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Judenkirsche, wie Niesser, kein tugendhaft-ehrliches Nesidenz-Schlehengestrüppe, wie Neh? Dn hättest Hinranken könnennach jener Tribüne, die in Erfurt errichtet ward, dn hättestsie umstricken können mit liebeweichen Armen, sie überziehenmit blonden Ausläufern, sie vertheidigen mit deinen Sta-cheln gegen die Profanen, welche sie entweiht, die Schwarz-weißen, welche sie begeifert, die Manteuffels, welche siemißbraucht, die besten Männer, welche sie entehrt haben!Wehe, daß auch diese Tribüne sinken mußte, bevor dudeinem gepreßten Herzen darauf Luft machen konntest! Wiewürde dein Ausruf "Gott mit uns und Deutschland überAlles," jene Gerlach's und Stahl's, jene Manteuffel's undRadowitz's zu unwillkürlicher Begeisterung hingerissen haben!Wehe, daß »der Wind des Verraths» über dein germani-sches Urfeuer hingeweht hat, so daß es nur noch unter demschützenden Scheffel deines blonden Ich glüht und nicht aufeiner Tribüne in falschem Lichte glänzen konnte. Jetzt stehstdu da, eine einsame Kastanie — du hast vergebens deineversöhnungsbedürftigen Zweige nach allen Seiten um eineWahl ausgestreckt — sie verästelten sich nur in der leerenLuft, ohne jene starken Festungsmauern erreichen zu können,die dir eine neue Stütze, dem deutschen Volk einen neuenTrost gewährt hätten. — Verwöhntes Volk, das keine Ka-stanien will! O Venedey, kennst du das alte Lied:
Wo ist ein König ohne Land?
Wo ist ein Wasser ohne Sand?
Die Antwort lautet:
Der König in den Karten, der hat kein Land,
Das Wasser in den Augen hat keinen Sand!