TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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güter bebaut. Geradeso finden wir in Goltesheim den Hofnamen« s’Thomesbüüre » als uralte Bezeichnung eines Bauern, der Grundstückevon St. Thomas gepachtet hat. Das Wort Büüre, das in diesen Hofnamenso häufig wiederkehrt, hat im Eisass einen ganz bestimmten Sinn. EinBauernknecht wird von seinem Herrn als dem «Büüre d reden, ohnedamit auch nur im geringsten den schuldigen Respekt zu verletzen. Der«Büüre» bedeutet eben das Oberhaupt der bäuerlichen Familie ; er ordnetdie Arbeiten an und überwacht deren Ausführung; er bestimmt diePreise bei dem Ein- und Verkauf, und wenn der Knecht von seinem« Büüre r> spricht, so bedeutet das ganz das gleiche, wie wenn derIndustriearbeiter von seinem «Herrn» redet, ln der bäuerlichen Sprachedes Elsasses bedeutet also Büüre den Herrn des Bauernhofes.
Nach den Hochzeiten und Kindstaufen liegt es nahe, auch von denBeerdigungen zu reden. Auch sie geben Anlass zu oftmals rührenden undzartempfundenen, immer aber bemerkenswerten Veranstaltungen. Auchder Bauer weiss seine Todten zu beklagen und zu betrauern; man kannaber nicht sagen, dass er dem Tode selbst mit Angst ins Gesicht sieht.Sein ganzes Leben voll Arbeit und oft genug voll Leiden und Ent-behrungen, sowie sein Glaube, der ihm ein späteres besseres Lebensichert, lassen ihn mit philosophischem Gleichmut an die furchtbareSchlusserscheinung im menschlichen Dasein denken. Für ihn bedeutetder Tod nur die grosse Ruhe, die Befreiung von den Bitterkeiten diesesErdenlebens, die Morgenröte eines neuen Tages, der nicht mehr endenwird, die Belohnung für all die viele Arbeit und die Entschädigung fürall das erlittene Elend ; warum sollte man dem mit Unruhe entgegen-sehen ? Der Bauer, der sein ganzes Leben ohne Klagen sich abquält,weiss mit stoischer Fassung zu sterben, und es giebt in der That kaumetwas Schöneres als die rührende Ergebung, mit der diese alten Invalidender bäuerlichen Arbeit sich ruhig dem Beschlüsse der Vorsehung beugenund den jüngeren und kräftigeren Elementen den Platz räumen. EinArm, der nicht mehr zu schaffen vermag, ist unnütz geworden; werrhht mehr mit fester Faust den Pflug führen kann, der ist reif für dasGrab, und ruhig mag er im Schatten der alten Kirche unter demschwarzen Kreuzchen seinen letzten Schlaf halten.
Ein Dorffriedhof macht in der Regel keinen trüben Eindruck : involler Sonne liegt er vor uns, üppiger Pflanzenwuchs verleiht ihm grünenSchmuck, in den sich die Farben der blühenden Blumen mischen;