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Entwurf eines Systemes der geographischen Wissenschaften / von Julius Fröbel
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natürlichen Grenzen 1 ). Man suchte im Flusse der politischenVeränderungen nach etwas Stabilem und fand dasselbe in derunklaren Vorstellung eines natürlichen Landes. Der Missgriffliegt in dem Vorurtheile, dass es die Geographie, gleich derNaturgeschichte, mit einer Mehrzahl von Individuen zu thunhabe. Dieses Vorurtheil ist so tief eingewurzelt, dass selbstausgezeichnete Geographen gar nicht die Möglichkeit einer spe-ciellen Erdkunde 2 ) zu ahnen scheinen, welche nicht von solchenindividuellen Abtheilungen der Erdoberfläche ausgeht. So sagtnoch vor Kurzem Schouw: » geographia scientißca nasci nullo

modo potest , nisi singulae omnes terrae , spectatis omnibus ratio-nibus physicis , comparatae fuerint (Specimen , p. 5). Diese An-sicht lässt sich in zweifacher Beziehung als Vorurtheil nach-weisen. Was erstlich den Werth betrifft, welchen man auf dieNatürlichke it der Abtheilungen der Erdoberfläche legt, alsob in dieser Natürlichkeit das ganze Heil einer wissenschaftli-chen Behandlung des Gegenstandes gegründet läge, so beruhtdieser auf einer Verwechselung des Veränderlichen mit dem Zu-fälligen , also des Stabilen mit dem wissenschaftlich Nothwen-digen, als ob nicht auch die wechselnden Erscheinungen ineinem bestimmten Momente mit wissenschaftlicher Nothwendig-keit aufgefasst werden könnten; oder als ob es in der Weltüberhaupt etwas rein Stabiles gäbe oder auch die Nothwendigkeitder Erscheinungen von einem gewissen Maasse ihrer relativenDauer abhangen könnte. Der Staat , habe er sich auf dem Wegeruhiger Entwickelung oder durch die Waffen eines grossen Er-oberers oder auch nach der Uebereinkunft eines Congresses vonDiplomaten gebildet, ist so gut eine Erscheinung, deren Exi-stenz aus der Verknüpfung ihrer Bedingungen mit Nothwendig-

1) Ideen Uber Geographie. Schwarz, die neuere Ansicht der Erd-kunde. Stuttgart , 1829.

2) Ich sage:einer speciellen Erdkunde, weil die sogenannte phy-sische Geographie allerdings nicht von besondern Abtheilungen ausgeht, aberdies nicht weil ihr der Erdkörper als Ganzes Object ist, sondern weil sienur die aus der speciellen Betrachtung der Erdoberfläche durch Abstractionvon aller bestimmten Localität (auf welche höchstens beispielsweise gekommenwird) gewonnenen allgemeinen Sätze enthält. (Siehe davon weiter unten.)