir kommt nur einer zu," sagte der Pfarrer. „Das weiß ich wohl, aber es ist mein einziges Kind, ich möchte es gern gut machen." Der Pfarrer nahm das Geld an. „Es ist das dritte Mal, daß du deines Sohnes willen hier stehst, Thord." „Aber nun bin ich auch mit ihm fertig," sagte Thord, klappte sein Taschenbuch zusammen, sagte Lebewohl und ging; die Männer folgten ihm langsam. Vierzehn Tage später ruderten Vater und Sohn bei stillein Wetter über das Wasser nach Storliden hinüber, um über die Hochzeit zu verhandeln. „Die Ruderbank liegt nicht sicher unter uns," sagte der Sohn und stand aus, um sie zurecht zu legen. In demselben Augenblick gleitet das Brett, auf dem er steht, aus; er greift mit den Armen um sich, stößt einen Schrei aus und fällt ins Wasser. „Halt dich am Ruder fest!" rief der Vater; er erhob sich und hielt es ihm hin. Als der Sohn ein paar Schwimmbewegungen gemacht hatte, befiel ihn ein Starrkrampf. „Warte einen Augenblick!" rief der Vater und ruderte an ihn heran. Da legt sich der Sohn auf den Rücken, sieht den Vater mit einem langen Blick an — und versinkt. Thord wollte es gar nicht glauben, er hielt das Boot an und starrte auf den Fleck, wo der Sohn versunken war, als müsse er wieder heraufkommen. Es stiegen einige Blasen auf, und noch einige, und dann nur noch eine große, die zerplatzte — und spiegelglatt lag die See wieder da. 7 Drei Tage und drei Nächte sahen die Leute den Vater rund um die Stelle herumrudern, ohne zu essen, ohne zu schlafen; er suchte mit dem Haken nach seinem Sohne. Und am Morgen des vierten Tages fand er ihn und trug ihn über die Hügel auf seinen Hof. Es mochte wohl ein Jahr seit jenem Tage verflossen sein. Da hörte der Pfarrer noch spät an einem Herbstabend jemand vor der Tür zur Hausflur herumtappen und vorsichtig nach der Türklinke tasten. Der Pfarrer öffnete die Tür, und herein trat ein großer, gebeugter Mann, mager und mit schneeweißem Haar. Der Pfarrer sah ihn lange an, denn er erkannte ihn: es war Thord. „Kommst du so spät?" sagte der Pfarrer und blieb vor ihm stehen. „Ach ja, ich komme spät," entgegnete Thord und setzte sich. Der Pfarrer setzte sich ebenfalls, als warte er; lange schwiegen beide. Endlich sagte Thord: „Ich habe etwas mitgebracht, was ich gern den Armen geben möchte; es sollte zu einem Legat verwendet werden und den Namen meines Sohnes tragen." Er erhob sich, legte Geld auf den Tisch und setzte sich wieder. Der Pfarrer zählte es: „Das ist viel Geld," sagte er. „Es ist die Hälfte von dem, was ich für meinen Hof erhielt — ich habe ihn heute verkauft." — Lange saß der Pfarrer schweigend da, endlich fragte er, aber in sanftem Ton: „Was willst du nun anfangen, Thord?" „Etwas Besseres!" Sie saßen eine Weile da, Thord senkte den Blick zu Boden, der Pfarrer ließ sein Auge auf ihm ruhen, dann sagte er leise und langsam: „Jetzt denke ich, ist dir dein Sohn endlich zum Segen geworden!" «Ja, jetzt denke ich das selber auch," sagte Thord, er blickte auf, und zwei Tränen rannen ihm schwer über das Gesicht herab. 3. Kanitttverstan. I. P. Hebel. Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen so gut als in Amsterdam, Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen. Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und reiche Handelsstadt voll prächtiger 8 Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Tuitlingen bis nach Amsterdam noch keines gesehen hatte. Lange betrachtete er mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er sich nicht entbiethen, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund," redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?" Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglück gerade soviel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und schnauzig: „Kan- nitverstan!" und schnurrte vorüber. Dies war ein holländisches Wort oder drei, wenn man's recht betrachtet, und heißt auf deutsch soviel als: Ich kann Euch nicht verstehen. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muß ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan, dachte er und ging weiter. Gaßaus gaßein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt Het Ey oder auf deutsch das Epsilon. Da stand nun Schiff an Schift und Mastbaum an Mastbaum, und er wußte anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schift seine Aufmerksamkeit auf sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt, und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. „Kannitverstan!" war die Antwort. Da dachte er: Haha, schaut's da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben. Jetzt ging er wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Mensch sei unter so vielen reichen Leuten in der Welt. Aber als er eben dachte: Wenn ich's doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mantel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Elöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und er blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den Letzten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Erküse. „Das muß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein," sagte er, „dem das Elöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht?" — „Kannitverstan!" war die Antwort. Da fielen unserm guten Tuttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal so schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan!" rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute." Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis aus Grab, sah den vermeinten Herrn Lannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht acht gab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannit- verstan in Amsterdam und an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab. IN 4. Mut zweier Knaben. Fr. Jacobs. In Ungarn wohnte nicht weit von der Stadt Bistrih eine arme Witwe auf dem Dorfe; diese Frau war kraut, und da es im Hause an Holz mangelte, schickte sie ihre beiden Knaben mit einem Schlitten hinaus in den Wald. Von diesen Knaben war der älteste noch nicht zwölf, der andere erst acht Jahre alt. Wie sie mit ihrem Schlitten an der Kirche vorüberkamen, sagte der Jüngere: „Janko, laß uns erst in die Kirche gehen!" Der Altere antwortete: „Ich bin dabei!" Sie ließen also ihren Schlitten an der Kirchentüre stehen, gingen hinein und beteten. Dann fuhren sie weiter und waren recht wohlgemut, ob sie gleich einmal über das andere tief in den Schnee fielen, und dürres Holz fanden sie auch im Überfluß. Und schon waren sie beschäftigt, es auf dem Schlitten zusammenzulegen und festzubinden, als sie in der Ferne zwei Wölfe erblickten, die in gerader Richtung auf sie zuliefen. Ihnen zu entrinnen, war unmöglich; ein Baum, auf den sie sich hätten retten können, war nicht in der Nähe; denn ringsumher war nur Buschholz, und was hätte ihnen auch der höchste Baum geholfen? Die Wölfe hätten dabei Wache gehalten, und sie hätten verhungern müssen. Was tun sie also in dieser Not? Der ältere, ein entschlossener Knabe, deckt den kleinern mit dem Schlitten zu, wirft so viel Holz darauf, als er kann, und ruft ihm zu: „Bete, aber rühre dich nicht! Ich habe Mut." — „Ach, mein Gott," sagt der kleine weinend, „wenn wir umkämen, die Mutter stürbe vor Gram." — Der eine Knabe steckt also unter dem Schlitten und dem dürren Holze; der größere aber, der Janko, stellt sich mit der Art in Positur, und wie der eine Wolf, der am hitzigsten vorausgelaufen ist, herankommt, versetzt er ihm einen Hieb in den Nacken, daß er zu Boden fällt. In diesem Augenblick packt ihn der andere Wolf am Arm und wirft ihn zu Boden. Hier faßt er nun in krampfhafter Angst das Untier mit beiden Händen an der Kehle und hält den weit geöffneten Rachen von sich ab, ohne doch zu schreien, um das Leben seines Bruders nicht in Gefahr zu bringen. Diesen aber ergreift in seinem Versteck eine unbeschreibliche Angst. Er wirft den Schlitten und das Holz von sich, rafft die zur Erde gefallene Art auf und versetzt dem Wolfe einige Hiebe auf den Rücken. Dieser wendete sich nun gegen den neuen Feind, und er würde ihn ohne Zweifel zerrissen haben, 11 hätte sich der andere nicht blitzschnell aufgerafft und die Art dein Wolfe in den Kopf geschlagen. So waren also zwei schwache Knaben durch Entschlossenheit und Mut Herren von zwei furchtbaren Raubtieren geworden, ohne selbst eine gefährliche Wunde bekommen zu haben. Verwundert sahen sie sich einer den andern an, dann die Tiere, die mit offenem Rachen tot auf dem Rücken lagen, und staunten über das furchtbare Gebiß und die gewaltigen Zähne, die sie hätten zermalmen sollen. Dann knieten sie nieder, bekreuzten sich und beteten, und nachdem sie Gott für ihre wunderbare Rettung gedankt hatten, kamen sie jubelnd mit ihrem Holze und den beiden erlegten Wölfen auf dem Schlitten nach Hause. Ich habe selbst in Bistritz die Knaben gesehen, wie sie mit den Wölfen durch die Straßen zogen, ihre Geschichte erzählten und von der ganzen Stadt bewundert und geliebkost und beschenkt wurden, und ich kann kaum daran denken, ohne daß mir die Tränen in die Augen kommen. 5. Der arme Mnfikant und sein Kollege. O. W. von Horn. An einem schönen Sommertage war im Prater zu Wien ein großes Volksfest. Der Prater ist eine sehr große öffentliche Gartenanlage voll herrlicher Bäume und der Hauptspaziergang und Belustigungsort der Wiener. Viel Volks strömt dahin; jung und alt, vornehm und gering, Einheimische und Fremde freuen sich dort ihres Lebens. Wo aber fröhliche Menschen sind, da hat auch derjenige etwas zn hoffen, der an die Barmherzigkeit seiner glücklichen Mitmenschen gewiesen ist. So sind denn dort auch eine Menge Bettler, Orgelmänner und Harfenmädchen, die sich ihren Kreuzer zu verdienen suchen. In Wien lebte einmal ein Invalide, dem seine kleine Pension zum Unterhalte nicht ausreichte. Betteln mochte er nicht. Er griff daher zur Violine, die er von seinem Vater erlernt hatte, der ein Böhme gewesen war. Er spielte unter einem alten Baume im Prater und hatte einen Pudel vor sich sitzen, den er abgerichtet hatte, einen alten Hut im Maule zu halten, damit die Leute die paar Kreuzer, die sie ihm geben wollten, da hineinwerfen könnten. Heute stand er auch da und fiedelte, und der treue Pudel saß vor ihm mit dem Hute; aber die Leute gingen vorüber, und der 12 Hut blieb leer. Hätten ihn die Leute nur einmal angesehen, sie hätten Barmherzigkeit mit ihm haben müssen. Dünnes, weißes Haar deckte kaum seinen Schädel; ein alter, fadenscheiniger Soldatenmantel war sein Kleid. Gar manche Schlacht hatte er wohl mitgekämpft, und fast jede hatte ihm in einer Narbe einen Denkzettel angehängt, bei dem für das Verlieren keine Sorge nötig war. Nur drei Finger an der rechten Hand hielten den Bogen; das eine Bein lag auf einem Schlachtfelde begraben. Und doch sahen die fröhlichen Leute nicht auf ihn, und er hatte doch heute für den letzten Kreuzer Saiten auf seine Violine gekauft und spielte mit aller Kraft seine alten Märsche und Tänze. Trübe und traurig sah der alte Mann auf die wogende Menschenmasse, atzf die fröhlichen Gesichter, auf die stolze Pracht ihres Putzes. Bei ihrem Lachen drang ein Stachel in seine Seele; heute abend mutzte er ja hungern auf seinem Strohlager im Dachstübchen. Sein Pudel war in der Tat besser daran; er fand doch vielleicht auf dem Heimwege einen Knochen unter einem Eossensteine, woran er » seinen Hunger stillen konnte. Schon war es ziemlich spät am Nachmittage. Seine Hoffnung war so nahe am Untergänge wie die Sonne; denn schon kehrten die Lustwandler zurück. Da legte sich ein recht tiefes Leid auf das wetterharte, verwelkte Gesicht. Als alle Arbeit fruchtlos blieb und die müde Hand den Bogen nicht mehr führen konnte, auch sein Bein ihn kaum mehr trug, da setzte er sich auf einen Stein und stützte die Stirn in die hohle Hand, und die Erde sog einige heimliche Tränen ein, und die sagt's nicht weiter. Der Herr aber, der dort am Stamme der alten Linde lehnte, hatte gesehen, wie die verstümmelte Hand die Tränen abwischte, damit das Auge der Welt die Spuren nicht sähe. Es war aber, als wenn die Tränen dem Herrn aufs Herz gefallen - wären; so rasch trat er herzu, reichte dem Alten ein Goldstück und sagte: „Alter, leiht mir Eure Geige ein Stündchen!" Der Alte sah voll Dankes den Herrn an, der mit der deutschen Sprache so holprig umging, wie er mit der Geige. Was er aber wollte, verstand der Invalide doch und reichte ihm seine Geige. Der Herr stimmte sie nun glockenrein, stellte sich ganz nahe zu dem Invaliden und sagte: „Kollege, nun nehmt Ihr das Geld, und ich spiele." Der fing denn nun an zu spielen, datz der Alte seine Geige neugierig betrachtete und meinte, sie sei es gar nicht mehr; denn der Ton ging wunderbar in die Seele, und die Töne rollten wie Perlen dahin. Manchmal war's, als jubilierten Engelsstimmen in der Geige, und dann wieder, als klagten Töne schweren Leids aus ihr heraus, die das Herz so bewegten, daß die Augen feucht wurden. Jetzt blieben die Leute stehen und sahen den stattlichen Herrn an und horchten auf die wundervollen Töne; jedermann sah's, der Mann geigte für den Annen; aber niemand kannte ihn. Immer größer wurde der Kreis der Zuhörer. Selbst die Kutschen der Vornehmen hielten an. Und, was die Hauptsache war, jedermann sah ein, was der kunstreiche Fremde beabsichtigte, und gab reichlich. Da fiel Gold und Silber in den Hut und auch Kupfer, je nachdem das Herz war. Der Pudel knurrte. War's Vergnügen oder Arger? Er konnte den Hut nicht mehr halten, so schwer war er geworden. „Macht ihn leer, Alter!" riefen die Leute dem Invaliden zu, „er wird noch einmal voll." Der Alte tat's, und richtig, er mußte ihn noch einmal leeren in seinen Sack, in den er die Violine zu stecken pflegte. Der Fremde stand da mit leuchtenden Augen und spielte, daß ein Bravo über das andere erscholl. Alle Welt war entzückt. Endlich ging der Geiger in die prächtige Melodie des Liedes: „Gott erhalte Franz den Kaiser!" über. Alle Hüte und Mützen flogen von den Köpfen; denn die Österreicher liebten ihren edlen Kaiser Franz von ganzem Herzen, und er verdiente es auch; allgemach wurde der Volksjubel so groß, daß plötzlich alle Leute das Lied sangen. Der Geiger spielte in der größten Begeisterung, bis das Lied zu Ende war; dann legte er rasch die Geige in des glücklichen Invaliden Schoß, und ehe der alte Mann ein Wort des Dankes sagen konnte, war er fort. „Wer war das?" rief das Volk. Da trat ein Herr vor und sagte: „Ich kenne ihn sehr wohl; es war der ausgezeichnete Geiger Alexander Boucher, welcher hier seine Kunst im Dienste der Barmherzigkeit übte. Laßt uns auch sein edles Beispiel nicht vergessen!" Der Herr hielt seinen Hut hin, und aufs neue flogen Sechsbätzner in den Hut des Herrn, der diesmal für den Invaliden aufhob. Alles gab, und als dann der Herr abermals das Geld in des Invaliden Sack geschüttet, rief er: „Boucher lebe hoch!" — „Hoch! hoch! hoch!" rief das Volk. Und der Invalide faltete seine Hände und betete: „Herr, lohne du ihm reichlich!" Es gab an diesem Abende zwei Glückliche mehr in Wien. Der eine war der Invalide, der nun auf lange Zeit seiner Not enthoben war; der andere war Boucher, dem sein Herz ein Zeugnis gab, um das man ihn beneiden möchte. 1t 6. Meister Hämmerleiar. Johann Ferdinand Schlez. Vor etlichen und dreißig Jahren starb in einem preußischen Dorfe der Eemeindeschmied Jakob Horn. Im gemeinen Leben hieß er nicht anders als Meister Hämmerlein. „Meister Hämmerlein? Ei, warum denn Meister Hämmerlein?" Weil er die sonderbare Gewohnheit hatte, wo er ging und stand, sein Hämmerlein und ein paar Nägel in der Tasche zu führen und an allen Toren, Türen und Zäunen zu hämmern, wo er etwas los und ledig fand. Vielleicht auch, weil er über seinem Hämmerlein Eemeindeschmied des Dorfes geworden war. „Wie wäre denn das zugegangen?" Ganz natürlich, wie ihr sogleich hören sollt. Sein Vorfahr war gestorben. Vier wackere Burschen hatten sich um den Dienst gemeldet und dem und jenem allerlei versprochen. Meister Hämmerlein hatte sich nicht gemeldet und nichts versprochen; er hämmerte bloß ein wenig an einer Gartentür und erhielt dafür den Dienst. „Und bloß für ein bißchen Hämmern?" Bloß für ein bißchen Hämmern! An einer Gartentür nahe am Dorfe hing schon wochenlang ein Brett ab. Meister Hämmerlein kam mit seinem Felleisen des Weges her. Flugs langte er einen Nagel und sein Hämmerlein aus der Tasche und nagelte das Brett fest. Das sah der Dorfschulze. Ihm schien es sonderbar, daß der landfremde Mensch das Brett nicht los sehen konnte, das doch selbst der Eigentümer des Gartens wohl zwanzigmal so gesehen hatte, ohne es festzumachen. Er wollte ihn anreden; aber der Bursche war fort, ehe er ihm nahe genug kam. Ein paar Stunden darauf ging der Schulze in die Dorfschenke. Sogleich fiel ihm der junge Mensch ins Gesicht. Er saß ganz allein an einem Tischchen und verzehrte sein Abendbrot. „Ei, willkommen!" rief der Schulze; „treffen wir uns hier, guter Freund?" Der junge Mensch stutzte, sah ihm steif ins Gesicht und wußte nicht, woher die Bekanntschaft kam. „Ist Er nicht der junge Wanderer," fragte der Schulze, „der diesen Abend da draußen am Wege das Brett einer Gartentür festgemacht hat?" — „Ja, der bin ich." — „Nun gut, so kommt, Nachbar Hans!" sagte der Schulze zu dem Eigentümer des Gartens, der zufällig auch zu- 15 gegen war, „kommt und bedankt Euch bei dem wackern Fremdlinge! Er hat im Vorbeigehen Eure zerbrochene Gartentüre wieder zurecht gemacht." Nachbar Hans schmunzelte, sagte seinen Dank, setzte sich neben den Schulzen traulich zu dem Fremdlinge, und alle Gäste lauschten auf ihr Gespräch. Es betraf das Handwerk, die Wanderungen und Kundschaften desselben, und in allen erwachte der einmütige Wunsch, ihn zum Eemeindeschmied zu bekommen, weil allen der Zug von gemeinnütziger Denkart gefallen hatte. Hämmerlein mutzte bleiben, und da er schon am folgenden Morgen einen Beweis von seiner Eeschicklichkeit in der Vieh- arzneikunst und im Beschläge gab, so war nur eine Stimme über ihn: „Dieser und kein anderer soll Eemeindeschmied werden." Man schloß den Vertrag mit ihm ab, und Meister Hämmerlein war unvermutet Schmiedemeister eines großen Dorfes, das er wenige Stunden zuvor auch nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte. Sage mir nun noch einer: „Wer ungebeten zur Arbeit geht, geht ungedankt davon." Zu seiner Besoldung gehörte unter anderm ein Grundstück, das er alljährlich mit Kartoffeln oder andern Gemüsepflanzen bestellte. Da er den Acker zum erstenmal in Augenschein nahm, bemerkte er auf dem Fahrwege verschiedene Löcher, in welche die Wagen bald rechts bald links schlugen. „Warum füllt Ihr doch die Löcher nicht mit Steinen aus?" fragte Meister Hämmerlein die Nachbarn, welche ihm den Acker zeigten. „Je," sagten diese, „man kann immer vor andern Arbeiten nicht dazu kommen." Was tat aber Meister Hämmerlein? So oft er von seinem Acker ging, las er von ferne schon Steine zusammen und schleppte deren oft beide Arme voll bis zu den Löchern. Die Bauern lachten, daß er, der selbst kein Gespann hielt, für andere den Weg besserte; aber ohne sich stören zu lassen, fuhr Meister Hämmerlein fort, jedesmal wenigstens ein paar Steine auf dem Hin- und Herwege in die Löcher Zu werfen, und in etlichen Jahren waren sie ausgefüllt. „Seht Jhr's?" sagte er nun, „hätte jeder von Euch, der leer in die Straße fuhr, auf dem Wege die Steine zusammengelesen, auf den Wagen geladen und in die Löcher geworfen, so wäre der Weg mit leichter Mühe in einem Viertel)ährchen eben geworden." 16 7. Der Held. Felir Moeschlin. Johann vorn Steinhof wußte nicht viel. Er war in die Schule gegangen; aber seither hatte er das meiste wieder vergessen. Nur die Schweizergeschichte war ihm im Kopfe geblieben. Vielleicht darum, weil sie ihm am meisten eingetrichtert worden war mit allen ihren Schlachten und Siegen und Helden, aber bloß bis zur Schlacht bei Marignano. Weiter waren sie nicht gekommen. Wenn Johann hinter dem Pfluge ging und etwas dachte, so dachte er an die alten Schweizer. Damals wäre er gern daheim gewesen. Das hätte ihm gerade gepaßt. Aber wenn er seinem Vater etwas davon sagte, wurde er ausgelacht. Da er keine Mutter mehr hatte, behielt er schließlich seine Gedanken für sich. Darum kann man nicht sagen, daß er einsamer wurde, al« sein Vater starb. Hingegen zeigte es sich, daß der Hof so sehr in Schulden steckte, daß es am besten war, ihn zu versteigern. Als Johann so viel verkauft hatte, als nötig war, um die Schulden zu bezahlen, blieb ihm bloß ein steiniger Ackerlappen, ein Stück Wald und eine Hellebarde übrig. Er ließ den Wald und den Ackerlappen liegen, wie sie lagen, und zog mit seiner Hellebarde in die Welt hinaus. Er wollte ein Held werden, wie so mancher alte Schweizer. Irgendwo war wohl Kampf und Streit, wo sie ihn brauchen konnten. Und dann wollte er weisen, was er war. Aber die Welt mußte sich seit der Schlacht bei Marignano merkwürdig verändert haben. Er konnte sie nicht mit der alten Schweizergeschichte in Einklang bringen. Und seine Hellebarde hatte gar keinen Wert mehr. Man lachte ihn aus und zeigte ihm ein Gewehr. Da sah er ein, daß es nicht so einfach war, ein Held zu werden. Und das machte ihn betrübt, denn er wäre so gerne einer geworden. Aber da die Welt nicht zu ändern war, so schickte er sich drein. Und er sehnte sich wieder nach dem Eteinhof zurück; denn alles in allem war es dort nicht schlimmer als an einem andern Orte, und überdies war es ja seine Heimat. Unterwegs kam er an einer Schmiede vorbei, und weil seine Hellebarde so unnütz war, gab er sie dem Manne, der dort drinnen hämmerte, damit er etwas Besseres daraus mache. Und der rußige Kerl schmiedete ihm eine Art, eine Hacke und einen Spaten Anrecht; denn es war eine große Hellebarde gewesen. 17 Mit seinen drei Werkzeugen wanderte Johann heim. Als er in seinem Walde angekommen war, schnitzte er sich zu allererst einen Stiel zu seiner Art. Auch Hacke und Spate kriegten eine tüchtige Handhabe. Dann baute er sich eine Hütte und begann auf seinem Ackerlappen zu arbeiten. Bisweilen verdingte er sich auch als Taglöhner. Mit dem Gelde kaufte er, was er zum Leben nötig hatte, und was übrig blieb, verwendete er auf Acker und Hütte. Hätte es ihm nicht immer noch so leid getan, daß er kein Held geworden war, so wäre er ganz glücklich gewesen. Aber eines Tages kam ein Mann an seinem Acker vorbei. Er hatte einen Sack auf dem Rücken und einen Hammer in der Hand. Mit diesem klopfte er an den Steinen herum, die Johann seit seiner Heimkunft aus dem Acker gegraben und auf einen großen Haufen zusammengetragen hatte. Johann schaute dem fremden Manne zu. Schließlich kamen sie ins Gespräch. Der Steinklopfer verwunderte sich, daß aus dem steinigen Acker, wie er ihn vor Jahren kennen gelernt hatte, so gutes, fruchtbares Land geworden sei. Johann erzählte ihm, wie er daran gearbeitet habe, und zeigte ihm auch die Hütte, die eben im Begriffe stand, ein Häuschen zu werden. Der Fremde ließ sich alles erzählen und sagte dann: „Du bist wohl recht glücklich?" — „Ja, ich kann nicht klagen.... aber die Sache ist halt die: ich wäre so gerne ein Held geworden." Da sah ihn der fremde Mann mit leuchtenden Augen an, schlug ihm auf die Achsel und sagte: „Du Dummer.... du bist ja einer.... hast du das nicht schon gemerkt....?" Da ging dem Johann ein Lichtlein aus, und von diesem Tage an fehlte ihm nichts mehr zu seinem Glücke. Nun wußte er, daß er nicht schlechter war als die alten Eidgenossen. 8. Der beste Empfehlungsbrief. Aus der „Magdeburgischen Zeitung". Als ein Kaufmann durch die Zeitung einen Lehrling für sein Geschäft suchte, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sich rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. „Ich möchte wohl wissen," sagte ein Freund, „warum du gerade diesen Knaben, der doch keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, 2 ,8 bevorzugtest." — „Du irrst," lautete die Antwort; „dieser Knabe hat viele Empfehlungen. Er putzte seine Schuhe ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Tür leise zu; er ist daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen Manne, was seine Aufmerksamkeit und Herzensgute zeigt. Er nahm seine Mütze ab, als er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und sicher; er ist also höflich und hat Anstand. Er hob das Buch auf, welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und drängte sich nicht heran; — ein gutes Zeugnis für sein anständiges Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und Hände und Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weih, nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht." 0. Alte Schweizerart. Friedrich AHIfeld. Von zwei alten Schweizern wird erzählt, dah sie einen Streit um eine Wiese hatten. Jeder glaubte ein gutes Recht an dieselbe zu haben. Da kam eines Tages der eine zum andern und sagte ihm: „Ich habe die Richter zusammenkommen lassen. Wir waren beide nicht gelehrt genug, unsere Sache ins reine zu bringen. Komm morgen mit vor Gericht!" Der andere antwortete: „Ich kann morgen nicht, ich habe mein Heu gemäht; es muh eingebracht werden." Nach einigem Besinnen fügte er hinzu: „Geh du doch allein, sage den Richtern deine und meine Gründe und lah sie dann entscheiden." Der andere nahm es an, ging, führte beide Sachen in schlichter Wahrheit, kam am Abend wieder, trat bei dem Widersacher ein und verkündete ihm: „Die Richter haben für dich entschieden. Gottlob, dah unser Hader aus ist!" 10. Heldenmut. Aus W. Sterns Sprach- und Lesebuch. „Herr Kapitän," sagte James Marmel!, der Steuermann, „Herr Kapitän, mir kommt's vor, als röch' ich Feuer; aber ich 19 kann nicht finden, wo es ist." Der Kapitän zieht den Atem an sich und riecht's auch; aber bald ist's ihm wieder, als wär' es nichts; bald riecht er's wieder. Er sucht alles durch und kann nichts finden. Aber je länger je ärger wird der Brandgeruch, und endlich in der Nacht, da schon das ganze Dampfschiff voll des angsterregenden Gestankes ist, ruft er: „Maxwell, ich hab's gefunden; die Flammen brechen bei dem Nade durch!" — „Dann wende ich das Schiff dem Ufer zu," rief dieser entgegen und schlug sich vor die Stirn; denn er kannte deutlich die furchtbare Gefahr. Aber er faßt sich, und als er sich allein sieht, fällt er auf seine Kniee und ruft Gott an und betet: „O allmächtiger Gott, verleih' nur Stärke, jetzt treulich meine Pflicht zu erfüllen, und werde du selbst Tröster meiner Witwe und Vater meiner acht Waislein!" Darauf ergreift er wieder das Steuerruder und steht unbeweglich, das Angesicht der nächsten Landspitze zugekehrt, und das Schiff fliegt darauf los wie ein Pfeil. Die Matrosen wenden alle ihre Kräfte an, das Feuer zu dämpfen; aber die Wut der Flammen wächst mit jeder Minute und treibt die Maschine mit grausen- erregender Gewalt, und das Schiff schießt durch die Wellen hin wie ein Sturmvogel. Alle Reisenden hatten sich auf dem Vorderteile zusammengedrängt; denn der gewaltige Luftzug ließ keinen Rauch dorthin kommen, sondern trieb denselben rückwärts. Da stand aber nun der arme Maxwell an seinem Steuerruder in dem erstickenden Qualm wie ein Märtyrer auf dem rauchenden Scheiterhaufen. Der Kapitän und die Matrosen taten zwar, was sie konnten, um das Hinterteil mit Wasser zu beziehen; aber das tat dem wütenden Brande keinen Einhalt. Schon fängt der Boden unter Marwells Füßen an sich zu entzünden; aber er weicht nicht von seinem Posten; denn an seiner Hand hängt jetzt das Leben von achtzig Personen. Immer gerade hin nach dem Lande schaut sein Blick; immer rasender treibt die Flamme das Schiff; immer unbeweglicher hält seine Hand das Ruder. Die Leute am Ufer sehen das brennende Schiff und richten Feuerzeichen auf, um den Unglücklichen zu zeigen, wo sie landen sollen. Maxwell versteht's. Seine Füße fangen an zu braten; aber er bleibt. So sturmschnell das Schiff dahin saust, er möchte ihm noch Flügel dazu geben; denn er merkt, es kann kaum einige Minuten mehr dauern, so sinkt es. Und jetzt — jetzt ist's daran — da rückt sein Steuerruder und rutsch — rutsch! da sitzt das 20 brennende Schiff auf dem Sande. Alle werden gerettet, und Maxwell wird auch aus Land getragen; aber wie sieht er aus! Seine Kleider fallen ihm wie Zunder vorn Leibe; seine Fühe sind ganz verbrannt. Doch Gott segnet die Hand des Arztes, und nach mehreren Wochen kann Maxwell das Bett wieder verlassen. Aber seine hohe Gestalt ist gekrümmt; seine Haare sind ganz gebleicht; seine Fühe bleiben schwach, und er hat daran seiner Lebtage zu leiden. Er ist Krüppel um Gottes willen, und seine Familie hat ihren Ernährer verloren. Doch hat Gott Herzen erweckt, die sich seiner und der Seinigen treulich angenommen haben. 11. Der Dieb. Robert Reinick. Im nächsten Städtchen gab es Kirchweih und Jahrmarkt; deshalb waren alle Leute aus dem Dorfe dorthin gezogen, um einzukaufen, lustig zu sein und zu tanzen. So war es denn am Abende gar still im Orte; kein Mensch war zu sehen noch zu hören. Der Brunnen, an dem sonst um diese Zeit die Mädchen beim Wasserholen plauderten und lachten, streckte seinen langen Balken neugierig in die Luft, als wollte er fragen: Kommt denn heute niemand her, mein Wasser zu holen? Unter der großen Linde, wo an anderen Abenden die jungen Burschen sahen und ihre Lieder sangen, regte sich heute kein Erashälmchen, und nur oben im Baume pfiff ein Vögelein sein Abendlied. Selbst der alte Baumstamm, auf dem die Kinder zu spielen und herumzuklettern pflegten, lag verlassen und leer da, und nur wenige Ameisen, die sich bei der Arbeit verspätet hatten, krochen darauf noch hin und her, um sich ihr Abendbrot zu holen. Allmählich kam die Dämmerung herauf; es wurde immer dunkler und stiller, und nachdem die lauten, lustigen Vögel in ihre Nester gekrochen waren, schlüpften die häßlichen Fledermäuse hervor und schwirrten und huschten durch die Abendluft. Da kam um die Ecke der Scheune ein Mann daher. Er schlich leise und ängstlich immer der Mauer entlang, wo es am dunkelsten war. Dabei sah er sich scheu nach allen Seiten um, ob auch ein Mensch da wäre, der ihn bemerken könnte. Als er sich aber ganz sicher glaubte, kletterte er aus die Mauer, kroch 21 dort auf allen vieren wie eine Katze weiter bis an eine Stelle, wo die Mauer ans Haus stieß, und schwang sich dann in ein Fenster des Hauses hinein, das gerade offen stand. Der Mann aber hatte recht böse Dinge irn Sinn,- denn er war ein Dieb und gedachte, die Leute, die in dein Hause wohnten, zu bestehlen. Nachdem er durch das Fenster hineingekrochen war, befand er sich in einer leeren Kammer; dicht daneben war die Wohnstube der Hausbewohner; eine Tür, die dort hineinführte, war nicht verschlossen, sondern nur leicht angelehnt. Der Dieb wußte wohl, daß die Leute ebenfalls auf den Jahrmarkt gegangen waren; doch dachte er, es könnte vielleicht zufällig jemand in die Stube gekommen sein, legte daher das Ohr an die Türspalte und horchte. Drinnen hörte er ein Kind laut sprechen, und wie er durchs Schlüsselloch guckte, sah er beim Dämmerscheine, daß es ganz allein mit gefalteten Händen in seinem Bettchen saß — das Kind betete, wie es immer vor dem Schlafengehen tat, laut sein Vaterunser. Schon sann der Mann darüber nach, wie er dennoch seinen Diebstahl am besten ausführen möchte; da hörte er, wie das Kind mit lauter, klarer Stimme eben die Worte betete: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!" Das ging dem Manne tief zu Herzen, und sein Gewissen erwachte. Er fühlte, wie schwer die Sünde sei, die er eben hatte begehen wollen. Da falteten sich auch seine Hände, und auch er betete inbrünstig für sich: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel!" — Und der liebe Gott erhörte ihn. Auf demselben Wege, den er gekommen, schlich er wieder zurück bis in sein Kämmerlein. Dort bereute er von ganzem Herzen sein bisheriges Leben, bat Gott um Verzeihung und dankte ihm für den Schutz, den er ihm durch den Mund eines frommen Kindes hatte angedeihen lassen. Er ist darauf ein arbeitsamer und ordentlicher Mensch geworden. 22 12. Einige Abenteuer des Freiherrn von Münchhansen. R. E. Raspe und E. A. Bürger. 1. Das Nachtlager im Freien. Auf einer Reise nach Rußland, die ich mitten im Winter zu Pferde antrat, überfielen mich einst auf ödem Anger Nacht und Dunkelheit. Nirgends war ein Dorf zu hören, noch zu sehen. Das ganze Land lag unter Schnee, und ich wußte weder Weg noch Steg. Des Reitens müde, stieg ich endlich ab und band mein Pferd an eine Art von spitzem Baumstecken, der über den Schnee hervorragte. Zur Sicherheit nahm ich meine Pistolen unter den Arm, legte mich nicht weit davon in den Schnee nieder und tat ein so gesundes Schläfchen, daß nur die Augen nicht eher wieder aufgingen, als bis es Heller lichter Tag war. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß ich mitten in einem Dorfe auf dem Kirchhofe lag! Mein Pferd war anfänglich nirgends zu sehen; doch hörte ich es bald darauf irgendwo über mir wiehern. Als ich nun wieder emporsah, so wurde ich gewahr, daß es an den Wetterhahn des Kirchturmes gebunden war und von da herunterhing. Nun wußte ich sogleich, wie ich daran war. Das Dorf war nämlich die Nacht über ganz zugeschneit gewesen; das Wetter hatte auf einmal umgesetzt; ich war im Schlaf nach und nach, so wie der Schnee zusammengeschmolzen, ganz sanft herabgesunken, und was ich in der Dunkelheit für den Stummel eines Bäumchens, der über den Schnee hervorragte, gehalten, und woran ich mein Pferd gebunden hatte, das war der Wetterhahn des Kirchturms gewesen. Ohne mich nun lange zu bedenken, nahin ich eine von meinen Pistolen, schoß nach dem Halfter, kam glücklich auf die Art wieder an mein Pferd und verfolgte meine Reise. 2. Der Rekognoszierungsritt auf der Bombe. Im Türkenkriege belagerten wir ich weiß nicht mehr welche Stadt, und dem Feldmarschall war ganz erstaunlich viel an genauer Kundschaft gelegen, wie die Sachen in der Festung stünden. Es schien äußerst schwer, ja fast unmöglich, durch alle Vorposten, 23 Wachen und Festungswerke Hineinzugelangen. Vor Mut und Diensteifer fast ein wenig allzu rasch, stellte ich mich neben einen der größten Mörser, der soeben nach der Festung abgefeuert ward, und sprang im Hui auf die Bombe in der Absicht, mich in die Festung hineintragen zu lassen. Als ich aber halbwegs durch die Luft geritten war, stiegen mir allerlei nicht unerhebliche Bedenklichkeiten zu Kopfe. Hum, dachte ich, hinein kommst du nun wohl; allein wie hernach sogleich wieder heraus? Und wie kann's dir in der Festung ergehen? Man wird dich sogleich als einen Spion erkennen und an den nächsten Galgen hängen. Ein solches Bette der Ehre wollte ich mir denn doch wohl verbitten. Nach diesen und ähnlichen Betrachtungen entschloß ich mich kurz, nahm die glückliche Gelegenheit wahr, als eine Bombe aus der Festung einige Schritte weit von mir vorüber nach unserm Lager flog, sprang von der meinigen auf diese hinüber und kam zwar unoerrichteter Sache, jedoch wohlbehalten bei den lieben Unsrigen wieder an. 3. Der Besuch auf dem Monde. Trotz aller meiner Tapferkeit und Klugheit ging's mir in dem Türkenkriege doch nicht immer nach Wunsch. Ich hatte sogar das Unglück, durch die Menge übermannt und zum Kriegsgefangenen gemacht zu werden; ja, was noch schlimmer war, ich wurde zum Sklaven verkauft. In diesem Stande der Demütigung war mein Tagwerk nicht sowohl hart und sauer, als vielmehr seltsam und verdrießlich. Ich mußte nämlich des Sultans Bienen alle Morgen auf die Weide treiben, sie daselbst den ganzen Tag lang hüten und dann gegen Abend wieder zurück in ihre Stöcke treiben. Eines Abends vermißte ich eine Biene, wurde aber sogleich gewahr, daß zwei Bären sie angefallen hatten und ihres Honigs wegen zerreißen wollten. Da ich nun nichts anderes Waffen- ähnliches in Händen hatte als die silberne Art, welche das Kennzeichen der Gärtner und Landarbeiter des Sultans ist, so warf ich diese nach den beiden Räubern bloß in der Absicht, sie damit wegzuscheuchen. Die arme Biene sehte ich dadurch wirklich in Freiheit; allein durch einen unglücklichen, allzu starken Schwung meines Annes flog die Art in die Höhe und hörte nicht auf zu steigen, bis sie im Monde niederfiel. 24 Wie sollte ich sie nun wieder kriegen? Mit welcher Leiter auf Erden sie herunterholen? Da fiel wir ein, daß die türkischen Bohnen sehr geschwind und zu einer erstaunlichen Höhe emporwüchsen. Augenblicklich pflanzte ich also eine solche Bohne, welche wirklich emporwuchs und sich an eines von des Mondes Hörnern von selbst anrankte. Nun kletterte ich getrost nach dem Monde empor und langte glücklich an. Nur war es ein ziemlich mühseliges Stückchen Arbeit, meine silberne Art an einem Orte wiederzufinden, wo alle andern Dinge gleichfalls wie Silber glänzten. Endlich fand ich sie doch auf einem Haufen Spreu und Häckerling. Nun wollte ich wieder zurückkehren; aber ach! die Sonnenhitze hatte indessen meine Bohne aufgetrocknet, so daß daran schlechterdings nicht wieder herabzusteigen war. Was war nun zu tun? Ich flocht mir einen Strick von dem Häckerling, so lang ich ihn nur immer machen konnte. Diesen befestigte ich an eines von des Mondes Hörnern und ließ mich daran herunter. Mit der rechten Hand hielt ich mich fest, und in der linken führte ich meine Art. Sowie ich nun eine Strecke hinuntergeglitten war, so hieb ich immer das überflüssige Stück über mir ab und knüpfte dasselbe unten wieder an, wodurch ich denn ziemlich weit heruntergelangte. Dieses wiederholte Abhauen und Anhängen machte nun freilich den Strick ebenso wenig besser, als es mich völlig herab auf des Sultans Landgut brachte. Ich mochte wohl noch ein paar Meilen weit droben in den Wolken sein, als mein Strick auf einmal zerriß und ich mit solcher Heftigkeit herab zn Gottes Erdboden fiel, daß ich ganz betäubt davon wurde. Durch die Schwere meines von einer solchen Höhe herabfallenden Körpers fiel ich in ein Loch wenigstens neun Klafter tief in die Erde hinein. Ich erholte mich zwar endlich wieder, wußte aber nicht, wie ich wieder herauskommen sollte. Allein, was tut nicht die Not? Ich grub mir mit meinen Nägeln eine Art von Treppe und förderte mich dadurch glücklich zu Tage. 4. Jagdgeschichten. Es war mitten in einem fürchterlichen Walde, als ich einen entsetzlichen Wolf mit aller Schnelligkeit des gefräßigsten Winterhungers hinter mir ansetzen sah. Er holte mich bald ein; und es war schlechterdings unmöglich, ihm zu entkommen. Mechanisch legte ich mich platt in den Schlitten nieder und lieh mein Pferd zu unserem beiderseitigen Besten ganz allein agieren. Was ich zwar vermutete, aber kaum zu hoffen und zu erwarten wagte, das geschah gleich nachher. Der Wolf bekümmerte sich nicht im mindesten um meine Wenigkeit, sondern sprang über mich hinweg, fiel wütend auf das Pferd, rih ab und verschlang auf einmal den ganzen Hinterteil des armen Tieres, welches vor Schrecken und Schmerz nur desto schneller lief. Wie ich nun auf die Art selbst so unbemerkt und gut davongekommen war, so erhob ich ganz verstohlen mein Gesicht und nahm mit Entsetzen wahr, dah der Wolf sich beinahe über und über in das Pferd hineingefressen hatte. Kaum aber hatte er sich so hübsch hineingezwängt, so nahm ich mein Tempo wahr und fiel ihm tüchtig mit meiner Peitschenschnur auf das Fell. Solch ein unerwarteter Überfall in diesem Futteral verursachte ihm keinen geringen Schreck; er strebte mit aller Macht vorwärts; der Leichnam des Pferdes fiel zu Boden, und siehe! an seiner Statt steckte mein Wolf in dem Geschirre. Ich meines Orts hörte nun noch weniger auf zu peitschen, und wir langten in vollem Galopp gesund und wohlbehalten in St. Petersburg an, ganz gegen unsere beiderseitigen respektiven Erwartungen und zu nicht geringem Erstaunen aller Zuschauer. Eines Morgens sah ich durch das Fenster meines Schlafgemachs, dah ein groher Teich, der nicht weit davon lag, mit wilden Enten gleichsam überdeckt war. Flugs nahn: ich mein Gewehr aus den: Winkel, sprang zur Treppe hinab, und das so über Hals und Kopf, dah ich unvorsichtigerweise mit dein Gesicht gegen die Türpfosten rannte. Feuer und Funken stoben mir aus den Augen; aber das hielt mich keinen Augenblick zurück. Ich kam bald zum Schuh; allein wie ich anlegte, wurde ich zu meinem grohen Verdrusse gewahr, dah durch den soeben empfangenen heftigen Stoh sogar der Stein von dem Flintenhahne abgesprungen war. Was sollte ich nun tun? Denn Zeit war hier nicht zu verlieren. Glücklicherweise fiel mir ein, was sich soeben mit meinen Augen zugetragen hatte. Ich rih also die Pfanne auf, legte mein Gewehr gegen das wilde Geflügel an und ballte die Faust gegen eines von meinen Augen. Von einem derben Schlage flogen wieder Funken genug heraus, der Schuh ging los, und ich traf fünf Paar Enten, vier Rothälse und ein Paar Wasserhühner. 26 So schwammen einst auf einem Landsee, an welchen ich auf einer Jagdstreiferei geriet, einige Dutzend wilder Enten allzuweit von einander zerstreut umher, als daß ich mehr denn eine einzige auf einen Schutz zu erlegen hoffen konnte; und zum Unglück hatte ich meinen letzten Schutz schon in der Flinte. Gleichwohl hätte ich sie gern alle gehabt, weil ich nächstens eine ganze Menge guter Freunde und Bekannten bei mir zu bewirten willens war. Da besann ich mich auf ein Stückchen Schinkenspeck, welches von meinem mitgenommenen Mundvorrat in meiner Jagdtasche noch übriggeblieben war. Dies befestigte ich an eine ziemlich lange Hundeleine, die ich aufdrehte und so wenigstens noch um vielmal verlängerte. Nun verbarg ich mich im Schilfgesträuch am Ufer, warf meinen Speckbrocken aus und hatte das Vergnügen, zu sehen, wie die nächste Ente hurtig herbeischwamm und ihn verschlang. Der ersten folgten bald alle übrigen nach, und da der glatte Brocken am Faden gar bald unverdauet hinten wieder herauskam, so verschlang ihn die nächste, und so immer weiter. Kurz, der Brocken machte die Reise durch alle Enten samt und sonders hindurch, ohne von seinem Faden loszureißen. So satzen sie denn alle daran, wie Perlen an der Schnur. Ich zog sie gar allerliebst aus Land, schlang mir die Schnur ein halbes Dutzend mal um Schulter und Leib und ging meines Weges nach Hause zu. Da ich noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war und mir die Last von einer solchen Menge Enten ziemlich beschwerlich fiel, so wollte es mir fast leid tun, ihrer allzuviele eingefangen zu haben. Da kam nur aber ein seltsamer Vorfall zu statten, der mich anfangs in nicht geringe Verlegenheit setzte. Die Enten waren nämlich noch alle lebendig, fingen, als sie von der ersten Bestürzung sich erholt hatten, gar mächtig an, mit den Flügeln zu schlagen und sich mit mir hoch in die Luft zu erheben. Nun wäre bei manchem wohl guter Rat teuer gewesen. Allein ich benutzte diesen Umstand, so gut ich konnte, zu meinem Vorteil und ruderte mich mit meinen Rockschößen nach der Gegend meiner Behausung durch die Luft. Als ich nun gerade über meiner Wohnung angelangt war und es darauf ankam, ohne Schaden mich herunterzulassen, so drückte ich einer Ente nach der andern den Kopf ein, sank dadurch ganz sanft und allmählich gerade durch den Schornstein meines Hauses mitten auf den Küchenherd, auf welchem zum Glück noch kein Feuer angezündet war, zu nicht geringem Schreck und Erstaunen meines Koches. 27 6. Das Abenteuer mit dem Löwen und dem Krokodil. Es mochten ungefähr vierzehn Tage seit unserer Ankunft verstrichen sein, als mir der älteste Sohn des Gouverneurs den Vorschlag tat, mit ihm auf die Jagd zu gehen, den ich auch herzlich gern annahm. Mein Freund war ein großer, starker Mann und an die Hitze jenes Klimas gewöhnt; ich aber wurde in kurzer Zeit und bei ganz mäßiger Bewegung so matt, daß ich, als wir in den Wald gekommen waren, weit hinter ihm zurückblickn Ich wollte mich eben an dem Ufer eines reißenden Stromes, der schon einige Zeit meine Aufmerksamkeit beschäftigt hatte, niedersetzen, um mich etwas auszuruhen, als ich auf einmal auf dem Wege, den ich gekommen war, ein Geräusch hörte. Ich sah zurück und wurde fast versteinert, als ich einen ungeheuren Löwen erblickte, der gerade auf mich zukam und mich nicht undeutlich merken ließ, daß er gnädigst geruhe, meinen armen Leichnam zu seinem Frühstück zu machen, ohne sich nur meine Einwilligung auszukitten. Meine Flinte war bloß mit Hasenschrot geladen. Langes Besinnen erlaubte mir weder die Zeit noch meine Verwirrung. Doch entschloß ich mich, auf die Bestie zu feuern, in der Hoffnung, sie zu schrecken, vielleicht auch zu verwunden. Allein, da ich in der Angst nicht einmal wartete, bis mir der Löwe zum Schusse kam, so wurde er dadurch wütend gemacht und kam nun mit aller Heftigkeit auf mich los. Mehr aus Instinkt als aus vernünftiger Überlegung versuchte ich eine Unmöglichkeit — zu entfliehen. Ich kehre mich um, und — mir läuft noch, so oft ich daran gedenke, ein kalter Schauder über den Leib — wenige Schritte von mir steht ein scheußliches Krokodil, das schon fürchterlich seinen Rachen aufsperrte, um mich zu verschlingen. Stellen Sie sich, meine Herren, das Schreckliche meiner Lage vor! Hinter mir der Löwe, vor mir das Krokodil, zu meiner Linken ein reißender Strom, zu meiner Rechten ein Abgrund, in dem, wie ich nachher hörte, die giftigsten Schlangen sich aufhielten. Betäubt — und das war einem Herkules in dieser Lage nicht übelzunehmen — stürzte ich zu Boden. Jeder Gedanke, den meine Seele noch vermochte, war die schreckliche Erwartung, jetzt die Zähne oder Klauen des wütenden Raubtieres zu fühlen oder in dem Rachen des Krokodils zu stecken. Doch in wenigen Sekunden 28 hörte ich einen starken, aber durchaus fremden Laut. Ich wage es endlich, meinen Kopf aufzuheben und mich umzuschauen, und — was meinen Sie? — Zu meiner unaussprechlichen Freude finde ich, das; der Löwe in der Hitze, in der er auf mich losschoß, in eben dem Augenblicke, in dem ich niederstürzte, über mich weg in den Rachen des Krokodils gesprungen war. Der Kopf des einen steckte nun in dem Schlunde des anderen, und sie strebten mit aller Macht, sich von einander los zu machen. Gerade noch zu rechter Zeit sprang ich auf, zog meinen Hirschfänger, und mit einem Streiche hieb ich den Kopf des Löwen ab, so daß der Rumpf zu meinen Füßen zuckte. Darauf rammte ich mit dem unteren Ende meiner Flinte den Kopf noch tiefer in den Rachen des Krokodils, das nun jämmerlich ersticken mußte. Bald nachdem ich diesen vollkommenen Sieg über zwei fürchterliche Feinde erfochten hatte, kam mein Freund, um zu sehen, was die Ursache meines Zurückbleibens wäre. Nach gegenseitigen Glückwünschen maßen wir das Krokodil und fanden es genau vierzig Pariser Fuß sieben Zoll lang. 13. Die teure Zeche. Eduard Veith. In der Zeit der französischen Revolution zogen viele Franzosen bei uns ein. Sie waren froh, daß sie das Leben glücklich aus ihren: unglücklichen Vaterland herausgebracht hatten. In einem Dorfe in meiner Nähe mußte einmal ein solcher Franzmann zurückbleiben, weil seine zwei kranken Kinder in der Kälte nicht weiter konnten. Er mietete ein Stübchen und wollte Holz kaufen; aber niemand hatte Holz übrig. Zum Glück kommt ein Bauer, der in die Stadt will, mit einem Füderchen Holz durch das Dorf. „Was sik kost?" fragte der Franzose. — Das ist ein fremder Vogel, denkt der Bauer, und sieht recht erfroren aus; der soll's bezahlen. „Drei Louisdor," spricht er, „weil Jhr's seid." Der Franzose schüttelt den Kopf und handelt, aber vergeblich. Der Bauer bleibt bei seiner Forderung, und will der Vater seine Kinder nicht erfrieren lassen, muß er wohl das Sündengeld zahlen. Froh über das Gelingen seiner Prellerei geht der Bauer in die Schenke, um zu frühstücken, und rühmt sich gegen den Wirt, 29 wie hoch er das Holz, das höchstens zwei Taler wert sei, verkauft habe, und tut sich auf seinen Streich etwas zu gut. Der Wirt aber meint, Franzosen wären auch Menschen, und ein Schelmenstreich wäre immer ein Schelmenstreich. Darüber fährt der Bauer auf und behauptet: „Das Holz war mein; ich konnte es so teuer verkaufen, wie ich wollte." Der Wirt schweigt, und der Bauer trinkt den letzten Tropfen aus und fragt: „Was bin ich schuldig für Käse, Brot und Schnaps?" — „Drei Louisdor," versichert der Wirt. Der Bauer glaubt seinen Ohren nicht trauen zu dürfen oder einen Scherz zu hören, bis der Wirt ganz ernsthaft wiederholt: „Drei Louisdor; ich nehm's auch in Silber. Brot, Käse und Schnaps waren mein, und ich kann dafür verlangen, was ich will, und wollt Ihr nicht zahlen, so ziehe ich Euern dicken Schimmel in meinen Stall und lasse ihn nicht eher wieder in Euren Karren, als bis Ihr bezahlt habt. Wollt Ihr das nicht, so verklagt mich beim Amtmann!" Schnell eilt der Bauer ins Amt und klagt. Der Wirt, der gefordert und erst scharf angelassen wird, erzählt die Prellerei des Bauern, und wie er dadurch zu seiner Forderung veranlaßt worden sei, um die Sache auf eine gute Art vor das Amt zu bringen. „Bauer, Ihr zahlt dem Wirt die drei Louisdor!" entscheidet der gestrenge Herr Amtmann, und will der Bauer nicht noch ins Loch, so muß er wirklich zahlen. „Nun, ich danke, Herr Amtmann," sagte der Wirt; „haben Sie nun auch die Güte, von dem Gelde dem Bauer zwei Taler zurückzugeben und das übrige dem armen Franzosen wieder zuzustellen; für die Zehrung verlange ich nichts." So geschah es. Weil man aber nicht alle Tage für drei Louisdor Käse ißt, so ward von der Geschichte noch viel gesprochen. Und so kam sie denn auch zu den Ohren des benachbarten Försters, der bald herausbrachte, daß der Bauer das Holz gestohlen hatte. Da hatte der doppelte Schelm noch einige doppelte Louisdor nötig, um seinen Frevel zu büßen. 3tt 14. Wie das Zicklein starb. Petri Kettenfeier Rosegger. Mein Vater hatte ein schneeweißes Zicklein; mein Vetter Jock hatte einen schneeweißen Kopf. Das Zicklein taute gern an Halmen oder Erlzweigen — mein Vetter gern an einem kurzen Pfeifchen. Das Zicklein hatten wir, ich und meine noch jüngern Geschwister, unsäglich lieb — den Vetter Jock auch. So kamen wir auf den Gedanken, wir sollten das Zicklein und den Vetter zusammentun. Da war's im Heumonat, daß ich eines sonnenfreudigen Tages all' meine Geschwister hinauslockte auf den Krautacker und daselbst die Frage an sie tat: „Wer von euch hat einen Hut, der kein Loch hat?" Sie untersuchten ihre Hüte und Hauben; aber durch alle schien die Sonne und machte im Schatten aus dem Erdboden einen oder ein paar lichte Punkte. Nur Jakoberles Hut war ohne Arg; den nahm ich also in die Hand und sagte: „Der Vetter heißt Jock, und morgen ist der Jakobitag, und jetzt, was geben wir ihm zum Angebinde? Das weiße Zicklein." „Das weiße Zicklein gehört dem Vater!" rief das kleine Schwesterchen Plonele, empört über ein so eigenmächtiges Vorhaben. „Deswegen ist es ja, daß ich euch den Hut hinhalte," sagte ich. „Du, Jakoberle, hast gestern dem Knierutschersepp dein Kaninchen verkauft; du, Plonele, hast von deinem Paten drei Groschen zum Taufpfennig gekriegt; dir, Mirzerle, hat vor zwei Tagen der Vater ein Haltergeld geschenkt. Schaut, ich leg' meine ersparten fünf Kreuzer hinein, und wir müssen zusammentun, daß wir dem Vater das Zicklein abkaufen können, und das schenken wir morgen dem Vetter. Nu, jetzt halt ich schon her!" Sie guckten eine Weile so drein; dann huben sie in ihren Taschen zu suchen an. Da sagte das Plonele: „Mein Geld hat die Mutter!" und das Mirzerle rief erschrocken: „Das meine weiß ich nicht!" und das Jakoberle starrte auf den Boden und murmelte: „Mein Sack hat ein Loch." Auf diese Weise war mein Unternehmen gescheitert. Nichtsdestoweniger haben wir das schneeweiße Zicklein geherzt. Es stieg mit den Vorderfüßchen an unsere Kniee empor und guckte uns mit seinen großen, völlig eckigen Augen schelmisch an, als 31 wollte es unser recht spotten, daß wir all' mitsammen nicht soviel an Vermögen hatten, um es kaufen zu können. Es kicherte und blökte uns ordentlich aus, und dabei sahen wir die schneeweißen Zähnchen. Es war kaum drei Monate alt und hatte schon einen Bart, und ich und das Jakoberle waren über sieben Jahre hinaus und mußten uns aus grauen Baumflechten einen Bart ankleben, wenn wir einen haben wollten. Und selbst den fraß uns das Zicklein vorn Gesichte herab. Trotzdem hatten wir jedes das Vierfüßchen viel lieber als uns untereinander. Und ich sann auf weitere Mittel, mit dem Tiere den Vetter zu beglücken. Als aber mittags darauf der Vater vorn Felde heimfuhr, umschwärmten wir ihn alle und zupften an seinen Kleidern. „Vater," sagte ich, „ist es wahr, daß die Morgenstunde Gold inr Munde hat?" Das war ja sein eigen Sprichwort, und so antwortete er rasch: „Freilich ist das wahr." „Vater!" riefen wir nun alle vier zugleich, „wie früh müssen wir alle Tage aufstehen, daß Ihr uns das weiße Zicklein gebt?" Auf diese geschäftliche Wendung schien der Vater nicht gefaßt gewesen zu sein. Da er aber von unserm Vorhaben, dem Vetter Jock das Zicklein zuzueignen, hörte, bedingte er, ein halb Stündlein früher aufzustehen jeden Tag, und trat uns das liebe Tierchen ab. Das Zicklein gehörte uns. Wir beschlossen einstimmig, schon am nächsten Morgen noch vor des Vetters Aufstehzeit — und das war viel gesagt — aus dem Neste zu kriechen, das Zicklein mit einem roten Halsband zu versehen und es ans Bett des alten Jock zu führen, ehe dieser noch seinen langen, grauen Pelz, den er Winter und Sommer trug, auf den Leib brachte. So unser heilig Vorhaben. Aber am andern Tage, als uns die Mutter weckte und wir die Lider aufschlugen, schien uns die Sonne mit solcher Gewalt in die Augen, daß wir dieselben sogleich wieder schließen mußten, bis die Mutter niit ihrem Kopftuch das Fenster verhüllte. Nun gab es keine Ausflucht mehr. Aber der Vetter war schon längst davon mitsamt den: Pelz. Er hatte die Schafe und die Ziegen auf die Talroeide getrieben, wo er sie stets hütete und den ganzen Tag schmunzelnd an seinen: Pfeifchen kaute. Und die Tierchen schnappten so emsig an den betauten Gräsern und 32 Sträuchern und hüpften und scherzten so lustig auf der sonnigen Weide! Es war auch das Zicklein dabei. Und hat's dem Jock niemand gesagt, daß heute sein Namenstag ist! — Zu jener Zeit, von der ich rede, sind die feuerspeienden Streichhölzer noch nicht erfunden gewesen; dazumal war das liebe Feuer ein rares Ding. Man konnte es nicht so bequem im Sacke tragen wie heute, ohne sich das Beinkleid zu verbrennen. Es mußte mit harten Schlägen aus Steinen herausgetrieben werden; es mußte, kaum geboren, mit Zunder gefüttert werden und bedurfte langer Zeit, bis es sich in demselben so weit kräftigte, daß es ein gröberes Köder anbiß und flügge wurde. Das Feuer mußte zum Dienste des Menschen jedesmal förmlich gezogen werden. Es war ein mühsam und heikel Stück Arbeit; beim Feuermachen konnte meine sonst so milde Mutter unwirsch werden. Die Glut, des Abends noch so sorgsam in der Herdgrube verwahrt, war des Morgens zumeist erloschen. Was sich die Mutter auch mühte, den Funken in der Asche wieder anzublasen — alles vergebens, das Feuer war gestorben über Nacht. Nun ging die Schlägerei mit Stein und Stahl an, und wir Kinder waren oft schon recht hungrig, bevor die Mutter das Feuer zuweg brachte, welches uns die Morgensuppe kochen sollte. So auch am Morgen von des Vetters Namenstag. Wir hatten draußen in der Küche wohl eine Weile das Pfauchen und Feuerschlagen gehört; dann aber rief die Mutter plötzlich aus: „'s ist gar umsonst! 's ist, wie wenn der bös' Feind in die Herdgruben hätt' gespuckt. Und der Stein hat keinen Funken Feuer mehr in sich, und der Schwamm ist feucht, und die Leut' warten auf die Suppen!" Dann kam sie in die Stube und sagte: „Geh', Peterle, ruck und lauf gschwind zu der Knierutscherin hinüber; ich tät sie gar schön von Herzen bitten, sie wollt' mir ein Haferl Glut schicken von ihrem Herd. Und trag' ihr dafür da den Brotlaib mit. Geh', Peterle, ruck, daß wir nachher eine Suppen kriegen!" Ich hatte mein weißes Linnenhöslein gleich an, und wie ich war — barfuß, barhaupt, nahm ich den runden, recht gewichtigen Brotlaib unter den Arm und lief gegen das Knierutscherhaus. 33 „Du Sonnenschein!" sagte ich unterwegs, „schäm' dich! du kannst nicht einmal ein Süpplein wannen. Jetzt muß ich zu der Knierutscherin um Feuer gehen. Aber wart nur! wird bald lustig sein auf unserm Herd; die Flammen werden aufhüpfen über das Holz, die Maller wird rot leuchten, die Töpfe werden brodeln, der Rauch wird unter dem Feuerhut hinaussprudeln und den Rauchfang hinauf und wird dich verdecken. Recht hat er, wenn er dich verdeckt; dann essen wir die Suppen und den Sterz im Schatten und den Eierkuchen auch, der heut' für den Vetter Jock gebacken wird, und du sollst von allem nichts sehen." Als ich nach solchem Gespräch mit der Sonne über die Berghalde ging, da stach mich ein wenig der Vorwitz. Mein Brotlaib war so kugelrund und fest, als wär er aus Lärchenholz gedrechselt worden. Man läßt bei uns das Brot gern altbacken werden; es langt auf diese Weise doppelt aus, wiewohl es zur Essenszeit zuweilen mit Eisenschlägeln zertrümmert werden muß. Aber weil denn mein Laib gar so kugelrund war, wie nicht leicht etwas Runderes mehr zu finden ist, so ließ ich ihn los über die Halde, lief ihm behende vor und fing ihn wieder auf. War ein. herzlich lustiges Spiel das, und ich hätte mögen all' meine Geschwister herbeirufen, daß sie es sehen und mitmachen könnten. — Wie ich nun aber so in meiner Freude die Halde auf und ab hüpfte, spielt mir mein Brotlaib jählings den Streich und huscht mir wie der Wind zwischen den Beinen durch und davon. Er eilt und hüpft hinab, viel schneller als ein Reh vor dem Jagdhunde — er fährt über den Hang, setzt hoch über den Rain in die Talweide hinab, wo er meinen Augen entschwindet. Bin dagestanden wie ein Klotz und hab' gemeint, ich müßt' umfallen vor Schreck und auch hinabkugeln gegen das Tal. Ich ging eine Weile hin und her, auf und ab, und da ich den Laib nirgends sah, schlich ich kopfhängerisch davon und ins Haus der Knierutscherin. Da brannte freilich ein großes, schönes Feuer auf dem Herde. „Was willst denn, Peterle?" fragte die Knierutscherin freundlich. „Bei uns," stotterte ich, „ist das Feuer ausgegangen, wir mögen uns nichts locht», und so läßt meine Mutter schön bitten um ein Hafer! Glut, und sie würde es schon fleißig wieder zurückstellen." 3 3 t „Ihr Närrlein, wer wird denn so ein paar Kohlen zurückstellen!" rief die Knierutscherin und schürte mit der Feuerzange Glut in einen alten Topf; „da seht, ich lass' deiner Mutter sagen, sie soll nur schön einheizen und dir einen recht guten Sterz kochen. Aber schau, Peterle, daß dir der Wind nicht hineinbläst; sonst trägt er die Funken auf das Dach hinauf. So, setz geh' nur in Gottes Namen!" So gütig war sie mit mir, und ich hatte ihr den Brotlaib verscherzt. Des drückt mich das Gewissen heute noch hart. Als ich endlich mit dem Feuertopfe zurück gegen unser Haus kam, war ich höchlich überrascht; denn da sah ich aus dem Rauchfange bereits einen blauen Dunst hervorsteigen. „Dich soll man um den Tod schicken und nicht um Feuer!" rief die Mutter, als ich eintrat; dabei wirtete sie um das lustige Herdfeuer herum und sah mich gar nicht an. Meine kaum noch knisternden Kohlen waren so armselig gegen, dieses Feuer; ich stellte den Topf betrübt in einen Winkel des Herdes und schlich mich davon. Ich war viel zu lange ausgewesen; da war zum Glück der Vetter Jock von der Talweide heimgekommen, und der hatte ein Brennglas, das er in der Sonne über einen Zunder hielt, bis derselbe glimmte. Und jetzt war mir die verlästerte Sonne doch noch Zuvorgekommen mit dem Suppenfeuer. Ich war sehr beschämt und vermag es heute noch nicht, der Wohltäterin offen in das Angesicht zu blicken. Ich schlich auf den Hausanger. Dort sah ich den Vetter kauern in seinem langen, grauen, rotverblümten Pelz und mit seinem weißen Haupt. Und als ich näher kam, da sah ich, warum er hier so kauerte. Das schneeweiße Zicklein lag vor ihm und streckte seinen Kopf und seine Füße von sich, und der Vetter Jock zog ihm die Haut ab. Sogleich hub ich laut zu weinen an. Der Vetter erhob sich, nahm mich bei der Hand und sagte: „Da liegt es und schaut dich an!" und das Zicklein starrte mir mit seinen verglasten Augen wirklich schnurgerade in das Gesicht. Und doch war es tot. „Peterle," lispelte der Vetter ernsthaft, „die Mutter hat der Knierutscherin einen Brotlaib geschickt." „Ja," schluchzte ich, „und der ist mir davongegangen, hinab über die Halde." „Weil du's eingestehst, Vübele," sagte der Vetter Jock, „so will ich die Sach' schon machen, daß dir nichts geschieht. Ich hab' 35 zu der Mutter gesagt, eiu Stein oder so was wäre hiuabgefahren und hätte das Zicklein erschlagen. Hab' mir's inr geheimen gleich gedacht: das Peterle steckt dahinter. Dein Brotlaib ist schier in den Lüften dahergekommen nieder über den hohen Rain, an mir vorbei, dem Zicklein zu, hat es just an den Kopf getroffen — ist das Dingelchen hingetorkelt und gleich maustot gewesen. — Aber — fürcht' dich nicht! Es bleibt beim Stein. Mit der Knie- rutscherin werd' ich's auch abmachen, und jetzt sei still, Büble, und zerr' mir das Gesicht nicht so garstig auseinander! Auf die Nacht essen wir das Tierlein, und die Mutter kocht uns eine Kernsuppe dazu." So ist das Zicklein gestorben. 15. Kunsturteil. Fritz Marti. Die Mittagsglocke bimmelte gellend; der schlanke, hölzerne Kirchturm, mit vielen roten Schildchen bedeckt, wackelte von seinem Grunde aus, und der Hahn auf der Spitze wurde heftig hin- und hergeschleudert, daß er eine große Luftreise machte von einem Ende der Schwingung zum andern und jeden Augenblick herabzustürzen drohte. „Was meinst du, wenn jetzt der Kirchturm auf diese Seite herunterfiele!" sagte des Dorfschuhmachers vierschrötiger Junge zu Adolf, der auf dem Turnplatz vor der Kirchhofmauer mit künstlicher Nachlässigkeit auf der eisernen Reckstange saß, um mit seiner Kunst zu prahlen, daß er, ohne sich mit den Händen festzuhalten, auf dem hohen, dünnen Sitze thronen konnte. „Du kämest nicht mehr davon und würdest zu Brei geschlagen und wärest mausetot. Denke, die schweren Balken! Was wolltest du denn machen! Ich, ich möchte noch gerade davonkommen!" „Er füllt aber nicht herunter," erwiderte Adolf, „sonst wäre er schon längst heruntergekommen!" „Ja, einmal muß er doch herunterfallen, da er jetzt schon so stark zittert," sagte hartnäckig der dickköpfige Bursche. „Jedesmal in der Kinderlehre denke ich daran, wenn es läutet. Nun, mir kann es ja gleichgültig sein, wenn ich nur nicht darunterkomme; aber ich bin froh, wenn ich konfirmiert bin; dann gehe ich so lange nicht mehr in die Kirche, bis der Kirchturm fester gemacht ist." 36 „Bist du dumm!" sagte eifrig Adolf. „Es ist ja gerade ein Glück, daß er wackeln kann, und ein Zeichen, daß er solid gebaut ist. Warst du noch nie oben bei den Glocken? Diese mächtigen, eichenen Balken! Wer da glaubt, der Turm falle herab! O, jerum! Ja, in tausend Jahren; aber dann macht uns das Zahnweh nicht mehr viel." Die eifrige Unterhaltung war seinem Gleichgewicht gefährlich geworden, daß er für gut gefunden, dem Pfosten näherzurücken. Nun hing er das eine Bein aus, hielt sich mit den Händen an der Eisenstange, fest und drehte sich am Kniegelenk des anderen Beines wie ein Rad sausend herum, bis ihm Zu schwindeln begann. „Bravo! Der kann's! Wie ein Eichhörnchen in der Trülle!" schallte eine tiefe, kräftige Stimme, und als Adolf endlich Stillstand errungen, sah er den dicken Schweinehändler mit dem glühend roten Gesicht, den dicken Knotenstock in die Hüfte gestützt, auf dein Fußwege stehen und ihm bewundernd zuschauen. „Mach's noch einmal!" fuhr der Maun fort. „Und du," wandte er sich an den größeren Jakob, „kannst du nichts? Laß dich von dem Kleinen nicht auslachen! Der kriegt einen Zehner, der's an/ besten macht!" Zweifelnd schaute ihm Adolf ins Gesicht. „Bei meiner Seele, ich halte euch nicht zum Narren, und der bekommt ihn, der ihn verdient." Jetzt kam Bewegung in Adolf; denn es galt Ernst und zudem die Ehre seiner Kunst, die zum erstenmal belohnt werden sollte. Er war weit entfernt, dem Preisrichter die erst gemachte, ganz gewöhnliche Kniewelle nochmals vorzumachen. Etwas ganz Neues, Außerordentliches wollte er zeigen. Mit einem Sprunge befand er sich auf dem Boden, stellte sich, nach echter Turnerart, in Positur, maß mit den Augen die Höhe der Stange, die sich weit ob seinem Kopfe befand. Ein Schwingen mit den Armen, der Körper spannte sich in allen Muskeln, schnellte empor und hing in der Schwebe. Und jetzt machte er sein Meisterstück, erst kürzlich nach ungeheurer Anstrengung glücklich zustande gebracht: Den berühmten schwierigen Kraftaufzug! Die aneinandergepreßten, gestreckten Beine hoben sich langsam bis zur wagrechten Lage, der ganze Körper zitterte von der Kraftanstrengung. Die Fußspitzen strebten langsam in die Höhe gegen die Stange, drohten wieder nach vorn abzufallen, der Turner stöhnte und zitterte, ein verzweifelter Widerstand, die Arme zogen an, und die Beine stiegen in die Höhe, senkten sich 37 auf der andern Seite hinunter, und keuchend lag Adolf auf der Stauge. Aber uoch nicht genug! Kaum hatte er den Atem wieder gewonnen, als er sich in die Hangschwebe fallen lieh, d:e Beine wieder emporzog, diesmal sie aber zwischen den beiden Armen durchschob und nun rücklings den Sitz auf der Stange zu gewinnen versuchte. Sein Gesicht war abwärts gekehrt und alles Blut hierhergeströmt, die Augen traten aus den Höhlen, rote und blaue Kugeln schwirrten vor ihm, wieder die Gefahr des Herabstürzens, und mit einem letzten Ruck saß er endlich erschöpft und tiefatmend auf der Stange. Das war der noch berühmtere Kreuzaufzug! Nun ließ er sich nachlässig auf den Boden fallen und stellte sich auf die Seite, um Jakobs Kunststücke anzusehen. Selbstverständlich mutzte nach solchen Leistungen der Preis ihm zufallen. Er lächelte auch etwas spöttisch zum Schweinehändler hinüber mit der Bedeutung: „Der kann nichts, du wirst sehen!" Aber der versprochene Preis hatte Jakobs ganze Energie aufgestachelt. Weil er sich nicht auf die Stange schwingen konnte, kletterte er am Pfosten empor, hing ein Knie über die Stange, lietz sich fallen und machte einfach die Kniewelle, die jeder Knabe konnte und die Adolf bei der Ankunft des Schweinehändlers gemacht und die ihm dessen Beifall erworben. Jakobs plumper Körper aber verlieh ihm starken Schwung, so datz er immer wieder von neuem in Bewegung kam und nicht aufhören konnte und den Zuschauern fast schwindlig wurde vorn Zusehen. Endlich verlangsamte sich die Bewegung allmählich, und wie ein Mehlsack plumpste Jakob auf den Boden. Mit spöttischen: Lächeln blickte Adolf den Schweinehändler an, der in seiner Schweinsblase stöberte und endlich sagte: „Ich finde keinen Zehner, du wirst nichts gegen einen Zwanziger haben." Adolfs Herz hüpfte voll freudiger Aufregung. Er näherte sich, den Preis zu empfangen. „Da!" sagte der Schweinehändler, „du hast es am besten gemacht," und streckte den Zwanziger — Jakob hin und schritt von dannen gegen das Wirtshaus hinunter. Mit offenen: Munde starrte Adolf ihn: nach. „Wer kann's jetzt besser? Du oder ich, he?" sagte Jakob, stieß einen mark- und beindurchdringenden Jauchzer aus und rannte nach Hause zur Verkündigung des Triumphes seiner Kunst. Adolf aber stand noch eine Weile verständnislos da. 3 » 16. Halifax und Biwifax. Eine Schlittschnhgeschichte von Fritz Müller. Zu Weihnachten bekam der Mar Stadelmann Schlittschuhe. Und dabei hatte er sie gar nicht auf den Wunschzettel geschrieben, wie er uns nachher erzählte. Während ich mir ertra Schlittschuhe gewünscht hatte und anstatt dessen drei Paar wollene Strümpfe und sechs Hemden bekam. Mit Wonne hätte ich natürlich 500 Hemden und 5000 Strümpfe drangegeben für em Paar Halifax. Ein Paar Halifar, wie der Mar Stadelmann sie hatte. Kreuzteufel, glänzten diese Halifax verführerisch! Und natürlich hatte sie der Max Stadelmann schon am zweiten Weihnachtstage an einem Riemen am Arme hängen, als wir ihn auf der Straße trafen. „Wie, laß sehen, Stadelmann." „Von mir aus." „Das sind feine Schlittschuhe." „Ich kriege überhaupt nur feine Sachen zu Weihnachten." „Jegerl nein, andere Leut' auch!" „So? Wo sind denn dann deine Schlittschuhe?" Das war eine bösartige Frage von Mai Stadelmann an meine Eigenliebe. Ja, wenn ich keine Zeugen gehabt hätte! Aber da standen die Schulkameraden herum und paßten aitf, was ich jetzt sagen würde. „Meine Schlittschuhe?" sagte ich so gleichgültig als ich konnte, „meine Schlittschuhe sind daheim." „Warum nimmst du sie denn nicht mit?" „Meinst du vielleicht, ich lauf mit meinen Schlittschuhen auf der Straße umeinander, wenn es kein Eis gibt?" Die Kameraden lachten. Der Stadelmann war ausgestochen. Für den Augenblick wenigstens. „Nun, ich hab's euch ja nur zeigen wollen," lenkte er ein, „sind die deinigen auch Halifar?" Jetzt war ich schon im Lügen. Halifar oder andere Faxen — jetzt war's gleich. „Nein," sagte ich ehern, „ich habe Biwifar-Schlittschuhe bekommen." „Biwifax? was sollen denn das für welche sein?" „Was, du kennst nicht einmal die Biwifar-Schlittschuhe? Gelt, Gruber, du kennst sie aber?" 39 Der Gruber schrieb von mir immer alle Rechenaufgaben ab. Also kannte er die Biwifar-Schlittschuhe. „Natürlich," sagte er geschwollen, „natürlich kenn' ich die Biwifar. Aber selten sind sie. In einem jeden Laden hängen sie nicht, mein Lieber." Ich sah den Eruber zweifelnd an. Hatte er die schwindelhafte Herkunft meiner Biwifar-Schlittschuhe durchschaut? Nein, nein, ich sah es ihm ja an : er glaubte dran. Nur daß er mich ein wenig unterstützen wollte. Nun glaubten auch die andern dran. Sogar der Stadelmann. Und wenn ich mich recht erinnere, auch für mich bekamen sie jetzt Leben, meine Biwifar. „Aber deine Biwifar haben doch keinen Hohlschliff wie die meinigen," wagte der Stadelmann noch einzuwerfen. „Was? meine Biwifar hätten keinen Hohlschliff? Zweimal so lang wie bei dir ist der Hohlschliff bei meinen Biwifar, mein Lieber." „Aber dann kann man sie nicht mit einer Schraube auf einmal anschrauben, wie meine Halifar." „Was? meine Biwifar brauchen überhaupt keine Schrauben. Die halten ganz von selber." Das war sogar dem Gruber ein wenig zu viel. Wenigstens sagte er: „So? Von selber? Aber es kann schon sein. Angehabt hab' ich sie noch nicht." „Aber die meinigen sind in einer Fabrik gemacht, hat mein Vater gesagt, wo 5000 Arbeiter beschäftigt sind. Und das ist in England, hat mein Vater gesagt." „So? Und meine Biwifar sind aus einer Fabrik mit 10000 Arbeitern, und die liegt in Amerika." „Und das hat ihm sein Vater nicht erst zu sagen brauchen," stand mir der Gruber bei, „das weiß er, — das wissen wir selber, mein Lieber." Der Stadelmann Wichte nichts mehr zu erwidern. Er ließ die Schlittschuhe und die Ohren hängen. Die Sache war erledigt. Meine Biwifar hatten glänzend gesiegt über die Halifar. Der Stadelmann kehrte um. Auf einmal fiel ihm noch etwas ein: „Du, ich möchte deine Biwifar einmal anschauen." Ich fühlte, das war die Nagelprobe meiner Lügerei. 40 Allen meinen Mut nahin ich zusammen und sagte: „Wenn's Eis gibt, siehst du sie sowieso." Und dann gingen wir auseinander. Ich war den ganzen Tag nicht fröhlich. Die Lügen-Biwifar lagen schwer auf meiner Seele. Wie hatte ich mich auch nur so in die Lügerei hineinreden können?. Aber da war nur der Stadelmann schuld mit seiner Halifax-Protzerei, so dachte ich, und versuchte mich, so gut es ging, herauszureden. Auf einmal durchfuhr es mich wieder siedend heitz: Und wenn es denn nun morgen frieren würde? Aber es fror nicht am nächsten Tag. Auch nicht am übernächsten Tag. Die ganzen Weihnachten fror es nicht. Einmal aber fror es dennoch. „Morgen ist die Decke dick genug," erklärte der Gruber auf dem Heimweg von der Schule, „morgen können wir laufen." „Dann weih doch der Stadelmann endlich," sagte ein anderer, „warum er seine Halifax zu Weihnachten bekommen hat." „Ja," setzte wieder einer zu, „und der Müller seine Biwifar." Ich hörte beklommen zu. Denn meine Biwifar hatten sich in der Schule herumgesprochen. Und, wie das immer geht, jeder hatte was dazu gemacht, so das; jetzt die wildesten Gerüchte über meine Biwifar umliefen. Nicht nur, das; sie einen Riesenhohlschliff hatten, nein, auch aus Nickel waren sie, und die geheimnisvoll gebogene Spitze war vergoldet. Und eine selbsttätige Feder hatten sie, vermöge deren sie den Fahrer blitzschnell fortbewegten, so daß man selbst sich diese Mühe sparen konnte. . . . Und zu jeder neuen Wunderzutat wurde meine Bestätigung eingeholt. Was sollte ich tun? Ich mutzte nicken, nicken — wie ein Vater aufkommen mutz für die immer verwegeneren Streiche seines schlechtgeratenen Jungen. Denn die Biwifar, die waren nun einmal mein Kind. „Und dann können wir auch dem Stadelmann seine Halifar mit dem Müller seinen Biwifar vergleichen," sagte noch der Gruber, ehe wir uns trennten. Am anderen Tage stand es in der Zeitung: „Heute Eislauf auf dem Kleinhesseloher See." Und in der Nacht auf diesen Tag fuhr ich Schlittschuhe. Auf meinen Biwifar aus der amerikanischen Fabrik mit den 10000 Arbeitern. Im Traum natürlich. Aber so lebendig, datz ich mir im Traum überlegte: „Also ist doch alles wahr. 41 also habe ich doch die Biwifar zu Weihnachten bekommen, und keine Hemden und keine Strümpfe, und es ist gerade umgekehrt; die Hemden und die Strümpfe sind erlogen." Dann fuhr ich mit dem Finger über den wundervollen Hohlschliff. Au, beinahe hätte ich mich daran geschnitten. Und der Eruber stand dabei und zeigte auf das glänzende Nickel und die vergoldete Spitze und sagte zu den andern, die im Kreise standen: „Nun, seht ihr's jetzt? Was habe ich euch gesagt! Schaut, auch keine Schraube ist da! Jetzt patzt erst auf, wenn er sie anlegt! Das gibt einen Knacks, dann sitzen sie von selber." Und siehe da, als ich die Schlittschuhe nur leicht an meinen Sohlen hielt, da gab es wirklich einen Knacks — schon saßen sie wie angegossen. „Und habt ihr die Feder nicht gesehen?" fuhr der Gruber fort, „ganz von selber fahren die Biwifar." Rrr — schon fuhren sie mit mir davon. Oh, war das schön! „Kommt mit! Kommt mit!" rief ich. Aber meine Biwifar fuhren zu schnell. Sie konnten mich nicht mehr einholen. Auseinander kamen wir. Im Nebel sah ich meine Freunde verschwinden. Meine Biwifar trugen mich mit Windeseile und auf Nimmerwiedersehen von ihnen fort. „Halt!" rief ich. Aber meine Biwifar kehrten sich nicht daran. „Halt! Um Gotteswillen, halt!" Aber meine Biwifar fuhren nur noch schneller. Das blaue Eis flitzte unter mir weg. Die Bäume am Wasserrande schössen wie Telegraphenstangen am Zuge an mir vorbei. Jetzt kam ein Eishügel — und darüber ging's mit Knirschen und Gestiebe. Jetzt kam eine Mulde — wie tollgewordene Hunde hetzten mich meine Biwifar hinunter und hinauf. Weite, einsame Flächen kamen. Kein Mensch mehr weit und breit. Nur ich mit meinen Biwifar, die mit mir machten, was sie wollten. Die mich jagten. Deren fürchterlicher, unaufhaltsamer Lauf mir jetzt alle Schauer der Vereisung über den Rücken laufen ließ. Die mir gleich darauf so heitz machten, dah ich brennende Lohe in mir emporschlagen fühlte. Und jetzt — „Herr im Himmel, halt, halt!" Dort drüben gähnte ein Spalt im Eis, nein, ein großes Loch. Und meine Biwifar zielten haargenau darauf. Ich zerbog mir meine Knie — nicht einen Zoll hinüber oder herüber lenkte ich die 42 Biwifar. Das Loch, das Loch! sie wollten mein Verderben. Und jetzt hörte ich sie lachen. Meine Biwifar lachten unter meinen Füßen hämisch herauf, schadenfroh. Und jetzt blieben sie mit einem Ruck knapp vor dem Loche stehen und schleuderten mich mit einen: hohen Schwung hinein in den Tod. — „Nein, Sie dürfen ihn nicht aufstehen lassen," hörte ich die Stimme unseres Arztes, „er hat Fieber, aber ich hoffe, daß es nicht gefährlich ist." Dann ging er. Und dann spürte ich meiner Mutter Hand auf der glühenden Stirne. Es wurde mir so sonderbar. Ein Geständnis hatte sich da drunten in meiner Brust gelockert. Es wollte herauf. „Mutter," sagte ich, „gelt, heilte ist Eislauf auf dem Klein- hesseloher See?" „Nein, Kind, eben waren deine Kameraden da, um dir mitzuteilen, daß es getaut hätte, und daß große Löcher aufgebrochen wären." „Und was haben sie noch gesagt, Mutter?" fragte ich angstvoll. „Daß es so schade wäre, denn sie hätten sich so sehr auf deine neuen Schlittschuhe gefreut—auf deine—deine Biwifar, sagten sie." „Und, Mutter, was — was hast du gesagt, Mutter?" stieß ich hervor. „Ich! Ich sagte, daß wir deine — deine Biwifar unserem Vetter nach Stettin geschickt hätten, wo es dieses Jahr besser friere als bei uns." „Oh, Mutter, das hast du gesagt?" „Ja, mein Sohn, das sagte ich, und nun mußt du bald wieder gesund werden!" sprach sie ruhig und ließ ihre Hand nicht von meiner Stirne. Ich aber drückte diese Hand und sagte leise: „Mutter, ich muß dir noch meinen Traum erzählen, meinen Traum von den Biwifar." „Ja," nickte sie. Und wie ich meinen Traum erzählt hatte, lächelte sie, und ich war, ehe noch das Fieber von mir ging, geheilt von meinen Biwifar und gewarnt vor manchen anderen Biwifaren, deren Hohlschliff und vergoldete Spitze und selbsttätige Fortbewegung am Horizont meines Lebens sichtbar wurden.... 43 17. Der überführte Dieb. David Hetz. Ein Bauer aus der Eglisauer Herrschaft stand im Verdacht, ein Sacktuch entwendet zu haben. Er wurde vor den Landvogt gebracht und verhört, leugnete aber beharrlich, und Salomon Landolt stellte sich, als glaube er seiner Aussage. Dann aber sprach er gleichsam verlegen: „Wenn ich nur wusste, wie das verwünschte Sacktuch aussieht!" zog das seinige aus der Tasche und fragte: „Ist es wohl so schön und fein wie dieses?" — „Nein, gewiß nicht, Herr Landvogt! es ist viel schlechter und nicht rot, sondern blau," platzte der Dieb heraus und war verraten. 11!. Das standhafte Maranrili. Meinrad Lienert. Es war vor Jahren; da marschierte ein Trüpplein Kinder, Knaben in weißschimmernden Hirtenhemdchen und Mädchen in rötlichen, selbergewobenen Nöckchen und hemdärmlig, auf dem Weg, der von dem Eutal nach Einsiedeln führt. Sie jauchzten alle überselig und umhüpften mit glänzenden Augen ihren Lehrer. Es war die Schule des Dörfleins, die eine Reise nach Zürich machen durfte. Merke wohl auf: eine Reise nach Zürich erschien der Jugend damals nicht viel weniger, als heute den Erwachsenen ein Abstecher nach Amerika. Darum pfiffen und jubilierten die kleinen Leutlein so sehr. Viele von ihnen waren noch nie aus ihrem Bergnestchen herausgekommen und meinten, ein größeres Gebäude, als das Eutaler Chilchli, könne es einfach nicht geben. Wie sie an der einsamen Waldstatt Einsiedeln vorbeigingen, war's noch immer finstere Nacht; denn der Lehrer war mit den Kindern um 1 Uhr nachts in Eutal aufgebrochen. Als die Kinder aber gegen Richterswil hinunterkamen, tagte es, und es zog ein etwas trüber Herbstmorgen herauf, und die Nebelfetzen hingen herum in den krausen Obstbäumen, wie oft das Spinnengeweb' an den Krausköpfen wilder Buben, wenn sie durch alle Häge gekrochen sind. Da hielt der Lehrer große Musterung, um inne zu werden, ob keiner seiner Schüler fehle und ob alle in gehörigem Zustande seien. So ließ er also das Trüpplein an sich vorbeispazieren. AIs er aber meinte, es seien alle vorbei, behielte zuletzt noch ein kleines Mägdlein um die Wegbiegung und führte an der Hand ein Büblein, 44 das immer absitzen wollte. „Jesses, Jesses," schrie der Lehrer, „was fällt dir denn ein, Marannli! — Bringt der Zaupf den Tolpatsch mit! Was muß ich mit dem denn anfangen? Er ist ja so gstabet und kommt gewiß nicht nach; warum hast den Väredi (Bernhard) nachgeschleikt, he?" „Er ist mir ja nachgelaufen und hat geflennt: „Marannli, nimm mich auch mit! Ich will auch viel Wasser sehen!" „Und du selber, wie siehst denn du aus? Hast ja keine Schuh' an!" — „Ich hab' halt keine," schluchzte das Kind. „So bleib' da! Ich nehm' dich nicht mit und den Tolpatsch da noch weniger," schimpfte der Lehrer. Da hub es erbärmlich zu weinen an, und der schwachsinnige Bäredi, ihr Nachbarssöhnchen, flennte die zweite Stimme dazu. Der Lehrer sann nach. Nein, mit diesen beiden wollte er in Zürich nicht einziehen und sich zu Tode schämen, lieber umkehren. Da fiel es ihm ein, daß ja täglich viele Kutscher von Einsiedeln nach Richterswil fahren. So wollte er die zwei Kinder in einem Gasthaus lassen im Dorf drunten am See und den Wirt beauftragen, die Kleinen einem Kutscher aufzugeben nach Einsiedeln; dort könnten sie auf seine Rückkehr warten. Gedacht, getan. Das Trüpplein Kinder stieg also jauchzend und singend hinab zu dem heimeligen Dorf am blauen Zürichsee, und der Lehrer übergab das untröstliche Marannli und den Bäredi der Obhut eines Wirtes. Durch ein Fensterscheiblein konnten die zwei Zurückgelassenen zuschauen, wie der Lehrer mit der jubelnden Schule aufs Schiff stieg und hinausfuhr auf das großmächtige Wasser, immer weiter und weiter, bis das Schiff nur noch war wie eine Wildente. Da saßen sie nun, das Marannli und der Bäredi, auf einer langen Bank in der Wirtsstube, mutterseelenallein und still, wie zwei Maienstöcklein auf dem Fenstersims. Sie wagten sich lange nicht zu rühren. So verging Stunde um Stunde; niemand kümmerte sich um sie. Da begann das Büblein aufs neue zu weinen. „Hei go!" schluchzte er. „Nei, nei, Bäredi; sei du nur still; der Lehrer hat gesagt, es hole uns einer." „Nei, hei go!" machte das Büblein. Es verging wieder eine geraume Weile; da hielt es das Marannli auch nicht mehr aus; es nahm den Buben bei der Hand und zog ihm die Holzschuhe ab, damit es nicht so poltere, und so trämpelten die beiden die Stiegen hinab, und wie sie drunten waren, liefen sie, was gibst was hast, t.z wieder den Weg dahin zurück, von wo sie gekommen. Verwundert guckten die ehrsamen Züribieter dem seltsamen Pärchen nach; das Büblein in den klappernden Holzschuhen und dem weißen Hirtenhemdchen war ihnen doch ein ungewohnter Anblick. Ein gutes Stück ob Richterswil machten die zwei Kinder Halt und setzten sich ans Straßenbord ins Gras. Nicht weit unter ihnen lag der See, und es spiegelten sich drin die aufsteigenden Nebel, die ruhig ziehenden Vögel. „Das ist aber ein großer Bach," sagte der Bäredi. „Das ist gar kein Bach, sondern ein Weiher," belehrte das Marannli. „Nein, ein Bach." „Nein, ein Weiher." Das Urenkelkind der Eva behielt recht. „Lueg dort, Marannli," begann nach einem Weilchen der Bub von neuem; „dort schwimmt ein Waschbücke (Zuber), und ein leerer Laubsack hängt an einer Stange." Das Bürschchen wies auf ein langsam über den See treibendes Ledischiff hin. Das Mägdlein schüttelte kichernd die braunen Haare und sagte: „Das ist ja gar kein Laubsack; ein weißer Fahnen ist's, wie in unserm Chilchli einer steht." Das Marannli behielt natürlich wieder recht. „Komm jetzt, Bübli!" befahl es. Beide erhoben sich und beinelten Hand in Hand die staubige Straße weiter aufwärts. Da blieb der blöde Bäredi mit einem Male vor einem hübschen, geweißten Hause stehen, an dessen Wänden Weinreben rankten, und vor welchem ein kugelrundes Apfelbäumchen seine Aste ausbreitete, und starrte das Bäumchen verwundert an. „Lueg au du, Marannli, welch schöne Erdäpfel wachsen da oben!" Auch das Mägdlein sperrte die Allgen weit auf und sagte flüsternd: „Ja, das sind gar keine Erdäpfel; das sind ja Apfel, wie in der Bibel abgezeichnet sind, wo die wüste Schlange der Eva einen gegeben hat; die sind schon gut; der Herr Pfarrer hat mir einmal einen geschenkt." „Ich will auch einen," machte schier weinerlich der Bub und trat näher an das Bäumchen. „Ja du, man darf nicht stehlen, sonst geht's einem zuletzt bös," warnte, ihn fest am Hirtenhemdchen haltend, das Kind. „Wohl, ich will einen," zwängte der Bäredi und zog das Marannli mit sich nach dem Bäumchen. Wütig kläffend und belfernd schoß plötzlich ein gewaltiger Hund auf das entsetzte Pärchen zu. „Ohau!" lärmte der Bub. „Muetter, Muetter!" schrie das Mägdlein auf, 46 und der Bäredi verbarg sich hinter das geängstigte Marannli, das schaudernd auf den schwarzen Kläffer schaute. „Bella, hieher, marsch!" befahl eine tiefe, resolute Stimme. Knurrend und die Augen unwillig verdrehend, schlich sich der Hund von den zwei aufatmenden Leutchen zurück, und ein großer Mann stand vor ihnen. „Was wollt ihr hier?" fragte er und musterte wohlgefällig das noch zitternde Paar. „Eh nüd," sagte verschüchtert das Marannli. Der ehrsame Züribieter aber sah wohl, wie der blöde Bub und auch das Mägdlein begehrlich in das Apfelbäumchen hinauf äugelten; er brach zwei der schönsten Apfel aus dem grünbelaubten Gezweige herunter und gab jedem der Kinder einen. „So," sagte er lächelnd, „jetzt habt ihr jedes einen Apfel und das einen schönen; nun geht in Gottes Namen weiter; aber verliert einander nicht," setzte er schelmisch bei, da er sah, wie sich das Pärchen gar sorglich an den Händen festhielt- Er rief seinen Hund und trampte mit ihm ins Haus. Die zwei Kinder aber hielten schier krampfhaft die prächtigen Apfel fest, setzten auf einmal die Füße in eilige Bewegung und liefen, sich ängstlich umsehend, so hurtig sie konnten, bis sie das weiße Häuschen nicht mehr sahen. „Vergelt's Gott!" machte das Marannli und stand bockstill. Der Dank war ihm angesichts des knurrenden Hundes in der Kehle stecken geblieben. „Das ist schon ein böser Hund," sagte der Bub- „Ja, aber der Mann ist ein freiner," machte das Marannli; „schau nur, welch einen schönen, großen Apfel er mir gegeben hat!" Es betrachtete die hübsche Frucht ringsum. „Der meine ist anch ein schöner," meinte der Bäredi. „Ja, aber der meine hat rote Bäcklein, wie unser kleines Alä- wyseli" (Alois), sagte das Mägdlein. „Und der meine rote Tüpfli, wie des Schulmeisters Fazenetli," machte der Bub. Sie beinelten zufrieden fürbaß. „Ich bringe den Apfel der Großmutter heim," begann wieder das Marannli; „weißt halt, sie ist alleweil so übel zweg, muß im Bett liegen und hat einen bösen Rücken; bringst du ihn auch heim?" Der Bäredi antwortete nichts, kein Sterbenswörtchen; aber als er um die nächste Wegbiegung ob dem Dorfe Wollerau kam, tat er verstohlen einen Biß in den Apfel, und ehe sich's das Mägdlein versah, keutschte der blöde Bub die saftige Baumfrucht vor sich hin und lebte herrlich und in Freuden. Bald hatte das Büblein leere Hände. „So, jetzt hast du 47 keinen Apfel mehr; warum hast du ihn gegessen?" — „Mira," machte der Bäredi und wischte den roten Schnabel; das Marannli aber betrachtete seinen Apfel ringsum recht andächtig, wie ein Kleinod, zog dann sein Schürzchen ab, wickelte die verlockende Frucht darein und trug sie wie ein Bündel mit sich fort. Es ward Heister; die Sonne schien den Kindern auf die unbedeckten Köpfe, und als sie ob Schindellegi in die öde Gegend des kalten Bodens kamen, setzten sie sich erschöpft an den St. Mein- radsbrunnen und löschten ihren brennenden Durst. Bei dem Brunnen unter den hohen Tannen lagerte eine Korberbande, und bald sprang eine Schar halbnackter Kinder um die zwei Leutchen aus den Bergen und versuchte, dem Marannli seinen Apfel zu nehmen. Aber es wehrte sich verzweifelt und schrie aus Leibeskräften: „Lasst mir doch den Apfel! Es ist ja der Grostmutter ihrer, nei all, nei au!" Ein alter Korbmacher verjagte die wilden Zaupfen, und schleunigst machte sich das Pärchen auf und davon. Wie sie aber mitsammen also wanderten durch das enge, von finstern Tannen bestandene Tal der Alp, bekamen die zwei allmählich großen Hunger, und der Bäredi lugte begehrlich nach dem kleinen Bündel des Mägdleins. Das hätte auch gar so gerne den Apfel schnabuliert; denn das Wasser lief ihm im Mund zusammen beim bloßen Gedanken an die süße Herrlichkeit im Schürzchen; aber der Apfel war für die Großmutter, und lieber wäre es verhungert, als daß es ihn angebissen hätte. Wäre die erste Eva seinerzeit so standhaft gewesen, wir wären noch mitten im Paradiese und äßen Feißmus und Speck, und die Schlange könnte aus ihren Apfeln Schnitze machen und sie in der Hölle dörren. Item, wie nun die zwei durch das unheimliche Rabennest dem Alpflüßlein entlang wanderten, fing auf einmal der Bäredi zu plärren an und schrie weinerlich: „Ich will essen, ich will essen! Gib mir den Apfel!" Umsonst versuchte ihn seine kleine Gefährtin zu trösten; er wollte durchaus den Apfel haben und schrie immer: „So gib ihn jetzt!" — „Nein!" sagte das Marannli entschlossen: Da entriß der Bub der Aufschreienden das Schürzchen samt dem Apfel und lief aus und davon. Flink, wie ein Rädchen, folgte sie ihm und jammerte: „Es ist ja der Großmutter ihr Apfel! Väredili, Büebli, gib mir ihn wieder!" Jetzt erhäschte sie den Buben, der den Apfel eben gierig aus dem Schürzchen nahm, und nach kurzem Kampf war er wieder in ihrem Besitz, heil und ganz; nur eine dop- 48 pelte Reihe Grübchen hatten des Buben Zähne in die rotbackige Frucht gegraben. Sie wickelte ihn wieder ein und lief dann hurtig weiter, und der hungernde Bub höselte hintendrein und rief immer weinerlich: „Gim-mer-e, gim-mer-e!" Also trabten die beiden fürbaß, und leise dämmerte es im Engpaß der Holzrüti. Der Bäredi vermochte nicht mehr weiter zu eilen; er setzte sich auf einen Grenzstein am Weg, und als das Marannli seinen Verfolger jagdmüde absitzen sah, ließ auch es sich schwer aufatmend auf einen Wegstein nieder und guckte halb ängstlich, halb mitleidig /lach dem blöden Büblein. „Bäredi," rief es ihm zu, „wenn du mir nichts mehr machst und den Apfel lassest, so such' ich dir Haselnüsse!" «Ja» so gib mir die Haselnüsse!" plärrte der Bub. Da kroch und kletterte das Mägdlein die gähen Wände des Rabennestes hinauf, schloff ins Gebüsch und suchte und beinelte darin herum, bis es ein Hämpfeli Haselnüsse beisammen hatte. „So, komm jetzt!" schrie der Bub vorn Weg hinauf, und endlich kam's zu ihnr herab und leerte dem hungernden Buben alle die braunen Haselnüsse in die bereitgehaltenen Hände; auch nicht eine einzige behielt es für sich. Der Bäredi aber knackte munter darauf los, bis der letzte Kern hinter seinen spitzen Zähnchen verschwunden war. Gleich begann er wieder über Hunger zu klagen, und das Mägdlein hielt sein Bündel krampfhaft fest; denn der Bäredi schielte wieder recht sehnsüchtig darnach. Ach, es hätte ja selber gern dreingebissen; wie mußte so ein Apfel etwas Gutes sein! Aber es überwand sich und malte sich die Freude aus, welche die arme, kranke Großmutter empfinden werde, wenn sie auf einmal einen so schönen Apfel zu essen bekomme, wie er in keinem, auch im weitesten Wald zu Hause nicht wachse. Sie kamen ins Hochtal St. Meinrads. Drüben, unterm Tannenwald, lag das einsame Waldstädtlein Maria-Einsiedeln. Es schien dem Marannli, die zwei grauen Rlostertürme ragten wie aufgehobene Drohfinger in den dämmernden Himmel, als wollten sie sagen: „Daß du mir den Apfel ja der Großmutter bringst oder dann lueg!" Recht langsam — denn sie waren abgemattet — beinel- ten die kleinen Leutchen durch das lange Dorf hinauf, hielten sich fest an den Händen und schauten scheu nach den vergoldeten Aushängeschildern und schönen Verkaufsläden. Beim Brunnen unserer lieben Frau löschten sie ihren Durst und staunten ein Weilchen 49 an das große Kirchengebäude hinauf, aus dessen offener Pforte ein sehnsüchtig Marienlied in den Abend heraustönte. Wie nun das Büblein das Wasser trank, ging ein Pilger am Marannli vorbei und schaute mit wohlgefälligen Augen auf das schöne, barfüßige Kind, welches wie gebannt an die Kirche hinauf- staunte. „Mägdlein?" redete er's an. Blitzgeschwind wandte sich das Kind und schaute verwundert dem fremden Mann in die Augen hinauf. „He?" „Willst ein paar Schafböcke?" fragte der Mann. Das Marannli lächelte den Pilger unschuldig an; was wollte es denn mit Schafböcken? Aber als ihm der Fremde eine Anzahl süße Leckerli, welche man in Einsiedeln Schafböcke nennt, entgegenhielt, griff es schüchtern zu und wickelte die Euteli zum Apfel ins Schürzchen. Der Bäredi hatte dem Vorgang abseits beim Brunnen mit großen Augen zugesehen. Wie nun der Pilger sich entfernte, eilte er hurtig auf das Marannli zu und verlangte auch von den Leckereien. So wickelte halt das Mägdlein sein Schürzchen wieder auf und gab dem Buben ein Schafböckli. Wehmütig sah es dem Zuckerding nach, bis es der Bub auf Nimmerwiedersehen hinter dem weißen Zahngatter hatte verschwinden lassen. Sie beinelten weiter. Der Bub hielt aber alle paar hundert Schritte an und sagte: „Marannli, gib nur ein Schafböcklein!" Und er sagte das so oft, bis das Mägdlein mit zitternden Fingern das letzte der süßen Dinger aus dem Bündelchen gekramt und dem kleinen Nimmersatt gegeben hatte. Es wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge und Las Wasser vorn Mund. Bald leuchteten ein paar ferne Flämmchen in die Nacht heraus und kamen immer näher; es waren die Ollämpchen, welche hinter den Katzenscheiblein der paar elenden Tätschhäuschen auf der Nüti flimmerten. Bald mußten sie zu Hause sein; das Marannli frohlockte. Zwar wollte ihm der Bäredi durchaus noch einmal hinter das Schürzchen geraten; aber das Kind riß ihn: aus und eilte keuchend auf das nahe Vaterhäuschen zu. Jetzt trämpelte der Bäredi gerade über das Stiegenbrücklein bei ihm zu Hause und plärrte schon vor der Tür: „Ich ha Hunger!" Das Marannli aber wickelte den Apfel aus dem Schürzchen, sprang trotz aller Müdigkeit die krachenden Stiegenbrettlein hinauf, beinelte mit brennenden Backen und freudig klopfendem Herz durch den dunkeln Hausflur und in das Stübli. „Großmutter, Großmutter!" schrie es aus 4 7,0 Leibeskräften; „lueget da, welch einen schönen Apfel hab' ich Euch heimgebracht! Geltet, das ist noch der schönere, als in der Bibel einer abgezeichnet ist; das ist schon ein guter!" Dann ward das Marannli plötzlich totenbleich und sank bewußtlos auf den Laubsack der kranken Großmutter, die es mit zitternden Lippen küßte. Und dieses alles hat der liebe Gott vorn Himmel herab gesehen und Freude daran gehabt, daß das Marannli ein so standhaftes war und lieber Hunger und Trübsal litt, als daß es in den Apfel gebissen hätte, und er winkte die selige Eva herbei, erzählte ihr das Geschichtlein und sagte ernst: „Gelt, wärst du auch so standhaft geblieben im Paradies, da könntest jetzt mit dem Adam noch in den: großen Garten auf- und abspazieren." „Hier oben im Himmel ist's auch schön," antwortete schüchtern die Eva„ „Ja, ja, du Nascherl!" drohte lächelnd der liebe Gott der Eva, die sich wieder zum Adam auf den goldenen Stuhl gesetzt hatte. Und sie schaute sinnend durch ein Woskenrißchen auf die Welt hinab. IN. Eine lustige Geistergeschichte. W. v. Kügelgen. Mariechen Kriegel war sehr niedlich. Sie sah aus wie Milch und Blut, hatte wundervolle kornblaue Augen, dunkles Haar und ein gar fröhliches Gemüt. Als sie das erstemal bei uns war, führten meine Schwester und ich sie ins Bohnenlabyrinth, wo ich den Mädchen Geschichten zum besten gab. Sie waren sehr erbaut davon, und meine Schwester verlangte, ich solle auch einen Geist erscheinen lassen. Ich versprach's auf Mariens nächsten Besuch und empfahl den Mädchen mittlerweile strenges Fasten, was sie aber nicht genehmigten; ich sollte es umsonst tun. Um einen Geist erscheinen zu lassen, muß man vor allen Dingen erst einen haben, und so war es denn auch meine erste Sorge, mir einen zu verschaffen. Sehr wohl entsann ich mich, wie die Mutter einmal Puppenbälge aus Lappen fabriziert hatte. Dergleichen, dachte ich, könne keine Hexerei sein, suchte mir einige Lumpen zusammen und wickelte, knetete und nähte daraus ein fingerlanges Männlein, dem ich ein lächerliches Gesicht anmalte. Als nun die Beschwörung beginnen sollte, zog ich einen Kreis in den Sand, deklinierte mensa mit halblauter Stimme ganz 51 durch, und dann überlaut schreiend: „Erscheine, Franz!" schleuderte ich mir das Püppchen von hinterrücks über den Kopf, daß es hoch in die Höhe -wirbelte und zwischen den Mädchen niederfiel. Diese warfen sich sogleich darüber her, prüften es genau und lachten über die Mißgestalt und über das Gesicht, und daß der Geist ganz nackt sei. Sie wollten ihm ein Röckchen machen; ich aber meinte, er sei viel vollständiger gekleidet als wir, die wir die Leinwand nur auswendig hätten, während er durch und durch daraus bestehe. Das Spiel wurde häufig wiederholt. Franz konnte prächtig erscheinen und lernte es immer besser. Er flatterte wie ein Vogel durch die Lüfte, immer höher und weiter, endlich so weit, daß wir ihn nicht wieder finden konnten. Wir hatten das häßliche Männchen schon vergessen, als eines Abends der sonnengebräunte Winzer zu unserm Spiele trat und fragte, ob denn die kleinen Fräuleins nichts verloren hätten, er hätte beim Hacken was gefunden. Damit langte er den Franz hervor. Das Eespenstchen wurde mit Lachen und Geschrei begrüßt. Ob es wohl noch fliegen könne? Ich warf es hoch in die Luft. O ja! es ging noch gut. Nur beim Niederwirbeln hatte es das Unglück, in den Brunnen zu fallen. Das war insofern merkwürdig, als nur eins der Bretter, die das Wasserreservoir der Pumpe deckten, schadhaft war und Franz gerade durch den Schaden durchflog. Wenn er das gewußt hätte, sagte der Winzer schmollend, so hätte er sich's lieber für seine Kinder ausgebet«»; es sei ja schade drum. Wir aber machten weiter keinen Lärm von der Geschichte, damit der Vater sich nicht vor dem Wasser ekeln sollte. Nun hatten wir damals ein Dienstmädchen, die, weil sie mitunter an etwas anderes dachte als an das, was sie gerade machte, bisweilen Dinge machte, an die niemand gedacht hätte. „Was ist denn das?" sagte meine Mutter nicht ohne Entsetzen, als sie eines Tages beim Aufgeben der Suppe die Selleriewurzel für den Vater auffischte. Dieser fuhr mit der Gabel danach. „Ein Homunculus!" rief er; ich aber erkannte augenblicklich meinen Franz. Vielleicht, daß die Köchin, indem sie den Eimer unter der Pumpe hatte, an den Sellerie dachte, beim Ansetzen der Suppe aber an die Pumpe. Als sie endlich die Wurzel zutun wollte, 52 fand sie, daß dieselbe schon drin war, und beruhigte sich. Es war, als wenn der Geist, seitdem er einmal heraufbeschworen, nicht wieder zu bannen und zum Plagegeist der Familie geworden sei. Jetzt wurde die Köchin hereinbeschworen und durch Vorzeigen des schauderhaften Wurzelwerks vernichtet,- doch lachte mein Vater des Fischzugs und ging zum Braten über. Franz aber wurde gedörrt und wie ein Zauberer an freier Luft verbrannt. 20. Die zwölf Eier. Karl Joseph Simrock. Ein reicher Kaufmann, der in einen Easthof einritt, bestellte sich zwölf gekochte Eier. Er konnte sie aber, als sie gebracht wurden, nicht verzehren, weil eben ein Eilbote eintraf, der ihn in einer dringenden Angelegenheit heim berief. Er verließ auch sogleich das Haus, sprang wieder zu Pferde und ritt fort, ohne die Eier bezahlt zu haben. Zehn Jahre nachher begab es sich aber, daß der Kaufmann wieder in demselben Gasthof einkehrte. Da sagte er zu dem Wirt, er wäre heute nicht zum erstenmal in seinem Hause,- vor vielen Jahren hätte er sich einmal zwölf Eier bei ihm kochen lassen, und die wäre er noch schuldig. „Ja," sagte der Wirt, „die sind Euch angerechnet und werden Euch auch teuer genug zu stehen kommen." — „Nun," sagte der Kaufmann, „zwölf Eier zu bezahlen, werde ich doch wohl reich genug sein." — „Das fragt sich sehr," entgegnete der Wirt, „es wird sich aber bald ausweisen,- denn ich habe Euch längst verklagt, und da Ihr jetzt hier seid, müßt Ihr mir morgen vor Gericht stehn." Dessen weigerte sich der Gast nicht. Als sie nun andern Tags vor den Richter kamen, rechnete der Wirt ihm vor: aus den zwölf Eiern würden zwölf Küchlein gekommen sein; die Küchlein würden wieder Eier gelegt haben, aus denen wieder Küchlein gekommen sein würden, und so fort, was zuletzt eine ungeheure Summe ausmachte, die der Wirt forderte und der Richter ihm auch zusprach. Ganz erschrocken ging der Kaufmann aus dem Gerichtssaale; denn sein großes Vermögen langte bei weitem nicht, um die Schuldsumme zu bezahlen. Da begegnete ihm ein altes Männchen und sprach: „Herr, was habt Ihr Trauriges erlebt? Ihr seht ja aus wie die teure Zeit." Der Kaufmann antwortete, wozu er ihm das sagen sollte; ihn: sei doch nicht zu helfen. „Wer weiß," sagte das 53 Männchen, „ich bin ein guter Ratgeber; klagt mir nur Eure Not!" Da erzählte er, wie er um zwölf Eier ein armer Mann werden sollte. „Wenn es weiter nichts ist," sprach das Männlein, „so geht nur hin zum Richter und sagt ihm, die Sache müsse noch einmal verhandelt werden, Ihr hättet einen Fürsprech angenommen; dann will ich schon vor Gericht Euch helfen." Das tat der Kaufmann, und der Richter setzte einen Tag an, wo die Verhandlung aufs neue geführt werden sollte. Als nun der Gerichtstag kam, war der Kaufmann zeitig genug da; aber das Männchen kam nicht. Die Eerichtsherren, die schon hinter dem grünen Tische saßen, fragten ihn ein über das andere Mal, wo denn sein Fürsprech bleibe, und die Stunde war fast vorbei, nach deren Verlauf sie das erste Urteil bestätigen mußten. Endlich erschien das Männchen, und die Richter fragten, warum es denn so lange ausgeblieben sei. Es antwortete: „Ich muß heute noch in meinem Garten Erbsen pflanzen, und sie wollten mir beim Kochen gar nicht weich werden." Da lachten die Richter, und der älteste sagte: „Ei, gekochte Erbsen pflanzt man doch nicht!" Und das Männlein erwiderte: „Ei, gekochte Eier läßt man auch nicht ausbrüten, und darum wären all die Küchlein, Hühner und Eier niemals vorhanden gewesen, die der Kaufmann bezahlen soll, und er schuldet dem Wirt nur die zwölf Eier!" Das leuchtete den Richtern ein, und sie gaben ein anderes Urteil. Der Kaufmann bezahlte dem Wirt die zwölf Eier; als er aber dein Männlein danken wollte, war es verschwunden. 21. Der Schultheiß und die Raben. Der Schultheiß von Eablenberg ist ein Schütze, der seinesgleichen sucht. Aber einmal mußte er doch lange zielen, bis er traf. Er hatte nämlich einen. Freunde in der Stadt Raben- sedern versprochen, ohne zu bedenken, welche Arbeit er sich damit auflud; denn als er einen Raben schießen wollte, hielt ihm keiner stand, und er machte nach und nach die sonderbarsten Erfahrungen. Ging er, nur mit einem Stock versehen, aufs Feld, so ließen ihn die gescheiten Vögel so nahe herankommen, daß er sie fast mit der Hand gegriffen hätte; ja er durfte den Stock gegen sie aufheben und zielen, als ob es eine Flinte wäre, sie achteten dessen nicht. Kam er aber mit dem Gewehre angezogen, so machten sie ein ganz anderes Gesicht: sie scharrten verstohlen von der Seite nach ihm her und hielten sich sorgfältig außer Schußweite. Dabei verdroß es ihn, daß sie sich ein so unbefangenes Ansehen gaben, als gingen sie nur ihrem Brote nach. Als der Krieg einige Zeit gedauert hatte, waren sie so eingeübt, daß sie den Schultheißen sogar mit der Flinte über der Schulter herankommen ließen; er durste aber nur eine Bewegung machen, so flogen sie auf, und bis er das Gewehr am Backen hatte, waren sie schon über alle Berge. Das wurmte ihn gewaltig, und so ging er eines Abends ziemlich verdrießlich nach Hause. Da begegnete ihm ein Handwerksbursche; der sang eben: „und er baut' sich eine Hütte jener Gegend nah." Diese Worte nahin sich der Schultheiß zu Ohren. Richtig, dachte er, das ist ein guter Gedanke. Gleich den folgenden Morgen ging er aus Werk, ballte sich eine kleine Hütte auf seinen Acker und lauerte — denn er war nun einmal am Ehrgeiz angegriffen — den ganzen Nachmittag mit gespanntem Feuerrohr. Aber er bekam nichts zu schießen. In sicherer Entfernung trieben sich die Vogel umher und schienen einander im Vorübergehen allerlei spöttische Dinge zuzuflüstern. - Es sind doch pfiffige Leute, die Herren Raben, dachte der Schultheiß, nachdem er es dreimal auf diese Weise versucht hatte, und begab sich nach Hause, halb entschlossen, den ganzen Feldzug aufzugeben. In den nächsten Tagen aber, wie er sich über einer schwierigen Zinsrechnung den Kopf zerbrach und eben dachte: Ich wollte, die Raben müßten das Dings da zusammenrechnen! da kam ihm ein siegreicher Einfall. „Holla," sagte er, „wir wollen doch sehen, ob die Herren auch Arithmetik verstehen." Er warf die Rechnung bei Seite und schellte dem Gerichtsdiener, der ihn alsbald, mit einem Stock und einen: Gewehr gleich dein Schultheißen ausgestattet, in die Hütte begleiten mußte. Nach einigen Augenblicken entließ er ihn wieder. Die Raben, welche aufmerksam zugesehen hatten, nickten gegeneinander, als ob sie sagen wollten: .V la könne kenre, der Schultheiß von Eablenberg geht fort! und hüpften guter Dinge auf das Futter zu, das sie vorher so standhaft aus- geschlagen hatten. Der Schultheiß fand seine Berechnung gegründet: die Raben, so gescheite Vogel sie sonst sind, können nicht zwei zählen, und es war keine Minute seit dem Weggang des Dieners verflossen, so brannte er einen von ihnen auf den schwarzen Frack. Auch blieben sie so hartnäckig in ihrer Ignoranz, daß der Schultheiß von da an mit Hilfe seines Doppelgängers dem Freunde Rabenfedern schicken konnte, so viel er wollte. 22. Seltsames Ros;futter. Albert Richter. Als ein sonderbarer Mann war der Müller von Knvrringen in der ganzen Gegend bekannt, und viel erzählte man sich von seinen seltsamen Streichen. Darum wunderten sich auch die Bauern, die im Nachbardorfe um den warmen Ofen der Wirtsstube herum saßen, nicht, als er einst noch spät am Abend bei grimmiger Kälte zu Pferde ankam; unerhört aber kam es ihnen vor, als er sich an einen Tisch setzte und eine tüchtige Schüssel voll Kartoffelsalat, an dem das Ol nicht gespart werden sollte, und sechs Eier auf Butter nicht etwa für sich, sondern für sein Pferd bestellte. Auch die Wirtin schüttelte bedenklich den Kopf und wußte nicht, was sie denken sollte; der Müller aber sprach: „Bereitet nur, was ich Euch gesagt habe, und setzt es meinem Pferde vor; es wird es schon fressen!" Als der Salat fertig war und die gebratenen Eier den Bauern verlockend in die Nase drifteten, trug die Wirtin alles, wie ihr geheißen war, nach dein Stalle. Die Bauern waren doch neugierig, ob das Pferd Eier und Salat fressen würde, hofften wenigstens, etwas zu erleben, wovon sie später erzählen könnten, und gingen mit in den Stall. Unterdessen setzte sich der Müller von seinem Tische weg auf die vorher von den Bauern eingenommene Ofenbank und machte sich's gemütlich an dem warmen Ofen. Nach kurzer Zeit kamen die Ballern mit der Wirtin zurück. Die letztere brachte das Essen wieder mit und sprach: „Euer Pferd mag weder die Eier noch den Salat fressen." — „Dann esse ich's selber," sprach der Müller und ließ sich das Essen reichen. Als Eier und Salat vertilgt waren, stand der Müller auf, nahm seinen Mantel lind bedankte sich bei den Bauern, daß sie ihm am warmen Ofen Platz gemacht hatten. Da merkten die Bauern erst, daß der Müller sie mit dem seltsamen Roßfutter gefoppt hatte, und sie nahmen sich vor, diesen Streich des Müllers nicht weiter zu erzählen. Er ist aber doch bekannt geworden; sonst könnte er nicht hier stehen. 56 23. Die Uhren. Ludwig Aurbacher. Zu Basel, der Stadt, sind vor Zeiten alle Uhren um eine Stunde zu früh gegangen, so daß, wenn's z. B. in Liestal elf Uhr war, die Glocke in Basel bereits alle zwölfe schlug. Diese sonderliche Gewohnheit war zur Zeit großer Not aufgekommen, wie die Chronik erzählt. Es hatten nämlich die gemeinen Bürger von Basel einst einen Aufruhr vor, und zum Ausbruch desselben war die Stunde der nächsten Mitternacht Schlag zwölf anberaumt worden. Der Rat, hiervon zu noch guter Zeit benachrichtigt, ließ hierauf in der nämlichen Nacht alle Glockenuhren der Stadt die verabredete Stunde überspringen und statt zwölf ein Uhr schlagen. Hierdurch wurden die Empörer irre gemacht. Jeder bildete sich nämlich ein, daß er die Stunde verfehlt hätte, und weil in der verflossenen Stunde alles füll und ruhig geblieben war, so glaubte auch jeder, daß seine Mitverschworenen eines andern Sinnes geworden wären,- er hielt sich also gleichfalls ruhig, und aus dem vorgehabten Aufruhr ist nichts geworden. Zum Andenken aber an diese Begebenheit und zur Mahnung, daß die Obrigkeit immer wachsam sei, ließen die Herren vom Rat die Uhren fortan gehen, wie sie in jener Nacht gestellt worden waren. Lange Zeit nachher — die Einwohner hatten sich an die sonderbare Einrichtung schon gewöhnt, als müßte es so sein — da ward vom Rate der Beschluß gefaßt, daß, um mit dem Zeitgeist gleichen Schritt zu halten, die Baseler Uhren wieder in Übereinstimmung gebracht werden sollten mit denen der übrigen Welt. Also wurden in einer Nacht alle Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Da hätte man aber sehen sollen, welche Unordnung hierdurch in der ganzen Stadt entstand. Gleich des Morgens kamen die Gesellen und andere Arbeiter um eine Stunde zu spät zum Werk, die Läufer und Verkäufer zu spät zum Markt, die Kinder und andere Leute zu spät in die Kirche und zur Schule. Es gab Zank und Streit überall, in allen Familien. Mittags um elf Uhr waren freilich alle zur rechten Zeit bei Tische (der Hunger kennt keine Uhr),- aber um so träger gingen sie um zwölf Uhr zur Arbeit, die sie erst um ein Uhr zu beginnen gewohnt waren. Der Nachmittag lief im allgemeinen ruhig und ordentlich ab, außer daß einige Basen und Gevatterinnen, die auf drei Uhr alten Stils 57 geladen waren, genau um drei Uhr neuen Stils, also um eine Stunde zu spät kamen, so daß der Kaffee verraucht und die Milch verdorben war, was viel Mißvergnügen machte. Aber abends ging erst der Spektakel recht los. Es hatten gar viele Landleute, die in der Stadt, und viele Stadtleute, die auf dem Lande waren, die Zeit der Torsperre verabsäumt, welche früherhin auf sieben Uhr, jetzt auf sechs Uhr festgesetzt war. Da entstand denn großes Gemurre ob den Strafpfennigen, welche die Pförtner einforderten. Zum vollen Ausbruche kam jedoch das Mißvergnügen um zehn Uhr, zur Stunde, wo in den Wirtshäusern ausgeboten wurde. Die Bürger, ohnehin schon erbost über die Neuerung, wie sie's nannten, und vollends erhitzt durch das genossene Getränk, weigerten sich, die Trinkstuben zu verlassen. Es sei Herkommen, sagten sie, daß erst um elf Uhr die Wirtshäuser geschlossen und die Gäste ausgewiesen werden sollten. Also steh' es geschrieben. Löblicher Rat habe keine Befugnis, nach Willkür neue Ordnungen zu machen und die Bürgerschaft in ihren alten Rechten zu schmälern. Gehorsam sei man von unten herauf nur so lange schuldig, als von oben herab Gerechtigkeit geschehe. Als die Ratsherren das erfuhren und später die Kunde erhielten, daß Gefahr sei zu förmlichem Aufruhr gemeiner Bürgerschaft, so versammelten sie sich noch zn der- selbigen Stunde auf dem Eemeindehause, und nach kurzer Überlegung faßten sie den Beschluß, daß es in Ansehung der Uhren beim Alten bleiben solle. Also zur Zeit, wo es hätte zwölf schlagen sollen, schlug es eins, und die Bürger, als sie das hörten, gingen zufrieden nach Hause. Von der Zeit an war wieder Rnhe zu Basel, der Stadt. 24. Der Araber und sein Pferd. Hellmuth v. Moltke. Ein türkischer Kavallerie-General, Dano Pascha zu Mardin, stand schon seit langem in Unterhandlung mit einem arabischen Stamme wegen einer edlen Stute,- endlich einigte man sich zu dem Preise von 60 Beuteln oder nahe an 2000 Talern. Zur verabredeten Stunde trifft der Häuptling des Stammes mit seiner Stute im Hofe des Paschas ein; dieser versucht noch zu handeln; aber der Scheich erwidert stolz, daß er nicht einen Para herablasse. Verdrießlich wirft der Türke die Summe hin mit der Äußerung, 58 daß 60 Beutel ein unerhörter Preis für ein Pferd sei. Der Araber blickt ihn schweigend an und bindet das Geld ganz ruhig in seinen weißen Mantel; dann steigt er in den Hof hinab, um Abschied von seinem Tiere zu nehmen; er spricht ihm arabische Worte ins Ohr, streichelt ihm über Stirn und Augen, untersucht die Hufe und schreitet bedächtig und musternd rings um das aufmerksame Tier. Plötzlich schwingt er sich auf den nackten Rücken des Pferdes, welches augenblicklich vorwärts und zum Hofe hinaus schießt. In der Regel stehen hier die Pferde tags und nachts mit dem Sattel aus Filzdecken. Jeder vornehme Mann hat wenigstens ein oder zwei Pferde inr Stall bereit, die nur gezäumt zu werden brauchen, um sie zu besteigen; die Araber aber reiten ganz ohne Zaum; der Halfterstrick dient, um das Pferd anzuhalten, ein leiser Schlag mit der flachen Hand auf den Hals, es links oder rechts zu lenken. Es dauerte denn auch nur wenige Augenblicke, so saßen die Agas des Paschas im Sattel und jagten dem Flüchtling nach. Der unbeschlagene Huf des arabischen Rosses hatte noch nie ein Steinpflaster betreten, und mit Vorsicht eilte es den holprigen, steilen Weg vorn Schlosse hinunter. Die Türken hingegen galoppieren einen jähen Abhang mit scharfem Geröll hinab, wie wir eine Sandhöhe hinan; die dünnen, ringförmigen, kalt geschmiedeten Eisen schützen den Huf vor jeder Beschädigung, und die Pferde, an solche Ritte gewöhnt, machen keinen falschen Tritt. Am Ausgange des Ortes haben die Agas den Scheich beinahe schon ereilt; aber jetzt sind sie in der Ebene; der Araber ist in seinem Elemente und jagt fort in gerader Richtung; denn hier hemmen weder Graben noch Hecken, weder Flüsse noch Berge seinen Lauf. Es kommt dem Scheich darauf an, nicht so schnell, sondern so langsam wie möglich zu reiten; indem er beständig nach seinen Verfolgern umblickt, hält er sich auf Schußweite von ihnen entfernt; dringen sie auf ihn ein, so beschleunigt er seine Bewegung; bleiben sie zurück, so verkürzt er die Gangart des Tieres; halten sie an, so reitet er Schritt. In dieser Art geht die Jagd fort, bis die glühende Sonnenscheibe sich gegen Abend senkt; da erst nimmt er alle Kräfte seines Rosses in Anspruch; er lehnt sich vornüber, stößt die Fersen in die Flanken des Tieres und schießt mit einem lauten Jallah! davon. Der feste Rasen erdröhnt unter dein Stampfen der kräftigen Hufe, und bald zeigt nur noch eine Staubwolke den Verfolgern die Richtung an, in welcher der Araber entfloh. 7,9 Hier, wo die Sonnenscheibe fast senkrecht zmn Horizont hinabsteigt, ist die Dämmerung äußerst kurz, und bald verdeckt die Nacht jede Spur des Flüchtlings. Die Türken, ohne Lebensrnittel für sich, ohne Wasser für ihre Pferde, finden sich wohl t2 oder 1ö Stunden von ihrer Heimat entfernt in einer ihnen ganz unbekannten Gegend. Was war zu tun, als — umzukehren und dem erzürnten Herrn die unwillkommene Botschaft zu bringen, das; Roß und Neiter und Geld verloren? Erst am dritten Abend treffen sie, halbtot vor Erschöpfung und Hunger, mit Pferden, die sich kaum noch schleppen, in Mardin wieder ein; ihnen bleibt nur der.traurige Trost, über dieses neue Beispiel von Treulosigkeit eines Arabers zu schimpfen, wobei sie jedoch genötigt sind, dem Pferde des Verräters alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und einzugestehen, daß ein solches Tier nicht leicht zu teuer bezahlt werden kann. Am folgenden Morgen, als eben der Jmam zum Frühgebet ruft, hört der Pascha Hufschlag unter seinen Fenstern, und in den Hof reitet ganz harmlos unser Scheich. „Herr!" ruft er hinauf, „willst du dein Geld oder mein Pferd?" 2.». Das wohlfeile Mittagessen. I. P. Hebel. Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube grübt, fällt selbst darein. Aber der Löwenwirt in einem gewissen Städt- lein war schon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und trotzig.verlangte er für sein Geld eine gute Fleischbrühe. Hierauf forderte er ein Strick Rindfleisch und ein Gemüse für sein Geld. Der Wirt fragte ganz höflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe. „O freilich ja!" erwiderte der Gast, „wenn ich etwas Gutes haben kann für mein Geld." Nachdem er sich alles hatte wohl schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte: „Hier, Herr Wirt, ist mein Geld." Der Wirt sagte: „Was soll das heißen? Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig?" Der Gast erwiderte: „Ich habe für keinen Taler Speise von Euch verlangt, sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab' ich nicht. Habt Ihr mir zu viel dafür gegeben, so ist's Eure Schuld." -Dieser Einfall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur Unverschämtheit dazu und ein unbekümmertes Gemüt, 60 wie es am Ende ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch. „Ihr seid ein durchtriebener Schalk," erwiderte der Wirt, „und hättet wohl etwas anderes verdient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier noch ein Vierundzwanzigkreuzerstück dazu. Nur seid stille zur Sache und geht zu meinem Nachbar, dem Bärenwirt, und macht es ihm ebenso!" Das sagte er, weil er mit seinem Nachbar, dem Bärenwirt, aus Brotneid in Unfrieden lebte und einer dem andern jeglichen Tort und Schimpf gerne antat und erwiderte. Aber der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Gelde, mit der andern vorsichtig nach der Türe, wünschte dem Wirt einen guten Abend und sagte: „Bei Einem Nachbar, dem Herrn Bärenwirt, bin ich schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein anderer." So waren im Grunde beide hintergangen, und der Dritte hatte den Nutzen davon. Aber der listige Kunde hätte sich noch obendrein einen schönen Dank von beiden verdient, wenn sie eine gute Lehre daraus gezogen und sich miteinander ausgesöhnt hätten; denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt. 26. Der listige Quaker. I. P. Hebel. Die Quäker sind eine christliche Sekte, fromme, friedliche und verständige Leute, die vieles nicht tun dürfen nach ihren Gesetzen: nicht schwören, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehen; aber reiten dürfen sie, wenn sie Pferde haben. Als einer von ihnen einmal des Abends auf hinein gar schönen und stattlichen Pferde nach Haus in die Stadt reiten wollte, wartete auf ihn ein Räuber mit kohlschwarzem Gesicht ebenfalls auf einem Rotz, dem man alle Rippen unter der Haut, alle Knochen, alle Gelenke zählen konnte, nur nicht die Zähne; denn die waren alle ausgebissen, nicht am Hafer, aber am Stroh. „Kind Gottes," sagte der Räuber, „ich möchte meinem armen Tiere da, das sich noch dunkel an den Ausgang der Kinder Israel aus Ägypten erinnern kann, wohl auch ein so gutes Futter gönnen, wie das Eurige haben mutz dem Aussehen nach. Wenn's Euch recht ist, so wollen wir tauschen. Ihr habt doch keine geladene Pistole bei Euch, aber ich." Der Quäker dachte bei sich selbst: „Was ist zu tun? Wenn alles fehlt, so hab' ich zu Haus noch ein zweites Pferd, aber kein zweites Leben." Also tauschten sie miteinander, und der Räuber ritt auf dem Rosse des Quäkers nach Haus; aber der Quäker führte das arme Tier des Räubers am Zaum. Als er aber gegen die Stadt und an die ersten Häuser kam, legte er ihm den Zaum auf den Rücken und sagte: „Geh voraus, Lazarus! du wirst deines Herrn Stall besser finden als ich." Und so lieh er das Pferd vorausgehen und folgte ihm nach, Gasse ein Gasse aus, bis es vor einer Stalltüre stehen blieb. Als es stehen blieb und nimmer weiter wollte, ging er in das Haus in die Stube, und der Räuber fegte sich gerade mit einem wollenen Strumpf den Ruh aus dem Gesicht. „Seid Ihr wohl nach Hause gekommen?" sagte der Quäker. „Wenn's Euch recht ist, so wollen wir jetzt unsern Tausch wieder aufheben; er ist ohnedies nicht gerichtlich bestätigt. Gebt mir mein Röhkein wieder! Das Eurige steht vor der Tür." Als sich nun der Spitzbube entdeckt sah, wollte er wohl oder übel, gab er dem Quäker sein gutes Pferd zurück. „Seid so gut," sagte der Quäker, „und gebt mir jetzt auch noch zwei Taler Rittlohn! ich und Euer Röhlein sind miteinander zn Fuh spaziert." Wollte der Spitzbube wohl oder übel, muht' er ihm auch noch zwei Taler Rittlohn bezahlen. „Nicht wahr, das Tierlein läuft einen sanften Trab?" sagte der Quäker. 27. Der geheilte Patient. I. P. Hebel. Reiche Leute haben trotz ihrer gelben Vogel doch manchmal auch allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob der arme Mann nichts weih; denn es gibt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern und in den weichen Sesseln und seidenen Betten, wie jener reiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag sah er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu träge war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, ah aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: „Windet's drauhen, oder schnauft der Nachbar so?" Den ganzen Nachmittag ah und trank er ebenfalls, bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter Langerweile bis an den Abend, also, dah man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhörte, und wo das Nacht- 62 essen anfing. Nach dein Nachtessen legte er sich ins Bett und war so müde, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war wie ein Maltersack. Essen und Schlaf wollte ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hörte, so hatte er 365 Krankheiten, nämlich alle Tage eine andere. Alle Arzte, die in Amsterdam sind, muhten ihm raten. Er verschluckte ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver und Pillen, wie Enteneier so groß, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke. Aber alles Doktern half ihm nichts; denn er befolgte nicht, was ihm die Arzte befahlen, sondern sagte: „Fondre! wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen für mein Geld?" Endlich hörte er von einem Arzt, der hundert Stunden weit wegwohnte; der sei so geschickt, dah die Kranken gesund werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem Weg, wo er sich sehen lasse. Zu dem Arzte faßte der Mann ein Zutrauen und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald, was ihm fehle, nämlich nicht Arznei, sondern Mäßigkeit und Bewegung, und sagte: „Wart', dich will ich bald kuriert haben!" Deswegen schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhalts: „Gitter Freund, Ihr habt einen schlimmen Umstand; doch wird Euch zu helfen sein, wenn Ihr folgen wollt. Ihr habt ein böses Tier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben Mäulern. Mit dem Lindwurm muh ich selber reden, und Ihr müht zu mir kommen. Aber fürs erste, so dürft Ihr nicht fahren oder auf dem Röhlein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen; sonst schüttelt Ihr den Lindwurm, und er beiht Euch die Eingeweide ab, sieben Därme auf einmal ganz entzwei. Fürs andere dürft Ihr nicht mehr essen als zweimal des Tages einen Teller voll Gemüse, mittags ein Brat- würstlein dazu und nachts ein Ei und am Morgen ein Fleischsüpplein mit Schnittlauch darauf. Was Ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm größer, also, dah er Euch die Leber erdrückt, und der Schneider hat Euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Dies ist mein Rat, und wenn Ihr mir nicht folgt, so hört Ihr im andern Frühjahr den Kuckuck nimmer schreien. Tut, was Ihr wollt!" 63 Als der Patient so mit sich reden hörte, lieh er sich sogleich den andern Morgen die Stiefel salben nnd machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag ging es so langsam, daß wohl eine Schnecke hätte können sein Vor- reiter sein, und wer ihn grüßte, dem dankte er nicht, und wo ein Würmlein auf der Erde kroch, das zertrai er. Aber schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vögel schon lange nimmer so lieblich gesungen hätten wie heute, und der Tau schien ihm so frisch und die Kornrosen im Feld so rot, und alle Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch; und alle Morgen, wenn er aus der Herberge ausging, war's schöner, und er ging leichter und munterer dahin; und als er an: achtzehnten Tage in der Stadt des Arztes ankam und den andern Morgen ausstand, war es ihm so wohl, daß er sagte: „Ich hätte zu keiner ungeschickteren Zeit können gesund werden als jetzt, wo ich zum Doktor soll. Wenn's mir doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief' mir!" Als er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand und sagte ihm: „Jetzt erzählt mir denn noch einmal von Grund aus, was Euch fehlt!" Da sagte er: „Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts, und wenn Ihr so gesund seid wie ich, so soll's mich freuen." Der Doktor sagte: „Das hat Euch ein guter Geist geraten, daß ihr meinem Rat gefolgt habt. Der Lindwurm ist abgestanden. Aber Ihr habt noch Eier im Leib; deswegen müßt Ihr wieder zu Fuß heimgehen und daheim fleißig Holz sägen, daß niemand es sieht, und nicht mehr essen, als Euch der Hunger ermähnt, damit die Eier nicht ausschlüpfen; so könnt Ihr ein alter Mann werden," und lächelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: „Herr Doktor, Ihr seid ein feiner Kauz, und ich versteh' Euch wohl," und hat nachher dem Rat gefolgt und 87 Jahre, 4 Monate und 10 Tage gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt 20 Dublonen znm Gruß geschickt. 2». Der silberne Löffel. I. P. Hebel. In Wien dachte ein Offizier: Ich will doch auch einmal im roten Ochsen zu Mittag essen, und geht in den roten Ochsen. Da waren bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmäßige, ehrliche Leute und Spitzbuben wie überall. Man atz und trank, der eine viel, der andere wenig. Man sprach und disputierte von dem und jenem, zum Krempel von dem Steinregen bei Stannern in Mähren, von dem Machin in Frankreich, der mit dem grotzen Wolf gekämpft hat. Das sind dem geneigten Leser bekannte Sachen; denn er erfährt durch den Hausfreund alles ein Jahr früher als andere Leute. Als nun das Essen fast vorbei war — einer oder der andere trank noch eine halbe Matz Ungarwein zum Zuspitzen; ein anderer drehte Kügelein aus weichem Brot, als wenn er ein Apotheker wäre und wollte Pillen machen; ein dritter spielte mit dem Messer oder mit der Gabel oder mit dem silbernen Löffel — da sah der Offizier von ungefähr zu, wie einer in einem grünen Rocke mit dem silbernen Löffel spielte, und wie ihm der Löffel auf einmal in den Rockärmel hineinschlüpfte und nicht wieder herauskam. Ein anderer hätte gedacht: Was geht's mich an? und wäre still dazu gewesen oder hätte grotzen Lärm angefangen. Der Offizier dachte: Ich weitz nicht, wer der grüne Löffelschüh ist, und was es für einen Verdrutz geben kann, und war mausstill, bis der Wirt kam und das Geld einzog. Als der Wirt kam und das Geld einzog, nahn: der Offizier auch seinen silbernen Löffel und steckte ihn zwischen zwei Knopflöcher im Rocke, zu einem hinein, zum andern hinaus, wie es manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Löffel mitbringen, aber keine Suppe. — Während der Offizier seine Zeche bezahlte, und der Wirt schaute ihm auf den Rock, dachte er: Das ist ein kurioser Verdienstorden, den der Herr da anhängen hat. Der mutz sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervorgetan haben, datz er zum Ehrenzeichen einen silbernen Löffel bekommen hat, oder ist's gar einer von meinen eigenen? Als aber der Offizier dem Wirt die Zeche bezahlt hatte, sagte er mit ernsthafter Miene: „Und der Löffel geht ja drein. Nicht wahr? Die Zeche ist teuer genug dazu." Der Wirt sagte: „So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn Ihr keinen Löffel daheim habt, so will ich Euch einen Patentlöffel schenken; aber meinen silbernen latzt mir da!" Da stand der Offizier auf, klopfte dem Wirt auf die Achsel und lächelte. „Wir haben nur Spatz gemacht," sagte er, „ich und der Herr dort in dem grünen Rocke. Gebt Ihr Euren Löffel wieder aus dem Ärmel heraus, grüner Herr, so will ich meinen auch wieder hergeben." AIs der Löffelschütz merkte, datz er verraten sei, und 67 , daß ein ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand gesehen hatte, dachte er: Lieber Späh als Ernst, und gab seinen Löffel ebenfalls her. Also kam der Wirt wieder zu seinem Eigentum, und der Löffeldieb lachte auch — aber nicht lange; denn als die andern Gäste das sahen, jagten sie den verratenen Dieb mit Schimpf und Schande zum Tempel hinaus, und der Wirt schickte ihm den Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach. Den wackern Offizier aber bewirtete er noch mit einer Bouteille voll Ungarwein auf das Wohlsein aller ehrlichen Leute. Merke: Man muh keine silbernen Löffel stehlen. Merke: Das Recht findet seinen Knecht. 29. Der Star von Segringen. I. P. Hebel. Selbst einem Star kann es nützlich sein, wenn er etwas gelernt hat, wie viel mehr einem Menschen. — In einem respektabeln Dorfe war's, ich will sagen in Segringen, es ist aber nicht dort geschehen, sondern hier im Land, und derjenige, dem es begegnet ist, liest es vielleicht in diesem Augenblick, nicht der Star, aber der Mensch. In Segringen hatte der Barbier einen Star, und der wohlbekannte Lehrling gab ihm Unterricht im Sprechen. Der Star lernte nicht nur alle Wörter, die ihm sein Sprachmeister aufgab, sondern er ahmte zuletzt auch selber nach, was er von seinem Herrn hörte, zum Exempel: Ich bin der Barbier von Segringen. Sein Herr hatte sonst noch allerlei Redensarten an sich, die er bei jeder Gelegenheit wiederholte, zum Exempel: So, so, lala; oder: Par Compagnie (das heiht so viel als: in Gesellschaft mit andern); oder: Wie Gott will; oder: Du Tolpatsch! So titulierte er nämlich insgemein den Lehrjungen, wenn er das halbe Pflaster auf den Tisch strich, anstatt aufs Tuch, oder wenn er das Schermesser am Rücken abzog, anstatt an der Schneide, oder wenn er ein Arzneiglas zerbrach. Alle diese Redensarten lernte nach und nach der Star auch. Da nun täglich viele Leute im Haus waren, weil der Barbier auch Branntwein ausschenkte, so gab's manchmal viel zu lachen, wenn die Gäste miteinander ein Gespräch führten, und der Star warf auch eins von seinen Wörtern drein, das sich dazu schickte, als wenn er den Verstand davon hätte, und manchmal, wenn ihm der Lehrling rief: „Hansel, was machst du?" antwortete er: „Du Tol- s 66 patsch!" und alle Leute in der Nachbarschaft wußten von dem Hansel zu erzählen. Eines Tages aber, als ihm die beschnittenen Flügel wieder gewachsen waren, und das Fenster war offen und das Wetter schön, da dachte der Star: „Ich hab' jetzt schon viel gelernt, das; ich in der Welt kann fortkommen," und husch! zum Fenster hinaus. Weg war er. Sein erster Flug ging ins Feld, wo er sich unter eine Gesellschaft anderer Vögel mischte, und als sie aufflogen, flog er mit ihnen; denn er dachte: „Sie wissen die Gelegenheit hier zu Lande besser, als ich." Aber sie flogen unglücklicherweise alle miteinander in ein Garn. Der Star sagte: „Wie Gott will." Als der Vogelsteller kommt und sieht, was er für einen großen Fang getan hat, nimmt er einen Vogel nach dem andern behutsam heraus, dreht ihm den Hals um und wirft ihn auf den Boden. Als er aber die mörderischen Finger wieder nach einem Gefangenen ausstreckte und denkt an nichts, schrie der Gefangene: „Ich bin der Barbier von Segringen," als wenn er wüßte, was ihn retten muß. Der Vogelsteller erschrak anfänglich, als wenn es hier nicht mit rechten Dingen zuginge; nachher aber, als er sich erholt hatte, konnte er kaum vor Lachen zu Atem kommen; und als er sagte: „Ei, Hansel, hier hätte ich dich nicht gesucht, wie kommst du in meine Schlinge?" da antwortete der Hansel: „Par Compagnie." Also brachte der Vogelsteller den Star seinem Herrn wieder und bekam ein gutes Fundgeld. Der Barbier aber erwarb sich damit einen guten Zuspruch; denn jeder wollte den merkwürdigen Hansel sehen, und wer jetzt noch weit und breit in der Gegend will zu Ader lassen, geht zum Barbier von Segringen. Merke: So etwas passiert einem Star selten. Aber schon mancher junge Mensch, der auch lieber herumflankieren, als daheim bleiben wollte, ist ebenfalls par Compagnie in die Schlinge geraten, doch nimmer herausgekommen. 30. Mut über Gut. Ludwig Aurbacher. Es war einmal ein armer Handwerksmann, ein Leineweber, der saß täglich schon in aller Früh in seiner Werkstatt und arbeitete. Und wie er denn allezeit fröhlichen Mutes war, so sang er zum Zeitvertreib nebenbei manch schönes weltliches oder geistliches Liedlein, je nachdem es ihm just ums Herz war, und er hatte eine so klare und volle Stimme, daß die Nachbarn keines Haus- Hahns bedurften, der sie aufweckte. Dies war aber eben dem reichen Kaufherrn nicht recht, der neben ihm wohnte; denn wenn der vor Mitternacht nicht schlafen tonnte wegen Eeldsorgen, so muhte er nach Mitternacht noch wach bleiben wegen des vermaledeiten Singsangs des Nachbars. Er dachte daher ernstlich darauf, dem Unfug ein Ende zu machen. Verbieten tonnt er's ihm nicht; denn das Singen gehört wie das Beten und Arbeiten zum Hausrecht, darin niemand gestört werden kann. Also muhte er andere Mittel gebrauchen. Er lieh den Handwerker kommen und fragte ihn, wie hoch er sein Singen anschlage. Der meinte, einen Taglohn sei es sicherlich wert, da es ihm das Tagwerk selbst so leicht mache. Jener fragte weiter, wie viel das betrage. Der antwortete: so und so viel, und es war doch noch nicht viel. Darauf sagte der Kaufherr, er wolle ihn einen Monat lang zum voraus bezahlen, nicht für das Singen, sondern dah er still sei und das Maul halte. Und er legte ihm das Geld wirklich hin. Der Leineweber dachte bei sich, leichter könne man sich's nicht verdienen, und er nahm das Geld und versprach, dah er still sein wolle wie ein Mäusle in seiner Werkstatt. Als er mit dem Gelde nach Hause gekommen, überzählte er es voller Freuden, und es war lauter gute Münze und so viel, als er noch niemals zugleich beisammen hatte. Abends, ehe er schlafen ging, liebäugelte er noch ein gutes Stündlein mit seinem Schatze, und nachts legte er es unter sein Kissen, damit es ihm nicht etwa ein Dieb rauben könnte, und um Mitternacht hatte er es noch im Kopfe und sann nach, was er damit anfangen und wie viel er gewinnen könne an Kapital und Zinsen. Morgens, wie er aufstand, lag es ihm in allen Gliedern wie Blei; sein Kopf war wüst von Nachtwachen und Sorgen, seine Hand schwer und lässig nnd versagte ihm den Dienst, und er durfte nicht singen. Die Zeit ging langsam nnd träg vorüber, so dah er den Tag kaum erwarten konnte. Inzwischen hatte er es bei sich bedacht, und er war kurz entschlossen; denn wer schon um acht Uhr in des Kaufherrn Laden stand, das war unser Leineweber. „Herr, mit Vergunst," sagte er und warf das Geld hin, „da habt Ihr Euern Plunder wieder; der Kobold läht mich nicht schlafen." Und ehe noch der Kaufherr eine Widerrede tun konnte, war der Weber schon vor der Tür und sang: Ein frischer, froher Mut geht über Geld und Gilt. Trilirum, tralarum! 3l. Der König kommt. Berthold Auerbach. Ein Mann war zu Tische geladen und sagte immer: „Ich bin so voll, ich kann eigentlich gar nichts mehr essen." Dabei hieb er indes doch nicht faul ein. Endlich aber sagte er: „Nun ist's genug." Da kam zuletzt noch ein schön Spanferkelchen; das glitzerte so unschuldig und rein, daß einem die Allgen glänzten, wenn man's ansah. Dem Gaste wird ein schön Stück angeboten; er nimmt'S und auch Kartoffelsalat nebst Füllsel dazu und verzehrt's mit Lust. „Ich begreife aber gar nicht," sagt der Hauswirt, „wie Ihr das noch essen könnt? Wo findet Ihr denn Platz?" — „Ja," sagt der Gast, „das ist gerade, wie wenn der Marktplatz ganz voll ist, Kopf an Kopf, es kann kein Mensch mehr hinein; auf einmal heißt's: ,Der König kommt!' da rückt alles zusammen, und es gibt Platz für ihn und seinen Hofstaat." 32. Die Skiläuser. Aus Heinrich Steffens „Malkolni". Skie nennen die Skandinavier ihre Schneeschuhe. Es sind ziemlich dünne Bretter, drei bis vier Zoll breit und drei bis fünf Fuß lang, vorn und hinten aufwärtsgebogen, in der Mitte gerade und unten äußerst glatt, die untere Fläche zuweilen mit Seehundsfell bekleidet, dessen glatte Haare dann rückwärts liegen. Diese Schneeschuhe werden durch Weidenzweige an die Füße befestigt; oft ist der eine kürzer, damit man einen besseren Halt gewinnt, wenn man die Berge hinanläuft. In der Hand hält der Skiläufer einen Stab, um damit durch Fortstoßen seinen Lauf zu beschleunigen. Die Schneeschuhe tragen den Norweger über die Schneeflächen mit einer großen Schnelligkeit, die bis ins Unglaubliche gesteigert wird, wenn er die oft sehr schroffen Abhänge hinab- läuft. Wer sich nicht von Kindheit an geübt hat, wird nicht im Stande sein, sich im Gleichgewicht zu erhalten, wenn er mit Pfeilschnelle von Gebirgshöhen in die Täler hinabeilt, oder wenn er genötigt ist, einen kühnen Sprung über eine Felsenkluft zu wagen. In den Kriegen zwischen den beiden Nachbarvölkern der Schweden und der Norweger sah man oft Kompagnien von eingeübten Skiläufern in den Gebirgen gegeneinander fechten, und von den Streif- zügendieserTruppenhörtmanmancherleiabenteuerlicheErzählungen. 69 So hatte ein Trupp schwedischer Skiläufer die Absicht, ein norwegisches Grenzstädtchen nächtlich zu überfallen. Sie suchten den Weg über die unwirtbarsten Gebirge und zwangen einen norwegischen Bauer, als Wegweiser zu dienen. Dieser schritt, eine Laterne tragend, rüstig vor den Schweden her, die ihm in der finstern Nacht über Berg und Tal folgten. Er führte sie über eine waldige Vergebene, deren dunkle Tannen einen finstern Schatten auf den Schnee warfen. Der Führer war nicht zu erkennen; nur seine Laterne sah man wie im Fluge über die Fläche eilen. Die Skiläufer eilten nach. Aber der Führer, mit der Gegend wohl bekannt, erreichte eine Stelle, wo eine lotrechte Bergwand nach einem fürchterlichen Schlunde sich hinabstürzte. Hier warf er die Laterne in einer schrägen Richtung in den Schlund und schlüpfte schnell und unbemerkt zwischen die Bäume. Die Schweden sehen die Laterne, eilen in unaufhaltsamem Laufe dem Scheine nach und stürzen zerschmettert in den Schlund hinab. 33. Schlechter Lohn. I- P- Hebel. Als im Kriege von 1806 der Franzose nach Berlin kam, in die Residenzstadt des Königs von Preußen, da wurde unter anderem viel königliches Eigentum weggenommen und fortgeführt oder verkauft; denn der Krieg bringt nichts, er holt. Was noch so gut verborgen war, winde entdeckt und manches davon zur Beute gemacht, doch nicht alles. Ein großer Vorrat von königlichem Bauholz blieb lange unverraten und unversehrt. Doch kam zuletzt noch ein Spitzbube von des Königs eigenen Untertanen, dachte: da ist ein gutes Trinkgeld zu verdienen — und zeigte dem französischen Kommandanten mit schmunzelnder Miene und spitzbübischen Augen an, was für ein schönes Quantum von eichenen lind tannenen Baumstämmen noch da und da beisammenliege, woraus manche tausend Gulden zu lösen wären. Aber der brave Kommandant gab schlechten Dank für die Verräter« und sagte: „Laßt die schönen Baumstämme nur liegen, wo sie sind! Man muß deni Feinde nicht sein Notwendigstes nehmen; denn wenn Euer König wieder ins Land kommt, so braucht er Holz zu neuen Galgen für so ehrliche Untertanen, wie Ihr einer seid." 70 34. Die Freunde in der Not. Ludwig Aurbacher. In Not und Tod werden auch Feinde zu Freunden, wenn sie anders Menschen sind. Das zeigt folgende Geschichte. In einem der letzten französischen Kriege, als nach der Schlacht alles durcheinander ging bei Nebel und Wetter, fiel ein Franzose in ein tiefes Loch, eine ausgetrocknete Zisterne, aus der er sich rächt mehr heraushelfen konnte, und bald nachher plumpste auch ein Deutscher hinein und blieb auch darin stecken. Der Franzose schrie: „Kiwi?" und der Deutsche: „Wer da?" und jeder merkte nun, wen er vor sich habe, und das; sie sich gemächlich den Säbel durch den Leib rennen konnten als echte Patrioten. Sie bedachten sich aber eines andern und gaben sich in gebrochenem Deutsch und Französisch, so gut es eben gehen mochte, zu erkennen, es sei besser, einer helfe dem andern, als das; sie sich beide massakrierten. Also schrie bald der eine, bald der andere um Hilfe, jeder in seiner Sprache. Endlich hörten Deutsche des Deutschen Nuf, und sie machten sich sogleich daran, den Kameraden zu retten. Als der Deutsche aus Licht gekommen war, sagte er ganz trocken: „Es steckt noch einer drunten, ein guter Kamerad." Der wurde also auch heraufgezogen. Wie sie nun sahen, das; es ein Franzose war, wollten sie ihn niederhauen. Das litt aber der Deutsche nicht, sondern sagte: „Wir haben einander versprochen, das; einer den andern rette; er hätte es auch getan, wenn mich die Spitzbuben, die Franzosen, bekommen hätten." Diesen Vertrag, welchen die Freunde geschlossen, respektierten die Feinde, und der Franzose wurde zwar als Gefangener von Kriegsrechts wegen fortgeführt, aber wie ein Kamerad von Kameraden gehalten. 35. Wie schön leuchtet der Morgenstern! Friedrich Ahlfeld. Wir waren wohl oft in großer Angst und Not, erzählt ein alter Dorfschulmeister in Schlesien, wenn wir in, siebenjährigen Kriege auf jenen Anhöhen die Österreicher, hier in den Schluchten unsere Preußen schlagfertig stehen sahen. Weder Pferd noch Kuh, weder Milch noch Brot gab es in unserem Dörfchen mehr. Fast in jeder Nacht hörten wir die Kanonen donnern, und mit jedem neuen Morgen stellte sich auch neues Elend und neuer Jammer für uns ein. 71 Einst hatten wir wieder die ganze Nacht hindurch schießen hören; an Zubettegehen war gar nicht mehr zu deuten, weil man in jeder Nacht horchen mutzte, ob die Flamme nicht schon im Dachgiebel knistere. Eben hatte ich das Morgengeläute besorgt, guckte zum Schalloche hinaus, um zu schauen, was uns an dem schrecklichen Tage wohl wieder bevorstehen könne, und zog, zum Himmel blickend und Gott dankend, mein Mätzchen vorn Kopfe, da mir alles ganz ruhig schien. Ehe ich es jedoch wieder aufgefetzt hatte, ritt ein alter schwarzer Husar zürn Kirchhofe herein, stieg vorn Pferde und band seinen Braunen an meinen Fensterladen. Wie mir zu Mute ward, kann man sich leicht vorstellen. Ich flog mehr, als ich ging, die Turmtreppe hinunter. Er aber liest mir nicht einmal Zeit, meinen so freundlich als möglich her- vorgestammelten „Guten Morgen!" anzubringen, sondern rief mir in barschem Tone zu: „Geb' er mir die Kirchenschlüssel, Schulmeister!" Ich erschrak; denn obgleich das bitzchen Kirchenvermögen und der vergoldete Kelch mit der Hostienschachtel in Sicherheit gebracht waren, so befand sich doch noch eine ziemlich reiche Altarbekleidung mit Tressen in der Kirche. Ich legte mich auf Bitten und Vorstellungen; allein der alte Kriegsmann wollte davon nichts wissen. Er sah mit einer so ganz eigenen Manier bald auf mich, bald auf seinen Säbelgriff, datz ich, um Unglück zu verhüten, voranging, um ihm die Kirchentür zu öffnen. Meine Frau, die hinter der Haustüre gehorcht hatte, und die vor der Gefahr immer verzagter, in der Gefahr aber immer entschlossener war als ich, kam aus Besorgnis um brich von freien Stücken hinter uns her. Der Husar drängte sich in der Halle hastig voran, ging, ohne sich umzusehen, an der Sakristei und dem Altar vorüber und schritt so schnell, als es sein Alter erlaubte, klirr! klirr! die Chortreppe hinauf. Hier setzte er sich Atem schöpfend auf eine Bank und rief nur gebieterisch zu: „Schulmeister, mach' Er die Orgel auf, und geb' Er mir ein Gesangbuch!" Ich tat augenblicklich, was er verlangte; meine Frau mutzte die Bälge ziehen; der Husar hatte ein Lied aufgeschlagen und sagte nun in einem weit milderen Tone: „Wie schön leuchtet der Morgenstern! Spiel' Er das, lieber Schulmeister, aber so recht fein und ordentlich! Er versteht mich wohl!" Ich spielte mit Herzenslust, und nach geendetem Vorspiele fiel der Husar mit seiner tiefen Baßstimme ein; meine Frau hinter der Orgel und ich taten ein Gleiches. Mein Herz 72 wurde so mutig, das; ich mich oft nach meinem Zuhörer umschaute und ihm ganz dreist in das Gesicht sah. Er sang mit großer Andacht, hatte die Hände gefaltet, und die hellen Tränen fielen über den eisgrauen Knebelbart auf das Buch hinab. Jetzt war das Lied beendet; ich ging auf ihn zu; er schüttelte mir treuherzig die Hand und sprach: „Großen Dank, Herr Kantor! Wo ist der Gotteskasten?" Mein früherer Argwohn, daß es aus Plünderung abgesehen sei, war nun gänzlich verschwunden. Ich holte unsere Armenbüchse, und der Husar warf ein Achtgroschenstück hinein. „Wir beide aber, wir teilen den Nest, Herr Schulmeister," sagte er dann, indem er noch zwei Achtgroschenstücke aus der Tasche zog; „da nehm Er das für seine Mühe!" Ich schlug es aus; aber er war so ungestüm, daß ich es schlechterdings nehmen mußte. „Nehm' Er, nehm' Er!" sprach er, „es klebt kein Blut daran." Jetzt verließ er das Gotteshaus, und wir begleiteten ihn. Sowohl meine Frau als ich waren unglaublich bewegt; ich konnte mich aber nicht enthalten, unsern wunderbaren Gast auf dem Kirchhofe zu fragen, wie ihm denn der Gedanke gekommen sei, hier seine Morgenandacht zu halten. „Das will ich euch wohl sagen, liebe Leute," antwortete er, indem er uns beide an der Hand nahm. „Gestern abend sollte ein verlorener Posten ausgestellt werden, um mitten unter den umherschweifenden Patrouillen den Feind auf einen: gewissen Punkte zu beobachten. Jeder von uns wußte, was die Sache auf sich hatte — wir sind seit einigen Wochen brav daran gewesen. — Unser Rittmeister fragte nach Freiwilligen; niemand bezeigte Lust. Endlich ritt ich hervor, und meine drei Jungens konnten ja wohl den alten Vater nicht allein lassen. Er braucht es nicht zu wissen, wie wir es anfingen, Herr Schulmeister; — genug, wir schlichen uns durch und hielten die ganze Nacht auf einer buschigen Anhöhe. Links und rechts blitzte es um uns her; wir sahen bald hier, bald dort feindliche Mannschaften. — Nicht meinetwegen, — denn wie lange werde ich noch reiten? — sondern nur wegen meiner Söhne seufzte ich in der finstern Nacht: „Herr, erhalte uns!" Kaum hatte ich es heraus, als es anfing zu dämmern und der Morgenstern mir ins Auge blitzte. „Wie schön leuchtet der Morgenstern!" fiel mir in diesem Augenblicke aus meiner Jugendzeit ein. Gar manches, was ich seitdem getan, — und was wohl nicht allemal 73 recht war, — hing sich wie eine Bleilast daran; ich rechnete nach, seit wie vielen Jahren ich in keine Kirche gekommen, und ich tat Gott das Gelübde, wenn ich diesmal davonkäme, wieder einmal eine Andacht zu halten. Das hab' ich denn nun getan, und Er kann nun denken, ob mir das: ,Du, Herr. bist's, der mich diese Nacht durch deine Engel hat bewacht!' von und zu Herzen gegangen ist!" Mit diesen Worten setzte er sich aufs Pferd und ritt davon. 36. Die heilige Nacht. Selma Lagerlöf. Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten. Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an. „Es war einmal ein Mann," sagte sie, „der in die dunkle Nacht hinaus ging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. „Ihr lieben Leute, helft mir!" sagte er. „Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer anzünden, uni sie und den Kleinen zu erwärmen." Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihni. Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde. Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, daß einer nach seinem Bein schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann wieder weitergehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, daß er nicht vorwärtskommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hiü dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich." So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht, Großmutter?" fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren," sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort. „Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stäbe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld." Als Großmutter so weit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. „Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?" Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort. „Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: „Euter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen." Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren, und daß sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. „Nimm, soviel du brauchst," sagte er zu dem Manne. Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Eluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können. Als der Hirte dies sah, sagte er abermals: „Nimm, soviel du brauchst!" Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Apfel gewesen wären." . Aber hier winde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen. „Großmutter, wärmn wollte die Kohle den Mann nicht brennen?" „Das wirst du schon hören," sagte Großmutter, und dann erzählte sie weiter, „Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: „Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?" Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: „Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?" Da sagte der Mann: „Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst." Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünden und Weib und Kind wärmen zu können. Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dein Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirte, daß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab, als nackte, kalte Steinwände. Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dein Kinde zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten. Aber in demselben Augenblicke, in den: er zeigte, daß auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er 76 sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören tönnen. Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen silber- beflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saiten- spiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle. Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie niemand etwas zuleide tun wollten. Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbei kamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind. Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß seine Augen geöffnet waren, daß er auf die Kniee fiel und Gott dankte." Aber als Großmutter so weit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen,- denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen." Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können." 37. Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Andersen. Es war entsetzlich kalt; es schneite, und der Abend dunkelte bereits; es war der letzte Abend im Jahre, Silvesterabend. In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Es hatte wohl freilich Pantoffeln angehabt, als es von Hause fortging; aber was konnte das helfen! Es waren sehr große Pantoffeln; sie waren früher von seiner Mutter gebraucht worden. 77 so groß waren sie, und diese hatte die Kleine verloren, als sie über die Straße eilte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten; der eine Pantoffel war nicht wieder aufzufinden, und mit den: andern machte sich ein Knabe aus dem Staube, welcher versprach, ihn als Wiege zu benutzen, wenn er einmal Kinder bekäme. Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten, zierlichen Füßchen, die vor Kälte ganz rot und blau waren. In ihrer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer, und ein Bund hielt sie in der Hand. Während des ganzen Tages hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ein Almosen gereicht. Hungrig und frostig schleppte sich die arme Kleine weiter und sah schon ganz verzagt und eingeschüchtert aus. Die Schneeflocken fielen auf ihr langes blondes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloß; aber bei diesem Schmucke weilten ihre Gedanken wahrlich nicht. Aus allen Fenstern strahlte Heller Lichterglanz, und über alle Straßen verbreitete sich der Geruch von köstlichem Gänsebraten. Es war ja Silvesterabend, und dieser Gedanke erfüllte alle Sinne des kleinen Mädchens. In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas weiter in die Straße vorsprang als das andere, kauerte es sich nieder. Seine kleinen Beinchen hatte es unter sich gezogen; aber es fror nur noch mehr und wagte es trotzdem nicht, nach Hause zu gehen, da es noch kein Schächtelchen mit Streichhölzern verkauft, noch keinen Heller erhalten hatte. Es hätte gewiß von: Vater Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause ja auch; sie hatten das bloße Dach gerade über sich, und der Wind pfiff schneidend hinein, obgleich Stroh und Lumpen in die größten Ritzen gestopft waren. Ach, wie gut mußte ein Schwefelhölzchen tun! Wenn es nur wagen dürfte, eines aus dem Schächtelchen herauszunehmen, es gegen die Wand zu streichen und die Finger daran zu wärmen! Endlich zog das Kind eines heraus. Ritsch! wie sprühte es, wie brannte es! Das Schwefelholz strahlte eine wanne, helle Flamme aus wie ein kleines Licht, als es das Händchen um dasselbe hielt. Es war ein merkwürdiges Licht; es kam dem kleinen Mädchen vor, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit Messingbeschlägen und Messingverzierungen; das Feuer brannte so schön und wärmte so wohltuend. Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen — da erlosch die 78 Flamme. Der Ofen verschwand — sie saß mit einem Stümpfchen des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand da. Ein neues wurde angestrichen; es brannte, es leuchtete, und an der Stelle der Mauer, auf welche der Schein fiel, wurde sie durchsichtig wie ein Flor. Die Kleine sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch mit einem blendend weißen Tischtuch und feinem Porzellan gedeckt stand, und köstlich dampfte die mit Pflaumen und Apfeln gefüllte gebratene Gans darauf. Und was noch herrlicher war, die Gans sprang aus der Schüssel und watschelte mit Gabel und Messer im Rücken über den Fußboden hin; gerade die Richtung auf das arme Mädchen schlug sie ein. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke, kalte Mauer war zu sehen. Sie zündete ein neues an. Da saß die Kleine unter dem herrlichsten Weihnachtsbaum; er war noch größer und weit reicher ausgeputzt als der, den sie am heiligen Abend bei einem reichen Kaufmann durch die Glastür gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder wie die, welche in den Ladenfenstern ausgestellt werden, schauten auf sie hernieder; die Kleine streckte beide Hände nach ihnen in die Höhe — da erlosch das Schwefelholz. Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und sie sah jetzt erst, daß es die hellen Sterne waren. Einer von ihnen siel herab und zog einen langen Feuerstreifen über den Himmel. „Jetzt stirbt jemand!" sagte die Kleine; denn die alte Großmutter, welche sie allein freundlich behandelt hatte, jetzt aber längst tot war, hatte gesagt: „Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor!" Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer; es warf einen weiten Lichtschein rings umher, und im Glänze desselben stand die alte Großmutter, hell beleuchtet, mild und freundlich da „Großmutter!" rief die Kleine, „o nimm mich mit dir! Ich weiß, daß du verschwindest, wie der warme Kachelofen, der köstliche Gänsebraten und der große, flimmernde Weihnachtsbaum!" Schnell strich sie den ganzen Rest der Schwefelhölzer an, welche sich noch im Schächtelchenbefanden; sie wollte die Großmutter festhalten, und die Schwefelhölzer verbreiteten einen solchen Glanz, daß es Heller war als am lichten Tage. So schön, so groß war die Groß- 79 mutier nie gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihren Arm, und hoch schwebten sie empor in Glanz und Freude; Kälte, Hunger und Angst wichen von ihr — sie waren bei Gott. Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um den Mund — tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche auf, welche mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtelchen verbrannt war, dasaß. „Sie hat sich wärmen wollen!" sagte man. Niemand wußte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glänze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war. :rrr. Das Rotkehlchen. Selma Lagerlöf. Es war zur Zeit, als Gott der Herr die Welt erschuf, und nicht nur Himmel und Erde, sondern auch alle Tiere und Pflanzen, denen er zugleich ihre Namen gab. Aus jener Zeit ließen sich viele Geschichten erzählen, und wenn man sie alle kennen würde, so hätte man auch eine Erklärung für alles in der Welt, was man jetzt nicht begreifen kann. Damals geschah es eines Tages, als der Herrgott im Paradiese saß und die Bügel anmalte, daß die Farben in seinen Farbentöpfen ein Ende nahmen, so daß der Stieglitz farblos geblieben wäre, wenn der liebe Gott nicht alle seine Pinsel an seinen Federn abgewischt hätte. Und damals geschah es auch, daß der Esel seine langen Ohren bekam, weil er sich seinen Namen nicht merken konnte. Er vergaß ihn, sobald er einige Schritte aus den paradiesischen Fluren gemacht hatte, und dreimal kam er zurück und fragte nach seinem Namen, so daß der liebe Gott schließlich etwas ungeduldig wurde, ihn an beiden Ohren faßte und zu ihm sprach: „Dein Name ist: Esel, Esel, Esel." Und während er also redete, zog er des Esels Ohren lang und länger, auf daß er ein besseres Gehör bekäme und sich dessen erinnerte, was man ihm sagte. An demselben Tage fand auch die Bestrafung der Bienen statt. Denn als die Biene erschaffen war, begann sie sogleich Honig zu sammeln. Und Mensch und Tier, die den lieblichen Duft einatmeten, 80 kamen herbei, um ihn zu kosten. Aber die Biene wollte alles für sich selber behalten und verjagte durch ihre giftigen Stiche alle, die sich der Honigwabe näherten. Das sah der liebe Gott, und flugs rief er die Biene herbei, um ihr eine Strafe aufzuerlegen: „Ich verlieh Dir die Gabe, Honig zu sammeln, der das Allersüßeste in der Schöpfung ist, aber damit gab ich Dir nicht das Recht, gegen Deine Nächsten hart zu sein. Nun denke daran, daß jede Biene, die jemanden sticht, der ihren Honig kosten will, den Stich mit dem Tode zu büßen hat!" Ach ja, das war damals, als die Grille blind wurde und die Ameise ihre Flügel einbüßte; es geschah so viel Seltsames an jenem Tage. Gott der Herr saß den ganzen Tag über erhaben und mild auf seinem Thron und erschuf und hauchte Odem ein, und gegen Abend verfiel er darauf, noch einen kleinen, grauen Vogel zu erschaffen. „Denke daran, daß Du Rotkehlchen heißen sollst!" sagte der liebe Gott zu dem Vogel, als er fertig geworden war. Und er setzte ihn auf seine Handfläche und ließ ihn fliegen. Und als das Vöglein eine Weile umhergeflogen war und die schöne Erde betrachtet hatte, auf der es nun leben sollte, spürte es auch Lust, sich selber zu beschauen. Da merkte es, daß es ganz grau war, und daß seine Brust ebenso grau wie alles andere aussah. Das Rotkehlchen drehte und wendete sich hin und her und spiegelte sich im Wasser, aber es vermochte kein einziges rotes Federchen an sich zu entdecken. Da flog das Vöglein zum lieben Herrgott zurück. Unser lieber Herrgott saß gütig und mild auf seinem Thron, aus seinen Händen lösten sich Schmetterlinge, die sein Haupt umflatterten, Tauben gurrten auf seinen Schultern und rings um ihn her entsproßten der Erde Rosen, Lilien und Tausendschönchen. Das Herz des Vögleins pochte vor Angst heftig in seiner kleinen Brust, aber in leichtem Bogen flog es näher und näher auf den lieben Herrgott zu und setzte sich schließlich auf seine Hand. Da fragte der himmlische Vater, was es von ihm wünsche, und das Vöglein antwortete: „Ich möchte Dich nur noch etwas fragen." „Was willst Du also wissen?" 81 „Warum soll ich denn Rotkehlchen heißen, wenn ich doch vom Schnabel bis zur Schwanzspitze ganz grau bin? Warum werde ich Rotkehlchen genannt, wenn ich doch kein einziges rotes Feder- chen besitze?" Und das Vöglein blickte mit seinen großen, schwarzen Augen flehend zu Gott dem Herrn empor und wandte das Köpfchen hin und her. Rundum erblickte es Fasanen, deren rotes Gefieder leicht mit Goldstaub gesprenkelt war, Papageien mit buschigen, roten Halskragen, Hähne mit roten Kämmen, und nun erst die Schmetterlinge, Goldfische und Rosen! Natürlich dachte das Vöglein bei diesem Anblick, wie wenig dazu gehörte — und wenn es nur ein einziger, kleiner Tropfen Farbe auf seiner Brust wäre — um es zu einem schönen Vogel zu machen, so daß sein Name passen würde. „Warum soll ich Rotkehlchen heißen, wenn ich doch ganz grau bin?" wiederholte das Vöglein und erwartete, daß der liebe Gott sagen würde: „Ach, mein kleiner Freund, ich merke, daß ich vergessen habe, die Federn auf Deiner Brust rot anzumalen, aber warte nur einen Augenblick, dann wird die Sache bald erledigt sein." Doch der liebe Gott lächelte nur mild und sprach: „Ich habe Dich Rotkehlchen genannt, und Rotkehlchen sollst Du heißen, doch mußt Du selber zusehen, daß Du Dir Deine roten Brustfedern verdienen magst." Und dann erhob Gott der Herr die Hand und ließ den Vogel aufs neue in die Welt hinausflattern. Der Vogel flog in tiefem Sinnen durch das Paradies. Was sollte ein so kleiner Vogel, wie er, eigentlich tun, um sich rote Federn zu verdienen? Das einzige, woran er noch zu denken vermochte, war die Wahl seiner Behausung in einem Dornenbusch. Zwischen den Stacheln des dichten Dornrosengestrüpps baute er sein Nest. Er schien zu hoffen, daß ein Rosenblatt sich an seine kleine Kehle heften würde, um ihr seiue Farbe zu verleihen. * * * Eine unendliche Zeit war seit jenem Tage verflossen, der der fröhlichste aller Erdentage gewesen ist. Seit jener Zeit hatten Tiere und Menschen das Paradies verlassen und sich über die Erde verbreitet. Und die Menschen hatten es so weit gebracht, daß sie 6 82 das Land beackern konnten und das Meer zu befahren wußten; sie schafften sich Kleidung und Schmuckgeräte, ja, sie hatten schon vor langer Zeit gelernt, große Tempel und mächtige Städte, wie Theben, Rom und Jerusalem, zu erbauen. Dann nahte ein neuer Tag, dessen man in der Geschichte der Welt noch lange gedenken sollte. Und am Morgen jenes Tages saß nun ein Rotkehlchen auf einem kleinen, nackten Hügel vor den Mauern Jerusalems und sang seinen Jungen vor, die inmitten eines niedrigen Dornbusches in ihrem kleinen Nest ruhten. Vogel Rotkehlchen erzählte seinen Kleinen von dem wunderbaren Schöpfungstage und von der Namengebung, wie es bisher jedes Rotkehlchen seinen Jungen erzählte, von dem allerersten her, das Gottes Ruf vernommen hatte und aus des Schöpfers Hand hervorgegangen war. „Und nun seht," schloß es traurig seinen Bericht, „so viele Jahre sind seit dem Schöpfungstage dahin, so viele Rosen sind verblüht, so viele junge Vögel sind aus dem Ei gekrochen, daß niemand sie zu zählen vermag, jedoch das Rotkehlchen ist noch immer ein kleiner, grauer Vogel. Noch ist es ihm nicht geglückt, der roten Brustfedern teilhaftig zu werden." Die kleinen, jungen Vögelchen sperrten die Schnäbelchen weit auf und fragten, ob ihre Vorfahren sich denn gar nicht bemüht hätten, irgendeine Heldentat zu vollbringen, um die unschätzbare rote Farbe zu erringen. „Wir alle taten, was wir konnten," sang das Vöglein, „aber es ist keinem von uns geglückt. Schon das erste Rotkehlchen begegnete einmal einem anderen Vogel, der sein ganzes Ebenbild war, und sogleich begann es ihn mit solcher Heftigkeit zu lieben, daß es seine Brust erglühen fühlte. „Ach," dachte es da, „jetzt begreife ich alles. Der liebe Gott meint, daß ich glühend lieben müsse, um meine Brustfedern durch die Liebesglut meines Herzens rot zu färben." Aber es gelang ihm nicht, wie es keinem nach ihm gelungen ist, und auch Euch niemals gelingen wird." Die kleinen jungen Vögelchen zwitscherten betrübt, und sie trauerten schon darüber, daß die rote Farbe niemals ihre kleine, flaumige Brust schmücken sollte. „Wir hatten auch auf unsern Gesang gehofft," sang das alte Vöglein in langen, gehaltenen Tönen. „Schon das erste Rotkehlchen sang so schön, daß seine kleine Brust sich in Begeisterung weitete 83 und es neu zu hoffen wagte. „Ach," dachte es, „meine Brustfedern werden sich von der Sangesglut in meiner Seele rot färben." Aber es gelang ihm nicht, wie es keinem nach ihm gelungen ist, und wie es auch Euch nicht gelingen wird." Abermals hörte man ein betrübtes Zwitschern aus den schwachbefiederten Kehlen der jungen Vögelchen. „Wir hofften auch auf unseren Mut und auf unsere Tapferkeit. Schon das erste Rotkehlchen kämpfte mutig mit anderen Vögelchen, und seine Brust glühte vor Kampfbegier. „Ach," dachte es, „meine Brustfedern werden sich von der Kampflust in meinem Herzen rot färben." Aber es gelang ihm nicht, wie es keinem nach ihm gelang und auch keinem von Euch gelingen wird." Die kleinen, jungen Vögelchen zwitscherten voll Zuversicht, daß sie es dennoch versuchen wollten, die erstrebte Belohnung zu gewinnen, aber der Vogel antwortete ihnen betrübt, daß es ganz unmöglich wäre. Was konnten sie erhoffen, wenn es so vielen ausgezeichneten Vorfahren nicht gelungen war, das Ziel zu erreichen? Was konnten sie denn noch mehr tun als lieben, singen und kämpfen? Was vermochten- Der Vogel vollendete seinen Sah nicht, denn aus einem der Tore Jerusalems kam eine große Menschenmenge dahergezogen, und die Scharen stürmten zu dem Hügelgelände empor, auf dem sich das Vogelnest befand. Es nahten Reiter auf stolzen Rossen, Kriegsknechte mit langen Speeren, Henkerknechte mit Nägeln und Hämmern, und es zogen feierlich schreitende Priester und Richter, schluchzende Weiber, und allen voran eine Masse wildumherjagendes, niedriges Volk herbei, ein widerwärtiges, heulendes Gefolge von Landstreichergesindel. Der kleine, graue Vogel saß bebend auf dem Rande seines Nestes. Er fürchtete jeden Augenblick, daß der kleine Dornbusch niedergetrampelt und seine Jungen getötet werden könnten. „Nehmt Euch in acht," zwitscherte er den kleinen, wehrlosen Geschöpfen zu, „kriecht ganz dicht zusammen und gebt keinen Laut von Euch! Hier kommt ein Pferd, das dicht über uns hinschreitet! Dort naht ein Kriegsknecht mit eisenbeschlagenen Sandalen! Da stürmt die ganze wilde Horde heran!" Plötzlich stellte der Vogel seine Warnungsrufe ein, er blieb still und stumm und vergaß beinahe die Gefahr, in der sie alle schwebten. 84 Dann hüpfte er rasch in sein Nest hinein und breitete die kleinen Schwingen über seine Jungen. „Nein, das ist zu schrecklich," zwitscherte er. „Ich will Euch vor diesem Anblick bewahren. Dort sollen drei Missetäter aus Kreuz geschlagen werden." Und er breitete seine Keinen Schwingen so weit aus, daß die Jungen nichts davon sehen konnten. Sie vernahmen nur dröhnende Hammerschläge, lautes Wehklagen und das tobende Geschrei der Volksmenge. Das Rotkehlchen folgte dem ganzen furchtbaren Schauspiel mit Augen, die sich vor Entsetzen weiteten. Es konnte seine Blicke von den drei Unglücklichen nicht abwenden. „Wie doch die Menschen grausam sind!" zwitscherte der Vogel nach einer Weile. „Es genügt ihnen nicht, diese armen Geschöpfe aus Kreuz zu nageln, und da haben sie dem einen auch noch eine stachelige Dornenkrone aufs Haupt gepreßt. Ich sehe deutlich, daß die Dornen seine Stirn verwundet haben, so daß Blut herab- sickert. Und dieser Mann ist so schön und schaut mit so sanften Blicken um sich, daß jedermann ihn lieben müßte. Bei dem Anblick seiner Leiden ist mir, als durchbohre ein spitzer Pfeil mein Herz." Das Mitleid des kleinen Vogels mit dem Dornengekrönten vertiefte sich mehr und mehr. „Wenn ich mein Bruder, der Adler, wäre, würde ich die Nägel, die seine Hände durchbohren, herausziehen und mit den starken Klauen alle seine Peiniger verjagen." Das Rotkehlchen sah, wie das Blu auf des Gekreuzigten Stirn herabsickerte, und vermochte nicht, noch länger stille in seinem Nest zu sitzen. „Bin ich auch nur klein und schwach, so müßte ich dennoch irgend etwas für diesen armen Gepeinigten tun können", zwitscherte es vor sich hin. Und es verließ sein Nest und flog in die Luft hinaus. In weiten Bogen umkreiste es mehrmals den Gekreuzigten, ohne daß es wagte, sich ihm zu nähern. Denn es war ein scheuer, kleiner Vogel, der niemals gewagt hatte, in die Nähe eines Menschen zu kommen. Aber allmählich faßte es Mut, flog auf die Kreuze zu mrd zog mit seinem kleinen Schnabel einen spitzen Stachel aus der Stirn des Gekreuzigten. — Doch während es dies tat, fiel ein Tropfen vom Blute des Gekreuzigten auf die Brust des Vögleins herab. Dieser verbreitete 85 sich schnell nnd färbte alle die kleinen, zarten Federn der Kehle ganz rot. Und der Gekreuzigte öffnete seine Lippen und flüsterte dem Vogel zu: „Um Deiner Barmherzigkeit willen hast Du nun errungen, was Dein Geschlecht seit Erschaffung der Welt erstrebt hat." Als der Vogel wieder in sein Nest kam, zwitscherten seine Kleinen ihm zu: „Deine Brust ist ja rot, Deine Kehlfederchen sind röter als Rosen!" „Das ist nur ein Blutstropfen von der Stirn des armen Mannes. Der wird verschwinden, sobald ich in einem Büchlein oder in einer klaren Quelle bade," zwitscherte der Vogel zur Antwort. Aber wie oft auch das Rotkehlchen badete, die rote Farbe verschwand nicht mehr von seiner Brust, und als seine Kleinen herangewachsen waren, leuchtete die blutrote Farbe auch auf ihren Brustfedern, wie sie noch bis auf den heutigen Tag auf jedes Rotkehlchens Brustfedern leuchtet. 39. Die Boten des Todes. Brüder Grimm. Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße; da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und rief: „Halt! keinen Schritt weiter!" — „Was?" sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?" — „Ich bin der Tod," erwiderte der andere; „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen." Der Niese aber weigerte sich und fing an, mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer, heftiger Kampf; zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einem Steine zusammensank. Der Riese ging seiner Wege, und der Tod lag da besiegt und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden," sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? Es stirbt niemand mehr auf der Welt, nnd sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen." Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied und warf seine Augen hin und her. Als er 86 den halb Ohnmächtigen erblickte, ging er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trunk ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam. „Weißt du auch," sagte der Fremde, indem er sich ausrichtete, „wer ich biu, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?" — „Nein," antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht." — „Ich bin der Tod," sprach er; „ich verschone niemand und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, daß ich dir dankbar bin, so verspreche ich dir, daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will, bevor ich komme und dich abhole." — „Wohlan," sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß, wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin." Dann zog er weiter, war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus; bald kamen Krankheiten und Schinerzen, die ihn bei Tag plagten und ihm nachts die Ruhe wegnahmen. „Sterben werde ich nicht," sprach er zu sich selbst; „denn der Tod sendet erst seine Boten; ich wollte nur, die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber." Sobald er sich gesund fühlte, fing er wieder an, in Freuden zu leben. Da klopfte ihm jemand eines Tages aus die Schulter; er blickte sich um, und der Tod stand hinter ihm und sprach: „Folge mir! die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen." — „Wie," antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen, daß du mir, bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen." — „Schweig!" entgegnete der Tod; „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? Zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dir's nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dir's nicht dunkel vor den Augen? Über das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärest du schon gestorben?" Der Mensch wußte nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tode fort. 40. Frau Solle. Brüder Grimm. Eine Witwe hatte zwei Töchter; davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen mußte sich täglich auf die große Straße an einen Brunnen setzen und so viel spinnen, daß ihr das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war; da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwischen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, daß sie sprach: „Hast du die Spule Hinunterfallen lassen, so hol' sie auch wieder herauf!" Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wußte nicht, was es anfangen sollte, und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und.wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viel lausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: „Ach, zieh mich 'raus, zieh mich 'raus! sonst verbrenn' ich: ich bin schon längst ausgebacken." Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Dann ging es weiter und kam zu einem Baum; der hing voll Apfel und rief ihm zu: „Ach, schüttle mich, schüttle mich! wir Apfel sind alle miteinander reif." Da schüttelte es den Baum, daß die Apfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war, und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus; daraus guckte eine alte Frau; weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? bleib' bei mir! Wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehen. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen; dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle." Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte immer 88 das Bett gewaltig auf, daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle; da ward es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe den Jammer nach Hause gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben: Ich muß wieder hinauf zu den Meinigen." Die Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, daß du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen." Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hangen, so daß es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist," sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus, und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: „Kikeriki! Unsere goldene Jungfrau ist wieder hie." Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so gut mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen. Das Mädchen erzählte alles, was ihnr begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, häßlichen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen. Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen, und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam wie die andere auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: „Ach, zieh mich 'raus, zieh mich 'raus! sonst verbrenn' ich: ich bin schon längst ausgebacken." Die Faule aber antwortete: „Da hätt' ich Lust, mich schmutzig zu machen!" und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum; der rief: „Ach, schüttle mich, schüttle mich! wir Apfel sind alle miteinander reif." Sie antwortete aber: „Du kommst mir recht; es könnte mir einer auf den Kopf fallen," und ging damit weiter. Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tage tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte; denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tage aber fing sie schon an zu faulenzen; am dritten Tage noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst aus. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen. Die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor; als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste," sagte die Frau Holle und schloß das Tor zu. Da kam die Faule heim; aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief: „Kikeriki! Unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie." Das Pech aber blieb fest an ihr hangen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen. 41 Dornröschen. Brüder Erimm. Vorzeiten war ein König und eine Königin; die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!" und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade faß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch soll erfüllt werden; ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen." Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen; das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen da- 90 zu ein, damit sie dem Kinde hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche; weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt nur zu wünschen ist. AIs elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen!" Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger, tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt!" Der König, der sein liebes Kind vor so großem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß die Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt ward, der König und die Königin nicht zu Hause waren und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Tür auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Guten Tag, du altes Mütterchen!" sprach die Königstochter, „was machst du da?" — „Ich spinne," sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?" sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. 91 In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß; der König und die Königin, die eben heimgekommen und in den Saal getreten waren, sanken nieder und schliefen ein und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand; ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinauswuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen, schlafenden Dornröschen — denn so ward die Königstochter genannt — also, daß von Zeit zn Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war aber alle Mühe vergeblich; denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hangen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinterstehen, in weichern eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen; aber sie wären darin hangen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich nicht; ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen." Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte; er hörte nicht auf seine Worte. Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Hecke näherte, waren es lauter große, 92 schöne Blumen; die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhose sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen; auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter die Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand; der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er konnte es auch nicht lassen, bückte sich und gab ihni einen Kuß. Kaum hatte er es mit dem Kuß berührt, so schlug Dornröschen die Allgen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hofe standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dach zogen das Köpfchen unter dem Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feiler in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da ward die Hochzeit des Königssohnes mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende. 42. Hans im Glück. Brüder Grimm. Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient; da sprach er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist herum; nun wollte ich gerne wieder heim zu meiner Mutter; gebt mir meinen Lohn!" Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich gedient; wie der Dienst war, so soll der Lohn sein," und gab ihm ein Stück Gold, das so groß als Hansens Kopf war. Hans zog sein Tüchlein 93 aus der Tasche, wickelte den Klumpen hinein, setzte ihn auf die 'Schulter und machte sich auf den Weg nach Haus. Wie er so dahinging und immer ein Bein vor das andere setzte, kam ihm ein Reiter in die Augen, der frisch und fröhlich aus seinem muntern Pferde vorbeitrabte. „Ach," sprach Hans ganz laut, „was ist das Reiten ein schönes Ding! da sitzt einer wie auf einem Stuhl, stützt sich an keinem Stein, spart die Schuh' und kommt fort, er weis; nicht wie." Der Reiter, der das gehört hatte, hielt an und rief: „Ei, Hans, warum läufst du auch zu Fritz?" — „Ich mutz ja wohl; da habe ich einen Klumpen heimzutragen; es ist zwar Gold; aber ich kann den Kopf dabei nicht gerade halten; auch drückt mir's auf die Schulter." — „Weitzt du was," sagte der Reiter, „wir wollen tauschen: ich gebe dir mein Pferd, und du gibst mir deinen Klumpen." — „Von Herzen gern," sprach Hans; „aber ich sage Euch, Ihr mützt Euch damit schleppen." Der Reiter stieg ab, nahm das Gold und half dem Hans hinauf, gab ihm die Zügel fest in die Hände und sprach: „Wenn's nun recht geschwind soll gehen, so mutzt du mit der Zunge schnalzen und hopphopp rufen." Hans war seelenfroh, als er auf dem Pferde satz und so frank und frei dahinritt. Aber ein Weilchen fiel's ihm ein, es sollte noch schneller gehen, und er fing an, mit der Zunge zu schnalzen und hopphopp zu rufen. Das Pferd setzte sich in starken Trab, und ehe sich's Hans versah, war er abgeworfen und lag in einem Graben, der die Acker von der Landstraße trennte. Das Pferd wäre auch durchgegangen, wenn es nicht ein Bauer angehalten hätte, der des Weges kam und eine Kuh vor sich Hertrieb. Hans suchte seine Glieder zusammen und machte sich wieder auf die Beine. Er war aber verdrießlich und sagte zu dem Bauer: „Es ist ein schlechter Spatz, das Reiten, zumal, wenn man auf so eine Mähre gerät wie diese, die stützt und einen herabwirft, daß man den Hals brechen kann; ich setze mich nun und nimmermehr wieder auf. Da lob' ich mir Eure Kuh; da kann einer mit Gemächlichkeit hinterhergehen und hat obendrein seine Milch, Butter und Käse jeden Tag gewiß. Was gäb' ich darum, wenn ich so eine Kuh hätte!" — „Nun," sprach der Bauer, „geschieht Euch so ein großer Gefallen, so will ich Euch wohl die Kuh für das Pferd vertauschen." Hans willigte mit tausend Freuden ein; der Bauer schwang sich aufs Pferd imd ritt eilig davon. 94 Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glücklichen Handel. „Hab' ich nur ein Stück Brot, und daran wird mir's doch nicht fehlen, so kann ich, so oft rnir's beliebt, Butter und Käse dazu essen; hab' ich Durst, so melk' ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was verlangst du mehr?" Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er Halt, ah in der großen Freude alles, was er bei sich hatte, sein Mittags- und Abendbrot, rein auf und lieh sich für seine letzten paar Heller ein halbes Glas Bier einschenken. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die Hitze ward drückender, je näher der Mittag kam, und Hans befand sich in einer Heide, die wohl noch eine Stunde dauerte. Da ward es ihm ganz heih, so dah ihm vor Durst die Zunge am Gaumen klebte. Dem Ding ist zu helfen, dachte Hans; jetzt will ich meine Kuh melken und mich an der Milch laben. Er band sie an einen dürren Baum und stellte, da er keinen Eimer hatte, seine Ledermühe unter; aber so sehr er sich auch bemühte, es kam kein Tropfen Milch zum Vorschein, und weil er sich ungeschickt dabei anstellte, so gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem der Hinterfüße einen solchen Schlag auf den Kopf, dah er zu Boden taumelte und eine Zeit lang sich gar nicht besinnen konnte, wo er war. Glücklicherweise kam gerade ein Metzger des Weges, der auf einem Schubkarren ein junges Schwein liegen hatte. „Was sind das für Streiche!" rief er und half dem guten Hans auf. Hans erzählte, was vorgefallen war. Der Metzger reichte ihm seine Flasche und sprach: „Da trinkt einmal und erholt Euch! Die Kuh will wohl keine Milch geben; das ist ein altes Tier, das höchstens noch zum Ziehen taugt oder zum Schlachten." — „Ei, ei," sprach Hans und strich sich die Haare über den Kopf, „wer hätte das gedacht! es ist freilich gut, wenn man so ein Tier ins Haus abschlachten kann; was gibt's für Fleisch! aber ich mache mir aus dem Kuhfleisch nicht viel; es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! das schmeckt anders; dabei noch die Würste!" — „Hört, Hans," sprach der Metzger, „Euch zuliebe will ich tauschen und will Euch das Schwein für die Kuh lassen." — „Gott lohn' Euch Eure Freundschaft!" sprach Hans und übergab ihm die Kuh und lieh sich das Schweinchen vom Karren losmachen und den Strick, woran es angebunden war, in die Hand geben. 95 Hans zog weiter und überdachte, wie ihm doch alles nach Wunsch ginge; begegnete ihm je eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder gut gemacht. Es gesellte sich danach^ein Bursch zu ihm; der trug eine schöne, weiße Gans unter dem Arm. Sie boten einander die Zeit, und Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen, und wie er immer vorteilhaft getauscht hätte. Der Bursch sagte ihm, daß er die Gans zu einem Kindtaufschmaus brächte. „Hebt einmal," fuhr er fort und packte sie bei den Flügeln, „wie schwer sie ist! die ist aber auch acht Wochen lang genudelt worden. Wer in den Braten beißt, muß sich das Fett von beiden Seiten abwischen." — „Ja," sprach Hans und wog sie mit der einen Hand, „die hat ihr Gewicht; aber mein Schwein ist auch keine Sau." Indessen sah sich der Bursch nach allen Seiten ganz bedenklich um, schüttelte auch wohl mit dem Kopf. „Hört!" fing er darauf an, „mit Eurem Schwein mag's nicht so ganz richtig sein. In dem Dorfe, durch das ich gekommen bin, ist eben dem Schulzen eins aus dem Stall gestohlen worden; ich fürchte, ich fürchte, Ihr habt's da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt, und es wäre ein schlimmer Handel, wenn sie Euch mit dem Schweine erwischten; das Geringste ist, daß ihr ins finstre Loch gesteckt werdet." Dem guten Hans ward bang. „Ach Gott," sprach er, „helft mir aus der Not! Ihr wißt hier herum besser Bescheid; nehmt mein Schwein da, und laßt mir Eure Gans!" — „Ich muß schon etwas aufs Spiel sehen," antwortete der Bursche; „aber ich will doch nicht schuld sein, daß Ihr ins Unglück geratet." Er nahm also das Seil in die Hand und trieb das Schwein schnell auf einem Seitenweg fort; der gute Hans aber ging, seiner Sorgen entledigt, mit der Gans unter dem Arme der Heimat zu. „Wenn ich's recht überlege," sprach er mit sich selbst, „habe ich noch Vorteil mit dem Tausch: erstlich den guten Braten, hernach die Menge von Fett, die herausträufeln wird — das gibt Gänsefettbrot auf ein Vierteljahr — und endlich die schönen, weißen Federn; die laß ich mir in mein Kopfkissen stopfen, und darauf will ich wohl ungewiegt einschlafen. Was wird meine Mutter eine Freude haben!" Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein Scherenschleifer mit seinem Karren; das Rad schnurrte, und er sang dazu: „Ich schleife die Schere und drehe geschwind Und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind." Hans blieb stehen und sah ihm zu; endlich redete er ihn an und sprach. „Euch geht's wohl, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen seid." — „Ja," antwortete der Scherenschleifer, „das Handwerk hat einen güldenen Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der, so oft er in die Tasche greift, auch Geld darin findet. Aber wo habt Ihr die schöne Gans gekauft?" — „Die hab' ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein eingetauscht." — „Und das Schwein?" — „Das habe ich für eine Kuh gekriegt." — „Und die Kuh?" — „Die hab' ich für ein Pferd bekommen." — „Und das Pferd?" — „Dafür hab' ich einen Klumpen Gold, so groß als mein Kopf, gegeben." — „Und das Gold?" — „Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst!" — „Ihr habt Euch jederzeit zu helfen gewußt," sprach der Schleifer; „könnt Jhr's nun dahin bringen, daß Ihr das Geld in der Tasche springen hört, wenn Ihr aufsteht, so habt Ihr Euer Glück gemacht." — „Wie soll ich das anfangen?" sprach Hans. „Ihr müßt ein Schleifer werden wie ich; dazu gehört eigentlich nichts als ein Wetzstein; das andere findet sich von selbst. Da hab' ich einen, der ist zwar ein wenig schadhaft; dafür sollt Ihr mir aber auch weiter nichts als Eure Gans geben; wollt Ihr das?" — „Wie könnt Ihr noch fragen!" antwortete Hans; „ich werde ja zum glücklichsten Menschen auf Erden: habe ich Geld, so oft ich in die Tasche greife, was brauche ich da länger zu sorgen?" reichte ihm die Gans hin und nahm den Wetzstein in Empfang. „Nun," sprach der Schleifer und hob einen gewöhnlichen, schweren Feldstein, der neben ihm lag, auf, „da habt Ihr noch einen tüchtigen Stein dazu, auf dem sich's gut schlagen läßt und Ihr Eure alten Nagel gerade klopfen könnt. Nehmt hin und hebt ihn ordentlich auf!" Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter. Seine Augen leuchteten vor Freude. „Ich muß in einer Glückshaut geboren sein!" rief er aus; „alles, was ich wünsche, trifft mir ein wie einem Sonntagskind." Indessen, weil er seit Tagesanbruch auf den Beinen gewesen war, begann er müde zu werden; auch plagte ihn der Hunger, da er allen Vorrat auf einmal in der Freude über die erhandelte Kuh aufgezehrt hatte. Er konnte endlich nur mit Mühe weiter gehen und mußte jeden Augenblick Halt machen; dabei drückten ihn die Steine ganz erbärmlich. Da konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie es gut wäre, wenn er sie gerade jetzt nicht zu tragen brauchte. Wie 97 eine Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen geschlichen, wollte da ruhen und sich mit einem frischen Trunk laben; damit er aber die Steine in: Niedersetzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf den Rand des Brunnens. Darauf setzte er sich nieder und wollte sich zum Trinken bücken; da versah er's, stieß ein klein wenig an, und beide Steine plumpsten hinab. Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine so gute Art, und ohne daß er sich einen Vorwarf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte, die ihm allein noch hinderlich gewesen wären. „So glücklich wie ich," rief er aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne!" Mit leichten: Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war. 4.k. Sechse komme»» durch die ganze Welt. Bruder Grimm. Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste; er diente im Krieg und hielt sich brav und tapfer. Aber als der Krieg zu Ende war, bekan: er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. „Wart," sprach er, „mit mir geht man nicht so um! Find' ich die rechten Leute, so soll mir der König noch den Reichtum des ganzen Landes herausgeben." Da ging er voll Zorn in den Wald und sah einen darin stehen, der hatte sechs Bäume ausgerupft, als würen's Kornhalme. Sprach er zu ihm: „Willst du mein Diener sein und mit mir ziehen?" — „Ja," antwortete er, „aber erst will ich meiner Mutter das Weilchen Holz heimbringen," und nahm einen von den Bäumen und wickelte ihn um die fünf andern, hob die Welle auf die Schulter und trug sie fort. Dann kam er wieder und ging mit seinen: Herrn, der sprach: „Wir zwei sollten wohl durch die ganze Welt kommen." Und als sie ein Weilchen gegangen waren, fanden sie einen Jäger; der lag auf den Knieen, hatte die Büchse angelegt und zielte. Sprach der Herr zu ihm: „Jäger, was willst du schießen?" Er antwortete: „Zwei Meilen von hier sitzt eine Fliege auf einen: Eichenästchen; der will ich das linke Auge herausschießen." — „O, geh mit mir!" sprach der Mann, „wenn wir drei zusammen sind, sollten wir 7 98 wohl durch die ganze Welt kommen." Da ging der Jäger mit ihm, und sie kamen zu sieben Windmühlen; deren Flügel trieben ganz hastig herum, und ging doch links und rechts kein Wind und bewegte sich kein Blättchen. Da sprach der Mann: „Ich weih nicht, was die Windmühlen treibt; es regt sich ja kein Lüftchen," und ging mit seinen Dienern weiter; und als sie zwei Meilen fortgegangen waren, sahen sie einen auf einem Baum sitzen, der hielt das eine Nasenloch zu und blies aus dem andern. „Mein! was treibst du da oben?" fragte der Mann. Er antwortete: „Zwei Meilen von hier stehen sieben Windmühlen; seht, die blase ich an, datz sie gehen!" — „O, geh mit mir!" sprach der Mann, „wenn wir vier zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen." Da stieg der Bläser herab und ging mit. Und über eine Zeit sahen sie einen, der stund auf einem Bein und hatte das andere abgeschnallt und neben sich gelegt. „Ei," sprach der Herr, „du hast dir's ja bequem gemacht zum Ausruhen." — „Ich bin ein Läufer," antwortete er, „und damit ich nicht gar zu schnell springe, habe ich mir das eine Bein abgeschnallt; denn wenn ich mit zwei Beinen laufe, so geht's geschwinder als ein Vogel fliegt." — „O, geh mit mir! Wenn wir fünf zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen." Da ging er mit; und gar nicht lang, so begegneten sie einem, der hatte ein Hütchen auf, hatte es aber ganz auf dem einen Ohr sitzen. Da sprach der Herr zu ihm: „Manierlich, manierlich! Setz deinen Hut doch ein bihchen grad! Du siehst ja aus wie ein Hans Narr." — „Ich darf's nicht tun," sprach der andere; „denn setz' ich meinen Hut gerad, so kommt ein gewaltiger, entsetzlicher Frost, und die Vögel unter dem Himmel erfrieren und fallen tot zur Erde." — „O, geh mit mir!" sprach der Herr, „wenn wir sechs zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen." Nun gingen die sechse in die Stadt, wo der König hatte bekannt machen lassen, wer mit seiner Tochter in die Wette laufe und den Sieg davontrage, der solle ihr Gemahl werden; wer aber verliere, müsse auch seinen Kopf hergeben. Da meldete sich der Mann und sprach: „Ich will aber meinen Diener für mich laufen lassen." Der König antwortete: „Dann muht du auch noch dessen Leben zum Pfande setzen, also dah sein und dein Kopf für den Sieg haften." Nun ward das verabredet und festgemacht; da schnallte der Mann dem Läufer das andere Bein an und sprach zu ihm: „Nun sei hurtig und hilf, daß wir siegen!" Es war aber bestimmt, daß wer am ersten Wasser aus einem fern gelegenen Brunnen brächte, Sieger sein sollte. Nun bekam der Läufer einen Krug und die Königstochter auch einen, und sie fingen zu gleicher Zeit zu laufen an; aber in einem Augenblick, als die Königstochter erst eine kleine Strecke fort war, konnte den Läufer schon keine Zuschauer mehr sehen, und es war nicht anders, als wäre der Wind vorbeigesaust. In kurzer Zeit langte er bei dem Brunnen an, schöpfte den Krug voll Wasser und kehrte wieder um. Mitten aber auf dem Heimweg überkam ihn eine Müdigkeit; da setzte er den Krug hin, legte sich nieder und schlief ein. Er legte aber den Kopf auf einen Pferdeschädel, damit er hart liege und bald wieder erwache. Indessen war die Königstochter, die auch gut laufen konnte, so gut als ein gewöhnlicher Mensch vermag, zu dem Brunnen gekommen und lief mit ihrem Krug voll Wasser zurück, und als sie den Läufer daliegen und schlafen sah, war sie froh und sprach: „Der Feind ist in meine Hände gegeben," leerte den Krug aus und sprang weiter. Nun wäre alles verloren gewesen, wenn nicht zu gutem Glück der Jäger mit seinen scharfen Augen eben auf dem Schloß gestanden und alles mitangesehen hätte. Da sprach er: „Die Königstochter soll dennoch gegen uns nicht aufkommen," lud seine Büchse und schoß sie so künstlich auf den Läufer, daß er den Pferdeschädel ihm unter dem,Kopfe wegschoß, ohne ihm wehe zu tun, und ihn aufweckte. Da erwachte der Läufer, sprang in die Höhe und sah, daß sein Krug leer und die Königstochter schon vor ihm war. Aber er verlor den Mut nicht, faßte den Krug, lief wieder zum Brunnen zurück, schöpfte aufs neue Wasser und war doch noch zehn Minuten eher als die Königstochter daheim und gewann sie also seinem Herrn. „Seht ihr!" sprach der Läufer, „jetzt hab' ich erst die Beine aufgehoben; vorher roar's gar kein Laufen zu nennen." Den König aber kränkle es und seine Tochter noch mehr, daß sie so ein gemeiner, abgedankter Soldat davontragen sollte, und sie ratschlagten miteinander, wie sie ihn samt seinen Gesellen loswürden. Da sprach der König zu ihr: „Ich habe ein Mittel gefunden; laß dir nicht bang sein! sie sollen nicht wieder heim kommen." Und sprach zu ihnen: „Ihr sollt euch nun zusammen lustig machen, essen und trinken," und führte sie zu einer Stube; die hatte einen Boden von Eisen, und die Türen waren auch kvstalorrianum 100 von Eisen, und die Fenster Waren mit eisernen Stäben verwahrt. In der Stube war eine Tafel mit köstlichen Speisen beseht; da sprach der König zu ihnen: „Nun geht hinein, und laßt's euch wohl sein!" Und wie sie darin waren, liest er die Türe verschließen und verriegeln. Dann liest er den Koch kommen und befahl ihm, ein Feuer so lang unter die Stube zu machen, bis das Eisen glühend würde. Das tat der Koch, und es fing an und ward den sechsen in der Stube, während sie an der Tafel saßen, ganz warm, und sie meinten, das käme von: Essen; als aber die Hitze immer größer ward, und sie hinauswollten, Türe und Fenster aber verschlossen fanden, da merkten sie, daß der König Böses im Sinne gehabt und sie ersticken wollte. „Es soll ihm aber nicht gelingen," sprach der mit dem Hütchen; „ich will einen Frost kommen lassen, vor dem sich das Feuer schämen und verkriechen soll." Da setzte er sein Hütchen gerade, und alsobald fiel ein Frost, daß alle Hitze verlosch und die Speisen auf den Schüsseln zusammenfroren. Als nun ein paar Stunden herun: waren und der König glaubte, sie wären von der Hitze verschmachtet, liest er die Türe öffnen und wollte selbst nach ihnen sehen. Aber wie die Türe aufging; stunden sie alle sechse da, frisch und gesund, und sagten, es wäre ihnen lieb, daß sie herauskämen, sich zu wärmen; denn bei der großen Kälte in der Stube frören die Speisen an den Schüsseln fest. Da ging der König voll Zorn hinab zu dem Koch, schalt ihn und fragte, warum er nicht besser getan hätte, was ihm befohlen worden. Der Koch antwortete: „Es ist Glut genug da; seht nur selbst!" Da sah der König, daß ein gewaltiges Feuer unter der Eisenskube brannte, und merkte, daß er den sechsen auf diese Weise nichts anhaben könnte. Nun sann der König aufs neue, wie er der bösen Gäste loswürde, ließ den Meister kommen und sprach: „Willst du Gold nehmen und dein Recht auf meine Tochter aufgeben, so sollst du haben, so viel du willst." Da antwortete er: „Ja, Herr König, gebt mir so viel, als mein Diener kragen kann, so verlange ich eure Tochter nicht!" Das war der König zufrieden, und jener sprach noch: „So will ich in vierzehn Tagen kommen und es holen." Darauf ließ er alle Schneider aus dem Reiche zusammenkommen; die mußten vierzehn Tage lang sitzen und einen Sack nähen. Und als er fertig war, mußte der eine, welcher Bäume ausrupfen konnte, den Sack auf die Schulter nehmen und mit ihm zu dem 101 König gehen. Da sprach der König: „Was ist das für ein gewaltiger Kerl, der den Linnenhaufen auf der Schulter trägt?" erschrak und dachte: Was wird der für Gold wegschleppen! Da hieß er eine Tonne Gold herbringen, die mussten sechzehn der stärksten Männer tragen,- aber jener packte sie mit einer Hand, stopfte sie in den Sack und sprach: „Warum bringt ihr nicht gleich mehr? Das deckt ja kaum den Boden." Da liest der König nach und nach seinen ganzen Reichtum Herbeitragen,- den steckte der Starke in den Sack hinein, und er ward davon noch nicht zur Hälfte voll. „Schafft mir mehr herbei!" rief er, „die Brocken füllen nicht." Da mussten noch siebentausend Wagen mit Gold in dem ganzen Reich zusammengefahren werden,- die stopfte der Starke mit den vorgespannten Ochsen in seinen Sack. „Ich will's nicht lang besehen," sprach er, „und nehmen, was kommt, damit der Sack nur voll wird." Wie alles darin stak, ging noch viel hinein; da sprach er: „Ich will dem Ding nur ein Ende machen und denken, man bindet einen Sack zu, wenn er auch nicht voll ist." Dann huckte er ihn auf den Rücken und ging mit seinen Gesellen fort. Als der König nun sah, wie der einzige Mann des ganzen Landes Reichtum forttrug, ward er zornig und liest alle seine Reiterei aufsitzen; die sollten den sechsen nachjagen und hatten Befehl, dem einen den Sack wieder abzunehmen. Zwei Regimenter holten sie bald ein und riefen ihnen zu: „Ihr seid Gefangene; legt den Sack mit dem Golde nieder, oder ihr werdet zusammen- gehauen!" — „Was," sprach der Bläser, „wir sind Gefangene? Eher sollt ihr sämtlich in der Luft herumtanzen," hielt das eine Nasenloch zu und blies mit dem andern die beiden Regimenter an; da fuhren sie auseinander und in die Luft über die Berge fort, der eine hierhin, der andere dorthin. Ein Feldwebel rief um Gnade: er hätte neun Wunden und wäre ein braver Kerl, der den Schimpf nicht verdiene. Da liest der Bläser ein wenig nach, so dast er ohne Schaden wieder herabkam; da sprach er zu ihm: „Run gehe heim zum König und sag ihm, er soll nur noch mehr Reiterei schicken; ich wollte sie alle in die Luft blasen!" Der König, als er den Bescheid vernahm, sprach: „Lasst sie gehen, sie haben etwas an sich!" Da brachten die sechs den Reichtum heim, teilten ihn unter sich und lebten vergnügt bis an ihr Ende. 102 44. Das Hirtenbüblein. Brüder Grimm. Es war einmal ein Hirtenbübchen; das war wegen seiner weisen Antworten, die es auf alle Fragen gab, weit und breit berühmt. Der König hörte auch davon, glaubte es nicht und ließ das Büblein kommen. Da sprach er zu ihm: „Kannst du mir auf drei Fragen, die ich dir vorlegen will, Antwort geben, so will ich dich ansehen wie mein eigen Kind, und du sollst bei mir in meinem königlichen Schlosse wohnen." Sprach das Büblein: „Wie lauten die drei Fragen?" Der König sagte: „Die erste lautet: Wie viel Tropfen Wasser sind in dem Weltmeere?" Das Hirten- büblein antwortete: „Herr König, laßt alle Flüsse auf der Erde verstopfen, damit kein Tröpflein mehr daraus ins Meer läuft, das ich nicht erst gezählt habe, so will ich Euch sagen, wie viel Tropfen im Meere sind!" Sprach der König: „Die andere Frage lautet: Wie viel Sterne stehen am Himmel?" Das Hirtenbüblein sagte: „Gebt nur einen großen Bogen Papier!" und dann machte es mit der Feder so viel feine Punkte darauf, das; sie kaum zu sehen und fast gar nicht zu zählen waren und einem die Augen vergingen, wenn man darauf blickte. Darauf sprach es: „So viel Sterne stehen am Himmel als hier Punkte auf dem Papier; zählt sie nur!" aber niemand war dazu imstande. Sprach der König: „Die dritte Frage lautet: Wie viel Sekunden hat die Ewigkeit?" Da sagte das Hirtenbüblein: „In Hinterpommern liegt der Demantberg; der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und weht sein Schnäblein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde der Ewigkeit vorbei." Sprach der König: „Du hast die drei Fragen aufgelöst wie ein Weiser und sollst fortan bei mir in meinem königlichen Schlosse wohnen, und ich will dich ansehen wie mein eigenes Kind." 45. Drei Wünsche. I. P. Hebel. Ein junges Ehepaar lebte recht vergnügt und glücklich beisammen und hatte den einzigen Fehler, der in jeder menschlichen Brust daheim ist: wenn man's gilt hat, hätte man's gerne besser. Aus diesem Fehler entstehen so viele törichte Wünsche, woran es 103 unserm Hans und seiner Life auch nicht fehlte. Bald wünschten sie des Schulzen Acker, bald des Löwenwirtes Geld, bald des Meiers Haus und Hof und Vieh, bald einmal hunderttausend Millionen bayrische Taler kurzweg. Eines Abends aber, als sie friedlich am Ofen sahen und Nüsse aufklopften und schon ein tiefes Loch in den Stein hineingeklopft hatten, kam durch die Kammertür ein weißes Weiblein herein, nicht mehr als eine Elle lang, aber wunderschön von Gestalt und Angesicht, und die ganze Stube war voll Rosenduft. Das Licht löschte aus; aber ein Schimmer wie Morgenrot, wenn die Sonne nicht mehr fern ist, strahlte von dem Weiblein aus und überzog alle Wände. Aber so etwas kann man nun doch ein wenig erschrecken, so schön es aussehen mag; aber unser gutes Ehepaar erholte sich doch bald wieder, als das Fräulein mit wundersüßer, silberreiner Stimme sprach: „Ich bin eure Freundin, die Bergfei Anna Fritze, die im kristallenen Schloß mitten in den Bergen wohnt, mit unsichtbarer Hand Gold in den Rheinsand streut und über 700 dienstbare Geister gebietet. Drei Wünsche dürft ihr tun; drei Wünsche sollen rfüllt werden." Hans drückte den Ellenbogen an den Arm seiner Frau, als ob er sagen wollte: das lautet nicht übel. Die Frau aber war schon im Begriff, den Mund zu öffnen und etwas von ein paar Dutzend goldgestickten Hauben, seidenen Halstüchern und dergleichen zur Sprache zu bringen, als die Bergfei sie mit aufgehobenem Zeigefinger warnte. „Acht Tage lang," sagte sie, „habt ihr Zeit. Bedenkt euch wohl und übereilt euch nicht!" — Das ist kein Fehler, dachte der Mann und legte seiner Frau die Hand auf den Mund; das Bergfräulein aber verschwand. Die Lampe brannte wie vorher, und statt des Rosenduftes zog wieder wie eine Wolke am Himmel der Oldampf durch die Stube. So glücklich nun unsere guten Leute in der Hoffnung schon zum voraus waren und keinen Stern mehr am Himmel sahen, sondern lauter Baßgeigen, so waren sie jetzt doch recht übel dran, weil sie vor lauter Wunsch nicht wußten, was sie wünschen wollten, und nicht einmal das Herz hatten, recht daran zu denken oder davon zu sprechen, aus Furcht, es möchte für gewünscht gelten, ehe sie es genug überlegt hätten. „Nun," sagte die Frau, „wir haben ja noch Zeit bis an: Freitag." Des andern Abends, während die Kartoffeln zum Nachtessen in der Pfanne prasselten, standen beide, Mann und Frau, ver- 104 gnügt an dein Jener beisammen, sahen zu, mie die kleinen Feuer- fünklein an der ruhigen Pfanne hin und her züngelten, bald angingen, bald auslöschten, und waren, ohne ein Wort zu reden, vertieft in ihr künftiges Glück. Als die Frau aber die gerösteten Kartoffeln aus der Pfanne auf das Plättlein anrichtete und ihr der Geruch lieblich in die Nase stieg — „Wenn wir jetzt nur ein gebratenes Würstlein dazu hätten!" sagte sie in aller Unschuld und ohne an etwas zu denken, und — o weh, da war der erste 'Wunsch getan. Schnell, wie ein Blitz kommt und vergeht, kam es wieder wie Morgenrot und Nosenduft untereinander durch das Kamin herab, und auf den Kartoffeln lag die schönste Bratwurst. Wie gewünscht, so geschehen. — Wer sollte sich über einen solchen Wunsch und seine Erfüllung nicht ärgern? welcher Mann über eine solche Unvorsichtigkeit seiner Frau nicht unwillig werden? „Wenn dir doch nur die Wurst an der Nase angewachsen wäre!" sprach er in der ersten Überraschung, auch in aller Unschuld und ohne an etwas anderes zu denken — und wie gewünscht, so geschehen. Kaum war das letzte Wort gesprochen, so sah die Wurst an der Nase des guten Weibes so fest wie angewachsen und hing zu beiden Seiten herab wie ein Husarenschuauzbart. Nun war die Not der armen Eheleute erst recht groh. Zwei 'Wünsche waren getan und vorüber, und noch waren sie um keinen Heller und um kein Weizenkorn, sondern nur um eine böse Bratwurst reicher. Noch war ein Wunsch zwar übrig; aber was half nun aller Reichtum und alles Glück zu einem solchen Nasenzierat der Hausfrau? Wollten sie wohl oder übel, so muhten sie die Bergfei bitten, mit unsichtbarer Hand Barbiersdienste zu leisten und Frau Life wieder von der verwünschten Wurst zu befreien. Wie gebeten, so geschehen, und so war der dritte Wunsch auch vorüber, und die armen Eheleute sahen einander an, waren der nämliche Hans und die nämliche Liese nachher wie vorher, und die schöne Bergfei kam niemals wieder. Merke: Wenn dir einmal die Bergfei also kommen sollte, so sei nicht geizig, sondern wünsche Numero Eins: Verstand, dah du wissen mögest, was du Numero Zwei wünschen solltest, um glücklich zu werden! Und weil es leicht möglich wäre, dah du alsdann etwas wähltest, was ein törichter Mensch nicht hoch anschlägt, so bitte noch 10Ü Numero Drei: um beständige Zufriedenheit und keine Reue! Oder so: Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen. 4«. Der Wurrschring. Richard Volkmann. Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vorwärtsgehen wollte, saß auf seinem Pfluge und ruhte einen Augenblick aus, um sich den Schweiß vom Angesichts zu wischen. Da kam eine alte Here vorbeigeschlichen und rief ihm zu: „Was plagst du dich und bringst's doch zu nichts? Geh zwei Tage lang gerade ans, bis du an eine große Tanne kommst, die frei im Walde steht und alle andern Bäume überragt! Wenn du sie umschlägst, ist dein Glück gemacht." Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne. Er ging sofort daran, sie zu fällen, und in dem Augenblick, wo sie umstürzte und mit Gewalt auf den Boden schlug, fiel aus ihrem höchsten Wipfel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier rollten auf den Boden und zerbrachen, und wie sie zerbrachen, kam aus dem einen Ei ein junger Adler heraus, und aus dem andern fiel ein kleiner, goldener Ring. Der Adler wuchs zusehends, bis er wohl halbe Mannshöhe hatte, schüttelte seine Flügel, als wollte er sie probieren, erhob sich etwas über die Erde und rief dann: „Du hast mich erlöst. Nimm zum Dank den Ning, der in dein andern Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er alsbald in Erfüllung gehen; aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ring; ist der getan, so hat der Ring alle weitere Kraft verloren lind ist nur wie ein gewöhnlicher Ring. Darum überlege dir wohl, was du dir wünschest, auf daß es dich nicht nachher gereue!" Darauf erhob sich der Adler hoch in die Luft, schwebte lange noch in großen Kreisen über den, Haupte des Bauers und schoß dann wie ein Pfeil nach Morgen. Der Bauer nahm den Ning, steckte ihn an den Finger und begab sich auf den Heimweg. Als es Abend war, langte er in 106 einer Stadt an; da stand der Goldschmied im Laden und hatte viele köstliche Ringe feil. Da zeigte ihm der Bauer seinen Ring und fragte ihn, was er wohl wert wäre. „Einen Pappenstiel!" versetzte der Goldschmied. Da lachte der Bauer laut auf und erzählte ihm, daß es ein Wunschring sei und mehr wert als alle Ringe zusammen, die jener feil hielte. Doch der Goldschmied war ein falscher, ränkevoller Mann. Er lud den Bauern ein, über die Nacht bei ihm zu bleiben, und sagte: „Einen Mann wie dich mit solchem Kleinod zu beherbergen, bringt Glück; bleibe bei mir!" bewirtete ihn aufs schönste mit Wein und glatten Worten, und als er nachts schlief, zog er ihm unbemerkt den Ring vorn Finger und steckte ihm statt dessen einen ganz gleichen gewöhnlichen Ring an. Am nächsten Morgen konnte es der Goldschmied kaum erwarten, daß der Bauer aufbräche. Er weckte ihn schon in der frühesten Morgenstunde und sprach: „Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Es ist besser, wenn du dich früh aufmachst." Sobald der Bauer fort war, ging er eiligst in seine Stube, schloß die Läden, damit niemand etwas sähe, riegelte dann auch noch die Tür hinter sich zu, stellte sich mitten in die Stube, drehte den Ring um und rief: „Ich will gleich hunderttausend Taler haben!" Kaum hatte er dies ausgesprochen, so fing es an Taler zu regnen, harte, blanke Taler, als wenn es mit Mulden gösse, und die Taler schlugen ihm auf Kopf, Schultern und Arme. Er fing an kläglich zu schreien und wollte zur Türe springen; doch ehe er sie erreichen und aufriegeln konnte, stürzte er, am ganzen Leibe blutend, zu Boden. Aber das Talerregnen nahn: kein Ende, und doch brach von der Last die Diele zusammen, und der Goldschmied mitsamt dem Gelde stürzte in den tiefen Keller. Darauf regnete es immer weiter, bis die Hunderttausend voll waren, und zuletzt lag der Goldschmied tot im Keller und auf ihm das viele Geld. Von dem Lärm kamen die Nachbarn herbeigeeilt, und als sie den Goldschmied tot unter dem Gelde liegen fanden, sprachen sie: „Es ist doch ein großes Unglück, wenn der Segen so knüppeldick kommt." Darauf kamen auch die Erben und teilten. Unterdes ging der Bauer vergnügt nach Hause und zeigte seiner Frau den Ring. „Nun kann es uns gar nicht mehr fehlen, 107 liebe Frau," sagte er; „unser Glück ist gemacht. Wir wollen uns recht überlegen, was wir uns wünschen wollerk." Doch die Frau wußte gleich guten Rat. „Was meinst dn," sagte sie, „wenn wir uns noch etwas Acker wünschten? Wir haben gar so wenig. Da reicht so ein Zwickel gerade zwischen unsere Acker hinein; den wollen wir uns wünschen." „Das wäre der Mühe wert!" erwiderte der Mann. „Wenn wir ein Jahr lang tüchtig arbeiten und etwas Glück haben, können wir ihn uns vielleicht taufen." Darauf arbeiteten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller Anstrengung, und bei der Ernte hatte es noch nie so geschüttet wie dieses Mal, so daß sie sich den Zwickel taufen tonnten und noch ein Stück Geld übrig blieb. „Siehst du!" sagte der Mann, „wir haben den Zwickel, und der Wunsch ist noch immer frei." Da meinte die Frau, es wäre wohl gut, wenn sie sich noch eine Kuh wünschten und ein Pferd dazu. „Frau," entgegeneile abermals der Mann, indem er mit dem übrig gebliebenen Gelde in der Hosentasche klapperte, „was wollen wir wegen solch einer Lumperei unsern Wunsch vergeben! Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so." Und richtig, nach abermals einem Jahre waren die Kuh und das Pferd reichlich verdient. Da rieb sich der Mann vergnügt die Hände und sagte: „Wieder ein Jahr den Wunsch gespart und doch alles bekommen, was man sich wünschte. Was wir für ein Glück haben!" Doch die Frau redete ihrem Manne ernsthaft zu, endlich einmal an den Wunsch zu gehen. „Ich kenne dich gar nicht wieder," versetzte sie ärgerlich. „Früher hast du immer geklagt und geseufzt und dir alles Mögliche gewünscht, und jetzt, wo du's haben kannst, wie du's willst, plagst und schindest du dich, bist mit allem zufrieden und läßt die schönsten Jahre vergehen. König, Kaiser, Graf, ein großer, dicker Bauer könntest du sein, alle Truhen voll Geld haben — und kannst dich nicht entschließen, was du wählen willst." „Laß doch dein ewiges Drängen und Treiben!" erwiderte der Bauer. „Wir sind beide noch jung, und das Leben ist lang. Ein Wunsch ist nur in dem Ringe, und der ist bald vertan. Wer weiß, was uns noch einmal zustößt, wo wir den Ring brauchen! Fehlt es uns denn an etwas? Sind wir nicht, seit wir den Ring haben, schon so heraufgekommen, daß sich alle Welt wundert? 108 Also sei verständig! Du kannst dir ja mittlerweile immer überlegen, was wir uns wünschen könnten." Damit hatte die Sache vorläufig ein Ende. Und es war wirklich, als wenn mit dem Ringe der volle Segen ins Haus gekommen wäre; denn Scheuern und Kammern wurden von Jahr zu Jahr voller und voller, und nach einer längern Reihe von Jahren war aus dem kleinen, armen Bauer ein großer, dicker Bauer geworden, der den Tag über mit den Knechten schaffte und arbeitete, als wollte er die ganze Welt verdienen, nach der Vesper aber behäbig und zufrieden vor der Haustüre saß und sich von den Leuten guten Abend wünschen ließ. So verging Jahr um Jahr. Dann und wann, wenn sie ganz allein waren und niemand es hörte, erinnerte zwar die Frau ihren Mann immer noch an den Ring und machte ihm allerhand Vorschläge. Da er aber jedesmal erwiderte, es habe noch vollauf Zeit, und das Beste falle einem stets zuletzt ein, so tat sie es immer seltener, und zuletzt kam es kaum noch vor, daß auch nur von dem Ringe gesprochen wurde. Zwar der Bauer selbst drehte den Ring täglich wohl zwanzigmal am Finger um und besah sich ihn; aber er hütete sich, einen Wunsch dabei auszusprechen. Und dreißig und vierzig Jahre vergingen, und der Bauer und seine Frau waren alt und schneeweiß geworden; der Wunsch aber war immer noch nicht getan. Da erwies ihnen Gott eine Gnade und ließ sie beide in einer Nacht selig sterben. Kinder und Kindeskinder standen um ihre beiden Särge und weinten, und als eins von ihnen den Ring abziehen und aufheben wollte, sagte der älteste Sohn: „Laßt den Vater seinen Ring mit ins Grab nehmen! Er hat sein Lebtag seine Heimlichkeit mit ihm gehabt. Es ist wohl ein liebes Andenken. Und die Mutter besah sich den Ring auch so oft; am Ende hatte sie ihn dem Vater in ihren jungen Tagen geschenkt." So wurde denn der alte Bauer mit dem Ringe begraben, der ein Wunschring sein sollte und keiner war und doch so viel Glück ins Haus gebracht hatte, als ein Mensch sich nur wünschen kann; denn es ist eine eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist, und schlecht Ding in guter Hand ist immer noch so viel mehr wert wie gut Ding in schlechter 109 47. Mnf aus einer Hülse. Andersen. In einer Hülse waren fünf Erbsen. Da sie und die Hülse grün waren, so glaubten sie, die ganze Welt sei grün. Die Hülse wuchs, aber die Erbsen auch. Da mußten sie sich nach Umständen einrichten, denn sie saßen in einer Reihe. Von außen schien die Sonne und erwärmte die Hülse, und der Regen machte sie durchsichtig. Da drinnen war es warm und gemütlich, am Tage hell und dunkel bei Nacht. Wie die Erbsen größer wurden, wurden sie auch nachdenkender, denn mit etwas mußten sie sich doch beschäftigen. „Ob wir wohl ewig hier sitzen bleiben?" fragte die eine. „Wenn wir nur nicht von: langen Sitzen hart werden! Mir ist es, als gäbe es dort draußen noch etwas. Ich habe so ein Gefühl davon." Und es vergingen Wochen, und Erbsen und Hülse wurden gelb. Da sagten sie: „Die ganze Welt wird gelb!" Plötzlich spürten sie einen Ruck an der Hülse; dieselbe wurde von einer Menschenhand abgerissen und mit mehreren andern Hülsen in eine Tasche gesteckt. „Jetzt wird bald aufgemacht werden!" sagten die Erbsen und warteten mit Sehnsucht darauf. „Ich möchte doch jetzt wissen," sagte die kleinste von ihnen, „wer es von uns am weitesten bringt. Das wird sich jetzt bald zeigen." „Was geschehen mnß," erwiderte die größte, „das geschehe." „Krach!" zerplatzte die Hülse, und alle fünf Erbsen fielen in den hellen Sonnenschein hinaus. Da lagen sie nun in der Hand eines kleinen Knaben, welcher sagte, es seien gar schöne Erbsen für seine Knallbüchse. Sofort tat er eine hinein und schoß sie heraus. „Jetzt fliege ich," rief dieselbe, „in die weite Welt hinaus! Hasche mich, wenn du kannst!" — aber da war sie schon davon. „Ich," sagte die zweite, „ich fliege schnurstracks in die Sonne hinein!" — und fort war sie. „Wir wollen uns schlafen legen, wo wir hinkommen," sagten die zwei nächsten, „aber wir werden schon noch vorwärts rollen!" Sie rollten allerdings und fielen auf die Erde, bevor sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie doch. „Wir werden es am weitesten bringen!" 110 „Es geschehe, was geschehen mutz!" sagte die letzte, indem sie aus der Büchse geschossen wurde; sie flog gegen das alte Brett unter dem Fenster der Dachkammer in eine Ritze, die mit Moos und weicher Erde ausgefüllt war; das Moos schloß sich über sie zusammen; da lag sie, war gefangen, aber nicht vergessen vom lieben Herrgott. „Es geschehe, was geschehen mutz!" sagte sie. In der kleinen Dachkammer wohnte eine arme Frau, die bei Tage ausging, um Ofen zu reinigen, Holz klein zu machen und andere ähnliche Arbeit zu verrichten, denn sie war stark und fleißig; aber trotzdem blieb sie immer arm. Zu Hause in der Kammer lag ihre einzige Tochter, die sehr fein und zart war; seit einem Jahr war sie krank, und es schien, als könne sie nicht leben und nicht sterben. „Sie geht zu ihrer kleinen Schwester!" sagte die Frau. „Ich hatte nur die zwei Kinder, und es war nicht leicht, für beide zu sorgen; aber der liebe Gott teilte mit mir und nahm das eine zu sich; jetzt möchte ich doch das andere gar zu gern behalten, aber er will sie wahrscheinlich nicht getrennt wissen, und mein krankes Mädchen wird zu der Schwester dort oben gehen!" Allein das kranke Mädchen blieb, wo es war; es lag ruhig und still den Tag über, während die Mutier dem Verdienste nachging. Da kam der Frühling, und in einer Morgenstunde, als eben die Mutter auf Arbeit gehen wollte, schien die Sonne so mild und freundlich durch das kleine Fenster und warf ihre Strahlen über den Fußboden hin, und das kranke Mädchen schaute auf die unterste Glasscheibe. „Was mag doch das Grüne sein, das dort an der Scheibe hervorguckt? Es schaukelt sich im Winde!" Die Mutter ging aus Fenster und öffnete es halb. „Ach!" sagte sie, „das ist wahrlich eine kleine Erbse, die hier gekeimt hat und grüne Blätter treibt. Wie mag doch die hierhergekommen sein? Da hast du nun einen kleinen Garten, an dem du dich erfreuen kannst!" Das Bett der Kranken wurde näher ans Fenster gerückt, damit sie die sprossende Erbse sehen könne; die Mutter aber ging auf Arbeit. 111 „Mutter, ich glaube, ich werde wieder gesund!" sagte am Abend das kranke Mädchen. „Die Sonne hat heute so warm zu mir herein geschienen. Die kleine Erbse wächst vortrefflich, und ich werde gewiß bald aufstehen und in den Sonnenschein hinaus können!" „Ja, wollte Gott!" sagte die Mutter; aber sie glaubte es nicht; doch stützte sie das keimende Grün, welches ihrem Kinde die frohen Gedanken eingegeben hatte, mit einem Stäbchen, damit es nicht vorn Würde geknickt werde; sie band ein Stückchen Bindfaden an den obern Teil des Rahmens, damit die Erbsenranke etwas habe, an dem sie emporranken könne, wenn sie zunehme; das tat sie auch; man konnte sehen, wie sie mit jedem Tage größer wurde. „Wahrlich, die setzt ja eine Blume an!" sagte die Frau eines Morgens, und nun kam auch ihr die Hoffnung, daß ihre kranke Tochter gesund werde; sie entsann sich, daß das Kind während der letzten Zeit viel lebhafter gesprochen, daß es seit mehreren Tagen sich selbst des Morgens im Bette aufgerichtet und strahlenden Auges den kleinen Erbsengarten mit seiner einzigen Erbse betrachtet habe. Eine Woche später blieb die Kranke zum erstenmal eine ganze Stunde auf. Glücklich saß sie im warmen Sonnenschein; das Fenster war offen, und vor demselben stand in voller Blüte eine weißrote Erbsenblume. Das kranke Mädchen bückte sich und küßte leise die zarten Blätter. Es war dieser Tag für sie ein Festtag. „Der liebe Gott selbst hat sie gepflanzt, dir, mein liebes Kind, und auch mir zur Hoffnung und Freude!" sagte die frohe Mutter und lächelte die Blume an, als sei sie ein guter Engel Gottes. Aber wo waren die andern Erbsen? — Ja, die, welche hinaus in die weite Welt flog und „hasche mich, wenn du es kannst!" gesagt hatte, fiel in eine Dachrinne, geriet dann in einen Taubenmagen und lag dort wie Jonas im Walfischbauche. Die zwei Faulen brachten es ebenso weit; auch sie wurden von Tauben verschluckt; aber die vierte, die hinauf in die Sonne wollte, — die fiel in den Rinnstein und blieb dort in dem schmutzigen Wasser lange liegen und schwoll recht auf. „Wie werde ich doch dick!" sagte sie. „Ich zerplatze dabei, und weiter, glaube ich, hat es keine Erbse gebracht. Ich bin die merkwürdigste von den fünfen aus der Hülse!" Und der Rinnstein stimmte ihr bei. Aber das junge Mädchen stand am Dachfenster mit strahlenden Augen, den rosigen Schimmer der Gesundheit auf den Wangen, und faltete seine Hände über der Erbsenblume und dankte Gott, der sie ihr geschenkt! 48. Der Biene Maja Gefangenschaft bei der Spinne. Waldemar Bonscls. Es war Nachmittag, und die Sonne stand hinter den Obstbäumen eines großen Gemüsegartens, den Maja durchflog. Die Bäume waren längst verblüht, aber die kleine Biene entsann sich noch gut, sie alle in ihrem leuchtenden Glanz von unzähligen Blüten gesehen zu haben, die sich Heller als das Licht und betörend rein und lieblich gegen den blauen Himmel emporgehoben hatten. Der süße Duft und der lichte Schimmer hatten sie zu einer Seligkeit berauscht, die sie in ihrem Leben niemals vergessen wollte. Sie dachte nun im Dahinfliegen darüber nach, daß das alles wiederkommen sollte, und ihr Herz wurde weit vor Glück über die Herrlichkeit der großen Erde, auf der sie leben durfte. Am Ende des Gartens schimmerten die weißen Sternenbüschel des Jasmin, mit ihren zarten gelben Angesichtern, mitten im Strahlenglanz von reinem Weiß. Der sanfte Wind trug ihr den süßen Duft entgegen. Und gab es nicht auch noch Linden, die in dieser Jahreszeit in voller Blüte standen? Und Maja dachte beglückt an die großen, ernsten Linden, in deren Wipfel bis zuletzt das rötliche Glühen der Abendsonne stand. Sie flog zwischen Vrombeerranken hindurch, die schon grüne Beeren angesetzt hatten, aber auch noch Blüten trugen. Als sie wieder empor wollte, um zum Jasmin zu gelangen, legte sich plötzlich etwas Fremdartiges über ihre Stirn und über ihre Schultern; ebenso rasch bedeckte es die Flügel, so daß sie wie gelähmt wurden und Maja in dem seltsamen Wunder dieser fremden Erscheinung das Bewußtsein hatte, plötzlich in ihrem Flug gehemmt zu sein, und das Gefühl, zu fallen, kraftlos niederzufallen, als hielte eine heimliche, böse Gewalt ihre Fühler, ihre Beine und ihre Flügel in unsichtbarer Gefangenschaft. Aber sie fiel nicht. Obgleich sie ihre Flügel nicht mehr bewegen konnte, schwebte sie doch; wunderbar weich und zart und nachgiebig hielt es sie, hob sie ein wenig, senkte sie wieder und trieb sie hin und her, als spielte ein sanfter Wind mit einem gelösten Blatt. 113 Die kleine Maja überkam ein Gefühl von Beängstigung, aber recht fürchten konnte sie sich noch nicht, da sie weder Schmerzen empfand, noch eigentlich ein Unbehagen verspürte. Nur seltsam war es, ganz seltsam, und dahinter lauerte etwas Böses. Sie wollte doch sehen, daß sie weiter kam. Wenn sie sich recht anstrengte, so würde es ihr sicher gelingen. Da sah sie quer über ihrer Brust einen unendlich feinen, dehnbaren Silberfaden, und als sie rasch und in heißem Schreck danach griff, blieb er an ihrer Hand hängen, klebte fest und liest sich nicht mehr lösen. Und dort lief ein zweiter Silberfaden über ihre Schulter, zog sich über die Flügel hin und verband sie miteinander, so daß sie sich nicht mehr heben tonnte. Und dort und dort, überall in der Lilft und über ihren Körper hin liefen diese hellen, glitzernden, klebrigen Fäden. Die kleine Maja schrie laut auf vor Entsetzen; denn nun hatte sie erkannt, was ihr geschehen war und wo sie sich befand. Sie war im Netz der Spinne. Ihr Weinen und Rufen scholl laut und angstvoll in die stille, sommerliche Runde, in der der Sonnenschein auf goldgrünen Blättern blinkte, in der Insekten hin und her flogen und Bügel sich durch die Luft warfen. Ganz nah duftete der Jasmin im Blau. Dorthin hatte sie gewollt, nun war es mit ihr zu Ende. Ein kleiner, bläulicher Schmetterling, der braune Pünktchen, die wie Kupfer schimmerten, auf seinen Flügeln hatte, kam ganz dicht an Maja vorüber. „Ach, Arme!" rief er, als er das Jammern der kleinen Maja hörte und sie verzweifelt im Netz der Spinne zappeln sah. „Möchte Ihnen der Tod leicht werden, Sie Liebe. Ich kann Ihnen nicht helfen. Auch mich trifft es einmal, vielleicht schon diese Nacht. Aber noch ist es schön für mich. Leben Sie wohl, vergessen Sie die Sonne nicht in Ihrem tiefen Todesschlaf." Und er schaukelte weiter, ganz betäubt vom Blühen und von der Sonne und von seiner Lebensseligkeit. Der kleinen Maja stürzten die Tränen aus den Augen, und sie verlor allen Halt und jede Gefaßtheit. Hin und her stieß sie sich mit ihren gefesselten Flügeln und Beinchen, schrie und summte, so laut sie konnte, und rief um Hilfe und Wichte nicht wen. Und dabei verwickelte sie sich immer fester in das Netz. Ach, nun gingen ihr in ihrer großen Angst die Warnungen der andern durch den 8 111 Zinn: „Hüte dich vor dem Netze der Spinne, in ihrer Gewalt erleiden wir den grausamsten Tod. Sie ist herzlos und tückisch und läßt niemanden wieder frei." Ihre Todesangst wurde zur Verzweiflung; mit ihren letzten Kräften machte sie eine gewaltige Anstrengung, aber obgleich sie die Empfindung hatte, als risse irgendwo eines der langen, stärkeren Tragseile, in denen das Netz hing, so spürte sie doch das furchtbare Verhängnis des Spinnennetzes, das darin bestand, das; es um so gefährlicher wirkte, je mehr man sich darin bewegte. Als sie in völliger Erschöpfung einen Augenblick innehielt, sah sie unter einem großen Brombeerblatt, ganz in ihrer Nähe, die Spinne sitzen. Ihr Entsetzen war unbeschreiblich, als sie das große Ungeheuer ganz ernst und still, wie zu einem Sprung geduckt, unter dem Blatt hocken sah. Die Spinne sah mit bösen, funkelnden Augen auf die kleine Maja, in einer boshaften Geduld und grauenhaft kaltblütig. Maja stieß einen lauten Schrei aus. Ihr war, als habe sie noch niemals so voller Angst aufgeschrien. Schlimmer konnte auch der Tod selbst nicht aussehen, als dieses graue, behaarte Ungetüm mit seinem bösen Gebiß und den hochstehenden Beinen, in denen der plumpe Körper wie in einem Gestell hockte. Und nun gleich würde sie zustürmen, und mit ihrem Leben war es zu Ende. Da befiel Maja ein furchtbarer Zorn, wie sie ihn niemals gefühlt hatte. Sie stieß ihren hellen, bösen Kampfruf aus, den alle Tiere kennen und fürchten, und vergaß ihre Angst und ihr Herzeleid und war nur noch darauf aus, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. „Sie werden Ihre Hinterlist mit dem Tode büßen," schrie sie der Spinne entgegen. „Kommen Sie nur her, um mich zu töten, Sie werden erfahren, was eine Biene vermag." Die Spinne rührte sich nicht. Es war wirklich außerordentlich unheimlich und hätte sicher auch größere Tiere geängstigt, als die kleine Maja eines war. Mit der Kraft ihres Zorns machte sie eine letzte verzweifelte Anstrengung. Knack! Da riß über ihr ein langer Faden, der das Netz an einer Seite hielt. Es war sicher für kleine Mücken oder Fliegen berechnet und nicht für so große Insekten, wie es Bienen sind. Aber Maja verwickelte sich nur noch ärger. 115 Da glitt die Spinne mit einem Ruck näher, ganz dicht bis an die kleine Maja heran, auf einem einzigen Faden, an dem sie mit den beweglichen Beinen heranturnte, so daß ihr Körper nach unten hing. „Was berechtigt Sie dazu, mir mein Netz zu zerstören?" sagte sie mit krächzender Stimme zu Maja. „Was wollen Sie hier? Ist die Welt nicht groß genug? Was stören Sie eine friedliche Einsiedlerin?" Das hatte die kleine Maja nicht erwartet. Nein, das wirklich nicht. „Es war ein Versehen," rief sie, und zitterte vor Glück und Hoffnung. So häßlich die Spinne auch war, so schien sie doch keine bösen Absichten zu haben. „Ich habe leider Ihr Netz nicht beachtet und habe mich verwickelt. Ach, entschuldigen Sie." Die Spinne kam etwas näher. „Sie sind ja eine ganz dralle, kleine Person," sagte sie, und ließ sich abwechselnd erst mit dem einen, dann mit dem andern Bein etwas los. Der Faden schwankte. Es war wirklich erstaunlich, daß ein so dünner Faden die große Spinne trug. „Ach, helfen Sie mir los," bat Maja, „ich will mich erkenntlich zeigen, so gut ich kann." „Deshalb bin ich gekommen," sagte die Spinne und lächelte merkwürdig. Trotz dieses Lächelns sah sie heimtückisch und böse aus. „Sie zerstören mir ja mit Ihrem Gezappel das ganze Netz. Wenn Sie einen Augenblick stillhalten, will ich Sie befreien." „Vielen, vielen Dank!" rief Maja. Die Spinne war nun ganz dicht neben ihr. Sie überzeugte sich genau, wie fest Maja sich schon verwickelt hatte. „Wie ist es mit dem Stachel?" fragte sie. Nein, wie böse und garstig sah sie aus! Maja schüttelte es ordentlich vor Entsetzen, wenn sie daran dachte, daß die Spinne sie nun berühren wollte. Aber sie sagte so freundlich, als sie vermochte: „Machen Sie sich wegen meines Stachels keine Sorge. Ich werde ihn einziehen, und dann verletzt sich niemand daran." „Das bitte ich mir aus!" sagte die Spinne. „Also! Aufgepaßt! Still gehalten! Es ist wirklich schade um mein Netz." Die kleine Maja hielt still. Sie fühlte sich plötzlich herumgewir- belt, immer auf demselben Fleck, so daß ihr ganz schwindlig zu- 116 mute wurde. Sie mutzte die Augen schließen, und ihr wurde übel. — Aber was war das?! Entsetzt ritz sie die Augen auf. Sie war über und über eingewickelt von einem ganz frischen, klebrigen Faden, den die Spinne bei sich gehabt haben mutzte. „O du lieber Gott," sagte die kleine Maja leise und mit bebender Stimme. Mehr sagte sie nicht. Nun war es zu Ende. Nun erkannte sie die Hinterlist der Spinne. Nun erst war sie gefangen, nun gab es kein Entrinnen mehr. Sie konnte keinen Flügel, kein Glied ihres Körpers mehr bewegen. Ihr Zorn und ihre Wut waren verflogen, nur eine große Traurigkeit kam über ihr Herz. „Ich habe nicht gewußt, daß es soviel Schlechtigkeit und Bosheit in der Welt gibt", dachte sie. „Nun kommt meine tiefe Todesnacht, leb' wohl, helle Sonne, lebt wohl, meine lieben Gefährten, warum hab' ich euch verlassen? Lebt alle wohl, ich muß sterben." Die Spinne saß vorsichtig ein wenig beiseite. Sie fürchtete sich immer noch vor dem Stachel der kleinen Maja. „Nun?" fragte sie spöttisch, „wie befinden Sie sich, meine Kleine?" Maja war zu stolz, dieser Falschen noch zu antworten. Nur nach einer Weile, als sie glaubte, ihre Traurigkeit nicht mehr ertragen zu können, sagte sie: „Töten Sie mich bitte gleich." „I wo," sagte die Spinne und verknotete ein paar zerrissene Fäden, „meinen Sie, ich wäre so dumm wie Sie? Sterben tun Sie sowieso, wenn man Sie nur lange genug hängen läßt, und ich kann Ihnen Ihr Blut auch noch aussaugen, wenn Sie nicht mehr stechen können. Es ist nur schade, daß Sie nicht mehr sehen können, wie Sie mein schönes Netz zugerichtet haben, dann würden Sie Ihren Tod wenigstens als gerecht empfinden." Sie ließ sich blitzschnell bis an die Erde nieder, legte das Ende des neugesponnenen Fadens um einen kleinen Stein und zog es fest an. Dann kam sie wieder heraus, ergriff das feste Seil, an dem die eingewickelte Maja hing, und schleppte es langsam mit ihrer Gefangenen fort. „Sie kommen in den Schatten, meine Liebe," sagte sie, „damit die Sonne Sie nicht austrocknet. Da oben wirken Sie mir auch zu abschreckend auf andere Leutchen, die nicht aufpassen können. 117 Und die Grasmücken kommen auch zuweilen auf den Gedanken, mein Netz zu plündern. Und damit Sie wissen, mit wem Sie zu tun haben: Ich heiße Thekla, von der Familie der Kreuzspinnen. Ihren Namen brauchen Sie mir nicht zu nennen, er ist gleichgültig, ein fetter Bissen sind Sie jedenfalls." Da hing nun die kleine Maja tief im Schattenduntel des Brombeerbusches dicht über der Erde, der Grausamkeit der Spinne hilflos überliefert, die vorhatte, sie langsam verhungern zu lassen. Da sie mit dem Köpfchen nach unten hing, fühlte sie bald, daß sie diese schreckliche Lage nicht lange aushalten würde. Sie wimmerte leise vor sich hin, und ihre Hilferufe wurden immer schwächer. Wer auch sollte ihr helfen? Die Ihren daheim wußten nichts von dem Leid, das ihr widerfahren war, und tonnten nicht zu ihrer Befreiung herbeieilen. Da hörte sie plötzlich unter sich im Gras jemanden mißmutig brummen, und sie verstand die Worte: „Ich komme, das genügt für alle, um Platz zu machen!" Ihr geängstigtes Herz begann stürmisch zu klopfen; denn sie erkannte an der Stimme sogleich den Mistkäfer Kurt, den sie damals bei der Grille Jffi belauscht hatte, und dem sie geholfen hatte, sich aus seiner bösen Lage wieder aufzurichten. „Kurt," rief sie, so laut sie konnte, „lieber Kurt!" „Machen Sie Platz!" rief der blaue Kurt, der es in der Tat war. „Ich bin Ihnen ja nicht in: Weg, Kurt," rief Maja, „ach, ich hänge hier über Ihnen, die Spinne hat mich gefangen." „Aber wer sind Sie denn?" fragte Kurt. „Ich bin sehr bekannt, überall, das werden Sie jetzt voraussichtlich zugeben?" „Ich bin die Biene Maja. O bitte, bitte, helfen Sie mir!" „Maja? Maja? — Ach, ich erinnere mich. Sie lernten mich vor einigen Wochen kennen. Sapperlott, Sie sind allerdings in einer fatalen Lage, das muß ich zugeben, da ist freilich meine Hilfe nötig. Da ich augenblicklich Zeit habe, werde ich sie Ihnen nicht verweigern." „O lieber Kurt! Können Sie diese Fäden zerreißen!" „Diese Fäden? Wollen Sie mich beleidigen?" Kurt schlug mit der Hand auf die Muskeln seines Arms. „Sehen Sie her, Kleine, das ist so gut wie reinster Stahl! So was an Kraft finden Sie so leicht nicht wieder. Ich nehme andere Dinge auf mich, als ein paar Spinnweben zu zerschmettern. Sie werden Ihr Wunder erleben." Er kroch an dem Blatt empor, ergriff den Faden, an dem die kleine Maja hing, hielt sich daran fest und ließ dann das Blatt los; der Faden riß, und beide fielen zu Boden. „Das wäre der Anfang," sagte Kurt. „Aber Sie zittern ja, kleine Maja, ach, Arme, wie blaß Sie sind. Wer wird sich denn so vor dem Tode fürchten? Dem Tod muh man ruhig ins Auge sehen, wie ich es zu tun pflege. So, nun werde ich Sie auspacken." Es war der kleinen Biene unmöglich, ein Wort zu sprechen. Helle Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Sie sollte frei werden, sie sollte wieder im Sonnenschein fliegen, wohin sie wollte, sie sollte leben. Da sah sie über sich die Spinne die Brombeerranke herunterkommen. „Kurt," schrie sie, „die Spinne kommt!" Kurt lieh sich nicht stören, er lachte nur vor sich hin. Er war allerdings ein außerordentlich starker Käfer. „Die überlegt es sich noch," sagte er ruhig. Aber da erklang schon die böse, krächzende Stimme über ihnen: „Räuber! Zu Hilfe! Man beraubt mich. Was haben Sie. dicker Lümmel, mit meiner Beute zu schaffen!" „Regen Sie sich nicht auf, Madame," sagte Kurt. „Ich werde mich wohl noch mit meiner Freundin unterhalten dürfen. Wenn Sie noch ein Wort sagen, was mir nicht gefällt, so Zerreiße ich Ihnen Ihr ganzes Netz. Nun? Warum sind Sie denn plötzlich so schweigsam?" „Ich bin eine geschlagene Frau," antwortete die Spinne. „Das tut nichts zur Sache," meinte Kurt. „Jetzt machen Sie, daß Sie weiterkommen!" Die Spinne warf einen haßerfüllten und giftigen Blick auf Kurt, aber dann sah sie zu ihrem Netz empor und überlegte sich die Sache. Langsam kehrte sie um und schalt leise und grimmig vor sich hin. Da nützte allerdings kein Biß und kein Stich; gegen einen solchen Panzer, wie Kurt ihn trug, war nicht anzukommen. Sie klagte auf das heftigste über die Ungerechtigkeit der Umwelt und versteckte sich für alle Fälle vorläufig in einen: welken Blatt, von dem aus sie ihr Netz übersehen konnte. 119 Inzwischen war Kurt unten mit der Befreiung der kleinen Maja zu Ende. Er hatte die Gewebe zerrissen, ihre Flügel und Beinchen befreit, und den Rest konnte sie nun selbst übernehmen. Sie putzte sich froh und glücklich, wenn auch nur langsam, weil sie sehr geschwächt war von ihrer Angst und immer noch zitterte. „Sie müssen es vergessen," sagte Kurt, „dann hört das Zittern auf. Versuchen Sie mal, ob Sie fliegen können." Maja erhob sich mit leisem Summen, es ging vortrefflich, und sie erkannte zu ihrer Freude, das; keins ihrer Glieder beschädigt war. Sie flog langsam bis zu den Jasminbüschen hinauf, trank gierig von dem duftenden Honigsaft, den sie in großer Fülle fand, und kehrte dann zu Kurt zurück, der das Brombeergebüsch verlassen hatte und im Gras saß. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen," sagte Maja, tief ergriffen vom Glück ihrer neuen Freiheit. „Es ist schon sehr dankenswert, was ich getan habe," meinte Kurt, „aber ich bin immer so. Nun fliegen Sie nur weiter. Ich würde Ihnen raten, sich heute abend früh aufs Ohr zu legen. Haben Sie weit bis nach Haus?" „Nein," antwortete Maja, „nur ein paar Minuten, ich wohne am Buchenwald. Leben Sie wohl, Kurt, ich werde Sie nie vergessen. Nie will ich Sie vergessen in meinem ganzen Leben." 49. Braun, der Bär. Osterwald, nach dem Tier-Epos „Reynke de Vos." Also machte sich Braun, stolz von Gemüt, wie er war, bergaufwärts auf die Fahrt und nahm seinen Weg durch eine große und lange Wüstenei. So kam er endlich vor Malepartus; denn Reiueke hatte manches schöne Haus; aber das Kastell zu Malepartus war die beste von seinen Burgen. Dort lag er, wenn er in Sorgen war. Als Braun vor das Schloß gekommen war und das Tor verschlossen fand, aus welchem Reiueke herauszugehen pflegte, stellte er sich vor das Tor und sann darüber nach, was er tun sollte. Er rief laut: „Onkel Reiueke, seid Ihr zu Hause? Ich bin Braun, des Königs Bote. Er hat bei seinem Gatte geschworen, wenn Ihr nicht an den Hof zu dem Gerichtstage kommt und ich Euch nicht mit mir bringe, damit Ihr dort Recht nehmen und 120 geben könnt, so wird es Euch Euer Leben kosten. Kommt Ihr nicht, so habt Ihr keine Gnade zu erwarten; Ihr seid mit Galgen und Rad bedroht; darum geht mit mir! das rate ich Euch zu Eurem eigenen Besten." Reineke hörte diese Worte wohl von Anfang bis Ende. Er lag da drinnen und lauerte und dachte: Wenn mir dies doch glückte, daß ich den: Bären diese so hochmütig ausgesprochenen Worte bezahlen könnte! Nun, ich will nach Möglichkeit darauf bedacht sein. Damit ging er tiefer in seine Feste; denn Malepartus war voller Winkel, hier ein Loch und dort eine Höhle, hatte manche enge und lange Krümmung und auch manchen absonderlichen Ausgang; die machte er zu und verschloß sie, wenn er merkte, daß er deren bedurfte. Wann er irgend einen Raub dort hinein brachte, oder wann er wußte, daß man ihn um seiner falschen Missetat willen suchte, dann fand er dort immer den klügsten Rat. Manches Tier, das in seiner Einfalt dort hineinlief, ergriff er auch darin und würgte es verräterischer Weise ab. Als Reineke also die Worte des Bären wohl vernommen und gehört hatte, so traute er den stolzen Worten nicht recht, sondern fürchtete einen Hinterhalt. Doch da er sich genau davon überzeugt hatte, daß Braun allein gekommen war, so verringerte sich seine Besorgnis. Er ging also heraus zu ihm und sagte: „Ontel Braun, seid mir willkommen! Ich habe jetzt gerade die Vesper gelesen und konnte deshalb nicht früher kommen. Ich hoffe, es wird zu meinem Besten dienen, daß Ihr zu mir gekommen seid. seid mir also alle Zeit willkommen, Onkel Braun! Dem weiß ich freilich keinen Dank, der es veranlaßt hat, daß Ihr diese beschwerliche Reise unternehmen mußtet. Ihr schwitzt ja, daß Euch die Haare triefen. Hatte denn unser König keinen andern Boten zu senden als Euch, den edelsten und angesehensten ani königlichen Hofe? Aber es wird mir ganz besonders gute Dienste tun, daß gerade Ihr zu mir gekommen seid; denn Euer verständiger Rat wird mir bei dem Könige, unserm Herrn, sehr helfen. Wenn Ihr diese Reise auch nicht übernommen hättet, ich wäre morgen doch an den Hof gekommen; nur fürchte ich sehr in meinen Gedanken, ich werde nicht recht gehen können; ich habe mich gar zu satt gegessen; es war mir eine völlig neue Speise, die ich aß, und der ganze Leib tut mir noch weh davon." 121 Da sagte Braun: „Onkel Reineke, was habt Ihr denn gegessen?" Da sagte Reineke: „Lieber Onkel, was hülfe es Euch, wenn ich Euch sagte, was ich gegessen habe? Es war geringe Speise, von der ich jetzt lebe; ein Arnrrnann ist kein Graf! Wenn wir es mit unsern Weibern nicht besser haben können, so müssen wir frische Honigscheiben essen. Solche Kost habe ich in meiner Not gegessen, und davon ist mir der Bauch so aufgetrieben; ich mutzte sie wider meinen Willen essen, und ich bin wohl halb krank davon. Wenn ich es jemals besser haben kann, so wollte ich nimmermehr um des Honigs willen solche Not ausstehen." „Ei, ei!" sagte Braun, „was mutz ich hören! Schätzet Ihr den Honig so gar gering, den doch manch einer eifrig begehrt? Honig ist eine so sütze Speise, und ich ziehe sie allen Gerichten vor. Verhelft mir doch dazu, Reineke, und ich will Euch gern einen Gegendienst erweisen!" „Onkel Braun," antwortete Reineke, „ihr treibt wohl Euern Spatz mit mir?" „Nein," sagte Braun, „so wahr mir Gott helfe! Ich spatze überhaupt nicht gern." Da sprach wiederum der rote Reineke: „Ist das Euer Ernst, so latzt es mich wissen! Mögt Ihr den Honig so gern essen, so wohnt hier ein Bauer, namens Rostefeile, zu dem es nur eine halbe Stunde ist. Bei dem ist so viel Honig — versteht mich wohl! — datz Ihr mit Eurem ganzen Geschlechte nie mehr davon zu sehen bekommen habt." Braun wässerte der Mund; denn sein ganzes Sinnen und Trachten stand nach Honig. „Latzt mich daran kommen!" sagte er; „glaubt mir, ich werde es Euch gedenken! Wenn ich mich am Honig satt essen soll, so mutz man mir schon eine gehörige Portion davon vorlegen." „Gut " sagte Reineke, „machen wir uns denn auf den Weg; der Honig soll nicht gespart werden! Wenn ich schon nicht recht gehen kann, so soll doch die rechte Treue, die ich gegen Euch hege, wohl sichtbar werden; denn ich kenne keinen unter allen meinen Verwandten, den ich so lieb hätte, und Ihr könnt mir wohl wieder sehr gut dienen gegen meine Feinde und ihre Anklage am Hose des Königs am Herrentage. Ich mache Euch noch heute abend mit Honig satt und zwar mit dem allerbesten, so viel, als Ihr nur immer vertragen könnt." 122 Reineke gedachte aber, mit großen Schlägen ihn satt zn machen, und eilte deshalb flugs voran; Braun folgte ihm blindlings nach. Reineke dachte: „Gelingt es mir, so will ich dich so gehörig auf den Honigmarkt bringen, daß du zeitlebens daran denken sollst!" Alsbald kamen sie an Rostefeiles Gehege. Da freute sich der Bär Braun sehr; aber worauf er sich freute, daraus ward nichts, wie es dem Toren so oft in der Welt ergeht. Als nämlich der Abend gekommen war und Reineke gemerkt hatte, daß der Bauer Rostefeile in seiner Behausung zu Bette war — es war aber Rosteseile ein berühmter Zimmermann und hatte in seinem Hofe einen Eichbaum liegen, den er spalten wollte, und hatte oben in denselben zwei große Keile eingeschlagen, so daß das Holz an der einen Seite wohl eine Elle weit auseinander gespalten war, und Reineke, der Fuchs, hatte das wohl beachtet — so sprach er: „Höret mich, Onkel Braun! eben hier in diesem Baume ist mehr Honig, als Ihr glaubt. Steckt Euern Kopf nur recht tief hinein und nehmt nicht zu viel, wenn ich Euch raten soll! es möchte Euch sonst im Leibe davon übel werden." „Reineke," sagte Braun, „habt keine Sorge! Haltet Ihr mich für einen Toren? Maß ist zu allen Dingen gut." Also ließ sich der Bär betören und steckte den Kopf bis über die Ohren und auch die Vordersüße mit hinein. Da verübte Reinecke ein großes Werk; er zog die Keile hastig heraus, und da war der Bär mit Kopf und Füßen fest gefangen in dem Eichbaume, und es half ihm weder Schelten noch Schmeicheln. Wohl war er sonst immer kühn und stark; aber hier hatte er doch seine volle Arbeit. So hatte der Neffe seinen Onkel mit Schelmerei in den Baum eingefangen. Dann begann er zu heulen und zu lärmen, kratzte mit den Hinterbeinen und machte ein solches Geräusch, daß Rostefeile eilig heraus kam. Er dachte wunder, was es wäre, und brachte ein scharfes Beil mit für den Fall, daß es nötig wäre. Braun lag da in großer Angst; die Spalte, in der er steckte, kniff ihn; er quälte sich ab und zog, daß er keuchte; aber das war alles vergebliche Mühe, und er fürchtete, er würde nimmer davonkommen. Das war auch Neinekes Meinung, als er Rostefeile von ferne mit dem Beile kommen sah. Da rief er Braun zu: „Wie steht es nun? Eßt nicht zu viel Honig; das rate ich Euch! Ist 123 er auch gut? Ich sehe, daß Rostefeile hier herauskommt; vielleicht meint er es gut mit Euch und will Euch auf die Mahlzeit noch einen Bittern einschenken." Damit ging Reinste wieder nach Hause nach seinem Schlosse Malepartus. Als nun Rostefeile ankam und den Bären so gefangen fand, lief er rasch an einen Ort, wo er die Bauern beisammen wußte; denn sie hielten dort Gasterei. Und er sagte zu ihnen: „Kommt rasch mit mir! in meinem Hof ist ein Bär gefangen." Da folgten sie ihm alle und liefen sehr; jeder nahm sein Gewehr mit sich, und was er zuerst von seinen Geräten in die Hand bekam: der eine eine Forke, der andre eine Harke, der dritte einen Spiest, der vierte einen Rechen, der fünfte einen großen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der Küster kamen auch beide mit ihrem Geräte; die Pfarrköchin, die Frau Jutte hieß und den besten Grühbrei zubereiten und kochen konnte, kam mit ihrem Spinnrocken gelaufen, an dem sie den Tag über gesessen hatte, um den armen Braun damit zu treffen. Als Braun das große Geschrei hörte, wo er auf den Tod lag, zog er unter Qualen den Kopf heraus; aber da drinnen blieb die Haut bei beiden Ohren um den Kopf her kleben. Wohl niemals hat man ein kläglicher entstelltes Tier gesehen. Das Blut floß ihm über die Ohren, und wenngleich er den Kopf herausgebracht hatte, so blieben ihm dennoch beide Füße fest in der Klemme. Wohl riß er sie endlich hastig und so rasend, als wenn er von Sinnen wäre, heraus; aber dennoch blieben die Klauen und das Fell von beiden Füßen darin zurück. Wahrlich! der Honig war nicht von dem süßen, von dem ihn, sein Neffe Reineke gesagt hatte. Es war in der Tat eine schlimme Reise, die Braun machte, und eine recht sorgliche Fahrt für ihn. Das Blut lief ihm stark über den Bart; die Füße taten ihm entsetzlich weh, und er konnte weder nah noch weit gehen. Jetzt kam Rostfeile und begann zu schlagen, und alle, die mit ihm herangekommen waren, griffen ihn an; denn all ihr Begehr war, Braun zu schlagen. Der Pfarrer hatte einen langen Stab und gab ihm manchen Schlag damit. Braun konnte nirgendshin gehen oder kriechen; denn sie kamen Hausenweise über ihn, ein Teil mit Spießen, ein Teil mit Arten; der Schmied brachte Hammer und Feilen; etliche hatten Schaufeln, etliche Spaten, und sie schlugen ihn alle ohne Erbarmen. Alle schlugen auf ihn los; keiner dünkte sich zu klein dazu. Schlobbe mit dem krummen Beine und Ludolf mit der breiten Nase waren die allergrausamsten gegen ihn und schlugen ihn mit einer hölzernen Wurfschaufel. Außerdem schlugen Gerold mit den krummen Fingern und sein Schwager Kuckelrei am stärksten. Abel Quack und Frau Jutte und Talke, die Ehefrau Lorden Ouacks, schlugen mit der Bütte, und nicht diese allein, sondern alle Weiber trachteten Braun nach dem Leben. Er mußte eben alles nehmen, was man ihm brachte. Braun mußte auch manchen Steinwurf auf seinen Leib nehmen; denn Männer und Frauen warfen nach ihm. Zuletzt sprang Rostefeiles Bruder mit einen: dicken und langen Knüppel heran und gab ihm einen Schlag auf den Kopf, daß ihm Hören und Sehen verging. Nach diesem Schlage sprang er auf, kam ganz rasend unter die Weiber und fiel so heftig unter sie, daß fünf von ihnen in den Fluß stürzten, der in der Nähe und sehr tief war. Hastig rief da der Pfarrer und war schier halb verzagt: „Seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine Magd, mit ihren: Pelze und Rocke! Seht, hier liegt auch noch ihr Spinnrocken! Helft ihr nun allzusammen; ich gebe euch zwei Tonnen Bier zum Besten!" So ließen sie Braun für tot liegen und liefen schnell nach den Weibern und halfen alle fünf aus dem Wasser ziehen. Derweil sie hiermit beschäftigt waren, kroch Braun sehr zornig ins Wasser und begann vor großem Schmerze zu brummen. Er glaubte nicht, daß er schwimmen könnte, und dachte schon daran, sich selbst zu ersäufen, damit ihn die Bauern nicht noch mehr prügelten; da merkte er zu seinen: Glücke, daß er schwimmen konnte, und er schwamm ganz tüchtig. Als dies nun die Bauern alle sahen, da sprachen sie mit großen: Geschrei und Arger: „Ei, wir mögen uns wohl schämen!" Sie waren sehr unmutig darüber und sagten: „Das ist nur die Schuld dieser Weiber. Zur Unzeit sind sie uns hier in die Quere gekommen. Seht, er schwimmt seine Straße dahin!" Sie sahen den Eichenstamm und bemerkten, daß Haut und Haar von Füßen und Ohren noch darin war. Das war ihnen lieb und sie riefen: „Ohrloser Dieb, komm wieder! Hier sind deine Ohren und Handschuhe zum Pfande!" 125 So hatte er den Schimpf noch zum Schaden; doch er war froh, daß er entkommen war. Er fluchte dem Baume, der ihn gefangen hatte, daß er etwas von seinen Füßen und Ohren hatte zurücklassen müssen; er fluchte Reineke, der ihn verraten hatte, und das war das Gebet, welches er sprach, derweil er im Wasser war. Der Strom floß schnell und stark, so daß er eilig auf ihm niederwärts trieb und in kurzer Zeit beinah eine Meile weit geschwommen war. Er kroch aufs Ufer des Flusses. Solange die Welt steht, hat niemals einer ein betrübteres Tier gesehen. Er glaubte, er müßte dort seinen Geist aufgeben, und er getraute sich nicht, länger leben zu können. Er sagte: „O Reineke, du falsche Kreatur!" 50. Der Zaunkönig und der Bär. Brüder Grimm. Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Walde spazieren; da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: „Bruder Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?" — „Das ist der König der Vögel," sagte der Wolf; „vor dem müssen wir uns neigen;" es war aber der Zaunkönig. „Wenn das ist," sagte der Bär, „möchte ich auch gern seinen königlichen Palast sehen; komm und führ mich hin!" — „Das geht nicht so, wie du meinst," sprach der Wolf; „du mußt warten, bis die Frau Königin kommt." Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter im Schnabel und der Herr König auch, und wollten ihre Jungen ätzen. Der Bär wäre gern nur gleich hinterdrein gegangen; aber der Wolf hielt ihn am Nrmel und sagte: „Nein, du mußt warten, bis Herr und Frau Königin wieder fort sind." Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und trabten wieder ab. Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen und ging nach einer kurzen Weile wieder fort. Da waren König und Königin richtig aus- geflogen; er guckte hinein und sah fünf Junge, die darin lagen. „Ist das der königliche Palast?" rief der Bär; „das ist ein erbärmlicher Palast; ihr seid auch keine Königskinder; ihr seid unehrliche Kinder!" Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrieen: „Nein, das sind wir nicht; unsere Eltern sind ehrliche Leute; Bär, das soll ausgemacht 126 werden mit dir!" Dem Bären und dem Wolf ward angst; sie kehrten um und sehten sich in ihre Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber schrieen und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: „Wir essen kein Fliegenbeinchen, und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche Kinder sind oder nicht; der Bär ist dagewesen und hat uns gescholten." Da sagte der alte König: „Seid nur ruhig; das soll ausgemacht werden!" flog darauf mit der Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein: „Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir übel bekommen; das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen." Also war dem Bären der Krieg angekündigt, und ward alles vierfühige Getier berufen, Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh, und was die Erde sonst alles trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht allein die Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen muhten herbei. Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes wäre. Die Mücke war die listigste von allen, schwärmte im Walde, wo der Feind sich versammelte, und sehte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: „Fuchs, du bist der schlaueste unter allem Getier; du sollst General sein und uns anführen!" — „Gut," sagte der Fuchs; „aber was für Zeichen wollen wir verabreden?" Niemand wußte es. Da sprach der Fuchs: „Ich habe einen schönen, langen, buschigen Schwanz; der sieht aus fast wie ein roter Federbusch. Wenn ich den Schwanz in die Höhe halte, so geht die Sache gut, und ihr müht drauflos marschieren; lah' ich ihn aber herunterhängen, so fangt an und lauft, was ihr könnt!" Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem Zaunkönig alles haarklein. Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu! da kam das vierfühige Getier dahergerannt mit Gebraus, dah die Erde zitterte. Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher; die schnurrte, schrie und schwärmte, dah einem angst und bange ward, und sie gingen da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter den Schwanz sehen und aus Leibes- 127 frästen stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich bekam, zuckte er, daß er das eine Bein aufhob; doch ertrug er's und liest den Schwanz noch in der Höhe; beim zweiten mutzte er ihn einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine. Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre ver- * loren, und fingen an zu laufen, jedes in seine Höhle, und die Bügel hatten die Schlacht gewonnen. Da flogen der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und riefen: „Kinder, seid fröhlich, estt und trinkt nach Herzenslust; wir haben den Krieg gewonnen!" Die jungen Zaunkönige aber sagten: „Noch essen wir nicht; der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun und soll sagen, datz wir ehrliche Kinder sind." Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären und rief: „Brummbär, du sollst vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, datz sie ehrliche Kinder sind; sonst sollen dir die Rippen im Leibe zertreten werden!" Da kroch der Bär in der grössten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren die jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, atzen und tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein. 51. Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Schweinigel auf der Buxtehuder Heide. Nach W. Schröder. Es war an einem Sonntagmorgen zur Nachsommerzeit, gerade als der Buchweizen blühte. Die Sonne war klar aufgegangen am Himmel; der Morgenwind fuhr über die Stoppeln; einzelne Lerchen sangen noch in der Luft; die Bienen summten in dem Buchweizen, und die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaate nach der Kirche, und alle Kreatur war vergnügt und der Schweinigel auch. Der Schweinigel aber stand vor seiner Tür, hatte die Arme untergeschlagen, guckte dabei in den Morgenwind hinaus und trällerte ein Liedchen vor sich hin so gut und so schlecht, wie an einem lieben Sonntagmorgen ein Schweinigel zu singen pflegt. Indem er nun so halb leise vor sich hin sang, fiel ihm auf einmal ein, er könnte ja, während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein bitzchen ins Feld spazieren und zusehen, wie seine 128 Steckrüben ständen. Gesagt, getan. Der Schweinigel machte die Haustür hinter sich zu und schlug den Weg nach dem Felde ein. Er war noch nicht ganz weit vom Hause und wollte gerade um den Schlehenbusch, der da vor dem Felde liegt, nach dem Steckrübenacker hinaufgehen, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen Geschäften hinausgegangen war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der Schweinigel des Hasen ansichtig wurde, bot * er ihm einen freundlichen guten Morgen. Dieser aber, der sich ein vornehmer Herr dünkte und grausam hoffärtig war, antwortete nichts auf den Gruß des Schweinigels, sondern nahm eine gewaltig höhnische Miene an und sagte zu ihm: „Wie kommt es denn, daß du schon so früh hier im Felde umherläufst?" — „Ich gehe spazieren," sagte der Schweinigel. „Spazieren?" lachte der Hase; „mich dünkt, du könntest deine Beine wohl zu besseren Dingen gebrauchen." Diese Antwort verdroß den Schweinigel ungeheuer; denn er konnte alles vertragen; aber auf seine Beine ließ er nichts kommen, eben weil sie von Natur schief waren. „Du bildest dir wohl ein," sagte nun der Schweinigel zum Hasen, „als wenn du mit deinen Beinen mehr ausrichten könntest?" — „Das denke ich," sagte der Hase. „Das kommt auf einen Versuch an," meinte der Schweinigel; „ich pariere, wenn wir in die Wette laufen, so lauf' ich dir vorbei." Da sagte der Hase: „Das ist zum Lachen — du mit deinen schiefen Beinen, aber meinetwegen mag es sein, wenn du so übergroße Lust hast. Was gilt die Wette?" — „Eine goldene Lujedor und eine Buddel Branntwein," sagte der Schweinigel. „Angenommen," sprach der Hase; „schlag' ein, und dann kann es gleich losgehen!" — „Nein, so große Eile hat es nicht," meinte der Schweinigel; „ich bin noch ganz nüchtern. Erst will ich nach Hause gehen und ein bißchen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich wieder hier auf dem Platze." Damit ging der Schweinigel; denn der Hase war es zufrieden. Unterwegs dachte der Schweinigel bei sich: „Der Hase verläßt sich auf seine langen Beine; aber ich will ihn wohl kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und bezahlen soll er doch." Als nun der Schweinigel nach Hause kam, sprach er zu seiner Frau: „Frau, zieh' dich gleich an; du mußt mit mir nach dem Felde!" — „Was gibt es denn?" fragte seine Frau. „Ich habe mit dem Hasen gewettet um eine goldene Lujedor und eine 129 Buddel Branntwein; ich will mit ihm in die Wette laufen, und du sollst dabei sein." — „Mein Gott, Mann!" fing die Frau Schweinigel an zu schreien, „bist du nicht klug? hast du denn ganz den Verstand verloren? Wie kannst du denn mit dem Hasen in die Wette laufen wollen?" — „Halt das Maul, Weib!" sagte der Schweinigel; „das ist meine Sache. Räsonniere nicht in Männergeschäfte! Marsch, zieh dich an, und dann komm mit!" Was sollte die Frau Schweinigel machen? Sie mußte wohl folgen, sie mochte wollen oder nicht. Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Schweinigel zu seiner Frau: „Frau, nun passe auf, was ich sagen will! Siehst du, auf dem langen Acker da wollen wir unsern Wettlauf machen. Der Hase läuft nämlich in der einen Furche und ich in der andern, nnd von oben fangen wir an zu laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als du stellst dich hier unten in die Furche, und wenn der Hase an der andern Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: „Ich bin schon hier!" Damit waren sie bei dem Acker angelangt. Der Schweinigel wies seiner Frau ihren Platz an und ging dann den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. „Kann es losgehen?" fragte der Hase. „Jawohl!" antwortete der Schweinigel. „Dann nur zu!" und damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte: „Eins, zwei, drei!" und los ging es wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Schweinigel aber lief nur ungefähr drei Schritte; dann duckte er sich nieder in der Furche und blieb ruhig sitzen. Als nun der Hase in vollem Laufe an das Ende des Ackers kam, rief ihm Frau Schweinigel entgegen: „Ich bin schon hier!" Der Hase stutzte und verwunderte sich nicht wenig. Er meinte nicht anders, als daß es der Schweinigel selbst wäre, der es ihm zuriefe; denn bekanntlich sieht Frau Schweinigel gerade so aus wie ihr Mann. Der Hase aber meinte: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu." Er rief daher: „Noch einmal gelaufen!" und fort. ging es wieder wie ein Sturmwind, daß ihm die Ohren am Kopfe flogen. Frau Schweinigel aber blieb ruhig an ihrem Platze sitzen. Als nun der Hase oben ankam, rief ihm der Schweinigel entgegen: „Ich bin schon hier!" Der Hase ganz außer sich vor Zorn, schrie: „Noch einmal gelaufen!" — „Mir ganz recht," !> 130 » antwortete der Schweinigel, „meinetwegen so oft, wie du Lust hast!" So lief der Hase noch dreiundsiebenzig Male, und der Schweinigel hielt es immer mit ihm aus. Jedesmal, wenn der Hase unten oder oben ankam, sagte der Schweinigel oder seine Frau: „Ich bin schon hier!" Zum vierundsiebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten in der Furche sank er zu Boden und blieb tot auf dem Platze. Der Schweinigel aber nahm seinen gewonnenen Louisdor und seine Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche ab, und beide gingen nun miteinander vergnügt nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch. 52. Der gestiefelte Kater. Nach Perrault. Ein Müller starb und hinterließ seinen drei Söhnen eine Mühle, einen Esel und einen großen, grauen Kater. Die Teilung war bald gemacht; der älteste nahm die Mühle, der zweite den Esel und dem jüngsten blieb nichts als der Kater. Das schien dem armen Burschen gar zu wenig. „Meine Brüder," seufzte er, „können sich zusammentun und auf ehrliche Weise ihr Brot verdienen; was aber soll aus mir werden, wenn der Mäusejäger aufgezehrt ist und ich mir aus seinem Felle eine Mütze gemacht habe?" Der Kater hatte aufmerksam zugehört; aber da er die Not seines Herrn sah, war er über das Los, getötet zu werden, gar nicht erzürnt. Er machte ein ernsthaftes Gesicht und sprach: „Seid nicht so traurig! Gebt mir nur einen leeren Mehlsack und ein Paar Stiefel, mit denen ich über Stock und Stein springen kann, und Ihr sollt bald sehen, daß Ihr nicht so arm seid, als Ihr glaubt!" Ob dieser Worte verwunderte sich der arnie Müllerbursche gar sehr; doch als er an die große Schlauheit seines Katers dachte, der sich wie tot in eine Mehlkiste legte, um Ratten und Mäuse zu fangen, zog die Hoffnung, durch sein Tier aus dem Elend befreit zu werden, wie ein flüchtiger Sonnenstrahl durch seine Gedanken, und er gab ihm, was er verlangte. Mutig zog der Kater die Stiesel an, warf den Sack über die Schulter, nahm die Schnüre in die Vorderpfoten und ging in ein Gebüsch, wo er Kaninchen in großer Zahl gesehen hatte. Er breitete den Sack aus, tat frische Kohlblätter hinein und legte 131 sich wie tot daneben. Es dauerte auch nicht lange, so kam ein unerfahrenes junges Kaninchen herbei und schnupperte an seiner Lieblingsspeise. Schnell zog der gestiefelte Kater die Falle zu, ergriff den Gefangenen und tötete ihn. Darauf ging er zum König und verlangte ihn zu sprechen. Man führte ihn die Treppe zu dem Thronsaal hinauf. Dort sah der König mit Krone und Zepter. Der Kater verneigte sich tief und sprach: „Der Graf von Carabas" — so nannte er seinen Herrn — „hat mir befohlen, Euch ein Kaninchen aus seinem Wildgarten zu überreichen." Der König dankte freundlich, und der Kater ging stolz von dannen. Bald darauf versteckte sich der Kater bei einem Getreidefeld, den Sack geöffnet neben sich, die Schnüre in den Vorderpfoten. Ein paar Rebhühner kamen sorglos daher. Er fing sie und brachte sie gleichfalls dem König als ein Geschenk seines Herrn, des Grafen von Carabas. Der König empfing die schmackhaften Vögel mit großer Freude und ließ dem Kater einen guten Botenlohn reichen. Dieser fuhr nun fort, dem Könige von Zeit zu Zeit Wildbret aus dem Gehege seines Herrn zu bringen. Da begab es sich, daß der König eines Tages mit seiner Tochter, der allerschönsten Prinzessin, die man nur sehen konnte, eine Spazierfahrt an dem nahen Flusse machen wollte. Der Kater erfuhr es und sagte zu seinem Herrn: „Wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, so ist Euer Glück gemacht; Ihr müßt nur an einem Orte baden, den ich Euch zeigen werde. Alles übrige will ich schon machen." Der Müllerbursche war es zufrieden. Als er im Flusse badete, kam der König dort vorbei. Da rief der Kater aus voller Kehle: „Helft, helft dem Grafen von Carabas; er muß ertrinken!" Der König steckte den Kopf zum Wagen hinaus, und als er den Kater erkannte, der ihm so manches Mal köstliches Wildbret gebracht hatte, befahl er seinen Dienern, dem Grafen zu Hilfe zu eilen. Unterdes näherte sich der Kater der goldenen Kutsche und erzählte dem Könige, daß während des Badens Diebe gekommen wären und die Kleider seines Herrn gestohlen hätten — er hatte dieselben aber heimlich unter einem großen Stein versteckt. Der Leibdiener mußte nun ins Schloß eilen und eins von des Königs kostbaren Gewändern für den be- stohlenen Grafen holen. Der Müllerbursche war von edler Gestalt, und als er die königlichen Kleider angezogen hatte, sah er so schön aus, daß auch 132 die Prinzessin großes Wohlgefallen an ihm fand. Der König forderte den Grafen auf, in den Wagen zu steigen und an der Fahrt teilzunehmen. Voller Freude, daß sein Plan zu gelingen schien, lief der Kater voran. Da sah er Bauern, die eine große Wiese mähten, und er sprach zu ihnen: „Liebe Leute, wenn ihr nicht dem König sagt, daß diese Wiese dem Grafen von Carabas gehört, sollt ihr alle turz und klein geschlagen werden." Wirklich fragte der König, wem diese schöne Wiese gehöre. „Sie gehört dem Grafen von Carabas," sagten alle zusammen; so sehr hatte die Drohung des Katers sie in Furcht versetzt. Der Kater traf darauf Schnitter an, die Korn mähten, und er sprach zu ihnen: „Liebe Leute, wenn ihr nicht dem König sagt, daß diese Getreidefelder dem Grafen von Carabas gehören, sollt ihr alle kurz und klein geschlagen werden." Auch diesmal wollte der König wissen, wem die Felder gehörten. „Sie gehören dem Grafen von Carabas," riefen die Schnitter. Zu allen, die er am Wege sah, sagte der Kater dieselben Worte, und alle gaben dem Könige dieselbe Antwort, der sich über den schönen Besitz des Grasen nicht genug wundern konnte. Endlich kam der Kater zu einem prächtigen Schlosse mit hohen Fenstern und goldenen Zinnen. Hier wohnte ein mächtiger Zauberer. Er war weit und breit der Reichste; denn alle Wiesen und Felder, durch welche der König gefahren war, gehörten ihm. Furchtlos ging der Kater in das Schloß und sagte zu dem Zauberer, daß er sich freue, einen so berühmten Mann von Angesicht zu sehen. Das gefiel dem Zauberer, und er nahm ihn gnädig auf. „Man hat mir gesagt," fuhr der Kater fort, „daß Ihr die Kraft besitzt, Euch in jedes Tier, selbst in einen Löwen oder einen Elefanten verwandeln zu können." — „Das ist wahr," versetzte der Zauberer, und sofort stand ein gewaltiger Löwe im Zimmer. Der Kater erschrak und sprang mit einem Satz auf das Dach hinaus. Erst als der Zauberer wieder seine menschliche Gestalt angenommen hatte, stieg er herunter und gestand, daß er sich sehr gefürchtet habe. „Man hat mir auch gesagt," sprach der Kater weiter, „daß Ihr die Macht habt, auch die Gestalt der kleinsten Tiere annehmen und Euch in eine Ratte oder eine Maus verwandeln zu können; ich muß gestehen, daß ich das für ganz unmöglich halte." — „Was? für unmöglich?" schrie der Zauberer 133 ergrimmt; „du sollst es sehen/' und im nächsten Airgenblicke lief eine Maus über die Diele dahin. Kaum hatte der Kater sie bemerkt, als er auf sie zu sprang und sie auffraß. Mittlerweile war auch der König am Schlosse angelangt, und da es ihm gewaltig in die Augen stach, bekam er große Lust, es zu sehen. Der Kater, der den Wagen über die Zugbrücke rollen hörte, lief eiligst in den Schloßhof und hieß den König im Namen des Grafen von Carabas willkommen. „Wie, lieber Graf?" rief der König verwundert aus, „dies Schloß gehört Euch auch? In meinem Leben habe ich noch kein so prächtiges gesehen. Aber laßt uns hineingehen! ich bin gar zu neugierig, es kennen zu lernen." Der Graf faßte die Königstochter bei der Hand und folgte dem Könige die breiten Marmorstufen hinauf. Sie traten in eine weite, hohe Halle, wo ein herrliches Frühstück, das der Zauberer seinen Freunden geben wollte, bereit stand. Sie sehten sich an den Tisch und ließen es sich wohlschmecken, aßen von den köstlichen Gerichten und tranken den trefflichen Wein. Einmal über das andere rühmte der König den reichen Besitz des Grafen, und die Prinzessin war von des Schloßherrn Schönheit ganz bezaubert, so daß sie ihre Augen nicht von ihm wenden konnte. Endlich faßte sich der König ein Herz, ergriff sein Glas und sagte zu ihm, daß er fein Schwiegersohn werden müsse. Der Graf, der die Königstochter auch liebgewonnen hatte, stieß freudig mit dem Könige an und vermählte sich noch an demselben Tage mit der Prinzessin, und als der alte König des Regierens müde ward, erhielt er Krone und Reich. Der Kater aber winde ein angesehener Herr und fing mir noch Mäuse, um sich die Zeit zu vertreiben. 5 r. Dädalus und Ikarus. Nach Ovid. Dädalus von Athen war der älteste und zugleich ausgezeichnetste Künstler in allen Arten von Werken, die einen feinen Verstand, eine lebendige Einbildung und eine geschickte Hand erfordern. Er war der erste, welcher den Bildsäulen Augen gab, ihre Anne in eine bestimmte Gebärde setzte und die Füße in eine Stellung brachte, als wollten sie sich bewegen; daher erzählte das Volk von ihm, daß er wandelnde Statuen verfertigt 134 habe. Seine freie Kunst trieb ihn in die freie Welt. Er kam an die Höfe vieler Könige, und überall erwarb er sich Ruhm und Schätze. Auf der Insel Kreta baute er dem Könige Minos das berühmte Labyrinth, ein unterirdisches Gewölbe, welches so viele sich kreuzende Gänge hatte, daß derjenige, welcher tief hineingeführt wurde, sich nicht wieder herausfinden konnte und elend verhungern mutzte. Später aber zog er sich die Ungnade und das Mitztrauen des strengen Herrschers zu. Er wurde scharf bewacht und sollte die Insel niemals wieder verlassen. Das war für die Wanderlust des Künstlers ein schweres Urteil. Traurig ging er oft mit feinern Sohne Ikarus an den Gestaden des Meeres umher und dachte der Städte und Länder, von denen er durch weite Wasserflut getrennt war. Am schärfsten aber sahen alsdann seine Augen nach jener Seite hin, wo die liebe Vaterstadt Athen lag, und die ganze Gewalt seiner früheren Wanderlust wurde allmählich zu einer unbezroinglichen Sehnsucht nach der sühen Heimat. Sein Herz schwoll jeder heranrauschenden Woge entgegen, als wäre sie ein teurer Bote, der ihn hinüberführen wolle. Je tiefer aber sein Gefühl von Schmerz und Unruhe bewegt wurde, desto heftiger wurde in seinem starken Geiste das Bestreben, sich durch eigene Kunst einen Weg aus der verhaßten Einkerkerung zu eröffnen, und also sprach er eines Tages zu sich selber: „Mag Minos Land und Woge mir versperren, der Himmel ist doch noch offen; dort mutz ich meinen Weg suchen. Alles besitzt der Herrscher: die Lüfte besitzt er nimmer!" Doch ehe er solche verwegene Worte sprach, hatte sein Geist auch schon das Mittel erfaßt, wodurch er ein kühner Beherrscher der Luft zu werden hoffte; denn Flügel wollte sich der erfindungsreiche Mann verfertigen und dann wie ein Vogel über die Fluten des Meeres dahinfliegen. Zu diesem Zwecke sammelte er sich eine große Menge von Federn und legte sie, als er Schwung- und Flaumfedern zur Genüge beisammen hatte, der Größe nach nebeneinander, so daß auf die längere immer die kleinere folgte. Dann verband er die stärkeren mit Fäden; die kleineren aber, sowie die äußersten Spitzen der größeren befestigte er mit Wachs. Der kleine Ikarus stand während der Arbeit dem Vater zur Seite und freute sich lachend, daß er nun den Vögeln gleich werden sollte. Er half, so viel er konnte, schnappte die leichten Federn wieder, welche der Wind emportrieb, und erweichte mit dem Daumen das gelbe Wachs. 135 Bald waren zwei Flügel fertig. Dädalus gab ihnen eine kleine Krümmung, so daß sie in allem den wirklichen Fittichen der Vogel gleich waren. Dann ging er an einen einsamen Ort, befestigte sie an den Schultern, faßte die Spitzen mit den Händen, breitete die Arme aus, schlug kräftig in die Luft, und siehe da! er hob sich schwebend von der Erde empor. „Das Werk ist gelungen!" rief er freudig aus, und Ikarus klatschte laut lachend in die Hände. Schneller als das erste wurde nun das zweite Flügelpaar vollendet, und auch Ikarus, vom Vater unterwiesen, wußte sich bald mit seinen Fittichen zu helfen. Täglich wurden an einem abgelegenen Orte am Ufer des Meeres Übungen angestellt, und endlich erschien der Tag, an welchem der kühne Flug über die weite See gewagt werden sollte. In aller Frühe standen die beiden auf dem höchsten Punkte des Gestades, und ihre Flügel glänzten in den Strahlen der Sonne. „Hüte dich," sprach der Vater zum Sohne, „daß du nicht zu niedrig über die schaukelnden Wellen fliegst, damit das anspritzende Wasser dein Gefieder nicht zu schwer mache; hüte dich aber noch mehr, daß du nicht zu hoch strebest, damit nicht vom Feuer der Sonne das Wachs schmelze und deine Flügel auseinander fallen! Fliege nur immer geraden Weges mir nach, und wage dich nicht zur Rechten noch zur Linkeu!" — „Ich werde schon folgen," rief Ikarus fröhlich und schlug vor Lust und Eifer seine Flügel. Dädalus aber wurde, da er seiuen Sohn und die gefahrvollen Fluten ansah, von heimlicher Furcht bewegt, daß seine Kniee zitterten und langsame Tränen seinen Bart befeuchteten. „Es sei gewagt!" sagte er endlich mit bebender Stimme, küßte noch einmal den geliebten Ikarus und schwang sich vom Gestade hinaus über die Wasserfluten und empor in die Lüfte wie ein Adler, der zum ersten Male seine junge Brüt aus dem sicheren Neste in die Winde führt. Häufig blickte er rückwärts, ermähnte den Sohn, ihm immer treu zu folgen, und lehrte ihn neue Bewegungen, um den Flug zu erleichtern. Trefflich ging es von statten. Ikarus lächelte über die schäumenden Fluten, welche unter ihm wogten, und drängte den Vater, noch schneller zu fliegen. Sie kamen an einer Insel vorbei; ein Fischer stand am Ufer und erblickte sie; sogleich fiel er nieder und streckte die Arme empor; denn er meinte, es seien Götter. Leute liefen am Gestade zusammen und erwarteten die Herabkunft der himmlischen Boten oder fürchteten sich vor 136 ihrem Zorne. Dadalus aber wandle sich wieder zur hohen See, um der teuren Heimat zuzufliegen, und Ikarus folgte ihm. Schon nahte das Ziel der weiten Fahrt, und Dädalus blickte weniger ängstlich nach dem geliebten Sohne. Da erwachte in Ikarus die Begierde, höher zu fliegen, um weiter vor sich hin zn sehen und sich in seiner Kunst mit dem Könige der Geflügelten, dem Adler, zu messen. Er verlieh seinen Führer und trieb den Flug höher. Seine stolze Verwegenheit flöhte ihm gar das Verlangen ein, die Wunder des Himmels zu schauen und das blaue Firmament zu besteigen; aber zu spät fühlte er die Glut der nahen Sonne. Er wollte zurückkehren; doch das geschmolzene Wachs träufelte schon herab, und das Gefieder teilte sich auseinander. Er schlug mit den nackten Armen in die Luft; aber sie fanden keinen Halt. „Vater, Vater!" rief er, und „Ikarus, Ikarus!" hörte er antworten. Noch einmal wollte er „Vater!" rufen; aber das Wort wurde schon hinweggespült von den Wogen des Meeres, mit welchen er vergeblich um sein Leben rang. „Ikarus, wo bist du?" rief unaufhörlich der unglückliche Vater: aber statt der Antwort sah er die Federn auf dem Meere schwimmen und entdeckte bald den Leichnam seines Sohnes. Er begrub ihn an dem Gestade einer Insel, an welcher er landete, und mochte nicht zurückkehren in die ersehnten Fluren der Heimat. 54. Geschichten von Herkules. Nach Barthold Georg Niebuhr. I. Des Herkules Kindheit. Herkules war der Sohn des Jupiter und der Alkmena; Amphitryo war der Mann der Alkmena und König von Theben in Griechenland. Amphitryo war des Herkules Stiefvater; aber er hatte ihn lieb, als wenn er sein eigener Sohn gewesen wäre. Amphitryo und Alkmena hatten einen Sohn, der hieh Jphikles; also war er des Herkules Stiefbruder. Herkules und Jphikles lagen nicht in einer Wiege, sondern in einen: großen, ehernen Schilde; in diesem hatte die Mutter ihnen ihr Bett gemacht, und Herkules schrie niemals. Juno war seiner Mutter Alkmena feind und wollte Herkules töten lassen. Es war Mitternacht, und Amphitryo und Alkmena schliefen, und die beiden Knaben schliefen auch in dem Schilde, welcher neben dem Bette der Mutter stand. 137 Da krochen zwei große Schlangen durch ein Loch unter der Türe in das Schlafzimmer herein nach dem Schilde hin. Die Augen der Schlangen leuchteten wie Feuer, so daß das ganze Schlafzimmer hell ward, als wenn ein großes Feuer darin angezündet wäre. Sie hoben ihre Köpfe auf an der Seite, wo Herkules lag, und wollten in den Schild hineinkriechen und ihn beißen. Darüber bewegte sich der Schild, und Jphikles wachte auf und fing an, entsetzlich zu schreien, weil ihm bange ward. Alkmena erwachte auch von seinem Geschrei und sah das Licht in der Stube und weckte ihren Mann Amphitryo; der sprang geschwind auf und nahm ein Schwert, welches an einem Nagel hinter dem Bette hing. Als Herkules die Schlangen sah, ward ihm gar nicht bange, und er schrie nicht, sondern lachte, griff mit jeder Hand eine Schlange um die Kehle und drückte ganz fest; nun konnten sie ihn nicht beißen. Sie wanden sich um ihn herum mit ihren Schwänzen; Herkules aber hielt so fest, daß sie starben. Wie sie tot waren, leuchteten ihre Augen nicht mehr, und als Amphitryo hinkam, war es schon wieder ganz dunkel. Da rief er die Diener, daß sie Licht Herbeibringen sollten, und als das Licht kam, zeigte Herkules die beiden toten Schlangen und lachte sehr vergnügt. Herkules war schon als Kind sehr groß und aß viel Braten und Brot, aber gar keine Leckereien. Er lernte lesen und schreiben, reiten und mit dem Zweigespann und Viergespann fahren, mit dem Bogen schießen und mit dem Wurfspieß nach dem Ziele werfen, ringen und mit der Faust kämpfen. Es war ein guter Centaur, der hieß Chiron; der lehrte ihn die Sterne kennen und die Kräuter und Gewächse und erzählte ihm davon und von den Tieren; das hörte Herkules sehr gern und lernte alles sehr gut. Er war sehr gut; nur hatte er einen Fehler, daß er rasend wurde, wenn er böse war, und dann tat er Böses und weinte nachher sehr über das, was er getan hatte; aber es war zu spät, und er konnte es nicht wieder gut machen. Alkmena und Amphitryo hatten ihn dafür nicht gestraft, als er klein war. Er hatte einen Lehrmeister, der hieß Linus; der lehrte ihn die Leier spielen, und da Herkules unaufmerksam war, schlug ihn Linus, und darüber ward Herkules so böse, daß er die Leier nahm und Linus damit auf den Kopf schlug, daß er starb. Da wollte ihn Amphitryo nicht länger im Hause behalten und schickte ihn zu seinen Rinderherden auf den Berg Kithäron. Dieser Berg ist ganz mit Wald bewachsen; da 13 » gingen die Rinder auf die Weide. Im Walde wohnte ein großer, sehr böser Löwe, der viele Rinder und viele Hirten und andere Menschen zerrissen hatte; den schlug Herkules mit einer eisernen Keule tot. Darauf erlaubte ihm Amphitryo, daß er wieder nach Theben in sein Haus zurückkommen durfte. II. Des Herkules Schuld und Strafe. Die Thebaner mußten damals alle Jahre hundert Ochsen an den König der Minyer abgeben; das gefiel Herkules nicht, daß seine Stadt zinspflichtig sein sollte, und als der König der Minyer Herolde schickte, um die Ochsen zu fordern, schnitt Herkules ihnen Nasen und Ohren ab und jagte sie fort. Da zog der König Er- ginus mit einem großen Heere gegen Theben. Der König von Theben hieß Kreon; der war feig und hatte kein Herz, gegen den Feind zu gehen, und deswegen hatte er auch die Schätzung bezahlt. Er machte Herkules zum Feldherrn, und darüber waren die Thebaner sehr vergnügt und hatten nun großen Mut, in den Krieg zu gehen. Minerva schenkte dem Herkules eine Rüstung; Merkur schenkte ihm ein Schwert und Apollo einen Bogen und Pfeile, und der Panzer, den Minerva schenkte, war von Gold. Herkules und die Thebaner siegten über die Feinde und töteten den König Erginus, und die Minyer, deren Stadt Orchomenus hieß, mußten nun den Thebanern alle Jahre zweihundert Ochsen geben. Kreon aber gab dem Herkules seine Tochter Megara zur Frau; die gebar ihm drei Kinder, und Herkules lebte vergnügt zu Theben einige Jahre. Aber Juno machte ihn krank, daß er rasend ward und glaubte, daß seine Kinder Raubtiere wären; da nahm er einen Bogen und schoß sie tot. Als er das getan hatte, sah er, daß es seine Kinder waren, und konnte sich nicht trösten und lief aus der Stadt in die Wälder. Wenn die Alten nicht wußten, was sie tun sollten, so gingen sie zu den Orakeln und fragten den Apollo um Rat. Die Orakel waren Tempel, in welchen ein Priester oder eine Priesterin saß; die fragte man, und diesen sagte Apollo, was sie antworten sollten. Wenn ein König Krieg anfangen wollte, so schickte er an ein Orakel, und wenn Apollo ihm sagen ließ, daß er würde geschlagen werden, so unterließ er den Krieg. Das beste Orakel war zu Delphi; da saß eine Priesterin im Tempel auf einem Dreifuß und antwortete allen, die hinkamen, und wenn sie dem Orakel gehorsam » 139 waren und es ihnen gut ging, so schenkten sie goldene, silberne oder eherne schöne Sachen an den Tempel, der ganz voll von Geschenken war. Die Priesterin hieß die Pythia, und Delphi liegt in Griechenland ani Fuße des Berges Parnassus. Der arme Herkules kam nach Delphi, ging in den Tempel und fragte die Pythia, was er tun solle, weil er so traurig war, daß er seine Kinder getötet hatte. Die Pythia sagte ihm, er solle nach der Stadt Tiryns gehen und dem König Eurystheus dienen und geduldig alles tun, was der ihm befehlen würde. Sie sagte ihm, daß Eurystheus ihm zwölf Kämpfe befehlen würde, die so gefährlich wären, daß er bei jedem umkommen könnte; wenn er aber Mut hätte und geduldig wäre, so würden die Götter ihm helfen, und wenn er die zwölf Kämpfe überstanden hätte, so würde er wieder vergnügt sein und nach seinem Tode ein Gott werden. 111. Herkules in der Knechtschaft. Der König Eurystheus war böse und hatte keinen Mut und haßte die, welche schöne und gute Dinge tun konnten. Herkules ging geduldig hin nach Tiryns, trat vor den König Eurysthens und sagte ihm, daß Apollo ihm durch die Pythia befohlen habe, ihm zu dienen, und daß er alles tun wolle, was er ihm befehlen würde. 1. Arbeit. Da sagte der König Eurystheus, er solle nach Nemea gehen nnd den Löwen totschlagen. Nemea war ein Tal mit einem dichten Walde zwischen hohen Bergen im Lande des Eurystheus; in dem Walde wohnte ein sehr böser Löwe; dessen Fell war so stark, daß kein Eisen ihn verwunden konnte, und wenn die Hirten Spieße auf ihn warfen, so fielen diese nieder, ohne dem Löwen Schaden zn tun, und der Löwe sprang auf die Hirten und zerriß sie. Herkules stellte sich im Walde hinter die Bänme, und als der Löwe herankam, versetzte er ihm mit seiner Kenle einen wuchtigen Schlag, der ihn betäubte. Dann sprang Herkules über ihn, faßte seinen Hals zwischen seine beiden Arme, hob ihn auf und erwürgte ihn; mit den Füßen stand er auf den Hinterbeinen des Löwen. Als der Löwe tot war, zog er ihm das Fell ab und hängte es sich um; den Rachen des Löwen setzte er sich auf den Kopf, als ob es ein Helm wäre, und das Fell von den Vordersätzen knotete er um seinen Hals zusammen. Seine Keule war 140 zerbrochen, als er den Löwen auf den Kopf geschlagen hatte; so start waren die Knochen des Tiers. Da hieb er sich eine andere Keule, und so ging er immer mit der Keule und dem Löwenfell. 2. Arbeit. Nun tam Herkules wieder zurück nach Tiryns und lieh dem Könige sagen, daß der Löwe tot sei. Da fürchtete Eurystheus sich sehr vor ihm und lieh sich unter der Erde eine Kammer von Erz machen; in die ging er hinunter, wenn Herkules kam, und es war ein Gitter daran, durch das er mit ihm sprach, und er befahl ihm hinzugehen und die Hydra von Lerna totzuschlagen. Die Hydra war eine große Schlange, so lang wie ein Schiff; die hatte neun Köpfe und wohnte im Sumpfe von Lerna. Herkules setzte sich auf seinen Wagen, und sein Freund Jolaus lenkte die Pferde, und sie fuhren hin nach Lerna. Die Hydra verkroch sich vor Herkules. Der nahm seinen Bogen, wickelte Werg mit Pech und Schwefel um die Pfeile, zündete das an und schoß damit auf die Hydra in das Loch hinein, wo sie sich unter der Erde verkrochen hakte. Da fuhr sie aus dem Loch heraus und auf Herkules zu. Dieser packte sie mit der einen Hand um den Hals, wo die neun Köpfe sahen; sie wand sich aber mit ihrem langen Schwanz um sein Bein. Herkules schlug mit einer Keule auf die Köpfe und schlug sie entzwei; wenn aber ein Kopf zerschlagen war, so wuchsen zwei andere wieder heraus. Es kam auch ein erschrecklich großer Hummer; der kniff des Herkules Bein, welches die Schlange umwunden hatte, und hielt es fest mit seinen Zangen und tat ihm sehr weh; der war ein Freund der Hydra und wollte ihr helfen; aber den trat Herkules mit dem andern Fuß entzwei. Nun schlug er immer mit der Keule auf die Köpfe der Hydra, und immer wuchsen wieder neue heraus, und er wäre nicht mit ihr fertig geworden, wenn nicht sein Freund Jolaus bei ihm gewesen wäre. Der hieb Bäume um, legte die Stücke zusammen und machte ein großes Feuer; nun nahm er große, brennende Stücke, und wenn Herkules einen Kopf zerschlagen hatte, so brannte er diesen damit; dann wuchsen keine andern wieder heraus. Als alle Köpfe entzweigeschlagen waren, war die Hydra tot, und Herkules tauchte die Spitzen seiner Pfeile in ihr Blut; das war so giftig, daß, wenn der Pfeil die Haut nur ritzte, der Mensch oder das Tier starb. 141 4. Arbeit. Darauf verlangte Eurystheus, daß er den wilden Eber vom Erymanthus lebendig bringen sollte. Der Eryrnanthus ist ein Berg in Arkadien; da wohnte dieser Eber und lief in alle Kornfelder und Gärten und verwüstete sie, und wenn die Leute mit Spießen gegen ihn gingen, so warf er sie nieder und verwundete sie mit seinen großen Hauern, daß sie starben. Herkules ging hin nach dem Erymanthus; unterwegs kam er des Abends an eine Höhle, wo der Centaur Pholus wohnte, und wollte die Nacht da schlafen. Es wohnten viele Centauren dort auf dem Berge; die hatten ein großes Weinfaß; das war in der Höhle des Pholus, und von dem Wein tranken sie nur, wenn sie in der Höhle zusammenkamen und schmausten. Andern Wein hatte Pholus nicht, und da Herkules, nachdem er bei ihm gegessen hatte, ihn um Wein bat, sagte er, wenn er ihm aus dem Faß zapfte, so würden die andern Centauren alle kommen und ihn totschlagen. Herkules sagte, das würde wohl nicht geschehen, und zapfte sich selbst einen Krug voll Wein. Das war aber kein Wein wie der, den wir trinken; sondern Bacchus hatte ihn den Centauren geschenkt, und er hatte einen Wohlgeruch wie die schönsten Rosen und so stark, daß man ihn, wenn er aus den: Faß gezogen war, so weit riechen konnte, als ein Mensch sehen kann. Das rochen also die Centauren und kamen gleich herangelaufen, um Pholus totzuschlagen; einige rissen große Felsstücke ab, andere rissen Pinien und Tannen aus der Erde; denn die Centauren kämpften nicht mit Schwertern und Lanzen, und nur sehr wenige hatten Bogen und Pfeile. Herkules stellte sich an den Eingang der Höhle, warf Holzbrände gegen die Centauren, spannte seinen Bogen und schoß mit den Pfeilen, deren Spitze in das Blut der Hydra von Lerna getaucht war, und die er damit traf, die starben gleich, als ob die Hydra selbst sie gebissen hätte. Da flohen die übrigen. Pholus wunderte sich, daß ein kleiner Pfeil ein so großes Geschöpf töten könnte, zog einen Pfeil aus einem der Centauren, die tot lagen, heraus und besah ihn; er war aber unvorsichtig und ließ den Pfeil aus der Hand fallen, und der Pfeil fiel auf seinen Fuß, und er starb sogleich. Herkules war den fliehenden Centauren nachgejagt, und als er zurückkam, fand er den armen Pholus tot. Da ward er sehr betrübt, daß er das Weinfaß gegen dessen Bitten geöffnet hatte, 142 und er verbrannte seinen Leichnam und begrub seine Asche und seine Gebeine. Darauf ging er auf den Erymanthus und dachte, daß der Eber gegen ihn laufen sollte wie gegen andere Jäger und er ihn dann greifen wollte; aber dem Eber ward bange vor ihm, und er lief weg. Herkules lief ihm nach und der Eber immer vor ihm her und sprang in der Angst in eine tiefe Schlucht, die voll Schnee war; denn auf den Bergen von Arkadien liegt tiefer Schnee wie auf den Alpen. Da hatte Herkules eine Schlinge von einem starken Tau gemacht; die warf er ihm um die Beine und um den Leib, als er zappelte, um herauszukommen, und zog ihn herauf zu sich, warf das Tier auf seine Schulter und trug es nach Tiryns. Der Eber lag auf dem Rücken mit den Beinen in die Höhe und grunzte und schlug mit dem Kopf und den Beinen; aber er konnte sich nicht losmachen. 5. Arbeit. Dann befahl ihm Eurystheus, daß er den Stall des Augias in einem Tage ausmisten sollte. Augias war der König von Elis und hatte dreitausend Rinder, die einen Stall so groß wie der Palatinus hatten; das war ein Hof, und rund herum ging eine Mauer mit Gewölben; dahin trieb man abends die Rinder vom Felde. Die Leute des Königs Augias waren faul und ließen den Mist liegen; der ward so hoch, daß die Rinder nicht mehr in die Gewölbe kommen konnten, und daß man ein ganzes Jahr hätte arbeiten müssen, um ihn auszugraben und wegzufahren. Da grub Herkules einen tiefen Graben bis an die Mauer des Hofes, und in den Graben führte er das Wasser von zwei Flüssen, die mit großer Gewalt von den Bergen kommen, und dann machte er ein großes Loch in die Mauer; da strömte das Wasser in den Hof, und nun brach er ein anderes Loch in die Mauer an der andern Seite; da lief das Wasser wieder hinaus und spülte allen Mist weg, und der ganze Hof war in einem Tage rein. Augias hatte dem Herkules den zehnten Teil seiner Rinder versprochen, wenn er ihm den Stall in einem Tage ausmiste; aber er war schlecht und hielt sein Wort nicht. Dafür ward er nachher gestraft, als Herkules alle Arbeiten für Eurystheus vollbracht hatte; denn da kam Herkules und führte Krieg gegen ihn und schlug ihn tot. * 143 6. Arbeit. Darauf befahl ihm Eurystheus, die Vogel aus dem Sumpfe von Stymphalus herauszujagen. Diese Vögel hatten eiserne Schnabel und Klauen und bissen Menschen und Tiere tot, und wenn sie gefressen hatten, flogen sie wieder nach dem Sumpfe. Der Sumpf war wie ein großer See und sah aus wie ein See, außer, daß viele Bäume darin standen; man konnte nicht mit einem Boote darauf fahren, weil das Wasser nicht tief, sondern dicker Schlamm war, und man konnte auch nicht hineingehen; denn wenn man den Fuß hineinsetzte, so sank man in den Schlamm hinein. Da hätte auch Herkules die bösen Vögel nicht herausjagen können, wenn ihm nicht der gute Vulkan geholfen hätte. Der machte eine Klapper von Erz und schenkte sie dem Herkules; der stellte sich mit der Klapper auf einen Berg bei dem Sumpfe und drehte sie um, und die machte einen so entsetzlichen Lärm, daß den Vögeln bange wurde und alle wegflogen. Wie sie flogen, nahm Herkules seinen Bogen, schoß nach ihnen und tötete einige; die andern aber waren so erschrocken, daß sie weit über das Meer flogen und niemals wiederkehrten. 9. Arbeit. Die Amazonen waren ein Volk von lauter Weibern, die auf Pferden ritten und Krieg führten und so tapfer waren wie die Helden. Ihre Königin hieß Hippolyta; diese hatte einen kostbaren Gürtel von Gold mit Edelsteinen; den hatte ihr Mars geschenkt. Von diesem Gürtel hatte Eurystheus gehört und wollte ihn für seine Tochter Admeta haben und befahl dem Herkules, daß er ihn bringen sollte. Herkules ließ in Griechenland bekannt machen, daß er gegen die Amazonen in den Krieg ziehen wolle, und daß tapfere Männer mit ihm gehen könnten. Er ging mit einem Schiff und nahm die, welche zu ihm gekommen waren, mit sich. Als er nach dem Lande der Amazonen gekommen war, ließ er die Königin Hippolyta wissen, weswegen Eurystheus ihn geschickt habe. Hippolyta wußte, daß Herkules dem Eurystheus gehorchen müsse, weil Apollo es ihm befohlen hatte, und wollte ihm den Gürtel schenken; aber die Amazonen wollten es nicht leiden und griffen den Herkules und seine Gefährten an. Da ward eine große Schlacht geschlagen. Die Amazonen fochten zu Pferde und Herkules und seine Begleiter zu Fuß, und wenn 144 Herkules nicht dagewesen wäre, so würden die Frauen gesiegt haben. Aber Herkules schlug sie in die Flucht und nahm Hippolyta gefangen; er tat ihr aber nichts zuleide und lieh sie wieder los, als er ihren Gürtel bekommen hatte. Da wandte er um mit dem Schiff und segelte wieder nach Griechenland, und bei Troja warf er Anker und ging ans Land und in die Stadt. Damals war Laomedon König von Troja und war sehr reich und mächtig; aber Apollo und Neptun waren ihm feind und hatten ihn und sein Reich in große Not gebracht. Das war so zugegangen. Troja war eine große Stadt und hatte keine Mauern; da kamen Apollo und Neptun zu Laomedon und sagten ihm, daß sie Mauern um die Stadt aufführen wollten, die kein Feind zerstören könnte, wenn er ihnen für ihre Arbeit Lohn geben wollte. Der König Laomedon glaubte, daß sie Menschen wären, und ward mit ihnen darüber einig, was er ihnen geben wollte, wenn sie die Mauern bauten. Apollo und Neptun bauten die Mauern gewaltig hoch und von ungeheuer großen Felsstücken. Als sie fertig waren, sagte Laomedon, weil er schlecht war, daß er ihnen nichts dafür geben wolle; denn er glaubte, daß sie nur Heroen wären, und wußte, daß kein Feind die Mauern einnehmen könnte. Die Götter aber hatten sehen wollen, ob Laomedon sein Wort halte oder lüge. Darauf schickte Neptun ein Ungeheuer; das stieg alle Tage aus der See heraus und zerriß Menschen und Tiere, und kein Mensch wagte mehr, aus der Stadt zu gehen, und da das Feld nicht mehr bebaut ward, kam Hunger und große Not, und die Trojaner wollten den König totschlagen, der schuld an dem großen Unglück war. Der König schickte zum Orakel und fragte, was er tun sollte, damit das Ungeheuer nicht mehr aus der See käme, und das Orakel befahl, daß er seine Tochter Hesione an einen Felsen am Ufer binden solle; die werde das Ungeheuer fressen und dann nicht wiederkommen. Als Herkules ankam, brachte man die arme Hesione hin, wo sie angebunden werden sollte. Herkules sagte dem Könige, daß er nichts für seine Tochter fürchten solle; denn er wolle das Ungeheuer bekämpfen; wenn er es aber töte, so solle Laomedon ihm die Pferde geben, welche Jupiter ihm geschenkt hatte; das waren die allerschönsten in der ganzen Welt. Laomedon sagte, daß er sie ihm geben wolle. Da ließ Herkules alle andern in die Stadt hineingehen und blieb bei Hesione, und als das Ungeheuer aus dem Meere Herausstieg 145 und gegen Hesione losgehen wollte, griff er es an und schlug es tot und brachte Hesione wieder zu ihrem Vater. Der war aber so schlecht, daß er dem Herkules die Pferde nicht gab. Herkules ward böse; aber er wollte keinen Krieg anfangen, weil er noch nicht alle Arbeiten vollendet hatte, die ihm die Götter befohlen hatten. Er ließ also Laomedon sagen, dah er ihn künftig strafen werde, segelte nach Tiryns und gab den Gürtel den: Eurystheus. 11. Arbeit. Da befahl Eurystheus dem Herkules, daß er ihm die goldenen Apfel der Hesperiden bringen solle. Als Juno Hochzeit mit Jupiter machte, schenkte sie ihm goldene Apfel; die legte er in die Erde im Garten der Nymphen, die Hesperiden hießen, und daraus wuchsen Bäume, die wieder goldene Apfel trugen. Die hätten viele gern stehlen mögen, und deswegen mutzten die Hesperiden selbst den Garten bewachen und hielten einen großen Drachen darin, der hundert Köpfe hatte. Herkules aber wußte gar nicht, wo der Garten sei, und mußte erst viele Tage umhergehen, bis er es erfuhr. Auf dem Wege begegnete ihm Antäus, ein Sohn der Erde und gewaltig stark. Der rang mit allen, die er antraf, und brachte sie um; denn wenn einer so stark war, daß er den Antäus zu Boden warf, so sprang dieser sogleich wieder auf, weil die Erde seine Mutter war und ihn immer stärker machte, wenn er sie berührte, und wenn er den Gegner niedergeworfen hatte, so brachte er ihn um. Wie Herkules merkte, daß Antäus stärker ward, wenn er ihn auf die Erde warf, hob er ihn zwischen seinen Armen in die Höhe, daß er die Erde auch nicht mit den Füßen berührte, und drückte die Arme so fest, daß Antäus starb. Darauf kam er nach Ägypten, wo Busiris König war, der alle Fremden am Altar als Opfertiere opferte. Herkules ließ sich die Hände binden und wie einem Opfertier eine Binde um das Haupt legen, sich zum Altar führen und sich Salz und Mehl auf den Kopf streuen; wie aber die Priester das Messer nehmen und ihn erstechen wollten, da riß er die Stricke, mit denen sie seine Hände gebunden hatten, entzwei und schlug die Priester und den grausamen König Busiris tot. — Weil Herkules so groß und stark war, so hatte er auch sehr großen Appetit. Einstmals, da er sehr hungrig war, begegnete er einem Bauer, der zwei Ochsen vor den Pflug w 1-16 gespannt hatte und pflügte; den bat er, daß er ihm etwas zu essen geben sollte; aber der Bauer wollte ihm nichts geben. Da ward Herkules böse auf ihn, jagte ihn weg, spannte die Ochsen aus, schlachtete den einen, schlug den Pflug in Stücke, machte ein Feuer mit dem Holze des Pflugs, und daran briet er den Ochsen und aß ihn ganz auf. Dann kam er an den Kaukasus; das ist ein sehr hoher Berg gegen Sonnenaufgang. An einer Wand dieses Berges, die ganz steil und so hoch war, daß niemand hinaufkommen kann, hatte Jupiter den Prometheus mit Ketten anschmieden lassen, und alle Tage kam ein Adler, der ihm in die Seite hackte. Herkules nahm seinen Bogen, schoß den Adler tot und bat den Jupiter, daß er den Prometheus loslassen sollte, und das tat Jupiter, und Prometheus kam wieder auf den Olympus zu den andern Göttern. Endlich kam Herkules zu Atlas, der am Rand der Erde stand und das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trug, daß es nicht auf die Erde falle. Atlas war der Bruder des Vaters der Hesperiden, und Herkules bat ihn, daß er seine Nichten überreden möchte, ihm Apfel zu schenken. Herkules fürchtete sich nicht vor dem Drachen und würde auch den totgeschlagen haben; aber er wollte den Nymphen die Apfel nicht mit Gewalt nehmen. Atlas ging hin zu den Hesperiden, und bis er wiederkam, nahm Herkules das Himmelsgewölbe auf seine Schultern. Die Hesperiden gaben ihrem Oheim drei Apfel; die sollte er dem Herkules geben, wenn er verspräche, daß sie sie wiederbekommen sollten; denn alle wußten, daß Herkules hielt, was er versprach. Als Atlas zurückkam, wollte er den Herkules immer stehen und den Himmel halten lassen, aber Herkules drohte, daß er ihn fallen lassen wollte, und da nahm ihn Atlas und gab die Apfel. Herkules trug sie zu Eurystheus und sagte ihm, daß er versprochen habe. sie wiederzugeben. Eurystheus hätte sie gerne behalten; er wußte aber, daß Jupiter alsdann dem Herkules erlauben würde, ihn zu strafen, und so gab er sie dem Herkules wieder: der brachte sie der Minerva, und die schickte sie den Hesperiden. 12. Arbeit. Nun war noch eine Arbeit übrig, und wenn die vollendet war, so war Herkules frei, und Eurystheus hatte ihni nichts mehr 147 zu befehlen. Da gebot er ihm, den Hund Cerberus aus der Unterwelt herauszubringen. Herkules ging an den Tänarus. Das ist ein hohes Vorgebirge in Griechenland, und in dem Felsen sind große Spalten und Höhlen, durch die man in die Unterwelt hinabsteigen kann. Da ging Herkules immer tiefer hinunter, bis er an den Fluß Styr kam, der um die ganze Unterwelt herumfließt, wo Pluto König war. Über den Fluß geht keine Brücke; sondern Charon fährt mit einem Boote hinüber und herüber. Charon sagte, Herkules sei gar zu groß und schwer, und das Boot könne ihn nicht tragen; aber er mußte gehorchen. Merkur begleitete ihn und zeigte ihm den Weg. AIs er über den Strom gekommen war, erschien ihm das Haupt der Medusa oder der Eorgone, die alle, welche davor erschraken, in Stein verwandelte; aber Herkules fürchtete sich nicht vor ihr, sondern zog sein Schwert und hieb nach ihr, und da floh sie. Cerberus hätte jeden andern lebendigen Menschen gleich zerrissen; aber wie er den Herkules sah, fing er an zu heulen und verkroch sich unter Plutos Thron. Herkules wollte den Göttern ein Opfer bringen, und Pluto hatte eine große Herde Rinder; davon schlachtete er einen Stier den Göttern der Unterwelt. Pluto und Proserpina begrüßten den Herkules freundlich und sagten ihm, er könne den Cerberus mitnehmen, wenn er ihn zwingen könne und versprechen wolle, ihn wiederzubringen. Cerberus war so groß wie ein Elefant und hatte drei Köpfe und an den Köpfen eine Mähne von Schlangen, und sein Schwanz war eine große Schlange. Herkules hatte seine Rüstung angelegt, die Vulkan ihm geschenkt hatte, und wickelte die Löwenhaut fest um sich, packte den Cerberus beim Hals und zog ihn fort. Die Schlange, die der Schwanz des Hundes war, biß ihn fortwährend; aber Herkules ließ nicht los und stieg durch die Höhlen wieder hinauf, durch die er herabgekommen. Als Cerberus hinaufkam und Licht sah, ward er erst ganz wütend; der Schaum lief ihm aus dem Munde, und wohin der fiel, da wuchsen giftige Kräuter; wer die ißt, der stirbt davon. Alle, die den Cerberus sahen, flohen, und Eurystheus verkroch sich; darauf brachte Herkules den Hund wieder zurück und gab ihn den: Charon, daß er ihn mit seinem Boot an das andere Ufer des Styr fahren sollte. Das war die zwölfte und letzte Arbeit, und nnn war Herkules wieder frei. Aber sein Vater wollte nicht, daß er vergnügt leben 148 sollte, ohne die Kräfte zu gebrauchen, die er ihm gegeben hatte, um die Bösen zu strafen und denen zu helfen, welchen Unrecht geschah; sondern er sollte es sich sauer werden lassen, solange er auf der Erde lebte, und seinen Zorn bezwingen und, wenn er das nicht tat, die Strafe dafür tragen, wie er es getan hatte, als er dem Eurystheus diente, und wenn er bis zuletzt gut gewesen, so wollte er ihn in den Himmel aufnehmen und ihn reichlich für alle Mühe belohnen, die er auf der Erde ausgestanden. Herkules hätte den schlechten Eurystheus für alle die Mißhandlungen, die er ihm angetan, leicht strafen können; aber er wußte, daß er die Knechtschaft als Strafe getragen hatte und ging von Tiryns weg, ohne ihm etwas zuleide zu tun. IV. Des Herkules spätere Taten. Auf der Insel Euböa war die Stadt Dchalia. Der König dieser Stadt hieß Eurytus; der schoß vortrefflich mit dem Bogen, und eben so gut schössen seine Söhne. Er hatte in ganz Griechenland ansagen lassen, daß niemand seine Tochter Zole zur Frau bekommen sollte, wenn er nicht aus weiterer Entfernung das Ziel träfe als er selbst und seine Söhne. Jole war sehr schön, und viele waren nach Ochalia gekommen, um sich mit dem Bogenschießen zu versuchen; aber keiner konnte so gut schießen wie Eurytus und die Eurytiden. Da kam auch Herkules und schoß besser als sie; Eurytus aber hielt sein Wort nicht und gab Herkules die Jole nicht zur Frau. Darüber ward Herkules sehr böse; denn wenn er etwas versprach, so hielt er immer sein Wort und verlangte, daß alle andern es auch tun sollten; aber er bezwäng seinen Zorn und ging nach Thessalien. Der König Admetus von der Stadt Pherü in Thessalien war des Herkules Gastfreund, und Herkules ging nach dessen Hause, um dort zu schlafen und zu essen. Als er aber in das Haus kam, fand er alle sehr betrübt und in Tränen; denn der König Admetus war sehr krank gewesen und würde gestorben sein, wenn nicht seine Frau Alcestis, die gesund war, von den Göttern die Gnade erhalten hätte, daß sie für ihren Mann sterben konnte; so lieb hatte sie ihn. Als er aber wieder gesund war und hörte, daß seine Frau für ihn gestorben sei, war er ganz betrübt und wäre lieber selbst tot gewesen, wenn nur Alcestis gelebt hätte. Da kam zum Glück Herkules, noch ehe der Körper verbrannt war, 149 und stieg eilig in die Unterwelt hinab und bat Pluto so sehr, daß er die Seele des Alcestis wieder losließ; die kehrte in ihren Körper zurück, und der ward wieder warm und lebendig, und Alcestis lebte noch lange mit ihrem Gemahl Admetus, und beide waren dankbar gegen Herkules als ihren größten Wohltäter, solange sie lebten. Darauf kam Jphitus, einer van den Söhnen des Eurytus, zu Herakles, um ihn zu bitten, daß er ihm helfe, die Rinder seines Vaters zu suchen, welche der schlaue Dieb Autolykus gestohlen hatte, der alles, was er stahl, in eine andere Gestalt verwandeln konnte, so daß der Eigentümer es nicht wieder erkannte, wenn er es auch sah. Herkules glaubte, dies sei eine List des Eurytus, um ihn nach Euböa zu locken, und ward auch sehr böse darüber, daß ein Mensch, der so schlecht gegen ihn gewesen war, die Unverschämtheit habe, von ihm zu verlangen, daß er sich für ihn Mühe geben sollte; aber er war zu wütend und nahm Jphitus bei den Armen und warf ihn über die Mauern der Stadt, daß er auf den Kopf siel und tot blieb. Darüber ward Jupiter sehr böse, daß Herkules wieder vergessen hatte, daß er seinen Zorn beherrschen und seine Kräfte anwenden sollte, um anderen Menschen zu helfen; also strafte er Herkules mit einem starken Fieber, und in dem Fieber ward dieser rasend und lief nach Delphi, um das Orakel des Apollo zu fragen, wie er wieder gesund werden könnte. Apollo wollte ihm nicht antworten; da nahm Herkules den Dreifuß weg, auf dein die Pythia sonst saß, wenn sie das Orakel sprach, und wollte den Tempel zerstören. Da sprang Apollo aus dem Heiligtum hervor und spannte den Bogen gegen Herkules und dieser gegen ihn; Jupiter aber warf seinen Blitz zwischen beide und gebot Apollo, das Orakel zu sprechen. Apollo sagte, wenn Herkules sich als Sklave auf drei Jahre verkaufen ließe, so werde er von seiner Krankheit und Raserei genesen. Das war sehr hart; aber Herkules war jetzt wieder gehorsam und ließ sich verkaufen, und es kaufte ihn Omphale, die Königin von Lydien. Die trieb Spott mit Herkules und ließ ihn Frauenkleider anziehen und spinnen und unter ihren Frauen sitzen; sie selbst nahm seine Löwenhaut um; aber sie war nicht böse wie Eurystheus und befahl ihm keine so erschrecklichen Kämpfe. Als die drei Jahre vorbei waren, war Herkules wieder frei und kam nach Griechenland zurück und versammelte Helden und 150 andere Krieger, um den König Laomedon zu strafen. Zerstören konnte er die Mauern der Stadt Troja nicht, weil Apollo und Neptun sie gebaut hatten; aber er und die Seinigen erstiegen sie mit Leitern. Da ward Laomedon erschlagen, und Herkules gab dessen Tochter Hesione seinem Freunde Telamon, der mit ihm zuerst auf die Mauer gestiegen war, zur Frau. Herkules zerstörte die Stadt nicht, sondern machte einen Sohn des Laomedon zum König daselbst; der hieß Priamus. Priamus war Vater des Paris, der die schöne Helena raubte, und des Hektor, der Troja verteidigte, als Agamemnon und Menelaus die Griechen im Krieg hinführten, und Priamus ward erschlagen, als Troja erobert ward. V. Des Herkules Ende. Hernach rief ihn Minerva nach Phlegra; das ist das schöne Land um Neapel diesseits vom Vesuv, wo damals sehr trotzige Riesen waren, welche gegen die Götter Krieg führten, und Herkules focht für die Götter gegen die Riesen. Zuletzt siegten d,ie Götter, und Jupiter warf die Insel Sizilien auf ihren König Typhöus, das; er hinfiel und nicht wieder in die Höhe kommen konnte; aber die Griechen sagten, wenn er sich erheben und die Last, die auf ihm lag, abwerfen wolle, so kämen davon die Erdbeben her in Italien. Als dieser Kampf vorüber war, ging Herkules wieder nach Griechenland und kam zu Öneus, dem Könige von Kalydon; der hatte eine sehr schöne Tochter Deianira. Die wollte Herkules heiraten, und Oneus wollte sie ihm gerne zur Frau geben; aber der Fluhgott Achelous wollte sie auch heiraten, und Herkules muhte mit ihm kämpfen. Als Achelous besiegt war, verwandelte er sich in einen fürchterlichen Drachen. Den packte Herkules mit den Händena m Halse. Da verwandelte er sich in einen ungeheuren Stier und wollte Herkules mit den Hörnern in den Leib stoßen; aber Herkules faßte seine Hörner mit den Händen und brach eins ab. Da bat Achelous, daß er ihm nichts mehr zuleide tun wolle, und Herkules heiratete Deianira und nahm sie mit sich. Damals brauchte er die Keule nicht mehr, welche er im Walde von einem wilden Olbaum gemacht hatte, als er nnt dem Löwen stritt; sondern er hatte sie in die Erde gestoßen und den Göttern geweiht; die schlug Wurzel und trieb Laub und Zweige, und der Baum, zu dein sie wuchs, stand noch lange Zeit. 151 Herkules wollte Dekanira nach einer Stadt, namens Trachis, bringen; auf dem Weg dahin vollbrachte er noch mehrere Heldentaten. Er tötete den Centauren Nessus, der ihm seine Gattin rauben wollte, und besiegle auf die Bitten des Königs der Dorer, eines Volkes am Ötagebirge, das viel zahlreichere Volk der un- friedlichen Dryoper. Nach einem glücklichen Kriegszuge gegen den König Eurytus und seine Söhne gedachte er endlich in Trachis von seinen Kämpfen auszuruhen. Doch wollte er vorher dem Jupiter wegen des Sieges am Fuh des Berges Ota ein Opfer bringen, und da man sich zu den Opfern mit reinen, weihen Kleidern schmückte und des Herkules Kleider im Kriege blutig und schmutzig geworden waren, so schickte er seinen Diener nach seinem Hause in Trachis, um neue, reine Kleider zu holen. Da sandte ihm seine Frau unglücklicherweise das Hemd, welches durch das Blut des Nessus vergiftet worden war. Als nun das Hemd am Leibe warm ward, klebte es an der Haut, und das Gift brannte Herkules unerträglich. Er wollte es ausziehen; aber es klebte fest; das Gift war schon in den Körper gedrungen, und Herkules fühlte, dah er davon sterben muhte. Da hieb er Bäume um und legte sie aufeinander und sich selbst oben auf den Scheiterhaufen und bat seine Freunde, denselben anzuzünden. Da war bei ihm ein Jüngling, namens Philoktetes, der Sohn eines seiner Freunde; diesen Jüngling hatte Herkules sehr lieb, und er war ihm sehr gehorsam. Dem schenkte Herkules seinen Bogen und seine Pfeile und befahl ihm, den Scheiterhaufen anzuzünden, und der Jüngling war ihm gehorsam, obgleich er sehr traurig darüber war. Damit aber waren alle Leiden des Herkules überstanden; denn wie der Scheiterhaufen anfing zu brennen, kam ein Gewitter, und unter Donner und Blitz lieh sich auf den Scheiterhaufen eine Wolke herab, die des Herkules Seele aufnahm und in den Olympus führte; sein Leib verbrannte. Als die Seele im Olympus ankam, verwandelte Jupiter ihn in einen Gott, und Jupiter und alle Götter, die ihn immer lieb gehabt hatten, begrüßten und umarmten ihn, und selbst Juno, die ihm immer feindselig gewesen war, ward ihm gut und gab ihm ihre schöne Tochter Hebe zur Frau. Bei allen Völkern, wo Herkules Gutes getan und Tyrannen oder böse Tiere ausgerottet hatte, dachte man zu allen Zeiten mit Dankbarkeit an ihn und redete von ihm mit großen Ehren, und nun sind schon mehrere 152 Jahrtausende verflossen, und noch spricht man mit Ruhm und Liebe von ihm; der schlechte Eurysthens aber wird gehaßt und verachtet. 55. Der trojanische Krieg. Nach Ludwig Stacke. 1. Raub der Helena. Ms Peleus, König von Phthia in Thessalien, seine Vermählung mit der Meergöttin Thetis feierte, waren alle Götter und Göttinnen zum Feste eingeladen außer Eris, der Göttin der Zwietracht, weil man befürchtete, sie würde nach ihrer Gewohnheit Zank und Hader stiften und die Heiterkeit des Festes stören. Voll Ingrimm über diese Zurücksetzung sann sie auf Rache. Während sich alle Gäste der Freude des Festes Hingaben, öffnete sie die Tür des Saales und ließ einen goldenen Apfel mit der Aufschrift „Der Schönsten!" über den Fußboden Hinrollen. Kaum aber hatten die Göttinnen den Apfel und seine Aufschrift gesehen, als sich über den Besitz desselben ein lebhafter Streit unter ihnen erhob, indem jede behauptete, die schönste zu sein, und den Apfel sich anzueignen suchte. Am meisten Ansprüche machten jedoch Hera, die Göttin des Himmels und Gemahlin des Zeus, Athene, die Göttin der Weisheit, und Aphrodite, die Göttin der Liebe. Da keine der andern nachgeben wollte, befahl Zeus, um allem Streit ein Ende zu machen, dem Hermes, die streitenden Göttinnen zu Paris, dem Sohn des trojanischen Königs Priamus, zu führen, der ihnen den Streit schlichten würde. Der trojanische Prinz weidete gerade die Herde seines Vaters am Berge Jda — denn in jenen Zeiten schämten sich auch Königskinder dieser Beschäftigung nicht — als die Göttinnen ihm die Ursache ihres Streites vortrugen. Eine jede suchte ihn durch Versprechungen zu gewinnen: Hera verhieß ihm, wenn er sie für die schönste erklären werde, die Herrschaft über alle Länder der Erde; Athene versprach ihm einen glänzenden Ruhm unter den Menschen; Aphrodite aber gelobte, ihm Helena, die schönste Frau der Erde, zu geben. Dies Geschenk zog Paris allen übrigen vor, erklärte Aphrodite für die schönste und überreichte ihr den Apfel. Auf ihr Anraten reiste Paris nach Sparta zum König Menelaus, mit dem Helena vermählt war, und entführte diesem die Gemahlin mit vielen Schätzen. Hierdurch gab er Anlaß zu einem zehn- 153 jährigen Krieg gegen Troja, der mit dein Untergänge dieses Reiches endigte. 2. Abfahrt der Griechen. Um die entrissene Gattin zurückzufordern und den erlittenen Schimpf zu rächen, rüsteten sich Menelaus und sein Bruder Agamemnon, König von Argos und Mykenä, der mächtigste der griechischen Fürsten, zum Kriege. Sie entboten zu diesem Ende alle hellenischen Fürsten, die sich auch sämtlich mit ihren Scharen einfanden, um an dem Rachetrieg teilzunehmen. Die Helden versammelten sich in dem Hafen Aulis in Böotien, wo eine Flotte von 1200 Schiffen, die über 100,000 Krieger trugen, zusammenkam. Lange schon lagen die Schiffe, zur Abfahrt gerüstet, im Hafen; aber anhaltende Windstille hielt die Harrenden zurück. Da brach Unzufriedenheit im griechischen Heere aus, und um diS Ursache der ungünstigen Winde zu erfahren, wurde Kalchas, der Wahrsager, aufgefordert, seine Meinung darüber zu sagen und ein Mittel anzugeben, wodurch dem Übel abgeholfen werden könnte. Der Seher verkündete, daß Artemis, die Göttin der Jagd, erzürnt sei, weil Agamemnon eine ihr heilige Hindin erlegt habe, und das; der Zorn der Göttin nur durch den Opfertod der Jphigenie, der Tochter Agamemnons, versöhnt werden könne. Ungeachtet olles Widerstrebens mutzte Agamemnon endlich dem allgemeinen Verlangen der Fürsten nachgeben; Odysseus ging nach Argos und lockte die Jungfrau aus den Armen ihrer Mutter unter dem Vorwande, datz sie im Lager mit Achilles, dem besten der Griechen, vermählt werden solle. Schon stand die Jungfrau vor dem Opferaltare, schon zückte der Priester das Messer, sie zu durchbohren; da erbarmte sich Artemis der Unschuldigen, hüllte sie in eine dichte Wolke und führte sie nach Tauris, wo sie sie zu ihrer Priesterin machte. An ihrer Stelle fand in an am Altar eine weitze Hindin. Die Göttin war versöhnt; ein günstiger Fahrwind schwellte die Segel der Schiffe, die nun glücklich an der feindlichen Küste landeten. Doch schon vor ihrer Abfahrt sollten die Griechen durch ein ungünstiges Vorzeichen an die lange Dauer des Krieges gemahnt werden. Bei einem Opfer schotz unter dem alten Altar ein greulicher Drache hervor, schwang sich auf einen über dem Altar ausgebreiteten Platanenbaum, verschlang acht junge Sperlinge samt ihrer Mutter und wurde sofort von Zeus in einen Stein verwandelt. Dieses Vorzeichen erklärte Kalchas wegen der Zahl neun dahin, daß die Griechen neun Jahre vor Troja liegen und erst im zehnten die Stadt erobern würden. 3. Vor Troja. Troja war eine stark befestigte Stadt in Kleinasien, welche die Griechen nicht beim ersten Angriff erobern konnten; sie mußten vielmehr zu einer förmlichen Belagerung schreiten. Bald gingen ihnen die Vorräte aus, und sie sahen sich genötigt, große Abteilungen des Heeres abzusenden, um durch Plünderung der naheliegenden Inseln und Gegenden dem Mangel abzuhelfen. Die Trojaner hatten inzwischen ihre Bundesgenossen zu sich berufen und leisteten tapferen Widerstand. Die Griechen schlugen ein befestigtes Lager auf, das aus hölzernen, mit Rasen oder Schilf überdeckten Hütten bestand. Die Anführer kämpften auf Streitwagen, die mit zwei oder drei Rossen bespannt waren, die Gemeinen zu Fuß; Reiter gab es noch nicht. Die Angriffswaffen waren Lanzen, Schwerter, Wurfspieße, Bogen und Schleudern; die Schußwaffen bestanden in einem Helm, einem Brustharnisch und in Beinschienen von Erz, sowie in einem Schilde, der gewöhnlich von Ochsenhaut, doch oft mit Erz überzogen war. Die Brust war durch einen Harnisch geschützt, an den sich ein Gürtel anschloß; die Beine waren durch eherne Schienen geschirmt. Die Schlachten wurden nicht durch allgemeinen Kampf, sondern mehr durch die Einzelkämpfe der anführenden Helden entschieden. Von den ersten neun Jahren des Krieges wissen wir sehr wenig, und nur die Geschichte des letzten Jahres ist uns aus den Gedichten Homers bekannt. Achilles und Patroklus. Außer Agamemnon und Menelaus war es noch eine Reihe von griechischen Helden,' die sich im Kampfe vor Troja auszeichneten. Vor allen ragte durch Tapferkeit, Schönheit und Schnelligkeit Achilles hervor, der Sohn des Peleus und der Meergöttin Thetis. Nach seiner Geburt wollte ihm seine Mutter die Unsterblichkeit verleihen und tauchte ihn daher in ein Feuer, um das Sterbliche an ihni zu vertilgen; dann übersalbte sie ihn mit Ambrosia. Achilles ward durch das Feuer unverwundbar bis auf die Ferse, an der ihn seine Mutter gehalten hatte, und die deshalb von dein Feuer nicht berührt worden war. Peleus brachte seinen Sohn zum weisen Chiron, um ihn zu einem Helden heranbilden zu lassen. Dieser nährte ihn mit den Eingeweiden der Löwen und dem Marke der Eber und Bären, wodurch er groß und kräftig wurde. Dem Achilles war vvm Schicksal bestimmt worden, entweder fern von Waffen und Kämpfen, aber auch unberühmt, in hohem Alter in der Heimat zu sterben oder in der Blüte der Jahre, doch mit unsterblichem Kriegsruhm gekrönt, in der Fremde zu fallen. Nun hatte Kalchas, der Wahrsager ini griechischen Heere, verkündet, daß Troja ohne Achilles nicht erobert werden könnte. Thetis aber Wünschte aus mütterlicher Liebe, ihren Sohn vor dem Kriege zu bewahren, damit er, wenn auch ohne Heldenruhm, in Ruhe und Frieden seine Tage verleben könnte, und brachte ihn daher zum König Lykomedes auf der Insel Skyros, wo er in Mädchenkleidern mit den Töchtern des Königs erzogen ward. Als der Ruf von dem Zuge der Griechen gegen Troja erscholl und die Fürsten auch ihn zur Teilnahme auffordern wollten, blieb ihnen sein Aufenthalt lange verborgen, bis es endlich dein schlauen Odysseus gelang, ihn aufzufinden und zum Kampfe zu bestimmen. Als Kaufmann verkleidet, kam jener nach der Insel Skyros an den Hof des Königs Lykomedes und breitete vor den Mädchen schöne Bänder, Armspangen, Ringe und andere Putzsachen aus, darunter aber auch Waffen. Die Töchter des Lykomedes griffen nach den Schmucksachen, Achilles nach den Waffen. Dadurch verriet er sein Geschlecht, und der ruhmbegierige Jüngling folgte gern der Einladung des Odysseus zum Zuge nach Troja. Dort war sein Heldenarm den Griechen von wesentlichem Nutzen; er allein erlegte eine Menge von Feinden und verwüstete dreiundzwanzig Städte. Leider aber brach im zehnten Jahre des Krieges zwischen ihm und dem Völkerfürsten Agamemnon, der ihm seinen Anteil an der Beute, die schöne Sklavin Briseis, entriß, ein verderblicher Zwist aus, der damit endigte, daß sich Achilles mit den Scharen seiner Myrmidonen, die er aus dem Phthierlande gegen Troja geführt hatte, von den übrigen Griechen gänzlich trennte und von allen Kämpfen fernhielt. So lag er denn tatenlos im Zelte, mit den Klängen der Zither sich die Zeit vertreibend, 156 und sah ruhig dem Kampfe zu, der schon in der Nähe des griechischen Lagers tobte; ihn rührte nicht die Not seiner Landsleute, und vergebens waren die Worte des beredten Odysseus, der, mit anderen Helden von Agamemnon gesandt, durch Bitten und Verheißungen den grollenden Göttersohn zu versöhnen suchte. Schon hatte er beschlossen, in weniger Tage Frist zum heimatlichen Phthierlande zurückzusegeln, als ihn der Tod des geliebten Freundes Patrotlus aus seiner trägen Nutze riß. Patroklus war in der Nüstnng des Achilles gegen die Trojaner zum Streite gezogen, als Hektor, des Priamus Sohn, der tapferste aller Trojaner, die Schiffe der Griechen anzuzünden im Begriff war; die Trojaner glaubten, den Achilles selbst zu schauen, flohen nach der Stadt, und viele sanken unter den Händen des verfolgenden Patroklus. Doch zu weit ließ er sich von seiner Kampflust fortreißen; der gewaltige Hektor selbst stellte sich ihm entgegen, und Patroklus erlag ihm im Streit. Als Achilles die Leiche seines teuren Gefährten sah, ward es Nacht vor seinen Augen; mit beiden Händen griff er nach den: schwarzen Staube und bestreute Haupt, Antlitz und Gewand. Dann warf er sich, so riesig er war, zu Boden und raufte sich das Haupthaar aus, und sein Jammergeheul schallte so fürchterlich in die Lüfte hinaus, daß seine Mutter die Stimme des Weinenden vernahm und, aus dem Meere auftauchend, zu ihrem Sohne eilte. Hier hörte sie sein Leid und seinen Entschluß, den gefallenen Freund zu rächen. Da aber seine Rüstung in Hektors Hände geraten war, begab sich die Meergöttin selbst in die Wohnung des Hephästus, des Schmiedegottes, der auf ihre Bitten dem Achilles eine neue prächtige Rüstung verfertigte. In der Volksversammlung versöhnte sich Achilles mit Agamemnon und ruhte nicht eher vorn Kampfe, bis er den Hektor erlegt und seinem Hingeschiedenen Freunde ein Totenopfer gebracht hatte. Hierauf wurde der Leichnam des Patroklus verbrannt und ihm zu Ehren glänzende Leichenspiele veranstaltet. Hektors Leichnam dagegen lag auf dem Felde, und am frühen Morgen spannte Achilles seine Rosse ins Joch, befestigte den Leichnam am Wagen und schleifte ihn dreimal um das Denkmal des Patroklus. Doch Apollo schützte den Leichnam vor Verwesung, und auch die andern Götter erbarmten sich über den Toten und bewirkten, daß Achilles ihn dem greisen Priamus zur Bestattung auslieferte. >57 Bald entbrannte der Kampf von neuern; Achilles erschlug viele Feinde und verfolgte die Trojaner bis vor die Stadt, bis ihn ein Pfeil des Paris irr die verwundbare Ferse traf und tötete. Der Leichnam wurde nach den Schiffen getragen; alle Griechen brachen irr laute, bittere Klagen aus, am meisten Ajar und der greise Phönir, der dem Helden nach Troja gefolgt war. Dann wuschen sie den Toten und hüllten ihn in schöne Gewänder; Athene aber träufelte ihm vorn Olymp einige Tropfen Ambrosia auf das Haupt, die ihn vor Verwesung bewahrten. So lag sein Leichnam frisch und wie der Körper eines Lebenden; aus seinem Antlitz lag der Ausdruck des Zornes über den Tod des Patrotlus. Auch Thetis, seine Mutter, entstieg den Tiefen des Meeres mit ihren Schwestern, Achte den Mund des teuern Sohnes und weinte, daß der Boden von ihren Tränen benetzt wurde. Die Griechen aber bauten aus vielen Bäumen einen Scheiterhaufen, schlachteten Opfertiere und spendeten Trankopfer, und bald verzehrten die Flammen den Leichnam. Seine Asche wurde neben der des Patrotlus versenkt, und Leichenspiele beschlossen die Feier. ö. Das hölzerne Pferd. Nachdem die Griechen zehn Jahre lang erfolglos vor Troja gekämpft hatten, nahmen sie endlich ihre Zuflucht zur List. Auf den Rat des Odysseus fällten sie auf dem waldreichen Jdagebirge hochstämmige Tannen, und nun zimmerte der kunstreiche Held Epeus ein mächtiges Rotz: znerst die Füße des Pferdes, dann den Bauch; über diesen fügte er den gewölbten Rücken, hinten die Weichen, vorn den Hals; über ihn formte er zierlich die Mähne, die sich flatternd zu bewegen schien; Kopf und Schweif wurden reichlich mit Haaren versehen, aufgerichtete Ohren an den Pferdekops gesetzt und leuchtende gläserne Augen unter der Stirne angebracht; kurz, es fehlte nichts, was an einem lebendigen Pferde sich regt und bewegt. So vollendete er mit Athenes Hilfe zur Bewunderung des ganzen Heeres das Pferd in drei Tagen. Nun stiegen die tapfersten Helden, Neoptolemus, der Sohn des Achilles, Menelaus, Diomedes, Odysseus, Philoktetes, Ajar und andere, zuletzt Epeus, der das Rotz verfertigt hatte, in den geräumigen Bauch des hölzernen Pferdes; die übrigen Griechen aber steckten Lager und Lagergerät in Brand und segelten dann nach der nahegelegenen Insel Tenedvs, wo sie ans Land stiegen. 158 Als die Trojaner den Rauch des Lagers in die Luft steigen sahen und auch die Schiffe verschwunden waren, strömten sie voll Freuden aus der Stadt nach dem griechischen Lager und erblickten hier das gewaltige hölzerne Roß. Während sie untereinander stritten, ob man das Wunderding in die Stadt schaffen oder den Flammen übergeben sollte, trat Laoloon, ein Priester des Apollo, in ihre Mitte und rief: „Unselige Mitbürger, welcher Wahnsinn treibt euch? Meint ihr, die Griechen seien wirtlich davongeschifft oder eine Gabe der Danaer verberge leinen Betrug? Kennt ihr den Odysseus so? Entweder ist irgendeine Gefahr in dem Rosse verborgen, oder es ist eine Kriegsmaschine, die von den in der Nähe lauernden Feinden gegen unsere Stadt angetrieben werden wird. Was es aber auch sein mag, traut dem Tiere nicht!" Mit diesen Worten stieß er eine mächtige eiserne Lanze, die er einem neben ihm stehenden Krieger entriß, in den Bauch des Pferdes. Der Speer zitterte im Holz, und aus der Tiefe ertönte ein Widerhall wie aus einer Kellerhöhle; aber der Geist der Trojaner blieb verblendet. Inzwischen schleppten Hirten einen Griechen herbei, der aus den Rat des schlauen Odysseus zurückgeblieben war, um durch eine ersonnene Erzählung die Trojaner über die Bestimmung des Pferdes zu beruhigen und um so sicherer ihrem Verderben entgegenzuführen. Vor den König Priamus gebracht, streckte Sinon — so hieß der Grieche — flehend die Hände gen Himmel und rief unter Schluchzen: „Wehe mir, welchem Lande, welchem Meere soll ich mich anvertrauen, mich, den die Griechen aus- gestoßen haben und die Trojaner niedermetzeln werden!" Die Seufzer rührten die Jünglinge selbst, die ihn anfangs als einen Feind gepackt und roh behandelt hatten. Alle Krieger traten teilnehmend herzu und hießen ihn sagen, wer und woher er sei, auch gutes Mutes sein, wenn er nichts Feindliches im Schilde führe. Jener ließ die erheuchelte Furcht endlich fahren und sprach: „Ich bin ein Argiver; das will ich ja nicht leugnen; wenn Sinon auch unglücklich ist, so soll er doch nicht zum Lügner werden. Die Griechen hatten mich den Göttern zu opfern beschlossen, um so eine glückliche Heimfahrt zu erkaufen. Da zerriß ich meine Bande, entfloh und versteckte mich, bis sie abgesegelt waren, im Schilfrohr eines nahen Sumpfes. In mein Vaterland und zu meinen Landsleuten kann ich nicht zurückkehren. Ich bin in eurer 159 Hand, und von euch hängt es ab, ob ihr mir großmütig das Leben schenken oder mir den Tod geben wollt, der mich von der Hand meiner eigenen Volksgenossen bedroht hat." Die Trojaner waren gerührt; Priamus sprach gütige Worte zu dem Heuchler und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wollte, was für eine Bewandtnis es mit dem hölzernen Rosse habe. Mit verstellter Arglist fuhr der Betrüger fort zu erzählen, daß die Griechen, um den Zorn der Athene, ihrer Schutzgöttin, zu versöhnen, die gewaltige Maschine aufgeführt hätten als Weihgeschenk der Göttin und zwar von so unermeßlicher Höhe, damit die Trojaner das Geschenk nicht durch ihre Tore in die Stadt bringen könnten, weil alsdann der Schutz der Göttin den Trojanern zuteil werden würde; wenn sich dagegen die Trojaner an dem hölzernen Pferde vergriffen, so würde diese Tat ihrer Stadt Verderben bringen. Priamus und die Trojaner schenkten dem Betrüger Glauben und wurden noch mehr von der Wahrheit seiner Erzählung überzeugt, als sich zu derselben Zeit ein Vorfall ereignete, in dem sie eine Bestrafung des Priesters Laokoon wegen seines frevelhaften Zweifels an der heiligen Bestimmung des Rosses sahen. Von der Insel Tenedos her kamen zwei ungeheure Schlangen mit blutroten Mähnen nach dem Lande zu, und ihre Leiber bewegten sich in großen Ringen durch das Meer. Laokoon stand gerade mit seinen beiden Knaben am Ufer und brachte ein Opfer. Da schössen die Ungetüme auf die Knaben zu und ringelten sich um ihre Körper, indem sie mit giftigen Zähnen das zarte Fleisch verwundeten. Als Laokoon den Knaben mit dem Schwerte zu Hilfe eilte, schlugen die Schlangen ihre ungeheuren Windungen auch um seinen Leib; vergebens suchte er, sich loszumachen; er erlag mit seinen Kindern den giftigen Bissen. Die Schlangen aber schlüpften schnell nach dem Tempel der Athene und verbargen sich unter der Bildsäule der Göttin. Nun zweifelten die Trojaner nicht mehr an dem heiligen Roß; sie rissen einen Teil ihrer Mauern ein und zogen das verhängnisvolle Geschenk jubelnd in ihre Stadt. Die Stimme der weissagenden Kassandra, die allein von allen das drohende Verderben ahnte, wurde überhört oder verachtet. Alle überließen sich der Freude bei Schmaus und Eelag; Musik und Gesang schallten durch die Räume der Stadt, und von Wonne und Wein berauscht, 160 sanken die Trojaner in tiefen Schlaf. Da lief Sinon an den Strand des Meeres und gab durch eine brennende Fackel den Griechen auf Tenedos das verabredete Zeichen. Hierauf öffnete er die Tür am Bauche des Rosses, und heraus stiegen die ge- waffneten Griechen. Sie verbreiteten sich durch die Straßen und Häuser der Stadt und richteten ein entsetzliches Blutbad an; Feuerbrände wurden in die Wohnungen geschleudert, und bald loderten die Dächer in hellen Flammen. Jetzt waren auch von Tenedos die Griechen angelangt und stürzten durch die offene Mauer in die Stadt, die sich nun mit Verwundeten, Toten und Sterbenden füllte. Neoptolemus tötete den greisen Priamus am heiligen Altare des Zeus; Hektors kleiner Sohn Astyanar ward aus den Armen der Mutter gerissen und vorn Turme hinabgeschleudert. Nur Nneas, ein tapferer Trojaner, entkam; er nahm seinen alten Vater Anchises auf den Rücken, seinen Sohn Askanius an die Hand und eilte durch die brennende Stadt über Leichen nach dem Meere. Es gelang ihm, nach langen Irrfahrten ein neues Vaterland in Italien zu gründen. Menelaus stürmte in den Palast seiner Gattin Helena und hätte sie in der ersten Wut vielleicht durchbohrt, wäre nicht sein Bruder Agamemnon dazwischen getreten. Lange noch brannten die Trümmer der eroberten Stadt, deren noch am Leben gebliebene Bewohner von den Griechen zu Sklaven gemacht wurden. 56. Hektar und Andromache. Karl Friedrich Becker. 1. Hektors Abschied. Zu Menelaus, dem König von Sparta, kam einst Paris, ein Sohn des Priamus, des Königs von Troja in Kleinasien, auf Besuch. Es gelang ihm, die Gattin des Menelaus, die anmuts- volle Helena, so zu betören, daß sie mit ihm entfloh. Uni den Schimpf zu rächen, forderte Menelaus alle Könige und Helden in Griechenland aus, mit ihm gegen Troja zu ziehen, und alle sagten ihm zu, so sein Bruder Agamemnon, der kluge Odysseus und der göttergleiche Achilles, der an Kraft alle andern weit übertraf. Als alle Hindernisse glücklich überwunden waren, landeten die Griechen bei Troja. 161 Die Trojaner hatten an Hektor, dein edlen Sohn des Priamus, einen löroentühnen und löroenstarten Vorkämpfer. So erhob sich ein langer, hartnäckiger Krieg, und jeder Versuch, die Stadt im Sturm zu nehmen, mißlang. Da geschah es, daß sich Achilles mit Agamemnon, den: Oberbefehlshaber der Griechen, entzweite. Grollend zog sich jener mit seinen Scharen zurück und nahm am Kampfe keinen Teil mehr. Jetzt gerieten die Griechen in Not, und die Trojaner wagten sich aus ihren Mauern heraus zur offenen Feldschlacht. Heftig wogte der Kampf zwischen den Trojanern und Griechen. Da verließ Hektor für kurze Zeit das Schlachtfeld, um seine Mutter Hekuba iHekabe) aufzufordern, dem Vater Zeus und der Athene Opfer zu bringen, auf daß sie den Trojanern auch fernerhin Sieg und Ruhm verliehen. Bevor er aber in den Streit zurückkehrte, eilte er in sein Haus, um sein liebes Weib und sein zartes Söhnchen noch einmal zu sehen; wußte er doch nicht, ob er sie jemals wiedersehen würde. Er fand seine Gattin nicht zu Hause. Eine Dienerin sagte ihm, sie sei auf den Trum am Mischen Tore gestiegen, um das Schicksal der Trojaner mit eigenen Augen zu sehen. Rasch begab er sich dorthin; doch nahe am Tore kam sie ihm schon entgegen, die sittsame, verständige Andromache, und hinter ihr ging eine Dienerin, die ihr das zarte Knäblein, den Astpanar, nachtrug. Die zärtliche Gattin vergoß Tränen bei seinem Anblicke, nahm ihn sanft bei der Hand und sprach zu ihm: „Böser Mann, dich tötet gewiß noch dein Mut. Bleibe doch endlich einmal bei uns, und habe Mitleid mit dem unmündigen Kinde und deinem unglücklichen Weibe! Ach, wenn ich dich verliere, wer soll mich schützen? Meine Mutter ist tot; meinen Vater und meine sieben Brüder hat mir Achilles erschlagen, und du gehst nun auch noch von mir, da die Achäer schon unsere Mauern bestürmen. Du bist mir Vater und Mutter und Bruder; ohne dich habe ich keinen Trost. O bleib' doch hier aus dem Turme und befehlige von hier aus das Heer, das du in der Nähe des Tores zum Schutze der Mauern und der Stadt aufstellen kannst!" „Liebes Weib, wie kann ich?" versetzte Hektor. „Ruht nicht auf mir das Heil der Stadt, und fordert nicht alles Volk meine Hilfe? Müßte ich mich nicht vor den Weibern schämen, wenn sie mich als müßigen Zuschauer auf der Mauer erblickten? Auch ii 162 verbietet mir das der eigene Mut. Freilich wird auch mein Kämpfen wohl fruchtlos sein; denn mir ahnt es im Geist: Einst wird kommen der Tag, da die heilige Jlios hinsinkt und der König samt dem lanzenkundigen Volke! Und dann wehe dir, armes Weib, wenn ein stolzer Achäer dich als Sklavin wegführt, daheim in Argos für seine Frau zu weben oder Wasser zu tragen aus der fernen Quelle, und wenn die Leute dich neugierig und herzlos angaffen und sagen: ,Das war Hektors Gattin, einst die hochgeehrte Trojanerfürstin, als die stolze Stadt noch stand!' — Ach, das zu hören, unglückliches Weib! Und ich kann dich dann nicht aus der Knechtschaft retten; denn ich vernehme deine Klage nicht mehr, weil meine Gebeine der Grabhügel deckt." Jetzt wandte er den Blick auf den zarten Knaben in den Armen der Wärterin; aber als er nun die seinen nach ihm ausstreckte, schrie das Kind und drückte das Köpfchen fest an den Busen des Mädchens. „Er fürchtet sich vor dem flatternden Helmbusche," sagte diese. Da nahm der Vater den Helm ab und legte ihn auf die Erde, und nun schaute er dem Knäblein freundlich ins Gesicht, und es ging willig in seine Arme. Da wiegte er's auf und ab mit herzlicher Vaterfreude, küßte es einmal und noch einmal und wandle inbrünstig flehend den Blick zum Himmel. „Gütige Götter," sprach er, „erfüllt mir das eine: Laßt dieses mein Söhnlein stark und brav werden, daß es vor andern immer sich auszeichne und dem Volke ein tapferer Hort sei, damit die Männer sagen, wenn er vom Treffen heimkehrt: ,Der kommt noch weit über seinen Vater!' Des möge sich dann die gute Mutter freuen!" Also sprach er und gab das Kind der weinenden Gattin zurück, die es sanft an ihren Busen drückte, unter Tränen lächelnd. Auch er wurde von Mitleid ergriffen, als er das sah. Er liebkoste das teure Weib mit der Hand und sagte tröstend: „Fürwahr, du mußt nicht allzusehr trauern im Herzen! Des Menschen Leben ruht in der Hand des Schicksals, und keiner wird mich wider des Geschicks Bestimmung hinab zu den Toten senden. Wem aber das Los einmal fällt, der muß folgen, sei er hoch oder niedrig. Geh darum jetzt an dein Geschäft; besorge Spindel und Webstuhl und gebiete den dienenden Weibern, daß sie fleißig arbeiten! Der Krieg gebührt den Männern und mir am meisten unter allen Trojanern." 163 Er nahm seinen Helm wieder auf und eilte von bannen. Auch sie ging mit dem Kinde; doch stand sie oft still, um dem trefflichen Manne nachzusehen. Als sie in ihr Gemach tam, da brachen erst die bittersten Tränen aus, und die dienenden Weiber schluchzten mit ihr; denn alle liebten sie und den edlen Hettor. Es ward viel von ihm gesprochen, und die Frauen, das Unheil ahnend, betrachteten ihn fast als einen, der schon gefallen wäre. 2. Zweikampf mit Achilles. Kampf auf Kampf war gefolgt. Die Trojaner waren bis an das Schiffslager der Griechen vorgedrungen; ja sie hatten sogar schon ein Schiff erstürmt und verbrannt, und noch immer hielt sich Achilles vom Feinde zurück. Erst als sein Freund Patroklus von Hektors Hand gefallen war, da stürmte auch er hinaus, sein Leid am Todfeinde zu rächen. Schon hatte er Hektor bis unter die Mauern Trojas zurückgedrängt; in hellen Scharen stürzten sich die geängstigten Trojaner durch die Tore in die Stadt; Hektor allein blieb draußen, entschlossen, den entscheidenden Kampf zu wagen. Achilles war unterdessen von Apollo, der die Gestalt eines trojanischen Helden angenommen hatte, in die Ebene hinausgelockt worden; da sich ihm der Gott aber zu erkennen gab, wandte er sich um und stürmte gegen die Stadt zurück, die Lanze auf der Schulter. Unmutig wie der Löwe, dem eine erwünschte Beute entsprungen ist, kam er daher, und seine Waffen glänzten im Strahle der Abendsonne wie ein leuchtender Stern am nächtlichen Himmel. Ihn sah von der Mauer herab der alte Priamus; da schlug er in banger Todesahnung sein graues Haupt, und ihm bebte das Herz, indem er des Sohnes draußen gedachte. „Lieber Sohn," rief er flehend mit ausgebreiteten Armen hinunter, „erwarte doch ja nicht den grausamen Mann, der noch weit stärker ist als du! Wie viele Söhne hat mir nicht der Entsetzliche schon gemordet oder nach fernen Inseln verkauft! Vermisse ich doch auch heute wieder meinen geliebten Polydorus und den Lykaon; ach, vielleicht hat auch diese heute sein furchtbarer Arm ereilt! Und nun willst du, mein Hektor, ihm entgegengehen, du einziger, auf den Trojas Volk noch sein Vertrauen setzt! O, komm schnell herein, ehe er dich erblickt, damit nicht auch du noch seinen Ruhm verherrlichest und von seiner Hand sterbest! Komin, erbarme dich meiner! Schon hat Zeus mein Alter mit unendlichem Grame 164 belastet, und raubt er nur dich noch, ach, dann erlebe ich's auch, wie sie hereinbrechen in die Burg, wie sie die Weiber Hinweg- reißen, die Kinder töten und plündernd Kammer und Truhen nach Schätzen durchwühlen. Ich selbst aber falle dann wohl unter ihren grimmen Streichen und liege dann vielleicht zerfleischt im Hofe, und die Hunde, die eigenen Hunde, die ich großzog, fressen mein Fleisch und schlürfen gierig mein Blut. Wohl steht es dem Jüngling an, im Kampfe für Weib und Vaterland zu bluten; aber wenn das graue Haupt von den gierigen Tieren im Staube zerrissen wird, das ist das kläglichste aller Jammergeschicke!" So rief unter Tränen der alte Vater; auch die Mutter klagte und schlug verzweifelnd an die Brust; aber sie konnten ihn nicht bewegen. Er blieb standhaft am Tor und erwartete den Achilles, wie die Schlange, in Ringeln zusammengerollt, seitwärts am Eingang ihrer Höhle auf den Wanderer lauert, auf den sie losstürzen will. „Nimmermehr," sprach er seufzend zu sich selbst, „darf ich so mich sehen lassen vor den Männern in der Stadt. Wie würde Polydamas mit gerechten Vorwürfen mich überhäufen, daß ich heute so viele der trautesten Freunde dem Tode geopfert habe! Wohl riet er gestern abend klüglich, uns bis in die Stadt zurückzuziehen; aber ich Rasender folgte ihm nicht und erwartete den Morgen auf offenem Felde; ja, ich vergaß mich, es allein mit Achilles aufzunehmen, und nun! Ach, nicht einen einzigen habe ich seiner mordenden Wut entreißen können, und ich bekenne es, ich selbst habe ihn aus Furcht vermieden; denn er ist gar zu gewaltig. Jetzt wahrlich muß ich die kühne Wette mit dem Schicksal wagen, damit nicht Trojas jammernde Weiber mich schelten, als hätte ich erst trotzend das Volk ins Verderben geführt und nachher feigherzig mich selbst geflüchtet. Ha! ehe das ein Schlechterer von mir sagen soll, falle ich lieber selbst, wenn ich den Fürchterlichen nicht besiegen kann. — Aber wie, wenn ich Schild und Helm auf die Erde legte, den Speer an die Mauer lehnte und so dem Helden entgegenginge, um einen friedlichen Vergleich ihm anzubieten? wenn ich ihm Helena und alle ihre Schätze zurückzuliefern verspräche und dazu die Hälfte aller Güter, die Trojas Fürsten in ihren Häusern verwahren?—Doch nein! ihm flehend zu nahen! das war ein unwürdiger Gedanke, er kennt ja kein Erbarmen und würde einen Waffenlosen niederschlagen wie ein Weib. Nein, 165 nicht plaudern will ich mit ihm; ich will kämpfen wie ein Mann! Und falle mir dann mein Los, wie es wolle: ich siege oder sterbe mit Ehren!" So bei sich erwägend, erwartete er den Feind. Aber was vermag der festeste Vorsatz gegen die Macht des Augenblicks? Kaum nahte der ungeheure Mann mit dem entsetzlichen Blicke und den gewaltigen Armen, kaum hörte Hektor sein wildes Hohngeschrei: so übermannte ihn plötzlich der Schrecken, und ein unbesiegbarer Trieb jagte ihn von- bannen und beflügelte seine Schenkel. Er floh längs der Stadtmauer hin wie die Taube, die dem Habicht entrinnen möchte; aber wie der Habicht mit stärkerer Kraft den schüchternen Vogel verfolgt, so auch Achilles den fliehenden Hektor. Bald rechts, bald links sprang jener ab, um den verfolgenden Läufer zu ermüden; aber umsonst. Jetzt rannten sie an der Warte vorüber, jetzt an dem Feigenbaum und jetzt bei den Quellen, neben welchen die steinernen Gruben für die Wäscherinnen waren. Und um die Stadt trieb ihn der gewaltige Verfolger; ja, noch einmal und zum drittenmal jagte er ihn herum, und so oft sich Hektor zur Mauer wandte, um etwa durch ein offenes Tor zu entschlüpfen, so oft sprang Achilles herzn und trieb ihn wieder ins offene Feld hinaus, selbst an der Seite der Stadt hinfliegend. Kamen sie aber an dem Orte vorbei, wo die Achäer noch auf ihre Lanzen gelehnt standen und der Entscheidung harrten, so winkte Achilles und verbot, daß nicht etwa jemand ein Geschah auf Hektor schlendere und ihm die Ehre des Sieges raube. Alle Götter sahen von der Höhe des Olymps dem schrecklichen Wettlaufe zu. Keiner durfte sich des armen Hektor annehmen; denn seine Stunde war gekommen, und dem Schicksale konnten auch die Götter nicht widerstreben. Zeus ergriff ruhig die Schicksalsroage und warf zwei Todeslose hinein, und siehe, sogleich sank die Schale mit Hektors Lose tief hinab, und damit verlieh ihn auch der Beistand der Götter. Als sie zum viertenmal die Quellen und den Waschplatz erreicht hatten, da auf einmal sprang von der Stadt her ein Mann dem Hektor entgegen, als wollte er ihm Hilfe bringen. Es war Dei'phobus, sein Bruder; der rief ihm zn: „Bruder, ich sehe deine Gefahr und komme, dir beizustehen. Stehe still und erwarte ihn dreist!" „Trauter Deiphobus, wie hast du's gewagt —" 166 „Aus Liebe zu dir; der Schmerz durchdrang mir die Seele, und Vater und Mutter weinten so sehr; das konnte ich nicht ansehen. Jetzt wirf; da ist er!" „Wohlan!" sprach Hektor und stellte sich dem Verfolger entgegen. „Halt, Sohn des Peleus!" rief er ihm zu; „länger fliehe ich vor dir nicht. Jetzt treibt mich das Herz an, dir zu stehen, mag ich dich töten oder fallen. Aber laß uns vor den allsehenden Göttern einen Bund schließen! Verleiht mir Zeus den Sieg, so werde ich dich nicht mißhandeln; sondern ich raube dir die Rüstung und lasse deinen Leib den Achäern, daß sie ihn rühmlich bestatten. So tue du mir auch!" Aber mit wutfunkelndem Blicke schrie Achilles ihm zur Antwort: „Nichts von Verträgen gesprochen, verhaßter Hektor! Macht auch der Löwe mit Rindern, der Wolf mit Lämmern Verträge? Siehe, so ist zwischen mir und dir auch nimmer an Vertrag oder Bündnis zu denken! Einer von uns muß heute fallen. Wehre dich, so gut du kannst; doch hoffe ich, du wirst mir nicht entrinnen, sondern nun auf einmal büßen, was du an meinen Gefährten verübt hast." Wort und Wurf waren eins. Aber Hektor, schnell aufs Knie sich werfend, vermied die entsetzliche Lanze, die weit über ihn hin in den Sand fuhr. Jetzt — denn neuer Mut kehrte ihm in die Seele — rief er freudig aufspringend: „Ha! weit gefehlt, du götter- gleicher Achilles! Die Götter wollen meinen Tod noch nicht, wie du wohl meintest, du törichter Schwätzer! Durch dnne großsprecherischen Drohungen wirst du mich nicht zur Flucht bewegen; ich werde standhalten und auf dich losgehen. Jetzt wahre deine Brust; denn nicht schwach soll uieine Lanze dich treffen!" Er warf den Speer mit gewaltigem Schwünge und verfehlte sein Ziel nicht; denn mit lautem Krachen fuhr die eiserne Spitze gegen den Buckel des Schildes und hätte Schild und Brust durchbohrt, wäre nicht der Schild aus des Hephästus Schmiede gewesen. Aber so prallte die Lanze zurück wie ein Ball, der gegen die Wand geworfen wird, und Hektor stand erschrocken da; denn er hatte nur die eine Lanze gehabt. Geschwind sah er sich nach Deiphobus um und forderte laut einen andern Spieß; aber niemand antwortete ihm, und der Bruder war nirgends zu sehen. Da ahnte er im Geiste sein Unglück. „Wehe mir!" rief er; „ein tückischer Gott in des Deiphobus Gestalt hat mich vorher getäuscht, und jetzt, da ich hoffte, er solle mich retten, ist er verschwunden!" In der letzten Verzweiflung ergriff er sein Schwert, entschlossen als Held zu tämpfen; aber Achilles hatte schon Hektors Lanze aufgehoben, und als sie gegeneinander rannten, erreichte der lange Speer natürlich leichter sein Ziel als das kurze Schwert. Über dem Panzer in den Hals getroffen, sank Trojas Hort, und sein grausamer Sieger und alle Achäer frohlockten. „Ha!" rief Achilles, indem er den Speer herauszog, „so stolz triumphiertest du noch gestern, als du in des Patroklus geraubtem Harnische gegen unsere Mauer drängtest, und heute liegst du so kraftlos vor der euer«! Wahrlich! du dachtest wohl nicht, das; dem Erschlagenen noch ein stärkerer Rächer bei den Schiffen verblieb! Doch ihn bestatten wir mit Ehren, wie es einem Helden gebührt, indes dich die Hunde und Geier verzehren!" „O!" stöhnte der schwer atmende Hektor, „ich bitte dich bei deinem Leben, ich beschwöre dich bei deinen Eltern: last doch nur nicht bei den Schiffen die Hunde mein Fleisch fressen, sondern nimm die Lösegeschenke, die mein Vater und meine Mutter dir reichlich darbieten werden, und gib mich den Meinigen zurück, damit Trojaner und Trojanerinnen daheim mir die letzte Ehre erweisen und auf dem Scheiterhaufen meine Gebeine verbrennen!" Aber mit fürchterlicher Stimme schrie Achilles ihn an: „Glaubst du, ich werde auf deine Bitten hören? Möchten die Trojaner auch zwanzigfältige Sühnung bieten; ja, wollte Priamus dich niit Gold aufwiegen: dennoch soll die Mutter dich nicht in weiche Gewänder hüllen und dich unter Wehklagen bestatten, sondern Hunden und Vögeln des Feldes will ich dich zum Fratze geben!" „Ach, das dachte ich wohl!" seufzte der sterbende Held; „denn ich kenne dich ja; du hast ein eisernes Herz. Aber bedenke, datz diese Härte dir noch den Zorn der Götter erwecken kann! Es wird ein Tag der Vergeltung über dich kommen." 168 57. Des Odysseus Heimkehr. Karl Friedrich Becker. 1. Ankunft im Palaste. Odysseus, einer der berühmtesten griechischen Helden vor Troja, schiffte sich nach der Eroberung dieser Stadt ein, um nach seiner Heimatinsel Jthaka zu seiner Gemahlin Penelope und seinem Sohne Telemach zurückzukehren; aber er wurde durch widrige Winde in die fernsten Gegenden verschlagen und bestand die seltsamsten und gefährlichsten Abenteuer. Zuletzt erlitt er Schiffbruch; seine Gefährten ertranken; er selbst rettete sich nach der Insel der Halbgöttin Kalypso. Endlich, nach zwanzig Jahren erreichte er Jthaka; aber er traf es in seinem Hause schlimm. Seine Gemahlin Penelope, die mit Sehnsucht seiner Rückkehr harrte, wurde von einer übermütigen Freierschar bestürmt, und weil sie keinem ihre Hand reichen wollte, verpraßten diese sein Hab und Gut. Odysseus beschloß, die Freier zu beobachten und zu diesem Zwecke sich als Bettler in dem Saale herumzutreiben, in dem sie schmausten. Sein einziger Vertrauter war sein Sohn Telemach; dieser begab sich zuerst zu den Freiern. Etwas später nahten auch Odysseus in Bettlergestalt und der treue Sauhirt Eumäus dem königlichen Hofe. Schon von außen drang ihnen der Duft der gebratenen Schweine und Rinder entgegen und das liebliche Saitenspiel, begleitet von der Stimme des Sängers Phemius. „Ha, man erkennt'?!" rief der Bettler mit einer wunderbaren Empfindung im Herzen, „man erkennt's, daß dies die prächtige Wohnung des Odysseus sein muß: innen Jubel und festliche Gelage und außen die Zinnen, die unbezwingliche Mauer und die weit sich streckenden Gebäude, in denen Zimmer an Zimmer sich reiht; vorn das Schloßtor mit zwei Flügeln — wahrlich, ein König muß hier Hausen, der an Ruhm und Reichtum viele übertrifft!" „Du hast recht," erwiderte der Sauhirt; „dies ist der Königs- sitz. Nun sage mir, willst du zuerst hineingehen, oder soll ich es tun? Aber zögere nicht lange! hier draußen möchte dich jemand schlagen oder werfen." „Gehe nur voran!" sagte der Bettler; „bald komme ich nach." Indem er das sagte, traten sie in den Vorhof. Siehe, da lag in eineni Winkel auf dem Kehricht ein alter Hund, mager und abgezehrt und starrend von Ungeziefer. Den hatte Odysseus das 169 Jahr vor seiner Abreise großgezogen und ihn zur Jagd abgerichtet; oft hatte er mit ihm, da er klein war, gespielt; aber seit er entfernt war, hatte sich niemand des Hundes angenommen, und nun war er so kraftlos, daß er nicht mehr kriechen konnte. Doch erkannte er noch am Gerüche den alten, lieben Herrn, so verändert der auch war; mühsam richtete er sich auf und wedelte mit dem Schwänze; als er aber herabspringen wollte, sank er matt in die Kniee. Odysseus erinnerte sich sehr wohl des treuen Tieres; er kehrte sich ab und wischte heimlich eine Träne vom Auge. Dann wendete er sich scheinbar gleichgültig zu Eumäus und sprach: „Siehe doch, Eumäus! da liegt ein schöner Hund auf dem Kehricht und kann nicht aufstehen. Was fehlt dem Tiere? Ist er krank?" „Du lieber Himmel!" antwortete der Sauhirt; „auch der sogar vermißt den lieben Herrn, um den wir alle trauern. Den hättest du sehen sollen vor zwanzig Jahren, ehe Odysseus fortzog. Da war er der Liebling des Herrn; er selber hat ihn zur Jagd abgerichtet, und da war wohl kein Wild so schnell, das dieser Hund nicht einholte, der sich trefflich auf die Fährten verstand. Aber seitdem bekümmert sich niemand um ihn; er muß sich kärglich im Hofe sein elendes Futter suchen, und das Ungeziefer zehrt ihn auf. Du weißt wohl, wie die Diener sind, wenn kein gestrenger Hausherr da ist, der sie zu ihrer Schuldigkeit anhält. Da werden sie saumselig und gehen nicht gern an die Arbeit." Mit diesen Worten ging der Sauhirt in das Haus; den Hund aber raffte der Tod dahin, sobald er seinen Herrn nach zwanzig Jahren wieder hatte sehen dürfen. 2. Odysseus und die Freier. Jetzt schlich auch Odysseus in das Haus und sehte sich still innerhalb des Saales auf die Schwelle nieder. Anfangs beachteten die Schmausenden ihn nicht; nur Telemachus, der ihn sogleich bemerkte, ließ ihm durch den Sauhirten Fleisch und Brot reichen. Er tat beides auf seinen schlechten Ranzen, der auf der Erde lag, und aß davon, während der Sänger den Freiern liebliche Lieder zur Laute sang. Als der Sänger verstummte, stand Odysseus auf und bettelte bei den Freiern einzeln herum, damit er sähe, welche von ihnen billig dächten, und welche hartherzig und grausam wären. Jeder 170 steckte ihm aus Mitleid etwas Fleisch in seinen Ranzen, und er bedankte sich viel nach Bettlerweise. Jetzt fingen sie unter sich zu reden an, wer der Alte wohl sei, und woher er kommen möge. „Der Sauhirt hat ihn hergeschleppt," rief der Ziegenhirt; „wer er übrigens ist, kann ich nicht sagen." „Höre, Sauhirt!" fing darauf der trotzige Antinous an, „du könntest etwas Besseres tun, als solch Gelichter ins Haus bringen. Haben wir nicht schon Landstreicher in Masse hier, die uns mit Betteln beschwerlich fallen? Ha! und ich meinte doch, es zehrten bereits Männer genug von den Gütern des abwesenden Herrn, daß man keine Bettler hereinzurufen brauchte." „Hm!" antwortete der Sauhirt, „so vornehm du bist, so schlecht ist deine Rede. Wer ruft doch wohl Herumziehende in ein Haus, wenn sie nicht von selber kommen? es müßten denn Künstler, Seher, Arzte oder Baumeister oder göttliche Sänger sein. Solche Bedürftige wie diesen ladet wohl niemand ein. Aber du bist ja von jeher hart gegen des Odysseus Gesinde und am meisten gegen mich gewesen; jedoch kann ich das leicht verschmerzen, so lange Penelope und Telemachus leben und meine einzigen Gebieter sind." „O still doch, Eumäus!" fiel Telemachus ein; „du weißt ja, daß Antinous nun einmal nichts sprechen kann, was nicht grob und beleidigend wäre. Ist das übrigens, Antinous, dein einziges Bedenken, daß die Gabe, die du den Armen reichst, von meinem Vorräte genommen wird, so scheue dich nicht, ihm zu geben! Weder meine Mutter noch ich sehen dazu scheel. Aber das ist ja doch deine wahre Gesinnung nicht; du willst nur lieber alles allein verzehren, als andern davon etwas zu schenken." „Ha, du trotziger, schmähsüchtiger Jüngling!" versetzte Antinous; „wenn ihm jeder Freier so viel zuwendete wie ich, so würde er in drei Monaten das Haus nicht wieder besuchen." Er begleitete diese Worte mit einem Griffe nach seinem Fußschemel unter dem Tische und wollte ihn eben dem Bettler an den Kopf werfen, als zum Glück ein Nachbar ihm in den Arm fiel. Odysseus wollte den unbändigen Mann noch weiter versuchen. Er trat jetzt selbst vor ihn hin und flehte ihn um eine Gabe an; ja, er suchte sein Herz zu rühren durch eine Erzählung seiner Wanderungen und Unfälle, wobei denn — versteht sich — Kreta 171 und Ägypten und diesmal auch die Insel Cypern oft genug vorkamen; aber bei ihm verfehlte er seinen Zweck gänzlich. „Hat man je einen frecheren, unverschämteren Bettler gesehen!" rief Antinous zornig. „Mach', daß du fortkommst, oder ich werde dir Ägypten und Cypern zeigen! — Verlangt der Gesell, man soll ihn von fremdem Gute füttern!" „Ei, ei!" sagte Odysseus mit Würde, „wahrlich, deine Gesinnung ist deiner Gestalt nicht gleich. Du reichst gewiß von dem Deinigen dem dich Ansprechenden nicht ein Körnchen Salz, da du nicht einmal hier, wo du an anderer Tische schwelgst, dich des Dürftigen erbarmst." „Unverschämter! Du sollst gewiß nicht heil aus diesem Saale entkommen, da du noch Schmähungen gegen mich redest!" rief Antinous jetzt im höchsten Zorn und warf aus aller Kraft dem armen Bettler den hölzernen Schemel an die Schulter. Odysseus aber — trotz des heftigen Schmerzes — zuckte nicht einmal, sondern stand wie ein Fels, ging dann langsam zu seiner Schwelle zurück und setzte sich, den gefüllten Ranzen öffnend. „Hört ein Wort von mir an, ihr Freier der weitgepriesenen Fürstin!" sprach er jetzt. „Wenn jemand im gerechten Kampfe für Freiheit oder Eigentum Wunden empfängt, das schmerzt nicht sehr; aber daß mich jetzt dieser Mann da mißhandelt hat, weil mich der Hunger zu betteln zwingt, das tut mir recht wehe. Wenn es noch Rachegöttinnen gibt, so muß ihn das Todesverhängnis ereilen, noch ehe er den Tag der Vermählung sieht." „Noch nicht ruhig?" erwiderte Antinous. „Ich rate dir, schweig und iß! oder ich zerfleische mit den Jünglingen dich hier im Saale." Alle andern aber hörten die harte Rede unwillig an und mißbilligten laut den Wurf mit dem Fußschemel. Telemachus hielt sich mit Mühe zurück, und selbst Penelope, die durch die offene Tür alles in ihrem Gemache hören konnte, hatte herzliches Mitleid mit dem Fremden, obgleich sie ihn noch nicht gesehen hatte. Eumäus, der treffliche Sauhirt, ging zu ihr und erzählte ihr von dem Manne, lobte seinen Verstand und seine Denkart und machte ihr Hoffnung, von ihm etwas Näheres über ihren Gemahl zu erfahren; denn der Fremde rühme sich, einst sein Waffengefährte vor Troja gewesen zu sein. „O, daß er käme, mein edler Gemahl!" rief Penelope; „daß er schon hier wäre um dem Elend ein Ende zu machen, das 172 mein unglückliches Haus nun schon so lange drückt! Ha, erscheint er nur erst, gewiß, er wird mit dein wackern Sohne den Freiern die Frevel vergelten, wie sie's verdienen!" In diesem Augenblicke nieste Telemachus unten so laut und deutlich, daß man's im obern Gemache vernahm. Da freute sich die Königin und rief: „Hört ihr? Es wird mir doch endlich noch alles nach Wunsch erfüllt; eben jetzt hat mein Sohn meine Worte beniest." „Aber rufe mir doch, lieber Eumäus, den fremden Mann herauf," fuhr Penelope fort, „daß ich ihn selbst ausforsche! Gern will ich ihn zum Dante kleiden mit Mantel und Rock, wenn er mich von der quälenden Ungewißheit befreien könnte, in der ich nun so lange schon seufze." Der Sauhirt ging in den Saal und verkündete den: Bettler Penelopes Wunsch; aber der kluge Mann fand für gut, die Erfüllung desselben auf den Abend zu verschieben, wenn die lästigen Gäste, die alles beachteten, sich entfernt haben würden. Die Königin billigte die weise Vorsicht des Mannes und geduldete sich gern. Odysseus blieb bescheiden auf seiner Schwelle sitzen, während die Gäste, deren keiner den Wirt in ihn: ahnte, sich nach vollendeten: Schmause mit Liedern und Tänzen erlustigten, deren Anblick ihn: weit weniger Freude machte, als er sich merken ließ. Sehnlich wünschte er, daß sie nach Hause giugen, damit er endlich sein liebes Weib sehen könne; aber ehe es dahin kam, sollte er noch ein seltsames Abenteuer bestehen. Schon seit längerer Zeit pflegte sich abends um die Stunde des Mahles in dem Hause des Odysseus ein Bettler einzufinden, Jrus mit Namen, den die Freier gern beschenkten, weil er ihnen oft zun: Ziel ihrer Späße diente, sich alles gefallen ließ, kleine Bestellungen machte und Botendienste verrichtete. Er war eine lange, hagere Gestalt; aber trotz der unersättlichen Eier, womit er täglich in dem fremden Hause sich mästete, hatte er doch keine Kraft in den Gliedern. Jetzt kau: er eben herangeschritten und wunderte sich höchlich, seinen Platz auf der Schwelle schon besetzt zu finden. Er sah den runzlichten, kahlköpfigen Greis mit Verachtung und Arger an, nnd im Vertrauen auf seine Größe und anf den Beistand der'Freier fuhr er den Nebenbuhler trotzig an: 173 „Weg hier von der Türe, oder ich schleppe dich bei den Beinen fort! Gleich aufgestanden! — Nun? wird's bald? - - Höre, Kerl, mach', daß du fortkommst, oder es gibt einen Zweikampf zwischen uns beiden!" Odysseus sah den kecken Wicht an und sprach mit finsterem Blicke: „Elender, was habe ich dir denn zuleide getan? Ich mißgönne dir ja gar nicht dein Geschenk und werde dich wahrlich nicht darum bringen; aber die Schwelle hat ja Raum genug für uns beide. Wahrlich, es steht dir schlecht an, neidisch bei fremden Leuten zu sein; denn du scheinst mir ein armseliger Flüchtling, wie ich selber es bin. Doch von dem Faustkampfe schweig' ja still; denn so alt ich bin, so könnt' ich dir vielleicht im Zorne noch eins versetzen, daß du das Wiederkommen vergäßest! Da hätt ich auf einmal Ruhe vor dir." „Ei sieh, wie der Lump noch prahlt!" rief Jrus erhitzt; „wie einem Waschweibs geht ihm das Maul! Ha, du Schuft! ich will dir's gedenken; ich habe große Lust, dir die Kinnbacken einzuschlagen, daß dir die Zähne auf die Erde fallen sollen. Komm her und gürte dich, daß alle Leute es sehen, wie ich dich zerschlagen werde! So ein alter Krüppel will mit einem jüngern Manne den Kampf wagen! Hahaha!" Bisher hatten die Freier vor ihrem eigenen Lärmen nichts von dem Bettlergezänke gehört; aber jetzt ward Antinous, der zunächst an der Türe saß, aufmerksam darauf, und als er den höhnenden Herausforderungen der beiden einen Augenblick zugehört hatte, wendete er sich mit schallendem Gelächter zu den andern Freiern und rief überlaut: „Freunde, ich bitte euch, seht her; solch einen Spaß haben wir hier noch nicht erlebt! Der Fremde dort und Jrus fordern sich auf die Faust. Kommt heran! wir wollen sie noch tüchtig gegeneinander hetzen." Alle lachten laut auf. „Hahaha! ein Bettlergefecht! Das müssen wir sehen. Nur zu! immer frisch!" Sie sprangen alle von ihren Plätzen auf und stellten sich rings um die beiden in einen weiten Kreis. „Hört mich an!" rief Antinous; „ich will euch etwas sagen: hier sind noch Ziegenmagen, mit Blut und Fleisch und Fett gefüllt und auf glühenden Kohlen am Spieße gebraten; wer von den beiden Barern siegt, der soll sie haben und künftighin auch immer hier 174 frei bei uns zechen und zehren; ja, wir wollen ihm das Vorrecht geben, daß kein anderer Bettler diese Schwelle betreten darf." „Trefflich! ja, so soll's sein!" riefen sie alle beistimmend. „Nun schlagt zu! Hahaha!" Da stand Odysseus langsam auf, als wäre er lahm an allen Gliedern. „Liebe Herren," sprach er mit erkünstelter Schüchternheit, „so ein alter Mann, den das Elend entkräftet hat, — es ist fast hart, daß er sich mit einem jüngeren messen soll, welcher so groß und wohlgenährt ist; aber weil ihr doch einen solchen Preis darauf gesetzt habt, lieber Himmel, was würde ich da nicht wagen, da ich so arm und verlassen bin! Meinetwegen, ich tue es; aber zuvor schwört mir, daß keiner dem Jrus beistehen oder mir zum Schaden in den Kampf sich mischen will!" Alle schwuren's, und zugleich trat Telemachus, jubelnd im Herzen, hervor und sprach: „Fürchte nichts, Alter, und wenn du dich sonst getraust, so treibe ihn frisch hinweg! Ich bin hier Wirt; wer dich verletzt, hat's mit mir zu tun und mit Antinous und Eurymachus; denn beide Helden sind meiner Meinung." Alle wiederholten die Zusage, und nun machte sich Odysseus fertig. Er gürtete seine Lumpen um die Mitte des Leibes und zwischen die Schenkel zusammen und erschien nach Kämpfersitte mit nackten Schultern, Armen und Beinen. Und was für Glied- maßen zeigten sich da! Kraftvollere Schenkel und schwellendere Arme und eine breitere Brust hatte wohl der stärkste Jüngling in der Versammlung nicht auszuweisen, als eben der runzlichte Greis aus seinen Lumpen hervorstreckte. Ei, ei, du armer Jrus! dachte mancher jetzt, der es vorher nicht geglaubt hatte; die Sache kann doch schlimm ablaufen. Jrus selbst ahnte es fast, und gern hätte er sein erstes, trotziges Wort zurückgenommen; aber leider war es gesprochen, und nun galt kein Zurücknehmen mehr. Da er noch immer zauderte, gürteten die Diener ihm die Kleider um den Leib und führten ihn hervor. Er zitterte an Händen und Füßen. „Elender Wicht!" rief Antinous, der sich durchaus das Schauspiel nicht versagen wollte, zornig aus, „du fürchtest dich vor dem alten, greisen Manne, den das Elend so entkräftet hat? Ja, fürwahr, ich schwöre dir's, wo du zurückweichst, so packe ich 175 dich auf ein Schiff und schicke dich nach Epirus, wo die Barbaren dir Nase und Ohren abschneiden sollen!" Dann riß er ihn mit Gewalt auf den Platz. Das Gefecht begann. Da überlegte Odysseus, ob er dem Unglücklichen mit kräftiger Faust den Schädel einschlagen oder ihn nur leicht mit mäßigem Hiebe zu Boden strecken solle. Er beschloß klüglich das letztere, damit nicht die Zuschauer zu sehr erstaunten und vielleicht Argwohn schöpften. Jrus schlug aus und traf des Gegners Schulter; aber gleich darauf erhielt er selbst einen Schlag unter das Ohr. Mit entsetzlichem Geschrei sank er nieder, preßte beide Hände vor das Gesicht und schlug mit den Füßen vor Schmerz den Boden. Da erhoben die Freier ein unbändiges Gelächter. Aber Odysseus zog den Besiegten bei den Beinen hinaus in den Hof und sehte ihn dort in einen Winkel, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt; seinen Stab holte er nach und gab ihm denselben in die Hand. „Hier sitze, mein guter Freund," sprach er, „und verscheuche die Hunde und Schweine; vor allen Dingen werde nach der Züchtigung klüger!" Er warf sich die Kleider wieder gehörig um Schultern und Lenden und hängte auch den Ranzen um, den häßlichen, geflickten, mit dem geflochtenen Tragbande. So ging er hinein und nahm seinen Platz auf der Schwelle ein. Da kamen sie alle lachend heran und schüttelten ihm die Hände. Antinous legte ihm zuerst den Ziegenmagen mit dem wurstähnlichen Inhalt auf den Ranzen, wozu Amphinomus ihm zwei Brote aus dem Korbe reichte und einen Becher trefflichen Weines einschenkte, den er ihm mit herzlichem Handschlage zutrank und mit einem Glückwünsche auf bessere Zeiten begleitete. Bis in den späten Abend dauerte das Zechen und der Reigentanz; drei Leuchtgeschirre wurden aufgestellt und Scheite darein gelegt, den Saal zu erhellen; Odysseus aber schürte selber die Flammen und hatte acht auf alle und sann auf Taten, die er alsbald vollenden sollte. Endlich zerstreuten sich die Gäste, und Odysseus hieß nun Telemachus mit ihm die Waffen aus dem Saale in eine entlegene Kammer tragen, und Athene selber hielt die goldene Lampe hoch, ihnen zu leuchten, daß Telemachus staunte, wie die Wände des Saales, die fichtenen Balken, die schönen Gesimse und ragenden 176 Säulen im Feuerschein erglänzten. Nun kam Penelope aus den, Schlafgemache herab, Artemis gleich oder der goldprangenden Aphrodite, und die Mägde stellten ihr den Sessel, mit Elfenbein und Silber geschmückt, zum Feuer hin und für Odysseus einen andern ihr gegenüber. Da klagte sie dem Alten ihr Leid, und dieser tröstete sie und erzählte, wie er Odysseus in Kreta gesehen und bewirtet habe, und beschrieb ihr als Wahrzeichen dessen purpurnen Mantel, woran eine Schnalle von getriebenem Golde war, einen Hund darstellend, der ein Rehkalb mit den Vordersätzen gepackt hat. So erzählte er auch anderes noch, Ersonnenes und Wahres mischend; ihr aber entströmten heitze Tränen. Es erbarmte Odysseus im Herzen des klagenden Weibes; doch um seines Planes willen verhielt er die Tränen; nur versicherte er und schwur ihr zu bei Zeus, dem höchsten der Götter, und bei des Odysseus gastlichem Herde, datz die Zeit der Vollendung nahe sei und Odysseus kommen werde, sobald der alte Mond geschwunden, und ehe der neue erschienen sei. Nun befahl Penelope der treuen Schaffnerin Eurykleia, dem Fremden die Fütze zu waschen. Diese nahm das blanke Becken, gotz frisches Wasser hinein und mengte heitzes dazu, trat heran und begann die Waschung; da plötzlich bemerkte sie die Narbe einer alten Wunde, die dem Odysseus einst ein Eber mit weitzem Zahne gehauen, als er mit Autolykus, seiner Mutter Vater, in den Schluchten des Parnassus jagte. Die Alte erkannte die Narbe und lietz den Futz fahren; er schlug in das Becken, datz es klirrend umfiel und das Wasser den Boden netzte. Freude und Schmerz zugleich ergriffen ihr Herz; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und die Stimme wollte ihr versagen. Sie fatzte Odysseus am Kinn und sprach: „Wahrlich, du bist Odysseus, geliebtes Kind, und ich habe dich nicht früher erkannt, bis ich meinen Herrn mit Händen berührt!" Sprach's und wandte sich zu Penelope, um ihr zu künden, datz der treue Gatte im Hause sei. Doch Odysseus pretzte mit der rechten Hand der Alten die Kehle, und mit der andern zog er sie an sich heran und flüsterte: „Mutter, willst du mich verderben, den du an deiner Brust genährt, und der ich nun nach vielen Drangsalen heimgekehrt? Da du nun alles erfahren, und ein Gott es dir geoffenbart, so schweig, datz kein Mensch im Hause es erfahre!" Das gelobte die Treue, und alle gingen zur Ruhe. 177 :>. Der Wettkampf. Der folgende Tag war ein Festtag des Apollo. Schon früh waren die Mägde rührig nn Hause; die Hirten brachten Mastvieh vom Lande; denn für die Freier mußte ein festliches Mahl bereitet werden. Auch in der Stadt wurde das Fest begangen; Herolde führten die geweihte Hekatombe durch die Straßen, und die Achäer scharten sich im schattigen Haine Apollos. Auch Odysseus erhielt heute einen Anteil am Mahle; aber die Freier ließen nicht von der Beschimpfung ab, und Ktesippus schleuderte höhnend einen Kuhfuß nach dem Bettler; der aber wich dem Wurfe aus, und Telemachus verwies dem Übermütigen streng seine Tat. Da nahm Agelaus das Wort und mahnte, die harten Reden zu lassen; Telemachus solle die Mutter bestimmen, dem Besten die Hand zu reichen, da doch auf des Odysseus Heimkehr nimmermehr zu rechnen sei, und alle sollten in Frieden scheiden. Ihm erwiderte der verständige Telemachus und sprach: „Nein, bei Zeus und bei den Leiden meines Vaters, der irgendwo fern von Jthaka untergegangen ist oder umirrt! ich verzögere der Mutter Vermählung mit Nichten; ja, ich heiße sie wühlen, wen sie mag, und gebe dem noch reichliche Gaben zu." Jetzt gab es die Göttin Athene Penelopen in die Seele, den Freiern den Bogen, den Odysseus daheim gelassen, als er nach Jlion auszog, zum Wettkampf vorzulegen. Sie schritt nach dem Saale, den Bogen und den pfeilgefüllten Köcher in der Hand; die Mägde aber trugen einen Kasten mit viel Eisen und Erz, Kampfgerät des Königs. Sie trat an den Pfosten der Türe, den Schleier vor die Wangen gebreitet, Mägde zur Seite, und sprach also zu den Freiern: „Höret mich, edle Freier, die ihr in dies Haus, dessen Herr so lange fort ist, eingedrungen seid, zu schmausen und zu zechen, und vorgebt, ihr wollet mich ehelichen und zur Gattin machen! Nun denn, ihr Freier, so gelte es einen Wettkampf! Da ist der mächtige Bogen des göttlichen Odysseus; welcher ihn am leichtesten spannt und den Pfeil durch wölf Arte hindurchschießt, dem folgend will ich das schöne, reiche Haus meines Jugendgemahls verlassen, nur im Traume daran zurückdenkend." So sprach sie und hieß Eumäus, den wackern Hirten, den Freiern den Bogen hinlegen und das graue Eisen. Weinend gehorchte Eumäus, und auch Philötius, der Rinderhirt, weinte, 12 als er des Königs Bogen erblickte; Teleniachus aber zog eine Furche und stellte die Arte auf, eine nach der andern, und richtete sie nach der Schnur. Die Freier versuchten nun der Reihe nach, den Bogen zu spannen; doch reichte ihnen die Kraft nicht dazu. Sie meinten zu helfen, wenn sie den Bogen mit zerlassenen. Fette bestrichen; aber auch dies war vergebens. Indes hatte Odysseus den Rinder- und den Schweinehirten beiseite genommen und sich ihnen entdeckt, Eumäus aber aufgetragen, die Türen des Saales und des Hofes zu schließen. Dann trat er heran und bat die Freier, auch ihn sich an dem Bogen versuchen zu lassen. Höhnend wies ihn Antinous ab, er sei trunken und schwatze albernes Zeug, was ihm schlecht bekommen werde. Penelope aber verwies ihn, dies Wort; dem Fremden solle die Bitte gewährt sein; er werde doch nicht danach trachten, sie heimzuführen und zur Gemahlin zu machen; aber ein schönes Gewand, Spieß und Schwert solle er haben und Geleit, wohin er wolle, wenn ihm der Versuch gelänge. Da nahm Telemachus das Wort: er habe über den Bogen zu bestimme,,, keiner sonst auf der Insel; die Mutter solle in das Frauengemach gehen und ihre Geschäfte besorgen. Sie staunte ob seiner Rede und gehorchte; Athene aber goß ihr süßen Schlummer auf die Wimpern. Jetzt nahm Eumäus den Bogen und reichte ihn Odysseus dar unter tobendem Geschrei der Freier. Der schwang ihn leicht und prüfte, ob nicht Würmer das Horn zernagt hätten, als er ferne war. Dann spannte er den Bogen leicht wie ein Mann, der, kundig der Leier und des Gesanges, an, neuen Wirbel eine Saite aufspannt, an beiden Seiten den Schafdarm befestigend. Er nahm ihn in die Rechte und prüfte die Sehne; hell erklang sie wie die Stimme der Schwalbe. Da ergriff die Freier ein banges Grauen, und allen wandelte sich die Farbe. Ein Donnerschlag erscholl, ein Zeichen des Zeus, und Odysseus griff nach dem Pfeil, der vor ihm lag, zog die Sehne an, und von, Sessel aus schnellte er den Pfeil, und nicht eins der Ohre fehlte er von, ersten bis zum letzten; durch alle hindurch fuhr der eherne Pfeil. Da sprach er zu dem Sohne: „Traun, Telemachus, der Fremdling in deinem Saale macht dir keine Schande; nicht habe ich das Ziel gefehlt, noch mich lange mit den, Spannen abgemüht; noch ist meine Kraft nicht hin, wie die stolzen Freier höhnten. Doch jetzt ist die Stunde gekommen, den Achäern das Nachtmahl bei 179 Tageslicht zu bereiten und auf Tanz und Saitenspiel zn denken, wie es zum Mahle gehört." Sprach's und winkte mit den Brauen. Da nahm Telemachus das scharfe Schwert um, ergriff den Speer und trat zum Sessel, mit dem blanken Erze gerüstet; desgleichen taten die Hirten. Nun schlug Odysseus die Lumpen zurück, sprang auf die hohe Schwelle, den Bogen und den vollen Köcher in der Hand, schüttelte die schnellen Geschosse vor den Füßen aus und rief den Freiern zu: „So wäre denn dieser schwere Wettkampf beendet; jetzt will ich mir ein anderes Ziel ersehen, wie es noch niemand getroffen, wenn Apollo mir Ruhm gewährt!" Sprach's und richtete auf Antinous den bittern Pfeil. Der wollte gerade den schönen Becher von Gold, den doppeltgehenkelten, ansetzen und hielt ihn schon in der Hand, von dem Weine zu trinken; da traf ihn des Odysseus Pfeil an der Kehle, und die Spitze drang durch den zarten Nacken. Er stürzte; der Becher fiel ihm aus der Hand; ein dicker Blutstrahl schoß ihm aus der Nase, und mit dem Beine zuckend, stieß er seinen Tisch um, daß die Speisen, Brot und Fleisch, den Boden bedeckten. Als aber die Freier den Mann fallen sahen, lärmten sie durcheinander, fuhren von den Sitzen auf und stürmten durch den Saal, nach den Waffen an den Wänden suchend; doch da war kein Schild noch fester Speer herunterzuholen. Zornig fuhren sie Odysseus an: „Das war ein unseliger Schuß, Fremdling! Es ist dein letzter Wettkampf gewesen. Jetzt ist's um dich geschehen; den du erschossen, war der erste der jungen Edlen von Jthaka; dafür sollen dich die Geier fressen!" So wähnten die Toren, er habe jenen ohne Absicht erschossen, und ahnten nicht, daß ihnen allen der Untergang verhängt war. Grimmigen Blickes rief ihnen Odysseus zn: „Ihr Hunde! Dachtet ihr gar nicht daran, ich könnte einmal wiederkehren aus der Trojer Land in die Hemmt, daß ihr mein Haus verwüstetet und um mein Weib bei meinen Lebzeiten warbet ohne Furcht vor den Göttern, die den weiten Himmel innehaben, und ohne Scheu vor dem Unwillen der Menschen? Nun ist euch allen der Untergang verhängt." Jetzt erhob sich ein grauses Würgen. Athene schüttelte den Sturmschild hoch von der Decke her. Entsetzt rannten jene durch die Halle wie Ninder der Herde, welche die schwirrende Bremse angreift und jagt im Frühlinge, wenn die Tage länger werden. Und wie Habichte des Gebirges mit scharfen Krallen und krummen 180 Schnäbeln die kleinen Vöglein anfallen, die angstvoll aus den Lüften aufs Gefilde niederflattern, und sie im Stoße erlegen, daß es keine Abwehr und kein Entrinnen gibt, so fielen Odysseus und die Seinen die Freier an; das Stöhnen der Getroffenen erscholl durch die Halle, und der ganze Boden dampfte von Blut. Nun hielt Odysseus Unischau, daß ihm keiner der Freier lebend entrinne. Doch er fand sie allesamt in ihrem Blute am Boden; wie Fische, welche der, Fischer im maschenreichen Netze aus dem grauen Meer ans Gestade gezogen, und welche, auf dem Sande liegend und nach der Woge schmachtend, unter des Helios Strahlen ihr Leben lassen, so lagen die Freier hingestreckt auf dem Boden der Halle. 4. Odysseus und Penelope. Da rief Odysseus Eurykleia herbei, und als sie die Toten und die Blutlachen sah, jauchzte sie auf und jubelte über das große Werk; doch Odysseus hielt sie zurück und sprach: „Im Herzen birg deine Freude, Weib; halt an dich und juble nicht! denn gottlos ist es, zu frohlocken über erschlagene Menschen. Diese sind durch der Götter Fügung um ihres ruchlosen Tuns willen gefallen; ihnen galt kein Mensch auf Erden etwas, der ihnen nahte, bös oder gut; so haben sie sich durch ihren Frevel dies schmähliche Ende zugezogen." Drauf hieß er die Mägde die Leichen hinaustragen und in den Hallen des inneren Hofes eine über die andere niederlegen, den Boden aber und die schönen Sessel und Tische mit Wasser und lockeren Schwämmen reinigen, und Eurykleia brachte Schwefel und Feuer und räucherte im Saale, in den Gemächern und im Hofe. Dann stieg sie zum Söller hinauf, um der Herrin zu verkünden, daß der treue Gemahl daheim sei; eilig regten sich ihre Kniee und Füße; sie trat ihr zu Häupten und sprach: „Wach' auf, Penelope, geliebtes Kind, daß du mit Augen schauest, wonach du Tag für Tag verlangt! Odysseus ist gekommen und weilt im Hause, der spät Heim- gekehrte, und hat die stolzen Freier erlegt, die das Haus ihm verwüstet, das Gut verpraßt und den Sohn bedrängt haben." Ihr antwortete die sinnige Penelope: „Lieb Mütterchen, dich haben die Götter betört, welche auch Einsichtige töricht und die Albernen klug zu machen vermögen; sie müssen dir's angetan haben, da du sonst verständigen Sinnes warst. Was spottest du 181 meiner in meiner tiefen Trauer mit solchem Geschwätz und weckst mich aus dem süßen Schlummer, der mir die lieben Wimpern bedeckte? So tief habe ich noch niemals geschlafen, seit Odysseus nach dem unseligen Jlion, des Name vertilgt sei, ausgezogen. Nun geh hinab nach dem Saale zurück! Hätte mir eine andere meiner Frauen solche Meldung gebracht und mich im Schlafe gestört, so hätte ich sie hart angelassen und weggeschickt; dich schützt diesmal dein Alter." Und es antwortete die geliebte Amme Eurykleia: „Wie sollte ich dein spotten, geliebtes Kind! Nein wahrhaftig! Odysseus ist gekommen und weilt im Hause, wie ich sage; der Fremde, den alle im Saale beschimpft, war niemand anders als er. Telemach wußte es längst, daß er gekommen sei; aber klug hielt er des Bakers Vorhaben geheim, um der übermütigen Männer Gewalttat zu ahnden." So sprach sie. Da ergriff jene die Freude; sie sprang vorn Lager auf, umarmte die Alte, und Tränen entströmten ihr. Doch nochmals wurde sie irre an der Nachricht und wollte mit eigenen Augen schauen, was geschehen. Sie stieg vom Söller herab und überschritt die steinerne Schwelle. Odysseus gegenüber sehte sie sich in des Feuers Schein; der aber saß an der hohen Säule, den Blick zu Boden gesenkt, und wartete, ob die untadelige Gemahlin ihn anreden werde, da sie ihn nun mit Augen schaute. Doch sie saß lange stumm, und Staunen hatte ihr Herz befangen: bald meinte sie, ihn von Gesicht zu erkennen; bald schien er ihr fremd, da ihn schlechtes Gewand bedeckte. Erst, als ihr Odysseus Wahrzeichen nannte, die nur sie kannte, da erbebten ihr die Kniee nnd das Herz; weinend flog sie ihm um den Hals, umschlang ihn mit den Armen, küßte sein Haupt und sprach: „Zürne mir nicht, Odysseus! du warst ja immer der einsichtigste der Menschen. Mit Jammer haben uns die Götter heimgesucht, die uns nicht gönnten, daß wir vereinigt des Jugendglückes genössen und das friedliche Alter erwarteten. Zürne mir nicht und verarg' es mir nicht, daß ich beim ersten Anblick dich nicht also begrüßte! Mir schaudert das Herz im innersten Busen davor, es könnte ein Mensch daherkommen und mich mit Worten täuschen; denn es gibt ja viele, die auf Trug sinnen." So sprach sie und erregte ihn: noch mehr die süße Wehmut, und wie Schwimmende freudig das Land begrüßen, denen Poseidon das feste Schiff in, Meer zerschellt in Sturm und Wogenschwall, 182 so freudig schaute jene dem Gatten ins Antlitz, und nimmer wollte sie die weißen Arme von seinem Nacken lösen. 5. Odysseus und Laörtes. Am Morgen aber brach Odysseus nach dem Eartenlande auf, wo Laertes wohnte, der teure Vater. Dort stand dessen Haus; ringsum lagen die Wohnungen des Gesindes, in denen die fleißigen Knechte bei der Mahlzeit sitzen und schlafen; die aber waren ausgezogen, Dornsträucher zu Hecken des Gartens zu sammeln. Nachdem Odysseus die lange Vaumreihe hinabgeschritten, traf er den Vater allein im wohlgepflegten Garten, wie er ein Gewächs umgrub. Er hatte ein schmutzig Gewand an, geflickt und ärmlich; um die Beine Schienen, aus Rindsleder genäht, und Handschuhe an den Händen zum Schutze vor den Dornen; auf dein Kopfe trug er eine Kappe von Geißfell. Als ihn Odysseus erblickte, so verkommen vor Alter und Kummer, da mußte er Tränen vergießen; doch gab er sich nicht sogleich zu erkennen. Er trat an den Alten heran, begrüßte ihn und lobte die Pflänzling und den rastlosen Fleiß des Greises; dann erzählte er, einst habe er einen Mann aus Jthaka bewirtet, der Laertes seinen Vater nannte. Da ergriff jenen die Wehmut, und mit beiden Händen streute er Staub auf sein Haupt und schluchzte. Jetzt übermannte es Odysseus; er flog auf ihn zu, umarmte und küßte ihn und rief: „Ich bin es ja selber, um den du weinst, mein Vater, nach langer Trennung zur Heimat wiedergekehrt; laß ab vom Weinen und vorn tränenreichen Schmerze und vernimm die Kunde: die Freier habe ich in unserm Hause erschlagen und so die herbe Schmach und die bösen Taten gerächt!" Aber Laertes antwortete: „Bist du wirklich Odysseus, mein Sohn, so nenne mir ein deutliches Wahrzeichen, daß ich es glaube!" Da erwiderte der kluge Odysseus: „Schaue mit Augen zuerst die Narbe, die mir am Parnassus ein Eber mit weißem Zahne gehauen, als du und die würdige Mutter mich zu Autolykus, dem lieben Vater der Mutter, gesandt hattet, Gaben zu empfangen, die er mir zugesagt hatte! Dann will ich dir die Bäume im wohlbestellten Garten nennen, die du mir einstens als Kind geschenkt; ich bat dich darum, als wir im Garten wandelten. Wir traten an die Bäume heran, und du zeigtest und nanntest mir jeden; Birnbäume gabst du mir dreizehn und zehn Apfelbüume, Feigenbäume vierzig 183 und versprachst mir fünfzig Reihen Weinstöcke mit Trauben aller Art, die zu verschiedenen Zeiten reifen." Da erbebten jenem die Kniee und das Herz, als er die Wahrzeichen vernahm, die Odysseus ihm ansagte; er schlug die Arme um den teuren Sohn, und der hielt den Ohnmächtigen umfangen. 58. Siegfrieds Tod. A. F. C. Vilmar. Um die der Brunhild widerfahrene Kränkung zu rächen, haben die Burgundenhelden Siegfrieds Untergang beschlossen. Zwar hat der jüngste von Kriemhilds Brüdern, König Giselher, die Tat widerraten; auch Günther, in dessen Herzen die Dankbarkeit gegen den Gast aus Niederland noch nicht ganz erloschen ist, schwankt anfangs; doch es siegt des grimmen Hagen tückischer Plan, den edlen Recken meuchlings zu morden. Es soll ein falsches Kriegsgerüchte verbreitet, das Heer aufgeboten und, da man voraussetzt, datz Siegfried sich der Heerfahrt nicht entziehen werde, der Held auf diesem Kriegszuge erschlagen werden. Die Vorbereitungen zur Heerfahrt sind in vollem Gange; auch Siegfried rüstet sich. Da begibt sich der ungetreue Hagen zu Kriemhild, um der Sitte gemätz von ihr Abschied zu nehmen. „Hagen, du bist mein Verwandter, ich die d einige. Wem soll ich in dem Kriege, der bevorsteht, das Leben meines Siegfried besser anvertrauen als dir? Schütze mir meinen lieben Mann! ich befehle ihn dir auf deine Treue. Zwar ist er unverwundbar; aber als er sich im Blute des Drachen badete, fiel ihn: zwischen die Schulterblätter ein Lindenblatt, so daß diese Stelle vom Blute unberührt, mithin verwundbar blieb. Schütze diese Stelle, wenn ein Speer auf ihn angeflogen kommt!" — „Wohl!" sagte der Tückische; „um das besser zu können, nähet mir, königliche Frau, ein Zeichen auf diese Stelle seines Gewandes, damit ich genau wisse, wie ich ihn zu schützen habe!" Und die Arglose näht mit eigener Hand aus feiner Seide ein Kreuz auf das Gewand ihres Gatten — sie näht selbst sein blutiges Todeszeichen. Tags darauf beginnt der Kriegszug, und Hagen reitet nahe an Siegfried heran, um zu sehen, ob die Gattin in ihrer blinden, grenzenlosen Liebe arglos genug gewesen sei, das Zeichen einzusetzen. Siegfried trägt es wirklich, und nun ist die Heerfahrt nicht 184 mehr nötig; Hagen hat aus den Händen der Gattin das, was er will, mehr, als er erwarten tonnte. Die Gefolgsmannschaft wird statt in den Krieg zu einer großen Jagd entboten; noch einmal sieht hier Siegfried seine treue Gattin, sie ihn — zum letztenmal. Bange Ahnungen, schwere Träume beängstigen ihre Seele wie damals, als sie in ihrer Kindheit von dem Falken und den Adlern träumte. Jetzt hat sie zwei Berge auf Siegfried fallen und ihn unter den stürzenden Bergestrümmern verschwinden sehen. Siegfried tröstet sie: niemand trage Haß gegen ihn und könne Haß gegen ihn tragen; allen habe er Gutes erwiesen; in kurzen Tagen komme er wieder. Was sie fürchtet, wen sie fürchtet, weiß sie nicht. Hagen, den einzigen, vor dem ihr vielleicht bangt, glaubt sie gewonnen zu haben; aber sie scheidet mit dem Worte: „Daß du von mir scheiden willst, das tut mir von Herzen weh." Die Jagd ist beendet. Die Helden und vorab Siegfried, der das meiste Wild erlegt, sind von dein Rennen in der Sommerhitze müde und durstig; doch ist weder Wein mehr vorhanden noch der Rheinstrom in der Nähe, um aus ihm die ersehnte kühle Labung zu schöpfen. Aber Hagen weiß nahe im Walde einen Brunnen; dahin, rät' er, könne man ziehen. Man bricht auf, und schon hat man die breite Linde im Gesicht, unter deren Wurzeln der kühle Quell entspringt. Da beginnt Hagen: „Man hat viel davon gesagt, daß dem schnellen Siegfried, Kriemhilds Mann, niemand folgen könne im eiligen Laufe; wollte er uns das doch sehen lassen!" — „Laßt uns," entgegnete Siegfried, „zur Wette laufen nach dem Brunnen; ich werde mein Jagdgewand, auch Schwert, Ger und Schild behalten; legt ihr die Kleider ab!" Es geschieht; der Wettlauf beginnt. Wie wilde Panther springen Hagen und Günther durch den Waldklee; aber Siegfried ist weit zuerst zur Stelle. Ruhig legt er nun Schwert, Bogen und Köcher ab, lehnt den Ger an der Linde Ast, setzt den Schild neben den Brunnen und wartet, bis der König auch herangekommen sei, um ihn zuerst trinken zu lassen; aber diese ehr- erbiekige Sikte enkgalt er mit dem Tode. Günther kommt heran und trinkt; nach ihm beugt sich auch Siegfried zum Brunnen nieder. Da springt Hagen herzu und trägt in raschem Sprunge die Waffen, die er erreichen kann, Schwert, Bogen und Köcher abseits. Den Ger behält er selbst in der mörderischen Fanst, und indem Siegfried noch die letzten Züge an dem Brunnen ein- schlürft, schleudert Hagen den Ger, Siegfrieds eigene Waffe, durch das Kreuz, das Siegfried im Rücken trägt, so das; von dem Herzblut des herrlichen Helden des Mörders Gewand überströmt wird. Wütend springt der Todwunde auf von dein Brunnen; zwischen den Schulterblättern ragt die lange Eerstange aus seinem Leibe hervor. Er greift nach Bogen und Schwert — er findet keine Waffe. Da faßt er den Schild, der dicht neben ihm liegt, und den Hagen nicht hatte beiseite schaffen können, und stürzt auf diesen los. Grimmig schlägt er mit dem Schilde auf den Mörder, das; die Edelsteine, mit denen der Schild besetzt war, herausgesprengt werden. Er schlägt so furchtbar, das; Hagen zu Boden stürzt und der Schild zerbricht. Der Wald hallt wider von der Wucht der Schläge, welche die Hand des sterbenden Helden auf das Haupt seines Mörders fallen läßt. Da erbleicht seine lichte Farbe; die Füsze wanken; die Stärke des Heldenleibes zerrinnt: der Tod hat ihn gezeichnet. Kriemhilds Gatte fällt dahin in die Blumen, und in breiten Strömen stürzt das Herzblut aus der Todeswunde. Mit der letzten Kraft wendet er sich zornig zu seinen Mördern: „Ihr Feiglinge, was helfen nun meine Dienste, da ihr mich erschlagen habt? So also habt ihr meine Treue gelohnt und schlimmes Leid an euern Blutsverwandten getan!" Alle Ritter des Burgunden- gefolges eilen jetzt herbei zu der Mordstätte und umstehen im Kreise den sterbenden Helden. Manche Klage wi,rd laut — der Sterbende schweigt. Da läßt auch der Burgundenkönig einen Ton der Klage um den Gefallenen vernehmen, und jetzt regt sich noch einmal das bittere Leid des Lebens in der schon in den Todesschlummer versinkenden Seele. „Das ist nicht not," spricht der Todwunde, „das; der nach dem Schaden weinet, der den Schaden getan hat." Der grimme Hagen aber höhnt die Klagenden und zugleich noch den schmählich Ermordeten: „Ich weis; nicht, was ihr klagt. Nun hat ja alles ein Ende, was wir an Leid und Sorgen getragen haben; nun leben nur noch wenige, die gegen uns aufzutreten wagen dürfen. Wohl mir, das; ich gegen diesen da Recht geschafft!" Und noch einmal redet der Held mit sterbender Stimme zu dem Mörder: „Ihr habt es leicht, Euch zu rühmen; hätte ich Euern Mordsinn erkannt, vor Euch hätte ich mich wohl schützen wollen. Mich jammert nichts so sehr als Kriemhild, mein Weib, und wehe, das; ich einen Sohn habe, dem man nachsagen 186 wird, das; seine nächsten Verwandten jemand durch Mord erschlagen haben!" Der Name der treuen Gattin ist über die Lippen des Sterbenden gegangen, und um ihretwillen wendet er sich zum letztenmal an seine Mörder, ihr die letzte Sorge, den letzten Gedanken, den letzten Atemzug widmend. „Wollt Ihr," redet er Günther an, „edler König, noch einmal in Euerem Leben gegen jemand Treue beweisen, so latzt Euch mein liebes Weib anbefohlen sein! Laßt es sie genießen, daß sie Eure Schwester ist; sorgt für sie treulich, wie es Fürstensitte gebietet! Auf mich warten vergebens mein Vater und meine Mannen." Weit umher sind die .Waldblumen von dem Blute des Erschlagenen rot genetzt; jetzt beginnt der Todeskampf. Doch nicht lange ringt er; die Todeswunde ist zu schwer. Siegfried ist tot. Da heben die Herren den Leichnam des Helden, alter Sitte und Ehre gemäß, auf einen goldroten Schild und tragen ihn gen Worms an den Rhein. Manche unter ihnen reden davon, daß man, um den Schandfleck des Verwandtenmordes zu verhehlen, sagen solle, Räuber hätten ihn erschlagen; aber da ruft Hagen zornig aus: „Ich will ihn selbst nach Worms bringen; was kümmert es mich, wenn Kriemhild erfährt, daß ich ihn erschlagen habe! Sie hat Brunhild, meine Herrin, so schwer gekränkt, daß ich es gering achte, sie mag weinen, so viel sie will." Und der entsetzliche Hagen läßt den Toten, sowie man in der Nacht zu Worms angekommen ist, vor die Tür des Hauses legen, in dem Kriemhild wohnt; er weiß wohl, daß sie selbst gleich am frühen Morgen, wenn sie ihrer Gewohnheit nach zur Mette geht, ihn da finden wird. Furchtbar gelingt die Freveltat. Ein Kämmerer geht mit dem Lichte voran und sieht den Leichnam. „Herrin," sagt er, „steht stille! da liegt vor dem Schlafgemach ein erschlagener Ritter." Ein lauter Schrei des Entsetzens ist Kriemhilds Antwort. Sie weiß, wer da erschlagen liegt, ohne daß man es ihr gesagt hat, und als sie den Erschlagenen sieht — so tief er vom Blut übergössen ist, sie kennt wohl auch im bleichen Fackelschein die Heldengestalt und die edlen, im Tode erstarrten Züge. „Du bist ermordet," ruft sie; „dein Schild ist nicht zerhauen ! dem gilt es den Tod, der das getan!" Siegfrieds Mannen und Siegfrieds Vater werden geweckt; lauter Jammer erfüllt weit und breit die Säle und Höfe, und zur Rache scharen sich die Getreuen des erschlagenen Helden. Mit Mühe wehrt ihnen Kriem- 187 hild, es sei jetzt noch nicht Zeit znr Rache — dereinst werde sie kommen. Als der Tote auf der Bahre liegt, kommen die Könige, ihre Bruder, und die Verwandten; auch Hagen tritt ohne Scheu hinzu. Kriemhild aber wartet an der Bahre des Bahrrechts — einer Volkssitte und eines Volksglaubens, der noch heute nicht aus- gestorben ist: wenn der Mörder dem Gemordeten nahe trete oder gar dessen Leichnam berühre, öffneten sich die Wunden, und das Blut fließe von neuem — und als Günther ihr eben einzureden sucht, fremde Mörder hätten ihn erschlagen, da tritt Hagen heran, und die Wunden fließen. „Ich kenne die Räuber wohl," ruft die Anne, „und Gott wird die Tat an ihnen rächen!" — Der Leichnam ist eingesargt und wird zu Grabe getragen; Kriemhild folgt, mit unnennbarem Jammer bis zum Tode ringend. Noch einmal aber begehrt sie das schöne Haupt des Geliebten zu sehen, und der köstliche Sarg, aus Gold und Silber geschmiedet, wird aufgebrochen. Da führt man sie herbei, und mit ihrer weißen Hand hebt sie noch einmal das Heldenhaupt empor und drückt einen Kuß auf die bleichen Lippen. — Man trug sie von dannen. Der edle Held wurde begraben. 5S. Der Schwanritter. Brüder Grimm. Herzog Gottfried von Brabant war gestorben, ohne männliche Erben zu hinterlassen; er hatte aber in einer Urkunde gestiftek, daß sein Land der Herzogin und seiner Tochter verbleiben sollte. Hieran kehrte sich jedoch Gottfrieds Bruder, der mächtige Herzog von Sachsen, wenig; sondern er bemächtigte sich aller Klagen der Witwe und der Waise unerachtet des Landes, das nach deutschem Rechte auf keine Weiber erben könne. Die Herzogin beschloß daher, bei dem Könige zu klagen, und als bald darauf Karl nach Niederland zog und einen Tag zu Nimwegen am Rheine halten wollte, kam sie mit ihrer Tochter dahin und begehrte Recht. Dahin war Pich der Sachsen Herzog gekommen und wollte der Klage zu Antwort stehen. Es ereignete sich aber, daß der König durch ein Fenster schaute. Da erblickte er einen weißen Schwan; der schwamm den Rhein herauf und zog an einer silbernen Kette, die hell glänzte, 1X2 ein Schifflein nach sich. In dein Schiff aber ruhte ein schlafender Ritter; sein Schild war sein Hauptkissen, und neben ihm lagen Helm und Halsberg. Der Schwan steuerte gleich einem geschickten Seemanne und brachte sein Schiff an das Gestade. Karl und der ganze Hof verwunderten sich höchlich ob diesem seltsamen Ereignis; jedermann vergaß der Klage der Frauen und lief hinab dem Ufer zu. Unterdessen war der Ritter erwacht und stieg aus der Barke; wohl und herrlich empfing ihn der König, nahm ihn selbst zur Hand und führte ihn gegen die Burg. Da sprach der junge Held zu dem Vogel: „Flieg deinen Weg wohl, lieber Schwan! wann ich deiner wieder bedarf, will ich dich schon rufen." Sogleich schwang sich der Schwan und fuhr mit dem Schiffleiu aus aller Augen weg. Jedermann schaute den fremden Gast neugierig an; Karl ging wieder ins Gestühl zu seinen: Gericht und wies jenem eine Stelle unter den Fürsten an. Die Herzogin von Vrabant hub in Gegenwart ihrer schönen Tochter nunmehr ausführlich zu klagen an, und hernach verteidigte sich auch der Herzog von Sachsen. Endlich erbot er sich zum Kampfe für sein Recht, und die Herzogin sollte ihm einen Gegner stellen, das ihre zu bewähren. Da erschrak sie heftig; denn er war ein auserwählter Held, an den sich niemand wagen würde. Vergebens ließ sie im ganzen Saale die Augen umgehen; keiner war da, der sich ihr erboten hätte. Ihre Tochter klagte laut und weinte; da erhub sich der Ritter, den der Schwan ins Land geführt hatte, und gelobte, ihr Kämpfer zu sein. Hierauf rüstete man sich von beiden Seiten zum Streit, und nach einen: langen und hartnäckigen Gefecht war der Sieg endlich auf feiten des Schwanritters. Der Herzog orn Sachsen verlor sein Leben, und der Herzogin Erbe wurde wieder frei und ledig. Da neigten sie und die Tochter sich dem Helden, der sie erlöst hatte, und er nahm die ihm angetragene Hand der Jungfrau mit dem Beding an, daß sie nie und zu keiner Zeit fragen solle, woher er gekommen und welches sein Geschlecht sei; denn außerdem müsse sie ihn verlieren. Der Herzog und die Herzogin bekamen zwei Kinder^. Die waren wohl geraten; aber immer mehr fing es an, ihre Mutter zu drücken, daß sie gar nicht wußte, wer ihr Vater war, und endlich tat sie an ihn die verbotene Frage. Der Ritter erschrak herzlich und sprach: „Nun hast du selbst unser Glück zerbrochen 189 und mich am längsten gesehen." Die Herzogin bereute es, aber zu spät; alle Leute fielen zu seinen Füßen und baten ihn zu bleiben. Der Held waffnete sich, und der Schwan kam mit demselben Schifflein geschwommen; darauf küßte er beide Kinder, nahm Abschied von seinem Gemahl und segnete das ganze Volk; dann trat er in das Schiff, fuhr seine Straße und kehrte nimmer wieder. Der Frau ging der Kummer zu Bein und Herzen; doch zog sie fleißig ihre Kinder auf. Von diesen stammen viel edle Geschlechter, die von Geldern sowohl als von Kleve, auch die Rienecker Grasen und manche andere; alle führen den Schwan im Wappen. 60 . Frauerisand. Bruder Erlmm. Westlich im Zuidersee wachsen mitten aus dem Meere Gräser und Halme hervor an der Stelle, wo die Kirchtürme und die stolzen Häuser der vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichtum hatte die Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maß ihrer Übeltaten erfüllt war, gingen sie bald zugrunde. Fischer und Schiffer am Strande des Zuidersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt. Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut, hart gegen die Menschen, strebte sie bloß, ihre Schätze immer noch zu vermehren; Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren Zeit man Amsterdam noch nicht nannte und Rotterdam ein kleines Dorf war, hatten den Weg der Tugend verlassen. Eines Tages rief diese Jungfrau ihren Schiffsmeister und befahl ihm, auszuführen und eine Ladung des Edelsten und Besten mitzubringen, was aus der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewöhnt an pünktliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand zornig aus ihrem Worte und hieß ihn alsbald in See stechen. Der Schiffsmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab. Er wußte nicht, wie er dem Geheimnis seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte, nachkommen möchte, und überlegte hin und her, was zu tun. Endlich dachte er: „Ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizens bringen. 190 Was ist Schöneres und Edleres zu finden auf Erden als dies herrliche Korn, dessen kein Mensch entbehren kann!" Also steuerte er nach Danzig, befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann, immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine Heimat zurück. „Wie, Schiffmann?" rief ihm die Jungfrau entgegen; „du bist schon hier? Ich glaubte dich an der Küste von Afrika, um Gold und Edelstein zu handeln. Latz sehen, was du geladen hast!" Zögernd — denn an ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde — antwortete er: „Edle Frau, ich führe Euch den köstlichsten Weizen zu, der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden." — „Weizen?" sprach sie; „so ein elendes Zeug bringst du mir?" — „Ich dachte, das wäre so elend nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt." — „Ich will dir zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist. — Von welcher Seite ist dein Schiff geladen?" — „Von der rechten Seite," sprach der Schiffsmeister. „Wohlan! so befehl' ich dir, datz du zur Stunde die ganze Ladung auf der linken Seite in die See schüttest. Ich komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden ist." Der Seemann zauderte, einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an der Gabe Gottes versündigte, und berief in Eile alle armen und dürftigen Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und fragte: „Wie ist mein Befehl ausgerichtet?" Da fiel eine Schar Armer auf die Kniee vor ihr, und sie baten, datz sie ihnen das Korn austeilen möchte, lieber, als es oom Meere verschlingen zu lassen; aber das Herz der Jungfrau war hart wie Stein, und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunigst über Bord zu werfen. Da bezwäng sich der Schiffsmeister nicht länger und rief laut: „Nein, diese Bosheit kann Gott nicht länger ungerächt lassen, wenn es wahr ist, datz der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft. Ein Tag wird kommen, wo Ihr gerne die edlen Körner, die Ihr so verspielt, eins nach dem andern auflesen möchtet, Euern Hunger damit zu stillen!" — „Wie?" rief sie mit höllischem Gelächter; „ich soll dürftig werden können? Ich soll in Armut und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in die Tiefe der See werfe!" Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring vom Finger 101 und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet. Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frau zu Markte, kaufte einen Schellfisch und wollte ihn in der Küche zurichten. Als sie ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn ihrer Frau. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf, ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte sei gestrandet! Wenige Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf sie noch reichere Ladungen hatte; ein anderes Schiff raubten ihr die Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt war, vollendete bald ihr Unglück, und kaum war ein Jahr verflossen, so erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffsmeisters in allen Stücken. Arm, von keinem betrauert, von vielen verhöhnt, sank sie je länger je mehr in Not und Elend; hungrig bettelte sie Brot vor den Türen und bekam oft keinen Bissen; endlich verkümmerte sie und starb verzweifelnd. Der Weizen aber, der in das Meer geschüttet worden war, sproß und wuchs das folgende Jahr; doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das Warnungszeichen; sondern die Ruchlosigkeit von Stavoren nahm von Jahr zu Jahr überhand. Da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den Ziehbrunnen, und in der Nacht öffnete sich die See und verschlang mehr als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinahe jedes Jahr versinken einige Hütten der Insassen, und es ist seit der Zeit kein Segen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends auf Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch; die Ähre gleicht der Weizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es grünt, liegt längs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen als den des Frauensands. 192 61. Die Ueberfahrt der Seelen. Heinrich Heine. In Ostfriesland, an der Küste der Nordsee, stand das einsame Hans eines Fischers, der dort mit seiner Familie ruhig und genügsam lebte. Die Natur ist dort traurig; kein Vogel pfeift außer den Seemöven, welche manchmal mit einem fatalen Gekreische aus den Sandnestern der Dünen hervorfliegen und Sturm verkünden. Auch die Menschen singen dort nicht, und an jener melancholischen Küste hört man nie die Strophe eines Volksliedes. Die Hauptsache für den Fischer war der Fischfang und dann und wann das Fährgeld der Reisenden, die nach einer der umliegenden Inseln der Nordsee übergesetzt sein wollten. Zu einer bestimmten Zeit des Jahres, just um die Mittagsstunde, wo eben der Fischer mit seiner Familie, das Mittagsmahl verzehrend, zu Tische saß, trat ein Reisender in die große Wohnstube und bat den Hausherrn, ihm einige Augenblicke zu vergönnen, um ein Geschäft mit ihm zu besprechen. Der Fischer erfüllte das Begehr, und beide traten beiseite an ein Erkertischchen. Der Fremde war ein schon bejahrtes, aber doch wohlkonserviertes Männchen, die Wänglein rot wie Borsdorfer Apfel, die Äuglein lustig nach allen Seiten blinzelnd, und auf dem gepuderten Köpfchen saß ein dreieckiges Hütlein. Der Mann trug ein seidenes, papagei- grünes Röckchen, eine blumengestickte Weste, kurze schwarze Höschen, gestreifte Strümpfe und Schnallenschuhe. Seine Stimme war kurzatmig und manchmal ins Greinende überschlagend; doch war der Vortrag und die Haltung des Männleins gravitätisch gemessen, wie es einem holländischen Kaufmann ziemte. Er war nämlich, wie er sagte, Spediteur und hatte von einem seiner Handelsfreunde den Auftrag erhalten, eine bestimmte Anzahl Seelen, soviel in einer gewöhnlichen Barke Raum fänden, von der ostfriesischen Küste nach der weißen Insel zn fördern. Zu diesem Behufe nun, fuhr er fort, möchte er wissen, ob der Schiffer in der kommenden Nacht die erwähnte Ladung mit seiner Barke nach der Insel übersetzen wolle; für diesen Fall sei er erbötig, ihm das Fährgeld gleich vorauszuzahlen, zuversichtlich hoffend, daß jener seine Forderung recht billig stellen werde. Der Fischer stutzte einigermaßen bei dem Worte „Seelen", und es rieselte ihm ein bißchen kalt über den Rücken, da er gleich merkte, daß von den Seelen der Verstorbenen die Rede sei. 1S3 Sein geheimes Grauen dauerte aber nur einen Augenblick; die unheimliche Empfindung unterdrückend, gewann er bald seine Fassung, und mit dem Anschein des größten Gleichmuts war er nur darauf bedacht, das Fährgeld so hoch als möglich zu steigern. Nach einigem Feilschen verständigten sich beide über den Fährlohn; sie gaben einander den Handschlag zur Bekräftigung der Übereinkunft, und der Holländer, welcher einen schmutzigen ledernen Beutel hervorzog, angefüllt mit lauter ganz kleinen Silberpfennigen, den kleinsten, die je in Holland geschlagen worden, zahlte die ganze Summe des Fährgeldes in dieser putzigen Münz- sorte. Indem er den Fischer noch anwies, gegen Mitternacht, zu der Zeit, wo der Mond aus den Wolken hervortreten würde, sich an einer bestimmten Stelle der Küste mit seiner Barke ein- zufinden, um die Ladung in Empfang zu nehmen, verabschiedete er sich bei der ganzen Familie und trippelte mit leichtfüßigen Schritten von dannen. Um die bestimmte Zeit befand sich der Fischer an dem bestimmten Orte mit seiner Barke, die anfangs von den Wellen hin und her geschaukelt wurde; aber nachdem der Vollmond sich gezeigt, bemerkte der Schiffer, daß sein Fahrzeug sich minder leicht bewegte und immer tiefer in die Flut einsank, so daß am Ende das Wasser nur noch eine Handbreit vom Rand entfernt blieb. Dieser Umstand belehrte ihn, daß seine Passagiere jetzt an Bord sein müßten, und er stieß ab mit seiner Ladung. Er mochte noch so sehr seine Augen anstrengen, doch bemerkte er im Kahne nichts als einige Nebelstreifen, die sich hin und her bewegten, aber keine bestimmte Gestalt annahmen und ineinander überflössen. Er mochte auch noch so sehr horchen, so hörte er doch nichts als ein unsäglich leises Zirpen und Knistern. Nur dann und wann schoß schrillend eine Möve über sein Haupt, oder es tauchte neben ihm aus der Flut ein Fisch hervor, der ihn blöde anglotzte. Es gähnte die Nacht, und frostiger wehte die Seeluft. Überall nur Wasser, Mondschein und Stille, und schweigsam wie seine Umgebung war der Schiffer, der endlich an der weißen Insel anlangte und mit seinem Kahne still hielt. Auf dem Strande sah er niemand; aber er hörte eine schrille, kurzatmig keuchende und greinende Stimme, worin er die des Holländers erkannte. Derselbe schien ein Verzeichnis von lauter Eigennamen abzulesen; unter diesen Namen waren dem Fischer 13 194 manche bekannt und gehörten Personen, die in demselben Jahre verstorben waren. Während der Ablesung dieses Namensverzeichnisses wurde der Kahn immer leichter, und lag er eben noch so schwer im Sande des Ufers, so hob er sich jetzt plötzlich leicht empor, sobald die Ablesung zu Ende war, und der Schiffer, welcher daran merkte, daß seine Ladung richtig in Empfang genommen war, fuhr wieder ruhig zurück zu Weib und Kind, nach seinem lieben Hause in der Bucht. 62. Das Licht der treuen Schwester. Karl Müllenhoff. An dem Ufer einer Hallig wohnte einsam in einer Hütte eine Jungfrau. Vater und Mutter waren gestorben, und der Bruder war fern auf der See. Mit Sehnsucht im Herzen gedachte sie der Toten und des Abwesenden und harrte seiner Wiederkehr. Als der Bruder Abschied nahm, hatte sie ihm versprochen, allnächtlich ihre Lampe ans Fenster zu setzen, damit das Licht, weithin über die See schimmernd, wenn er heimkehre, ihm sage, daß seine Schwester Elke noch lebe und seiner warte. Was sie versprochen, das hielt sie. An jedem Abend stellte sie die Lampe ans Fenster und schaute Tag und Nacht auf die See hinaus, ob nicht der Bruder käme. Es vergingen Monde, es vergingen Jahre, und noch immer kam der Bruder nicht. Elke ward zur Greisin. Immer saß sie noch am Fenster und schaute hinaus, und an jedem Abend stellte sie die Lampe aus und wartete. Endlich war es bei ihr dunkel und das gewohnte Licht erloschen; da riefen die Nachbarn einander zu: „Der Bruder ist gekommen!" und eilten ins Haus der Schwester. Da saß sie da, tot und starr ans Fenster gelehnt, als wenn sie noch hinausblickte, und neben ihr stand die erloschene Lampe. 63. Der Holländermichel. W. Hauff. Es lebte vor hundert Jahren und darüber ein reicher Holzherr, der viel Gesinde hatte; er handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war gesegnet, denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Kerl an seine Türe, dergleichen 195 er noch nie gesehen. Seine Kleidung war wie die der Schwarzwälderburschen, aber er war einen guten Kopf höher als alle, und man hatte noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen geben könne. Dieser bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der ihm ansah, das; er stark und zu großen Lasten tüchtig sei, rechnet mit ihm seinen Lohn, und sie schlagen ein. Der Michel war ein Arbeiter, wie selbiger Holzherr noch keinen gehabt. Beim Baum- schlagen galt er für drei, und wenn sechs am einen End' schleppten, trug er allein das andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er eines Tages vor seinen Herrn und begehrte von ihm: „Hab' jetzt lang genug hier Holz gehackt, und so möcht' ich auch sehen, wohin meine Stämme kommen, und wie wär' es, wenn Ihr mich auch mal auf den Floß ließet?" Der Holzherr antwortete: „Ich will dir nicht im Wege sein, Michel, wenn du ein wenig hinaus willst in die Welt; zwar beim Holzfällen brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Floß kommt es mehr auf Eeschicklichkeit an, aber es sei für diesmal." Und so war es; der Floß, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich (Glieder), und waren im letzten von den größten Zimmeibalken. Aber was geschah? Am Abend zuvor brachte der lange Michel noch acht Balken aus Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug er so leicht auf der Schulter wie eine Flößerstange, so daß sich alles entsetzte. Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch niemand. Dem Holzherrn lachte das Herz, als er dies sah, denn er berechnete, was diese Balken kosten könnten; Michel aber sagte: „So, die sind für mich zum Fahren, auf den kleinen Spänen dort kann ich nicht fortkommen." Sein Herr wollte ihm zum Dank ein Paar Flößerstiefel schenken, aber er warf sie auf die Seite und brachte ein Paar hervor, wie es sonst noch keine gab; mein Großvater hat versichert, sie haben hundert Pfund gewogen und seien fünf Fnß lang gewesen. Der Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in Verwunderung gesetzt, so staunten jetzt die Flößer; denn statt daß der Floß, wie man wegen der ungeheuren Balken geglaubt hatte, langsamer auf dem Fluß ging, flog er, sobald sie in den Neckar kamen, wie ein Pfeil; machte der Neckar eine Wendung, und hatten sonst die Flößer Mühe gehabt, den Floß in der Mitte zu halten und nicht auf Kies oder Sand zu stoßen, so sprang jetzt Michel allemal ins Wasser, rückte mit einem Zug den Floß links 196 oder rechts, so daß er ohne Gefahr vorüberglitt, und kam dann eine gerade Stelle, so lief er aufs erste G'stair vor, lieh alle ihre Stangen beisetzen, steckte seinen ungeheuren Weberbaum ins Kies, und mit einem Druck flog der Floh dahin, dah das Land und Bäume und Dörfer vorbeizujagen schienen. So waren sie in der Hälfte der Zeit, die man sonst brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo sie sonst ihre Ladung verkauft hatten; aber hier sprach Michel: „Ihr seid mir rechte Kaufleute und versteht euren Nutzen! Meinet ihr denn, die Kölner brauchen all dies Holz, das aus dem Schwarzwald kommt, für sich? Nein, um den halben Wert kaufen sie es euch ab und verhandeln es teuer nach Holland. Lasset uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den grohen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis lösen, ist unser eigener Profit." So sprach der arglistige Michel, und die andern waren es zufrieden; die einen, weil sie gern nach Holland gezogen wären, es zu sehen, die andern des Geldes wegen. Nur ein einziger war redlich und mahnte sie ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen oder ihn um den höheren Preis zu betrügen; aber sie hörten nicht auf ihn und vergaßen seine Worte, aber der Holländermichel vergah sie nicht. Sie fuhren auch mit dem Holz den Rhein hinab, Michel leitete den Floh und brachte sie schnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das Vierfache von dem früheren Preis, und.besonders die ungeheuren Balken des Michels wurden mit schwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld sahen, wußten sie sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab, einen Teil dem Holzherrn, die drei andern unter die Männer. Und nun setzten sie sich mit Matrosen und anderem schlechtem Gesinde! in die Wirtshäuser, verschlemmten und verspielten ihr Geld, den braven Mann aber, der ihnen abgeraten, verkaufte der Holländermichel an einen Seelenverkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war den Burschen im Schwarz- wald Holland das Paradies und Holländermichel ihr König; die Holzherren erfuhren lange nichts von dem Handel, und unvermerkt kamen Geld, Flüche, schlechte Sitten, Trunk und Spiel aus Holland herauf. Der Holländermichel war, als die Geschichte heraus kam, nirgends zu finden, aber tot ist er auch nicht; seit hundert Jahren treibt er seinen Spuk im Wald, und man sagt, dah er schon vielen 197 behilflich gewesen sei, reich zu werden, aber — auf Kosten ihrer armen Seele, und mehr will ich nicht sagen. Aber so viel ist gewiß, daß er noch jetzt in solchen Sturmnächten im Tannenbühl, wo man nicht hanen soll, überall die schönsten Tannen aussucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh dicke umbrechen sehen wie ein Rohr. Mit diesen beschenkt er die, welche sich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um Mitternacht bringen sie dann die G'stair ins Wasser, und er rudert mit ihnen nach Holland. Aber wäre ich Herr und König in Holland, ich ließe ihn mit Kartätschen in den Boden schmettern: denn alle Schiffe, die von dem Holländermichel auch nur einen Balten haben, müssen untergehen. Daher kommt es, daß man von so viel Schiffbrüchen hört; wie könnte denn sonst ein schönes, starkes Schiff, so groß als eine Kirche, zugrunde gehen auf dem Wasser? Aber so oft Holländermichel in einer Sturmnacht im Schwarzwald eine Tanne fällt, springt eine seiner alten aus den Fugen des Schiffes; das Wasser dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus verloren. Das ist die Sage vom Holländermichel. «4. Der schwedische Rittmeister. Hermann Klette. Einen schwedischen Offizier kam einmal die Lust an, auf das Gebirge zu reisen, um den weit und breit berühmten Herrn Rübezahl, von dessen Freigebigkeit er so viel gehört hatte, selbst zu sehen, ihm einen Besuch abzustatten und womöglich ein hübsches Geschenk zu erbeuten. Also nahm er sein bestes Pferd, zog seine besten Kleider an und ritt darauf in voller Hoffnung, Rübezahl werde sich freigebig gegen ihn erweisen, dem Gebirge zu. Kaum war er über die Hälfte desselben gelangt, so ward er einen ansehnlichen, wohlausstaffierten Reiter gewahr, der sich auf einer schönen, grünen Ebene mit einem mutigen Pferde umhertummelte. Der Offizier, ganz erfreut, ritt manierlich hinzu und machte dem Reiter seine Verbeugung. Anfangs stellte sich Rübezahl durch den unvermuteten Besuch ein wenig überrascht, machte indes ganz höflich seine Eegenverbeugung und fragte den Rittmeister, woher er komme, und wohin die Reise gehe. Der Offizier ent- gegnete: „Da unsere Mannschaft einige Zeit hier rasten soll, so habe ich die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen wollen, dieses 198 weltberühmte Gebirge zu besuchen." — „Der Herr tut wohl daran," erwiderte Rübezahl, „und wird sich dessen lebenslang zu erinnern haben." Nachdem nun dergleichen Höflichkeiten beiderseits ausgetauscht worden, betrachtete Rübezahl den Rittmeister von allen Seiten, rühmte sein schönes Kleid, sein vortreffliches Pferd und sagte: „Es fehlt nicht viel, so möcht' ich wohl mit Pferd und Kleidern tauschen, weil ich noch kein derartiges Kleid gesehen habe." — „Und ich," versetzte der Rittmeister, „kann mit Wahrheit sagen, daß mir des Herrn Pferd und Kleid überaus wohlgefällt." — „Wohlan!" sprach Rübezahl; „wenn der Herr Lust hat, mit Pferd und Kleidern einen Tausch zu wagen, so lasse ich mirs gefallen." — „Topp," rief der Rittmeister, „ein Mann, ein Wort! Ich tausche." Sofort schwenkten sich beide aus dem Sattel, tauschten zuerst die Pferde, sodann die Oberkleider samt Hut und Perücke, und es behielt ein jeder von dem Seinigen nur Hemd, Hosen und Stiefel. Mit vielem Vergnügen zogen sie einer des andern Kleider an, und nachdem alles nun seine Richtigkeit hatte, setzten sie sich wieder zu Pferde, machten sich eine freundliche Abschiedsverbeugung und ritten lustig jeder seinen Weg, Rübezahl das Gebirge hinauf, der Rittmeister frohen Mutes hinunter, bei sich selbst den getroffenen Tausch belachend. Aber der war auch belachenswert; denn als der Rittmeister dem Gebirge den Rücken kehrte und die Augen recht auftat, um sein mit Gold und Edelsteinen reich geschmücktes Kleid gehörig zu betrachten, siehe, da ward er inne, daß sein kostbarer Anzug, welchen er auf etliche Tonnen Goldes geschützt, von lauter Schilf und Blättern ineinander geflochten war; statt des Rosses regierte er einen zierlichen Prügel zwischen den Beinen; statt der Perücke hatte er auf dem Kopf ein Genist von allerhand Moos und einen Kastorhut von Schwamm, wie ihn die Schwammhändler tragen. Als der gute Schwede sich von allen Seiten ansah, riß er zornig den ganzen Plunder vom Leibe, warf ihn samt dem hölzernen Pferd auf die Erde und trat mit Füßen darauf. Um aber ohne Schande wieder zu seinen Leuten zu kommen, wartete er, bis es dunkel wurde, ging im bloßen Hemde — nur den Hut hatte er noch — nach dem nächsten Dorf und schickte von dort einen Boten zu seinem Diener, der ihm ein anderes Pferd und andere Kleider bringen mußte. Wie er inzwischen im Wirtshaus darauf wartete, ' < »M / 199 nahm er aus Langeweile seinen Hut vom Kopf und besah ihn von allen Seiten. Als er ihn so genau betrachtete, bemerkte er, daß der Hut eine Schnur habe, welche aus lauter Edelsteinen bestand. Da ist der Rittmeister feines Tausches doch froh gewesen. «5. Der Schmied von Rumpelbach. Von I. Jegerlehner. In uralter Zeit lebte im obern Rhonetal ein tüchtiger Schmied, der sich großer Kundschaft erfreute und weit und breit nur der Schmied von Rumpelbach geheißen wurde. Von den Schneehalden herab und aus den Seitentälern heraus kamen die Leute, um sich von ihm bedienen zu lassen; denn er hatte die besten Eisen und Hufnagel und verstand es, den Pferden und Maultieren das Eisen so glatt und fest anzulegen, daß es monatelang hielt, und so lange man sich besinnen mochte, war noch nie ein Tier von der Schmiede lahm weggeführt worden. Da hielt auch einmal ein vornehmer Reitersmann vor der Schmiede an und ließ sich vom Meister das Pferd beschlagen. Das ging so geschwind, daß der fremde Herr staunte. Als er die Eisen prüfte, saßen sie wie angegossen, so daß er den Meister heranrief und zu ihm sagte, er dürfe sich für die gediegene Arbeit etwas Schönes wünschen. Die Frau, die eben daherschlurfte, um ihrem Mann einen Halben goldenen Muskatellers auf das Bänklein zu schieben, raunte ihm ins Ohr: „Wünsche dir den Himmel!" „Den müssen wir verdienen," sagte der Schmied gelassen, „den können wir nicht wünschen!" „Nun, so will ich mir etwas wünschen," sagte der Meister und wischte sich mit der rußigen Hand die Stirne, von der der Schweiß tröpfelte. „Ich besitze im Garten einen schönen jungen Kirschbaum, der jedes Jahr über und über mit schwarzen Kirschen behängen ist; doch jedesmal, wenn ich sie pflücken will, ist schon einer oben gewesen und hat sie weggefressen, und so habe ich stets das Nachsehen. Ich wünsche, daß der Spitzbube, der ver- stohlenerweise auf den Baum klettert, nicht mehr heruntersteigen kann und mich zu Hilfe rufen muß!" Der Herr sagte, er habe sich da etwas Vernünftiges gewünscht, bestieg sein Pferd und ritt weg. 200 MUMM Nach einiger Zeit hielt der Herr wieder vor der Schmiede an, um das Pferd beschlagen zu lassen. Der Schmied erkannte ihn sogleich, rückte das Käpplein, setzte die Eisen an und erwarb sich von neuem die volle Zufriedenheit des Reiters; denn dieser sagte, er dürfe sich wieder etwas wünschen. Die Frau hatte den Fremden durch die Butzenscheiben erspäht und kam eilig daher und flüsterte ihm über die Schultern zu: „Wünsche dir den Himmel!" Der Mann erwiderte: „Ach, mit deinem Himmel, den muß man doch verdienen!" Dann wandte er sich zu seinem Gönner: „Nun, in der Stube steht ein Lehnstuhl, weich gepolstert; wenn ich müde bin und mich Hineinsetzen will, ist er immer schon belegt. Ich wünsche, daß die Person, die sich drauf setzt, so lange dran kleben bleibt, bis ich ihr hinaushelfe!" Der Fremde nickte beifällig, schwang sich aufs Pferd und entfernte sich. Nach geraumer Zeit stieg der fremde Herr wieder vor der Schmiede ab und übergab dem Meister das Pferd zum Beschlagen. Dieser schob das Käpplein nach hinten, machte sich hurtig an die Arbeit, ließ die Funken sprühen und den Hammer ertönen. Mit einigen wuchtigen Schlägen hämmerte er das Eisen in die richtige Form, und mit wohlgezielten Streichen sehte er die Nägel ein. Er hatte selbst das Gefühl, noch nie so rasch und gut seine Arbeit verrichtet zu haben. Der Herr besah den neubeschlagenen Fuß des Pferdes und sagte lächelnd: „Gut, gut, du darfst dir wieder etwas wünschen, Meister!" Die Frau paßte schon lange hinter dem Fenster; nun öffnete sie dasselbe so rasch, daß der Nelken- topf auf die Straße fiel und klirrend zerschellte, und rief ganz laut, daß der Herr es hören konnte: „Wünsche dir den Himmel, Mann, du Narr, wünsche dir den Himmel!" Der Mann warf ihr einen ärgerlichen Blick zu: „Laß mich doch in Ruhe mit deinem Himmel, den muß man verdienen und nicht wünschen!" Er wandte sich zum Reitersmann und sprach: „Ich habe hier einen Nagelsack, aus dem mir öfters Nägel gestohlen werden. Wer in das Säcklein greift, soll die Hand nicht mehr herausbringen, bis ich ihm helfe!" Der Reiter klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „So ist es recht, Meister," schwang sich aufs Roß und galoppierte davon. Von dieser Stunde an sah ihn der Schmied nicht mehr. 201 Als er alt geworden und den Hammer nicht mehr zu schwingen vermochte wie in früheren Jahren, da klopfte es eines Tages gar sonderbar an die Türe. Er legte das Werkzeug nieder und schlurfte hinaus, um nachzusehen, wer draußen stehe. Da meldete sich der Teufel: „Es ist Zeit, komm mit," sagte er, „den Himmel hast du ja doch verscherzt!" Der Schmied schrak leicht zusammen, faßte sich aber schnell und sagte, er habe noch nicht Zeit, er müsse noch einen alten Dreifuß flicken, der heute abend abgeholt werde. Damit die Arbeit rascher vorrücke, solle er ihm aus jenem Nagelsack ein paar Nagel herausholen. Der Teufel griff mit der Rechten hinein und blieb drin hängen. Er schüttelte den Sack, daß die Nagel klirrten, und verbiß die Lippen, brachte aber die Hand nicht mehr heraus. „Laß mich los," schrie der Teufel, „laß mich los!" „Schenke mir noch ein paar Jährchen," sagte der Schmied und hämmerte drauf los, „dann lasse ich dich laufen!" Der Teufel versprach es, und alsbald konnte er die Hand zurückziehen, die er kräftig ausschleuderte, dann trollte er sich von bannen. Als die geschenkten Jahre verstrichen waren und des Meisters Bart schneeweiß geworden, meldete sich der Teufel wieder und winkte ihm zu folgen. Der Schmied lächelte pfiffig und sagte: „Gleich werde ich bereit sein; aber in den aufgestülpten Hemdsärmeln und den abgetragenen Werktagshosen darf ich mich neben dir nicht zeigen; ich will schnell die bessern Kleider anziehen; geh in die Stube und setze dich unterdessen in den Lehnstuhl!" Der Teufel tat, wie er ihn geheißen, und der Schmied zog das Sonntagsgewand an, stellte sich vor ihn hin und sagte: „So, jetzt steh auf und laß uns gehen!" Der Teufel ruckte und zerrte mit aller Gewalt an dem Stuhl, fuhr damit blitzschnell im Zimmer herum und konnte sich doch nicht losmachen. „Höre nur auf," sagte der Schmied und kaute sich im Barte, „das Reißen und Stoßen nützt dir alles nichts; gib nur noch einige Jährchen zu, dann lasse ich dich frei!" Der Teufel versprach es, wurde von dein lästigen Stuhle befreit und hinkte schnell davon. Als die Zeit um war, erschien der böse Feind zum dritten Mal und schrie schon von weitem: „Jetzt rüste dich, jede Ausrede ist umsonst; du wirst mir diesmal nicht entwischen!" 202 „Das sehe ich auch ein," sagte der Schmied, dessen Schultern schon ein bißchen vornüber neigten, und er vertnifs die Augen, „die letzte Bitte aber wirst du mir nicht versagen! Dort im Garten hangen die schönsten reifen Kirschen. Pflücke mir ein Körbchen voll, das gibt dir ja wenig Zu tun, damit ich mich satt esse, bevor ich den schweren Gang antrete!" Der Teufel brummte: „Du hast doch immer etwas zu wünschen; aber wenn es deine Lieblingsfrucht ist, also meinetwegen," und er kletterte hurtig auf den Baum und sammelte so flink wie ein Affe die Früchte ins Körbchen. Als es voll war, begann er kläglich zu winseln, denn er konnte nicht mehr hinunter. Der Schmied hüpfte vor Freude und lachte sich ins Fäustchen. „Latz mich hinunter," jammerte und heulte der Teufel, „ich schenke dir gerne noch einige Jährchen!" „Nein, nein," sagte der Schmied, „so schnell kommst du mir diesmal nicht davon. Gibst du mich frei für immer, dann magst du heruntersteigen, sonst bleibst du dort oben bis in alle Teufelsewigkeit !" Der Böse versprach es, sprang in einem Satz vom Baum, rollte den Schwanz auf und verschwand. Der Schmied hatte sich einen tüchtigen Gesellen herangezogen, so datz er sich auf die leichten Arbeiten beschränken konnte. Ms hochbetagter Greis starb er. Der Tod führte ihn vor das Höllentor und klopfte an. Da rief eine Stimme heraus: „Wer ist da?" „Der Schmied von Rumpelbach," lautete die Antwort. Da gab's einen großen Lärm. „Den können wir nicht brauchen," schallte es zurück, „der schlägt uns krumm und lahm; geht vor eine andere Türe!" Vor dem Fegefeuer erhielten sie dieselbe Antwort; oa zogen sie weiter und pochten leise an die Himmelspforte. AIs der Pförtner öffnete und den Schmied erblickte, brummte er ihn an: „Für dich ist kein Platz hier; denn du hast dir nie den Himmel gewünscht!" „So öffne mir nur die Türe ein ganz klein wenig, damit ich einen Blick tun kann in all die Herrlichkeit des Paradieses!" Petrus gewährte ihm die Bitte und schloß die Türe auf. Da warf der Schmied schnell das Schurzfell hinein, sprang mit einem tüchtigen Satz drauf und rief: „Der Schmied von Rumpelbach sitzt hinter der Himmelspforte uf siner Sach!" 203 Petrus verzog sein Gesicht zu einem freundlichen Lächeln und drückte ihm die Hand: „Drin bist du, und drin sollst du bleiben, denn du hast dir den Himmel verdient,- aber mit solcher List ist mir noch keiner hineingeschlüpft!" 1i<». Knaben entscheiden einen Rechtssall. Karl Müllenhoff. Ein Arm der Widau bei Tondern in Schleswig führ! den Namen Renzau von dem kleinen Dorfe Renz, Kirchspiels Burk- all. Wo die Ufer ziemlich hoch und steil sind, fiel einmal ein Mann hinein, und er wäre ertrunken, wenn nicht einer, der in der Nähe arbeitete, sein Geschrei gehört und herbeigeeilt wäre. Der hielt ihm eine Stange entgegen, und der Mann half sich daran heraus, stieß sich jedoch ein Auge dabei aus. Darum erschien er auf dem nächsten Thing, verklagte seinen Retler und verlangte von ihm Buße für das verlorene Auge. Die Richter wußten nicht, was sie aus der Sache machen sollten, und verschoben sie aufs nächste Thing, um sich inzwischen darauf zu besinnen. Aber das dritte Thing war schon da, und der Gerichtsvorsteher war noch nicht mit sich einig. Mißmutig setzte er sich auf sein Pferd und ritt langsam und nachdenklich auf Tondern zu, wo das Thing damals gehalten ward. So kam er nach Rohrkarrberg und zu dem Hause, das da noch steht; gerade gegenüber lag ein Steinhaufe, darauf drei Hirtenknaben saßen und was Wichtiges vorzuhaben schienen „Was macht ihr da, Kinder?" fragte der Hardesvogt. „Wir spielen Thing," war die Antwort. „Was habt ihr denn für eine Sache vor?" fragte er weiter. „Wir halten Gericht über den Mann, der in die Renzau fiel," antworteten sie. Da hielt der Hardesvogt sein Pferd an, um auf das Urteil zu warten; die Jungen kannten ihn aber nicht, weil er ganz in seinen Mantel gehüllt war, und ließen sich nicht stören. So ward es also für Recht erkannt, daß der gerettete Mann an derselben Stelle wieder in die Au geworfen werden solle: könne er sich dann selbst retten, so solle er Ersatz für das Auge haben; könne er es aber nicht, so hätte der andere gewonnen. Ehe der Hardesvogt weiterritt, langte er in die Tasche und gab den Jungen ein gutes Trinkgeld, ritt dann fröhlich nach Tondern und entschied, wie die Hirtenknaben getan hatten. Der 204 Schurke konnte sich wirklich nicht allein retten und mußte darum ertrinken, und so gewann der andere seine Sache. 67. Winkelried und der Lindwurm. Brüder Grimm. In Unterwalden beim Dorfe Wil hauste in uralter Zeit ein scheußlicher Drache, welcher alles, was er antraf, Menschen und Vieh,' tötete und den ganzen Strich verödete, so daß der Ort selbst davon den Namen Odwil empfing. Da begab es sich, daß ein Eingeborener, Winkelried geheißen, als er einer schweren Mordtat halber hatte landesflüchtig werden müssen, sich erbot, den Drachen anzugreifen und umzubringen, wenn man ihn nachher wieder in seiner Heimat wohnen ließe. Da wurden die Leute froh und erlaubten ihm, wieder in das Land zu kommen. Er wagte den Kampf und überwand das Ungeheuer. Er stieß ihm nämlich ein Bündel Dornen in den aufgesperrten Rachen. Während das Tier nun diese auszuspeien suchte, ohne es doch zu können, versäumte es seine Verteidigung, und der Held benutzte die Blößen. Nachdem er den grimmen Feind getötet, warf er frohlockend den Arm auf, womit er das bluttriefende Schwert hielt, und zeigte den Einwohnern die Siegestat. Da floß das giftige Drachenblut in eine leichte Hautverletzung, die er am Arme davongetragen hatte, und er mußte alsbald sein Leben lassen; aber das Land war errettet und Winkelrieds Bluttat gesühnt. Noch heutigestags zeigt man des Tieres Wohnung im Felsen und nennt sie die Drachenhöhle. 68. Der letzte Frobnrger. Nach Ludwig Rochholz. Auf der Froburg bei Ölten hauste einst ein stolzes Adelsgeschlecht. Es brachte viele Güter weit in der Umgebung in seinen Besitz und hatte ein reiches Einkommen an Zinsen und Zehnten. Wenn Erntezeit war und das Zehntgetreide auf einen bestimmten Tag in der Burg eingeführt wurde, dann ging oft eine ununterbrochene Wagenreihe von der Brücke zu Ölten bis an das Tor der Burg. Aber der Reichtum brachte die Grafen übermütig. Sie bedrückten das Volt, achteten seine Arbeit gering und kümmerten 205 sich wenig um Recht und Gesetz. Am schlimmsten trieb es der letzte des Geschlechts, der harte und jähzornige Graf Eberhard. Er war ein leidenschaftlicher Jäger und ritt oft mit einem ganzen Trotz wilder Gesellen aufs Weidwerk aus. Einst kam er so zu Rotz aus der Zofinger Gegend von Adelboden her. Es war ein heitzer Julitag, und ein Gewitter stand am Himmel. Schars hielt die Schar auf das Städtchen Ölten zu, um es noch vor Ausbruch des Unwetters zu erreichen. Noch lag ein gutes Stück Weges vor den Reitern, denn die Landstratze führte in einem Bogen der Aarebrücke zu. Und schon zuckten Blitze aus den Wolken, und die ersten Tropfen fielen hernieder. Da ritz der Graf auf einmal sein Rotz von der Stratze weg, mitten in die reifen Kornfelder hinein. „Eradaus!" schrie er zu den andern zurück, „auf ein paar Garben kommt es nicht an!" Und der ganze Trotz nährn seinen Weg durch die gelben Saaten. Plötzlich aber erbebte die Erde von einem gewaltigen Donnerschlag, und im nächsten Augenblick sah man auf der Höhe des Hauensteins eine mächtige Feuergarbe aufsteigen. „Was ist das!" rief der Graf bestürzt und hielt sein Rotz hart vor der Aarebrücke an. Da stand vor ihm im Halbdunkel der bedeckten Brücke ein gebücktes Weiblein und sagte mit heiserer Stimme: „Das ist Eure Burg!" Der Froburger kannte die Alte wohl,- sie hatte ihm schon am Morgen desselben Tages, da er nach Aarburg ritt, an der gleichen Stelle Unheil verkündigt. Jetzt ergriff unbändiger Zorn sein Gemüt. „Hei!" rief er und hob die Hand lästernd wie zum Schwur gen Himmel, „so wahr ich der Froburger bin, es wird kein Pflug fürder gehen im Lande, bis die Burg wieder ausgebaut ist, und wo's der Mörtel nicht tut, da behebt Bauernblut!" Aber kaum hatte er ausgesprochen, da erbebte die Erde von einem zweiten Schlage. Ein Blitzstrahl war auf den Frevler niedergefahren. Entseelt lag er auf der Erde. Die erschrockenen Knappen hoben den Leichnam auf und trugen ihn in die nahe Kirche. Dort ward er ausgesetzt und bestattet. Am Brückenrain aber besagte lange noch eine öffentliche Inschrift, hier sei die Stelle, wo der letzte Froburger umgekommen und mit ihm sein Geschlecht erloschen ist. 206 . Die Raben des heiligen Meinrad. Meinrad Lienert. Nach der Zeit, als der heilige Eallus, der heilige Fridolin und der heilige Kolumban das heidnische Schweizerland mit Not und Mühe zum Christentum bekehrt hatten und überall Kirchen und Klöster, gebaut wurden, lebte auf dem Ehelberge, da wo die Alpen der Urschweiz anfangen, ein gottesfürchtiger Einsiedler. Er hieß Meinrad und war aus dem Geschlechte der Grasen von Hohenzollern. Es war ihm in der Welt und im Kloster Neichenau zu laut geworden, darum hatte er sich auf den Ehe! in die Einsamkeit zurückgezogen. Da saß er nun vor seiner kleinen Kapelle, las in einem Buche und sah sinnend auf den knisternd blauen See, der tief unten lag, und schaute hinaus über unzählige, in Obstwäldern versteckte Dörflein zum verschneiten Säntis. Nun hätte es ihm auf dem verschneiten Etzelberge gar gut gefallen, allein die Leute hörten von seiner großen Frömmigkeit, und nach und nach stiegen sie von allen Seiten zu ihn: hinauf, also daß er Gott und der Jungfrau Maria nicht mehr so dienen konnte, wie es doch allezeit sein sehnlichster Wunsch war. Aber eines Tages, als die Leute wieder auf den Etzel kamen, fanden sie den Klausner nicht mehr. Er war über den wilden Sihlbach und tief, tief in die Wildnis hineingegangen, wo nur noch wilde Tiere lebten. Aber er fürchtete sie nicht. Auf den: Weg sah er in einer Tanne ein Nest, das ein Sperber bedrohlich umkreiste. Er jagte den Sperber von: Nest ab. Als er aber das 221 Nest erstieg, fand er darin zwei junge Naben, die er sorgsam hinab trag und mit sich nahm. Er ging, bis er an eine Quelle kam, die als ein eiskaltes Büchlein in: finstern Walde entsprang. Bei ihr lies; er sich eine Hütte und eine kleine Kapelle erbauen. Danach blieb er ganz allein in der Wildnis, die die Leute den finstern Wald nannten. Da lag er schier Tag und Nacht in: Gebet vor dem Muttergottesbilde, das ihn: die fromme Äbtissin Hildegard von Zürich, die eine Königstochter war, hatte zutragen lassen. Um seine Hütte herum spielten seine zwei Raben. Und wenn nachts der Föhn von den Bergen kam und der Urwald um ihn herum krachte und Bären und Wölfe und ein greulicher Spuk von höllische:: Geistern um sein Hüttlein tobte und heulte, fürchtete er sich doch nicht, denn die Engel eilten zu seiner Hilfe herbei und trösteten ihn. Nach und nach, als er viele Jahre in der Wildnis gelebt hatte, Wallfahrten doch wieder die Leute zu ihm, die von seinen: heiligmäßigen Leben gehört hatten. Einst aber schlichen sich heimlich zwei Räuber durch den Wald, die in der Hütte des Einsiedlers Schätze zu finden hofften. Doch er hatte sie im Geiste schon nahen sehen. Und wie sie nun in seine Hütte kamen, war er gar freundlich mit ihnen und bewirtete sie, so gut er vermochte. Aber auf einmal überfielen ihn die zwei Räuber und schlugen ihn mit ihren Keulen tot. Sie erschraken aber doch schier, als nun die zwei Raben St. Meinrads wie wild krächzten und um sie herumflatterten. AIs sie aber die Kerze zu seinen Füßen anzünden wollten, wie er's gewünscht hatte, brannte die von selber. Jetzt packte sie ein großer Schrecken. Sie erkannten, daß sie einen Heiligen ermordet hatten, und flohen durch die dichten Wälder davon, Stunden und Stunden weit. Aber hoch über den Riesentannen flatterten ihnen die Raben immer nach. Endlich sahen sie die Stadt Zürich. Dort glaubten sie sich nun wohl- geborgen. Sie gingen in eine Wirtschaft und wollten wegen ihrer Angst schon zu lachen anfangen, da schoß plötzlich das treue Rabenpaar durchs offene Fenster auf die Mörder los, und das bedünkte die andern Gäste gar seltsam. Sie nahmen die beiden Räuber fest, und siehe, bald erkannte man in den zwei Raben die Raben des Heiligen in: finstern Walde. Die Mörder gestanden ihre Untat und mußten danach auf den: Rade sterben. Den heiligen Meinrad aber begrub man in der Wildnis, wo später das Kloster Maria Einsiedeln gebaut wurde. Sein Herz jedoch wollte man ins Kloster Reichenau im Bodensee bringen, wo der Heilige einst Klosterherr gewesen war. AIs man aber mit dem Herzen an der Kapelle auf dem Etzelberge vorbeifahren wollte, brachte man den Wagen so lange nicht weiter, bis man das Herz des heiligen Einsiedlers in der dortigen kleinen Kapelle beigesetzt hatte. Denn gar zu gerne war er früher vor der Kapelle gesessen und hatte von seinem Berge aus auf den blauen See und die schöne Welt hinuntergeträumt. Die zwei treuen Raben St. Meinrads aber fliegen heute noch im Fähnlein der schwpzerischen Waldleute von Einsiedeln. 77. Der Kaiser und die Lchlange. Brüder Erimm. Als Kaiser Karl sich einst zu Zürich aufhielt, lies; er eine Säule errichten, an welcher sich oben eine Glocke mit einem Seil befand. Daran durfte jeder ziehen, der die Handhabung des Rechtes forderte, sobald der Kaiser beim Mittagsmahle saß. Eines Tages nun geschah es, daß die Glocke erklang; die Diener aber, welche hinuntergingen, fanden niemand bei dem Seile. Doch bald schellte es von neuem in einem fort. Der Kaiser befahl ihnen, nochmals hinunterzugehen und auf die Ursache achtzuhaben. Da erblickten sie eine große Schlange, die sich dem Seile näherte und die Glocke zog. Bestürzt brachten die Diener dem Kaiser die Nachricht, der sogleich aufstand und dem Tiere nicht weniger Recht sprechen wollte als den Menschen. Nachdem sich das Tier ehrerbietig vor dem Fürsten verneigt, führte es ihn an das Ufer eines Wassers, wo die Schlange ihr Nest hatte, und wo eine übergroße Kröte auf ihren Eiern saß. Karl untersuchte die Sache und entschied den Streit der beiden Tiere. Die Kröte wurde zum Feuer verdammt; die Schlange aber bekam Recht. Das Urteil wurde gesprochen und vollstreckt. Einige Tage darauf kam die Schlange wieder an den Hof, neigte sich vor dem Kaiser, wand sich auf den Tisch und hob den Deckel von seinem Trinkbecher ab. Dann legte sie aus ihrem Munde einen kostbaren Edelstein hinein, verneigte sich abermals und ging fort, wie sie gekommen war. Da ließ der Kaiser an s 223 dem Orte, wo er das Nest der Schlange gefunden hatte, eine Kirche bauen; die nannte er Wasserkirche; den Stein aber schenkte er aus besonderer Liebe seiner Gemahlin. Dieser Stein nun hatte die geheime Kraft, daß er den Kaiser beständig zu seiner Gemahlin hinzog, so daß derselbe, wenn er abwesend war, Trauer und Sehnsucht nach ihr empfand. Deshalb verbarg die Kaiserin in ihrer Todesstunde den kostbaren Stein unter ihrer Zunge, damit er nicht in andere Hände käme und der Kaiser ihrer etwa bald vergähe. Also wurde die Kaiserin samt dem Steine begraben; aber ihr Gemahl hatte keine Ruhe, sondern liest den Leichnam wieder ausgraben und führte ihn achtzehn Jahre lang mit sich umher. Inzwischen war einem Höfling von der verborgenen Kraft des Steines etwas zu Ohren gekommen; er untersuchte daher den Leichnam, fand den Stein unter der Zunge und steckte ihn zu sich. Alsbald wandte sich die Liebe des Kaisers ab von seiner toten Gemahlin, so dast er von jetzt an den Höfling nicht von seiner Seite liest. Endlich wurde es diesem aber überdrüssig, fortwährend um den Kaiser zu sein; als er daher einst mit seinem Herrn nach Köln reiste, warf er den Stein in eine heihe Quelle, damit kein anderer ihn bekäme. Sogleich hörte nun auch die Neigung des Kaisers zu dem Ritter auf; allein er fühlte sich wunderbar hingezogen zu dem Orte, wo der Stein verborgen lag, und an dieser Stelle gründete er Aachen, welches nachmals sein Lieblingsaufenthalt wurde. 78. Der Schäferkönig. Hermann Löns. Aus fahler Heide erhebt ein einsamer Heidhügel seinen braunen Kopf. Kurzgeschoren haben Schnuckenmäuler seine braunen Locken, die Nagelschuhe der Bauern haben darüber einen meisten Scheitel gezogen. Am Grunde des Hügels, rechts und links von dem hellen, schmalen Fußpfade, liegen zwei große, mannshohe, von den grünen Ranken der Krähenbeere am Grunde umsponnene, mit grauen Flechten bedeckte Steinblöcke, einer licht, einer düster. Zwischen ihnen und der Kuppe des Hügels, niitten in dem Fußpfade, steht eine hohe, dicke, zerzauste Hängebirke. 224 Um den Hügel breitet sich ein ebenes Feld aus, von Heide und kurzem, büscheligem Grase bedeckt, bestockt mit Hunderten und Hunderten struppiger Wachholdersträucher. Weit und breit ist kein Hügel, wie dieser Hügel, keine Birke wie diese Birke, kein Wachholderfeld, wie dieses hier, kein Findlingspaar, wie dieses. Wenn ich auf dem Hügel im kurzen Heidkraut lag, nach dem Frühanstand mit Hund und Büchse, und die steif gefrorenen Glieder sonnte, dann habe ich mich immer gefragt, warum es weit und breit nichts Ähnliches gibt; ich konnte es mir nicht erküren. Der Lehrer im Dorfe da unten, der Steine und Blumen sammelt, sagte mir, früher hätten hier mehr Birken gestanden, wären hier mehr große Wandersteine gewesen; die Bauern hätten die Birken geschlagen und die Steine für die Wegebauten zerschossen. Jetzt liege ich wieder auf dem Hügel und träume hinaus; Nordwestwind schleudert scharfe Tropfen über die Moorebene, graue Wolken drängen sich am Himmel und hängen tief hinab, kein blaues Fleckchen schaut aus ihnen hervor. Unter mir schwenkt die alte Birke mit stummem Wehklagen die langen, dünnen Zweige, langt in herzzerreißend sehnsuchtsvollen Bewegungen damit nach den Wachholderbüschen, die in wildem Sturme zucken und zappeln, als wollten sie sich losreißen aus dem blaugrauen Grase. Das langt und greift mit dürren Händen so jammervoll hoffnungslos hinab, das ringt und drängt mit grünen Leibern so willig folgsam hinauf. Wütender wird der Sturm. Die Birkruten fahren hoch in die Luft und fallen auf die Spitze des Baumes nieder, wie die Hände eines Menschen, der sich das Haar ausraufen will. Und jetzt beugt sich der Baum, als wollte er hinab zu den Wachholdern; die Aste reiben sich, daß es gellend pfeift, so gellend, so grell, wie der Pfiff des Heidschäfers durch zwei Finger. Dieser gelle, grelle, schneidende Pfiff gibt mir Antwort auf meine stumme Frage. * * * 225 Es war einmal ein reicher Schäfer, den: gehörte weit nnd breit hier alles Land. Süßes Gras bedeckte statt der dürren Heide und des sauren Rischs das Gelände. Tausende von Schafen waren sein, nicht magere, ärmliche Schmücken, nein, hohe, feinwollige, stolze Tiere, mit Vließen wie von Seide. Hier, wo der Hügel sich erhebt, stand sein Haus, aus behauenen Steinen festgefügt, nicht ärmlicher Art aus Ortsstein und rohen Stämmen, wie der übrigen Bauern Hütten. Darum hießen sie ihn den Schäferckönig. Sein Reichtum aber tötete seine Seele und härtete sein Herz. Wenn die andern Bauern und Schäfer an den heiligen Tagen den Göttern im Schatten der Eichckämpe auf heiligem Stein Pserdeopfer brachten oder mit lodernden Holzstößen die Erhabenen priesen, dann lachte er und schalt sie Toren und Tröpfe. Als seine Knechte von den Opferstütten die heiligen Mähren- schädel heimtrugen und sie an die Giebel seines Hauses hingen, stieß er mit seinem silberbeschlagenen Hütestock die Opfergedencken herab und schleuderte sie in die Herdflamme. Wenn Wode in stürmischen Herbstuächten in den Wolken weidwertte mit Hussa und Horridoh und Hu und Hatz, dann schloß der Schüferkönig nicht Tor und Lücke und legte sich zur Ruhe, sondern frech trat er in das Tor und lauschte dem Eejaid der Himmlischen. Die klugen Männer, die weisen Frauen warnten ihn, doch er lachte über ihre Warnworte. Einst stand er an einem heißen Sommertage vor seinen: Steinhanse; zu seinen Füßen lagen seine Lieblingshunde Donner und Blitz, weiß der eine, schwarz der andere. Da zog es schwarz herauf mit weißen Wetterköpfen in Ost und West, Süd und Nord. Der Schäferkönig setzke seine silberne Pfeife an den Mund und pfiff in alle vier Winde, daß es gellend nach Ost und West, Süd und Nord hinansklang; da trieben seine Knechte die Herden von allen Richtungen heran, daß es krimmelte und wimmelte wie ein Meer. Immer schwärzer wurden die Wolken, immer gelber die Flecken darin, immer lauter der Donner; die Knechte fielen ihrem 15 226 Herrn zu Füßen und flehten ihn an: „Herr, opfere dem Thor, daß er seinen Steinhammer nicht nach uns werfe!" Der Schäfertönig aber lachte und schalt. Da knallte es, als wäre die Erde geborsten, da lohte es, als wäre das unterirdische Feuer hervorgebrochen, nach allen Richtungen hin stoben die Herden auseinander, stürzten in Gräben, sanken in die Tränken, stolperten über Heck und Steg. Der Schäferkönig schrie nach seinen Knechten; die aber murrten, ließen die Herden im Stich und rannten zum heiligen Hain, dem zürnenden Eotte zu opfern. Da winkte der Schäferkönig seinen Lieblingshunden Donner und Blitz, daß sie die Herden in die Ställe trieben; aber winselnd umkrochen sie seine Füße und rührten sich nicht vom Fleck. Schwarz wie die Nacht ward es ringsumher und hell wie der Tag dazwischen; Blitz um Blitz fuhr grell von Ost und West, Süd und Nord herab, vier Donnerschläge zugleich ertönten jedesmal dabei. Wie Spreu im Winde stoben die Herden auseinander. Der Schäferkönig stieß einen schrecklichen Fluch aus; er drohte mit seinem silberbeschlagenen Hütestock zum Himmel hinauf und rief: „Thor, bist du kein Unhold, so banne mir die Schafe! Aber das vermagst du nicht, du Segenvernichter!" Das Dunkel verschwand, licht wurde der Himmel, still der Donner; stolz wie ein Sieger schaute der Schäferkönig um sich, aber Grauen verzerrte sein hartes Gesicht: vor seinen Augen schlugen seine Schafe Wurzel, ihr seidenes Vließ wuchs aus zu struppigem Grün; Tausende von Wachholderbüschen, eine grüne Herde, bedeckten das Land. Da schwand des harten Mannes Stolz; er brach in die Knie, raufte sein Haar, streckte seine Arme nach seinen Herden aus und schrie und weinte und lachte. Und dann riß er vom Ledergurt das blanke Schlachtmesser und zückte es verzweifelt gegen seine Kehle. Aber sein Arm blieb starr, wandelte sich um in einen krummen Ast, seine Finger in dünne Ruten, seine Füße schlugen Wurzeln, eine mächtige Birke erhob sich anstelle des Schäferkönigs. Donner und Blitz, seine Lieblingshunde, wurden verzaubert in zwei Riesensteine, hell der eine, düster der andere. 227 Das steinerne Haus polterte zusammen, ein Trümmerhaufen, den Heide überwuchs. -l- Zum Heidhügel ist des Schäferkönigs Heim geworden, zur Birke der stolze Mann, zu Steinblöcken seine Hunde, zu Wachholder- büschen seine Herde. Wenn der Sturm über die Herde fährt, dann ringt die Birke die Zweige, rauft mit ihren Ruten ihr Haar, langt und greift verzweifelt um sich und pfeift gellend den Steinen, die an ihren Wurzeln liegen. Und die grüne Herde hört den Pfiff und will ihm folgen und ruckt und zerrt an ihren Wurzeln. 79. Der Greis und der Tod. Nach Asop. Ein alter Mann fällte im Walde Holz auf den Winter und trug es seiner Hütte zu. Der Weg war lang; seine Kräfte waren schwach; verdrießlich warf er unterwegs seine Bürde nieder und flehte den Tod laut um Erlösung. Im Augenblicke stand dieser auch schon vor ihm und fragte ihn um sein Verlangen. „Nichts verlange ich, ganz und gar nichts," antwortete der Greis erschrocken; „sondern seid so gut und hebt mir diese Last wieder auf den Rücken!" Selbst in den größten Trübsalen hat doch das Leben Reiz für den Menschen. 99. Die Eiche und das Schwein. Gotthold Ephraim Lessing. Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der Herabgefallenen Frucht. Indem es eine Eichel zerbiß, verschluckte es bereits eine andere mit dem Auge. „Undankbares Vieh!" rief endlich der Eichbaum herab; „du nährst dich von meinen Früchten, ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in die Höhe zu richten." Das Schwein hielt einen Augenblick 228 inne und grunzte zur Antwort: „Meine dankbaren Blicke sollten nicht ausbleiben, wenn ich nur wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen." 81. Der Rangstreit der Tiere. G. E. Lessing. Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu schlichten, sprach das Pferd: „Lasset uns den Menschen zu Rate ziehen, er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer sein." — „Aber hat er auch den Verstand dazu?" ließ sich ein Maulwurf hören; „er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten Vollkommenheiten zu erkennen." — „Das war sehr weislich erinnert," sprach der Hamster. „Ja wohl!" rief auch der Igel; „ich glaube es nimmermehr, daß der Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt." — „Schweigt ihr!" befahl das Pferd; „wir wissen es schon: wer sich auf die Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen." Der Mensch ward Richter. „Noch ein Wort," rief ihm der majestätische Löwe zu, „bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst du unsern Wert bestimmen?" — „Nach welcher Regel? Nach dem Grade ohne Zweifel," antwortete der Mensch, „in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid." „Vortrefflich!" versetzte der beleidigte Löwe; „wie weit würde ich alsdann unter den Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht sein, Mensch. Verlaß die Versammlung!" Der Mensch entfernte sich. „Nun," sprach der höhnische Maulwurf, und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei, „siehst du, Pferd? Der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht sein kann. Der Löwe denkt wie wir." — „Aber aus besseren Gründen als ihr!" sagte der Löwe und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu. Der Löwe fuhr weiter fort: „Der Rangstreit ist, wenn ich es recht überlege, ein nichtswürdiger Streit. Haltet mich für den Vornehmsten oder den Geringsten; es gilt mir gleichviel! Genug, ich kenne mich!" und so ging er aus der Versammlung. Ihm folgten der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der kluge Fuchs, das edle Pferd, kurz alle, die ihren Wert fühlten 229 oder zu fühlen glaubten. Die sich am letzten wegbegaben und über die zerrissene Versammlung am meisten murrten, waren — der Affe und der Esel. 1i2. Esel «nd Jagdpferd. G. E. Lessing. Ein Esel vermaß sich, mit einem Jagdpserde um die Wette zu laufen. Die Probe fiel erbärmlich aus, und der Esel ward ausgelacht. „Ich merke nun wohl," sagte der Esel, „woran es gelegen hat; ich trat mir vor einigen Mvnaten einen Dorn in den Fuß, und der schmerzt noch." 83. Rabe und Juchs. E. E. Lessing. Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort, und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs Herbeischlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!" — „Für wen siehst du mich an?" fragte der Nabe. „Für wen ich dich ansehe?" erwiderte der Fuchs; „bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die nur dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?" Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs nicht aus diesem Irrtum bringen. Großmütig dünnn ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog -stolz davon. Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verendete. Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erlaben, verwünschte Schmeichler! / 230 84. Kranich und Wolf. Martin Luther. Als der Wolf einstmals ein Schaf gierig fraß, blieb ihm ein Knochen quer im Halse stecken. Vor großer Not und Angst bot er großen Lohn und Geschenk dem, der ihm hülfe. Da kam der Kranich und stieß seinen langen Schnabel dem Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da er nun den versprochenen Lohn forderte, sprach der Wolf: „Du willst noch Lohn haben? Du solltest mir Lohn geben, da du lebendig aus meinem Rachen gekommen bist! Dank du Gott, daß ich dir den Hals nicht abbiß." 85. Das Wunderkästchen. Christ. Schund. Eine Hausfrau hatte in ihrer Haushaltung allerlei Unglücksfälle, und ihr Vermögen nährn jährlich ab. Da ging sie in den Wald zu einem alten Einsiedler, erzählte ihm ihre betrübten Umstände und sagte: „Es geht in meinem Hause einmal nicht mit rechten Dingen her. Wißt ihr kein Mittel, dem Übel abzuhelfen?" Der Einsiedler, ein fröhlicher Greis, hieß sie ein wenig warten, brachte über eine Weile ein kleines, versiegeltes Kästchen und sprach: „Dieses Kästlein müßt Ihr ein Jahr lang, dreimal bei Tag und dreimal bei Nacht, in Küche, Keller, Stallungen und allen Winkeln des Hauses herumtragen, so wird es besser gehen. Bringt mir aber übers Jahr das Kästlein wieder zurück!" Die gute Hausmutter setzte in das Kästlein ein großes Vertrauen und trug es fleißig umher. Als sie den nächsten Tag in den Keller ging, wollte der Knecht eben einen Krug Bier heimlich heraustragen. Als sie noch spät bei Nacht in die Küche kam, hatten die Mägde sich einen Eierkuchen gemacht. Als sie die Stallungen durchwanderte, standen die Kühe tief im Kot, und die Pferde hatten anstatt des Hafers nur Heu und waren nicht gestriegelt. So hatte sie alle Tage einen anderen Fehler abzustellen. Nachdem das Jahr herum war, ging sie mit den: Kästchen zum Einsiedler und sagte vergnügt: „Alles geht nun besser. Laßt mir aber das Kästlein noch ein Jahr! Es enthält ein gar treffliche« Mittel." Da lachte der Einsiedler und sprach: „Das Kästchen kann ich Euch nicht lassen; das Mittel aber, das darin verborgen ist, sollt Ihr haben." Er öffnete das Kästchen, und sieh! es war 231 nichts darin als ein weißes Stücklein Papier, auf dem geschrieben stand: Soll alles wohl im Hause stehn, so mußt du selber wohl nachsehn. 86. Die Katze läßt das Mausen nicht. Nach Johann Agricola. Ein Chaldäer stritt einst mit König Salomo darüber, ob angeborene Art oder angenommene Gewohnheit stärker sei. Salomo meinte, was einer sich durch lange Übung angewöhnt, hange ihm mindestens ebenso fest an, als was, er von Natur empfangen habe, wahrend der Chaldäer entgegengesetzter Meinung war, und dieweil Salomo eine Katze hatte, die so abgerichtet war, daß sie ihni nachts das Licht hielt, verschaffte sich der Chaldäer etliche Mäuse, kam des Abends zu Salomo und ließ zuerst eine Maus laufen. Sowie die Katze dieselbe gewahrte, tappte sie ein wenig mit der Pfote, ließ jedoch das Licht nicht fallen; als aber die zweite und die dritte Maus vorüberliefen, ließ sie das Licht fallen und sprang den Mäusen nach. So bewies der Chaldäer, daß Natur vor Gewohnheit gehe. 87. Wo nichts ist, kommt nichts hin. Was nicht ist, das kann werden. I. P. Hebel. Von zwei unbemittelten Brüdern hatte der eine keine Lust und keinen Mut, etwas zu erwerben, weil ihm das Geld nicht zu den Fenstern hineinregnete. Er sagte immer: „Wo nichts ist, da kommt nichts hin." Und so war es auch. Er blieb sein Leben lang der arme Bruder Wonichtsist, weil es ihm nie der Mühe wert war, mit einer kleinen Ersparnis den Anfang zu machen, um nach und nach zu einem größeren Vermögen zu kommen. So dachte der jüngere Bruder nicht; der pflegte zu sagen: „Was nicht ist, das kann werden." Er hielt das wenige, was ihm von der Verlassenschaft der Eltern zuteil worden war, zu Nat und vermehrte es nach und nach durch eigene Ersparnis, indem er fleißig arbeitete und eingezogen lebte. Anfänglich ging es hart und langsam; aber sein Sprichwort: Was nicht ist, kann werden, gab 232 ihm immer Mut und Hoffnung. Mit der Zeit ging es besser. Er wurde durch unverdrossenen Fleiß und Gottes Segen noch ein reicher Mann und ernährt jetzt die Kinder des armen Bruders Wonichtsist, der selber nichts zu beißen und zu nagen hat. »8. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. I. P. Hebel. Mancher, der nicht an dieses Sprichwort denkt, wird betrogen; aber eine andere Erfahrung wird noch öfter vergessen: „Manches glänzt nicht und ist doch Gold," und wer das nicht glaubt und nicht daran denkt, der ist noch schlimmer daran. In einem wohlbestellten Acker, in einem gut eingerichteten Gewerbe ist viel Gold verbürgen, und eine fleißige Hand weiß es zu finden und ein ruhiges Herz dazu, und ein gutes Gewissen glänzt auch nicht und ist noch mehr als Goldes wert. Oft ist gerade da am wenigsten Gold, wo der Glanz und die Prahlerei am größten ist. Wer viel Lärm macht, hat wenig Mut. Wer viel von seinen Talern redet, hat nicht viel. Einer prahlte, er habe ein ganzes Simri (Tester) Dukaten daheim. Als er sie zeigen sollte, wollte er lange nicht daran. Endlich brachte er ein kleines, rundes Schächtelein zum Vorschein, das man mit der Hand decken konnte. Doch half er sich mit einer guten Ausrede; das Dukatenmaß, sagte er, sei kleiner als das Fruchtmaß. rrr>. Der weise Limonides. Nach Phädrus. Man sagt: Ein weiser Mann trägt stets im Innern Schätze bei sich. Welche Schätze damit gemeint seien, wird euch die Geschichte des Griechen Simonides lehren. Er war ein großer Meister im Gesang und zog, weil er arm war, in den Städten Asiens umher, damit er um Lohn Lieder dichte. Das Glück war ihm günstig, und er sammelte sich Reichtümer, mit welchen er sich nach dem Vaterlande einschiffte. Auf der hohen See ereilte das Schiff ein grausenhafter Sturm, und da es ohnehin morsch vor Alter war, so scheiterte es. Eilig rafften die Leute auf dem Fahrzeug -Güter und Lebensmittel auf, um sich mit ihnen auf Borden und Planken aus Land zu flüchten. Einer rief dem '.4 -- -/ 233 Simonides voll Besorgnis zu: „Nnmnst du denn nichts von deinen Schätzen mit?" — „Sei unbesorgt!" versetzte der Sänger; „ich trage alles bei mir." Der Sturm wütete fort.. Wenige retteten sich durch Schwimmen; viele sanken unter ihrer Last, und wer etwas an das Land gebracht hatte, dem wurde es von Böservichten abgenommen. Da sahen sich die Unglücklichen von allem entblößt. Zum Glück war eine Stadt in der Nähe, zu welcher sie eilten. Simonides wurde aufs gütigste von einem Freunde der Wissenschaften aufgenommen, der ihn früher nicht von Angesicht gekannt, aber seine Gedichte mit Bewunderung gelesen hatte. Er schätzte es jetzt für ein Glück, den großen und berühmten Mann bewirten zu können, beschenkte ihn mit Kleidern und Geld und ließ ihn wie einen Herrn bedienen. Die übrigen Reisenden aber zogen mit Tafeln, worauf ihre Leidensgeschichte gemalt war, von Haus zu Haus und bettelten um Brot. So kamen sie auch zu dem Gönner des Simonides. Da sprach denn der Sänger, nachdem er ihnen ein Almosen gespendet hatte: „Sagte ich's nicht, daß ich das Meinige bei mir trüge? Aber was ihr mit euch nahmt, ist dahin." 00. Die Stimmen ves Gerichts. Friedrich Adolf Krummacher. Ein reicher Mann, namens Christes, gebot seinen Knechten, -eine arme Witwe samt ihren Kindern aus einem seiner Häuser zu vertreiben, weil sie den jährlichen Zins nicht zu zahlen vermochte. Als die Diener nun kamen, sprach das Weib: „Ach, verzieht ein wenig; vielleicht, daß euer Herr sich unser erbarme; ich will zu ihm gehen und ihn bitten!" Darauf ging die Witib zu dem reichen Mann mit ihren vier Kindern — denn eines lag krank darnieder — und alle flehten inbrünstig, sie nicht zu verstoßen. Chryses aber sprach: „Meine Befehle kann ich nicht ändern; es sei denn, daß Ihr Eure Schuld sogleich bezahlet." Da weinte die Mutter bitterlich und sagte: „Ach, die Pflege eines kranken Kindes hat all meinen Verdienst verzehrt und meine Arbeit gehindert!" und die Kinder flehten mit der Mutter, sie nicht zu verstoßen. Aber Ehryses wandte sich hinweg von ihnen und ging in sein Gartenhaus und legte sich auf das Polster, zu ruhen, wie 234 er pflegte. Es war ein schwüler Tag, und dicht am Gartensaal floß ein Strom; der verbreitete Kühlung, und es war eine Stille, das; kein Lüftchen sich regte. Da hörte Chryses das Gelispel des Schilfs am Ufer; aber es tönte ihm gleich dem Eewinsel der Kinder der armen Witwe, und er ward unruhig auf seinem Polster. Danach horchte er auf das Rauschen des Stromes, und es Leuchte ihn, als ruhL er an dem Gestade eines unendlichen Meeres, und er wälzte sich auf seinem Pfühle. Als er nun wieder horchte, erscholl aus der Ferne der Donner eines aufsteigenden Gewitters; da war ihm, als vernähm' er die Stimme des Gerichts. Nun stand er plötzlich auf, eilte nach Hause und gebot seinen Knechten, der armen Witib das Haus zu öffnen; aber sie war samt ihren Kindern in den Wald gegangen und nirgends zu finden. Unterdes war das Wetter heraufgezogen, und es donnerte und fiel ein gewaltiger Regen. Chryses aber war voll Unmuts und wandelte umher. Am andern Tage vernahm Chryses, das kranke Kind sei im Walde gestorben und die Mutter mit den andern hinweg- gezogen. Da ward ihm sein Garten samt dem Saal und dem Polster zuwider, und er genotz nicht mehr der Kühlung des rauschenden Stromes. Bald nachher fiel Chryses in eine Krankheit, und immer in der Hitze des Fiebers vernahm er des Schilfes Gelispel und den rauschenden Strom und das dumpfe Tosen des aufsteigenden Wetters. Also verschied er. 19. Zwei Parabeln. Von Arthur Schopenhauer. 1. Hinter einem in seiner vollen Blütenpr«cht ausgebreiteten Apfelbaum erhob eine gerade Tanne ihren spitzen, dunklen Gipfel. Zu dieser sprach jener: „Siehe die Tausende meiner schönen, muntern Blüten, die mich ganz bedecken! Was hast du dagegen auszuweisen? Schwarzgrüne Nadeln." — „Wohl wahr;" erwiderte die Tanne, „aber wann der Winter kommt, wirst du entlaubt dastehen; ich aber werde sein, was ich jetzt bin." 235 2. Eine schöne, grünende und blühende Oase sah um sich und erblickte nichts als eine Wüste rings umher; vergebens suchte sie ihresgleichen gewahr zu werden. Da brach sie in Klagen aus: „Ich unglückliche, vereinsamte Oase! allein mutz ich bleiben! nirgends meinesgleichen! ja, nirgends auch nur ein Auge, das mich sähe und Freude hätte an meinen Wiesen, Quellen, Palmbäumen und Gesträuchen! Nichts als die traurige, sandige, felsige, leblose Wüste umgibt mich. Was helfen mir alle meine Vorzüge, Schönheiten und Reichtümer in dieser Verlassenheit!" Da sprach die alte, graue Mutter Wüste: „Mein Kind, wenn dem anders wäre, wenn ich nicht die traurige, dürre Wüste wäre, sondern blühend, grün und belebt: dann wärest du keine Oase, kein begünstigter Fleck, von dem noch in der Ferne der Wanderer rühmend erzählt, sondern wärest eben ein kleiner Teil von mir und als solcher verschwindend und unbemerkt. Darum ertrage in Geduld, was die Bedingung deiner Auszeichnung und deines Ruhmes ist!" 92. Die Doppelfreude. Marie Ebner-Eschenbach. Am Ufer eines spiegelklaren Teiches spazierte eine Enten- mutter mit ihren Kindern. „Ihr seid voll Staub," sagte sie zu ihnen. „Steigt ins Wasser und putzt euch." „Wir möchten gern," erwiderten die Entlein, „der Staub juckt uns ja ganz fürchterlich. Aber es geht nicht." „Es geht nicht? Warum denn?" „Drüben, schall nur, drüben steht ein Schwein und lacht uns aus, wenn wir uns waschen." „Um so besser! da gibt es statt eines Vergnügens zwei. Macht euch die Freude, euch zu säubern, und gönnt dem Schwein die Freude, euch auszulachen." 93. Hwei Reiche. I. Turgenjeff. Wenn rnan mir einen Millionär rühmt, der von seinen ungeheuren Einkünften Tausende hergibt, damit Kinder erzogen, Kranke geheilt, Greise gepflegt werden, so rührt mich eine solche Tat, und ich lobe sie. 236 Allein trotz meiner Rührung und meinem Lobe tonn ich nicht umhin, einer armen Banernfamilie zu gedenten, welche eine verwaiste Verwandte in ihr elendes Häuschen aufnahm. „Nehmen wir das Käthchen zu uns," sprach die Frau, „so wird der letzte Groschen draufgehen; wir können uns dann nicht einmal mehr Salz für die Suppe laufen." „Nun, dann essen wir sie ungesalzen," antwortete ihr Mann. Es ist ein weiter Schritt von dem Millionär bis zu diesem Bauer! 94. Die geflickte Hose. Fr. W. Foerster. In unserer Schule war ein Knabe von armen Eltern, der trug eine Hose, die war so vielfarbig geflickt, daß wir alle unseren tollen Spatz daran hatten. Und immer, wenn man glaubte, jetzt sei es zu Ende, jetzt komme endlich eine neue Hose — dann satz plötzlich wieder ein grotzer brauner Flicken darauf, und alle die kleinen Flicken ringsumher schienen mit neuem Mute in die Zukunft zu sehen — so wie ein verzweifeltes Volk, wenn plötzlich ein grotzer und tapferer Staatsmann die Zügel ergreift. Nach der Heimkehr von den Ferien war es unser festlichstes Vergnügen im Schulhof, Müllers Hose zu besichtigen, und grotzes Gelächter hörte man erschallen, wenn sie inzwischen noch bunter geworden war. Wie schäme ich mich heute dieses Gelächters! Es war ja nicht bös gemeint — aber so unendlich dumm und gedankenlos. Wir sahen nur die bunten Flicken, aber nicht das, wovon sie erzählten: Eine ganze Welk von sorgender Mutterliebe, durchwachte Nachtstunden und gewitz auch viele Tränen darüber, datz die ganze mühsame Flickerei doch nur etwas zustande brachte, worüber der Sohn in der Schule ausgelacht wurde! Mit welcher ärmlichen Geldsumme mutzte die Mutter wohl den ganzen Haushalt be- streiten, und wie ängstlich mag sie genäht haben, damit die Hose noch ins neue Jahr hinein halte! Wieviel tausendmal mehr wert war diese Hose als das schönste und modernste englische Beinkleid mit seinen tadellosen Falten! Habt ihr einmal davon gehört, datz man heute oft Hunderttausende von Mark bezahlt für Gemälde von alten Meistern, die oft noch gar nicht richtig zeichnen konnten, 237 aber dafür so viel Liebe und Andacht in ihre Bilder legten, das; man noch heute nach vielen Jahrhunderten ganz warm und innig davon berührt wird? Nun — Müllers geflickte Hose war auch so ein Kunstwerk, und ich würde heute viel Geld dafür geben, wenn sie zum Verkauf ausgeboten würde — und an der Tafel würde ich sie aufhängen wie eine Wandkarte und euch mit den: Kartenstock die wunderbare Findigkeit der Mutterliebe zeigen: Wieviel Nachdenken, wieviel Fürsorge da hineingearbeitet ist in dieses ärmliche Stück Zeug — so viel, daß es selbst der erste Schneider von Paris nicht nachmachen könnte, sondern ausrufen müßte: Soviel Geduld hat kein Schneider und keine Maschine, das kann nur eine Mutter! Dann würdet ihr begreifen, wieviel Dummheit dazu gehört, über solch eine Hose zu lachen! Wer so zu flicken vermag, das kaun kein gewöhnlicher Mensch sein: Müllers Mutter war sicher eine außergewöhnliche Frau, und ich bedaure nachträglich nur, daß wir Müller nie um die Erlaubnis gebeten haben, sie zu besuchen Wenn ihr jemals so eine geflickte Hose trefft, denkt an das, was ich euch heute erzählt habe! Daß man die Entstehungsgeschichte solcher geflickter Hose versteht, und daß man herauslesen kann, was da alles hineingearbeitet ist — das ist wichtiger, als daß man ganze Bände voll Weltgeschichte lesen kann und über die Entstehungsgeschichte der feuerspeienden Berge Bescheid weiß. Warum ist es wohl wichtiger? Weil es nichts Schlimmeres gibt, als daß liebevolle und fleißige Arbeit ausgelacht und verspottet wird, und weil unsere wahre Bildung sich darin zeigt, daß wir nie am unrechten Orte lachen. Zu dieser Bildung aber helfen weder Weltgeschichte noch Naturkunde, so wichtig sie sonst sind — nein, nur durch eigenes Nachdenken über das Leben unserer Mitmenschen kommen wir dazu. Wenn ihr einmal so einen schön geflickten Knaben trefft, der sich vor dem Lachen seiner Kameraden schämt, so ruft ihm nur zu: „Du, sei stolz auf deine Mutter, du trägst ja die kostbarsten Hosen der Welt!" — Ist das nicht wahr? Ist nicht Mutterliebe hineiugewebt, und ist das nicht weit vornehmer und schöner, als wären sie golddurchwirkt — und wenn er sie mit Stolz und Dankbarkeit trägt, sind es dann nicht wahrhaft beseelte Hosen — ein wahres Stelldichein der besten Gefühle der Menschenbrust? 23k 95. Die Erziehung -es jungen Cyrus. C. L. Roth. Der Knabe Cyrus war auf Befehl seines Großvaters Astyages mit seinen Eltern nach Persien gebracht worden. Hier wurde er mit den andern Knaben seines Alters so unterrichtet und erzogen, wie es die Sitte des Landes mit sich brachte. Schon mit Tagesanbruch muhte er auf dem öffentlichen Platze erscheinen, um da mit seinen Altersgenossen unter freiem Himmel den Unterricht zu empfangen. Je fünfzig waren unter einem Lehrer, welcher immer ein Mann von hoheni Stande war. Man unterrichtete aber die Knaben in andern Dingen, als die sind, welche gewöhnlich in Schulen gelehrt werden. Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, Dankbarkeit, Selbstbeherrschung, besonders im Essen und Trinken, Gehorsam gegen die Obrigkeit waren täglich die Gegenstände des Unterrichts, während man sie außerdem anleitete, mit dem Bogen zu schießen, mit Speeren zu werfen oder zu stoßen, große Strecken anhaltend zu laufen, Pferde zu bändigen und zu tummeln. Das Benehmen der Knaben untereinander selbst gab deni Lehrer Gelegenheit genug, ihnen zu zeigen, was recht und was unrecht sei, da unter ihnen auch wie unter den Erwachsenen Übertretungen durch Gewalttätigkeit, durch Aberlistung oder durch üble Nachrede und dergleichen häufig vorkamen. Hiebei pflegte dann der Lehrer den Schuldigen zu strafen und eben damit allen andern in der Wirklichkeit zu zeigen, was zu tun und was zu lassen Pflicht sei. Auch stellte er die vorgerückten Knaben zur wettern Mung in der Gerechtigkeit als Richter auf, daß sie unter ihresgleichen Recht sprechen mußten. So ward einmal Cyrus zum Richter bestellt und hatte einen Streithandel zwischen zwei Knaben zu entscheiden. Der eine dieser Knaben, größer als der andere, hatte einen Rock, der ihm zu klein war; der kleinere Knabe hatte einen, der ihm zu groß war. Nun hatte der größere dem kleineren Knaben den Rock ausgezogen und selbst angelegt, dagegen jenen mit seinem kleineren Rocke bekleidet. Aber der kleinere Knabe wollte sein Eigentum nicht missen, und so kamen sie vor den Richter Cyrus. Dieser hörte die Klage an und tat den richterlichen Ausspruch, daß der größere Knabe recht getan habe, weil es besser sei, wenn jeder das Kleid trage, welches zu seinem Wüchse passe. Als aber die Sache vor 230 den Oberrichter, den Lehrer, tarn, strafte dieser Cyrus mit Schlägen ab, indem er sagte, jener sei nicht dazu berufen gewesen zu entscheiden, welches Kleid jedem passe, sondern welches jeder nach dem Recht besitze; der Richter müsse jedem das zusprechen, was ihm nach dem Gesetze gebühre. Um den Knaben die gegebenen Anweisungen einzuprägen, wurden ihnen lehrreiche Geschichten erzählt, und Lieder, deren Inhalt die Taten der Götter und großer Männer ausmachten, wurden teils mit, teils ohne Gesang vorgetragen. Um keine Verwöhnung des Gaumens aufkommen zu lassen, durften die Knaben nicht daheim bei ihren Müttern speisen, sondern nur bei ihren Lehrern und zwar erst, wenn der Vorsteher das Zeichen zur Mahlzeit gab. Hiezu brachte jeder von Hause Brot und Käse mit, und wenn sie durstig waren, mochten sie aus dem Flusse trinken. Bei dieser einfachen Lebensweise wurden sie nüchterne, enthaltsame und kräftige Leute. Als Knaben wurden sie betrachtet bis ins sechzehnte oder siebzehnte Jahr, worauf sie unter die Jünglinge eingereiht wurden. Dann durften sie mit hinaus ins Gebirge zur Jagd ziehen, bei der sie oft mehrere Tage nacheinander ohne Obdach und ohne aridere Nahrung zubrachten als das Fleisch der von ihnen erlegten Tiere. Sie trafen aber auf der Jagd nicht bloß Hirsche und Rehe und solches Wild, das vor den Menschen flieht, sondern auch Löwen und andere streitbare Tiere, denen gegenüber Mut und Stärke nötig war. Auch im Kriege dienten die Jünglinge zu Fuß und zu Roß, und wo ein Platz zu bewachen, Räuber zu verfolgen oder andere Übeltäter auszukundschaften waren, da schickte man immer eine Abteilung von Jünglingen hin. 96. Lakonische Kürze. Die Bewohner einer Landschaft in Lacedaemon schickten einen Abgeordneten nach Sparta, um in einer Hungersnot um Getreide zu bitten. Als er seine längere und bewegliche Rede beendigt hatte, entließen ihn die Spartaner mit den trockenen Worten, sie hätten den Anfang der Rede vergessen und daher das Ende nicht verstanden. Bald darauf kam ein zweiter Bote; er brachte einen leeren Sack mit, kehrte ihn vor aller Augen um und sprach: „Er ist 240 leer; tut etwas hinein!" Dieser Bote erhielt nun Getreide, doch nicht ohne die Bemerkung, er hätte sich kürzer fassen können; daß der Sack leer sei, habe man gesehen, und daß er dessen Füllung begehre, sei selbstverständlich; ein anderes Mal möge er sich vor Weitschweifigkeit hüten. 97. Krösus. Nach Herodot. (Aus Wendts Lesebuch.) 1. Zu deni mächtigen Könige Krösus von Lydien, dem reichsten Fürsten seiner Zeit, der Zu Sardes in Kleinasien herrschte, kam eines Tages Solon, der weise Athener, den seine Vaterstadt so hoch ehrte, daß sie sich von ihm Gesetze geben ließ. Krösus hatte auch schon von ihm gehört und bewirtete ihn als Gast in der königlichen Burg. Am dritten Tage sodann führten ihn die Diener auf des Krösus Gebot in allen Schatzkammern umher und zeigten ihm alle Herrlichkeiten, und da Solon alles gesehen hatte, fragte ihn Krösus also: „Mein Freund von Athen, man hat uns viel von deinen Reisen und deiner Weisheit erzählt. Nun hab' ich groß Verlangen, dich zu fragen, wen du von allen Menschen, die du kennst, für den glücklichsten hältst." Da antwortete Solon: „Herr, den Tellus von Athen." Das nahm den König wunder, und er fragte voll Eifer: „Und warum hältst du ihn dafür?" Und Solon sprach: „Zum ersten, so hatte Tellus bei blühendem Zustande der Stadt edle und vortreffliche Söhne, und die hatten wieder Kinder, und alle waren am Leben, und zum andern starb er den schönsten Tod im siegreichen Kampfe für sein Vaterland und ward unter großen Ehren auf öffentliche Kosten bestattet." Da fragte Krösus begierig, wer wohl der zweite wäre; denn er hoffte, doch wenigstens die zweite Stelle zu erhalten. Solon aber sprach: „Zum zweiten nenne ich dir Kleobis und Biton von Argos; denn dieselben hatten, soviel sie bedurften, und dazu besaßen sie eine große Leibesstärke, so daß beide zugleich den Kampfpreis davontrugen. Von ihnen wird erzählt, daß ihre Mutter, die Priesterin der Hera, einst nach dem Tempel der Göttin fahren mußte, und die Rinder, die den Wagen ziehen sollten, kamen nicht vom Felde. Als nun keine Zeit zu verlieren war, spannten sich die beiden Jünglinge selber vor, und auf den: Wagen saß ihre Mutter. So fuhren sie den weiten Weg Zu dem Tempel, und 241 das ganze Volk war Zeuge ihrer Tat. Ihre Mutter aber trat vor das Bild der Göttin und betete, sie möchte ihren Söhnen den besten menschlichen Segen zuteil werden lassen, und als man nach diesem Gebete geopfert und das Mahl gefeiert hatte, legten sich die beiden Jünglinge im Tempel zur Ruhe und standen nicht wieder auf; sondern das war ihres Lebens Ende." Krösus aber ward unwillig und sprach: „Mein Freund von Athen, ist dir denn mein Glück so gar nichts, daß du mich nicht einmal geringen Bürgern gleichsehest?" Solon aber sprach: „O Krösus, ich setze des Menschen Leben auf siebzig Jahre; das sind sechsundzwanzigtausend zweihundert und fünfzig Tage*), von denen keiner dem andern gleicht. Daher ist das Leben des Menschen eitel Zufall. Jetzt bist du gewaltig reich und Herr über viele Völker; aber glücklich kann ich dich nicht nennen, bevor ich weiß, wie dein Leben endet. Bei jedem mutz man das Ende abwarten; denn vielen hat Gott erst das Glück vor Augen gehalten und sie dann ganz zugrunde gerichtet." Und da er also sprach, hielt Krösus ihn für sehr unverständig und entlieh ihn alsbald. 2. Krösus hatte zwei Söhne. Der eine war stumm; aber der andere, Atys, war ein kräftiger Jüngling. Es träumte aber dem Krösus, datz ihm dieser Sohn durch eine Eisenspitze getötet würde. Große Furcht befiel da den König, und er ließ alle Waffen aus den Männersälen wegnehmen, auf datz nicht etwa ein Speer von der Wand auf seinen Sohn herunterfiele. Er schickte ihn nicht mehr in den Krieg, sondern behielt ihn zu Hause und gab ihm eine junge Frau; aber der Jüngling war damit übel zufrieden, und da ein wütender Eber die Weinberge verheerte und seines Vaters Jäger und Hunde gegen ihn ausgesandt wurden, sprach er: „Lieber Vater, laß dich doch von deinem Traume nicht so schrecken, datz du von mir ehrlosen Müßiggang verlangst! Wo hat denn der Eber Hände und wo eine Eisenspitze, davor du Furcht hast? Da aber der Traum nicht von einem Zahn oder dergleichen gesprochen hat, so laß mich immer mit!" Da ließ der König den Adrastus rufen, einen phrygischen Mann, der als Flüchtling, wegen Brudermordes verfolgt, in sein Land gekommen und von Krösus entsühnt worden war. Zu diesem sprach er: „Adrastus, ich habe dich aufgenommen, als du in schwerem Leide warst; dafür tue du mir jetzt einen Gefallen! Begleite meinen Sohn *) Irrtümliche Berechnung Herodots. 16 242 und siehe zu, daß ihm auf der Jagd nichts zustößt und er sich nicht zu nah an den Eber wagt!" Adrastus antwortete: „Herr, nur auf deinen Befehl will ich unglücklicher Mensch mich unter die Glücklichen mischen; aber soviel meine Sorgfalt vermag, soll dein Sohn unverletzt zurückkehren." Und im Waldgebirge trafen die Jäger den Eber, umzingelten ihn, und Adrastus warf nach ihm mit dem Wurfspieße; er fehlte ihn aber und traf des Krösus Sohn. So ging an diesem der Traum von der Eisenspitze in Erfüllung. Krösus weinte und wehklagte an der Leiche seines Sohnes, und Adrastus kam und flehte, ihn dem Toten Zu opfern, ihn, den nun zu allem früheren Leid noch dies größte getroffen, den Sohn seines Wohltäters zu töten. Da jammerte sein Schicksal den Krösus, und er sprach: „Meinen Sohn hat ein Götterratschluß getötet; ziehe hin in Frieden!" Adrastus aber ging hin und erstach sich selbst auf dem Grabe. Krösus aber lag zwei Jahre in tiefer Trauer und glaubte nicht mehr, der Glücklichste zu sein. 3. Nach zwei Jahren hörte er aber von der großen Macht des jungen Perserfürsten Cyrus, der das medische Reich bezwungen hatte, also daß jetzt die Meder ihren vormaligen Dienern, den Persern, Untertan waren. Da glaubte er, es sei recht und königlich gehandelt, dem jungen Fürsten seine große Macht zu zeigen, auf daß er etwa noch der Perser Reich zu dem lydischen dazu gewänne; aber er wollte nicht ohne den Rat der Götter handeln. Weil nun mancherlei Heiligtümer ihm bekannt waren, in denen die Priester den Willen ihres Gottes den Sterblichen kundtaten, gedachte er, sie zu prüfe«, und schickte Gesandte zu allen; die mußten fragen, was König Krösus an einem bestimmten Tage zu bestimmter Stunde tun wolle, und es heißt, daß sie selbst es nicht wußten. Da kamen die Gesandten auch zu dem Orakel in Delphi, allwo die Pythia, die Priesterin Apolls, den Menschen die Antworten des allsehenden Gottes mitteilte, und als die Lyder in den Tempel traten, sprach die Pythia: „Ich merke einen Geruch, als wenn Lammfleisch mit Schildkrötenfleisch gemengt, mit Erz bedeckt, in Erz gekocht wird." Und als die Gesandten dem Könige die Antwort brachten, erkannte er, daß nur der Gott der Hellenen die Zukunft wisse; denn er hatte wirklich, damit niemand sein Tun erraten könne, in einem Schilde, mit einem andern Schilde zugedeckt, Lamm- und Schildkrötenfleisch zusammengekocht. Jetzt fragte er in Delphi von neuem an, ob er den Krieg beginnen 2l3 solle, und bekam das Orakel: „Wenn Krösus über den Halys geht, wird er ein großes Reich zerstören." Es war aber der Halys der Grenzfluß zwischen Lydern und Persern. Da rüstete Krösus und führte sein Heer in das Land der Perser; denn er glaubte, des Beistandes der Götter sicher zu sein. Aber Cyrus besiegte sein Heer und schloß ihn selbst bald in seiner Hauptstadt Sardes ein. Unter den Mauern der Stadt kam es noch einmal zur Schlacht, und Krösus vertraute auf die Tapferkeit der lydischen Reiterei. Cyrus aber ließ die Kamele, die seinem Heere Nahrungsmittel und Zelte nachfühlten, abladen und mit geschickten Reitern darauf in das vorderste Treffen stellen, dahinter erst das Fußvolk. Und als die Lyder hervorbrachen, scheuten ihre Pferde vor den Kamelen — denn das Pferd hat überall Angst vor dem Kamel, und nicht einmal seinen Geruch vermag es zu ertragen — und gehorchten ihren Reitern nicht mehr und warfen viele ab. Da wurden die Perser Meister über sie, und die Stadt ward von den Persern erstürmt und auch die Burg, darinnen Krösus mit den Seinen war. Es hatte aber der König noch einen Sohn, der war bis auf diesen Tag stumm gewesen. AIs nun ein persischer Soldat, der ihn nicht kannte, auf den König eindrang und ihn schon zu Boden geworfen hatte, da gab die Angst plötzlich dem Stummen die Sprache, und er rief: „Mensch, töte den Krösus nicht!" Das waren die ersten Worte, die er sprach; von da an aber redete er sein ganzes Leben. Krösus ward gefangen, und als Cyrus davon erfuhr, hieß er einen Scheiterhaufen schichten, und darauf wurde jener festgebunden und sollte lebendig verbrannt werden. Da gedachte der gefangene Fürst des athenischen Weisen, der ihn vor dem Un- bestande des irdischen Glückes gewarnt hatte, und er rief laut, so daß alle es hörten: „O Solon, Solon, Solon!" Cyrus ließ fragen, wen er da anriefe, und Krösus antwortete: „Einen Mann, den alle Herrscher sollten um Rat befragen." Und weiter erzählte er, wie Solon zu ihm gekommen, der all seine Herrlichkeit für nichts geachtet, und wie alles eingetroffen sei, wie er es gesagt habe, und wie er geurteilt über die Menschen, so sich selber für glücklich hielten. Da reute es den Cyrus, daß er, der doch selber ein Mensch war, einen andern Menschen zum Feuertode verurteilt hatte, der noch vor kurzem es ihm an Herrlichkeit gleich getan, und er gab Befehl, das Feuer zu löschen. 244 Als nun Krösus vor den Sieger trat, fragte ihn Cyrus: „Was hat dich dazu gebracht, mir den Krieg zu bereiten, der ich dir doch nicht feindlich war?" Und jener antwortete: „Herr, das hat ein falscher Götterspruch getan!" und er erzählte ihm alles, wie es gekommen war, und schloß damit: „Siehe, so hat mich der Hellenengott getäuscht; denn wer sollte wohl gegen den Rat der Götter Krieg führen? Im Frieden begraben die Kinder ihre Eltern, im Kriege aber die Vater ihre Söhne. Aber, König Cyrus, jetzt bitte ich dich um eines. Sende diese Ketten, mit denen ich auf dem Holzstoß gefesselt stand, an den Tempel zu Delphi und frage, ob es Sitte des Gottes sei, die zu täuschen, die ihm vertrauen!" Und es geschah, wie er wünschte. Aber die Pythia sprach: „Krösus allein ist schuld an dem Leide, das ihn betroffen, da er übereilt in den Krieg zog, statt zu fragen, ob das Reich der Perser oder das der Lyder dadurch zerstört werden sollte, und jetzt dankt er nicht einmal dem Gatte, der ihn vom Scheiterhaufen errettet und des Cyrus Herz ihm zugewandt hat." Da erkannte Krösus sein Unrecht und klagte nicht mehr. Aber Cyrus behielt ihn an seinem Hofe, und er ward ihm und seinem Sohne ein treuer Freund, dessen Worte oft im Rate den Ausschlag gaben, und er führte das Leben eines Weisen, nachdem das Glück eines Fürsten von ihm gewichen war. 9». Der Bote, über die Schlacht von Salamis berichtend. Auspih nach Aschylus. Ein Grieche erschien vor unserm Könige und tat ihm kund, daß die Hellenen, furchterfüllt, mit dem Anbruch der Nacht zu entfliehen gedächten. Der König ahnte nicht den Trug dieser Worte. Er befahl, jeden Ausgang sorgsam zu sperren, und dreifach gereiht ließ er die Flotte sich in dichtem Anschlüsse scharen. Doch die Nacht schwand; kein feindliches Segel war zu erblicken. Als jedoch der Tag emporleuchtete, vernahm man vor sich tausendstimmigen Jubelgesang. Durch das Lager der Hellenen dröhnte der Tuba Schall. Wohlgeordnet rückte die griechische Flotte heran. An unser Ohr klang der Ruf: „Auf, Hellas' Söhne, schlagt den Feind; befreit das Land und Weib und Kind zugleich; befreit der heimischen Götter Sitz und das Grab der Väter!" 245 Der wilde Streit entbrannte. In das Holz der Schiffe bohrte sich der Schiffe erzener Schnabel. Unserer Überzahl gebrach der Kampfraum. Fahrzeug drängte sich an Fahrzeug; eines ward das Verderben des andern. Die Hilfsvölker flüchteten. Gestade und Klippen füllten sich mit Leichen. Die Griechen, nie rastend, verfolgten. Todesschreck und Tod in unseren Reihen! Und als geflügelt Entsetzen und Verzweiflung dem Strande nahten, schrie Terres, dort hochgethront, aus, zerriß sein Purpur- Ueid und entfloh. Weh uns allen, über die solches Leidgeschick hereinbrach! weh mir, der ich es künde! 99. Alexander und Diogenes. Th. B. Weiter. In Korinth lebte ein sehr weiser, aber auch sehr sonderbarer Mann, mit Namen Diogenes. Den Grundsatz des Sokrates, der Mensch müsse so wenig als möglich bedürfen, trieb er ins Lächerliche. Er trug einen langen Bart, einen zerrissenen Mantel, einen alten Ranzen auf dem Rücken und wohnte in einer Tonne. Einen hölzernen Becher hatte er weggeworfen, als er einen Knaben Wasser aus der hohlen Hand trinken sah. Alexander hatte Lust, den Sonderling zu sehen, und ging, von einem glänzenden Zuge begleitet, zu ihm. Er sag gerade vor seiner Tonne und sonnte sich. Als er die Menge auf sich zukommen sah, richtete er sich ein wenig auf. Alexander grüßte ihn freundlich, unterredete sich lange mit ihm und fand seine Antworten sehr geistreich. Zuletzt fragte er ihn: „Kann ich dir eine Gunst erweisen?" — „O ja," versetzte Diogenes, „geh mir ein wenig aus der Sonne!" Hierüber erhoben die Begleiter Alexanders ein lautes Hohngelächter; Alexander aber wendete sich um und sagte: „Wäre ich nicht Alexander, so möchte ich wohl Diogenes sein." 19V. König Richards Tod. Nach Charles Dickens. Ein gewisser Lord, namens Vidomar, Herr der Stadt Limoges im südwestlichen Frankreich, entdeckte auf seinem Grund und Boden zufällig einen Schatz alter Münzen. Da er Lehensmann des 216 Königs von England war, schickte er diesem die Hälfte seines Fundes; aber der König forderte den ganzen Schatz. Als der Schloßherr dies verweigerte, schloß ihn der König in seiner Burg ein und leistete einen Eidschwur, diese Feste mit Sturm nehmen und sämtliche Verteidiger an den Zinnen aufhängen zu lassen. Nun ging in jener Landschaft ein sonderbares, altes Lied mit der Verkündigung, in Limoges werde ein Pfeil verfertigt werden, an welchem König Richard sterben solle. Bertrand de Eourdon, einer der Jünglinge, welche die Burg verteidigten, hatte in Winternächten dies Lied oft gesungen oder singen hören, und es stieg eine lebhafte Erinnerung daran in seiner Seele auf, als er eines Tages den König in alleiniger Begleitung seines obersten Anführers die Mauern unten umreiten sah. Bertrand ergriff einen Pfeil, zielte mit sicherm Blick, sprach bei sich selbst: „Nun bitte ich Gott, dich wohl zu leiten, Pfeil!" schoß ab und traf den König in die linke Schulter. Anfangs wurde diese Wunde nicht für gefährlich erachtet; indes war sie doch so schlimm, daß sie den König veranlaßte, sich in sein Zelt zurückzuziehen und die Ausführung des Sturmes ohne seine persönliche Gegenwart anzuordnen. Die Burg wurde genommen und alle Verteidiger dem Schwüre des Königs gemäß gehängt; nur Bertrand de Gourdon wurde am Leben erhalten, bis des Königs Belieben über sein Schicksal ausgesprochen sein würde. Inzwischen war die Wunde durch ungeschickte Behandlung tödlich geworden. Als der König erkannte, daß sein Ende nahe sei, befahl er, Bertrand in sein Zelt zu bringen. Der Jüngling wurde in schweren Ketten herbeigeführt. König Richard faßte ihn scharf ins Auge; er blickte fest auf den König. „Schurke," sprach König Richard, „was habe ich dir getan, daß du mein Leben nimmst?" „Was du mir getan hast?" erwiderte der Jüngling. „Du hast mit eigener Hand meinen Vater und meine beiden Brüder umgebracht. Du wolltest mich selbst hängen lassen. Jetzt laß mich sterben, unter welchen Martern du willst! Mein Trost ist, daß keine Marter dich mehr retten kann. Auch du mußt sterben, und durch mich wird die Welt deiner entledigt." 247 Wiederum blickte der König mit festem Auge auf den Jüngling und der Jüngling mit festem Auge auf ihn. „Jüngling," sprach er, „ich verzeihe dir. Gehe ungefährdet!" Dann wandte er sich zu jenem oberster: Anführer, der an seiner Seite ritt, als er die Wunde erhielt, und sprach: „Nimm ihm seine Ketten ab, gib ihm hundert Schilling und last ihn von bannen ziehen!" Zuletzt sank er auf sein Kissen zurück; seinen ermattenden Augen schien sich das Zelt, in welchem er so oft geruht hatte, mit einem finsteren Nebel zu füllen; er starb, zweiundvierzig Jahre alt, nach einer zehnjährigen Regierung. 161. Hohe Selbstschätzung. Karl Friedrich Becker. Bertrand du Guesclin, der berühmteste französische Held des Mittelalters, sah sich in einem Kampfe von Feinden umringt. Als er den Kronprinzen von England, der das feindliche Heer anführte, im Getümmel erblickte, rief er: „Diesem ergebe ich mich; denn er ist der Tapferste." Der Prinz nahm ihn mit sich nach Bordeaux, das damals den Engländern gehörte, lind hielt ihn daselbst in Gewahrsam. Ein Zufall beschleunigte Bertrands Befreiung. Man unterhielt sich eines Tages bei dem Prinzen von Wales von seinen Siegen und den Gefangenen, die er dabei gemacht. „Prinz," sagte ein Ritter, „man spricht, Ihr hättet jemand in Eurem Gewahrsam, den Ihr nicht loszulassen wagt, nämlich Bertrand du Guesclin." Eduard fühlte durch dieses Gerücht seine Ehre gekränkt und befahl, den Gefangenen sogleich herbeizuführen. „Wie geht's, Bertrand?" fragte der Prinz. „Traun," erwiderte dieser, „es langweilt mich, nur immer die Mäuse von Bordeaux zu hören; die Bügel meines Vaterlandes wären mir lieber." — „Es wird bloß von Euch abhängen," entgegnete Eduard; „schwört nur, nicht gegen uns zu kämpfen, so entlasse ich Euch ohne Lösegeld!" — „Was hülfe mir da meine Befreiung! Dann gäbe ich mich ja erst recht in die Gefangenschaft!" — „Nun," sagte der Prinz, „dann sollt Ihr wenigstens nicht ohne Geld wegkommen." — „Ich will gerne zahlen," entgegnete Bertrand; „nur erinnert Euch, Hast ich ein armer Ritter bin, der nichts besitzt, als was er durch die Waffen 248 erwirbt!" Der Prinz überließ es ihm, den Preis selbst zu bestimmen, und jener bot 100,000 Goldgulden, eine für die damalige Zeit ungeheure Summe, um sich nicht zu niedrig zu schätzen. Verwundert fragte ihn Eduard, woher er so viel Geld nehmen wolle. „Der König von Frankreich," erwiderte dieser, „und meine Freunde werden es aufbringen." Doch schon in Bordeaux fand er unter den Engländern Freunde, die ihm ansehnliche Geschenke machten, und die Gemahlin Eduards selbst gab ihm eine bedeutende Summe. Dann verließ er die Stadt, um sich das übrige zu verschaffen; aber freigebig und großmütig, wie er war, unterstützte er noch andere gefangene Ritter, die er auf dem Wege traf, daß sie ihr Lösegeld bezahlen konnten. Kaum war er seiner Verpflichtung nachgekommen, so stellte er sich wieder an die Spitze einer Reiterschar und zog von neuem in den Krieg. 1Ü2. Herzog Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt. Fr. Schiller. Eine deutsche Dame aus einem Hause, das schon ehedem durch Heldenmut geglänzt und dem deutschen Reiche einen Kaiser gegeben hat, war es, die den fürchterlichen Herzog von Alba durch ihr entschlossenes Betragen beinahe zum Zittern gebracht hätte. Als Kaiser Karl V. im Jahre 1547 nach der Schlacht bei Mühlberg auf seinem Zuge nach Franken und Schwaben auch durch Thüringen kam, wirkte die verwitwete Gräfin Katharina von Schwarzburg einen Sauvegardebrief bei ihm aus, daß ihre Untertanen von der durchziehenden spanischen Armee nichts zu leiden haben sollten. Dagegen verband sie sich, Brot, Bier und andere Lebensmittel gegen billige Bezahlung aus Rudolstadt an die Saalbrücke schaffen zu lassen, um die spanischen Truppen, die dort übersehen würden, zu versorgen. Doch gebrauchte sie dabei die Vorsicht, die Brücke, welche dicht bei der Stadt war, in der Geschwindigkeit abbrechen und in einer größern Entfernung über das Wasser schlagen zu lassen, damit die allzu große Nähe der Stadt ihre raublustigen Gäste nicht in Versuchung führe. Zugleich wurde den Einwohnern aller Ortschaften, durch welche der Zug ging, vergönnt, ihre besten Habseligkeiten auf das Rudolstädter Schloß zu flüchten. 24S Mittlerweile näherte sich der spanische General» vorn Herzog Heinrich von Braunschweig und dessen Söhnen begleitet, der Stadt und bat sich durch einen Boten, den er voranschickte, bei der Gräfin von Schwarzburg auf ein Morgenbrot zu Gaste. Eine so bescheidene Bitte, an der Spitze eines Kriegsheeres getan, konnte nicht wohl abgeschlagen werden. Man würde geben, was das Haus vermöchte, war die Antwort; Seine Exzellenz möchten kommen und vorlieb nehmen. Zugleich unterließ man nicht, der Sauvegarde zu gedenken und dem spanischen General die gewissenhafte Beobachtung derselben ans Herz zu legen. Ein freundlicher Empfang und eine gutbesetzte Tafel erwarteten den Herzog auf dem Schlosse. Er mutz gestehen, datz die thüringischen Damen eine sehr gute Küche führen und auf die Ehre des Eastrechts halten. Noch hat man sich kaum niedergesetzt, als ein Eilbote die Gräfin aus dem Saal ruft. Es wird ihr gemeldet, datz in einigen Dörfern unterwegs die spanischen Soldaten Gewalt gebraucht und den Bauern das Vieh weggetrieben hätten. Katharina war eine Mutter ihres Volks; was dem ärmsten ihrer Untertanen widerfuhr, war ihr selbst zugestoßen. Aufs äußerste über diese Wortbrüchigkeit entrüstet, doch von ihrer Geistesgegenwart nicht verlassen, befiehlt sie ihrer ganzen Dienerschaft, sich in aller Geschwindigkeit und Stille zu bewaffnen und die Schlotzpforten wohl zu verriegeln; sie selbst begibt sich wieder nach dem Saale, wo die Fürsten noch bei Tische sitzen. Hier klagt sie ihnen in den beweglichsten Ausdrücken, was ihr eben hinterbrachte worden, und wie schlecht man das gegebene Kaiserwort gehalten. Man erwidert ihr mit Lachen, datz dies nun einmal Kriegsgebrauch sei, und datz bei einem Durchmarsch von Soldaten dergleichen kleine Unfälle nicht zu verhüten stünden. „Das wollen wir doch sehen," antwortete sie aufgebracht, „meinen armen Untertanen mutz das Ihrige wieder werden, oder, bei Gott!" — indem sie drohend die Stimme anstrengte — „Fürstenblut für Ochsenblut!" Mit dieser bündigen Erklärung verließ sie das Zimmer, das in wenigen Augenblicken von Bewaffneten erfüllt war, die sich, das Schwert in der Hand, doch mit vieler Ehrerbietigkeit hinter die Stühle der Fürsten pflanzten und das Frühstück bedienten. Beim Anblick dieser kampflustigen Schar veränderte Herzog Alba 250 die Farbe; stumm und betreten sah man einander an. Abgeschnitten von der Armee, von einer überlegenen handfesten Menge umgeben, was blieb ihm übrig, als sich in Geduld zu fassen und, auf welche Bedingung es auch sei, die beleidigte Dame zu versöhnen? Heinrich von Braunschweig faßte sich zuerst und brach in ein lautes Gelächter aus. Er ergriff den vernünftigen Ausweg, den ganzen Vorgang ins Lustige zu kehren, und hielt der Gräfin eine große Lobrede über ihre landesmütterliche Sorgfalt und den entschlossenen Mut, den sie bewiesen. Er bat sie, sich ruhig zu verhalten, und nahm es auf sich, den Herzog von Alba zu allem, was billig sei, zu vermögen. Auch brachte er es bei dem letztem wirklich dahin, daß er auf der Stelle einen Befehl an die Armee ausfertigte, das geraubte Vieh den Eigentümern ohne Verzug wieder auszuliefern. Sobald die Gräfin von Schwarzburg der Zurückgabe gewiß war, bedankte sie sich aufs schönste bei ihren Gästen, die sehr höflich von ihr Abschied nahmen. Ohne Zweifel war es diese Begebenheit, die der Gräfin Katharina von Schwarzburg den Beinamen der Heldenmütigen erwarb. 103. Das Ei des Kolumbus. Förster. Bei einem Feste, welches der Kardinal Mendoza dem Admiral Kolumbus zu Ehren veranstaltete, hielt er diesem eine große Lobrede wegen der von ihm gemachten Entdeckung, welche er den größten Sieg nannte, den jemals der Geist eines einzigen Mannes erfochten habe. Die anwesenden Herren vom Hofe nahmen es übel auf, daß einem Ausländer, noch dazu einem Manne, der nicht einmal von vornehmer Herkunft sei, so große Auszeichnung erwiesen wurde. „Mich dünkt," hob einer der königlichen Kammerherren an, „der Weg nach der sogenannten neuen Welt war nicht so schwer zu finden; der Ozean stand überall offen, und kein spanischer Seefahrer würde den Weg verfehlt haben." Mit vornehmem Gelächter gab die Gesellschaft dieser Äußerung ihren Beifall zu erkennen, und mehrere Stimmen riefen: „O, das hätte ein jeder von uns gekonnt!" „Ich bin weit entfernt," entgegnete Kolumbus, „mir etwas als Ruhm anzumaßen, was ich nur einer gnädigen Fügung des 251 Himmels zuschreiben darf; indessen kommt es doch bei vielen Dingen in der Welt, welche uns leicht ausführbar erscheinen, oft nur darauf an, dah sie ein anderer uns vormacht. Dürft' ich," fuhr Kolumbus, zu jenem Kammerherrn gewendet, fort, „Ew. Exzellenz wohl ersuchen, dies Ei" — er hatte sich von einem Diener ein Hühnerei bringen lassen — „so auf die Spitze zu stellen, datz es nicht umfällt?" Die Exzellenz versuchte von der einen wie von der andern Seite vergeblich, das Ei zum Stehen zu bringen. Der Nachbar bat es sich aus; es gelang ihm ebensowenig. Nun drängten sich die andern dazu; ein jeder wollte den Preis gewinnen; allein weder mit Eifer noch mit Ruhe war es möglich, das Kunststück auszuführen. „Es ist unmöglich!" riefen die Hidalgos; „Ihr verlangt Unausführbares!" — „Und doch," sagte Kolumbus, „werden diese Herren sogleich sagen: Das kann ein jeder von uns auch!" Jetzt nahm er das Ei und setzte es mit einem leichten Schlag auf den Tisch, so daß es auf der eingedrückten Schale feststand. „Ja, das kann ein jeder von uns!" riefen die Hidalgos. Seitdem hört man oft sagen, wenn eine glückliche Erfindung gemacht wurde, zu welcher ein jeder sich klug genug dünkt: „Das Ei des Kolumbus!" 104. Wie Admiral Ruyter den Spott bestraft. W. O. v. Horn. Admiral de Ruyter war ein Held zur See, der seinesgleichen nicht viel hatte; aber nur auf seinem prächtigen Admiralschiffe, aus dessen Luken hundert und zwanzig Kanonen heraussahen, war er recht daheim. Auf dem Lande war er nicht zu Hause. Er lag einmal mit feinern Schiffe zu Rotterdam vor Anker, und da die Leute ihn hoch verehrten, wurden seinetwegen viele Festlichkeiten veranstaltet. Das ärgerte den General der Landarmee, der auch in Rotterdam war, und er dachte: „Ich will dem Ruyter einmal einen Streich spielen." Um sein Vorhaben auszuführen, lud er ihn zu einem festlichen Mittagsmahle ein, wo denn alles aufgeboten war, den Gaumen zu kitzeln. Das Kopje-Kaffe, wie der Holländer sagt, und das Pfeifchen Tabak wollte man, so schlug der General vor, in seinem prachtvollen Gartenhause nehmen, das eine halbe Stunde von der Stadt 252 entfernt lag. Um dahin zu kommen, wurden so viel Pferde vorgeführt, als in der Gesellschaft Herren waren. Der General wußte, daß Ruyter nie in seinem Leben auf einem Pferde gesessen hatte, also durchaus nicht reiten konnte und ein Pferd weder zu zügeln noch zu leiten verstand, und darauf war eben der boshafte Streich berechnet. Man hatte deswegen auch dem Admiral das kitzlichste und mutwilligste aller Pferde des Generals ausgesucht. Nur ungern entschloß sich der Admiral, das Pferd zu besteigen, mochte aber in der großen Gesellschaft keine Ausnahme machen, zumal auch kein Wagen da war. Im Schritte ritt die Gesellschaft durch die Stadt, und es ging alles gut, obgleich der Admiral auf dem Pferde saß, daß fast jeder lächeln mußte, der ihn sah. Vor der Stadt aber fing wie zufällig das Pferd des Generals, der neben dem Admirale ritt, an zu traben und ging dann in einen sausenden Galopp über. Der Admiral verlor seinen Hut; er hielt sich mit beiden Händen am Sattel; er klammerte sich mit seinen Beinen so fest, als er konnte; aber alles half nichts — er stürzte vom Pferde und lag im Staube. Fast wäre die ganze Reitergesellschaft in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, wenn nicht die Hochachtung vor dem Helden sie zurückgehalten hätte. Zum Glück hatte Ruyter sich nicht wehe getan, und er konnte die kleine Strecke bis zu dem Landhause zu Fuße zurücklegen. Der Admiral, der scharfen Auges die Gesichter beobachtete, brauchte nicht lange Zeit, um zu wissen, daß ihm der Streich absichtlich gespielt worden sei, um ihn lächerlich zu machen. Er tat indessen, als ahne er davon nichts, und fuhr am Abende mit dem Wagen, den ein Adjutant aus der Stadt geholt, dorthin zurück. Ehe jedoch die Gesellschaft auseinanderging, lud sie der Admiral zu einem Mahle auf sein Admiralschiff ein. Als nach einigen Tagen die Gesellschaft sich einfand, war das Verdeck des Admiralschiffes in einen Garten umgewandelt; denn die herrlichsten Blumen und blühende Sträucher standen schön geordnet überall umher, und darüber spannte sich ein herrliches Zelt aus. Eine ungeheure Tafel dehnte sich unter diesem Zelte hin. Auf allen Rahen und überall im Takelwerke standen und saßen geputzte Matrosen, welche die Ankommenden mit einem donnern- 253 den Hurra begrüßten. Zwei prachtvolle Mnsikchöre spielten während der Tafel, welche der des Generals in keiner Weise nachstand. AIs sich das Mahl zu Ende neigte, stand der Admiral auf und füllte sein Glas, bat auch sämtliche Gäste, ein Gleiches zu tun. Als dies geschehen war, rief er aus: „Ich trinke auf das Wohl der Generalstaaten, auf das Gedeihen des Vaterlandes, seiner Armee und Marine!" In diesem Augenblick entluden sich einhundert und zwanzig Kanonen unter den Füßen der auf dem Verdecke Versammelten wie mit einem Schlage. Das Schiff erzitterte in allen seinen Fugen — die sämtlichen Offiziere der Landarmee stürzten und purzelten kopfüber zu Boden, während die Schiffsoffiziere unbeweglich wie Felsen dastanden. Doch keiner lachte, wie komisch auch der Anblick gewesen war und wie groß der Reiz zum Lachen. Als sich die Offiziere wieder glücklich auf die Beine geholfen hatten und noch vom Schrecken bleich wie Leichen dasaßen, wandte sich Ruyter mit feinem Lächeln an den General und sagte so laut, daß es jeder hören konnte, die Worte: „N^nbser, «tat is inzm paarck!" Zu deutsch: „Herr, das ist mein Pferd!" 105. König Friedrich und sein Nachbar. I. P. Hebel. Der König Friedrich II. von Preußen hatte acht Stunden von Berlin ein schönes Lustschloß und war gern darin, wenn nur nicht ganz nahe dabei die unruhige Mühle gewesen wäre,- denn erstens stehen ein königliches Schloß und eine Mühle nicht gut nebeneinander, obgleich das Weißbrot auch in dem Schlosse nicht übel schmeckt, wenn die Mühle sein gemahlen und der Ofen wohl gebacken hat. Außerdem aber, wenn der König in seinen besten Gedanken war und nicht an den Nachbar dachte, so ließ der Müller auf einmal seine Mühle klappern und dachte auch nicht an den Herrn Nachbar, und die Gedanken des Königs störten zwar das Räderwerk der Mühle nicht, aber manchmal das Klapper- werk der Räder die Gedanken des Königs. Der geneigte Leser sagt: „Ein König hat Geld wie Laub; warum kauft er dem Nachbar die Mühle nicht ab und läßt sie niederreißen?" Der König wußte, warum; denn eines Tages ließ er den Müller zu sich rufen. 254 „Ihr begreift," sagte er zu ihm, „daß wir zwei nicht nebeneinander bestehen tonnen. Einer muß weichen. Was gebt Ihr mir für mein Schlößlein?" Der Müller sagte: „Wie hoch haltet Ihr es, königlicher Herr Nachbar?" Der König erwiderte ihm: „Wunderlicher Mensch! So viel Geld habt Ihr nicht, daß Ihr mir mein Schlößlein abkaufen könnt. Wie hoch haltet Ihr Eure Mühle?" Der Müller erwiderte: „Gnädigster Herr! So viel Geld habt auch Ihr nicht, daß Ihr mir meine Mühle abkaufen könnt; sie ist mir nicht feil." Der König tat zwar ein Gebot, auch das zweite und dritte; aber der Nachbar blieb bei seiner Rede. „Sie ist mir nicht seil. Wie ich darin geboren bin," sagte er, „so will ich darin sterben, und wie sie mir von meinem Vater erhalten worden ist, sollen sie meine Nachkommen von mir erhalten und auf ihr den Segen ihrer Vorfahren erben." Da nahm der König eine ernsthafte Sprache an. „Wisch Ihr auch, guter Mann, daß ich gar nicht nötig habe, viele Worte zu machen? Ich lasse Eure Mühle tarieren und breche sie ab. Nehmt alsdann das Geld, oder nehmt es nicht!" Da lächelte der unerschrockene Mann, der Müller, und erwiderte dem König: „Gut gesagt, allergnädigster Herr; wenn nur das Kammergericht in Berlin nicht wäre!" Er wollte es nämlich auf einen richterlichen Ausspruch ankommen lassen. Der König war ein gerechter Herr und konnte überaus gnädig sein, also daß ihm die Herzhaftigkeit und Freimütigkeit einer Rede nicht mißfällig war, sondern wohl gefiel; denn er ließ von dieser Zeit an den Müller unangefochten und unterhielt fortwährend mit ihm eine friedliche Nachbarschaft. Der geneigte Leser aber darf schon ein wenig Respekt haben vor einem solchen Nachbar und noch mehr vor einem solchen Herrn Nachbar. 1V6. Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne. I. P- Hebel. Der große Kaiser Napoleon brachte seine Jugend als Zögling in der Kriegsschule zu Brienne zu, und wie? Das lehrten in der Folge seine Kriege, die er führte, und seine Taten. Da er gerne Obst aß, wie die Jugend pflegt, so bekam eine Obsthändlerin daselbst manchen schönen Batzen von ihm zu lösen. Hatte er je einmal kein Geld, so borgte sie; bekam er Geld, so bezahlte er. 235 Aber als er die Schule verließ, um nun als kenntnisreicher Soldat auszuüben, was er dort gelernt hatte, war er ihr doch einige Taler schuldig, und als sie das letzternal ihm einen Teller voll saftiger Pfirsiche oder süßer Trauben brachte — „Beste," sagte er, „jetzt muß ich fort und kann Euch nicht bezahlen; aber Ihr sollt nicht vergessen sein!" Aber die Obstfrau sagte: „O, reisen Sie wegen dessen ruhig ab, lieber junger Herr! Gott erhalte Sie gesund und mache aus Ihnen einen glücklichen Mann!" Allein auf einer solchen Laufbahn, wie diejenige war, welche der junge Krieger jetzt betrat, kann doch auch der beste Kopf so etwas vergessen, bis zuletzt das erkenntliche Gemüt ihn wieder daran erinnert. Napoleon wird in kurzer Zeit General und erobert Italien. Napoleon geht nach Ägypten, wo einst die Kinder Israel das Zieglerhandwerk getrieben haben, und liefert ein Treffen bei Nazareth, wo vor 1800 Jahren die hochgelobte Jungfrau gewohnt hat. Napoleon kehrt mitten durch ein Meer voll feindlicher Schiffe nach Frankreich und Paris zurück und wird erster Konsul. Napoleon stellt in seinem unglücklich gewordenen Vaterlande die Ruhe und Ordnung wieder her und wird französischer Kaiser, und noch hatte die gute Obstfrau in Brienne nichts als sein Wort: „Ihr sollt nicht vergessen sein!" aber ein Wort, noch immer so gut wie bares Geld und besser. Denn als der Kaiser in Brienne einmal erwartet wurde — er war aber in der Stille schon dort und mag wohl sehr gerührt gewesen sein, wenn er da an die vorige Zeit dachte und an die jetzige, und wie ihn Gott in so kurzer Zeit und durch so viele Gefahren unversehrt bis auf den neuen Kaiserthron geführt hatte — da blieb er auf der Gasse plötzlich stillestehen, legte den Finger an die Stirn wie einer, der sich auf etwas besinnt, nannte bald darauf den Namen der Obstfrau, erkundigte sich nach ihrer Wohnung, die ziemlich baufällig war, und trat mit einem einzigen treuen Begleiter zu ihr hinein. Eine enge Tür führte ihn in ein kleines, aber reinliches Zimmer, wo die Frau mit zwei Kindern am Kamin kniete und ein sparsames Abendessen bereitete. „Kann ich hier etwas zur Erfrischung haben?" so fragte der Kaiser. „Ei ja!" erwiderte die Frau, „die Melonen sind reif," und holte eine. Während die zwei fremden Herren die Melone verzehrten und die Frau noch ein paar Reiser an das Feuer legte — „Kennt Ihr den Kaiser auch, der heute hier sein soll?" 256 fragte der eine. „Er ist noch nicht da," antwortete die Frau; „er kommt erst. Warum soll ich ihn nicht kennen? Manchen Teller und manches Körbchen voll Obst hat er mir abgekauft, als er noch hier in der Schule war." — „Hat er denn auch alles ordentlich bezahlt?" — „Ja freilich, er hat alles ordentlich bezahlt." Da sagte zu ihr der fremde Herr: „Frau, Ihr geht nicht mit der Wahrheit um, oder Ihr müßt ein schlechtes Gedächtnis haben. Fürs erste, so kennt Ihr den Kaiser nicht; denn ich bin's. Fürs andere hab ich Euch nicht so ordentlich bezahlt, als Ihr sagt; sondern ich bin Euch zwei Taler schuldig oder so etwas," und in diesem Augenblick zählte der Begleiter auf den Tisch eintausend und zweihundert Franken, Kapital und Zins. Die Frau, als sie den Kaiser erkannte und die Goldstücke auf dem Tisch klingeln hörte, fiel ihm zu Füßen und war vor Freude und Schrecken und Dankbarkeit ganz außer sich, und die Kinder schauen auch einander an und wissen nicht, was sie sagen sollen. Der Kaiser aber befahl nachher, das Haus niederzureißen und der Frau ein anderes an den nämlichen Platz zu bauen. „In diesem Hause", sagte er, „will ich wohnen, so oft ich nach Brienne komme, und es soll meinen Namen führen." Der Frau aber versprach er, er wolle für ihre Kinder sorgen. Wirklich hat er auch die Tochter derselben ehrenvoll versorgt, und der Sohn ward auf kaiserliche Kosten in der nämlichen Schule erzogen, aus welcher der Kaiser selber ausgegangen ist. 107. General Grant. Aus den Basier Nachrichten. Es war im Felde. Viele Soldaten waren der Bestechung durch die Südlichen und der Plünderung beschuldigt und überführt worden. Man hatte mehrere Male Gnade vor Recht ergehen lassen; aber Grant hatte geschworen, daß er den geringsten Verstoß künftig nicht mehr ungeahndet würde hingehen lassen. Eines Morgens führte Man ihm einen blutjungen, siebzehnjährigen Freiwilligen vor, dem kaum der erste Flaum keimte. Er war auf seinem Posten schlafend gefunden worden, ein Hauptverbrechen im Kriege. Man machte kurzen Prozeß mit ihm, und das Kriegsgericht verurteilte ihn zum Tode. Der Jüngling ward bleich; aber er bat nicht um Gnade. Selbst die härtesten Krieger 257 hatten Mitleid mit seiner Jugend; doch es galt, dem Gesetz Achtung zu verschaffen. Am andern Tage sollte die Hinrichtung vollzogen werden. Frühmorgens irrte ein blondes kleines Mädchen von kaum acht Jahren im Lager umher. Die Wachtposten hatten es passieren lassen; denn es fragte sehr entschieden und in tiefem Ernst nach dem General Graut. Ein Offizier führte es vor den erstaunten Feldherrn: „General, dieses kleine Mädchen will Sie sprechen." „So sprich, mein Kind!" sagte Graut, durch den Schmerz in dem zarten Kindergesichte seltsam berührt. Die Kleine faltete die Hände: „O General, du willst Joe Danvers erschießen lassen, weil er auf dem Posten eingeschlafen ist, und der arme Joe ist doch eigentlich unschuldig, Mister General. Lies nur, was er der Mutter zum Abschied geschrieben hat, mein lieber Mister General!" Graut las das Schreiben, welches das Mädchen seiner Tasche entnahm: „Mutter, liebe Mutter, es ist vorbei mit mir! Konnte ich deiner Bitte widerstehen, nun, da wir dir so nahe unser Lager hatten, dich zu besuchen? Nach dem anstrengenden Marsch benutzte ich die zweistündige Ruhepause und rannte spornstreichs zu dir. Ich hatte mir zu viel zugetraut; die Hitze, der lange Weg, die Erregung des Wiedersehens spannten mich derart ab, daß ich, unglücklicherweise zum Posten bestimmt, meine Natur nicht länger bezwingen konnte und einschlief. — Nun hat man mich zum Tode verurteilt — es schmerzt mich nur um dich, die Witwe eines tapfern Soldaten, daß mir kein ehrenvoller Tod vergönnt ist. — Küsse Mary! und wenn alle mir fluchen, Gott wird mir gnädig sein; denn ich habe aus Liebe zu meiner kranken Mutter meine Kräfte erschöpft und nicht aus Leichtsinn die Pflicht des Soldaten verletzt. Segne mich, Mutter! Dein treuer Sohn Joe Danvers." Grant ließ das Blatt sinken und sah das Kind an. „Ich bin Mary, seine Schwester," sagte sie einfach. „Die Mutter liegt auf den Tod krank vor Gram; nun bin ich selbst gekommen und will dich bitten, daß du Joe nicht totschießen läßt; denn die Mutter sagt, dyß du ein so braver wie tapferer Mann bist." Grant küßte die Kleine unter Tränen und schickte sie zu dem Gefangenen, um ihm Trost zu bringen; inzwischen berief er durch einen Spezialbefehl nochmals das Kriegsgericht. Der Brief Joes entschied zu dessen Gunsten; er wurde zu vier Wochen 17 258 Gefängnis verurteilt. Grant selbst teilte dies der kleinen Mary mit. „Und wenn er seinen Fehler gebüßt hat, so schicke ich dir den Joe auf Urlaub heim — aber daß du ihn nicht eher fortläßt, als bis der faule Bursche gehörig ausgeruht hat; sonst schläft er wieder auf seinem Posten ein, und zum zweitenmal, mein kleines, tapferes Mädchen, darf General Grant die Gesetze, selbst nicht für ein so liebes Baby, umgehen." Joe wurde Farmer, Mary eine kleine Farmersfrau — aber im ganzen Lande gab es wohl keine Menschen, die so in Liebe an „ihrem" Grant hingen, wie jene beiden. 108. Kofciufzkos Pferd. Aus dem Solothurner Lesebuch. Kosciuszko, ein polnischer Kriegsheld, hielt sich in seinem Alter in der Stadt Solothurn auf. Einst wünschte er, einem armen Kranken einige Flaschen Wein zu senden. Er gab daher einem jungen Manne, namens Zeltner, den Auftrag, das Pferd zu nehmen, auf dem er zu reiten pflegte, und dem Armen den Wein zu bringen. Als Zeltner zurückkam, sagte er: „Ich werde Ihr Pferd nicht wieder reiten, wenn Sie mir nicht auch Ihre Börse mitgeben." — „Warum das?" fragte Kosciuszko. Die Antwort war: „Sobald ein Mann auf der Straße seinen Hut abnahm und um ein Almosen bat, stand das Pferd augenblicklich still und ging nicht eher von der Stelle, bis der Bettler etwas empfangen hatte. Als mir endlich das Geld ausging, wußte ich mir nur dadurch zu helfen, daß ich tat, als gäbe ich etwas, weil anders das Pferd nicht zufriedengestellt werden konnte." 109. Wie Georg Washington einen Flucher abfertigt. Herzog. Der berühmte Nordamerikaner Georg Washington saß einmal mit mehreren Offizieren und Beamten zu Tische. Da stieß einer von ihnen einen Fluch aus. Washington ließ Messer und Gabel fallen, sah den Flucher groß an, so daß dieser beschämt die Augen niederschlug, und sagte: „Ich hätte geglaubt, wir alle betrachteten uns selber als anständige Männer!" 259 110. Wellingtons Gleichmut. Aus Wendts Lesebuch. Der Herzog von Wellington lehrte einst auf einem Schiffe von Ostindien nach England zurück. Nach schweren Stürmen trat der Kapitän eines Abends in die Kajüte des Herzogs, als dieser gerade im Begriffe war, sich zu entkleiden, und zeigte ihm an, das Schiff sei so übel zugerichtet, daß es sich nicht lange mehr über dem Wasser halten werde. „Ich danke Ihnen," sprach der Herzog; „dann brauche ich meine Stiefel nicht erst auszuziehen." 111. Das Heim des Psahlbauers. Fr. Th. Bischer. Wir blicken durch eine kleine Fensteröffnung in eine Hütte, die uns gar dürftig erscheinen müßte, wenn wir uns nicht Bau, Ausstattung, Schmuck unserer Räume aus dem Sinne schlagen wollten. Die Wände bildet ein Flechtwerk, das mit Lehm bekleidet ist. Ein roher Tisch in einer Ecke, einige Stühle von nicht feinerer Arbeit sind zu sehen, und auf dem Estrich, der eben nicht aus Parkettafeln, sondern aus einem Guß von Ton und Kohlenstaub über einer einfachen Lage von Planken besteht, erhebt sich ein Herd, dessen Form auf so höchst ursprüngliche Zustände hinweist wie alles, was wir erblicken. Und dies alles gehört keinem armen Manne: die Matte dort aus Binsengeflecht scheidet das Ganze des Bodens in eine Schlaf- und eine Wohnstube, die freilich zugleich als Küche dient, und das ist ein Raumlurus, den nicht jede dieser Hütten aufweist. Der wohlhabende Besitzer ist ein ehrsamer Pfahlbürger des Dorfes, das sich über dem Spiegel des Sees Robanus, wenige Meilen entfernt von der größeren Wassergemeinde Tunk, erhebt. Er heißt Odgal und ist augenblicklich abwesend; einige 'hundert Schritte entfernt, sitzt er in einem Einbaum auf dem Wasser und ist mit seinen Fischernetzen beschäftigt. Dem Gemach aber fehlt es nicht an einem lebendigen Schmuck. Eine rüstige, rotbackige Dirne, von muntern Kindern umgeben, hantiert mit einem schweren, runden Steine auf einer größern Steinplatte, auf welche sie einen Haufen von Weizenkörnern geschüttet hat: sie mahlt. Die Arbeit ist nicht leicht; schwerlich würde auch eine starke Bauerntochter unserer Zeit die Last des 260 Kornquetschers so leicht heben, so geschickt und leicht handhaben. Drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, treiben ihr Spiel mit einem Eichhörnchen. Das kleinere ist seit einem Jahr erst aus den Windeln und erfreut sich jetzt zugleich seiner Freiheit; neben ihm liegt ein Ding, etwas wie ein eigentümliches Zaum- gebilde, am Boden; es ist der Halfter, womit der arme Wurm an einem Pfosten festgebunden wird, wenn die Falltür offen ist, die wir jetzt niedergelassen sehen; sie deckt eine Öffnung, die sich über dem Seespiegel befindet und ursprünglich zum Fischfang bestimmt war. Man ließ durch sie einen Korb ins Wasser hinab und durfte sicher sein, daß er zappelnde Beute mitbrachte, wenn man ihn nach einiger Zeit aufzog. Seit die Gemeinde stark über zweihundert Bürger zählt, ist der See so ergiebig nicht mehr; die Öffnungen aber sind geblieben. Eine Treppe führt hier ins Wasser, um schneller zum Kahn und aus Ufer zu gelangen als durch die spärlichen und engen Durchgänge zwischen den Häusern und über die einzige Brücke des Dorfes. Einen eigentümlichen Gegensatz zu den Erscheinungen der blühenden Kinder und der schönen, rüstigen Jungfrau bildet eine unheimliche Alte, runzlich, von gelber Farbe; die grauen Haare hangen ihr fast ungeordnet über die Stirn. Sie sitzt in einer Ecke, spinnt und singt in eintöniger Weise ein dunkles, uraltes Lied. Dazu hört man die Welle unter dem hohlen Bau an den Pfählen plätschern und den Abendwind raschelnd durch das nahe Uferschilf wehen: eine Begleitung, die gar wohl zu dem geisterhaften Gesänge stimmt. Nun wendet sich das Mädchen zu den Kindern, die nach Abendbrot verlangten. Mit einem Steinmeißel teilt sie einen dunkeln Brotlaib, dessen Rinde in der Tat ziemlich kohlich und dessen Substanz eben nicht so weiß und porös aussieht wie bei unserem leichtverdaulichen Brot, in wenig regelmäßige Schnitten. Der Leser begreift, daß Messerklingen von genügender Länge aus Stein nicht herzustellen waren; so mußte denn bei Körpern, die für ein Holzmesser zu hart waren, der Meißel die Stelle versehen. Sigune — denn so hieß die erwachsene Schwester der Kleinen, die ihnen getreulich seit einem Jahr die tote Mutter ersetzte — nimmt hierauf mit einem Holzlöffel Butter aus einem tönernen Napf, dessen Hals einige aufgemalte Zickzacklinien einfach genug verzieren, streicht sie mit einem spatelförmigen Stiele zierlich 261 auf die Brote und sagt dann: „Wartet, weil ihr ordentlich brav gewesen, sollt ihr einen Vorgeschmack vorn Fest haben." Sie holt noch einen andern Topf und schöpft daraus einen braunen Stoff, bei dessen Anblick die Kinder jubeln; es ist ein Mus von verkochten Apfelschnitzen mit etwas Zusatz von Honig. „Esälz! Gsälz!" riefen die Kinder und konnten kaum erwarten, bis die Butterlage mit dem wohlschmeckenden Überzüge bedeckt war. Sigune vergast sich selber nicht. Der Alten wurde ein Becher Met gereicht und auch das Eichhörnchen nicht vergessen; ihm wurden einige Haselnüsse gespendet, und so liest sich denn die ganze Gesellschaft ihr Vesperbrot schmecken. „Hiri! Hiri!" rief jetzt das ältere Schwesterchen Sigunens, „komm, sing' mit uns das Märchenlied von Coridwen einmal wieder!" Der Knabe stimmte mit ein. Die Alte — ihr Name, nicht abgekürzt, hiest Urhiridur — war inzwischen munterer geworden und stellte nur die Bedingung, daß die Kinder ordentlich einfielen. Sie versprachen eifrig, und so begann denn der Gesang; wobei der Leser zu inerten hat, daß die zweite Zeile jeder Strophe vom Knaben, die vierte vom Mädchen übernommen wird, das Übrige aber mit näselndem und zugleich hohlem Tone die Alte vorträgt. „Groyon, dieser kleine Tropf," „Was tut der?" „hat geschleckt vom Zaubertopf." „Wer kommt her?" „Kommt hinzu, o weh! o weh! Coridwen, die starke Fee." „Gwyon, dieses Zwergelein," „Was wird er?" „wird ein flinkes Häsulein." „Wer kommt her?" „Coridwen als Hündin schnell, will zerzausen ihm das Fell." „Daß sie ihn nicht packt am Wisch," „Was tut er?" „Groyon wird im Nu ein Fisch." „Wer kommt her?" „Coridwen als Ottertier jagt ihn und erhäscht ihn schier." 262 „Gwyon, Ewyon, sei jetzt flink!" „Was tut er?" „Er wird flugs ein Distelfink." „Wer kommt her?" „Coridwen stützt auf den Schalk gleich herab als Finkenfalk." „Zu entfliehn des Falken Zorn," „Was tut er?" „er wird rgsch ein Weizenkorn." „Wer kommt her?" „Coridwen wird eine Kenn' und verschluckt ihn, Coridwen." Von ihrer gelungenen Gesangsleistung fast noch mehr als von dem gern gehörten Märchen beglückt, jubelten und klatschten die Kinder. Ein Huhn flog herein und pickte die Weizenkörner auf, die bei der Mahlarbeit zu Boden gefallen waren. Dies steigerte den Jubel der Kinder, und eins ums andere riefen sie: „Schluck das Körnchen, Henn', Henn', Kenn'! Coridwen, Coridwen!" 112. Gallus und feine Gefährte«. Jakob Burckhardt. a. Das heidnische Fest am obern Zürchersee. Aus weiter Ferne her, von dem äußersten Ende der gesitteten Welt, berief die Vorsehung diejenigen Glaubensboten, welche unserm Vaterlande das Christentum bringen sollten, nämlich aus dem keltischen Irland. Unter ihnen waren die bedeutendsten Columban und Gallus und ihre elf Gefährten; besonders der erstere mutz neben einer großen Gelehrsamkeit ein Mann von seltener Tatkraft und Strenge gewesen sein, weshalb ihn auch die Jrländer nur sehr ungern ziehen ließen. Durch Gallien zog Columban mit seinen Schülern nach der Schweiz und gelangte über Zürich den See entlang bis nach Tuggen am obern Ende desselben, Uznach gegenüber. Dort ging es gerade festlich her. Die ganze heidnische Bevölkerung des Dorfes und der Umgegend war auf dem Opferplatz versammelt, wo dem großen Gotte Wodan aus einer Kufe mit Bier der 263 Gedächtnistrank zugebracht wurde. Da riß den Gallus sein glühender Eifer hin: er warf einen Feuerbrand auf das den Göttern geheiligte Gebäude, holte die darin befindlichen Opfergaben heraus und warf sie in den See, während die Flammen aus dem Tempel schlugen. Niemand wehrte ihm. Voll Bestürzung stand das Volk den wenigen fremden Männern gegenüber,- die unglaublich kühne Tat hatte ihnen die Besinnung geraubt. In einer besondern Versammlung wurde beschlossen, Gallus sollte sterben, Columban aber mit Ruten gestrichen und aus dem Lande vertrieben werden; aber ehe dieses geschehen konnte, entfernten sich die Glaubensboten und zogen von dannen in den Thurgau. k. Der Aufenthalt in Arbon. Dort lag am Bodensee eine alte römische Stadt, jetzt nur noch eine Burg, Arbon genannt, wo sich eine kleine Christengemeinde erhalten hatte. Den ehrwürdigen Priester derselben, Willimar, suchten die Wanderer auf, und Columban begrüßte ihn mit den Worten: „Von den Enden der Welt hat uns der Herr versammelt!" Der Priester ergriff ihn bei der Rechten und führte ihn nach dem Kirchlein zu gemeinsamem Gebet und dann nach seiner Wohnung; hier erst legten sie die Bündel nieder. Sieben Tage vergingen in frommen Gesprächen und in Beratungen über die bevorstehende Ansiedelung. Willimar empfahl ihnen eine andere zertrümmerte Römerstadt am See mitten in fruchtbarem Gelände, dann ringsum Einsamkeit und hohe Gebirge; er meinte das alte Brigantium, jetzt Bregenz. Er selbst rüstete einen Nachen zur Aberfahrt — denn die Gegend den Strand entlang war unwegsam — und gab ihnen nebst seinem Diakon Hiltbold das Geleit. c. Die Ansiedlung bei Bregenz. Ihr erster Gang, als sie ans Land stiegen, war nach einer alten, der heiligen Aurelia geweihten Kirche, um zu beten. Aber hier fanden sie weder Priester noch Gemeine; die Alemanne« hatten die Kirche schon lange zu ihrem heidnischen Gottesdienste benützt und drei eherne, vergoldete Götzenbilder an der Wand befestigt. „Das sind," sagten sie, „die alten Beschützer dieses 264 Ortes, unter deren Schirm wir und das, was unser ist, sicher wohnen bis auf diesen Tag." Um dieses Gebäude herum errichteten Columban und die Seinigen ihre Hütten. Es kam ein heidnischer Festtag. Die Alemannen erschienen in großer Anzahl bei ihrem Tempel, zum Teil auch aus Neugier wegen der Fremden. Da fing Gallus an, zu dem Volke zu reden von dem wahren Gott und vom Erlöser, und abermals riß ihn der Eifer hin, daß er die Götzenbilder herabnahm von der Wand, sie mit Steinen in Stücke schlug und sie in den See warf. Seine Rede hatte viele so hingerissen, daß sie sofort dem Heidentum entsagten; andere wandten sich grollend ab. Columban aber stimmte den Gesang an, den der alte, kirchliche Gebrauch für die Weihung von Gotteshäusern vorschreibt, und mit den Gefährten den Heidentempel feierlich umwandelnd, weihte er ihn wieder zu dem, was er gewesen, zur Kirche ein. Jetzt war der Aufenthalt an diesem Orte entschieden. Sie bauten ein kleines Kloster neben der Kirche und umgaben es mit einem Garten, wo Columban Obstbäume, wahrscheinlich seit der Römerzeit die ersten in dieser Gegend, anpflanzen ließ. Land erwarben sie sich so viel, daß sie eine Kuh darauf ernähren konnten. Hier lebten er und die Seinigen predigend und lehrend drei Jahre lang von ihrer Hände Arbeit; Gallus flocht die Netze für den Fischfang im See. Ein sicheres und heiteres Leben führten sie aber nicht. Schon die großartig wilde, damals noch völlig ungebändigte Natur der Umgegend erfüllte sie mit geheimem Schauer und ließ ihre Einbildungskraft bei stiller Nacht, wenn sie die Netze im See ausgeworfen, die Stimmen böser Geister hören. Dazu kamen nun noch die Ränke der heidnisch gebliebenen Partei im Volke. Dieselbe wandte sich an den damals in der Nähe, in llberlingen, weilenden Alemannenherzog Gunzo mit dem Vorgeben, die Fremdlinge schadeten der Jagd in jener Gegend; zugleich wurden zwei von den Schülern Columbans im Walde ermordet, deren Leichen die jammernden Brüder auffanden und nach dem Kloster zurücktrugen. Der Herzog Gunzo aber sandte einen Verbannungsbefehl, und so mußten sie die ihnen durch das Blut der Ihrigen doppelt teuer gewordene Stätte und die kaum gebildete Gemeine verlassen. 265 el. Die Trennung. Columban war gesonnen, die Gefährten mit sich nach Italien zu führen, wohin der Langobardenkönig Agilulf ihn längst eingeladen hatte, ohne Zweifel, um ein Kloster zu stiften. Um dieses Bedürfnis nach Klöstern zu begreifen, muß man sich in eine Zeit versetzen, da es noch keine Universitäten und überhaupt fast gar keine Bildungsanstalten im Abendlande gab, wo also auch die Geistlichkeit völlig roh und unwissend blieb, wenn nicht durch Klöster für ihre Bildung gesorgt wurde. Auch war der Grundsatz der damaligen Glaubensboten, selbst in zeitlichen Dingen den Heiden zum Beispiel zu dienen, gar nicht anders durchzuführen als in Gemeinschaften von mehreren; nur so konnte man in betreff des Ackerbaues, der Baumzucht, der Viehzucht, der Bienen- pflege eine Art von Musterwirtschaft vorstellen. Als Columban mit den Seinigen wiederum den Wander- stab ergriff, um nach Italien zu pilgern, erkrankte Eallus an einem heftigen Fieber und bat ihn um Erlaubnis, in dieser Gegend bleiben zu dürfen. Nur ungern gewährte ihm der bekümmerte Abt seine Bitte, ließ ihm zwei Schüler als Begleiter zurück und zog mit den übrigen über die Alpen in das Land der Langobarden, wo er unter dem Schutze des Königs in einem Tale des nördlichen Apennins das berühmte Kloster Bobbio gründete. e. Die Gründung des Klosters St. Gallen. Eallus hatte nach der Abreise der übrigen traurig seine Netze auf einen Nachen gebracht und war nach Arbon zu dem Priester Willimar gefahren, wo er sorgsame Pflege fand. Sein Sinn stand auf eine neue Ansiedlung, diesmal in der Wildnis südlich vom Bodensee, wo er niemand im Wege sein würde. Er erkundigte sich deshalb bei dem Diakon Hiltbold, der durch Jagd und Fischfang für den Lebensbedarf der Priesterwohnung zu sorgen hatte und deshalb das Gebirge genau kannte. Hiltbold riet davon ab: die hochgelegene, wilde Einöde mit ihren Schluchten und Strömen sei ein Aufenthalt reißender Tiere, der Bären, Eber und Wölfe. Als er aber Gallus bereits entschlossen sah, versprach er, ihn wenigstens im Gebirge herumzuführen. 266 Eines frühen Morgens, es war inr Jahre 613, brachen sie von Arbon auf und suchten, die Steinach entlang ziehend, einen Ort zu künftiger Wohnung. Gegen Abend fanden sie im Wald neben dem pfeilschnell rauschenden, dann sich wieder ruhig sammelnden Gewässer eine anmutige Stelle, wo Hiltbold Feuer machte und ein kleines Netz auswarf, um Fische zu sangen. Gallus, der im Dickicht vorangeschritten war, strauchelte und stürzte nieder; ein alter Volksaberglaube, dem auch er sich nicht entziehen konnte, ließ ihn ahnen, daß dieses die Stätte seiner künftigen Wirksamkeit werden sollte. Aus starken Zweigen knüpfte er ein Kreuz zusammen und steckte es in den Boden; auf derselben Stelle erhebt sich jetzt die Stiftskirche zu St. Gallen. Nach dreitägigem Fasten an Ort und Stelle kehrten Gallus und Hiltbold vorerst nach Arbon zurück und erzählten Willimar, daß sie die Stelle der künftigen Ansiedlung gesunden hätten. Sofort wurden mit Hilfe einiger treuen Gefährten die nötigen Anstalten dazu getroffen, der Wald ausgehauen und Hütten erbaut. Bald waren hier um Gallus zwölf Gefährten versammelt, und eine planmäßige Tätigkeit begann; während die einen den Garten am Kloster und das Feld bauten, in selbstgeflochtenen Netzen Fische fingen und die kleine Viehherde besorgten, predigten und lehrten die andern. Gallus erlebte es noch, daß das Christentum die herrschende Religion in der Gegend wurde. Er starb fünfundneunzigjährig bei einem Besuch zu Arbon im Hause Willimars, den 16. Oktober des Jahres 640. 113. Ein Basier Turnier im Jahre 1428. Paul Kölner. Unter den vielen in Basel abgehaltenen Turnieren hat wohl keines einen größeren Eindruck auf die Zeitgenossen hinterlassen, als jener berühmte zwischen dem Edelknecht Heinrich von Ramstein und dem kastilianischen Edelmann Juan de Merlo ausgetragene Zweikampf. Das denkwürdige, auf das sorgfältigste vorbereitete Kampfspiel fand am Sonntag vor St. Luzientag (12. Dezember) des Jahres 1428 statt. Eine Stunde nach Tagesanbruch, als man in allen Kirchen ausgesungen hatte, versammelten sich auf Anordnung des Rates 267 vor dem Richthaus die zünftigen Bürger in Harnisch und Beckenhaube unter dem Befehl ihrer Zunftmeister. Unterdessen füllten sich auf dem beschneiten Münsterplatz die aufgeschlagenen Schaugerüste mit vornehmen Zuschauern, dem Adel aus Basel und der Nachbarschaft mit seinen köstlich geschmückten Damen. Mit doppelten hölzernen Schranken war der Kampfplatz abgesperrt. Er bildete einen Kreis von sechzig Schritten Durchmesser und zog sich von der Kapelle der Münche, d. h. von der nordwestlichen Ecke des Münsters gegen Meister Josten Hofft hin, wo sich die Tribüne der Kampfrichter und der geladenen Gäste erhob. Da säst als erbetener Kampfrichter der turniererfahrene Markgraf Wilhelm von Hochberg, Herr zu Röteln. Als seine Gehilfen amteten Graf Hans von Tierstein, Junker Rudolf von Ramstein, Herr Eglof von Rattsamhausen und Thüring von Hallwil. Außerdem waren von Herren des höheren Adels zugegen: Graf Bernhard von Tierstein, Graf Friedrich von Zollern, Graf Hans von Freiburg, Graf Hans von Aarberg-Vallengen, Herr Conrad von Bußnang nebst einer großen Zahl Ritter der Umgegend. Auf diese „Brüge" treten auch der Bürgermeister Burihard zu Rhein und der Obristzunftmeister, begleitet von Matthis Schlosser, dem Eewandmann, welcher das entfaltete Stadtbanner hielt, und den übrigen Herren des Rats, alle in ihren Panzern und „schlechten" Harnischen. Zwischen den innern und äußern Schranken nahmen fünfhundert Gewappnete von den Zünften Aufstellung, und bei den drei Ausgängen des Kampfplatzes hüteten besonders je vier geharnischte Mannen unter den Befehlen des Eerichtsschultheisten, des Vogtes und des Salzschreibers. Hinter dieser waffenstarren- den, lebendigen Mauer drängten sich Kops an Kopf die mannbaren Stadtinsassen, denn mit Ausnahme der Frauen und Töchter der Edelleute war der weiblichen Bevölkerung der Zutritt bei schwerer Strafe untersagt worden; hatte doch der Rat geboten, „es söllent auch die frowen in unser statt, es sien erber frowen oder von dem gemeinen volk, daheim bliben by iren kindern, der und des fures warten und hüten, wand es nit fachen sint, die frowen Zugehören zu sehen". Auf den freien Platz inmitten des Ringes traten nun, ge- ft Das heutige Gymnasium. 268 führt von den vier mit „Stangen" versehenen Grieswärtern U, die beiden Kämpfer: Juan de Merlo, der edle Fremdling aus fernem Süden, und Bürger Heinrich von Ramstein, der notfeste Sohn der Heimat. Ritterlicher Ehre zuliebe war der jugendliche Spanier vom Hofe seines Königs ausgezogen, hatte fremde Länder durchritten und war im November des Jahres 1428 in die Rheinstadt gekommen, wo er nun seinen Wunsch erfüllt fand, sich auf ehrenvolle Weise mit einem ebenbürtigen Gegner zu messen. Und gewiß war Junker Heinrich, des Bürgermeisters Kunzmann von Ramstein Sohn, der richtige Mann, eine solche Aventüre auszutragen. Nun standen sie einander kampfbereit gegenüber. Beide in gleicher Weise von Kopf zu Fuß gewappnet, in ganzem Harnisch, wie ihn zum Fechten Geborene oder Wappengenoßleute trugen, jeder bewehrt mit einem Spieß, mit Schwert, mit Streitart und mit Degen. Wohl hätte es der fürsichtige Rat lieber gesehen, wenn der Kampf zwischen den beiden anderwo entschieden worden wäre, denn er befürchtete, daß sich bei der großen Masse des zum Schauspiel kommenden Volkes leicht wie bei dem unglücklichen Turnier von 1376 Uberdrang und Gewalt erheben möchte. Da aber die beiden Gegner schon alles verhandelt und verbrieft hatten, war der Obrigkeit nichts anderes übriggeblieben, als Zeit und Ort des Kampfes festzusetzen und mit Umsicht alle denkbaren Vorkehrungen zu treffen. So hatte der Rat dem fremden Edelmann während seines ganzen Aufenthaltes in Basel Schutz und Schirm zugesagt. Nicht minder sorgte der Rat für Stadt und Bürgerschaft. Schon am Vorabend des Kampfes hatte man durch den Stadtschreiber von der Rathaustreppe herab die Maßnahmen der Herren Obern verkünden lassen. Bei Eid und Ehre, bei Leib und Gut hatten sie geboten, daß niemand einer der beiden Parteien mit Hilfe, Rat oder Tat, mit Winken oder Schreien „zu noch vor legen" sollte, daß niemand dem Fremden, noch einem der Seinen irgendein Laster noch Leid, noch Verdruß oder Schmachheit mit Worten oder Werken erbieten oder tun solle, und daß niemand >) D. h. die Ordner und Aufseher der auf dem Sand (Zrjsrh stattfindenden Turniere. 269 der Räte Tröstung an ihm brechen soll. Niemand solle mit Schnee oder andern Dingen werfen oder irgendwelchen Schimpf treiben, niemand in „bögkenweise"^) gehen, kein Mann in Frauenkleidung, keine Frau in Männertracht sich „verwandeln". Wer eines dieser Dinge sich unterstände, sollte ein Jahr vor den Kreuzen leisten, d. h. auf ein Jahr aus der Stadt verwiesen werden. Zur Vorsicht lies; der Rat alle Stadttore bis auf das Spalen- und Aschemertor, sowie die beiden Tore enetrheins schließen. Unter den offenen standen je zehn Bewaffnete, auf den Tortürmen und bei den geschlossenen Stadteingängen je zwei Mann als Hut, auf dem Münster aber drei Wächter. Zwanzig Reisige ritten in der Stadt umher, zehn in der oberen, die andere Hälfte in der „niedern" Stadt. Der Rhein ward mit Schiffen „bestellet", damit wenn einer eine Bosheit verübe, der Übeltäter nicht entkommen könne. Sämtliche Kirchenglocken wurden aufgezogen und versorgt, ebenso die Ratsglocken, zu denen man vier Wächter ordnete. Rümmelinbach und Dorenbach wurden für den Fall einer Feuersbrunst „haringeschlagen". Zwanzig Mann patrouillierten auf der Rheinbrücke: andere bewachten den Werkhof. Des Nachts sollten alle da und dort an den Eckhäusern angebrachten Pechpfannen zur Erhellung der Straßen angezündet werden. Endlich wurde als letzte, aber bezeichnende Vorsorge den Bäckern befohlen, für die zum Turnier in die Stadt strömenden Gäste hinlänglich Brot zu backen. So die Maßregeln des Rates. Aber auch der fahrende Ritter hatte vorher seine Vorkehrungen getroffen und dem Rat zu Handen seines Gegners und der Kampfrichter die in lateinischer Sprache abgefaßten, mit seinem Wappen gesiegelten Kampfbedingungen übergeben. Die Bedingungen lauteten auf einen Wurf oder Schuß mit der Glene, fünfzig Streiche mit der Streitaxt, vierzig mit dein Schwert, und dreißig mit dem Degen. Alle Streiche mußten geschlagen werden „von dem unteren port der platten in die höhe". Ruhepausen waren vorgesehen nach dem Waffengang mit der Streitaxt und nach dem Schwertkampf. Für die zu gebrauchenden Waffen gab Merlo das Maß. An den „wappenen und waffen allen" sollte „kein böser sinn oder fund sin" und auf dem Kämpfst In Fastnachtsvermummung. 270 platz durften keine andern Wappen oder Waffen, noch etwas, was bei solchen Dingen verboten war, gebraucht werden. Ebenso untersagten die „Gedinge", während des Kampfes einen Teil des Harnischs abzunehmen oder aufzuheben. Beide Kämpfer verpflichteten sich, den Turnierplatz nicht eher zu verlassen, bis der Kampf durch sämtliche Waffengänge beendet wäre. Als Kampfpreis winkte dem Sieger ein vorn Unterlegenen zu stiftender Rubin. So war alles bis in jede Einzelheit vorbereitet worden, und der seltsame Zweikampf konnte beginnen. Lautlose Stille legte sich auf den Platz, als nun der Markgraf von Hochberg das Zeichen zum Beginn gab. Dumpf dröhnten die Streiche der Mordärte, und hell klirrten die Schwertschläge durch die reine Winterluft. Ritterlich und mannhaft fochten die beiden kühnen Degen, und beiden wurde große Ehre gegeben. Immerhin errang aber der Wälsche vor dem Basier einigen Vorzug und erhielt als Dank den Edelstein zugesprochen. Unmittelbar nach beendigtem Kampf trat Graf Hans von Tierstein in den Ring und schlug Johann von Merlo angesichts der jubelnd Beifall zollenden Menge zum Ritter. Der Rat aber, welcher dem „fremden Herrn aus Hispanien" schon in den vorangegangenen Tagen mit Ehrenwein seine Aufmerksamkeit bezeugt hatte, ließ ihm zu seiner Ritterschaft einen Salmen überreichen. Daß auf den Abend dieses Kampftages ein großes Erdbeben die Stadt erschreckte und erschütterte, paßt zu dem Außergewöhnlichen des ganzen Bildes. Während Heinrich von Ramstein kurz darauf auf mühseliger Pilgerfahrt in Jerusalem den Ritterschlag erhielt, kehrte Merlo heimwärts, seinem König zu dienen. In Arras, in den Niederlanden, holte er sich 1435 in einem ähnlichen Zweikampf mit dem berühmten Seigneur de Charny erneuten Ruhm und kostbare Geschenke des Burgunderherzogs und erregte die Bewunderung der dortigen Edelleute, weil er im Kampfe mit offenem Visier focht. Schon 1443 fand dieser Ritter ohne Furcht und Tadel in einem Gefecht gegen aufrührerische Große in seiner Heimat einen frühen Tod. 271 114. Kaiser Heinrichstag. (Basier Bundesschwur 1801 .) Nach A. Heusler und P. Kölner. Nun endlich die Entscheidung gefallen und unverbrüchlich geworden war, hatte sich auch die Stimmung in Basel von allen anfänglichen Zweifeln und Bedenken losgelöst, mit einem Schlage erhoben zu eitel Freude und Jubel, und die festlichen Tage des Bundesschwurs zu Basel erglänzten in einem Meer von Licht. Schon der Vorabend des Hauptfestes, als die eidgenössischen Gesandten, die Bürgermeister oder Schultheißen der Städte, die Landammänner der Länder, von Liestal hergeritten kamen, ließ der Feststimmung freien Lauf; vor dem Aschentor begrüßten die Basier Knaben die Herren: „Hie Schweiz Grund und Boden und die Stein in der Besetzi!" Am Tore boten die Ratsdiener den Ehrenwein, und an den weit geöffneten Torflügeln saß statt einer bewaffneten Wache eine Frau mit Rocken und Spindel, zum Zeichen, wie sicher geborgen sich die Stadt fühle in der Treue der neuen Bundesbrüder. Kaum war die Stadt betreten, so wurde schon bankettiert, im Hirzen in der Aschenvorstadt, und rings umher schwirrte und klang es von der Musik der Spielleute, den Possen der Gaukler und der lärmenden Lust der Bürger. In feierlichem Ernste aber erstrahlte der Haupttag, da die Gesandten der Eidgenossen und die Ratsherren mit den vornehmsten Klerikern der Stadt in großer Prozession den kostbaren Reliquien der heiligen Herrscher Heinrich und Kunigunde folgend, das Münster betraten und im Chor des majestätischen Baues mit aller Pracht eines Bischofssitzes das Hochamt zelebriert wurde, dann auf der vor dem Rathause errichteten und von den Zünften mit ihren Bannern und einer ungezählten Volksmenge umgebenen Estrade die gegenseitige Eidesleistung: nach Vorlesung des Bundesbriefes durch den Zürcher Stadtschreiber gab der Bürgermeister Heinrich Röist von Zürich im Namen der eidgenössischen Orte den Eid, den schworen alle, Räte und die ganze auf dem Marktplatz sich drängende Bürgerschaft, und hinwiederum gab Peter Offenburg als Statthalter des Bürgermeistertums den eidgenössischen Boten den Eid, und alle Glocken des Rathauses und der vielen Gotteshäuser in der Stadt erdröhnten in Freuden- geläute. Dann zogen die Zünfte auf ihre Stuben zu fröhlichem 272 Mahle, und die eidgenössischen Boten wurden vorn Rate herrlich gehalten auf der Herrenstube zürn Brunnen. Das war der Heinrichstag des Jahres 1501. Hier sei der Verlauf jenes denkwürdigen Tages wiedergegeben, wie ihn ein unbekannter Zeitgenosse in schlichter Aufzeichnung festgehalten hat: „ . . . Als nran zalt 1501 jar uff saut keyser Heinrichs tag, hat ein statt von Basel bevolhen, ein löblich anrpt zu haben im Münster, Gott dem allmechtigen zu lob und eer; und waren hieby gemeiner Eydtgnossen bottschafften, deßglychen bed rädt, nüw und alt, der statt Basel. Darnach giengen die Eidgnossen mit den rädten herab an den Kornmerckt uff ein brüge ^), was gemacht von der Wynlütten huß an biß an das huß zum Hasen. Und gieng die brüge uff dem Kornmerckt bitz über das gräblin; daruff stunden die Eidgnossen und bed rädt von Basel. Und uff dem merckt stunden die gemein und burgers sün, was über 14 jor alt was, und usz den ämptern die vögt und die amptlüt, Pfleger etc. Und also ward der büntnußbrieff gelesen und schwur ein statt Basel gemeinen Eydtgnossen, disen eewigen bundt ze halten. Und gab der burgermelfter von Zürich, hieß Heinrich Rösch, ynen den eyd. Und do ein statt Basel mit sampt den yren geschworen habt, do gab der stathalter junckher Peter Offenburg gemeinen Eidgnossen auch den eyd; den schwuren sy ouch. Und do uff beiden teylen geschworen was, do fieng man an zu lütten mit der ratsglocken, und mit allen glücken in der statt, in allen kilchen und closteren und lutt man froid überal. Und also fürt man gernein Eidgenossen zum Brunnens und bed rädt von Basel, und assend do by eynander zu imbiß und zu nacht mit großen froiden. Und nam man von nieman keyn ürtten; ein radt von Basel bezalt es alles. .." Auf den Wunsch Basels wurde der Kaiser Heinrichstag, der 13. Juli, als Tag der Bundesbefchwörung bezeichnet. >) brüge - Schaugerüst. 2) Haus zum „Brunnen" am Petersberg, das Gesellschaftslokal der Hohen Stube. 273 115. Ei« Ueberfall. Jeremias Eotthelf. Rasch verstummte das Gelächter der Raubritter, näher drängte sich jeder, das Wichtige zu vernehmen. „Heute war ich in Solothurn," sprach Laven. „Hatte dann bei einem Domherrn viel zu tun, er hat Hühneraugen, die Köchin Hühner, diese Hühner muhte ich das Legen lehren, was sie bisher nicht konnten, trotz Hafer und Grütze, welche an ihnen nicht gespart wurden. Die Köchin war sehr beschäftigt, ich wuhte lange nicht, warum, vernahm endlich, es würde diesen Abend ein Zug von geistlichen Herren und einigen reichen Familien von Solothurn nach Frauenbrunnen aufbrechen, um dort die Weihnacht würdig zu feiern, den Dienst der Kirche zu versehen und die verwandten Schwestern, Fräulein aus den vornehmen Geschlechtern, zu besuchen. Da wäre Beute, dachte ich; das Beste, was jeder hat, zieht er an, und mit leeren Händen geht keiner. Ich forschte nach dem Geleite und vernahm, dah es nur aus einigen Klosterknechten bestehen sollte, mehr zum Dienste als zum Schutze; denn an Gefahr auf dem kurzen Wege in befreundetem Lande denkt niemand. Da mache ich mich auf die Beine, renne her, es euch zu sagen zu rechter Zeit. Eile tut not, wenn ihr was wagen wollt." ^ Wie die Katze vor dem Mauseloch hatten alle die Ohren gespitzt bei diesem Bericht. Zorn und Rausch waren verflogen, verwandelt wie durch ein Zauberwort war auf einmal das Leben in der Hütte. Die Männer setzten sich ums Feuer, suchten neue Stärkung im Kessel und hielten Rat in aller Besonnenheit. Man sah, es war nicht die erste derartige Beratung, sie war rasch und kurz; alsbald war der Nagel auf den Kopf getroffen. Der fürchterliche Nebel, in welchem man am hellen Tage nicht drei Schritte vor sich sah, machte die Nacht undurchdringlich, war eine bessere Deckung als Wald oder Berg. So konnten sie zum Überfall eine freie Stelle wählen, wo sie im Falle der Not nach allen Seiten auseinanderstäuben und ihren Schlupfwinkeln zureiten konnten auf ihnen allein bekannten Wegen durch Emme, Busch und Sumpf; denn zwischen ihrer Hütte und der Straße von Solothurn nach Frauenbrunnen floß die Emme, welche in dieser Jahreszeit leicht zu durchschreiten war, wenn man die Gelegenheit kannte, aber halsbrechend, besonders in Nacht und Nebel, für Unbekannte. Die t8 274 passendste Stelle schien ihnen unterhalb Bätterkinden zu sein, irn ebenen Lande, auf freier Heide, wo man einen Überfall am wenigsten erwartete, der Zug dann doch am leichtesten von allen Seiten zu fassen war und ringsum der Weg zur Flucht oder Rückzug offen. Der beste Rat war rasch und einstimmig angenommen. Wenn an anderen Orten im Land der Nebel einem Erbsmus gleicht, so ist er in Solothurn akkurat wie eine Schokoladenere>me, Geruch und Geschmack ausgenommen. Ein solcher Nebel ist keiner Reise förderlich, sondern macht schwerfällig, legt sich wie Blei über jede Bewegung, lahmte sogar die Köchinnen, welche die Vorräte bereiteten, welche die edlen Herren mitzunehmen gedachten. Es war nämlich nicht ein Ritt hungriger Ritter, welche wie Heuschrecken über ein Kloster herfallen wollten, und, einmal eingebrochen, nicht abzogen, bis der letzte Bissen gegessen, der letzte Tropfen aus dem Keller getrunken war. Es waren geistliche Väter und leibliche Verwandte, welche den jungen Schwestern Geschenke aus der Welt bringen und ihnen nicht lästig fallen wollten, denn das Kloster war jung, hatte zu leben, war aber nicht reich. Als man in den dichten Nebel vor die Türe kam und abreiten wollte, trat noch mancher ältliche Herr zurück, versah sich mit dickeren Tüchern, doppelten Pelzen und versäumte sich darob mehr, als er dachte. Ohnehin geht's, wenn viele zusammen reisen und alle auf den letzten warten wollen, oft eine Ewigkeit, bis endlich dieser letzte da ist und vom Lande abgestoßen werden kann. Endlich waren die dicken Herren alle auf ihre Pferde gekugelt,' die mageren saßen längst oben und taten ungeduldig, mochten nicht erwarten, bis sie als Nebelspalter vorausreiten konnten. Einige Mütter und einige Brüder, welche Schwestern im Kloster hatten, schloffen sich an, und hinterdrein kamen einige Saumrosse und zuletzt einige Knechte, bewaffnet wie bräuchlich. An Gefahr dachte man übrigens, wie gesagt, durchaus nicht, wenn auch alle, die geistlichen Herren nicht ausgenommen, bewaffnet waren. So war es finster geworden, als man abritt. Mit Not fand man die Brücke über die Aar, die Aar selbst sah man nicht, hörte sie bloß rauschen. Da hielt man jenseits, die Knechte mußten die Fackeln anbrennen, die Herren stärkten sich durch einen tüchtigen Schluck bei der Herberge innerhalb des Tores. 275 Es war eine merkwürdige Fahrt: ungefähr drei Dutzend Fackeln, rabenschwarz die Nacht, soweit die Fackeln den Nebel nicht blutrot färbten, voll weißen Reifes die sonst schwarzen Tannen, hie und da rosenrot angehaucht von blutrot gefärbtem Nebel, dazu viel Lachens und Schwatzens, hie und da ein lauter Aufschrei, wenn ein Pferd einen Satz tat, ohne daß ein Mensch wußte, warum, und dann allen einfiel, wie die Pferde gewahrten, was den Menschen verborgen blieb. So zogen sie durch den Wald, hügelab, Hügelauf, waren in Lohn, ehe sie daran dachten, und ließen sich von dem Pfarrherrn, der sie erwartete und über dem Warten fast erfroren war, trefflich erquicken. Dann ging's unter manchem Stolpern den jähen Berg hinab, durchs sumpfige Tal hinauf in den schauerlichen Altisberg, in dem verirrte Römer schlummern sollen den Tag über und nachts den Weg suchen nach dem schönen Lande Italien hin, ohne ihn finden zu können. Suchen und immer suchen müssen, ohne je finden zu können, ist schauerlich. Allen war es unheimlich, und dichtgedrängt ritten sie. Die Römer ließen sie in Ruhe, sie kamen glücklich aus dem Walde, glücklich über die Brücke des trügerischen Moosbachs, Limbach genannt. Im freien Lande schwand das Bangen, und rascher ging es dem sich nahenden Ziele zu. Plötzlich fährt ein gellender Pfiff durch den Nebel, fährt Mann und Roß durch Mark und Bein, lebendig wird der Nebel, wilde Gestalten zu Fuß und zu Roß werfen sich von allen Seiten über den Zug, werfen die Reitenden von den Rossen, ehe sie sich aus den warmen Gewändern gewickelt, die Waffen blank gemacht oder die Pferde gewendet, das Heil in der Flucht gesucht. Wenigen gelang diese, fast der ganze Zug war zusammengeworfen, ehe man ein Vaterunser hätte beten können, auf die Niedergeworfenen warfen sich die Plünderer, wälzten sich mit den Widerstand- leistenden am Boden; Geschrei und Fluchen, schlagende Pferde und glutrot glühende Fackeln, welche die Räuber brennend erhellten, es war ein wüstes Bild. In der Mitte dieses Bildes war ein grimmiger Kampf: wild schlugen die Reiter, wild bäumten die Pferde sich, Jammergeschrei ringsum von den von wilden Hufen Getretenen, Geschlagenen. Zwei wilde, kampfgewohnte Junker hatten ihre Mütter geleitet, wollten ihre Schwestern besuchen; Gibeli hieß der eine, Gäbeli der andere. Der Anprall hatte sie nicht niedergeworfen, an Flucht dachten sie nicht, ihre Schwerter hatten sie freibekommen, gebrauchten sie mit Macht, und mehr als eine der seltsamen Gestalten, welche aus dem Boden hervorgewachsen, aus dem Nebel geballt schien, sank heulend zusammen. Raubritter Kurt von Koppigen und der Landshuter liehen die Beute, warfen sich ihnen entgegen, während die andern die Tenne fegten und in Sicherheit brachten, was sie errafft. Der Kampf war hart, die Junker waren keine Milchbärte, schienen im Feuer gehärtet, waren gut gerüstet, machten den beiden Strauchrittern heißes Blut, heiß rauchte es aus mancher Wunde in die kalte Winternacht hinein; zweifellos war das Ende. Da floh windschnell der Flumenthaler, der Fliehende gegen Fraubrunn hin verfolgt hatte, vorüber, rief dem Landshuter etwas zu, führte im Vorüberjagen einen scharfen Hieb, traf Kurt statt einen der Junker und verschwand im Nebel. Der Landshuter hob sich hoch in den Bügeln, schmetterte sein Schwert mit aller Gewalt auf seines Gegners Haupt, daß derselbe betäubt sich bog bis auf den Sattelknopf herab, sprengte dann dem Flumenthaler nach, der Emme zu. Vom Flumenthaler getroffen, doch nicht schwer, war Kurt von Koppigen plötzlich zwei Gegnern gegenüber allein; da erfaßte ihn eine ungeheure Wut; er hieb sich frei, stürmte den andern nach in den Nebel hinein. Sobald die Waffen schwiegen, hörte er von Fraubrunn her wilden Rosseslauf einer ganzen Schar schon ganz nahe; da erst ward ihm klar des Flumenthalers Verrat, der ihn den Feinden in die Hände liefern wollte. Tief in seines Rosses Leib fuhren seine Sporen, und ehe sie an der Emme waren, hatte er die andern erreicht, hieb den Flumenthaler vorn Rosse, stürzte sich auf den Landshuter; aber hinter ihnen schnaubten Rosse, die Sorge für ihre Sicherheit trieb sie auseinander und über die Emme. Es waren nämlich in Fraubrunnen mehrere Edle aus der Umgegend eingeritten, um bei dem glänzenden Gottesdienste im Kloster die heilige Nacht zu feiern; auch von Bern waren einige gekommen, ihren Verwandten zu Liebe und Ehre. Als die von Solothurn immer nicht kamen, als es längst Nacht geworden war, bangte man, es möchte ihnen etwas zugestoßen sein, und die Herren wurden einig, ihnen entgegenzureiten. Daß die Gegend unsicher sei, war zwar bekannt, aber daß die Strauchritter die Tollkühnheit haben sollten, über einen solchen Zug herzufallen, daran dachte man nicht. 277 In der kalten Winternacht ritten die Herren scharf, und gut war's, denn noch waren sie oberhalb Bättertinden, als die Flüchtlinge sie ansprengten und Kunde brachten von dem Überfall. Da spornten sie die Rosse zum schnellsten Lauf, verjagten die Räuber, und wer in der Gegend etwas kundig war, jagte dem Geräusche der Fliehenden nach; sie fingen jedoch niemand, denn die Räuber kannten die Gegend doch noch besser, und bei Nacht und Nebel durch Sumpf und Busch, Fluß und Wald Fliehende verfolgen, ist ein schlimmes Unternehmen, das man aufgibt, sobald man kann. 116. Die Einnahme von Utzenberg. Job- Rudolf Wysz. Im Jahre 1267 lag Graf Rudolf von Habsburg vor Utzenberg, einem Raubnest der Toggenburger Grafen, die von da aus den biedern Zürchern viel Schaden getan hatten. Der Habsburger, der ein tapferer Herr war und Hauptmann der Zürcher und sonst wohl ein Schloß wegnahm, wie man eine Haselnuß aufknackt, der mußte einen ganzen gestreckten Winter lang vor d>em Neste liegen, und weil der Zugang so schmal war, konnte er's gar nicht stürmen, nur einschließen und ihm die Zufuhr abschneiden, ob er es durch Hunger bezwänge. Das zog sich aber hinaus, und der Graf versah sich, abziehen zu müssen. Also ward er Rats mit den Hauptleuten, daß er die Berennung aufheben wolle, biß in den sauren Apfel und sprach: „Uns ist ein Muß angerichtet diesmal; es schmeckt übel, und die Köche haben's versalzen. Ich glaub, sie fressen Steine da oben." Indem nun der Abzug in aller Stille schon vorbereitet wird, merken's die Belagerten und treiben ihr Gespött. „Heihei," rufen sie, „wo soll's hinaus, ihr Herren von Zürich und ihr guten Aargauer Gesellen? Wollt ihr gar sonder Abschied fort, daß wir euch nicht ein Letzemahl gäben? O pfui doch, ihr hoffärtigen Männlein, daß ihr davonginget bei Nacht und Nebel wie Schelmen- volk! Nur ein paar Tage noch säumt; denn schon sind die Fische zum Henkermahl angekommen!" Zugleich mit der trotzigen Rede warfen die Toggenburger vor lauter Mutwillen ein halbes Dutzend großer, lebendiger Fische über die Mauern hinaus, daß alles in Verwunderung geriet und 278 wohl merkte, des Aushungerns sei kein Ziel abzuwarten. Der Graf aber, sobald man ihm die Fische zugebracht und den Handel erzählt hatte, sprach mit seiner scharfsinnigen Vernunft: „Die Fische sind sonderlich gut; sie gewinnen uns das Schloß." Und alsobald ließ er die Wachen wiederum ausstellen wie zuvor und nahm etwelche rüstige Kletterer und Wildjäger zu sich, machte rasch sich aus und fing an, die ganze Gegend bis in alle Gebüsche, Winkel und Klüfte hinein auf das fleißigste durchzuspähn, mehr als seine Hauptleute jemals für nötig gehalten hatten. Nicht über lang kommen die Streifer in eine abgelegene Schlucht, wo das Hüttlein eines armen Schweinehirten liegt, und als sie denselben ausfragen, meldet er, daß oft bewaffnete Leute seltsamerweise daherschlichen aus dem verwachsenen Tobel zuhinterst in der Schlucht und auch dorthinein verschwänden, daß ihm die Sache nicht geheuer sei und er sich drum jedesmal verstecke, wenn die Kriegsmänner zum Vorschein kämen. Da ließ der Graf einige Bergleute kommen und drang ein in die Schlucht, alles wohl zu erkundigen; denn er merkte, daß ein verborgener Ausgang von dem Schlosse her in dem Tobel sich öffnete. Die Verteidiger der Burg aber guckten mit gar langen Nasen über die Zinnen und Bollwerke hinaus, weil sie wohl inne wurden, daß die stummen Fische geplaudert hätten, und in der Nacht brachen sie leise hinaus durch ein Hinterpförtchen, den stillschweigenden Kehraus zu tanzen, hurtig und ohne Pfeifer, wie zu denken ist. Der Habsburger jedoch ließ ihnen aufwarten durch weidliche Gesellen mit etwas Kopfnüssen und Eisenwecken, daß sich ein gut Teil zu Tode aß an dem Abendessen. Der Rest entfloh durch allerlei Schleichwege, zumal die Nacht ihnen zustatten kam, und Graf Rudolf steckte des folgenden Morgens die Zürcher Fahne samt der seinen zwei Klafter hoch auf dem Wartturme auf. 117. Winterschlacht. G. Fischer. Am frühen Morgen des 5. Januar 1477 brach Karl der Kühne in aller Stille aus dem Lager vor Nancy auf, dem heranrückenden Heer des Herzogs Renat von Lothringen entgegen. Seit gestern abend hatte er bestimmte Meldungen vom Vorstoß größerer feindlicher 279 Streitkräfte. Die burgundische Besatzung von St. Nikolaus, zwei Stunden südwärts von Nancy, war von überlegenen Scharen angegriffen und in die Flucht geschlagen worden, und nächtliche Feuerzeichen inr Südosten, von der belagerten Stadt lebhaft erwidert, deuteten auf den nahen Entsatz. Dah auch diesmal wieder zahlreiche eidgenössische Fähnlein sich zeigten, steigerte Karls Zorn aufs höchste. Immer wieder diese Schweizer! Diese plumpen Bauern und Kuhhirten! Sie waren seine Schande und sein Unstern. Seit er mit denen angebunden, hatte er nur Unglück. Erandson und Murten! Wie zwei glühende Pfeile bohrten sich die Namen in sein Hirn und stachelten seinen wunden Ehrgeiz. Heute wollte er die Schmach mit Blut abwaschen, und wenn's mit dem seinigen wär'! Noch gab er seine Sache nicht verloren. Noch besah er einen festen Kern von kriegsgewohnten Truppen, seine Reiterei, die stolzeste Europas, war noch immer furchtbar und sein Geschütz dreimal so stark, als das des Lothringers. — Und doch — eines schlimmen Vorgefühls konnte er sich nicht erwehren. Und wer ihn so dahinreiten sah, im starren, weihen Gesicht nichts Lebendiges als die schwarzen, flackernden Augen, und seine Obersten um ihn her in düsterern, dumpfem Schweigen, der hätte auch gedacht: Die reiten nicht zum Sieg. Es war ein bitterkalter, trüber Wintermorgen. Die Bise schnitt von Nancy her und trug den Klang der Frühmehglocken den Reitern nach. Karl wendete für einen Moment sein Pferd und sah nach der Stadt zurück. Mit haherfüllten Blicken mäh er die Türme und Basteien, die ihm nun seit fast drei Monaten getrotzt hatten. Er hätte gern noch in der Nacht die Stadt mit aller Macht gestürmt, um sie im letzten Augenblick an sich zu bringen. Aber seine Kriegsräte alle hatten dringend davor gewarnt, das Heer unmittelbar vor der Entscheidungsschlacht zu schwächen. So war denn beschlossen worden, nur geringe Mannschaft mit dem schweren Geschütz im Lager zurückzulassen zur Beobachtung der Stadt und mit der Hauptmacht dem neuen Feind entgegenzugehen. Eben donnerten jetzt wieder die zurückgebliebenen burgundischen Stücke, um den Abmarsch der Armee zu maskieren. Das tönte angenehmer in die Ohren Karls, als Kirchenglocken. Er ritt weiter. — Noch einmal hielt er den Hengst an, als er, von ungefähr zurücksehend, Le Elorieur bemerkte, seinen Hofnarren, der auf einem kümmer- 280 lichen Grautier hinter ihm hertrabte und traurig seiue Schellenkappe schüttelte. „Narr", redete er ihn an, „was bleibst du nicht im Lager und wärmst dir dort die steifen Finger?" „Herr," erwiderte Le Elorieur, „daraus siehst du doch, daß ich ein echter Narr bin. Würd' ich dir sonst folgen?" . Karl schlug eine kurze Lache auf, doch klang's nicht lustig. Nach halbstündigem Ritt war man auf dem Plateau angekommen, wo man Stellung nehmen wollte. Ein Wäldchen deckte hier das Heer gegen Nancy hin, links floß die Meurthe, im Süden senkte sich die Ebene zu einem tiefen Bach, der mit einer doppelten, dicht verwachsenen Hecke eingefaßt war. Hinter dieser natürlichen Schutzwehr ordnete der Herzog unverzüglich sein Heer zur Schlacht. Aus seiner gesamten Infanterie, den Piquenieren, den zum Fußdienst bestimmten Kürassieren und Bogenschützen, im ganzen wohl 8000 Mann, bildete er ein einziges, längliches, aber tiefes, dicht geschlossenes Viereck. Auf den linken Flügel, an die Meurthe gelehnt, beorderte er die lombardische Reiterei unter Campo Basso und Ealeotto, während der niederländische und flandrische Adel, unter Jost und Lalain, die rechte Flanke decken sollte. Das Geschütz fuhr bei dem Siechenhaus St. Madeleine auf, wo es die Straße nach St. Nikolaus bestrick). Vom Feind war nichts zu sehen; denn die Luft ward immer trüber. Es fing an zu schneien. Mann und Roß erschauerten bei diesem kalten Gruß von oben. Karl war abgestiegen und ging hin und her, sich zu erwärmen. Sein Blick ging unstet von einem Truppenführer zu dem andern. Konnte er noch auf sie zählen? Rückten sie nicht jetzt schon von ihm ab? Sonst — wie hatten sich die glänzenden Gestalten um ihn her gedrängt, wie hatten sie nach einem Wort aus seinem Mund gehascht? Jetzt standen sie abseits, verschlossen, stumm. Wie hatte sich die Schar gelichtet! Wo war der hochgemute Ludwig von Chalon, der ihm so viel galt wie ein ganzes Fähnlein Reiter? Vor Erandson erschlagen. Wo Lord Sommerseth, deß roter Bart wie Feuerflammen leuchtete, wenn er die englischen Bogenschützen in das Treffen führte? In der Murtner Schlacht gefallen. Wo Anton von Luremburg, der Graf von Marie und Philipp, Graf von Grimberg? Wo Emil von Mailly, Montaigne, Nikolaus von Bournonville? Wo der getreue Jakob von der Maas, der bis zuletzt bei Murten 281 die Standarte von Burgund ernporgehalten? Wo Antonio von Legnano, Troilo und Orlr>? Alle, alle von den Schweizern ihm erschlagen. Fröstelnd hüllte sich der Fürst in seinen Mantel, während die Schneeflocken immer dichter niederwirbelten. Auch das Wetter mahnte ihn an Murten. So wie hier, war er auch damals mit dem Heer in Schlachtordnung gestanden, in strömendem Regen, viele Stunden lang. Die Eidgenossen hatten zaudernd, plänkelnd ihn ermüdet, um dann plötzlich und von allen Seiten über ihn herzufallen. Wollten sie's jetzt auch so machen? Sicher! Er hatte das Oefühl, daß hinter dem weißen Schleier, der immer neu gewebt vom Himmel niederwebte, sein Verhängnis lauere, unabwendbar, unerbittlich. Zur nämlichen Zeit zog Lampo Basso, auf den Karl vertraute, wie auf einen Felsen, mit 800 Lanzen feig vom Schlachtfeld. Der Verräter war schon in der Nacht vorher nach St. Niklaus geritten, um dem Herzog Renat seine Reiter anzubieten. Dieser, dem der Zuwachs sehr erwünscht gewesen wäre, hätte seine Hilfe nicht verschmäht. Allein die Schweizer hatten sich geweigert, neben ihm zu kämpfen. Von Hans Waldmann, dem gewaltigen Bürgermeister Zürichs, war das scharfe Wort gefallen, Campo Basso sei in allen Zügen bisher wider sie gewesen; nun, da er mit Schanden seinem rechten Herrn Meineid geworden, sei er ihm erst recht verdächtig. Wer denn dafür bürge, daß der Überläufer im Gefechte nicht auch sie verrate? Und der Schultheiß von Luzern, Hasfurter, hatte gesagt: „Ihr wißt, daß ich auf einer Seite hinke, weil mein linkes Bein zu kurz ist. Aber dieser Kerl hinkt ja auf beiden Seiten. Traut ihm nicht, es ist ein Welscher!" Also hatte Campo Basso schmählich abziehen müssen. Jetzt gedachte er auf eigene Faust zu handeln, und er führte seine Reisigen längs der Meurthe zurück bis an die Brücke von Bourieres. Wurde Karl geschlagen, woran der Graf nicht zweifelte, so liefen ihm die fliehenden Burgunder hier ins Garn. Er konnte reiche Adelige, vielleicht gar den Herzog fangen und ein hohes Lösegeld erpressen. Siegte aber wider Erwarten Karl, so konnte sich der Graf den Anschein geben, er habe das Burgunderheer hier vor Umgehung schützen wollen. Während dieser offenkundige Verrat den linken Flügel schwächte, standen bei dem Mitteltreffen die burgundischen Führer 282 selber uneins und zerrissen. Philipp von Croy, der Graf von Chimay, hielt noch immer an der Ansicht fest, die er im Kriegsrat gestern schon vertreten und damit Karls Zorn herausgefordert hatte: Nancy fahren zu lassen, sich auf Pont L Mousson zurückzuziehen und einer Feldschlacht auszuweichen. Sicher werden dann die Schweizer, die der arme Herzog Renat doch nicht lang zu löhnen vermöge, wieder abziehen, und dann habe Burgund gewonnen Spiel. Hochberg tadelte die Stellung. Ihm gefiel der Laronbach im Rücken mit dem sumpfigen Gelände nicht, durch das der Rückzug gehen muhte, wenn die Schlacht unglücklich ausfiel. (Wirklich wurde er am Abend auch an jenem Bach gefangen.) Engelbrecht von Nassau fürchtete, dah die Besatzung Nancys sich nicht täuschen lasse durch den Donner der Geschütze, einen Ausfall mache und nach Überwältigung der geringen Lagerwache ihnen in den Rücken falle, wenn die Schlacht im Gang sei. Also stritt man hin und her, ganz nutzlos. Denn es wußte jeder, dah am Schlachtplan jetzt nichts mehr zu ändern war, nachdem der Herzog Karl einmal gesprochen. Unterdessen war's Mittag geworden. Es wurde hell im Süden, und das Schneien hörte auf. Und jetzt erblickte man das feindliche Heer in vollem Anmarsch, Trotz und Reiterei links auf der Strahe und der Meurthe entlang, auch weihgekreuztes Fußvolk halb vom Walde versteckt. Im gleichen Augenblicke donnerten auch schon beim Siechenhause die Kanonen, und die Reiterscharen Galeottos brachen vor zum Angriff. Auf dem linken Flügel begann der Kampf. Es schien, als wollte hier der Feind den Hauptschlag führen, llberm Grünhag hörte man die Feldherrnstimme Wilhelm Herters. Wo der war, wurde sicherlich nicht bloh geplänkelt. Schon der erste Angriff fiel hier zu Ungunsten der Burgunder aus. Galeottos leichte Lanzenreiter prallten an den schweren, deutschen Eisenreitern, die der Graf Oswald von Thierstein in das Treffen führte, ab. Sie wurden durch die Übermacht umzingelt oder zersprengt. Bald lag die linke Flanke der Burgunder bloh. Zwar beorderte jetzt Karl, der bei dem ersten Büchsenschuß aus dumpfem Brüten aufgefahren war, die Bogenschützen an den Grünhag, und der Kampf kam dort für eine Zeit zum Stehen. Viele Feinde blieben mit den Hellebarden in dem dichtverwachsenen Strauchwerk stecken oder sanken in den Bach, vom tödlichen Pfeil getroffen. Aber auf die Länge war die Stellung nicht zu halten. Schon war da und dort der Hag durchbrochen, und die Schützen fingen an zu weichen. Da rief Karl nach Campo Basso und als dieser nicht zu finden war, nach Lalains Niederländern. Doch da traf die Meldung ein, auch Lalain sei schon in den Kampf verwickelt, ja von rechts her sei der Hauptangriff zu fürchten. Dorther dröhne Waldmanns Stimme, flattern Banner von Luzern und Bern und Zürich, und erhebe sich betäubender Wafsenlärm. Wirklich hatten dort die Schweizer Karste das Burgunderheer umgangen. An 8000 Mann stark stürmten sie dem Herzog Karl hier in die Flanke. Die lothringische Reiterei an ihrer Spitze wurde zwar von Lalain aus dem Felde geschlagen, aber hinter den Zersprengten starrten Tausende von Spießen, und der Boden zitterte unter dem Sturmschritt eidgenössischen Volkes, kleine Hakenbüchsen knatterten aus dem Gehölz, und scheuende, reiterlose Pferde brachten Unheil und Verwirrung in die Niederländer. Tote und Verwundete bedeckten schon die Erde. Lalain selbst ward schwer getroffen aus der Schlacht getragen. Alles wich dem Mitteltresfen zu. — Mittlerweile war auch das burgundische Geschütz verstummt. Lothringische Scharen hatten die Büchsen unterlaufen und genommen. Jetzt erst rief der Herzog Karl nach seinem Streitroß, einem kohlenschwarzen, mächtigen Hengst, genannt der „Mohr". Als er sich aufschwang und den Helm aufsetzte, fiel der goldene Löwe, der die Spitze krönte, vor ihm auf den Sattel. „Signum Dei!" (Ein Zeichen Gottes) rief der Fürst erbleichend. Er erkannte wohl den ganzen Ernst der Lage. Übermächtig brach der Feind von links und rechts herein. Doch Karl der Kühne ließ den Mut nicht sinken. Nirgends offenbarte sich des Fürsten Tapferkeit und Geistesgegenwart so glänzend wie in dieser seiner letzten Schlacht. Stahlhart ertönte seine Stimme, wie er seine Garden und das Fußvolk zum Verzweiflungskampfe ordnete. Überall schien er zu sein, anfeuernd und persönlich ins Gefecht eingreifend. Renat und seine Schweizer, die geglaubt, nun leichtes Spiel zu haben, fanden einen furchtbaren, zum Äußersten entschlossenen Gegner. Um das Lager türmte sich ein Leichenwall. Wer weiß, wenn die Verbündeten an Zahl dem Löwen von Burgund nicht doppelt überlegen gewesen wären, ob nicht Karl gesiegt. So aber wurde er erdrückt. Die Glieder der Burgunder wurden überall durch- brochen. Es gelang den Führern nicht mehr, die gerissenen Lücken auszufüllen. Tödlich verwundet sanken Rubenpre, der Graf von Artois und Johann von Jgny. Furchtbar wüteten die schweizerischen Hellebarden in des Herzogs Garden. Tausende von Toten und Verwundeten bedeckten schön die Walstatt. Und jetzt kam der Herzog selber in Gefahr. Ein Kolben traf ihn auf den Helm. Er taumelte und wäre gesunken, wenn nicht Hauptmann Cito ihn gehalten hätte. Aber wie der Treue seinem Fürsten wieder in den Sattel half und sich dazu im Bügel hob, fuhr ihm ein Spieß unter die Rüstung, daß er sterbend niedersank. Doch hatte Karl jetzt die Besinnung wieder gewonnen. Hoch auf bäumte sich der „Mohr" und sprengte mit dem Herrn durch Freund und Feind hindurch. Was jetzt noch lebte von burgundischen Edeln, floh dem Herzog nach. Doch wie Rüden, die sich in ein Wild verbissen haben, folgten ihn: die Schweizer auf den Fersen, und am Laronbache holten sie ihn ein. Karls Roß war dort im Sumpf gestrauchelt und gestürzt und hatte seinen Reiter abgeschleudert. Andere traf dasselbe Schicksal. In den wirren Knäuel stürmten die Schweizer, alles niedermachend. Mehr als 50 Tote röteten mit ihrem Blute hier den Bach. Umsonst ertönte halb erstickt des Herzogs Stimme: „Sauve Bourgogne!" (Rette Burgund!) Die Weißgekreuzten kannten keine Gnade. Sie fielen über ihn her. Ein Speer durchbohrte seinen Leib, und eine Streitart schmetterte durch seine linke Wange. . . Als sich der Gefallene nicht mehr regte, stürmten die Verfolger weiter. Und die Nacht sank auf das blutige Feld. — Doch bevor sie all den Greuel mit dem dunkeln Mantel deckte, sah sie noch das Traurigste: Schlachtfeldhyänen schlichen über die Walstatt, um die Toten auszurauben, italienisches Gesinde! aus dem Lager Eampo Bassos. Auch der Herzog wurde ausgeplündert, bis er nackt in Blick und Sumpf lag. — Nur der Himmel hatte mit dem toten Karl Erbarmen, gab ihm einen weichen, weißen Hermelin und faßte seinen Kopf in blinkenden Kristall. Erst andern Tages fand man ihn und hackte seinen Körper aus dem Eise. Nancy, das dem Lebenden getrotzt, nahm jetzt den Toten willig auf, gewährte ihm auch eine ehrenvolle Ruhestätte, bis im Jahre 1650 Karl V. die Gebeine seines Urgroßvaters erst nach Luremburg und später dann nach Brügge überführen ließ. 285 Das war das Ende Karls des Kühnen von Burgund, des stolzesten, gefürchtetsten und reichsten Fürsten seiner Zeit. 118. Die Einnahme der Festung Hüningen. Nach Dr. Carl Wieland. a. Aufmarsch der Verbündeten. Am 26. Juni 1815 setzte sich die große Armee der Verbündeten, die sich am Oberrhein vereinigt hatten, in Bewegung, um über den schweizerischen Boden nach Frankreich vorzudringen. Morgens um 7 Uhr passierten die Österreicher unsere alte Rheinbrücke und griffen gegen 9 Uhr die bei Burgfelden stehenden Franzosen an. Nach heftigem Geplänkel — das Geknatter des Gewehrfeuers war in der Stadt deutlich vernehmbar — zogen sich die Franzosen zurück. Eine Anzahl Basier Bürger waren mit ihren unvermeidlichen Knaben der österreichischen Kolonne gefolgt, um sich ein Gefecht in der Nähe anzusehen; aber eiligst kehrten sie zum heimischen Herde zurück, als die Besatzung Hüningens einige Bomben gegen die Burgfelder Straße sandte. Da aus verschiedenen Häusern Burgfeldens auf die vormarschierenden Soldaten geschossen worden war, so erging der Befehl, zur Strafe hiefür die betreffenden Wohnungen einzuäschern. b. Einschließung der Festung. Am gleichen Tage, dem 26. Juni, wurde die Festung Hüningen durch die Verbündeten eingeschlossen. Mit der Leitung der Belagerungsarbeiten war der Erzherzog Johann, der Bruder des deutschen Kaisers beauftragt, der sein Hauptquartier in Basel, im Hause 13 auf dem St. Petersplatz nahm. Die österreichischen Posten dehnten sich von Neudorf bis zum Lysbüchel aus und schlössen sich hier an die schweizerischen an, die sich bis zum Rheine hinzogen. Noch konnte aber bei dem Mangel jeglichen Geschützes mit der Belagerung nicht begonnen werden; man mußte sich mit einer engen Einschließung Hüningens begnügen. Die Festung, in den Jahren 1679 bis 1683 durch den berühmten Festungsbauer Vauban angelegt, bildete ein Fünfeck, dessen längste Seite dein Rhein zugekehrt war. Vor dem Graben lagen starke Vorwerke; die äußerste Schanze gegen Basel zu war 286 nur etwas über 2000 Meter von der St. Johannvorstadt entfernt und hieß zu Ehren des im Jahre 1796 bei der Verteidigung des Brückentopfes gefallenen Generals Abbatucci nach seinem Namen. Die Besatzung der Festung zählte 1200 Mann. o. Die Beschießung Basels. Am Abend des 28. Juni ließ der Kommandant der Festung, der alte General Barbanegre, unsere Stadt aus der Abbatucci- Schanze mit Bomben und Granaten beweisen. Wohl richtete diese Beschießung, weil die meisten Geschosse in der Luft zerplatzten, sehr geringen Schaden an; aber sie verbreitete in der Stadt allgemeine Bestürzung und Verwirrung. Die Bewohner der St. Johannvorstadt flüchteten sich, so gut es ging, nach den östlich gelegenen Quartieren; wer es vermochte, floh in die benachbarten Dörfer. Durch Erzherzog Johann, vor dessen Wohnung an jenem Abende eine Bombe platzte, zur Rede gestellt, suchte Barbanegre diese Maßregel durch die Behauptung zu rechtfertigen, die Basier hätten Burgfelden angezündet, und deswegen sei er berechtigt, Eegenrecht zu halten. Die folgenden Tage verflossen ruhig. Man hielt die Gefahr für beseitigt, den Zorn des alten Franzosen für beschwichtigt und kehrte allmählich wieder in die verlassenen Wohnungen und zu den täglichen Geschäften zurück. Plötzlich begannen am Nachmittage des 26. Juli wieder die Festungsgeschütze Bomben nach Basel zu schleudern. Diesmal wurden fast alle Quartiere der Stadt von denselben betroffen; einzelne Kugeln verirrten sich bis in das St. Albantal. Noch steckt eine Kugel in einer Mauer des Eäß- leins, das von der St. Johannvorstadt zur Spitalstraße führt. Aber auch diesmal zündete glücklicherweise kein Geschoß und verursachte die Beschießung, bei der etwa 50 Vollkugeln in die Stadt geworfen wurden, gleich der ersten mehr Schrecken als Schaden. Aber Barbanegre, der bei der Behauptung blieb, die Basier seien die Anstifter des Brandes von Burgfelden gewesen, drohte, er werde das Bombardement mit aller Kraft erneuern, wenn ihm die Stadt Basel nicht bis zum 1. August eine Entschädigung von 250,000 Franken in Geld und 50,000 Franken in Schuhen, Hemden und Überröcken zusende. 287 Die Basier Regierung wies die ungerechte Beschuldigung zurück und verweigerte entschieden jegliche Zahlung. Zugleich stellte Erzherzog Johann das Verlangen an die Tagsatzung, die schweizerischen Truppen, welche bisher ruhige Zuschauer der Plänkeleien geblieben waren, tätig bei der Belagerung mitwirken zu lassen, und sicherte förmlich die Schleifung der Festung zu, sofern die Schweizer an deren Einnahme teilnehmen würden. Die Tagsatzung entsprach diesem Ansuchen willig und stellte dem österreichischen Oberbefehlshaber etwa 5400 Mann zur Verfügung. Damit hatte das ganze Belagerungskorps eine Stärke von 16,000 Mann. ck. Die Beschießung der Festung. In den ersten Tagen des August traf endlich der erste Geschütztransport in Weil ein, und es konnten die Belagerungsarbeiten in Angriff genommen werden. Laufgräben wurden aufgeworfen, Batterien errichtet, die Geschütze eingefahren und aufgestellt, und am 22. August morgens 10 Uhr begann die Beschießung der Festung. Auf besondern Befehl des Erzherzogs hatte der baslerische Hauptmann Lukas Preiswerk die Ehre, das Feuer zu eröffnen. Aus dem von Basier Kanonieren bedienten Zürcher Mörser Apollo -— früher wurden die Geschütze getauft — flog die erste Bombe gegen Hüningen. Die Diana folgte dem Bruder alsobald, und sofort spien alle Geschütze aus 14 Batterien ihre Geschosse gegen die Abbatucci-Schanze und gegen die Festung. Es dauerte geraume Zeit, bis die Franzosen das Feuer erwidern konnten. Nach einer etwa halbstündigen Beschießung flog die Munitionskammer der Abbatucci-Schanze in die Luft und wurde die Besatzung gezwungen, dieselbe zu verlassen und sich in das rückliegende Werk zurückzuziehen. Barbanegre suchte an Basel hiefür Rache zu nehmen und schickte eine Anzahl Bomben nach der Stadt, von welchen eine in der St. Johannvorstadt platzte und einen Knaben tötete. Am Abend des 22. setzten sich die Österreicher in den Besitz der verlassenen Schanze und errichteten jenseits derselben eine Batterie gegen die Festung. Am 23. begann die Beschießung aufs neue. Auch an diesem Tage bemühten sich die Belagerten, einige Bomben nach Basel zu jagen; eine derselben schlug in das ehemalige Johanniterhaus 288 neben dem St. Johanntor ein und drang durch alle Stockwerke bis in den Keller, wo sie zerplatzte; eine zweite beschädigte den Seidenhof. Als aber am 24. morgens die Festung wieder mit einem Hagel von Geschossen überschüttet wurde, begehrte Barbanegre endlich einen Waffenstillstand, der gerne gewährt wurde. e. Die Übergabe der Festung. Die Unterhandlungen führten am 26. abends zu einer Vereinbarung, laut welcher die Festung am 28. den Belagerern übergeben werden sollte. Am 27., an einem Sonntage, strömte die Bevölkerung Basels, glücklich, der drohenden Gefahr entronnen zu sein, nach dem Lager, um die Belagerungswerke und die von den feindlichen Geschossen angerichteten Verheerungen anzusehen, welche namentlich in Kleinhüningen sehr erheblich waren. Tags darauf, am 28. August, verlieh die französische Besatzung Hüningen und streckte auf der Strahe nach St. Ludwig das Gewehr. Darauf ritt der österreichische Befehlshaber an der Spitze von 6000 Mann in die eroberte Stadt ein, die in ihrem Innern grause Spuren der Verwüstung auswies. Die glückliche Beendigung der Belagerung wurde am 29. festlich begangen. Erzherzog Johann inspizierte die auf dem Felde bei Blotzheim aufgestellten Truppen; an die Inspektion schloß sich ein feierlicher Gottesdienst, und schließlich wurde den Truppen Ertraverpflegung: Braten, Würste und Wein, verabfolgt. k. Das Fest auf dem Petersplatze. Erzherzog Johann hatte durch sein Benehmen so sehr die Herzen der Bürgerschaft gewonnen, daß diese durch ein großes Fest ihm und seinen Offizieren den allgemeinen Dank bezeugen wollte. In größter Eile wurde der Petersplatz zu einem Festplatze umgewandelt, in der Mitte ein Musik- und Tanzsaal, bei dem Stachelschützenhause ein Speisesaal erbaut. Am 4. September wurde das Fest gefeiert. Ein römischer Triumphbogen mit der Inschrift: Das dankbare Basel dem Erzherzog Johann, empfing die Kommenden. Dräuend umgaben ihn Mörser aus der Festung Hüningen, riesige Blumensträuße bergend. In der Mitte des durch 24,000 Lampions beleuchteten Platzes 289 befand sich der von 24 kristallinen Kronleuchtern erhellte Tanzpavillon. Als der gefeierte Prinz denselben betrat, empfing ihn ein Frauenchor mit einer Festtantate. Der vom Tanzsaale zum Speisepavillon führende Weg war mit alten Rüstungen und Trophäen aller Art geschmückt. Ein Transparent, das die Sonne, schweres Eewittergewölke verjagend, darstellte, zierte den Eingang und verlieh mit folgenden Versen der allgemeinen Gesinnung Ausdruck: Vorüber ist das Wetter. Gesegnet sei der Retter! Vivat Johann! Während der Tafel erschien ein in die schweizerischen Kantonstrachten gekleideter Chor von Bauern und Bäuerinnen, begrüßte unter Gesang und dem Klänge des Alphorns den Fürsten, dessen Tugenden Provisor Riedtmann, als alter Berner gekleidet, in heimischer Mundart pries, und überreichte ihm allerhand ländliche Produkte, als Käse, Butter, Honig usw. Eine milde Spätsommernacht begünstigte das schöne Fest, das erst mit der aufgehenden Sonne sein Ende nahm, was in Basel damals ein ganz unerhörtes Ereignis war. 119. Weihnachten in der Schlacht. Georges Llairon. Wir feuerten die ganze Nacht auf dunkle Gegenstände, die sich um die Brückenpfeiler herumschoben. Doch das widerstand unseren Warnungen, das war ganz unempfänglich für unsere Kugeln, das wendete und drehte sich wie durch nichts aufzuhaltende, unerschrockene Feinde. Und doch ließen wir uns nur die Zeit, aufs neue zu laden; widersetzten unsere Gewehre sich unserer Hast, so griffen wir zu den Revolvern- Um einen besseren Platz zu erlangen, besser zielen zu können, verließen wir manchmal unsere Verstecke — und stürzten in andere Löcher, in andere Schneegruben. Plötzlich ertönten von der Kirche von Suresnes zwölf Schläge. Mitternacht!-„Weihnachten!" --klang es aus einem der Löcher heraus, und diese Worte fielen uns aufs Herz. „Weihnachten!" -Wir hätten wenigstens zusammentreten mögen, um uns weniger einsam zu fühlen. Weihnachten!-In der l9 290 Erinnerung an sonstige, frohe, schöne Feiern empfanden wir die Ode und Kälte doppelt. Furchtbare Melancholie senkte sich auf uns, eine solche Traurigkeit, daß wir minutenlang unbeweglich standen-dann schössen wir wieder, in das Wasser, aufs andere Ufer — und der Feind antwortete mächtig; hüben und drüben ertönte ein Höllenfeuer. Doch noch einmal ertönte eine klagende Stimme: „Weihnachten!" — Da trat Regnault, wie von einer geheimnisvollen Macht getrieben, aus seinem Loche heraus, erstieg eine hinter uns befindliche Bodenerhöhung, und ohne mehr auf die vom andern Ufer kommenden Kugeln zu achten, stimmte er, als Held, als Tenor, mit seiner herrlichen, geschulten Stimme — die in schöneren Tagen das Entzücken Eounods gewesen war — das Weihnachtslied von Adam an: Mimik, ebretiens, c'esk I'beure soleimslle. Diese Stimme, die plötzlich die wilde Nacht erfüllte, jedes andere Geräusch übertönte, jeder Gefahr siegreich trotzte, sie erweckte Ehrfurcht wie ein höherer Wille der Natur. Wir lauschten, und kein Kommando hätte uns in diesem Augenblick dazu gebracht, unsere Waffen zu gebrauchen. Das Feuer schwieg. Auf unserer Seite — und auch aus der anderen, völlig. Freund und Feind auf den beiden Ufern des Flusses waren von dem gleichen Zauber umfangen. Voller Begeisterung sang Regnault die Weise mit vollendeter Kunst in die Nacht hinaus, und wenn er eine Strophe beendet hatte, dann nahmen wir sie im Chöre auf, unsern beklommenen Herzen zu wahrer Erleichterung. Und als das Weihnachtslied verhallt war, da herrschte Schweigen. Andächtiges und doch entsetzliches Schweigen, aus dem plötzlich — gleich einer Flamme in der Finsternis — ein anderer Gesang aufstieg! Der kam vom andern Ufer, und die Deutschen waren es, die ihn anstimmten, den Choral Luthers: Vom Himmel kam der Engel Schar, erschien den Hirten offenbar. Sie sagten an: Ein Kindlein zart, das liegt dort in der Krippen hart 291 zu Bethlehem in Davids Stadt, wie euch die Schrift verkündet hat. Dies Kindlein ist der Herr und Christ, der euer aller Heiland ist. Mit derselben Inbrunst, wie wir unser Weihnachtslied, sandten die rauhen Stimmen ihren Hymnus herüber, uns zur Antwort. Gewehr bei Fuß, schaudernd haben wir unsern Feinden zugehört. Dann wiederum Schweigen. Ein noch tieferes, noch lautloseres Schweigen, so schien es. Die beiderseitige Begeisterung lieh nach, und im Gedanken an unsere Angehörigen fühlten wir uns doppelt elend. Der zwiefache Gesang hatte unsern so verschieden gearteten, feindseligen Nationalcharakter eindringlich scharf betont. — Plötzlich knallte ein Schutz durch die stille Nacht — und der Zauber dieser Stunde war gebrochen! Auf welcher Seite wurde er abgefeuert? Ich weitz es nicht. Ein zweiter antwortete, dann noch einer — und das Schießen hub wieder an wie vor Mitternacht. Die Kugeln zischten. 120« Rat zum Frieden. I. Pauli. Man zog einmal aus in einen Krieg mit großer Rüstung. Da stund ein Narr da und fragte, was es gäbe. Man sprach: „Es geht in den Krieg". Der Narr fragte weiter: „Was tut man in dem Krieg?" Man antwortete: „Man verbrennt Dörfer und erobert Städte, verderbt Wein und Korn und schlägt einander tot." — „Warum geschieht das?" — „Daß man Frieden mache." Da sagte der Narr: „Wenn es nach mir ginge, so wollte ich vor dem Kriege Frieden machen und nicht nachher, wenn der Schaden geschehen ist." 121. Nur ein Gaul. Von A. Heule. Es war im Herbst 1870. Französische Agenten zogen von Dorf zu Dorf unseres Landes, um für die im Entstehen begriffene französische Ostarmee Pferdematerial aufzukaufen. Ein solcher Pferdehändler verirrte sich auch in den Stall meines sei. Groß- 292 vaters, woselbst „Liest", eine selbstaufgezogene, kräftige Stute stand. Seines lammfrommen Wesens wegen genoß das kann: fünf Jahre alte, stattliche Roß die Zuneigung aller Hausgenossen. Als besonderen Schmuck trug Liest auf der Stirne einen weißen, vierstrahligen Stern von so auffallender Regelmäßigkeit, daß es schien, als hätte ihn ein gewandter Maler dorthin gezaubert. Den Franzosen stach, wie man zu sagen pflegt, das Roß in die Augen; allein der Großvater erklärte von vorneherein, daß das Pferd nicht verkäuflich sei. Als der Welsche aber seinen goldgestickten Geldbeutel zum Vorschein brachte und eine Summe anbot, für die man damals zwei gewöhnliche Pferde hätte kaufen können, fing der Großvater an, die Sache zu überlegen. In seinem Herzen kämpften zwei Mächte, auf der einen Seite die liebevolle Anhänglichkeit zu dem Tier, das man ihm abzuschachern suchte, auf der andern Seite der haushälterische Sinn des berechnenden Landwirts. Was sollte er tun? Der Welsche nützte den Augenblick und brachte mit einem Angebot von 1400 Franken den Fall zur Entscheidung. Liest war verkauft und mußte fort in den blutigen Krieg. Weinen und Schluchzen zog durch das Haus, als die Fremden das arme Tier abführten. Monate gingen dahin. Am 1. Februar 1871 überschritt die französische Ostarmee unter Bourbaki die Schweizergrenze, wurde entwaffnet und bis zu Einleitung der Friedensunterhandlungen im Lande interniert. Nicht geringe Verlegenheit bereitete den Behörden die Unterbringung der halbverhungerten und verwahrlosten Pferde, die mit der unglücklichen Armee ins Land gekommen, über 10,000 an der Zahl. Man versteigerte sie. Auf allen größeren Marktplätzen des Landes wurden Bourbaki-Pferde versteigert. So auch im st. gallischen Altstätten. Mein Großvater, der seit Liesis Weggang ohne Pferd geblieben war, machte sich auch auf den Weg nach Altstätten, um wenn tunlich, einen „Bourbaki" zu kaufen. Hunderte der armen Gäule standen auf dem geräumigen Marktplatz des Ortes angekoppelt, und Hunderte von Bauern und Pferdehändlern waren, teils aus Kauflust, teils aus bloßer Neugierde, herbeigeeilt. Bedächtig durchschritt der Großvater, begleitet von seinem erwachsenen Sohn Egidi, die Reihen der Tiere, sorgsam jedes einzelne musternd; da wurde 'tzr plötzlich heftig an seinem Rockärmel gefaßt und geschüttelt. Sich umwendend, sah er sich von den Zähnen eines 293 Pferdekopfes gepackt, und — „Liest" schrie Egidi, der Junge, auf das Tier losstürzend. „Liest!" schrie voll Freude und Rührung zugleich der erstaunte Großvater, den Kopf des hell aufwiehernden Pferdes streichelnd. Es war ein Wiedersehen, wie wenn treue Freunde einander nach langer Trennung wieder gefunden. Liest, der vernunftlose Gaul, hatte nach monatelang dauernden Kriegsstürmen und Entbehrungen aller Art seine alten Freunde wieder erkannt. Menschen sammelten sich im Augenblick um die Szene, und als sie den Zusammenhang erfuhren, rieselten über manches wettergebräunte Antlitz stille Tränen. Aber wie sah Liest aus? Abgemagert, Mähnen- und Schweifhaare abgefressen, bot das Pferd ein jämmerlich bedauernswertes Bild. Nur der Stern auf der Stirn war intakt geblieben. Ohne Verzug setzte sich der Großvater mit der Versteigerungskommission in Verhandlung und erstand Liest um den bescheidenen Preis von 130 Franken. Die Heimkehr Liesis gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Die halbe Einwohnerschaft erwartete das treue Tier am Eingang des Dorfes und brach neuerdings in einen wahren Jubel aus, als Liest ohne alle und jede Führung munter und wohlgemut dem alten Stalle zutrottete. Das Pferd kam in keine andern Hände mehr. 122. Das Mammut. M. Hepck-Jensen. Unsere Erde war nicht immer so, wie sie heute ist. Es gab eine Zeit, da lag sie noch ohne Städte, ohne Dörfer und Gärten in der Sonne; da rauschte noch kein Mühlrad durch die Täler, in denen das goldene Korn an wannen Geländen reifte; da gab es noch keine Wege, keine Brücken und in den Wäldern noch keine Bänke, auf denen die Menschen behaglich in hellen Sommerkleidern, mit Handschuhen und Sonnenschirm im Schatten saßen und sich ihr Butterbrot aus Seidenpapier wickelteu. Neiu, die Zeit, die ich meine, die liegt schon viele Tausende von Jahren zurück, ehe die ersten Menschen noch auf der Erde waren. Wie man annimmt, rauschten damals wilde Ströme über sie hin, zehnmal so breit wie unsere jetzigen; die brachen sich selbst ihre Bahn zwischen den Bergen hindurch; was ihnen im Wege war, rissen sie mit sich fort. Dazwischen lagen noch Wälder mit fremden Pflanzen und Bäumen. Der Riesenhirsch mit seinen. 294 mächtigen Geweih schritt stolz hindurch, und das scheußliche Nashorn trottete durch die Büsche zum See hinunter. Dann kam es wohl an dem dunkeln Felsloch des Höhlenbären vorbei; weiße Knochen bleichten davor in der Sonne, und er selbst lag in seinem zottigen Fell daneben. Das Nashorn schnaubte ihm mit einer scheußlichen Fratze entgegen; aber der Bär drehte sich gähnend um; er hatte gerade ein halbes wildes Pferd zu Mittag verspeist und war zu satt, um zu spaßen. Mit widerlichem Grunzen trottete das Nashorn auf seinen gepanzerten Beinpfosten weiter und ließ sich in das schlammige Seewasser hinunterplatschen, in dem es wie ein grauer Felsblock mit zugedrückten Augen liegen blieb. Es wurde abendlich und still. Am Himmel glänzten glutrote Wolken auf; die Riesenvögel zogen kreischend in ihre Felsklüfte, und nur die Höhlenhnäne schlich noch klagend den See entlang. Da schien es plötzlich, als ob einer von den moosigen Felsen lebendig geworden wäre und aus dem dämmernden Wald herausträte. Etwas Furchtbares war es, was da ankam: ein Tier, so hoch wie ein kleines Haus, schritt gegen den See hinunter. Aus seinem Riesenmaul standen zwei weiße Zähne hervor, so lang wie Baumäste; dazwischen reckte sich ein mächtiger grauer Rüssel heraus. Eine rotbraune, wilde Mähne umwehte den Kopf. Der ganze Körper war mit dichten Haaren bewachsen, auch der gewaltige Schweif. Es war das Mammut, das seinen Abendgang zum Wasser machte. Keines der Tiere kam in seine Nähe, weil es sie mit einem Fußtritt zermalmt hätte. Hinter ihm blieb ein breiter Weg im Walde zurück. Mit seinem Rüssel brach es dicke Bäume um und schlang davon hinunter, was ihm schmeckte; die hohen Pflanzen am Boden waren für seinen Hunger nur so viel, wie wenn ihr ein Brosämchen schluckt. Nun war es am See angelangt; es sog dort seinen Rüssel voll und goß die Wassermassen damit in seinen unendlichen Schlund hinab. Unbeweglich stand es dabei in der Abendsonne auf feinen vier Riesenbeinen und sah zu den roten Wolken hinauf, als ob es darüber nachsänne, was man nach vielen tausend Jahren den Kindern von ihm erzählen werde. Langsam schüttelte es seine mächtige, rote Mähne im Wind; dann stieß es einen furchbaren Trompetenton in die Luft, daß die Berge widerhallten, wandte sich um und schritt stolz in den dunkeln Wald zurück. 295 123. Nur ein Spatz. L. Gurlitt. Er war der Liebling des ganzen Hauses. Gäste, die zu uns kamen, fratzten: „Was macht der Spatz?" ehe sie uns guten Tag boten. Als kleines, nacktes Klümpchen hatten wir ihn gefunden. Wir fütterten ihn auf mit in Milch geweichter Semmel und dachten, es sollte ein Wundertier werden; aber es wurde „nur ein Spatz". Er zwang uns aber Achtung ab. Bald war er Herr im Hause, kannte alle Gebräuche des Hauses und richtete sich nach ihnen. Sowie der erste Tellerklang beim Tischdecken ertönte, kam er mit seinen: „pik" hinter dem warmen Ofen hervor, setzte sich vor den Teller meines Vaters und nahm Platz auf dem Tellerrand, um einen tiefen Schluck zu nehmen. Mein Vater, wie wohl alle Künstler, ein echter Tierfreund, gab ihm den Vortritt; erst mutzte der Spatz getrunken haben, ehe er den ersten Löffel einsetzte. Nun wandte sich unser Hausgast an die Kartoffelschüssel und hielt gründliche Umschau auf dem Tische. Tagsüber machte er sich unnütz in jeder Weise, nahn: Sandbäder in der Streusandbüchse, ritz alle Steck- und Nähnadeln aus dem Nadelkissen unserer Mutter, flog auf den nahen Kirschbaum und räsonnierte mit seinen Freunden im Geäst, kam dann ins Atelier meines Vaters geflogen und sah ihm, auf dem Kopse sitzend, beim Malen zu. Einmal wollten wir für drei Tage über Land. Was wird inzwischen aus dem Spatz? Nach langen: Hin und Her wurde beschlossen, ihn in einen lichten Kellerraum zu tun und so reichlich mit Futter und Wasser zu versorgen, datz er keine Not leiden sollte. Trotzdem wurden wir die Sorge um unsern Gefangenen nicht los. Bei der Heimkehr war der erste Gang nach den: Keller. Da begrüßte uns auf der Stiege schon ein erregtes Eepiepe, und als mein Vater eintrat, flog ihn: der Spatz mit solchem Lärmen und mit solcher Hast ums Gesicht, datz er bald erschöpft zu Boden fiel und nach Atem rang. „Er stirbt, er stirbt!" riefen alle voll Besorgnis. Aber er erholte sich von seiner Freude und blieb noch lange Zeit unser lieber Freund und Hausgenosse, stets voller Leben, Humor und ehrlicher Hingabe. Eines Tages flog er hinaus und kau: nicht wieder. Hatte er sein Herz an eine schöne Spätzin verloren? Wir trauten es ihn nicht zu, datz er seine alten Freunde deshalb preisgegeben hätte. So wird eine Katze ihn 2 96 g efressen haben, die sein Vertrauen nicht zu würdigen wußte. Wir haben ehrlich um ihn getrauert. „Nur ein Spatz"; aber er hatte alle unsere Herzen für sich. 124. Der Sperling. Iwan Turgenjeff. Ich kehrte von der Jagd zurück und ging durch die Earten- allee. Mein Hund lief voraus. Plötzlich verzögerte er seine Schritte und begann zu schleichen, als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelbem Schnabelrande und jungem Flaum auf dem Kopfe. Er war aus dem Neste gefallen — ein kräftiger Wind schüttelte die Birken der Allee — und unbeweglich saß er nun da, indem er die kaum hervorgewachsenen Flügelchen hilflos von sich streckte. Langsam näherte sich ihm mein Hund, als sich plötzlich vom benachbarten Baume ein alter, schwarzbrüstiger Sperling losriß, wie ein Stein gerade vor seiner Schnauze niederstürzte und ganz zerzaust und verstört mit verzweifeltem, kläglichem Geräusch einige Male gegen den weitgeöffneten, mit großen Zähnen besetzten Rachen lossprang. Er wollte sein Junges retten, er schirmte es mit seinem eigenen Körper. . . sein ganzer winziger Leib bebte vor Schrecken, sein Stimmchen ward wild und heiser, er starb hin, er opferte sich! Welch ein gewaltiges Ungetüm mußte der Hund ihn, scheinen! Und gleichwohl vermochte er nicht, dort oben auf seinem sichern Aste zu verbleiben. Eine Gewalt, welche stärker war als sein Wille, riß ihn hinweg. Mein Tresor blieb stehen und wich dann zurück. Offenbar mußte auch er seine Gewalt anerkennen. Ich rief den verdutzten Hund zu nur und entfernte mich mit einem Gefühle der Ehrfurcht. Ja, lachet nicht, ich empfand wirklich Ehrfurcht vor diesem kleinen, heldenmütigen Vogel, vor dem leidenschaftlichen Ausbruch der Liebe. Die Liebe, dachte ich, ist doch stärker als der Tod und die Todesangst. Nur durch sie, nur durch die Liebe erhält und bewegt sich das Leben. 125. Das Hündchen des Touristen. I. V. Widmann. 297 Wenn die Herbsttage kommen, werden die Bergwege unseres Hochgebirges einsam; diejenigen aber, die eine ernsthafte Alpen- liebe im Herzen tragen, sagen zu sich selbst um diese Zeit: Jetzt ist meine Stunde gekommen. So ergriff auch ich den Bergstock zum großen Jubel meines Schnauzerhündchens, das mich auf solchen Ausflügen begleiten darf und vor Freuden außer sich kommt, sobald ich die Lodenjoppe anziehe und den Tornister hervorhole. Ahnungsloses, armes Tierchen! du hättest deine wilden Luftsprünge und dein fast jauchzendes Bellen gespart, hättest dn voraussehen können, welche Not dir diesmal bevorstand. Aber auch ich wußte es ja nicht, und so traten wir beide wohlgemut unsere herbstliche Wanderung an. Von der Dampfschiffstation bxi Jnterlaken ging ich am Abend noch zu Fuß nach Lauterbrunnen, und der nächste Morgen brachte mich auf die Höhe der kleinen Scheidegg. Im Wirtshause fand sich ein Führer, und mit ihm schlug ich längs der Felswand des Eiger den Weg nach dem Erindelwalder Eismeer ein. Mit wahrer Lust schritt ich in dieser herrlichen, die Nerven stählenden Luft über Matten, bergauf, bergab, durch Steingeröll, durch ausgebuchte Alpenrosenfelder und über jene abschüssigen, glatten Steinplatten, welche einmal in der Breite einer Viertelstunde alle Vegetation unterbrechen. Das ging so mehrere Stunden lang, immer in der Höhe. Und hier war mir die für den Herbst seltene Freude beschicken, eine noch blühende, blaßrote Alpenrose zu pflücken. Nun gelangten wir an das Eismeer, das in der Breite und in der Länge die Ausdehnung ungefähr einer Stunde hat. Aber der Gletscher sah nicht gut aus. Statt uns eine geneigte Fläche zuzukehren, wies er uns zum Willkomm nur einzelne, hohe, kurmartig ragende Zacken; die sonst zwischen diesen Zacken bestehende Verbindung war in dem heißen Sommer stark abge- schmolzen. „Wie kommen wir da hinauf?" fragte ich. Der Führer schüttelte den Kopf, sagte aber doch: „Es wird schon gehen." Und nun wählte er den solidesten der Eistürme aus und begann, ihn mit dem Eispickel zu bearbeiten. Als er ein paar Stufen gehauen hatte, kletterte er mittels derselben höher, hieb weitere Stufen 298 und gelangte durch diese mit großem Geschick betriebene Arbeit wirklich auf die Spitze des Eisturmes, von wo aus er mir zurief, daß es nun schon leichter gehen werde, die nächste Spitze und von dort die ebenen Flächen des Gletschers zu erreichen. Ich ließ mir also das Seil zuwerfen, dessen anderes Ende der Führer fest in den Händen hielt, und so kletterte ich ihm nach, innerlich erfreut, daß ich an dieser glatten Wand wenigstens nicht bergab zu gehen brauche. Kaum stand ich oben, als ein jammervolles Winseln mich erinnerte, daß da unten noch einer sei, der ohne Hilfe nicht herauf- gelangen könne. Mein armes Schnauzerchen! Was war zu tun? ihm das Seil zuwerfen, daß er es mit den Zähnen fasse und sich heraufziehen lasse? Er ist ein gescheites Hundevieh,' aber das wäre doch zu viel von ihm verlangt gewesen. Es blieb nichts übrig, als daß der Führer sich noch einmal zurückwagte und den Hund Herauftrug; denn ich traute mir's nicht zu, an der steilen Eiswand heil herunter zu gelangen, und jedenfalls konnte ich nachher den Hund nicht hinauftragen — hatte ich doch vorhin bei freien Händen Mühe genug gehabt, die Kletterei glücklich zu beenden. Also war es jetzt an mir, das Seil zu halten, an dem der Führer sich hinabließ, um das Hündchen zu holen. Aber siehe, sowie sich der Führer dem ängstlich uns beobachtenden Tiere näherte, nahm tes vor ihm Reißaus und lief mit wütendem und doch zugleich bangem Gebell zurück, verkroch sich unter ein Felsstück und, als der Führer es dort fassen wollte, unter dichtes Dorngebüsch; kurz, es ließ sich nicht fangen, weil es offenbar um keinen Preis den Gletscher betreten wollte. Die Lage war ernst. Schon glühte jener ungeheure Eis- und Schneezirkus, der in gewaltigem Ring das Eismeer umfaßt, im letzten Abendschein. Der Führer erklärte, daß die Dunkelheit uns nicht auf dem Gletscher überraschen dürfe; denn selbst bei Tageshelle werde es ihn einige Mühe kosten, den rechten Weg zum Überschreiten ausfindig zu machen. Fast täglich verändert sich ja ein Gletscher, und neue Risse und Schründe entstehen über Nacht. „Wir müssen den Hund zurücklassen," das war die bestimmte Erklärung meines Führers. Ungern ergab ich mich darein. Mein einziger Trost war das Vertrauen auf die Intelligenz des Hündchens, und außerdem gelobte ich mir, andern Tages von Grindelwald hinaufzusteigen und alsdann den armen, kleinen 299 Kerl aus seinem ungeheuren Gefängnis in der Wildnis des Gebirges zu erlösen. Noch ein letztes, angelegentliches Locken. Vergebens! Wohl kam das Tierchen winselnd zum Vorschein; aber fassen lieh es sich nicht. „Also weiter in Gottes Namen!" Wir überschritten das Eismeer unter mancherlei Schwierigkeiten, die noch größer gewesen wären, wenn wir dabei den Hund hätten tragen müssen. Eine volle Stunde brauchten wir. Während dieser Zeit gellten fortwährend von der Seite her, die wir verlassen hatten, Jammertöne des Hündchens, und wir konnten beurteilen, daß das Tier, je nachdem wir auf dem Gletscher stiegen oder abwärts gingen, uns am Ufer des gefrorenen Stromes aufwärts und abwärts folgte. Jenseits des Eismeeres befindet sich ein kleines Wirtshaus „Zur Bäreck". Dort hatten wir wieder festen Fels unter den Füßen und eilten nun bei pfeilschnell zunehmender Dämmerung auf einem gut erhaltenen Pfade dem Tale von Erindelwald zu. Hierbei unterließ ich nicht, in kurzen Pausen, so laut ich konnte, über den Gletscher hin meinen Hund bei seinem Namen Argos zu rufen, und bald hatte ich die große Freude, ihn mit herzhaftem Gebell antworten zu hören. Es unterlag keinem Zweifel: auch er suchte sich dem Tale zu nähern, immer freilich von uns getrennt durch den bis hinab sich ziehenden Gletscher. So begann ich auf eine Vereinigung unten im Talgrunde zu hoffen. Aber ich brachte einen letzten, steilen Felsabsturz nicht in Anschlag, der über dein untern Grindelwaldgletscher jede Verbindung zwischen dem Gebirg und der Talschaft aufhebt. Zwar gibt es an einer Stelle der Felswand eine Leiter; aber über Leitern gehen nur dressierte Hunde im Hundetheater. Trotz dieser Überlegung hörte ich nicht auf, das arme, kleine Tier mit Zuruf zu locken, hauptsächlich, damit es wisse, wohin ich gegangen, und damit es mir am nächsten Morgen vielleicht folgen könne. Das Hündchen beantwortete jeden Nuf mit scharfem Geheul, indessen immer von derselben Stelle aus, so daß wir sicher annehmen mußten, es befinde sich an einem Orte, von wo aus bei herrschender Dunkelheit ihm irgendwelches Weitergehen zu gefährlich scheine. Da gab ich das Locken auf, und betrübt über dieses Ende meines Ausfluges folgte ich dein Führer nach Grindelwald hinab, wo ich im Gasthof zum Adler Quartier nahm. 300 Mein Zimmer ging nach dem Gebirge hinaus, das jenseits der Lütschine aus der Finsternis mit mattem Schneeglanze herüber- schimmerte. In später Nachtstunde lag tiefe Stille über der Landschaft; nur gedämpft drang das Rauschen des Flusses zu mir herab. Da — plötzlich durch diese tiefe Stille aus weiter Ferne her ein langgezogener Klageton, der mir allen Schlaf vertrieb! Kein Zweifel, das war mein treues Tier, das dort oben auf dein Felsen nach mir heulte und seine Einsamkeit bejammerte. Einen Augenblick hatte ich die Regung, durch einen starken, meinem Hunde wohlbekannten Pfiff zu antworten; aber ich sagte mir, daß ich damit die Sehnsucht des Tieres nur vergrößern würde, ohne ihm augenblicklich helfen zu können. Also verhielt ich mich still und legte mich nieder, um morgen mit frischen Kräften den treuen Gesellen von seiner „Martinswand" erlösen zu können. Es war wieder ein wundervoller Herbstmorgen, ohne jede Spur von Nebel, als ich frühzeitig mich erhob. Das erste war natürlich, nach dem Berge hinüber zu lauschen; aber dort war alles still. Hatte das Hündchen sich ruhig in sein Schicksal ergeben, und schlief es vielleicht unter irgendeiner alten Wettertanne, bis ich es holte? Oder war es in der Nacht bei einem Versuche, den Weg ins Tal herabzutasten, in einen Abgrund gefallen und bereits verendet? Unter solchen Zweifeln stieg ich am Gebirge empor, diesmal auf der Seite des Gletschers, wo ich gestern den Hund verlassen hatte. Mein Rufen war umsonst. Bis zu jener letzten Felswand drang ich vor, wo er noch nachts geweilt hatte. Kein Bellen, kein Winseln antwortete mir. Hier also konnte der Hund nicht mehr sein. Somit kehrte ich eine Strecke zurück und stieg auf der anderen Seite des Gletschers wieder bis zu dem Wirtshause „Zur Bäreck" empor, wo ich in der Mittagsstunde anlangte. Die Leute daselbst versicherten mich, sie hätten einen Hund in der Nacht heulen hören bis gegen Morgen um vier Uhr, dann nicht mehr. So trat ich denn in gedrückter Stimmung den Rückweg an. Den späten Nachmittag und Abend verbrachte ich noch mit Ausschreiben meines Tieres durch Zeitungsinserate und durch Postkarten an mir bekannte Gastwirte. Andern Tages kehrte ich nach Bern zurück. Eine kleine Hoffnung lebte noch in mir, ich würde zu Hause den Hund antreffen, der am Ende allein den Heimweg mochte angetreten 301 haben. Personen, denen ich davon sprach, lachten mich aus: „Ein so kleines Tier! Wo denken Sie hin?" Wirklich war er auch nicht da, und meine Hausgenossen teilten meine Betrübnis. Da — am Morgen bald nach sechs Uhr — welcher Schrei ertönte vor der die Wohnung absperrenden Glastür! Und ein Stoßen, Poltern, Kratzen! Alle liefen wir auf den Flur des Hauses, so wie wir eben aus dem Bette kamen. Schnell die Tür auf! Wahrhaftig, er ist's! Mit einem zweiten Schrei sprang das gute Tier in unsere Mitte, uns alle gleichsam auf einmal begrüßend. Dann sank es hin. Es war durch und durch naß, da in der Nacht starker Regen gefallen war; sein Pelzchen steckte voll Tannennadeln; seine armen Füße waren an den Ballen rot und geschwollen; auch eine Bißwunde hatte es am Nacken, und so abgemagert sah es aus, daß wir sofort begriffen, es habe seit Freitag bis Montag nichts mehr zu essen bekommen. Wir trockneten es ab; wir gaben ihm Milch zu trinken; wir badeten es später und glätteten sein staubiges Fell, und bei alledem schien es uns viel, unendlich viel erzählen zu wollen, was es leider verschweigen mußte. Seither weiß ich von Gasthofbesitzern im Oberland, daß das Hündchen, ohne irgendwo sich greifen zu lassen, vom Eismeere bei Grindelwald den Weg längs der Eigerwand nach der kleinen Scheidegg zurückgelaufen ist, von dort über die Wengernalp nach Lauterbrunnen, dann die Straße hinab an den Thunersee, weiter längs dem See die vielen Stunden bis Thun und von dort noch gut fünf Stunden nach Bern. 12«. Schnüffel, der Igel. Arno Marr. Vor vier oder fünf Wintern mag es gewesen sein, da erblickte Schnüffel unter einem dichten Reisighaufen das Licht der Welt. Gar komisch muß er damals ausgesehen haben, wenigstens seine Mutter sprach immer davon, daß er der netteste und hübscheste kleine Igel gewesen wäre, den sie jemals gesehen hätte. Seine kleine, rosige Schnauze und die weißen Stacheln, die kleinen, schwarzen Augen hätten ihn zn einem entzückenden kleinen Bengel gestempelt. Na ja, seine Mutter, die Frau Swinegel — den 302 Namen hatte sie von einem weißen Kater aus Norddeutschland, der Plattdeutsch sprach, erhalten — war ja eine kreuzbrave Frau, aber in bezug auf Kinder ein bißchen eitel. Sicher waren seine Geschwister auch ganz prächtige Kerlchen gewesen, aber weil sie in der Regennacht naß wurden und starben, hatte Schnüffels Mutter gar keinen Grund, sie lieb zu haben; ihre ganze Liebe übertrug sie auf den einzigen Überlebenden, eben Schnüffel. Wie eine halbe Walnußschale groß war er erst gewesen, aber erstaunlich rasch wuchs er heran. Sein Haarkleid fing an zu sprießen, seine Stacheln färbten sich, und auch seine rosenrote Nase wurde dunkler. Nach vielen vergeblichen Versuchen lernte er es auch, sein Stachelkleid ruckweise über die Nase herunterzuziehen, ja bald konnte er sich zu einer richtigen Kugel zusammenrollen wie ein erwachsener Igel. Nun durfte er auch allein ausgehen und selbst bestimmen, was er essen wollte. Ach, hätte ihn doch seine Mutter etwas straffer in Ordnung gehalten, dann wäre er vielleicht nie zu seiner trüben Weltanschauung gekommen. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne lachte und trocknete die Spuren, die der Regen von gestern überall zurückgelassen hatte. Das schöne Wetter lockte Schnüffel, und ohne sich viel um das helle Licht zu kümmern, trollte er hinüber nach Müllers Garten, um zu sehen, ob nicht eine reife Butterbirne gefallen wäre. Wirklich lag eine am Spalier, und Schnüffel begann, sie behaglich schmatzend zu verzehren. Da raschelte es plötzlich. Mit einem Ruck zog er seine Stachelhaut über den Kopf, und gerade zur rechten Zeit. Schnüffel fühlte, wie etwas heftig an seine Stacheln stieß und dann knurrend zurückfuhr. „Aha, ein Hund," dachte er, „na, dann hole dir nur eine blutige Nase, ich habe Zeit, bis du es satt hast." „Wau, wau, wau, wäwäwäwä," jaulte der Hund und fuhr rasend vor Wut immer und immer wieder auf den Stachelklumpen los. Wohl eine halbe Stunde währte der Lärm, und Schnüffels empfindliche Ohren waren fast taub davon geworden, und ein dumpfes Brummen in seinem Schädel setzte ein. Endlich hatte der Hund sein Kläffen selber satt. „Das wurde Zeit, sonst wäre ich wohl noch krank geworden von dem Lärm," dachte Schnüffel, rollte sich auf und wollte sich eiligst aus dem Staube machen. Da ging es „Schnapp", und wie ein feuriger Funken fuhr es dem Igel über die Nase. Der 303 Hund hatte stumm dagelegen und dann dem Igel nach der Nase geschnappt. Bis zur Dunkelheit lag nun Schnüffel fest zusammengerollt da. Ein Glück, daß der Hund einen Augenblick zu zeitig zugefahren war, sonst hätte wohl die Wunde dem Stachelhelden den Tod gebracht, so kam er mit einer runzligen Narbe und dem Schrecken davon. Die Wunde auf der Stirn verlieh Schnüffels Gesicht etwas Mürrisches, und auch sein Charakter verlor allmählich die Gemütlichkeit, wie sie sonst bei der Sippe Igel die Regel ist. Schnüffel wurde zum Nörgler. Wenn ihm, was selten genug vorkam, ein dicker Mistkäfer vor der Nase wegflog, faßte er das als persönliche Tücke des Schicksals auf. Geradezu unverschämt fand er die Geschwindigkeit der Mäuse und rächte sich, wenn er eine überrumpeln konnte. Ging er in den Garten, um wie allabendlich seine Fallbirnen zu holen, und fand die Früchte schon geflückt, dann konnte er lange Selbstgespräche halten und über die Schlechtigkeit der Menschen schimpfen, die ihm seine Birnen gestohlen hatten. Den Menschen und ihrer Mißgunst schreibt er es zu, wenn es anfängt, Winter zu werden, ihnen schreibt er auch die Erfindung der Hunde zu. Überhaupt Hunde! Wenn ihn da einer anbellt, der kann ja auf eine zerstochene Schnauze gefaßt sein. Es fällt Schnüffel gar nicht ein, sich völlig zusammenzurollen. Straff zieht er die Stirnhaut zu einem stachligen Helm zusammen und erwartet unter trommelndem Brummen seinen Erbfeind. Sobald der Hund ihm zu nahe kommt, stößt er mit einem raschen Nucke zu und spießt seine Stacheln in die empfindliche Schnauze des Gegners. Je wütender der Hund wird, desto besonnener verteidigt sich Schnüffel, bis er schließlich doch das Feld behauptet und der übel zugerichtete Feind beschämt abzieht. Schnüffel ist stolz auf seine Kühnheit, Hunden gegenüber; aber auch sonst gibt es Gelegenheit genug, zu zeigen, daß unter seinem stachligen Fell ein tapferes Herz wohnt. Gar manche Ratte, vor der auch Schnorrers tapferes Katerherz ängstlich zu werden begann, ist unter seinem Biß verblutet. Zufassen und nicht loslassen ist die Hauptsache bei der Rattenjagd, und dann schnell wie der Blitz das Stachelvisier herunter, dann kann die erfaßte Ratte rasen und beißen wie sie will. Wenn sie sich dann jämmerlich zerstochen und mattgetobt hat, dann kann ein zweiter und nach einer Weile ein dritter und vierter Biß das Opfer 304 töten, und der «chmaus kann beginnen. Dann ist Schnüffel froh und zufrieden, bis das Mahl beendet ist. 127. Der Fuchs. Hermann Masius. Der Regen verzieht; der Wald schüttelt die lauen Tropfen aus dem Haupte, und von der Heide steigt es erfrischend und würzig in die Abendluft. In allen Schlupfwinkeln regt sich's. Die Mücken beginnen ihre Tänze; die Ameisen kriechen hervor; der Fink schmettert aus dem Buchenwipfel herab, und der Fuchs lauscht dort zwischen den Wurzeln einer alten Eiche. Er „windet". Alles ist sicher. Mit einem Satze ist Reineke vor der Tür. Das Ohr, scharf herausgespitzt, ist gemacht, die über ihm auf Bäumen schlummernde Beute zu erspüren; das leiseste Geräusch, das Zittern eines Blattes, das Zucken des träumenden Vogels hört er. Die Nase ist fein und langgestreckt. An dem Auge erkennt man sogleich das nächtliche Raubtier; es spielt aus Grau in Grün, liegt halb in der Höhle versteckt, am Tage zur senkrechten Spalte verengert. Der Mund spaltet sich weit; denn der Fuchs ist ein Räuber. Ein sparsamer Bart stellt sich in langen, zurückstrebenden Spitzen um die Oberlippe. Diese Lippen sind feingeschnitten und geschlossen; öffnen sie sich aber, dann blicken scharf und grimm die Zacken des Gebisses, die nichts Lebendiges entrinnen lassen, oder es knistert ein heiseres, hustenartiges Bellen hervor. Den schlanken, Hangenden Leib tragen schnelle Füße fast spurlos über den Boden, und stattlich schmückt ihn die buschige Schleppe. Die Brust ist weis;; sein Pelz schimmert rot und goldig; daher wird er Fuchs geheißen, d. i. der Feuerfarbene. So schleicht, streicht und keucht der Schlaue dahin; er schmiegt und biegt sich, ist vorsichtig, geduldig, ausdauernd, behend, allezeit entschlossen, ein Meister über hundert Künste. Er scheint den Abend in süßem Nichtstun verbringen zu wollen. Inzwischen kommen ein paar junge Füchslein neben ihm zum Vorschein. Klugforschend äugeln sie umher, legen sich in die Sonne und beginnen allerhand Kurzweil. Da tritt auch die Mutter heraus. Der alte Fuchs macht sich auf; allein er eilt mit Weile. Gelassen schlendert er, den Schweif vornehm schleppend, durch 305 Busch und Kraut, immer querfeldein. Er mag sich gern in Riedgras, Korn und Hag verlieren, wo bunte Blumen blühen und muntere Bügel singen. Er tommt in den Wald; nun schleicht er leiser, vorsichtiger. Der Abend haucht kühl aus Halm und Blatt. Die Bäume heben ihre Wipfel regungslos in die Stille; nur die Vogelkehlen sind noch laut. Die Drossel lockt mit Hellem Tone; die Meise schlüpft, ihr Liebchen schrillend, von Busch zu Busch; der Waldschreier Specht hackt und hämmert am Eichenstumpfe; dazwischen kreischt der Häher. Reineke ist am Ende der Wald- wiese angekommen. Er lauscht. Die Blumen neigen ihre Kelche; da und dort summt noch eine Biene, oder ein schwer gepanzerter Käfer schweift ^behaglich brummend in geschwungenen Bogen dahin. Jetzt knackt es in den Zweigen. Der Fuchs spitzt das Ohr; ein Pfeifen läßt sich hören. Da tritt das Reh heraus, das Haupt keck emporgerichtet, die Augen nach allen Seiten rollend. Wieder pfeift es, und in schlankem Sprunge ist das Kälbchen der Alten zur Seite. In den drolligsten Sätzen tändelt es um die Mutter, ein Blatt, ein Kraut wie im Fluge abstreifend und dann sich niederwerfend zum Saugen. Die Mutter leckt ihm kosend den Racken. Plötzlich hebt die Ricke (RehgeW den Kops. Ihre Augen funkeln; ein Zittern fliegt über die Flanken; sie macht ein paar Sprünge und stampft zornig mit den Läufen. Es ist klar; sie hat den Räuber gewittert. Der hat sich leisen Futzes heran- gestohlen, sacht, sacht, das Kihlein unverrückt im Auge. Es gilt einen kühnen Griff. Die Alte hat ihm soeben den Weg verrannt. Doch Reineke lässt sich nicht irren; er tut, als sei er in tiefen Gedanken. Träumerisch sinnend starrt er ins Blaue. Keine Miene verrät, daß er der Beute ansichtig geworden. Er verschwindet, um in weitem Bogen von einer andern Seite den Angriff zu versuchen. Allein die wachsame Alte drängt sich dicht an das Junge; denn sie kennt des Lanrers Arglist. Dort streift er vorbei. Die Ricke pfeift wieder, und der Fuchs schaut auf, als schrecke er plötzlich zusammen. Doch er ist inzwischen dem Ziele seiner Wünsche nahe und näher gekommen. Der Augenblick ist günstig und Verstellung nicht mehr nötig. Reineke duckt sich nieder; wie eine Katze schmiegt er sich an den Boden; der Schwanz zuckt, die Augen starren wildgierig auf das bebende Tier; er weist die mörderischen Zähne, hebt leise Fuß und Kopf 20 306 zu Sprung und Biß — ein Satz — da stürzt sich die Mutter schnaubend auf den Räuber los, mit den Füßen ihn zerstampfend. Das Kälbchen ist gerettet. Reineke kehrt heulend und zorn- grimmig heim. Im Sommer ist des Fuchses goldene Zeit. Da zieht es ihn ins Feld. Dort lagern Hasen und Kaninchen, Rebhuhn, Wachtel und Lerche, kleine Leutchen ohne Wehr und Waffen, die ein friedliches Leben führen. Ach, es wird ihnen übel ergehen! Der Verschlagene versteht zu passen und zn fassen. Umsonst sind ihre kleinen Künste; er mordet bei Tag und bei Nacht, und seine Brust wird dreist und feist. Wenn er sich gütlich getan hat, so winkt ihm auf sonniger Heide ein Bienenhaus. Er springt hinan und leckt die würzigen Tropfen, und mag ihn das ganze Jmmen- heer zürnend umschwärmen, er lacht ihres Stachels, lädt sie sich aus den Pelz, wälzt sich am Boden, zerdrückt sie, frißt sie, und am Ende müssen sie ihm die süße Labe überlassen. Oder er schleicht zum Garten, wo aus dem Laube rotwangige Birnen und schwarze Kirschen locken, versucht im Weinberg die Traube oder lauert am Bache auf Fisch und Krebs. Aber die goldenen Tage sind bald vorüber. Die Felder stehen kahl, der Wald entlaubt; auch die letzten Wandervögel sind davongezogen; rauhe Stürme brausen über die Ode. Der Fuchs liegt in seiner Zelle; denn es gibt wenig zu jagen, und die gesammelten Vorräte schützen ihn zunächst vor Mangel. Es ist eine langweilige Zeit. Er macht Sprungübungen und horcht wachsam den Schüssen der Jagd, die dumpfwarnend in sein Lager hinunterdröhnen. Indessen drängt der Winter immer ungestümer heran. Bald liegt alles erstarrt unter der weißen Decke; Seen und Bäche gefrieren tief hinab; die Bäume krachen, vorn Froste zerspalten; das Wild ächzt hungrig in den dichtesten Gründen, und Rabe, Krähe und Sperling haben längst die Straßen der Städte und Dörfer gesucht. Reineke darf das nicht. Er streicht lungernd hinter einem Bauerngehöft umher; aber es läßt sich keine Feder spüren. Die Nok treibt ihn dem Walde zu. Mit einem Male hebt er die Nase. Seine Augen blitzen. Ein lieblicher Duft weht ihm entgegen. Ha, was ist das? — Siehe da, mitten in der Wildnis ein süßgebratenes Stück Fleisch! Ohne Zögern ist es verschlungen. Reineke fühlt seine Lebensgeister neu erregt; seine Augen werden wacker, und wie von unsichtbaren Banden gezogen, trabt er fürbaß. Und wahrlich! da liegt ein zweites Stück. Reineke steht still, Überraschung und Argwohn in den Zügen. Wer ist der unbekannte Spender? Er umschleicht auf scheuen Sohlen die Stelle, steht wieder still, legt sich, horcht, wirft die Augen spähend umher, springt wieder auf, um wieder niederzukauern. Nirgends ein Laut, nur die alten Föhren knarren; nirgends eine Spur als die flüchtigen Zeichen, die des Windes Finger in den Schnee geschrieben. Er betrachtet den Bissen noch einmal. 'Wäre es eine Falle? — Die Menschenkinder sind voll Args! — Schon mancher Edle fiel durch ihre List! — Aber nein — hinweg mit solchen Gedanken! und im Nu ist auch der zweite Brocken hinab. O Reineke, Reineke! du bist verloren — denn dort liegt noch ein dritter Bissen. Stier blickt er hin auf die Lockung. Doch der innere Warner erhebt seine Stimme noch einmal, und wieder umkreist der Fuchs das leckere Mahl; wieder legt er sich, duckt die Ohren vorwärts, rückwärts, spitzt sie. Und wieder ist alles stumm; nur die Föhren knarren noch immer unverdrossen. Der Fuchs fängt an zu klügeln; aber je länger er hinschaut auf den Bissen, desto wirrer wird sein Blick. Es flimmert ihm vor den Augen; der Duft betäubt ihn; er kann nicht los, er mutz — und gält' es sein Leben — er mutz hinzu. In einem wilden Satze springt er darauf los — da, krach! schlägt das Eisen die zerschmetternden Zähne zusammen. So war der Schlaue doch nicht schlau genug! Er heult vor Wut. Aber es ist nicht Zeit zur Klage; denn Gefahr droht im Verzüge. Es-gilt eine kühne Tat: er beitzt sich den zerschmetterten Futz ab und eilt von bannen. 12». Hermann chen. Arno Marx. März ist's, und das Getreide beginnt zu schietzen. Mit leisem Rauschen fährt der Abendwind durch das Gemäuer der alten Ruine. Da schlüpft ein schlankes Tier hervor unter dem Geröll, prüft mit den blauschwarz glimmenden Augen die Umgebung, schnuppert mit dem feuchten Näschen, setzt sich zierlich auf die Keulen und macht ein Männchen, um weitere Umschau zu haben, Hermännchen sichert und macht sich zum Jagdzug fertig. Mit Zierlichen Sätzen geht's durch den Wald auf einem glatten Wechsel, den es selbst ausgetreten hat, dann auf dem Fahrweg in dein Gleis, das die schweren Holzwagen ausgefahren haben, hinaus aufs Feld. Auf dem Grenzstein sitzt Hermännchen wieder ein Weilchen als langer Pfahl und späht nach etwas Genießbarem. Nichts ist zu sehen. Nun eilt das Wiesel in der Ackerfurche entlang, immer in weiten, eiligen Sätzen, denn hier ist keine Deckung, und der Waldkauz wird bald auf Raub ausfliegen, vor dem muß man sich in acht nehmen, der hat gar spitze Krallen. Dem Bache eilt der kleine, braune Räuber zu. Schon ist er in den Büschen, die das Ufer säumen, angekommen und schlüpft durch das Gezweig, um eilig in einem alten Kaninchenbau zu verschwinden. Bewohnt ist er nicht, das weiß auch das Wiesel, aber es schlüpft stets in die alte Höhle hinein, wenn es übers Feld gekommen ist. Hier erst fühlt es sich wieder sicher nach dem unangenehmen Springen über den offenen und kahlen Acker. Da guckt es wieder unter einer Wurzel hervor, nun steckt es Kopf und Hals weit hervor und sichert in alle Winde. Dann schlüpft es heraus, macht zum Überfluß noch ein Männchen, und und dann geht es wieder am Bache entlang. Das Wasser hat die Ufer unterhöhlt und einen schmalen, halbverdeckten Pfad unter dem Ufer ausgespült. Den kennt Hermännchen und hüpft auf ihm dahin. Fast armstarke Höhlen führen von hier aus in den Bachdamm, in die schnuppert der kleine Räuber immer hinein. Das Loch ist leer, das dort auch. Weiter geht es. Da ist wieder eine Höhlung. Hier hält sich das Wiesel nicht lange mit Schnuppern und Spüren auf. Es ist wie umgewandelt und im Nu verschwunden in dem glatten, runden Loch. Einige Schritt weiter bachaufwärts ist noch eine Ausfahrt. Dort saust ein braunes Etwas heraus, plumpst ins Wasser und ist verschwunden. Gleich danach erscheint das Wiesel an der gleichen Stelle, stutzt einen . Augenblick, geht dann auch ins Wasser und schwimmt eifrig schnuppernd gegen die Strömung. Zehn Schritte vor ihm taucht ein andrer Schwimmer auf. Eine Wanderratte, größer und dicker als das Wiesel, rudert dort aus Leibeskräften, denn sie weiß den Todfeind hinter sich. Kaum hat der kleine Räuber sein Wild erblickt, da ist er auch schon heraus aus dem Wasser und eilt in mächtigen Sätzen am Ufer hin. Schon ist er neben der Ratte und springt nach ihr. Das Wasser spritzt hoch auf, und dann sieht man von dem Räuber lind auch von seinem gehetzten Wild nichts mehr. 309 Noch einmal ist es der Ratte gelungen, dem Verfolger zu entkommen. Schwer atmend sitzt sie unter dem Wurzelwerk der Erle und glotzt angstvoll nach dem Wasserspiegel. Naß kleben ihr die braunen Haare am Körper und lassen sie häßlich und abstoßend erscheinen. Nun endlich taucht auch Wieselchen wieder auf und schwimmt einigemal suchend und schnuppernd hin und her. Jetzt haben die scharfen Augen die zitternde Natte erspäht, und schnurstracks strebt das Hermelin auf sein Wild zu. Der Ratte ist der Weg zum Wasser abgeschnitten. Sie setzt sich auf die Keulen, hebt die zierlichen Vorderpfoten zur Abwehr und bewegt die Oberlippe zuckend auf und nieder, daß die meißel- scharfen Nagezähne drohend aufblitzen. Jetzt ist der Todfeind am Ufer, noch ein Satz und noch einer, darin wälzt sich ein quiekender und strampelnder Knäuel auf dem Schlamme, rollt hin und her, plumpst ins Wasser, aber löst sich nicht, kommt wieder aufs Trockene, wird ruhiger und stumm. Dann zerrt das Wiesel sein Opfer ganz aufs Ufer und kaut und zupft am Rattenhalse, bis es rot sprudelt und fließt, und dann leckt es und zupft wieder und kaut, bis kein Tropfen Blut mehr hervorsickert. Wiesel, mordgieriger Teufel, wie siehst du jetzt aus! Naß kleben die Haare am Körper, das Näschen und Mäulchen sind rot vom Blut, auch das weiße Vorhemdchen ist besudelt, und der weiße Bauch ist schwarz vom Schlamm! Nur wenige Bissen reißt der kleine Räuber los von seiner erkaltenden Beute und kaut sie hinter, dann läßt er alles liegen, schwimmt durch den Bach und seht sich drüben auf den umwachsenen Stumpf der Pappel, um sich ein wenig zu trocknen. Er schüttelt sich, daß die Haare starr nach allen Seiten stehen, dann beginnt er nach Katzenart sich zu säubern. Wieselchen leckt das weiße Vorhemdchen glatt, aber der rote Fleck will nicht verschwinden, immer und immer wieder taucht er hervor und wird breiter. Dort hatte wohl die Ratte gefaßt und eine Schmarre geschlagen. Unter stetem Lecken bringt das Hermelin das Blut schließlich doch zum Stehen, dann fährt es sich mit der Zunge noch einigemal über den Balg, juckt und kratzt sich, sträubt das Haar und schüttelt sich und ist beinahe wieder trocken. Husch, ist es herunter vom Pappelstumpf und eilt in langen Sätzen dem Walde zu, aber diesmal oben, im Gestrüpp, nicht mehr am Wasserrande. Dort steht eine alte, hohle Weide. In 3l0 Meterhöhe über dem Boden hat sie ein rundes Loch, das in den hohlen Stamm hineinführt. Das Wiesel reckt sich am Stamm in die Höhe, schnuppert und lauscht, dann krümmt es den geschmeidigen Rücken. Wie eine Feder schnellt der schlanke Räuber hoch am Stamm in die Höhe, klammert sich fest mit spitzen Krallen und steckt den Kopf in das Baumloch. Darin flattert es wild und zetert ängstlich; aber der Räuber läßt sich nicht bange machen. Bald hat er zugefaßt und springt mit dem erhäschten Feldsperling auf den Boden herab. Dann rupft und kaut das Wiesel, zermalmt den Schädel und frißt das Gehirn, leckt jedes Tröpfchen Blut aus, verzehrt etwas vom Muskelfleisch der Brust, dann leckt sich's das Mäulchen und ist gesättigt. Dann schüttelt es einige Tautröpfchen aus dem Pelz und macht ein Männchen, um sich umzuschauen. 129. Der Arneisenhügel. Karl Ewald. Es war im April. Der Stachelbeerstrauch war schon lange grün, aber das ist ja nun einmal ein Prahlhans. Von den andern Sträuchern hatte noch keiner Blätter und auch von den Bäumen nicht. Aber sie hatten dicke Knospen, und ihre Stämme und Zweige glänzten vor Nässe; denn der Regen hatte soeben ein großes Frühjahrsreinemach en veranstaltet. Jetzt schien die Sonne recht lustig. Ringsum erhoben die Anemonen ihre feinen Köpfchen aus der Erde, und der Star war schon lange da; mit jedem Tage wurden neue Zugvögel erwartet. Am Rand des Waldes, da wo die großen Tannen standen, lag ein gewaltiger Ameisenhügel. Der war aus vielen tausend Tannennadeln erbaut, und seine Spitze reichte bis an den untersten Zweig des Baumes. Aber er war feucht wie die Stämme und Zweige, und es sah aus, als wäre er ganz ausgestorben. Nicht eine einzige Ameise kroch darauf herum. Auf dem Zweige über dem Hügel saß der Buchfink. Er schaute auf den Haufen herab. In diesem Augenblick öffnete sich ein Türchen des Hügels, und eine große, alte Ameise kam heraus. Sie streckte ihre Beine, gähnte und bewegte ihre Kiefer, um zu sehen, ob sie in Ordnung wären. „Guten Tag," rief der Buchfink ihr zu. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich werde dich nicht fressen." „Ich bin auch gar nicht ängstlich," erwiderte die Ameise, „denn ich bin dir viel zu sauer." „Willst du ein bißchen im Sonnenschein umherfliegen?" „Ich habe keine Flügel und habe auch keine Verwendung für so etwas." „Nichts für ungut," rief der Buchfink; „aber das mutz ja ein trauriges Leben sein!" „Das Leben besteht aus Arbeit," sagte die Ameise. „Und ich bin ein Arbeiter. Obendrein der älteste im ganzen Hügel." Nach diesen Worten drehte sie sich um und rief etwas in den Hügel hinein. Einen Augenblick später öffneten sich hundert Türchen, und aus ihnen wimmelten lauter Ameisen hervor. Sie liefen hin und her und reckten sich und streckten sich und freuten sich an dem Frühlingssonnenschein. »Jetzt gehen wir an die Arbeit," befahl die alte Ameise. „Sechs von euch nehmen die halbtote Fliege vom vorigen Jahre, die dort liegt, und tragen sie zu den Larven hinab. Die erste Kompagnie marschiert hinaus und schafft Essen herbei. Ihr wagt mir nicht, mit leeren Händen heim zu kommen. Die zweite Kompagnie bessert den Hügel auf der Nordseite aus; der Schnee hat ihn ganz flach gedrückt. Die dritte Kompagnie öffnet die übrigen Türen und lüftet den Hügel bis in den Keller hinunter. Die vierte Kompagnie trägt die Puppen in den Sonnenschein hinauf. Aber ihr haftet mir mit eurem Leben dafür, daß sie sich nicht erkälten. Sobald ihr die kleinste Wolke am Himmel stehen seht, tragt ihr sie augenblicklich wieder hinunter." Die Ameisen liefen, so schnell sie konnten, um die Befehle auszuführen; aber es kamen immer mehr herauf, so datz der Hügel während der ganzen Zeit von Ameisen wimmelte. Jetzt rückte bereits die vierte Kompagnie mit den Puppen an, kleinen, runden, weitzen Dingern, die wie Eier aussahen und auch wirklich die Eier der Ameisen waren; sie trugen sie mit den Kiefern und legten sie vorsichtig an die Sonne, wo es am trockensten war; und dann liefen sie gleich wieder hinunter, um noch mehr Puppen zu holen. 312 Kurz nachher kehrte die erste Kompagnie mit dem Futter zurück. „Die fünfte Kompagnie tritt an und nimmt die Nahrungsmittel entgegen!" befahl die Alte. Darauf wandte sie sich der ersten Kompagnie zu. „Brecht!" kommandierte sie. Und alle Ameisen brachen aus, was sie gefunden hatten,- und die fünfte Kompagnie nahm es und lief in den Hügel damit. „Packt euch und holt mehr!" befahl die alte Ameise. „Was nützt das bißchen?" Während dieser Worte kreuzte sie ihre Fühler und verneigte sich tief. Durch die größte aller Türen kam eine sehr große, fette Ameise ganz langsam gegangen. Hinter ihr marschierten 30 gewöhnliche Ameisen, die sich verneigten, so oft jene große Ameise sich umwandte, und die auf den kleinsten Wink ihrer Herrin achteten. „Guten Tag, Majestät," sagte die Alte. „Willkommen im Sonnenschein! Darf ich fragen, ob auch die andern Majestäten unterwegs sind?" „Weiß nicht, kümmere mich nicht darum," erwiderte die fette Ameise, „kümmere mich nicht um den Sonnenschein... kümmere mich um gar nichts mehr. Mag keine Eier mehr legen." „Das ist auch nicht nötig, Majestät," sagte die Alte. „Der Hügel ist wahrhaftig voll genug. Wir haben unsere Mühe und Not damit, für alle genug Nahrung zu schaffen. Ich hoffe, daß Majestät sich wohl befinden, und daß das Gefolge gehorsam und untertänig ist?" „Kümmere mich nicht darum," antwortete die Königin. „Wo sind meine Flügel? Wünsche ein wenig in der Sonne umher- - zufliegen." „Das ist leider unmöglich, Majestät. Wie Majestät sich erinnern werden, verloren Majestät die Flügel im vorigen Jahr bei einem bedauernswerten Unglücksfall." „Unsinn, Geschwätz... habe sie selber abgerissen!" Dann watschelte sie weiter, von ihrem ehrerbietigen Gefolge begleitet. Hinter ihr kamen noch andere Königinnen, die alle ein ähnliches Gefolge hatten und von der Alten mit der größten Untertänigkeit begrüßt wurden. Sie gingen umher, machten hie und da halt, faselten ein wenig, ließen sich füttern und gingen dann wieder in den Hügel hinein. 313 „Ach ja," seufzte die Alte, als die Prozession vorüber war. „Viele von unsern Majestäten taugen nichts mehr. Aber das tut nichts, wir haben mehr Junge, als wir brauchen können. Doch da geht die Sonne unter, da schließen wir die Wohnung." Und sie befahl den andern, die Türen vorzusetzen. Im nächsten Augenblick war alles verschlossen, und der Ameisenhügel lag wieder wie tot da. 130. Aus einsamer Wanderung in den Alpen. Von Jakob Boßhart. Es war im Sommer 189—. Ich hatte die Nacht in Chable, unten im Dransetal (oder Val de Bagnes), zugebracht und brach nun am Morgen auf, um über den Col de Fenetre nach Valpelline hinüberzusteigen. Ich ließ mir die Sturmesweise der Dranse durch die Seele brausen; es war in den letzten Tagen heiß gewesen, und der Fluß schäumte und toste und donnerte herab, als hätte er all die Felsblöcke, die ihm im Wege liegen, in einem Tage in Trümmer schlagen müssen. Da dem Wetter nicht zu trauen war, so sputete ich mich durch das einsame, baumlose, menschenverlassene Tal, in dem nichts wandelte, als ich und ein paar Wolkenschatten, in dem nichts zu hören war, als das Knirschen meiner genagelten Schuhe auf den Steinen, der eintönige Takt meines Bergstockes und nebenan das Wanderlied der Dranse, die hier friedlichere Art hat als weiter unten. Bald achteten Augen und Ohren auch auf diese Dinge nicht mehr, und mein Geist versank in jene süße Träumerei, die die Einöde uns so gern in die Brust träufelt. So wanderte ich talauf; die Füße versahen ihren Dienst wie eine Maschine oder wie ein treuer Knecht, der seine Pflicht auch dann tut, wenn der Herr über Land gegangen ist, und der Bergstock schwang sich auf seinem Stelzbein nebenher in Sprüngen vorwärts, als hätte er eigenes Leben bekommen. Da klang ein scharfer Pfiff an mein Ohr und dann noch einer und noch einer; nun kam der Maschinenmeister herbeigeeilt, um über seine Beförderungsmittel zu wachen. Beine und Stock nierkten sogleich, daß der Herr in der Nähe war, hielten an und waren der Befehle gewärtig. Das erste Kommando galt nicht ihnen, sondern den Angen und Ohren: „Aufgepaßt!" Es war 314 nichts wahrzunehmen, und Meister und Maschine standen unbeweglich, wie ein Jäger und sein Hund vor einer Dachshöhle. Nach einer Weile durchdrang wieder ein Pfiff die schweigsame Ode, wie eine Sternschnuppe den regungslosen Himmel, und bald darauf schob sich ein dunkler Fleck hinter einem Felsblock hervor. Nun erkannte ich den Burschen, den ich da vermutet hatte. Ich hielt mich ganz still; da wurde er dreister, machte das Männchen und musterte lange die Gegend. Er mußte sich ganz sicher glauben; er blies noch einen Pfiff zwischen seinen Zähnen hervor, aber einen gemütlichen, der da etwa sagen mochte: „Kommt nur, Kinderchen; es war nichts!" Dann wandte er sich und trollte davon, seinen Hinterkörper lustig auswerfend. Ihm aber folgte ein ganzes Rudel Gefährten, wohl an die fünfzig. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, daß in einigen Alpentälern die Murmeltiere ein Nomadenleben führen, und vermutete, daß diese Schar brauner Gesellen im Begriff war, ihre Sommerwohnungen zu beziehen. Ich beschloß, sie auf ihrer Wanderung zu beobachten, und schlich ihnen lautlos nach; sie aber haben feine Nasen, und es dauerte nicht lange,' da meldete mir ein Pfiff, daß der Spion entdeckt wäre. Nun galt es, wieder zu warten, bis sie sich aufs neue hervorwagten und sich über den saftigen Rasen davon machten. Manchmal blieb ein sorgloses Bürschchen zurück, um ein Kräutlein abzunagen, das ihm besonders fett und Wohlschmeckend schien, und ich mußte dann hinter einem Steinblocke warten, bis es ihm gefällig war, den andern nachzuhoppen. Wie lange ich die Murmeltiere belauerte, weiß ich nicht. Endlich, als ich eine Erdwelle überschritt, überraschte ich sie, wie sie sich anschickten, auf einem schmalen Stege über die Dranse zu setzen. Sie witterten mich. Große Bestürzung! Angsterfülltes Pfeifen! Sollten sie hinüber? Sollten sie Schutz suchen in dem Steingeröll, das zwischen mir und ihnen lag? Ein entschlossener Alter machte der Ratlosigkeit ein Ende, indem er in ein paar gewaltigen Sätzen über den Steg purzelte. And nun ging es hinter ihm drein, wie die wilde Jagd; die Hinteren sprangen den vorderen auf den Rücken; diese meinten schon, ich fasse sie am Pelz, und gebärdeten sich wie toll; einige fielen vorn Stege hinab in die Wogen und hatten ein hübsches Stück Arbeit, bis sie sich auf dem Trockenen das Wasser wieder aus den: Felle schütteln konnten. 315 Ein einziger unansehnlicher Bursche machte bei diesem kopflosen Gebühren nicht mit; er richtete sich aus den Hinterpfoten in die Höhe, schaute zu nur herauf und maß wohl die Entfernungen. Dann, wie ich mich regte, hoppte er, ohne sich besonders zu beeilen, mir entgegen und verschwand unter einem Steine. „Aha," dachte ich, „es gibt also auch unter euch etwa einen, der seinen eigenen Weg geht", und freute mich der Tatsache. Nun ging das Lauern von neuem an; den guten Bergmäusen aber mußte der Schreck in die Beine gefahren sein; sie ließen sich nicht mehr blicken. Schließlich ging mir die Geduld aus, und ich bequemte mich, meinen Weg ohne sie fortzusetzen 131. Raubritter. Arno Marr. Ärgerlich über den dummen Wind, der ihm so unzart die Nackenfedern zaust, öffnet der Sperber seine gelben Augen. „Wahrhaftig, es ist schon ganz hell, die Sonne geht schon auf," so denkt er. Er schüttelt sein Gefieder, reckt die runden Fittiche, fächert den gebänderten Stoß, ordnet die rostbraunen Federn der Brust, juckt in den blaugrauen Schulterfedern und bringt einige quälende Federläuse zur Ruhe, — der Herr Baron macht Toilette. Jetzt wäre eigentlich ein kleines Frühstück am Platze, aber wo ist das am leichtesten zu holen? Die Lerche, die sich soeben singend von der Scholle aufschwingt, wäre ja ein ganz guter Bissen, aber sie ist zu schnell in den Wolken verschwunden, und man muß sich mächtig anstrengen, um sie zu fangen. Meisen wieder sind leicht zu fangen, wenn sie über freies Feld fliegen, aber das tun sie selten; die Sperlinge im Dorfe sitzen noch im Weinspalier an der Pfarre und machen Frühkonzert, sehr fraglich, ob nian da einen kriegt. Aber halt, an der Feldscheune waren gestern Ammern und Finken, dort ist es nicht allzu schwer, einen plumpen Finken zu sangen. Zur Not wimmelt es dort von Feldmäusen, sie schmecken zwar nicht besonders, aber sie machen auch satt. Also auf zur Feldscheune! Mit einem raschen Schwünge wirft sich der Sperber von seinem Aste, und tief am Boden streicht er dahin, quer über die Felder zunächst, dann am Raine entlang. Gedeckt durch einen Rosenstrauch, kommt er ungesehen in die Nähe; aber als er sich 316 in jähem Bogen unter die vermeintlichen Opfer stürzen will, findet er sich in seiner Berechnung betrogen: teine Ammer, kein Fink, nicht einmal eine lumpige Maus ist zu sehen. Geduldiges Abwarten verhilft vielleicht eher zu einem Frühstück. Dort der Balken ist ein schönes Ruheplätzchen, die Sonne scheint so warm dorthin, und versteckt sitzt man dort auch; dort seht sich der Sperber hin und reckt und räkelt sich in der Sonne. Sein Sonnenbad gefällt ihm so, daß er fast seinen knurrenden Magen vergißt. Eine wispernde und raschelnde Feldmaus erweckt kaum seine Aufmerksamkeit. Doch plötzlich ruckt er zusammen. „Eääb, gääb", lockt es aus der Luft. „Ei, fette Böhämmer," denkt der Sperber und sitzt stockstill. Wirklich, eine Schar Bergfinken kommt im hüpfenden Bogenflug herbei und schwenkt über der breitgewehten Spreu. Gierig funkeln die gelben Augen des Strauchritters auf dem Balken, tief zwischen die Flügelbuge eingezogen ist der Kopf, jeder Muskel in den langen, gelben Fängen (Beinen) strafft sich. Jetzt nahen sich die arglosen Finken wieder und lassen sich einzeln auf der Spreu nieder, da fährt in brausendem Fluge der Todfeind unter sie. Erschreckt stieben die Fremdlinge aus Lappland auseinander; doch zu spät. Ein prächtiges Männchen mit schwarzem Kopf, rostgelber Brust und schneeweißem Bürzel bildet ein gutes Ziel. Schon ist der Räuber neben ihm, jetzt eine kurze Drehung, ein sicherer Griff von der Seite her, und ein letzter Angstlaut des Opfers erstirbt unter dem furchtbaren Drucke. Der glückliche Jäger eilt mit seiner Beute einem verborgenen Fleckchen zu, um ungestört kröpfen (fressen) zu können. Dort am Raine, wo Rainfarn und Disteln mit ihren überwinterten dürren Stengeln sich über die Ackerfurche neigen, kann keine Krähe so leicht dem Schmause zuschauen; dort läßt sich der Sperber nieder. Hastig rupft er die langen, schwarzen Schwanzfedern, die Schwungfedern, die gelben Unterflügelfedern ab, dann verschlingt er Kopf mit Schnabel, auch die Beine des Bergfinken wandern in den Kröpf, dann etwas von den Eingeweiden, ein wenig Brustfleisch, und der Räuber ist für den Augenblick gesättigt. Die warme Luft, der Sonnenschein, das leckere Mahl, dies alles stimmt den Sperber froh; er schwingt sich auf und schraubt sich hoch und höher, um sich an Flugspielen zu ergötzen. 317 Frau Sperber hat bis jetzt noch nicht viel im Magen. Einen Sperling schlug sie inr Pfarrgarten; doch sie hatte nur eben erst mit dem Frühstück begonnen, da schob sich zu einem offenen Fenster ein schwarzes Rohr heraus, ein Knall ertönte, und dicht neben ihr spritzte die Erde auf — da war sie eilend geflohen und hatte den Sperling liegen lassen. Pastors Hans aber hatte ärgerlich sein Tesching beiseite gestellt; wieder war seine schöne Trommeltäubin ungerächt geblieben, die gestern Madame Sperber eben noch erwischte, als sie sich im Schlage vor dem hitzigen Verfolger retten wollte. Da hatte lein Pfeifen, kein Schreien des Besitzers etwas genützt, der geworfene Stein pfiff weit vom Räuber durch die Luft, der mit seiner schweren Beute mühsam dem Walde zustrebte. Hei, das war ein Streich, eines starken Sperberweibes würdig, noch heute freute es sich über die ohnmächtige Wut des Menschenkindes; aber allzu oft darf man die Tauben nicht heimsuchen, denn wenn die Klagen zu des Försters Ohren dringen, dann ist die Gefahr groß. Deshalb soll der nächste Beutezug hinausgehen aufs Feld. Dort beginnt der Stoppelklee sich von den Schäden des Winters zu erholen. Plumpe Feldmäuse knabbern an den jungen, grünen Blättern, Lerchen suchen dort nach Räupchen, Stare laufen hastig mit nickendem Kopfe durch die Pflanzen, um Eulenraupen und Regenwürmer zu suchen oder einen hurtigen Laufkäfer zu haschen. Dort ist Aussicht auf einen guten Braten. Wie ein erfahrener Jäger pürscht Frau Sperber den Jagdgründen zu, geschickt benutzt sie jede Deckung, vorsichtig weicht sie jeder Begegnung mit Amsel oder Meise aus; denn die warnenden Angstlaute verraten weithin jedem Kleinvogel das Nahen des Feindes, zu fangen sind dabei die Warner im dichten Gestrüpp fast nie. So eilt das Sperberweibchen tief am Boden jetzt durch das Tal dahin, jetzt überspringt es förmlich die Schneeschutzmauer, um ein Stück dem Schienenstrange der Eisenbahn zu folgen, jetzt ein kurzer Bogen, und unbeweglich blockt (sitzt) der Räuber auf einer hochgestellten Egge. Langsam wandern die gelben Augen über das Feld, keine Bewegung entgeht der Beobachterin. Da, was ist das, dort an der feuchten Stelle, wo der Klee schon kräftig zu sprossen beginnt? Dort hüpft es, dann rennt es wieder, dann zerrt es etwas aus dem Boden, das sieht doch beinahe aus wie Drosseln. Da gilt kein Zaudern. Mit einem 318 kräftigen Sprunge wirft sich der Sperber in die Luft, uin wie ein Blitz aus heiterem Himmel unter die Ahnungslosen zu fahren. Doch schon ist er bemerkt. Mit lauten „Tunk, schack schock" fliehen sie dem Walde zu. Als Wacholderdrosseln oder Krammetsvogel verraten sie sich durch diesen Ruf. Fast haben sie schon das schützende Holz erreicht, da hören sie die Flügelschläge des Verfolgers dicht hinter sich. Ein prachtvolles Männchen mit aschblauem Kopf und Bürzel ist schon längst als Opfer erkoren. Mit angstbeschleunigten Flügelschlägen saust es dahin, dicht hinter ihm der Sperber. Jetzt bietet die dichtbelaubte Krone der Steineiche etwas Aussicht auf Rettung, ein enger Durchschlupf bietet sich der Drossel, doch auch der Räuber schwingt sich hindurch, er schleudert sich förmlich mit seinem langen Stoße vorwärts, die kühnsten Schwünge, die schärfsten Kurven führt er ebenso gewandt aus, wie der verfolgte Singvogel. Jetzt geht die tolle Jagd durch das Stangenholz; zwar stehen die Erlen dicht, kaum scheint ein rascher Flug hindurch möglich, in rasender Eile schießt die Drossel dahin, doch dicht hinter ihr eilt der Tod. Jetzt lockt der dichte Fichtenhorst. Mit letzter Kraft wirft sich das gehetzte Opfer hinein in eine dichte Krone, doch zu spät. Mit weitvorgestreckten Fängen saust auch der Sperber in die Zweige hinein. Hier, wo sie sich geborgen glaubte, fassen die langen Krallen die Drossel, in krampfhaftem Drucke schließen sich die langen Sperberzehen, und ein kleines Herz hört auf zu schlagen. Ein hastiges Mahl beginnt. Die rost- gelben Brustfedern mit dem dunkeln Schaftstriche, die weißen Bauchfedern werden über den Boden verstreut, ein paar rostbraune Flügelfedern kommen dazu, und dann wandern große Bissen in den leeren Kröpf, bis er strotzt, und nur kärgliche Reste bleiben zurück für Igel und Spitzmaus. 132. Bei den Schlangen. Ulr. Ramseyer. Im Juni ging ich einmal über die Höhe des prächtigen Joli- mont-Waldes. Da hörte ich nach der Gegend des Dorfes Tschugg ein Buchfinkenmännchen jämmerlich um Hilfe rufen. Sofort lief ich so schnell als möglich nach der Richtung, wo der Hilferuf herkam. 319 Es war nicht der Hilferuf, den die Finklein sonst hören lassen, wenn ein Raubvogel, ein Fuchs, ein Wiesel oder eine Katze ihnen gefährlich wird; ich konnte nicht wissen, von welcher Seite ihm Gefahr drohte. Als ich an Ort und Stelle kam, sah ich das Männchen in voller Wut auf etwas picken, und dazwischen rief es um Hilfe. Am Boden im Gebüsche sah ich dann neben dem Männchen noch ein anderes Vögelein flattern, das öfter wie im größten Schmerze aufkreischte; es war das Buchfinkenweibchen. Endlich entdeckte ich eine große Schlange, die das Buchfinkenweibchen am Oberschenkel gepackt hielt. Ihren Kops mit dem Vöglein drückte sie an ein Stämmchen und versuchte mit ihrem Leibe das Vöglein zu umschlingen und zu erdrücken. An diesem Versuche merkte ich, daß es nicht eine giftige Schlange war; diese tun das nicht. Sie machen ihr Opfer mit ihrem Gifte widerstandslos. Die blaugraue Farbe, die schwarzumsäumten, weißlichen Mondflecken an den Schläfen sagten mir, daß es die nicht giftige Ringelnatter sei. Mit Daumen und Zeigefinger packte ich die Schlange mit festem Griffe hinter dem Kopfe. Sie mußte ihr Maul öffnen, und das Vöglein rollte oder flatterte über das Bördchen hinab in den Hohlweg. Nach einer kleinen Weile erhob es sich und flog mit dem fröhlich singenden Männchen davon. Es schien mir, als laute sein Lied: „Jtz, itz, itz danke ich dir recht viieel!" Als sich die Schlange so gepackt fühlte, schlang sie sofort ihren Leib um meinen Arm, daß die Blutadern der Hand hoch aufquollen. Niemals hätte ich geglaubt, daß die Schlangen in ihren llmschlingungen solche Kraft entwickeln könnten. Sie ließ auch dann nicht los, als ich sie getötet hatte; ich mußte sie wegreißen. Ein unangenehmer, widerlicher Geruch ging von ihr aus. Im Jura kam ich auf einer Reise auf eine Fläche, die durch einen zusammengetragenen Steinwall umschlossen war. Dem Steinwall entlang führte ein schmales, lückenhaftes Band von Heidekraut. Einen Augenblick sehte ich mich oben auf dem Steinwalle auf einen breiten Stein. Ein leises Geräusch im Heidekraut ließ mich meine Blicke dahin lenken. Dort saß in einer Lücke ein gelbes Heckenspring- mäuschen und biß emsig dürre Erashälmchen ab, bis es das 320 Mäulchen voll hatte; dann kam es damit zum Steinwall und verschwand darin. Das wiederholte sich einige Male. Es war ein Weibchen, das sich ein Nestchen anlegte. Auf einmal purzelte das Mäuschen piepsend auf die Seite, erhob sich wieder, wankend, mit gesträubtem Haar, ohne Gras- hälmchen kam es zurück; immer unsicherer und langsamer wurde sein Gang. Es fiel auf die Seite, streckte sich und war tot. Was war da geschehen? Ich befand mich kaum drei Meter vom Tatort entfernt und hatte nichts gesehen und nichts gehört als das Piepsen und Umfallen. Bald daraus bewegte sich der Heidekrautbüschel ein wenig, und lautlos, mit der gabelförmigen Zunge die Fährte suchend, glitt eine kupferrote Schlange hervor, vielleicht 60 Zentimeter lang. (Die Ringelnatter war mehr als die Hälfte länger.) Über den Rücken der Schlange führte eine dunkle Zickzacklinie. Am Kopfe fehlte das Mondzeichen; dafür sah ich ein V (nicht ein Kreuz) oben darauf. Der Kopf war groß, eckig; es mußte eine Kreuzotter sein, welche nadelspitze, hohle Eiftzähne, mit dem fast augenblicklich lähmenden Gifte darin, besitzt. Hatte diese den Tod der Maus verursacht? Ganz sicher; genau der Fährte folgend, glitt sie bis zur toten Maus. Hier angekommen, übergeiferte sie dieselbe, nahm den Kopf in das Maul und beförderte sie dann auf gleiche Weise in ihren Leib wie die Ringelnatter einen Frosch. Nachdem die Maus glücklich besorgt war, wollte die Otter wieder in ihr Sandbett zurück. Mit einer Rute tötete ich sie, ließ sie aber vorläufig noch liegen. Die Kreuzotter mußte die Heurauferei der Maus gehört und sie beschlichen gaben. Aus dem Versteck schnellte sie plötzlich hervor und konnte ihr so einen Biß beibringen. Wie schnell ihr Gift wirkte, hatte ich jetzt mit Entsetzen gesehen. 133. Das Eichhörnchen und die Schlange. Aus Schopenhauers Werken. Ein Reisender, der in den Bergen der Insel Java umher- streifte, erblickte einst in den Asten eines hohen Baumes ein javanisches Eichhörnchen, das mit der dieser Tierart eigentümlichen Anmut und Behendigkeit spielte. Ein aus Moos und Halmen gebildetes Nest, das sich in der Krone des Baumes auf der Gabelung 321 zweier Aste befand, und weiter unten eine Höhlung im Stamme schienen die beiden Zielpunkte seiner Spiele zu sein. Kaum hatte es sich davon entfernt, so kam es mit großem Eifer dahin zurück. Es war im Monat Juli, und wahrscheinlich hatte das Tier oben seine Jungen und unten seinen Fruchtvorrat. Plötzlich wurde es wie von Schrecken ergriffen; seine Bewegungen wurden krampfhaft; es war, als wollte es eine Schutzwehr zwischen sich und gewisse Teile des Baumes bringen. Dann duckte es sich und blieb unbeweglich zwischen zwei Asten. Der Reisende ahnte eine Gefahr für das arme Tier; aber er konnte nicht erraten, welcher Art sie sein möchte. Er näherte sich, und nach aufmerksamer Prüfung entdeckte er in einer Vertiefung des Stammes eine Natter, die ihre Augen starr in der Richtung des Eichhörnchens geheftet hielt. Unsern Reisenden dauerte das arme Eichhörnchen. Die Aufmerksamkeit der Schlange war so ausschließlich auf ihre Beute gerichtet, daß sie die Gegenwart eines Menschen nicht zu bemerken schien. Der Reisende, welcher bewaffnet war, hätte also dem bedrohten Tiere zu Hilfe kommen und die Schlange töten können; aber seine Wißbegierde war stärker als das Mitleid, und er wollte sehen, welchen Ausgang die Sache nehmen würde. Er war traurig genug. Das Eichhörnchen stieß einen klagenden Laut aus, wie ihn diese Tiergattung hören läßt bei der Annäherung einer Schlange. Es bewegte sich vorwärts, versuchte zurückzuweichen, ging noch einmal vor, und während es zurückstrebte, näherte es sich dem Reptil immer mehr. Die Schlange, zusammengeringelt, den Kopf über die Ringe erhoben und unbeweglich wie ein Stück Holz, wandte den Blick nicht von ihm ab. Das Eichhörnchen stieg von Ast zu Ast immer tiefer und gelangte zum astlosen Teil des Stammes. Jetzt versuchte das arme Tier nicht einmal mehr, der Gefahr zu entfliehen; von einer unbezwinglichen Macht angezogen und wie vom Schwindel getrieben, stürzte es sich in den Rachen der Schlange, der sich plötzlich unmäßig öffnete, um die Beute aufzunehmen. So untätig die Schlange bis dahin gewesen war, so beweglich wurde sie, sowie sie ihren Fraß in Sicherheit gebracht hatte. Sie rollte sich auf und schlüpfte mit unglaublicher Schnelligkeit den Stamm hinauf bis zur Krone des Baumes, um dort ruhig zu verdauen und zu schlafen. 21 322 134. Die Brillenschlange Fr. Grüner. Die durch ihr Gift äußerst furchtbare, in Ostindien einheimische Brillenschlange wird etwa vier Fuß lang und armsdick; sie wird von indischen Gauklern zum Tanze abgerichtet, nachdem man ihr mit großer Verwegenheit die Zähne ausgebrochen und sie dadurch unschädlich gemacht hat. Man ist vor ihr in den Häusern nicht sicher. Sie nährt sich von Vögeln und andern kleinen Tieren. Angereizt soll sie den Menschen fliehen, gereizt aber mutig auf ihren Feind losspringen. Die Jndier sammeln ihr Gift und bestreichen damit ihre Pfeile, die dadurch ebenso gefährliche Wunden hervorbringen wie der Biß der Schlange. — In einer neueren Reisebeschreibung wird folgendes merkwürdige Zusammenireffen mit einer Brillenschlange erzählt: Wir saßen eines Abends bei einem unserer Freunde, dem Doktor M., in einem großen, luftigen Gartensaale und belustigten uns mit einer Partie Whist. Unsere Diener — bekanntlich bringt in Indien jeder seine eigene Dienerschaft mit, wenn er einen Freund besucht — vertrieben uns mit ihren kleinen und großen Fächern die Moskitos und wehten erfrischende Lüfte über unsere Köpfe, während die Diener des Hauses uns mit Eislimonade und anderen Erfrischungen bedienten. Unser Wirt unterhielt uns nebenbei mit Kriegs- und Jagdabenteuern, als er plötzlich die Gesichtsfarbe wechselte und mit Spielen und Sprechen innehielt. „Spielt doch aus, Doktor!" sagte der ihm gegenübersitzende Hauptmann; „Ihr seht ja so bleich aus; was ist Euch denn?" „Still!" antwortete M. in einem Tone, der uns alle erschütterte, indem er stets bleicher ward. „Seid Ihr unwohl?" fragte ein anderer, im Begriffe aufzustehen und ihm zu Hilfe zu kommen. „Um Gottes willen!" erwiderte M., indem er seine Karten niederlegte, mit leiser, erzitternder Stimme; „bewegt euch nicht, wenn euch mein Leben lieb ist!" — „Was will er sagen? Hat er seinen Verstand verloren?" fragte der Hauptmann, indem er mich verwundert ansah. „Steht nicht auf! Regt euch nicht! Ich beschwöre euch!" sprach wieder M. mit krankhaftem Lächeln; „bei jeder plötzlichen Bewegung bin ich ein Mann des Todes." Wir sahen einander verwundert an. 323 „Haltet euch nur ruhig," fuhr er fort, „und alles kann noch gut ablaufen,- es hat sich eine Brillenschlange um meinen Schenkel gewunden!" Unter dem ersten Eindrucke, den diese Worte auf uns machten, waren wir im Begriffe, unsere Sessel zurückzuschieben; aber ein bittender Blick des Opfers bewog uns, in dieser Stellung zu verbleiben, wiewohl uns die Gefahr, in der wir alle schwebten, einleuchtend genug war, indem bei jeder neuen Windung das Ungeheuer von unserem unglücklichen Freunde auf einen von uns herübergleiten konnte. Wen dieses Schicksal traf, der war als tot zu betrachten; so gefährlich und schnellwirkend ist der Bis; dieser Schlange. Doktor M. sah, wie die meisten Engländer in Indien, in Hemdsärmeln, weiten, dünnen Pumphosen und seidenen Strümpfen und fühlte dadurch um so genauer und peinlicher jede Bewegung der Schlange. Sein Gesicht erhielt einen schwarzgelben Anstrich, während er selbst einer Bildsäule glich; denn da er wußte, das; jede Muskelbewegung den Biß der Schlange beschleunigen würde, so waren selbst beim Sprechen seine Lippen und Blicke erstarrt. So sahen wir in derselben Todesangst unendlich lang scheinende Minuten. „Jetzt windet sie sich wieder rund," unterbrach M. hohl und murmelnd die Grabesstille; „ich fühle sie kalt an meinem Oberschenkel; jetzt strammt sie sich — um des Himmels willen, laßt Milch bringen! Ich darf nicht laut sprechen; laht die Milch mir nahe auf den Boden stellen und etwas davon daneben gießen!" Ich gab sogleich den Befehl, und mein Diener schlüpfte vorsichtig weg. „Sitzt still, Hauptmann, Ihr bewegt den Kopf; bei allem was Euch heilig ist, beschwöre ich Euch, tut es nicht wieder! Es kann nicht lange dauern, bis mein Schicksal entschieden ist. Ich habe eine Frau und Kinder in Europa; sagt ihnen, daß ich, sie segnend, gestorben sei, dah meine letzten Gebete für sie gewesen — die Schlange windet sich höher — ich lasse ihnen alles, was ich besitze — es kommt mir vor, als fühle ich bereits ihren Mein; großer Gott, auf solche Art zu sterben!" Die Milch ward gebracht und von meinem gewandten indischen Diener, der selbst unhörbar wie eine Schlange am Boden hinkroch, an dem bestimmten Orte niedergesetzt, nachdem er etwas nebenbei auf den Boden gegossen hatte. Kaum war dies geschehen, als M. wieder begann: „Nein, nein, es hat keine Wirkung; im Gegenteil, 324 sie zieht sich fester zusammen. Jetzt entfaltet sie die obere Schlinge. Ich darf nicht niedersehen; aber ich bin gewiß, sie dreht sich rückwärts, um mir den Todesstoß zu geben. Nimm mich auf, o Herr, und vergib mir meine Sünden! — Meine letzte Stunde ist gekommen — ich habe Festigkeit; aber dies übersteigt, was zu ertragen ist! — Ach nein, sie entfaltet einen zweiten Knoten und macht sich frei. Sollte sie zu einem andern gehen?" Wir bebten unwillkürlich zurück. „Um des Himmels willen, rührt euch nicht; steht nicht auf, ich bin des Todes! Haltet mit mir aus! Sie löst sich noch mehr; sie ist im Begriffe, sich niederzuwerfen. Bewegt euch nicht; aber seht euch vor! Hauptmann, sie fällt nach Eurer Seite! O diese Todesangst ist zu groß! — Ein anderer Druck und ich bin tot. Nein, sie läßt los!" In diesem fürchterlichen Momente waren aller Blicke auf den Boden geheftet. Die Schlange wandte sich mit erhobenem, aufgeblasenem Kopfe der Milch zu. „Ich bin gerettet, bin gerettet!" rief M. aufspringend und fiel bewußtlos in die Arme seiner Diener. Im nächsten Augenblicke waren wir alle zerstreut und mit Stöcken und Stühlen bewaffnet. Die Brillenschlange lag erschlagen, und unser armer Freund ward mehr tot als lebendig in sein Schlafzimmer getragen. 135. Jagdabenteuer in Afrika. A. E. Wir ritten vormittags durch einen Teil des Vogosgebirges in Nord-Abessinien; da hörten wir über uns das Gebell der großen Paviane und beschlossen sofort, unsere Büchsen an ihnen zu erproben. Unsere Diener, darunter ein ägyptischer Koch, blieben unten im Tal bei den Maultieren; wir kletterten langsam an der Bergwand empor, wählten einen passenden Platz und feuerten auf die oben sitzenden Affen. Einige wurden getroffen; die Opfer brachen zusammen oder suchten verwundet das Weite; so sahen wir einen uralten Pavian, der leicht am Halse verwundet war, an uns vorübertaumeln und dem Tale zueilen, wo wir ihn tot zu finden hofften. Wir fuhren also in der Jagd fort. Plötzlich entstand ein fürchterlicher Aufruhr unter den Affen und wenige 325 Sekunden später ein wüster Lärm unten iin Tale. Sämtliche männliche Mantelpaviane rückten aus der Felskante vor, grunzten, brummten, brüllten-und schlugen mit den Händen auf den Boden; alle sahen nach unten, und einige begannen an den Felsen herab- zuklettern. Wir glaubten erst, daß wir jetzt angegriffen werden sollten; da machte uns der Lärm unten auf die Tiefe aufmerksam. Wir hörten die Hunde bellen, die Leute rufen und vernahmen endlich die Worte: „Zu Hilfe, zu Hilfe, ein Leopard!" Wir erkannten jetzt auch wirklich das Raubtier, das auf unsere Leute zulief. Es beschäftigte sich mit einem Gegenstand, den wir nicht erkennen konnten; denn er war durch den Leoparden verdeckt. Gleich daraus fielen zwei Schüsse; wir eilten in das Tal hinunter. Der Koch stand auf einem Felsblock und hielt eine Doppelbüchse 'in seiner Hand. Er sah nach einem dichten Busche hin, um welchen die Hunde standen; der andere Diener suchte die erschrockenen Maultiere zu beruhigen; der dritte, ein Junge von etwa fünfzehn Jahren, war an der anderen Talseite emporgeklettert. „Im Busche liegt der Leopard," sagte der Ägypter; „ich habe auf ihn geschossen." — „Er ist, auf einem Affen reitend, den Berg heruntergekommen," fügte der zweite Diener hinzu; „gerade auf uns los kam er; wahrscheinlich wollte er die Maultiere und uns noch dazu verschlingen." — „Dicht an euch vorbei ist er gelaufen," schloß der dritte; „ich habe ihn schon oben auf dem Berge gesehen, als er auf den Affen sprang." Vorsichtig ging ich nach dem Busche hin; aber ich konnte den Leoparden nicht finden. Endlich kam der junge Bursche von seinem sichern Standpunkte herab und zeigte auf einen bestimmten Fleck. Dort lag der Leopard; er war tot. Zehn Schritte talwärts lag der Pavian, gleichfalls getötet. Jetzt klärte sich der Hergang auf. Wir waren dicht an dem Lager des Raubtieres vorbeigekommen. Dann hatten wir etwa zehn Schüsse abgefeuert, deren Knall stets ein vielfaches Echo hervorgerufen hatte. Endlich war der verwundete Affe dem Tale zugelaufen und auch nicht weit von dein Lager des Raubtiers vorbeigekommen. Auf ihn hatte der Leopard sich gestürzt, ungeachtet der Menschen, der schreckenden Schüsse, des hellen sonnigen Tages. Wie ein Reiter auf seinem Rosse war er in das Tal hinabgeritten, und nicht einmal das Schreien der Leute hatte ihn schrecken können. Der Koch hatte in der Todesangst die 326 Büchse seines Herrn ergriffen und dem Leoparden die Kugel glücklich ins Herz gejagt. 136. Eine Bärengeschichte. Sven Hedin. Im Jahre 1870 überwinterte das deutsche Schiff „Germania" an der Osttüste Grönlands. Eines Tages bestieg der Matrose Klentzer einen nahen Berg, um die Landschaft in dem schon Heller werdenden Mittagslichte zu betrachten. Oben setzte er sich auf einen Felsen und sang wohlgemut ein Lied in die stille, klare Luft hinaus. Zufällig warf er einmal einen Blick nach rückwärts — da stand nur wenige Schritte entfernt ein mächtiger Eisbär, der sich mit ernster Miene den Fremdling betrachtete. Der Matrose war ein ebenso ruhiger und entschlossener wie kräftiger Mann, und es wäre unter gewöhnlichen Umständen an der Sache nichts Besonderes gewesen: der Bär stand wunderschön zum Schutz und konnte nicht leicht gefehlt werden; aber — Klentzer war unbewaffnet und hatte nicht einmal ein Messer. Unbegreiflich! nicht wahr? denn erst vor wenig Tagen noch war ein Bär bei dem Schiff gesehen worden. Und nur erklärlich durch die dem Matrosen eigene Sorglosigkeit und durch den Umstand, datz bis dahin fast alle Bären vor den ungewöhnlichen Erscheinungen der Polarfahrer geflohen waren und den Matrosen noch keinen rechten Respekt eingeflößt hatten. Klentzer sieht sich also unbewaffnet und, weit von den Kameraden entfernt, allein dem Bären gegenüber. Flucht ist die einzige, wenn auch zweifelhafte Rettung, und schon beginnt er den Berg hinabzulaufen. Nach einiger Zeit sieht er sich um — der Bär trottet wie ein großer Hund in einiger Entfernung gemächlich hinterdrein. So geht es eine Zeitlang bergab, so schnell das Terrain es erlaubt. Machte Klentzer einmal halt, so stand auch der Bär still; ging er weiter, so folgte der Bär langsam, und gab sich der Matrose wieder aus Laufen, so folgte in demselben Tempo auch der Bär. So waren die beiden schon ein gutes Stück vorwärts gekommen, und Klentzer glaubte sich halb gerettet; da mochte wohl dem Bären die Sache langweilig werden, und er hielt sich jetzt näher an die Fersen des Verfolgten. Das wurde dem Matrosen doch zu unheimlich, und er erhob, um das Tier 327 zu schrecken und um Hilfe zu erhalten, ein lautes Geschrei, dabei immer vorwärtsrennend. Im ersten Augenblick schien der Bär dadurch etwas verdutzt, dann aber gereizt zu werden, und er rückte dem Fliehenden jetzt so nahe, daß dieser schon den heißen Atem des Ungetüms zu fühlen glaubte. In dieser schrecklichen Lage fiel Klentzer eine Geschichte ein, die er sich vor kürzern erst hatte erzählen lassen, in der der Verfolgte sich dadurch rettete, daß er dem Bären Kleidungsstücke vorwarf, bei deren Untersuchung sich das Tier so lange aufhielt, bis Hilfe kam. Klentzer zieht also, immer laufend, die Jacke aus und wirft sie hinter sich, und siehe da, die List hilft: der Bär bleibt stehen und beginnt eine nähere Untersuchung der Jacke, die er beschnüffelt und hin und her zerrt. Klentzer faßt neuen Mut, stürzt weiter den Berg hinab und stößt aus voller Kehle ein Geschrei um Hilfe aus, das weithin durch die stille Gegend schallt. Aber nur zu bald ist ihm der Bär wieder auf den Fersen, und Klentzer wirft ihm nun die Mütze, dann die Weste zu; wodurch abermals einiger Vorsprung gewonnen wird. Schon sieht Klentzer, daß mehrere Kameraden über das Eis herbeieilen. Mit Aufbietung seiner letzten Kraft läuft und schreit er wieder — aber alle Hilfe scheint vergebens; denn eiliger und eiliger naht der Verfolger, und Klentzer muß nun das Letzte, was er noch abgeben kann, seinen Schal nehmen, den er den. Ungeheuer gerade übers Gesicht wirft. Der Bär jedoch, durch das Geschrei von neuem gereizt, wirft den Schal verachtungsvoll mit einem Ruck des Kopfes zurück und dringt immer begehrlicher auf deu Wehrlosen ein, der nun schon die kalte, schwarze Schnauze an der Hand fühlt. Der Matrose weiß keinen Rat mehr. Da kommt er auf den wunderbaren Gedanken, mit seinem ledernen Leibriemen dem Tier die Kehle zuzuschnüren. Starr blickt er in die erbarmungslosen Augen der Bestie; eine kurze Pause — da wird der Bär stutzig; seine Aufmerksamkeit scheint seitwärts abgelenkt, und im nächsten Augenblick macht er sich in vollem Galopp davon. Das Geschrei der zu Hilfe eilenden Kameraden hatte ihn offenbar erschreckt, und er hielt es für das Klügste, das Weite zu suchen. Klentzer war gerettet. 328 l37. Das Last- und Zugtier in Italien Nach Viktor Hehn. Unter den Haus- und Kulturtieren Italiens fällt dem Fremden zunächst der Stier auf, mit armlangen Hörnern und glatter Haut und von silbergrauer Farbe. Wenn er wiedertäuend im Schatten einer alten Mauer daliegt, gleicht er einem antiken Tierbilde; wenn ihrer zwei den Pflug durch den fetten, schwarzen Acker ziehen, von dein halbnackten Ackerer im Strohhut geleitet, und die Gruppe sich in einiger Entfernung gegen den lichten Himmel abhebt, glaubt man ein Bild der Urzeit zu sehen. Oft begegnet einen: in Süditalien das Paar Stiere, wie sie mit dem Ringe durch die Nüstern und das hölzerne Joch quer über den Nacken tragend den schweren Wagen ziehen, dessen zwei ungeheure hölzerne Radscheiben sich in uralter Weise mitsamt der Achse knarrend fortwälzen. Am römischen Seestrande, in den pontinischen Sümpfen sind die Büffel häufig. Mit rückwärts gebogenen, scharfrandigen Hörnern, in dem schrägen, dummtückischen Auge eine Träne, schreiten sie in Herden, die der Hirt zu Pferde mit langem Stachel regiert, oder liegen in der heißen Zeit bis an den Kopf in dem kühlen Sumpfwasser oder schleppen mit gewaltiger Zugkraft langsam den hochgetürmten Erntewagen, geleitet an einem durch die Nase gezogenen Ringe. Durch Zäune sind hin und wieder Zufluchtsorte gebildet, hinter denen der Wanderer vor der Wut dieser Tiere, die wohl gebändigt, aber nicht gezähmt sind, sich birgt. Nur die Hirten, welche die Büffelkühe melken und von ihnen gekannt sind, wagen sich in die Herde; jeder andere liefe Gefahr, von ihnen zerstampft zu werden. Das allgemeine Haus- und Lasttier ist der Esel. Selten wird der graue, genügsame Langohr am Mittelmeer in irgendeinem Landschaftsbilde, wo nur Menschen und menschliche Wohnungen in der Nähe sind, als Beiwerk fehlen: bald wie er ruhig an der Hecke dasteht und ungeheure Stacheln in: Maule umdreht und verzehrt; bald wie er, mit gleichschwebenden Körben und Fäßchen beladen, vom Treiber mit dumpfem Rufen oder auch mit dem Stachel ernruntert, zur Stadt schreitet oder trippelt; bald wie er von der graziös sitzenden jungen Frau gelenkt wird und dazu klug mit den langen Ohren, die jede Seelenregung alsbald ver- 329 raten, auf und ab telegraphiert — meistens feuriger als bei uns, ja wahrhaft edel und zierlich in Gestalt und Gang. Daß er dumm sei, können nur verleumderische, böse Menschen behaupten: selbst das Pferd ist ihm an Verstand nicht überlegen; wohl aber ist es edleren Gemütes, stolz, hochsinnig, flüchtig. Wir geben zu, in dem Esel steckt eine SIlavennatur; er ist arbeitsam, ergibt sich in sein Leiden; schlechte Behandlung erscheint ihm als ganz natürlich. Aber er hat auch wieder viel Sinn für erwiesene Freundlichkeit, vergißt sie nicht und ist dankbar dafür. Die Genügsamkeit und die Sicherheit im Klettern durch die Berge gibt in diesen Ländern auch dem Maultier, das schon Homer und das alte Testament kennen, den Vorzug vor dem Pferde, welches bei den Alten weniger das arbeitende Zugtier als der edle Kriegsgefährte des Menschen war. Ein Zug beladener Maultiere im Gebirge, hoch über der schroffen Felswand sich fortbewegend und von den Treibern begleitet, oder da, wo es gute Straßen gibt, ein Wagen, mit vier raschen, schellenbehängten Maultieren bespannt, gibt ein schönes, malerisches Bild. 13». Die Großmutter. Hermann Löns. Zwischen der Mühle und der Brücke verengt sich das Bachbett so sehr, daß das Wasser dort wilde Stromschnellen bildet. Zischend, brausend, klatschend und platschend wirbelt es zwischen den zerwaschenen Klippen durch, zerstäubt zu silbernem Gischt und stürzt sich in einen Kolk. Dieser Kolk ist von steilwandigen Felsen eingefaßt, deren Spitzen aus der Flut hervorragen und miteinander kleine Wasserbecken bilden, in denen bei warmem Wetter die Groppen umher- kriechen. Herrlich dunkelgrün ist der Spiegel des Kolkes und so klar, daß man bis auf den Grund sehen kann, der aus zackigen Klippen mit vielen Löchern und Ritzen gebildet ist; nach obenhin ist der Kolk völlig von den Felsen umschlossen, am Grunde aber öffnet sich ein Halbrundes Tor, in dem einige grüne Ranken langsam hin und her wedeln. In diesem Felsentor liegt die Großmutter. So haben die Angler, die hier mit dem Spinner und der künstlichen Fliege die Fischweid auf Forellen und Aschen ausüben, die gewaltige, wohl über sechs Pfund schwere Forelle genannt, deren fester Stand der Kolk ist. Hier liegt sie in dem Felsentore und wartet auf die Beute, die ihr der Bach vor das Maul spült. Alles mutz an ihr vorbei, und so wurde sie wählerisch. Um Würmchen und Fliegen kümmert sie sich nicht; aber jede Forelle, jede Asche und jeder andere Fisch, der an ihr vorbeischwimmt, jede Maus, jeder Jung- vogel, jeder Maikäfer, jeder mutende Krebs, sie alle fallen ihr ZUM Opfer. Meist liegt sie verborgen in dein Felsentore, so datz kaum ihr breiter, weitschimmernder Kopf zu sehen ist. Wenn aber die Sonne heitz auf den Kolk fällt und ihn bis zum Grunde durchleuchtet, dann kommt sie aus ihrer Räuberhöhle hervor. Langsam und feierlich schwimmt sie dann hin und her, bleibt eine Weile stehen, wendet um, und sowie eine Wolke sich vor die Sonne stellt, taucht sie wieder in ihrem Verstecke unter. Wenn ein sachter Gewitterregen auf den Bach tröpfelt, wenn alle Forellen und Aschen beitzlustig nach Fliegen aufgehen und bald hier, bald da ein goldener Bauch sichtbar wird und klatschend verschwindet, dann schwimmt sie wohl bis dicht an den Wasserspiegel; aber es fällt ihr nicht ein, nach einer der vielen Fliegen aufzugehen, die in ganzen Wolken über dem Wasserspiegel tanzen, und selbst wenn ein dicker Käfer oder Abendfalter in den Kolk fällt, so nimmt sie ihn nicht. Sie hat ihre Gründe dazu. Als sie noch jung und dumm war, sprang sie, wie alle andern Forellen, nach allem, was auf dem Wasserspiegel war, und nahm alles fort, was dort angeschwommen kam, und an manchen Abenden blitzte ihr goldener Bauch unter dem Erlenbusche wohl hundertmal auf. Eines Tages aber ging ein Mann, der genagelte Sandalen und lange Strümpfe anhatte, am Bache entlang, eine aus vielen Gliedern zusammengesetzte Rute in der Hand, an deren Handgriff eine blitzende Rolle war, von der eine Seidenschnur an der Rute entlang durch die Drahtösen bis zu ihrer Spitze lief; an: Ende der Schnur war eine langer, glasheller Faden, der einer dicht vor dem Verpuppen getöteten Seidenraupe aus den: Leibe gehaspelt war, und daran hing ein winziger Haken, ganz verborgen in künstlich geordneten Federchen und Haaren, die genau so aussahen wie die Frühlingsfliegenart, die an jenem Abend über den: Bache schwirrte. 831 Langsam ging der Mann stromaufwärts, ab und zu stehen- bleibend und mit einer kurzen, ruhigen Bewegung des Handgelenkes die Schnur so geschickt hier oder da hinwerfend, daß die künstliche Fliege an ihrem Ende so leicht wie eine wirkliche Fliege auf das Wasser fiel; sehr oft sprang dann eine Forelle nach dem tückischen Köder, und ehe sie merkte, daß sie Haare und Federn zwischen den Lippen hatte, gab der Mann der Angel einen Ruck, daß der Haken in die Lippen des Fisches eindrang, faßte die Kurbel, rollte die Schnur auf und landete den Fisch, bis er ihn mit der Hand oder, wenn es ein starker Fisch war, der sich heftig wehrte, mit dem Kätscher erreichen konnte. Die kleinen, unter- maßigen Fische warf er wieder in den Bach, den guten gab er mit der Ebenholzkeule den Genickfang und tat sie in den Fischkorb, den er auf dein Rücken trug. Es war ein erfahrener Sportangler, der eine ausgezeichnete Leine warf und alle Kniffe der hohen Anglerei kannte. Sein Wahlspruch hieß: „Die Forelle beißt immer, wenn am dicken Ende der Rute ein firmer Angler ist." Als er sah, daß an dem Erlenbusche eine Forelle so eifrig aufging, warf er die künstliche Fliege dorthin, und sofort hatte er Biß und ruckte an. Heftig schoß die Forelle hin und her, als sie den Stich im Maule fühlte; aber unwiderstehlich fühlte sie sich nach dem Ufer gezogen und in die Luft gehoben und von irgend etwas fest umfaßt. Sie schlug mit dem Schwänze, aber sie kam nicht los. „Eine ganz nette Viertelpfündige," sagte der Angler und faßte nach der Keule, besann sich aber, murmelte: „Ich habe genug für das Hotel," löste ihr den Haken aus den, Maule mit festem, sicherern Griff und setzte sie in das Wasser. Einen Augenblick stand sie, betäubt vor Schreck, noch da; dann schoß sie pfeilschnell nach der Tiefe und fuhr unter die Wurzeln ihres Erlen- busches. Dort blieb sie eine ganze Stunde stehen. Die kleine Wunde im Oberkiefer fühlte sie kaum mehr, aber ein dumpfes Gefühl des Grauens verließ sie nicht. Erst als es fast dunkel war, schwamm sie aus ihrem Loch heraus, wagte sich aber nicht an die Oberfläche, sondern jagte am Grunde auf Gewürm. Die Oberfläche des Baches war ihr seitdem verleidet; sie traute keiner Fliege mehr, die auf das Wasser fiel. Der Angler versuchte spaßeshalber, sie noch einmal zu fangen, aber sie nahm die trockene Fliege nicht, und da fischte er mit der nassen Fliege, indem er das Vorfach der Schnur samt der Fliege durch das Wasser 332 zog. Dreimal schwamm die Fliege vor dem Maule der Forelle her, beim vierten Male schnappte sie zu, fühlte wieder den Stich und die fremde Kraft, die sie nach dem Ufer zog, und war bald darauf in der Hand des Anglers. Der löste ihr den Haken aus dem Maule und wollte sie gerade töten, da mußte er niesen und ließ die Forelle los. Sie fiel auf den Schotter, machte zwei Sprünge und klatschte in das Wasser, und der Angler sah ihr nach, lachte und sagte: „Gute Reise!" Sie aber stand hinter den langen, rosenroten, hin und her wedelnden Wasserwurzeln des Erlenbusches wie angenagelt und bewegte die Flossen nur ganz leise. Einen ganzen Tag fraß sie nichts; dann aber fuhr sie zwischen die Ell- ritzen in der Bucht und unter die jungen Forellen und raubte, bis sie satt war. Fliegen aber waren ihr für immer verekelt. Tagsüber hielt sie sich meistens verborgen, und erst in der Dämmerung ging sie auf Raub aus. Sie schwamm dann hin und wieder und suchte Flohkrebse, Würmer, Schnecken, Larven und Fischbrut. So wurde sie größer und größer, und als in den Stromschnellen die alte Standforelle sich von den Raubfischern in das Garn treiben ließ, nahm sie deren Platz in dem Felsentore am Grunde des Kolkes ein und verjagte alle anderen Forellen, die ihr die gute Stelle streitig machen wollten. Und es war eine gute Stelle, die beste in dem Bache auf eine Meile hin. Oberhalb der Stromschnellen hingen allerlei Zweige über das Wasser, und alle Augenblicke fiel von dort etwas hinunter, Käfer, Raupen, plumpe Falter, manchmal auch ein halbflügger Vogel oder eine junge Maus. Kam ein starker Gewitterregen, dann brauchte die Forelle nur das Maul aufzumachen, soviel Fraß trieb dann in das Felsentor hinein. Niemand konnte ihr dort etwas anhaben; an die Angel ging sie nicht, ganz gleich, ob eine künstliche Fliege, ein Spinnfisch oder gar ein Wurm daran war; denn die Müllerknechte setzten heimlicherweise Nachtangeln. Sie sah sofort, daß der Wurm nicht richtig schwamm, und dann kümmerte sie sich nicht um ihn, weil sie Tag für Tag Nahrung in Hülle und Fülle hatte. Auch mit der Hand war sie in ihrem Verstecke nicht zu greifen, weil das Wasser dort viel zu tief war. So wurde sie die größte Forelle im Bache. Alle Angler, die dorthin kamen, kannten sie und gaben sich die größte Mühe, sie zu fangen. Ein Engländer, dessen Angelzeug einen bedeutenden Wert darstellte und der in der Donau 333 den Huchen, in Norwegen den Lachs, in Kanada den Saibling, auf dein Ozean den Mesenbarsch und den Mondfisch geangelt hatte, bot ihr vierzig verschiedene künstliche Fliegen und ebensoviel künstliche Heuschrecken und Käfer an; denn er hatte mit einem arideren Angler viel Geld verwettet, daß er die Großmutter fangen werde. Eine Woche wollte er daran wenden; drei Wochen blieb er da, fing manchen guten Fisch, aber was er nicht fing, das war die Großmutter. Die allerschöriste Blume. Hermann Löns. Alle Blumen ohne Ausnahme sind schön. Auch die kleinen und unscheinbaren haben ihre Schönheiten, auch die seltsamen und unheimlichen ihre Reize. Man kann nicht sagen, welche Blume am schönsten ist. Der eine liebt der edlen Rose volle Formen, der andere des Hecken- rösleins schlichte Gestalt. Dieser wieder freut sich an des Maiglöckchens zierlichem Bau, jener an der Würde der Lilien. Den dünkt keine herrlicher als des Flieders leuchtende Rispe, der wieder zieht der Heide winzige Blüte vor. Auch die Blumen sind der Mode unterworfen, auch von ihnen werden einige heute gefeiert und morgen mißachtet. Eine Blume aber war nie modern und wird nie modern werden. Sie ist zu gewöhnlich, zu gemein. Sie steht an jedem Wege, sie wächst auf allen Wiesen, blüht auf jedem Anger, selbst zwischen den Pflastersteinen fristet sie ihr Leben und wuchert auf dem Kies der Fabrikdächer. Jedes Kind kennt sie, jeder Mensch weiß ihren Namen, alle sehen sie, aber keiner macht Aufhebens von ihr, sagt, daß sie schön sei. Das ist der Löwenzahn, die Butterblume, die Kuhblume, die Kettenblume der Kinder, deren kleine, goldene Sonnen in jedem Rasen leuchten, in jedem Erasgarten strahlen, an allen Rainen brennen, so massenhaft, so tausendfach, so zahllos, daß man sie nicht mehr sieht, weil man sie überall zu sehen gewohnt ist. Und deshalb hält man es nicht für der Mühe wert, sie zu betrachten und sich ihrer feinen Schönheit, ihrer vornehmen Form, ihrer leuchtenden Farbe zu erfreuen. 334 Nur die Kinder lieben sie. Vielleicht nicht deshalb, weil ihnen die Schönheit dieser Blume zum Bewußtsein kommt, sondern deshalb, weil es die einzige ist, die sie immer und überall pflücken dürfen. Kein Wärter knurrt, kein Bauer brummt, wenn die Kleinen sich ganze Hände voll davon abrupfen; sie sehen es sogar gern, denn es ist ein böses Unkraut, der Löwenzahn, ein Grasverdränger und Rasenzerstörer, gegen den alle Arbeit und Mühe nichts hilft. Eine Woche lang kann die alte Frau, sich mit steifem Rücken mühsam bückend, Busch an Busch aus ihrem Gemüsegarten stechen; der Wind bläst die Samen heran, die lustigen braunen Kerlchen mit dem silbernen Federkrönchen, niedliche grüne Pflänz- chen wachsen aus ihnen, treiben feste Pfahlwurzeln in den Boden, und über das Jahr kann die alte Frau wieder in ihrem Garten stehen und jäten, bis ihr das Kreuz lahm ist. Als die alte Frau noch ein kleines Ding war, da hat sie sich nicht über die Butterblumen geärgert. Da hat sie sich die ganze Schürze voll davon gesammelt, hat sich unter den alten Apfelbaum gesetzt in das grüne, mit weißen Apfelblütenblättern dicht bestreute Gras, hat Stiel um Stiel gedreht, bis der Kranz fertig war, ihn sich auf das blonde Haar gesetzt, ist in die Stube gelaufen, auf den Stuhl geklettert, hat vor dem Spiegel lachend die von dem Milchsaft der Stengel schwarz und klebrig gewordenen Händchen zusammengepatscht und gemeint, sie sei die Königin. Und da eine Königin nicht nur eine Krone, sondern auch Geschmeide haben muß, so ist die Königin in den Grasgarten gegangen, hat sich wieder auf ihren grünen, weißgestickten Thron unter den rosenroten und schneeweißen Baldachin gesetzt, hat vielen Kettenblumen die Köpfe abgerissen und die hohlen Stengel fein säuberlich ineinandergesteckt, einige Blumenköpfe darein geflochten und sich wunderbar schöne Ohrringe gemacht und herrliche Armbänder und eine Kette, dreimal um den Hals. Und weil eine Königin auch ein Szepter haben muß, so hat sie mit ihrem Daumennagel viele Kettenblumenstengel oben fein gespalten, in den Brunnentrog gelegt, damit sie sich kräuseln, und sie dann mit roter Strumpfwolle um eine Rute gebunden. Und nun hatte sie ein Szepter; das sah in der Sonne aus, als hätten es die Zwerge aus Mondscheinstrahlen geschmiedet und 335 init Sonnenstäubchen bestreut. Am andern Tage war freilich die ganze goldene Herrlichkeit welk und schlaff; aber das schadete nichts, denn überall wuchsen Kettenblumen, und kein Mensch wehrte es der Kleinen, sie zu pflücken. Und als der Blumen goldenes Blond zu silbernem Weist verblichen war, auch da noch boten sie dem Kinde lustigen Zeitvertreib; mit vorsichtigen Fingern brach sie die Stiele, hielt die silberne Kugel vor ihr Stumpfnäschen, machte aus ihren roten Lippen ein spitzes Schnäuzchen und pustete in die meiste Kugel hinein, dah die braunen Männchen mit den silbernen Federkrönchen so sehr erschraken, dast sie alle schnell fortflogen. So haben es wohl alle Kinder gemacht, die unter blühenden Apfelbäumen im Mai spielen durften, und darum war ihnen die Kettenblume die liebste Blume und schien ihnen die allerschönste zu sein. Später vergasten sie sie über Nelken und Levkojen und Flieder und Tulpen; aber ganz tief in ihrem Herzen klang doch ein Lied aus alter Zeit, wenn sie im Mai im grünen Gras die erste Butterblume blühen sahen; unwillkürlich grüstten ihre Augen mit zärtlichem Blick die goldene Blüte am Wege. Stände sie nicht am Wege und blühte sie nicht an der Straste, wüchse sie in fernen Ländern, wir hielten sie wohl hoch, fänden Worte des Lobes für die vornehme Form ihres Blattes, bewunderten das tiefe Dukatengold ihrer Blüte, deren Blättchen sich zu einem lockeren Polster wölben. Dichter würden sie besingen, Maler sie nachbilden, und die Märchenerzähler wussten allerlei von ihr zn melden. Tränen wären es, würden sie schreiben, die die Sonne weinte, als sie soviel Blut und Elend unter sich sah; Zwergendukaten wären es gewesen, die sich in Blumen umwandelten, als unreine Hände danach griffen; zu dieser Deutung hätte die Blume geführt, die heute goldblond blüht und morgen silbernes Greisenhaar trägt. Da sie aber am Zaune blüht, zwischen Scherben und Schutt, so tritt man sie unter die Füste und achtet ihrer nur, wenn sie den Rasen verdirbt und das Gras verdrängt. Wäre sie aber nicht da, wir würden sie sehr vermissen. Nicht so frisch würde uns das junge Gras dünken, nicht so herrlich des Apfelbaumes Blütenschmuck; eintönig schiene uns der Rain und 336 langweilig der Erabenrand; des Finken Schlag und der Grasmücke Sang, der Stare Pfeifen und der Schwalbe Zwitschern, weniger lustig würden sie uns klingen, fehlten unter den blühenden Bäumen, dem grünen Grase die goldenen Sönnchen, des Maies sroheste Zier. Tausendfach strahlen sie, zahllos leuchten sie, bringen Licht in den Schatten und Wärme in die Kühle. Winzige Abbilder der Sonne sind es, ganz aus reinem Golde gemacht, ganz ohne einen dunklen Fleck. Man könnte meinen, jeder Sonnenstrahl, der zur Erde fiel, hätte Saft und Kraft bekommen und sich in eine Blume verwandelt, in eine Blüte, golden wie die Sonne und rund und strahlend wie sie. Es mag ja auch so sein; irgendein tiefer Zusammenhang besteht zwischen der Sonne und ihrem Abbilde. Je heißer die Sonne scheint, je weiter öffnen sich die gelben Blumen, als könnten sie nicht genug Glanz und Glut einsangen. Und bleibt die Sonne hinter grauen Wolken, dann ziehen die Blumen sich eng zusammen, als frören sie nach ihr. Und wer sie von der Sonne nimmt, sie mit nach Hause bringt und in ein Glas stellt, der ist betrogen; sie blüht ab, ohne sich zu öffnen, welkt und wird greis und grau. Aber auf den Gedanken, sie mit in sein Heim zu nehmen, wird niemand kommen; sie ist zu gemein, diese Blume, und es ist doch die aller- schönste Blume. 140. Aus dem Tornister eines Ausreisenden. I. V. Widmann. Altväterisch, ja wohl! aber erquicklich bleibt so eine Fußreise; und die Altväter haben schon auch gewußt, was sie davon hatten. Einen dieser Altväter stellte ich mir besonders lebhaft vor, als ich am frühen Morgen zur Stadt hinauswanderte, den schweren Tornister auf den Schultern, den Bergstock in der Hand. Dich hatte ich im Sinne, älterer Wyß, der du schon meine Knabenzeit beglückt hast durch deinen Schweizerischen Robinson. Früh vor Tag zogst du aus, du wohlgemuter, rotbäckiger Stadtpfarrer, mit dem Rudel deiner Buben. Man mußte eurer Schar eigens das Stadttor öffnen; in waidmännischer Ausrüstung unternahmt ihr eure oft tagelang dauernden Ausflüge, deren etwas phantastischer Reflex wir in den Jagdgeschichten des Schweizeri- 337 scheu Robinson wiederfinden. Diese Erinnerung tat mir wohl, als ich Moderner in den Morgenglanz der lachenden Sommerlandschaft Hinausschritt, und ich empfahl mich dem guten Genius dieses freundlichen Alten. Köstlich ist auf einer solchen Wanderung hauptsächlich das Gefühl, in jedem Augenblick Herr seiner Entschließungen zu sein. Kehre ich in jenem Wirtshäuschen ein, oder gehe ich tapfer vorbei? Lege ich mich ein bißchen ins Gras? Nehme ich die Landkarte hervor? Betrachte ich die Gegend mit dem Feldstecher? Andere ich plötzlich die Marschroute? Bleibe ich zwei, drei Tage da liegen, wo mir's gefällt? Es ist himmlisch, so unabhängig zu sein von jeglichen: rücksichtslosen Vehikel, das uns fortschleppt, unabhängig von einem bezahlten Billet, das man natürlich absitzen muß. Und nun die kleinen persönlichen Abenteuer, so manches Zwiegespräch mit großen und kleinen Leuten auf der Straße, der intimere Verkehr mit den Wirtsleuten, die dem Fußgänger einen kleineren Beutel, aber ein größeres Herz zutrauen. In irgendeinen: Dorfe holte die Wirtin alsobald eine Depesche hervor, die sie vor einigen Stunden bekommen hatte. Ob ich wisse, wo das in der Welt liege, dieses Anvers? Ein Bekannter, der aus Amerika zurückgekehrt sei, habe ihr telegraphiert, sie möchte auf telegraphischem Wege sechzig Franken dorthin schicken als Geld zur Heimreise. Nun wisse niemand im Dorfe, wo dieses Anvers liege. Der Herr oben in dem schönen Schlosse unterm Wald sei verreist; der hätte es sonst wohl gewußt. Der Schulmeister habe in seinen: Atlas nachgesehen die Karten aller Weltteile und kein Anvers gefunden; drüben über der Straße wohne Einer, der auch schon in Amerika gewesen, aber auch der wisse nicht, wo Anvers liege. Der Mann glaube, es sei im Waadtlande, und in diesen: Falle wären sechzig Franken doch wohl eine zu große Summe für die Heimreise. Das alles brachte die Frau so gemütlich vor, und ich fühlte mich recht glücklich, ihr dienen zu können mit der Auskunft, Anvers sei nur der „wälsche" Name für Antwerpen, worauf ihr dann die ganze Sachlage bedeutend klarer wurde. Man soll oft einkehren als Fußreisender, wäre es auch nur, um sich ein bißchen zu unterhalten; man läßt sich eine Kleinigkeit geben, eii: Gläschen Wermut z. B., und zahlt damit gleichsam das Eintrittsgeld zu einer kleinen Theatervorstellung, in der man selbst Akteur ist. 338 141. Ueber den Limplon. I. V. Widmann. Nördlich von dem freundlichen Brig, hoch oben in den Bergen und scheinbar an den schwindelerregenden Abgrund hinaus- gebaut, blickt auf den Wanderer ein Gasthof herab. Es ist Belle Alpe, berühmt durch die herrliche Aussicht und durch die Nähe des ungeheuren Aletschgletschers, über den man von hier nach dem Eggischhorn gelangt. Sehnsüchtig blickte ich dort hinauf, aber es sollte mir nicht bestimmt sein, hinzugelangen. Denn graue Wolkenmassen trieben von der Furta herunter durchs Rhonetal und verfinsterten den ganzen nördlichen Bergesgrat so sehr, daß man sich leicht vorstellen tonnte, wie die Gäste von Belle Alpe jetzt im dichtesten Nebel steckten. Inzwischen schaute vom Süden über den Simplon mit immer gleicher Treue ein großes, blaues Auge herüber und schien zu sprechen: „Was säumst du so lange? Du bist ja doch in mich verliebt; so komm doch! Du weißt ja, mir kannst du trauen." Und gleichwohl ließ ich mich eines Morgens um fünf Uhr wecken mit dem bestimmten Gedanken, heute nach Belle Alpe hinaufzugehen. Eine Stunde später — stieg ich die Simplonstraße empor, und das große, blaue Auge lachte schelmisch, während hinter mir die nördliche Bergkette neuerdings sich in Nebel einhüllte. Ja, Jtalia! du hast für mich deine Zauberkraft noch immer nicht verloren, und leichter bin ich auf meiner ganzen Reise noch nicht dahingeschritten — trotz des schweren Tornisters — als auf Napoleons berühmter Straße. Der Paß ist auf der Walliser Seite nirgends außerordentlich schön, aber fast überall malerisch. Tiefe Schluchten, dunkelgrüne Waldgebirge, Wasserfälle — das ist der Charakter bis in jene Höhe, wo die Tannen aufhören und die Alpenrosen beginnen, die auf der Hochebene des Passes weite Flächen bedecken. Im Hospiz bei den Mönchen — einer Filiale der Bernhardiner — kehrte ich einen Augenblick aus bloßer Neugierde ein; ein blutjunger Priester bediente mich. Außer der prächtigen Fassade des großen Gebäudes und außer einem Bilde Napoleons ist mir indessen hier nichts besonders bemerkenswert vorgekommen. Auch das Hinuntersteigen nach dem Dorfe Simpeln ist ohne Reiz. Ich übernachtete im Hotel Fletschhorn; die Kälte war hier sehr groß — es ging ein häßlicher Sturmwind bei Hellem Himmel — 339 daß mir trotz dem Kaminfeuer die Gedanken einsroren und ich zu einer Abendstunde das Bett aufsuchte, wo in der Ebene manchmal selbst Hühner noch munter sind. Zu meinen schönsten Reiseerinnerungen zähle ich das Hinabsteigen vom Simplonpasse. Ich will nicht von den kunstvollen Galerien auf der Südseite des Berges reden, nicht von allen den Wasserfallen rechts und links, obschon einer dabei ist, der sanft und breit wie ein riesiges Silberband über die Fluh hinabgleitet und unten an dem Felsen eine natürliche Badewanne füllt — wovon ich aber sprechen will, das ist die immer üppiger sich vordrängende Vegetation, die mehr und mehr der Landschaft zu dem alpinen Charakter die Reize südlicher Zonen verleiht. Schon stehen Nutzbäume, reiche Ernte verheißend, mitten in den Tannen, jetzt aber auch zahme Kastanienbäume, die bald zu ganzen Gehölzen und Wäldern sich verdichten. Und ein balsamischer Duft weht mir entgegen. Der Wein blüht; denn bereits gedeihen hier Reben, und auch im Grün der Wiesen treten üppige Formen hervor, die uns ein neues, schöneres Land verkünden. Es braucht dort den granitnen Grenzstein nicht; tausend duftende Kelche haben es verkündet, daß wir in Italien sind. In Jselle stehen ein paar artige Zollwächter; ich brauche den Sack nicht von der Schulter zu nehmen; sie sehen mir's an, daß ich nicht Schmuggels wegen diese Wanderung mache. Ich nehme ihn aber doch von der Schulter; denn hier ist ein gemütliches Wirtshaus. Nach einer kräftigen Mahlzeit war das Wandern wieder eine rechte Lust. Und nun vermehrte jeder Schritt das Vergnügen. Das enge Tal war zu Ende. Größere Täler, immer noch von ungeheuren Bergen eingeschlossen, dehnten sich, besonders zur Linken, aus, oder vielmehr es türmten sich in solchen Tälern die Hügel allmählich terrassenförmig bis an die Spitzen der Berge hinan. Und in den Kastanienwäldern oder darüber lagen die blendendweißen Gehöfte und Dörfer und Kirchen mit hohen Kampanilen und Klöster. Als ich dann vollends, eine Stunde vor Domo d'Ossola, ins große Haupttal der Tosa eintrat, die hier schiffbar wird — die Schiffe gehen durch den Lago Maggiore und Kanäle bis Mailand hinab —, als die zahllosen waldigen Hügel Piemonts, alle mit weißen Dörfern und Villen besät, sich dem erstaunten Blick darstellten, dazu die unendlichen fruchtbaren Maisfelder Ll» der Ebene, die Weingeländegitter zu beiden Seiten des Weges, als Marmorbrüche an den Berghängen sich zeigten, Kastelle auf den schönsten Hügeln, — da war wieder einer der Augenblicke geiommen, die eben diesen schönen Ausdruck, nach dem die deutsche Sprache das Leben einteilt, im höchsten Grade rechtfertigen: es war ein Augenblick! Diese Ausgangspforte des Simplonpasses allein macht diesen Patz zu einem der wertvollsten. Domo d'Ossola könnte man etwa mit „Eschenhausen" verdeutschen, und wenn man spräche: „Ich bin von Brig über Simpeln nach Eschenhausen gegangen," so klänge das allerdings weniger sonor als die entsprechenden italienischen Namen. Hier bezeichnet man die kleine Stadt kurzweg als Domo. Sie hat militärische Besatzung, Alpenjäger. Prächtig sehen sie aus, wenn so ein paar von einer Streiftour zurückkommen; das Maultier, das die Last tragen mutzte, geht in der Mitte; vorn und hinterdrein marschieren die schlanken Burschen; auffallend sind die übermätzig langen Gewehre, die sie führen. Das „Hotel d'Espagne", wo ich wohnte, liegt an einem Hauptplatze; hier spielt am Abend die Regimentsmusik, hier bewegen sich Gruppen von Spaziergängern, kurz, alle Bewohner der kleinen Stadt haben hier ihren Korso. In den Markthallen, unfern vom Gasthof, trifft man auf den für italienisches Stratzen- leben so charakteristischen „fliegenden" Buchhändler, der hier im Freien, d. h. immerhin unter der schützenden Halle, seine Literatur ausbreitet, während dicht daneben Liebesäpfel, Melonen, Feigen usw. verkauft werden und noch auf derselben Seite ein Schuhmachermeister sein pechschwarzes Handwerk betreibt. In diesen italienischen Easthöfen ist immer unten, zu ebener Erde, oder höchstens drei bis vier Stufen über dem Stratzen- pflaster, aber im innern Hofe, die eigentlich angenehme Gaststube, ein mätzig grotzes Gemach, dessen Fenster in der Höhe angebracht sind. Der Boden derselben ist mit pompejanisch roten Backsteinen belegt; der Hausrat stammt meist aus frühern Jahrhunderten, und so hat man in diesen Zimmern auf ganz ungekünstelte Weise das, was man in Deutschland dermalen in Altertumssucht erstrebt durch Errichtung mittelalterlicher Weinstuben. In solchen Gaststuben Italiens sieht es heut noch aus wie vor zweihundert Jahren; datz diese nicht tapeziert, sondern bemalt sind und ihr altes Kamin haben, braucht nicht erst gesagt zu werden. In Domo war es, obschon der Himmel sich allmählich dicht bewölkt hatte und trotz der Nähe der hohen Berge, so warm, daß erst lang nach Sonnenuntergang die Leute recht dazu kamen, sich zu erholen. Da spielte, wie gesagt, die Musik der Alpenjäger; dazu tanzten auf dem Trottoir junge Mädchen und Kinder in sittsamer Weise. Die Kinder hatten vorerst feierlich ausgemacht, daß jedes einen Blumennamen zu tragen habe, und nun engagierten sie einander unter diesem Namen und zwar in längern Sähen, so daß sie mit artiger Verbeugung einander fragten: „Will die Nose mit dem Veilchen tanzen?" Ich sehe diesen Kinderspielen besonders gern zu. An einer Straßenecke spielten einige Knaben in ganz eigentümlicher Art. Sie faßten sich an den Händen, gingen im Kreise umher und sangen zu einer angenehmen Melodie ungefähr folgende Worte: «Ob! guauto luvoro! non si trova I'oro!» von der Basis bis zur Schulter hinauf nichts anderes als ein Trümmerhaufen, beispiellos verwittert und zerklüftet. Während mehrerer Stunden ist es nicht möglich, zehn Schritte zu tun, ohne eine Menge loser Steine zu berühren, und da der ganze riesige Abhang äußerst steil ist, so verändern die zahllosen großen und kleinen Blöcke nur allzugern ihren Standpunkt. — Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Allgen, ich begriff nun sehr gut, warum die andern so sehr geeilt. Solches geschah nicht nur aus Ehrgeiz, sondern mehr noch aus edlem Selbsterhaltungstrieb; denn selbstverständlich sind, wenn mehrere Partien denselben Weg machen, die untenstehenden am meisten gefährdet, und gleich wie die berühmtesten Naturforscher haben auch die Bergführer die wichtige Entdeckung gemacht, daß alle losgelösten Steine nicht hinauf-, sondern Hinunterrollen. Damit ist auch der Charakter des Aufstieges genau gezeichnet: eine stundenlange Kletterei über steile, zerbrochene Felsen unter fortwährend angestrengter Aufmerksamkeit. Die Führer drücken dies 34Ü gewöhnlich anders aus; wenn jemand sie nach dem Matterhorn fragt, sagen sie: „Nit so bös; nur aufpassen mutz man!" Das ist's: aufpassen muß man bei jedem Schritt, ganz besonders auch aus Rücksicht für diejenigen, welche nachfolgen. Wir waren schon hoch oben im Horn, als der Tag anbrach, und als die Sonne aufging, sahen und gewahrten wir ein merkwürdiges Schauspiel. Jede Gesellschaft machte Halt, wo sie eben stand; an der schroffen Felswand, je in Kirchturmhöhe über- einanderstehend, drehten sich alle gen Nordosten um; denn dort drüben erglänzten die hohen Zinnen der Mischabelhörner in goldigem Licht. Doch rasteten wir alle nicht lange, sondern strebten so rasch als möglich der berühmten Achsel zu. Hier änderte sich der Charakter des Aufstiegs völlig; frischer Schnee und glattes Eis reichen über die Schulter herab; daraus guckt das erste Seil hervor. Diese kurze Schneepassage ist bald überwunden, wenn alte Stufen nur wenig ausgebessert werden müssen. Nun aber allen Respekt vor dem Matterhorn! Die nicht gar lange Strecke über die Schulter bis zur Basis des eigentlichen Gipfels, der als trotziger, überhängender Turm scheinbar noch schrecklich hoch emporragt, ist ohne Zweifel die interessanteste Stelle auf der Nordseite des Berges. Auf dem schmalen, stellenweise nicht fußbreiten, sägeartigen Grat liegt pulveriger Schnee, darunter blankes Eis, und der Blick in die Tiefe ist grauenerregend. Mit Recht sagt man, der Niederblick vorn Rottalsattel ins Lauterbrunnental sei schauerlich; allein hier am Matterhorn ist's noch „ganz anders". Fast senkrecht geht's hinab in die schwarzen, zerklüfteten Felsen, und da drunten in grausiger Tiefe liegt der Matterhorngletscher mit seinen häßlichen Schründen. Alte, vielgewanderte Bergsteiger versichern übereinstimmend, daß sie kaum einen andern Punkt kennen, der eine solche Aussicht, d. h. so wild, so packend, gewähre. Zwei von unsern Gesellschaften mit zusammen sieben Mann hatten schon hier genug und kehrten um; wir andern schritten — hier nun alle fein säuberlich und ohne Hast — hinüber zum Turm, der jetzt im Sonnenlicht erschien, wie mit fenerfarbenem Mantel angetan. Derselbe besteht nun wirklich aus festem, solidem Felsen; doch ist die Seite, wo man ihn jetzt anpackt, so steil, daß man beim ersten Anblick denkt: da kommt weder Katze noch Mensch hinauf ohne künstliche Hilfsmittel. Drum hängen denn 346 auch starke Seile und Ketten herunter, und es beginnt jene famose Seiltänzerei, die weniger für die Matterhornfahrer selbst als vielmehr für die kritischen Beobachter und Teleskophelden drunten in Zermatt und auf der Riffelalp den „Hauptspatz" des Tages bildet. Ich gestehe, datz mir dieselbe in Gesellschaft einer zahlreichen „suite" nur wenig behagt. Man zieht zwar unten vorerst kräftiglich an den Seilen, um ihre Festigkeit zu prüfen, und mehr als ein Mann soll bekanntlich aufs Mal nicht dran hängen —; aber Stufen und Felszacken sind doch besser! Item, wir turnten uns fröhlich nach oben, wobei Stellung und Bewegung einzelner „Passagiere" sich durch eine ganz unnachahmliche Komik auszeichneten, die freilich erst später als solche recht erheiternd zu wirken vermag. Um halbzehn Uhr standen wir auf der Spitze. Ein ziemlich langer, aber schmaler und scharfer Grat führt von dem etwas Hähern schweizerischen zum italienischen Gipfel hinüber; der Niederblick nach den entsetzlichen Abgründen des Südabhanges spottet jeglicher Beschreibung. — Da drüben waren, von Breuil herkommend, auch ein paar Gestalten aufgetaucht, und unter ihnen erkannte ich den ausgezeichneten Klimmer Danielo Maquignaz von Valtournanche, den wir vor drei Jahren krank in Bezingi im Kaukasus getroffen hatten. Seither hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Er hatte mich ebenfalls gleich erkannt; das Wiedersehen war höchst erbaulich. Ein Händeschütteln war unmöglich; wir riefen uns gegenseitig zu: «8alut, salut!» bien?»«1oujour8!« — Doch schon nach wenigen Minuten waren die meisten Gestalten von den beiden Gipfeln verschwunden. Wo sind sie hin? Nach ein paar Augenblicken sieht man keinen mehr; die überhängende Wand verschlingt sie. Dieses Schauspiel gehört zum Packendsten der ganzen Fahrt; eine Weile noch zucken die Seile hin und her, knirschen die eisernen Ketten; man sieht niemand; doch weitz man: da hängen ein paar Menschenleben daran. Jetzt waren wir völlig allein; der Monte Cervino gehörte uns. Der Champagner war gut, das Wetter tadellos, klar und windstill. Volle fünf Viertelstunden weilten wir da oben und genossen eine Aussicht, die nach dem Urteil der kompetentesten Richter an Großartigkeit ihresgleichen in den Alpen kaum wiederfindet. Es fällt mir nicht ein, dieselbe hier schildern zu wollen; nur eine ganz flüchtige Skizze möchte ich wagen. Im Süden 347 lag Oberilalien in bläulichem Dust zu unsern Füßen; fern im Westen stieg die weihe, majestätische Gestalt des Mont Blanc mit ihrem Gefolge empor. Näher ragten in riesigem Halbkreis die Zinnen der Walliser Alpen zum blauen Ather auf, mitten drin eine Perle der Alpen, die wundervolle Pyramide des Weihhorns. Voni Grand Combin zum Monte Rosa — ha, welche Tafelrunde! — Durch die tiefe Lücke des Vispertales glühten von Norden die Gipfel der Berneralpen herüber, und gen Osten schweifte der Blick über Bernina und Ortlergruppe weit ins Tirol hinein. Und was an sonnigen Tälern und finstern Schluchten, an grünen Triften und Eletscherwüsten alles dazwischen liegt, das muh man eben selber sehen; das Matterhorn bietet mehr als man sagen kann. — Auf Wiedersehn! Die Nacht brach herein, als wir neben dem schwarzen See vorüberschritten. Noch einmal wandten wir uns um und schauten mit allerlei seltsamen Empfindungen auf zum Matterhorn, dessen schwarze Riesengestalt mit jedem Augenblick zu wachsen schien Der jüngere Anderegg, der heute auch zum erstenmal oben war, sagte zu mir: „Fast unglaublich, dah wir dort gewesen". Auch mir war's wie ein phantastischer Traum; das tat das Seltsame, Unvergleichliche in der Form des Berges. 143. Brockenreise. Heinrich Heine. Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen wie Gespenster beim dritten Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte die schöne Sonne, immer neue Schönheiten beleuchtend. Der Geist des Gebirges begünstigte mich ganz offenbar und lieh mich diesen Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewih nicht jeder sah. Morgentau feuchtete meine Wangen; die rauschenden Tannen verstanden mich; ihre Zweige taten sich voneinander, bewegten sich hinauf und herab gleich stummen Menschen, die mit den Händen ihre Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll wie Glockengeläute einer verlorenen Waldkirche. Man sagt, das seien Herdenglöckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind. Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde stieh, und der Hirt, ein freundlich blonder, 318 junger Mensch, sagte mir, der große Berg, an dessen Fuß ich stände, sei der alte, weltberühmte Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug, daß mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir sehten uns nieder zu einer Mahlzeit, die aus Käse und Brot bestand; die Schäfchen erhäschten die Krumen; die lieben, blanken Kühlein sprangen nur uns herum, klingelten schelmisch mit ihren Elöckchen und lachten uns an mit ihren großen, vergnügten Augen. Wir tafelten recht königlich, nahmen darauf recht freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich in jeder Hinsicht Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersät, und die meisten dieser Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da liegen Steine, gleichsam ein Tor bildend, übereinander, und oben drauf stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so daß sie in der freien Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu einer gewaltigen Höhe emporgeschwungen und mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen, und unter denselben spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran finden, es zu hetzen und zu töten. Allerliebst schössen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch mit den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem Treiben hinabbeugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen 34 !» Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Wasserfalle. Da läßt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar; die Vogel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute; die Bäume flüstern wie mit tausend Zungen; wie mit tausend Augen schauen uns an die vielen Bergblumen; sie strecken nach uns aus die wundersamen, breiten, drollig gezackten Blätter; spielend flimmern hin und her die lustigen Sonnenstrahlen; die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne Märchen. Es ist alles wie verzaubert; es wird heimlicher und heimlicher. Ze höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werben die Tannen. Sie scheinen immer mehr und mehr zusammenzuschrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rotbeersträucher und Bergkrüuter übrig bleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Grütze. Das mögen wohl die Spielbälle sein, die sich die bösen Geister zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Heren auf Besenstielen und Mistgabeln einhergeritten kommen. In der Tat, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann man sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksberggeschichten zu denken. Es ist ein äutzerst erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus Zu Gesicht bekam. 144. Die Burgruine. Nach I. W. Goethe. Der Weg vom neuen Schlosse führte zuerst durch eine heitere Wiesenflur ani Flutze hinan. Dann ging es durch wohlbesorgte Fruchtfelder sachte aufwärts, bis uns zuerst ein Busch und sodann ein Wäldchen aufnahm, das uns mit den anmutigsten Stellen erquickte. Wir traten in ein freundliches, aufwärts leitendes Wiesental, welches von einer starken Quelle, die oberwärts entsprang, gewässert wurde; es war erst vor kurzem zürn zweitenmal gemäht und sammetähnlich anzusehen. Nach einem lebhaften Stiege traten wir aus der umgebenden Waldung auf einen höheren, freieren Standpunkt und sahen die alte Burg, das Ziel unserer Fahrt, noch in bedeutender Entfernung über neue Baumgruppen wie einen Fels- und Waldgipfel hervorragen. Rückwärts aber erblickten wir links durch zufällige Lücken der hohen Bäume das 350 neue Schloß mit seinen Flügeln, Kuppeln und Türmen, wie es von der klarsten Morgensonne beleuchtet wurde, ferner den höheren, schönsten Teil der Stadt, über welche ein leichter, duftiger Rauch ausgebreitet lag; rechts sahen wir den Fluß in einigen glänzenden Krümmungen mit seinen Wiesen und Mühlen, und gegenüber dehnte sich eine nahrhafte Gegend aus. Nachdem wir uns an dem Anblicke ersättigt hatten oder vielmehr durch seine Reize erst recht verlangend geworden waren, eine noch weitere, weniger beschränkte Aussicht zu gewinnen, stiegen wir eine steinige, breite Fläche hinan, indem uns die mächtige Ruine als ein grüngekrönter Gipfel fortwährend entgegenstand. Am Fuße der Höhe standen nur einige wenige alte Bäume; aber desto mehr Felsen türmten sich empor; dazwischen lagen herabgestürzte Trümmer der Burg unregelmäßig übereinander. Durch einen Hohlweg gelangten wir zu den äußeren Ringmauern und dann zu der eigentlichen Burg. Auf einem mächtigen Felsrücken, dem festesten des ganzen Gebirges, stand der alte Torturm; das Mauerwerk war dergestalt mit dem Felsen zusammengemauert, daß man nicht unterscheiden konnte, wo die Natur aufhöre und Kunst und Handwerk anfange. Rechts und links sah man in schaudervolle Abgründe, aus denen scharfe Felsspitzen entgegendrohten; an den Turm aber schlössen sich nach beiden Seiten Mauern und Zwinger an, die sich terrassenförmig hinab erstreckten. Doch es sind eigentlich keine Mauerwerke mehr, die diesen uralten Gipfel umgeben; es ist eine neue Schöpfung der Natur, ein wipselreicher Wald. Seit hundert und fünfzig Jahren hat keine Art hier geklungen; überall sind die mächtigsten Stämme emporgewachsen. Der glatte Ahorn, die rauhe Eiche, die schlanke Fichte stellen sich mit Schaft und Wurzeln entgegen. Sie haben sich mit dem Gemäuer verschlungen und mit starken Asten durch die Lücken hindurchgedrängt, und so erblickt man die alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der lebendig fortwirkenden Natur im ernstesten Streite. Der Eingang durch den Torturm ist größtenteils verschüttet; mit Mühe hat man an der Seite eine enge Öffnung ausgesprengt. Durch diese wanden wir uns hindurch und traten auf den Schloßhof. Er besteht in einem flachen Felsgipfel, der von der Natur selber geglättet ist. Dennoch haben auch hier mächtige Bäume hin und wieder Wurzel gefaßt; sie sind sachte, aber entschieden auf- 351 gewachsen und erstrecken nun ihre Aste bis in die Galerien hinein, auf denen sonst der Ritter auf und ab schritt; selbst durch Türen und Fenster bis in die gewölbten Säle hinein sind sie gedrungen und Herr davon geworden. Am wundersamsten aber wirkt ein Ahornbaum, welcher auf den Stufen, die in den Hauptturm hineinführen, Wurzel geschlagen und sich zu einem so tüchtigen Baum gebildet hat, daß wir nur mit Not daran vorbeidringen konnten, um die Zinne der Burg zu besteigen. Dort nun standen wir und genossen die unbegrenzte Aussicht. Das neue Schloß leuchtete stattlich von ferne herauf; die Stadt lag in ihrer völligen Ausdehnung vor uns, so daß wir durch das Fernrohr die Buden auf dem Markte unterscheiden konnten. Den Fluh schauten wir hinauf und hinab, diesseits das bergartige, terrassenweise unterbrochene, jenseits das aufgleitende flache und in mäßigen Hügeln abwechselnde fruchtbare Land, Ortschaften unzählige und in weiter Ferne Gebirgszüge, die mit dem blauen Himmel verschwommen. Über der großen Weite lag eine heitere Stille; denn es war die Mittagsstunde eines klaren Sommertages, wo die Natur gleichsam den Atem anzuhalten scheint. 145. Die Landsgemeinde von Appenzell-Autzerrhoden. Eberhard. Das Ehrenfest des Appenzellers ist die Landsgemeinde. Je am letzten Sonntag im April versammeln sich, das eine Jahr in Trogen, das andere in Hundwil, sämtliche ehrbare Männer vom zwanzigsten Altersjahre an, um an der Wahl der Obrigkeit und an der Beratung neuer Landesgesetze teilzunehmen. Am Sonntag vorher wird nach der Predigt von allen Kanzeln herab die Einladung dazu verlesen. In derselben heißt es: „Alle Männer haben in anständiger Kleidung und mit einem Seitengewehr versehen zu erscheinen." Der freie Mann muß stets bereit sein, für das edle Gut der Freiheit die Waffen zu ergreifen. Darum erscheint der Appenzeller an seinem Ehrentage nach alter Sitte mit dem Degen an der Seite. Die Waffen fürs Vaterland zu tragen, gilt für eine Ehre, nicht für eine Last. Ehrlose dürfen sich also nicht mit dem Abzeichen des freien Mannes schmücken. Schon vom frühen Morgen an verkünden Freudenschüsse, Trommelschall und Gesang den festlichen Tag. Alles Volk strömt 352 jubelnd dem Versammlungsorte zu. Vorerst wohnt die Obrigkeit in schwarzer Kleidung'dem Festgottesdienste bei. Hernach füllt sich der Landsgemeindeplatz allmählich mit den Ankommenden. Die Fenster der benachbarten Häuser sind mit Frauen und Mädchen bunt besetzt. Gegen 11 Uhr umschreiten Trommler und Pfeifer, halb weist, halb schwarz gekleidet, mit silbernen Schildchen auf der Brust geschmückt, dreimal deu Landsgemeindeplah. Die seltsame, alte Marschweise, die sie spieleu, ruft zum Beginn der Verhandlung. Schlag 11 Uhr ziehen die Beamten paarweise unter dem Schall der Feldmusik vom Rathause auf den Eemeindeplah. Sie betreten zwei für sie bestimmte Bühnen. Auf der vordern, dem sogenannten Stuhl, steht der Landammann in schwarzem Frack, einen dreieckigen, aufgeschlagenen Hut auf dem Kopfe, den Degen au der Seite, neben ihm der Landschreiber und der Landweibel. Nachdem das Geläute der Glocken verklungen, eröffnet der Landammann die Versammlung mit einer kurzen Rede und ladet hernach alle ein, in stillem Gebet den Segen von oben für diese Stunde zu erflehen. Alle entblöhen ehrerbietig das Haupt, und ein feierliches Schweigen ruht auf der Versammlung. Nun werden die Geschäfte behandelt. Die verschiedenen obrigkeitlichen Ämter werden neu bestimmt, indem die Landleute zuerst die ihnen passend scheinenden Männer vorschlagen. Sind mehrere genannt worden, so must das „Mehr" entscheiden. Der Landweibel ruft: „Wem's wohlg'fallt, dast Herr .... us ... . fürs hürig Johr regierender Landammann sig, der heb si Hand uf!" Derjenige, für den sich am meisten Hände erheben, ist der Gewählte. Er wird alsbald in Begleitung zweier Pfeifer und zweier Hellebardiere auf den Stuhl geführt. Nachdem alle Geschäfte beendigt sind, wird den versammelten Männern ein feierlicher Eid abgenommen: mit erhobenen Schwur- fingern geloben sie bei Gott, die Gesetze ihres Landes treulich zu halten. Unter fröhlichem Gesang verlässt die Menge rasch den Platz, und bald pilgern die Laudsleute nach allen Seiten wieder aus dem Flecken hinaus, ihren grünen Bergen zueilend. Auch des Ärmsten Brust wird freudig gehoben durch den Gedanken, Bürger eines freien Vaterlandes zu sein. 353 146. Der Luftschiffer über dem Vierwaldstätterfee. Ernst Arnold. Den tiefen Eindruck, den das plötzliche Erscheinen Zeppelins im Flugschiffe über der Luzerner Seeterrasse aus die dort weilenden Kurgäste machte, schildert einer von diesen selbst, wie folgt: Allen, denen es vergönnt war, vom Luzerner Seeufer den Flug des Zeppelinischen Ballons über den Vierwaldstätter- see zu erleben, mich dieses Schauspiel inmitten des herrlichen Alpen- und Seepanoramas unvergeßlich bleiben. Um halb ein Uhr mittags scheuchte ein dicht über den Hoteldächern summendes und surrendes Ballonungetüm die Table d'hote-Eäste von ihren Tischen auf. Man eilte an das nahe Seeufer. Da manövrierte der Ballon bereits weit draußen über dem See, senkte sich plötzlich, und es schien, als wollte er sich auf den See herablassen. Blitzschnell erhob er sich jedoch wieder zu seiner früheren Flughöhe von ungefähr hundert Metern und eilte dem „Teufelstrichter" zu, der Stelle, wo sich die vier Buchten des Vierwald- stättersees vereinigen. Hier hatte es den Anschein, als ob die Lenker des Luftschiffes einen Augenblick zögerten; der Ballon flog im Zickzack; dann bog er mit einer jähen Wendung in die Bucht von Küßnacht ein. Das bewundernswürdige Gehorchen der Steuerung löste unter den Zuschauern begeisterte Rufe aus. Der pfeilgeschwinde, sichere und ruhige Lauf des Ballons, der jetzt aus der Ferne einer fliegenden Riesenschkange glich, steigerte die Begeisterung. Da war die Flugmaschine auch schon hinter den Hügeln in der Richtung nach dem Zugersee verschwunden. Genau fünfzehn Minuten hatte das grandiose Schauspiel gedauert. Aufgeregt nahmen die Kurgäste, Deutsche, Franzosen, Engländer und Amerikaner, an der Wirtstafel wieder Platz. Sie hatten völlig unerwartet — zwischen Suppe und Fisch — einen weltgeschichtlichen Augenblick erlebt: die erste große Fahrt des lenkbaren Luftschiffes. Jäh war das Wunderschiff gekommen und jäh verschwunden; aber ein geflügeltes Wort hat die Flugmaschine am Vierwald- stättersee hinterlassen: „Zeppelin gesehen?" Auf der Pilatus- spitze, auf Rigi-Kulm und in Teils hohler Gasse empfangen einen der Wirt und der Kellner mit begeisterten,: „Zeppelin gesehen?" In Flüelen nimmt der Schiffskvntrolleur die Fahrscheine mit den neugierigen Worten: „Zeppelin gesehen?" ab, und in Altdorf 23 354 knipst der Schaffner der elektrischen Bahn das Billet mit einem freudigen „Zeppelin gesehen?" 147. Eine Nacht in Aegypten. Mar Eyth. Als gegen den Abend die Sonne hinter den Bergen der nahen Wüste untersank, freute ich mich herzlich auf eine vernünftige Ruhe in meinem „Haus", das ich aber noch nicht gesehen hatte.' Ich war ziemlich müde und folgte erwartungsvoll etlichen sechs dienstbaren Geistern, die meine sieben Sachen davon- schleppten. Wir erreichten das „Haus". Von außen, obgleich nur aus sonnegebranntem Nilschlamm erbaut, sah es in der Dämmerung nicht so übel aus. Die eine Hälfte, zur Schreibstube eingerichtet, war verschlossen; die andere, die mir dienen sollte, war ein ziemlich großes viereckiges Gemach, mit dem nackten Boden aus Nilschlamm, vier nackten Wänden, ungetüncht, gleichfalls aus Nilschlamm. Allerdings war dieser Raum ausgekehrt, aber absolut leer. Mit Entrüstung, die von meiner Müdigkeit gesteigert wurde, wandte ich mich an den Nasir, der das Ganze mit sichtlichem Wohlgefallen betrachtete, und verlangte heftig irgend etwas, um darauf zu sitzen, zu stehen oder zu liegen. Besänftigend berührte der gute Mann meinen Arm, und vier der braunen Kerls verschwanden. Mein Turkoman fing an auszupacken und machte Licht, um die trostlose Einsamkeit zu beleuchten. Mittlerweile kamen die Araber zurück und schleppten zu meinen: Erstaunen den Flügel eines alten Hoftors, einen halben Spitzbogen bildend, zur Türe herein, worauf sie sich abermals entfernten und vier Wurzelstumpen verstorbener Palmbüume stöhnend herbeibrachten. Die Stumpen wurden unter das horizontale Tor gestellt, über dasselbe eine Schilfmatte gebreitet, und abermals sah mich der naive Araber mit strahlenden Augen an und suchte darin nach den äußeren Zeichen meines Entzückens, aber umsonst. Darauf, mit einiger Mühe, schob ich die beträchtliche Anzahl meiner Beobachter und hilfeleistenden Geister zur Türe hinaus und begann Tee zu machen. Mein Turkoman, der etwas kochen kann, schlug am Nilufer Eier ein, und meine Stimmung hob sich rasch mit dem Verschwinden des Tees. Nachdem ich mich über- 355 zeugt, das; die Haustüre nur von außen zu schließen war, und daß von der Befestigung eines Moskitovorhangs keine Rede sein könne, richtete ich mich mit meinem Bett so bequem als möglich ein und begann, mit schauderndem Behagen eine jener meisterhaften Schilderungen von fröstelnden Novemberabenden in London zu lesen, wie sie nur mein gegenwärtiger Freund und Liebling Dickens zu geben vermag. Es war eine förmlich gespenstige Nacht. Nichts unterbrach die Stille, als das Murmeln des Nils, das leise Rauschen der Sykomoren in der noch schwülen Nachtluft und das laute Quaken von tausend Fröschen in einiger Entfernung. Dann kam eine schwarze Spinne schwebend von der Decke und gaukelte um mein Licht. Dann stürzten vier dickleibige Nachtschmetterlinge mit Ee- schwirre auf mein Buch, liebend oder mordend. Dann kamen große schwarze Käfer und kleine braune. Dann wollte eine dünne, schwarze Katze zum Fenster herein; und als ich nach der offenen Türe sah, stand dort eine lautlose, weiße Gestalt, mit dunkeln, glühenden Augen mich betrachtend, — einer der Wüsten- hunde, der mich in seinem Revier begrüßte. Der Kerl freute mich. Ich richtete mich auf, um ihm ein Stück Brot zuzuwerfen. Aber, o Schrecken! — tausend und abertausend Ameisen lustwandelten emsig über die Restchen meines Tees, über meine Matte, über mein Bett, — und tausend und abertausend andere quollen noch immer aus einem der Baumstumpen hervor, auf denen meine ganze Existenz beruhte. Habt ihr genug? Ich hatte es, und zum Schlafen kam ich nicht viel in jener ersten Nacht. Aber man lernt alles, namentlich in Ägypten. 148. Die beiden Pflnger und ihre Kinder. Gottfried Keller. An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohlbebauk, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Acker weithingestreckt gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. 356 An einem sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Acker und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit langen Jahren brach und wüst zu liegen; denn er war mit Steinen und hohem Unkraut bedeckt, und eine Welt von geflügelten Tierchen summte ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, wohlhabenden Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starken, Zwillich, an dem jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten, so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung, indessen die roohlrasierten Gesichter ruhig und aufnierksam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche bemaßen oder auch wohl zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die Stille des Landes unterbrach. Langsam setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts, und keiner sprach ein Wort, außer wenu er etwa dem Knechte, der die stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie einander vollkommen in einiger Entfernung, und man hätte sie auf den ersten Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den Zipfel seiner weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hangen hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug den,, welcher gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über, während sie bei dem anderen, der den Wind im Rücken hatte, sich nach vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo die schimmernden Mützen aufrecht in die Luft schwankten und wie zwei weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten beide ruhevoll, und es war schön anzusehen in der stillen, goldenen Septembergegend, wenn sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam, und sich mählich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte 357 mit lässigem Schwünge, was aber mir selten geschah, da derselbe schon fast mit allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von dem Dorfe her ein kleines, artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das war ein grün bemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich den Vormittagsimbiß heranführen. Für jeden Teil lag ein schönes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch irgendein Zu- tätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt allerlei seltsam gestaltete, angebissene Apfel und Birnen, welche die Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem Bein und einem verschmierten Gesicht, welche wie ein Fräulein zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fünfen, beide gesund und munter, und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen die Pflüge in der halbvollendeten Furche stehen, während sie als gute Nachbarn sich zu dein gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da zuerst begrüßten; denn bisher hatten sie sich noch nicht gesprochen an diesem Tage. Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen und mit zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städtchen räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein weithin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen, welches lachend an ihren Bergen hinschwebte. 3,">8 Nach beendeter Mahlzeit erhoben sich die Bauern, den Nest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan entworfen hatten, mit den Vatern nach Hause zu ziehen, zogen ihr Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf einen Streifzug in dein wilden Acker, da derselbe mit seinen Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwürdige Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen begann seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders, nachdem sie noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen, roten Beerchen erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie genügsam besehen hatte und mit einem Steine Herunterwarf. Dadurch geriet aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute, entriß der wilde Jäger seiner Gefährtin das Spielzeug und warf es hoch in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach; allein der Knabe fing die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das Mädchen sie vergeblich zu haschen sich bemühte, neckte er es auf diese Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende Puppe Schaden und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu vergrößern und dein Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, und es drängte sich herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren. „Sieh mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen 359 wollte und schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das ganze Bein dünn und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und betrachtete wehselig die Ärmste, und als sie das Bein sah, fing sie abermals an, laut zu weinen, denn dasselbe hing an dein Rumpfe nicht anders denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig weinte, ward es dem Missetäter endlich etwas übel zumut, und er stand in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merite, hörte sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat, als ob es ihm weh täte und schrie „au!" so natürlich, daß sie zufrieden war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen allerenden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste und natürlichste Eedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen, und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas in ihm steckte. Nachdem sie sich mit der Puppe genug beschäftigt hatten, legte sich das Dirnchen auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten Plätzchen auf den Rücken, da es müde war, und begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er. Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund, beleuchtete dessen blendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: „Rate, wie viel Zähne hat man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als ob es reiflich nachzählte, und sagte dann auf Geratewohl: „Hundert!" — „Nein, zweiunddreißig!" rief er; „wart', ich will einmal zählen!" Da zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt lange still; als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!" Nun legte sich der Bursche hin, sperrte das Maul auf, und es zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei, eins"; denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so fing auch sie unzählige Male von neuem an, und das Spiel schien ihnen am besten zu gefallen von allein, was sie heute unternommen. Endlich aber sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne. 149. Kindertheater. Gottfried Keller. Die einsame Beschäftigung im Hause verleidete mir, und ich schloß mich einigen Knaben an, welche sich gut zu unterhalten schienen, indem sie in einem großen, alten Fasse Komödie spielten. Sie hatten einen Vorhang davorgezogen und ließen eine begünstigte Anzahl Kinder respektvoll harren, bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet. Dann wurde das Heiligtum geöffnet; einige Ritter in papiernen Rüstungen führten ein gedrängtes Zwiegespräch tüchtiger Schimpfreden, um sich darauf schleunigst durchzubläuen und unter dem Fallen des durchlöcherten Teppichs tot hinzustrecken. Ich wurde bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem einen bestimmteren Stoff in das Faß, indem ich kurze Handlungen aus der biblischen Geschichte oder den Volksbüchern auszog und die vorkommenden Reden wörtlich abschrieb und durch einige Wendungen verband. Ich fand auch, daß es wünschbar wäre, wenn die Helden einen besonderen Eingang hätten, um vorher ungesehen auftreten zu können. Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesägt, geschnitten und gekratzt, bis ein Wohlgewappneter bescheiden durch- kriechen konnte, was sehr possierlich aussah, wenn er mit seinen donnernden Reden begann, ehe er sich völlig aufgerichtet hatte. Sodann wurden grüne Zweige geholt, um das Innere des Fasses 361 in einen Wald umzuwandeln; ich nagelte sie ringsherum fest und lief; nur oben das Spundloch frei, durch welches überirdische Stimmen herniederzuschallen hatten. Ein Knabe brachte eine ansehnliche Düte Theatermehl und hiermit ein neues, prächtiges Element in unsere Bestrebungen. Eines Tages wurde „David und Goliath" gegeben. Die Philister standen auf dem Plane, führten sich heidnisch auf und traten vor das Fast hinaus in das Proszenium. Dann krochen die Kinder Israel herein, lamentierten und waren verzagt und traten auf die andere Seite des Eingangs, als Goliath, ein großer Bengel, erschien und übermütige Possen machte zum großen Gelächter beider Heere und des Publikums, bis David, ein unter- wachsener, bissiger Junge, plötzlich dem Unfug ein Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder, die er trefflich führte, eine große Roßkastanie an die Stirn schleuderte. Darüber wurde dieser wütend und hieb dem David ebenso derb auf den Kopf, und sogleich waren beide im heftigsten Raufen ineinander verknäuelt. Die Zuschauer und die beiden Chöre klatschten Beifall und nahmen Partei; ich selbst saß rittlings oben auf dem Fasse, ein Licht- stümpchen in der einen und eine tönerne Pfeife mit Kolophonium in der andern Hand, und blies als Zeus gewaltige, ununterbrochene Blitze durch das Spundloch hinein, daß die Flammen durch das grüne Laub züngelten und das Silberpapier auf Goliaths Helm magisch erglänzte. Dann und wann guckte ich schnell durch das Loch hinunter, um dann die tapfer Kümpfenden ferner wieder mit Blitzen anzufeuern und hatte kein Arges, als die Welt, welche ich zu beherrschen wähnte, plötzlich auf ihrem Lager wankte, überschlug und mich aus meinem Himmel schleuderte; deun Goliath hatte endlich den David überwunden und mit Gewalt an die Wand geworfen. Es gab ein großes Geschrei; der Eigentümer des Fasses kam heran und schloß das rollende Haus nicht ohne Schelten und ausgeteilte Püffe, als er die willkürlichen Veränderungen entdeckte, welche angebracht waren. 150. Der jugendliche Sammler. Gottfried Keller. Meine Mutter kaufte mir nur äußerst wenig Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller für meine Zukunft zu 362 sparen. So war ich darauf angewiesen, mir mein Spielzeug selbst zu schaffen. Ich sah bei andern Knaben, daß sie artige kleine Naturaliensammlungen besaßen, besonders Steine und Schmetterlinge, und von ihren Lehrern und Vatern angeleitet wurden, dergleichen selbst auf ihren Ausflügen zu suchen. Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen längs der Bach- und Flußbetten zu unternehmen, wo ein buntes Geschiebe an der Sonne lag. Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glänzender und farbiger Mineralien beisammen, Glimmer, Quarze und solche Steine, welche niir durch ihre abweichende Form auffielen. Glänzende Schlacken, aus Hüttenwerken in den Strom geworfen, hielt ich ebenfalls für wertvolle Stücke, Glasflüsse für Edelsteine. Für diese Dinge verfertigte ich Fächer und Behälter und legte ihnen beschriebene Zettel bei. Wenn die Sonne in unser Höschen schien, so schleppte ich den ganzen Schatz hinunter, wusch Stück für Stück in dem kleinen Brünnlein und breitete sie nachher an der Sonne aus, um sie zu trocknen, mich an ihrem Glänze erfreuend. Dann ordnete ich sie wieder in die Schachteln und hüllte die glänzendsten Dinge sorglich in Baumwolle, welche ich aus den großen Ballen am Hafenplatze und beim Kaufhause gezupft hatte. So trieb ich es lange Zeit; allein es war nur der äußere Schein, was mich erbaute, und als ich sah, daß jene Knaben für jeden Stein einen bestimmten Namen besaßen und zugleich viel Merkwürdiges, was mir unzugänglich war, wie Kristalle und Erze, so starb mir das ganze Spiel ab und betrübte mich. Darum trug ich eines Tages die sämtliche Last meiner Steine mit vieler Mühe an den Strom hinaus, versenkte sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause. Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Käfern. Die Mutter verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus; denn die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchtete ihr ein. Ich fing zusammen, wessen ich habhaft werden konnte, und sehte eine Unzahl Raupen in Gefangenschaft. Allein ich kannte die Speise dieser letztem nicht und wußte sie sonst nicht zu behandeln, so daß kein Schmetterling aus meiner Zucht hervorging. Die lebendigen Schmetterlinge aber, welche ich fing, wie die glänzenden Käfer machten mir saure Mühe mit den: Töten und dem Unversehrterhalten; denn die zarten Tiere behaupteten eine zähe Lebenskraft in meinen mörderischen Händen, 363 und bis sie endlich leblos waren, fand sich Duft und Farbe zerstört und verloren, und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte Gesellschaft erbarmungswürdiger Märtyrer. Schon das Töten an sich selbst ermüdete mich und regte mich zu sehr auf, indem ich die zierlichen Geschöpfe nicht leiden sehen tonnte. Auch diese Unternehmung scheiterte endlich, als ich zum ersten Male eine große Menagerie sah. Sogleich faßte ich den Entschluß, eine solche anzulegen, und baute eine Menge Käfige und Zellen. Mit vielem Fleiße wandelte ich dazu kleine Kästchen um, verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von Draht oder Zwirn davor, je nach der Stärke des Tieres, welches dafür bestimmt war. Der erste Insasse war eine Maus, welche mit eben der Umständlichkeit, mit welcher ein Bär installiert wird, aus der Mausefalle in ihren Kerker hinübergeleitet wurde. Dann folgte ein junges Kaninchen; einige Sperlinge, eine Blindschleiche, eine größere Schlange, mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und Größe, ein mächtiger Hirschkäfer mit vielen andern Käfern schmachteten bald in den Behältern, welche ordentlich aufeinandergetürmt waren. Mehrere große Spinnen versahen in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger für mich, da ich sie entsetzlich fürchtete und nur mit großem Umschweife gefangen hatte. Mit schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen, bis eines Tages eine Kreuzspinne aus ihrem Käfige brach und mir rasend über Hand und Kleid lief. Der Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie, und ich fütterte sie sehr regelmäßig, führte auch andere Kinder herbei und erklärte ihnen die Bestien mit großem Pomp. Ein junger Weih, welchen ich erwarb, war der große Königsadler, die Eidechsen Krokodile, und die Schlangen wurden sorgsam aus ihren Tüchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt. Dann saß ich wieder stundenlang vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre Bewegungen. Die Blaus hatte sich längst durchgebissen und war verschwunden; die Blindschleiche war längst zerbrochen, sowie die Schwänze sämtlicher Krokodile; das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in seinem Käfig; alle übrigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch, so daß ich beschloß, sie alle zu töten und zu begraben. Ich nahm ein dünnes, langes Eisen, machte es glühend und drang mit zitternder Hand damit durch die Gitter und begann ein greu- 364 liches Blutbad anzurichten. Dann eilte ich in den Hof hinunter und machte eine Grube unter den Vogelbeerbäumchen, worin ich die ganze Sammlung eilig verscharrte. Meine Mutter sagte, als sie es sah, ich hätte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen, wo ich sie geholt hatte; vielleicht wären sie dort wieder gesund geworden. Ich sah dies ein und bereute meine Tat; der Rasenplatz war aber lange eine schauerliche Stätte für mich, und ich wagte nie, jener Neugierde zu gehorchen, welche das Kind immer antreibt, etwas Vergrabenes wieder auszugraben und anzusehen. 151. Die geblendete Schwalbe. Jakob Boschart. Der erste Mensch, den ich zum Sterben sich vorbereiten sah, war unser Knecht Domini. Seither weih ich, daß wir in der letzten Stunde strenges Gericht über uns selber halten. Es war an einem Frühlingsnachmittag. Ich schlenderte von der Schule nach unserem Hofe zurück und stand unter jedem Birn- und Apfelbaum still, um auf das Summen der Bienen zu horchen, die oben in den Kronen iht geschäftiges Wesen trieben. Auf einmal hörte ich Gezwitscher über mir. „Die Schwalben sind da," dachte ich und spähte ins Blaue, wo sich etwas Dunkles mutwillig wie ein Schmetterling schaukelte, „nun wird sich unser Domini freuen," und ich eilte die Halde hinunter, um ihm die frohe Botschaft zu bringen. Domini war lange Jahre Knecht in unserem Hause gewesen, wir betrachteten ihn wie unsern Großvater, und er verdiente unsere Liebe, denn er meinte es immer gut, nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit den Tieren. Wenn er in den Stall trat, so ging von vorn bis hinten eine Bewegung, und kein Stück Vieh versäumte es, ihm Hand oder auch Gesicht zu belecken, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot. Auch den übrigen Haustieren, dem weißen Spihhund und den Katzen, war er ein guter Freund. Er duldete es nicht, daß wir sie unfreundlich behandelten. Ertappte er einen von uns, wie er einen seiner Schützlinge plagte, so nahn: er den Bösewicht am Arme, und mit dem Finger auf den Mißhandelten deutend, sagte er regelmäßig: „Siehst, Bübchen, da drin ist auch etwas." Wir verstanden nicht, was er meinte, und machten uns manchmal lustig über sein „Da drin ist auch etwas". 365 Seme eigentlichen Lieblinge unter den Tieren waren die Schwalben. Kamen sie im Frühling, so war das für ihn ein Fest; ihr Wegzug im Herbst brachte ihm traurige Tage und eine Stimmung wie Heimweh. In seiner Kammer an den Balken, die die Decke trugen, klebten zwei Nester, und in jedem wurde Jahr für Jahr zweimal gebrütet, wurden zweimal Junge groß gefüttert und fliegen und sich in der Welt tummeln gelehrt. Domini nahm Anteil an den Alten und den Jungen, als wäre es seine eigene Familie gewesen. Mißriet eine Brüt, so ging ihm das zu Herzen wie eines Menschen Sterben, flogen die Jungen zum erstenmal aus, so war er in beständiger Angst, es möchte eines in die Krallen der Katzen oder des Habichts fallen, und erst wenn sie gezeigt hatten, daß sie sich im Leben zurecht finden konnten, wurde er wieder froh und ruhig. Noch nie hatte Domini die Ankunft der Schwalben so sehr ersehnt wie diesmal. Als sie im Herbst fortgezogen waren, hatte er traurig gesagt: „Wenn sie wieder kommen, bin ich nicht mehr da!" Er mochte fühlen, daß seine Kräfte abnahmen. Wirklich fing er bald darauf an zu kränkeln und zusammenzuschrumpfen, und seit dem Bächtoldstag hatte er das Bett nicht mehr verlassen. Als ich in die Stube trat, hörte ich oben in der Kammer mit einem Stock auf den Boden klopfen; so tat Domini, wenn er wünschte, daß man nach ihm sehe, denn er duldete nicht, daß beständig jemand um ihn war. Man denke doch, es war Frühling, und da bedurften Acker und Weinberg eher menschlicher Hilfe als der kranke Domini. Ich stieg die Treppe empor. Schon ehe ich die Türe geöffnet hatte, rief er mir mit seiner müden Stimme zn: „Bübli, die Schwalben sind da, mach' mir das Fenster auf!" Sein Gesicht strahlte, und er murmelte vor sich hin: „Nun hab' ich's doch noch erlebt!" Bald aber wurde er unruhig, die Schwalben flogen nicht herein, wie sie sonst pflegten, hie und da kam eine an die Fensteröffnung, hielt sich einen Augenblick schwebend, guckte herein und schwirrte dann wieder davon, ohne Dominis Zuruf: „Komm nur, Tschischti!" zu beachten. „Geh wieder hinunter Bübli, sie scheuen dich!" sagte er endlich zu mir, und ich entfernte mich. Von der Hofseite aus sah ich, daß die Schwalben nicht mich gescheut hatten, denn sie trieben noch immer das gleiche Spiel. 366 Als gegen Abend meine Eltern und Geschwister vom Felde heimgekehrt waren, stiegen wir alle zu Domini hinauf. Er war ganz trostlos, das; ihn seine Schwalben, nach denen er sich so lange gesehnt hatte, flohen. „Nun," sagte er, „sie merken eben, das; der Tod in diesem Hause herumschleicht." Mein Vater suchte ihm den Gedanken auszureden, er aber schüttelte den Kopf, was sagen wollte, daß er es anders wisse und die Schwalben wohl auch. Nach einiger Zeit bat er, man möchte ihn allein lassen, nur mich, den Jüngsten, wollte er bei sich haben. Wir sahen eine geraume Zeit, ohne ein Wort zu sprechen; seine Augen waren stets nach dem Fenster gerichtet, wo von Zeit zu Zeit noch eine Schwalbe sich flüchtig zeigte. Endlich, als die Kammer sich schon mit Dämmerlicht füllte, schwebte eine herein, flatterte ein paarmal um die Kammer und dann wieder zum Fenster hinaus. „Tschitschi, komm!" flehte Domini, und wirklich, sie kam wieder, um sich diesmal auf den Rand eines Nestes zu sehen, wobei sie wie zum Eruh einen kurzen Pfiff ausstieh. „Schließ das Fenster, aber ganz leise," flüsterte mir Domini zu, und seine Stimme bebte, als er für sich weiterfuhr: „So ist doch eine dabei, wenn ich sterbe!" Ich wollte gehen, denn das Wort „Sterben" erweckte mir Grauen, er aber hielt mich zurück und sagte: „Ich will dir etwas beichten, Bübli, es kann dir nützen, und ich kann's nicht hinübernehmen. Sieh', ich war einmal ein grober Bub, wie du auch manchmal bist; ich hatte einen Kameraden, der war es noch mehr. Er hatte Schwalben in seiner Kammer, und an einem Sonntagnachmittag überkam uns der Übermut, das Fenster zu schließen und eine zu fangen. Es war eine wilde Jagd, das geüngstigte Vögelein schoß sich schier den Kopf am Fenster ein, seine kleine Brust hob und senkte sich stürmisch; wir aber wurden bei dem Werk immer wilder und ruhten nicht, bis wir das arme Tierchen in Händen hatten. Da kam Sepp ein teuflischer Gedanke, und er sagte zu mir: „Wir stechen ihr die Augen aus!" Und er zog sein Sackmesser hervor. „Offne es, ich halte sie und du stichst." Mir schauderte, aber er war der ältere und befahl mir, zu tun, wie er gesprochen. Ich griff zum Messer und öffnete die Klinge. Sepp rief mir ungeduldig zu: „Nun, du Tret, wird's bald?" Ich sagte, daß ich es nicht tun könne, ich wollte lieber den Vogel halten, und er solle das andere machen. Sepp griff nach dem Messer, und ich nahm das arme Vögelein in 367 die Hand. Da ich vor Aufregung mit den Händen zitterte, packte Sepp den Schnabel mit seiner Linken, und mit der Rechten stieß er die Messerspitze in das kleine, schwarze Auge. Ich habe den Anblick nie vergessen. Das Vöglein schrie auf wie ein Kind, sah mich und dann wieder ihn mit dem Auge, das ihm blieb, an und flehte in seiner Todesangst uns an, und ich merkte in der Hand, wie sein Herzchen klopfte. Es war mir gerade, als hätte Sepp mir selber ins Auge gestochen, ich wartete den zweiten Stoß nicht ab, sondern eilte zum Fenster, riß es auf und warf den Bogel in die Freiheit. In jenem Augenblick fühlte ich, daß ein Tier nicht Tier ist, so nämlich wie man meint, sondern daß auch etwas darin steckt, wie in uns Menschen. In der Nacht drauf habe ich mehr geweint als geschlafen und den Entschluß gefaßt, kein Tier mehr zu quälen oder auch nur uusanft zu behandeln, und ich habe mein Wort gehalten. Merkst du jetzt, Bübli, warum es mich geschmerzt hätte, wenn mich die Schwalben im Sterben alle geflohen hätten? Ich danke der einen dort, daß sie gekommen ist. Du aber, Bübli, tu' Tieren nie etwas zuleid. Menschen können Übeltäter verklagen und strafen, die Tiere müssen alles still dulden, und nicht einmal alle können zum Himmel schreien. Ich habe mir jenes Augenausstechen bis zur Stunde nicht verziehen, und ich hätte nicht sterben können, ohne es einem Menschen gebeichtet zu haben." Domini griff nach meiner Hand und drückte sie, so gut es in seiner Schwäche noch ging, und ich drückte sie wieder, und von da an lebte seine Liebe zu den Tieren auch in mir. Als ich am folgenden Tag beim Frühstück erschien, sagte man mir, der Domini sei in der Frühe gestorben. Mein Vater hatte bei ihm gewacht. Als der Tag anbrach und die Fenster sich erhellten, fing die Schwalbe in ihrem Nest ihr Morgenlied zu singen an. Da öffnete Domini, der von Stunde zu Stunde mehr zusammengesunken war, nochmals die Augen und suchte damit den Sänger. Darm entschlummerte er lächelnd. Ich stieg in die Kammer hinauf. Domini lag an der Wand auf einer Bank ausgestreckt, er war wenig verändert und schien zu schlafen, der lange, weiße Bart deckte seine Brust. Wie ich ihn anschaute und von Schauern ergriffen wurde, flog eine Schwalbe herein, setzte sich über den: Toten auf ihr Nest und fing an, auf ihn herab zu singen, was ihr aus der Kehle mochte. Das nahm die Beklemmung von mir, und nun erst bemerkte ich, daß der gute 368 Domini lächelte. Mir schien, er lausche, und ich lauschte mit ihm und dachte bei der Weise, die die Schwalbe ihrem toten Freunde sang, was er selber gedacht hätte: „In dem Liede ist auch etwas." 152. Aus Seumes Jugendzeit. Gottfried Semne. Meine früheste deutliche Erinnerung ist folgende: Ich hatte einen Vetter von gleichen Jahren, mit dem ich mich oft wacker raufte, weil wir die besten Freunde waren. Die Schule lag auf einer kleinen Anhöhe, und vor derselben unten war ein grüner Rasenplatz, ein herrlicher Platz zum Balgen und Raufen, wenn er nur nicht unter dem Fenster des Schulmeisters gewesen wäre. Wir beiden jungen Streithähne hatten schon in der Schule Zwist gehabt, den der Bakel beschwichtigt, aber nicht geschlichtet hatte. Nun waren wir nicht länger zu halten; die Erörterung fuhr in die Finger; die Bücher wurden weggeschleudert, und das Knuffen und Beinstellen und Raufen ging an. Die Größer« schlössen teilnehmend einen Kreis und lachten, wie rüstig die kleinen Kämpfer sich tummelten. Der Herr Schulmeister rief und drohte mit dem Haselstock aus dem Fenster zum Berge herab. Niemand sah und hörte; das Boren ging fort, und bald lag Jakob oben, bald Gottfried, und die kleinen Finger waren voll Gras und Haare. Plötzlich trennte sich der Kreis, und der alte Herr Schulmeister bearbeitete jugendlich rasch mit dem Haselinstrument unsere Beinkleider und Schulterblätter. Das versöhnte schnell wie der Blitz die Streitenden; wir sprangen auf und rafften die Bücher zusammen. Der Kreis lachte, die Pferdebändiger vor der Schmiede und Schenke lachten laut, wir stimmten ein, und lächelnd zog der alte Schulmonarch, den Friedensstifter des Haselbusches drohend noch in der Hand schwingend, nach seinem Berge zurück. Noch einige Jahre früher, und früher als meine Erinnerung reicht, hätte ein Zufall fast meinem Leben ein Ende gemacht. Hinter dem Garten des Vaters floß ein kleiner Bach. Der Garten war mein Lieblingstummelplatz; nur fürchtete man für den kleinen Buben das Wasser. Es wurden eben alte Bäume ausgerottet und junge gesetzt; ich wurde also dem alten Jakob, der mit einigen andern arbeitete, zur Aufsicht übergeben, damit ich mich nicht dem Bache nähern sollte. Das hielt man gewissen- 369 haft, beachtete aber nicht so sehr die Nähe. Ich springe und jage dort umher, und plötzlich fällt der alte Apfelbaum, an dem man arbeitete, faßt mich und schlägt mich zu Boden. Die erschrockenen Alten wenden und kehren mich nach allen Seiten; ich bin augenscheinlich tot; Jakob nimmt mich auf den Arm und trägt die vermeintliche Leiche hinein in den Hof, wo mein Vater eben mit der Mutter an der Wäsche über Hausangelegenheiten sprach. „Herr, hier bringe ich den Jungen," sagte der Alte, indem er mich auf den Wäschetisch legte; „er ist tot. Gott im Himmel weih, ich bin unschuldig; ich wollte, der Stamm hätte mich getroffen." Unter lautem Wehklagen schickte man nach Hilfe. Der Arzt kam; alle Mittel waren umsonst; kein Zeichen des Lebens erschien. Zwölf Stunden und drüber war man vergeblich so beschäftigt und eben im Begriff, zu enden und an die Beerdigungsanstalten zu denken, als ich das sehr verletzte linke Auge aufschlug. Man fing die Versuche wieder an und brachte mich ins Leben zurück. Nicht der Stamm, sondern nur einige starke Aste hatten mich mit den Zweigen getroffen und die tiefe Betäubung bewirkt. Damals mochte ich ungefähr drei Jahre alt sein. Ein etwas späterer Vorfall hätte mich auch bald in die andere Welt getragen. Das größte Vergnügen für mich war, die Pferde in die Schwemme und auf die Weide zu reiten; wozu ich jedoch nur selten die Erlaubnis bekam. Reiten hieß bei mir jagen, daß die Mähnen flogen und die Haare sausten. So ritt ich einmal ohne Erlaubnis in die Schwemme. Das Tier liebte den Strom eben so sehr als ich das Reiten, scharrte, stampfte und brauste; meine Hand war zu schwach, es zu halten: es legte und wälzte sich mit gewaltigem Wohlbehagen. Ich kam unker das Pferd, verlor die Besinnung, und der Strom führte mich weit, weit mit sich fort. Indessen erholte ich mich, als ich herausgezogen wurde, nach einigen Minuten sogleich wieder, und lange Zeit blieb dem jungen Zentauren die Reiterei untersagt. 153. Der Alpbach. Meinrad Licnert. Ich rannte über die Allmend und sprang mit einen: verwegenen Satze in den fast ausgetrockneten Bergfluß, die Alp, hinein. 24 370 Den Schulsack warf ich auf die Bachsteine. Die Morgensonne huschle mit goldenen Tritten über das verwaschene Gestein und über das verbliebene Büchlein, ohne daß sie nasse Füße bekommen hätte. Es war ein prächtiger Frühlingsmorgen; nur ganz hinten im Tale, um die beiden Mythen, waren Wolken- schanzen aufgeworfen, die sich nach und nach zu ungeheuerlichen, schwarzen Bergen auswuchsen, in denen es unheimlich grollte. Ich sah es wohl, es erschreckte mich aber nicht; denn über mir wölbte sich der blaue, sonnenheitere Himmel. Alsogleich begann ich das gewohnte Spiel im Bergfluß. Fast alltäglich in den Ferientagen steckten wir drin. Er war immer bei trockenem Wetter fast wasserleer; nur ein paar schmale Wasserstreifen zwangen sich durch das Steingerölle. Nun begann ich die Büchlein abzuleiten, zu kanalisieren und bildete großartige Seen. Die füllte ich mit dicken Eroppen an, welche ich unter den sachte, sachte aufgehobenen Bachsteinen haschte. Ein See wurde durch unterirdische Leitungen, die ich Mit verschwemmten Rindenabfällen, Spänen und platten Steinen baute, mit dem andern verbunden. Überall trachtete ich, das trockene Gestein und den Sand mit nützlichen Wasseradern zu durchziehen. Auch gelang es mir mit vieler Mühe und einem alten Sackmesser, einem sogenannten Rollenhegel, eine Mühle zu erbauen. Sie lag an einem ertra hergestellten kleinen Wasserfalle, der sich etwas unterhalb des größten Sees befand. Einige Dachschindelenden drehten sich um ein wohldurchweichtes Torfstück, das an zwei seitwärts aufliegenden Erlenzweiglein steckte, munter rundum. Hei, wie das lustig klipperte und klapperte! Die Herstellung des Kunstwerkes hatte mich viel Schweiß gekostet; aber endlich war es in Tätigkeit. Müde lagerte ich mich auf die Steine und hörte dem muntern Geklapper meiner Mühle zu. Der Schlaf wollte mich bald überkommen; die Augen fielen mir fast zu. Ich riß ein Blatt von dem Erlenzweiglein, das ich im Munde hatte, und ließ es in meinen großen See fallen. Langsam schwamm es darüber hin, schoß dann über den Wasserfall, glitt unter der Mühle durch und durch die unterirdischen Leitungen endlich hinaus in das offene Wässerlein der Alp. Da zog es nun hin, ruhig von Stein zu Stein, überall etwas Station machend. Und ich schaute ihm träumend mit schläfrigen Augen nach und begann mir vor- 371 zustellen, wie es der Bach immer weiter und weiter forttrage, und was es vielleicht alles zu erleben habe, bis es im fernen Zürichsee ankommen werde. Halb im Schlafe sah ich noch einen großen, weißen Falter auf dem Blatt abstehen, also daß es anzusehen war wie ein fernes Segelboot auf weitem Meere. Dann trugen es die rieselnden Wellen weiter, vorbei an grünbekränzten Ufern, von denen allerhand bunte Blumen sich in jeder vorbeiziehenden Welle spiegelten, ohne gleich den eitlen Frauen der Spiegelchen jemals überdrüssig zu werden. Honigschwere Bienen, feierlich läutende Hummeln und ein buntschillerndes, fröhliches Libellen- volk gaben dem grünen Schiffchen ein Stück Wegs das Geleite und summten ihm tausend Grüße vor an den himmelblauen See weit drunten im fernen, blühenden Tale. Die Augen waren mir zugefallen. Da war mir mit einem Male, riesengroße, schwarze Ameisen liefen mir um die nackten Fußsohlen, und jetzt schlüpften Schwärme von naßkalten Groppen um meine Waden. Plötzlich schreckte mich ein fernes Donnern auf. Schlaftrunken erhob ich den Kopf und horchte verwundert auf. Die Sonne war verschwunden, und um meine bloßen Füße, um meine Beine war ein eigentümliches liebkosendes Spülen, Quirlen, Glucksen und Schnalzen, als machten die Wellen Ringelreihen. Das weckte mich allmählich, und mit Staunen sah ich jetzt, wie das Wasser eine gelbliche Farbe angenommen hatte, und wie es sich überall aus meinen überfüllten Seen rascher durch die von mir so kunstvoll angelegten Leitungen ergoß. Das Mühlrad gar befand sich in unheimlich schnellem Schwung. Jetzt schoß mir ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf. Es packte mich an wie mit knöchernen Totenhänden; meine Augen flogen flußaufwärts: kaum einen kleinen Steinwurf von mir kam, quer über das ganze Flußbett, etwas wie eine gelbe Riesenwalze unheimlich rasch und fast lautlos daher. Es war anzusehen, als würde ein ungeheurer Teppich von unsichtbaren Händen den Bergfluß herunter aufgerollt. Im Hui war ich auf. Die Haare standen mir zu Berge: ich kannte den hohen, gelben Streifen nur zu wohl. Ein paar verzweifelte Sprünge, ein eichhörnchenflinkes Klettern — ich stand auf der Uferböschung zwischen den Erlen und Weiden. Im nämlichen Augenblicke wälzten sich schnalzend, rülpsend, schlurfend 372 und gischtend die hochangeschwollenen Wasser des Bergflusses an mir vorbei talab. Totenbleich stand ich da, zitternd am ganzen Leib, und starrte ein Weilchen in die schniuhiggelben Wildwasser, welche Stämme, Brückenteile und ganze Haufen Torf in rasender Eile vorüber- trugen. Und jetzt fingen die Wasser zu rauschen an, und bald rollten sie donnernd gewaltige Steine daher. Höher stiegen die Wogen; Schaum spritzte mir ins Gesicht. Das weckte mich aus meiner halben Betäubung; mir schien, die Alp wolle, wie schon so oft, überborden. Von Entsetzen gepackt, jagte ich pfeilgeschwind über die Allmend davon, heimwärts. Hinten im Alptal sah es noch brandschwarz aus; es mutzte dort ein fürchterliches Gewitter niedergegangen sein. 154. Aus dem Leben eines Hirtenbübleins. Ulrich Bräkker. „Ja, ja," sagte eines Tages mein Vater, „der Bub wächst! Von nun an soll er mir die Eeitzen hüten, dann kann ich doch den Geitzbub abschaffen." — „Ach," sagte meine Mutter, „so kommst du um Eeitzen und Bub. Nein, nein, er ist noch zu jung, erst acht Jahr!" — „Was jung?" versetzte der Vater, „die Eeitzen werden ihn schon lehren, sie sind oft gescheiter als die Buben. Ich weitz sonst nichts mit ihm anzufangen." — „Ach," seufzte die Mutter, „was wird mir das für Kummer machen! Bedenke auch, einen so jungen Buben mit einer Herde Eeitzen in den wilden, schaurigen Kohlwald schicken, wo ihm weder Weg noch Steg bekannt sind und es so grätzliche Klüfte und Schluchten hat! Und wer weitz, was für Getier sich dort aufhält und was für schreckliches Wetter einfallen kann! Denk' doch, eine ganze Stunde weit! und bei Donner, Hagel und wenn die Nacht einfällt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und du mutzt's verantworten." Ich hatte alles mit angehört. „Nein, Mutter," begann ich, „ich will schon Acht geben und kann ja dreinschlagen, wenn ein Tier kommt, und vorm Wetter unter einen Felsen kriechen, und wenn's nachtet, heimfahren; und der Eeitzen — was gilt's — will ich schon Herr werden!" — „Hör jetzt," sprach der Vater, „eine Woche mutzt du mir erst mit dem Eeitzbuben gehen. Dann gib wohl Achtung, wie er die Eeitzen alle nennt und sie lockt und 373 ihnen pfeift, wo er mit ihnen durchzieht und wo sie die beste Weide finden." — „Ja, ja," rief ich und sprang hoch auf vor Freude,' denn ich dachte bei mir: Im Kohlwald bist du frei, da wird dir der Vater nicht immer pfeifen und dich von einer Arbeit zur andern jagen. Ich ging also zuerst einige Tage mit unserm Beckle hin, so hieß der Bnb, ein rauher, wilder, aber ehrlicher Bursche. Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Den Beckle wollte der Vater zwar als Knecht behalten, aber die Arbeit war ihm zu streng, und er nahin in Frieden seinen Abschied. Anfangs wollten mir die Geißen, deren ich bis dreißig Stück hatte, gar nicht gehorchen. Das machte mich wild, und ich versucht' es, ihnen mit Steinen und Prügeln den Meister zu zeigen, aber sie zeigten ihn mir. Ich mußte also glatte Worte und das Streicheln und Schmeicheln versuchen; da taten sie, was ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheuchte ich sie so, daß ich oft nicht mehr wußte, was anfangen, wenn sie alle ins Holz und Gesträuch liefen und ich rundum keine einzige mehr erblicken konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen, johlen, schreien und lamentieren mußte, bis ich sie wieder beieinander hatte. Drei Jahre hütete ich so meine Herde, die immer mehr anwuchs, zuletzt bis über hundert Köpfe; die Tiere wurden mir immer lieber und ich ihnen. Im Herbst und Frühling zogen wir auf die benachbarten Berge, oft zwei Stunden weit. Im Sommer hingegen durft' ich nirgends hüten als im Kohlwald, einer mehr als stundenweiten Wüstenei, wo kein recht Stück Vieh weiden konnte. In manchem dunkeln Wald, Tobel oder Felsengrund war noch bessere Weide zu finden. Alle Tage hütete ich an einem andern Ort und benannte jeden mit einem selbsterfundenen Namen. Zu Mittag aß ich mein Brötlein und was mir so,ist die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt' ich meine eigene Geiß, an der ich sog. Wie spät es sei, lernte ich bald an den Augen der Geißen erkennen. Gegen Abend fuhr ich stets den nämlichen Weg nach Hause, auf dem ich ausgezogen war. Welche Lust, bei angenehmen Svmmertagen über die Hügel fahren, durch Schattenwälder steigen, durchs Gebüsch Eichhörnchen jagen und Vogelnester erspähen. Alle Mittage lagerte ich mich mit meinen Geißen am Bach; da ruhten sie zwei bis drei Stunden aus, wenn es heiß war, noch länger. Ich aß mein Mittagsbrot, 374 badete mich im spiegelhellen Wasser und spielte mit den jungen Eeißchen. Immer hatte ich ein kleines Beil bei mir, mit dem ich junge Weiden oder Jlmen fällte. Dann kamen meine Tiere haufenweis und fraßen das Laub ab. Rief ich ihnen: „Leck, leck!" so ging's gar im Galopp, und ich wurde von ihnen wie eingemauert. Alles Laub und alle Kräuter, die sie fraßen, kostete auch ich, und einige schmeckten mir sehr gut. So lang der Sommer währte, florierten die Erd- und Himbeeren, Heidel- und Brombeeren; deren hatte ich immer vollauf und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug nach Hause bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst daran zum Ekel überaß. Und welch Vergnügen machte mir nicht jeder Tag, jeder neue Morgen, wenn die Sonne zuerst die Hügel vergoldete, denen ich mit meiner Herde entgegenstieg, dann jenen Buchenwald, der sich die Anhöhe hinaufzog, und endlich die Wiesen und Weid- plätze beschien! Tausendmal denk ich dran, und oft dünkt mich's, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schön. Wenn dann alle Gebüsche von jubilierenden Vögeln ertönten und dieselben um mich herhüpften — o, was fühlt' ich da? — Ach, ich weiß es nicht. Halt, süße, süße Lust! — Da sang und trillerte ich mit, bis ich heiser war. Dann wieder spürte ich den muntern Waldbürgern durch alle Sträucher und Bäume nach, ergötzte mich an ihren: hübschen Gefieder und wünschte, daß sie nur halb so zahm wären wie meine Geißen, beguckte ihre Jungen und ihre Eier und erstaunte über den wundervollen Bau der Nester. Oft fand ich deren in der Erde, im Moos, im Farn, unter den dicksten Dornen, in Felsritzen, in hohen Tannen und Buchen, oft hoch im Gipfel oder zu äußerst auf einem Ast. Meist wußt' ich ihrer mehrere. Das war mir eine Wonne und fast mein einziges Sinnen und Denken, jeden Tag einmal nach allen zu sehen, wie die Jungen wuchsen, wie das Gefieder zunahm, wie die Alten sie fütterten. Anfangs trug ich einige mit mir nach Hause; dann aber waren sie bald dahin. Nun ließ ich's lieber bleiben und sie groß werden; da flogen sie mir freilich aus. Ebensoviel Freude brachten mir auch meine Geißen. Ich hatte von allen Farben, große und kleine, kurz- und langhaarige, bös und guk geartete. Alle Tage rief ich sie zwei- bis dreimal zusammen und überzählte sie, ob auch alle da wären. Ich hatte sie so gewöhnt, daß sie auf mein „Zub, zub» 375 leck, leck" aus allen Büschen hervorgesprungen kamen. Einige liebten mich besonders und entfernten sich nie einen Büchsenschuß weit von mir, und wenn ich mich verbarg, fingen alle ein Zetergeschrei an. Welch ein Vergnügen dann, meiner Herde am Abend auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen, zuzuschauen, wie sie alle mit runden Bäuchen und vollen Eutern dastunden, und zu hören, wie munter sie sich heimblökten. Wie stolz war ich, wenn dann der Vater mich lobte, daß ich gut gehütet habe! Nun ging's ans Melken, bei gutem Wetter unter freiem Himmel. Da wollte jede zuerst über dem Eimer der drückenden Last ihrer Milch los sein und beleckte dankbar den Befreier. Nicht als ob lauter Lust beim Hirtenleben wäre: potz tausend, nein! da gibt's Beschwerden genug. Für mich war es lange die empfindlichste, des Morgens so früh mein warmes Bettchen zu verlassen und barfuß ins kalte Feld zu marschieren, zumal wenn es einen starken Reif gegeben hatte oder ein dicker Nebel über die Berge herabhing. Wenn dann dieser gar so hoch ging, daß ich ihm mit meiner bergansteigenden Herde das Feld nicht abgewinnen und die Sonne nicht erreichen konnte, verwünschte ich ihn nach Ägypten hinein und eilte, was ich konnte, aus dieser Finsternis wieder in ein Tälchen hinab. Errang ich dagegen den Sieg und gewann die Sonne und den hellen Himmel über mir, und zu meinen Füßen lag wogend das große Weltmeer von Nebeln, und hie und da ragte ein Berg wie eine Insel daraus hervor: was das für ein Stolz und eine Lust war! Den ganzen Tag verließ ich dann die Berge nicht, und mein Auge konnte sich nie satt schauen, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ozeane spielten und Wogen von Dünsten in den seltsamsten Gestalten darüber hinschwanden, bis sie gegen Abend mich wieder zu übersteigen drohten. Dann wünscht' ich nur wohl Jakobs Himmelsleiter: aber umsonst! ich mußte fort, ward traurig, und alles stimmte in meine Trauer ein. Einsame Vogel flatterten matt und mißmutig über nur her, und die großen Herbstfliegen summten mir so melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast noch mehr als am frühen Morgen und empfand Schmerzen an den Füßen, obgleich diese so hart wie Sohlleder waren. Auch hatte ich häufig Wunden oder. Beulen; war die eine heil, so macht' ich mir gewiß wieder eine andere, sprang entweder 376 auf einen spitzen Stein auf oder verlor einen Nagel oder ein Stück Haut von der Zehe, oder hieb mir meine Art in die Finger. Ans Verbinden war selten zu denken, doch heilte es meist bald von selber. Sodann hat ein Eeißbub überhaupt viel von anderen Leuten zu leiden. Wer will eine Herde Geißen immer so in Schranken halten, daß sie nicht etwa einem Nachbar in die Wiese oder Weide gucken? Wer kann mit so viel lüsternen Tieren zwischen Korn- und Haberfeldern, zwischen Rüben- und Kohläckern durchziehen, ohne daß eins ein Maul voll versuchte? Da ging's nun vonseiten der Eigentümer an ein Schelten und Lamentieren, und Ehrentitel wie „Bärenhäuter! Galgenvogel!" waren mir nichts Ungewöhnliches. Man sprang mir mit Prügeln und Zaunstecken nach, aber ich war flink genug, und nie hat mich einer erwischen können. Die schuldigen Geißen haben sie mir freilich oft ertappt und mit Arrest belegt, dann mußte mein Vater hin und sie lösen. Fand er mich schuldig, so gab's Schläge. Etliche unserer Nachbarn hatten einen besondern Zorn auf mich und verschafften mir manchen Streich auf den Rücken. Dann dacht' ich wohl: „Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh recht sind, dann will ich euch auch die Rücken salben!" Aber bald hatt' ichs vergessen, und das war gut. So gibt es freilich Widerwärtigkeiten genug im Hirtenstande. Aber die bösen Tage werden reichlich durch die guten ersetzt, wo es dann gewiß keinem König so wohl ist wie dem Geißbuben. Im Kohlwald war eine Buche, gerade über einem mehr als turmhohen Felsenabhang herausgewachsen, so daß ich über ihren Stamm wie über einen Steg spazieren und in eine gräßliche finstere Tiefe hinabgucken konnte. Wo die Aste anfingen, stieg sie wieder gerade empor. In dieses seltsame Nest bin ich oft gestiegen und hatte meine größte Lust daran, so in den fürchterlichen Abgrund zu schauen und zu sehen, wie ein Büchlein neben mir herunterstürzte und sich in Staub zermalmte. Aber einst schwebte mir diese Gegend im Traum so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht mehr hin ging. Ein andermal befand ich mich mit meinen Geißen jenseits der Aueralp. Ein Junges hatte sich zwischen zwei Felsen verstiegen und ließ eine jämmerliche Melodie hören. Ich kletterte nach, um zu helfen. Es ging so eng und gäh und Zickzack zwischen Klippen hindurch, daß ich weder über noch unter mich sehen konnte 377 und oft auf allen vieren kriechen mutzte. Endlich verstieg ich mich gänzlich. Über mir stand ein unerklimmbarer Fels, unter mir schien's fast senkrecht, ich weis; selbst nicht wie tief, hinab zu gehen. Ich fing an zu rufen und zu beten, so laut ich konnte. In geringer Entfernung sah ich zwei Menschen durch eine Wiese gehen. Ich merkte wohl, dah sie mich hörten; aber sie spotteten meiner und gingen ihre Straße. Endlich entschloß ich mich, das Äußerste zu wagen und lieber mit Eins des Todes sein, als noch weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, wo ich doch nicht lange mehr aushalten konnte. Ich schrie zu Gott in Angst und Not, ließ mich auf den Bauch nieder, spreitete die Arme über mich, um mich an dem kahlen Felsen so gut als möglich anzuklammern, und schloß die Augen. Da ich aber todmüde war und meine schwachen Hände nirgend einen Halt fanden, so fuhr ich wie ein Pfeil in die Tiefe hinunter. Zum Glück war der Abhang doch nicht so hoch, wie ich im Schrecken geglaubt hatte, und ich blieb wie durch ein Wunder aufrecht stehend in einer Felsenspalte stecken, wo ich mich wieder halten konnte. Freilich hatte ich Haut und Kleider zerrissen und blutete an Händen und Füßen. Aber wie glücklich schätzte ich mich, daß ich nur mit dem Leben und unzerbrochenen Gliedern davonkam! — Mein Geißchen mochte sich auch durch einen Sprung gerettet haben, ich fand es schon wieder bei den übrigen. Wieder ein andermal, da ich an einem schönen Sommertag mit meiner Herde trillernd herumgezogen war, bedeckte sich der Himmel mit schwarzen Wolken. Es fing gewaltig an zu blitzen und zu donnern. Ich eilte nach einer Felshöhle (diese oder eine große Wettertanne waren in solchen Füllen immer mein Zufluchtsort) und rief dann meine Geißen zusammen. Diese aber meinten, es gelte zur Heimfahrt, und sprangen über Kopf und Hals mir voraus, daß ich bald keine einzige mehr sah. Ich eilte ihnen nach. Es begann entsetzlich zu hageln, daß mir Kopf und Rücken von den Püffen schmerzten. Der Boden war dicht mit Schloßen bedeckt; ich rannte in vollem Galopp darüber fort, glitt aber oft aus und fuhr große Stücke weit wie auf einem Schlitten. Endlich in einen, Wald, wo es gäh zwischen Felsen hinunterging, konnt' ich vollends nicht anhalten und glitschte bis dicht an einen Rand, von dem ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behütet hätten, viele Klafter tief hinabgestürzt und zerschmettert worden wäre. Jetzt ließ das Wetter allmählich nach, und als ich nach 378 Hause kam, waren meine Geißen schon eine halbe Stünde daheim. Etliche Tage lang fühlt' ich von dieser Partie keinerlei Ungemach; aber auf einmal fingen meine Füße zu sieden an, als wenn man sie in einem Kessel kochte; dann kamen heftige Schmerzen. Mein Vater untersuchte und fand mitten auf der einen Fußsohle ein großes Loch und Moos und Gras darin. Nun erinnert' ich mich erst, daß ich auf einen spitzen Weißtannast aufgesprungen war, und dabei waren Moos und Gras mit in die Wunde eingedrungen. Der Aetti grub mir's mit einem Messer heraus und verband mir den Fuß. Nun mußt' ich freilich ein paar Tage meinen Geißen langsam nachhinken; dann verlor ich die Binde, Erde füllte das Loch, und es ward bald wieder besser. 155. Der fahrende Schüler. Thomas Platter. Als ich bei dem Bauern eine Weile war, kam meine Base Fransy; die wollte mich zu einem Vetter, Herrn Antoni Platter, tun, daß ich sollte die Schrift lernen. Dieser war damals nicht mehr in Grenchen, sondern zu St. Nikolaus im Dorf, das man Gassen nennt. Da der Bauer meiner Base Meinung hörte, war er übel zufrieden. Er sprach, ich würde nichts lernen, und sehte den Zeigefinger der rechten Hand mitten in die linke und sprach: „So wenig wird der Bub lernen, als ich den Finger da hindurch- stoßen kann." Das sah ich und hörte es. Sprach die Base: „I, wer weiß? Gott hat ihm seine Gaben nicht versagt. Es mag noch ein frommer Priester aus ihm werden." Sie führte mich also zu dem Herrn. Ich war damals gegen neun oder zehntehalb Jahre alt. Da ging es mir erst übel; denn der Herr war ein gar zorniger Mann, ich aber ein ungeschickt Bauernbüblein. Er schlug mich grausam übel, nahm mich vielmal bei den Ohren und zog mich von der Erde auf, daß ich schrie wie eine Geiß, die am Messer steckt, daß oft die Nachbarn über ihn redeten, ob er mich morden wolle. Bei dem war ich nicht lange. In derselben Zeit kam einer, der mein Geschwisterkind war; der war den Schulen nachgezogen gen Ulm und München im Bayerland. Dieser Student hieß Paulus Summermatter. Dem hatten meine Verwandten von 379 mir gesagt, und er verhieß ihnen, er wolle mich mit sich nehmen und in Deutschland der Schule nachführen. Da ich das vernahm, fiel ich auf meine Kniee und bat Gott den Allmächtigen, datz er mir von dem Pfarrer hülfe, der mich schier gar nichts lehrte, aber jämmerlich übel schlug; denn ich hatte nur ein wenig das Salve^) und um Eier singen gelernt mit andern Schülern, die auch in dem Dorfe bei dem Pfarrer waren. Also zogen wir zum Land hinaus. Da mutzte ich für mich heischen^) und meinem Bacchanten^), dem Paulus, auch geben; denn wegen meiner Einfältigkeit und ländlichen Sprache gab man mir viel. Als wir über den Berg Grimsel abends in ein Wirtshaus kamen, sah ich zum erstenmal einen Kachelofen, und da der Mond in die Kacheln schien, wähnte ich, es wäre ein großes Kalb; denn ich sah nur zwei Kacheln glänzen; das, meinte ich, seien die Augen. Morgens sah ich Gänse, deren ich nie welche gesehen hatte; da sie mich anzischten, meint' ich, es wäre der Teufel, der mich fressen wolle, und ich floh und schrie. In Luzern sah ich die ersten Ziegeldächer; da verwunderte ich mich ob der roten Dächer. Wir kamen danach gen Zürich. Da wartete Paulus auf etliche Gesellen, die wollten mit uns nach Meitzen ziehen. Dieweil ging ich, um zu heischen, so datz ich den Paulus auch schier untermelt. Denn wo ich in ein Wirtshaus kam, hörten mich die Leute gern die Walliser Sprache reden und gaben mir gern. Nachdem wir nun bei acht oder neun Wochen auf Gesellschaft gewartet hatten, zogen wir auf Meitzen zu. Das war für mich eine weite Reise, da ich nicht gewohnt war, so weit zu ziehen; dazu mutzte ich unterwegs zu essen verschaffen. Wir zogen also unser acht oder neun miteinander, drei kleine Schützen, die andern große Bacchanten, wie man sie damals nannte, unter welchen ich der allerkleinste Schütze war und der jüngste. Wenn ich nicht wohl vorwärts konnte, so ging mein Vetter Paulus hinter nur mit der Nute oder einem Stecken und zwickte mich um die Beine. Ich weiß nicht mehr alles, wie es uns auf der Straße ergangen ist; doch etlicher Dinge bin ich noch eingedenk. Als wir auf der Reise waren und man so allerlei redete, sagten die Bacchanten untereinander, wie es in Meitzen und Schlesien Brauch sei, datz ') Sei gegrüßt! 2) betteln. umherziehende Studenten. die Schüler Gänse und Enten, auch andere solche Speise rauben dürften und täte man ihnen nichts darum, wenn man dem entrönne, dem die Sache gehöre. Eines Tages waren wir nicht weit von einem Dorfe, da war ein großer Haufen Gänse beieinander und der Hirte nicht dabei. Da fragte ich meine Gesellen, die Schützen: „Wann sind wir in Meißen, daß ich darf Gänse tot werfen?" Sprachen sie: „Jetzt sind wir drin." Da nahm ich einen Stein, warf nach einer Gans und traf sie an ein Bein. Die andern flogen davon, die hinkende aber konnte nicht aufkommen. Da nahm ich noch einen Stein und traf sie an den Kopf, daß sie niederfiel; denn ich hatte bei den Geißen das Werfen gelernt, daß kein Hirt meines Alters mich darin übertraf. Da lief ich hinzu, packte die Gans beim Kragen, steckte sie unter mein Röcklein und ging mit ihr durch das Dorf. Da kam der Eänshirt nachgelaufen und schrie: „Der Bub hat nur eine Gans geraubt!" Ich und meine Mitschützen flohen, und die Füße der Gans hingen mir unter dem Röcklein hervor. Die Bauern aber kamen mit Arten und liefen uns nach. Da ich sah, daß ich mit der Gans nicht entrinnen konnte, ließ ich sie fallen. Vor dem Dorfe sprang ich vom Weg ab in ein Gesträuch; zwei meiner Gesellen aber liefen der Straße nach und wurden von den Bauern ereilt. Da fielen sie nieder auf die Kniee und baten um Gnade; sie hätten ihnen keinen Schaden getan. Und da auch die Bauern sahen, daß sie nicht die waren, deren einer die Gans hatte fallen lassen, gingen sie wieder in das Dorf und nahmen die Gans mit sich. Ich aber, da ich sah, wie sie meinen Gesellen nachgeeilt waren, war in großen Nöten und sprach: „Ach Gott, ich glaub', ich hab' mich heut' nicht gesegnet!" Denn nian hatte mich gelehrt, ich sollte mich alle Morgen segnen. Als die Bauern wieder in das Dorf kamen, fanden sie unsre Bacchanten im Wirtshaus; denn sie waren voraus ins Wirtshaus gegangen, und wir kamen nach. Die Bauern vermeinten, die- Studenten sollten die Gans bezahlen. Es wäre etwa um zwei Batzen zu tun gewesen; ich weiß aber nicht, ob sie sie bezahlt haben oder nicht. Als sie nun wieder zu uns kamen, lachten sie und fragten, wie es gegangen wäre. Ich entschuldigte mich und meinte, es wäre so Landes Brauch. Da sprachen sie, es wäre noch nicht Zeit. Ein andermal kam ein Räuber auf uns zu in einen, Wald, elf Meilen diesseits Nürnberg; da waren wir alle beieinander. Der wollte alsbald mit unsern Bacchanten spielen, um uns aufzuhalten, bis das; seine Gesellen zusammenkämen. Wir halten aber einen gar redlichen Gesellen mit Namen Antoni Schalbeter aus dem Visperzehnten im Wallis; der fürchtete ihrer vier oder fünf nicht. Der drohte dem Räuber, er solle sich von uns machen; das tat er. Nun war es so spät, daß wir bloß in das nächste Dorf kommen konnten. Es waren dort zwei Herbergen, sonst wenig Häuser. Als wir in die eine kamen, war der Räuber vor uns da und andere mehr, ohne Zweifel seine Gesellen. Da wollten wir nicht dableiben und gingen in die andere Herberge. Bald aber kamen sie auch dorthin. Als man nun zu Nacht gegessen hatte, war man im Hause so beschäftigt, daß man uns kleinen Buben nichts geben wollte; denn wir saßen bei der Mahlzeit niemals mit zu Tische. Man wollte uns auch kein Bett geben, sondern wir mußten im Roßstall liegen. Als man aber die Großen zu Bette führte, sprach Antoni zum Wirt: „Wirt, mich dünkt, du hast seltsame Gäste und bist selbst nicht viel besser. Ich sage dir, Wirt, lege uns, daß wir sicher sind, oder wir werden dir ein Wesen machen, daß dir das Haus zu enge werden soll!" Als man sie nun zu Bett geführt hatte, während ich und die andern kleinen Buben ungegessen im Roßstall lagen, waren in der Nacht etliche, vielleicht der Wirt selber, vor die Kammertür gekommen und hatten wollen ausschließen. Da hatte Antonius inwendig eine Schraube vor das Schloß gemacht, das Bett an die Tür gerückt und ein Licht angeschlagen; denn er hatte immer Wachskerzen und ein Feuerzeug bei sich. Schnell weckte er die andern Gesellen auf. Wie das die Schelmen hörten, wichen sie davon. Am Morgen fanden wir weder Wirt noch Knecht. Wir Buben waren auch froh, daß uns im Stall nichts geschehen war. Nachdem wir wohl eine Meile gegangen waren, kamen wir zu Leuten, die, als sie hörten, wo wir die Nacht gewesen waren, sich verwunderten, daß wir nicht alle ermordet waren; denn fast das ganze Dorf war der Mörderei beargwöhnt. Wir brachen auf und zogen auf Breslau zu. Unterwegs mußten wir viel Hunger leiden, also daß wir etliche Tage nichts denn Zwiebeln, roh gesalzen, aßen, etliche Tage,gebratene Eicheln, Holzäpfel und Birnen. Manche Nacht mußten wir unter heiterem Himmel liegen, da man uns nirgends bei den Häusern leiden wollte, wie sehr wir auch um Herberge baten; etliche Male hetzte man die Hunde auf uns. 382 Da wir aber gen Breslau in Schlesien kamen, da war alles in Fülle, ja so wohlfeil, daß sich die armen Schüler überaßen und oft in große Krankheit fielen. Da gingen wir zuerst im Dom zum heiligen Kreuz in die Schule. Als wir aber vernahmen, daß in der obersten Pfarre zu St. Elisabeth etliche Schweizer waren, zogen wir dahin. Da waren zwei von Bremgarten, zwei von Mellingen und andere, auch viele Schwaben. Es war kein Unterschied unter Schwaben und Schweizern; sie sprachen zueinander wie Landsleute und schirmten einander. Die Stadt Breslau hat sieben Pfarren und jegliche eine besondere Schule. Es durfte kein Schüler in des andern Pfarre singen gehen; oder sie schrien: ,,^a kok sick bopt uin Xopt kervor, nncl spottend <^uakt ein lust'Aer Okor: „Oevattsr, du bist nn und uin nickt §LN2 so Arob, dock Aanr so duinin." 175. kllentzröke. .^drsksm Lmanue! k'rokljek. Die Kuppel sprickt ruin käuincken: „VVus inackst du dick so breit init den Asrin^en ktläuincken?" ks saZt: „Ick bin erlreut, duü ick nickt bloss ein Hob., nickt eins leere ZtanZe." „IVas?" rutt die Kuppel stob, „ick bin Lvvur eine ZtanZe, dock eine lunZe, lanZe!" 176. Der lVIops als katient. Julius LtUKM. bin letter Nops la§ krank aut weickein bissen und knurrte: „XVelck ein jarninervolles beben! Zeit IVoclisn ekeln inick die lett'sten Kissen, und jeder baut inackt rneins blerven beben, v^uck drückt das bissen inick, ant dein ick Iie§e, und an der IVund dort ärgert inick die klieAS." Der Ia^dkund sprack: „Du wärest leickt 2U keilen, und Aern will ick dir Anten Rat erteilen: 442 Komm mit ins Keld, dick wacker ru bewegen, so wird sicb bald dein Dunßer wieder reßen; dann nimm kürlieb mit 8cbwarrbrot und mit Wasser!" Da brummte voll VerdrulZ der tauls krasser: „Was du da saZst, bann icb mir selber saßen. Das kiel' mir ein, mit dir im keld ru jaßen und dann mit dir aus einem kroß 2u tressen! Du muLt micb nicbt nacb deinem Ltande messen. Wie icb's ßewobnt bin, will icb weiter leben. Der ibrrt soll mir ein -Vlaßenmittel ßeben, und bat er keins, das Obei abzuwenden, soll man den Lkarlatan ?.um Kuckuck senden." 80 knurrt der Nops. bind als der Wrt ßekommsn und er den ßleicben Kat von ikm vernommen, bat er voll Orimm und Wut nacb ibm ßebissen und — klaßt und knurrt nocb beut' aut seinem Kissen. 177. Die Kntren und der Dnuskerr. >laZnus Oottkriecl I^icktwer. 1. kier und Xenscben scblieten teste, selbst der Dauspropbete scbwieß, als ein Lcbwarm ßescbwänrter Oaste von den näcbsten Dacbern stieß. 2. In dem Vorsaal eines Keicken stimmten sie ibr biedcben an, so ein bied, das 5 tein erweicken, Nenscken rasend macben kann. " z. Rinr, des Turners 8cbwießervater, scbluß den dakt erbärmlicb scbön, und rwei abgelebte Kater quälten sicb, ibm beirustebn. 4. Kndlicb tan/.en alle Katren, poltern, lärmen, daü es krackt, riscben, beulen, sprudeln, Kratzen, bis der Herr im Haus erwackt. 5. Dieser springt mit einem krüßel in dem tinstern 8aal berum, scbläßt um sicb, rerstöLt den 8pießel, wirkt ein Dutzend 3 ckal 6 n um, 6. stolpert über ein'xe Lpane, stürmt im ballen aul die blbr und rerbricbt 2wei Reiben 2 abne. — LIinder Riler sckadet nur. 178. blnser britr. ^cluarcl Uorike. 1. Unser Rritx riebt't seinen Lcklax, wollt' ein lVleislein lanxen; docb weil ibm denselben lax keines drein xexanxen, wird dem britr ru lanx die 2eit, denkt: leb bab' umsonst xestreut; will ja keine kommen. 2. Rack ackt laxen lallt ibm ein, im Oarten r:u spazieren; es ist scböner Lonnensckein, man bann nicbt erfrieren. bind am alten ^plelbaum kommt's ibm plötrlicb wie ein lraum, ob der Lcblax xelallen. z. ,,^a, es sitrt ein Voxel drin! ^ber — web! o webe! das ist traurixer Oewinn: tot, so viel icb sebe! — ^ber, was bann icb datür? Lieber bat das dumme lier sieb 7 .u lod xekressen!" 4. 8o trüst't sieb dein Nörder wobl, der dick bunxern lassen; aber icb vor leid und Oroll weit) micb nickt 2U lassen. Hast alle Xörnlein aulxepickt, bast dann vergebens umxeblickt, wo nocb ein Lröslein wäre. z. Ibr andern Vöxel allesamt wobl unterm blauen Himmel, ibr babt mit VVebxesanx verdammt den Voxelstellerlümmel. 444 /Wb, eines stark so bslde, bald, eben, da in bebt und Wal6 der brübbng sollte kommen! 179. balZ sieben! ^okaiilies Im Rorn, am Reldweg und aut dem Rain blübt so vieles im Lonnenscbein. Nan rault es aus und tragt's nacb Haus, und getrocknet siebt es erbarmlicb aus. Was man dock nicbt besitzen kann, Ia6 stebn, wo es stebt, uncl treu clicb dran. 180. Der Lauer uncl sein 8okn. Lkr-istiLN. k^ürclite^ott Oellert. Rin guter, clummer Lauernknabe, den Funker Hans einst mit ant Reisen nabm, uncl cler trotz seinem Herrn mit einer guten Oabe, recbt clreist /u lügen, wiederkam, ging Kur/ nacb cler voll krackten Reise mit seinem Vater über band. Rrit/, cler im Oeb'n recbt 2eit /um bögen tancl, log ant clie unverscbämt'ste Weise. 2u seinem Unglück kam ein grober Rund gerannt. ,,^a, Vater," riet der unverscbamte Knabe, „Ibr mögt mir's glauben oder nickt, so sag icb's Ruck und jedem ins Oesicbt, dab ick einst einen Rund bei — Raag geseben babe, Kart an dem Weg, wo man nack Rrankreicb takrt, der — ja, ick bin nicbt obren wert, wenn er nicbt gröber war als Ruer gröütes Lterd!" „Ras," spracb der Vater, „nimmt micb wunder, wiewobl ein jeder Ort labt Wunderdinge sebn. Wir /um Rxempel gebn jet/under und werden keine Ztunde gebn, so wirst du eine Lrücke sebn — wir müssen selbst darüber gebn — die bat dir mancben scbon betrogen! denn überbaupt soll's dort nicbt gar /u ricbtig sein. 445 /Nil dieser Lrücke liegt ein Ltein, an den stöllt man, wenn man denselben Vag gelogen, und lallt und brickt sogleick das Lein/' Der Lub' ersckrak, sobald er dies vernommen. ,,/mk," sprack er, „lault dock nickt 30 sskr! Dock — wieder aul den Hund ru kommen — wie groll, sagt' ick, dall er gewesen wär' ? wie Luer grölltes Llerd? I)aru will viel gekoren. Der Hund, jetrt lallt mir'8 ein, war er3t ein Kalbes Jakr; allein, das wollt' ick wokl ke8ckwören, dall er 80 groll all mancker Ock8s war." 8ie Zinsen nock ein gutes Ltücke; dock krit^en scklug das Herr. Wie konnt' 68 anders sein? denn niemand krickt dock gern ein Lein. Lr sak nunmekr die ricktsriscks Lrücks und lüklte sckon den Leinkruck kalk. ,,^a, Vater," ling er an, „der Hund, von dem ick red'te, war groll, und wenn ick ikn auck was vergröüert Kälte, so war er dock viel grüller als ein Kalb." Die Lrücks kommt. Lritr! kritr! Wie wird dir's geben! Der Vater gebt voran ^ dock Lritr kalt ikn gesckwind. ,,-Vck, Vater," sprickt er, „seid kein Kind und glaubt, dall ick dergleicken Hund gsseken! Denn kurr und gut, ek' wir darüber geben: der Hund war nur so groll, wie alle Hunde sind." 181. Vorn Läurnlein, das andere Llätter kat gewollt. I^rieclriek kiiekerl. 1. Ls ist ein Läurnlein gestanden im Wald in gutem und scklecktem Wetter; das kat von unten bis oben kalt nur Kadeln gekabt statt Llätter. Die Xadeln, die kaben gestocken; das Läumlsin, das kat gesprocken: 2. „.-Vlle meine Kameraden kaben scköne Llätter an, 446 und ick kabe nur Nadeln) niemand rükrt mick an. Oürlt' ick wünscken, wie ick wollt', wünsckt' ick mir Llätter von lauter 6olcl." z. Wie's Nackt ist, scklalt clas Läumlein ein, und krük ist's autzewackt) cla katt' es Aoldne Llätter lein; clas war eine krackt! Das Läumlein sprickt: „Nun bin ick stolr; Avldne Blätter kat kein Baum im Lolr." 4. ^ber wie es ^bend ward, AinA 6er ^ude durck clen Wald mit grobem Lack und grobem Lart; der siekt cke Aolclnen Blatter bald. Lr steckt sie ein, Zekt eilends kort uncl laöt clas leere Läumlein dort. Z. Das Läumlein sprickt mit Oramen: „Die Aoldnen Llättlein (lauern mick. Ick mub vor clen andern mick sckämen; sie trafen so sckönes Laub an Lick. Lürlt' ick mir wünscken nock etwas, so wünsckt' ick mir Llatter von kellern Olas." 6. Da sckliel das Läumlein wieder ein, und Irük ist's wieder aulAewackt; da katt' es Zlasene Llatter lein; das war eine krackt! Las Läumlein sprickt: „Nun bin ick lrok; kein Laum im Walde Zlitrert so/' 7. Da kam ein Arober Wirbelwind mit einem arAen Wetter. Der läkrt clurck alle Läume Aesckwincl und kommt an die Alasenen Llätter; da iLAsn die Llätter von Olase ^erbrocken in dem Orase. 8. Das Läumlein sprickt mit Brauern: „>lein Olas lie§t in dem Ltaub! Die andern Bäume dauern mit ikrem grünen kaub. Wenn ick mir nock was wünscksn soll, wünsck' ick mir §rüne Blätter wokl." y. Da sckliel das Bäumlein wieder ein, und wieder Irük ist's auIZewackt; da katt' es Arnne Blätter kein. Bas Bäumlein lackt nncl sprickt: ,,Xun kab' ick clock Blätter auck, daL ick mick nickt 211 sckämen brauck'!" 10. Da kommt mit vollem Buter die alte < 8 ei 6 ZesprunZen. Lie suckt sick 6 ras nncl Kräuter für ikre ^sunZen; sie siekt das Baub nncl trnAt nickt viel; sie Iriüt es ab mit Ltumpt nncl 8 tiel. 11. Da war clas Bäumlein wieder leer^ es sprack nun 2u sick selber: „Ick beZekre nun keiner Blätter mekr, weder grüner, nock roter, nock gelber. Hätt' ick nur meine tadeln, ick wollte sie nickt tadeln." 12. lind traurig sckliel das Bäumlein ein, und trauriZ ist es auIZewackt: da besiekt es sick im Lonnensckein und lackt und lackt. ^Ile Bäume lacken's aus: das Läurncken mackt sick aber nickts draus. iz. Warum kat's Bäumlein denn gelackt, und warum denn seine Kameraden? Ks kat bekommen in einer Kackt wieder alle seine Kadeln, daö jedermann es seken kann. Oek 'naus, siek's selbst, dock rükr's nickt an! Warum denn nickt? Weil's stickt. 448 182. Vorn Lüblein, das überall inittzenoinmen bat sein wollen. krieäriek I^üelcert. Denk an! das Lüklein ist einmal spazieren gangen iin VViesental; da wurd's inücl Zar sekr und sagt': „Ick kann nickt mekr; wenn nur was käme und mick mitnäkme!" Da ist das Läcklein gellossen kommen und kat's Büklein mitgenommen. Das Lüblein kat sick auls Läcklein gesetzt und kat gesagt' ,,8o gsläUt mir's jetzt." tVker was meinst du? das Läcklein war kalt; das kat das Lüblsin gespürt gar bald: es kat gelroren gar sekr; es sagt: „Ick kann nickt mekr; wenn nur was käme und mick mitnäkme " Da ist das 8ckilllein gesckwommen kommen und kat's Lüklein mitgenommen. Das Lüklsin kat sick auls 8ckilllein gesetzt und kat gesagt: „Da gelallt mir's jetzt." ^ker siekst du? das 8ckilllein war sckmal; das Lüklein denkt: Da lall ick einmal! Da lürckt't es sick gar sekr und sagt: „Ick mag nickt mekr; wenn nur was käme und mick mitnäkme!" Da ist die 8cknecke gekrocken gekommen und kat's Lüklein mitgenommen. Das Lüblein kat sick ins 8ckneckenkäuslein gesetzt und kat gesagt: „I)a gelällt mir's jetzt." ^ber denk! die 8cknecke war kein Oaul; sie war im Xriecken gar zu laul. Dem Lüblein ging's langsam rn sebr; es sagt': „Icb mag nickt mebr; wenn nnr was käme und micb mitnabme!" Da ist ein Reiter geritten gekommen und bat's Lnblein mitgenommen. Das Lnblein bat sieb binten anks bkerd gesetzt und bat gesagt: ,,8o gekällt mir's jetrt." ^Vber gib ^cbt! das ging wie der Wind; es ging dem Düblein gar rn gescbwind; es bopst (trank bin nnct ber und scbreit: ,,Icb bann nicbt mebr; wenn nnr was käme nnct micb mitnabme!" Da ist ein Baum ibm ins Raar gekommen nnct bat's Lnblein mitgenommen; er bat's gebangt an einen ^st gar bock; dort bangt das Lnblein nnd Zappelt nocb. Das Rind kragt: Ist denn das Dnblein gestorben? Antwort: Rein, es rappelt ja nocb! morgen gebn wir 'nans nnd tnn's 'rnnter. 183. Das 8cklaurakkenland. Hang Lacks. Line Oegsnd beibt Lcklanrakkenland, den kauten beuten woblbekannt; die liegt drei Neben binter Weibnacbten. bin Nenscb, der dabinein will tracbten, mu6 sieb des groben Dings vermessen nnd durcb einen Berg von Rucken essen; der ist wobt dreier Neben dick. Alsdann ist er im Augenblick in demselbigen Lcblanrakkenland. Da bat er Lpeis' und Lranlc 2ur Land: Du sind die Lauser gedeckt mit Fladen, Lebkucben Lür und Lensterladen; um jedes Haus Aebt rinIS ein 2mm, gedockten aus Lrat wursten braun. Vom besten ^Veine sind die Lronnen, liHmmen einem selbst ins >laul geronnen, ^n den Lannen banden süüe Xrupten wie bier 2u Land die Lannen?.apten. -^ut XVeidenbäumen Lemmeln stebn^ unten Lacbe von Lilcb ber^ebn; in diese lallen sie berab, daü jedermann ru essen bab'. ,^ucb biscbe scbwimmen in den Lacken, gesotten, gebraten, Zesalren, Zebaclreni die Aeb'n bei dem Oestad so nabe, daü man sie mit den Länden labe. .^ucb diesen um — das möAt ibr glauben Zebrat'ne Lübner, Oäns' und Lauben) wer sie nicbt län§t und ist so laul, dem diesen sie selbst in das Laul. Die Lcbweine, lett und wobl^eraten, laulen im Land berum gebraten^ jedes bat ein besser im Lüclc; damit scbneid't man sieb ab ein Ltüclr und steckt das besser wieder binein. lVie ist dein krot?^ — ,,0 Herr, so triscb und weicb wie Lütter." — ,,Li nun, du bat es keine blot. Lock, Lütter ist ein bsss'res Lütter, weil dieser er sein krot verßleicbt. Xiclit, Lreundciten? das beZreitt siclr leicbt; drum lassen wir den Lrotkaut sein und bolen lieber Lütter ein!" 2um Wlcbverkäuter AinZ es dann. „Wie ist die Lütter, lieber l^Iann?" — „80 sü6 und scbmackbatt, triscb und weicb und dem Olivenöle Zleicb, dem köstlicbsten, das nur xu baben." — „80 wollen wir an Ol uns laben; denn dieses mu6 docb besser sein." 2um Ol verbauter AMZ's binein. ,,XVie ist dein Öl?" — „0 Llerr, türwabr, wie Brunnenwasser triscb und klar." — ,,L>, ei," so spracb der Oeirbals nun, „jetrt weiL icb endlicb, was ru tun: wir wollen uns am Wasser laben, weil dies das Leste, was ru baben. Wie sieb das paöt und berrlicb tüZt! icb trab', soviel tür uns genügt, 2U Laus ne Zanre Xute stebn — da wollen wir scblampampen ßebn! die leck're lVtablreit soll uns trommen." b'ncl also ist es aucb gekommen: sie scblanAen Wasser wie die Lcblaucbe, bis ibnen kullerten die Laucbe. Lodann mit mancbem Oankeswort bat sicb an seinen ldeimatsort der lVIann aus lvuka trob entternt, ver§nÜAt, dab er so viel gelernt. 187. Okidker. kriedriok krUclcert. Lbidber, der ewiZ junZe, sxracb: Icb tubr an einer Ltadt vorbei: ein Nann iin Oarten brücbtc bracb. leb traZte, seit wann die Ltadt bier sei. Itr spracb und ptlückte die brückte tort: „Die Ltadt stebt ewiß: an diesem Ort und wird so sieben ewi§ tort." bind aber nacb tüntbundert ^sabren kam icb desselbi§en We§s Aetabren. Da land icb keine Lxur der Ltadt: ein einsamer Lcbater bbes die Lcbalmei, die Herde weidete baub und Llatt. Icb traZts: ,,Wie lan§ ist die Stadt vorbei?" Lr spracb und blies auk dem ILobre tort: „Das eine wäcbst, wenn das andere dorrt: das ist mein ewiger Weideort." lind aber nacb lüntbundert ^abren kam icb desselbiZen WeZs Zetabren. Da land icb ein Neer, das Weilen scblu§. Lin Lcbitter wart die bletre trei, und als er rubte vom scbweren 2u§, tra§t' icb, seit wann das Neer bier sei. br spracb und lacbte meinem Wort: „SolanA als scbäumen die Wellen dort, tiscbt man und tiscbt man in diesem kort." lind aber nacb lüntbundert ^abren kam icb desselbiZen WeZs Zetabren. Da land icb einen waldigen kaum und einen Nann in der Liedelei: er lallte mit der Wxt den Raum. Icb trabte, wie alt der Wald bier sei. lir spracb: ,,Oer Wald ist ein ewiger Hort: scbon ewi§ wobn' icb an diesem Ort, und ewiZ wacbsen die kaum' bier tort." 457 lind aber nack iünkknndert Jakren kam ick deszelbißen WeßS ßelakren. Da land ick eine Ltadt, nnd laut ersckallte der Narlct vom Vollcsßesckrei. Ick IraZte: „Zeit vcann ist ciis Ltadt erbaut? Wokin ist Wald nnd iVleer und Lckalmei?" 8is sckrisn und körten nickt inein XVort: ,, 3 o §in§ es evviß an diesem Ort nnd vird so Zeken evviß lort!" Ond aber nack Iünkknndert Jakren XViil ick desselben We§es takren. 188. 8prücke der Weiskeit. Vo1!rsinuri de büesse iscb abbrocbe worde und änderst und allewil änderst ulbaut worden uls neu. Lo blibt's und so wecbslet's im bebe, Und so stuunt der Her kbrli de 2ite no, wo-n-er die Ltudt Zsebt, Fsekt-se cbo und Zo die Oscblecbter, wo wandlen ul brde, und was ebi§ blibt, das düte die lürn, wo Lum Himmel 7-eiZen und d'ltlöntscbe mabnen an das, was ebiZe luide ^it. kr iscb wie im 'I'raum — I)o wecken-in beiteri stimme, er lueZt uk, und 's stunde drei rumpteri ^umplere vor-im, 's scbine 8cbwestere ?.'si, ^ur ordliZi, lrünclliZi Din^Ii, lriscb wie lllilcb und Lluet, und wie ltoseli tüeje-si blüeje. Drul so lun^e-si a und lroZen enander und rote: „Was iscb das, was iscb selb?" 's weiss keis recbt im andere kscbeid x'^e. Xwor d'Lbriscbone cbenne-si woll und 's külli^er ( lülcbli, wie si ubelueAL ul d'8tudt und 's band vo de Ler^e und d'lVIarAretbe tuen Arüesse. — — — — — — — — — „Leib iscb 's Wisetul dort ane," sait do der bler bbrb, 460 „selbe lurn, wo-ine Aesebt, das iscb der Biecbeinsr Lbilcbturn, „nebe/ue 11t Wil, und bintever Asebt-rne vo Börecb, „rneinen-i, no ne Ltücb' 's iscb wirblig e pracbtiAe OeZni." — „Leib iscb der Blaue," sait-er, „er iscb büt luter, 's bidütet „bständiA Wetter irn band; 's iscb nie Agn/ uriA irn Luinrner, ,,wenn-er e Lbappe bei, ine cba drut /eile, 's §it Be§e. „Iscb-er nit e stattliZe Ler§? Br Zbört scbo /urn Lcbwar/wald, „wie sini Bocbbersn au. ^et/ witer obsi ob Basel „Zsebn-Li's Obren/ecber Born, selb W16, und obebar Obren/ecb; „W^ble cbunnt drut und Ort an Ort bis Aegs Lcbattbuse, „selb iscb aber /'wit, ine inuess-'s-si nurnine so denbe. „bddsi Asebt ine witer. (set/t lueZen-Li unten ain Blaue, „('s scbint eirn nuinine-n-e so) as wenn-er ain lind vo der Welt stienA, „stobt der Istsiner Lblot/, er wäscbt sini AwaltiZe 8tot/e „AinüetliA irn Bbi, da lautt §an/ satt dort näbeniin dure. „BueZe-Li, wie-n-er Alan 2 b, und wider vsrscbwindet und wider „türecbunnt, 's iscb Arad, as wenn-er Verstecblis wott inacbe." — Lider lautt der Her Bbrli iin Ospracb ut die anderi Lite vorn BarAretbeiner Bot, wo scbön A6§e LinniZe /ue lit, Iue§t durusen ins Band und sait: „Bort unten iscb 's Bisis. „BueZs-Li, wit und breit die grosse, pracbtiAS Beider, „wo der Bewat blüeit, und -Wber an ^Vcber voll Brucbt stobt. 's sit/t en alte Lur ut der Buren und lost, was-si rede, „(sä, 's iscb allweA scbön," so sait-er, „wenn-ins 's bitracbtet, „'s iscb e grosse Le^en ut dene Beideren alle; „bbüetet's der BiebberZet vor Oberwetter, iscb Vorstands „wider e trucbtber (sobr; 's cbönnt inanZi Wunde verbinde, „wenn ins /triden iscb und nit der LeZen in Bluecb cbert, „wie'sjust inanAist Zscbet." — „'s iscb ricbtiZ", sait der Ber Bbrli^ „lusZet, wie Asebt-rne nit der Woblstand klüejen iin Brucbtteld! „LtattliZi Böt, 's Boise, der Bette, 's Beubad und selb Lbilcbli, „wo de lautere Abort. Bnd witers ain Buess vo de BerZe „ruejen iin Obstbauinwald, iin cbüele Lcbatte die Oörter, „^llscbwil /.'erst und Badens drut, wo d'jsude debeiin si." — Bos, was cblinAt dur d'Butt ? 's scblobt acbti /'Basel, und 's lütet, 's iscb 's BrüebprcdiAAbit,' wie lisbliA töne die OI 0 AA 6 , rein und Arob durenander^ wie's tönt und lütet iin Bebe 461 und im Kontscbeber?, 's iscb I.icbts und 8cbwers binenander! ^u 's NarZretkli, das §bört's und 's lütet 's Xeicben as Antwort: 's siA der Alicbli§ Olaube, der AÜcbbA Herzet und Keiland, wo's de büte vercbündt, wie 2'KaseI in schönere Lbilcbe ricberi Wort und Osanß ?u sinen Kbren ertöne. boset, wie liebÜA ass 's cblinZt, dassi iis.1t d'8timme vom besttaß, und sust bört-me nüt, bei Wercbti^slärmen und Orumpel! Koset wie's cbbnAt vo de lürnen, und d'LerAe Aebe-n-en Antwort, iiin und iier wallt's Olüt und d'Küttli trä^s's rum Himmel. 's iscii, as wenn alls jet2 lebi§ wär und alls tät ereblinZe. 80 cblinAt 's KÖttÜA Wort, mit Krnst und liebliAsm bride iiüt an's Köntsebeber^ in tusi^ Wisen und Köns; lis und tut scidoiit's a, und d'Kerrs §eben-im Antwort, ass-es nit verfallt und ute rum Himmel und ade widerclilinZt: 's iseli docli e scliöni 8acb um der 8unntiZ im-ene cbristli§e band. Wie mänZ's au durmlen und sclilote MLA in der Welt, e mänAs tuet doeli rum Kebe verwacbe, wenn-im 's Olö^ZIl rüett. Dir OloGAe sit-mer Aottwilebe! 1.086t, jet2 liet's verlütet, und still iscli's wider im Rundum, numme no 's Vü^eli sinZt ulk im Käst si beimeliZ Kiedli, 's brucbt bei b'sunder Olüt, 's iseli selber si bkarrer und 8i§erst. — 190. ^.U8 meiner Kindkeit. ^rredriek I^ledbel. 1. 8cbau icb in die tietste Kerne meiner Kinderzeit binab, steißt mit Vater und mit Kutter aucb ein Kund aus seinem Oral). 2. Kröblicb kommt er ber^esprunKen, triscben Nuts den 8taub der Orutt. wie so ott den 8and der 8tra6e von sieb scbüttelnd in der I.utt. z. Nit den treuen braunen Vu^en bliebt er wieder aut ru mir, und er scbeint wie einst 2U mabnen: §eb docb nur! icb kol§e dir. 4. Denn in unserm Hanse teklte es an Dienern Aanr und Aar; dock die >Iutter lieb mick lauten, wenn er mir 2ur Leite war. Z. Besser §ab auck keine .Vmme je ant ikren LckütxlinA ackt, und er katte sckärt're Watten und Asbrauckte sie mit >lackt. 6. Leine eignen Kameraden kielt er mit den 2äknen tern, und des Xackbars Katre ekrte ikn von selbst als ikren Denn. 7. Dock wenn ick dem alten Brunnen spielend nakte kinterm Daus, bellte er mit lauter Ltimme meine ^lütter ^leick ksraus. 8. Br erkielt von jedem Bissen seinen Beil, den ick bekam, und er war mir so ergeben, daü er selbst die Kirscken nakm. y. ^ber allru bald nur trübte uns der keitre Dimmel sick; denn er katte einen Bekler, diesen, daü er wucks wie ick. 10. Dnd an ikm ersckien als Lünde, was an mir als luZend Aalt, da man rnick ums Wacksen lobte, aber ikn ums Wacksen sckalt. 11. lmmer grober ward der Bunker, immer kleiner ward das Brot, und der eine konnte essen, was die IVtutter beiden bot. 12. vDs ick eines Dortens trabte, sLAte man, er wäre tort und entlauten wie mein Blase; dock das war ein talsckes Wart. 463 IZ. K ocb denselben -^bend kebrte er ru seinem Lreund Zurück, den ^erbiss'nen Ltrick am Halse; docb das war ein kurzes Olück. 14, Denn ob§leicb er mit ins Leite durite — ack, ick bat so sebr — war er morgens docb verscbwunden, unci ick sak ibn niemals mebr. 191. Das Kätrcken. kriedriek Ideddol. ,,^a, das Kät^cben bat Kestoblen, nncl clas Kätrcben wird ertränkt, klacbbars Leier sollst du bolen, daü er es im Leicb versenkt!" Kacbbar Leier bat's vernommen; unKeruien kommt er sckon: „Ist die Diebin ru bekommen, Kebe icb ibr Kern den Lobn." „Klutter, nein, er will sie quälen; gestern wart er sckon nacb ibr. Lleibt nicbts andres mebr ru wäblen, so ertränk' icb seKst das Lier." Lieb, das Kätrlein kommt KesprunKen; wie es Klänrt im XorKenstrabl! LustiK büpit's dem kleinen sunKc-n ant den /Vrm ru seiner l,)ual. „Klutter, Ia6 das Katrcben leben! jedesmal, wenn's dicb bestieblt, sollst du mir kein Lrübstück Keben. Lieb nur, wie es artiZ spielt!" „Klein, der Vater bat's Keboten; bunclertmal ist ibr ver^ieb'n." — „Hat sie docb vier weiüe Linien!" — „Einerlei! ibr LaZ erscbien!" „Kacbbarin, icb iolK' ilim leise, ob er es aucb wirklicb tut." I'eter spricbt es bäm'scber Weise, und der Knabe bort's mit Wut. Unterweis anl manckem Blatre bietst er sein kiebckcn aus; aber keiner will die Xatrs, jeder bat sie langst iin Haus. Vck, da ist er sckon am Beicke, nnd sein Blick, sein sckener, sckweilt, ob ibn Beter noeb nrnscbleicbe — ja, er stellt von lern nnd pleilt. „Kinn, wir müssen alle sterben; OroÜmams gin§ dir voranl, nnd du wirst den Himmel erben. Kratze nur! sie mackt dir ank." ^setrt, nm sie recbt tiel rn betten, wirkt er sie mit aller Nackt; dock rmZleick, nm sie 2 N retten, springt er nacb, als er's vollbracht. Kälte Beter nickt, der lanZe, Zleick im V.nZcnblick kerxn, lande er — es ist mir banZe — kier im Beick die ew'Ze Buk, In das Hans xnrückZetrL^en, kört er anl die Nntter nickt, sckwciZt anl alle ikre Braken, sckliesst die ^nZen trotri§ dickt. Von dem 2ncker, den sie krackte, nimmt er rwar verstreut ein 8tnck; dock den Bee, den sie ikm mackte, weist er ungestüm Zurück. XVelck ein Bon! Br drekt sick stützend, nnd anl einer Bensterbank, spinnend nnd sick emsiA putzend, sitrt ein Xätrcken blink nnd blank. „Bebt sie, Nntter?" — „Dem Verderben warst dn naker, Xind, als sie." „bind sie soll anck nickt mekr sterben?" — „Brinke nur, so soll sie's nie!" 192. 1)38 grüne Her. ^.u§ust Kopiged. 465 Die pkaciener Tu Lanerau sin6 ausgewitrte keuts : wär' nock kein Pulver in cier ^Velt, srtän6en 8ie es keute. Allein, allein, so wir6 es irnrner sein: was man 2 uin erstenmal ersickt, kennt selber auck cier Klügste nicbt! Pln6 wie einmal 6is Hiaclner mäkn, sie einen grünen Krosck ersebn, so grüne, so grüne! Lo grüne war cier liebe prosck nnci bläkte mit ciem Kroptc! cien Pka6nern iiel vor Lckreck ciabei ciie Nütre von ciem Kopte: mit Leinen vier ein grünes grünes Pier! Das war tür sie 2 N wuncierlicb, 2 n neu nnci ru absnncierlicb! Da musste gleicb cier Lckultkeik ber, sollt' sagen, weicb ein Pier cias wär', cias grüne, cias grüne! Das grüne Pier, cier Lckultkeiü sab, als einen Hupt es macbte. Die Pka6ner wollten scbon 6avon; cia sprack cier ^ite: „Lackte! paukt nickt ciavon! es sit 2 t unci rukst sckon. Leici still! unci ick erklär' es baici: cias Pier kommt aus ciem grünen Walcp cier grüne Wal 6 ist selber grün, 6 avon ist auck cias Pier so grün, so grüne, so grüne! Lo grüne! äenn es lebt Vie will icli pllücken viel Dlnrnen scbon! Dem ^nMr, clern bin icb bol6." — Hört ibr's, wie cler Donner grollt? Die Natter spricbt: „Normen ist's beiertaZ! Da balten wir alle lröblicb OelaF: ieb selber, icb rüste rnein beierklei6. Das beben bat aacb Dnst nacb bei6 : 6ann scbeint clie 8onne wie 60I6!" Dort ibr's, wie 6er Donner grollt? OroLrnatter spricbt: „Normen ist's beiertaZ! OroLrnatter bat keinen beierta^: sie korbet 6as Nabl, sie spinnet 6as Kleiü' 6as beben ist Lorg' an6 viel Arbeit. XVobl 6ern, 6er tat, was er sollt'!" Dort ibr's, wie 6er Donner grollt? Drabne spricbt: „Normen ist's beierta^! -Via liebsten morgen icb sterben inaZ: icb kann nicbt sinken un6 scberren inebr, icb kann nicbt sorgen nn6 sckallen scbwer. XVas tn icb nocb ant 6er >Velt?" — Lebt ibr, wie 6er Dbt? 6ort lallt? 8ie bören's nicbt, sie seben's nicbt: es llarninet 6is 8tabe wie lauter bicbt: brabne, OroLrnattsr, Natter un6 Kin6 vorn Ltrabl rniteinan6er Zetrollen sin6. Vier beben sn6et ein 8cbla§ — nn6 inorZen ist's beierta^. 474 200. kreier in der Lremde. Oottlob Lder^arä. 1. Der Leter will nickt länger bleiben: er will durckaus kort in die Welt. Dies Wagestück ru bintertreiben, cler blutter iininer sckwerer fällt. „Was willst du," sprickt sie, ..draullen macken Du kennst ja lremde blenscken nicbt. Dir ninnnt vielleicbt all deine Zacken der erste beste Lösewickt! 2. Der Leter lackt nur ikrsr Lorken, wenn er clie blutter weinen siekt, nncl wiederkolt an jedem blorgen sein längst gesung'nes Keiseked. Kr meint: Die Lremde nur mackt beute: nickt in der blake woknt das Oluck, Drum suckt er's gleick reckt in der Weite: dock kekrt er mit der 2eit Zurück. Z. 2 u blilte rutt man alle Lasen: jedwede gibt darin ikr Wort. Dock Leter labt nickt mit sick spalten: der bollkopt will nun einmal lort. Da sprickt die blutter voller Kummer: ,,8o siek dock nur den Vater an! Der reiste nie und ist nickt dummer als mancker weitgereiste blaun." 4. Lock Leter lallt sick nickt bewegen, so clak 2ulet2t der Vater sprickt: „Kun gut! Ick wünsck' dir Olück und Legen: lort sollst du: dock nun säum' auck nickt!" blun gekt es an ein Kmballiersn vom Lull kinaul bis an den Kopb man wickelt, dall auck nickts kann trieren, das dickste Land um seinen 2 opb Z. bind endlick ist der Lag gekommen: gleick nack dem bssen gekt er keut. Voraus ist Vbsckied sckon genommen, und alles sckwimmt in braurigkeit. Die Litern das Oeleit ibm geben bis aut das nacbste Dort binaus, und weil da ist ein Wirtsbaus eben, bält man nocb einen ^.bscbisdsscbmaus. 6. Lin Llascbcben Wein wird vorgenommen; docb still wird Leier, mäuscbenstill. Alan trinkt ant glückbck Wiederkommen, nncl Leier senket: „blun, wie Oott will!" Lr mu6 clie /Vugen mancbmal reiben, nimmt ^.kscbied nocli einmal recbt sebön nncl sagt, man soll nur sitren bleiben! denn weiter lass' er keinen gebn. 7. Ond enillicb wankt er lort, der Leier, obgleicb es ibn beinabe reut. l^acb jeden bundert Lcbrittsn siebt er und denkt: „Wie ist die Welt so weit!" Das Wetter will ibn aucb niebt treuen; es webt der Wind so raub und kalt. Lr glaubt: Ls kann nocb beute scbneien, und scbneit's niebt beut, so scbneit's docb bald. 8. ^etrd scbaut er bang Zurück; jetxt gebt er und sinnt, wie weit er beut nocb reist. ^et?t kommt ein Kreuzweg; acb! da siebt er, und niemand, der rurecbt ibn weist! ,,-Wb," seuk^t er, „so was rm erleben, gedacbt' icb niebt! I)aü Oott erbarm! Hätt' icb der Nutter nacbgegeben, so salZ' icb jstxt nocb weicb und warm. y. Wie konnt' icb so mein Olück verscberren! Icb war docb wirklicb toll und dumm. Wie würde micb die lVlutter berren, kebrt' icb an diesem Lreurweg um!" Ond rascb bescblieKt er, sicb xu dreben, wie wenn man was vergessen bat, und rennt — icb bätt' ibn mögen seken! — Zurück 2ur lieben Vaterstadt. 10. Die Litern saiZen unterdessen im Wirtsbaus nocb in guter Kub', 476 bekämpften ibren Omm durcb Lssen und tranken tief gerübrt daru. Der Leier lieb sie gern beim Lcbmause; ibn reifte nur der Heimat Olück; drum läuft er sporenstreicbs nacb Klause auf einem Leitenwsg Zurück. 11. Ond trab, dab in der Lab' und kerne sein LuL sieb nicbt verirret bat, gelangt er vor dem ^bendsterne nocb ungeseben in die 8tadt. Oocb ist er kaum erst angekommen, da seballt Oeläcbter durcb das Haus. Das bätt' er übel fast genommen; allein — er macbt sieb nicbts daraus. 12. Uan spaöt: „Du muüt mit Ueilenscbuben gewandert sein; drum setr' dieb aucb nun bintern Ofen, um ru ruken, und pfleg am Lrotscbrank deinen Laueb!" Lr tut's. ^setrt treten seine .dlten /.ur Ltubentür betrübt berein; die Nutter seufrt mit Oandefalten: ,,^ck Oott, wo mag nun Leier sein?" iz. Da kriecbt der Leier vor und sebmunrelt: „Was klagt Ibr denn? Hier bin icb ja!" Die Uutter jaucb?.t; der Vater runzelt die Ltirn und spricbt: „8cbon wieder da? blun, wie icb's dacbte, ist's gescbeben; die Vutter war nur ganr verwirrt; icb bab's dem öurscben angeseben, wie weit die Leise geben wird." 14. Die Untier jubelte, durcbdrungen von frommem Dank: „'s ist besser so; nun bab' icb wieder meinen jungen gesund dabeim; des bin icb frob!" Oocb Leier sagte ganz. beklommen: „Hatt' icb nur nicbt geglaubt, es scbneit, und wär' der Kreuzweg nicbt gekommen, icb wäre jeOt, wer weilt, wie weit!" 477 201. Rardarossa. krieärioli Zuckert. 1. Der alte Larbarossa, 6er Kaiser Kriedericb, im unterird'scben Lcblosse kalt er verzaubert sieb. Kr ist niemals gestorben, er lebt darin nocb jet^t: er bat im Scbloü verborgen rum Scblaf sieb bingesetrt. 2. Kr bat binabgenommen des Keicbes Kerrlicbkeit und wird einst wiederkommen mit ibr 2U seiner 2eit. Der Stubl ist elfenbeinern, darauf der Kaiser sitrt; der Kiscb ist marmelsteinern, worauf sein Haupt er stützt. z. 8ein Kart ist nicbt von Klackse, er ist von Keuersglut, ist durcb den Kiscb gewacksen, worauf sein Kinn ausrubt, Kr nickt als wie im Kraume, sein ^.ug' bald okken rwinkt, und je nacb langem Kaume er einem Knaben winkt. 4. Kr spricbt im Scblaf rum Knaben: ,,0eb' bin vors LcblolZ, o 2werg, und sieb, ob nocb die Kaben berkliegen um den Lerg! und wenn die alten Kaben nocb fliegen immerdar, so mulZ ick aucb nocb scblafen verzaubert bundert ^abr'." 202. Siegfrieds Sckwert. I^uclbvjA I^klaruä. 1. ^ung Siegfried war ein stolzer Knab', ging von des Vaters Lurg berab, 2. wollt' rasten nicbt in Vaters Haus, wollt' wandern in alle Welt binaus. z. Begegnet' ibm mancb Kitter wert mit festem Scbild und breitem Sckwert. 4. Siegfried nur einen Stecken trug: das war ibm bitter und leid genug. Z. bind als er ging im finstern Mald, kam er 2,1 einer Scbmiede bald. 6. Da sab er Kisen und Stabl genug: ein lustig Keuer Klammen scblug. 7. „0 Kleister, liebster Kleister mein! Kali du micb deinen Oessllen sein, 478 8. und lellr' du mied mit 14ei6 und .^Vellt, wie man ciie Zeiten 8ck werter macllt!" y. LieZkried den Hammer woll! scllwinZen kunnt: er scllluA den ^Vmbob in den Orund. iv. Kr scllluZ, daü weit der Wald erklang nnd alles Kisen in Ltüeke sprang. 11. Und von der letzten Kisenstan^' inacllt' er ein Lcllwert, so breit nnd lanZ. 12 . „Kun bab' icb ^escllmiedet ein Autes Lcllwert: nun bin icll wie andre Imitier wert: iz. nun sckIaZ:' icll wie ein andrer Held die Riesen und Dracllen in Wald und lleld!" 203. Roland Lckildträger. I.uclwjA Der Köni§ Karl sall einst ru 'lliscll 2 U ^acllen mit den bürsten. Nan stellte Wildbret ant und biscll und lieb aucll keinen dürsten. Viel OoldZescllirr von klarem Lcllein, mancll roten, grünen lldelstein sall man im Laale leucllten. Da spracll Herr Karl, der starke Held: „Was soll der eitle Lcllimmer? Das beste Kleinod dieser Welt, das kelltet uns nocll immer. Dies Kleinod bell wie Lonnenscllein ein Kiese träZt's im Lcllilde sein tiek im /Vrdennerwalde." Oral Kicllard, Krxkiscllok lurpiu, lllerr Ikeimon, Xaims von Kadern, Nilon von ^n^lant, Oral Darin, die wollten da nicllt keiern: sie llaben Ltalll^ewand beweint und llieöen satteln illre Kkercl', xu reiten nacll dem Kiesen. 479 ^UNA Roland, Lokn des Llilon, sprack: „Rieb Vater, kört, ick kitte! Vermeint ikr mick ru jun^ und sckvack, daL ick mit diesen stritte, dock kin ick nickt 2 u vvinri§ mekr, enck nackLutraZen enern Lpeer samt eurem Zuten Lckilds." Die secks Oenossen ritten bald vereint nack den ^rdennen: Dock als sie kamen in den Wald, da taten sie sick trennen. Roland ritt kinterm Vater ker' wie vvokl ikm war, des Helden 8peer, des Melden Lckild ?.u trafen! Lei Lonnensckein und Vondenlickt streikten die küknen Oe§eni dock landen sie den Riesen nickt in Reisen nock Oeke§en. 2ur VittaAsstund am vierten Ra^ der lderro^ Vilon scklaten laA in einer Ricke Lckatten. Roland sak in der Rerne bald ein Llitren und ein Reuckten, davon die Ztraklen in dem WId die ldirsck' und Rek' auksckeuckten. Rr sak, es kam von einem Lckild; den tru§ ein Riese, §rc>6 und ^vild, vorn LerAS niederstei^end. Roland Zedackt' im Rerren sein^ ,VVas ist das kür ein Lckrecken! Loll ick den lieben Vater mein im besten Lcklat erwecken? Rs wacket ja sein ^utes Rterd; es vvackt sein 8peer, sein Lckild und Lckvvert; es vvackt Roland, der jun^e." Roland das Lckvert rur Leite band, lderrn Nilons starkes ^Vatten; die Ranre nakm er in die Rand und tät den Lckild autrakten. Rerrn Nilons RoL bestieg er dann und ritt erst sackte druck den Hirn, deir Vater nickt zu wecken. Kind als er kain zur kelsenwand, da sprack der Ries' rnit kacken: ,,Was will dock dieser kleine Kant ant solckern Rosse rnacken? Lein Lckwert ist zwier so 1 an§ als er; vorn Rosse ziskt ikn sckier der Lpesr; der Lckild will ikn erdrücken." ^unZ Roland riet: „VVoklant zuin Ltrsit! dick reuet nock dein Recken, klak ick die dartscke 1an§ und kreit, kann sie rnick kesssr decken. Rin kleiner Kann, ein Zrokes Rterd, ein kurzer Vrrn, ein langes Lckwert, inuL eins dein andern Kelten." Der Riese rnit der LtanZe sckluA auslanZend in die XVeite. ^unZ Roland sckwenkte scknell §enu§ sein R06 nock ant die Leite. Die Ranz' er ant den Riesen sckwanA: dock von dein VVundersckilde sx>ran§ ant Roland sie zurücke. ^unA Roland nakrn in Zroöer Rast das Lckwert in keide Rande. Der Riese nack dein seinen.takt'; er war zu unkekende: rnit tlinkein Riebe sckluA Roland iknr unterrn Lckild die linke Rand, dai! Rand und Lckild entrollten. Rein Riesen sckwand der Nut dakin, wie ikin der Lckild entrissen; das Kleinod, das ikin Rratt verdickn, inuöt' er mit Lckrnerzen inissen. 2 war liet er §leick dein Lckilde nack; dock Roland in das knie ikn Stack, da6 er zu Loden stürzte. 481 Koland ibn bei den Haaren gritt, bieb ibm das Haupt berunter: ein grober 8trom von Blute liek ins tiete Bai binunter. Knd aus äsn Boten 8cbild bernacll Koland das liebte Kleinod bracb und Ireute sieb am Olanxe. Dann barg er's unterm Kleids gut und ging Lu einer tzuelle: da wuscb er sieb von 8taub und Blut Oewand und Watten belle. Zurücke ritt der jung' Koland, dabin, wo er den Vater tand, nocb scblatend bei der Kieke. Kr legt' sieb an des Vaters Leit', vom 8cblate selbst bezwungen, bis in der küblen /^bendxeit blerr Vilon autgssprungen. „Wacb aut, wacb ant, mein 8obn Koland! nimm 8cbild und Käme scbnell 2 ur Band, dab wir den Kiesen sueben!" 8ie stiegen aut und eilten sebr, 2 u scbweiten in der Wilde: Koland ritt binterm Vater ber mit dessen 8peer und 8cbilde. 8ie kamen bald 2 u jener 8tätt', wo Koland jüngst gestritten batt': der Kiese lag im Blute. Koland kaum seinen ^ugen glaubt', als nickt mebr war ?.u scbauen die links Band, daxu das Haupt, so er ibm abgebauen, nickt mebr des Kiesen 8cbwert und 8peer, auck nickt sein 8cbild und blarniscb mebr, nur Kumpt und blut'ge Olisder. lVlilon besab den groben Kumpt: „Was ist das tür 'ne Keicbe? Van siebt nocb am serbau'nen 8tumpl, wie macbtig war die Kicke. 31 Das ist der Riese! lraA ick mebr? verscklalen kab ick 8ie§ und Rkr: drum mub ick ewi^ trauern!" — 2u backen vor kein 3cklosse stund der XöniA Karl Kar ban^e: „3ind rneine Helden wokl gesund? sie weilen all^u 1an§e. Dock sek ick reckt, aul RöniAswort, so reitet Rerro^ Reimon dort, des Riesen Raupt arn 8peere." Rerr Reirnon ritt in trübern Llut, und mit gesenktem 8pielle leZt' er das Raupt, besprengt mit Llut, dem RöniZ vor die RüLe. „Ick land den Ropt im wilden Ra^, und tünRiA Lckritte weiter la§ des Riesen RumpI am Roden." Bald auck der Rmbiscbol lurpin den Riesenkandsckuk krackte, die unAstÜAe Rand nock drin. Rr 20 A sie aus und lackte: „Ras ist ein sckön Reli^uienstück; ick brinZ es aus dem Wald Zurück, land es sckon rußekauen." Rer Rer^oA Raims von Ra^erland kam mit des Riesen 8tan^e: „8ckaut an, was ick im Walde land! ein Wallen stark und lanAe. Wokl sckwitr' ick von dem sckweren Rruck, kei! ba^risck Lier, ein Zuter 8ckluck, sollt' mir §ar lcöstlick munden!" Oral Rickard kam ru Ru6 daker, ZinA neben seinem Rlerde: das truA des Riesen sckwere Wekr, den Rarnisck samt dem 8ckwerte. „Wer sucken will im wilden Rann, manck Wallenstück nock linden kann, ist mir 2 U viel gewesen." Der 6rat Karin tat lerne sckon den Lckild des diesen sckwingen. „Der kat den Lckild; des ist die Krön; der wird das Kleinod dringen!" „Den Lckild link ick, ikr lieben Herrn! das Kleinod katt' ick Aar rar gern; dock das ist ausgebrocken." i^uletxt tät man klerrn Kilon sekn, der nack dein Lcklosse lenkte; er lieb das Köölein langsam gekn, das Kaupt er traurig senkte. Koland ritt kinterrn Vater ker und trug ikrn seinen starken Lpeer Zusamt dein testen Kckilde. Dock wie sie kamen vor das LckloL und 2 U den klerrn geritten, mackt er von Vaters Lckilde los den Zierat in der Lütten; das Kiesenkleinod setxt er ein; das Zab so wunderklaren Lckein als wie die liebe Lonne. Knd als nun diese kelle Olut im Lckilde Llilons brannte, da riet der König woklgemut: „Keil Ltilon von Vaginale! Ker kat den Kiesen übermannt, ikm abgescklagen Kaupt und Kand, das Kleinod ikm entrissen." Kerr Kilon katte sick gewandt, sak staunend all die Kelle: „Koland sag an, du junger Kant! wer gab dir das, Oeselle?" „Km Oott, Kerr Vater! rürnt mir nickt, daü ick erscklug den groben LVickt, derweil ikr eben scklietet!" 484 204. Das Riesenspielreutz. .-^.(Leldert v. OkarbÜLso. 1. Lur§ bbedeck ist im Llsab der 8aAe wobl bekannt, ciie Höbe, wo vorreiten die LurA der diesen stand, sie selbst ist nun rertallen, die Ltätte wüst nnd leer; dn trafest naeb den Riesen, dn tindest sie nicbt mein. 2. banst kam das Riesenträulein ans jener Lur^ bervor, erging sieb sonder Wartung nnd spielend vor dem bor und stieß: binab den ^bbanZ bis in das bal binein, nenZieriA ru erkunden, wie's unten möcbte sein, Z, Nit wenden raseben 8cbritten durcbkreurte sie den Wald, srreicbte ZeZen Laslacb das band der Nenscbsn bald, und 8tädte dort und Oörter und das bestellte beld erscbienen ibren Vu^en Aar eine trernds Welt, 4, Wie jetrt ru ibren Rüben sie spabend niederscbaut, bemerkt sie einen Lauer, der seinen Vcker baut, bis kriecbt das kleine Wesen einber so sonderbar: es ZMrert in der Lünne der LtluZ so blank und klar, Z. „bii, arti^ 8pieldin§!" rutt sie, „das nebm' leb mit naeb Haus!" 8ie knieet nieder, spreitet bebend ibr bücblein aus und te§et mit den Händen, was da sieb alles re§t, ru Hauten in das bücblein, das sie rusammensebluAt, 6, und eilt mit treud'Zen 8prün§en — man weiü, wie Rinder sind— rur LurZ binan und sucbet den Vater ant Aescbwind: „bii, Vater, lieber Vater, ein 8pieldin§ wunderscbön! 80 Allerliebstes sab icb nocb nie aut unsern blöb'n," 7, Der /^Ite sab am biscbe und trank den küblen Wein, bir scbaut sie an beba^lieb: er tra§t das böcbterlein: „Was ^appeliZes bringst du in deinem bucb berbei? Du büptest ja vor breuden: lab seben, was es sei!" 8, 8ie spreitet aus das bücblein und täNAt bebutsam an, den Lauer autrustellen, den LtluZ und das Oespann, Wie alles aut dem biscbe sie /.ierlicb aufgebaut, so klatscbt sie in die Lands und springt und jubelt laut, Y, Der ^Ite wird Zar ernstbatt und wieZt sein Laupt und spricbb „Was bast du anZeriebtet? Das ist kein 8piel26UA nicbt. Wo du es berZenommen, da tra§' es wieder bin! Der Lauer ist kein 8pieb,euß: was kommt dir in den 8inn? 485 10. Lobst ßlcicb und obne Xurren erfüllen mein Oebot: denn näre nickt der Lauer, so bättest du kein Lrot: es sprieüt der Ltamm der Kiesen aus Lauernmark berVor. Der Lauer ist kein LpielreuA: du sei uns Oott davor!" 11. LurZ Kiedeck ist iin KIsaL der La^e vvobl bekannt, die Kübe, >vo vor leiten die LurZ der Kiesen stand: sie selbst ist nun verfallen, die statte wüst und leer, und trafst du nacb den Kiesen, du findest sie nicbt inebr. 205. Das Onomenwirtskaus. I-Ieinricd Leiäel. lief iin Wald in einer Wildnis moosbeivacbsner Kelsenblöcke lie^t versteckt und nur erreicbbar auf KebeirnverborAnen Kfaden kübl iin Orund ein Onomenvirtsbaus. Knusperknauscben beiLt der Oastwirt: wob! verstebt im Zangen bände keiner solcbes Vier ru brauen aus Aebeirnen VValdeskrautern, klar ivie Oold und sanft rvie Laumöl. Lritrebrodel beiLt der ülundkocb, vvelcber in der Kelsenböbls bei des Keuers Klackerscbeine kocbt die köstbcbsten Oericbte. Woblbekannt ist dieses Wirtsbaus, und des Abends, ^venn die Lonne sinkt im Westen in die Wipfel, kommen rinAS von allen Leiten muntre Oaste berASMAen. Kacke bock, der Aroüe sa^er, der den Wirt versorgt mit Wildbret, kleine VöZel bringt er, Gleisen, die er listig fin§ in Lprenkeln, und er scbleppt mancb fette Waldmaus oder oftmals kleine jun^e Kin^elnattern, vvelcbe köstlicb scbmecken, einZekocbt in Lauer. Oolclmuncl kommt, der Aroüe bunZer, 8imserick, 6er Lurkenspieler, Krlppslkix, 6er Hinke luncer, Knickebolc, 6er wunderkünstlick DinZe scknitct uus Klolc rm6 Knocken, 8ckiikckentritt, 6er klinke Weber, Kinkepunk, 6er 8ckmis6emeister, nn6 wie sie nock alle keiben. bin6 sie grüben sieb nn6 sckwutcen, reik'n sieb um 6ie Kelsentiscke, trinken aus 6en winc/gen Leckern Krüuterbier in vollen 2ü§en un6 vercekren mit LekuAen, wus mit Kunst 6er Kock bereitet. Dieser iüt Zebucknes Leupkerdi kästlick sckmeckt es, wenn 6ie Leine sin6 reckt knusperig Zebruten. sener sckmuust gespickte ^'uldmuus mit Kompott aus Kosenblüttern, un6 ein nnclrer sckmutct bekuAlick buuerkIeesulLt mit Kidecks. Kack 6sm Kssen wir6 ^esun^en un6 ein weniA musicieret. Luckebock ercüklt Oesckickten, kürckterlicke ^uZdAesckickten, 6ie er okt sckon vorAetru^ein wie er einst clus wütiZ wil6e, riesensturke, grolle Kickkorn nuck verwegnem Kumpk erlebt liut^ wie er einst 6ie meterlunAe tubelkukte KinAelnutter kut lebendig ein^ekunKen. .^Iso sitcen sie un6 sckwutcen, bis 6ie Kuckt sick rin^s verbreitet. Klner nuck 6em andern cündst sein Katern eben, wundert keirnwurts 6urck 6ie wüste Kelsenwildnis. Knusperknuuscken sckliebt sein Wirtskuus, un6 6er Kock verlösckt sein Keuer. Lald nur klinken nocb bernieder in die sebwei^end scbwarre >Vildnis still des Dimmels Aoldne 8terne. 20b. Kckwädiscb« Kunde. I7Kl3llä. ^Is Kaiser Kotbart lobesam /um keilten band Aeroben karn, du mulZt' er mit dem Kommen Heer durck ein OebirZe, wüst und leer. Daselbst erkuk sieb Aroüe Kot ; viel Lteine Aab's und weniZ Lrot, und mancker deutsclie Keitorsmann bat dort den Drunk sieb abgetan. Den Kterden war's so scbwacb im LtaZen, tast muLte der Keiter die Näkre trafen. Kun war ein Derr aus 8cbwabenland von kokem VVucbs und starker Dand; des KöLIein war so krank und scbwacb, er 20A es nur am 2aume nacb ; er batt' es nimmer aukASAeben, und kostet's ikn das ei^ne Deken. 80 blieb er bald ein Autes 8tück binter dem DeeresxuA Zurück. Da sprengten plötdicb in die Zuer tünKiA türkiscbe Keiter datier; die buken an, ant ibn 2U scbieüen, nacb ibm 2U werten mit den 8pieüen. Der wackre 8cbwabe torcbt sieb nit, ^inK seines V^e^es 8cbritt vor 8cbritt, lieb sieb den 8cbild mit Kteilen spicken und tat nur spöttlicb um sieb blicken, bis einer, dem die 2eit xu lanZ, aut ibn den krummen 8abel scbwanA. Da wallt dem Deutscben aucb sein Blut er trittt des Dürken Kterd so §ut, er baut ibm ab mit einem 8treick die beiden VordertüL' ?.u§1eicb. 488 ^.Is er das lier 2u ball gekrackt, 6g, tg.Lt er erst sein Lckwert init plackt; er sckwingt es ant des Reiters Ropt, Kant durck bis ant den Zattslknopt, kaut auck den Lattel nock 2u Ltücken und tiek nock in des Rkerdes Rücken; 2nr Reckten siekt man wie 2ur kinken einen kalben durken keruntersinken. Da packt die andern kalter Oraus; sie tkeken in alle Melt kinaus, und jedem ist's, als würd' ikin mitten dnrck Ropt nnd keik kindurckgescknitten, Orauk kam des Wegs 'ne Lkristensckar, die anck Zurückgeblieben war ; die saken nun mit gutem Ledackt, was Arbeit unser Held gemackt. Von denen bat's der Kaiser vernommen; der lieb den Lckwaben vor sick kommen, Rr sprack: „Lag an, mein Ritter wert! Wer kat dick solcke 8treick' gelekrt?" Der Held bedankt' sick nickt ru lang: „Die Ltreicke sind bei uns im Lckwang; sie sind bekannt im ganzen Reicke: man nennt sie kalt nur Lckwabenstreicke," 207. Der 8ckenk von kirndurg. I. Xu Kimburg auk der beste, da woknt' ein edler Oral, den keiner seiner Oaste jemals 2u Klause trat. Rr trieb sick allerwegen Oebirg und Wald entlang; kein Lturm und auck kein Regen verleidet ikm den Oang, 2. Rr trug ein Wams vonkeder und einen ^agerkut mit mancker wilden Reder: das stekt den Wägern gut, Rs King ikm an der Leiten ein RrinkgetälZ von Rucks; gewaltig konnt' er sckreiten und war von kokem Vucks, « z. VVobl batt' er Knecbt und Nannen uncl batt' ein tücktiZ KoÜ ; AinA dock xu buk von dannen und lieb clabcim clen Broü, bs war sein Aanx Oeleite ein ^a^dspieü stark uncl lanA, an dein er über breite Waldströme kübn sicbscbwanA. 4. Kun bielt ant Kobenstauten der deutscbe Kaiser bans: der xoZ mit bellen Kanten einstmals xu ^ aZen aus. Kr rannt' ant eine Kinde so beiti und bastiZ; vor, daÜ ibn sein ^aKd§esinde im bilden Korst verlor. 5. Lei einer küblen Quelle, ; da macbt er endlicb Kalt; ^exieret war die Stelle ! mit Blumen manni^talt. Kier dacbt' er sieb xu le^en xu einem NittaAsscblat — da ranscbt' es in den Ka^en und stand vor ibm der Oral. 6. Da kub er an xu scbelten^ ,,Brett' icb den Kackbar bie? Xu Kause weilt er selten; xu Kote kommt er nie. Nan mu6 im ^Valcle streiten, wenn man ibn taben will; man muü ibn tapter ^reiten; sonst kalt er nirgends still." 489 7. / 41 s dräut obn' alle bäbrde der Orat sieb niederlieb und neben in die Krde die MZerstanKe stieb, da Zritt mit beiden Känden der Kaiser nacb dem Scbatt: „Den Spieb mub icb mir ständen; icb nekm' ibn mir xur Katt. 8. Der Lpieb ist mir verkanten, des ick so lan§ be^ekrt; du sollst datür emptanZen bier dies mein bestes Bterd. Kickt scbweiten im Oswalde dart mir ein solcber Kann, der mir xu Kot und beide viel besser dienen kann." y.„KerrKaiser, wollt vergeben! Ibr macbt das Kerx mir scbwer. ballt mir mein treies beben, und labt mir meinen Speer! bin btercl bab icb scbon ei^en; tür bures sa^' ick Dank! Xu Kosse will icb steigen, bin icb mal alt und krank." 10. „Nit dir ist nickt xu streiten; du bist mir allxu stolx! dock tübrst du an der Seiten ein BrinkAetab von Kolx. Kun macbt die ^a^d micb dürsten; drum tu' mir das, Oesell, und Zib mir eins xu bürsten aus diesem ^Vassercpiell!" 490 ii. Der Oral bat sick erkoben; er sckwenkt den Lecker klar, er Mit ikn an bis oder», kalt ikn dein Kaiser dar. Der scklürkt rnit vollen 2üZen den küklen Lrank kinein und weisst ein solcli VerAnüZen, als wär's der beste Wein. 12. Dann labt der scklaue Becker den Oralen bei der Land! , ,Lu sckwenktest inir denLecber nnd fülltest ibn rinn Land; du kieltest inir /.um lVlunde das labende Oetranku Du bist von dieser 8tunde des cleutscken Keickes 8ckenk!'' 208. Das Kind am Brunnen. kribäriok tlebdel. 1. Krau Zinnie, Krau Vmme, das Kind ist erwackt! — Lock die lieZt rukiZ im Lcklate. Die VöAlein rwitsckern, die 8onne lackt, am LüAel weiden die 8ckate. 2. Krau /^mme, Krau Zinnie, das Kind stekt auf, es wa§t sick weiter und weiter! — Hinab /.um Brunnen nimmt es den Laut; da sieben Blumen und Krauter. Z. Brau -Vmme, Krau .-Onme, der Brunnen ist tist! — 8ie scklätt, als läZe sie drinnen. Las Kind lauft scknell, wie es nie nock bet; die Blumen locken's von Kinnen. 4. Kun stekt es am Brunnen, nun ist es am 2iel, nun ptlüclct es die Blumen sick munter. Lock bald ermüdet das reifende 3piel; da sckaut's in die Liefe kinunter. 5. Lud unten erblickt es ein koldes Oesickt mit ^.uAen so kell und so süLe.. Ks ist sein eignes; das weilt es nock nickt. Viel stumme, freundlicke Orü6e! 6. Las Kindlein winkt; der 8ckattsn Zesckwind winkt aus der Liefe ikm wieder. ,,Herauf! berank!" so meint's das Kind; Ler 8ckatten^ „Lernieder! Kernleder!" 7. 8cbon beugt es sicli über den Lrunnenrand. — brau Online, du scblafst nocb immer! — Du füllen clie Blumen ibm aus der Hand und trüben, den lockenden 8cbimmer. 8. Verscbwuuden ist sie, die sü6e Oestalt, verscbluckt von der büpfenden Welle. Das Kind durcbscbauert's fremd und kalt, und scbnsll enteilt es der 8telle. 209. Die 8onne bringt es an den l'aß. ^«Zeldert v. Odarnisso. 1. Oemacblicb in der Werkstatt sab ?.um brübtrunk Kleister klikolas. Die junge blaustrau scbenkt' ibm ein; es war im beitern 8onnenscbein. — Die 8onne bringt es an den lag. 2. Die 8onne blinkt von der 8cbale Ivand, malt witternde Kringeln an die Wund, und wie den 8cbein er ins ^.uge faüt, so spricbt er für sieb, indem er erblabt: ,,I)u bringst es docb nicbt an den lag." — Z. „Wer niebt? Was nicbt?" die brau kragt gleicb, „was stierst du so an? Was wirst du so bleicb?" bind er darauf: ,,8ei still, nur still! icb's docb nicbt sagen kann, nocb will. Die 8onne bringt's nicbt an den lag." 4. Die brau nun dringender forscbt und fragt, mit 8cbmeicbeln ikn und Hadern plagt, mit sülZem und mit bitterm Wort: sie tragt und plagt ikn fort und fort: „Was bringt die 8onne nicbt an den lag?" — Z. „klein, nimmermebr." — ,,I)u sagst es mir nocb!" „Icb sag' es nicbt." — ,,I)u sagst es mir docb!" Da ward -mietet er müd' und scbwacb und gab der Ungestümen nacb. — Die 8onne bringt es an den 'lag. 492 6. ,,,-Vut der X'Vandersckalt, 's sind Lwanrig ^sakr', 6a trat es mick einst Zar sonderbar: ick katte nickt Oeld, nickt Kanten nock 8ckuk', war kungrig und durstig und rornig dazu. — Die 8onne bringt's nickt an den lag. 7. Da knin mir just ein ^sud' in die ^)uer; ringsker war's still und mensckenleer. ,Lu kiltst mir, Hund, aus meiner >iot! Den Leute! ker! sonst scklag' ick dick tot!' Die 8onne dringt's nickt an den lag. 8. lind er^ „VergieLe nickt mein Llut! .^ckt LIennige sind mein ganxes Out." Ick glaubt' ikm nickt und liel ikn an ; er war ein alter, sckwacker Aann. — Die 8onne dringt's nickt an den lag. y. 80 rücklings lag er klutend da; sein dreckendes t^.ug' in die 8onne sak. klock kok er ruckend die Hand empor; nock sckrie er röckelnd mir ins Okm ,I)ie 8onne dringt es an den lag!' 10. Ick mackt' ikn scknell nock vollends stumm und kekrt' ikm die kascken um und um; ackt LIenn'ge, das war das ganre Oeld. Ick sckarrt' ikn ein aut seidigem Leid. — Die 8onne dringt's nickt an den Lag. 11. Dann 20g ick weit und weiter kinaus, kam kier ins Land, din jetrt 2u Laus. — Du weiüt nun meine Oeimlickkeit; so kalte den Nund und sei gesckeit! Die 8onne dringt's nickt an den lag. 12. Wann ader sie so kümmernd sckeint, ick merk es wokl, was sie da meint, wie sie sick mükt und sick erdost. — Du, sckau nickt kin, und sei getrost! — 8ie dringt es dock nickt an den lag!" iz. 80 katts die 8onn' eine 2unge nun — der krauen Bungen ja nimmer rukn. » „Oevatterin, um ^sesus Okrist! labt kuck nickt merken, was Ikr nun vviüt!" — biun bringt's die Zonne an den Tag. 14. Die Raben rieben kräckrend rumai nacb' dem klockgerickt, ru kalten ikr ^lakl. Wen tleckten sie auts Rad rur 8tund' ? Was bat er getan? Wie warb es kund? Die 8onne krackt' es an äsn Tag. 210. Die 8cknitterin. Oustav k^LlIcs. War einst ein Kneckt, einer Witwe 8okn, der katte sick sckvver vergangen. Da spuk der Herr- ,,k>u bekommst deinen kokn, morgen mubt du kanten." /VIs das seiner Llutter kund getan, ant die krde kiel sie mit 8ckreien: „ 0 , lieber Herr Orak, und kört mick an, er ist der letrte von dreien. Den ersten sckluckte die sckwarre 8ee, seinen Vater sckon muüte sie kaben; den andern kaben in 8ckonens 8cknee eure sckwediscken keinde begraben. Kind labt ikr mir den letzten nickt, und bat er sick vergangen, labt meines Alters Trost und kickt nickt sckmaklick am Oalgen bangen!" Die 8onne kell im Uittag stand, der Oral sab bock ru kterde; das jammernde Weib kielt sein Oewand und sckrie vor ikm aul der krde. k>a riet er: „Out, ek' die 8onne gebt, kannst du drei.Tcker mir sckneiden, drei ^cker Oerste, dein 8okn bestekt, den Tod soll er nickt leiden." 80 trieb er 8pott, Kart gelaunt, und ist seines Weges geritten. -194 .^m ^.ben6 aber, 6er Ltrenge staunt, 6rei ^cker waren gescbnitten. Was stolr im Balm stand über 'tag, sank bin, er muüt es scbon Alanden. bind dort, was war's, was am be!6ran6 lag? Lein Lcbimmel stieg mit Lcbnauben. Drei Xcber Oerste, ums Abendrot, lagen in breiten Lcbwaden, daneben 6ie Cutter, und 6ie war tot. 80 kam 6er Lnecbt 2U 0na6en. 211. Das Bie6 vorn braven lVlanne. Lottkrieä .Vuzust Lürxer. 1. blocb klingt 6as bie6 vom braven Bann wie Orgelton nn6 Olockenklang. Wer boben Nuts sieb rübmen bann, 6en lobnt nicbt 0oI6, 6en lobnt Oesang. Oottlob! 6a6 icb singen nn6 preisen bann, 2u sinken nn6 preisen 6en braven Bann. 2. Der 'l'auwinel kam vom Bittagsmeer und scbnob 6nrcb Welscblan6 trüb nn6 teucbt; 6ie Wölben bogen vor ibm der, wie wann 6er Woll 6ie Berde scbencbt. br legte 6ie beider, rerbracb 6en borst ; ant Leen nn6 Ltrömen 6as Orundeis borst. z. .-^m Bocbgebirge scbmolr 6er Lcbnee, 6er Lturx von tausen6 Wassern scboll; 6as Wiesental begrub ein Lee; 6es Bandes Beerstrom wncbs nn6 scbwoll. Boeb rollten 6ie Wogen entlang ibr Oleis nn6 rollten gewaltige belsen bis. 4. t^ul biedern un6 ant Logen scbwer, aus Zuaderstein von unten ant lag eine Brücke 6rüber der, nn6 mitten stan6 ein Bäuscben draui. Bier wobnte 6er Zöllner mit Weib nn6 Bind. 0 Zöllner, o Zöllner, enttleuck gescbwin6. 49 Z, Rs dröbnt' und dröbnte dumpf beran: laut beulten 8turm und Wog' ums Raus. Der Zöllner sprang 2um Racb binan und blickt in den lumult binaus: ,,LarmberAger Himmel, erbarme dicb! Verloren! Verloren! Wer rettet micb?" 6. Die 8cboIIen rollten 8cbu6 ant 8cbuü: von beiden Vtern bier und dort, von beiden bltern riü der Klub die steiler samt den Logen kort. Der bebende Zöllner mit Weib und Kind, er beulte nocb lauter als 8trom und Wind. 7. Die Lcbollen rollten 8to6 aut 8toö: an beiden Rnden bier und dort, Zerborsten und Zertrümmert, scboü ein Lteiler nacb dem andern tort. Lald nabte der Vitte der Omstur^ sieb. Larmber/.iger Himmel, erbarme dicb! 8. Locb aut dem kernen Vier stand ein 8cbwarm von Oatfern grob und klein, und jeder scbrie und rang die Hand: docb mocbte niemand Retter sein. Der bebende Zöllner mit Weib und Lind durcbbeulte nacb Rettung den 8trom und Wind. y. Rascb galoppiert' ein Oral bervor, ant bobem Rob ein edler Oral. Was bielt des Oralen Rand empor? Rin Leutel war es, voll und stratt. „2vveibundert Listolen sind Zugesagt dem, velcber die Rettung der ,-^rmen vragt!" 10. bind immer böber scbvvoll die blut, und immer lauter scbnob der Wind, und immer tiefer sank der Vut. O Retter, Retter, komm gescbvvind! 8tets kteiler bei steiler Zerborst und bracb,' laut krackten und stürmten die Logen nacb. 11. „Hallo! Hallo! krisck auk, MWLAt!" Lock kielt der Oral äsn kreis empor. Kin jeder kört's; clocli jeder 2LAt! aus Lausenden tritt keiner vor. Vergebens durckkeults mit Weib und Kind cler Zöllner nacli Rettung den Ltrom uncl Wind. 12. Liek! sckleckt uncl reclit ein Bauersmann am Wanderstabe seliritt daker, mit Zrodem Kittel angetan, an Wucks und ^.ntlit? Iiocli und kekr. Kr körte den Oralen, vernakm sein Wort und sckauts das nake Vsrderksn dort. iz. Ond Kulm, in Oottes Kamen, sprang er in den näcksten kisckerkakni trot? Wirbel, Lturm und WoAendranA kam der Krretter Alückkck an. Dock webe! der Kacken war alOuklein, der Better von allen ruZleick 2u sein. 14. Lud dreimal xcvanA er seinen Kakn trotL Wirbel, Lturm und WoAendranA, und dreimal kam er Alücklick an, bis ikm die Bettung Aan? gelanA. Kaum kamen die beteten in sickern kort, so rollte das letzte Oetrümmer tort. 15. „Bier," riet der Oral, „mein wackrer kreund, kier ist der kreis! Komm ker! Kimm kin!" LaZ' an, war das nickt brav gemeint? Lei Oott! der Oral truA koken Zinn; dock köker und kimmliscker wakrlick sckluA das lderr, das der Lauer im Kittel truA. 16. „Nein Leben ist kür Oold nickt keil. /crm bin ick Lwar; dock ess' ick satt. Dem Zöllner werd' Lu'r Oold 2U teil, der Lab und Out verloren kat!" 80 riet er mit keridicksm Liederton und wandte den Kücken und §in§ davon. 497 17 - Rocb klingst du, I.ied vom braven lVlann, wie Or^elton und (docken klanß:! Wer solcbes >luts sieb rübrnen bann, den lobnt nicbt Oold, den lobnt OesanA. Dottlok! daü icb sinken und preisen bann, unsterklicb /.u preisen den braven ülann. 212. Xis Ränder«. Otto Lrnst. Rracben und Heulen und berstende Xacbt, Dunkel und Rlammen in rasender ^a^d- — ein Lcbrei durcb die Lrandun^! Dnd brennt der Himmel, so siebt inan's §ut: Rin Wrack ant der Landbank! Xocb wie^t es die blut; Aleicb bolt sieb's der ^b^rund. Xis Randers lu^t — und obne blast spricbt er: „Da ban^t nocb ein ülann im ülast: wir müssen ibn bolen." Da takt ibn die Autter: ,,Du steigst mir nicbt ein! Dieb will icb bebalten, du bliebst mir allein, icb will's, deine >Iutter! Dein Vater ^in^ unter und ülomme, mein Lobn; drei Satire verscbollen ist Dwe scbon, mein Dwe, mein Dwe!" Xis tritt aus die Drücke. Die Vutter ikm nacb! Dr weist nacb dem Wrack und spricbt Kemacb: ,,Dnd seine lVIutter?" Xun springt er ins Root und mit ibm nocb secbs: llobes, bartes Rriesen^ewaebs: scbon sausen die Ruder. Loot oben, Loot unten, ein Röllentanr! Xun mub es ^erscbmettern. . .! Xein, es blieb §anr! Wie lan^e? Wie lanZe? übt teuri^en Deibeln peitscbt das Veer die menscbentressenden Rosse daber: sie scbnauben und scbaumen. 32 498 Wie keckelnde Dast sie zusammenzwin^t! Lins auf den backen des andern springt mit stampfenden Hufen! Drei Wetter Zusammen! X un brennt die Welt! ^'as da? — Bin Boot, das landwärts kalt — 8ie sind es! 8ie kommen! Dnd ^uAe und Okr ins Dunkel gespannt. , . 8tiII — ruft da nickt einer? — Lr sckreit's durck die Band ,,8a§t itlutter, 's ist Dwe!" 213. Ikeodor. .-^.venLi-ius. Dem lauten 'ka§ enttloken, kramt ick stumm in alten Bäckern ordnend keut kerum und fükrt ein weni§ auck den 8inn spazieren in Linderzeu§, Andenken und kapieren, wie man ein Weilcken sie zu wakren liekt, kis man /.um 8cklu6 sie dock dem Beuer Zikt. krok war ick scklieklick, dak ick bald /u Lnde: da kiel ein Lücklein nock mir in die Hände, in dem von einer saubern Lnabenkand „LrinnerunA an 'I'keodor Biscker" stand und ein paar Worte, wie an Bestesta^en sie zu Oesckenkcken Linder eben sa^en. Da wucks aus einem fernen, fernen Orabe langsam vor meinem Blick kerauf ein Lnabe. . . Dr ward einst seltsam bei uns ein^efükrt: Beim Lallen katt' ick ikm den Bock zerscklissen, den krackt er nun, so wie er war, zerrissen — von seiner Lindersckam katt' unAerükrt die ülutter ikn zur meinen ker^esckickt, Lrsatz zu fordern. Baum ins .4u^ geblickt katt' ikm die meine, wie er dunkelrot verleben stotternd ikr das Böckcken bot, so katte sie den ^sunAen auck sckon lieb. „Bleib keut zum ^.bend bei uns!" — Dnd er blieb. „Lamm wieder, wenn du nickts zu sckaffen käst!" — Lr kam und war uns bald solck lieber Oast, 499 clak abends, wenn die sechste Ltunde scklug, sckon alt und jung nack unserm kreundlein krug. Dann ging's 2 um Bssen, — keissa, wie's ikm sckmeckte! Dock nasckt er nickt, unk stets nur sckücktern nippen sgk ick am Weine seine kriscken kippen, indes die Band sick ott 2 um Brote streckte, wenn ick rurn Braten sckislte. War ?u dünn die Butter auk dem Brot mir, — er nakm's kin^ war mir Lu Wunsck ein Beringsstück nickt ganr, — er lackt mick aus und ab vergnügt vom bckwanr, und wollt' auck sonst mir dies und das nickt passen, und konnt ick meine Kinderei n nickt lassen: Mitunter ernst, weit ölter dock im äcker?, sprack er mir Lu, dock immer grad ins Berr, bis mick die backe sckkeÜlick anders grämte — und ick dakinter kam, da6 ick mick sckämte. bo, wenn bekaglick sick am kisckesrand rum Blaudern grob und klein Zusammenfand, der Kämpe mildes kickt darüber blickte, und kindlick, sckelmisck, rot und kerngesund x on drüben uns mit seinem leinen Bund sein lieb Oesickt aus vollen kocken nickte, — uns mutet's an, als ob unmöglick wär' jedweder knlried, sa6 am ki.sck auck er, — nock wärmer sckien der kleinen Kämpe Lckimmer, nock woknlicker das traute, alte Zimmer.' bo gkck er einem jener guten Bolden, die nack der Volten lreundlickem Berickt dem, den sie lieben, Berd und Baus vergolden, und läckelnd sak der Vater ins Oesickt der Butter, die sein Walten reckt erkannte, wenn sie ikn wokl den kleinen Bausalb nannte. knd das nocli weiü von dir ick, Bkeodor: Du- logst nickt, kam 's nack unsern wilden Ltreicken mitunter mir dock gar xu rätlick vor, beim kelerat ein biücken abrusckleicken — du bliebst, und trai'.s dick nock so bitterlick, stets kerzengerade, stramm und ritterlick, clu markst, mockt's kluD nun oder unklug sein, dein Danres Kenscklein in dein K'ort kinein. Kur einmal loDst clu doclu 2u Keujakr war's. Die Welt IaD rinDS in weiüer Kisesprackt, da leierten mit lust'Der 8ckneeballscklackt wir ^unDen das OeburtstaDstest des Jakrs. .^ut einer LurD von kartZefrornem Land kielt ick nnd dn dem KeindesdränDen stand. Da, in der Kitre, wart ein roker 'I'ropf Kin Kisstück dir von kinten an den Kopf. Ick acktet's kaum, nnd wacker warf ick ru, nack einem Weilcken aker rauntest du mir leis ins Okr: „Kör' du^ ick will nack Kaus, mir wird so sckwindÜD, — kalt nur tapfer aus!" Du AinAst. Ick kämpft' ein Kalbes Ltündcken fort, dock endlick litt's auck mick nickt langer dort. .Vuck ick DinD weD. Ick klopfte bei dir an. Du laZst im Bett, als ick ins Ammer Juckte! Die Kltern standen um den ^rrt, — der xuckte die ^.ckseln: „Olaubt, er kat DeloDen, lllann^ kein Zufall war's, das kat ein Lursck Dekan Da sakst du mick. Du Dabst mir rasck die Hand, boDst dann dick keimlick winkend xu mir vor, (so blinzelnd sak ick oft dein WiDe sckaun, KnabenDekeknnisse mir xu vertraun) und bittend flüstertest du mir ins Okr, daL keiner rinDS es körte: „Kerdinand, SLD nickt, wer's war!" bind rukiD sckkefst du ein, auf ewiD ein. . . Kein kleiner Kreund, er rukt nun dreibiD ^sakr, und beut erst fükl ick ganx, wie sckön er war! 214. Kerr von Kidbeck auf Kibbeck im Kaveiiand. I'keoäor k'ontLDC. Kerr von Kibbeck auf Kibbeck im Kavelland, ein Birnbaum in seinem Harten stand, und kam die Doldene Kerbstes/.eit und die kirnen leuchteten weit und breit, da stopfte, wenn's >IittaZ vorn lurme scboll, 6er von Kibbeck sieb beide laschen voll, und ham in Kantinen ein ^sun^e daher, so riet er: „^funZe, wist, 'ne Leer?" I'nd Harn ein ^lädel, so riet er: „lütt Kirn, loimrn man röwer! ich hebb ne kirn/' Ho AinA es viel fahre, bis lobesam cler von Kibbech auf Kibbech ru sterben kam, Kr kühlte sein lüde — 's war kerbstesreit, wieder lackten die kirnen weit und breit — ka sa^te von Kibbech: „Ich scheide nun ab. le^t mir eine kirne mit ins Orab!" I'nd drei laZe draul, aus dem koppeldachhaus trugen von Kibbech sie hinaus; alle Lauern und küdner mit keierAesickt sanken: „^sesus meine Zuversicht," und die Kinder hlaZten, das lder/.e schwer: ,,ke is dod nu. ^Ver piwt uns nu ne Leer?" Ho blatten die Kinder. Das war nicht reckt; ack, sie bannten den alten Kibbech schleckt. Der neue freilich, der hnausert und spart, hält karh und Birnbaum strenge verwahrt; aber der alte, voralmend schon und voll iVIiLtraun ^<^en den eigenen Holm, der wuüte ^enau, was damals er tat, als um eine kirne ins 6rab er bat. I'nd im dritten fahr aus dem stillen Laus ein kirnbaumspröülinA sprokt heraus. find die fahre ^eken wokl auf und ab; längst wölbt sich ein Lirmbaum über dem Orab, und in der goldenen lderbstes/eit leucktet's wieder weit und breit. I'nd hommt ein fun^' übern Kirchhof her, so flüstert's im Laume: „IViste ne Leer?" I'nd hommt ein iVIädel, so flüstert's: „lütt kirn, humm man röwer! ich ^ew' di 'ne kirn." Ho spendet HeZen noch immer die Land des von Kibbech auf Kibbech im kavelland. 502 215. Der Irompeter. ,4.UAUSt Xopiscii. 1. Wenn dieser 8ieAesmarsck in das Okr mir sckallt, kaum kalt' ick (In die 'sinnen mir Zurück mit Oewalt. Vein Kamerad, 6er bat ikn geblasen in 6er 8cklackt, auck Anten breunden olt als ein 8tandcken gekrackt; auck 2 ulet 2 t, auck -mietet in 6er grimmigsten Xot ersckoll er ikm vom klunde bei seinem jaken bod. Das war ein Vann von 8takl, ein 16nun von ecbter .^rr ; gedenk' icb seiner, rinnet mir 6ie Iran' in 6en Hart, berr Wirt, nocb einen Krug von 6em leurigsten ^Vein! 8oII meinem breund 2 ur bkr', rur bkr' getrunken sein. 2 . Wir katten musiciert in 6er brüklingsnackt un6 kamen 2 U 6er blbe, wie das bis scbon erkrackt; 6ocb scbritten wir mit backen darüber unverwandt; ick trug 6as Horn un6 er 6ie brompet' in 6er band. Da srknarrte 6as bis, nn6 es bog, nn6 es krack; ikn riü 6er 8trom von Kannen, wie 6er Wind so ^ack. Ick konnt' ikn nimmermekr erreicken mit 6er band; ick muöts selbst mick retten mit 6em 8prung ant 6en 8an6. br aber trieb kinab, ant 6ie 8ckoke gestellt, un6 rieb „Kinn gebt 6ie Keis in 6ie weite, weite Welt!" z. braut setrt' er 6ie brompet' an 6en iVIund und sckwang den 8ckaII, 6a6 rings der Himmel und die brde erklang! br sckmetterte gewaltig mit vollem klannesmut, als Fält' es eine ^sagd mit dem bis in der blut. br trompetete klar, er trompetete rein, als ging's mit Vater Llücker nack baris kinein. Da donnerte das bis, die 8ckolle sie rerbrack, und wurde eins bange bange 8tille danack. — Das bis verging im 8trom und der 8trom in dem kleer; wer bringt mir meinen Kriegskameraden wieder ker? 21Ü. ttoters bod. Julius >lossu. I. 2u Nantua in banden der treue Ilater war; in klantua 2 um bode lükrt ikn der beinde 8ckar; es blutete cter Lrücler Iter^; Zanr Oeutscblanct, acb, iu Lcbmacb uncl Lcbmerr, mit ibm ctas banct lirol! 2. Die Itancte ant ctem Rücken, /cnclreas Unter ZinA mit rubiA testen Zcbritten; ibm scbien cter loct ZerinZ, Der loct, clen er so mancbesmal ^om IselberA Zesebickt ins lal im beit'Zen bancl Rirol. Z. Oocb als aus Kerker^ittern im testen lVtantua ctie treuen XVattenkrücter üie blänct' er strecken sab, cta riet er laut: „Oott sei mit eucb, mit ciem verratnen cteutscben Keicb unct mit ctem bancl lirol!" 4, Dem 'tambour will cter ^Virbel nickt unterm Lcblä^el vor, als nun t^nctreas btoter scbritt cturcb ctas tinstre kor, ,-VnctreLS, nocli in Rankten tret, ctort stand er test aut cter lkastei, cter ltlann vom band birol, Z, Dort sott er niecterknien ; er spracb: ,, Das trr icb nit! Will sterben, wie icb stebe, will sterben, wie icb stritt, so wie icb steb' aut ctieser Lebanr; es teb' mein Autor Kaiser Kran/., mit ibm sein band Ibrot!" 6, bnd von cter Rand ctie Rinde nimmt ibm cter Korporal; .Vnclreas ttoker betet allbier rum letzten ltlal. Rann rutt er: „blun, so trettt micb recbt! 6ebt beuer! — ^Vcb, wie scbieKt ibr scblecbt! /Xcte, mein band 'tirol!" 504 217. Der Beläposldriet. Läuarä >lorasck. i. XVas rinnt 6em alten Bauersmann ciie 'träne von 6er XVanß' ? Was lausckt im 8essel ßramertüllt 6ie Laurin so banß? Der .^lte liest ilir stocken6 vor — wie ott versagt 6er "ton! — Bs ist ein Briet aus .-Vtrika, Bin Briet vom einx'ßen 8okn. 2. Br sckreibt: Beut vvir6 bei Bück ru Baus 6er Weiknacktsbaum ßerierti bei uns ßibt's 6iesmal keinen Baum, beut aben6 wir6 marsckiert. Brei docken sin6 wir unterweis: baI6 ist's ßenuß, wei6 Oott! — taßtäßlick weiter in 6en kusck, voraus 6er Bottentot. Z. Zumeist voraus, 6ock neben uns mitunter Iei6er auck; 6a tkeßt wokl, ek' man sieb's versiebt, 6ie Bußel aus 6em 8trauck. Bn6 wie sie kamen, sincl sie tort ant woklvertrautem Bta6, un6 neben mir ließt tot im 8an6 manck braver Bamera6. 4. Bock jetxt marsckieren wir vielleickt nur nock 6en einen 'I'aß ^ 6ann kaben wir sie einßekreist, 6ann tällt 6er ßroÜe 8cklaß. Bann ßekt's Zurück ins Bauptquarticr, wenn wir vollbrackt 6en 8treick; ein VVeiknacktspacklein tin6' ick 6ort, so Oott will, vor von Bück. 5. Bk' wir nun ßeken, 6enk' ick still aus terne Vaterkaus un6 sprecke mick-in clissem Briet mit meinen Bieben aus. öOö Kann sein, dak ick xu Ostern sckon Bück alle wiedersek' — dock jetxt ertönt das lilarseksiZnal! — Oott sei mit nns! .^de. — 6. ^Vas rinnt ciem alten Bauersmann die 'träne von der ^VanZ'? was lausckt im 8essel Zramerküllt die Bäuerin so kanZ? Br kalt den letzten Briet des 8okns in seiner welken Band; cler 8okn, cler rukt, ein stiller >Iann, im alrikan'scken 8and. .-^.us ,,Xeuer cieutscker 218 . ^Kdsckied. brev. „Bine Brommel kör ick scklaZen, wokl scklaZen clurek das Band! Berak, du alt Oswalden, kerab von deiner Wand!" „Ball scklaZen, Bind, lall scklaZen und kleid kei mir ru Baus! Jancker /unZknak 20 Z ru KrieZe und kam nickt mekr keraus." „Die Brommel und ikr 8cklaZen kör ick kei Baß und Kackt, kat mick um alle Breude, um alle Buk gekrackt." „Bein Vater stark im Kample, und du, mein einher 8okn, wirst auck im 8treit verderken, das weit! ick ärmste sckon/' „iilein Beken und mein 8terken ist all ant Oott Zustellt, mir wird kein scköner lende denn vor dem Beind im Beid!" 219. Rrin/ LuKen. Volkslied. Lrin/ RuZen, 6er e6le Ritter, wollt' clem Kaiser wie6'rum kriegen 3ta6t uncl RestunZ Lel^erab^ er lieb scblaAen einen Brücken, claü man irunnt binübsrrucken mit 6er .-Vrmee wob! vor 6is Ztaclt. .bis 6er Brücken nun war AescblaAen, 6aL man kunnt mit Ltuck uncl bl'a^en lrei passiern 6en OonaullulZ, bei Lemlin scbluZ mnn eins BaZer, alle Bürken /u verjagen, ibn'n /um 8pott uncl /.um Verclrub. .bm elnnncl/wan/iAsten .buAust soeben kam ein 8pion bei 8turrn uncl ReZen, scbwur's clem Bringen uncl /ei^t's ibm an, 6a6 clie lürken loura^ieren, so viel als man kunnt verspüren, an clie clreimLllmnclerttLUsencl blaun. .bis Brin/ RuAenius cliss vernommen, lieb er Zleicb Zusammenkommen seine Oenerals uncl Relciinarseballs. Rr tat sie reebt instruZiersn, wie man sollt' clie Bruppen tübren uncl clen beincl reebt ^reiten an. Lei 6er Larole tät er beleblen, «lall man sollt' clie 2 wolle /üblen bei 6er llbr um blitternacbt: 6a sollt' all's /u Bkercl aulsit/en, mit 6em Beincl /u scbarmelüt/en, was /um 8treit nur katte Rralt. .blies saü aucb Zleicb /u Bler6e^ je6er §rill nacb seinem 8cb werten Zan/ still rückt man aus 6er 8ckan/. Die Musketier wie aucb clie Reiter 50 täten alle wacker streiten: es war lürwakr ein scköner panz, Ikr Xonstabler ant den Lckanzen, spielet ant zu diesem lanzen mit Xartaunen §roü nnd klein, mit den Aroüen, mit den kleinen, auk die 'lürken, auf die Heiden, daK sie laufen alle davon! Prinz DuAenius wokl auf der deckten tät als wie ein köwe leckten, als (General und peldmarsckall, ?rin/, kudewiA ritt auf und nieder: „ldalt't euck brav, ikr deutschen Brüder, Ereilt den peind nur kerzkalt an!" Prinz kudewiA, der muüt' aufbeben seinen Oeist und junges beben, ward Zetrollen von dem Llei, Prinz DuZen war sekr betrübet, weil er ibn so sebr beliebet, lieb ibn bringen nacb peterwardein. 220. ^Vlte pritz-(Grenadiere. Montane. „v^lter, was sckleppst du dick nocb mit? llumpelst und bist aus Lckritt und britt: warum bliebst du nickt zu Haus? Xit über seckzi^ ist es aus," ,, Xick aus. Ick kann nock im keuer stekn — und wenn dann die Junten nack mir sekn und seken, der ,-VIte blinzelt nickt, und rükrt kein Haar sick in seinem Oesickt, und zielt in link und Zibt seinen Lckub, da macksn sie's auck, wie man's macken muL, und kalten aus in Donner und Blitz — im Ksuer nick blinzeln, das kann ick nock, britz," 221. Die Orenadiere. Heirirrcti Kerrie. 1. Kacb Rrankreicb ro^en rwei Orenadier', die waren in Knbland ZetanZen, nnd als sie kamen ins deutsche Ouartier, sie lieben die Kopie kanten. 2. Da körten sie beide die traurige ülär, dat! brankreicb verloren Ke^anAen, besiegt nnd gescblaZen das taxiere Heer, nnd der Kaiser, der Kaiser AelanZen. z. Da weinten Zusammen die (Grenadier' wobl ob der klä^licben Kunde. Der eine spracb: „Wie web wird mir! Wie brennt meine alte Wunde!" 4. Der andre spracb: „Das Ried ist aus! .-Wcb icb möcbt' mit dir sterben; docb bab' icb Weib nnd Kind rm Hans, die obne micb verderben." Z. „Was scbert micb Weib! was scbert micb Kind! Icb tra^e weit beb'res Verlangen; Ia6 sie betteln Kebn, wenn sie bnnZri^ sind! — ülein Kaiser, mein Kaiser KetanAen! 6. Oewabr' mir, Rrnder, eine Ritt': Wenn icb jet?t sterben werde, so nimm meine Keicbe nacb Krankreicb mit, begrab' micb in Rrankreicbs Krde! 7. Das bbrenbreux am roten Land sollst du anls Her/, mir lepen! Die Rlinte ^ib mir in die Rand nnd xnrt' mir um den liefen! 8. 5 o will icb liefen nnd borcben still wie eine Lcbildwacb' im Orabe, bis einst icb bore Kanonen^ebrüll nnd wiekernder Rosse Oetrabe. 9. Dann reitet mein Kaiser wobl über mein 6rab, viel 5 cbwerter klirren nnd blitzen; dann stei^' icb ^ewatlnet bervor aus dem Orab, den Kaiser, den Kaiser ?.n sebüt-ren!" 222. Die näcktllcke lllsersckau. I. OK. kreikerr v. ^eälitr. blachts um die xvvöltte 8tunde verlädt der l'ambour sein Orab, mackt mit der Trommel die kdunde, Aeht emsiZ auf und ab. lVIit seinen enttleiscbten .-Vrmen rührt er die 8chläZel xu^Ieich, schlägt manchen Auten Wirbel, Keveill' und 2aptenstreich. Die 'lroinmel klinget seltsam, hat Aar einen starken poni die alten toten 8oldaten erwachen im Orab davon. bind die im tieten worden erstarrt in 8clmee und His, und die in Welsckland liefen, wo ihnen die I'irde so heidi und die der Xilscldamin decket und der arabische Land: sie steigen aus ihren Orabern, sie nehmen's Oewelrr rur Hand. — — bind um die wölkte 8tunde verladt der Trompeter sein Oral) und schmettert in die prompete und reitet aut und ab. Da kommen aut lutti^en Pferden die toten Keiter herbei, die blutigen alten 8chwadronen in Watten mancherlei. Ls grinsen die weiden 8cliädel wohl unter dem ldelm hervor, es halten die Xnochenhände die langen 8chwerter empor. — — bind um die rwöltte 8tunde verladt der beldherr sein Oral), kommt langsam her^eritten, umgeben von seinem 8rab. 510 Dr trä^t ein kleines Dütcken, er träKt ein einiLc.ii kleid, und einen kleinen De^en trä^t er an seiner Zeit. Der Dond mit gelbem kickte erkeiit den weiten Klan: Der Dann irn kleinen Iliitcken siekt sick die Kruppen an. Die Heiken präsentieren und scknitern das Lewekr, dann xiekt rnit klingendem Lpiele vorüker das ganrs Heer. Die Darscküll und Lenerale sckliellen nrn ikn einen kreis ^ Der Deldkerr sagt dein Xücksten Ins Okr ein XVortlein ieis. Das Mort gebt in die Kunde, klingt wieder lern und nak' „krankreick" ist die karole, die Losung: ,,5ankt Delena!" Dies ist die grobe karade irn elvseiscken keld, die urn die 2 wällte Ltunde der tote Lasur kalt. 223. Lotentreue. k'elix Oskii. 1. Drscklagen war mit dem kalben Heer der König der Loten, kkeodemer. 2. Die Dünnen jauckrten aul blutiger XVal; die Leier stielten kerab ru Kai. z. Der Dond seinen kell; der XVind plill kalt ^ die XVölle keulten im kokrenwald. 4. Drei Dünner ritten durcks Deidegelild, den Delm rersckroten, xerkackt den 8ckild. 5. Der erste über den Lattel quer trug seines Königs rerbrock'nen Lpeer. öl 6. Der rvveite des Königs Kronkelm trug, den mittendurck ein 8cklacktbeil sckluA, 7. Der dritte karZ im treuen sVrm ein verküllt Oekeimnis im ölantel wurm, 8. 80 kamen sie an äsn Ister tiet, und der erste kielt mit dem DoL und riet: y. „Kin xerkauener Helm, ein rerkackter 8peer — von dem Deick der (loten kliek nickt mekr!" 10. lind der riveite sprack: „In die Wellen dort versenkt den traurigen (lotenkort! 11. Dann springen wir nack von dem Dterrand — was säumst du, Geister Dildebrand?" 12. „Kind tra§t ikr des Königs Helm und 8peer, ikr treuen (lesellen, ick traZe mskr!" iz, llut sckluA er seinen lVluntel vveick: „Ick tra§e der (loten Hort und Keick! 14, Kind kakt ikr gerettet 8x>eer und Krön', ick kake gerettet des Königs 8okn! 15, Krvvacke, mein Knake! Ick Arüüe dick, du KöniZ der (loten, ^unZ Dieterick!" 224. Wullenstein vor Strulsund. Albert >löser. 1, ölit HörnerAetön, in kktxender Wekr vor 8tralsunds Wälle 20A kriedlands Heer, KinAsum längst 2WLNA er die k.Luder ins ^sock; nur 8tralsund trotzte, das macktiZe, nock, Dock ek' nock Kartauuen erdröknten im keld, entkot er 2u sick die Katskerrn ins 2elt: die traten §eta6t vor sein .-VnAesickt und witterten nickt. 2, Der kriedland sprack: „Ikr Herren vom Rat, dem Irotr nun entsagt, kevor es 2u spat! Kack Deckt und (lesetr ist mein dieses Dandi so will es der Kaiser, Herr kerdinand. Drum tü^t euck und tut, was der Uackt'^e gebeut! Von (le^emvekr lallt, und ergebt euck nock keut!" Dräut sprachen die Datskerrn, Zetreu der Dtlickt ^ „Das tun wir nickt/' Z. Das Wort, es weckte Kar koken Vsrdrul) dein kökrniscken Oeneralissimus; dock 2WLNA er sick nock und sprack' „VVokIau! Zeekrt stets kak ick den tapteren iVIann^ druin sei euck gelassen der kreikeit Olück, 7.uklt ikr mir Oeldes ein tücktiZes Ltück!" Die Ratskerrn entASAneten ernst rnit Oewickt: „Das Küken wir nickt/' 4. Da kok sick auts köckste des kriedlands OrolD an seinen Lckläten die .-Xder sckwolk er bullte die Knust, und rnit Arimmi^em )Iut wart er xur krde den keldkerrnkut. Dr nannte die kürzer verrückte Oesell'n, Lckurken, Verräter und scknöde Dekell'n. Itraut spracken die katskerrn gelassen und scklickt: „Das sind wir nickt/' 5. Lie sckieden kinwe^^ aut nakm sie das kor. Der kriedland indessen, der rasende, sckwor: „D'nd kinA es mit Xetten am Dirnrnelsrelt, Ltralsund, das koke, das trotriZe, tällt!" Viel kugeln versckoL er in Arimmi^em DaL, kestürrnte die Ltadt okne DnterlalD er wollte sie st raten rnit KIut'§ern Oerickt — und nakrn sie nickt. 225. Der Derkklinßer. k'riecli'iek von Hallet. 1. Der DerttlinKer war ein kckneider^esell ' dock niininer lieü es ikn ruk'n. Dr duckt' an andres als kladel und kll': „Was aber, was soll ick tun?" Da kam er keim Wandern die Xreux und Ouer xuin kakrinann bei kanAerrnünd. Dinüker wollt' er, sein Leutel war leer. „Dump, räkle! sonst pack' dick Aesckwind!" 513 2. ,,Ikr nekmt dock dort die Kerle mit; «s beraklt Kuck ja keiner nickt." „Das sind auck keine 8ckneiderböck' nit, sind KrieZsleut'! Respekt, dn Wirkt!" Die kippen biL er; verköknt bkek er stekn und duckte ZrimmiZ tür sick: „Ikr 8ckutte, das soll mir nickt Zweimal Zesckekn! Ick xeiZ's, was sick sckickt lür mick." z. Du ward er ein rascker Keitersmann; 2um keutel sckmiü er die kill Dafür packt er 'nen DeZen an; den sckwanZ er ZewicktiZ und scknell. Bald kat er ein KeZiment kommandiert; ruletrt ward er Keldmarsckall. Da kat ikn kein käkrmann abZekükrt; sie respektierten ikn all'. 4. Hin Oott den 8oldaten, ein leutel im 8treit, wie mal! er der 8ckwediscken Heer kei Kekrbellin die KanZ' und die Breit'! Die eiserne KIle war sckwer. Drum saZ' ick: „Keiner stek' still in der Welt! Wen's antreibt, nur vorwärts scknell! Wer ein Held kann werden, der werd' ein Ileld, und wär's auck ein 8ckneiderZesell!" 226 . Lettlerbsllade. Konraä k'ercäilialicl IVls^er. 1. Brinx Bertarit bewirtet Veronas Bettlersckakt mit Weirenbrot und Kucken und edlem Vraubensaft. Oebeten ist ein jeder, der sick mit kumpen deckt, der, ksisckend ant den Brücken der Ktsck, die Keckte reckt. 2. /Vut edeln Narmorsesseln im 8aale tkronen sie; durck Kiss' und köcksr Zucken KllboZen, 2 ek' und Knie. Kickt nack Oeburt und Würden, sie sitren Zrsll Zemisckt. ^setrt werden nock die Basen und Bükner aufZetisckt. 3. Der tastet nack dem Lecker; er durstet und ist blind. Den Krüppel okns Vrms bedient ein frommes Kind. 33 514 bin reizend stumples Xascben Auckt unter strupp'^em 8ebopl; init wildem Nosesbarte prablt ein Lbarakterkopl. 4. Die Herren sind Kesättiß;t. Beginne, lVlusika! bin Dudelsack, ein Hackbrett und OeiZ' und Hart' ist äs, — der Brinz, nocb scbier ein Xng.be, wie Oottes bn§el scbön, erbebt den vollen Lecber uncl sinZt clurcb clas Oetön: Z. „Nit lrisebAepllüekten Kosen bekrön' icb inir das Haupt' des Keiebes eberne Krone bat inir der Obrn geraubt. br lieb inir baA und 8onne; mein übriZ Out ist klein: 80 will icb init den -Vrrnen als ^rrner tröblicb sein!" 6. bin Bettler stürzt ins Ammer. „Orurnell, wo kommst du ber?" Der Lcbreckensbleicbs stammelt: „leb lausebt' von unZelabr, Zsbettet in der llotbur^ — dein Obm scbickt lVlörder aus; nimm meinen braunen Alante!!" brzsebritt umdröbnt das Haus. 7. „Drück' in die Ltirn den Hut dir! er sebattet tiel. Oesebwind k Da bast du meinen 8tecken! bntsprin^', geliebtes Kind!" Die Nörder naben klirrend, bin Bettler sebleiebt davon. „Wer bist du? 2 ei§' das Antlitz!" Oebob'ne Dolebe drobn. 8. „ball ibn! bs ist Orumello! leb kenn' 'das boeb im ldul; icb kenn' den KilZ im ^rmel. Wir oplern edler Blut!" 8ie späben dureb die llallen und Sueben Bertarit, der unter dunklem Nantel dem dunkeln bod entlliebt. y. br lubr in lremde bänder und ward darob /.um Xann. br kebrte beim Aepan/ert. Den Obm ersebluA er dann. Verona nabm er stürmend in rotem beuersebein. /Vm ,-^bend lud der XöniA Veronas Bettler ein. 227. bs rnuk doeb brüklintz werden. Linanuel Oeidel. 1. bnd dräut der Winter nocb so sebr mit trotzigen Oeberden, und streut er bis und 8ebnee umber, es muss doeb brüblin§ werden. 515 2. Blast nur, ibr 8türme, blast init Uacbt! )Iir soll clarob nicbt banZen; ant leisen 8oblen über blacbt kommt clocb cler benx ZeZanZen. z. Da warbt clie Krcle grünend auf, weiö nicbt, wie ibr Zesckeben, uncl lacbt in clen sonnigen Himmel binaut uncl möcbte vor bust vergeben. 4. 8ie tlicbt sieb blübencle Kränge ins Haar uncl scbmückt sieb mit Kosen uncl /ibren uncl lä6 clie örünnlein rieseln klar, als waren es Kreuclsnrabren. 5. Drum still! bind wie es frieren maZ, o blerr, Zib clicb rulrieden! bs ist ein Zrober NaientaZ cler Zanren Welt bescbieden. 6. bind wenn dir ott aucb kanZt uncl Zraut, als sei clie blölb auf Krclen, nur unverraZt aut Oott vertraut! bs mu6 clocb KrüblinZ werben. 228. Wenn cler Brüblinß kommt. blu^ZenderKer. Drei 2 werZIein läuten clen brübbnZ ein mit weiden uncl Zelben Olöckcben lein: clrei blten tanken im 8onnenbcbt, lauscben, was cler Nar^wincl spricbt. Kommt cler Kalermann vor sein Baus, putxt sieb clie LrillenZlaser aus: „Was lanZt ibr für neu 8pektakel an, claL unsereins nimmer scblalen kann? bü, cla Zuckt ja ein Veilcben berlür!" 8cbleuniZ kebrt er sicb ZeZen clie bur: ,,.^Ite, bab' icb's nicbt immer ZesaZt? llurtiZ clie baden aut! es taZt." VVupp, sobon sobluptt die durcb's en^e boob, binter ibr ber drei Kacbbarn noob; alle tünt tun vor Kreude dumm, lauten wie närrisob iin kreise berum, tollen uncl überkugeln siob satt, bis einer ein Leinoben ru wenig bat. krau Anreise tängt nebenan just ibren Lau 2 U tbcken an: „Dies windige Laok — rnan ärgert sieb sobwer — weiL nicbt, daü Kisten und Kammern leer, kaulenrt scbon arn ersten lieben lag. Niob wundert, wie das nocb kommen mag." Hook iin ^.ptelbaum sonnt siob ein bink ^ „Linke pink! pinke pink! Der Kurier ist sobon abgesandt; er bolt mir ein Meiboben aus Nobrenland!" 8patren und Ammern lärmen laut: „Kommt alles, wie wir's vorausgesobaut! Heut der Loblebdorn, der Kirsobbaum morgen — Kabrt immer dabin, ibr dämlioben Lorken!" Professor Kabe — weiss niobt, warum — denkt beut auob niobt ans Ltudium: „Missen soll's nun mal jedermann, dass unsereiner auob sinken kann. Olobu l Kraba! — aber das war tein! Obers ^sabr werd iob bei der Oper sein/' I)er Minter bookt am 8obattenrain, stoptt sein Ltummelpteitoben siob ein, tut erst, als ging' ikn alles niobts an — aber sobon tängt er 2 U lauten an, boppboppbopp I über 8took und 8tein; ein 8obmetterling gaukelt binter ibm drein. 229. Der Lklüger. ^.lired Hu§§eridei'Aei'. i. Da iob nun ein Lauer bin, bab iob 8obrullen im Kopte drin; man kann's niobt anders maoben, 's ist ott raun backen! 2. Lckreit' ick kinterm BtluZe der, tälk's mir ein von nnZetakr: Ri, wer Zibt dir ein Reckt da^u, tausend Wiesen aus ikrer Rnk aut/.nstören? Rlencl und kein träfst du ins stillste Reick kinein. Wurm und Lrille klaZen mick an: „Warum käst clu mir web Zeign? Rast mick im sckönsten kraum ersckreckt, käst mir mein Lartcken 2UZedeckt, rmd meine BurZ, mein keimlick Klans, käst cln ZeleZt in krümmer nncl Lraus." Z. Ameisen rennen, sckimpten uncl jammern „Wundervoll, mit Lewölben nncl Kammern, mit versteckten Linken nncl OanZen stLncl nnser Lau — wer clnrtt' ikn sprenZen? Hellet kerZen uncl Klelter werken, unZeborne Brüt muü verderben!" 4. BlocknasiZ sckant der Kater 2n, kalkuliert: „Älick labt man in Ruk, Baron Kater von Lottes Lnaden" — Knax — da brinZt ikn mein Rad rn Lckaden. Leknickt des Bankers Zlan/.ende Wekr, torkelt er jammerlick daker, überscklaZt sick /.wiscken den Lckollsn, kommt mit iknen Kiltlos ins Rollen. Wird ikm RettnnZ, wird ikm Rnk? LckweiZend deckt ikn die Rnrcke ru. 5. Kreuzt da ein Nanslein meinen Lckritt, sckleppt sein ^erbrockenes Beincken mit. Lall nock eben im Reste tein, sckerrte mit seinen Kinderlein: „Wenn ikr kübsck brav und toIZsam seid, krieZt jedes bis LonntaZ ein Zranes Kleid, just wie meines so warm und lind, weil Alauscken nickt Zerne nackend sind. k'nd dann wollen wir was probieren, durck den Klee Zekn wir spazieren! 518 Unterm Naselbusck am liain dürlt ikr spielen und lustig sein. Llumen 2eig' ick euck, rot und Klan, nnci die muntere Lidecksentrau." 6. Orausamer Lklug! Mas käst ein getan, sieli das rerrauste kiest ciort an! Unter Llumen klau und rot liefen tünt Nauscken, xerquetsclit und tot. Lauer, kab' 2ur Arbeit ackt! 8ckoI1e legt sick 2u 8ckolle sackt. Hust! Hott! billigen bringt Lrot — Löse .4.ugen kat die kiot. Klan kann's nickt anders macken: Ist's denn 2um Lacken? 2Z0. ^bendlied. Oottkrieä Kinkel. 1. Ls ist so still geworden, verrausckt des Abends VVekn; nun kört man aller Orten der Lngel Lüde gekn. Lings in die 'Kaie senket sick Linsternis mit Nackt — wirk ab, Herr, was dick kränket, und was dir bange mackt! 2. Ls rukt die Welt im 8ckweigen; ikr Losen ist vorbei, stumm ikrer Lreude Leihen und stumm ikr 8ckmer2enssckrei. Hat Losen sie gesckenket, kat Dornen sie gekrackt — wirt ab, Herr, was dick kränket, und was dir bange mackt! Z. bind käst du keut geteklet, o sckaue nickt Zurück! Lmptinde dick beseelet von kreier Onade Olück! /Vuck des Verirrten denket der Hirt aut koker Vackt — wirk ab, Her?, was dick kränket, und was dir ban§e mackt! 4, Xun stekn irn ldimmelskreise die 8tern' in Najestat; in Zleickem testen Olelse der Aoldne Wa^en ^ekt. Und Zleick den Sternen lenket er deinen We§ durck Xackt — wirk ab, Herr, was dick kränket, und was dir ban§e mackt! 231. Der ^dendstern. ^sokLnii k-Iedel. I)e kisck au wieder ritk do und lautsck der Lunne weidli no, du Keks, scköne Obestern! Was AÜt's, de kätsck dii Lckmütrli ^ern! kr tripplet ikre Lpure no und cka sie dock nit übercko. Vo alle Lterne ZroL und cklei isck er der liebst, und. er ellei; sü Lrüederli, der ^lor^estern, sie bet en nit ums kalb so Fern; und wo sie wandlet uns und ii, se meint sie, müess er um sie s^. kriieik, wenn sie kinterm NorZerot woid ob em 8ckwarrwald nute Aokt, sie tüekrt ikr Lüsbli an der Hand, sie reiZt em LerZ und Ltrom und band, sie seit: „lue Amack, 's pressiert nit so! OK Oumpe wird der bald verkok." kr sckwätrt und tro§t sie das und de^s: 3ie Zitt em lZrickt, so §uet sie's weiL. kr seit: O Nuetter, lueZ dock au, do unte Alänrt's im Nor^etau so sckön wie in düm ldimmelssaal! „He," seit sie, „drum isck 's Wiesetal." 8ie trogt en: „klesck bald alles gsek? ^setrt gang i und wart nümmemek." Orut springt er ikrer ldand dervo und inenZZein wüsse VVülkli nv' clocd wenn er meinte ^setr dan i di, verscd wunden iscd's, weil) Oott, wodl. Orul, wie sii Nuetter döcder stellt und alsZinacb ZeZen ein Rdiistroin Zodt, se rüelt sie ein: „Lduinm, und ls.1l nit do!" Lie ltiedrt en lest sin HLndli nc>: ,,I)e cliönntscll verlösclle dsndurncdedr: niinin, was iner's lür e Lduininer wär!" Oocll wo sie überin dllsis stellt und alsZinsed ellnen sbeZodt, wird notno 's Lüebli inüed nncl still, 's weiss nninine, was es insclie will; 's will nürnine Zoll nncl will nit Zoll, 's lroZt Ilunclertinol: ,,VVie wit iscll's no?" Orul, wie sie oll Vo nummsn au ne Löckk isck, sckkekt 's lieben use jun§ und kriseln — 7. Oo klieZt e kun^riF Lpätrli der! L Lrösli Lrot war si Li§ekr. les lueAt ein so erkärmk a: 's ket sider nackte nüt mek Zka. Oell, Lürstli, seil isck andri 2it, wenn's Lkorn in alle Lure lit? 8. Oo kesck! L06 andren au dervo! Lisck kunZeriZ, ckasck wieder cko! — 's mueL wokr si, wie 's e 8prückk §it: ,,8i saje nit und ernte nit; si ken kei Lklue§ und den lrei jsock, und Oott im Ilimmel näkrt si dock!" 2Z7. Xneckt kupreckt. Llorm. Von drauL', vorn Valcle komm' ick ker: ick muü euck saZen, es weiknacktet sekri allükerall auk den lannenspitren sak ick Zoldene Licktlein sitren, und droben aus dein Limmelstor sab init groben ^.ugen das Lbristkind bervor, und wie leb so strolcbt' durcb den finstern "bann, da rief's micb init beller 8timme an. „Lnecbt. Luprecbt," riet es, „Liter Oesell, bebe die Leine nnd spute dicb scbneil! Die Lernen tLngen 2u brennen an; das Limmelstor ist aufgstan. ^It' und ^sunge sollen nun von der ^sagd des Lebens einmal rubn, und morgen flieg' icb binab rur Lrden; denn es soll wieder Weibnacbt werden." Icb spracb: „0 lieber Lerre Lbrist, meine Leise tast su Lude ist; icb soll nur nocb in diese 8tadt, wo's eitel gute Linder bat." — „Hast denn das 8acklein aucb bei dir?" Icb spracb: „Das Läclrlein, das ist bier: denn /Vptel, Luü und Mandelkern essen Iromms Linder Kern." — „Last denn die Luts aucb bei dir?" Icb spracb: „Die Lute, die ist bier, docb für die Linder nur, die scblecbten; die trifft sie auf den Lei!, den recbten." Lbristkindlein spracb: ,,8o ist es recbt. 80 geb' mit Oott, mein treuer Lnecbt!" Von draub', vom Walde komm' icb ber; icb muü eucb sagen, es weibnacbtet sebr. Lun sprecbt, wie icb 's bisrinnen find'! 8ind 's gute Lind'? sind 's böse Lind'? 238 . Weiknacktsabend. HieoUor Storni. Die fremde 8tadt durcbscbritt icb sorgenvoll. Der Linder denkend, die icb lieb ru Laus. Weibnacbtsn war's, durcb alle Oassen scboll Der Linderjubel und des Markts 6ebraus. 529 I 6 n 6 wie 6 er Nensckenstrom mick iortZespiilt, OranA mir ein keiser Ltimmlein in 63.5 Okr: „Xanit, lieber Herr!" Hin mLZres HLn6cken kielt keilkietencl inir ein ärmlick Lpielxen^ vor. Ick sckrnlc empor, nn6 beim Xaternensckein Lak ick ein bleickes Xin6erangesickt; >Ves Alters un6 Oesckleckts es mockte sein, Xrkannt' ick im Vornbertreiben nickt. klnr von 6 sm Ireppenstein, 63 .r 3 .ni es saL, Xock immer kürt ick, müksam wie es sckien: „Xauit, lieber Herr!" äen Uni okn' IInterlaL; Dock bat wokl keiner ikm Oekör verliek'n. IIn6 ick? XVLr's IInAesckick, war es 6ie Lckam, ,-Vm WeZ 2 N Kan6eln mit äem Lettelkink? Xk' meine Han6 rn meiner Börse kam, Versckoll 63 s Ltimmlein kinter mir im XVinä. Dock als ick enälick war mit mir allein, Xriaüte mick 6ie ^.NASt im Hermen so, ^.Is sLÜ mein eiALN Xin6 nni jenem Ltein 16n6 sckrie nack Brot, in6essen ick entilok. 239. Der 6enner. ^oksrur Peter Itedel. 1 . Im ^tti setrt 6er 0l6ampi rue. Ner ckönnte 's Ampeli nss tne un6 6'käclen ni. Der NorZescki blickt scko 2 um rnn6e Xastlock i. O lueZet 6ock, wie ckalt un6 rot 6er Kenner ui 6e LsrZe stobt! 2 . Xr sait: ,,I bin e bliebte Na; 6er Ltern am Himmel lackt mi a! Xr Alit^eret vor Xnst un6 Kreu6, nn6 mnes er inrt, se-n isck's em lei6: er IneZt mi a un6 cka's nit lo un6 wir6 birits wi6ercko. Z. IIn6 nnter mer, in Ler§ un6 Xal, wie ilimmeret's nit liberal! ^n allen Xn6e Lcknee nn6 Lcknee; 34 '8 iscb alles mir 2ue Lbre Z'scbeb, und wo-n-i ZanZ im wits Leid, sin Ltroüs kabnt und Brücke stellt/' 4. Lr sait: „I bin e triscbs Na; i ban e Iutti§ bscböpb a und roti Lacke bis ans Obr, e beiter und Dutt im Boor, ke MinterZtrist, ke Obderwek, und wo-n-i ALNA, 86 cbracbt der Lcbnee." 5. Lr sait: „I bin e Zscbickte Na: IneZ, wis-n-i überzuckere cba: i cbnncb, und a de Bürste banAt's und an de 2arte Lircbe scbwankt's. Der 2 uckerbeck mit Zscbickter Band, mit Oeld und Ouet wär's nit im stand. 6. ^set2 Iue§ au dini Lcbiben a, und wie-n-i BelZli cbritrle cba! I)o bescb e Llüsmli, wenn's der stallt; do bescb e Aanre bannewald! Der LrüebbA cbönnt's nit balber so; 's iscb mit der barb nit alles to." 7. Lr sait: ,,I bin e starcbe Na, und LwinA mi näumer, wenn er cba! Der barster Zstablet uk der ^sacbt; der LrunntroZ springt, der Licbbaum cbracbt. O'brau Lunns mit em 6sicbtb rund bet's Berr: nit, aÜ si küre cbunnt." — 8. 's iscb wobr, me weit) nit, was si tribt, und wo si alli NorZe blibt. Wie langer Bacbt, wie später baZ, wie besser at) si scblots maZ, und blieb es bis um ?ebni Bacbt, se cbam si erst, wenn's ölti scblacbt. y. Bei, bet si's Zbört? Dort cbunnt si jo! Ne meint, 's brenn alles becbterlob! 8i stobt im cbalte NorAelutt, si scbwimmt im rote Bebeldutt. 2siK', cbuucb e weniZ d'Lcbiben a; 's iscb, at) me besser lue§e cba! 531 10. Der Giebel wo§et nt und sb, und d'Lunne ckäinptt, 8i lobt nit ab. ^set? bet si's Zunns. Wit und breit 8trsklt ibri krackt und LerrliZkeit. O lusA, wie's über d'Oäcker wsklt, am Lkilcketenster, luex, wie'8 8trsklt! 11. Der Kenner set/.t si .^rm in d'bluit : er ruckt sin Iduct und 8ckne1It in d'butt. Der Kenner 83.it: „I törck di nit! Lkunnn, wenn de rnit iner bssekZe witt! ^Vss ßilt's, äs wür3ck birits §ok und rüekrnsck di'rn Lüebli nit dervo!" 12. ^s, '8 wär wobt Küb8cb und liebli 8o; irn wsrine Ltübli Aksllt's eiln 8cko. Dock inen^i krau, dsö 6ott erbsrin, 8i nirnint ikr nackiZ Lkind in d'^rrn; 8i bet ein nüt nrn d'Olidli ?.'tue und wicklet'8 rnit ein Lürtueck 2ne. iz. Li bet kei H0I2 und bet kei Lrot, 8i sitrt und cklsAt'8 iin liebe Oott. Otriert Ltei und Lei, wob! taut der Lckrner? no kränen ut iin lVIueterker?. Der Kenner i8ck e rnncke Na; er nirnint 8i nüt nrn d'^rinet s. 14. OsnA, brinA der srine Liscker-bis e Läckli >IeiiI, e kleindli will: nirnin an ns VVelle-n oder xwo und 8LZ', 8i 8oI1 su rue-n-is cbo und >Vsike kole, wenn i back, und decket ^jetr der 'Idscb slsAmack. 240. LonntaAskrüke. sodann Peter pledel. 1. Der LsrnstiA bet 2uin 8unnti§ ^ssit: ,,^S2 ksni alli scklote ZIeit; si sin vorn Lckstte ker und bi ßsr sölli inüsd und scblötriZ Asi, 532 und 's Zolit mer selber Zar selber so: i cbn tast ut kei Lei meb stob." 2. 80 sait er, lind wo's 2wölti scblncbt, se sinkt er 3ben in d'.VlitternLcbt. Der 8unntiZ sait: ,,^e2 iseb's an mir!" Oar still und beiinli bscbbeüt er d'lür. Lr diiselet binter de 8terne no und cbn scbier Zar nit obsi cbo. Z. Oocb endli ribt er d'^uZen us: er cbunnt der 8unn an lür und Lus: si scblott im stille LbLminsrli: er pöpperlet am LLdeinli; er rüett der 8unns: „O'At iscb do!" 8i 83 .it: „I cbumm ennnderno." 4. bind lisli uk de 2eecbe Zolit und beiter ut de LerZe stobt der 8unntiZ, und 's scblott alles no: es sibt und bort en niemes Zob. Lr cbunnt ins Dort mit stillem Iritt und winkt im Oubl: „Verrot mi nit!" Z. bind wemmen endli au vervvacbt und Zscblote bet die Zan/d Xacbt, so stobt er do im 8unnesebi und lueZt eim xu de Lenstren i mit sinen ^uZe mild und Zuet und mittsm lVlejen uttem bluet. 6. Drum meint sr's treu, und was i saZ, es kreut en, vvemme scblote maZ und meint, es seiZ no dunkel I^acbt, wenn d'8unn am beitre Llimmel lacbt. Drum iscb er nu so lisli cbo: drum stobt er au so liebb do. 7. Wie Zlit/.eret ut Oras und Laub vom NorZetau der 8 ilberst 3 ub! Wie weibt e triscbi lltaielutt voll Lbriesikluest und 8cbleecbedutt! bind d'Immli snmmle tlink und triscb: si wüsse nit, 36 's 8unntiZ iscb. 8 . XVie pranget nit im Og.rteIg.nci der Lbriesibaum im ^laie^wand, Oel-Veieb und bubpa und Lterneblueme nebe cirg und ^tüllti 2 inbli blau und evib! ble meint, ine lueZ ins Baradis. y. Und 's iscb so still und beimli do, men iscb so rüeibi§ und so lrob! ble bort im Dort bei Hust! und Hott! B Ouete laß! nnd Bank der Oott! Ond 's Zit gottlob e scböne 'b-cZ! iscb alles, was me bore mg^. 10. Ond 's VöAeli sait: ,,brili jo! Botr tgusiA jo, do iscb er scbo! Br dringt jo i sim IlimmelsAlast dur öluest und bgub in Hurst und blast!" Ond 's Distel/.vvi^b vorne dra llet 's Lunnti§röcbli au scbo g. 11. 8 i lüte we^er 's Xeicbe scbo; der starrer, scbint's, ivell ^itb cbo. Oan§, brecb mer eis ^uribb ab! Vervvüscbet mer der Ltaub nit drab! Ond LbünZeli, le§ die veidli a! Oe muescb derno ne bleje ba. 241. Das Biedlein vorn Lirscbdaum. sodann 1'eter ttedkll. 1. Der beb Oott bet 2um BrüebÜA Ksait „OanA, decb im VVürmb au si liscb!" I)rui bet der Lbriesbaum Blätter trait, vil lausig Blatter grün und triscb. 2. b'nd 's XVurmli, usem bb verwacbt's, 's bet Ascblole i sim VVinterbus; es streckt si und sperrt's blüüli ut und ribt die blöden .'Vu^en us. z. bind drut se bet's mit stillem 2 abn am Llattli Zna^t enanderno und Asg.it: ,,Wie iscb das Omües so Auet! Ne cbunnt scbier nümms weA dervo." 4. Ond wider tret der lieb Oott Asait: „Deck je/, irn Irnrnli gu si 'tiscb!'' Oruk tret der Lbriesbaum Llüete trgit, viel tausiA Llüete wiü und kriscb. Z. bind 's Irnrnli sibt's und kliert druk tos krüeib in der Lunne NorAescbin. Ls denkt: Das wird ini Xakki si; si ben doeti cbosper Lor/ebn! 6. Wie suksr sin die Obacbeli Asckwenkt! Ls streckt si troclie 2ünAli dri: es trinkt und sgit: „Wie scluneckt's so süeü! Oo rnusü der ducket wollet si." 7. Der lieb Oott tret /um Lummer Asait: „Oan§, deck im 8pät/Ii gu si biscb!" Oruk tret der Obriesbaum brücbts trgit, viel tgusiA Lbrissi rot und kriscb. 8. Ond's 8pat/li sgit: „Iscb das der Bliebt? Oo sit/t ms /ue und krvAt nit lanAi dgs Alt msr Lbrakt in Nark und Lei und stärkt mer d'8timm /ue neuem OsanA." 9. Oer lieb Oott bet /um LpütliZ Asait: „Luum ab, si ben jst/ glli Aba!" Oruk bet e cbüele LeiAlukt Aweikt und's bet scbo cblaini Lite Zba. 10. bind d'Llattli werde Aeel und rot und kglle eis im andre no, und was vom Kode obsi cbunnt, mueL au /um Lade nidsi §ob. 11. Oer lieb Oott bet /um Winter Zsait: „Deck weidli /ue, was übriA iscb!" Oruk bet der Winter blocke Astreut. 242. Lrster blutz. lies Imbli klüAt dur d'Natten us, pot/tusiß, wie lueAt das! ks lackes alk Llüemli L 2äntum im Zrüene dras. Ls IluZt und sumset kin und Kar, 68 stallt em ALNA wie mek; das Zlitreret im Lunnesckzm, 68 ket no nüt so §sek. dnd wo der daZ verZan^en isck, do wird em's HeiZok sckwar. ks ket keis klampkeli Zimmelmakl und's dkrattli lischt und lär. lind wones ändliZ kei cko isck, lueAt's Imblimüeti kokn: dock'8 Imkk ket en llsred Zka: „Worum isck's au so sckön?" 243. Der Wegweiser. 1'eter I-Iedel. 1. Weisck, wo der We§ rum U<;kltaü isck, 2um volle kaü? Im Nor^erot mit l?I1ue§ und Lkarst durs Weireleld, kis Ziern und Ltern am Himmel stokt. 2. >le kackt, so 1an§ der 'IuA eim killt; me lueZt nit um und bükt nit 3tok; drut Zokt der WsZ dur8 Lcküretenn der Lkucki rue; do ksmmer's jo! z. Weisck, wo der We§ 2um dulden isck? ldr Aokt de rote Lkrürre no, und wer nit ulke dkrürer lueZt, der wird 2um dulde sckwerli cko. 4. Wo isck der We§ 2ur ZunntiZIreud? danß okne dlokr im WercktiZ no dur d'Werkstatt und durs ^ckerleld! Der Lunntig wird scko selber cko. Z. ^,m LamstiZ isck er nümme wit. Was deckt er eckt im dkörkli rus? Denkwvl, e klündli kleisck ins dmües, 's cka si, ns Zcköppli Wi dsrrue. 6. Weisck, wo 6er WeK in k'.-'trmet Kokt? kneK nnmme, wo Ralläre sin; KLNK nit verbot, '8 isck Knete Wi, 's sin nLKelneui Lkarte 6rinn! 7. Im letzte Wirtskus kanKt e 8aclc, un6 wenn 6e lurt Kvkscli, lienk en a! On Lite Rnmp, wie stobt 6er nit 6er Lettelsack so rierliK L! 8. Rs isck s kölre Osckirli 6rinn ; Kid acktiK 6rut, verlier mer's nit! Itn6 wenn 6s rneme Wasser cknnnsck un6 trinke maKsck, se scköpl 6ermit! 9. Wo isck 6er WeK rne Kri6' nn6 Rkr, 6er WeK xum Kneten /tlter eckt? 6ra6 türsi Kokt's in WaLigkeit mit stillem Zinn in ktlickt nn6 Reckt. 10. Rn6 wenn 6e-n-amme OkrÜLweK stoksck nn6 nümme weisck, wo's ane Kokt, kalt still un6 troK 6i 0wisse 2'erst, — 's cka 6ütsck, Kottlok — un6 tolK sim Rot! 11. Wo MLK 6er WeK 2 nm Lkilckkol si? Was IroKsck no lanK? OanK, wo 6e witt! 2um stille (trab im cküele Ornncl lüekrt je6e WeK, nn6 's leklt si nit. 12. Rock wan6le 6u in Ootteslurckt! I rot 6er, was i rote cka. Lei klatrli ket e Kkeimi Rür, nn6 's sin no Zacken ekne 6ra. 244. Der lVlann irn I^Ion6. Jokann ?eter I^ebol. 1. „kueK, Nüetterli, was isck im lllo?" Ile, siksck's 6enn nit? R Lla! ,,^o weKerli, ii sik ne scko; er ket e Iscköpli a. 2 . Was trikt er 6enn 6i Kan^i Rackt? Rr rtiekret jo Irei 6li6!" He, sibscb nit, ab er Welle rnacbt? ,,^so, ebe dreibt er d'Wid. Z. Wär i, wie er, i blieb deksi und inacbti d'Welle do." Ide, iscb er denn us üser Oinei'? >ter ben scbo selber so. 4. bind rneinscb, er cbönn so, wie-er well Us wird ein, was ein Abort. br AienA wob! Aern — cler suter Osell inueL scbellewercbe clört. 5. „Was bet er bosZet, Nüetterli? Wer bet en bannt dörtbi?" >le bet ern Asait der Oisterli, e blütnutr iscb er Asi. 6. ldts Lete bet er nit vil Aba, uts Lcbatten o nit vil, und öbbis inueö rne tribe ba, sust bet rne lanZi Wil. 7. Orurn, bet sn öbbe nit der VoAt rur Ltrot ins blüsli Aspert, sen iscb er ebe s'Lbander Zbocbt und bet d'lZutelli Zleert. 8. ,,^se, Uüetterli, wer bet ern 's Oeld 2ue so rne bebe §e?" Du blarscb, er bet in ldus und beld scbo selber wüsse r'neb. 9. bis rnol, es iscb e LunntiZ §si, se stobt er ut vor 1a§ und nirnrnt e Beil und tuinrnlet si und lautt in bieler LcblaA. 10. br baut die scbönste Lüecbli uin, rnacbt Lobnestecbe drus und trait si turt und lueAt nit urn und iscb scbo tast arn ldus. 11. ' bind ebe Aobt er uttern 8te§, se ruuscbt ern öbbis tür: „^e?, Dieter, gobt's en andre Weg! jse2, Dieter, cbumm mit mir!" 12. Dnd nt und tnrt, cmd sider iscb bei Dieter wit und breit. Dort obe stobt er im Oibnscb und in der Dinsemlceit. iz. ^62 baut er jungi Düecbli um; jer ebuucbet er in d'Itänd: jer (treibt er cl'Wicl und leit si drum, nnct 's Lutte bet en Dnd. 14. 80 gobt's dem arme Dieterli; er iscb e gstrotte >ln! ,,0 bbüet is 6ott, beb Llüetterb, i möcbt's nit mittem ba!" IZ. 80 büet cb vorem böse Ding! 's bringt nnmme Web nnct tWb. Wenn's Lunntig iscb, se bet nnct sing! ^m Wercbtig scbatt cb 8acb! 245. Dnd balt-dl Anet! ^larz. Kieser. Ds lautt en junge Lurscb cturnb mit becbtem Lebritt nnct Wunderstub ^ je2 bbbt-er nonsmoie stob, sis Nneterb, los, rüett-em nob: „Dnct balt-di gnet!" Ds Ineget, bis 's-ne nümm cba gseb, das 8cbeicte-n, acb, es tuet so web! Dr wand'ret witer, Lcbritt tür Lcbritt, er ptitt es Diedli, nnct 's tönt mit: „Dnct balt-di gnet!" Vergiüt-er's öppe mit ctr 2 it, wenn allerlei cler^wüscbe bt? I glaube, 's blibt-em allwäg scbo; denn niemer anders seit's eso: „bind balt-di gnet!" 246 . Das Brkennen. IKNL 2 Vo§1. 539 1. Bin kk'anderbursck mit dem Stab in der ldand kommt wieder keim aus dem fremden Band. 2. Lein Haar ist bestaubt, sein ^.ntlitr verbrannt; von wem wird der Lursck wokl ruerst erkannt? Z. 8o tritt er ins Ltädtcben durcbs alte Bor; am LeklLZbaum leimt just der Zöllner davor. 4. Der Zöllner, der war ibm ein lieber kreund: oft batte der Lecker die beiden vereint. Z. Dock siek — kreund Xollmann erkennt ikn nickt, ru sekr kat die Lonn' ikm verbrannt das Oesickt. 6. Kind weiter wandert nack kurzem Oruü der Lurscke und scküttelt den Staub vom Ku6. 7. Da sckaut aus dem kenster sein Lckatssl fromm — ,,I)u blökende ^unZfrau, viel sckönen KVillkomm!" 8. Dock siek — auck das Nadcken erkennt ikn nickt; die Sonn' kat 2U sekr ikm verbrannt das Oesickt. 9. lind weiter §ekt er die Ltraü' entlang, ein Iränlcin kan§t ikm an der braunen Wan§'. 10. Da wankt von dem Xirckstei§ sein Nüttercksn ker — „Oott Arü6' kuck!" so sprickt er und sonst nickts mekr. 11. Dock siek — das Nüttercken sckluckret voll kust: „Nein Lokn!" und sinkt an des Lurscken Brust. 12. Vlks sekr auck die Lonne sein .Vntlit^ verbrannt, das NutterauZ' kat ikn dock Zleick erkannt. 247 . lVlüttercken. ^Ikrecl HuFAendei-§ei-. ldausmüttercken kat viel ru tun, sie mulZ für alle sorgen. Lie ist die letzte beim kampensckein, die erste am früken Normen. Lie tränkt die Blumen im kenstersims, sie §ibt den Xätrlein ru essen. Lie sckkeüt, wenn's dunkelt, den lduknerstall, die andern kätten's verZessen. Vor leiten durkt' sie xärtlick sein und mit den Kleinen sckerxen. Lie bat sick die Oroscken vom lVlund gespart xu Krap klein und Weiknacktskerxen. Die Luken denken nickt mskr dran, wenn sie des Nordens trugen: Kk, Nutter, ist mein Kittel geklickt? Wie stekt's mit Ltrümpken und Kragen? Kind näcktens kam ikr jüngster keim vom kosen Wanderleben. 8ie bat ikm braunen Lee gekockt und ikm ikr Lettlein gegeben. Lie bat an seinem Lkükl gewackt, wen katt' er sonst auk Krden? Lie kat geweint an seinem Larg nun kann er dock selig werden. Ikr andern, die ikr gut genug nack euerm Denken und kleinen, ick weid, ikr werdet auck einmal an einem Orake weinen- und Kränxe legen auk den 8tein als spate Liebesgaben: Wack auk, wack auk, lieb lVlütterlein, du muüt es besser kaben! 248. Der Ltroiri. ködert keimek. 1. Liek in waldgrüner Kackt ist ein Lacklein erwackt, kommt von Dalde xu Halde gesprungen, und die Llumen, sie stekn ganx verwundert und sekn in die /Xugen dem lustigen jungen. 2 . Kind sie bitten: „Lleib' kier in dem stillen Kevier!" Wie sie drangen, den Weg ikm xu Kindern! Dock er küöt sie im kluA, und mit neckisckem 2u§ ist entscklüpkt er den keblicken Xindern. Z. Dnd nun springt er lünaus aus dem still grünen Daus: „O du v/eite, du straklende kerne! Dir Zekör' ick, o Welt!" Dnd er dünkt sick ein Held, und ikm leuckten die VuZen wie Sterne. 4. „Oebt mir Daten Lu tun! Dark nickt rasten, nickt ruk'n, soll der Vater, der alte, mick loben/' Hock 2um klusse Aesckwellt, von dem kels in die Welt braust er nieder mit freudigem loben. Z. „Oebt mir Daten Lu tun! Dann nickt rasten, nickt ruk'n!" l/nd sckon kört man die Hammer ikn sckmettern, und vorbei an dem I/itt träAt er sicker das Lckikt in dem Dampf mit Sturm und mit Wettern. 6. Immer voller die Dust, immer weiter die Lrust! l/nd er wäckst Lum Aewalti§en Strome; rwiscken rankendem Wein sckauen Dörfer darein und die Stadt' und die kurzen und Dome. 7. Dnd er kommt an das Neer; kell leucktet es ker, wie verklärt von Aöttlickem Walten. . Welck ein Xauscken im Wind? „Du mein Vater!" — „Nein Kind!" Dnd er rukt in den Vrmen des Vlten. 24Y. Das Sckikklein. I-uUvviß ttklsnci. Din Sckilllein Liebet leise den Strom bin seine Oleise. 542 ks scbweigen, 6ie 6rin WLn6ern; 6enn keiner kennt 6en an6ern. tt'as riebt liier aus (lern kelle 6er braune ^Vai6geselle? kin Horn, 6g.s sankt srscballet ^ 6as liier wiberballet. Von seinem Wanclerstabe scbraubt jener 8tikt un6 Habe nn6 miscbt mit klütentönen siel, in 6es Hornes Dröbnsn. Das Va6cben sab so l)lä6e, als keblt' ibr gar 6ie Re6e: jetrt stimmt sie mit Oesange ru Dorn nn6 klötenklange. Die Duä'rer aueb siclr regen mit taktgemäLen 8cblagen. Das 8cbikk binunter flieget, von tleloclie ge wieget. Dart stobt es auk am 8tran6e^ man trennt sieb in 6ie Kan6e. XVann trellen wir uns, Lrü6er, auk kinem 8cliikklein wie6er? 250. Des lgauernknsden Lescbreidunß 6er 8tu6t. IgriLL k'rLnr Lastelli. 1. Vater, labt mieb ru i^tem kommen! Das war was kracbtiges in 6er Dat. Dein Kate, Ibr wisst, bat mied mitgenommen in 6ie grobe, berrlicbe 8ta6t. Ds ist ja 6rinnen gra6 wie im Himmel. Im Xopk gebt's mir immer noeb run6 um un6 um,' man wir6 in 6em scbrecklicben karrn un6 Oetümmel Ilir könnt mir es glauben — orclentlieb 6umm. 2 . Da ist ein 1urm, potr Donner un6 Dagel! 6er reicbt Duck last in 6ie tVolken Innein,' 6er unsrige ist gegen 6en nur ein blagel — un6 inwen6ig soll er nocb böber sein. 543 Die Häuser sekn alle aus wie die 8cklösser' sie sind, so wakr ick kein kühner bin, so grob als unser 8cklo6, wo nickt gröber — da woknen gewib nur Verwalter drin. Z. Dock bat's rnick gewundert, das muü ick kuck sagen, die küren von manckem Haus sind so kleine da kann ja kein keubeladener Wagen, nickt einmal ein recktsckalkner Ockse kinein. ^uck kabe ick keine (lärten geseken, nickt diesen nock vVcker bei einem Haus: so eingesperrt, Vater, könnt' ick nickt besteken! 8ie seken auck alle so bleickwangig aus. 4. Die Wagen sind präcktig, mit Oold auck besck lagen dock eines ist närrisck, das klärt mir mal ant! Die sckleckt Gekleideten sitzen im Wagen, und die Ooldnen und Lilbernen stekn kinten aul. bind entweder müssen s' den Haler sparen, oder so ein Herr mub gewicktig sein; denn will er nur durck ein paar (lassen lakren, so spannen s' ikm olt gar vier kleide ein. 5. bind beute gibt's, Vater, in allen 8tra6en, die stoben einen bald ker und bald kin; das kab ick' mir einmal nickt nekmen lassen: es ist ein ewiger Xircktag da drin. Ick bin mit dem Katen im Wirtskaus gewesen i da bat man 8peisen und Braten vollaul: kein Nensck kann den ganzen Zettel durcklesen^ dock das Beste, die Knödel, stekn dock nickt dräut. 6. Kurzum! die 8tadt kat mir gut gelallen: dock bin ick wie närrisck 2UM Wagen gerannt, als ick körte des keters keitscke knallen, und als er riel: ,,Bs ist angespannt!" lind wie kinter mir war der Häuserkaulen, da sckris und jauckste ick laut vor bust. ^etrt, Vater, labt aul die Wiese mick laulen,- denn immer nock ist es mir eng um die Brust! 251. Die lVIusik kommt. Detlev V. I.ilielici'ori. Klingling, bumbum und tscbingdada — 2 ietit im Briumph der Berserscbah? Bnd um die Loks brausend bricbt's wie Bubaton des Weltgerichts, voran der Lchellentrager. Lrumbrum, das grobe Bombardon, der Beckenscblag, das Helikon, die Biccolo, der 2inkenist, die Bürkentrommel, der Blötist, und dann der Iberre Blauptmann. Der bbauptmann nabt mit stolzem Zinn, die Lcbuppenketten unterm Kinn; die Zcbärpe sebnürt den schlanken Beib; beim 2sus! das ist kein Zeitvertreib — und dann die Herren Leutnants. 2wei Leutnants, rosenrot und braun, die Babne schütten sie als 2aun. Die Bahne kommt. Den Blut nimm ab! Der sind wir treu bis an das Orab! — bind dann die Orenadiere. Die Orenadier' im strammen t ritt, in Lcbritt und Britt und Britt und Zcbritt: das stampft und dröhnt und klappt und flirrt, Baternenglas und Benstsr klirrt — und dann die kleinen Nädchsns. Die Lladchen alle, Kopf an Kopf, das /buge blau und blond der 2opf. /bus Bür und Bor und lbof und Ibaus sckaut lVIine, Brine, Ztine aus — vorbei ist die IVIusike. Klingling, tscbingtscbing und Baukenkracb. noch aus der Berns tönt es schwach, gan 2 leise bumbumbumbum tscbing. 2og da ein bunter Zcbmetterling, tschingtscbing bum, um die Bcke? 252. Käsperletbeater. kuäolk LLUinbacti. 1. Oestsrn saü icb scbwergemut, kauend an der secier; 2äb wie Kleister war mein Llut und mein Hirn wie Keder. Kannte mir das Wort ins Obr meine Nagd, die Kise^ „Oekt ein wenig vor das Kor ant die Vogelwiese!" 2. Krolie Nenscben überall land icb ant den Wegen; keierklang und Lücbsenknall tönte mir entgegen. Hock am Leil sicb einer scbwang über allem Volke, und vom Lrutwurstroste drang aufwärts eine Wolke. Z. Irommelscblag und lZärentan?., Vttensprung durcb Keilen, wilder Nann im Kederkranr, Kingeispiel und Kteiten! Kreiscbend wiegt der Kapagei sieb im Lonnenlicbte; scbaurig ballt des köwen Lcbrei 2U der Nordgescbicbte. 4. Lcbau' icb die Lbinssen an und ibr Lpiel der Nesser, oder geb' icb nebendran 2U dem Keuertresser? kebrreicb ist ein Kangurub und ein Abetkater; docb am meisten lockst micb du, Käsperletbeater. Z. Kasperle, du tapfrer Held, Kecke obne Oleicben! List von Keinden rings umstellt; keiner macbt dicb wsicben. Kommt das Lckicksal rok und kalt ^wanri^mal Lock wieder, sckläZst du's mit 6er Lritscke bald lustiA lackend nieder. 6. /Xls die Leinde la^en tot, kam durck 5 puk der Oeister unser Held in Zroüe Kot: lackend kkek er Ueister. 0an2 ruletrt der leutel kam, sckrecklick anrusckauen: dock auck ikn kat krumm und lakm Kasperle Zekauen. 7. ^Is kerum der leller ^inA und das 8piel geendet, kak' ick einen LilkerlinA dankestrok gespendet. Ltellt mir künttiA wer ein Lein, welk ick, wie ick's macke: Oleick dem tapteren Kasperlein sckla^' ick drein und lacke. 253. ^die Kläss. Oomiriik Müller. 's Nartins^leZAli lvtet unkarmkarri^ — ^die OrKelemännli, NoMssektand, adle Kosekieckli, adie Kesslir^ti, adle NaLI^t — alles ket en Knd! Kind wo's kitte nok so lusckti^ wimmlet, uit em Leiki, seet ms morn Kai Lai, sckpurlos isck die 2auberwält versckwunde, klibe sinn nur Zraui ktlasckterscktai. ^die ülLü! ^et/. Fvkt's in KVinter vne und im Kmsek isck scko d'VVieknackt do: adie üläklpt! Kemmet 's nä^sckt ^sokr wider Vck und s'Orvtli traie-n-is jetxe scko! 254. Wandern. 1. Ick wandre sonder 2 weck und Xiel, das ist das reckte wandern. Die Lacklein IraZen nickt, wokin, und kommt dock eins ?um andern. 2. Hin weniZ Orün lür meinen Hut und Blumen Aikt's allwe^en, und wenn der Lonnensckein nickt lackt, erlreu ick mick am Le^en. z. Und ist's kein Irökkck Nensckenkincl so sind die lustigen Wellen, die Bieder kell, die Wolken kock mir traute We^Aesellen. 4. Wenn auck die Heimat nock so lern, winkt mir nur eine Klause, ein Ireundlick ^u§, ein Zuter Brunk, — da kin ick Zleick 2u Hause. 255. In der Lrernde. üleinrick I^utkolä. Ikr LerZe der Heimat mit ewigem Lcknee, ikr klükenden Dörfer am keimiscken Lee, ikr Teufen der jsuZend, ick rufe euck ?.u: O Band meiner Vater, wie lieklick kist du! Das ^.lpkorn der Heimat, wie tönt es so kell! Ls silbert melodisck vom Leisen der ()uell. Ls jodelt der Lenne aul Natten und Link — O Band meiner Vater, wie lieklick kist du! 548 0 Heimat, du süke! möckt' wieder dick seiln, die grünenden ^Vuen und lockenden Leen: da fände ick Rrieden, da künde ick Ruk' — 0 Rand meiner Väter, wie liebkck bist du! Das tVek, das allmäklick das Rerre mir krickt, die Nenscken, die fremden, begreifen es nickt. O lasset mick sinken und weinen daru: 0 Rand meiner Vater, wie kerne kist du! 25b. Vleln Herr ist irr, Rocklnnd. ksr. 1. Nein Rsrr ist im Rockland, mein Herr ist nickt kier! Nein Herr ist im Rockland, im wald'Aen Revier! Da ja§' ick das Rotwild, da kol§' ick dem Rek — mein Rerr ist im Rockland, wo immer ick Zek'! 2 . Nein Rordsn, mein Rockland, lebt wokl, ick muü riekn! Du VVieZs von allem, was stark und was kükn! Dock wo ick auck wandre und wo ick auck bin, nack den Klügeln des Rocklands stekt allreit mein Linn. Z. bebt wokl, ikr OebirAe mit Häuptern voll Lcknee, ikr Lckluckten, ikr daler, du sckäumender Lee, ikr VLider, ikr Rlippen, so Zrau und bemoost, ikr Ltröme, die rorniZ durck Reisen ikr tost! 4 . Nein Rerr ist im Rockland, mein Rerr ist nickt kier! Nein Rerr ist im Rockland, im wald'gen Revier! I)a ja§' ick das Rotwild, da kol§' ick dem Rek — mein Rerr ist im Rockland, wo immer ick §ek'! 257. bieder su8 „Wilkelm bell". krieäricli Lekiller. Der biscberknube. 1. bs lücbelt 6er Lee, er ludet /.um Lude; 6er Xnube scbliet ein um grünen Oestude. Da kört er ein Klingen wie blöten so süL, wie Ltimmen 6er bn§el im burudiss. 2 . bnd wie er erwecket in seliger bust, du spülen 6ie ^Vasser ibin um 6ie brüst, un6 es ruft aus 6en listen: ,,bieb Knube, bist mein! leb locke 6en Lcblüter, ieb /ieb' ibn berein." Der Hirte. " r. Ibr Nutten, lebt wobl, ibr sonnigen Weiden! Der Lenne muL scbeiden: 6er Lommer ist bin.' 2. Wir tubren /.u 8er^, wir kommen wie6er, wenn 6er Kuckuck rutt, wenn erwürben 6ie bieder, wenn mit Llumen 6ie br6e sieb kleidet neu, wenn die Lrünnlein tlieÜen im lieblicben Nur. Z. Ibr Nutten, lebt wobl, ibr sonnigen Xt'eiden! Der Lenne muü sebeiden; der Lommer ist bin. Der ^Ipenju^er. i. bs donnern die Höben, es /.ittert der Lte^! nicbt grauet dem Lcbütren uut scbwindlicbtem Wep. br scbreitet verwegen uut beldern von bis; du prunket kein brüblinA, du grünst kein Keis. 550 2. Und unter den buüen ein nekbcbtes lVIeer, erkennt er die 8tätte der lVlenscben nickt rnebr; durcb den ILi6 nur cier Wolken erblickt er die Welt, tiet unter den Wassern das grünende I'elcl. Der Lckütre. 1. )>lit dein bteil, clein LoZen durcb OebirZ uncl 'kni kornrnt cler Lcbütr' AeroZen trüb arn Llorgenstrabl. 2. Wie irn Keicb cler Kulte Xöni§ ist cler Weib, clureb OebirA uncl Xlüite berrscbt <1er 8cbüt26 trei. z. Ibrn gebärt das Weite, was sein kkeil erreicbt! das ist seine Leute, vas 6a tleuAt uncl kreucbt. 258. Des Lnaden Berglied. 1. Icb bin vorn LerZ der Hirtenknab', seb' ant die Lcblösser all' berab^ clie 8onne strablt arn ersten bier ^ arn längsten seilet sie bei inir. Icb bin cler Xnab' vorn Berge! 2. Hier ist des 8trornes Nutterbaus. Icb trink' ibn triscb vorn 8tein beraus,' er braust vorn bels in wildern baut; icb lang' ibn rnit clen Trinen auk. Icb bin cler Ivnab' vorn Berge! z. Der Berg, cler ist mein Bigentum ^ da Liebn die 8türrne rings berurn, und beulen sie von blord und 8ücl, so überscballt sie docb mein bied, Icb bin der Xnab' vorn Berge! 4. Lind Llitr und Donner unter mir, 80 steir' ick kock im Blauen kier: ick kenne sie unk rule ru ^ „Daüt meines Vaters Daus in Duk!" Ick bin der Dnab' vom Bergs! Z. b'nd wann die Lturinglock' einst ersckallt, manck keuer ant den Lernen wallt, dann steig' ick nieder, tret' ins Olied und sckwing' mein Lckwert und sing' mein Ided. Ick bin der Xnab' vom Berge! 259. Das welke 8pltrcken. c. r. Ae)-er. Bin blendendes Lpitrcken blickt über den ^Vald: das rult mick, das riebt mick, das tut mir Oewalt: „Was sckallst du nock unten im dlensckengewükl? Bier oben ist's einsam! Bier oben ist's kükl! Der Lee mir^ru büken kat beut sick enteist: er kräuselt sick, Hütet, er wandert, er reist. Die Vooskank des Beisens ist dir sckon bereit: von ikr ist's rum ewigen Lcknee nickt mekr weit!" Das Lpitrcken, es rult mick, sobald ick erwackt, am Mittag, am Vbend, im Braum nock der Xackt. ,, 8 o komm' ick denn morgen: nun lab mick in link Brst sckliek' ick die Bücker, die Lckreine nock ru." keis wandelt in Dükten ein Derdegelaut: ,,kak ollen die Drüben! Komm lieber nock beut!" 260. Die Bkeinquelle. L. ?. Ick bin den Dkein kinaulgerogen durck manckes sckatt'ge Beisentor, entlang die blauen, lriscken Wogen ru seinem koken Auel! empor. Ick glaubte, daü der Dkein entspringe, so liedervoll, so wsinumlaubt, aus eines Leos licktem Dinge: dock land ick nickt, was ick geglaubt. 552 Indem ick durck die Kalten irrte nack solcken Bornes Dreudesckein, wies sckweißend der betraute Hirte empor mick aum Oranitßestein. Ick klomm und klomm ant sckrotten Ltießen, verwoßnen Binden, öd und wild, und sak den Born im Dunkel ließen als einen errßeßossnen Lckild. Dernak von Derdßelaut und Kalten laß er, in eine Lckluckt versenkt, bedeckt von sckweren Diesensckatten, aus Bis und ew'ßem kcknee ßetränkt — Bin Lturr! ein Lcklaß! Dnd aus den Dielen und aus den bänden krack es los: Deerwaßen rollten,' klimmen rieten Letekle durck ein Zcklacktßetos. 261. Der Dk^. Ooiuinik Wüller. Dir ßweknliß ßvkt er krattvoll scktill Wäß und pracktvoll Arien an ßoldiße Lummerdaß, er ruusckt vo Dzd und 2^te, wo versckwunde, und mackt s^ mäcktiß Xnei am Kinsckter unde. Dr bringt is Orieü vo unsere-n-^idßenosse, rwor kliemer ßit drutt ^Vckt, me-n-isck dra ßwsknt, all er mit szmer Oeßewart d'Lcktadt versckeent. Drum sind au svni Dter so verlosse. X Drsckt wenn er, wie do letscktki, us der Lckw^r voll Daiki kunnt, nimmt wider me Klot^r vo sMer Dxisckdäna und ßokt ßo lueße utt d'Rk^brußß oder d'BtaD voll VVundertiD, ok er äckt nokniß bald ßienß uus de Dueße, und ßißßelet am Beßel alli Btit?. Lcko ßokt er im Xlai-Basel über d'Blosckte, und vo de-n-^lpe kemme Ilioksposckte, Dr ßsckwillt und ßsckwillt, wird bruun und Agßßelißäl, und Btekl und Bt^Ier werde bruuckti Lträkl. 553 llueZ, vde-n-er daillelet und illerlloZZt, drukllossclliellt, Zumpt und scllpritrt — Kai lV'aidliZ voZZt, Xai Oampker sicll, Kai kallri ukk IluZZe: si mien sicll alli Zscllwind aus Hier duZZe und vc> dam Orollian ummescllupke loll und bv sicll kokte, '3 ward ein bald verzoll! 1.008, >vie-n-er macllt! llueZ, vvis-n-er sclluumt vor Wust, um d'LruZZspk^Isr donneret s^ llluet! lind was er mitsclliaikt nkk s)nn dräZZiZe IluZZe: Laumsclltümm, VersclllesZ und LclltäZ, verlleiti LruZZe. Lcllo Zaitscllt er im Xlai-Lasel iller der k^and, 's Zollt nimme lanZ: er iscll uns Rund und Land! 's sclltollt alles ummenand und lueZt em rue — lind münZZe dünkt: 's iscll aiZetliZ scllad, all's nit au kir dü Zscllosse Kll^ 2 vvanZsjaZZe Zit — ^insclltvv^Ie muss me-ne-en loll, me kall n^t tue, lanZ kall s^ Oailli jo ukk Kai llall Zoll, er iscll noll allev^i vider 2ue sicll koll.... lli llitreli Oiduld — und vvie-n-e llrave Naa Zollt vider er s^ lVaZ am Ninscllter unde und ruuscllt vo llvt und 2 ^-te, wo verscllvvunde, und numme-n-eppe-n-e llremde lueZt sn aa. 262. llkk der ?knlr. vomiriik Müller. Im Xesclltenellaim- und Ninscllterscllatte iscll's llesrliZ ukk der llkalr jetr 2's^; voll Lummerdutt sind LürZ und Natte, und unde-n-ukke ruuscllt der killen lind d'Lclltadt I^t doo mit illre Xemmi, und llremdi lueZe d'liussicllt aa, und Luelle kemme-n-uus der Lcllvemmi und briele — me lleert's in ^krika! ,^u Aaidli scllteen in llülle IleZZIi mit ikrem nasse lVescllr^Z doo: si ZiZele-n-und ässe lVeZZIi, und's sclluuderet si e llitrli noll. Der kvll^ iscll Zar e xvilde Xürli! Li kemme-n-aim jetr kascllr so ^oor. 554 wie blaicbi Xixb useme Vlärli mit ibre tackte scbeene Door. Im Xescbtenebaim- un6 Mnscbterscbatte iscb's beerlig ult 6er btal? jet?. x 's^ ^ voll 5ummer6ult sin6 Barg un6 Vlatte, un6 un6e-n-ulie ruuscbt 6er ILb^. 26Z. l>lL6ovve88i8<:ke lotenlilatze. k'ri^riek LckiUer. Lebt! 6a sit?:t er aut 6er Vlatte; autrecbt sitrt er 6a mit 6em -Xnstan6, 6en er batte, als er 's liebt nocb sab. Docb wo ist 6ie Lratt 6er lauste, wo 6es ^.tems Daucb, 6er nocb jüngst üum groben Leiste blies 6er lteike Daucb? XVo 6ie /Xugcn, talbenbelle, 6ie 6es Renntiers Lpur xablten ant 6es Lrases Welle, aut 6em lau 6er llur? Diese Lebenbel, 6ie beben6er Hoben 6urcb 6en Lcbnee als 6er Dirscb, 6er 2wan2igen6er, als 6es Berges lveb? Diese vXrme, 6ie 6en Bogen spannten streng un6 stratt? 8ebt, 6as leben ist entboten! bebt, sie banden scblatt! Wobl ibm, er ist bingegangen, wo lein Lcbnee mekr ist, wo mit Xlais 6ie lel6er prangen, 6er von selber spriebt, wo mit Vögeln alle Lträucbe, wo 6er WaI6 mit Wil6, wo mit liscben alle 'l'eicbe lustig sin6 gelullt. Vlit 6en Leistern speist er 6roben, lieb uns bisr allein, ooo dal! wir seine baten loben und ibn scbarren ein. bringet ber ciie leisten Oaben! stinnnt ciie botenkla^'! /Vlies sei mit ibm begraben, was ibn treuen ma^! beZt ibm unters Daupt clie Leile, ciie er tapter sebwang, aucb cles Laren tette Keule — ctenn cler WeZ ist lanA — aueb das VIesser, sebart Zeseblitten, das vom beindeskopk rascb mit drei Zesebickten Dritten scbalte blaut und Lcbopt! barben aueb, den beib ru malen, steckt ibm in die Hand, dat! er rötlick mö§e strablen in der Leelen band! 264. Die Kapelle. I.uävviK 1. Droben steket die Kapelle, sebaust still ins bal kinab; drunten sinAt bei Wies' und Quelle trob und bell der Llirtenknab'. 2. brauriZ tönt das Olöcklein nieder, scbauerlicb der beiebenebor; stille sind die traben bieder, und der Knabe lauscbt empor. z. Droben bringt man sie ru Orabe, die sieb treuten in dem bal. Lirtenknabe, Hirtenknabe! Dir aueb sin^t man dort einmal. 265. Der kleine D^driot. Wildern c. leb war ein kleiner Knabe, stand test kaum aut dem Lein, da nabm micb scbon mein Vater mit in das Vleer binein 556 und leiste leickt mied schwimmen an seiner sickern Hand nnd in die Bluten taucken bis nieder ant den Land. Bin Lilberstückcken wart er dreimal ins Neer kinab, und dreimal muLt' ick's Kaien, ek' er's xum kokn mir gab. Dann reickt' er mir ein Ruder, kiek in ein Boot mick geling er selber blieb xur Leite mir unverdrossen stekn, wies mir, wie man die Woge mit sckartem Lcklage brickt, wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung tickt. 2 . lind von dem ldeinen Rakne ging's tlugs ins grobe Lckitt; es trieben uns die Ltürme um manckes Beisenritt. Ick sab ant kokem Naste, sckaut' über Neer und Band: Bs sckwebtsn Berg und Bürme vorüber mit dem Ltrand. Der Vater kiek mick merken ant jedes Vogels klug, ant aller Winde Weben, aut aller Wolken 2ug. lind bogen dann die Ltürme den Nast bis in die blut, und spritzten dann die Wogen bock über meinen Hut, da sak der Vater prüfend mir in das /mgesickt — ick sab in meinem Korbe und rüttelte mick nickt. Da sprack er, und die Wange ward ikm wie Blut so rot: „Olück xu aut deinem Naste, du kleiner llvdriot!" z. Und beute gab der Vater ein Lckwert mir in die Rand und weikte mick xum Rampter tür Oott und Vaterland. Br mab mick mit den Blicken vom Ropk bis xu den 2ek'n; mir war's, als tat' sein Vuge kinab ins llerx mir sekn. Ick kielt mein Lckwert gen Himmel und sckaut' ikn sicker an und deuckte mick xur Ltunde nickt sckleckter als ein Nann. Da sprack er, und die Wange ward ikm wie Blut so rot: „Olück xu mit deinem Lckwerte, du kleiner llvdriot!" 266. Bestlied xur Lernpackerkeier 188b. Die Ritter standen eisern Lpeer an Lpeer: vor iknen blutete das llirtenkeer. Da riet ein Rrommer: „Lckreitet über mick!" Lprang, stürxte! xwanxig Lpeere senkten sick, von xweier ^.rme Riesenkratt umtaüt, und knickten unter eines Nannes Bast. In wunde Ltücke krack die Bisenwand, und durck die Bücke drang das Vaterland. 557 Die 8onne Stack; cler tote /täel scbliet; äas Dorn war müäe, äas rur 8ammlunA riet. Die 3cbweirer sucbtsn ant äem Delä äsn Dann, äer ibrem kleinen Darste 8ie§ Aewann. 8ie rvAen ibn aus Dorä nnä Dlut bervor; sie Koben still äas blasse Daupt empor: äsn 8pserumarmer baden sie erkannt, äer eine Oasse war äem Vaterlanä. Dnä wieäer, äa äer 8empacbtaA sieb neut, umstebn wir unsern toten Deläen beut. Vom blüb'näen Dals bis rum ew'Zen bis, allüberall ertönen Dank unä kreis, unä aut äer 8ebnsuebt XVinäestlÜAeln eilt beim, beute beim, wer in äer Dremäe weilt; in Dorä unä 8üä, an aller Deere 8tranä ist jeäer 8cbweirer beut im Vaterlanä. Da lieZt, äer scbsiäenä Weib unä Kinä umscblanA unä äann tür uns in Doäesspeere spranA. Wir beben ibn aus äem Oetilä äer 8cblacbt: wir üttnen ibm äis Vaterarme sackt, wir, seine 8öbne, voller 8cbmer2 unä Dust: wir rieben ibm äis 8pitren aus äer Lrust: wir lüblen, was sein blutenä Derr empkanä: 8üü ist äas 8terben tür äas Vaterlanä! Dr AMA voran. Ott kam äas Danä in Kot: äann stürzt ein anä'rsr in äsn Optertoä; äer Vater keiner wanäte sieb rum Dliebn: äie Wunäen tocbten weiter aut äsn Knie'n. Dreu unä AcwaltiA war äie Deläenreit. Klommt, Vater, kommt aus eurer 8eliAkeit! Drückst über uns äis 8eZsnsbanä unä weibet uns rum Doä türs Vaterlanä! Ibr tatet's, unä wir tun unä wollen's aucb: wir kalten tsst am alten, Anten Lraucb unä ruten mit äem ersten Dirtenbunä: „Wir baden eiAnes Deckt unä eiAnen Orunä. Dier stebn wir, keiner §ro6 unä keiner klein; trei stebsn wir in unsrer Dirne 8cbein; 558 nocb flammt ein starkes Lcbwert in unsrer ldand: Die Blerrensliebe 2u dem Vaterland!" 267. ^n das Vaterland. Oottkried Xeller. 1. O mein Heimatland! 0 mein Vaterland! Wie so inniZ, leuriZ lieb' icb dicb! Lcbönste Kos', ob jede mir verblieb, cluttest nocb an meinem öclen Ltrand! 2. Vls icb arm, docb krob, fremdes Band durcbstricb, XöniASAlLnr mit kleinen Lernen mall, Ibronenllitter bald ob clir verfall, . wie war da 6er Bettler stolr ant dicb! z. ^Is icb kern dir war, o blelvetia! lallte mancbmal micb ein tieles Beid; docb wie kebrte scbnell es sieb in Breucl', wenn icb einen deiner Löbne sab! 4. 0 mein Zcbweirerland, all mein Out unel Bub! Wann dereinst die letrte Ltunde kommt, ob icb Lcbwacber clir aucb nicbts Zelrommt, nicbt versage mir ein stilles Orab! 5. Wert' icb von mir einst (lies mein LtaubAewand, beten will icb dann ?.u Oott dem Herrn 1 „Busse strablen (leinen scbönsten Ltern nieder aul mein ircliscb Vaterland!" 268. Oute l^ackt. kmanucl Oe-idel. 1. Lcbon länßt es an ru dämmern; der lilond als blirt erwackt und sinAt den Wolkenlämmern ein Bied 2ur Aulen Xacbt; und wie er sinZt so leise, da dringt vom Lternenkreise der Lcball ins Obr mir sacbt. Lcblalet in liub', scblalet in Kub'! Vorüber der Baß und sein Lcball; die Biebe Oottes deckt eucb ?.u allüberall. 2. Xun Sueben In den 2 weisen ° ibr biest die VöZelein, die Halm' und Blumen neiden das blaupt im Nondenscbein, und selbst des Llüblrads Wellen lassen das wilde Lcbwellen und scblurnmern murmelnd ein. 8cblaket in Kub', scklaket in 1