Stereotomie (Steinkonstruktion). Technisch-Historisches.
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ihrer plastisch-korinthischen Auffassung, in ihm sind die in der Basis,dem Schaft und dem Knaufe der Säule enthaltenen Ideen in realistisch-üppiger, dem alexandrinischen Zeitgeist entsprechender, Weise zusammen-gefasst. Mit dieser sinnvollen Bekrönung des Werks stehen die einzelnenSäulen des Monuments in vollstem Einklang, sie sind in deutlichster Ver-sinnlichung das, als welches sie an dem Vorhergehenden mehrfachbezeichnet wurden, indem wir ihre Vorbilder in den Weihesäulen undVasenuntersätzen erkannten, nämlich Modifikationen des gleichen, in demOmphalos des Daches enthaltenen Grundgedankens. Die Stege der Schäfteverlaufen sich unter dem Knaufe schilfblattartig, ein Motiv, das auch diedorische Säule, am deutlichsten in ihrer ältesten Bildung, ausspricht.
An diesen ersten Blattüberwurf knüpft sich dann ein zweiter undaus diesem wächst das Akanthusgerank des Kelchknaufs hervor, geradewie oben. Aber bei allem Ideenreichthum, den jenes Monument in demSinne der neuen Ordnung darlegt, erscheint letztere in ihm dennochkeineswegs in sich vollendet, denn, abgesehen von manchem Schwankendenin der Behandlung der Blattzierden u. s. w., ist sein Rahmenwerk mitgeringer Veränderung in den Details noch das ionische Zahnschnitts-gebälk, es steht in keiner Beziehung zu dem in dem Stützwerk enthal-tenen Prinzipe, es sei denn durch den Gegenstand und die kecke Be-handlung der dionysischen Friesskulpturen.
Und hierin scheint die Hauptschwierigkeit bei Feststellung derneuen Ordnung gelegen zu haben, denn es herrscht die grösste Willkürund Unsicherheit in der Behandlung und Charakteristik des korinthischenGebälks. In dem Bestreben, das ionische zu korinthisiren, glaubte mandiess durch grösseren Gliederreichthum und plastische Fülle zu erreichen.Auch verfiel man auf den Schmuck der Blattkonsolen, bald in Verbindungmit den ionischen Zahnschnitten, bald ohne dieselben. Aber alles diesswar nur willkürlich dem Alten hinzugefügt, war dem neuen Gedankennicht unmittelbar entsprossen oder durch ihn bedungen.
Nur eine Erfindung war völlig aus dem dorisch-korinthischen Grund-gedanken hervorgegangen, eine Neuerung, die wieder vor unseren hohenKunstrichtern, wie so manches an sich Wohlberechtigte, als Ausgeburtspäter Willkür und als Geschmacksverirrung keine Gnade fand, ich meinedie Wiederaufnahme der dorischen Idee, den Fries als dyna-misch thätigen Theil zu behandeln, und zwar in korinthischemGeiste, nämlich als elastisch aufwärts strebenden, leicht überfallendenBlattkranz, als leise geschwungene steigende Welle, welche die Lastdes Deckenrahmenwerks federkräftig aufnimmt und auf das Epistylion
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