DAS MÜNSTER BERN. -*$++ä*-©*8++9*- ma S- Samm, S&Üetvor^ ! T-rr. A* o- d' : 1 DAS MÜNSTER ZU BERN UND DIE DARIN BEFINDLICHEN MERKWÜRDIGKEITEN, MIT DER BESCHREIBUNG DER BURGUNDISCHEN UND ANDERN TEPPICHE, DEXKHAEIILER , GLASSCHEIBEN, U. S. W., S. PROBST, Catuf. iiJ- 1 N M y t TrJüElVS. Nebst einer lithographirlen Abbildung. IWUWV WVVVWVUVV\VVWW\V\VV^U\ VAVWVWVWVWW VVVV BERN, »HULA UND VERLAG DES HALLER’SCHE» BUCHDRUCESREI. 1839 . \ >* irtt yi >j 3 fl* MpMla w*Z fSSSg? ^Sssraäs .'rf'-TÄB?.: DAS MÜNSTER ZU BERN UND DESSEN Merkwürdigkeiten. Dio im Jahr 1191 durch den Herzog Berchtold V von Zähringen gegründete Stadt Bern gehörte in geistlichen Angelegenheiten zu dem Bisthum Lausanne und war die ersten 40 Jahre nach ihrer Erbauung , in Ermanglung einer eigenen Kirche, in die Pfarrei Könitz kirchpflichtig. Mit Bewilligung des Bischofs von Lausanne wurde dann im Jahre 1232 die erste Kirche und zwar auf dem nämlichen Platze, wo nun das Münster steht, erbaut und dem heiligen Vincenlius, einem spanischen Diakon aus Saragossa, der im Jahr 305 unter dem römischen Statthalter Dacian in Valencia den Märlyrertod erlitten hatte, als erwähltem Schutzpatron geweiht. Dieses Gebäude stand beinahe 200 Jahre, als im Jahr 1418, während dem Aufenthalt des Papstes Martinus in dieser Stadt, der zunehmenden Bevöl- 1 2 kerung wegen, der Bau einer grossem und zugleich «ach schönem Kirche bes chlossen wurde. Die Ausführung des Werkes übertrug man dem Matthias Heinz, dem Sohne jenes trefflichen Baumeisters, welcher, nebst Erwin von Steinbach und andern Meistern, das berühmte Strasburger Münster erbaut hatte, und so ward denn Dienstags den 11. März 1421 durch den Schulthcissen Rudolf Hoffmeister und den Leutpriester Johannes von Thuno, in der Mitte der Nordseite der Kirche, dev Grundstein zu derselben gelegt. Nach einer andern und wahrscheinlich zuverlässigem Ueberlieferung, hiess der erste Baumeister Matthias Oeminger, der im Jahr 1420 nach Bern kam, und dessen Sohn Vinzenz das angefangene Werk fortsetzte. Milde Beiträge und wiederholte Jubeljahre, in welchen der freigebig erlheilte Sündenablass von der gläubigen Menge mit schwerem Gelde erkauft wurde, erleichterten die grossen Kosten des Baues, der, nach Heinzens Tod, unter der Leitung mehrerer Baumeister (als Stephan Pfutlrer und Erhard Kiing) erst um das Jahr 1500, und das kunstreiche, mit schönen Wappen gezierte Gewölbe sogar erst im Jahr 1573 seine Vollendung erreichte. Uebrigens nahm die ganze Bürgerschaft den lebhaftesten Antheil an diesem Werke; von allen Seiten her, von befreundeten Städten, Klöstern, einzelnen Partikularen flössen werthvolle Gaben, und namentlich wetteiferten Berns edle Geschlechter (wie die von Ringoldingen, von Diess- bach, von Erlach, von Brandis, von Wattenwyl, o von Mülinen, von Scharnachlhal, von Graflenried, von Büren u. a. m.), so wie auch die Zünfte, nicht allein die Einkünfte der Kirche zu mehren, sondern selbst auf eigene Kosten besondere Kapellen und Altäre darin zu stiften. Bei der durch den Bischof von Lausanne, Georgius de Saluciis, im Jahr 1453 veranstalteten Kirchenvisitation standen schon zwölf grösstenlhcils kostbar ausgeschmückte und reich do- tirte Altäre, und im Jahre 1490 verlieh ihr, hauptsächlich durch Vermittlung Johaun Armbrusters, Probsten von Amsoldingcn, der Papst Innocenz VIII. die Einkünfte der Probsteien Amsoldingen und Där- stetten, der Priorate Rüeggisberg, Münchenwyler, so wie der Insel im Bielersee und der alten Frauenklöster Interlachen und Cappelen, jedoch unter dem Vorbehalt, dass den noch in diesen Klöstern befindlichen Mönchen und Nonnen ihr lebenslänglicher Unterhalt zugesichert werde. So wie früherhin in der alten Kirche, versahen Anfangs die Teutschordensritter, welche in Könitz eine Commenthurei hatten und in der Stift neben der Kirche wohnten, den Gottesdienst; diese aber vernachlässigten die ihnen obliegenden Pflichten so sehr und führten überdies ein so anstössiges Leben, dass Rath und Bürgerschaft sich genöthigt sahen, ihnen ihre kirchlichen Verrichtungen durch einen ausdrücklich verlangten Befehl des Papstes zu entziehen und solche eyicm eigenen Chorherrenstifte unter dem Vorsitz eines Probstes zu übertragen. Der erste Probst war der vorerwähnte Johannes 1 * 4 Armbrusler, vormals Probst zu Amsoldingen, welcher aber, da die Reformation schon 38 Jahre nachher erfolgte, nur einen Nachfolger hatte, den gelehrten und hoch angesehenen Niclaus von Wallcnwyl (ein Sohn des Schultheissen Jakob von Watlcnwyl), welcher im Jahr 1525 freiwillig diese Stelle und mehrere andere Pfründen niederlegte und sich hierauf öffentlich mit Clara May, einer Nonne aus dem Insul- Kloster, vermählte. Zur Zeit unserer Kirchenreform und der zu diesem Zwecke veranstalteten Religions- Disputation im Jahr 1528, nur zehn Jahre später als der berüchtigte Rarfüssermönch Samson hier seinen ärgerlichen Ablasskram getrieben, predigten auf der nämlichen, noch jetzt stehenden Kanzel dieser Kirche die berühmten Reformatoren Zwingli , Bucerus , Megander, Oecolampadius , Malier u. a. m. Die letzten Messen wurden am Feste des heil. Vincentius, den 22. Januar 1528 und an dem zunächst darauf folgenden Montag, vor den Altären der Metzger und der Edlen von Diessbach, kurz vor dem Schlüsse der Disputation, gelesen. Hernach wurden die Altäre niedergerissen und die Heiligenbilder zertrümmert; die Stiftungen und Vergabungen aber den zum Theil noch lebenden Stiftern oder ihren Nachkommen wieder zurückerstattet. Das nämliche geschah auch mit den Messgewändern und andern Kirchenorna- menten, die durch Pftvatstiftungen an die Kirche vergabt worden waren. Die ersten von der Obrigkeit ernannten reformirlen Prediger dieser Kirche waren Berehlold Haller und Caspar Grossmann. 5 * Nach einer kurz darauf erfolgten Verordnung versahen ein Dekan *), zwei Pfarrer und drei Helfer den Gottesdienst, wie es bis auf unsre Zeiten üblich geblieben ist — Seit dem Jahr 1831 werden hier auch ausser dem gewöhnlichen Gottesdienste und allen Taufen der deutschen reformirten Gemeinde der Stadt, zum Behuf der Grossralhswahlen die Ltvrrsammlungrn der stimmfähigen Einwohner, uud gewöhnlich den ersten Mittwoch jeden Monats, im Sommer um 5 Uhr und im Winter um 4 l'hr Nachmittags, ein öffentliches Orgelspiel gehalten. An den Communiontagcn zur Winterszeit wird die Kirche während der Frühpredigt mit vielen Lampen prachtvoll erleuchtet ' I. Das äussere Anseben der Kirche. Die im edlen golhischen Style erbaute, mit schönen rings herumlaufenden Gallerien und den *) Bis auf unsere Zeit (i838) zählt man deren 29, nftm* lieh : i5z8 Berchtold Haller. 536 Erasmus Ritter, 1547 Jodocns Kirchmeycr, 1552 Johannes Haller, 1575 Johannes Ffidmißger, i586 Ahraham Mtisli, 1592 Samuel Nivinus (Schneulin), 1602 Johannes Dick, 1610 Christoph Lütbardt, 1622 Stephan Fabritias (Schraid), 1648 Jakob Venner, 1662 Heinrich Hummel, 1674 Rudolf Hübner, 1692 J« Rudolf Strauss, 1696 Samuel Bachmann, 1709 Samuel Hopf, 1716 Job. Rudolf Rudolph , 1718 Simon Nötbiger, 1726 Job. Rudolf Blauner, 1732 Jakob Dachs, 1744 Johann Jakob Morell, 1748 Anton Kirchberger, 1752 J. J. Zehender, 2766 Abraham von Greierz, 1778 Johann Wytteobacb, 1799 Johann Ith, z8i3 Gottlieb Riiold, 2822 Samuel Studer, i83i Emanuel Stierlis. mannigfaltigsten gothischen Verzierungen kunstreich geschmückte Kirche ist inwendig 160 Schuh lang und 80 Schuh breit. Sie ist durchwegs aus wohl behauenen Quadersteinen aufgeführl, welche, der Sage nach, aus mit Wein vermischtem Kalk- und Essigkitt aufs dauerhafteste zusammengefügt sein sollen. Obgleich schon seit 320 Jahren völlig ausgebaut, ist dieses Gebäude dennoch sehr gut erhalten; nur im Jahr 1601 hat es durch ein Erdbeben und im Jahr 1640 durch einen Sturmwind an den äussern Verzierungen einigen Schaden gelitten. Uebrigcns wird es von Zeit zu Zeit von besonders dazu verordnelen Baumeistern sorgfältig untersucht, um, wo sich irgendwo schadhafte Stellen zeigen, dieselben sogleich ausbesseru oder ergänzen lassen zu können. Unter den acht Eingangspforten zeichnet sich hauptsächlich das auf der Westseite gelegene dreifache Hauptportal aus, sowohl durch seine imposante hohe Wölbung, als ganz vorzüglich auch durch die im Mittelportale angebrachten schönen Bildhauerarbeiten des achtungswerlhen Meisters Melaus Kling von Bern, von denen die einen in grotesken Menschengruppen und selbst mit einem dreifach bekrönten Papst in der Hölle, das jüngste Gericht , die andern in lebensgrossen, zierlich aus- geführlen Fraueubildem das Gieichniss von den klugen und thörichten Jungfrauen darstellen, zwischen denen sich, auf einem besondern Gesimse, ernst und würdevoll das vortrefflich gelungene Bild der Gerechtigkeit erhebt. Bemerkenswerth ist auch noch 7 das au der Nordseite, nahe bei der obern Gallerie aufgestellte Standbild des Baumeisters in kriegerischer Rüstung, mit seinem etwas tiefer unten in grossen gothischcn Schriftzügen eingehauenen Wahlspruch : JUachs na! II. Das Innere der Klrcbe. Das Innere oder das Schiff der Kirche, wenn auch des Schmuckes der vielen einst hier gestandenen Altäre und Heiligenbilder beraubt, bietet gleichw ohl auch jetzt noch in seiner einfachen Grösse dem aufmerksamen Beschauer mehrere sehens- und bemerkenswerlhe Gegenstände dar. Dazu gehören: 1) Die von dem geschickten Orgelbauer Leonhard Gottlieb Leuw von Brcmearlen, in den untern freien Aemtern, in den Jahren 1727—1737, um die Summe von 9480Bernkronen, verfertigte und durch die Künstlerhand des Bildhauers Nahl *) reich verzierte Orgel. Dieses Meisterwerk mit 3 Claviaturen und 44 Registern**) steht auf der erst im Jahr 1727 erbauten, auf hohen steinernen Säulen ruhenden, O Der nämliche Künstler, der sich durch das bekannte Grabmahl der Frau Pfarrerin Langhans in Hindelbank einen so wohl verdienten Ruf erworben. **) Anfangs waren nicht so viele Register; dieselben worden bis auf diese Zahl vermehrt durch den Orgelbauer Ferd. Viktor Cossart, von Zug, welcher in den Jahren 174& bis I75 i» nm die Summe von 3742 Kronen Und eine Gratification von 100 alten Duplonea, die Orgel vollständig reparirte und verbesserte. 8 zwar schönen, aber mit der gothischen Bauart der Kirche keineswegs übereinstimmenden Gallerie, an dem Platze, wo vormals das colossale hölzerne Bild des heiligen Christophorus stand, der hier den Ehrenposten eines Wächters der gegenüber auf dem St. Vinzenzen-Altar befindlichen goldenen Monstranz versah, aber nach der Reformation, in einen Goliath mit Schwert und Hellparte umgewandelt, auf den sogenannten Christoffel-Thunn relegirt wurde.’) Damals wurde auch die alte, 32 Register haltende Orgel, welche im Jahre 1495 erbaut worden war, abgebrochen, und statt der 30,000 Bernpfund, wie sie sonst gewerthet worden, um 300 Kronen nach Sitten verkauft. Sie befand sich aber nicht auf der Stelle wo die jetzige, sondern an dem nächsten Pfeiler zwischen der Kanzel und dem untern Lelner. 2) Die in gothischem Geschmack gebaute steinerne Kanzel, deren Platz sowohl gewählt ist, dass man den Prediger, wenn er einigermassen vernehmlich spricht, in der ganzen Kirche verstehen kann. Rings um den schön verzierten hölzernen Himmel derselben steht die Inschrift : Luc. XXIV. Also ist es geschrieben und also musste Christus ly den und uf- erstan von den Todten am dritten Tag und predigen lassen in sinem Namen Besserung und Vergebung der Sünden under allen Völkern. *) Nach einer andern Sage, war St. Christoph schon Wächter der alten Monstranz, and ward, weil er dieselbe (wie es sich nachher ergab s durch einen Priester) stehlen liess, zur Strafe für seine Nachlässigkeit förmlich nach seinem gegenwärtigen Exil verwiesen, und erst später in einen Goliath metamorphosirt. 9 3) Dev Taufslein von schwarzem Marmor, auf welchen), umgeben von gothischen Verzierungen, die heil. Dreieinigkeit und die vier Evangelisten abgebildet sind. Früher stand er im Chor, von wo er im Jahr 1673 in das Schiff der Kirche versetzt wurde. Er enthält ein grosses silbernes Taufbecken und ist mit einer kostbaren sammtnen Decke mit goldenen Borden bedeckt. 4) Der grosse marmorne Nachtmahltisch, welcher im Hornung 1561 aus der Episcopalkirche zu Lausanne, wo er zur Zeit der Katholicität als Altar diente, auf einem Schlitten hieher gebracht wurde. 5) Das Denkmahl Bcrchlolds von Zähriyigen, des Stifters der Stadt Bern, mit der Inschrift : IN MEMORLE MONUMENTUM PERPETUiE BERCHTOLDI V. ZiERINGI.E DUCIS FORTISSIMI I RBIS BERNiE CONDITORIS INCLYTISS. P. PATRI.E ILLUSTRISS. SENATES BERN. G. L. Q. P. MCXCI. FRID. H. ROM. IMP. BER. COND. *) *) Ajs ein Denkmahl immerwährenden Angedenkens an Berch- told V., den iapfern Herzog von Zähringen, den glorreichen Stifter der Stadt Bern und Vater des Vaterlandes, dankbar und willfährig gesetzt durch den hohen Rath der Stadt Bern. Im Jahr ntjr unter der Regierung des Römischen Kaisers Friedrich II ward Bern erbaut. M. P. ANNO XPIXTOrONIAS MDC ECCLESIiE ALTEM CHRISTI IN HAC CIYI- tate jiaa irrimEiuz LXXIII D. CHRISTIANO WILLADINO PILEEECTO TEMPLI. *) 6) Das Denkmahl des Schullheüsen Niklaus Friedrich von Steiger , dessen im Jahr 1805 von Augsburg nach Bern gebrachter Leichnam hier in einem unterirdischen Gewölbe beigesetzt wurde. Eine über der Gruft angebrachte Marmortafel führt die Inschrift : Hier ruht das Sterbliche von Xiklaus Friedrich von Steiger, Schullheiss der Stadt und Republik Bern, Ritter des königlich preussischen schwarzen und rothen Adlerordens. Gebohren Bern 17. May 1729 Gestorben Augsburg 3. begraben 7. Dec. 1799. Das Unsterbliche des Mannes ist in seinen Thaten, und vor Gott. Unveränderlichen, hohen Sinnes trug er sein Vaterland im Herzen, er gab ihm hin zum Opfer *) Dieses Denkmahl ward gesetzt im Jahr der Geburt Christi 1600 und im 73. nach der Wiederherstellung der Kirche Christi in dieser Stadt, als Christian Willading Kirchmeier war. y 41 sich ganz, seine Zeit, seine Freuden, nur das Vaterland war sein Stolz, war der Gedanke seines Lebens und sein letzter. Kr lebt fort im Andenken der Nachwelt und in unsern Herzen; sein Geist wohne bei uns. Zu beiden Seiten dieses Denkmahls befinden sich schwarze Marmortafeln, auf welchen mit goldenen Buchstaben, nebst dem General Carl Ludwig von Erlach, die Namen der 18 Offiziere und 643 Soldaten aufgezeichnet sind, welche im Jahr 1798 im Kampfe gegen die Franzosen den Tod fürs Vaterland starben. 7) Die vielen rings herum in der Kirche auf allen Fenstern angebrachten, von der Meisterhand Matlhys und Thüring Wallhers aus Bern, zierlich auf Glas gemalten allen Wappen der angesehensten verstorbenen und noch blühenden Geschlechter Berns, unter denen sich indessen auch, namentlich in den Kapellen der Familien von Diessbach und Bonstetten, so wie über dem Denkmahl des Schultheissen Steiger, mehrere der neuern Glasmalerei befinden. Diese letztem sind nach den trefflichen Zeichnungen des im May 1837 für die Kunst zu früh verstorbenen ausgezeichneten bernerischen Malers und Heraldikers Emanuel Wyss durch den Viederentdecker der alten Glasmalerei Jakob Müller, von Grindelwald, ausgeführt worden, und stehen an Korrektheit der •12 Zeichnung, so wie an Farbenglanz den vorzüglichsten Arbeiten dieser Art nur wenig nach. 8) Vor Zeiten hiengen hier auch, längs der obern Fensterreihe, die von unsern tapfern Vorfahren in den Schlachten am Donnerbühl, von Fraubrunnen, Granson und Murten glorreich eroberten Hauptbanncr und Fahnen, welche aber, da sie all— mählig zu erbleichen anfiengen, so wie frühevhin schon die am Donnerbühl eroberten, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nun sämmtlich herunter- genommen und in das Zeughaus, und von da wieder im Jahr 1838 in die Antiquitäten-Sammlung auf der alten St. Antonienkapelle gebracht wurden. Mehrere Fahnen (wie z. B. die im Jahr 1512 zu Mailand eroberte mit dem Bildniss des St. Antonius, und das vom Papst Julius der Stadt geschenkte Panner mit den heil, drei Königen und einer goldenen Bärentatze) befanden sich auch im Chor der Kirche. 9) Viele mit Wappen und Inschriften bezeich- nete alte Leichenslcine angesehener Burger, die ehemals hier begraben wurden — ein Gebrauch den man aber schon bei der Deformation wieder aufhob. III. Das Chor der Kirche. Die vozüglichsten Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten enthielt und enthaltet zum Theil auch jetzt noch das Chor der Kirche und die daran stossende Sakristei. Hier stand ehedem der prachtvolle und reich dotirte Hochaltar, welcher nach einer auf un- 15 sere Zeiten gekommenen Abbildung desselben zu schliessen, ein Meisterstück der Kunst und gotbi- schen Architektur gewesen sein muss. Es gehörte dazu, gleichwie zu den übrigen Altären, ein grosser Schatz von Kleinodien, von denen ein noch vorhandenes Verzeichniss unter andern folgende Stücke anführt: 1) Die 500 Loth haltende, mit vielen Edelsteinen verzierte, und auf 2000 Dukaten geschätzte goldene Einfassung des Hauptes des h. Vin- centius, welches im Jahr 1463 durch Hans von Bahn aus der Cathedralkirche von Cöln, wohin es Karl der Grosse geschenkt hatte, nach Bern gebracht worden war. 2) Eine Monstranz von türkischem Gold mit einem grossen Türkis, an Werth 1200 Kronen. 3) Ein 2 Ellen hohes und 8 Pfund schweres silbernes Marienbild mit einer goldenen Krone, an Werth 700 Kronen. ' 4) Ein goldener Sarg mit mancherlei Reliquien, wie z. B. von der Dornenkrone, vom Scliweiss- tuch u. dgl., an Werth 1500 Thaler. 5) Ein 90 Pfund schwerer silberner, reich mit Edelsteinen verzierter Reliquiensarg. 6) 130 Reiche, von denen 70 rein goldene und 60 silberne und vergoldet waren. 7) Ein 8 1 /-, Pfund schweres Rauchfass von gediegenem Gold. 8) Vier reich mit Gold und Edelsteinen verzierte Chor-Gesangbücher, an Werth 3000 Kronen. 9) Ein 31 Pfund schweres goldenes Heilandbild. 10) Hie silbernen Bilder der 12 Apostel, deren jedes 24 und mithin alle 12 zusammen 288 Pfund wogen. 11) Ein auf 150 Kronen gewertheles Kelchtuch des Herzogs von Zähringen, auf welchem dessen mit Edelsteinen verziertes Wappen gestickt war. 12) Zwei silberne Engel, deren einer 8 Pfund wog. 13) Neun, theils ganz silberne und vergoldete, theils messingene Monstranzen, an Werth500 Dukaten. 14) Das mit vielen feinen Bildern ausgezierte und mit goldenen Buchstaben auf Pergament geschriebene Messbuch des Herzogs von Zähringen , wofür schon damals ein alter Priester 600 Kronen anerbot. 15) Drei silberne Reliquienbehälter von ungewissem Werlhe. 16) Die zwei grossen, zwei Ellen hohen Kerzenstöcke des St. Vinzenzenaltars, die, eine Stiftung zweier Bischöfe von Lausanne und vieler edlen Geschlechter Berns, im Jahr 1471 verfertigt worden waren und an Gewicht 771 Pfund Silber wogen. ■17) Siebenzig mehr oder weniger kostbare Messbücher. 18) Die drei auf 28000 Gulden geschätzten Orgeln. 19) Ein anderthalb Ellen hohes, 18 Pfund schweres goldenes Crucifix, an Werth 2200 Gulden. 13 20) Ein durch die Edeln von Diessbach gestiftetes silbernes Kreuz, so 5 Pfund wog, und mancherlei Reliquien enthielt. 21) Sieben andere Crucifixe, zusammen 27 Pfund Silber an Gewicht. 22) Zwei durch die Edeln von Wallcnwyl gestiftete, kostbar verzierte Reliquieusärge, von ungewissem Wcrlhe. 23) Ein kostbares Evangelienbuch mit goldenen Spangen und silbernen Schlössern. 24) Viele andere, zum Theil kostbar und zierlich eingebundene Kirchenbücher. 25) Heber 400 aus kostbaren Stoffen verfertigte und zum Theil mit Edelsteinen und Perlen verzierte Messgewänder und eben so viele andere Altarornameule von gleicher Kostbarkeit. 26) Ein silberner Taufkessel und überdies noch eine Menge silberner Schaalen, Kännlein, seidene Allarvorhänge, ein grosses Fastenluch von 200 Ellen weisscr Leinwand u. dgl. m. Diese Kostbarkeiten wurden bei der Reformation zum Theil ihren Donatoren zurückerstaltet, zum Theil eingeschmolzen und verkauft. Viele Heiligenbilder warf man ohne weiters ins Feuer oder in die Aare; andere sollen in den Kirchhof vergraben und mehrere derselben nebst auderm Kirchen- schmuck nach Siebenbürgen verkauft worden sein. Von den noch übrig gebliebenen Merkwürdigkeiten verdienen nachstehende bemerkt zu werden: 1) Die alten Chorherrcnslühle, über welchen, kunstreich aus Holz geschnitzt und umgeben vou mancherlei Zierrathen, in halb erhabener Arbeit die Brustbilder der Apostel und Propheten dargestellt sind. An einem der Stühle bemerkt man einen Mönch, welcher eifrig in einer grossen Bibel zu lesen scheint, während dem der Innere Theil derselben weiter nichts als ein Damenbrett oder Brettspiel vorweist. Sie wurden gegen das Ende des 15. Jahrhunderts durch die zwei Meister Jakob Riisck und Heinrich Sewaagmi verfertigt, welchen für diese eben so kunstreiche als mühsame Arbeit die damals zwar bedeutend höher stehende, aber | doch noch immer sehr geringe Summe von 50 Bernpfunden ausbezahlt wurde. ! 2) Die schönen Glasmalereien , welche, nachdem ! zwei derselben durch einen Sturmwind zerstört worden, noch jetzt 4 ganze Fenster des Chors von oben bis unten zieren. Sie sind von dem berühmten | bernischen Glasmaler und Stammvater der noch jetzt i blühenden Familie, Friedrich Walther, gemalt, und | stellen ausser der ganzen Leidensgeschichte Jesu noch mehrere denkwürdige Züge aus dem Leben der angesehensten Heiligen dar. Als eine Darstellung eigener Art, kommt unter diesen Malereien auch die sogenannte Sacraments- oder Hoslienmühle vor, wo der Papst mit einer Müllerschaufel in die von einem i Bache getriebene Mühle die vier Evangelisten schüttet, welche unten, statt des Mehles, als Hostien herauskommen und von einem Bischof in einen Becher 47 aufgefasst werden, auf dem der Leib Christi abgebildet ist. Bei den Evangelisten stehen die Worte: Hoc cst corpus meum. 3) Das messingene Schlussstück mit dem Phönix, welches, wenn der Thurm nach einem spätem Plane vollendet worden wäre, die oberste Spitze desselben halle einnehmen sollen. 4) Der grosse steinerne Kasten, in dem Erdgeschosse der Sakrislei, in welchem zur Zeit der Katholicität das Oel zu den geslifteten ewigen Lichtern zusammengeschütlet wurde. 5) Die grossen silbernen Schüsseln, auf w'clche an den Communionstagen das Nachtmahlbrodt gelegt wird, und die ebenfalls silbernen und stark vergoldeten Commuuionsbecher. 6) Die Burgundisehen AUerthümcr, welche nebst den allen Messgewändern und Altarornamcnlen, in dem obern Stockwerk der Sakristei aufbewahrt und nur zu gewissen Zeiten im Chor ausgestellt werden. Sie bestehen aus 7 grossen Teppichen und mehrern aus Seide und Goldstoff verfertigten Kleidern, Mänteln, Heroldsgewändern u. dgl., die nach dem Siege von Granson am 3. März 1176 in dem Zelte Karls des Kühnen gefunden und als Beule nach Bern gebracht wurden. Die auf den Teppichen darge- stclllen Gegenstände sind mehr ihrer mühsamen und complicirlen Arbeit, als der Coinpositiou und künstlerischen Ausführung wegen, merkwürdig. Xach einem gewöhnlichen Fehler der damaligen Meister, ist das Cosliiuic der darauf abgcbildctcn Männer 2 18 und Frauen, in Bezug auf den dargestellten historischen Gegenstand, gänzlich verfehlt, aber für den Alterthumsforscher nichts desto weniger beachtenswert, weil es dagegen eine treue Darstellung der Trachten derjenigen Epoche darhielet, in welcher die Cartons zu den Teppichen entworfen und diese selbst darnach gestickt wurden. Unter den vielen ^ Gesichtern der hier vorgestellten Personen hohen und niedere Standes findet sich wohl nicht ein einziges ideales oder auch nur gew ähnlich schönes; es sind meistenteils ganz gemeine, zum Theil wirk- i lieh hässliche und zuriiekstossende Alltagsgesichter, j woraus sich mit vieler Wahrscheinlichkeit scliliessen lässt, dass es vielleicht sämmtlich treu nach der Natur copirte Portraile solcher Personen sind, die j einst am burgundisehen Ilofe lebten und daselbst, p von jedermann gekannt, eine mehr oder minder markante Rolle spielten. Vier dieser Teppiche, die c vermutlich in Brüssel oder Arras, wo diese Kunst damals vorzüglich florirte, und zwar schon zu den Cl Zeiten Philipps des Guten, Karls Vater, oder noch früher verfertigt worden waren, enthalten in lebensgrossen Figuren die merkwürdigsten Ereignisse aus D dem Leben des Julius Cäsar, mit erklärenden Inschriften in altfranzösischen Versen, nämlich : ni a 19 ERSTER TEPPICH. Das Triumvirat des Cäsar, Pompejus und Crassus (60 Jahr vor Christus ). Casars Zug nach Gallien. Verschiedene Völkerschaften sprechen seine Hälfe gegen Ariovist an. I.ucant recife presperant. romme et atout los aspiral. un conseil de nobles rommains. fu jadis en romme et haultains. ou brutus cathon et pluseurs. furent pour exceller de houncurs. tant pour rome com del ernpire. trois duateurs volrent eslire. Dens pö signourics conquerre.loing hors de lor contree. pompee en rome demora. quy asses poissanment regna. crasus en a la vers turquie. et jullius cesar de ost furfurnie combatant vainquy lelvccois. de oultre rosne nommes franchois. Daultres franchois une ambassade. vint vers julle chesar moult rade. nommes senaquois lui requirenf. et de fait a lui obeirete. (sic) adfin que ilz les volsist desfendre. d’arjovistus et se prendre * lui pour les sennes matre. com ilz fist en brief «ans douler. 2 20 ZWEITER TEPPICH. Schlacht gegen Ariovist bei Ilesancon (58 v. Chr .) und Zug nach Brillannien. Cesar vers ariovisfus vint a force, et lors fu vaincus ariovistus sans attendre lors fuiant vint es nefs des- cendre ainsi sans grand force ou doulour ot jullc chesar par amour le demaine entre les francois quils trouva leaus a son chois. Et triumphans en son aide et preus et hardis en sub- side dariovistus fu lexploit lei qui franqs subiughier voloit cesar puis racacha sans doute drapes bremio et sa route es bailles et portes de sens et o lui les francois de assens. Aus quels douchement se aconpaigne et a lui sub- iuga bretaigne la grande et oussi la pelile par la puissanche gent de eslille tout mist en la subjcclion des romraains a son Option les pais dessus dis a force par lui et des traue» U consorce. 21 DRITTER TEPPICH. Uebergang über den Rubicon (49 v. Chr. ) und die Schlacht bei Pharsalus gegen den Pompejus (48 v. Chr.) Puis julle cliesar rubicum. passa tous armes cn son nom. transgrcssant des rommains ledit.quc ornt ains par long lamps cdit. puis tous les absentans de romme. brutus calhon pompce cn sonime. et pluiseurs aultres voll cachicr. julle chesar sans mcuachicr. Et dedans le port abrandis. Julie chesar preux el hardis. les assailly saichez sans faille. trop leur fist auslere balaille. en thesale ou puis les ralaint. et diceulx en fist mourir maint. ainsy par laide des francs. que o lui furent preuz et vaillans. Traist a soy toutes les conlrccs. que avons cy des- sus declairees. et les subjuga soubz les mains. de lui et des nobles rommains. tant fut son ccur de haute emprise. que a merveilles fut puis comprise. corame singulier en procssc. et ung de tout le raonde adresse. 22 Unteu, wo sich Kom unter der Gestalt eines Weibes dein Uebergange Casars über den Rubikon zu w'idersetzen scheint, steht: Toy Jule chesar et les tiens qui te meut prendre tes moyens contre moy portant mes banieres fais tu de mes logis frontieres. VIERTER TEPPICH. Cäsars Triumphzug in Rom (47 v. Chr.); der 15. März in der Pompejanischen Curia, im Augenblick wo sich die Verschwornen zu Cäsars Ermordung anschicken (44 v. Chr.). Depuis voll en romme reulrer. ou pour son triumphe honnourer. le volrent tous ceulx qui laymoyent. et son los aug- menter queroiient. et puis leslurent empereur. le premicr pour plus sa valaur. accroistre et a plain divulgier. commt ung oullre fame prcchicr. . Entre neuf des meilleurs du monde. preus et vaillans a la reonde. le dit julle chesar est ung. com le appreuve le dit . commun. de sa proesse et de sa gloire. durra jusque en fin la memoire. et la robuste vaillandise. qui sestoit en son ceur sub- mize. _ 23 Et dei fais tanl chevalereux. nobles comme preu enlre preus. si que niert a nul jour estainte. de sa ronnoniee rattainle. tant que le monde estant dura, son los et valleur nechera. ainsy le nous ottroie cely. qui donne a tous glore et merchy. FÜNFTE« TEPPICH. Die Gerechtigkeilsliebe des Kaisers Trajan und dit MordChat des Ilerkinbaldus. a. Quodam tempore trajanus romanorum impera- tor rifu paganus sed alias justicie cultor precipuus. ad bellum cum magno exercitu festinans equum as- cendisset: Quedam vidua pede ipsius apprehenso. illum flebiliter inlerpellavit. ut eam de quodam qui innocenlem ejus fllium occiderat. vindicare digna- relur : Cui imperator mansueto vullu respondens ait: Reversus de bello satisfaciam tibi : Quid inquit illa si non redieris : Cui trajanus : Faciet tune ille qui post me regnaturus est : At illa : Quid hoc tibi proderit. tu michi justicie debitor es. nec te libera- bit jusücia aliena. fac tu pro te quod tibi prosit: Melius enim est tibi, ut tu justicie .mercedem ac- cipias. quam illam transmittas ad alterum. Huju* ilaque tantus est totius orbis monarcha pietate com- 24 inotus. mox ab equo dcscendcns cxercitum detinuit doncc causa debite ac pleniter examinata condigna salisfactionc esset viduam consolalus : Quo facto, trajanus ad bellum proficiscitur. et post ingculem vic- toric gloriam. a perside rediens. pro fluxu ventris extinctus est: Cujus ossa romam delata. in foro sub columpna centum quadraginta pedum. in urna aurea magnifico cultu sepulta legunlur. Uebersetzung. Tii vjan. a. Als einslens der römische Kaiser Trajan, der seiner Religion nach ein Heide, übrigens aber ein eifriger Verehrer der Gerechtigkeit war, mit einem grossen Heere in den Krieg ziehend so eben zu Pferde gestiegen war, umschlang eine gcieisse Witlwe seinen Fuss und forderte ihn bitterlich weinend auf, dass er geruhen möchte, sie an Jemanden zu rächen, der ihren schuldlosen Sohn gelödlet habe. Ihr antwortete der Kaiser mit huldreicher Miene: Nach meiner Rückkunft aus dem Kriege •werde ich deinem Regehren entsprechen. >, Wie aber, sprach sie, wenn du nicht zurückkehren solltest ?« — Alsdann, erwiederle Trajan, wird es derjenige thun, der nach mir regieren wird. — »TVas kann dir dies aber nützen, wandte die Witlwe ein; dir kommt es zu, mir Recht zu verschaffen, und die Gerechtigkeit eines Andern spricht dich davon nicht frei. Thue du für dich, was dir heilsam ist; denn besser ist es ja, dass du den Lohn für deine Gerechtigkeit davon tragest, als dass du denselben einem Andern überlassest Gerührt von dieser Mutiertreue stieg tum der mächtige Beherrscher des ganzen Erdkreises vom Pferde und kielt sein Heer so lange auf, bis er nach gehöriger und vollständiger Untersuchung der Sache, die Willu'c durch eine gebührende Genugthuung getröstet halle. Hierauf setzte Trajan seinen Heereszug in den Krieg fort, starb aber an der Ruhr, als er nach einem ruhmvollen Feldzüge siegreich aus Persien zurück- kehrle. Seine Gebeine wurden, wie cs heisst, nach Rom gebracht und daselbst, cingcschlossen in eine goldene Urne , auf dem Marktplätze unter einer 140 Fuss hohen Säule mit grossem Gepränge beigesetzt. b. Post mortem trayani Iajisis annis plus quam qua- dringentis quinquaginta. sanctus papa gregorius pri- mus calliedram bcati pelri digne conscendit : Qui dum quadam vice in urbc roma forum trajani et secus ejus columpnam perlransiens. ac prefiguratum atque cetera justicie illius studia memoratus. quod illa coram deo sub obliviono fransissent. ingemuit. statimque ad basilicam sancti petri mestus pergens. ante allarc in conspectu dei prostratus. errorem tarn justi judicis. lamque mansueti imperatoris deflevit: Et si verbo non änderet, cordc tarnen sic deum supplicilcr orans : Trayani parcc errori. Clemens misericors dominc. quoniam judicium et jusliciain fecit in omni tempore : Qui proul oriens simul et occidens atlestatur. tandem lioc divinilus responsum accepit : Flentis tui pelicionem complevi: Trayano licet pagano peperci cui veniam do : Sed tu dili- 26 geutcr cave. ne pro quocunque dampnato deincep* orare presumas : Et cum beatus papa gregorius rem tarn difficilem a deo suis precibus impetrare me- ruisset. corpus trayani jam versum in pulverem re- vcrenter detegens. linguam ejus quasi hominis yivi integram adinvenit : Quod propter jusliciam quam lingua sua persolvil pie credifur conligisse. b. lieber 450 Jahre nach dem Tode des Trajan bestieg, der hohen Ehre würdig, der heilige Papst Gregorius der Erste den St. Petcrssluhl. Als dieser einstmals in der Stadt Rom an dem Platze des Trajan und neben dessen Säule vorüber gieng und sich dabei an den hier abgebildeten und andere Beweise seiner Gerechtigkeit erinnerte , jammerte es ihn, dass dieselben vor Gott mit Vergessenheit übergangen worden, und begab sich daher sogleich in die St. Peterskirche wo er trauervoll am Altäre vor dem Angesichte Gottes niederkniele und daselbst den Irrthum eines so gerechten Richters und milden Kaisers beweinte, indem er, was er mit Worten nicht zu thun wagte, doch im Herzen flehentlich also zu Gott betete : »Gnädiger, barmherziger Herr, vergieb dem Trajan seinen Irrthum, weil er zu jeder Zeit Recht und Gerechtigkeit handhabte. Hierauf erhielt er, wie das Morgen- und Abendland bezeuget, endlich folgende, von Gott herkommende Antwort : „ Deiner Thränen wegen habe ich deine Ritte erfüllt; ich vergebe und verzeihe dem Trajan, wenn er gleich ein Heide war. Du aber nehme dich wohl in Acht, dass du dir’s in Zukunft nicht mehr herausnehmest, für jeden Ver- 27 dämmten Fürbitte zu thun .’ 1 — Und als der selige Papst Gregorius durch sein Flehen eine so schwierige Sache zu erlangen gewürdigt icorden, deckte er ehrfurchtsvoll den schon in Staub umgewandelten Körper des Trajans auf und fand die Zunge desselben, gleich derjenigen eines lebendigen Menschen, noch ganz unversehrt. Und dies soll, wie der fromme Glaube dafür hält, wegen der Gerechtigkeit, die er mit seiner Zunge geübt , sich also zugeiragen haben. c. Ilerkinbaldus vir magnificus prepolens ct illustris. in judicio personas non acceptans. causam pauperis ut potentis. agnili tanquam ignoti. semper cqua lauce judicavit : Hic dum graviler infirmus lecfo decum- berel. in proxima Camera lumullum rigdidum. cla- moresque femineos exaudivit : Cui quidnam esset sciscitanti. ab Omnibus'celala esl veritas : Sed (andern quidam ex pueris. ut veritatem panderel sub occulorum evulsione commonitus pavens asseruit. respondendo : Domine filius sororis veslre quem omnes post vos primum timent colunt et venerantur. puellam oppressit. et hec fuit causa clamoris : Quo audito. et re plene cognita. senior suum nepotem carissimum suspendi mandavit : Quod senescallus cui id jussum fuerat. se facturum simulans. egressus juveni nunciavit. ammonens eum. ut ad tempus lateret : Post horas autem aliquot, senescallus ad infirmum rediens. se implesse quod jusserat men- tilus cst : Quinto vero die juvenis estimans axun- culum de culpa sua immemorem. aperto hostio ca- mere introspexil. quem ut infirmus vidit. blandis verbis advocans. ad leefum reclinare permisit: Her- -kinbaldus ilaque. capillorum arrepta cesarie. sui consanguinci caput leva manu relorquens. et dextera cultcllum gutturi ejus valde iufigens. zelo justicie occidit eundem. IIeiikixdaldüs. a.IIerkiribaldus, ein hochgestellter, sehr mächtiger und berühmter Mann, erwog vor Gericht, ohne Ansehen der Personen, die Sache des Armen wie die des Vermöglichen, des Verwandten wie des Unbekannten, immer auf gleicher Wagschaale. Als derselbe einstmals sehr krank im Belte lag, hörte er im anslossenden Zimmer einen'gewaltigen Lärm und Wcibcrgcschrei und da er nach der Ursache fragte, suchte ihm jedermann die Wahrheit zu verhehlen. Endlich aber, als er einem der Aufwärlcr drohte, dass er ihm die Augen ausstechen lasse, wenn er ihm nicht die Wahrheit offenbare, machte dieser, darüber erschrocken, folgendes Gcslündniss ; „Mein Herr, der Sohn eurer Schwester, den nach euch alle am meisten fürchten, achten und verehren, hat einem Mädchen Gewalt angelhan, und dies war die Ursache des Geschreies . K — Als der Greis dies vernommen und den Vorfall umständlich untersucht hatte, gab er den Befehl, seinen ihm sonst sehr theuem Neffen zu erhängen. Der Landrichter, welcher mit der Vollziehung dieses Befehls beauftragt war, stellte sich, alt ob er demsdbin sogleich Folge leisten wolle, gieng 29 aber zu dem Jüngling und gab ihm den Halb, tieft eine Zeit lang verborgen zu hallen. Einige Stunden ipätcr kehrte er zu dem Kranken zurück und log ihm vor, er habe nun seinen Auftrag erfüllt. Fünf Tage nachher, da der Jüngling glaubte, sein Oheim werde sich des begangenen Verbrechens nicht mehr erinnern, nahte sich derselbe der offen stehenden Thüre des Zimmers und blickte hinein. Als ihn der Kranke sah, rief er ihn mit freundlichen Worten zu sich und erlaubte ihm, sich am Belle niederzusetzen. Auf einmal aber fasste Hcrkinbaldus seinen Neffen bei den Haaren und, indem er ihm mit der linken Hand den Kopf zurückbog und mit der rechten gewaltsam das Messer in die Kclüe sliess, todlele er ihn also aus Eifer für die Gerechtigkeit. d. ' Sane dura morbum herkinbaldus letiferum esse persensit: vocalur episcopus. cui poslquam cum sa- cramentis advenissef : Iufirmus cum lacrimis raultis et magna cordis contricione omnia pcccata sua nudo confessus cst. lacila duntaxat morte quam paucis ante diebus suo cognato inferebat : super que episcopus eum redarguens dixit : Quare celas horaici- dium quo nepotcra de manu tua peremplum vita carere fecisli : Ad quod iufirmus respondens ait: Neque ego hoc peccatum esse judico neque id michi a deo remilli deposco : Cui episcopus confilere crimen et deus miserebitur tui : Alioquin ab edulio corporis Christi te convenit abslinero : At ilie vir 30 nobilis dix.it : Attestor deum quod nepotem michi carissimum non livor non odium sed justicie zelus traxit ad morlem. et si ob id viaticum michi nega- veris spero sallem spiritualiter communicari : Quo audito et langucnte sacramentaliter non refecto. episcopus recedebat. Cui mox revocato dixit infir- mus : Si in capella sit sacramentum corporis christi perquire. et dum aperta pixide eucharislia non ap- pareret. subjunxit egrotus : Ecce quem michi ab- nuens tecum portasti. non se michi dcnegavit. Et illico apertis deutibus hoslia in ore illius palam Omnibus demonslralur : Quod ut vidit episcopus niagni- ficans deum tantum miraculum quod divina dispen- sacione ob meritum justicie facluin non ambigitur. ad aures christi lidelium pervigili cura deduxit. 6. Als aber Herkinbaldus merkte, dass seine Krankheit liidtlich seie, Hess er den Bischof zu sich berufen, und als derselbe mit den Sacramenten hergekommen war, bekannte er ihm freimülhig unter vielen Thränen und mit grosser Herzenszerknirschung, alle seine Sünden , wobei er jedoch den vor wenigen Tagen an seinem Neffen begangenen Mord verschwieg Deswegen gab ihm der Bischof einen Verweis und sprach:»IVarum verschweigst du mir die Mordlhat, wodurch du mit eigener Hand deinen Neffen des Lebens beraubt hast ?« Hierauf antwortete der Kranke und sprach : »Ich halte diese Thal für keine Sünde und verlange auch nicht dass Gott mir dieselbe verzeihe .« Der Bischof aber erwiederte : » Bekenne dein Verbrechen und Gott wird sich deiner erbarmen; wo nicht, so musst du 31 auf den Genuss des Leibes Christi Verzicht leisten. u Allein jener edle Mann sprach : »Ich schwöre es bei Gott, dass an dem Tode meines mir sehr (heuern Neffen weder Missgunst noch Hass die Schuld war, und wenn du mir deswegen das Yialicum venceigerst, so hoffe ich wenigstens doch im Geiste meine Commu- nion halten zu könnenAuf diese Erklärung entfernte sich der Bischof, ohne den darnach Schmachtenden durch die Darreichung des heil. Sacramenles erquickt zu haben. Bald jedoch liess ihn der Kranke zurückrufen und sprach : » Sehe nach, ob das Sacra- ment des Leibes Christi sich noch in der Büchse befindet 11 , und als nach eröffnelcr Büchse die Hostie sich nicht mehr in derselben vorfand, fügte der Kranke bei : » Siehe, Christus, dessen Leib du mir verweigert, und mit dir weggenommen hast, hat sich mir nicht entzogen. (t Und sogleich zeigte sich vor allen Anwesenden die Hostie zwischen den Zähnen in dem geöffneten Munde desselben. Als der Bischof dies sah, pries er Gott, und brachte dieses grosse Wunder, welches ohne Zweifel durch göttliche Verfügung, wegen des Verdienstes der Gerechtigkeit, also geschehen, mit gelassener Sorgfalt zu den Ohren der treuen Anhänger Christi. SECHSTER TEPPICH. Die Anbetung der Weisen aus Morgenland mit der Warnung des Engels; Non redietis ad Ueroden. ( Kehret nicht zu lle- r ödes zurück.) _ SIEBENTER TEPPICH. Das in Gold gestickte burgundische Wappen, geschmückt mit dem Orden des goldenen Yliesses und umgeben von Blumen der mannigfaltigsten Art. 7) Die Tinzcnz-Teppichc , auf welchen in 18 wohl gezeichneten und mit lebhaften Farben ausgcführlcn Compositionen das Leben und Märtyrerfhum des h. Vinccntius dargeslellt ist. Sie gehören nicht zu den hurgundischcn Teppichen und sind auch nicht so alt wie diese, sondern sic wurden irn Jahr 1515 durch den gelehrten Chorherrn Heinrich Wülftin (Lupulus), dessen Name und Wappen auch auf der letzten Darstellung angebracht ist, zu Ehren des Vinccntius der Kirche geschenkt. Es war dies der nämliche Wölflin, der dem päpstlichen Ablasskriiincr Samson als Dollmetsch diente, was den Stadlarzt Valerius Anshelm, der sich bei der Feilbietung des Ablasses mit dem ScJudthcisscn von Waden wj 1 in der Kirche befand, zu der witzigen Bemerkung veran- lasslo : »Weil Samson Fiichslin und Heinrich Wölllin so vereinbart predigen s so sein ihm dem Herrn Schullhciss Amtshalben gebührlich, seiuo Gauslin und ScliäfRin einzuthun.» - 55 Auf diesen Teppichen stehen mit zierlicher Schrift, oben in lateinischen und unten in deutschen Versen, folgende Inschriften: 1 . Euticii atque Evole natus Vincentius alto Sanguine luslratur Jesu Christi mox fonte salubri. Von Evola und Euticius Ist hoch erborn Vincentius, Getouft in gottes eere. 2 . Arlibus imbutum ingcnuis et lege sacrata Valerius presul puerum suscepit alendum. Der fryen künste wol bericht, Valerius ward er verpflicht Zu cristenlicher leere. 3 . Sorte caracteris magni insignitur adultus, Ut levitarum renuens conscendit ad arcem. Do er uff gnuogsam alter kam, Die grossren wychi an sich nam, Zuo ertzleviten zwungen. 4 . Eloquio clarus vilalis semina verbi i Spargit, et officium divini muneris implet. ■ Das labend wort so klar verkunt. Sin gotlich ampt in werk und mundt Hat im gar wol gelungen. 3 54 5 . Cesarin auguslam furiens Dacianus acerbo Omnia chrisligenum crucialu compila fedat. Zuo Saragossen Dacian. Die cristen hies zuo tode schlau Gmeinlicli an allen Strassen. 6 . Cum sene levitam jussitque valenlia tetro Carcere concludant manicis et compede \inctos. Den Bischof griss mit saut vincentz. In finstren ker- ker gan valentz Thet er mich fueren lassen. Exilio vetulum damnat juvenemque rebellem Asperiora vocat ferus in certamina judex. Den alten da in elend sandt. Zuo grossem stritt den jungen mant. Umb dapfers widersprechen. 8 . Torquitur equleo, lictor cedendo faliscit. Exultat marlyr dacianum insania rumpit. Der martrer lidet froidenrich. Die knecht erligend, der wülrich Vor toben moocht zerbrechen, tf Ardentem properans cratem subit ignea pungil Lamina sal jacifur ridet sua vulnera letus. 53 Bald uff dem rost gebraten ward!. Mit saltz und spissen pingel hart. Selb lachet er der wunden. 10 . Fragmine testarum sunt strata ergastula ceca. Quo super expiret lento mucrone supinus. Uff scherben scharpf darnach zerspreit. ln (ieffen turn an ruggen gleit. Soll sterben hart gebunden. 11 . Dentibus expositum Corpus rostrisque ferinis Intaclum servat Iaceretne bellua corvus. Ein rapp sin corpel da bewart. Das in kein lier noch wolff zerzar. So darzuo woltenl machen. 12 . Culleus insutum cla'udit. mola nectilur ingens Mergendum pelago missus fert naula profundo. In einen Sack ist er versenkt. Aim grossen mülstein angehenkt. In tieffes meer zuo gachen. 13 . JVuncia prefecto gestans optata cadaver Littora miratur cursu petiisse citato. Gar bald der schiffmann an dem land. Den unver- serten corpel fand. Verwundert sich des sere. 3 56 14. Angelice veniunt super ad speclacla cohortes Officio glauca sacro tumulalur harena. Von oben ab der engein schar. Uff gottes ordnung kament dar. Begruobend in am mere. 15. Effodilur jussu divum post fata tyrannum Et structo condit plebs christi mausoleo. Do ruwig ward die cristenheit. Ein köstlich grab man ihm bereit. Zuo valentz by der statte. 16. Exlatico monitus visu rapit ossa beata. Audaldus mauro comilalus nocte silenti. Dahin audaldus kam by nacht. Den lib gantz uss dem grabe braclbt. Als er vernommen hatte. 17. Suscipit hunc castris thesaurum grex benedicti Sarcophago decoratum impensis helionordis. Die grafin helionordis. In ein silbrin sarch zuo castris. Thett in so schön verschliessen. W 18 . Grandia patronum extollunt miracula surdi Conlracti muli claudi cecique valescunt. 37 Meng Wunderzeichen da beschicht. Der sich in si- g nem schirme rieht. Mag sin gar wol geniessen. Auf einem in dieser letzten Darstellung über dem Sarkophage sich hinziehenden Bande steht das Distichon : Yincenti vernans rosei flos inelyte cetus, Kon pigeat lupulo si venerare tuo. *) und auf dem Sarkophage selbst II. L. 1515. Von allen diesen Teppichen wurden im Jahre 1838 aufVeranslaltung des französischen Altcrthums- forschers, Achille Jubinal, durch die Künstler von 4 Arx, Sulzer, Durheimund Bergner sehr treue Nachbildungen gezeichnet. 8) Eben so merkwürdig in ihrer Art, so kostbar, so kunstreich gestickt, so alt und zum Theil noch älter sind die aus Goldstoff verarbeiteten und mit Heiligenbildern verzierten Messgewänder und Altarornamcnle. Die Mehrzahl derselben, vielleicht alle, wurden nach der Besitznahme des Waadtlandes aus der Episcopalkirche von Lausanne hieher versetzt. Auf einigen steht das mit den bischöflichen Insignien versehene Wappen des Bischofs Ayrnon von Montfaucon oder Monlfalcon, nebst der Devise : ^ Si qua fatä sinant (Wofern es das Schicksal geslullet). Diejenigen Goldstoffe, auf denen die Erzengel und *) Viflcentios, herrliche Frühlingsblume des Märtyrerthums, möge dir die Verehrung deines Wölfflins angenehm sein. 38 die Wahrzeichen der Evangelisten abgebildet sind, stammen, wie es der alte byzantinische Styl mit sich bringt, offenbar schon aus dem 10. oder 12. Jahrhundert. Ausserdem befinden sich hier noch, als zu den burgundischen Alterthümern gehörend, einige noch sehr gut erhaltene Kleidungsstücke Karls aus Seidenstoff, mehrere lange Seidenstücke mit dem St. Andreas - Ordenskreuze und der Inschrift: Je Vai empreint , und zw ei Skeleltkleider nebst dazu gehörenden Todlenkopfmasken, von denen es ungewiss ist, zu welchem Zwecke sie gedient haben mögen. *) *) Ausser den hier angeführten burgundischen Alterthümern die aus der Beute von Granson und Murten herrühren, befinden sich in ‘Bern noch der sogenannte silberne Feldaltar (gegenwärtig im Museum), ein mit kunstreich auf Goldgrund gemalten Bildern, Gold, Perlen und Edelsteinen reich verziertes Breviarium, dessen Alter wohl bis zu den Zeiten der Kreuzzuge hinaufreichen mag; vier auf Goldgrund gemalte, die Erbschaftsforderung Johannes von Schwaben, den Tod des Kaisers Albrecht, die Blutrache der Königin Agnes und die Stiftung des Klosters Königsfelden darstellende Gemälde ( gegenwärtig im Altertliumssaal in der St. Antonienkapelle); ein mit einem Edelstein gezierter goldener Ring (im Besitz des Hrn. Von Mulach); Flinten und Pistolen mit künsllich eingelegter Arbeit (bei mehrern Partikularen) u. a. m. Das beinahe ein Pfund gediegenes Gold haltende und vortrefflich gravirte Siegel Karls wird in Luzern aufbewahrt. — Die vorzüglichsten Kostbarkeiten, wie Karls herzoglicher Hut, sein Schwerdt, der silberne Stuhl, die goldene Reliquienschachtel ( worin sich Stücke von der Dornenkrone Jesu, von dem Kreuze, von dem Speer, von Jesu Kleide, und sogar von der Tafel Mosis und der Ruthe Aarons befunden haben sollen), der kostbare Orden des goldenen Vliesses und vieles andere mehr, wurde als Beute unter die eidgenössischen 59 IV. Der Thurm. Ein meisterhaftes Werk der Baukunst ist endlich noch der auf der Westseite der Kirche stehende Thurm. Er erhebt sich auf vier durch Gewölbe mit einander verbundenen Pfeilern; in gewissen Entfernungen stehen drei rings um den Thurm laufende Gallerien, zu deren obersten man auf zwei in durchsichtigen Seitenerkern laufenden Wendeltreppen gelangt, die vor etwas mehr als 100 Jahren, wegen der Verwitterung der allen, wieder frisch aufgeführt werden mussten, und 251 acht Zoll hohe Stufen enthalten. Von da führen noch zwei kleinere Treppen bis unter das Dach, welches sich mit einer Helmstange von bedeutender Höhe endet, an deren Spitze ein vergoldeter Stern von 8 und ein Halbmond von 6 Fuss Grösse angebracht sind. Die ganze Höhe Stände vertheilt und grossentlieils schon bald nach den burgundi- schen Schlachten nach allen Seiten hin verkauft. Von den grossen Diamanten Karls befindet sich, nach mancherlei Wechsel, gegenwärtig einer in der päpstlichen Krone, einer in der französischen Krone, und ein dritter in der kaiserlichen Schatzkammer zu Wien. Das in rothen Sammet gebundene, mit Gold und .Malereien herrlich verzierte Gebetbuch Karls, liess die Stadt Bern, zu Erzweckung eines neuen Jubeljahres, durch den Probst von Amsoldingen, Burkhard Storr, dem Papste zum Geschenk überreichen. Nach Johannes von Müller Vermuthung ist dasselbe später in die kaiserliche Bibliothek nach Wien gej^>mmen. Manche andere aus diesen Zeiten stammende Kostbarkeiten mehr, mögen sich zerstreut in Zürich, Luzern, in den kleinen Cantonen und in den Händen einzelner Partikularen befinden. uo des Thurmes bis zu diesem Stern misst etwa 220 Fuss. Er ist übrigens, wie es sogleich in die Augen fällt, nicht vollendet. Dem ursprünglichen Plane nach sollte er wenigslens noch um ein Drillheil höher werden, und, gleich den Thürmen von Strasburg und Freiburg im Breisgau, pyramidal- oder kegelförmig, mit einem durchsichtigen steinernen Helme enden; ob aber die Ausführung durch den Tod des Baumeisters, oder aus Geldmangel, oder aus Misstrauen gegen die Festigkeit der nur 8 Fuss tiefen Fundamente verhindert worden, lässt sich nicht mehr mit Gewissheit ausmilteln. So viel ist gewiss, dass die Sache mehrmals in Anregung gebracht und auch einmal, am 25. November 1575, jedoch ohne weitern Erfolg, von der Obrigkeit der Beschluss gefasst wurde, das schöne Werk zu vollenden. Ein in neuerer Zeit von dem Architekten Sprüngli, von Bern, nach dem ursprünglichen entworfener Plan befindet sich auf dem Stadt-Ealhhause *). Im Thurme selbst hangen neun Glocken, unter denen sich vornehmlich die sogenannte Silberglocke, die Armensünderglocke (welche sonst bei der Wegführung der Verbrecher zum Bichtplatze geläutet wurde), die Mittagsglocke und die grosse Glocke auszeichnen. Lelztere, zur Zeit des Papstthums die grosse Anna genannt, und damals, der Sage nach, 360 Cenlner schwer, wurde mehrmals, nämlich in den Jahren * *) Siehe Copie desselben in verjüngtem Maasstabe anf dem Titelblatt. 41 1506 und 1516, und zuletzt im Jahr 1611, im Zwin- gelhof beim Aarbergerthor, durch Abraham Zeender von Bern, und Peter Füsslin von Zürich, neu umgegossen. Sie wiegt 203 Centner und der Kall 7 Centner 30 .Pfund. Die darauf stehende Inschrift lautet: Divorum vanis servivi cultibus olim, Scilicet id voluit cceca superstitio. Ast nunc, christe, luo servire unius honori Vera fides, pietas, religioque jubet. a. MDCXI.’) Auf der obersten Gallerie des Thurmes, wo eine wunderschöne Aussicht die Mühe des llinauf- steigens reichlich lohnet, befindet sich die Wohnung des Hochwächters, der daselbst mit mehrere eigens dazu bestellten Geholfen die Tag- und Nachtwache versieht. Sie haben die Pflicht auf sich, einestheils die Stunden zu schlagen, weil dieser Thurm keine Uhr hat, und anderntheits von ihrem hohen Standpunkte aus Obacht zu geben, ob irgendwo Feuersgefahr drohe, um solches sogleich den Bewohnern der Stadt vermittelst einer besoudern Glocke, wenn das Feuer in der Stadt ausbricht, oder des F’euerhornes, wenn die Gefahr ausserhalb ist, kund zu geben. Ueher ihre Wachsamkeit giebt eine verräterische *) Einst diente ich der eiteln Verehrung der Heiligen, so wollte es nämlich der blinde Wahn; jetzt aber heisst mich, o Christus, der wahre Glaube, die Frömmigkeit und die Religion, einzig deiner Ehre dienen. i6n, 42 Uhr Aufschluss, in -welche von dem dienstthuenden Wächter jede Viertelstunde ein Kügelchen geworfen werden muss, und die vermittelst einer sinnreichen Mechanik so eingerichtet ist, dass sie am folgenden Morgen jede Vernachlässigung unerbittlich offenbaret. An den gewöhnlichen Sonntagen wird nur mit sechs, an den Festtagen aber und am Alten- Jahrabend mit allen Glocken geläutet. V. Die Plate-formc. Angemessen seiner schönen Bauart, steht das bernersche Münster auch an einem der erhabensten und bestgewählten Standpunkte der Stadt, auf einer kunstreich durch gewaltige Gewölbe aufgeführten Terrasse, Plate-forme genannt, welche 110 Schritte lang und 92 breit ist. Der erste Stein dazu wurde schon im Jahr 1331 durch den damaligen Leutpriester Theobald Baselwind gelegt, der ganze kolossale gegen die Matte zu bei 108 Fuss hohe Bau aber erst viele Jahre nachher vollendet. Anfangs standen hlos einige Lindenbäume darauf; die herrliche Anlage der rings herum laufenden Alleen von wilden Kastanienbäumen wurde im Jahr 1731 gepflanzt. Des kühlen Schattens wegen, den diese dicht belaubten Bäume in der guten Jahreszeit nach allen Seilen hin verbreiten, aber mehr noch wegen der unvergleichlich schönen Aussicht gegen die Alpen, ha isl diese Terrasse der Lieblingsspaziergang der Bewohner Berns und die Bewunderung der Fremden. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein, wird sie von Lustwandelnden jeden Alters und Geschlechts besucht; am belebtesten jedoch erscheint sie, wenn die wohl organisirle Stadtmusik sich hören lässt, welches von Pfingsten an den ganzen Sommer hindurch je den zweiten Sonntag geschieht. — In der Mitte der vordersten Allee bemerkt man an dem Geländer eine Marmorlafel, auf welcher mit goldenen Buchstaben die wunderbare Kettung des Studenten Weinzäpßi aufgezeichnet ist, der hier im Jahr 1654 mit einem scheu gewordenen Pferde her- unlerslürzle und ungeachtet der schwindelnden Tiefe, mit demLeben davon kam, während sein zerschmettertes Pferd auf der Stelle todt blieb. Die Inschrift lautet: Der aUmaclil und wunderbaren Vorsehung got- tes zur ehr und der nachwell zur gedächtnuss stehet dieser stein allhier. Als von dannen herr Theobald Weinzäpßi den 25. mag 1654 von einem pferdt hinunter gestürzt worden und nachdem er 30 iahr der kirclien zu Kerzerz als pfarrcr vorgeslanden ist er den 25. november 1694 in einem hohen alter scliglich gestorben. Nach einer alten Ueberlieferung soll dieses Meisterwerk kolossaler Baukunst mit seinen dreifachen Gewölben, zu welchen von der Kirche aus ein geheimer Eingang führt, die Summe von 100,000 Gul- Mi - den, woran der Abi von Frienisberg die Hälfte beitrug, gekostet haben.*) *) Das Münster sowohl als der Thurm und die Plate-forme sind häufig abgebildet und durch schöne Stiche in Kupfer und in Stein vervielfältigt worden. Eine der gelungensten Ansichten des Thur- mesistdie in der Kunsthandlung des Hrn. Burgdorfer herausgekommene, von unserm geschickten Landschaftsmaler Gabriel Lohri dem Vater. Eine sehr treue Handzeichnung des jüngsten Gerichtes im Hauptportale der Kirche, von Hrn. Löhrer, befindet steh auf dem Zeichnungssaale der Hochschule, und eine alte, in Oel gemalte Ansicht der Kirche samxnt der Plate-forme im Stadtrathhause. vwwwv .\\v In der Haller'sehen Buchdruckerei sind zu haben : DER STADT BERN NACH IHREN QUARTIEREN. 1 Bogen, deutsch und französisch. 2 btz. WAPPENBUCH GESAMMTER BÜRGERSCHAFT DER STADT BERN, AUF DAS JA11U 1836, mit einem Anhang, enthaltend das Verzeichniss der in der Stadt Bern gegenwärtig verburgerlen Geschlechter, wann dieselben in die Bürgerschaft aufgenommen worden und wo sie zünftig sind. Nach den Burgerrödclö und andern schriftlichen Dokumenten bearbeitet von S. Probst, Cand. 12. Schwarz, roh, 20 blz. — gebunden, 25 btz. Sauber colorirt und gebunden, 60 btz. * :.ß. •#' '■* * • :v > 7VS9SF5 "'ii&jr'^r'l Mr:. *'%.'■ * 3»J IM® 3JB&W