Band 
Zweyter Theil [2].
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R e n i.

Reni.

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Stellung, und geschickten Kovfputz *). Seine Engelgefallen durch einen wahrhaft englischen Charakter;ihre Bekleidung scheint ganz aus Aether gewebt.Der Vorwurf daim, daß er den Ausdruck vernach-läßigt habe, ist nicht immer unbegründet; aberbisweilen ist auch sein Ausdruck bewundernswürdig.Wenn er nicht völlig die Grazie der Antiken hat,so ist die seinige von einer Gattung, die sich um soviel mehr fühlen laßt, weil sie uns nicht zu fremdeist. Wenn er nicht in dem Rufe steht, vorzüglichcomponirt zu haben, so ist er doch auch in diesemTheil bisweilen sehr einsichtsvoll. Seine Drappe-rien sind mit einer flachen Touche nett behandelt,überhaupt gut gefaltet, und sehr genau ausgeführt;mir bisweilen mit einer gewissen Affektation ge-brochen, wo er sich Dürers seine zum Muster zunehmen schien. Seine Hände sind immer gut ge-zeichnet; die Füße fein, und dies etwa so sehr, daßer sie ein wenig kurz laßt. Zuweilen fiel er etwasins Dürftige, wenn er zu sehr dem Natürlichennahe zu kommen, und sein Detail mit äussersterWahrheit z» behandeln suchte. Seine frühere Fär-bung war diejenige der Carracci ; wenn er dann,zur Seltenheit, Caravaggio's seine annahm, in denLichtern graulicht, in den Schatten schwarz; immerbrachte er eine große Wirkung hervor. Sein spä-teres Colorit hingegen war hell und froh, dieSchatrensanft, und gewöhnlich etwas ins Grüne spielend,bisweilen aber von einem Silbergrau, das sehr an-genehm ließ. Seine Mitteltinten sind wunderschön;und der Charakter seines Colorits überhaupt derangemessene Gefährte seiner anmuthsvollen Dar-stellungen, seiner feinen Zeichnung und zarten Aus-führung.Guido" (sagt selbst der strengeMengs)von dem glücklichsten Talente, bildetesich einen Styl, der zugleich schön, graziös, zier-lich, leicht und reich war. Sein Pinsel würde ihndem Raphael gleich gestellt haben, wenn er bessereGrundsätze besessen hätte". Nie konnte endlichGu.do Geschmack an dem Verfahren derjenigenKünstler finden, welche ihre Werte von ihren Schü-lern ausarbeiten lassen, und bloß noch die letzteHand daran legen; sondern er war vielmehr über-zeugt, daß alle Theile der Kunst, welche ein Gemäldzur Vollkommenheit bringen sollen, gleich wichtigsind, und daß ein gleicher Grad von Kenntniß beymEntwürfe und bey der Vollendung herrschen müßc."So weit wareler. Und nun noch der neuereTailasson Es ist" (sagt uns dieser) » schwerersein Urtheil über die Werke von Guido festzusetzen,als über diejenigen andrer großen Maler. Ehemalssah' ihn die Französische Schule als den Vollkom-mensten von Allen an; jetzt hingegen läßt man ihmvielleicht nicht genug Gerechtigkeit widerfahren. Erhatte mehrere entgegengesetzte Manieren, arbeiteteviel für seinen Ruhm, dann aber ebenfalls viel,um seine Einbußen beym Spiel wieder gut zumachen. Oft ist seine Färbung männlich und stark.So in seinen Arbeiten des Herkules; sein Mord derUnschuldigen hat Wärme und Ausdruck; sein St.Peter (und Paul) zu Bologna ist von äussersterWahrheit. In dem Raub der Dejanira vereinigter Adel und Ausdruck mit dem reichsten Colorit.Sonst waren überhaupt Ausdruck und Stärke nichtseine charakteristischen Eigenschaften; wohl abermacht seine schöne, breite, leichte, zugleich festeund markigte Manier zu malen, die stake und zu-gleich anziehendste Physiognomie seiner Kunst aus.Niemand hat die Macht weiblicher Anmuth über dieGemüther, und jene ruhige Empfindsamkeit, welcheoft mehr rührt, als die lebhafteste Regung, besserdargestellt, wie Guido, so baß, auch wo sein Aus-druck schwach ist, er nicht minder zum Herzenspricht Eines seiner schönsten Bilder ist unstreitigder eben genannte Raub der Dejanira ; der Adel derHauptfigur, die Wahrheit im Ausdrucke des Cen-

tauren, die herrliche Farbe, die ganze Ausführung,Alles trägt dazu bey, dasselbe zu einem jener glück-lichen Produkte der Kunst zu machen, dessen Vor-züge im vollkommensten Verein unter sich selbst sind,und durchaus nichts zu wünschen übrig lassen Einststand auch sein Helenen-Raub in ähnlichem Rufe;noch Felibien spricht von demselben als von einemseiner beßten Werke; aber die spatere Zeit hat ihmeinen untern Rang angewiesen. Noch findet manwohl darin eine Menge reizenden und graziösenDetails; dafür aber schwache Composilion undAusdruck, die Figur von Paris kalt, uns lächerlichcostumirt. Auch seine Arbeit in St. Gregor zuRom , wurde dem in der nämlichen Kapelle befind,lichen Werke von Oominichino gewöhnlich vorge-zogen ; allein die Stimme der Nachwelt hat diesesUrtheil ebenfalls nicht bestätigt. Bekanntlich hatGuido viele Halbfiguren gemalt, meist Frauen-köpfe, mit zum Himmel gerichteten Blick. Manverzeiht ihm ihre öftere Wiederholung; denn siegelang dem Künstler immer, da schöne Augen denndoch nie schöner als in dieser Stellung sind, dieihre ganze Form entdeckt, in der sie sich mit demhellsten Licht erfüllen, und welche ihnen stets einenanziehnden Ausdruck giebt den der Betrübniß,oder den einer Flehenden. In solchen Augenblickenbieten sie zugleich das Bild der göttlichen Allgewalt,welche Alles gewähre», und des menschlichen Reitzesdar, welcher Alles erlangen kann. Guido s Zeich-nung hatte Wahrheit, Grazie, öfters Adel, abereben so oft Unrichtigkeit, und selten Energie. Da-gegen waren seine Körverstellungen nicht immer edel,bisweilen nicht einmal natürlich; seine Gedankengewöhnlich gemein, und die Ordonnanz des Ganzenselten die beßte. Seine Figuren scheinen oft wieausgeschnitten, und haben selten die gehörige Run-dung. Sein Colorit endlich, obschon es gefallt,war doch bisweilen allzu eintönig. Gern affektiereer einen grauen, gcünlichten Ton, der, noch so feinund noch so angenehm, dennoch seinem Fleisch öfterseine Lodtenfarbe giebt, und eben weil sie so silbernist, schon mehr als einen Künstler verführt hat; sowie man überhaupt von Guido's Nachahmernsagen kann, daß sie gewissen Frauen gleichen, die,indem sie sich mühen, einer liebenswürdigen Eoquettenachzuahmen, durch Uebertreibung sich lächerlichmachen. Also (und dies ist nun der Schluß allesObigen freylich nicht ganz leeren, ächt französi­ schen Kunstrichtergeschwätzes) immer harmonisch,lieblich, aber niemals erhaben, war Guido ohneZweifel ein großer Maler, aber nicht immer eingroßer - Geschichtsmaler."

Guido's vorzüglichste Werke in Italien habenwir bereits oben nach Lanzi,Fiorillo u. a. genannt.Hier nur noch aus den 'Zral. MisceU. ll. 2. 72.die vielleicht sonst leicht verlustig gehnde Notiz: Aufeinem der Altäre des Doms zu Girgenli in Siziliensoll sich nämlich von ihm eine Madonna mit demKinde, etwas über Lebensgröße, auf Leinwand ge-malt, und mit einem Glase überdeckt, befinden, diezu seinen schönsten Arbeiten gehört. Sie sitzt, ihrHaupt gesenkt; ihr Aug ruht auf dem schlafendenKinde, dessen Hand in ihrer Rechten liegt. Aufdie Linke stützt sie ihr Haupt.

Schon die alte Königl. französische Galleriebesaß, nach Wareler, 2Z. Bilder von ihm: DieArbeiten des Herkules (Entführung der Dejanircdurch den Centauren Nessus, Zweykampf mit Ar-chelous und der Lernäischen Hyder, und sein Tod),aus seiner bessern Zeit Die Einigung der Zeich-nung mit dem Colorite, wo er das Beyspiel mit derLehre verbinden wollte, und nämlich die Zeichnungdavon eben selbst elegant und rein, und die Farbekräftig und angenehm ist. **) Seine RömischeCharitas dann würde schon allein beweisen, daß erden Ausdruck verstanden habe. Der Kopf der

*) ll c.iellöit bisn le, lemräs! , was Hez-denrcich giebt:Er sehte seine Frauen gut auf."

llnndon Annal . IX. zz. urtheilt ganz verschieden davon. Der männliche» Figur (der Zeichnung) mangle esan Adel; die weibliche (die Färbung) habe einen gewissen Ausdruck von Trauer, der hier irre denke. Auchdas Colorit sey schwach und kalt, aber ja mit leichtem, graziösem Pinsel vortreflich ausgeführt. Eine vortref-liche Wiederholung dieses Bildes (denn eine Eopie können wir sie unmöglich nenne»), besitzt H. Lrrnar-kNeyer von Schauensee in lluzern, die aus einer Gallerie zu Bologna herrührt.

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