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Geschichte des modernen Dramas in Umrissen / von Alfred Klaar
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lismus und der Glaubensfreiheit finden ihre Erledigung im Lichteeiner hohen, immer streng individuell gefaßten Weisheit. MitRudolf scheidet endlich der Geist, der allen gerecht werdenwollte, und die Ungerechtigkeit Aller gewinnt das Feld für ihreblutigen Kämpfe. Ein wahrhaft tragischer Abschluß eines großenhistorischen Konfliktes.

Es war nicht der weise, weltabgeschlossene Kaiser Rudolfallein, dessen Eigenheiten und Charakterzüge, dessen Gedankenlebenund Herzensschläge Grillparzer da so sorgsam und liebevoll be-lauschte. Eine andere, dem Dichter nahestehende Kaisergestalthatte wesentlichen Anteil an dem meisterhaft durchgeführten Por-trät, ein Habsburger, der schon als Jüngling um seiner Gütewillen von dem jungen Grillparzer gefeiert worden war, gleich-falls ein Mann von weiser, wortkarger Milde, gleichfalls einHerrscher, dem in stürmischen Tagen kein Preis zu hoch schien,die Greuel des Bürgerkrieges zu vermeiden, und der trotzeines gewichtigen Majestätsbriefes, den auch er ausstellte, wieGrillparzers Rudolf diese Greuel nicht vermeiden konnte undder, wie dieser, sich endlich zurückzog, um seine Tage in den welt-abgeschlossenen Räumen der Burg auf dem Hradschin zu be-schließen. Ganz ohne Liebedienerei, die, selbst charakterlos, nichtcharakterisieren kann, aber mit jener ganzen Liebe, die die Be-thätigung eines ausgereiften Charakters im Kleinsten sucht undfindet, hat Grillparzer dieses Kaiserbild durchgeführt. Keingroßer Herrscher, kein thatkräftiger Held, kein kluger Regierungs-künstler ist da vergegenwärtigt, sondern nur ein Mensch auf demThrone; aber diesesNur" schließt eine Welt voll Größe ein.Nie ist der äußeren Erfolglosigkeit, der stillen, gebundenen, imInnern arbeitenden Kraft ein schönerer Triumph bereitet worden,wie in dieser Dichtung. Rudolf ist kein Herrscher von Beruf,kein Mann der raschen That, die schneiden muß, um zu formn,die trennen muß, um neu zu binden, und nach den ewigen Bc-wcgungsgesetzen der Geschichte ist seine Niederlage eine gerechte.Aber er erkennt diese Gerechtigkeit und erhebt sich dadurch über