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Mit dem hier Ausgesprochenen trete ich allerdings dem herr-schenden Urtheile entgegen, nach welchem (um mich des vor-hin angeführten Ausdruckes zu bedienen) die natürliche und diebürgerliche Geographie als die zwei gleich werthi gen Th eileeines wissenschaftlichen Ganzen betrachtet werden, währendsie, nach dem vorigen, vielmehr zwei verschiedene Artenvon Geographie ausmachen; denn beide theilen sich keinesweges,wie es gewöhnlich angesehen wird, in den wissenschaftlichenStoff der Erdkunde , sondern behandeln einen und denselben wis-senschaftlichen Stoff' nur nach verschiedenen leitenden Ideen —oder sollten dies wenigstens thun 1 ). Dies ist auch schon längstausgesprochen worden; wie es überhaupt das Schicksal derGeographie ist, dass die guten Urtheile mancher Schriftsteller,die jetzt veraltet sind, weil seit ihrer Zeit in materieller Hin-sicht die Wissenschaft so sehr fortgeschritten ist, ganz unbe-achtet liegen. So nennt Reiske in seinen Noten zu CluversIntrod. in geogr. univevs. die mathematische Geographie, un-ter der er die ganze natürliche Geographie versteht, einetheoretische Wissenschaft, die historische dagegen einepraktische, womit er, wie es mir scheint, ganz das rich-tige Verhältniss getroffen hat. Von letzter sagt er: Scientiamharte voco intelligocjue practicam sive activam , et in actione potis—simum civili positam .... hic enirn notitiae hu jus ßnis esto , siveiisus publicus , sive privatus , sive belli , sive pacis , sive profectio—nis , sive nauticus , sive mercatorius , aliusve fuerit. ( Cluveri ln—troduct. in geogr, univers ., ed. Bruzen de la Martiniere , p. 4.)
Verfolgt man weiter, w r ie sich die Ansichten vom Wesen derGeographie und vom Verhältniss ihrer Theile gestaltet haben,so findet sich, dass die natürliche Geographie, d. i. die mathe-
1) Sagt inan: politische Geographie, reine Geographie, historische Geo-graphie etc., so sind dies, wie die obigen Beispiele, nicht Theile der Geo-graphie, sondern Arten derselben, und gehören als solche in die Sphäreder Geographie. Sagt man dagegen Orographie, Hydrographie, Pflanzen-geographie etc., so sind dies nicht Arten, sondern Bestandtheile derGeographie und gehören als solche zum Inhalt derselben. Auf diese letzteWeise würden sich nach der gewöhnlichen, aber von uns verworfenen An-sicht die oben genannte bürgerliche und natürliche' Geographie verhalten.