Band 
Zweyter Theil [3].
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dtt, die sich für keinen sterblichen Helden geziemenwürde. Der Kopf ist edel, anmuth-vvll und zu-gleich kriegerisch. Seine Züge sind nicht entstellt;das Gefühl von Verachtung und Entrüstung streiftkaum über seine Lippen; die Stirn' ist ungetrübt.Alle seine Bewegungen entwickeln sich mit hoherRuhe; seine drohenden Arme behalten ihren scho-nen Umriß; seine Lanze scheint für Form/ Stel-lung und reichen Schmuck aus dem Arsenal desHimmels geholt. Seine Flügel, welche, die Kunstso schwer an menschliche Figuren heftet, hebe» undbreiten sich mir einer wunderbaren Leichtigkeit aus.Kaum seine Fußspitze berührt den schon zu Bodengeschmetterten Rebellen. Zwar scheint das rechteBein des Engels ein wenig steif zu seyn; aber erdrückt auf den Körper des besiegten Feinds, undhalt ihn fest. Die Lage dieses letzter» ist so gutüberlegt, daß, ungeachtet er nur von dem Fuß desSiegers auf seiner einen Schulter im Zaum ge-halten wird, alle seine Glieder, durch seinen Fallsich in einer solchen Stellung befinden, die ihn je-des Gebrauchs derselben und somit aller Kraft be-raubte. Sonst aber ist die Figur dieses Satansabscheulich schön; der durch seine Erniedrigung häß-lich gewordene Kopf behält noch Größe in Eben-maaß und Formen. Es ist der Satan Milton's.In seiner Faust hält er noch die gabelförmige Waffe,die in dem Kampf mit der himmlischen stumpf ge-worden; man sieht ihn gleichsam »och, von Fallzu Fall überwälzt, auf das Feuerland gestürzt, dasihn aufnimmt. Der Anblick dieses rauchendenBodens ist abscheulich. Die unterirrdische Flammedrängt sich hervor, und beleckt aus allen Spaltenden glühende» Sand; es ist die oberste Rinde derHölle. Dieses Bild gehört in den Ansang von^aphaels schönster Zeit. Von dieser hat es alleVorzüge in Zusammensetzung und Zeichnung, auchim Kolorit; nur in der köstlichen Vollendung kömmtes der Verklarung und der H. Familie noch nichtbey; man merkt noch die Mühung des Pinsels;es ist erst noch vollkommene Runst; in Raphaelsletzten Meisterstücken sieht man diese nicht mehr,sondern bloße Narur (?)"> Auch Earl le Brimwar nicht zu stolz, die vorzüglichen Schönheitendieses Werks in einer akademischen Vorlesung zuentwickeln. Einzig glaubte er einige Verwirrungund Harten an Satans Schultern und Hüftenrügen zu dürfen. Unter dem Kunstnachlasse desvor wenig Jahren verstorbenen F'. A. von Spl-

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veftre, ehemaligen Zeichnungslehrers der Köniql.Kinder, befand sich ein überaus schön auf Papier ge-malter Kopfdes Erzengels (18" hoch, breit) mitsehr wenigen Veränderungen in dem Haarwuchse,sonst völlig dem Urbilde gleich, den auch bewährteKenner für ein Studium zu diesem letzter» hielten.

Mit diesem Bilde muß ein zweytes, ganz klei-nes, ii" hohes, y A" breites (man sagt, aufdie Rückwand eines Damenbretts gemaltes) nichtverwechselt werden, das sich ebenfalls von Altersher im Französischen Museum befand, und dengleichen Erzengel darstellt, wie er sich nicht bloßmit dem höllischen Erzdrachen, sondern (wenn esseyn soll) noch mit mehr andern kleinern Unge-thümmen herumschlägt. Nach Bottari wurde sol-ches Franz I. von Clemens VIII. geschenkt undwar noch von Raphaels früherer Arbeit, ein wah-res Nebenbild des einen seiner St. George, dessenwir oben erwähnt haben. Von dem unsrigen giebtLandon (Annal. IV. Nro. 27.) die Beschreibung,wie folgt:Dieser St. Michael erscheint in einerRüstung aus den Zeiten der Kreuzzuge; edel stolz,seines Sieges gewiß, schlagt er den unter seinenFüßen sich krümmenden Drachen mit der flachenKlinge des Schwerts. Große Einfachheit in denStellungen, Feinheit der Zeichnung und vortrefli-che Vollendung, doch nicht ohne Trockenheit, sinddie Hauptzüge dieses Bildes. Das Kolorit hatetwas Seltsames, Poetisches; das düstere Lichtund der mystische Ton desselben, die brennendenGebäude und die wunderbaren Mißgestalten imMittel-und Hintergrund, bezeichnen den Eingangin die Unterwelt; man erinnert sich an Milton'sPandämonium. In diesen letztgenannten (freylichzum Theil ganz unverständlichen 12z) ) Wesen istein großer Reichthum von Einbildungskraft; undder Drache, auf welchen der Engel tritt, hat soviele mit Kühnheit und Kraft verbundene Ele-ganz, als man einem solchen Ungeheuer nur gebenkann 124)."

Nun folgen bey vasan ein Paar genannteFrauenbildniffe: Der Beatrix von Ferrara, undseines eigenen Liebchens 125); dann aber setzt erhinzu:Undunendlich viel andere", mit dembeygefügten Gruud:Es war nämlich Raphaelsehr verliebter Natur, den Frauen ergeben, undstand immer zu ihren Diensten 126); und diesesist die Ursache, daß, da er stets seiner Fleischeslustoblag, seine Freunde, zum Behuf solcher Dinge,

--Z) Männliche und weibliche Figuren mit Schlangen umwunden, eine Prozession von Büßenden; Soldaten, diediesen letztem den Zugang zu der Brandstätte zu verwehren scheinen. I'Epicis deutet das Ganze, vielleichtnicht unfein, auf eine allegorische Darstellung der am End über die Laster siegenden Tugend, die Gewissens-bisse und Qualen die das Verbrechen verfolgen, und das Feuer, das man durchwände!» muß, um die Seelevon ihren letzten Flecken zu reinigen.

»4) Gestochen in ältern Tagen wurden diese Bilder niemals; dann aber das erstere vornehmlich von N. Lar-meffin und E. Rousselet, von ersterm für Crozat, und in Absicht auf Ausdruck noch das Vorzüglichere; dannauch von I. Haussard; in neuerer Zeit für's XUI. Heft des Mulee Napoleon , nach Harn'ette's Zeich-nung, von A. Tardieu. Das zweyte, ebenfalls für Crozat, von Cl. Duflos. Wohl findet sich dann noch eingutes altes Blatt von M. von Ravenna das ebenfalls St. Michel, aber wieder ganz anders (seine Pike inder Rechten, und dir Linke auf dem Degenlnopfe) darstellt. Florent le Lomte nennt ebenfalls (dochvielleicht irrig) einen solchen Stich von Veatriccio, so wie Heinecke (ll. 450.) und winkler noch andere vonBazin, Lombard, Surugue, Testelin u. s. f. von welchen wir aber ungewiß sind, ob solche nach obigen oderandern Urbildern gefertigt worden, obgleich Heinecke sie alle für Nachbildungen des zuerst genannten Haupt-bildes hält. Im Umrisse endlich findet man die Unsrigen bey Landon (Annal. II. Nro. 49. und IV. Nro.27. auch im etc. Nro. 2. und 12. dann in des Erstem Vie etc. äe Lapbaet Issr. 112. und 355 .

und Lkbendas. das (schöne) Blatt von Ravignano , Nro. 392.

»» 5 ) Von demjenigen der Herzogin Bealrir kennen wir keinen Stich. Ein Bildniß seines Liebchens dann (obaber das unsrige?) gab P. Peiroleri. Eine Schönheit ist es eben nicht; aber es verdient die anmuthige Un-terschrift: kltiro eci Onentu son i miei pregl! Ein anderes nennt Heinecke (II. ZZ7- ) von Cbambvrs zuLondon . Unten werden wir noch zwey solcher Fornarincn in den Gallerten zu Florenz und Barberini zuv>om finden, deren eines ohne Zweifel das von vasari genannte seyn wird. Noch bemerke» wir hier, daßdas Museum Napoleon eine Zeichnung besitzt, die das flüchtig entworfene Studium zur Madonna in derberühmten H. Familie zum Gegenstand hat, wovon (wohl ganz ohne Grund) vermuthet wird, daß seineDecken» ihm dazu gesessen habe; dann der Dilettante, H. Denen, eine zweyte: Allerliebstes Frauenbrustbildim Profil (mit zierlichem Haarputz, gesticktem Halskragen, und fast ganz mit einem durchsichtigen Schleyerbedeckt) worin man ebenfalls Fornarinens Züge erkennen will; aber wohl viel zu geschmückt, für dieienige,deren höchster Preiß, wie wir gleich oben vernommen, Zurückgezogenheit und Ehrbarkeit war- Beyde giebtrum erstenmal, freylich im bloßen Umrisse, Landon (Vie etc. äe K«z>tz»e/) Nro. 217. und 320.

,,6) Und einen schöner» Lohn für ihre Gunst, als ein Bildniß von Raphael, konnte sich denn doch kaum eine

seiner Landsmänninen wünschen. Man sehe nur das gleich vorerwähnte Vlalt nach der Zeichnung bey H.Denon.

Anh. zum VII. Heft.

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