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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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CAI>. XVIII. DIE GRENZEN DER VEGETATION NACH OER HÖHE.

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Auch unter weit ähnlicheren Verhältnissen des Terrains und des Climas iin allge-meinen zeigen sich oft bedeutende Unterschiede in der Sommerwärme an der Getreide-grenze; dieselben sind in dein letzteren Falle vorzüglich durch die Temperatur des Früh-lings (Zeit der Aussaat) und durch jene des Herbstes (Zeit der Reife) bedingt * 1 ); es Ubertreflenz. B. an manchen Stationen des nordöstlichen Asiens die Sommer die angeführten Tempe-raturen an der Getreidegrenze gegen Norden noch ziemlich weit,'ohne dass Getreide culti-virt werden kann 2 ). Da an der Cerealiengrenze nach der Höhe sowohl als nach Nordendie Reife stets theilweise in den Herbst fällt, so ersetzt anderentheils ein warmer Septem-ber zuweilen die geringere Wärme des Sommers.

In den tieferen Theilen, bei der Rebe und der mittleren Grenze der Wallnuss, schei-nen die Verschiedenheiten der betreffenden Isothermen zwischen den nördlichen und denCentralalpen sich nahezu auszugleichen 3 4 ); hier entsteht hauptsächlich durch die südlicheLage ain Monte Rosa ein verhältnissmässig sehr bedeutendes Steigen dieser Grenzen, wel-che dort bei kälteren Jahresisothermen eintreten, als in den beiden ersteren Gruppen. Je-doch für die Extreme der Wallnuss, welche sich bereits in etwas grösseren Höhen befin-den, bewirkt die Lage in den umfangreicheren Gebirgsmassen der Centralalpen deutlicheDifferenzen.

In den höchsten Theilen verschwinden wie erwähnt, die Unterschiede in der Yer-theilung der Temperatur zwischen den einzelnen Alpengruppen, indem hier überall dieGipfellagen vorherrschen. Die äusserste Phanerogamengrenze + ) befindet sich daher fluchin verschiedenen Alpenlheilen an nahezu gleichen Isothermen.

Weiter nach abwärts bei der Conifercngrenze treten bereits deutliche Unterschiedezwischen den nördlichen Kalkalpen und den Centralalpen ein. Mil den Centralalpen ist dieGruppe des Mont Blanc und Monte Rosa in diesen Regionen nicht mehr ganz comparabel,indem in der letzteren die Erhebung rascher ansteigt, und zugleich die langgestrecktenllochthäler fehlen. Die Baumgrenzen sind daher hier mehr auf Abhängen, oft von be-deutender Neigung und etwas freier Lage bestimmt, während in den Centralalpeneinige ausgedehnte, wenig geneigte Thäler wie das Engadin oder das Oetzthal und

diflerenzen zeigen, und ausnahmweise der Roggen seihst die höchsten Stande mit der Gerste einnimml,während in der Verbreitung gegen Norden Temperaturunterschiede von 5° C. an ihren Grenzen eintreten.

1) Siehe Kupffehs interessante Note relative ä la temperature du sol et de lair aux limites deinculture des cereales. Tirde du Bull, de la Classe phys. -math. de l'ACademie Impdr. de St. Petersbourg.T. IV. Nr. 6 et 1.

2) So liegt Jakutzk und Bogoslowsk ausser der Getreidegrenze; obwohl ihre Sommer heisseroder ebenso heiss als jener von Moskau sind. Kupfff.ii a. a. Orte S. 8

3) Wir dürfen erinnern, dass das Gedeihen der Rebe nicht nur von der mittleren Temperaturdes Jahres oder jener des Sommers, sondern auch von den Wärmeverhältnissen der übrigen Monate,selbst des Winters, abhängt. Die grossen Unterschiede des directen oder zerstreuten Lichtes sind eben-falls zu berücksichtigen, welche durch heiteren Himmel oder durch die häufige Bewölkung ir^ denKiistenclimaten hervorgerufen werden. Vergl. die ausführlichen Untersuchungen Ales , von HniBOLDTsüber die climat. Bedingungen der AVeincultur im Kosmos I. S. 349 u. 481 ; und Asie centrale, deutscheAusg. II. S. 108.

4) Die letzten Flechten finden sich in den Alpen ohne eigentliche Grenze noch auf denhöchsten Gipfeln bei mittleren Jahrestemperaturen von 12 bisIS C.