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Gross: Zweite Fahrt des „Humboldt“ am 14. März 1898.
wird träge und schlaff und bedarf dauernd der Anspornung, wie ein Pferd,welches bis an die Grenze seiner Kraft angestrengt wird. Interessant istferner für den Arzt und den Physiologen der Einfluss der Höhe auf denMenschlichen Organismus bei dieser Fahrt, Das erste Anzeichen der Wirkungder verdünnten Atmosphäre besteht in einer fühlbaren Zunahme der Herz-thätigkeit, welche namentlich selbst bei der geringsten körperlichen Arbeits-leistung z. B. beim Bücken, beim Heben von Lasten, beim Bedienen einerLeine sehr schnell und stark zunimmt. Sodann tritt Athemnoth ein,das Bedürfnis, oft tief Atliem zu holen, ohne hierdurch eine wesentlicheErleichterung zu verspüren. Der Körper verfällt dann bei weiterer Ab-nahme des Luftdruckes in einen Zustand immer mehr sich steigernder Er-schlaffung und Apathie, ohne dass dieser Zustand ein besonders lästigerwäre: ich möchte ihn eher angenehm bezeichnen, ganz ähnlich dem unmittel-bar vor dem Einschlafen. Die Augenlider werden schwer und schliessensich, die Glieder führen das nicht mehr aus, was der Geist und die Energiewill und vorschreibt, Als Beispiel möchte ich hier anführen, dass wirBeide, obwohl wir entsetzlich froren, denn es waren — 27° C., die voruns liegenden Pelzstiefel und Pelze nicht anzogen, obgleich wir uns gegen-seitig dazu ermunterten; ferner, dass ich nicht mehr leserlich, später gar-nicht mehr schreiben konnte und die Linien meines Tagebuches dauerndverwechselte. Alle diese Symptome der Erschlaffung wiederholten sich beiunseren späteren Hochfahrten und steigerten sich in geradezu bedenklicherWeise bei der Fahrt auf 8000 m am 11. Mai 180-1, auf die wir nochspäter bei der weiteren Bearbeitung der Fahrten zurückkommen werden.Erst die Mitführung und künstliche Einathmuiig von Sauerstoff erleichterteuns ganz wesentlich unsere späteren Hochfahrten.
Die Fahrt hatte mir ferner gezeigt, dass der ..Humboldt“ ein durch-aus leistungsfähiger Ballon war — hatte er uns doch mit Leuchtgas gefülltauf über 0000 m getragen, obgleich er vollständig durchnässt war; wirkonnten also getrost hoffen, mit diesem Ballon, wenn wir ihn mit Wasser-stoffgas füllen würden, die überhaupt für uns erreichbare Höhe ersteigenzu können. Leider sollte dieser schöne Ballon nicht berufen sein, uns nochlange zu dienen, da ihm nur noch -1 Fahrten besohieden waren. Erst seinNachfolger, der .. Phönix“, trug uns in jene Höhen hinauf, die dem Menschenüberhaupt noch zugänglich sind.
So war denn auch die zweite Fahrt des „Humboldt" keine ganz glatteund normale zu nennen, ebensowenig wie die erste; erst nachdem auch beider dritten Fahrt, eine Havarie am Ballon bei der Auffährt glücklich über-wunden war, schien der Bann gebrochen, der auf unserem Unternehmenruhte, so dass, von der Zerstörung des „Humboldt“ bei seiner sechstenFahrt abgesehen, sämmfliche weitere Fahrten durchaus gut und sicherverliefen.