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Die akademische Frau : Gutachten hervorragender Universitätsprofessoren, Frauenlehrer und Schriftsteller über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium und Berufe / hrsg. von Arthur Kirchhoff
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es bestreiten, daß die körperlichen und geistigen Ver-schiedenheiten des männlichen und weiblichen Geschlechtesuns vom physiologischen Standpunkte aus zu einer solchenSchlußfolgerung berechtigten. Diese Verschiedenheiten sind indieser Hinsicht durchaus keine prinzipiellen, sondern nur praduelle.Es ist zwar im allgemeinen richtig, daß die körperlichen und geistigenKräfte des Mannes die des Weibes übertreffen. Die individuellenSchwankungen in dieser Hinsicht sind aber bei beiden Geschlechtern sogroß, daß eine große Zahl Weiber einer gleich großen ZahlMänner entschieden gleich stehen. Was die körperlichen Leistungenanbetrifft, so sprechen dafür die bekanntesten Erfahrungen destäglichen Lebens. Viele Männer würden den Anstrengungen, deneneine Waschfrau, viele Ärzte den Strapazen, denen eine Hebammeausgesetzt ist, nicht gewachsen sein. Und was die geistigen Fähig-keiten anbetrifft, so verhält es sich mit diesen entschieden ebenso.Wollten wir aus solchen Gründen die Ergreifung eines Berufesverbieten, so müßten wir auch einer großen Zahl von Männern indieser Beziehung Beschränkungen auferlegen. Ob das Weib zuirgend einem Berufe geeignet ist, läßt sich m. E. npriorinicht entscheiden; hierüber kann nur die Erfahrung Aus-kunft geben, und diese wird lehren, ob das Weib dem Manneim Kampfe ums Dasein gewachsen ist.

Wenn ich nun an die Frage herangehe, ob es im allgemeinenwünschenswert ist, daß im Leben eines Volkes sich eine möglichst großeZahl Frauen männlichen Berufen, zu denen sie ihre Fähigkeit erweisen,widmen, so muß ich diese Frage mit einem entschiedenenNein" beant-worten. Ich haltedenj enigen gesellschöstlichen Zustand fürdenidealen, in welchem die Frau nicht genötigt ist, den Kreisihrer Thätigkeit außerhalb des Hauses und der Familiezu suchen. Ich gehöre also nicht zu denjenigen, welche dieEmanizipierung des Weibes des Prinzips halber zu fördern streben.Indessen sind leider unsre sozialen Zustünde gleichgültig, welcheUrsache sie haben mögen von jenem idealen Zustand so weitentfernt, daß den Frauen die bittere Notwendigkeit zur Ergreifungmöglichst vieler Berussarten entgegen tritt. Unter diesen Umstäydenerfordert es das Gerechtigkeitsgefühl, den Frauen in ihrem Erwerbs-leben keine größeren Beschränkungen aufzuerlegen als den Männern.