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Die akademische Frau : Gutachten hervorragender Universitätsprofessoren, Frauenlehrer und Schriftsteller über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium und Berufe / hrsg. von Arthur Kirchhoff
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d. Physiologie.

Pros. Dr. m6ä. Julius Bernstein

an der Universität g. 5.

Wenn man über die Zulassung der Frauen zum akademischenStudium ein Urteil abgeben will, so kann man nicht umhin, dieseFrage vorerst vom allgemeinsten Gesichtspunkte aus zu erörtern,bevor man in dieser Hinsicht auf das akademische Studium über-haupt. oder ein specielles Fach desselben eingeht. Welchemoralische Berechtigung haben wir denn, den Frauen dieErgreifung irgend eines Berufes zu verwehren, zu welchensie erfahrungsgemäß ihre Befähigung nachweisen? Ichkomme beim Nachdenken hierüber zu der Ueberzeugung,daß kein Gott und keine Religion, kein Herkommen undkein Gesetz, aber ebensowenig die Wissenschaft uns dasRecht erteilen, in dieser Beziehung zwischen dem männ-lichen und weiblichen Geschlecht einen principiellen Unter-schied zu statuiere». Alle Beschränkungen, welche gegenwärtignoch in der Zulassung der Frauen zu verschiedenartigen Berufenexistieren, sind denjenigen gleich zu achten, welche in früherer Zeit inder Zulassung bürgerlicher Kreise zu höheren staatlichen Anstellungenstattgefunden haben. Unter den Gründen, welche man zur Stützesolcher Beschränkungen vorgeführt hat, können wir diejenigen, welchevom Standpunkte irgend einer Religion oder des gesetzlichen Her-kommens aufgestellt sind, als gänzlich indiskutabel übergehen,da sie doch nur als der Ausfluß eines ererbten Borurteils er-scheinen. Dagegen müssen wir diejenigen Gründe etwas näherbeleuchten, welche sich mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umhüllen. Unter diesen wird insbesondere geltend gemacht, daß dasWeib von der Natur nicht mit denjenigen körperliche»und geistigen Eigenschaften ausgestattet sei, welche zurAusübung männlicher Berufe erforderlich seien. Ich muß