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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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Quadraturlim'e fff lilili KKK sind zugleich die Anfangspunkte des äußern Thurmportals normirt. Die nämlichenAnfangspunkte habe ich auch dem inneren Thurmportale gegeben und mit iil und kkk markirt. Das Maaß deräußern Portalöffnung im Lichten 111 mmm (einschließlich des Mittelpfostens) ist dem halben mittleren Chorqua-drate, oder der Distanz k e oder ssk in der Chorquadratur entnommen, und auch für die Distanz nun 000im Gewände des inneren Portales angewendet. Ueber die beiden Seitenportale, welche in die größeren Gewölb-Vorhallen einführen, ist noch zu bemerken, daß ich hier eine bedeutendere Mauerstärke (nämlich nach der Schaft- oderPfeiler-Stärke) annahm. Diese oder ähnliche Theile lassen sich im Aufrisse auf zwei verschiedene Weisen gestalten.Man kann entweder die Mauer oberhalb des Portals durch einen Wasserschlag bis an die Stelle der Mauer-stärke der übrigen Umfassungsmauer zurückführen, oder den Borsprung lassen, alsdann aber ihn zu oberst ineinen Giebel endigen. Letztere Art ist bei denjenigen Kirchenkreuzen angewendet, welche wenig oder gar nicht vor derübrigen Umfassungsmauer vortreten. Den Fenstern des Chores habe ich jene der Flügel gleich gehalten, da beidedieselbe Mauerftärke haben. Jedoch wäre es schicklicher gewesen, die Flügel mit größeren Fenstern, etwa nach Art derhier gegebenen Sacristeifenster, zu versehen, da die Fenster eines mit Flügeln versehenen Langhauses in der Regelwenigstens zwei Pfosten haben sollen.

7. Gestaltung der Rirchen in Bezug auf die Anzahl und Beschaffenheit ihrer Schiffe.

n allen Perioden der gothischen Architektur in Deutschland (in den ältesten, mittleren und späteren),mithin wohl als eine Eigenthümlichkeit im Vergleiche zur Architektur anderer Länder, kommt dieM Gestaltung von Kirchen mit drei Schiffen von gleicher Höhe vor. Dieselbe ist für das Aeußere wenigerVortheilhaft, bringt dagegen im Innern eine desto größere Wirkung hervor. Zunächst führe ich eine derältesten gothischen Kirchen an, die Elisabethskirche zu Marburg (12351284), von welcher diese Art von Anlageauf eine große Anzahl von Kirchen in den hessischen Ländern, wie in der Umgegend, übergegangen zu sein scheint,wie unter andern die Kirchen zu Grünberg und Friedberg , dann der Dom zu Wetzlar beweisen. Ferner istdiese Gestaltung sowohl in nördlichen Gegenden Deutschlands , wie in Preußen, als auch in südlichen, wie inAltbayern (z. B. in der Landshuter Martinskirche, Jngolstadter Kirche, und Münchner Frauenkirche) anzutreffen.Auch der Niederrhein hat solche Kirchen auszuweisen, wie nicht weniger Franken, wo die Liebfrauenkapelle zuNürnberg (13551361), die Chöre der dortigen Sebalduskirche und der Weißenburger Kirche als Beispieledienen. Eine der ausgezeichnetsten Kirchen dieser Art, die zu Dinkelsbühl , habe ich schon oben erwähnt. Auch derChor des Wiener St. Stephansdomes hat diese Anlage. Oft ist in der spätern Periode mit solcher Anordnungdie Anbringung der Strebepfeiler, statt nach außen, nach innen verbunden, wie z. B. in der Frauenkirche zuMünchen . Wenn aber auch diese Art in konstruktiver Hinsicht manchmal sehr vortheilhaft ist, so verleiht siedoch dem Aeußern (vorausgesetzt, daß der ganze Bau aus drei gleich hohen Schiffen besteht) ein schwerfälliges,ich möchte fast sagen, modernes Aussehen, indem alsdann die Außenwand nur eine einzige Fläche ohne alle vor-springenden Theile bildet. Im Innern kann jedoch eine solche Anordnung der Streben zu schönen Gestaltungenführen, indem sich namentlich die Räume zwischen denselben zu besonderen Kapellen benützen lassen. Manchmalsind diese inneren Streben mit Durchgängen versehen, wie in der Brandenburger Katharinenkirche, oder derkleinen Kirche zu Eberbach (unweit Ellfeld am Rhein ), in welch' letzterer die Streben eigenthümlich behandelt,nämlich in einer gewissen Höhe wagrecht abgeschnitten und an den vordem Seiten mit kleinen, achteckigen Schäftengestützt sind, wodurch sich eine sehr schöne perspektivische Ansicht ergiebt. Der Anlage dreier gleich hohen Schiffeentgegengesetzt ist die gewöhnliche Anordnung, nach welcher das Langhaus mit niedrigeren Flügeln versehen wird.Dieser Art gehört die Mehrzahl sämmtlicher gothischer Kirchen, auch in den nichtdeutschen Ländern, an. Beispielesind der Straßburger Münster,der Kölner Dom , der Freiburger Münster , der Regensburger Dom , dieOppen-heimer Katharinenkirche, das Schiff der Nürnberger St. Lorenz-Kirche, u. a. Eine besondere Zierde gewährenbei dieser Anlage die schon oben besprochenen Schwibbögen, welche von den Strebepfeilern der äußerstenFlügeltheile aus zu den Mauern des Langhauses bis zur Stelle der Gewölbanfänge als frei durchbrocheneBögen hinübergesprengt sind, und so die Gewölbe stützen helfen. Diese Schwibbögen kommen von der einfachstenGestalt vor, wie z. B. an der Marienkirche zu Lübeck , an der Bamberger oberen Pfarrkirche, oder der Nürn­ berger Lorenzkirche, wiewohl an beiden letzteren nicht in so ganz roher Form wie an der Lübecker Kirche. Etwasreicher sind die Schwibbögen des Straßburger Münsters. Sehr zierlich sind dieselben am Dome zu Halberstadt .Welch' großartiger Ausbildung ihre Form aber fähig ist, beweisen die Dome zu Köln , zu Prag , und dieSt. Barbarakirche zu Kuttenberg in Böhmen , an welchen sie in doppelten Reihen über einander und auf dasschönste mit durchbrochenem Maaßwerk verziert angewendet sind. Was die Aufrißverhältnisse im Innern bei der