Leben und C h a r a k t e r z ü g e L e o n h a r d U st e r i' s w « ilünd Professor's der Theologie und Chorherr'n der Stift zum Großenmünster^ «>---> Zum dankbaren Andenken der vor fünfzig Jahren ' von I h m gestifteten Zürcherschen Töchterschule. !m ^ KW ^' - v MM EHWAWE ^ K^> WWM -EDMLALKMMMMM^Lw^ °7! M ?r-^,^ , --^r >-" L^> ^."L -. M MAG '>'-4. - ^ L»EM KKA ZM iAMKO MWM MAL MU^ WW WEMO M-KMz 3 HAH'K^ LMWM^ MMKW WM MLL L 7.'^ ^7'?Z7Ä An die lernbegierige Zürcher» sche Jugend - auf das Neujahr 1824. Von der Gesellschaft auf der Lhorherrmstube. Sechö und vierzigstes Neujahrsstück. Le 0 nhard U st e r i. Es sind bereits volle 34 Jahre verflossen, seitdem der Mann, dessen edles gemeinnützige- Leben, dessen große unsterbliche Verdienste um Jugendbildung und Menschenwohl diese Blätter euch schildern sollen, das Land der Sterblichen verlassen hat. Aber, meine lieben jungen Freunde und Freundinnen, denen das Glück denselben persönlich zu kennen freylich versagt war, ihr möget doch oft schon von ihm gehört haben, wenn euch, ihr Söhne, eure Vater von dem unvergeßlichen Lehrer ihrer Jugend erzählten, der unter den Trefflichen, denen sie die Bildung ihres Geistes und Herzens verdankten, einor der trefflichsten war; oder wenn euch, liebe Schülerinnen der Töchterschule, auf eure Frage: wer wohl der Mann sey, dessen in euerm Lehrzimmer aufgehängtes Bild euch so freundernstlich ansprach, eure würdigen Mütter, oder auch eure Lehrerinnen zur Antwort gaben: Es ist Leonhard Usteri, der unvergeßliche Stifter dieser Töchterschule, der »varme Freund und Beförderer alles Wahren, Edeln und Guten. Hohe Achtung und feurige Dankbarkeit ergreife, belebe euer Herz, so oft ihr diesen Nahmen hört! Eine einfache und kunstlose, aber wahre und treue, theils aus eignen NeminiSzenzen von dem Leben und Wirken dieses Edeln, theils vorzüglich aus seinen, sowohl im Druck himerlaß- nen, als auch nur noch in Handschrift vorhandnen, gütig mitgetheilten Schriften und Aufsätzen geschöpfte Darstellung seiner Verdienste und Tugenden dürfte wohl ein nicht ganz unwürdiges Tod- tcnopfer seyn, das ein ehmaliger, bereits dem höhern Alter sich annähernder Schüler desselben, seinem zwar längst schon in Gott ruhenden, aber so lange noch ein Athem in ihm seyn wird, in seinem Andenken lebenden theuem Lehrer bringen kann; wobey er sich/ das Biographische betreffend/ vorzüglich auf das beruft/ was uns sein achtungswürdiger älterer Sohn in seiner Leon- hard Meisters berühmten Männern Helvetiens *) eingerückten trefflichen Lebensgeschichte des Seligen berichtet hat. Und wenn auch der eigentliche Zweck der nachstehenden Blätter ist/ altern Lesern/ die den Trefflichen noch kannten in der Zeit seiner Wirksamkeit/ oder auch Jünglingen von reifern Jahren/ die den Werth weiser und guter Lehrer und edler Menschen zu schätzen wissen/ die großen Verdienste und Tugenden desselben in Erinnerung zu bringen/ und sie ihnen darzustellen zum Muster der Nachahmung/ so möchte doch vielleicht das eine und andre auch für euch/ ihr jüngern Söhne und Töchter meiner Vaterstadt/ Nutzbare und Belehrende in denselben enthalten seyn. Leonhard Usteri ward geboren in Zürich den 31. März i7äi. Sein Vater/ Paulus Usteri/ des damahligen großen Rathes/ den er schon im sechzehnten Jahre seines Alters verlor/ war ein angesehener Kaufmann/ der mit vielen Kenntnissen und Liebe zu den Wissenschaften ein- nehmende Bescheidenheit verband/ die ihm die allgemeine Achtung seiner Mitbürger und die Freundschaft der ausgezeichnetesten verdienstvollsten Männer/ unter andern BodmerS des Ehrwürdigen und Johannes GeßnerS erwarb. Seine Mutter/ Frau Magdalena Ziegler (welcher ach noch in ihrem höchsten Alter die schwere Prüfung beschicken war/ am Sarge des inniggeliebtcn Sohnes zu weinen) war/ wie sie ihr würdiger Enkel mit treffender Wahrheit geschildert hat/ »eine unermüdct „thätige/ kluge/ weise HauSfra»/ vortreffliche Mutter vieler Kinder ?)/ immer gleichen geraden frs- „hen Sinnes/ immer zufrieden/ auf Gott vertrauend in Freud und Leid/ eine Zierde ihres Geschlechtes." Hier im Elterlichen Haust/ besonders unter der Leitung der trefflichen Mutter/ erhielt der Knabe seine erste Bildung/ wurde seine ohnedies gefühlvolle/ für alles Gute empfängliche Seele früh schon gewöhnt zur Lernbegierde/ zu nützlicher Thätigkeit/ zur Mäßigung und Selbstbeherrschung/ zur strengen Ordnungsliebe/ zur Sittsamkeit und Bescheidenheit/ zu angenehmen gefälligen Sitten/ und besonders zur Offenheit und freymüthigen Wahrheitsliebe/ die ein Hauptzng feines Charakters war. „O häusliche Erziehung (so möchte ich hier ausrufen mit einem andern ehrwürdigen Manne ^)/ der schon in zarter Kindheit / von einem würdigen Vater verwaist/ seine frühere Geistes- und Herzensbildung auch einer treuen frommen Mutter verdankte/) Mütter/ wie groß ist euer Einfluß auf das Glück eurer Kinder in dieser Welt und in der künftigen Well!" Früh schon trat Usteri in die öffentlichen Schulen ein/ deren Wiederhersteller aus ihrem Verfalle er einst werden sollte nach dem Willen der Vorsehung. Freylich von seinen Schülerjahren weiß ich euch wenig oder nichts zu erzähle»/ als daß in den Schularten/ bey den jährlichen Promotionen sein Nahme fast immer Mir dem Prädikate xusr oxtim-e spei, oder cum konors xroniotus 4) 1) Theil III. Heft IV. Seite 35 —59, erste Ausgabe. 2) Von denen einzig noch die achtungswürdige älteste Schwester unsers Usteri am Leben ist. 2) Felix Herder, in der Vorrede zu seinen Predigten über die Geschichte Josephs. Knabe von der besten Hoffnung — mit Ehren promoviert. bezeichnet steht, und (was ein vor wenigen Jahren verstorbner achtungSwürdiger Greis ^) von ihm meldet/ der/ weil der Weg zur Schule vor seinem Hause vorbeyführtt/ ihn täglich zu beobachten Gelegenheit hatte/) daß er als Knabe schon brennende Lernbegierde und die strengste Pünktlichkeit in Besuchung seiner Lehrstunden zeigte/ indem er (waö er später auch als Lehrer befolgte mit der gewissenhaftesten Treue) immer einer von den Ersten da/ und von den Letzten war/ die sie verließen. Und wohl dem Knaben/ von dessen Schuljahren man nicht viel MehrereS zu sagen weiß/ der blos seinen Eltern/ Lehrern und Mitschülern von einer vortheilhaftcn Seite bekannt ist. Es ist wahrlich ein gutes Zeichen; ein Zeichen/ daß er mit dem Wachsthum an Kenntniß und Wissenschaft/ auch Bescheidenheit und Stttsamkeit verbinde/ daß er nicht aus den Augen verloren habe den eigentlichen Zweck seiner Schülerjahre; der ja kein andrer ist/ als gleich der Saat/ die im Stillen reift zur segnenden Frucht/ durch eifriges Lernen des Guten/ durch stilles Wachsthum an geistiger und sittlicher Vollkommenheit unbemerkt im Verborgnen zu reifen zum cdeln Manne/ der einst reichen Segen bringe dem Vaterland und der Menschheit/ und ihr sanft und wohlthätig leuchte mit dem Licht seiner Tugenden. Und wenn gleich der materielle Gewinn/ den Usteri ziehen konnte aus diesen damahls noch höchst unvollkommnen Lehranstalten/ die besonders in den untern Classe» zum Thei'l mit sehr schwachen Lehrern besetzt waren/ und von denen er in spätern Jahren selbst bezeugte^)/ daß selbst der fleißigste aufmerksamste Schüler eS nach acht vollen Jahren kaum so weit habe bringen können/ um auch nur den leichtesten lateinischen Schriftsteller ohne Anstoß durchlesen zu können: wenn gleich dieser Gewinn höchst unbedeutend und klein seyn mochte/ und er das Mangelnde durch eignen Fleiß/ durch Nachhülfe geschickter Privatlehrer/ unter andern des stillen Weisen/ Conrad DänikerS/ nachherigen würdigen Pfarrers in Oberrieden/ ersetze»/ oder im Gymnasium durch den Unterricht eines Breitinger/ Bodmer/ Zimmermann/ Jakob Lavatev/ Caspar Hagenbuch/ Johannes Gcßner/ und andrer trefflicher Lehrer nachholen mußte/ so zog er doch selbst aus diesen so unvollkommnen Schulanstalten einen andern nichts weniger als unbedeutenden formellen Gewinn/ den nähmlich eines durch das mühvolle Auswendiglernen lateinischer Vocabeln und Sentenzen/ das damahls leider fast die meiste Zeit des Unterrichts hinnahm/ geübten und gestärkten Gedächtnisses/ einer durch die Dornenpfade der damahls gebrauchten/ mit vielfachen Regeln überladnen kleinern und größern Neutlingerschen Grammatik/ durch die er mit unsäglicher Mühe sich durchwinden mußte/ geschärften Dcnkkraft/ besonders aber der Geduld/ der beharrlichen Ausdauer bey langweilige» / Mühe und Anstrengung fordernden Arbeiten/ die nach der weisen Ordnung GotteS/ oft gerade die nöthigsten und wichtigsten sind. Ueberdies trug auch der Umgang trefflicher öftrer und jüngrer Jugendfreunde/ mit denen er in allem Guten wetteiferte/ und sich unter anderm auch in Ausarbeitung von Oden / Idyllen/ und andern poetischen Aufsätzen übte/ nicht wenig bey zu seiner geistigen und sittlichen Bildung. Doch eine Begebenheit aus seiner Jugendgcschichte kann ich nicht unberührt lassen. Er hatte nähmlich schon im I4ten Jahr seines Lebens/ als das einzige dem geistlichen Stande sich weihende 5) Salonion Hirzel, alt Seelelmeister, in seinem XXVIsten Jahresbericht vor der Moralischen Gesellschaft, vom Jahr 1789. 6) In seiner Nachricht von den neuen Schulanstalten in Anrieh. Zürich 177Z. Seite 42. Mitglied seiner Familie, die Ehre an der fünfzigjährigen Hochzeitfeyer seiner mit 60 Kindern und Großkinder«/ darunter damahls noch 34 am Leben waren, gesegneten ehrwürdigen Großeltern, die Iubelpredigt zu halten. Eine Arbeit, die, wie bey dem jugendlichen Alter des Redners nicht anders zu erwarten war, sich freylich mehr durch Pietät gegen dies ehrwürdige Ahnenpaar, als durch rednerischen Schmuck und logische Kunst empfiehlt-, in der aber doch schon einzelne Strahlen einer höher« Geisteskraft, die in ihm lag (ignicull ingsnü, wie sie Quintilian nennt) durchschimmern. Wie wenig indeß die Ehre diese Jugendarbeit, freylich nur für den Familienkreis, in dem sie gehalten ward, und zwar auf dem Titulblatte sogar mit goldnen Lettern, gedruckt zu sehen, Eitelkeit und Autorstolz bey ihm aufzuregen vermochte, zeigt die ungemeine Schüchternheit, womit er seine spätern gereiften Geistesprodukte, von denen manche ihm gewiß hohe Ehre gebracht haben würden, zurückhielt und den Rath jenes alten Weisen nur allzuftreng und pünktlich befolgte: — — — — — — — nonum xremLtur in gnnnm, AembrAnis intu8 posltis: clelere Ilcsbit Auoä non eäiäeris 7). Im Frühjahr 1760, nachdem er nach gänzlicher Vollendung seiner akademischen Studien mit dem verdienten Beyfall aller seiner Lehrer beehrt, die Weihe zum geistlichen Stande erhalten hatte b), begab er sich auf Reisen inS Ausland, von denen er erst am Ende des folgenden Jahres zurückkam. Sein Zweck dabey war die jedem der wirken soll in höherm Kreise, so nöthige Kenntniß der Welt und der Menschen, besonders der ediern, durch Gelehrsamkeit und wahre Verdienste sich auszeichnenden Menschen sich einzusammeln, der Länder und Völker moralischen und politischen Zustand, und die Abstufungen ihrer GeisteScultur zu untersuchen, zu beobachten was Großes und Rnhmwürdiges an den Orten wo er hinkam, geleistet worden sey in Künsten und Wissenschaften. Und wie trefflich er alle diese Zwecke erfüllt habe, davon zeugen die Briefe, die er von seinen Reisen M an seine Lehrer, Bodmer, Breitinger, Johannes Geßner u. s. w. und auch an seine Jugendfreunde, Steinbrüchel, Salomon Geßner, I. I. Heß, Heinrich Füßli und andre schrieb, und jeden dieser Männer mit seinem besondern Fach unterhielt. Er wählte sich zum Gegenstand seiner Beobachtungen vor andern Ländern das durch seine Naturschönheiten und Kunstschätze ?) Verschließ dein Werk In deinem Pult, und halt's ins neunte Jahr zurück. So bist du Meister auszulöschen was nicht ediert ist. Horatz Dichtkunst Z88 und folg. nach Wielands Uebersetzung. ») Zu welchem er seine Würdigkeit und Tüchtigkeit kurz vorher bewahrt hatte in einer von ihm verfaßten und unter dem Vorsitz des Gelehrten Hagenbuch am IZten März genannten Jahrs auch vertheidigten Dissertation: Os nsxu liäel et r»tioni8 (von der Uebereinstimmung der Vernunft mit dem Offenbarungs-Glauben,) der ersten gelehrten Schrift, die er im Drucke ausgehen ließ, und die uns den trefflichen Schüler Zimmermanns, den hellsehenden Dorurtheilsfreyen Denker, den mit den philosophischen Systemen der berühmtesten Weltweisen, nahmentlich eines Loke, Leibniz, Christian von Wolf, Baumgarten, so wie mit den trefflichsten theologischen Werken damahliger Zeit, eines Türretin, Weren- fels, Iiwmermann, Breitinger, Ernesti, innig vertrauten ruhigen Forscher der Wahrheit auf allen Blättern zeigt. so berühmte Italien aus/ in dessen classischem Boden er nach einem kurzen Aufenthalte in Genf eintrat/ wo er im Umgang mit dem berühmten Prediger Vernet/ mit Roustan/ mit Moulton dem Herzensfreunde RousseauS (mit welchem er einen lange fortgesetzten Briefwechsel unterhielt/ der großentheilS Rousseau zum Gegenstand hatte) vier höchst genußreiche Monate verlebte. Die Reise gieng dann über Turin/ Mayland/ Bologna/ Florenz/ an welchen Orten er durch seinen Freund/ den trefflichen Künstler und Kunstkenner Caspar Füßli / bereits schon vorbereitet zur Schätzung und Beurtheilung des Schönen in der Kunst/ die gesammelten Kunstschätze mit Kennerauge beobachtete/ und in der letzten auch an litterarischen Kostbarkeiten so reichen Stadt für seine gelehrten Freunde in Zürich seltne Handschriften theils genau verglich/ theils mit vieler Mühe selbst kopierte. Von Florenz kam er nach Rom/ dem ewiglichsten schönsten Theil seiner Reift/ von dem er so gerne erzählte/ an den er nie ohne fröhliche Rührung dachte. Hier fand er einen neuen Lehrer und Freund an dem alö Kunstkenner/ aber noch mehr als einem der edelsten zartfühlendsten Menschen achtungswürdigen Mittelmann. Dieser/ an den er durch Füßli empfohlen war/ kam ihm eilige- gen mit dem aufrichtigsten herzlichsten Wohlwollen / und bald schloffen beyde Edeln mit einander eiven Bund der reinste» wärmsten Freundschaft/ den nichts als der Tod trennen konnte. Wie sehr Mittelmann unsern Usteri liebte und hochschätzte/ davon zeugen seine im Jahr 1778 in Zürich gedruckten Briefe/ die er an seine Freunde in der Schweiz/ und nahmentlich an Usteri schrieb. Da heißt es unter anderm: »Mein liebster Usteri/ Ihre Briefe sind wie die Tage des FrühlingS/ »je länger/ je angenehmer und schöner/ und dieser erste Brief im Jahre verspricht mir in dcmsel- »ben eben darum auch desto reicheres Vergnügen/ das größte aber würde das seyn/ wenn ich in »diesem Jahre persönlich mit Ihnen reden könnte/ wie eS mit Ihrem Freunde/ der von Ihnen »empfohlen mir um so theurer ist/ von Angesicht zu Angesicht geschehen wird" — und in einem andern Briefe: »Wem ich mich eröffne/ wie ich es gegen Sie thue/ dem gebe ich Leib und Seele »preiS/ ob ich gleich viele Jahre bereits weiß/ was Enripides sagt: man solle kein Freund seyn «--//>O wie mancher Jüngling (so heißt es da) wie manche Tochter/ die an Herz nicht verderbt/ rechtschaffne nützliche Mensche«/ fromme Christen/ würdige Hausväter und Hausmütter »geworden wären/ sind nur darum von dem Wege des Lebens irre gegangen/ und niemahls wie- »der auf die rechte Bahn zurückgekommen/ weil sie die Tage ihrer Jugend im Müßiggänge/ und »im verführerischen Dienste der Eitelkeit und Sinneslust zugebracht haben. Ja weh dir Sohn/ »weh dir unglückliche Tochter/ (mein Her; blutet für euch) die allzugütige Eltern aus blinder »Liebe für ihre Kinder und aus einer strafbaren Nachsicht nach ihrem eignen Gutdünken fahren/ »und fern von allen ernstem Sorgen, fern von aller nützlichen Beschäftigung/ an allen den.Er- »götzlichkeiten Antheil nehmen lassen, denen der leichtsinnige Schwärm junger Leute nachhängt. »Wahrlich ihr gehet auf schlüpfrigen Pfaden, die zum Verderben führen. Aber wohl dir Sohn, »der du unter der strengern Aufsicht eines seine Kinder vernünftig liebenden Vaters, schon in frü- »hen Jahren die Arbeit liebgewinnen lernst, und diese schönste Zeit deines Lebens dazu anwendest, nützliche Kenntnisse und solche Fertigkeiten dir zu erwerben, die dich hernach in allen Um- »ständen, in die dich die Vorsehung setzen wird, zu einem nützlichen Menschen machen. Und wohl »dir Tochter, die an der Seite einer arbeitsamen Mutter, die fleißig schaut, wie eS in »ihrem Hause zugehe, und ihr Brod nicht mit Faulheit ißt (Sprüchw. XXXI. 27 .) »sich in Besorgung des Hauswesens beschäftigt, sich nicht auswendig mit Haarflechten »und Anlegung köstlicher Kleider, sondern inwendig mit einem sanft müthigen »und stillen Geiste schmückt, welcher vor Gott köstlich ist (i. Petri III. 3 .) Ihr geht »weit sichrer auf der Bahn des Lebens, unbekümmert um die Gefahren, die den andern drohen. »Und ihr Eltern, ihr Väter und Mütter, verachtet nicht diese meine Warnung, und nehmt mei- »neu Rath zu Herzen. Ziehet eure Kinder zurück von den Gefahren der Eitelkeit, setzet sie nicht »den Gefahren des Müßiggangs aus, und lehret sie durch euer Beyspiel ämsig in ihrem Berufe »arbeiten: Um ihres Heiles, um ihres zeitlichen und ewigen Glückes, um eurer eignen Ruhe und »Seligkeit willen verachtet diese Ermahnungen nicht: denn Gott wird eure Kinder einst von »euch fordern!" Indeß scheint doch eine über Hebr. XIII. 20, 21. von Usteri gehaltne Osterpredigt, worin er die Buße und Bekehrung als das unerläßliche Hauplbedingntß der Erlösung durch Christum und der ewigen Seligkeit vorangestellt hatte, einiges Aufsehen erweckt, und gewissen frömmelnden Zeloten jener Zeit nicht geringes Aergerniß gegeben zu haben. Diese an ihrer kormul» consensur und dem Dogma 6cr Lbsoluto ciacreto ") fteifanhängenden gestrengen Herren glaubten nähmlich, ri) Die Lehrmeinung, daß Gott von Ewigkeit her die einen Menschen zur ewigen Seligkeit, die andern zur ewigen Vcrdammniß vorherbestimmt Habe, ohne einige Rücksicht auf 9 umgekehrt wäre besser gewesen; und die Besserung und Sinnesänderung hätte/ wo nicht ganz Übergängen, doch höchstens nur als Frucht und Folge der Gnadenerwählung der bereits erlangten Versöhnung mit Gott behandelt, und erst im dritten Theile der Predigt hintenangestellt werden sollen. Aber nicht so urtheilte der kompetenteste Richter in diesem Fache, der nachhcrige Archidiacon Johannes Tobler, damahls noch Pfarrer in Ermatingen, über dieselbe, welchem als einem damahls schon sehr geschätzten und weitberühmten Kanzelredncr, Ustcri seine meisten Predigten zugesandt, «nd seine Bemerkungen und Urtheile über dieselben sich ausgebeten hatte, der in einem noch vor- handelten Briefe den Verfasser über diese unguten Urtheile beruhigte, und ihm für die wahre Erbauung dankte, die er auö dieser Predigt geschöpft hätte. Jedoch war die Kanzclberedsamkcit nicht das Feld, das zu bearbeiten die göttliche Vorsehung unserm Usteri angewiesen hatte. Die besondre Reizbarkeit seines Nervensystems, und auch die Wärme und Zartheit seines moralischen Gefühles, die es ihm, dem sonst so männlichen Mann unmöglich machte ohne Thränen eine rührende Predigt zu halten, und die Folge davon, daß er bey seiner Bewerbung um die zweite Predigerstelle an der Waisenhauskirche zurückgesetzt wurde, war für ihn ein warnender Fingerzeig sich bey Zeiten zurückzuziehen und einen andern Wirkungskreis zu betreten, für den er so ganz geschaffen war, und in dem er die ganze übrige Zeit seines Lebens arbeitete mit dem reichsten ausgezeichnetesten Segen, nähmlich daS große weite Feld der Erziehung und Jugendbildung. Schon vielfältig bekannt als trefflicher Jugendlehrer, ward er nähmlich im Jahr 1764 von dem damahligen obersten Schulrach einmüthig zum Professor der hebräischen Sprache, und im Jahr 1769 an des zur höchsten Würde in unsrer Kirche beförderten Ulrichs Stelle, zum Professor der Beredsamkeit am Zürcherischen Gymnasium erwählt, welche beyden Lehrstellen er mit der gewissenhaftesten Treue, und einem der studierenden Jugend ganz sich hingebenden Eifer verwaltete, und da schon sich die Achtung und Liebe aller seiner Schüler erwarb. Im Jahr 1773 erhielt er das Professorat der Logik, Rhetorik und Mathematik am untern Collegium. Und besonders in diesem Wirkungskreise, in dem er die größte Zeit seines reifern Alters, 15 volle Jahre hingebracht, und wo er seine ganze Trefflichkeit zu zeigen den Anlaß hatte, laßt unö unsern Usteri etwas näher betrachten. Er hatte nähmlich hier Schüler zu bilden, die aus der obersten Lateinschule in seinen Unterricht abgegeben an der ersten Schwelle des Jünglingsalters, an dem Scheidwege standen, der, je nachdem der Jüngling seine Wahl trifft, für die Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit oft seines ganzen künftigen Lebens entscheidet, Schüler, die so eben, wie man zu sagen pflegt, ja einige vielleicht selbst noch nicht ganz und völlig, die Knabenschuhe ausgezogen hatten, und doch mit dem Titul Herr, womit sie jetzt zum erstenmale beehrt wurden, sich nicht wenig geschmeichelt fühlen ihr künftiges Verhalten und ihre Werke; welcher aus gewissen falsch verstandnen Dibclstellen abgeleitete empörende Lehrsatz seit der unglücklichen Dvrörechtcrshnode zum eigentlichen Schibboleth der Necht- gläubigkeit in der reformierten Kirche erhoben ward. mochten. Und wahrlich dies Alter bedarf ganz vorzugsweise eine genauere Aufsicht und strengere Leitung/ wenn es nicht irre gehen und sich verlieren soll auf traurige Abwege. Manches was man dem Knaben leicht vergeben/ und eö auf Rechnung des noch kindischen Alters setzen kann/ Tarf man am angehenden Jünglinge nicht übersehen/ nein er muß/ je mehr Leidenschaften aller Art bey ihm aufzuwachen anfangen / desto ernster und strenger gewöhnt werden zur Bescheidenheit / zur Mäßigung und Selbstbeherrschung/ zum sittlichen Anstande/ und besonders zur Arbeitsliebe/ zur guten Zeitanwendung/ zur wohlgeordneten Thätigkeit. Die Kunst nun solche Jünglinge zu leiten/ besaß Usteri in vorzüglichem schwer zu erreichendes Grade. Freylich den noch »«erfahrnen Schüler/ der in seinen Unterricht eintrat/ mochte Furcht und Bangigkeit ergreifen beym Anblick des LehrerS/ dessen weisen Ernst und edle Würde verkündendes AeußceS schon Achtung und Ehrfurcht gebot/ dessen Scharfblick kaum etwas entgieng was im Lehrzimmer vorfiel/ und der (ich will nichts sagen vom kindischen Murhwiüen oder Unterrichtstörenden Gelärme/ wovon man in seinen Lehrstunden auch nicht die leiseste Spur fand) keine Verletzung der gesetzlichen Ordnung oder des sittlichen AnstandeS/ und noch weniger Unaufmerksamkeit/ Zerstreuung der Gedanken/ oder wirkliche Saumseligkeit ohne eine sanftre oder ftrengre Rüge hingehen ließ. Aber wenige Monate nur, so verschwand diese Bangigkeit, und verwandelte sich in Liebe und Zutrauen, je näher sie kennen lernten den trefflichen Lehrer, der jedem gutartigen Schüler entgegen kam mit freundlicher Güte, der nie schmollte, nie keinen Groll in dem Herzen trug, nie durch üble Laune mißstimmt war, nie sich hinreißen ließ durch unfreundlichen Jähzorn, der durch die fröhlichste edelste Mun- terkeit seinen Unterricht zu beleben, und sich jeder Fassungskraft anzupassen verstand, und dem in der Kunst feurige Lernbegicrde und edeln Wetteifer in allem Euren bey seinen bessern Schülern aufzuwecken, unter den damahligen Lehrern Zürichs nur ein Steinbrüche! gleichkam; den Lehrer der mit unermüdlicher Geduld sich auch 'zu den Schwächer» herabließ, ihre verworrnen Begriffe zu entwickeln, ihre dunkeln Vorstellungen aufzuhellen sich bemühte, und nicht ruhte, bis das vorher nicht oder falsch Verstandne klar und deutlich vor ihren Seelen lag; der überdies alle seine Schüler mit der strengsten Unparcheylichkcit behandelte, die fleißigen aufmunterte mit freundlichem Beyfall; aber auch seinen Lieblingen nichts Gesetz- und Ordnungswidriges ungerügt durchgehen ließ, und den Fehlbaren, sobald er seine Fehler erkannte, und Besserung versprach, mit der liebreichsten sein ganzes Herz ihm gewinnenden Güte behandelte, und aus dessen allerstrengsten Rügen, bey denen jedoch nie ein unwürdiges Wort seinen Lippen entfloß, immer nur die reinste wohlwollendste, aber weise auf das Bedürfniß seiner Schüler berechnete Liebe sich auösprach: der, wo er auch bey geringen Talenten Fleiß und Anstrengung wahrnahm, nachhalf und nicht ruhte, bis er einen solchen zu einem, freylich auf weniger glänzenden Stufen des christlichen Lehramts nützlichen Manne gebildet harte, und wen er bey redlichem Willen untüchtig fand zum gelehrten Stande, demselben zu einem andern seinen schwächer» Kräften angemeßncrn LebenSberufe mit Rath und Schön und mit treffender Wahrheit beschreibt uns sein Sohn dasselbe: „Sein AeußreS war edel wie sein „Geist; den felbststttndigen furchtlosen freyen Mann zeigte sein ganzer wohlgebilöeter Körper, sein edler Gang „voll Würde und Anstand; den Selbstdenker verrieth die freye Stirne; den thatcnreichen Mann das Feuer „der Augen; herzliche Güte und wohlwollende Freundschaft belebten den redenden Mund. Seine Kleidung „war einfach, doch gewählt und zierlich, wie eS Stand und Würde erlaubten." That und eifriger Verwendung verhalf; der mit einem Worte gegen alle seine Schüler (eine ein- zige Gottlob nicht zahlreiche Gattung ausgenommen/ die nie seine Liebe gewinnen konnten/ die falschen nähmlich und heimtückischen/ die ihre Trägheit und BcquemlichkeitSliebe mit Betrug/ mir täuschendem Außenscheine zu decken versuchten/ die er aber bald entlarvt/ in ihrer ganzen Bloße dargestellt / und preisgegeben hatte der Verachtung ihrer bessern Mitschüler/) der gegen alle übrigen die aufrichtigste Freundschaft/ daö reinste Wohlwollen/ die eifrigste Sorge für ihre geistige und sittliche Bildung/ kurz zu sage»/ ein wahres Vaterherz zeigte. War es sich wohl zu verwundern/ wenn ein solcher Lehrer/ der überdies durch die Neichhal- tigkeit seiner Kenntnisse und Wetterführungen seinen Unterricht zu würzen/ und selbst den trockensten Materien hohes Interesse zu geben verstand/ bey dem keine Stunde vorbeygieng/ in der seine Zuhörer nicht etwas Neues und WissenöwürdigeS hätten lernen können/ wenn er die Liebe seiner Schüler sich in dem höchsten ausgezeichnetesten Grade erwarb/ wenn alle bessern wetteiferten/ immer würdiger zu werden seines Beyfalls und seiner Liebe/ wenn mit jedem vollendeten Curö der zweyjährigen Lehrzeit die Anhänglichkeit an den theuern Lehrer immer höher und höher stieg? Und wenn die zwey Jahre des Unterrichts verflossen waren/ wenn der Tag des Abschieds für seine ältern inS obre Gymnasium eintretenden Schüler gekommen war/ wenn dann der edle Mann mit inniger Herzlichkeit einem jedem die Hand drückte/ ihnen noch väterliche herzergreifende Lehren und Ermahnungen auf den Weg gab/ sich mit tiefgerührtem Herzen und unter warmen Thränen ihrem Andenken und ihrer Liebe empfahl; o dann ergriff aller Herzen tiefe innige Wchmuth/ dann blieb kein Auge trocken/ es mußte bann das seyn/ das noch nie im ganzen Leben geweint hatte eine Thräne des Mitgefühls. Auch sind noch Briefe würdiger Väter vorhanden/ die ihm den wärmsten gerührtesten Dank bezeugten für die treffliche Bildung ihrer Söhne/ und ihm feyerlich versprachen nach ihren besten Kräften das ihrige beyzutragen zur Erreichung seiner'cdeln Zwecke. Und seine bessern Schüler/ nein selbst jetzt noch/ da sie seiner Aufsicht entlassen in den Unterricht anderer vortrefflicher/ ja in einzelnen Fächern der Wissenschaft vielleicht noch gelehrterer Männer eingetreten waren/ konnten sie doch nicht überwinden daö Heimweh nach ihrem geliebten Usteri/ daß.sie nicht von Zeit zu Zeit ihn besucht hätten/ um treuen und weisen Rath in ihren besondern Anliegen/ Hebung ihrer Zweifel/ Ermuntrung und Hülfe in Verlegenheiten/ Anleitung und Hülfsmittel zu fortgesetzter zweckmäßiger Einrichtung ihrer Studien einzuholen bey dem trefflichen Lehrer. Und o wie freute sich der edle Mann/ wenn ein solcher ihm früher schon von einer guten Seite bekannter/ Höheres suchender wackrer Jüngling zu ihm kam; wie nahm er ihn auf mit der herablassendsten freundlichsten Güte, und befriedigte/ so viel in seinen Kräften stand/ seine Wünsche und Bitten; und er mußte mit äußerst dringlichen/ unaufschiebbaren Geschäften überladen seyn/ wenn er einen solchen für einmahl zurückwies/ und kommen hieß zu einer andern gelegnem Stunde. Ja seine allertrcfflichsten und würdigsten Schüler fühlten sich zu noch HLHerm verpflichtet. Selbst aus weiter Ferne/ von ausländischen Hochschulen/ wo sie ihre gelehrte Bildung vollendeten/ wählten sie den ihnen unvergeßlichen Lehrer zu ihrem Narhgeber und väterlichen Freunde/ unterhielten mit ihm einen fortlaufenden Briefwechsel/ theilten ihm/ jeder in seinem besondern Fache, ihre auf ihren Reisen gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mit/ gaben ihm Rechenschaft von ihren wissenschaftlichen Fortschritte«/ ertheilten ihm Kunde von dem Neusten und Merkwürdigste«/ was in den Ländern wo sie sich aufhielte«/ geleistet worden war in Künsten und Wissenschaften/ und baten sich über alle wichtigern Angelegenheiten ihres Lebens seine Räthe und Belehrungen aus. Mit einem Worte Usteri war der Mann/ dessen Bild (wie es Seneka seinem Lu- zilius räth") auch abwesend ihre Seelen begeisterte/ den sie sich nahe dachten als ihren Zeugen und Aufseher/ und bey allem was sie beginnen und thun wollte«/ sich fragten/ was wohl der theure Usteri dazu sagen würde. Und welche warme Freundschaft/ ja wahre Vaterliebe sein Herz beseelte gegen solche edeldenkende Jünglinge/ die erfüllt/ ja selbst übertreffen hatten seine frohen Erwartungen/ davon möge eine Stelle seines AntwortbriefeS an den trefflichen Eberhard in Halle zeugen/ als dieser ihm erfreuliche Kunde gegeben hatte von den rühmlichen wissenschaftlichen Fortschritten und rein sittlichen Betragen dreyer liebenswürdiger junger Männer aus Zürich (jetzt der achtungs- würdigsten Regenten/ ja Väter unsers Vaterlandes/) die Usteri seiner Aufsicht empfohlen hatte. „Unaussprechlich (so schreibt er an denselben) unaussprechlich freut eö mich/ was Sie mir von „unsern jungen Zürcher« sagen. Mein Herz hängt an diesen Jünglingen/ wie an meinen eignen „Söhnen; und ich würde mich zu Tode grämen/ wenn meine Hoffnung an ihnen mich täuschte/ „und wir nicht von Seite deö Verstandes sowohl und der erworbnen Kenntnisse/ als auch von „Seite des Herzens und einer nützlichen Geschäftigkeit schöne Beyspiele an ihnen allen/ wiewohl „in verschiednem Grade bekommen sollten." Solche Schüler ließ der treue Lehrer nie aus den Augen/ zeigte bey jedem Anlaße das wärmste Interesse an ihren Schicksalen / und benutzte jedes frohe oder schmerzliche Ereigniß ihres Lebens / um ihnen zu geben die trefflichsten Lehren/ die zweckmäßigsten Ermahnungen und Räthe. Und wahrhaft golden/ für jeden künftigen Staatsmann der tiefsten Beherzigung würdig sind seine Worte an einen trefflichen Jüngling/ den wir jetzt in der Reihe unsrer verdienstvollsten Regenten erbli- cken. „ES ist/ (so schreibt er ihn,/ nachdem er zuvor die großen Verdienste seines kurz vorher zur obersten Staatswürde erhobnen achtungswürdigen Vaters mit kraftvoller Feder geschildert/ und ihn ermähnt harte ein dieses Edeln würdiger Sohn/ Nachcifrer seiner Tugenden und Verdienste zu werden.) „ES ist heut zu Tage ein sehr gemeiner/ aber eben so schädlicher Fehler/ durch welchen nicht „schlechte Köpfe sehr oft verdorben werden/ daß man viel zu früh wirksam und thätig seyn/ und „Einfluß haben will. So edel die Absicht hierbey an sich seyn kann, so ist sie doch nicht allemahl „lauter und unverfälscht: die Begierde Aufsehen zu machen/ oder sich dem Zwang einer guten „Ordnung zu entziehen / und frey nach eignem Gutdünken zu handeln/ ist oft der verborgne Feind „des unverdorbnen Jünglings/ der sich selbst für kleinmüthig und niederträchtig ansehen würde, „wenn er nicht schon in jüngern Jahren Thaten unternähme die Männer erfordern, wenn er nicht „eine ganz neue Bahn beträte, wenn er sich nicht an Reformationen wagte, von welchen junge „Leute ohne die Erfahrung der Männer nur noch träumen können. Und darüber verlieren denn „viele ihre Zeit, und büßen ihre Kräfte ein: sie verstimmen sich oft Kopf und Herz so sehr, daß *6) I>IIi§s„6u8 noNis est -Niguis vlr l/onus et sempsr gnts oculo8 lisbenclus, ut sie, truric^usm illc, sxestsMs, vivsmus, st omnis, tsmquain illo viäe.nts, kscismus. Ilpist. 10. „sie ihr Lebtag das nie werden/ was sie zu früh haben seyn wolle«/ daß sie sich nie recht in die, „jenige Fassung und Lage/ in der sie sich befinden/ schicken/ und in derselben brauchbar und nütz. „lich werden können. Solche Leute müssen alsdann höchst unglücklich werden/ weil ihre Eigenliebe „sich tief gekränkt fühlt/ und ihnen nicht erlaubt sich selbst/ geschweige denn andern zu gestehe«/ „daß ihr Großthun nur Wahn/ und ihr vermeinter Patriotismus nur Rauch gewesen; darüber „laufen sie denn Gefahr von ihren Einbildungen zurückzukommen/ sich selbst zur unerträglichen „Last und niemandem zur Freude zu werde»/ und sie enden ihre ruhmvolle Laufbahn damit/ daß „sie immer viel thun und alles umformen wollen/ und/ da ihnen nichts gelang/ sich über alles „moquieren. Ich weiß wohl/ mein lieber junger Freund/ daß beydeö/ Ihr Naturell und Ihre „Erziehung Sie vor der Gefahr sichert/ auf diesen Abweg zu gerarben, und daß Sie deswegen „meiner freundschaftlichen Warnung nicht bedürfen. Allein ich liebe Sie und die DenkungSart/ „in der Sie erzogen worden/ so sehr/ daß ich wünsche/ daß Sie in derselben mit so viel Zufrie- „Neuheit als nur möglich, Ihre jungen glücklichen Jahre zubrächten/ und ich möchte deswegen „den unangenehmen Empfindungen bey Ihnen zuvorkommen, die nicht gerade jetzt/ sondern in „Zukunft vielleicht der schnell auffahrende blendende Schimmer solcher Altersgenossen bey Ihnen „erwecken möchte/ die mit weniger Fleiß/ weniger Kenntniß, weniger Fähigkeit mehr Aufsehen „auf diese oder andre Weise erwecken, und dadurch den nicht zum Schimmern und Glänzen gebil- „deren Jüngling schüchtern und mit sich selbst unzufrieden machen könnten. Aber lassen Sie sich „dadurch nie irre machen: Fleiß, Ueberlegung, Bedächtlichkeit und Bescheidenheit werden Ihnen „nicht Glanz und Schimmer, aber feste Zufriedenheit, aber das Bewußtseyn Ihre Zeit und Kräfte „wohl genutzt zu haben, und mit der Zeit Achtung und Liebe und Zutrauen in jeder Stufe, zu „der Sie die Vorsehung bestimmt hat, erwerben. — Noch ist ein andrer eben so schädlicher Feh. „ler, dem unsre Sitten und Zeiten Sie aussetzen; und dieser besteht in dem Hang zur Bequemlichkeit, den man mit dem schönen Vorwand bemäntelt, alles mit Leichtigkeit und gleichsam nur „spielend besorgen und vollführen zu können. So verkehrt auch diese Art zu denken ist, so schmei- „chelt sie doch der Eitelkeit und Trägheit, indem man sich dadurch das Ansehen von Genie, und „einem weit übersehenden Blicke giebt, der jedes Geschäft sogleich durchdringe, und in allen sei- „nen Folgen und Verbindungen durchgedacht habe. Aber so blendend dieser Fehler ist, so lächerlich ist er auch in den Augen derer, die ihn kennen, und die wissen daß eö ein Kennzeichen „eines sehr seichten Kopfes ist, sich solcher Leichtigkeit zu rühmen, und sich damit groß zu wissen, „daß man seine Geschäfte nur so obenhin besorge. Daö Genie und der große Geist ist nicht der, „der alle Schwierigkeiten übersteht und keine Hindernisse fühlt, sondern der, der sich dieselben „nach ihrer Beschaffenheit und Wahrheit vorstellt, und die Mittel ausfindig zu machen weiß, die- „selben am schicklichsten zu heben oder zu übersteigen. Und dazu tragen freylich natürliche Anla. „gen viel bey; aber diese müssen durch Uebung vervollkommnet werden. Und zu diesen Uebungen „geben Wissenschaften und Gelehrsamkeit den besten Stoff, weil sie Fleiß und Anstrengung des „Geistes erfordern, die jede Seelenkraft in Bewegung setzen, und sie zu einer Fertigkeit erheben „jedes Gegenstandes sich mit einem sichern Blick zu bemächtigen, das Mannigfaltige und Verwi- „ckelte, das darin vorkömmt, zu unterscheiden, zu entwickeln und zn ordnen. Und da sind Sie „glücklich, mein lieber junger Freund, daß Sie jetzt schon diese Neigung zu nützlicher Beschafft- „gung haben. Je. länger man es anstehen läßt sich dieselbe zu geben, desto schwerer ist sie zu er- „werben. Je früher man sie hingegen besitzt/ desto eher geht sie auch zu der Freude über und zu „dem Vergnügen an der Arbeit/ zu welchem der nie gelangt/ der zu frühe glaubt die Arbeit entbehren zu können« u. s. w. Und schöner/ wohlthuender kann man wohl kaum tröste«/ als er einen seiner hoffnungsvollsten/ liebenswürdigsten / und ich möchte sagen auch Geistverwandresten Schüler/ den die Vorsehung bestimmt hatte Nacheiferen Erbe gleichsam seiner großen Verdienste um Erziehung und Jugendbildung zu werden/ und die Lücke auszufüllen / die durch seinen so frühen Hinschied/ besonders in der Aufsicht der Töchterschule entstanden war/ den auch längst schon in Gott ruhenden/ allen die ihn kannten unvergeßlichen/ nachherigen Professor der Philosophie und Chorherr Caspar von Orelli ^)/ getröstet hat/ als dieser im töten Jahre seines Alters durch den schnellen und unerwarteten Tod seines würdigen Vaterö in die tiefste Betrübniß versunken war. Und es lohnt sich der Mühe diesen Brief ganz herzusetzen/ weil er den edeln Verfasser im schönsten Lichte uns zeigt/ und uns tief blicken läßt in sein zartfühlendes Herz. Mein lieber junger Freund! »Der plötzliche Hinschied Ihres würdigen Vaters hat mich Ihretwegen sehr betrübt/ und ich „konnte nicht anders als mich an Ihre Stelle setzen/ und mir die Bekümmerniß und die Weh, „muth vorstelle«/ in welche ein so großer und so unerwarteter Verlust Sie setzen mußte. Ich „konnte dies aber um so viel eher thun/ und mir die traurige Lage/ in der sich Ihr Gemüth „natürlicherweise gegenwärtig befinden muß/ vorstellen/ indem mich in eben dem Alter in dem Sie „jetzt sind/ nach der Leitung der Vorsehung ein gleiches Schicksal betroffen hat/ und ich mich „eines Vaters beraubt sah/ der meine ganze Liebe und Achtung verdiente/ und auch wirklich besaß: „und eben dieses/ verbunden mit einer ächt freundschaftlichen Theilnahme/ die Sie den guten Eigenschaften/ welche ich an Ihnen wahrnehme/ zu danken habe«/ bewog mich diese Zeilen an Sie „zu schreiben/ in der frohen Hoffnung Ihr Gemüth in diesen dunkeln Stunden in etwas aufzu- „heitern? und Ihren Augen solche Aussichten vorzuhalten/ die Ihren Muth aufrichten/ und in „Ihrem Herzen solchen Ueberzeugungen Platz machen könnten? welche im Stand seyn möchten? „Sie zu trösten? und mitten im Unglück? das Sie nach der Leitung des Höchsten betroffen hat? „auch noch Spuren einer über Sie mit vieler Güte wachenden Vorsehung zu zeigen.« ' „Unstreitig haben Sie mit Ihrem Vater vieles von dem verloren? was zu einer glücklichen „Ausbildung Ihres Geistes und Herzens dienen? und dann auch ihr zeitliches Glück befördern „konnte. Und es wird Ihnen gewiß nichts schaden? wenn Sie mit Mäßigung zwar? der Becrach- „tnng Platz geben? wie groß dieser Verlust sey? und auf welche Weise er wenn auch nicht ganz, „doch einigermaßen ersetzt werden könnte. Aber? mein Freund? glauben Sie es mir? und Sie „werden bald selbst die Erfahrung davon machen? daß eben dieser Verlust auf der andern Seite „eines der stärksten Mittel ist? das eine und das andre zu befördern. — Wenn ein junger Mensch? i?) Geb. 13. April 1757, gest. 22. August 1809. Siehe: Denkmal der Liebe und Freundschaft auf denselben von Conrad von Orell. Kiirich bey Aiegler und Ulrich 1809. „bey dem sich bereits schon schone Anlagen und Liebe für nützliche Beschäftigung gezeigt/ durch „einen ,so schweren Schlag des Schicksals zum ernster» Nachdenken über sich selbst und seine „Schicksale aufgefordert wird/ als man sonst bey Jünglingen auch von der bessern Art antrifft/ „wie stark/ wie mächtig muß das ihn auf die Seite lenken/ auf die mancher durch die Ermah. „nungen und Zureden seiner weisen Eltern erst späte und langsam gelenkt wird! Wie viel mun- „trere Schritte wird jener machen/ der sich gleichsam verlasse»/ und genöthigt sieht/ sein Glück „allein auf sich selbst zu bauen / als aber der/ der sich auf die Sorge seiner Eltern manchmal gar „zu sorglos verläßt/ und diese vielleicht gerade dann verliert/ wenn sie ihm ftin Glück machen „sollten/ das er sich selbst zu machen noch nicht gelernt hat! In jenem erster» Fall befinden Sie „sich gegenwärtig großentheilS. Nicht zwar daß Sie von Freunden und Verwandten verlassen „seyen; aber eben diese müssen Sie sich selbst gewinnen; und das können Sie/ das haben Sie „bereits gethan/ und wissen daß Sie es nicht ohne guten Erfolg gethan haben. Wie viel mehr „werden Ihnen nun die Herzen aller Rechtschaffnen offen stehen/ die sich freuen werden etwas zu „dem Segen beyzutragen/ den ein wohlgerathncr Sohn für seine verwittwcte Mutter ist. Ja mein „Freund/ fassen Sie nur recht Muth das zu werden. An aller der Aufmumrung, die Sie bedür- „fen/ kann eö Ihnen nicht fehlen; und ein so edler Vorsatz in einer cdeln jungen Brust genährt, „wird Ihnen leicht über mancherley Hindernisse forthelfen/ und den größten Widerstand/ den „Ihnen eine niederschlagende Muthlosizkeit in den Weg legen könnte/ überwinden helfen. Ja „fassen Sie den edeln Entschluß! ES ist kein verwersiicher Stolz/ wenn Sie sich vorstellen und „darnach streben, in wenigen Jahren der Trost Ihrer vortrefflichen Mutter/ die Freude Ihrer „lieben Geschwister zu seyn/ und ihnen alsdann den gegenwärtigen so großen Verlust einigermaßen „zu ersetzen. Und das werden Sie wirklich bald seyn können/ wenn die Anbauung Ihres mit „schönen Gaben ausgeschmückten Geistes/ wenn die frommen und edeln Gesinnungen Ihres Her- „zenS Sie von Tag zu Tag liebenswürdiger machen/ und Ihnen die Ansprüche auf die Achtung „aller Rechtschaffnen immer mehr versichern, wenn Sie täglich zunehmen an Gnade bey Gott und „den Menschen. O welch ein schöner zu allem was Tugend und Verdienst heißt, kräftig erwecken- „der Gedanke ist es, wenn ein Jüngling sich vornimmt auf diese Weise die Thränen seiner Mittäter zu stillen, seine Geschwister aufzurichten, und einigermaßen an die Stelle seines Vaters zu „treten! Wenn Sie das thun (und Sie thun eö gewiß) dann werden Sie bald mit Wonne an „Ihren seligen Vater gedenken, dann werden Sie es ihm von Herzen gönnen, daß er so frühe „in seine Ruhe eingegangen ist, dann werden Sie die Güte der Vorsehung mit dankbarer Andeutung dafür preisen, daß sie Ihnen auf einer andern Seite das so reichlich erstattet, was sie »Ihnen zuerst entzogen hat. — Noch einmal mein Freund, stellen Sie sich lebhaft und deutlich „vor, was die Vorsehung durch die harre Prüfnng, in die dieselbe Sie in so jungen Jahren gerathen ließ, von Ihnen fordre, und folgen Sie dieser Auffordrung, so wird eS Ihnen wohl- „gehen." (Geschrieben im Jahr 1773.) Wie tief der dankbare Schüler, was er ihm auch in, seinem noch vorhandnen Antwortschreiben feurig und feierlich versprach, diese Ermahnungen seines Lehrers zu Herzen gefaßt, wie treu und gewissenhaft er dieselben befolgt habe, davon zeugt sein edleS gemeinnütziges, dem Glück seiner Mitbürger, der verbesserten Jugenderziehung und dem Troste der leidenden Menschheit geweihtes Leben. Indeß so zartfühlend, so empfänglich unser Usteri für wahre Freundschaft, für reine Liebe edler Herzen war, so weit war er entfernt von aller weichlichen und unmännlichen Empfindsamkeit. Er war z. B. ein unversöhnlicher Feind jener meist nur die Phantasie auf Kosten deö Verstandes und Herzens nährenden, und schwärmende, wo nicht unreine Liebe entzündenden romantischen Dichtungen ^), womit in unsern Tagen die lesende Welt überschwemmt wird. Er theilte hierüber ganz die Grundsätze seines Freundes, des würdigen Eberhard und sprach sich über die Schädlichkeit solcher Lektüre warm und kräftig aus in einer im Jahr 1777 gehaltnen trefflichen lareini- schen Rede äs imxsäimsntig morum In bau lucs scientlaruin 20). Und weh dem studierenden Jüngling, bey dem er Neigung bemerkte zu dieser ungesunden gefährlichen Seelenspeise. Noch ist mir im Geiste gegenwärtig jene Szene, wo er einen seiner Schüler, der sonst nicht zu den schlechtem gehörte, beym verstohlnen Lesen eines solchen Buches ertappte. Mit glühendem Unwillen ergriff er dasselbe, warf es an das äußerste Ende des Lehrzimmers hin; und es erfolgte, zwar in einem durchaus edeln und würdigen, aber auch allerstrengsten Tone, eine Rüge, die auch die schuldlosen Schüler zittern und beben machte. Aber, s des trefflichen Lehrers! gleich in der folgenden Lehr- stunde, da nähmlich mittlerweile der schuldige Schüler auf sein Zimmer gekommen, aufrichtige Reue bezeugt über seine Verirrungen, und auf seine väterlichernsten Ermahnungen und Warnungen hin es ihm feierlich mit Mund und Hand versprochen hatte, künftighin solche Lektüre wie die Pest zu fliehen, forderte er diesen Jüngling zum Antworten auf, unterhielt sich fast eine halbe Stunde mit ihm, und behandelte ihn mit auffallender Güte. Auch alle übrigen mit seinen öffentlichen Lehrstellen verbundnen Geschäfte und Pflichten erfüllte er mit der strengsten Gewissenhaftigkeit und pünktlichsten Treue. In den Visitationen der obern und untern Lateinschulen, die er mit den übrigen Professoren des Gymnasiums der Reihe nach zu besorgen hatte, saß er nie als stummer Zuhörer da, nein er hielt die sorgfältigste Achtsamkeit und genaueste Nachfrage nach dem Betragen der Schüler. Und bey den Saumseligen und Nachläßigen mochte seine öftre und unerwartete Erscheinung, vorzüglich in den seiner besondern Aufsicht anvertrauten, und damahls auch der Aufsicht am meisten benöthigten arithmetischen Stunden, freylich Schrecken und Bestürzung erwecken; wenn er ihnen ihre geschriebnen Hefte abforderte, dieselben genau durchsah, die entdeckten geringern Fehler freundlich und mit Sanftmuth zurechtwies, dagegen die vorgefundenen Spuren der Trägheit und des Unstetstes mit ernster Rüge bestrafte, die dem Fehlbaren noch lange in Erinnerung blieb. Als Aetuar des engern Schulrathes verwaltete er Daß er indeß nicht ungerecht war gegen die sehr wenigen wirklich guten und lehrreichen Produkte dieser Gattung, beweist sein in Handschrift hinterlaßner Unterricht für Frauenzimmer, worin er unicr andern, die von der trefflichen Laroche verfaßte und von Wieland herausgegebne Geschichte deS Fräuleins von Stern heim, als eine nützliche Lektüre dem weiblichen Geschlechte empfiehlt. 12) Siehe dessen treffliche Schrift über den Werth der Empfindsamkeit, besonders in Rücksicht auf Romane, gedruckt in Halle 1786, und die Quintessenz derselben in seinem diesem Neusahrsstück alS Anhang beygefügten Triefe an Usteri. Von dem was ungeachtet der herrschenden wissenschaftlichen Aufklärung das Aufkommen guter Sitten hindere. auch diese Geschäfte mit dem miermiidccesien Fleiße, und führte die Protokolle viele Jahre lang mit musterhafter Genauigkeit. Und da sein Eintritt in das Gymnasium gerade in den Zeitpunkt gefallen war, wo, nähmlich im Anfang der 7oger Jahre, die schon lange im Projekt gelegne Verbesserung der öffentlichen Schulen endlich inS Werk gesetzt werden sollte, so schloß er sich an die trefflichen Urheber derselben, Breitinger und Steinbruches, an, und zeigte in der Beförderung dieses segenvollen Werkes die rastloseste, eifrigste Thätigkeit: und auö seiner Feder ist die im Jahre 1773 gedruckte Nachricht von den neuen Schulanstalten in Zürich geflossen, eine treffliche Schrift^), zwar in ganz einfacher Sprache, ohne allen künstlichen Redcschmuck (denn bey Usteri reden nicht die Worte, sondern die Sachen) die aber durchweg den Meister vom Fache verräth, der das Gebiet der Wissenschaften sowohl in ihrem allgemeinem Zusammenhang, als auch in jedem einzelnen Felde überschaut hat, jeder Classe von der untersten der ersten Elementarschule an, bis zur obersten am Gymnasium, die Gränzlinien verzeichnet, die sie, ohne Lücken und Sprünge im Unterricht zu verursachen, und ohne den Lehrfächern der höhern Classen vorzu- greifen, nicht überschreiten darf; Worte eines Mannes, der durchweg auf das nie genug zu beherzigende d7on mults seä multum 22) dringt, lescnS- und beherzigungSwürdig für jeden Lehrer sowohl der seinem Berufe genugthun, als auch für verständige Eltern, die diese Lehranstalten benutze» wollten zur Bildung ihrer Söhne: Ansichten und Räthe, die gewiß auch jetzt noch die zweckmäßig- 'sten und trefflichsten seyn, und, wenn auch die seither hie und da veränderte und verbesserte Einrichtung dieser Schulen eine neue ähnliche Nachricht nöthig machen sollten, wahrlich nur mit wenigen Veränderungen, welche die theils erweiterten, theils neu hinzugekommnen Lehrfächer erfordern möchten, beybehalten und sorgfältig beachtet werden dürften, wenn anders erreicht werden, soll der schöne Zweck einer von Anfang bis zum Ende harmonierenden, und in einander eingreifenden Erziehung und Jugendbildung. UcberdieS gab er noch, außer den zahlreichen Unterrichtsstunden, die ihm sein Lehramt auflegte, fast alle Jahre einer größer» oder kleinern Anzahl, auch wohl nur einigen oder einzelnen Jünglingen Privatcollegia über Mathematik, ältere Geschichte, Archäologie, Encyklopädie der Wissenschaften u. s. w. So vieles das ihm allein schon die gerechtesten Ansprüche auf den wärmsten unvergeßlichsten Dank seiner Mitbürger erworben haben würde, leistete der edle Mann auch nur in seinem enger» Berufs- und Wirkungskreise. Und doch habe ich die Hauptsache, die Krone seiner Verdienste, noch nicht berührt. Und diese ist die Zürchcrische Töchterschule, die unsern Usteri als ihren ersten Stifter und Urheber segnet. Da nähmlich theils durch die verbesserten Latein- oder (wie man damahls mit einem nicht ganz entsprechenden Nahmen sie nannte) Realschulen, theils 21) Mit dem verdienten Lobe gewürdigt in der Mietauer Allgemeinen theologischen Bibliothek 1774, Theil I. S. 80, wo es unter andern: heißt: „Wir wollen uns begnügen unsre Leser zu versichern, daß die Vorschläge „des Verfassers fast durchgängig vortrefflich sind, und die Bafedowischen, wo sie nicht mit ihnen übereinstimmen, weit übertreffen." Und einen fernhalten (unvollendet gebliebnen) Auszug aus dieser Nachricht siehe ebendaselbst Th. IV. S. 3ZZ und folg. 22) Nicht vieles, sond ern viel: d. h. nicht Mannigfaltiges und Zerstreutes, sondern Vieles in Wenigem: Weniges nur, aber dies ganz und gründlich. 3 durch die neuerrichtere Kunstschule für die Söhne jedes Alters und Standes trefflich gesorgt war, so war es der feurigste Wunsch, die angelegentlichste Sorge des cdeln Mannes, ein Gedanke, der lange schon, Tag und Nacht seine Seele beschäftigt hatte, auch der weiblichen Jugend, welche, die Neligionöstunden ausgenommen, biSdahin alles öffentlichen Unterrichtes entbehren mußte, und deren geistige und sittliche Bildung oder Mißbildung fast ausschließend von der bessern oder schlechtem Erziehung im Elterlichen Hause abhieng, eine ihrer künftigen Bestimmung angemeßne Bildung des Geistes und Herzens zu geben. Und das Jahr 177Z war das glückliche für das Wohl so vieler hundert Töchter, die von ihrem Ursprung an bis auf den heutigen Tag den Unterricht in dieser Schule genossen hatten, entscheidende Jahr, wo er nach öftrer sorgfältiger Vorberathung mit dem trefflichen Landeövater, dem jungem Landolt, mit^seinem gereiften, von allen Seiten durchdachten Plane herausrückte, und denselben seinen Mitbürgern zur Prüfung mittheilte. Ein Plan, an dem ich wahrlich nicht weiß, was ich am meisten bewundern möchte; ob die äußerste, durchaus nur auf das was Noth that dringende Zweckmäßigkeit desselben, die uns den Mann verräth, der Weniges versprechen, aber desto Größreö leisten will; oder die edle Bescheidenheit des Verfassers, der durchaus nichts, kein Wort von sich selbst, sondern nur allein von der guten Sache spricht, die er befördern will, (denn kein Mensch war entfernter von Eigenliebe, von eitelm Selbstruhme) ja der selbst diese nicht mit rednerischer Knust ausschmückt und zu empfehlen sucht den Herzen der Leser, nein sondern in der einfachen ungekünstelten Sprache des Herzens darstellt, und die Sache selbst sich empfehlen läßt; oder endlich die Mäßigkeit seiner Wünsche und Forderungen, indem er die Freunde der Jugend nur zu dreijährigen, von ihrem eignen freyen Willen abhängenden großem oder kleinern Beyträgen, bloß auf eine Probe hin einladet, um ein jährliches GeAftt von 100 Neuthalem bestreiten zu können für die anzustellende Lehrerin. Und aufs bestimmteste und unzweideutigste spricht er aus seinen Endzweck, nähmlich »nichtgelehrtenndgalanteFranen- „zimmer, sondern verständige Töchter zu bilden, die einst als Hausmütter einer Haushaltung wohl „vorstehen, als Ehfrauen die Angelegenheiten ihrer Männer, so weit eS ihnen zukäme, verständig «besorgen, und als wohlunterrichtete Mütter sich eine vernünftige und christliche Erziehung ihrer „Kinder selbst angelegen seyn lassen, und zum Unterrichte derselben-daS Ihrige beitragen könnten." Deswegen-wurden die Gegenstände des Unterrichts nur auf das Nöthigste / für Töchter jedes Stan- . des Unentbehrlichste beschränkt. ES waren nähmlich keine andern, als die in allen Elementarschulen gewöhnlichen-, aber in erhöhter Vollkommenheit: Lesen, mit Verstand nähmlich, mit Beachtung der Unterscheidungspunkte, mit richtiger Absetzung der Wörter und Sätze, und verbunden mit Rechenschaft über das Gelesene: Schreiben, theils auswendig, mit orthographischer Richtigkeit, theils Schönschreiben nach gcstochncn Vorschriften, wobey zugleich auf die in die weibliche HauS- haltungSkunft einschlagenden Gegenstände, als Conti, Tagbüchrr, Hauörarh-und Aussteurvcrzeich- uisse, Empfangscheine für eingegangne Gelder, und Kostenberechnungen aller Art Rücksicht genommen wurde. Und eben so beym Rechnen, nur die für die HauShaltuugSkunst durchaus nöthigen Rechnungsarten, die 4 Species, die Brüche, und die Ncgul lle tri: Lehrfächer, die, so lange Usteri lebte, nur darin in etwas erweitert wurden, daß die Töchter in Verfertigung eigner Aufsätze, Briefe, Auszügen aus Predigten, moralischer Bemerkungen u. s. w. die nöthige Uebung erhielten. Zur Aufnahme der Töchter ward unerläßlich das zwölfte AlterSjahr festgesetzt: denn Usteri war kein Freund von einem allzufrühen, dem zur Auffassung nützlicher Wahrheiten erforder- 19 lichen Alter vorlaufenden Unterrichte. Wie wahr und trefflich als tiefer Kenner des jugendlichen Herzens spricht er sich hierüber aus in seiner fünften und letzten Nachricht über diese Töchterschule: »So groß-(sagt er da) ist der Nachtheil eines zu frühen Unterrichtes/ daß man mit viel weniger „Nachtheil bey Ausweichung dieser Gefahr/ auf die andere Seite sich etwas zu weit lenkt. Ich „besorge es werde hierin in gar vielen Stücken des Unterrichts gefehlt/ indem man die Kinder „geschickt machen will/ eh sie die Fähigkeit dazu haben/ und sie mit Dingen beschäftigt/ die wahr- „lich für ihre Fassungskraft gar nicht gemacht sind/ wenn schon oft große Leute damit kindisch umge- „hen/ um sie Kindern annehmlich zu machen. — Der Nachtheil einer voreiligen Erziehung wäre „noch gering/ wenn nur die aufgewandte Zeit dabey verloren gicnge. Allein das ist noch nicht „das Schlimmste; sondern was das Kind sich hat müssen vorzeigen lassen/ womit es sich hat „beschäftigen müssen/ das glaubt eS auch zu wissen: denn was Wissen ist/ das kennt es noch „nicht/ das Gefühl noch nicht/ das eine lebhaft und anschaulich erkannte Wahrheit erweckt/ welches „macht/ daß die Seele sich um eine Stufe höher fühlt/ in sich selbst eine höhere Kraft und Würde „anerkennt/ ein Gefühl/ das in dem Auge des bescheidnen Mädgens/ wie des feurigen Jünglings „funkelt/ und über ihr Antlitz den Ausdruck der reinste»/ in sich gekehrten Freude verbreitet.« Und dies gemeinnützige Beginnen hatte sich auch schnell und bald des glücklichsten/die kühnsten Hoffnungen seines Urhebers übersteigenden Erfolgs zu erfreuen. Der- vorgelegte Plan erhielt den allgemeinsten ungetheiltesten Beyfall. Großmüthige Menschen, und Jugendfreunde/ unter denen wir die ausgezeichnetesten Regenten des StaateS/ Väter des Vaterlandes/ und Vorsteher der Kirche/ wie z. B. die beyden Landolte, den großen Heidegger und den ehrwürdigen Ulrich zählen/ und auch dankbare Eltern aus allen Ständen beciferten sich durch jährliche Beyträge/ durch schöne Vermächtnisse/ durch andre Geschenke an diese Anstalt/ welcher sie die beßre Bildung ihrer Töchter verdankten/ mitzuwirken zum sichern Bestände derselbe»/ so daß Usteri schon bey seiner ersten im Jahr 1777 abgegebnen Rechenschaft zeigen konnte/ daß bereits in den ersten drey Jahren 65 Töchter in dieser Schule ihren Unterricht erhalten/ und sichtbar zugenommen hätten/ nicht bloß in geistiger/ sondern vornehmlich auch in sittlicher Bildung/ so daß die immer steigende Anzahl derselben eine zweite Classe erforderte, und zwar Töchter nicht bloß aus bürgerlichen Familien/ für welche sie eigentlich berechnet war/ nein sondern selbst aus den angesehensten Patrizierfamilirn/ was den großen nicht zn berechnenden Vortheil hatte/ daß die »»republikanische Scheidewand gehoben ward, die vorher die Patrizicrtochter von der des gemeinen Bürgers oder Handwerkers getrennt hatte/ und so diese Schule zugleich eine Pflanzstätte bürgerlicher Freundschaft und Vertraulichkeit wurde: was bey dem mehr isoliert lebenden weiblichen Geschlechte fast noch nöthiger seyn dürfte, als bey dem männlichen, weil bey diesem letztem der Vornehme mit dem Gemeinern ohnedies in weit öftre und mannigfaltigere Berührungen kommt. Ueberdem waren dieser Nachricht zufolge die DermögenSkräfce dieser Anstalt, über die jährlichen Ausgaben aus, zu einem Capitalfond von beynahe 2009 fl. gestiegen. Und von Jahr zu Jahr vermehrte sich unter dem sichtbaren Schutze der Vorsehung, der Segen dieser Anstalt, und mit ihm die Freude des edeln Stifters derselben, wozu nicht wenig die treffliche, in seine Ansichten so ganz eintretende, seinen leisesten Wünschen zuvorkommende, und nicht bloß auS Pflichtgefühl, nein sondern mit inniger Liebe ihres Berufes wartende Lehrerin, Susanna Goßwetler, beytrug. Größer kann nicht seyn die Wonne deS Pflanzers/ der den Baum/ zu dem er den erften-zarten Sproß in die Erde gelegt hatte/ in wenigen Jahren hoch emporgewachsen/ weit umher seine Aeste verbreiten/ und prangen fleht mit köstlichen Früchte«/ als Usteri's Freude war über das so unerwartet schnelle Wachsthum/ und segenvolle Gedeihen seines Werkes. Die Töchterschule sah er gleichsam als das Kind seines Geistes an/ das er pflegte und wartete mit der unermüdlichsten eifrigsten Sorgfalt. Ganze Abende brachte er mit der würdigen Lehrerin hin/ um fle selbst zu lehre«/ einzuüben in ihren Beruf; die freilich dem trefflichen Aufseher auf halbem Wege/ ja noch über denselben entgegenkam/ seine innersten Wünsche errieth/ seine Räthe und Lehren nicht bloß dem Buchstaben nach/ sondern mit Geist auffaßte und mit Geist/ mit zweckmäßiger Unterscheidung nach dem Bedürfniß jeder einzelnen/ anwandte auf ihre Schülerinnen. Und o welch ein Freudentag war es für die gutgearmen Töchter/ wenn der geliebte freundliche Vorsteher s. w.-Wahrlich eine treffliche, ganz charakteristische Stelle, die uns tiefe Blicke thun läßt in diese schöne weibliche Seele. Doch die höchste und seligste seiner Lebensfreuden, gleichsam der Triumph seines edeln Wirkens für Jugendbildung und Menschenwohl, war unserm Usteri im Jahr 1789, kurz vor seinem Hin. schied noch aufbehalten, als er nähmlich über die nun bereits 15 Jahre bestehende, und durch zwei, unter vortrefflichen von ihr selbst der würdigen Goßweiler gebildeten Schülerinnen stehenden Unter-Classen erweiterte Töchterschule, in der damahls schon über 500 Töchter ihre Bildung erhalten hatten, den großmüthigen Gönnern und Wohlthätern derselben die frohe Anzeige thun konnte, daß diese Anstalt durch die von Jahr zu Jahr sich mehrenden Beyträge edeldenkcnder Menschen- und Vaterlands- und Jugendfreunde, besonders durch ein ansehnliches Vermächtniß BodmerS des ehrwürdigen Greisen, nunmehr zu solchen Kräften erwachsen sey, daß sie künftig durch sich selbst bestehen und fortdauern, und der Aufwand, den ihre dermahlige Lage und Ausdehnung fordre, ohne'frcmde Zuschüsse, durch ihre eignen Interessen bestritten werden könne. Und da wird ihm warm «ms Herz dem edeln Manne, da spricht er mit dem Hochgefühle der glücklich vollendeten schönsten That seines Lebens, und zugleich mit einer Bescheidenheit, die den wahrhaft großen Mann uns bezeichnet, seine Dankempfindungen gegen die edelmüthigcn Gönner und Freunde dieser Anstalt aus. Laßt mich seine Worte hier aushebert (denn ach es waren seine lehren, sozusagen sein Schwancngesang). »Wie der Wandrer von der Höhe, die ihm die schönste AnSsicht eröffnet, sein »Auge auf alle Seilen wendet, und sich dem vollen Genuß des herrlichen Anblicks überläßt, der „seine ganze Seele mit dem Gefühle von Wonne erfüllt; aber dann auch nicht ohne eine frohe »Empfindung von Zufriedenheit und Ruhe auf die niedrige Gegend herabsieht, über welche er sich »erheben mußte, um diesen Anblick zu genießen, und die Pfade bemerkt, durch welche er hinauf »zu der Wonnevollen Höhe sich nicht ohne Mühe und Arbeit erhoben, wo die Natur einen so »prächtigen Anblick vor ihm verbreitet; eben so sehn wir mit hoher Wonne zurück auf den menschenfreundlichen Vorschlag, den wir vor 15 Jahren an unsre Mitbürger gethan, und das bescheidne »Ansuchen um einzelne hundert französische Thaler, und bemerken mit inniger Zufriedenheit die »Stufen alle, die uns in dieser kurzen Zeit dem letzten Ziele unsrer Wünsche zugeführt, unsern »wohlgemeinten Vorschlag zu einer der nützlichsten Anstalten für die Jugend gemacht, und ihr ein »Vermögen von 10,000 solcher Thaler erworben. Sie sind. bezeichnet diese Stufen mit den edelsten »Gesinnungen, mit den Beweisen ächter republikanischer Tugend und Sinnesart, Thätigkeit und »uneigennütziger Verwendung für das allgemeine Beste, in Entwürfen, Vorschlägen, Versuchen, »Theilnahme, Aufmunterung, Unterstützung, Beförderung dessen, was der gute Genius des Vaterlandes einem seiner Söhne eingab; Darbringung dessen, was weise wohlthätige..Gesetze der Pracht »und einem üppigen Genusse des Lebens entziehen, auf den Altar des Vaterlandes. So sehen »wir erst den Vorschlag eines Versuches zum Besten der weiblichen Jugend mit Bereitwilligkeit „aufgenommen, dann die thätige Verwendung denselben, da er der Erwartung entsprochen, auch »fortsetzen, dann das Verlangen die Anstalt dauerhaft zu machen, und sie auf alle künftigen Geschlechter noch fortzusetzen, und dies Verlangen nun gänzlich in Erfüllung gekommen." .Und wnS dem für das wahre Glück seines Vaterlandes/ des weiter« und des engern so eifrig besorgten Manne zu nicht geringer Freude gereichen mußte/ dies Institut/ dessen Zweckmäßigkeit und Trefflichkeit jedem Unbefangnen einleuchtete/ wurde auch in andern selbst katholischen Stadien unsers Schweizerschen Vaterlandes nachgeahmt/ als z. B. in Luzern/ wo durch den um das Erzie- hungSwcscn bestverdienten Professor Zimmcrmann ^), mit welchem Usteri im Briefwechsel stand/ und demselben feine Räthe und Ansichten mittheilte/ eine ähnliche UntcrrichtSanstalt im dortigen Ursülinerklofter errichtet ward / so wie späterhin eine andre ganz vortreffliche im Kloster zu Maria Opferung in Zug ^). Und in reformierten Städten/ in Bern/ Aara«/ St. Gallen suchte man in der Zürcherischen Schule gebildete Lehrerinnen zu erhalten. In unsrer Vaterstadt wurden Zöglinge dieser Schule zum Privatunterricht junger Kinder gebraucht/ und so verbreitete sich der Segen dieses Institutes augenscheinlich. Doch selbst hierbcy blieb er noch nicht stehen der treffliche Man»/ der nie ruhte/ der unauf. hörlich Tag und Nacht darauf dachte/ wo er etwas zur bessern Erziehung und Bildung der Jugend dienendes zu Stand bringen konnte. Auch Töchter höherer Herkunft/ die in sorqenfreyen und glücklichen Umständen lebend mehr Gelegenheit und Muße hätten ihren Geist auszubilden/ und in den Fall kommen könnten nicht zwar zu glänzen, aber doch in wohlgesitteten gesellschaftlichen Kreisen sich gefällig zu machen durch angenehme UnterhalknngSgabe/ auch solche zu berücksichtigen war der Wunsch seines Herzens. „Ich bin (so schreibt er an seinen Freund Eberhard) ich bin noch „ nicht am Ende meiner Entwürfe. Die gegenwärtige Anstalt ist für alle Stände gleich nothwendig -„und für den Bürgerstand hinlänglich. Aber eö giebt bei uns eine Classe von Frauenzimmern/ „die noch mehr Cultur ihres Geistes nöthig haben/ für die möchte ich auch noch gesorgt wissen. „Ich habe einen Entwurf dazu gemacht/ der das Horazische nonum In annum (bis inS neunte „Jahr) schon überlebt hat, und warte der gelegnen Zeit um denselben ins Werk zu setzen. Dieser „Entwurf ist zu einer Abhandlung erwachsen/ in welcher ich mich bemühe zu zeigen, zu was für „Absichten Frauenzimmer mehrere Cultur bedürfen, und auf was für eine Weise ihnen dieselbe „mitgetheilt werden müsse/' Und noch ist in seinem handschriftlichen Nachlasse eine treffliche Schrift vorhanden unter dem Titul: Unterricht für Frauenzimmer, welche nur noch der letzten Feile, und des freylich allerwichtigsten Hauptcheils über den für Töchter höhrcr Stände sich cjgnenden Religionsunterricht, den der Verfasser nach seiner Aeußerung an Eberhard noch beizufügen im Sinne harte, bedürfen möchte, um wahrlich keine niedrige Stelle einzunehmen unter den deutschen Erziehungsschriftcn. Die daselbst behandelten Gegenstände des Unterrichts smd: Französische Sprache, Erdbeschreibung, Geschichte mit zweckmäßiger Auswahl, Vorlesung und Erklärung ausgewählter Stellen der besten deutschen Dichter, wie z. B. Klopstock, Uz, Salomon Geßner, Haller, wie auch guter moralischer Stücke, z. B. aus dem deutsch übersetzten Englischen Zuschauer; Musik und Zeichnungskunst. Doch über den Werth dieser Schrift mag der kompetenteste Richter, Eberhard selbst, urtheilen: „Ich habe (so schreibt er an Usteri) die Handschrift von Ihrem „Frauenzimmerunterrichte richtig erhalten, und sage Ihnen für die Mittheilung dieses umerrich- Verfasser der Schrift: Die junge Haushälterin, ein Buch für Mütter und Töchter. Z Bdchen. Luzern 1735. Trefflich beschrieben von Caspar Fast, Dekan und Pfarrer in Rifferschwyl. ' „tenden Werkes den verbindlichste» Dank: die Durchsesung desselben, womit ich jetzt beschäftigt „bin, macht mir unendlich viel Vergnügen. Alle zur Bildung eines Frauenzimmers gehörigen „Punkte sind mit der größten Klarheit, Gründlichkeit und Wärme abgehandelt, und die Regeln „mit so viel Präcision vorgetragen, und so einleuchtend gemacht, daß ich es für ein wichtiges „Geschenk halte, das Sie theuerster Freund dem Publikum machen würden, wenn Sie eS ihm „übergeben wollte».« Aber der frühe Hinschied unsers Usteri verhinderte die Herausgabe des Werkes und die Ausführung des Planes. Indeß würde eS ihm gewiß zu hoher Freude gereichen, wenn er mehrere der hier vorgeschlagnen Lehrfächer, als Erdbeschreibung, freilich großentheils mit Beschränkung auf unser Schweizerisches Vaterland, Naturkunde, wenigstens der vorzüglichsten Produkte, welche die weibliche Hand verarbeiten soll, Unterricht im Zeichnen, Gesangübung u. s. w. nun doch aufgenommen sähe in den seither erweiterten Lehrplan der Töchterschule. Ueberhaupt hatte alles, was das Fach der Erziehung berührt, das höchste Interesse für ihn. Seiner gründlichsten Untersuchung und sorgfältigsten Forschung würdigte er unter anderm auch die verschiednen Methoden des Taubstummenunterrichtes, worüber er mit dem in diesem Fache der Menschenbildung so erfahrnen Heinrich Keller, Pfarrer in Schlieren, bei Veranlaßung zweier demselben zum Umerricht anvertrauten taubstummen Söhne eines angesehnen Zürcherischen Kaufmanns, einen weitläufigen sehr interessanten Briefwechsel führte, auch seine eignen Beobachtungen darüber in zwei dem Helvetischen Almanach vom Jahr 1780 und 8l eingerückten höchst lehrreichen Aufsätzen dem Publikum mittheilte. Auch in dem in HottingerS Opuscul-c Ormm-ia eingerückten Befinden des Zürcherischen SchulratheS über den Streit des s.Kbe äs l-sxse mit Hcineke in Wien, gehört die klassische Latinirät und die Eleganz des Ausdrucks zwar dem trefflichen Hottinger, die Gedanken und Sachen hingegen fast ausschließend unserm Usteri an. Und so lang er lebte, war sein Studierzimmer gleichsam das allgemeine Orakel, wo man über alle Gegenstände der Erziehung sich Rath erholte. An ihn wandten sich treue Vater, wenn sie geschickte Privatlehrer für ihre Söhne bedurften. Um seine Empfehlung zu Privatinformationen ober öffentlichen Lehrstellen bewarben sich junge Geistliche oder studierende Jünglinge, wo er aber über alle andern Rücksichten sich wegsetzend einzig nur auf Würdigkeit und Tüchtigkeit sah. Seine Räthe und Vorschläge holten selbst auswärtige Behörden ein, wenn sie Erziehungsanstalten für ihre männliche oder weibliche Jugend errichten wollten, wie z. B. im Anfang der 80ger Jahre die Stadtgemeinde in Chur für eine neue Lateinschule, die er aus dem Kreise seiner ehmaligen Schüler mit trefflichen Lehrern versah, und diese, da sie im Anfange schon ihre vielleicht allzuhohen Erwartungen nicht befriedigt fanden, durch freundschaftliche Briefe zum längern Bleiben crmmhigte, bis endlich durch widrige Zeikum- stände diese Anstalt nach wenigen Jahren ganz zerfiel -§). Ja selbst über-die physische Erziehung der Kinder in ihren ersten Jahren hatte er, in einem Zeitpunkt wo er selbst süße Vaterfreudcn erwartete, treffliche Vorschriften aufgesetzt, freilich nur zu seinem eignen Gebrauche, worin er die Ansichten und Grundsätze Nousseaus, so wie die nachherigen ihm damahls noch unbekannten, eines Hufeland, und andrer erfahrnen Aerzte, theilt. 22) Seither aber vollkommen ersetzt ist durch die neuerrLchtete treffliche Cantonsschule des Bundnerlandes-, Aber nicht nur auf das Erziehnngswescn und alle einzelnen Fächer desselben beschränkte sich seine Thätigkeit. Nein alles Gute, Gemeinnützige, zum Glück seiner Mitbürger dienende, war ein Gegenstand seiner angelegentlichsten eifrigsten Sorge. Der Grundsatz seines ganzen Lebens und Wirkens war: l^lkil üumani s ms sliLnum puw^). So hatte die Moralische Gesellschaft, deren edler Zweck Minderung der Armuth und deö häuslichen Elendes, so wie die Beförderung bürgerlicher und häuslicher Tugenden war, an ihm eines ihrer würdigsten vortrefflichsten Mitglieder; unermüdet besorgt, nicht etwa nur, um durch kleinere oder größere Geldspenden zu steuern der Noth des Augenblickes, nein sondern um zu verstopfen die eigentlichen Quellen der Armuth. Durch genaue und mühvolle Nachforschung der häuslichen Lage der Gedrückten und der Ursachen ihres Verfalles, durch Abforderung und Untersuchung der HauShaltungSrechnungen, durch klugen Nach und Anleitung zu einer bessern Hausordnung, und, je nach Maßgab der Umstände, sanftere oder strengere Zurechtweisung der Fehlbaren, und dann erst durch thätliche Hülfe und großmüthige Aufopferungen bewahrte er still und ohne Aufsehen und schonend dem Ehrgefühle manche schwergedrückte Bürgerfamilie, die in Labyrinthen ökonomischer Sorgen verwickelt keinen Ausweg mehr sah, vor dem drohenden, oder rettete sie aus dem wirklichen Verfalle, und half ihy zurück auf die Straße der Freiheit und Tugend. Und es mußte die äußerste Liederlichkeit und völlige Unverbcsserlichkeit vorhanden seyn, ehe er von dem, der ihn um Hülfe ansprach, die helfende Hand abzog und ihn überließ seinem verdienten Schicksale. — Auch um die Exspektanrenklasse machte er sich in den 4 letzten Jahren seines Lebens sehr verdient als ihr würdiger und liebreicher Vorsteher; und noch erinnern sich die ältern Lehrer an unsrer Kirche, die einst in ihren Wartjahren unter seiner Aufsicht standen mit dankbarer Freude seiner freundlichen Leitung, und seiner treffenden von edler Freimüthigkeit und Wahrheitsliebe sowohl als auch von schonender Nachsicht zeugenden Beurtheilung ihrer Uebungspredigten. — Große Verdienste hatte er auch fast bis zum Ende seines Lebens um unsre Stadibibliothek als ihr oberster Bibliothekar, durch Genauigkeit und pünktliche Ordnung in Aufstellung der Bücher nach ihren Fächern uud Classen, durch Einregistrierung der Eataloge, deren zwei mittlere Bände großenthetlS aus seiner Feder geflossen sind, und durch seine Betriebsamkeit in Anschaffung wichtiger Werke aus allen Fächern der Wissenschaft. — Und, um auch vom Kleinem zu reden: ein Beweis wie er auf alles bedacht war, was reines Vergnügen und bleibenden Nutzen bringen könnte seinen Mitbürgern, und besonders dem jünger« Geschlechte, sind selbst die Ncu- jahrsstücke die ihr liebe Knaben und Töchter alljährlich aus unsrer Hand empfanget. Er war es nähmlich der in der Gelehrten-Gesellschaft auf der Chorherr'enstube, deren zweiter Vorsteher oder Actuar er war, mit aller Kraft unterstützte und durchdringen machte den Vorschlag eines würdigen Mannes, anstatt der ehmahls gespendeten Scmmelbrötchen, Kupferstiche mit beigefügten Biographien ober lehrreichen Charakterzügen berühmter um Religion und Wissenschaft hochverdienter Männer der Vorzeit, der lernbegierigen Jugend zu schenken. Und gerade daö erste im Jahr 1779 herauögegebne treffliche nnd gehaltvolle Sftick dieser Blätter, daö uns anzeigt den Zweck dieser Sammlung und dessen Kupferstich einen Lehrer vorstellt, der einen nebenstehenden Jüngling auf die Brustbilder großer Männer hinweist, so wie die im lOten Stück derselben vom Jahr 1788 enthaftne höchst rührende Darstellung des frühzeitigen Sterbebettes eines frommen und hoffnungS- 26) Nichts was Menschen angeht, seh ich für mich als fremde an. 4 vollen Knaben, Leonhard WerdmüllerS, der im I4ten Jahre seines Lebens gleich einer lieblichen Blüthe dahinwelkte ^), ist von ihm verfaßt. Man möchte es fast unbegreiflich finden, daß die so unermüdliche auf das ganze weite Feld des Wohlthätigen und Gemeinnützigen sich ausbreitende Thätigkeit des edeln Mannes, doch nicht zuweilen seinen eigentlichen Berufsgeschäften einigen Eintrag gethan hätte. Aber nein — denn Pflicht und Beruf war ihm über alles heilig. Krankheitsfälle ausgenommen setzte er nie seine Lehrstunden aus. Gleich mit dem Uhrschlage, oder nur wenige Minuten später erschien er im Hörsaale, und verließ ihn nicht eher als mehrere Minuten, ja oft beinahe eine Viertelstunde nach dem letzten Stundcnschlage, bis die Ankunft des ihn ablösenden, im Vorzimmer wartenden Lehrers ihn zum Aufbruch mahnte. Und weder das Vergnügen eines unterhaltenden Gespräches noch irgend eine andre Reizung konnte ihn auch nur für wenige Augenblicke abhalten von Erfüllung seiner Pflichtgeschäfte. Mit der größten Genauigkeit verbesserte er die schriftlichen Aufsätze der Studierenden, wobey selbst kleinere und leichtere Fehler seiner Aufmerksamkeit nur selten entgiengen: eine wahrlich nicht geringe Mühe bei einer Anzahl oft von 30 bis 4o an Fleiß und Talenten so ganz ungleichen Schülern; und sein ganzer Unterricht zeigte den Mann an, der nicht nur Meister war seines Faches, nein sondern der auch das zu Lehrende vorher reiflich durchgedacht, und aufs Gewissen. Hasteste sich vorbereitet hatte auf jede einzelne Lehrstunde. Aber seine an sich schon mühvollen, und einen arbeitsamen Mann erfordernden Berufspstichten so treu und pünktlich zu erfüllen, und gleichwohl neben denselben so Vieles und Großes zu leisten, das war nur dem Manne möglich, dem nützliche Arbeit, dem Thätigkeit für Menschenwohl das höchste seligste Vergnügen, das tägliche Bedürfniß, ja sozusagen die Speise seiner Seele war, der nebendem wie wenige andre die Kunst verstand hauszuhalten mit der kostbaren Zeit, der seine Wochenabende, die wenigen ausgenommen die er im Genusse der schönen Natur, oder im gewählten Kreise gelehrter und geistvoller Freunde hinbrachte 2»), fast ausschließend seinen Pflichtarbeiten und Studien weihte, der keinen Tag, ja fast keine Stunde seines Lebens verloren gehen ließ, ohne etwas Nützliches und Wohlthätiges gedacht, gelesen, niedergeschrieben, entworfen, gewirkt zu haben, von dem man sagen konnte, Nicht NUr: nullu cliss, nein sondern auch: NUÜL Korn SINS linsn 2?). Als Gelehrter genoß und verdiente er auch allgemeine Hochachtung; denn groß war der Reichthum seiner Kenntnisse, freilich mehr Sachen- als Wortkenntnisse; groß war seine Geisteskraft, doch mehr das Ganze überschauend, und im Einzelnen mehr auf die Hauptsache, den Kern drin- 27) Er starb den 3t. Julius 1621. Die Quelle die listen bei dieser trefflichen Darstellung benutzt hat, sind des Antistes Breitingers in Handschrift hinterlaßne kurze Biographische Notizen von den vorzüglichsten Wohlthätern der Thommannischen Stiftung. 25) In den Ferienwochen waren seine liebste Erholung kleine Reisen in interessante Schweizergegsnöen, besonders zu seinem Freunde, dem trefflichen, um das Glück seiner Thalleute hochverdienten Abt Levdegar Salzmann in Engelberg. r») Kein Tag — keine Stunde ohne eine Linie (d. h. ohne mit einer guten That, oder nützlichen Beschäftigung bezeichnet zu seyn.) gend/ att auf Nebensachen, aufs kleinere Detail sich einlassend, mehr zur praktischen Anwendung als.zu tiefsinnigen Spekulationen geeignet. Nicht gemein waren seine Kenntnisse der alten und neuen Sprachen, der ältern und neuern Geschichte. Die klassischen Schriftsteller Griechenlands und Roms, die er in einer ausgewählten Sammlung besaß, besonders die Geschichtschreiber und Redner waren von Jugend an seine Lieblingslektüre. Von seinen physischen und ökono- mischen Kenntnissen, so wie seiner tiefen Einsicht in das Schöne der alten und neuen Kunst haben wir schon früher gesprochen. Aber vor allen andern zogen ihn an die strengern Wissenschaften, welche die edelsten Kräfte der Seele, Denkkraft und Scharfsinn üben, die Philosophie in allen ihren Zweigen, nach dem damahls herrschenden Leibnizisch Wölfischen System, die Gegenstände des Calkuls, und besonders die Mathematik, die er als den eigentlichen Schleifstein des menschlichen Geistes studierenden Jünglingen nie genug empfehlen konnte. Ja daß selbst botanische Kenntnisse ihm nicht fremde waren, beweist folgende Anekdote, die sein würdiger Sohn uns aufbehalten hat. »Als er auf seinen Reisen den botanischen Garten „in Florenz besah, zeigte ihm der dortige Professor eine damahls noch neue wenig bekannte „Pflanze, die Usteri aber sogleich mit dem Linneischen Nahmen benannte, worauf er dann „ohne wetterS zum Mitglied der Sozietät eingeladen, und ihm das Diplom eines Ehrenmit- „glieds verheißen ward. Er schlug aber diese Ehre als ihm gar nicht zukommend aus, und „erbat sich dieselbe für seinen ältern Bruder, der eigentlich botanische Kenntnisse besässe." Doch der überzeugendste Beweis seiner hellen Einsichten und mannigfaltigen Kenntnisse möchte wohl der ausgebreitete Briefwechsel seyn, den er mit mehrern Gelehrten deö In- und Auslandes, neben den früher genannten, mit Felix Nüscheler, Schinz in Altstätten, Schnltheß in Mönchaltorf, Georg Zimmermann, Mcchel in Basel, Johannes von Müller, Leuchsenring, besonders aber mir der gelehrten und geistvollen Julie Bondeli in Bern, bis an den im Jahr 177 s erfolgten Hinschied derselben geführt hat, von welcher Letzter« nicht weniger als tOS Briefe an unsern Usteri in Handschrift vorhanden sind, die auf den Gehalt seiner eignen nicht mehr vor, handnen uns schließen lassen; Briese ausgezeichnet durch die geistvollsten treffendsten Urtheile über die mannigfaltigsten Gegenstände des menschlichen Wissens, über dto damahligen merktvürdigsten Erscheinungen im Gebiete der Literatur und Kunst, und über die berühmtesten Männer jener Zeiten, über Friedreich II., Voltaire, Rousseau, Helvetiuö, Albrecht von Haller, Winkelmann, Lavater u. s. w. und durchwürzt mit den unterhaltendsten Anekdoten aus der gelehrten und «»gelehrten Welt. Sein Styl, der deutsche sowohl (in welchem freilich die neuern Stylisten manche Ausdrücke als Schweizerische Provinzialismen in Beschlag nehmen dürften) als auch der lateinische^) ist einfach und lichtvoll; nichts Geschraubtes, Gekünsteltes, ganz so, wie bO) Ueber seinen lateinischen Styl möge der gründlichste Kenner, Steinbrüche!, urtheilen. Usteri hatte ihm nähmlich eine seiner Orationen zugesandt mit der Bitte ohne Schonung und Nachsicht alles anzuzeigen, was ihm als unlateinisch vorkommen möchte. Steinbrüche!, nachdem er auf einem Quartblatte Einiges angemerkt hatte, konnte sich nicht enthalten folgenden Lobspruch beizufügen: Villss, vir »mieiosims tu« petitioni odseeutuni ine vel ininutiso xsroegui ininutiooimss, nurniguill rscte, tu gärn guäiosto. Icl vsro licguillo slürmars possum, i8ts8 pulalrro in corpore Isbseulss non okstitisss, quo ininuo 8ummsln ilsnuo ex tu» orstione, cgusn„ken segnen." Und ich denke die segenvollen Früchte derselben, feurige Liebe für Gelehrsamkeit und Wissenschaft, unermüdete Thätigkeit für alles Gute und Gemeinnützige, Sinn für häusliches Leben und häusliches Glück, und alle die Tugenden die sich als der köstlichste Nachlaß des Edeln fortgeerbt haben auf seine Söhne und Enkel, sind wohl lautredende Zeugen seiner treuen ErzichungSsorge. Und diese Tugenden des trefflichen Mannes, sie flössen ausser reinsten lautersten Quelle, aus aufrichtiger Gottesfurcht, aus warmer Achtung für Religion und wahres Christenthum her. Wie hoch er die Religion, und zwar, wie er ausdrücklich sagt, die positive, geoffenbarte, christliche ehrte, wie treffend und wahr er vom Werthe, von der Nothwendigkeit derselben urtheilte, möge eine Stelle aus seinen Selbstbetrachtungcn zeigen, dergleichen Ufteri, wie so mancher andere redliche und gewissenhafte Mann bei wichtigen Ereignissen seines Lebens aufzusetzen gewohnt war: „Es bleibt (heißt es da unter andern,) „es bleibt „immer wahr, daß die Religion des Menschen höchstes Glück ist: sie ist die höchste Philosophie, was ein Plato suchte, das ist sie. Sie unterrichtet uns von unserm Daseyn, Wesen, „unserm Ursprung und unsrer Bestimmung, woher wir sind, was neben uns ist, und lehrt uns „alles in dem Verhältnisse sehen in dem es gegen uns steht, alles aus dem rechten Gesichtspunkt „betrachten, wie weit und auf welche Art eS uns angeht. Daraus entsteht denn alles was man „Gesetze, was man Pflichten nennt, welche nichts anders als die Verhältnisse moralischer Wesen „sind. Die ewige Ordnung aller Dinge könnten wir die einsehen, und die große Kette verfolgen, „den ganzen Zirkel umfassen, so würden wir sehen daß dies eben so wenig Pflichten sind, als cS „Zwang ist unter einer nicht nach Willkühr und blinden Trieben, sondern nach genügsamen „ Gründen befehlenden guten und weisen Regierung zu stehen, und hätten wir denn Stärke genug „dieser^Ordnung zu folgen, so hätten wir nie keine Gesetze und keine positive Religion nöthig „gehabt, keine Befehle auf göttliche Autorität gestützt. Aber dann wären wir nicht Menschen; „wir wären Engel oder Götter. — Aber so sind wir einmal Menschen, unser Verstand ist begränzr „und schwach. Wir sind nicht allein aus Vernunft, sondern aus Vernunft und Leidenschaften „zusammengesetzt: diese blenden so oft, oder bestechen die Vernunft, denn sie sind ungleich heftiger, „viel fertiger zum Entschluß und Handeln zu bringen; aber sie gehen meistens nur auf specielle „Fälle, sehen nur das gegenwärtige Gute oder Böse, bloß für sich selbst an, nicht in dem ganzen „Umfänge, im Zusammenhang mit Allem was uns angeht. Auch spüren wir es bald hernach: „denn sobald wir ihnen gefolgt sind, sobald ein Entschluß erfüllt ist, den sie erweckt haben, so „ entsteht ein Leeres in unsrer Seele, das sicherste Kennzeichen der unterbrochnen Ordnung. Nichts „ist geschickter diesen Schwachheiten abzuhelfen, als die Religion. Alle die erhabenen Wahrheiten, „die uns da geoffenbart werden, erheben die Seele, sie geben ihr einen Adel, eine Hoheit, eine „Stärke, die sie über alles Niedrige wegsetzen. Indem sie unsre Begriffe über die Gränzen der „Erde und der Zeit ausdehnen, erfüllen sie unser ganzes Daseyn mit einer Wonne, die uns über „alle Beg-egnisse des Lebens erhebt, alle Beschwerden desselben mit einer ungestörten Ruhe und „Zufriedenheit ertragen lehrt. Dadurch verschwinden die kleinlichen Gegenstände, die uns meistens „von dem geraden Wege der Tugend abführen; und der Mensch wird dadurch begeistert so zrz „handeln als einer der vor Gott wandelt." Und ich könnte andere noch kräftigere Stellen aus diesen Selbstbetrachtungen anführen, in denen, als unserm Usteri süße Vaterfrcuden geschenkt waren vom Geber alles Guten, das wärmste Gefühl des Dankes, des Gottvertrauens, der lebendigsten Anerkennung seiner Vaterpflichten, und als die Krankheit eines seiner Kinder ihm diese Freuden wieder zu entreißen drohte, die kindlichste gelassenste Ergebung in den Willen der Vorsehung sich ausspricht, wenn solche Stellen zur Mit. »Heilung geeignet wären. Doch was bedarf es noch solcher Selbstbetrachtungen? Oder zeigt uns nicht sein edles gemeinnütziges, dem Wohl seines Vaterlandes und der Menschheit geweihtes ganz hingegeb- nes Leben, zeigt nicht sein bescheidnes geräuschloses aber unermüdliches Wirken alles Euren und Men- schenbeglückenden, den Mann, dem der Beifall Gottes und seines Gewissens unendlich mehr werth war, als eitles, bald verhallendes Menschenlob, der nach einem hohem Ziele strebte, als das uns diese vergängliche Erde zeigt, mit einem Worte den Christen im wahrsten schönsten Sinne des Wortes?? Freilich war seine Religion eine Religion der Vernunft, nicht der dunkeln Gefühle. Er war ein entschiedner Feind alles Aberglaubens und Schwärmergeistes, denen er, wo er sie aufkommen sah, entgegen wirkte mit männlicher Kraft; aber auch auf die des geraden offenen Mannes, des redlichen Wahrheitsfreundes und wohlwollenden Menschenfreundes allerwürdigste Weise. Er wandte srch nähmlich, ohne ste öffentlich zu beschämen oder vor der Welt zum Gespotte zu machen, geradezu und unmittelbar selbst an die, von denen solche Meinungen ausgegangen waren; bat, warnte, bestrafte ste schriftlich oder unter vier Augen ^), freilich, wie man leicht denken kann, mit ungleichem Erfolge, und brachte besonders mehrere studierende Jünglinge, die bereits schon von diesem Geiste ergriffen waren, zurück von solchen Verirrungen. So lebte, so wirkte Usteri bis ins Spätjahr 1788, wo sich ihm ein neuer Wirkungskreis öffnete, oder ach vielmehr nur zu öffnen schien. Er wurde nähmlich durch das seinen vierjährigen großen Ver, diensten gebührende einmüthige Zutrauen des obersten Schulrathes zu der höchsten Stelle, die er als Pro. fester am Gymnasium erhalten konnte, zum theologischen Lchrstuhl mit dem damit verbundnen Canonicate erhoben, der gleichen Stelle, die jetzt sein würdiger jüngerer Sohn bekleidet. Wie Vieles und Gro- ßeö er auch in diesem neuen Wirkungskreise geleistet haben würde, dafür bürgten seine trefflichen akademischen Reden , die er bei feierlichen Anläßen über verschiedne theologische Gegenstände gehalten 35) Was frejlich nur angeht, wenn öaS Uebel erst im Werden, und noch nicht zum Ausbruch gekommen ist. 36) Verfasser des trefflichen litterarischen Anhanges oder Aen Bandes der deutsch übersetzten Lebensgeschichte Ulrich Zwingli's von Caspar Heß, so wie auch mit Salomon Bögest, Verfasser des gehaltvollen AuszugeS aus Zwingli's Werken. 3') Es sind folgende noch in Handschrift vorhandene. Die Inauguralrede als I>,o5. liebe. 1764. I)e con. silio majorum nostrorum epr, ssaulo supsriors in iä incubnsrunt, ut Versionen, nostrsm 6srmsnicsm tüoäiois 8. sä veritstsm Hebrsissm in vnIZns eäerent. 1771. krivatorum ciuorun. äsm in ^nZgis (einer Gesellschaft in England äs propsgsnäs l!äs, deren fleißig korrespondierendes Mitglied er war) pro promovsnäs Lliristi äisciplins pauperumcjus rstions Irsbsnäs eonstus csu äignurn Oliristisn» caritatis sxsmplum sistens. 1777. die oben erwähnte trefflicheRede äs impeäi- inentis mornm in chao luce soisntiarum, und endlich 1784. äs esusis oäü, <)uo Imperator stnlis- nn8 aäversns Llirlstianos stagrabat. 31 hatt«/ und welche vertraute Bekanntschaft mit den besten und lesenSwürdigsten Schriften älterer und neuerer Gottesgelehrten / und nicht gemeine Kenntniß fast aller Fächer der Theologie, besonders der Kirchengerichte verrathen; dafür bürgten die wenigen Lehrstunden, die ihm an dieser Stelle zu halten vergönnt waren (es mochten leider nicht viel mehr als 20 gewesen seyn) wo die Lehrer unsrer Kirche, dix einst als Studierende das Glück hatten in diesem Fache seine Zuhörer zu seyn, die Klarheit, Faßlichkeit und lichtvolle Ordnung, mit der er ihnen die göttlichen Wahrheiten vortrug, nicht genug rühmen können. Und schon seine am CaroluStage des Jahrs 1789 gehaftne Antrittsrede, weiter ausgeführt und gedruckt in der Dissertation: Lonsilia smäü IKeotoZici rscts instlwsnäi 2 »), besonders der Schluß derselben kündigte an einen kühlen und ruhigen Forscher der Wahrheit, einen im schönen Sinne des Wortes freidenkenden Gottesgelehrten, der zwar fortschreiten mit seinem Zeitalter, aber mit sorgfältiger Umsicht, mit abgemeßnen bedächtigen Schritten, und ja nicht sich fortziehen lassen würde vom Geiste der Zeit; der den Muth haben würde von den Fesseln alter längst verschollner menschlicher Systeme sich loszureißen, entschlossen, standhaft zu vertheidigen die unveräußerlichen Rechte der Vernunft in den Sachen des Glaubens^), und fest zu behaupten die Freiheit, die die unsterblichen GlaubenSverbefferer uns erstritten hatten; der aber dabei für das höhere göttliche Offenbarungslicht die tiefste Ehrfurcht im Herzen trug, einen Lehrer gleich weit entfernt sowohl vom engherzigen Kleben am todten Buchstaben, als auch von der verwegnen, alles was in der göttlichen Geschichte und Lehre nicht in den Kreis ihrer eignen individuellen Erfahrungen oder Vernunftideen hineinpaßt, unbarmherzig wegschneidenden oder gewaltthätig niederstürmenden Critik und Exegese gewisser neuern Schritzerklärer. Vorschläge über die beste Art die Theologie zu studieren. Sie möge hier stehen diese treffliche Schlußanrede an die Studierenden. — Vos gutem sgnetissimM äiseipliuss, vo8 xosvissimi munsri8 alumni, gui ex äictis intelligitis, nun tsmeoe guiä^ugm pro äivino üsdenäum, 8eä omnig sä argumentorum vim retersuäs, et certo juäieio eoustsrs äedere, tgnto ms^u8 voki8 ip8>8 8tuäium impenäsnäum es8S oen8el)iti8 , tsnto soriu8 inoum- dsnäum, guo turpiu8 et 6üri8tisno äoetore inäixniu8 8it in üumsns goguis8cers guetoritsts, ' et 3ULM slÜ8 8>ne iäoneis rgtionik>u8 obtruäere vells per8US8ionem: llsno gu»8o kuzite, tgn. gusm pS8tem, 8ervilsm inäolsm, s gus sdüorret ills Iidertg8, in gusm no8 <7üri8tus vinäi. esvit. 8eiti8 et novsnäi pruritum, et Isvitstsm eorum, gui temere nee eerto eon8iiio veters gut reoipiunt gut ks8tiäiunt. 8glutsrsm gutem Oüri8ti äi8eipl!nsm tgnto grsviori sä psr8ugäenäum X vi, tsntogus uberiors eum kruotu e8ti8 gIÜ3 trsäitur!, ^ b?lkxfiE«sct>> //'v/a/w? 1 » Xk)/-ss, nicht: auf daß ihr wisset daß Christum lieb haben besser sei als alles Wissen; nein sondern, wie es unsre Zürcherübersetzung, und selbst zum Theil die Vulg-tts ganz richtig giebt: daß ihr erkennet die Liebe Christi (gegen uns) die allen Verstand übersteigt. Trefflich erklärt diese Worte der verehrungswürdkge Herr Antistes Heß (Geschichte der Apostel, Theil II., Seite 541, neuste Ausgabe) daß ihr nach ihrer Alles übersteigenden Große diese Liebe des Messias zu uns erkennen und an seiner Geistesfülle völligen Antheil nehmen möget. Und so fiele sie denn ganz weg die Beweisstelle, womit die Verfinsteret unsrer Zeiten ihren Zorneifer gegen Gelehrsamkeit und Wissenschaft selbst aus Gottes Worte beschönigen lyöchten. Denn wenn auch kein Vernünftiger und Redlicher den Satz bestreiken wird, daß Gottesfurcht, Tugend und gute Sitten ohne Talent und Wissenschaft weit vorzüglicher sey'n als Talent und Wissenschaft ohne Frömmigkeit und Tugend, so wird doch eben so wenig ein Vernünftiger je zugeben den grundfalschen Folgesatz, welchen man nach dem gewöhnlichen Trugschlüsse: poot Loc oder cum Uoe; ergo xroxter koa , daraus und aus gewissen Erscheinungen unsers Zeitalters herleiten möchte, daß darum Gelehrsamkeit, Wissenschaft und zweckmäßige Volksbildung etwas nicht bloß ganz Ueberflüßiges und Entbehrliches, nein sondern auch Gemeinschädliches, die Hauptursache sey des weitherrschenden Sittenverder- bens, vorzüglich aber der neuern Staatsverwirrungen, der Bürgerkriege und Revolutionsstürme und alles Elendes das schon seit mehrern Jahrzehnten auf unserm Welttheile lastet. Eine Behauptung, die (um nichts zu sagen von den Wollust- und Dlutgräueln des barbarischen Mittelaltcrs) selbst die neuesten furchtbaren und blutigen Revolutionen und Gegenrevolutionen gerade unter den unkultiviertesten Völkern des christlichen Europas, in Neapel und Spanien, so wie früher in dem guter Volksschulen fast ganz entbehrenden Frankreich, im Gegensatze mit den an trefflichen Unterrichtsanstalten für alle Classen und Stände so reichen, und darum auch, trotz albmi was etwa einzelne Brauseköpfe reden und in die Welt Hinausschreiben möchten, ruhigen und friedlichen und vor solchen Stürmen noch lange gesicherten Ländern Deutschlands, laut, ja mit Donnerstimme Lügen strafen. Und die frühere Revolution in unserm Vaterlande war keine eigenthümliche Pflanze desselben, sondern bei freilich hier und da sich vorfindendem innerm Gärungsstoff von fremden Bajonetten uns eingepfropft oder vielmehr ausgezwungen. §7) Ich sage mitAbsicht gründliche. Denn, sagt der unsterblicheDaco vonVeculam: IlLcditersrumstuckiL) Isviuo §u8tata, moveut forts88i8 quooäam sä -ztlisisrnum; 8aä psuitiuo Imuota ack religionem rs, üucunt. Und für die Wahrheit dieses Ausspruchs möge ein Neuton, Leibniz, Clarke, Pascal, Christian von Wolf, Albert Fabrizius, Matthias Geßner, Ernesti, Börhavs, Eüler, Lambert, Albrecht von Haller, Georg Sulzer (siehe dessen Todesgeschichte von Spalding), Christian Gvttl, Heyne und so viele hundert andere nicht 37 ganz unverträgliche, mit einander im ewigen Kampfe liegende Dinge wären. O daß es uns bleibe dies köstlichste einst in den Tagen der Vorzeit mit harten blutigen Kämpfen uns erstrittene Erbtheil weiser edeldenkender Voreltern, dafür sorget, edle weise Väter und Regenten des Landes; dafür sorget, ehrwürdige Vorsteher der Kirche und Schule; dafür sorget ihr, studierende Jünglinge, künftige Verwahrer ächter Gelehrsamkeit; dafür sorge jeder, dem sein Herz warm schlägt für das Glück und die Ehre des Vaterlandes! Und nie müssen verschwinden aus dem Gedächtniß der Nachwelt, in hohen Ehren bleiben, auch bei den spätesten Geschlechtern noch müssen sie genennt werden mit Dank und Segen die Nahmen der Edeln (welche hervorzuziehen aus der Nacht der Vergessenheit und bekannt zu machen besonders dem jüngern Geschlechte, das sie nicht mehr sah in der Zeit ihrer Wirksamkeit, wahrlich hohes dringendes Bedürfniß unsrer Zeiten ist)^), die Nahmen derer, die das köstlichste Gemeingut aller bessern Völker und Menschengeschlechter uns bewahrt und erhalten, gerettet aus der Zerstörung, gereinigt von neuen Verderbnissen, in neues schöneres Leben gebracht haben, gründliche vor den Verfinsterungen des Aberglaubens so wie vor dem Blendlicht des Unglaubens gesicherte NeligionSkenntniß, Denkens- und Gewissensfreiheit, ruhiges partheiloseS Forschen göttlicher und menschlicher Wahrheit, vaterländischen Gemeinfinn, Eifer zur Beförderung wahren Menschenglückes, bürgerliche und häusliche Tugend, und das Licht nützlicher Wissenschaft!! nur der gelehrtesten, sondern auch gvttesfürchttgsten Männer zeugen. Und dagegen möchte man kaum einen einzigen finden, der ein Gottesverächter, ein Prediger des Unglaubens, ein entschiedner Feind des Christenthums, und doch dabei in Absicht auf Gelehrsamkeit ein Stern der ersten oder auch nur zweiten Größe gewesen wäre! Nein nicht Gelehrsamkeit und gründliche Wissenschaft, wohl aber halbes, oberflächliches unverdautes Wissen, mit hohem Eigendünkel verbundner leichter Anflug gelehrter Kenntnisse, Afterweisheit, hinter der Larve der Gelehrsamkeit und Aüfklärung sich bergende Schön - und Freigeisterei, diese hat schon vielfaches Unheil über die Welt gebracht. Und die Wissenschaft selbst um des Mißbrauchs willen, der von ihr gemacht ward, verdammen zu wollen, würde eben so unverständig und thöricht seyn, als wenn man z. V. die Arzneikunst darum verwerfen oder wohl gar verbieten wollte, weil es hie und da Asterärzte und Quacksalber giebt, die unter dem Nahmen Panaceen schädliche ja selbst giftige Droguen verkaufen, guoruin tituli reinsäl» Irabent, xyxiäe8 Venen», wie Scneka sagt. In e» ternxnr» 'nsti sumus guidus strinare »niinnin expeäiat eonstantibus sxemxäis. Seite 4 Anm. 2) muß statt äs nsxu gelesen werden äs sonssnsu. „ 32 Lin. 17 start: O wer soll nicht — L wer sollte nicht. Anhang über weibliche Erziehung und den Schaden der Empfindsamkeit, besonders in der Religion. Brief von Joh. August Eberhard an Leonhard Usteri. < Geschrieben im Jahr >786,) Mein theuerster Freund l ^Hch fasse den Gedankenfaden in Ihrem letzten Schreiben bei den Worten auf: Und doch scheint es immer nothwendiger zu werden den Bedürfnissen unstudierter aber belesener Personen zu entsprechen. Darin muß ich Ihnen vollkommen beipflichten. Wenn ich Ihnen vielleicht zudringlich geschienen habe mit meinen Wünschen, Ihr Werk über die weib- liehe Erziehung^) öffentlich bekannt zu machen, so würden sie meine Zudringlichkeit begreifen, wenn Sie die elende Bildung des weiblichen Geschlechtes in unsern Gegenden sehen sollten In Ihrer Stadt ist sie besser, das weiß ich; aber eben deswegen wünschte ich die Gedanken des Mannes bekannter zu sehen, dem sie diese Verbesserung zu danken hat. Wie sehr wünschte ich zu wissen, wie Sie den schweren Mittelweg zwischen der Gleichgültigkeit und der Empfindsamkeit in der Religion bestimmen wollen. Ob man hier bei den Irrenden anstieße die irren wollen, das würde mich wenig kümmern, wenn man nur nicht bei seinem eignen Gewissen anstößt. Indeß muß doch an die Sache gedacht werden, denn daö Bedürfniß ist dringend; die Lage des gesellschaftlichen Zustandes in den gegenwärtigen Zeiten erfordert schlechterdings eine vernünftige Bearbeitung der weiblichen Seelen in den höhcrn Ständen. Zu einer Zeit wo das weibliche Geschlecht ein Theil nur der häuslichen Gesellschaft war, schrieben die Gesetze oder die haüsvätcrliche Autorität den Gattinnen, Schwestern, Töchtern ihre wesentlichen Pflichten vor; dazu brauchten ihre Ver- .standeSkräfte nicht sehr angebaut zu seyn. Ihre Rechte haben sich jetzt erweitert, und man versäumt ihnen die Vernunft zu geben, ohne d« sie diese Rechte nur zu ihrem Schaden gebrauchen Er meint den oben erwähnten Unterricht für Frauenzimmer. 50) So schrieb Eberhard im Jahr 1786. Wie Vieles mag sich seit dieser langen Zeit auch in dieser Rücksicht in Deutschland gebessert oder wohl ganz geändert haben. 5') Unter Empfindsamkeit versteht hier Eberhard die Empfänglichkeit für solche Empfindungen, welche, ohne fürs praktische Leben wirksam und wohlthätig zu seyn, meist nur die feinere oder gröbere Sinnlichkeit reizen, . im Gegensatze mit dem moralischen Gefühle, das ja nie fehlen darf, sondern vielmehr durch die Vernunft und Religion angeregt und belebt werden muß, wenn anders der Mensch gut und tugendhaft handeln soll. können. Jetzt ist in Deutschland die Erziehung der Töchter noch großentheils auf dem alten Fuß geblieben: nur die Schriftsteller haben sich ihrer angenommen; aber großentheils die Unmündigen unter ihnen, die sich selbst bewußt, daß sie Männer nicht unterrichten können, noch immer genug zu wissen glaubten, um zu Weibern und Kindern reden zu können. Diesen Lctztern haben sie dann immer Empfindsamkeit aufgetischt, und mit dieser haben sie ihnen denn auch die Religion zugerichtet. Wie wenig haben sie aber dabei die Geheimnisse des menschlichen Herzens gekannt. Diese empfindsame Religion empfiehlt sich leider unglaublich, aber es ist eben so unglaublich wie schädlich sie ist. Sie ist unthätig wie alle Empfindsamkeit, denn kein thätiger Mensch, ja kein thätiges - Volk ist je empfindsam gewesen. Denn die Empfindsamkeit tödtet alle Thätigkeit, und wo das Handeln angeht, da muß das Empfinden aufhören. Der König in Preußen (Friedrich II.) hat in seinen reifern Jahren die Nacinischen Trauerspiele aus seiner Büchersammlung und aus seinen Lehrstunden verbannt. Man hat ihm dies als Härte auslegen wollen; allein man sah nicht daß seine gewiß zartfühlende Seele ihre eigene Empfindsamkeit fürchtete. Diese.besticht die Urtheilskraft, und dies scheint mir ein Haupttheil ihrer Schädlichkeit zu seyn. Die Casuistik der Jesuiten kann kaum so schwankend seyn alö die Casuistik der Empfindsamkeit. Ein anderer Hauptnachtheil ist ihre Ungleichheit; sie hängt von jedem Eindrucke ab, und stimmt die Seele jeden Augenblick nach ihrem herrschenden Tone: Daher ist sie launisch, verdrießlich, ungesellig, unfreundlich. Sie hat immer nur eine Seite, an die sie Menschen und Dinge anpaßt,'da die Vernunft die nöthige Kunst lehrt bei jeder Sache das rechte Ende zu finden, wobei sie mit unserm Besten kann zusammengepaßt werden. Wenn also die Religion thätig seyn.soll, so paßt die Empfindsamkeit ganz und gar nicht aus dieselbe. Ich will nicht erwähnen daß sie dicftlbe auf eine sehr gefährliche Weise der Sinn- 'lichkcit viel zu nahe bringt, die Gottheit aus ihrem erhabnen Charakter eines weisen und ernsten Regenten und treu sorgenden Vaters der Menschen, oft zu einem liebelnden Schäfer herabwürdigt, und zu Empfindungen übergehen kann, die eine Andacht wie eine Comödie enden. Ich will nur bemerken, daß sie zur Unzufriedenheit mit den göttlichen Schickungen disponiert, und entweder mißvergnügt macht, das Uebel in der Welt übertreibt, oder die Ruhe der Seele durch Erwar- tungen nie eintreffender Wunder zu erhalten sucht. Dadurch macht sie dann den Religiösen zum Spiele aller Betrüger, die ihm solche Erwartungen vorspiegeln, oder wenigstens neue Sensationen geben. Und man darf glauben, daß unsere verzärtelte müßige Welt, der jede Anstrengung der Vernunft verhaßt ist, vielleicht 'jedem Betrüger, wie Cagliostro zu Füßen fallen und ihn um Täuschung anflehen würde, wenn ihn nicht schon sein Eigennutz dazu bereitwillig machte. Sie sehen, theuerster Freund, daß ich von der Schädlichkeit der Empfindsamkeit in der Religion überzeugt bin. Wie aber nun sie vermeiden und doch der Religion ihre nöthige Wärme lassen? Darüber erbitte ich mir Ihre Gedanken, durch, welche ich meine Einsichten zu erweitern und zu berichtigen wünschte. Wenn Sie meine Einfälle allenfalls Ihrem Werke beifügen wollen, so will ich sie Ihnen gerne mittheilen u. s. w.