TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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Sonnwende, ohne dass wir uns dessen recht bewusst sind, auch für unsnoch Momente einer gewissen festlichen Stimmung, wie sie es in ungleichhöherem Grade für die unentwickelte Menschheit in vorgeschichtlicherZeit gewesen sind. Die christliche Religion hat es nun nicht für richtiggehalten, diese alten Sitten und Gebräuche einfach zu bekämpfen und zuvernichten; sie hat dieselben vielmehr zu veredeln, ihnen einen demChristentum entsprechenden Inhalt zu geben versucht; so kommt es, dasswir heute in diesen kirchlichen Festen die letzten Ueberbleibsel jeneruralten heidnischen Gebräuche vor uns haben. Das Weihnachtsfest entsprichtder Wintersonnwende, St. Johann der des Sommers; zu Ostern haben wirdie Frühlings-Tagundnachtgleiche, zu St. Michael die des Herbstes.Nicht anders wird es. sich wohl auch mit den Segnungen aller Artverhalten : die Weihe von Zweigen und Blumen, von Salz und Honig,von Wasser und Brot ist aller Wahrscheinlichkeit nach an die Stelleder Opfer getreten, die man ehedem den Göttern und ihren Dienern
darbrachte.
Nur zwei Arten von solchen Festlichkeiten hat die Kirche nichtübernommen; wenn dieselben trotzdem, allerdings in ganz veränderterGestalt, bis auf unsere Tage gekommen sind, so liegt darin der besteBeweis, wie fest diese Vorstellungen in dem Geiste unserer Vorfahrengewurzelt jiaben. Wir meinen die Blutopfer und dann die Frühlingsfeste,mit denen allem Anschein nach hauptsächlich die Geheimnisse der Frucht-barkeit der Natur, der Venus genitrix, gefeiert wurden. Wie wärensonst die erwähnten Strohmänner zu erklären, die man verbrennt oderins Wasser wirft? und die Heerden, die man durch den dichten Rauchhindurchtreibt? Und denken wir andererseits an die Burschen undMädchen, die Hand in Hand über das Feuer springen, an die Verteilungdes Kuchens, an das Ausrufen der Paare beim Karnevalfeuer, — sind dasnicht ganz unverkennbar die letzten Spuren von solchen uralten heid-nischen Gebräuchen, welche die Kirche nicht übernehmen zu sollengeglaubt hat, die aber trotzdem sich bis auf unsere Zeit erhalten haben,allerdings umgestaltet und abgeschwächt durch achtzehn Jahrhundertestetiger Kulturentwicklung ? Wenn man an der Richtigkeit dieser Annahmezweifeln wollte, so brauchte man nur die entsprechenden Vorgänge msolchen Gegenden zu studieren, die sich von den Kulturstufen der Vorzeitnicht ganz so weit entfernt haben wie unsere Länder; dann würde sichdeutlich eine gewisse Zwischenstufe zwischen den alten heidnischen