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Waadtländeralpen. Weiter gegen Norden kam die Trübung derLuft, der Herbstdunst mehr und mehr zur Geltung und zerstörteden Farbenglanz. Bei andern Ballonfahrten, bei ganz hellem Wetter,war er mir noch auffallender als während der Wegafahrt.
Viele Stücke der Landschaft, so besonders Städte und Dörfer,sehen aus wie ein wunderschön gemalter Plan. Kirchtürme, senk-recht unter uns, sind von den Häusern durch ihren langen Schattenzu unterscheiden. — Die Pappeln in langen Reihen neben denRhonedämmen zeichnen sich durch ihre langen Schatten am bestenvor andern Bäumen aus. Die Strassen durchziehen wie weisseFäden die Landschaft und verbinden einen Ort mit dem andern.Die Eisenbahnen unterscheiden sich durch ihre weniger gekrümmtenFormen und ihre dunklere Farbe und die Flüsse glänzen meistens inder Spiegelfarbe des Himmels hell heraus. Sehr in die Augen fallendeGegensätze zeigen z. B. die alten Überschwemmungslande der Rhone und ihrer Seitenbäche einerseits, andererseits die sonnigen Abhängenördlich des Rhonethaies, wo tausende von Mäuerchen terrassen-förmige Rebberge halten und wo dazwischen niedliche sonngebräunteDörfchen in Baumwiesen kauern. Wiederum ganz anders sehendie Waldregionen der Schattengehänge oder der höheren Regionenaus. Anschwemmungsebene, Kulturzone, Waldregion, Alpenregion,Schutt, Fels, Schnee und Gletscher, alles überblickt sich in seinerstufenweisen Anordnung und seinem mannigfaltigen Ineinanderweben.
Zu unsern Füssen liegt der gewaltige Bergsturz der Diableretsvon 1749. Man übersieht die Fluidalstruktur seines Trümmer-stromes und dessen Auf branden an den im Wege stehenden Berg-koulissen, sowie die dadurch bedingte Ablenkung der Schuttmassen.Überall lassen die Rinnen an den Berghängen erkennen, wie dieAbwitterungsvorgänge den Berg modellieren und seine Form be-herrschen. Es ist eine in den natürlichsten Farben gemalte Land-karte mit einem unermesslichen Detail, auf die wir hinunterblickenund die uns in klarem Zusammenhänge auf den ersten Blick daszeigt, was wir unten nur langsam Stück für Stück, eins nach demandern finden und sehen können. Je mehr Naturerkenntnis man