I.Trtt Schweizergeschichte für Bündner Schulen Von der Urzeit bis zum Dreißigjährigen Rriege von Dr. j)ieth * Mit 34 Abbildungen Lbur — Verlag 8- Schüler — igro Lükriott o- W7 Vorwort. Die nun in zwei Teilen vorliegende „Schweizergeschichte für Lündnerschulen" dürfte insofern originell sein, als sie rückwärts geschrieben wurde. (in Zweiter Auflage W9) erschien (bei F. Schüler in Thür) als Sonderabdruck aus dem Bündner Realienbuch für das 8. und 9 . Schuljahr der zweite Teil, der die Schweizergeschichte seit dein Bauernkrieg enthält. Sieben Jahre später erscheint nun der erste Teil, derben ältern Zeitraum umfaßt und eine Sonderausgabe der Geschichtsbearbeitung des 5., 6. und 7. Bündner Lesebuches darstellt. Das praktische Bedürfnis unserer Bündner Volksschulen, für welche diese Geschichte in erster Linie geschrieben worden ist, hat die auffällige Reihenfolge bedingt, und der Verfasser ist der Ansicht, daß sie seiner Geschichtserzählung mehr genützt als geschadet habe. Es sei ihm gestattet, mit zwei Worten die Richtlinien anzudeuten, welche bei der Ausarbeitung befolgt worden sind. Die Auswahl der geschichtlichen Tatsachen richtete sich nach der politischen oder kulturhistorischen Bedeutung derselben. von den kriegerischen Vorgängen sind nur diejenigen einläßlicher erzählt worden, welche bjöhe- und Wendepunkte in unserer Geschichte darstellen, weitgehende Berücksichtigung hat die Geschichte unserer bündnerischen LsAmat gefunden. Das Ziel der Darstellung war nicht eine zusammenhängende, gedrängte Schweizergeschichte zum Einprägen des behandelten Stoffes. Das Buch möchte mehr ein Lesebuch sein, welches als Grundlage für den Geschichtsunterricht dienen kann, darüber hinaus aber dem Schüler noch etwas mehr bieten sollte, als der Lehrer in der beschränkten Unterrichtszeit ihm bieten kann. Besonders mit Rücksicht auf den Selbstunterricht der jungen (und vielleicht auch älterer) Leser war der Verfasser bestrebt, an Band von charakte- IV risti schon Tatsachen, in abgerundeten Kapiteln und inöglichst einfacher und ansprechender For in das Wesen und die treibenden Kräfte der wichtigsten Zeitalter unserer Landesgeschichte zu veranschaulichen. Dabei sollte, dem vorausgesetzten Leserkreis entsprechend, auch die volkstümliche Kber liefe- rung einigermaßen zu ihrem Rechte kommen. Die Rücksicht auf den Selbstunterricht mag es auch rechtfertigen, daß einige der bedeutsamsten allgemein geschichtlichen Vorgänge und Erscheinungen in den Rahmen der Tr- zählung einbezogen worden sind. Die eingestreuten Geschichtsbilder des I. Teiles (der II. Teil wurde nach andern Grundsätzen illustriert) sind nicht nach künstlerischen, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten ausgewählt worden, Sie sollen kulturgeschichtliche Ge - genstände illustrieren und den Text ergänzen. Ls sind darum, soweit als möglich, Darstellungen aus der Zeit selbst berücksichtigt worden, wie sie sich in schweizerischen Bilderchroniken und andern Geschichtsquellen des fö. bis (7. Jahrhunderts vorfinden, was diesen Bildern an künstlerischem Wert abgeht, wird reichlich ersetzt durch ihre historische Treue, ihre Raivität und ihren bsumor. Ts handelt sich um eine neue Art geschichtlicher Illustration, die in Fachkreisen immer mehr Beachtung findet, seitdem man den reichen kulturgeschichtlichen Gehalt dieser alten Thronikbilder erkannt hat. Der Verfasser dankt zunächst der hohen Regierung desKantons Graubünden dafür, daß sie eine Separat- ausgabe der Schweizergeschichte für Bündner Schulen bewilligt und ermöglicht hat. Lr dankt sodann der Direktion des Schweizerischen Landesmuseums und ihrem Assistenten, Lserrn Dr. T. A. Geßler, für ihre vielfachen Bemühungen bei der Beschaffung des Bildermaterials, dem Zentralvorstand des Bau- und lqolzarbciter- verbandesder Schweiz, sowie kserrn Antiquar R. Gee - ring in Basel, und bferrn Lehrer I. Kuoni in RIaienfeld für die bereitwillige Überlassung von Klischees, kierrn Francs V Tagliabue für die Ncwilligung, seine bildliche Rekonstruktion der Burgruine Rlisox benutzen zu dürfen. Herzlich danken möchte der Verfasser aber auch allen denen, welche ihn bei seiner Arbeit durch freundliche Kritik, durch aufmunternde Ivorte und guten Rat gefördert haben. Dieser Dank gilt zunächst den Mitgliedern der Lesebuchkommission'. Seminardirektor p. Tonrad, Pros. I. N. Gart- mann, Schulinspektor F. Nattaglia und den Lehrern A. Spescha, D. Meißer und N. Oodly, die den Entwurf im Auftrag der Regierung prüften und in mehreren Sitzungen mit dein Verfasser besprachen. Der Dank gilt auch den Mitgliedern der Illustrationskommission: Pros. Dr. Ta- hannes und Sekundarlehrcr S. Toscan, ferner den Lehrern, die einzelne Teile des Entwurfes in ihren Schulklasscn praktisch „ausprobierten", sodann Herrn Pros. Dr. p. Nrun- ner, der das Manuskript ebenfalls einer genauen Durchsicht unterzogen und den Verfasser gemeinsam mit Herrn Seminar- direktor Lonrad auch bei der Korrektur der Druckbogen unterstützt hat. Endlich gilt der Dank des Verfassers in besonderem Maße einem verstorbenen, nämlich Herrn Rcgierungsrat Fritz Mannt s ch a l, einen: warmherzigen Freund der Schule und werktätigen Förderer aller gemeinnützigen Bestrebungen in unserm Kanton. Er war es, der auch diesen: bescheidenen Unternehmen von Anfang an das größte Interesse entgegengebracht hat. Leider hat er den Abschluß desselben nicht mehr erlebt, da er schon in: November Mf) gestorben ist. Aber die Erinnerung an die treue persönliche Teilnahme des verehrten Mannes an: Zustandekommen dieser Schweizergeschichte hat den: Verfasser über manche Schwierigkeiten der Nearbeitung hinweggeholfen. Möchte sie wenigstens einen bescheidenen Teil der Hoffnungen erfüllen, die der verstorbene an sie knüpfte. Thür, Ostern l926. Inhaltverzeichnis. Vorwort und Inhaltsverzeichnis - - - IN—XVI I. von der Urzeit bis zur Gründung der Eidgenossenschaft. Im Drachenloch . 1 Menschenwohnungen auf unsern Schweizerseen. 3 Line uralte Heilquelle im Lngadin . 7 was uns ein alter Friedhof erzählt. 9 wie ein vertriebenes Volk in unserm Lande eine neue Heimat fand .11 Die Römer kommen nach Helvetien.13 wie die Römer nach Rätien kamen, und was sie uns da hinterlassen haben .16 Von einem kostbaren Schatz, der zur Zeit der Römer nach Rätien kam.18 Lin denkwürdiger Ort im wallis.21 Lin treues Geschwisterpaar.22 wie sich die ersten Deutschen in der heutigen Schweiz niederließen.24 Das älteste Kloster in Graubünden .27 Wie es gegründet wurde. ' Das Kloster erhält Dienstlcute. Lin Übeltäter und ein Wohltäter des Klosters aus der gleichen Familie. von Karl dem Großen .32 wie Karl der Große Kaiser wurde, wie er sein Reich regierte. Kaiser Karl prüft die Schüler. wie Karl der Große die Rätier in seinen Schuh nimmt. Karl der Große im Riünstertal. Von der Tätigkeit berühmter St. Galler Mönche - - - - 38 Lin altes Kirchenlied. Der bestrafte Horcher. wie der Bischof von Thür vom deutschen Kaiser beschenkt wurde, und wie er sein Land regierte.41 VIII Alte Herbergen auf unsern Alpenpässen .43 Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard. Das Hospiz St. Peter auf dein Septimer. Lin Ritterheer ziebt über den Lukmanier nach Italien 1176.47 Von unsern Burgen -.50 Wie sie aussahen. Wie inan auf der Burg lebte. Ritter Rudolf von Rotenbrunnen.53 Wie der Ritter ein frommer Waldbrudcr wurde. Ritter Rudolf auf dem Kceuzzug nach dem Heiligen Lande. Ritter Rudolf gründet das Kloster Lhurwalden. Wie die Stadt Bern erbaut wurde 1191.59 Die Freiherren von vaz.62 Rudolf von vaz und der Kardinal Gintius. Walther IV. von vaz und die Rheinwalder. Wie deutsche Leute nach Davor kamen. Von den Habsburgern.66 Wie die Habsburg erbaut wurde. Wie die Grafen von Habsburg Herzöge von Österreich wurden. II. von der Gründung der Eidgenossenschaft bis Ende des Jahrhunderts. Wie die Schweizerische Lidgenossenschaft gegründet wurde 70 Die drei Waldstätte. König Rudolf von Habsburg und die Waldstätte. Der erste August 1291. Wie die Waldstätte die Österreicher bei Rlorgarten abwehrten 1316.75 Donat von Vaz schlägt die Österreicher auf Davos und bei Filisur 1323 76 wie Luzern in den Schweizerbund kam l332 . 77 wie Luzern vor einer Rkordnacht bewahrt wurde - - - 78 Laupen 1339 . 81 Die edelmütigen Freiburger .84 wie man einst die Juden verfolgte, und warum man es tat .85 Das ausgestorbene Bern.87 IX Seite Wie die Zürcher im Zahre 1336 ihre Regierung änderten 88 Wie die abgesetzten Zürcher Ratsherren die neue Ordnung umstürzen wollten.90 Die Zürcher treten in den Bund der Lidgenossen 1351 - 91 Wie Glarus in den Bund der Lidgenossen kam 1352 - - 93 Wie Zug schweizerisch wurde 1352 . 95 Das Lrdbeben zu Basel 1356 96 Wie die längste Brücke der Schweiz erbaut wurde - - - 98 Wie 1370 das erste eidgenössische Landesgesetz entstand - 99 Sempach 1386 101 Wie es den (Österreichern bei Näfels erging 1388 - - - 104 Wie die Lidgenossen einen verräterischen Bund aufhoben und ein neues Gesetz aufstellten 1393 . 106 III. Erweiterung der Eidgenossenschaft, bis zum Beginn der Burgunderkriege Wie der Gottcshausbund gegründet wurde.109 Wie sich die j?uscblaver dem Gotteshausbund anschlössen 1408 .- - 111 Wie Appenzell ein freies Land geworden ist.112 Die Apprnzcllcr und der Abt von St. Gallen. Der Vogt von Schwendi und die Ratze in der Milchtause. Kaiser Sigmund besucht Bern 1414.115 Das Konzil zu Konstanz.118 Wie die Lidgenossen den Aargau eroberten 1415 - - - 120 Wie es einem Fuhrmann mit eidgenössischen Kaufmannswaren im Llsas; erging 1.415 123 Wie sich die Gberwalliser mit den Lidgenossen befreundeten 1416 125 Wie die Lidgenosscn im oberen Tessin Fuß faßten 1419 bis 1440 127 Die Gründung des Oberen oder Grauen Bundes 1424 - 129 Die Schamser im Kirchenbann 1431.132 Der Schwarze Bund .134 X Seite Der Aufstand der Schamser 1451.135 Der Freiherr von Räzüns vor dem Volksgericht in Valendas und der Übergang seiner Herrschaft an «Österreich - - 136 Wie nach dem Tode Friedrichs von Toggenburg zwischen den Eidgenossen Streit entstand 1436 . 138 Der Mord bei Greifensee 1444 . 140 Der schwimmende „Bär" .143 Die Schlacht bei St. Jakob an der Birs 1444 . 145 Wie der Zehngerichtenbund entstand 1436 . 149 Wie die Erben der Grafen von Toggenburg ihre rätischen Besitzungen regierten. 152 Gottesurteile.154 Wie Thür im Jahre 1464 eine freie Reichsstadt wurde - 155 Von den Thurer Zünften und ihren Zunfthäusern - - - 157 Wie die Handwerker im alten Thür ausgebildet wurden - 160 Der Eintritt in die Lehre. Die Lehrzeit. Die Wanderschaft. Die Meisterschaft. Der Krispinitag.164 Die Vereinigung der Drei Bünde 1471.165 Die Eröffnung eines neuen Verkehrsweges durch Graubünden 1473 167 IV. Europäische Machtstellung der Eidgenossenschaft bis zum ewigen Frieden mit Frankreich 1474—s 5 f 6 . Der Kampf der Eidgenossen mit Herzog Karl dem Kühnen von Burgund 1474—1477 169 wie der Herzog sich rüstet und gegen die Eidgenossen ins Feld rückt. wie es ihm bei Grandson erging. was die Eidgenossen im Lager zu Grandson erbeuteten, und wie sie die Beute teilten. Murten wird hart bedrängt. Die Hülfe naht. Der Tag von Murtcu. Der Zug der Eidgenossen nach Lothringen und das Ende Karls des Kühnen. Xl le ) ) z 9 z z z 1 7 9 4 5 7 S 9 Seite Nikolaus von der Flüe .. 184 Die Tagsatzung zu Staus 1481.187 Von einem Streit um die Kleidertracht.190 Hans Waldmann.192 wie Graf Jörg von Sargans 1483 den Lidgenossen sein Stammland verkaufte, und wie es ihm nachher erging 195 wie das Misor zu Graubünden kam.196 Die Bewohner des obern wisox treten in den (Kronen Bund 1180. Das ganze Misor mit Lalanca wird in den Grauen Bund aufgenommen 1406. Österreich kauft acht Gerichte des Zchngerichtenbundes und setzt einen Lmutzvogt auf Lastels ein 1496 - - - 201 Der Krieg des deutschen Kaisers Maximilian gegen die Lidgcnossen und Bündner 1499 . 202 wie der deutsche Kaiser ein Feind der Lidgenossen wurde. Der (Obere und der Gotteshausbund suchen bei den Lidgenossen Schutz gegen (Österreich 1497 und 1498. Die Bündner besetzen die Herrschaft Maienfcld und zerstören österreichische Burgen. Frau kupa. An der Lalvcn. Der Nachczug der Kaiserlichen ins (Oberengadin und das Kricgs- clcnd im Münstertal und Dintschgau. Das mutige Schwcizcrmädchen. Mordbrcnneczüge der Lidgcnossen in den Hegau und die Schlacht bei Darnach. Der Friede zu Basel. wie die Herrschaft Maienfeld ein llutertancnland der Drei Bünde wurde 1509 . 218 Basel, Schaffhausen und Appenzell werden in den Bund der Lidgcnossen aufgenommen.219 Die Feldzüge der Lidgenossen nach Mailand 1500—1515 - 229 wie sie in die Kämpfe um Mailand hineingezogen wurden, wie sich Bellinzona den Eidgenossen anschloß. Die Lidgenossen und die Bündner treten in den Dienst des Papstes 1510. wie die Lidgenossen den untern Teil des Kantons Tessin gewannen 1512. wie das veltlin ein llntertanenland der Bündner wurde 1512. Niederlage der Lidgenossen bei Marignano 1515 und ihre Folgen. wie Johannes Gutenbcrg die Buchdruckerkuust erfand - 240 XII Seite Rasche Ausbreitung der Buchdruckerkunst und der erste Buchdruckerstreik.244 Wie Amerika entdeckt wurde.245 von Christoph Kolumbus und seinem großen Plane. Wie -Kolumbus die Mittel erhielt, seinen Plan auszuführen. Kolumbus entdeckt Amerika 1492. Kolumbus kehrt nach Spanien zurück 149,4. letzte Schicksale des Kolumbus und die Bedeutung seiner Entdeckungen. V. Die Zeit der Reformation 15f7—1564. Von der Glaubensspaltung im allgemeinen.255 Von Rkartin Locher.256 Wie er Mönch wurde und eine Reise nach Rom machte. Wie Luther 1520 aus der katholischen Kirche austrat. Wie Luther geächtet wurde, auf die Wartburg kam und hier die Bibel übersetzte. Cuther kehrt von der Wartburg nach Wittcnberg zurück und begegnet unterwegs zwei Schwcizerstudenten. Wie die Reformation iin Kurfürstentum Sachsen und andern Gegenden Deutschlands durchgeführt wurde. Ulrich Zwingli und die Reformation in Zürich .... 266 Wo Zwingli studierte und zuerst wirkte. Zwingli kommt als Ceutpriester nach Zürich und führt hier die Reformation durch. Wie sich die andern eidgenössischen Orte zur Glaubensänderung verhielten .270 von den Wiedertäufern .274 Die Bauernunruhen in Zürich .274 Die letzte Beschwörung der eidgenössischen Bünde 1526 - 276 Wie die Glaubenstrennung in Graubünden vor sich ging 278 Die Gemeinden erhalten kirchliche Rechte. Wie die Bündner Gemeinden am 23. September 1524 ihren Bund erneuerten. Wie der Kampf zwischen den Anhängern und den Gegnern der neuer: Cehre in Graubünden begann. Wie der Bundestag von 1526 für die Anhänger der Reformation Partei nahm. Die biinrichtung des Abtes Theodor Schlegel 1529. Wie die katholischen und die reformierten Eidgenossen 1529 Frieden schlössen .288 Xlll Seite Die Niederlage der Reformierten bei Rappel und am z Gubel 1531.291 z Was die Niederlage der Reformierten zur Folge hatte - 292 Wie Nikolaus Wengi seine Vaterstadt Solothurn vor einem Bürgerkrieg bewahrte 1533 . 294 Ein fahrender Schüler.295 Wie Neuenburg, Genf und die Waadt reformiert wurden und zur Eidgenossenschaft kamen.298 Wie Genf ein Mittelpunkt und Zufluchtsort für die Protestanten Europas wurde .301 z Die Eidgenossen stehen dem französischen König zu Ge- , vatter .303 Wie das Mberengadin protestantisch wurde.305 Wie das Romanische zur Schriftsprache erhoben und in Graubünden die Buchdruckerkunst eingeführt wurde - 307 Wie die Engadiner einmal verleumdet wurden, und wie sie sich dagegen wehrten .309 Von einem Freund und Wohltäter der reformierten Bünd- ; ner und von der Pest in Ehur 1550 . 311 Barbara von Roll, eine Wohltäterin der Armen und Kranken .315 Die Auswanderung der reformierten Liocarner und ihre ^ Ankunft in Zürich am 12. Mai 1555 318 . Wie die Locarner in Zürich ihr Brot verdienten und neue ^ pandwerke einführteu .321 i VI. Die Zeit der Gegenreformation 1564—1648. ^ Dqs Konzil zu Trient und die Schweizer.324 Karl Borromeo als Erzbischof von Mailand und sein Wirken im Tessin .325 Borromeo bereist die Schweiz und schreibt dein Papst, wie der katholische Glaube daselbst befestigt werden könne - 327 Wie die Vorschläge Borromeos ausgeführt wurden - - - 328 Sn Mailand wird ein priesterseininar für Schweizer errichtet. Der Papst schickt einen ständigen Gesandten in die Schweiz, l Jesuiten und Kapuziner werden in die Schweiz berufen. i> XIV Seite Die Beise des Kardinals Borromeo nach Disentis - - - 331 Die Tätigkeit Borromeos im Blisor.333 Die katholischen (Orte schließen ein engeres Bündnis - - 334 Das Bündnis deer katholischen Orte mit Spanien 1587 - 335 Die katholischen und reformierten Orte halten besondere Tagsahungcn ab.336 Wie Appenzcll 1597 in zwei Galbkantone geteilt wurde - 336 !vie die Bündner im 16. Jahrhundert lebten .... 337 wie sie sich kleideten und nährten, von ihren Lausern und vom Davoser Rathaus, von der Beschäftigung der alten Bündner. von der Jagd im alten Graubünden .343 Line Davoser Wolfsjagd 1596 344 Badeleben und Badereisen in Graubünden vor vierhundert Jahren.348 Der Schulmeister und Blaler bsans Ardüser erzählt aus seiner Lebensgeschichte .349 wie ich Schulmeister und Maler wurde. von meinen Freuden und teidcn als Schulmeister und Maler. Unglück in der Familie und Krankheit. Wie in den Drei Bünden Parteien und Parteigerichte entstanden .353 Mächtige Nachbarn suchen die Freundschaft der Bündner. Die Bündner werden vor den falschen Freunden gewarnt, aber vergeblich. Die Spanier bauen an der Grenze Granbündens eine Festung. Der „Fähnlilupf" gegen die spanische Partei und das Strafgericht zu Thusis 1618.359 Wie am 4. September 1618 das reiche plurs begraben wurde .362 Wie 1620 im veltlin mehrere hundert Protestanteil ermordet wurden, und wie das Tal von Graubünden abfiel .364 Wie Pompejus planta am 25. Februar 1621 in Bietbcrg ermordet wurde .366 Wie die (Österreicher 1621 das Untercngadin und den Zehngerichtenbund gänzlich unterwarfen.368 Wie sich die prätigauer im Frühling 1622 erhoben und die «Österreicher aus Graubünden vertrieben .... 370 XV Seite Wie Graubünden im Herbst 1622 nochmals in die Gewalt der Österreicher und Spanier geriet.374 Wie die Bnndner ihre Unabhängigkeit und auch das Delt- lin wieder erlangten 4623—1639 . 376 Wie sich die acht Gerichte und das Unterengadin von Österreich loskauften 1648—1652 . 380 Die Schweiz während des Dreißigjährigen Krieges - - - 382 wie die Schweden 1633 die Schwcizergrenze verletzten. Die Schweiz wird voin Deutschen Reich unabhängig erklärt 1613, Don der Auswanderung der Bündner.384 Die Schuster, Zuckerbäcker, Kaffecwirte und Handelsleute, Die Söldner, Verzeichnis der Geschichtsbilder. Pfahlbau . Uralte Fassung der St, Uioritzec Heilquelle. Altes Siegel der Stadt Zürich. Das Kloster Discntis . Mönche als Bauleute. Kaiser Barbarossa auf dein Kreuzzug nach dein Heiligen Land - - - Bärenjagd des Herzogs von Zähringcn. Die Siegel der drei Länder. Mordnacht zu Luzern . Gebet der Bcrncr im Münster vor dem Auszug nach Laupcn - - - Das Wappen der Glarner . Siegel des Gotteshausbundes - . Der Empfang des Kaisers Sigmund in Bern 1414. Die Eidgenossen vor dem „Stein" zu Baden. Siegel des Grauen Bundes. Belagerung von Greifensce. Zürcher Kriegsschiffe im alten Zürichkrieg. Schlacht bei St. Zakob an der Birs. Siegel des Zehngcrichtenbundes . Alte Ansicht der Stadt Lhur . Das Lhurer Stadtwappen, umgeben von den Wappen der fünf Zünfte Gesellenbrief eines Zimmergesellen, ausgestellt in Lhur 1821 - - - / 22 27 39 55 61 74 86 82 93 110 116 121 132 111 144 118 151 156 158 162 XVI Seile Kriegserklärung der Eidgenossen a» Karl den Kühnen.170 Die Eidgenossen ziehen ins Feld zur Alurtenschlacht.17!) Tagsatzung zu Staus 1181.188 Das Schloß Ausox im 15. Jahrhundert.197 Alaicnfcld, durch die Bündner wieder eingenommen 1199 .... 208 Ankunft einer Geldsendung des lserzogs von Alailand in Thür - - 281 Alte Buchdruckerei .212 Weltkarte des Florentiners Toscanclli .216 Seeschiff aus der Zeit des Kolumbus .250 Ankunft der reformierten Locarncr in Zürich.820 Empfang Borromcos in Disentis 1581 882 Die Festung Fucntes .357 l. Von der Urzeit bis zur Gründung der Eidgenossenschaft. Im Vrachenloch. wenn du von Reichenau über den Runkelsxaß gehst, kommst du bald zu dem einsamen, aber lieblichen Bergdorf vättis. von da aus bist du in wenigen Stunden im wilden Felsgebiet der Grauen Hörner, wo die Tamina entspringt. Dort befindet sich der sogenannte Drachenberg. Zuoberst desselben an schwer zugänglicher Stelle führt eine große Höhle tief in den Berg hinein. Sie heißt das Drachenloch. Der Sage nach wohnte da einst ein grimmiger Drache, wenn er durch die Lust schoß, sah er aus wie eine fliegende Schlange. Die ganze Gegend hielt er in Angst und Schrecken. Nach langer Zeit aber wurde es dem Ungeheuer zu langweilig in dem finstern Loch, und es wagte den kühnen Flug über das Tal nach dem Talanda. Den Bewohnern von vättis war das Drachenloch längst bekannt. Aber höchst selten getraute sich jemand in den unheimlichen Raum hinein, wo der Drache einst Menschen und Tiere verspeist haben soll. vor einigen Zähren kam der Oberlehrer von vättis zu der Höhle. Er dachte, er möchte sie doch näher ansehen. Lr hatte gelesen und seinen Schülern schon oft erzählt, wie in uralten Zeiten auch in unserm Schweizerland Menschen in solchen Höhlen gewohnt haben, wer weiß, so sagte er sich, ob das Drachenloch nicht auch eine menschliche Wohnung war. Gr ging vorsichtig hinein. Als er fast zuhinterst war, grub er ein Loch in den Boden, etwa 60 ein tief. Bald kamen zerbrochene Tierknochen zum Vorschein. obern. Da wächst guter Wein. Da gedeiht das Korn, das Gras und alles viel besser als bei uns." Dem Volk gefiel der Vorschlag. Es beschloß, sich während der nächsten zwei Jahre auf den Aug vorzubereiten. Im dritten Jahre wollte es aufbrechen, mit Weib und Rind und allem, was man mitführen konnte, das unfruchtbare Land der väter verlassen und nach Gallien auswandern. Bald aber vernahmen die Helvetier Schlimmes über Gr- getorir. Heimliche Boten sagten ihnen, er habe mit Adeligen des benachbarten Landes geheime Verabredungen getroffen. Er wolle Rönig werden und die Mitbürger zu Untertanen machen. Die Obrigkeit setzte einen Tag an, wo er sich vor Gericht verantworten sollte. Grgetorix gelang es aber, die Gerichtssitzung zu verhindern. Darüber entstand große Aufregung. Überall hieß es, Grgetorix strebe nach der Herrschaft, er bedrohe die Freiheit des Volkes. Durch solche Beden wurden die Helvetier aufs äußerste gereizt; denn sie hingen sehr an ihrer Freiheit. Sie schwuren, den Frevler zu bestrafen. Das Gesetz schrieb vor, daß Verräter lebendig verbrannt werden. Grge- torir vernahm die feindselige Stimmung des Volkes. Er starb, ehe der Tag der großen Volksversammlung erschien. Die meisten glaubten, er habe sich selbst das Leben genommen. So zerstörte der Ehrgeiz dieses Mannes seinen Nuhm und sein Leben. Das schöne und fruchtbare Gallien aber vergaßen die Helvetier nicht mehr. Sie blieben unzufrieden in ihrem Bergland, und eines Tages beschlossen sie, dennoch auszuwandern und das reiche Land zu gewinnen. Nachdem sie sich gut darauf vorbereitet hatten, luden sie Frauen, Rinder und Greise und viele Lebensmittel auf wagen. Dann nahmen sie Abschied von der Heimat. Sie verbrannten ihre Städte und Dörfer; denn nie mehr wollten sie nach Helvetien zurückkehren. Ein langer, langer Zug von Menschen und Tieren bewegte sich dem Genfersee entlang nach Genf. Ihr oberster Anführer war der alte Held Diviko, der einst als funger Mann die Römer geschlagen hatte. Die Römer beobachteten den langen Zug von weitem. In Eilmärschen rückte ihr berühmter Feldherr Julius Läsar den Helvetiern entgegen und schlug sie in einer großen Schlacht. Tausende kamen im Rampfe um. Die Überbliebenen zwang er, in ihr verlassenes Land zurückzukehren und dort ihre Städte und Dörfer wieder aufzubauen. Nach Helvetien kamen jetzt aber auch die Römer. Sie betrachteten sich von nun an als die Beherrscher des Landes und hielten das Volk in strengem Gehorsam. Dabei trieben sie Landwirtschaft, pflanzten Getreide, Gbstbäume und Weinreben, und die Helvetier konnten vieles von ihnen lernen. Die Römer gründeten in Helvetien auch schöne Städte mit Ringmauern und Rkarmorpalästen. Die größte war Aventicum im heutigen Waadtland. Da standen prächtige Tempel mit Säulen aus rötlichem Rkarmor. Da waren auch Bäder. Die ganze Stadt war von Mauern und Türmen eingeschlossen. Ähnliches sah man in vindonissa, dem heutigen Windisch bei Brugg. Hier hatten die Römer einen großen waffenplatz. Da waren beständig viele Soldaten und Offiziere. Zu ihrer Unterhaltung baute man ein großes Theater, das später lange mit Erde zugedeckt war, in neuester Zeit aber wieder ausgegraben worden ist. Darin wurden einer großen Zuschauermenge blutige Fechterspiele und Tierkämpfe vorgeführt. Noch heute zeigt man, wo die wilden Tiere, wie Löwen und Tiger aus Asien und Afrika, gefüttert wurden. Wenn dann das Volk versammelt war, öffnete man Pforten und Käfige. Die Tiere kamen heraus in einen geschlossenen Raum, wo sie gegeneinander oder mit Sklaven kämpfen mußten. Und wenn es recht blutig und schrecklich herging, jubelte das Volk und hatte seine besondere Freude daran. Zn der Nähe von Windisch liegt das Städtchen Baden. Das war schon zur Zeit der Römer durch seine Heilquellen berühmt und ein vielbesuchter Belustigungsort. Da fand man eine römische Begräbnisstätte. Unter andern entdeckte man da auch das Grab eines reichen Römers. / porta cotschna (rote Türe). lV u. O Garten. Z' plazidusturm. K Holzschuppen, kands- gemeindeplatz. Land hinaus. Es ist aber kein Schloß, sondern ein altes Kloster. Schon mehr als (ZOO Zahre steht es da als eine ehrwürdige Erinnerung an die Anfänge des Christentums in unserer bündnerischen bseimat. Schon zur Zeit, als die Römer in bselvetien regierten, gründete man da christliche Kirchen. Aber die wilden Völker- 28 schiften, die dann dahin kamen, zerstörten sie wieder. Überall erhob das Heidentum aufs neue sein Haupt. Doch während am Rheinstrom die heidnischen Alemannen hausten, war in England und auch im benachbarten Frankreich das Christentum mächtig geworden, Im fernen Irland gab es treffliche Christenschulen. Gottessürchtige Männer gingen von da aus, um die Heiden zum Glauben an Jesus Christus zu bekehren. Unter ihnen zeichneten sich besonders Uolumban und seine Schüler Gallus und Sigisbert aus. Da es in ihrer Heimat an christlichen Lehrern nicht fehlte, gingen sie in die unbekannte Welt hinaus. Durch Frankreich kamen sie nach Deutschland und von da nach der Schweiz. Sie verweilten und lehrten überall da, wo sie dankbare Schüler fanden, während Gallus und andere das heidnische Schweizerland zum Christentum zu bekehren suchten, wandte sich Rolum- ban mit seinem Jünger Sigisbert nach Italien. Auf ihrer Reise kamen sie auch in das Gebiet des vorder- rheins. Sie fanden die Gegend schon bewohnt. Aber die Bewohner waren sehr wild und arm. Sigisbert erbarmte sich ihrer. Er beschloß, bei ihnen zu bleiben, obschon hier Wölfe, Bären und andere reißende Tiere gefährliche Gäste waren. In der öden Gegend, wo die Wege über die Gberalp und den Lukmanier zusammenkommen, baute er eine Hütte und ein Bethaus. Da führte er als Einsiedler ein hartes Leben. So oft es ihm möglich war, ging er zu den Leuten, die in der Nachbarschaft wohnten. Er redete mit ihnen über ihre Freuden und Leiden, aber auch über Gott und göttliche Dinge. Er erzählte vom Leben und Sterben Jesu und zeigte ihnen, welchen Trost die Menschen in ihrer Not aus dem Glauben an Christus schöpfen können. So brachte er es nach und nach dazu, daß sie den Glauben an ihre finstern heidnischen Götter aufgaben. Sie fingen an zu dem Gott zu beten, der durch den Mund des frommen Einsiedlers zu ihnen redete. In Truns wohnte der Vorsteher des ganzen Tales, namens plazidus. Sigisbert gewann auch ihn. Er fand an ihm einen treuen Freund und eifrigen Mitarbeiter, plazidus half dem Einsiedler, in jener Wildnis ein Aloster zu bauen, das 29 den Namen Disentis, d. h. Einöde, erhielt. Auch schenkte er ihm große Güter. Sie sollten dem Einsiedler den nötigen Lebensunterhalt bieten, so daß er sich der Unterweisung des Volkes widmen konnte. Sie sollten auch andern Männern zum Unterhalt dienen, die als Mönche mit Sigisbert zusammen wohnen und ihn in seinem frommen Werke unterstützen wollten. So geschah die Gründung des Masters im Jahre 6sH. Das Kloster erhält Dienstleute. Bald wurde das Kloster der Sammelplatz frommer Männer. Sie unterrichteten das Volk in der christlichen Lehre, im Ackerbau und anderen nützlichen Kenntnissen. Aber auch Landleute kamen und schlugen ihre Wohnungen in der Nähe des Klosters auf. Die großen Herren im Lande führten Krieg. Sie bekümmerten sich wenig um das Wohl und Weh des Volkes. Die Geistlichen waren die einzigen, welche an seinem Schicksal teilnahmen und es im Unglück aufrichteten und trösteten. Hierdurch erwarben sie sich große Achtung. Diese wurde noch vermehrt durch die Gelehrsamkeit, die die Geistlichen damals allein besaßen, während sonst überall große Unwissenheit herrschte. Dazu kam dann noch ihr Fleiß und ihre Arbeitsamkeit, die allen Bewohnern zum Beispiel diente. Die Mönche hielten darauf, ihre Güter immer besser anzubauen und auszubreiten. Denn große Strecken Landes waren noch nicht urbar gemacht. Sie waren mit wildem Gebüsch bedeckt oder lieferten als magere Weiden geringen Ertrag. Wenn nun ein Bauer sich bei ihnen niederlassen wollte, so wiesen ihm die Mönche ein Stück Land an, nicht zum Eigentum, sondern als Lehen. Sie bauten ihm vielleicht sogar eine bescheidene Wohnung und einen Stall darauf. Sie sorgten ihm für einen Pflug, einen wagen, für Sicheln, Äxte, Beile und andere Werkzeuge. Sie gaben ihm Haustiere, Samen zu Roggen, Weizen, Gerste, Hanf, Bohnen, Erbsen, Rüben. In ihren Wäldern durfte er Holz hauen, soviel er nötig hatte. So war sein ganzer Haushalt eingerichtet. Er brauchte dazu keinen Rappen. Dafür mußte er für das Kloster etwa Botendienste oder andere Arbeiten verrichten. Andere Dienstleute arbei- 20 teten ihm als Schreiner, Schuster, Sattler, Schneider, Messerschleifer. Denn alles, was die Mönche brauchten, wurde an Ort und Stelle angefertigt. Neben dem Kloster befanden sich, wie man auf dem alten Klosterbilde sieht, noch allerlei Ge- bäulichkeiten. Da stand ein Krankenhaus, eine Knechtewohnung, ferner eine Wäscherei, eine Sennerei, ein Schafstall und ein Pferdestall. Alle Handarbeiten und Dienstleistungen wurden durch Leute besorgt, die auf Klostergut wohnten und zum Kloster gehörten. Zhnen war auch vorgeschrieben, wieviel sie jährlich an Leinwand, an Feldfrüchten und Erzeugnissen des Viehs als Zins zu geben hatten. Alles war mäßig und billig. Gab es etwa Fehljahre oder hatte der Bauer sonst Mißgeschick, dann verfuhr man menschlich mit ihm. So wurden des Gotteshauses Acker und Wiesen immer fleißiger angebaut. Die Zahl der Ansiedler nahm zu. Der Ertrag mehrte sich. Der Wohlstand stieg in den Mauern des Klosters wie unter seinen Landleuten. So war es auch bei andern Klöstern. Es ist darum nicht zu verwundern, daß sich in jenen wilden Zeiten gern Leute in der Nähe der Klöster niederließen, und daß mancher sein ganzes Vermögen oder einen Teil desselben'hingab, um ein neues Kloster zu stiften. So hatte es auch plazidus gemacht. Ein Übeltäter und ein Wohltäter des Klosters aus der gleichen Familie. Anders gesinnt war Graf Viktor, der im Namen des Königs das rätische Land regierte. Er legte den Disentiser Klostergründern allerlei Hindernisse in den Weg. plazidus machte ihm deswegen vorwürfe. Auch tadelte er ihn wegen seines sündhaften Lebens. Da ließ ihn Viktor gefangen nehmen und enthaupten. Noch mehr; er nahm das von plazidus dem Kloster geschenkte Gut zu seinen Handen. Nicht lange nachher ertrank Graf Viktor im Rhein. Die Bewohner sahen darin die Strafe Gottes für seine Freveltaten. Etwa hundert Jahre nachher wurde das Kloster Disentis reich entschädigt für das, was ihm der Landesherr Viktor zu- 31 leide getan hatte. Da regierte ein Nachkomme Viktors, namens Tello, über das Land. Er war gleichzeitig Bischof von Thür. Zhm lag daran, die Übeltaten seines Ahnherrn wieder gutzumachen und den Haß von seinem Andenken zu entfernen. Er hoffte es durch eine großartige Schenkung zugunsten des Klosters tun zu können. Er machte deshalb im Jahr 766 ein Testament. Darin schrieb er: „Zur Abwaschung meiner vielen Sünden und derjenigen meiner verwandten und aus Dankbarkeit gegen Gott schenke ich auf meinen Tod hin dem Kloster Disentis alles Land, das mein Vater Viktor erworben und zusammengebracht hat." Dann zählt er alle Besitzungen der Reihe nach auf. Zuerst erwähnt er den Herrenhof in Sagens. So ein Hof muß ein stattliches Bauerngut gewesen sein. Es gehörten dazu nämlich: ein Herrenhaus mit einem Hausflur, einem heizbaren Gemach unten und andern heizbaren Gemächern oben, mit Keller und Küche; ferner ein Pferdestall, ein Viehstall und andere Gebäude, sodann ein Einfang mit Obstbäumen, Gärten, auch Weinberge, wo es solche heute nicht mehr gibt, weitere Häuser und Ställe, etwa zehn größere und kleinere Acker, einige Reutländer und ungefähr ein halbes Dutzend schöner Wiesen. Das war aber noch immer nicht alles. Auf diesem Hof saßen etwa 20 Bauern, die von Tello kleinere Güter zur Bearbeitung erhalten hatten. Diese Bauern mit ihren Gattinnen und Kindern schenkte Tello auch dem Kloster, weil sie unfrei waren und deshalb wie eine Sache gekauft, verkauft und verschenkt werden konnten. Hsrrenhöfe, wie den zu Sagens, mit kleinen Bauerngütern, Wiesen und Ackern besaß Tello auch zu Zlanz, zu Brigels, Schlans, Ru- schein, Gbersaxen, Truns und an andern Orten des Bündner Oberlandes. Zhm gehörten dort auch Wälder, Weiden, Alpen. Und diesen ganzen großen und schönen Besitz erhielt nach dem Hinschiede Tellos das Kloster Disentis, das so mit einem Rkale reich und mächtig wurde. 32 Von Karl dem Großen. Wie Karl der Große Kaiser wurde. Zu der Zeit, als die Alemannen den Römern Helvetien entrissen, entstand in Europa große Unordnung. Wilde Völker durchzogen es von einem Ende zum andern und verwüsteten Felder und Ortschaften, viele der schönsten römischen Städte sanken in Schutt und Asche. Es vergingen mehrere hundert Jahre, bis das Land wieder recht angebaut war. Zu völliger Ruhe kam es erst, als im Jahre 768 Karl der Große zu regieren begann und mit starkem Arm die Ordnung wieder herstellte. Karl war ein gewaltiger Herrscher. Er vereinigte Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich zu einem Staate. Auch die heutige Schweiz und Graubünden gehörten dazu. Auch sie mußten Karl Soldaten stellen. Er brauchte deren sehr viele. Ein Teil seiner Untertanen wollte ihm zuerst nämlich nicht gehorchen. Andere wollten die christliche Lehre nicht annehmen. Er zwang sie mit Gewalt zum Gehorsam und zur Annahme des Christentums. Dann brachen wilde Nachbarvölker häufig in sein Reich ein. Das konnte und wollte er nicht dulden. Durch neue blutige Kriege gelang es ihm, seinen Untertanen endlich Ruhe zu verschaffen. So war das Reich Karls gegründet und gesichert. Die meisten europäischen Völker gehorchten ihm. Seit den römischen Kaisern hatte kein Staatsoberhaupt eine so große Macht ausgeübt. Der Gedanke kam auf, einem solchen Herrscher auch einen würdigen Titel zu geben. Die Erinnerung an die römische Kaiserwürde erwachte wieder. Da geschah es, daß Karl zu Weihnachten des Jahres 800 in Rom weilte. Als er eines Tages in der Peterskirche am Altar betete, nahm der Papst eine bereitgehaltene Krone und setzte sie ihm aufs Haupt. Das umstehende Volk jubelte ihm zu und begrüßte ihn als den von Gott gekrönten großen Kaiser. Wie er sein Reich regierte. Um sein großes Reich regieren zu können, teilte es Karl in Grafschaften oder Gaue ein. Solche Gaue waren der 33 Thurgau, Zürichgau und Aargau. Über jeden Gau setzte er einen Grafen als kaiserlichen Beamten. Wenn ein Krieg aus- brach, mußte der Graf die Männer seines Gaues aufbieten und dem kfeere des Kaisers zuführen. In Friedenszeiten hatte er Gericht zu halten und die Steuern einzuziehen. An den Grenzen des Reiches gab es Rkarkgrafschaften. An deren Spitze standen Markgrafen. Diese erhielten größere militärische Befugnisse als die Grafen. Sie mußten die Grenzen schützen und deshalb jederzeit kriegsbereit sein, um auswärtige Feinde abwehren zu können. Am bsofe waltete ein Pfalzgraf als Richter über die bsofleute. Um die Verwaltung der Grafen überschauen zu können, schickte der Kaiser von Zeit zu Zeit vertraute Männer als Sendboten aus. Sie hatten die Verwaltung der Grafen zu untersuchen und dem Kaiser darüber Bericht zu erstatten. Alle Zahre im Mai berief dann der Kaiser bald da bald dort seine vielen Ratgeber zu einer Reichsversammlung zusammen. Er besprach mit ihnen neue Gesetze, die dann durch die Grafen verkündet und ausgeführt wurden. Durch solche Gesetze ordnete Karl das Gerichtswesen, das Militärwesen, die Landwirtschaft und noch vieles andere. Zm Gesetz über das Gerichtswesen schrieb der Kaiser vor, wie das Gericht abzuhalten sei. Es geschah unter freiem Lsimmel. Da saß oder stand der Graf auf einem erhöhten Platz unter einer Linde oder einer Eiche, neben ihm ein Schreiber, links und rechts auf Bänken die Richter, von ihnen getrennt stand in weitem Umkreis das Volk. Wollte nun der Graf die Gerichtsverhandlung beginnen, so erhob er den Richterstab und gebot Schweigen. Dann teilte er mit, worüber zu richten sei. Der Kläger brachte seine Sache vor. Der Beklagte verteidigte sich. Auch Zeugen waren da, die teils zugunsten des Klägers, teils zugunsten des Angeklagten sprachen. Die Richter fällten das Urteil. Der Graf verkündete es, und der beeidigte Schreiber schrieb es auf Pergament. Das Gösetz über das Militärwesen bestimmte, daß jeder freie Mann zum Kriegsdienst verpflichtet sei. Wer drei bsufen oder l,20 Zucharten s! Zuchart — 36 Ar) Land besaß, 3 hatte persönlich bewaffnet einzurücken. Er mußte für längere Zeit Lebensmittel mitbringen, wer weniger Land besaß, half einen andern ausrüsten, wer wenigstens zehn Hufen besaß, mußte zu Pferd erscheinen. Auch die Landwirtschaft suchte Karl durch ein Gesetz zu fördern. Darin gab er genaue Vorschriften, wie die kaiserlichen Güter bearbeitet, die Äcker, wiesen und Gärten bebaut, die Haustiere und Bienen gepflegt werden sollen. Die Verwalter dieser Güter hatten Rechenschaft abzulegen über die Verwendung der Erträgnisse. Sie mußten bis zu den Hühnern und Eiern hinunter angeben können, was sie dem Hof geliefert hatten. Ferner wurde ihnen zur Pflicht gemacht, nützliche Bäume aller Art, auch Gbstbäume, Weinreben und dergleichen, anzupflanzen. Der Kaiser besaß am meisten Grund und Boden. Durch die musterhafte Bearbeitung desselben gab er den Bauern ein gutes Beispiel. Wohl mancher Landwirt wird durch ihn veranlaßt worden sein, seine Äcker und Wiesen besser zu bebauen und seine Haustiere sorgfältiger zu pflegen. Kaiser Karl prüft die Schüler. Karl der Große wollte dem Volk noch in anderer weise helfen. Er hatte mit Bedauern wahrgenommen, wie die Wissenschaften im ganzen Lande in Vergessenheit geraten waren. Er sah auch, wie der christliche Glaube allmählich wieder erkaltete. Um das zu ändern, verordnete er, daß die Lehrer des Volkes, die Geistlichen, besser ausgebildet werden. Er machte es den Geistlichen und Klöstern zur Pflicht, Schulen zu errichten und die Jugend in der christlichen Lehre zu unterweisen. Zeder seiner Untertanen sollte zum mindesten das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die zehn Gebote kennen. Der Kaiser selbst hatte in der Zugend nichts gelernt, nicht etwa aus Trägheit, sondern weil ihm die Gelegenheit dazu gefehlt hatte, da es noch keine Schulen gab. Es war bis auf seine Zeit auch bei den vornehmsten eine große Seltenheit gewesen, daß einer lesen und schreiben konnte, wenn einer etwas zu unterschreiben hatte, so malte er einfach ein Kreuz oder irgendein anderes Zeichen hin. Karl schämte 35 sich nicht, das versäumte noch im Alter nachzuholen. Er errichtete an seinem Hofe eine eigene Schule. An diese berief er die gelehrtesten Männer seiner Zeit. Zu ihnen gingen die Rinder des Kaisers und der adeligen Familien am Hofe in die Schule. Auch der Kaiser selbst ließ sich von ihnen unterrichten. Mit dem Schreiben freilich wollte es ihm nicht mehr recht gelingen, weil seine Finger schon steif waren. Dennoch hatte er unter seinem Kopfkissen beständig eine Schreibtafel, und wenn er des Nachts nicht schlafen konnte, bemühte er sich, die vorgeschriebenen Buchstaben nachzuzeichnen. Daß Karl der Große ein großer Freund der Schule und der fleißigen Schüler war, zeigt die folgende Erzählung, die ein St. Galler Mönch nach dem Tode des Kaisers aufgeschrieben hat. Nach langer Abwesenheit kehrte Karl wieder in sein Land zurück. Da wollte er nachsehen, wie es in der Schule gehe, ob dort fleißig gelehrt und gelernt werde, wie er besohlen hatte. Er trat in eine Schule und ließ sich von den Knaben ihre schriftlichen Arbeiten zeigen. Knaben aus ärmern Familien brachten ihm saubere, schön geschriebene und gute Arbeiten, an denen der Kaiser große Freude hatte. Knaben aus vornehmen Familien aber zeigten ihm ganz nachlässige und schlechte Arbeiten. Karl stellte nun die fleißigen und strebsamen Schüler zu seiner Rechten und sprach zu ihnen: „Habt vielen Dank, meine Söhne, für euern Fleiß und fahret darin fort; dann werdet ihr tüchtige Männer werden und viel Gutes wirken können." Hierauf wandte er sein Angesicht mit großer Strenge zu den links Stehenden und fuhr sie an: „Zhr Fürstensöhne, ihr zierlichen und hübschen Leutchen, die ihr euch auf euere Abkunft und euern Reichtum so viel einbildet, ihr habt meinen Befehl mißachtet und das Lernen vernachlässigt. Ihr habt mit Spiel, Nichtstun und leerem Treiben die Zeit verbracht. Beim Herrn des Himmels, ich gebe nicht viel auf euern Adel und euer hübsches Aussehen, wenn auch andere euch deswegen anstaunen. Und dessen seid versichert: wenn ihr nicht eiligst euere bisherige Nachlässigkeit durch ernsten Fleiß wieder gutmacht, so habt ihr von Kaiser Karl nichts Gutes zu erwarten." 36 Wie Kaiser Karl die Rätter in seinen Schutz nimmt. Kaiser Karl hat auch unsern Vorfahren, den Nätiern, großes Wohlwollen bewiesen. Häufig wurden diese von ihren Nachbarn beunruhigt. Es hatten sich nämlich unterhalb der Landquart Deutsche angesiedelt, die nach ihren deutschen Gesetzen und Rechten lebten. Die damaligen Einwohner unseres Landes aber waren Romanen. Sie wurden darum von den Deutschen „Walen" oder „Wälsche" genannt. Sie hatten ihr eigenes Recht und Gericht und durften nicht vor die Gerichte der benachbarten deutschen Landesherren geladen werden. Sie standen unter dem Gericht des Bischofs von Thür. Aber die deutschen Nachbarn bekümmerten sich nicht darum. Deshalb kam es zwischen ihnen und den Nätiern oft zu Feindseligkeiten. Da schickten die Bündner im Jahre 773 Boten mit einem Schreiben nach Aachen. Das ist eine Stadt in Deutschland draußen, westlich des Rheins. In dieser Stadt hielt sich der Kaiser am liebsten auf. Da hatte er ein schönes Schloß. Nahe dabei ließ er eine prächtige Kirche bauen. Da waren auch Heilquellen, die der Kaiser gerne benutzte. Nach Aachen also sandten die Bündner ihre Boten. Sie baten Karl, er möchte das rätische Volk in seinen Schutz nehmen. Sie ersuchten ihn ferner, ihre alten Gesetze und Einrichtungen fortbestehen zu lassen und sie von ausländischen Gerichten zu befreien. Karl gab den Boten einen schönen Hergamentbrief, der noch im bischöflichen Archiv in Thür aufbewahrt wird. Darin schrieb er ihnen, daß die Rätter ihm und seinen Vorfahren immer treu gewesen seien. Darum sei er bereit, sowohl ihren jeweiligen Vorsteher als auch das Volk unter seinen Schutz und Schirm zu nehmen. Er werde sie schützen, wenn sie beunruhigt oder angegriffen werden sollten. Ihre alten Gesetze und Einrichtungen wolle er nicht ändern, wenn die Rätier ihm auch fernerhin treu und gehorsam bleiben. Diese waren damit zufrieden. Aber auch der Kaiser fand seinen Vorteil dabei. Denn da er über einen großen Teil Italiens regierte, so mußte er froh sein, sicher durch unser Land nach Italien und wieder zurück reisen zu können. 37 Karl der Große im Münstertal. Im bündnerischen Münstertal, im Dorfe Münster, befindet sich hart bei der Kirche ein sehr altertümlicher Bau. Er gleicht ein wenig einer alten Festung, ist aber ein altes Frauenkloster. Über der Türe, die in den Kirchhof führt, sieht man ein Bild des Kaisers Karl. In der einen Hand hält er eine Weltkugel, in der andern das kaiserliche Zepter. In der Klosterkirche steht neben dem Hauptaltar ein anderes Bild des Kaisers in Stein gehauen. Gs stellt ihn in Lebensgröße dar und trägt eine lateinische Inschrift, die auf deutsch lautet: „Der erhabene Karl der Große hat dieses Kloster gegründet im Jahre 80s." Seit uralten Zeiten feiern deshalb die Klosterfrauen zu Münster zu seinen Lhren ein Fest. Warum aber hat Karl im Münstertal ein Kloster gegründet? Darüber ist nirgends etwas ausgeschrieben worden. Man weiß es deshalb nicht genau. Die einen erzählen, der Kaiser sei aus einer Reise aus Italien nach Deutschland mit seiner Gemahlin Hildegard aus dem Umbrail in einen fürchterlichen Schneesturm geraten. In dieser Not haben er und die Kaiserin geschworen, wenn sie gesund und unverletzt über den wilden paß kommen, in der ersten wohnlicheren Gegend ein Kloster und der heiligen Jungfrau Maria eine Kirche zu errichten. Als sie nun vom Umbrail glücklich ins Tal heruntergestiegen seien, habe der Kaiser den Grund gelegt zum Kloster in Münster und die Kaiserin zu der Kirche in St. Maria. Andere sagen, es sei allerdings wahrscheinlich, daß der Kaiser einmal in diese Gegend gekommen sei. Da sah er, daß der Umbrailpaß ein wichtiger Verkehrsweg sei für den Handel zwischen Italien und Deutschland. Auch erhielt er Kenntnis von den Bergwerken am Gfenpaß. Um diese auszubeuten, trachtete er, Leute ins Münstertal zu bringen. 1. 8k schon in ihre Häuser geschlichen. Doch wurden einige von ihnen erkannt und verhaftet. Die Anhänger der Lidgenossen wollten strenges Gericht über sie halten. Die Waldstätte aber bewirkten, daß die Verräter nicht mit dem Tode bestraft wurden. Diese baten um Verzeihung und schwuren, nie mehr solche Anschläge zu machen. taupen sZZH. Hundertfünfzig Jahre nach seiner Gründung war Bern bereits reich und mächtig geworden, Zmmer mehr Leute waren vom Lande in die Stadt gekommen. Zmmer mehr Dörfer und Städte hatten sich unter seinen Schutz gestellt. Das erregte nach und nach den Neid und Haß der adeligen Herren, die in der Nachbarschaft wohnten. Lines Tages beschlossen sie, zusammen mit den Freiburgern die blühende Stadt anzugreifen. Zuerst wollten sie die Burg und das Städtchen Laupen einnehmen, das den Bernern gehörte. Diese berieten, wie sie Laupen retten und den Feind abwehren wollen. Zn ihrer Not baten sie auch die Waldstätte um Unterstützung. Die Lidgenossen antworteten, sie werden ihnen sofort zu Hülfe kommen. Nun fehlte es den Bernern aber noch an einem Führer. Akut und Kraft besaß jeder. Aber keiner glaubte genügende Kriegserfahrung und Ruhe zu besitzen, um in der Hitze des Kampfes immer das Richtige anzuordnen. Lben waren der Rat und die Bürger versammelt, um einen Anführer zu wählen, als Rudolf von Lrlach in die Stadt einritt. Lr kam von Nidau her, um der bedrängten Vaterstadt beizustehen. vor vierzig Jahren hatte sein Vater die Berner zum Siege geführt. Als sie den Ritter erblickten, erinnerten sie sich dessen und ernannten ihn sogleich durch allgemeinen Zuruf zu ihrem Hauptmann. Sie schwuren, daß sie im Felde alle seine Befehle pünktlich ausführen wollen. Unterdessen ging es bei Laupen hart zu. Während zwölf Tagen wurden Burg und Stadt vom Kriegsvolk der Adeligen belagert. Starke eichene und mit dickem Lisen beschlagene Holzblöcke, Büffel und Böcke genannt, erschütterten die Mauern 6 82 der Stadt. Unter beweglichen Schirmdächern, die man Katzen hieß, untergrub man die Fundamente der Türme. Mit Wurf- maschinen warf man über f200 Steine in das Städtchen. Tag und Nacht wurde die Besatzung beunruhigt und geriet nach und nach in große Bedrängnis, da sie ganz von Bern abgeschnitten war. ,,, Gebet der Berner im Münster vor dem Auszug nach Laupen. vorn zunächst beim Altar Rudolf von Lrlach, kenntlich am Schild und an der hohen Kopfbedeckung mit dem Helmbusch. Die Krieger rufen die Fürbitte der Mutter Gottes und des heiligen vinzsnz an. Auf der Kanzel der teut- priester. Inzwischen war die Mannschaft aus den Waldstätten in Bern eingetroffen und dort freundlich empfangen und bewirtet 83 worden. Bei Mondschein zogen nun die Berner und Eidgenossen nach Laupen. Dort hielt das Heer an, um sich zum Kampf aufzustellen. Rudolf von Erlach trat vor die Mannschaft hin. Er ergriff das Banner von Bern, schwang es hoch in den Lüften und rief: „Wo sind jetzt die Jünglinge von Bern, die mit Federbüschen und Blumenkränzen aus den Hüten in den Gassen der Stadt täglich dem Tanz und den hübschen Mädchen nachrennen? Wo sind die jungen Zunftgesellen der Gerber und Metzger, die immer so groß tun auf ihren Trinkstuben? Heute gilt es einen Tanz für Freiheit und Leben! Hervor zetzt, her zum Banner von Bern! Hieher zu Erlach!" Und jauchzend sprangen die Jünglinge heran, umringten den Feldherrn und riefen: „Hie Bern, hie Erlach!" Als die Aufstellung beendigt war, ging es in den heißen Kampf. Bald bedeckte sich das Schlachtfeld mit einer großen Zahl von Rittern, adeligen Herren und Fußknechten. Freilich verloren auch die Berner und Eidgenossen viele Krieger. Endlich aber gelang es ihnen, das Heer des Adels in die Flucht zu jagen. Um Gott für den Sieg zu danken, ließ Erlach seine Leute mitten auf dem Schlachtfeld zusammenkommen und zum Gebet niederknien. Dann sprach er zu ihnen: „Habt Dank, liebe Mitbürger, für euern Gehorsam und für die Männlichkeit, die ihr heute alle bezeigt habt. Diesen euren Tugenden verdanken wir, nächst Gott, den Sieg, der unsere Vaterstadt vor dem Untergang und unsere Kinder und Enkel vor der Knechtschaft bewahrt hat. Liebe Freunde von Solothurn, und besonders euch, treffliche Männer aus den Waldstätten, euch allen, allen sei ewiger Dank gesagt für eure Hülfe. Euer Andenken soll uns und unsern Nachkommen unvergeßlich bleiben!" Am folgenden Morgen kehrten die Sieger nach Bern zurück. Unter lautem Frohlocken der Frauen und Kinder, die ihnen entgegenkamen, zogen sie in schöner Ordnung in die Stadt ein. Voran schritt, wie gestern beim Auszug, der ehrwürdige Leutpriester. Hinter ihm gingen 2? Zünglinge, welche die eroberten Banner der Feinde trugen. Zhnen folgte ein langer Zug von Wagen, auf denen die Beute heimgeführt wurde. Es waren darunter viele hundert reiche und kostbare Panzer, Helme und Waffen. Dann ritt einzeln daher der Feldherr Rudolf von Lrlach. Ihm folgten die Rrieger, alle die Häupter bekränzt mit frischen Laubzweigen. Herrlich und herzlich wurden die treuen Helfer während mehrerer Tage in Bern bewirtet. Rkit den einen erneuerte man die alte Freundschaft. Rkit den Lidgenossen aus den Waldstätten aber wurde gesprochen über ein ewiges Bündnis, das man schließen wolle, vierzehn Jahre später, im Jahre f353, ist es dann auch zustande gekommen und mit Brief und Siegel bestätigt worden. Die edelmütigen Freiburger. Die Berner hatten sich durch ihren Sieg bei Laupen sowohl beim Adel als bei ihren Nachbarn von Freiburg Achtung verschafft. Und weil sie einig waren und treu zusammenhielten, gelang ihnen alles gut. Bald hieß es in der ganzen Lidgenossenschaft: „Gott ist zu Bern Bürger geworden, wer mag wider Gott kriegen?" Linmal aber wurde die Stadt von einem furchtbaren Unglück heimgesucht. Mitte Mai des Jahres fH05 brach eine der ärgsten Feuersbrünste aus, die Bern je verwüsteten. Da starker Wind herrschte, ergriff das Feuer in einer Viertelstunde den größten Teil der Stadt. Ls zerstörte in kurzer Zeit 550 Häuser samt einem großen Reichtum. Mehr als hundert Menschen kamen in den Flammen um. Lin solcher Stadtbrand wäre bei der heutigen Bauart der Städte und den guten Feuerlöscheinrichtungen nicht mehr möglich. Damals war es anders. Wie in den meisten Städten jener Zeit waren auch in Bern fast alle Häuser aus Holz gebaut. Darum konnte das Feuer so rasch um sich greifen und in wenigen Augenblicken alles in Asche legen. Auch Feuerspritzen hatte man noch keine. In Limern und Gelten holte man Wasser herbei und warf es ins Feuer, was aber wenig nützte. So bot denn die stolze Stadt nach wenigen Stunden einen traurigen Anblick dar. viele, die gestern noch reich gewesen, waren heute Bettler. Als das Unglück bekannt wurde, kamen Boten aus allen 85 Städten und Ländern der Lidgenossenschaft. Sie bezeugten den Bernern ihre herzliche Teilnahme und erboten sich, ihnen mit Rat und Tat beizustehen. von Westen her aber näherten sich der traurigen Stätte zwölf schwer beladene Fuhrwerke. Lin langer Zug von Mannschaft und Pferden folgte ihnen. Wer mochte das sein? Die Freiburger waren es. Sie, die noch vor wenigen Jahrzehnten bei Laupen den Bernern unterlegen waren, kamen gleich mit einem Hausen von Kleidern und Lebensmitteln und leisteten den ehemaligen Feinden alle erdenkliche Hülfe. Hundert Freiburger mit vielen Pferden arbeiteten fast einen ganzen Monat lang sehr streng im Dienst der Stadt. Sie halfen den Schutt von der Brandstelle wegführen und die Wohnstätten wieder aufbauen. Was sie unter den Trümmern fanden, das gaben sie gemäß ihrem Lid bei Heller und Pfennig zurück. Die Lerner haben den Freiburgern diese edle Tat nie vergessen. von jetzt an baute man in Bern und andern Städten Häuser aus gebrochenen Steinen oder aus Ziegeln, nicht mehr aus Holz. Auch das alte, bescheidene und ungünstig gelegene Rathaus war verbrannt. Die Berner errichteten nun für ihre Behörden ein neues prächtiges Haus, das noch heute eine Sehenswürdigkeit der Stadt Bern ist. Ltwa fünfzehn Zahre nachher fingen sie an, das großartige Münster zu bauen, eine der schönsten Kirchen in der ganzen Schweiz. Wie man einst die Juden verfolgte, und warum man es tat. vor bald 2000 Jahren, als Jerusalem von den Römern erobert und zerstört wurde, verließen viele Zuden ihre Heimat. Sie lebten seither zerstreut in aller Welt. Trotzdem behielten sie ihre eigene, den andern Leuten unverständliche Sprache bei. Auch hatten sie immer ihre besonderen Sitten und Beschäftigungen. Selten trieben sie ein Handwerk. Fast immer widmeten sie sich dem Handel und besonders gern dem Handel mit Geld. Dabei betrogen sie die Leute nicht selten. Auch verlangten sie für geliehenes Geld hohe Zinsen. Dadurch erregten 86 sie von jeher das Mißtrauen und den Unwillen der Lhristen, unter denen sie wohnten. Diese rächten sich dann hie und da an ihnen durch Gewalttaten und Verfolgungen. Besonders häufig geschah dies in frühern Zeiten, wo der religiöse Haß und der Aberglauben noch größer waren als jetzt. Geschah ein Mord, dessen Täter nicht entdeckt wurde, entstand ein Brand oder eine ansteckende Krankheit, so beschuldigte man sehr oft die Juden als die Urheber. Durch die Folter zwang man sie, ihre angebliche Schuld zu bekennen. Dann wurden sie auf qualvolle weise hingerichtet. Zn den Zähren fZH8 und wurde Europa durch eine schreckliche Krankheit, die Pest, heimgesucht. Sie war durch Schiffe aus der Türkei eingeschleppt und in den Hafenstädten am Mittelmeer verbreitet worden, von da dehnte sie sich mit großer Schnelligkeit über die Schweiz, Deutschland, Frankreich und andere Länder aus. Näherte sich ein Gesunder einem pestkranken, so wurde er sicher angesteckt, und schon am dritten Tage erfolgte der Tod. Die Leute wurden so von Schrecken und Abscheu ergriffen, daß bald kein Arzt und kein Priester mehr die Kranken besuchen wollte. Kaum konnte man Leute finden, die Toten zu beerdigen. An gar manchen Orten sagte man nun, die Zuden seien schuld an diesem Unglück. Man glaubte bemerkt zu haben, daß sie nicht pestkrank wurden. Auch wollte man gesehen haben, daß sie nicht aus den Brunnen Wasser schöpften wie die Thristen, sondern aus Flüssen. Das Gerücht entstand, die Zuden haben die Brunnen vergiftet und so die Pest verursacht. Zu Bern und Zofingen behauptete man, das Gift in den Brunnen gefunden zu haben. Eine furchtbare Wut erhob sich in vielen Städten gegen die Zudem Die Behörden schützten sie nicht. Vielmehr traten sie als Ankläger auf. Sie verhafteten sie zu Hunderten und verhörten sie auf der Folter. Manche bekannten nun, Brunnen vergiftet zu haben. Sie sagten das aber nur, um ihre Folterqualen abzukürzen. Denn es ging damals bei solchen Untersuchungen entsetzlich grausam zu. Zu Schaffhausen erzählten Folterknechte, die beim verhör mitgewirkt hatten, sie haben den Zuden die Waden aufgeschnitten, in die Wunden heißes Pech gegossen und ihnen die Fußsohlen angebrannt. Auch hätten sie ihnen Ahlen unter die Fingernagel gestoßen. Als man sie auf Karren zu der Nichtstätte führte, wo sie verbrannt werden sollten, hätten sie geschrien, sie erleiden unschuldig den Tod. Nach ihrer Einrichtung wurde alles, was man ihnen schuldig war, gestrichen. Die Pfänder und Schuldbriefe wurden den Schuldnern zurückgegeben. Den übrigen Besitz nahm der Nat zu seinen Handen. So konnten durch eine solche Judenverfolgung Privatleute und Behörden ihre Schulden auf eine billige Art tilgen. Ein Zeitgenosse der großen Judenverfolgungen von hat darum wohl recht, wenn er in seine Thronik schrieb: „Das Geld war die Ursache, warum man die Juden tötete. Wären sie arm und die Landesherren ihnen nichts schuldig gewesen, so hätte man sie nicht verbrannt." Das ausgestorbene Bern. Zn den Jahren und sZV waren auch in Bern viele Bürger an der Pest gestorben. Zn der Ferne verbreitete sich das Gerücht, die ganze Bürgerschaft sei dahin, die Stadt sei wie ausgestorben. Auch die adeligen Herren in Schwaben, im Breisgau und im Elsaß hörten davon. Da faßten sie den Plan, sich an der entkräfteten Stadt zu rächen für die Niederlage, welche sie ihnen vor zehn Zähren bei Raupen bereitet hatte. Denn es gab in jenen Gegenden keine adelige Familie, die nicht den Tod eines nahen verwandten betrauerte. Der Plan zu einem solchen Zug fand Beifall und verbreitete sich schnell von Burg zu Burg. Zu Beginn des Winters fanden sich die Nitter mit ihren Knechten auf dem verabredeten Sammelplatz ein. Rkunter brachen sie auf und freuten sich schon des leichten Sieges. Sie schätzten sich glücklich, Rache nehmen zu können an der Stadt, die seit ihrem Entstehen dem Adel ein Dorn im Auge gewesen war und ihm viel Schaden und Schmach verursacht hatte. Sie dachten auch an die reiche Beute und an die Siegeszeichen, die ihren Ruhm künftigen Geschlechtern kundtun werden. Rlit solchen Hoff- 88 nungen rückten sie vorwärts. Auf dem Wege erkundigten sie sich überall nach dem Zustand der feindlichen Stadt. Doch je näher sie ihr kamen, desto weniger erfuhren sie etwas ^>avon, daß die Pest die Bürgerschaft fast aufgerieben habe. Wohl aber sagten ihnen Leute, die kurz vorher in Bern gewesen waren, daß dort alles munter und tätig sei. Die Ritter wollten das einstweilen nicht glauben. Sie hofften, die Sache werde sich schon nach Wunsch aufklären. Bald aber vernahmen sie, daß die Berner im vergangenen Sommer einen hitzigen Krieg mit dem freiburgischen Grafen von Greyerz geführt haben. Zwei seiner Burgen hätten sie erobert und zerstört. Zetzt verging den Ldelherren alle Lust, weiterzuziehen und die Stadt anzugreifen. Mißmutig und beschämt kehrten sie um. Für den Spott brauchten sie nicht zu sorgen. An gar manchem Orte mußten sie die spöttische Frage hören: „warum kommt ihr so bald wieder? Ist der Krieg mit den Bernern schon aus? wo ist die Beute? Wo sind die Siegeszeichen?" wie die Zürcher im Jahre 1,336 ihre Regierung änderten. Zn der Zeit, als die Lidgenossen den ersten Bund schlössen, war Zürich längst eine blühende Stadt. Durch den Lsandel und durch den Fleiß ihrer Lsandwerker war sie reich und mächtig geworden. Auch als Pflegestätte der Kunst und Wissenschaft genoß sie großes Ansehen. Die deutschen Kaiser, die sich in Zürich gern aufhielten, schenkten ihr die Rechte einer freien Reichsstadt. Ihre Regierung bestand von altersher aus den vornehmsten und reichsten Männern, die da wohnten. Sie stellten gute Gesetze auf und waren gerechte Richter. Alle Angelegenheiten der Gemeinde besorgten sie lange treu und gewissenhaft. Allmählich aber scheint dieser gute Geist von der Obrigkeit gewichen zu sein. Die Ratsherren fingen an, auf ihren eigenen Vorteil zu schauen und sich den Mitbürgern gegenüber stolz und herrisch zu benehmen. Da entstand Unzufriedenheit unter der Bürgerschaft. Ritter Rudolf Brun, ein schlauer 89 und ehrgeiziger Mann, stellte sich an die Spitze der Unzufriedenen. Lines Tages entstand vor dem Rathaus ein Auslauf. Das Volk setzte die alte Regierung ab und verbannte viele Mitglieder derselben aus der Stadt. Brun entwarf dann mit einigen Freunden eine neue Verfassung. Als er sie ausgearbeitet hatte, versammelte er die Bürgerschaft auf dem Rathaus und las ihr die neue Stadtordnung vor. Darin hieß es: „Ein Bürgermeister und ein Rat von 26 Mitgliedern sollen von nun an die Stadt regieren. Der Bürgermeister wird auf Lebenszeit gewählt. Der Rat hingegen soll alle sechs Monate erneuert werden. Zu diesem Zweck wird die Bürgerschaft neu eingeteilt. Die Ritter und die Bürger, die kein Handwerk treiben, bilden die Gesellschaft der Ronstaffel. Sämtliche Handwerker werden in dreizehn vereine, Zünfte genannt, eingeteilt. Diejenigen, welche das gleiche oder ein verwandtes Handwerk treiben, kommen in die gleiche Zunft. Die Schuster bilden die Zunft der Schuhmacher, die Schneider und Tuchhändler die Zunft der Schneider, die Schmiede, Waffenschmiede, Glockengießer, Spengler und andere die Zunft der Schmiede, die Zimmerleute, Maurer, Wagner, Drechsler die Zunft der Zimmerleute. Andere Zünfte bilden die Schiffleute, die Gerber, die Metzger, die Bäcker. Vorsteher jeder Zunft ist ein Zunftmeister. Der neue Stadtrat wird nun so gebildet, daß die Gesellschaft der Ronstaffel dreizehn Ratsherren und jede Zunft ihren Zunftmeister in den Rat schickt. Auf Johannistag im Sommer und Johannistag im Winter, wenn die Mitternachtsglocke läutet, hört die Gewalt des alten Rates auf und die des neuen fängt an. Jedesmal, wenn ein neuer Rat antritt, schwören alle Bürger dem Bürgermeister Gehorsam. as erweckte bei denselben jeweilen Unzufriedenheit und entfremdete sie dem Kloster. Als dann die Zeit kam, wo nach dem Vorbild der Waldstätte das Volk überall nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit strebte, da fingen auch die Appen- zeller an, unruhig zu werden. Zu dieser Zeit, nämlich im Jahre s3?9, übernahm Abt Kuno von Stoffeln, ein energischer und rücksichtsloser Wann, die Leitung des Klosters. Er wollte sich von den Rechten und Einkünften desselben durch die Appenzeller nichts abmarkten noch ertrotzen lassen. Die Unnachgiebigkeit des Abtes machte die Landleute noch unzufriedener. Sie beklagten sich über die gewalttätige Regierung der Klostervögte, über die strenge Ausübung von gehässigen Rechten, die mit der Leibeigenschaft zusammenhingen. Man erzählte sich im Volke, daß einmal ein armer Rkann starb. Die Angehörigen begruben ihn in seinem besten Kleid. Da zwang sie der Abt, die Leiche aus- zugraben und das Kleid ihm zu geben. Widerwillig ertrugen die Appenzeller den zunehmenden Druck der Rlosterherrschaft. Zuletzt aber brach der Groll der Bergleute in hellen Flammen aus. Die Appenzeller standen auf, schlössen sich enger zusammen, vertrieben die Rlostervögte und brachen ihre Burgen. Der Vogt von Schwendi und die Ratze in der Ali Ich taufe. Bei Schwendi, etwa eine Stunde vom Hauptort Appen- zell entfernt, erhebt sich eine felsige Anhöhe, auf welcher in alter Zeit eine Burg stand. Nach dem Umfang des Hügels kann sie nicht groß gewesen sein. vielleicht war es nur ein Turm. Aber der kleine Hügel ist ein Denkmal der Freiheit. Zeder Appenzeller weiß, wie die Burg auf dem Hügel einst vom Erdboden vertilgt worden ist. Aus dieser Burg hauste einer jener Vögte, welche die Appenzeller hart bedrückten. Er liebte es, vor seinem Turm zu sitzen und hinauszuschauen über die sanft aufsteigenden Hügel, hinab ins Tal und hinauf zu den nahen und fernen Gebirgen. Am Turm ging häufig ein Rnabe vorüber, um Milch und Molken von der Alp zu holen. Der Vater des Rnaben wohnte in der Nähe im Rachentobel. Er war Müller und Bäcker und hatte eine große Familie zu ernähren. Als einst der Rnabe am Turme vorbeiging, fragte ihn der Edelmann: „Was machen Vater und Mutter?" Der Rnabe gab zur Antwort: „Der Vater backt ehegegessenes Brot, und die Mutter macht bös auf bös." Als der Edelmann fragte, was er damit sagen wolle, erklärte ihm der Rnabe, daß der Vater das Mehl, welches er verbacke, noch nicht bezahlt habe, und daß die Mutter mit alten Rappen ein zerrissenes Kleidungsstück flicke. Auf die Frage des Herrn, warum sie das täten, antwortete der Rnabe: „Eben darum, weil du uns alles Geld nimmst", worauf ihm der Vogt drohte, die Hunde auf ihn zu hetzen. Der Rnabe erzählte den Vorfall zu Hause. Da riet ihm der Vater, künftig seine Taufe mit dem Deckel abwärts zu tragen und eine Ratze in dieselbe zu sperren. Als der Rnabe, so gerüstet, wieder am Turm vorbeikam, sagte der Burgherr: „Nun, du Witznase, kannst du mir sagen, ob eine Elster mehr weiße oder schwarze Ledern hat?" Der Knabe: „Mehr schwarze." Der Vogt: „warum?" Knabe: „weil der Teufel mit den Zwingherren mehr zu schaffen hat als die Engel." Schnell ließ nun der Edelmann seine Hunde los, der Knabe die Katze. Die Hunde eilten dieser nach, und der Knabe entfloh lachend nach dem Tobel. Hier holte ihn der Burgherr ein und erstach ihn mit seinem Spieß. Um Rache zu nehmen, rief der Vater alles Volk zusammen. Der Vogt flüchtete sich. Aber noch hatte er die Spitze eines benachbarten Berges nicht erreicht, als er die Flamme aus seiner Burg emporlodern sah. Jene Flamme wurde das Zeichen zur Zerstörung anderer Burgen. Es folgten Freiheitskämpfe der Appenzeller gegen die st. gallischen und österreichischen Hülfstruppen des Abtes. Bei vögelisegg und am Stoß verrichteten sie waffentaten, welche denen der Eidgenossen bei Morgarten und Sempach würdig zur Seite stehen. Die Appenzeller wollten frei sein. Sie haben sich mit Hülfe der Schwizer und Glarner frei gemacht von der Herrschaft des Abtes. Zwar ist ihnen nicht mit Unrecht vorgeworfen worden, daß sie dabei auch wohlerworbene Rechte des Klosters gar zu wenig geachtet haben. Aber die Appenzeller glaubten, zur Freiheit habe jeder das Recht, sobald er sie zu gebrauchen wisse und sie behaupten könne. Sie gaben sich fortan eigene Beamte und Gesetze. Sie tun es noch jetzt auf der Landsgemeinde, die in der Zeit jener Freiheitskämpfe entstanden ist. Sie ist darum eine ehrwürdige Einrichtung. Kaiser Ägimmd besucht Bern W4. Im Juli des Jahres 1414 reiste der deutsche König und Kaiser Sigmund durch die Schweiz. Er kam aus Italien und wollte nach Konstanz. Dort sollte ein Konzil, das heißt eine Versammlung von hohen und gelehrten Geistlichen stattfinden. Der Kaiser hatte im Sinn, sich in Bern aufzuhalten. Man kann sich denken, welche Mühe sich die Berner gaben, um ihn würdig zu empfangen. Der Rat war fast Tag und Nacht versammelt. Tr gebot den Bürgern bei schwerer Strafe, sich während der Anwesenheit des Kaisers ruhig zu verhalten. Auch sollen schleunigst alle Gassen und Plätze gut gereinigt werden. Der Rat bestellte Leute für die Küche. Andere wurden beauftragt, für Speise und Trank, für Betten, Kammern stMM vor dem nahenden Kaiser eine Schar junger Knaben, kniend, kleine Reichsfähnchen und Berner Fähnchen haltend, über der Stirne eines jeden ein Ptapierschildchen mit dein Reichsadler in ein Rlumenkränzlein gesteckt. Alle überragt ein größerer Knabe mit einem größeren Neichsfähnchen. Hinter den Knaben Volk und Geistlichkeit mit Kirchenfahnen. und Tische und für die nötigen Ballungen zu sorgen. Denn der Kaiser kam mit mehr als 800 Pferden und der Graf von Savo^en, der ihn begleitete, mit 600 Pferden. Als der Kaiser in der Nähe der Stadt angekommen war, gingen ihm die Geistlichen und die Ratsherren entgegen. Ihnen voran schritten 500 Berner Knaben unter !s6 Jahren in militärischer Ordnung. Sie trugen einen ganzen Wald von Fähnlein. Auf einmal ertönte der Ruf: „Der Kaiser, der Kaiser!" Als er näher gekommen war, empfing ihn zunächst die Geistlichkeit mit Kreuz, Kirchenfahnen und Gesang, dann auch der Rat. Der Schultheiß bot dem Kaiser auf einem silbernen Teller die Schlüssel zu den Toren der Stadt. Der Kaiser übergab sie ihm wieder, indem er sagte: „Habt Dank für euere Treue; empfanget die Schlüssel wieder und hütet eure Stadt wohl." Dann wurde ein goldener Himmel, den Rkänner auf vier Stangen trugen, über dem Kaiser ausgebreitet. So ritt er in Bern ein. Da führte man ihn in ein Kloster, wo man ein prachtvolles Zimmer für ihn hergerichtet hatte. In einer großen Stube standen Bänke und Tische für das Festmahl bereit. Die Stadt hatte im Sinn, ihr kostbarstes Silbergeschirr herzugeben. Aber der Hofmeister des Königs sagte: „Wir bitten, das zu unterlassen. Die Böhmen, die im Gefolge des Kaisers sind, können nicht anders, sie müssen stehlen. Das wertvolle Geschirr würde also sehr wahrscheinlich abhanden kommen." So tranken denn der Kaiser und alle andern Gäste aus dünnen welschen Gläsern, der Kaiser mit dem Grafen von Savoyen aus dem gleichen Glas. In Bern hatte der Kaiser viel zu tun. Grafen und andere hohe Herren wünschten mit ihm zu sprechen. Ts kamen aber auch Leute zu ihm, die wegen einer Missetat aus der Stadt verbannt worden waren. Die baten den Kaiser um Gnade. Fand er, daß ihr vergehen nicht gar zu schwer sei und eine Milderung der Strafe gestatte, so begnadigte er die Bittenden. Wenn aber gemeine Mörder, Diebe, Vergifter, Unruhestifter kamen und Verzeihung begehrten, dann sagte er: „Hinweg mit euch; ihr sollt keine Gnade finden bei mir", und alsbald mußten sie die Stadt wieder verlassen. R8 Nach drei Tagen nahm der Kaiser Abschied von den Bernern. Als er abgereist war, fingen die Ratsherren an, die Kosten der Bewirtung zusammenzuzählen. Die Weinhändler, Gastwirte, die Bäcker, Schmiede, Schneider und Sattler stellten große Rechnungen. Dazu kam noch alles das, was man den Pfeifern, Trompetern, den Türhütern, Köchen und vielen andern Dienstleuten an barem Geld gegeben hatte. Alles zusammengerechnet, kostete der Empfang des Kaisers 2000 Pfund Pfennige, in unserm Geld etwa f^OOO Franken. Doch bedauerte niemand die großen Ausgaben; denn nachdem der Kaiser noch in vielen andern Städten und Landen gewesen war, rühmte er öffentlich, daß ihm in keiner Reichsstadt mehr Ehre und Auszeichnung zuteil geworden sei als in Bern. Das Konzil zu Konstanz. Um das Jahr fHOO herrschte unter den Thristen große Uneinigkeit. Der französische König hatte den Papst gezwungen, seinen Sitz von Rom nach Südfrankreich zu verlegen. Er machte ihn dadurch ganz von sich abhängig. Die Franzosen waren damit einverstanden. Die übrigen Völker aber zeigten sich darüber unzufrieden. Auch die Kardinäle, die den Papst zu wählen hatten, teilten sich in eine französische und eine römische Partei. Jede wählte einen besondern Papst, und jede verlangte, daß der ihrige als der rechtmäßige anerkannt werde. Eine Kirchenversammlung in pisa in Italien wollte die Spaltung beseitigen. Sie setzte beide Päpste ab und wählte einen neuen. Die abgesetzten Päpste aber wollten sich nicht fügen. So gab es jetzt drei Päpste. Jeder bekämpfte die andern. Das verursachte große Unordnung und viele Streitigkeiten. Die Leute wußten nicht, welcher der rechtmäßige Papst sei. Rkehr als 30 Jahre dauerte die Spaltung. Da wandten sich Rkänner, die es mit der Kirche gut meinten, an den deutschen Kaiser. Sie baten ihn, er solle Ordnung machen. Er scheute denn auch keine Rkühe, um die ärgerliche Verwirrung zu beseitigen. Nach seiner Ansicht konnte dies nur auf einer allgemeinen Kirchenversammlung geschehen. Er redete darüber mit Papst Johann XXIII., der in Rom regierte und am meisten Anhänger hatte. Ihn suchte er zu bewegen, eine solche Kirchenversammlung einzuberufen. Papst Johann erklärte sich dazu bereit. Er war auch einverstanden, daß die Stadt Konstanz als Versammlungsort bestimmt wurde. Durch ganz Europa gingen die Boten. Alle Völker wurden eingeladen, ihre Gesandten zu schicken. So kamen im Jahre WH in Konstanz geistliche und weltliche Abgeordnete aus allen Ländern Europas zusammen, um über das Beste der Lhristenheit zu beraten. Auch der Bischof von Thür und der Abt von Disentis nahmen am Konzil teil. Ungern machte sich auch der Papst Johann in Rom auf den Weg über die Alpen. Er befürchtete, daß die Beratungen der Versammlung nicht nach seinem Wunsche ausfallen möchten. Darum suchte er, bevor er abreiste, einen starken Beschützer. Durch Geld und Freundschaftsbezeigungen gewann er den perzog Friedrich von Österreich zum Freunde. Das war nämlich weitaus der mächtigste perr in der ganzen Gegend, wo das Konzil abgehalten wurde. Durch sein Gebiet, das Tirol, führte der Weg von Italien nach Konstanz. Ihm gehörte der Thurgau, in welchem Konstanz damals lag. Ihm gehörten ferner der Aargau und viele Städte und Landschaften am Rhein. Unter der Begleitung des Lserzogs von Österreich ritt Papst Johann in Konstanz ein. Die Kirchenversammlung fand nun, das beste sei, daß alle drei Päpste abdanken. Dann könne man einen neuen wählen, der von allen Völkern anerkannt werde. Das geschah. Papst Gregor XII. und Johann XXIII. traten freiwillig zurück. Der dritte weigerte sich abzudanken. Da setzte ihn das Konzil ab und wählte Martin V. als neuen Papst. So wurde die Verwirrung in der Regierung der Kirche aufgehoben. s20 wie die Lidgenossen den Aargau eroberten. W5. Die Kirchenversammlung zu Konstanz hatte auch Papst Johann XXIII. veranlaßt abzudanken. Bald aber bereute dieser seinen Schritt. Er entschloß sich, aus Konstanz zu fliehen. Herzog Friedrich unterstützte ihn und verhals ihm zur Flucht. Das ärgerte die Mitglieder des Konzils. Sie wußten, daß der geslüchtete Papst und der Herzog im Sinne hatten, das Konzil aufzulösen. Kaiser Sigmund sprach sofort die Acht über den Herzog aus. Das bedeutete, daß dieser alle seine Länder verlieren solle, und daß es jedermann frei stehe, ihn zutäten. Nun fehlte es aber dem Kaiser an Geld und Soldaten, um die ausgesprochene Strafe zu vollstrecken. Er wandte sich deshalb an die vielen adeligen Herren im Thurgau und im Schwabenland und forderte sie aus, dem Herzog die dortigen Ländereien zu entreißen. Er gelangte auch an die Eidgenossen und hieß sie, dem Herzog die Besitzungen im Aargau wegzunehmen. Die Eidgenossen wollten das zuerst nicht tun. Sie hatten drei Jahre vorher mit dem Herzog Frieden geschlossen. Sie hatten von den österreichischen Herzögen bis jetzt nicht viel Gutes erfahren. Aber es erschien ihnen als unehrlich, gerade jetzt, wo der Herzog im Unglück war, den Eid zu brechen und das Kriegsbanner gegen ihn zu erheben. Der Kaiser und das Konzil aber sagten, es sei erlaubt, einem Feinde des Konzils die Treue zu brechen. Der Kaiser ermähnte sie immer dringender, wider den Herzog ins Feld zu ziehen. Er stellte ihnen sogar in Aussicht, daß sie die Gebiete und Leute, die sie erobern, behalten dürfen. Da ließen die Eidgenossen ihre Bedenken fahren und zogen aus, zuerst die Berner. Mit viel Mannschaft und großem Geschütz rückten sie den Usern der Aare entlang in den wehrlosen Aargau ein. Sie eroberten Zofingen, Aarau, Brugg und andere Orte und ließen sich von ihnen huldigen. Schnell folgte Solothurn. Zürich, Luzern und die übrigen Grte wollten nicht zurückbleiben und sich auch einen Anteil an der Beute sichern. Gemeinsam belagerten sie Bremgarten. Nach wenigen Tagen nahmen sie das Städtchen ein. Dann zogen sie vor Baden. Das war der Mittelpunkt der österreichischen Hcrr- O- 1 H?! Die Lidgenossen vor dem ,,Stein" zu Baden. Beachte die Zelte mit den Wappen, die Truppen der einzelnen Vrte angedeutet durch die Banner, Schanzkörbe zur Deckung der Schützen, rechts die Armbrustschützen, links die Büchscnschützcn. schast in der Schweiz. Da wohnte seit alter Zeit der österreichische Lsandvogt. Dieser tat alles, um den festen s)latz nicht in die Hände der Eidgenossen fallen zu lassen. Er versah die s22 Stadt und die dortigen Schlösser mit Mannschaft, Kriegsrüstung und Lebensmitteln. Die Bürger leisteten tapferen Widerstand. Aber auch die Lidgenossen ruhten nicht. Sie beschossen die Stadt zwei Wochen lang Tag und Nacht. Schon war ein Stück der Ringmauer zerstört. Da das Wasser abgeleitet worden war, standen die Mühlen in der Stadt still. Nun wich der Landvogt mit seinen Kriegsknechten hinauf in die Feste oberhalb der Stadt, welche der „Stein zu Baden" hieß. Die Lidgenossen folgten ihm und belagerten den „Stein". Lin Sturm nach dem andern wurde unternommen, so lange, bis die im Schloß müde waren. Jetzt schlug der Landvogt einen Waffenstillstand von acht Tagen vor. wenn der Herzog die Besatzung binnen dieser Zeit nicht befreie, dann wolle er die Burg den Lidgenossen übergeben. Diese waren einverstanden. Die acht Tage verflossen, ohne daß die Festung Hülfe erhielt. Da übergab sie der Landvogt und zog ab. Nun gingen die Lidgenossen daran, den „Stein", von dem aus ihnen seit langer Zeit viel Übles zugefügt worden war, zu zerstören. Sie brachen die Burg bis auf das unterste Gemach ab. Dann zogen sie siegesfroh nach Hause. Boten der eidgenössischen Vrte kamen nun zusammen, um zu beraten, wie sie die gemeinsam gewonnenen Landschaften besetzen und teilen wollen. Nur die Urner wollten keinen Anteil an dem eroberten Lande haben. Sie sagten, sie seien für das Reich und auf den Befehl des Kaisers gegen den Herzog von Österreich ins Feld gezogen. Dieser habe sich nun mit dem Kaiser ausgesöhnt. Darum wollen sie keinen Teil haben an den gewonnenen Herrschaften. Der Kaiser möge mit ihnen anfangen, was er wolle. Wegen dieser Rede wurden sie von den Schwizern und den andern Lidgenossen ausgelacht und verspottet. Diese sagten: „Schaut doch, wie klug und großmütig die Urner sind. Sie müssen wohl etwas Besonderes haben." Ls ging aber nicht lange, so gerieten die übrigen Mrte wegen der Teilung der Beute in einen heftigen Streit. Auch der Kaiser machte Schwierigkeiten. Lr verlangte, daß ihm die Lidgenossen die s23 eroberten Städte und Landschaften herausgeben. Da erinnerten ihn die Eidgenossen an sein versprechen. Er gab sich aber erst zufrieden, als sie ihm eine beträchtliche Summe bezahlt hatten. Nun konnten sie frei über die aargauischen Gebiete verfügen. Das Freiamt und die Grafschaft Baden verwandelten sie in eine gemeine Herrschaft, das heißt in ein Untertanenland, das sie gemeinsam regierten. Die Orte schickten abwechselnd einen Landvogt nach Baden und einen andern in die freien Ämter nach Muri. Wenn zwei Jahre abgelaufen waren, versammelten sich Abgeordnete der regierenden Orte zu Baden. Da nahmen sie den alten Vögten die Rechnung ab und setzten neue in ihr Amt ein. Es ist zu bedauern, daß sich die Eidgenossen damals nicht entschließen konnten, den Aargauern die volle Freiheit zu gewähren und sie als gleichberechtigte Glieder in ihren Bund aufzunehmen. Mie es einem Fuhrmann mit eidgenössischen Ackufmaims- waren im Llsaß erging. W5. Linst reisten eidgenössische Kaufleute nach Frankfurt am Main, wo von alters her große Märkte stattfanden. Sie kauften dort viele Tuchwaren und brachten sie glücklich den Rhein herauf bis nach Kolmar. Weiter getrauten sie sich mit ihrem Gut nicht zu fahren. Es herrschte nämlich große Unsicherheit wegen des Krieges gegen den Herzog Friedrich von Österreich, der vom Kaiser in die Acht erklärt worden war. Die schweizerischen Kaufleute übergaben ihre waren deshalb einem Fuhrmann mit dem Auftrag, sie ihnen in die Schweiz nachzuführen. Sie selbst fuhren heimlich von Kolmar herauf der Heimat zu. Der Fuhrmann kannte die Gefahr, die ihm drohte. Er wußte sich aber zu helfen. Er ritt zuerst nach Konstanz, wo sich der Kaiser damals aufhielt, von ihm begehrte und erhielt er einen Geleitsbries. Das war ein Schreiben, in dem der Kaiser befahl, daß man den Fuhrmann frei und'unge- hindert seines Weges fahren lasse. Nun fuhr dieser mit dem eidgenössischen Kaufmannsgut durchs Llsaß herauf. Da sprengte aus dem Städtchen Lnsisheim heraus der Graf Hans von Lupfen mit seinen Soldknechten. Er beraubte den Fuhrmann und führte die Beute nach Lnsisheim. Das vernahmen die von Basel. Aus Freundschaft zu den Lidgenossen schickten sie eilends einen Boten nach Lnsisheim. Dieser befahl dem Raubritter, das geraubte Gut nicht anzutasten. Da Basel eine Reichsstadt war, mußte der Graf diesem Befehl gehorchen. Unterdessen eilte der Fuhrmann wieder nach Konstanz. Dort klagte er beim Kaiser wider den Herrn von Lupfen, der das königliche Geleit an ihm verletzt und ihm auf offener Reichsstraße die eidgenössischen Kaufmannswaren weggenommen habe. Der Kaiser forderte den Angeklagten auf, nach Konstanz zu kommen und sich zu rechtfertigen. Er kam und suchte sich damit auszureden, daß der Fuhrmann zu Lnsisheim auch freies Geleit hätte verlangen sollen. Das habe er nicht getan und damit gezeigt, daß er ihn verachte. Der Kaiser berief die Kurfürsten und Abgeordneten der Reichsstände zu sich und saß mit ihnen zu Gericht. Ratsboten aus Straßburg, Basel und andern Städten erschienen als Zeugen. Sie sagten, daß man zu Lnsisheim nie sicheres Geleit habe verlangen müssen. Nachdem auch noch beide Parteien angehört worden waren, begehrte der Kaiser das Urteil der Richter. Lr ersuchte zuerst den Kurfürsten von Brandenburg, seine Meinung zu sagen. Dieser sprach: „Gott der Herr hat für die Menschen das Erdreich erschaffen, worauf Reiche und Arme gehen, die Straßen brauchen und ihre Nahrung suchen müssen. Darum sollte nach göttlichem Recht niemand eines besondern Geleitsbriefes bedürfen. Des Reiches Straßen sollten für jedermann frei sein, für den Armen wie für den Reichen, wenn einer aber offene Feinde hat, vor denen er gern sicher wäre, der mag Geleit nehmen, wenn er will. Zu Lnsisheim aber ist solches nie verlangt worden. Darum muß der Herr von Lupfen dem Fuhrmann das Gut, das er ihm genommen, wieder herausgeben, und ihm auch die Kosten und den entstandenen Schaden ersetzen." wie der Kurfürst von Branden- 125 bürg, urteilten auch alle andern Richter. Der wackere Fuhrmann erhielt sein Gut wieder. Auch wurde er für alle Rosten und den aufgelaufenen Schaden entschädigt und konnte die übernommenen waren ihren Besitzern zuführen. Hoffentlich haben diese den redlichen Rkann auch gehörig belohnt. Wie sich die Gberwalliser mit den Lidgenossen befreundeten. W6. Im heutigen Ranton wallis bestanden einst ganz ähnliche Verhältnisse wie bei uns in Graubünden, wie hier der Bischof von Thür, so war dort der Bischof von Sitten der mächtigste Herr des Landes. Neben ihm regierten Freiherren und Adelige, die auch Rechte und Ansprüche geltend machten. Mit diesen Freiherren und Baronen hatten die Walliser Bischöfe viele Rümpfe zu bestehen. Die Landleute unterstützten sie dabei kräftig. Die Bischöfe zeigten sich dankbar dafür, indem sie ihnen allerlei Rechte und Freiheiten erteilten. Im Jahre 1375 saß Bischof witschard auf dem Bischofsstuhl in Sitten. Dreiunddreißig Jahre lang hatte er in sehr unruhigen Zeiten das Bistum mit großer Weisheit verwaltet. Lr war darum nicht nur im Hauxtort Sitten, sondern im ganzen Lande beliebt. In den letzten Jahren hatte er einem Adeligen verschiedene Rechte über die Stadt Sitten abgekauft. Über diesen Raus war der Freiherr Anton von Thurn sehr unzufrieden. Lr hätte diese Rechte gern selbst erworben und war wegen seiner großen Verwandtschaft und Macht sehr zu fürchten. Linst, als eben der Bischof auf der Burg Seta hoch über Sitten saß, kamen Boten zu ihm. Der Herr von Thurn hatte sie gesandt. Sie verlangten, daß er ihm jene Rechte über Sitten abtrete. Der Bischof erklärte ihnen, jener Rauf sei in der Ordnung vor sich gegangen. Lr könne das, was er für das Bistum auf rechtmäßigem Wege erworben habe, nicht mehr veräußern. Die Boten bestanden auf ihrer Forderung, der Bischof auf seinem Recht. Die Gemüter erhitzten sich. Lndlich legten die Boten Hand an den kraftlosen Greis und 9 f26 rissen ihn mit sich fort. vergebens flehte er um Schonung, drohte ihnen vergebens mit der Rache Gottes. Nichts vermochte, die verwilderten Menschen umzustimmen. Sie stürzten den Bischof aus einem Fenster der Burg in den Abgrund, an dessen Felsen er zerschmetterte. Als die Nachricht von dieser Freveltat bekannt wurde, ergriff Schmerz und Entsetzen die Landleute. Durch das ganze Wallis erscholl der Ruf zur Rache. Die Mannschaften der Bezirke Goms, Brieg, Lenk, Siders und Sitten griffen zu den Waffen und schwuren, den Mord zu rächen. Sie schlugen die Scharen des Freiherrn bei St. Leonhard oberhalb des Städtchens Sitten. Dann zogen sie nach seiner festen Stammburg Gestelen, die beim Dorf Niedergestelen stand. Der Freiherr glaubte, die Burg retten zu können, indem er sie rasch dem Grafen von Savo^en verkaufte. Es nützte ihn aber nichts. Das aufgebrachte Volk belagerte sie, nahm sie ein und zerstörte sie. Nun fiel auch das Lötschental, über welches der Freiherr von Thurn geherrscht hatte, von ihm ab und schloß sich den Wallisern an. Anton von Thurn mußte alle seine Güter verkaufen und das Land verlassen. Solche Folgen hatte die Untat, die an dem wehrlosen alten Bischof verübt worden war. Aber es gab im Wallis noch andere Lserren, welche die Freiheit des gemeinen Mannes bedrohten. Da regierten im Westen die ehrgeizigen und mächtigen Grafen von Sa- voyen. Diese hofften wohl, früher oder später das ganze lange Rhonetal in ihre Lsand zu bringen. Aber die Walliser sahen sich vor. Um vor den Savo^ern sicher zu sein, schlössen die Oberwalliser Gemeinden einen ewigen Bund mit den Urnern, Unterwaldnern und Lu- zernern. Das war der erste Bund der Walliser mit den Eidgenossen. Das Wallis wurde durch denselben ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Das bedeutete, daß es mit den Eidgenossen befreundet war. Aber es konnte nicht regelmäßig die Tagsatzung besuchen. Auch durfte es nicht mit- regieren über die gemeinsamen Untertanenlande. wie die Lidgenossen im oberen Tessin Fuß faßten. >W—>440. Auf der Südseite der Alpen liegt das lange Tal, das vorn Tessin durchflossen wird. Der Hauptort desselben ist die Stadt Bellinzona. Der berühmte Gotthardweg führt durch dieses Tal, und Bellinzona ist aus der italienischen Seite gleichsam der Schlüssel zu diesem paß. Die Bewohner der Urkantone, und besonders die Urner, kannten die große Bedeutung dieses Verkehrsweges aus Erfahrung. Über den Gotthard führten sie schon lange Vieh und Rase nach Italien, von dort her brachten sie Reis und Weizen in ihre Heimat, wo das Getreide nicht so gut gedeiht. Es ist daher sehr natürlich, daß die Waldstätte den für sie so wichtigen Weg in ihre Hand zu bekommen wünschten. ^ Eine günstige Gelegenheit dazu bot sich im Jahre s^OZ. Der Herzog Johann Galeazzo Visconti von Mailand, dem das Tal gehörte, war eben gestorben. Er hinterließ eine Witwe mit zwei unmündigen Söhnen. Da brachen im Herzogtum Unruhen aus. Die Mailänder wollten die Gelegenheit benutzen, um sich mehr Freiheiten zu verschaffen. Es entstand Unordnung und Unsicherheit. Die schweizerischen Kaufleute waren auf ihren Reisen von und nach Mailand nicht mehr sicher. Darum zogen im Jahre sH03 die Urner und Obwaldner über den Gotthard und besetzten den obersten Teil des Tessintales, welcher das Livinental heißt. Jetzt bekamen auch die Grafen von Sax Mut. Diese regierten schon lange über das Misoxertal. Sie hatten dort eine großartige Burg, die mächtigste in unserm Lande. Als die Grafen hörten, daß in Mailand Unordnung herrsche und daß die Eidgenossen das Livinental besetzt hätten, machten auch sie sich auf. Sie eroberten das Blegnotal und die Stadt Bellinzona. Um das eroberte Gebiet besser verteidigen zu können, schlössen sie mit den Eidgenossen ein Bündnis. Allmählich aber besserten sich in Mailand die Verhältnisse wieder. Ein Sohn des fH02 verstorbenen Herzogs hatte die Regierung übernommen. Er stellte die Ordnung wieder her. Er besaß einen tüchtigen Heerführer am Grafen Larma- gnola und viele gut ausgebildete Soldaten. Jetzt fühlten sich die Grafen von Sax in Bellinzona nicht mehr ganz sicher. Sie verkauften darum WH den Urnern und Obwaldnern die Stadt um 2000 Gulden, etwa H5 000 Franken. Der Herzog von Mailand wollte aber die Stadt, die den Eingang in sein Land eröffnete, wieder zurückgewinnen. Zuerst bot er den Urnern und Gbwaldnern eine Geldsumme an. Sie wiesen dieselbe ab. Da griff der Herzog zu einer List. Durch Geld und Ehrenstellen brachte er mehrere vornehme Bellenzer auf seine Seite, plötzlich erschien ein zahlreicher Haufen mailändischer Krieger vor der Stadt und forderte ihre Übergabe. Da entstand in derselben große Aufregung. Die Bestochenen schrien, man solle die Bürgerschaft nicht dem Sturm und der Plünderung aussetzen. Die schwache Besatzung der Schweizer übergab die Stadt und zog heim. Die Nachricht von diesem Überfall erregte in den Ur- kantonen heftigen Zorn. Sie mahnten die übrigen Vrte zu sofortiger Hülfe und zum Aufbruch. Aber nicht überall fand die Mahnung Gehör. Es hieß, Bellinzona liege außerhalb der Grenzen, innert denen man sich Hülfe versprochen habe. Doch gelang es den Urkantonen auf einer Tagsatzung in Luzern, auch die übrigen Eidgenossen zu einem Kriegszug zu bewegen. Zn großer Eile wurde der Gotthard überstiegen, voraus stürmten die Luzerner, Urner, Unterwaldner und Zuger. Eine Tagereise hinter ihnen folgten langsam die Zürcher und Glar- ner. Auch die Appenzeller und St. Galler zogen mit; denn sie waren seit den Appenzeller Freiheitskriegen mit den Eidgenossen befreundet und standen unter ihrem Schutz. Der Anführer der mailändischen Truppen in Bellinzona, Tarmagnola, erhielt durch seine Kundschafter Nachricht vom Herannahen der Feinde. Es wurde ihm gemeldet, daß die Vorhut dem nachfolgenden Haufen weit vorauseile. Überhaupt sei unter den Eidgenossen keine Einigkeit und kein rechter Zu- sammnehalt. So entschloß er sich denn, die schweizerischen vortruppen bei Arbedo, eine Viertelstunde oberhalb der Stadt Bellinzona, anzugreifen. Die Lidgenossen wehrten sich eine Zeitlang tapfer. Dann aber mußten sie der Übermacht weichen und sich zurückziehen. Als der Kampf entschieden war, kamen nach und nach auch die andern eidgenössischen Truppen an. Sie sagten, man solle nicht heimkehren, bis man sich gerächt habe. Aber Bellinzona war durch Mauern und Türme stark befestigt. Belagerungsgerät hatten die Schweizer keines bei sich. Auch fehlte es ihnen an Proviant. So mußten sie denn unverrich- teter Sache den Heimweg antreten. Der versuch der Urschweizer, die Tessiner auf ihre Seite zu ziehen, war für einmal mißglückt. Linige Jahrzehnte später gelang es den Urnern dann freilich, wenigstens den obern Teil des Tessintales, das Livinental, nochmals zu gewinnen. Dort wohnten freie Bauern wie in Uri. Leider aber gestatteten ihnen die Urner nicht, sich selber zu regieren, sondern machten sie zu ihren Untertanen. Die Gründung des Oberen oder Grauen Bundes 1424- Im Bündner Oberland, in der Nähe von Truns, steht eine Kapelle. Sie ist der heiligen Anna geweiht und heißt daher St. Anna-Kapelle. Daneben stand bis vor etwa fünfzig Jahren ein Ahornbaum. Zm Schatten dieses Baumes ist vor 500 Zähren der Graue Bund beschworen worden. Kurz vorher hatten sich im Oberland blutige Kämpfe abgespielt. Der Bischof von Thür hatte dort Krieg geführt gegen die Freiherren von Räzüns. Die beiden Parteien hätten ihren Streit durch ein Gericht entscheiden lassen können. Aber sie taten es nicht. Die Gerichte genossen kein Ansehen mehr. Sie wurden entweder gar nicht mehr angerufen, oder ihre Urteile blieben unbeachtet. Die Landesherren fragten in einem Streit meistens nicht danach, wer recht habe. Zeder wollte der Mächtigere sein. Darum führten sie in einem fort Krieg miteinander. Viele junge, kräftige Männer kamen in diesen Kämpfen um. Äcker und Wiesen wurden verwüstet, die Haustiere geraubt, Häuser und Ställe nieder- 1(30 gebrannt. Der Bauer war nicht mehr imstande, sich und seine Familie zu ernähren. Noch viel weniger konnte er den Herren die schuldigen Steuern bezahlen. Weder zu Hause noch auf den Straßen war er sicher vor Gewalttaten. Das war ein unerträglicher Zustand. Nicht nur das Volk, sondern auch der Adel litt darunter. Männer aus allen Gemeinden des vorder- und Hinterrheintales kamen deshalb zusammen und hielten Rat, was zu tun sei. Sie verabredeten, ihre Landesherren zu bewegen, von den fortwährenden Streitigkeiten abzulassen, Recht und Gesetz zu achten und zu schützen. Sie teilten ihre Absicht zuerst dem Disentiser Abt, Peter von pontaningen, mit, den alle ehrten und liebten; denn er war ein weiser und frommer Mann und ein Wohltäter des ganzen Oberlandes. Der Abt billigte ihren Plan. Auch sein Kloster litt schwer unter der beständigen Unordnung. Auf seinen Rat sandten sie Boten an die Freiherren und Grafen. Die einen gingen zu den Herren von Räzüns, welche über die Gemeinden Safien, Tenna und Obersaxen befahlen. Andere begaben sich zum Grafen Johann von Sax-Misox, der außerhalb des Misoxertales über die Stadt Zlanz, die Gruob, über vals, Lugnez und Flims gebot. Weitere gingen zu Graf Hugo von Werdenberg, dem die Gemeinden Trins und Taunus Untertan waren. Auch an den Grafen Heinrich von Sargans, der über Schams und Rheinwald, über Löwenberg und Schleuis, über Thusis, Heinzenberg und Tschapxina herrschte, schickten sie Gesandte. Alle verlangten, daß die Herren den Ungerechtigkeiten und Gewalttaten ein Lüde machen. Sonst werde das Volk selbst Ordnung schaffen. Zn allem, was recht und billig sei, wollen sie ihnen gehorchen und die schuldigen Abgaben leisten. Aber sie wünschen, auf Feld und Straße sicher zu sein, und fordern unparteiisches und strenges Gericht. Der Abt von Disentis sei damit einverstanden. Als die Adeligen die Einigkeit und die feste Entschlossenheit der Landleute sahen und hörten, daß der Abt von Disentis sie unterstütze, da erklärten sie sich zu allem bereit. Nur der Graf von Sargans war nicht einverstanden. Er verbot seinen Untertanen im Hinterrheintal sogar, sich den Oberländern an- zuschließen. Die von Thusis, Tschappina und am Heinzenberg gehorchten ihm, nicht aber die Rheinwalder und Schamser. Sie ließen sich durch seine Drohungen nicht abhalten, zu tun, was sie für gut fanden. Am Morgen des s6. März versammelten sich zu Truns neben der St. Anna-Uapelle die Herren des Oberlandes. Es erschienen der Abt von Disentis, die Freiherren Ulrich und Heinrich von Räzüns, Graf Hans von Sax und Hugo von Werdenberg mit ihren Rittern und Edelleuten. Es erschienen auch die Boten der Gemeinden aus dem Oberland, Schams und Rheinwald. Alle kamen, um durch einen Lid- schrvur zu bekräftigen, was sie zuvor verabredet und beschlossen hatten, und was dann ausführlich in einem Bundesbrief niedergeschrieben worden war. Feierliche Stille herrschte, als der Abt von Disentis in den Üreis der versammelten trat und begann, den Bundesbrief vorzulesen. Es stand darin geschrieben, daß sie gute Freunde und treue Bundesgenossen sein und bleiben wollen, solange Grund und Grat stehen. In allen Nöten versprachen sie einander zu raten und zu helfen, mit «leib und Gut, mit Land und Leuten. Die Straßen wollen sie schirmen, Frieden halten und einen jeden bei seinen Rechten schützen, er sei edel oder unedel, reich oder arm. Alle eigene Gewalt müsse aufhören. Für unparteiische Rechtsprechung soll von jetzt an ein Gericht des Bundes sorgen. Diesem sollen zwölf Richter angehören. Drei derselben wählt der Abt von Disentis. Je drei bezeichnen die Freiherren von Räzüns und die Freiherren von Sax-Misox, zwei weitere die Rheinwalder und einen die Freien von Laax. Das Bundesgericht soll sich in Truns versammeln. Sein Präsident führt den Titel Landrichter. Lr ist das Haupt des Bundes, wenn Sachen zu besprechen seien, die alle Bundesgenossen angehen, dann mögen diese ihre Boten nach Truns schicken, zum Bundestag. Und damit die Nachkommen eingedenk bleiben des geschworenen Bundes, soll dieser von zehn zu zehn Jahren vorgelesen und erneuert werden. Als der Brief verlesen war, erhoben alle Anwesenden ihre Hand zum Schwur. Dann hängten sie die Siegel ihrer Gerichte an die ehrwürdige Urkunde. Die Thusner, Lseinzen- berger und Tschaxpiner kamen erst später in den Bund, zuletzt auch noch die Misorer. So haben unsere vorfahren der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen. Sie haben einen Bund geschlossen, dem unser Land und Volk Namen, Freiheit und Glück verdanken. „Graupunt" nannten ihn die romanischen und deutschen Bundesgenossen. Du findest diesen Namen auf dem Siegel, das der Bund bis vor etwa hundert Jahren geführt hat. Ulan sieht darauf ferner einen senkrecht geteilten Wappenschild. Dahinter steht die Figur eines geharnischten Kriegers, der mit dem Speer einen Drachen tötet. Der Ritter stellt den heiligen Georg dar. hat unser Land später den Namen Der alte Ahorn, unter dem der Siegel des Grauen Bundes vom „Graupunt „Graubünden" erhalten. Bund geschworen wurde, steht nicht mehr. Am 28. Zuni f870 hat ihn ein Sturm umgerissen, wie alt er gewesen, weiß niemand zu sagen. Aber er war ein lebendiges Denkmal, wie keine Menschenhand ein so schönes errichten kann. An seiner Stelle ist dann ein junger Ahorn gepflanzt worden. Die Schamser im Kirchenbann wenn man das Lhurer Rheintal abwärts reist, sieht man schon von weitem das Schsoß Sargans. Dort herrschten vor Zeiten die Grafen von Werdenberg-Sargans. wir nennen sie der Einfachheit wegen die Grafen von Sargans. Ihre Graf- schaft reichte von der Bündnergrenze bis an den walensee. Sie umfaßte die Ortschaften Ragaz, Sargans, Mets, Flums und Walenstadt. Einer der Sarganser Grafen verheiratete sich mit einer Tochter des letzten Freiherrn von vaz. Er erbte so einen Teil der vazischen Besitzungen in Rätien, nämlich Ober- vaz, das Domleschg, Schams, Rheinwald, Safien und Schan- figg, teils als Eigentum, teils als Lehen des Bischofs von Thür. Die Grafen von Sargans waren aber andere Regenten als die Freiherren von vaz. Sie hielten nicht zu ihren Untertanen, sondern zu Österreich. Ein Graf von Sargans nahm mit etwa s500 Rkann teil am Kampfe gegen die Glarner bei Näfels. Als er sah, daß es den Österreichern schlecht erging, floh er mit seinen Leuten, so rasch er konnte. Da die Grafen in diesem und in anderen Kriegen nichts gewannen, wohl aber viel verloren, verarmten sie allmählich. Ls kam bald so weit, daß sie ihre Grafschaft samt dem Schloß Sargans verpfänden mußten. Sie lebten jetzt fast nur noch von den Einkünften aus den rätischen Herrschaften. Diese waren aber auch nicht mehr sicher. Die Untertanen entrichteten sie nur zögernd und widerwillig. Sie benahmen sich gegenüber den Grafen überhaupt je länger je ungehorsamer. Sie strebten danach, sich ganz von ihnen zu befreien. Gegen den Willen ihrer Herren hatten sie sich dem Grauen Bund angeschlossen. Die Grafen verklagten sie deshalb beim Kaiser. Dieser befahl dann den Schamsern, ihre Untertanenpflichten besser zu erfüllen. Er verlangte vom Thurer Bischof, vom Grauen Bund und den Lidgenossen, gegen die Schamser vorzugehen, wenn sie sich nicht fügen. Die Schamser folgten aber auch dem Kaiser nicht. Um sie zu strafen, tat sie der Bischof von Thür in den Bann. Die Geistlichen in Schams durften keinen öffentlichen Gottesdienst mehr abhalten. Sie durften auch nicht mehr kirchlich beerdigen und taufen. Den Eidgenossen und dem Grauen Bund fiel es schwer, für die Grafen Partei zu ergreifen. Aber der Befehl des Kaisers lautete sehr bestimmt. Auch waren neue Fehden zu befürchten, wenn man ihn nicht ausführte. Deshalb wurden die Schamser von den Eidgenossen ersucht, sich den Grafen zu unterwerfen. Auch der Obere Bund durste die Schauster nicht in Schutz nehmen. In seinem Bundesbrief hieß es nämlich, daß auch die Rechte der Herren geschützt werden sollen. Die Schauster wollten die Herr- schaftsrechte der Grafen einfach abschütteln. Das durfte der Bund nicht gutheißen, sonst verletzte er die Bundesvorschriften. So unterwarfen sich denn die Schauster für diesmal, und der Kirchenbann wurde aufgehoben. Aber sie waren entschlossen, sich bei der ersten besten Gelegenheit der sargansischen Herrschaft zu entledigen. Der schwarze Bund. von an regierten zu Sargans die Brüder Wilhelm und Georg. Ihr Einkommen war schon so klein geworden, daß sie nicht mehr getrennt haushalten konnten. Da sonst nirgends mehr etwas zu holen war, richteten die jungen Herren ihr Augenmerk auf die rätischen Besitzungen. Aus diesen glaubten sie noch etwas Herauspressen zu können. Sie setzten dort ihren Schwager Hans von Rechberg als Vogt ein. Er wohnte auf der Bärenburg bei Andeer. Nech- berg war weit herum bekannt als ein wilder Kriegsmann, als ein hochmütiger, rücksichtsloser Junker, der besonders die freien Bauern grimmig haßte. Er sollte die Schauster und die andern Untertanen Gehorsam lehren und sie zur pünktlichen Entrichtung der Abgaben anhalten. Aber es ging ihm dabei nicht viel besser als einst dem Schloßvogt auf Fardün. Bald hatte er die Schauster so gegen sich aufgebracht, daß er auf der Bärenburg nicht mehr sicher war und das Land verließ. Doch die Grafen gaben ihre Sache noch nicht für verloren. Sie hofften, durch einen nächtlichen Überfall ihr Ansehen wieder herstellen zu können. Sie verbündeten sich heimlich mit dem Verwalter des Bistums Ehur, Heinrich von Hewen. Dieser sollte die Ausführung des verräterischen Planes dadurch unterstützen, daß er den sargansischen Truppen den Durchzug durch das bischöfliche Domleschg gestattete, wenn sie diesen weg einschlagen wollten. Der Zug mußte aber auch durch das Gebiet des Freiherrn von Räzüns. Auch dieser erklärte s35 sich damit einverstanden. Seine Untertanen aber durften nichts davon wissen. Er ließ ihnen deshalb sagen, sie sollen nicht etwa unruhig werden, wenn sie in der Nacht Lärm hören. Er wolle mit seinen Freunden auf die Jagd gehen. So schloß sich der Freiherr einer Verschwörung an, die das Volk nachher den „Schwarzen Bund" nannte. Er verriet dadurch seine Schamser Bundesgenossen und betrog seine eigenen Untertanen. Der Aufstand der Schamser Ms. Die Grafen von Sargans zögerten nicht, den geplanten Überfall auszuführen und so die Schamser zu unterwerfen. Rechberg sammelte im Sarganserland Rriegsvolk. Über den Runkelspaß gelangte er mit demselben im Dunkel der Nacht in die Herrschaft Näzüns und über den Heinzenberg ins Schamsertal hinein. Ohne Rampf besetzte er die Bärenburg. Als sich die arglosen Schamser überfallen sahen, sandten sie Eilboten an ihre Nachbarn und Bundesgenossen. Aus dem Rheinwald, aus Avers und Safien eilte Hülfsmannschaft herbei. Auch die Gotteshausleute im Domleschg, Gberhalbstein, Lngadin und Bergell standen auf. Nach kurzem Kampf floh Rechberg. Seine Mannschaft wurde zerstreut, erschlagen oder gefangen, vor die Bärenburg legten die Bündner eine starke Besatzung und zogen dann ins Domleschg. Dort schritten sie mit den Gbervazern und Domleschgern zur Belagerung der Burgen, die den feindlichen Grafen gehörten. Reine war hinreichend mit Mannschaft und Rriegsausrüstung versehen. Zuerst ergab sich Grtenstein, dann Eanova, hernach auch Altsins. Alle wurden gebrochen. Auch die Feste Heinzenberg bei s)räz wurde erobert, aber nicht zerstört. Inzwischen war auch die Bärenburg gefallen und verbrannt worden. Nun rückten die Bündner talabwärts ins Sarganserland. Sie wollten die treulosen Grafen in ihrem Stammland aufsuchen. Diesen blieb nichts anderes mehr übrig, als Frieden zu schließen. Gesandte der Stadt Ehur, des Zehngerichten- bundes und der Glarner fällten einen Schiedsspruch. Da- nach konnten die Grasen ihre Besitzungen in Rätien zwar behalten. Aber sie mußten den Grauen Bund und den Gotteshausbund gutheißen und ihre Untertanen als Bundesleute des Grauen Bundes anerkennen. Sie mußten auch versprechen, die zerstörten Burgen nicht wieder auszubauen. Nur die Wiederherstellung des Schlosses Grtenstein wurde ihnen gestattet. Rein Wunder, wenn die Grasen an ihren rätischen Besitzungen setzt keine Freude mehr hatten und danach trachteten, sie zu Geld zu machen. Im Jahre verkauften sie Schams und Gbervaz für 3600 Gulden, ungefähr 66 000 Franken, an den Bischof von Thür. Die Schamser und Gber- vazer bezahlten einen großen Teil der Summe selbst, weshalb sie der Bischof als freie Leute erklärte. Etwas später verkauften die Grafen dem Bischof auch Fürstenau, Thusis, Tschap- xina und den Heinzenberg. Sie besaßen von ihrem großen Besitz in Nätien jetzt nur noch Grtenstein und die Vogtei über Nheinwald und Safien. Die letztere verkauften sie an Johann Jakob Trivulzio, einen reichen mailändischen Edelmann, der s^80 auch die Grafschaft Misor erworben hatte. Der Freiherr von Räzüns vor dem Volksgericht in valendas und der Übergang seiner Herrschaft an Österreich. Der Freiherr Heinrich von Näzüns hatte auch an der Verschwörung gegen die Schamser teilgenommen. Er wurde deshalb in seiner Burg gefangen genommen und nach valendas geführt. Da saßen Richter des Grauen Bundes über ihn zu Gericht. Er gestand seine Schuld und wurde als ein Bundes- brüchiger und Verräter zum Tode verurteilt. Der Freiherr mußte sich in sein Schicksal ergeben. Da er sehr dick war, bat er den Scharfrichter, sein Schwert ja recht scharf zu halten, um nicht mehr als einen Streich tun zu müssen. Der Scharfrichter suchte ihn zu trösten. Er nahm das Schwert und schnitt vor den Augen des Freiherrn ein Haar entzwei, das er mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand schnell über die Schneide führte. Aber dem Freiherrn graute es; er wurde blaß wie der Tod. Bessern Trost wußte sein Knecht. Dieser flüsterte ihm den Rat zu, dem Volk eine gute Mahlzeit rüsten zu lassen. Für das übrige wolle er schon selbst sorgen. An dem Tage, wo der Freiherr hingerichtet werden sollte, kamen viele Leute das Tal herauf und herunter, um der Einrichtung beizuwohnen. Der Knecht des Freiherrn ging ins Wirtshaus und befahl, ein großes Essen zu rüsten. s)m Wirtshaus in der großen Stube wurde ein Tisch gedeckt für die Richter. Auf dem Dorfplatz draußen sollte das Volk bewirtet werden. Nachdem das Essen gerüstet war, trat der Knecht vor das Volk. Er erinnerte es daran, wie des Freiherrn vorfahren jederzeit treu zum Volke gehalten und es oft im Felde vor der Burg mit Speise und Trank erfreut haben. Diese Freude wünsche sein unglücklicher Herr vor dem Tode noch einmal zu erleben. Sie sollen sich setzen und sich den wein, das Brot und das Fleisch wohl schmecken lassen. Dann möge geschehen, was Gott gefalle. Die müden Leute setzten sich an die Tische. Der Knecht ging fleißig umher und redete freundlich mit ihnen. Nach und nach sprach er auch vom jugendlichen Alter seines Herrn, und wie er zu dem bösen Schritt verführt worden sei. Er suchte so das Mitleid der Anwesenden zu wecken. Endlich erschien der Freiherr selbst. Er wußte noch nicht, was er zu hoffen oder zu fürchten habe, und war sehr traurig. Die Männer aber standen ehrerbietig vor ihm auf. Einen Augenblick war alles still. Dann ergriff einer das Wort und sagte; „Laßt Frieden sein zwischen uns und kein Blut vergießen." Das Volk stimmte ihm zu und schenkte dem Freiherrn das Leben. Dieser dankte demütig für die Begnadigung. Er bereute seine Teilnahme an dem verräterischen Bunde und leistete aufs neue den Eid der Treue. So erzählte sich das Volk von Geschlecht zu Geschlecht den Hergang dieser Geschichte. Ein paar sssahre nachher starb die Familie der Freiherren von Räzüns aus. Etwa fünfzig Jahre später ging ihre Herrschaft an die Herzöge von «Österreich über. Diese ließen sie zweihundert Jahre lang durch vor- sS8 nehme Bündner Familien, wie die Marmels, Hlanta und Travers, verwalten. Dann besorgten sie die Verwaltung selbst. Die Leute in Räzüns, Bonaduz, Lms, Felsberg bezahlten ihnen Abgaben, die in Gerste und Geld bestanden. In Felsberg gab es damals noch Weinberge, und die Felsberger mußten den Herren von Räzüns den zehnten Teil des jährlichen Weinertrages abliefern. Im Jahre s8s9 übergab der Kaiser von Österreich die Herrschaft Räzüns mit allem, was dazu gehörte, dem Kanton Graubünden. Dieser verkaufte das Schloß, den Hausrat, das Vieh, das Heu und die Feldgerätschaften dortigen Bewohnern. Die herrschaftlichen Acker und Wiesen waren längst in den erblichen Besitz der Bauern übergegangen. Letztere mußten oer Herrschaft aber bis zuletzt die auf den Gütern lastenden Abgaben bezahlen, von s8s9 an empfing der Kanton Grau- bünden diese Abgaben. Er erlaubte aber den betreffenden Bauern, sich von den Bodenzinsen durch eine kleine Geldsumme loszukaufen. Sie taten das gern und befreiten so ihren Grund und Boden von einer uralten lästigen Steuer. Wie nach dem Tode Friedrichs von Toggenburg zwischen den Eidgenossen Streit entstand. M6. vor etwa fünfhundert Jahren geriet Zürich mit den übrigen Eidgenossen in einen blutigen Streit. Schuld daran war zum Teil der damalige Bürgermeister von Zürich, Rudolf Stüßi. Er war ein hochfahrender, gewalttätiger Mann. was er sich in den Kopf setzte, drückte er durch. Der Bürgermeister hatte einen Sohn, namens Hans. Dieser lebte einige Zeit am Hofe des Grafen von Toggen- burg, um dort nach damaligem Brauch höfische Sitte und ritterliches Benehmen zu lernen. Der junge Stüßi benahm sich da aber sehr unartig. Weil er eines mächtigen Bürgermeisters Sohn war, meinte er, es müsse sich alles vor ihm bücken. Das hoffärtige Wesen des jungen Stüßi verdroß die andern Jünglinge. Sie mochten den eingebildeten Zürcher nicht leiden und verkehrten darum nicht gern mit ihm. Er schrieb das seinem Vater und klagte ihm, wie er am Hofe verachtet werde. Zornig berief Stüßi den Sohn nach Hause. Statt daß er ihn nun zurechtgewiesen und sein Benehmen getadelt hätte, soll er ihn in Schutz genommen und Drohungen gegen den Grafen ausgestoßen haben. Dieser ahnte, daß Stüßi sich rächen könnte, und wollte sich deshalb bei ihm entschuldigen. Er schrieb dem Bürgermeister, es tue ihm leid, daß man seinem Sohne so unhöflich begegnet sei. Es sei ohne sein Wissen geschehen. Aber er vermochte den in seiner Ehre gekränkten Mann nicht zu beschwichtigen. Stüßi verfolgte von nun an den Grafen mit bitterm Haß. Er soll sogar bewirkt haben, daß dieser in Zürich bald darauf einen Prozeß verlor. Die Folge war, daß sich der Graf von den Zürchern, seinen bisherigen Freunden, abwandte und sich mehr den Schwizern anschloß, die ihm freundlicher begegneten. Zm Jahre kurz vor seinem Tode, berief der Graf von Toggenburg, ohne die Zürcher etwas davon wissen zu lassen, Boten der Schwizer zu sich auf das Schloß Sargans. Auch Amtleute aus dem Toggenburg und aus Uznach erschienen, sowie des Grafen Gemahlin Elisabeth. In ihrer Anwesenheit verordnete der Graf, daß sofort nach seinem Tode alle Leute seiner Herrschaft Toggenburg und der Landschaft Uznach auf ewig verbündete der Schwizer werden sollen. Das Bündnis, das er vor Zeiten auch mit Zürich abgeschlossen habe, möge bis fünf Zahre nach seinem Tode fortbestehen. Dann aber solle es dahinfallen. Das alles tat der Graf hauptsächlich den Zürchern zu- leid. Er wußte, daß diese aus seiner Herrschaft auch etwas zu gewinnen hofften. Sie hatten es ganz besonders auf Uznach und das Gasterland abgesehen. Durch diese Gebiete führte nämlich ihr wichtigster Handelsweg nach Rätien und von dort weiter nach Ztalien. Als nun die Schwizer nach dem Tode des Grafen den Brief hervorzogen, der zu Sargans ausgestellt worden war, da sahen sich die Zürcher in ihren Hoffnungen bitter getäuscht und hintergangen. Das erfüllte sie und ihren ehrgeizigen Bürgermeister mit einem furchtbaren Haß gegen die Schwizer. Uein Zureden und kein Vermittlungsversuch befreundeter Lidgenossen vermochte, denselben zu beschwichtigen. Ein eidgenössisches Schiedsgericht untersuchte den Handel. Es fällte zuletzt einen Schiedsspruch, der zugunsten der Schwizer lautete. Die Zürcher wollten ihn deshalb nicht anerkennen und griffen zu den Waffen. In ihrem Zorn suchten sie sogar Hülfe bei «Österreich, dem Erbfeind der Eidgenossenschaft. Sie schlössen mit diesem ein Schutz- und Trutzbündnis. Wohl sagten sie darin, ihr Bund mit den Eidgenossen dürfe dadurch nicht verletzt werden. Zn Wirklichkeit aber geschah es doch. Denn durch ihr Bündnis mit «Österreich brachen die Zürcher den Eidgenossen die Treue. Dieser Treubruch reizte die Orte aufs äußerste. Sofort stellten sie sich auf die Seite der Schwizer, und aus dem Streit zwischen Zürich und Schwiz entstand ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den Eidgenossen. Der Mord bei Greifensee Die Eidgenossen zogen aus gegen die abgefallenen Zürcher. Sie schlugen sie bei St. Jakob an der Sihl. Zm April des folgenden Jahres versammelten sich ihre Heerhaufen in Rloten. Da beschlossen sie, Greifensee zu besetzen. Städtchen und Schloß standen unter dem Befehl des Hauptmanns Hans von Breitenlandenberg, eines erfahrenen, tüchtigen Rriegsmannes. Line Besatzung von 69 Zürichern verteidigte den mit Mauern und Graben umgebenen Grt. Sie mußte jedoch das Städtchen bald preisgeben und sich in das feste Schloß zurückziehen. Heftig beschossen es die Eidgenossen. Aber umsonst. Die dicken Mauern spotteten ihrer Geschosse, und die Zürcher wehrten die Feinde mit Büchsen und Bolzen ab. Schon hatte die Belagerung einige Wochen gedauert. Die Eidgenossen glaubten an keinen Erfolg mehr und waren im Begriff abzuziehen. Da zeigte ihnen ein Mann aus der Nachbarschaft eine schwache Stelle der Schloßmauer. Er riet ihnen, diese zu untergraben. Die Eidgenossen befolgten den Rat. Sie brachen zuerst die äußere Mauer ein. Dann lehnten sie ein Schirm- dach an die Burg. Durch dieses glaubten sie gegen Schuß und Wurf gesichert zu sein und fingen an, die Schloßmauer zu zertrümmern. Da ließ der bfauptmann der Zürcher den Altarstein aus der Schloßkapelle auf die Feinde stürzen. Dieser zerschmetterte das Schirmdach und die darunterstehenden Arbeiter. Belagerung von Greifensce. Im Hintergrund das Schloß Greifensee mit Verteidigungsmannschaft, vorn die Angreifer, teils ungedeckt, teils hinter beweglichen Schutzdächern sich dem Schloß nähernd. Die Belagerer ließen sich dadurch aber nicht entmutigen. Zm Gegenteil, ihr Zorn über die erlittenen Verluste vergrößerte ihren Eifer. Sie errichteten ein neues, stärkeres Schirmdach. Unaufhörlich meißelten sie an der Mauer und erreichten endlich das Ziel. Die Burgmauer sank, das Schloß drohte einzustürzen. Der Besatzung blieb nur noch die Wahl, unter den zusammenbrechenden Mauern begraben zu werden oder sich zu ergeben. Sie wählte das letztere. Sie ergab sich auf Gnade und Ungnade. Die 6s) Mann der Besatzung wurden gefangen genommen und gebunden aus dem Schloß geführt. Am folgenden Tag brachte man sie nach Nänikon. Da wurde um die Mittagszeit auf einer wiese über sie Kriegsgericht gehalten. Einer stellte den Antrag, sie hinzurichten. Gb alle oder nur einzelne, darüber war man nicht einig. Mehrere waren der Meinung, daß die Gefangenen unschuldig seien. Sie haben nur das getan, was ihnen von der Obrigkeit befohlen worden sei. Diese Sprache erregte bei den andern Unwillen. Mancher zog sich beleidigt zurück. Es kam zur Abstimmung. Die Mehrheit stimmte für die Einrichtung der ganzen Besatzung. Da wendet sich Hans von Breitenlandenberg zu den Eidgenossen. Er bittet um Gnade für seine Leute und fleht, daß man nur ihn hinrichte, vergebens. Die Leidenschaft waltet, die Rache siegt, wer malt das Entsetzen der Unglücklichen, den Jammer der Angehörigen, Greise, Weiber, Kinder, die aus den umliegenden Gegenden herbeigeeilt sind, um die Gnade des Siegers zu erflehen! Ihr Wehgeschrei durchtönt weithin das Land. Ital Reding, der Schwizer Hauptmann, winkt zur Beichte. Dann erscheint der Scharfrichter. Breitenlandenberg tritt vor. Er wendet sich an die verurteilten mit den Worten: „Im Namen des Allmächtigen will ich der erste sein, auf daß keiner von euch wähne, euer Hauptmann wolle ein anderes Los." Gottergeben und unverzagt kniet er nieder, und nach wenigen Augenblicken fällt sein Haupt. Schon sind einige Opfer gefallen, und der Scharfrichter hält fragend inne. Er zeigt auf drei weiße Tauben, die über die Matte gen Himmel fliegen. Ein fürchterliches Wort Re- dings aber befiehlt ihm fortzufahren. Wiederholt bittet der Scharfrichter um Schonung. Auch hat er, gestützt auf ein altes kaiserliches Recht, je den zehnten Mann beiseite gestellt. Die Sonne verbirgt sich, und Finsternis bedeckt den schrecklichen Ort. Doch das Schwert ruht nicht. Reding läßt Strohfackeln bringen, bei deren traurigem Schein die letzten sterben. Ein- undsechzig Zeichen liegen. Der Boden trinkt das Blut nicht mehr. Jetzt wendet sich Beding, und die wenigen, die noch atmen, sind gerettet. Das strenge Rriegsrecht jener Zeit und der Haß zwischen den Streitenden mögen manches erklären. Aber die Hinrichtung der Greifenseer Besatzung bleibt ein Schandfleck in unserer Geschichte. Es wird erzählt, man habe nachher am Jahrestag des Ereignisses in der Nacht jeweilen den Geisterzug der Hingerichteten gesehen, in ihrer Bkitte den grausamen Ztal Beding. Dreimal habe er den Richtplatz umschwebt und sei dann mit herzzerreißendem Jammergeschrei wieder verschwunden. — Heute steht aus der „Blutmatte" bei Nänikon zu Ehren der Hingerichteten ein einfaches Denkmal. Der schwimmende „Bär". Zm Briege zwischen Zürich und Schwiz wurde nicht bloß zu Land, sondern auch zu Wasser gekämpft. Die Zürcher sandten Kriegsschiffe auf den See hinaus, jedes etwa mit HOO Bkann besetzt und mit allem versehen, was zum Brieg- führen nötig war. Die Schwizer belagerten eifrig das Städtchen Rapperswil, dessen Bewohner zürcherisch gesinnt waren. Die Rapperswiler mußten deswegen oft Hunger leiden, ob- schon die Zürcher alle Listen anwandten, um ihnen Lebensmittel zuzuführen. Da erfanden die Schwizer ein Bkittel, um den Zürcher Schiffen die Zufahrt zu verwehren. Sie zimmerten ein gewaltiges Floß. Das neue Fahrzeug war so groß, daß über 600 Bkann und zwei Geschütze darauf Platz hatten, wie eine schwimmende Holzinsel sah es aus und hieß der „Bär". Stolz schwamm nun der „Bär" über die blaue Flut, Rapperswil zu. Er fuhr an der Stadtmauer vorüber, dort, wo eine Landzunge sich schroff gegen das Wasser absenkt. Das Briegsvolk der Urkantone, welches auf dem Floße war, klirrte mit den Waffen und sang Schimpflieder wider die Nappers- wiler und Zürcher. Aber die Besatzung des Städtleins tat nicht, als ob sie es hörte. Nur hie und da streckte einer den Kopf über die Stadtmauer empor, um zu schauen, was die Feinde machen. Doch als die Nacht eingebrochen war und der „Bär" sich unweit der Stadtmauer vor Anker gelegt hatte. Zürcher Kriegsschiffe, die zwei vordersten teilweise mit Lsolz eingedeckt, mit Schießscharten, aus denen Geschützrohre Herausragen. s Er, »75-H .7 -K r 1 wurde er auf einmal von unsichtbarer Lsand gefaßt. Das geschah jedoch ganz leise und unmerklich. Die auf dem Floß hatten zuerst gar keine Ahnung davon. Sie wurden erst stutzig. als der „Bär" sich an der Stadtseite erhob, wie wenn er die Mauer Hinaufrutschen wollte. In dem Maße, wie er auf der einen Seite stieg, senkte er sich auf der andern, und je schiefer seine Lage wurde, desto schwerer war es, darauf zu stehen. In damaliger Zeit dachten die Leute, sobald ihnen etwas Ungewohntes begegnete, an Zauberei und Gespenster. So auch die Mannschaft auf dem „Bär". Sie glaubte, daß die Feinde eine übernatürliche Kraft besitzen, um sie tückisch zu verderben. Line übernatürliche Kraft war es nun zwar nicht, die den „Bär" emporhob. Aber eine Kraft war's, und zwar die Kraft von hundert Armen, welche hinter der Stadtmauer an einem dicken Seil zogen. Am Seil war ein großer Lsaken befestigt. Mit diesen: hatten die Zürcher und Rapperswiler das Nächstliegende Lnde des Floßes erfaßt. Lin erfinderischer Bürger der Stadt war auf den Gedanken gekommen, diesen bsaken zu verfertigen und den Floßfang ins Merk zu setzen. Allein der Lifer der Rapperswiler, den „Bär" in die Bähe zu ziehen, damit seine Besatzung in die Tiefe rutsche, war zu groß. Das Seil wurde durch die übermäßige Reibung an der Stelle, wo es auf der Stadtmauer auflag, entzündet und riß entzwei. Angel und Floß sanken ins Wasser zurück, und das Floß wurde frei. Die Zürcher aber zimmerten jetzt auch zwei Flöße. Die Stämme derselben waren Stück für Stück etwa 30 m lang und ziemlich dick. Das größere Floß nannten sie die „Gans", das kleinere die „Lnte". Doch berichtet die Geschichte von keinen Seeschlachten, welche die beiden wasservögel dem „Bär" geliefert hätten. Die Schlacht bei St. )akob an der Birs M4- Bei den Zürchern erregte die Einrichtung der Besatzung von Greifensee den grimmigsten Lsaß. Liner ihrer Anhänger, Thomas von Falkenstein, überfiel und zerstörte aus Rache das den Bernern gehörende Städtchen Brugg. Lr rächte so die Gemordeten von Greifcnsee an unschuldigen und wehrlosen Bürgern. Seine Tat erbitterte aber wieder die Gemüter der Lidgenossen, und diese waren entschlossen, sich am Falkensteiner und an den Zürchern zu rächen. Lin Teil begann mit der Belagerung der Stadt Zürich. Lin anderer Heerhaufen legte sich vor die stärkste Burg des Falkeustemers, vor die Farnsburg im Baselbiet. Zürich und die Farnsburg hätten wohl bald fallen müssen, wenn sie nicht auswärtige Hülfe erhalten hätten. Der französische König hatte nämlich in seinem Lande eine große Zahl müßiger, wilder Kriegsleute, mit denen er nicht wußte was anfangen. Man nannte sie Armagnaken, nach ihrem Führer Armagnak. Andere nannten sie Schinder weil es ihre Lust war, zu morden und zu brennen und arme Leute zu quälen. Der Farnsburger Schloßherr und die Zürcher wünschten, daß ihnen der König diese Krieger zu Hülfe schicke. Der König war froh, ihrem Wunsche entsprechen zu können. So erschienen denn unvermutet HO 000 dieser wilden Gesellen an der Schweizergrenze bei Basel. Der älteste Sohn des Königs war ihr Führer. Die Lidgenossen erfuhren, daß die Armagnaken herannahen. Sofort verließen etwa f600 der Ihrigen das Lager vor der Farnsburg, um den Lindringlingen entgegenzugehen und sie aufzuhalten. Sie versprachen bei Lid und Lhre, die Birs nicht zu überschreiten. Man wußte, daß sich jenseits des Flusses der Gewalthaufen des Feindes befand. Kampflustig zogen sie aus, eine herrliche Schar junger Krieger. Lin Thorherr von Neuenburg begegnete ihnen in Liestal. Als er vernahm, was sie im Sinn hatten, sagte er zu ihnen: „Laßt ab von eurem Beginnen; es ist ein ungleicher Kampf, in den ihr euch stürzt." Sie aber antworteten: „Ls muß gehen. Geht's nicht, so habe Gott unsere Seelen und der Feind unsere Leiber." Schon in der Gegend von Hratteln versperrte ihnen eine Schar Armagnaken den weg. Sie wich aber zurück vor dem stürmischen Angriff der Lidgenossen. Bei Muttenz stand ein größerer Heerhaufen. Auch diesen warfen sie in die Flucht. Da standen sie nun am Ufer der Birs. Die Türme des bedrängten Basel winkten ihnen. Jenseits der Birs sahen sie das feindliche Heer, das sie zum Teil schon besiegt hatten. Ihr Lid mahnte sie, nicht weiter vorzudringen. Lin Bote aus Basel war auf gefahrvollem Umwege zu ihnen gekommen. Er wollte sie vor dem Überschreiten der Birs warnen; aber umsonst. Auch auf ihre Hauptleute hörten sie nicht. So stürmten sie denn allen Mahnungen zum Trotz über die Birs. Da wurde ihnen ein entsetzlicher Empfang bereitet. Französische Kanonen schleuderten ihre Kugeln auf die Heranstürmenden. Deutsche Bitter und welsche Kürassiere kamen herangesprengt. Der eingeschlossene Haufen der eidgenössischen Krieger wurde getrennt. Ein Teil vermochte vorwärtszudringen, am Ufer hinauf und durch die feindlichen Reihen hindurch bis dahin, wo innerhalb einer Gartenmauer ein Siechenhaus und die St. Iakobskapelle standen. Hinter dieser Mauer stellten sie sich auf. Die andern wurden auf eine Insel der Birs gedrängt. So waren sie getrennt und müde vom Kampf. Und doch warf sich gerade jetzt die ganze Gewalt des Feindes auf die Eidgenossen, die beim Siechenhaus standen. Dreimal schlugen sie ihn zurück. Aber die Mauer, welche ihnen Schutz bot, war bald zerschossen. Das Siechenhaus hinter ihnen wurde von den Feinden angezündet. Immer wieder rückten frische feindliche Truppen gegen sie heran. Da mußten sie endlich unterliegen. Die Abendsonne, die über dem Schlachtfeld unterging, beschien die Leichen von s600 Eidgenossen, die am Morgen so siegreich einhergezogen waren. Mit Schrecken vernahmen die vor der Farnsburg und vor Zürich liegenden Schweizer die Kunde von der Niederlage und vom Tode ihrer Brüder. N)ie von einem unsichtbaren Feinde gejagt, den Befehlen der Hauptleute ungehorsam, ließen sie Geschütz und Belagerungswerkzeug im Stich. Ohne Ordnung, in zerstreuten Haufen kehrten sie in ihre Heimat zurück, um die Grenzen des eigenen Landes zu schützen. Der französische Kronprinz hatte gesiegt. Doch dachte er nicht daran, seinen Sieg zu vervollständigen. Das Land der Eidgenossen stand ihm offen. Aber als er hörte, daß die Belagerung von Farnsburg und die von Zürich aufgehoben seien, betrachtete er seine Aufgabe als gelöst. Es werden allerlei Gründe gewesen sein, die ihn zur Umkehr bewogen. Das Entscheidende war wohl, daß der Heldentod der s600 Schweizer auf ihn einen tiefen Lindruck gemacht hatte. So etwas Erschütterndes, Gewaltiges lag in dem Schicksal dieser tapfern Schar. V Schlacht bei St. Jakob an der Birs. vorn drei Geschütze auf Geschützkarren, die Rohre auf einer Holzunterlage, am mittlern Geschütz Nichthörncr, ein Büchsenmeister mit Luntenstab brennt das Geschütz los. Beim vordersten Geschütz Steinkugeln und Truhe mit abgemessenen Ladungen in Säcken. Büchsenmeister mit Luntenstock, Gehülfe mit Rugel. hinten rechts Gartenmauer, dahinter die Lidgenossen. St. Sakobskapclle, links die Armagnaken. Die Lidgenossen betrachteten den Tag bei St. Jakob als eine ernste Mahnung, dem Bürgerkrieg ein Ende zu machen. Nach langen Unterhandlungen kam sH50 der Friede zustande. Durch diesen wurden die streitigen Gebiete Uznach und Gast er den Schwizern und Glarnern zugesprochen. Diese regierten sie hinfort als gemeinsames Untertanenland. U)ie der Aehngerichtenbund entstand M6. Über Land und Leute im prätigau, Schanfigg, auf Davos, in Belfort, Thurwalden, Maienfeld und Malans hatten einst die Freiherren von vaz regiert. Als der letzte von ihnen gestorben war, erbten seine zwei Töchter die Herrschaft. Die eine war verheiratet mit einem Grafen Friedrich von Toggenburg. Die andere hatte einen Grafen Rudolf von Werdenberg zum Manne. So kam ein Teil der vazischen Erbschaft an die Grafen von Toggenburg, der andere an Rudolf von Werdenberg. Dieser verkaufte dann einen Teil seiner Erbschaft in Graubünden, nämlich das Schanfigg, mit allen Rechten, Leuten und Gütern dem Grafen von Toggenburg. So handelten damals die Adeligen mit ihren Besitzungen und Untertanen wie mit einer Ware. Die Leute waren nie sicher, an einen andern Herrn verkauft zu werden. Man fragte nicht, ob sie einverstanden seien. Es wurde auch nicht darauf geschaut, ob es zu ihrem Wohl geschehe. Die Herren sahen nur auf ihren eigenen Vorteil, nicht aber auf denjenigen ihrer Untertanen. Da konnte es dann leicht geschehen, daß diese ihre alten Rechte und Freiheiten verloren. Denn der neue Vberherr war vielleicht ein gewalttätiger Mann, der die Rechte der Untertanen abänderte oder aufhob, wie es ihm paßte. In dieser Gefahr befanden sich die Davoser, s)räti- ganer, Schanfigger, Lhurwalder und Belforter im Iahr sH36. Am letzten Apriltag dieses Jahres starb nämlich der Graf Friedrich von Toggenburg auf seinem Schloß zu Feldkirch. Sein Leichnam wurde ins Kloster Rüti im Kanton Zürich geführt. Da waren viele von seinen Altvordern beigesetzt worden. Da wurde nun auch Graf Friedrich als der Letzte seiner Familie mit Helm und Schild begraben. Die Runde vom Tod des Grafen drang sehr bald auch in seine rätischen Landschaften. Überall redete man davon. Die einen meinten, es sei gut, daß der friedlose alte Herr habe sterben können. Hart und ohne Erbarmen habe er gestraft, doch niemand Unrecht getan. Was die nächste Zukunft bringen und wie es den Landleuten unter dem neuen, noch unbekannten Erbherrn ergehen werde, das konnte niemand wissen. Auf jeden Fall galt es, sich vorzusehen. Fünf Wochen waren verstrichen seit dem Hinschied des Grafen. Da sah man eines Tages einfache Männer über die damals so beschwerlichen, schlechten Wege nach Davos reisen. Es waren die Ammänner aus dem prätigau, Schanfigg, aus Thurwalden, Belfort, Maienfeld und Malans. Am 8. Zuni traten sie unter Glockengeläute auf dem Davoser Rathaus zu einer wichtigen Sitzung zusammen. Als alle Platz genommen hatten, erhob sich der Landammann von Davos, Ulrich Beeli, und begrüßte die angekommenen Boten. Warum man sich versammelt habe, das wußte jeder von ihnen. Darüber hatten sie in den letzten Wochen mehrmals miteinander geredet. Jetzt galt es nur noch, den Eid zu leisten auf das, was bei frühern Zusammenkünften beschlossen worden war. Der Davoser Landammann hatte den Auftrag gehabt, alles in eine Pergamenturkunde zu bringen. Diese hielt er jetzt in der Hand und las sie den versammelten laut und deutlich vor. Zn altertümlicher Sprache hieß es darin: „Wir, die genannten elf Gerichte, nämlich Land und Gericht auf Davos, Land und Gericht zu Rlosters, Rastels, zu Schiers und Seewis, auch das Thorherrengericht zu Schiers, ferner das Gericht zu Malans und das zu Maienfeld, Land und Gericht zu Belfort, Land und Gericht zu Thurwalden, Land und Gericht im vordern Schanfigg und zu Langwies tun kund allen denen, die diesen Brief lesen oder lesen hören, daß wir einhellig gelobt und geschworen haben, einander bei- zustehen mit Leib und Gut. Rein Gericht soll Verträge oder Bündnisse schließen ohne der andern wissen und willen, wir wollen unsern neuen Lrbherren tun, was diese nach ihren Rechten von uns verlangen können. Mögen wir nun an den gleichen oder an verschiedene Trbherren kommen, so wollen wir zusammenhalten und unsern Bund nicht trennen lassen. Keiner, der im Bunde der elf Gerichte ist, darf einen Landsmann vor fremdes Gericht laden. Jeder soll da Recht nehmen, wo der Angeklagte seßhaft ist. vergehen sollen da bestraft werden, wo sie verübt worden sind. Zur Beratung gemeinsamer Angelegenheiten treten die Boten der Gerichte in Davos zusammen." Zur Bekräftigung des Briefes ließ jedes Gericht durch seinen Ammann ein Siegel an die Urkunde heften. Bald darauf hat dann der Bund ein eigenes Siegel anfertigen lassen. Man sieht darauf einen einfachen Wappenschild, der mit einem Kreuz geschmückt ist. Hinter dem Schild steht ein Mann mit langem Bart und Haupthaar. vielleicht ist es das Bild des ApostelsIohannes des Täufers, des Schutzheiligen der Da- voser Hauptkirche, vielleicht aber auch ein wilder Mann. In der rechten Hand hält er eine Fahne mit dem Kreuz, in der linken einen jungen entwurzelten Tannenbaum. Dieser soll wohl hindeuten auf die Wildheit der Urbewohner und ihren Wohnsitz im Gebirge. Ringsherum steht die Inschrift: „S(iegel) des Hunts von den einlf (elf) Grachten." Zu der Zeit, als der Bund geschlossen wurde, bestand er nämlich aus elf Gerichten. Später waren es nur noch zehn. In Schiers hatten nämlich früher auch die Domherren von Thür Güter und Leute besessen. Diese bildeten das sogenannte Thorherrengericht von Schiers. Im Jahre f506 kauften sie sich von den Domherren los und traten dem gemeinen Gericht zu Schiers und Seewis bei. Nun bestand der Bund nur noch aus zehn Gerichten und hieß deshalb fortan der Zehngerichtenbund. Siegel des Zehngerichtenbundes. s52 Wie die Erben der Grafen von Toggenburg ihre rätischen Besitzungen regierten. Einige Jahre nach dem Tode des letzten Grafen von Toggenburg teilte der Kaiser auch dessen rätische Hinterlassenschaft. Die Landschaften Klosters, Davos, Schanfigg, Lhur- walden und Lenz übergab er den aus dem Vorarlberg stammenden Grafen von Montfort. Schiers und Kastels bekamen, die tirolischen Grafen von Matsch. Die neuen Landesherren anerkannten den Zehngerichten- bund, den ihre Untertanen kurz zuvor geschlossen hatten. Sie bestätigten auch alle ihre alten Rechte und Freiheiten. Sie vermehrten diese sogar noch, um die Gunst der Leute zu gewinnen. Die Grafen von Montfort regierten ihre bündnerischen Landschaften vom Schloß Werdenberg aus. Zu bestimmten Zeiten schickten sie einen Vogt nach Graubünden. Dieser erteilte den Vorstehern der Gerichte allfällige Aufträge. Er zog von den Gerichtsgemeinden die Steuern ein und von den Pächtern der herrschaftlichen Höfe den Pachtzins. Steuern bezahlten die Untertanen in der ältern Zeit dem Landesherrn dafür, daß er sie in Kriegszeiten gegen Feinde verteidigte und in Friedenszeiten den warentransporten durch ihr Gebiet sicheres Geleit gab. Der Vogt hatte aber nicht nur einzuziehen, er hatte hie und da auch auszugeben; denn seine Herren hatten auch Schulden. Die Grafen von Montfort schuldeten verschiedenen bündnerischen Ammännern große Summen. Sie mußten ihnen diese auch verzinsen. Die Vögte, welche von Werdenberg nach Graubünden kamen, waren meistens einfache Männer, hie und da freilich auch Adelige. Wie es auf einer solchen Geschäftsreise des Vogtes zuging, zeigt folgendes Beispiel. Eines Tages erscheint der herrschaftliche Vogt mit einem Schreiber im prätigau. In Saas macht er einen zweitägigen Aufenthalt; denn er hilft hier das Gericht wählen. Er bezeichnet den Vorsitzenden des Gerichts. Die Landleute wählen dann noch zehn Richter oder Geschworne. Da der Vogt mit den Geschwornen ißt und trinkt, belaufen sich seine Ausgaben auf s8 Schilling (36 Franken). Dann geht es weiter nach Klosters und Davos. Don dort schickt er einen Boten nach Thurwalden voraus. Er soll den Lhurwaldern mitteilen, daß sich die Gemeinde versammle, um am bestimmten Tage mit ihm das Gericht zu besetzen. Der Bote kostet den Vogt 3 Schilling. In Davos zieht er Zinsen ein, was vier Tage in Anspruch nimmt und ihn lv /2 Schilling kostet. Nun reist er nach Lenz, dann nach Lhurwalden, wo das Gericht neu gewählt wird. von da schickt er einen Boten ins Schansigg voraus, um anzuzeigen, daß an einem bestimmten Tage das Gericht neu gewählt werde. Da hat er während zwölf Tagen noch allerlei andere Geschäfte zu verrichten. Das kostet ihn wieder etwa 65 Fr. Dazu kommt noch das Futter für die Pferde. Nun hat er aber alle Aufträge erledigt und reist wieder heim nach Werdenberg. Die regelmäßigen Fahrten wurden gewöhnlich in der Zeit ausgeführt, wo die Steuern und Zinsen fällig waren, etwa zu Ende oder Mitte des Jahres. Wenn der Vogt kam, sollten die Abgaben eingezogen sein. Den Einzug besorgten die Untervögte auf den Burgen Belfort und Straßberg und die Am- männer in St. Peter, Langwies, Schiers und Klosters. In Davos mußte der Vogt die Zinsen selbst einziehen. Die Steuern bestanden meistens in Geld, die Bodenzinsen dagegen in Gerste, Weizen, Käse, Lsühnern, Fischen, Schweinen und Ochsen. Es wird für den Vogt keine leichte Aufgabe gewesen sein, diesen „Zins" nach werdenberg zu bringen. Die Vögte hatten auch etwa Gerichtsverhandlungen zu leiten, namentlich dann, wenn über schwere vergehen zu urteilen war. Es ging dabei recht umständlich zu, wie folgendes Beispiel zeigt. In Langwies hat man einen Dieb verhaftet. Er wird in die Burg Straßberg bei Malix gebracht, wo das herrschaftliche Gefängnis ist. Hier finden auch die Gerichtsverhandlungen statt. Sie dauern mehrere Tage. Ein Kriegsknccht bewacht während dieser Zeit den Verbrecher. Endlich kommt es zur Schlußverhandlung und Aburteilung des Angeklagten. Er wird zum Tode verurteilt und soll gehängt werden. Der Unter- Vogt holt in Thür den Scharfrichter, kaust ihm ein paar Handschuhe und ein Seil. Begleitet 'vom Thurwalder Weibel und zwei bewaffneten Knechten, begibt er sich mit dem Verbrecher und dem Scharfrichter nach Langwies, wo der Diebstahl stattgefunden hat. Dort erwartet derGbervogt den armen Sünder. Er verkündet ihm das Urteil und übergibt ihn dem Scharfrichter. Gottesurteile. Line merkwürdige Gerichtsverhandlung fand am 8. Mai auf der Burg Straßberg bei Malir statt. In Tschiertschen war einer ermordet worden. Der Bruder und die Kinder des Ermordeten klagten beim Untervogt, der zu Straßberg wohnte. Sie bezeichneten ihren Mitbürger This von Tschiertschen als den Mörder. This wurde nach Straßberg auf die Burg gebracht. Der Untervogt berief den Gbervogt von Werdenberg. Dieser kam und versammelte das Gericht zu Thurwalden, zu dem auch Tschiertschen gehörte. This wurde verhärt. Aber er beteuerte, daß er unschuldig sei. Da beschloß das Gericht, This solle seinen Rock ausziehen, die Hand auf den Ermordeten legen und einen Eid schwören. Das geschah. Die Richter schauten scharf hin, ob sie während dieser Zeit an der Leiche irgendeine Veränderung wahrnehmen können. Sie konnten aber nichts beobachten. Es erfolgte also kein Wunderzeichen. Die Richter schlössen daraus, daß der This unschuldig sei, und sprachen ihn frei. Der Vogt stellte ihm darüber Brief und Siegel aus. Noch heute kommt es vor, daß die Richter nicht imstande sind, einem Verbrecher seine Tat zu beweisen und ihn zum Geständnis derselben zu bringen. Unsere vorfahren glaubten nun, in solchen Fällen müsse man die Entscheidung dem allwissenden Gott überlassen. Dieser werde auf irgendeine auffallende weise die Wahrheit schon an den Tag bringen. Sie ließen den Angeklagten etwa mit nackten Füßen auf ein glühendes Eisen treten, oder es mit den Händen anfassen. Das konnte wohl nicht ohne große Verletzungen geschehen. Wenn aber durch die harte probe keine Verletzung des Geprüften erfolgte, so schien es ausgemacht, daß Gott dadurch seine Unschuld erkläre, wenn einer im verdacht stand, einen Mord begangen zu haben, so führte man ihn an die Leiche und ließ ihn diese berühren. Fing sie an zu bluten oder waren andere Veränderungen an ihr wahrzunehmen, so betrachtete man das als ein Zeichen Gottes, daß der Angeklagte schuldig sei. Solche Entscheidungen nannte man Gottesurteile. Man wandte sie besonders häufig im U- und f2. Jahrhundert an. Später wurden sie immer seltener. Man kam zur Einsicht, daß sie vielfach ungerecht und abergläubisch seien. wie Lhur im Jahre M4 eine freie Reichsstadt wurde. Nichts gab einer Stadtgemeinde mehr Ansehen und Leben als der Umstand, für sich haushalten und sich selber regieren, zu dürfen. Danach strebte auch die Stadt Ehur. Seit alter Zeit stand die Stadt unter der Regierung des Bischofs. Dieser ernannte ihre obersten Beamten. Ehur war also Bischofsstadt. Mit der Zeit aber suchten die Bürger, sich von der Herrschaft des Bischofs zu befreien. Sie wollten ihre Obrigkeit selbst wählen und selbst Herr und Meister sein in der Stadt. Darüber kam es zu langjährigen Streitigkeiten; denn der Bischof ließ sich seine Rechte nicht so ohne weiteres entreißen. Schließlich aber erreichten die Ehurer ihr Ziel doch. Sie verdankten das zum Teil einem schweren Unglück. Zm Zahre IWH brannte die Stadt ab. Da sie, wie damals die meisten Städte, aus Holzhäusern bestand und keine Feuerlöscheinrichtungen hatte, blieben nur etwa sieben Häuser und der bischöfliche Hof vom Feuer verschont. In ihrer Not wandte sich die Bürgerschaft an Kaiser Friedrich IH. Der Rat schickte den Stadtschreiber nach Wien in die kaiserliche Hofburg. Er sollte dem Kaiser ihr Unglück schildern und ihm sagen, daß ihre Stadt unabhängig sein möchte vom Bischof. Der Stadtschreiber muß diesen Auftrag geschickt ausgeführt haben. Denn er brachte von Wien einige wertvolle Pergamentbriefe nach Hause, an welchen das große kaiserliche Siegel -DÄ-n ^ L' » -8, n Q SUMM LMSU n ^ ^ f57 hing. In einem dieser Briefe erklärte der Kaiser, daß die Ehurer sich fortan selbst regieren dürfen wie die Bürger anderer Reichsstädte. Sie können ihren Bürgerineister,Rat und Gericht selbst wählen. So wurden sie unabhängig vom Bischof. In einer weiter» Urkunde bewilligte der Kaiser der Stadt ein Kaufhaus. Das war ein Lagerhaus, wo viele Handelswaren untergebracht wurden. Ehur bildete nämlich ein Zentrum im Verkehr zwischen Deutschland und Italien. Hie- her kamen Säumer und Fuhrleute mit großen Mengen von Kaufmannswaren, die sie über den Iulier, Septimer, Splügen und Lukmanier nach Italien oder nach Deutschland führten. So war Ehur ein wichtiger Platz für den durchgehenden Warenverkehr. Die Stadt bedurfte eines großen Lagerhauses, wo die Waren vorübergehend eingestellt werden konnten, von diesen Waren bezog die Stadt Lagergebühren. Sie flössen in die Stadtkasse und bildeten für diese eine schöne Einnahme. Das Kaufhaus war aber noch nicht das wichtigste, was der Kaiser den Ehurern in Wien beurkundete. Am meisten freuten sie sich darüber, daß er ihnen gestattete, Zünfte einzuführen, wie das in andern Reichsstädten, z. B. in Zürich, schon vor mehr als hundert Jahren geschehen war. von den Lhurer Zünften und ihren Junfthäusern. Fröhliches Leben herrschte am W Januar des Jahres in Ehur. Es war ein Festtag für die ganze Stadt. Bürgermeister, Rat und Bürger, Adelige und Gemeine, Reiche und Arme waren zu einer wichtigen Versammlung auf das Rathaus eingeladen worden. Heute sollten nämlich die kaiserlichen Gnadenbriefe, die der Stadtschreiber aus Wien mitgebracht hatte, öffentlich bekannt gemacht werden. Davon gesprochen wurde schon lange. Aber den genauen Wortlaut derselben hatte man bis jetzt nicht vernommen. Als die Bürger versammelt waren, verlas der Bürgermeister eine Urkunde nach der andern. Er wird nicht unterlassen haben, auf die große Bedeutung der verliehenen Rechte für das Gedeihen der 11 f58 Stadt hinzuweisen. Noch weniger vergaß er wohl, dem Kaiser den schuldigen Dank dafür abzustatten, daß er die Stadt von der bischöflichen Herrschaft befreit und zur Reichsstadt erhoben hatte. Lr hatte dadurch den Ghurern größeres Wohlwollen bewiesen als den Lidgenossen im Zürichkrieg. Di der Mitte das Lhurer Stadtwappen, ringsherum die Wappen der fünf Zünfte. eSKZ Alsbald ging man nun daran, Zünfte einzurichten. Ls wurde beschlossen, sämtliche Bürgerfamilien auf fünf Zünfte zu verteilen. Die Zuteilung erfolgte nach dem Beruf des Familienvaters. Alle diejenigen, welche ein verwandtes Gewerbe betrieben, vereinigte man zu einer Zunft. Die Besitzer von Grund und Boden, von Weinbergen, wiesen und Ackern, kamen zur Zunft der Nebleute. Die Schuhmacher, Gerber und Metzger bildeten die Schuhmacherzunft. Die Schneider, Hutmacher, Weber, Seiler, Kürschner wurden derSchnei - derzunft zugeteilt. Die Schmiede, Glaser, Steinmetzen, Maurer, Zimmerleute, Maler, Wagner, Küfer und Goldschmiede kamen in die Schmiedezunft. Aus den pfistern (Bäckern), Müllern, Rornführern, Wirten, Barbierern, Badern (Chirurgen) machte man die Zunft der pfister. Bei dieser Einteilung blieb es bis zur Aufhebung der Zünfte. Die Zünfte spielten im Stadtleben eine große Bolle. Nach Zünften stimmten die Bürger ab über Stadt- und Bundesangelegenheiten. wenn sich in drei Zünften die Mehrheit der Zunftgenossen für einen Vorschlag aussprach, so galt dieser als angenommen. Zn den Zünften wurden auch die Mitglieder des Stadtrates gewählt. Noch viel wichtiger aber waren die Zünfte für den Handel und das Gewerbe der Stadt. Zede Zunft stellte für ihre Meister eine Zunftordnung oder Zunftversassung auf. Darin standen viele Vorschriften. Die Bäckerzunft z. B. schrieb in ihrer Zunftordnung vor, daß ein Meister dem andern die Runden nicht wegnehmen dürfe. Sie gebot, daß im gleichen Backofen der Sicherheit wegen nur ein Meister backen solle. Beim Verkauf des Brotes müsse ein bestimmter preis eingehalten werden usw. Andere Vorschriften bezogen sich auf die Ausbildung der Lehrlinge. Man hielt sehr darauf, daß diese zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet wurden, die ihrer Zunft in und außerhalb der Stadt Ehre machten. Bei feierlichen Anlässen, an Wahltagen oder am Abend nach getaner Arbeit versammelten sich die Genossen einer Zunft in ihrem Zunfthause. Auch in Ehur trachtete jede Zunft, ein eigenes Heim zu besitzen. Gleich nachdem die Zünfte gegründet waren, wurden Häuser gekauft und zu Zunfthäusern eingerichtet. Die Rebleute als die reichsten Stadtbewohner erwarben für ihre Zunft sogar mehrere aneinanderstoßende Häuser. Eines befand sich beim pfisterbrunnen. Die Schmiedezunft kaufte im „Paradies" ein Haus. Zhnen folgten die Psister, Schneider und Schuhmacher und richteten sich ebenfalls häuslich ein, die pfister beim pfisterbrunnen, die Schneider hinter der Martinskirche, die Schuster im Süßen Winkel. Zm Zunfthause wurde etwa ein Zimmer bestimmt zur Aufbewahrung der Zunftbücher und Zunftschriften. Zn einem andern verwahrte man das Silbergeschirr und andere wertgegen- stände. Das größte und schönste Zimmer aber war stets die große Zunftstube, wo die Zunftgenossen zu Wahlen und Abstimmungen oder zu gemütlicher Unterhaltung zusammenkamen. Gewöhnlich war sie prachtvoll getäfelt und besaß eine schön verzierte Holzdecke. Irgendwo in einer Ecke stand der große, mit lustigen Bildern bemalte Kachelofen. Gbschon durch die runden Butzenscheiben nur spärliches Licht in die Stube drang, war es darin sehr heimelig. Über dem Eingang ins Zunfthaus sah man gewöhnlich das Zunftwappen, entweder eine Schere oder eine Pfrieme, eine Sichel, einen Hammer oder ein Brötchen. An der Schere erkannte man das Zunfthaus der Schneider, an der Pfrieme das der Schuster, an der Sichel das der Rebleute, am Brötchen das der Bäcker, am Hammer dasjenige der Schmiede. Damit das Zunftwappen auch in der Dunkelheit sichtbar sei, hing in der Nähe eine Pechxfanne, in welcher ein Harzlicht brannte. Das war die alte Straßenbeleuchtung. In der obern Reichsgasse in Lhur sieht man noch heute eine solche Straßenlaterne aus der alten Zeit. Hablich und stolz standen sie da, diese alten Zunfthäuser. Sie waren ehrenwerte Denkmäler bürgerlichen Fleißes und gegenseitiger Hülfe. wie die Handwerker im alten Lhur ausgebildet wurden. Der Eintritt in die Lehre. Hatte ein Knabe das s6. Altersjahr erfüllt, so mußte er einen Beruf wählen. Sobald das geschehen war, suchte er einen passenden Lehrmeister. Bei diesem machte er zunächst eine vierzehntägige Probezeit durch. Hatte er sie bestanden, so verständigten sich die Eltern mit dem Kleister über das Lehrgeld. Nun folgte der feierliche Eintritt in die Lehre. Dieser mußte stets vor einigen amtlichen Zeugen geschehen, sonst war er ungültig. Der Zunftmeister, drei andere Zunftvorsteher und zwei Meister wurden zu einer Sitzung berufen. Bor sie trat der Lehrling mit seinem Vater und seinem künftigen Lehrmeister. Es wurde mitgeteilt, daß der Knabe die probe bestanden habe und in die Lehre treten möchte. Über das Lehr- geld sei man einig. Der Knabe versprach, in der Lehre treu, fleißig und folgsam zu sein. Der Meister seinerseits erbot sich, den Jüngling in alle Arbeiten seines Handwerks nach bestem Wissen und Rönnen einzuführen. Dann wurden dem Lehr- knaben aus dem Zunftbuch die Zunftvorschriften vorgelesen, und er mußte versprechen, ihnen gewissenhaft nachzukommen. Die Lehrzeit. Die Lehrzeit dauerte zwei bis vier Jahre. Dem Meister war vorgeschrieben, seinen Lehrling nicht nur das Handwerk zu lehren, sondern ihn auch zu erziehen. Damit das besser geschehen konnte, durfte ein Meister gleichzeitig nicht mehr als einen Lehrknaben anstellen. Dieser eine aber sollte zur Familie des Meisters gehören. Er sollte erzogen werden wie die eigenen Rinder. Der Meister war verpflichtet, ihm für Kleidung und Nahrung zu sorgen. Er hatte darauf zu achten, daß der Lehrling fleißig in die Kirche ging und sich ehrbar und bescheiden aufführte. Entstand zwischen dem Meister und seinem Lehrling Streit, so untersuchten Vorgesetzte der Zunft die Sache und schlichteten womöglich den Handel. Niemals aber durste der Lehrling seinem Meister davonlaufen. Tat er es doch, so erhielt er keinen Lehrbrief, und das verhinderte ihn am vorwärtskommen. Hatte der Lehrknabe die vorgeschriebene Lehrzeit durchgemacht, so erfolgte seine Entlassung. Sie ging ebenso feierlich vor sich wie der Eintritt. Wieder versammelten sich einige vorgesetzte und Meister der Zunft, vor ihnen erklärte der Lehrmeister, daß er mit dem Betragen des Knaben während der Lehre zufrieden gewesen sei. Auch habe er das Lehrgeld empfangen. Der Knabe zeigte an, daß er bei seinem Meister das Handwerk gut gelernt und daß dieser auch sonst gut für ihn gesorgt habe. Nun wurde ihm der Lehrbrief überreicht. Die Wanderschaft. Der Lehrzeit folgte die Wanderschaft. Der Lehrling mußte zum Wanderstabe greifen und in die Welt hinaus, ob er wollte ^62 oder nicht. Das war bei den Handwerkern alter Brauch. In Ghur verlangten zuerst die Glaser und Glasmaler im Jahre 1627, daß ihre Lehrlinge nach vollendeter Lehre zwei Jahre '"LUVN— Lir die Vvrgcsezlcn und sämtlichen Mim des Chrs. Handwerks der Naincns ^ von bei . unserm geliebten Mitmcister —^ /^lang i„ Arbeit gchandcn, und sich während dieser Zeit so verhalten, wie es sieb einem ehrliebendm Gesellen geziemt; und da er nun sein Glück weiter zu suchen Willens ist, so gelanget, nebst frenndli-. cher Begrünung, an alle Ehrs. Meister und Gesellen unsers Ldbl. Handwerks das geziemende Ansuchen, obenangezeigten ^^.77 für einen ehrliche» Gesellen aufzunehmen, und ihm allen geneigten Willen und gute Be, fdrdcrung ängedeihen zu lasten, so wie'wir es hmwirdrr gegen jeden ehrlichen Meister und Gesellen unsers Löbl. Hand, Werks zu erwiedern uns verpflichten. Zu wahrer Urkund dessen haben wir gegenwärtige Kundschaft mir unserm gewöhn, liehen Handwerksstgill bekräftiget. Gesellenbrief des Zimmergcsellen Ioh. Georg Tauscher, ausgestellt am f7. Juli t82f in Thür. Gben eine Ansicht des alten Thür beim llnteren Tor. s63 wandern. Später schrieb eine Zunft nach der andern eine zwei- bis vierjährige Wanderschaft vor. Es war dem Lehrling nicht gestattet, früher heimzukommen. Der Züngling sollte andere Länder kennenlernen und sehen, wie man dort in seinem Beruf arbeitete. Trat er irgendwo in eine Werkstatt, um Anstellung zu suchen, so wies er seinen Gesellenbrief vor. Dieser diente ihm als Empfehlung, wenn das Lhurer Handwerk einen guten Ruf genoß. Das letztere war sehr wichtig für das Fortkommen der Lehrlinge. Umgekehrt trug die Wanderschaft der Lehrlinge viel dazu bei, das Handwerk zu vervollkommnen. Denn die jungen Meister waren bestrebt, bewährte Neuerungen, die sie auf ihrer Wanderschaft kennengelernt hatten, in der Heimat zu verwirklichen. Die Meisterschaft. war der wanderbursch in die Heimat zurückgekehrt, so trachtete er danach, Meister zu werden und ein eigenes Geschäft zu gründen. Das war aber nicht so leicht wie heute, wer die Meisterschaft erlangen wollte, mußte zuerst ein Weib nehmen. Ledige Meister duldeten die Zünfte nicht. Sie verlangten ja, daß die Lehrlinge am Familienleben des Meisters teilnehmen können. Der angehende Meister mußte also zunächst eine Familie gründen. Hatte er geheiratet, so trat er zum drittenmal vor die Zunftvorsteher. Er stellte das Gesuch, nach vollbrachter Lehr- und Wanderzeit als Meister aufgenommen zu werden. Durch ein Meisterstück mußte er zeigen, ob er in seinem Fache tüchtig sei. Bei der Herstellung desselben wurde er streng beaufsichtigt. War er damit fertig, so prüften beauftragte Meister seine Arbeit. Befriedigte sie, dann nahm man ihn als Meister in die Zunft auf. Zuvor aber mußte er versprechen, den Zunftgesetzen genau nachleben zu wollen. Diese schrieben vor, wie bestimmte Arbeiten ausgeführt werden müssen, wer nicht die vorgeschriebenen Stoffe und Werkzeuge dazu verwendete, wurde bestraft. So wollte man das Handwerk vervollkommnen und die Runden vor schlechter Arbeit schützen. Der Handwerker sollte geachtet sein bei den Mitbürgern. 164 Der Rrispinitag. Der Hauptfesttag im alten Thür war der 25. Oktober, der Krispinitag. Krispinus hieß ein alter Heiliger, von dem erzählt wird, daß er den Gerbern Leder entwendet habe, um den Armen Schuhe daraus zu machen. Nicht deswegen aber war sein Namenstag bei den Lhurern so beliebt, sondern darum, weil sie an diesem Tage ihre Stadtbehörden wählen durften, den Großen Stadtrat, den Kleinen Stadtrat und das Stadtgericht. Den Krispinitag betrachtete daher jeder rechte Thurer als einen Ehrentag. Aber er war für ihn nicht bloß ein Ehrentag, sondern auch ein Freudentag. Denn am Abend nach den Wahlen herrschte auf den Zunftstuben fröhliches Leben. Da versammelten sich die Angehörigen jeder Zunft aus ihrer Zunftstube zum Krispinimahl. Der Oberzunftmeister hatte durch einen bewährten Koch rechtzeitig die Krispinigastung ins Werk zusetzen. Da saßen dann am Abend die Zunftbrüder an langen Tischen, auf denen sich ganze Berge von Hasen, Hühnern, Fischen usw. erhoben. In alten Kannen und Zunftbechern wurde der wein aus dem eigenen Zunftkeller und Zunftweinberg aufgetischt. Das Mahl wurde gewürzt durch launige Reden und lustige Spottverse, wie etwa die folgenden: „An diesem Salat ist weder Essig noch ck>l; Es lebe der Herr Stadtvogt Aöhl." „Löhl und Uabis — Es lebe der Zunftmeister Abys." Nach dem Mahl erhebt sich der Gberzunftmeifter und erteilt zum Scherz dem Kellner den Auftrag, jedem Zunftbruder die Rechnung zu machen. Der Kellner geht zur Türe hinaus, erscheint aber nach wenigen Minuten wieder. Zn einer wohl- gesetzten kurzen Rede teilt er den Gästen mit, die Zunftkasse sei dank der . von den vätern erstrittenen Freiheit so wohl bestellt, daß sie das Essen bestreiten könne, was daran fehle, mögen die werten Zunftbrüder durch Trinken ersetzen. Nach dieser jährlich wiederkehrenden Überraschung erwies dann jeder dem Zunftwein alle Ehre. Ein Trinkgelage hob an, das bis tief in den Morgen hinein dauerte. Rundgesänge und f65 luftige Reden wechselten ab, so daß die Stunden wie Minuten verflogen und jeder reichlich zu seiner Sache kam. Nun sind die Zünfte mit ihren vielen Geboten und verboten längst dahin und vergessen. In Thür wurden sie im Jahre s829 abgeschafft. Sie paßten nicht mehr in die neue Zeit herein. Jetzt verlangte man auch im Gewerbe mehr Freiheit, als die alten Zunftordnungen gestatteten. Aber ein heimeliger Zug ging doch durch dieses alte, ehrwürdige Zunftwesen. Das sieht man schon daraus, wie die Zünfte für eine gute Erziehung und Ausbildung der Lehrlinge sorgten. Aber noch etwas Schönes hatte diese Einrichtung. Die Mitglieder einer Zunft bildeten gleichsam eine große Familie. Und wie in einer rechten Familie die einzelnen Glieder einander beistehen, so geschah es auch in einer rechten Zunft. Geriet ein Meister in Not, so halfen ihm seine Zunftangehörigen. Diese vergaßen auch ihre Armen nicht und streckten gelegentlich einem armen Lehrling gern das Lehrgeld vor. Ein enges Band umschloß die Zunftbrüder und hielt sie zusammen in Freude und Leid. Die Vereinigung der drei Bünde Ms. Nicht weit von Lenz an der Straße nach Tiefenkastel liegt der stille Weiler vazerol. Da breitet sich vor den Blicken des Wanderers die herrliche Gebirgslandschaft der Albula und Julia aus, welche tief unten im Tale ihre brausenden Wellen mischen, vazerol ist für jeden Bündner ein ehrwürdiger Name. Hier ist das Herz, der Mittelpunkt des Landes. Es ist die denkwürdige Stätte, wo die Boten aller drei Bünde zuerst zusammenkamen, um Rat zu halten. Es ist der Grt, wo sie sich im Jahre versammelten, um durch einen feierlichen Eid die Vereinigung der drei Bünde zu einem Staate zu beschwören. Schon so oft hatten sie erfahren müssen, wie nötig es sei, sich zusammenzuschließen und sich gegenseitig zu unterstützen bei der Verteidigung ihrer alten Rechte und Freiheiten. Darum hatten sie ihre Bünde geschlossen. Aber ein einzelner Bund war zu schwach, um einem starken Feind zu widerstehen. Ein s66 solcher Feind stand schon lange an ihrer Grenze, nämlich Österreich. Die Herzöge von Österreich hatten s363 die Grafschaft Tirol und bald darauf auch Vorarlberg erworben. Seither erspähten sie jede Gelegenheit, um sich auch im Gebiet der drei Bünde einzunisten. s46H kaufte Herzog Sigmund das Schloß und die Herrschaft Tarasp und gewann so einen festen Stützpunkt im Unterengadin. Das erregte in den drei Bünden Aufsehen und Unruhe. Noch mehr Aufregung aber verursachte es, als man sah, wie der gleiche Herzog danach trachtete, die Gerichte Klosters, Davos, Lenz, Lhurwalden, St. Peter und Langwies in seine Hand zu bringen. Gelang ihm das, dann reichte die Gewalt Österreichs bis ins Herz des Bündnerlandes. Auch der Gotteshausbund wurde von den Übergriffen Österreichs besonders im Unterengadin fortwährend bedroht. Die Bünd- ner waren also genötigt, für ihre Rechte und Freiheiten einen noch bessern Schutz zu suchen. Sie hofften diesen zu erhalten, wenn sich alle drei Bünde zu einem Gesamtbunde zusammentaten. So kam der Tag von vazerol zustande. Auf dem einsamen Hof vereinigten sich im Rkärz der Bischof Grtlieb von Brandts, der Abt von Disentis und andere Herren mit den Boten und Vorstehern der Gerichte und Gemeinden aus allen Teilen Nätiens. Sie verabredeten, für Handel und Wandel die Wege in allen drei Bünden offen zu halten. Was zwei Bünde beschließen, soll auch der dritte annehmen. Wenn zwischen zweien Streit entsteht, ist der dritte Schiedsrichter. Jedermann soll Recht finden, ob er nun mit einem Privatmann, mit einer Gemeinde oder mit einem Bund im Streite sei. Kein Bund darf ohne die übrigen einen Krieg beginnen, keiner für sich Frieden schließen. Was im Krieg erobert wird, gehört allen drei Bünden gemeinsam. Zu den Kriegskosten sollen alle beisteuern, auch die Geistlichen. Alle Jahre findet ein Bundestag aller drei Bünde statt. Der Bund kann von Zeit zu Zeit verbessert werden. Aber dauern soll er, solange Grund und Grat stehen. Wohl behielten die einzelnen Gerichte auch nach der Vereinigung ihre Selbständigkeit. Aber sie wurden fortan durch ein gemeinsames Band zusammengehalten und betrachteten sich als ein einziges Staatswesen. f67 Die Eröffnung eines neuen Verkehrsweges durch Graubünden M3- Durch den gefurchtsten Lngpaß zwischen Thusis und Schams bist du vielleicht auch schon gegangen. Man nennt ihn die viamala, das heißt böser weg. Lange verdiente er diesen Namen. Bis vor etwa fünfhundert fahren führte nämlich kein gangbarer Weg durch die schauerliche Schlucht. Wer durch das pinterrheintal nach Italien reisen wollte, mußte einen weiten Umweg über den Geinzenberg, am Abhang des piz Beverin vorbei an den Schamserberg machen. Dieser Weg war sehr beschwerlich, besonders für den Säumer mit seinen schwerbeladenen Rossen. Darum gingen die Fuhrleute und Reisenden in früherer Zeit lieber über den alten Septimerpaß. Lr war zwar länger als der Splügenpaß. Aber man mußte da keine so mühsamen Umwege machen, und auf der Paßhöhe war eine gastfreundliche bserberge. Außerdem hatte der Bischof im Jahre so87 die Septimerstraße so ausbessern lassen, daß die Reisenden und warenzüge rasch und sicher vorwärts kamen. Linst wollte der Graf von Sargans den Weg durch das bsinterrheintal, das ihm gehörte, fahrbar machen und seinen Untertanen dadurch Verkehr und verdienst verschaffen. Der Thurer Bischof suchte das zu verhindern. Lr wollte, daß der Warenverkehr nach wie vor durch sein Gebiet gehe. Lr bat daher den Kaiser, dem Grafen die Ausführung seines Planes zu verbieten. Wirklich schrieb ihm der Kaiser: „Wir gebieten Dir, daß Du keine neue Straße bauen sollst." Den deutschen Reichsstädten befahl er, ihre Waren über keinen andern räti- schen paß zu führen als über den Septimer. So verunmög- lichte der Kaiser den Hinterrheintalern die Teilnahme am Warenverkehr nach Italien. Lr schädigte dadurch nicht nur sie, sondern unser ganzes Land. Aber von dem Zeitpunkte an, wo die Bünde geschlossen waren, fragten die Bundesleute den kaiserlichen Befehlen nicht mehr viel nach. In ihrem Lande wollten sie jetzt selbst befehlen. Nicht zuletzt trachteten sie danach, die Warendurchfuhr zu steigern. Diese bildete seit vielen Jahren eine Haupterwerbsquelle für die Bewohner an der Septimerftraße. Sie sollte es auch für die Hinterrheintaler werden. Es war im Jahr als die Thusner und ihre Nachbarn zu Masein und Kazis einen denkwürdigen Entschluß faßten. Sie verabredeten, einen fahrbaren weg durch die via- mala zu hauen. Dadurch wollten sie dem großen Verkehr zwischen Deutschland und Italien einen neuen Weg durch unser Land eröffnen. Sie gründeten auch eine Transportgesellschaft. Diese verpflichtete sich, den Weg durch die Schlucht zu unterhalten. Dafür sollten ihre Mitglieder allein das Recht haben, die Waren auf dieser Strecke zu befördern. Wer in die Gesellschaft eintrat, mußte 50 Gulden bezahlen. Aus diesen Beiträgen wurden diejenigen Kaufleute entschädigt, deren Waren auf dem Transport beschädigt wurden oder verloren gingen. Die Hoffnungen, welche die Hinterrheintaler auf diese Unternehmung sehten, erfüllten sich. Reges Leben zog in manches unserer stillen Täler ein. Tausende von Reisenden und Marentransporten bewegten sich fortan Jahr für Jahr auf diesem Wege. Sie verschafften einem ansehnlichen Teil unserer Bevölkerung lohnende Arbeit. 169 IV. Europäische Machtstellung der Eidgenossenschaft bis zum ewigen Frieden mit Frankreich M6. Der Aampf der Eidgenossen mit Herzog Rarl dem Aühnen von Burgund —77. wie der Herzog sich rüstet und gegen die Lidgenossen ins Leid rückt. vor etwa H50 fahren hatten die Lidgenossen einen Kampf auf Leben und Tod auszufechten. Ihr Feind war Karl der Kühne, der mächtige Herzog von Burgund. Die Lidgenossenschaft war damals noch sehr klein. Sie zählte kaum mehr als HOO OOO Linwohner. Der Herzog Karl aber gebot nicht nur über Burgund, sondern auch über Belgien und Holland. In seineni Reich lagen die gewerbreichsten und wohlhabendsten Städte des damaligen Luropa. Die Zahl seiner Untertanen schätzte man auf sechs Millionen. Zu seinen Diensten stand ein ausgewähltes und vortrefflich ausgerüstetes Heer. Der Herzog war von Lhrgeiz und Herrschsucht erfüllt. Lr wollte ein Königreich gründen, das von der Mündung der Rhone bis zu derjenigen des Rheines reichte. Kaum mochte er den Augenblick erwarten, wo er von einem solchen Reich und einer Königskrone Besitz nehmen konnte. Dieser Augenblick schien nahe zu sein. Denn eben hatte ihm der Herzog von (Österreich den Schwarzwald, den Breisgau und Sundgau für eine geliehene Geldsumme verpfändet. Jetzt grenzte das Herzogtum Burgund an das Land der Lidgenossen. Diese fühlten sich durch den ehrgeizigen Herzog bedroht. Sie sahen es ungern, daß er in den Pfandlanden einen verhaßten Ldelmann, namens Peter von Hagenbach, als Landvogt einsetzte. Hagenbach quälte die dortige Bevölkerung arg. Aber auch die Lidgenossen schonte er nicht. Lr be- leidigte sie, indem er die mit ihnen verbündete Reichsstadt Ulülhausen verächtlich den Auhstall der Schweizer nannte. , r» Lin reitender Bote bringt die Ariegserklärung der Lidgenossen, die er am obern Lndc des Stabes trägt, nach Burgund. Der Unwille gegen den übermütigen Herzog und seinen tyrannischen Landvogt wuchs von Tag zu Tag. Daran hatte der schlaue französische Rönig, Ludwig XI., seine besondere Freude. Auch er haßte den mächtigen Herzog von Burgund. Dieser war sein Vasall. Lr hatte einen Teil seines Landes vom französischen König als Lehen erhalten. Aber er war mächtiger als der König. Darum fürchtete sich dieser vor ihm und trachtete, ihn zu vernichten. Lr verstand es, die Lidgenossen gegen ihn zu hetzen, bis sie ihm den Krieg ansagten. Auf einer Tagsatzung in Luzern beschlossen die eidgenössischen Boten, dem Herzog den Krieg zu erklären. Sie beauftragten die Berner, das Schreiben abzufassen und es ihm zuzusenden. Lin reitender Bote brachte es nach Burgund. Als es der Herzog gelesen hatte, konnte er vor Zorn eine Zeitlang nicht reden. Dann aber rief er wütend aus: „G Bern, Bern!" Lr wußte wohl, daß besonders Bern, der mächtigste unter den eidgenössischen Orten, zum Kriege gedrängt hatte. Ls war in den ersten Tagen des Jahres als Karl der Kühne in Nancy, der Hauptstadt von Lothringen, sein Heer musterte. Die besondere Stärke desselben bildete die un- gemein schöne und zahlreiche Artillerie. Als nun der Herzog gegen die Lidgenossen ins Feld zog, führte er auch alle möglichen Kostbarkeiten mit, welche schon sein Vater gesammelt hatte. Line große Zahl von Kaufleuten und Dienern folgten dem Heere. Ls sah eher aus, als handle es sich um einen lustigen Fastnachtszug, als um einen Feldzug gegen die kriegswichtigen Lidgenossen. wie es ihm bei Grand so n erging. Im Februar des Jahres drang Karl mit seinen Kriegern ins waadtland ein. In der Nähe des Städtchens Grandson schlug er sein Lager auf. Da herrschte ein Glanz und eine Pracht wie in einer großen Handels- oder Residenzstadt. In der Mitte auf einem Hügel, von wo aus man alles überschauen konnte, war ein Zelt aufgepflanzt. Ls war das Prachtzelt des Herzogs. Hier wohnte dieser im Gefühl seiner Übermacht und im festen Glauben, daß es ihm nicht fehlen könne. Das feste Schloß in Grandson war von einer Schar Lidgenossen besetzt. An ihr beging der Herzog eine ruchlose Tat. P2 Nach längeren Unterhandlungen versprach er ihr freien Abzug, wenn sie das Schloß übergebe. Sie traute dem Wort und ergab sich. Aber statt daß nun die Lidgenossen frei abziehen durften, wurden sie schmählich ermordet, teils an Bäumen aufgehängt, teils im See ertränkt. Doch der Rächer war nahe. Bern hätte die Lidgenossen und die verbündeten durch Lil- boten zur Hülfe gemahnt. Die Hülfe war nun da. Dem Westufer des Neuenburgersees entlang gegen Grandson hin bewegte sich am Morgen des 3. März ein Zug von 20 000 Mann. Lustig flatterten im winde die Banner von Bern, Luzern, Zürich, Baden, Thurgau, Uri, Unterwalden, Glarus und Freiburg. Dem Gewalthaufen voraus marschierte die Vorhut. Nebel hatte bis jetzt die Lbene bedeckt. Nun stieg er empor, und die Vorhut der Schweizer erblickte die Burgunder von Grandson her im Anmarsch. Da machte sie Halt und stellte sich in Schlachtordnung auf. In die ersten fünf Glieder kamen die Speerträger. Ihnen reihten sich die Hellebardiere und die Krieger mit den mächtigen zweihändigen Schwertern an. In der Mitte des Vierecks wurden die Banner aufgepflanzt. Nachdem die vortruppen der Lidgenossen sich so aufgestellt hatten, warfen sie sich auf die Knie. Sie beteten zu Gott, daß er ihnen helfe, den stolzen Herzog zu überwinden. Die Burgunder, welche das sahen, meinten, sie wollen sich ergeben und um Barmherzigkeit flehen. Sie brachen deshalb in ein höhnisches Gelächter aus. Unter großem Lärm stürmten ihre Reiter gegen die Lidgenossen heran. Diese stießen den Pferden ihre langen Spieße in die Nase, so daß sie sofort umkehrten und wieder zurückrannten. Dagegen richtete das Geschützfeuer der Burgunder unter der eidgenössischen Vorhut großen Schaden an. Hülfe tat dringend not, und sie erschien noch rechtzeitig. Aus einiger Entfernung vernahm man plötzlich die rauhen Töne des Uristiers und des Landhorns von Unterwalden. Der Gewalthaufen der Lidgenossen betrat den Kampfplatz. Der Herzog befand sich in sehr ungünstiger Stellung. Lr war zu weit vorgerückt. Der enge Raum zwischen dem See und dem Abhang hinderte ihn, seine ganze Artillerie und l?3 Reiterei in den Kampf zu führen. Er befahl seinen Truppen, sich in die Ebene zurückzuziehen. Die Truppen in der zweiten Linie wußten nicht, was das zu bedeuten habe. Sie erschraken, und plötzlich ertönte in ihren Reihen der Ruf: „Es rette sich, wer kann!" Jetzt begann eine wilde Flucht. Aber der aufgewühlte, morastige Boden hielt die Fliehenden auf. Die mit schweren Rüstungen bekleideten Menschen und Pferde blieben im Rot stecken und wurden von den nachstürmenden Schweizern fast ohne Gegenwehr niedergemacht, vergebens suchte der Herzog die fliehenden Truppen zum Stehen zu bringen. Zuletzt floh auch er und jagte mit fünf Gefährten nach Lausanne, wo er die Trümmer seines Heeres sammelte. Was die Eidgenossen im Lager zu Grandson erbeuteten, und wie sie die Beute teilten. Die einbrechende Nacht und die Müdigkeit verhinderte die Eidgenossen, den Feind sofort zu verfolgen. Auch während der folgenden Tage blieben sie in Grandson. Nach den alten Vorschriften des Sempacher Briefes war ihnen verboten zu plündern, ehe die Hauptleute die Erlaubnis dazu gegeben hatten. Aber die kostbare Beute, die ihrer im Lager wartete, lockte sie dermaßen, daß sie dem Gesetz zuwiderhandelten. Wohl ernannte man Offiziere, die bei der Plünderung die Aussicht führen sollten. Die Soldaten mußten einen Eid leisten, daß sie alles, was sie finden, Herbeitragen wollen, damit am Schluß die ganze Beute gleichmäßig unter die Krieger verteilt werden könne. Aber es wurde dennoch vieles verheimlicht. Hungrig und ermattet von den Anstrengungen der Schlacht, warfen sie sich zuerst auf die Lebensmittel, die in Fülle dalagen. Statt an Milch und Käse, erlabten sich die Bauern und Bauernsöhne jetzt an den ausgesuchtesten, ihnen bis jetzt unbekannten Speisen und an Südfrüchten aller Art. Statt Wasser tranken sie spanische und französische weine. Statt aus hölzernen Schüsseln aßen sie aus silbernen Platten und tranken aus Bechern von Kristall, Gold und Silber. In den Lebensmittelmagazinen fanden die Plünderer viele hundert Tonnen Häringe, Stockfische und andere gesalzene 12 Waren, mehrere tausend Säcke Lsafer, Reis, Mehl und viel Wein. Die Beute an Waffen und Kriegsmaschinen war nicht weniger bedeutend. Man zählte H20 Kanonen, 800 Büchsen, über 300 Fässer Pulver, H000 Keulen, deren schwereres Ende man mit Blei und mit Lisenzacken versehen hatte. Auch die Menge der übrigen Waffen, wie Piken, Schwerter, Armbrüste, Streitäxte, war unermeßlich. Unter anderm fand man auch ein Faß voll Stricke mit zulaufenden Schlingen. Sie waren wohl zum gleichen Gebrauch bestimmt, den der Lserzog bei der Besatzung von Grandson von ihnen gemacht hatte. Aber das alles war noch nichts. Zn den HOO Zelten der Fürsten und Lserren, die dem Lserzog nach Grandson gefolgt waren, entdeckte man noch ganz andere Reichtümer. Da fand man goldene und silberne Geräte und Schmucksachen, auch prächtige Waffen und kostbare Rüstungen. Doch auch diese wurden weit übertroffen durch den Reichtum, welchen die Lid- genossen in den Zelten des Lserzogs selbst antrafen. In der Kapelle, die man im Lager für ihn errichtet hatte, waren alle Gefäße, die zum Gottesdienst gebraucht wurden, von Gold. Da lag auch ein Gebetbuch, strotzend von Edelsteinen. Am meisten aber bewunderten die frommen Sieger in der Kapelle einen prächtigen Reliquienkasten. Er bestand aus massivem Gold und war mit sechs perlen und sechs Rubinen von seltener Schönheit geschmückt. Der Thronikschreiber Die- bold Schilling von Bern, der zur Zeit der Burgunder Feldzüge lebte, hat die Gegenstände aufgeschrieben, die man im Reli- quienschrein vorfand. Das Verzeichnis zeugt davon, daß Karl ein frommer Fürst war, was ihn freilich bei Grandson nicht gehindert hat, das gegebene Wort zu brechen und mehr als HOO Schweizer, die seinem Worte glaubten, umbringen zu lassen. Zn dem Kästchen befand sich angeblich ein Stück vom Kreuze Lhristi, ein Stück von seiner Dornenkrone, ein Stück von der Lanze, mit der sein Leib durchbohrt worden war, ein Stück von der Rute, mit der man ihn gegeißelt hatte, ein Streifen von seinem Kleide und von dem roten Mantel, den Lserodes ihm hatte über die Schultern werfen lassen, ein Stück von dem Tischtuch, das beim letzten Abendmahl gebraucht worden 175 war, und noch manche andere Gegenstände, unter denen besonders ein goldener Rosenkranz auffiel. In einem andern Zelt stand noch der goldene Stuhl, von dem herab der Herzog Gesandte zu empfangen pflegte. Da waren auch Rüstungen und Waffen von nie gesehener Kostbarkeit. Schwerter und Dolche glänzten von Edelsteinen. Die Lanzen hatten goldene Spitzen mit Schäften aus kostbarem Holz. Der Herzogshut war mit perlen und köstlichen Steinen besetzt. Auch der Griff des Paradeschwertes setzte jedermann in Erstaunen. Rkan erblickte daran sieben große Diamanten, ebenso viele Rubinen und andere Edelsteine. Die Klinge war aus feinstem Damaszenerstahl. Das Schwert wurde damals auf sO 000 Gulden geschätzt, was heute eine Summe von etwa s80 000 Franken ausmachen würde. In einem wettern Zelt war die herzogliche Kanzlei. Da lag unter anderm das goldene Siegel des Herzogs, ein halbes Kilogramm schwer. Die Bücher, Schriften und Pergamente, die man da in großer Rkenge vorfand, wurden ohne weitere Untersuchung ins Feuer geworfen. Aus der Kanzlei gingen die beutegierigen Eidgenossen in das Zelt, welches dem Herzog als Speisesaal gedient hatte. Dort bemächtigten sie sich seines Silbergeschirrs. Es bestand aus einer großen Rlenge von Pokalen, Tellern, Platten, Bechern aller Art, in Gold, Silber und Kristall. Aber auch die Garderobe des Herzogs wurde nicht vergessen, die in F00 Truhen eingeschlossen war. Es wäre unmöglich, die Pracht der Kleider und Stoffe zu beschreiben, die darin lagen. Die feinsten und reichsten Webereien, Sammet und eine große Rkenge Seidenstoffe befanden sich in den Truhen. Kleider, Zelte und Fahnen waren mit goldenen und silbernen Stickereien bedeckt. Die Eidgenossen waren zuerst in Verlegenheit, wie sie die ungeheure Beute teilen wollen. Schließlich fingen sie an, die kostbaren Stoffe, ohne Rücksicht auf ihren Wert, mit der Elle abzumessen und an die Soldaten abzugeben. Das gemünzte Geld wurde in Helmen zugemessen. Auch die übrigen Gegenstände verteilte man so gleichmäßig wie möglich. Im allge- meinen machten sich die Schweizer aus den kostbaren Stoffen so wenig wie aus dem herzoglichen Silber- und Goldgeschirr, viele von ihnen kannten den Wert dieser Dinge nicht annähernd. Sie sahen Diamanten und perlen für Glas, das Gold für Kupfer und das Silber für Zinn an. Sie verkauften die silbernen Platten, die ihnen zugefallen waren, für einen geringen preis, um sich dieses schweren und, wie sie meinten, unnützen Metalls rasch zu entledigen. Nachdem jeder einzelne seinen Anteil an der Beute erhalten hatte, wurde der Rest unter die Grte verteilt, die am Kriegszuge teilgenommen hatten. s80 Kanonen nahm man vorweg und verbrachte sie in verschiedene wichtige Grenzorte, zu deren besserer Verteidigung sie dienen sollten, von den übrigen Geschützen und den vielen andern Waffen erhielt auch der kleinste Grt seinen Anteil, vieles kam nach Luzern und wurde erst dort geteilt, so z. B. vier Zentner Silbergeschirr. Nach Luzern brachte man auch das kostbare Neliquienkästchen. Die Verteilung der Gegenstände, die sich darin befanden, und die man natürlich nicht nach dem Gewicht schätzen konnte, verursachte viel Streit. Zuletzt kam man überein, daraus zehn Teile zu machen, die auf dem Altar der Pauptkirche in Luzern niedergelegt wurden. Nach einem feierlichen Gottesdienst losten die berechtigten Grte. Ze ein Gesandter mit einem Priester nahm seinen Teil in Empfang und brachte ihn unter großer Feierlichkeit nach pause. Murten wird hart bedrängt. perzog Karl wünschte, möglichst bald einen glänzenden Sieg zu erringen, um dadurch die bei Grandson erlittene Schmach auszulöschen. Schnell befahl er daher, ein neues Peer zu sammeln. Es sollte dem vorigen an Zahl noch überlegen sein. Seine Gesandten in England, Ztalien und Flandern warben um schweres Geld Krieger aller Waffen an. Mit diesen zog er nach Murten und schloß die Stadt vollständig ein. Sie war besetzt von einer kleinen Schar bernischer Truppen. Aber es waren tapfere Männer, und der Mann, welcher an ihrer Spitze stand, war seiner schweren Aufgabe gewach- s77 sen. Er hieß Adrian von Bubenberg und stammte aus einem angesehenen Geschlecht der Stadt Bern. Durch seine guten Anordnungen und die Festigkeit seines Charakters wußte er seinen Soldaten Akut und Zuversicht einzuflößen. Als er des Herzogs Ankunft vor der Stadt erfuhr, sandte er sofort einen Boten nach Bern. Doch mahnte er, man solle nicht durch allzu große Eile alles aufs Spiel setzen, sondern die Ankunft der Bundesgenossen abwarten. Er glaube, den Platz bis dahin verteidigen zu können. Er und seine Mannen seien entschlossen, Murten nur mit dem Leben aufzugeben. Als die Runde nach Bern kam, daß burgundische Truppen ins Bernbiet eingefallen seien und Murten belagern, ertönte vom Münster die große Sturmglocke. Das Lärmfeuer auf dem Thristoffelturm wurde angezündet. Bald brannten im ganzen Bernerlande auf den Hochwachten die Feuer. Durch diese wurde den lvehr- männern das Zeichen gegeben, daß das Land in Gefahr sei, und daß sie sich sofort zum Auszug rüsten sollen. Drohende Tage waren angebrochen, nicht nur für Bern, sondern für die ganze Eidgenossenschaft. Unterdessen haben die Burgunder Murten beschossen und schon ein großes Loch in die Ringmauer gebrochen. Der Herzog glaubt nun, einen Sturm wagen zu dürfen. Er beauftragt einen seiner Hauptmänner, ihn auszuführen. Dieser läßt seine Sturmtruppen antreten. Er befiehlt ihnen, auf das Loch in der Mauer loszugehen. Aber die Belagerten sind mit allem Nötigen wohloer- sehen. Ihre Geschütze werden von den auserlesensten Artilleristen bedient. Bubenberg hat einen Teil seiner Kanonen mit Flaschenzügen hoch auf die Türme bringen lassen. Von dort aus werden die Angreifer heftig beschossen. Trotzdem dringen diese bis zu den Wällen und Mauern vor. Sie legen Leitern an und versuchen hinaufzuklettern. Aber sie werden mit einem Hagel von Pfeilen und Kugeln empfangen und müssen zurückweichen. Dreimal erneuern die Stürmenden den Angriff, und dreimal werden sie mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Doch der Herzog will Murten um jeden preis haben, und zwar bald; denn er hat durch Berichte erfahren, daß die Streit- s78 kräfte seiner Feinde von Tag zu Tag anwachsen und bereits auf 20 000 Mann gestiegen sind. Er eilt, sein Lager noch besser zu verschanzen und seine Truppen in Bereitschaft zu stellen. Dann fordert er die Besatzung von Murten auf, sich zu ergeben. Bubenberg aber antwortet: „Der Meineidige von Grandson wird in Murten niemals Glauben finden." Karl eröffnet nochmals ein heftiges Geschützfeuer gegen die Mauern und Türme, von wo man ihm mit einem ebenso heftigen Feuer antwortet. Auch durch Drohen und Schimpfen suchen die Burgunder die Belagerten einzuschüchtern. Aber diese bleiben stark und fest wie ihr Anführer. Schon zehn Tage lang haben die Belagerten die fortgesetzten Stürme tapfer abgewehrt. Am Tage kämpften sie und in der Nacht besserten sie die erlittenen Schäden so gut als möglich aus. Aber nun geht ihre Kraft zu Ende. Bubenberg schreibt nach Bern: „Mit Gottes Beistand werden wir mutig aushalten und unsere Pflicht tun, solange ein Tropfen Blutes in unsern Adern rollt. Aber beeilt euch und tut alles, um so schnell wie möglich zu unserer Befreiung heranzurücken." Die Hülfe naht. Für die Berner war es von der größten Wichtigkeit, daß das feste Murten nicht in die Hände des Herzogs falle. Um das zu verhüten, hatten sie an ihre verbündeten in der Schweiz und in Deutschland Boten auf Boten gesandt und gebeten, die versprochenen Hülfstruppen eiligst zu schicken. Die trafen nun auch bald ein, zuerst die wackern Unterwaldner mit den Männern aus dem Entlebuch. Dann kamen die Banner von Luzern, Uri und Schwiz, die Banner von Zug und Glarus. Dann erschienen die Basier und die Straßburger mit 550 Reitern, 300 Bogenschützen, l2 Feldgeschützen und geschickten Geschützmeistern. Zur rechten Zeit langten auch die Reiter des Herzogs Sigismund von Österreich an. Auch die Stadt Nottweil im Schwabenland hatte ihre Freundschaft mit den Eidgenossen nicht vergessen und Mannschaft gesandt. Nenat, der Herzog HZ von Lothringen, den Karl der Kühne aus seinem Fürstentum vertrieben hatte, konnte nur noch 300 Pferde zum Kampfe gegen den Herzog mitbringen. Die «Lidgenossen ziehen ins Feld. vorn Marschsicherung, dann das Fcldspiel sein Trommler und ein Pfeifer), die Fahnenwache, zwei Bannerträger, das Fußvolk. Noch fehlten die Zürcher. Aber ihr Bürgermeister, Hans Maldmann, war bereits in Bern angekommen. Er schrieb seinen Leuten: „Beeilt euch, daß wir nicht die letzten sind; denn bei Gott, zweifelt nicht daran, die Burgunder sind unser!" Melche Freude herrschte in Bern, als am Abend des 2H Juni s80 auch die Zürcher in die Stadt einzogen, an ihrer Spitze Hans Waldmann, der ihnen ein Stück weit entgegengeritten war. Die Bürger beleuchteten ihre Häuser. Sie stellten Tische, mit Speisen und Wein beladen, in die Hallen und boten den müden Kriegern zu essen und zu trinken. Nach wenigen Stunden Rast brachen die Lidgenossen und ihre Hülsstruxpen auf. Begeistert erhoben sie den Schlachtgesang und zogen trotz des strömenden Regens freudig dem Kampfplatz entgegen. Lswar ergreifend, wie die Frauen und Töchter Berns den scheidenden Kriegern weinend zu Füßen sielen und sie anflehten, sie vor der drohenden burgundischen Gewaltherrschaft zu retten. Der Tag von Rkurten. Oberhalb Rlurtens machten die schweizerischen Truppen Halt, um sich in Schlachtordnung aufzustellen. Das war immer eine schwierige und zeitraubende Sache. Auch kam es dabei nicht selten zu Rangstreitigkeiten. Die Lidgenossen bildeten, wie gewöhnlich, drei Treffen, eine Vorhut, einen Gewalthaufen und eine Nachhut. Alle drei marschierten in geschlossenen Massen und waren fast immer in viereckform aufgestellt. So auch bei Rkurten. Der Vorhut teilte man die meisten Bogenschützen und sämtliche Reiterei zu. Den Oberbefehl führte hier Hans von Hallwyl. Die Nachhut, etwa 3000 Rkann, die schwächste Abteilung, führte Kaspar Hertenstein von Luzern. Den Gewalthaufen, aus dessen Rkitte alle großen Banner der Lidgenossen und ihrer verbündeten emporragten, befehligte Hans Waldmann. Bei ihm befand sich auch Wilhelm Herter, der Oberbefehlshaber des ganzen Heeres. Was ausgeführt werden sollte, war jedoch schon vorher in einem Kriegsrat verhandelt und mit Stimmenmehrheit beschlossen worden. Ls traf sich nun, daß die Burgunder bei Rkurten in einen: für sie recht schlimmen Augenblick angegriffen wurden. Der Herzog hatte schon am Morgen beim ersten Lärm seine ganze Streitmacht in Schlachtordnung aufstellen lassen. Sechs Stunden lang wartete sie in strömendem Regen auf den Feind. Als dieser nicht erschien, meinte Karl, die Schweizer hätten ihren Angriff verschoben. Da seine Soldaten ganz durchnäßt waren, gestattete er ihnen, in ihre (Quartiere zurückzukehren. Er selbst eilte in sein schönes Zelt und legte seine schwere Rüstung ab. Unterdessen war es Mittag geworden. Da tauchte plötzlich die Vorhut der Schweizer vor dem herzoglichen Lager auf. Sobald die burgundischen Vorposten sie erblickten, schlugen sie Lärm. Der Herzog, der sich eben zu Tische hatte setzen wollen, stürzte aus seinem Zelt. Pagen trugen ihm seine Rüstung nach, die er unterwegs anlegte. Dann bestieg er sein Schlachtroß und jagte in gestrecktem Galopp dem Feinde entgegen. Er wußte vor Aufregung fast nicht, was er tat. Und doch wollte er alles lenken. So langte er auf dem Platz an, wo ein Teil seiner Bogenschützen und Artilleristen hinter einem Grünhag aufgestellt war. Es war ein ernster Augenblick, als sich nun die Vorhut der Eidgenossen zum Sturm bereit machte. Ein Geistlicher sprach mit kräftiger Stimme und mit zum Himmel erhobenen Händen: „Biedere Männer, Gott ist unsere Stärke. Zst er für uns, wer mag wider uns sein! Daß er aber mit uns sei, wollen wir jetzt beten. Darum befehlet eure Seelen, euern Leib und euer Leben dem allmächtigen Gott, der unsern Vatern geholfen hat." Und wie die Rrieger still betend auf den Amen liegen, da öffnet sich das Gewölk. Die Sonne tritt hervor und beleuchtet die funkelnden Helme und Rüstungen der Burgunder. Nasch springt Hans von Hallwyl auf und ruft den Seinigen zu: „Eidgenossen! Durch diese Veränderung des Wetters und den Glanz der Sonne zeigt uns Gott, daß er bei uns sei. Drum frisch auf! Denke jeder an Weib und Rinder, auf daß er sie errette mit männlicher Tat." Nach diesen Worten stürmen die Schweizer gegen den Grünhag. Aber sie vermögen ihn nicht zu durchbrechen. Sie müssen wieder zurück. Da umgeht ein von Hallwyl abgeschickter Trupp den Grünhag. Der leitende Büchsenmeister der Burgunder wird erschossen. Jetzt gelingt es den Eidgenossen, den Hag zusammenzureißen und niederzutreten. Die Entle- bucher und Berneroberländer tragen mit ihren starken Armen f82 die Kanonen hinüber. Die burgundischen Geschütze wenden sie um und richten sie gegen den Feind. Die Reiter des Herzogs wollen neue Kräfte sammeln. Sie ziehen sich hinter die dritte Linie des Fußvolkes zurück. Das erscheint den Fußsoldaten als ein Zeichen der Niederlage. Linige — man weiß nicht, ob es Feiglinge oder Verräter gewesen sind — schreien: „Alles verloren!" Nun fängt das Fußvolk an, sich aufzulösen. Die Hauptleute wollen es verhindern. Aber alle ihre Bemühungen, ihr Bitten und Schelten sind vergebens. Die Schweizer dringen im Sturmschritt vor. Was noch Widerstand zu leisten versucht, wird niedergemacht. Auch die Reiter, die länger als die Fußtruppen standgehalten haben, wenden sich zur Flucht. Wohl befiehlt der Herzog einem seiner Führer, die Truppen weiter rückwärts zu ordnen und neu aufzustellen. Dieser schickt sich an, den Befehl auszuführen. Da wird er von einer Kugel getroffen. Die Flucht ist jetzt allgemein geworden, von wenigen Getreuen umgeben, flieht auch der Herzog. Lrst in Rkorges am Genfersee macht er einen kurzen Halt. Dann eilt er ohne Rast in seine Staaten zurück. Der Zug der Lidgenossen nach Lothringen und das Lüde Karls des Kühnen. Zu den Feinden Karls gehörte auch der Herzog Renat von Lothringen. Ihm hatte Karl sein Fürstentum weggenommen. Renat suchte Hülfe bei den Lidgenossen. Lr kam zu diesem Zweck selber auf die Tagsatzung nach Luzern. von ihr erbat er sich 6000 Rkann. Aber es stellten sich mit Freuden über 8000. Hunderte von Knaben, die sich anschließen wollten, mußten mit Gewalt zurückgehalten werden. Zn Zürich war es Hans Waldmann, der sich dafür verwendete, daß Renat Hülfe erhielt. Rkit 600 Zürchern machte er sich auf den Weg. Ls kamen auch Berner, geführt von Brandolf von Stein, und viele andere Lidgenossen. Zn Basel vereinigten sie sich, und am Weihnachtstage des Jahres f^76 zogen sie aus nach Näncy. f8Z Als Herzog Karl Nachricht bekam von den heranrückenden Scharen der Lidgenossen, hielt er einen Kriegsrat. Seine Hauptleute waren der Meinung, er solle einer Schlacht ausweichen. Das wollte Karl aber nicht. Er sprach: „Mein Vater und ich haben die «lothringer geschlagen. Soll ich mich nun zurückziehen? Niemals! Diese Nacht wird Nanov erstürmt, und morgen schlagen wir den Feind." Traurig verließen die Räte den Herzog. Sie ahnten, was kommen werde. Als der Herzog am Schlachttage sein Pferd bestieg, löste sich die Zierde von seinem Helm, ein goldener Löwe, und fiel ihm auf den Sattel. „Das ist von Gott", seufzte er unmutig und gab seinem Diener versiegelte Briese. Darin stand geschrieben, was nach seinem Tode geschehen solle! Zn der Nähe von Nanoy standen die beiden Heere an einem kalten Zanuarmorgen einander kampfbereit gegenüber. Die Schlacht begann, und alsbald war aller Trübsinn von Karl gewichen. Man sah ihn im Heere walten als den besonnenen und erfahrenen Feldherrn. Er kämpfte mit in der tobenden Schlacht. Aber er vermochte das über ihn und sein Heer hereinbrechende Unheil nicht mehr abzuwenden. Durch einen Schlag, den er inmitten des Schlachtgetümmels empfing, wurde er betäubt. Zwar konnte er sich mit Hülfe der ihn umgebenden Getreuen wieder aufraffen und fliehen. Als er jedoch über einen Graben setzen wollte, gebrach ihm und seinem Pferde die Kraft dazu. Er stürzte hinein. Zwar konnte er sich emporarbeiten. Aber sofort war er von Feinden umringt. Einer von ihnen gab ihm den Todesstoß. Ein burgundischer Edelmann hatte ihn fallen sehen. Aber niemand von den Seinigen war jetzt da, um ihm beizustehen. Nach der Schlacht erschienen Räuber und Diebe auf dem Schlachtfelde. Sie machten sich über die Gefallenen her und plünderten sie aus. Auch den Herzog beraubten sie der Kleider, ohne ihn zu kennen. Herzog Renat wünschte, daß man den Leichnam Karls suche. Die Wäscherin des gefallenen Herzogs aber hatte ihn bereits gefunden. Diese war ein habsüchtiges Weib und machte sich auch mit den Leichen des Schlachtfeldes zu schaffen. Sie suchte nach den Ringen, die etwa noch an den Fingern der gefallenen Herren zu finden waren. So kam sie auch zur Leiche des Herzogs. Sie wandte diese um, erkannte sofort das Antlitz Karls und rief entsetzt aus: „Nein Gott! Der Fürst!" Er war steif gefroren und mit geronnenem Blute bedeckt. Nachdem die Leiche gewaschen war, wurde sie von einigen Gefangenen erkannt. „Er ist's!" riefen sie und weinten laut. Auch die Feinde ergriff bei diesem Anblicke Rührung und Grauen zugleich. Karl war ein gewaltiger Fürst gewesen. Jetzt lag er da als ein Geschlagener, Überwundener, vor seiner Bestattung wurde er in einer Kirche zu Nancy feierlich aufgebahrt. Da trat auch der Herzog Renat an der Spitze seines Gefolges zu ihm, ergriff seine Hand und sprach: „Lieber Vetter, Ihr habt uns viel Unglück bereitet; Gott sei Eurer Seele gnädig." Nikolaus von der Aue. Nit Beute beladen, waren die schweizerischen Krieger aus den Burgunderschlachten heimgekehrt zu ihren Familien, der eine in einem Seidengewand, der andere in Beinkleidern von Goldstoff, der dritte mit einer Schärpe von feinen Spitzen, jeder mit einem Sack voll Taler. Der Erwerb so vieler Reichtümer wurde für die Eidgenossen verhängnisvoll. Sie hatten jetzt den Wert des Goldes und des Silbers kennengelernt. Die Geldgier und Habsucht des Volkes war geweckt worden, wer reich geworden, wollte noch reicher werden. Nänner und Frauen fingen an, sich kostbar und fremdländisch zu kleiden. Durch ihren Reichtum und durch die Pracht ihrer Kleider erregten sie bei den ärmern Leuten Neid, Nißgunst und Unwillen und das Bestreben, es den Reichern nachzumachen. Einfachheit und Redlichkeit verschwanden. An ihre Stelle traten Hoffart, Verachtung, Untreue. Auch unter den Regierungen begannen Nißtrauen und Uneinigkeit überhandzunehmen. Schon bei der Beuteteilung hatte jeder Grt gemeint, er komme zu kurz. Es war darüber zu heftigen Streitigkeiten gekommen, die noch nicht geschlichtet waren. f85 Besonders eine Angelegenheit aber erbitterte die Gemüter der Lidgenossen. Die Städteorte verlangten, daß auch Freiburg und Solothurn in den Schweizerbund aufgenommen werden, da sie im Kriege wacker mitgeholfen hatten. Davon wollten aber die Länder, die Gründer der Lidgenossenschaft, nichts wissen. Denn wenn sie aufgenommen wurden, erhielten die Städteorte auf der Tagsatzung die Mehrheit. Line tiefe Kluft tat sich auf zwischen den Lidgenossen. Die Städte- kantone schlössen mit Freiburg und Solothurn ein Burgrecht, eine Art Sonderbund. Tagsatzungen wurden gehalten, um den Streit zu schlichten und den Riß zu heilen. Statt dessen wurde er immer größer. „Was (Österreich und Burgund nicht vermocht haben," so sagte man klagend, „das hat die Zwietracht der Schweizer zustande gebracht." Wieder stand die Lidgenossenschaft vor einem Bürgerkrieg. Da gab ein hochangesehener Mann den Rat, man solle auf einem Tage in Stans noch einmal versuchen, eine Versöhnung zustande zu bringen. Dieser Mann war der Einsiedler Nikolaus von der Flüe von Sächseln am lieblichen Sarnersee. von Jugend auf hatte er ein stilles, einsames Leben gesucht und geführt; denn seine Seele verlangte nach Gemeinschaft mit Gott. Das hatte ihn aber nicht gehindert, seine Bürgerpflichten stets gewissenhaft zu erfüllen. Dem Rufe seiner Dbrigkeit folgend, war er schon als 23jähriger Mann mit dem Unterwaldner Banner in den Zürichkrieg gezogen. Als dann sH60 die Lidgenossen mit Herzog Sigismund von Österreich in Streit gerieten und ihm den Thurgau wegnahmen, da war Nikolaus von der Flüe auch dabei. Auch in den Tagen des Friedens hatte der geachtete Mann seinem Lande treu gedient, einmal als Abgeordneter Gbwaldens auf der Tagsatzung und lange Zeit als Richter. Als Nikolaus von der Flüe 50 Jahre alt geworden war, trat er eines Tages in die Wohnstube, wo seine Frau und seine zehn Kinder auf ihn warteten. Lr wollte sie verlassen, sich irgendwo in die Einsamkeit zurückziehen und dort als Einsiedler nur noch Gott dienen. Seine gewöhnliche Kleidung s86 hatte er abgelegt und stand nun vor ihnen in einem langen, braunen Pilgerkleid von grobem Tuch, barfuß und barhaupt. In der einen Hand hielt er den Wanderstab, in der andern einen Rosenkranz. Er dankte den Seinen für alles Gute, das sie ihm erwiesen. Er bgt sie um Vergebung, wenn er sie durch Wort und Benehmen beleidigt habe, und ermähnte sie zur Gottesfurcht, Liebe und Eintracht. Dann erteilte er allen seinen Segen. Ein Bild in der Kirche seines Heimatdorfes stellt dar, wie er seine segnende Hand eben aus das jüngste seiner Kinder, das erst Wochen alt war, ausstreckt. Hieraus nahm er herzlichen Abschied von seiner Lebensgefährtin, seinem alten Vater, seinem Bruder, seinen Kindern, Hausgenossen und Freunden, die sich zu seinem Abschied eingefunden hatten. Dann verließ er als ein armer Pilger die Heimat. Wohin der geliebte Vater gehen werde, wußten sie nicht. Er wußte es selber nicht. Er zog aus, um an einem abgelegenen Grt in der Fremde Gott zu dienen. In der Nähe von Liestal änderte er seinen Entschluß. Er kehrte zurück nachGb- walden. In der öden Schlucht im Ranft am Ufer der Rkelchaa, ganz nahe bei seinem Hause, machte er sich aus Ästen und Laub eine Hütte. Als seine Landsleute hörten, daß er hier als Einsiedler zu leben gedenke, errichteten sie für ihn eine Zelle und bald darauf eine kleine Kapelle. Etwa 20 Jahre lang führte er da bei Beten, Fasten und frommen Betrachtungen ein einsames, strenges Leben. Des Nachts lag er auf einem Bretterboden. Ein Stück Holz diente ihm als Kissen. Die tiefe Frömmigkeit des Bruders Klaus, seine enthaltsame Lebensweise und seine treffenden Worte machten auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck. Wie ein Heiliger wurde er verehrt, von nah und fern kamen Leute, um den seltenen Mann kennenzulernen. Keiner ging von ihm, ohne Trost oder guten Rat empfangen zu haben. Sein Ansehen war so groß, daß sogar Staatsmänner auf seine Worte hörten. Die Tagsatzung zu Ttans Ms. Es war Mitte Dezember des Jahres sH8s. In Staus versammelten sich die Gesandten der eidgenössischen Grte zu einer entscheidenden Tagsatzung. Auch die Boten von Frei- burg und Solothurn waren eingeladen worden. In drei Sitzungen kam keine Versöhnung zustande, vielmehr gingen die Tagherren nach der letzten ohne Abschied mit zornentbrannten Gesichtern auseinander. Da macht sich Pfarrer Imgrund von Staus, ein Freund Bruder Klausens, in der Nacht auf den Weg nach dem Ranft. „Die Tagsatzung," so spricht er zu dem Bruder, „welche Ihr selbst angeraten, nimmt einen äußerst unglücklichen Ausgang. Hülfe erwarte ich nur von Tuch." waren in jenen Stunden sonst alle ratlos: Bruder Klaus weiß noch Rat. Zwar will er nicht selbst nach Staus gehen. Aber er teilt dem Pfarrer seine Ansicht und seine Vorschläge mit. Imgrund eilt nach Staus zurück. Schweißtriefend kommt er um die Mittagsstunde dort an. Schon hat man da gegessen, und die Boten sind im Begriffe abzureisen. Imgrund bittet sie mit Tränen in den Augen, sich um Gottes und Bruder Klausens willen noch einmal im Rathaus zu versammeln, um seinen Rat und seine Meinung zu vernehmen. Nochmals treten sie zusammen und vernehmen die Botschaft des Einsiedlers. Sie lautete ungefähr folgendermaßen: „Mit Bedauern habe ich vernommen, daß ihr, anstatt dem lieben Gott für seine Hülfe zu danken, uneinig seid und streitet. Bedenket doch, Einigkeit hat euern Bund gegründet und stark gemacht, Einigkeit hat euern Feind geschlagen. Sollen jetzt Eigennutz und Unfrieden Euch trennen und überwinden? Unfrieden zerstört und richtet auch das Gute zugrunde. Aber Frieden in Gott mag nicht zerstört werden. Darum reichet euch die Hand zur Versöhnung. Teilet die gemeinsamen Eroberungen an Land nach der Zahl der Orte, die fahrende Beute aber nach der Zahl der Mannschaft, und macht es auch in Zukunft so. Ihr, liebe Herren aus den Städten, laßt Staus, rechts das Rathaus mit hölzernen tauben, ^smgrund bittet die Boten, sich nochmals zu versammeln. dem Frieden zulieb das neue Burg recht fahren. Es ist ein Bonderbund, der den alten Bünden zuwiderläuft und Unheil stiftet. Und ihr, meine lieben Freunde aus den Ländern, was tragt ihr Bedenken, Freiburg und Bolothurn in den Bund aufzunehmen? Beid doch der Treue und der Dienste dieser Btädte eingedenk, wie sie euch zu Hülfe gezogen sind im letzten Kriege, wie sie mit euch Glück und Unglück geteilt und im Kämpfe viele von den Ihrigen verloren haben. Ich bitte euch, nehmt sie auf, da es Gottes Wille ist. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr ihrer Hülfe und ihres Beistandes wieder bedürft. vereinigt euch zu einem Bund der Liebe, der Treue und der guten Ordnung, und Gott wird mit euch sein." „Und Gott gab Glück," sagte einer, der selber dabei war, „daß die Bachen, die vormittags so bös stunden, nachmittags nach dieser Botschaft viel besser wurden und in einer Btunde ganz und gar geschlichtet waren." Das Burgrecht wurde aufgelöst. Freiburg und Bolothurn nahm man in den Bund auf. Den Bund der Eidgenossen befestigte man durch ein neues Gesetz. Es hieß das Btanser verkommnis. Darin verboten die Orte gefährliche Volksansammlungen, aus denen ein Aufruhr entstehen konnte. Bis versprachen einander Hülfe und Beistand, um gegen solche Friedensstörungen mit vereinter Kraft einzuschreiten. Was in künftigen Kriegen erbeutet werde, möge wie bisher nach der Zahl der Krieger verteilt werden. Auf erobertes Land aber sollen nur die Orte Anspruch haben. Der Pfaffenbrief und der Bempacherbrief, die man früher aufgestellt hatte, wurden bestätigt. Mit herzlichem Handschlag schieden am Abend des f8. Dezembers die Häupter der Eidgenossen voneinander und brachten frohe Kunde in die Heimat. Aus dem Hauptflecken Btans bis hinauf an den Gotthard und hinunter nach Zürich, ja bis nach Nätien und in den Jura hinüber erscholl von den Kirchtürmen allgemeines Freudengeläute, und in den Kirchen sang man: „Herr Gott, dich loben wir." Die Tagsatzungsboten erhielten den Auftrag, zu Hause von der Treue, Blühe und Arbeit des frommen Bruders Klaus zu berichten. Einige schickten ihm Geschenke. Bolothurn z. B. sandte ihm bald nach 13 der Tagsatzung 20 Gulden zu einem Guten Jahr mit den Worten: „wir haben gehört, wie Ihr durch Euern getreuen Rat mit Hülfe des allmächtigen Gottes Frieden, Ruhe und Einigkeit hergestellt und für uns Solothurner so viel Gutes geredet habt, daß wir mit den Eidgenossen durch einen ewigen Bund verbrüdert worden sind. Dafür sagen wir Gott und Euch als Freund des Friedens Lob und Dank." von einem streit um die Kleidertracht. In alten Zeiten erließen die Stadtobrigkeiten oft Vorschriften gegen das Tragen kostbarer Kleider. Sie wollten dadurch die überhandnehmende Verschwendung bekämpfen und die Verarmung des Volkes verhüten. Der Rat von Zürich verbot den Frauen, an seidene oder leinene Kleider kostbare Bordüren zu setzen. Auch sollten sie keine Haarkränze von Seide, Gold, Silber und Edelsteinen tragen. Ebensowenig durften sie ihre Hüte mit dergleichen Kostbarkeiten verzieren, weder verheiratete noch Unverheiratete durften das Gber- gewand auf den Achseln mehr als zwei Finger breit aus- schneiden. In Bern entstand wegen einer solchen Kleiderverordnung ein großer Streit. Der Rat verbot die zu kurzen Kleider und die langen Spitzen an den Schuhen, die man mit Gold, Silber und Edelsteinen verzierte. Den Frauen untersagte er, an ihren Kleidern lange Schleppen oder „Schwänze" zu tragen. Die Adeligen betrachteten diese Vorschriften als eine Beleidigung für sie. Die Auszeichnung in der Kleidung, meinten sie, sei ein Vorrecht, das ihnen von Gottes und Rechts wegen gehöre. Der Unterschied der Stände sei nun einmal in Gottes (Ordnung begründet. Sie seien deshalb nicht schuldig, dieser Verordnung zu gehorchen. Der Große Rat aber sagte ihnen, das Gesetz sei beschworen worden und müsse gehalten werden, wer es übertrete, werde bestraft. Dessenungeachtet erlaubten sich eines Sonntags etliche vom Adel, mit ihren langen Schuhspitzen in der Kirche zu er- scheinen. Dieser Trotz und Hochmut ärgerte jedermann. Alle Fehlbaren mußten vor dem Rat erscheinen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie niemanden hätten beleidigen wollen. Das verbot sei aber gegen ihren willen aufgestellt und von ihnen nicht beschworen worden. Sie verlangen deshalb ein unparteiisches Gericht. Das wurde bewilligt. Das Gericht gab ihnen aber nicht recht, sondern es verurteilte die fehlbaren Edelleute, wie sie es verdienten, zu einer Strafe. Sie mußten auf die Dauer eines Monats die Stadt verlassen. Nach Ablauf dieser Frist kehrten die verbannten Ritter und Edelfrauen wieder nach Bern zurück. Jedermann war froh darüber, und ganz besonders die Handwerksleute. Diese hatten schon Angst, daß sich die Ausgewiesenen anderswo niederlassen könnten. Das wäre ihnen und anderen denn doch nicht recht gewesen, weil die Adeligen den gemeinen Leuten viel zu verdienen gaben. Auch kam man nach und nach zur Einsicht, daß solche Verbote nicht viel nützen. In der Tat wurde das Kleidermandat bald darauf nicht mehr befolgt. Der große Streit war freilich nicht nur wegen der Kleider ausgebrochen. Die tiefere Ursache desselben war vielmehr die gegenseitige Abneigung zwischen den Adeligen und den einfachen Bürgersleuten. Die adeligen Geschlechter versuchten nämlich damals schon, die Regierung der Stadt und des ganzen Bernerlandes in ihre Hand zu bringen. Sie wollten diese dann so einrichten, wie es ihnen paßte. Dagegen wehrten sich die Bürger. Sie wählten einmal einen einfachen Handwerker, namens Peter Kistler, aus der Zunft der Metzger zum Schultheißen. Er war ein erfahrener, mutiger Mann und wagte es, dem Hochmut der Edelleute entgegenzutreten. Das geschah eben in diesem Gesetz über die Kleidertracht. Später gelang es den vornehmen Geschlechtern freilich dennoch, das Stadtregiment an sich zu ziehen. Um das Volk zur Einfachheit zu erziehen, erließen sie auch solche Gesetze, nicht nur Kleiderverordnungen, sondern auch etwa Vorschriften über die richtige Heiligung des Sonntags. Die Regierung in Zürich verbot den Wirtshausbesuch am Sonntag, das Rauchen auf dem Kirchweg, das Spielen mit Karten und Würfeln, das Wetten um Geld oder Geldeswert. Sie verbot ferner die großen Hochzeitseinladungen, die allzu reichlichen Hochzeitsessen und Taufmähler, sowie kostbare Neujahrsgeschenke. Solche Gesetze stellen die Behörden heute nicht mehr auf. Jedermann würde sie als eine Bevormundung empfinden. Und doch möchte man wünschen, daß manche von ihnen heute noch Beachtung fänden. Der Wohlstand, welcher in jenen Tagen zu Stadt und Land herrschte, sollte dem Volk unserer Zeit ein Wink sein, in diesen Dingen freiwillig das zu tun, was die alten Obrigkeiten befahlen. Hans Waldmann. An der Spitze der Zürcher, die am Abend vor der Schlacht bei Wurten in Bern einzogen, ritt ein hochgewachsener, starker Wann. Um seine schimmernde Rüstung flatterte ein blauseidener Mantel. Kühn und herrisch sah er aus. Es war Hans Waldmann, der sich bei Murten durch Wut und Tapferkeit auszeichnete. Er war ein Baucrnsohn aus Blickensdorf im Kanton Zug. Früh verlor er den Vater. Die Mutter, eine Zürcherin, kehrte nun mit ihren zwei Söhnen nach Zürich zurück. Da erlebten die beiden Jünglinge die unruhigen Zahre des Zürichkrieges. erkauften sie sich das Zürcher Bürgerrecht. Zeder bezahlte dafür etwa zweihundert Franken. Hans ging eine Zeitlang bei einem Schneider, dann bei einem Gerber in die Lehre. Aber die ruhige Handwerksarbeit behagte ihm nicht. Wehr Freude hatte er, wie viele andere, am Krieg, an Raub- und Beutezügen. Häufig zog er deshalb als Neisläufer bald dahin, bald dorthin. Zu Hause mußte ihn das Stadtgericht sehr oft büßen oder einsperren wegen Schlägereien und Streithändeln aller Art. Als er zu Zähren gekommen war, gründete er in Zürich eine Eisenhandlung. Er verheiratete sich mit einer reichen Zürcherin. Die Zürcher übertrugen ihm nacheinander verschiedene Ämter. wählten ihn seine Zunftgenossen zum Zunftmeister. Ls kam die Zeit des Burgunderkrieges. Da erwarb sich Waldmann in der Schlacht bei Murten als Anführer des Gewalthaufens großen Ruhm. Als Vertreter der Zürcher nahm er von jetzt an fast an allen Tagsatzungen teil. Sein Wort galt viel bei den Lidgenossen. Mehrmals schickten ihn diese als Abgeordneten zu den ersten Fürsten Luropas. wenn fremde Gesandte nach der Schweiz kamen, wandten sie sich zuerst an Hans Waldmann. Inzwischen stieg er in Zürich zu den höchsten Ämtern empor. s^80 wurde er Obristzunftmeister. Dies war neben dem Bürgermeister der höchste Beamte der Stadt. erhoben ihn die Zürcher zum Bürgermeister. Jetzt stand er an der Spitze des zürcherischen Staates. Lr leitete denselben so ziemlich nach seinem willen und hätte segensreich wirken können. Leider aber hatte er das Geld zu lieb. Ohne Bedenken nahm er Pensionen von allen Seiten, von Österreich, von Mailand und andern Staaten. Dadurch bereicherte er sich mächtig. Lr wurde verschwenderisch und herrschsüchtig. An seinem Ruhm und seinem eigenen Nutzen war ihm mehr gelegen als am Nutzen und an der Ehre des Vaterlandes. Das merkte man allmählich in Zürich und in der ganzen übrigen Schweiz, von da an hatte er viele Feinde. Bald verdarb er es mit den Lidgenossen, ganz besonders mit den Luzernern. Der Luzerner Schultheiß Frischhans Teiling schimpfte einmal über Waldmann und das Zürcher Banner. Lr nannte dieses einen Bettelsack und Waldmann einen Bösewicht und Verräter. Das erfuhr man in Zürich und war darob entrüstet. Als dann Teiling einmal auf einen Markt nach Zürich kam, um Tuch einzukaufen, ließ ihn Waldmann verhaften. Luzerner Boten kamen und baten, Teiling freizulassen. Waldmann und die Zürcher aber wiesen sie schroff ab. Teiling wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Diese Tat erregte in der ganzen Lidgenossenschaft Unwillen. Denn Teiling war ein angesehener Mann. Lr hatte nämlich einige Jahre früher mit wenigen hundert Mann bei Giornico im Tessin ein großes mailändisches Heer zurückgeschlagen und dadurch die Lhre des ganzen Landes gerettet. Aber auch in Zürich selbst hatte Waldmann viele Feinde. Ganz besonders haßten ihn die Adeligen. Diese betrachteten ihn immer als einen Emporkömmling. Waldmann fühlte das und wollte sich an ihnen rächen. Schon hatte er es dahin gebracht, daß die Bürgerschaft ihn, den Neubürger, zum Bürgermeister wählte, statt den Adeligen Heinrich Göldli. Er setzte es auch durch, daß die Adeligen in den Rat weniger Mitglieder wählen durften als die Handwerker. Ferner erließ er Gesetze gegen den Rleiderlurus, gegen Vergnügen und Festlichkeiten. Er selbst aber beobachtete diese Verordnungen nicht. Als der reichste Eidgenosse lebte er wie ein Fürst, gab große Gastmähler und Feste. Und während er von den Bürgern ein sittenstrenges Betragen verlangte, erregte er durch seinen Lebenswandel mehr als einmal Anstoß und Unwillen nicht nur bei den Adeligen, sondern auch bei den gemeinen Bürgern. Auch auf dem Lande machte er sich durch allerlei Gebote und Verbote verhaßt. Er schrieb den Bauern vor, wie sie ihre Güter bebauen sollten. Er verbot ihnen die Hochjagd und das Beislaufen. Er untersagte ihnen, Handel und Gewerbe zu treiben. Das sollte nur in der Stadt erlaubt sein. Alles das führte schließlich zu einem Aufstand gegen Waldmann. Zm Frühling brach der Sturm los. Eben hatte der gewalttätige Bürgermeister noch verordnet, daß die Bauern ihre großen Hunde totschlagen sollen, weil sie dem wild und den Weinbergen schaden. Das war den guten Leuten zuviel. Sie rotteten sich zusammen und zogen nach der Stadt. Jetzt erhoben sich auch die Stadtbürger, voran die Adeligen. Als Waldmann die Sturmglocken läuten hörte, ahnte er wohl, daß er verloren sei. Mitten in der Limmat stand damals ein alter Turm, der den Zürichern viele Jahrhunderte lang als Gefängnis diente. Tag und Nacht brachen sich an ihm die Wellen, vielleicht hieß er deshalb der Wellenberg. Da war es, wo Waldmann eines Morgens in den elendesten Kerker eingesperrt wurde. Zn einem Baume dieses Turmes verhörte und folterte man ihn mehrmals. Alle möglichen vergehen warf man ihm vor, auch solche, die er nicht begangen hatte. Am Morgen des 6. April fH89 wurde er aus dem Kerker auf den Fischmarkt geführt. Hier verlas man ihm das Todesurteil. Gern hätte er zum Volke geredet. Aber man erlaubte es ihm nicht. Nun führte ihn der Scharfrichter auf die Richt- stätte, die von etwa fOOOO Bauern umlagert war. Mit Begierde warteten sie auf den Augenblick, wo sie das Haupt des verhaßten Mannes fallen sahen. Stolz und aufrecht bestieg er das Blutgerüst. Mit lauter Stimme bat er jeden um Verzeihung. Dann betete er, kniete nieder und empfing den Todesstreich. Im Fraumünster wurde sein Leichnam, wie er es gewünscht hatte, bestattet. Dort steht an einer Mauer noch jetzt sein Grabstein. wie Graf Jörg von sargans M3 den Lidgenossen sein ^tammland verkaufte, und wie es ihm nachher erging. Als die Lidgenossen davon hörten, wie der Graf Georg von Sargans allmählich verarmte, da erkundigten sie sich bei ihm, ob seine Grafschaft feil wäre. Lr sagte nicht ja und nicht nein. Lr überlegte, wie er eine möglichst hohe Kaufsumme herausschlagen könne. Schließlich forderte er 20 000 Gulden. Das wären heute ungefähr 360 000 Franken. Die eidgenössischen Boten wollten aber nicht gleich einschlagen. Sie nahmen eine genaue Schätzung der jährlichen Einnahmen seiner Herrschaft vor. Sie betrugen 82H Gulden. Dazu kamen noch Bußen für Frevel, ferner die Frondienste, zu welchen die Bewohner der Herrschaft verpflichtet waren, die Fastnachtshühner und die Nutznießung des Schlosses. Trotz des günstigen Ergebnisses boten die Eidgenossen nur s5 000 Gulden oder zirka 270 000 Franken. Um diesen preis wurde der Kaufvertrag sH83 abgeschlossen. So kam die alte Grafschaft Sargans unter die Herrschaft der Eidgenossen. Mehr als 300 Jahre regierten nun abwechselnd die Landvögte der Orte Uri, Schwiz, Unterwalden, Luzern, Zürich, Glarus und Zug im Sarganser Schlosse. Graf Georg hätte sich schon vor dem Verkauf seines Stammlandes nach Grtenstein begeben. Während einiger Jahre genoß er das Glück, am Hofe des Herzogs Sigmund von Österreich in Innsbruck leben zu dürfen. Ja, er wurde da bald einer der vertrautesten und einflußreichsten Ratgeber des Herzogs. Rlit andern vornehmen Herren führte er auf dessen Rosten ein fröhliches Leben. Nach einigen Jahren aber nahm die Herrlichkeit ein jähes Ende. Er wurde vom Raiser in die Acht erklärt und mit andern Gesellen vom Hofe vertrieben. Sie hatten nämlich dem Herzog vorgelogen, daß Raiser Friedrich ihn absetzen und vergiften wolle. Herzog Sig- mund dachte infolgedessen schon daran, seine Länder zu verkaufen. Nun kehrte Graf Georg als geächteter Flüchtling in seine ärmliche Wohnung auf Grtenstein zurück. Er besaß nichts mehr als dieses Schloß. Denn seine letzten Besitztümer in Rätien hatte er längst verkauft. Der Haushalt auf Grtenstein mag in dieser letzten Zeit des Grafen armselig genug ausgesehen haben. Am 2Z. Februar starb der verarmte Edelmann als achtzigjähriger Greis. Rlit Helm und Schild wurde er unter dem Ehor der Pfarrkirche zu Sargans beigesetzt. Er war der Letzte seines Hauses. Sein Testament machte ihm kein Kopfzerbrechen. Auch Erbstreitigkeiten waren nicht zu befürchten; denn es war nichts mehr da. wie so viele andere mittelalterliche Herrengeschlechter, sind auch die Grafen von Sargans rühmlos untergegangen. wie das Misox zu Graubünden kam. Die Bewohner des obern Rlisox treten in den Grauen Bund. j^80. Während des Burgunderkrieges wurde das Herzogtum Rlailand von einer Frau regiert. Sie unterstützte Rarl den Rühnen im Rampfe mit den Eidgenossen. Diese ärgerten sich darüber. Ebensosehr ärgerte es sie, daß schweizerische Handelsleute im Rkailändischen wieder häufiger als je überfallen und beraubt wurden. Die Tagsatzung beschwerte sich darüber 8 MMN Das Schloß Misox im ^.Jahrhundert nach einer Zeichnung von Franco Tagliabuc. bei der Herzogin. Aber es nützte nichts. Die Unsicherheit wurde nur noch größer. Da zogen die Lidgenossen ^78 wieder über den Gotthard und belagerten Bellinzona. Die Bündner hielten in diesem Rrieg treu zu den Lidgenossen. Sie wußten, daß die Feindschaft der Mailänder auch ihnen gelte, und daß diese früher oder später versuchen werden, das Misox zu erobern. Sie eilten deshalb über den Bernhardin und bemächtigten sich des Schlosses Misox. Ltwa 200 Mann schickten sie den Lidgenossen zu Hülfe. Die Bewohner des obern Misoxertales bis nach Soazza hinunter unterstützten die Bündner. Deshalb konnten diese das mächtige Schloß in der Mitte des Tales ohne Widerstand besetzen. Auch der Graf Heinrich von Sar-Misox, dem das Tal gehörte, hielt zu ihnen, weil die obern Misoxer es verlangten. Freilich wollte er es auch mit der Regierung von Mailand nicht verderben, da er sich vor ihr fürchtete. Diese suchte, ihn und seine Graf- schaft irgendwie in ihre Gewalt zu bringen. Sie lud den Grafen ein, nach Bellinzona zu kommen. Man kann sich denken warum. Der Graf antwortete aber, er sei krank und könne deshalb nicht kommen. Die Lidgenossen hatten in ihrem Rriege gegen Mailand wenig Glück. Sie konnten Bellinzona nicht einnehmen. Wegen Mangels an Lebensmitteln mußten sie die Belagerung aufheben. Die meisten begaben sich nach Hause. Nur etwa 600 Mann unter der Führung des Luzerners Frischhans Teiling blieben im Livinental zurück. Die mailändische Regierung war erstaunt über den Abzug der Lidgenossen. Sie befahl ihren Truppen in Bellinzona, die Lidgenossen und Bündner sofort zu verfolgen, das Livinental und das Misox einzunehmen. Besonders sollen sie sich angelegen sein lassen, die Burg Misox zu erobern. Die Truppenführer antworteten, es sei ihnen einstweilen nicht möglich, weiter vorzudringen. Ls schneie fast Tag und Nacht. Die Wege im obern Tessin seien sonst schon sehr schlecht und jetzt infolge des gefallenen Schnees ganz ungangbar. Das Schloß Misox mit Gewalt einzunehmen, sei unmöglich wegen seiner Lage. Auch halten die Bündner es immer noch besetzt. In Mailand aber hörte man nicht auf >99 die Führer. Gegen ihren Willen mußten diese ins Livinental vorrücken. Da bereiteten die Lidgenossen den zwanzigfach überlegenen mailändischen Truppen in der Talenge bei Gior- nico eine vernichtende Niederlage. Angst und Schrecken verbreiteten sich darob im ganzen Herzogtum. Die Mailänder fürchteten, die Lidgenossen werden sofort wieder angreifen. Der Augenblick hiefür wäre günstig gewesen. Aber die Lidgenossen waren uneins, und der Angriff unterblieb. Der König von Frankreich vermittelte einen Frieden zwischen den streitenden Parteien. Der Graf Heinrich von Sax-Misox befand sich aber auch nach dem Frieden in einer sehr schwierigen Lage. Die Mailänder Regierung war aufgebracht über ihn, da er sie im verflossenen Krieg nicht unterstützt, sondern den Bündnern gestattet hatte, das Misox zu besetzen. Der Graf erwartete, daß sich die Mailänder früher oder später rächen werden. Lr übergab deshalb die Herrschaft seinem Sohne Johann Peter. Auch die Bewohner im obern Misox, die während des Krieges zu den Bündnern gehalten hatten, fürchteten die Rache der Mailänder. Sie traten deshalb am 23. April sH80 in den Grauen Bund ein. Mit dessen Hülfe hofften sie im schlimmsten Fall den Gegnern standhalten zu können. Aus dem Bundesbrief der Oberbündner mit den Misoxern erfährt man noch Näheres darüber, wie es zum Bunde kam. Ls heißt dort nämlich: „Im Kriege zwischen Mailand und den Lidgenossen, an dem wir auch teilnahmen, ersuchten uns die Grafen Heinrich und Johann Peter von Sar um Hülfe, das Schloß und Tal Misox zu verteidigen. Wir leisteten den Herren die erbetene Hülfe, weil sie unsere Bundesgenossen sind, und damit obgenanntes Schloß unserm Lande erhalten bleibe, was mit Gottes Hülfe auch geschehen ist. Daraufhin baten uns die Gemeinden Misox und Soazza, sie in unsern Bund aufzunehmen. Wir machten sie darauf aufmerksam, daß wir sie nicht aufnehmen dürfen, ohne daß sie von ihren Herren die Lrlaubnis hätten, sich mit uns zu verbünden. Sie holten die Lrlaubnis ein. Wir nahmen sie in unsern Bund auf, damit Schloß, Tal und paß unserm Lande erhalten bleiben, da 200 sie für dasselbe eine große Bedeutung haben. Die zwei Gemeinden übernehmen die gleichen pflichten und genießen die gleichen Rechte wie die andern Bundesgenossen." Das ganze Misox mit Lalanoa wird in den Grauen Bund aufgenommen. Etwa ein halbes Jahr, nachdem die obern Misoxer in den Grauen Bund eingetreten waren, verkaufte der Graf Johann Peter von Sax die ganze Grafschaft Misox vom Bernhardin hinunter bis nach Roveredo einem reichen mai- ländischen Ldelmann, namens IohannIakobTrivulzio. Dieser bezahlte dafür f6 000 Gulden, zirka H50 000 Franken. Über diesen Rauf freute sich niemand mehr als der Herzog von Mailand. Lr hatte alles getan, damit der Handel zustande komme. Tr glaubte, auf diesem Umwege früher oder später das Tal in seine Gewalt zu bekommen. Alle Misoxer, auch die, welche kurz vorher dem Grauen Bunde beigetreten waren, mußten dem neuen Herrn Treue schwören. Dieser erhielt vom Kaiser das Recht, in seinem Schlosse zu Misox Silber- und Goldmünzen zu prägen. So schien dieses Schloß eine Feste geworden zu sein zur Verteidigung des Herzogtums Mailand gegen die Bündner und Tidgenossen. Das war so, solange der Herzog und der Graf Trivulzio gute Freunde blieben. Bald aber verfeindeten sie sich. Trivulzio war nämlich ein tüchtiger Feldherr und trat als solcher in den Dienst des Königs von Frankreich. Das sah der Herzog sehr ungern. Lr wünschte, daß Trivulzio den französischen König verlasse und in seine Dienste trete. Das tat er aber nicht. Da entzog ihm der Herzog die Pensionen, die er ihm vorher bezahlt hatte. Als das noch nicht half, ließ er alle Güter einziehen, die Trivulzio im Herzogtum besaß. Auch ließ er zum Spott ein Bild von ihm überall in Mailand aushängen. Der Graf sah, worauf es der Herzog abgesehen hatte. Dieser wollte ihn zwingen, sich ihm zu unterwerfen. Nun gab Trivulzio erst recht nicht nach. Um sich und seine Besitzungen besser verteidigen zu können, suchte auch er Schutz beim Grauen Bund. Mit Land und Leuten, seinem Schloß in Misox und 201 seinem Palast in Noveredo trat er am 4- August 1496 in diesen Bund ein. Der Graf und seine Untertanen erhielten die gleichen Rechte und pflichten wie die andern Bundesglieder. Außerdem versprach der Graf, das Schloß in Ukisox und den Palast in Noveredo mit guten Gewehren und Kanonen zu versehen. Diese sollten dem Bunde in jedem Kriege zur Verfügung stehen. Auch sollte der Graf im Schloß und im Palast stets einen reichlichen Vorrat an Getreide bereit halten. Dieses mußte er dem Bunde zum gleichen preise verkaufen, wie er es gekauft hatte. Dafür übernahm der Graue Bund die Verteidigung aller Besitzungen und Leute des Grafen. So wurden Misox und Talanoa mit Graubünden vereinigt und sind es bis heute geblieben. Ungefähr fünfzig Jahre nach dem Anschluß, im Jahre 1549, haben sie sich von den Herren Tri- vulzio für etwa 600 000 Franken losgekauft und so die volle Freiheit erlangt. Österreich kauft acht Gerichte des Aehngerichtenbundes und setzte einen tandvogt auf Lastels ein. 1496. In den Jahren 14?? bis 1496 verkauften die gänzlich verarmten Grafen von Klatsch den Herzögen von Österreich acht Gerichte des Zehngerichtenbundes. Nur Maienfeld und Ma- lans waren nicht inbegriffen. Diese gehörten nämlich nicht den Grafen von Matsch, sondern dem Freiherr» von Brandts, lvohl erhoben die verkauften Gerichte Einsprache gegen diesen Handel. Ihr früherer Herr hatte ihnen nämlich versprochen, er wolle sie ohne ihre Zustimmung nicht verkaufen. Sie wandten sich an die beiden andern Bünde um Rat und Hülfe. Auch an die eidgenössische Tagsatzung schickten sie ein Hülfs- gesuch. Aber alles war vergeblich. Die acht Gerichte mußten «Österreichs Herrschaft anerkennen und dem neuen Herrn Treue schwören. Allerdings wurden ihre alten Freiheiten und Rechte gutgeheißen. Aber österreichische Untertanen waren sie nun doch geworden und blieben es ungefähr 150 Jahre lang. Österreich setzte ihnen einen Landvogt, der auf der Burg Tastels im 202 Hrätigau seinen Sitz hatte. Der Vogt mußte jedoch ein Bünd- ner sein. Auch mußte er den Gemeinden schwören, ihre alten Freiheiten und Rechte nicht anzutasten. Erst wenn er das getan hatte, durfte er die herrschaftlichen Rechte ausüben. Diese waren ungefähr die gleichen wie unter dem früheren Landesherrn. So besetzte z. B. der Vogt unter Mitwirkung der Gerichtsleute das Gericht. Unabhängig vom Vogt aber durften die Gemeinden Gesetze in weltlichen und geistlichen Sachen aufstellen. Sie durften solche auch ändern und aufheben. Sie hatten ferner Anteil an der Jagd und Fischerei. Die Einnahmen Österreichs in den acht Gerichten betrugen jährlich etwa 7000 Franken. Sie reichten kaum hin zum Unterhalt der Burg Lastels und zur Besoldung der wenigen österreichischen Beamten, die dort wohnten. Auch war diese Summe nicht etwa eine Steuer, welche die Landleute bezahlten, vielmehr setzte sie sich zusammen aus dem Anteil an den Gerichtsbußen und aus den Zinsen, welche von alters her auf den Gütern der Herrschaft lasteten. Steuern bezahlten die Untertanen keine. Sie leisteten auch keinen Kriegsdienst. Zhre Boten besuchten unabhängig von Österreich die Bundestage des Zehngerichtenbundes und der Drei Bünde. Sie konnten den Landesherrn sogar vor ein einheimisches Gericht fordern, wenn sie Ursache dazu hatten. So war die Herrschaft Österreichs über die acht Gerichte wohl erträglich. Aber wer bürgte den Untertanen dafür, daß es immer so bleiben werde? Der Krieg des deutschen Kaisers Maximilian gegen die Eidgenossen und Bündner W9- !Vie der deutsche Kaiser ein Feind der Lidgenossen wurde. Die deutschen Kaiser waren lange gute Freunde der Lidgenossen gewesen. Zhnen verdankten die drei Urkantone ihre Freiheitsbriefe. Auch Bern, Zürich und fast alle andern Grte hatten solche erhalten. Sie waren so nach und nach fast ganz 203 selbständig geworden. Sie hatten eigene Gesetze und eigene Gerichte. Sie erhoben nach Bedürfnis auch Zölle und Steuern. Die Kaiser waren damit einverstanden; denn die Eidgenossen anerkannten sie immerhin als ihre Gberherren. Sie betrachteten sich als Angehörige des Deutschen Reiches. Mit der Zeit aber verwandelte sich diese Freundschaft zwischen dem Kaiser und den Lidgenossen in bittere Feindschaft. Ls geschah vom Zahre f^38 an. Da ging die deutsche Kaiserkrone für lange Zeit an das österreichische Haus Habs- burg über. Dieses war dem Bunde der Lidgenossen nie gut gesinnt gewesen. Die Habsburger waren immer der Meinung, die Lidgenossenschaft sei ein Bund von aufrührerischen Bauern. Schwiz, Unterwalden, Luzern, Glarus, Zug, den Aargau und andere Gebiete habe man den österreichischen Herzögen gewaltsam entrissen. Dieser Ansicht war besonders auch der deutsche Kaiser Friedrich III., der zur Zeit des Zürichkrieges regierte. Lr war darum auch so schnell bereit, den bundesbrüchigen Zürichern zu helfen. Lr freute sich auch, als der französische König den Lidgenossen die wilden Armagnaken auf den Hals schickte. Später, als die Lidgenossen mit dem mächtigen Herzog von Burgund stritten, verhielt sich der Kaiser ihnen gegenüber wieder sehr untreu. Lr hatte sie als Angehörige des Reiches aufgefordert, gegen den übermütigen Herzog ins Feld zu ziehen. Lr hatte sie auch ermähnt, ohne sein Missen keinen Waffenstillstand oder Frieden abzuschließen. Lr selbst aber tat das. Mitten im Krieg schloß er hinter dem Rücken der Lidgenossen einen Frieden mit Karl dem Kühnen. Lr sprach mit ihm sogar darüber, wie man die Schweiz unterwerfen könnte. Den Lidgenossen wurde das alles bekannt. Sie mußten sich sagen, daß der Kaiser nicht mehr ihr Freund, sondern ein gefährlicher Feind ihres Bundes sei. Sie hatten jetzt also nicht nur Österreich, sondern auch das Deutsche Reich gegen sich. So fingen sie denn an, die Gesetze und Befehle des deutschen Kaisers zu mißachten und ihre eigenen Wege zu gehen. Kaiser- Maximilian, der Nachfolger Friedrichs III., wollte das nicht dulden. 20H Durch einen Reichstag, der in der Stadt worms am Rhein abgehalten wurde, ließ er allerlei Neuerungen einführen. Da wurde z. B. ein Neichskammergericht aufgestellt als oberste Gerichtsbehörde für das ganze Reich. Um die großen Ausgaben des Staates bestreiten zu können, sollten von jetzt an alle Teile des Reiches eine Steuer entrichten. Endlich verkündete der Reichstag einen allgemeinen Landfrieden. Danach sollten innere Streitigkeiten in Zukunft nicht mehr durch die Waffen, sondern durch die Gerichte entschieden werden. Der Kaiser verlangte, daß die Schweizer diese Beschlüsse auch annehmen und sich danach richten. Die Eidgenossen weigerten sich, das zu tun. Das Neichskammergericht brauchten sie nicht. Sie hatten ihre eigenen Gerichte. Auch hatten sie keine Lust, dem Reiche Steuern zu bezahlen, da niemand wußte, wie diese verwendet wurden. Für Ordnung und Frieden in ihrem Bunde sorgten sie selbst so gut, daß einer mit Gold in der Hand ohne Geleite sicher durch ihr Land reisen konnte. Trotzdem sollten auch sie sich den neuen Reichsgesetzen unterwerfen. Der Kaiser redete in Güte und Strenge mit ihnen, um sie dazu zu bewegen. Zuletzt drohte er mit Gewalt. Aber sie blieben bei ihrer Ablehnung. Die deutschen und österreichischen Adeligen freuten sich darüber. Sie sehnten sich nach einem Krieg mit den von ihnen verachteten und gehaßten Schweizerbauern, die sie als Kuhmäuler und Küher beschimpften. Die deutschen Landsknechte spotteten schon, sie wollen im Schweizerland so brennen und räuchern, daß der Herrgott die Füße vor Hitze an sich ziehen müsse und Sankt j)eter die Himmelstüre nicht mehr auftun dürfe. Der Obere und der Gotteshausbund suchen bei den Eidgenossen Schutz gegen Österreich s^9? und In den Drei Bünden hatten sich die Herzöge von Österreich viele Rechte und Besitzungen angeeignet. Seit gehörte ihnen das Schloß und die Herrschaft Tarasp. Seit 205 W6 besaßen sie fast den ganzen Zehngerichten- bund, seit sV? auch die Herrschaft Räzüns. Mit dem Bischof von Thür stritten sie oft über Rechte im Unter- engadin, im Münstertal und im vintschgau. Sie machten da Anspruch auf die Jagd, auf Waldungen, auf Bergwerke, auf Zölle, auf die Gerichtsbarkeit und auf Steuern. So sahen sich die Drei Bünde immer mehr bedroht. Wohl waren sie fest miteinander verbunden. Aber der österreichischen Macht glaubten sie in einem Kriege doch nicht gewachsen zu sein. Sie schauten sich deshalb nach Hülfe um. Sie fanden solche bei den Lidgenossen. sV? verband sich zuerst der Obere Bund mit den eidgenössischen Grten. Lin Jahr später tat das auch der Gotteshausbund. Die Lidgenossen und die Bündner behielten im Bunde ihre frühere selbständige Stellung. Aber im Kriegsfall wollten sie einander helfen. Der Zehngerichtenbund hielt sich zurück. Lr wollte Österreich durch ein Bündnis mit den Lidgenossen nicht noch mehr reizen. Bald erhielt die österreichische Regierung Nachricht von diesen Bündnissen. Sie geriet darob in Aufregung und Zorn; denn sie sah, daß dieselben hauptsächlich gegen Österreich gerichtet seien. Die Bündner sollten dafür büßen. Die Österreicher verletzten von setzt an deren Rechte, wo sie konnten. Sie suchten dadurch die Bündner zum Kriege zu zwingen. Der Bischof von Lhur aber wollte es nicht zum Kriege kommen lassen. Lr sandte Abgeordnete nach Feldkirch. Diese sollten mit Gesandten des Herzogs von Österreich unterhandeln und die Streitigkeiten schlichten. Die Parteien einigten sich und schlössen einen Vertrag ab. Jede versprach auch, ihre Leute durch Lilboten zum Frieden zu mahnen. Der Bischof schickte einen solchen über den Arlberg ins Lngadin und Münstertal. Die Österreicher aber verhafteten ihn und hielten ihn drei Tage gefangen. Sie wünschten nämlich, daß man dort nichts vom Feldkircher Friedensvertrag erfahre. Inzwischen sandten sie einen österreichischen Boten ins Münstertal. Dieser sollte dort Unruhe stiften und die Leute des Bischofs zu Feindseligkeiten verleiten, wenn das gelang, konnte Österreich sagen, die Bündner haben den Frieden gebrochen. Daraus erkannte 14 206 jedermann, daß die österreichische Regierung nicht den Frieden, sondern den Krieg wollte. Der Kaiser Maximilian war einverstanden. Nur richtete sich sein Haß mehr gegen die Lidgenossen, weil sich diese den neuen Reichsverordnungen widersetzten. Lr erteilte den deutschen Fürsten und Reichsstädten den Befehl, Krieger bereit zu stellen. Zn wenigen Wochen standen ^ die Parteien dem Rhein entlang von Basel herauf bis nach f Maienfeld und bis an die Tiroler Grenze einander bewaffnet i gegenüber. So brach der Krieg aus, den wir Schweizer den Schwabenkrieg nennen. Die Bündner besetzen die Herrschaft Maienfeld und zerstören österreichische Burgen. Zn Thür versammelte sich der bündnerische Kriegsrat. Zu den Mitgliedern desselben gehörten die angesehensten Männer aus den Drei Bünden. Sie trafen die ersten Anordnungen für die Verteidigung der Landesgrenzen. Boten durchliefen bei Tag und Nacht das Land, um die wehrfähigen Männer zu den Waffen zu rufen. Die Mannschaften, die zuerst kriegsbereit waren, schickte man an die Luziensteig, ins Unterengadin und Münstertal. Auch die Lidgenossen mahnte man um Hülfe. Alsbald kamen 600 Urner unter Heinrich Wolleb über die Gberalp nach Thür und wurden hier freudig empfangen und bewirtet. Dann zogen sie ins St. Galler Rheintal hinunter, wo bald darauf auch andere eidgenössische Fähnlein erschienen. Das erste Gefecht fand an der Luziensteig statt. Dort stand eine kleine bündnerische Besatzung. Sie bewachte die Letzimauer, welche von einem Abhang zum andern reichte und so das Tal abschloß. Am 7. Februar erschienen dort von Vaduz herauf H00 kaiserliche Soldaten. Ihr Feldhauptmann verlangte, daß man sie durchlasse. Als die bündnerische Besatzung das nicht gestattete, griff er sie an und schlug sie in die Flucht. Dann rückte er vor Maienfeld. Das Städtchen öffnete ihm ohne weiteres die Tore. Da regierte nämlich der Freiherr Sigmund von Brandis. Zhm gehörte die ganze Herrschaft Maienfeld mit dem Städtchen Maienfeld und den Dörfern Fläsch, Zenins und Malans. Sein Groß- 207 vater hatte sie von Friedrich von Toggenburg geerbt. Der Freiherr war befreundet mit dem Herzog Maximilian und den Herzögen von Österreich. Als der Rrieg ausbrach, trat er sofort auf ihre Seite. Darum leistete er den kaiserlichen Truppen keinen Midcrstand, als diese vor Maienfeld erschienen, vielmehr übernahm er den Oberbefehl über die H00 Mann, die nun das Städtchen besetzten. In Graubünden erhielt man Runde von diesen Vorgängen. Die feindselige Haltung des Freiherrn von Brandis bildete für das Land eine große Gefahr. Alsbald sammelten sich in Thür Truppen aus dem Grauen Bund und rückten schon am sh Februar über Malans in die Herrschaft ein. Sie besetzten zuerst die Luziensteig und schritten dann zur Belagerung von Maicnfcld. Die dortige Besatzung sah ein, daß sie sich nicht lange werde halten können, und ergab sich sofort. Über HOO Mann gerieten in Gefangenschaft. Etwa 70 schickte man in die Schweiz, die übrigen nach Graubünden. Unter den letztern befand sich auch der Freiherr von Brandis. Mit „heulender Stimme, weinenden Augen und betrübtem Herzen" hatte er vom Turme seines Schlosses aus zusehen müssen, wie die Bündner in das Städtchen einzogen. Sie führten ihn nach Thür und übergaben ihn dort seinem Bruder, dem Dompropst Johannes. Dieser gab ihnen das Lhrcnwort, daß er seinen Bruder während des ganzen Rrieges bei sich in Haft behalten wolle. Sein Schloß in Maienfeld und die Burg Aspermont ob Ienins wurden erstürmt und geplündert. Die Sieger raubten daraus wein, Rorn, Fleisch, Mehl und teilten es miteinander. Aus den Mauern von Aspcrmont brachen sie das Holzwerk heraus, so daß die Burg nicht mehr bewohnt werden konnte. Nachdem die bündnerischen Mannschaften Maienfcld und die Steig gut besetzt hatten, zog ein Teil derselben nach Davor. Unterwegs nahmen sie die österreichische Burg Tastels ein. von den Davosern verlangten sie, daß sie nun zu ihnen und nicht zu Österreich halten. Dann begaben sich die Gberbünd- ner nach Brienz und Malir und verbrannten auf ihrem lvege die österreichischen Burgen Belfort und Straßberg. Andere Bündner Truppen belagerten das von den Feinden be- 208 j. « ->> ...X ' --l^> i > . V L^k Maienfeld, durch die Bündner wieder eingenommen iV9- setzte Schloß Gutenberg bei Balzers. Auch dieses wollten sie einnehmen. Sie brachten ein großes Geschütz dorthin, das Steine in der Größe eines Gutes schoß. Auch einige kleine Kanonen wurden vor der Burg aufgestellt. Als man aber mit dem großen Geschütz etliche Schüsse abgefeuert hatte, zersprang dieses in viele Stücke. Mit den kleinern konnte man nichts ausrichten. Ihre Geschosse vermochten die Mauern der Burg nicht zu beschädigen. Nach jedem Schuß erschienen die Belagerten an den Maucröffnungen und wischten zum Spott mit Besen und Gfenwischen die getroffene Stelle ab. Mehr Lrfolg hatten die Lidgenossen. Sie lagerten zuerst zwischen Azmoos und Nagaz. Am s2. Februar setzten sie über den Rhein und fielen in die Herrschaft Baduz ein. Diese gehörte dem Freiherr» Ludwig von Brandts, einem Bruder des Maienfelder Herrn. Auch er hielt es mit den (Österreichern und den Kaiserlichen. Die Lidgcnossen schlugen eine Abteilung derselben bei Triefen und besetzten hierauf das Dorf Baduz. Dann erstürmten sie das dortige Schloß, plünderten es aus und steckten es in Brand. Den Freiherr» führten sie gefangen nach kverdenberg und dann nach Rapperswil. Zwei Monate später, am 20. April kVd, schlugen die Lidgenossen unter Heinrich kvolleb ein größeres feindliches Heer bei Frastenz, am Lingang des Montafuntales, in die Flucht. Frau Lupa. Ivährend um Maienfeld und Vaduz gekämpft wurde, machten die Österreicher wiederholt Linfälle ins Nntcrengadin. LinesTages geschah es, daß sich Frau Lupa, eine wohlhabende Bäuerin zu Schleins, in der Küche befand und mit betrübtem Herzen ein großes Gastmahl anrichtete. Ihr Vater war gestorben. verwandte von nah und fern hatten sich eingcfunden, um ihm die letzte Lhre zu erweisen. Die ganze Bevölkerung des Dorfes befand sich in der Kirche. Nur Frau Lupa war zurückgeblieben, ihre Pflicht als Hausfrau zu tun. Denn die vielen Vettern und Basen, die sehr weit hergekommen waren, bedurften der Stärkung, bevor sie den Heimweg antraten. Auf einmal ließen sich vor dem Hause klirrende Fußtritte hören, und herein in die geräumige Küche trat ein Krieger- 2fO schwärm, bis an die Zähne bewaffnet. Die ungeladenen Gäste trugen die Farben Österreichs. Ihr Anführer fragte höhnisch: „Für wen kochst du so viel, Weib, wenn nicht für uns?" Manche Frau wäre über diesen Auftritt erschrocken. Aber Frau Lupa trug ein starkes Herz in der Brust, und wenn dasselbe jetzt lebhafter klopfte als sonst, so geschah es mehr aus Zorn als aus Angst. „Für euch koche ich sicherlich nicht," versetzte sie heftig und hob die Kochkelle drohend wie einen Kom- mandostab, „wohl aber für meine Landsleute, die Bündner, und für die Herren Eidgenossen. Eis sind im Anzüge und können jeden Augenblick hier eintreffen!" Da verging den Österreichern sofort aller und jeder Appetit. Ohne ein weiteres Wort verließ die Rotte das Haus und das Dorf. Frau Lupa war jedoch noch hurtiger. Wie der Blitz schoß sie zur Hintertüre hinaus und in die Kirche. „Kommt, kommt! Die Österreicher sind da!" rief sie mitten in den Gottesdienst hinein. Der greise Priester nickte mit dem weißlockigen Haupt und mahnte: „So geht in Gottes Namen und laßt die Toten ihre Toten begraben!" Nun stürmten die Mannen hinaus auf den Friedhof. Zeder gedachte, zu Hause Schwert und Spieß zu holen. Frau Lupa aber stellte sich ihnen am Tore entgegen und rief: „Nichts da; bis ihr eure sieben Sachen zur Hand und euch wieder versammelt hättet, wären die Österreicher über alle Berge! Seht, da strecken euch unsere seligen Lieben währschafte, schlagtüchtige Eisenkreuze aus dem Boden entgegen. Faßt sie und eilt den Feinden nach." Gesagt, getan. Die Eisenkreuze wurden als Schlagwaffen aus den Gräbern gerissen. Und wie schnellbeinig die Österreicher auch waren — sie wurden doch eingeholt und ihrer über vierzig erschlagen. Als die Feinde vertrieben waren, brachten die Sieger ihre Kreuze wieder an ihren Grt zurück und steckten sie in die Grabhügel, denen sie entrissen worden waren. Aus dem Trauergottesdienst wurde ein Lobgesang und aus dem Leichen- mahl der Frau Lupa ein Lreudenmahl. Aber die Österreicher kamen wieder, diesmal mit etwa 8000 Mann. Sie nahmen furchtbare Rache. Roll Freude berichteten ihre Hauptleute nach Hause, daß sie im Engadin sieb- zehn Dörfer verbrannt, viele Leute getötet und 6000 Stück Vieh weggetrieben hätten. In ihrer großen Not schrieben die Lngadiner an ihre Bundesgenossen nach Thür: „Wir mahnen euch bei Ehre und Lid, so hoch wir euch zu mahnen vermögen, daß ihr uns zu Hülfe kommet, unverzüglich, um Gottes willen, uns Land und Leute zu beschirmen, bald! bald! bald! ... Ziehe mit, wer ziehen mag, und schicket den Brief weiter und weiter, um Gottes willen!" An der Lalven. Zum entscheidenden Kampf zwischen den Kaiserlichen und den Bündnern kam es zuunterst im Münstertal, an der Lalven. Dort treten die steilen Abhänge des Tales bis auf zwei- bis dreihundert Meter zusammen. Sie bilden eine Talenge, die vom Nambach durchflossen wird. An der engsten Stelle errichteten die Truppen des Kaisers aus Baumstämmen, Nasen und Steinen eine so starke und hohe Letzimauer von einem Abhang zum andern, wie man eine solche noch nie gesehen hatte. Ls war in den Tagen des pfingstfestes, als die Mannschaften der Drei Bünde ins Münstertal eilten. Am 2s. Mai kamen beim Dorfe Münster 8000 Mann zusammen. Die Feinde standen mit großer Macht zu Roß und zu Fuß an der Letzimaner und in den dahinterliegenden Ortschaften Latsch, Glurns und Mals. Die Führer der Bündner ratschlagten, wie sie angreifen wollen. Sie entwarfen folgenden Plan. 2000 bis 3000 Mann sollen um Mitternacht aufbrechen und durch das wilde Gebirge auf der linken Talseite einen Umweg machen, um den Feind im Rücken anzugreifen. Ortskundige Münstertaler mögen ihnen den Weg zeigen. Sobald sie hinüber und zum Angriff bereit seien, sollen sie denjenigen vor der Schanze durch Anzünden eines Hauses oder Stalles das Zeichen zum Angriff geben. Dann sollen beide Abteilungen zur Letzimauer vordringen, sie räumen und zerstören. Als die Umgehungsabteilung den schwierigen Weg zurückgelegt hatte, gab sie den andern das verabredete Zeichen. Sie zündete einen Heustall an. Nach einigem Zögern rückte 2s2 nun der Gewalthaufen der Bündner, geführt von Benedikt Fontana und Hartmann Tapaul, gegen die Schanze. Dort spielte sich der blutige Lntscheidungskampf ab. Der Feind, der sich vorn und im Rücken angegriffen sah, wehrte sich wie verzweifelt. Sein Geschütz riß schwere Lücken in die Reihen der Bündner. Gin einziger Schuß tötete sieben Rkann, darunter vier Brüder aus Fetan. Hier fiel auch der Hauptmann der Gotteshausbündner, Benedikt Fontana. Don einer Geschütz- kugel getroffen, rief er sterbend seinen Kriegern zu: „Frisch auf, Kameraden! Achtet meiner nicht; ich bin nur ein Rkann! Heute Rätien und die Bünde oder nimmermehr!" Diese Worte machten großen Lindruck auf die Bündner. Todesmutig harrten sie im Kampfgewühl aus, bis es einer kühnen Schar gelang, die Schanze zu umgehen. Nun begann der Widerstand rasch nachzulassen. Die feindlichen Truppen ergriffen die Flucht. Sie drängten in solcher Hast über die Brücke bei Glurns, daß diese unter der großen Zahl der Fliehenden einbrach. Der Nambach ging voller Leichen. Das Feld weit umher war mit Toten und verwundeten bedeckt. Bis Schlanders verfolgten die Bündner den Feind. Dann kehrten sie um. Aus Zorn über seine Greueltaten im Unterengadin und Rlünstertal nahmen sie Rache an den Ortschaften im vintschgau. Glurns, Rlals, Latsch, Täufers und andere plünderten und verbrannten sie und machten alle erwachsenen männlichen Bewohner nieder. Zm ganzen vintschgau hörte man nur Schreien und weinen, Heulen und Klagen. Der Rachezug der Kaiserlichen ins Oberengadin und das Kriegselend im Rlünstertal und vintschgau. Als der Kaiser die Nachricht von der Niederlage seiner Truppen an der Talven erhielt, beschloß er, die Bündner durch einen Einfall in ihr Land zu züchtigen. Lr selbst begab sich mit einer Anzahl Fußvolk von Feldkirch nach Rkeran. Dort las er ^5 000 Fußsoldaten aus; denn die Reiterei war in den Gebirgstälern nicht gut zu gebrauchen. Die ausgehobenen Truppen ließ er auf wenig begangenen Pfaden ins Lngadin füh- ren. Unter dem Anführer Hans von Sonnenberg brachen sie im Juni über den Lasannapaß ins Oberengadin ein. Die Bewohner hatten zuvor ihr Hab und Gut vergraben. Als der Feind kam, zündeten sie mit eigener Hand ihre Dörfer an. Dann flüchteten sie sich mit Weib und Rind ins Gebirge. Erschöpft vor Hunger und Müdigkeit, standen die kaiserlichen Truppen im verwüsteten Tale. Da sie keine Lebensmittel vorfanden, konnten sie sich nicht lange aufhalten. Über den Ofen- paß zogen sie wieder ins Tirol zurück. Aus ihrem Marsch durch das Münstertal und das vintsch- gau konnten sie sehen, was für ein Elend der Rrieg angerichtet hatte. Ein kaiserlicher Hauptmann, der dabei war, erzählt darüber folgendes. „Wir kamen durch verbrannte Ortschaften und verwüstetes Land zu einem großen abgebrannten Dorfe. Am Ende desselben traf ich auch zwei alte Weiber, welche einen Haufen von etwa HO kleinen Rnaben und Mädchen wie eine Viehherde vor sich Hertrieben. Alle waren vor Hunger eingefallen und abgezehrt und schrecklich anzusehen. Ich fragte die Frauen, wohin sie den elenden Hausen treiben wollen. Sie waren wie verwirrt, vor Hunger und Schmerz konnten sie kaum reden. Endlich sagten sie: „Du wirst es bald sehen, wohin wir die unglücklichen Rinder führen." Bald kamen sie auf eine Wiese. Da fielen sie auf die Rnie nieder und fingen an, wie das Vieh im Grase zu weiden, nur mit dem Unterschied, daß jenes das Gras abbeißt, während es die Rinder mit den Händen abrissen. Durch Gewohnheit hatten sie schon gelernt, die Rräuter zu unterscheiden, die bittern und unschmackhaften stehen zu lassen, und die schmackhaften, vorzüglich die säuerlichen, auszulösen. Dieser schreckliche Anblick machte mich stumm. Wie sinnlos stand ich da. Line von den alten Frauen sagte dann: „Siehst du nun, warum die unglücklichen Rinder hiehergeführt wurden? Besser wäre ihnen, sie wären nie geboren worden, als daß sie solches Elend ausstehen müssen. Ihre väter fielen durchs Schwert, ihre Mütter starben vor Hunger, ihre Habe raubte der Feind, und ihre Wohnungen sind verbrannt. Nur wir Elenden sind noch übrig, um die armen Rinder, wie das Vieh, auf die Weide zu treiben und sie mit Gras zu füttern. Ach, wir hoffen, wir werden bald mit ihnen vom Elend erlöst! vor wenigen Tagen waren ihrer noch einmal so viel. Sie starben vor Hunger und Elend, glücklicher durch ihren frühen Tod als durch ihr längeres Leben!" Als ich das sah und hörte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Wich erbarmte das jammervolle Schicksal dieser Menschen, und ich verwünschte die Grausamkeit des Krieges." Das mutige Schweizermädchen. Nachdem der Krieg monatelang mit großer Grausamkeit geführt worden war, schrieben die Eidgenossen an den Kaiser einen freundlichen Brief. Sie baten ihn, er solle ihren Feinden nicht alles glauben. Diese wollen die ganze Schuld am Krieg den Schweizern aufbürden, während doch klar am Tage liege, daß sie wider ihren Willen zu den Waffen gegriffen haben. Man habe sie gezwungen, ihre von den vorfahren überkommene Freiheit mit den Waffen zu verteidigen. Sie seien aber bereit, diese niederzulegen, wenn der Kaiser einwillige, daß die Streitigkeiten auf dem Wege des Rechts oder durch einen gütlichen vergleich geschlichtet werden. Wenn er aber ihre Bitte verachte, so rufen sie Gott und die Menschen zu Zeugen an, daß sie nicht schuld seien, wenn der Krieg fortdauere, und Gottes Hülfe werde ihnen nicht fehlen. Diesen Brief brachte ein Schweizermädchen im Juli IW9 dem Kaiser nach Konstanz. Früher übermittelten gewöhnlich Herolde solche Nachrichten. In diesem Kriege aber versahen oft alte Frauen und junge Mädchen das Botenamt. Das Mädchen hatte den Brief abgegeben und wartete im Hofe der kaiserlichen Burg auf Antwort. Da wurde es von des Kaisers Leibwache auf verschiedene Art geneckt. Li^er fragte es, was die Schweizer in ihrem Lager machen. „Sie warten eurer", war die Antwort. Man wollte ferner wissen, wieviel ihrer wären. „Gerade so viel, als erforderlich sind, um euch von der Grenze zu verjagen." Als man aber wiederholt versuchte, von ihm die Zahl der Feinde zu erfahren, fuhr das Mädchen fort: „Warum habt ihr sie denn letzthin in der Schlacht bei Schwaderloo, wo sie euch so nahe unter das Gesicht kamen, nicht gezählt, anstatt davonzulaufen?" Man forschte weiter, ob sie noch zu essen hätten. „Sonst wären sie ja nicht mehr am Leben", antwortete es. Nun legte einer, um das Mädchen zu erschrecken, die Hand ans Schwert und tat, wie wenn er ihm den Kopf abschlagen wollte. Da erklärte es ruhig: „Du zeigst, daß du ein rechter Held bist, da du einem jungen Mädchen mit dem Tode drohst, wenn du so kühn bist, warum wirfst du dich nicht auf die feindlichen Hosten? Aber freilich ist es leichter, ein wehrloses Mädchen anzugreifen als einen bewaffneten Mann." Auf das Schreiben der Lidgenossen gab der Kaiser keine Antwort. Ls schien ihm, diese sehnen sich nach dem Frieden, weil sie fürchten, zuletzt doch unterliegen zu müssen. Lr meinte, sie durch weitere Kämpfe schließlich zur Annahme seiner Forderungen zwingen zu können. Deshalb schickte er das Mädchen, das ihm den Brief gebracht hatte, mit leeren Händen zurück. Mo r d b r e n n er zü g e der Lidgenossen in den Hegau und die Schlacht bei Dornach. Dem Rhein entlang vom Bodensee bis Basel standen die Lidgenossen den Kaiserlichen gegenüber. Da kam es im Februar bei Hard, in der Nähe von Bregenz, und im April bei Schwaderloo, südwestlich von Konstanz, und an andern Grten zu Gefechten. Aber nirgends geschah eine entscheidende Tat. Zürich hatte vorgeschlagen, bei Überlingen einen entscheidenden Angriff zu unternehmen. Die Mehrheit der Lidgenossen aber war dafür, in den Hegau, nördlich vom Bodensee, einzufallen, von den dortigen Ldelleuten waren sie als Küher und Kuhmäuler beschimpft worden. Dafür wollte man sie strafen. Binnen acht Tagen wurden mehr als zwanzig Schlösser, Dörfer und Städtlein geplündert und verbrannt, die Felder zerstört, die Bewohner nackt von Haus und Hof vertrieben. Das Morden und Brennen geschah mit unmenschlicher Schadenfreude. Linzelne Schlösser versuchten Widerstand zu leisten. Die Besatzung von Randeck empfing die Lidgenossen mit Mu Mu, Blä Blä, und verwundete mehrere. Bald aber mußte sie sich ergeben. In bloßen Hemden, Stäbchen in der Hand tragend, ließ man sie abziehen. Bis auf den heutigen Tag zeugen die Ruinen dieser Landschaft davon, wie damals der Krieg geführt wurde. Rkan bediente sich nicht nur des Schwertes und des Geschützes, um dem Feind zu schaden. Rkan griff zu Rütteln, welche eines Volkes unwürdig sind. So scheute man sich nicht, Mordbrenner auszusenden, um Städte und Dörfer anzuzünden. Schließlich wollte der Kaiser im Westen einen entscheidenden Schlag führen. Vorn Sundgau nordwestlich von Basel aus schickte er auserlesene Truppen durch das Basier- und Solothurnergebiet nach Dornach. Beim Schloß Dorneck hielten sie an und gaben sich einem sorglosen Lagerleben hin. Da wurde gegessen und getrunken, gespielt und getanzt wie auf einer Kirchweih. Einzelne zogen Badhemden an, um zu zeigen, wie wenig sie sich vor den Eidgenossen fürchten, vergeblich wurden sie gewarnt. Rkan antwortete, wer sich fürchte, möge heimgehen. Diese Unvorsichtigkeit der Feinde beobachteten Solothurner, die in der Nähe von Dornach lagen. Sie mahnten die nachrückenden eidgenössischen Truppen zur Eile, damit man den Feind in seiner Unordnung überfallen könne. Noch bevor sie zur Stelle waren, brachen die Solothurner durch Wald und Gestrüpp in den schwelgenden Feind ein. Als einer der ersten fiel der kaiserliche Anführer. Aber mit dem Tode des Feldherrn war der Sieg noch nicht gewonnen. Die Eidgenossen standen bei Dornach den besten kaiserlichen Truppen gegenüber. Diese kämpften nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihren alten Kriegsruhm. Rasch ordneten sie sich und brachten die schweizerische Vorhut in schwerste Not. Endlich erschienen die eidgenössischen Hülfstruppen auf dem Schlachtfelds und errangen bald den Sieg. Von einer Verfolgung des Feindes mußten sie absehen, da dieser die Birsbrücke hinter sich abgebrochen hatte. Auch waren viele von ihnen drei Tage lang fast ohne Speise und Trank marschiert. Andere hatten fünf Stunden lang in hartem Kampfe gestanden. Alle waren daher erschöpft und der Ruhe bedürftig. 2f7 An den folgenden Tagen trugen die Lidgenossen die reiche Beute zusammen und begruben die Gefallenen. Mönche aus Basel kamen, um die Zeichen erschlagener Ritter zu suchen. Man schickte sie fort. Da erschien eine Gesandtschaft der Basier bei den eidgenössischen Hauptleuten. Sie bat im Auftrag der Trauernden um die Herausgabe der gefallenen Adeligen. Auch sie wurde abgewiesen. Nun wandten sich der Bruder des gefallenen Feldherrn und der Kaiser selbst an die Tagsatzung. Diese sagte, die Solothurner, auf deren Gebiet die Schlacht stattgefunden habe, mögen entscheiden. Die Solo- thurner aber verweigerten die Herausgabe der Leichen. Sie erklärten: „Die Ldlen müssen bei den Bauern ruhen." So erhielten alle Gefallenen die gleiche letzte Ruhestätte. Der Friede zu Basel. Zn seiner Pfalz zu Lindau saß einige Tage nach der Niederlage bei Dornach der Kaiser Maximilian, einsam und abgeschlossen in den innersten Gemächern. Hofleute schritten leise durch die Gänge, um ihn nicht zu stören. Aber nur einen Nachmittag hatte er nötig, um Ruhe zu finden für sein bekümmertes Herz. Gegen Abend wurden die Tore wieder geöffnet. Lr speiste im Freien und schien das erlittene Unglück gänzlich vergessen zu haben. Zwei Monate nachher, am 22. September, verkündigte man von Basel aus, daß der Kaiser Maximilian mit den Lidgenossen und Bündnern Friede geschlossen habe. Durch lange und mühsame Unterhandlungen sei es endlich gelungen, einen vergleich zwischen den beiden Parteien herzustellen. Danach mußten die acht Gerichte des Zehngerichten- bundes dem Kaiser als Erzherzog zu Österreich huldigen und Treue schwören. Aber der Kaiser durfte ihnen wegen ihrer Teilnahme am Krieg keine Strafe auferlegen. Ferner war er verpflichtet, sie bei dem Bündnis mit den beiden andern Bünden bleiben zu lassen. Die Streitigkeiten zwischen Österreich und dem Bistum Thür sollte der Bischof von Augsburg als Schiedsrichter entscheiden. 2f8 Auch die Lidgenossen bekamen für das viele vergossene Blut nichts, was sie nicht schon vorher besessen hatten. Trotzdem hatten sie mehr erreicht als die Bündner. Nicht um Gebiete zu erobern, hatten sie zu den Waffen gegriffen. Sie wollten nur ihre Unabhängigkeit behaupten. Diese hatte ihnen der Kaiser nehmen wollen. Ls war ihm nicht gelungen, vielmehr mußte er ausdrücklich anerkennen, daß die Lidgenossen dem Reich keine Steuern schuldig seien. Auch solle das Reichskammergericht über sie keine Macht haben. So bedeutete der Friede zu Basel in Wirklichkeit die Trennung derSchweiz vom Deutschen Reich. wie die Herrschaft wlaienfeld ein Untertanenland der Drei Bünde wurde. f509- Nachdem der Basier Friede geschlossen war, entließen die Bündner den Freiherrn Sigmund von Brandts auf der Gefangenschaft. Lr kehrte in sein leeres Schloß in Maienfeld zurück. Aber seine Rolle war ausgespielt. Die Untertanen waren von ihm abgefallen und hatten den Bündnern Treue geschworen. Aber nicht nur mit seiner Herrschaft, sondern auch mit seinem Geschlecht ging es rasch zu Lüde. f507 starb sein Bruder Ludwig von Brandts, der Herr von Vaduz, dem die Lidgenossen so übel mitgespielt hatten. Nun war Sigmund der letzte Freiherr von Brandts weltlichen Standes. Lr dachte daran, seine Herrschaft Maienfeld zu veräußern. Lr unterhandelte darüber mit Kaiser Maximilian. Dieser war geneigt, sie ihm abzukaufen, und er lieh ihm daraufhin bedeutende Geldsummen. Sigmund starb jedoch bald nach seinem Bruder, noch bevor er sein Testament gemacht und dem Kaiser die Herrschaft verschrieben hatte. Sie ging deshalb samt der Herrschaft Vaduz an seinen geistlichen Bruder Johannes, den Dompropst zu Thür, über. Dieser überließ die Herrschaft Vaduz seinem Neffen Rudolf von Sulz, von dessen Familie sie viel später an die Grafen von Hohenems und noch später an die Fürsten von Liechtenstein kam. Die Herrschaft Maien- feld aber verkaufte der Dompropst Johannes am 28. März fSOZ nicht etwa dem Kaiser, sondern den Bündnern. Lr war 2V dreißig Jahre Domherr in Ehur gewesen. Sein Gheim, Grt- lieb von Brandts, hatte von ^58 bis Wl bas Bistum Ehur geleitet. So mochte er sich denn verpflichtet fühlen, das Land in erster Linie den Drei Bünden anzubieten. Diese wollten das Gebiet, das bereits zum Zehngerichtenbund gehörte, nicht wieder an einen auswärtigen Herrn fallen lassen, und kauften es für etwa HOO OOO Franken. Kaiser Maximilian erhob dagegen Einsprache, aber ohne Erfolg. Die Bünde gaben die Herrschaft nicht mehr heraus. Sie verwalteten diese fortan selbst als Untertanenland. Sie hielten sich dazu für berechtigt, weil sie dem Verkäufer eine große Summe hatten bezahlen müssen. Alle zwei Jahre schickten die Drei Bünde abwechs- lungsweise einen Landvogt dahin. Dieser wohnte im Schloß zu Maienfeld. Er hatte besonders über schwere verbrechen abzuurteilen und Bußen einzuziehen, die in die Landeskasse flössen. Auf den Bundestagen aber hatten die Herrschäftler nach wie vor Sitz und Stimme. Sie waren von f509 an also gleichzeitig Untertanen und Bundesgenossen der übrigenBündner. Der Dompropst Johannes, der letzte Brandiser Freiherr, begab sich nach dem Verkauf der Herrschaft nach Straßburg, wo er im Jahre starb. Über seiner Grabstätte liest man noch heute eine bemerkenswerte Inschrift. Sie lautet in deutscher Übersetzung: „Wanderer, du fragst, wer ich bin? Staub und Asche, wer ich war? Johannes, aus der edeln und ehrenfesten Familie der Freiherren von Brandts. Ihr Name und Wappen sank mit mir ins Grab. Ich war Priester und Dompropst der Kirche zu Ehur. Du fragst endlich, wohin meine Reise? Wohin das Schicksal mich führt. Da aber erfleh dem Entschlafenen die Ruhe des Himmels." Basel, Schasfhausen und Appenzell werden in den Bund der Eidgenossen ausgenommen. Noch einen andern schönen Erfolg hatte der Unabhängigkeitskampf der Schweizer. Basel und Schaffhausen traten jetzt in ihren Bund ein. Dem Beitritt von Basel widersetzten sich zwar die Länder insgesamt. Aber die Städteorte überstimmten sie, und am 9-Juni sbOs wurde der Bund mit 220 Basel geschlossen. Einen Monat später ritten Abgeordnete der eidgenössischen Grte in Basel ein, und der freudige Ruf: „Hie Schweizer Grund und Boden!" tönte ihnen entgegen, Zm Münster, der Hauptkirche von Basel, fand ein feierlicher Gottesdienst statt. Dann zogen alle Zünfte mit Trommeln und pfeifen auf den Kornmarkt. Da standen auf einer Bühne die eidgenössischen Boten und bei ihnen der Bürgermeister und die Ratsherren von Basel. Als der Bundesbrief verlesen war, leisteten zuerst die Basler den Eidgenossen und hierauf die Eidgenossen den Basiern den Eid der Treue. Dann wurde mit allen Glocken geläutet. Man öffnete die Tore. An die Stelle der frühern wache setzte man ein altes Weib, das spann. Damit wollten die Basler zeigen, wie groß ihr Vertrauen auf den Beistand der Eidgenossen sei. Zum Dank für seine Anhänglichkeit im Schwabenkrieg nahmen die Eidgenossen auch Schaffhausen in ihren Bund auf. Dieses war früher eine österreichische Stadt gewesen. Durch den Gewerbsfleiß seiner Bürger aber hatte es bald die Mittel zusammengebracht, daß es sich loskaufen konnte. So war es schon vor seinem Eintritt in den Bund eine freie Stadt geworden. Etwas später wurde auch Appenzell ein gleichberechtigter Grt. Es war bisher ein zugewandter Grt gewesen. Nun wünschten die Appenzeller ihre Stellung im Bunde zu verbessern. Die Eidgenossen entsprachen ihnen und stellten ihnen einen neuen Bundesbrief aus. Am f7. Dezember ^3 wurde er besiegelt. Er lautete fast wörtlich gleich wie der Schaff- hauser Brief. An der Urkunde hingen is3 Siegel. Die Zahl der Grte war jetzt auf ^3 gestiegen. Bei dieser Zahl blieb es bis zum Zahre Der Kreis der regierenden Grte wurde wohl mit Rücksicht auf allsällige Eroberungen nicht mehr erweitert. So bestand die Eidgenossenschaft von ^3 an aus s3 regierenden Grten, einer Reihe von zugewandten Grten und Untertanengebieten. Gemeinsame Behörde war die Tagsatzung. Sie wurde einberufen und geleitet durch den Vorort Zürich. TZ 2 - 1 « ^ MWWji >2 ^ U2 «L. MM d»UM L s> r » K s?-) 222 Eidgenössische Hreudentage. Fci st nachtsfreuden. In der Nähe der Stadt Luzern lebte, wie erzählt wird. Lüde des fö. Jahrhunderts ein Mann, namens Fridli. Er soll in seiner Jugend die burgundischen Kriege mitgemacht haben. Obgleich er Luzerner Bürger war, kam er das Jahr hindurch selten in die Stadt. Aber nie fehlte er am letzten Donnerstag vor der Fastnacht. Da stellte er sich bei seiner Zunft ein. Da war er wieder der alte, tolle Kriegsknecht und freigebig bis zur Verschwendung. Er wurde der Held des Tages und als „Bruder Fritschi" die Seele des Festes. Aber der Gedanke, daß einmal die Zeit kommen werde, wo er nicht mehr zur Fastnachtsfeier erscheinen könne, machte ihn traurig. Er suchte und fand ein Mittel, sich zu verewigen. Er vermachte seinen aus Buchsholz gedrechselten und mit Silber verzierten Pokal seiner Zunft. Diese mußte dafür versprechen, seiner alljährlich am schmutzigen Donnerstag beim kreisenden Becher zu gedenken. Einer aus der Zunft solle unter seiner Maske, von lustigen Spielleuten begleitet, durch die Stadt ziehen. Ein anderer müsse den Pokal, den „Fritschikopf", tragen und jeder durstigen Seele, ob reich oder arm, einen Trunk aus dem Freudenbecher reichen. Angehörige der verschiedenen Zünfte in blanker Rüstung und glänzenden Waffen sollten den, der den alten Kriegsmann vorstellte, von seiner Wohnung abholen und dahin Zurückgeleiten. Treu und gern erfüllten die Luzerner den willen des alten Zechers. Alle Jahre veranstalteten sie einen Umzug, den sogenannten Fritschizug. An der Spitze des Zuges gingen muntere Knaben in kriegerischem Schmuck. Es folgten Jünglinge und Männer in Harnischen, mit Spießen und Helle- barden, die Fähnriche mit den Zunftbannern, der weinschenk mit dem Fritschikopf. Dann kam Bruder Fritschi mit seiner Frau, beide weiß und blau gekleidet, mit großen Masken. Den Schluß machten Gruppen, welche an Ereignisse aus der vaterländischen Geschichte erinnerten, war der Umzug zu Ende, so begab man sich zur Tafel und feierte ein fröhliches Fest. 225 So soll sich der Name Fritschi mit der Fastnachtsfeier der Luzerner verbunden haben. Luzern hatte den Ruhm, die fröhlichste Fastnacht zu besitzen. Ls wurde darum von den Nachbarn oft beneidet. Diese rächten sich dann etwa an den Luzer- nern, indem sie ihnen zum Scherz den Bruder Fritschh in Gestalt einer ausgestopften Fastnachtspuppe, entführten. Die Luzerner durften nicht säumen, den geliebten Helden zurückzuholen. Das gab dann Anlaß zu einem fröhlichen Fest unter Lidgenossen verschiedener Grte. Dieses Spiel wiederholten die Basler im Jahre l508. Sie schickten einen ihrer Bürger nach Luzern mit dem Auftrag, den Luzernern ihren Bruder Fritschi zu entführen und ihn nach Basel zu bringen. Das geschah. Bei Nacht und Nebel brachte dieser den alten Fritschi, und die Basler behielten ihn längere Zeit bei sich. Zum Scherz schrieb nun der Rat von Luzern den Basiern: „N)ir können nicht gestatten, daß ihr unsern Fritschi länger behaltet. Mir haben deshalb Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug um Hülfe gemahnt. Rlit s50 wann werden wir nach Basel kommen, euch angreifen und den Bruder Fritschi zurückerobern." Der Rat von Basel antwortete: „wir fürchten uns nicht, sondern haben ein herzliches Wohlgefallen an eurer Warnung. Und da unsere Altvordern sagten: „Ze mehr Feinde, desto mehr Lhre", mögen auch die Brüder aus Uri, Schwiz, Unterwalden und Zug sich zum Feldstreit einfinden. Sie seien herzlich willkommen." Bald darauf erschien der Schultheiß von Luzern mit f8 Ratsherren und vielen Bürgern und Landlcuten aus Luzern und den Ur- kantonen in Basel. An der Birs wurden sie vom Bürgermeister- und zwei Ratsherren und in der Nähe der Stadt von einer großen Zahl von Bürgern aus allen Zünften in ihren schönsten Feierkleidern und Waffen empfangen. Als der Zug beim Gerichtshause vorbeikam, in welchem Fritschi scheinbar gefangen gehalten wurde, da nickte er seinen Landsleuten freundlich zu. Auf dem Rornmarkt übergaben die Basler den befreiten Bruder Fritschi den Seinigen. Hierauf veranstalteten sie zu Lhren ihrer Gäste ein fröhliches Fest. Ls dauerte vier Tage. Die Lidgenossen wurden unentgeltlich und köstlich bewirtet. Zehn Jahre nachher erwiderten die llrkantone die Gastfreundschaft der Basier zu Altdorf. Sechzig einheitlich gekleidete Lasier Bürger ritten nach llri und wurden da acht Tage bewirtet. Jeder Ort schenkte ihnen einen Ochsen und jedem Knecht der Begleitung ein Kleid. Die Ochsen wurden heimgeführt, auf die Zünfte verteilt, und die Zunftgenossen samt ihren Frauen hielten ein frohes Mahl. Ähnliches geschah damals auch in Graubünden. Zm Zahre s5s7 kamen die Flimser 60 Mann stark nach Thür an die Fastnacht. Sie wurden da freundlich empfangen und vollständig gastfrei gehalten. Za noch mehr. Der Bischof Paul Ziegler schenkte ihnen ein halbes Fuder Mein, mit dem sie freudig nach Sause fuhren. Ltwas später kamen 300 Glarner auf die Kirchweih nach Zlanz, wo es sehr fröhlich znging. S ch ü tz e n f c st e. Zu den Hauptbelustigungen der alten Lidgenossen gehörten die Frcischießen oder Schützenfeste. Besonders der Adel und die Bürger der Städte nahinen daran teil. Ltwa seit dem Zahre 1300 entstanden an vielen Orten Schützengesellschaften. Diese veranstalteten von Zeit zu Zeit sogenannte Frcischießen. Sie luden die Schützen benachbarter und entfernter Städte dazu ein. Die Masse, mit der geschossen wurde, war zuerst ein einfacher Holzbogen. Ltwa um s^OO kam dann die Armbrust auf. Bald wurde diese als Kriegswaffe verdrängt durch das Gewehr oder die Büchse. Trotzdem blieb die Armbrust noch lange im Gebrauch. Sie galt sogar als die vornehmere . Masse. Deshalb wurde bei Frcischießen immer mit Büchse und Armbrust geschossen. Meistens schössen zuerst die Armbrustschützen und dann die Büchsenschützen. Die preise bestanden in Fahnen mit den Stadt- oder Landesfarben, ferner in Tieren wie Ochsen, Pferden, Hirschen, Schafen. Später schoß man meistens um Becher, Massen, um Stoff zu Hosen und um Geld. Die Schützenfeste dauerten jewcilen zwei bis fünf Machen. Mit dem Schießen wurden häufig auch Mettkämpfc im Springen, Steinstoßen, Laufen und Bingen verbunden. Am Schluß pflegten Jungfrauen den guten Schützen Kränze zu überreichen. 225 Die Gastfreundschaft, welche bei solchen Festen gegenüber den schützen befreundeter Städte geübt wurde, erreichte zuweilen eine unglaubliche Großartigkeit. Aiiabensclchßcii in Altdoi'f tä08. N Das größte Schützenfest in der alten Lidgenossenschaft fand im August und September s504 in Zürich statt. 256 Armbrustschützen und 45s Düchsenschützen aus 54 verschiedenen Städten, auch aus Frankfurt, Alainz, Nürnberg und Innsbruck, waren erschienen. Da wurde die alte gute Nachbarschaft mit den Schwaben, die der Krieg von l-lsst) unterbrochen statte, wieder hergestellt. 226 Es war ein stolzer Tag für Zürich, als Schützen aus allen Gegenden durch seine Tore schritten. Ungeduldig wartete schon seit früher Morgenstunde eine stattliche Schar Zürcher mit einigen Mitgliedern des Rates auf die Freunde aus Deutschland. Endlich verkündigte der Donner der auf dem Zürichberg aufgestellten Kanonen das Herannahen der deutschen Neichsfahne. Am Kronentor wurden die Gäste freundlich empfangen. Ein Ratsherr begrüßte sie in kurzer, wohl- gesetzter Rede, während ihnen in schweren silbernen Pokalen der- Ehrenwein dargeboten wurde. Dann zogen alle zum Rathaus, um sich dem großen Festzug anzuschließen, der nun begann. Die Sonne stand schon hoch, ass der Zug sich in Bewegung setzte, voraus strampelte eine fröhliche Schar munterer Knaben, jeder mit einer Armbrust bewaffnet, mit der er schon trefflich umzugehen wußte. Nachdem die Hauptgassen durchschritten waren, begab sich der Zug zum Schützenxlatz auf der weiten Matte zwischen Sihl und Laminat, an der Stelle des jetzigen Bahnhofes. Da'befand sich das alte Schützenhaus. Zu beiden Seiten desselben erhoben sich alte, reichbelaubte Linden. Hier standen Zelte und Hütten in bunten Reihen. Zn einem dieser Zelte befanden sich die preise für die besten Schützen. Es fiel durch seinen reichen Schmuck besonders in die Augen und war um einen jungen Lindenbaum gezogen. An den Ästen desselben waren Dutzende von Fähnchen befestigt, von deren Saum Geldgaben in gestickten Beutelchen herabhingen. Zuerst fand das Armbrustschießen statt. Es dauerte mehrere Tage von morgens 7 Uhr bis abends 5 Uhr. Dann kam die Reihe an die Büchsenschützen. Ihre Waffe hatte jetzt im Felde viel größere Bedeutung als die etwas veraltete Armbrust. Knall auf. Knall schlug das Blei in die Scheiben, und mit großer Behendigkeit wurden die Treffer von den Zeigern angezeigt. Neben den glücklichen Schützen gab es auch manchen unglücklichen. Sofort kamen die Spaßmacher in ihrer bunten Narrentracht zu ihnen und trieben mit ihnen ihr Gespött. Einen besonders schlechten Schützen nötigten sie, sich 227 knielings über eine Bank zu strecken, worauf sie ihn mit ihren hölzernen Pritschen kräftig bearbeiteten. Diese Spaßmacher oder pritschmeister waren dazu da, das Fest durch ihre Possen und Späße zu beleben. Sie wurden zu diesem Zweck besonders gedungen, besoldet und gewöhnlich mit einem schönen Kleide beschenkt. Gbschon jede bedeutendere Stadt solche Witzbolde besaß, trieben manche diese Beschäftigung als Gewerbe. Sie gingen dahin, wo solche Feste abgehalten wurden, und wenn sie durch ihre Mundfertigkeit und ihren Witz sich auszeichneten, fanden sie großen Beifall. Während die Schützen ihr Glück versuchten, bewegte sich eine zahllose Menschenmasse auf dem Schützenplatz herum. Sie trug die farbenreiche Kleidertracht zur Schau, die seit den Burgunderkriegen aufgekommen war. Da stolzierte ein junger Bursche im scharlachroten Leibrock und breitem Brusttuch, das auf der Achsel ausgeschnitten und vorn mit engen Reihen silberner Knöpfe besetzt war. Auf dem Kopf schwebte das quer geschobene Barett mit einer wallenden Feder darauf. Auf der linken Seite hing der Degen, während rechts im Gürtel ein reich verzierter venetianischer Dolch stak. Die Frauen prangten in seidenen Gewändern und kamen in roten und braunen Stiefelchen einher. Denjenigen, welche vom Sehen und Gehen ermüdet waren, wurden in Zelten die mannigfachsten Erfrischungen dargeboten. Auch in den Gasthäusern der Stadt bogen sich die Tische unter der Last des aufgestellten Essens. Für durstige Seelen standen Kannen bereit, die mit edlen Weinen und süßen Getränken gefüllt waren. Für die Schützen war vom Rat noch besonders gesorgt worden. Alle Abende erhielten sie, solange das Schießen dauerte, unentgeltlich Wein zu trinken, dazu gute Semmeln und Weggen, Käse, Birnen und Pfirsiche. Aber auch für mancherlei Kurzweil war gesorgt. Lsier wurden der neugierigen Menge ein abgerichteter Elefant, ein Auerochs und ein lebendiger Pelikan gezeigt. Zn einem großen Zelt sah man einen Pavian, der zierlich auf einem Seil tanzte. Weiter waren da redende Papageien und sieben indianische Pferdlein zu sehen, von denen das größte etwa einen 228 Mieter hoch war. Sie sprangen durch Reife und machten andere schöne Sprünge. Für weitere Unterhaltung sorgten auch die vielen Marktschreier und Zauberkünstler, denen besonders die vielen Bauern nachgingen und zuhörten. Den Schluß des Festes bildete die Verteilung der Gaben. Die ersten preise erhielten Armbrustschützen und Dogenschützen aus Augsburg, Ulm und Znnsbruck. Line gute löandbüchse mit zierlich geschnitzten! Kolben und Schaft, welche die Schützen von Augsburg als Ehrengabe mitgebracht hatten, gewann ein Schütze aus Tübingen. Auf dein Verzeichnis der preisgewin- ncnden Schützen steht auch ein Lhurer, namens Ziegler, der eine Gabe von fö Gulden herausschoß. Zu dieser Meise feierten die alten Eidgenossen ihre Feste. Bald aber begann das fröhliche Leben zu verblassen, viel trug dazu die Glaubensspaltung bei, welche die Gemüter trennte und die Leute ernster machte. Dazu kam aber noch, daß die vornehmen in den Städteorten anfingen, sich von den geringern Leuten abzusondern. Sie strebten danach, diese zu beherrschen und zu bevormunden. Die Stadtobrigkeiten verboten dein Volk harmlose Vergnügungen. Als sie dann gar anfingen, es durch Spione zu überwachen, da hörten die Volksfeste in den Städten auf. Sie flüchteten sich in die Berge, lösch oben in einsamen Alpentälern am Ufer eines rauschenden Bergbaches oder auf hoher Alp kamen kräftige Burschen zusammen und übten ihre Kraft im Schwingen und Ringen. Bis hier herauf drangen die Wächter der Obrigkeit nicht. So vergingen fast dreimalhundert Jahre. Dann stieg eine neue Zeit herauf und erweckte auch die schlummernde Volkskraft zu neuem Leben. Jetzt wagte sich das verbannte Volksfest aus den Alpen wieder in die Ebene hinunter, um sich hier immer kräftiger und größer zu entfalten. Mit der Entwicklung unserer Freiheit ist auch das frische, fröhliche Volksleben früherer Jahrhunderte wieder aufgegangen. 229 Vie Feldzüge der Lidgenossen nach Mailand 1500—I 5 f 5 . Wie sie in die Kämpfe um Mailand hineingezogen wurden. Durch die Kämpfe mit den Burgundern und Deutschen waren die Lidgenossen ein kriegslustiges Volk geworden. Ls gab viele unter ihnen, die nicht mehr das Feld bebauen oder ein Handwerk betreiben wollten. Lieber zogen sie als Söldner in fremde Kriegsdienste. Werber fremder Fürsten reisten im Lande herum. Sie suchten starke Männer und Jünglinge zum Söldnerdienst zu verlocken- Besonders der ehrgeizige französische König Ludwig XII. bemühte sich. Schweizer in seinen Dienst zu bekommen. Lr hatte nämlich im Sinn, das Herzogtum Mailand zu erobern. Die Familie Visconti, die es lange regiert hatte, war aus- gestorben. Die Herrschaft war übergegangen an die Familie Sforza. Um das Jahr j500 regierte Herzog Ludwig Sforza mit dem Beinamen der „Mohr". Diesem schrieb der französische König eines Tages, er sei mit den Visconti näher verwandt als die Sforza. Ihm gehöre deshalb von Rechts wegen das Herzogtum Mailand, wenn er es ihm nicht gutwillig herausgebe, werde er ihn dazu zwingen. So wurde Oberitalien ein Kampfplatz zwischen Franzosen und Italienern. Jede Partei bewarb sich um die Hülfe der kriegstüchtigen Schweizer. Zuerst lud der französische König die Lidgenossen zu einem Soldvertrag ein. Im Jahre schlössen sie ein Bündnis mit ihm ab. Der König versprach jedem einzelnen Grt eine jährliche Geldentschädigung. Den eidgenössischen Staatsmännern, die dafür stimmten, bezahlte er geheime Pensionen. von diesen Pensionen war im Vertrag allerdings nicht die Rede. Das Volk sollte nicht wissen, wie seine Führer ihre eigene und des Landes Unabhängigkeit an einen fremden Fürsten verkauften. Der König durfte jetzt in der Lidgenossenschaft 6000 Mann anwerben. Das geschah. Noch während des Schwabenkrieges zogen ihm 5000 Schweizersöldner nach Italien zu Hülfe. Ludwig der Mohr mußte sein Fürstentum den Franzosen überlassen und fliehen. 16 250 Auch er bat nun die Lidgenossen und Bündner um Hülfe. Lr schickte einen Diener mit viel Geld nach Thür. Auf dem Bilde siehst du, wie dieser durch das Obere Tor einzieht. Seine Maulesel tragen schwere Geldkisten. In Thür wohnte ein Gesandter des Herzogs. In seinem Auftrag eilten Boten mit Briefen und viel Geld zu den Lidgenossen und warben um Söldner. Die Obrigkeiten aber sagten, sie seien durch einen Soldvertrag an Frankreich gebunden. Sie können darum dem Herzog keine Hülfstruppen bewilligen. Sie verboten ihren Leuten, in mailändische Dienste zu treten. Trotzdem brachten mailändische Werber in kurzer Zeit 6000 Mann zusammen, darunter besonders viele Bündner und walliser. Entgegen dem obrigkeitlichen verbot traten sie in den Dienst des Herzogs. Mit ihrer Hülfe kehrte dieser im Frühjahr nach Italien zurück und eroberte sein Land wieder. Alsbald erschienen wieder französische Werber bei den Lidgenossen und ersuchten sie abermals um Hülfe. Zuerst zögerten diese, dem Ränig solche zu bewilligen; denn er bezahlte die Schweizer schlecht. Da schrieb der französische Gesandte dem Rönig: „Ich merke schon, wo es fehlt. Ls ist den Lidgenossen um Geld zu tun. Ich will den Rronensack ausschütten, dann wird es gehen." Und nun ging er von Ort zu Ort und streute Geld aus, bis es wirklich ging. Wieder folgten sO OOO Schweizer den französischen Fahnen nach Italien. Dort geschah dann etwas, was den eidgenössischen Namen mit Schande bedeckte. Herzog Ludwig hielt mit seinen Truppen das Städtchen Novarra besetzt. Die Franzosen belagerten es. Auf beiden Seiten standen Tausende von Lidgenossen. Sie sollten gegeneinander kämpfen. Dazu durften und wollten sie es nicht kommen lassen. Die Tagsatzung ermähnte sie heimzukehren. In dieser Lage begannen die schweizerischen Hauptleute des Herzogs mit den Franzosen zu unterhandeln. Sie taten es, ohne daß der Herzog etwas davon wußte, und hintergingen ihn so. Die Franzosen versprachen, die Truppen des Herzogs frei abziehen zu lassen. Den Herzog aber wollten sie gefangen nehmen. Die Schweizer suchten zwar, ihn durch eine List zu retten. Als Söldner verkleidet, sollte er mit ihnen die rl>,knnft einer Geldsendung des Herzogs von Mailand in Lhur. 232 Stadt verlassen. Lin Urner aber verriet ihn den Franzosen um schnödes Geld. Diese verhafteten ihn und führten ihn als Gefangenen nach Frankreich, wo er acht Jahre nachher im Berker starb. wie sich Bellinzona den Lidgenossen anschloß. Das Herzogtum Mailand war wieder an die Franzosen übergegangen. Für Bellinzona war jetzt die Stunde der Lntscheidung gekommen. Seine Bewohner hatten dem Herzog von Mailand treu bleiben wollen, von den Franzosen aber wollten sie nichts wissen. Freiwillig ergaben sie sich den Schweizern, da sie die Bache der Franzosen fürchteten. Sie ersuchten die Urkantone, Abgeordnete und Truppen nach Bellinzona zu schicken. Diese kamen und nahmen im Auftrag ihrer Orte Besitz von der Stadt Bellinzona, der Riviera und dem Blegnotale. Der Bönig von Frankreich war zuerst wütend über die Bellenzer. Im ersten Zorn wollte er ihnen keine Lebensmittel mehr zukommen lassen und sie auf diese weise aushungern. Das Vieh, das sie außerhalb der Gemeinde auf die weide trieben, raubte man ihnen, wer einen Bellenzer tötete, blieb straflos. Aber durch keine Gewaltmittel vermochte der Bönig die Stadt zurückzugewinnen. Die Lidgenossen traten ihm bewaffnet entgegen. Unter keinen Umständen wollten sie Bellenz mehr verlassen. Ls bildete ja gleichsam den Schlüssel zum Gotthardpaß, den sie schon seit hundert Jahren in ihre Hand zu bekommen wünschten. Auch wollte es der Bönig mit den Schweizern nicht ganz verderben. Lr bedurfte ihrer Söldner in Italien. Darum schloß er f503 zu Arona Frieden mit ihnen. Lr trat den drei Urkantonen die alte Grafschaft Bellinzona ab. Auch die Riviera und das Blegnotal gingen damit in eidgenössischen Besitz über. Das Gebiet der Lidgenossen reichte nun südwärts bis an den Monte Lenere und fast bis an den Langensee. In ihrer Hand befand sich jetzt die Straße über den Gotthard nach varese, wo große Märkte stattfanden. Da tauschten sie ihr Vieh und ihre Milchprodukte gegen Lebensmittel und Indu- 253 strieerzeugnisse der Lombardei aus. Darum war dieser Han- delsweg und der Besitz des Tessintales so wichtig für sie. Leider gestatteten die drei Länder den neuen Lidgenossen nicht, sich selbst zu regieren. Sie behandelten diese als Untertanen. Alle zwei Jahre schickten sie einen neuen Vogt nach Bellinzona. Lr wohnte dort in einer der drei Burgen, die über der Stadt thronten und nach den regierenden Orten Uri, Schwiz und Unterwalden hießen. Die Lidgenossen und die Bündner treten in den Dienst des Papstes. sSsO. Im Jahre 1505 erschien auf der Tagsatzung in Zürich der Domherr Peter von Hertenstein. Lr kam als Abgeordneter Papst Julius' II. Dieser bat die Lidgenossen, ihm 200 Fuß- soldaten zu bewilligen. Lr wolle sie nur zur Bewachung seines Palastes verwenden, niemals aber zu andern Arbeiten oder gar in Kriegen, erklärte er den Lidgenossen. Die Tagsatzung war zuerst überrascht, „was will der Papst mit bloß zweihundert Schweizern anfangen?" sagte sie sich und willigte nicht sofort ein. Lndlich aber entsprach sie seinem Wunsche. An die zweihundert stolze Krieger zogen nach Nom und traten in den Dienst des Papstes. Seit jener Zeit hielten die Päpste immer eine Leibgarde von l.00 bis 200 Schweizern. Diese versehen ihren Dienst heute noch in der altertümlichen Tracht des s6. Jahrhunderts. Papst Julius II. begehrte von den Lidgenossen aber noch mehr. Lr war ein sehr streitbarer, kriegerischer wann. Vor allem wollte er die Franzosen aus Italien, seinem Vaterlande, vertreiben. Die Schweizer sollten ihn dabei unterstützen. Lr schickte den Bischof Matthäus Schinner als Gesandten zu ihnen. Im Namen des Papstes sollte er ihnen ein Bündnis antragen. Schinner war ein Gberwalliser. Lr hatte es vom einfachen Dorfpsarrer zum Bischof von wallis und später sogar zum Kardinal gebracht. Darum war er in der Heimat sehr angesehen. Man erzählt von ihm, daß er in seiner Jugend die Lateinschule in Bern besucht habe. Line Frau, die so arm war wie Schinners Litern, erbarmte sich seiner. Sie nahm 23-h ihn auf und sorgte für ihn wie eine Mutter. Als er nun nach vielen fahren im Auftrag des Papstes nach Bern kam, erkundigte er sich auch nach seiner alten Pflegemutter. Er vernahm, daß sie noch lebe. Da besuchte er sie und ließ ihr durch einen Diener 200 Dukaten ausbezahlen. Als er verreiste, ging er hin, um von ihr Abschied zu nehmen. Das alles gewann ihm in Bern die Herzen vieler Einwohner. Der kluge Schinner wußte aber auch die übrigen Eidgenossen zu gewinnen. Es gelang ihm dies um so leichter, als sie auf den französischen König nicht mehr gut zu sprechen waren. Dieser glaubte nämlich, er brauche jetzt die Hülfe der Eidgenossen nicht mehr. Er behandelte sie deshalb ziemlich geringschätzig. Das ärgerte sie, und sie wandten sich von ihm ab. Es geschah gerade zu der Zeit, als Schinner in der Schweiz eintraf. Er kam nicht mit leeren Händen. Er brachte viel Geld mit. Auch machte er den Eidgenossen allerlei schöne Versprechungen. Dadurch gelang es ihm bald, sie zu einem Bunde mit dem Papst zu überreden. Sie verpflichteten sich, ihm auf seinen Wunsch gegen jeden Feind 6000 Söldner zu bewilligen. wie die Eidgenossen den untern Teil des Kantons Tessin gewannen. l5s2. Kaum hatten die Eidgenossen das Bündnis mit den: Papst abgeschlossen, so verlangte dieser 6000 Söldner. Er hatte den Krieg gegen die Franzosen bereits begonnen. Die Eidgenossen beeilten sich trotzdem nicht allzusehr. Da der Papst mit den versprochenen Geldsummen nicht herausrücken wollte, ließen sie sich Zeit. Endlich aber brachen sie auf. In Lhur sammelten sich etwa 20 000 Mann. Sie zogen ins Münstertal und von da durchs Etschtal hinunter nach Italien. Dort schlössen sich ihnen auch die Venezianer an. Mit ihrer Hülfe trieben sie die Franzosen vor sich her bis nach pavia. Erst hier leisteten diese harten widerstand. Trotzdem fiel die Stadt schließlich den Schweizern in die Hände. Der ganze Feldzug heißt deshalb auch der pavier Zug. In wenigen Tagen entrissen die Eidgenossen den Franzosen das ganze Herzogtum. Dann setzten sie Maximilian Sforza als Herzog ein. 235 Lr und der Papst waren äußerst glücklich über diese Wendung der Dinge. Der Papst schenkte den Lidgenossen zum Dank für ihre Hülfe zwei große Banner, ein Schwert und einen Hut. Auch verlieh er ihnen den Titel „Beschirmer der heiligen Rirche". Der neue Herzog von Mailand bezahlte den Lidgenossen eine große Geldsumme. Auch trat er ihnen den untern Tessin, nämlich die Landschaften Lugano, Looarno, Mendrisio und das Maggiatal ab, die sie fortan als gemeine vogteien regierten. - Wie das veltlin ein Untertanenland der Bündner wurde. s5s2. Auch die Bündner schickten s5s2 dem Papste Truppen zu Hülfe. Aber sie schlugen einen andern Weg ein als die Lidgenossen. Sie zogen durch das veltlin nach Italien. Sie hatten dabei eine bestimmte Absicht. Der Bischof von Thür hatte nämlich alte Ansprüche auf die Landschaften Bormio, veltlin und Thiavenna. Lr hatte diese hundert Jahre früher als Geschenk erhalten von einem nahen verwandten des Herzogs von Mailand. Dieser war aus Mailand nach Thür geflohen. Hier hatte ihn der Bischof gastfreundlich aufgenommen. Zum Dank dafür schenkte er ihm die genannten Landschaften. Der Herzog war damit aber nicht einverstanden. Lr sagte, sein Neffe habe nicht das Recht, Land zu verschenken, das ihm nicht gehöre. Der Bischof erhielt also das Geschenk nicht. Hundert Jahre später, als der neue Herzog von Mailand, Maximilian Sforza, die Hülfe der Bündner und Lidgenossen so nötig hatte, sagten sich die Bündner: „Jetzt ist der günstige Augenblick gekommen, wo wir die dem Bischof geschenkten Gebiete in unsere Hand bringen können. Wir besetzen das veltlin. Dann helfen wir dem Herzog, sein Land wieder zu erobern. Zum Dank für unsere Hülfe wird er uns das veltlin überlassen." Darum zogen die Bündner s5s2 nicht mit den Lidgenossen durch das Ltschtal nach Italien, sondern durch das veltlin. Sie vertrieben die Franzosen von dort und besetzten es. Wirklich übergab ihnen dann der Herzog das veltlin zum Dank für ihre Hülfe. Die Bündner richteten dort 256 nun ihre Regierung ein. Über das ganze Tal setzten sie einen Landeshauptmann. Er hatte seinen Sitz im Hauptort des Tales, in Sondrio. Er berichtete dem Bundestag über alles, was im Tale vorging. In Sondrio wohnte auch der Vikar des veltlins. Er bekleidete das höchste Richteramt im veltlin. vor allem mußte er immer dabei sein, wenn über einen Verbrecher abgeurteilt wurde. In Rkorbegno, Traona, Teglio, Tirano und Bormio saß je ein podestat oder Amtmann und in Thiavenna ein „Kommissar!". Jeder hatte in seinem Bezirk für gute Ordnung zu sorgen und Gericht zu halten. Niederlage der Eidgenossen bei Marignano s5s5 und ihre Folgen. In der Lombardei dauerte die Feindschaft fort. In großer Zahl rückten die Franzosen heran. Der Krieg brach s5s3 wieder aus. Ein Haufen rauflustiger Schweizer eilte über den Gott- hard dem Herzog Maximilian zu Hülfe. Da wurden sie in Novarra eingeschlossen. Heldenmütig verteidigten sie sich, bis Hülse kam. In einer großen Schlacht vor Novarra wurden dann die Franzosen abermals geschlagen. Im Jahre s5s5 bestieg in Frankreich Franz I. den Königsthron. Stolz nannte er sich auch Herzog von Rkailand. Der regierende Herzog und seine Beschützer, die Eidgenossen, wollten das nicht dulden. Da rüstete sich der junge König, um in einer Schlacht Ruhm und Ehre und das Herzogtum zu gewinnen. Die Schweizer zogen ihm über den Gotthard entgegen. Bevor es zum Kampf kam, suchte er Uneinigkeit unter ihnen zu stiften. Er begehrte eine Zusammenkunft. Abgeordnete beider Parteien kamen in Gallerate zusammen und unterhandelten. Der schlaue König verhieß den Eidgenossen große Geldsummen und den Besitz des Tessins. Aber sie mußten versprechen, ihn an der Eroberung Mailands nicht zu hindern. Ein Teil der Eidgenossen nahm seine Vorschläge an und schloß Frieden mit ihm. Die Mehrzahl des Heeres aber empfand diesen Vertrag als eine Schmach und wollte ihn nicht annehmen. 237 Nun trat etwas Unerwartetes ein. Auf dem herzogliche^ Schlosse zu Mailand waren die schweizerischen Hauptleute versammelt. Sie stritten miteinander, ob man den Krieg fortsetzen oder den Herzog verlassen und heimziehen solle. Da entstand in der Stadt plötzlich ein Lärm. Fast im gleichen Augenblick kam der Bericht, die Leibwache des Herzogs sei mit den Vorposten der Franzosen handgemein geworden. Das gesamte feindliche Heer nähere sich den Stadttoren. Der Kardinal Schinner, der wohl das Gefecht selbst angezettelt hatte, wandte sich jetzt mit freundlichen Worten an die uneinigen Lidgenossen. Lr beschwor sie, ihren alten Ruhm nicht durch schnöde und feige Gewinnsucht zu beflecken. In seinem Purpurgewand schwang er sich zu Pferde und sprengte voran auf den Feind. Nun durften selbst die Widerwilligen nicht säumen. Freudig folgten ihm zuerst die Urschweizer und die Glarner, dann zögernd und brummend die andern, im ganzen etwa 2H000 Mann ohne Trommeln mit nur acht leichten Feldbüchsen. Die ungestüme Kampflust der Urner, Schwizer und Unterwaldner riß das ganze Heer zum Angriff fort. Nach alter Sitte knieten sie zum Gebet nieder. Landammann Steiner von Zug, der die Vorhut leitete, ergriff eine Handvoll Lrde, warf sie über die Häupter der Krieger hin und rief: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, hier soll unser Kirchhof sein! Treue, liebe Lidgenossen, seid männlich und unverzagt! Denkt nur an Lob und Lhre, die wir heute mit Gottes Hülfe erringen wollen!" Dann zogen sie in den Kampf. Schon spien die französischen Batterien ein Meer von Feuer aus und streckten Hunderte von Lidgenossen nieder. Auch war das feindliche Lager gut verschanzt. Dennoch drangen die Schweizer mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts. Feindliche Geschütze und Fahnen wurden genommen. Fürsten und Ldle fielen. Lin Grauen ergriff den sonst so furchtlosen französischen Ritter Bayard. Lr ließ Pferd, Helm und Beinschienen zurück und floh. Anders der ritterliche König Franz. Dieser verlor den Mut nicht, wie der gemeinste seiner Krieger kämpfte er und setzte sich jeder Gefahr aus. Der erste Schlacht- 238 tag ging zu Ende. Der blasse Halbmond sank und ließ die blutige Lrde in völliger Dunkelheit zurück. Der Kampf mußte für einige Stunden unterbrochen werden. Die Franzosen erholten sich bald vom ersten Schrecken. Ihr tapferer und kluger König zog die gelichteten Scharen zusammen. Alles ordnete er aufs beste zur Fortsetzung des Kampfes. Dann legte er sich auf den Wagen einer Kanone und schlief bis zum Morgen. Anders im Lager der Lidgenossen. In ihre Reihen war der alte Zwist zurückgekehrt. Der Kardinal versammelte die Hauptleute um ein großes Wachtfeuer. Lr kannte ihre schlimme Lage und riet zum Rückzug. Allein die wilde Schlachtwut war jetzt nicht mehr zu zügeln. Das Schicksal wollte den Lidgenossen eine Lehre geben, die sie nicht so bald vergaßen. Blutigrot stieg die Sonne am zweiten Schlachttage empor. In drei Haufen geteilt, griffen die Lidgenossen wieder an. Obgleich eine schlaflose, kalte Nacht hinter ihnen lag, kämpften sie mit noch wilderem Mute als zuvor. Bereits neigte sich der Sieg auf ihre Seite. Aber schon waren auch viele ihrer Führer gefallen, so der Landammann von Uri, der Land- ammann von Schwiz und fast alle Hauptleute der Bündner. Da ertönt in ihrem Rücken auf einmal der Ruf: „Sän Marco! Sän Marco!" der Schlachtruf der venetianer. Im Sturmschritt kommen sie den Franzosen zu Hülfe. Diese schöpfen neuen Mut. Die Siegeshoffnung der Lidgenossen aber wird erschüttert und endlich aufgegeben. Doch fliehen sie nicht, sondern rüsten sich zum Rückzug in die Stadt Mailand. Sie bilden ein Viereck. In die Mitte nehmen sie das Geschütz, die Beute und die verwundeten. Dann treten sie langsam und in würdevoller Haltung den schweren, ungewohnten Gang an. Bald kommen sie an den großen Graben, über den sie am vorhergehenden Tage so siegessicher gestürmt sind. Sie müssen halten, um die Geschütze und die verwundeten hinüberzuschaf- fen. In diesem verhängnisvollen Augenblick machen die Franzosen einen neuen Angriff. Die Lidgenossen sind nicht gerüstet, ihn abzuwehren, da ihre Schlachtordnung aufgelöst ist. Dafür kämpft jeder von ihnen wie ein Held, besonders die, denen 239 des Heeres Feldzeichen anvertraut sind. Dem Lasier Fähnrich hat eine Kanonenkugel beide Beine weggerissen. Lr stellt sich auf die beiden Stümpfe und reicht sterbend das Basier Banner über den Graben. Lin tapferer Feldpriester entreißt dem Unterwaldner Fahnenträger, welcher sterbend am Bande des Grabens hinsinkt, das teure Banner und rettet es dem Lande. Der Appenzeller Fähnrich, der sich von Feinden umringt sieht, reißt das Feldzeichen von der Stange, verbirgt es in seinem Panzerhemd und stirbt, verloren ging am zweiten Schlachttage der Uristier, das uralte Schlachthorn von Uri, das die Lidgenossen fast auf allen ihren Kriegszügen von Morgarten bis Marignano begleitet hatte. Hungrig, erschöpft und staubbedeckt kamen die Lidgenossen in Bkailand an. In den nächsten Tagen schon verließen sie die Lombardei und kehrten in die Heimat zurück. Wehmütig mögen sie auf der Höhe des Gotthardpasses noch einmal zurückgeschallt haben nach dem Lande ihrer größten Kriegstaten. Die Früchte dieser Taten fielen zum großen Teil nicht ihnen, sondern den fremden Mächten zu, die um den Besitz von Mailand ge- kämpft hatten. Und doch hatten die Lidgenossen und Bündner auf den mailändischen Schlachtfeldern nicht umsonst geblutet. Der dauernde Gewinn, den sie aus den Mailänder Kriegen zogen, waren die schönen und fruchtbaren Landschaften im Tessin und im veltlin. Im Jahre schloß nämlich der König von Frankreich mit den Lidgenossen einen ewigenFrieden. Da wurde festgesetzt, daß der Tessin fortan den Lidgenossen und das veltlin den Bündnern gehören solle. Die Lidgenossen standen jetzt an einem großen Wendepunkt ihrer Geschichte. Die schwere Niederlage bei Marignano hatte sie entmutigt. Sie hatten aus den Mailänder Feldzügen lernen müssen, daß ihr lockerer Bund nicht geschaffen sei, um europäische Politik zu treiben. Darum hielten sie sich von jetzt an fern von den europäischen Händeln. Die Tagsatzung mischte sich nicht mehr ein in die Streitigkeiten zwischen den benachbarten Staaten. Die Lidgenossenschaft verzichtete fortan auf eine selbständige kriegerische Teilnahme an der europäischen Politik. Die einzelnen Orte schlössen mit fremden Fürsten Sold vertrage ab. Wer Freude an Krieg und Abenteuern hatte, ließ sich als Söldner anwerben und trat in den Dienst eines fremden Fürsten. wie Johannes Gutenberg die Buchdruckerkunst erfand. Noch vor etwa 500 Jahren fand man fast nur in den Klöstern Bücher. Es waren aber nicht gedruckte, sondern von der Hand der Mönche geschriebene Bücher. Außer den Geistlichen und Gelehrten konnte damals überhaupt fast niemand lesen. Es nützte auch nichts, lesen zu lernen, da es keine Bücher gab. Der gemeine Mann konnte sich also nicht durch eigenes Studium weiter ausbilden. Er mußte auf Treu und Glauben annehmen, was man ihm sagte. Heute ist das anders. Fast in jedem Hause sieht man etwa in einem Schrank oder auf einem Gestell einige Bücher. In der Studierstube eines Gelehrten befinden sich deren ganze Wände voll. Aber auch fast jedes Kind hat heute seine Bücher. Manche derselben sind vielleicht noch mit schönen Bildern geschmückt. Wie wollte der Lehrer seine Schüler lesen lehren ohne Lesebücher? Auch gibt es jetzt fast in jeder Stadt, ja sogar in vielen kleinen Gemeinden Büchersammlungen zum allgemeinen Gebrauch. Jeder kann da, wenn er will, Bücher haben, um sich in der freien Zeit selbst zu unterrichten. Schon mancher brave junge Mann hat es dadurch im Leben sehr weit gebracht. Wem verdanken wir das? Das verdanken wir dem Manne, der die Buchdruckerkunst erfunden und damit der Menschheit einen unschätzbaren Dienst geleistet hat. Er hieß Johann Gutenberg. Die Stadt Mainz war seine Heimat. Dort wurde er um das Zahr fHOO geboren. Etwa in seinem zwanzigsten Lebensjahre kam er nach Straßburg. Hier verdiente er seinen Unterhalt zuerst damit, daß er Spiegel anfertigte und Edelsteine schliff, die als Schmuck getragen wurden. Ferner versuchte er wohl auch schon, Heiligenbilder, Reime und Sprüche zu drucken. Man machte das damals so, daß 24 ! man die Bilder und Sprüche in eine Tafel von Birnbaumholz einschnitt. was auf das Papier gedruckt werden sollte, war hoch, das andere vertieft. Das Hohe bestrich man nun mit Schwärze oder Farbe und drückte ein Blatt Papier darauf. Zog man es weg, so stand auf dem Papier das Bild oder der Spruch, den man in die Holzplatte eingeschnitten hatte. Das war aber noch immer eine sehr umständliche Druckerei; denn man mußte ebenso viele Tafeln schneiden, als man Blattseiten brauchte. Und mit dem Abdrucken ging es auch nicht gut. Der Druck wurde nicht überall gleichmäßig und deshalb nicht immer schön. Gutenberg erfand nun eine sehr wichtige Verbesserung. Tr kam auf den Gedanken, eine presse zu bauen. Damit konnte er einen gleichmäßigen Druck herstellen. Beim weitern Nachdenken über die Vervollkommnung der Druckerei kam ihm noch etwas anderes in den Sinn. „Welch ein Vorteil wäre es, wenn ich die einzelnen Buchstaben in großer Zahl vorrätig hätte! Dann könnte ich sie beliebig zusammensetzen und so immer neue Wörter bilden!" Hatte er z. B. die Buchstaben A b e n d als bewegliche Buchstaben zur Verfügung, so konnte er daraus die Wörter Abend, Bad, Baden, Band u. a. zusammenstellen und drucken. Hatte er sie aber in der Holztasel fest eingeschnitten, so konnte er damit nur das eine Wort „Abend" drucken. Aus welchem Stoff aber sollten die beweglichen Lettern gemacht werden? Gutenberg wußte, daß Holzbuchstaben sich leicht abnutzen. Auch kostete es viel Zeit und Mühe, so viele Abc, als zu einem Buche nötig waren, aus Holz zu schneiden. So kam er auf den Gedanken, bewegliche Buchstaben aus Metall zu machen. Bevor er dies ausführte, verließ er Straßburg und ging wieder nach Mainz. Gutenberg war mittellos. Um seine Versuche fortsetzen zu können, mußte er Geld entlehnen. Tr schloß mit einem reichen Mainzer Bürger, namens Johann Lust, einen Vertrag ab. Dieser schoß ihm das nötige Geld vor. Gutenberg ging nun an die Herstellung der Buchstaben aus Metall. Sie sollten aber nicht mehr geschnitten, sondern gegossen werden. Tr stellte Alte Buchdrucker«!! links Setzer, vor jedem ein Setzkasten, daneben einer mit einem beschriebenen Blatt, hinter ihnen ein Bund Papier; rechts zwei Druckcrpressen, an der vorder» wird eben ein Blatt bedruckt, ein anderes ist schon gedruckt und wird sorgfältig auf einen Tisch gelegt, dahinter ein Farbtopf und ein Larbstsin zur Herstellung der Druckerschwärze, die einer daneben auf den Satz aufträgt; ganz rechts der Druckereibesiher. UL 2^3 zuerst jeden Buchstaben aus hartem Metall her. Dann drückte oder schlug er ihn in weicheres Metall ein. Die Vertiefungen oder Formen, welche so entstanden, konnten nun zum Gießen unzähliger Lettern benutzt werden. Die gegossenen Buchstaben waren viel regelmäßiger und feiner als die geschnittenen Holz- buchstaben. Die beweglichen Metallbuchstaben und der Druck mit der presse, das waren also die großen Fortschritte Gutenbergs in der Buchdruckerkunst. Es gelang ihm dann auch' noch, aus Kienruß und Leinölfirniß eine gute Druckerschwärze herzustellen. Ist es nicht ein schönes Zeugnis für den berühmten Mann, daß er nun sogleich daran ging, als erstes großes Merk eine Bibel zu drucken? Dem Worte Gottes sollte die neue Kunst zuerst dienstbar gemacht werden. Er begann mit seinem Bibeldruck im Jahre sH52 und vollendete ihn erst Das zeigt uns, daß seine Druckereieinrichtung noch unvollkommen war; denn heute könnte man ein solches Buch in wenigen Wochen drucken. Aber der erzielte Fortschritt war doch groß und unendlich verdienstvoll. Leider konnte Gutenberg aus seiner Erfindung nicht den verdienten Nutzen ziehen. Fust war ein habsüchtiger Mann. Er verlangte das vorgeschossene Geld bald zurück. Da Gutenberg nicht sofort bezahlen konnte, verklagte ihn Fust vor Gericht. Dieses gab ihm recht. Gutenberg mußte seinem hartherzigen Gläubiger als Ersatz für die geliehene Eumme sämtliche Druckereigeräte abtreten, die Lettern und die presse samt allem, was schon gedruckt war. Fust betrieb nun die Druckerei mit einem neuen Geschäftsteilhaber, namens Peter Echöffer. Sie druckten ein prachtvolles Psalmenbuch und setzten ihren Namen darunter. Den Namen ihres großen Meisters verschwiegen sie. Mit Hülfe guter Freunde konnte dieser zwar wieder eine kleine Druckerei einrichten. Aber da er zu wenig Geld hatte, vermochte er mit Fust nicht zu wetteifern. Im Jahre s^68 starb er in Mainz, wo man ihn schon fast vergessen hatte. _ Rasche Ausbreitung der Buchdruckerkunst und der erste Buchdruckerstreik. Bis zum Jahre lI62 konnten die Mainzer Buchdrucker die neue Art des Bücherdruckes geheim halten. Sie verboten ihren Arbeitern, auszuwandern oder über die neue Kunst etwas auszusagen, Im Jahre s^62, während eines Krieges, wurde Mainz erstürmt. Die Feinde zerstörten die Buchdruckereien. Die Druckergehülfen wurden arbeitslos. Niemand konnte ihnen jetzt verbieten, Mainz zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen. Sie wanderten aus und machten die Kunst des Bücherdruckes auch in andern Ländern bekannt. Die wissens- durstigen Leute, deren es damals so viele gab, hatten die Kunst Gutenbergs dringend nötig. Die Abschreiber konnten unmöglich genug Bücher liefern für die vielen Tausende von Studenten und Professoren, die an den hohen Schulen lernten und lehrten. Aber auch die Schüler der Volksschulen, die jetzt in größern und kleinern Städten eingerichtet wurden, brauchten Bücher. Darum verbreitete sich die Buchdruckerkunst sehr rasch. In den Jahren —f^80 bestanden schon in allen europäischen Ländern Druckereien. Ums Jahr s500 zählte man deren bereits etwa fOOO. In dieSchweiz brachte ein treuer Gehülfe Gutenbergs, namens Berthold Nuppel, die neue Kunst. Als nämlich Gutenberg seine Druckerei den: habsüchtigen Lust übergeben mußte, begab sich Nuppel nach Basel. Denn für Lust, der seinen Meister so schmählich behandelt hatte, mochte er nicht mehr arbeiten. In Basel war kurz vorher, im Jahre fH60, eine Universität gegründet worden. Bald darauf entstanden da mehrere Druckereien. Basel war der älteste Druckort der Schweiz. Da spielte sich auch der erste Buchdruckerstreik ab. Im Jahre fHA verlangten die Basier Druckereiarbeiter von ihren Meistern mehr Lohn, besser zu essen und zu trinken. Sie weigerten sich, weiterzuarbeiten, bevor ihrem Wunsche entsprochen sei. Die Sache kam vor Gericht. Dieses befahl ihnen, sofort wieder an die Arbeit zu gehen und diese so auszuführen, daß ihre Meister mit ihnen zufrieden seien. Auch verbot ihnen 2^5 das Gericht, „Bündnisse zu machen", d. h. unter sich vereine zu bilden. Umgekehrt aber sollen die Meister ihre Arbeiter recht behandeln und ihnen im Essen, Trinken und am Lohn zukommen lassen, was recht und billig sei. Dagegen haben sie das Recht, Arbeiter, die sich widerspenstig zeigen, nach Ausbezahlung des Lohnes zu entlassen. Und wenn ein Arbeiter mit seinem Meister nicht zufrieden sei, könne er verlangen, daß er ihn ausbezahle und entlasse. Nach Basel war Zürich der berühmteste Druckort der Schweiz. Zn Graubünden wurde die erste Druckerei im Jahre und zwar im puschlav, eingerichtet. Wie Amerika entdeckt wurde. von Christoph Kolumbus und seinem großen Plane. Bis vor etwa ^00 Zähren kannte man nur drei Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Ende des l5. Zahrhunderts entdeckte der Ztaliener Christoph Kolumbus einen vierten, nämlich Amerika. Kolumbus wurde W6 in Genua geboren. Seine Vaterstadt war schon seit Zahrhunderten einer der verkehrsreichsten Lsafenplätze in Europa. Da fuhren Schiffe aus und ein. Dahin brachten Matrosen merkwürdige Kunde aus fernen Gegenden. Da wohnten berühmte Schiffsbaumeister und erfahrene Seeleute. Nicht umsonst wünschten die Könige von Spanien und Portugal, von Frankreich und England, genuesische Seefahrer in ihren Dienst zu bekommen. So suchten denn viele Genuesen ihr Glück auf dem Meere. Das tat auch Kolumbus. Sein Vater war ein Tuchweber gewesen. Dieser Beruf behagte dem Sohne aber nicht. Zhn zog es in die Ferne. Er wollte ein Seemann werden, vierzehn Zahre alt, nahm er von Genua aus an kleinen Seereisen teil. Dann ging er nach Portugal, wo er sich verheiratete. Auf seinen Fahrten kam er südwärts bis an die Küste von Guinea und nordwärts bis nach England, ja bis nach Zsland. Bald war dem kühnen Mann 17 kein Meer zu breit und keine Küste zu fern. Nun setzte er sich als Ziel, Indien zu erreichen. Darunter verstand man damals nicht nur das eigentliche Indien, sondern auch Lhina und Japan. Von diesen goldreichen Ländern redete man zu jener Zeit in ganz Europa. Ein Venezianer, namens Marco Polo, war etwa zweihundert Jahre früher vom Schwarzen Meer Karte des florentinischen Arztes und Astronomen Toscanelli (^9?^l4D2), aus welcher Kolumbus den Nut zu seiner Fahrt schöpfte. aus durch Asien bis nach Lhina gewandert. Er hatte das glänzende Leben in Ehina anziehend beschrieben. Seine Beschreibung reizte Kolumbus, auch eine Reise dahin zu unternehmen, aber nicht zu Land, sondern zur See. Nach den vorhandenen Weltkarten, besonders nach der Karte des florentinischen Arztes und Astronomen Toscanelli, war die Entfernung dieser Länder in westlicher Richtung nicht allzu groß. Fuhr man von Europa aus westwärts, so stieß man unterwegs auf eine große Insel Lipangu oder Japan und 20 Grad weiter westlich auf Lhina oder Indien, wie man damals sagte. Von einem dazwischen liegenden Festland Amerika und dem Großen oder Stillen Ozean zwischen Amerika und Asien wußte man noch nichts. So wurde auf dieser Karte die Entfernung um fOO Grad zu gering angegeben, und das ermutigte Kolumbus zu seiner Fahrt. wie Kolumbus die Mittel erhielt, seinen Plan auszuführen. Kolumbus war arm. Ihm fehlten die Mittel, um seinen großen Plan auszuführen. Er wandte sich deshalb an den König von Portugal. Diesen bat er, ihm Geld und Schiffe für seine Entdeckungsreise zu bewilligen. Wohl war der damalige König von Portugal ein weiser und großmütiger Fürst. Aber seine Ratgeber erklärten ihm, der Plan des Kolumbus sei unausführbar. Daher wies er Kolumbus mit seiner Bitte ab. Unterdessen hatte dieser seine Gattin durch den Tod verloren. Da er kein Vermögen und in Portugal auch keine Freunde mehr besaß, beschloß er, dieses Land zu verlassen. Er hatte nichts mitzunehmen als sein vierjähriges Söhnlein Diego, seine Schriften und seine Karten. Er begab sich nach Spanien. Aber auch da fand er lange niemanden, der ihm Gehör schenkte. Betrübt entschloß er sich, auch Spanien wieder zu verlassen. Es war an einem heißen Sommertag des Jahres als Kolumbus mit seinem Knaben in der Hafenstadt palos in Andalusien ankam. An der Pforte eines alten Franziskanerklosters klopfte er an. Er bat den Pförtner für sich und sein Söhnchen um einen Trunk Wasser und ein Stückchen Brot. Dieser entsprach seinem Wunsche gern. Während er ihm die ärmliche Erfrischung reichte, ging zufällig der Vorsteher des Klosters, der Pater Juan Perez, vorüber. Ihm sielen die Gestalt und die Sprache des Fremden auf. „Herr, wie heißt Ihr und was führt Euch hieher?" redete er ihn an. Dieser antwortete: „Ich heiße Lhristoph Kolumbus und bin ein Seefahrer aus Genua. Ich muß betteln, weil die Könige jene Länder, die ich ihnen anbiete, nicht annehmen wollen." Jetzt wurde der Pater noch neugieriger. Auch hatte er Mitleid mit dem armen Fremdling. Er sprach lange mit ihm, und je länger er mit ihm redete, desto größer wurde sein Erstaunen. Es war für den einsam lebenden Mönch ein merkwürdiges Erlebnis, daß ein Mann mit so hohen Plänen sich um ein Stück Brot und einen Trunk Wasser an sein Kloster wandte. Er bat ihn, in das Kloster einzutreten und einstweilen sein Gast zu sein. Der Pater hatte in palos einen gelehrten Freund, namens Garcia Hernandez. Diesen lud er ein, in das Kloster zu kommen, um den seltsamen Fremden kennenzulernen. Hernandez besuchte Kolumbus mehrmals. Dessen Schicksale und Aussagen machten auch ihn immer neugieriger. Bald redete man in ganz palos von dem fremden Manne und seinen Absichten, ganz besonders aber unter den Seeleuten. Es gab da viele erprobte Seefahrer, welche sagten, sie halten seine Pläne für ausführbar. Pater perez und sein Freund Fernande; ahnten, daß die Vorschläge des Kolumbus für Spanien sehr wichtig sein könnten. Der Pater schrieb darüber an die Königin, bei der er in hohem Ansehen stand. Vierzehn Tage später antwortete sie ihm. Sie dankte ihm für seine Mitteilungen und lud den Pater ein, an den Hof zu kommen. Sofort folgte er der Einladung. Er gab der Herrscherin mündlich noch weitere Auskunft. Zuletzt versprach die Königin, Kolumbus die Schiffe zu bewilligen. Dann gab sie dem Pater noch eine Summe Geld für Kolumbus mit, damit dieser anständig gekleidet am Hofe erscheinen könne. Wohl galt es noch manche Schwierigkeiten und Hindernisse zu beseitigen' denn Kolumbus wünschte nicht nur Schiffe für die Fahrt. Er forderte noch viel mehr. Er verlangte von der Königin, daß sie ihn in den Adelsstand erhebe. Auch sollte sie ihm die würde eines Admirals verleihen. In den Ländern, die er entdeckte, wollte Kolumbus Vizekönig sein und Anteil haben an der Regierung. Ferner beanspruchte er dort einen Teil der königlichen Einkünfte. Die Königin fand, Kolumbus sei recht anspruchsvoll. Dennoch versprach sie schließlich, seine Forderungen zu erfüllen. Dann versah sie ihn mit den nötigen Vollmachten und Schiffen, so daß Kolumbus die denkwürdige Fahrt beginnen konnte. Kolumbus entdeckt Amerika W2- Am 3. August ld2 kurz vor Sonnenaufgang verließen drei Schiffe den Hafen von Halos. Die Matrosen waren guten Mutes, vorläufig segelten sie ja in bekannten Gewässern. Bald erreichten sie die Kanarischen Inseln. Hier mußte die kleine Flotte vier Wochen anhalten, da das Steuerruder eines Schiffes gebrochen war. Nach der Beseitigung dieses Schadens fuhren die Schiffe in das unbekannte Weltmeer hinaus. Der regelmäßige Wind begünstigte die Fahrt. Bald war alles Land den Augen der Schiffsleute entschwunden. Zum erstenmal sahen sie ringsumher nur noch das weite Meer und den Himmel, ohne recht zu wissen, wohin sie steuerten. Auch dauerte die Fahrt viel länger, als sie geahnt hatten. Ihr Mut und ihre Hoffnung begannen zu schwinden. Noch gelang es Kolumbus, durch seine große Ruhe ihr vertrauen wieder zu gewinnen. Tag und Nacht stand er mit dem Senkblei und seinen Beobachtungsinftrumenten auf dem verdeck. Er schlief nur wenige Stunden. In einem Tagebuch notierte er alle Beobachtungen und Erfahrungen. Ängstlichen und traurigen Gefährten redete er freundlich zu. Murrende suchte er durch Versprechungen zu beschwichtigen. Aber die Unruhe der Seeleute wuchs mit jedem Tag. Schon waren sie fast einen Monat mit der größten Geschwindigkeit gefahren, und noch immer wollte sich kein Land zeigen. Wohl glaubten sie aus gewissen Zeichen zu erkennen, daß sich in der Nähe eine Küste befinde. Sie sahen unbekannte Vogel, wußten aber nicht, daß Seevögel viele Hunderte von Kilo- metern weit fliegen können. Sie sahen von Zeit zu Zeit das Meer mit grünem Meergras dicht bedeckt. Aber Gras und vögel erschienen und verschwanden, und die armen verlassenen Menschen sahen sich wieder allein auf der scheinbar unbegrenzten Wasserfläche. Ihre Furcht verwandelte sich allmählich in Verzweiflung. Die verzagtesten stellten den Führer wütend zur Rede. Sie drohten, ihn über Bord zu werfen, wenn er nicht umkehre. Noch einmal vermochte er, sie zu beruhigen. Endlich aber ging ihre Geduld zu Ende. Einzelne S-M M MWWMAM MÄH kUMÜrDWZI^LMD^ MZM !ÄL^''L? ZW lüiiüiR UW« WM WsSMMZs^^i >»»»»« WüsGW WWW SUMM '*v V wollten Kolumbus umbringen. Nur der Gedanke, daß sie dann niemand zurückführen könnte, hielt sie davon ab. Er verlangte noch drei Tage Frist. Wenn man binnen dieser Zeit kein Land sehe, wolle er umkehren. Und siehe da, schon am folgenden Tage erreichte das Senkblei den Grund des Meeres. Rohr und Baumäste, an denen Beeren hingen, schwammen auf sie zu. Landvögel flogen auf die Masten. Am f2. Oktober morgens um 2 Uhr sah ein Matrose des vorausfahrenden Schiffes einen sandigen Strand im Mondschein leuchten. Gin Kanonenschuß verkündete den beiden nachfolgenden Schiffen die glückliche Entdeckung. Sowie es Tag wurde, sahen sie eine anmutige grüne Insel vor sich liegen. Die Fahrt von den Kanarischen Inseln weg hatte 32 Tage gedauert. Mit Tränen in den Augen, stimmte Kolumbus einen Lobgesang an, in den die Gefährten freudig einstimmten. Mit bewaffneten Booten landeten die Führer der drei Schiffe. Sie stiegen ans Ufer, warfen sich nieder und küßten den Boden, den sie zuerst betraten, bsarmlos näherten sich ihnen die braunen Eingebornen. Sie nannten ihr Eiland Guanahani. Kolumbus aber wollte die erste Insel, die er entdeckt hatte, dem bseiland als Dankopfer darbringen. Sie sollte Sän Salvador, Erlöserinsel, heißen. Man findet sie auf der Karte unter den Bahamainseln. Kolumbus nannte die Eingebornen Indianer. Er glaubte nämlich, Indien erreicht zu haben. Um die Bewohner zutraulicher zu machen, schenkte er ihnen Glasperlen, Nadeln und andere glänzende Kleinigkeiten. Er empfing dafür von ihnen goldene Schmucksachen, welche sie teils an der Nase, teils an den Ohren trugen. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen sie nach Südosten. Kolumbus schloß daraus, daß in der Nähe noch andere Inseln seien. Er entfernte sich mit seinen Schiffen in dieser Richtung. Bald erreichte er die Insel Kuba. bsier sah er überall den reichsten pflanzenwuchs, hochragende Bäume und Scharen von buntfarbigen vögeln. Jetzt zweifelte er nicht mehr, daß er in Indien angelangt sei. Auf Kuba beobachtete er zum erstenmal, daß die Wilden Tabak 252 rauchten. Auch hier fragten die Spanier nach Gold. Um sich den (Anwohnern verständlich zu machen, hielten sie ihnen Goldbleche vor. Da schrien die Eingebornen „Haiti" und zeigten nach Osten. Kolumbus folgte dem Wink und landete am 6. Dezember auf der Insel dieses Namens. Auch hier fand er schönes und fruchtbares Land. Es erinnerte ihn ganz an Südspanien. Darum nannte er diese Insel Hispaniola, das heißt Kleinspanien. Hier gründete Kolumbus eine Niederlassung. Matrosen anerboten sich, dableiben zu wollen, vielleicht hofften sie, durch Tauschhandel ihre Goldgier befriedigen zu können. Kolumbus kehrt nach Spanien zurück. Am H. Januar W2 schied Kolumbus von seinen Reisegenossen auf Haiti und fuhr nach Spanien zurück. Auf der Rückfahrt erhob sich ein fürchterlicher Sturm. Das Schiff drohte unterzugehen. Eilig schrieb Kolumbus das Wichtigste von seinen Reiseerlebnissen auf ein Pergamentblatt. Dieses packte er sorgfältig in ein Segeltuch ein, steckte es in ein wasserdichtes Kistchen und warf es ins Wasser. Er hoffte, die Wellen werden es irgendwo ans Ufer tragen und so die Kunde von seiner Entdeckung nach Europa bringen, wenn er mit seinen Fahrtgenossen umkommen sollte. Bald aber legte sich der Sturm, und am l5. März erreichte das gerettete Schiff die spanische Küste. Unter dem Geläute der Glocken und dem Jubel der Bevölkerung lief es in den Hafen von palos ein. Welch ein Gegensatz zwischen dem armen Abenteurer, der vor zwei Jahren an der Pforte des Franziskanerklosters um ein Stück Brot und einen Trunk Wasser gebeten hatte, und dem vergötterten Manne, der nun aus Amerika nach Spanien zurückkehrte! Die Kunde von seinen Entdeckungen war schnell durch ganz Spanien gedrungen. Alles wollte den berühmten Mann sehen. Der König lud ihn ein, an den Hof nach Barcelona zu kommen. Der Weg dahin führte ihn durch mehrere der volksreichsten Provinzen. Seine Reise glich dem Zuge eines Herrschers. Wo er durchkam, strömten die Bewohner der Umgegend herzu, besetzten die Landstraßen und überschwemmten 255 die Flecken und Dörfer. In den großen Städten waren die Straßen, die Fenster und Balköne mit ungeduldigen Zuschauern gefüllt. Die Luft widerhallte mit ihrem Iubelgeschrei. Endlich näherte sich Kolumbus der Stadt Barcelona, wo sich das Königspaar befand, viele vornehme Edelleute kamen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen und in den Königspalast zu begleiten. Auf den Straßen kamen sie wegen der wogenden Menge kaum durch. Auf dem Throne sitzend, in einem großen und glänzenden Saale erwarteten der König und die Königin den Ankommenden. Als er eintrat und sich dem Throne nahte, standen der König und die Königin auf, als empfingen sie eine Person von höchstem Range. Sie luden Kolumbus ein, sich zu ihnen zu setzen und von seiner Reise zu erzählen. Letzte Schicksale des Kolumbus und die Bedeutung seiner Entdeckungen. In den folgenden zehn Jahren unternahm Kolumbus noch'drei Entdeckungsfahrten nach Amerika. Er berührte auf denselben Süd- und Mittelamerika. Er selbst war freilich überzeugt, Indien erreicht zu haben. Er hatte keine Ahnung davon, daß er einen neuen, bisher unbekannten Erdteil entdeckt hatte. Er konnte noch nicht wissen, was seine Tat für die Menschheit bedeutete, vielmehr mußte er am Ende seines Lebens noch erfahren, wie wandelbar das Schicksal des Menschen oft ist. Kolumbus war freilich mit schuld an seinem Unglück. Wohl war er einer der größten Seefahrer aller Zeiten. Weniger gut aber verstand er, Kolonien zu gründen und zu verwalten. Er beging dabei in Amerika allerlei Fehler. Seine Feinde und Neider klagten ihn deshalb beim König an. Beamte wurden ausgeschickt, um die Tätigkeit des Kolumbus zu untersuchen. Es kam so weit, daß er gefangen genommen und in Ketten nach Spanien zurückgebracht wurde. Wohl befahl das Königspaar, daß man ihm die Ketten abnehme. Aber die Rechte und Titel, die man ihm einst versprochen hatte, nahm man ihm. Er fühlte sich dadurch in seiner Ehre tief gekränkt, vergeblich bat er mehrmals, daß unparteiische Richter die gegen ihn erhobenen Klagen untersuchen. Man gab 25-s ihm kaum eine Antwort auf seine schreiben. Die Untersuchung schob man immer hinaus. Als er von seiner letzten Fahrt aus Amerika zurückkehrte, da kümmerte sich niemand mehr um ihn. Der Jubel war verstummt. Auch seine Freunde waren ihm untreu geworden. Als ein von der Welt verlassener und vergessener Mann starb Kolumbus am Himmelfahrtstage s506 zu valladolid. Aber für alle Zeiten bleibt ihm der Ruhm, als erster den Europäern den weg über den Atlantischen Ozean nach Amerika gewiesen zu haben. Nach der großen Entdeckung des Kolumbus wurden immer mehr Seefahrten unternommen. Mit den Spaniern wetteiferten darin besonders die Portugiesen. Auch sie suchten über das Meer nach Indien zu gelangen. Im Jahre fand der portugiesische Admiral vasco da Gama diesen weg. Er fuhr aber nicht in westlicher Richtung wie Kolumbus, sondern in östlicher Richtung, um Afrika herum, und erreichte so das eigentliche Indien. Die Spanier und Portugiesen machten nun in dew von ihnen entdeckten Ländern große Eroberungen, die Spanier in Mittel- und Südamerika, die Portugiesen in Indien. Ein lebhafter Handel mit diesen überseeischen Gebieten wurde eröffnet. Bisher hatte sich dieser auf die Länder um das Mittelmeer und auf die Nachbarstaaten beschränkt. Jetzt dehnte er sich über fast alle Länder der Erde aus. Er wurde zum Welthandel. Es ging nicht lange, so beteiligten sich auch die Holländer, Franzosen und Engländer an demselben. Neue Produkte, wie Kaffee, Zucker, Reis, Kartoffeln, Tabak, Baumwolle, wurden nach Europa eingeführt. Hier wurde infolgedessen die Lebensweise der Völker eine ganz andere, eine anspruchsvollere. Aber auch neue Länder und Völker lernte man kennen. Der menschliche Geist wurde dadurch zu neuem Denken und Schaffen angeregt. s 265 Die Zeit der Reformation von der Glaubensspaltung im allgemeinen. Vor etwa vierhundert fahren entstand unter den Christen eine große Spaltung. Bis auf jene Zeit bekannten sich alle zum katholischen Glauben. Seither gibt es neben den Katholiken auch Protestanten. Die Trennung wurde teilweise verursacht durch Übelstände, die sich in der Kirche nach und nach ausgebildet hatten, von den Päpsten, die damals regierten, beschäftigten sich manche mehr mit Staatsgeschäften, mit Kunst und Wissenschaft als mit der Regierung der Kirche. Als sie für solche Zwecke von den Geistlichen und vorn Volk immer neue Abgaben forderten, wurde dieses unzufrieden. Auch Bischöfe und Geistliche gaben Anlaß zu Klagen. Manche Bischöfe lebten wie weltliche Fürsten. Sie vernachlässigten darüber ihre kirchlichen pflichten. Auch in vielen Klöstern lebte man nicht mehr streng nach den Klosterregeln. Einem großen Teil der Weltgeistlichen fehlte eine gute Bildung. Andere gaben durch ihren Lebenswandel dem Volk ein schlechtes Beispiel. So fehlte dem Volke vielfach eine gute religiöse Belehrung und Erziehung. Die Geistlichen hatten freilich auch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Volk war durch die vielen Kriege und das Neislaufen sittlich stark heruntergekommen und schwer mehr auf den rechten Weg zu bringen. Es gab freilich auch würdige und eifrige Priester, Äbte und Bischöfe, welche diese Übelstände tief beklagten. Sie machten Vorschläge, wie man dieselben beseitigen könne. Sie sagten, man müsse den Glauben neu beleben und stärken, das Ansehen der Geistlichen wieder herstellen und die kirchlichen Gesetze streng durchführen. An den Einrichtungen und an der Lehre der Kirche aber dürfe nicht gerüttelt werden. 256 Neben ihnen traten ernste religiöse Männer aus, welche weiter gehen wollten. Sie sagten, es genüge nicht mehr, daß man alte Übelstände bekämpfe. Das religiöse Leben der Menschen müsse auf eine andere Grundlage gestellt werden. Man sei im Laufe der Zeit von den einfachen urchristlichen Einrichtungen und Lehren abgewichen. Zu diesen müsse man wieder zurückkehren. Nicht die Anordnungen, welche die Päpste und Kirchenversammlungen im Laufe der Jahrhunderte erlassen haben, sollen maßgebend sein für das religiöse Leben der Christen, sondern allein das Wort Gottes, wie es in der Heiligen Schrift enthalten sei. Die Heilige Schrift müsse in jedermanns Hand kommen. Auch der gemeine Mann solle jetzt, nachdem die Buchdruckerkunst erfunden sei, lesen lernen, damit er das göttliche Wort auch außerhalb der Kirche und unabhängig vom Priester vernehmen könne. Die Männer, welche das Glaubensleben der Christen in diesem Sinne umgestalten, reformieren wollten, nennt man Reformatoren. Die bekanntesten sind L u t h e r, Z w i n g l i und Calvin. Luther war der Reformator Deutschlands, Zwingli derjenige der deutschen Schweiz, Calvin der Reformator von Genf. Die religiösen Neuerungen, welche sie durchführten, bezeichnet man mit dem Ausdruck Reformation und ihre Anhänger als Lutheraner und Reformierte, oder mit dem gemeinsamen Namen p r o t e st a n t e n. von Martin ltuther. Wie er Mönch wurde und eine Reise nach Rom machte. Den Anstoß zur Glaubenstrennung in Deutschland gab Martin Luther. Er wurde zu Eisleben in der Grafschaft Mansfeld im Zahre l483 geboren. Die Eltern erzogen ihn sehr streng. Da er begabt war und Freude am Lernen hatte, wollte sein Vater einen Gelehrten aus ihm machen. Unter ärmlichen Verhältnissen studierte er in Mansfeld, an den Hähern Schulen von Magdeburg und Lisenach und zuletzt auf 257 der Universität zu Erfurt. Der plötzliche Tod eines Freundes und andere ernste Erlebnisse erschütterten ihn tief. Er trat jetzt in ein Kloster ein. Sein Vater war damit nicht einverstanden. Er glaubte, der Sohn werde seinen Schritt bald bereuen. Mit Güte und Strenge suchte er ihn von seinem Entschluß abzubringen. Der Sohn aber antwortete: „Mein lieber Vater, glaube nicht, daß ich aus eigenem Antrieb ein Mönch werden will. Nein, Gott hat mich durch schreckliche Zeichen dazu berufen." So trat er denn in das Augustinerkloster in Erfurt ein. Hier litt er unter schweren Seelenkämpfen. f508 berief ihn der Kurfürst von Sachsen als Professor an die Universität Wittenberg. Zm tätigen Leben bei angestrengter Arbeit gewann er seinen frohen Sinn und seine Arbeitsfreude wieder. Eifrig studierte er die Bibel. Bald erwarb er sich die Würde eines Doktors der Heiligen Schrift. Zm Winter f5sO auf unternahm er im Auftrage seines Klosters eine Reise nach Rom. Sein Weg führte ihn durch die Schweiz. Durch das St. Galler Rheintal kam er herauf nach Graubünden. In Thür, im pfarrhause hinter der St. Martinskirche, soll er übernachtet haben, von hier aus reiste er dann wohl über die Lenzerheide und den Sextimer. Am Südabhang der Alpen sah er zum erstenmal Kastanien- und Dlbäume. Dann betrat er die lachende grüne Ebene Oberitaliens, die er vortrefflich bebaut fand. Auf der Wanderung durch die Poebene lernte er den großen Reichtum vieler Klöster kennen. Er sah aber auch, daß man es in manchen dieser Klöster mit dem Fastengebot nicht genau nahm. Über das Apenninengebirge gelangte er nach Florenz. Da sah er zum erstenmal berühmte Werke der italienischen Baukunst und Bildhauerkunst. Mehr als um diese Kunstwerke aber bekümmerte er sich um die Einrichtungen im dortigen Spital. Er rühmt die glänzenden Räume desselben, die gute Küche, die aufmerksame Bedienung der Kranken, die geschickten Ärzte und die sauberen Betten. Ende November mag Luther an seinem Reiseziel angekommen sein. Es war für ihn ein erhebender Augenblick, als er von einem Hügel aus die heilige Stadt erblickte. Er wurde 258 so ergriffen von ihrem Anblick, daß er sich auf die Knie warf, seine Hände erhob und rief: „Sei mir gegrüßt, du heiliges Rom, heilig durch der Märtyrer Blut, das da vergossen worden ist." Dann betrat er die Stadt. Lr begab sich in das Augustinerkloster, das die Pflicht hatte, wandernde Brüder zu beherbergen, vier Wochen war er dessen Gast. In der freien Zeit besuchte er die Heiligtümer der Stadt. Die großartigen Merke der Malerei, der Baukunst und der Bildhauerkunst, welche die berühmtesten italienischen Künstler damals in Rom ausführten, interessierten ihn nicht. Lr eilte von Kirche zu Kirche. An vielen Altären las er Messen. In der berühmtesten Kirche Roms, der Peterskirche, konnte er das nicht tun. Der damalige Papst, Julius II., hatte die alte Peterskirche einige Jahre vorher abbrechen lassen, um sie viel schöner und größer wieder aufzubauen. Sie war also während der Anwesenheit Luthers im Umbau begriffen. Wohl aber ließ er sich die Heiligtümer der Peterskirche zeigen. Auch den Lateran, die Wohnung des Papstes, sah er. Lines Tages verließ er Rom in südöstlicher Richtung. Auf einer alten Straße schritt er dahin. In etwa einer halben Stunde kam er zu einem Schacht, der in die Lrde hinunter führte. Lin Mönch reichte ihm eine Kienfackel und führte ihn über eine Treppe hinab zu einem großen unterirdischen Friedhof. Da waren rechts und links eines Ganges in mehreren Stockwerken übereinander längliche Nischen. Jede derselben war groß genug, um einen Menschenleib aufnehmen zu können. Das waren unterirdische Grabstätten, Katakomben genannt, wo in alter Zeit Thristen ihre verstorbenen zur letzten Ruhe bestatteten. Man zeigte Luther auch einen unterirdischen Raum, wo Thristen, als sie noch verfolgt wurden, sich zum Gottesdienste versammelten. Im kirchlichen Leben Roms sah Luther vieles, was ihm nicht gefiel. Seine Anhänglichkeit an die katholische Kirche wurde dadurch aber nicht erschüttert. Reich an Lrinnerungen kehrte er über den Brenner nach Deutschland zurück. 259 wie Luther s520 aus der katholischen Kirche a u s t r a t. Im Jahre s5s3 bestieg Papst Leo X. den päpstlichen Stuhl. Er war ein sehr gebildeter, kunstliebender wann. Gr wünschte, den Neubau der Peterskirche, den Papst Julius II., sein Vorgänger, begonnen hatte, zu vollenden. Die nötigen Geldmittel sollten die Gläubigen aufbringen. Der Papst schrieb zu diesem Zweck einen Ablaß aus. Darin verhieß er allen denen, welche an diesen Kirchenbau einen Beitrag leisten, Nachlaß ihrer zeitlichen Sündenstrafen. Das waren Strafen, die den Gläubigen von den Geistlichen für gebeichtete und bereute Sünden auferlegt worden waren, wie Fasten, Beten, Wallfahrten usw. Die Art, wie der Ablaß an manchen Orten den Gläubigen verkündet wurde, erregte Anstoß. Es wurden nämlich Ablaßzettel feilgeboten, wer einen solchen kaufte, war für eine gewisse Zeit von allen Kirchenstrafen befreit. Beim unwissenden Volk aber entstand die Meinung, daß man sich durch den Kauf eines solchen Ablaßbriefes nicht nur von kirchlichen Strafen, sondern von jeder Sündenschuld befreien könne. Die Mißbräuche, die bei der Verkündigung des päpstlichen Ablasses vorkamen, riefen unter der Geistlichkeit selbst widerstand hervor. In Deutschland trat Martin Luther dagegen auf. Dort verkündete ein Dominikanermönch, namens Johann Tetzel, den Ablaß. Gr kam auch an die Grenze des Kurfürstentums Sachsen. In der Nähe von wittenberg richtete er sein Kreuz auf. viel Volk lief ihm zu. Da konnte Luther an seinen Beichtkindern die nachteilige Wirkung des Ablaßverkaufes beobachten. Gr fing deshalb an, dagegen zu predigen. Gr bat den Grzbischof von Mainz, den Mißbrauch des Ablasses zu verbieten. Lr wandte sich auch an mehrere Bischöfe. Gin einziger antwortete ihm. Dieser riet ihm, nicht in die Gewalt der Kirche einzugreifen. Da ließ Luther am 3s. Oktober s5s? an die Türe der Schloßkirche zu Wittenberg 9^ Thesen oder Sätze anschlagen. Die meisten bezogen sich auf den Ablaß. Er führte darin aus, was nach seiner Meinung der Ablaß bedeute, und was er nicht bedeute. 260 Luthers Auftreten gefiel einem großen Teile der Bevölkerung. Seine Thesen wurden gedruckt und rasch verbreitet. In wenigen Wochen waren sie in ganz Deutschland bekannt und verschafften Luther viele Anhänger. Sofort aber erhoben sich auch seine Gegner, besonders Tetzel und die Dominikanermönche. Sie erklärten, Luthers Ansichten über den Ablaß widersprechen der kirchlichen Lehre. Tetzel beantwortete die Thesen Luthers mit Gegcnthesen. Ein heftiger Streit entstand. Dieser blieb aber nicht lange beim Ablaß stehen. Tr führte weiter. Bald bezog er sich auf andere Glaubenslehren der katholischen Kirche. Im Gegensatz zur Kirche lehrte Luther z. B., daß der Mensch allein durch den Glauben an Gottes Gnade Vergebung der Sünden erlangen könne. Die Bußwerke, an welche die Kirche den Nachlaß der Sündenstrafen knüpfe, wie Almosengeben, Unterstützung frommer Stiftungen u. a., können ihm hiezu nichts nützen. Er verwarf die Messe, die Verehrung der Heiligen. Lr verwarf auch ein besonderes priestertum und das Papsttum. Über dem Papst, sagte er, stehe die Heilige Schrift. Alle Bemühungen, ihn zum Widerruf zu veranlassen, waren vergeblich. Da sandte der Papst im Jahre f520 ein Schreiben nach Deutschland. Lr drohte Luther, er werde ihn in den Bann tun, wenn er binnen 60 Tagen nicht widerrufe. Luther aber verbrannte das päpstliche Schreiben vor dem Wittenberger Stadttor in Anwesenheit von Studenten und Professoren. Damit brach er mit dem Papst und mit der katholischen Kirche. wie Luther geächtet wurde, auf die Wartburg kam und hier die Bibel übersetzte. während sich in Deutschland der Ablaßstreit abspielte, starb der Kaiser Maximilian. Karl V. bestieg den deutschen Kaiserthron. Für Luther kam viel darauf an, wie sich der neue Kaiser und der deutsche Reichstag zu seiner Lehre stellten, vielleicht hoffte er eine Zeitlang, der junge Kaiser werde ihm günstig gesinnt sein. <§r täuschte sich aber. Der neue Herrscher wollte von seiner Lehre nichts wissen. Lr wäre bereit gewesen, Luther ohne weiteres in die Reichsacht zu erklären. Andere 26 ^ aber verlangten, daß man Luther Gelegenheit gebe, sich vor den Abgeordneten des Deutschen Reiches auszusprechen. Lr j wurde eingeladen, nach Worms zu kommen, wo s52s der ! Reichstag versammelt war. Er erschien mit einem kaiserlichen ^ Geleitbries. Darin war ihm ungehinderte Hin- und Rückreise zugesichert, vor versammeltem Reichstag forderte man ihn ! aus, seine Lehre zu widerrufen. Lr aber antwortete, was er ! lehre, stehe in der Bibel. Gr könne deshalb nicht widerrufen. Da beschloß der Reichstag, es solle die Acht über ihn ausgesprochen werden, doch erst nach seiner Abreise. Man wollte Luther das versprochene sichere Geleit nicht brechen. Unterwegs ließ ihn sein Freund, der Kurfürst Friedrich von Sachsen, scheinbar gefangen nehmen und heimlich aus die wart- ^ bürg bei Lisenach in Sicherheit bringen. Hier blieb er sO Monate. Gr begann da, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Deutsche Bibelübersetzungen gab es lange vor ihm. Aber sie waren nicht leicht verständlich, nicht volkstümlich. Sie waren auch nicht aus den ursprünglichen Sprachen der Bibel, dem Hebräischen und Griechischen, sondern aus einer spätern lateinischen Bearbeitung übersetzt. Luther legte seiner Übersetzung den hebräischen und griechischen Urtext zugrunde. verbot zwar alle weiteren Neuerungen. Die Anhänger Luthers fühl- 266 ten sich aber bereits so stark, daß sie es wagen dursten, gegen den Beschluß des Reichstages zu protestieren, d. h. zu sagen, daß sie damit nicht einverstanden seien und sich dagegen verwahren. Seither wurden die Anhänger Luthers Protestanten genannt. Dieser Name ging später auf alle Anhänger der neuen Lehre über. viele deutsche Fürsten und Städte dagegen hielten am alten Glauben fest. Sie traten der neuen Lehre feindselig entgegen, darunter namentlich das österreichische Herrscherhaus und Bauern. Außerhalb Deutschlands fand die lutherische Lehre in Schweden, Dänemark und Norwegen Eingang. Ulrich Zwingli und die Reformation in Zürich, wo Zwingli studierte und zuerst wirkte. Es war um das Jahr s500. Da kam eines Tages ein Lateinschüler von wildhaus im schönen Toggenburg nach Basel. Mit großen verwunderten Augen spazierte der junge Toggenburger in den Straßen der Stadt umher. Er trug eine Uleidung, wie sie damals bei Studenten üblich war: ein Samtbarett, Puffärmel und enganliegende Hosen. Der kleine Student hieß Ulrich Zwingli. Er wollte Geistlicher werden. Um dieses Ziel zu erreichen, war er bereit, jahrelang fern von seinen Angehörigen und seinem lieben Toggenburg zu leben. Er blieb aber nicht immer in Basel. Eine Zeitlang studierte er in Bern und in Wien. Dann kehrte er wieder nach Basel zurück und beendigte seine Studien an der dortigen Universität. An allen diesen Schulen gefiel es ihm sehr. Da herrschte ein neuer, frischer Geist. Da las man die Schriften der alten Griechen und Römer, die Zwingli mächtig anzogen. Er war 23 Zahre alt, als ihn die Glarner s506 zu ihrem Pfarrer wählten. Die Pfarrei Glarus war damals sehr groß. Sie umfaßte beinahe den dritten Teil des heutigen Rantons. Da sollte er das Wort Gottes verkünden. Daneben erteilte er Unterricht und arbeitete fleißig an seiner eigenen Ausbildung. 267 Bald aber wandte er seine Aufmerksamkeit mehr dem öffentlichen Leben zu. Es war die Zeit der Mailänder Feldzüge. Zwingli zog als Feldprediger mit den Glarnern nach Mailand. Die Kriegstaten der Schweizer Söldner erfüllten ihn zuerst mit Stolz und Freude. Allmählich aber lernte er dieses Söldnerleben von einer andern Seite kennen. Er sah, wie die jungen Schweizer ihr Blut und ihre Unabhängigkeit verkauften. In der Fremde nahmen sie allerlei Laster an und entwöhnten sich der Arbeit. Kamen sie nach Hause zurück, so konnte man sie nirgends mehr brauchen. Nicht selten streiften sie dann als Diebe oder Bettler im Lande umher. Das alles bereitete Zwingli nach und nach schwere Sorgen. Er fing an, gegen den fremden Kriegsdienst zu predigen. Dabei schonte er auch die Führer des Volkes nicht. Gerade sie waren es ja, welche dieses Gewerbe unterstützten. Sie ließen sich von fremden Fürsten im geheimen Pensionen bezahlen und mit goldenen Ketten beschenken. Dafür gestatteten sie ihren Werbern, im Lande herumzustreifen und Männer und Zünglinge zum Solddienst zu verleiten. Da rief Zwingli von der Kanzel herunter den Eidgenossen zu: „Paßt auf, der Teufel will euch mit goldenen Ketten fangen; jagt ihn aus dem Land und bleibt Schweizer, so wie Gott euch haben will, arm, aber frei!" Dadurch, daß er immer heftiger gegen den Fremdendienst predigte, verdarb er es mit den leitenden Persönlichkeiten im Glarnerland. Diese wollten auf die Geschenke und Pensionen nicht verzichten und zürnten Zwingli. Er sah das, verließ Glarus und begab sich für kurze Zeit nach Einsiedeln. Zwingli kommt als Leutpriester nach Zürich und führt hier die Reformation durch. Zm Zahre beriefen die Zürcher Ulrich Zwingli als Leutpriester, d. h. als Pfarrer, an ihre alte Großmünster- kirche. Am Neujahrstage föfZ hielt er dort seine erste predigt. Er erklärte zum voraus, er werde sich ausschließlich an die Heilige Schrift halten. Klar und einfach begann er sie auszulegen und auf das Leben anzuwenden. Er wollte das, was er am Volk, bei den Pfarrern und an der Kirche nicht für 268 recht und gut fand, ändern, reformieren. Deshalb nennt man auch ihn einen Reformator. Der Rat und die große Mehrheit der Bürger stellten sich von Anfang an entschieden auf seine Seite. Zuerst wandte sich Zwingli auch in Zürich scharf gegen das Reislaufen, die fremden Bündnisse und die Pensionen. Er war überzeugt, daß nichts so wie diese den Tharakter des Volkes verdorben haben. Darum predigte er heftig gegen das Bündnis, welches der König von Frankreich s52s mit den Lidgenossey schloß. Zwingli erreichte dadurch, daß Zürich diesem Bündnis fernblieb. Der Rat untersagte den Zürichern das Reislaufen und die Annahme von Pensionen. Das verbot wurde streng durchgeführt. Ein angesehener Bürger, der es übertrat, wurde hingerichtet. Zwingli suchte auch dieSchwizer vom Söldnerdienst abzubringen. In einem freundlichen Schreiben zeigte er ihnen die Gefahren des Soldkrieges für Land und Volk. Die Worte Zwinglis machten Eindruck auf die Schwizer. Auf einer Landsgemeinde beschlossen sie, 25 Jahre lang an keinen Soldbündnissen teilzunehmen und die Annahme von Pensionen zu verbieten. Aber schon ein Zahr später hoben sie den Beschluß wieder auf. Auch das religiöse Leben des Volkes wollte Zwingli umgestalten. Den ersten Anstoß dazu gab ihm die Tätigkeit des Ablaßpredigers Bernhardin Sanson. Dieser kam aus Mailand in die Schweiz, um hier den Ablaß zu verkünden, von Uri aus durchreiste er die Urkantone und die Westschweiz. Dann kam er in den Aargau. Lsier erregte sein Auftreten Anstoß. Es kam so weit, daß man ihm die Kirchentüren verschloß. Nun wollte er nach Zürich kommen. Zürich gehörte noch zum Bistum Konstanz. Zm Einverständnis mit dem Bischof von Konstanz verlangte Zwingli, daß der Rat ihm den Eintritt in die Stadt verweigere, wirklich verbot dieser ihm, nach Zürich zu kommen. Auch die Tagsatzung trat gegen ihn auf. Sie untersagte ihm die weitere Tätigkeit in der Eidgenossenschaft. Da berief ihn der Papst zurück. Gegen den Ablaßprediger war Zwingli im Einverständnis mit seinem Bischof aufgetreten. Bei seinem wettern reli- 26 Y giösen wirken aber entfernte er sich Schritt für Schritt von der katholischen Kirche. Im Jahre s522 übertraten eine Anzahl Bürger das Fastengebot, indem sie an Fasttagen Fleisch aßen. Kirchlich gesinnte Bürger nahmen daran Anstoß. Zwingli aber verteidigte sie und predigte gegen das Fastengebot. Da wollte der Bischof von Konstanz einschreiten. Der Rat aber stellte sich aus die Seite Zwinglis. wie das Fastengebot, so griff Zwingli noch andere Lehren und Einrichtungen der katholischen Kirche an. Er wollte hievon nur das gelten lassen, was sich nach seiner Auffassung aus der Heiligen Schrift beweisen ließ. Darum bestritt er mit Luther die Gewalt des Papstes und des Bischofs. Darum verwarf auch er die Messe, die Verehrung der Heiligen, die Bußwerke, das Wallfahren, den Ablaß, die Beichte, die Prozessionen u. a. viele unterstützten ihn lebhaft. Andere aber traten ihm scharf entgegen. Der Stadtrat wünschte, die Geistlichen beider Parteien darüber anzuhören. Dann wollte er einen entscheidenden Beschluß fassen. Er ordnete also ein Neligionsgespräch an. Dieses fand statt im Beisein der Ratsherren und der Geistlichen aus der Stadt und dem ganzen Kanton. Auch ein Abgeordneter des Bischofs von Konstanz war erschienen. Zwingli hatte für das Gespräch eine Anzahl Glaubenssätze aufgestellt. Diese verteidigte er, wobei er sich stets auf die Bibel stützte. Der Gesandte des Bischofs griff in das Gespräch nicht ein. Er erklärte bloß, daß die Versammlung nicht befugt sei, über Glaubenssachen zu entscheiden. Dies sei Sache des Papstes und des Bischofs. Die Zürcher Ratsherren aber waren anderer Meinung. Bald nach dem Religionsgespräch beschlossen sie, Zwingli solle fortfahren, so zu lehren, wie er es bis jetzt getan habe. Auch die übrigen Geistlichen zu Stadt und Land wurden angewiesen, nur das zu predigen, was sie aus der Bibel beweisen können. Damit trat Zürich aus der katholischen Kirche aus und löste sich vom Bistum Konstanz los. Unter der Aufsicht und Leitung des Rates beseitigte man die alten kirchlichen Einrichtungen und schuf neue. Aus den Kirchen entfernte man die Heiligenbilder und Altäre. 270 Dabei ging es an manchen Orten sehr stürmisch und gewaltsam zu. Wertvolle Kunstwerke wurden zerschlagen, verbrannt oder auf andere Weise zerstört. Die Messe wurde abgeschafft und an ihrer Stelle das Abendmahl eingeführt. Die Klöster hob der Rat auf. Er verwandelte einzelne in Spitäler, andere in Schulen. Ihre Einkünfte und ihr vermögen zog er ein. Er besoldete daraus Lehrer und Pfarrer. Was übrig blieb, sollte den Armen und Kranken zugute kommen. Besonders die Fürsorge für die Armen in der Stadt und auf dem Lande ordnete die Obrigkeit unter der Mitwirkung Zwinglis in vorbildlicher Weise. Sie bezeichnete bestimmte Leute als Armenpfleger. Diese verwalteten das Armengut. Alle Monate gingen sie in Begleitung eines Geistlichen und eines Laien in den verschiedenen Ouartieren der Stadt umher, um die Armen aufzusuchen. Alle die, welche Unterstützung nötig hatten, wurden aufgeschrieben. Unterstützt wurde jeder, der nicht durch eigene Schuld, sondern durch Unglück, Feuersbrunst, Krieg, Teuerung in Not geraten war. Arme Studenten, die von ihren Lehrern empfohlen wurden, unterstützte man ebenfalls. Waisenkinder suchten die Armenpfleger in Familien unterzubringen, wo sie etwas Tüchtiges lernen konnten. Sie sorgten ihnen für Kleider und Schuhe. Begabte Jünglinge ließen sie studieren, andere ein Handwerk lernen. Zürich war die erste Gemeinde, die in so weitherziger Weise für ihre Armen sorgte. wie sich die andern eidgenössischen Orte zur Glaubensänderung verhielten. Die Neuerungen Zwinglis fanden in mehreren Kantonen Eingang. Basel, Schaffhausen, teilweise auch Axpen- zell und Glarus,die Stadt St. Gallen und einige gemeine Herrschaften, wie Thurgau und die FreienÄmter, nahmen sie an. f528 folgte ihnen auch Bern. Durch den Übertritt dieses mächtigen Ortes erhielt die neue Lehre in der Eidgenossenschaft das Übergewicht. Nicht die Mehrheit der Orte, wohl aber die Mehrheit der Bewohner bekannte sich zu ihr. Die innern Kantone hingegen, die sogenannten Fünf Orte: Uri, Schwiz und Unterwalden, Luzern und Zug, lehnten sie ab. Sie schrieben darüber den Bernern: „wir haben gehört, daß der neue Glauben auch unter euch Wurzel gefaßt hat. wir hoffen jedoch, daß die Mehrzahl beim alten Glauben bleiben werde, wir bitten euch als unsere besonders getreuen lieben Eidgenossen, daß ihr euch nicht von uns absondert, sondern zu uns steht und helfet, das Beste zu tun. Das wird, so Gott will, euch und uns zu Lob und Ehre und der ganzen Eidgenossenschaft zum Frieden und zur Einigkeit gereichen, wenn ihr gegen die geistliche Obrigkeit zu klagen habt, so wollen wir gemeinsam beraten und beschließen, was uns allen als nützlich erscheint. Denn auch wir tragen an vielen geistlichen Dingen Mißfallen. Und da der oberste Wächter und bsirt der Kirche schläft, so ist es an der weltlichen Obrigkeit, Lsülfe zu schaffen. Das soll aber auf andere Weise geschehen als durch solch böse Trennung. Denn von einer Änderung des Glaubens und des Gottesdienstes wollen wir nichts wissen, vielmehr wollen wir bei unserm alten Lhristenglauben bleiben und die neue Lehre in unsern Gebieten verfolgen und ausrotten." Die Fünf Orte wären bereit gewesen, das neugläubige Zürich aus dem Bunde der Eidgenossen auszustoßen. Davon wollten aber die Berner und andere Eidgenossen nichts wissen. Sie waren der Meinung, daß man es jedem Ort überlassen müsse, sich in Glaubenssachen zu verhalten, wie er wolle. Die Schaffhauser erklärten, kein Ort habe das Recht, die Zürcher oder andere Eidgenossen von einem Glauben zu drängen, in welchem sie hoffen selig zu werden. von den Wiedertäufern. Die Zürcher Obrigkeit führte die Neuerungen Zwinglis nur allmählich durch. Sie wollte nichts überstürzen. Manche Bürger begriffen nicht, warum man so langsam vorgehe. Sie 272 taten sich zusammen und bildeten eine eigene Partei. Rascher und gründlicher als Zwingli und der Rat wollten sie die Reformation durchführen. Ihre Führer waren zwei angesehene Zürcher. Sie hießen Ronrad Grebel und Felix Nanz. Zu ihnen hielt auch ein Bündner, der damals nach Zürich kam. wegen seines blauen Anzuges nannte man ihn Jörg Blau- rock. Sein eigentlicher Name war Georg Tajaoob und seine Heimat wahrscheinlich Bonaduz. Bald gründeten diese Ungeduldigen eine eigene kirchliche Gemeinde. Sie zeichneten sich besonders dadurch aus, daß sie die Rindstaufe verwarfen und verlangten, daß alle Erwachsenen noch einmal getauft werden. Danach nannte man sie Wiedertäufer. Blaurock war der erste, der sich wieder taufen ließ. Die Wiedertäufer sagten, sie wollen eine Gemeinde von Gotteskindern sein. Sie versammelten sich zu gemeinsamer Betrachtung der Heiligen Schrift. Sie verwarfen aber jedes kirchliche Amt. Bei ihnen sollte es also keine Pfarrer geben. Jeder, der sich vom Geiste Gottes getrieben fühlte, durfte in der Versammlung reden. Sie erklärten auch, die Obrigkeit habe nicht das Recht, in Religionssachen zu befehlen. Ja, sie gingen so weit, daß sie sagten, man brauche überhaupt keine Obrigkeit. Die Wiedertäufer weigerten sich auch, irgendeinen Eid zu schwören. Sie verwarfen die Anwendung von Waffengewalt, verurteilten deshalb auch den Rrieg und die Todesstrafe, weiter lehrten sie, daß es unter den Menschen nicht Reiche und Arme geben dürfe. Alles Gut müsse gemeinsamer Besitz sein. Dann werden die ungerechten Unterschiede zwischen arm und reich verschwinden. Die Partei der Wiedertäufer entstand in der Stadt Zürich. Bald aber verbreitete sie sich über den ganzen Ranton. Ja sie erhielt Anhänger auch in andern Teilen der Eidgenossenschaft, so in St. Gallen, in Basel und anderen Gegenden. Sie blieben nicht dabei stehen, ihre abweichenden Gedanken und Ansichten ruhig zu lehren und zu verteidigen, vielmehr ließen sie sich zu allerlei Torheiten und sogar zu Gewalttaten verleiten. In Zürich zogen sie einmal, mit Stricken und Weidenruten umgürtet, durch die Stadt und riefen beständig: „Weh dir, Zürich, 273 wehe! In wenigen Tagen wird die Stadt untergehen. Tut Buße!" Sie beschimpften Zwingli und seine Anhänger. Sie beschimpften auch die Regierung. Großes Aufsehen erregte es, als sie in der Kirche zu Zollikon bei Züsich nicht bloß die Bilder und den Altar wegschafften, sondern auch den Tauf- stein zertrümmerten. Da und dort unterbrachen sie einen Pfarrer mitten in der predigt. Oder sie rissen ihn von der Kanzel herunter, wenn er etwas sagte, das ihnen nicht gefiel. In Zürich ging man zuerst schonend gegen die Wiedertäufer vor. Tagelang unterhandelte man mit ihnen. Man ermähnte sie väterlich, von ihrer verkehrten Lehre zurückzutreten. Zwingli gab sich die größte Mühe, ihre Auffassung von der Taufe zu widerlegen. Endlich befahl ihnen die Obrigkeit, ihre Kinder binnen acht Tagen zur Taufe zu bringen. Aber alles nützte nichts. Da mußte man schärfer mit ihnen verfahren; denn es bestand die Gefahr, daß sie durch ihr Leben und Treiben nach und nach im Staat und in der Kirche alles in Unordnung bringen. Man sperrte sie deshalb ein. Besonders hart bestrafte man ihre Führer. Felix Manz wurde mit gebundenen Händen und Füßen in einen Nachen gebracht, auf den See hinaus geführt und dort ins Wasser versenkt. Grebel hatte sich nach Maienfeld begeben und starb dort an der Pest. Blaurock peitschte man mit Nuten durch die Straßen Zürichs, so daß ihm das Blut über den Rücken herunterlief. Dann wurde er des Landes verwiesen. In Tirol geriet er in Gefangenschaft und wurde hingerichtet. Andere Wiedertäufer flüchteten sich aus der Schweiz nach Bayern und Tirol und nahmen dort ein schreckliches Ende. Sie wurden, teils ohne verhör, verbrannt, enthauptet oder ertränkt. Die Sündhaftigkeit und Ergebung, mit der viele von ihnen die Verfolgungen ertrugen und für ihren Glauben in den Tod gingen, erweckten auch bei den Gegnern Bewunderung. Die Bauernunruhen in Zürich. In Zürich und andern Kantonen gab es noch zu Beginn der Reformation leibeigene Bauern. Die meisten wohnten auf Gütern, welche Edelleuten, Kirchen und Klöstern gehörten. Sie mußten diesen Frondienste leisten. Zehnten und andere Abgaben entrichten. Reformierte Geistliche sagten in ihren predigten, Leibeigenschaft und Zehnten seien unchristliche Einrichtungen. Das gefiel dem Volk. Nichts war ihm so verhaßt wie diese. Als dann der Rat die Klöster aufhob und die Kirchen- und Klostergüter einzog, meinten die darauf sitzenden Bauern, von den frühern Abgaben befreit zu sein. Sie verweigerten deshalb den Zehnten. Der Rat aber erklärte, dieser müsse auch weiterhin entrichtet werden. Er könne nicht darauf verzichten. Er drohte den Bauern, die ihn nicht bezahlen wollten, mit strengen Strafen. Das nützte aber nichts. Die Bauern wurden nur noch unruhiger. Daran waren auch die Wiedertäufer schuld. Heftig redeten diese gegen die vielen Abgaben und gegen die Obrigkeit. Dadurch reizten sie die Bauern zum Widerstand. Bereits sprachen diese von einem Zuge gegen die Stadt, wie ihn die Bauern zur Zeit Waldmanns ausgeführt hatten. Der Rat schickte Abgeordnete in die unruhigen Gemeinden. Sie forderten die Bauern auf, ihre Beschwerden der Obrigkeit schriftlich einzureichen. Das geschah. Aus allen Teilen des Kantons erhielt die Regierung Zuschriften. Darin brachten die Landleute ihre Klagen und wünsche vor. Alle verlangten, daß man die Leibeigenschaft aufhebe. Auch die damit verbundenen Frondienste sollen verschwinden. Nach der Heiligen Schrift seien alle Menschen Kinder Gottes. Es dürfe also kein Mensch Eigentum eines andern sein. Weiter begehrten die Bauern djss freie Wahl der Geistlichen, die Aufhebung der Zehnten und anderer Abgaben, die Herabsetzung des Zinsfußes, die Freiheit der Jagd und Fischerei, von den Bodenzinsen, die auf ihren Gütern lasteten, wünschten sie sich loskaufen zu können. Die Bauern begründeten die meisten Forderungen mit 275 dem Hinweis auf die Heilige Schrift. Deshalb fragte der Rat die Geistlichen um ihre Meinung. Zwingli erklärte, man könne freilich das, was die Bauern vorbringen, nicht allein nach der Heiligen Schrift beurteilen. Man müsse dabei auch auf die bestehenden Gesetze und alte Rechte Rücksicht nehmen. Mahr aber sei, daß die Bauern hart bedrückt werden. Es sei nicht recht, daß man von ihnen immer neue Steuern und Abgaben verlange. Ebenso ungerecht sei, daß sie für geliehenes Geld unerschwinglich hohe Zinsen bezahlen müssen. Mit Recht beklagen sie sich auch darüber, daß man von ihnen immer höhere Bodenzinse fordere, und daß es noch Leibeigene gebe. Darum sollte der Rat dem Landmann so weit als möglich entgegenkommen und sein hartes Los mildern. Die Obrigkeit beriet lange, was zu tun sei. Sie war der Ansicht, daß die Bauern zu viel verlangen. Man könne unmöglich allen ihren wünschen entsprechen, was ihr möglich sei, wolle sie tun. So beschloß sie denn, die wichtigste Forderung zu erfüllen. Am f 8. Mai f525 sprach sie diejenigen Untertanen, welche auf ehemaligen Kirchen- und Klostergütern wohnten, von der Leibeigenschaft los. Sie befreite sie damit auch von den Abgaben und Diensten, zu denen sie als Leibeigene verpflichtet gewesen waren. Sie empfahl den Edelleuten und andern Grundbesitzern, welche noch Leibeigene hatten, das gleiche zu tun. Ferner erließ sie den Landleuten den kleinen Zehnten, den sie vom Gemüse entrichten mußten. Der große Zehnten aber, der von den Ackerfrüchten, von wein und Heu bezogen wurde, sollte auch in Zukunft geleistet werden. Sie versprach, diese Einnahmen ausschließlich zum Besten der Armen, der Kranken und der Schule zu verwenden. Alle andern Forderungen wies sie ab. Zum Schluß ermähnte sie die Bauern väterlich, sich damit zufrieden zu geben und keine wettern Unruhen zu verursachen. Die Bauern waren aber nicht befriedigt. Die Unzufriedenheit griff weiter um sich. Au Töß bei winterthur kam es zu einer großen Volksversammlung. HOOO Mann fanden sich ein. Mit Trommeln und pfeifen zogen sie auf. Abgeordnete 276 des Rates ermähnten sie, heimzukehren und vertrauen zu- haben zur Obrigkeit. Aber die »Menge tobte und schrie: „Mir sind nun auch einmal Herren und wollen reiten. Die Herren müssen nun zu Fuß gehen, wir wollen denen in der Stadt ihre Bäuche auslassen." Den verständigen unter dem Volk gefielen solche Reden freilich nicht. Aber sie wurden niedergeschrien. Endlich gelang es dem Landvogt Lavater und dem Schultheißen von winterthur, einen Teil der versammelten zur Heimkehr zu bewegen. Zuletzt kehrten auch die nach Hause, die am lautesten geschrien hatten. Der Rat berief Abgeordnete der Gemeinden nach Zürich. Er teilte ihnen mit, was er den Bauern bewilligen könne und was nicht. So wurde schließlich alles gütlich beigelegt und Zürich vor einem Bürgerkrieg bewahrt. Die letzte Beschwörung der eidgenössischen Bünde. s526. von Zeit zu Zeit erneuerten die Eidgenossen ihre alten Bünde. Sie taten es, damit die Bundsgenossen den Znhalt der Bundesbriefe nicht vergessen. Mit der Glaubensspaltung hörte dieser schöne alte Brauch auf. Der Bundeseid, den die Abgeordneten leisteten, war nämlich im Geiste des alten Glaubens abgefaßt. Er enthielt die Worte: „wir schwören zu Gott und den Heiligen, daß wir den Bund halten wollen." Zu den Heiligen wollten die reformierten Abgeordneten nicht mehr schwören. Den Bundesschwur ändern wollten die Altgläubigen nicht. So unterblieb fortan die Beschwörung der Bünde. Die letzte fand s526 statt. Der Schasfhauser Bote, der daran teilnahm, erzählt, wie es bei einer solchen Feierlichkeit zuging, und was er auf der Reise erlebte. „Meine Herren und Obern schickten mich nach Bern, Frei- burg und Solothurn, die Bünde zu beschwören. Zch ritt mit einem Knecht über Kaiserstuhl und Baden nach Bern. Es regnete stark. Als wir nach Aarburg kamen, war das Wasser so hoch gestiegen, daß wir fast nicht fortkommen konnten. Zm ganzen Schweizerland richtete das Hochwasser großen Schaden an. So straft uns Gott, weil wir seit der Glaubensspaltung so 277 bös übereinander sind. Ich war der erste Lote, der in Bern ankam. Andere konnten wegen des Hochwassers nicht rechtzeitig eintreffen. Zu Bern lag ich mit den Boten von Zürich, Rri und Solothurn im „Löwen". Die Herren von Bern taten uns große Ehre an. Sie schenkten uns zu allen Mahlzeiten den wein. Der Schultheiß von Bern und etliche Herren des Großen und Kleinen Rates aßen mit uns. Am Sonntag um Mittag läutete man drei Zeichen mit der großen Glocke. Als die Bürger der Stadt und die Landleute im Münster waren, kam der Schultheiß Hans von Erlach mit vielen Ratsherren und holte uns Boten aus den Herbergen ab. Die von Zürich und Basel hießen sie in der Herberge bleiben, bis man sie abhole. Denn die andern elf Orte wollten sie nicht bei sich haben, weil die Basier und Zürcher inzwischen die Lehre Zwinglis angenommen hatten. Die Berner führten uns mit pfeifen und Trommeln ins Münster auf die Empore. Als wir Platz genommen, fing der Schreiber auf der Kanzel an, die Bundesbriefe vorzulesen. Das währte bis H Uhr. Dann schwuren die Berner uns. Als, sie uns und wir ihnen geschworen hatten, gingen wir wieder in unsere Herberge. Nun führte man die von Zürich und Basel ins Münster. Da schworen ihnen die von Bern in gleicher weise wie uns. Jetzt ritt ich mit den Boten der neun Orte nach Frei- burg. Als wir dort ankamen, brannten sie uns zu Ehren etliche Büchsenschüsse los. Ich lag in der Herberge zur „Krone" und die Boten der andern Orte im „Weißen Kreuz". In der gleichen Herberge, wie ich, wohnten etliche Ritter und Edelleute und der Graf von Greyerz. Sie aßen mit mir und leisteten mir gute Gesellschaft. Auch die Herren von Lreiburg hielten mich ehrenvoll und zahlten alles, was ich mit meinem Knecht verzehrte. Am Dienstag gab man uns Boten zu Ehren ein großes Fest. Am Mittwoch läutete man die Gemeinde durch drei Zeichen mit der großen Glocke ins Münster. Als das Volk beisammen und es Zeit war, kamen zwei Ritter zu mir und führten mich auch dahin. Da las der Stadtschreiber die Bundesbriefe von der Kanzel wie zu Bern. Danach schworen uns die von Freiburg, worauf wir ihnen auch schworen. Her- 19 278 nach brannte man das Geschütz los. Etliche der Herren von Freiburg baten uns, noch länger zu bleiben. Es konnte aber nicht sein. Wir ritten von Freiburg wieder nach Bern und kamen nachts dort an. von Bern ritt ich mit meinem Rnecht allein nach Solo- thurn. Da ging es bei der Bundesfeier ähnlich zu wie in Bern und Freiburg. Nach der Feier ritten wir Boten von Solo- thurn weg. Ich reiste über Burgdorf, Aarau, Baden und Raiserstuhl nach Hause. Als ich heimgekehrt war, schickten die Schaffhauser Ratsherren nach mir. Ich mußte aufs Ratshaus gehen und ihnen berichten, wie man mich gehalten habe, und wie es mir auf der Reise ergangen sei. Das erzählte ich ihnen alles. Als ich nichts mehr wußte, ließen mich meine Herren heimgehen." Mie die Glaubenstrennung in Graubünden vor sich ging. Die Gemeinden erhalten kirchliche Rechte. Im Jahre f52F um die Vsterzeit versammelte sich auf dem Rathaus zu Ilanz der Bundestag der Drei Bünde. Es war eine bewegte Zeit. In Deutschland und in der Schweiz hatte man sich wegen des Glaubens entzweit. Überall redete man von Luther und Zwingli. Die einen nannten ihre Namen mit Liebe und Verehrung, die andern mit Haß und Abscheu. In den bündnerischen Gemeinden hatte ihre Lehre bis jetzt nicht viele Anhänger gesunden, Wohl aber wünschte man auch hier, daß die mannigfachen Rkißbräuche innerhalb der Airche beseitigt werden. Die Gemeinden verlangten, daß sie in Rir- chensachen mehr zu sagen haben als bis jetzt, von den weltlichen Herren hatten sie sich längst befreit. Sie geboten schon seit langer Zeit über die Jagd und Fischerei, über Wald und Weide, Recht und Gericht. Früher hatten sie sich von den Landesherren Gesetze vorschreiben lassen müssen. Jetzt stellten sie diese selbst auf. In kirchlichen Sachen aber befahlen auch jetzt noch die geistlichen Herren: der Bischof von Ehur, der Abt von Disentis u. a. Das paßte vielen Gemeinden nicht mehr. Diese wollten in Zukunft nicht nur in weltlichen, sondern auch in 2?9 kirchlichen Sachen etwas zu sagen haben. Sie wünschten z. B. bei der pfarrwahl mitwirken zu können. Auch wollten sie das Rirchenvermögen selber verwalten. Über dies und anderes sollte der Bundestag zu Ilanz Vorschriften aufstellen. Er faßte eine Reihe wichtiger Beschlüsse. Der wichtigste war wohl der, welcher den Gemeinden daL Recht gab, künftig bei der Wahl der Geistlichen mitzuwirken. Der Bundestag verordnete ferner, daß die Geistlichen sich priesterlich kleiden und ehrbar leben sollen, wenn ihre vorgesetzten sie nicht dazu anhalten, werden die Bünde einschreiten, weiter schrieb der Bundestag vor, daß die Geistlichen in weltlichen Sachen fortan vor dem weltlichen Gericht erscheinen müssen wie der gemeine Mann. Ebenso verbot er, weltliche Gerichtsfälle vor das geistliche Gericht des Bischofs zu ziehen. Dnrch diese und andere Anordnungen griff der Bundestag in die Gewalt des Bischofs ein. Der Bischof war deshalb nicht einverstanden mit den aufgestellten Artikeln. Er sagte sich: wenn die Rirchgenossen bei der Wahl der Geistlichen mitwirken können, dann wählen sie vielleicht Anhänger Zwinglis. Diese werden dann in ihren Gemeinden die neue Lehre einführen. Darum erklärte er den Gemeinden: „Eure Boten haben auf dem Bundestag Rechte ausgeübt, die nicht ihnen, sondern mir gehören. Der Bundestag hat nicht das Recht, den Geistlichen Vorschriften zu machen. Das ist meine Sache. Ich anerkenne also die zu Ilanz aufgestellten Artikel nicht." wie die Bündner Gemeinden am 23. September s52H ihren Bund erneuerten. Der Ilanzer Bundestag voni April des Jahres s32H hatte den Gemeinden neue wichtige Rechte zugesprochen. Sie trachteten nun, das, was sie bis jetzt erreicht hatten, noch besser zu sichern. Darum schickten sie ihre Boten am 23. September des gleichen Jahres nochmals nach Ilanz. Diesmal gaben sie ihnen den Auftrag, den zu vazerol geschlossenen Bund zu erneuern und zu befestigen. Sie stellten einen neuen Bundesbrief auf, der noch erhalten ist. Es ist der älteste be- 280 kannte Bundesbrief der Drei Bünde. Fast 300 Jahre lang blieb er ihr wichtigstes Gesetz. Lr schrieb vor, daß die Gemeinden einander in allen Notfällen helfen und unterstützen sollen. Lr sagte auch, wie sie verfahren müssen, wenn zwischen zwei oder mehreren Gemeinden, zwischen einer Gemeinde und einem Bund oder zwischen den Bünden Zwistigkeiten entstehen. So suchte der Bundestag die Ordnung und den Frieden.des Landes dauernd zu sichern. Ghur, Ilanz und Davos bezeichnete er als die Orte, an denen sich der Bundestag der Drei Bünde abwechslungsweise versammeln solle. Da möge er über des Landes Wohl und Wehe beraten und den Gemeinden Vorschläge machen. Was der Bundestag vorschlage, sei aber erst dann Gesetz, wenn die Mehrheit der Gemeinden zugestimmt habe. Die Artikel, welche vor einigen Monaten über die Geistlichen aufgestellt worden seien, müssen in Kraft bleiben. Wegen dieser Bestimmung weigerte sich der Bischof, den neuen Bundesbrief zu besiegeln. Wie der Kampf zwischen den Anhängern und den Gegnern der neuen Lehre in Graubünden begann. Seit alter Zeit herrschte zwischen Ghur und Zürich ein reger Verkehr. Zürcher Handelsleute kamen häufig nach Ghur. Sie reisten über die Bündner Pässe nach Italien und kehrten oft auf dem gleichen Weg wieder in ihre Heimat zurück. Ghurer und andere Bündner gingen nicht selten nach Zürich. Manche besuchten die dortigen Schulen. Durch sie erfuhr man in Graubünden bald, was in Zürich wichtiges vorging. Als Zwingli dort seine Wirksamkeit begann, werden sie auch über dessen Predigten nach Hause berichtet haben. So sind wohl die ersten Nachrichten über ihn und seine Lehre nach Graubünden gelangt. wenige Jahre vergingen. Da erschienen Gesinnungsgenossen Zwinglis auch in den Drei Bünden, zuerst im abgelegenen St. Antönien und in Maienfeld. Bald traten solche auch in (Lhur auf. Die Stadt lebte mit dem Bischof im 281 Unfrieden. Sie war ihm früher Untertan gewesen. Nach und nach hatte sie sich aber teilweise von seiner Herrschaft befreit. Sie wünschte, ganz unabhängig zu werden. Die Annahme der neuen Lehre bot ihr dazu eine gute Gelegenheit. ^m Jahre s522 entstand in Thür ein Streit über die Wahl des Pfarrers an der St. Martinskirche. Nach alter Übung hatte der erste Domherr der Kathedrale in Thür den Pfarrer zu St. Martin zu bezeichnen. Er setzte einen Deutschen als Pfarrer ein. Die Thurer waren mit dieser Wahl nicht einverstanden. Wahrscheinlich gefiel ihnen nicht, daß der Gewählte ein Ausländer war. Sie bekümmerten sich jetzt nicht mehr um das Wahlrecht des Domherrn. Sie wählten einen Maienfelder, namens Johann Komander, als Pfarrer an die St. Martinskirche. Dieser hatte sich schon vorher Zwingli angeschlossen. Lr war in Basel sein Studiengenosse gewesen und seither mit ihm eng befreundet. Durch Komander wurde die Stadt Thür protestantisch. sJhr folgten bald andere Gemeinden. s)m Jahre j525 bekannten sich schon etwa vierzig bündnerische Geistliche zur neuen Lehre. Bei seinen Amtsbrüdern stand Komander in hohem Ansehen. Er war lange ihr Führer. An ihn wandten sie sich oft um Rat in religiösen Fragen. Er war es auch, der s527 die e v a n g e l i sch - rä t i s ch e Synode, d. h. die Bereinigung der reformierten Bündner Pfarrer gründen half. Diese sollte fortan die Ausbildung der reformierten Geistlichen überwachen. Bor ihr mußte jeder ein Gramen ablegen. Die Synode beaufsichtigte auch die Tätigkeit der Geistlichen in Kirche und Schule. Unwürdige schloß sie vom Pfarramt aus. Bis zu seinem Tode leitete Komander die Synode. Er half auch mit, als der Gotteshausbund s529 in Thür eine Landesschule gründete und in den Räumen des ehemaligen Nikolaiklosters einrichtete. An dieser Schule erhielten Söhne aus allen Tal- schaften Graubündens ihre erste wissenschaftliche Ausbildung. Die drei Lehrer, die an der Schule wirkten, wurden aus den Einkünften der aufgehobenen Klöster St. Luzi und St. Nikolai besoldet. Unter den ersten reformierten Pfarrern Graubündens 282 ragte auch der Engadiner Philipp Gallicius hervor. Er war jünger als Komander. wo er studiert hat, weiß man nicht. Als Anhänger der neuen Lehre kam er in die Heimat zurück. Da wirkte er zuerst in Lamogask, dem Geburtsort seiner Mutter, als Kaplan. Im Engadin bekannten sich damals noch alle Bewohner zum alten Glauben. Darum nahm sich Gallicius zuerst in acht. Er las die Messe und hütete sich, die Einrichtungen der alten Kirche anzugreifen. Bald aber erregte er doch Mißtrauen. Er äußerte im Gespräch und auf der Kanzel Ansichten, die der katholischen Glaubenslehre widersprachen. Beine vorgesetzten machten ihn darauf aufmerksam und warnten ihn. Da er sich nicht zu andern Ansichten bekehren ließ, wurde er mit den übrigen reformierten Pfarrern angeklagt. Ende des Jahres f525 wandten sich nämlich der Abt Theodor Schlegel von St. Luzi und der Stellvertreter des abwesenden Bischofs, Stephan Tschuggli, au den Bundestag. Sie beschwerten sich über die religiösen Neuerungen, die seit einiger Zeit in Graubünden eingeführt worden seien. Sie warfen Komander und seinen Gesinnungsgenossen vor, daß sie die Heilige Schrift falsch auslegen. Sie greifen die katholische Glaubenslehre an und beunruhigen durch ihre predigten das Volk. Man solle sie als Unruhestifter bestrafen. Die Bundestagsboten ließen Komander rufen und legten ihm die Klage vor. Komander verteidigte sich. Er bestritt, daß die Prediger des neuen Glaubens das Volk aufreizen. Nie haben sie gegen die evangelische Wahrheit geredet, sondern nur das reine Gotteswort verkündet, wie es der Bundestag jüngst vorgeschrieben chabe. Er bat die Abgeordneten, die evangelischen Pfarrer anzuhören, ehe sie sie verurteilen. Sie seien bereit, ihren Glauben auf einem Neligionsgespräch zu verteidigen. Der Bundestag beschloß, ein solches Gespräch anzuordnen. Es fand im Januar f526 zu Ilanz statt. Als Verteidiger der neuen Lehre erschienen Johann Komander, Philipp Gallicius und andere.. Ihre bedeutendsten Gegner waren Theodor Schlegel, der Abt des aufgehobenen Klosters St. Luzi, der Dom- 283 Herr Lartholomäus Tastelmur und Stephan Tschuggli, der Stellvertreter des Bischofs. Zwei Tage lang disputierte man. Dann hoben die weltlichen Abgeordneten die Versammlung auf. Romander wehrte sich dagegen, da noch nicht alle seine Glaubenssätze besprochen worden seien. Aber es nützte nichts. Die Teilnehmer gingen auseinander. Reine der beiden Parteien konnte sagen, sie habe gesiegt. Aber die reformierten Pfarrer hatten wenigstens das erreicht, daß die gegen sie erhobene Klage nicht weiter verfolgt wurde. wie der Bundestag von f526 für die Anhänger der Reformation Partei nahm. Das Glaubensgespräch zu Zlanz war zu Ende gegangen, ohne daß sich die weltlichen Abgeordneten für die eine oder die aridere Partei ausgesprochen hatten. Etwa ein halbes Jahr später fand auf Davos wieder ein Bundestag statt. Dieser beschloß dann, daß es jedem Bündner freistehe, sich zum katholischen oder reformierten Glauben zu bekennen. Niemand dürfe wegen seines Glaubens verfolgt werden. Der Bundestag auf Davos verkündete also Glaubensfreiheit. Die weitere Verbreitung der neuen Lehre war wieder erlaubt. viele Gemeinden verlangten aber noch mehr. Der Bischof war ihnen immer noch zu mächtig. Sie wünschten, ihm gegenüber noch unabhängiger zu werden. Auch die Bauern unseres Landes regten sich. viele mußten noch Frondienste leisten. Zehnten, Grundzinsen und andere Abgaben bezahlen. Auch ihnen erschienen diese als lästig und ungerecht. Darum sagten sie ihren Abgeordneten zum Bundestag, sie sollen bei der nächsten Versammlung auch des armen geplagten Landmanns gedenken und ihn etwas entlasten. Zm Juni f326 kamen die Bundestagsboten wieder in Zlanz zusammen. . März s55s schrieb Komander nach Zürich: /,Ich höre nicht auf, liebster Bruder, Dich mit meinen Briefen zu belästigen. Paulus, des Blasius Sohn, ist nämlich nach Hause gekommen und nach wenigen Tagen der Pestseuche erlegen. Titus, von Zürich herkommend, fand ihn auf dem Krankenlager. Am Martinstage nachts schloß er die Augen. Siebzehn Tage nach dem Heimgang seines Bruders starb auch Titus. Zurückgeblieben sind zwei arme plütlein, ein zweijähriges Knäblein und ein einjähriges Mädchen. Als Nachfolger des Blasius selig ist vom Rate Philipp Gallicius berufen worden. Ich muß nämlich wegen der Tläfner undVelt- liner Protestanten einen sprachkundigen Amtsbruder haben. Den Johannes pontisella, den Lehrer unserer Lateinschule, habe ich gebeten, mir bei der Heimkehr meiner Tochter an die Hand zu gehen. Er geht nämlich nach Basel, um daselbst die Gläubiger des Paul Blasius selig zu befriedigen. Bei seiner Rückkehr wird er in Zürich bei Franz meine Rechnung begleichen und meine Tochter hieher nach Thür geleiten. Du aber, treuer Freund, danke jenem und seiner Gattin in meinem Namen von Herzen und sage ihnen, daß ich zu Gegendiensten gern bereit sei. Nicht vergessen will ich, auch Dir für Deine viele Mühe in dieser Angelegenheit meinen innigsten Dank darzubringen. Möchte ich es Dir einst vergelten können! Lebe wohl." So kehrte nun das kleine Mädchen, das in Zürich schreiben und spinnen gelernt hatte, wieder ins Elternhaus nach Thür zurück. Die Pest war hier inzwischen erloschen, und Ro- mander wird Gott inbrünstig dafür gedankt haben. Mas mag aus seiner Tochter später geworden sein? Gern möchte man vernehmen, daß sie zu einer stattlichen Jungfrau heranwuchs. Aber es kam anders, vier Zahre später, am 27. August s555, mußte Pfarrer Gallicius nach Zürich berichten, daß die hoffnungsvolle zwölfjährige Tochter Komanders von der wieder- ausgebrochenen Pest erfaßt und dahingerafft worden sei. Der alte Vater überlebte diesen Schlag nicht lange. Anfangs des Zahres j557 starb auch er. Barbara von Aoll, eine Wohltäterin der Armen und Kranken. Barbara von Roll war zu der Zeit, in welcher sie lebte, und da, wo sie wirkte, ein teurer und lieber Name. Sie wurde zu Solothurn den H. Dezember f502 geboren und war die Tochter des Hans von Noll. Dieser hatte j^75 das Solo- thurner Bürgerrecht erworben, sich dann l/Uf) bei Dornach ausgezeichnet und nachher verschiedene Staatsämter bekleidet. Barbara von Noll verheiratete sich, verlor ihren Mann aber ziemlich früh. Ihre Ehe war kinderlos geblieben. Nie sollte sie den süßen Mutternamen hören, und nun hatte sie auch noch den geliebten Gatten zum frühen Grabe begleiten müssen. Einsam stand sie jetzt da. Aber ihr frommes Gemüt half ihr, ihr schweres Schicksal zu tragen. Sie verschloß sich nicht in ihre Wohnung. Noch weniger entsagte sie der Welt. Gerade in den Mühseligkeiten und Anstrengungen des täglichen Lebens suchte sie Trost. Sie entschloß sich, von nun an ihre Zeit und ihr vermögen den Kranken zu widmen. Um diesen Plan aus- 3f6 zuführen, bildete sie sich in der Natur- und Arzneikunde weiter aus. Letztere lag damals im allgemeinen noch ganz darnieder. Ärzte gab es wohl schon. Aber die meisten lernten und betrieben die Heilkunde wie ein Handwerk. Sie verschafften sich keine tiefern Kenntnisse über die Art der Krankheiten und die Heilmittel. Sie gingen einige Jahre bei einem Arzt in die Lehre und übten dann den Beruf selbst aus. Auch die Krankenpflege war noch sehr mangelhaft. Die Obrigkeiten in den Städten sorgten wohl dafür, daß außerhalb der Ringmauern eine Pflegeanstalt errichtet wurde für Stadtbewohner und Fremde, die an einer ansteckenden Krankheit darniederlagen. In Ehur bestand einst ein solches Sondersiechenhaus oder Pesthaus für Aus>ätzige und pestkranke neben der Kirche in R7a- sans. Innerhalb der Stadtmauern besaß Ehur, wie fast jede andere Stadt, ein Spital. Das war ein Haus zum bleibenden Aufenthalt für kranke und hochbetagte arme Bürger, für die sonst niemand sorgte, und die sich selbst nicht mehr helfen konnten. Auch diente das Spital als Herberge für Personen, die auf der Durchreise erkrankt waren. Eine rechte Krankenpflege war in solchen Anstalten aber nicht möglich. Auch fanden darin lange nicht alle armen Kranken Zuflucht, wer außerhalb der Stadt wohnte, wurde im städtischen Krankenhaus gewöhnlich nicht aufgenommen. Auch von den Stadtbürgern nahm man nur die Allerverlassensten und Notdürftigsten auf. Solange einer auf der Straße oder vor der Kirchentüre sein Brot erbetteln konnte, gelangte er nicht ins Stadtspital, er mochte noch so elend und gebrechlich sein. Durch solche Spitäler war aber besonders auch den vielen Hauskranken zu Stadt und Land nicht geholfen. Diese erhielten Hülfe nur dadurch, daß teilnehmende Leute, die etwas von der Krankenpflege verstanden, sich ihrer annahmen und für sie sorgten. Das tat Barbara von Roll. Um den Kranken noch besser helfen zu können, wollte sie auch die heilenden und lindernden Kräfte der pflanzen kennenlernen. Sie scheute sich nicht, zu diesem Zweck entlegene Einöden, Wälder, Berge bei Hitze und Kälte aufzusuchen. Die Arzneimittel, deren sie sich bediente, bereitete sie in einer eigenen kleinen Hausapotheke. As? Nachdem sie sich über die Heilkräfte der pflanzen und über die verschiedenen menschlichen Krankheiten unterrichtet hatte, verstand sie es, Kranke mit Einsicht und daher auch mit Erfolg zu behandeln. So wurde sie jetzt die Zuflucht vieler hülfs- bedürftigen Menschen. Diese ersetzten ihr den Mangel eigener Kinder. Sie betrachtete die vielen Notleidenden in ihrer Umgebung gleichsam als ihre Familie, die sie zu warten und zu pflegen habe. Barbara von Roll widmete ihre Aufmerksamkeit zunächst den in und um Solothurn wohnenden Kranken. Allmählich aber kamen Hülfsbedürftige aus ganz entlegenen Gegenden zu ihr. Mas ihren Ruf beim Volk besonders erhöhte, das war ihre Uneigennützigkeit. Jedes Geschenk und jede angebotene Belohnung wies sie zurück. „Umsonst habe ich, was ich besitze, erhalten, umsonst gebe ich es. Gebt den Armen, was ihr mir bestimmt habt", erklärte sie allen, die ihr etwas anboten. Sie beschränkte sich aber nicht darauf, Hülfsbedürftige zu sich kommen zu lassen. Sie wanderte von einem Krankenbett zum andern. Schwere und ansteckende Krankheiten, schwer zugängliche und abschreckende Lagerstätten hielten sie nicht zurück. Auch war es nicht bloß äußerliche Hülfe, die sie den Kranken brachte. Sie dachte auch an deren geistiges Wohl. Sterbenden erleichterte sie die letzten Stunden dadurch, daß sie sie auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes hinwies. Die Genesenen ermähnte sie zum Dank gegen Gott. Wohin sie ihre Schritte wandte, brachte sie leiblichen und geistigen Segen. So setzte sie ihre wohltätigen Bemühungen fort bis ans Ende ihrer Tage, angestaunt, fast angebetet von vielen, die in ihr eine Heilige zu erblicken glaubten. Zm Jahre l37f starb sie an einer schmerzhaften Krankheit. Sie hatte sich diese dadurch zugezogen, daß sie andern Leidenden in der Not helfen wollte und das eigens Übel dabei vernachlässigte. Barbara von Roll war nicht die erste und letzte, die sich so in den Dienst notleidender Menschen stellte. Die Geschichte kennt viele Frauen, die sich durch Taten aufopfernder Nächstenliebe auszeichneten. , Die Auswanderung der reformierten Locarner und ihre Ankunft in Zürich am 12. Mai 1555. Auch in der eidgenössischen Vogtei Locarno bildete sich eine protestantische Gemeinde. Angesehene einheimische Familien und italienische Glaubensslüchtlinge gehörten ihr an. Längere Zeit legte ihr niemand Hindernisse in den kveg. Die Zahl der Reformierten wuchs, besonders in jenen Jahren, wo reformierte Landvögte in Locarno regierten. Als einmal wieder ein katholischer Vogt an die Reihe kam, berichtete er, daß sich der reformierte Glaube in Locarno rasch ausbreite. Die katholischen Orte verlangten, daß er unterdrückt werde. Man fing nun an, die reformierten Locarner zu verfolgen. Da wandten sich diese an Zürich. Sie baten die Zürcher, ihnen gegenüber den katholischen Orten und ihren Vögten beizustehen. Sie begehren nichts anderes, als eine eigene Kirche zu bauen und ihre Religion frei ausüben zu dürfen. Der Streit kam vor die Tagsatzung. Da fanden lange Beratungen statt. Die Boten der reformierten Orte Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen nahmen ihre Locarner Glaubensgenossen in Schutz. Sie sagten, man dürfe diese nicht zwingen, ihren Glauben zu wechseln. Die katholischen Abgeordneten aber erklärten, daß es nach dem zweiten Rappeler Frieden nicht mehr erlaubt sei, vom katholischen zum reformierten Glauben überzutreten. Sie erinnerten daran, daß Bern die Bewohner von Drbe, Grandson und Murten auch gezwungen habe, vom alten Glauben abzufallen und den neuen anzunehmen. Sie verlangen deshalb, daß die reformierten Locarner zur katholischen Religion zurückkehren oder ihre Heimat verlassen. Zürich wehrte sich mit aller Macht dagegen. Gs wurde aber überstimmt. Die Mehrheit der Tagsatzung beschloß, daß die evangelischen Locarner den alten Glauben annehmen oder auswandern müssen. Ls war Mitte Januar 1555. Gesandte aus den katholischen Orten erschienen in Locarno, um den Beschluß der Tagsatzung zu vollziehen, da der reformierte Landvogt es nicht tun wollte. Sie forderten die katholischen und die reformierten 319 Locarner auf, im Amtshaus zu erscheinen. Da teilten sie ihnen mit, was die Tagsatzung beschlossen habe. Dann verlangten sie von jedem die Erklärung, ob er sich zum katholischen oder reformierten Glauben bekennen wolle. Die Locarner wünschten und erhielten einen Tag Bedenkzeit. Hierauf traten sie wieder vor die Gesandten hin. Am vormittag kamen die Katholiken. Sie bekannten, dem alten Glauben treu bleiben zu wollen. Nachmittags folgten die Reformierten, voran die Männer, dann paarweise die Frauen mit ihren Rindern an der Hand oder auf dem Arme. Das Haupt der reformierten Gemeinde überreichte den Gesandten eine Schrift. Sie enthielt in lateinischer Sprache das Glaubensbekenntnis der protestantischen Locarner. Am Schluß desselben baten sie: „Erbarmet euch unser, unserer armen Frauen und Rinder. «lasset uns in unserem Lande leben, wenn es geschehen kann, ohne daß der Friede unter den Eidgenossen gestört wird. Rann es aber nicht sein, so sind wir entschlossen, alles auf uns zu nehmen, was uns Gott auferlegt." Die Erklärung war unterschrieben von sämtlichen erwachsenen Locarner Protestanten, Männern und Frauen, im ganzen von s20 Personen. Es waren darunter gebildete Männer, wie Ärzte und Juristen, größtenteils aber Handwerker und Raufleute. Man versuchte noch, sie zu bekehren. Eine Anzahl trat zuletzt auch wirklich zum katholischen Glauben zurück. Die meisten aber hielten an ihrer protestantischen Überzeugung fest. Besonders entschieden wehrten sich die Frauen für ihren Glauben. Die Abgeordneten erklärten ihnen nun, daß sie Locarno bis zum 3. März verlassen müssen. Die Locarner baten, die Zeit der Abreise bis Ostern zu verlängern. Es seien unter ihnen schwache Frauen, kleine Rinder und Rranke. Für sie wäre die Reise zu dieser Jahreszeit lebensgefährlich. Man entsprach ihnen aber nicht. So mußten sie sich denn zu baldiger Abreise rüsten. Wo man sie aufnehmen werde, wußten sie selbst noch nicht. Der 3. März, der Tag der Abreise, war da. Saumrosse wurden beladen. Pferde und Maulesel standen als Reittiere bereit. Langsam bewegte sich der traurige Zug auf der schlechten Straße, die über Bellinzona ins Misox hineinführte. Bei 320 einbrechender Nacht langten die müden Wanderer in Rove- redo auf Bündner Boden an. Die Einwohner nahmen sie gastfreundlich auf. Sie gaben ihnen Nahrung und Unterkunft. MWWD. Ankunft der reformierten Locarner in Zürich, vorn rechts betend Heinrich Lullinger, rechts neben ihm ein anderer Pfarrer, gegenüber zahlreiche zum Empfang herbciaeeilte teilnehmende Stadtbewohner. Sie gestatteten ihnen auch, bis anfangs Ubai bei ihnen zu bleiben und günstigere Zeit für die Weiterreise abzuwarten. Zürich ersuchte die Drei Bünde, die Locarner für immer im Nlisox aufzunehmen. Der Graue Bund, zu welchem das Nki- sox gehörte und welcher größtenteils katholisch war, widersetzte sich aber. Da erklärten die beiden andern Bünde, daß sich die Locarner in ihrem Gebiet niederlassen können, wo sie wollen. Diese aber hofften wohl, in der Stadt Zürich eher ihr Auskommen zu finden. Sie baten deshalb die Zürcher, sie in ihrer Hauptstadt aufnehmen zu wollen. Da beschloß der Rat, ihrer Bitte zu entsprechen. Am Abend des f2. Rlai f555 kamen die Locarner, im ganzen M Personen, zu Schiff in Zürich an. Es war für die Stadt ein großes Ereignis. Als man die Schiffe von fern sah, begaben sich die Geistlichen, Abgeordnete des Rates und mitleidige Bürger in großer Zahl an das Seeufer, wo sie landeten. Sie wollten die unglücklichen Locarner liebreich aufnehmen und ihnen Herberge und Unterstützung bieten. Hoch erfreut über den freundlichen Empfang, stiegen diese aus. Einzeln oder familienweise nahm man sie nach Hause, je nachdem man mehr oder weniger Platz hatte. Andern sorgte der Rat für ein Obdach. Er versah sie auch mit Lebensmitteln, Betten und Hausrat. Der edle Pfarrer, Heinrich Bullinger, der bisher in Zürich ihr Fürsprech gewesen war, sorgte auch weiterhin väterlich für sie. Er bewirkte, daß sie in der Kirche zu St. Peter Gottesdienst in ihrer Landessprache abhalten durften. Sie konnten auch einen eigenen Pfarrer wählen. Die Zürcher Obrigkeit besoldete ihn und ließ ihm auch etwas Getreide und Mein zukommen. wie die Locarner in Zürich ihr Brot verdienten und neue Handwerke einführten. Durch die Aufnahme der Looarner bekam die Zürcher Obrigkeit eine Zeitlang viel zu tun. Sie mußte dafür sorgen, daß die Ankömmlinge nach und nach ihr Brot selbst verdienten; denn nur ganz wenige derselben waren wohlhabend. Die übrigen mußten arbeiten, um leben zu können. Der Rat gestattete ihnen, Handel und Gewerbe zu treiben. Einige waren als Ärzte tätig und als solche bald sehr geschätzt. Andere trieben das Schuster-, Schneider- oder Buchbinderhandwerk. Die meisten verdienten ihren Unterhalt als Kaufleute. 322 Planche trieben z. B. Kornhandel. Sie kauften aus den Wochenmärkten in Zürich Getreide und verkauften es in die tessinischen vogteien. Andere boten in ihren kleinen Läden seidene Zeuge, Sammet, Ledern, bisweilen auch Würste, italienischen Käse und Seife feil. Mehrere taten sich zu einer Handelsgesellschaft zusammen. Sie fuhren nach Venedig und Mailand, kauften dort Spezereien, feine Tücher, Seidenwaren und anderes. Sie brachten diese Waren nach Zürich und verkauften sie dort. Andere setzten ihre Handelsartikel in Basel und auf der Zurzacher Messe ab. Wieder andere kauften in Zürich Leder, Stahl, Zwilch, Butter und Zucker ein und fuhren damit nach Italien. Überhaupt waren diese Locarner ein sehr tätiges völklein. Beständig sah man sie mit ihren Saumpferden unterwegs, bald dahin, bald dorthin. Für die Zürcher Handwerker und Handelsleute hatte die Anwesenheit der Locarner große Nachteile. Diese schmälerten ihnen den verdienst in hohem Maße. Sie beklagten sich darüber beim Rat. Dieser suchte sie zu beschwichtigen. Er stellte den Klägern vor, daß Zürich die glaubenstreuen Locarner nicht im Stiche lassen dürfe. Man dürfe es um so weniger tun, als sie dem Zürcher Gewerbe auch reichen Gewinn gebracht haben. Sie führten nämlich in Zürich verschiedene einträgliche und daher sehr geschätzte Handwerke ein. Das tat besonders der Locarner Zanino. In seiner tessinischen Heimat hatte er die nützliche Seidenraupe züchten gelernt. Das ist eine Raupe, welche die feinen Seidenfäden spinnt. Gleichzeitig windet sie diese zu fast baumnußgroßen länglich-ovalen Klumpen auf, die man Kokons nennt. Damit sich aber die Seidenraupe erhalten und ihre Arbeit verrichten kann, muß sie Maulbeerblätter zu fressen bekommen. Zanino wollte die Seidenraupenzucht auch in Zürich einführen. Er ließ viele Maulbeerbäume nach Zürich kommen und pflanzte sie dort. Um die Seidenfäden von den Kokons abzuwinden und sie zu neuen, stärkeren Läden zu verarbeiten, erstellte er eine sogenannte Seiden-oder Zwirnmühle. Das war eine Art Spinnrad. 323 Damit gab sich aber Zanino noch nicht zufrieden. Mit andern führte er in Zürich auch die Seiden st offweberei ein, die heute noch einen Haupterwerbszweig der Zürcher bildet. Sie war dort lange vor der Ankunft der Locarner betrieben worden. Aber durch die Kriege und den Fremdendienst war dieses Handwerk ganz in Vergessenheit geraten. Als die Locarner nach Zürich kamen, wußte dort niemand mehr etwas davon. Zanino und ein anderer Glaubensflüchtling begannen in Zürich auch die S a m m e t w e b e r e i. In kurzer Zeit bestanden schon etwa sechs lvebstühle. Zuerst woben meistens Locarner. Es ging jedoch nicht lange, so lernten auch Einheimische dieses Gewerbe. Die verfertigten waren wurden teils in Zürich verkauft, größtenteils aber nach Lyon ausgeführt. Der Stadtrat erlaubte den Sammetwebern, das Zürcher Stadtwappen auf ihre Sammetgewebe zu schlagen. Er wußte, daß es der Stadt zur Ehre gereiche und ihren Handel fördere, wenn man im Ausland den geschätzten Zürcher Sammet an diesem Zeichen sofort erkannte. Aber nicht nur Sammet, sondern auch andere Seidenstoffe wurden in Zürich gewoben. Zanino und ein anderer Locarner lehrten die Zürcher sodann auch das Färben der Seide, und zwar auf die Art und Weise, wie man es in Mailand machte. Sie verstanden, besonders schöne blaue und gelbe Farben zu erstellen. Alle diese Neuerungen kosteten den unternehmenden Locarner viel Geld, Mühe und Arbeit. Aber sie gelangen ihm gut. Die Zürcher Ratsherren schätzten und anerkannten seine Verdienste um das Gewerbe ihrer Stadt sehr hoch. Sie nahmen ihn samt seinen Rindern ins Bürgerrecht auf. Sie kauften ihn auch in eine Zunft ein. Ohne Zins überließen sie ihm sogar ein Haus, in welchem er sein Seidengewerbe betrieb. Sie gaben ihm eine Wiese vor dem Stadttor, damit er dort seine Maulbeerbäume pflanzen konnte. Später hatte Zanino allerdings Unglück. Er unternahm zu viel. Infolgedessen verlor er zuletzt sein ganzes vermögen. Andere aber setzten sein Gewerbe fort. Bald war die Zahl Z2H der Seidenweber in Zürich sehr groß. Sie führten Seide und Sammet nach Italien, Frankreich, Deutschland und England aus. Mußten früher viele Zürcher im Fremdendienst ihr Auskommen suchen, so konnten sie jetzt zu Lause in friedlicher Arbeit ihren Unterhalt verdienen. Sie verdankten das zu einem großen Teil den aus ihrer bseimat vertriebenen Locarnern. Manche von diesen verließen Zürich später wieder. Den meisten von ihnen aber gab man mit der Zeit das Bürger- recht, so unter andern auch den Familien Muralt und Mrelli. So gingen die Locarner zuletzt in der Zürcher Bevölkerung auf. Die Zeit der Gegenreformation (56H-^8. Das Konzil zu Trient und die Schweizer. Durch die Reformation hatte die katholische Kirche große Verluste erlitten. Ihre Macht war schwer erschüttert worden. Etwa um das Jahr f550 trat nun aber eine große Wendung ein. Die Katholiken rafften sich wieder auf. Geistliche und weltliche Obrigkeiten gingen daran, kirchliche Mißbrauche zu beseitigen und neues religiöses Leben zu wecken. Neue Mönchsorden entstanden. Die wichtigsten waren der Kapuziner- und der Jesuitenorden. Diese machten sich zur Aufgabe, den katholischen Glauben zu stärken und auch Protestanten wieder für denselben zu gewinnen. So folgte auf die Reformation die Gegenreformation. Sie ging aus vom Konzil zu Trient. Dieses dauerte mit manchen Unterbrechungen von bis f563. Es prüfte die Glaubenslehren der katholischen Kirche und bestätigte sie. Manche Glaubenssätze wurden genauer ausgesprochen und begründet. Die protestantischen Glaubenslehren lehnte das Konzil entschieden ab. Es zog eine scharfe Grenze zwischen der 325 katholischen und der protestantischen Kirche. Das Konzil erließ viele Verordnungen. Darin verlangte es z. B., daß die katholischen Geistlichen besser ausgebildet werden als bis jetzt. Es schrieb den Geistlichen auch vor, daß sie ihre Pflicht gewissenhaft erfüllen und durch ihre Lebensweise dem Volke ein gutes Beispiel geben, wenigstens an allen Sonn- und Festtagen sollten sie dem Volke das Wort Gottes verkündigen und die Kinder in den Anfangsgründen des Glaubens unterweisen. Auch die Schweizer waren eingeladen worden, am Konzil teilzunehmen. Die reformierten Eidgenossen lehnten dies ab. Sie sahen voraus, daß das Konzil ihren Glauben verurteilen und verlangen werde, daß sie sich seinen Beschlüssen unterwerfen. Wohl aber reiste der Bischof von Thür nach Trient. Die katholischen Eidgenossen nahmen zuerst auch nicht teil. Erst im vorletzten Jahre des Konzils beschlossen sie, einen weltlichen und einen geistlichen Abgeordneten nach Trient zu schicken. Als weltlichen Gesandten bezeichneten sie den Land- ammann Melchior Lussi von Nidwalden. Als geistlicher Vertreter wurde der Abt von Einsiedeln gewählt. Man erlaubte den Abgeordneten, alle Beschlüsse des Konzils ohne weiteres anzunehmen. Als dieses zu Ende war, handelte es sich nun darum, seine Beschlüsse auch in der Schweiz durchzuführen. Daran arbeiteten nicht nur die hohen und niedern Geistlichen, sondern auch die bedeutendsten Staatsmänner der katholischen Orte. Unter ihnen ragten besonders Gberst Ludwig pfyffer von Luzern und Landammann Melchior Lussi hervor. j?f-yffer, der in französischen Diensten zu Reichtum und Ansehen gelangt war, besaß in der ganzen Eidgenossenschaft großen Einfluß. Er wurde deshalb auch etwa der „Schweizerkönig" genannt. Aarl Borromeo als Lrzbischof von Mailand und sein wirken im Tessin. Mehr als alle andern trug der Kardinal Karl Borromeo dazu bei, den katholischen Glauben in der Schweiz neu zu beleben. Er wurde im sichre j538 in Anoona am Langensee 326 geboren. Er stammte aus einer adeligen Familie, die in der Urschweiz verwandte und Bekannte hatte. Merkwürdig ist, wie er zu seiner hohen Stellung gelangte. Im Jahre H359 bestieg sein Gnkel, Angelus von Medici, den päpstlichen Stuhl. Es war der gleiche, der dreißig Jahre früher Bischof von Thür werden sollte. Sogleich berief der Papst seinen Neffen Karl Borromeo nach Nom und verlieh ihm bald darauf die Würde eines Kardinals. Acht Tage später ernannte er ihn zum Erz- bischof von Mailand. Zuerst war man unzufrieden darüber, daß der Papst einen nahen verwandten so auffallend bevorzugte. Bald aber erwies sich Borromeo als das Vorbild eines Kirchenfürsten jener Zeit. f565 kam er nach Mailand und übernahm die Leitung seines Bistums. Mit größtem Eifer wirkte er da für die Wiederherstellung des katholischen Glaubens, Häufig versammelte er die Geistlichen seines Bistums, um sie mit seinen Absichten und Wünschen bekannt zu machen. Er reiste von Ort zu Grt. Überall untersuchte er sehr genau die kirchlichen Verhältnisse. Dann gab er Anweisungen zur Verbesserung derselben. Unermüdlich predigte er und stärkte den religiösen Eifer des Volkes. Er weihte Kirchen und Kapellen, ordnete öffentliche Andachtsübungen und Prozessionen an. Er lebte sehr fromm und sittenrein und war unermüdlich tätig für die Kirche. Darum wurde er von seinen Glaubensgenossen schon zu seinen Lebzeiten wie ein Heiliger verehrt. Noch etwas anderes rechneten ihm die Mailänder hoch an. Zur Zeit, als die Pest in ihrer Stadt wütete, sah man, wie er auf hohen Leitern in die Dachkammern der Armen stieg. Dort, wo die Krankheit am furchtbarsten wütete, tröstete und half er. Früh richtete Borromeo sein Auge auch auf den Kanton Tessin. Der nördliche Teil desselben, von Locarno hinauf bis an den Gotthard, gehörte zu seinem Bistum. In den tes- sinischen Pfarreien herrschte keine gute Ordnung. Die Geistlichen erfüllten ihre Pflicht nur schlecht. Auch trieben sie allerlei Nebenbeschäftigung. Das Volk war in religiösen Dingen gleichgültig. Borromeo nahm sich vor, diesen Übelständen abzuhelfen. wiederholt besuchte er eine Gemeinde nach der an- dern bis in die höchsten Bergtäler hinauf. Überall stärkte er das Volk im Glauben und stellte Mißbrauche ab. Den Priestern befahl er, sich von Zeit zu Zeit zu versammeln und religiöse Fragen zu besprechen. Geistliche, die nicht nach den Vorschriften der katholischen Kirche lebten und wirkten, bestrafte er streng. Auch vom Volk verlangte er größern religiösen Gifer. Gr tadelte die Bewohner, die dem Gottesdienst nicht mit Andacht beiwohnten. So gelang es ihm, die kirchlichen Verhältnisse im Tessin zu verbessern. Die noch vorhandenen Spuren des protestantischen Glaubens rottete er aus. Borromeo bereist die öchweiz und schreibt dem Papst, wie der katholische Glaube daselbst befestigt werden könne. Im August des Jahres 1570 kam Borromeo wieder in den Tessin. Gr schaute nach, ob seine Anordnungen befolgt werden. Als er das getan hatte, reiste er über den Gotthard in die innere Schweiz. Lr wollte auf die Regierungen der katholischen Grte persönlich einwirken und sie ersuchen, die Verordnungen des Konzils von Trient durchzuführen. Seine Reise führte ihn zunächst nach Altdorf. Von da begab er sich nach Unterwalden zum Grabe des Ginsiedlers Nikolaus von der Flüe. Hierauf besuchte er Luzern, Zug, Lin- siedeln, St. Gallen. Dann kehrte er durch das St. Galler Rheintal über Linsiedeln, Schwiz und Altdorf wieder nach Italien zurück. Überall empfingen ihn die Katholiken mit größter Verehrung. Gr suchte die einflußreichsten Staatsmänner auf und sprach mit ihnen darüber, wie der katholische Glaube in der Schweiz wieder hergestellt und befestigt werden könne. Der Aufenthalt Borromeos in der Schweiz dauerte kaum drei Wochen. Aber sie genügten ihm, um das kirchliche Leben der Schweizer genau kennenzulernen. Gr verfaßte darüber einen ausführlichen Bericht an den Papst. Darin lobte er die große Frömmigkeit des katholischen Schweizervolkes. I UF' -8 MM1 358 ihnen dadurch, daß er alsbald den Warenverkehr durch ihr Land unterband und über den Gotthard lenkte. Noch Schwereres aber stand ihnen bevor. Am Ausgang des veltlins, nahe an der mailändischen Grenze, erhebt sich aus der Ebene ein felsiger Hügel. Auf diesem begann Fuentes Ende des Zahres s603 eine große Festung zu bauen, die seinen Namen erhalten hat. Die ganze Ebene ist feucht und sumpfig. Schädliche Ausdünstungen verderben die Luft. Rein Soldat der Besatzung konnte es dort einen vollen Monat aushalten, ohne krank zu werden. Man nannte die Festung deshalb nicht mit Unrecht das Grab der Spanier. Sie hatte aber noch einen andern Namen. Sie hieß auch das Zoch der Bündner, und nicht umsonst. Denn von hier aus konnten die Spanier den Verkehr Graubündens mit Mailand ganz abschneiden. Sie konnten von dieser Festung aus die Bündner unaufhörlich quälen und bedrohen. Mas Hartmann von Hartmannis und andere vorausgesehen hatten, erfüllte sich jetzt. Die Paßsperre und der Festungsbau rüttelten die Bündner wie aus einem tiefen Schlaf auf. Sie sahen ihren Fehler ein. Aber es war zu spät. Alsbald erhob sich unter ihnen Zank und Streit. Zwei Parteien bildeten sich, eine spanisch-österreichische und eine fran- zösisch-venetianische. An der Spitze einer jeden stand eine der reichsten und mächtigsten Familien des Landes. Die Familie planta leitete die österreichisch-spanische, die Familie Salis die französisch-venetianische Partei. Diese Parteien bekämpften und verfolgten einander jahrzehntelang mit furchtbarem Haß. Häufig kam es zu einem sogenannten „Fähnlilup f". Zedes der 26 Hochgerichte besaß nämlich seine eigene Fahne. Hatten die Bürger eines Hochgerichts die Überzeugung, daß das Vaterland durch die Umtriebe einer Partei oder einzelner Männer in Gefahr geraten sei, so holten sie die Hochgerichtsfahne aus ihrer Truhe hervor und zogen bewaffnet aus. Sie luden andere Hochgerichte ein, das gleiche zu tun. An einem bestimmten Sammelplatz strömte das Rriegsvolk zusammen und veranstaltete eine Art Landsgemeinde. Es verlangte dann gewöhnlich, daß ein Strafgericht eingesetzt werde. 35Y Dieses sollte diejenigen, welche man als Landesverräter verdächtigte, bestrafen. Solche Gerichte waren fast immer Parteigerichte. Ihre Richter durften nicht unparteiisch urteilen. Sie dursten nicht untersuchen, ob die Angeklagten schuldig seien oder nicht. Sie mußten ohne weiteres annehmen, daß sie schuldig seien, und sie verurteilen. Ihre Urteile stützten sich nicht auf irgendein Strafgesetz, welches für bestimmte vergehen oder verbrechen auch bestimmte Strafen vorschrieb. Die Richter urteilten willkürlich, parteiisch und grausam. Die Folge war, daß * die Gegner sich erhoben und auch ein Strafgericht einsetzten. Dieses hob die Urteile des ersten auf. Dann fällte es ebenso ungerechte und gehässige Urteile über die Führer der Gegenpartei. Es kam auch vor, daß gefällte Urteile vor dem versammelten Rriegsvolk sofort vollzogen wurden. Der „Hähnlilupf" gegen die spanische Kartei und das Strafgericht zu Thusis. s6s8. Im Jahre s6s8 erfolgte ein mächtiger Aufstand gegen die spanische Partei. Die Lsaupturheber desselben waren eine Anzahl prädikanten. So nannte man damals in Graubünden die reformierten Pfarrer. In Wort und Schrift schilderten sie dem reformierten Volk, welche Gefahr ihm und seinem Glauben von der spanischen Partei drohe. Unter den reformierten Geistlichen, die das Volk aufreizten, tat sich besonders Geor g Ienatsch hervor. Er war ein Pfarrerssohn aus Samaden. An den Hähern Schulen in Zürich und an der Basier Universität hatte er sich zum Geistlichen ausgebildet, vor der evangelischen Synode Bündens machte er nach altem Brauch sein Examen. Dann übernahm er, kaum 2s Jahre alt, die kleine Pfarrei Scharans. Der Zorn Ienatschs und anderer prädikanten richtete sich besonders gegen Rudolf planta in Zernez und gegen dessen Bruder Pompejus planta in Rietberg. Beide waren vom reformierten zum katholischen Glauben übergetreten. Sie galten als die Lsäupter der spanischen Partei. Gegen sie und ihre Anhänger erhob sich s6s8 die französische Partei. 360 Zuerst lupften die Unterengadiner die Fähnlein. Die Gberengadiner, Bergüner, Bergeller und s)uschlaver schlössen sich an. Lin Volkshaufen von über j000 Mann strömte in Zuoz zusammen. Die Lundeshäupter eilten herbei und suchten das aufgeregte Volk zu beruhigen. Rudolf plant« versprach, sich vor einem unparteiischen Gericht verantworten zu wollen. Auch angesehene reformierte Geistliche kamen nach Zuoz, um Rudolf planta zu verhaften und vor ein Strafgericht zu stellen. Dieser blieb bis zum letzten Augenblick in Zernez. Sein Neffe Zakob Robustelli kam in aller Eile zu ihm und bat ihn zu * fliehen, plant« aber wollte nicht durch eine frühe Flucht den Lindruck erwecken, daß er schuldig sei. Bald mußte er jedoch einsehen, daß er in der bseimat keinen Schutz finden werde. Noch weniger konnte er auf ein unparteiisches Gericht hoffen. Darum floh er nach Österreichs Das Rriegsvolk drang in sein Schloß Wildenberg ein und plünderte es. Dann begab sich eine Schar der Aufständischen über den Malencopaß nach Sondrio. Dort verhafteten sie mitten in der Nacht den Lrzpriester Nikolaus Rusca. Das war der oberste Geistliche des veltlins, der Stellvertreter des Bischofs. Dieser führte dort den Titel Lrzpriester. Line gewaltige Aufregung entstand, als man Rusca. gefangennahm und wegführte. Lin anderer Volkshaufen hatte sich nach dem Bergell begeben, um dort den greisen Landammann Zohann Baptist« prevost, genannt Zambra, zu verhaften. Zu Thusis kamen die verschiedenen Abteilungen der Aufständischen wieder zusammen. Dorthin brachten sie auch Rusca, Zambra und andere Gefangene. Zn THuschs versammelte sich nun das zusammengelaufene Ariegsvolk zu einer Landsgemeinde. Diese beschloß unter anderm, es solle ein Strafgericht aufgestellt werden, um über die verhafteten zu Gericht zu sitzen. Aus jedem Bunde wählte man 22 Richter. Neun reformierte Geistliche wohnten den Gerichtsverhandlungen bei. Auch katholische lud man ein. Aber sie erschienen nicht. Nachdem sich das Gericht gebildet hatte, begann es seine Tätigkeit. Sie dauerte ein halbes Zahr lang. Zuerst wurde Zambra vorgeladen. Man spannte ihn mehrmals auf die 36^ Folter. Zuletzt gestand er, daß er die spanische Partei wiederholt unterstützt und für sie gearbeitet habe. Auch habe er spanische Fährgelder und Geschenke ausgeteilt. Das Urteil lautete, Zambra solle hingerichtet, sein Haus niedergerissen und sein vermögen eingezogen werden. Das Todesurteil wurde alsbald vollzogen. Rudolf und Pompejus planta konnte man nicht vor Gericht stellen. Sie waren beide geflohen. Daraus schloß man, daß sie schuldig seien. Ulan warf ihnen vor, daß sie Bünden an «Österreich verraten und dadurch die Freiheit des Landes bedroht haben. Deshalb verbannte man sie auf ewig. wenn sie das Land wieder betreten, solle sie der Scharfrichter vierteilen und die Glieder der «Landstraße entlang auf pfähle stecken. Ihre Häuser solle man niederreißen und an ihrer Stelle zwei Schandsäulen errichten. Nach ihnen kam der «Lrzpriester Rusca an die Reihe. lurs begraben wurde. wenn man aus dem Bergell abwärts nach Lhiavenna wandert, kommt man nach plurs. Dort grub man früher den weichen Lavezstein aus dem Innern des Berges Tonto hervor. Aus diesem Stein verfertigte man Kochgeschirre, wie Töpfe und Krüge, die in alle Welt verkauft wurden. Auch die Bündner kauften den plursern, ihren Untertanen, gern solche Geschirre ab. Darin konnten die Speisen viel schmackhafter zubereitet werden als in andern. Noch vor etwas mehr als hundert Jahren arbeiteten dort in zwölf Lavezgruben s80 Bergleute. Elf Drehbänke, auf denen die Geschirre hergestellt wurden, waren fortwährend in Tätigkeit. Später ersetzte man die Lavezgeschirre durch dauerhaftere. Die Lavezsteinindustrie nahm ab, und heute weiß man in jener Gegend kaum mehr etwas davon. Aber auch von plurs selbst redet heute fast niemand mehr. Es wurde im Jahre s6s8 in einer Herbstnacht durch Steine und Schutt kirchturmhoch begraben. Noch am Abend des 3. September lag das reiche und schöne Städtchen friedlich da. Rechts und links der Maira standen Häuser und Paläste. Daneben breiteten sich schöne Gärten aus. Drei Brücken führten über die Maira. Mehrere schöne Kirchen ragten über die Häuser empor, plurs war mit etwa sOOO Einwohnern nicht viel größer als heute manches ansehnliche Bündnerdorf. Aber mit seinem Reichtum und der Pracht seiner Gebäude konnte es mit vielen Städten wetteifern. Das kam daher, daß plurs an der verkehrsreichen Sep- timerstraße lag. Es war ein warenplatz für den deutschen und italienischen Handel. Es war ferner als Sitz der bedeutenden Lavezsteinindustrie weit bekannt. Auch große Mengen von Baumwolle und Seide wurden hier verarbeitet und die verfertigten Waren ausgeführt. Ist es da zu verwundern, daß seine Bewohner reich wurden? Die Wohnungen vieler Familien waren kostbar ausgestattet. Wenn man in das Haus eines reichen plurser Kaufmanns kam, sah man zunächst große Gänge. Dann trat man in stattliche Stuben und Säle. Diese 363 waren reich mit Tapeten aus Flandern geschmückt. Da prangten prachtvolle Tische, Gestelle und kunstreiche Figuren aus Erz. Da standen samtene Stühle, von denen Goldfransen herabhingen. Schaute man zu den Fenstern hinaus, so erblickte man am Fuß des Bergabhanges Weinberge, Zitronen-, Drangen- und Rosinenpflanzungen, die in dieser geschützten Lage gut gediehen. So blühte und glänzte plurs. Aber vom Berge Tonto mit seinen Lavezsteingruben drohte der Ortschaft Verderben. Das Zahr f6s8 war ein merkwürdiges Jahr. Am Himmel stand ein Stern mit einem großen Schweif, ein Komet. Solche Sterne betrachtete man damals stets als Vorboten eines Unglücks. Ende August war viel Regen gefallen. Am H. September aber war das Wetter wieder schön. Ein heiterer Himmel glänzte über plurs. Am Nachmittag des H. September rollte Steinschutt vom Berge Tonto herab. Es war eine Warnung. Die Hirten und Bauern der Gegend beobachteten manches, was sie schon lange beunruhigte. Sie berichteten, am Berg Tonto sehe man seit langer Zeit Spalten. Die Kühe, welche in die Nähe kommen, lausen brüllend davon. Aber die Einwohner von plurs achteten nicht auf das, was ihnen die Hirten und Bauern sagten. Der Abend des H. September war da. Manche Hlurscr sahen ihre Angehörigen nach längerer Abwesenheit wieder. Die Kaufleute waren eben von einem Markte in Bergamo zurückgekehrt. Es kam die Nacht. Tiefe Stille herrschte im Tale. Wolkenlos glänzte der Himmel im Licht der halben Mondscheibe. Auf einmal verspürte man in der ganzen Gegend einen Stoß wie von einem Erdbeben. Ein mächtiger Schlag erdröhnte. Dann herrschte Todesstille. Dichter Rauch, mit Schwefel und Feuer vermengt, stieg gen Himmel. Hlurs, das reiche blühende Hlurs lag viele Meter tief begraben unter einer Schutt- und Steinmasse. Diese hatte sich vom Berg Tonto losgelöst und sich wie ein ungeheurer Grabhügel über die schöne Ortschaft gelegt. Die Maira wurde zwei Stunden lang aufgehalten und zu einem See gestaut. Dann konnte sie sich wieder durcharbeiten. Von den Einwohnern blieben nur die wenigen am Leben, die sich in der Unglücksnacht gerade außerhalb des Städtchens befanden, wenige abseits gelegene Häuser, die vom Bergsturz nicht erreicht wurden, blieben stehen, darunter das schöne Landhaus der Familie vertemati. Das war wohl die reichste Familie, die in plurs gewohnt hatte. Heute sind bei der Unglücksstätte nur noch wenige Trümmer zu sehen. Sie reden davon, daß hier einst das prächtige Hlurs gestanden hat. Wie 1620 im veltlin mehrere hundert Protestanten ermordet wurden, und wie das Tal von Graubünden abfiel. Das Thusner Strafgericht hatte den veltliner Jakob Robu stellt auf ein Jahr aus dem Lande verbannt. Als die Strafzeit abgelaufen war, kehrte er in seine Heimat Grosotto zurück. Da beschäftigte er sich scheinbar mit einem Umbau seines Wohnhauses. Unter diesem vorwande ließ er Mörder und andere Verbrecher aus dem Mailändischen und Venetia- nischen nach Grosotto kommen. In Wirklichkeit hatte er etwas ganz anderes im Sinn, als sein Wohnhaus umzubauen. Mit den angeworbenen Banditen wollte er einen furchtbaren Rache-- plan ausführen, was das Thusner Strafgericht an ihm, an seinen verwandten, am Erzpriester Nusca und damit am ganzen veltliner Volk begangen hatte, das wollte er blutig rächen. Aber nicht nur das. Das ganze Tal sollte von der verhaßten Herrschaft der Bündner befreit werden. Das war der Wunsch der meisten veltliner. Sie fühlten sich unter den Bündnern nicht wohl. Sie paßten auch nicht recht zu ihnen. Durch die Glaubensspaltung war die Abneigung noch größer geworden. Die meisten Bündner waren zum protestantischen Bekenntnis übergetreten. Die veltliner aber hielten in überwiegender Mehrheit am katholischen Glauben fest. Ihre Geistlichen wurden in der strengen borromäischen Schule in Mailand ausgebildet. Sie steigerten den religiösen Eifer des Volkes. Die reformierten Bündner erregten den Glaubenshaß der veltliner besonders dadurch, daß sie verlangten, daß da, wo mehrere Kirchen seien, eine den Reformierten abgetreten werde. 365 In der Nacht vom s8. zum sH- Juli s620 führte Robustelli seine Mordgesellen nach Tirano. Während alles im tiefsten Schlaf lag, besetzte er die Ausgänge aus dem Städtchen. In der Morgenfrühe erscholl plötzlich Glockengeläute und Trom- petengeschmetter. Das war das Zeichen zur Ermordung der Protestanten in Tirano. Als erster fiel der Knecht des podestä Enderli, der eben die Pferde zur Tränke führen wollte. Der podestn selbst wehrte sich, bis ihm das Pulver ausging und er verwundet wurde. Jetzt drangen die Mörder in sein Gemach ein, töteten ihn und warfen seinen Leichnam auf die Straße. Erschreckt stürzten inzwischen die Reformierten aus den Säufern und wurden ohne Erbarmen umgebracht. Nur fünf Personen entkamen. Ü Hierauf drangen die Mörder talabwärts nach Teglio. Dort befanden sich die Protestanten eben in der Kirche; denn es war an einem Sonntag. Die verschworenen öffneten die Türen und feuerten auf den Geistlichen. Nun verrammelten die Zuhörer den Eingang. Da schössen die Mörder durch die Fenster in die Kirche hinein und erbrachen endlich die Türen mit Gewalt. Die Frauen schickten sie weg, die Männer machten sie nieder. Eine Schar Männer, Frauen und Kinder war in den Kirchturm gestiegen. Sie hofften so dem Tode zu entgehen. Die Verschwörer aber schleppten die Kirchenstühlc in den Turm und zündeten sie an, so daß die Unglücklichen im Rauch und in den Flammen umkamen. Selbst Katholiken, welche die Mordtat mißbilligten, wurden in Teglio umgebracht. Nun begaben sich die Mörder nach Sondrio. Zuerst schienen sich ihnen die Nürger des Grtes widersetzen zu wollen. Nald aber entzweiten sich die Katholiken. Diejenigen, welche an der Schreckenstat keinen Anteil nehmen wollten, mußten sich vor den eigenen Glaubensgenossen flüchten. Drei Tage dauerte das Morden in und um Sondrio. Als die schreckliche Nlutarbeit vollbracht war, rief das Volk: „Das ist die Rache für unsern ermordeten Erzpriester Rusca." Zum Landeshauptmann Johann Travers.sprach Ro- bustelli: „Deine Herrschaft ist zu Ende, kehre heim!" Wirklich 366 fielen Bormio und das Veltlin von den Bünd- nern ab. Allenthalben vernichteten die veltliner die bünd- nerischen Wappen und richteten eine selbständige Regierung ein. Robustelli, der Führer des Aufstandes, trat an die Spitze der neuen Regierung. Überallhin richteten die veltliner Briefe. Darin teilten sie mit, wie sie ihren Glauben gerettet und sich von der Tyrannei der Bündner befreit haben. Wie ssompejus j)lanta am 25. Februar s62s in Rietberg ermordet wurde. Als das veltlin von den Bündnern abgefallen war, marschierten sofort spanische Truppen ins Tal ein. Rudolf und Pompejus plant« führten die Österreicher ins Münstertal. Bon da aus beherrschten diese den paß ins veltlin. So sicherten sich die beiden Mächte den Durchpaß durch das Tal. Die reformierten Bündner versuchten zweimal, das Untertanenland zurückzugewinnen, das erstemal allein, das zweite- mal mit Hülfe eidgenössischer Truppen. Beidemal unterlagen sie. Die katholischen Bundesgenossen hatten sie beidemal im Stich gelassen. Seit dem Aufruhr gegen Rudolf planta und dem Thusner Strafgericht trauten sie den Protestanten nicht mehr. Sie sagten, sie müssen für ihre eigene Sicherheit sorgen. Sie riefen die katholischen Orte um Hülfe an. Mit spanischem Geld wurden in den Waldstätten s500 Mann angeworben. Diese kamen über die Oberalp nach Graubünden, verstärkt durch Truppen des Grauen Bundes, besetzten sie Reichenau und Gins und lagerten sich bei Räzüns und Thusis. Der Obere Bund ging aber noch weiter. Er schloß mit Spanien ein Bündnis. Spanien versprach, den Bündnern das veltlin zurückzugeben. Jedoch wollte,es daselbst nur die katholische Religion dulden. Auch sollten spanische Truppen das Tal besetzt halten und durchmarschieren dürfen. Das Sonderbündnis des Obern Bundes erregte in den beiden andern Bünden tiefe Erbitterung. Sie richtete sich besonders gegen Pompejus plant«. Die Gegner warfen ihm 367 vor, er sei der Hauptschuldige an den Umtrieben des Obern Bundes. Das Thusner Strafgericht hatte ihn in seiner Abwesenheit als vogelfrei erklärt. Inzwischen war er aber nach Nietberg zurückgekehrt. Da Truppen der katholischen Orte und des Obern Bundes in Näzüns und Thusis standen, glaubte er, in seinem Schlosse sicher zu sein. Da kamen entschlossene und rachsüchtige Männer der Gegenpartei in Grüsch zusammen und verabredeten, den Pompejus planta zu ermorden. An ihrer Spitze stand Georg Ienatsch. Am Abend des 2H. Februar s62s verließ er Grüsch mit l9 verschworenen. Sie ritten um Thür herum, von Lms aus wandten sie sich nach dem Vogelfang. Aus dem Weg, der rechts des Hinterrheins ins Domleschg hineinführt, erreichten sie Nietberg am 25. Februar morgens früh. Zufällig stand das Burgtor offen. Ein Diener plantas rüstete eben ein Pferd. Nach kurzem Wortwechsel schlugen die Verschwörer den Unecht nieder. Dann stürmten sie ins Schloß hinauf, planta war durch den Lärm geweckt worden und aus dem Bett gesprungen. Mit einem Schwert bewaffnet, eilte er von Gemach zu Gemach, um ein sicheres versteck zu suchen. Die Gegner folgten ihm. Line Türe nach der andern schlugen sie ein. Bald standen sie ihrem Todfeind gegenüber. Vergeblich flehte dieser um sein Leben. Im nächsten Augenblick brach er unter den Streichen der Mörder zusammen. Trotz der Anwesenheit seiner Tochter Ratharina Lukrezia verstümmelten diese den Leichnam noch, indem sie ihm Herz und Lingeweide herausrissen. Rasch verbreitete sich die Runde von der schrecklichen Bluttat. Aber niemand verfolgte die Täter, um sie zu verhaften und vor Gericht zu stellen. Diese konnten ungehindert nach Grüsch zurückreiten. Von dort eilten sie nach dem Unter- engadin. Da sammelten sie Mannschaft, um die Truppen der katholischen Grte aus Graubünden zu vertreiben. Bald erschienen die Lngadiner Fähnlein in Thusis. Nach einem kurzen Gefecht wichen die waldstättischen Truppen. Die Lngadiner folgten ihnen. Sie plünderten auf ihrem Marsch Näzüns. Dann jagten sie die Gegner über die Oberalp in die Urschweiz zurück. Den Obern Bund zwangen sie, das Bündnis 368 mit Spanien aufzulösen und den Lundesbrief der Drei Bünde wieder zu beschwören. wie die Österreicher das Unterengadin und den Aehngerichtenbund gänzlich unterwarfen. Ende des Wahres s62f kam Gberst Baldiron mit 8000 Österreichern durch dasScarltal insUnterengadin. Gleichzeitig brach der Rittmeister Brisn vom Rlontafun her über das Schlappiner Jach ins prätigau ein. Der Erzherzog Leopold von Österreich schickte sie, um sich an den Bündnern zu rächen. Er warf ihnen vor, sie hätten seine Herrschaft Räzüns geplündert, das Bistum Ehur geschädigt, die katholische Kirche verfolgt und manche ihrer Anhänger schmählich umgebracht. Hauptsächlich aber hatte es der Erzherzog auf die Unter- engadiner und die Zehngerichtenbündner abgesehen. Diese waren den Erzherzögen von Österreich mehr oder weniger Untertan. Aber sie gehorchten ihnen nicht so, wie sie erwünschten. sinnier beriefen sie sich auf ihre verbrieften Vorrechte. Um die Rechte der Herzöge bekümmerten sie sich wenig. Diese ärgerten und beschwerten sich darüber oft, aber vergeblich. s6is8 war es dann zum Aufstand gegen die österreichisch-spanische Partei gekommen. Es folgte das Thusner Strafgericht mit seinen Bluturteilen und endlich noch die Ermordung des Pompejus planta. Österreich mochte sich jetzt für verpflichtet halten, seinen Anhängern und Glaubensgenossen in Graubünden zu Hülfe zu eilen. Es wollte diese Gelegenheit aber auch benutzen, um die Zehngerichtenbündner und Unterenga- diner endlich einmal für ihren Ungehorsam zu strafen. Gleichzeitig gedachte es, sie zum katholischen Glauben zurückzuführen. So kam es zum Einfall der Österreicher im Jahre s62l. Baldiron drang rasch vor. Zwar wehrten sich die Unter- engadiner bei Schuls tapfer. Durch Eilboten flehten sie ihre Bundesgenossen um rasche Hülfe. Es erschienen aber nur wenige und diese erst, als das Unterengadin schon in der Gewalt Baldirons war. Über den Scaletta drang er dann nach 369 Davos vor. Hier verlangte er die alten Freiheitsurkunden heraus, damit die Untertanen sich nicht mehr auf sie berufen können. Hierauf beschied er Abgeordnete der Untertanen Gerichte nach Klosters. Da umstellte er sie mit Soldaten und ließ sie auf den Knien schwören, fortan getreue Untertanen Österreichs sein zu wollen. Sodann zwang er die Gerichte, ihre Waffen im Schloß Tastels abzuliefern. So meinte er sie wehrlos zu machen. Um vor ihnen ganz sicher zu sein, besetzte er Tastels, Schiers, Malans, Lenins und Maien - feld mit österreichischen Truppen. Der Erzherzog schickte aber nicht nur Soldaten, sondern auch Kapuziner nach Graubünden. Es war das erstemal, daß diese hieher kamen. Der bedeutendste unter ihnen war der Pater Fidelis von Sigmaringen. Er kam aus seinem Kloster in Feldkirch nach dem prätigau. Mit einigen andern Ordensbrudern sollte er da den katholischen Glauben wieder herstellen. Italienische Kapuziner kamen ins Unterengadin. Baldiron übergab ihnen die Kirchen. Diese sollten fortan dem katholischen Gottesdienst gewidmet sein. Die reformierten Pfarrer wurden vertrieben. Mit den Österreichern drangen auch Spanier in Graubünden ein. Sie überfielen das Bergell und verwüsteten es. Der Obere und der Gotteshausbund schickten Gesandte zum spanischen Statthalter nach Mailand. Sie verlangten von ihm die Herausgabe des veltlins. Der Statthalter sprach zu ihnen: „Ich frage nicht, was ihr verlangt. Ich will euch sagen, was Spanien von euch fordert. Spanien verlangt zunächst, daß ihr auf das veltlin verzichtet. Ferner fordert es, daß ihr die Münstertaler, Unterengadiner und die acht Gerichte aus euerm Bunde entlasset, wenn sie sich empören, dürft ihr sie nicht unterstützen. Dem Bischof von Thür und dem Lhurer Domkapitel sollt ihr alle Güter und Einkünfte zurückgeben. Mönche aller Orden sollen in Bünden wohnen und da Klöster und Schulen errichten dürfen usw." Mit diesen Forderungen kamen die Bündner Gesandten aus Mailand zurück. Die Zürcher rieten den Bündnern, sie zu verwerfen. Diese aber erklärten: „wie sollen wir zwei Mäch- 370 ten, wie Österreich und Spanien, widerstehen können, nachdem ihr uns im Stiche gelassen habt?" Die Gemeinden des Obern und des Gotteshausbundes waren gezwungen, die Forderungen der Spanier anzunehmen. Die Zehngerichtenbündner durften nicht stimmen. wie sich die j)rätigauer im Frühling f 622 erhoben und die Österreicher aus Graubünden vertrieben. Die Soldaten Baldirons verübten besonders im prätigau allerlei (Quälereien und Gewalttaten. Sie quartierten sich in den Häusern ein und erlaubten sich da allerlei Schlechtigkeiten. Den Bewohnern nahmen sie das Brot vom Munde weg, so daß diese bittere Not litten. Bauern behandelten sie wie Last- und Reittiere. Sie ritten auf ihnen wie auf Pferden. Gingen sie ihnen zu wenig rasch, so gaben sie ihnen die Sporen oder schlugen sie. Sie beschimpften die Einwohner wegen ihres Glaubens. Widersetzten sie sich, so erpreßten sie von ihnen Geld. Hatten sie keines, so mußten sie ihnen ein Stück Vieh abtreten. Die Leiche des Ritters Luzius Gugelberg in der Kirche zu Maienfeld gruben sie aus und beraubten sie ihres ritterlichen Schmuckes. Am meisten aber empörte die prätigauer, daß man ihnen die Abhaltung des protestantischen Gottesdienstes verbot, während Kapuziner an allen Orten predigen und Messe lesen durften. Im ganzen Tale klagte und trauerte man über diese Gewaltherrschaft. Man schickte Gesandte nach Innsbruck. Diese erklärten dem Erzherzog, die prätigauer seien bereit, ihm in allen weltlichen Sachen zu gehorchen und seinen Befehlen nachzukommen. In Glaubenssachen aber bitten sie ihn um Thristi willen ihnen nicht Gewalt anzutun. Lieber wollen sie den Tod erleiden als ihren Glauben verlassen. Sie erreichten aber nichts. Der Druck wurde nur noch ärger. Mit militärischer Begleitung erschien Baldiron wieder im prätigau. In jeder Gemeinde ließ er eine Verordnung über die Religionsübung verlesen. Darin hieß es. man zwinge niemanden, katholisch zu werden. Nur nach eigener Überzeugung solle das Volk den katholischen Glauben annehmen. In der gleichen Verordnung aber verbot man den protestantischen Gottesdienst. Auch das Lesen protestantischer Bücher untersagte man. Die reformierten Pfarrer mußten das Land verlassen. Wer ihnen Schutz gewährte, wurde bestraft. Bestraft wurden auch alle Männer, Frauen und Rinder, welche die predigt und die Rinderlehre der Rapuziner nicht besuchten. Weiter verlangte die Verordnung Baldirons, daß die Rirchen für den katholischen Gottesdienst eingerichtet werden. In Wirklichkeit wollte man die Untertanen also doch zwingen, von ihrem Glauben abzufallen. Als die prätigauer das sahen, beschlossen sie, sich mit Gewalt zu widersetzen. Da sie ihre Gewehre, Spieße und pale- barden hatten abliefern müssen, gingen sie in die Wälder und schnitten sich Reulen. Diese brachten sie heimlich nach pause und beschlugen sie mit eisernen Nägeln, so daß sie aussahen wie Morgensterne. Geheime Zusammenkünfte fanden statt. Baldiron hörte davon. Sofort erschien er mit Truppenverstär- kungen im prätigau. Der österreichische Landvogt auf Gastels, Johann Viktor Travers, riet ihm, sich in acht zu nehmen. Gr sei im prätigau nicht mehr sicher. Da ritt er schleunigst wieder zurück nach Ghur. Am Palmsonntag des Jahres s622 brach im prätigau der Aufstand los. Die Gonterser und Saaser erhoben sich zuerst. In der Rirche zu Saas traten sie zusammen, um sich durch Gebet und predigt sür den bevorstehenden Freiheitskampf zu stärken. Während des Gottesdienstes — so wird erzählt — sei ein schneeweißes Lämmlein in die Rirche hineingekommen. Die Betenden betrachteten das als ein Zeichen von Gott, daß er ihnen im bevorstehenden schweren Rampf beistehen werde, von Serneus, Rlosters und Davos erschienen pülfsmannschasten. Mit diesen verfolgten sie zunächst die österreichischen Soldaten. Diese zogen sich von Rüblis nach Lastels zurück. Unterdessen hatten sich auch die Fideriser, Ienazer und Furner aufgemacht. Man schickte sie den Schiersern zu pülfe; denn diese hatten den schwersten Rampf zu bestehen. Die Innerprätigauer und Da- 372 voser schritten zur Belagerung der Burg Tastels. Sie errichteten oberhalb der Burg eine Schanze und schnitten so der Besatzung jeden Ausgang ab. Diese ergab sich bald. Sie mußte die Waffen ablegen und schwören, nie mehr gegen die Drei Bünde zu kämpfen. Dann begleitete man sie an die Grenze und ließ sie frei abziehen. Inzwischen hatten sich auch die Schierser erhoben. In dem Augenblick, wo sie die katholische predigt besuchen sollten, griffen sie zu ihren seltsamen Waffen. Entschlossen warfen sie sich auf die Feinde, die bewaffnet vor der Kirche standen. Auch Frauen beteiligten sich am Kampfe. Ein blutiges Handgemenge entstand. Bald zogen sich die (Österreicher in die Kirche zurück, um von dort aus den Widerstand fortzusetzen. Dabei erging es ihnen aber schlecht. Sie hatten in der Kirche das Pulver und die Munition verwahrt. In der Aufregung oder aus Unachtsamkeit entzündeten sie das Pulver. Eine schreckliche Explosion entstand. Das Gewölbe der Kirche stürzte ein, und fast alle Soldaten kamen dabei jämmerlich um. Die übrigen wurden von den Bauern erschlagen. Der Pater Fidelis hatte am Palmsonntag morgens in Grüsch gepredigt. Dann war er unter dem Schutze österreichischer Soldaten nach Seewis hinaufgestiegen, um auch dort Gottesdienst zu halten. Kaum hatte er die Kanzel bestiegen, als man aus der Kirche zu Schiers Rauch aufsteigen sah. Man ahnte, was dort geschehen sei. Jetzt begann der Aufstand auch in Seewis. Alles stürzte aus der Kirche heraus. Die österreichischen Soldaten flohen und mit ihnen auch der Pater. Einige Schritte unterhalb der Kirche holten ihn die Bauern ein. In der Erbitterung über die erlittene Bedrückung erschlugen sie ihn. Etwa 500 (Österreicher kamen bei den Kämpfen im präti- gau um. Die übrigen flohen das Tal hinaus. Mit den Besatzungen in Malans und Ienins suchten sie Schutz hinter den Stadtmauern von Maienfeld. Die prätigauer folgten ihnen. Sie befreiten Fläsch, das kurz vorher von den Österreichern überfallen, geplündert und angezündet worden war. Dann begannen sie, Maienfeld zu belagern. 373 Baldiron hatte sich während dieser Kämpfe in Thür aufgehalten. Aus Mailand waren ihm sOOO Spanier zu Hülfe gekommen. Mit diesen unternahm er einen Zug ins Schan- figg. Die Bewohner dieses Tales hatten ihm bereits f400 Franken bezahlen müssen. Das genügte ihm aber noch nicht. Am 22. Mai brach er mit den Spaniern über praden, Tschiert- schen und Molinis unerwartet ins Tal ein. Der Reihe nach ließ er die Dörfer Molinis, sseist, St. s)eter, Tastiel, Lalfreisen und Lüen ausrauben und einäschern. Maladers hatte er schon am Tage vorher ausplündern und anzünden lassen. Sämtliche Häuser und Ställe, auch die auf den Gütern draußen, waren niedergebrannt und 800 Stück Vieh weggetrieben worden. Zum Schluß verlangte Baldiron von den Talbewohnern noch, daß sie die im vergangenen Herbst zurückgehaltenen Waffen sofort nach Thür bringen. Auch mußten sie versprechen, sich fürderhin in keiner Weise mehr gegen «Österreich aufzulehnen. Als Bürgschaft hiesür sollten sie sechs Mann als Geiseln stellen. Sie sahen keinen andern Ausweg, als dem Befehl zu gehorchen. Da schickten ihnen die j)rätigauer, die von den Vorgängen im Schanfigg Kunde erhalten hatten, 200 Mann zu Hülse. Diese fingen die Geiseln, welche schon auf dem Wege nach Thür waren, auf. Sie ließen sie nicht weitergehen. Auch beschützten sie das Tal gegen weitere Angriffe Baldirons. Diese Gefahr war zwar nicht mehr groß. Baldiron mußte fetzt an seine eigene Sicherheit denken. Die prätigauer hatten inzwischen nämlich Zuzug erhalten aus der Herrschaft und ans den vier Dörfern. Sie setzten nun einen Kriegsrat ein und wählten als Oberanführer Rudolf von Salis von Ma- lans. Lr war französischer Oberst und ein erfahrner Offizier. Auf die Nachricht vom Aufstand der prätigauer war er herbeigeeilt und führte sie nun in ihren weiteren Kämpfen gegen Baldiron. Nach siegreichen Gefechten bei Maienfeld und in der Molinära bei Zizers drangen sie nach Thür vor. Sie schlössen die Stadt von allen Seiten ein. Baldiron mußte kapitulieren. Die sDrätigauer hätten ihn am liebsten auf der Stelle totgeschlagen. Oberst Salis hatte alle Mühe, sie dahin zu bringen, daß sie ihm und seinen Truppen freien Abzug ge- 25 37H währten. Am s7. Juni s622 verließ er die Stadt Thür mit 2000 Mann. prätigauer mit ihren blutigen prügeln bildeten die wache beim Gbern Tor, durch welches die «Österreicher und Spanier mit Waffen und Gepäck abzogen. ^_Wie Graubünden im Herbst s622 nochmals in die Gewalt der Österreicher und Spanier geriet. Die prätigauer und eine Anzahl Bundesgenossen hatten im Frühling 1622 die «Österreicher aus Graubünden vertrieben. Anstatt daß sie nun die Grenze gut verteidigten und neue Angriffe abwehrten, ließen sie sich zu Gewalttaten verleiten. «Line Abteilung überfiel und beraubte von der Luziensteig aus liechtensteinische Dörfer. Mit einer andern drang Rudolf von Salis aus dem prätigau ins Montafun ein. Dadurch wurden die «Österreicher zu einem neuen Angriff herausgefordert. Schon am 3s. August s622, zehn Wochen nachdem sie das Land geräumt hatten, brachen ihrer sOOOO wieder ins Unter - engadin ein. Graf Alwig von Sulz und Baldiron führten sie. Angst und Schrecken verbreitete sich im Lande. Und nicht umsonst; denn den österreichischen Soldaten war befohlen worden, nur Frauen und Rinder zu schonen, sonst aber alles niederzuhauen. von Samnaun aus kamen sie nach Schleins. Dessen Bewohner waren in die benachbarten Wälder geflohen. Die wenigen Bündner- und Schweizertruppen, mit denen Rudolf von Salis als General der Drei Bünde das Tal verteidigen sollte, vermochten den Feind nicht aufzuhalten. Dieser verbrannte auf dem Marsche Sent, Schuls, Ardez, Guarda, Lavin. Die schöne reife Frucht auf den Rornfeldern wurde in Grund und Boden getreten. Über den Scalettapaß kamen die «Österreicher nach Davos. Sie nahmen es ein und machten da reiche Beute an wein, Lebensmitteln, Geld und Silbergeschirr. Dann steckten sie den Hauptort in Brand und setzten ihren Marsch nach dem prätigau fort. General Salis hatte sich mit den wenigen Truppen, die ihm treu geblieben waren, nach Saas zurückgezogen. -§r hatte 375 die Bundeshäupter nochmals dringend um Hülse gebeten, aber keine erhalten, von den wenigen Hülfstruppen der Lidgenossen hatten sich die meisten davongemacht. Traurig blickte er auf das kleine, schlecht bewaffnete Häuflein, das er noch bei sich hatte. Er mußte mit ansehen, wie die unglücklichen Einwohner mit Weib und Rind und allem, was sie mitführen konnten, das Tal hinauszogen. Trotzdem wollte er bei 5 aas einen letzten versuch machen, den Feind zurückzuschlagen, «östlich des Dorfes, beim Matteli, erwartete er ihn hinter einem Verhau von Bäumen. Zuerst griffen feindliche Dragoner an. Sie wurden zurückgewiesen. Auch eine Abteilung Fußvolk mußte in Unordnung zurückweichen. Ihr Oberanführer konnte sie aber rasch wieder ordnen und aufs neue in den Rampf. schicken. Lin Teil überhöhte nun die Bündner und griff sie von der Seite an. Da zogen sich diese auf die Wiese Lavisaun zurück. Lavisaun heißt auf Lateinisch Aquasana, und so hat man den Kampfplatz seither oft genannt. Hier kam es zum letzten heißen Ringen. Schon waren die meisten Fahnenträger der Bündner gefallen und die Fahnen verloren. Da gaben sich dreißig prätigauer das Wort, die Freiheit des Vaterlandes nicht überleben zu wollen. Mit geschwungener Reule rannten sie mitten in den Feind hinein. Sie durchbrachen seine Glieder und schlugen in der Verzweiflung um sich, bis sie alle tot zusammenbrachen. Die übrigen vermochten dem Feinde nicht mehr standzuhalten. Salis zog sich mit ihnen langsam nach Malans zurück. Lr trachtete, die Feinde von Strecke zu Strecke aufzuhalten, um den Talbewohnern die Flucht zu erleichtern. Diese begaben sich in die benachbarten eidgenössischen Gebiete und suchten dort bei mildtätigen Leuten Unterkunft. General Salis teilte dieses Los. Ende September diktierte «Österreich zu Lindau den Bündnern den Frieden. Die acht Gerichte und das Unter- engadin trennte es von den beiden andern Bünden. Die Bewohner dieser Gebiete mußten sich ihm bedingungslos unterwerfen. Mit den andern Bündnern durften sie keine politische Gemeinschaft mehr haben. Ihre Freiheits- und Bundesbriefe mußten sie ausliefern, ihre Kirchen den Kapuzinern überlassen. 376 planmäßig wollte Österreich jetzt in den bündnerischen Untertanengebieten die Gegenreformation durchführen. Auch der Obere und der Gotteshausbund wurden durch den Lindauer Vertrag betroffen. Dieser verbot ihnen, Bündnisse abzuschließen, bevor sie Österreich benachrichtigt hatten. In Blaienfeld und Lhur durfte dieses Besatzungen halten. Die Bündner Pässe sollten den Spaniern und Österreichern für ihre Truppendurchzüge offen stehen, den Katholiken alle frühern Rechte und Freiheiten und Besitzungen wieder zurückgegeben werden. Die prätigauer Flüchtlinge durften jetzt wieder in ihre Heimat zurückkommen. Aber es war eine furchtbar traurige Heimkehr. Fast alle Dörfer ihres Heimattales hatte der Feind verbrannt, das Land verwüstet und die Leute zu Bettlern gemacht. Eltern hatten ihre Kinder, Kinder ihre Eltern verloren. Unterdessen war der Winter herangekommen. Und mit der Kälte fing der Hunger an zu regieren. Durch die Einäscherung der Dörfer und die Verwüstung der Felder waren die Bewohner sämtlicher Lebensmittel beraubt worden. Gekochtes Heu mußte als Nahrung dienen, und aus dem Boden gegrabene Rüben waren ein Leckerbissen. Der Winter s622/23 heißt in unserer Geschichte nicht umsonst der „Hungerwinter". ^/Vie die Bündner ihre Unabhängigkeit und auch das veltlin wieder erlangten. f623—f639- Durch den Vertrag zu Lindau war Graubünden ein Untertanenland Österreichs und Spaniens geworden. Diese Rkächte konnten jetzt die Pässe unseres Landes nach Belieben benutzen. Darüber waren besonders die Franzosen sehr unzufrieden, weil das für sie große Nachteile hatte. Auch die Bündner ertrugen die österreichisch-spanische Fremdherrschaft nur widerwillig. Die französische Regierung nahm sich vor, die Österreicher und Spanier aus Graubünden und aus dem veltlin zu vertreiben. Die Bündner waren gern bereit, ihr dabei zu hel- 377 fen. Sie hofften, so auch das abgefallene Untertanenland wieder zu bekommen. Einen ersten Feldzug nach Graubünden und ins veltlin unternahmen die Franzosen mit schweizerischen und bündnerischen Hülfstruppen l.623—25. Sie erreichten aber nur, daß sich die (Österreicher aus Graubünden zurückzogen. Das Veltlin und die Bündner Pässe blieben in der Gewalt der Spanier und Österreicher zum großen Leidwesen der Bündner und zum Schaden der Franzosen. Da griffen diese nochmals ein. Im Jahre f635 schickte der französische Rönig den Herzog Heinrich Rohan mit Truppen nach Graubünden. Der Herzog war ein angesehener Mann und ein ausgezeichneter Heerführer. Durch sein leutseliges Benehmen gewann er die Bündner rasch für sich. Diese übertrugen ihm den Oberbefehl auch über die bündnerischen Truppen. Er sollte den Österreichern und Spaniern dasBelt- lin entreißen und ihnen den Durchpaß durch das Veltlin und Graubünden für immer abschneiden. Glänzend löste Rohan diese Aufgabe. Im Laufe eines halben Jahres besiegte er die Feinde in mehreren Gefechten. Die Gegner sahen ein, daß sie Rohan gegenüber nichts ausrichten können. Sie gaben daher den Aamps auf. Das veltlin befand sich setzt in den Händen der Franzosen Die Bündner erwarteten, daß diese es ihnen ohne weiteres übergeben werden. Rohan wäre dazu auch gern bereit gewesen. Er liebte die Bündner und ihr Land. In vielen Briefen bat er den Rönig und seinen ersten Minister, den Wunsch der Bündner zu erfüllen. Die französische Regierung war aber anderer Meinung. Sie gab den Bündnern schöne Worte. Über das veltlin wollte sie vorläufig selbst befehlen. Die Bündner sahen sich schwer getäuscht. Im ganzen Lande entstand jetzt eine tiefe Mißstimmung gegen die Franzosen. Diese Unzufriedenheit bewirkte sogar, daß sich die katho- - lischen und reformierten Bündner wieder einigten. Sie hatten bitter erfahren müssen, wohin Haß und Zwietracht führen. Sie sahen ein, daß sie des Landes Unabhängigkeit nur dann wieder herstellen und dauernd sichern können, wenn sie zusammenhalten. 378 Angesehene Männer beider Karteien vereinigten sich zu einem geheimen Bunde gegen Frankreich. Sie nannten ihn den Kettenbund. Sie wollten die Franzosen aus Graubünden vertreiben. An der Spitze des Bundes stand Georg ^enatsch. Dieser verstand es, die Ausführung des Planes so zu leiten, daß der Herzog Nohan bis zum letzten Augenblick nichts davon erfuhr, ^enatsch unterhandelte mit den (Österreichern und Spaniern. Um bei ihnen günstige Aufnahme zu finden, trat er zum katholischen Glauben über. Sie versprachen den Bündnern, wenn nötig, Hülfe zu leisten bei der Vertreibung der Franzosen. So verriet Ienatsch den arglosen Herzog. Als für den Aufstand alles verabredet und sorgfältig vorbereitet war, erhoben sich die Bündner am ss). März s637. Die Fähnlein im Lngadin, Bergell und Rheinwald bewachten die Wege nach dem veltlin, wo die französischen Truppen sich befanden. Die übrigen Mannschaften zogen nach Thür. Hier weilte der Herzog Rohan, den sie in ihre Gewalt bringen wollten. Mit knapper Not konnte er in die Rheinschanze bei der Tardisbrücke entfliehen. Getrennt von seinen Truppen, befand er sich hier völlig in der Lage eines Kriegsgefangenen. Lr war verraten und wehrlos.