Buch 
Schulreden gehalten am Friedrichs-Gymnasium zu Herford : nebst einer Abhandlung über die Rolle des Kreon in Sophokles' Antigone / von Dr. Friedrich Gotthold Schöne
Entstehung
Seite
80
JPEG-Download
 

80

So merkt denn auf diese Stimme, auf daß Ihr sie vernehmet,wenn sie sprechen will, damit Ihr stark seid, sowohl wenn Ihrin Euch den Hang zur Trägheit und zum Müssiggange, zuVergnügungen und Sinnengenüssen wach werden fühlt, alswenn Ihr um Euch das Beispiel schon verirrter und verdorbe-ner Genossen locken seht, stark seid sowohl in dem Augenblickdes Leichtsinns, wo die Jugend braust und die Leidenschafttobt, als in dem Augenblicke der Versuchung, wo das Lastermit seinen Netzen Euch umstrickt. Ich will Euch nicht durcheine oft genug wiederholte Schilderung im Einzelnen auf dieGefahren hinweisen, welche auf jenem Tummelplatz frischen,vollen Jugendmuthes, aber auch Üebcrmuthes den unbefange-nen Sinn umstürmen und verwirren; glaubet auch nicht, daßich Euch auferlegen wolle, alle Regungen zum Genuß derFreudeund zur Erheiterung des Lebens mit ascetischer Strenge zu un-terdrücken.Freude heißt ja, wie der Dichter sc,gt ^), diestarke Feder in der ewigen Natur": die Natur selbst laßt denRufFreude zu trinken" laut an Jeden ergehn, am Lautestenan Den, der in der Blüthe der Jugend steht. Aber hat irgendEiner nöthig, unermüdlich wachsam zu sein beim Genuß derFreude, so ist es der Jüngling, der so leicht dem Freunde undFeinde sich arglos hingiebt. Darum seid stark und haltet EuerAuge offen, wenn sich unter der Gestalt der Freude jene falscheGöttinn naht, welche auf den anfangs bequemen und blumigenWeg zum Laster führt, auf diesem Wege aber von dem Be-thörten, der ihr folgte, die schönsten Güter der Seele, dieUnschuld des Herzens, die Heiterkeit des Gemüths, die Re-gungen und Antriebe für das Gute und Schöne, zum Opferfordert und die schlimmsten Gaben «dafür austauscht, ewigquälende Brandmale des Gewissens, Sünde und Irrthümer,eine verödete Seele, oft auch einen zerstörten Körper.

Seid stark und sucht den Genuß der Jugendjahre nichtin dem eifrigen Antheil an dem lauten und ungebundenenTreiben jener Kreise, denen die akademische Freiheit ein Schildzügelloser Unsitte und öffentlich zur Schau getragenen Ueber-muthes ist '"). Der macht sich von selbst des Eintritts in cdlereGesellschaft unwürdig, der in muthwillige Verhöhnung guterund anständiger Sitte seine Lust und Auszeichnung setzt. Wis-set wohl, daß die Vernachlässigung der äußern Bildung auchder innern schlimmen Schaden bringt.

Dieser