W mMFÄ EHE ch^Mk !'^'-r'E->-^' WAM-sdS«»-^ . MWSMWWWÜML ÄWiZNN"ü""7 ^ SMWS W MMZ irÜZ!: !!??^:D;s:!-^Z?! WW-H ^U-W WU sUW ^>MMZ MUMMMM ?NAW^WWWW W^W OM^«M MWGUWM MM»MW MAm WMWL MW-W ÄMM LKLL tz4tz MMMS MKEE 's «M-x SMBSM UWW-A8 Urzeit Die Geschichte der Zchweiz Der Jugend erzählt von Johannes Jegerlehner Illustriert von Paul Rainmüller M. Umgearbeitete Aufläge 6.-8. Tausend Verlag von Grethlein §c Lo. in Zürich rvstlc» Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, Verlagsbuchhandlung vorbehalten. Einbandzeichnung von Hans Interlaken von der Zaugg, Dem Andenken meines Herzlieben lvalti Vorwort Alle staatsbürgerliche Erziehung gründet und süßt in der Kenntnis der Heimatgeschichte. Wer nicht alleweil in die reichen Tiefen unserer vaterländischen Vergangenheit hinabsteigt, vergißt gar oft über den Rechten die pflichten der Gegenwart. Wie mancher hat die Akropolis und das alte Rom besucht und angestaunt und weder das Rütli noch das Bundeshaus in Bern je betreten. Und doch, wie groß und herrlich springen und rauschen die Quellen staatsmännischer Weisheit, opferreicher Bruderliebe und Schweizer- treue in den Gründen und Schächten unserer Geschichte. Wie blitzt und kracht es zwischen Morgarten und Marignano von kühnen halbarten- und Schwertesstreichen. Wie wallt und glänzt dazwischen das Banner der engen Verbrüderung und Einigkeit. Rus allen Kapiteln der Schweizergeschichte strömt immer wieder die Mahnung, seid einig, steht zusammen, der Schweizer zum Schweizer. > Denn so oft man diese Mahnung vergaß oder in den Wind schlug und über die Grenzen hinaus Bündnisse schloß, war Abhängigkeit, ja Knechtschaft die Folge. Als man sich zum Fremdling mehr hingezogen fühlte als zum Stammesverwandten, brach die Eidgenossenschaft zusammen. Drum schließt die Ketten zu einem Willen und einer Ration. Kein Glaubenshaß, kein militärischer Kastengeist, keine abgöttische Verehrung des Auslandes! Alles durch das Volk und für das Volk. Wie der Fluß sein Bett aus frischen «Quellen speist, so bedarf der eidgenössische Haushalt des urgesunden Saftes und der Kraft des Volkes, wenn das Werk gut, stark und von edler Schweizerart sein soll. Wir wollen wieder mehr Schweizer- sein als Weltbürger und die frühe Jugend schon auf die Geschicke unserer Ahnen, in die Geschichte des Schweizervolkes blicken lassen und damit eine heiße Siebe zur 5 Heimat erwecken: die Vaterlandsliebe, die allein imstande ist, Spaltungen und Krisen zu überwinden und die Einheit und die Ehre unserer Heimat hochzuhalten. Jawohl, das Volk, unsere Jugend vor allen, soll wieder Schweizer- geschichte lesen und studieren und. an dem kerngesunden frommen Geist der Urvater ein Ideal fassen, das Ziel und Richtung gibt ins Leben hinaus. Die Geschichte der fremden Nationen in Ehren. Erhebender jedoch als die Schwärmerei für einen römischen Eäsaren, einen großen Schwedenkönig, den Völkermordenden Ehrgeiz Napoleons ist die Begeisterung für die Helden, die unserer Freiheit und der Wohlfahrt unseres Volkes sich geopfert haben. Tiefer ins Herz als der Tod der Maria Stuart geht die Trauer um die Not und das Elend des Schweizer- volkes in der Franzosenzeit. Heiliger als die Achtung für die großen Taten im Völkerkriege ist die alles einsetzende Liebe zum eigenen Vaterland. Höhlenbewohner hier also stehen wir aus dem Gipfel des Lggishorn, beinahe 3000 Meter über Meer. Ringsum blinkendes Firneis und starrender, nackter Fels. Blank und kahl wie die Gletscherrunde da oben glänzte und schimmerte in grauer Vorzeit, vor tausend und abermals tausend Jahren, unser Schweizerland vom Jura bis zu den Alpen. Statt der wallenden Kornfelder und der grünen Matten und Kartoffelacker verbreitete sich allum eine trostlose Liswüste, Bde und Wildnis. Nur die Gipfel der Bergriesen ragten aus dem Eismeer empor, war doch am Jura die Eisschicht immer noch 900 Meter hoch. Langsam, niemand weiß in welchem Zeitraume, zerschmolzen die Gletscher und wichen in die obern Täler zurück. Der Boden bekleidete sich mit Flechten, Moosen und Kräutern. Gräser und Sträucher schössen aus, Nadel- und Laubholzwälder wuchsen empor und erstanden zum dichtesten Urwald. Durch die Täler brausten wilde Gletscherbäche, die sich bald hier, bald dort in Sümpfen und Seen sammelten und geklärt und besänftigt als blaue Ströme durch die Hochebene weiterglitten. Ihr könnt euch vorstellen, daß es allenthalben oder doch stellenweise von wilden Tieren wimmelte, wie heute nur etwa noch im Innersten Afrikas und in den Wüsten Asiens. Da trottete das Mammut, ein zottiger Riesenelesant mit mächtigen Llsenbeinzähnen, durch das Dickicht, brummte der Höhlenbär, der doppelt so groß war als der heutige Vetter, der gemeine Bär, grasten Renntierherden in Waldlichtungen, tummelten sich Steinböcke, Gemsen, Dachse und Murmeltiere. Woher wir das alles wissen? Weder aus Runenzeichen noch aus Handschriften. Die Gletscher sowohl als auch die Menschen der Urzeit haben uns in ganz anderer Form die untrüglichsten Spuren ihrer Tätigkeit zurückgelassen, Spuren, die viel eindringlicher zu uns reden als Buchstaben und Pergament. 7 Zu unseren Füßen liegt der Rletschgletscher, der gewaltigste Eisstrom der Rlpenwelt. von Eisströmen reden wir, denn wie unsere blauen, still dahinziehenden Flüsse sind die Gletscher in steter Bewegung. Das Eis fließt, nur unsäglich langsamer als das Wasser, im Durchschnitt etwa einen Meter im Tag. Es zernagt den Userrand und schleift den felsigen Untergrund. Ihr seht die schwarzen Bogenlinien, die wie die Rippen eines Blattes aus dem Firne sich abzeichnen. Das ist Schutt, der hoch oben aus den Geröllhalden aus den Gletscher niederrieselt und mit ihm abwärtsfließt. Der eine von den dunklen Walmen endigt unterhalb des Märjelensees, die anderen reisen im Stromstrich gemächlich bis ans Zungenende. Diese Schuttbänder aus Gletscherlehm und Gestein heißen wir Moränen, Mittelmoräne, Seitenmoräne und am Zungenende die Stirnmoräne. Überaus scharf heben sich am Rletschgletscher auch die Seitenmoränen ab. Die nackten gelben Steilhänge am Rande überragen den Eiskörper um Turmeshöhe, denn der Gletscher ist in seiner Länge und Mächtigkeit stark zurückgegangen. Die Zunge ist jedes Jahr etwa zwanzig Meter kürzer geworden, und die Gbersläche hat sich gesenkt. Heute stoßen die Gletscher wieder vor, denn alle dreißig bis sünsunddreißig Jahre wechselt die Vorstoß- mit der Rückzugsperiode, was mit Rlima- schwankungen zusammenhängt. In der Eiszeit aber, oder in den Eiszeiten, denn die Gelehrten unterscheiden sogar vier Perioden, da dehnten sich die Rlpengletscher bis nach Deutschland und Frankreich hinaus, wo sie ihr schweres Gepäck ablagerten. Im südlichen Württemberg hat der Rheingletscher, bei Lyon der Rhonegletscher deutlich erkennbaren Moränenschutt zurückgelassen. Der Rhonegletscher trieb längs des Jura noch einen zweiten Rrm gegen Basel vor, von dessen nagender Tätigkeit ein prachtvoller, oft besuchter Gletscherschliff bei Solothurn Zeugnis ablegt. Die Blöcke, die in der Eiszeit fern ihrer Heimat liegen blieben, heißen Findlinge. Die vom Eis rundgeschlifsenen Felsstücke aus Granit und anderem Rlpgestein sind über die schweizerische Hochebene bis an den Jura verstreut. Ruf den höchsten emmentalischen Hügelrücken sind sie zu treffen. Mancher Bauer errichtete aus den Sprengstücken eines Findlings, der ihm unbequem wurde, einen neuen, soliden Schweinestall. Rls man in Bern die Rornhausbrücke baute und den Moränenhügel des Schänzli durchstach, wurden die zahlreichen Findlinge zu einer Tyklopenmauer aufgetürmt, die ihresgleichen nirgends mehr hat. Und 8 ältere Steinzeit (60007—2500 v. Chr.) I. Feuersteindolch mit Holzgriff. 2. Kamm aus Binsen mit Holz. 3. Steinbeil in Hirschhorn gefaßt. 4. Töpfchen mit durchbohrten Henkelwarzen aus dem Pfahlbau Port. 5. Teilstücke eines lvurfholzes (Vumerang), mit Figur 2 aus dem Pfahlbau Lutz. im Gletschergarten in Luzern werden die urzeitlichen Gletschermühlen durch Zufuhr fließenden Wassers sogar wieder in Betrieb gesetzt. Damals aber lebte auch schon der Mensch, und die Schweiz war vor der letzten vergletscherung bereits bewohnt. Lin loderndes Feuer, das Tag und Nacht brennt und die Raubtiere scheucht, verrät den Eingang zur höhle, in der eine Familie Zuflucht gesucht hat. Ein Nudel nackter Rinder balgt sich und purzelt, ohne Schaden zu nehmen, auf dem mit Nenntierfellen belegten Boden herum, von der Decke hängen die häute frisch erlegter Steinböcke, von Wisent und Urstier. Über der Lagerstatt ist das Fell des wollhaarigen Nhinozeros ausgebreitet. Die Mutter näht mit Rnochennadeln und Nenntiersehnen an einem neuen Wasserschlauch, weil der alte brüchig geworden ist und rinnt. Sie schimpft die Rinder tüchtig aus und klatscht ihnen Prügel auf, denn sie haben den Nestbutz in die Glut des offenen Herdfeuers gestoßen. Flink tröpfelt die Mutter dem Schreihals ein schmerzstillendes Gl in die Brandwunde und tritt unter den Nusgang, um den heimkehrenden die Beute abzunehmen. Die Rinder umringen den Vater und die großen Brüder, die mit schwerem Wildbret zurückkehren. Sechs Klpenhasen, vier Schneehühner und einen Wolf tragen sie auf den Schultern. Und ein Bär liegt tot in der Fanggrube. Mit großer List und schlauen Fang- Vorrichtungen haben sie die Tiere erlegt, zum Schutz gegen höhlenlöwen und höhlenpanther jedoch die Waffen mitgenommen, die gewaltige Holzkeule, Schleuder und Lasso, Pfeil und Speer. In der heißen Asche werden grad drei Hasen aus einmal gebraten, denn der Appetit ist allzeit groß, und schon die kleinen Kinder vermögen unglaubliche Mengen zu vertilgen. Der abgenagte Knochen wird zerschlagen und das Mark frei gelegt. Nach der Mahlzeit mehren sie den Bestand der höhlen- und Jagdgeräte, die sich rasch abnutzen, erstellen aus dem harten Feuerstein flotte Schaber, Messer, Sägen und Bohrer, aus Nenntierhorn stechige Ahlen und Pfrieme, Nadeln, Dolche, Speer- und Pfeilspitzen. Ein schwarzlockiger Bub schnitzt an seiner Zeichnung weiter, die er aus einem flachen Knochenstück begonnen hat. Im Jahre 1873 wurde die höhle Keßlerloch bei Thaingen und zwanzig Jahre später die Station Schweizersbild bei Schasshausen entdeckt und noch später die Wildkirchlihöhle am Säntis und die Tottencher- grotte bei Neuenburg. Das waren für die Gelehrten Offenbarungen, denn da lagen die Geräte und Waffen der einstigen Höhlenbewohner und daneben Überreste von Tierknochen zu Hausen. Diese Urmenschen standen ungefähr auf der Bildungsstufe der heutigen Eskimo und der afrikanischen Buschmänner, die ja auch zum Teil noch in höhlen wohnen und weder die Schrift noch die Töpferei und das gewobene Kleid kennen. Sie sind nur Jäger und Fischer, aber fixe Künstler, mit einer bewundernswerten Fertigkeit im Zeichnen, Malen und Schnitzeln. Grad wie unsere Höhlenmenschen. Geht hin und betrachtet die Thaingersunde im Nosgarten-Museum in Konstanz mit der wunderbaren Zeichnung des grasenden Renntiers, die Pferdeskizze im naturhistorischen Museum in Schaffhausen und die Fundstücke aus Schweizersbild im Landesmuseum in Zürich. Es gab unter den Höhlenbewohnern schön wahre Künstler, die mit unhandlichen Feuersteinsplittern auf Nenntierhorn viel schönere Zeichnungen ritzten als die meisten unserer Schüler mit dem Stift aus das feinste Zeichenpapier. Nun steigen wir aus der Firnwüste von Aletsch, die so urwelt-eiszeit- lich anmutet, wieder in die grüne, warmbehagliche Tiefe hinab. 10 Pfahlbau MMA -Ä^ -L MM Pfahlbauern Jahrtausende flössen dahin. Die großen Urwaldtiere starben aus oder zogen sich nach dem fernen Norden und ins Hochgebirge oder in wärmere Gegenden zurück, wo das Klima ihnen besser zusagte. Der Mensch lebte nicht mehr bloß von der Jagd und vom Fischfang. Er wurde seßhaft, hielt sich Haustiere und bestellte den Kcker. vor den gefährlichen Urwaldriesen suchte er wirksameren Schutz in befestigten Ansiedelungen aus dem Lande und in Wasserdörflein, die er in den seichten Ufern der Seen erstellte. Die Kunde von den Pfahlbauten ist noch nicht alt. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts sank der Spiegel des Zürchersees einmal so tief, daß die Uferbewohner den niederen Wasserstand nützten und ihren Grundbesitz in den See hinaus vergrößerten. Während sie gruben und schaufelten, stießen sie in Gbermeilen auf schwarzbraune pfähle, die so morsch waren, daß sie unter dem Spaten zerbröckelten. Dazwischen lagen Steinbeile und hämmer, Scherben gebrannter Gesäße. Sämereien und mancherlei Knochenstücke und Hausgerät. 11 Die Zeitungen brachten darüber lange Berichte. Alsogleich wurden auch an andern Leen die Ufer abgesucht, und siehe da, bei allen kleinen und großen. Schweizerseen mit seichten Ufern kamen psahlroste zum Vorschein. Auch außerhalb der Schweiz entdeckten die Forscher Überreste von Wasserdörfern. Nun erinnerte man sich, daß heute noch in Amerika und besonders im australisch-asiatischen Inselreich Völkerschaften in Pfahlhütten Hausen, die sie im Wasser und auf dem festen Boden errichteten. Ja sogar die Walliserspeicher mit den vier Stelzfüßen, die in der Tat wie psahlhüttlein ausschauen, sollen aus die uralten Pfahlbauten zurückgehen. Bis so ein psahldörslein dastand, vergingen wohl Jahre. Waren die pfähle eingerammt, so wurden die Baumstämme darübergelegt und verbunden. Aus dem festen Untergrund erstanden die einzelnen Hütten aus holz und Lehm mit einem Giebeldach von Schilf oder Stroh. Den Eingang verschloß ein in Zapfen drehbares Holzbrett, die Fensteröffnungen ein Laden mit Niegel. Moos und Felle waren die Lagerstatt, eine Steinplatte der Herd. Die Verbindung mit dem User besorgte der auf pfählen ruhende Steg, der des Nachts leicht zu unterbrechen war. Ins Wasser führten hölzerne Leitern, an denen die Einbäume festgebunden waren. Aus diesen hölzernen Inseln fühlten sich die Bewohner vor den wilden Tieren sicher. Die Abfälle aus der Küche warfen sie ins Wasser. Noch viel einfacher als bei unsern Hirten war das Leben in diesen Wasserdörfern. Am heiterhellen Tag ist es fast so still wie in der Nacht. Die Männer saulpelzen in der Sonne oder jagen im Walde. Nur die psahlbäuerin und ihre Töchter sind emsig an der Arbeit. Sie flechten Netze, spinnen den Flachs und formen Töpfe, Teller, Schüsseln, ja sogar Krüge, die sie mit Buckeln, Eindrücken und mannigfachen Strichornamenten gefällig machen. Sie sind aber auch heillos eitel, zieren den haarschops mit Kämmen aus holz und Horn, behängen nicht nur Ohren und hals, sondern auch die Arme und Beine mit Pechkohlenperlen und fein geschliffenen durchbohrten Steinchen und klatschen vor Lust in die Hände, wenn das Spiegelbild im Wasser ihnen gefällt. Am waldlosen Ufersaum sieht man wiederum Frauen und Mädchen, welche die Herden besorgen, den Boden umgraben mit Kärsten aus holz und Hirschgeweih-Zinken, mit hauen und Schaufeln aus Schieferplatten und Hirschhornstangen. Sie säen Weizen, Gerste, Hirse und Flachs. Zur Erntezeit schneiden sie das Korn mit der Feuersteinsichel, dreschen es mit langen Nuten und reinigen die Körner vom Unkraut. 12 Bronzezeit (ca. 1800—750 v. Chr.) Zig. 1. Nordisches Hiingegefaß aus dem Pfahlbau Lortaillod. 2. Bronzeschwert aus dem Lac de Luyssel bei Vex. 3. Bronzemesfer aus wollishofen. 4. Dolch aus Granges (wallis). 5. Zibel und 6. Nadel aus dem Pfahlbau INörigen Kehrt der Vater mit den Zähnen abends vom Aschfang oder von der Jagd zurück, so haben flinke Hände die Körner in flachen Stein- mühlen zerquetscht, den Teig mit Gartenmohn- und Leinsamen gewürzt und auf heißen Steinen das Brot gebacken, an Henkelschnüren den Topf übers Feuer gesetzt und den Hirsebrei gekocht. Der Vater und die Söhne lassen sich wie große Herren bedienen. Mutter und Töchter lösen ihnen die knöchernen Stecknadeln, heben den Fellüberwurf von den Schultern und versorgen die Beute. Sie zeigen freudig die Kiemen, die sie aus Birkenrinde genäht, Schuhe, die sie nach dem Leisten gemacht, Tücher, an denen sie gesponnen, Kappen und Decken, die sie fertig geflochten haben. Doch der Vater ist müde und wirft sich aufs Lager. Und die Söhne haben für die Hausarbeiten kein Interesse, weder für die Taschen, die ihnen aus die Kleider genäht wurden, noch für die kunstvoll gestickten Muster aus der Leinwand. Mürrisch geben sie dem Hunde, der ihnen des Nachts doch die bösen Geister scheucht, einen Fußtritt. In der Kinderzeit haben sie mit ihm gespielt, und jetzt gönnen sie ihm nirgends ein Plätzchen, diese Kohlinge. Nach dem Jahre 2000 vor Thr. kamen fremde Händler daher- gewandert, die ein prachtvoll schimmerndes Metall eintauschten, eine Zusammensetzung von Kupfer und Zinn, die wir Bronze heißen. Ls war eine Freude, wie sich das Metall im Feuer schmieden und formen 13 und zu kunstvollen Waffenstücken und Hausgeräten hämmern ließ. Zu der Bronze gesellten sich bald noch Gold, Glas und Bernstein. Die Vronzeroafse gab den psahlbauern das Übergewicht über die wilden Tiere, die sich teilweise verzogen und stark vermindert hatten. Die Familien verließen deshalb ihre Wohnsitze aus dem Wasser, bezogen feste Plätze auf dem Lande und schützten ihre Ansiedelungen mit palisaden, Wall und Graben. Die malerischen Pfahldörfer zerfielen oder brannten nieder. In der Aschenschlacke erhielten sich die Sämereien und Gewebe und so manches andere, das für die Kunde vom Leben dieser Seebewohner von unsäglichem Wert ist. Die prachtvollen Bronzeschwerter, die man in dem neuenburgischen La Tone aus dem Schlamme zog, führen uns schon in die urkundlich beglaubigte Geschichte, denn es waren dieselben Schwerter, wie sie die helvetier in der Schlacht bei Bibrakte gegen die Körner schwangen. Bibrakte Lin unendlich langer Zug von holperigen Ochsengespannen schlängelte sich im Frühjahr 58 vor Thr. durch weglose, unwirtliche Gebiete dem blauen Lemansee entgegen. Die Männer zu Fuß, von Hunden begleitet, die Frauen und Kinder aus die Wagen verpackt. Die helvetier, ein mächtiges, gallisches Volk, das die Hochebene zwischen dem Boden- und dem Gensersee inne hatte, waren im Begriff, die heimischen Gründe zu verlassen und im Lande der Santonen, an der Mündung der Garantie, sich eine neue Heimat zu suchen. Jahrelang war die Aus- wanderung beraten und vorbereitet worden. Der ewigen Kämpfe mit den Germanen über dem Khein, die ihren Frieden störten, war das heitere und dabei offenherzige Volk überdrüssig. Nicht nach Krieg und Ländergewinn trachteten die helvetier. Viehzucht, Ackerbau und Handel waren ihre Hauptbeschäftigungen. Der reichste Edle, namens Grgetorix, dem etwa zehntausend Knechte und Zinsbauern gehorchten, riet den Auszug an, bis es ruchbar ward, daß er nach der Königswürde strebte. Weil die helvetier keinen Herrscher über sich duldeten, sollte er mit dem Tode büßen. Um der gesetzlichen Strafe zu entgehen, gab er sich selbst den Tod. Die alten Männer, die auf einem frühern Kriegszuge den gallischen Süden gesehen, sprachen noch mit Bewunderung von dem blauen Himmel und der wunderbaren Fruchtbarkeit des Landes, und wie sie unter dem 14 Altere und jüngere Eisenzeit (900—50 v. Chr.) Geräte aus der älteren Eisenzeit, l. Dolch mit Teilstück der Scheide. 2. Tongefäß. 3. phalere oder Zierscheibe, diente als Schmuck der Pferde und Rrieger. Aus der jüngeren Eisenzeit: 4. Armspange. 5. Bronzene Gürtelkette mit Gehängen jungen tapfern Diviko die Römer besiegt und durch ein Joch von Spießen gejagt hatten. Raum waren die Stämme marschbereit und die Lebensmittel verladen, so brannten sie ihre Dörfer und Städte nieder, damit es niemand gelüste umzukehren, und traten die unsäglich lange und mühselige Reise an. Nach den Forschungen Rauchensteins und Birchers sollen die Helvetier wegen Übervölkerung ausgewandert sein, und zwar nur die jungen Leute mit Weib und Rind. Rls die Spitze der helvetischen Mannschaft bei Genf die Rhone überschreiten wollte, gebot ihnen der neue römische Statthalter Julius Täsar gebieterisch halt. Das war ein schlauer, ehrgeiziger Soldaten- sührer, der eben im Begriffe war, ganz Gallien dem aufstrebenden Römerreich dienstbar zu machen. Den Römern, nicht den tzelvetiern sollte der gallische Süden zuteil werden. Mit langen Unterhandlungen hielt er die Führer hin, verschanzte indessen das südliche Rhoneuser und verbot ihnen schließlich den Übergang. Rls die Helvetier sich nach Norden wandten und den langwierigen Weg über die Jurapässe einschlugen, um in einer anderen Richtung das Ziel ihrer Reise zu erreichen, raffte Täsar in Italien neue Truppen zusammen und spornte sie zu Gewaltmärschen an. 15 Die Auswanderer rückten nur langsam vorwärts. Sie mußten den Zugochsen und den Viehherden zum Weiden Zeit lassen. Und wo es fortwährend bergauf und -ab geht, treten bei einer Kolonne, die über Zwanzig Stunden in die Länge maß, gar vielerlei Stockungen und Verkehrshindernisse ein. Straßen waren keine. Der Übergang über die Saone nahm allein drei Wochen in Anspruch. Der Stamm der Tiguriner blieb zur Sicherung als Nachhut diesseits des Flusses zurück. Täsar stürzte sich auf die Schar, rieb sie aus, setzte seine kriegsgewohnten Soldaten in einem Tag ans andere User und blieb den helvetiern dicht an den Fersen. Bei Bibrakte, unweit Antun, entschied sich die in die Nacht hinein dauernde Schlacht zugunsten des überlegenen Söldnerheeres. Der Nest des helvetischen Auszuges, der mit den Frauen und Rindern noch rund 100000 Köpfe betrug, trat einen geordneten Rückzug an und kehrte in die verlassene Heimat zurück. Es war ein hartes Los, dem sich das gebeugte Volk ergeben mußte, von nun an sollten die Unterworfenen in ihren alten Weidegründen das Nömerreich im Norden gegen die Einfälle der Germanen schützen. Täsar war nicht nur ein hervorragender Truppensührer, sondern auch ein gewandter Schriftsteller. In einem lateinischen Bericht schilderte er seine Eroberungszüge in Gallien und im besondern den Auszug der Helvetier und den Kampf bei Bibrakte, wobei er die Zahl seiner Feinde gehörig überschätzte und den Gang der Ereignisse zu seinen Gunsten Julius Cäsar 16 Ballista Römisches Feldgeschütz. Im Hintergrund das Römerkastell Irgenhausen bei pfäffikon (Zürich) entstellte, um sich und seine Erfolge groß und bewundernswert in ein scharfes Licht zu setzen. Im Jahr darauf unterjochte er auch die Völker im Mallis. Seine Nachfolger in Nom besiegten die übrigen keltischen Stämme nordwärts der Klpen, so daß fünfzehn Jahre nach der Geburt Lhristi die gesamte heutige Schweiz dem römischen Reiche tributpflichtig ward. Rventicum Liegt nicht in dem Namen schon ein stolzer Klang! Nm obern Ende des Murtensees lag die Nömerstadt, die größte und wichtigste derhel- vetier, auf sanft sich wellendem Boden, der nirgends ins Gebirge anstieg. Nls die Helvetier nach Gallien auswanderten und ihre Städte und Dörfer verbrannten, wurde auch Nventicum in Nsche gelegt. Nach der Niederlage bei Bibrakte bauten sie die Stadt mit römischer Hilfe wieder auf, und nun erblühte sie herrlich zum Hauptsitz der römischen Verwaltung. Die Lastwagen rollten aus der breiten mit Steinen ge- 2 Jegerlehner, Geschichte 17 pflasterten Militär- und Handelsstraße nach dem Großen St. Bernhard und an den Genfersee einerseits, nach Mainz und Köln andrerseits. Tannenholz, harz, Butter und Käse, pelze und Sklaven wurden nach dem Süden geliefert und gegen Wein, Gl, Südfrüchte und die Erzeugnisse römischer Kunstfertigkeit umgetauscht. Austernschalen, Datteln und Oliven, die man dem römischen villenschutt enthob, beweisen, daß die vornehmen Römer sich das Leben nordwärts der Alpen recht bequem und behaglich einrichteten. Ausgediente Soldaten, sogenannte Veteranen, ließen sich hier dauernd nieder und bebauten den Acker. Die Gbstbäume ihrer südlichen Heimat suchten sie dem rauhen Klima anzupassen und zogen Apfel und Birnen, Kirschen und Pfirsiche. An den Gestaden des Gensersees pflanzten sie den Weinstock. Die Hähern Beamten bauten sich Landhäuser mit heiz- und Ladeeinrichtungen, die in solcher Vollkommenheit nie mehr erstellt wurden. Wer keinen eigenen Baderaum besaß, besuchte die öffentlichen Bäder, an denen kein Mangel war. Heizröhren durchzogen die hohlen Böden und Wände und spendeten eine gleichmäßige angenehme Zimmerwärme. Die Gemächer der Villen waren bis zur Brusthöhe mit schimmernden Marmortaseln verkleidet, und der Boden bestand häufig aus farbigen Steinwürselchen, die in ihrer Zusammensetzung geometrische Figuren, Blumen und Tiere darstellten. Diese farbigen Mosaikböden und die Malereien an den Wänden gaben den Wohnräumen prunk und vornehmen Glanz. prachtvolle Tempel empfingen die Gläubigen, die der Stadtgöttin Aventia und den römischen Göttern huldigten, Theater und Amphitheater die Schaulustigen und vergnügungssüchtigen. Das Theater faßte 10000 bis 12000 Personen, etwa ein Dritteil der Stadt, und desgleichen das Amphitheater. Während man südwärts der Alpen sich an Tiger-, Löwen- und Llesantenkämpsen ergötzte, wurden in Aventicum Bären, Wildschweine und Wölfe in die Arena gebracht und aufeinander gehetzt. Im Innern der Stadt befand sich auch die Schule für die Arzte und die Lehrer der Beredsamkeit sowie das Forum, wo die Märkte und Volksversammlungen stattfanden. Um die Mitte des dritten Jahrhunderts fielen die römerfeindlichen Alamannen über die Stadt her und zerstörten sie von Grund aus. Immerhin fügen sich die Überreste mit den aus dem Schutt gegrabenen 18 Funden zu einem Bilde zusammen, das die römische Stadt ganz gut erkennen läßt. von dem sechs Kilometer langen Ringwall sind gewaltige Bruchstücke stehen geblieben, in denen das freigelegte Gsttor und der zwölf Meter hohe Tornal- lazturm sich scharf abzeichnen. Inmitten grüner Matten erhebt sich als Überbleibsel des Forums die Storchensäule, auf der lange Feit ein Storchenpaar nistete. Dem Hauptsriedhof »an-r augustu- enthob man die Beste eines Eichensarges, eine Bronzekanne, ein Halsband, ein Armband, Glasperlen und zwei Trinkgläser, die den Toten beigegeben waren. Ferner zahlreiche Aschenurnen, aus denen wir schließen, daß die Leichen häufiger verbrannt als bestattet wurden. Die Ausgrabungen am Theater sind heute beendigt, beim Amphitheater aber erst in Angriff genommen. Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein holten sich die Bewohner von Avenches die Mauersteine von den römischen Bauwerken, so daß uns heute aus vielen Gebäuden des Städtleins der graue, von den Römern zubehauene Jurakalk von hauterive entgegenschimmert. von Aventicum lief die Hauptstraße weiter über Salodurum gegen vindonissa, dem hauptwafsenplatz der römischen Legionen. Das Amphitheater von Vindonissa ist heute freigelegt und durch Zementgüsse gegen Verwitterung geschützt. Zwei Straßen zweigten hier ab. Die eine ging über den Bötzberg nach Augusta, die andere zu den warmen (Quellen von Aquä (Baden), wo ein Militärlazarett stand, und über vitudurum 2 * 19 Amphitheater zu vindonissa Grundriß und rekonstruierter Schnitt, s.) Brüstungsmauer um die Arena, b) parallelmauer, mit a durch Gewölbe oder DeKsteine verbunden, einen inneren Umgang bildend, o) Öffnungen in der Brüstungsmauer (Schlupflöcher für die Rümpfenden), ä) Östlicher und westlicher Haupteingang, in die Arena hinabführend, e) Unterste Sitzreihe für vornehme (Beamte und Offiziere), t) Treppenhäuser, von den Haupteingängen aus erreichbar, x) Treppenhäuser, vom äußeren Umkreis aus erreichbar, b) Zugänge zu den untersten Sitzreihen von L.) Aufsteigende Sitzreihen (etwa 2l) mit einem Umgang in halber höhe. B) Oberer Umgang von ca. 3 Meter Breite' (Winterthur) zum Bodensee. Den Flüssen entlang zogen sich Seitenstraßen dahin, z. B. über Turicum (Zürich) längs den Seen nach Luria (Thür) und aus den Bündnertälern über den Septimen, den Splügen und den Vernhardin nach Italien. Längs des Rheins entstand eine Militärstraße von neun Metern Breite, die bei Basel abbiegend über Rugusta, vindonissa, Baden, Rloten, Winterthur und psyn führte, bei Rr- bon die helvetische Grenze verließ und die Verbindung mit der Donau herstellte. Zum Schutze dieser Straße wurden Festungen und Wachttürme errichtet. Näherte sich ein feindlicher Stamm, so gab der Wachtposten den andern das Zeichen mit dem Rauch bei Tag und mit dem Feuer des Nachts. Die Flußübergänge bei Furzach und Rügst schützten besonders starke Rastelle. Unter den dreißig festen Plätzen am Rhein erwuchs Rugusta bald zu einer ansehnlichen Stadt, die vielleicht zu Ehren des Kaisers Rugustus den Namen Rugusta Rauracorum erhielt. Ruf der höchsten Erhebung, die heute noch das Rästeli heißt, stand das Rastell, aus einer andern Rnhöhe der große Tempel mit marmornen Säulenhallen >und golden erglänzendem Dache. Im Walde versteckt liegen die Überreste des Theaters, das lOOOO Menschen faßte. Das heutige Rügst ist ärmer an Funden als Rvenches. Im fünften und sechsten Jahrhundert zogen die Römer sich über die RIpen zurück und überließen das Land den Rlamannen und Bur- 20 gundern, die eine andere Sprache, neue Litten und urgesundes Blut mit sich brachten. Klamannen und Burgunder Bis die Rlamannen in der Lchrveiz sich niederließen, waren weite Gegenden, die früher in der Blüte standen, verödet, von ihren Bewohnern verlassen und zur Wildnis geworden. Die germanischen Stäckme setzten sich nicht in den Tiefen der Flußtäler fest, die bis ins Mittelalter hinein unbewohnt blieben, sondern an ihren Hängen, wo frisches Csuellwasser, trockener Grund, Hochwald und gute Ackererde zur Besiedelung einluden. Die Ltädte waren ihnen verhaßt. Der Rlamanne wollte auf seinem Liedelplatz eigener Herr sein und Tllbogenfreiheit haben. Lein Hof war ihm Erde und Himmel, ein und alles. Das Hütten- dach bestand aus Ltroh, Lchilf oder Rasenstücken, bei den Häusern der vornehmen aus Schindeln, der Fußboden war festgestampfter Lehm, der geglättet und später wohl auch mit Brettern gedielt wurde. Lhr seid sicher alle schon einmal in einem Ülplerhäuschen eingekehrt und habt Milch und Rahm geschlürft. Grad so einfach und urschöpferisch wie die Sennhütte war das Rlamannenhaus. Hinter dem hohen Zaun, der die Hofstatt umschließt, liegt es breit und behäbig, mit tief niederhängendem Dache. Den obern Türpfosten ziert der Schädel eines Stierkopses. Treten wir ein. Über dem offenen Feuer hängt der Kochkessel, in dem das Habermus brodelt. Rm Herd ist des gestrengen Hausherrn Sitz mit geschnitzter Rückwand und Seitenlehne. Ruf dem Sitzbrett liegt ein Rissen. Der Tisch ist schmal, mehr nur ein Brett mit einer schüsselsörmigen Vertiefung, aus der die Speisen nach Rrt der Rüsseltiere gegessen werden. Einen solchen Tisch habe ich vor Jahren noch im Wallis gesehen. Buben und Mädchen sind in wollene oder leinene Hemden gekleidet, die ein Gürtel festschnürt. Darüber tragen sie einen mantel- artigen Überwurf, der statt der Knöpfe mit metallenen Gewandnadeln besteckt ist. Die Mutter hat am Gürtel eine lederne Tasche, in der sie ihre Schätze, Nadel und Faden, Kamm und Messer, verwahrt. Rn den Ohren hängen Ringe oder Gehänge verschiedener Rrt. Den Hals schmückt eine Schnur von gewürfelten Glasstückchen. Rm vierten Finger der linken Hand trägt sie den Ehering, da man glaubte, eine besondere Rder verbinde diesen Finger mit dem Herzen. 21 Das Kloster St. Johann zu Münster in Graubünden (Anficht von Nordost) feiert der Überlieferung nach Karl den Großen als Gründer (Bauzeit 800 bis 1008). Der Glockenturm stammt aus der I. Hälfte des XVI. Jahrhunderts M« An der Wand blinkt der Stolz des Mannes, das schwere, zweischneidige Schwert, das sich vom Vater aus den Sohn vererbt, und als Schutzwaffe der Schild. Der Verlust des Schildes galt als die größte Schande, und deshalb nahm der Besitzer ihn mit ins Grab. Mit Schleuderbogen und Pfeilen ziehen die Buben aus die Jagd. Im Winter schnitzen sie Waffen und Heldgeräte, die Mädchen zupfen Hans und Flachs von der Spindel, und die Mägde arbeiten am Webstuhl. In den Gegenden, wo die Alamannen in offenen Weilern und Dörfern sich näher zusammen ließen, wurde der Ackerboden, der allen gemeinsam war, in Fluren oder Felgen abgeteilt. Alle Dorfbewohner bestellten ihren Anteil mit derselben Frucht. Zu gleicher Zeit geschah die Aussaat, zu gleicher Zeit auch die Ernte, und die Bebauung dieser Zeigen wechselte jedes Jahr derart, daß einmal Winterfrucht, dann nur Sommerfrucht gesät wurde und im dritten Fahr der Boden brach lag. Dieses Verfahren nannte man Dreifelderwirtschaft, die den Vorteil hatte, daß die Lrde auch ohne Dünger fruchtbar blieb. Den Durst löschten die Alamannen mit Met und mit Apfel- und Birnenmost, den sie aus den wildwachsenden Früchten gewannen, von den Römern lernten sie nicht nur die bessern Sorten kennen, sondern 22 Grundriß der karolingischen Klosterkirche St. Johann, welche um das Jahr 800 gebaut wurde. Ursprünglich eine flach gedeckte einschiffige Saalkirche mit drei Apsiden an der Gstseite. Im Innern Wandgemälde auch den Wein, den sie vom Genfersee an die Gestade der nördlichen Seen verpflanzten, auch in Gegenden, wo er längst wieder verschwunden ist. vielfache Namen weisen daraus hin, daß unser Feld- und Gartenbau römischen Ursprungs ist, so Kohl — Laubs, Korb — Lorbis, Kirsche — Lsrasura, Käse — Lassos, Keller — Lsllarium, Birne — Biruiu, Stall — Ltabuluiu, Schindel — Leinäula, ferner Erbse, Linse, Zwiebel, Butter, Flasche, Becher, Pfund, Zentner. Ungefähr um dieselbe Zeit, als die lllamannen von helvetischen Landen Besitz ergriffen, siedelte sich der Bruderstamm der Burgunder in Sa- voyen an, von wo er allmählich gegen die Kare vorrückte und die Nlamannen zurückdrängte. Die Burgunder betraten aber die neuen Gebiete nicht als Sieger wie die Nlamannen, sondern als Freunde und verbündete der Nömer. Sie waren auch in der Minderzahl. Der römische Hausbesitzer trat den fremden Soldaten und deren Familie einen Dritteil seiner Wohnung zur Benützung ab. Die Burgunder waren nicht von wilder, kriegerischer Nrt wie die Nlamannen, vielmehr harmlos und sanftmütig, Eigenschaften, die unsern Welschen heute noch im Blute liegen. Die enge Berührung brachte es mit sich, daß die Freundschaft bald in Blutsverwandtschaft überging, zumal der Burgunder für die römische Kultur und Bildung sich sehr empfänglich zeigte und leicht anschmiegte. Er fand Gefallen an der schönen, wohlklingenden Sprache der Nömer, die ihm bald ebenso flott von der Zunge floß. Den Männern gefielen die dunkelhaarigen Römerinnen, und sie gingen Lhebündnisse mit ihnen ein. Die Mutter erzog ihre Kinder nach römischen Grundsätzen. So entstand im Laufe der Zeiten eine braunhaarige Mischrasse. die zu dem ursprünglichen Nlamannentum jenseits der Rare sehr bald in schroffen Gegensatz sich stellte. Mit der römischen Umgangssprache erlernten die Burgunder auch 23 die römische Baukunst und Technik und befreundeten sich mit dem römischen Steinhaus und der enggeschlossenen, stadt- ähnlichen Vesiedelung. Burgundische Gürtelschnallen, die in prachtvollen Exemplaren dem Boden enthoben wurden, zeugen auch für den srühentroickelten Kunstsinn der romanisierten Burgunder. Rm wenigsten vermischt erhielt sich die alteingesessene keltische Bevölkerung im Land der Rätier. Unter dem Einfluß der Römer wurde ihre Sprache ebenfalls romanisiert, und so entstand das Rätoromanische, das sich in vielen Tälern des Bündnerlandes bis aus den heutigen Tag erhalten hat und wohl in alle Zukunft fortbestehen wird. Die Gebiete südwärts des Gotthard blieben bei Italien und teilten die Schicksale dieses Landes, bis im fünfzehnten Jahrhundert die Eidgenossen neue Verhältnisse schufen. In unserem Schweizerländchen wird heute in vier Sprachen geschrieben, gesprochen, gezankt und an Verbrüderungsfesten pokuliert, und wir bedauern es nicht, sondern freuen uns der Mannigfaltigkeit unseres schönen Schweizerhauses und seiner Bewohner, die in Sprachen und Sitten so durchaus verschieden sind und doch mit allen Sinnen darüber wachen, daß das gemeinsame Vaterland auch fürderhin frei und stark bleibe. Im sechsten Jahrhundert stießen die Rlamannen mit ihren Nachbarn im Westen zusammen. Es war der germanische Stamm der Franken, dem sie nach einer gewaltigen Schlacht unterlagen. Ruch die Burgunder und die Rätier mußten sich den Franken beugen, die Schweiz war fortan fränkisch. Durch Karl den Großen, von dessen Wirksamkeit Standbild Karls des Großen in der Klosterkirche zu Münster (Graubünden') 24 in unserm Lande nur sagenhafte Berichte vorliegen, erhielt die Zchweiz die fränkische Gauverfassung. Ls entstanden der Rugstgau, der Thur- gau, der Kargau, der Genfergau und später noch andere Gaue. Die straffe Verwaltung Karls des Großen und seiner Beamten hob das verwüstete Land zu einem geordneten, nach Recht und Gesetz regierten Ltaatswesen. Die schwachen Nachkommen des großen Kaisers stritten nach dessen Tode um den gewaltigen karolingischen Länderbesitz. In dem Vertrag zu verdun teilten sie das Reich und zogen den Strich mitten durch die Zchweiz, wodurch sie in zwei Hälften zerfiel. Das Land östlich der Rare kam an Gstsranken oder Deutschland, das Land westlich der Rare an Mittelfranken oder Lotharingen. Da hier die kräftige Herrscherhand fehlte, schwangen sich ehrgeizige Große zu selbstherrlichen Regenten empor. Ein Graf Rudolf stiftete in St. Maurice im Wallis das Königreich Hochburgund, und in Rlamannien und Rätien herrschte Graf Vurk- hard. Im Jahre 1033 wurde Burgund mit dem deutschen Reiche verbunden. Die thebäische Legion Die ersten Thristen kamen von Italien her über den 5t. Bernhardsberg ins Wallis. Im Rathaus von Litten ist an der Wand eingelassen eine aus dem Jahr 377 stammende Inschrift von belanglosem Inhalt, die aber ein eingegrabenes Thristusmonogramm enthält. Im römischen Städtchen Ootoävruin (Martigny) waltete bereits zu Rnfang des vierten Jahrhunderts ein Bischof. Ruch in Lvsntiouin und an andern Orten der Zchweiz lebten damals schon Thristen. Sie pflegten ihre Geräte mit den symbolischen Zeichen zu schmücken, mit denen sie sich gegenseitig zu erkennen gaben. Von den ersten Thristen in der Zchweiz weiß die Geschichte wenig zu berichten,- wohl aber erzählt uns eine rührende Heiligensage von der Niedermetzelung der sogenannten thebäischen Legion in in der Nähe des heutigen §t. Maurice: In dem Heer des lasterhaften römischen Kaisers befand sich eine christliche Legion mit dem Namen die thebäische, weil sie aus der Stadt Theben in Ägypten herangezogen wurde. In Ootoäuruin erhielt der Kaiser Kunde, daß die Legion in sich weigere, an den Thristenverfolgungen teilzunehmen. Lr gab deshalb den Befehl, jeden zehnten Mann der Rebellen zu töten. 23 Die grausame Tat bewirkte, daß die andern nur noch fester zusammenhielten und mit ihrem Führer Mauritius gelobten, lieber den Märtyrertod zu sterben, als Unrecht zu begehen. Da wurde die gesamte Legion, die noch an 6000 Mann betrug, niedergemacht. Einige wenige entflohen dem Tode, um anderwärts dasselbe Schicksal zu erleiden. Urs und Victor erlagen in Solothurn, die Geschwister Felix und Negula in Zürich den Martern. Über den Gebeinen der ermordeten Legion erhob sich das Kloster ^.Murmln, das zum Andenken an den thebäischen Obersten Mauritius später den Namen §t. Maurice erhielt. Unter den Bauleuten des Klosters befand sich ein Schmied, der noch Heide war. Lr blieb am Sonntag in der Werkstatt und hämmerte. Plötzlich umfing ihn eine lichte helle. Er schaute aus und sah die Gesichter der Märtyrer vor sich. Älsogleich verlangte er, Lhrist zu werden. Das Ansehen der thebäischen heiligen wuchs bald an allen Orten derart, daß man zu ihrem Lob und preis Kirchen errichtete, ihre Gebeine als Reliquien sammelte und in hohen Ehren hielt. Das Schwert des hl. Mauritius soll zum römisch-deutschen Neichsschwerte geworden sein, das lange Zeit mit den übrigen Neichskleinodien aus dem Schlosse Kiburg aufbewahrt wurde, während die hallauer behaupteten, dessen panner liege in ihrem Orte vergraben. Unter dem römischen Kaiser Diokletian wurde ganz helvetien christlich. In Martinach, Genf, I.V6irtiouin, VinäonissÄ, Äugst und Thür hielten Bischöfe ihren Einzug. Das Bistum Martinach wechselte später mit Sitten, I.v6ntieura mit Lausanne, Äugst mit Basel und Vinäonissa mit Konstanz. Loluinba und Gallus Die Älamannen, die in unser Land einbrachen, waren noch wilde Heiden. Sie verehrten Naturgötter, unter denen Wodan zu allerhöchst aus goldenem Stuhle thronte und über den Wolken in Walhalla saß. In seinem blauen Mantel funkelten die goldenen Sterne. Den Tapfern verlieh er den Sieg, und die Gefallenen ließ er von seinen Töchtern, den Walküren, in die herrlichen Gefilde der Walhalla tragen. Dem Kriegsgott Ziu weihten die Älamannen den Dienstag (Zischtig), dem Donnergott Donar den Donnerstag, der Freya, auch Frau hulda oder holla genannt, den Freitag. Die Schwester Donars war die lieb- 26 liche Frühlingsgöttin Gstara, der das Osterfest galt. Ihr stellten sie die schreckhafte hel oder Hella gegenüber, die Göttin der Unterwelt und des Verderbens. In heiligen Hainen, aus Felsen und an Ouellen opferten sie ihren Göttern Tiere. In seinem Lkkehard-Noman erzählt uns Scheffel von einem Gpferfest aus hohenkrähen: „Es brannte ein verglimmend Feuerlein. Dunkle Gestalten regten sich. Line breitwipflige Liche breitete ihre dunklen Aste aus. Ls war ein Tier geschlachtet worden, ein Haupt, wie das eines Pferdes, war an den Eichenstamm genagelt, Spieße standen über dem Feuer, Knochen lagen umher,' in einem Gesäß war Blut. Um einen zugehauenen Felsblock saßen viele Männer, ein Kessel mit Bier stand aus dem Stein,' sie schöpften daraus mit steinernen Krügen. An der Liche kauerte ein alt und struppig Weib. Die Männer schauten nach ihr. Zusehends hellte sich der Himmel im Osten. In die Uebel über dem See kam Bewegung. Fetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen vergüldend über die Berge: bald stieg der feurige Ball empor: da sprang das Weib aus, die Männer erhoben sich schweigend: sie schwang einen Strauß von Mistel und Tannreis, tauchte ihn in das Gesäß mit Blut, sprengte dreimal der Sonne entgegen, dreimal über die Männer, dann goß sie des Gefäßes Inhalt in das Wurzelwerk der Liche. Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen, sie rieben sie dreimal aus dem geglätteten Fels, daß ein summendes Getöse entstand, hoben sie gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus,- in gleichem Takte setzte jeder den Krug nieder: es klang wie ein einziger Schlag. Dann warf ein jeglicher seinen Mantel um: schweigend zogen sie den Fels hinab. Ls war die Nacht des ersten November." Im Anfang des siebenten Jahrhunderts erschienen von Irland her fromme Sendboten, die den Alamannen das Evangelium verkündeten. Tolumba und Gallus ließen sich mit einigen Gefährten in Tuggen nieder. Gallus geriet bei seinem Bekehrungswerk dermaßen in Eifer, daß er den Heidentempel verbrannte und die Götzenbilder in den See stieß. Die Bewohner verfielen darob in Zorn und wollten ihn töten. Da verließen die Gottesmänner den Grt und gelangten nach Arbon, wo der Priester Willimar sie freundlich empfing und bewog, nach Bre- genz zu fahren und dort ihre Wohnung auszurichten. Sie folgten dem Nat und kamen zu einem Volk, das drei eherne und vergoldete Götzenbilder verehrte. Als Gallus glaubte, das Lis in den herzen der Hörer sei geschmolzen, 27 schleuderte er die Götzen weit in den Lee hinaus. Ein Teil des Volkes bekehrte sich zu der neuen Lehre, der andere ging in Wut von dannen. In einer schönen Sommernacht warf Gallus seine Netze aus und hörte, wie ein böser Geist seinem Genossen in den Fluten des Sees zurief: „Es sind Fremdlinge da, die mich aus meinem Tempel geworfen haben. Mach' dich aus und hilf mir, sie zu verderben." Der Geist im See erwiderte: „Einer von ihnen ist schon bei mir im Wasser, ich kann ihm aber keinen Schaden antun." 5lls Gallus diese Worte vernahm, schlug er das Kreuz und verbannte die bösen Geister aus dem Lande. Zu Hause erzählte er Tolumba, was sich zugetragen hatte, und der Gefährte versammelte die Bruder in der Kirche. Wie sie eben ihre Gebete sprachen, erhoben die Geister ein schreckliches Geheul und nahmen vor dem Gott der Thristen Neißaus. Die Heiden verklagten nun die irischen Mönche bei ihrem herzog, woraus diese Befehl erhielten, das Land zu verlassen. Zwei der Bruder, die den Dieben einer Kuh nachgingen, wurden erschlagen und ausgeplündert. Lolumba begab sich von hinnen und wanderte über die Berge nach Italien. Gallus mutzte zurückbleiben, weil er krank war. Nach seiner Genesung machte er sich mit einem Kameraden aus den Weg und kam längs der Steinach zu einer Stelle, wo das Wasser über eine Felswand sprang. In dem Bache fanden sie Fische und in einer höhle Unterkunft. Als sein Gefährte schlief, erhob sich Gallus, um zu beten. Da erschien ein Bär, der gierig die Überreste der Mahlzeit verschlang. Gallus rief ihn an: „Im Namen unseres Herrn Jesu Thristi befehle ich dir, nimm holz und wirf es ins Feuer." Der Bär gehorchte und erhielt zum Dank ein Stück Brot. Gallus verbannte ihn hierauf, damit er weder Menschen noch Tieren schade. Seinem Genossen erschienen, als er Fische sing, Wassernixen, die ihn höhnten und mit Steinen be- warfen. Gallus verbannte auch diese bösen Wesen und fand endlich ein liebliches Plätzchen, wo sie ihre Zelle bauten. Nn diesem Grte blieb er bis an sein Ende. Etwa hundert Jahre später erhob sich über der Zelle des Gallus das Kloster St. Gallen. Das Kloster Lt. Gallen von Anfang an wurde das Kloster so eingerichtet, datz die Mönche aus dem Drden des heiligen Benediktus alles, was sie für ihren Unter- 28 halt gebrauchten, innerhalb der Mauern erhielten. Um die Kirche des heiligen Gallus lagen viele andere Gebäude, die durch Hecken und Mauern gruppenweise voneinander geschieden waren. Über den sechs großen Viehställen befanden sich die Wohnungen und Schlafräume für das Gesinde und die Wächter. Aus der Bäckerei und von der Bierbrauerei strömten würzige Düfte m die Herberge der Pilger und Armen, wo Brot, Speck und Wein ausgeteilt wurde, hinter der Bäckerei erhoben sich nochmals weiträumige Stallungen für die Ueit- und Zugpferde. von den Stampfmörsern und Getreidemühlen, aus den Werkstätten der Küfer und Drechsler, der Schmiede, Schildmacher und Schwertfeger schallte ein ohrbetäubender Lärm, während es bei den Tischmachern und Walkern, in der Gerberei, bei den Goldschmieden und Elfenbeinschnitzern stiller zuging. Neben der Mühle waren Dreschtenne und Kornspeicher. Da die Mönche beinahe nur von Pflanzenkost und Fischen lebten, so erstreckte sich der Gemüsegarten über ein weites Feld, in dem mancherlei Kräuter und Gewürze gezogen wurden. Etwas abseits gackerte und schnatterte das Federvieh. Die Früchte pflückten die Mönche im Friedhos, der voll der schönsten Bäume stand. Zu den vornehmen Räumen zählte die Wohnung des Rbtes und die sogenannte äußere Schule für reiche Laien und künftige Weltgeistliche. Zu den stillen Räumen die innere Schule für die Klosterzöglinge, der Spittel, die Apotheke und Rrztwohnung. Das Kloster mit seinen vierzig Firsten war schon beinahe einem Städtchen vergleichbar. Kloster und Kirche waren überaus reich geschmückt. „Die glänzend' hellen Glasfenster, die gläsernen Kronleuchter, die mit getriebener Arbeit in Gold und Silber verzierten, mit kostbaren Teppichen gedeckten Altäre, die aus Elfenbein und Edelmetallen kunstreich ge- s sertigten und mit Edelsteinen besetzten Kruzifixe und Reliquienkapseln, die Meßkelche und Meßgewänder, dies alles erregte das Staunen und die Bewunderung der Zeitgenossen und ihrer Nachkommen." Den größten Ruhm ernteten die St. Galler Mönche mit ihren Meß- gesängen, die von dem Papst ins Meßbuch aufgenommen und in ganz Europa gesungen wurden. St. Gallen war die Musik- und Gesangschule, ja die Hochschule der süddeutschen Lande. Das Kloster hatte auch seine Schreibschule, wo die Mönche sich geschickt in die Hände arbeiteten. Die einen bereiteten aus Tierhäuten das Pergament, denn Papier gab es damals noch nicht, andere zogen die Linien, schrieben, zeichneten und malten farbige Buchstaben und Bilder > in die Schrift. Das Schreiben wareine äußerst mühselige Arbeit, und u die Abschrift eines Buches nahm ohne Spaß einen Manneslebtag in Anspruch. Die Buchstaben wurden nicht wie heute nur so hingeworfen und aneinandergereiht, sondern mit unnachahmlicher Feinheit einzeln gezeichnet und ausgemalt. Die Anfangsbuchstaben eines Kapitels oder eines Abschnittes zierten prachtvolle Schnörkel. Besonders schöne Ausgaben erstellte man mit Gold- und Silbertinte aus purpurfarbenem Pergament. Im goldenen Psalter füllt ein einziger Buchstabe als besonderes Kunstwerk eine ganze Seite. Die Farben und Tinten dieser St. Galler Künstler glänzen heute noch so frisch aus den vergilbten pergamenten, als ob sie gestern und nicht vor einem Jahrtausend erstanden wären. Die großartige, segensreiche Wirksamkeit des Klosters unterbrach im Jahre 92G der Ungarn ruchloser Überfall. Darüber berichtet einer der Mönche in seiner Thronik: Im Anfange glaubten mehrere Brüder und Dienstleute dem Gerüchte nicht und wollten nicht fliehen. Ls wurde aber doch ein Platz ausgesucht, der aus schmalem Berghalse durch abgehauene Pfähle und Baumstämme umschanzt wurde, und es entstand eine sehr feste Burg. Eilig wurde der notwendige Bedarf dorthin gebracht und schnell eine Kapelle gebaut. In diese wurden die Kreuze und die Verzeichnisse der Spender geschafft und dazu fast der ganze Schatz der Kirche, außer den Büchern, welche aus den Gestellen standen. Diese hatte der Abt nach Keicbenau gesendet. Die Alten mit den Knaben gab er unter Aufsicht des Thieto nach Wasserburg . Die Späher strichen bei Tag und Nacht aus wohlbekannten Pfaden und verkündeten die Ankunft der Feinde, damit man in die Verschärfung flieheaber die Brüder hielten zu sehr für unmöglich, daß der heilige Gallus jemals von den Barbaren überfallen werden könnte. Engelbert selbst war dieser Meinung und trug fast zu spät die wertvollsten Sachen des heiligen Gallus in die Burg. Die Feinde zogen nicht gesammelt, sondern brachen in ^Schwärmen über Städte und Dörfer, weil niemand widerstand, raubten und brannten aus und sprangen unerwartet gegen Sorglose, wo sie gerade wollten. Auch in den Wäldern lagen zuweilen hundert oder auch weniger, um hervorzubrechen. Nur der Nauch und der rote Feuerschein am Himmel verrieten, wo gerade die Hausen waren. Ls war aber damals unter den Unsern ein recht einfältiger und närrischer Bruder, dessen Bede und Tun oft belacht wurde, mit Namen heribald. Ihn mahnten die Bruder, als sie nach der Burg flohen, daß auch er fliehe. Lr aber sprach: „Meinetwegen fliehe, wer will; ich aber werde niemals fliehen, denn mir hat der Kämmerer in diesem Jahre klein Leder zu Schuhen gegeben." Da ihn aber die Bruder in der letzten Not mit Gewalt Zwingen wollten, mit ihnen zu weichen, so sträubte er sich sehr und erklärte, niemals den Weg zu machen, wenn ihm nicht sein jährliches Leder'im die Hand gegeben würde.-Und so erwartete er furchtlos die eindringenden Ungarn. Endlich flohen, fast zu spät, die Bruder mit andern Zweiflern, durch den Schreckensruf gescheucht: „Die Feinde dringen heran." heribald aber spazierte müßig aus und ab. Da brachen die köckertraaende n Unaarn .ein, mit Wurfspeer und, Lanze drohend. Eifrig suchten sie überall, kein Geschlecht oder Alter hatte auf Erbarmen zu hoffen. Da fanden sie den Bruder allein, der furchtlos in ihrer Mitte stand. Sie wunderten sich, was er hier wollte, und warum er nicht geflohen war. Die Führer befahlen den Mördern, seiner noch mit dem Eisen zu schonen, und fragten ihn durch Dolmetscher, und als sie merkten, daß er ein großer Narr war, schonten sie lachend seiner. — Den steinernen Altar des heiligen Gallus hüteten sie sich zu zerwerfen, weil sie sich früher häufig durch ähnliche versuche ausgehalten und nichts als Knochen und Asche darin gesunden hatten. Endlich fragten sie den Narren, wo der Schatz des Klosters liege. Lr führte sie rüstig zu dem verborgenen Türlein des Schatzhauses- sie erbrachen es, fanden aber darin nur Leuchter und vergoldete Kronleuchter, welche die Eiligen bei der Flucht zurückgelassen hatten, und gaben heribald Ohrfeigen, weil er sie getäuscht hatte. Zwei von ihnen bestiegen den Glockenturm, denn sie hielten den Hahn aus der Spitze für golden. Und als sich einer weit vorbeugte, um ihn mit der Lanze abzustoßen, siel er von der höhe in den vorhof und kam um. Der andere stieg aus den Gipfel der östlichen Zinne, siel rückwärts herunter und ward ganz zerschmettert. D iese beiden verbrannten-sie, wie heribald später erzählte, zwifcheir den Türpfosten, und obgleich der flammende Scheiterhaufen denTür- halken und die Decke heftig ergriff und mehrere von ihnen um die Wette mit Stangen den Brand schürten, vermochten sie doch nicht, die Kirche anzuzünden. Ls lagen aber in dem gemeinen Keller der Brüder Zwei Weinfässer, noch voll bis zum Spunde, die man so zurückgelassen hatte, weil in der Not niemand die Ochsen anzuschirren und zu treiben wagte. Diese Fässer öffnete keiner der Feinde, vielleicht weil sie auf 3l ihren Veutewagen Überfluß daran hatten. Denn als einer von ihnen den Eschenspeer schwang und einen Reisen durchschlug, da rief heribald, der schon vertraulich mit ihnen verkehrte: „Laß das sein, guter Mann! Was denkst du denn, daß wir trinken sollen, wenn ihr weggegangen seid?" Rls der Ungar dies durch den Dolmetscher vernahm, lachte er und bat seine Genossen, die Fässer des Narren nicht zu berühren. Endlich hörten die Bruder, daß die wilden Feinde aus beiden Usern des Rheins alles durch Feuer und Mord verwüstet hatten und über den Strom gesetzt waren. Da wagten sie endlich, sicher in das Kloster zurückzukehren. Sie säuberten die heiligen Grte, untersuchten die Werkstätten und luden dann den Bischof,' daß er alles mit geweihtem Wasser be- stch jetzt im historischen Museum zu Basel sprenge Zähringen, Riburg und Zavoyen Bei dem Namen Zähringen steigen die zwei schönen, von Flüssen umspülten Städte Freiburg und Bern vor unsern Rügen aus. Die herzöge von Zähringen sind vielleicht Nachkömmlinge des alten Rlamannenherzogs Burkhard. Die Burg, nach der sie sich später nannten, liegt im Breisgau, ihr ältester Besitz in Schwaben. Durch Verträge und Erbschaften, deren Mächtigkeit und Größe uns heute fast unfaßbar erscheinen, gelangten sie in den Besitz der Güter vom Genfersee bis zur Rare und Emme. Der deutsche Kaiser verlieh ihnen die Statt- 32 Karburg mit der Lurg vor dem Umbau Halterschaft über das hierseits des Jura gelegene Burgund mit dem Titel herzog und Rektor. Die Herren der Westschweiz, denen die deutsche Sprache des Herzogs barbarisch klang, suchten den lästigen Fremdling abzuschütteln. Da verfielen die Zähringer auf den klugen Gedanken, feste Plätze und Städte zu gründen und in den freien Stadtbewohnern MM »I»«W . Verteidigungsbauten Linkes Bild: Torverschluß. Rechtes Bild: Schnitt durch einen doppelgeschossigen hölzernen lvehrgang an der Ringmauer (Zofingen) Jegerlehner, Geschichte 33 Das Schloß Riburg sich treue verbündete zu schassen. Sie legten befestigte Plätze an oder sicherten offene Orte mit Wall und Graben. Die Lauern vertauschten das Landhaus und die Ackerscholle mit einem durch allerlei Rechte begünstigten Sitz in der Stadt. Unfreie wurden Freie, die Freien erhielten ihren Bauplatz umsonst, und die Kaufleute und Handwerker ließen sich durch Wochen- und Jahrmärkte zur Ansiedelung in die Stadt verlocken. Ihnen folgten die Ritter und ärmeren Edelleute, die gegen schöne Lehen gerne die Burghut oder Verteidigung der Stadt übernahmen. Das buntgemischte städtische Volk schloß sich zur freien Bürgergemeinde zusammen, die aus ihrer Mitte den Schultheißen und den Rat bestellte. Als der letzte Zähringer im Jahre l2l8 kinderlos starb, fielen die Städte Zürich, Bern und Solothurn an das deutsche Reich zurück und wurden reichsunmittelbar, das heißt, sie hatten niemand zu gehorchen als dem Reich. Einen Teil des Erbes, worunter die Städte Freiburg, Burgdorf und Thun, erhielt sein Schwager, der Gras von Kiburg. Die Kiburger waren aber nicht die einzigen großen Herren im Lande. Neben sie stellte sich eine glänzende Reihe anderer Adelsgeschlechter, von denen jedes gerne das größte und mächtigste gewesen wäre. Da sind zu nennen die Grafen von Toggenburg, im Zürichgau die Grafen von Rapperswyl, im Aargau die Habsburger, im Berner Oberland die Freiherren von Ringgenberg und von Weißenburg, die bei den Buben- 34 Das Spalentor in Basel (Westseite der Stadt) berg im goldenen Hof zu Spiez oft zu Gaste saßen, im Wallis das Bittergeschlecht von Turn, ferner die hochadeligen Grafen von Vuchegg, von Greyerz, von Savoyen und von Neuenburg und die noch viel häufigeren vienstmannengeschlechter. Die erste Nolle spielten vorerst die Biburger. Um ihren Stammsitz an der Töß, unweit Mnterthur, der heute noch bewohnt ist, hatten sich die Grafen ein hübsch abgerundetes Besitztum geschaffen, das, durch unheimlich große Erbschaften eine mächtige Ausdehnung erhielt. Sie beerbten als nahe verwandte die Lenzburger im Aargau und erhielten einen Teil des zähringischen Besitztums, so daß ihre Macht bis an den Bodensee und bis ins Uechtland hineinreichte. In der langen Kaiserlosen Zeit, wo jeder gewissenlose Bitter auf eigene Faust sich bereicherte, kam auch den Grafen von Biburg ein unbezwingbares Gelüsten an. auf schutzlose Reichsstädte, wie Bern, ohne Grund und vorwand die Hand zu legen. Als er dazu Miene machte, zog er nicht nur den Fluch der Reichsstädte auf sich, sondern geriet durch Lern noch in Fehde mit dem 35 3 * gewaltigen Grasen Peter von Savoyen, unter dessen Schutz sich die Karestadt begeben hatte. Seiner unvergleichlichen Tapferkeit und Klugheit und der erhabenen Statur wegen verglich man diesen Peter mit Karl dem Großen. Natürlich war auch der Necke am Gensersee, der das prachtvolle Schloß Thillon erbaute, durch Heirat, kauf und Erbschaft unsagbar reich geworden. Gehörte ihm doch alles Land rings um den Leman, die lvaadt mit inbegrisfen. Schmunzelnd nahm er Bern und Murten in seinen Schirm und träumte schon von großen kiburgischen Erbschaften, da ein kiburger mit seiner Schwester Margaretha verheiratet war. wie er aber nach dem kiburgischen Erbe greifen wollte, stieß er mit einem andern Großen zusammen, der stärker und mächtiger und noch ländergieriger war als er, und das war der Gras Nudols von Habsburg. Habsburg Im Anfang des elften Jahrhunderts legten die Habsburger aus dem lvülpelsberg zuhöchst der kette, die von Brugg nach Wildegg läuft, die neue Feste Habsburg an. wie von den Habsburgern, so läßt sich auch von ihrem Schlosse wenig Erfreuliches melden. Ich kenne keine Märchen von verwunschenen Burgfräulein oder tapferen Prinzen. Doch halt, von der Gründung erzählt uns die Sage ein hübsches Geschichtlein. Die Brüder Werner und Nadbot machten sich durch Eigennutz und herrisches Wesen verhaßt. Werner war Bischof von Straßburg und mischte sich in allerlei weltliche Händel, die ihn nichts angingen. Die Zahl seiner Feinde wuchs unaufhörlich, so daß er sich in Straßburg nicht mehr sicher fühlte und für den Fall der Not eine feste Zufluchtsstätte wünschte. Er übergab deshalb dem Bruder Nadbot einen Haufen Geld, damit er aus dem lvülpelsberg eine Burg erstelle. Die Summe hätte für ein stolzes Schloß ausgereicht. Doch Nadbot sparte das Geld, ließ nur ein bescheidenes Gebäude errichten und verteilte den Nest unter die Nachbarn, die ihm dafür Treue gelobten. Nls der Bau vollendet war, erschien der Bischof, um das Werk zu besichtigen. Er lobte die starken Mauern und den über alle Dächer ragenden Bergfried, den man noch als selbständiges Bauwerk verteidigen konnte, wenn die übrigen Teile der Burg gefallen waren. Der Turm war, wie man es heute noch sieht, viereckig und fünf Stockwerke hoch. Bis zu einer gewissen Höhe enthielten diese Türme alle 36 keine anderen Öffnungen als schmale Schießscharten. Erst vom zweiten oder dritten Stockwerk an wurde eine niedrige Tür angebracht, die man durch leicht zerstörbare Holztreppen oder eine Leiter mit dem Erdboden verband. Derart konnte der Turm bei einer Belagerung noch als letzte Zuflucht dienen. Da nur durch die schmalen Mauerritzen ein karges Licht herein- flotz, war es finster darin. Mehr Bequemlichkeit als der Bergfried bot der Palas mit den verschiedenen Wohnräumen, die in ihrer Ausstattung einfach waren und unbequemer als die Wohnstube eines Stadtbewohners von heute. Man denke, weder Fenster noch Betten, und des Nachts nur der Schein des Naminfeuers, Ampellicht oder rauchende Harzfackeln. Den Bau umschloß eine Ringmauer, und wo der Berg nicht jäh ins Tal abfiel, schützte ein tiefer Graben. Der Bischof meinte, für die Summe, die er Radbot zur Verfügung gestellt, hätte sich wohl eine große trotzige Feste errichten lassen. Was denn aus dem schweren Geld geworden sei? Der Bruder erwiderte lächelnd: „Morgen wirst du es erfahren." Schon hatte er den neugeworbenen Freunden sagen lassen, sie möchten sich in aller Frühe bei ihm einsinden. Am Morgen schaute der Bischof aus dem Fenster und sah den Burghügel von kriegerischen Scharen umstellt. Der geistliche Herr erschrak und glaubte sich schon von den Feinden umzingelt. Radbot klärte ihn schnell auf und sagte: „Erschrick nicht, denn all diese Männer sind unsere guten Freunde. Mit deinem Gelde habe ich mir ihre Gunst er- Graf Rudolf von Habsburg, Rönig der Deutschen, geb. im Schloß Habsburg 1218, gest. zu Germersheim 1291 37 worden. Was hülfe uns ein mächtiges Schloß inmitten einer feindlich gesinnten Bürgerschaft?" Ruf seinen Wink kam das Kriegsvolk herbei und bot sich ehrerbietig zu jeder Hilfe in Gefahr und Not an. Werner war freudig erstaunt, sich und den Bruder so geliebt und geehrt zu sehen, und rief: „hier fühle ich mich geborgen mit hab und Gut. Die Burg soll darum Habsburg heißen." von da an wurden sie und ihr Geschlecht die Habsburger genannt. Graf Rudolf besuchte den Wülpelsberg nur ein einziges Mal. Schon in den ersten Jahren kam die Burg in die Hände von Dienstmannen, und manchmal waren die Fledermäuse und Ratten die einzigen Lebewesen darin. Jahrzehntelang blieben die Herren von Wolen im ruhigen Besitz der Burg, bis die Beiner 1415 den Rargau eroberten und den Burgherrn huldigen und schwören ließen, die Feste fürderhin für sie offen zu halten in Fahr und Not gegen jedermann und nichts zu unternehmen noch zu begünstigen, was Lern zum Schaden gereichen könnte. Fünf Jahre später ging die Habsburg an die Herren von Grisfensee über. Nach dem Russterben dieses Geschlechtes verkauften die Berner ihre Besitzung an Hans Rrnold Zegenser, der sie durch Vermittlung Berns an das Nonnenkloster Königsfelden abtrat. Die Frauen von Rönigsselden gaben das Schloß dem Zerfalle preis, so daß die Berner mehrmals mahnen mußten, den Turm zu Habsburg in Ehren zu halten, da sie es nicht litten, daß er zu Schanden komme, so er doch eine Hut des Landes sei. Rls das Kloster 1628 aufgehoben wurde, fiel die Burg an Bern zurück, das einen Turmwächter einsetzte und dort zeitweilig Gefangene verwahrte. Die Stürme richteten an den vachungen oft großen Schaden an, und die Berner mußten mehrmals Umbauten und Verbesserungen vornehmen lassen. Rm Ende des vorigen Jahrhunderts wurde die Burg vom Kanton Rargau wieder aufgefrischt und instand gestellt. Keines von den hohen Rdelsgeschlechtern der Zähringer, Kiburger und Savoper hat mit so fester Hand in die Geschicke unseres Landes eingegriffen wie das der Habsburger. Rus bescheidenen Anfängen stiegen sie rasch zu glänzender Stellung empor und begründeten eines der berühmtesten Herrscherhäuser Europas. Rastlos waren sie aus Vergrößerung ihrer Hausmacht erpicht, allen voran Graf Rudolf der Dritte, der seine vorfahren an Tatkraft und Ehrgeiz hoch überragte. Da sein 38 Vater aus einem Kreuzzug starb, trat er mit einundzwanzig Jahren sein Erbe an. Line hohe, schlanke Gestalt, mit scharfen Augen und kühner Habichtsnase, war er einfach in seiner Lebensweise und mäßig. Er verschmähte geringe Kost nicht und flickte im Feldlager mit eigener Hand sein Wams. Nach dem Ableben der beiden Grasen von Kiburg siel ihm fast das ganze kiburgische Erbe anheim, und bald galt er als der reichste, tapferste und rührigste Herr zwischen Nhein und Alpen. Zwanzig Jahre lang blieb das deutsche Reich ohne kaiserliches Oberhaupt. Der Adel verwilderte in dieser richterlosen Zeit und verlegte sich aus räuberische Fehden und Überfälle. Bald zog niemand mehr gefahrlos seine Straßen. Wer die stärkste Burg und die derbste Faust hatte, war Herr und Meister. Da erhoben die Kurfürsten im Jahre l273 den kraftvollen Rudolf von Habsburg zum deutschen König. Lr griff stramm in die Zügel, machte den unsichern Zuständen ein Lade und stellte die Ordnung im Reiche wieder her. Über hundert Raubnester ließ er schleifen und die Strauchritter an die Bäume knüpfen. Dabei aber vergaß er nie, seinen Hausbesitz zu mehren, und wenn es nicht anders ging, mit Gewalt und List neue Länder und Besitzungen an sich zu bringen. Dem reichen Böhmenkönig Gttokar, der ihm die Huldigung versagte, beugte er den Nacken und gab seinem Sohne Österreich und Steiermark zu Lehen. Damit verschob sich das Schwergewicht der Habsburger an die Donau. Wien wurde ihre Hauptstadt. Aber auch im Schweizerland riß König Rudolf Stück um Stück an sich. Lern, das ihm die Bezahlung der Reichssteuern verweigerte, erlitt an der Schoßhalde eine Niederlage, die es zum Nachgeben nötigte. Den Kiburgern, die immer in Geldverlegenheiten waren, kaufte er die Stadt Freiburg ab und zwang den Grasen von Savoqen, ihm payerne. Murten und Gümmenen abzutreten. Durch Kauf und Tausch gingen alle Besitzungen des Klosters Murbach samt der Stadt Luzern in seine Hände über. Nur das Hirtenvolk am vierwaldstättersee stemmte sich seiner unersättlichen Habgier mit unbändiger Kraft entgegen, und kaum drei Wochen nach seinem Tode legte das Bergvolk im Rütli den Grund zu ewiger Freiheit. Mtli Wenn am l. August die höhenfeuer lodern, freudig und zahlreich wie die Sterne am Himmel, richten wir unsere Blicke in Ehrfurcht und 39 Dankbarkeit zu der stillen Waldwiese am Vierländersee, der Wiege unserer Freiheit. Jedem großen und kleinen Eidgenossen schlägt das Herz hoch, wenn er den Namen hört. Sobald es sprießt und blüht, strömen die Schulen in die Urkantone und weihen den schönsten Tag ihrer Reise dem tiefgrünen Urnersee, wo jeder Flecken Uferboden von Brunnen bis Flüelen und Rltdors heiliges Land ist. Mit einer fröhlichen Rinderschar, die in drei vollbeladenen Nauen in Brunnen abstößt, fahren wir zum jenseitigen Gestade hinüber. 2m hellsten Sonnenglanz schimmert das stille Gelände. In einem großen Bogen rudern die drei Rähne am Schillerstein vorbei, wo die Rinder in ehrfurchtsvollem Schweigen die goldene Widmung betrachten, und nun nähern wir uns schon der Rütliwiese am Fuß der grünbuschigen Flühe von Seelisberg. viel zu spät, erst knapp vor der Landung, wird das Rütlilied angestimmt, und sobald die Riele ans User prallen, geht ein Ruck und Riß durch die Melodie. Die wilden Buben springen ans Land und stürmen den Fußweg hinan. Ruf der wiese trocknet der Lehrer die Stirne und stellt sich in die Mitte seiner Schutzbefohlenen: „Hier also ist der Drt, wo die Lidgenossen am l. Rugust —" „Herr Lehrer," unterbricht ihn ein Frechhals, „hier unter den Bäumen können wir gut abkochen, da sind wir im Schatten." Der Lehrer fährt nochmals über die Stirne und befiehlt abzukochen. Nach der Erbsensuppe wird die unheilige Jugend stille. Langbeinig schreitet der Pächter daher, um Kraft seines Rmtes zum Rechten zu sehen. Wie er den Gebieter bei der Gruppe bemerkt, hellt sich sein Blick. Er sitzt mitten in die Rnabenschar hinein, brennt die Zigarre an, die der Lehrer ihm gespendet hat, und antwortet aus all die hundert Fragen so gern und interessant, daß die Buben die Ohren spitzen und mäuschenstille werden. Der Pächter der Rütliwiese, der im National- heiligtum unumschränkter Meister ist, erwächst in ihren Rügen zum Halbgott, in diesem Rugenblick fast noch über den Lehrer hinaus. „Im Jahre l858," erzählt der Pächter, „war der Besitzer des Rütli eben im Begriff, einen Hotelkasten zu erstellen. Lr gedachte dabei ein seines Geschäft zu machen und in kurzer Zeit ein steinreicher Mann zu werden, weil doch immer so viele Leute die heilige Stätte besuchten. Da war nun grad die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft auf dem Urnersee, und als sie von den Absichten des Besitzers erfuhr, gab es empörte Gesichter. Nicht lange nachher erschien in den Zeitungen ein Rufrus an das Schweizervolk, man solle Geld zusammenschießen und 40 das Nütli kaufen und damit der Spekulation entziehen. Die schweizerische Lehrerschaft machte sich zuerst ans Werk und sammelte in den Schulen rund 100000 Franken. Die Rütlibesitzung kostete nur etwa die Hälfte davon. Der Rest wurde der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft, welche die Oberaufsicht führt, zur Verfügung gestellt und die Zinsen zur Verschönerung und für die Verwaltung des Gutes gebraucht. Im Jahre 1869 wurde das Haus gebaut, das ihr da drüben seht. Meine größte Sorge ist nun zu verhüten, daß lärmende Gelage und Festlichkeiten sich hier abspielen, denn da poltern gar oft Vereine daher und führen sich aus, daß man wie ein Gottszorn dazwischen fahren muß. Line Ausnahme wird nur gewährt für das alljährlich stattfindende Nütlischießen der zentralschweizerischen Schützenvereine, von dem ihr ja alle Jahre in den Zeitungen lesen könnt." Zum Dank für die willkommenen Mitteilungen sangen die Rinder dem Pächter das Rütlilied, prachtvoll im Takt und mit hochroter Begeisterung. Als die letzte Strophe verklungen war, blieb der Lehrer stehen und sagte: „Die schönen Verse hat der Luzerner Arzt und Botaniker Johann Georg Rrauer gedichtet, als in der Fremde das Heimweh an ihm nagte, und sein Studiengenosse Joseph Greith schrieb dazu die Melodie. Ihre Brustbilder stehen dort aus dem Denkstein. Noch größeren Dank aber schulden wir Aegidius Tschudi, der die Befreiung der Waldstätte in glänzenden Bildern niederschrieb, und vor allem Friedrich Schiller, dem Sänger Tells. hier im Nütli können wir uns die Entstehung des ersten Bundes aus der geographischen Beschaffenheit der drei Länder recht gut erklären. vier Flüsse werfen sich in den vierwaldstättersee. vom Gotthard her die Neuß, von den Schwpzer Bergen die Muota und von Engelberg und Sarnen her die beiden 5la. In langen schmalen Buchten greift der See gleichsam selber wieder in die Täler von Uri, Schwyz, Nid- walden und Gbwalden hinein. Die Gletscher und die steilen Felshänge schieden die Bewohner, der See verband sie. Gleiche Lebensbedingungen wiesen die hirtenvölklein aus dieselbe Beschäftigung hin. Sie waren Viehzüchter, Räser, Fischer und Jäger. Jahrhundertelang war eine jede von den drei Seegemeinden eine kleine stille Welt für sich, alle von derselben Nasse und alamannischen Stammesgleichheit. Die Gemeinden organisierten sich zu Markgenossen- 41 schaften, die ihre Wälder und Weiden ausbeuteten und den Austausch ihrer Waren regelten. Aus der gemeinsamen Wasserstraße des Sees fuhren die Vierwaldleute mit ihren schwerbepackten Nauen nach Luzern und tauschten dort ihre Waren aus. Nun ist es ganz begreiflich, daß Luzern die erste Stadt war, die sie in ihren Bund aufnahmen. Später besuchten sie auch die Märkte in Zürich und knüpften hier neue Beziehungen an. Indem sie aus ihren Tälern heraustraten, fanden sie offene Tore gegen die aargauischen, rheinischen und schwäbischen Handelsstädte, nach Bünden und Wallis, ins Glarnerland und Appen- zell, nach Vorarlberg und Tirol, ja weit hinein ins Burgunder- und ins Frankenland. Als gegen 1230 der Gotthardpaß erschlossen wurde, nahmen sie auch den Warenverkehr mit den großen italienischen Städten aus. Wie einmal die kürzeste Straße zwischen Nord und Süd über den Gotthard sich bevölkerte, wurde das scharf aufhorchende Hirtenvolk am See seiner bevorzugten Lage inne. Aus den Vorteilen, die ihm seine zentrale Lage einbrachte, merkte es bald, daß man auf der Hut sein mußte, um sich nicht ein Bröselein von den altererbten Freiheiten abringen zu lassen. Im Gegenteil, statt beherrscht zu werden, suchten sie mit aller Kraft und weltmännischen Umsicht, die Herren zu bleiben und den anderen die Straße zu weisen. Die Bewohner der Waldstätte waren zum großen Teil Freibauern mit eigenen Gemeinden, Gerichtshöfen und Gesetzen, die sie sich selbst gegeben hatten. Die Gemeinde Uri, die seit 853 der Fraumünsterabtei in Zürich gehörte, war seit langer Zeit tatsächlich frei. Sie führte ein eigenes Siegel mit dem Nasenring-Stierkops im Wappen, das man in der Burg Attinghausen aufbewahrte. Die eingeborenen Adelsfamilien von Silinen und Attinghausen hielten mit den Bauern Treue. In Schwyz waren die alten urfreien Geschlechter der Stauffacher und der Ab-Iberg die Führer. Bei den Waldleuten von Unterwalden waren die Freien in der Minderheit, und allmählich kam das Land fast ganz in Habsburgischen Besitz. Wir haben früher gesehen, wie die Habsburger mit großem Glück und Erfolg sich zwischen die beiden Hauptteile des deutsch-römischen Reiches hineinschoben und ihre scharfen Augen auf die Waldstätte richteten, um den Schlüssel zu der Gotthardstraße in ihre Hände zu bekommen. Durch die neuesten Geschichtsforschungen und Ausgrabungen ist erwiesen, daß sie Zwingburgen errichteten, so im Lowerzersee die Inselfeste Schwanau, die den Taleingang von Schwyz beherrschte, auf 42 8^» tsocteLgrerLS Xsvtonsglronrs 5ssn Rüsss ^ ZtLetts s vrtscbsfpen Karte der drei Urkantone 12dl. !. Uri. H. Schwyz. IN. Unterwaiden dem Landenberg die Burg Larnen und die Feste am Rotzberg bei 5tans. Die Waldstätte hielten deshalb zum deutschen Kaiser und ließen sich vom Reich ihre herkömmlichen Vorrechte bestätigen. Gleich nach der Öffnung der Gotthardstraße wurden die lRänner des Tales von Uri reichsfrei. Der Kaiser entzog sie dem bisherigen Herrn, dem Fraumünster in Zürich und dessen Verwalter, der niemand anders war als Graf Rudolf von Habsburg. Im Jahre l240 erhielten auch die Lchwyzer von Kaiser Friedrich einen Freibrief, der heute noch im Ltaatsarchiv aufbewahrt und behütet wird. Der Habsburger ließ die Handlung des vom Papste verbannten Kaisers nicht gelten. Er wollte die Schwpzer zwingen, unter seiner Herrschaft zu verharren und seine Oberhoheit anzuerkennen. Da versagten sie ihm den Gehorsam und traten in heimlichen Beratungen aus dem Rütli mit den Männern von Uri und Unterwalden zusammen. Die Urner kamen längs des Sees, die Schwpzer von Brunnen zu Schiff und die Unterwaldner über den Seelisberg herunter. Zwischen 1240 und 1242 schlössen sie den ersten eidgenössischen Bund, dessen Urkunde uns leider fehlt. In diese Zeiten fallen auch die Aufstände, die mit der Vertreibung der Vögte endigten, von denen uns die Überlieferung erzählt und die man später irrtümlich in die Regierungsjahre Albrechts von Österreich hinausgeschoben hat. Als König Rudolf starb und die Kunde davon in die Waldstätte drang, beschworen die drei Länder, gewiß wieder im Uütli, den ewigen Bund vom 1. August 1291. Warum in der Urkunde der Drt nicht eingetragen und an der Stelle eine Lücke gelassen wurde, ist uns unbekannt. In Anbetracht der Arglist der Zeit und im Interesse der gemeinsamen Wohlfahrt traten sie zusammen und gelobten, gegen jeden, der ihnen außerhalb und innerhalb des Tales Gewalttat oder Beleidigung zufügen wollte, einander beizustehen. Jeder soll den von dem einheimischen Richter gestellten Urteilsspruch anerkennen, nach dem Stand seiner Person seinem Herrn in geziemender Weise dienen und gehorchen, doch werden sie keinen fremden Richter dulden, der sein Amt erkauft hat oder nicht Landsmann ist. Bei Zwiespalt sollen die einsichtigen Männer entscheiden. Verbrecher und Missetäter und deren Hehler sollen nach einheitlichem Verfahren bestraft werden und diese zum gemeinen Wohl und Heil verordneten Bestimmungen, so Gott will, ewig dauern. Der ehrwürdige, lateinisch geschriebene Bundesbries ist das älteste Dokument der schweizerischen Eidgenossenschaft und wird in Schwqz aufbewahrt. Er enthält im Keime alle späteren Verfassungen und ist seinem Inhalt nach schlankweg ein Meisterstück." Als der Lehrer schwieg, überragte er den Pächter um mehr als Haupteslänge. Run noch ein kurzes Schwirren der Stimmgabel, und von vierzig hellen Kinderstimmen erbrauste das Lied vom Vaterland, das aus bewegter Seele auf die Lippen gequollen war. 44 Der Bundesbrief von 1291 In der Übersetzung des Rernser Pfarrers Ios. Ign. von Llh Im Namen des Herrn, Urnen! Ls ziemt sich wohl und dient dem öffentlichen Nutzen, daß Verträge der Sicherheit und des Friedens gehörig verfestet werden. Jedermann soll also wissen, daß die Landleute des Tales Urn, die Gemeinde des Tales von Schwpz und die Gemeinden der Landleute des untern Tales von Unterwalden, in betracht der bösen Zeit, aus daß sie sich und das Ihrige besser zu schützen vermögen und in gutem Stande besser zu bewahren, in guter Treue sich gegenseitig gelobt haben, sich gegenseitig beizustehen, mit Hilfe, mit Nat und mit gutem Willen, gelte es Personen oder Sachen innert ihren Tälern und außerhalb, mit aller Macht und mit gutem Willen, gegen alle und einen jeden, der ihnen oder einem der Ihrigen irgendwelche Gewalt, Belästigung oder Unbill an Sachen (Ligentum) oder Personen (Ungehörigen) antun wollte,' und jegliche Gemeinde gelobte der andern in jedem Falle beizubringen, und alsobald es nötig sein sollte, zu Hilfe zu kommen, und zwar in eigenen Kosten, soweit es nötig ist, den Angriffen Übelwollender zu widerstehen, Unbilden zu rächen,- sie haben sich zu diesen Gedingen verpflichtet mit einem Lide mit aufgehobenen Händen, daß sie alles so halten wollen, getreu und ohne Gefährde sie erneuern hiedurch und stärken den uralten Bund mit heiligem Lide- in dem Sinne aber, daß ein jeglicher Mensch nach seinem Stande gehalten sein solle, seinem Herrn geziemend Untertan zu sein und zu dienen. Mit gemeinsamem Nat haben wir uns einmütig gelobt, setzen wir aus und haben wir bestimmt (verordnet), daß wir in den vorgenannten Tälern niemalen einen Richter annehmen oder annehmen werden, der sein Nmt um Gunst oder Geld irgendwie erworben, der nicht unser Sasse oder Bürger wäre (Einwohner oder Bürger). Sollte aber unter eint oder andem der verbündeten ein Zerwürfnis entstehen, so sollen die Einsichtigern aus den verbündeten zusammentreten, um den Streit zwischen den Parteien gütlich beizulegen, so wie es ihnen am zuträglichsten scheinen mag, und welche Partei ihrem Spruche sich nicht fügen wollte, gegen die sollen die übrigen verbündeten sich stellen. Über alles besteht aber unter ihnen das Gesetz, daß — wer einen andern hinterlistig (meuchlerisch) und ohne Ursache töten sollte, der soll ^ wenn man ihn greift — das Leben verlieren, sofern er nicht seine Unschuld an solcher Untat nachzuweisen vermag, wie es ein solches Verbrechen erfordert, und wenn er entflieht, so soll ihm niemalen vergönnt 45 sein zurückzukehren. Wer aber einen solchen Übeltäter aufnimmt oder schützt, die sollen aus unsern Tälern verbannt sein, bis die verbündeten sie aus guten Gründen wieder zurückrufen. — Wer aber einem der verbündeten am Tage oder zur Nacht hinterlistig und im geheimen Schaden zufügen sollte durch Feuer oder Brand, der soll niemalen mehr als unser Landsmann angenommen werden. Und wer einen solchen Übeltäter schützt und schirmt innert unsern Tälern, der soll gehalten sein, dem Geschädigten seinen Zchaden zu ersetzen. Zollte ferner einer aus den verbündeten dem andern Zachen rauben oder beschädigen aus irgendeine Weise, und es können die Güter des Zchuldigen innert unsern Tälern ergriffen werden, so sollen dieselben als gerechter Ersatz des Zchadens verwendet werden. Ferner soll keiner des andern Gut zu Pfand nehmen, wenn derselbe nicht erwiesener Zchuldner oder Bürge ist, und auch dann soll es nur mit Bewilligung des gehörigen Nichters geschehen. Überdies soll ein jeder seinem Nichter gehorsam sein und — wenn es nötig sein sollte — seinen Nichter innert des Landes stellen, vor dem er sich zu verantworten haben soll. Und wenn einer dem (diesem) Nichter sich nicht gehorsam erzeigte, oder wenn durch seine Widersetzlichkeit einer der verbündeten geschädigt werden sollte, so sollen alle verbündeten gehalten sein, den genannten verurteilten (Flüchtigen) zur Leistung des gesprochenen Zchadens anzuhalten. Wenn aber zwischen eint und anderm der verbündeten ein Nrieg oder Zerwürfnis entstehen sollte und ein Teil der Streitenden Necht oder Ersatz nicht leisten wollte, so sollen die übrigen verbündeten gehalten sein, den andern Teil zu schützen und zu schirmen. — Diese geschriebenen Gedinge und Satzungen sollen mit der Hilfe Gottes, und da sie zum gemeinen Wohle weise geordnet wurden, ewiglich dauern. Zum Zeugnis dessen wurde auf die Bitte der vorgenannten diese Schrift aufgesetzt und mit den Sigillen der drei genannten Gemeinden und Täler versehen und gestärkt. §o geschehen im Jahre des Herrn eintausend zweihundert und neunzig und darnach im ersten Jahre. Nnfangs Nugust- INonats. Der Bund von 1291, der nicht nur der Sage nach, sondern gewiß auch tatsächlich im Nütli abgeschlossen wurde, ist weitaus der engste und vollkommenste aller Schweizerbünde. Ls ist bedauerlich, daß seine Bestimmungen nicht einfach auf die später hinzutretenden Glieder der Eidgenossenschaft übertragen wurden. Die späteren Bünde sind inhaltlich nur Nbschwächungen des Vrei-Länderbundes. „Wir haben daher 46 allen Grund," sagt Gechsli, „den Männern, die ihn geschaffen haben, den Lhrenkranz zu reichen. Die Schweizergeschichte hat berühmtere Politiker auszuweisen, schwerlich bessere und erfolgreichere." Wilhelm Teil hören wir, was das weiße Buch zu Sarnen von Wilhelm Teil und der Vertreibung der Vögte erzählt. Die weißgebundene Unterwaldner Thronik bildete die Grundlage für die glänzende Darstellung des Negi- dius Tschudi und wurde ums Jahr 1470 niedergeschrieben. -Und war da ein Geßler, der ward Vogt zu Uri und zu Schwiz, und einer von Landenberg zu Unterwalden. Denen ward nun die Vogtei verliehen, daß sie die Länder mit Treuen sollten bevogten zu des Ueichs Handen. Sie täten aber das nicht,' denn sie wurden je länger, je strenger, und hatten die Länder vorher hochmütige Vögte gehabt, so waren die nachherigen noch übermütiger und taten den Leuten großen Drang an. Sie beschützten (Geld erpressen) einen hie, den andern da und trieben großen Mutwillen und anders, als sie gelobt und verheißen hatten, und gingen Tag und Nacht damit um, wie sie die Länder vom Neich bringen möchten, ganz in ihre Gewalt. Sie ließen auch Burgen und Häuser machen, worauf sie die Länder als (leibeigene Leute beherrschen möchten, und zwangen also fromme Leute und täten ihnen viel zu Leide.- Nun war aus Sarnen einer von Landenberg Vogt, zu des Reiches > Handen. Der vernahm, daß einer in Melchi wäre, der hätte einen hübschen Zug mit Ochsen. Da fuhr der Herr zu und schickte einen, seinen Knecht, dahin und hieß die Ochsen ausspannen und ihm die bringen und hieß dem armen Mann sagen, Bauern sollten den Pflug ziehen, und er wollte die Ochsen haben. Der Knecht, der tät, was ihn der Herr geheißen hatte, und ging hin und wollte die Ochsen ausspannen und die gen Sarnen treiben. Nun hatte der arme Mann einen Sohn,' dem gefiel das nicht, und (er) wollte ihm die Ochsen nicht gern lassen, und als des Herrn Knecht das Joch angriff und die Ochsen ausspannen wollte, da schlug er mit dem Treibstecken drein und schlug dem Knecht des Herrn einen Finger entzwei. Der Knecht, der befand sich übel und lief heim und klagte seinem Herrn, wie es ihm gegangen war. Der Herr ward zornig und wollte es dem übel eintreiben. Der mußte entrinnen- der Herr schickte nach seinem Vater und hieß ihn gen Sarnen 47 führen auf das Haus und blendete ihn und nahm ihm, was er hatte, und tät ihm groß Übel. In der Zeit war ein Biedermann in Rlzellen, der hatte eine hübsche Frau, und der, (welcher) damals da Herr war, der wollte die Frau haben, es wäre ihr lieb oder leid. Der Herr kam nach Rlzellen in ihr Haus,' der Mann war im holz. Der Herr zwang die Frau, daß sie ihm ein Bad machen mußte, und sprach, sie müsse mit ihm baden. Die Frau bat Gott, daß er sie vor Schanden behüte, und dachte, Gott verlasse die Seinen nie, die ihn in Nöten anrufen. Der Mann, der kam indessen und fragte sie, was ihr fehle. Sie sprach: „Der Herr ist hier und hat mich gezwungen, daß ich ihm ein Bad machen mußte." Der Mann ward zornig und ging hin und schlug den Herren zur Stunde mit der Axt tot und erlöste seine Frau von Schanden. In denselben Zeiten war einer zu Schwiz; hieß der Stoupacher und saß zu Steinen diesseits der Brücke,' der hatte ein hübsches Steinhaus gemacht. Nun war der Zeit ein Geßler da Vogt, in des Neiches Namen; der kam aus einmal und ritt da vorbei und rief dem Stoupacher und fragte ihn, wem die hübsche Herberge wäre. Der Stoupacher antwortete ihm und sprach traurig: „Gnädiger Herr, sie ist Euer und mein Lehen," und durfte nicht sprechen, daß sie sein sei. Also fürchtete er den Herren. Der Herr ritt dahin. Nun war der Stoupacher ein weiser Mann und auch wohlmögend. Lr hatte auch eine weise Frau und nahm sich der Sache an und hatte seinen großen Nummer und war voll Sorge vor dem Herren, daß er ihm Leib und Gut nähme. Die Frau, die ward dessen inne und tät, wie Frauen tun, und hätte gern gewußt, was ihm fehle oder warum er trauere; er leugnete ihr das. Zuletzt drang sie mit großer Bitte in ihn, daß er ihr seine Sache zu erkennen gebe, und sprach: „Tue so wohl und sage mir deine Not; wiewohl man spricht. Frauen geben kalte Räte, wer weiß, was Gott tun will?" Sie bat ihn so oft in ihrer Vertraulichkeit, daß er ihr sagte, was sein Nummer war. Sie fuhr zu und stärkte ihn mit Worten und sprach: „Des wird guter Rat," und fragte ihn, ob er zu Uri jemand wüßte, der ihm so vertraut wäre, daß er ihm seine Not klagen dürste, und sagte ihm von der Fürsten Geschlecht und von der Zur Frauen Geschlecht. Lr antwortete ihr und sprach : ja, er wisse es wohl, und dachte dem Rat der Frau nach und fuhr gen Uri und lag da, bis daß er einen fand, der auch solchen Nummer hatte. Sie hatte ihn auch geheißen fragen zu Unter- 48 Der Schwur auf dem Rütli walden; denn sie meinte, da wären auch Leute, die nicht gern solchen Drang hätten. Nun war des armen Mannes Lohn von Unterwalden entwichen und war nirgends sicher, der dem Unecht des von Landenberg mit dem Treibstecken den Finger entzwei geschlagen hatte' darum sein Vater vom Herren geblendet war, und es reute ihn sein Vater, und er hätte den gern gerochen. Der kam auch zu dem Stoupacher, und kamen also ihrer drei zusammen, der Ltoupacher von Zchwiz und einer der Fürsten von Uri, und der aus Nelche von Unterwalden, und klagte jeglicher dem andern seine Not und seinen Nummer, und wurden zu Nat und schwuren zusammen. Und als die drei einander geschworen hatten, da suchten sie und fanden einen nid dem Wald, der schwur auch zu ihnen, und fanden nun und wieder heimlich Leute, die zogen sie an sich und schwuren einander Treu und Wahrheit, und ihr Leib und Gut zu wagen und sich der Herren zu wehren, und wenn sie etwas tun und vornehmen wollten, so fuhren sie für den Nichten Ltein hin Nachts an ein End, heißt im Nüdli. Da tagten sie zusammen und (es) brachte ein jeglicher t Jegerlehner, Geschichte 49 von ihnen Leute mit sich, denen sie trauen mochten, und trieben das ziemlich lang und immer heimlich und tagten der Zeit nirgends anders, denn im Nüdli. Da fügte es sich aus einmal, daß der Landvogt, der Geßler, gen Uri fuhr, und nahm sich vor und steckte einen Stecken unter die Linde zu Uri und legte einen Hut aus den Stecken und hatte dabei einen Unecht und tät ein Gebot, wer da vorbeiginge, der solle (vor) dem Hut (sich) neigen, als wäre der Herr da, und wer das nicht täte, den wollte er strafen und schwer büßen, und sollte der Unecht daraus warten und den anzeigen. Nun war da ein redlicher Mann, hieß der Thälh der hatte auch zu dem Stoupacher geschworen und seinen Gesellen. Der gieng nun ziemlich oft vor dem Stecken aus und ab und wollte (sich vor) ihm nicht neigen. Der Unecht, der des Hutes hütete, der verklagte ihn dem Herren. Der Herr fuhr zu und beschickt den Tallen und fragte ihn, warum er seinem Gebot nicht gehorsam wäre und täte, was er geboten hätte. Der Thall, der sprach: „Es ist geschehen ohne Gefährde (ohne böse Absicht), denn ich habe nicht gewußt, daß es Euer Gnade so hoch ärgern sollte,' denn wäre ich witzig, so hieße ich anders und nit der Tall." Nun war der Tall gar ein guter Schütze- er hatte auch hübsche Uinüer. Die beschickte der Herr zu sich und zwang den Tallen mit seinen Unechten, daß der Tall einem seiner Uinder einen Apfel ab dem Haupte schießen mußte,- denn der Herr legte dem Uind den Apfel aus das Haupt. Nun sah der Thall wohl, daß er beherret war, und nahm einen Pfeil und steckte ihn in sein Göller,' den andern Pfeil nahm er in eine Hand und spannte seine Armbrust und bat Gott, daß er ihm sein Uind behüte, und schoß dem Uind den Apfel ab dem Haupt. Ts gefiel dem Herren wohl, und (er) fragte ihn, was er damit meinte. Lr antwortete ihm und hätte es gern zum besten ausgeredet. Der Herr ließ nicht ab, er wollte wissen, was er damit meinte. Der Tall, der fürchtete den Herren und besorgte, er wolle ihn töten. Der Herr, der verstund seine Sorge und sprach: „Sage mir die Wahrheit, ich will dich deines Lebens sichern und dich nicht töten!" Da sprach der Tall: „Da Ihr mich gesichert habt, so will ich Tuch die Wahrheit sagen, und es ist wahr, hätte mir der Schuß gefehlt, daß ich mein Uind erschossen hätte, so würde ich den Pfeil in Luch oder der Luren einen geschossen haben." Da sprach der Herr: „Da nun dem also ist, so ist es wahr, ich habe dich gesichert, daß ich dich nicht töten will," und hieß ihn binden und 50 Tod des Landvogtes Hermann Gsßlsr von Brunegg in der hohlen Gasse bei Riihnacht sprach, er wolle ihn an ein Ende legen, daß er weder Sonne noch Mond nimmermehr sehe. Und die Knechte nahmen ihn in einen Nauen und legten sein Schießzeug aus das Hinterdeck und ihn gebunden und gefangen und fuhren den See hinab, bis an den Nxen. Da kam ihnen so starker Wind entgegen, daß der Herr und die andern alle fürchteten, sie müßten ertrinken. Da sprach einer unter ihnen: „Herr, Ihr seht wohl, wie es gehen will. Tut so wohl und bindet den Tallen auf. Er ist ein starker Mann und kann auch wohl fahren, und heißet ihn, daß er uns helfe, daß wir von hinnen kommen." Da sprach der Herr: „Willst du dein Bestes tun, so will ich dich losbinden, daß du uns allen helfest." Da sprach der Tall: „Ja Herr, gern," und stund an das Steuer und fuhr dahin und schaute allezeit dabei aus sein Schießzeug. Denn der Herr ließ ihn ungebunden gehen. Und da der Tall kam bis an die „ze Teilen Platten", da rief er sie alle an und sprach, daß sie alle fest zögen,' kämen sie an der Platte vorbei, so hätten sie das Böse überstanden. Nlso zogen sie alle fest, und da ihn däuchte, daß er zur Platte kommen möchte, da schwang er den Nauen hinzu und nahm sein Schießzeug und sprang aus dem Nauen aus die Platte und stieß den Nauen von sich und ließ sie schwanken aus dem Lee und lief durch die Berge hinaus, so fest er mochte, und lief durch Lchwiz hin schattenhalb, durch die Berge bis gen Büßnacht in die hohle Gasse. Da war er vor dem Herren und wartete da, und als sie geritten kamen, da stund er hinter eine Ltaude und spannte seine Armbrust und schoß einen Pfeil in den Herren und lies wieder zurück hinein gen Uri durch die Berge. Da demnach, da ward Ltoupachers Gesellschaft so mächtig, daß sie anfingen, den Herren die Häuser zu brechen, und so sie etwas tun wollten, so fuhren sie zu tagen in Trenchi (unbekannter Ort), und wo böse Türmlein waren, die brachen sie, und fingen zu Uri zuerst an, die Häuser zu brechen — nun hatte derselbe Herr einen Turm angefangen unter Lieg (Nmsteg) auf einem Bühel, den wollte er nennen Twing Uri, und andere Häuser —, darnach Lchwandau und etliches zu Lchwiz und etliches zu Ltans und namentlich das aus dem Uotz- berg; das ward nachher durch eine Jungfrau gewonnen. Nun war nach dem allem das Haus zu Sarnen so mächtig, daß man das nicht gewinnen mochte, und war der Herr, der da Herr war, ein übermütiger, hoffär- tiger, strenger Mann und tät den Leuten großen Drang an und fuhr zu und machte, wenn Festtage kamen, so mußte man ihm Geschenke bringen, je darnach einer Gut hatte, einer ein Ualb, einer ein Schaf oder einer eine Speckseite, und also zwang er die Leute mit Steuern und hielt sie hart. Nun waren der Eidgenossen so viel heimlich worden, daß sie zufuhren und miteinander anzettelten, daß sie auf eine Weihnacht, so man ihm wieder schenken und Gutjahr bringen sollte, daß sie je einer mit dem andern gehen sollten.-Sie sollten aber keine Wehre tragen anders, denn einer einen Stecken. Und also kamen ihrer viele hinein in die Buche zu dem Feuer. Nun waren die andern ihrer viele unterhalb der Mühle in den Erlen verborgen und hatten miteinander abgemacht, wenn die im Haus däuchte, daß ihrer so viel wären, daß sie die Tore offen behalten möchten, so sollte einer hinausgehen und sollte ein hörnlein blasen,' dann sollten die in den Erlen aus sein und ihnen zu Hilfe kommen. Das täten die im Haus,' da sie däuchte, daß ihrer genug wären, da ging einer in einen Balken (Balkon?) und blies sein hörnlein, was ihr Wahrzeichen war. Nun war es zu der Tageszeit, als man die Geschenke brachte, daß der Herr in der Nirche war. Da nun die, so in den Lrlen lagen, das hörnlein hörten, da liefen sie durch das Wasser, daß die niedersten schier nirgends Wasser hatten, und liefen hinten hinaus und an das Haus und gewannen das. Das Geschrei kam 52 zu der Kirche. Die Herren erschraken und liefen fort den Berg hinauf und kamen vom Land. Demnach haben die drei Länder sich mit den Eiden, so die heimlich zusammen geschworen hatten, so sehr gestärkt, daß derer so viele geworden waren, daß sie Meister wurden. Da schwuren sie zusammen und machten einen Bund, der den Ländern bisher wol hat erschossen, und erwehrten sich der Herren, daß sie's nicht mehr so hart hatten, und gaben ihnen, was sie ihnen schuldig waren, wie das der Bund noch heutzutage enthält, und tagten da gen Beckenried, so sie etwas zu tun hatten. Morgarten In einer ersten glänzenden Wasfentat am Norgarten gab der junge Bund der Eidgenossen mit scharfem Eisen und unglaublicher Lchlag- kraft vor aller Welt Zeugnis von seiner Ztärke und unerschütterlichen Brüderschaft. Im Herbst l314 sollte ein neuer deutscher König gewählt werden. Die Kurfürsten waren uneinig und stellten eine Doppelwahl aus in dem Herzog Friedrich von Habsburg und Herzog Ludwig von Bayern. Die Waldstätte ergriffen sofort Partei für Ludwig. Dafür bestrafte sie der Habsburger mit der Neich'sacht. Gegen die Zchwyzer hatte er zudem noch einen besonderen Grund des Hasses. Die Schwqzer nahmen bei ihren verbündeten mehr und mehr eine leitende Ltellung ein, weshalb ihr Name später auch auf den gesamten Bund der Eidgenossen überging. 5ie rissen nach und nach die Ulpweiden, die dem österreichischen Kloster Linsiedeln gehörten, an sich, überfielen bei einer militärischen Übung unter der Führung ihres Landammannes Wern- her Ltaussacher das Kloster und schleppten die hochadeligen Mönche als Geiseln nach Zchwyz. Lchon frühe hatten sie zur Zicherung des Landes umfassende vorkehren getroffen, alle offenen Zugänge in kluger Vorsicht mit Holzwehren und hohen Mauern verrammelt und am Haupteingang von Nrth sogar zwei Verteidigungsstellungen hintereinander erbaut, nämlich einen palisadenzaun und weiter zurück eine vier Meter hohe und eine halbe Ltunde lange Letzimauer. Die daran grenzenden Hängewälder wurden gebannt, das heißt als unantastbares Gut erklärt, auf daß sie zu einem undurchdringlichen Urwald sich verholzten und jedes vorgehen beinahe unmöglich machten. So konnte das Volk von Schwpz im vertrauen aus den Schutz seiner Berge und seiner starken Befestigungen jedem Kngrisf entgegensehen. Friedrich übertrug die Kriegsleitung seinem Bruder Leopold, dem geistigen Führer der Habsburgischen Politik, von Baden aus erging das Ausgebot an den österreichischen Adel und die verbündeten Bürgerschaften. Die Hauptmacht sollte unter der persönlichen Führung des Fürsten ins Schwpzerländchen einbrechen, eine zweite Kolonne unter Graf Dtto von Straßburg über den Brünig gegen Gbwalden vordringen und die Luzerner gegen Stans. Bitter und Bürgerschaft stellten sich willig dem Ausgebot, hielten sie es doch für eine große Ehre, mit dem Fürsten einen fröhlichen Beutezug Zu unternehmen, dessen Erfolg sie für so gewiß hielten, daß sie sich mit Stricken versahen, um das geraubte Vieh heimzuführen. Die gemeinen Melker von den Kuhweiden, die wohl den Hirtenstab, aber nicht eine Waffe zu schwingen vermögen, werden in den Staub niedergehauen. Alle Berichte reden übereinstimmend von der stärksten und kampferfahrensten Ritterschaft, von einem unerschrockenen Heer von Herren und Edlen, vom großen Volk der Herren und Städte. Die Schwpzer unterschätzten die Gefahr nicht. Da Unterwalden selber bedroht war, konnten sie nur von Uri Hilfe erwarten, die dann auch eintraf. Sie empfahlen sich Gott, demütigten ihre Seelen in Fasten und Gebeten zum Allmächtigen, damit nicht das Vieh als Beute den Feinden anheimfalle, noch die Ortschaften der Vertilgung und ihre Ehre der Befleckung preisgegeben würden. An Disziplin und strammes Zusammenarbeiten gewöhnt, stellten sie Wachen auf, sandten Späher weit über die Grenzen hinaus, um den Vormarsch des Feindes zu ermitteln und besetzten die Zugänge und Vergpfade. herzog Leopold wählte nicht die bequeme Straße über Arth, sondern den schmalen Weg dem Agerisee entlang gegen den Sattel am Mor- garten. Dort war eine Lücke in der Befestigungslinie, aber auch der Grt, wo die Schwpzer dem Feind wie nirgends sonst die Schlinge über dem Kops zusammenziehen konnten. Ein Scheinmanöver gegen Arth sollte über den Vormarsch hinwegtäuschen. Die Lidgenossen waren jedoch so gut unterrichtet, daß sie noch genügend Zeit fanden, die Steinlawinen und holzreisten aus den Felskämmen am Morgarten zu verstärken. Am 14. November legte das österreichische Heer nur die kurze Strecke 54 MMW WWMW KMU. UKW MZU Morg arten von Zug nach Gberägeri zurück. Kuf der Wiese hinter der Kirche er- lustigten sich die jungen Edelleute mit Ballspiel, indes in der Kirche der Kriegsrat noch schnell eine Sitzung abhielt. In der grauen Morgenfrühe des l5. setzte sich das Heer sorglos in Marsch, vorab 2000 Bitter hoch zu Pferd. Schon lag der See im Kücken, der Weg stieg an, wurde eng und rauh und lies jähabsallenden Flühen -entlang. plötzlich ein Donnern und Tosen von Steinen und Baumstämmen. Die Pferde schrecken und machen Seitensprünge, tanzen auf den Hinterbeinen und geraten durcheinander. Lawine über Lawine kracht nieder. Hinten rennen die weichenden Keiter ins eigene Fußvolk hinein. In den Wirrwarr donnern und prasseln die hochaufspringenden Blöcke und Stämme. Mann und Koß versinken in den Sümpfen, tauchen in die Fluten des Sees. Die Spitze, die den Kückweg gesperrt sieht, sucht eiligst die Höhe des Sattels zu gewinnen. Da bricht erst die Hauptmacht der Schwyzer aus dem Hinterhalt, und nun hebt an der Stelle, wo jetzt die Schlachtkapelle steht, ein grausiggrimmes Gemetzel an. Mit der Halbarte, einer bisher unbekannten, furchtbaren Mordwaffe, reißen sie die Keiter aus dem Sattel, zerteilen sie wie mit einem Schermesser und spalten die dicksten Küstungen. Gefangen wie Fische im Zugnetz, wurden binnen einer Viertelstunde gegen 2000 Mann erbarmungslos umgebracht. Unter den wenigen, die sich flüchten konnten, befand sich auch der Herzog, der blaß, verstört und den Tod im Herzen nach Winterthur zurückkehrte. In dem Gefolge Leopolds war der Vater des Thronisten Johannes von Winterthur, der mit andern Knaben den Flüchtlingen vor das Stadttor entgegenlief und später den Morgartenbericht niederschrieb. Infolge der am Morgarten erschlagenen Kitterschaft waren in den umliegenden Landen die Kitter lange Zeit dünner gesät, während die Eidgenossen nur zwölf Mann verloren hatten. Die Halbarte, zum Hauen, Stechen und Niederreißen gleich gut geeignet, hatte sich so trefflich bewährt, daß sie bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein eine beliebte und gefährliche Mordwaffe der Schweizer blieb. Kls der Kamps vorüber war, zogen die Sieger den Gefallenen und Ertrunkenen die Waffen ab, beraubten sie auch der übrigen Habe und beschlossen, für den von Gott erhaltenen Sieg jedes Jahr bis in Ewigkeit einen Fest- und Feiertag zu begehen. Dem Grasen Gtto von Straßburg, der plangemäß mit seinem Heer in 55 Gbwalden eingefallen war, übergab der Bote einen umgekehrten Handschuh als Zeichen des mißlungenen Angriffs des Herzogs. In rascher Flucht wandte er dem Lande den Bücken, wobei er sich eine tödliche innere Verletzung zuzog. Drei Wochen später erneuerten und festigten die Eidgenossen ihren ewigen Bund zu Brunnen am Lee und reichten 1332 auch Luzern auf ewige Zeiten die Bruderhand. Luzern Fast an jedem größeren Schweizersee erwuchs am Ausfluß eine Stadt. Nirgends waren die Siedelungsverhältnisse günstiger als am vierwaldstättersee, wo aller Verkehr aus den Buchten nach dem gemeinsamen Bbfluß steuerte. Bus einem alemannischen Fischerdörschen erhob sich im dreizehnten Jahrhundert die Stadt Luzern. Mönche aus der elsässischen Bbtei Murbach gründeten um das Jahr 700 ein dem heiligen Leodogar geweihtes Kloster, dessen Name Ludgaria oder Luciaria später aus die Stadt übertragen wurde. Die Hirten aus den Waldstätten besuchten die Märkte der Fußstation des Gotthard, und als der Verkehr an der Beuß ins Große gedieh, meldete sich auch schon die alles verschlingende Gewalt der Habsburger. Der geldarme Bbt von Murbach, der schriftlich versprochen hatte, die Stadt nie zu veräußern, verkaufte seine schweizerischen Besitzungen an Budols von Habsburg, und dieser setzte in Botenburg einen Vogt ein, der beständig mit frecher Hand in die Angelegenheiten der Luzerner sich einmischte und sie zwang, im Morgartenkrieg gegen ihre Freunde in den Waldstätten mitzukämpfen. Zum Schutz gegen die Unbill und Verletzung ihrer Bechte durch den Habsburgischen Vogt in Botenburg ging die Stadt mit den Waldstätten im Jahre 1332 einen ewigen Bund ein. Trotzdem in der Urkunde die Bechte Österreichs vorbehalten waren, erblickte die Herrschaft in dem Bündnis den Anfang zum Aufruhr. Sie verlangte, daß der Bund aufgehoben werde. Dieses unbotmäßige Ansinnen reizte die Luzerner erst recht zur offenen Empörung. In blutigen Fehden und Beutezügen verwüsteten sie österreichisches Gebiet, bis der Bogt von Botenburg die brandschatzende Mannschaft in einen Hinterhalt lockte und ihr eine demütigende Niederlage bereitete. Luzern unterzog sich einem Schiedsspruch der Städte Basel, Bern und Zürich, die bestimmten, daß die Stadt unter die Herrschaft Österreichs zurückkehre und ihre innern und 56 Die Mordnacht zu Luzern äußern Verbindungen löse. Die Luzerner aber waren nicht mehr willens, das Bündnis mit den Eidgenossen dahinsallen zu lassen. Sie bedrohten jeden, der daraus ausginge, sie von ihren Freunden zu trennen, mit der schärfsten Strafe. Da planten die österreichisch Gesinnten in Luzern eine Verschwörung, von der die Zage folgendes erzählt: Um die Ztadt dem Verzog auszuliefern, sollten die Bürger in den Betten erwürgt werden. Schon standen die Junker in finsterer Nachtzeit bewaffnet und mit roten Urmeln als Erkennungszeichen unter der Trinkstube der Schneider, als ein Knabe ihre Anschlüge zufällig behorchte. Sie packten den Jungen und wollten ihn umbringen. Er tat ein eidliches Gelöbnis, keiner Seele zu verraten, was er gesehen und gehört habe, worauf sie ihn lausen ließen. Der Knabe ging schnurstracks in die Trinkstube der Metzger und erzählte dem Ofen mit lauter Stimme, was er den Menschen nicht sagen dürfe. Die Bürger horchten, eilten davon und schlugen Lärm. Sie nahmen die Verräter gefangen und gaben ihnen erst wieder die Freiheit, als sie schwuren, niemals mehr der Stadt die Treue zu brechen. Nach der Verbrüderung mit Luzern setzten die lvaldstätte ihren Fuß in die Ebene und schlangen das Band der Freundschaft um die mächtige Stadt an der Limmat, mit der sie schon lange in regem Verkehr standen. 57 Zürich Zürich, dessen Prachtbauten und hochgiebelige Häuserreihen mit tausend Kaminen noch weit im See draußen sich spiegeln, hat heute nicht mehr wie Basel und Bern das Gepräge einer alten Stadt, und doch reicht ihr Ursprung in die dunkle Vorzeit zurück. Die Urbewohner des Landes führten aus Psahlhütten am Ausfluß der Limmat ein friedliches Fischerleben. Später, als die Flut über die versunkenen Holz- Hütten dahinging, erstellten die helvetier aus dem Hügel des Linden- hoses einen Zufluchtsort für kriegerische Zeiten, und die Uömer errichteten für die Waren, die von Gallien nach Uätien gingen, eine Zollstätte mit dem wohlklingenden Namen Turicum. Aus dem Lindenhügel schufen sie dem Statthalter und der Besatzung ein Kastell, das mit einer Warte auf dem Ütliberg in Signalverbindung stand. Die Händler mußten hier den Zoll entrichten, und dafür gaben die Soldaten den Fuhrleuten Geleit und Schutz gegen räuberische Überfälle. Aus den Trümmern des römisch-helvetischen Turicum erhob sich im achten Jahrhundert der Grt Zürich, der bald mit Türmen und steinernem Wall umgürtet wurde. In der sränkisch-karolingischen Zeit war das Kastell eine königliche Pfalz, das heißt eine Herberge für den Herrscher. Auf dem rechten User der Limmat erstand über der alten Märtprerkapelle der heiligen Felix und Negula das Großmünster, wo Tag und Nacht zur Ehre Gottes und seiner heiligen der Meßgesang erscholl. Aus dem linken Ufer gründete König Ludwig im Jahr 853 das Fraumünster, in dem er seine Tochter Hildegard zur Äbtissin weihen ließ. Handwerker und Bauern siedelten sich vor den Toren an, und in den hohen Zeiten strömte das Landvolk zu den glänzenden Kirchenfesten, die mit großen Märkten verbunden waren. Als die Zähringer die Aarestadt Bern erbauten, stand Zürich schon in einem mächtig erblühenden Handelsverkehr mit Italien. Die Stadt verband sich mit dem Grasen Nudols von Habsburg, schlug die Freiherren von Negensburg zu Boden und zerstörte deren Bollwerke, die Utliburg und den Glanzberg, sowie ein Naubnest der Grafen von Toggenburg. Frühe gelangten die Handwerker zu hohem Ansehen und Wohlstand. Um Elisabeth, die Fürstäbtissin des Fraumünster-Klosters, und um den Nitter Nüdeger Manesse bildete sich eine gefeierte Gruppe von Gelehrten und Dichtern. Die Gemeindeangelegenheiten besorgte ein Nat der vornehmen, der nach und nach alle Gewalt an sich riß und der Äbtissin nur noch ein 58 Die Wappen der w alten Zürchsrzünste Scheinregiment ließ. Mit Fug und Recht erblickten die Handwerker in diesem ausschließlichen Regiment der Rittersamilien eine schroffe Zurücksetzung ihres Standes. Das Wohlleben und die Rleiderpracht der Vornehmen ärgerten sie, und das hochmütige, herablassende Benehmen reizte zum Widerspruch. „Wir Handwerksleute müssen steuern", klagten sie, „und der Rat verschwendet das Geld und hält parteiisches Gericht." Im Jahre 1336 trat ein neuer Rat zusammen. Bei der Frage, ob das Volk Treue geloben wolle, entstand in der Menge unheimliche Stille. Da trat ein Ratsmitglied, namens Rudolf Vrun, in die Mitte der versammelten und verlangte, daß man über die Verwaltung des Stadtgutes Rechnung ablege. Die Räte fuhren ihm schnöde in die Rede, sie seien nicht deswegen hergekommen, und gingen mit steifem Nacken auseinander. In raschem Entschluß schlug sich Brun auf die Seite der Unzufriedenen'und versammelte die Bürger in einer Zunststube, wo sie in stürmischer Sitzung die Räte absetzten und die schuldigsten mit Verbannung bestraften. Zum Dank für diese Tat erwählten die Handwerker ihren Freund und Helfer Rudolf Vrun zum Bürgermeister und 59 verkündeten eine neue Verfassung mit einem Rat, halb aus dem Zünften, halb aus den Vertretern der vornehmen Geschlechter. Gbschon Vrun auf Lebenszeit zum Bürgermeister gewählt war und über fürstliche Macht gebot, mißbrauchte er seine Gewalt nicht und schuf eine Verfassung, die seiner Zeit angepaßt war und weit über sein Leben hinaus Bestand und Geltung hatte. Die vertriebenen Ratsherren fanden bei dem Grafen von Rapperswil Unterschlupf und berieten in heimlichen Zusammenkünften, wie sie die alleinige Herrschaft der vornehmen wieder herstellen könnten. In einer Februarnacht des Jahres 1350 schlichen sie unbemerkt in die Stadt und trafen im Gasthaus Zum Straußen Anschläge zur Mordnacht. Brun und seine Freunde sollten umgebracht werden. Gin Läckerjunge belauschte die Verschwörer und verriet den Plan. In einem hitzigen Straßenkamps, der sich in der Dunkelheit entspann, wurden die Unsichrer erschlagen oder gefangen genommen und ohne Nachsicht bestraft. Der Gras von Rapperswil büßte im Wellenberg. Seine Burg samt einem Teil der Stadt wurde eingeäschert. Infolge dieses energischen Vorgehens ergriff der Habsburgische Udel wider Fürich Partei, und Herzog Albrecht rüstete zum Rriege. Da suchte Brun durch eine Verbindung mit den Lidgenossen sich zu stärken und schloß im Jahre 1351 den ewigen Bund. Rurze Zeit daraus erschien Albrecht der Weise mit seinem Rriegsvolk vor Zürich. Doch die verbündeten brachten rechtzeitig Hilfe und schlugen Schulter an Schulter mit den Zürchern alle Stürme ab. Aus der Verteidigung schritten sie bald zum Angriff, eroberten das Ländchen Glarus, das sie als Befreier und Freunde empfing, sowie die österreichische Stadt Zug und krönten den Feldzug im Jahre 1352 mit der Aufnahme von Glarus und Fug in den Bund der Lidgenossen. Lin Jahr später trat das mächtige Bern an ihre Seite. Bern Rasch nacheinander bildet die Aare drei Halbinseln, von denen die südlichste Zur Gründung einer Stadt sich weitaus am besten eignete, denn sie war die einzige, die landeinwärts nicht erheblich anstieg. Auf diesem nach drei Seiten schroff abfallenden und von der Aare umspülten Felsenkern gründete Berchtold V., Herzog von Alamannien und Rektor von Burgund, im Jahre 1191 die Stadt Bern. 60 Tournier aus dem Anfang des 74. Jahrhunderts. Linzelkampfspiel mit Speeren (Tjost). Bewaffnung: Topfhelm mit Kleinod und Helmdecken, Waffenhemd, Panzerhemd, Radsporen Die Zähringer verstanden sich trefflich aus Städtegründungen, denn sie hatten schon Burgdorf, Thun, Laupen, Gümmenen, Nurten, hverdon und Moudon befestigt und waren von der dankbaren Bürgerschaft im Kamps gegen den sehdelustigen Adel freudig unterstützt worden. Bus der Strecke Freiburg-Burgdorf, die von trotzigen Ldelsitzen übersät war, sollte nun Bern ein militärischer Stützpunkt werden. Schon befand sich im untersten Zipfel der Halbinsel die Ueichsburg Nhdeck, von der man in den dichten Eichwald emporstieg. Bevor der Forst geschlagen wurde, erzählt die Thronik, riefen die Hörner nochmals zur Jagd. Als der herzog einen Bären erlegte, rief er aus: „Grad so stark wie der Bär soll auch die neue Bürgerschaft sein." Unter den Axt- hieben sanken die Bäume dahin, und die Zimmerleute taten den Spruch: „holz, laß dich hauen gern, die neue Stadt soll heißen Bern." Ein Graben, der sich vom heutigen Zeitglockenturm weg zu beiden Seiten gegen den Fluß hinabzog, lud den Bauleiter, Tuno von Bubenberg, ein, der Stadt von Ansang an eine große Ausdehnung zu geben. Der herzog 6l M >, MWM Mittelalterliche Folterung zur Erpressung eines Geständnisses aber fuhr ihn zornig an, warum er sie doppelt so groß anlegen lasse, als er ihm besohlen habe. Der Baumeister erwiderte zuversichtlich: „Laßt mich nur gewähren, in kurzer Zeit wird die Stadt behauset sein." Die Chronik erzählt auch, daß die Großen des Landes aus Bache für das neuerstandene Bollwerk die beiden Binder Verchtolds vergifteten, um den herzoglichen Stamm zu tilgen. Als der Herzog die schreckliche Bunde vernahm, sagte er: „Haben sie meine Binder vergiftet, aus daß mein Stamm ein Ende habe, so will ich sie und all ihre Nachkommen auch vergiften mit dieser Stadt Bern, die mich und meine Binder rächen soll." Noch erinnern Lage und Name des Gerbergrabens an die alten Verhältnisse. Nn Stelle des Tores steht jetzt der Zeitglockenturm. Ein Marktplatz ließ sich auf dem schmalen Stadtrücken nicht gut schaffen. Dafür wurde die breite Hauptgasse Standort des Marktes. In ihrer Mitte, wo jetzt die Breuzgasse ist, erhob sich das Marktkreuz. Daselbst war der Alarm-, Gerichts- und Nichtplatz, hier stand der Schandpsahl und warf der Henker verbotene Bücher in die Flammen. Im Westen, wo 62 die Kare nicht wehrte, schloß eine doppelte Ringmauer die Stadt ab. Die regelmäßige, schöne und durchaus klare Planung der Anlage war ein Kunstwerk. Um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts war der Zuwachs vorn Lande her schon so groß geworden, daß sich vor dem Mesttor eine Vorstadt bildete. Peter von Zavoyen, unter dessen Schutz Bern 1255 sich be-' gab, erweiterte die Mauern bis zum heutigen Bären- und Waisenhaus- platz und ermöglichte den Bau der hölzernen Nchdeckbrücke. Vorher ging nur eine Fähre über die Aare. So ward Peter gleichsam ein zweiter Stifter Berns, und noch lange unterschieden die Berner die alte Zähringerstadt von der Savoyerstadt. Als Überrest dieser zweiten Befestigung steht am Waisenhausplatz noch der runde Turm, der heute Holländerturm heißt. Als König Rudolf I. von Habsburg 1288 aus die Stadt einen Sturm unternahm, bewährten sich die Befestigungen aufs trefflichste. Ein Jahr später aber holte sich die Bürgerschaft in der Schoßhalde eine Schlappe und mußte sich den Habsburgern unterwerfen. Um 1340 wurde Bern ein drittes Mal erweitert und mit Mauern abgegrenzt. Bei dieser Anlage mit dem schönen stolzen Straßenzug blieb es nun bis tief ins neunzehnte Jahrhundert hinein. Der Name Bern wird nicht von Bär, sondern von den ältern Formen Berne, Bernum, seltener Berna abgeleitet, alles Wörter, mit denen Bär nichts gemein hat. Bern soll vielmehr eine Verdeutschung von Verona sein. Berch- told V. trug einen Adler im Wappen, und der Bär ist wohl deshalb als Stadtzeichen gewählt worden, weil im vialektwort Bärn ein Hinweis auf Bär zu liegen schien. Sonderbar ist nur, daß grad der Berner mit dem Bär so vieles gemeinsam hat. Bärenhaft plump und gutmütig, aber furchtlos und im gerechten Zorn von unerhörter Kraft und Entschlossenheit, das sind zu allen Zeiten hervorragende Eigenschaften des Bernerschlages gewesen. Und so ist es ein wohlangebrachter Scherz, wenn behauptet wird, jedem währschaften Berner rolle ein Tröpslein Värenblut durch die Adern. Item, die hochnäsige Adelssippe auf den umliegenden Lchlössern, die gegen die aufstrebende Bürgerschaft an der Aare böse Pläne schmiedete, bekam die starke Bernertatze sehr bald zu fühlen. In schäumendem Draufgängertum verjagten die Berner bei Wangen den Habsburgischen Adel, zerstörten die Burgen Bremgarten, Geristein und Velp und schlössen mit Murten, Biel und Solothurn einen Städte- bund. Wie es in diesem Tempo weiterging, und die Aarestadt ihr Haupt erhob und sogar über den Brünig hinüber mit den drei Ländern am See 63 einen Freundschaftsbund stiftete, schlössen die stolzen Grafen von Kiburg, Karberg, Nidau, Neuenburg, Greperz und von der Waadt mit den Bischöfen von Basel und Lausanne einen Gegenbund. Das Zentrum dieser hochwürdigen Adelspartei war die österreichische Stadt Freiburg an der Saane. Die Berner waren anfänglich bereit, einer so ansehnlichen Vereinigung der Großen im Lande sich in vielem zu unterziehen. Doch als es bald hier, bald dort höhnisch lautete: „Bist du von Bern, so duck' dich und laß übergahn" brummte der Bär zornig auf und schüttelte seine gewaltigen Pratzen. Lin Natsmitglied holte aus den Waldstätten 900 Bundesbrüder herbei. Die Haslitaler schlössen sich an, und Solo- thurn sandte ein tapferes Häuflein. Bald waren 6000 Mann beisammen. „Was," spotteten die Schloßherren, „will das schwache Fußvolk gegen unsere übermächtige Neiterei, das einfältige Bürgertum gegen die glänzenden Adelswappen aufstehen?" Bei Laupen erhielten sie die Antwort. Laupen Als die Hilssscharen aus den Waldstätten, dem Hasli und von dem Simmental mit wehenden Fähnlein eintrafen, rückte das bernische Heer gegen Laupen hinaus. Man zählte den 2l. Juni 1339. Jedem Krieger war von den Frauen und Mädchen ein weißes Kreuz aufs Wams genäht worden, das die Lidgenossen später als ihr Wappenzeichen bestimmten. Mit Begeisterung trug der Priester Theobald Baselwind das Aller- heiligste vor sich her, selber bereit, für die gute Zache in den Tod zu gehen. Gen Laupen ging der Zug, weil die Burg und das Ztädtchen an der Sense von den Feinden hart bedrängt wurden. Line glänzende Nitter- schar, 6000 Tdle zu Pferd und 16 000 Mann Fußvolk lagen davor und beschossen es Tag und Nacht aus ihren Steinschleuder-Maschinen. Wenn Laupen siel, so stand den Feinden der Weg nach Bern offen, deshalb galt es, die Feste so lange zu halten, bis Bern stark genug war, dem versammelten Adel entgegenzutreten und ihn zu schlagen. Nach Laupen war rechtzeitig eine Besatzung gelegt worden, die der Sohn des Schultheißen, Johann von Bubenberg, befehligte. Ihm gesellte sich der Kriegswerkmeister Burkhard bei, der die Verteidigung des Städtchens so fest und trefflich leitete, daß alle Angriffe des Feindes zerschellten. 64 Als das bernische Heer den großen Forst durchschritten hatte, der heute noch den gleichen Namen führt, war es Mittag, vor ihm lag der Bramberg mit dem mächtigen Zeltlager der Gegner. Von Wein und Lust trunken, warfen die Nitter zum Spott ihre Schwerter in die Luft und ordneten sich zum Kampf. Das freche Bürgervolk sollte in einem Gewaltstoß der Reiterei überrannt und in den Boden gestampft werden. Die plumpen Städter verstanden ja doch nichts vom Krieg. In den Tod mit jedem, der es wagt, gegen einen Ritter aufzustehen. Vaselwind erhob seine markige Stimme zum Gebet. Die Streiter sielen auf die Knie und ließen sich von den prahlerischen Reden und Spottliedern, die aus den Zelten herübertönten, in ihrer Weihe nicht stören. Nach dem Gebet stellte Rudolf von Lrlach die Scharen zum Streite aus und bestimmte einen Teil des Heeres mit den Waldstätten gegen die Reiterei, den andern gegen das Fußvolk. Die Sonne ging auf den Abend, als der Boden erzitterte und die stolze Ritterschaft mit wallenden Büschen und fliegenden Fahnen heransprengte. Ein Stoß und prall. Doch maüerstark fängt das Vernervolk, das auf zwei Flügeln gegen das feindliche Fußvolk und gegen die Reiterei kämpft, den Stoß auf. Ein zweites und drittes Mal wird Sturm geritten. Die eiserne Wehr erzittert und bebt, wankt aber nicht. Die Tapfern halten stand, mit schwerem Atem und erlahmender Kraft. Da tritt eine Wendung ein. Die Ritter werden im Rücken gepackt. Sie sehen das eigene Fußvolk weichen, geschlagen und zur Flucht getrieben. Der schwarze Bär und die Banner der Waldstätte verbreiten Angst und Schrecken, von allen Seiten steigen sie leuchtend auf, immer näher, kühner, siegessroh. In der höchsten Not bricht die feindliche Reiterei aus, macht sich Bahn und jagt wie ein höllensabbat davon. Auf einmal sind nur noch die Berner und ihre treuen Verbündeten aus der Walstatt. Boten eilen nach Laupen und melden: „Der Feind ist vernichtet, aus mit den Toren." Mit freudigem Erstaunen wird die unglaubliche Nachricht empfangen, denn die waldige Kuppe hinter dem Städtchen hatte jeden Blick auf den Kampfplatz verwehrt. Bis zum Morgen des folgenden Tages bleiben die Sieger aus dem Schlachtfeld, verbinden die Verwundeten und sorgen für Gbdach und Verpflegung. In der hellen Frühe erst übersehen sie den gewaltigen Erfolg des ungleichen Kampfes. Siebenundzwanzig eroberte Fahnen 5 Jegerlehner, Geschichte 65 - WV/mMuMvo »rsrivssZ^rs xs>7(onsgoö>7rs -M Lssn 5I0SSS ^ Ztsclbs s OvlLcpsfisn Narts der 8 alten wrte (Periode I3Z2-I4I2) i. Zürich. 2/.Bern.^3. Luzern. 4. Uri. 6. Zchrvyz. 6 s Nidmalden. 6 b Gbwalden. 7. Glarus. 8. Zug.— Linfiedeln mit Schwqz verlandrechtet. Gersau mit den vier rvaldstätten verlandrechtet werden gezählt, achtzig verzierte Ritterhelme und 1500 Erschlagene, worunter der Glanz und die Glorie der Ritterschaft. Der eigene Verlust hingegen beträgt nur fünfzig Tote. Ein mächtiger Jubel erfüllte die Straßen Berns, als das ruhmbedeckte Heer heimkehrte. Die Helfer in der Not wurden mit reichen Geschenken bedacht, belobt und bedankt. In einer feierlichen Stunde beschloß die Bürgerschaft, den Tag der 10000 Ritter, an dessen Vorabend der Sieg erfochten ward, jedes Jahr festlich zu begehen und den Rrmen ein Almosen zu spenden. Die schmachvolle Niederlage bei Laupen ließ jedoch dem umliegenden Adel und der Stadt Freiburg keine Ruhe. Die Fehde nahm ihren Fortgang, bis die Berner abermals in kühnen Taten sich Lust machten, den Adel züchtigten, Freiburg demütigten und einen solchen Schrecken weit- um verbreiteten, daß Friede wurde und es überall hieß, Gott sei selbst Bürger von Bern geworden. Sm Jahre 1353 aber erneuerte Bern seinen Bund mit den Wald- stätten für ewig und schloß den Ring der acht alten Grte. 66 Die junge Eidgenossenschaft setzte damit auch ihren Zweiten Fuß in die Hochebene. Wie ihr Einfluß sich durch den Beitritt von Zürich nach Nordosten erweitert hatte, so gewann er jetzt durch Bern nach Nordwesten neuen kaum. Sie war fortan eine Macht, unverrückbar und trutzig wie die Berge im Umkreis, und erhielt die Bluttaufe wiederum im Kämpfe gegen das Habsburgische Österreich. Die Gugler Bevor Österreich zu neuen Schlägen ausholte, fielen fremde Söldlinge ins Land und jagten das Volk in Schrecken. Sngelram von Toucp, ein verwegener Abenteurer, dessen Mutter eine Tochter Leopolds I. von Österreich war, führte ein Heer von 40 000 meist französischen Söldnern ins Elsaß, um die von Österreich versprochene Mitgift zu erzwingen. Das Volk nannte sie Engländer, weil sie am englisch-französischen Krieg teilgenommen hatten, und um ihrer großen Kugelhelme wegen Gugler. Der herzog von Österreich tat nichts, um sich der Mordbanden zu erwehren. Er ließ im Gegenteil Langenthal, Lenzburg, Willisau und viele andere (Orte, die keinen Schutz boten, niederbrennen und die Felder verwüsten, um dem Feind Brot und (Obdach zu entziehen. Das Landvolk flüchtete sich in die Burgen und Städte, die vor den fremden Banden, welche kein Velagerungsgerät mit sich führten, sicher waren. Im Thristmonat des Jahres l375 drangen die Gugler über den hauenstein bis an die Bare und die Neuß, wo sie wie wilde Teufel hausten und das Land bis nach Neuenburg hinein ausplünderten. Sie setzten sich in den Gotteshäusern fest, Eoucy selber im Kloster St. Ürban, von wo er brennend und sengend bis vor die Tore Luzerns abenteuerte. Einer der Unterführer bezog im bernischen Kloster Fraubrunnen Winterquartier. Um sich die Blutsauger vom halse zu schaffen, griffen wackere Gesellen zu ihren Streitäxten und gingen auf die verruchten los. Die Entlebucher schlugen eine Schar bei Vuttisholz, westlich des Sempacher- sees, aufs Haupt. Der Hügel, unter dem die Erschlagenen begraben sind, heißt jetzt noch Lngländerhubel. Die Seeländer vernichteten eine Abteilung bei Ins, und die Berner überfielen das Kloster Fraubrunnen zumitten der Nacht, warfen Feuerbrände hinein und erschlugen über 800 Gugler in den Kreuzgängen. s« 67 Das war ein vernichtender Schlag, der das Volk von der Landplage befreite. Die Niederlagen, der herrschende Mangel an Lebensmitteln und die große Winterkälte zwangen Loucy, mit seinen Banden das Land zu verlassen. Noch lange aber blieb die Erinnerung an die frechen Horden im Gedächtnis haften, und ebenso der tiefe Groll gegen den herzog von Ästerreich, der mit seinen Leuten ennet dem Nhein sich in eine Festung eingeschlossen und hab und Gut der Untertanen hatte zerstören lassen. Zempach Im Sommer 1386 wimmelte es in Baden und Vrugg von fremdem Rriegsvolk. Bus Frankreich, Burgund und sogar von Italien her strömten die Söldnerscharen den Städtlein zu, wo die Mannschaften vom Rargau und Thurgau bereits versammelt waren. Mit steigendem Vergnügen überschaute herzog Leopold die rasch anwachsenden Hausen, galt es doch, gegen das verhaßte, aufstrebende Bauernvolk einen vernichtenden Schlag zu führen. Was war nicht alles geschehen, das ihn mit Empörung erfüllte! Bern, Zürich, Luzern und Zug waren dem Bund der Städte in Schwaben und am Rhein beigetreten, der offenkundig gegen Österreich gerichtet war. Luzern, die österreichische Untertanenstadt, suchte sich sogar frei zu machen und nahm die Entlebucher und die Städtchen Sem- pach und Willisau, wo das feige und schnöde Verhalten Österreichs im Guglerkrieg noch in guter Erinnerung war, in sein Burgrecht aus. heißblütiges Burschenvolk überfiel die verhaßte österreichische Feste Roten- burg und riß sie nieder, und noch andere österreichische Burgen wurden desgleichen dem Erdboden gleichgemacht. In glänzender Laune zog das Heer von Brugg aus seinen Weg dahin, voran die schimmernde, in Stahl geschnürte Ritterschaft aus ihren reichverzierten Pferden, deren Rüstzeug in der Morgensonne funkelte. Durch ein Scheinmanöver hatte Leopold versucht, die Eidgenossen in Zürich zu fesseln, und dann rasch eine andere Richtung eingeschlagen. Zofingen wurde ohne halt durchschritten. In Willisau blieb der herzog acht Tage zur Rast, und zum Dank für die Unterkunft und Verpflegung ließ er den Flecken in Rauch und Rsche zurück. In Sursee wurden die letzten Vorbereitungen für den Marsch getroffen. Diesmal läßt man sich nicht in die Falle locken wie bei Morgarten. Wenn die Bauern es wagen Die Schlacht bei Sempach 1386 WAG -'L SWM WEM iMO sollten, den Weg zu sperren, gnade Gott den Armen, die Reiterei Zertritt sie mit den Hufen und zermalmt sie in den Staub. Es war ein strahlender Iulimorgen, als das Heer dem Sempachersee entlang ritt. Der herzog gedachte, 'zuerst Sempach zu stürmen und für seinen Abfall zu züchtigen, bevor er den Weg nach Luzern fortsetzte. Deshalb ritt er selber vor das Städtlein und zeigte den Verteidigern die Stricke, an denen man sie aufhängen werde. 200 Rlähder, die er mit sich führte, legten in den Ackern das Korn nieder, das man zur Verpflegung bedurfte. Während das Fußvolk Sempach einschloß, lagerte sich das Reiterheer auf der östlichen höhe, um bereit zu sein, wenn die Eidgenossen das Städtchen etwa entsetzen möchten. Und richtig, um acht Uhr morgens schon meldeten seine Späher, daß ein eidgenössischer Haufe durch den Wald heranzöge. Es war größtenteils die Mannschaft, die dem bedrohten Zürich zu Hilfe geeilt, dann aber nach Suzern zurückgekehrt war, als die Absichten des Herzogs bekannt wurden. herzog Leopold übersah das Gelände, schimpfte und wetterte, denn wie sollten seine Reiter in diesem unebenen, von Wasserläusen und 69 Hecken durchzogenen Boden den Kampf bestehen. Doch die Eidgenossen waren da. Aus dieser Stätte mußte die Entscheidung fallen. Ein Teil der Ritterschaft saß ab und übergab die Pferde den Knechten, die Befehl erhielten, hinter der Front auf ihre Herren zu warten. Eine zweite Staffel blieb hinter dem reisigen Fußvolk lauernd im Sattel, um die Bauernhaufen, wenn sie geschlagen waren, zu umzingeln und vollends niederzumachen. Die verbündeten zählten nur etwa 1500 Mann. Im Schatten der lvaldbäume verrichteten sie ihr Schlachtgebet und ordneten sich zu einem Spitz, wie der Thronist sagt, das heißt zu einem spitz nach vorn laufenden Gewalthaufen. Die Österreicher hingegen stellten sich in ein Rechteck, aus dem die fünf Meter langen Spieße mit den messerscharfen Spitzen unheimlich gleißten. Ein Lpeerwald, der durch sein mächtiges Gefunkel einen schwächlichen Gegner in Schrecken gejagt hätte. Den Eidgenossen bangte nicht davor. Im vertrauen aus ihre Kraft und Behendigkeit und aus die Hilfe Gottes rannten sie aus die dräuenden Stacheln los, um mit dem Keil ein Loch hineinzutreiben. Doch die halbarten und Morgensterne langten nicht über die Spieße hinaus an die Ritterhelme. Die Speere stachen und stießen den kühnen Männern das Eisen in die Brust. Hohngelächter schallte aus den stolzen Reihen der Harnische, als der zweite und dritte Anlauf gleicherweise mißglückte. Gegen Mittag änderten die Eidgenossen ihre Taktik, brachen aus beiden Flügeln des Keils nicht mehr in einer Spitze, sondern in breiter Front zum Rngriss, und nun zerhieben sie die eiserne Stachelwand und gewannen den Druck. „Dabei hals uns ein getreuer Mann," steht in der Thronik. „Da der sah, daß es so übel ging und die Herren mit ihren Glänen und Spießen immer die vordersten niederstachen, ehe man sie allda erlangen möchte mit den halbarten, da drang der ehrbare fromme Mann voran und faßte so viele Spieße, als er ergreifen mochte, und drückte sie nieder." Dieser ehrbar fromme Mann war Arnold Winkelried. Mit dem Ruf: „Lidgenossen, ich will euch eine Gasse machen, sorget für mein Weib und meine Kinder," umfaßte er einen Hausen Spieße und drückte sie mit seinem Leibe nieder. Über seine Leiche hinweg stürmten die Genossen durch die offene Gasse und durch die anderwärts geschlagenen Gänge, drehten sich behend und flink um die plumpen Rittersleute, die in ihren schweren gepolsterten Lisengewändern und bei der drücken- 70 den Hitze sich kaum mehr bewegen konnten, und ließen die Streiche niedersausen. Das österreichische Hauptbanner senkte sich. „Rette Österreich, rette," erscholl es immer lauter und dringender. herzog Leopold, der im zweiten Treffen den Gang der Schlacht überschaute, spornte in der Verzweiflung sein Pferd und stürzte voran in den Rampf. von der halbarte getroffen, sank sein Hengst in die Rnie und überschlug sich. Lin zweiter Streich zerspellte dem herzog das Haupt. Niklaus Thut, der Schultheiß der österreichischen Stadt Zosingen, ritz sterbend das Fähnlein von der Stange und schob es in den Mund. Db döm höllischen Geprassel, den hallenden Streichen und dem Röcheln der Sterbenden erblaßten die Rnechte. hier schwingt sich einer in den Sattel, die andern blitzschnell nach, und aus einmal sprengt die ganze Rnechteschar davon. RIs die Ritter atemlos bei ihren Pferden das letzte heil suchten, war der Platz leer. Dem Ersticken nahe, wehr- und kraftlos, empfingen sie den Todesstreich. Das Fußvolk und ein Teil der Reiterei des zweiten Treffens entkamen. Den Eidgenossen mangelten die Berittenen, um sie einzuholen, ansonst der Rrm des Rächers den letzten Mann ereilt hätte. Drei Tage blieben die Sieger altem herkommen gemäß aus dem Schlachtfelds, wo der Ritter viele hundert kalt und stumm im Grase lagen. War doch der vierte Teil des Heeres vernichtet. Bis in die Lombardei drang die Runde von der Niederlage des gewaltigen Beutezuges, und sogar im Norden Deutschlands sprach man von den Siegen der Tzwitzer über das „grote Volk" des Herzogs. Im eigenen Lande aber wurde die herrliche Tat des tapferen Häufleins noch lange in Liedern und Sprüchen besungen. Ein gewisser halbsuter aus Luzern dichtete ums Jahr 1470 ein Zempacherlied, das 67 Strophen umfaßte und dem rühmlichen Beispiel Winkelrieds die gebührende Ehre erwies. heute tönt aus den Schulbänken, in den Reihen vorüberziehender Soldatenkolonnen, und wo Sangessreude mit patriotischer Stimmung sich eint, die neue wuchtige Strophe: „Laßt hören aus alter Zeit." Die Berner, die eines Bündnisses wegen mit Österreich dem Sem- pacherkrieg ferne blieben, schlugen nach dem Siege mit unerhörter Rampflust los. Rls ob sie zeigen wollten, wie stark und tief und gemeinsam der haß gegen die Unterdrücker bei allen Bundesgenossen sei. Sie zerstörten im Val de Ruz vierundzwanzig Dörfer und Rirchen, bezwängen die Feste Torberg, wo ein ergebener Diener Österreichs hauste, 71 eroberten das Schloß Koppigen, brandschatzten in sreiburgischen Landen herum und zwackten der Saanestadt das obere Simmental ab. Österreich aber vereinigte seine Kräfte zu neuem Kamps, nicht mehr gegen die Waldstätte, sondern gegen das Ländchen Glarus. Näfels Nach der Schlacht bei Sempach schüttelten die Glarner zum zweitenmal die österreichische Herrschaft ab und bemächtigten sich des wichtigen Städtchens Wessen, wo sie eine Besatzung zurückließen. Die Bewohner hatten sich über die neuen Herren nicht zu beklagen. Mein sie zogen die Herrschaft der Herzöge dem Negiment von ihresgleichen vor und beschlossen, die Glarner niederzumachen und die Stadt den Österreichern zu übergeben. Der Vogt von Nieder-Windegg beredete sich heimlich mit einigen österreichisch gesinnten Bürgern im Städtlein. Sobald er der verschworenen Bürger sicher war, schlichen seine Krieger in einer finstern Februarnacht durch die leise sich öffnenden Tore in die Häuser und schlugen die Besatzung nieder. Wer sich nicht über die Mauer in den See retten konnte, wurde erbarmungslos zusammengehauen. Noch heute bezeichnen die Glarner mit Weesener einen Verräter, so tief war der Eindruck, den diese Mordnacht hinterließ. Im Frühjahr l388 sammelte sich in Wessen ein österreichisches Heer, das bis auf 6000 Mann anlief. Glarus drohte die Vernichtung. In tiefer Besorgnis blickte das schwache Völklein nach den Bundesgenossen in den Waldstätten. Doch wer sollte ihnen bei haushohem Schnee über die Pässe zu Hilfe eilen! Im Sommer dann schon, aber nicht jetzt, wo der Schnee sich lockert und die Lawinen von allen Graten niederbrechen. Die Glarner sandten deshalb Voten nach Wessen, um Unterhandlungen einzuleiten und Zeit zu gewinnen. Die Boten wurden schnöde abgewiesen, und am 9. April drang das österreichische Heer in zwei getrennten Hausen ins Ländchen hinein, um es geradeaus durch das Haupttal und mit einer Umgehungskolonne über den Kerenzerberg in die Zange zu nehmen. Die Hauptmacht zog der Linth entlang gegen Näfels, erstürmte die schwachbesetzte Letzimauer, die bis hoch an die Hänge hinauf sperrte, und überschwemmte raubend und mordend das offene Land, das der frechen Lust wehrlos preisgegeben war. von Haus zu Haus wälzten sich die zügellosen Horden, stachen nieder, was sich zur Wehr setzte, trieben das Vieh aus den Ställen und verliefen sich hierhin und dorthin zu den entlegensten Höfen. Indessen fanden die Glarner Zeit, sich zu sammeln. Ein Häuflein Schwyzer, das vom pragel herunterklomm und ihre schwache Streitmacht vermehrte, hob die Zuversicht zum felsenfesten vertrauen auf den Sieg. Nur 600 Mann stark, erwarteten sie den Angriff an einer Geröllhalde in der Nähe von Näfels, wo der Steilhang ihnen den Nücken deckte. In ungeordneten Haufen rückten die Feinde heran, voran die Reiterei, die gleich in einem prachtvollen Galopp gegen das Hirtenvolk losdonnerte. Da, bei Morgarten und Sempach! Ein Steinhagel prasselt aus die Pferde nieder. Sie bäumen sich, scheuen, schlagen aus. hier und dort purzelt schon einer ins Gras. Die Reiter wenden und geraten in das nachdrängende Fußvolk. Jetzt oder nie! Mit der Wucht eines Wildbaches stürzen die Bauern von der höhe herab, hauen, stechen, schlagen, daß es kracht und splittert und hundertfach in den Felsen widerhallt. Rote Büchlein färben den Boden. Zur gleichen Zeit verfinstert sich der Himmel. Schnee und Hagelschauer umwölken die kämpsenden Scharen. Der Herrgott ist mit dem Vaterland, hei, wie das flieht und davonstiebt, niedersinkt und den letzten Seufzer verhaucht. Die Glarner hinterdrein mit flinken Beinen, wuchtigen Rrmen und tödlichen Streichen. Diebe, Mordbrenner, Würger sind ihre Feinde, nicht ehrliche Gegner. Was die Rächerhand erreicht, wird niedergemacht, wer noch ein Lebenszeichen von sich gibt, stumm geschlagen. Bei Wessen bricht die Brücke unter der Wucht der Fliehenden. Da halten die Glarner ein und kehren um. Unterdessen war die Seitenkolonne auf dem Rerenzerberg Zeuge des niederschmetternden Schauspiels geworden. Lin Augenblick des Staunens und Grauens, und die Bestürzten wandten sich und stoben über hals und Ropf den gleichen Weg bergab, den sie so mühsam erklommen hatten. Um der Rache zu entgehen, steckten die Weesener den roten Hahn aus die Dächer ihrer Stadt und brachten sich in Sicherheit. Die Glarner kehrten aus das Schlachtfeld zurück, wo ein Dritteil des österreichischen Heeres aus der Strecke geblieben war, und begruben die Toten in ungeweihter Erde. Ihr Verlust betrug nur 54 Mann, die Beute aber l3 Banner und unzählige Panzer. Ein Jahr später stiftete die Landesgemeinde die sogenannte Näselser- 73 fahrt, ein kirchlich-patriotisches Landesfest, damit „dem allmächtigen Gott, seiner lieben Mutter Maria und den hochgelobten Himmelsfürsten 5t. Fridolin und 5t. hilarius, ihren getreuen Nothelsern, ewiglich gedankt und nimmer vergessen werde der großen Hilfe und Gnade, die sie dem Volk in seiner Not gewährt." Bis aus den heutigen Tag ist die Näselsersahrt dem Talvolk die freudig-fromme, schönste Feier geblieben, und solange der Glärnisch sein Firnhaupt in die Wolken erhebt, werden die dankbaren Nachkommen den Tag von Näfels in Ehren halten. Im Siech enhau5 Wer von uns weiß heute noch etwas vom Aussatz und von der Pest! Im Grient und in Amerika, da wohl, da gibt es noch unzählige 5charen der Ärmsten unter den Armen, die daran leiden und zugrunde gehen. Bei uns aber müssen wir schon tief in die „gute alte Zeit" hinabsteigen, um diese Geißeln der Menschheit kennen zu lernen. 5chau, zieht da nicht grad ein Trüpplein von Aussätzigen mit der Klapper in der Hand durch die 5traßen der 5tadt! In einem großen Bogen fliehen die Gesunden die rasselnden Klappern, die warnen: Weiche aus, und bitten: Erlöse uns vor Hunger und bitterer Not. Aus langen, groben Mänteln strecken die 5iechen die mageren Arme flehend an die Fenster hinaus und betteln um Almosen. Wo sich ein Kops über die Brüstung neigt, springen sie alle an einen Hausen, heben den Filz hoch und zanken um das 5tücklein Brot oder die Geldmünze, die ihnen zugeworfen wurde. Weiter geht es, die Klappern rasseln, mit Zeichen des Abscheus und des Ekels weichen die vorübergehenden aus, da die bloße Berührung mit einem dieser Erbarmungswürdigen zur Ansteckung führen kann. An keinem öffentlichen Brunnen dürfen sie sich letzen, in keinen Hausgang eintreten, keine Wirtschaft besuchen. 5ie sind die verstoßenen, der Abschaum der Menschheit, mehr als Diebe und Mörder geächtet. Im l4. Jahrhundert wurden sie in Basel, sobald man sie aus der 5traße erblickte, fortgetrieben oder in Karren aus die offene Landstraße hinaus bugsiert. Nirgends öffnete sich ihnen ein gastliches Tor, wo sie das Haupt zur Ruhe legen konnten, heimlich mußten sie sich in Heuschober und 5chweineställe schleichen oder aus die bloße Erde legen und über Tag weiterschleppen, stets in Gefahr, von den Hunden angefallen 74 und zerrissen zu werden, sobald sie sich einem Bauernhause näherten. Da trat der Tod nicht als Würger, sondern als hochwillkommener Freund heran, der ein Leben erlöste, das nur Oual, Leid und Ekel vor dem eigenen Leibe war. Glücklich, wer in einem Siechenhaus Unterkunft fand. Für die Städte wurden die Absonderungshäuser nach und nach ein Bedürfnis. Draußen an der Landstraße erstanden sie. Line Mauer umschloß das Gebäude, den Friedhos und die Kapelle, wo sie zu dem beten konnten, bei dem allein ihre Worte nicht Widerwillen hervorriefen. Solcher Häuser gab es in der Schweiz bald gegen zweihundert. Hablose wurden darin ohne Entgelt aufgenommen. Bemittelte mußten ein Psrundgeld bezahlen. Die Reichen konnten sich eine eigene Kammer mit Küche und einem Krautgärtlein halten und sogar einen Stall für das Reitpferd, denn die Krankheit packte die vornehmen so erbarmungslos wie die Rrmen. Sn der großen Stube hielten sie gemeinsame Mahlzeit, aber an zwei Tischen voneinander getrennt. Ruf die Tafel der Reichen kamen täglich Fleisch und Wein, für die andern nur Mus und Brot. Ein Hausmeister sorgte dafür, daß die Insassen die Gebote der Hausordnung nicht überschritten, denn es gingen unter den Siechen auch mancherlei schlimme Gesellen um, die auf den Teufel größere Stücke hielten als aus Zucht und Ordnung. Mittellose, welche die Arzte als aussätzig befanden, durften sich so lange in einem Korb oder in einer Wanne vor die Kirchenpsorte setzen, bis sie die Summe für einen Platz im Siechenhaus erbettelt hatten. Zuerst wurden nur Bürger und Angehörige der Stadt darin ausgenommen, später auch Bewohner der Landschaft. Einem fremden Siechen gewährte man gnädig ein Nachtlager. In der Morgenfrühe hieß es: Fort mit dir, auf die Landstraße. In Schafshausen ging noch bis zum Jahr 1860 der „Brätschelima" (Brätscheli--Klapper) jeden Sonntag von Haus zu Haus, um Gaben für das ursprünglich den Aussätzigen, jetzt aber ärmen und alten Leuten bestimmte Sondersiechenhaus auf der Steig einzusammeln. Er war gekleidet wie ein Aussätziger und verkündete seine Ankunft mit der Klapper. Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts, als man der Körperpflege und einer reinlichen Lebensweise mehr Aufmerksamkeit schenkte, gelang es den Ärzten, die Krankheit zu meistern. Unreinlichkeit ist ja zu 75 allen Zeiten -er beste Nährboden für die Krankheitserreger gewesen. Die Siechenhäuser wurden allmählich in Anstalten für Epileptische, Taubstumme und Blödsinnige umgewandelt. heute sind die meisten dieser Häuser vom Erdboden verschwunden. Einige wenige stehen noch einsam und verödet an der Landstraße als stumme Zeugen einer traurigen Vergangenheit, die wir gedankenlos die gute alte Zeit nennen. Grad wie wir heute noch oft den Schimpfnamen Siech, dieser Siech, auf die Zunge nehmen, ohne uns der früheren Bedeutung dieses Wortes bewußt zu sein. Der schwarze Tod Nlit der Wucht einer rollenden Woge wälzte sich die Pest, arm und reich verschlingend, um die Mitte des 14. Jahrhunderts aus dem Morgenlande in die alte Welt. Kein Krieg ist je so vernichtend über die Gaue dahingefahren wie der schwarze Tod oder das große Sterben, wie man die entsetzliche Krankheit auch nannte. Blüten gleich, die der Frost knickt, sanken die Menschen dahin. Die vögel fielen tot aus den Lüsten. Schweine, die in den weggeworfenen Lumpen eines verstorbenen wühlten, wanden sich bald darauf im Todeskrampse. Die wilden Tiere verendeten vor ihren höhlen. „Das Siechtum war also giftig," sagt der Ehronist Tschudi, „daß, wenn ein gesunder Mensch dem Siechen so nah kam, daß er seinen Atem oder Dunst empfand oder sein Gewand berührte, der mußt sterben." Alle Arznei war völlig machtlos. „Da hals nicht Flucht noch menschliches Sorgen und Wissen, erfolglos zeigte sich die Messe, welche Papst Tlemens eigens gegen den Tod gemacht, Gottes Erbarmen zu erflehen; den Eiligsten holte die Pest ein, des Stärksten wie des Weisesten spottete sie, und der vornehme galt ihr gleichviel wie der Geringste, der Geistliche nicht mehr als der Laie. Durch alle mitten hindurch schritt sie unbeirrt und mähte ihre Schwaden links und rechts zu Loden." In Bern begrub man oft sechzig Leichen im Tag. Sn der Stadt Basel „blieben vom Aschheimertor bis an das Nheintor hinab beiderseits nur drei Ehen ganz und vergingen in der Stadt bei 14000 Menschen." Sm Kreuzgang Allerheiligen in Schaffhausen stehen aus der Totentasel der vier Geschwister Waldkirch die Worte: „Graus die Pest in dieser Stadt mehr denn ein Jahr gewütet hat. 76 Der schwarze Tod zu Vasel Allein im Ängsten starben dran, 900 Kinder, Weib und Mann. Wir 4 Geschwister dazumalen, d'Schuld der Natur auch mußten zahlen. Weil keins konnt ohne das andere sqn, so nahm uns Gott all miteinander hin." In Zermatt starb an der Pest so viel Volk, daß aus dem Wege zur Kirche das Gras aufschoß, weil niemand mehr da war, um die Leichen zu bestatten. Ein Bursche flüchtete sich über den Berg außer Landes. Als er nach langer Zeit heimkehrte, war das Sterben zu Ende, das Dorf grabesstill und keine lebende Seele mehr darin. Er schlüpfte in einen zurückgelassenen Nock, der ihm die Krankheit übertrug und den Tod gab. Sn St. German, einem andern Lergdörslein des Wallis, lagen die Leichen in allen Häusern, aus Weg und Steg herum. Ein achtzehnjähriges Mädchen, das allein zurückblieb, faßte den Entschluß, sich zu opfern. Die Maid erwählte unter der verlassenen Habe ihrer verwandten einen Schimmel, schmückte ihn wie zu einem Hochzeitsritt mit bunten Bändern und ging unerschrocken von Haus zu Haus, über Feld und Äcker, sammelte die verwesenden Leichen und führte sie aus ihrem getreuen Zelter nach dem Friedhof. Tag um Tag, ja wochenlang verrichtete die hochherzige Jungfrau diese Arbeit, bis sie allen Dpsern der Seuche ein geweihtes Nuheplätzchen bereitet hatte. Aus dem Grabhügel des zuletzt Bestatteten brach sie sterbend zusammen. Überall suchte man die Ursachen des großen Sterbens zu ermitteln. Man brachte Naturerscheinungen damit in Zusammenhang, wie Erdbeben, Bergstürze und ausgetretene Seen, die, wie das Volk glaubte, der Erde giftige Dünste entzogen, welche die Luft verpesteten. Sm Wallis beobachtete man auch seltsame Lichter, die an den Hängen aus- und abfuhren. Sn den Städten schoben die Bürger die Schuld auf die Juden, denen man vorwarf, sie hätten die Brunnen vergiftet. Das Volk stürzte sich aus die unglücklichen Gpfer, schleppte sie auf den Scheiterhaufen oder ins Gefängnis, plünderte ihre Häuser und benützte die willkommene Gelegenheit, die Geldschulden bei den Hebräern abzuschütteln. Andere nahmen die Seuche für eine göttliche Strafe hin und suchten durch Selbstpeinigung sich von der Sünde zu reinigen. Sie sammelten sich in Geißlergemeinschasten, zogen schwarmweise von Stadt zu Stadt. 77 von einer Kirche zur andern und geißelten sich blutig mit Lederpeitschen, in die sie spitzige Nagel geflochten hatten. Die Überlieferung erzählt, daß die Seuche an vielen Orten erst verschwand, als eine Stimme aus den Lüften das Gegenmittel offenbarte: „Iß Pimpernell und gebaht's Brot, so hört us der gähe Tod." Im siebzehnten Jahrhundert schritt der schwarze Tod nochmals verheerend durch die Länder Europas. Jeremias Gotthels erzählt uns in seiner „Schwarzen Spinne", wie die Pest im Lmmental Menschen und Tiere dahinraffte, so daß in der ganzen Talschast nur noch zwei Dutzend Männer übrig blieben, die alle an dem Scheibentisch Platz hatten, der heute noch in Sumiswald zu sehen ist. wallis Kein schöneres und seltsameres Land als das Wallis. Ewiger Winter, lachender Frühling, reisender Sommer, Speicher und Keller füllender herbst führen gemeinsam das Zepter. Im Nhonetal glaubt man sich in den fruchtbaren Gefilden Italiens, und doch schimmern von allen höhen herab die Ewigschneezinnen, die um so Heller funkeln, je glühender die Sonne brennt. Die Grasen von Savopen dehnten ihre Herrschaft nicht nur bis an die Kare, sondern auch der Nhone entlang aus und unterwarfen sich das romanische Unterwallis bis nach Sitten hinauf. Nn der Spitze der geistlichen Herren im Wallis stand der Bischof von Sitten, der aus dem Tourbillon eine sicher umwehrte Burg bewohnte. In geistlichen Dingen regierte er über das ganze Walliserland, in weltlichen nur im Gberwallis. Die Gberwalliser aber waren ein stolzes, nach Freiheit ringendes Bergvolk deutschen Stammes, das weder dem Bischof noch dem Landesadel zu Gefallen leben mochte. Die meisten von ihnen waren seit dem zwölften Jahrhundert aus dem Berner Oberland und den Waldstätten eingewandert. Ihr Land zerfiel in sieben große Gemeinden oder Zehnten, wo die Bürger ein friedliches ülplerdasein führten und sich um die Händel draußen, von denen sie kaum viel vernahmen, herzwenig kümmerten. Da ritt im Thristmonat des Jahres 1388 der Gras von Savoyen mit einer erlesenen Nitterschar und einem zahlreichen Gefolge das Rhonetal hinauf vor das Städtlein visp. Während das Heer sich in der Ebene lagerte, sandte der Gras einen Boten vor die Burg mit der Aufforderung, sich zu ergeben, ansonst er die Dörfer einäschern und die Bewohner niedermetzeln werde. Die Disper erschraken sehr, denn sie waren zum Kriege nicht gerüstet. Sie begehrten drei Tage Bedenkzeit und hofften, in der kurzen Spanne die Gberwalliser zu Hilfe rufen und sich retten zu können. In der dritten Nacht langte die hilfsmannschast aus dem obern Tale an. heimlich und ohne Lärm verteilte man sie in die Häuser und auf die Burg. Ein Nrm des visperwassers wurde ins Dorf geleitet und das Land ringsherum überschwemmt. Das Wasser gefror rasch und machte Weg und Steg ungangbar. An die Stellen, wo man die Büchlein nicht Hinleiten konnte, wurde Wasser in Zubern und Brenten getragen, so daß eine einzige ununterbrochene Eisfläche entstand. Die Männer schmiedeten Gletschereisen, um festen Fuß zu fassen, beluden alle Wagen, die sie austreiben konnten, mit Steinen und bewehrten sie ringsum mit Sicheln und Sensen. Bei Tagesanbruch war man zum Kampfe gerüstet. Sobald die Wagen in die feindlichen Reihen niederrasselten, schlugen die Walliser mit ihren Mordwaffen los. Die überraschten Gegner schlipften auf dem Lise aus, purzelten zur Erde und fanden jämmerlich den Tod. Lin prachtvoller Serpentinblock liegt heute noch auf dem großen Platz in visp, wo er vom Wagen fiel, und erinnert an die Heldentat der Ahnen. Unter den Adeligen schwangen sich die Herren von Raron auf die oberste Stufe der geistlichen und weltlichen Macht. Lin Raron wurde Bischof, ein anderer, namens Witschard, Landeshauptmann. Beide setzten dem Volk den Fuß auf den Nacken. Doch als das Maß der Bedrückung voll war, erhoben die Walliser die Mazze. Das war, wie der Name sagt, eine Keule, in die sie ein Menschenantlitz hineinschnitzten, das die unterdrückte Gerechtigkeit darstellen sollte. Diese Fratze umwanden sie mit Dornen und stellten sie des Nachts an den Weg. Frühmorgens, wenn die Menge sich darum versammelte, band der Mazzenmeister die Keule los und stellte sich daneben. Aus dem Volke wurden nun Fragen gestellt: „Mazza, was fehlt dir? Mazza, warum bist du hier?" Das Stillschweigen bedeutete ein neues Leiden, indem die Unterdrückten nicht einmal klagen dürfen. Aus dem Volk erhob sich wiederum eine Stimme: „Ist ein herzhafter Mann, der wohl reden kann und dem das Land lieb ist, so trete er hervor und sei Fürsprech der Mazza." Alsbald trat einer 79 zu dem Mazzenmeister und rief: „Sie wollen dir helfen, Mazze, sprich, nenne den Mann, den du fürchtest. Ist's der Silinen? Ist's der Usper- ling? Ist's der hengarten?" Die Mazze schwieg. „Sind es die von Uaron?" Die Mazze verneigte sich tief. Da sagte der Fürsprech: „Sie hat euch geklagt, biedere Männer, wer sie retten will, hebe die Hand aus." Alle erhoben die Hände, und nun erging von Dorf zu Dorf durch alle Zehnten der Sturm. Die Burg Witschards wurde so gründlich zerstört, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben. Der Graf sowohl als auch der Bischof mußten das Land verlassen, und die Zehnten erneuerten ihr Burg- und Landrecht mit Luzern, Uri und Unterwalden, das sie vor dreizehn Jahren schon geschlossen hatten. Mtschard floh zu den Vernein, mit denen er befreundet war, und bat um Hilfe. Die Berner zogen einmal über den Lötschenpaß, ein andermal über die Grimsel nach Ulrichen, wo ihnen die Schar des riesenstarken Thomas in der Bünden entgegentrat und eine Niederlage bereitete. von nun an ließen die Berner und die Walliser einander nicht mehr in Buhe. Sie stahlen sich gegenseitig die Viehherden von den Ulpen, und viele schöne Sagen erzählen uns von ihren Heldenstücklein. Und zwar berichtet die Überlieferung, was auch ganz natürlich ist, hüben und drüben immer nur von den Fehden, wo der Gegner in unübertroffener Schlauheit überlistet oder weidlich verhauen wurde. C>b die Berner oder die Walliser dabei mehr an der Nase herumgeführt wurden, wäre noch zu ergründen. Davon zwei Beispiele: Der Pfarrer in Lötschen hielt es heimlich mit den Beinern und schlug ihnen einen Sonntag vor, an dem sie kommen sollten, um die Lötsch- taler zu überfallen. Un dem verabredeten Sonntag waren die Lötscher alle in der Kirche, und der Geistliche begann etwas später mit der Messe. Unter den Weibern saß auch eine Frau mit einem kleinen Rinde, das plötzlich zu weinen anfing. Sie führte es hinaus und wanderte über die höhe von Ferden, als sie vom Lötschenpaß her ein sonderbares Trommeln und pfeifen hörte. Sie sah die Waffen blitzen und vermutete, was da den Berg herunterstieg, könnte bernisches Rriegsvolk sein. Das Weib rannte in die Kirche zurück und rief: „Die Berner kommen." Die Männer stürzten zu den Waffen und rüsteten sich zum Empfang des Feindes. Der Kastelan sandte einen Knaben mit einer schriftlichen hilse- mahnung ins Uhonetal hinab. Er steckte ihm den Zettel in einen Milcheimer und schüttete darüber eine Mehlspeise. „So, nun lauf," befahl 80 er dem Luden, „und wenn sie dich anhalten und ausfrägeln, so sag', du tragest dem Vater das Mittagessen zu." Unterwegs fiel der Bote richtig in die Hände der Feinde. Er stellte sich dumm, deckte den Eimer ab und zeigte ihnen den braunen Mehlrost, worauf sie ihn laufen ließen. Bis die Berner den Talgrund erreichten, standen die Lötscher aus ihrem Posten. Doch fühlten sie sich dem Feinde gegenüber zu schwach. Lie taten überaus freundlich und schlugen vor, ins Bhonetal hinabzusteigen und dort gemeinsam zu plündern. Die Berner waren des zufrieden und zogen voran. Die Lötscher blieben langsam zurück, und da nun die Walliser aus dem Uhonetal heraufmarschierten, gerieten die Berner zwischen zwei Feuer. Die Lötscher fielen ihnen in den Bücken und schlugen sie tot. Nun das Gegenstück dazu: Einst raubten die lvalliser aus dem oberen Limmental die Kuhherde und trieben sie über den Bawil ins Ivallis hinunter. Die Limmentaler Buben schlichen ihnen nach, und als sie merkten, daß die Räuber in einer Hütte fröhlich zechten, lösten sie den Kühen leise die Glocken ab und lockten sie wieder über den Bawil zurück. Nur einer blieb unten und läutete die ganze Nacht, bald mit einer tiefen, bald mit einer hellen Glocke, so daß die lvalliser arglos einschliefen. Bis sie am Morgen den Betrug gewahrten, sammelten sie die benachbarten Hirten und schritten bewaffnet über den Berg ins Limmental, wo die Männer alle fortgezogen waren. Nur eine Knabenschar stellte sich zum Kampf. Bls das Häuflein von der Übermacht umzingelt war, erschienen die Jungfrauen mit Leihen und Gabeln und schlugen die Feinde in die Flucht. Die Blpstreitigkeiten und Viehhändel zwischen den beiden Grenznach- barn waren in Wirklichkeit nicht so gewichtig, wie sie im bunten Licht der Lage erscheinen. Die Walliser durften mit den Ergebnissen ihrer Freiheitskämpfe zufrieden sein. Lie erhielten vorn Papste einen Bischof, der den Landeshauptmann aus dem Volke erwählte und in allen ernsthaften Dingen die Vertreter der Zehnten zu Bäte zog. Die Verbindung mit den Waldstätten aber hatte zur Folge, daß die Walliser ihren Lr- oberungszügen nach dem Lüden sich gern und willig anschlössen. 6 Jegerlehner, Geschichte 81 Zpeicher und Ltoß Fast um die gleiche Zeit, als das Bergvolk an der Rhone um Recht und Freiheit stritt, schüttelten die Älpler an der Nordostecke am Bodensee auch die Fesseln der Knechtschaft ab. In den Bergen des Säntis lebten die Rppenzeller, ein reges, behendes, über alle Maßen witziges Hirtenvolk. Das reiche, weit um sich greifende Kloster St. Gallen hatte im Laufe der Jahre fast alle Güter und Rlpen am Fuße des Läntis an sich gebracht. Rus den ursprünglich freien Bauern waren unfreie Gotteshausleute geworden. Die Vögte des Rbtes Kuno von Ltoffeln trieben schwere Zinsen an Geld und Waren ein. Jahr um Jahr wurden ganze Berge von Käse und Butter, Herden von Ziegen und Lämmern ans Kloster abgeliefert. Starb der Hausvater, so verlangte der Vogt als Übersteuer das beste Haupt Vieh aus dem Stall und das schönste Kleid des verstorbenen. Für alle Klagen und Bitten des gequälten und beraubten hirten- völkleins hatte der Rbt taube Ghren. Lr führte ein üppiges Leben und machte kein hehl aus seiner Rbsicht, das Rppenzellerländchen an Österreich zu verschachern. Da wallte den Bergleuten das Blut. Sie schlössen mit der Bürgerschaft von St. Gallen und mit einigen Städten am Bodensee einen Bund, worin sie feierlich gelobten, „einander getreulich und freundlich beraten und behalfen zu sein, mit Leib und Gut, gegen alle, die sie an ihren Freiheiten, Rechten und Gewohnheiten drängen sollten." Bald daraus nahm Schwyz die Rppenzeller ins Landrecht aus und verhieß kräftigen Beistand. Im vertrauen auf ihre Stärke und auf ihr gutes Recht warfen die Bauern dem Rbte den Fehdehandschuh hin. Nach eigenem Ermessen fingen sie an zu jagen und zu fischen und verweigerten die Zinsen und Steuern. Rls die Stadt St. Gallen zur Mischen Botmäßigkeit zurückkehrte, sagten sie: hilf dir selbst, so hilft dir Gott, jagten die Vögte des Rbtes aus dem Land und brachen die Burgen und Schlösser. Wütend darob, sammelte der Rbt ein Heer und marschierte aus dem kürzesten Weg ins Ländchen hinein, um das freche Bauernvolk mit Blut und Eisen in das schmale Joch zurückzuzwingen und für den unerhörten Frevel zu züchtigen. Den Rppenzellern bangte nicht vor dem Strauß. Sobald sie über 82 die Richtung des gegnerischen Anmarsches im klaren waren, suchten sie einen Drt aus für den Kampf, wo die Bodenbeschaffenheit ihnen zum Vorteil, den Feinden zum verderben gereichen mußte. Eine solche Stelle erkundeten sie bei Vögelinseck, etwas unterhalb Speicher. Eine Letzi- mauer sperrte hier den Eintritt ins Land. hinter der Letzt führte ein schmaler, von Wald besäumter Wiesenstreifen auf die höhe von Speicher. DieSchwpzer hielten Wort und sandten einen erfahrenen Hauptmann und ein Trüpplein, das die Schar der Appenzeller auf IOOMann verstärkte. An einem schönen Maientag des Jahres 1403 stieg das äbtische Heer sorglos den Berg hinan. Die Letzt wurde von Zimmerleuten so weit geöffnet, daß zwei Pferde aus einmal knapp durchschlüpfen konnten. Die Reiterei beeilte sich, durch das Engnis zu kommen und dem nachfolgenden Fußvolk Platz zu machen. Im Walde war es still, kein verdächtiges Geräusch, kein Blättlein, das sich regte. Urplötzlich bricht es sturmartig aus den Bäumen hervor. Links blitzen die halbarten, rechts die Morgensterne. Wuchtig fallen die Streiche auf die überrumpelte Reiterschar. Nach keiner Seite kann sie ausweichen, anlaufen, drauflos galoppieren. Nur rückwärts ist ein Entrinnen möglich, rückwärts durch die Lücke in der Mauer. Doch in der Bresche stauen sich Reiter und Fußvolk. Durchbrennende Pferde setzen über den mannshohen Wall und überschlagen sich. Harnische klirren, schützende Helme bersten, aus den eisernen Kollern spritzt das Blut. Einige Minuten nur, , und die Schlacht ist zu Ende. Die Hirten verfolgen die Feinde bis unter die Tore der Stadt. Das Denkmal in vögelinseck leuchtet weit ins Land hinaus und erzählt den heutigen und den kommenden Geschlechtern von der ersten großen Freiheitsschlacht der Appenzeller. Mit sauersüßer Miene setzte sich der Abt über den schmählichen Ausgang des Kampfes hinweg, schaute um Hilfe aus und fand einen willkommenen verbündeten in dem jugendlichen herzog Friedrich von Österreich, dem Sohne des bei Sempach gefallenen Leopold. Der herzog fürchtete für seine Besitzungen, denn die Appenzeller ergingen sich nach dem Siege in wilder Eroberungslust. Am Bodensee zog er zwei Heere zusammen, von denen er das eine selber nach St. Gallen geleitete. Das andere erhielt den Auftrag, vom Rheintal, also von Dsten her, ins Land einzubrechen, damit das Volk von zwei Seiten her zugleich angefaßt werde. Der Plan war gut, wurde aber schlecht ausgeführt. An einem reg- nerischen Iunitag 1405 näherte sich das österreichische Heer von Alt- stätten her dem Stoß. Dort sperrte wieder eine Letzi den Einmarsch. Die Sperre wurde durchstoßen, doch der Feind war nirgends sichtbar. „Also zogen sie durch die Letzi den Berg hinauf," erzählt der Chronist, „und da sie vielleicht einen Armbrustschuß von der Letzi bergauf waren, da lagen die Appenzeller bei vierhundert oben auf dem Berg und hatten ihre Schuhe ausgezogen, denn es regnete und war sehr naß und wild Wetter. Und sie liefen also den Berg herab mit einem großen Geschrei gegen die Herren und warfen mit Steinen unter sie und ließen auch Steine und anderes unter sie Herablaufen. Also waren ihnen die Armbrüste unnütz geworden vor Nässe und Kälte, und konnte niemand schießen und nahmen also die Flucht den Berg wieder herab. Und da sie wieder durch die Letzi wollten, da waren sie vorher zu begierig gewesen hineinzukommen, so daß sie die Letzi nicht weit genug ausgetan hatten, so ward das Gedränge so groß, daß ihrer viel da umkamen in dem Loch. Also flohen sie wieder bis gen Altstätten, und ward der Herren und der Ztädte, die bei ihnen waren, in derselben Flucht erstochen bei vierthalbhundert Mann. Mit diesen Bauern hielt es Graf Nudols von Werdenberg,' den hatte der herzog vertrieben, und er war bei den Appenzellern und lief auch also mit ihnen zu Fuß wie ein anderer Bauer,' denn sie wollten nicht, daß er einen Wappenrock oder etwas anderes trüge als ihrer einer,' denn sie trauten ihm nicht aller Dinge wohl. Derselbe Graf Nudolf . stärkte die Appenzeller sehr." Als der herzog die Niederlage am Stoß erfuhr, verließ er St. Gallen in aller Lile. Die Städter spickten ihm schnell einige Nitter aus dem Sattel, was seinen Rückzug noch beschleunigte. Die Appenzeller aber gerieten in einen Siegestaumel ohnegleichen. Sie eroberten dem Grasen von Werdenberg seine Güter zurück. Wo eine Herrenburg hüben und drüben am Rhein ihr trotziges Haupt erhob, wurde sie erstürmt und eingeebnet. An der Stelle des verjagten oder ausgewanderten Adels regierte der Bund ob dem See, wo die Bauern vom Säntis das große Wort führten. Soweit die Gipfel schauten, ward der starke Arm der Appenzeller spürbar, so daß der Ehronist in sein Buch eintrug: „Es war in jenen Tagen ein Lausen in die Bauern gekommen, daß sie alle Appenzeller sein wollten und sich niemand gegen sie wehren mochte,' denn um diese Zeit herrschten die Appenzeller gewaltig und war ihr Übermut groß." 84 Eroberung des Kargau Der deutsche Kaiser Sigismund hatte die geistlichen Oberhäupter nach Konstanz einberufen, um in der Kirche wieder Ordnung zu schaffen. Denn es stritten drei Päpste sich um den Stuhl des hl. Petrus. Einer von diesen Päpsten floh aus Konstanz hinweg zu dem österreichischen Herzog Friedrich und seine Stadt Schaffhausen, in der Hoffnung, aus der Ferne die hohe Versammlung auslösen und sich die päpstliche Krone aufs Haupt setzen zu können. Der Kaiser machte kurzen Prozeß, enthob alle drei ihrer Würden und tat Friedrich von Österreich, der den flüchtigen Papst in seinem Bestreben unterstützte, in acht und Bann. Die deutschen Fürsten erhielten die Aufforderung, die Länder des unbesonnenen Österreichers unter sich zu verteilen. Auch an die Eidgenossen erging die Einladung, ein Stück von der Beute sich anzueignen. Doch sie hatten erst kürzlich ihren Frieden mit Österreich auf fünfzig Jahre erneuert und waren nicht gesonnen, den Vertrag zu brechen. Der Kaiser drohte ihnen mit seiner Ungnade und mahnte sie nochmals eindringlich, die Gelegenheit am Schöps zu fassen und tüchtig zuzugreifen. Alle Eroberungen sollten ihnen zu eigen und die Rechte Österreichs in ihren Gebieten für immer erloschen sein. Das ließen sich die Verner nicht ein drittes Mal sagen. Sie rückten in die Stammlande des Habsburgischen Hauses und eroberten in siebzehn Tagen siebzehn Städte und Schlösser, worunter die Habsburg, Karau, Karburg, Zofingen, Lenzburg und Brugg, die sich alle willig ergaben. Uun litt es die andern Lidgenossen nicht mehr zu Hause. Ebenso rasch und forsch wie die Berner besetzte Luzern die Stadt Sursee, Zürich das Freiamt an der Reuß, und was von den aargauischen Gebieten noch übrig blieb, nahmen die eidgenössischen Drte in gemeinsamen Besitz. Mit vereinten Kräften zogen sie vor Baden, das der Stein, die trotzige Lieblingsfeste der Österreicher, hoch überragte. Wie oft hatten sie hier ihre gewaltigen und doch so schändlich mißlungenen Kriegszüge gegen die Schweizerbauern ausgeklügelt. Die Berner pflanzten ihre Geschütze auf, beschossen die Stadt und stürmten mit ihren verbündeten, bis der österreichische Hauptmann auf der Burg sich ergab und um Gnade bat. Kus dem verhaßten Bauwerk schlugen eben die Flammen zum Himmel, da nahte eine kaiserliche Botschaft mit der Meldung, der Kaiser habe sich mit dem Herzog Friedrich versöhnt und fordere sie auf, ihre Eroberungen wieder herauszugeben. 85 Die Belagerung von Laufenburg potz Blitz und Pulverrauch! Die Lidgenossen waren jetzt nicht zu Späßen aufgelegt! Erst nach langen Verhandlungen ließen sie sich bewegen, den herzog für seine verlorenen Gebiete im Kargau zu entschädigen und seine leeren Taschen mit Golddukaten zu füllen. Was jeder Grt für sich erobert hatte, behielt er. Die gemeinsam unterworfenen Landstriche wurden gemeinsam regierte vogteien. Niemand war geneigt, den Kargauern, die darum baten, die Bruderhand zu reichen. Sie waren fortan Untertanen, und so entstanden die gemeinen Herrschaften der Freien Ämter mit Bremgarten und Mellingen, der Grafschaft und Stadt Baden. Die Lidgenossen, die keinen Vogt in ihren Landen geduldet hatten, setzten nun selber Vögte ein, freilich nicht als Tyrannen und Volksbedrücker, sondern um die Zölle, Bußen und Gefälle einzuziehen, die von der Tagsatzung bestimmt und geregelt wurden. Der alte Zürichkrieg Der Graf von Toggenburg war nicht von der Sorte der vielen adeligen, die wie die Uiburger ihre Güter Stück um Stück verkauften 86 Flucht der Zürcher über den Zürcherses und dabei allmählich verarmten. Im Gegenteil, er verstand es in den kriegerischen Zeiten, zwischen Österreich und den Lidgenossen, dem Bbt von 5t. Gallen und den Bppenzellern sich geschickt hindurchzuschmiegen und ab und zu ein Prositchen zu machen, so daß sein Besitztum bis tief ins Bündnerland hineingriss. In schlauer Berechnung hielt er Freundschaft mit Zürich sowohl, das damals sein Gebiet nach allen Zeiten vergrößerte, als auch mit Zchwyz, wo gleiches Bestreben nach Bbrundung vorhanden war. Der Zufall fügte es, daß an beiden Orten kluge, unternehmende Männer das Ztaatswesen leiteten. In Zürich war es Rudolf 5tüssi, ein heftig aufbrausender Kopf, in Zchwyz der hervorragend begabte Ital Reding. Im Jahre 1436 starb der Gras von Toggenburg und hinterließ weder Nachkommen noch ein Testament. Nun traf es sich, daß die Blicke der Zürcher und der Zchwyzer sich aus ein und dasselbe Gebiet richteten, nämlich auf die Herrschaften Uznach und Gaster zwischen dem Zürcher- und IValensee. Die -Zürcher wünschten diesen Teil des toggenburgischen Lrbes, um die durch dieses 5and führende Handelsstraße nach den Bündner Pässen in ihre Hände zu bekommen. Die 87 Rückzug über die Sihlbrücke, wo Stüfsi den Tod fand Schwyzer aber, weil sie nach keiner andern Seite hin sich ausdehnen konnten. Ital Beding suchte dem Zwiespalt ein Ende zu bereiten, indem er von den Erben des Toggenburgers die beiden Ländereien um billigen preis erwarb, voller Wut sperrte Zürich den Schwyzern die Märkte, so daß sie in Hungersnot gerieten, und so brach der Bruderkrieg aus. Ein Friede, den Schwyz mit Hilfe der übrigen Eidgenossen zu seinen Gunsten erzwäng, brachte das heiße Blut Stüssis erst recht in Wallung. In einer unheilvollen Sitzung faßte der Bat von Zürich den Beschluß, sich mit Österreich, dem Erbfeind der Lidgenossen, zu verbinden. Kurze Zeit darauf erschien der deutsche Kaiser Friedrich in der Stadt, wo die Menge ihm stürmisch huldigte. Die Bürger vertauschten das weiße Schweizerkreuz mit dem roten der Österreicher, schmückten die hüte mit Pfauenfedern, und der Bat und die Zünfte schwuren dem Kaiser den Lid der Treue. Das war eine Tat, die nicht nur Schwyz, sondern die gesamte Eidgenossenschaft als Faustschlag empfand. Im Nu sammelten sich die Streiterscharen aus allen sieben Grten, um die ungetreue Stadt, in der es von österreichischem Kriegsvolk wimmelte, für den Bbfall zu züchtigen. Im ersten Bnlauf fiel die Schanze am hirzel oberhalb Wädenswil, und bei St. Jakob an der Sihl wurde das zürcherisch- 88 österreichische Heer hinter die Stadttore zurückgejagt. Stüssi, der durch seinen Hochmut und unbegreiflichen Starrsinn der Hauptschuldige war am Unglück der Stadt, fand hier einen heldenhaften Tod. Nun verwüsteten die Lidgenossen das zürcherische Sand, ließen die tapfere Besatzung von Greifensee über die Klinge springen und legten sich vor die Limmatstadt, um sie zu belagern und auszuhungern. Bei dieser Belagerung ging es allerdings recht gemütlich her. Die Tore standen Tag und Nacht offen, und der Thronist erzählt darüber lustige Dinge: „Wunder muß ich sagen, wie die Lidgenossen unsägliches großes Gut in die Stadt Zürich verschossen,- so geschah doch davon wenig Schaden, denn man findet, daß nie einem Menschen viel Leid am Leib geschah, außer allein einem Priester, der ward erschossen in einem Haus im Münsterhof, und ein Wächter in einem Turm und eine Henne mit viel jungen Hühnern,- und das war fast der größte Schaden, der mit den Hauptbüchsen in Zürich geschah." Da schlug wie ein Blitz die Kunde ins Belagerungsheer, daß die Nrmagnaken sich Basel näherten, und aus den Blitz folgte wie ein furchtbarer vonnerschlag die Nachricht von der Schlacht bei St. Jakob an der Birs. Tankt Jakob Der deutsche Kaiser war zu schlaff und zu sehr in seine eigenen Händel verstrickt, um in den Bruderkrieg der Lidgenossen eingreifen zu können. Lr wandte sich an den König von Frankreich, der gierig die Gelegenheit ergriff, die zuchtlosen Nrmagnaken, für die er keine Beschäftigung hatte, sich vom halse zu wälzen. — Der Name stammt vom ersten Werber, der ein Gras von Nrmagnak gewesen war. Der König bestimmte seinen Sohn, den Dauphin, die Stadt Basel, die ihm wegen ihrer politischen und militärischen Bedeutung begehrenswert erschien,- durch einen kecken Handstreich zu nehmen und nachher die Besatzung der Farnsburg aus der Umklammerung zu erlösen. Denn vor dem Schlosse des Falkensteiners, das sich östlich von Sissach erhob, lagen 1500 Berner und Solothurner. Sie wollten den verräterischen Überfall rächen, den Thomas von Falkenstein am 30. Juli 1444 gegen Brugg ausgeführt hatte. In endlosen Scharen ergossen sich die Nrmagnaken oder Schinder, wie das Volk sie treffend nannte, durch den Sundgau gegen Basel, 8d „allen sament, sy wärind dennocht lebend, wund oder tot, die kelen (Kehlen) abrissent und den hals ufhuwend". Den Oberbefehl führte Jean de Bueil. Die Kunde davon lief wie ein Schrecken durch die Eidgenossenschaft. Dem Schweizerlande drohte das größte Unglück. Basel war in Gefahr, erdrückt und ausgeplündert zu werden. Die Vorhut der Rrmagnaken besetzte die nächsten Dörfer von Basel bis nach pratteln und Rrlesheim. Die Eidgenossen vor der Farnsburg hatten aus dem Hauptlager 600 Mann Verstärkung erhalten. Rls sie durch Boten erfuhren, die Jäken lägen zerstreut in den Dörfern herum und „seien nur nackend Volk", das man leicht überwältigen könne, entschloß sich ein Teil der Belagerer, die des Festungskrieges überdrüssig waren, einen Streiszug bis an die Birs zu unternehmen, die Mordbanden abzuschlachten und damit das Vaterland zu retten. Den Hauptleuten gelobten sie, nicht über die Birs hinauszugehen. Um Übend des 25. Rugust 1444 verließen etwa 1300 Mann, worunter Leute von Solothurn, Neuenburg, Bern und aus allen kriegführenden Orten das Lager und reisten nach Liestal, wo sich ihnen 200 Gleichgesinnte anschlössen. Dadurch stieg die Zahl der Kühnen aus etwa 1500 Mann. Zwei Neuenburger Thorherren, die aus dem Rückweg vom Basier Konzil begriffen waren, warnten sie vor der stetig anwachsenden Übermacht der Feinde. „Gelingt es nicht," erwiderten die Kriegsleute, „so übergeben wir unsere Seelen Gott und die Leiber den Rrmagnaken." In der dunklen Morgenfrühe des 26. Rugust brachen sie in Liestal auf, teilten sich in drei Schlqchthaufen, warfen bei pratteln die Vorhut der feindlichen Reiterei und bei Muttenz eine fünffache Übermacht über den Hausen und jagten sie in wilder Flucht gegen Münchenstein. Rn der Birsbrücke versuchten die Hauptleute, die siegestrunkenen Scharen anzuhalten und zum Rückzug zu bewegen. Doch die Mannschaft verlangte ungestüm, über die Birs vorzudringen, denn aus der Ebene von Gundoldingen erblickten sie neue Haufen, die ihre Kampflust stachelten. Ein Bote, der die Nachricht brachte, daß Basel nicht helfen könne und daß der Feind 40000 Mann zähle, wurde als Lügner niedergestochen, vergeblich warnten die Führer und erinnerten an den eidlich versprochenen Gehorsam. Die Löwen hatten Blut geleckt, unwiderstehlich trieb es sie dem Feind entgegen. Trotzige Gegenreden und Rusfälle auf ihren Mannesmut machten die Hauptleute nachgiebig. So überschritten denn 1400 Eidgenossen die Birs, die dort nach beiden 90 Seiten breit ausbiegt, und erwehrten mit ihren Spießen und halbarten während vier Stunden den Anprall einer Zwölfsachen Übermacht. Mit Staunen und Grauen blickten die fremden Heerführer auf das schweizerische Häuflein, das verwegen und todesmutig den Reisigen die Stirne bot. Rls die Ermattung sich einstellte, richteten die Recken ihre Rügen sehnsüchtig nach den Toren der Stadt, von wo sie Hilfe erwarteten. Der Brudersinn der Basier, die von den Zinnen der Umwallung den grausen Kamps verfolgten, wurde aus eine harte probe gestellt. Die Bürger verlangten stürmisch, vor die Mauern hinausgeführt zu werden, um den Bedrängten beizustehen. Rls der Rat immer noch zauderte, ergriff ein Metzger das Banner und rief: „Mir nach, wer ein Basier ist." Mit dem Bürgermeister Hans Rot voran, eilten 4000 Bewaffnete mit den Zunftfahnen vor das Kschentor hinaus. Doch in bedenklicher Nähe der Stadt lauerte der gewaltige Gevierthaufen des Feindes in unheimlicher Ruhe. Lr war bestimmt, den ausfallenden Basiern den Rückzug abzuschneiden und die wehrlose Stadt zu überfallen. Gleichzeitig nahte von jenseits des Rheins ein zahlreiches Geschwader mit der roten österreichischen Fahne. In raschem Entschluß befahl Hans Rot beschleunigten Rückmarsch in die Stadt, wo das Tor sich schloß. Die harsthörner brüllten, und die Lidgenossen, die von den Basiern nichts mehr zu erhoffen hatten, zogen sich, von der Hitze des Tages und dem harten Kampfe ermüdet, gegen die Birs zurück. Zu spät, der Weg über den Fluß war gesperrt. Die bei Muttenz zersprengten Feinde hatten sich gesammelt und das User besetzt. Die Lidgenossen überwanden den Ekel vor der Stätte des Aussatzes und suchten hinter dem mauerumwehrten Siechenhause von St. Jakob Schutz und Erholung. So wenig als der kühnste Pinsel vermag eine Feder das letzte grauenhafte Ringen wiederzugeben, das sich nun in Sankt Jakob abspielte. „Absitzen," befiehlt Jean de Bueil einem Teil seiner Reisigen, „und zu Fuß draus los!" Wuchtige halbartenstreiche mähen sie ins Gras. „Die Bogenschützen vor!" hageldicht schwirren die Pfeile und überschütten die Helden. Die Geschosse aus dem Leibe reißend, werfen die Unüberwindlichen in rasender Wut sich auf ihre Peiniger und hauen sie in Stücke. Wiederum erdröhnt der Boden unter den Hufen einer unabsehbaren Reiterschar. Die versprengten Häuflein der Schweizer suchen hinter den Mauern Zuslucht.va steigt schwarzer Rauch aus dem Haus, und die Flammen lecken am Schindeldach. Das Siechenhaus brennt. Ein neuer Pfeilregen verdunkelt die Sonne. Aus hundert Wunden 9l Burkhard Münch blutend, stürzen die Eidgenossen Löwen und Tigern gleich auf die Schützen los und würgen sie nieder. Frische Reiterscharen wirbeln heran und jagen sie ins Siechenhaus zurück. Im Garten nur ist noch Schutz, denn alle Gebäude stehen in Flammen. In Csualm und Glut sammeln sich die letzten Scharen und schmettern Steine auf die Köpfe der Feinde, die an der Mauer emporklimmen. Die Leichen türmen sich davor. Ratlos halten die Rrmagnaken inne, als ständen sie vor einer uneinnehmbaren Festung. Da erschallt Triümphgeheul aus ihren Reihen. Das Pulver ist da, die Geschütze her! vier dumpfe Kanonenschüsse, und die Mauern bersten. Trotzdem wagt niemand mehr den Sturm. Da reitet Burkhard Münch mit einem Herold heran und fordert die Eidgenossen zur Übergabe aus. „Ich siche in einen Rosengarten (Kirchhof)," höhnt er, „den min forderen (vorfahren) gebaut Hand vor hundert Jahren." „So friß eine der Rosen," schallt die Antwort, und paff, fliegt ein Stein ihm ins Gesicht, daß er vom Pferde sinkt und drei Tage später den Geist aufgibt. Ein letzter hohler Ruf aus dem Harsthorn, die Lidgenossen stürmen 92 Belagerungsgerät aus dem XV. Jahrhundert, lvurfmaschine und Geschützlager über Trümmer und Tote hinweg und brechen sterbend auf den Leibern der erschlagenen Feinde zusammen. Nach drei Tagen ließ der Dauphin freies Geleite für das Schlacht- seld verkünden. Die Basier eilten aus die Walstatt und wichen entsetzt vor den furchtbar zerfetzten und entstellten Leichen zurück. Neben dem Kirchhof von St. Jakob schaufelten sie ihnen das Grab. vier Wochen später fanden sie im Kellergewölbe des Siechenhauses noch neunundneunzig Schweizer, die dort erstickt waren. Die Franzosen gaben unverhohlen ihrer Bewunderung Ausdruck für die beispiellose Tapferkeit und nie gesehene Heldengröße der Lidgenossen. In allen Landen erscholl ihr Nuhm. Der Dauphin wünschte, fortan mit solchen Männern im Frieden zu leben und wandte sich heimwärts. Durch die Heldentat von St. Jakob, die mehr als 500 Bernern das Leben kostete, weil sie den Hauptschlag getan und empfangen, ward Basel, ward die Heimat gerettet. Bei der Kapelle aber will man noch wochenlang in jeder Nacht den dröhnenden Waffenlärm und das Röcheln der Sterbenden vernommen haben. Bis zum Jahr l450 nahm der Bruderkrieg seinen Fortgang. Endlich sah Zürich sein Unrecht ein, hob den Vertrag mit Österreich auf und schloß Frieden und Freundschaft mit seinen Gegnern. Karl der kühne Als einer der sonderbarsten Tharaktere in der Geschichte steht er vor unseren Augen. Ehrsüchtig wie ein Napoleon, an Tapferkeit einem Gustav Ndols gleich, und wie ein Wallenstein vom Mißgeschick verfolgt. „Er hatte die dicken roten Lippen seines Vaters, eine längliche Nase, eine frische hellbraune Gesichtsfarbe, eine schöne Stirne und schwarzes, ausgelöstes, struppiges Haar, einen weißen und wohlgesormten Hals und schaute im Gehen zu Boden. Lr war nicht ganz so gerade wie sein Vater, aber ein schöner Fürst und von schönem Aussehen. Lr war prächtig in seinem Gewände und gerne reich geschmückt. Lr trank wenig Wein, wenn er ihn schön von Natur liebte. Aus verstand ließ er ihn, weil er ihm Fieber verursachte, und trank mit Wein gefärbtes Wasser, um seine Hitze zu mäßigen. Er war zu keiner Weichlichkeit und Wohllust geneigt." Derart beschreibt ihn, wohl etwas schönfärberisch, sein Thronist am burgundischen Hof. Als Herzog von Burgund war er dem König von Frankreich Untertan, als Gebieter der Freigrasschaft und der Niederlande dem deutschen Kaiser. Doch übertraf er an Reichtum und Macht alle Fürsten seiner Zeit. Seine Einkünfte aus den fruchtbaren und gewerbereichen Provinzen flössen so reichlich, daß sein Hos an prunk und Glanz die andern Fürstenhöse überstrahlte. Seine unermeßlichen Geldquellen erlaubten ihm auch, ein Heer unter den Waffen zu halten, das ihn ans Ziel seines Ehrgeizes bringen sollte. Lr wollte, einem Alexander dem Großen gleich, ein Reich begründen von der Nordsee bis zum Mittelmeer, die Kaiserkrone aus sein Haupt setzen und vielleicht einmal an der Spitze eines abendländischen Heeres gegen die Türken ziehen und in Konstantinopel ein neues Weltreich ausrichten. Wer sein Knie nicht beugte, den ließ er seinen Zorn und seine Härte fühlen. Die Städte Dinant, Lüttich und Nesle, die ihm trotzten, strafte er mit unerhörter Grausamkeit. 800 Männer wurden, zu paaren getrieben, in der Maas ertränkt, andere aus dem Fenster gestürzt, verstümmelt oder gehängt. Auf die Leute, die sich in die benachbarten Wälder geflüchtet hatten, machte er eigenhändig Jagd. Als er nach 94 dem Blutbad in Neste der Kirche zu ritt, soll er beim Nnblick der verstümmelten Männer-, Frauen- und Kinderleichen ausgerufen haben: „Welch hübscher Anblick! Wahrlich, ich habe gute Metzger bei mir." Dem französischen König Ludwig XI. ward das eigenmächtige kühne Umsichgreifen des bur- gundischen Vasallen lästig. Er sah sich durch Karl bedroht, und da er selber nicht die Kraft besaß, den furchtlosen Nebenbuhler zu fällen, so wandte er sich an die Schweizer, deren Heldenmut er bei St. Jakob zu fühlen und zu schmecken bekommen hatte. Im Jahre 1460 hatten die Eidgenossen den Thurgau erobert und unter gemeinsame Verwaltung gestellt. Damit waren Österreich fast alle Gebiete diesseits vom Rhein verloren gegangen. Die verbündeten machten am Rhein nicht halt. Sie schlössen mit dem schwäbischen Städtchen Rottweil am Neckar und mit Mülhausen im Llsaß ein Bündnis und gingen mit den herzögen von Mailand, Savoqen, Burgund und mit Frankreich Freundschastsverträge ein. So sehr war ihr Ansehen nach der Schlacht bei St. Jakob gewachsen, daß selbst mächtige Landesfürsten sich mit ihnen befreundeten. Als Mülhausen vom österreichischen Adel hart bedrängt wurde, zog ein eidgenössisches hilfsheer hinaus und erlöste die Stadt aus der Not, ohne daß die Feinde sich zum Kampfe stellten. „Der Föhn fuhr ihnen in die Hosen und trug sie über Studen und Stöcke aus." Zwei Wochen lang verwüsteten die Schweizer nun den Sundgau, brannten 160 Dörfer nieder und bezwängen sechzehn Burgen. Aus der Rückkehr legten sie sich vor das österreichische Städtchen Waldshut, das Karl der Bühne. Herzog von Burgund 95 mit Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden die vier rheinischen Waldstätte bildete, und schlössen es ein. Schon rüstete man sich zum entscheidenden Sturm, als es den Zürichern und andern Grten gelang, die Hauptleute zu überreden, mit dem österreichischen Herzog Sigmund den Waldshuter-Vertrag einzugehen. Umsonst wehrten sich die Berner, sie seien nicht ausgezogen, um Geld zu gewinnen, sondern um Sand und Leute zu erwerben. Sigmund versprach den Eidgenossen, innert Jahresfrist lOOOO Gulden (ca. 400000 Fr.) zu bezahlen. Falls er die Summe nicht aufbrächte, sollte ihnen Waldshut und der Schwarzwald zufallen. Der Herzog wandte sich an den König von Frankreich, und als dieser das Rnerbieten abschlug, an Karl von Burgund. Da kam er an den rechten Mann. Dieser streckte ihm listig lächelnd 50000 Gulden vor und nahm dafür die österreichischen Gebiete im Gberelsaß und Sundgau, die Waldstätte am Rhein und den Schwarzwald zum Pfand. Wenig Tage später erschienen seine Kommissäre in Bern und bezahlten die Summe. In seiner Ländergier dachte Karl nicht daran, die ihm verpfändeten Gebiete je wieder abzutreten. Lr setzte Peter von Hagenbach als Statthalter ein, der das neue Land mit unerhörter Schärfe und Grausamkeit burgundisch zu machen suchte. Den Rdel sowohl als auch die Städte ließ der Vogt seinen Rrm fühlen. Die Reichsstädte am Gberrhein, Mül- hausen vor allen, bedrohte er in ihrer Selbständigkeit, lachte über die Warnungen der mit Mülhausen verbündeten Berner und drohte dem Bürgermeister von Basel und der gesamten Bürgerschaft, er werde nicht ruhen, bis er die Stadt dem Erdboden gleichgemacht und etlichen die Grinde abgeschlagen hätte. Den österreichischen Strauchrittern gewährte er in den psandlanden sichern Unterschlupf und ließ dafür an den Schweizern seine besondere Wut aus. Lines Tages erschien in Basel eine eidgenössische Gesandtschaft mit dem lahmen Schultheißen von Luzern an der Spitze. Spöttisch bemerkte der Vogt, die Schweizer hätten wohl nicht genügend Leute, daß sie Krüppel zur Tagung schickten. Seinem Basier Wirt warf er eine Kanne an den Kopf und schnitt den Pferden der fremden Gesandten die Halftern durch, daß die Tiere davonliefen. Umsonst beschwerten sich die Lidgenossen am burgundischen Hofe. Sie erhielten nur leere Worte und merkten bald, daß Karl die Schandtaten und Bübereien seines Untergebenen im geheimen guthieß. Unterdessen-war auch Sigmund zur Überzeugung gelangt, daß der Herzog von Burgund seinen eigenen Vorteil über alles stellte. Er 96 schenkte deshalb den schlauen Einflüsterungen des charakterlosen Königs von Frankreich Gehör und besiegelte mit seinen Erbfeinden, den Lidgenossen, einen ewigen Frieden, worin er aus alle Länder verzichtete, die sie ihm jemals entrissen hatten, von nun an sollte es vorbei sein mit der Feindschaft zwischen Österreich und der Schweiz. Freudengeläute trug die Kunde von der Aussöhnung durch alle Gaue der Eidgenossenschaft. Mit Straßburg, Schlettstadt, Kolmar und Basel schloß Sigmund einen zweiten Bund, dem auch die Eidgenossen beitraten. Die Städte streckten dem herzog die Pfandsumme vor und erlösten damit die tyrannisierten Gebiete von der burgundischen Herrschaft. Nicht gesonnen, die Ländereien, die er schon als sein Eigentum betrachtete, wieder herauszugeben, verlangte Karl der Kühne, daß das Geld nicht in Basel, sondern in Besan?on in seine Hände gelegt werde. Da trat ein Ereignis ein, das rasch den Bruch herbeiführte. Peter von hagenbach, dessen Übermut und Gewaltherrschaft über alles Maß hinausging, wurde in einem Volksauflauf gefangen gesetzt und hingerichtet. Der herzog von Burgund war im Augenblick außerstande, die Hinrichtung des treu ergebenen Dieners seiner Wut entsprechend zu rächen. Lr war mit dem Kaiser in einen Krieg verwickelt und beauftragte deshalb den Grafen von Blamont, das Elsaß in einem Nachezug zu verwüsten. Der Gras entledigte sich des Auftrages so gründlich, daß das Blut in Strömen floß und das Land ins tiefste Elend geriet. Nun schloß der schlaue Ludwig XI. von Frankreich mit den Lidgenossen ein Bündnis, in dem sich beide Mächte gegen Burgund Unterstützung versprachen, von herzog Sigmund und seinen verbündeten, denen sich Kaiser Friedrich anschloß, erscholl dringend der Hilferuf gegen den gesürchteten Burgunder. Sm vertrauen auf die Versprechungen Frankreichs, Österreichs und des deutschen Kaisers erklärte Bern im Namen der acht Grte an Karl den Kühnen den Krieg. Die Nachricht traf den herzog so unerwartet, daß er vor Wut zitternd den Absagebrief sprachlos anstaunte und endlich stammelte: „D Berna, Berna." Mitten im Winter 1474 marschierten die Schweizer mit österreichischen Nittern vereinigt vor die burgundische Grenzfeste horicourt und schlugen die Truppen, die zum Lntsatze der Stadt herbeieilten, nach blutigem Kamps in die Flucht, hericourt ergab sich, und die Zieger kehrten mit reicher Beute nach Hause zurück. Dennoch war Ludwig XI. nicht zu- 7 Jegerlehner, Geschichte 97 frieden. Da seine Schwester, die Herzogin Jolanthe von Savoyen, sich mit Karl verbündete, reizte der König von Frankreich die Berner zu Lroberungszügen in die Waadt. Damit hoffte er, die Lidgenossen mit dem Burgunder vollends zu entzweien und die Lasten und Gefahren des Krieges auf ihre Schultern zu wälzen. Die Berner unternahmen denn auch mit andern Städten verheerende Streifereien nach Hochburgund und Savoyen, bemächtigten sich der Grenzfesten pontarlier, Hverdon und Grandson, eroberten binnen drei Wochen sechzehn Städte und über vierzig Dörfer und nahmen die Waadt von Murten bis Genf vorübergehend in Besitz. Wo sie auf Widerstand stießen, hielten sie nach damaliger Sitte grausames Gericht und befleckten ihre Siege durch Missetaten, Raub und Brand und die Bluttat von Stäsfis. In Murten, payerne und pverdon ließen sie Besatzungen zurück. Nun geschah das Unerwartete. Der deutsche Kaiser söhnte sich mit Karl dem Kühnen aus. Ja, er stachelte ihn zum Krieg gegen die Lidgenossen. Und noch mehr. Buch der Franzosenkönig schloß mit dem Burgunder Frieden und ließ die Lidgenossen treulos im Stich. Nun hatte Karl freie Hand, Zeit und Muße, ein Heer an sich zu ziehen und an den Lidgenossen Nache zu nehmen. Grandson Nnfangs Februar 1476 führte Karl, den die Nachwelt mit dem Beinamen „der Kühne" geehrt hat, ein bunt zusammengewürfeltes Heer durch den Jura nach Drbe. Mit ungefähr 20000 Mann erschien er zwei Wochen später vor dem Städtchen Grandson, das ähnlich wie Murten in einem Mauerring hart am See liegt. Gb den Nebbergen schlug er sein Lager auf und sicherte es durch die Wagenburg, mit Pfahl und Graben. Im Lager ging es so lebhaft zu wie in einer Stadt. Schwer gepanzerte Neiter, berittene Bogen- und Nrmbrustschützen zogen aus und ein, handelten mit den Weibern und Krämern, die das Heer begleiteten, zechten und lärmten in drei Sprachen bis in die Nacht hinein und freuten sich auf den Sieg über die Lidgenossen. Nach der Einnahme des Städtchens umzingelte man das Schloß, worin ein Teil der Bevölkerung von Grandson mit der Besatzung von pverdon Zuflucht gefunden hatte. Die Herren von Grandson trugen ehedem als Helmschmuck ein Glöcklein mit der Devise L pstits clocbo Zranä sorr, 98 wovon der Name Grandson stammen soll. Sie waren aber ausgestorben und das Schloß in andere Hände übergegangen. Tag und Nacht donnerten die Geschütze der schweren niederländischen Artillerie gegen die Vierturmseste. Eine Kanonenkugel riß dem Stückmeister den Kops weg. Die Lebensmittel wurden knapp, und in aller Not brach noch Feuer aus, das viel Pulver und Kriegsgeräte verzehrte. Unterdessen hatte Bern sein Heer nach lNurten vorgeschoben, wo die Banner von Freiburg, Solothurn und Viel mit fröhlichem Spiel eintrafen. Eilboten rannten davon, um die noch fehlenden Eidgenossen und die verbündeten Städte am Nhein zu schleunigem Hermarsch zu mahnen. Gbschon Bern die mißliche Lage im Schlosse Grandson gar wohl kannte, wollte es, die Größe der Gefahr richtig einschätzend, dem Burgunder erst entgegentreten, wenn das Heer vollzählig und schlagbereit war. In vier großen Schiffen fuhr einige Mannschaft indessen bei Nacht über den See, um Proviant ins Schloß hineinzuschmuggeln, verlor aber im Nebel die Richtung und wurde in der Morgenfrühe, als man endlich die Türme von Grandson sichtete, von den feindlichen Geschützen zurückgetrieben. Der mißglückte hilssversuch entmutigte die Besatzung. Der Hunger lähmte ihren Willen, und der Hauptmann war in seiner Schwäche außerstande, (Ordnung und Zucht aufrecht zu erhalten. Die Knechte ließen sich ins Gespräch mit den Feinden ein, die falsche Nachrichten verbreiteten. Während die tapfersten Hauptleute ausharren wollten, entschloß sich die verzagte und zwieträchtige Mehrheit für Übergabe und sperrte das Tor aus. Wie groß war ihr Entsetzen, als sie, der Waffen beraubt, gefesselt abgeführt und zum Tode verurteilt wurden. Es waren ihrer noch über 400. Karl der Kühne ließ einen Teil als Rache für Stässis an die Nußbäume aufknüpfen, den andern im See ertränken. Rls der herzog vernahm, daß die Eidgenossen ihr Hauptquartier von Murten nach Neuenburg verlegt hatten, ließ er das Schloß vaumarcus im Engpaß zwischen dem Mont Rudert und dem See ausräumen und mit eigener Mannschaft besetzen und gab am Morgen des 2. März das Signal zum Vormarsch. Rm gleichen Tag brach das Heer der Eidgenossen, etwa 19000 Mann stark, in Neuenburg aus und setzte sich gegen Grandson in Bewegung. Die Führer wählten natürlich nicht die untere Straße, die das User begleitet, sondern einen Karrweg längs den Jurahängen, um von dem 7 " 99 Gegner nicht überhöht zu werben. Als die Vorhut das burgundische Heer im Anmarsch erblickte, wartete sie die nachrückende Verstärkung ab und stieg in ansehnlicher Streitmacht in die Ebene von Toncise hinunter. Sie jagte die feindlichen Bogner vor sich her. Niklaus von Scharnachthal befahl die Banner in die Mitte und ordnete die Mannschaft eng aufgeschlossen zu einem Viereck, das von den Halbarten und Spießen geschützt wurde. Kuf einen Bus sielen alle aus die Knie und baten Gott, „daß er inen den Wütrich von Burgunn, der mit so großer Macht vor inen hielte, hals überwinden." Die Burgunder meinten, die Lidgenossen flehten um Gnade und wollten sich ergeben und erhuben ein gottloses Spottgelächter, voller Bosheit schrie Karl: „Beim heiligen Georg, die Feiglinge haben Angst. Schaut, wie sie kniefällig um Gnade flehen. Gnade jawohl, Tod und Untergang will ich ihnen bereiten," und nun gab er das Zeichen zum Angriff. Die Kanonen spien ihre Kugeln, die in hohen Bogen über die Köpfe der Eidgenossen wegfausten, von den Sehnen schwirrten die Pfeile, und die Kelterei brauste wie ein Hagelwetter heran und zerschellte an dem felsenharten Widerstand des Fußvolkes, das ihr die langen Spieße „gar männlich in die Nasen" stieß. Der burgundische Führer LHLteau-Guyon sank entseelt vom Koß. Der unebene Boden erschwerte die Übersicht und die Leitung des Kampfes, verdammt, daß die Lidgenossen grad hier auftauchen mußten, wo für die Artillerie und die Kelterei fast gar kein Spielraum war. „Zurück, weiter zurück!" tönte der Kuf. So rasch wurde der Befehl ausgeführt, daß die Hauptmacht der Burgunder die Bewegung als Flucht auffaßte. In diesem kritischen Augenblick brüllten von der Höhe herunter die Harsthörner der Luzerner und der Uristier. Schauerlich gellten die Töne. Ein Sonnenstrahl drang durch die Wolken und den stöbernden Schnee. Helmblech und Harnisch glänzten auf, mit fliegendem Atem rückte der Gewalthause der Schweizer sowohl auf der Bergstraße wie längs dem See heran, von Schauer und Entsetzen erfüllt, wandte sich das burgundische Heer zur Flucht. Wütend schlug der Herzog in die fliehenden Scharen. Als das Pferd unter seinem Leibe zusammenbrach, schwang er sich auf ein anderes und warf sich mit seinen Keltern dreimal dem Feinde entgegen. Alles vor sich niedermachend, drang das siegende Fußvolk immer näher. Da gab er dem Pferde die Sporen und verschwand. lOO „Der Lurgunner het sich ganz vermessen er wollt zu Bern und.Freiburg Rüechli essen Der Ber hat im die Pfannen gerumet." Als die Zieger von ihrer Verfolgung mangels Reiterei bald abstanden und wieder nach Grandson zurückkehrten, erblickten sie die Gehängten an den Bäumen. „Da hanget vather und Zun by einanderen, da zween Bruder und sust Fründ." In maßlosem Grimm stürzten die Eidgenossen aus die burgundische Besatzung im Schloß, stachen sie nieder und suchten Trost in der unermeßlichen Beute im Lager von Grandson. Die gesamte Artillerie, der Stolz des burgundischen Heeres, war in ihre Hände gefallen. Sie zählten über 400 Geschütze, 800 Hakenbüchsen und einen Hausen Pulver, das sie verbrannten, wobei mancher sich übel zurichtete. Da waren ungezählte Wagen mit Spießen, Nordäxten, Bogen, Armbrüsten und Büchsen beladen, Marketenderzelte voll köstlicher Spezereien, Tücher, Speise und Trank, die Prunkzelte des Herzogs und seines Stabes, silberne Rannen, Platten, Schalen und Becher, welche die einfältigen Knechte, im Glauben, es sei nur Zinngeschirr, um einige Batzen verschleuderten. Auch sein Prunkschwert hatte Karl zurückgelassen, dessen Griff mit herrlichen Diamanten, Rubinen und perlen verziert war. Ferner den vergoldeten Stuhl, aus dem er die fremden Gesandten empfing, sein goldenes, ein Pfund schweres Siegel, ein mit Edelsteinen geschmücktes Reliquienkästchen, 400 mit feinen Gobelins behangene Seidenzelte, Rasten und Risten in unabsehbarer Zahl und lOOOO Zugpferde. Das Geld wurde Helmweise verteilt, von außerordentlichem Werte aber waren drei große Diamanten, von denen der schönste von einem Rnecht auf der Straße gefunden wurde. In der Meinung, es sei ein Stück Glas, verkaufte er ihn dem Pfarrer von Montagnp um einen Gulden. Dieser löste beim Schultheißen von Bern dafür drei Gulden, und nun wanderte der Diamant, im preise rasch steigend, in der halben Welt herum, bis er im privatschatz des Kaisers von Österreich ein Ruheplätzchen fand. Ein seltenes Beutestück bewahren die Schaffhauser in ihrem Archiv. Es ist ein handspiegeleingroßer Dnyx, ein im römischen Altertum geschnittener und im Mittelalter mit perlen, Rubinen und seiner Goldschmiedearbeit eingefaßter Halbedelstein. 101 Murten Mit einigen Getreuen floh Karl der Kühne über den Jura nach Nozeroy, wo er sich von der Bestürzung erholte und in fieberhaftem Eifer ein neues Heer unter die Fahnen rief. In der Freigrafschaft mußte von jedem Haushalt die Hälfte des eisernen und ehernen Geschirres in die Geschützgießereien abgeliefert werden. In Burgund, Lothringen, den Niederlanden und der Lombardei ließ er werben und begab sich nach Lausanne, wo die von Lüden und Westen anrückende Mannschaft gemustert und abgeteilt wurde. Die Berner waren willens, ungesäumt nach Lausanne zu marschieren und die Truppen anzufallen, hieß es doch, es herrsche dort überaus schlechte Mannszucht und Streit. Doch die verbündeten (Orte rieten, solange Bern nicht direkt bedroht sei, sich ruhig zu verhalten. Die Tagsatzung sandte nur ein Trüpplein von lOOO Mann unter Hans Waldmann nach Freiburg, und die Sicherung gegen Westen wurde Bern überlassen. Mit bewundernswertem Geschick und militärischem Scharfsinn erfüllten die Berner ihre Ausgabe. Durch Späher ließ sich der Nat über alle Vorfälle in Lausanne unterrichten und sandte zuverlässige Aus- klärungsschreiben an seine verbündeten. Er sicherte die zunächst bedrohten festen Plätze mit Truppen, die er reichlich mit Munition und Proviant versah, und entsandte nach Murten eine Besatzung von 1500 Mann, die der Altschultheiß Adrian von Bubenberg befehligte. Unentwegt ging Bubenberg ans Werk. Der Besatzung von Murten sollte das traurige Los von Grandson erspart bleiben. Tag und Nacht wurde an der Umwallung gehämmert und gebessert und vor jedem Tore ein neues Bollwerk erstellt. An der nötigen Zeit fehlte es nicht, da Karl der Kühne in Lausanne krank darniederlag und erst Ende Mai das Heer vollzählig war. Der mailändische Gesandte und die Herzogin Jolanthe warnten ihn vor dem kühnen Unternehmen, doch er erwiderte unwirsch: „Soeben ist die Verlobung meiner einzigen Tochter und Erbin mit dem Sohne des deutschen Kaisers verkündet worden, und ich sollte vor einfältigen Schweizerbauern zurückschrecken. In Grandson kämpften sie gegen Feiglinge, morgen aber wird sie ein Heer von 20000 erlesenen und erprobten Kriegern zerreiben und zermalmen. Ich habe Gott, der heiligen Jungfrau und Sankt Georg gelobt, entweder in der Schlacht zu sterben oder zu siegen, und den Bart, den ich seit Grandson trage, werde ich nicht abschneiden, ehe ich an meinen Feinden Rache genommen habe." Als sie ihm noch länger zuredeten, geriet er in Zorn und Ungestüm, „so daß er nach allen Seiten Feuer spie." Um 9. Mai hielt er die letzte Musterung über sein Heer, und am 27. brach er das Lager ab. Er wählte nicht die kürzeste Straße über Freiburg gegen Lern, sondern den längern, aber sichern Weg überEchal- lens-Murten. Mit dem Städtlein am See wähnte er in wenig Tagen fertig zu werden, um alsdann den Marsch gegen Bern fortzusetzen. Als das burgundische Heer am 9. Iuni vor Murten erschien, grüßten die Kanonen, und der Herzog sah bald ein, daß er nicht so leichten Kaufes in den Besitz der Stadt gelangen werde. Er übertrug dem Grasen von Komont und seinem Halbbruder die Leitung der Beschießung und wählte sein Csuartier aus einem nach allen Seiten gleichmäßig abfallenden Kundhügel bei Murten, dem Bois äo DoininZuo, von wo er den Gang der Belagerung gut überblicken konnte. Die dSütsch- sprechenden Murtener nennen den Hügel Bodemünsi. Bubenberg teilte die Zeit und die Arbeit so geschickt ein, daß jedermann zu allen Stunden wußte, was er zu tun hatte. Alles Schreien und Schwatzen an der Umgürtung wurde verboten, damit man draußen nicht vernehme, ob ihrer wenig oder viele wären. Die Tore blieben Tag und Nacht offen, denn die vorgeschobenen Bollwerke sicherten die Eingänge und die ausfallenden Truppen, die den feindlichen Geschützen großen Schaden zufügten. Des Nachts warf sich alles, was Hände hatte, in die Türme und Ringmauern und stopfte die Löcher, welche die zehn Fuß langen Lombarden und die Feldschlangen mit ihren Stein- und Eisenkugeln gerissen hatten. Um l8. Juni befahl der Herzog den Hauptsturm. Siebzigmal donnerten die Kanonen und schlugen klaffende Breschen in das Mauerwerk. Gegen Abend rannten die Burgunder mit Sturmzeug aller Art gegen die Lücken, allein sie wurden mit einem mörderischen Hagel empfangen und abgewiesen. Wer in die Gräben gelangte, verletzte sich aü den Fußangeln. Die Leitern, welche die Umfassung erreichten, wurden von den niederprasselnden Steinen zerschmettert. Nach hartem Kampf wich der Feind zurück. Andern Tags schwirrten Bogenpseile mit Papierzetteln in die Stadt, aus denen geschrieben stand: „Shr Bauern von Bern, übergebt die Stadt und das Schloß, ihr vermöget euch doch nicht zu. halten,' denn alle Hämmer vermöchten nicht Geld genug zu schlagen, daß ihr damit erlöset lOZ würdet. Wir kommen aber in die Stadt und werden euch fangen, töten und an euren Gurgeln erhenken." Tag und Nacht wurde die tapfere Besatzung von den Feinden in Ktem gehalten. Umsonst ersehnte man die eidgenössische Hilfe. Die Stimmung wurde trüb und trostlos. Da versammelte der Hauptmann die Mannschaft und die Bürger und erklärte ihnen, daß er jede Äußerung von Zaghaftigkeit mit dem Tode bestrafen werde und den Ritter Hans Waldmann, Leldhauptmann der Eidgenossen bei Marien ersten, der VON Übergabe rede, täte. „Nach solchen Worten und Verordnungen ward jedermann gehorsam und hörte man hernach von niemandem mehr ein zaghaftes Wort." Er selbst war überall der erste, nie verdrossen, voll Kraft und anfeuernder Begeisterung, ein leuchtendes Beispiel von Mut und Geistesgegenwart. Trotzdem die Bedrängnis von Stunde zu Stunde wuchs, sandte er über den See, der offen blieb, die Meldung nach Bern, sie sollten sich nicht übereilen, sondern warten, bis die Eidgenossen alle beisammen wären, solange sich eine Nder rege, gebe keiner nach. Endlich, als die burgundischen Sturmkolonnen sich tief und breit in die Mauern bohrten und die Verteidiger mit ihren Leibern in den Breschen standen, nahte die Erlösung. Im Berner Natssaal, wo die Voten zu allen Stunden ein- und auslösen und Männer von großer Umsicht und staatsmännischer Klugheit das entscheidende Wort führten, brannte man, der Not in Murten ein Ende zu bereiten. Die Bundesbrüder jedoch unterschätzten die Gefahr und zögerten. Erst als die Burgunder von Murten aus einen kecken Vorstoß aus die Saanebrücken bei Laupen und Gümmenen unternahmen l04 L4MV» Der Wächter sollte alle zur Stadt fahrenden Boote mit der Trompete ankündigen und zur Bezeichnung der Lastschiffe eine Fahne aushängen. Selbst die Reisigen hatte er auf diese Weise der Torwache anzuzeigen. Bei Feuersnot in der Stadt benachrichtigte er die Einwohner durch die Glocken, brannte es in der Landschaft, durch Trompeten- gebläse. Feindesnähe wurde mit Kanonenschuß oder Sturmläuten kund- getan. Der Munot, nie auf seine Bestimmung erprobt, wurde in Frieden alt und grau. Und doch stellt er nicht nur das weithin sichtbare Kennzeichen Schafshausens dar. Die stolze, vom Munotverein treu behütete Zitadelle ist das vollendete Bild einer spätmittelalterlichen Feste. Bei Sempach sowohl als auch bei Näfels und in den Rppenzeller- kriegen holte sich der fest zu Österreich haltende Rdel Schafshausens blutige Köpfe. Ruf dem Stein zu Baden gewährte herzog Friedrich im Jahr l4ll den Räten und Bürgern der Stadt für die treuen Dienste, die sie und ihre vorfahren dem Lande Österreich allzeit geleistet, das Recht, Zünfte zu bilden. Daraufhin wurde die Bürger- schaft in zwölf Zünfte geteilt und der Stadt ein Bürgermeister vorgesetzt, und diese Ordnung bestand bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein. Im Jahre 1512 verlieh Papst Julius II. der Stadt das Recht, dem 128 Bock im Wappen die Hörner und Ulanen zu vergolden und eine goldene Krone auszusetzen. Mit den beiden starken Nheinwehren Basel und Schaffhausen war die Grenze im Norden gesichert. Die Lidgenossen richteten ihre Blicke über den Gotthard nach Süden, wo neue Gebiete und Eroberungen in einem weit offenen Land sie unwiderstehlich lockten und zu großen Taten hinrissen. Der Gotthard Im herzen unserer Schweizerberge erhebt sich der Gotthard, urfest, breitgeschultert, im ewigen Silberglanz seiner schneeweißen Zackenkrone. Von alters her schon ging das Maultier, von der Furka oder oom Dberalppaß herkommend, seinen müden Schritt darüber hin. Nur nach Norden ins Tal von Uri war kein Nusgang möglich, denn die Wasserfalle der Neuß und die steilen Felshänge der Schällenenschlucht sperrten den Verkehr. In weitem Umweg leiteten die Kaufleute von Zürich ihre Waren über Thür und die Bündnerpässe nach den welschen Landen. Da geriet im 12. Jahrhundert ein kluger und tatkräftiger Schmied von Urseren aus den gescheiten Einfall, durch die wilde Schöllenen- schlucht eine hängende Brücke zu legen. Er trieb eiserne pflöcke in die Felswand und befestigte an armdicken Ketten einen hölzernen Steg, an den das Wasser hinaufspritzte. Diese stiebende Brücke, wie sie die Fuhrleute nannten, dürfen wir nicht verwechseln mit der Teuselsbrücke, die weiter abwärts die Neuß überspannte. Dieses kurze Verbindungsstück erst erschloß von Norden her den Gotthardpaß dem Verkehr, und doch erwähnt kein Heldenbuch den Namen des Schmiedes, der ein Denkmal verdient hätte. Damit war dem Handel zwischen Nord und Süd, Nhein und Po der kürzeste Weg über Zürich-Zug-Immensee-Küßnacht-Flüelen auf den Gotthard eröffnet. Besondere Transportverbände traten alsbald ins Leben. Nuf dem vierwaldstättersee entstanden Schiffsgenossenschasten, in dem Neuß- tal und im Tessin Säumergesellschasten, welche die Strecken von Flüelen bis Bellinzona bedienten und für den Unterhalt der Straße sorgten. Lange Saumkolonnen zogen fortwährend hin und her, Gchsenschlitten aus den guten Straßen, gebastete Pferde und Maultiere aus den steilen Gebirgspfaden. Um den Verkehr zu beschleunigen und die Tiere zu 9 Jegerlehner. Geschichte 129 schonen, errichtete man Zwischenstationen, wo die Säumer ihre Ochsen und Pferde wechselten. 5ln diesen Stationen erwuchsen Warenniederlagen oder Lüsten mit geräumigen Lokalen und weiten Ställen. So zählte man von Flüelen bis auf den Gotthard die Susten Silenen, Massen, Göschenen und hospen- tal. Da herrschte ein reges hin und her bis in alle Nacht hinein von kommenden und gehenden Kolonnen. Den Gotthard hinaus wurde Käse, Honig, Tuch und Leder gebastet, aus Italien Olivenöl, Mein, Salz und Gewürze aller Art zurückgebracht. Mährend wir heute Schlachtvieh aus Italien beziehen, war die Schweiz bis ins 18. Jahrhundert imstande, mit dem Zuchtvieh auch noch Mastochsen nach dem Süden auszuführen. Der neue Verkehrsweg brachte Leben und Wohlstand ins Ländchen Uri, das nun nicht mehr ein Ende der Welt war. Aus einfachen Hirten wurden welterfahrene Führer und Wirte. Im Jahre 1707 bohrte man durch den Felskopf der Schöllenen das Urnerloch und überließ die stiebende Brücke dem Zerfall. Bus manchen rauhen Alpenpässen erhoben sich Klosterherbergen oder Hospize, die den Helfenden unentgeltlich beherbergten und verpflegten. Solche Hospize stehen heute noch im Betrieb aus dem Großen St. Bernhard, aus dem Simplon und zu All'Acqua im Vedrettotal. Giornico Als der Handel über den Gotthard in Schwung und Blüte kam, trachteten die Urner und ihre verbündeten darnach, die Fußstationen und den Weg auch jenseits des Passes bis in die lombardischen Gefilde hinunter in ihre Gewalt zu bringen. Mit Vorliebe trieben die Urner ihr Vieh aus die Märkte ennet den Bergen und kauften dafür Getreide ein, das an den schattigen hängen der Heimat nur spärlich gedieh. „Wenn wir uns vor den räuberischen Überfällen schützen zvollen," redeten sie immer bestimmter, „so muß das Flußgebiet des Tessin bis zu den Seen hinab unser werden." Die Gberwalliser führten eine ebenso kecke Sprache und behaupteten, zum Simplon gehöre auch das Tosatal bis nach Vomo hinunter. Nun ist es ja richtig, daß die Mehrzahl der Lidgenossen in den siegreichen Kämpfen gegen Österreich groß und mächtig wurden, Uri und Unterwalden dabei aber leer ausgingen,' denn ihr Gebiet stieß an allen 1Z0 Ecken und Winkeln an das der verbündeten. Nur im Lüden nicht. Deshalb lockte sie immer wieder das verlangen, den Herren jenseits der Alpen ein bißchen auf die Finger zu Klopsen und die ennetbergischen Täler dem Mutterland anzugliedern. In einem ersten Zug über den Gotthard rissen die Urner das Li- vinental an sich, wo noch meistens deutsch gesprochen wurde. DieDber- walliser überschritten mit befreundeten Grten den Albrun und ließen sich im Eschental, Val Maggia und Val verzasca huldigen. Diese Eroberungen führten zu langwierigen Fehden mit dem herzog von Mailand, der sich die fruchtbaren Täler am Fuß des Gotthard und des Simplon nicht ohne weiteres abzwacken ließ. Bei Arbedo erlitten die Lchweizer im Jahr 1422 denn auch eine bedenkliche Lchlappe, nach der sie die italienischen Herrschaften wieder preisgaben. Die Urner erwarteten im stillen bessere Zeiten, „denn sie sind harten Nackens," schrieb ein Zeitgenosse, „und stark in den Waffen,- begierig stürzen sie sich auf den Feind und schnaubend beschickten sie die Alpen- pässe." Lie beklagten sich bitter über die Tücken und die Treulosigkeit des Herzogs von Mailand und brachten es dahin, daß im Winter 1478 ein allgemeiner Aufbruch beschlossen wurde. Unter den erprobten Führern der Burgunderkriege, einem Adrian von Bubenberg und Hans Waldmann, marschierten 10000 Lchweizer nach Bellenz hinunter, um die Eingangspforte zum Gotthard an sich zu reißen. Im Besitze der Ltadt, die zwischen steilen Felshängen liegt, konnten die Eidgenossen die dahinterliegenden Täler, die in Bellenz zusammenlaufen, gegen mailändische Angriffe verteidigen. Allein Zwietracht und Mißmut lähmten die Tatkraft des Heeres, das unter der Kälte litt, und vor den halboffenen Toren der Ltadt ließen die Führer zum Rückzug blasen. Nur 175 Mann blieben als Besatzung in der Talenge von Giornico fsprich Giornico) zurück. Die böse Stimmung, den dieser unrühmliche Rückzug in der Eidgenossenschaft hervorrief, schwand sofort, als bald darauf die Runde von der siegreichen Schlacht von Giornico eintraf. Auf die Nachricht nämlich, daß ein feindliches Reiterheer von 10000 Mann aus beiden Ufern des Tessin durch hohen Schnee und über gefrorene Wege herausziehe, warf das tapfere Häuflein in Giornico Schanzen aus. Wenn der Nord vom Gotthard herbläst, wird es auch ennet den Bergen empfindlich kalt. Durch Sturmgeläute wurde die wehrfähige Mannschaft aufgeboten, so daß wohl etwa 600 Mann sich auf die Lauer legten, um zur richtigen Zeit den Feind anzufallen. s. 131 Das Tal bei Giornico ist eng, ansteigend und in schroffe Felsen gebettet. Die Schweizer banden an die Sohlen Fußeisen, die auf dem Glatteis festen Halt gaben. Als das Heer sorglos in die Tngnis hineinritt, ging es „gar fröhlich" an den Feind. Die Pferde spritzten ab und stürzten, und nun erleben wir ein zweites Morgarten. Was nicht erschlagen ward, floh Hals über Kops nach Biasca hinunter. Der Herzog von Mailand überließ den Urnern das Livinental und verlangte nur die jährliche Entrichtung einer dreipfündigen Wachskerze als Anerkennung seiner (Oberhoheit. Kaum waren einige Jahre verstrichen, so stiegen die Schweizer als festgeschlossene kriegführende Macht von den Bergen hinab in die offenen Gefilde der Poebene und sprengten die Pforten zum mailändischen Herzogtum. Matthäus Schinner Wo die Gletscherwasser des Fiescherbaches und der Binna sich in die Nhone wälzen, liegt abseits der Talstraße der Holzweiler Mühlebach, ein unbedeutender Grt mit einigen Hütten, der politisch, und kirchlich zu dem großen altertümlichen Dorfe Einen gehört. Mitten im Dörf- lein steht heute noch das zweistöckige Haus, aus dem Matthäus Schin- ner hervorging. Wie fast jeder wackere Walliserbub hütete auch Matthäus einmal die Ziegen. Auf den Schulen in Sitten und Bern verdiente er nach Art der fahrenden Schüler sein Brot durch Singen und sparte sich den Bissen vom Munde, um Bücher zu kaufen. Nachdem er noch andere Schulen besucht und die priesterliche Weihe empfangen hatte, wurde er Kaplan in Ernen, Pfarrer in Bern, bald darauf Generalvikar, dann Bischof von Sitten. Ein reiner, einfacher Lebenswandel, hohe Begabung und ungewöhnliche Beredsamkeit zeichneten den seltenen Mann aus. Das einzige Bild, das wir von ihm besitzen, zeigt das hagere knochige Gesicht mit der stark gebogenen Nase, die das Schinnergeschlecht in Mühlebach immer noch kennzeichnet. Sm Jahr lbll verlieh ihm der Papst die Würde eines Kardinals, die ihm bald großen Einfluß in der römischen Politik verschaffte. Seiner Heimat bewies er Zeit seines Lebens eine rührende Anhänglichkeit. Er schenkte der Kirchgemeinde von Ernen einen goldenen Kelch, der heute noch ihr Stolz und ihre Freude ist. Er besuchte auch mehrmals 132 die Heilquellen in Leuk, wo er eine selbständige Pfarrei, neue Badhäuser und Herbergen errichtete und besonders aus dem Zürcher- land eine Menge Kurgäste herzog. Das von ihm erbaute Junker- bad wurde schlechtweg Zürcherbad genannt. Noch zu seinen Lebzeiten verschüttete eine Lawine das Dorf Leu- kerbad samt den Einwohnern. Nur die Kirche und die Sommerwoh- nung des Kardinals bliebkn verschont. Mit Papst Julius II. arbeitete Schinner unentwegt daran, die Franzosen aus Italien zu vertreiben. Er reiste im Nuftrag des Papstes in die Schweiz und suchte überall begreiflich zu machen, .daß es Thristen- pflicht sei, das französische Bündnis zu lösen und den heiligen Vater in Nom zu schirmen. Die Schweizer, die dem König von Frankreich als Söldner zugelaufen waren, kehrten in die Heimat zurück, und der König mußte seine Heere mit deutschen Landsknechten ausfüllen. Schinner forderte nun seine Landsleute zu einer Heerfahrt in die Lombardei aus, um die Franzosen aus dem Lande zu jagen. Zahlreich folgten die Lidgenossen seinem Nus und strömten über die Bündnerpässe nach Verona hinunter, wo ihnen der Kardinal als ritterlichen und treuen Verfechtern und Hütern der heiligen Kirche und des Papstes einen goldgestickten Herzogshut und einen Degen überreichte, der mit Edelsteinen reich verziert war. hoch entzückt über die kostbaren Geschenke durchzogen sie die Lombardei in ehernem Schritt und vertrieben die Franzosen bis zum letzten Mann. hocherfreut über den Siegeslauf seiner Freunde, verlieh der Papst ihnen den Ehrentitel kardinal Matthäus Schinner, Vischof von Sitten, gestorben zu Rom 1523 133 „Beschützer der Freiheit der Kirche", dazu zwei prachtvolle Banner und jedem Drt eine kostbare Fahne, während Schinner den Sold in schweren Goldmünzen in ihre Taschen leitete. Der lombardische Feldzug brachte die Lidgenossen in den Besitz von Bellenz, wo sie die drei Schlösser zu ihren Ehren Uri, Schwyz und Un- terwalden tauften, und der Täler südlich davon, so daß fast der gesamte heutige Kanton Tessin ihnen Untertan wurde. von nun an beherrschten sie die Schweizerpässe vom großen St. Bernhard bis zum Stilfser Ioch, denn die Bündner hatten die Heerfahrt mitgemacht und Tläven, veltlin und Worms in Besitz genommen. Die größten Waffentaten der Lidgenossen aber standen erst noch bevor. Novara Nach der Heimkehr der Lidgenossen traten die Boten zu einer Tagsatzung in Baden zusammen. Ls erschienen die Gesandten des deutschen Kaisers, des Königs von Spanien, von Frankreich, der Nepublik Venedig und des Herzogs von Savopen und buhlten um ihre Gunst. So hoch stand das Schweizervolk in der Achtung der fremden Kegenten. Die Schweizer ließen sich von Frankreich nicht beeinflussen und setzten Maximilian Sforza zum herzog in Mailand ein. Namens der Lidgenossen übergab ihm der Landammann von Zug die Schlüssel zu den Toren seiner Hauptstadt. Maximilian war ja wohl ein Schwächling und unwürdiger Patron, doch die Schweizer wollten damit ein Unrecht sühnen, das sie vor Jahren an seinem Vater begangen hatten. Der herzog erhielt eine schweizerische Leibwache von 4000 Mann und tat, was der Kriegsrat begehrte. Im nächsten Frühjahr erschienen die Franzosen in Italien. Der herzog, von den Mailändern im Stiche gelassen, floh mit seiner Leibwache nach Novara, das die Franzosen bald darauf einschlössen. Drei Tage lang bombardierten sie die Stadt, doch die Schweizer lachten der Gefahr, ließen die Tore offen stehen und verdeckten die Mauerbreschen zum Spott mit Bettüchern. Den deutschen Landsknechten, die höhnten, jetzt seien Kuh und Kalb eingesperrt, gaben sie ebenso frech zurück, sie sollten das Pulver nur sparen, falls die Breschen nicht groß genug wären, würden sie die Lücken selber noch größer machen. Der französische Anführer La Tremouille versprach ihnen heimlich mächtige Sum- l34 men Geldes, wenn sie den herzog auslieferten, doch umsonst, Verräter waren diesmal keine in ihren Reihen. In einer Nacht des frühen Juni 1513 langte die schweizerische Verstärkung im Städtlein an, jubelnd begrüßt von den Wafsengesährten. Becher her und Wein, und die besten Lachen aus dem Krämerladen! Bis tief in die Nacht hinein dauerte das Zechgelage, und als die Truppe stille wurde, erklangen immer noch die Trommeln und pfeifen. Nachdem der Lärm endlich verstummt war, glaubten die französischen Anführer, die Schweizer seien alle betrunken und fest eingeschlafen. Die List war gelungen. Bus den Nat des Urners Jakob Mutti hatten die schweizerischen Hauptleute nämlich beschlossen, die ganze Nacht trommeln zu lassen, damit der Gegner, der in ein ziemlich weit entferntes Lager zurückgewichen war, nicht zur Nuhe komme, und nach Mitternacht in aller Heimlichkeit aufzubrechen. Lautlos schlichen 10 000 Lidgenossen in nächtlicher Stille durch die Tore und die Mauerlücken hinaus zum Überfall. Doch die zwei schlauen und erfahrenen Heerführer La Tremouille und Trivulzio ließen sich nicht überrumpeln. Nasch stellten sie die französischen Truppen in Schlachtordnung aus. Den Lidgenossen gelang es, die französischen Posten niederzurennen, das Hauptheer aber stellte sich geschlossen zum Kampfe. Und das war eine Macht von weit überlegener Zahl, wie bei St. Jakob. In einer igelförmigen Ausstellung ließen die Schweizer die feindlichen Neitergeschwader herangaloppieren. Die Spieße und halbarten hieben sie in Stücke. Fürchterlich donnerten die französischen Geschütze. Sie wurden unterlaufen und stumm gemacht, im Handgemenge, Stirn an Stirn, die deutschen Landsknechte niedergerungen. Kein Schrei, keine Kommandostimme war hörbar, nur das schauerliche Getöse der Waffen und das Röcheln der Sterbenden. Noch einen Stoß in die Flanke und einen in den Rücken des Gegners, und nach vierstündigem Gemetzel war der Sieg gewonnen. 1500 Lidgenossen kehrten nicht mehr in die Stadt zurück. Die Zahl der erschlagenen Franzosen aber betrug das vierfache. Dazu hatten sie ihre Artillerie, den ganzen Troß, zahlreiche Kostbarkeiten und des Geldes die Menge im Lager zurückgelassen. Den ganzen Abend widerhallten die Mauern Novaras vom Iubelgeschrei der Schweizer. Die Zeitgenossen stellten den Sieg über die größten Taten der Griechen und Römer. Während La Tremouille mit den Trümmern seines Heeres nach Frankreich verschwand, zogen die Sieger von Novara in Mailand ein. Dankbaren Sinnes schrieb der Herzog an die Lidgenossen: „Was ihr uns durch eure Kraft und durch euer Blut erhalten, ja wiedergegeben, das soll fortan euch wie mir selbst gehören." Marignano Kls König Franz I. im Jahre lölö den französischen Thron bestieg, brannte er vor Begierde, das Herzogtum Mailand für seine Krone zu gewinnen, und zwar mit Hilfe der Schweizer. Lr schrieb an die Tagsatzung einen huldvollen Brief, nannte sie seine besten und liebsten Freunde und bot ihnen ein Bündnis und große Summen Geldes. Die Schweizer antworteten, des Landes Ehre stehe ihnen höher als sein Rngebot, woraus er sich mit den Venezianern verband und das stärkste und glänzendste Heer rüstete, das man seit langer Zeit in Europa gesehen hatte. Die Lidgenossen suchten ihm den Eintritt in die Poebene zu verwehren, indem sie ohne Säumen die heimatlichen Pässe überstiegen, um ihn am Fuß der Westalpen zu fassen. Franz aber wählte statt der gewöhnlichen Übergänge über die Westalpen ungebahnte Pfade und gelangte unbehelligt nach Italien. Die Schweizer lähmte böse Zwietracht. Sie warfen dem Papste vor, mit den Franzosen unter einer Decke zu stecken. Buch vermuteten sie Verräter im eigenen Heere. Der König war von der Mißstimmung der Schweizer gut unterrichtet und versprach ihnen Geldsummen, die alle früheren Rngebote weit übertrafen. Ein Teil der Eidgenossen ließ sich vom Golde bestechen und marschierte heimzu. Es waren die Truppen der westlichen Kantone, worunter auch Bern und Wallis. Die andern empfanden diesen Rückzug als eine Schmach und begaben sich nach Mailand. Hier stritten sie wochenlang darüber, ob man bleiben oder heimwärts ziehen wolle. Obgleich die Franzosen nur drei Stunden südlich der Stadt bei Marignano, dem heutigen Melegnano, ein befestigtes Lager bezogen, hatte niemand Lust, sich in einen Kampf einzulassen. Da suchte Schinner, der voller Zorn und Enttäuschung zusehen mußte, wie der Hader in den eidgenössischen Reihen immer tiefer fraß, durch eine List den Kampf herbeizuführen. Rls Zug und Zürich sich anschickten, den Heimweg anzutreten, ertönten die Sturmglocken, von der vortu Roinunu her scholl Kriegslärm. Ls hieß, die herzogliche Schweizerwache stehe draußen vor dem Tore in hartem Gefecht mit dem Feind, l36 der bis vor die Mauern der Stadt gerückt sei. Im purpurnen Reitermantel sprengte der Kardinal die Gassen auf und ab und bewog die abziehenden Truppen zur Umkehr. Ruf einmal stürmte alles vor das Tor hinaus und immer weiter in die von Wassergräben durchzogenen Weingärten. Sobald die Schweizer merkten, daß es nur blinder Lärm gewesen, wollten sie umkehren, allein der Kardinal feuerte sie an und trieb vorwärts, und als sie den verhaßten Gegner endlich erblickten, dachte keiner mehr an Rückzug. Eine Schlacht stand bevor, blutig und mörderisch, wie sie der Himmel noch nie gesehen hatte, und für deren ungücklichen Rusgang Schinner die Verantwortung zufiel. Die Vorhut der Schweizer warf die vortruppen der Franzosen und zerrieb im Handkehrum die deutschen Landsknechte. Zweiundsiebzig französische Geschütze spien und donnerten wie aus Höllenrachen und rissen Rrme und Köpfe weg. Dreißig Rttacken ritten die Schwadronen des Trivulzio, sie wurden alle abgeschlagen. Rls die Sonne unterging, sprengten die schwarzen Banden, die Kerntruppen des Königs, in ihren geschwärzten Rüstungen heran, Woge um Woge, Stoß um Stoß, alle an der eisernen Wucht der Lidgenossen zerschellend. Der Mond stieg am Himmel auf, die Leichen türmten sich, Spanne um Spanne wich der Feind. Gegen Mitternacht, als der Mond in den Wolken verschwand und es dunkel wurde allum, standen die Eidgenossen in den Schanzen des Feindes. Schon flogen ihre Boten dahin, um überall den Sieg zu verkünden. Die Harsthörner riefen die verlorenen Scharen zum Sam- Franz I.. König von Frankreich 137 mein. Hunger und Durst peinigten die völlig durchnäßten Truppen, die oft bis an die Arme in den Wassergräben gestanden hatten. Schinner riet zum Abmarsch nach Mailand, rvo Speise und Trank, Erholung und Verstärkung ihrer warteten. Die Hauptleute wollten nichts davon wissen. „Bei Tagesgrauen wird der Kampf wieder aufgenommen," entschieden sie, „und zu Ende geführt." Während der Nacht luden die Franzosen ihre Geschütze und schoben sie nahe an den Gegner heran. Beim ersten Licht krachten sie Tod und verderben in die enggeschlossenen Hausen der Schweizer. Wiederum hetzten die schwarzen Banden ihre Hengste. Doch die Lidgenossen kämpften nicht mehr wie Menschen, Niesen waren es, entfesselte Löwen. Sie schütteln die Pfeile ab, die sich ins Fleisch bohren, und mähen die Feinde ins Gras. Line Kanonenkugel reißt dem Basier Fähnrich die Beine vom Leib. Sterbend erhebt er sich auf den Stümpfen und bricht erst zusammen, als er das Fähnlein gerettet sieht. Dem venner von Appenzell schneidet ein Geschoß den Leib durch. Er reißt den Fetzen von der Stange und birgt ihn in seinem Busen. Noch ein Stoß und noch einer, und die Schlacht ist gewonnen. Da ertönt der Nuf: Sän Marco, die Venezianer, frische Truppen auf der Walstatt. Die Eidgenossen nehmen die Fahnen und die Artillerie in die Mitte, laden die verwundeten auf die Schultern und treten den Nückzug an. vor Grauen starr, bleiben die Franzosen zurück. Unbehelligt ziehen die Helden von Marignano die heiße staubige Straße dahin, von Wunden entstellt, Pulverrauch und Blut im Gesicht. Als die stolzen, unüberwindlichen Beherrscher des Herzogtums waren sie ausgezogen, geschlagen und zum erstenmal überwunden, kehrten sie nach Mailand und von da nach Hause zurück! „Achtzehn Schlachten habe ich mitgemacht," sagte Trivulzio, „aber gegen diese Niesenschlacht sind alle andern nur Kinderspiel gewesen." Ein Jahr später schloß König Franz den ewigen Frieden mit der Eidgenossenschaft. Er verzichtete auf die tessinischen vogteien und bezahlte mehrere Millionen in Gold, wofür das Herzogtum Mailand französisch blieb. Durch weitere Geldversprechungen gewann er die Freundschaft der eidgenössischen Grte, die fortan nie mehr mit Lroberungs- gelüsten aus ihren Bergen zogen. Die Schlacht von Marignano führte nicht nur zu einem Nückzug aus der Lombardei, sondern auch zu einem Nückzug aus der Weltgeschichte. Dafür sandten fortan die Schweizer Frankreich und fast allen andern Staaten ihre Söldner. 138 Im 5old der Fürsten Das Geld, das uns heute die fremden Kurgäste in die Schweiz bringen, und dessen wir so hart bedürfen, um den großen Ausgaben- überschuß im finanziellen Haushalt zu decken, holten sich die Schweizer Söldner in der Fremde. Es war nicht nur der hang nach Mammon und Abenteuerlust, welcher die besten und wägsten unserer Söhne in das später so verrufene Gewerbe hineintrieb. Das Land mit seinen schattigen Tälern, dunkelwaldigen hängen und Felseinöden nährte seine Bewohner nicht alle. Man verstand es damals weniger gut als heute, dem Boden das Korn für das Brot und das Futter für die Viehherden abzuringen. Jedes Gütlein, das vier hungrige Mäuler speiste, wurde zu klein, sobald ein fünftes und sechstes sich auch noch zu Tische setzte. Ein Amerika für die Auswanderer gab es nicht, wohl aber ein Frankreich, Holland, Italien und ein deutsches Kaisertum, wo man den Schweizerregimentern den Ehrenplatz in der Armee einräumte. Da geschah es zuweilen, daß nicht nur die Leute den heimischen Boden verließen, die zu Haufe überflüssig waren, sondern auch andere, die der kriegerische Taumel einfach mitriß. Ohne zu bedenken, daß darob Handel und Wandel erst recht ins Stocken gerieten, ließen sie Haus und hos, Acker und Gewerbe im Stich. So standen im Anfang des 18. Jahrhunderts über 40 000 Söldner unter den Fahnen ausländischer Fürsten. Nach den Burgunderkriegen stieg der Bus von der schweizerischen Tapferkeit und Ausdauer über alle Maßen. Die europäischen Heerführer wogen die Dienste der Schweizer mit Gold aus. Wer sich ihrer rühmen konnte, brauchte weder den Tod noch den Teufel zu fürchten. Den mittelalterlichen Berufssoldaten, den hoch zu Pferd daherziehenden Reisigen, hatte das schweizerische Fußvolk in seinen Schlachten und Siegen buchstäblich aus dem Sattel geworfen. Bei Laupen, St. Jakob, in den Kämpfen gegen Karl den Kühnen, auf den mailändischen Fluren, wo nur der Fußsoldat gegen Reiterei ankämpfte, errang er glattweg die Überlegenheit. Im gleichen Maße wie das Gold lockte den Reisläufer (reisen --- in den Krieg ziehen) die Beute, die seiner wartete, das unbändige lockere Leben, gab es doch Knechte, die ein vermögen nach Hause trugen. Und die Regenten zogen auch ihren Nutzen davon. Jahraus, jahrein flössen goldene Büchlein in ihre Taschen. Ihren Untertanen sicherten sie in den Soldverträgen mit dem Auslande günstige Verkehrs- und handels- 139 plurs (Graubünden) vor dem Bergsturz. Nach einem erhalten gebliebenen Gemälde freiheiten und mancherlei Zollermäßigungen. Nn den fremden Universitäten durften die Schweizer umsonst und zu billigen preisen studieren. Der Söldnerdienst wurde die Vorschule der künftigen Politiker und Staatsmänner. Leider aber dachte der Schweizer, wo er sich zum Kampfe stellte, nicht überall in erster Linie an den Ruhm und die Ehre seiner Heimat. Mit Stolz und Staunen lesen wir in ausländischen Geschichtsberichten, während unsere Lehrbücher kaum Notiz davon nehmen, wie die schweizerische Tapferkeit auf fremden Fluren über Marignano hinaus noch Wunder über Wunder verrichtete. In der piemontesischen Schlacht von Teresole im Jahr 1544 waren es weder die Franzosen noch die Italiener, sondern das Schweizerregiment, das den Sieg errang und die kaiserliche Nrmee vernichtete. Nn der Beresina in Nußland deckten 1812 die roten Schweizer den Rückzug Napoleons und retteten mit ihrer Standhaftig- keit die Trümmer der Rrmee. Wohl trug es sich zu, daß Schweizer gegen Schweizer fochten, wie 1709 in der Schlacht von Malplaquet. In einer Zeit jedoch, wo die schweizerischen Regierungen ein beschauliches Leben führten und oom 140 Tuilerien Ruhme der vorfahren zehrten, während die Heere der umliegenden Staaten zu neuem Leben erstanden, war es der Söldnerdienst, der vielgeschmähte und verachtete, der den kriegerischen Geist der Eidgenossen wachhielt. Das Löwendenkmal in Luzern ruft uns je und je eine der herrlichsten Taten schweizerischer Treue und Tapferkeit in Erinnerung, nämlich den Kamps der Schweizergarde in den pariser Tuilerien am 10. August 1792. Die Bundesverfassung von 1848 steckte dem Reislausen den Riegel. Rls im Jahr 1859 auch der Soldvertrag mit Neapel ablief, kehrten die letzten Schweizerregimenter nach Hause zurück. Nicht nur aus fremder Erde geschah es, daß die Eidgenossen einander gegenüberstanden. Durch die Reformation sollte das Vaterland selber der Schauplatz blutiger Bruderkriege werden. Damit beginnt ein neuer Abschnitt mit vielen dunklen ukd wenigen hellen Kapiteln in unserer vaterländischen Geschichte. Die Kirche Im Schoß der Kirche hatte sich ein beträchtlicher Reichtum angesammelt, der nur zu sehr von dieser Welt war und im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert an Glanz und Größe noch gewaltig zunahm. Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz besaß die Kirche etwa einen Drittel von allem Grund und Boden. Bevor Zwingli die Kanzel bestieg, zählte man in der Schweiz 400 Klöster und geistliche Stifte, die mit ganz geringen Ausnahmen reich begütert waren. Am Groß- münster in Zürich amteten vierundzwanzig Chorherren und zweiunddreißig Kapläne, und am Münster in Lausanne sechsunddreißig Domherren, von denen jeder 4000 schwere Goldtaler im Jahr erhielt. In Basel sollen zu Zeiten über 100 Domherren und Kapläne gewirkt haben. Statt nach der Bibel regelte die große Masse der Geistlichen ihre Amtsverrichtungen nach den Vorschriften des heiligen Vaters, schaute mehr nach Nom als nach Jerusalem und Golgatha und vergaß über den Genüssen des Leibes das heil der Seele. Im Kloster St. Gallen waren manchmal weder der Abt noch die Mönche imstande, ihre Namen zu schreiben. Die herrliche Bibliothek moderte, aus einen Haufen geworfen und von Ratten und Mäusen zerfressen, in dunklen Gewölben. Die Klosterinsassen lebten ihre Tage in Müßiggang und Schlemmerei. von Rom her blies eine Zeitlang ein böser, Verderbnis bringender Wind. Des Papstes Sinnen und Trachten war mehr auf prunk und weltlichen Glanz, herrscherslitter und Besitztum gerichtet, denn nach der reinen Armut. Lr nahm das Recht in Anspruch, die geistlichen Pfründen oder Stellen, die alle mit großen Einkünften verbunden waren, von sich aus zu besetzen, ohne die Gemeinden darum anzufragen. Nicht an den Tüchtigsten oder an denjenigen, der ein Anrecht daraus hatte, wurden sie vergeben, sondern an Günstlinge verkauft oder verschenkt, sogar an Soldaten der päpstlichen Leibwache, die damit Handel trieben und die Pfründen an den höchstbietenden weitergaben. Papst Leo X. schrieb 1619 einen Ablaß aus, den er an die Lrzbischöfe verpachtete. Diese sandten Mönche als Ablaßkrämer von Stadt zu Stadt, wo sie die Ablässe wie eine Ware feilboten, und zwar pergamentene und papierene, billige und teure, für begangene und noch zu begehende Sünden, ja sogar für die Schulden der verstorbenen. Mit Tetzel in Deutschland wetteiferte der Ablaßkrämer Samson in der Schweiz, der 142 überall auftrat. Im Verner Münster machte er so treffliche Geschäfte, daß er vor seinem Wegzug noch alle verstorbenen Verner aus dem Fegefeuer erlöste. Der Bischof von Konstanz verbot ihm den Handel, und Zürich schloß vor ihm seine Tore. Ein römischer Kardinal beklagte später die Verderbnis der Kirche mit den Worten: „Alle Wissenschaft, aller Ernst der Aufsicht, alle Zucht der Litten, alle Achtung der heiligen Dinge, alle Keligion war aus dem Lhristentum gewichen. Das Volk kniete vor wundertätigen Bildern, Reliquien und den angeblichen Resten der heiligen, mißbilligte ganz offen den schimpflichen Lebenswandel seiner Seelsorger und das zuchtlose Treiben in den Mönchs- und Nonnenklöstern." Der Bischof von Lausanne, zu dessen Lprengel Bern gehörte, brachte aus Lyon den Lchädel der heiligen Anna und zog in feierlicher Prozession damit durch die Ltadt in die Predigerkirche. Das Volk verehrte die Reliquie auf den Knien, bis der Abt des Lyoner Klosters mitteilen ließ, es sei ein Betrug geschehen und ein gewöhnlicher Lchädel aus dem Beinhaus des Klosters nach Bern getragen worden. Aus diesem unwürdigen Zustand der Abkehr vom Gottesglauben zur Genußsucht und abgöttischen Bilderverehrung führte Ulrich Zwingli das Volk in die frischen höhen der reinen Lehre Thristi. Ulrich Zwingli Wie Matthäus Lchinner und sein berühmter Walliser Landsmann Thomas platter wuchs der schweizerische Reformator im Gebirge bei tobenden Gletscherbächen und wilden Kletterziegen aus. Nur einige Wochen später als Luther erblickte er am Neujahrstag l484 das Licht der Welt. Noch heute schaut sein Geburtshaus mit runden Butzenscheiben in die grünen Alpinsten des oberen Toggenburg. In kinderreichen Familien pflegte immer einer von den Löhnen sich dem geistlichen Ltande zu widmen, wenn irgendwie die Mittel es erlaubten. Unter den acht Brüdern Zwinglis wurde Ulrich dazu bestimmt. Ein Dnkel nahm das lebhafte, seingeartete Büblein zu sich ins Pfarrhaus nach Wessen und gab ihm den ersten Unterricht. Im Alter von zehn Iahren kam er auf die Lchule zu Basel und später nach Bern, wo er den ausgezeichneten Unterricht des Sprachmeisters Heinrich Wölslin genoß. Dann beendete er seine Studien auf den Universitäten Wien und Basel. In seinem Heimatort Wildhaus las er seine erste Messe. Noch 143 heute herrscht ja in katholischen Gegenden die schöne Sitte, daß der srischgewählte Priester das erste Meßopfer, die pri- miz, in seinem Heimatorte darbringt. Mit zweiundzwanzig Jahren trat er eine pfarrstelle in Glarus an,, wo er alle Muße, die sein Amt ihm ließ, der Bibel und den Werken des Altertums widmete. AIs Feldprediger der Glarner zog er auch zweimal ins Mailändische und machte die Schlacht von Marig- nano mit. In diesen Kriegszügen offenbarten sich ihm die Schrecken und die Verderbnis des Söldnerwesens, und nun ging er mit der ganzen großen Kraft seiner Seele darauf aus, dieses Übel auszurotten, das wie ein Gift die Volkskraft gefährdete. Die Anhänger der fetten Pensionen, die in Glarus zahlreich waren, vertrieben ihn darum von seiner Stelle. Er übernahm das bescheidene Amt eines Helfers in Linsiedeln, wo er bald inne wurde, daß manche Kirchenbräuche nicht im Einklang standen mit der heiligen Schrift. Die Heiligenverehrung, von der in der Bibel mit keinem Buchstaben die Rede ist, verwarf er als menschliche Zutat, die man ohne Nachsicht entfernen müsse. Dem Kardinal Schinner sagte er ins Gesicht, das Papsttum fuße nicht aus der Heiligen Schrift, Thristus allein sei der Mittler zwischen Gott und den Menschen und seine im Evangelium enthaltene Lehre die alleinige Richtschnur für den Gläubigen. Der Ruf von Zwinglis Gelehrsamkeit drang auch nach Zürich. Im Jahre 1519 berief der Rat den sünfunddreißigjährigen Geistlichen ans Großmünster. Als er die Kanzel bestieg, erklärte er, er werde sich nicht an die von Rom vorgeschriebenen Abschnitte des neuen Testaments halten, sondern die Evangelien im Zusammenhang auslegen, nach der Ulrich Zwingli 144 Schrift und nicht nach menschlichem Gutdünken. Schon die ersten predigten gewannen ihm das vertrauen aller Kreise, denn sein vortrag war von bewundernswerter Klarheit, kräftig und eindringlich. Die Verantwortlichkeit der Geistlichen schilderte er so lebhaft, daß Thomas platter ausrief: „Ich fühle mich wie an den haaren emporgezogen." Zwingli verdammte das üppige Faulenzertum der Mönche, die ihn dafür gründlich haßten, und verurteilte mit aller Schärfe den Söldner- dienst, was zur Folge hatte, daß Zürich 1521 unter allen Grten der Eidgenossenschaft allein das Soldbündnis mit Frankreich nicht einging. Zwiefach war die Aufgabe seines Lebens. Er wollte nicht nur das Vaterland, sondern auch die Kirche von den verderblichen Nißbräuchen reinigen. politische und kirchliche Neugestaltung sollten Hand in Hand gehen. § Als er vernahm, daß die Schwyzer im Begriff waren, einen neuen Vertrag mit Frankreich abzuschließen, schrieb er an die Landleute von Schwyz seine „göttliche Ermahnung", die zu seinen besten Schriften zählt. Der Nat von Zürich erteilte ihm die Erlaubnis, seine Lehre im Druck niederzulegen, und befahl den Mönchen, nur das lautere Gotteswort zu predigen. Auf diese Weise bereitete er das Volk aus die Wandlung in der neuen Kirchenordnung allmählich vor. Die Gemeinden und Zünfte konnten ihre Meinungen darüber äußern, und in öffentlichen Neligionsgesprächen fand das Volk Gelegenheit, das Für und Wider zu vernehmen. Im Jahr 1525 war die Reformation in Zürich durchgeführt. Die Mönche mußten die Klöster verlassen und ihre Stätten den Schulmeistern einräumen. Zwingli wurde der geistliche Leiter des Staates. Da die Ehelosigkeit der Priester nicht durch die Bibel, sondern erst durch päpstlichen Erlaß besohlen war, empfahl Zwingli, sich an die Gebote Thristi zu halten. Flugs erkor sich der Pfarrer von Wietikon ein Weib. Seinem Beispiele folgten viele andere Geistliche, und mit vierzig Jahren gründete auch Zwingli ein heim. Da er selber mehrere Instrumente spielte, ergötzte er sich an der Musik und sammelte eine erlesene Gesellschaft in seinem Hause, die er mit munteren und lehrreichen Gesprächen unterhielt. Er ging auch mit den Bürgern in die Zunft- stuben und nahm an den Gastereien der Lauern teil. Neben den vielen Geschäften unterhielt er einen riesigen Briefwechsel in aller Herren Ländern. Wenn Zwingli bis dahin nur von den Mönchen und den Anhängern des fremden Goldes Anfechtungen erlitt, so erwuchs ihm nun ein bitterer 10 Jegerlehner, Geschichte 145 haß in den fünf inneren Grten der Eidgenossenschaft. Diese veranstalteten ein Neligionsgespräch in Baden, wo an Zwinglis Statt Berch- told haller aus Bern und der Basier Dekolampad erschienen und die alt- gläubigen Gegner gehörig in die Enge trieben. Zürich hatte seinem Leutpriester verboten hinzugehen, weil seinem Leben Gefahr drohte. Aller Feindschaft zum Trotz drang seine Lehre über die Berge, nach Glarus und St. Gallen, in die Stadt seines Freundes vadian, ins Appen- zellerland, nach Toggenburg und Bünden. Als man ihn einen Anhänger Luthers schalt, erwiderte er: „Ich habe, ehe noch ein Mensch in unserer Gegend etwas von Luthers Namen gewußt hat, angefangen, das Evangelium Thristi zu predigen, im Jahre 15l6. Wer schalt mich damals lutherisch? Luthers Name ist mir noch zwei Jahre unbekannt geblieben, nachdem ich mich allein an die Bibel gehalten habe. Aber es ist nur ihre Schlauheit, daß die Päpstler mich und andere mit solchen Namen beladen. Sprechen sie: Du mußt wohl lutherisch sein, du predigst ja, wie Luther schreibt, so ist meine Antwort: Ich predige ja auch wie Paulus- warum nennst du mich nicht vielmehr einen paulisten? Ja, ich predige das Wort Thristi, warum nennst du mich nicht vielmehr einen Thristen?" Zu seiner größten Freude und Genugtuung sagten auch Bern und Basel sich von Nom los. Die Reformation in Bern und Basel Schärfer als in andern Gebieten traten die Schäden des kirchlichen Lebens in der Stadt und Landschaft Bern hervor. Ungescheut warf sich die Geistlichkeit dem Sinnengenuß in die Arme. Gab es doch Drte, wo der Pfarrer zugleich die Dorfwirtschaft führte, oder mit Getreide, Pferden und anderen Dingen handelte. In der Stadt kamen aus vielleicht tausend Häuser zwölf Klöster. Im Kloster zum heiligen Geist vertilgten die Mönche innert Jahresfrist 4800 Maß Wein, und wenn der Vorsteher sie gottlose Buben, Diebe und ungelehrte Esel nannte, so gaben sie ihm gehörig auf die Finger und schmähten ihn Prasser, Spieler und Verschwender. Die einfältigen Predigermönche in Bern ließen sich durch einen geriebenen Spitzbuben mit Namen Jetzer monatelang täuschen. Der Schneidergeselle gab vor, die Wundmale Thristi seien ihm eingedrückt worden und die Mutter Gottes sei ihm in eigener Gestalt erschienen. Als man den Betrug aufdeckte, verstand er es, l46 die Schuld aus seine Gönner zu schieben. Nach einem peinlichen Prozeßverfahren wurden ihrer vier verbrannt, während der Hauptschuldige, eben der Schneider Jeher, beinahe straflos ausging. In dem unermüdlich für die Reformation tätigen Berchtold haller, dem Leutpriester am Bernermünster, in dem Stadtarzt klnshelm und dem Maler und Dichter Nikiaus Manuel erstanden Zwingli in Lern mächtige Förderer seines Werkes. In seinen Totentanzbildern im Dominikanerkloster geißelte Manuel die Hoffart und den Luxus der höheren Geistlichkeit, in seinen Fastnachtspielen, die unter freiem Himmel aufgeführt wurden, die Habsucht und den prunk der Kirche. Im Spiele „von Papst und Thristi Gegensatz" tritt der Papst mit der dreifach goldenen Krone hoch zu Noß auf, vom Purpur der Kardinäle und Bischöfe umstrahlt. Ihnen gegenüber reitet der dornengekrönte Thristus aus einem Tsel, von Blinden, Lahmen, Bettlern und Siechen gefolgt. Fast alle reichen Bauernsamilien besaßen im Münster Kapellen und Altäre mit eigenen Kaplänen. Im Jahr l528 lud auch Bern seine verbündeten zu einem Religionsgespräch ein. Zwingli erschien mit einem Geleite von 300 Mann und mit ihm seine Freunde und Mitstreiter. Über das Gepräch im Münster schrieb ein eifriger Katholik: „Leicht war der Kampf für die Ketzer, da ihnen keine gerüsteten Gegner gegenüberstanden. G, wenn nur ein Trasmus sich ihnen entgegengestellt hätte! Denn oft sah ich sie über ihre Antworten nicht einig,' ich sah ängstlich den einen dem andern zuflüstern, was er sagen solle,- ich sah sie in Verlegenheit über den rechten Sinn gewisser Stellen. Ts waren einige unter ihnen, welche nur durch Zwinglis Heftigkeit und Zorn angestachelt werden konnten. Denn jener war beständig in der Hitze. Und es würde uns zum Nutzen und zum Vorteil gereicht haben, und wir hätten sein Ansehen vermindert. Doch ist dies Ungetüm gelehrter, als ich glaubte. Der großnasige Dekolampad scheint ihn in den Propheten und in der hebräischen Sprache zu übertreffen; keineswegs aber an Reichtum des Geistes und an Klarheit der Rede; doch ist er ihm im Griechischen gewachsen, wenn nicht überlegen, welchen Ausgang aber hatte die Disputation? Ts ist schmachvoll für unsere Umsicht. Als sie beendet war, erging ein Beschluß beider Räte, daß alle Altäre, Bilder, Messen, und was zum Gottesdienst und den Zeremonien der Kirche gehört, in der Stadt Bern und allen ihrer Herrschaft untertänigen Dörfern und Landen beseitigt und 10» l47 Vilderfturm MM nie wieder angenommen werden sollen. G, über unsere Zeiten und Litten, über unsere Sorglosigkeit! Wie leicht hätte dieses Übel abge-- wendet werden können, wenn unsere Bischöfe so große Liebhaber der Studien als der Dirnen wären." Bern ließ nun an alle Gemeinden die Volksanfrage ergehen, sich für oder gegen die Reformation auszusprechen,- die meisten derselben nahmen sie an. Rls der Rat von Bern verkündete, daß er an der Klöster Statt die Gefälle einziehen werde, lehnten sich die Oberländer aus und jagten mit Hilfe der Unterwaldner die neuen Prediger fort. In lischt beschirmten die Weiber mit Feldwerkzeugen die heiligen Bilder, trieben die prädikanten zur Kirche hinaus und verlangten die Wiedereinführung der Meßpriester und der heiligen Sakramente. Bern aber zog mit bewaffneter Hand nach Interlaken, ließ drei der Rnführer hinrichten und unterwarf die Rebellen. Nun ordnete der Große Rat sein Kirchenwesen nach dem vorbilde Zürichs: Die Klöster wurden aufgehoben, die Mönche und Nonnen mit Geld entschädigt oder versorgt, die Kirchen ausgeräumt, wobei leider auch die prachtvoll geschnitzten Rltäre entfernt und die goldenen Kirchengeräte zu Geld 148 umgesch'molzen wurden. Die kostbaren Glasgemälde blieben zum Glück fast unversehrt an ihren Grten. In ihrem Siegeslauf erreichte die Reformation auch die Stadt Basel, wo Gekolampad mit Schwung und Feuer den Kamps gegen die alte Kirche führte. Ein Sturm, der gegen „die Götzen und das päpstische Geschmetter" erbrauste, verhals der neuen Lehre zum Sieg. Seit Ostern 1528 hatte man mehrere Kirchen ausgeräumt und den Reformierten überlassen. Der Rat aber wagte noch nicht, einen entscheidenden Beschluß zu fassen. Erst im Februar 1529, als die Rnhänger der neuen Lehre vor dem Rathause Geschütze auffuhren, traten die zwölf katholischen Ratsherren aus, und ihr Haupt entfloh in einem Nachen über den Rhein. Rls die Regierung immer noch zaudernd den Beschluß hinausschob, drangen die Neuerer ins Münster, schlugen die Bilder, Märe und Glasgemälde in Scherben, und dann erging ein wahrer Sturm aus St. Ulrich, St. Man, St. Peter und von den Kirchen in die Klöster. Manch herrliches Kunstwerk berühmter Meister, worunter auch Gemälde des Baslers Hans Holbein, lag zertrümmert aus der Straße. Rm folgenden Tag ließ der Rat zu Stadt und Land eine Verfügung anschlagen, welche den Sieg der Reformation verkündete. Uappel Die Feindschaft zwischen den evangelischen und den katholischen Drten drängte zum blutigen Rustrag. Die innern Drte schlössen mit Österreich ein Bündnis, und die Schwpzer nahmen einen zürcherischen Pfarrer gefangen und schleppten ihn aus den Scheiterhaufen. Mit fliegenden Fahnen rückten darauf die Zürcher gen Kappel. Die fünf katholischen Orte waren weniger gut gerüstet als ihre Gegner und eher zum Nachgeben bereit als Zwingli, der aufgeregt zu raschem Handeln trieb. Österreich war nicht imstande, Hilfe zu bringen, da es sich der Türken erwehren mußte. Ruf beiden Seiten zeigte sich Lauheit und zögerndes Verhalten. Der Landammann der Glarner ging hin und wieder und suchte zu vermitteln. Zwingli fuhr ihn an: „Gevatter Rmmann, dafür wirst du Gott Rechenschaft ablegen müssen. Die Feinde sind im Sack und ungerüstet; nun geben sie uns gute Worte. Später aber, wenn sie gerüstet sind, werden sie unser nicht schonen." Der Landammann versetzte ruhig: „Ich vertraue auf Gott,, es werde sich alles zum Guten wenden." Noch einmal überwand der tief wurzelnde Brudersinn den religiösen 149 Zwinglis Waffen in der Schlacht bei liappel. (Im Schweiz. Landesmuseum aufbewahrt.) Zwist und Glaubenshaß. Die feindlichen Heere lagerten sich gegenüber und vesperten. Den Katholischen fehlte des Brot. Da stellten ihre Wachen einen Zuber voll Milch an die Grenze und schrien den Zürchern zu, sie hätten da wohl eine gute Milch, aber nichts darein zu brocken. Die Zürcher liefen mit Brot herzu und brockten ein, und nun wurde die Milchsuppe gemeinsam gegessen. Fuhr einer mit seinem Löffel über die Mitte des Gefäßes, so schlug ihm der Gegner aus die Finger und scherzte: „Iß aus deinem Erdreich." Dem Bürgermeister von Straß- burg, der auch im Lager war, lachte das herz bei dem Schauspiel und er sagte: „Ihr Lidgenossen seid doch wunderbare Leute. Bei aller Zwietracht seid ihr eins und vergeht der alten Freundschaft nicht." Im scheinbaren Frieden gingen die beiden Heere wieder auseinander, um zwei Jahre später unversöhnt wiederum bei Kappel aufeinanderzuprallen. Im herbst l53l rückten die fünf Orte mit 8000 Mann an die Zürchergrenze. Zürich raffte in aller hast ein Häuflein zusammen, das infolge schlechter Führung bei Kappel geschlagen wurde. Zwingli stand mit Eisenhut, Schwert und Faustrohr bewehrt als Feldprediger in den vordersten Reihen. Lin Streich aus den Kops streckte ihn zur Erde. Beim Schein der Fackeln fanden ihn die plündernden Feinde noch lebend, ohne ihn zu erkennen. 5lls sie fragten, ob er beichten 150 Schultheiß Niklaus wengi in Solothurn » S » « I a » » wolle, schüttelte er das Haupt. Da hieb ihm ein Unterwaldner mit dem Schwert den hals durch. Am nächsten Tag sprach ein katholischer Priester beim Anblick der Leiche das schöne Wort: „Wie du auch des Glaubens halber gewesen, so weiß ich, daß du ein redlicher Lidgenosse gewesen bist." Nach dem Spruch des Kriegsgerichtes wurde sein Leichnam in vier Stücke gehauen und verbrannt. Line zweite Niederlage am Gubel führte einen für die Nesormierten harten Frieden herbei. Aus vielen Gebieten verschwand die neue Lehre wiederum, in Solothurn drohte der Bürgerkrieg auszubrechen. Da stellte sich der edle Schultheiß Niklaus Wengi vor die geladene Kanone und rief: „Wenn ihr Bürgerblut vergießen wollt, so fließe das mei- nige zuerst." Diese mutige Tat rettete Solothurn vor dem verderben, ließ es aber der Reformation verloren gehen. Der Fortbestand und die gedeihliche Entwicklung der Lehre Zwing- lis ward durch den zweiten Kappeler Frieden ernstlich gefährdet. Da erhielt sie von Gens aus einen neuen mächtigen Impuls. 15l Genf und die Berner Herrlich liegt die Stadt an der Rhone zwischen Jura und schimmernden Rlpenketten. Rn die schmale Bucht des Leman geschmiegt, spiegeln sich die stolzen Häuserreihen im blauen See. Die Chroniken verschweigen das Geburtsdatum der Stadt und erwähnen nur, daß sie schon im zweiten Jahrhundert v. Chr. von den Rllobrogern bewohnt war und bald darauf in römischen Besitz überging. Cäsar schlug am linken Rhoneufer sein Lager auf und wehrte den ausziehenden Helvetiern den Zlußübergang. In der burgundischen Zeit war Genava bereits eine Stadt von Bedeutung. Der Schlüssel und der Rdler im Wappen der Stadt, Symbol der Kirche und der Reichsfreiheit, weisen schon äußerlich daraus hin, daß die Schicksale Genfs mit dem deutschen Reich und mit dem städtischen Bischofssitz verbunden waren. Und da der geistliche Herr sich gegen die Savoqer ringsum erwehren mußte, blies der Wind von drei Seiten in die engen Gassen. Rm linken Ufer der Rhone, auf dem von den Türmen der Kathedrale und des bischöflichen Palastes beherrschten Rltstadthügel, wob die Geschichte am Webstuhl der Zeit ihre Erinnerungen. Rls es dem Herzog von Savoyen gelang, den Bischösstuhl mit Vertretern aus dem savoyischen Hause zu besetzen, löste sich die Verbindung zwischen dem geistlichen Oberhaupt und der Bürgerschaft. Es kam schließlich soweit, daß Karl III. im Jahr 1525 einen Bastard zum Bischof erhob und mit allen Mitteln darauf zielte, Gens zur savoyischen Residenz zu machen. Da donnerte der mutige Genfer philibert Ber- thelier ein mächtiges Halt und gelobte mit seinen Patrioten, lieber betteln zu gehen als „savoyischer Sklave" zu werden. Der Herzog ließ den ungefügen philibert Lerthelier hinrichten, seine Freunde gefangennehmen und foltern, voller Empörung riefen die freiheitlichen Genfer die Städte Freiburg und Bern um Hilfe an. Die mächtigen Zähringerstädte nahmen die Rhonestadt in ihren Schirm und dämpften die savoyischen Eroberungsgelüste. Um so ärger trieben es die adeligen Herren aus ihren Landsitzen, überfielen genserische Händler und pflügende Lauern, so daß bald niemand mehr sich aus den Mauern wagte. Rn einem Rittergelage hob einer der Herren seinen Löffel hoch und rief: „So wahr ich diesen Löffel halte, werden wir Genf auffressen." Seitdem hießen die Ritter ihren Bund den Löffelbund. In frecher Raublust machten sie nun Jagd auf genserische Proviant- 152 Kolonnen, überfielen l530 den Geschichtsschreiber Bonnivard in der Nähe von Lausanne und türmten ihn in Lhillon ein. Ruf den Hilferuf der Genfer zogen 10000 Berner mit sreiburgischen und solothurnischen Fähnlein quer durch die savoyische Waadt und nötigten den Regenten von Savoyen zum Vertrag von St. Julien, nach dem er seinen Rn- sprüchen aus Genf entsagte und Bern und Freiburg das Recht einräumte, die Waadt zu besetzen, falls er wortbrüchig werden sollte. Die resormatorische Wirksamkeit Farels brachte Genf in neue Wirren. Der savoyische Rdel wiederholte seine Raubzüge und schnitt der Stadt die Zufuhr ab. Mit Landsknechten und italienischen Söldlingen schritt der Baron von La Sarraz zur förmlichen Belagerung. Genserische Loten erschienen in Bern und flehten um Beistand und Schutz. Wenn nicht bald Hilfe nahe, so müßten die Genfer ihre Stadt verlassen. Sie hätten keine Nahrungsmittel mehr und weder Holz noch Kohle, um zu feuern, und schon seien die großen Nußbäume in Plainpalais niedergelegt. Ruf die Freiburger war nicht mehr zu rechnen. Rus Groll über die ketzerischen predigten Farels in Gens hatten sie den Schirmvertrag mit abgerissenen Siegeln zurückgesandt. Bern -zauderte, weil die fünf katholischen Grte zu Savoyen hielten und seinen Rücken bedrohten. Erst als der König von Frankreich sich anerbot, den Genfern zu helfen, und dabei durchblicken ließ, daß sein Beistand Rnschluß an Frankreich bedeute, erklärten die Berner dem Herzog von Savoyen den Krieg und sandten den Junker venner Hans Franz Nägeli mit 6000 Mann an den Gensersee. Die katholischen Grte hatten indes vernommen, daß der König von Frankreich auch Savoyen bedrohe, und ließen Bern freie Hand. Seit den mailändischen Kriegen war es der erste frisch-fröhliche Rache- und Beutezug. Die Berner wurden warm und selig dabei. Freudig schwenkten sie die Fahnen, die der greise Verchthold Haller noch gesegnet hatte. Der Weg über Murten stärkte ihre Zuversicht. Wo ein Rdelssitz oom Löffelbund am Wege lag, züngelten die Flammen zum Himmel auf. Bei Morges jagten sie ein Savoyardenheer, das aus der Lauer stand, auf die Schiffe und marschierten durch die jubelnde Bevölkerung in das befreite Genf. Der Rat geizte nicht mit köstlichen Labsalen und bot ihnen wegkundige Führer, Artillerie und Genie. Bald setzte das durch Genfer verstärkte Heer den Weg fort in die savoyischen Berge südwärts des Sees, zerstörte die Burgen des Löfselbundes und nahm die Jurafestung La 6Iuso in Besitz. Der Feldzug hätte noch 153 Die Lturmleiternacht in Genf lange kein Ende genommen, wenn die Berner Regierung nicht Halt und Umkehr geboten hätte. Nach dem Rbzug aus Gens bog Hans Franz Nägeli gegen das Schloß La Sarraz aus, um den roten Hahn auss Dach zu setzen, und eroberte pverdon. Ghne einen Mann verloren zu haben, kehrte er nach Bern zurück. In einem zweiten Kriegszug befreite er Bonnivard in Thillon aus sechsjähriger Kerkerhaft und hißte aus dem Palast des savoyisch gesinnten Bischofs von Lausanne die Bernerfahne auf. Ruch die Stadt kam unter bernische Herrschaft. Den Freiburgern überließ Bern die Städte Lstavayer, Nomont und Nue, teilte den waadtländischen Besitz in vogteien, stiftete das Kirchen- und Klostergut den Schulen und den Rrmen und führte nur den funkelnden Domschatz nach Bern. Für den verödeten Bischofsitz erhielt Lausanne eine evangelische Akademie, und die Reformation brachte das Land zwischen Rare und Gensersee in geistigen Zusammenhang. Savoi)en bekam im Jahr 1564 die beimischen Eroberungen südwärts des Leman wieder zurück, wofür es dauernd auf die Waadt verzichtete. Rm 12. Dezember 1602 hatte der Herzog von Savoqen nochmals den 154 tollen Einfall, Gens durch einen Handstreich zu überrumpeln, verwegene Gesellen erstiegen die Mauern auf geschwärzten Leitern, als eine Schildwache sie bemerkte und Lärm schlug. Die Bürger stürzten aus den Betten und stießen die Gingedrungenen nieder. Noch heute geht es hoch und festlich her bei den Genfern, wenn sie den Tag der Rsculaäs feiern. Zarel und Calvin Mit der Befreiung Genfs und der Eroberungspolitik der Berner verband sich ein mächtig ausströmendes Bedürfnis nach Ausdehnung der Reformation, von Südfrankreich her erschien Farel in Bern. Die Regierung sandte den schmächtigen Mann mit den blitzenden Rügen sofort als Schulmeister und Prediger in das Rmt Rigle, wo die Reformation auf romanischem Boden die ersten Wurzeln schlug. Nach diesem guten Anfang siedelte Farel nach Murten über, um in den von Bern und Freiburg regierten Herrschaften Murten, Grbe und Grandson sein Werk fortzusetzen. Selten endigten seine predigten ohne Tumult. Überall, wo der kleine rotbärtige Mann mit den struppigen haaren erschien und Gottes Wort verkündigte, trat ihm das Volk feindselig gegenüber. Die Männer beschimpften ihn und schlugen ihn zu Boden, er wurde eingesperrt und mit dem Tode bedroht. Mißhandlungen waren ihm wie das tägliche Brot. Allein seine hinreißende Beredsamkeit, sein Mut, und die nachhaltige Unterstützung Berns brachen den Widerstand. Bald erkannte die Bevölkerung jener Gegenden, daß die evangelische Lehre das lautere Gold der heiligen Schrift enthalte, und daß Farel nur den Schutt wegräume, unter dem es begraben war. Mit dem gleichen Erfolg ließ er seine eindringliche Stimme auf den Marktplätzen und in der Hauptkirche von Neuenburg erschallen. Einem Wunsche Zwinglis willfahrend, reiste er von Neuenburg nach Gens und setzte mit Anspannung all seiner Kräfte die reformatorische Tätigkeit fort. Aufgestört aus ihrem Schlemmerleben, fuhren die Geistlichen den Ruhestörer wütend an: „Wer hat dich gerufen und dir zu predigen erlaubt? Warum störst du die Ruhe dieser Stadt?" Farel erwiderte: „Ich störe die Ruhe nicht, ihr tut es, indem ihr nicht nur Genf, sondern die ganze Welt durch eure Menschensatzungen und euer schlechtes Leben in Verwirrung bringt." „Lr hat Gott gelästert, in die Rhone mit ihm," riefen die Pfaffen empört. 155 Farel mußte sich flüchten. Doch bald kehrte er nach Gens zurück. Die Regierung Berns und wackere Freunde schützten ihn. Nach einem Religions- gespräch im Jahr 1536 verließ der Bischof die ketzerische Stadt und nun war Genf für die Reformation gewonnen. Um diese Zeit erschien in Basel ein Buch, das großes Aussehen erregte und bald als die gewaltigste aller resorma- torischen Schriften erkannt wurde. „Unterricht im christlichen Glauben," von Johann Lalvin, lautete der Titel. Lines Tages vernahm Farel, daß der Verfasser dieses Buches sich aus der Durchreise in Genf befinde. Farel eilte in den Gasthos und bat den Mann mit dem schwarzen Spitzbart und dem gelben, abgezehrten Antlitz, in der Stadt zu bleiben und ihm beizustehen, denn er fürchtete, das leichtlebige Genservolk könnte wieder in den alten Glauben zurückfallen. Talvin wollte nur eine Nacht in Genf zubringen und tags daraus nach Straßburg Weiterreisen. Er schlug deshalb die Bitte ab. Mit zornrotem Gesicht donnerte Farel ihn an: „Nun, so erkläre ich dir im Namen des lebendigen Gottes, daß, wenn du nicht meinen Dienst teilst, der Herr deine Ruhe und deine Studien verfluchen wird." Das Wort schlug ein. Talvin blieb und begann seine Wirksamkeit zunächst mit theologischen Vorlesungen. Bald aber bestieg er die Ränzel und verlangte mit aller Schärfe und Entschiedenheit von jedem Einzelnen ein reines Leben und von der Gesamtheit des Volkes Unterwerfung unter die Zucht des göttlichen Wortes und des Heiligen Geistes. Das Volk sträubte sich gegen die Neuerung und ruhte nicht, bis die beiden „neuen Päpste" die Stadt verließen. Farel wandte sich nach Johann Lalvin 156 Neuenburg, wo er die Kirche bis zu seinem Tode leitete, Talvin nach Straßburg. Genf fiel rasch wieder in das alte Leben zurück, und die Getreuen baten Talvin, doch wieder zu kommen. Tr erwiderte: „Mein Leben hätte ich für eure Kirche gegeben,' allein ich kenne die Schwierigkeiten, welche dort meiner warten, und fühlte nicht die Kraft in mir, ihnen die Stirne zu bieten." Seine Freunde gaben nicht nach und bestürmten ihn mit Briefen und Boten. Unter der Bedingung, daß man sich seinem Willen unterwerfe, kehrte er nach Genf zurück, und zwar wie ein Trium- phator. Über die Kirche von Genf setzte er nun eine Aufsichtsbehörde, den Kirchenrat, wie er heute noch in unsern Städten und Dörfern besteht. Dieser Nat mußte daraus achten, daß jeder Bürger die obligatorische predigt besuche und ein geordnetes Leben führe. Spiel, Tanz und Theater wurden verboten, der Schnitt der Kleider und sogar die Art der Gerichte vorgeschrieben, persönliche Beleidigungen ließ Talvin nicht ungesühnt über sich ergehen, glaubte er doch, wer ihn schmähe, lästere Gott. Eines Tages schalt ihn ein Ratsherr aus der Straße einen argen Menschen und falschen Lehrer. Talvin erklärte, er predige nicht mehr, bis der Mann bestraft sei. Der „Lästerer" mußte im Büßerhemd durch die Stadt ziehen und öffentlich Abbitte leisten. Mit sich selbst von eiserner Strenge, forderte Talvin auch von den Bürgern Selbstzucht und höchste Genügsamkeit. Tr führte einen erstaunlichen Briefwechsel, beschäftigte vierundzwanzig Druckereien, schrieb unzählige Bücher und gründete in Gens die Akademie, die eine Pflanzschule von Predigern und Streitern vor dem Herrn wurde. Seine zu vielen Tausenden zählenden Jünger sandte er nicht nur in seine Heimat Frankreich, sondern auch nach England, Holland, Ungarn und polen. Sein Geist regierte die neue schottische Kirche. Genf war zu einem protestantischen Rom geworden, das die Protestanten bewunderten, die Katholiken aber verwünschten. Unbegreiflich erscheint uns heute die maßlose Strenge und Grausamkeit, mit der Talvin Andersgläubige und solche, die seinen Glauben nicht bedingungslos teilten, bestrafen ließ. Doch wir müssen sein Werk auf dem Hindergrunde seiner Zeit beurteilen, die vor der Majestät seines Geistes sich beugte und eisenharter Männer bedurfte, um der neuerstarkten römischen Kirche die Spitze zu bieten. 157 Die Gegenreformation Wenn die katholische Kirche nicht zusehen wollte, wie ein Land nach dem andern sich von Nom lossagte, so mußte sie sich aufraffen und an Haupt und Gliedern eine Wandlung vornehmen. Auf der Kirchen Versammlung zu Trient in Südtirol berieten die Kirchenfürsten von 1545 bis 1563 fast zwanzig Jahre lang, wie man die römische Kirche erneuern könnte, ohne an den alten Satzungen zu rütteln. End aller Dinge kamen sie überein, der predigt vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken und von den Geistlichen berufsmäßige Vorbereitung und ein züchtiges Leben zu verlangen. In die schon bestehenden Mönchs- und Nonnenorden kam neues Leben, von den Franziskanern zweigte sich der Bettlerorden der Kapuziner ab, die in braunwollenen Kutten und spitzen Kapuzen als Prediger im Land herumzogen. Schon im Jahr 1581 tauchten sie in Altdorf auf, bald auch an andern katholischen Grten und ermähnten zum treuen Festhalten am Glauben. Das beste Werkzeug der Gegenreformation aber wurde der Jesuitenorden, der sich direkt dem Papst unterordnete und die Bekämpfung des Ketzertums zur Lebensaufgabe machte. Bald hielten die Jesuiten ihren Einzug auch in der Schweiz. Der Erzbischof Borromeo von Mailand bereiste auch die Schweiz, um Behörden und Geistlichkeit zum haß gegen die Ketzer anzufeuern. Die katholischen Grte empfanden das Bedürfnis nach einer höheren Bildungsanstalt für die Geistlichen. Borromeo empfahl ihnen die Berufung der Jesuiten und die Gründung eines Kollegiums. Schultheiß Pfysfer in Luzern, der bei fremden Fürsten und in der Heimat so hohes Ansehen genoß, daß man ihn den Schweizerkönig hieß, steuerte zu dem Zwecke einen Teil seines Vermögens bei, und so wurde den Jesuiten das schönste Haus der Stadt als Kollegium eingeräumt, und der Papst sandte nach Luzern den Nuntius als Vertreter des heiligen Stuhles. Bald darauf erstand auch in Freiburg eine Jesuitenschule. Borromeo aber stiftete aus eigenen Mitteln in Mailand ein Priesterkollegium, das den Schweizern fünfzig Freiplätze überließ. Jeder Zögling des Kollegiums wurde eidlich verpflichtet, in den Priesterstand zu treten und nach den Befehlen der kirchlichen vorgesetzten in seiner Heimat zu wirken. pfysfer und der päpstliche Nuntius brachten es im Jahre 1586 soweit, daß die katholischen Grte nebst Freiburg und Solothurn einen Sonderbund schlössen, der nach dem vergoldeten Anfangsbuchstaben der 158 Ankunft der Hugenotten in Freiburg goldene und Vorromeo zu Ehren der Borromäische hieß. Die sieben Grte verpflichteten sich, im römisch-katholischen Glauben zu leben und zu sterben, jeden Abfall von der katholischen Religion zu bestrafen und einander gegen Angriffe Andersgläubiger zu beschirmen. Allen früheren Bünden sollte der Borromäische vorangehen. Damit wurde zwischen den reformierten und katholischen Lidgenossen ein Graben geschaffen, über den keine Brücke führte. Die Schweizer sagten nicht mehr: wir Eidgenossen, sondern nur noch: wir Katholiken, wir Reformierte. Feindselig standen sie sich gegenüber, wie Türken und Lhristen. Im Appenzellerländchen brach darob beinah der Bürgerkrieg aus. Erst als das Land in die katholischen Innen-Rhoden und die reformierten Außen-Rhoden mit getrennten Regierungen und Landsgemeinden sich schied, trat wiederum Ruhe ein. Fast so seltsam wie ein Märchen klingt die Geschichte von der Vertreibung der Protestanten aus Locarno. Dort hatte sich eine kleine, neugläubige Gemeinde gebildet. Am Neujahrstag 1555 ließ ihnen die Behörde verkünden, daß sie bis zum 5. März die Wahl hätten abzu- 159 schwören oder auszuwandern. Einige Familienvater kehrten zum alten Glauben zurück, die andern sechzig Familien aber wollten lieber heimatlos werden, als ihrem Gewissen Zwang antun. Es waren meistens Krämer und Handwerker, aber auch Männer von gelehrter Bildung. Bei strenger Winterkälte luden sie einige Habseligkeiten aus Maultiere und reisten in einigen Tagen über Bellenz in das bündnerische Rove- redo im Misox. Drei Kranke starben unterwegs. In Koveredo warteten sie die Schneeschmelze ab und marschierten anfangs Mai über den Bernhardin nach Thür und weiter nach Zürich. Dbschon es dort von fremden Religionsflüchtigen wimmelte, eilte die Bürgerschaft der Stadt an die Schisflände, um die vertriebenen zu empfangen. Die Bedürftigen erhielten von gutherzigen Zürchern Gb- dach und Verpflegung im eigenen Haushalt. Die Locarner brachten die Seidenindustrie in Zürich wieder zu schöner Blüte, und einige unter ihnen, wie die Muralt und die Drelli, gelangten später zu Wohlstand und hohem Ansehen. Zürg Jenatsch Ein gütiges Geschick bewahrte die Schweiz vor den verheerenden Wirren des dreißigjährigen Krieges. Nur dem Land der drei Bünde ward es beschieden, alle Leiden des schrecklichen Krieges bis aus die hesezukosten. InMailand gebot damals Spanien, inTirol undvorarlberg Österreich. Bünden lag also gleichsam mitten zwischen den beiden Habsburgischen Mächten. Durch das jbündnerische veltlin und durch das Lngadin führten die kürzesten Straßen, welche die beiden Länder verbanden. Nun hatte die Reformation auch das Bündnervolk in zwei Lager gespalten. Die Katholischen hielten zu Ästerreich-Spanien, die Reformierten zu der französisch-venezianischen Partei. Fremde Agenten bearbeiteten mit Geld und guten Worten die Räte in den verschiedenen Gemeinden so lange, bis zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts das Land einer völligen Anarchie anheimfiel, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit restlos erstickte. Als der dreißigjährige Krieg aus- brach, befand sich Graubünden im Zustand einer jammervollen Hilflosigkeit und Zwietracht. Im veltlin, wo meist frühere Zöglinge der helvetischen Schule von Mailand die katholische Seelsorge ausübten, verband sich mit dem haß gegen die Evangelischen die Todfeindschaft gegen die bündnerischen 160 Die pratigauer rücken gegen (lhur (Kpril 1622) I! ^ü'l- Vögte, denen um Geld alles seil war. Um die Herren sowohl als auch die Ketzer loszuwerden, entwarf Nobustelli den Plan zu einem Massenmord. Im Dunkel der Nacht überfielen die verschworenen l620 die Nesormierten im Städtchen Tirano, erschossen und erdrosselten Männer und Weiber, drangen mordend in die benachbarten Dörfer ein und brachten binnen zwei Wochen 400 Personen ums Leben. Nach diesem schauerlichen Mord erschienen spanische Truppen im veltlin, österreichische im Münstertal. Ein Schrecken fuhr durch die neugläubigen Vündnertäler bis hinaus nach Zürich und Bern. Die grauenhafte Tat verlangte Sühne. Die beiden reformierten Vororte sandten 3000 Mann ins veltlin, die jedoch bei Tirano in einen Hinterhalt gerieten und nach schweren Verlusten sich zurückziehen mußten. Die spanisch gesinnten Katholiken des oberen oder grauen Bundes, als deren Haupt Pompejus planta galt, machten kein hehl aus ihrep Freude über die Niederlage und standen für die Sache von Spanien und Österreich ein. Da überfiel der fünfundzwanzigjährige Fürg Fenatsch mit einem Häuflein Verschwörer den Pompejus planta aus seinem Schlosse Nietberg im Domleschg und erschlug ihn. Unter den Nugen seiner Tochter 11 Jegerlehner, Geschichte 16l Lucrezia rissen ihm die Mörder herz und Eingeweide aus dem Leibe. Jürg Jenatsch hatte in Zürich und Basel studiert und die Pfarrei Scharans bei Thusis übernommen. Bald nach seinem Amtsantritt stürzte er sich in die hochgehenden Wogen der Politik und bekämpfte mit der ganzen Wucht seiner Leidenschaft die planta, die er als Anhänger der spanischen Herrschaft tödlich haßte. Weil ihn der Priesterrock daran hinderte, zog er ihn aus. Nach der Bluttat aus Nietberg brachen die trübsten Zeiten über das unglückliche Land herein. Österreichische Truppen überfluteten das Engadin, Davos, Prätigau und erstickten mit ihren Spießen den Widerstand. Jenatsch und seine Freunde mußten die Heimat verlassen. Line furchtbare Hungersnot brach aus, und die Bewohner der Täler fristeten einen Winter lang das Leben mit gefrorenen Nüben und gekochtem Heu. Als Österreich aus andern Kriegsschauplätzen geschlagen wurde, zog es seine Truppen aus Graubünden zurück, behielt aber das veltlin in festem Besitz. Nun griffen die Franzosen ein. Um zu verhindern, daß der Kaiser und Spanien durch das veltlin sich die Hände reichten, sandte der französische Minister Richelieu den herzog Nohan mit dem Auftrag ins Land der Nätier, das veltlin zu erobern. Nohan war ein berühmter hugenottensührer,. ein liebenswürdiger Menschenfreund und genialer Feldherr. Noch heute haben seine Grundsätze über die Kriegsführung im Gebirge ihre Geltung. Mit bewundernswerter Naschheit riß er das veltlin an sich, wobei ihm Fenatsch wertvolle Dienste leistete. Groß waren der Schmerz und die Überraschung der Bündner, als WMW Iürg I-natsch l62 sie merkten, daß Frankreich keine Miene machte, das veltlin herauszugeben. Das war nicht der Fehler Rohans, denn er bestürmte den König und Richelieu mit Denkschriften und Briesen und prophezeite einen schlimmen Ausgang, wenn das veltlin französisch bliebe. Der König kehrte sich nicht daran. Da bildete sich in Bünden eine franzosenfeindliche Gruppe. Jenatfch, dem nichts höher galt als ein freies Vaterland, täuschte den guten herzog Rohan, indem er ihm Freundschaft heuchelte und hinter seinem Kücken mit Österreich und Spanien verräterische Unterhandlungen einfädelte. Um rascher ans Ziel zu gelangen, entsagte er sogar seinem evangelischen Glauben. Im Jahr 1637 erfolgte der Aufstand gegen den herzog. Von allen Seiten bedrängt, verließ er bewegten Herzens das Land, das seine Soldaten gerne, ihn aber ungern scheiden sah. Nun war Bünden frei, Jenatsch am Ziele. Da brach das Verhängnis über ihn selber herein. Als er mit befreundeten (Offizieren in Thür an einem Faschingsgelage teilnahm, erschien Rudolf, der Sohn des ermordeten Pompejus planta, mit andern vermummten im Saal. planta ergriff die Hand des Obersten Jenatsch, wie um ihn zu grüßen. Im selben Augenblick zerschmetterte eine pistolenkugel die Wange des (Obersten, ein Streich in den Racken schlug ihn zu Boden, und mit Beilhieben wurde er getötet. Nach Dierauer will die Sage wissen, „daß sich unter dieser Bande Lucrezia, die Schwester des Rudolf planta, heimlich befand,' sie habe den Tag der Rache ersehnt und für denselben die Axt aufbewahrt, mit welcher Jenatfch ihren Vater erschlagen; vom Streiche eben dieses Instrumentes sei Jenatsch gefallen." Wenn Jenatsch auch nicht unverdient den traurigen Tod erlitt, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß sein abenteuerliches Leben in eine sturmbewegte Zeit fiel, und deshalb sagt Tonrad Ferdinand Meyer in seinem Bündnerroman: „In einem Stück wenigstens überragt Jenatfch unsere größten Zeitgenossen — in seiner übermächtigen Vaterlandsliebe. Wie ich ihn kenne, strömt sie ihm wie das Blut durch die Adern. Sie ist der einzige, überall passende Schlüssel zu seinem vielgestaltigen Wesen." Bürgermeister weitstem Nach 30 Kriegsjahren brachte der westfälische Friede den Völkern Europas die heißersehnte Ruhe. Die Schweiz wurde eingeladen, eben- 163 falls einen Vertreter zudenFriedens- unterhandlungen nach Münster zu senden. Die evangelischen Orte wählten den Bürgermeister Weitstem von Basel, der als kluger, unbestechlicher Staatsmann all- um bekannt war und schon manchen schwierigen Handel geschlichtet hatte. Oftmals wurde die Schweizergrenze von den dämpfenden Heeren verletzt. Basel war beständig in Gefahr, in den Kriegstrubel hineingerissen zu werden. Flüchtlinge überschwemmten die Stadt, Hungersnot und Pest brachen aus. In keiner Not und Gefährde verlor Weitstem den Kops. Seiner erstaunlichen Umsicht gelang es, das fressende Übel einzudämmen. Nls schweizerischer Gesandter fuhr er nun, von zwei Standesreitern begleitet, den Rchein hinab bis nach Wesel und ritt nach Münster, wo er sich mit einer armseligen Herberge begnügen mußte, weil die Gesandten der andern Nationen die guten Häuser schon alle belegt hatten. Wettstein war jedesmal in Verlegenheit, wenn einer der vornehmen Herren, die sich durch Pracht und Pomp zu überbieten suchten, an seiner frostigen Wohnung anklopfte. Seine Einfachheit stach gewaltig ab, aber auch seine unermüdliche Tätigkeit, die er während eines vollen Jahres in Münster entfaltete. Die Vertreter des Kaisers überhäuften ihn mit Freundlichkeiten und suchten die französischen Einwirkungen abzuschwächen,' denn die Eidgenossen sollten ihre Unabhängigkeit vom Reich nicht den Franzosen, sondern dem deutschen Kaiser verdanken. Bürgermeister Hans Rudolf wettstein 164 Gut, sagte sich der kluge Basier. Gut so, spielte die eine Partei gegen die andere aus und behielt zuletzt den größten Trumpf in seinen Händen und der lautete: Endgültige Ablösung der Schweiz vom deutschen Reich. Damit wurde nun auch auf dem Pergamente besiegelt, was die Eidgenossenschaft schon lange als ihr gutes Recht beansprucht und befolgt hatte. Im Jahr 1648 verkündeten Trommler und Trompeter von Dorf zu Dorf die frohe Botschaft vom Abschluß des westfälischen Friedens und einer unabhängigen freien Lchweiz. Der Rat von Basel prägte eine Denkmünze mit dem Linnbild des Friedens und dem Bildnisse Wettsteins. vornehme Handelshäuser überreichten ihm einen goldenen Ehrenbecher, und heute erinnert sein Name im Ltadtbilde Basels mehr als einmal an den großen Bürgermeister. Der Bauernkrieg In die düstere Zeit der Glaubenskämpfe warf der Bauernkrieg seine kalten, schwärzesten Lchatten. Die Machthaber der schweizerischen Städte, von Bern und Luzern insbesonders, fühlten sich, von ihrem Gottesgnadentum geblendet, himmelhoch über ihre Untertanen emporgehoben. Einzelne Familien, die sich im Handel und Gewerbe und in fremden Kriegsdiensten Ruhm und Geld erworben hatten, rissen alle Macht und Herrlichkeit an sich und beließen dem großen Haufen der gewöhnlichen Bürger nur die sauren pflichten. Nach dem vorbilde der Adeligen im alten Rom legten sie sich den Titel Patrizier bei, saßen wie Könige in den weichgepolsterten Ratssesseln, verteilten die fetten Ltaatsstellen unter sich und ihre verwandten und empfanden es als eine von Gott gewollte, gerechte Sache, daß Amt und Würde sich aus den Sohn und Enkel vererbe. Schmähungen gegen die Landsherren oder Exzellenzen, wie sie sich nannten, wurden wie Majestätsverbrechen bestraft. Sie konnten sich nicht genugtun in Bücklingen und lächerlichen Anreden, die sie auch von ihren Untergebenen verlangten. Die Briefe an den Rat von Bern troffen von salbungsvollen Titeln, die kein Ende nehmen wollten. Da stand zum Exempel am Kops eines Briefes aus dem Jahr 1656: „Wol- edle, gestrenge, hoch- und wohlgeachte, ehren- und nothseste, fromme, fürnemme, fürsichtige, hoch- und wolwpse, insbesonders hochgeehrte, großgünstige und sürgeliepte gnädige Herren, (Oberen und vätter." Eine tiefe und breite Kluft tat sich auf zwischen Stadt und Land, be- 165 Berner Schultheiß, Prediger, Ratsherren und Gerichtsschreiber Mitte XVH. Jahrhundert sonders aber gegen die Bauern, die als ein „dummes niederes Volk" verachtet waren. Mit Zehnten, Bodenzinsen und Bußen wurden sie geplagt und im Staube niedergehalten. Den großen Zehnten verlangten die Herren vom Getreide, Heu und Nebland, den kleinen vom Gbst und Gemüse und den Jungzehnten vom Vieh. Lin bis drei Tage in der Woche mutzten die Bauern aus den Herrenhöfen unentgeltlich arbeiten, dazu die Erstlinge aus dem Stall und von den Feldsrüchten entrichten nebst den Martinsgänsen und Fastnachtshühnern. Der Bau und Unterhalt der Straßen, von Weg und Steg fiel ganz zu ihren Lasten. Wer jagen und fischen wollte, bedurfte eines obrigkeitlichen patentes. Der Salzhandel, der bisher frei gewesen, wurde städtisches Vorrecht, so daß die Bauern in begreifliche Erbitterung gerieten. Weggelder und Zölle hemmten den Verkehr, hohe Gebühren aller Nrt verteuerten die Lebenshaltung. Das Landvolk stellte die Rekruten für die fremden Kriegsdienste, zog aber keinen Nutzen daraus, da der Sold meist schlecht bezahlt wurde. Nur den Stadtbürgern, den Söhnen der Regenten, die alle Gffiziersstellen für sich beanspruchten, flössen die Vorteile in die Taschen. 166 1636 Lern: 20 Kreuzer s Lätzen IbSS Zürich: Taler Ib4S Basel: Dicken lbZb Besondere Vorgänge steigerten den Haß und trieben das Landvolk zum Bruch mit dem Herrentum. Während des dreißigjährigen Krieges waren die Fremden scharenweise in die Schweiz geströmt und hatten für Wohnungen und Güter übertriebene Summen bezahlt. Die Lebensmittel stiegen im preis und die Bauern gewöhnten sich an ein schwelgerisches Leben. Nach dem Abschluß des westfälischen Friedens wanderten die Fremden mit dem Gelde wieder in die Heimat zurück. Fast plötzlich sanken die hochgeschraubten preise um die Hälfte. Nur die Schulden und Zinsen und die von den Regierungen während des Krieges erhobenen Zölle und Auslagen blieben in der alten Höhe. Zu nämlicher Zeit geriet auch der Kriegsdienst ins Stocken. Die heimgekehrten Söldner erhielten weder Sold noch Pensionen, lungerten in den Dörfern herum und sannen auf schlimme Streiche. Während des Krieges waren schlechte Scheidemünzen im Übermaß in Umlauf gekommen. Alle Regierungen setzten den Wert dieses Geldes herab oder erklärten es in Verruf, ohne eine genügend lange Frist für die Auswechslung zu gewähren. Die Verwirrung schwoll an bis zur Unerträglichkeit, als noch eine italienisch-französische Falschmünzerbande geringwertige Geldsorten haufenweise in Kurs setzte. Das Zeichen zur Erhebung gaben 1653 die freien stolzen Bauern im Cntlebuch. In ihrer Mitte lebte der Landesbannermeister Emmenegger, ein hochangesehener Großbauer, der durch seine gewaltige Statur und volkstümliche Beredsamkeit unbegrenztes vertrauen sich erworben hatte. In seinen Ställen waren achtzig Rinder und zwanzig Pferde. In seidenen Kleidern und in einem Pelzmantel ging er einher, trank aus silbernem Becher und trug eine silberne Uhr in seiner Tasche, um die 167 Requisiten der Gerichtsbarkeit ihn mancher beneidete, höher als bäurischen Glanz und Reichtum schätzte er aber die Freiheiten seines grünen Heimattales. Wer sie antastete, war sein Feind. Aus sein Betreiben zog eine Abordnung der Entlebucher nach Luzern und brachte der Regierung die Klagen vor. Da der Rat mit der Antwort säumte, ballten die Männer ihre Fäuste und .kehrten wieder um. von Haus zu Haus erschollen nun aufrührerische Lieder von Wilhelm Teil und andern Helden der alten Lidgenossen. Mit Knüppeln bewaffnete Burschen durchstreiften das Land, und als ein Landvogt sich unbesonnen äußerte, die Entlebucher seien unruhige, störrige Köpfe, die nicht eher zur Vernunft kämen, bis man ihnen 500 hieb- und schußseste Welsche auf den hals schicke, liefen die Bauern in ihre Wälder, schnitzten eichene Keulen und ließen dem Landvogt sagen, wenn er mit 5000 gefrorenen (stich- und schußsesten) Welschen daherkäme, würden sie ihnen mit den prügeln die Gfrörne schon auftauen. Lines Tages schritten sie in feierlicher Prozession zum Wallfahrtsorte, voran die drei Teilen in der Kleidung der alten Lchweizer. Nach dem Meßamt trat Lmmenegger mit den drei Teilen in den Halbkreis und hielt eine flammende Rede. Die drei Teilen gelobten mit erhobenem Schwurfinger, nicht eher zu ruhen, bis die Beschwerden abgestellt und ihre Begehren erfüllt seien. Das war das Vorspiel zu einer mächtigen Volksversammlung in Molhausen, wo alle wie ein Mann den Eid gegen die Gbrigkeit schwuren. Ruch an andern Grten rottete sich das Volk zusammen, und nun kochte und brodelte es im ganzen Lande herum. Die Regierung von Luzern suchte zu vermitteln, aber umsonst. Landauf, landab flatterten die Fahnen und rasselten die Trommeln der Empörten. Eine Schar von 3000 Mann rückte gegen die Stadt, an ihrer Spitze Ehristian Zchpbi von Escholzmatt, ein Recke von ungewöhnlicher Körperstärke. Es hieß, er sei imstande, ein Pferd aus seine Schultern zu heben und einen Mann mit gestrecktem Rrm aus der Stube zu tragen. Seine Soldaten waren ihm blind ergeben, glaubten sie doch, er sei hieb- und kugelfest, vor Luzern jedoch versagte er vollständig. Müßig lagen die Bauernhaufen vor der gutbewachten Stadt, überfielen durchreisende Kaufleute und beraubten die Wagen, die mit Korn und Mein nach Luzern fuhren. Die Kriegslust verflackerte schon in den nächsten Tagen, da es kalt war und die Lebensmittel knapp wurden. Rls die Luzerner Regierung sich zu Zugeständnissen herbeiließ, zogen die Scharen wieder heimzu. Rus dem Entlebuch schlugen die Flammen der Empörung ins Lmmen- tal und weit hinaus in den Gberaargau, nach Basel und Solothurn. Sn geheimen und öffentlichen Versammlungen brachten die Bauern ihre Beschwerden vor und betonten immer und immer wieder, daß sie ihren Regierungen den schuldigen Gehorsam gerne leisten und sich nur der Ungerechtigkeiten erwehren müßten. Rls die Tagsatzung über die Köpfe der Bauern hinweg den Beschluß faßte, ungesäumt den bedrängten Städten zu helfen, traten die Rus- schüsse der Aufständischen aus allen Landesteilen in Sumiswald zu einem großen Landtag zusammen. Ruf einem runden Tisch, der als Rednerbühne diente und heute noch in Gebrauch ist, leitete Niklaus Leuenberger aus Rüederswil nach einigem Zögern die Versammlung. Lmmenegger wurde zum Generaloberst und Leuenberger zum Dbmann des Bundes erkoren, von nun an war Leuenberger mit Leib und Seele das Haupt der Bewegung. Wenn die Berner Regierung oder die Tagsatzung mit den Bauern verhandelte, so richteten sie zuerst an ihn l69 das Wort. Seine rechtliche Gesinnung, die gegen, andere Bauern- sührer vorteilhaft abstach, und sein urwüchsiges Rednertalent, eine Leibwache von hundert Mann und einigen Schreibern machten ihn zum Halbgott. In einen roten Mantel gehüllt, ritt er hoch zu Pferde einher. Ruf einer gewaltigen Landsgemeinde in Huttwil wurde der Rund von Sumiswald bestätigt und ergänzt, dem Volke vorgelesen und beschworen. Darin gelobten die versammelten, ihre Rechte zu schützen, der Gbrigkeit zu geben, was ihr gehöre, aber ebenso den Bauern und Untertanen, und den Bund alle zehn Jahre zu erneuern. Die Tagsatzung entschied, „mit Gottes Hilfe die Frommen und Aufrichtigen zu schützen und die Bösen und Meineidigen zu strafen" und bot Truppen auf. (Oberst Zwyer aus Uri sollte mit der Mannschaft der Urkantone gegen Luzern marschieren, General Hans Ronrad Werdmüller von Zürich in den Rargau und der Berner Sigismund von Trlach mit zugeteilten hilfstruppen aus der Waadt gegen die Berner. Doch bevor diese Rrmeen ausrückten, schlugen die Bauern los. Die Sturmglocken riefen zum Rufmarsch, und Leuenberger sammelte den Landsturm und erschien mit 6000 Mann auf dem Murifelde bei Bern. Teils aus Gutmütigkeit, teils weil er seinem Waffenglücke mißtraute, ließ er sich in Unterhandlungen ein und schloß mit dem Rat den Murifelder Vertrag ab, in dem die Stadt viele Lasten aufzuheben und 50000 Gulden zu zahlen versprach. Folterblock aus dem Mittelaller (Gcaubünden) UM l70 Bei wolenschroil stieß der Zürcher General mit den Aufständischen zusammen, schlug die ungeübten, schlecht bewaffneten Bauern nach kurzem Widerstände und bewog sie zum Frieden. Schpbi führte seine Luzerner- und einen Teil der Aargauerbauern ins Luzernische, wo sie bei Gislikon nach hitzigem hin- und Herstürmen ebenfalls zum Frieden gezwungen wurden. Leuenberger, der in Wolenschwil auch anwesend war, hatte das Lager schon vor dem Abschluß des Friedens verlassen. „Lr war nicht mehr der Mann voll Zuversicht und Selbstgefühl, wie zur Zeit des huttwilerbundes. Mit den Herren hatte er es verdorben, und vielen Bauern galt er als Verräter, seit er jenen Separatfrieden auf dem Murifelde geschlossen hatte. Das rote Kleid, das ihm in seinen Ehrentagen die Lntlebucher geschenkt hatten, zog er aus, verkleidete sich und irrte durch die Wälder." Bei dem Kirchhof von herzogenbuchsee stellte er sich mit 500 Getreuen zum letzten blutigen Kamps, in dem Sigismund von Grlach mit seinen 6000 Soldaten Sieger blieb. Der Bauernaufstand war beendigt, und den Regierungen blieb nur noch die Bestrafung übrig, die entsetzlich hart und grausam, mit hängen, Rädern und Köpfen, Ghren-und Zungen- schlitzen, Auspeitschen und Verbannung vollzogen wurde. Leuenberger, den ein Verräter an die Dbrigkeit auslieferte, wurde nach schweren Folterungen hingerichtet, sein Leib gevierteilt und öffentlich ausgestellt. Schpbi und Cmmenegger erlitten denselben Martertod. Die Bauern verblieben in Rot und Knechtschaft, bis der Geist der großen französischen Revolution und französische Bajonette Freiheit und Gleichheit verkündeten und den unwürdigen Zuständen ein rasches Ende bereiteten. Längst hat man das Unrecht eingesehen und aufs tiefste bedauert, und das heutige Geschlecht hat den Bauernführern von l653 Säulen und Gedenktafeln errichtet. villmergen hundert Jahre später wiederholte sich 1656 die Episode von Locarno schärfer und grausamer in Arth am Zugersee. Auch hier hatte sich eine kleine Gemeinde von „Abtrünnigen" gebildet, die ihre Zugehörigkeit zur neuen Lehre verheimlichten. Die Kapuziner entdeckten die Bibelleser und verzeigten sie bei der Regierung in Schwyz. Das Nest der 171 gottlosen Böge! sollte ausgenommen werden. Doch rechtzeitig flohen die meisten nach Zürich, wo sie herzliche Ausnahme fanden. Die Zurückgebliebenen ließ die Regierung gefangen nach Schwyz abführen, foltern und vier von ihnen hinrichten. Zwei Frauen und ein Mann wurden dem Inquisitionsgericht in Mailand ausgeliefert. Die Schwqzer verlangten von Zürich die „meineidigen Hochverräter" zurück, doch die Zürcher erwiderten, es stehe jedem Schweizer frei, mit seinem Besitztum zu ziehen, wohin es ihm beliebe, und sie forderten das Vermögen der Flüchtlinge heraus. An der Tagsatzung, die sich mit der Angelegenheit befaßte, nahmen die übrigen katholischen Grte Partei für Schwpz, Bern für Zürich. Da keine Einigung zustande kam, mußten die Waffen entscheiden. Zürich übergab den Oberbefehl dem General Hans Rudolf Werd- müller, einem unfähigen Gruppenführer, der ein zürcherisch-bernisches Regiment in venezianischen Diensten befehligt hatte. Statt sich mit den Bernern zu verbinden, belagerte er erfolglos Rapperswil. Unter Sigismund von Lrlach rückten die Berner in den Aargau. In Lenzburg blieben die Führer zurück, um sich in guten Quartieren bei Wein und Becherklang zu vergnügen. Die Truppen marschierten führerlos und sorglos gegen villmergen, wo die Katholischen über sie herfielen und sie jämmerlich in die Flucht schlugen. Die Sieger nannten das Gefecht später höhnisch die Bärenjagd. In dem von dem Basier Weitstem vermittelten Frieden behaupteten die Altgläubigen ihr Übergewicht, das sie in der Schlacht von Rappel errungen hatten. Bern und Zürich konnten sich mit dieser schmählichen Niederlage nicht abfinden. Der Haß zwischen den Katholiken und Reformierten dauerte General Hans Rudolf lverdmüller Die Belagerung der Leitung Baden fort. Es bedurfte nur eines geringen Anstoßes, und der Urieg entbrannte mit neuer Heftigkeit. Ein Wunder, daß ein halbes Jahrhundert verging, bis dieser Anlaß sich fand. Um das Toggenburgertal mit Schwyz zu verbinden, zwang der Fürstabt Leodegar von St. Gallen die Toggenburger, in Fronarbeiten eine Straße durch den Hummelwald anzulegen. Als die Hirten sich weigerten, warf er einen ihrer Talvorsteher ins Gefängnis. Die Toggenburger baten Schwyz um Beistand. Die Schwyzer erwiderten: „Und wenn sie Türken und Heiden wären, so sind sie doch unsere Bundesgenossen und Landsleute und wollen wir ihnen zum Recht verhelfen." Auch die Zürcher und Berner versprachen Schutz und Hilfe. Das Eingreifen der reformierten Orte erweckte bei den Schwpzern sogleich Mißtrauen, sie witterten dahinter religiöse Beeinslußung. Grollend zogen sie sich von den Toggenburgern zurück und nahmen zuletzt Partei für den Abt. Zürich und Bern riefen im Frühjahr l7l2 ihre Mannschaften unter die Waffen. Die Zürcher vertrieben den Fürstabt von St. Gallen und führten auf dreißig Wagen die Glocken und die schwere Bücherei des l73 Klosters nebst vierhundert Fudern Wein in ihre Stadt. Die Berner rückten mit ihren Truppen in den Kargau. Zum ersten Male trug die Mannschaft eine Uniform, die aus einem breitrandigen Hut, einem grauen Überrock mit rotem Kragen, roten Aufschlägen und Strümpfen bestand. In den Stauden zwischen Bremgarten und Mellingen schlugen sie 4000 Luzerner und Freiämtler und zwangen Bremgarten und Baden zur Übergabe. Luzern und Uri schlössen Frieden. Der Nuntius in Luzern jedoch stachelte zu neuen Kämpfen und schürte den haß. Wohlgerüstet und von trefflichen Führern geleitet, brachten die Berner den Katholischen bei villmergen eine zweite so derbe Niederlage bei, daß 3000 ihrer Feinde tot liegen blieben. Im Frieden wurde endlich die Gleichberechtigung beider Bekenntnisse anerkannt. Das unnatürliche Übergewicht der viel kleineren katholischen Drte über die doppelt so großen evangelischen Stände war damit gebrochen. Die Altgläubigen konnten die Niederlage nicht verschmerzen und richteten ihr ganzes Trachten darauf, die verlorenen Rechte wiederzugewinnen. Sie beschworen 1715 mit Ludwig XIV. einen ewigen Bund und ließen sich in einem geheimen Beibries bewaffnete Hilfe gegen die Reformierten zusichern. Dieser Geheimbrief wurde Luzern in einer elffach versiegelten Blechbüchse zur Aufbewahrung übergeben. Die Hoffnung, die sie aus diesen „Drucklibund" setzten, erfüllte sich aber nicht, denn Ludwig XIV. starb ein Jahr daraus, ohne daß er für seine Freunde in der Schweiz eine Hand gerührt hatte. Die Schule Für die Buben und Mädchen war das Mittelalter eine scheinbar herrliche Zeit, weil Schulsa'ck, Griffel und Schiefertafel und erst recht Feder und Tinte samt dem Schultyrannen unbekannte Dinge waren. In Stein am Rhein taucht zwar schon 1296 das erste Schreckgespenst der Fibelhänse auf, in Aarau 1381 und in Bremgarten 1415 sogar ein Schulhaus. 1483 geht in Zürich ein Bürger mit Frau und Schwester ins Schulhaus tanzen. Das waren aber nur seltene Einzelerscheinungen, die der lieben Jugend noch kein Herzklopfen machten. Niemand wurde gezwungen, in die Schule zu gehen. Wer etwas lernen wollte, mußte das bißchen Weisheit förmlich erkämpfen. Das Schreibmaterial war sehr teuer und das Buch eine große Seltenheit. Die Lehrer waren dünn 174 gesät. Die städtischen Behörden mieteten sie gleichsam aus kürzere oder längere Zeit, und da die Lehrer keine bleibende Nn- stellung fanden, so reisten sie im Lande herum, gefolgt von ihren Schülern. So bildete sich nicht nur ein fahrender Lehrstand, sondern auch ein fahrender Schülerstand. Die Schüler verdienten ihren Lebensunterhalt selbst. Sie wanderten in Gruppen von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule, ohne viel zu lernen. Die älteren Gesellen nannten sich Bacchanten. Sie nahmen junge Thoma-piatt--- Vürschlein als „Schützen" in ihren Dienst, und die mußten sie bedienen und ihnen die Speisen ersingen, erbetteln oder stehlen. Der Walliser Thomas Platter aus Grächen im Zermattertal, ein Zeitgenosse Zrvinglis und des Matthäus Schinner, weiß darüber gar verwunderliche Dinge zu erzählen. Nach dem frühen Tode seines Vaters hütete er einem Bauer in der Nachbarschaft die Ziegen. Damit er etwas lerne, gab ihn eine seiner sieben Basen einem Geistlichen in die Lehre. von seinen Schülerfahrten erzählt er: „von Nürnberg gingen wir nach hall in Sachsen aus die Schule zu St. Ulrich, blieben aber nur kurze Zeit und zogen dann nach Dresden. Da war keine gute Schule und die Nammern über dem Gemache so voll Läuse, daß wir sie nachts im Stroh unter uns herumkrabbeln hörten. Daraus zogen wir nach Vreslau, mußten viel Hunger leiden und hatten tagelang nichts als rohgesalzene Zwiebeln. Zuweilen brieten wir Eicheln, Holzapfel und Birnen und lagen bei Nacht unter dem heitern Himmel, da uns niemand beherbergen wollte. Zuweilen hetzte man uns auch die Hunde an. Nls wir aber in Breslau eintrafen, bekamen wir alles so billig und l75 im Überfluß, daß die armen Schüler sich überaßen und oft davon schwer krank wurden. Dort fanden wir wieder Schweizer, worunter zwei von Bremgarten und zwei von Mellingen und viele andere aus Schwaben; denn man machte zwischen beiden keinen Unterschied, sondern betrachtete sich gegenseitig als Landsleute. Lreslau hat sieben Pfarreien und jede hat eine andere Schule. Doch durste kein Schüler in eine andere Pfarrei um Blmosen singen gehen, sonst wurde er angeschrien: „aü iäoin! aci iciorn!" Oft gab es deswegen blutige Schlägereien. Wie man sagt, sollen einst in der Stadt etliche tausend Bacchanten und Schützen gewesen sein, die sich alle aus Blmosen ernährten. Man berichtet auch, daß einige von ihnen 20, 30 und mehr Jahre dageblieben und ihre Schützen hatten, von denen sie sich erhalten ließen. Dft brachte ich meinem Bacchanten während eines Bbends 5—6 Trachten heim in die Schule, wo diese wohnten. Man gab mir auch recht gern, weil ich klein und ein Schweizer war,' denn man liebte diese. Dies geschah namentlich aus Mitleid, weil sie in der großen Mailänderschlacht so übel gelitten hatten. Darum sagten die Leute: Jetzt haben die Schweizer ihr bestes Paternoster verloren,' vorher hielt man sie für beinahe unüberwindlich. Blso blieben wir eine Zeitlang da. Während eines Winters wurde ich dreimal krank, so daß man mich in das Spital führte. Die Schüler haben nämlich ein besonderes Spital und einen eigenen Brzt. Dafür gibt der Bat für jeden l6 Heller pro Woche. Daraus wird man reichlich verpflegt, hat gute Bedienung und gute Betten, aber große Läuse darin, so groß wie Hanfsamen. Darum lag mancher lieber auf der Erde als in den Letten. Überhaupt sind die Schüler und Bacchanten und zeitweise auch der gemeine Mann so voll Läuse, daß es kaum glaublich ist. Ich hätte, so oft man wollte, drei Läuse miteinander aus dem Busen ziehen können, bin oft, besonders im Sommer, an den Iluß gegangen, habe mein Hemdlein gewaschen, an ein Gebüsch ausgehängt, getrocknet, inzwischen den Bock gelaust, eine Grube gemacht, einen Hausen Läus darein geworfen, mit Erde zugedeckt und ein Kreuz daraus gesteckt. Im Winter lagen die Schützen aus der Erde in der Schulstube, die Bacchanten aber im Kämmerlein, deren es zu St. Elisabeth etliche hundert gab. Im Sommer aber, wenn es heiß war, lagen wir aus dem Kirchhof, trugen Gras zusammen, das man in den Gassen, wo die Pfarrer wohnen, am Samstag vor den Häusern ausstreut, und darin lagen wir wie die Schweine in der Streue. Wenn es aber regnete, liefen wir in l76 kiushongeschild eines Schulmeisters. Nach Hans Halbem wirk dnuvlich gärrt um ein Milchen lon - Äier die irmge Knäbe und mritiin noch den konunlken wie gewonheit ist - 1 5 1 6^ !S!W - die Schule, und wenn Ungewitter hereinbrach, sangen wir beinahe die ganze Nacht Nosponsoria und anderes mit dem Subcantor. Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem Nachtessen auch in die Vierhäuser, um Bier zu betteln. Da reichten uns die betrunkenen polaggenbauern so viel Vier, daß ich oft ohne meinen Willen stark berauscht wurde und nicht mehr in die Schule zurück konnte, obgleich sie nur auf Steinwurfweite entfernt war. Im allgemeinen gab es zu essen genug, aber studiert wurde nicht viel." Das Geburtshaus des Thomas platter steht noch an den Platten von Grächen im Zermattertal und ist mit einer Gedenktafel versehen, die ein Laster Verehrer über der Tür anbringen ließ. Das Geschlecht der platter ist ausgestorben und der ehemalige Geißbub und spätere Professor und Förderer der Reformation in seiner Heimat in Vergessenheit geraten. Die Stube zu ebener Lrde hat noch den ursprünglichen ausgemuldeten Valkenboden, den Giltsteinosen und das Gerüchlein, wie in den Zeiten des Thomilin. Nur im ersten Stockwerk sind einige Änderungen vorgenommen worden. Im Verlauf des sechzehnten Jahrhunderts trat in den Städten an die Stelle der Lateinschule die deutsche Schule, die nicht selten von brest- hasten Handwerkern oder ausgedienten Soldaten betrieben wurde. In der deutschen Schule sollte der Schulmeister die Rinder lehren, „auf gutdeutsch wohl und recht zu lesen und zu reden, auch eine seine tapfere und säuberliche Schrift zu machen und zu orthographieren, dann treulich rechnen zu lernen." Im Ländchen Uri bestand schon 1579 eine Schulordnung, wonach IL Jegerlehner, Geschichte l77 die ältern Schüler zur Sommerszeit morgens um vier, die jüngern um süns Uhr in der Schulbank sitzen mußten. Kläglich waren die Löhne der Schulmeister. Zu Neudorf im Luzernischen erhielt 1637 ein fremder Schulregent für die Arbeit von zwei Wintern einen Lohn von zwei Gulden und zwanzig Schillingen (etwa 50 Franken). Zum Steinerweichen klingt der Jammer aus der Bittschrift eines zürche- rischen Schulmeisters aus dem Jahr 1700, die folgendermaßen lautete: „Gnädiger Herr Bürgermeister. Hoch Geachte woledle gestrenge. Ehr und Notfeste wohl vornemme. Fromme und Hochweise Allergnädigste Herren und vätter. Bor dem gnaden Thron Eüwer. Gnaden Erscheine ich Heinrich schmid - 52 Jähriger schreiner und 7 Jähriger schuldiener zu Höry. in Tiefester Demut, und underthänigkeit. Lüer gnaden weemütig vorbringend das ich bei meinem Beschwerlichen schuldienst, darben und verschmachten muß — wo nit Liier gnaden, Einige tröpflein ihrer weltbekannten gütigkeit ausf mich triefsen lasen. Lüer gnaden ist ohne mein andeüten zur genüge bekant, in waß für einem grasen Holtzmangel wir arme höhrer (ach das wir Lntlich erhört wurde) stückend und schwäbend, deß wägen ich den allerorthen gwondlichen schulscheiteren manglen muß, zu dem ist meine gantze Besoldung ausert dem geringe schullöhndlj 3 einige Pfund wartgält, von der Kirchen Bülach, bei welicher ich mich mehr mahlen angemeldet, in Hoffnung gleich anderen schuldieneren betrachtet zuwerden, habe aber nicht mehr Als Einen eintzigen thlr. zur Beserung erhalten Mögen. Weil derohalben Mihr alle Hoffnung Zu Fernerem tröst aller orthen abgeschnidten, als nimme ich meine Zuflucht, Zu der überflüssigen Brunquel der Gnaden unsers lands, zu Lüer gnaden meinen Hochgebiethenden Herren, auß der Liesse meines Hertzens. Dieselbe mit allen meinen Kresften anflehende und bittende, Sqe in großen gnaden geruhen, Liniche brösemly von ihrem Reichen tisch auf mich und meine Lieben Kinder, wegen meiner treüen Diensten, fallen zu laßen, damit ich nit fürters wie bisher mit guten Zähnen übel Beißen, und bei meinem beschwerlichen Dienst Hunger und Mangel leiden müße. Der Barmhertzige Gott schließe Lüer gnaden, ohren und hertzen aus, mich Armen supplikanten in meiner flehentlichen Bitt, vät- terlich zu erhören, wie ich dan zu ihm Mit vester Zuversicht der Lr- hörung seüfze, das er Eüch erhöre, das der namm Gottes Jakobs Lüer gnaden schütze, das er Lüch gebe was Eüer Hertz begehrt, und nicht weigere was Lüer Mund wünschet. 178 Also bittet, und wünschet Euer gnaden gehorsamster und mit leib und blutt ergebnester Undertheniger Knecht, Heinrich schmid, schreiner und schuldiener zu hörj." Auch im achtzehnten Jahrhundert empfand man noch kein Bedürfnis nach eigenen Schulgebäuden. Unter den 500 beimischen Volksschulen waren nur 300 in eigenen, aber dunklen und durchaus ungenügenden Räumlichkeiten untergebracht. Die Rinder lernten ein bißchen lesen, leiern und Psalmen singen. In diese geistig arme Zeit blies aus einmal ein kräftiger Wind von Frankreich her. Es war der Geist der Aufklärung, der mit hinreißenden Worten zu dem Volke sprach und die Zipfelmützen der geistigen Bedürfnislosigkeit vom Schöpfe riß. Buch in der Schweiz meldeten sich bald hochbedeutende Köpfe zum Wort, die dem als geistesarm verschrienen Land die Achtung der gebildeten Welt eroberten. Pestalozzi Auf seinem Grabstein im aargauischen Birr steht geschrieben: Heinrich pestalozzi, geb. in Zürich den 12. Jänner 1746, gest. in Brugg, den 17. hornung 1827. Retter der Armen im Neuhos. Prediger des Volkes in Lienhard und Gertrud. Zu Staus Vater der Waisen. Zu Vurgdors und Münchenbuchsee Gründer der Volksschule. In pverdon Erzieher der Menschheit. Mensch, Ehrist, Bürger. Alles für andere, für sich nichts. Segen seinem Namen! Retter der Armen im Neuhof! Der Neuhos bei Birr war seine zweite Heimat, hier erwarb sich pestalozzi nach und nach ein zusammenhängendes Stück Land, in das er eine Scheune und ein Wohnhaus bauen ließ. Bevor noch das Haus fertig war, führte er im herbst 1769 seine Gattin heim, eine schöne, edle Frau aus einer reichen Zürcherfamilie, welche die Verbindung mit dem armen unpraktischen pestalozzi mißbilligte. Beim Abschied sagte die Mutter zu ihr: „Du wirst mit Wasser und Brot zufrieden sein müssen." 179 voller Zuversicht machte sich pestalozzi an die Ausgabe, im Neuhof eine landwirtschaftliche Musteranstalt zu errichten. Er kaufte um viel zu hohen preis bis an hundert Fucharten unfruchtbaren Boden und pflanzte Krapp, um daraus eine rote Farbe zu gewinnen. Aber gerade für diesen Krapp war der Boden ungeeignet, pestalozzi gab deshalb die Krappkultur auf und richtete eine Sennerei ein, und als auch dieses Unternehmen in die Brüche ging, begann er mit Hilfe seiner verwandten in Zürich die Baumwollenfabrikation. Doch was er in Angriff nahm, mißglückte. Die Schulden mehrten sich, und wehmütig sah er all seine Pläne scheitern. In der Not und Sorge um das eigene Brot stieg in seiner Seele ein anderer Plan aus, edel und groß, für ihn aber nur eine neue Duelle von Kummer und Enttäuschungen. Er gründete im Neuhof eine Armenanstalt. Damals gingen Scharen von hungernden und bettelnden Kindern ihre Straßen, pestalozzi und seine edeldenkende Frau sammelten diese verlassenen Geschöpfe im Neuhos, um ihnen Vater und Mutter zu sein. Er beschäftigte sie im Garten und in den Feldern, oder an lveb- stuhl und Spindel. In rührender Hingabe prüfte er jedes einzelne Kind auf dessen Fähigkeiten, Neigung und Geschick. Durch Arbeit sollten die Kinder ihr Brot verdienen, pestalozzi war glücklich bei dem Gedanken, die elenden, verwahrlosten Knaben und Mädchen erblühen und zu brauchbaren Menschen aufwachsen zu sehen. Er teilte alles mit ihnen, begnügte sich oft mit einem Stück Brot, um etwas Besseres aus den Kindertisch geben zu können, und aß die schlechten Kartoffeln, um den Kleinen die guten auf den Teller zu legen, viele Kinder waren ihm dankbar und liebten ihn wie einen Vater, die meisten aber liefen wieder Heinrich Pestalozzi, der Vater der Waisen l80 ins Vagabundenleben zurück, wenn sie etwas gelernt hatten, sobald sie genährt und gekleidet waren, oder die Eltern holten sie weg. Pesta- lozzi ließ den Mut nicht sinken. Trotz allem Undank mehrte und vergrößerte er das Trüpplein, bis nach drei Jahren siebenunddreißig Kinder und zwölf Angestellte das Haus bevölkerten. Das war ein teurer Haushalt, pestalozzi rechnete und addierte und dividierte, ging selbst aus die Messe nach Zurzach, um seine Tücher zu verkaufen, und kämpfte wie ein Held gegen die Nöte und Schwierigkeiten. Umsonst, nach fünfjährigem hartem Ringen zwang ihn die drückende Schuldenlast, die Anstalt aufzulösen. Nun war er bettelarm. Seine Frau lag krank darnieder, ihr vermögen war verpfändet, seine Freunde hatten das vertrauen verloren und zogen sich von ihm zurück. Die traurige Lage trieb ihn fast zur Verzweiflung. Wie ein Irrsinniger lief er umher, sah und grüßte niemand in seinem Elend. Die Leute spotteten, und seine verwandten sahen ihn schon im Spital oder im Narrenhaus. Doch der Glaube an einen gütigen Gott löste neue Kräfte, und es kam wieder Licht in seine Seele. Gute Freunde rieten ihm, Bücher zu schreiben, und nun setzte sich pestalozzi ans Pult und dichtete „Die Abendstunden eines Einsiedlers", dann das herrliche Buch „Lienhard und Gertrud". Um sich das Papier zu ersparen, schrieb er in alte Rechnungsbücher, und nach einigen Wochen schon konnte er das Schlußkapitel hinsetzen. Das Buch wurde gelesen und bewundert und erregte überall Aufsehen. Die Kalender brachten Bruchstücke aus „Lienhard und Gertrud", Prediger trugen daraus aus der Kanzel vor, und Könige erbauten sich daran. Der arme, verlachte, durch und durch unpraktische pestalozzi war auf einmal ein berühmter Mann. Die ökonomische Gesellschaft von Lern sandte ihm fünfzig Dukaten und eine goldene Medaille mit der Aufschrift „dem besten Bürger", und als die edle Königin Luise von Preußen das Buch las, rief sie aus, sie möchte am liebsten zu ihm hingehen und sagen: In der Menschheit Namen danke ich Euch. Doch die Zeit, wo gute Bücher ein vermögen einbringen, lag noch in weiter Ferne. Was pestalozzi mit „Lienhard und Gertrud" und den folgenden Schriften verdiente, reichte knapp für den Haushalt. Und immer bedrückte ihn der Gedanke und die Frage, wie man dem armen Volk durch eine bessere Erziehung aufhelfen könnte. Nachdem er eine Zeitlang den Waisen von Staus ein Vater gewesen, ging sein Wunsch, Schulmeister zu werden, in Erfüllung. Auf die Für- 181 Neuhof bei Lirr spräche des helvetischen Ministers Stapfer wurden ihm die untern Klassen der Bürgerschule in Burgdors übergeben. Unterstützt durch eine Gesellschaft von einsichtigen Männern, errichtete er später im Schloß eine Erziehungsanstalt, in der arme Kinder unentgeltlich aufgenommen und junge Männer zu Lehrern herangebildet wurden. Bei der Neugestaltung der Schweiz im Jahre l803 wurde das Schloß dem Gberamtmann als Wohnung angewiesen und pestalozzi aus Burg- dorf verdrängt. Lr zog nach Münchenbuchsee und hieraus nach pver- don, wo man für seine Erziehungsanstalt das Schloß einräumte, hier verlebte er die erfolgreichste Zeit seines Lebens. Aus allen Ländern, sogar von Amerika, besuchten ihn hohe Persönlichkeiten, und fremde Regierungen sandten ihm Lehrer zur Ausbildung in die Anstalt. „Meine Lage ist so, daß ich sie mir nicht besser wünschen könnte," schrieb er damals, und doch blieb er im Grund seiner Seele unbefriedigt, weil die Armenanstalt fehlte, die ihm das höchste und vornehmste war. Im Alter von siebenzig Jahren raffte ihm der Tod seine treue Gattin dahin. Der Schlag traf ihn ins Mark. Als müder Greis kehrte er in den Neuhos zurück, um die letzten Tages seines Lebens in der Familie seines Enkels zu verbringen. Jeder gute Unterricht von der Primärschule bis zu den hörsälen l82 der Professoren gründet sich auf pestalozzi. Der Meister aller Meister ließ frische Lust und helle Sonne durch die Fenster fluten und stand vor den Kindern nicht als Schreckgespenst, sondern als Freund und väterlicher Berater, der ebensosehr herz und Gemüt als den verstand ausbilden will. Sein Name ist zur Losung geworden für besseren Volksunterricht und bessere Sorge für die Armen, besonders für die armen Kinder. Lr, der größte und idealste Lehrer aller Zeiten, hat den geschmähten und verachteten Schulmeisterstand zu Ehr' und Ansehen gehoben und Familie und Schule zum Fundament aller menschlichen und bürgerlichen Erziehung. vor einigen Jahren erst erwuchs der heiße Wunsch pestalozzis zur Tat, indem man den Neuhof in ein pestalozziheim, in eine Kolonie für Knaben und Mädchen umgestaltete. Der Bund und die Kantone zeichneten namhafte Summen und die Schweizerjugend spendete freudig den Fehlbetrag zur vollen Rundung. Die großen Männer des 18. Jahrhunderts Die größten und bedeutendsten Männer der stattlichen Runde waren außer pestalozzi wohl der Berner Albrecht von haller und der Genfer Jean Jacques Rousseau. Die Schüler der öffentlichen Lateinschule in Lern nannten haller seiner Körperlänge wegen, die Gelehrten Europas später um seiner geistigen Größe willen den Großen. Gründliche Studien an verschiedenen Hochschulen förderten seine Talente. Er wirkte einige Jahre als Arzt in Bern, bekam aber keine Stelle am Spital, weil die Ratsherren sich durch seine Spottgedichte aus städtische und aristokratische Kleinkrämerei verletzt fühlten. Da erhielt er eine Berufung als Professor der Anatomie und der Botanik an eine deutsche Hochschule, wo er eine rastlose und ruhmreiche Tätigkeit entfaltete. Heimweh und das verlangen, seinen Kindern eine schweizerische Erziehung zu geben, trieben ihn nach Bern zurück. Die glänzendsten An- erbietungen des Auslandes schlug er fortan aus und blieb der heimatlichen Scholle treu. haller war eine Leuchte der Wissenschaft und ein begnadeter Dichter. In seinem Gedicht „Die Alpen" schildert er die Schönheit der Berge und malt in gewaltig sich ausbauenden Strophen ihre unvergängliche Pracht. Der entnervenden hast und der Sittenverderbnis der Städter 183 stellte er die beglückende Einfachheit der Hirten gegenüber. Den Berner Patriziern sagte die Muse hallers nicht zu. Sie vermochten weder Tadel noch „umstürz- lerische" Gedanken zu ertragen. Es wurmte sie, daß Kaiser Joseph bei seinem Besuch in Bern erst zu haller ging, bevor er die regierenden Herren mit seinem Besuche beehrte. Sie ließen es denn auch geschehen, daß die Bibliothek ihres größten Bürgers von Kaiser Joseph gekauft und der Hochschule in Mailand geschenkt wurde. Lauter und freudiger als Lern spendete ihm Zürich seine Anerkennung. hier atmete man freier und hier erblühte ein reiches literarisches Leben. Wie Lessing in Deutschland, so suchten die Zürcher Professoren Bodmer und Breitinger sich frei zu machen von der blinden Nachäfferei der Franzosen. Die verachtete deutsche Sprache und Poesie sollte wieder zu Ehre und Ansehen gelangen. Die beiden Professoren hoben die alte, urdeutsche Poesie der Nibelungen, des parzival und die Lieder der Minnesänger aus dem Schutt der Vergessenheit und erklärten die großen Engländer Shakespeare und Milton der Nacheiferung würdig. Sie waren nicht nur Stubengelehrte. Ihr herz schlug auch für das Volk und seine unterdrückten Rechte, für die Freiheit in Staat und Kirche. Die besten Dichter Deutschlands kamen nach Zürich und schöpften neue Anregung, so der jungfeurige Wieland und der schwärmerische Klopstock, der die Fahrt aus dem Zürchersee in einer schwungvollen Gde besang. Albrecht von Haller 184 In seinen Idyllen, die nach ihrer Übersetzung große Bewunderung in Frankreich erregten, pries Salomon Geßner das Schäferleben. Johann Kaspar Lavaters Schweizerlieder wurden Gemeingut des Volkes. Landauf und -ab sang man die Strophe vom Heldenvaterland: „G Schweiz, du Heldenvaterland, sei niemals deiner väter Schand und halt' das festgeknüpfte Band der Einigkeit mit treuer Hand. Dann ist in dieser Welt kein Land dir gleich, du Heldenvaterland." Wie Bern und Zürich, so stellte auch Basel Männer von Bus in den ersten Bang. Die berühmten Mathematiker aus dem Geschlechte der Bernoulli und Euler würden ein eigenes Kapitel verdienen. Führer der geistigen Bewegung war Isaak Iselin. Er erklärte die öffentliche Erziehung der Kinder als eine Pflicht des Staates und die Verbesserung des Jugendunterrichtes als das wirksamste Mittel zur Glückseligkeit des Menschen. Lr schenkte der Basier Jugend das erste Lesebuch, regte eine Umwandlung der Hochschule an und gründete mit Salomon hirzel und andern Zürcherfreunden die helvetische Gesellschaft, die später nochmals und heute wieder zu neuem Leben auferstanden ist. Die Mitglieder der Gesellschaft versammelten sich alljährlich in Schinznach, besprachen vaterländische Fragen, bedauerten den religiösen Zwiespalt, den Luxus der vornehmen und das Mißtrauen zwischen Stadt und Land. Sie sangen die Schweizerlieder Lavaters und ließen dazu den Becher kreisen. Da gab es weder Katholiken noch Protestanten, weder vornehme noch Geringe, nur biedere Schweizer und Freunde des gemeinsamen Vaterlandes, das für sie freilich eine „unsichtbare Schönheit" war. Der Prinz von Württemberg war jahrelang Mitglied der Gesellschaft und unterhielt sich mit dem Zürcherbauern Kleinjogg wie mit seinesgleichen. Manch schönes Wort wurde an diesen Tagungen gesprochen und mit weisem Blick in die Zukunft gedeutet. Zu Taten aber reichte der Schwung doch nicht aus, zumal die Tagsatzung gegen jede Neuerung sich ablehnend verhielt. Man plante eine große vaterländische Geschichte und ein Urkundenbuch, sowie eine Viographiensammlung der hervorragendsten Eidgenossen, doch niemals folgte dem Wunsche die Busführung. Trotzdem galt die helvetische Gesellschaft als eine Brt 185 Nationalversammlung, die zum erstenmal das gemeinsame große Vaterland hoch über alle Staaten und Ltädtlein stellte. Sie war auch zuweilen eine Schule für die späteren Politiker, die sich immer dankbaren Herzens der schönen Tage in Schinznach erinnerten. von manchem seinen Kopf und großen Bürger wäre da noch zu reden. Doch schon lange wartet der große Genfer vor der Tür und begehrt Einlaß. Wer hätte nicht schon auf der Schulbank von Jean Jacques Rousseau gehört? von seinem dreijährigen Aufenthalt im neuenburgischen Motiers-Travers, von der Flucht aus die Petersinsel, dem unsteten Leben und von seinen heißblütigen pädagogischen und politischen Schriften? Seine Bücher „Biuils" und „Ooutrat social" wurden in Bern als revolutionäre Schriften vom Henker verbrannt, um nachher nur um so eifriger gelesen und verschlungen zu werden. In „Bmilo" preist er die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers der Dinge hervorgeht,' alles entartet unter den Händen der Menschen." Das ist der erste Satz des Buches und zugleich der Grundgedanke in dem Lrziehungssqstem Nous- seaus. Im „Ooutrat social", der l762 erschien, verkündet er mit hinreißender Beredsamkeit, daß die Volksrepublik das Muster aller Staats- sormen sei. Denn alle Menschen sind frei geboren, sagt er, und vor dem Gesetze gleich. Die Negierenden sind nicht die Herren, sondern die Diener des Volkes. Alle haben die gleichen pflichten und dieselben Ioh. Lasp. Lavater l86 Rechte. Das erscheint uns heute als etwas Selbstverständliches. Damals aber waren es Hornstöße, die dem Volk mit seinen verkümmerten Rechten wie Tubaklänge einer neuen goldenen Zeit ins Chr tönten. Mancher glaubte aus dem Recht der politischen Gleichberechtigung aller Staatsbürger auch schon das Recht zur Empörung gegen die Behörden ableiten zu dürfen. Mit Zittern horchten die Regenten, in froher Erwartung das geknech- Jena Jacques Roll,,--» tete Volk aus das Grollen und Tosen in Paris. Rls der Sturm dann schließlich heranbrauste, brach das morsche Staatengebilde der Schweiz kläglich zusammen. Schnell treten wir daher noch einen Rundgang an durch das laby- rinthische Gebäude der alten Eidgenossenschaft und begucken uns die verschimmelnde Pracht in den hohen, hellfensterigen Sälen der dreizehn Grte, die frostigen und muffig riechenden Gastzimmer der Zugewandten und verbündeten, die selten mehr daselbst Einkehr hielten, und die vielwinkeligen dunkeln Kammern und Rämmerchen der Untertanenländer. Die alte Eidgenossenschaft Noch lebte Mutter helvetia nicht, die ihre Buben mit straffer Hand und weiser Langmut gezügelt und stolz aus eine starke, engverbündete Schweizersamilie über den Rhein und den Jura hätte weisen können. Rls die offizielle Vertreterin der Schweiz im Rusland galt die Tagsatzung, die weder die Kraft noch das Recht besaß, in den engen, ver- 187 ^ i.Lii6ssg7SB2S ^ XSlldvNSgoSlM ..flsldksnkiiis N 5esn so V/o0ixMs Uarte der 13 Alten wrts. (Periode 1481 —IbS2.) 1. Zürich. 2. Lern. 3. Luzern. 4. Uri mit dem Livinental. 3. Schwyz mit Stift Linsiedeln. b. Unterwaiden. 7. Zug. S. Glarus mit Grafschaft Werdenberg. 4. Hreiburg. 10. Soiothurn. II. Bafel. 12. Schaffhausen. 13. klppenzell-Znner- und klutzerrhoden knöcherten Kantönligeist einmal ein heiliges Donnerwetter fahren zu lassen. Sie war nicht eine Behörde, sondern bloß eine Konferenz von Gesandten verschiedener selbstherrlicher Staaten. Die Boten der dreizehn Grte und der zugewandten Grte versammelten sich zuerst in Baden, wo lustige Herbergen, warme Bäder und andere Bequemlichkeiten Zerstreuung boten, später in Frauenfeld. Den Vorsitz führte Zürich. Die Vertreter der acht Alten Grte saßen aus erhöhten Stühlen. In der langen Friedenszeit nach 1712 wurde die Tagsatzung ein totes Institut, wo nie ein frischer Wind hineinblies und zu fröhlicher Arbeit aufmunterte. Die Verhandlungen gingen einen erbärmlich schleppenden Gang, sollten die Gesandten doch nicht eigene Meinungen, sondern nur die ihrer Regierungen vertreten. Diese gaben ihnen Weisungen mit, von denen sie nicht um Haaresbreite abweichen dursten. Änderte sich die Lage während der Sitzung, so mußten sie in der Kutsche oder zu Pferd heimreisen und neue Weisungen holen. Ohne die Zustimmung aller Grte wurde überhaupt kein Beschluß gefaßt. Kam nach endlosen Beratungen eine Einigung zustande, so tat doch jeder Stand hernach, was ihm beliebte. 188 Um die dreizehn Vrte gruppierten sich die Zugewandten und Verbündeten. Sie hatten die gleichen Rechte wie die Vrte, aber keinen Anteil an den Gemeinen vogteien und den fremden Fahrgeldern. Die mächtigsten unter ihnen waren der St. Galler Fürstabt, Wallis und die drei Bünde, die stolz aus eigene Untertanen blicken konnten. Die sieben Zehnten des Gberwallis geboten über das Unterwallis, Bünden über Vormio, Lläven und veltlin, der Fürstabt über diesogenannteäbtischeLand- schaft und das Toggenburg. Nach den Glaubenskriegen übten die Zugewandten keinen großen Einfluß mehr aus. Gens, Neuenburg und Mülhausen galten bei den Katholiken nicht mehr als wahre Glieder der Eidgenossenschaft. Bünden ging seine eigenen Wege, nur das Wallis blieb dem Bunde treu. Das Bundesleben der Schweiz verkümmerte und welkte dahin, bevor eine gründliche Regelung der Münzen und des Kriegswesens, um von hundert Dingen nur zwei zu nennen, in Angriff genommen wurde. Eine einheitliche Münze war nirgends zwischen Leman und Boden- see in Umlauf. Jeder Grt klingelte mit eigenen Geldsorten, und wenn die fünfhundert Metallstücklein von allen Gauen beisammen waren, so gab das eine sonderbare eidgenössische Musik. Im Kanton Bern mußten die Bauern nach vierzig verschiedenen Getreidemaßen, in der Waadt nach sechzehn Weinmaßen umrechnen. Im Zürcherland erbte man aus einundzwanzig Arten. Werke, die der Allgemeinheit oder doch mehreren Kantonen zu Nutz und Frommen gedient hätten, wie die Organisation eines eidgenössischen Wehrwesens, lagen nicht im unbeschränkten Bereich der Tagsatzung. Es blieb den Grten überlassen, ihre ZürstabL Beda Angehrn von St. Gallen. Gest. 1796 189 Milizeinrichtungen zu verbessern, und da schritt allen andern voran Bern, das im Jahr 1790 in seinen Zeughäusern den ansehnlichen Vorrat von 500 Geschützen und 30000 Flinten besaß. Zürich, Luzcrn und Gens eiferten ihm darin nach. Die andern Grte sahen gemächlich zu, wie ihre Landeswehr einrostete. In Schwpz wurde l73l allen Ernstes daran gedacht, das Exerzieren und Mustern auszugeben, weil es dem Landmann zu beschwerlich falle. In den Ländern, wo früher das Volk Alleinherrscher war, regierten einige Häupter, so daß Goethe schrieb, die vielbesungene Freiheit erscheine ihm hier wie ein Märchen, das man in Spiritus aufbewahre. In Zürich, Basel, Schafshausen und St. Gallen regierten die ge- werbe- und handeltreibenden Mittelklassen der Zünfte, in Bern, Lu- zern, Freiburg und Solothurn die Geschlechter oder die Aristokraten. Das Landvolk war gewohnt, den Befehlen der gnädigen Herren und Gbern in der Stadt zu gehorchen, obschon es von der Mitregierung ausgeschlossen war. Früher hatte man die Landleute bei wichtigen Entscheidungen um ihre Meinung befragt. Seit dem siebzehnten Jahrhundert waren sie nur noch Untertanen. In den Städten unterschied man zwei Arten von Bewohnern, die Hintersassen oder niedergelassenen Mitbürger, die keine Rechte genossen, und die alteingesessene, regimentsfähige Bürgerschaft. Aus dieser zweiten Gruppe erhoben die regierenden Geschlechter ihre Häupter als festgeschlossene Kaste. Sie nannten sich kurzweg patriziat. Die Patrizier betrachteten Stadt und Land als ihr erbliches Eigentum. Sie nahmen vorweg die Gssiziersstellen in den fremden Diensten und die ergiebigsten Pfründen in der Stadt und füllten ihre Taschen mit den geheimen und öffentlichen Iahrgeldern der fremden Mächte. Wer ihre Vorrechte mit einem Finger betastete, war ein Staatsverbrecher, den der Henker oder die venezianischen Galeeren unschädlich machten. In Bern war die ursprüngliche Bürgerschaft am Ende des achtzehnten Jahrhunderts noch in 243 Familien, das regierende patriziat in achtundsechzig Geschlechtern vertreten. Jeder Ratsherr besaß das Recht, bei der Erneuerung des großen Rates ein Mitglied zu wählen. Da war es natürlich, daß das Amt sich vom Vater aus den Sohn oder aus den Neffen vererbte, und daß alle zahlreichen Familien mehrfache Vertretung in der Regierung hatten. Besaß der Ratsherr keine männlichen Nachkommen oder nahe verwandte, wohl aber eine heiratsfähige Tochter, so erhielt sie das Amt zur Mitgift. Wer die Braut gewann, 190 erhielt die Ratsherrenwürde samt dem Barett, dem Abzeichen des Groß- rats, und die Aussicht auf reiche Einkünfte. Das Volk nannte diese patrizierinnen spottweise Barettlitöchter. Die bernischen Patriziersöhne besuchten die öffentlichen Schulen nicht. Hofmeister gaben ihnen äußern Schliff und vermittelten die notdürftigsten Kenntnisse. So früh als möglich angelten die Junker nach gutbezahlten Stellen, nach dem einträglichen Sitz einer Sandvogtei zum Beispiel, wo sie sich gleichsam in Abrahams Schoß hineinbetten konnten. Bern umfaßte mit dem Aargau und der Waadt zwei Drittel der Eidgenossenschaft. Sein Gebiet ging längs des Jura bis fast nach Genf, im Süden beinahe bis nach Martigny ans Rhoneknie und im Norden über Brugg hinaus fast bis an den Rhein. Da lockte ein halbes hundert Vogteien mit hohen Einkünften, von denen manche das Doppelte von dem betrugen, was heute ein Bundesrat bezieht. Das jährliche Einkommen der Vogtei von Aarwangen zum Exempel maß nach heutigem Geldwert 20000 bis 30000 Franken. Wohnung und holz waren frei. Die Verwaltung war im allgemeinen gut in den Städten, schlecht in den Sündern. Am schlimmsten im Untertanengebiet jenseits des Gott- hard, vor allem in den von Uri, Schwpz und Nidwalden beherrschten Gemeinen vogteien Riviera, Blenio und Bellinzona. Die Vögte zehrten schamlos am Mark des Sandes. Da ihre Einkünfte hauptsächlich aus den Prozeßgeldern und Bußen bestanden, so machten sie aus ihren Residenzen eigentliche Prozeßfabriken, straften die schwersten verbrechen mit Bußen und schenkten Banditen, dem Räuber und Mörder gegen Sösegeld die Freiheit. In Verbindung mit gierigen Advokaten bauschten die Vögte das kleinste vergehen zum Prozesse auf. In Socarno, einer Stadt von etwas über lOOO Einwohnern, gab es vier Rlöster, siebenunddreißig Wirtschaften und dreiunddreißig Advokaten. Der Sandvogt des valle Maggia brachte es in zwei Jahren zu 472 Prozessen. Ihr könnt euch vorstellen, wie das gequälte Volk aufhorchte, als von Frankreich her der Ruf Freiheit und Gleichheit immer lauter und drohender in die Bergtäler hineinschallte. Doch je Heller der Wunsch nach Befreiung im Volke aufflammte, desto tiefer saßen die gnädigen Herren in die vergoldeten Sessel hinein und versteiften sich aus ihr unverrückbares Gottesgnadentum. Wehe dem, der sich erfrechte, an diesem für alle Ewigkeit geschaffenen Sesseltum zu rütteln! Das erfuhren Davel und henzi an ihrem eigenen Leib und Blut. l91 Davel und henzi Im Frühjahr 1722 rückte ein zur Musterung aufgebotenes lvaadtländer- bataillon mit Trommelschlag auf den Münsterplatz in Lausanne, an der Spitze der dreiundsünfzig- jährige Landmajor Davel. Diebernischen Landvögte in der lvaadt waren eben zum Kmterwechsel nach Bern abgereist. Mit zwei Offizieren trat Davel vor den rasch versammelten Rat der Stadt, erklärte, er sei hergekommen, um die lvaadt von der bernischen Herrschaft zu befreien, und verlas einen Brief an die Regierung in Lern, worin er die herrschende Not in der Verwaltung beklagte und die Ivege zu einem freien glücklichen Dasein bezeichnete. Die Stadt Lausanne brauche nur den ersten Schritt zu tun, so werde das ganze Land sich erheben und ohne Gewalt die Freiheit erringen. Die Räte erschraken ob dem kühnen Unterfangen des Rebellen, gingen scheinbar aus die Pläne des frommen, schwärmerischen Träumers ein, ließen seine Mannschaft in entfernte (Quartiere legen und luden ihn auf den Rbend zu Gast. Rm nächsten Morgen wurde er gefangen abgeführt. Schon in der Nacht war ein Lilbote nach Bern geritten, um den gnädigen Herren den Vorfall zu melden. Bei der Runde sahen sie im ersten Fieber das Land in Hellem Rusruhr, boten Militär auf und überwiesen den Rebellen dem Stadtgericht von Lausanne. Doch Davel bezeugte während der Folter, daß er nur nach den Eingebungen Gottes gehandelt und keine Mitschuldigen habe. Hätte er Gewalt anwenden Major Davel auf dem Schafott l92 wollen, so würde er ganz anders vorgegangen sein. Das Lausanner Gericht verurteilte ihn zum Abhauen der rechten Hand und zum Schafott, und der bernische Rat milderte den Spruch in einfache Enthauptung. Im frohen Glauben, sein Tod werde der Heimat zum Legen gereichen, betrat Vavel ausrecht das Blutgerüst. Eine Zeitlang verwünschten die Waadtländer den Empörer, später aber stellten sie den unerschrockenen Patrioten aus den Lockel, und heute trägt jedes Kind der schönen Waadt seinen Namen im herzen. Die Namen aber seiner Richter und Henker sind längst verschollen und vergessen. Im Jahr l749 entdeckte man in den Mauern Berns selber eine Verschwörung, welche auch die Stolzesten unter den Großen in Angst und Zittern versetzte. Einige Bürger hatten l744 eine Bittschrift an die Regierung gerichtet, die in sehr bescheidenen und ehrerbietigen Morten eine Verbesserung des Wahlverfahrens vorschlug. Die Unterzeichner der Bittschrift wurden bestraft, einige aus fünf und zehn Jahre des Landes verwiesen. Unter ihnen befand sich der talentvolle, hochgebildete Samuel henzi, ein treuer Familienvater von durchaus ehrenhaftem, wenn auch schwachem Lharakter. Im Jahr 1748 durste er als Begnadigter wieder in die Heimat zurückkehren. Durch finanzielles Mißgeschick verbittert, hörte henzi nun auf das Murren der Unzufriedenen. Er verschwor sich mit dem Stadtleutnant Fueter und dem Kaufmann Wernier und begeisterte sie für eine friedliche Verbesserung des Regiments in Bern, mußte aber gleichzeitig krause Mordanschläge seiner Mitwisser in Kauf nehmen. Die Verschiedenheit der Tharaktere und der Absichten verzögerte die Ausführung des Planes immer mehr, und als die Verschwörungsangelegenheit beinahe im Ersticken war, wurde sie durch einen Theologiestudenten verraten. Fueter und Wernier wurden gepackt und hinter Schloß und Riegel gesetzt. henzi war an dem verhängnisvollen Tag in Vurgdors. In der Papiermühle lauerten ihm die Herren aus, die ihn verhaften sollten. Als er aus Höflichkeit vom Pferde stieg, um mit ihnen zu reden, überfielen sie den Arglosen, schoben ihn in die Kutsche und führten ihn in die Stadt zurück. Ein Fluchtversuch mißlang. Ein panischer Schrecken war den Regenten ob der henziverschwörung oder dem Burgerlärm in die Beine gefahren. Die Patrizier und einige hundert aus der Bürgerschaft bewachten die Tore. Fueter, Wernier 1S Jegerlehner, Geschichte 193 und henzi wurden zum Tode durch das Schwert verurteilt und hingerichtet. Das Ereignis blieb ohne heilsame Wirkung auf die bösen Zustände in der Patrizierstadt. Erst als die französischen Bajonette in Lern einzogen, erfolgte unter Blut und Tränen ein gewaltsamer Umsturz. vor dem Zusammenbruch Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In Freiburg erhob sich das Volk schon 1781 gegen das französisch gesinnte Despotentum. Die freiheitsdurstigen Genfer, denen die Worte Jean Jacques Bousseaus heißes Blut machten, taten viermal desgleichen, doch bernische und französische Truppen halfen den gestürzten Herren wieder in den Sitz. Um 14. Juli 1791 feierten die Waadtländer in Bolle den Jahrestag des Bastillesturmes. Sie hingen die Farben des neuen Frankreich heraus, veranstalteten Umzüge, sangen Bevolutionslieder und brachten der Freiheit ein donnerndes hoch. Gleich rückten bernische Truppen mit sechzig Geschützen in Lausanne ein. Die Urheber der Feste und die Bedner wurden verhaftet, nach Bern geführt und eingesperrt, wer sich der Verhaftung durch die Flucht entzog, geächtet und des Vermögens beraubt. Boch im Jahr 1795, als der westliche Himmel schon voll schwarzer Wolken hing, schlug die Stadt Zürich den Bufstand ihrer Seegemeinden nieder, die in Handel und Gewerbe gleiches Becht verlangten, und warf den angesehenen volksführer Bodmer von Stäfa ins Gefängnis. Zwei Jahre später reiste General Bonaparte, der Sieger in Gber- italien, durch die Schweiz nach Bastatt. Die Genfer jubelten ihm zu, die Waadtländer bereiteten ihm begeisterte Huldigungen, und auch die Berner begrüßten ihn mit 150 Kanonenschüssen, obschon er die verhaßte Bristokratenstadt kaum eines Blickes würdigte. Nach Paris zurückgekehrt, beriet Napoleon mit dem Llsässer Beubel und einigen Schweizern die Eroberung des Landes. Er wollte sich die schweizerischen Pässe als Einsallstore für seine Truppen nach dem soeben bezwungenen Italien sichern und benötigte die bernischen Millionen in den Schatzkammern für den geplanten Feldzug nach Ägypten. Beubel war das einflußreichste Mitglied der französischen Begierung, des sogenannten Direktoriums. Er haßte Bern, weil er dort einmal einen Prozeß verloren hatte. Unter den Schweizern waren es besonders 194 der Basier Peter Dchs und der Waadtländer Laharpe, die als Verräter ihres Vaterlandes eine Bolle spielten. Gchs war im Ausland ausgewachsen und von französischer Bildung durchtränkt. Der Heimat fremd, schwärmte er nur für Frankreich und trug keine Bedenken, in Verbindung mit Gleichgesinnten den französischen Einmarsch in die Schweiz vorzubereiten. In dieser unrühmlichen Tätigkeit übertraf ihn nur noch der waadtländische Edelmann Laharpe. Ein tödlicher haft gegen die bernischen Patrizier, die ihn des Landes verwiesen und seines Bruders vermögen beschlagnahmt hatten, trübte seine Sinne. Er machte die Franzosen aufmerksam aus den bernischen Staatsschatz, von dessen Größe fabelhafte Gerüchte umliefen, und unterzeichnete mit neunzehn andern Verbannten eine Bittschrift an das Direktorium, worin sie Frankreich um Schutz für das unglückliche Waadtland ersuchten. Frankreich bemächtigte sich vorerst der Täler von St. Immer und Münster und brachte die Juraausgänge gegen die Kare hin in seinen Besitz, hierauf schrieb das Direktorium an Bern, es breite seine schirmende Hand über die Waadt aus. Gleichzeitig erhielten französische Truppen in Ober Italien Befehl, rasch an den Genfersee zu marschieren und sich zum Einzug in die Waadt bereitzuhalten. Das war der erste unzweideutige Schritt zur Eroberung der Schweiz. In den Zeiten von St. Jakob und Nurten hätten die Eidgenossen die Eindringlinge im Sturmlaus zum Land hinaus geworfen oder überfallen und aufgerieben. Doch der eidgenössische Brudersinn, der bei gemeinsamer Gefahr rasch entschlossen das Schwert aus der Scheide zog, war bis auf den letzten Glimmer erloschen. Und doch fehlte es nicht an einsichtigen Männern, die immer und immer wieder zum Aufsehen mahnten. Einer der besten Kenner schweizerischer Verhältnisse schrieb damals: „Ich höre nicht aus, Lärm zu schlagen; auf allen hochwachten möchte ich Kanonendonner erschallen lassen, um jedes Schweizers Aufmerksamkeit zu wecken und die Nation in ihren Abgeordneten an einem Punkte zu versammeln, damit da beschlossen werde, was ihre Sicherheit und ihr Wohl erheischt." Auch der berühmte Geschichtsschreiber Johannes von Müller warnte vor der drohenden Gefahr und sah mit tiefer Bekümmernis, wie man alle Warnungen und Vorschläge leichthin in den Wind schlug. Als die französischen Wachtposten schon in Viel und bei Pieterlen, nur fünf Stunden von Bern entfernt, an der Aare standen, trat endlich die Tagsatzung in Aarau zusammen, um sich an den Buchstaben zu 1S« 195 klammern, statt an den Knauf des Schwertes. In einer salbungsvollen Schlußfeier, die von den Franzosen als eine lächerliche Komödie verspottet wurde, erneuerten die Gesandten die alten Bünde und umarmten sich vor allem Volke. In .die kindische Zeremonie schlug blitzartig die Nachricht, die Waadtländer hätten in Lausanne die lemanische Re- publick ausgerufen und die Franzosen die Grenze überschritten. Gleichsam zur Bestätigung glühte der Himmel von den Flammensäulen, die den baslerischen Vogtsburgen entstiegen. In Baselland tobte die helle Volksempörung. Schreckensbleich stoben die Boten der Tagsatzung auseinander. Line Stunde nachher pflanzte man in Aarau den Freiheitsbaum aus. Der französische Gesandte Nlengaud, ein Ausbund von Unverschämtheit und gemeiner Gesinnung, ließ in den Untertanenländern den Glauben verbreiten, Frankreich beabsichtige nur, das geknechtete Schweizervolk von seinen Tyrannen zu befreien. Ende Januar war Vivisionsgeneral Brune an die Spitze der französischen Armee im Ivaadtland getreten. Im Namen des Direktoriums erklärte er: „Nicht als Lroberer, sondern nur als Freund der würdigen Nachkommen Teils erscheine ich im waadtlande. Die französische Regierung verbürgt euch die persönliche Sicherheit, euer Eigentum, den Gottesdienst und die politische Unabhängigkeit." Die heuchlerischen Worte und Schriften schlugen ein. In allen Untertanenländern erhob sich das Volk und verlangte die Zusicherung der ungeschmälerten Freiheit. Bern gewährte dem Land eine Vertretung in der Regierung. Doch während das Volk jubelte und Freiheitsbäume ausrichtete, standen zwei französische Armeen schon zum Einfall bereit. Noch wäre es Zeit gewesen, über alle' Klüfte und Schranken hinweg zu einem kraftvollen, vernichtenden Schlag auszuholen. Aber wo man General Brune tS6 Taten erwog, fehlte der Wille dazu. Mit Ausnahme von Bern, Zürich, Luzern und Gens war in den Arsenalen Menschenalter hindurch niemand an der Arbeit gewesen als der Rost und die Motten. In der letzten Stunde konnte man das versäumte nicht mehr einholen. Die schönsten Worte von der heiligen Vaterlandsliebe waren nur Hiebe ins Wasser, Nebelspaltereien, Seifenblasen. Es bedurfte eines starken, entschlossenen Wollens und einer tüchtigen eidgenössischen Armee mit blitzenden Gewehrläufen und dräuenden Feuerschlünden, und das hätte nur ein Herrgott aus dem Boden stampfen können. Neuenegg und Grauholz Die Ereignisse, unter denen die alte Eidgenossenschaft zusammenbrach, gingen ihren Gang. General Brune trat bald von Lausanne, bald von payerne aus mit der Bernerregierung in trügerische Unterhandlungen, um Zeit zu gewinnen für die Ausrüstung seiner Armee und für den Vormarsch einer zweiten, ihm ebenfalls unterstellten Truppe, die unter Schauenburg vom alten Bistum Basel aus durch den Jura vorbrechen " sollte. Die bernische Regierung zauderte und schwankte und fand nicht den Mut, das kampffreudige Heer, das immer noch über 20000 Mann zählte, dem Feinde entgegenzuwerfen. Line starke Friedenspartei unter Säckelmeister Frisching wirkte der Rriegspartei des Schultheißen Niklaus Friedrich von Steiger entgegen, der an dem Grundsatz festhielt, den Uralten des Teufels entgehe man nicht, indem man sie streichle. Umsonst versuchten Ludwig von Lrlach, der Oberbefehlshaber der ber- nischen Truppen, und der greise Schultheiß, dem Rat die Vollmacht zum Angriff aus den Händen zu winden. In unbegreiflicher Verblendung schloß der Bat mit Brune einen Waffenstillstand, der am 2. März noch verlängert wurde. Im Namen des Direktoriums trieb Brune mit den Bernern ein schamloses Nänkespiel, dessen Bonaparte sich später schämte. Das bernische Heer, das wochenlang tatenlos herumstand, murrte und sprach von verrat. Die Soldaten meuterten, versagten den Offizieren den Gehorsam und vergriffen sich an ihren vorgesetzten. Tausende liefen voller Entrüstung nach Hause, und am 3. und 4. März 1798 konnte man den Bus verrat fast aus allen Truppenteilen heraushören. Am 3. März schrieb von Lrlach an seine Regierung: „Seit gestern morgen habe ich alles angewendet, um zu beweisen, daß ich meinen Posten nicht verlassen wolle, werde denselben aber mit meiner ein- 197 zigen Person bekleiden müssen. Alles Volk schreit Zeter über die Offiziere und ist überzeugt, daß sie es verraten und verkauft haben." Durch die Straßen Berns lärmten tobende Volksmassen und Soldatenbanden. Die einen fluchten der Regierung, die andern verlangten sofortige Unterwerfung. In der schlimmsten Not dankte die Regierung ab, und nun ließen es sich die Soldaten nicht mehr ausreden, Land und Volk sei an die Franzosen verkauft. Noch bis vor kurzem ging in der Gegend von Neuenegg das Gerücht, an dem kein Rörnlein Wahrheit war, die Mannschaft hätte mit Rübsamen gefüllte Patronen erhalten. Daher das Sprüchlein aus jener Zeit: „Der General war falsch, Die Offizier fast all', Und sie gaben uns schlechte Munzion, Daß wir mußten laufen davon." Unterdessen war Schauenburg über den Jura vorgerückt und hatte aus Brunes Befehl am 2. März Solothurn eingenommen. Rm gleichen Tag siel auch Freiburg. Während die Franzosen das Beinhaus von Nurten zerstörten, brachten die Nachkommen derer von Sempach und Sankt Jakob trotz ihrem Bundesschwur nur 4700 Mann zusammen, um Bern in der Todesnot beizuspringen. Die meisten von ihnen rückten gar nicht aus oder kehrten halbwegs wieder um. Die innern Drte schrieben an den bernischen Rriegsrat, „ihr Sinn und Gedanke sei stets gewesen, mit fester Schweizertreue, mit freudiger Aufopferung alles Blutes ihren lieben Miteidgenossen zur Hand und Hilfe zu stehn, wie sie denn bis auf diese Stunde sattsam Beweis davon gegeben hätten; aber jetzt seien sie bei der rettungslosen Lage Berns genötigt, auf den Schutz ihrer eigenen Länder bedacht zu sein". Nach der Übergabe von Freiburg und Solothurn wichen die bernischen Truppen, die bei Murten standen, hinter die Saane und Sense zurück. Befehle von Lrlachs wurden durch Gegenbefehle des Rriegs- rates aufgehoben. In der heillosen Verwirrung, die darob entstand, löste die zweite Division sich auf, und die erste und dritte begann sich zu zerstreuen. In der Nacht vom 4. aus den 5. März wurden die bernischen Posten, die den Senseübergang bei Neuenegg verteidigten, von französischer Übermacht angefallen und zersprengt. Wein und Branntwein, zuberweise herumgeboten, hatten die Festigkeit gelockert. Die Sturm- 198 Vei Neuenegg glocken läuteten von Dorf zu Dorf und riefen den Landsturm aus. Rasch raffte Generaladjutant Weber die in der Rahe von Bern kantonieren- den Kompagnien, etwa 2300 Mann, zusammen und jagte den Franzosen entgegen, die Dberwangen erreicht hatten, aber vor der Scharfschützenkompagnie Tscharner, die im Könizberg bewakierte, halt machten. Mit Bajonett und Kolben trieben die Berner die Feinde durch den Wald gegen die Ebene von Neuenegg, wo die vorbrechenden Berner- schützen in das Massenfeuer von acht feindlichen Bataillonen und mehreren Batterien gerieten. Ein Hagel von Geschossen mähte die ersten Reihen nieder. Da sprangen die Offiziere vor die Front und rissen die wankenden Truppen mit. Die Soldaten kehrten die Flinten um, und Mann an Mann krachten die hiebe und Streiche wie bei Morgarten und Novara. Die Franzosen wandten sich und stürzten der Sensebrücke entgegen. Drei bernische Kanonen richteten die Rohre aus den Übergang, vergebens schrien die französischen Offiziere „uvnnos?, avances". Sm Wirbel des Lernermarsches erstickten ihre Rufe. Der goldene Stern von Thun und der Rdler von Frutigen flatterten neben dem Zosinger Banner im Siegeslauf. Gegen drei Uhr abends war die Schlacht gewonnen, der Feind in ld9 wilder Auflösung über die Zeuse zurückgeworfen. Eben sollte die Verfolgung aufgenommen werden, als von Bern ein Dragoner daher- galoppierte und den Befehl überbrachte, das Feuer einzustellen, die Stadt sei gefallen. Den Sieg gewonnen, das Vaterland verloren! Immer wieder mußte der Führer die Depesche vorlesen, vor Wut und Schmerz sinnlos, bedrohten die Soldaten sein Leben. Viele schluchzten, andere schrien über verrat, und als sie auf dem Heimwege die ersten Franzosen erblickten, zerschlugen die Offiziere ihre Degen und die Mannschaft die Gewehre. Am Morgen des 5. März hatte Schauenburg mit siebzehn Bataillonen, drei Kavallerieregimentern und zehn Geschützen von Solo- thurn her den Marsch nach Bern angetreten. Bei St. Niklaus kämpfte die waadtländische DoZion roraanäs unter Noversa tapfer und verwegen. Bei Fraubrunnen, wo man einst die Gugler aufs Haupt geschlagen, stellten sich einige bernische Bataillone zur Wehr. Sie wurden überflügelt und zurückgeworfen. Auf der Flucht gerieten sie in das tapfere Häuflein von zwei Bataillonen, die unter General von Lrlach und dem Schultheißen Steiger am Grauholz standhielten. Im einfachen Soldatenrock stand der Schultheiß auf einem gefällten Baumstamm und harrte der Kugel, die ihn treffen sollte. Als die Franzosen auch hier die Umgehung einleiteten, löste das Trüpplein sich aus und wechselte vor den Mauern Berns die letzten Schüsse. Um ein Uhr nachmittags zogen die Franzosen über die untere Nchdeck- brücke in die Stadt. Zum erstenmal seit der Gründung sah Bern den Feind in seinen Mauern. Lrlach geriet bei Uiederwichtrach in die Hände betrunkener Land- stürmler, die ihn ermordeten. Steiger, der letzte Schultheiß des alten Bern, floh über den Brünig nach Deutschland und starb in der Fremde. Die Franzosen in Bern Nach dem Einzug in Lern erhielt Brune von Paris den Befehl, seine Truppen mit den Vorräten des Landes zu ernähren, das Kriegsmaterial aus den Zeughäusern nach hüningen zu schaffen und eine Kriegsentschädigung einzutreiben, Wie ein hungriger Wolf in eine Schafherde, so stürzte sich der General aus die bernischen Reichtümer. Aus den Schatzgewölben und öffentlichen Kassen raubte er über sechs Millionen gemünztes Gold und achtzehn Millionen in Werttiteln. Llf vierspännige 200 M^rMMs^r^MWWWWD! Wagen führten das Geld nach Lyon. Zwei Millionen verschwanden in den Taschen Brunes und seiner Untergebenen. 400 Geschütze und 40000 Gewehre samt der zugehörigen Munition ließ er wegschaffen. Sogar die Bären im Graben wurden nach Paris geführt. Bus vier Amtsbezirken allein holte er sich 4000 Pferde. Sm Hotel Falken, wo Schauenburg Quartier bezogen hatte, lagen die Gold- und Silberwaren zu Haufen. Um 29. März forderte Brune von der Stadt Bern 6000 Zentner Korn, 3500 Zentner Hafer, 13 000 Zentner Heu, 12000 Zentner Stroh, 12000 Zentner Salz, 10000 Maß Wein, 3000 Naß Branntwein, 2500 Maß Tssig, 10000 paar Schuhe und ebenso viele Strümpfe, 1000 Hemden, 200 Gchsen, 160 Zentner Käse, 200 Klafter holz und 20000 Bernerfranken. Sn den beiden ersten Monaten der französischen Besatzung erlitt der Kanton Bern einen Schaden von mindestens 24 Millionen. Was dazu aus privathäusern gestohlen und entführt wurde, geht auf keine Kuhhaut. Wie Banditen drangen die Soldaten in die Häuser und Familien ein und scheuten vor Raub und Mord nicht zurück. Ebenso drückend wie in Bern lastete die französische Militärherrschast 201 aus den Städten Freiburg und Solothurn, und bald erstreckte sich' die planmäßige Beraubung und Ausplünderung aus alle Gebiete der Schweiz. Der Lauer mußte den Pflug selber ziehen, weil der Pferdestall leer war, und darben, weil man ihm die Kühe geschlachtet hatte. Die Pfarrer, Lehrer und Polizisten erhielten keine Besoldung mehr, die Industrie war vernichtet. Wie Hohn und Spott klingen die Worte aus einer Proklamation des Generals Brune: „Nein, die französische Nepu- blik will sich nichts aneignen, das der schweizerischen Lidgenossenschaft angehört. Weder Ehrgeiz noch Geldgier werden den Schritt entehren, welchen ich in ihrem Namen unternehme. Nicht als Eroberer, sondern als Freund der würdigen Nachkommen Wilhelm Teils, nur um die schuldigen Unterdrücker zu strafen, betrete ich den Boden." Der Einheitsstaat Ende März wurde Brune für seine glänzenden Taten und die ausgezeichneten Dienste, die er Frankreich leistete, als Oberbefehlshaber der französischen Armee nach Italien gesandt. Der Wagen, der die Goldschätze wegführte, die er in Bern gestohlen hatte, brach unter der Last zusammen. Frankreich diktierte der Schweiz eine neue Verfassung, der das Direktorium den Plan des Peter Ochs zugrunde legte. Die bunte, ungleichartige vielstaaterei der Schweiz wurde aufgehoben und in eine einzige unteilbare Nepublik umgewandelt. Nun verschwanden die herrschenden Stände, Zugewandte und die Untertanenländer einzelner und mehrerer Orte. Die oberste gesetzgebende Behörde waren der Senat und der große Nat, die oberste vollziehende Behörde das Direktorium, dem vier Minister zur Seite standen. Die Gebietseinteilung zeigt uns, wie Frankreich seinen Vorteil an die Spitze stellte und jede historische Erinnerung austilgte. Ursprünglich bestimmte die Verfassung zweiundzwanzig Kantone, nämlich Wallis, Leman (Waadt), Freiburg, Bern, Solothurn, Basel, Aargau, Luzern, Unterwalden, Uri, Bellinzona, Lugano, Nätien, Sargans, Glarus, Appenzell, Thurgau, St. Gallen, Schaffhausen, Zürich, Zug und Schwyz. Durch die Abtrennung des Verner Oberlandes erhöhte sich die Zahl aus dreiundzwanzig. Nach der Unterwerfung der Urkantone trat wieder eine Verminderung ein, indem Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug zum Kanton Waldstätten, einige Landschaften zum Kanton Linth, andere zum Kanton Säntis ver- 202 Die „eine und unteilbare Republik" 1798—1803 1. Rargau. 2. Baden. 3. Basel. 4. Bellinzona. 5. Bern. 6. Hreiburg. 7. Leman. 8. Linth. 9. Lugano. 10. Luzern. 11 . Gberland. 12 . Schaffhausen. 13. Säntis. 14. Solothurn 15. Thurgau. Ib. Waldstätten. 17. Wallis. 18. Zürich. 19. Rätien schmolzen wurden. Ansehnliche Gebiete wie Neuenburg, Bistum Basel, Genf, Biel und Nülhausen gingen an Frankreich verloren. Die helvetische Linheitsverfassung war im großen und ganzen ein Spiegelbild der französischen Virektorialverfassung. Sie brachte die Aus- hebung der Nechtsungleichheit zwischen den herrschenden und dem beherrschten Volke, zwischen Bürger und Bauer, Katholik und Protestant, reich und arm. Es war die Freiheit und Gleichheit der französischen Revolution. Den einzelnen Bürgern wurden zum erstenmal in der Schweiz persönliche Freiheiten zugesichert, wie Glaubens- und preß- sreiheit, allgemeines Stimmrecht und die lvahlsähigkeit zu allen Ämtern, segensreiche Neuerungen, denen die französische Revolution in Europa Bahn gebrochen hat. Doch die Freiheit des Vaterlandes, in der allein die persönliche Selbständigkeit des Bürgers zur Geltung kommt, sie war dahin. Die Schweiz blieb ein Vasallenstaat seines Eroberers. Kaum war in Aarau die neue Republik ausgerufen, rückte Zchauen- burg ein mit seinen Truppen, um dem Volke zu zeigen, daß sie die wahren Herren im Lande seien. Kurz zuvor hatte er noch schnell sechzehn Millionen Franken Kriegsentschädigung eingefordert. 203 Während die Kantone der Ebene der neuen (Ordnung sich wohl oder übel unterzogen, fand das Gchsenbüchlein, wie man die Verfassung spotthalber auch hieß, in den Waldstätten keine Gnade. Die Geistlichen schürten zum Widerstand, weil ein Artikel der Verfassung sie vom Stimmrecht ausschloß und den Gottesdienst unter polizeiliche Aufsicht stellte. Sie fürchteten nicht ohne Grund für die katholische Religion und predigten in wilder Begeiste- rung den Tod fürs Vaterland. In leuchtender Verklärung stiegen die glorreichen Tage von Morgarten und Näfels dem Volke vor die Augen. Mit den drei Waldstätten griffen auch Glarus und Zug zu den Waffen und ernannten zum Anführer der verteidigungsarmee den Schweizer Alois von Reding. Schauenburg bezwäng die Glarner bei Wollerau und sandte vom Zürichsee aus zwei Kolonnen gegen die Schindellegi, wo Reding befehligte, und an den Ltzelpaß, wo der prahlerische Pfarrer herzog mit seinen Leuten bis zum letzten Blutstropfen auszuhalten gelobte. Als die Franzosen erschienen, riß er feige aus. Um nicht im Rücken gefaßt zu werden, zog Reding sich nach Rotenturm und Morgarten zurück und hieb den Feind in einem glänzenden Angriff in Stümpfe. Trotz des Sieges erschien ihm ein längerer Widerstand mit seinen schwachen Kräften nutzlos, und so nahm er einen ehrenvollen Frieden an und unterwarf sich der helvetischen Verfassung. Die Kämpfe bei Reuenegg und am Rotenturm zeugen hell und laut, was die Schweizer bei geschlossenem Aufmarsch hätten leisten können. Sie zeigen aber auch, daß jeder Heldenmut fruchtlos, jeder Blutstropfen umsonst dahinfließt, wenn sie nur dem häuslichen Herd und nicht dem gemeinsamen Vaterlande gelten. alois von Neding 204 Kampf der llidwaldner - 7 » ^ TSLLZ^? K^-'-lp 'N?>- Nidwalden Die Nidwaldner, denen Schauenburg Ligentum und Religionsfreiheit zugesichert hatte, verweigerten den Lid auf die Verfassung einer wortbrüchigen Regierung, die ihnen die Staatskasse geraubt hatte und die Religion gefährdete. Sie jagten die helvetischen Behörden aus dem Land und kehrten zur wohlvertrauten Landsgemeinde zurück. Doch die Franzosen waren immer noch die Herren der Schweiz. Schauenburg gab den Nidwaldnern eine Frist von drei Tagen zur Unterwerfung. Im vertrauen auf die Hilfe Österreichs erklärten sie ihm den Rrieg. Rlsbald erschienen 16000 Franzosen in dem Ländchen, das ihnen nur schlecht bewaffnetes Hirtenvolk entgegenwerfen konnte. Heldenmütig kämpften Vater und Sohn, Mutter und Tochter, bis sie am 9. September 1798 unter den Streichen der Übermacht verbluteten. Schauenburg schrieb darüber an General Iordi: „Wir haben viele Leute verloren, was bei der unglaublichen Hartnäckigkeit dieser Menschen, deren Kühnheit, bis zur Raserei ging, unvermeidlich war. Mehrere Priester und leider auch eine große Unzahl Frauen sind auf dem Platz 205 geblieben. Alles, was Waffen trug, ist getötet worden. Es war einer der heißesten Tage, die ich je gesehen." 800 Hofstätten waren eingeäschert, über 400 Bewohner erschlagen, Stans ein Trümmerhaufen, das Land ein Grt des Grauens und des Schreckens. Schauenburg, bewegt von dem Elend der Zurückgebliebenen, ließ Brot und Fleisch verteilen. Laharpe aber sah in der Verwüstung nur eine gerechte Züchtigung, und die helvetische Regierung ließ Schauenburg für seinen Sieg den Dank des Vaterlandes aussprechen. Indes gründete sie in Stans ein Waisenhaus und stellte es unter die Leitung von Heinrich pestalozzi. Dem unvergleichlichen Menschenfreund gelang es, einen Teil der Waisen in Murten und andern Städten der Westschweiz unterzubringen. Die übrigen sammelte er um sich und war ihnen Vater und Mutter, Erzieher und Berater zugleich. Lr schlief in ihrer Mitte, betete und redete mit ihnen, bis sie stille wurden, führte den Kleinsten den Löffel zum Munde und wachte am Bett der Kranken. Nach einem Jahre mußte er seine segensreiche Tätigkeit wieder einstellen und das Kinderheim auflösen. Franzosen und Österreicher schlugen sich auf helvetischem Boden, und das Waisenhaus in Stans wurde ein Lazarett für fremde Soldaten. Nainpf und Not inr wallis Schlimmer noch als in Nidwalden hausten die französischen Eroberer im Wallis. Durch das Gebot der Machthaber wurde die uralte Republik Wallis ein Kanton der „einen und unteilbaren helvetischen Republik." Der Walliser, der in harter Zähigkeit am Riten und hergebrachten festhielt, konnte sich unmöglich in die plötzliche Neugestaltung hineinfinden. Sein innerstes Fühlen und Denken bäumte sich dagegen aus, zumal auch der Glaube an die Unverletzlichkeit der Religion durch böse Gerüchte über die Gottlosigkeit der französischen Soldaten ins Wanken geraten war. Die unverschämte Rrt, wie der französische Resident Man- gourit als Herr und Gebieter im Wallis Befehle erteilte, erzeugte haß und Erbitterung. Der Rufstand brach im Mai 1798 im Gberwallis los, wo man über die Furka und Grimsel mit den Urkantonen verkehrte und überall aus gleiche Gesinnung traf, hang zur Empörung und Widerstand. Mit dem riesigen Wegerbaschi an der Spitze drangen die Gommer nach Si- ders und Sitten, wo die Zahl der Aufständischen auf 6000 Mann an- 206 schwoll. Die meisten waren mit Stutzen und Musketen bewaffnet, einige nur mit Spießen und Gabeln. Auf dem Hut trugen sie die rot-weiße Kokarde mit einem Bildchen der Muttergottes. Sie hielten gute Mannszucht, hörten aber nicht aus die Befehle ihrer Führer. An der Morges, einem Flüßchen eine Stunde unterhalb Sitten, prallten sie aus die französische Übermacht. Munitionsmangel zwang die Walliser zum Rückzug. Sitten zog die weiße Fahne aus. Gin Soldat, den der Befehl zum Feuereinstellen noch nicht erreicht hatte, schoß seine Flinte ab und verwundete einen französischen Offizier. Erbittert fielen die Franzosen über die Stadt her und plünderten sechs Stunden lang, zerschlugen die Weinfässer, rissen den Leuten die Kleider vom Leibe, schändeten Frauen und Mädchen und stachen Wehrlose nieder. Die sieben obern Zehnten mußten ein jeder 150000 Franken Kriegssteuer bezahlen, und da sie außerstande waren, das Geld auszubringen, silberne Kruzifixe, Leuchter, Kelche und wertvolle Kultgegenstände aus den Kirchen und Kapellen abliefern. Gin sieben Zentner schwerer Kristallblock wanderte von Sitten nach Paris. Noch heute lebt Mangourit im Gedächtnis des Walliservolkes als ein Gesandter des Teufels. Der Walliser schwur nun den Lid aus die Verfassung, knirschte aber mit den Zähnen und sann aus Vergeltung. Im Frühjahr 1799 brach die Empörung wiederum los. Den Anlaß dazu bot die Aushebung der wehrfähigen Mannschaft des Landes, die den Franzosen Beistand leisten sollte im Kampf gegen das katholische Österreich. Lieber in der Heimat christlich sterben, hieß es allenthalben, als mit den Franzosen in der Fremde zugrunde gehen. Boten eilten aus dem Goms ins Bernerober- land, nach dem Tessin und in die Urkantone, um mit den Unzufriedenen in Verbindung zu treten und sich über den Verlauf des Krieges zwischen Frankreich und Österreich zu erkundigen. In Leuk entwarfen die Führer den Feldzugsplan und organisierten das Heer. In der sagen- umblühten Talenge des pfynwaldes, wo der Lorbetschgrüt und die vala- schlucht die Flanken schützten, stellten etwa 2—3000 Mann sich dem Feinde entgegen. Sie waren schlecht bewaffnet, ohne Artillerie und nur dürftig mit Pulver und Blei ausgerüstet, vergeblich stürmten die Franzosen gegen die starken Stellungen. Ein kräftiger Gegenstoß jagte sie bis über Siders hinaus zurück. Allein nach diesem Hieb ergaben sich die Walliser der Sorglosigkeit und einem nur schlecht gesicherten Zechgelage. Die Franzosen rückten in der Nacht wieder lautlos vor, überrumpelten die schlaf- und weintrunkenen Landstürmler und durchbrachen die Wehr. In dem sehenswerten Beinhans in Naters liegen heute noch Lchädel aus der Franzosenzeit mit haselnußgroßen Zchußlöchern. An der Massa- brücke oberhalb Lrig, bei den Deischkehren und in Fiesch brach der letzte Widerstand des Landes zusammen. Die Franzosen rückten ins Goms hinauf und besetzten die verlassenen Dörfer bis Münster. Umsonst hatten die Walliser über den Simplon mit den Gsterreichern in Gberitalien Verbindung gesucht. Erst als das Land bezwungen war, rückten die Österreicher heran, und nun wurde das unglückliche Gber- wallis Tummelplatz von zwei fremden Kriegsheeren, welche die Bewohner bis auf den letzten Faden ausraubten. Nach viermonatlichen Kämpfen blieben die Franzosen Herren des lvallis. Der Widerstand der Einheimischen war gebrochen, das österreichische Heer über die Grimsel und die Furka verschwunden. Der französische General Xaintrailles ließ nun seine zuchtlosen Banden nach Herzenslust sengen und brennen, rauben und plündern. Arbeitende Bauern wurden erschossen, zitternde Greise und Frauen scharenweise in enge Gefängnisse eingepfercht und monatelang den entsetzlichsten Leiden ausgesetzt. Da der General nirgends bares Geld auf- treiben konnte, ließ er Getreide, Vieh und Wertsachen zusammenraffen 208 und an die Händler verkaufen. Was man nicht verschachern konnte, wurde verdorben und vernichtet. In Leuk verzehrten die Flammen 513 Häuser, im Bezirk Vrig allein gegen 1000 Hofstätten. Was die Österreicher, die als „Freunde des Landes" eingerückt waren, übrig ließen, fraßen die Franzosen kahl. Noch heute führt der Gommer das Sprüchlein im Munde „er frißt wie ein Kaiserlicher". Ein Kommissär meldete am 4. August 1799 dem Direktorium, außer Luft und Wasser sei alles vernichtet. Es bedürfe der Entsendung von Kolonien, um das Gberwallis wieder zu bevölkern. Erst im herbst wagten es die Frauen und Kinder, von ihren Alpen herunterzusteigen, um in ihren Wohnstätten weder Tür noch Fenster, Hausgeräte noch Arbeitswerkzeug mehr zu finden. Keller und Speicher waren geleert, die Dörflein, die man verschont, bis auf die kahlen Wände ausgeraubt. Schon anfangs August war die Not im Wallis so groß, daß fünfzehn Soldaten der französischen Armee verhungerten. Die Lauern nährten sich von Holunderbeeren und Kräutern. 326 Waisenkinder fanden Ausnahme im Waadtland, in Freiburg und Lolothurn. Als im August 1914 der europäische Krieg ausbrach und die schweizerische Armee ausmarschierte, erhob sich in allen Dörflein des Wal- liserlandes ein furchtbares Wehklagen, denn der Krieg bedeutete Elend und Not und weckte aus einen Schlag die blutig-rote Erinnerung an den namenlosen Jammer und die Oualen der Franzosenzeit. Uriegselend Im Jahr 1799 vereinigten Rußland und Österreich sich gegen Frankreich, und der Schauplatz ihrer Kämpfe wurde die Schweiz. Die französische Regierung drängte die Bündner zum Anschluß an die helvetische Republik. Da riefen diese die Österreicher ins Land. Massena, der Schauenburg ablöste, stieg über den Luziensteig nach Bünden und bezwäng im verein mit seinem kühnen Untergeneral Lecourbe Rätien sowohl als auch veltlin. Allein nun wandte sich das Wafsenglück. Nordwärts und südwärts der Alpen erlitten die Franzosen Niederlagen, und Bünden wurde ihnen entrissen. Der österreichische Erzherzog Karl schlug die Franzosen Nassenas in der ersten Schlacht bei Zürich. An seine Stelle trat der unfähige Russe Korsakoff. Suworoff, der Sieger in Gberitalien, sollte die Alpen überschreiten, sich mit Korsakoff verbinden und in gemeinsamen Operationen die Franzosen aus der Schweiz vertreiben. 14 Jegerlehner, Geschichte 209 Während Suworosf den Befehl ausführte und sich durch die Alpen einen Weg bahnte, fiel Massen« in der zweiten Schlacht bei Zürich über Rorsakoff her und brachte ihm eine vernichtende Niederlage bei. Ebenso glücklich operierte Lecourbe aus der Grimsel und an der Schöl- lenen gegen die Österreicher. Als Suworosf aus dem Gotthard erschien, .waren seine verbündeten geschlagen und verdrängt. In mühseligen Rümpfen hatte er sich den Übergang über den Gotthard erzwungen. Die Schöllenenschlucht aber war durch Lecourbe gesperrt worden. Suwo- roff, den seine Soldaten wie ein höheres Wesen verehrten, brachte unter den erstaunlichsten Schwierigkeiten seine tessinischen Maultiergespanne und die Artillerie unterhalb der Teufelsbrücke über die Neuß und erreichte drei Tage später den Urnersee bei Flüelen. Die Truppe war erschöpft und ausgehungert und der Feldherr staunte, daß der Weg hier plötzlich zu Ende war, denn die Axenstraße bestand ja noch nicht, und aus den schmalen Felsenpfad getraute er sich nicht. Die Franzosen hatten alle Schisse entfernt. Kurz entschlossen "bog Suworosf nach Norden aus und stieg über den Rinzigpatz. Im Muotatal erreichte ihn die Runde von der Niederlage Rorsakosss. Die Franzosen verwehrten ihm den Ausgang nach Schwyz, und so klomm er der Truppe voran über den Pragelpaß gegen Glarus. Das Verhängnis ließ ihn nicht mehr los. Auch hier standen die Franzosen schon zu seinem Empfang bereit, und jetzt blieb ihm nur die Wahl, sich zu ergeben oder nochmals in die Schrecken des Gebirges zu flüchten. Er wählte den Weg der Ehre, und der siebzigjährige Mann mit dem eisernen Willen überstieg anfangs (Oktober die verschneiten höhen des panixer, wo die Saumtiere und der Nest seiner Artillerie zurückblieben und ein großer Teil seiner Truppen elendiglich zugrunde ging. Bald darauf erlag Suworosf den Folgen der Überanstrengung, und die Schweiz blieb in den Händen der Franzosen. Die Feder sträubt sich, das Elend in den Gebirgstälern zu schildern. In den Waldstätten sowohl als auch im Nhonetal war kein Rrümlein Brot und kein Rörnchen Salz mehr zu finden. Das Urserental mußte in einem Jahr 861700 Nationen liefern. Aus die Feuerstelle betraf es oft 20, 30 und 40 hungrige Soldatenmäuler, die überall aus Rosten des Landes sich ernährten. Ein kleines Dorf im Ranton Freiburg, das von der Nepublik nicht ein Stück Brot erhielt, brachte sechs Monate lang 25000 Nationen auf. Bergauf und -ab nagte das Volk am Hungertuch. Tausende elender, halbverhungerter Gestalten, worunter ehe- 210 Suworoffs Truppen auf dem Panixerpatz ZML malige Sandammänner und Ratsherren, erschienen in den Städten und bettelten um Almosen. Aus den Kantonen Waldstätten, Säntis und Linth wanderten 4500 Kinder, die sonst vor Hunger gestorben wären, in die Städte des Unterlandes aus. Nicht die Freiheit, nur die Csualen und die Seufzer eines ausgeraubten und zur Verzweiflung gehetzten Volkes hatten die fremden Heere dem Schweizerlande gebracht. Die Mediation Wie Gichbäume im Unterholz ragten die Männer aus dem Volk heraus, die Mittel und Wege suchten, um die Massen aus den Nöten und Drangsalen der Zeit zu heben. Der schweizerische Minister Ztapser plante eine gründliche Neuordnung des Schulwesens und Einrichtungen, die den Morast und den Schlamm des Elends entfernen oder doch zur Not verdecken sollten, hellseherischen Blickes sprach er auch schon von einem Sandesmuseum und einer Sandesbücherei. Doch wo sollte die helvetische Republik das Geld dazu hernehmen, das nicht einmal langte, um der schreiendsten Not den Riegel vorzuschieben! Späteren Geschlechtern 14 * 2N blieb es vorbehalten, die hohen Gedanken Stapsers in die Tat umzusetzen. Ein anderer Mann war Joh. Konrad Lscher. Zur Zeit der Schlacht von Näfels floß die Linth in den Walensee. Später wurde sie in die Maag geleitet. Zwischen dem Walen- und dem Zürchersee flössen die Wasser fast uferlos durch Sumpf und Morast und verwandelten das Land in eine Brutstätte von Fieberseuchen. Der Zürcher Hans Konrad Lscher faßte nun den großen Entschluß, dem unglücklichen Land ein Retter zu werden. Er leitete die Linth durch den Molliserkanal in den Walensee und verband die beiden Seen durch den Linthkanal. von früh bis spät an der Arbeit, opferte er diesem Werke, das fünf Jahre nach seinem Tode vollendet wurde, Gesundheit und Leben. Die Tagsatzung verlieh ihm und seinen männlichen Nachkommen den Ehrentitel „Lscher von der Linth", und am Biberlikops preist sein Werk eine Gedenktafel mit den Worten: Dem Wohltäter dieser Gegend, Joh. Ronrad Lscher von der Linth, geb. den 24. Rüg. 1767, gest. den 9. März 1823, Die eidgenössische Tagsatzung. Ihm danken die Bewohner Gesundheit, Der Fluß den geordneten Laus. Natur und Vaterland hoben sein Gemüt. Lidgenossen, Luch sei er ein Vorbild! Andere vaterländische Werke entstanden in dieser Zeit keine. Die Schweiz bot das Schauspiel einer kläglichen Zerrissenheit und Zwietracht. Zwei große Parteien, die Unitarier oder Freunde des Einheitsstaates und die Föderalisten oder Rnhänger des Staatenbundes, die bis 1874 unter verschiedenen Namen im großen und ganzen dieselben blieben, lagen beständig in Hader und Fehde. Wenn die eine den Kopf hochhielt, kam die andre und duckte ihn nieder. Im Frieden von Lunsville 1801 räumte Napoleon, der unterdessen . zum ersten Konsul Frankreichs emporgestiegen war, den Schweizern wiederum das formelle Recht ein, die staatlichen Verhältnisse nach ihrem Gutfinden zu ordnen. Das wurde auch mehrmals versucht, doch die Staatsverfassung, welche die eine Partei vorschlug, fand bei der andern nur Hohn und Verachtung. 212 Mitten in den verfassungs- wirren zog Bonaparte die französischen Truppen zurück, worauf jeder tat, was ihm beliebte. Überall brachen Empörungen los. Bauernhaufen drangen mit Stöcken und Knüppeln gegen Bern und vertrieben die eidgenössische Regierung nach Lausanne. Das war der Steckli- krrieg. Napoleon sandte einen General mit 12000 Franzosen in die Schweiz und trug die „Vermittlung" an. Sechzig angesehene Männer reisten nach Paris, um mit dem ersten Konsul eine neue Verfassung zu beraten. In seiner Ansprache verriet Napoleon eine merkwürdig genaue Kenntnis der schweizerischen Verhältnisse. „Ihr habt euch drei Jahre gezankt, ohne euch zu verstehen," sagte er zu den schweizerischen Gesandten. „Ie mehr ich über die Beschaffenheit eures Landes nachgedacht habe, desto stärker ergab sich für mich aus der Verschiedenheit eurer Bestandteile die Überzeugung der Unmöglichkeit, es einer Gleichförmigkeit zu unterwerfen. Alles führt euch zum Föderalismus hin. Die Schweiz kann keine bedeutende Rolle mehr unter den Staaten Europas spielen, wie zu der Zeit, wo keine großen Nachbarn neben ihr standen. Damals wog eine eurer Munizipalitäten an Macht einen herzog, die persönlich unter der Fahne vereinigte Tapferkeit eurer Völker halbe Heere auf. Jetzt ist es anders. Glückliche Ereignisse haben mich an die Spitze der Regierung gerufen, und doch würde ich mich für unfähig halten, die Schweizer zu regieren. Wäre der erste Landammann von Zürich, so wären die Berner unzufrieden,'wählt ihr einen Berner, so schimpfen die Zürcher. Wählt ihr einen Protestanten, so widerstehen alle Katholiken, und so wieder umgekehrt." Über die Köpfe der helvetischen Lonsulta hinweg gab er der Schweiz die Mediationsverfassung oder Vermittlungsakte, die an die Stelle des Einheitsstaates wieder den alten Staatenbund aufleben ließ, jedoch in lWNKäv BScHBK von VLK. DINl» 213 völliger Rechtsgleichheit, also ohne Untertanenländer. Zu den dreizehn alten Grten kamen die aus ehemaligen Zugewandten und Untertanen gebildeten sechs neuen Uantone St. Gallen, Graubünden, Rargau, Thurgau, lvaadt und Tessin. Genf wurde französisch, lvallis als selbständige Republik von der Schweiz losgetrennt und l8lO als Oäparts- wevt clu Limplon mit Frankreich vereinigt. Den Rantonen unterstanden neuerdings Militär, Post, Münze und Zoll, und in den Städtekantonen saßen die Patrizier mit Behagen in die alte schwervermißte Herrlichkeit hinein. Die Tagsatzung feierte unverdient ihre Ruferstehung aus dem Grabe, und die weißen Halskrausen, seidenen Strümpfe und Schnallenschuhe wiesen unzweideutig nach der guten alten Zeit des gnädigen Herrentums. Napoleon gab der Schweiz wohl den Schein der Selbständigkeit zurück, verlangte aber dafür ein Bündnis, das ihm vier Regimenter Schweizersöldner zu 4000 Mann garantierte. Da es den Behörden unmöglich war, so viele Leute aufzutreiben und die Bestände lückenlos zu halten, begnügte er sich zuletzt mit 12000 Mann. Die Hälfte davon verblutete oder erfror 1812 aus den russischen Schlachtfeldern. Die Schweiz, die von 1803—13 zehn Jahre der Ruhe und des Friedens genießen und sich von den Schlägen der Rriege erholen konnte, blieb im.Schlepptau der napoleonischen Politik. In kriecherischer Demut beugten sich die Herren vor dem mächtigen Kaiser, und zu jedem Siege wünschte ihm die Tagsatzung Glück und Gottes Segen. Rls ihm 1810 ein Sohn geboren wurde, feierte man das Ereignis in der Schweiz mit Glockengeläute und Kanonendonner. Napoleon I. 214 Schweizer Militär in ausländischen Diensten 1. Hauptmann in sizilianischen Diensten 1850—58. 2. Lchweizergarüe in Frankreich 1820—30. 3. Hauptmann der englischen Schweizerlegion 1856. 4. Schweizergarde unter Papst pius IX. Ordonnanz Verletzung der Neutralität Nach der entscheidenden Niederlage bei Leipzig 1813 zog Napoleon mit seiner geschlagenen Armee nach Frankreich zurück. Die verbündeten Sieger folgten ihm hart auf dem Fuß. Statt bei Basel nach Westen aus- zubiegen, fanden sie es vorteilhafter, durch die Nord- und Westschweiz zu stoßen und Frankreich an der offenen Juraflanke anzufallen. Die Tagsatzung faßte vorerst den Entschluß, neutral zu bleiben, und sandte den General von Wattenwyl mit 15000 Mann an den Rhein. Die schweizerische Neutralität paßte den verbündeten aber nicht in den Plan. Wenn Frankreich sich zu allen Zeiten frech darüber hinweggesetzt hatte, warum sollten sie der Schweiz zuliebe eine Ausnahme machen? Metternich und die österreichischen Heerführer wußten auch, daß den schweizerischen Patriziern der Einmarsch erwünscht war, indem diese daran die Hoffnung knüpften, die verlorenen Vorrechte und Herrscherwürden zurückzugewinnen. Die von Napoleon niedergehaltene schwache Wehr der Eidgenossen wäre kaum imstande gewesen, den Übergang der 215 vonaparte zieht, von Italien kommend, durch Basel nach Rastatt 1747 fremden Heere zu verhindern. Als General von Wattenwyl von der Tagsatzung den Befehl erhielt, seine Truppen von der Grenze zurückzuziehen, war mancher brave Soldat so tief gekränkt, daß er seine Waffe zerbrach. So überschritten denn Mitte Dezember 1813 160000 Österreicher und Bussen die Nheinbrücken zwischen Lglisau und Basel, das einem Heerlager glich. Tag und Nacht rasselten Truppen aus Österreich, Rußland, Preußen, Bayern, Hessen, Württemberg, England und Spanien durch die Straßen und belegten die Häuser. Bis zum 20. Juni 1814 verzeichnete man in Basel nahezu 800000 Verpflegungstage, die selbstredend bei weitem nicht alle vergütet wurden. Unter den fremden Gesellen hausten die Kosaken am schlimmsten. Ein Augenzeuge schrieb darüber: „Dieser Horde wurde der Kreuzgang des Münsters als Pferdestall überlassen, von wo sie in einer Nacht zu Anfang Februar in das Münster eindrangen, da die Laternenseile zerschnitten, das Kanzeltuch wegrissen und im sogenannten Doktorsaal die B.anküberzüge und die 216 Decke des Rednerstuhles raubten. Um dieselbe Zeit plünderten sie die Arlesheimer Mühle aus, wobei mehrere Münchensteiner Bürger ihr Getreide verloren. Um schlimmsten aber ging es vor den Toren zu, wo in den Landhäusern nichts mehr sicher war. Rebhäuslein, Gartenzäune, selbst Fenster- und Türgestelle wurden als Brennmaterial weggerissen,' den Lehnsleuten wurde alles gestohlen, Geld und Uhren, Mein, Kleinvieh, Früchte und Tuch, und dies nicht etwa nur an einem Grt, sondern von allen Leiten ertönten die lebhaftesten Klagen. Diese Zustände benützte auch das die Armee begleitende Gesinde!, um zu seinen Lachen zu gelangen. 5 o brach eine als Kosaken verkleidete Räuberbande in das vor dem 5 t. Johannstor gelegene Baus des Torschreibers Beck ein und raubte es vollkommen aus, daß der Besitzer, weil dadurch völlig verarmt, den Rat um die Erlaubnis anging, in der Ltadt kollektieren zu dürfen. Jedem hohen Offizier bis zum Obersten hinunter sollte das gewöhnliche Frühstück des Morgens und Mittags ein Tssen, bestehend aus Luppe, Rindfleisch, Gemüse und Beilage, Ragout, Mehlspeise, Braten und Lalat, Dessert und Vz Maß mit Umgehung aller Anforderung von fremden Getränken, vorgesetzt werden. Für das Abendessen wurden verlangt: Luppe, Ragout, Braten und Lalat. Räch diesem Speisezettel war ein Divisionskommandant berechtigt, zwölf Louverts zu verlangen, ein Brigadekommandant sechs und ein Oberster vier. Etwas einfacher lauten die Vorschriften für die Verpflegung der weitern Offiziere. Den gemeinen Soldaten war man verpflichtet, des Morgens ein Gläschen Branntwein oder einen Schoppen Mein nebst einem halben Pfund Brot zu geben, des Mittags Suppe, Zugemüse, 1/2 Pfund Rindfleisch, ebensoviel Brot, einen Schoppen Wein oder eine halbe Maß Bier,' abends erhielten sie Zugemüse, 1/2 Pfund Fleisch, Vs Pfund Brot, nebst dem nämlichen Ouantum Wein und Bier. Fast als ein Wunder kann es bei diesen vielfachen Ansprüchen erscheinen, daß doch in den meisten Fällen das Nötige zusammengebracht wurde. Freilich war dazu eine ganze Anzahl von Maßregeln notwendig, welche in gewöhnlichen Zeiten niemals ertragen worden wären." Die Kaiser von Rußland und Österreich und der König von Preußen bezogen Ouartier in Basel, das im geheimen gern aus die ungebetenen Gäste verzichtet hätte. Wenn die Laster heute in ihren Geschichtsblättern die dunkelsten Seiten aufschlagen, so lesen sie die Kapitel über das Erdbeben und die Pest und von den Greueln der Armagnaken, und 2l7 dann folgt gleich das Jahr l813/l4 mit dem Einmarsch der fremden Heere. Der Bundesvertrag Nachdem die Verbündeten den Rhein überschritten hatten, fiel die Mediationsverfassung wie ein Kartenhaus zusammen. Die Verner- regierung dankte ab und überließ den Regenten, die vor l798 am Ruder waren, die Gewalt. Schmunzelnd griffen sie zum Barett und Herrscherstab und verkündeten, daß sie dem Willen der göttlichen Vorsehung gemäß die Untertanengebiete der Waadt und des Aargau wieder herstellen werden. Rllein die neugeschaffenen Kantone hatten keine Lust, Knecht und Büßer zu werden- auch die Tagsatzung in Zürich nahm sie in Schutz. Nach monatelangen Beratungen und Vorschlägen, die immer wieder in die Brüche gingen, einigten sich die Mitglieder der Tagsatzung zu einer neuen Verfassung, die drei Abgeordnete dem Wiener Kongreß zur gefälligen Durchsicht und Genehmigung vorlegen sollten. Die Gesandten wurden in Wien gütig empfangen, und als ihre Unfähigkeit sich enthüllte, mit schönen Worten abgespeist. Der Gesandte Genfs nannte die Abordnung der Tagsatzung einen Jammer. Die Schweiz habe nicht nötig, sich noch lächerlicher zu machen. Zu der offiziellen Vertretung der Tagsatzung hatten nämlich auch noch Kantone und einzelne Städte ihre Vertrauten geschickt, so daß die Gesandten der Schweiz am Kongreß selber einen Kongreß bildeten. Von deutschen Diplomaten wurde denn auch unverfroren die Meinung geäußert, man solle die Schweiz und Holland mit Deutschland vereinigen. Dagegen wehrte sich Frankreich und besonders auch Kaiser Alexander von Rußland, der mit warmen Worten für die Unabhängigkeit der Schweiz eintrat. Seinem Einflüsse verdanken wir es, daß der Wiener Kongreß eine neunzehnörtige Eidgenossenschaft anerkannte und Wallis, Genf und Neuenburg als neue Kantone angliederte. Bern wurde für den Verlust der Waadt und des Aargau mit der Stadt Biel und einem Teil des ehemaligen Bistums Basel entschädigt. Veltlin, Worms und Tläven, das die Bündner beanspruchten, blieb bei Österreich und ging den Schweizern für alle Zeiten verloren. In den lärmenden Festjubel des Kongresses in Wien schlug wie ein 2l8 Übergabe der Brücke von Hüningen bei Basel 1797 VML Blitz aus blauem Himmel die Runde, daß Napoleon am l. März 1815 die Insel Elba verlassen und auf französischem Boden gelandet sei. Der Kongreß löste sich aus, und die drei schweizerischen Gesandten kehrten nach Hause zurück. 5ln dem Kriegszug der Mächte gegen den Ruhestörer nahm auch die Zchweiz teil, indem ein Heer von 25000 Mann in Burgund einfiel und an der Belagerung der Feste hüningen bei Basel mithalf. Nach dem Liege bei Materloo traten die verbündeten zum zweiten pariser Frieden zusammen. Die Tagsatzung sandte diesmal den gewandten und klugen Genfer pictet de Rochemont als ihren Vertreter nach Paris. Mit dem Entwurf einer Neutralitätserklärung in der Tasche, reiste er ab und erhielt nicht nur die Zustimmung der Mächte, sondern noch eine schöne Nbrundung des genferischen Gebietes. Der Neutralitätssatz lautet: „Die Mächte anerkennen durch die gegenwärtige rechtskräftige Urkunde, daß die Neutralität und Unverletzbarkeit der Zchweiz, sowie ihre Unabhängigkeit von jedem Einfluß dem wahren Interesse aller europäischen Ltaaten entspreche." Buch Nordsavoyen wurde mit folgenden Worten in die schweizerische Neutralität eingeschlossen: „Die Provinzen Lhablay und Faucignq und alles von Ugine nördlich gelegene Land sollen in der durch alle Mächte gewähr- 219 leisteten schweizerischen Neutralität inbegrissen sein; das heißt, daß, so oft die der Schweiz benachbarten Mächte sich im Zustande wirklich aus- gebrochener oder unmittelbar bevorstehender Feindseligkeiten befinden werden, die Truppen 5r. Majestät des Königs von Sardinien, welche allfällig in jenen Provinzen stehen möchten, sich zurückziehen und dafür, wenn es notwendig ist, ihren Weg durch das Wallis nehmen können; daß Keine andern bewaffneten Truppen irgendeiner Macht sich dort aufhalten oder durchziehen können, mit Ausnahme derjenigen, welche die schweizerische Eidgenossenschaft daselbst aufzustellen für gut finden würde." Im August 1815 beschwor man feierlich den neuen Bundesvertrag in Zürich. Tr blieb bis 1848 in Kraft. Als Siegel des neuen Bundes wählte man das von den Wappen der zweiundzwanzig Kantone umkränzte weiße Kreuz im roten Feld. Die oberste Behörde war wiederum die Tagsatzung. Doch größer als ihre Befugnisse waren die der Kantone. Sie durften auch fürderhin Zölle erheben und das Münz- und Postwesen nach eigenem Ermessen organisieren. So bildete sich die seltsame Erscheinung, daß ein Bries von Gens nach St. Gallen einen Franken kostete, mehr als für die Neise von Konstantinopel bis Gens. Waren, die von Gens nach Schasfhausen gehen sollten, führte man lieber durch Frankreich oder Deutschland, um die vielen Zölle, Weg- und Brückengelder zu umgehen. St. Gallen schickte seine Leinwand nicht aus dem geraden Wege über Genf, sondern über Ludwigshasen und Straßburg nach Schon und statt über die Schweizerpässe lieber über das Stilfserjoch nach Mailand und Genua. Zwei Bestimmungen des Fünfzehnervertrages führten später zu verhängnisvollen Schritten. Die eine lautet: Es sollen unter den einzelnen Kantonen keine dem allgemeinen Bund oder den Rechten anderer Kantone nachteilige Verbindungen geschlossen werden. Gder mit andern Worten, Verbindungen untereinander sind statthaft, wenn sie dem Bund und den andern Kantonen nicht nachteilig sind. Die andere Bestimmung hieß: Der Fortbestand der Klöster und die Sicherheit ihres Eigentums, soweit es von den Kantonsregierungen abhängt, sind gewährleistet. Über diesen beiden Verfügungen ballte sich das Ungewitter zusammen, das im Sonderbundskrieg mit Blitz und Donner sich entlud. Die Kantone waren durch den Bundesvertrag wieder beinahe allmächtig, die Tagsatzung macht- und wehrlos geworden. Deshalb sank das Ansehen der Schweiz im Ausland bis zur Mißachtung. 220 Die Spanne von 1815—30 war in ganz Europa eine Zeit des Still- standes und Rückschrittes. Die Fürsten behandelten ihre Völker als recht- und wehrlose Untertanen, die gehorchen, schweigen und Steuern bezahlen. In Österreich und in den deutschen Staaten lauerte hinter jedem Bürger der Polizeibüttel. Wehe dem, der sich erfrechte, eine eigene Meinung zu haben oder gar freiheitliche Ideen zu verbreiten. Metter- nich, der allmächtige Staatenlenker in Wien, regierte bis ins Schweizer- ländchen hinein. Lr verlangte Rusweisung der deutschen politischen Flüchtlinge, die in der Schweiz ein Rspl suchten. Die eidgenössische Behörde fand nicht den Mut zu sagen: „Herr Minister, das geht nur uns etwas an", sondern ermähnte die übrigen Stände, „dem Treiben der Fremden durch strenge Maßnahmen ein Ende zu bereiten". Nachdem der Papst im Jahre 1814 den aufgehobenen Jesuitenorden wieder in Recht und Ehre eingesetzt hatte, kehrten die Jesubrüder in die Schweiz zurück und suchten von Freiburg und Wallis aus den Protestantismus an der Wurzel zu fassen und jede Neuerung zu hintertreiben. In Freiburg nahmen sie die Leitung der höhern Schulen in die Hand und verdrängten den edlen Pater Girard, den pestalozzi der Westschweiz. Der Restaurationszeit von 1815—30, einer Periode der Wiederherstellung vorrevolutionärer Zustände, dürfen wir gleichwohl nicht jede Bedeutung absprechen. Der Bundesvertrag stellte die Verbindung mit der alten Eidgenossenschaft wieder her. Man trat wohl in die alten Geleise, blieb aber im Rufschwung der letzten fünfzehn Jahre und streute den Samen aus, der nach den verfassungskämpsen der dreißiger Jahre zu Halm und Blüte gedieh. Das innere Leben der Schweiz erstarkte zu Fleisch und Bein und einem entschlossenen vorwärts. Die helvetische Gesellschaft trat wieder ins Leben und vereinigte die edlen Männer am Tisch der Freundschaft und Eintracht, viel schärfer als zuvor verlangte sie Volksherrschaft und freies Schweizertum. In einer Sitzung in Glten sprach man es offen aus: RIle Regierungen müssen es anerkennen, daß sie bloß aus dem Volke, durch das Volk und für das Volk geschaffen sind. Rus dem Schoße dieser Vereinigung ging die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft hervor, die schweizerische Mu- sikgesellschast, die schweizerische Rünstlerschast, die geschichtssorschende und naturwissenschaftliche Gesellschaft. Rn der Resormationsfeier in Zürich wurde der schweizerische Zofingerverein gegründet, der die Blüte der studentischen Jugend unter die Banner der Volksherrschaft und einer kräftigen Zentralgewalt im Vaterlande stellte. Im Jahre 1824 emp- 221 Die Gründer der helvetischen Gesellschaft ION NIMl,' -VK8 SEtt^k- I5/^c I8LM M-LL WWW^MMLWWWI^WWW WWWWMMMMM^WWWW fing Narau die Schweizerschützen zum ersten schweizerischen Freischießen. Den völligen Zusammenbrach der Geschlechterherrschaft und die politische Freiheit führte jedoch erst die Julirevolution herbei. Der Umschwung in den Kantonen Als im Jahr 1830 die vonnerschläge der Julirevolution aus Paris niederbrachten und der Sturm den unwürdigen Bourbonen Karl X. vom Throne fegte, ging es wie ein Schüttern durch ganz Europa. Gb dem Beben unter den Füßen griffen die Machthaber bleich und blaß an ihre Zackenkronen. In Belgien und in polen brachen blutige Bevolutionen aus, in Spanien, Italien und England drohende Erhebungen, in der Schweiz Nufstände des Volkes, die den zitternden Regierungen das heft aus der Hand rissen und eine Verfassungsänderung herbeiführten. „Der Hahn hat gekräht, die Morgenröte bricht an, Thurgauer wacht aus, gedenket eurer Lnkel und verbessert die Verfassung". Die Worte des jungen Pfarrers Bornhauser hallten über alle Berge und drangen wie ein Weckruf bis in die obersten Täler. Nach einer Volksversamm- 222 lung in Weinfelden erhielt der Thürgau als erster Kanton in der Schweiz eine neue freiheitliche Verfassung. Das Zürchervolk trat in Uster zu einer gewaltigen Landsgemeinde von 12000 Stimmen zusammen. Auch Zürich erhielt eine Verfassung, die den Volkswünschen entsprach, und bestellte seine Regierung aus den feinsten Köpfen von 5ladt und Land. Fast in allen Städten riefen nun die Führer zu großartigen Volkstagen, wo Selbstregierung der Massen wie Helles Trom- petengeschmetter aus allen Reden tönte. In den Kantonen St. Gallen, Luzern, Solothurn, Rargau, Waadt und Freiburg räumten die alten Regenten ihre Plätze den Volksvertretern. Im Kanton Bern stellten sich die drei Brüder Schnell aus Burgdorf an die Spitze der Bewegung. Der große Rat von Bern zählte 200 Mitglieder aus den regimentssähigen Familien und 99 vom Lande. Mit den Waffen glaubte man die Rebellen niederhalten zu können. Schon ging das Gerücht, die Regierung lasse Rote, das heißt aus Frankreich heimgekehrte, rotgekleidete Schweizersöldner, aufbieten. Die Seeländer rüsteten sich daraufhin zum Sturm aus die Stadt. Die Führer der Volksbewegung begehrten kein Blutvergießen und kamen der Gewalt Zuvor, indem sie aus den Tag der Erhebung zu einer Volksversammlung nach Münsingen einluden. 1200 Mann erschienen in der Kirche, und Hans Schnell eröffnete die Ansprachen mit den Worten: „Laßt uns durch Ruhe und Mäßigung diejenigen beschämen, die uns mit Kartätschen begegnen wollen." Räch der erhebenden Tagung in Münsingen legten die Patrizier ihre Rmter nieder, zogen sich grollend von der Politik zurück, und jetzt trat auch Bern in die Reihe der Kantone, die eine den Bedürfnissen der Zeit entsprechende Verfassung erhielten. Es waren deren zwölf. Die Behörden berieten nun bei offenen Türen. Der Willkür und unmenschlichen härte in der Gerichtssprechung war ein fester Riegel vorgestoßen. Der Staat sorgte für den öffentlichen Unterricht und führte die Schulpflicht ein. Zürich und Bern erweiterten ihre Akademien zu Universitäten. Das Bürgertum nahm dankbar die persönlichen Freiheiten an, die man ihm wie in der Zeit der helvetik wiederum bot, denn jetzt, erst jetzt, empfanden sie es als einen Segen, weil die oberste Freiheit, die Unabhängigkeit des Vaterlandes, nicht mehr durch französische Bajonette niedergehalten wurde, sondern vom Jura bis zu den Alpen fessellos sich entfalten konnte. Richt in allen Kantonen vollzog sich der Umschwung in friedlicher 223 putsch zwischen Basiern von Stadt und Land zu Gelterkinden 1832 »M »»>>«» Arbeit am grünen Tisch. Im Kanton Basel erhob sich die Landschaft gegen die Stadt, die damals 12000 Einwohner zählte. Die Tagsatzung beendete den blutigen Zwist, indem sie Stadt und Land in zwei halb- kantone trennte, die jedoch der Eidgenossenschaft gegenüber, ähnlich wie die beiden Unterwaiden und Appenzell, nur einen Kanton darstellten. In Schwpz gelang es ihr, eine Versöhnung herbeizuführen, bevor das Land in zwei Teile sich schied. Den Aufstand in Neuenburg, wo die Tagsatzung zum drittenmal einschreiten mußte, betrachten wir in einem andern Zusammenhang. Die Flüchtlinge Mißtrauisch blickten die fremden Staaten aus den Umschwung in den Schweizerkantonen und den überall sich reckenden Freisinn. Als deutsche und italienische Flüchtlinge in der Alpenrepublik ein Asyl suchten und gegen die Knebelung jeder freien Regung in ihrem Mutterland Protest einlegten, was nicht immer mit Takt geschah, nannten die fremden Regierungen die Schweiz einen Herd von Verschwörern. Der Italiener Giuseppe Mazzini schwärmte für eine freie, italie- 224 nische Republik. Er verleitete eine Schar polnischer Flüchtlinge, die aus Frankreich in die Schweiz geflohen waren, zu einem Zug nach Sa- voyen, um den, König von Sardinien-Piemont vom Throne zu stürzen. Der putsch mißlang. Wien, Paris und Berlin sandten Drohbriefe an die Tagsatzung, und der Vorort Zürich ließ sich durch einen Gesandten beim König von Sardinien-Piemont fußfällig entschuldigen. In geradezu empörender Art benahm sich Louis Philipp, der Bürgerkönig von Frankreich. Er sandte Spione in unser Land, die sich unter die Flüchtlinge mischten und zu dummen Streichen aufhetzten. Einen solchen Spitzel entlarvte man in der Person eines gewissen Tonseil. Statt sich zu entschuldigen, drohte Louis Philipp mit einer Armee. Die Tagsatzung tat einen zweiten Kniesall und ließ alle verdächtigen Flüchtlinge entfernen. Erst im sogenannten Napoleonhandel vom Fahr 1838 raffte sich das Schweizervolk zu mannhafter Entschlossenheit aus. Louis Napoleon, der spätere Kaiser, war ein Neffe Napoleons I. Er bewohnte mit seiner Mutter hortense das Schloß Nrenenberg im Thurgau. Der junge Napoleon besaß das Lhrenbürgerrecht einer thurgauischen Gemeinde und war in der Schule vufours bernischer Artilleriehauptmann geworden. Im Jahre 1836 versuchte er von Straßburg aus einen Handstreich gegen Louis Philipp, der mißlang. Napoleon wurde nach Amerika verbannt, kehrte aber bald zu seiner schwerkranken Mutter nach Arenen- berg zurück. Die französische Regierung gebot der Tagsatzung, Louis Napoleon des Landes zu verweisen. Gegen dieses Ansinnen erhob sich endlich das nationale Empfinden zu einem flammenden Protest. In der Tagsatzung erklärten die Waadtländer Monnard und der Genfer Ri- gaud, das Vaterland dürfe nicht zum Rang einer französischen Provinz Herabsinken. Französische Truppen sammelten sich an der Schweizergrenze. In der Waadt, in Gens und in der übrigen Schweiz loderte helle Entrüstung empor. Städter und Bauern, Hirten und Sennen griffen zum Schwert. Da verließ Napoleon freiwillig die Schweiz, um ihr den Krieg zu ersparen. Putsche und Lreischaren Strammes Marschtempo, geistige und politische Unabhängigkeit des Vaterlandes, Schutz des Staates gegen die Übergriffe der Kirche, das 15 Jegerlehner, Geschichte 225 war die Parole der liberalen Partei. Die Konservativen wünschten langsam und bedächtig vorwärts zu schreiten und am guten Alten festzuhalten. In den katholischen Kantonen bildete sich die Partei der Klerikalen oder Ultramontanen. Ihre Berater waren die Klerikalen oder Geistlichen, und sie schauten Ultra, inoutos, über die Berge hinüber nach Rom und stellten die Kirche über das Vaterland. In religiösen Dingen wurde weniger mehr der Katholik gegen den Protestanten ausgespielt als vielmehr katholische und protestantische Kechtgläubigkeit gegen den Liberalismus. Der Zürcherputsch vom Jahre 1839 legte zwischen die Liberalen und die Konservativen einen tiefen Kitz. Wie in Lern hatte die Zürcher Legierung ein Lehrerseminar und eine Hochschule gegründet. Das Land beklagte sich über den Schulzwang, die Steuervermehrung, die Abschaffung der alten Lehrbücher und die Einführung von neuen Unterrichtsfächern. Das Tempo, in dem vorwärtskutschiert.wurde, war den meisten zu schnell. Line wilde Aufregung bemächtigte sich der Gemüter, als der deutsche Gelehrte Dr. David Friedrich Strauß als Professor der christlichen Glaubenslehre nach Zürich berufen ward. Lr hatte über das Leben Jesu ein freigeistiges Buch veröffentlicht, worin er die Wunder als fromme Lage darstellte. Nicht nur aus dem Lande, sondern auch in der Stadt fürchteten die Bürger, Strauß werde nun kommen und den Glauben der väter ausrotten, die Bibel verwerfen und Gott verleugnen. Trotzdem die Regierung den Professor pensionierte, bevor er sein Amt antrat, erging vom Lande her der Sturm auf die Stadt. Die liberale Regierung dankte ab und überließ das Steuer den Konservativen. Zwei Jahre später wurde auch der Aargau in den Wirbel eines Putsches hineingerissen. Der Kanton gab sich eine neue liberale Verfassung, mit der das katholische Freiamt nicht einverstanden war. Die Mönche und die ultramontanen Parteihäupter hetzten das Volk zum Ausstand. Regierungstruppen schlugen ihn nieder. Die Untersuchung ergab, daß mehrere Klöster zum Ausstande gehetzt und sich daran beteiligt hatten. Deshalb stellte Seminardirektor Augustin Keller im großen Rat den Antrag, sämtliche acht Stifte aufzuheben. Der Antrag wurde 1841 zum Beschluß erhoben und das große vermögen der Mönchs- und Nonnenklöster zu Schul- und Armenzwecken bestimmt. Ein Sturm der Entrüstung brauste durch die katholischen Lande. Sie verlangten die Wiedereinsetzung der Klöster und stützten sich dabei auf den Artikel 12 im Bundesvertrag, der ihren Fortbestand gewährleistete. 226 Die Tagsatzung billigte den Akt der aargauischen Behörde nicht, erblickte darin eine Verletzung der Verfassung, und nun stellten die Äargauer dem Frieden zuliebe die vier Grauen- klöster wieder her. Die Mönchs- stiste jedoch blieben aufgehoben. Damit erklärte die Tagsatzung die Sache für erledigt und abgetan. Doch die sieben katholischen Kantone Uri, Schwyz, Unter- walden, Zug, Luzern, Freiburg und lvallis sagten nein, der Bundesbruch bestehe weiter. Am ärgsten gebärdeten sich die Klerikalen in Luzern. Derpriester- und Jesuitensreund Joseph Leu, ein reicher, hochangesehener Bauer, war der Führer der Ultramontanen aus dem Lande, der Staatsschreiber Siegwart-Müller das Haupt in der Stadt. Über Nacht war der ehrgeizige, früher streng liberale Vorkämpfer ein klerikaler Spekulant geworden. Dr. Segesser urteilt über Sieg- wart: „Ich empfand von Anfang eine gewisse Abneigung gegen ihn. Sein Äußeres war unangenehm. Ein ungewöhnlich großer Kopf, der im Gehen beständig im Tempo des Schrittes hin- und her- wackelte, ein glattes, ausdrucksloses Gesicht, in welchem kleine, graue Augen saßen, aus deren gewöhnlicher Nutze nur bisweilen stechende Blitze schössen, ein Zug um den Mund, der auf kleinliche Gehässigkeiten deutete, etwas Lauerndes, Unheimliches in seinem Wesen waren Äußerlichkeiten, die mir mißfielen." In ihrer Verblendung sahen die Ultramontanen die katholische Religion von Feinden umstellt. Sie suchten sich im Innern zu festigen und gegen die Angriffe der Liberalen zu schirmen. In Luzern wurden alle liberalen Blätter von der Grenze ferngehalten, die Preßfreiheit eingeschränkt, das kantonale Lehrerseminar ins Kloster St. Urban verlegt und einem Dorskaplan zur Leitung übergeben, der nach seiner Wahl selbst bekannte, er verstehe sehr wenig von der Lehrerbildung. Kugustin Keller, gest. 1883 15 * 227 Der Ratsherr Leu schlug vor, die Jesuiten, die schon im Wallis, in Freiburg und Schwyz festsaßen, auch nach Luzern zu berufen. Gut gesinnte Katholiken warnten vor diesem Schritt und erklärten die Berufung als „verrat am Vaterland". Selbst Siegwart-Müller war anfänglich dagegen. Im Jahr l844 versammelte sich die Tagsahung in Luzern. In einer dreistündigen glänzenden Rede kennzeichnete Rugustin Keller den Jesuitenorden und seine Sittenlehre. Die Gesellschaft Jesu unterstehe einem fremden General und kenne nur ein Vaterland, und das sei Rom. Die Grundsätze ihrer Moral untergraben jede staatliche und gesellschaftliche Grdnung. vor keinem Mittel, das den Zweck erreiche, schrecke sie zurück. Ungezählte Male sei der Grden aus verschiedenen Ländern schon ausgewiesen und selbst vom Papste einmal aufgehoben worden. Das ureigenste Ziel der Jesuiten sei die Entwurzelung des Protestantismus, lvo ihr Fuß das Land betrete, ersterbe alle republikanische und vaterländische Gesinnung und wachse das Unheil wie Unkraut aus dem Boden. Die Jesuiten seien deshalb aus der Schweiz zu weisen. Die Klostersrage war plötzlich zur Jesuitenfrage geworden. Die Tagsatzung lehnte den Rntrag Rugustin Kellers ab und billigte die Zulassung der Jesuiten, woraus auch die Luzerner den Grden beriefen und ihm die Leitung des höheren Schulwesens übergaben. Luzern war damals Vorort der Eidgenossenschaft und das herz der katholischen Grte. Die liberalen Luzerner sahen sich verraten und verkauft und nahmen ihre Zuflucht zur Gewalt. In zwei Freischarenzügen suchten sie mit Freunden aus andern Kantonen das verhaßte Jesuitenregiment in Luzern zu stürzen. Beide Rufstände mißlangen und die Kerker füllten sich mit Gefangenen. Die sieben katholischen Grte schlössen einen Son- derbund zum Schutz der katholischen Religion und der kantonalen Hoheit. Siegwart-Müller gründete einen eigenen Kriegsrat, der berufen ward, die neue Verbrüderung zu schirmen. Der Kriegsrat setzte sich in Verbindung mit Frankreich, Österreich und Sardinien, die sogleich bereit waren, mit Geld, Waffen und Munition den bevorstehenden Feldzug zu unterstützen. Die Liberalen konnten nicht länger zusehen und abwarten, bis fremde Truppen die Grenzen bedrohten. Rn der Tagsatzung behaupteten zwar die Freunde des Sonderbundes, der Schutzvertrag richte sich nicht gegen die gemeinsamen Interessen. Die Gegner bewiesen aber klar und bündig, daß der Sonderbund dem eidgenössischen Bundes- 228 vertrag widerspreche. Er sei daher aufzulösen. Leider vereinigte der Antrag bei einem absoluten Mehr von zwölf nur zehn Stimmen. Nicht lange ging es, so vollzog sich in Gens eine politische Umwälzung und bald darauf auch in 5t. Gallen. Die beiden Kantone erhielten sonder- bundsfeindliche Regierungen, und nun war das absolute Mehr erreicht. Im 5ommer l847 eröffnete Gchsenbein, der als Präsident des Vorortes Bern zugleich Bundespräsident war, in der heiliggeistkirche zu Bern die Tagsatzung, von der Mehrheit aus ging der Spruch, der Son- derbund sei aufzulösen, weil er dem Bundesvertrag zuwiderlaufe, und die Kantone Schwyz, Luzern, Freiburg und lvallis wurden eingeladen, den Jesuitenorden auszuweisen. Die sonderbündischen Kantone fügten sich dem Entscheide nicht. 5ie rückten im Gegenteil Schulter an Schulter zusammen, schrien über Vergewaltigung und Tprannentum und trafen umfassende Maßnahmen zur Verteidigung. Die Priester weihten Waffen und Fahnen und verteilten Amulette gegen hieb und Schuß. An die Spitze der sonderbündischen Armee stellten sie den unfähigen und entschlußlosen Bündner Oberst Salis-Soglio. Im herbst 1847 trat die Tagsatzung abermals zusammen. Noch einmal versuchte man eine friedliche Lösung des unheilvollen Zwistes, den das Ausland mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte, doch umsonst. Die Gesandten der sonderbündischen Stände verließen mit Entrüstung den Saal, und sechs Tage später faßte die Tagsatzung den Beschluß, den Sonderbund mit Blut und Eisen auszulösen. Zum General des Bundesheeres wählte sie den Genfer Oberst Vufour und den Oberst Frep-Heross von Aarau zum Generalstabschef. General Dufour „Ich habe wohl einige deutsche Worte gestammelt, ehe ich meine französische Muttersprache redete," erzählt Vufour. „Später ist es mir nicht gelungen, zwei deutsche Sätze zustandezubringen, so wenig blieb mir von dem Lande, in welchem ich das Licht der Welt erblickte." Du- sour wurde nämlich 1787 in Konstanz geboren, wohin seine Familie mit vielen andern entfloh, als in Gens bürgerliche Wirren ausbrachen. Nach zwei Jahren kehrte die Familie in die Vaterstadt zurück. Als sich Frankreich der Stadt bemächtigte, sah der vierzehnjährige Knabe den Übungen der Rekruten zu und machte die Gewehrgriffe bald ebenso stramm wie der beste Soldat. Im Schwimmen und Rudern übertraf er 229 alle seine Kameraden. Er baute ein vollständiges Fahrzeug und schlief mit Vergnügen auf einem harten Brett. Mit achtzehn Jahren besuchte er die Militärschule in Paris und kam als Gssi- ziersaspirant in die Genieschule nach Metz, von wo er aus die Insel Korfu versetzt wurde, die von den Engländern bedroht war. Die Versetzung, die er als ein Unglück betrachtete, erwies sich bald als eine gute Fügung des Schicksals, denn wäre er in Frankreich geblieben, so hätte er mit der großen Rrmee nach Rußland marschieren müssen. Ruf Rorsu zeichnete er einen genauen Plan der Festung und verfaßte eine Schrift über Perspektive. Bei einer Lrkundungsfahrt aus dem Meere umzingelten die Engländer seine Barke. Während des Kampfes fing das Pulver im Schiffe Feuer, und Vufour verbrannte sich so schrecklich, daß sein Leben nur noch an einem Faden hing. Er sah und hörte nichts mehr, und zu allem Überfluß vergiftete ihn der Krankenwärter aus versehen mit einer zu starken Dosis Gpium. „Ich darf also sagen," bemerkte er später scherzhaft, „daß ich in meinem Leben so ziemlich von allem etwas erfahren habe, ich bin taub und blind, verbrannt und vergiftet gewesen." Seine kernige Natur verhalf ihm aber bald zur guten Genesung. Im Jahr 18l5 ergriffen die Engländer von Korfu Besitz, und die französische Besatzung kehrte heim. Rls Rnhänger Napoleons geriet Wilhelm Heinrich Dufour. 1787—1875 230 Dufour bei der bourbonischen Regierung in Paris in Ungnade. Als ihm endlich in Frankreich eine gute Gffiziersstelle angeboten wurde, antwortete er aus Genf: „Meine Mahl ist getroffen, ich bin nur noch Franzose mit dem herzen. Ich verzichte aus alle Vorteile meines Standes, ohne zu wissen, was ich anfangen werde. Glücklich will ich mich schätzen, wenn ich als Schweizerbürger die gewünschte Ruhe der Seele finden kann, glücklich, wenn meine geringen Talente meinen Mitbürgern einigen Nutzen schaffen." Im Jahr 1817 wurde er Rantonsingenieur und Rommandant des genserischen Geniekorps. Zu gleicher Zeit erhielt er die Professur für Mathematik. Er ließ die alten, unnützen Festungswerke schleifen oder verschönerte sie zu Promenaden, gestaltete die Rousseauinsel zu einem reizenden Idyll und suchte das Wohl und die Schönheit seiner Vaterstadt zu mehren. Im Jahr 1819 gründete er in Thun eine Militärschule, organisierte und befehligte die ersten Truppenübungen. Rus den Reihen der Soldatenkolonnen flatterte nicht mehr die Rantonsfahne, sondern das Feldzeichen des gemeinsamen Vaterlandes mit dem eidgenössischen Rreuz. Im Jahr 1832 begann Dufour die vorarbeiten zu einer Schweizerkarte, die ihn zweiunddreißig Jahre beschäftigte. Er verließ das bisherige System der Rartenzeichnung und wagte eine neue Methode. Er nahm an, die Sonne stehe nicht im Zenith, sondern im Nordwesten und bescheine die eine Hälfte der Bergzüge, während die andere im Schatten liege. Durch diese schiefe Beleuchtung, die anfangs Widerspruch, später aber ungeteilte Zustimmung hervorrief, traten die Bergketten scharf aus der Ebene. Im Jahr 1865 war das letzte Blatt der Rarte, die eine große Stubenwand bedeckt, vollendet. Der Bundesrat nannte den höchsten Gipfel der Monte Rosagruppe zu Ehren des Lrstellers vusour- spitze. Ein internationaler Geographenkongreß in Paris erhob ihn 1875 zum Ehrenpräsidenten und gab unter allen bestehenden Rartenwerken dem Dufouratlas die Palme. Einige Tage, bevor die Tagsatzung ihm das Rommando über das Bundesheer anvertraute, spazierte Dufour, der damals Generalquartiermeister war, mit dem Inspektor der Artillerie. Sie sprachen über den Sonderbund, und Dufour äußerte sich: „Wir beide sind glücklich, daß unsere Funktionen uns von alledem ferne halten,' wir werden die Zuschauer sein. Ich beklage den, den sie zum Anführer wählen." Als er den Brief mit seiner Berufung zum Dberbefehlshaber des eidgenössischen Heeres erhielt, erschrak er und suchte sich dem Auftrage in 231 übertriebener Bescheidenheit zu entziehen. Er ging selbst an die Tagsatzung, um Aufklärung über seine Tätigkeit zu verlangen. Da rief eine Stimme aus den hintersten Bänken: „Wenn er so viele Schwierigkeiten macht, so werden wir schon einen andern finden." „Recht so," versetzte Dufour, legte sein Ernennungsschreiben auf den Tisch des Präsidenten und verließ den Saal. Nach neuen Unterhandlungen unterzog er sich der Pflicht und leistete den Eid als General. Der Zonderbundskrieg Die Wahl vufours zum Gberfeldherrn war schon ein halber Sieg der Tagsatzung. Sie ließ ihm volle Freiheit in der Wahl seiner Mittel, und er durfte nach seiner Beurteilung der Sage den Feldzug vorbereiten und mit dem eisernen Willen seiner Kraft und seinem militärischen Scharfblick durchführen. Eine Armee von 100000 Mann mit 172 Geschützen stand zu seiner Verfügung. Nasch und fest sollte der Gegner gepackt und, einmal geworfen, mit schonender Milde wieder ausgesöhnt werden. Deshalb entwarf vufour mit seinem Generalstabschef den Plan, zuerst Freiburg einzunehmen und mattzulegen und dann mit versammelter Kraft ins herz des Sonderbundes hineinzustoßen. > In vier Tagen war der Feldzug gegen Freiburg zu Ende. Die Truppen von drei Divisionen hatten die Stadt so rasch und unvermerkt eingekreist, daß sie die Übergabe der Beschießung vorzog. Die Nachricht von der jähen Bezwingung Freiburgs machte sowohl im Auslande als auch bei den übrigen Sonderbundskantonen den größten Eindruck. vufour ließ nun seine Divisionen konzentrisch gegen Luzern vorgehen, mit der Hauptmacht gegen den Abschnitt Neuß-Zugersee, um den Stier an den Hörnern zu packen und Schwyz von Luzern zu trennen. Salis-Soglio verfügte über 88 Geschütze und 80000 Mann, wovon weit über die Hälfte Landsturm. Line einheitliche Leitung von Luzern aus war nicht möglich, da die Telegraphendrähte noch nicht spielten. Zudem regierte der Kriegsrat in die wenigen Entschlüsse hinein, die der Führer faßte. In aller Eile waren die höhen von Meierskappel und die Brücke von Gislikon sowie der Eingang ins Lntlebuch befestigt und gesperrt worden. Sobald die eidgenössischen Truppen feindliches Gebiet betraten, erließ Dufour einen Armeebefehl, der seine edle Gesinnung in Helles Licht rückt. 232 Bei Gislikon „Eidgenössische Soldaten! Ihr werdet im Kanton Luzern einziehen. Menn Ihr die Grenzen überschritten, vergesset Luern Groll und trachtet nur darnach, die Pflichten zu erfüllen, die das Land uns auferlegt. Marschiert gegen den Feind und kämpft tapfer, verteidigt Eure Fahnen bis zum letzten Blutstropfen. Doch sobald der Sieg Euer ist, laßt alle feindlichen Gedanken fallen. Benehmt Luch als edeldenkende Krieger, schonet die Besiegten,- dies ist die schönste Zier des wahren Muts. — Tut bei jeder Gelegenheit, was ich Luch so oft empfohlen: Achtet die Kirchen und alle dem Gottesdienst geweihten Gebäude. Beleidigungen gegen die Religion würden Eure Fahnen schänden. — Alle wehrlosen Personen seien Eurem Schutze empfohlen, erlaubet nicht, daß man sie mißhandle oder beschimpfe. Richtet ohne Not keinen Schaden an, duldet keine Vergeudung öffentlichen oder privatvermögens; mit einem Worte, macht Luch des Namens würdig, den Ihr führt." Bundestruppen bewachten den Westausgang des Wallis, das nur noch über die Furka mit den innern Kantonen verkehren konnte. Ein Handstreich der Urner, die über den Gotthard stiegen und die Tessiner bis nach Biasca Hinabtrieben, blieb ebensowenig wie ein Ausfall von Luzern aus gegen Muri von Einfluß aus den Gang der rasch sich abwickelnden Ereignisse. Die Hauptkräste des sonderbündischen Heeres erwarteten den An- 233 griff in den Verteidigungsstellungen am Nooterberg, bei Meierskappel und Gislikon. Mehrere Stunden lang tobte hier ein unentschiedener Kampf. Zweimal wichen die Angreifer vor dem Kartätschenhagel der Gegner Zurück. Da erstürmte Oberst Ziegler mit einem Teil seiner Division den Nooterberg, und die Obersten Egloff und Siegfried sprengten in die Truppen hinein und rissen sie in den Sieg. In der folgenden Nacht herrschten Schrecken und Verwirrung in Luzern. Sieg- wart-Müller und die andern Urheber des Krieges hatten sich auf einem Dampsboot nach Flüelen feige in Sicherheit gebracht. Salis-Soglio war verwundet und legte sein Kommando nieder. Um 24. November kapitulierte Luzern und empfing die siegreichen Truppen in seinen Straßen. Die Urkantone wurden aufgefordert, sich zu ergeben, was ohne Zaudern geschah. Wallis folgte nach. Der Sonderbundskrieg erlosch nach der kurzen Dauer von fünfundzwanzig Tagen. Sechsundachtzig Tote und ein halbes Tausend verwundete waren die Opfer. Die Kriegskosten im Betrage von neun Millionen Franken wurden den Sonderbundskantonen auferlegt. Da es ihnen schwer siel, die Summe auszubringen, eröffneten die Genfer eine allgemeine Sammlung, die einige hunderttausend abwarf. Im Jahr 1852 erließ die Bundesversammlung den Rest der Kriegsschuld, der immer noch dreieinhalb Millionen betrug. Im Frühling 1848 hielt vor dem Hause Dufours in Genf eine vierspännige Staatskutsche. Abgeordnete der Tagsatzung brachten ihm ein Geschenk mit einem Schreiben folgenden Inhalts: „Als gegen Ende des vorigen Jahres mehrere verirrte eidgenössische Stände in ihrem Widerstands gegen die Beschlüsse der höchsten eidgenössischen Behörde so weit beharrten, daß die hohe Tagsatzung sich in die Notwendigkeit versetzt sah, den zwischen den Ständen Luzern, Uri, Schwpz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis beschlossenen Sonder- bund mit Waffengewalt aufzulösen, richteten sich die Blicke der hohen eidgenössischen Behörde auf Ihre Exzellenz, und mit Begeisterung vernahm die ganze verfassungstreue Eidgenossenschaft, daß Sie, Herr General, dazu berufen waren, die Armee zu kommandieren und verirrte Eidgenossen zum gemeinsamen Vaterlande zurückzuführen. Wie man es von Ihrem Patriotismus erwarten durste, haben Sie diese Ausgabe mit der Hingebung ausgeführt, die nur Männern von wahrhaft großem und edlem Tharakter eigen ist. Sie haben sich Ihrer Mission mit einer Weisheit und Tatkraft entledigt, welche nicht nur unser 234 Vaterland, sondern ganz Europa, die ganze zivilisierte Melt mit Bewunderung erfüllte. Doch das dankbare Vaterland ehrt in Ihnen nicht nur die Tatkraft, mit welcher die Beschlüsse der eidgenössischen Behörde ausgeführt worden sind, es dankt Ihnen ganz besonders für die reine Menschlichkeit, mit welcher das Werk vollbracht worden, indem die Schrecken des Bürgerkrieges möglichst vermieden wurden. Mit dem ruhmvollen Andenken an die errungenen Siege verbindet sich der tröstliche Gedanke, daß dank der im unvermeidlich gewordenen Kriege entfalteten Humanität viele Tränen und Schmerzen erspart worden sind. Durchdrungen von den Gesinnungen ihres Generals, hat die eidgenössische Armee gezeigt, daß sie ihres Führers vollkommen würdig war. Die eidgenössische Tagsatzung ihrerseits hat Ihnen ihre hohe Dankbarkeit durch die Tat beweisen wollen, und die hohe Vundes- behörde hat deshalb einstimmig beschlossen, daß das Vaterland Ihnen für die der Lidgenossenschaft geleisteten Dienste seinen Dank ausdrücke, daß Ihnen außerdem durch eine Deputation der Tagsatzung zur Erinnerung an die glücklich überstandenen Prüfungen ein Ehrensäbel überreicht werde, zu welchem Geschenk dasjenige von 40000 Schweizersranken hinzugefügt werden soll. Empfangen Sie es, Herr General, in dem Geiste, in welchem es Ihnen angeboten wird. Es ist keineswegs dazu bestimmt, Dienste zu belohnen, die über jeder Belohnung stehen; es hat keinen andern Zweck als den, zu beweisen, wie sehr die Eidgenossenschaft sich gedrungen fühlt, die großen Verdienste des Generals und in seiner Person die Verdienste der ganzen Armee anzuerkennen. Die wahre Belohnung für die Dpser, welche Sie dem Vaterlande gebracht haben, für Ihre Hingebung an die gute Sache, werden Sie, Herr General, in sich selbst finden. Ihr Name wird in der Geschichte neben denen der größten Männer des Vaterlandes glänzen und von Mit- und Nachwelt gepriesen werden, solange Patriotismus, Gpsersreudigkeit und Humanität keine leeren Worte sind." Aus dem Grabmal Dufours stehen nur drei Worte, schlicht und bescheiden wie die Art und der innerste Kern dieses großen Mannes: G. H. Dufour. Der Lidgenossen Feldherr 1787-1878 285 Der Bundesstaat Der Sieg der Armee Ousours war ein vernichtender Schlag ins Mark der Fremdherrschaft, die seit 1798 wie ein finsteres Gewölk den blauen Schweizerhimmel verdunkelte. So rasch und gründlich war der Londerbund zu Fall gebracht worden, daß die Kabinette des Auslandes, die einmütig für die Sonderbundskantone Partei ergriffen und dem Drachen des Freisinns den Kopf abschneiden wollten, gar nicht Zeit fanden zur Einmischung. Wenn eine schlimme Absicht weniger Zeit braucht zur Ausführung als eine gute, so wäre es ihnen doch noch gelungen. Doch der englische Minister palmerston vereitelte die bösen Pläne, indem er scheinbar auf die Wünsche der Großmächte einging und den Feldzug gegen die Schweiz dann so lange verzögerte, bis es zu spät war. Metternich konnte ihm seine schweizerfreundliche Haltung nicht verzeihen und suchte nun mit Gift und Galle die neue Bundesverfassung zu hintertreiben. In einer von Frankreich und Preußen ebenfalls unterzeichneten Note an die Tagsatzung gab er die von Anmaßung strotzende Erklärung ab, an den Hoheitsrechten der Tagsatzung dürfe nicht ein Tüpflein geändert werden, ohne die Zustimmung aller Kantone. Und wenn die Schweiz nicht aus die Großmächte höre. so werde man ihr das Vorrecht der ewigen Neutralität entziehen. Namens der Tagsatzung antwortete der Zürcher Ionas Furrer: „Die Schweizer stehen nicht unter dem Schutze der Mächte. Sie sind ein Volk mit freier Selbstbestimmung. Nicht aus Huld und Gnade ist ihnen die Neutralität zuteil geworden, sondern ausdrücklich im Interesse des Friedens von ganz Europa." Damit war der hieb nicht nur pariert, sondern tüchtig zurückgegeben. Die Worte Furrers riefen es endlich in alle Welt hinaus, daß die Schweiz ein unabhängiger Staat sei und sich jedes hineinregieren verbitte. Die Lust zu weiterer Einmischung verging den fremden Ministern, als 1848 die Februar-Nevolution losbrach und sie aus den Sätteln warf. Line Kommission schweizerischer Staatsmänner schuf den Entwurf einer neuen Bundesverfassung, die von der Mehrheit der Kantone angenommen und im herbst 1848 in Kraft gesetzt wurde. Der Fünfzehner- vertrag, an dem die Nevisionsfreunde schon 1832 gerüttelt hatten, war damit aufgehoben, und der lockere Staatenbund in einen straffen Bundesstaat umgewandelt. Ohne Bedauern und stille Teilnahme begrub man die Tagsatzung und gründete nach dem Vorbild der nord- 236 21VÜ.1315 clbouryi4Sl SMHurnußi BE15M Die Schweiz EctEsusenM Appenzell isir St.GsUenlSo; DiLubmidmiM LisryLuivoz Wsllisisis NeuctistÄisiS Genese isls Drurqsu isor TeMrr lsoz DLuü isor ^ MV 88 ^ i ^^WW» p^iklk r amerikanischen Union den Bundesstaat, der allen Stürmen, die unser Vaterland durchbrausten, gar herrlich stand hielt, den Schweizern wieder den Nacken steifte und sie im selbstbewußten Tritt der Ahnen marschieren ließ. Zwei getrennte Kammern, der Nationalrat und der Ständerat, berieten fortan die Gesetze, ehe sie vollzogen oder dem Volke zur Abstimmung vorgelegt wurden. Der Nationalrat ist der Vertreter des Schweizervolkes, das auf je 20000 Seelen einen Abgeordneten erwählt, der Ständerat der Vertreter der Kantone oder Stände, die je zwei Mitglieder abordnen, volkreiche Kantone mit der größten Kopfzahl bringen ihr Gewicht besonders im Nationalrat zur Geltung, während im Ständerat das Ländchen Zug ebensoviel zu sagen hat wie der große Kanton Bern. Die neue Bundesverfassung war eben ein Werk der Versöhnung und Gerechtigkeit. Nationalrat und Ständerat bilden zusammen die Bundesversammlung. Sie ist die erste und oberste gesetzgebende Behörde der Schweiz, der Posten eines National- oder Ständerates ein Ehrenamt ohne Besoldung. Die Mitglieder erhalten nur bescheidene Taggelder für die Sitzungen und Neiseentschädigung. Die oberste vollziehende Behörde sind die sieben, von der Bundesversammlung auf den Schild erhobenen Bundesräte, die ständig in Amt und Würde sind, ebenso wie der aus ihrer Mitte erkorene Bundes-! Präsident, der die Eidgenossenschaft nach außen vertritt und nicht mehr Rechte hat als jeder andere Bundesrat. Er ist also weder ein halber Kaiser wie der Bundespräsident von Nordamerika noch ein in Glanz und Glorie schimmerndes Oberhaupt wie der Präsident der großen Nachbarrepublik im Westen. Er hat nicht einmal ein eigenes Staatsgebäude oder einen goldenen Stuhl, aber wenn man ihm in die Augen schaut, da blitzt es hell und rein wie Alpenschnee und leuchtet über die breite, eckige Schweizerstirne. Sein Schritt ist nicht viel anders als wie der gewöhnlicher Bürger, doch was er sagt, und was er schreibt und befiehlt und in drei Sprachen vervielfältigen läßt, ist Blut vom gesunden Schweizerblut und Saft vom besten Schweizersast, und ist immer noch ein guter Tropfen alte, währschafte und kernige Schweizerart dabei. Die Bundesversammlung wählt auch das Bundesgericht als oberste richterliche Behörde. Die vornehmste Aufgabe des Bundes ist nicht mehr wie früher bloß 237 die Behauptung der Unabhängigkeit der Schweiz nach außen und Handhabung der Buhe und Ordnung im Innern, sondern auch Schutz der Freiheiten und Rechte der Sandesbürger und Förderung ihrer gemeinsamen Wohlfahrt. Deshalb unterstützt er alle öffentlichen Werke, die über die Kraft und das finanzielle vermögen der Kantone hinausgehen. Der Bund hat allein die Gewalt, Krieg und Frieden, Bündnisse und Staatsverträge, namentlich Zoll- und Handelsverträge, mit dem Ausland abzuschließen, Landeszölle zu erheben, Münzen zu prägen, Pulver herzustellen und Maß und Gewicht zu bestimmen. Den Kantonen bleiben Schule und Kirche, Armenpflege und ein Teil des Militärwesens. Der Bund schützt die Rechte des Schweizervolkes, die freie Niederlassung, Handel- und Gewerbefreiheit und die Glaubensübung. Austreibungen von Andersgläubigen wie seinerzeit in Locarno und in Arth wären heute ein Ding der Unmöglichkeit. In den Gerichtssälen gilt nur ein Recht, denn alle Bürger sind gleich vor dem Gesetz. Für dasselbe vergehen wird dem armen Teufel wie dem reichen Halbgott das gleiche Maß von Strafe zugemessen. Seine Ausgaben bestreitet der Bund aus dem Ertrag der Zölle, der Post und der Pulververwaltung. Unter Kanonendonner und Glockengeläute trat im herbst 1848 die schweizerische Bundesversammlung in Bern zum erstenmal zusammen. Die Zähringerstadt hatte sich in den schönsten Schmuck geworfen. Die beiden hohen Behörden marschierten vom Rathaus durch die festlich bekränzten Straßen nach ihren Sitzungslokalen. Der Ständerat bezog an der Zeughausgasse den ehemaligen Saal der Tagsatzung, mit der ihn eine äußerliche Ähnlichkeit verband, und der Nationalrat begab sich in den hübsch verzierten Saal des Kasinos. Abens schwamm die Stadt im Glanz der Lichter. Auf der Zinne des Münsterturms erstrahlte ein prachtvolles Flammenkreuz. Der Alterspräsident eröffnete die Sitzung des Nationalrates mit folgenden Worten: „Wenn irgend etwas in meinem Leben geeignet war, mir herz und Geist zu erheben, so ist es der gegenwärtige Moment, beim Anblick dieser hohen Versammlung, die zu präsidieren ich die Ehre habe. Ja, seien Sie mir aus tiefbewegter Brust als schweizerische Nationalräte gegrüßt — gegrüßt als Volksmänner, die durch Namen, durch Gesinnung, durch Kenntnisse, durch vaterländische Wirksamkeit, durch unmittelbare Wahl von feiten des Volkes, durch die Be- 238 stimmungen der Bundesverfassung zunächst berufen sind, die schweizerische Bevölkerung in ihrer neuen engeren Verbindung, inihrernationalenLin- heit zu vertreten. Unser heißgeliebtes Vaterland, das mehr als bis anhin unser gemeinsames Vaterland geworden ist, hatte in der neuesten Zeit eine harte Prüfung zu bestehen. Es war von innen und außen bedroht, es sollte in seinem Entwicklungsgänge, in seinen lebensfrischen naturgemäßen Stre- bungen nach Fortschritt ^ ^ . ^ ' vr. Zonas Furrer, UNO Vervollkommung der erste Präsident des schweizer. Bundesrates 1805 —löbl gelähmt, gehindert werden. So vielfach es aber zur Erzielung eines solchen Stillstandes, ja selbst Nückgangszustandes angefeindet und gefährdet wurde, so ging es dennoch siegreich aus Sturm und Krisis hervor. Dasselbe unterlag nicht nur nicht, es erhob, erneuerte, verjüngte sich. Wir dürfen seine Wiedergeburt, seine Auferstehung, seinen Gstertag feiern." Die Bundesversammlung wählte in den Bundesrat Männer, die sich um die Auflösung des Sonderbundes und die Einwirkung der neuen Bundesverfassung einen großen Namen gemacht hatten. Es waren der Zürcher Ionas Furrer, der die Präsidentschaft übernahm, Gchsenbein von Bern, Druey aus der Waadt, Frey-Heross vom Aargau, Munzinger von Solothurn, Näff von St. Gallen und Franscini aus dem Tessin. Bern wurde die Hauptstadt der Schweiz. Nasch lebte die neue Verfassung sich ein. Die Bundesbehörden arbeiteten unermüdlich an der Ausgestaltung und Verbesserung des DDDH MUW 239 Eidgenössischer Postwagen zum Verkehr zwischen vasel und Lern, ca. 1840 Staates. Lin Jahr darauf rollten schon die gelben eidgenössischen Postwagen durch die Straßen und über die steilen höhen der Alpenpässe. An die Stelle der Baslertäubchen und der bernischen Rayons traten die eidgenössischen Briefmarken. Der Postverkehr nahm einen derartigen Rufschwung, daß innerhalb zwanzig Jahren die Zahl der abgesandten Briefe von fünfzehn aus sechzig Millionen stieg. Ein eidgenössisches Telegraphennetz spannte sich bis in die fernsten Täler hinauf. Im Jahr l85l erschienen die ersten schön geprägten, silbernen Schweizersranken. Das war eine Freude im schweizerischen Handels- und Gewerbestand. Blitzschnell verschwanden die Goldtaler, Neutaler, halb- taler, Gulden und Dukaten, die Zehnbätzner, Fünfbätzner, Schillinge, Rreutzer, Blutzger, Sechskreutzerstücke und Groschen und die verrufenen Lombarden- und piemontermünzen. war das ein Aufatmen und Frohlocken, als man den ganzen Plunder unter den Tisch wischen konnte. Mit dem neuen Schweizergeld reiste man unbehelligt vom Jura bis zu den Alpen und von der Rhone bis zum Rhein, ja durch alle Länder der lateinischen Münzunion, der die Schweiz sich angeschlossen hatte, und das waren Frankreich, Belgien, Italien und Griechenland. Und noch nicht genug des Segens. Auch Maß und Gewicht wurden verstaatlicht und aus das Schweizermaß in Zoll und Fuß abgeteilt. Im Jahr 1875 ging man zum Metermaß über. Der Bundesversammlung fehlte es wahrlich nie an Arbeit. Ihre Taten und hochwillkommenen Neuerungen lassen sich nicht in wenige 240 Zeilen zusammenfassen und noch weniger aneinanderreihen. Erwähnen müssen wir nur die Millionen, die sie für Mldbachverbauungen, Alp- verbesserungen, Gebirgsstraßen und Brücken auslegte und auch in alle Zukunft noch spenden wird. Die unoersiegliche Kraft des Bundes äußerte sich nicht nur in dem unerhörten Aufschwung im Innern des Landes, sondern auch in der festen unerschütterlichen Haltung der Ungebühr des Auslandes gegenüber. Der Neuenburgerhandel ist ein leuchtendes Beispiel dafür, das herz und Seele mit Stolz und Hoffnung erfüllte. Neuenburg Nicht am Ausfluß, sondern am Nordufer des Sees erwuchs die Hauptstadt des Landes, weil hier von drei Seiten her, von dem St. Immer- tal, von Thaux-de-Fonds und dem val de Travers die Wege zusammenliefen. An keinem andern Schweizersee sind so viele Pfahlbaustationen entdeckt worden. Am Ufersaum zwischen Marin und vaumarcus tauchten die pfahlroste von siebzig ehemaligen Seedörfchen auf. In einer Urkunde vom Jahr ION erscheint zum ersten Male das Oastruin Rovum, d. h. Neuenburg. Ulrich II. war N90 der Begründer der ersten Neuenburgerdynastie. Seine Nachfolger nannten sich fortan Grafen von Neuenburg. Schon frühe traten die Herren von Neuenburg in ein Burgrecht mit Freiburg, Bern und Lolothurn. Die Eidgenossen erblickten darin einen Vorteil, indem sie nun ihre Grenze gegen Burgund durch Neuenburg decken konnten. Neuenburgische Truppen kämpften mit den Schweizern bei St. Jakob an der Birs und in fast allen gräßern Heldenschlachten, später auch noch bei villmergen. verheerende Feuersbrünste äscherten die Stadt viermal ein. Nur die Rollegialkirche und das Schloß mit der Tour äs Dissss und der Tour äss krisous reichen ins Mittelalter zurück. Die romantischen Winkel- gäßlein fehlen dem Stadtbild. Neuenburg ist die Stätte gediegener Bildung und Wohlhabenheit. Die Regierung des Hauses Longueville brachte Neuenburg von 1503 an in nahe Beziehung zu Frankreich. Als 1707 der letzte Sproß dieses Hauses starb, traten vor dem neuenburgischen Gericht der Irois Btats fünfzehn Prätendenten aus. Neun davon gaben ihre Ansprüche wieder preis. Von den andern erwählten die Richter denjenigen zu ihrem Herrscher, der ihnen am besten paßte, und das war der Rönig von 16 Jegerlehner. Geschichte 241 WOcvi D Neuenburg Preußen. Es gelüstete sie nicht, von Höflingen Ludwigs XIV. regiert zu werden. Der König von Preußen war Protestant, ein starker Beschützer und doch so weit entfernt, daß er ihnen nicht schaden konnte. Gleichwohl brachen zwischen Herrscher und Volk bald Händel aus, die kein Ende nahmen. > Die Berggemeinden sehnten sich nach den republikanischen Einrichtungen der Schweizerrepublik und verfolgten in scharfer Spannung die Ereignisse der französischen Bevolution. 1815 geschah der Bnschluß des monarchisch regierten Fürstentums Neuenburg an das republikanische Staatswesen der schweizerischen Eidgenossenschaft. Bus dieser unheilbaren voppelstellung heraus erfolgte der erste Busstand der unzufriedenen Berggemeinden. Im Jahr 1831 sammelte Leutnant Bourquin in den Bergdörfern 400 Gleichgesinnte, marschierte in das Schloß und hißte die eidgenössische Fahne aus. Die Tagsatzung sandte aus Furcht vor dem Bönig von Preußen eilends Truppen in die Stadt, setzte die entflohene Regierung wieder ein und verhängte harte Strafen über die Schuldigen. Nach der Februarrevolution 1848 in Paris erhoben sich die Berg- 242 bewohner Neuenburgs zum zweitenmal. Sie stürzten die königliche Regierung und lösten das Verhältnis mit Preußen. Die Tagsatzung wagte es, die Volkspartei in Schutz zu nehmen, und der König von Preußen, der sich im eigenen Lande der Aufständischen zu erwehren hatte, ließ den Dingen ihren Lauf. Lr weigerte sich aber, seinen Rechten aus das Fürstentum zu entsagen. Das gab den königlich Gesinnten neuen Mut. Sie überfielen 1856 das Schloß und pflanzten die preußische Fahne aus. Zu Hunderten strömten die Republikaner von Thaux-de- Fonds, aus dem Traverstal und dem val de Ruz herbei und brachten das Schloß wieder in ihre Gewalt. Sie befreiten die Räte und füllten das Gefängnis mit den schuldigen Royalisten. Preußen verlangte gebieterisch die Freilassung der Gefangenen. Bundespräsident Stämpfli erwiderte, das könne nur geschehen, wenn der Rönig auf seine Hoheitsrechte verzichte. Napoleon III. versuchte den Handel zu schlichten. Ruf seine Einladung sandte der Bundesrat den General vufour zu seinem ehemaligen Schüler nach Paris. „Der Kaiser", sagte vufour, „zeigte sich von außerordentlichem Wohlwollen erfüllt, nicht nur für seinen alten Freund, sondern auch für die ganze Schweiz, der er besonders zugetan ist." Lr versicherte dem General, sobald die Gefangenen frei seien, werde er den König von Preußen zum verzicht aus Neuenburg bewegen. Der Bundesrat beharrte aber auf seinem Standpunkt, daß der König den ersten Schritt tue. Dieser jedoch berief seinen Gesandten ab, rüstete eine Rrmee und unterhandelte mit den süddeutschen Staaten über den Durchmarsch der preußischen Truppen. Einmütig stellte sich das Schweizervolk an die Seite seiner Regierung. Wie in den großen Tagen der Heldenzeit ging das Wort von Stamm zu Stamm, über alle Gräben und Klüfte der Zwietracht hinweg: Unser Gut und Blut für die Ehre des Vaterlandes. Sn jedem Schweizer erwachte plötzlich der Heldenmut der Ahnen, ein unbändiger Drang und kecke Lust, dem Feinde sich entgegenzuwerfen. Die katholische Schwqzerzeitung schrieb: „Was auch im Rate der Vorsehung beschlossen sein mag, Lines nur kann und muß gegenwärtig die Ehre, Pflicht und Aufgabe des ganzen Schweizervolkes sein: Rns Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen und beschütze es mit deiner Kraft. Fremde Stimmen, welche die katholischen Kantone und die der Urschweiz insbesondere betören möchten, sollen keinen Augenblick zweifeln, daß die Liebe zum gemeinsamen vater- 243 land den Katholiken der Schweiz das höchste und heiligste ist, in Frei- burg wie im Wallis, in Solothurn, St, Gallen und im Kargau wie in den Waldstätten. Sie können sich unmöglich durch verlockende Stimmen von außen, was sie immer böten, blenden lassen. Nein, man darf es wissen am Rhein und an der Spree-: Sie werden stehen für des Schweizerlandes Ehre, Zu des Vaterlandes Hort und Schutz." Die Bundesversammlung gab Dufour den Oberbefehl über die Armee, und der General leistete das Gelöbnis mit dem Schwur: „Was der soeben vorgelesene Eid enthält, das werde ich halten und vollziehen, getreulich und ohne Gefährde, das schwöre ich bei Gott dem Allmächtigen, so wahr mir seine Gnade helfen mag." Die Worte, die er nun an die Versammlung richten wollte, erstarken ihm auf der Zunge. Rasch wandte er sich um und schritt zu seiner Begleitung zurück. Donnernde Zurufe folgten dem verehrten Führer. In wenig Tagen war die ganze Schweiz ein großes Kriegslager. Rlle Altersstufen wetteiferten, dem Rufe des Vaterlandes zu folgen,- ergraute Männer und kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge eilten zu den Fahnen. Der erste Schütze, der im Toggenburg in das Freikorps sich einschreiben ließ, war ein Neunundsechzigjähriger, der im herbst den ersten preis herausgeschossen hatte. Einem jungen Handwerker von Winterthur rief seine Mutter nach: „Mach', daß du unter den vordersten bist, und schlag tüchtig drauflos! hörst du? tüchtig!" Die studierende Jugend drängte sich in die ersten Reihen der Streiter, polytechniker, Studenten und Turner übten sich in den Kasernen Tag für Tag im Waffenspiel. Wer nicht mitziehen konnte, stellte seine Kräfte aus andere Weise in den Dienst des Vaterlandes. Unterstützungsvereine versahen die Ausziehenden mit Kleidungsstücken und sammelten für deren Familien. Die Schweizer im Ausland kehrten heim und traten ins Glied. Sm Welschland sang man das zündende Sied: Ronlox tuinbonrs, pour oouvrir lu trontiors, ^ux boräs äu kkin, Auiäox-nous uu oorabut. Der „Bund" schrieb damals: „Es ist wieder eine Lust, sich Schweizer nennen zu dürfen. Alle scharen sich um das eine gemeinsame Banner, alle fühlen sich als Lidgenossen. Wie die Regierung von Waadt dem Bunde beinahe das Dreifache der Militärkrast zu Gebote stellt, zu der sie das Gesetz verpflichtet, so herrscht derselbe patriotische Geist mäch- 244 tig durch die ganze Eidgenossenschaft, hier stiller, dort geräuschvoller, überall mit gleicher Liebe zu dem Vaterland. Der Baum der Freiheit wird der Wettertanne gleich noch manch Jahrhundert überdauern und das Wort in Erfüllung gehen: Wer sich selbst hilft, dem hilft Gott." Mit Staunen blickte das Ausland aus die kleine, in Wehr und Wagnis strotzende Republik. Da löste sich der Streit in Minne. Durch die Vermittlung Napoleons kam eine Einigung zustande. Der Bundesrat gab die Gefangenen frei, verwies sie aber bis zur endgültigen Regelung der Streitfrage des Landes. Ruf dem Rongreß der Mächte in Paris 1851 verzichtete Preußen endgültig aus seine Rechte an Neuenburg. Das Bundeshaus Reine andere Schweizerstadt hätte wie Bern das Parlamentsgebäude aus solch eine Rltane stellen können, mit dem Blick ins weitofsene Grün und in den ewigen Firn der Schneeberge. Erst stand nur der Gstbau, und als die eidgenössische Verwaltung schwoll und neuer Räume bedurfte, wuchs auch der Westbau aus dem Boden, und 1902 endlich schloß und krönte der Ruppelpalast das schweizerische Bundeshaus zum Monumentalgebäude. Der Mittelbau sollte die beiden Seitenflügel harmonisch verbinden, darum erhebt er sich in vornehmer Pracht und Würde und schaut doppelgesichtig nach zwei gleichbedeutenden Fronten hin. Gegen die Stadt mit Giebel und antiker Säulenstellung: vollendete Größe und Schönheit, gegen die Rlpen mit Lcktürmen und einer breit geschwungenen Bastion: Rrast und Würde. Rls Ganzes ein Werk von gediegener Einfachheit, so recht ein Abbild des Schweizertums. Am Tage der Einweihung versammelten sich die Bundesbehörden zum letztenmal im alten Nationalratssaal, wo man zusammenfassend der Werke gedachte, die in den Ratssälen beschlossen wurden. Man erinnerte sich, der fünfziger und sechziger Jahre, als in den Rantonen die Rechte des Volkes mächtig erstarkten. Das Volk wollte nicht nur seine Gesetzgeber wählen, sondern an der Gesetzgebung selber mitarbeiten. Jedes Gesetz, das die Räte entwarfen, sollte vor die Volksabstimmung gebracht werden. Man nannte dieses Recht das Referendum. Das Volk nahm auch das Recht der Initiative, das Recht, selber Gesetze zu schaffen und vorzuschlagen, für sich in Anspruch. Mit der Losung: ein Recht und eine Armee eroberte sich die demokratische Bewegung den Boden der Lidgenossenschaft. Die Grenzbesetzung von 1870/71 deckte die Blößen 245 und Gebrechen im Militärwesen und mancherorts eine sträflich mangelhafte Ausrüstung auf. Nicht nur in der Ausrüstung, auch in der Bewaffnung herrschte von Grt zu Drt die größte Verschiedenheit. Durch die Verstaatlichung des Militärwesens sollten die Übelstände beseitigt und mit der Einheit der Armee auch grad die Einheit des Nechts verbunden werden. Jeder Kanton hatte sein eigenes Niederlassungsrecht, Lherecht, Erbrecht, Prozeßrecht, seine eigene Das Bundeshaus Geltstagsordnung. Die Bundesversammlung entwarf eine neue Verfassung, die dem demokratischen verlangen entsprach, von den zahlreichen Gegnern aber bachab geschickt wurde. Erst im Jahr 1874 erlangte die abgeänderte Bundesverfassung die Billigung des Volkes. Der Bund übernahm nun den gesamten militärischen Unterricht und die Bewaffnung der Armee und legte eidgenössische rvaffenplätze und Zeughäuser an. Den Kantonen blieb nur noch die Aushebung und Bekleidung der Truppen. Man schuf den obligatorischen und unentgeltlichen Schulunterricht und stellte ihn unter staatliche Leitung. Die Zivilstandsrödel wanderten aus den Pfarrhäusern in die Stuben der bürgerlichen Behörden. Die Verfassung führte das eidgenössische Referendum ein, wonach 30 000 stimmberechtigte Bürger oder acht Kantone zusammen verlangen dürfen, daß ein Gesetz, das die Bundesversammlung ausgestellt und beraten hat, noch dem Volkswillen unterbreitet werde. Das Bundesgericht wurde zu einer ständigen Behörde mit dem Sitz in Lausanne. Nach dem Jahr 1874 traten bedeutende Veränderungen und Erwei- h, « « « i» 246 terungen in unserer Verfassung ins Leben. Dem Bunde wurde die Gesetzgebung überbunden für Eisenbahn-, Bank-, versicherungs- und Fabrikwesen, Wasserbau und Forstpolizei im Hochgebirge. Um der Trunksucht und dem daraus entstehenden Elend zu steuern, übernahm der Bund die Herstellung und den Verkauf der gebrannten Wasser. Den Reinertrag erhalten die Kantone, die einen Zehntel davon zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauches verwenden sollen. Lin Fabrikgesetz gebot den elfstündigen Normalarbeitstag. Zürich erhielt das Landesmuseum, Bern eine Landesbibliothek. Die Eisenbahnen wurden verstaatlicht. Als die Bundesbehörden in feierlichem Zuge den alten, zu klein gewordenen Saal verließen und einen Teil der Stadt durchzogen, schwangen die Glocken auf allen Türmen und donnerten die Kanonen auf der großen Schanze. Weißgekleidete Mädchen trugen die Kantonswappen dem Zuge voran. Über den Bundesplatz klang ein feierlicher Lhoral vom Säulen- balkon herunter, die weißen Mädchen reihten sich auf dem großen Ruheplatz der Kuppelhalle zu einer patriotischen Gruppe. Würdevoll stiegen die Bundesväter die breiten Stufen empor, wo zwei bronzene Bären und vier stramme Landsknechte sie stumm empfingen und ein Knabenchor mit lauten frischen Stimmen ihnen die Nationalhymne und das Sem- pacherlied zujubelte. Im großen Nationalratssaal hörten die Räte die Begrüßung des Bundespräsidenten. Sie bewunderten das prachtvolle Rütligemälde, gingen hernach in den fein getäfelten und von einem mächtigen Kronleuchter erhellten Ständeratssaal, wo der Platz für das von Rlbert Welti entworfene und von Wilhelm Balmer ausgeführte Landsgemeindebild noch leer war, wandelten stolzen Schrittes die vielen vor- und Nebenräume ab, das einfache, aber kräftig gediegene Bundesratszimmer und die breite vornehme Wandelhalle. Manch einer runzelte schon die Stirne und erwog die Rede, die in dem neuen Saale doppelt schön und wuchtig widerhallen würde. Schlag aus Schlag brachten die nächsten Jahre die Verstaatlichung der Eisenbahnen, die neue Militärorganisation, das Rbsinthverbot, die Na- tionalbank, die den Geldverkehr regelt und allein Banknoten herausgibt und schon unendlich viel Gutes geschaffen hat, die Kranken- und Unfallversicherung, die den Bürger vor unverschuldeter Not bewahren soll, das schweizerische Lebensmittelgesetz, die Reichseinheit mit dem neuen Zivilgesetzbuch und die neue Truppenordnung. Bern wurde Sitz und Hort internationaler Einrichtungen, des Weltpostvereins, des inter- 247 nationalen Telegraphenamts, des Amtes zum Schutz des gewerblichen und künstlerischen Eigentums, des Amtes über internationales Eisen- bahn-Frachtrecht. Wo Einheit Kraft bedeutet, übernimmt der Bund die Führung, wo Mannigfaltigkeit mehr Nutz und Frommen stiftet, der Kanton. In der reinlichen Scheidung zwischen Bund und Kanton und einer weisen kräftigen Wechselwirkung von Einheit und Mannigfaltigkeit liegen der Segen und die Zukunft unserer Nation. Die Hauptstadt Von den Städten, die als ständiger Bundessitz in Frage kamen, vereinigte Bern die Mehrheit der Stimmen auf sich, weil es die Kapitale des größten Kantons war, zentral gelegen und an der Scheide zwischen Deutsch und Welsch. Als die Kunde von der Wahl aus dem Natssaal in die Straße drang, flog und brauste der Jubel vom Lhristoffelturm bis zur Nhdeck. Zum Arger der Kleinmütigen, die allsogleich ein Gejammer erhoben, die hohe Würde bringe nur Bürde, Bern müsse sich putzen, zieren, ausdehnen und vergrößern, und das koste Geld und blutige Steuern. Nun war ja der alte Stadtkern längst eng und zu schmal geworden. Der Schutz, den die tief eingeschnittene Aare dem alten Bern geboten hatte, war dem nach Lllbogensreiheit ringenden Neubürger Hemmung und Schranke geworden. Die Erweiterung der Stadt nur nach der offenen Westseite hin war weder zweckmäßig noch ausreichend. Ohne lange zu fackeln, schritten die Bürger zu einer Tat, die das topographische Bild von Bern in ungeahnter Weise rasch verdoppeln und verdreifachen sollte, zur Überspannung des Aaretales in kühn geschwungenen Brückenbogen. Wohl stand die alte Npdeckbrücke schon im dreizehnten Jahrhundert. Zuerst aus Holz gezimmert, wurde sie viel später durch steinerne Pfeiler und Bogen ersetzt und im Jahr 1487 fertig erstellt. Es war lediglich eine Zufahrtsstraße, und kein Mensch dachte damals daran, aus der sicheren Halbinsel heraus die unsichere Umgebung zu besiedeln. Sm Jahr 1844 wölbte sich zur Seite der alten Steinbrücke die neue Nqdeckbrücke, einer der größten Steinbogen der Welt mit fast fünfzig Metern Spannweite. Seit 1883 schwingt sich die Kirchenseld- brücke mit zwei gewaltigen Eisenbogen über den Fluß und auf der Gegenseite die 1898 dem Verkehr übergebene monumentale Kornhaus- 248 Bern nach einem alten Stiche GM brücke. Bern ist eine Vrückenstadt geworden, denn nicht weniger als acht größere und kleinere Übergänge, die Lisenbahnbrücke mitgerechnet, verbinden sie mit dem vorgelände, und schon rüstet man die pflöcke zum Bau der neunten Brücke. So legten sich neue Straßenzüge und Häuserviertel um den alten Stadtkern. wie die unvergleichlich schöne Lage Berns trotz der Erweiterung seines Weichbildes für alle Zeiten bestehen wird, so bleiben auch die schönsten und ruhmreichsten Blätter bernischer Geschichte unverpsänd- bares Gut der alten Zähringerstadt und ihres urkrästigen, weitblik- kenden Geschlechts. Gerne würde ich von den Schönheiten Berns sagen und schreiben, aber wo soll man da ansangen und aufhören! vor zwanzig Jahren nur eine Übergangsstation zu den weltberühmten Aussichtswarten des Oberlandes, ist es heute ein Grt, wo der Fremde zwei Tage in sein üeise- programm einsetzt und drei Wochen hingenagelt bleibt, ohne alles gesehen zu haben, was die Stadt und ihre reizvolle Umgebung Feines und Eigenartiges bieten. Wenn er von einer Hochbrücke oder einer Schanze aus die entschleierte Jungfrau erblickt und bewundert hat, so wandert er hochgemut die Arkaden aus und ab, erwartet vor dem be- 249 beweglichen Figurenwerk des Zeitglockenturmes den Lls-Uhr-Stunden- schlag und überlegt gleich nachher, wo er sein Mittagessen einnehmen will. Die Wahl ist da schwer zu treffen, zumal an guten, billigen Rüechli- stuben und feingedeckten Speisesälen mit französischer, deutscher und Italienerküche samt Bernerplatte und einem erlesenen Waadtländer- tropfen stadtauf und -ab kein Mangel ist. Gibt es doch in der Welt kaum einen zweiten Grt, wo man auf allen Gebieten das Höchste und Beste genießt wie in der Bundesstadt! So gerne der Berner die Hände in die Hosentaschen bohrt, wenn er mit einem Fremden aus der Straße zusammentrifft und aus hochdeutschen Beden und Gesprächen immer wieder ins Berndeutsche plumpst, so hat er doch für das Neue und Neueste der Millionenstädte jenseits des Bheins und des Jura ein seines Ghr und offene Bugen. Gewiß ist Bern in der Bunst weder ein München noch ein Paris, aber eine Stadt, die in der Malerei und in musikalischen Veranstaltungen großen Stils mit Städten wetteifert, die das erste Hunderttausend längst überschritten haben. Zwischen Haller und I. v. Widmann, Niklaus Manuel und Ferd. Hobler stehen eine ganze Beihe bedeutender Dichter und Maler, die beimische Eigenart und bernisches Rönnen weit über die Grenzpsähle unseres Landes hinaus bekannt gemacht haben. Lin schöner Teil dieser bernischen Eigenart offenbart sich scheinbar unverwüstlich in den uralten Zeugen des ältesten Bern an der untern Nqdeckbrücke, wo noch das alte Bürgerhaus steht, in den prachtvollen Zunft- und Geschäftshäusern, am großen Geschirr- und Zwiebelnmarkt, bei den Fleischständen der Beßlergasse und aus den Gemüse- und Viehmärkten, wo es ein- und ausgeht, ab und zu wie zu Urgroßvaters Zeiten. Das schmucklose, aber kraftvoll markige Äußere der Bauten Blt- Berns zeugt von dem nüchternen, auf das Dauerhafte und praktische gerichteten Geist, der die Berner beseelt hat. Im Jahr 1405 und später nochmals brannte die Stadt nieder. Nur wenige Gebäude haben ihren alten Baucharakter bewahrt, darunter namentlich die Zunsthäuser, so daß Bern in seinen Hauptstraßenzügen als eine Stadt des achtzehnten Jahrhunderts gilt. Line Busnahme macht das Münster, dieser wundervolle Zeuge gotischer Baukunst, an dessen Stelle sich früher schon zwei kirchliche Bn- lagen erhoben. 1334 „ist die groß kilchmure an der matten angefangen und ist der erst stein geleit durch bruder viebolt baselwind, lütpriester ze bern-und wart auch gut und stark angefangen." 250 .HE" Lurgdorf um das Jahr 1650 (nach Match. Merian) WvMMD WWW>WW>SM^»x<> S WM MlMlliw» Der Münsterturm wurde 142t begonnen und in halber höhe unvollendet gelassen und überdacht. Obwohl der Gedanke eines Ausbaues schon im Jahr 1796 gefaßt wurde, ging man doch erst im herbst 1889 an die Ausführung, und der herbeigerufene Ulmer vombauer begann mit den Verstärkungen des Fundamentes, an die sich der Ausbau anschloß, bis 1895 Achteck und Helm in vollendeter Schönheit erstrahlten. Ohne Not könnte man ein dickes Kapitel schreiben von den originellen Brunnendenkmälern, den Laubengängen und ehrwürdigen Lindenpromenaden, vom Bärengraben und den Murmeltieren im Hirschpark, vom Nathaus, Erlacherhof und den Patrizierhäusern an der Junkerngasse sowie von der Kuppel des derbwuchtigen Parlamentsgebäudes. Nur die Schönheit der Umgebung und die Lage Berns lassen sich nicht in Worte kleiden. Man kann darüber reden, mit den Armen auswetzen oder in Verzückung die Hände falten und zehnmal ausrufen: Unvergleichlich — schön wie nirgends sonst — es fehlt immer noch das Beste, das, was Bern kennzeichnet, die gute Lust, der Alpenkranz, der Widerschein der Firnen, die seine Fenster abends röten und die dunkelsten 251 Gassen erhellen. Man braucht nicht erst den Gurten zu erklimmen, um nach den Bergen zu sehen. Ein paar Schritte nur nach links oder rechts, und da stehen sie schon, lächeln, trauern, zürnen, immer stark und himmelhoch über allem Schein und Tand des Lebens. Dichter und Maler So, ihr kennt sie schon, die großen Dichter und Maler des neunzehnten Jahrhunderts? Ihr habt von Jeremias Gotthels „Elfi, die seltsame Magd" und die große „Uli"-Lrzählung gelesen, Gottfried Kellers „Fähnlein der sieben Aufrechten" und einige Seldwqler Geschichten. Ihr habt sein wunderbares Lied an die Heimat drei- und sogar vierstimmig gesungen, Tonrad Ferdinand Meyers Gedicht „Füße im Feuer" in der Schule prachtvoll vorgetragen. Euer Klassenzimmer zieren die „Toteninsel" und der „Geigende Eremit" von Arnold Böcklin. Bilder von Anker und Hobler und Buris handörgeler. Respekt für den Lehrer. 252 Arnold Vöcklin Es ist euch bekannt, daß Gotthels im Pfarrhaus zu Murten und in Uhenstors aufwuchs, in Lützelflüh als Pfarrer unermüdlich für die Hebung der Volksschule und des Armenwesens wirkte und mit dreißig Jahren den „Bauernspiegel" herausgab. Ihr erinnert euch, daß Böcklin abwechselnd in Basel, München und Florenz zu Hause war und seine Bilder Humor und Leben atmen und Farben sprühen. Habt ihr denn schon ein (Original zu Gesicht bekommen, etwa die „Meeresstille" im Museum in Bern, mit den schillernden Begenbogen- farben auf dem Fischleib des Weibes, oder das „Spiel der Wellen" und den „Heiligen Hain" in Basel, samt den grotesken Fratzen am Museum? Seid ihr in der wundervollen Hodlerausstellung in Bern gewesen? In eurem Schullesebuch steht ein Exempel von Heinrich Leutholds seiner Lyrik, und von irgendwoher wißt ihr, daß Keller Maler werden wollte und dann, wie der große Emmentaler, ganz ohne Absicht ein berühmter Dichter ward, und der Herr Lehrer hat euch erzählt, daß Keller und Meyer, obschon sie beide am untern Zürchersee wohnten, wenig zusammen verkehrten. 253 Gottfried tteller Das alles genügt aber nicht. Kaust die gesammelten Merke und ihr werdet sofort inne, wie fremd euch die meisten Dichtungen der großen Schweizer noch sind. Und doch, wie schön und bequem lesen sich Kellers „Zürchernovellen" oder sein „Sinngedicht" am Sonntag abend, Meyers Bündnerroman „Georg Jenatsch" und die Erzählungen Gotthelss in den Ferien. vergleicht einmal die vielen guten und billigen Drucke mit den Helgen, die in euren Stuben hangen und sicher drei-, viermal mehr gekostet haben. Tretet vor das Büchergestell und schaut nach, was für minderwertiges Zeug sich da brüstet und breit macht. Denn nicht alles, was du ererbt hast von den Vatern, oder von Tanten und Freunden geschenkt erhieltest, gehört zum Guten. Die Dichter, die nicht sofort populär wurden, sind gewöhnlich die besten und tiefsten, da meist nur das bestehen bleibt, was nicht augenblicks von der großen Menge erfaßt und verschlungen wird. Wenn ihr Kellers „Dietegen" und die „Ursula" oder sogar seinen dicken Künstlerroman vom „grünen 254 Die erste Eisenbahn in der Schweiz zwischen Laden und Zürich Heinrich", Gotthelss „Räthi die Großmutter", „Die schwarze Spinne", „Geld und Geist" gelesen und den Geschmack geläutert habt, so wird euch fortan manches, das in den Bücherreihen prangt, schal erscheinen. Ziere dein heim mit schönen Bildern und stell' ab und zu ein gutes Buch in dein Regal. Alle Gaumengenüsse sind kurz und reizen zu Beschwerden. Ein seines Buch aber säubert, stärkt und hebt dich aus dem Staub des Alltags. Es schmückt deine Bücherei und ehrt den Besitzer. Die Eisenbahnen Es muß für die Zuschauer zwischen Zürich und Baden ein verblüffendes Schauspiel gewesen sein, als im August 1847 der erste schweizerische Bahnzug über die glatten Schienen rollte. Mein Urgroßvater tat zwar einen heiligen Eid, solange er ein Rotz im Stall habe, werde er keinen Fuß in das Teufelswerk Hineinsetzen, und den Schwur hat er gehalten. Der Großvater war arg enttäuscht, als er zum erstenmal am Schlagbaum stand, weil das Satanswerk nicht viel schneller als ein Heufuder, mit dem die Pferde durchbrennen, an seiner Nase vor- 255 beirasselte. Denn so wie die Leute redeten, raste die Lahn gleich der Kugel aus dem Laus oder wie ein Weibergedanke. Das Rollmaterial der ersten Bahngesellschaft bestand aus vier kleinen Lokomotiven, achtundzwanzig Sitzwägelchen, zwei Stehwagen, drei Equipagen, zwei Viehwagen, einem Güterwagen und einem Tender für die Steinkohlen. Lokomotive und Wagen waren nach amerikanischem System eingerichtet und stammten aus Karlsruhe. Nach einem langen Streit, ob Staatsbahnen oder Privatgesellschaften, erschien im Jahr 1852 ein Bundesgesetz über den Bau und Betrieb von Eisenbahnen im Gebiete der schweizerischen Eidgenossenschaft. Bus mancherlei Gründen überließ man sie den Gesellschaften, die darin ein flottes Geschäft mit hohen Dividenden erblickten, so daß anfangs der sechziger Jahre schon ein Schienenweg von über 1000 Kilometer Länge im Betrieb war. Rls fast jedes große Dorf zwischen Basel und Thür, St. Gallen und Genf sein Bahnhöflein und einen Stationsvorstand hatte, besprach man aller Grten den großen länderverbindenden Bergtunnel und redete von Lukmanier und Splügen, von dem Simplon und Gotthard. Eine Gerade, die auf der Karte Berlin und Mailand verband, zog hart am Gotthard vorbei. 1869 erklärten der Norddeutsche Bund und Stallen sich für den Durchstich des Gotthard-Massivs. Der Genfer Louis Favre übernahm den Bau des fünfzehn Kilometer langen Tunnels und rückte dem Bergkoloß mit elektrischen Bohrmaschinen und Dynamit auf den Leib. Die scharfen, Tag und Nacht sich drehenden Bohreisen, gewaltige Sprengladungen und eine straffe Organisation förderten die Tunnelarbeiten derart, daß schon 1880 der Durchschlag erfolgte und zwei Jahre später die Eröffnung der Bahn, die heute noch als ein Kunstwerk allerersten Ranges Staunen und Bewunderung erregt. Ruch für uns Knirpse war das Ereignis damals von der größten Bedeutung, indem nun die Grangen und die Feigen, die vordem unerschwinglich teuer waren, um die Hälfte billiger wurden. Rls die Rktien der Ballgesellschaften im Werte stiegen, erscholl der Ruf: Die Schweizerbahnen dem Schweizervolk. Die Gegner schrien noch lauter: Nein, die Hand weg, ihr bürdet uns Milliardenschulden und Knechtschaft aus. 1898 entschied das Schweizervolk mit einer Mehrheit von über 200000 Stimmen für die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Reichbekränzt und mit dem weißen Schweizerkreuz auf der Brust 256 Die Lötschbergbahn überfährt den Luegelkinnviadukt im Rhonetal donnerten die eidgenössischen Lokomotiven nach der Abstimmung in die Bahnhöfe hinein. Nach dem Gotthard durchbohrte man den Zimplon, nach dem Simplon den Lötschberg. Frankreichs Reichtum und Unternehmungsgeist, die Tüchtigkeit und Ausdauer der italienischen Arbeiterscharen brachten in Verbindung mit schweizerischer Intelligenz und einer hochentwickelten Technik den Bau in der Zeit von 6^/z Jahren zur glücklichen Vollendung. 1913 wurde die elektrische Lötschbergbahn dem Betrieb übergeben. lver's vermag, kann heute aus dem Ltratzburger Münster den Lonnenausgang bewundern und abends aus dem Mailänder Dom die Farben des Abendrotes. Man kann an der französischen Grenze in Delle oder in pontarlier frühstücken und abends in der Ralsria Vittorio Rwanusls einen seinen Risotto 8.11a LlilLiwss essen und köstlichen Lardora dazu schlürfen. „Es ist ein verdienst der Zchweiz, durch ihre Energie und Arbeit dem internationalen Verkehr neue Bahnen zu brechen. Es ist ein Ehrentitel, 17 Jegerlehner, Geschichte 257 die Drehscheibe Europas zu sein. Durch die friedliche Tätigkeit, die auf die Bezwingung und Eroberung der gewaltigen Natur der Bergwelt gerichtet ist, führt die Schweiz ihre Nachbarn, die großen Völker näher zusammen. Die befreundeten Nationen sind durch die neueste große Alpen- bahn mehr als je verbunden; sie schulden der Schweiz Dank für die Belebung ihres Verkehrs, des Austausches an materiellen und geistigen Gütern, Dank für die Stärkung der internationalen Solidarität, die aus gemeinsamer Kultur beruht." So und ähnlich tönte es bei der offiziellen Einweihung der Lötschberg- bahn aus den Neben französischer und italienischer Staatsmänner, finanzieller und industrieller Führer. Es fiel manches Wort der Bewunderung und des Lobes für die Schweiz aus fremdem Munde, und es ist gewiß nichts Gewöhnliches, daß ein Staatsminister wie Thierry in Gegenwart der Diplomaten der Großmächte in den Nuf ausbrach: „Ihr Schweizer habt uns mehr als ein Fest, ihr habt uns eine Vision eurer Stärke gegeben. Wir nehmen an eurer Demokratie ein Beispiel für uns nach Hause." Und so war es. Wie den Gotthard und den Simplon, so hat die Demokratie der Tat in Verbindung mit der modernen Technik die Berneralpenbahn geschaffen, heute werden die Bundesbahnen elektrifiziert. Zu all den eidgenössischen Hauptlinien und Nebenbahnen noch die vielen Bergbähnlein, die so schnurrig und pfurrig in die steilen Hochtäler fahren und wie Kletterziegen so flink die schwindelnden Gipfelhöhen erklimmen! Man mag über die vielgerühmten und oft geschmähten Bergbahnen in guten Treuen geteilter Meinung sein. Wer auf den Gornergrat hinausfährt oder zum Jungsraujoch und in 3457 Meter höhe in die urweltliche Stille und polare Vereisung hinausgehoben wird, empfindet es doch als einen Triumph der Technik und köstliche Fügung des Schicksals, daß eine Gegend, die bisher nur ein Dorado der Kniestarken und herzhaften Fexen war, heute auch den Engbrüstigen so gut wie dem naturfreudigen Geschlecht der Damen, jeder nicht zu magern Börse, zugänglich ist. Jugendwehr und Armee Wenn stramme Jungmannschast mit dem Kadettengewehr, rasselnden Tambouren oder Pfadsinderhüten stolz leuchtenden Auges an mir vorüberzieht, als ob sie geradeswegs von der Schlacht und einem groß- 258 Kargauer Kadetten artigen Sieg heimkehrte, so denke ich immer an meine Kindheit zurück und an das Geßlerschießen der Armbrustschützen in Thun. War das ein Jubel, wenn wir Knirpse das regelmäßige, durch Vorschriften und einen Vorstand geordnete Zielschießen aus die beiden Scheiben im Täntsch mit einem feierlichen Umzug durch die Stadt beschlossen, voran die Stadtmusik, dann die Herren der Aufsichtskommission in sein gebürsteten Zylindern, Tell mit dem rotbackigen Knaben an der Hand, hernach der lange Zug der Armbrustschützen. Und mitten drin lebensgroß auf Leinwand gemalt der grimmig-finstere Geßler hoch zu Uoß mit dem goldig glänzenden Medaillenscheibchen aus der Herzgrube. Das Publikum am gespannten Seil, das dem Geßlerschießen zusah wie einer leibhaftigen Hinrichtung! Der Jubel, wenn der erste Bolzen die Medaille streifte, das Hurrarufen und Getrommel, wenn ein anderer um Haaresbreite näher am Zentrum steckte! 17 » 259 Pfadfinder Das Armbrustschützenkorps von Thun reicht bis ins Jahr 1530 zurück. Andere Städte fingen auch ungefähr um diese Zeit an mit den Schießübungen der Knaben auf Ziele. Zuerst nur mit Armbrüsten, dann auch mit der Muskete. So hatte Zürich sein Tätschschießen, Gens seine petits voltiZours. Doch gingen nach kürzeren oder längeren Zeitperioden die Jugendübungen in den meisten Schweizerstädten wieder ein. Nur in Thun nicht. Allgemach, als Pulver und Blei und die Gewehre billiger wurden, gründete man bald hier, bald dort ein Kadettenkorps. Der Name stammt aus den militärischen Junkerschulen in Frankreich. Joh. Konrad Lscher ermunterte in einem Zürcherschristchen zur Gründung dieser Korps. 1759 übten sich die Knaben im bürgerlichen Waisenhaus in Bern zum erstenmal im Exerzieren, und nun wuchsen die Kadetten nur so aus dem Boden. So in Zürich, Aarau, Winterthur, Schafshausen, Basel, Brugg, Lenzburg, Zosingen, Thür. Sogar pestalozzi schuf in pverdon ein bewaffnetes Knabenheer. 1817 folgte Lausanne, 1820 Viel mit St. Gallen. 260 Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurden die ersten kantonalen Gesetze für die militärische Ausbildung der Jugend erlassen. An einigen Grten verband man die Uadettenpslicht mit dem Eintritt in die Mittelschule, so im Kanton Tessin und besonders im Aargau, der von jeher für die körperliche militärische Ausbildung der Jugend vorangegangen ist. Als in den Schulplänen auch der Turnunterricht erschien, gerieten die Kadettenkommissionen mit der Lehrerschaft in Zwist, der fast überall zugunsten der Schule und des turnerischen Unterrichts endete. In neuerer Zeit erkannte man, daß auch der Turnunterricht in den Schulen nicht alle Hoffnungen erfüllte, die man darauf setzte. Zwei Stunden Turnen in der Woche genügen eben nicht. Spiele und Bethätigung an den Geräten ersetzten das Gewehr und bunte Uniform und den Wasfenstolz nicht. In vielen Städten und Ortschaften, wo das Kadettenwesen längst erloschen war, stand es wieder auf. Die Jünglinge, die mit fünfzehn Jahren die Schule verließen, verlangten Tummelplätze und geistige Ausspannung. In Scharen wandten sie sich dem eidgenössischen Turnverein zu als dem ältesten und heute noch berufensten Vermittler einer straffen, einheitlichen und vom besten Geiste beseelten Organisation. In sämtlichen Sektionen umfaßt er heute gegen 100000 Mitglieder, die nicht nur Gerätübungen pflegen, sondern auch die leichtathletischen — die Partei- und Kampsspiele. Der unbewaffnete und bewaffnete militärische vorunterricht wurde an die Hand genommen, und das schweizerische Militärdepartement erließ 1887 ein Regulativ über die Schießübungen der Schüler an Mittelschulen und Gymnasien. Man stellte Pfadfinder- vereinigungen unter den schönen Wahlspruch: „Allzeit bereit", Fußballplätze wurden eingeebnet, Wandervogelgesellschaften gegründet, dazu Schwimm-, Ruder-, Eislauf-, Lawn-Tennis-, Schwinger-, Hornusser- und Radfahrverbände, Berg- und Skisportvereine, so daß es heute den Jungen schwer fällt, sich für den einen oder andern dieser Vereine zu entschließen. Denn alle haben ihre Berechtigung und eine schöne Aufgabe. Aus verschiedenen Wegen wollen sie das gemeinsame Ziel erstreben, dem Vaterlande eine kräftige, zu Ausdauer und Strapazen erzogene Jungmannschast in die Rekrutenschulen zu stellen. Eine Milizarmee mit der kurzen Ausbildungszeit ist aus die gute körperliche Ausbildung und den srühgeweckten soldatischen Geist der Jugend angewiesen. Die fremden Offiziere, die unsern Herbstmanövern 261 beiwohnten, wunderten sich oft über die geschmeidige Beweglichkeit und die harten Knochen der Soldaten, das taktische Verständnis der Offiziere und den flotten einheitlichen Geist, der Truppen und Führer beseelte. Es zeugt von mangelnder Kenntnis, wenn die beispiellosen Erfolge unserer Ahnen in der Heldenzeit immer nur dem knorrigen Wuchs, der wuchtigen Faust und löwenhaften Tapferkeit zugeschrieben werden. Schon bei dem ersten großen Sieg am Morgarten gingen dem Strauß militärische Übungen und fortifikatorische Vorbereitungen voraus, ein ausgedehnter Späherdienst, ein Abwägen und Messen der strategischen Verhältnisse, wie man es heute von der modernen Kampfweise verlangt. Die alten Schweizer warteten nicht in stumpfer Verteidigung, bis der Feind sie anrannte. Sie zogen ihm entgegen, packten und warfen ihn. Sie schlugen zehnfach überlegene Keiterheere bis zur Vernichtung und verstanden es besser als jede andere Nation, die zahlenmäßige Unterlegenheit durch die Vorteile des Bodens und der geographischen Gestaltung auszugleichen. Als 1907 ein neues Wehrgesetz und 1912 die neue Truppenordnung geschaffen wurden, war der Gedanke Grund und Wegleitung, die Armee zu befähigen, die Entscheidung im geschlossenen Angriff zu suchen. Leib und Geist des Heeres sollten auf die Kriegführung in der großen Zeit der alten Eidgenossenschaft hinweisen. Unsere Armee ist keine Polizeitruppe, die nur bestimmt ist, den Grenzwachtdienst zu versehen. Sie soll ein scharfes Instrument in der Hand ihrer Führer sein, womit sie die Unabhängigkeit des Schweizerlandes wahren und behaupten können. Wenn einmal die Neutralität der Schweiz nicht mehr im Interesse der europäischen Staaten liegt, so wird das papierene versprechen von 1815 das Land nicht schützen, wohl aber die eiserne Wehr unseres Heeres, die Kraft und der Land und Volk umspannende vaterländische Geist der Truppen und ihrer Führer. Grenzwacht Nie hat das Herz unseres Volkes höher geschlagen als beim Ausbruch des europäischen Völkerkrieges im August 1914. Die schweizerische Armee machte mobil. Die Älpler übergaben ihren Frauen und Kindern Hirtenstab und Melkstuhl, tauschten das Iöpplein mit dem Waffen- rock und empfahlen ihre Lieben dem Schutze des Höchsten. Aus Kanada und Argentinien, von allen Himmelsstrichen reisten die Schweizer der 262 General Ulrich Wille Heimat zu und stellten sich ins Glied. In den Kasernenhöfen und Wafsenplätzen, allüberall Soldaten, Pferde, wagen und Kommandorufe. Glatt und pünktlich wie bei einer Friedensübung ging die Mobilmachung oonstatten. Die Fahnen hoben sich, und die Truppen schwuren den Tid fürs Vaterland. Schon waren von der Bundesversammlung Ulrich Wille zum General, Th. Sprecher von Bernegg zum General- stabschef gewählt. Die Krmee war kampfbereit, blitzblank bis auf das letzte Häftlein. Tag und Nacht rollten die Lisenbahnzüge der Grenze entgegen. In der vorgeschriebenen Frist war der Kufmarsch vollzogen und die Landesmark geschützt, was die Festredner seit Jahrzehnten über Lorbeerkränze und Schützenbecher hinaus von Liebe und Treue zur Heimat ins Volk hineingedonnert hatten, in der kurzen Spanne der großen unvergeßlichen Nugusttage war es zum Ereignis geworden. wie unbedeutend erscheint uns heute der deutsch-französische Krieg im Vergleich zu dem europäischen Völkerringen, fast nebensächlich die Grenzbesetzung von l870/71 gegen den Nufmarsch der Dreihundert- 263 Generalstabschef Th. Sprecher von Bernegg tausend. Was hundert Lenze erblühen ließen, die großen Nationen Europas in friedlicher Arbeit errafften, legte der Sturmwind nieder. Wo Paradiese gestanden, gähnte das Grauen. Was für die Ewigkeit festzuhalten schien, wurde auf einen Ruck aus den Sockeln gehoben. Rn den Marken standen unsere Soldaten, strammer und wachsamer denn je, das Vaterland im herzen, am Horizont den Dampf des Schlachtfeldes und das entsetzliche Klirren der alles vernichtenden Hippe. Wohl war es nicht mehr die Landeswehr von Anno 70/71, die bei verridres die Trümmer einer zerschlagenen Armee auffing. Stände es um unser Soldatentum noch wie vor fünfzig Jahren, die Schweiz wäre heute ein armes, verödetes Land. Mit Staunen lesen wir in dem Bericht des Generals herzog die Worte: „... Soll die Wahrheit ungeschminkt an den Tag kommen, so muß konstatiert werden, daß bei der Mobilisation Tatsachen zum Vorschein kamen, von deren Bestand die wenigsten schweizerischen Offiziere eine Ahnung hatten. Ls traten Ubelstände zutage, die man seit Jahren be- 264 seitigt wähnte. Wenn auch glücklicherweise der größere Teil der Kantone seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, so gab es anderseits auch mehrere, welche in unbegreiflicher Nachlässigkeit zurückgeblieben sind und nach vollen zwanzig Jahren dem Gesetz über die Militärorganisation vom 8. Mai 1850 noch nicht Genüge leisteten. Eine solche Verblendung hätte bedenkliche Folgen haben können... Sie ist und bleibt ein Verbrechen gegenüber dem Gesamtvaterlande... Nichts ist für uns gefährlicher, als wenn wir uns Illusionen hingeben, wenn wir glauben, gerüstet zu sein, und mit dem Vorhandensein einer verhältnismäßig großen Armee pochen, und in der Stunde der Gefahr und der Prüfung sich so manches als fehlend oder mangelhaft herausstellt... Besser wird es stets sein, eine an Mannschaftszahl etwas schwächere, dagegen qualitativ tüchtigere Armee zu besitzen, als es gegenwärtig der Fall ist, wo gar manches aus dem Papiere prangt, was in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. In gar manchen Kantonen sieht es mit der Landwehr ganz bedenklich aus - die Mannschaft ist zwar vorhanden, das Gsfiziers- und Unteroffizierscadre jedoch sehr lückenhaft und die Waffen noch äußerst mangelhaft, Kleidung oft teilweise bloß vorhanden, während die Bataillone doch als Bestandteile der Brigaden figurieren und Dienste leisten sollen, zu denen sie zur Stunde absolut unfähig sind und nicht so bald fähig werden können, falls nicht ganz andere Opfer an Zeit und Geld gebracht werden, als es in jüngsten Jahren geschah. Einen großen Übelstand bildet auch die mangelhafte Untersuchung der Mannschaften aus körperliche Gebrechen. Unsere Armee enthält zu Tausenden Leute, welche absolut keine andauernden Strapazen ertragen können und daher mit Necht anderwärts vom Militärdienst ausgeschlossen bleiben - denn solche Krieger füllen in wenig Tagen die Spitäler, bevor noch ein Schuß abgefeuert wurde, verursachen ganz unnütze Kosten für Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung und bilden vielerlei Hindernisse im Dienst." Neue Wehrgesetze haben seit 1871 unser Heer gefestigt und stark gemacht. Unsäglich größer als zur Zeit des Bourbakischen Einmarsches ist auch die Gefahr geworden. Unser Land war ein Nifs in der wilden Brandung des Krieges, eine vereinsamte Friedensinsel, die über Nacht zum rauchenden Schlachtfeld sich wandeln konnte. Man mußte sie sehen, unsere Soldaten, wie sie im Grenzdienst straff und stählern wurden. Man muß dabei gewesen sein, um zu ermessen, welche Arbeit jeder einzelne an sich und zum Frommen des Landes ge- 265 leistet und wie manches Gpfer er gebracht hat. Wie rasch und gründlich die Mangel in unserem Heerwesen, die man in der Friedenszeit nie recht erkannte, gehoben wurden. Handelte es sich doch nicht allein um den Grenzschutz, sondern um die Verteidigung des Vaterlandes, und das war eine Ausgabe, viel schwieriger als sie schlechthin erscheinen mochte. Die Landesgrenze ist nicht überall auch die strategische Linie, d. h. die Linie, die am besten gehalten werden kann. Im Norden schützt doch der Rhein, werdet ihr sagen, im Westen der Jura, und im Lüden der Alpenwall. Jawohl, so obenhin gesagt. Eine Flußlinie ist heute jedoch kein Annäherungshindernis mehr. Und nun betrachtet einmal die Lchweizerkarte. Die Landschaft Ltein, der ganze Kanton Schass- hausen, das zürcherische Rafzerfeld und Kleinbasel liegen über dem Rhein, der Pruntruterzipsel außerhalb der Jurakette. Gens ist ein offenes Land, und im Süden springt der Tessin über die strategische Linie hinaus. Im Westen, Süden und Norden wurden die Mangel der geographischen Gestaltung unserer Grenzen durch Schanzen und Sperr- werke gehoben. Denn es gibt keinen Eidgenossen, der willens wäre, auch nur eine Scholle von dem herrlichen Schweizerländchen preiszugeben. Am allerwenigsten im Tessin, wo alle Seen, fast alle Straßen und Geleise in die Poebene münden, wo Sprache und Volksgebräuche viel eher im Süden als im Norden Anschluß finden. Durch die Grenz- besetzung und den Wechsel der Truppen wurde das Land am Ticino eigentlich erst entdeckt. Der Tessiner, der mit beiden Augen südwärts schaut und sich nicht gerne umkehrt, um zum Mutterlande zu reden, weil er glaubt, man verstehe seine Sprache nicht und noch weniger seine Seele, er empfing die eidgenössischen Bundestruppen, die rivoriti Loutsäorati, mit rührender Begeisterung. Schnell hing er sein blaurotes Fähnlein in den Schatten des großen eidgenössischen Kreuzes. Die Berner und Zürcher Soldaten sagten zu ihm: Bravo, kratollo tioirisso. Du brauchst nicht Deutsch zu lernen. Das ist für dich zu schwer. Rede du nur deine schöne liuZua, äel sl und lehre sie uns,' wir wollen zusammen italienisch singen und bei eurem guten biostruuo aus du und du anstoßen, und dann führen wir dich durch den Gotthard und zeigen dir unsere glatten Simmentalerkühe, die großen blanksauberen Emmentaler- bauernhöfe, schöne Städte und Dörfer, das Rütli, Sempach und Murten. So ward der lange verkannte Tessin ein Lieblingsbruder des Schweizervolkes. D, was hat die Grenzbesetzung für Wunder gewirkt! 266 Im Gleichschritt der Soldaten wurde auch der Pulsschlag von Ost und West, von Süd und Nord ausgeglichen, der Blick aus das Schweizerbanner geheftet und der Ton überall aus die Nationalhymne gestimmt. Während das Vaterland im eisernen Kranz seiner Grenzwehr sich sicher fühlte, berieten und organisierten die Behörden die Verprovian- tierung des Volkes und erwirkten den Austausch der Invaliden und Evakuierten zwischen Frankreich und Deutschland und später auch zwischen Italien und Österreich. Die schweizerischen Kurorte, die mit Weh und Bangen ihre Pforten geschlossen hatten, öffneten sie wiederum zum Empfang der schwerverwundeten und kranken Internierten, die unsagbar froh und dankbar waren, aus dem Joch der Gefangenschaft an guten Tisch und heilsame Luft zu kommen und in der sorgfältigen Pflege zum normalen puls und Gangwerk zu erstarken. Die Deutschen wurden in Genf ebenso warm und begeistert empfangen wie die Franzosen in Schafshausen. Ein General rief aus: „Die Transporte ersetzen der Schweiz ein Armeekorps." „Boihonr, cainaraäos," „Tag, Kameraden," tönte es aus den sich kreuzenden Zügen von Wagen zu Wagen. Nicht mit Nufen des Hasses, mit Blumen und freundlichen Worten begrüßten sich die Opfer des Krieges durch die Wagensenster. In den Schützengräben und Gefangenenlagern hatten sie den haß verlernt und am Menschen, der ihr Feind war, wieder den Menschen und Patrioten erkannt, der nichts anderes tat als seine Pflicht. Doch unermüdlich donnerten draußen die Kanonen weiter, spritzten die Maschinengewehre ihre eisernen Duschen, preschten die Kugeln und mähte der Tod Schwade um Schwade ins blühende Leben hinein, von allen Kirchtürmen schallten viermal die Weihnachtsglocken in den Jammer der väter und Mütter. Jedes fromme Gemüt lauschte und seufzte und bat: Herr, laß Friede werden aus Erden, Gott unserer väter, der du allein über Leben und Tod, Sein und Nichtsein richtest, schirme du auch fernerhin unser liebes, liebes Schweizerland. Der Auslandschweizer Dumpf und hohl tönte es, das Wort vom Frieden, und riecht nach Blut und Verwesung heute noch, obschon seit dem Versaillervertrag von 1918 manches Jahr verging und Genf dem Völkerbund einen stolzen Sitz bereitete. Der Weltkrieg hat das Abendland in Schuld und Not gestürzt, die Besiegten sowohl als auch die Sieger und die neutralen Staaten. 267 In den Landen der kriegführenden Nächte sank der Geldkurs in ungeahnte Tiefen. Handel und Wandel stockten. Unsere Fremdenkurorte verarmten, der hohe Stand des Schweizersranken untergrub die Industrie, die ihre Maschinen teilweise, ja gänzlich stillegen mußte. Tausende und aber Tausende von Arbeitern und Künstlern wurden brotlos. Der Bund, die Kantone und die Gemeinden erschlossen ihre letzten Einnahmequellen, um nur die Zinsenlast der Nillionenschulden zu tilgen. Düster umnebelt liegt die Zukunft vor uns. Mein wir vertrauen aus unsern Nachwuchs, auf Mädchen wie Buben, aus euch zumal, ihr hossnungsfrohen Jungen, die ihr einstens die Geschicke des Landes führen werdet. Werdet stark an Leib, opferwillig, tüchtig und gerecht in der Gesinnung. Wachset aus zu Männern und Persönlichkeiten, und es wird euch gelingen, durch alle Fährnisse und internationalen Verwicklungen die Ehre und Unabhängigkeit der lieben Heimat hochzuhalten. Nicht nur im Inland, sondern auch in der Fremde. Die Ehre unserer Heimat, sie strahlt wie eine Sonne in die fernsten Winkel des Erdballs, solange Ehrlichkeit und Arbeit unsere Losung ist, solange der Ausland- schweizer sich mit dem Mutterlands verbunden fühlt. Die Neue helvetische Gesellschaft, der wir schon soviel verdanken, hat die Auslandschweizerorganisation ins Leben gerufen, die heute gegen hundert Gruppen umfaßt. Sie hat ein sehr tätiges Sekretariat in Gens errichtet und ließ den trefflichen Gedanken zur Tat werden, jedes Jahr einmal, am Auslandschweizertag der Basier Mustermesse, unsere Mitbrüder willkommen zu heißen, ihnen zu danken für ihre Treue und Liebe zur Heimat und ihnen die Überzeugung auf den Heimweg mitzugeben, daß alles, was bis jetzt für sie geschah, nur ein Anfang war, dem weiteres rasch und unaufhaltsam folgen wird. Unlösbar soll das Schweizertum zwischen Heimat und Fremde, von einem fremden Land zum anderen verbunden werden. habt ihr die Frauen vom Bund zum Schutze junger Mädchen schon bemerkt, die an unseren Bahnhöfen die Ankunft der Züge abwarten und jedem Mädchen, das nicht aus und ein weiß, freundlich beistehen? Jeder Auswanderer wird an seinem Bestimmungsort fortan eine deutlich sichtbare Auskunftstelle antreffen, ein Landsmann geleitet ihn als zuverlässiger Führer und Berater ins Lokal des Schweizerklubs, wenn er es wünscht, zum Konsul, erteilt ihm die erste Aufklärung über Land und Leute, stellt ihn seinen Freunden vor, verschafft ihm Brot und 268 Unterkunft und steckt ihm schnell noch die letzte Nummer der eben gegründeten Zeitschrift für Nuslandschweizer kn die Tasche. Und da steht obenan ein Gedicht: Du Land der Berge, bunter Blumenauen, wildwasserbächegrünen Seen, worüber kühl die Wolkenkuppel schirmet und höher noch der Fels die Zinne türmet, da ewiglich die Mauern stehn, erschimmerst du im Dust der Sommerfreude, urstolzer Städte wehr und Zier, im Mastenwald der Wimpel Heller Sang, der Nöck und Nixen harsenzauberklang, wie klein ist alles neben dir! Nicht tauscht' ich Palmenmärchenparadiese, die trügerisch die Blicke bannen, des Südens Mittag, seine blauen Wunder, blüht in der Mauernische der holunder, um deinen Schnee, um deine Tannen. Noch eine Nbendglocke summt im Tal, am Firn erlischt der letzte Strahl. Löst meine Seele sich dereinst vom Staube, von meines Himmels stiller Gartenlaube grüß' ich hernieder tausendmal. Zeittafel 58 vor Ehr. Schlacht bei Bibrakte. 15 nach Chr. Die gesamte heutige Schweiz dem römischen Reich tributpflichtig. 374 Gründung der Stadt Basel. 515 Gründung des Klosters St. Maurice im Wallis. 720 Gründung des Klosters St. Gallen. 888 Königreich Neuburgund. 917 Herzogtum Rlamannien. 924 Überfall des Klosters St. Gallen durch die Ungarn. 1033 Rlamannien und Burgund mit dem deutschen Reich verbunden. 1178 Gründung Freiburgs. 1191 Gründung Berns. 1218 Tod des letzten Zähringers. Zürich Reichsstadt. 1231 Freiheitsbries der Urner. 1240 Freiheitsbrief der Schwyzer. 1240/42 Erster Bund der Lidgenossen. 1255 Bern begibt sich unter den Schutz Peters von Savoyen. 1273 Rudolf von Habsburg deutscher König. 1291 Tod König Rudolfs. Erster schriftlicher Bund der drei Länder. 1315 16. Nov. Schlacht am Morgarten. 1318 Belagerung von Solothurn. 1332 Bündnis der Waldstätte mit Luzern. 1336 Brun wird Bürgermeister von Zürich. 1339 21. Juni. Schlacht bei Laupen. 1351 Zürich im Bund der Lidgenossen. 1352 Glarus und Zug treten in den Bund. 1353 Bern tritt in den Bund. Die acht alten Grte. 270 1356 Erdbeben in Basel. 1375 Einsall der Gugler. Buttisholz, Ins, Fraubrunnen. 1382 Mißglückter Handstreich des Grasen von Kiburg gegen Solothurn. 1386 9. Juli. Schlacht bei Sempach. 1388 9. April. Schlacht bei Näsels. 1388 visperschlacht. 1403 Schlacht am Speicher. 1405 Schlacht am Stoß. 1415 Eroberung des Aargau. 1417 Der große Brand von Basel. 1422 Niederlage der Schweizer bei Arbedo. 1436—50 Der alte Zürichkrieg. 1444 26. August. Schlacht bei St. Jakob an der Birs. 1460 Eroberung des Thurgau. 1468 Eidgenossenschaft der drei rätischen Bünde. 1474 Schlacht bei horicourt. 1476 2. März. Schlacht bei Grandson. 1476 22. Juni. Schlacht bei Murten. 1477 5. Jan. Schlacht bei Nancq. 1478 Zug nach Bellenz. Schlacht bei Giornico. 1481 Tagsatzung zu Staus. Freiburg und Solothurn im Schweizerbund. Bruder Klaus, geboren 1417. 1489 Waldmanns Sturz und Hinrichtung. 1499 Schwabenkrieg. Frästen; (April), Lalven (Mai), Darnach (22. Sept.). 1501 Basel und Schaffhausen im Bund der Lidgenossen. 1513 Appenzell tritt in den Bund. Die dreizehn alten Grte. 1513 6. Juni. Schlacht bei Novara. 1515 13/14. Sept. Schlacht bei Marignano. 1484—1531 Ulrich Zwingli. 1519 Beginn der Reformation in Zürich. 1528 Reformation in Bern. 1529 Reformation in Basel. 1529 Erster Kappelerkrieg. 1531 Zweiter Kappelerkrieg. Zwinglis Tod. 1533 Schultheiß wengi in Solothurn. 1535 Beginn der Reformation in Genf. 271 1536 Eroberung der Wandt. 1555 Austreibung der Locarner. 1564 Tod Talvins. 1574 Berufung der Jesuiten nach Luzern. 1586 Der Borromäische Bund. 1597 Trennung von Appenzell. 1602 12. Dez. Escalade in Gens. 1620 Veltlinermord. 1639 Ermordung des Iürg Ienatsch in Lhur. 1648 Anerkennung der schweizerischen Unabhängigkeit im westfälischen Frieden. 1653 Der Bauernkrieg. Wolenschwil, Gislikon und herzogenbuchsee. 1656 Der erste villmergerkrieg. 1707 Neuenburg wird preußisch. Bohrung des Urnerlochs. 1712 Der zweite villmergerkrieg. 1723 Vavel. 1749 henzi. 1761 Gründung der helvetischen Gesellschaft. 1765 Rousseau aus der Petersinsel. 1794—95 Stäfner Handel. 1798—1803 Die helvetische Republik. 1798 6. März. Neuenegg und Grauholz, Einmarsch der Franzosen in Bern. 1798 Mai. Rümpfe in Schwyz, Schindellegi, Rotenturm, Morgarten. 1798 Sept. Schreckenstage in Nidwalden. 1798—99 Rampf und Not im Wallis. 1799 Russen, Österreicher und Franzosen kämpfen in der Schweiz. 1799 25. und 26. Sept. Zweite Schlacht bei Zürich. 1803- 1813 Mediation. 1803 Aargau, Thurgau, St. Gallen, Graubünden, Tessin und Waadt zu den 13 alten Grten. 1804- 1822 Linthwerk. 1813—1815 Sturz der Mediationsverfassung. Die lange Tagsakung. 1814/15 Wiener Rongreß. 1815 Der Bundesvertrag. Wallis, Genf und Neuenburg treten in den Bund. 1815—30 Die Restaurationszeit. 1830/31 Sturz der Aristokratie. 272 1830 22. Nov. Volkstag zu Wer. 1831 10. Jan. Volkstag zu Münsingen. Ausstand der Neuenburger. 1833 Trennung Basels. 1838 Napoleonhandel. 1839 Züriputsch. 1841 Rlösteraufhebung im Aargau. 1843 5ept. Gründung des katholischen Sonderbundes. 1844/45 Freischarenzüge. 1847 Sonderbundskrieg, Gislikon und Meierskappel. 1848 1. März. Aufstand in Neuenburg. 1848 12. Sept. Schweiz. Bundesverfassung. 1856/57 Neuenburgerhandel. 1871 Einmarsch der Bourbaki-Armee. 1872—1882 Bau der Gotthardbahn. 1874 Revision der schroeiz. Bundesverfassung. 1875 Gründung des Weltpostvereins. 1898 Gesetz über den Rückkauf der Eisenbahnen. 1898—1906 Bau der Limplonbahn. 1907 Gesetz über die Militärorganisation und die Nationalbank. 1908 Schweiz. Lebensmittelgesetz. 1912 Lidg. Zivilgesetzbuch. Lidg. Kranken- und Unsallversicherungs- gesetz. 1913 Eröffnung der Lötschbergbahn. 1914/18 Grenzbesetzung. 18 Jegerlehne Geschichte 273 Sachregister Leite Karau, Tagsatzung in.195 Kargau, Eroberung des . 85 Kargau, Putsch im.228 ^ASurium. 25 Klamannen. 21 Klzellen. 48 Kmsteg. 52 Kppenzell. 82 Krbedo.131 Krmee.262 Kttinghausen. 42 ^uZusta . 20 Kuslandschweizer.267 4vsnticum (Kvenches). 17 Baden . 85 Basel.124 Basel-Ltadt und -Land.224 Bauernkrieg.165 Bellenz.131 Berchtold V. 60 Bern. 60 Bern, Die Hauptstadt.248 Bernhard, Großer §t. 18 Bibrakte. 14 Bildersturm.148 Blamont, Graf von. 97 Bodmer, Professor.184 Vornhauser, Pfarrer.222 Borromeo.158 Breitinger, Professor.184 Bronzezeit. 15 Brun, Rudolf. 59 Brune, französischer General. ... 197 Bubenberg, Kdrian von.102 Bubenberg, Johann von. 64 Bundesbrief 1291. 44 Bundeshaus.245 Seite Bundesstaat.236 Bundesverfassung.246 Bünden.115 Burgunder. 23 Lalven.119 Talvin.156 Läsar. 15 Lhaldar.116 Lluse, La.153 Tolumba. 27 Toncise.100 Tottenchergrotte. 10 Davel, Landmajor.192 Diokletian. 26 Diviko. 15 Dornach .121 vufour, General.229 Einheitsstaat, Der.202 Einmarsch fremder Heere.216 Eisenbahnen.255 Eisenzeit. 15 Emmenegger.167 Lmmersberg.127 Lrlach, Ludwig von.197 Lrlach, Rudolf von. 65 Lscher von der Linth, Hans Ronrad 213 Ltzelpaß .204 Hardün.116 Farel.155 Flüe, Niklaus von.110 Föderalisten.212 Fontana, Benedikt.121 Franken . 25 Franzosen in Bern, Die.200 274 Seite Frastenz .119 Freiburg.109 Freischaren.228 Friedrich, Kaiser. 43 Friedrich von Habsburg. 53 Friedrich von (Österreich . 83 Fürstenberg, Graf von.121 Furrer, vr. Ionas, Bundespräsident 239 Gallen, 3t. 28 Gallus. 27 Gaster. 87 Gegenreformation.158 Genf.152 Geßler. 47 Giornico.130 Gislikon.171 Gletschermühlen. 9 Göldli.113 Gotthard.129 Gotthardpaß (Eröffnung). 42 Grandson. 98 Graubünden.115 Grauholz.200 Grenzbesetzung.262 Gugler. 67 Gümmenen.105 Habsburg, Friedrich von. 53 Habsburger, Die. 36 Hagenbach, Peter von. 96 Haller, Albrecht von.183 Hallwil, Hans von.105 Hegau.118 Henzi, 5amuel.193 Hericourt. 97 Hertenstein, Kaspar von.105 Herter, Wilhelm.105 Herzogenbuchsee.171 Höhlenbewohner. 7 Hüningen, Belagerung der Feste . 219 Huttwil.170 Jakob, St., a. d. Birs. 89 Jakob, St., a. d. Sihl. 88 Jenatsch, Jürg.161 Seite Jesuiten-Frage.228 Ingelram, Loucy. 67 Johann, St. (Kloster). 22 Jolanthe, Herzogin von Savoyen. 98 Irgenhausen. 17 Jugendwehr und Armee.258 Kappel.149 Karl der Große. 24 Karl der Kühne. 94 Karl, Erzherzog von (Österreich . . 209 Kerenzerberg. 72 Keßlerloch b. Thaingen. 10 Kiburg. 34 Kiburg, Graf von.110 Kirche, Die.142 Königsfelden. 38 Konstanz. 85 Korsakoff.210 Kriegselend.209 Kuno von Stoffeln. 82 Laharpe.195 Landenberg. 43 Latsch (Graub.).121 Laupen. 64 Lausanne.154 Lavater, Johann Kaspar. 186 Lecourbe, Franz. Untergeneral . . 210 Leopold, Herzog von Österreich . . 54 Leuenberger, Niklaus.169 Linthkorrektion.212 Livinental.131 Löwendenkmal in Luzern.141 Louis Philipp der Bürgerkönig . . 225 Ludwig von Bayern. 53 Luneville, Der Frieden von .... 212 Luzern . 56 Nlangourit, Gebieter im wallis . . 207 Marignano.136 Massena.210 INaurice, St. 26 Mauritius. 26 Maximilian, Kaiser.118 18 » 276 Mazzini, Giuseppe. Mediation. Mengaud, Französ. Gesandter . . . Morg arten. Münch, Burkhard. Murifeldervertrag. Murten. Müller, GeschichtsschreiberIohannes von. Näfels. Nancq. Napoleon Bonapart«. Napoleon I. an der Spitze der Regierung . Napoleon, Louis. Neuenburg . Neuenegg . Neutralitätrverletzung. Nidwalden. Nikiaus von Flüe. Novara. Octoäurum . Vchs, Peter. wsterreich, Friedrich von. Grgetorix. Gtto von Straßberg . Gttokar von Böhmen. Panixerpaß, Suworoffs Truppen auf dem. Pest. pestalozzi. Peter von Savoqen. Pfahlbauern. Pfqffer, Schultheiß in Luzern . . . pfqnwald . pictet du Rochement. planta, Pompejus. Platter, Thomas. pontarlier. Rapperswil, Graf von. Raron. .. Rätier. 276 Leite Rätien. 116 Reding, Nlois.204 Reding, Ital. 87 Reformation.142 Reformation in Bern und Basel . 146 Rens, Herzog.107 Reubel.194 Rohan.163 Romont, Graf von.103 Rotenburg. 68 Rot, Hans von Basel. 91 Rotenturm.204 Rousseau, Jean Jacques.187 Rotzberg. 43 Rudolf, Graf von Habsburg.... 36 Rudolf von Werdenberg. 84 Rütli. 39 Rütli. 49 Säntis. 82 Savoqen. 23 Savoqen, Peter von. 63 Savoqen, Zug der Flüchtlinge nach 224 Sempach. 68 Siechenhaus .. 74 Sigismund, Kaiser. 85 Ligmund, Herzog. 95 Silinen. 42 Sitten.207 Söldner.139 Solothurn .109 Sonderbund.229 Sonderbundskrieg.232 Speicher. 82 Sumiswald. 169 Sursee. 85 Suworoff. 209 Schaffhausen.124 Scharnachthal, Niklaus von .... 100 Schartenfluh .. 122 Schauenburg.197 Schindellegi . ..204 Schinner, Matthäus.132 Schnell, Hans.223 Seite 224 211 196 53 92 170 102 195 72 107 194 214 225 241 199 215 205 110 134 25 195 83 14 54 39 210 76 179 63 II 158 208 219 161 175 98 60 79 24 Schwadsrloh.. Schwanau. Schweizersbild. Schpbi, Lhriftian von Cscholzmatt . Stans . Stapfer, Minister. Stauffacher. Stauffacher. Stecklikrieg. Steiger, Schultheiß Niklaus Friedrich von. Stein. Steinzeit. St. Johann (Kloster). Straßberg, Gtto von. Stüssi, Rudolf. Tell. Thebäische Legion. Thurgau, Eroberung des. Tirano. Toggenburg, Graf von. Trons . Ulmitz. Umschwung in den Kantonen . . . Ungarn-Überfall. Unitarier. Uri. Uznach. Leite Vaumarcus. SS Verletzung der Neutralität.213 villmergen.171 vindonissa. 19 vinstgau.121 visp. 78 Waldmann, Hans.104 Waldmann, Hans.113 Waldshut. 93 wallis. 78 Wallis, Kampf und Not im . . . 206 Weber, Generaladjutant.199 wengi, Nikiaus von Solothurn . . 131 Werdenberg, Rudolf von. 84 werdmüller, General Hans Rudolf 172 wettstein, Bürgermeister Hans Rudolf.164 Wien, Kongreß in.218 wildkirchlihöhle. 10 Winkelried. 70 Wolleb, Heinrich von Uri.119 wülpelsberg. 36 Zäringen. 32 Zürcherputsch 1839 . 226 Zürich. 58 Zusammenbruch, vor dem Z. der Eidgenossenschaft.195 Zwingst, Ulrich.143 Leite 121 42 10 169 112 211 42 48 213 197 85 9 22 54 87 47 25 95 161 86 117 105 222 30 212 42 87 277 Inhaltsverzeichnis Seite Widmung . 3 ' Vorwort. 5 Höhlenbewohner.^ . 7 Pfahlbauern. 11 Bibrakte. 14 ^vsQtiouiQ . 17 Alainannen und Burgunder. 21 Die thebäische Legion. 25 Lolumba und Gallus . 26 Das Kloster 5t. Gallen. 28 Zähringen, Kiburg und 5avoyen. 32 Habsburg. 36 Rütli. 39 Der Bundesbries von 1291. 45 Wilhelm Tell. 47 Morgarten. 53 Luzern. 56 Zürich. 58 Bern. 60 Laupen. 64 Die Gugler. 67 Zempach. 68 Näfels. 72 Im Ziechenhaus. 74 Der schwarze Tod. 76 wallis.-. 78 Leite Speicher und Stoß. 82 Eroberung des Kargau. 85 Der alte Zürichkrieg. 86 Sankt Jakob . 89 Karl der Rühne. 94 Grandson. 98 Murten. .102 Freiburg und Solothurn.109 Niklaus von Flüe. 110 Hans Waldmann .113 Die drei Bünde.115 Frästen; und Lalven.119 Dornach.121 Basel und Schaffhausen.124 Der Gotthard.129 Giornico.130 Matthäus Schinner.132 Novara.134 Marignano. 136 Sin Sold des Fürsten.139 Die Kirche.142 Ulrich Zwingli.143 Die Reformation in Bern und Basel ... 146 Rappel.149 Gens und die Berner . ..152 Farel und Ealvin.155 Die Gegenreformation.l°58 Jürg Jenatsch.160 Bürgermeister Weitstem.163 Der Bauernkrieg. .. .165 Villmergen.171 Leite Die Schule.174 pestalozzi.179 Die großen Männer des 18. Jahrhunderts 183 Die alte Eidgenossenschaft ..187 Davel und Henzi.192 vor dem Zusammenbruch.. 194 Neuenegg und Grauholz.197 Die Franzosen in Bern.200 Der Einheitsstaat . ..202 Nidwalden.205 Kämpf und Not im Wallis.206 Kriegselend.209 Die Mediation.241 Verletzung der Neutralität.215 Der Bundesvertrag.218 Der Umschwung in den Kantonen..... 222 Die Flüchtlinge.224 putsche und Freischaren.225 General Dufour.229 Der Sonderbundskrieg.232 Der Vundesstaat.236 Neuenburg.241 Das Bundeshaus..245 Die Hauptstadt. 248 Dichter und Maler.252 Die Eisenbahnen.265 Jugendwehr und Nrmee.258 Grenzwacht.262 Der Nuslandschweizer.267 Zeittafel.270 Sachregister.274 280