M AM*- A I. v. Littrow^s vermischte Schriften Herausgegeben von C. L. v. Littrow, Director der Sternwarte zu Wien, Ritter rom Dannebrog rc. D r e n d e. Erster Wand. Stuttgart. Hofsmann'sche Verlagö-nchhandlurrg. 1 8 4 S. Inhalt des ersten Bandes, Vermischte Aufsätze. Seite. Bilder aus Rußland. 1 Der Brand von Kasan. 99 Der schwarze Tod des vierzehnten Jahrhunderts. 97 Der Staarblinde.109 Ueber die Denkmäler Denderah's.118 Unrichtigkeit der christlichen Zeitrechnung.146 Der Winter. 152 Ueber das Nordlicht.162 W tlerung des Ckolerajahres 1831.169 Regulirung der öffentlichen Uhren . . ..195 Witwen-Jnstiiute im Allgemeinen .205 Ueber eine Verbesserung der Fernrohre durch einen vaterländischen Künstler. 221 IV Diicher-Anzeigen un- Rezensionen. Seite. LoblisAe, Lconomz' ok liikxlünci^. 7 . . 237 LsIibgAv, on tbe tivviine ok Science in LnZinnä.287 Knebel's Nachlaß, herausgegeben von Varnhagen und Mundt.291 Wolf's Leben von Körte. 352 Wagner, Organen.-.378 Lesstng, Reift nach Norwegen.399 Lrevster, ^tlie lils ob I. lVenUon.411 Brewster, natürliche Magie.458 Le Sage, historischer Atlas. 481 Garthe, Heiligenschein.491 Spazier, I. P. Nichter's Leben.499 Vermischte Aufsätze Littrow i. r s^ipZS Bilder aus Rußland (Suttgarter Morgeublatt 1830 IV. und 1831 I. *) Der Frost und die Vorkehrungen dagegen. (§eit der Frost in Rußlands Ebenen einem ungeheuren Heere den Untergang gebracht hat, steht der russische Winter in noch weit schlimmerem Rufe als früher, und der Leser wird in der folgenden Skizze, die wir zu einer Zeit mittheilen, wo unter dem 56. Grad der Breite sich bereits die Vorboten des Frostes melden, während bei uns Deutschen erst die Natur anfängt, ihr grünes Gewand gegen ein gelblich braunes zu vertauschen, keine Apologie dieses Winters finden. Die Strenge des Klima's im nördlichen Rußland ist in der That so groß, daß man kaum begreifen kann, wie ihr der sonst so zarte menschliche Organismus so gut zu widerstehen vermag. Da ich die nördlichsten Gegenden dieses großen Reiches nicht kenne, so überlasse ich die nähere Beschreibung eines Winters, in Kola, Archangel oder Kamtschatka denjenigen, welche das wahrlich nicht zu beneidende Glück gehabt haben, ihn selbst zu genießen. Ich habe indessen mehrere Winter (1809 —1816) in Kasan zugebracht, (also in einer Breite von nahe 56 Graden, d. h. nahe in der Breite von Gothenburg in *) In diesem Aufsätze wurden einige, ursprünglich zur Wahrung der Anonymität bestimmte kleine Abweichungen von der Wirklichkeit geändert. Der Herausgeber. 1 * 4 Bilder aus Rußland. Schweden oder Edinburgh in Schottland) und bereits durch diesen Aufenthalt in dem dort sogenannten gemäßigten Rußland alle Lust verloren, auch noch das nördliche näher kennen zu lernen. Nach meiner Erfahrung ist eine in diesen Gegenden allgemeine Erscheinung, deren Ursache mir übrigens unbekannt ist, daß, so wie die strengste Kälte eintritt, auch zugleich völlige Windstille herrscht; ein sehr wohlthätiger Umstand, da bei einer so heftigen Kälte jeder noch so kleine Luftzug äußerst lästig ist, und das Gesicht sehr schmerzhaft, wie mit Messern schneidet, und da stärkere Winde wahrscheinlich alle Existenz im Freien unmöglich machen würden. Eigentliche Arbeiten unter freiem Himmel hören übrigens auch hier, der Windstille ungeachtet, selbst bei der ärmsten Klasse, beinahe gänzlich auf. Jeder Bauer zieht daü früher schon in seinem Hofe zubereitete Brennholz, wenn der December herannaht, in sein VorhauS, unmittelbar hinter die Stubenthür, damit er die nächsten sechs Wochen davon nehmen kann, ohne sich inS Freie zu begeben, um eS dort unter dem tiefen Schnee hervorzuscharren. Dann werden Thüren und Fenster auf das Sorgfältigste untersucht, jede Ritze ausgestopft, der Rand der Thür ringsum mit wollenen Tüchern, die daran festgenagelt, belegt und überhaupt für alles gesorgt, was das Eindringen der Kälte verhüten kann. Da in den acht Wintern, welche ich in Kasan verlebte , daö Quecksilber des Thermometers von 5 bis 6 Tagen dreimal ganz in die Kugel siel, und da um das Neujahr eine Kälte von 27 bis 30" k. drei bis vier Wochen lang zu den ganz gewöhnlichen Erscheinungen gehört, so läßt sich die Sorgfalt für den Schutz gegen die Kälte nicht leicht zu weit treiben. Alle öffentlichen Arbeiten und Vergnügungen haben ein Ende; die Schauspielhäuser werden geschlossen, die größeren Kirchen werden gesperrt und die nebenanstehenden kleineren geöffnet, die von Holz erbaut sind und geheizt werden könne». Auf den Plätzen der Stadt, wo die Fuhrleute mit ihrem Zugviehe wenigstens einige Zeit stehen müssen, oder wo der Markt für die unentbehrlichsten LebenSmittel gehalten wird, brennen große Feuer, an denen sich die Vorübergehenden auf einige Augenblicke zu erwärmen suchen, um gleich darauf ohne Verzug weiter zu eilen, und die warme Stube aufzusuchen. Wenn diese strengere Kälte eintritt, scheint sich die ganze Natur zu ändern, und alle den Menschen umgebenden Gegenstände scheinen eine andere Gestalt anzunehmen. Selbst der Aufenthalt in den Zimmern ist anders geworden. Die Doppelfenster, von welchen anfangs Bilder aus Rußland. 5 nur, wie bei uns, die innere Seite mit dichten Eiöblumen belegt war, werden jetzt auf allen vier Seiten mit einer zolldicken Eisrinde überzogen, die keine Blume mehr zeigt, und dem durch diese EiSmasse nur sparsam durchgehenden Tageslicht einen ganz eigenen Ton gibt. Es scheint, als ob das, was früher eine durchsichtige Oeffnung war, setzt mit einer großen Tafel von mattem, nicht polirtem Silber bedeckt wäre, welche von unsichtbaren Lampen eine eigene Beleuchtung erhielte. Wenn die Thüre des Zimmers, welches unmittelbar mit dem letzten nicht geheizten Vorhause kommunicirt, auf einen Augenblick geöffnet wird, so scheint eine dichte, weiße Rauchwolke in die Stube zu dringen, die in dem ersten Moment den Eintretenden ganz verbirgt, aber in dem nächstfolgenden schon die wärmere Luft der Stube als nasser Nebel zu Boden schlägt, daher die Gegend um diese Thür immer ganz feucht bleibt, während der äußere Rand der Thür und des Thürenstockö selbst mit hartem Schnee und oft auf der innern Seite mit kleinen Eiszapfen bedeckt ist. Noch aber kann der auf diese Weise von seinem Nimbus, der ihn bisher unsichtbar machte, befreite Gast nicht hervortreten, um die Bewohner in der Mitte des Zimmers oder vielmehr in der Ofengegend, wo sie gewöhnlich alle zusammengekauert sind, zu begrüßen. Denn da sein ganzes Gesicht mit einer dünnen Eiskruste überzogen ist, so muß er sich erst die in der Wärme schnell aufthauenden Rinden wie einzelne Glasscherben aus dem Gesichte brechen, waü besonders bei den Bauern, die Bärte tragen und deren Gesichte von Haaren strotzen, keine kleine Arbeit ist. Erst wenn dies abgethan, wendet man sich an das Heiligenbild, den Beschützer des Hauses, den Eintretenden gegenüber in einer Wandecke, schlägt drei große Kreuze und spricht die Bewohner mit dem freundlichen „ SärasMi KEuselika« (Willkommen Väterchen) an. Noch mehr ändert sich die Scene, wenn man die warme Stube verläßt und auf die offene Gasse tritt. Die Menschen, die man da erblickt, scheinen ganz andere zu seyn, als die, welche man noch vor wenigen Tagen an derselben Stelle gesehen hat. Alles ist tief verhüllt, und außer Mund, Nase und Augen sieht man nichts, als dicke Woüenkleider und Pelzwerke. Kein Langsamer, kein Fauler, kein Alter, keine kleinen Kinder werden mehr gesehen; die letzten müsse» nun zu Hause bleiben, weil sie außer dem Hause nicht mehr fortkommen können, und die ersten, so träg und bequem sie sich auch früher über die Gasse gewälzt haben mögen, sind nun plötzlich flink und munter geworden. Die Kaufleute, die sonst immer fest, wie 6 Bilder aus Rußland. Säulen, neben ihrer Waare standen, sieht man jetzt in einem immerwährenden Tanze begriffen, indem sie sich, wie Kreisel, um sich selbst auf ihren Absätzen drehen, mit ihren Füßen aus der Erde herum- stampfen, und ihre Arme immerwährend und nach allen Richtungen um sich herumschleudern. Die Bärte der russischen Bauern sind zu festen Eisklumpen geworden, und auch bei denen, die keine Bärte tragen, sind die Backenhaare und die dem Munde zunächstliegenden Kleidungsstücke ganz mit Schnee und dickem Reif belegt. Wenn der Mund des Nachbars sich zum Sprechen öffnet, so begleitet jeden arti- kulirten Ton ein dichter Nebel, der wie Rauch aus seinem Munde strömt, und die nur für daö Ohr bestimmten Worte nun auch gleichsam für das Auge sichtbar macht. Unter jedem Fußtritte knarrt der Schnee in einem hohen, pfeifenden Ton, und über dem Wanderer dampfen die Schornsteine in dichten Wolken, die sich durch ihre weiße Farbe sowohl, als noch mehr durch ihre scheinbare Festigkeit vor dem gewöhnlichen Rauche auszeichnen. Diese Wolken haben nicht mehr die gewöhnliche Bolubilität, sondern sie bilden gleichsam feste Rauchsäulen, die lebhaft an die hölzernen Wolken auf den Altären unserer Kirchen erinnern. Die Gegenstände auf der Erde, Häuser und Bäume, Thiere und Menschen, erscheinen nicht mehr wie im leeren, bloß mit Luft erfülltem Raume, fondern wie durch einen nicht mehr völlig durchsichtigen Körper von uns getrennt, und das allmälige Nähern zweier Menschen aus der Gaffe, mag mit der Bewegung der Fische im Wasser Aehnlichkeit haben, da die sich nähernde Gestalt in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten noch in einen dichten Nebel gehüllt erscheint, der immer dünner und durchsichtiger wird, je näher die Gestalt tritt, ohne daß sie übrigens früher ein eigentlicher Nebel verhüllt hätte, da bei der strengsten Kälte Nebel eben so selten sind, als stärkere Winde. Dazu kömmt noch eine eigene Beleuchtung aller Gegenstände durch die Sonne, die selbst am Mittage sehr niedrig steht, und immer eine tief purpurrothe Farbe hat. Oft, wenn man nahe an einem der meistens von Holz erbauten Häuser vorübergeht, wird man von einem plötzlichen Knalle erschreckt, der von dem Frieren im Holze enthaltener Feuchtigkeit entsteht, wobei die stärksten Balken oft mehrere Schuh lange Risse erhalten. Eine Wiederholung dieser Erscheinung gibt im Kleinen der Auswurf der Pferde. Wenn diese kugelförmigen Ercremente die innere Wärme des Thieres verlassen, so werden sie beinahe in demselben Augenblicke mit einer dünnen Eiskruste überzogen; später frieren auch die inneren Theile, und sprengen Bilder aus Rußland. 7 nun durch die dabei eintretende Ausdehnung jene Kruste mit Gewalt, und nicht ohne bedeutendes Getöse; die geborstenen Stücke fliegen zuweilen den Nahestehenden in das Gesicht, wie ich denn eine Frau kannte, die durch einen solchen Vorsall ein Auge verloren haben soll. In den Gegenden um Kasan fällt der erste Schnee gewöhnlich in der Mitte, oft auch schon zu Ansang des Oktobers, und da die Witterung im Sommer und Winter sehr beständig ist, so bleibt er beinahe immer bis in die Mitte Mai'S liegen. Gegen das Ende des Novembers hat sich der Schnee bereits so gehäuft, daß die untersten Fenster aller Häuser, die sonst in Manneshöhe über dem äußern Boden standen, jetzt mit ihm in gleicher Linie oder wohl auch schon im Schnee begraben liegen. Da es eine entsetzliche Arbeit wäre, den sich immer anhäufenden Schnee anö dem Hofe des Hauses zu führen, so begnügt man sich gewöhnlich nur die Einfahrt von der Gasse, so weit als es unumgänglich nöthig ist, frei zu halten. Daher fährt man im Winter von den Gassen in jedes Haus tief abwärts, als ob man in einen Keller fahren wollte. Es mag sonderbar scheinen, aber es ist demungeachtet, wenigstens für mein individuelles Gefühl, nicht weniger wahr, daß der Schnee in Rußland, wenn einmal die strenge Kälte eintritt, viel weißer ist, als der unsere, wenn gleich die blendende Weiße des letzter» unter uns bereits zum Sprichworte geworden ist. ES ist, nicht nnr für mich, sondern auch für alle, die ich deßhalb befragte, ganz unmöglich, eine größere Schneefläche, wenn sie von der Sonne beschienen wird, auch nur einige Augenblicke anzusehen, ohne heftige, prickelnde Schmerze» in den Augen zu fühlen. Nicht anders müßte ein eben so großer von der Sonne beschienener glatter Mctallspiegel auf das Gesicht wirken. Die Nächte sind im Winter, selbst zur Zeit des Neumonds, durch den Widerschein deS Schnee'S, welcher Widerschein viel Aehn- lichkeit mit dem des bekannten Bononischen Steins hat, so hell, daß man zur Nachtszeit nur unbedeutender weniger sieht, als an trüben Tagen, und daß man bei Nacht ganz eben so gut, wie am Tage reisen kann. Wegen dieses Widerscheins des Schnees sind auch, besonders in den nördlicheren Gegenden, selbst die Bauern mit Schneebrillen von gefärbten Gläsern versehen, die man in allen, selbst kleineren Orten, um einige Kopeken kaufen kann. Ganz Arme machen sich diese Brillen selbst, aus zwei kreisrunden, dünnen Holzscheibchen, in deren Mitte sie eine feine Spalte anbringen, die über die Pupille des Auges gebunden wird. Dieser Vorsicht ungeachtet ist es eine 8 Bilder aus Rußland. sehr gewöhnliche Erscheinung, daß die Alte» aus der arbeitenden Klasse blind werden, worüber man sich in Rußland eben so wenig aufhält, als man es bei uns sonderbar findet, wenn alte Leute ihre Zähne verlieren. Ost sah ich, wenn ich auf meinen Reisen eine Bauernstube zur Zeit des Mittags betrat, die ganze rüstige Familie wohlgemuth um ihren Tisch versammelt, während in der Ecke der Stube ein altes Pärchen vor einem kleinen, niedrigen Tisch gekauert, sein Mahl verzehrte. Wenn man fragt, wer die beiden Armen sind, so erhält man die scheinbar gleichgültige Antwort: „Das Väterchen und Mütterchen vvm Hause, die schon blind sind." — Dieses frühe Zugrundegehen der Augen ist aber wahrscheinlich nicht bloß dem blendenden Schnee, sondern auch der strengen Kälte überhaupt zuzuschreiben. Es ist eine in jenen Gegenden alltägliche Sache, daß den Menschen im Winter die Augen zufrieren: zwar nicht das eigentliche Auge, das, wie cS scheint, auch der strengsten Kälte widersteht, aber wohl die Flüssigkeit, welche dasselbe, wenn es von der Kälte gereizt wird, abzusondern pflegt. Wenn es aus der höher» Temperatur der geheitzten Stube in die Kälte tritt, oder wenn ein stärkerer Luftzug auf dasselbe einwirkt, so weint es, und wie die Thräne an den Rand der Augenlieder tritt und da auSeinanderflicßt, so friert sie auch schon und verschließt dadurch die Oeffnung der Augen. In diesem Falle tritt man sogleich in das nächste Haus, und stellt sich mit dem Worte: „Isrvimte" (um Vergebung oder: es beliebe Euch) neben der Thür in die warme Stube, wo das Auge sogleich wieder austhaut, worauf man dann seinen Weg wieder fortsetzt. Solche Besuche erhält man oft in einer Stunde mehrere, und es fällt Niemand ein, sich darüber aufzuhalten. Noch häufiger ist das Erfrieren derjenigen Theile des Körpers, welche sich auch in der strengsten Kälte nicht gut bedecken lassen, besonders der Nase. Das erste Gefühl dabei ist nicht unangenehm, und wenn man nicht besonders anfmerk- ist, oder eS schon öfters erfahren hat, so bemerkt man es auch wohl gar nicht. Desto besser aber bemerkt eS ein Anderer, da sich der erfrorne Theil sogleich durch seine bläuliche Farbe kenntlich macht und in diesem Augenblicke ist man auch schon gewiß von jedem, der uns begegnet und inS Gesicht sieht, liebevoll erinnert zu werden, „ Ilsi- tusoliles, vvssclis nos," (Väterchen, eure Nase) schreie» die Vorübergehenden und eilen hastig ihres Wegs weiter. In der That bedarf es weiter keiner andern Hülse, als dieses freundlichen ZurufeS, von dem die unmittelbare Folge ist, daß der vom Frost Ergriffene sogleich Bilder aus Rußland. 9 eine Handvoll Schnee vom Boden nimmt und sich damit die Nasenspitze derb einreibt, worauf er dann seinen Weg weiter fortsetzt und vielleicht auch schon in dem nächsten Augenblicke einem andern sein: „VVssoliö nos" zuruft. So wenig dieses Zufrieren der Augen oder dieses Erfrieren der Nase zu bedeuten hat, wenn sogleich Hülfe bei der Hand ist, so arge Folgen haben diese Zufälle, wenn sie anfangs versäumt worden sind und man sieht daher in Rußland nicht wenige, besonders in der Mitte des Gesichts häßlich und oft wahrhaft gräßlich entstellte Leute. So wie übrigens der Schnee jener kalten Gegenden sich von dem unsrigen unterscheidet, so ist auch das Eis derselben ein ganz anderes. Wenn die Bewohner des südlichen Deutschlands oft während dem Lauf eines ganzen Winters nur schmutziges und brüchiges Eis für ihre Keller erhalten, das kaum einen halben Fuß Dicke hat, so wird das Eis in den Seen und selbst in den größeren Strömen Rußlands meistens 4 und über 6 Fuß dick und diese Stücke sind, ihrer Dicke ungeachtet, so hart, daß man daran mit einem Stahle Feuer schlagen kann, und so durchsichtig, daß man einen Strohhalm, wenn er auch in der Mitte eines solchen klasterdicken Klumpens liegt, noch so rein und ungehindert sehen kann, als ob er ganz sröi vor dem Gesichte läge. Dieser strengen und dem Aufenhalte im Freien so hinderlichen Kälte ungeachtet, werden in Rußland die meisten Reisen im Winter gemacht und zwar ununterbrochen bei Tage sowohl als bei Nacht. Die Hauptursache dieser auffallenden Erscheinung sind offenbar die Wege, die im Sommer, besonders im Anfange und am Ende desselben, da sie ganz der lieben Natur überlassen werden, oft grundlos und wahrhaft unbrauchbar sind, während sie im Winter von denselben Händen der Natur besser gemacht werden, als man sie in irgend einem Lande finden kann. Durch gute, dichte Pelze wird der Körper der Reisenden hinlänglich geschützt und durch sehr zweckmäßig gearbeitete Bastmatten weiß selbst der Bauer seinen Wagen zu. einer kleinen Stube umzuformen, in welcher es sich auch in der strengsten Kälte recht gemächlich sitzt oder liegt. Wohlhabendere Leute auü dem Mittelstände haben gewöhnlich sehr große Schlitten, in welchen die ganze Familie von sechs bis acht Personen Platz hat, und die von eben so vielen Pferden gezogen werden. Die Bewohner eines solchen fahrenden Hauses sind alle wohleingepackt, meistens liegend über und unter dichten Pelzen und von außen durch die erwähnten Bastmatten 10 Bilder aus Rußland. gut beschirmt, so daß sie nur wenig von den Unbilden der Witterung zu leiden haben, und sich in dem engen, durch sie selbst erwärmten Raume meistens recht wohl befinden. Noch muß, wenn von der Strenge des Klimas die Rede ist, der auffallenden Erscheinung Erwähnung gethan werden, daß die Kälte in Rußland gegen Osten immer zunimmt, und selbst in einem größer» Grade zunimmt, als wenn man eben so viel von Süden gegen Norden geht. Moskau und Kasan z. B. liegen sehr nahe unter demselben Breitengrade, aber Kasan, das etwa 100 deutsche Meilen östlicher liegt, ist viel, sehr viel kälter als Moskau. Kasan liegt nahezu in derselben Entfernung von dem Aequator, als Kopenhagen, oder Edinburgh, aber wie ungemein verschieden ist das Klima dieser Städte; Petersburg liegt gegen 5" nördlicher als Kasan, und doch ist das Klima von Petersburg bei aller seiner Strenge, viel milder, als das der letztem Stadt, wobei freilich auch die Nähe der See ihren Einfluß äußern mag. In Kasan tritt der Winter mit der Mitte Oktobers ein und dauert ununterbrochen fort bis zu Ende Aprils und erst gegen Ende Mais werden die Felder bestellt, während man in Drontheim in Norwegen noch im November grüne Wiesen hat, und eines angemessenen Spaziergangs im Freien genießen kann, obschon Drontheim eine Breite von 64" hat, also acht volle Grade nördlicher liegt, als Kasan. Noch auffallender werden diese Unterschiedes wenn man in Rußland weiter gegen Osten vordringt. Ochotzk z. B. liegt mit Petersburg und Stockholm beinahe unter derselben Breite, aber der Russe selbst schaudert vor der alles erstarrenden Kälte in Ochotzk, und alle Beamte dieser Stadt, die aus westlicheren Gegenden hingeschickt werden, erhalten doppelten Sold, einen höhern Rang und die Erlaubniß, »ach drei Jahren wieder zurückzukehren, weil sich ohne diese Vergütungen Niemand finden würde, der sich diesem unwirklichen und beinahe unbewohnbaren Klima aussetzen möchte. Der bloße Name Kamtschatka erregt schon Kälte und Schauder und doch ist der Peterpaulshafen in Kamtschatka nur 53" von dem Aequator entfernt, also in derselben geographischen Breite, wie Dreüden, Amsterdam oder London. Eine Ursache dieses auffallenden Unterschieds des Klimas ist ohne Zweifel die Entfernung der meisten Orte des südlichen Sibirien von allen Meeren, an deren Küsten die Temperatur immer milder ist. Es gibt keinen so großen, von allen Meeren ringsum so entlegenen Erdstrich, als das mittlere Asien. Aber allein aus dieser Bilder aus Rußland. 11 Entfernung vom Meere läßt sich jene Differenz der Temperatur wohl nicht genügend erklären. Die vielen, auf mehrere hundert Meilen verbreiteten Salzlager des mittlern Asiens mögen auch ihren guten Theil beitragen, besonders durch die in diesem Salzboden verkümmerte Vegetation, da man in diesen Gegenden oft auf mehrere Tagereisen keine Wälder und selbst nur wenig kleinere Pflanzen erblickt. Der Hauptgrund aber ist wahrscheinlich, daß sich der ganze Boden von West gen Ost allmälig über die Fläche des Meeres erhebt und so den größten Bergrücken der Erde bildet, ein ungeheures Bergplateau, auf dem seit Jahrtausenden die Völker des Nordostens sich herumgetrieben und zuweilen auch in ganzen Strömen sich in die südwestlichen Gegenden ergossen haben. Für die »ngemein hohe Lage jener Gegenden zeugt auch der Lauf der großen, gewaltigen Ströme, die alle auf dem höchsten Rücken dieses Plateaus entspringen und wie der Ob, Jenisei, Jrtisch u. a. dem Nordmeere zueilen. Es ist Schade, daß die vielen Reisen, welche unter der Regierung der Kaiserinn Katharina II. in diesen Gegenden meistens von deutschen Naturforschern: Pallas, Gmclin u. a., gemacht worden sind, über die Höhe des Landes keine bestimmte Auskunft geben. Die Akademie der Wissenschaften in Petersburg könnte dieß aufklären, wenn sie zuverlässige Beamte in diesen Gegenden mit guten Barometern versehen wollte, eine Anordnung, die auch noch in mehreren anderen meteorologischen Rücksichten von großem Nutzen sein könnte. Dieß vom Winter in jenen Gegenden, den ich aus eigener Erfahrung kennen gelernt., habe. Auf mich, der ich an diese Extreme nicht gewöhnt war, wirkte er unangenehm, so oft er wieder kam. Welch ein Leben für ein Wesen, das vor allem sich des Lichts und der Wärme der Sonne erfreut, viele Monate den größten Theil seiner Zeit nur bei dem elenden Lichte einer Kerze zubringen zu müssen, da die Sonne, in Perm (58" n. B.) z. B. an den Tagen, wo man sie am sehnlichsten wünscht, erst um 10 Uhr aufgeht, und um 2 Uhr schon wieder verschwindet, unv auch während dieser 1 Stunden, die sie sichtbar ist, in einer blutrothen Farbe, ohne zu wärmen und selbst ohne bedeutend zu leuchten, sich nur wenig über den Horizont erhebt, und an den benachbarten Bergen im Süden furchtsam hinschleicht, hinter welchen sie sich, ohne daß man sie noch recht gesehen hat, wieder verbirgt. Es ist vielleicht unmöglich, einen an Besseres Gewöhnten die traurige Lage der Bewohner dieser Gegenden in allen ihren Umständen deutlich zu machen, da eS, ich gestehe es, selbst mir 12 Bilder aus Rußland. schwer fällt, diese Umstände wieder lebhaft genug in mein Gedächtniß zurückzurufen. Ich muß noch zuweilen über mich selbst lächeln, wenn ich mich erinnere, wie ich einmal in Kasan um die Mitte des Oktobers, als schon alles vor Kälte erstarrt war, einer leichten Unpäßlichkeit wegen das Bett hüten mußte und zum Zeitvertreib von meinen Kindern ihr Lesebuch, Weisse's Kinderfrennd, begehrte. Ich schlug das Buch auf und traf auf eine Stelle, wo der Verfasser am Ende Novembers, Mittags, auf einer noch grüne» Wiese an der Meiste spazieren geht. Mir traten Thränen des UnmuthS und der Reue in die Augen, daß ich ein so herrliches, daß ich mein geliebtes und gelobtes Vaterland verlassen, gegen diese unwirthlichen und wie mich damals bauchte, schrecklichen Gegenden vertauscht hatte. Ich lächle, wie gesagt, noch zuweilen, wenn ich mich seneS Kleinmuths erinnere, aber die Thräne, die ich damals nicht zurückhalten konnte, war eine sehr ernste Thräne, die aus der Tiefe meines Herzens kam, und ich stehe nicht dafür, daß ich die Scene, wenn ich je auf diesem Theater wieder auftreten sollte, nicht wiederholen würde. Der Sommer. Ist der Winter in Rußland hart, so ist der Sommer nicht viel angenehmer. Ich bin den Russen gut, herzlich gut. Aber so gut und brav sie selbst seyn mögen, ihr Klima finde ich nicht bcneidens- werth, und ich gestehe es gern, daß ich von Herzen froh bin, es loS zu seyn. Möchten immerhin ihre Winter kalt und ihre Sommer so heiß seyn, als sie es in der That sind, wenn man nur wenigstens durch die Zwischenzeiten jener Extreme, durch den Frühling und den Herbst wieder für jene Leiden entschädigt würde; aber daran fehlt viel. Rußland hat keinen Frühling, er und seine freundlichen Verkünde! fehlen gänzlich. Heute noch liegt die ganze Gegend so weit des Menschen Auge reicht, in tiefer Winterkälte erstarrt und unter einer undurchdringlichen Decke von Eis und Schnee begraben; heute noch bietet die Gegend nur das Bild des Todes und eines weiten schweigenden Grabes, und morgen schon wird, wie aus einen Zauber- schlag, die ganze Scene verwandelt. Der Wind hat sich gedreht, die Luft hat sich geklärt und die Sonne, deren Daseyn gestern man kaum bemerkte, wird heute schon durch ihre drückende Hitze zur Last. Bilder aus Rußland. 13 i Die Masse Schnees, die das ganze Land klafterhoch bedeckte, schmilzt I in wenig Tagen bis auf die letzte Spur, und die Pflanzen treiben , mit Gewalt aus dem Schooße der Erde hervor. Der Landmann, der zu Anfang Mai'ö sich kaum der Kalte noch erwehren konnte, säet am Ende dieses Monats sein Getreide aus und ehe die andern zwei Monate vergangen sind, ist eS auch schon geärntet, und der Winter neuerdings vor der Thüre. Die Vegetation geht so schnell vor sich, j daß man sich ihrer Gegenwart kaum erfreuen kann, und das Land, ^ das vor kurzem noch unter tiefem Schnee begraben lag, hat die ! Natur eines künstlich geheizten Treibhauses angenommen. ! Das Gouvernement Kasan, eines der fruchtbarsten des Reiches, hat seiner ganzen Ausdehnung nach den besten Gartenboden, auch wird da der schönste, oft mannshohe Weizen gebaut. Aber kaum ist er gesäct, so steht er auch schon in hohen Halmen da, und bald I darauf geht seine fröhliche grüne Farbe in das fahle Gelb des Herbstes ! über, und er verschwindet von den Fluren, nichts als seine Stoppeln j zurücklassend, die bald darauf wieder durch eine dicke Schneedecke dem ! Auge entrückt werden. Wie in einem Treibhause, wo alles künstlich ^ und mit Gewalt der Reife entgegengesührt wird, gedeihen hier im ! freie» Felde alle Früchte des Südens, die zu ihrer Reife nur eine kurze Zeit fordern: die köstlichen Spargeln z. B., die an feuchten Orten wild wachsen, und unsere in Gärten mit Sorgfalt gepflegten an Wohlgeschmack weit übertreffen, und die ganz vortrefflichen Melonen, besonders die Wasser-Melonen (eucurbita cilrülus), die ich nirgends schöner und besser gesehen habe, obschon sie der Bauer, wie sein Getreide, auf dem freien Felde säet und dann der lieben Mutter Natur überläßt. Was aber längere Zeit zur Reife braucht, kommt dort nicht fort, und wird auch nur in Gärten und eigentlichen Treibhäusern gehalten. Unsere gemeinen Pflaumenbäume, die in jedem Baumgarten Deutschlands wachsen, werden dort wie Pomeranzen- bäume in eigenen Gefäßen im Glashause gezogen und nur an den schönsten Sommertagen in die freie Lust gebracht, und unsere Schlehen (?ruuu8 spinoss) die bei uns als Unkraut nebe» den Feldern wuchern, müssen dort ebenfalls, wenn man Früchte von ihnen erhalten soll, in das Glashaus gebracht werden. Demungeachtet steigt die Hitze in der Mitte des Sommers in etwa 5 oder 6 Wochen nicht selten bis 30" R. im Schatten, und die beinahe immerwährende Gegenwart der Sonne während dieser Zeit macht den Aufenthalt in jener Gegend nicht minder beschwerlich, als die enorme Kälte im Winter. 14 Bilder aus Rußland. Da zu Ende des Jum'uö und zu Anfang deö Julius die Abenddämmerung noch lange nicht aufgehört hat, wenn schon die Morgendämmerung anfängt, so kann man auch um Mitternacht und ohne Mondlicht einen nur etwas starken Druck ganz bequem lesen, und wenn man auch erst um Mitternacht zu Bette geht, so muß man sich doch noch bei Tage niederlegen; diese, wenn gleich nur kurze, aber prägnante Hitze scheint jene sonst so kalten Gegenden auf einige Wochen förmlich zu einem tropischen Lande zu machen. Nach 10 Uhr Morgens werden alle Arbeiten, selbst der gemeineren Klaffen, eingestellt, und alle Fensterläden geschlossen, oder bloß die nördlichen Fenster offen gelassen. Von 10 Uhr Morgens bis 3 Uhr Abends sind die Straßen der Städte und Dörfer leer und einsam, da alles sich in den Schatten seines Hauses oder seines Gartens vor der brennenden Hitze zu verbergen und diese Zeit gewöhnlich zu verschlafen sucht. Die Temperatur der Lust und des Bodens ist so groß, daß man, wie man aus einem schattigen Orte an einen von der Sonne beschienen tritt, vor der Oeffnung eines stark geheizten Backofens zu stehen glaubt. Diese Hitze ermattet alle körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen so sehr, daß man durchaus zu keiner Beschäftigung irgend einer Art sich aufgelegt fühlt. Wenn man aus Ueber- druß ein Buch, eine Zeitung zur Hand nimmt, und anfängt zu lesen, so fängt man auch schon an zu schwitzen; man legt daher unwillig alles weg, und begnügt sich, unthätig die vier Wände seines Zimmers anzusehen und die besseren Zeiten der alles durchdringenden, aber doch zugleich erfrischenden und stärkenden Kälte zurückzuwünschen. Die Sommer in senen Gegenden sind auch noch dadurch ausgezeichnet, daß von Ende Mai'ö bis Anfang Septembers kein Regen fällt, wie auch die Ungewitter eine äußerst seltene Sache sind. Durch beideö wird die drückende Hitze der langen Tage sehr vermehrt. Die Ursache dieser Erscheinung ist ohne Zweisel die Fläche des Landes. Um Perm und Kasan findet man auf hundert und mehr deutsche Meilen in die Runde keinen beträchtlichen Berg, und man kann die ganze Strecke von Kiew bis an den Ural in einer Breite von hundert Meilen, eine Ebene nennen, die nur da und dort durch sanfte Hügelreihen unterbrochen wird. Daß demungeachtet die Fruchtbarkeit, besonders des Kasan'schen Gouvernement, wie oben erwähnt wurde, so groß ist, kömmt von der Ueberschwemmung der Wolga, die jährlich zu bestimmten Zeiten eben so regelmäßig, wie der Nil in Egypten, aus ihren Ufern tritt und die Gegenden auf zwei und mehr deutsche Bilder aus Rußland. 15 Meilen von ihrem Bette auf fünf bis sechs Wochen zu einem unabsehbaren Meere macht. Diese Ueberschwemmunge» der Wolga und der übrigen großer» Flüsse, der Wijätka, Kama, Kinel, Jrgis u. s. w., welche sich in die Wolga ergießen, machen diese Gegenden sehr lebhaft uud fruchtbar zugleich. Man fährt zur Lust und des Handels wegen zu jener Zeit mit nicht unbeträchtlichen Schiffen, die zwei Mäste und sechs bis zehn kleine Kanonen tragen, und oft hundert und mehr Reisende aufnehmen, über Wiesen und Felder zu den benachbarten Städten, die auö dieser Ursache alle auf Anhöhen liegen, und wenn die Gewässer wieder in ihre gewohnten Ufer zurücktreten, ist der von ihnen verlassene Boden oft eine Elle hoch mit furchtbarem Schlamme bedeckt, in welchem alle Gewächse bei der nun eintretenden Hitze schnell und kräftig gedeihen. In Niederungen bleiben auch Sümpfe zurück, deren Wasser mehrere Monate stagniren, in Fäulniß übergehen und diese sonst so gesunden Gegenden im Juli und August mit bösartigen Fiebern plagen. Das Gouvernement Ufa besonders wird in jener Zeit von einem Wechselsieber heimgesucht, welches den Kranken nur alle sieben Tage einmal befällt, aber so heftig ist, daß es meistens mit dem Tode endet. Auch in und um Kasan sind die Wechselfieber, wenn gleich nicht tödtlich, doch ungemcin angreifend. Diese Fieber sind in Kasan ein- oder dreitägig, sehr selten viertägig und sie unterscheiden sich von den kalten Fiebern unserer Gegenden neben anderen Erscheinungen vorzüglich dadurch, daß der Kranke beinahe keinen Frost, sondern nur ein schmerzhaftes Ziehen im Nückgrate fühlt, dem aber bald eine sehr große Hitze und ein äußerst heftiger Kopfschmerz folgt, bei dem man jeden Pulöschlag wie den eines Hammers fühlt. Die russischen Aerzte kuriren dieses Fieber ganz allein mit Chinarinde. Da wir vom Fieber sprechen, so sey es uns erlaubt, hier noch einiges diese Krankheit Betreffende anzuführen, was im Auslande wohl noch nicht bekannt ist. Der Russe verbindet einen ganz besondern ' Aberglauben mit dieser Krankheit, wie sie denn überall wegen ihrer ! auffallenden Sonderbarkeiten des regelmäßig zu derselben Stunde wiederkehrenden Anfalls bei sonst gesundem Körper und dergleichen, den Volksglauben in ganz besondere Thätigkeit zu versetzen pflegt. Die Russen und nicht bloß die sogenannten gemeinen, halten das Wechselfieber für eine weibliche Person, die in nächtlicher Stille um- herschleicht, um sich nach ihren oft sehr sonderbaren Launen ihre Opfer auszusuchen. Diese Person oder dieser weibliche Geist heißt Lichoratka, 16 Bilder aus Rußland. und ebenso wird auch das Fieber selbst genannt. Um die Vorstellung der Russe» von diesem Geiste deutlicher zu machen, will ich die Erzählung deS verstorbenen Archimandriten (Bischofs) Israel von Kasan, eines wegen seines Verstandes und seiner hohen Redlichkeit allgemein geschätzten Mannes, mit seinen eigenen Worten wiedergeben. „Ich war," erzählte er mir, „zwanzig Jahre alt, und Sekretär des Klosters zu Simbirsk, dessen Abt mich besonders liebte und mich auch zur Annahme des geistlichen Standes bestimmte. Eines Abends in der Butterwoche (Fastnacht) hörte ich in dem benachbarten Hause eine rauschende Tanzmusik, und obschon es uns streng verboten war, zur Nachtzeit das Kloster zu verlassen, so wußte ich doch Wege zu finden, um »»entdeckt aus demselben und bis vor die Fenster des Tanzsaalcö zu kommen. Obschon dieser zur ebenen Erde lag, so waren doch die Fenster zu hoch, um durch sie von der Gasse die lustigen Bewohner des Zimmers sehen und meine Neugierde befriedigen zu können. Mit Mühe und Angst vor der Entdeckung kletterte ich hoch genug, und erblickte zu meiner großen Freude daö fröhliche Völkchen, unter dem ich so gern gewesen wäre. Aber meine Freude sollte nicht lange dauern, denn kaum hatte ich auf das bunte Gewühl einige Blicke geworfen, als plötzlich aus demselben eine hohe magere, im Gesichte sehr schöne weibliche Gestalt hervortrat und, die Augen unverwandt auf mich gerichtet, den Weg zu meinem Fenster einschlug. Eine innere Ahnung sagte mir sogleich, daß dies die Lichoratka sey, die mir so oft von andern beschrieben worden war. Ich erschrack, sprang herab und schlich betroffen nach Hause. Ich legte mich bekümmert zu Bette und erwachte nach Mitternacht — im Fieber. Ich litt fünf Wochen daran, während welcher mich mein guter alter Abt täglich besuchte und auf das liebreichste behandelte. Am Ende dieser Zeit hatte ich den Einfall, meinen alten Wolfspelz, den ich auf meinen Inspektionsreisen im Winter zu brauchen pflegte, durch meinen Diener von dem Boden des Hauses bringen und der größeren Wärme wegen, über die Decke meines Bettes legen zu lassen. In der nächstfolgenden Nacht erschien mir im Traume, wenn eS ja ein Traum und nicht eine wirkliche Erscheinung war, die Lichoratka ganz in demselben Anzüge, in welchem ich sie vor fünf Wochen gesehen hatte. Sie trat in mein Zimmer und näherte sich langsam meinem Bette; als sie ganz nahe stand, drohte sie mir mit der Hand, fuhr aber gleich darauf lächelnd mit ihrer Hand über das Gesicht und sagte: Pfui, wie der Pelz stinkt; hier mag ich nicht mehr seyn, ich gehe zu Bilder aus Rußland. 17 Jessipow." Dieß war der Schreiber des Klosters, ein junger, starker Mann, der während meiner Krankheit mein Amt bei dem Abte versehen hatte. Als ich am andern Morgen dem mich besuchenden Abte meine Geschichte erzählte, verkündigte mir dieser meine Genesung. Da er mich etwas ungläubig lächeln sah, wurde er beinahe böse und versicherte mich hoch und theuer, daß das Fieber nicht mehr kommen werde, was er mir denn gleich durch eine Menge ähnliche Geschichten zu beweisen suchte. Als ich nun endlich gläubig und durch meinen Glauben beruhigt wurde, siel mir der arme Jessipow ein, der durch mich und meinen Pelz ins Unglück gekommen seyn konnte. Der alte Herr tröstete mich aber und meinte, er wisse kein Beispiel, daß die Lichoratka so boshaft sey. Zu besserer Bekräftigung seiner Aussage ließ er durch meinen Diener den Schreiber rufen und auf mein Zimmer bestellen; aber wie erschrocken wir beide, als der Diener zurückkam, und Jessipow entschuldigte, weil er im Bette liege und ein heftig Lichoratka habe; der arme Junge litt den ganzen Herbst daran, und zu Anfang des Winters haben wir ihn begraben. —" Solche Geschichten kann man in Rußland in jeder Familie zu Hunderten hören, und ich rathe jedem Fremden, seine Zweifelsucht oder sein Lächeln zu unterdrücken, wenn er nicht für einen Freigeist oder für einen Thoren gehalten werden will. Auffallender noch ist eine andere Krankheit, welche ich sonst nirgends angetroffen habe. Sie wird LMü llsrskolilu (weißes Heiß- sieber) genannt, eine Benennung, deren Grund aufzufinden mir nicht gelang. Ich will auch hier die individuelle Geschichte eines Kranken anführen, des verstorbenen Generals Serjeew in Kasan, eines sehr gebildeten Mannes, von ganz vortrefflichem Charakter, den ich während seiner Krankheit, so wie mehrere Jahre vor und nach derselben, ! beinahe täglich zu sehen Gelegenheit hatte. Die Krankheit sing, wie gewöhnlich, mit einer gewissen Mattigkeit, einer Abspannung an, die aber anfangs mehr den Geist, als den Körper zu treffen scheint. Bei sonst gutem Appetit und wenigstens scheinbar gesundem Schlafe bemächtigt sich des Menschen eine trübe melancholische Stimmung, wobei sich bald nach den ersten Tagen sonderbare Ansichten und Antworten äußern, welche auf eine, meistens schnell vorübergehende und oft nur einige Sekunden anhaltende Unordnung in dem Denkvermögen und in der Apperzeption der äußern Gegenstände durch die Sinne schließen lassen. Später werden diese Abweichungen von der gesunden Ansicht der Dinge häufiger und greller, auch scheint dann der Körper Ltttrow l- 2 18 Bilder aus Rußland. in Mitleidenschaft gezogen, da besonders der Schlaf und später auch die Eßlust gestört werden, ohne daß jedoch der Kranke das Bett hüten muß. Unser Patient ging seinen gewöhnlichen häuslichen Geschäften nach und hielt auch, da er ein sehr geselliger Mann war, die Gesellschaften, die er seinen Bekannten gab, ungestört weiter. Allein bald darauf wurde die Sache so arg, daß seine Gemahlin alle eigentlichen Fremden fern zu halten suchte, und nur den näheren Freunden, die seinen Zustand kannten und schonten, den Zutritt erlaubte. Diesen letzten verbarg er seine Lage keineswegs, sondern erzählte ihnen vielmehr mit der größten Offenherzigkeit Abends, was ihm jeden Tag widerfahren war. Da, wenn der Kranke gehörig gepflegt wird, daS Uebel selten einen bösen Ausgang nimmt, vielmehr nach einigen Monaten, bei manchen auch schon nach einigen Wochen, wieder so langsam verschwindet, wie es gekommen war, so pflegt man sich eben nicht viel daraus zu machen, und wartet in Geduld sein Ende ab. „Heute Morgen," sagte der General eines Abends, indem er mich bei der Hand nahm, „habe ich viel mit Ihnen zu thun gehabt." Ich äußerte meine Verwunderung, da ich den ganzen Morgen mein Haus nicht verlassen hatte. „Thut nichts," sagte er lächelnd, „ich habe doch sehr viel mit Ihnen gesprochen, ich saß in meinem letzten Zimmer und hörte Sie kommen, ich kenne Ihren Tritt; Sie klopften an die Thüre und ich mußte dreimal herein rufen, bis Sie mich hörten und endlich ins Zimmer traten. Wir haben das interessante Gespräch vorgestern fortgesetzt, und Sie mußten mir, so hartnäckig Sie auch gestern Ihren Satz vertheidigten, am Ende doch nachgeben. Ich war auch ganz müde von dem ewigen Reden." Ich schwieg und mein bedenkliches Gesicht machte ihn lachen. „Nu, nu," sagte er, „ich weiß so gut wie Sie, daß Sie nicht da waren, aber wir haben uns demungeachtet gesprochen und recht lebhaft herumgezankt. Wenn das Zeug bald aufhört, will ich nicht böse seyn, denn ich versichere Sie, so ganz ohne Unterhaltung ist es doch nicht. Ich wünschte, Sie wären auch schon einmal in dieser Lage gewesen, Sie würden mich dann ganz verstehen. Ich weiß sehr wohl zu unterscheiden, ob Sie selbst zu meiner Thüre Hereintreten, oder ob es nur Ihre oder vielmehr nur eine Erscheinung ist. Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich im letzten Falle getäuscht werde, aber ich muß mich dieser Täuschung mit einer Art von unwiderstehlicher Lust hingeben; dann Bilder aus Rußland. 19 wird die Sache freilich bald so arg, daß ich nicht mehr weiß, woran ich bin." Ein andermal saß ich mit General Serseew auf seinem Sopha im Gespräche. Alles schien in der besten Ordnung zu seyn, als plötzlich seine Augen sich auf ein ihm gegenüberhängendeS Porträt in Lebensgröße hefteten, und er bald darauf mit diesem Bilde ein Gespräch begann. Nach einer Minute fuhr er mit der Hand über seine Stirne und bat mich um Verzeihung, wenn er dummes Zeug gesagt haben sollte. Wir setzten unser Gespräch fort und ich konnte, jene Augenblicke ausgenommen, keine Spur von Irrereden oder falscher Ansicht entdecken. So sprang er eines Abends plötzlich von seinem Tische und sing mit einem, der eben hereingctrcten seyn sollte, zu zanken an. Er hätte eö ihm gesagt, daß er nicht weiter mit ihm zu thun haben wollte; warum er ihn nun doch wieder belästige? u. s. w. Eine Stille folgte, in welcher er eine umständliche Vertheidigung der Erscheinung anzuhören schien, die er aber dann eben so umständlich und, wie es mir schien, sehr zusammenhängend widerlegte; er hörte nicht eher zu schmollen auf, bis er den ungebetenen Gast zur Thür begleitet und ihm sein „Lrostselmi" (Lebe wohl) nachgeworfen hatte. Dann setzte er sich wieder zu uns, rieb sich die Hände und sagte endlich: „Da war ich wieder einmal nicht recht gescheidt," und war von nun an ganz in der Ordnung. Eines Morgens schien er, als ich auf sein Zimmer trat, in vollem Ernste böse auf mich zu seyn. DaS hätte er, wie er sagte, doch nicht um mich verdient, das wäre doch zu arg u. dgl. Ich bat ihn, sich deutlicher zu erklären und er sagte mir endlich, er habe gestern Abends an seinem Fenster, das auf einen schönen, großen Teich in der Mitte der Stadt ging, eine Barke fahren sehen, in welcher ich mit mehreren seiner Bekannten Spottlieder auf ihn gesungen hätte. Er nannte mir, noch ganz erzürnt, die abscheulichen russischen Schimpfnamen, mit denen ich ihn höhnisch bewillkommt habe, als wir dem Fenster nahe kamen, und kurz, es sey so arg geworden, daß er endlich aufgesprungen sey, das Fenster geöffnet und uns mit dem Stocke gedroht habe. Da ich bei seiner lebhaften Erzählung nicht wußte, ob er nicht vielleicht in dem gegenwärtigen Augenblicke selbst wieder irre sprach, so suchte ich ihn zu beruhigen, das Gespräch anders zu lenken, als er plötzlich mit seiner gewohnten Herzlichkeit mir um den Hals fiel und ausrief: „Es ist nichts, gar nichts, Sie sind und bleiben mein alter, guter Freund, aber ich wollte nur hören, 2 » 20 Bilder aus Rußland. wie Sie die Geschichte aufnehmen. — Denken Sie nur," fuhr er lachend fort, „so eben war der arme, gute Mensch, der Professor R..... da, dem ich sie auch erzählte, und wie es wahr ist, hinzusetzte, er habe, als ich mit dem Stocke drohte, mich einen Luleinsiri (Hundesohn) genannt. Der arme Mann kam so in Verlegenheit, daß er mich förmlich um Verzeihung bat und versprach, es nie wieder zu thun; er war so ergriffen, daß er bald geweint hätte, und ich wette darauf, er glaubte die ganze Geschichte beinahe selbst." Auf diese Weise ging es zwei Monate lang fort und ich will nur noch das Ende der Krankheit erzählen, weil dieses vielleicht über den Charakter derselben Aufschluß geben kann. Er lag nach Tische ruhig auf seinem Feldbette, als sich sein Zimmer allmälig scheinbar mit Menschen füllte. Nach seiner Erzählung schien er auf einem Markte zu sein, wo die Leute sich dicht drängten, und der Stelle, wo er lag, die sie anfangs frei gelassen hatten, immer näher kamen. Obschon er solche Erscheinungen öfter gehabt hatte, so wurde es ihm doch diesmal zu viel. Er zog die Glocke und schickte seinen eintretenden Diener zu dem Arzte. Dieser ließ ihm am Arm zur Ader. Nachdem dieses geschehen war, erzählte mir der General, wurde das Menschengewühl in meiner Stube zwar nicht kleiner, aber die Gestalten, die sich darin herumtrieben, wurden allmälig immer durchsichtiger, und was mir besonders auffiel, sie schienen vom Kopf und den Füßen gegen die Mitte ihres Körpers zusammenzuschrumpfen. Am Ende waren nur noch die Gürtelstücke von ihnen und auch diese nur, wie durch einen nebelartigen Schleier zu sehen, bis endlich auch diese, und mit ihnen — die ganze Krankheit bis auf die letzte Spur verschwunden war." Der brave Mann lebte noch fünf Jahre in vollkommener Gesundheit und starb endlich plötzlich an einem Blutschlag. Für Aerzte mag noch hinzugesetzt werden, daß sein Körper sehr blutreich und schon etwas allzu wohlbeleibt war, und daß er besonders oft an Hämorrhoiden litt. UebrigenS kommen nur diesenigen Kranken, die eine sorgfältige Pstege genießen, gewöhnlich gut davon, während die arme, nothleidende Klasse diese Krankheit als unheilbar und tödtlich ansieht, wie ich denn auch wirklich in den acht Jahren, die ich in jenen Gegenden verlebte, eine nicht geringe Anzahl armer Leute dieser Krankheit unterliegen sah. Bilder aus Rußland. 21 Der Branntwein. Der Russe hat mannigfaltige, zum Theil sehr gesunde Getränke, alle aber überwiegt leider weit der abscheuliche Branntwein. Da er, der großen Eonsumtion wegen ein Monopol der Krone ist, so ist er, im Vergleich mit andern Bedürfnissen und den Kosten seiner Erzeugung sehr theuer, was aber Niemand abhält, seine letzte Kopeke hinzugeben, um sich diesen Genuß zu verschaffen. Der gewöhnliche russische Branntwein wird aus Getreide gewonnen, wie bei uns; in den südlichen Gegenden, besonders am kaspischen Meere wird er auch auS Wein bereitet, und in großen Quantitäten nach dem Norden versendet, wo er statt dcS Arraks zum Thee genossen wird. Die höheren Klassen verschmähen den eigentlichen Kornbranntwein als einen pöbelhaften Genuß, sind aber im Gebrauche der feinern Liqueurs und abgezogenen Wasser nicht viel mäßiger, obschon man es setzt in guten Gesellschaften nie bis zur eigentlichen Trunkenheit kommen läßt, die als ein Laster der Hefe des Volkes verachtet wird. Doch wird auch in senen, wie von dem Mittelstände und den untersten Klaffen, immer vor Tische das sogenannte Schälchen genossen, das in der Regel in Branntwein besteht. Ich zweifle nicht, daß dieses Getränk, besonders wenn es zu oft und im Uebermaße genossen wird, dem Körper und dem Geiste einer Nation schädlich ist, wie man bei den durch dieses Gift entnervten Polen leider nur zu deutlich sieht. Ohne ihm indessen se das Wort reden zu wollen, muß ich doch, der Wahrheit zur Steuer, bemerken, daß ich in dem nördlichen Rußland von diesen bösen Folgen keine Spur bemerkt habe. Der Russe befindet sich im Allgemeinen sehr wohl bei diesem Gifte, so lange er eS nicht zu unmäßig genießt, und mäßig heißt bei ihm, was für uns viel zu viel seyn würde. Ich habe selbst Bauern gekannt, die täglich zum Frühstücke, vor dem Mittagessen und vor dem Schlafengehen keine kleine Quantität dieses Getränkes zu sich nahmen, und bei dieser Gewohnheit ein kräftiges und hohes Alter von mehr als hundert Jahren erreichten. Ja manche sollen sich in sehr vorgerücktem Alter meistens durch den Genuß dieses Getränkes gesund und munter erhalten. Dies gilt aber nicht von dem aus Pferdemilch von den Tataren bereiteten Branntwein, der viel narcotischer als der Kornbranntwein und daher der Gesundheit schädlicher seyn soll; vielleicht aber nur, weil ihn die Tataren zur Entschädigung für den ihnen durch den 22 Bilder aus Rußland. Koran verbotenen Wein im Uebermaße genießen und die meisten dieser mohamedanischen Völkerschaften schon in den gemäßigteren Klimaten wohnen, wo starke Getränke überhaupt schädlicher sind. In Kamtschatka macht man eine Art von.Branntwein aus der Pflanze, die unter dem Namen Bärenklau (ksrsoleum) bekannt ist, und dort in großer Menge wächst. Da es bei Strafe der Deportation nach Sibirien verboten ist, sich seinen Branntwein selbst zn bereiten, so wird damit viel Unfug getrieben. Der gemeine Mann wagt Alles, um sich dieses Lieblingsgetränk zu verschaffen und viele der wohlhabendsten Bauern haben sich durch diese Versuche zu Grunde gerichtet und in endloses Elend gestürzt. Auch sollen die zur Aufsicht angestellten, untergeordneten Beamten nicht selten ganz schuldlose Leute durch heimlich in ihre Scheuern und Keller gelegte Branntweinfäßchen in die Lage bringen, entweder sich durch große Summen ihren Verfolgungen zu entziehen oder sich noch bedeutenderen Strafen auszusetzen. Daß bei einem so großen Hange zu geistigen Getränken der gemeine Mann oft allen Extremen der Trunkenheit sich hingibt, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Es scheint mir aber gänzlich unzulässig, diese Extreme näher anzugeben, obschon sie in der That zur eigentlichen Charakteristik des Volkes ganz besonders beitragen. Indessen sey eS mir erlaubt, zwei Erscheinungen anzuführen, die mir besonders aufgefallen sind und die, beinahe ohne alle Ausnahme, für ganz Rußland gelten. Die erste ist das Mitleiden, ich möchte sagen, die Achtung, die der gemeine Russe, denn natürlich ist hier nur von der untersten Klasse die Rede, für jeden Betrunkenen hat. So gutmüthig er im Allgemeinen ist, so läßt er sich doch, wenigstens in den größer» Städken, nicht leicht ohne eine Aufforderung von außen bewegen, dem Leidenden, den er auf der Gasse trifft, hiilfreiche Hand zu leisten. Er kann bei einem zerbrochenen Wagen ganz gleichgültig vorübergehen, nachdem er seine Ncugierde befriedigt hat, ohne durch seine Beihülfe den Unglücklichen oder Bedrängten zu unterstützen. Wenn aber ein Betrunkener auf der Gaffe zusammenstürzt oder in einem Winkel liegt, so wird er sofort von jedem, der ihn bemerkt, auf daS eifrigste und sorgfältigste gepflegt und wie ein Heiliger angesehen, den hilflos in der Noth zu lassen, ein abscheuliches und nicht zu verzeihendes Verbrechen seyn würde. Häufig sieht man selbst schwächliche Leute einen solchen betrunkenen, sinnlosen Klotz, auf ihre Schultern laden, und keuchend in die nächste beste Wohnung tragen, Bilder aus Rußland. 23 wo er einer guten und hilfreichen Aufnahme sicher ist, ruhig seinen Rausch ausschlafen und des andern TagS wohlgefüttert und beschenkt wieder von dannen ziehen kann. Ist die Ursache dieser Humanität, dieses Zartgefühl der gemeinsten Rüsten vielleicht in ihrem Gewissen zu suchen, das ihnen sagt, wie oft sie selbst in dieser Lage gewesen sind und ferner seyn werden? Ist es das Immsnt nibil s ms aliemim puto, oder kömmt ihnen der Zustand der Trunkenheit, den sie, sowie die Deutschen, in einem Sprichwort selig nennen, auch in der That als etwas Seliges oder Heiliges vor, das durch seine innere Kraft auch den nüchternen Menschen ergreift. Der zweite, gewiß noch schwerer zu erklärende Zug ist die Verträglichkeit, die Friedfertigkeit, sa die in der That außerordentliche Gutmüthigkeit, welche der Russe im Zustande der Trunkenheit äußert. Wenn das deutsche und manches andere Volk durch geistige Getränke erhitzt gern zu Händeln und Streitigkeiten übergeht und oft mit Raufereien und Todtschlag endet, so sieht man bei ven Russen gerade das Gegentheil. Selbst der Zanksüchtige wird milde und nachgiebig, und so häufig Austritte der Trunkenheit sind, so selten, sa beinahe unerhört sind alle Händel und Streitigkeiten bei diesen Gelegenheiten. Selbst Feinde, die sich nüchtern alles gegen einander erlauben, behandeln einander, wenn sie des Branntweins voll sind, wie die zärtlichsten Freunde. Die Stufenleiter, die man gewöhnlich bei ihren Trinkgelagen bemerkt, ist folgende: Zuerst sind sie schweigsam und in sich gekehrt. Allmälig, wie der Kopf wärmer wird, gehen sie in Gespräche über, die immer zärtlicher werden und sich immer mehr und mehr mit Diminutiven füllen, in welchen der Russe immer redet, wenn er freundschaftlich thun will. Die sonst allgemein üblichen Benennungen von Maschennik (Spitzbube), Sukinsia (Hnndcsohn) u. dgl. die Niemand übel nimmt, und die man wirklich alle ganz treu mit „lieber Freund" übersetzen kann, gehen setzt allmälig in die milderen Benennungen von Baituschka (Väterchen), Matuschka (Mütterchen), Galowuschka (Täubchen), Duschinka (Seelchen) u. dgl. über. Wenn auf diese Weise die Gesellschaft bereits weich genug gestimmt ist, so kommen dann die handgreiflichen Zärtlichkeiten, das Halsen, Umarmen und Küssen, in welchem letzter» sie besonders stark sind, da sie minutenlang alle Theile des Gesichts mit ihren Küssen bedecken. Wenn ihre'Seligkeit endlich die größte Höhe erreicht hat, so umklammern sie sich fest und bitten einander flehentlich um Verzeihung, daß sie sich se beleidigt haben, schließen fortan ewige Freundschaft und erlauben 24 Bilder aus Rußland. sich gegenseitig, Alles einander zu thun, waö ihnen nur immer ge- fallen wird. Nach diesem Act können sie dem Strome ihrer Zärtlichkeit nicht länger Einhalt thun — zu den Thränen. Sie weinen, wie die Kinder, herzen und küssen sich aus'S Neue, bitten schluchzend um Verzeihung, versprechen dem Väterchen und Brüderchen, was sie nur können, und gehen endlich alle selig und zufrieden aus einander, versteht sich, wenn keiner von ihnen unter dem Tische liegen bleibt, wo er bis zum andern Morgen sein Erwachen erwartet. Das Bitten um Verzeihung ist bei den gemeinen Russen aus seinem natürlichen Zustande, wenn er nämlich betrunken ist, auch in den ungewöhnlichen, wo er noch nicht getrunken hat, und daher nüchtern ist, übergegangen, denn sie haben für unser „Lebewohl", oder unser „Ich empfehle mich," und dergl. nur einen Ausdruck „ Lrostsolmi" (Verzeihe). Selbst daS „Glückliche Reise wünschen" wird im Allgemeinen durch dasselbe Wort gegeben. Man hat zu diesem Zwecke ein eigenes kleines Liebchen, das durch ganz Rußland jedes Kind weiß, und das in einer sehr angenehmen, für eine solche Gelegenheit sehr paffenden, feierlichen Melodie, die viel Aehnlicheö mit ihren Kirchen- gcsängen hat, von dem zurückbleibenden Kreise der Freunde dem Scheidenden nachgesungen wird. Es lautet in der Ursprache: Ltosja na «trau üalski, Dvoi pust oprsäklsn: Ot nssekioli äusoli uarvsslci, bis buäesed uäslen. llu nus im suduvrs^, lbudesnoi brat, prostsolm^, Lrostsotia^, prostsolm^. d. h. wörtlich: du wendest zwar in ferne Lande deine Schritte; von unserer Seele aber wirst du nimmer ferne seyn; vergiß du auch unser nicht, geliebter Bruder, verzeih, verzeih, verzeih! Ueberhaupt beobachten die gemeinen Russen die Gesetze der Höflichkeit im geselligen Umgänge strenger, als man erwarten sollte, wenigstens, wenn sie zum erstenmale zusammen kommen, so wie beim Abschiede. Schon von ferne grüßen sie sich mit ihren Hüten und Mützen, die sie über dem Kopfe schwingen und auch bei der strengsten Kälte abzunehmen nicht vergessen. Dann stiegen die Brüderchen und Väterchen einander entgegen und endlich kommen die Umarmungen Bilder aus Rußland. 23 und Küsse. Im ferneren Laufe der Corwersatwn, wo die gegenseitigen Interessen verhandelt werden, geht eS allerdings nicht immer so artig, sondern zuweilen sogar recht grob zu, aber wenn der Augenblick des Abschieds herannaht, und die Freunde zum Ueberfluße noch durch ein Glas Branntwein sich begeistert suhlen, so kommen auch alle Zärtlichkeiten in abnehmender Progression wieder und das Grüßen und Winken nimmt kein Ende, bis sie einander aus dem Gesichte verlieren. Eine eigene Art der Courtoisie der russischen Bauer» ist bereits in ihre Sprache übergegangen und verdiente, ihrer Kürze und Präcision wegen, allgemeine Nachahmung. Sie sprechen den Vornehmer» mit 8uüsr (Herr) an; um das in ihrem Gespräche zu oft vorkommende Wort abzukürzen, schneide» sie die vier letzten Buchstaben weg und lassen bloß daS 8 stehen, welches sie dann als Suffix, ihren andern Worten ansögen. So heißt z. B. unter ihres Gleichen unser wie oder waS? „kak?" Dasselbe Wort an einen Vornehmer» lautet dagegen „kaks?" was gleichbedeutend mit „kak, Sudar?" (wie, mein Herr?) ist. So heißt Njät nein, und NjätS nein, mein Herr u. s. w. — Diese äußerst bequeme Abkürzung übertrifft die französischen und englischen Höflichkeitsworte bei weitem, und verdient wohl Beachtung, besonders von Seite der Deutschen, die mit ihrem seüquipedalen Redensarten von Hochwohl- und Hochedel- und Wohledel- geborner «. f. ihren Nachbarn schon längst zum Gespötte dienen. Doch muß zur Steuer der Wahrheit hinzugesetzt werden, daß diese unglücklichen Titel in den höher» Klassen Rußlands leider auch Aufnahme gefunden haben, wo sie, da sie in der russischen Sprache gewöhnlich noch viel länger und bloß wörtliche Uebersetzungen aus dem Deutschen sind, noch etwas lächerlicher klingen. Da gibt es klgZoroüie, Gutgeboren, WisoleoblgKoroüis, Hochgutgeboren, ?r6>voselioäilelstwo, Vorschreitende (wie sie unser Excellenz übersetzen), lVisolioprevosello- ckitelstveo, Hochvorschrcitender, 8istölstwo, Durchsichtige (Unser Durchlaucht) und was dergleichen alberne Titel mehr sind, die es wahrhaftig nicht werth waren, daß man sie andern ablernte. 26 Bilder aus Rußland. Die Leibeigenschaft. Verdienst und Geburtsadel. Von der ursprünglichen Sitten-Einfachheit der alten Bewohner Rußlands, hat sich einer der edelsten, schönsten Züge noch in seiner ganzen Stärke erhalten: die Achtung gegen bejahrte Personen und besonders gegen die Aeltern. Man kennt kein Beispiel, daß ein Sohn, auch wenn er längst schon Familienvater ist, sich gegen seinen Vater auf eine rohe oder gewalttätige Weise vergangen hätte, und eS hat mich oft innig gerührt, erwachsene, feurige Männer, die keinen Widerstand zu dulden und in ihrem Hause sich alles zu unterwerfen gewöhnt waren, selbst in der Wuth deö Zorns sich anf das erste Wort ihres bejahrten Vaters wie kleine, furchtsame Kinder betragen zu sehen. Dies zeigt von einem reichen Fond von Gutmütigkeit, mit dem sich, wenn er gehörig benützt würde, Wunder wirken ließen. — Nicht so kindlich ist das Betragen des gemeinen, leibeigenen Mannes, gegen seinen despotischen Herrn. Zwar ist er ihm äußerlich Unterthan, wie man nur zu deutlich sieht, so oft sich beide begegnen; aber ihr Inneres kämpft immer gegen dieses unnatürliche Verhältniß an, und sie thun daher nur, was sie eben müssen, da bei einem Sklaven von gutem Willen eben keine Rede seyn kann. Es gibt allerdings viele Herren, die ihre Leibeigenen mit Humanität, ja selbst mit Freundlichkeit behandeln, aber ihre Zahl ist bei weitem die kleinere. Daß sich die Leute in die althergebrachte Gewohnheit fügen, kann kein Beweis für die Rechtlichkeit dieser Gewohnheit seyn. Ja daß selbst viele Leibeigene, wenn sie von ihrem Herrn die Freiheit erhalten haben, nach einigen Jahren aus eigenem Antriebe in die alte Knechtschaft sich zurückbegeben, wie ich oft genug gesehen habe, kann nicht als ein Beweis für ihren glücklichen Zustand gelten, wie viele behaupten wollten, da es vielmehr ein Beweis von gänzlicher Ausartung und schon völlig unterdrücktem Meuschen- sinne ist, wenn das köstlichste aller Güter, die Freiheit, wie eine ganz werthlose Sache behandelt und um jeden Preis hingeworfen wird. Da über Dinge dieser Art bei allen Gebildeten und auf Humanität Anspruch machenden Menschen wohl nur Eine Stimme ist, so wird eS überflüssig seyn, hier bei einem so widerlichen Gegenstände länger zu verweilen. Möge der Himmel geben, daß diese Abscheulichkeit auch dort bald ihr Ende findet, wie sie bereits in allen kultivirten Bilder aus Rußland. 27 Ländern mit den wilden Thieren als die letzte Spur der alten Barbarei, vertilgt worden ist. Der Adel deö Landes theilt sich in zwei wesentlich verschiedene Klassen: den Geburts- und den Amtsadel. Der Erste zeichnet sich meistens durch seinen Reichthum, der Zweite durch seine staatsbürgerlichen Vorrechte aus. Alle Beamten werden in 16 Klaffen (Tschin) getheilt, von welchen die ersten 8 den eigentlichen Amtsadel bilden. Zn der ersten Klasse steht der Kanzler des Reichs, in der achten die Hofräthe, in der siebenten die Collegienräthe, in der sechsten die Staatsräthe u. s. w. Die Benennung eines Hos-, Coüegien- oder Staatsraths «. s. w. erhalten die Beamten auch, wenn sie mit dem Hofe, den Kollegien des Reichs u. f. nicht unmittelbar in Gemeinschaft stehen. So hat z. B. jeder ordentliche Professor an den Universitäten den Titel und Rang eines Hofraths, und nach 5 Jahren unbescholtener Amtsführung wird er Kollegienrath, oder tritt in die siebente Klaffe u. s. w. Wer zn einer dieser acht Klassen gehört und dazu kann nur ein in öffentlichem Amte stehender Mann gehören, hat dadurch nicht nur für sich den persönlichen Adel, sondern hinterläßt auch denselben seinen Kindern und Nachfolgern erblich. Nach einem NcichSgrundgesetze Peters des Großen ist dieser Amtsadel der ersten acht Klassen jedem andern erblichen Adel des Landes vollkommen gleich zu achten, und der Beamte der achten Klasse ist ganz eben so gut ein Adelicher, als der geborne Graf oder Fürst, selbst wenn jener eines Bauern Sohn ist. Ja bei öffentlichen Auszügen, bei kirchlichen Feierlichkeiten, bei Vorstellungen vor den Chefs und bei den Präsentationen am Hofe hat der AmtSadel den Vortritt vor dem bloßen Geburtsadel, und des Bauern Sohn, wenn er Hosrath ist, geht vor dem Grafen oder Fürsten, wenn der letzte kein Amt hat und nichts, als Graf oder Fürst ist*'). Man erkennt den Amtsadel sogleich an der Stickerei seiner Kleidung, durch welche die ersten acht Klassen streng geschieden, und auf den ersten Blick bemerkbar gemacht sind, während der Graf oder Fürst als solcher durch kein äußeres Merkmal ausgezeichnet ist. Wenn ein Unbekannter zum erstenmal in '*) Der eigentlichen Adelsfamilien im deutschen Sinns gibt es in Rußland wenige, indem bloß die Knäftn- (jetzt Fürsten und Grafen) Familien in diese Kathegorie zu rechnen sind. Daher denn auch weniger Baronen-Familien unter den russischen Familien zu finden sind, als in dem kleinsten deutschen Bundesstaat. 28 Bilder aus Rußland. die Gesellschaft tritt, oder wenn er auf Reisen mit dem Postmeister zusammentrifft, so ist gewöhnlich die erste Frage, nicht ob er reich oder arm, ob er Baron oder Graf ist, woran ihnen sehr wenig liegt, sondern llsLoi l8obin? (zu welcher Klaffe?) damit man ihn nach der von ihm bekleideten Würde behandeln kann. Allerdings weiß sich der GeburtSadel durch seinen Anhang und durch die Mittel, welche ihm zu Gebote stehen, für diesen Verlust zu entschädigen, indem er, wenn er etwas im Staate gelten will, sich irgend ein Amt zu verschaffen sucht, und wenn er es erhalten hat, sich mit seinem neuen Titel auf seine Güter zurückzieht. Immer aber ist es eine sehr zweckmäßige Einrichtung, die der Geburtsaristokratie kräftig entgegenwirkt, und aus der in Rußland der eigentliche Mittelstand, der tisis-ötst hervorgehen wird, an welchem es ihm bisher noch fehlt, da man in diesem Lande, seiner ersten ursprünglichen Einrichtung nach, nur zwei Klassen, Herren und Sklaven kannte, und ein eigentlicher Bürgerstand gar nicht existirte. Das Stehlen im Diminutiv. Eigentlicher Straßenraub und überhaupt gewaltsame Einbrüche sind in dem größten Theile von Rußland eine ganz unbekannte Sache. Die russischen Bauern lachen gewöhnlich über die Fremden, wie über furchtsame Kinder, wenn sie sie auf ihren Reisewagen mit Säbeln, Pistolen und Waffen aller Art umgeben sehen. Der russische Kaufmann reist, oft mit all seiner Habe, von einer Grenze des Reiches bis zur andern, ohne auch nur ein Messer in seiner Tasche zu führen, und man hört, wenigstens in den Gegenden, die ich näher kennen gelernt habe, nie von gewaltsamen Angriffen auf öffentlicher Straße. In den südlichen, an die türkischen Besitzungen gränzenden Provinzen und in Sibirien, wo so viele Verbrecher angesiedelt sind, und die Noth oft so groß ist, sollen dagen solche Neberfälle allerdings öfter vorkommen. Man denkt vielleicht, diese Seltenheit des Straßenraubs rühre von der großen Entfernung der Dörfer und dem rauhen Klima her, das den Aufenthalt unter freiem Himmel, besonders zur NachtSzeit den Landstreichern sehr erschwert. Allein auch im Sommer, .auch in den mehr bevölkerten Gegenden, wo diese Dörfer nahe genug a» einander liegen, ist der Straßenraub eben so selten, und der Bilder aus Rußland. 29 Mangel dieses Lasters scheint mir mehr in dem Charakter des Volkes i selbst zu liegen, dem eine Beschäftigung dieser Art widerlich und unnatürlich vorkommt. ES wäre nur zu wünschen, daß der gemeine Mann auch in Beziehung auf das nicht gewaltsame Rauben, auf das heimlich listige Stehlen oder auf das, was wir „lange Finger machen" heißen, ähnliche Gesinnungen hätte, was aber leider nicht der Fall ist. Da ich selbst von dieser Unart oft zu leiden hatte, so hatte ich l Veranlassung genug, über die Ursache dieser auffallenden Erscheinung nachzudenken, und bin dabei auf das vielleicht paradox scheinende Re- ! sultat gekommen, da diese Unart nicht sowohl aus Mangel an sittli- I chem Gefühl, als aus Mangel an hinreichender Geistesbildung ent- ^ springt. Die meisten gemeinen Leute, welche diesem Laster ergeben sind, denn unter den Gebildeten ist es eben so fremd und gilt für eben so schändlich, als in irgend einem andern Lande, halten dieses Mausen für nichts Unrechtes, und finden sich daher bewogen, jede Gelegenheit, welche sich ihnen dazu bietet, zu benützen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß diese Leute, die oft die gutmüthigsten und selbst die redlichsten Menschen sind, jene Unart ablegen würden, sobald sie andere Begriffe davon erhielten und die Schändlichkeit derselben einsehen lernten. Hier könnte der erste Unterricht, hier könnten eigentliche Volksschulen in den Dörfern, hier endlich könnten VolkSpredig- ! ten in den Kirchen ihr Bestes thun, und auf die Moralität der Nation auf das Wohlthätigste einwirken. Aber Dorfschulen find selten und Predigten, oder überhaupt religiöse Vortrüge sind, in diesem Lande wenigstens, noch seltener. Bücher gibt es auch nicht und wenn es auch welche gäbe, der gemeine Mann kann sie nicht lesen. Welches Mittel hat er also, sich über sich selbst und die Dinge um sich her aufzuklären, und seine von Generation zu Generation vererbten Ansichten und Begriffe zu berichtigen? Er hat sich seit Jahrhunderte» seine Moral, wenn ich so sagen darf, selbst gemacht und lebt nun darauf los, so gut es geht. So werden z. B. gewisse Dinge, Haus- geräthe und dcrgl. als heilig betrachtet, und man kann sie zur Nachtzeit auf die Gaffe legen, und sicher seyn, sie am Morgen wieder zu finden, während man tausend andere Dinge, die ihnen lang nicht so nöthig sind und auch nicht so viel Reiz für sie haben können, nicht genug verwahren kann. Auf jene ist, der allgemeinen stillschweigenden Uebercinkunft gemäß, eine Art von Interdikt gelegt, während diese als Gemeingut angesehen werden. Derselbe Mensch, der keinen Anstand nimmt, dem andern heimlich die Tasche umzukehren, oder 30 Bilder aus Rußland. unbemerkt etwas von seinem Tische wegzunehmen, wird, auch wenn er völlig sicher ist, niemals eine verschlossene Thür öffnen, oder auch nur seine Hände in ein offenes Fenster stecken, um damit etwas auö dem Zimmer zu holen. Das letzte nennt er „stehlen" „vorlt" und das klingt auch in deö Russen Ohren häßlich, und wird für eine große Sünde gehalten. Das erste aber scheint ihm erlaubt, wenigstens nicht verboten, und er hat dafür das Diminutiv rvorovvat (gleichsam „stehlchen oder lange Fingerchen machen") was manchem gar lieblich klingt, da er den auch ihm garstigen Begriff eines eigentlichen Diebes nicht damit verbindet. Um deutlicher zu werden sey eS mir erlaubt, dem Leser zwei kleine Geschichtchen zu erzählen, bei denen ich selbst Augenzeuge war und die mir beide sehr charakteristisch scheinen. Ich war einst bei einem gemeinen Kaufmann (die meistens Bauernsöhnc und oft selbst Leibeigene sind), um mit ihm ein Geschäft abzumachen, in welchem er sich als ein ehrlicher braver Mann benahm. Als wir nach geendigter Verhandlung gemüthlich unsern Thee schlürften, kam .ein Mensch von bereits sehr vorgerückten Jahren, mit einem offenen redlichen Gesicht, aber in sehr schlechter Kleidung, und bot dem Kaufmann einen silbernen Löffel zum Kaufe an. Der Kaufmann besichtigte die Waare, fragte nach dem Preis, handelte mit ihm, bezahlte den Löffel weit unter seinem Werthe und sagte gleichsam scherzend zu dem alten Manne, dem er das Geld hinreichte: „ Lulun tu sin, tu rrormvat (Hundcsohn, du hast ihn gefingert)." Es ist bereits bei einer andern Gelegenheit bemerkt worden, daß Hundesohn mit lieber Freund so ziemlich gleichbedeutend ist. Der Alte sah ihn mit einem Auge lächelnd an, legte die Hand auf die Brust und versicherte treuherzig: Luüur, IloZ poäsl (Nein Herr, Gott hat'S gegeben)" und somit wurde er in Frieden entlassen. Ich habe mich öfter bemüht, durch umständliche Fragen den eigentlichen Sinn dieses LoZ poäul zu erfahren, und es wurde mir immer gewisser, daß wenigstens viele eine Art von himmlischer Erlaubniß, zu stehlen, darunter verstehen. Die zweite Anekdote ist vielleicht noch charakteristischer. Ich fuhr im Jahr 1816 mit einem deutschen Freunde aus ein benachbartes Landgut deS Grasen S .... Wir glaubten die einzigen in unserem kleinen, offenen Wagen zu seyn, die der deutschen Sprache, in welcher wir uns unterhielten, kundig seyen, als sich plötzlich, gegen alle unsere Vermuthung, auch unser bärtiger Jschworschtik (Kutscher), den wir für einen Stockrussen gehalten hatten, in unser Gespräch mischte und, Bilder aus Rußland. 31 zwar gebrochen, aber doch fertig deutsch sprach. Als er unsere Verwunderung bemerkte, erzählte er, daß er in Deutschland gewesen sey, und zwar bei dem abgesonderten Armeekorps, welches im Jahre 1813 in Form einer Landwehr organisirt wurde, er hatte einen Sommer in Sachsen zugebracht, Leipzig, Dresden, Wittenberg u. s. w. gesehen, und schien sich darauf nicht wenig zu Gute zu thun. „Und wie hat dir Deutschland gefallen?" fragte ich. — „Nun gut genug, üsvolno olwrsselw," sagte er, „nur eines nicht, was durchaus nicht gut ist." Er hätte dort eine gute Parthie machen können und sein Obrist würde ihm auch den Abschied gegeben haben; da das Korps ohnehin aufgelöst wurde, aber dieses Eine habe ihn abgehalten und so sey er wieder in sein Vaterland zurückgezogen. — „Und was ist das Eine, das dir so zuwider ist?" — „Ja, Herr," sagte er, indem er sich mit dem einen zugekniffenen Auge zu uns wandte und flüsterte: „8uüsr, vrorsu'st no rvelat," (Herr, sie können das Stehlchen (Mausen) nicht leiden, eigentlich: sie erlauben nicht, ein Bischen zu stehlen.) Wir waren über diese ganz unerwartete Antwort nicht wenig betroffen, und mein Freund, der noch nicht lange in Rußland war, schickte sich eben an, ihm das Abscheuliche solcher Grundsätze zu Gemüthe zu führen, als der Kutscher, der ihm angedrohten langen Fastenpredigt auszuweichen, im fröhlichen Tone den Prediger zu belehren und auf den rechten Weg zu bringen suchte. „Ach, Sie verstehen mich nicht, Luüar," sagte er, „ich meine sa nicht daS Stehlen, etc» sa susoli snaiu, sto ns olmrssolio, das weiß ich schon, daß eS schlecht ist, ich meine nur das rvormval, was doch überall, wenigstens bei den Soldaten erlaubt seyn sollte." Es mag wohl manchem deutschen Ohre fremd und garstig klingen, sein Vaterland nur deßwegen tadeln zu hören, weil man nicht ungestraft lange Finger machen kann. In der That liegt in diesem Tadel etwas für den Tadelnden selbst so Hartes, daß ich Anstand nahm, die Geschichte wieder zu erzählen. Aber meine Liebe zu der russischen Nation, die zu verhehlen ich keine Ursache habe, darf mich nicht abhalten, auch solcher Dinge zu erwähnen, die nicht zu den liebenswürdigen gezählt werden können. Wo aber so viel Gutmüthigkeit, wo ein solcher Boden von richtigem, moralischem Gefühl vorhanden ist, wie bei diesen wackern Naturmenschen, da kann eS nicht schwer fallen, auch diese noch übrigen Flecken bis auf die letzte Spur zu vertilgen. Uebrigens möchte ich densenigen, die sich des Glückes rühmen, einem kultivirteren Volke anzugehören, freundschaftlich rathen, nicht so geschwind lieblos über andere abzuurtheilen, und wohl zuzusehen, ob 32 Bilder aus Rußland. unter ihrem sogenannten gebildeten Volke nicht auch einige, vielleicht eben so auffallende Reste der alten Barbarei zu finden sind, die hoffentlich auch nicht in einer angebornen Schlechtigkeit, sondern nur in einer verkehrten Ansicht, d. h. also, trotz der höheren Volksbildung, doch nur in dem Mangel an eigentlich moralischer Bildung ihren Grund haben. Der deutsche Bauer z. B. gilt, und mit Recht im Allgemeinen für einen braven und redlichen Mann, und ich habe noch nie gehört, daß man ihm überhaupt einen Hang zum Diebstahl schuld gegeben hätte. Sind aber nicht unsere Holzdiebstähle in den herrschaftlichen Wäldern eine beinahe alltägliche Sache, und hat sich wohl noch irgend ein armer Bauer deßhalb Vorwürfe gemacht, weil er zur Nachtzeit einen Bündel Reisig nach Hause geschleppt und dafür vielleicht mehrere schöne Bäume verstümmelt und in ihrem Wachsthum aufgehalten hat? Es ist dieß auch ein Diebstahl, aber ein althergebrachter, schon gleichsam zur Mode gewordener, durch die Mode geheiligter Diebstahl. Es mag noch gar manche ähnliche Dinge in der menschlichen Gesellschaft geben, die wir, eben weil sie ganz allgemein sind und beinahe täglich vorfallen, nicht mehr bemerken, die aber einen fremden und daran noch nicht gewöhnten Menschen gewiß schon auf den Blick auffallen würden. Wer weiß nicht, daß gewisse gleichsam durch die Volksstimme geheiligte Ausnahmen bei dem sogenannten Meisterstücke der Schöpfung nicht bloß unter dem niedrigsten Pöbel, sondern selbst in den gebildeten Klassen, sa unter den eigentlichen Gelehrten, nicht eben zu den großen Seltenheiten gehören. Man denke nur an das sogenanute „Bücherschießen" auf unsern Universitäten. Wie wäre es ferner, wenn wir manche unserer Mineralogen und Botaniker sprechen ließen? Ich besorge nicht, daß sie uns diese Aufforderung übel nehmen, oder daß sie uns nicht Rede stehen würden, da ich sie selbst in ihren freundschaftlichen Zusammenkünften mit nicht geringer Selbstzufriedenheit die eigenen Großthaten auskramen und die Geschicklichkeit rühmen hörte, mit welcher sie Mineralien und Pflanzen zu schießen wissen. Die Meinung regiert die Welt. Mögen wir also alle diese Meinung zu berichtigen suchen, wo es Noth thut und wo dieß, wie es nur zu oft der Fall ist, nicht angeht, sie wenigstens zur Beförderung des Guten benützen. Ein auffallendes Beispiel dieser Benützung, in Beziehung auf den hier besprochenen Gegenstand, gibt unS Rußland selbst. Der gemeine Mann hat, wie gesagt, die Meinung, daß man den Fremden in gewissen Dingen wohl ein Bischen beluchsen Bilder aus Rußland. 33 darf, ohne deßhalb gleich für unehrlich zu gelten. Seinen eigenen Herrn aber zu bekriegen, ist nach seiner Meinung eine schwere und unverzeihliche Sünde. Daher ist das sicherste Mittel, sich gegen einen HauSdieb, wenn man ihn einmal kennt, zu schützen, ihn in seinen eigenen Dienst zu nehmen. Von diesem Augenblicke an kann man sicher seyn, nicht nur von ihm selbst nicht mehr bestohlen zu werden, sondern auch zugleich an ihm den besten Wächter gegen alle andern Diebe zuhaben, da sein point ü'konnenr es fordert, alle Mausereien, wobei der Verdacht auf ihn selbst fallen konnte, zu unterdrücken, und er die Kniffe und Pfiffe, gegen welche er sich zu verwahren hat, aus eigener Erfahrung kennt. Ein höherer Offizier in der russischen Armee, ein geborner Deutscher, erzählte mir, als einmal sein Bataillon mehrere Wochen lang mit einem Kosakenpulk zusammen kampiren mußte, sey er nahe daran gewesen, rein ausgeplündert zu werden. Weder die Kleidungen seiner Soldaten, noch die Geschirre ihrer Pferde waren sicher und jeden Morgen kamen Klagen ohne Ende. Strenge Aufsicht, vermehrte Wachen, alle Vorsicht war vergebens. Beinahe zur Verzweiflung gebracht, brachte er endlich seine Klage vor den Hettmann, und dieser rieth ihm, alle seine eigenen Wachen einzuziehen und in seinem Quartier sowohl, als bei jeder Abtheilung seiner Truppen einen Kosaken aus dem Pulk als Wächter und Beschützer aufzustellen. Der Offizier hatte Mühe, die Zweckmäßigkeit dieses Rathes zu begreifen, aber er befolgte ihn, da er nichts anderes mehr wußte, und alle Diebereien hörten von diesem Augenblicke an auf. Die Kosaken legten sich, sobald die Nacht kam, quer über die Thüren der Quartiere und Stallungen, und er hörte nie wieder auch nur von einem Versuche, ihn zu beunruhigen. So viel vermag die Meinung und die Art, wie jene Menschen, und wollen wir es nur bekennen, wie wir alle die Dinge in und um uns anzusehen pflegen. Verhältniß des Herren zum Diener und zum Bauer. Wer Rußland und seine Bewohner charakterisiren will, muß nothwendig einen unangenehmen Gegenstand berühren, den ich sonst gern mit Stillschweigen Übergängen hätte. Ich meine die inhumane und in der That sehr harte Behandlung, welche die dienende Klaffe, das Gesinde und die Bauern, von ihrem Herrn erdulden müssen. Es ist Littrow i. 3 34 Bilder aus Rußland. mir nicht unbekannt, daß die Barbarei, von welcher hier die Rede ist, mit jedem Jahrzehnte abnimmt, wie sie dann mit der steigenden Kultur eines jeden Volkes abnehmen und endlich ganz verschwinden muß. Aber eS kann demungeachtet nicht geläugnet werden, daß diese die Menschheit entehrende und alle wahre Bildung verleugnende Sitte daselbst noch in einem Grade herrscht, der weder durch Unkultur, noch durch irgend etwas anderes entschuldigt werden kann. Die auch in dieser Beziehung anf Humanität eifrig hinarbeitende Regierung thut ihr Möglichstes, dieser Unart Grenzen zu setzen, aber das Uebel scheint so tief gewurzelt und seit Jahrhunderten schon so veraltet, daß eine schnelle Aenderung durch bloße Gesetze und Vorschriften nicht erwartet werden darf. Auch hier scheint nemlich wieder die Meinung, und zwar eine beinahe allgemein verbreitete und althergebrachte Meinung, ihr tyrannisches Recht zu üben. Denn viele glauben, der gemeine Russe sey nur durch harte Behandlung zu leiten, und ohne Schläge könne man mit ihm nichts ausrichten. Nach meinen Erfahrungen aber muß ich dieser Behauptung widersprechen. Wo Gutmüthigkeit, oft wahrhaft kindliche Gutmütigkeit einen integrirendcn Bestandtheil dcS Charakters bildet, und dieses ist nach meinen Erfahrungen der Fall bei den Bewohnern des eigentlichen, tiefen Rußlands, da ist auch zu erwarten, daß eine gutmüthige Behandlung von oben herab oft mehr ausrichten wird, als immerwährende Strenge. Ich selbst glaubte anfangs Widerwillen, Nachlässigkeit, selbst zuweilen Bosheit bei meinen Untergebenen zu bemerken und neigte mich schon zu der allgemeinen Meinung hin, mit der mich meine neuen Bekannten, wenn ich ihnen diese Verhältnisse klagte, bestürmten. Allein die Sache gab sich noch vor dem Ende des ersten Jahres ohne alle Anwendung gewaltsamer Mittel, und ich sah vollkommen ein, daß der Fehler wirklich an mir gelegen hatte. Ich wollte, wie die meisten Ausländer anfangs thun, in meinem Hause alles nach deutscher Sitte eingerichtet haben und meine damals noch sehr unvollkommene Kenntniß der russischen Sprache war die Ursache, daß die armen Leute meine Befehle selbst mit dem besten Willen nicht oder nicht immer gehörig ausrichten konnten. Ich wollte ferner mehrere Gewohnheiten, z. B. daS Branntweintrinken, völlig abschaffen, und war nicht zufrieden, bloß das eigentliche Betrunkenseyn vermieden zu sehen. Allein die völlige Enthaltsamkeit von diesem Getränke ist dem gemeinen Russen so gut als unmöglich, und ich kämpfte vergebens gegen diese und so manche andere Gewohnheit. Meine Strasreden, die ich ihnen nur zu häufig hielt, kamen ihnen Bilder aus Rußland. 35 ^ lächerlich vor, weil ich die Sprache nicht zu handhaben wußte, und ^ eben so kindisch mochten ihnen auch meine Belobungen klingen, wie ; ich nur zu deutlich aus ihren Mienen sah. Aber alles dieß hatte ein Ende, wie ich der Sprache mächtig wurde, und den russischen Sitten in meiner häuslichen Einrichtung mich zu bequemen anfing. Es sey mir nun erlaubt, einige Geschichten entgegengesetzter Art zu erzählen, von denen ich selbst Augenzeuge gewesen bin, andre viel grellerer Art, die ich nur vom Hörensagen weiß und daher nicht ver- , bürgen kann, werde ich um so lieber ganz übergehen, da ihre Erzäh- ! lung nur Schänder und Abscheu erregen könnte. ! Auf meiner Reise von Norddeutschland nach Rußland traf ich > in der Gegend von Tula mit einem deutschen Professor*) zusammen, , der nach der Universität Kasan reiste. Der ohne Zweifel sehr gelehrte ^ Mann schien mir wohl recht viele Bücher, aber dafür desto weniger ! die Menschen zu kennen; er beklagte sich bitter über die entsetzlichen Hindernisse, welche er auf jedem Schritte seiner Reise fand, und die er alle der Halsstarrigkeit und Nichtswürdigkeit der russischen Bauern zuschrieb. Allein der wahre Grund der Hindernisse, den der gelehrte und vieler europäischen Sprachen kundige Mann nicht entdeckte, fand sich auf der nächsten Poststation schon. Er verstand kein Wort russisch und war auch gleich an der Grenze so übellaunig geworden, daß er sich fest vornahm, von dieser Sprache auch nicht das erste Wort zu lernen. Ich mußte ihn bald seinem Schicksale überlassen, indem ich mich in Tula von ihm trennte, um meinen Weg nach Tambow zu verfolgen, während er über Moskau, Wladimir und Nischni zu gehen hatte. Nach einigen Monaten erhielt ich einen Brief von ihm nach Kasan; er erzählte darin mit der fröhlichsten Laune seine weitem Unfälle, die in der That abenteuerlich genug waren und auch das Ende derselben, welches er nach unsäglichen Drangsalen in der Gouvernementsstadt Kiew glücklich erreicht hatte. Als er nämlich in dieser Stadt ankam, ging er in seinem Aerger und noch in Reisekleidern zu dem Gouverneur, an dem er einen sehr humanen und der französischen Sprache vollkommen kundigen Mann fand. „Ich bin," sagte er, „der Professor N. N. und schon seit zwei Monaten auf der Reise nach Kasan, so eben komme ich hier an, und melde mich bei Ew. Excellenz, mit der Bitte, mich hier zu behalten und mich zu gouver-- niren, so lange eS Ihnen gefällt, denn ich gehe nicht mehr von der *) Liltrow selbst. 3 * D. H. 36 Bilder aus Rußland. Stelle." Der Gouverneur war anfangs betroffen, fand sich aber bald in seinen Mann, nachdem ihm derselbe einige der erlebten Schauergeschichten erzählt hatte. Er setzte sich mit ihm traulich nieder und erklärte ihm, daß, wenn ihm die Burschen gar zu arg zusetzten, er ohne weiters seinen Stock brauchen solle. Der Professor wollte ihm beweisen, daß das nicht angehe, denn er sey ganz allein und dieser Bursche oft zwanzig; wer ihm,dafür stehe, daß sie am Ende nicht auch geschlagen u. dgl. Der Gouverneur mußte lachen und meinte, der Reisende kenne Rußland noch ganz und gar nicht; nie werde ein solcher Mensch wagen, einen Adeligen zu schlagen. Nach einigen ähnlichen Jnstructioncn beschied er den bedrängten Professor auf den Abend zn sich, wo er eine angenehme Gesellschaft treffen würde. Er kam und mußte der Gesellschaft seine Abenteuer wieder erzählen, wobei denn, während er aus Mitleid rechnete, des Gelächters kein Ende war. „Sie verstehen doch russisch?" fragte ihn kurz vor dem Weggehen ein Herr, der sich durch guten Ton und durch die Achtung, welche ihm die Uebrigen erwiesen, ausgezeichnet hatte. „Nicht ein Wort," war die Antwort. „Aber Sie kennen doch die russischen Buchstaben?" „Nicht einen einzigen." Nun so werde ich Ihnen das Ding mit lateinischen Buchstaben schreiben, nur ein haar Worte, die ich Sie aber gut auswendig zu lerne» und mit dem gehörigen Nachdrucke herzusagen bitte; bei jeder Gelegenheit, wo Sie eS für nöthig achten, ihren Stock zu brauchen, was, ich sage eS Ihnen voraus, so oft als möglich geschehen muß, wenn Sie gut reisen wollen." Dabei wurde sehr human bemerkt, daß man sich nur hüten müsse, auf den Kopf oder ins Gesicht zu schlagen, weil dies schlimme Folgen haben könne; im Uebrigen aber solle man sich gar nicht geniren. Darauf ging der liebe Mann an den Tisch und schrieb mit lateinischen Buchstaben den Zauberspruch auf, der den Herrn Professor bei jeder seiner künftigen Prügeleien vor aller Reaction der getroffenen Bauern schützen sollte. Dieser Denkzettel enthielt die folgenden magischen Worte: ls kotpolleounile, p tü 8obsLs 6urviii8in; d. h. zu deutsch: „Ich bin ein Oberstlieutenant und du ein Hund, du H — söhn." Der Professor erschrack, als er die Uebersetzung vernahm, aber er ließ sich endlich rathen und wie er mir schrieb, fuhr er von diesem Augenblicke an sehr gut und kam wohlgemuth, obschon etwas ermüdet von den ewigen Prügeleien, in seinem Musensitze an. Auch ich selbst kam einmal in den Fall, fremde Hülfe anzusprechen. Ich mußte im Frühlinge mit meinem Wagen bei Simbirsk Bilder aus Rußland. 37 s über die Wolga setzen; der dort sehr breite Strom war noch zum i Theil mit sehr großen Eisstncken bedeckt und die Ueberfahrt gefährlich. ! Obschon mir die zehn oder zwölf Ruderer der großen Plätte, denn mit uns schifften noch drei andere Wagen über, ihr Bestes zu thun versprachen, so hielt ich es doch für sicherer, einen sogenannten Gouvernementssoldaten zur Aussicht über Jene Bauern, gegen gehörige Bezahlung mitzunehmen. Der Soldat erschien; sein martialisches Antlitz und seine Nagaika (eine aus mehreren starken Riemen in Form einer Ruthe zusammengesetzte Peitsche) schien mir nicht das beste Vorzeichen, doch mußte ich ihn als einen mit der Sache Vertrauten der bevorstehenden Gefahr wegen frei gewähren lassen. Wir hatten kaum vom Ufer abgestoßen, als er seine brüllende Stimme nach allen Seiten ertönen ließ. Als wir aber in der Mitte des Stromes eine sehr große Eisscholle, die sich eben von dem stromaufwärts noch stehenden Eise losgerissen zu haben schien, auf uns zutreiben sahen, wodurch wir allerdings in nicht geringe Gefahr kommen konnten, fuhr der Soldat plötzlich wie ein Wüthender aus und schlug die armen Ruderer einen nach dem andern so unbarmherzig mit siiner Nagaika, daß ich ihn zurückhielt, aus Furcht, er möchte durch seine unmenschliche und »»zeitige Barbarei die guten Leute nur unwillig machen, die ohnehin für das eigene Leben besorgt, ihr AeußerstrS zu thun schienen. „Was machst du da, Sukintihin!" rief ich, indem ich seinen Arm hielt. „Du wirst die Leute erbittern, sie thun fa ohnehin, was sie können." „Eben deswegen, Sudar," schrie er zurück, „damit sie fortfahren, eS zu thun, damit sie nicht müde werden vor der Zeit, denn die Gefahr ist groß," und mit diesen Worten riß er sich los, und fing seine unmenschliche Behandlung wieder von Neuem an. Wir kamen glücklich an's Ufer und als ich den Bauern ein gutes und ihrem Treiber, der überstandenen Gefahr froh, ein noch besseres Trinkgeld gegeben hatte, gingen sie mit einander voll anscheinender Freundschaft und Zufriedenheit in die nächste Kabak (Branntweinschenke). Ein andermal trat ich zu einem Abcndbesuche in das Haus des bereits oben erwähnten Generals S., eines sehr wackern und wegen seiner Gutmüthigkeit allgemein gepriesenen Mannes. Schon im Vor- hof vernahm ich ein fürchterliches Geschrei und erkannte seine Stimme. Er hatte eben seinen mit den gräulichsten Schimpfwvrten und mit Ohrfeigen ganz bedeckten Bedienten an den Thürpfosten geworfen und machte nun Miene, den armen, auf der Erde wie ein Hund sich wälzenden Burschen, mit seinen nicht leichten Füßen zu bearbeiten, als 38 Bilder aus Rußland. ich mit seiner Frau, die nun durch meine Gegenwart auch Muth erhielt, ihm entgegentrat. Mein Zureden, sich selbst zu schonen, und wohl auch die Scham, sich von mir in seiner Blöße überrascht zu sehen, bewog ihn, scheinbar nachgebend, ins Zimmer zu treten. Athemlos mit sprühenden Augen warf er sich auf sein Sopha und bot mir einen Platz neben sich an. Anfangs konnte er vor verhaltener Wuth nicht sprechen, als er aber wieder seiner mächtig wurde, suchte ich ihn, der immer einen Schlagfluß fürchtete, aus die Gefahr, in welche Er durch solche Aufwallungen seine eigene Gesundheit versetzte, aufmerksam zu machen, während seine snnge und schöne Frau ihn mit Schmeichelwortcn besänftigte. Als sich allmälig der brausende Strom seines Zorns verlief, wagte ich es, ihm auch zu bemerken, daß der Mensch doch wohl nicht so gar schlecht seyn könne, da er mir ihn selbst so oft als den besten und gutwilligsten Burschen geschildert habe. Er sah mich gleichsam wegen meiner Dreistigkeit starr an, sprang plötzlich auf und ergriff meine Hand mit den Worten, den ersten, die ich seit seiner Erpostnlation mit dem Bedienten gehört hatte: „Sie haben nicht Unrecht, eS ist sonst ein guter Kerl, und ich habe eS zu arg gemacht. Nikalai!" rief er setzt aus vollem Halse und der arme, gemißhandelte Bediente trat beinahe auf allen Vieren, wie ein furchtsamer Hund, zur Thüre herein. Ich besorgte schon die plötzliche Erneuerung der vorigen Scene, als ihm der Herr befahl, den Mauerschrank zu offnen, und den Wotki (Branntwein) nebst dem großen, geschliffenen Ehrenglase zu bringen, das sonst nur für Gäste von Bedeutung gebraucht wird. Der arme Nikalai brachte mit zitternden Händen, was der Herr verlangte; dieser schenkte den Pokal voll bis an den Rand und reichte ihm denselben: „Nimm," sagte er, „bist ein guter Hund, aus unsere-Gesundheit!" Nikalai nahm und trank aus dem Ehrenbrccher, den er sonst zu berühren sich fürchtete, und, ich sah sie, die Thräne der Dankbarkeit rann seine braune Wange herab, der Dankbarkeit gegen den guten, gnädigen Herrn, der ihn solcher Ehre gewürdigt. Wir sprachen später in ruhiger Stunde oft von diesem Auftritte und von ihm besonders wollte ich meinen Beweis hernehmen, daß diese Menschen gewiß mit Gut- müthigkeit besser, als mit Strenge zu leiten wären. Er aber lächelte und meinte, ich kenne sie nicht, und man könne ohne Schärfe mit ihnen nichts ausrichten. Wenn auf diese Weise noch einige Eingeborne an diesen veralteten, barbarischen Vorurtheilen hängen, so mag es den Unwillen Bilder aus Rußland. 39 des Lesers zu mäßigen, nicht am unrechten Orte seyn, zu erwähnen, wie über diesen Punkt auch noch mehrere unserer deutschen Landsleute denken. Ich machte im Jahre 1802 in einer zahlreichen Gesellschaft eine Lustreise im östlichen Polen, unter den Damen befand sich auch die Frau eines reichen Gutsbesitzers, eine deutsche, deren Eltern sich noch vor Joseph II. Zeiten in diesem Lande angekauft hatten. Diese Frau zeichnete sich vor allen Uebrigen .durch höhere literarische Bildung, durch körperliche Schönheit und durch eine bezaubernde Sanftheit Vortheilhaft auS; aber unter dieser schimmernden Außenseite lagen Gesinnungen verborgen, die nach meiner Ansicht einem Kanibalen Ehre gemacht haben würden. Nachdem sie sich mit liebenswürdiger Grazie über die Schönheiten der unü umgebenden Natur verbreitet und daö himmlische, dem leidenschaftlichen Treiben der großen Städte ganz fremde Glück deö Landlebens mit den anmuthigsten Farben geschildert hatte, wendete sich das Gespräch, und ging, wie eS so oft geschieht, auf die Vergleichung der verflossenen Zeit mit der gegenwärtigen über, wo denn besonders das neue Verhältniß der Grundherrn zu ihren Leibeigenen, das durch Joseph'S Aushebung der Leibeigenschaft eine so große Veränderung erlitten hatte, zum Grundierte gewählt wurde. Die Meisten waren mit dieser Neuerung nicht zufrieden. Das gemeine Volk, hieß eS, war zu dieser Reform noch nicht reif und ist dadurch nur noch schlechter und widerspenstiger geworden u. s. w. Unser Engel hatte bisher seine Stimme noch nicht abgegeben, als sie plötzlich durch eine Anekdote ihres Nachbars veranlaßt, sich mit ihrer holden Redseligkeit über den Gegenstand verbreitete, eine ähnliche Anekdote von ihrem Großonkel erzählte, der einen armen Bauern todtpeitschen ließ, hinter dem kein Hahn krähte, und ihren Vortrag mit der Bemerkung schloß: „Das wären Zeiten, wo der Adel noch was galt und wo man ihm schon von ferne auSwich, während es jetzt der Bauer kaum der Mühe werth findet, uns zu grüßen. Ich möchte es jetzt nicht mehr wagen, einen Bauern tvdtprügeln zu lassen, da gewiß des Lärmens, der Untersuchungen und der Zahlungen kein Ende seyn würde." Bald daraus zog der holde Engel seine Krallen, die er gegen seinen Willen hatte sehen lassen, wieder ein und verbreitete sich über den Werth der philanthropischen Anstalten, die man um diese Zeit in Deutschland zu errichten begann. 40 Bilder aus Rußland. Geselliges Leben. Die erste Tugend des Russen ist die Gastfreundschaft. Ein großes Beförderungsmittel dieser schönsten aller geselligen Tugenden findet der Russe allerdings in der Wohlfeilheit der Lebenömittel und in der Leichtigkeit der Erhaltung seines Hauses. Allein es gibt auch Gegenden, wo diese günstigen Verhältnisse nicht statthaben, und doch die Gastfreundschaft nicht geringer ist. Diese Eigenschaft ist dem Russen angeboren, wie denn überhaupt diese Tugend ihren Sitz in den östlichen Ländern der alten Welt zu haben scheint, und ihre Spuren immer seltener werden, se weiter man sich vom Osten entfernt. Daß eS in einem Lande, in welchem die Gastfreundschaft so sorgsam gepflegt wird, an geselligen Vergnügungen nicht fehlen wird, ist für sich klar. Diese Vergnügungen sind in der That in Rußland eine so wesentliche und das Volk selbst so charakterisirende Sache, daß sie es wohl verdienen, hier näher betrachtet zu werden. Spazierengehen liebt der Russe so wenig als irgend ein Orientale. Daher findet man etwa die beiden Hauptstädte und die nordwestlichen Provinzen, wo die deutsche Sitte vorherrscht, ausgenommen, auch weder öffentliche Spaziergänge noch Gärten zum Lustwandeln für das Publikum bestimmt. Wenn dem eigentlichen Russen wohl seyn soll, so muß er sich entweder zu Hause oder in des Nachbars Wohnung bei einem wohlbesttzten Tische und nach dem Mahle bei einem Spiele vergnügen, welches so wenig Bewegung als möglich fordert. Als ich in der ersten Zeit meines Aufenthalts in Kasan die Tage deS kommenden Sommers, der dort zu Ende Mai'S beginnt, nach meiner vaterländischen Weise durch Spazierengehen in der Umgebung genießen wollte, erregte ich bei meinen neuen Freunden ein allgemeines Aufsehe», da sie nicht begreifen konnten, was mich bewog, wie ein Unsinniger in der Gegend herumzuschweifen, in der ich doch, wie sie wußten, nichts zu thun hatte. Man hielt mich für krank und glaubte, daß ich meine Gesundheit durch dieses Herumlaufen wieder herstellen wolle, eine Kurart, die ihnen nicht wenig auffiel, da sie, wenn sie unwohl sind, sich immer sogleich zu Bette zu legen Pflegen. Auf diesen Streifereien begegnete ich einmal einem meiner Bekannten, er fragte mich, was ich in dem Dorfe, welches ich besuchen wollte, zu thun habe. Auf meine Antwort, daß ich dort ganz und gar kein Geschäft habe und bisher weder das Dorf, noch irgend einen seiner Bewohner gesehen Bilder aus Rußland. 41 habe, meinte er, ich gehe wohl deßwegen hin, um sie zu sehen. Ich bemerkte ihm, daß das meine Absicht nicht sey, da ich im Voraus überzeugt seyn könne, dort nichts Neues, nichts von den andern umliegenden Dörfern Verschiedenes zu treffen. „Je nun, Väterchen," fragte der Neugierige mit Verwunderung, „warum gehen Sie denn hin?" „Ich gehe bloß," sagte ich, „um zu gehen, um mir ein Bischen Bewegung in der freien Lust zu machen." Der Freund brach in ein lautes Gelächter aus, als er endlich den Grund meiner Ausflüge erfuhr, der ihm und allen Andern schon lange ein Räthsel war. Gehen, um zu gehen! So was hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gehört, und in kurzem lief diese nie gehörte Redensart in der ganzen Stadt herum, so daß man mich noch im folgenden Jahre in jeder Gesellschaft freundlich damit aufzuziehen pflegte. Daö Zusammenkommen in häuslichen Zirkeln ist also bei den Russen die eigentliche Basis aller ihrer Vergnügungen und Genüsse. Man findet dieß nicht nur bei den Großen in den Hauptstädten, sondern auch bis herab zu den ärmsten Bauern, und wer nur immer eine Hütte hat, wird auch, wenigstens an besonders festlichen Tagen, eine kleine Gesellschaft in ihr zu versammeln und diese nach Kräften gut zu bewirthen suchen. Besonders sind die langen Winterabende diesen geselligen Zusammenkünften geweiht, wo eS oft nach vollendeter Arbeit sehr lustig hergeht. Nicht selten sieht man da ländliche Possen- spiele und förmliche Maskeraden von den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes aufführen, und dieselben ihre öfter freilich auch etwas rohen Späße treiben. Das Ganze beschließt gewöhnlich ein Pfänderspiel oder ein Tanz bei einfacher Musik. Die Aeltern vergnügen sich indessen mit den Karten, oder mit dem Damen- und Schachspiele. Diese beiden letzten Spiele sind durch ganz Rußland im allgemeinen Gebrauche und sie werden nicht bloß in müßigen Stunden zu Hause, sondern auch in den Buden von den Krämern und Kaufleuten, vom gemeinen Mann und von Kindern auf der Gasse gespielt. Dieß ist die Ursache, warum man hier so viele vorzügliche Schachspieler findet, wie denn oft mancher russische Bauer eine solche Celebrität in der Umgebung erhält, daß die Adeligen aus großen Entfernungen zu ihm kommen, um ihre Kräfte an den seinen zu versuchen. Da es, wie bei unö, meistens ohne Geld, sondern bloß der Ehre wegen gespielt wird, so verderbt es nicht, wie die abscheulichen Karten- und Hasardspiele, den Geist des Volkes, sondern erhebt denselben vielmehr. Eben so ist es bei den Bemittelten, in den größern Städten des 42 Bilder aus Rußland. Reiches beinahe allgemeine Sitte, seden Abend eine oft zahlreiche Gesellschaft bei sich zu versammeln, zu dem auch Fremde freien Zutritt haben; sedoch macht sich in Petersburg besonders allmälig der Uebergang bemerkbar, der in allen großen Städten Europa's statt hatte, der Uebergang von der früheren Pracht und dem rauschenden Getöse dieser Zusammenkünfte zu der Auswahl einiger vertrauten stillen Freunde, die ihre Zeit mit geistreichen Gesprächen auszufüllen wissen, ohne zu senen lärmenden Zerstreuungen ihre Zuflucht zu nehmen. Jene mitternächtlichen Orgien und geschmacklosen Ueberladungen aller Art, die früher hier so sehr beliebt waren, werden mit sedem Jahre seltener; aber die eigentliche Masse der Bewohner der größcrn Städte hält noch fest an ihren sogenannten Parthien. Die reichern Kaufleute in Petersburg und Moskau z. B. geben öfter des Jahres in ihren Wohnungen, die an Pracht den Pallästen der Großen nicht nachstehen, große Gesellschaften, und ihre täglichen Tische sind selten oder nie ohne mehrere Gäste, so daß man oft an denselben Fremde aus den entlegensten Ländern versanimelt trifft. Auch der thätigste und betriebsamste russische Kaufmann, der sich den ganzen Tag in seinem Geschäfte abmüht, weiß Abends ein freies Stündchen für diese geselligen Unterhaltungen zu finden, die bei ihm zu dem eigentlichen Hochgenuß deS Lebens gehören, und die er sich auf keine Weise nehmen läßt. Die zahlreichen sogenannten KlubbS, wo sie sich Abends versammeln, zeigen ebenfalls von ihrem Hange zur Geselligkeit. Diese KlubbS sind von unsern Zusammenkünften in den Gasthäusern sehr verschieden, da sie nur von sogenannten geschlossenen Gesellschaften gebildet werden, von Freunden und Bekannten, die sich hier täglich sehen, und wo dann Fremde nur durch Einführung Zutritt haben. Ihnen nachgebildet sind die vielen fremden KlubbS für Deutsche, für Franzosen, für Engländer u. A. in Petersburg, zu welchen aber, unter der obigen Bedingung, auch Russen zugezogen werden. Die Hauptunterhaltung in diesen KlubbS bildet außer den Genüssen der Tafel das Spiel, meistens leider das Kartenspiel; doch fehlt es auch nicht an besseren Zerstreuungen und oft wird der gebildete Fremde hier durch eine ausgewählte Musik oder durch eine geistreiche Unterhaltung erfreut. Zeitungen und Journale findet man in den besseren KlubbS, aber auch hier nur sparsam, und meistens schlecht gewählt. Auch der sogenannte gelehrte Stand, Professoren, Akademiker, Literatoren und Künstler hat hier seine eigenen KlubbS. Er wird von der Regierung und dem hohen Adel gehoben und bildet selbst eine Art Bilder aus Rußland. 43 von Mitteladel m dem Volke. Da aber das letzte noch wenig Sinn für Wissenschaften und Kunst hat, so leben die Gelehrten meistens zurückgezogen, nur mit sich selbst unter einander in Verbindung, und sind daher ohne großen Einfluß auf die übrige Masse der Nation. Doch befinden sie sich bei dem Schutze der Höheren und der Achtung der Niederen im Allgemeinen sehr wohl, und die meisten derselben haben ihr altes Vaterland über dem Neuen gänzlich vergessen. Anders verhält es sich mit den Gesellschaften der Großen in den beiden Hauptstädten des Reiches; hier ist Reichthum und Luxus und selbst der seine Geschmack in Allem der Gegenstand der Bewunderung selbst für einen, der in Paris und London die Palläste der Großen näher kennen gelernt hat. Diese SoirscS oder Reunionen zeichnen sich wirklich durch Eleganz und guten Ton äußerst Vortheilhaft aus. Wenn der fremde Gast auf seine Einladungskarte Abends vor dem Pallaste in seinem Wagen erscheint, fliegen die Thore desselben ungestüm auf, ein Schwärm von reich gallonirten Bedienten mit Fackeln in den Händen führt den Gast über die breiten Treppen in die Gesellschaftszimmer, in welchen man, nachdem man der Frau vom Hanse vorgestellt worden, sogleich zu der zwanglosesten Unterhaltung mit den bereits versammelten Gästen übergehen kann. Die Zimmer, durch welche man, auf diese Weise von einem Gaste zum andern wandernd, kömmt, sind sämmtlich auf'S Reichste dekorirt und durch wahrhaft ungeheure Spiegel, wie sie allein hier verfertigt werden, gleichsam vervielfacht. Vor der eigentlichen Tafel werden Erfrischungen im Ueber- fluffe von den Bedienten herumgetragen. Vor allem zeigen die russischen Großen ihre Pracht in der Anzahl ihrer Bedienten. Schon in dem Hofe wird der Fremde von ihnen umschwärmt; in dem Vorzimmer stehen sie dicht an einander und begleiten den Gast in die tieferen Gemächer, um ihm da die überflüßigen Kleider abzunehmen und in dem Vorzimmer aufzubewahren. Früher soll diese Sucht noch viel größer gewesen seyn, aber sie ist wahrlich auch setzt noch groß genug, besonders wenn man dazu bemerkt, daß die meisten derselben müßig gehen, zehn derselben nicht so viel arbeiten, als in Deutschland ein einziger. Diese Sucht hat sich selbst auf die Mittelklasse fortgepflanzt, und ein Russe hält unter denselben Verhältnisse wenigstens vier Mägde, unter welchen ein Deutscher in seinem Vaterlande froh seyn würde, eine einzige zu haben. Diese einzige thut aber in der Regel gewiß eben so viel als alle jene vier zusammengenommen, und wenn eS einmal Nachmittag ist, so 44 Bilder aus Rußland. thun alle vier gar nichts mehr, denn dann haben sie Feierabend und legen sich bis zum Schlafengehen im Sommer aus den Eiskeller, im Winter auf den Ofen, der zu dieser langen Tiefte eigens eingerichtet ist. In England, in London selbst, sieht man in den größten Pal- lästen kaum drei oder vier eigentliche Bediente des Herrn, während ihre Zahl hier bei den Großen auf fünfzig, sechözig und selbst über hundert steigt, wozu denn allerdings die Leichtigkeit, sie sich zu verschaffen, das Meiste beiträgt, denn fast alle sind Leibeigene, von den Gütern des Herrn. Da ist ein Intendant und ein Mmtro ü'tiowl, ein Dutzend Zimmerbursche, eben so viele Aufwärter, eigene Bediente des Herrn und eigene Bediente der Frau, und wieder eigene für den jungen Herrn und für die Fräulein vvm Hause; dann kommen die Kellner, Beschließer, Jäger, Schweizer, Thürsteher, Portiers, Läufer, Kutscher und Stallbursche, Jockey'S und Vorreiten, Köche und Küchcn- bursche, die Confituriers, die Einheizen und Zimmcrputzcr u. s. w., die Dienerinnen aller Art gar nicht zu erwähnen. Das ärgste an der Sache ist aber das fortwährende Anwachsen dieser Dienerschaft. Denn ^ jeder Mann nimmt, wie sich in Rußland ohnehin versteht, sobald er in den Dienst tritt, auch seine Frau mit. Die Kinder, welche aus diesen Ehen entspringen, gehören ebenfalls zu dem Hause, und bleiben auch in demselben; ja oft werden sogar Verwandte, wenn auch nicht gänzlich in daö Haus gezogen, doch Tage und Wochen lang in demselben behalten, ohne daß man sich dagegen aufhält; ferner finden die guten Freunde und Bekannte der Dienerschaft hier gewöhnlich offene Tafel und meistens auch ein Schlafgemach. „Als ich heirathete," erzählte mir ein reicher Russe, „nahm ich mir fest vor, nur so viele dieser unnützen Menschen in meinem Hause zu behalten, als unumgänglich für mich und meine Frau nothwendig war, und ich beschränkte mich daher auf vierzig. Aber zu meinem großen Erstaunen bemerkte ich nach drei oder vier Jahren, daß sich diese Zahl bereits beinahe verdoppelt hatte." In jedem andern Lande würde auch der Wohlhabendste sich begnügen, etwa drei oder vier dieser Leute bei Tische zur Aufwartung zu haben, aber in Rußland muß bei jeder Gasterei von oft vierzig und fünfzig Personen hinter jedem Stuhle ein solcher Mensch stehen, wenn daS Ganze nicht armselig aussehen soll. Sonst war es Sitte und ist eS in den Landhäusern mancher Großen noch, in jedem der zahlreichen Zimmer einen eigenen Bedienten, und an den Thüren derselben noch einen oder zwei aufwartende Knaben aufzustellen, und diese Leute die Stelle der jetzigen Glvckenzüge vertreten zu lassen. Bilder aus Rußland. 45 Wenn seine Durchlaucht in dem letzten seiner Appartements einen Beseht zu erlassen geruhte, so lief das Comandowort von Zimmer zu Zimmer und von Thür zu Thür, bis er endlich den letzten erreichte, der das Verlangte brachte, worauf es dann durch eben so viele Personen wieder an den Gosudar (gnädigen Herrn) gelangte. Eine polnische Gräfin erzählte mir, als sie einst bei dem Grafen Orloff einen Geschäftöbesuch gemacht, habe der Graf unter dem Gespräche dem an der Thüre stehenden Bedienten befohlen, ein Glas Wasser zu besorgen. Der Diener hatte kaum den Rücken gewendet, um mit seinem nächsten Nachbar zu sprechen, als er schon wieder auf seinem Posten erschien; es verging eine halbe Stunde, und das Wasser kam noch nicht. Der Graf von Durst geplagt, mußte seinen Befehl wiederholen und sagte zur Gräfin: „Sehen Sie, waS für ein armer Mann ich bin, ich habe über 120 Bediente bloß in diesem Hause und wenn ich ein Glas Wasser bedarf, kann ich es nicht erhalten." Die Gräfin lächelte über den armen Mann und meinte, wenn er noch ein gut Theil ärmer wäre, und nur einen Bedienten halten könnte, so würde er wohl besser bedient seyn. Die Gräfin Orloff, seine Tochter, die das ganze Vermögen des Vaters geerbt hat, soll in ihrem Pallaste zu Moskau über 800 Bediente jeder Art und jedes Geschlechts haben, und bloß für sie ein eigenes Hospital halten. Nebst diesen Armeen von Bedienten zeigen die Reichen Rußlands ihren Glanz am liebsten in der Fülle und Pracht ihrer Tafeln. Wer bei ihnen zu Tische geladen ist, muß eigentlich zweimal Tafel halten. Denn gleich bei der Ankunft, etwa eine Stunde vor dem Hauptschmause, wird man in eines der vorzüglichsten Zimmer geführt, in welchem auf mehreren kleineren Tischen eine Unzahl kalter Speisen aufgetragen ist, als: Häringe, Caviar, Eingemachtes, Hausen, Sterlette u. dgl., die Hauptsache, LiqueurS und gebrannte Wasser aller Art, nicht zu vergessen. Die Gäste genießen davon stehend, oder im Gespräche aus- und abgehend, bis das Zeichen zur Tafel gegeben wird. Man tritt dann in einen Saal, in dessen Mitte ein ungeheuerer Tisch mit Speisen aller Art beladen steht. In der Mitte desselben prangt eine große goldne oder silberne Platte in Form eines Präsentirtesilers, eines Blumenkorbes und dergl. und zur Seite desselben stehen mehrere kostbare Gefäße mit duftenden Blumen, mit edlen Früchten, Confitüren «. dgl. Die Frauen sitzen gewöhnlich an der obersten Stelle zusammen, den übrigen Raum nehmen die Männer ein. Diese Trennung der Geschlechter, welche erst in den neueren 46 Bilder aus Rußland. Zeiten weniger streng beobachtet wird, ist natürlich der Geselligkeit durchaus nicht förderlich, und muß in Rußland, wo der Umgang zwischen beiden Geschlechtern viel freier, als in andern Ländern ist, doppelt auffallen. Auf Rangordnung im Sitzen wird lange nicht so kleinlich gehalten, wie dies noch in so vielen Gegenden Deutschlands der Fall ist. Da die Tafeln gewöhnlich rund oder elliptisch sind, und die Frau und der Herr vom Hause einander gegenübersitzen, so wird schon durch diese einfache Anordnung der lächerliche Rangstreit größtcn- theils entfernt und man sieht daher oft die Vornehmsten der anwesenden Gäste mitten unter den geringeren sitzen. Die abscheuliche Sitte, die schon der jüngere PliniuS so bitter verspottet: amicos 8uos Kruüs- tim Kaders, und den: Untcrhause an der Tafel schlechtere Weine u. dgl. zu geben, ist in den besseren Gesellschaften eine durchaus unbekannte Sache. Der gerühmte Reichthum einer großen russischen Tafel zeigt sich nun vor allem in der beinahe unzähligen Menge von Eingemachten, von Sauycn, Brühen u. dgl. Der Marchese Carraccioli, neapolitanischer Gesandte in London, machte einst an dem Tische eines englischen Ministers die Bemerkung, daß es in England über sechözig religiöse Seelen und doch nur Eine Sauye (die in zerlassener Butter besteht) gebe. In Rußland hätte er beides, Seelen und Sauyen, beinah in gleich unzähliger Menge gefunden. Diese Dinge, unter welchen die eingemachten Beeren und Früchte die erste Rolle spielen, werden auf einem Seitentische eigendS ausgestellt, und von dem Mulles ä'kötsl und seinen Assistenten servirt. Jede Minute kömmt einer mit seiner silbernen Schale und dem kleinen goldenen Löffel und flüstert dem Gaste vertraulich inS Ohr, was für eine Seltenheit seinem Gaumen hier angeboten wird, und kaum hat sich dieser entfernt, so steht schon wieder ein anderer da, und fragt eben so vertraulich, welcher von den Bechern mit Burgunder, Champagner, Lafitte, Tokayer, Johan- niöberger u. s. w. gefällig sey. Besonders ist die Menge von Champagner auffallend, die bei einem solchen Schmause getrunken wird. Es wäre in der That »»erklärbar, wie die kleine Champagne auch nur so viel Wein liefern könnte, als jährlich in Rußland verbraucht wird, wenn man nicht wüßte, daß Rußland in seinen Provinzen am Don sehr weitläufige Weingärten hat, die einen Wein liefern, der dem gerühmten Champagner an Güte und allen seinen bekannten Eigenschaften durchaus nicht nachsteht. Auch in der Krimm hebt sich der Weinbau sehr, da er nicht bloß von den Großen, sondern selbst Bilder aus Rußland. 47 von dem Monarchen auf das thätigste unterstützt wird, und diese Insel liefert bereits Weine, die mit den besten aus Ungarn, Tyrol oder Frankreich in die Schranken treten können. Unter den Leckereien der russischen Tafeln stehen die Varenikys und die Batwinia oben an. Beide sind dem Lande eigenthümlich, und für einen, der kein Gastronom ist, schwer zu beschreiben. Die VarenikyS bestehen im allgemeinen aus eingesottenen Früchten und Beeren und sie theilen sich in beinahe unzählige Unterarten. Die Batwinia, der König der Olapotrida ist ein sonderbares Gemisch von Fleisch, Fischen, Krebsen, eingesalzenen Gurken, feinen spanischen Zwiebeln u. dgl. Ingredienzien. Sie wird gewöhnlich zwischen Stücke von Eis auf einer großen Schüssel in die Mitte des Tisches gestellt. Der Kaiser Alexander ließ bei seiner Anwesenheit in Wien, während des großen EongrcsseS, diese gerühmte Batwinia auch bei einem diplomatischen Gastmahle auftragen, das er den fremden Gesandten und Ministern gab. Als er den bekannten Marschall Vorwärts von dieser Speise nehmen und mit saurem Gesichte essen sah, fragte er ihn, wie er diese Lieblingsspeise der Russen finde. „Liro,« sagte der gerade Soldat, „so la trouvo äetestabls," und gab das klebrige dem nahestehenden Bedienten. Der Monarch lächelte über diesen Angriff aus sein Leibgericht und setzte den übrigen Gästen mit einer Art von Vorliebe und mit nicht geringer Sachkenntniß die kostbaren Bestand- theile desselben auseinander. Nebst diesen beiden Speisen gibt eS aber noch viele andere, die im Auslande eben so unbekannt sind, und von denen viele so wohlschmecken, daß sie eS wohl verdienten, von unsern Gourmands näher beachtet zu werden. Hierher gehört die berühmte Borschtsuppe mit Kohl, rothen Rüben und Fischstücken; die Pirogi oder gefüllten Kuchen, die sehr wohlschmeckenden Sterlette, eigens zubereitete Wasserhühner, Schweinefleisch mit Trüffeln, astrachanische Beeren, und krimmische Früchte, und wie die Dinge alle heißen, die einen an solche Fülle und an solches Gemisch angewöhnten Magen schon nach dem ersten Versuche in die größte Verlegenheit bringen können. Toleranz. Jedem Reisenden in Rußland muß eS auffallen, daß der Russe, Andersdenkenden in Religionssachen gegenüber, ein ganz anderer Mensch 48 Bilder aus Rußland. ist, als der Westeuropäer. Ob die religiöse Toleranz, die in der That in keinem andern Lande so groß ist, als in Rußland, von der Unkenntniß aller positiven Religion oder von dem Charakter der Russen, oder von dem Geiste ihrer Verfassung, oder endlich von der völligen Nichtachtung, in welcher die niedere Geistlichkeit bei dem Volke steht, und von dem daraus entstehenden Mangel eines geistlichen espr-it äs oorps herrühre, wollen wir hier nicht untersuchen. Es genüge uns zu wissen, daß diese allerdings sehr schöne Tugend, deren Abwesenheit in so vielen andern christlichen Ländern ganze Ströme von Menschenblut gekostet hat, hier in einem Grade angetroffen wird, der kaum einer Steigerung mehr fähig ist. Fremde Beamte, die aus dem Auslande berufen, und vor ihrer Anstellung über viele Umstände befragt werden, selbst Lehrer und Professoren, die doch durch ihr Geschäft unmittelbar auf die geistliche, also auch religiöse Erziehung des Volkes einwirken, werden in dieser Beziehung alle für gleich gehalten, und nie wird einer derselben von der Regierung um die Religion befragt, zu welcher er sich bekennt, da man diese Angelegenheit dem Gewissen eines jeden überläßt. Obschon die morgenländisch- griechische Kirche die Hof- und Staatsrcligion ist, so herrscht doch hinsichtlich aller Religionen die vollkommenste Gewissensfreiheit. Auch wohnen in diesem Lande Christen und Juden, Türken und Heiden, Fetisch- und Götzendiener ruhig unter einander. NeligionSverfolgung, Inquisition, Bluthochzeitcn, sicilianische Vespern, Krcuzzüge und Bekehrungssucht sind hier ganz unbekannte Dinge. Niemand wird seines Glaubens wegen in seinen bürgerlichen Rechten gekränkt, oder von Staatöämtern ausgeschlossen. In der Armee und in den ersten Civilstellen steht man Männer, die, tatarischen Ursprungs, noch der moha- medanischen Religion zugethan sind. Auch fällt es keinem Russen ein, sich darauf etwas zu Gute zu thun, daß er im Schooße der herrschenden Kirche geboren ist. Unzählige fremde Kirchen umgeben in Petersburg und Moskau die herrschende Metropolitankirche, wie liebende Kinder ihre schützende Mutter, und in friedlicher Eintracht wohnt der orthodoxe Russe mit dem gläubigen Mohamedaner, und der heidnische Tschuwasche mit seinem zur christlichen Kirche übergegangenen Bruder in einer Hütte zusammen. Ein russischer General erzählte, der bekannte Sir Robert Wilson, der beim Besuchen eines Vorpostens die Soldaten beim Essen fand, fragte jeden nach seiner Religion, wo denn ein sehr sonderbares Gemische aller Glaubensbekenntnisse zum Vorschein kam. Als er zu dem letzten kam, dessen Bilder aus Rußland. 49 Physiognomie ihm tatarisch schien, sagte er: „Du bist ein Mahome- daner, wie ich sehe." — „Nein," antwortete dieser voll Stolz und Zuversicht, „ich bin ein Heide." Ein herzliches Gelächter seiner Kameraden folgte darauf, die mit der größten Gutmütigkeit fortfuhren, mit dem Heiden auö einer Schüssel zu essen und aus einem Kruge zu trinken. Ich wünschte wohl, daß unsere Geschichtsforscher diese Erscheinung, die, so viel mir bekannt ist, in der ganzen Christenheit nicht ihreö Gleichen hat, einer besondern Untersuchung unterwürfen. Es ist allerdings wahr, daß der gemeine Mann in jenem Lande 'seine Religion ihrem Wesen nach noch sehr wenig kennt, aber daraus wird sich jene Toleranz nicht erklären lassen, wenn man bedenkt, daß der gemeine Mann in so manchen andern Ländern seine Religion eben so wenig kennt, und dabei doch der unverträglichste nnd intoleranteste Mensch ist. Nicht minder sonderbar ist eine andere Erscheinung, die mit der soeben erwähnten in dem schneidendsten Widersprüche zu stehen scheint: nemlich der ganz unversöhnliche Haß, welchen die gegen jede fremde Religion und gegen die verschiedensten Secten der christlichen Religion so äußerst toleranten Russen gegen die aus dem Schooße ihrer eigenen Kirche hervorgegangenen Sectirer des griechischen Ritus hegen. Wie eS Menschen gibt, die sich mit der ganzen Welt, nur nicht mit ihren nächsten Verwandten vertragen können, so sind auch die Russen, die mit allen NeligionSgenossen im Frieden leben, in einem ewigen Kriege mit den Paskolniken (Geschiedenen), und der gegenseitige Haß, ja der eigentliche Versolgungsgeist würde sofort in helle Flammen ausbrcchen, wenn die weise Regierung die kampflustigen Partheien nicht kräftig niederzuhalten wüßte. Früher kannte man in der griechisch-russischen Kirche keine Spaltungen. Als aber vor beinahe einem Jahrhunderte ein Archire (Erzbischof) in Moskau, die alten liturgischen Bücher nicht mehr für gut genug fand und neue einführte, trennten sich die Anhänger des neuen von den andern, und der Riß, der dadurch unter den Gläubigen entstand, wurde bald so groß, Haß und Verachtung der Partheien so unbändig, daß an Vereinigung nicht weiter gedacht werden kann. Die neuen Bücher sind zwar größtenteils wieder abgeschafft, oder doch sehr modificirt und den alten näher gebracht worden; aber die Spaltung der Gemüther wurde dadurch nicht vermindert. Und doch unterscheiden sich diese Paükolniken, die sich selbst den Ehrennamen Starowertzi (Altgläubige) beilegen, bloß in unwesentlichen Nebensachen, die meistens nur äußere kittrow r- 4 50 Bilder aus Rußland. Formen betreffen, von der andern. So brauchen sie keine Glocken in ihren Kirchen, so machen sie das in Rußland so gewöhnliche große Kreuz über Stirne, Schultern und Brust in verkehrter Richtung von der rechten zur linken Seite der Brust, während die andern es von der linken zur rechten machen, und was dergleichen wichtige Dinge mehr sind. Da aber diese Starowertzi alle Gemeinschaft mit den Neulingen fliehen; da sie es für eine Sünde halten, mit ihnen aus einer Schüssel oder an einem Tische zu essen; da sie, wenn sie je auf einen Augenblick mit einem Ketzer dieser Art zusammengekommen sind, Kleider und Möbel wie hinter einem Aussätzigen reinigen und waschen, so ist offenbar keine Bereinigung der feindlichen Brüder möglich und es bleibt nichts übrig, als sie nur immer weit genug auseinander zu halten und jede Parthei ihren Weg für sich gehen und ihre krummen oder geraden Furchen für sich ziehen zu lassen. Die herrschende griechische Kirche in Rußland hat übrigens, wie bekannt, unter den verschiedenen christlichen Seelen mit der katholischen Kirche am meisten Aehnlichkeit. Sie unterscheidet sich von dieser nur dadurch, daß sie die Suprematie des Pabsteö nicht anerkennt, daß bei ihr der heilige Geist nur von dem Vater, nicht auch zugleich von dem Sohne ausgeht, daß sie in den Kirchen keine geschnitzten, sondern nur gemalte Bilder duldet und daß sie endlich ihren Gläubigen das Abendmahl unter beiden Gestalten gibt. Alles klebrige haben sie mit den Katholiken gemein, selbst das Meßopfer, die Beichte u. dgl. Aus dieser Ursache werden auch die Bekenner der griechischen Kirche von den Katholiken nicht für Ketzer oder Ungläubige, sondern nur für Schismatiker gehalten, und es ist den Katholiken, die in Rußland leben, erlaubt, alle Spenden der Kirche, die Taufe, Trauung, das Abendmahl, die letzte Oehlung rc., wenn ein katholischer Priester mangelt, von dem russischen Geistlichen anzunehmen. Diese Geistlichen der russischen Kirche dürfen nicht bloß, sondern sie müssen heirathen, ehe sie die Weihe empfangen, und dann ihre kirchlichen Funktionen antreten, die nach der Vorschrift nur von ver- heiratheten Priestern besorgt werden können. Sie dürfen aber auch nur einmal heirathen. Stirbt daher die Frau eines Geistlichen, so wird dieser dadurch unfähig, seinem Amte vorzustehen, er hört auf, seine Funktionen zu verrichten, und muß ins Kloster wandern. Da das Kloster keinem ein wünschenswerter Aufenthalt ist, so werden die Frauen der russischen Popen auf den Händen getragen und mit der zärtlichsten Sorgfalt gepflegt, damit der Mann so lange als mög- Bilder aus Rußland. 51 lich in Freiheit bleibe. Der einzige Ersatz, der ihm durch diesen Gang ins Kloster für den Verlust seiner Freiheit wird, ist die Aussicht, einmal Bischof oder Erzbischof (Archimandrit oder Archive) zu werde», denn diese höher» geistlichen Stellen werden nur mit Mönchen, d. h. den Wittwern der verstorbenen Priesterfraucn besetzt. Uebrigens haben die russischen Geistlichen aller Ordnungen keine liegenden Gründe oder große Güter, wie die spanischen oder portugiesischen Priester, die einen großen Theil des Landes als ihr ausschließendes Eigenthum besitzen. Diese geistlichen Güter wurden im Jahr 1764 sämmtlich eingezogen, und die Priester werden, wie alle übrigen Beamten des Reichs, salarirt. Sie stehen endlich alle unter einem höchsten Gericht, der sogenannten heil. Synode in Petersburg, deren Mitglieder nicht bloß Geistliche, sonddrn großentheilS weltliche sind. Diese beiden von Peter dem Großen getroffenen Einrichtungen sind die Ursache, deß sich in Rußland unter der Geistlichkeit noch kein osprit c!e corp8 gebildet hat und auch nie bilden wird, so lange jene Einrichtungen ausrecht erhalten werden. Der Thee. Neben dem Bad ist eines der größten Bedürfnisse für den Russen der Thee, und zwar der chinesische Thee, der besonders über Kiachta aus China eingeführt wird. Dieser großen Entfernung ungeachtet, ist er doch durch ganz Rußland so wohlfeil, daß auch der Arme ihn leicht anschaffen kann. Er ist übrigens viel besser als derjenige, den wir gewöhnlich über Holland und England erhalten, weil dieser auf der See verdirbt. Der russische Thee wird durchaus von China bis Petersburg und Kiew auf der Achse gebracht, und nur selten eine kleinere Strecke aus Flüssen transportirt, da die größeren Ströme Rußlands alle nahe in der Richtung der Meridiane, also senkrecht aus die eigentliche Theestraße laufen. Statt des für die niedern Klassen sehr theuern Zuckers wird Honig gebraucht und ob- schon ich anfangs gegen dieses Surrogat eingenommen war, so überzeugte ich mich doch bald, daß der Honig zu dem Thee viel besser paffe und viel angenehmer munde, als der beste Zucker. Damit ist aber der treffliche russische Honig gemeint, besonders der, welcher 4 -!- 52 Bilder aus Rußland. von wilden Bienen aus den Lindenwäldern gesammelt wird und sich durch seinen gewürzhaften Geschmack auszeichnet, so wie er durch seine grünliche Farbe kenntlich ist. Dieser in Rußland ebenfalls sehr wohlfeile Honig ist mit dem, welchen unsere zahmen Bienen erzeugen, gar nicht zu vergleichen, und ein wahrhaft köstliches Geschenk der Natur. Milch oder Sahne wird nur selten zum Thee genommen, Arme begnügen sich, die von Andern bereits aufgegossenen Blätter des ThecS zu trocknen und dann noch einmal mit kochendem Wasser zu begießen, welcher zweite Thee natürlich viel schwächer ist uns weniger Aroma hat. Zur Bereitung deS TheeS hat man durch ganz Rußland eigene Gefäße von Messing oder Kupfer, Samowar (Selbstkocher) genannt, deren namentlich in der berühmten Frabrikstadt Tula jährlich viele Tausende verfertigt und durch das ganze Reust verschickt werden. Dieser Samowar hat meistens die gefällige Gestalt einer Urne. Wenn sich der gemeine Russe recht wohl seyn lassen will, so genießt er trockene Rosinen zum Thee, indem er sich den Mund ganz damit vollstopft, sie etwas kaut, und dann den oft glühend heißen Thee durch sie durchgehen läßt. ES ist unglaublich, wie viel von diesem Tränke in Rußland verzehrt wird, und wie viel oft ein einzelner Mensch davon zu sich nimmt, ohne daß man hört, daß der zu häufige Gebrauch je nachtheilig geworden wäre. Jährlich sollen aus China über 4000 Pud (1600 Zentner) Thee nach Rußland geführt werde». Gewöhnlich wird er von den Chinesen in würfelförmige Kisten gepackt. Wenn diese Kisten geöffnet werden, so findet man in ihrem obersten Theile eine einen oder anderthalb Zoll dicke Lage von dem sogenannten Blumenthee, der in Rußland als der kostbarste und theuerste vorzüglich geschätzt wird. Dieser Blumenthee besteht nicht, wie man glaubt, aus den Blüthen der Thecpflanze, sondern aus dennoch nicht ganz entwickelten Blättern, die in der That einen besonders feinen und angenehmen Geschmack haben. Außer diesem kennt man von dem eigentlichen chinesischen Thee in Rußland nur zwei Gattungen: den schwarzen und den grünen. Der letzte, der sich durch seine dunkelgrüne Farbe auszeichnet, wird für den bessern gehalten, soll aber weniger gesund seyn, weil die Chinesen den Blättern diese Farbe durch Rösten auf heißen Kupferplatten geben. Uebrigens trinkt in Rußland Groß und Klein, Arm und Reich täglich Thee oft bis zum Uebermaße. Wie man in den deutschen Landstädten dem eintretenden Gaste vor allem einen Sitz und einen Laib Brot zum Aufschneiden vorsetzt, so kömmt in Rußland, wenn der Gast den Fuß ins Zimmer Bilder aus Rußland- 53 setzt, unmittelbar hinter ihm der Samowar, so daß es in der Regel gar nicht nothwendig ist, der Dienerschaft deshalb besondern Befehl zu geben, da es sich von selbst versteht. Die Hausfrau schlürft natürlich ihre Tasse mit dem Gaste, und da diese Gelegenheit, besonders an Sonn- und Feiertagen, oft wiederkehrt und jeder Eintretende ohne Unterschied bewirthet werden muß, so genießt manche Frau auf diese Weise an einem einzigen Tage zwanzig und mehr Tassen dieses Getränks, ohne sich dadurch beschwert zu fühlen. Noch weiter wird dieses Uebermaß bei den Männern, besonders bei den gemeinen Kaufleuten, getrieben. Ich sah öfter ganze Gesellschaften solcher russischen Kupzi, wenn sie eben von ihren Landrcisen kamen, sich in ihren dichten, mit Schnee und Eis bedeckten Bärenpelzen vor einem mächtigen Samowar und einer großen Scküssel voll Rosinen setzen, und nicht eher aufstehen, als bis Samowar und Schüssel leer waren, so daß mancher auf zwanzig und mehr Tassen Thee (in der Größe unserer Kaffeetassen) kam. Diese Fülle des glühend heißen Getränkes brachte sie in einen so reichlichen Schweiß, daß das Wasser in Strömen über ihre struppigen Gesichter lief, und sie nur immer zu wischen hatten, wobei sie sich aber ganz behaglich gefühlt haben müssen, da eS nie einem einfiel, seinen dichten Pelz auszuziehen, und sich dadurch die Arbeit, denn als eine solche erschien es mir,, zu erleichtern. Dieser Samowar ist der stete Begleiter der Russen, und wer ihn anzuschaffen zu arm ist, ersetzt ihn durch einen kleinen eisernen Kessel, der die Form einer Kugel hat und der, unter derselben Benennung, auch in der ärmsten Hütte angetroffen wird. Wie oft, wenn ich eine solche Hütte betrat, welche die Spuren der Dürftigkeit in allen Ecken zeigte, und ich zur ersten Begrüßung mich mit dem gewöhnlichen Ausdrucke: ksk 8otuveiosoli? (wie lebst du?) nach dem Befinden der Bewohner erkundigte, wie oft erhielt ich da die von genügsamer Zufriedenheit zeugende und ebenfalls schon zum gemeinen Sprichwort gewordene Antwort: Llswa koZs; cklob ss8t, Lumorvsr ss8t, iut8ckövvo no nuclsmns. „Gott sey Dank, Brot ist da, Samowar ist da, ich brauche nichts mehr." UebrigenS scheint mir dieser so häufige und, so viel mir bekannt ist, demungeachtet der Gesundheit keineswegs schädliche Gebrauch deS TheeS in Rußland mit einer andern Erscheinung innig zusammenzuhängen, die diesen in andern Gegenden vielleicht sehr nachtheiligen Gebrauch hier zu einem wohlthätigen macht. Die strenge Winterkälte, die in den meisten Gegenden Rußlands herrscht und die dort gewöhn- 54 Bilder aus Rußland. llchcn und selbst nothwendigen heißen Stuben setzen nämlich den Körper sehr oft der schnellsten Abwechslung zwischen den beiden äußersten Temperaturen aus. Es ist nichts Seltenes, in der Stube eine Hitze von 30" R. zu haben, während außerhalb derselben eine Kälte von eben so viel Graden herrscht. Da nun der Bewohner einer solchen Stube seiner Geschäfte wegen sie mehrmals des Tags verlassen und sich der Temperatur der äußern Luft aussetzen muß, so unterwirft er sich dadurch einem Temperaturwechsel von vollen 60", den auch eine russische Konstitution nicht zu ertragen vermag, wenn nicht besondere Vorsichtsmaßregeln angewendet werden. Der Ausländer, der in bereits etwas vorgerückten Jahren in jene Gegenden versetzt wird und die Gewohnheiten seines wärmern Vaterlandes beibehalten will, unterliegt gewöhnlich nur zu bald der Strenge des Klimas. In Parm z. B., einer Stadt, die doch noch südlicher als Petersburg liegt, erzählte mir ein junger, seit sechs Jahren dort angesiedelter Deutscher, sey von den Landsleuten, die er bei seiner Ankunft daselbst angetroffen habe, kein einziger mehr übrig. „Ich habe," sagte er, „in diesen sechs Jahren über zwanzig deutsche Familienväter zu Grabe getragen und mich würde der Tod wahrscheinlich auch schon längst ereilt haben, wenn ich nicht schon in meinem 23. Jahre, also in einem Alter angekommen wäre, wo der Körper noch nachgibt und, sich den neuen Einflüssen zu fügen, noch weich genug ist. Die Russen wissen dies sehr wohl," fügte er hinzu, „und sie sehen jeden Ausländer, der z. B. in seinem 40. Jahre zu ihnen kommt, als den gewissen Candidaten eines frühen Todeö an. Die Väter sterben so vor der Zeit alle weg, aber ihre Kinder gedeihen im Allgemeinen sehr gut." Dieser schnelle und oft vorkommende Wechsel der heißen Stube mit der äußern kalten Lust, erzeugt eine Krankheit, die jenen nördlichen Klimate» eigenthümlich und um so gefährlicher ist, da sie augenblickliche Hilfe fordert, wenn sie nicht mit schnellem Tode oder langwierigem Siechthum endigen soll. Der gesundeste und stärkste Mann wird, wenn er einen Fuß aus der Stube setzt, oder wenn auf einen Augenblick die Thüre oder das Fenster geöffnet wird, oft plötzlich von einem Unbehagen befallen, welches sogleich den ganzen Organismus angreift, und wie ein Alp aus den Erkrankten lastet. Die Kälte hat die Transpiration der Haut plötzlich und völlig unterdrückt. Eine große Mattigkeit der Glieder, ein Gefühl in den Extremitäten, als ob sie abfallen wollten, ein stechender Kopfschmerz und Augenbrennen sind die ersten Anzeichen der Krankheit, worauf, wenn nicht Bilder aus Rußland. 55 sogleich geholfen wird, in wenigen Stunden schon die gefährlichsten Symptome folgen. Da die Ausdünstung unterdrückt ist und zwar in einem Grade, der in unserm Klima ganz unbekannt ist, so muß sie vor allem wieder hergestellt werden. Der Kranke wird daher ohne Verzug und mit den Kleidern sogleich in das nächste Bett gebracht, über und über zugedeckt, eine dicke Pelzmütze ihm über die Ohren gezogen, frischer heißer Thee gemacht und ihm davon so viel, als nur immer möglich, eingegeben, fünf, zehn und mehr Tassen. Kaum ist dieser genossen und der Kranke unter seine dichten Federn zurück- gekrochcn, so bricht ein reichlicher Schweiß über den ganzen Körper aus, und alle die fürchterlichen Erscheinungen verlieren sich so schnell wieder, als sie eingetreten waren. Die andern, die sich indessen wieder an ihren Tisch gesetzt haben, verwundern sich nicht, wenn sie den Kranken schon wieder in der nächsten Viertelstunde seinen Kopf aus all' den Pelzen herauöstrecken sehen, und einen Menschen wieder an ihren fröhlichen Gesprächen Theil nehmen hören, der noch vor wenigen Minuten jedem, der mit diesen Zufällen unbekannt ist, ein Verlorner Mensch geschienen hatte. Allmälig werden die Decken von ihm gezogen, und noch denselben Abend sieht man oft den Candidaten des Todes als einen fröhlichen Mann unter seinen Freunden sitzen. Desto schlimmer aber geht es denen, welche diese augenblickliche Hilfe nicht erhalten. Wenn sie nicht, was der gewöhnlichste Fall ist, am andern Tag schon die dunkle Straße wandeln, von der Niemand zurückkehrt, so gehen sie am ganzen Leibe von der Gicht gelähmt, einem langsamen schmerzlichen Tod entgegen. Man erkennt diese Leute, wenn sie sich auch nicht durch ihre gelähmten Glieder verriethen, sogleich an dem eigenthümlichen kachectischen Gesichte. Ihre Antwort, wenn man sie fragt, was ihnen fehle, ist: prosäuäilss (ich habe mich erkältet) und dieses Wort klingt dem russischen Ohre so schrecklich, als nur je das Wort ThanatoS den alten Griechen geklungen haben mag. Wer nun nicht geeignet ist, durch einige Tassen heißen Getränks sogleich in Schweiß zu gerathen, der mag, wenn er meinem Rathe folgen will, aus jenen Gegenden wegbleiben. Wie aber, gibt es unter den Russen nicht auch solche arme Leute? Ich habe keinen gefunden. Wie manche Menschen schlafen können, wann sie wollen, so können alle Russen schwitzen, sobald eS ihnen beliebt. Eine Tasse Thee, ein warmer Rock und eine dichte Mütze, und sie sind deü Erfolges gewiß. Und dieses Glück, denn für sie ist es ein wahres und 56 Bilder aus Rußland. großes Glück, haben sie, wie mir scheint, sich selbst bereitet. Ihre häufigen heißen Bäder erhalten ihre Haut rein und weich, und der häufige Genuß des warmen Thees, bei dem sie auch in gesunden Tagen oft ganz von Schweiß triefen, vermehrt jene Eigenschaft ihrer Haut und macht sie geschickt, den Einflüssen ihres Klimas zu widerstehen, Einflüssen, welche ohne diese Selbsthilfe vielleicht schädlicher noch auf die Population jener Gegenden wirken würden, als selbst die Pest auf die Bewohner der südlichen Morgenländer. Gottesdienst. Die Klöster sind sehr zahlreich in Rußland und alle ohne Ausnahme nach der Regel des heiligen Basilius eingerichtet, daher man dort zwar sehr viele Mönche und Nonnen, aber alle nur von derselben Art und Kleidung findet. Unter diesen Klöstern, deren man über 500 im Lande zählt, sind einige sehr groß und mit vielen Mönchen besetzt. Das größte und reichste ist Troizkoja - Sergiew- Skaja-Lawra im Gouvernement Moskau. ES gleicht einer alten Festung und enthält nebst den geräumigen Wohnungen der Mönche neun steinerne Kirchen, mehrere Seminarien für junge Geistliche, eine Akademie, eine Abtheilung für fromme Pilger u. s. w. Das berühmteste Kloster Rußlands aber ist in Kiew, wo es den größten Theil der alten Festung Petscherik einnimmt, und eigentlich aus drei verschiedenen Klöstern besteht. In der sehr geräumigen unterirdischen Kammer oder Katakombe sieht man mehrere Hundert von unverwesten menschlichen Leichnamen offen in ihren Särgen liegen. Von dieser Sammlung von Heiligen wird Kiew selbst die heilige Stadt genannt und als der vorzüglichste Gnadenort des Landes selbst von den entlegensten Grenzen her besucht. Man trifft in den Sommermonaten auf den Straßen häufig Prozessionen von zehn, zwanzig und mehr Gläubigen, ja selbst einzelne Pilger an, die von Tobolsk oder Jrkutzk nach Kiew wallfahren, also einen Weg zu Fuße machen, der den von Berlin nach Paris, drei-, vier- und mehrmal in sich enthält. Diese Menschen verlassen ihre Familien mit den ersten Frühlingstagen und kommen, da sie sich nur sehr langsam weiter bewegen, oft erst im Spätherbste wieder zu Hause an. Man findet unter ihnen wohlhabende und selbst reiche Leute, die aber alle zu Fuße reisen, weil Bilder aus Rußland. 57 das Fahren als eine Bequemlichkeit das Verdienst der religiösen Reise ! vermindern würde. ' Größer noch als die Anzahl der Klöster ist die der Kirchen. Man findet beinahe in jedem Dorfe eine und in kleineren Städten kommt oft auf je zwanzig Häuser eine Kirche. Der Russe kennt kein Verdienst, das so unmittelbar und sicher in den Himmel führt, als das, eine Kirche zu bauen, oder wenn er das nicht kann, wenigstens zu ihrem Schmucke beizutragen. Der größte Theil dieser Kirchen ist mit Glocken aller Art und Größe bis zum Nebenflüsse versehen, und an Festtagen, besonders am Ostersonntage, kann man vor lauter Glockengetöse sein eigenes Wort auf der Gasse kaum hören. An diesem Sonntage hat jeder Mensch, selbst jeder Knabe das Recht, den Kirchthurm zu besteigen, und so lange zu läuten, als es ihm beliebt. Von den kleinern Glocken können von einem einzigen Mann vier aus einmal in Bewegung gesetzt werden. Zu diesem Zwecke sind an den Klöpfeln der Glocken Stricke angebracht, die mit dem einen Ende eines schmalen und langen Brettes in Verbindung stehen, dessen anderes Ende an den Glockenstuhl, wie ein Hebel befestigt ist. Der Läutende stellt sich mit den ausgespreizten Beinen auf zwei dieser Bretter, ergreift mit jeder Hand den Strick von zwei andern Glocken und läutet so, indem er Hände und Füße zugleich in Bewegung setzt, vier Glocken auf einmal. Diese Bewegung ist sehr ermüdend und kann daher von einer einzigen Person nicht lange fortgesetzt werden. Bei uns wäre diese Art zu läuten nicht anwendbar, weil wir die ganze Glocke in Schwingung zu versetzen pflegen, während in Rußland auch die kleinern Glocken alle ruhig stehen bleiben und nur der Klöpfel bewegt wird. Dafür ist aber auch der Ton der größeren Glocken nicht so feierlich, wogt nicht so hehr durch die Lüste, wie bei uns, sondern ist mehr ein unharmonisches Geklimper. Die größte Glocke Rußlands ist übrigens im Kremel in Moskau. Sie wurde auf Befehl der Kaiserin Anna gegossen und wiegt 19,200000 russische Pfunde oder 192,000 Zentner. Im Jahre 1737 siel sie bei einer Feueröbrunst von ihrem Gerüste und liegt noch jetzt an derselben Stelle, durch ihre Schwere beinahe ganz in die Erde versunken. Die Geschäfte der frommen Gläubigen und ihre innere Erbauung in der Kirche scheinen eben nicht sehr' groß zu seyn. Der russische Gottesdienst in der Kirche reducirt sich beinahe allein auf die Gesänge und Verrichtungen der Geistlichen, an denen das Volk sehr wenig Antheil nimmt und nehmen kann, da ihm die alte Kirchensprache dieser 88 Bilder aus Rußland. Gesänge fremd ist. Volksgesänge oder auch allgemeine Gebete, an welchen das Volk selbst Theil nimmt, sind nicht gewöhnlich. Gebet- und andere Erbauungsbücher für das Volk habe ich auch nur sehr wenige bemerkt. Die Gläubigen sind daher gezwungen, während den lauten, ihnen aber unverständlichen Gesängen der Priester, ihre Wünsche und Gebete in der Stille aus der Tiefe ihres Herzens dem gütigen Gotte vorzutragen, so gut als sie eben können. Man sieht sie bei gewissen Worten oder Handlungen deS Priesters sich sämmtlich verbeugen, und von Zeit zu Zeit ihre großen Kreuze über Kopf und Brust schlagen, wobei sie immer und ewig die zwei Worte Hermurmeln: „Hospodi, pomilui (Herr, erbarme dich). Eben so wenig hört man in den russischen Kirchen Predigten in der Volkssprache, die dort eine ganz unbekannte Sache sind. Da sonach dem gemeinen Manne alle Mittel fehlen, sich mit dem Wesen seiner Religion näher bekannt zu machen, so darf seine krasse Unwissenheit in diesen Gegenständen nicht auffallen. Die Einführung von Predigten in der Volkssprache würde ein unberechenbarer Vortheil für die Kultur und die Moralität des Volkes seyn. Uebrigens wird unter den religiösen Pflichten das Fasten bei weitem für die vornehmste gehalten, und selbst bei dem gemeinsten Manne mit der gewissenhaftesten Strenge erfüllt. Der gebotenen Fasttage sind nicht wenige im Jahre und manche Fastenzeiten dauern ganze Monate. Auch bestehen diese Fasten nicht blos in der Enthaltung von gewissen Speisen, wie bei den Katholiken, während man sich mit tausend andern desto gütlicher thun kann, sondern in der wahrhaften Beschränkung auf die gemeinsten und nothwendigsten Nahrungsmittel. Nicht nur alles Fleisch, das der Fische nicht ausgenommen, ist verboten, sondern auch alles, was vom Fleische kömmt, wie Milch, Butter, Eier u. dgl. Auf diese Weise ist der arme Russe, wenn er unter der Last seiner Arbeit Abends matt und erschöpft niedersinkt, auf Brot und KwaS verwiesen, die er, wenn es hoch kömmt, mit rohen Zwiebeln und Knoblauch würzt, und so oft viele Wochen lang ein wahrhaft bedanernSwerthes Leben führt. Die höheren Klassen und die sogenannten Aufgeklärten machen sich die Sache leichter, aber die große Masse deS eigentlichen Volkes leidet sehr unter dieser Last. *) Ein in Rußland allgemein gebräuchliches, im Hause gebrautes Dünnbier. D. H. Bilder aus Rußland. 59 Trotz dieser strengen Anhänglichkeit an die äußern Gebräuche ihrer Religion haben sie manches von den heidnische» Gebräuchen ihrer Ahnen beibehalten. So feiert man auf dem Lande am Donnerstage vor Pfingsten ein Volksfest, welches ehemals zu Ehren der alten slavischen Göttin Lada begangen wurve, und an welchem die Mädchen durch uralte, abergläubische Gebräuche ihr Schicksal in Beziehung aus ihre künftige Ehe zu erfahren glauben. In einer ähnlichen Absicht gehen sie an einem gewissen Tage auf Kreuzwege oder in Keller, wo sie zu einem andern Gotte oder Heiligen beten, und die Antwort desselben in Geduld und Stille abwarten, weßhalb dieses Fest oder diese Ceremonie „Sluchit" (das Lauschen) heißt. Bolksvergnüliungen, Heirath «nd Taufe. Der dem Russen angeborne Frohsinn äußert sich besonders durch seine Liebe zum Gesänge und überhaupt zur Musik. Die Russen sind, wie die meisten Slaven, eine singende Nation, und was sogar unter den Deutschen so oft getroffen wird, gänzlicher Mangel an allem musikalischen Sinne ist bei ihnen äußerst selten. Auffallend erkannte ich diesen charakteristischen Zug der Russen, als ich im Dezember 1809 in die damalige Grenzstadt Rußlands Tarnopol kam, welche Stadt mit den um dieselbe liegenden Gegenden vor kurzem erst von den benachbarten Oesterreichern an die Russen abgetreten worden. Der Krieg hatte so eben aufgehört zu wüthen und eine allgemeine Trauer über die fehlgeschlagenen Hoffnungen und über die entsetzlichen Verluste schien die Bewohner Galiziens, schien selbst die verödete und einsame Gegend dieses äußersten Endes des österreichischen StaateS ergriffen zu haben. Aber wie änderte sich die Scene, als ich in einer späten Abendstunde die neue Grenze erreichte. Die Nacht, welche bereits hereingebrochen war, wurde von unzähligen Wachfeuern der Russen erhellt, und von allen Seiten tönten mir Musik und fröhliche Lieder entgegen, mit welchen sich die Soldaten nebe» ihren Feuern bis gegen Mitternacht unterhielten. Im Verfolge meiner Reise sah ich alle Abende an Sonn- und Feiertagen, die Jugend des Dorfes beiderlei Geschlechts sich zu musikalischen Gesellschaften vereinigen, und vielstimmige Lieder von oft sehr kunstreicher Komposition mit einer Richtigkeit und einem Gefühle vor- 60 Bilder aus Rußland. tragen, die man bei uns erst nach langen Uebungen in der Schule, und oft auch da nicht erreicht. Wenn der Postillon, nachdem die Pferde gewechselt sind, sich auf daö für ihn bestimmte Brett des Schlittens schwingt und seine Fahrt beginnt, so beginnt er auch zu singen, und zwar mit Heller Stimme, und so recht aus vollem Herzen zu singen, unbekümmert um die Kälte und um die eisigen Schneeflocken, die ihm in den Mund fliegen und seinen unbedeckten Hals und seine bis an die Mitte des LeibeS offene und nackte Brust mit einer Rinde von Eis überziehen. Es ist merkwürdig, daß die Lieder und Melodien, welche er anstimmt, mit wenigen Ausnahmen, dieselben durch daö große russische Reich sind, so weit eS von eigentlichen Slaven bewohnt wird; von Archangel bis Astrachan und von Kiew bis Ochotzk hört man überall dieselben Lieder, dieselben Melodien, sowie auch dieselbe Mundart. Die eigentliche russische Sprache hat durch das ganze Land nur zwei Dialecte, die groß- und kleinrussische Mundart, aber beide sind so wenig von einander und von der eigentlichen Bücher- und Schriftsprache verschieden, daß die Bewohner beider Gegenden sich ohne alle Mühe vollkommen verstehen. Die musikalischen Instrumente des Volkes sind einfach und meistens noch sehr unvollkommen. Die Balalaika ist eine Art von Zither mit zwei, zuweilen drei Saiten bespannt; der Körper dieses Instruments besteht in den Dörfern oft nur aus einem Stücke gekrümmten Holzes von der Länge eines halben oder wohl auch eines ganzen Schuhes, ohne Höhlung und Resonanzboden. Beinahe jeder Bauer weiß auf ihm ein lustiges Liebchen oder einen fröhlichen Tanz zu spielen. Unter den Großen, die übrigens mit allen neueren Instrumenten unserer Musik bekannt sind, ist vorzüglich die sogenannte Hörnermusik national und beliebt, obschon sie der Schwierigkeiten ihrer Ausführung wegen in den letzten Zeiten sehr abgenommen hat. Diese Musik ist ein glänzender Beweis für das hohe Talent der Russen, und sie möchte nur bei ihnen ausführbar seyn. Etwa sechzig Diener des Hauses werden abgerichtet, jeder ein ganz gerades, einem Sprachrohr ähnliches, metallenes Horn zu blasen, welches nur einen bestimmten Ton gibt. Die für die tieferen Töne bestimmten Hörner sind oft gegen sieben Fuß lang, während die kleinsten, von welchen der Musiker auch wohl zwei bläst, kaum einen Fuß Länge haben. Jedes Mitglied der Gesellschaft hat die Aufgabe, den einzigen Ton seines Rohres mit dem bestimmten Nachdrucke genau in dem Augenblicke hören zn lassen, wo die Reihe an ihn kömmt, so daß also hier vorzüglich der Bilder aus Rußland. 61 i Takt in Anspruch genommen wird. Obschon, wie gesagt, jeder in ^ der Regel mit seinem Rohre nur einen Ton bläs't, so werden dem- nngeachtet auf diese Art oft die schwersten Passagen, Triller u. dgl mit der größten Genauigkeit ausgeführt. Ich halte es in der That' für unmöglich, eine Nation zu dieser Musik abzurichten. Dem Ohre des Kenners entgeht allerdings nicht der aus dieser sonderbaren Anordnung entstehende Mangel an Ausdruck und Zusammenfluß der Töne, aber hemungeachtet muß auch er gestehen, daß diese Musik , besonders im Freien und zur Nachtzeit, auf dem Wasser und in ' einiger Entfernung eine herrliche Wirkung hervorbringt, i Mit der Musik eines Volkes ist auch der Tanz zu nahe ver- ! wandt, als daß er hier ganz mit Stillschweigen Übergängen werden ^ könnte. Der russische Nationaltanz ist sehr charakteristisch und wird j gewöhnlich nur von zwei Personen verschiedenen Geschlechts aufgeführt, § auf welche dann das andere Paar folgt. Er stellt, wie der Fan- ' dango der Spanier, beinahe immer die Leiden und Freuden der Liebe vor, nicht so lüstern und lebhaft wie jener, aber nicht minder scharf gezeichnet. DaS erste Zusammentreffen der Liebenden, das Bestreben des Mannes zur Annäherung, das weigernde Zurückhalten des Weibes, Betrübniß über fehlgcschlagene Erwartung und Erwachen neuer Hoffnungen, Liebeserklärung und abschlägige Antwort, sehnsuchtsvolle Blicke und stürmische Bitte wechseln mit einander ab, und durchlaufen eilenden Fluges die Leiter der Accorde der Liebe, bis endlich Erholung und Genuß die Bemühungen des Bewerbers krönt, was durch eine herzliche Verschlingung der Arme und durch einen schallenden Kuß, der die ganze Vorstellung endet, angedeutet wird. Unsere gehaltlosen, nichtsbezeichnenden Tänze sind dem eigentlichen russischen Volke unbekannt, während in den höheren Klassen der deutsche Walzer vor allem andern geliebt wird. Uebrigenö besteht die Instrumentalmusik der Russen, so wie der Gesang, aus lauter Moll-Tönen, was ihnen einen eigenen kindlich wehmüthigen Charakter gibt. Der eigentlichen Nationallieder gibt es eine sehr große Menge, und manche derselben zeichnen sich durch edle Einfalt und wahrhaft poetischen Gehalt aus. Wie lieblich ist z. B. das durch ganz Rußland bekannte Liebchen des in den Krieg ziehenden Kosaken: Lkotjöl I<»8uk 83 Ounsi, LIessal Ujewitri: proscbtsi eto. Zog der Kosak über den Don, Sagt zum Liebchen: Lebe wohl rc. 62 Bilder aus Rußland. Andere Belustigungen deS Volkes bestehen in verschiedenen Bewegungen, wobei aber vor allem die Füße sehr geschont werden, da der Russe, wie schon einmal bemerkt, nach echt orientalischer Sitte kein Freund vorn Spazierengehen ist. Schaukel und Haspel, auf welchen man oft in die Lust geschnellt oder gehoben, und abwechselnd wieder herabgelassen wird, findet man beinahe in jedem Dorfe und der Wohlhabende hält sie auch in seinem Hause zum Privatgebrauche seiner Familie. Vorzüglich beliebt sind die sogenannten Rutschberge, die allmälig auch im Auslande in Aufnahme kommen. Man errichtet von Schnee, Erde oder auch von hölzernen Gerüsten eine schiefe Fläche, die oft sechs und mehr Klaftern hoch und zehn oder fünfzehn Klaftern lang ist, und durch Begießen mit Wasser, das im Winter im selben Augenblicke gefriert, zu einer spiegelglatten Decke wird. Einen kleinen Schlitten in der Hand geht man auf einem treppen- artig gehauenen Seitenweg auf den höchsten Punkt dieser Fläche, setzt sich auf den Schlitten und fährt pfeilschnell nicht bloß die Länge des Rutschberges hinab, sondern gewöhnlich auch noch eine Strecke am Fuße desselben weiter. Kinder und Frauen, ja oft selbst Greise sieht man mit innigem Vergnügen sich dieser Lustbarkeit hingeben, die nicht ganz ohne Gefahr ist, da man dabei gar leicht einen Arm oder ein Bein brechen kann, was aber bei der bekannten Gewandtheit der Russen sehr selten ist. Besonders aber ist die Butterwoche, mit deren Ende die große Fastenzeit anfängt, die bis Ostern dauert, den öffentlichen Vergnügungen geweiht. Diese Karnevalswoche bringt jeder so fröhlich und lustig zu, als er nur kann, um sich dadurch gleichsam für die bevorstehenden Leiden der langen Fasten zu entschädigen. Außer den häuslichen Genüssen des Tisches, wo auch der ärmste sein Bestes thut; außer den abendlichen Zusammenkünften, Tänzen, Maskeraden u. dgl. sind die Straßen der Städte mit Wagen und Pferden auS den benachbarten Dorsschaften ganz bedeckt. Nach einer sehr alten Sitte kommen in der Bntterwoche besonders die Tartaren, Tschuwaschen und Tscheremissen mit ihren kleinen Schlitten in die Städte, um die Bewohner derselben herumzuführen; für einen halben ^ Silberrubel kann man den ganzen Tag mit diesen Leuten Schlitten ! fahren und zwar pfeilschnell. Nicht minder fröhlich wird daö Ende der großen Fasten oder die Osterwoche begangen, in welcher auch schon die Witterung gewöhnlich nicht mehr so rauh ist. Am Sonnabend vor Ostern sind in allen Häusern Zulüftungen zu dem morgenden Feste und wenn der Bilder aus Rußland. 63 Abend kommt, werden die Gassen immer lebhafter, bis endlich um Mitternacht Alles zur Kirche strömt, wo die Auferstehung gefeiert wird. In dem Augenblicke, wo der Priester mit erhobener Stimme dreimal ruft: Lllristos rvoslrres! (Christus ist erstanden!) ruft jeder seinem Nachbar die frohe Kunde: Gleislos n-osleros! zn, und alle Glocken des Kirchthurms werden auf einmal in Bewegung gesetzt. Bald wiederhallt die ganze Stadt von unzähligen Glocken, und die finstere Mitternacht wird zum hellen Tage, da jede Thür mit Hunderten, oft mit mehreren Tausenden von Lampen beleuchtet wird. Am folgenden Morgen fangen die Besuche und Glückwünsche an. Alles strömt zu Verwandten, Freunden und Vorgesetzten. Bei dem Eintritt wird der Gruß: „Gu-istos rvosllres!" angebracht. Und mit „ VL o Isliiuiu rvoslii-es!" (Er ist wahrhaft auferstanden) beantwortet. Dann werden rothe Ostereier ausgewechselt und endlich das Ganze mit einem herzlichen Kuß beschlossen. Diese Küsse werden auch zwischen den beiden Geschlechtern gewechselt, und wenn das Korps der Untcrbeamten, oft dreißig und mehr Menschen zu dem Chef kommt, so fordert es die Landessitte, daß der gnädige Herr, der Graf, der Fürst, der Minister*), jeden seiner Beamten und Untergebenen nach der Reihe küßt, worauf die Thür der Frau geöffnet und von derselben ebenfalls die ganze Procession der Gratulanten nach der Reihe geküßt wird. Diese Vertraulichkeit mit dem andern Geschlecht leitet den Fremden auf die Vermuthung, daß der Umgang zwischen beiden Geschlechtern freier seyn mag, als in den andern Ländern. Diese Vermuthung findet sich wenigstens bei dem eigentlichen Volke bald bestätigt, und in den untersten Klassen ist diese Freiheit des Umgangs so ausgeartet, Dasselbe findet bekanntlich auch bei Hofe statt, wo der Kaiser im Augenblicke seines Erscheinens aus der Kapelle nach gehaltenem Gottesdienste jene beiden Gruße mit jedem anwesenden Mitgliede seines Hofstaates, bis zu den beiden die Thüre der Kapelle bewachenden Garden herab, wechselt und Jedermann küßt. Ein Augenzeuge erzählte uns, daß Kaiser Nikolaus vor einige» Jahren ron einem dieser beiden Soldaten auf seinen Gruß statt der gebräuchlichen Formel zum nicht geringen Erstaunen des ganzen Hofes die Antwort erhielt: „Das könnte ich nicht sagen." Der Kaiser hielt inne, faßte sich aber schnell und rief: „Du bist also wohl ein Jude?" „Zu dienen Euer Majestät." „Schon von dir, daß du deinen Glauben nicht verläugnet," lobte der Kaiser und setzte seine Ceremonie bei den übrigen Anwesenden fort. D. H. 64 Bilder aus Rußland. daß sie bereits der allgemeinen Sittlichkeit feindlich entgegentritt, und selbst der Bevölkerung schädlich zu werden droht, der doch in einem Lande, dessen Bewohner noch nicht sv zahlreich sind, auf alle Weise Vorschub geleistet werden muß. Die Heirathen werden bei dem gemeinen Volke gewöhnlich schon sehr früh vollzogen, was ebenfalls der Bevölkerung nicht nützlich seyn kann. Früher herrschte sogar im Innern deS Landes die Gewohnheit, die Söhne der Bauern schon in ihrem achten oder neunten Jahre mit einem vierzehn- oder achtzehnjährigen Mädchen zu verheirathen. Dieser abgeschmackte Gebrauch ist nun durch die Bemühung der Regierung größtenteils abgeschafft. Nicht so leicht wird eine andere, durch das ganze große Reich verbreitete Sitte zu bekämpfen seyn; ich meine die Schminke. Jedes Bauernmädchen, das etwas auf sich hält, muß in Rußland geschminkt seyn; daher sieht man nirgends so viel rothe Gesichter unter den Mädchen, als hier. Diese Gewohnheit ist gleichsam zur zweiten Natur geworden und hat sich in der Sprache der Russen festgesetzt, die, wenn sie von dem andern Geschlechte reden, das Wort „schön" nicht anders als durch „roth" geben können. Krasna Litza.heißt wörtlich: „rothes Gesicht", und bedeutet „schönes Gesicht." Wenn aber einmal geschminkt werden muß, so möchte ich unsern Damen rathen, die Schminke der russischen Bauernmädchen zu nehmen, weil sie dadurch wenigstens ihre Haut nicht verderben, und ihr Gesicht für das Alter nicht entstellen. Die russische Schminke besteht nämlich durchaus nur in Pflanzensäften, vorzüglich in dem der Jalappe, welche der Gesichtöhaut durchaus nicht schädlich sind. Wenn die russische Dirne Sonntag Morgens vor dem Kirchgänge mit ihrem einfachen Anzüge fertig ist, so läuft sie in den Garten, bricht einige Jalappenblumen und zerreibt sie auf beiden Wangen, wobei sie weder eines Kammermädchens noch eines Spiegels bedarf. Ein wenig Wasser streift Abends die Herrlichkeit wieder ab, und wenn einmal der lange Abend des Lebens kommt, so sieht man nichts von den Spuren der jungendlichen Eitelkeit, die auf den Gesichtern unserer vornehmen Damen oft eine so böse Rolle spielen. Die Heirathen werden bei den Russen mit besonderen Feierlichkeiten begangen; einige Tage vor der Hochzeit hat die kirchliche Verlobung durch den Priester statt, die bereits für unauflöslich gehalten wird. Die Tage zwischen der Verlobung und der Hochzeit bringt die Braut nur in Gesellschaft ihrer nächsten Gespielinnen meistens mit Spielen und Gesängen zu. Die Trauung in der Kirche beginnt in Bilder aus Rußland. 65 den Städten bei wohlhabenden Paaren durch Gesänge der Priester und ihrer Gehilfen, wobei gewöhnlich alles neugierige Volk der Stadt sich versammelt. Wenn bald darauf die Verlobten eintreten, geht ihnen der Geistliche in vollem Ornate bis an das Hauptthor der Kirche entgegen und führt sie, indem er ihnen eine brennende Wachskerze gibt, in den Haupttheil des Tempels, nachdem er die Stirne der Braut und des Bräutigams mit einem dreifachen Kreuze eingesegnet hat. So treten sie vor einen kleinen Tisch, auf welchem die Verlobungöringe liegen, und der Priester spricht über sie, nach einem vorhergehenden kurzen Gesänge folgendes Gebet: „O Gott, der du die zerstreuten Elemente der Welt gesammelt, und zu einem Ganzen verbunden hast, der du Jsaak und Rebecca gesegnet, und sie zu den Erben deiner Verheißungen gemacht hast, gib auch diesem Paare deinen Segen und führe es zu allem Guten." Nach diesem Gebete wird den Verlobten ein Heiligenbild vorgetragen und der Braut ein Kranz, dem Bräutigam eine Art von Krone aufgesetzt. Der Priester übergibt ihnen die Ringe, segnet sie ein, und läßt sie darauf beide aus einem Becher trinken. Darauf erhebt er seine Stimme und spricht oder singt vielmehr dreimal die Worte: „Ihr seid verbunden auf immer und ewig." Dann nimmt der Priester die Ringe, bekreuzt die Stirne der Verlobten damit, und steckt sie selbst dem Paare an die Finger, während dem er ein anderes kurzes Gebet über sie spricht. Nach dieser Ceremonie nimmt er beide bei der Hand und führt sie näher zum Altar auf einen, auf den Boden ausgebreiteten Teppich. Der allgemeine Volksglaube ist, daß der Theil, der diesenTeppich zuerst betritt, die Herrschaft im Hause führen wird, daher in diesem Augenblicke alles Volk sich herbeidrängt, den künftigen Herrscher zu sehen. Hier wird wieder aus dem gemeinschaftlichen Becher genippt, das Paar neuerdings eingesegnet und nach einem kurzen Gebete entlassen. Jetzt strömen die Verwandten und Freunde herzu, dem Paare ihre Glückwünsche darzubringen. — Zu Hause wird indessen der Tisch zu dem feierlichen Male bereitet. Wenn das Paar an den Tisch tritt, reicht ihm der Vater des Hauses Brot und Salz mit dem Wunsche, daß eS ihnen nie an diesen ersten Bedürfnissen fehle» möge. Das Mahl dauert oft tief in die Nacht, und an Gesundheiten für Braut und Bräutigam läßt man es nicht fehlen. Ist die Gasterei zu Ende, so erhebt sich die Brautführerinn und führt die Braut an der Hand in das Schlafgemach, wo schon Matronen ihrer warten, um sie zu entkleiden. Bald darauf entfernen sich diese Littrow i. 5 66 Bilder aus Rußland. Matronen und der Bräutigam betritt, von seinem Führer begleitet, das Gemach. Jetzt wird die Thür geöffnet, und alle Gäste strömen herein, um den Neuvermählten noch einmal ihre Glückwünsche zu bringen. Jeder leert auf ihre Gesundheit einen vollen Becher und nimmt dann Abschied, indem er den Bräutigam das Gesicht und der Braut die Hand küßt, welche zum Dank einen Kuß auf die Wange des Scheidenden drückt. Die Thüren werden nun geschloffen, und die Gäste kehren gewöhnlich wieder zu ihren Tischen zurück. Bei Gelegenheit der Heirathen soll auch der Taufen erwähnt werden, die jenen zu folgen und wohl auch vorherzugehen pflegen. Da eS nicht meine Absicht ist, irgend einen der hier berührten Gegenstände zu erschöpfen, sondern nur dasjenige, was von unsern Gebräuchen abweicht, zu bemerken, so wird eS genügen zu sagen, daß bei der Taufe die Kinder dreimal ganz im Wasser untergetaucht werden, weil man ein bloßes Besprengen oder Begießen nicht für hinreichend hält. Da aber bei diesem Untertauchen daS Kind der Erstickung ausgesetzt ist, so beugt der Priester derselben durch einen eigenen Handgriff vor. Er drückt nämlich die Spitzen der beiden äußersten Finger seiner Hand auf die Ohren, die der nächstfolgenden Finger auf die Augen, und endlich die hohle Hand auf die Nasen- öffnung und den Mund des Kindeü, und verrichtet so die dreimalige Submersion, die dieser Vorsicht ungeachtet doch öfter schädlich ist, da zur Taufe durchaus ungewärmteS Wasser gebraucht werden muß. Erwachsene werden auf eine andere Art in die Gemeinde der Christen aufgenommen. In den an Asten grenzenden, besonders südlichen Gouvernements gibt eS noch viele Mohamedaner und selbst Heiden. So sind die Tschcremiffen und Tschuwaschen, welche die entlegenen Dörfer um Kasan bewohnen, noch heidnisch, und beinahe die Hälfte der Einwohner dieses Gouvernements sind Mohamedaner. Die Regierung ist so tolAmnt, daß sie durchaus keinen Unterthanen in seinem Glauben stört. Um indessen besonders den Heiden den Uebertritt zur christlichen Religion annehmlicher zu machen, gibt man ihnen, itzenn sie sich taufen lassen, die Provision für den nächsten Winter unentgeltlich. Da trifft eS sich denn öfters, daß nach einem Mißjahre ganze Truppe solcher Menschen nach der Stadt kommen, und den Behörden ihren Wunsch vorlegen, in den Schooß der alleinseligmachenden Religion aufgenommen zu werden. Man treibt sie dann an daS Ufer des nächsten Flusses, wo sie sich entkleiden und bis an den Gürtel ins Wasser steigen, in welcher Stellung sie alle auf Bilder aus Rußland. 67 einmal getauft, und dann mit ihrem Wintervorrathe wieder in ihre Dörfer entlassen werden. Im nächsten Mißjahre sieht man diese guten Leute auch wohl wieder kommen, und zur Befestigung ihres Glaubens um eine zweite Taufe bitten, wo sie aber gewöhnlich etwas unsanft abgewiesen werden. HeLtzung und Bäder. Das wichtigste Stück in der häuslichen Einrichtung der Rüsten ist der Ofen, und dieser ist auch im Allgemeinen so gut und zweckmäßig eingerichtet, daß wir Deutsche noch manches daran zu lernen haben möchten. Ihr großer Lehrmeister war die Noth, das rauhe Klima, üuris urZons in rebus eZeslss, und cS würde uns nicht übel stehen, die Sache näher kennen zu lernen, und auch bei uns einzuführen; denn obgleich unser Klima nicht so streng ist, so ist dafür das Holz so theuer, daß Ersparung von dieser Seite jedem braven Hauswirthe nicht anders als willkommen seyn kann. Die schlechtesten Oefen sind bekanntlich in Italien zu finden, ohne Zweifel, weil dort die Menschen nicht nachdrücklich von der Natur angewiesen werden, über diesen Gegenstand nachzudenken. Allmählig werden, besonders in dem nördlichen Italien, die Oefen deS benachbarten Deutschlands eingeführt, und die Italiener betrachten uns darin mit Recht als ihre Lehrmeister, weil wir, unter einer härteren Zucht der Natur stehend, uns auch bester zu schützen gewußt haben, und nun in unsern kältesten Wintertagen recht behaglich in der warmen Stube sitzen, während sie in ihrem viel mildern Winter vor Kälte erstarren und nicht wissen, wohin sie sich aus ihren kalten, mit Steinen gepflasterten, mit elenden, einfachen Fenstern und mit noch elenderen italienischen Kaminen versehenen Marmorsälen flüchten sollen, um dem peinigenden Froste zu entgehen. Aber auch wir sind noch zum Theil verzärtelte Kinder der Natur und daher noch lange nicht so weit gekommen, als die viel strenger gehaltenen Russen, von denen wir eben so viel, als die Italiener von uns zu lernen haben. Zwar haben wir nur erst in den letzten Zeiten gar manche gelehrte Abhandlung über diesen in der Ockonomie so hochwichtigen Gegenstand erhalten; aber aller dieser Vorschläge und Projccte ungeachtet, fürchte ich, würden wir UNS schlecht befinden, wenn wir plötzlich mit unsern ge- 5 * 68 Bilder aus Rußland. i meinen oder Kunstöfen nach Tobolsk oder Archangel versetzt werden ! sollten, wo man diese Sache schon seit Jahrhunderten besser versteht und zweckmäßiger treibt, als es unsere schulgerechten Spekulanten auf ihrem Studierzimmer zu betreiben im Stande seyn möchten. Die russischen Oefen sind erstens sehr solid, da sie nicht sowohl aus sogenannten Kacheln, sondern aus Ziegeln bestehen, die oft über ! zwei Zoll Dicke haben. Dieß ist, wie mir scheint, nicht etwa das Nachahmungswerthe, obschon es den Vortheil hat, daß der einmal durchgewärmte Ofen auch viel länger warm bleibt, wie denn auch in Rußland selbst während der allerstrengsten Kälte nie mehr als einmal in 24 Stunden geheitzt wird und die größte Hitze meistens erst > fünf und mehr Stunden nach der Heitzung eintritt. Allein viese dicken Oefen können nur da gebraucht werden, wo das Holz, wie in Ruß- ^ land, wenigstens jetzt noch, im Ueberfluße ist, und einen sehr gerin- ^ gen Werth hat. Sie sind also bei uns, wo diese Verhältnisse nicht , statt haben, nicht anwendbar. Daß man übrigens in Rußland im Tage nur einmal heitzt, kommt vorzüglich daher, daß alle russischen Oefen von innen von der Stube, nicht z. B. von der benachbarten Küche aus, geheitzt werden, und daß daher an sehr kalten Tagen vom ersten Oeffnen deS OfcnS bis zur hellen Flamme des entzündeten Holzes durch die Oeffnung des Ofens so viel Kälte in das Zimmer tritt, daß eS die erste Zeit nach dem Einheitzen fast unbewohnbar wird. . Sie ziehen es daher mit Recht vor, nur einmal, aber dafür desto ausgiebiger zu heitzen. § DaS, waö mir an diesen Oefen Nachahmungswerth scheint, ist ihr I Bau und vorzüglich ihre Verbindung mit dem Schornsteine. Bei uns nämlich steht der Schornstein Tag und Nacht offen und der eigentliche Heerd des Ofens, die Flamme sowohl, als die Kohlen, sind dem unmittelbaren Zutritt der äußern kalten Luft völlig ausgesetzt, und cS ist klar, baß dadurch bei weitem der größte Theil, der durch das Feuer erzeugten Wärme, durch den immer offenen Schornstein der so stark leitenden Atmosphäre zuströmt, und für die Erwär- ! mung deS Zimmers, für welche sie doch allein bestimmt ist, gänzlich > verloren geht. Dieß ist aber in Rußland nicht der Fall. Die Oefen j dieses Landes sind so gebaut, daß der unterste Theil des Schornsteins > mit dem obersten deS OfenS in unmittelbarer Verbindung steht, und daß daher dieser Theil des Schornsteins noch in dem Zimmer selbst ! liegt, wo er als eine gemauerte Röhre von einem halben oder auch ! ganzen Fuß im innern Durchmesser sichtbar ist. Diese Röhre kann ^ Bilder aus Rußland. 69 ! j ? durch eine Klappe von Eisen, die sich durch einen Druck des Fingers . drehen läßt, luftdicht verschlossen werden, was denn auch immer ge- ^ schießt, sobald die Flamme des brennenden Holzes verschwunden ist, ! und die noch glimmenden Kohlen bereits mit einem Häutchen von ! Asche überzogen sind. Von dem Augenblicke an, wo der Schornstein geschlossen wird, steigt die Wärme im Zimmer sehr schnell, da man im Gegentheile vorher nur sehr geringe Veränderungen an dem Thermometer bemerkt, selbst wenn eine große Menge Holzes in hellen Flammen steht. Allein außer dieser Klappe des Schornsteins gibt eS noch zwei andere, die eine im Vorhause, unmittelbar neben dem Zimmer, und die andere unter dem Dache der gewöhnlich nur ein Stockwerk hohen Häuser. Beide sind irdene oder eiserne schwere Teller, die in einen cylindrischen Ring von Eisen gelegt werden, welcher Ring in den höher» Theilen des Schornsteins eingemauert ist. Wie die Kälte mit dem Fortgange deö Winters steigt, werden von diesen drei Klappen immer mehrere zugemacht, und wenn, wie ich auS Erfahrung weiß, bei sehr strenger Kälte von 25 bis 30" 6. die höchste und beste Klappe einmal zufällig vergessen wird, so weiß man sich in der daraus folgenden Nacht der Kälte kaum zu erwehren. ES wird hoffentlich keiner umständlichen Erläuterungen bedürfen, um die Vortheile dieser einfachen Einrichtung deutlich zu machen. Auch habe ich eine ähnliche Verschließung des Schornsteins durch Klappen wohl auch schon an mehreren Orten in Deutschland gesehen, da die Sache zu einfach und zu klar ist, als daß sie nicht jeder leicht finden könnte. Aber alle Klappen, welche ich in meinem Vaterlande gesehen habe, erfüllen ihren Zweck nicht, da sie nur wie Teller auf der Oeff- nung liegen, und der untern erwärmten, und durch ihre höhere Temperatur sehr elastischen Luft doch noch immer einen freien AuSgang lassen, während dort diese Klappen mehr die Form von Stöpseln oder Stempeln haben, die rings herum auf eine Breite von 2 oder 3 Zoll dicht anschließen, und endlich die größere Anzahl dieser Klappen, wie ich oben gesagt habe, von ganz besonderem Werthe ist, da eine einzige den beabsichtigten Zweck nicht leicht zu erfüllen im Stande ist. Einer Unbequemlichkeit muß ich bei dieser Gelegenheit erwähnen, unter welcher die Russen oft leiden, die man aber leicht durch einige Aufmerksamkeit vermeiden kann. Ich habe bereits oben bemerkt, daß die erste oder unterste Klappe erst dann geschloffen werden soll, wenn sich auf den glühenden Kohlen bereits ein weißes Aschenhäutchen zeigt. Schließt man den Schornstein früher, so dringen die schädlichen Koh- 70 Bilder aus Rußland. lendämpfe, da der Ofen von innen geheitzt wird, in daS Zimmer, und verursachen heftige Kopfschmerzen, ja können sogar tödtlich werden. Bei der Trägheit und Nachlässigkeit der russischen Mägde ist dieß schwer ganz zu vermeiden, wenn man sich dieses Geschäfts nicht selbst annimmt. Indessen ist mir bei meinem langen Aufenthalte in diesem Lande kein Beispiel von ernsthaften Folgen dieses Tschat'S (Kohlendampf) vorgekommen. Das ganze Uebel besteht in einem heftigen Kopfschmerz, wobei man jeden Pulöschlag an den Schläfen fühlt, aber am andern Tag ist aller Schmerz bis auf die letzte Spur verschwunden. Die gemeine Klasse hält diesen Zustand, der dem einer völlige« Trunkenheit ähnlich seyn mag, sogar für einen Genuß, den sie sich daher an Fest- und Ruhetagen absichtlich verschafft, um sich. gütlich zu thun. Sie schließen dann ihren Ofen vor der oben angezeigten Zeit und legen sich auf ihn. Denn bei den Bauern sind die Oefen so gebaut, daß sie im Winter zugleich die Schlafstellen der Familie abgeben können. Wenn man in eine solche Stube tritt, so sieht man die Bewohner derselben alle dicht neben einander auf den Bäuchen auf dem Ofen liegen und vergnüglich mit einander schwatzen. Ihre Gesichter sind von der Wirkung des Kohlendampfes hochroth und aufgedunsen, die Augen stieren glänzend, kurz sie gleichen vollkommen Betrunkenen, obschon die geistigen Functionen durch diesen Dampf nicht leiden. Im Grunde mag ihnen wohl der Kopfschmerz auch nicht eben angenehm seyn, aber die größere Wärme, die sie auf diese Weise genießen, ist sür sie ein solches Labsal, daß sie es gern mit jenem Schmerze erkaufen. Auch sieht man ihnen das Wohlbehagen upd die Glückseligkeit an, wenn man sich gleich nicht versucht fühlt, sie mit ihnen zu theilen. Eine andere Art von Heitzung, die aber bei uns wohl keine Nachahmung finden wird, hat in den sogenannten Rau^stuben der russischen Bauern statt. Diese Stuben haben sehr kleine und wenige Fenster, durch die man nur eben den Kopf stecken kann, und diese Fenster sind, wenigstens bei den ärmeren Bauern, nur selten mit Glas versehen. Wo das bekannte Marienglas (miroir ä'sne) häufig und daher wohlfeil ist, wird dieses statt des Glases gebraucht. Gewöhnlich aber bleiben diese kleinen Löcher offen, und werden im Winter nur mit Moos oder Lappen verstopft. Wenn der Ofen geheitzt wird, was hier ebenfalls im Innern der Stube geschieht, so wird der Schornstein deü Ofens verstopft, und der Ranch dringt daher durch die Ofenthüre in die Stube. Anfangs nimmt er seiner Leichtigkeit wegen nur Bilder aus Rußland. 71 ^ die obern Theile der Siube ein, wo er wie eine dichte Wolkendecke ! zu hängen scheint. Allmählig aber dringt er, wenn sich seine Masse vermehrt, tiefer, so daß man, ohne Gefahr zu ersticken, nicht mehr j aufrecht stehen kann. Die Bewohner machen sich daher immer näher ^ an den Boden, sich anfangs bückend, dann knieend, dann sitzend und endlich sogar liegend. Droht der dichte Rauch den Fußboden der Stube zu erreichen, so werden jene sogenannten Fenster oder Luftlöcher geöffnet, die nicht ganz in Mannshöhe über dem Fußboden angebracht sind, und sofort dringt der Qualm zu diesen Oeffnungen gewaltsam hinaus, und läßt den untersten Theil der Stube frei, in ! welchem sich nun die Bewohner derselben wieder allmählig von der Erde erheben, und in dem auf diese Weise erwärmten Raume ihre ^ Geschäfte anfangen. Der Aufenthalt in diesen vom Rauche ganz gc- ^ schwärzten, unreinlichen und finstern Stuben kam mir, als ich sie ! zuerst erblickte, schrecklich vor, und ich würde keinen Anstand genom- ' men haben, diesen abscheulichen Löchern selbst ein förmliches Gefäng- i niß vorzuziehen. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als ich die Bewohner einer solchen Stube auf dem Boden derselben liegen und recht behaglich mit einander schwatzen und ihre Witzreden wechseln hörte, die sich hier nicht gut wiedererzählen lassen, die aber von einem Grade des Frohsinns dieser Leute zeugen, den ich früher für ganz , unmöglich gehalten hatte. Ein wesentlicher Bestandtheil einer russischen Stube ist ein Altar, oder eine Sammlung von mehreren Heiligenbildern, die oben in einer Ecke des Zimmers zusammengestellt werden. Wohlhabendere hängen wohl auch eine Lampe vor diese Bilder, die an Festtagen angezündet wird. Arme haben gewöhnlich nur ein kleines, schlecht gemaltes Bild eines Heiligen, gleichviel welches, da alle gewöhnlich mit dem gemeinschaftlichen Namen Bog (Gott) benannt werden. Auch in den Hauptstädten und bei den Großen findet man häufig noch ein Bildchen in der Ecke, um die alte Landessitte zu ehren, aber es ist hier gewöhnlich so klein, daß man eö ohne besondere Aufmerksamkeit nicht mehr bemerkt. Im Allgemeinen sind die Wohnungen selbst der ärmeren Bauern, so wie diese Bauern selbst, viel reinlicher, als dieß in manchen anderen gebildetern Ländern der Fall seyn mag. Einige nördliche Gegenden und die oben erwähnten Rauchstnben ausgenommen, sind die Häuser und die, obgleich nur ärmlichen, Geräthschaften in denselben immer nett gehalten, so wie auch die Kleider und Betten der russischen Bauern 72 Bilder aus Rußland. sich durch ihre Reinlichkeit und durch die völlige Abwesenheit alles Ungeziefers Vortheilhaft auszeichnen. Wer über Polen nach Rußland gekommen ist, wird den grellen Unterschied zwischen beiden Nationen in dieser Beziehung sehr ausfallend gefunden haben. Wer in jenem Lande, wenigstens da, wo Juden die Wirthshäuser halten, und wo halten sie sie nicht? gezwungen ist, die Nacht in einem dieser Häuser zuzubringen, mag immerhin am andern Morgen seine Wäsche und Kleider wegwerfen, während er in Rußland kecklich in jeder Bauernstube schlafen und sich mit den Pelzen der Bewohner bedecken kann. Die Hauptursache dieser Reinlichkeit, welche den russischen Bauern sehr Vortheilhaft auszeichnet, ist die ihm von der frühesten Jugend angewöhnte Sitte, häufige Bäder zu brauchen. Die meisten neuere» Bewohner Europa'S haben diesen Hang zum Baden, der, vom Alterthum nicht zu sprechen, noch heutzutage den Morgenländern eigen ist, beinahe gänzlich verloren, was weder ihrer Gesundheit zum Vortheile, noch ihrer Reinlichkeit zur Ehre gereicht. Es wäre ohne Zweifel sehr wünschenswerth, diese unter uns längst verschwundene wohlthätige und selbst nothwendige Sitte wieder einzuführen, und ich halte die Sache für so wichtig, daß sie selbst von den Rcgiernngen berücksichtigt zu werden verdient. Wir haben, wie gesagt, den Sinn für diese Art der Reinlichkeit gänzlich verloren, und können daher auch nicht mehr richtig über diese Sache urtheilen. Wenn wir eine unserer geputzten Damen neben einem russischen Bauern in seinem Pelze stehen sehen, so nehmen wir keinen Anstand, der Dame auch in Beziehung der Reinlichkeit den Vorzug vor ihrem Nachbar einzuräumen. Wenn wir aber hören, daß der arme russische Bauer alle Wochen ein- oder auch mehrmal sein Bad braucht, während die Dame vielleicht den ganzen Winter durch keines gesehen hat, so scheint es, als ob unsere Ansichten über diesen Gegenstand noch einiger Berichtigung bedürften. Der Bauer, der Fuhrmann, der Bettler selbst glaubt in Rußland nicht leben zu können, wenn er nicht wenigstens jeden Sonnabend ein Bad brauchen kann. Er würde wahrhaft unglücklich seyn, er würde meinen, vor Schmutz und Unreinlichkeit zu Grunde zu gehen, und ein unerträgliches Jucken fühlen, wenn er diese Wohlthat länger als eine Woche entbehren sollte. Aus diesem Grunde darf auch bei keinem russischen Wohnhause die Badestube fehlen, und keinem Gaste, keinem Bettler wird ein Bad versagt, so wenig als das tägliche Brot, weil beide, Bad und Brot, in den Augen der Russen gleich wichtig und zum Leben gleich Bilder aus Rußland. 73 unentbehrlich sind. Die nähere Beschreibung dieser Bäder, die meistens sogenannte Schwitzbäder sind, kann ich übergehen, da sie auS andern Erzählungen hinlänglich bekannt sind. Herzensgute der Russen. Wenn man weiß, wie hart die untern russischen Volksklassen von den obern behandelt werden, so wird man wohl mit Recht bewunderungswürdig finden, daß demungeachtct noch ein so großer Fond von wahrer Gutmüthigkeit bei dem gemeinen Manne vorhanden ist. Dieser Vorrath muß eine wahrhaft erstaunenswerthe Größe gehabt haben, da selbst eine lange Reihe von Jahrhunderten voll Unbilden und Mißhandlungen ihn nicht zu zerstören vermochte. Diese Gutmüthigkeit geht oft bis zum Kindlichen, und ist in dem tiefen Lande eine so allgemeine und sich gleichsam von selbst verstehende Sache, daß sie dem Russen selbst nicht mehr auffällt und er dem Fremden, der sich über diese ihm ungewohnte Erscheinung verwundert, gewöhnlich nur mit einem freundlich-mitleidigen Lächeln zu antworten pflegt. Die Kindlichsten von allen sind, nach meinen Erfahrungen, die Tschermiffcn, Mordwinen und Tschuwaschen, die die Gouvernements Kasan, Wjatka, Simbirsk, Pensa und Ufa bewohnen und noch vor einem Jahrhundert nomadisch herumziehende Hirtenvölker waren. Ihre von allen russischen Mundarten völlig verschiedene Sprache leitet auf die Vermuthung, daß sie die Ueberreste eines in früheren Zeiten in der Mitte Asiens weit verbreiteten Volkes sind. Ihre Anzahl mag eine halbe Million betragen, und die meisten derselben hängen noch, obschon sie getauft sind, ihren heidnischen Gebräuchen an; alle aber sind durch ihre Bon- hommie, durch ihre Leutseligkeit ausgezeichnet, die ich in diesem Grade nirgends auf der Erde gefunden habe. Indessen ist diese Gutmüthigkeit, wenn auch nicht in demselben Maße, ein beinahe allgemeiner Charakterzug der russischen Nation. In den unbekannten Gaffen der Stadt, auf den Landstraßen, wie in den Steppen Sibiriens ist der fremde Reisende sicher, von Jedem, den er darum anspricht, freundlich zurechtgewiesen, und meistens noch eine gute Strecke weit begleitet zu werden. Wem ein Unglück begegnet ist, darf nicht fürchten, kalte und theilnamlose Zuschauer um sich stehen zu sehen, da sogleich jeder herzueilt und nach seinen Kräften, 74 Bilder aus Rußland. selbst mit eigener Gefahr, zu helfen und zu retten sucht. Wer ins Wasser gefallen ist, wird von unbekannten Bauern herausgezogen, die oft selbst ihr Leben dabei wagen, aber, wenn sie den Unglücklichen gerettet sehen, mit einem freundlichen Lebewohl ihres Weges ziehen, ohne zu glauben, etwas Besonderes gethan zu haben, oder auf Lob oder Lohn irgend einen Anspruch zu machen. Wie oft habe ich gesehen, daß selbst Arme, fa eigentliche Bettler,'wenn sie einen noch dürftigeren Menschen als sie selbst finden, ihre wenigen erbettelten Kopeken mit ihm theilen, ihm ein Glas Branntwein reichen lassen, oder wenn sie selbst nichts anderes haben, ihm wenigstens die Tabaksdose füllen, um ihn nicht ganz hülfloö von sich gehen zu lassen. Aus derselben Quelle der gutmüthigen Dienstfcrtigkeit gegen Bedürftige geht wahrscheinlich auch ein anderer, nicht minder allgemeiner Zug der Russen, ihre un- gemeine Kinderliebe, hervor, die sich nicht bloß gegen die eigenen Kinder äußert. Vornehme Leute sogar bleiben aus den Gassen stehen, den Spielen der kleinen Kinder zuzusehen, sich unter sie zu mischen, die schöneren oder artigen aufzuheben, herzlich zu küssen und dann mit einem kleinen Geschenke wieder zu entlassen. Die schon seither besprochene religiöse Toleranz und die wahrhaft orientalische Gastfreundschaft gegen Fremde scheint ebenfalls nur ein Zweig fenes edlen Stammes, der allgemeinen Gutmütigkeit gegen seines Gleichen, zu seyn. Eö sey mir erlaubt, auch von dieser Seite deS russischen Na- tionalcharakterö einige Züge mitzutheilen, deren Echtheit ich verbürgen kann. Ein russischer Kaufmann in Turinsk faßte den Entschluß, einen großen Theil seines in dem Handel gesammelten Vermögens zur Gründung eines Krankenhauses in seiner Vaterstadt herzugeben. Alexander, der diese edle Handlung erfahren hatte, ließ ihm dafür den Wladimirorden zweiter Klaffe überreichen. So sehr ihn diese, für einen Kaufmann seiner Gilde seltene Auszeichnung freuen mochte, so gab er doch eine Bittschrift ein, in welcher er um die Erlaubniß bat, das erhaltene Ehrenzeichen seinem alten Vater überlassen zu dürfen, weil er diesem alles, was er habe, und auch den Rath, daö Krankenhaus zu stiften, verdanke. Der edle Monarch erfüllte den Wunsch des Sohnes, indem er auch dem Vater dasselbe Ehrenzeichen zusenden ließ, ohne den Sohn desselben zu berauben. Sie lebten beide noch, als ich im Jahr 1816 durch Turinsk reiste. — Einer reichen Gutsbesitzerin brannte im Jahr 1808 im Innern Rußlands ihr schönstes Dorf ab. Ich las selbst den Brief, den sie ihren Bauern von Petersburg Bilder aus Rußland. 75 schrieb, r'n welchem sie sie tröstete und versprach, ihnen im nächsten Frühlinge alle ihre Häuser aus ihre eigenen Kosten wieder aufbauen zu lasten, ihnen das Korn zur Aussaat zu geben, und sie aus süns Jahre von allen Abgaben und Arbeiten zu befreien. Der edle Sinn dieser Frau scheint auch auf die Bewohner ihres Dorfes übergegangen zu seyn, wie denn immer das Gute von oben herab auch wieder umgekehrt von unten hinauf zu wirken pflegt. Ein Bauer dieses Dorfes hatte kurz vor dem unglücklichen Brande von einem Kaufmann 1000 Rubel aus Zinsen erhalten, mit welchen er seinen Fisch- und Lederhandel erweitern wollte. Er war so glücklich, diese in seinem Hanse aufbewahrte und noch nicht berührte Summe aus der Flamme zu retten, und erzählte dieses Glück, daß er wenigstens seinen ehrlichen Namen gerettet habe, indem er das geliehene Geld treulich wieder abliefern könne, öffentlich mit Wohlgefallen, statt den so leichten Vorwand der allgemeinen Verwirrung zu seinem Vortheile zu benützen. Wenn bei einer Nation Züge solcher Art zu den ganz gewöhnlichen gehören, so muß man Achtung und Liebe für sie fühlen, und von ganzem Herzen wünschen, daß dieses edle Volk auch von andern, besonders aber von seinen Vorgesetzten, erkannt und gewürdigt werden möge. Eö ist mir übrigens nicht unbekannt, daß man im Auslande eine ganz andere Meinung von diesem Volke hat, und daß selbst diese Meinung nicht ohne Grund ist, da sie sich auf die unmittelbaren Erfahrungen der Reisenden gründet. Aber wo haben diese reisenden Ausländer ihre Erfahrungen gesammelt? Meistens auf den großen Heerstraßen, welche die volkreichem Städte mit einander verbinden, oder in diesen Städten selbst, oder endlich in den Zirkeln der höhern Stände. Allein die letzten sind bekanntlich die allerungünstigstcn Orte, die Nation kennen zu lernen, und diejenigen, die an den großen Heerstraßen wohnen, sind durch den häufigen Verkehr mit Fremden und durch die Verlockungen zur Habsucht bereits verdorben, und in ihren ursprünglichen Zügen ganz unkenntlich geworden. Die Bewohner der großen Städte endlich sind, aus allgemein bekannten Ursachen, die schlechtesten von allen. Man weiß, daß die Sterbelisten der großen Städte von denen deö Landes sehr verschieden sind. Von 1000 in demselben Jahre geborenen Menschen sind nach 30 Jahren auf dem Lande noch 440, in London aber nur 300 am Leben; nach 60 Jahren dort 210, hier 100; nach 70 Jahren dort 112, hier 50. Wenn in London in einem Jahre 10,000 Menschen geboren werden, so sind in den ersten 30 Jahren schon gegen 7000 davon gestorben, während 76 Bilder aus Rußland. auf dem Lande von eben so vielen Menschen im dreißigsten Jahre nur 5620 gestorben sind. Man nimmt an, daß auf dem Lande von 40 Menschen jährlich einer stirbt, während in Paris, London u. s. w. jährlich von 25 Menschen einer zu Grabe getragen wird. London hat nach den neuesten Angaben eine Bevölkerung von 1,230,000 Einwohnern; also sterben daselbst jährlich 51,250, während von eben so viel Landleuten jährlich nur 30,750, also 20,500 weniger sterben. Dieser Unterschied der geringern Sterblichkeit auf dem Lande, der großen Städte gegenüber, beträgt in fünf Jahren schon über 100,000 und in einem Jahrhundert bereits über 2,000,000, die in der Stadt mehr als auf dem Lande von der Bevölkerung des Reiches verschwinden. Auf der ganzen Erde sollen nahe an 960,000,000 Menschen leben. Wenn sie alle der gesunden Luft und der einfachen Lebensweise der Landleute sich erfreuten, so würden auf der Erde jährlich 24,«!00,000 oder in jeder Minute beinahe 45 Menschen sterben. Wenn sich aber im Gegentheil alle Bewohner der Erle unter denselben künstlichen und unnatürlichen Verhältnissen, wie die Bewohner von Paris oder London befänden, so würden von ihnen jährlich 40,000,000 oder in jeder Minute 76 sterben. Jedes Jahr würden daher durch daö Zusammen- wohnen aller Menschen in großen Städten 16,000,000 Menschen mehr als Todesopfer fallen. Nach dem gewöhnlichen Verhältnisse der Städte und Dörfer beträgt der Ueberschuß der Sterblichkeit in den Städten über die auf dem Lande in 2ö Jahren beinahe so viel, als sonst eine allgemeine Pest wegzuraffen pflegte, so daß also der Staat durch das Zusammendrängen der Menschen in Städten einen Schaden an seiner Bevölkerung leidet, der einer alle 25 Jahre wiederkommenden Pest gleicht. Wer kann aber den gewiß noch viel größer» Schaden berechnen, welcher durch die moralische Pest der großen Städte über das Land gebracht wird; wo der größte Reichthum neben der drückendsten Armuth steht; wo der eine sich in wollüstigen Genüssen betäubt, im Ueberflusse schwimmt, und seinen von den Armen erpreßten Prunk täglich zur j Schau trägt, während der neben seinem Staatswagen hinschleichende l Bettler unter der Last seiner Entbehrungen zu Boden sinkt und dem s Hungertode oder der Verzweiflung zum Raube hingeworfen wird. Wie ! sehr große Städte ihre Umgebung vergiften, wird in Rußland jedem j aufmerksamen Reisenden auffallend werden, wenn er in die Gegenden s um Moskau oder Petersburg kömmt. Durch das ganze große Land j kann man, wie bereits erwähnt wurde, ohne alle Waffen reisen, da ' Bilder aus Rußland. 77 , sie überflüssig sind, ja selbst ohne ein Messer in seiner Tasche, und > zwar ununterbrochen bei Tage ganz eben so gut und sicher als bei ^ Nacht. Wenn man aber der Mutter des Landes, oder wie sie auch heißt, der heiligen Stadt Moskau auf einige Meilen nahe gekommen ist, so werden die nächtlichen Reifen eingestellt und die Gewehre in Bereitschaft gelegt. Dieser Vorsicht ungeachtet vergeht doch selten eine Woche, wo man nicht von Plünderungen und Todtschlägen hört, die vor den Linien der Stadt sich ereignet haben. Doch muß man der Wahrheit zur Steuer gestehen, daß die MoSkauischen Straßen- ^ räuber noch gar weit hinter den Highwaymcn zurückbleiben, welche in und um London ihre freie Kunst bereits zu einer Höhe gebracht haben, die in Rußland noch unbekannt ist, und wahrscheinlich erst mit der steigenden Kultur auch dort einheimisch werden wird. Als ich im Jahr 1807 im Winter Moskau noch vor der Nacht erreichen wollte, ' bemerkte ich etwa eine Stunde vor der Stadt ein polterndes Geräusch an dem Hintertheile meines Schlittens. Ich ließ halten unv sah nach der Ursache desselben, die nur zu bald entdeckt wurde. Die Straßen- diebe hatten die Stricke, welche einen kleinen Koffer an den Schlitten befestigten, größtentheils und so durchschnitten, daß der Koffer sich bloß durch das Schütteln des Schlittens losmachen und auf die Straße fallen mußte. Bei diesem, wie ich später hörte, sehr gewöhnlichen, aber mir unbekannten Manöver vermeiden die Diebe alle Gefahr eines offenbaren Angriffs und suchen dadurch selbst ihren Leumund, da auch sie gern für ehrliche Leute gelten möchten, zu schützen. Sie gehen nämlich bei dem ersten Grauen des kommenden Morgens auf die Straße und suchen da, was die Reisenden in der letzten Nacht etwa verloren haben könnten. WaS sie auf diese Weise gefunden haben, kann nicht für gestohlen gelten und wird mit gutem Gewissen behalten. Mein Fuhrmann, ein gemeiner russischer Bauer, schien nicht ganz einverstanden mit diesen Ansichten und spannte unter derben Flüchen eines seiner Pferde aus, um auf ihm den Weg zurückzureiten und den Koffer zu suchen. Da ich dadurch im freien Felde in einer so unsichern Gegend und bei bereits einbrechender Nacht allein zurückbleiben sollte, so erklärte ich mich, so gut ich konnte, dagegen. Allein er ließ nicht ab und ritt fort. Nach einer langen bangen Stunde kam er jauchzend an, den kleinen Koffer vor sich her auf dem Pferde haltend. Wir fuhren getrost weiter, und als ich auf der Station ihm ein Geschenk für seine Treue bot, weigerte er sich das Ganze zu nehmen, das ihm zu viel schien, und hörte, als ich eS ihm end- 78 Bilder aus Rußland. lich in den Busen schob, nicht aus, mir zu danken und mir die Hände zu küssen. Der ihm folgende Postillon, dem ich die Geschichte erzählte, sagte mir, daß mein Iwan ein oketün äodroi tsclieloweck, ein ungemein braver Mensch sey, der zehn Kinder habe und nicht einmal, das Beste sollte zuletzt kommen, und nicht einmal Branntwein trinke. Wenn dieser Zug von Ehrlichkeit in der Nähe der Hauptstadt und unter Verhältnissen, welche die Unehrlichkeit zu verschleiern so sehr geeignet waren, eine besondere Erwähnung verdient, so mag der folgende, den einer meiner Freunde in der Mitte von Petersburg selbst und in einer der belebtesten Gassen dieser Stadt beobachtet, derselben noch würdiger seyn. Ein alter blinder Bettler ließ sich alle Morgen auf eine bestimmte Stelle der Gasse führen, in welcher er den ganzen Tag sich selbst überlassen, das Mitleid der Vorübergehenden anflehte. Ein alter Hut, den er auf dem Schooße hielt, war der Altar, auf dem der Wohlthätigkeit geopfert ward; viele aus der untersten Volköklaffe brachten ihm ihre kleine Gabe und mancher warf einen Pjätak (ein Fünfkopekenstück von Kupfer) in den Hut und holte sich aus demselben 3 oder 4 Kopeken zurück, indem er dem blinden Bettler sagte, um wie viel er seine Bank vermehrt habe. Da meinen Freund seine Geschäfte den Tag über öfter durch diese Gaffe führten, so hatte er oft Gelegenheit zu bemerken, wie sich der Vorrath in dem Hut mit jeder Tagesstunde vermehre; aber nie sah er, daß der gute Alte bei der eben erwähnten Auswechslung mit seinen Fingern sich von der Richtigkeit der Angabe zu überzeugen gesucht hätte, oder daß es ihm eingefallen wäre, einen Theil des bereits erworbenen Vermögens in seinen Taschen in Sicherheit zu bringen. Mir scheint, daß solche Züge*) von Ehrlichkeit und Mildthätigkeit auf der einen Seite und von unbegrenztem Zutrauen auf Es sey uns erlaubt, hier noch eines solchen Zuges zu erwähnen, den L. auf seiner Reise nach Kasan erlebte, und wahrscheinlich für einen andern Abschnitt dieser nicht vollendeten „Bilder aus Rußland" »ersparen wollte, vbschon derselbe, wie wir glauben, hier gar sehr seinen Platz linder. — Zu einer Jahreszeit, wo die Sonne bei Tage die Eisdecke zu erweichen begann, während die Nächte immer wieder starken Frost brachten, hatte sich der Postillon einmal bei Nacht verfahren, und war auf einem nur schwach zugefrornen Teiche eingebrochen, in dem Augenblicke, wo die vorderen Pferde denselben betraten. Diese vorderen Pferde wurden bald verloren gegeben, zugleich aber die übrigen unzureichend befunden, um den Schlitten aus dem Gemische von gefrornem Gestrippe, Eis und Schnee, in welchem er sich gespießt halte, herauszuziehen. Ehe es sich L. versehen Bilder aus Rußland. 79 der andern den Charakter einer Nation stärker und kräftiger schildern, als alle hohlen Deklamationen und daß in mancher andern Hauptstadt hatte, waren diese Pferde übrigens ausgespannt, und der Postillon schwang stch auf eins derselben, offenbar in der Absicht, davonzureiten. „Wohin willst du?" fragte L. „Zn meine Post zurück, um Hülfe zu holen," lautete die Antwort, und fort war er alles Rufens ungeachtet. Man denke sich nun, Mann, Frau und Bedienter in einem russischen unabsehbaren Walde, bei stürmischer kalter Nacht, keine menschliche Wohnung viele Meilen in der Runde, reiß-nde Thiere, die hier nichts weniger als selten, als einzige Nachbarn, dazu wenig oder keine Aussicht auf Erlösung, und man wird diese Lage kaum beneidenswertl, finden. Es mochten so drei Stunden vergangen seyn, als der Tag zu dämmern anfing, und bald darauf ein einsam Bäuerlein auf einem winzigen Schlitten, mit einem kleinen Pferde bespannt, des Weges kam. Als er sah, was hier geschehen, hieltet im selben Augenblicke an, wo L. ihm zurief, und ihm den Vorschlag machte, die zwei Personen aus dem Znneren des Schlittens auf seinem Fuhrwerke zu tranöpor- tiren. Der gute Alte ließ sich nicht lange zureden, warf die gesammelten Holzbündel von seinem Schliltchen, richtete alles, so gut es gehen wollte, für die unerwarteten Passagiere zu, und fuhr in lustigem Galoppe auf die nächste Station. Das angebotene und wohlverdiente Geschenk wollte er lange nicht nehmen, offenbar sich durch die Freude schon entschädigt fühlend, die es ihm machte, die geängsteten und erfrornen Reisenden in eine, mit allem wohlversehene und warme Wirthsstube gebracht zu haben. L. indessen, so froh er war, sich und 'die Seinen wenigstens in Sicherheit zu sehen, Lachte doch mit Besorgniß an seine ganze Habe, die, unter der Wache eines russischen Bedienten zurückgelassen, ihm schwer zu retten schien. Der ganze Vormittag war mit bangem Harren vergangen, L. hatte die ganze Zeit hindurch die Straße, die vvm Walde herführte, nicht aus den Augen gelassen — noch aber keine Spur von seinem Schlitten, was immer in dieser Richtung ankam, lauter fremde Reisende, die in der früheren Post von dem ganzen Vorfalle kaum hatten sprechen hören, und nichts näheres davon zu sagen wußten. Schon schien sich alles zu einer Bestätigung von L.'s Besorgnissen zu verschwören — da mit einem Male auf der noch immer ängstlich mit den Augen überwachten Straße eine Wolke von aufgejagtem Schnee, fröhliches Peitschengeknalle, ein ganzes Nudel galoppirender Pferde, und hinter ihnen drein L.'s Schlitten, der Bediente auf dem Bocke seine Pelzmütze schwingend, und seinem hocherfreuten Herrn enlgegenjauckzend, daß alles, alles' gerettet sey. Und in der That, obschon hatte abgepackt werden müssen, um den Schlitten zu erleichtern, obsckvn eine Menge Kameraden mit dem Postillon zurückgekehrt waren, ihm zu helfen, die von dem einen Bedienten so gut wie nicht mehr überwacht seyn konnten, fehlte auch nickt die kleinste Kleinigkeit. Die herzliche'Theilnahme aber und aufrichtige Freude von allen Seiten trugen nicht wenig dazu bei, L.'s Vergnügen zu erhöhen. D. Herausg. 80 Bilder aus Rußland. des gebildeten Europa'S ein Bettler, der sich der Diskretion von tausend Unbekannten zutraulich in die Arme würfe, am Abend des Tages wohl gar oft mit leerem Hute nach Hause kehren würde. Welche Betrachtungen könnte die Vergleichung dieses blinden Bettlers in Petersburg mit der Art an die Hand geben, wie die Geschäfte auf dem Zoll- und an so manchem andern Platz in London getrieben werden. Das Reisen. In keinem Lande ist das Reisen leichter als in Rußland. Mit dem fünften Theil des Geldes, welches die Posten in Deutschland, England oder Frankreich fordern, reist man dort denselben Weg, und zwar wenigstens in der Hälfte der Zeit. Die russischen Pferde können nur stehen oder laufen: ein gemäßigter Schritt ist ihnen eine ganz unbekannte Sache. Selbst wenn der Russe den steilen Abhang eines Thales herabsähet, läßt er die Pferde frei laufen, damit der Wagen, an der untersten Stelle angekommen, einen Schwung auswärts erhalte, wo dann die gegenüber liegende Anhöhe, so lange eS die Pferde aushalten können, ebenfalls mit verhängtem Zügel zurückgelegt wird. Demungeachtet hört man nur selten von einem Unglücke. Auch in den bevölkerten Gassen der Hauptstädte wird im Allgemeinen sehr schnell gefahren und den entgegenkommenden Wage» nur eben so viel auögewichen, als unmittelbar nöthig ist. Die dem Russen angeborne Gewandtheit und seine Geistesgegenwart in der Gefahr führen ihn glücklich durch alle Hindernisse. Wer in Rußland den Aufenthalt in den Gasthäusern für einen integrircnden Theil der Reisegenüsse ansehen wollte, würde sich getäuscht finden. In dem tiefern Lande gibt eö keine Gasthäuser und jeder muß sich, so gut es angeht, selbst verpflegen. Man sammelt sich in den größern Städten, durch welche der Weg führt, so viel Vor- rath von Victualien, Thee, Zucker, geräuchertem oder gepöckeltem Fleisch u. dgl., als man bis zur nächsten Stadt bedarf, und läßt sich diese Dinge in dem Posthause, d. h. in einer Bauernhütte, oder auch in jeder andern Wohnung des Dorfes, wo der Hunger mahnt, zubereiten , oder bereitet es sich selbst. Jeder Bauer gibt willig seinen Herd und die Feuerung dazu, nebst seinem herzlichen Dank für ein kleines Geschenk, das man ihm dafür zurückläßt. Eben so leicht erhält man Bilder aus Rußland. 81 auch wohl r'n jedem Dorfe Fleisch, Hühner, Eier u. dgl. für einen gewöhnlich ungemein geringen Preis. Im Sommer kann man selbst die Einkehr in den Häusern der Bauern entbehren, da man auf der ersten der besten schönen Trift am Wege Feuer anmachen und in den dazu sehr gut eingerichteten Gefäßen, die jeder mit sich führt, in einer halben Stunde sein Mahl bereiten kann. Dieses Nomadenleben der Reisenden hat in Rußland seine eigenen großen Reize und wesentlichen Vorzüge vor unsern sogenannten Wirthshausreisen. Wir bewegen uns langsam wie die Murmelthiere von einer Schenke zur andern, müssen jeden Tag wenigstens dreimal einkehren und uns mit oft schlecht genug zubereiteten Speisen begnügen, die ganze Nacht durch in elenden, unreinlichen Betten schlaflos zubringen, oder uns von Insekten aller Art martern, und für alles das am andern Morgen noch prellen lassen, während der Russe von allen diesen Unannehmlichkeiten nichts weiß, wie ein wahrer Natursohn nur von sich selbst abhängt, ißt und trinkt, wann und was er will, und dabei doch den eigentlichen Zweck des Reifens, das Weiterkommen, viel besser erfüllt, als wir mit all unserm Geld und all unsern Plackereien eS je zu thun im Stande sind. Er reist Tag und Nacht, und kümmert sich weder um den Eigennutz der Wirthe, noch um den der Postmeister und ihrer Postillone, und mit demselben Gelde, welches uns eine einzige Station in Deutschland kostet, legt er drei russische Stationen zurück, deren jede zwei-, auch dreimal größer ist, als unsere deutschen. Wenn der Abend kömmt, legt er sich in seiner Kibitke schlafen, während der Diener auf den Stationen das Wechseln der Pferde besorgt, und wenn er am Morgen wieder aufwacht und nach dem Namen des Dorfes fragt, durch daS er eben fährt, so sieht er auf seiner Karte, daß er schlafend 18 — 20 deutsche Meilen zurückgelegt hat. Vor dem Dorfe läßt er halten und auf der nächsten Wiese sich sein Frühstück bereiten, das in einer Viertelstunde dasteht und heitern Muthes unter dem Gesänge der Vögel, die die Tafelmusik besorgen, genossen wird. Dann geht es wieder spornstreichs weiter, um in fünf oder sechs Stunden in einer Entfernung von zwölf bis vierzehn Meilen daS Mittagsmahl auf eine ähnliche Weise einzunehmen. Selbst der Winter, wo jene Annehmlichkeiten wegfallen, und man wenigstens der Nahrung, wen» auch nicht des Schlafes wegen, einzukehren genöthigt ist, hat wieder seine eigenen großen Vortheile für die Reisenden, und ich glaube selbst, daß er für größere Reisen dem Sommer vorzuziehen ist. Im Sommer leidet man viel Littrow I. 6 82 Bilder aus Rußland. von den schlechten Wegen, die der Natur ganz überlassen, nach stärker» Regengüssen und beim Thauwetter im Frühjahre, so wie im Spätherbste beinahe unbrauchbar sind. Die sogenannten Knüppelwege, die aus horizontal neben einander gelegten Bäumen, mit Erde überschüttet, bestehen und in sumpfigen Gegenden oft viele Meilen weit fortlaufen, sind eine Art von Tortur für den Fahrenden, besonders wenn sein Wagen keine Federn hat. Nicht minder beschwerlich ist der unermeßliche Staub, den die immer schnell laufenden Pferde aufwühlen, der in dichten Wolken den Wagen oft tagelang umgibt, und die Hauptursache der lästigen Augenschmerzen ist, von welchen die Reisenden so oft befallen werden. In den dichten Wäldern, in denen man zuweilen drei und mehre Tage ununterbrochen fährt, sind die unzähligen wilden Bienen im Sommer eine Art von Landplage. Sie fangen sich in der aufgestülpten Decke des Wagens, in welcher sie oft ganze Schwärme bilden, die durch belaubte Zweige, mit welchen die Reisenden immerwährend fächeln , vertrieben werden, aber gleich darauf sich wieder erneuern, und dem armen Wanderer keinen Augenblick Ruhe gönnen. In sumpfigen Gegenden gibt eS so viele Insekten, daß sie, wenn man nur einige Schritte von der Straße geht, zu Millionen auffliegen und den Menschen, der sich unter sie begeben und ihre Ruhe zu stören gewagt hat, in einigen Augenblicken ganz bedecken. An den Ufern der Wolga z. B. zwischen Tscheboksar und KuSmodemianSk gibt es nach der Ueberschwem- mung, welcher diese Gegend so regelmäßig wie das Nilthal unterworfen ist, den ganzen Sommer durch zahllose große Mücken, eine Art von Schnacken, die aber viel größer und deren Stiche viel schmerzhafter sind, als die der unsern. Alle Menschen haben in diesen Gegenden Hände und Gesicht voll großer Beulen; alles dieses und so manches andere fällt im Winter gänzlich weg. Zwar hat man dann mit der Kälte zu thun, aber der Russe weiß sich gegen dieselbe auf seinen Reisen so gut zu schützen, daß er sie kaum für eine Unbequemlichkeit halten darf. Dafür ist die Hauptsache auf Reisen, der Weg so gut, daß keine Chaussee in irgend einem Lande besser seyn kann. Alle Unebenheiten der Straße sind unter dem hohen Schnee verschwunden, und auf der festen und spiegelglatten Decke dieses Schnee'S gleitet der Schlitten wie über einen potirtea Marmorboden pfeilschnell fort, ohne Hinderniß und ohne Aufenthalt, während der Reisende in seinem warmen, mit Pelzen und Matratzen versehenen, mit dichten Bastmatten wohl bedeckten Wagen sich dem freundlichen Gespräche mit seinen Bilder aus Rußland. 83 Gefährten oder der traulichen Tabackspsfeife, oder dem erquickenden Schlafe überläßt, und, wenn er wieder meugestärkt erwacht, sich während seinen Träumen wie durch eines Zauberers Hand zehn und wehr deutsche Meilen weiter geführt sieht. Nur mag der Ausländer, der Rußland im Winter bereisen will, sich zuerst von den Eingebornen belehren lassen, was er zu thun und zu meiden habe, wenn eS ihm so gut werden soll. Die meisten derselben, welche sich selbst für weise genug halten, und ihre alten Gewohnheiten in das neue Land mit hinübcrnehmen wollen, müssen durch eigenen Schaden klug werden, und ihr Lehrgeld oft theuer genug bezahlen. So wird man z. B. wohl thun, den Gläserwagen oder die deutsche Kutsche, mit welcher man an die Grenze kommt, sogleich mit einer guten russischen Kibitke auf Federn zu vertauschen, weil man sich in jenen der Kälte nicht erwehren kann. Im spätern Herbste soll man die Reise nicht antreten, sondern lieber einen oder zwei Monate verschieben, weil man sonst mit den schlechten Wegen zu kämpfen hat, und dem Wechsel des Fuhrwerks ausgesetzt ist. In Rußland muß man sich so leicht als möglich machen, bloß das unmittelbar Nothwendige bei sich führen und alles klebrige durch den Weg der Kaufleute, d. h. durch Bauern, nachführen lassen. Man übergibt zu diesem Zwecke einem Kaufmann an der Grenze seine Koffer und Kisten, die dann von ihm an den angewiesenen Ort spedirt werden. Die Fracht dafür ist sehr gering, und der Transport sicher. Schleppt man aber Alles mit sich, so kann man sicher seyn, wenigstens noch einmal so große Ausgaben und zehnmal mehr Verdruß zu haben. Darin fehlen unter andern auch die Colonisten, welche aus Schwaben und andern Gegenden Deutschlands nach Rußland wandern. Sie haben ihre deutschen Leiterwagen bis oben an mit allem ihrem Hausgeräthe bepackt, selbst die Rocken, Spinnräder und die alten Hühnersteigen nicht zu vergessen, und die Folge davon ist, daß sie lange, ehe sie an den Ort ihrer Bestimmung kommen, schon ermüdet unter der Last, die sie sich selbst aufgelegt haben, wie ihre Zugthiere niedersinken, ihr Geld verschleudern, miß- muthig werden, und oft vor Gram und Heimweh sterben, ehe sie noch das neue gelobte Land gesehen haben. In Rußland sieht man nie solche ungeheure Rüstwagen, wie die unserer deutschen Fuhrleute, die wie Häuser langsam über die Straße ziehen. Wenn der russische Kaufmann seine Waaren spedirt, wären es auch 100 Pferdelasten, so braucht er zwar auch 100 Pferde, aber 6 * 84 Bilder aus Rußland. jedes hat seinen eigenen Wagen, jedes zieht für sich sein Faß oder seine Kiste, und diese kleinen Wagen, jeder mit einem Pferde, selten nur mit zwei bespannt, ziehen in einer Linie auf der Straße, wie die wilden Gänse, hinter einander her, bloß von zwei Menschen geführt, deren einer an der Spitze, und der andere an dem Ende der Colonne, ein wachsames Auge auf den ganzen Zug hat. Nicht minder empfehlenswerth scheint mir der Bau der russischen Wagen, in Bezug aus ihre Sicherheit zu seyn. Der eigentliche Kasten liegt bei ihnen bedeutend niedriger als bei uns, und ihre Räder sind durchaus viel weiter von einander entfernt, als die unsrigcn. Die Folge dieser doppelten zweckmäßigen Einrichtung ist, daß sie selbst aus schiefen Boden nicht leicht umschlagen können, ein Unglück, das in Rußland zu den sehr seltenen gehört. Die Leichtigkeit und die geringen Kosten des Reifens in Rußland macht, daß man dort selbst unter den untersten Klassen, häufig Leute trifft, die mehr von fremden Ländern und Sitten gesehen haben, als gar mancher von denen, die bei uns schon für berühmte Reisende gelten. .Ich hatte in Kasan einen Dwornik (Hausknecht) bereits über ein Jahr, ohne zu wissen, daß der alte, gute und stille Mann, den ich für einen gebornen Kasaniten hielt, der nie über die Grenze seines Weichbildes gekommen, beinahe so viel von Gottes schöner Erde gesehen hat, als ein Niebuhr oder Humboldt. Ich traf ihn einst, als er daS Stroh, welches für die Stallungen im Winter bestimmt war, auf dem Boden mit seinen Knechten in Ordnung brachte. „Wer sollte es denken," sagte er, indem er sich zu mir wandte, „daß man in Kitai (so heißt im Russischen China) auö solchem Stroh Papier, und so schönes Papier machen kann." — „Woher weißt du denn das?" fragte ich. — „Nun," meinte er, ich bin ja lange genug dort gewesen. Ich bin mit meinem Vetter, dem Kapitän, als Bedienter nach Achotzk gezogen, wo ich drei Jahre blieb, und dann als Schreiber bei der amerikanischen Kompagnie angestellt wurde." In den Geschäften dieser Compagnie besuchte er die Aleuten und die Kurilischcn Inseln, ging mit auf die Messe in Jrbit, wurde darauf nach Jrkutzk versetzt, wo er das nahe Kiachta, die Grenzstadt Chinas häufig besuchte, und mit den Chinesen in Verkehr stand. „Aber wie kommst du endlich wieder hieher in deine Vaterstadt," fragte ich. „Je nun, Herr, man wird alt, und da können einen die Leute nicht mehr recht brauchen. Ich bin nicht von Kasan, sondern von Kislar Bilder aus Rußland. 85 (am kaspischen Meere), und dahin ging ich wieder zurück, als ich das Ding in Sibirien genug hatte, allein es ließ mich nicht ruhen, obschon ich dort gut hätte leben können. Ein sibirisches Regiment zog durch Kislar, um gegen Persien zu fechten, und meine alten Bekannten in dem Regimente sprachen mich so an, daß ich die mir angebotene Stelle als Korporal annahm und mit ihnen zog. Es ist mir aber schlecht bekommen. Zwar in Persien gings gut und wir führten da ein recht lustiges Leben; aber kaum war der Krieg aus, so sing der neue mit Schweden an, und nun mußten wir nach Finnland ziehen, wo es uns ganz erbärmlich ging. Nach erhaltenem Abschied bin ich über Archangel und Petersburg nach Kasan gekommen, wo ich nun, lieber Herr, ihr Dwornik bin, und so Gott will, bleiben werde, bis mein Stündchen schlägt. Aehnliche, wenn gleich nicht so auffallende Beispiele könnte ich noch viele erzählen, da große, selbst sehr große Reisen in Rußland, eine auch für den gemeinen Mann sehr gewöhnliche Sache sind, die sie oft nicht bloß der Geschäfte, sondern auch bloß deS Vergnügens wegen unternehmen. Als einer meiner Freunde im Jahr 1807 während der Butterwoche in Petersburg bei einem deutschen Kaufmann abgestiegen war, kam wenige Tage darauf ein russischer Kaufmann aus TobolSk, der die Tochter meines Freundes geheirathet hatte, mit seiner ganzen Familie bei «nS an, um den Carneval mit seinem Schwiegervater zu feiern, und dann am Ende der Woche wieder wohlgemuth nach Hause zu fahren. Da Petersburg von TobolSk 445 deutsche Meilen entfernt ist, so machte er, um sich einige Tage mit seinen Freunden und Verwandten zu vergnügen, eine Lustreise von 890 deutschen Meilen. Wenn man bei uns eine Reise von wenigen Tagen macht, so kann man mit den Vorbereitungen dazu kaum fertig werden, und wenn es endlich zum Abschied kommt, so gibt es Aufträge, Ermahnungen, Küsse und Thränen die Hülle und Fülle, während der Russe, indem er seine Familie auf Monate verläßt, mit einem biedern Händedruck und einem herzlichen Proschtschai sich fröhlich auf seinen Wagen schwingt und sorgenlos und munter, wie ein Vogel, weiter zieht. Wie staunten meine Landsleute, als sie hörte», daß ich bis Kasan zu reisen entschlossen sey. Nach ihrer Meinung war dies beinahe bis an das Ende der Welt und sie gaben alle Hoffnung auf, mich fe wieder zu sehen. Auf der andern Seite der Grenze im Gegentheile vernahm man meine Reiseroute mit der größten Gleichgültigkeit, da die meisten Russen jene Gegenden 86 Bilder aus Rußland. und wohl noch weit entlegenere aus eigener Ansicht kannten. Dieser auffallende Unterschied in der Sinnesart zweier benachbarten Länder offenbart sich noch in mehreren andern Dingen auf dieselbe Weise. Bei uns ist alles klein zugeschnitten, wie es unser beschränkter Gebrauch mit sich bringt, während dort Alles inS Große, oft selbst ins Riesenhafte geht. Die engen Grenzen unserer Heimath haben auch unsere Gesinnungen und Ansichten eingeengt, während sie sich dort, dem ungeheuren Raume gemäß, in welchem sie sich frei bewegen, entwickeln und entfalten. Eine Reise von Kairo nach Moskau, oder von Moskau nach TobolSk ist für sie so viel, als für uns eine Reise von DreSden nach Leipzig und während sie in ihren ungemefsenen Räumen frei hin und wieder fliegen, lächeln sie gutmüthig über uns, die wir wie im Käsig von einer Sprosse zur andern flattern und auch zu fliegen glauben. Wenn der Ausländer nach einem mehrjährigen Aufenthalte in Rußland wieder in seinen vaterländischen Käsig zurückkömmt, hat er Mühe, sich von den großen Ideen und den erweiterten Ansichten der Dinge um sich her zu entwöhnen, und an dem kleinlichen Marionettenspiel, das ihn hier umgibt, einigen Geschmack zu finden. Die russische Sprache. Die Sprache der Russen ist bei uns, die wir uns doch so sehr um fremde Sprachen bekümmern, noch lange nicht so bekannt, als sie eS wirklich verdient. Keine andere Sprache der alten und neuen Zeit hat sich über eine so große Strecke der Erde verbreitet, wie die slavische, weder die der weltbeherrschenden Römer, noch die der alle drei Theile der alten Welt wie eine Fluth überschwemmenden Araber zur Zeit der schönsten Blüthe ihres Kalifats. Von der westlichen Grenze Böhmens bis nach Kamtschatka wird diese Sprache gesprochen, und diese wahrhaft ungeheure Zone hat an vielen Stellen eine Breite von mehreren hundert deutschen Meilen. Die eigentlich slavische Sprache Rußlands hat in dieser ganzen großen Ausdehnung keine Dialekte, denn das Kleinrussische in der Ukraine, so wie die sibirischrussische Sprache wird von jedem Bewohner Moskaus oder Petersburgs ohne alle Mühe gleich an dem ersten Tage verstanden. So wie die Volksgesänge durch daö ganze große Reich dieselbe National- Bilder aus Rußland. 87 Melodie haben, so wird auch durchaus uur dieselbe Sprache gesprochen, von den eigentlichen Russen, den Hauptbewohnern des Landes nämlich; denn von den tatarischen, finnischen, mongolischen und andern Sprachen ist hier nicht die Rede. Nebst dieser nngemeincn Ausbreitung genießt die russische Sprache noch einen andern Vortheil, den die deutsche und die mit ihr ver- wandten Sprachen entbehren müssen. Unsere altdeutsche Sprache ist verloren gegangen; von den Gesängen der Barden ist nichts mehr übrig, und was wir von späteren Denkmälern gerettet haben, ist uns gänzlich sremd geworden, ist mehr nur ein Eigenthum gelehrter Sprachforscher, und ohne allen Einfluß auf das eigentliche Idcom deS Volkes. Nicht so die russische Sprache: der alte Stamm, anS welchem dieser neue, kräftige Baum hervorwuchs, lebt noch, zwar nicht mehr in der Volkssprache, aber in der Kirchensprache des Volkes. Dieses alte Idiom muß zwar erlernt werden, waS die Sache der Geistlichen und der eigentlich sogenannten Gelehrten ist; da aber eben diese es sind, welche als Schriftsteller auftreten, und dadurch die gebildete Sprache des Volkes konstituiren, und da überdies die Verschiedenheit zwischen der alten und neuen Sprache, in Beziehung auf ihr Aeußeres, nicht sehr bedeutend ist, während in Beziehung auf ihren Geist fast gar keine stattfindet, so ist eS erlaubt und dem Genius der russischen Sprache völlig angemessen, aus fener alten und noch immer frischen Quelle zu schöpfen, und dadurch die neue Sprache zu bereichern und auszubilden. Eine geringe Flexion, eine dem Ausländer oft unmerk- liche Biegung des alten Wortes bildet sofort daS neue, daS, da eS dem Genius der Sprache völlig angemessen ist, sogleich das Gepräge der allgemeinen Gangbarkeit erhält. Dieser Zuwachs wird um so williger aufgenommen, da er aus derselben Quelle fließt, aus welcher die ganze neurussische Sprache gekommen ist, und da diese Quelle, zugleich für eine heilige geachtet wird, so sind fene neugeschaffenen Worte schon von ihrer Entstehung an mit einer Würde umgeben, die sich für den erhabenen Styl vorzüglich eignet. Wie dürftig erscheint dagegen z. B. die polnische Sprache, die, obschon ebenfalls eine slavische, sich nicht entblödet, sich im höhern Konvcrsations- und Bücherstyl mit deutschen und französischen Worten, die sie beinahe unverändert aufnimmt, aufzuputzen und mit diesem fremdartigen Flitterstaat ihren Genius und das eigenthümliche Gepräge ihrer Nationalität zu verderben. Nicht viel besser ist der Deutsche selbst daran, dessen wissenschaftlichen Werke von lateinischen und griechischen Wörtern 88 Bilder aus Rußland. strotzen, die der deutschen Sprache eben so sremd sind, wie die französischen Schönheitspflästerchen dem altpolnische» Gesichte. Uebrigens fällt cS dem Ausländer schwer, die russische Sprache in einiger Vollkommenheit zu erlernen; nicht blos, weil für ihn alles in dieser Sprache fremd ist, und ihm kein schon aus andern Sprachen bekanntes Wort entgegenkömmt, wie z. B. dem Deutschen, wenn er englisch, oder dem Italiener, wenn er französisch sprechen lernen will. Die größte Schwierigkeit der russischen Sprache liegt in dem großen Reichthum derselben, ferner in ihrer Grammatik, die beinahe keine Regeln, sondern nur Ausnahmen hat und durch ihre vielgliedrige Beweglichkeit schwer zu fassen ist, und endlich in der Aussprache, die nicht leicht ein Ausländer sich vollkommen eigen macht, wenn er nicht seit seiner Jugend schon im Lande war. Desto leichter lernt im Gegentheil der Russe die ausländischen Sprachen, wozu er ein ganz besonderes Talent zu haben scheint, da man unter den Gebildeten sehr häufig Menschen trifft, welche die französische, deutsche und englische Sprache vollkommen inne haben. Die Leichtigkeit, mit welcher der Russe nicht allein Alles begreift, sondern auch, oft mit den einfachsten Mitteln, alle Arbeiten verrichtet, kömmt ihm wahrscheinlich auch hier nicht weniger, als die Schwierigkeit seiner eigenen Sprache selbst, günstig entgegen; denn nachdem er diese Schwierigkeit glücklich überwunden hat, muß ihm jede andere Sprache leicht scheinen, so wie derjenige der eine klassische Bildung erhalten und mit der lateinischen Sprache den Anfang gemacht hat, wenigstens den innern Bau jeder andern Sprache leichter übersieht. Auch hier werden wir wieder auf den Hauptzug im Charakter der Russen zurückgeführt, auf sein sanguinisches Temperament, dem er seine Gewandtheit, seine kindliche Gutmütigkeit und gesellige Fröhlichkeit, seine Furchtlosigkeit in Gefahren verdankt. Diese und die damit verwandten Züge sprechen sich für den aufmerksamen Beobachter auf den ersten Blick deutlich aus. Der geringste Russe hat einen festen und doch leichten Gang, hat Ausdruck und sogar Anmuth in seinen Bewegungen, redet mit seinen Vorgesetzten ohne Verlegenheit und tritt der Gefahr ohne Furcht entgegen. Die schwersten Arbeiten erleichtert und versüßt er sich durch frohen Gesang, und sein leichtes Blut läßt ihn weder vor der bevorstehenden Gefahr bangen, noch viel an die Zukunft denken. Diese Sorglosigkeit bringt ihn oft selbst in Gefahr, aus der ihn aber derselbe frohe Sinn und die Gegenwart seines Geistes wieder rettet. Sickerheitömaßregeln sind nicht seine Sache, selbst seine Spiele müssen Bilder aus Rußland. 8S mit Gefahr verbunden seyn, wenn sie ihn fesseln sollen; einige Schritte zu ersparen, klettert er über ein morsches Brett und im Gedränge der Wagen sieht er nach allen Seiten, nur nicht vor sich hin. Die großen Fortschritte, welche dieses Volk bisher unter Verhältnissen, die seiner geistigen und nationellen Entwicklung nicht immer sehr günstig waren, gemacht hat, verdankt es größtenteils jenen Eigenschaften, und wenn der Genius, der es bisher in seinen Schutz genommen hat, ihm noch ferner wohl will, so möchten wir es bald auf dem Wege zu andern Vorzügen und in einem Lichte erblicken, das uns wohl blenden kann, das wir aber mit unsern veralteten Ansprüchen auszulöschen nicht im Stande seyn werden. Der Brand von Kasan. AuSzug aus einem Schreiben an H. W. in Pesth> (Album zum Besten der durch Ueberschwemmung im Jahre 1838 Verunglückten in Pesth und Ofen.) To raubten mir die wiederholten, einander immer überbietenden Nachrichten auch noch die letzte AnSsicht, daß Sie in Ihrem Briefe aufgeregt durch alle die Schreckensscenen, deren Zeuge Sie waren, daS Unglück Ihrer Vaterstadt, so groß eS ist, doch in zu grellem Lichte gesehen, und daß Ihre Phantasie zu dem Gemälde, das sie entwarf, zu düstere Farben genommen habe. Mir bleibt also nur der Trost, Sie wenigstens unter den Geretteten zu sehen, und da Sie wieder zu unü kommen und fürder bei uns bleiben wollen, so würde mir aus dem Unglücke selbst daS Glück erwachsen, den noch übrigen Weg meines Lebens an der Hand meines innigstgeliebten Jugendfreundes zu durchwandern. . UebrigenS hat, um schon einmal von diesen unseligen Ereignissen wcgzuHmmen, Ihre lebhafte Beschreibung desselben eine verwandte Saite Hei mir angeschlagen, und eS wird vielleicht für uns Beide zuträglich seyn, sie eine Weile forttöncn zu lassen, um dadurch die andere, zu aufgeregte, wieder zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen. Gift, sagt man, wird durch Gegengift, und ein Unglück durch ein anderes gut aufgehoben oder doch gelindert. Auch rechnet man, ich weiß nicht, mit welchem Rechte, schon das den armen Menschenkindern zum Troste an, daß sie so leicht Gefährten ihres Brand von Kasan. 91 Leidens finden, und daß nur selten Einer getroffen wird, der nicht jeder traurigen Geschichte, die man ihm erzählt, eine andere ähnliche aus seinem eigenen Leben als Seitenfiück entgegensetzen könnte. Lassen Sie fich also immerhin zur Antwort auf Ihr Schreiben auch von mir eine Geschichte bringen, von der ich ebenfalls Augenzeuge war, und bei der ich, so wie Sie, nahe daran war, als Mitspieler aufzutreten. Die Stadt Kasan, jenseits der Wolga, die nach der alten Eintheilung die Grenze von Asien und Europa bildet, hat nur 50,000 Einwohner, ist aber doch beinahe so groß als Wien, da die Häuser durch Gärten und selbst durch ganz unbebaute Plätze von einander getrennt sind. Eine solche Anordnung sollte man glauben, müßte eine Stadt wenigstens vor sehr ausgebreiteten Feueröbrünsten schützen. Demungeachtet unterlag sie diesem Unglücke auf eine Weise, Wie es, so viel mir bekannt, seit einem Jahrhundert keine andere Stadt betroffen hat, Moskau ausgenommen, wo aber der Brand über vierzehn Tage währte, während Kasan in nicht vollen zehn Stunden beinah in Asche verwandelt wurde. So bedeutend dieses Ereigniß für Rußland war, von dem Kasan als die dritte Stadt in Beziehung auf ihre Größe betrachtet wird, so wenig wurde doch dasselbe der großen Entfernung wegen bekannt, wo es in den Zeitblättern kaum mit einigen Worten vorübergehend erwähnt wurde, so daß man das Wenige, was ich hier darüber zu sagen gedenke, immerhin als einen Beitrag zu der Geschichte jener Zeit betrachten kann. ES war am 13. September 1815, als in der zehnten Vormittagsstunde die Schläge deS SotnikS*) einen Brand verkündigten. Da diese Zeichen bei der gänzlichen Unachtsamkeit der Bewohner zu den sehr gewöhnlichen gehören, und da man überdies hörte, daß der Brand nur anf dem äußersten Flügel der Tartarenstadt auögebrochen sey, so wurde das Ganze eben nicht viel beachtet. Allein schon in der nächsten Stunde wirbelten die Trommeln und gellten die Pfeifer *) Sotniki oder Wächter, die in den russischen Städten an den Enden jeder Gaffe in eigenen Hütten anfgestellr sind, und die bei Feuersgefahr Lurch Schläge mit dicken Stäben an vor der Hütte aufgehängten Brettern die Bewohner ihrer Gaffe aufzuregen haben. 92 Brand von Kasan. des Militärs durch die Gassen, als Anzeige einer besondern, größer» Gefahr. Die aufgeregten Einwohner erfuhren nun, daß an dem entgegengesetzten Stadttheile ein zweites Feuer ausgebroche» sey, und daß beide Brände schnell um sich griffen. In der That hatte sich um dieselbe Zeit ein heftiger Wind erhoben, der bald in einen eigentlichen Sturm ausartete, und der bei so vielen bloß aus Holz bestehenden Häusern und bei dem beinahe gänzlichen Mangel aller bessern Löschinstrumente jede Hemmung des Uebels gleich anfangs sehr erschwerte. Schon eine halbe Stunde vor dem Mittage hatten sich zwei Feuerströme gebildet, die der Richtung des Windes entlang, schnell fortschreitend, die Stadt zu zwei Seiten umarmend, nur noch ein Thor derselben zum Entfliehen offen ließen. Zu ihm strömte die erschrockene Menge hinaus, der benachbarten Wiese zu. An Löschen, Einhalten wurde nicht weiter gedacht, und jeder begnügte sich, ehe der Feuerkranz um das verhängnisvolle Thor sich schloß, wenigstens sein und der Seinigcn Leben erhalten zu haben. Gegen alle Erwartung blieb indeß dieses Thor mit seiner nächsten Umgebung unversehrt, aber dafür begann der Brand, der bisher nur an den Wällen der Stadt gewüthet hatte, in das Innere derselben einzudringen. Viele der Geflüchteten, zur Besinnung gekommen, stürzten wieder in die Stadt zurück, in der Hoffnung, wenn auch nicht ihre Häuser, doch noch manches von ihren Habseligkeiten zu retten. Nur Wenigen gelang es, und Viele von ihnen kamen nicht mehr wieder. Der Feuerkranz wurde nach seiner innere» Seite immer breiter und verwandelte sich allmälig in ein GlutMeer, das mit seinen brennenden Wogen die ganze obere Stadt überflutete. Von nun an ist jede weitere allgemeine Beschreibung unmöglich. Die Verwirrung stieg aufs Höchste mit dem Unglücke; jeder wurde nur auf sich selbst und seine nächste Umgebung zurückgewiesen, und an das Allgemeine, auch nur als Bild zur Erinnerung, dachte Niemand. Ich werde daher nur noch einzelne Erscheinungen berichten, die mir aus dieser Schreckenözeit im Andenken geblieben sind, und die ich selbst gesehen habe. Ich bemerke nur zuvor, daß in diesen zehn Stunden, von 10 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends, von den 2500 Häusern Kasans 1800, also sieben Zehntheile des Ganzen, abgebrannt sind, worunter allerdings der größte Theil von Holz, aber deßhalb nicht immer klein, jedoch auch viele Palläste, Kirchen, Gerichtshöfe, durch Größe und Alter berühmte tatarische Moscheen u. s. w. Brand von Kasan. 93 Eigenthümlich erschien mir die Verbreitung des Brandes, die nicht immer unmittelbar in der ersten Nähe, oder auch in größerer Ferne durch geworfene Dachziegel, die gleich Bomben herum flogen, -Statt hatte, sondern die vielmehr ohne alle sichtbare Mittheilung vor sich ging. Schon gegen Abend, als der Feuerheerd nur mehr durch eine Gasse von derjenigen entfernt war, in welcher mein Haus das zweite stand, betrachtete ich aufmerksam das Dach deS nächsten ersten HauseS, da von ihm das Schicksal des meinigen abhing. Der heftige Wind und mit ihm die Wuth des Feuers hatte sich bereits gelegt, und die Wenigen in meiner Nachbarschaft dursten wieder Hoffnung schöpfen. Schon war das letzte Haus der ersten Gasse niedergebrannt, und noch stand das erste der andern Gasse, in der ich wohnte, unversehrt, als auf einmal in dem langen breiten Dache des ersten HauseS eine kleine, bewegliche, feurige Zunge herausleckte, und unmittelbar darauf das ganze Haus in vollen lodernden Flammen stand, offenbar nur durch die Hitze, durch welche das von dem Feuer selbst noch sehr entfernte Dach vorher gleichsam geröstet, und dadurch allmählig selbst in Brand versetzt wurde. Auffallender und mehr im Großen zeigte sich dieselbe Erscheinung bei der Festung, die auf einem isolirten Berge mitten in der Stadt stand. Sie war mit einer Mauer umgeben, die überall von den äußeren, am Fuß des Berges gelegenen Häusern wenigstens dreihundert Schritte entfernt seyn mochte, und die etwa in derselben Distanz mit Thürmen von hohen tatarischen Dächern aus Holz versehen war. Indem nun der große Brand am Fuße deö Berges allmählig seine Runde um die Festung machte, entzündete sich gleichsam von selbst jeder dem Feuerhcerde nächste Thurm einer nach dem andern, bis endlich alle im Feuer standen, das endlich auch die innere Festung ergriff, deren Pulvermagazin mit einer entsetzlichen Detonation die Trümmer seiner Gewölbe in ungeheuren Bögen über die ohnehin schon vom Feuer zerstörte Stadt hinschleuderte. Die Unkenntniß oder Nichtachtung der Fernwirkung des Feuers war auch die Ursache deS schmählichen Todes deö Protopopen Israel, eines ehrwürdigen Greises von nahe 90 Jahren, der sich noch einer großen Thätigkeit des Geistes unv der ungetheilten Achtung seiner Gemeinde erfreute. Als die Gefahr von allen Seiten sich seinem Hause nahte, schloß er sich mit seiner betagten Frau und ihrer Tochter j in die Kirche ein, die durch einen breiten Friedhof voll den Häusern 94 Brand von Kasan. der Nachbarschaft getrennt war. Sich hier vollkommen sicher wähnend, übergab er dem Küster die Schlüssel seines Hauses und der Kirche selbst, mit dem Auftrage, zu retten und zu helfen, wo er könne, während er, der Greis selbst mit seiner Familie, sich im Gebete vor Gott niederwerfen wollte. Als der Küster am Abende nach dem Schluß des großen Trauerspiels die Kirchthüre wieder öffnete, fand er alle drei Personen an den Stufen des Altars todt liegen. Das Feuer hatte, ohne die Kirche selbst in Brand zu setzen, die Gläser der langen, bis nahe an den Boden reichenden Fenster der übrigens nur kleinen Kirche gesprengt, die diesen Fenstern zunächst stehenden Theile des Hochaltars von Holz ganz verkohlt, und die unglücklichen drei Menschen wahrscheinlich durch heiße Lust erstickt. Da das Gerede ging, sie seyen selbst an der Brust verkohlt gefunden worden, so begab ich mich am andern Morgen dahin, um die Leichen zu sehen. Allein ich fand sie alle drei auf dem Boden der Kirche mit einem Teppich bedeckt, und von mehreren Kosacken bewacht, die keine nähere Besichtigung der Leichen erlauben wollten. Als bereits die Nacht hereingebrochen war, und nur die Su- kolni noch brannte, ging ich in Begleitung einiger Freunde auf einen Hügel der Stadt von nahe 100 Fuß Hohe, der gegen diese Vorstadt sehr steil abfiel, und von dem wir daher den Brand im Großen zu' übersehen hoffen konnten. Wir sahen ihn auch, aber nur auf Augenblicke. Denn wie wir an den äußersten scharfen Rand des BergeS traten, mußten wir auch schon das geblendete und erhitzte Gesicht eiligst wieder zurückziehen. Eine Fläche von vielleicht einem Zehnthcile einer Qnadratmeile war zu einer einzigen Feueresse, zu einem glühenden Kohlenfelde, zu einem wahren grausen Bild der Hölle geworden. Auch am folgenden Morgen gingen wir, die Stätten der Verwüstung zu beschauen. Da aber die vielen hölzernen Häuser bis auf den Boden niedergebrannt waren, erkannten wir an vielen Orten die Lage der Gasse nicht mehr. Beinahe die ganze große, schöne Stadt war in einen Aschenhausen verwandelt, aus der nur noch Schornsteine und schwarze, halb eingestürzte Mauern von Pallästen, christlichen Kirchen, und tatarischen Minarets sich erhoben und als Trauerzeichen, ') Tuchmachervorstadt, ein sehr ausgebreiteter, wohl der fünfte Theil der ganzen Stadt. Brand von Kasan. 95 als Denkmäler des großen Unglückstages dazustehen schienen. Am Wege fanden wir mehrere todte Kühe, Schafe und andere HauSthiere mit versengten Haaren, mit ganz schwarz gebrannter Haut, und andere förmlich gebraten oder an einzelnen Stellen zu Kohle verbrannt. Neben dem noch stehenden steinernen Bogen eines Hauses oder eines Stalles lag ein Pferd, dem der Unterleib vor Hitze geplatzt und die beinahe bis zum Unkenntlichen verbrannten Gedärme zwischen den konvulsivisch unter einander verstrickten Beinen gelagert waren. Auch menschliche Leichen mit halbvcrbrannten Kleidern, mit schwarzem, oft gräßlich verzogenem Antlitz, einzelne Theile des Körpers von der Hitze übermäßig aufgedunsen, andere zur Kohle verbrannt, lagen zu allen Seiten umher. So groß mußte die Hitze an einigen Orten gewesen seyn, daß wir an einer Stelle einen ganzen Hügel von Flaschen und Trinkgläsern fanden, die ihre frühere Form verloren und an mehreren Stellen eingebogen und verkrümmt waren. Selbst die Lebenden trugen bei, diese überall uns entgegentretenden Bilder des Todcö und der Verwüstung noch greller zu machen. Hier standen einige laut heulend und in Verzweiflung die Hände ringend, andere bleich und stumm in ihren Schmerz versunken; wieder andere mit Brandwunden und halb verstümmelten Gliedern emsig in der Asche wühlend und einen Theil ihrer Baarschast, vielleicht auch die Gebeine ihrer verbrannten Kinder suchend, und durch alle sie hin die Prozessionen der russischen Geistlichen, im heulenden Baßton Todtenlieder singend, mit Kreuz und schwarzen Fahnen, die wie Unglückövögel über dem weiten, schweigenden Leichenselde flatterten. Doch genug von allen diesen Schrcckenöbildern, genug, aber lange noch nicht alles, um den Gegenstand auch nur in seinen wichtigsten Zügen zu erschöpfen. Vielleicht findet sich bald eine andere Gelegenheit, Ihnen noch zu sagen, was alles dieser Katastrophe vorhergegangen, und waS ihr gefolgt ist; wie durch jenes die Gemüther zum Leiden vorbereitet und gleichsam mürbe gemacht, und wie durch dieses die folternde Angst, die immer größer als das Uebel selbst ist, bis zu einem Grade gesteigert worden ist, welcher mir, der ich auch von dieser allgemeinen geistigen Krankheit ergriffen wurde, jetzt, in den Tagen der Ruhe und des zurückgekehrten Friedens, selbst zuweilen unglaublich und, so wahrhaftig es auch in der That war, doch nur wie ein böser Fiebertraum erscheint. Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, 96 Brand von Kasan. und sie währen oft sehr lange, wo auch der Besonnenste, wenn alles auf ihn einstürmt, das Gleichgewicht verlieren kann, und wenn einmal die krankhaft aufgereizte Phantasie an das Steuerruder tritt, dann treibt das arme Schiffchen bahn- und planlos auf den wilden Wogen' und nur dem Glück, dem blinden Zufalle, nicht dem Verdienste mag man eö verdanken, wenn eS nicht gescheitert ist. — Für heute lassen wir den Vorhang fallen, der uns so wenig Erfreuliches zu verbergen scheint. Auch eignet sich, waö ich »och zu sagen hätte, mehr für einen mündlichen Vertrag, und ich wünschte sehr, daß diese Aussicht Sie bewegen könnte, auch nur eine» Tag früher in die Arme Ihres Sie mit Liebe und Sehnsucht erwartenden Freundes zu eilen. Der schwarze Tod des Xiv. Jahrhunderts (Wiener Zeitschrift 1820. No. 149 u. f.) Menn die Klage,'daß das dem Menschen zugetheilte Maß von Leiden die Freuden desselben oft überwiegt, gerecht ist, so bringt man bei dieser meistens etwas eigenstchtigen Behauptung gewiß manches nicht in Rechnung, waö bei einer wahrhaft parteilosen Schätzung nicht Übergängen werden sollte. Dahin scheint mir vorzüglich daS Andenken an das bereits vergangene Unglück zu gehören, eine reine Quelle stiller, sanfter, nie versiegender Genüsse, wenn wir nur aus ihr zu schöpfen wüßten. Aber so sind wir Menschenkinder, die wir uns so gerne das Meisterstück der Schöpfung nennen hören, die wir, wie unsere Kinder, nur in der Gegenwart, nur für heute leben, ohne uns, was wir auch von uns rühmen mögen, viel um vor- und rückwärts zu bekümmern, so nahe es uns auch angehen mag. Droht ein Uebel über uns einzubrechen, so zittern und beben wir — lastet eS mit seiner ganzen Schwere auf uns, so unterliegen wir oft kleinmüthig — und verläßt eS uns endlich wieder, so ist bald darauf alles bis auf die letzte Spur vergessen. Wer einmal hoffnungslos auf dem Krankenbette lag; wer seinen Freund, seinen Vater, seinen Bruder sterben sah; wer sein Liebstes, was er auf Erden hatte, von seinem Herzen reißen mußte; wer immer zu irgend einer Zeit seines Lebens zu der großen Zahl der Unglücklichen gehörte, und wie wenige dürften davon eine Ausnahme machen — welchen Fond von immerwährenden, reichen Genüssen würden diese unsere Leidens» Littrow i. 7 98 Der schwarze Tod. geführte», wenn sie nur wollten, bloß m der lebhaften Erinnerung an jene Tage des Kummers und der Wehmuth haben, die nun vorübergegangen um so wohlthätiger auf uns wirken müßten, je schwerer sie in der Gegenwart auf uns drückten. Wer von einer gefahrvollen Krankheit sich wieder erhebt von seinem Schmcrzenlager, welche Wollust ist eS für ihn, mit jedem Tage, an jedem Morgen nach so vielen schlaflosen Nächten seine Kräfte immer mehr wieder zu fühlen, wieder einzugreifen stn das Leben und in die gewohnten Geschäfte, wieder zurück zu kehren in den Kreis feiner Freunde und Bekannten, und Theil zu nehmen an den Freuden und Genüssen dieses Lebens. Welch ein unaussprechlicher Genuß ist es für uns, wenn wir daS erste Mahl wieder nach vielen Monaten von unserm Krankenbette herausgeführt werden, an die wohlthätige Frühlingssonne, die uns mit neuem Leben durchströmt, und doch nach wenigen Tagen schon stehen und gehen wir in ihren goldenen Strahlen, und denken nichts mehr dabei. Welche Wollust ist nach einer langen schmerzlichen Entbehrung nicht der Genuß, zu dem wir noch zu schwach sind, nur der Wohlgeruch des Brotes — keine Blume' ist mit ihm zu vergleichen, und wer einst in dieser Lage war, wird mich verstehen — und doch, nach wenigen Tagen schon wissen wir von allen dem nichts mehr, und genießen es, wie die Thiere der Weide ihr Futter, ohne etwas mehr, als die bloße thierische Befriedigung deö Instinktes zu suchen. Wenn wir an jedem schönen Tage, wenn wir bei jedem folgenden Mahle nur einen flüchtigen Blick auf jene nun längst vorüber gegangenen Stunden werfen wollten, wie ganz anders würden wir die Gegenwart genießen, und welche Summe von Freuden würden wir uns verschaffen, die jetzt alle ungenützt und ungekannt vor uns vorüber ziehen, ohne eine Spur hinter sich zu lassen. Was die Freuden und Leiden der Einzelnen gewähren, müßte in noch viel größerem Maße das Glück und Unglück thun, das ganze Völker, ganze Erdstriche trifft, und doch scheint eS mit diesen nicht viel besser zu gehen, als mit jenem; ja wir gönnen uns so wenig von den Genüssen, die in der bloßen Erinnerung liegen, daß wir ihrer am Ende nicht einmal mehr in unsern Geschichtbüchern erwähnen, und daß Katastrophen, die einst die ganze Oberfläche der Erde in Trauer und Verzweiflung stürzten, bis auf ihr Andenken unter uns verloren gehen. Eine solche Katastrophe war die entsetzliche Pest, welche im Anfange deS vierzehnten Jahrhunderts die ganze damals bekannte Ober- Der schwarze Tod. 99 fläche der Erde verwüstete, den zehnten, in manchen Gegenden sogar den dritten Theil der Menschen hinwegraffte, Schrecken und Entsetzen in allen Reichen verbreitete, und die ganze Erde zu einem weiten Grabe machte. Diese schreckliche Krankheit, mit deren grausenvollen Verwüstung kein anderes Unliick verglichen werden kann, was, so weit unsere Geschichte reicht, die Menschen traf, ist sonderbar genug so sehr unter uns vergessen worden, daß die meisten Aerzte, welche ich darum befragte, kaum von ihrer ehemaligen Existenz wußten, und daß man selbst in sehr bändereichen und umständlichen Geschichtbüchern der neuern Zeiten auch nur eine leise Erwähnung derselben vergebens sucht, während andere ähnliche, obschon mit dieser gar nicht zu vergleichende Erscheinungen, die Völkerwanderung, die Kreuzzüge u. d. gl. mit der redseligsten Weitläufigkeit beschrieben werden. Eine so schreckliche Epoche verdient daher, wenn auch der im Eingänge erwähnte wohlthätige Zweck dadurch nicht erreicht werden sollte, schon ihrer eigenen Merkwürdigkeit wegen, daß wir sie wieder in das Gedächtniß zurückrufen, und uns auf einen Augenblick in jene Zeiten versetzen, wo eine allgemeine Trauer die Erde bedeckte, und Schrecken und Verzweiflung in den Herzen unserer Vorältern wüthete. Die erste Nachricht, welche ich von dieser schrecklichsten aller Krankheiten, welche je das menschliche Geschlecht traf, erhielt, schöpfte ich während meines Aufenthaltes in Rußland aus einem in der Sprache dieses Landes geschriebenen Werke, und ich bekenne, daß ich die schau- dervollen Geschichten, welche dieses Werk enthielten, für erfunden oder doch für sehr übertriebe» hielt, wenn auch nur aus dem Grunde, weil ich früher, und auch nach dieser Lektüre durch Nachforschungen bei den berühmten Aerzten jenes Landes nicht die geringste dahin gehörige Nachricht oder Aufklärung darüber erhalten konnte. Erst nach meiner Zurückkunst fand ich in Sprengels bekannten Beiträgen zur Geschichte der Medizin, und in Lgriies Ilistorp ok III. die nur zu gewisse Bestätigung jener beinahe unglaublichen Gräuel, von welchen die Chroniken dieser unglücksschwangetn Zeit wiederhallen. Jedermann kennt die wahrhaft klastische Beschreibung der pest- artigenKrankheit, welche in dem siebenundzwanzigjährigen peloponnesischen Kriege den Fall Athens nach sich zog, und schon im zweiten Jahre desselben den größten Staatsmann der alten Zeiten, Pcrikles, in ihren Strom mit fortzog. Thucydides, der erste Geschichtschreiber dieses gebildeten Volkes und vielleicht aller darauf folgenden Nationen, entwarf mit seiner kraftvollen, majestätischen Beredsamkeit ein schauder- 7 * 100 Der schwarze Tod. volles Gemälde dieser Pest, die man setzt noch nicht ohne Entsetzen lesen kann, vbschon sie nur in einer der Volkszahl nach kleinen Nation, oder vielmehr nur in einer einzigen belagerten Stadt wüthete. Weiter verbreitet war die epidemische Krankheit, welche im Jahre 512 in Konstantinopel, diesem Pcstlager, mehr als die Hälfte der Einwohner dieser volkreichen Stadt dem Tode opferte, von da in das Abendland drang, ihre Wuth vorzüglich in Italien äußerte, zweimal Rom entvölkerte, und Angst und Schrecken unter alle Völker brachte. Aber so groß auch die Verwüstungen gewesen seyn mögen, welche sie auf allen ihren Zügen, die beinahe dreißig volle Jahre währten, begleiteten, so kann sie doch nicht mit jener allgemeinen Pest deö vierzehnten Jahrhunderts, mit dem schwarzen Tode verglichen werden, eine Benennung, welche sie, nachdem sie schon mehrere Jahre gewüthet hatte, in den nördlichen Reichen Europa'S, in Schweden, Norwegen und Dänemark erhielt, und die daher rührte, weil die Leichen der von ihr ergriffenen Unglücklichen schon in wenigen Stunden nach ihrem letzten schmerzenvollcn Kampfe ganz kohlschwarz wurden. Damals waren Trauer und Thränen, Angst und Verzweiflung, Krankheit und Tod nicht nur das Loos einzelner Familien oder einiger wenigen Volker, sondern fast aller Bewohner der ganzen weiten Erve. Alle drei damals bekannten Welttheile bieten uns nichts, als ein weites offenes Grab dar; kein Reich, keine Provinz, kaum eine Stadt oder ein Dorf blieb von den Verwüstungen dieser Pest verschont, mehr als der vierte Theil des damals lebenden Menschengeschlechtes wurde eine Beute derselben, und was noch übrig blieb, quälte Furcht und Angst vor der drohenden Zukunft, die um so gegründeter war, da diese entsetzliche Krankheit in verschiedenen Ländern gegen sechzig Jahre, von 1350 bis 1406 wüthete, nach und nach alle Reiche durchzog, und mehrere derselben drei- und mehrmal besuchte, so daß man mit Recht sagen kann, daß seit NoahS Zeiten der Würgengel nicht so grausam verfahren ist, als in jener verhängnißvollen Periode, in welcher eS ganz darauf abgesehen schien, dem ganzen menschlichen Geschlechte auf die schmählichste Weise ein Ende zu machen, und die ganze weite Erde in eine einzige Grabstätte, in eine menschenleere Wüste zu verwandeln. Als die allgemeine Noth ihren höchsten Gipfel erreichte, wurden in den geängstigten, jeden Augenblick das Aeußerste erwartenden Unglücklichen alles moralische Gefühl, aller Sinn für Mitleid und Humanität jeder Art völlig erstickt, und jeder, nur mit seiner eigenen Erhaltung beschäftigt, kümmerte sich gar nichts mehr Der schwarze Tod. 101 um alle Uebrigen, so nahe sie ihm auch durch das Band der Freundschaft, des Blutes, der Religion oder des Vaterlandes verwandt seyn mochten. Wenn der Vater einer zahlreichen, ehemals wohlhabenden und glücklichen Familie von der Krankheit ergriffen wurde, wenn an ihm nur der erste Ansatz zu einem Pestkarfunkel, dem gewissen Vorboten deS nahen Todes, erblickt wurde, so wurde er ohne Schonung, ohne Mitleid, aber wohl mit Abscheu und Entsetzen sogleich auf dem kürzesten Wege durch daS Fenster auf die Gaffe geworfen, und da diese mit Leichen angefüllt waren, und es an Menschen fehlte, die auch für die größten Preise sich zu Todtengräbern brauchen ließen, so blieben sie da liegen, bis sie vermoderten und dadurch die Atmosphäre nur noch mehr vergifteten, und der verheerenden Krankheit immer neuen Stoff darboten. So fanden Kranke und Sterbende nicht einmal unter ihren nächsten Verwandten weder Pflege noch Hülfe, da daü beispiellose allgemeine Sterben und die Furcht vor der großen und nur zu nahen Gefahr die Stimme der Natur und der Menschlichkeit ganz unterdrückte. Sitte und Gebrauch, alte von den grauen Vorältern bisher mit Sorgfalt beibehaltenen Einrichtungen, Gesetze und Verordnungen, selbst kirchliche Vorschriften und religiöse Uebungen — alles hörte auf, und nur der wildeste Trieb der Selbstcrhaltung, sollte er auch auf der Zerstörung alles übrigen außer ihm beruhen, leitete die Handlungen der Menschen. Die Reichen, die Adeligen, die sogenannten Großen dieser Erde, die gleich dem letzten verachteten Bettler von dem allgemeinen, verheerenden Strome mit ergriffen wurden, glaubten durch Herablassung, durch milde Gaben an die Dürftigen, die sie bis zur eigenen Verarmung verschwenderisch Hingaben, am sichersten den Zorn des Himmels von ihren Häuptern abzuwenden, aber dieselben Bettler, die noch vor wenig Tagen mit flehenden Bitten vor ihrer Thür standen, oder mit neidischer Bewunderung den Glanz ihrer Herrlichkeit anstaunten, sich glücklich preisend, nur den tausendsten Theil von dem zu erhalten, was in dem Pallaste des Herrn nur ein einziger Tag von Ueberfluß und Wohlleben verschlang; dieselben Bettler, denen nun mit vollen Händen angetragen wurde, was sie früher umsonst mit ihren heißesten Thränen erfleht hatten, dieselben nahmen nun nichts mehr an, da sich der allgemeine Glaube verbreitet hatte, daß auf dem Geschenke der Großen der Tod sitze, eine Meinung, die daher kommen sollte, weil die Pest vorzüglich die Vornehmen zu ergreifen, und am liebsten unter ihnen zu wüthen pflegte, die an wollüstigere Genüsse gewöhnt, mehr Anhänglichkeit an das 102 Der schwarze Tod. Leben, also auch mehr Furcht vor dem Tode hatten, und die eben durch ihre frühere Lebensart ihren Körper verweichlicht und geschwächt hatten, so daß er setzt den Angriffen der Krankheit viel weniger zu widerstehen vermochte, als sene der durch Arbeiten abgehärteten Landleute. In der That waren der Todtenopser, welche dieser Krankheit, besonders in den höheren Ständen, gebracht wurden, so viele, daß die meisten adeligen Familien gänzlich auSstarben, andere verarmten, oder in der Flucht zerstreut, sich unter der Masse des Volkes verloren, so daß beinahe keines der gegenwärtigen Häuser seine Ahnen bis über diese SchreckenSzeit hinaus mit einiger Sicherheit nachweisen kann. Selbst die Regenten der verschiedenen Reiche sener Zeiten wurden mit in den allgemeinen Abgrund gestürzt. Im Jahre 1353, wo diese Pest vorzüglich in Rußland wüthete, starb daran der Zar Si- meon Jwanowitsch in Moskwa, und in wenig Tagen folgte ihm sein Bruder Andreas und alle seine sieben Kinder nach. In Konstantinopel wurde, nebst einer ungeheuren Anzahl von Einwohnern, auch Andronikus, der Sohn veS Kaisers Johann IV. und der Irene, weggerafft. Bald darauf starb an derselben Krankheit Johanna, Königin von Portugal. Der König von Spanien, Alfons XI., bekam während der Belagerung von Gibraltar einen Pestkarfunkel und starb den Tag darauf den 26. Mai 1350 u. s. w. Um aber die Verheerungen, welche diese entsetzliche Pest anrichtete, besser zu beurtheilen, wollen wir, statt allgemeiner Beschreibungen, den Zustand einzelner Länder etwas näher betrachten, und unter diesen besonders Rußland wählen, nicht weil in diesem Lande sene Krankheit besonders wüthete, da im Gegentheile das kalte Klima desselben auch in dieser, wie in den meisten Krankheiten ihre hülfreichcn Einflüsse nicht verläugnete, sondern weil die Chronikenschreiker dieses Landes aus sener Periode dieser Krankheit besonders umständlich erwähnen. Dieses große Reich sing im zwölften Jahrhundert an, seinen innern Unruhen und Gährungen ein Ende zu machen. Dem Frieden und der innern Ordnung folgte der Wohlstand, und dieser erweckte allmählig den Sinn für Künste und Wissenschaften. Die Bewohner dieses weiten Erdstriches singen eben an, die ersten Stufen der Kultur zu betreten, als im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts im Osten sich eine Katastrophe ereignete, welche die Ordnung der Dinge in diesen und vielen andern Reichen fürchterlich erschütterte. An den Der schwarze Tod. 103 Ufer» der Selinga erhob sich Temudschin, der untcr dem Namen Dschingischan (allgemeiner Herr) bekannt ist, und an der Spitze eines unzählbaren. Hcereö von Mongolen, mit welchen sich später die tatarischen Völker deS mittleren Asiens vermischten, zog er herab von dem alten Vaterlande der Hiongnu, und wälzte sich unwidcrstehbar wie ein GebirgSstrom über daS Land der Chinesen, die Insel Korea, Tibet, Hindostan und Persien, warf alles vor sich nieder, und erreichte endlich in seinem verheerenden Zuge die Grenzen von Rußland. Mit einem mächtigen Heere zog der Zar dem Weltstürmer entgegen, am Kalla traf er den Feind, stürzte auf ihn, wurde überwunden, und rettete sein eigenes Leben nur durch eine schnelle Flucht. Duschi, TcmudschinS Sohn, setzte die Eroberungen deS Vaters fort, ihm begegnete mit einem zweiten Heere der Zar Alexander Newöki, aber auch dieser wurde geschlagen, der Nachfolger deS ZarS floh nach Litthauen und Pohlen, und Rußland, daö größte Reich deö Nordens, wurde den Mongolen zinsbar. Ueber 200 Jahre mußten Rußlands Zaren dem Chane der goldenen Horde jährlich in demüthiger Unterwürfigkeit ihre Steuern zu Füßen legen, und seine Herrschaft über ihre Ehre, ihr Vermögen und ihr Leben erkennen. Diese fremde Herrschaft eines wilden Volkes, dem Künste und Wissenschaften völlig fremd waren, zertrat die noch zarten Keime der National-Kultur, und zerstörte die noch jungen Blüthen der kaum begonnenen Bildung, die erst nach vielen Jahrhunderten von Ungemach und von Kämpfen aller Art wieder aufkeimen konnten. Kaum hatte der lastende Druck der goldenen Horde in der Mitte deS vierzehnten Jahrhunderts, durch eigene innere Unruhen geschwächt, etwas nachgelassen, als im Jahre 1350 sich die ersten Spuren jener völkerverhecrenden Pest zeigten, das Vorzeichen eines neuen noch größeren Unglückes, welches über das gebeugte Volk herein zu brechen drohte. Doch gedenken ihrer die Chroniken dieses Jahres nur noch flüchtig und mit wenigen Worten. Im Jahre 1351 wird sie schon umständlicher erwähnt. Der Chronograph von PleSgow sagt: „In diesem Jahre kam eine schreckliche Krankheit über das Land, die viele hinraffte. So wie die Menschen Blut spien, starben sie auch gewiß den zweiten Tag." Im folgenden Jahre heißt eS eben daselbst: „Die Krankheit griff immer weiter, sehr viele starben, und die Geistlichen hatten nicht Zeit genug, alle zu begraben. Gegen Ende deS Jahres sammelte sich bloß in der Stadt PleSgow vor jeder Kirchenthüre, nach jeder 104 Der schwarze Tob. Nacht, die Zahl der Todten bis auf dreißig, die dann Morgens alle zugleich in eine Grube geworfen wurden." „Im Jahre 1354 schickten die wenigen noch übrig gebliebenen Einwohner von PleSgow eine Gesandtschaft an den Erzbischof Wasili in Nowgorod, ihn wenigstens um seinen Segen anzuflehen. Der würdige Archimandrit kam selbst nach PleSgow, segnete das Volk vor dem Altare, wurde aber denselben Tag auch von der Pest ergriffen, und starb den folgenden Tag, am 3. Juni." Auf diese Weise geht eS in den Chroniken dieser und anderer großen Städte Rußlands fort bis zum Jahre 1406. So kam sie 1360 zum zweiten Male nach Plesgow, wo sie im Winter wieder aufhörte, aber auch im Jahre 1363 zum dritten Male wieder kam, in welchem letzten Jahre sie vorzüglich Nowgorod, Kasan, Twcr, Wolodimir und Moskwa entvölkerte. In denselben unglücklichen Jahren blieben in der damals sehr volkreichen Stadt Smolensk nur zehn Menschen am Leben, die Städte Gluchow und Bclosoro starben ganz aus. Im Jahre 1365 bemerkte man zuerst die Drüsengeschwülste an den Kranken, die man früher nicht wahrgenommen hatte. Bald darauf kam noch eine allgemeine Hungersnoth dazu, da es dem Feldbau an Händen gebrach. Gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts waren in den Gegenden von Kostroma, Wolodimir und Nowgorod ganze Dörfer und Städte verödet, wegen Mangel an Arbeitern blieb das Getreide auf den Feldern, und eine ungemeine Anzahl von Raubthieren überzogen daö verwüstete Land. Werfen wir aber auch einige Blicke auf die unS näher liegenden Gegenden. Boccacio erzählt, wie Sprengel in dem oben angeführten Werke berichtet, daß bloß in der Stadt Florenz vom Ende des März bis Ende des Juli 1343, also in vier Monaten, gegen 80,000 Menschen ihr Grab gefunden haben. Nach Lsrnes llistor^ ok Lärvurä III. starben in Deutschland in zwei Jahren über eine Million und zweimal hundert tausend Menschen. Nach demselben Verfasser soll sie in der Türkei, diesem Hauptsttze der Pest, die unglaubliche Zahl von 23 Millionen hingerafft haben. In Wien sollen zu der Zeit, als die Pest am meisten wüthete, über ein halbes Jahr durch täglich neun hundert bis tausend Menschen gestorben seyn. In der Stadt Lübeck starben um dieselbe Zeit von einer Vesper zur andern einmal 1700 Menschen. In Straßburg fanden überhaupt während dem ganzen Verlaufe der Krankheit sechs und zwanzig tausend Menschen ihr Grab. In Erfurt wurden die Der schwarze Tod. 105 Leichen nur schichtenweise in Gruben geworfen, deren jede nahe tausend Todte faßte. In Dfünster und Osnabrück blieben am Ende nicht mehr Einwohner genug, um die Todten zu begraben, sie blieben daher unbeerdigt in den Gaffen liegen. In Frankreich, wo diese Pest besonders wüthete, soll nach der Versicherung des berühmten Arztes 6u^ äs Lksuliso kaum der vierte Theil der Einwohner übrig geblieben seyn. In Marseille blieb fast Niemand am Leben; in Paris starben täglich über fünf hundert Menschen, und da der große Kirchhof äss Innocsns schon ganz angefüllt war, so wurden die Leichen nur in große Gruben geworfen. — Nach England kam diese Pest zuerst im Jahre 1348, wo sie sich anfangs nur in den Seehäfen zeigte. Den ersten November desselben Jahres erreichte sie London, wo sie so wüthete, daß nach zwei Jahren nur der sechste Theil der Einwohner übrig blieb. Nachdem bereits alle Kirchhöfe angefüllt waren, und man schon, wie an andern Orten, weite Gruben graben wollte, kaufte der reiche Lord Walther Manny ein eigenes großes Feld, welches er von dem Bischof von London zu einem Kirchhofe einweihen ließ. Auf diesem Felde wurden zwischen Lichtmeß und Ostern des Jahres 1349 täglich über zwei hundert Leichen beigesetzt, und in den ersten Jahren wurden daselbst fünfzig tausend Einwohner von London begrabe». — Von England ging sie im Jahre 1350 auch nach den nördlicheren Ländern Europa'ö, wo sie nicht mindere Spuren der Verwüstung zurückließ. In Westgothland in Schweden starben schon in dem ersten Jahre 1330 allein 466 Priester. — Nicht minder entsetzlich wüthete sie endlich auch außer Europa. In Egypten und dem nördlichen Afrika soll sie ganze große Strecken verödet haben; in Asien, namentlich in China, wo diese Pest anfing, war sie besonders heftig; China soll über sieben Mal hundert tausend Einwohner verloren haben. Kurz der Gräuel der Verwüstung war allgemein, und mir entfällt die Feder, diese Schrecknisse noch weiter zu beschreiben. Sonderbar ist der Gang, welchen diese Krankheit über die drei damals bekannten Welttheile nahm. Von dem östlichsten Asien, wo sie, so weit unsere Nachrichten reichen, entstand, zog sie durch die sogenannte große Tatarey nach der heutigen Türkei und dem nördlichen Afrika. Aus der Levante sollen sie genuesische Kaufleute nach Italien gebracht haben, wo sie ihren Zug nach Deutschland, Frankreich und England nahm, von wo sie die nördlichen Länder EuropenS und endlich erst Rußland traf, so daß sie in einen ungeheuern Bogen von China durch Mittel-Asien, Nord-Afrika und durch die Mitte 106 Der schwarze Tod. EuropenS wieder durch Rußland auf den Ort zurückzugehen schien, an welchem sie entstanden ist. Mezeray erzählt in seinem ^dreZe cbronol. äs I'Iustoirs, Vol. II., daß um daS Jahr 1340 in China ein sehr übel riechender, dichter Rauch auf dem ganzen Lande lag und daß unmittelbar darauf diese Pest ihren Anfang nahm. Die chinesischen Annalen sollen dieß, den Aussagen der Jesuiten gemäß, allgemein bestätigen. Uebrigens unterschied sich diese Krankheit von der gewöhnlichen Pest charakteristisch dadurch, daß sie entzündlicher Art war, während die eigentliche Pest meistens den Charakter eines typhösen FaulsieberS trägt. Ihren Anfang nahm sie gewöhnlich mit abwechselnder Hitze und Frost, dem bald ein stechender Schmerz in den Schultern und dem Rücken folgten. Schon den zweiten Tag brachen die Kranken Blut aus, und den dritten waren sie bereits als Opfer derselben gefallen. Gleich nach dem Tode wurde, wie schon bemerkt, die Oberstäche der Leiche schwarz, wie eine Kohle, daher auch der Name deö schwarzen Todes. Doch scheinen die unterscheidenden Zeichen der Krankheit nach den verschiedenen Zeiten der langen Periode ihrer Dauer, und selbst nach den verschiedenen Gegenden, welche sie auf ihrem Zuge traf, veränderlich gewesen zu seyn. Als solche werden erwähnt: Brustschmerzen, ein übel riechender Athem, eine trockne, endlich schwarze Zunge, und besonders Drüsengeschwülste am Halse, unter den Achseln und in den sogenannten Weichen. Beständige Begleiter derselben scheinen eine völlige Schlaflosigkeit und gegen das Ende der Krankheit eine oft bis zur Raserei steigende Geisteszerrüttung gewesen zu seyn. Und welches waren die Mittel, die man gegen diese schreckliche Krankheit anwendete? — Die Künste und Wissenschaften, also auch die Medizin, schlief damals noch den Schlaf der nach ihrer allgemeinen Unwissenheit so benannten, barbarischen Jahrhunderte, in denen etwas Lesen und Schreiben für eine seltene Gelehrsamkeit galt. Wenigstens war dieß in unserm Vaterlande und in den nördlichen Gegenden EuropenS der Fall, der übrigen Wclttheile gar nicht zu erwähnen. An eigentlich wissenschaftlich ärztliche Hülfe war also gar nicht zu denken. Nicht einmal polizeilicher Anstalten gegen die allgemeine Verwüstung findet man irgend wo erwähnt, denn auch diese gehörten damals noch zu den ganz unbekannten Dingen. ES ging damals überall, wie es noch setzt bei ähnlichen Fällen in der Türkei geht — Der schwarze Tod. 107 man läßt dem Uebel feinen Lauf, ohne was dagegen zu thun, ja viele würden solche Hemmungen, wenn sie auch in der Macht der Menschen gelegen wären, für unrecht und sündig gehalten haben, da man sie als Eingriffe in die Rechte des Himmels ansah, der sich dieser Geisel bediente, das verdorbene Menschengeschlecht zu züchtigen, und den man nicht aufhalten, dem matt, die Hände in dem Schooße liegend, nicht anders als mit Gebeten entgegen wirken varf. Zu diesem Zwecke ertheilte der Papst Clemens IV. einen allgemeinen Ablaß; Prozessionen wurden angeordnet, und Wallfahrten ohne Zahl in entfernte Länder, wodurch das Gift der Ansteckung erst recht verbreitet wurde; neue Festtage wurden gestiftet, von denen mehrere sich noch bis auf unsere Zeiten erhalten haben, und vorzüglich glaubte man den Zorn GottcS damit zu versöhnen, daß man neue Kirchen anlegte und unzählige Klöster erbaute, welche mit irdischen Gütern bis zur Verschwendung überhäuft wurden. Zum Schlüsse sey eS mir noch erlaubt, einen Brief des berühmten Pctrarka anzuführen, dessen beste Lebensjahre in diese Schreckensperiode fielen, und der an derselben Krankheit auch seine geliebte Laura in Aviguon verlor, die er durch seine Oden für alle Folgezeit unsterblich gemacht hat. Man findet diesen Brief in seinen Werken unter den episloljg äs redus lsmiliaribus lud. VIII. 7., wo er an seinen Freund Sokrates schreibt: „Mein Bruder, o mein Bruder! Weh mir, mein geliebtcster Bruder, was soll ich sagen? Wo soll ich anfangen? Wohin soll ich mich wenden? — Ueberall Trauer, überall Schrecken. In mir allein siehst du vereiniget, was du bei Virgil von einer ganzen großen Stadt gelesen hast: oruüelis unäigue luctus, ubigue psvor ot plurima mortis imszo. Ach mein Bruder, wäre ich doch entweder nie geboren, oder doch vor diesem Gräuel gestorben. Dieses Jahr hat nicht nur uns unserer Freunde, sondern die ganze Erde ihrer Bewohner beraubt. Und wenn noch einige übrig blieben, so wird gewiß das folgende Jahr die wenigen Reste abmähen, und was von jenem Sturm noch verschont war, mit dem Stahl des Todes verfolgen. Wie kann eS die Zukunft glauben, daß es eine Zeit gab, wo, ohne daß Feuer vom Himmel fiel, wo ohne Kriege oder eine andere sichtbare Niederlage, nicht nur dieser oder jener Theil der Erde, sondern wo beinahe die ganze Oberstäche derselben zu einer öden, menschenleeren Wüste gemacht wurde! Wann hat man je dergleichen gesehen oder von Andern gehört? Wann hat man je in den Jahrbüchern 108 Der schwarze Tod. der Menschheit gelesen, daß alle Häuser leer, die Städte von ihren Bewohnern verlassen, das Land einsam, die Felder mit Leichen besät, und überall nichts als eine unabsehbare, schreckliche Einöde gewesen sey? Frage die Geschichtschreiber, sie schweigen: geh zu den Aerzten, sie staunen: spreche mit den Weisesten aller Zeiten, sie verstummen. O du glückliches Geschlecht unserer Vorfahren, die ihr diesen Jammer nicht mit angesehen habet; o du überglückliches Geschlecht unserer kommenden Urenkel, die ihr die Nachrichten unserer Angst und unserer Verzweiflung vielleicht unter die unglaublichen Mährchen zählen werdet." *) Vorliegender Aufsatz veranlaßte Hm. Z. G. Meinert zu einem Beitrage für die Geschichte des schwarzen Todes, den man in der Wiener Zeitschrift 1821. No. 63 findet. Der SLaarblmde (Wiener Zeitschrift. 1835. Nr. 58 u. f.) Den Leser zu vergnügen, oder auch zuweilen ihm zu nützen, mag wohl schon so manches Geschichtchen erfunden worden seyn. Das Gegenwärtige ist von jenen dadurch verschieden, daß es nicht erfunden ist,, und wenn eS mir gelingt, eS eben so wieder zu erzählen, wie ich eö nur eben aus dem Munde eines schlichten Landmannes, der selbst die Hauptrolle dabei spielte, gehört habe, so zweifle ich nicht, daß eS auch jenen doppelten Zweck, einen Augenblick zu vergnügen, und vielleicht lange hinaus zu nützen, erreichen werde. „Ich beneide Sie," sagte er, nachdem ich ihm an einem der letzten schönen Sommerabende einige Merkwürdigkeiten des gestirnten Himmels gezeigt hatte, „ich beneide Sie um die herrlichen Genüsse, welche Sie sich, beinahe so oft Sie wollen, verschaffen können. Aber ich möchte doch nicht an Ihrer Stelle seyn; ich würde mich zu Tode fürchten, und am Ende mitten im Ueberflusse darben und verschmachten. " „Warum denn fürchten?" fragte ich verwundernd. „Sehen Sie mir nichts an?" sagte er, indem er sich näher vor mich hinstellte und mich starr anblickte. — Der arme Mann hatte nur ein Auge. „Ein unglücklicher Zufall," sagte er schnell, als er sah, daß ich — seinen Verlust in der uns umgebenden Dunkelheit endlich bemerkte, „ein unglücklicher Zufall beraubte mich schon in früher Jugend für immer dieses Auges, und das andere — war auch schon verloren. 110 Der Staarblinde. Fünf ganze, lange, bange Jahre war ich blind, und ich fürchte immer, es wieder zu werden, wenn gleich mein Arzt das Gegentheil sagt. Besonders da mit Ihren Instrumenten, so herrlich sie seyn mögen, so gern ich Tag und Nacht bei ihnen seyn möchte — dieß Instrument," indem er auf sein noch übriges Auge zeigte, „ist mir doch noch viel lieber, und seit ich es wieder habe, gäbe ich es nicht um alle Schätze des Himmels und der Erde." Ich wollte meinen Antheil, mein Mitleid ausdrücken — „nein, nein," sagte er, „ich danke Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme, aber, verzeihen Sie mir, ich muß mir alle Beileidsbezeigungen verbitten von allen, die noch zwei gesunde Augen haben. Nur der, der selbst in dieser Lage war, weiß sie zu schätzen nach ihrem ganzen schweren Gewichte, und auch dieser kaum, wenn einmal das Uebel wieder vorüber ist. So sind wir Menschen. Wie oft, wenn ich in meiner bangen Finsterniß da saß und zuweilen ein Strahl von Hoffnung auf einen Augenblick meine Nacht erleuchtete, wie oft sagte ich mir da, wenn du wieder einmal gesund werden solltest, wenn Gott dir einmal das Licht deiner Augen gnädig wiedergeben sollte, wirst du herumgehen zu allen deinen Brüdern, wirst ihnen sagen, wie dir damals war, wirst sie bitten, sie bei ihrem eigenen, größten Glück beschwören, ja acht zu geben auf dieses köstliche Gut, das sie gewöhnlich, so lange sie es besitzen, so wenig achten. Oft ergriff mich dieser Gedanke so lebhaft, mein Herz war so voll: ich bin überzeugt, wenn ich in diesen Augenblicken meinen Entschluß hätte sogleich ausführen, wenn ich damals gleich hätte erzählen, alle meine Gefühle in Worte bringen können, ich würde Hunderte, Tausende gerettet haben, die jetzt rettungslos dem Abgrunde entgegengehen, und diesen langen Martertvd zum Theil auS Unwissenheit, zum Theil aus Nachlässigkeit, und oft, vielleicht nur zu öst aus eigener Schuld, sterben müssen. Aber jetzt ist das anders, ich weiß nicht mehr, wie mir damals war, ich kann es wenigstens nicht mehr sagen, und so oft ich es auch versuchte, jenen Entschluß auszuführen, und andere durch die Erzählung meiner Leiden vor dem Unglücke zu warnen, eben so oft war ich unzufrieden, ja böse auf mich, daß ich in meiner Erwartung so weit hinter mir selbst zurückbleiben mußte." „Ach mein Freund," sagte er, indem er einer höheren Bewegung entgegengehend meine Hand ergriff und sie an seine eigene Brust drückte, „wenn die Sonne, die eben so schön vor uns unterging, morgen nicht mehr wiederkäme? Wenn wir alle tief hinunter- Der Staarblinde. 111 sänken in eine ewige Nacht? Wie würde uns da seyn? — Oder wie, wenn sie auch wiederkäme, aber wir sähen sie nicht mehr? Wenn wir eines Morgens plötzlich blind erwachten? Das müßte noch schrecklicher seyn! Sie kömmt und aller Augen offnen sich, ihr wohlthätiges himmlisches Licht zu empfangen, und ich, ich allein sehe sie nicht mehr! Ich fühle ihre Wärme, ich höre den tausendstimmigen Lobgesang, mit welchem sie der Wald begrüßt, und sehe sie nicht mehr. Der gestern noch, gleich einem Gott, mit einem Blick den ganzen Himmel umfaßte; der Sonnen aufzählte zu Tausenden, die Quelle des Lichts und der Wärme für unzählige Welten, der sieht heute seine eigene Sonne nicht mehr, sein Haus, seine Freunde, seine Kinder, sich selbst nicht mehr. Da kriecht er nun, der Gott von gestern, und tappt um sich herum, um mit Mühe sich den Plan seiner Schlafkammer zu ertasten, während er vor Kurzem noch das Heer der Welten mit einem Blicke maß. Gestern laS er noch, durch das Medium des Geberdenspieles, aus dem Gesichte der Menschen, in dem Innersten ihrer Herzen, ihre verborgensten Gedanken: heute muß er ihrem bloßen Zungenspiele glauben, und statt, wie früher, die Wahrheit ihrer Worte abzuwiegen, fühlt er nur mehr ihre trügerische Glätte, und alle verlassend, und von allen verlassen, steht er allein da, und wohin er seine Hand ausstreckt, ist alles öde, alles Nacht, finstere, ewige Nacht." „Aber sehen Sie, wo ich wieder hingekommen bin. Ich wollte Ihnen bloß sagen, wie dem Armen seyn mag, der blind wird, und habe Ihnen nur den beschrieben, der bereits blind geworden ist. Aber das ist bei weitem nicht die schlimmste Seite des Gemäldes. Das Werden, das allmälige, unheilbare, tröst- und hoffnungslose Werden ist viel ärger, als das Seyn, so wie im Sturme, in der Schlacht, und vielleicht selbst auf dem stillen Sterbebette der Tod selbst lange nicht so arg seyn mag, als die immerwährende und immer näher rückende Vorbereitung zum Tode. Wer je einen Fehler an seinen Augen bemerkt hat, der wird wissen, was ich meine. Beschreiben lassen sich diese ängstlich nagenden Besorgnisse nicht, aber sie fühlen sich dafür desto besser, und sie graben sich endlich so tief ein, daß selbst das Aufhören der Ursache ihre Wirkung nicht mehr zu tilgen im Stande ist. Als die fliegenden Haare, wie sie die Aerzte nennen, die besonders dann vor unsern Augen sich zeigen, wenn wir sie starr auf einen Gegenstand heften, immer mehr zunahmen, als mein Buch mir öfter 112 Der Staarblinde. wie in einen Nebel gehüllt, mein Zimmer wie mit Rauch gefüllt aussah , da fingen meine ängstlicheren Sorgen an. Hundertmal des TageS lief ich zu meinem Spiegel, mein Auge zu untersuchen, und jede neue Probe vermehrte meine Besorgniß. Bald mischte sich der Gedanke an eine tröst- und hülflose Zukunft in all' mein Thun und Lassen, und weder Beschäftigung noch Zerstreuung irgend einer Art konnte ihn von mir los machen. Die Aussicht: In einem, in einigen Jahren vielleicht bist du blind, quälte mich ohne Aufhören bei Tage, und am Ende selbst bei Nacht in meinen Träumen. Keine schöne Gegend, keine angenehme Gesellschaft, selbst meine gewohnten, mir so lieb gewordenen Berufsarbeiten, nichts hatte mehr Reiz für mich, denn überall brauchte ich meine Augen, die mir überall im Wege standen. Eines blieb mir noch in dem allgemeinen Verluste, mein gutes Weib und meine drei Kinder, alle Töchter. Während ich nach und nach jeder Freude des Lebens entsagt hatte, schien sich mein Herz allein auf diese Lieben zu concentriren, die jetzt meine Welt wurden, die mich aufheiterten und meine Besorgnisse liebevoll zu erleichtern suchten. Aber auch sie schwanden nach und nach in dem allgemeinen Nebel, wie Luftbilder, hinweg vor meinem Blicke. Bald sah ich nur mehr die äußersten Umrisse meiner Geliebten, endlich verloren sich auch diese, und das Einzige auf der ganzen, großen Erde, waS ich noch mit Lust und Liebe gesehen hatte, durste ich nur mehr hören. Desto tiefer hatten sich ihre Züge, die meinem Auge seitdem unerreichbar waren, meinem Gedächtnisse eingegraben, und ich weidete mich an diesen süßen Erinnerungen in den vielen einsamen Stunden, die mir nun selbst mitten im Kreise meiner Familie zu Theil wurden. Besonders gut konnte ich, so oft ich wollte, die Züge meiner Am alle zurückrufen, meiner jüngsten Tochter, die noch nicht achtzehn Monate alt war, als auch sie mir mit allen übrigen unsichtbar wurde. Ich weiß es selbst nicht, was mich an dieses geliebte Kind so innig hinzog. Ich verlor sie aus meinen Augen in der Zeit, in welcher die Kinder sich so lieblich zu entwickeln anfangen, in welcher sie uns noch nichts als Freude machen. Sie war es vorzüglich, die mir meine Lage erträglich, ich möchte sagen, zuweilen sogar angenehm machte. Hatte ich früher, als ich noch von Besorgnissen für die Zukunft meinem Unglücke entgegenging, vielleicht etwas an Hypochondrie gelitten, so heiterte sich jetzt, wo das Unglück über mich auSgebrochen war, und ich nichts mehr zu fürchten Der Staarbliinde. 113 hatte, mein ganzes Innere hell auf m '.der mich rings umgebenden Nacht, und daS verdankte ich allein diesem lieben, freundlichen Engel. War sie gleich seitdem fünf Jahre älter geworden, so dachte ich mir sie doch immer in der Periode ihrer ersten kindlichen Entwicklung, in welcher ich sie zuletzt sehen durfte, in welcher sie mir, als daS letzte, waS ich auf dieser Erde sehen konnte, so unaussprechlich lieb geworden war. Sie war die Trösterin in meiner Krankheit, sie sollte, dieß war mein einziger Wunsch, sie sollte auch einmal die Stütze meines hülflosen Alters werden. Aber der Himmel hatte es anders beschlossen. DaS Maß meiner Leiden war noch nicht voll, und daS Schlimmste erwartete mich noch. Mein Kind wurde krank.. Ich armer, blinder Vater kam drei Wochen nicht von ihrem Bette. Wenn ich meine Augen noch gehadt hätte, so theuer sie mir waren, ich hätte sie mit Freuden hingegeben, den Engel zu retten. Alles war vergebens. — Sie starb in mei ien Armen. Ich würde in dieser Stunde eö als die größte Gnade deS Himmels angesehen haben, mit ihr sterben zu dürfen. Es war der härteste Augenblick meines Lebens, und ich hatte Mühe, mich vor der Verzweiflung zu retten. Meiner Frau, welche die herzzerreißenden Scenen, die den Tod unseres KindeS begleitet hatten, zu sehr erschütterten, rieth ich, ärztliche Hülfe in der nahen Hauptstadt zu suchen. Sie wollte ohne mich daö Hauö deS Jammerö nicht verlassen. Mir war dieß Haus auch öde geworden, wie die ganze übrige Welt, und ich reiste mit. Meine Frau erholte sich bald wieder, und drang in mich, die l Nwesenheit in der Hauptstadt auch für mich zu benutzen, und einen der berühmten Augenärzte um Rath und Hülfe anzusprechen. Allein ich wollte mich nicht wieder in jenen trostlosen Zustand zurückstürzen, wo man zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Freude und Verzweiflung auf und nieder schwankt; ich zog das volle, sichere Bewußtseyn meines Unglücks jenem marternden Gefühle weit vor, um so mehr, da der schwarze Staar, wie jeder weiß, ohnehin unheilbar ist. Aber sie hörte nicht auf, in mich zu dringen, und ihr zu Liebe gab ich endlich nach. Am Morgen des folgenden Tages gingen wir zu Dr. I. . . . Sie kennen den freundlichen, leutseligen Mann, denn er sprach oft mit mir von Ihnen. Wir trafen ihn nicht in seiner Wohnung, weil er so eben an das Sterbebette der Wittwe deS unvergeßlichen Son- nenfels gerufen wurde, die in demselben Hause wohnte. Wir fanden Littrow r. 8 414 Der Staarblinde. bereits einen wohlgekleideten Mann in den Zimmern des Arztes, der ebenfalls auf den letzteren wartete, vertieft in seinen Gedanken sitzend, und uns auf unsere Fragen kaum antwortend. Als der Arzt erschien, war der Fremde der erste, der sehr gesprächig das Wort nahm. Man ^ habe ihm, sagte er, gerathen, wegen seiner immerwährenden Kops- ^ schmerzen die Bäder in Baden zu brauchen; er sey deswegen nach der Stadt gekommen, wolle aber zuerst sich Raths erholen, ob er l'enes Bad, seiner Augen wegen, wohl brauchen dürfe. Der Arzt führte ihn an'S Fenster, untersuchte sorgsam seine Augen, und sagte ihm endlich, daß er immerhin inS Bad reisen könne, denn dieß hier, ^ indem er auf die Augen des Kranken zeigte, geht seinen Weg fort ^ mit und ohne Bad. „Also ist eS gewiß der schwarze Staar, und l keine Hoffnung? Der Arzt zuckte die Achseln. „Und wie lange, > glauben Sie, werde ich noch sehen?" „Drei bis vier Jahre, nach- ! dem sich der Staar langsam oder schneller entwickelt. „Bis dorthin lebe ich ohnehin nicht mehr," sagte der Fremde, und nahm seinen Abschied. Nun kam die Reihe an mich. „Und was fehlt Ihnen?" sagte der Arzt, indem er mich zu demselben Fenster, auf dieselbe Richtstätte führte, auf welcher so eben meinem Vorgänger daS TvdeSurtheil gesprochen wurde. „Verzeihen Sie," sagte ich, „daß ich Sie bemühe, auch ich bin bereits hüls- und hoffnungslos, ich weiß cS, und füge > mich auch in mein LooS." Er betrachtete mich, wandte daö Auge s gegen daS Licht. „Wer hat Ihnen das gesagt? fragte er. „Drei ! Aerzte schon vor fünf und mehr Jahren." „Sie haben sich alle drei s geirrt," sagte er, „denn Sie haben offenbar nur den sogenannten ! grauen Staar, und Ihnen ist noch sehr gut zu helfen." , Ich würde mich vergebens bemühen, Ihnen zu sagen, wie mir war, ^ als ich dieß hörte. Mein Herz war der Freude schon zu lange ent- ! wöhnt, um sich ihr sogleich wieder auszuschließen. Auch waren Zweifel und Mißtrauen die ersten Gefühle, die in mir laut wurden. Aber die wiederholten, abermaligen Versicherungen deö ArzteS, seine liebevolle Freundlichkeit, seine Theilnahme, seine eigene Freude über daS Vergnügen, daö mir bald zu Theil werden sollte, verbunden mit dem großen Vertrauen, daS er in der Hauptstadt und der ganzen Umgegend genoß, dies alles machte mich endlich — nicht beruhigt oder vergnügt, sondern beinahe ohnmächtig. Unfähig, daS Gewicht der Wonne zu ertragen, daS in dem Augenblicke auf mich einstürmte, wo ich mit völliger Gewißheit, nicht blos mein TvdeSurtheil, sondern Der Staarblinde. 115 selbst schon seit Jahren ein Todter, nur die Bestätigung meines Todes zu vernehmen erwartete, sank ich fast ohne Bewußtseyn in die Arme deö menschenfreundlichen ManncS, in die Arme meines vor Entzücken laut aufweinenden WeibeS. Als der Sturm sich wieder gelegt hatte, wurde beschlossen, daß der Arzt selbst zu uns kommen, daß er bei uns die Operation vornehmen und einige Tage im Kreise meiner Familie das Land genießen solle. Den folgenden reisten wir voraus nach Hause. Mir war so wohl in meinem Innern, ich war so kindlich froh, daß ich zuweilen, nach meiner früheren, nun längst erloschenen Gewohnheit, wieder ein oder das andere meiner LieblingSliedchen zu trillern anfing. Ich mußte mich über mich selbst verwundern, wenn ich mich plötzlich in einer frohen Laune ertappte, daß ich Abgebrannter des Lebens noch so viel Sinn für die Freuden desselben in meiner finstern Nacht erhalten hatte. Nach einigen Tagen schon kam der Arzt. Sogleich wurden die Vorkehrungen zur Operation gemacht. Mir wurde, ich gestehe eS, etwas unheimlich, und ich hatte Muhe, die Zweifel zu bekämpfen, die sich in mir regten. Die zuthuliche Zärtlichkeit meiner beiden Töchter, die auf ein geheimes Schreiben meiner Frau ihre Familien verlassen hatten, und zu unö gereist waren, um der Operation beizuwohnen, und das ängstlich bemühte Zureden meiner Frau selbst, die mich schwächer glaubte, als ich war, und die mehr um den Erfolg der Unternehmung zitterte als ich, — alles dieß machte mich weicher als gewöhnlich, und eS fehlte nicht viel, ich wäre zurückgegangen, ich hatte wenigstens von Aufschub gesprochen, als der Arzt, der, so wie ich, zu seinem Geschäfte der Ruhe bedurfte, sie bat, sich wenigstens in das nächste Zimmer zu entfernen. „Sie sollen ihn," sagte er, „bald wieder sehen, und auch er, so Gott will, wird Sie bald wieder sehen." Wir waren allein. Todtenstille war um uns. Nur aus dem Nebenzimmer kam zuweilen ein verhaltenes Schluchzen. Ich stand da, in der Mitte des Zimmers, meine Geliebten hatten sich aus meinen Armen gerissen. Um mich war Nacht, und Hoffnung und Furcht wogten in mir auf und ab. Da ergriff mich die Hand des Arztes, führte mich auf den verhängnisvollen Stuhl, eine andere fremde Hand, sein Gehülfe, den ich früher nicht bemerkte, hielt meinen Kopf, — ein Stich, ein Zug, und eh' ich zur Besinnung kommen konnte, war alles zu Ende. — „ES ist vorüber," sagte der Arzt, „alles glücklich 8 * 116 Der Staarblinde. vorüber," indem er die flache Hand über mein Auge hielt, und den ; Stuhl vom Fenster wegrückte. ! Ein Wink vom Gehülfen, und die Nebenthüre ging auf: ich , hörte kommen. „Wer ist das?" fragte der Arzt, indem er die Hand ! von meinem Auge zog. Ach Gott, ich sah meine Julie, meine Marie, ich sah meine Töchter! Ich wollte reden, schreien, ich konnte nicht. Schnell zog sich die Hand wieder über meiu Gesicht. „Aber wo ist meine Frau, mein Weib, mein geliebtes Weibd" sagte ich, als mir die Sprache wieder kam. Die Arme zitterte und weinte im Nebenzimmer: Angst und Freude > hielt sie fest. Sie mußte auch noch kommen. Die Töchter führten ^ die Bebende herein. Ich sah mein gutes Weib, ich sah sie wieder, die treue Gefährtinn meines Lebens, die mit mir Freud und Leid im ! vollen Maße so redlich getheilt hatte; ich sah sie wieder, die ich nicht ^ mehr gesehen hatte fünf volle, lange Jahre. Eü ist unmöglich, auch ! nur von ferne die Gefühle zu bezeichnen, die mich bestürmten. Meine Augen wieder, meine Lieben wieder, die ganze Welt wieder, und alles in einem Augenblicke! Wer kann das beschreiben! Aber nicht minder schwer würde es mir seyn, Ihnen auch nur eine schwache Idee von der Herrlichkeit zu geben, die mich in dem Momente überstrahlte, als mir der glückliche Stich des ArzteS daS so lang geschlossene Auge wieder öffnete. Wie ein Strom, wie ein Feuermeer stürzte das Licht von allen Seiten in mein geblendetes Auge. Ich erkannte in dem ersten Augenblicke die Gegenstände um mich herum nicht deutlich: ich sah zu viel, ich sah Alles auf einmal, und nicht die Welt, der ganze Himmel schien vor mir offen zu stehen. Die Wände des Zimmers, dieß erinnere ich mich sehr wohl, waren ganz, ganz anders, als sie uns fetzt erscheinen. Sie schienen alle wie mit matten und doch hellglänzenden Silberplatten überzogen, in denen sich alle Farben des Regenbogens in einer wunderbaren Schönheit , spiegelten, und kurz, eS war eine andere, neue, himmlische Welt. Aber nun war es Zeit, für die nöthige Ruhe und Wartung zu sorgen. Die ersten Freuden waren genossen, die heißeste Sehnsucht war gestillt, und nun wanderte ich in ein bereits verhängtes Zimmer, wo ich fünf Tage in stiller Ruhe daS Bett hüten mußte. Meine Familie wartete meiner abwechselnd bei Tag und bei Nacht, und der Arzt, der jeden Tag uns öfter besuchte, trug uns allen auf daS dringendste auf, dahin zu sehen, daß die Binde, welche er über das Auge gelegt hatte, ja nicht verrückt, und meine Lage nicht geändert ; Der Staarblinde. 117 würde. „Die Wunde," sagt er, „welche ich in dem Auge gemacht habe, ist noch offen, und wenn jene Vorsicht vernachlässigt würde, so könnte in einem Augenblicke alles unwiederbringlich verloren gehen, und das Auge durch die gemachte Wunde auskaufen." Alles ging gut, und der Arzt versprach schon am vierten Tage, mich morgen das erste Mal in den Garteu zu führen. In der darauf folgenden Nacht erwachte ich plötzlich aus einem beängstigenden Traume. Ich hatte die Hand noch an der Binde, diese war verrückt, und das Auge selbst ganz naß: Thränen stürzten das Gesicht herab. WaS war gewisser, als mein Unglück! Nach so vielen überstandenen Leiden, so nahe der Erlösung, und alles, alles verloren! Ich wollte um Hülfe rufen, aber mein Unmuth selbst hielt mich zurück. Sie werden cö noch früh genug erfahren, dachte ich, und du bist nun einmal verloren, und i alles ist dahin. So blieb ich unbeweglich, in meinen Schmerz ver- ^ funken, die ganze noch übrige Nacht, bis endlich am Morgen, den ich > im Garten zu genießen hoffte, und den ich nun nicht mehr sehen sollte, der Arzt uns wieder besuchte. Er trat ans Bette, die Mcinigen mit. Ich erwartete sprachlos, was da kommen sollte. — Er nahm die Binde leise ab: „Alles gut, recht gut," sagte er, „ich halte mein Versprechen, heute gehen wir in den Garten." Ich traute meinen Ohren nicht, und nur mein verloren geglaubtes Auge selbst, mit dem ' ich den freundlichen Helfer erblickte, konnte mich überzeugen. Ich erzählte ihnen endlich die Geschichte meiner ausgestandenen, eingebildeten Leiden, und alle lachten herzlich. Ueber die Denkmäler Denderah's. i (Wiener Zeitschrift. 1822. Nr. S3.) Aein Land enthält so viel Kunstdenkmäler aus der grauen Vorzeit, als Egypten. Die Gegenden, in welchen die alten und berühmten Städte Abydus, ChemmiS, AntäopoliS, LycopoliS, Thebä, Syene, Phile und Elephantive standen, sind voll von den merkwürdigsten Bruchstücken der Architektur, Sculptur und der Malerei eines Volkes, welches die Wissenschaften und Künste schon zu einer Zeit in seinem Schooße gepflegt und ausgebildet hatte, in welcher selbst die beiden kultivirtesten Nationen deö Alterthums, die Griechen und Römer, nicht einmal ihrer Existenz nach bekannt waren. Obgleich die nähere Betrachtung einer jeden der genannten Städte zu sehr interessanten Resultaten führen würde; so müssen wir uns hier dennoch auf die Untersuchungen der Ruinen von Denderah beschränken, die in unseren Tagen so häufig besprochen worden sind, und aus denen vorzüglich einige französische Gelehrte Folgerungen für daö Alter unserer Erde gezogen haben, die zu interessant sind, um nicht einer näheren Prüfung unterzogen zu werden. Das kleine Dorf Denderah am westlichen Ufer deS Nils zwischen PtolomaiS und Thebe, ist das alte berühmte TentyriS, wie schon der Name und noch mehr die bestimmte Nachricht von der Lage dieser Stadt in den alten griechischen Schriftstellern zeigt. Dieses Dorf zeichnet sich jetzt durch gar nichts mehr aus, die dichten Dattelwälder ausgenommen, welche eö von drei Seiten umgeben. Die Häuser sind Denkmäler Denderah'L I. 119 bloße Hütte«, aus Thon erbärmlich aufgeführt. Noch zur Zeit deö römischen Kaisers Adrian besaß TentyriS einigen Glanz. Nach ihm verfiel diese Stadt immer mehr, bis sie endlich zu einem bloßen Aufenthalte von Bettlern herabsank. Nahe an diesen Hütten befinden sich die Trümmer des alten Tentyris, und nehmen eine Fläche von etwa 2050 Klaftern im Umfange ein. Da der Ort bisher nur selten von Europäern besucht worden ist, und die Einwohner sich wenig um die sie umgebenden Seltenheiten bekümmern, so würde eö nicht schwer halten, in kurzer Zeit und ohne viele Mühe eine große Anzahl von Münzen, Vasen, antiken Lampen u. dgl. auf dieser Stelle einzusammeln. Man braucht nur die erste Oberfläche deö Bodens aufzuwühlen, um auf Seltenheiten von allen Gattungen zu stoßen. Während der wenigen Tage, die ZoloiS und Devilliers dort zubrachten, fanden sie gegen 60 größere und kleinere Vasen von brauner, sehr feiner Erde geformt, von denen mehrere eine elegante Form hatten, und eine Vergleichung mit den schönsten etrurischen Gefäßen aushielten. Ueberhaupt scheinen die Neueren bisher in ihrem Urtheile über den Geschmack in der Architektur, Sculptur u. dgl. sich einer Einschränkung unterworfen zu haben, die wohl ein Tppuü unserer Bildung und Erziehung, aber keineswegs in der Natur der Sache selbst begründet seyn mag. Gewöhnlich halten wir bei Beurtheilung jener Kunstprodukte nur das für schön, was wir bei den griechischen Meistern gefunden haben; diesen nachzuahmen, diesen gleichzukommen, wird als daS Höchste betrachtet, was in der Kunst zu erreichen steht; diese Meinung hegten schon die alten Römer, wahrscheinlich aus der Ursache, weil sie nichts Vorzüglicheres gesehen hatten. Ganz anders denken die oben erwähnten Reisenden, die kaum Worte finden können, den großen, bleibenden Eindruck zu schildern, welchen jene erhabenen Reste der alten Baukunst auf sie gemacht haben. Diese Denkmäler weichen beinahe durchaus von den Regeln ab, welche wir bisher als die einzig wahren aus griechischen Mustern abgezogen haben, und dringen sich dem- ungeachtct dem staunenden Sinne gebieterisch als etwas Großes, ja als das Größte und Schönste auf, was in dieser Art bisher gesehen ward. „Es ist unmöglich," sagen die Herren Jolois und DevillierS, „die Gefühle auszudrücken, welche unö bei dem Anblicke des erhabenen Tempels und der ihn umgebenden kolossalen Gestalten der egyp- tischen Götter bewegten. Es war, als würden wir Plötzlich durch einen Zauberschlag an einen Fernort versetzt; lange standen wir von Erstaunen und Bewunderung hingerissen, ehe wir unsere Gefühle zur 120 Denkmäler Denderah's I. Sprache bringen konnten. Alles, was wir sahen, hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit den Denkmälern der griechischen Architektur, noch weniger mit denen des Mittelalters. Dennoch gewährt der erste Anblick dieses überraschenden Schauspiels eine Genugthuung, als ob man nie etwas anderes gesehen hätte. Dieß Gefühl gehört nicht bloß dem ersten Augenblicke der Beschallung, sondern steigt vielmehr mit der näheren Untersuchung. Noch setzt, mehrere Jahre nach jenem für uns ewig merkwürdigen Besuche, hat es einen festen, bleibenden Eindruck in uns zurückgelassen. Selbst die gemeinen französischen Soldaten waren von Bewunderung der hehren Gestalten hingerissen." Fast alle diese Gebäude und Verzierungen sind aus einem harten, feinkörnigen Sandstein geformt, der zu edlerer Arbeit besonders tauglich scheint. Seine Farbe, welche inS Gelbliche spielt, vom Glanz der Sonne wie mit einem Goldsirniß überzogen, gibt diesen ehrwürdigen Denkmälern der Vorzeit einen ganz eigenen Ton, den man unmöglich beschreiben kann, den man selbst gesehen haben muß. Die Statuen, Arabesken und alle anderen Verzierungen des großen Tempels von Den- derah sind so vollkommen gearbeitet, so schön und fleißig ausgeführt, so verständig an einander geordnet, wie bei keinem der übrigen Gebäude in Eghpten, an welchen gewöhnlich noch viel Hartes und Steifes angetroffen wird. Hieraus mag sich der Beweis ergeben, daß der Tempel von Denderah späteren Ursprungs, und wahrscheinlich in der Epoche erbaut worden ist, wo die bildenden Künste Egyptens die höchste Stufe ihrer Ausbildung erreicht hatten. Weit entfernt, in diesen Werken, wie es wohl in dem alten Thebe der Fall ist, noch die Kunst in ihrer Kindheit zu erblicken, kann man im Gegentheile die wahre und ungekünstelte Manier nicht genug bewundern, mit welcher hier menschliche und thierische Gestalten dargestellt sind. So wird man gezwungen, will man sich nicht der größten Ungerechtigkeit schuldig machen, den egyptischen Künstlern jener Epoche zuzugestehen, daß sie alles geleistet haben, was man nur von den geschicktesten Bildhauern unserer Zeit erwarten kann. UebrigenS sind alle Basreliefs, alle Figuren und Verzierungen, gegen die bei unS herrschende Sitte bemalt. Ohne diese Sitte eben zu billigen, wird man doch die Art und Weise, wie diese Farben auf die Gegenstände getragen sind, so wie ihre mannigfaltige Abwechslung und ihre noch jetzt dauernde Frische bewundern. Von der rothen Farbe findet man beinahe alle Abstufungen; das Himmelblau ist entzückend schön, und das Gelb das reinste, was man sehen kann. So mannigfaltig übrigens diese Verzierungen Denkmäler Denderah's I. 121 der Malerei sind, (denn alle Wände des Tempels bis in den kleinsten Theil sind damit gleichsam übersäet), so ist doch jede, auch die kleinste Figur, die geringste Hieroglyphe mit einem Fleiße, mit einer Vollendung ausgeführt, die erstauncnSwürdig ist. Besonders merkwürdig ist die Ordnung und der oft sehr sinnreiche Zusammenhang, welche man an diesen verschiedenen Gebilden wahrnimmt. Sie sind keineswegs auf Geradewohl neben einander gestellt, sondern drücken, wie ein geschichtliches Werk, oft eine lange Reihe von verwandten Ereignissen aus, die selbst jetzt, wo die Sprache der Hieroglyphen verloren gegangen ist, sich so deutlich auSsprechen, daß Niemand an ihrer Bedeutung zweifeln kann. So sieht man taufende dieser Figuren, welche eine lange Wand zieren, und eine Reihe zusammengehörender Bilder ausmachen, die sich wie ein Blumengehänge durch ihre Umgebungen durchwinden, und die Geburt und Erziehung des HoruS ausdrücken, deS Sohnes dcS OsiriS und der alleS- nährenden Isis, welcher letzteren der Tempel selbst geweihet ist. HoruS wird hier als ein neugeborneS Kind dargestellt, dem egyptische Frauen neugespeossene Bohnenkeime (Lotflsäonss) zum Opfer bringen, um sich von ihm und seiner Matter eine glückliche Niederkunft zu erbitten. Weiterhin erscheint er größer auf dem Schooße der Isis, die ihm die Brust reicht; später sieht man ihn als Knabe auf Lotus stehend, die Haare mit Blumenkränzen geschmückt, den Zeigefinger auf den Lippen; noch weiter wird er als Jüngling in dem Kreise der Jungfrauen, und endlich als Mann mit sehr unzweideutigen Geschlechts- Kennzeichen dargestellt. Eine andere Reihe von Bildern stellt den Lauf der Sonne, wieder andere die Ereignisse auf der Oberfläche der Erde, daS Wachsen und Fallen des Nils, andere die ländlichen Arbeiten «. dgl. mit nicht minderer Kunst und Ausdruck dar. ES würde ermüden, diesen Aufzählungen inS Einzelne zu folgen, da sie, um die gehörige Wirkung hervorzubringen, von Zeichnungen begleitet sein müßten, die hier nicht gegeben werden können. Letztere sind in dem bekannten Werke: vesoriplion äs ILxz'ple, ?sris, 1818, nachzusehen. Man muß es den Verfassern um so mehr Dank wissen, daß sie uns mit diesen wahrhaft vortrefflichen Darstellungen beschenkt haben, da es ihnen, obschon sie meistens unter Bedeckung reisten, nicht ohne Mühe und Beschwerlichkeit gelungen ist, diese Schätze zu sammeln. So kamen sie, um nur die Geschichte eines einzigen TageS zu erzählen, in ihren Untersuchungen der verschiedenen Gemächer, welche dieser Tempel enthält, in eine finstere Kammer, in deren Fußboden ein 122 Denkmäler Denderah's I. enges Loch angebracht war. Entschlossen, nichts »«untersucht zu lassen, wagte es einer von ihnen (Moret), sich an einem Stricke durch die Oeffnung hinabzulassen. Wie erstaunte er, als er am Boden des unterirdischen Gemaches, mit der Fackel in der Hand, die mehr als halb vermoderte Leiche eines Europäers erblickte, dem, die Hände auf dem Rücken, ein Strick um den Hals geknebelt war! Wahrscheinlich hatten ihn die Araber erwürgt, und dann, um ihre That zu verbergen, den Leichnam in dieses Loch geworfen. Eö war ohne Zweifel einer jener vielen Reisenden, den die Bewunderung der herrlichen Ueberreste Denderah'S hierher gelockt hatte, und der hier, statt seine Wißbegierde zu stillen, durch tie Habsucht der Einwohner einem schmählichen Tode unterlag. Seine um ihn trauernde Familie vermochte das Grab gewiß nicht zu ahnen, das man ihm hier bereitet hatte, und unsere Reisenden konnten in diesem Schauspiele nur wenig Aufmunterung zur Fortsetzung ihrer mühsamen Untersuchungen finden. Einer der merkwürdigsten Gegenstände, welche das Innere dieses Tempels darbietet, ist ein astronomisches Denkmal, ein Thierkreis (Aoüiseus), der auf dem Plafond des Tempels angebracht ist. Dieser Thierkreis ist bekanntlich vor Kurzem nach Paris geschafft worden, wo er die vorzüglichste Zierde deö königlichen Antiken-MuseumS bildet. Mehrere, besonders französische Gelehrte, wollen in den auf demselben angebrachten Abbildungen Beweise finden, daß er nahe an 15,000 Jahre alt seyn müsse, demzufolge wäre also daö Alter nicht nur der Erde überhaupt, sondern des Menschengeschlechts viel größer, als man sonst allgemein anzunehmen pflegt. UnS allen kann eS, wie ich glaube, nicht uninteressant seyn, zu erfahren, wie kurz oder wie lange eS Wesen unserer Art auf diesem Erdenrunde gegeben hat. Wir wollen also diesen Thierkreis und die von Anderen daraus gezogenen Folgerungen näher beleuchten. Wahrscheinlich werden sich unsere Leser noch aus populären Behandlungen der Astronomie erinnern, daß der sogenannte Frühlings- punkt, d. h. der Punkt des Himmels, in welchem sich der Aequator und die Ekliptik schneiden, veränderlich ist, und daß er sich rückwärts, oder gegen die Ordnung der Zeichen, und zwar in einem Jahre nahe an 50'fl^gg Secunden bewegt. Wenn diese Bewegung immer gleichförmig bleibt, so mnß der Frühlingspunkt in 71^g Jahren einen Grad, und in 2152 Jahren dreißig Grade oder ein sogenanntes Zeichen zurücklegen. Dieser Punkt des Himmels ist für die Bewohner der Erde sehr wichtig, weil der Frühling bei uns anfängt, wann Denkmäler Denderah's I. 123 die Sonne in ihm steht. Die Ordnung oder vielmehr der Anfang aller Jahreszeiten, von denen die Arbeiten des Ackerbaues abhängen, werden gestört werden, wenn jener Punkt, wie eS wirklich der Fall ist, am Himmel seine Stelle verändert. Man kennt die 12 Zeichen des ThierkreiseS, welche die Sonne im Laufe eines jeden Jahres in folgender Ordnung zurücklegt: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Wage, Scorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische, und man sagt, daß der Frühling, Sommer, Herbst und Winter anfängt, wenn die Sonne in derselben Ordnung in den ersten Grad deS Widders, deö Krebses, der Wage und deö Steinbocks tritt. Wenn daher der oben erwähnte Frühlingspunkt mit dem ersten Eintreten der Sonne in den Widder zusammenfällt, so fängt für unsere nördliche Halbkugel der Frühling mit diesem Eintritte an, weil die Sonne von diesem Augenblicke an über den Aequator herauf geht, und ihre Strahlen täglich senkrechter auf unü herabschickt, unsere Tage verlängert und so auch die Wärme auf der Oberfläche dieser Hemisphäre vermehrt, bis sie im Zeichen deS Krebses, im Solstitium, am höchsten über uns steht, und von da sich wieder gegen den Aequator herabsenkt, den sie im ersten Punkte der Wage erreicht und dadurch den Anfang des Herbstes bildet. Allein alle diese Erscheinungen werden, wie gesagt, nur dann genau zutreffen, wenn der Frühlingspunkt mit dem Anfangspunkte deS Widders zusammenfällt, daß dieß vor Zeiten der Fall gewesen, ist nicht zu bezweifeln. Wir besitzen noch mehrere Abbildungen alter Thierkreise, in welchen der Frühling wenigstens sehr nahe in diesen ersten Punkt des Widders fällt. Da wir aus dem Vorhergehenden wissen, daß der Frühlingöpunkt in 71^« Jahren sich um einen Grad bewegt, da uns ferner bekannt ist, daß jetzt in unseren Tagen der Frühlingspunkt nicht mehr in dem Widder, sondern im Sternbilde der Fische, also beinahe 30 Grade rückwärts befindlich ist; so läßt sich daraus mit Sicherheit schließen, daß jene Thierkreise ungefähr 2000 Jahre alt seyn müssen, daß sie also etwa 200 Jahre v. Chr. G. verfertigt worden sind. Dieselbe Berechnung hat man auf den berühmten Thierkreis von Denderah anzuwenden gesucht. Man fand, daß sich das Solstitium in demselben vor dem Löwen oder in den letzten Grade» des Krebses befindet. Da man aus anderen Nebenumständen des Monumentes zu erkennen glaubte, daß dieses Solstitium das Wintersolstitium sey» 124 Denkmäler Denderah's I. müsse, so fiel natürlich der FrühlingSpunkt des ThierkreiseS in die Wage. Da sich aber jetzt der FrühlingSpunkt in den Fischen befindet,! so wäre nach der angestellten Berechnung jener Gelehrten dieser Punkt, seit der Verfertigung des Th erkreiseS, um volle sieben Zeichen oder- um 210 Grade rückwärts geschritten. Hierzu hätte er, wie aus dem Vorhergesagten erhellt, 15,000 Jahre gebraucht; also müßte der Thierkrcis von Denderah bereits 15,000 Jahre alt seyn, ein Alter, das allen Kenntnissen widerspricht, welche wir von der Entstehung der Erde und der Dauer des Menschengeschlechtes haben. Wer jenen Zodiakus von Denderah in der Abbildung gesehen hat, wird bemerkt haben, daß das Solstitium aus demselben in dem' Löwen oder vielmehr vor dem Löwen, zwischen ihm und dem Krebse, verzeichnet steht. ES kommt nun darauf an, zu untersuchen, ob cS' das Sommer- oder Wintersolstitium ist. Nehmen wir einmal an, eS sey das Sommersolstitium, so fiele der FrühlingSpunkt in die Mitte zwischen Stier und Widder, also 45 Grade weiter vorwärts, als heut zu Tage. Hieraus würde folgen, daß der ThierkreiS 45 Mal 71"/,o« Jahre oder 3228 Jahre alt, d. h. daß er um das Jahr 1400 vor Chr. G. verfertigt worden sey. Diese Rechnung weicht freilich sehr ab, von jenem Alter von 15,000 Jahren, welches, wie wir sogleich sehen werden, sich durch nichts verbürgen läßt. Plutarch erzählt (So Isiils), daß die Egyptier die aufgehende, Sonne durch ein Kind darstellten, welches auf einem Lotus sitzt, einer Wasserpflanze, zum Zeichen, daß die Sonne sich gleichsam anö dcnp Wasser des Oceans über die Erde erbebt. Dieses Kind findet sich in dem Zodiakus in der That bei dem Widder, woraus sich schließen läßt, daß der Frühlingspunkt bei dem Widder, und daß daher bei' dem Krebse das Solstitium deS Sommers, nicht das des WinterS,! wie jene Gelehrten behaupten, befindlich war. Weiter, die FrühlingS- nachtgleiche wurde, wie Clemens Alcxandri sagt, bei den Egyptierw, durch einen Sperber vorgestellt; auch dieser findet sich auf dem Zo-! diakus bei dem Widder verzeichnet. Horus Apollon erzählt, daß die! Egyptier das Wintersolstitium durch einen Mann vorstellten, der nur? ein Bein hat, oder dessen Beine so zusammengewachsen sind, daß sie'; nur ein einziges auszumachen scheinen, ein sehr angemessenes Bilds für den Stillstand der Sonne. Man findet dieses Bild auf unserem! Thierkreise bei dem Steinbocke. Dort also; und nicht bei dem Krebses war daS Wintersolstitium. Endlich erblickt man bei dem Krebse eine; hohe Pyramide, auf der ein Sonnenbild steht, die sprechendste Dar- Denkmäler Denderah'sl. 125 siellung des Sommersolstitmms, in welchem die Sonne ihre größte Höhe erreicht hat, und beinahe senkrecht über dem Tempel von Ten- derah stand. Ich glaube, es ist schwer, sich diesen Ansichten, diesen eben so natürlichen als einfachen Erklärungen nicht zu fügen, und dagegen einer anderen entgegengesetzten Meinung beizutreten, die durchaus keine Wahrscheinlichkeit für sich hat. AuS dem Thierkreise selbst ergibt sich also, daß er um das Jahr 1400 vor Chr. G. verfertigt worden ist, eine Zeit, wo die Künste und Wissenschaften in Egppten den höchsten Grad ihrer Vollkommenheit erreicht hatten, wofür auch die oben erwähnte Vollendung des Tempels in allen seinen Theilen spricht. Wir wollen nun sehen, welche andere Gründe, die nicht von dem Denkmale selbst genommen werden, ffür oder gegen die von uns aufgestellte Angabe deö Alters dieses Zodiakus sprechen. Zuerst muß bemerkt werden, daß diejenigen, welche die egyp- tischen Denkmäler brauchen oder mißbrauchen wollten, um damit gewisse Zwecke zu erreichen, nicht Denderah zu ihrem Gemeinplätze hätten wählen sollen, da eS offenbar, wie dieß schon oben gesagt wurde, andere Ueberreste von Gebäuden in jenem Lande gibt, die von einem höheren Alter zeugen, als die von Denderah. Nur muß man auch hier nicht wieder zu weit gehen, und jene Monumente mit Visconti und andern Archäologen in der Zeit der Ptolomäer oder gar unter der Herrschaft der römischen Kaiser entstehen lassen wollen. In dieser Zeit war die Blüthe EgpptenS längst in Abnahme; ein Volk, daS schdn seit Jahrhunderten seinem Untergang entgegen eilt, schafft keine solchen Denkmäler mehr. Selbst die Religion deö Landes wurde weder unter den Ptolomäern, noch weniger unter den Römern beschützt, sondern vernachlässigt, ja absichtlich zurückgesetzt. Wie läßt sich also von solchen Beherrschern die Erbauung eines Tempels für die sinkende Nation erwarten, der ungemeine Summen kosten und die Kräfte des ganzen Landes in Anspruch nehmen mußte? Die egyp- tischen Priester hatten bereits zu Augustuö Zeiten, selbst in ihrem eigenen Lande, alles Ansehen verloren, da sie in dem Wahne, von den gerühmten Verdiensten ihrer Vorfahren zu zehren, sich einer völligen Indolenz Hingaben, und sich in ihren Tempeln selbst durch rohe Unwissenheit auszeichneten. Strabo, der zur Zeit vor Chr. G. schrieb, erzählt, daß daS Studium der Philosophie und der Astronomie, durch welches sich die egyptischcn Priester früher berühmt gemacht hatten, zu seiner Zeit längst von ihnen vernachlässigt worden sey, und daß 126 Denkmäler Denderah's I. diejenigen, welche der Neugierde wegen die dortigen alten Tempel besuchten, keine gebildeten Führer, sondern nur gemeine Leute angetroffen hätten, die ihnen die heiligen Gefäße zeigen, und die Gemälde: an den Wänden erklären wollten, aber dabei so viel Unwissenheit und dummstolze Anmaßung an den Tag legten, daß sie meistens nur ausgelacht wurden. Solcher Leute wegen sollten fremde, ausländische Regenten dergleichen Tempel errichtet haben? oder wenn eö demun- geachtet geschehen wäre, würden wir nicht in einem der vielen römischen und griechischen Schriftsteller, die aus dieser Zeit auf uns gekommen sind, eine Nachricht von der Errichtung eines solchen Werkes durch ihre Landsleute verzeichnet finden, die doch sonst ihrer Eitelkeit so gern viel kleinere Opfer zu bringen bei keiner Gelegenheit unterlassen? Zwar liest man eine griechische Inschrift auf dem Tempel, aber diese Inschrift befindet sich erstens nicht auf dem Tempel selbst, sondern nur auf dem abgesonderten Vorhofe desselben; sie ist zweitens auf keiner Hauptstelle dieses VorhoseS, sondern mit kleinen ärmlichen Buchstaben nur auf einer wenig bemerkbaren, von den Hieroglyphen zufällig leergelassenen Stelle, also später eingeschaltet, und sagt endlich nur: daß TiberiuS Cäsar, des AugustuS Sohn, diesen Vorhof der Venus geweiht habe. Es ist dieß, wie man weiß, nicht das erste Beispiel von der Anmaßung der Römer, fremde Denkmäler mit ihren Aufschriften zu versehen. Auch hat der Styl und die ganze Anlage des Tempels gar keine Spur von dem sogenannten griechischen Geschmacke auszuweisen; er ist vielmehr rein egyptiscb, aber ganz ausgebildet. Noch weniger endlich wird man die Erbauung dieses Gebäudes, wie einige wollten, den Persern zuschreiben können, von denen bekannt ist, daß sie im Gegentheile alle Tempel und Pal- läste EgyptenS zerstörten, wie sie denn die abgesagten Feinde der egyp- tischen Religion waren, und die Bewohner dieses Landes als träg und eigensinnig verachteten. Ueberhaupt scheinen die Egyptier bei ihren Eroberern und späteren Beherrschern nicht in dem besten Ansehen gestanden zu haben. Flavius VopiscuS hat uns einen Bries deS Kaisers Adrian aufbewahrt, der selbst Egypten besucht, und längere Zeit daselbst zugebracht hatte; er sagt von den Einwohnern dieses Landes: „die Egyptier sind äußerst veränderlich, diebisch, unruhig, prahlerisch und eitel; sie haschen nach Neuigkeiten, lassen sich durch einen Gassenhauer zu den äußersten Dingen bewegen." In, einer andern Stelle heißt es: „dieß Egypten, mein lieber ServianuS,, welches du mir so lobst, habe ich kennen gelernt. Sein Volk ist Denkmäler Dend erab's I- 127 leichtsinnig, allem Neuen nachhängend, die Veränderung über alles «liebend, ein unruhiges, immer zum Ausstande geneigtes Volk, dummstolz und bis zur Unglaublichkeit eitel. Ich habe ihnen alle ihre alten Privilegien wiedergegeben, und viele neue dazu: welchen Dank habe ich und mein Sohn dafür eingeerntet! Ich wünsche ihnen nichts, als daß sie sich täglich an ihren Hühnern satt essen mögen, die sie auf eine Weise pflegen, daß ich mich schäme, cS wieder zu erzählen. Ich schicke dir hier einige egyptische Becher, die mir ein Priester geschenkt hat, und die du an Festtagen bei Tische brauchen kannst; aber gib Acht, daß sie mein Sohn nicht zu lieb bekomme." UebrigenS scheint eS, als ob diese durch ihre Unwissenheit in der Sternkunde später so verachteten Egyptier auch in ihrer blühendsten Zeit keine großen Fortschritte darin gemacht hätten. Würden sie sonst ihre großen und wichtigen Kenntnisse so sorgfältig zu verbergen gesucht habend Durch diese Geheimnißkrämerei haben sie allerdings den großen Haufen der Reisenden getäuscht, aber nicht die, welche den Zustand ihres Wissens näher zu untersuchen im Stande waren. Wie erbärmlich mochte es mit ihrer Geometrie beschaffen seyn, welche sie seit so vielen tausend Jahren getrieben zu haben versichern, wenn Thales erst sie lehren sollte, wie man die Höhe ihrer Pyramiden durch den Schatten derselben messen konnte. Wie weit konnten sich ihre Kenntnisse in der Astronomie erstrecken, da ihr Jahr immer nur 365 Tage hatte, während selbst die Chinesen aus ihren sehr rohen Beobachtungen die wahre Länge des Jabres viel richtiger ableiteten; während selbst die Merikaner, alle Gemeinschaft mit den übrigen cultivirten Theilen der Erde entbehrend, dieses erste und wichtigste Element, die Länge des Jahres mit einer größern Genauigkeit zu bestimmen wußten, als es selbst dem größten und gelehrtesten aller alten Astronomen, dem Griechen Hipparch, möglich war, eine sonderbare Erscheinung, die sich nicht anders erklären läßt, als wenn man annimmt, daß die Amerikaner in früheren Zeiten auf uns bisher unbekannten Wegen ihre Kenntnisse auS den älteren Welttheilen gezogen haben. Wie ganz anders stehen dagegen diese, durch ihre tiefe Weisheit und durch ihre seit Jahrtausenden cultivirte Astronomie berühmten Egyptier da, die, weil sie nichts besseres wußten, albern genug waren, dem Herodot zu erzählen, daß in der Vorzeit die Sonne schon zweimal auf der Stelle aufgegangen sey, wo sie damals unterging, ein Mährchen, dem bei uns nicht einmal die Knaben mehr Aufmerksamkeit schenken würden. Oder wenn sie in der That so tiefe Kenntniß besaßen, wo sind denn 128 Denkmäler Denderah's I. die Entdeckungen, welche dieses Volk in der Astronomie gemacht haben will? Den wahren Astronomen der alerandrinischen Schule mußte mehr, als irgend Jemandem, daran gelegen seyn, sich in Kenntniß der Beobachtungen ihrer Vorgänger zu setzen, die ihnen zu der Bestimmung der Elemente der Planeten unentbehrlich waren. Warum nahmen sie diese alten Beobachtungen nicht von den Egyptiern, die ihnen doch so nahe waren? Warum suchten sie in dem fernen Chaldäa, was sie viel leichter in den egyptischen Tempeln hätten finden können, wenn es dort gewesen wäre? Warum haben sie sich endlich, da sie sorgfältig nach den ältesten Beobachtungen forschten, mit solchen begnügt, die nicht einmal 600 Jahre alt waren, denn nur dieses geringe Alter haben die drei ältesten Beobachtungen, die uns Ptolomäus aufbewahrt hat, nemlich die drei Mondfinsternisse, die in den Jahren 720 und 719 vor Chr. G. in Babylon gemacht worden sind. So oft die Griechen Beispiele oder Beobachtungen aus alten Zeiten brauchen, um ihre Theorien zu unterstützen, so oft gehen sie zu den Ausländern, und auch nicht ein einziges Mal suchen sie dieselben in Egypten selbst, in welchem Lande sie doch lebten. Vergebens wird man einwenden, daß die Egyptier, eifersüchtig auf ihre geheimen Kenntnisse, sie vor den Ausländern verschlossen. Ein solches Geheimhalten durch Jahrtausende ist sehr wenig natürlich, da es in einer so langen Periode doch endlich einen Menschen unter ihnen geben mußte, der sich auf irgend eine Weise geneigt gefühlt hätte, diese köstlichen Kenntnisse andern mitzutheilen, besonders zur Zeit der alerandrinischen Schule, wo Egypten bereits von griechischen Königen beherrscht wurde, vie es eine Reihe von Jahrhunderten hindurch zu ihrer besonderen Sorge gemacht hatten, die Astronomie zu befördern, und bei denen die egyptischen Priester, um die neu angekommenen Ausländer, auf deren Beifall sie natürlich sehr eifersüchtig seyn mußten, zu verdrängen, sich nicht besser empfehlen konnten, als durch die Mittheilung von so reichen Schätz n, in deren ausschließendem Besitz bisher gewesen zu seyn, sie sich oft gerühmt hatten. Neberhaupt scheint die Ruhmredigkeit dieses und so manches andern Volkes der Vorzeit eine Art von Krankheit gewesen zu seyn, welcher alle die unterlagen, die auf einige wissenschaftliche Cultur Anspruch zu machen glaubten. Die Chinesen z. B., die sich von jeher viel mit der Astronomie beschäftigten, die seit vielen Jahrhunderten ein eigenes mathematisches Denkmäler Denderah's I. 129 Collegium in Form eines Reichsrathes besaßen, der unmittelbar unter dem Schutze ihres Kaisers stand, rühmten sich bei der Ankunft der Jesuiten in diesem Lande, daß. sie schon seit 10,000 Jahren ununter- ' brochene Beobachtungen der Sonnenhöhe an dem Gnomon angestellt hätten. Trotzdem konnten sie, als man sie darum befragte, die Länge des Schattens ihres Gnomon für einen gegebenen Tag des Jahres nicht berechnen, so wenig als sie eine Finsterniß auch nur auf eine ganze Stunde genau vorherzusagen im Stande waren, obschon nach einem sehr alten Reichsgrundgesetze die Todesstrafe auf eine falsche Berechnung ^ der Sonn- und Mondfinsternisse gesetzt war. Wie wäre diese Bestimmung ihnen auch möglich gewesen, da sie bei der Ankunft jener Gesellschaft noch immer die feste Ueberzeugung hegten, daß die Peripherie des Kreises ! sich zu ihrem Durchmesser genau wie 3 zu 1 verhalte, und da sie nachVer- j sicherung der Jesuiten nicht einmal die ebene Trigonometrie kannten? , Noch besser verstanden sich aus diese Großsprechereien die Jndicr, die ihren Sternkathalogen und ihren Planetentafeln ein so hohes Alter beilegen, mit Perioden von 2, 4 und 8 Millionen Jahren, wie mit Rechenpfennigen spielen, und deren ältestes astronomisches Buch, die Suria Sidanta, schon vor 21,649,000 Jahren einem ihrer Landsleute Maja unmittelbar vom Himmel mitgetheilt worden seyn soll. Gewisse Leute, welche ein besonderes Interesse zu haben scheinen, daö bisher allgemein und aus sehr triftigen Gründen angenommene Alter der Erde viel zu klein zu finden, glaubten in den Planetentafeln der Jndier einen unumstößlichen Beweis für ihre Hypothese anzutreffen, da diese Tafeln sich auf eine Beobachtung der gemeinschaftlichen Conjunctiv« aller Planeten zu einer Zit gründen, die viele tausend Jahre vor der von uns angenommenen Schöpfungsepoche statt hatte. Allein glücklicher Weise sind unsere gegenwärtigen Kenntnisse der mittleren Bewegungen der Planeten mehr als genügend, um die Prahlerei dieser sogenannten altergrauen indischen Astronomen mit geometrischer Strenge zu widerlegen. Wenn man mit unsern Tafeln bis in jene geheimnißvolle Epoche zurückrechnet, so findet sich, daß zu dieser Zeit durchaus keine Conjunctiv» aller Planeten möglich war. Da sich aber diese Conjunction in den indischen Tafeln sehr genau berechnet findet, so folgt, daß man dort jene Epoche künstlich rückwärts gerechnet hat, und daß sonach das ganze Verdienst dieser uralten Tafeln sich auf eine Erdichtung reducirt. LittroM l. 9 Ueber die Denkmäler Denderah's *). ii (Wiener Zeitschr. 1824. No. !>2.) Dieser Gegenstand wird in unsern Tagen, besonders seitdem Se. M. der König von Frankreich daö merkwürdige Monument mit nicht geringen Kosten nach Paris bringen ließ, so viel besprochen, daß eS erlaubt seyn wird, auch in diesen Blättern nach der bereits früher gelieferten Anzeige noch einmal auf denselben zurück zu kommen. *) Erklärung des Bildes. Die hier beigefügte Zeichnung stellt den Zodiakus an der Decke des obern Saales auf der linken Seite des zweiten Vestibüls im Tempel von Denderah vor. Die ganze Masse nimmt einen Raum von 8 Quadratfuß auf einen Fuß Dicke ein. Das Basrelief selbst besteht aus dem Thierkreise, deren Bilder man hier zwischen den 3 ersten concentrischen Kreisen in der noch bei uns gewöhnlichen Folge erblickt. Es enthält aber nebst Liesen Bildern des eigentlichen Thierkreises noch eins große Anzahl anderer, zum Theile astronomischer, zum Theile emblematischer Figuren, die sich wahrscheinlich aus den Cultus der egyptischen Priester beziehen. Das Ganze wird von 12 menschlichen Figuren mit verschlungenen Händen getragen, von welchen hier nur die obersten Theile abgebildet sind- In den 4 Ecken des Quadrats stehen 4 aufrechte, weibliche Gestalten, und zwischen ihnen 4 Gruppen von je 2 männlichen Figuren mit.Sperberköpfen. Wenn man, was dem vielleicht herrschenden Geschmacke und den religiösen Forderungen angehört, wegnimmt, so wird man in der Zeichnung der einzelnen Figuren, so wie in der Anordnung des Ganzen, eine Eleganz und eine Leichtigkeit Denkmäler Dend-erah's H. 131 Bisher haben sich meistens nur Nichtastronomen damit beschäftigt, und da sie ihn besonders in astronomischer Beziehung wichtig machen wollten, so konnte es nicht fehlen, daß eine große Anzahl von Behauptungen aufgestellt wurde, die nur auf sehr losem, lockerem Grunde erbaut waren, und oft noch unter den Händen der Baumeister zusammen stürzten, um anderen nicht weniger gehaltlosen Hypothesen Platz zu machen. Erst in den letzten Zeiten haben nun auch eigentliche Astronomen, Delambre, Biot u. a. ihre Kräfte an dem Monumente versucht, und eS wird vielleicht den Lesern interessant seyn, hier das vorzüglichste über diesen Gegenstand kurz zusammen gestellt zu finden ; eine Arbeit, die ihnen wahrscheinlich nicht so viel Mühe kosten wird, als sie dem Sammler gekostet hat, denn die Schriften, welche bereits für und wieder aufgestellt wurden, sind nahe daran, eine nicht unbeträchtliche Bibliothek zu bilden. bemerken, die man bisher bei den gewöhnlich harten und steifen Productio- nen der egyptischen Sculptur nicht erwarten konnte. Zwischen den 12 menschlichen Figuren des äußersten Umfanges und dem eigentlichen Thierkreise in der Mitte wird man den concentrischen Streifen von Hieroglyphen bemerken. Die nähere Bezeichnung der einzelnen Bilder enthält folgende Nachweisunz. rV ist der Mittelpunkt der ganzen Zeichnung, und zugleich der nördliche Pol des Aequators, v ist der Mittelpunkt des eigentlichen Thierkreises, in welchem letzten s den Widder, b den Stier, c die Zwillinge, S den Krebs, o den Löwen, i den Schützen, k die Jungfrau, Ir den Steinbock, Z die Wage, I den Wassermann, Ii den Scorpion, m die Fische bezeichnet. Ferner ist bei n der kleine Bär, bei g der Radius der Cassio- peia, bei r Orion, bei t Sirius, zu den Füßen des Löwen bei u die Wasser- schlange (Hydra) und bei v der Rabe, bei rv Brotes u. s. f. Die meisten der genannten Figuren haben mit unserer heutigen Darstellung derselben in Beziehung der äußern Form so viel Aehnlichkeit, daß man ihre Identität nicht verkennen kann, die auch durch die Ordnung und Aufeinanderfolge derselben über alle Zweifel erhoben wird. Desto sonderbarer ist es daher, daß mehrere andere Sternbilder, die selbst sehr große Sterne enthalten, gänzlich weggelassen sind. So soll bei o der Schwan, bei p die Cassiopeia, bei x der große Bär stehen, aber davon ist in dem Originale nickts zu sehen, denn die in dem beiliegenden Bilde bei o, p, x. . . . angezeigten Sterne sind in dem Urbilds nicht zu finden, sondern nur von dem Nachzeichne zur besseren Orientirung des Ganzen eingetragen worden. 9 -:- 132 Denkmäler Denderah's II. Es handelt sich aber bei der Erklärung dieses Thierkreiseö von Denderah, sowie das von ESne und anderer ähnlichen, um zwei Dinge. Erstens um die Erklärung und die Bedeutung der großen Menge von abenteuerlichen Figuren, mit welchen diese Denkmäler ganz übersät sind, und zweitens um die Zeit, in welcher sie gemacht worden sind. Das erste gehört in das Gebiet der Archäologie, und zwar in jenes schwierige, wo von der Entzifferung der egyptischen Hieroglyphen die Rede ist. Wir wollen sogleich zu dem zweiten Punkte, der Epoche der Construction jener Monumente übergehen, die wenigstens auf den ersten Blick leichter zu bestimmen scheint, und die auch bisher die Kritiker am meisten beschäftigt hat. Zwar scheint es, als ob die Zeit der Construction eines so alten Monumentes so leicht nicht bestimmt werden wird, da uns aus jener Zeit alle geschichtlichen Hülfsmittel fehlen, die unsere Untersuchungen leiten können. Aber dieses Denkmal hat, als ein astronomisches, daS Eigene, daß cS in sich selbst Kriterien enthalten soll, aus welchen sich die Epoche seiner Entstehung erklären läßt. Die Sache verhält sich nämlich so. Obschon die Fixsterne, wie Jeder weiß, ihren Ort am Himmel im Allgemeinen unverändert, einnehmen, und z.B. die drei oder vier, welche jetzt ein gleichseitiges Dreieck oder ein Quadrat bilden, dieses Dreieck oder dieses Quadrat auch vor zwei und mehr tausend Jahren gebildet haben, und immer bilden werden, so ist doch der Durchschnittspunkt von zwei größten Kreisen des Himmels, der sich jeden Augenblick leicht auffinden läßt, beweglich, und zwar nach einem sehr bekannten Gesetze beweglich. Dieser Punkt ist der, in welchem der Aequator und die Sonnnenbahn sich auf der Seite schneiden, wo die Sonne im Ansänge unseres Frühlings, um den 20. März ist, daher er auch der Frühlings Punkt heißt. Es ist schon lange bekannt, daß dieser Frühlingspunkt, so wie also auch der ihm am Himmel gegenüberstehende Herbstpunkt, in hundert Jahren nahe 1 Grad, 23 Minuten und 36 Secunden rückwärts oder gegen die Ordnung der Himmelszeichen geht. Zur Zeit vor Christi Geburt war der FrühlingSpunkt in dem Gestirn des Widders, und in unseren Tagen ist er in den Fischen, also um volle 25 Grade rückwärts gerückt. Nach neuen zwei Jahrtausenden wird er in den Wassermann, dann in den Steinbock kommen, und so nach und nach in etwa 25,900 Jahren den ganzen Himmel in immerwährender rückgängiger Bewegung durchlaufen. Gesetzt also wir fänden irgendwo in Pompeji oder Denkmäler Denderah's N. 133 Hercnlanum, in Egppten oder in Indien einen uralten Globus oder irgend eine Art von Himmelskarte, auf welcher jener Frühlingspunkt weder wie jetzt in den Fischen, noch wie zur Zeit der Geburt Christi in dem Widder, sondern wo er z. B. durch das Gestirn des Regu- lus, im Herz deö großen Löwen ginge, so würde man daraus das Alter dieses Monumentes mit großer Verläßlichkeit bestimmen können. Da nehmlich Regulus von dem gegenwärtigen Punkte der FrühlingS- Nachtgleiche volle 150 Grade absteht, und da jener Punkt 100 Jahre braucht, um 1 Grad, 23 Minuten, 36 Sekunden zurückzulegen, so brauchte er 10,790 Jahre, um vom ReguluS bis dahin zu kommen, wo er jetzt ist, oder daö Alter unseres Monumentes ist 10,790 Jahre, vorausgesetzt, däß er erstens das, was wir auf der alten Zeichnung für den FrühlingSpunkt halten, der FrühlingSpunkt anch wirklich ist, und zweitens, daß damals, als die Zeichnung gemacht wurde, sie auch als eine getreue Copie deS Himmels, und nicht etwa als eine bloße leere Spekulation der spielenden Phantasie zu betrachten war. Eine solche Himmelskarte ist nun auch unser Thierkreis, der auf dem Plafond deS berühmten Tempels zu Denderah gefunden wurde, und von welchem hier die Leser eine zwar sehr verkleinerte, aber getreue Zeichnung erhalten. Wer von ihnen mit unseren neueren Himmelskarten auch nur etwas bekannt ist, wird nicht verkennen, daß daS Vorliegende auch eine solche Himmelskarte sein soll, und er wird gleich auf den ersten Blick große Aehnlichkeiten zwischen dem neuen und diesem alten Bilde des Himmels auffinden. So sind gar nicht zu verkennen auf der linken Seite die Jungfrau, die bei uns eine Aehre, und dort ein LotcSblatt trägt; über ihr die Wage mit ihren beiden Schalen, und dann in der Ordnung weiter der Scorpion, der Schütze, der Steinbock, so wie unten der Löwe, der Krebs, die Zwillinge, der Stier u. s. w. Diese Aehnlichkeiten bemerkt man, wie gesagt, auf den ersten Blick. Allein wenn man das Bild bald darauf etwas genauer betrachtet, so findet man wieder mehrere Unähnlichkeiten. So steht in dem Monumente der Krebs über dem Löwen, da er doch zwischen dem Löwen und den Zwillingen stehen soll; so steht Arktur neben der Jungfrau, da er doch weit über ihr stehen soll u. dgl. Vergleicht man ferner die Distanzen der größten Sterne untereinander, so findet man beinahe keine Ähnlichkeit mehr mit denen, welche diese Sterne jetzt am Himmel haben, und die sie doch nach dem Vorhergehenden nahe immer gehabt haben müssen; mehrere der größten und schönsten Fixsterne sind 134 Denkmäler Denderah's H. gar nicht da, wie z. B die Leyer, der Schwan, der Adler, Cassio- ' peia, die Ziege, OphiuchuS u. s. f., welche in dem Monumente seh- z lende Gestirne in der beiliegenden Zeichnung von dem Kupferstecher § auf dem Orte eingetragen wurden, wo sie stehen sollten, und wo man ' in dem alten Thierkreise nichts als leere Plätze findet. Bemerkungen ! dieser Art häufen sich, je länger man diesen Thierkreis mit den neueren Sternkarten vergleicht, und das Resultat, welches sich aus dieser fortgesetzten Vergleichung ergibt, und sich unö immer mehr und mehr aufdringt, ist: „daß dieses alte Denkmal zwar an und für sich durch sein Alterthum sehr schätzcnswerth seyn mag, daß es aber lange nicht die astronomische Wichtigkeit habe, die ihm mehrere Nicht- astronomcn geben wollten; daß es nicht', wie diese Herren glaubten, i eine getreue Darstellung, eine richtige geometrische Projection deS ! Himmels zu jener Zeit, sondern ein unvollkommenes, nicht wissen- i schaftliches Bild desselben sey, bei dessen Entwerfung durch alte egyp- ! tische Priester nicht sowohl astronomische als kirchliche Rücksichten vor- geherrscht haben." Wenn einmal nach Jahrtausenden vielleicht die deutsche Sprache auch nur mehr so, wie jetzt die griechische, in den Schulen gelehrt werden wird, und einer jener künftigen gelehrten Archäologen durch einen glücklichen Zufall eines unserer Bücher des vorigen Jahrhunderts, das, ohne zu wissen wie, der allgemeinen Zerstörung und dem alles verwüstenden Zahn der Zeit entging, auffinden, und mit seinen philosophischen Argusaugen bemerken wird, daß da jedes dritte Wort latein gedruckt ist, daß darin die Kunst, Gold.zu machen, oder die aus den Gestirnen das Schicksal einzelner Menschen und ganzer Reiche vorherzusagen gelehrt wird u. s. w., welche herrlichen Folgerungen wird sein Scharfsinn nicht aus allen diesen glücklichen Entdeckungen ziehen! Daß das Buch ohne Zweifel zu jenen Zeiten geschrieben wurde, wo ein Cäsar, ein Germaniens, ein Varus die alten Deutschen mit Krieg überzog, und mit den römischen Sitten ihnen auch die römische Sprache einzuimpfen begann, daß damals schon die alten Germanen einen hohen Grad wissenschaftlicher Kultur besessen haben, die Buchdruckerci kannten, denn wie hätten sie sonst drucken können, daß sie Dünger in Gold und umgekehrt verwandeln, daß sie von einem höheren Lichte erleuchtet, in die Zukuft sehen und das Schicksal der Menschen in den Gestirnen lesen konnten, und daß cS ewig Jammerschade ist, daß alle diese vortrefflichen Dinge zu Grunde gegangen und bis auf die letzte Spur verschwunden sind. Denkmäler Denderah's II. 135 In der That mag es auch oft sehr schwer seyn, da zu erklären, wo nichts zu erklären ist, und wo es an allen Anhaltspunkten mangelt. Man erinnert sich vielleicht noch an den berühmten Grabstein, der in der Umgebung von Haleb (Aleppo) vor etwa 20 Jahren gesunden wurde und dessen Aufschrift aller Bemühungen der Philologen ungeachtet ungelesen blieb, obschon man das lluo similo davon beinahe an alle Universitäten Europas geschickt hatte. Der berühmte Sylvester de Sassy in Paris glaubte endlich, nach vielen vergeblichen Bemühungen, diese Aufschrift enträthselt zu haben, und gab davon folgende Uebersetzung, deren Richtigkeit er durch viele und ohne Zweifel sehr gelehrte Bemerkungen bewies: „Allah ist der alleinige Gott, und Mohamed ist sein Prophet, der unö segnen und erhalten wolle." Allein der nicht minder berühmte Philolog Tychsen in Rostock hielt diese Uebersetzung nicht für richtig und bewies, ebenfalls durch sehr gelehrte Noten, daß das Original, Wort für Wort, so laute: „Das Feuer ist das schrecklichste aller Elemente; Mohamed, der geliebte Prophet Allahs, möge uns segnen und davor bewahren." Herr Frähn, Professor der orientalischen Sprachen in Kasan, und setzt Direktor des asiatischen Museums in Petersburg, der mir eine Copie jener Inschrift zeigte und dem ich diese Anekdote nacherzähle, war der Ueberzeugung, daß alle beide vorhergehenden Versionen falsch wären, und bewies durch viele andere und ohne Zweifel ebenfalls sehr scharfsinnige Bemerkungen und Randglossen, daß die getreue und einzig wahre Version folgende sey: „Abdallah war der Freund Gottes und MohamedS, der hat ihn gesegnet und immerdar erhalten m seinen Kindern." Es thut mir leid, nicht erfahren zu haben, wer noch weiter an die Uebersetzung dieses ohne Zweifel sehr kostbaren Monumentes sich gewagt hat, aber nach dem Vorhergehenden ist beinahe nicht zu zweifeln, daß es noch einige Dutzend solcher Uebertragungen geben mag, von denen jede mit der andern nichts gemein hat. Da mir aber diese weiteren Nachrichten von kufischcn Inschriften fehlen, so mag eö mir erlaubt seyn, hier noch einer anderen neueren römischen Aufschrift zu erwähnen, die vor etwa fünf Jahren in einer ungarischen Zeitung erschienen ist, und den Philologen einige Tage 136 Denkmäler Denderah'S N. gar arges Kopfweh machte. Bei Peterwardein, hieß eS, wo bekanntlich noch viele römische Alterthümer gefunden werden, wurde bei dem t Graben eines Brunnens ein kleiner römischer Tempel entdeckt, der in dem schönsten Style erbaut und beinahe vollkommen erhalten war. Nach der umständlichen Beschreibung des Innern desselben, soviel man durch Ausgrabungen bereits entdeckt hatte, wurde auch die sehr leserliche Aufschrift über dem Haupteingange getreu copirt und auf folgende Art mitgetheilt: 6. I. 6M8. ^8. IckllM. ^V8l' : Lk : ä : 6 : 8. 8^V : Lk : 606 : V : N : v. 6V : 6.4K8. Nachdem mehrere der dortigen scharfsinnigen Philologen ihre Zähne daran versucht hatten, und auch einer davon eine wahrscheinlich sehr gelehrte Uebersetzung herausgebracht hatte, die ich aber nicht behalten konnte, weil ich keinen Zusammenhang mit jener Aufschrift darin fand, wurde die folgende Woche die ganze Anekdote als die Erfindung eines müßigen Kopses wieder zurückgenommen, und die Sache dahin erklärt, daß die ganze Aufschrift eigentlich in deutscher Sprache nur etwas unortographisch geschrieben sey. Eö wird nach dieser Bemerkung keinem deutschen Leser mehr schwer fallen, das Räthsel auch ohne viele philologische und antiquarische Kenntnisse zu entziffern, besonders wenn sie bemerken wollen, daß die Silben, welche durch einen doppelten Punkt getrennt sind, zusammengehören und ein einziges Wort bilden. An ähnlichen Verirrungen also, daß wir wieder zu unserm Gegenstände zurückkehren, hat eS auch bei den Erklärungen unseres berühmten Thierkreises zu Deuderah nicht gefehlt und es scheint, als hätten wir noch einige derselben zu erwarten, bis man endlich der ewigen DiScussionen müde zu dem Resultate gelangen wird, was wir schon setzt oben auSzusprechen unö erkühnt haben, daß das Ganze der Mühe, die man daraus verwendet, wenigstens in astronomischer Hinsicht nicht werth sey. Indessen ist die Sache an der Tagesordnung, und sie wird in allen gelehrten nnd ungelehrten Zirkeln so viel besprochen, daß eine j kurze Erwähnung der Hauptmomente in diesen Blättern vielleicht man- i chem zur gelegenen Zeit erscheint. Die Hauptfrage, um die sich alles dreht, ist, wie gesagt, das ^ Alter dieses Thierkreises, und dieses läßt sich nach dem Vorhergehenden Denkmäler Denderah's H. 137 nur durch die Lage der Nachtgleichenpunkte, oder, was dasselbe ist, durch die Lage der Solstitien in jener Zeichnung bestimmen. Allein wo sind jene Punkte in dem Thierkreise? — Hier theilen sich die Wege, und es gibt nun, nach dem bekannten Sprichwort, so viel Köpfe als Sinne. Die einen finden diesen Frühlingspunkt im Stier, die andern in den Zwillingen, die dritten im Krebs u. s. w. Nach den ersten ist er vier, nach den andern sechs, nach den dritten acht Jahrtausende alt, und eS fehlt auch nicht an Leuten, denen diese Zahlen noch viel zu klein dünken, und die uns durch sehr speciöse Behauptungen glauben machen mochten, daß eS vor 20 und mehr tausend Jahren Völker auf der Erde gegeben habe, gegen deren wissenschaftliche Kultur jene der Griechen und Römer und unsere gegenwärtige nur wie Kinderfhiele erscheinen. Jener Frühlingspunkt ist, wie Jeder sieht, der sich die Mühe nehmen will, die beiliegende Zeichnung näher zu betrachten, in dem Thierkrcise von Denderah nirgends auch nur mit einiger Verläßlichkeit zu finden, und was man sich auch für Müh? gegeben hat, ihn zu suchen, man hat ihn, und also auch das eigentliche Alter des Monumentes, noch immer nicht gefunden. Nachdem in den letzten Jahren mehrere Nichtastronomen sich daran müde geschwätzt hatten, siel eö nun endlich auch einem Manne bei, seine Kräfte daran zu versuchen, einem Manne, der sich schon früher durch seine physischen und astronomischen Kenntnisse rühmlichst ausgezeichnet hatte und der eine seltene Gewandtheit besitzt, die Operationen der Analyse auf jene Gegenstände anzuwenden. Biot griff, wie eS von ihm zu erwarten war, den Gegenstand auf eine neue sinnreiche Weise an, indem er nicht sowohl den Frühlingspunkt, der nun einmal nicht gesunden werden konnte, sondern indem er den Nordpol des Thierkreises suchte, der sich in der Zeichnung viel leichter bestimmen ließ, und indem er die Distanz desselben von drei anderen größeren Fixsternen näher prüfte und sie mit einer Projection des Himmels verglich, die er mit großer Sorgfalt für die muthmaßliche Zeit der Entstehung jenes Monumentes entworfen hatte. Mit Hülfe dieser Betrachtungen fand Biot, daß dieser Thierkreis um daS Jahr 716 vor Christi Geburt verfertigt sey, daß er also jetzt 2539 Jahre alt seyn müsse. Als ein gewandter Mathematiker wendet er dann aus dieses von ihm gefundene Resultat die sogenannte ProbabilitätS-Rechnung an (eine Art von philosophischer Analysis, die, wie man sie jetzt zu brauchen oder besser zu mißbrauchen ansängt, in alle Sattel gerecht ist) und findet zu seiner eigenen nicht 138 Denkmäler Denderah's II. geringen Freude, lwar Iiim, daß man mehrere hundert Millionen gegen eine für die Richtigkeit seines Resultats wetten kann. Das war denn sür einen Mathematiker ein bischen gar zu arg, da wir einen solchen Grad der Gewißheit leider bei fast keiner menschlichen Wahrheit ausweisen können, obschon die meisten derselben unö viel mehr interessiren, unser Wohl und Weh viel näher angehen, als alle egyptischen Thierkreise zusammen genommen. Auch hat es, wie man erwarten konnte, nicht an Leuten gefehlt, die so auffallenden Behauptungen sich kühn entgegenzustellen wagten, und die, wenn sie gleich nicht mit der Analysis des Unendlichen und der sublimen Theorie der Probabilitätö-Rechnung ausgerüstet waren, jene Behauptungen aus anderen, nicht minder triftigen und mehr verständlichen Gründen, auf ihren wahren Gehalt zurückführten, und dcknit wieder einen Beweis von dem schon so oft bewährten Erfahrungssatze gaben: daß gelehrte Schulkenntniß und bloßes Studiren allein nicht immer genüge, und daß man endlich sich selbst in den Irrthum so tief hineinstudiren könne, daß Erlösung daraus nur wieder von dem gesunden schlichte» Menschenverstände zu hoffen ist. Wer von den Lesern Lust hat, diesen Streit, und die Für und Wider, die man auf die Bühne gebracht hat, näher kennen zu lernen, mag die Akten der Pariser ^vuäkmis äos insoriplions et bvllss lettros vom August 1822 nachsehen, so wie die Memoiren der ^esäsmio üss soisncsZ vom Juli desselben Jahres, wo Bist, Jomard, Champoillon u. A. den Kampfplatz betreten und sich gar weidlich herumtummeln. Ist jener Thierkreis in der That in der Absicht verfertigt worden, den damaligen Zustand des Himmels, und die Stellung der Nachtgleichen und Solstiticu zu zeigen, oder soll er nur überhaupt den gestirnten Himmel, ohne Ansprüche auf mathematische Genauigkeit und auf irgend einen wahrhaft astronomischen Endzweck darstellen? Herrschte bei der Entwcrfung desselben eine rein wissenschaftliche, oder eine bloß kirchliche Idee vor, die sich auf den Kultus und die verworrenen, abergläubischen Dogmen der alten egyptischen Priester gründete? Sind diese Figuren, welche ohne Zweifel Sterngruppen vorstellen sollen, die wahren Sternbilder, oder nur die sogenannten Zeichen des Himmels in der Bedeutung, wie diese beiden Dinge noch jetzt von den Astronomen unterschieden werden? Bezieht sich die Theilung des Thicrkreises durch den Streifen, der von Norden nach Süden durch däS ganze Bild läuft, wirklich auf die Aequinoctial- punkte, oder vielleicht nur auf eine andere, viel kleinere Periode, » Denkmäler Denderah's II. 139 etwa aus die Epoche, wo eines der vielen heiligen Jahre der Egypter anfing? Und selbst, wenn auch geometrisch scharf bewiesen werden könnte, wovon wir aber noch sehr weit entfernt sind, daß dieser Thierkreis durch seine inneren nicht zu verkennenden Kennzeichen irgend « eine nahe oder ferne Epoche bezeichnete, wer sagt uns, ob diese Epoche zugleich die Epoche der Erbauung des Tempels, ob sie nicht eben so gut bloß eine Erinnerung an eine frühere Zeit andeuten sollte, die vielleicht für die Egypter gar nicht eristirt hat, mit welcher sie aber, auf ihr vermeintes hohes Alterthum stolz, nach der Sitte aller morgenländischen Völker Staat zu machen suchten? Wenn diese egyptischen Priester schon vor zehn- und zwanzig- tausend Jahren die Präcession so genau kannten, warum mußte sie denn Hipparch, der doch in Egypten war, erst 150 Jahre vor Christi so mühsam entdecken? Warum nahm dieser größte Astronom des Alterthums die Präcession nicht aus den Registern der egyptischen Beobachtungen, oder von den Plafonds ihrer Tempel, sondern aus den nur 150 Jahre älteren Beobachtungen Aristiüs und des Timocharis? Doch wohl, weil die Egypter selbst sie nicht kannten, und weil man von dem nichts nehmen kann, der selbst nichts hat. Die in unserm früheren Aufsätze bemerkte Bestimmung der Länge des Jahres durch die Egypter ist so fehlerhaft, daß, wenn wir sie nur 700 Jahre durch beibehalten wollte», schon die größte Hitze des Sommers in die Mitte unseres Dezembers, und die größte Kälte in dre Mitte unseres Juni fallen würde. Wer sich die Mühe nehmen will, die Bruchstücke der historischen Annalen der Egyptier anzusehen, die im TimäuS und Crito des Plato und im Herodot vorkommen, so wie sie dem Herodot selbst, und ein Jahrhundert früher dem Solon von den Priestern mitgetheilt wurden, wird ihre gehaltlose, mährchenhaste Natur sogleich erkennen. Diese Annalen umschließen einen Zeitraum von 17,000 Jahren, in welchem sie von göttlichen, und einen andern Zeitraum von 15,000 Jahren, in welchem sie von menschlichen Königen regiert worden seyn sollen. Unter diesen Königen hatte der eine zwei Köpfe, der andere vier Arme, der dritte war Mann und Weib zugleich, der vierte keines von beiden u. s. w. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Egyptier eigentlich gar keine Geschichte ihrer früheren Zeit, nicht einmal zusammenhängende Erdichtungen besessen haben, wie doch die Jndier und andere Völker ausweisen können, weil in jenen sich beinahe alles widerspricht; daß ihnen 140 Denkmäler Denderah's II. also nur einige verworrene Erinnerungen übrig geblieben waren, welche sich durch ihre hieroglyphischen Darstellungen für die Nachfolger noch mehr entstellten, und bald ganz unkenntlich machten. Schon zwei Jahrhunderte v. Chr. wollte PtolomäuS Philadelphuö, ein Fürst aus fremdem Geblüte, die Geschichte EgyptenS kennen lernen, dessen Thron er inne hatte, und trug daher dem Priester Mannthon auf, sie zu schreiben. Dieses Werk ist unS, wenigstens zum Theil erhalten worden. Es ist voll des abenteuerlichsten Unsinns und der Verfasser bekennt selbst, daß er den Inhalt desselben nicht anö älteren Geschicht- büchcrn der Egpptier, deren wahrscheinlich keine da waren, sondern von den Säulen genommen habe, die noch vor der großen Fluth von Thoth in dem seriadischen Lande errichtet worden waren. Wenn man aber auch noch so gefällig annehmen wollte, daß der ThierkreiS von Dcnderah auS den von den Gegnern angeführten Gründen in der That daS Alter haben soll, welches sie ihm beilegen, 0» welchen Angaben diese Herren aber selbst, im Vorbeigehen zu sagen, mehrere Jahrtausende unter einander verschieden sind), so muß man dann auch aus denselben Gründen zugeben, daß der andere ThierkreiS von Esne wenigstens 3000 Jahre älter ist, als jener. Allein beide Kunstwerke sind in Beziehung auf ihre Gestalt und Ausführung wieder einander so ähnlich, daß Niemand, der mit der Entwicklung der Kunstgeschichte auch nur etwas bekannt ist, annehmen kann, daß die bildende Kunst jenes Landes volle drei Jahrtausende genau auf derselben Stufe ihrer Vervollkommnung stille gestanden hat. Wenn man alles Vorhergehende zusammen betrachtet, so gewinnt der Schluß immer mehr Wahrscheinlichkeit, „daß in jenem Monumente selbst nichts ist, woraus man mit Verläßlichkeit aus das hohe Alter desselben schließen kann." — Es gibt aber noch einige nicht aus dem Innern des Kunstwerks hergenommene, aber deßwegen nicht minder wichtige Gründe, auS welchen folgt, daß die Epoche der Erbauung jener egyptischen Tempel keineswegs so alt ist, als man uns gern glauben machen möchte, sondern daß sie einer neueren Epoche angehört, die höchst wahrscheinlich nicht vor Alexander dem Großen fällt. Ueberhaupt geben die über diesen Gegenstand bereits gelieferten Schriften, von denen viele durch die leidenschaftliche Art, mit welcher sie absprechen, zu der polemischen Gattung gehören, einen neuen Beweis von dem alten Satze, daß die größere Zahl der Menschen sich besser in dem Reiche der Phantasie als in dem der ruhigen Ueber- Denkmäler Dendeirah's II. 141 legung befindet, und daß sie, einmal dort angekommen, sich nicht leicht bewegen lassen, dieses ihren Augen wohlgefällige Helldunkel mit dem klaren Lichte zu verwechseln, welches fie nur blendet, ohne sie zu unterhalten. Die französischen Gelehrten brachten in der Stellung der Sternbilder eine Spirallinie heraus, und so viel sie sich auch auf diese Entdeckung zu Gute thaten, ein gesundes, vorurtheilfreieö Auge , wird von dieser Spirale auch nicht eine Spur bemerken. (Man sehe die anliegende getreue Zeichnung.) An der Spitze dieser Spirale stand der Löwe, wovon in der Zeichnung wieder nichts Bestimmtes zu sehen ist. Aus dieser Voraussetzung wurde dann abgeleitet, daß diese Stellung des Löwen an der Spitze der Spirale auf die Lage des Solstitiumö deute. Allein diese Folgerung ist wieder willkührlich, und sie wird um nichts schwächer oder stärker, wenn man auch statt der Solstitien die Aequinoctien, oder sonst irgend einen anderen Punkt des Himmels selbst dafür setzt. Da nun auf diese Weise das Sol- stitium gesunden seyn mußte, so wurde weiter daraus geschloffen, daß daS Monument selbst dadurch die Zeit seiner Entstehung andeuten soll, wozu wieder, wie aus dem Vorhergehenden klar ist, ganz und gar kein hinreichender Grund vorliegt. So ein luftiges Gebäude auf so lockerem Grunde aufgeführt, konnte die Köpfe der Gelehrten in einem solchen Grade einnehmen, daß sie darüber einen beinahe allgemeinen Krieg begannen, der sich nach und nach der ganzen Gelehrten-Republik mittheilte. Ich glaube in dem Vorhergehenden deutlich gezeigt zu haben, daß der eigentlich astronomische Gehalt des Kunstwerks bei weitem nicht hinreiche, das hohe Alter zu beweisen, welches man ihm so gern gegeben hätte. Es ist daher nur noch übrig, den Gegenstand auch noch von einer andern Seite zu beleuchten, und zu sehen, was wir dadurch für oder gegen daS Alter des Monuments zu erwarten haben. Das Pronaon (der Vorhof) des Tempels trägt bekanntlich eine griechische Aufschrist, in welcher des römischen Kaisers TiberiuS erwähnt wird. Wenn man auch daraus nicht mit geometrischer Schärfe folgern kann, daß der Tempel selbst zur Zeit Tibers erbaut wurde, so folgt doch unwibersprechlich aus der Ausschrift selbst, daß der Tempel damals noch zu religiösem Gebräuche und zu öffentlichen Versammlungen diente, und daher wohl nicht bereits mehrere tausend Jahre alt seyn konnte. Ueberall nemlich, wo wir unbestreitbare Werke der Baukunst aus der grauen Vorzeit antreffen, finden wir den Fuß derselben tief 142 Denkmäler Denderah's II. unter dem natürlichen Boden. Man erinnere sich der römischen Denkmäler dieser Art, deren Alter, durch sichere Geschichte geleitet, noch nicht zwei Jahrtausende erreicht, und die gegen jene als modern zu betrachten sind. Als die berühmte Via Flaminia entdeckt wurde, fand man sie mit einer achtzehn Fuß hohen Erddecke begraben. Die Tempel von ESne, von denen griechische Inschriften uns lehren, daß sie zu den Zeiten der Ptolomäer noch im Gebrauch waren, bedeckt ein Sandberg, der bis an den Earnies reicht, und selbst das alte Pflaster der Notre-Dame-Kirche zu Paris wurde mehrere Fuß unter dem gegenwärtigen Boden derselben gefunden. Wenn nun schon einige Jahrhunderte hinreichten, ältere Bauwerke beinahe bis zur Unkenntlichkeit derselben unter der Erde zu begraben, wie tief müßten jene viele Jahrtausende alten Gebäude unter dem gegenwärtigen äußeren Boden gefunden worden seyn, besonders in einem Lande, wie Egypten, wo die Sanddecke, welche den größten Theil des Landes überzieht, so leicht beweglich ist, daß sie ganze Caravanen in wenigen Minuten bedeckt, und wo die häufige Schlammanseßung des jährlich auStre- tenden Nils nicht anders als sehr nachtheilig auf die Erhaltung öffentlicher Gebäude wirken muß. Allein man hat den Tempel zu Dcn- derah an seinen untersten Theilen nur sehr mäßig mit Erde bedeckt * gesunden! Wenn die alten Egyptier diesen Tempeck vor dreißig, vierzig und mehr Jahrhunderten gebaut hätten, so würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach eben so wenig mehr über der Erde erblicken, als man von den Ruinen von Memphis, Babylon, Carthago und anderen großen Städten sehen kann, von denen wir nicht einmal die Stelle zu erkennen vermögen, wo sie gestanden sind. Aus den Büchern des MoseS entnehmen wir, daß die Juden während ihrer Gefangenschaft in Egypten im sechSzehnten Jahrhunderte vor Christo nicht zur Herbeischaffung der ungeheuren Steinmaffen, aus welchen die Pyramiden, die Obelisken, und die großen Tempel jenes Landes bestehen, sondern daß sie bloß zur Bereitung von kleineren Backsteinen gebraucht wurden. Wenn damals schon jene Gebäude hätten errichtet werden sollen, so würde man die jüdischen Sklaven gewiß auch zur Bereitung jener Steinmaffen gebraucht haben, woraus zu folgen scheint, daß die egyptische Kunst im sechSzehnten Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung noch in ihrer Wiege lag, und daß die Entstehung aller jener großen und bewunderungswürdigen Werke ihrer Architektur nach dieser Periode fällt. Ferner spricht der Zustand der Erhaltung des Tempels zu Den- Denkmäler Denderah's II. 143 derah selbst für sein geringeres Alter. An keinem Theile desselben, selbst nicht an den äußeren, den Unbilden der Witterung ausgesetzten, bemerkt man solche Zerstörungen, wie sie der Zahn der Zeit bei allen andern Werken dieser Art schon in einem, wie erst in so vielen Jahrtausenden, zu verursachen pflegt. Die häufigen Uebcrschwemmungen des Nileö, wenn sie auch das Gebäude nicht selbst unter Wasser setzten, durchwühlten doch den Boden, der die Feuchtigkeit aufnimmt und fortführt, der dann aufschwillt, und bei der wiederkehrenden Hitze und Trockenheit wieder einsinkt und bricht, so daß bei den jährlich wiederkommenden Einwirkungen dieser Art an die unantastbare Erhaltung eines Gebäudes durch eine Reihe von mehreren Jahrtausenden kaum gedacht werden kann. — Es ist eine durch die Geschichte bewährte Bemerkung, daß unter den Ptolomäern sowohl als unter dem römischen Kaiser viele Tempel und öffentliche Denkmäler in Egypten, und zwar in dem Style dieses Landes errichtet, und mit Hieroglyphen aller Art verziert wurden. Davon zeugen mehrere unbestreitbare Inschriften dieser Gebäude, und die Nachrichten der Geschichtschreiber jener Zeiten. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß die meisten jener Denkmäler, die wir noch so gut erhalten sehen, auch dieser neueren Periode angehören, um so mehr, da von den eigentlich alten Tempeln des Landes wohl nur sehr wenige der allgemeinen fanatischen Zerstörung entgangen seyn mögen, durch welche sich die grausenvolle Eroberung Egyptenö unter Kambyses ausgezeichnet hatte, in welcher die Perser, die alle bildlichen Darstellungen der Gottheit als einen Gräuel betrachteten, alles vernichteten, was mit diesen Darstellungen in irgend einem Zusammenhange stand, während im Gegentheile die Griechen sowohl, als die Römer, eS sich angelegen seyn ließen, die Gottheiten der fremden unterjochten Nationen in ihre eigenen Tempel aufzunehmen, und ihnen in dem eigenen, also noch vielmehr in dem fremden Lande Tempel und Altäre zu erbauen. Endlich steht diese bloße Hypothese von dem hohen Alterthume der egyptischcn Cultur mit allem in geradem Widersprüche, was wir Verläßliches über Menschengeschichte überhaupt wissen. ES ist keinem Zweifel unterworfen, daß Egypten zur Zeit des Moses schon einen bedeutenden Grad wissenschaftlicher Cultur erworben, und sich dadurch vor den Nachbarvölkern ausgezeichnet hatte. Ein solcher Zustand bleibt nie ohne Einwirkung auf die umgebenden Länder, und in der That sehen wir um dieselbe Zeit Strahlen von dort ausgehen, die 144 Denkmäler Denderah's v. Europa erleuchten. Die Hauptwirkung ging nach Griechenland, von wo sich dann der Segen der Cultur in reichen Strömen üter die Nachbarvölker ergoß. Welches Aehnliche hat aber jene Zeit auszuweisen, die nrch der Annahme unserer Phantasiereichen Gegner gegen dreißig und vierzig Jahrhunderte von jener Mosaischen Epoche zurückliegt, in welcher die Egpptier bereits so erstaunungswürdige Fortschritte in der Cultur jeder Art gemacht haben sollen? — Diese Cultur blieb ohne alle Folgen sür sie selbst und für das Ausland und wir bemerken bei keinem einzigen Nachbarstaate auch nur die geringste Spur einer Einwirkung derselben. Kein Eroberer, kein Neugieriger, kein Kaufmann entrinnt ihnen, um daö Licht Egyptens in die übrige Welt zu bringe», und so bleibt alles während einer Reihe von Jahrtausenden in eine» engen Kreis verschlossen, eine Erscheinung, die allen unseren Erfahrungen in der Geschichte der Menschheit widerspricht. Wenn daher auch die Beweise, welche unsere Gegner für das hohe Alter jenes Monuments anführen, eben so bündig wären, alö sie eS in der That nicht sind, so würden sie doch ganz allein und isolirt, außer aller Verbindung mit den übrigen Kenntnissen von der menschlichen Cultur, dastehen, und schon dadurch vor dem Richterstuhle einer nüchternen Kritik als nichts beweisend zurückgewiesen werden. Die wahre und verläßliche Geschichte der Menschheit, ihre positiven Denkmäler über die ersten Niederlassungen der Völker und endlich alle natürlichen Ueberbleibsel der Vorzeit vereinigen sich dahin, zu zeigen, daß, man kann vielleicht nicht sagen, seit der uranfänglichen Entstehung, aber wenigstens „daß seit der letzten Katastrophe, durch welche die Erde die gegenwärtige Gestalt erhalten hat, nur erst fünf oder sechs Jahrtausende verflossen sind, und daß es daher am gerathensten ist, sich an die Geologie zu halten, welche uns die Genesis mittheilt, das älteste schriftliche Denkmal der Vorzeit, in welchem zusammenhängende historische Facta erzählt werden, während die Puranas der Jndier, und der Schucking der Chinesen, selbst wenn sie, waS noch zu erweisen ist, älter waren, nichts als abgerissene Bruchstücke und abgeschmackte Mährchen darbiethen." Die natürlichen Denkmäler unserer Erde hat nur vor einigen Jahren der vortreffliche Cuvier im Zusammenhange betrachtet, und in seinem klassischen Werke, koclierokes sur les osssmsim lo8iils8, auf eine Weise behandelt, die wenig mehr zu wünschen übrig läßt. Daö Resultat, auf welches ihn seine Untersuchungen führten, ist daS» Denkmäler Denderah's II. 145 selbe, welches wir oben angezeigt haben. Zwar hat eS auch hier nicht an Schriftstellern gefehlt, die aus denselben Gegenständen, welche Cuvier betrachtet, ganz andere abnorme und abenteuerliche Resultate zu ziehen wußten. Aber wo fehlt es an solchen Versuchen? Hier mag eS zum Schlüsse dieses Aufsatzes genügen, nur den letzten Versuch dieser Art, der mir bekannt geworden ist, mitzutheilen. Einer unserer größten Geologen, dessen Namen wir hier, um ihm nicht nahe zu treten, verschweigen wollen, bewies erst kürzlich, daß unsere Erde, so wie sie setzt ist, wenigstens ein Alter von 40,000 Jahren haben müsse, und den Beweis holt er aus den Bergwerken der Insel Elba her, wo man an dem Schütte, den Halden u. s. w., denselben deutlich und unwidersprechlich sehen könne. So wahr hat der alte Tullius schon vor 2000 Jahren gesagt, daß doch nichts so albern ist, waö nicht schon einer unserer Philosophen behauptet hätte. Littrow l. 10 Unrichtigkeit der christlichen Zeitrechnung. (Suttgarter Morgenblalt 183V I.) Aaß unsere christliche Zeitrechnung, die mit der Geburt des Erlösers anfangen soll, von dem Abte Dionysius, der im sechsten Jahrhundert nach Christus lebte, eingeführt nnd später von allen christlichen Böllern angenommen worden ist, und daß diese Zeitrechnung, wenn sie in der That mit dem Geburtsjahre Christi anfangen soll, dieses um mehrere Jahre zu spät ansetzt, ist eine jetzt beinahe allgemein bekannte Sache. Schon der berühmte KirchengeschichtSschreiber Baronius suchte zu zeigen, daß wir um zwei Jahre zu wenig zählen. Diese zwei Jahre wurden lange als der wahre und einzige Fehler unserer Acre betrachtet, bis endlich Susliga, ein Pole, mit neuen aber eben nicht sehr triftigen Gründen zu zeigen sich bemühte, daß wir nicht zwei, sondern eigentlich volle vier Jahre, zu wenig zählen. Durch die Schrift Susliga's wurde der große Kepler auf den Gegenstand aufmerksam gemacht, und er unterwarf ihn einer besondern Untersuchung, deren Resultate er zuerst in seiner Schrift: äe I. Lkristi vsro unno nuIMio. Franks. 1606 bekannt gemacht hat. Keplers Meinung geht dahin, daß wir in unserer Zeitrechnung fünf Jahre zu wenig zählen, und daß wir daher z. B. in dem gegenwärtigen 1830. Jahre eigentlich 1835 schreiben sollten. Wir werden die Gründe, welche nach den neuesten Untersuchungen, besonders von Sanclementi und Jdeler, uns zeigen, daß wir volle sieben Jahre zu wenig zählen, und daher jetzt 1837 schreiben sollten, später anführen, und wollen zuerst sehen, wie der Gebrauch dieser Christliche Zeitrechnung. 147 Dionysischen Aere sich unter den christlichen Völkern weiter verbreitet hat. Ohne der vielleicht willkürlichen Art zu datiren, bei einigen der früheren weltlichen Regenten, zn erwähnen, bemerken wir zuerst, daß die Akten der Kirchcnversammlung zu Augsburg vom Jahre 742, so wie die der zwei noch früheren Kirchenversammlungen Saissons bereits auf diese Weise bezeichnet worden sind. Der erste Regent, der sich ihrer im Jahr 783 konstant und öffentlich bediente, ist Karl der Große. In den päpstlichen Bullen kam sie Anfangs nur sparsam vor, und noch im Jahre 1098 unterschied Urban II. diese Dionysische Zeitrechnung von der nach dem Evangelium gebildeten, welche letzte er um 23 Jahr mehr, also jenes Jahr zu 1121 angesetzt, welche neue Zeitrechnung wohl keine hinreichenden Gründe für sich hat. Der erste Papst, der die Dionysische Zeitrechnung in seinen öffentlichen Verhandlungen brauchte, und sie dadurch für seine Nachfolger allgemein einführte, war Eugen IV. im Jahre 1421. HarduinS Behauptung, daß sie schon im Anfange des 5. Jahrhunderts in der ganzen Christenheit allgemein gebräuchlich gewesen, hat nichts für sich, da man durchaus keine Spur derselben in den sotis msrtzrum, in den Verhandlungen der Concilien, oder auf den christlichen Grabschrifren jenes Jahrhunderts findet, in welchem vielmehr die Zeit immer nur auf die, bei den Römern übliche Art nach Konsular- und Kaiserjahren angegeben wurde. Die gewöhnlichste Form, unter welcher diese Aere in den älteren Schriften vorkam, ist die sd anno inoarnstioE, mit welchem Aus- drucke bald die Verkündigung Maria, bald die Geburt Christi verstanden wird. Petavius hat in seinem bekannten Werke: üootrlns temporum, die Behauptung aufgestellt, daß die Dionysische Aere ursprünglich ein Jahr mehr als jetzt gezählt habe, und die meisten spätern Chronologen haben diese Meinung beibehalten. Allein Jdcler, dem wir hier vorzüglich folgen, zeigt in seinem vortrefflichen Handbuch der Chronologie Bd. II. Seite 283, daß dieß ganz ungegründet sey, und daß wir die Dionysische Art zu zählen, ganz unverändert beibehalten haben, und daß überdies Dionysiuö, der Gewohnheit deS ganzen Alterthums gemäß, die Geburt Christi an daS Ende des ersten Jahres der Epoche seiner Aere gesetzt habe, nicht aber, wie manche irrig glaubten, an den Schluß LeS ersten Jahres vor dieser Aere. Die Ursache davon liegt in der oben erwähnten doppelten Bedeutung des Wortes Inkarnation, 10 * 148 Christliche Zeitrechnung. unter welchem in den ersten Zeiten blos die Verkündigung Maria verstanden wurde, welches Fest die Kirche von jeher auf den 25. März gesetzt hat, und von welchem zugleich Dionysius, als der Epoche ^ seiner Zeitrechnung, ausgeht, so daß also nach ihm die eigent- : liche Geburt Christi neun Monate später oder auf den fünfundzwanzigsten Dezember des 4714. Jahres der Julianischen Periode, oder des 754. Jahres der Stadt Rom fällt, und daß sonach, wie gesagt, dieses Ereigniß von ihm an den Schluß des ersten Jahres seiner Zeitrechnung gesetzt worden ist. Wenn man aber, dem setzt gebräuchlichen Sprachgebrauch gemäß, das Wort Inkarnation als gleichbedeutend mit Geburt annehmen wollte, so würde seine Aere j allerdings um ein Jahr zu früh angefangen haben, allein diese neuere Bedeutung deS Worts entstand erst zu den Zeiten Karls des Großen, ! wo der Jahresanfang mit dem 25. Dezember aufkam, der vorher auf j den 25. März fiel. '' Die Gründe, welche Dionysius bewogen haben mögen, die eigent- ' liche Geburt Christi auf das 754. Jahr der Stadt zu setzen, hat er in seinen drei auf uns gekommenen Schriften nicht angegeben, und sie sind daher unbekannt. Welcher Art sie aber auch gewesen seyn mögen, so ist gewiß, daß seine Zeitangabe dieses wichtigen Ereignisses mit der der ältesten Kirchenväter nicht übereinstimmt. Jrenrus und Ter- tullian setzen die Geburt Christi auf daS Jahr 75 l, Clemens von > Alexandrien aber, EusebiuS und Epiphanias auf das Jahr 752 der ^ Stadt Rom, und da die beiden ersten im Occident lebenden den 25. s Dezember, die anderen aber den 6. Januar als den Tag der Geburt i bezeichnen, so vereinigen sich sonach alle fünf für das Jahr 752. ^ Der Grund dieser so übereinstimmenden Angaben der Kirchenväter ist j ohne Zweifel in dem dritten Kapitel deS Evangeliums deS Lmcas zu suchen, wo es heißt: Christus sey etwa 30 Jahre alt von Jochannes : getauft worden, der sein Täuferamt im 15. Regierungsjahre deö Ti- >i beriuS angetreten habe.. Da aber das 15. Jahr des TibcriuS in daS 781. Jahr der Stadt fällt, so muß Christus, der im Verlamfe des- t selben 30 Jahre alt war, um das Jahr 752 der Stadt geboren eyn. l Diesem gemäß wurde unter den frühern Chronologen angen ommen, j daß wir in unserer Dionysischen Aere eigentlich zwei Jahre zm ncnig « zählen, oder mit andern Worten, daß Dionysius die Geburt Christi f drei Jahre später als jene Kirchenväter gesetzt habe. § Der jüdische Geschichrsschreiber JosephuS, der allgemein a ls einer ^ der glaubwürdigsten Historiker bekannt ist, erzählt, daß der' Lönig Christliche Zeitrechnung. 149 Herodes (der nach dem Zeugnisse der Evangelisten noch lebte, als Christus starb), im Jahr 714 der Stadt durch einen römischen Senatsbeschluß zum König von Judäa erwählt worden sey; daß er im Jahr 717 die von Antigonus besetzte Hauptstadt seines neuen Königreiches, Jerusalem erobert habe, und daß er endlich 37 Jahre nach seiner Erwählung zum König, und 34 nach der Eroberung Jerusalems gestorben sey. Aus dieser, auch mit andern Stellen des Schriftstellers genau übereinstimmenden Angabe folgt daher, daß HerodeS im Jahre 750 der Stadt gestorben ist. Dieß wird noch mehr durch die Nachricht desselben GeschichtS- schreiberS bestätigt, daß während der letzten Krankheit des Herodes eine MondSfinsterniß in Judäa sich ereignet habe, und daß unmittelbar nach seinem Tode das Passafcst gefeiert worden sey. Nach JdelerS Berechnung trat aber in der Nacht vom 12. zum 13. März des Jahres 750 der Stadt oder des Jahres 4 vor unserer Zeitrechnung eine partielle, in Judäa sichtbare Mondssinsterniß ein, deren Ansang in Jerusalem um 1 Uhr 48 Minuten und ihr Ende um 4 Uhr 12 Minuten Morgens, wahre Zeit, gesehen wurde. Der folgende Vollmond, als der erste im Frühlinge, hat ohne Zweifel das Passafcst bedingt und so folgt auch aus dieser Angabe übereinstimmend mit der vorhergehenden, daß HerodeS im Jahre 750 der Stadt, und zwar gegen den Anfang dcS April, gestorben sey, wobei noch bemerkt werden muß, daß sich in demselben Jahre 750 weiter keine Jerusalem sichtbare Mondssinsterniß zugetragen, und daß eS in dem folgenden Jahre 751, in welches einige den Tod deS Herodes setzen wollen, überhaupt gär keine Mondssinsterniß gegeben hat. Da nun, nach der Erzählung der Evangelisten, HcrodeS noch Jahr und Tag nach Christi Geburt gelebt baben soll, so kann diese Geburt offenbar nicht nach dem Jahre 749, oder vielleicht selbst nicht nach dem Jahre 748 statt gehabt haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieses Ereigniß wenigstens 2 Jahre dem rm'Jahr 750 erfolgten Tod deS Herodes vorherging, da nach dem Zeugnisse des Evangelisten Matthäus dieser König, von der Geburt des Messias unterrichtet, zu Bethlehem und in der Umgegend alle Kinder von zwei Jahren und darunter ermorden ließ, und da nach Sanclemcnti sich bei einigen Kirchenvatern die Tradition findet, daß Christus fast 2 Jahre bis nach Herodes Tod sich in Egypten aufgehalten habe, daher auch der letztgenannte Verfasser, der als der Hauptschriststeller über diesen Gegenstand anzusehen ist, die Geburt Christi auf den 25. 150 Christliche Zeitrechnung. Dezember des Jahres 747 der Stadt setzt, eine Annahme, mit welcher auch die Nachricht des Evangelisten Lucas, Kap. II. übereinstimmt, daß Christus zur Zeit der von August im ganzen römischen Reiche verordneten Schätzung geboren sey, so wie die Nachricht der sämmtlichen Kirchenvater und aller Martyrologien der katholischen Kirche, daß zur Zeit der Menschwerdung Christi in dem ganzen römischen Reiche ein allgemeiner Friede geherrscht habe. Diese Aeußerung Senclementi'S unterstützt noch Jdeler durch eine Erklärung des Sterns, der nach dem 2. Kapitel des Evangelisten Matthäus von Osten her den Magiern geleuchtet hat, die aus dem , Morgenlande nach Jerusalem kamen, um den neugebornen König der Juden zu sehen. Münter, Bischof von Seeland, fand in dem rabbi- nischen Schriftsteller Abarbanel, daß die südischen Astrologen schon in den ältesten Zeiten die Ankunft deS Messias durch eine dann statthabende Zusammenkunft der beiden größten Planeten, Jupiter und Saturn, in dem Zeichen der Fische, unter dessen Regiment die Sterndeuter Judäa setzten, verkündigen ließen, und er forderte in einem im Jahr 182 l erschienenen Programm die Astronomen auf, die Sache näher zu untersuchen. Allein dies geschah bereits lange vorher durch mehrere Schriften des berühmten KeplerS: 8te»a nova in peile serpsnlaril, kraZss 1609 , Le vsro anno, guo Oei Mus kumsnsm naturam i sssumpsit, Franks. 1614, wozu die oben angeführte Abhandlung kommt, i Dieser fand, daß jene Planeten in dem Jahre 774 der Stadt und j zwar dreimal im Junius, August und Dezember in Consunction gewesen sind, und daß diese Consunctionen in der That in dem Zeichen der Fische statt hatten. Jdeler berechnete diese Consunctionen nach den neuesten Tafeln und fand, daß beide Planeten am 20. Mai des Jahreü 747 der Stadt das erstemal zusammenkamen, wo sie nur einen Grad l von einander entfernt waren, und vor Sonnenaufgang am Morgen- ' Himmel sich zeigten. (Um die Mitte Septembers desselben Jahres kamen beide in Opposition mit der Sonne, und waren nur 1'/? Grad ! in Länge von einander entfernt). Am 27. Oktober fand eine zweite Zusammenkunft derselben und endlich am 12. November eine dritte s statt. Alle drei Consunctionen ereigneten sich in dem bedeutungsvollen I Zeichen der Fische, und in allen dreien war die Entfernung derselben ^ von einander nicht über einen Grad, so daß für etwas kurzsichtige ^ Augen der eine Planet in den Zerstreuungökreis des andern zu treten, s und beide nur ein einziges Gestirn auszumachen schienen, ein Gestirn, dessen Lage in Osten, so Wir die spätere in Süden, der aus dem ' Christliche Zeitrechnung. 151 Morgenlande kommenden Astrologen allerdings gleichsam als ein Wegweiser nach Bethlehem dienen konnte, wo einer uralten Weissagung zufolge der Messias geboren werden sollte. Der Erfüllung dieser Weissagung sahen eben damals die unter dem Joche der Römer seufzenden Juden mit gesteigerter Sehnsucht entgegen, und sie schien sich nun wirklich auf eine, selbst dem gemeinen Manne auffallende Weise zu nähern, als zwei der schönsten Gestirne des Himmels in dem ver- hängnißvollen Zeichen der Fische beinahe das ganze Jahr hindurch und zwar Monate lang in einer solchen Nähe erschienen, als ob sie sich nicht wieder von einander trennen wollten, besonders wenn sich etwa damit noch die Erscheinung eines andern außerordentlichen Gestirns verband, welches als solches kein Gegenstand der Berechnung mehr seyn kann. Nach den Vorhergehenden zählt also unsere setzt allgemein angenommene Dionysische Zeitrechnung sieben Jahre zu wenig, oder wir sollten in unserm Jahre 1830 bereits 1837 zählen, woraus folgt, daß DionysiuS die Geburt Christi um volle acht Jabre zu spät angenommen hat. So höchst wahrscheinlich dieses Resultat, und so völlig gewiß eS wenigstens ist, Laß unsere Zeitrechnung überhaupt um mehrere Jahre zu wenig zählt, so wird doch niemand darauf eine Aenderung dieser bereits allgemein angenommenen, durch die Geschichte und astronomische Beobachtungen befestigten und in alle unsere Verhältnisse so innig verflochtenen Aere gründen wollen, eine Aenderung, welche die Vorrückung aller unserer Jahrrechnungen und eine neue Verwirrung der Chronologie zur Folge haben würde, die nur zu oft schon von solcher Verwirrung gelitten hat. Der Winter. (Wiener Zeitschrift. 183S. Nr. 24.) Kommt nur herein, denn es friert. Woß, Louise. Wenn Alles auf der Straße über Kälte klagt, und am warmen Ofen wieder traulich dasselbe Thema beschwätzt, so mag eS uns gegönnt seyn, auch einmal darüber zu schreiben. Zwar nicht über den gegenwärtigen Winter, denn der ist leider noch nicht aus, und es könnte bedenklich werden, ihn, so lange er noch Stadt und Land belagert, zu reizen oder auf den Tag noch vor seinem Abende zu lobe». Da nun aber seit sechstausend Jahren noch sedeS Jahr seinen Winter mit sich brachte, so wird eö besser seyn, den Blick von der obnehin so frostigen Gegenwart ab-, und in die nun bereits verflossenen Zeiten zurückzuwenden, wenn auch nur, um zu sehen, daß unsere Väter auch gefroren haben, und daß wir Unrecht thun, über den gegenwärtigen Winter, wenn er anders nicht etwa sein Bestes bis zu Ende aufgehoben hat, so viel Lärm zu erheben. Zwar müssen wir auch diesem Winter, so weit wir ihn bisher (am 7. Februar) kennen, immer seine Ehre lassen. Denn in Beziehung auf seinen frühen Anfang (13. November 1829) oder aus seine Dauer sowohl, als auch in Beziehung aus seine Intensität wird er wohl von vielen seiner Vorgänger den Rang behaupten, und in Rücksicht auf seine ohne Unterbrechung anhaltende Kälte scheint er nur bloß dem schon ncunz gsährigeu berüchtigten Winter von 1740 nach- Der Winter. 153 geben zu «ollen. Aber es gab Jahre, wo sich alle diese drei löblichen Eigenschaften vereinigten, dem armen Menschenvolke bange zu machen, und diese verdienen eS ohne Zweifel, in unserem Andenken erhalten zu werden. Es ist nur Schade, daß es mit der Geschichte der Winter, wie mit unserer ganzen sogenannten Weltgeschichte geht: der Anfang ist dunkel und ungewiß. Mährchen aber und unverbürgte Sachen, lieblich oder grausenvoll, zu hören, führen zu nichts und gehören nicht in die Geschichte. Unsere alten Chroniken und Kalender sind voll von wundersamen, beinahe unglaublichen Dingen dieser Art, und wenn eS bloß um Unterhaltung zu thun wäre, so würde eS an Stoff dazu nicht fehlen. Aber diese, hoffentlich nur übertriebenen Beschreibungen abgerechnet, sind die meisten Angaben so vag und unbestimmt, daß sich daraus nur wenig Verläßliches schließen läßt. Unsere guten Bäter begnügten sich, wacker zu frieren und wenn eS zu arg wurde, da sie das Holz beinahe umsonst bekamen, tapfer einzuheizen und sich den Mißmuth an dem warmen Ofen mit großen, vollen Kannen zu vertreiben. Ihren kultivirteren oder ärmeren Enkeln ist eS aber nicht so gut geworden, und sie haben sich daher, weil es mit dem Genießen nicht mehr recht fort wollte, auf'S Neflectiren gelegt, und auf diesem Wege in der harten Schule der Noth und deü Bedürfnisses, gar manches Ding gefunden, worauf ihre Groß- und Ucväter nicht einmal gedacht haben, weil sie eS in ihrer schlichten Einfalt nicht brauchten. Ein solches Ding ist unter andern auch der Wärme- und Kältemesser, sliss Thermometer genannt, da wir aber nicht einmal den Erfinder des nützlichsten aller Instrumente, deS Pfluges, kennen, so wird man eS der den Menschen nun einmal, wie es scheint, angcbornen Dankbarkeit auch nicht übel nehmen dürfen, daß sie den Erfinder deS Thermometers wieder vergessen haben. Es geht auch hier, wie in allen Dingen, worein sich die Gelehrten mischen: sub fuitics lis est, heißt es, oder die Gelehrten zanken sich, ohne, wie gewöhnlich, die Sache zu irgend einer Entscheidung zu bringen. Einige dieser Herren behaupten, daß ein gewisser Sanctorio schon im Jahre 1590 dieses Instrument erfunden habe, andere lassen es erst von Drebbel im Jahre 1630 erfinden u. s. w. Gewiß ist, daß im siebenzchnten Jahrhunderte diese Instrumente alle nichts taugten, wie sie denn noch heute zu Tage mitunter auch nicht viel taugen, weil sie, wie män- niglich bewußt, gar wenig unter einander übereinstimmen, und von 10 sedeö eine andere und vielleicht keines die rechte Sprache spricht; 154 Der Winter. wie immer, erst im Jahre 1714 wurde man durch Fahrenheit über die beiden stren Punkte, über den Gefrier- und Siedepunkt dieses Instrumentes einig, und von dieser Zeit an können auch ->rst die etwas verläßlichen Angaben über die eigentlichen Messungen der Kälte in unsern Wintern gezählt werden. Wir besitzen bereits mehrere Sammlungen dieser Beobachtungen sowohl, als auch der früheren Sagen von Pilgram, Traldo, Cotte, Lamarque, Brandes u. A., aus denen ich nur das Interessanteste mitzutheilen und mit einigen Bemerkungen zu vermehren suchen werde. Gegen die Gewohnheit dieser Meteorologen wollen wir mit den UNS nächsten Jahren beginnen und so allmälig in die älteren, uns immer weniger angehenden Zeiten zurückgehen, biö unS endlich verläßliche Nachrichten gänzlich verlassen. Uebrigens sind alle angeführten Jahreszahlen so zu verstehen, daß z. B. der gegenwärtige Winter unter dem Jahre 1830 aufgeführt wird und daher eigentlich der Winter von 1829 bis 30 geschrieben werden sollte, wofür wir aber der Kürze wegen 1830 sagen wollen. Hier muß denn zuerst der letztverflossene Winter von 1829 erwähnt werden, der zwar nicht zu den ausgezeichneten gehört, aber doch durch seine lange Dauer nicht wenig beschwerlich fiel. Wenn man die Zeit, für welche das Thermometer größtentheils unter dem Gefrierpunkt ist, als den meteorologischen Winter bezeichnet, so fing dieser Winter den 29. Dezember 1828 an, und dauerte bis zum 24. März. Seine Nachwehen aber erstreckten sich bis in die Mitte deS Junius, wodurch uns der ganze Frühling und selbst ein Theil des Sommers durch Kälte und Nässe verdorben wurden. Wenn man auS allen in einem Monat beobachteten Thermometerständen das Mittel nimmt, so erhält man die sogenannte mittlere Temperatur dieses Monats. AuS sehr vielen Beobachtungen der k. k. Sternwarte in Wien fand man diese mittlere Temperatur der einzelnen Monate für alle Jahre überhaupt: Jänner. . .-0°.9 Reaum. Juli .... 17°. 2 Reaum. Februar . . 0.0 August ... 16. 3 März . . . 4.5 September . 13. 4 ,/ April. . . . 9. 1 ,/ Oktober . . 8. 8 Mai . . . . 12. 9 // November . 4. 0 ,/ Juni. . . . 15. 4 Dezember. . 2. 2 Nimmt man aber alle Beobachtungen des ganzen Jahres, erhält man aus eine ähnliche Weise die mittlere Temperatur des Der Winter. 155 Jahres, die «'m Mittel aus vielsährigcn Beobachtungen in Wien gleich -s- 8." 7 ist. Die Zahlen geben ein gutes Maß zur Vergleichnng der einzelnen Monate sowohl, als auch der ganzen Jahre. So war in dem Jahre 1829 die mittlere Temperatur des Jänner . — 2". 9 Rsaum., also kälter als im Mittel um 2." 0 Februar. — 3. 2 März April Mai . Juni -st 2. 0 -st 8. 4 -i- 11. 0 -st 13. 0 3. 2 2. 5 0- 7 1. 9 2. 4 Oder alle die sechs ersten Monate des Jahres zeichneten sich durch mehr Kälte als gewöhnlich aus. Auch war die mittlere Temperatur des ganzen JahreS nur -st 6." 1 also um 2." 6 geringer, als im Mittel aus vielen andern Jahren, so daß also das Jahr 1829 wenn eS gleich keinen ausgezeichnet strengen Winter hatte, doch zu den sehr kalten gezählt werden muß, und, vielleicht das gegenwärtige ausgenommen, das kälteste von den bisher erlebten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ist. Die übrigen kälteren Winter dieses Jahrhunderts sind die von 1800, 1804, 1814, 1820 und l82l, wo die kalten Tage meistens bis in die Mitte des März vorherrschten. Der erste strengere Winter, dem wir im verflossenen achtzehnten Jahrhundert begegnen, ist der von 1799. Die größere Kälte fing sür das mittlere Deutschland am 26. Dezember 1798 an. Die Newa bei Petersburg fror am 23. November fest zu, und thaute erst am 8. April wieder auf. In Wien sank das Thermometer den 26. Dezember 1798 aus 18." 3 N. und einen so tiefen Stand haben wir außer diesem Tag sür Wien seit dem Jahre 1778, also seit 52 Jahren, denn nur so weit reichen die Beobachtungen der Sternwarte, nicht finden können. (Der gegenwärtige Winter hatte nur einmal, am 30. Jänner 1830, die Tiefe von -17."0 erreicht.) In Augsburg fiel das Thermometer im Jänner 1799 auf -25.", in Abo auf -37", und zur Tornea in Lappland auf -42". Alle Flüsse Deutschlands und Frankreichs froren fest, und die Lagunen von Venedig waren mit dickem Eise überzogen. Der Winter von 1795 wird sonst unter den kälteren ausgezählt, weil während ihm die französische Armee über die gefrorenen Kanäle nach Holland rückte. Allein diese Unternehmung wurde nur durch einige kältere Tage begünstigt, und der Winter selbst gehörte nicht zu den strengsten. 156 Der Winter. Der Winter von 1789 aber hat schon mehr Anspruch auf diesen Ehrennamen. In allen Theilen Europas erreichte die Kälte einen ungewöhnlichen Grad. Im mittleren Deutschland war das Eis der größeren Flüsse mehrere Fuß dick, und selbst in tiefen Brunnen fror das Wasser, so wie der Wein in den seichteren Kellern. Das Meer an den nördlichen Küsten Frankreichs fror auf drei LicueS vom Lande und die reißende beinahe nie frierende Rhone trug Lastwagen. Die Kälte fing gegen den 25. November 1788 an, und endete mit dem Anfange des Februar. In den nördlichen Gegenden aber dauerte sie länger, weil die Newa, die den 23. November zufror, erst am 8. April wieder austhaute. Da während diesem Winter viermal gelindes Thauwetter auf einige Tage eintrat, so wurde er den Feldfrüchten und Bäumen sehr schädlich. Die größte Kälte herrschte in Frankreich am 31. Dezember, wo das Thermometer um zwei Uhr Nachmittags noch - 10." R. zeigte. Die kälteren Tage dieses Winters waren alle sehr rein und die Sonne schien in ungetrübtem Glänze. DaS Thermometer siel in Paris auf - 17." 4, in Wien auf -> 17." 0, in Warschau auf -26." 2, und in Basel auf -30" 0. 1784. Dieser Winter zeichnete sich durch seine lange Dauer, vom 23. Dez. 1783 bis 17. April 1784, und durch seinen häusigen Schnee aus. Sehr kalte Tage waren nur wenige, die aber noch hinreichten, daü Meer um ganz Dänemark festzumachen. In Wien stieg die Kälte nur für die kurze Zeit auf — 14. "5, in Paris aber soll sie aus — 20 ", und im E.saß auf — 24 ", gestiegen seyn. Die Newa fror am 24. November und öffnete sich am 14. April. Die ungemeine Schneemasse, welche dieser Winter brachte, führte im Frühlinge große und verheerende Ueberschwemmungen nach sich, die seitdem, so wie auch die ungemeine Menge des gefallenen Schnee'S noch von keinem der folgenden Jahre erreicht wurde, und deren sich wahrscheinlich die älteren Leser dieser Nachrichten noch lebhaft erinnern werden. Auch der diesem vorhergehende Winter gehört zu den strengeren, da die Newa durch 144 Tage stand, die Donau bei Wien zweimal fest fror, und in England, besonders noch um die Mitte Februars, eine ganz ungewöhnliche Kälte herrschte. Der Winter von 1776 scheint auch sehr kalt gewesen zu seyn, obschon unS von ihm thermometrische Messungen fehlen. Nach den aufgefundenen Nachrichten soll die Erde bei Wien 2 Fuß tief gefroren gewesen seyn und das Eis der Donau bei dieser Stadt eine Dicke von 3 Fuß gehabt haben. Der Winter. 157 Im Jahre 1771 froren alle Flüsse Deutschlands und Frankreichs zu, die Donau trug schwere Lastwagen, die Newa stand 160 Tage, und am 24. März siel noch um Wien ein 2 Ellen hoher Schnee. Seit dieser Epoche war nun durch 30 Jahre Ruhe, denn der noch jetzt berüchtigte Winter von 1740 schien die Kraft der Natur auf längere Zeit erschöpft zu haben. Er zeichnete sich durch seine intensive Kälte, durch seine lange Dauer anS, und war bloß den von 1709 ausgenommen, der strengste Winter des achtzehnten Jahrhunderts. Das vorhergehende Jahr hatte einen ungemein heißen Sommer, auf welchen aber im Oktober die Kälte fast unmittelbar folgte. Schon am 5. Nov. 1739 waren bereits alle Flülse Deutschlands mit Eis bedeckt, und die Newa stand vom 14. Nov. bis zum 24. April, also durch 162 Tage. Der 9. Jänner 1740 war der kälteste Tag des ganzen achtzehnten Jahrhunderts. Durch mehr als 2 Monate fuhr man auf der Ost- und Nordsee mit schweren Lastwägen, im südlichen Deutschland froren olle Teiche bis an den Boden, und in Spanien lag selbst auf dem stachen Lande der Schnee 10 Fuß tief. Ganze Züge von Reisenden erstarrten auf den Straßen und wurden erst im folgenden Frühlinge unter dem tiefen Schnee gesunden. Das Zugvieh erfror in den Ställen, Hirsche und Hasen lagen auf den Feldern todt, und die Vögel, vor Hunger und Kälte ermattet, konnte man mit den Händen fangen. Alle Hausthiere mußten 30 Wochen lang in den Stallungen gefüttert werden, die Wintersaaten gingen alle zu Grunde, die Obstbäume starben auS und selbst die stärksten Waldbäume borsten. Deutschland war in Lappland verwandelt und deS Jammers schien kein Ende zu seyn, da die Kälte noch in der Mitte Aprils unerträglich war. Erst am 23. April trat plötzliches Thauwetter ein und die über 3 Ellen gefrorne Erde öffnete sich wieder, um die neuen Saamen aufzunehmen, und das geängstigte Menschengeschlecht vor dem allgemeinen Hungertode zu schützen. In diesem Jahre wurde bei P.tersburg auf der Newa der große Eispaüast errichtet, der 52 Fuß lang, 16 breit und 20 hoch war. Die Dicke seiner Eismauer betrug 5 Fuß, und auch das in Form eines Domes gewölbte Dach war von Eisblöcken aufgeführt. Sein Inneres war mit kolossalen Bildsäulen von Eis geziert, und vor dem Thore standen 6 Kanonen mit ihren Lavetten, also von demselben Stoffe verfertigt, aus welchem bei dem Besuche deS Hofes mehrere Salven gegeben wurden u. s. w. 158 Der Winter. Eilf Jahre früher, im Jahre 1729, war wieder ein strenger Winter, der besonders durch seine lange Dauer beschwerlich wurde. Er währte durch volle 157 Tage, vom 25. Nov. 1728 bis zum I^Mai 1729. Noch in der Mitte des März war die Ostsee ganz mit Eis bedeckt. Das Eis der Donau bei Wien löste sich zweimal und fror zum drittenmale zu Ende des März. Bei dem letzten Eisgange, wo sich die ungeheueren, geborstenen Massen an mehreren Orten um Wien über 15 Ellen hoch aufgethürmt hatten, erfolgten große und verheerende Uebcrschwemmungen. Die Newa stand durch 127 Tage, vom 30. November bis 6. April. i Der stärkste Winter des ganzen achtzehnten Jahrhunderts war der von 1709. So weit die verläßliche» Annalen der Meteorologie zurückgehen, findet man keinen, oer die Begleichung mit ihm bestehen könnte. Ueber 50 Jahre nachher war er der Gegenstand des Entsetzens und des allgemeinen Gesprächs, so oft die Rede auf die Kälte siel, wo er, ohne sein Jahr zu nennen, vorzugsweise nur der kalte Winter genannt wurde. In ihm vereinigten sich alle drei Eigenschaften, welche einen Winter für uns furchtbar machen können: eine entsetzliche Kälte, eine lange Dauer derselben durch mehr als 130 Tage, und einzelne Thauwetter zwischen sehr kalten Tagen eingeschlossen, wodurch Pflanzen und Bäume vorzüglich zu Grunde gehen, i und unter den Thieren und Menschen bösartige Krankheiten entstehen. < Die Kälte dieses Winters sing am 3. Dezember 1708 beinahe plötz- ! lich in ganz Deutschland an, und dauerte bis in die Mitte Aprils. Um ? Weihnachten trat eben so plötzlich Thauwetter und warmer Regen ? ein, worauf wieder unmittelbar die strengste Kälte folgte. Während s der ganzen Dauer dieses Winters herrschte Nordostwind in Deutsch- ^ land vor, der die Kälte der Eissteppen Sibiriens zu uns brachte. Alle Gegenden Europa'S von Norwegen bis Sicilien und Morea schie- ? nen gleich zu leiden. Am wüthendsten wurde überall die Kälte in s der ersten Hälfte des Jänners. Die Ostsee war über 10 Meilen s von der Küste noch mit dickem Eise belegt; das ganze adriatische Meer i war fest, die Küsten Calabriens starrten von weit in das Meer hin- r reichenden Eisdecken und auf den Golf von Genua fuhr man mit ^ Lastwägen. Die Alüsse Frankreichs und Spaniens froren zu und auf ! dem Kanal von Calais reiste man zu Fuß und zu Pferde von Frank- ' reich nach England. Jedes Land zählte Tausende von seinen Unglück- ! lichcn Bewohnern, die aus den Landstraßen erfroren, und selbst in ihren Wohnungen der grimmigen Kälte, und, bei der allgemeinen gro- Der Winter. 159 ßen Theuerung aller Lebensmittel, dein Hungertode unterlagen. Bloß in dem Weichbilde des BiSthumS von Paris sollen über 20,000 Menschen als Opfer dieses Winters gefallen seyn. Beinahe alle Obstbäume gingen zu Grunde, und mußten in den folgenden Jahren durch neue aus den südlichen Gegenden ersetzt werden, sa selbst die einheimischen, an das rauheste Clima gewohnten Eichen und Fichten borsten, und ganze Waldungen wurden vernichtet. Zahme und wilde Thiere schienen der Wuth des Winters nicht mehr widerstehen zu können. Hunde und Katzen wurden vor Kälte wüthend, und ganze Heerden von Wölfen drangen in die Dörfer und Städte, um die Bewohner, welche Kälte und Hunger bisher verschont hatte, anzufallen. Die Böget fielen schaarenweise todt zur Erde, und in den Vorstädten Wiens fand man alle Morgen Hirsche, Nehe und Hasen, die Hunger und Kälte aus ihren Wäldern getrieben hatte, und die sich, wie zahme HauSthiere mit den Händen fangen ließen. Als endlich mit dem kommenden Mai die Noth des Winters ein Ende nahm, folgten verheerende Viehseuchen und ansteckende Krankheiten unter den Menschen, die einen großen Theil der Armen, die der Wuth der Kälte entflohen waren, der Pest zum Opfer brachten. Weniger umständliche und verläßliche Nachrichten haben wir über die früheren Winter des siebenzehnten und vorhergehende Jahrhunderte, daher hier nur einige Bemerkungen über dieselben kurz zusammengestellt werden mögen. 1695. Der Winter war sehr streng und dauerte von Ende Oktober bis Mitte April. Die Weser und der Bodensee waren fest zugefroren, und in Polen und Böhmen lag noch im Juni viel Schnee. DaS Eis der Donau bei Wien brach erst am 30. März. 1691 und 1692. Kalte Winter. Um Moskau sollen mehrere tausend Menschen erfroren seyn, und noch im Anfange des März Wölfe in den Vorstädten WienS Menschen und Thiere angefallen haben. 1683. Sehr kalter Winter, besonders in den nördlichen Gegenden Europa's. Zu London war das Eis der Themse 11 Zoll dick und trug Lastwägen. 1667. Dieses Jahr hatte einen doppelten Winter, da nach mehreren gelinden Wochen des Februars am 2. März ein Nachwinter kam, in welchem alle Flüsse Deutschlands und der Zuidersce zufroren und über 3 Wochen fest blieben. 160 Der Winter. 1658, 1659 und 1660. Drei nahe gleich kalte Winter. Im Jahre 1658 zog Karl X. von Schweden mit seiner ganzen Armee über den kleinen Belt. 1621. Das Meer um Venedig fror, und von Constantinopel soll man zu Fuß nach Asien gegangen seyn. 1608. Einer der kältesten Winter der letzten Jahrhunderte. Der strenge Frost trat erst am 20. Jänner ein. Selbst die Flüsse deö südlichen Europa'S waren alle zugefroren, und daö mittlere Italien war durch 6 Wochen unter tiefem Schnee begraben. 1591. Der Rhein und das Meer um Genua und Venedig froren fest zu. 1565. Die Flüsse im südlichen Deutschland und in den Niederlanden trugen gegen drei Monate Lastwägen. 1513. Der sehr strenge Winter sing schon am 1. November an, und noch um die Mitte Mai's waren die Wälder in Süd- Preußen mit Schnee und Eis angefüllt. 1443. Ungemein kalter und lang dauernder Winter. In Oesterreich fiel schon am 21. Oktober tiefer Schnee; die strengste Kälte dauerte bis Georgi (24. April). Ja selbst noch gegen Ende Mai'S war es winterlich kalt. Die ärmeren Landleute mußten im Frühlinge daS Stroh von ihren Hüttendächcrn nehmen, um ihr Vieh damit zu füttern. Andere trieben es, daS Futter selbst zu suchen, in die Wälder, wo es von den Wölfen, die alle Gegenden unsicher machten, angefallen wurde. 1408. Der äußerst strenge Winter dieses Jahres dauerte von Martini bis Lichtmeß (1l. Nov. bis 2. Febr.). Aus dem Meere zwischen Dänemark und Norwegen fuhr man mit Lastwägen, und alle Flüsse Deutschlands und Frankreichs waren mit dickem Eise bedeckt. Der darauf folgende Sommer zeichnete sich durch ungemeine Fruchtbarkeit aus. Es wäre sehr wünschenSwerth, von einer großen Reihe von Wintern genau und wissenschaftlich begründete Daten zu haben, um daraus vielleicht einige Resultate ableiten zu können. Die bisher gesammelten scheinen die folgenden allgemeinen Bemerkungen zu bestätigen. Strengere Winter kommen selten allein, sondern sind meistens mit ähnlichen in den zunächst vorhergehenden oder folgenden Jahren begleitet, wovon die Ursache leicht einzusehen ist. Dahin gehören z. B. die Winter von 1432, 1433 und 1434, von 1512, 1513 und 1514, von 1621 und 1622, von 1691 und 1692, von 1783 Der Winter. 161 und 1784, 1799 und 1800, so wie auch die von 1829 und 1830. — Wo die vorherrschenden Winde der strengen Winter bemerkt sind, findet man immer Nord- oder Nordostwinde, zum Beweise, daß der größere Theil der Kälte nicht unmittelbar bei uns erzeugt, sondern von den Polargegenden und von den hohen Steppen Sibiriens durch die Winde zu uns geführt wird. Ja die Kälte selbst scheint von Nord oder Nordost allmälich gegen Südwcst zu ziehen, da man die kältesten Tage immer in Petersburg z. B. früher, als in Berlin, hier früher als in Wien, Straßburg, Paris, Madrid u. s. w. angemerkt findet. In dem Jahre 1784 ging der strengste Frost in 24 Tagen allmählich durch Petersburg, Berlin, Prag und Paris; im Jahre 1788 in 16 Tagen, im Jahre. 1795 in 15 Tagen u. s. w. Vergleicht man endlich die tiefe Temperatur verschiedener Orte in demselben Winter, so findet man, daß durchaus die östlichen Länder Europa'ö weniger Wärme haben, als die westlichen. Ja diese Bemerkung scheint wenigstens für die sogenannte alte Welt allgemein zu seyn, und sich nicht nur über Europa, sondern auch über ganz Asien bis an das stille Meer zu erstrecken. Littrow r 11 Ueber das Nordlicht. (Wiener Zeitschrift. 1831. Nr. 8.) )lm siebenten Jänner Abends gegen 7 Uhr bemerkte man in Wien die für unsere Gegenden seit langer Zeit sehr selten gewordene Erscheinung eines starken Nordlichts. Da seit mehr als 30 Jahren kein, wenigstens kein großes Nordlicht hier sichtbar war, so wurde es auch von den meisten Einwohnern verkannt und siir ein in der Richtung nach Norden entstandenes, entferntes Feuer gehalten, obschon der mit diesen Phänomenen bekannte Beobachter den wahren Charakter desselben nicht einen Augebblick übersehen konnte, da die Eigenheiten, durch welche sich Nordlichter überhaupt auszuzeichnen pflegen, sich. auch hier deutlich und unverkennbar gezeigt hatten. Es sey mir erlaubt, eine so viel möglich deutliche Beschreibung dieser Erscheinung zu geben, wie ich sie hier gesehen habe, und sie mit einigen Bemei klingen über diesen interessanten Gegenstand zu begleiten. — Etwa eine Viertelstunde vor 7 Uhr hellte sich der Horizont gegen Norden ungewöhnlich aus, um 7 Uhr nahm diese Helle schnell zu, und die anfänglich weiße Farbe dieser Stelle am Himmel ging bald in eine gelbe oder gelbrothe über. Diese Stelle selbst bildete zu der Zeit, als ich sie zuerst bemerkte, einen Kreisabschnitt, dessen mit dem Horizonte parallele Sehne etwa 30 Grade umfaßte, und der höchste Punkt des Abschnittes mochte sich 10 bis 12 Grade über den Horizont erheben. Gegen 7 Uhr aber hatte diese Helle bereits einen viel größeren Raum eingenommen, und eine Stunde später, Nordlicht- 463 wo die Ausdehnung derselben am größte« war, umfaßte der unterste Theil dieser Lichtscheibe über 90 Grade, während der höchste Punkt derselben bis auf 30 Grade sich erhob, und von dem Meridian beträchtlich gegen Osten abwich. Die Gestalt einer Kreisscheibe behielt die Erscheinung während ihrer ganzen Dauer bei, obschon sie zur Zeit ihrer größten Entwicklung an ihrer Grenze sehr unregelmäßig war. Auch wurden jene, die Nordlichter so oft begleitenden concentrischen Bogen nicht deutlich gesehen, obschon sie in der That da waren, aber wegen dem nicht ganz heitern Himmel und wegen ihrer eigenen Schwäche sehr matt erschienen. Dafür trat die andere charakteristische Eigenheit dieser Phänomene desto deutlicher hervor, die cylindrischen oder tonischen Lichtstrahlen neulich, welche sich aus jenem Feuerherde wie aus einer ihnen allen gemeinschaftlichen Basis entwickelten, bald länger, bald wieder kürzer wurden, bald auch völlig verschwanden, um gleich darauf mit neuer Kraft sich wieder zu erheben. DaS Innere dieser Lichtsäulen schien sehr veränderlich zu seyn, da einzelne Gegenden derselben an Licht und Farbe schnell abwechselten. Noch beweglicher erschien die Grenze derselben, die häufig eine Art von wirbelnder oder geschlängelter, sich immerwährend verändernder Gestalt hatte. DaS ganze System dieser Säulen zog sich allmälich von Nord gen Ost, und als diese östliche Bewegung am stärksten war, erschien auch das ganze Schauspiel selbst am schönsten. Zu dieser Zeit zeichneten sich besonders drei Säulen vor den übrigen aus, die in dem Bogen eines größten Kreises gekrümmt erschienen, in ihren untern Theilen 5 bis 6 Grade einnahmen und die ihrer ganzen Länge nach mit ihrem, an Intensität zwar abwechselnden, doch immer weißgelben Lichte prangten. Der Bogen dieser Lichtstreifen stand nahe senkrecht auf dem Horizonte und die Höhe deö größten, der zugleich der nördlichste war, betrug gegen 60 Grade. Eine Viertelstunde nach der Bildung dieser Säulen nahmen sie eine mehr dunkelgeibe Farbe an, und wurden schwacher. AlS sie bereits ihrer ganzen Länge nach sehr matt erschienen, löste sich ihr oberster Theil auf und schien in eine schlecht begrenzte Lichtmasse auS einander zu stießen, aus welcher sich, etwa eine Minute nach dieser Trennung der obersten Theile jener Lichtsäulen, eine anfangs matte, röthlich gefärbte, kleine Wo.ke bi.dete, die aber schnell an Untfang zunahm, und zur Zeit ihrer größten Ausbreitung in einem zwischen Purpur und Rossnfarbe stehenden, auffallend hellen Lichte glänzte. Je lebhafter diese Wo ke wurde, desto matter wurde der untere Theil der Säulen, und eine halbe Stunde nach der Entstehung 1t * 164 Nordlicht. der Wolke war keine Spur mehr von den Säulen zu sehen. Bald darauf ermattete auch die Wolke, und verlosch endlich gänzlich, so daß von der ganzen schönen Erscheinung nichts als die frühere kreisförmige Helle am Horizonte zurückblieb, die aber bis gegen 11 Uhr lebhaft genug war, um selbst dem mit solchen Gegenständen unbekannten Beobachter als sehr ungewöhnlich an dieser Stelle des Himmels aufzufallen. Gegen Mitternacht endlich war alles verschwunden und von dem ganzen Schauspiele keine Spur mehr zu finden. Die Nordlichter sind in unseren Gegenden nie häufig, und nur selten sehr groß, aber seit einigen Decennien sind sie noch viel weniger sichtbar gewesen, alü früher. Es scheint, als ob sie, wie die Sonnenflecke, gewissen Perioden unterworfen wären, nach welchen sie in mehreren Jahren sehr häufig wiederkommen. Schon Ritter bemerkte diese periodischen Ab- und Zunahmen, aber er konnte das Gesetz derselben nicht finden, denn seine Meinung, durch die er sie mit der 19jährigen Mondesperiode in Verbindung bringen wollte, kann wohl nicht angenommen werden. In den nördlichsten und wahrscheinlich auch in den südlichsten Gegenden unserer Erde, in der Nähe der beiden Pole, sind sie dagegen beinahe in allen Jahren eine sehr gewöhnliche Erscheinung. Hood und Richardson haben auf ihrer Reise nach dem Nordpole unter Kapitän Franklin beinahe täglich Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten, und in den beiden Jahren 1825 und 1826 sah man auf den Bäreninseln, einem russischen Jnselarchipel, unter der nördlichen Breite von 73 Graden, 343 Nordlichter, von denen viele zu den ausgezeichneten gehörten. Selbst auf den schettländischen Inseln und in Island gehören sie, wenigstens in den langen Wintern dieser Gegenden, zu den beinahe täglichen Schauspielen. DaS Nordlicht sieht man, wie schon seine Benennung sagt, immer in der Gegend des Nordens, aber seine Mitte, oder genauer, seine Are, um welche sich die ganze Erscheinung zu beiden Seiten symmetrisch ordnet, ist nicht genau nach Norden gerichtet, sondern sie liegt vielmehr in dem magnetischen Meridian, d. h. in derjenigen Ebene, in welcher eine srcischwebende Magnetnadel liegt, wenn sie in Ruhe ist. Diese Magnetnadel ist, wie schon Celsius bemerkt hat, immer in besonderer Unruhe, wenn ein Nordlicht am Himmel steht, und die Abweichung derselben ist dann sehr von der gewöhnlichen verschieden, stellt sich aber mehrere Stunden nach dem Nordlichte wieder in ihre frühere Lage. Diese Unruhe der Magnetnadel ist so innig mit dem Nordlichte verbunden, daß man oft schon aus dieser Unruhe auf das Nordlicht. 165 Dasey» eines Nordlichtes geschloffen h>at, und daß dieser Schluß durch spätere Nachrichten auö nördlichern Gegenden auch bestätigt worden ist. Die Gestalt dieses Phänomens ist sehr verschieden. Oft stellt es sich bloß als einen unbestimmten, dem Abendrothe ähnlichen Schein dar — oft ist eS von mehreren concentrischen, mit verschiedenen Farben bezeichneten Kreisen, wie mit Regenbogen begrenzt — oft endlich besteht es aus gekrümmten Lichtsäulen und mannigfaltig gefärbten Streifen oder auch aus abgesonderten kleinen Lichtwolkcn, und am meisten sind alle diese drei Kennzeichen, doch immer eines derselben vorherrschend, vereinigt. Eben so veränderlich ist die Intensität des LichteS und der Farben, welche diese Erscheinung auszeichnet, da cS oft so schwach ist, daß man es nur mit Mühe erkennen, und sein Daseyn bloß aus der heftigen Unruhe der Magnetnadel schließen kann, und oft ist eS wieder, besonders in den beiden Polargegenden, so stark, daß eS den halben sichtbaren Himmel mit einem brennenden Rothe überzieht, und die Erde stärker als selbst das Mondlicht beleuchtet. Die Nordlichter fangen beinahe alle mit einer ungewöhnlichen Helle in der Gegend des nördlichen Horizonts an, aus welcher sich bald darauf noch hellere und aufwärts steigende, concentrische Bogen bilden. Dieser Bogen sieht man selten weniger als zwei, und noch seltener mehr als fünf, und sie umspannen mit ihren beiden untersten Enden einen Bogen des Horizonts von 50 bis 120 Graden. Wenn die Mitte dieser Bogen das Zenith erreicht, so wird ihre Krümmung gewöhnlich sehr unregelmäßig. Einige Zeit nach der Entstehung dieser Bogen bemerkt man ein Flackern, eine schlangelnde Bewegung deö LichteS in denselben, und die anfangs weiße Farbe derselben geht gewöhnlich in Gelb, und später in mehrere andere prismatische Farben über. Wenn die Bewegung im Innern dieser Bogen zunimmt, so entstehen gewöhnlich Strahlenbüschel oder Lichtsäulen, die alle ihre Basis in jenen Bogen haben, und die unter einander eine parallele Richtung beibehalten, oder auch gegen den mittlern und höchsten Punkt der ganzen Erscheinung convergircn. Diese Lichtbiischel sind meistens gelb oder gelbroth, und wenn sie nach einiger Zeit sich vermehren und größer werden, so verschwinden gewöhnlich die ihnen zur gemeinschaftlichen Basis dienenden Bogen ganz, und das Nordlicht nimmt jetzt die Gestalt eines Waldes von Feuersänlen an, die oft vom Horizonte bis zum Zenithe reichen, deren Glanz mit ihrer Höhe zunimmt und die stellenweise aufzulodern, und, wie unser sogenanntes Himmel- 166 Nordlicht. leuchten, durch ihr zuckendes und flatterndes Licht, daS ganze Säulcn- system auf einige Augenblicke zu beleuchten scheinen. Diese Lichtsäulen zeigen eine lebhafte Abwechslung des Lichts und der Farben in ihrem Innern; sie schicken oft seitwärts, in einer aus sie senkrechten Richtung, andere Strahlen aus, springen oft raketenartig ihrer Länge ' nach äußerst schnell bis zu dem Zcnithe hinan, und verkürzen sich gleich darauf wieder bis auf die Hä sie oder auf ein Drittheil ihrer Länge. Diese schnell aufwärts schießenden Strahlen sind gewöhnlich in ihren obersten Theilen erbsengrün, in ihren untersten aber purpur- rvth oder violett gefärbte Oft endlich schwingt sich der ganze Wald ; von Feuersäulen rechts und links, wie die Flammen eines großen von dem Wmde bewegten Feuers. ; Wenn die Lichtbüschel sich nahe bis zu dem Zenith des Beobachters erheben, so pflegen sie sich in ibrem höchsten Punkte in eine Art von Kranz oder Krone zu vereinigen, welche gleichsam die obersten Theile dieser Säulen verbindet, und es ist sehr merkwürdig, daß diese i Krone am Himmel immer in dem Punkte gesehen wird, auf welchen i eine ganz frei schwebende Magnetnadel sich von selbst richtet, wenn § sie durch keine Hindernisse in ihrer BcMgung aufgehalten wird. Daraus folgt nach den bekannten Gesetzen der Profection oder der Lnft- perspcctive, daß die Säulen des Nordlichts auü cylindrischen Strahlen l bestehen, die alle unter sich und mit der erwähnten Richtung der ! Magnetnadel parallel sind, die aber vielleicht in sehr großen Entfer- l nungen von uns stehen. Diese Entfernung ist übrigens noch keines- ! wegS genau bekannt, da es uns an geeigneten Beobachtungen fehlt, i sie mag auch wohl bei verschiedenen Nordlichtern selbst sehr verschieden ° seyn. Hood fand aus seinen Messungen, daß sie gewöhnlich nur gegen eine deutsche Meile von uns entfernt sind. Mairan, der vor nahe 100 Jahren sich mit diesem Gegenstände ausschließend beschäftigte, fand im Gegentheile, daß der leuchtende Bogen der Nordlichter wenigstens 100 Meilen von der Oberfläche der Erde entfernt ist. ! Wie eS sich aber auch mit dieser Höhe verhalten mag, so ist l doch gewiß, daß dieses Phänomen unserer Atmosphäre angehört, und, wenn gleich durch bisher unbekannte Ursachen, in derselben erzeugt ^ wird. Dieß folgt schon aus der, bei allen Nordlichtern bemerkten ' Wahrnehmung, daß sie in Beziehung auf die Orte der Erde, z. B. § auf die benachbarten Gebirge, ihre Stellung im Allgemeinen nicht, j aber daß sie im Gegentheile ihre Stellung gegen die Fixsterne regel- i mäßig ändern, zum Beweise, daß sich die Nordlichter zugleich mit Nordlicht. 167 der Erde von West gen Ost drehen, und also noch unserer Atmosphäre angehören, die dieselbe Bewegung mit der Erde gemein hat. Noch muß einer Eigenheit dieses Phänomens erwähnt werden, die man zwar bei nnS nur höchst selten, aber dafür desto häufiger und auff llender in größeren Breiten findet. Die schöneren Nordlichter find nemlich in jenen Gegenden oft von einem sehr sonderbaren Geräusche begleitet, welches einige mit dem Säuseln deS WindeS im Laube, andere mir dem Knistern elektrischer Funken vergleichen, und daö oft bis zur Betäubung des Zuhörers steigen soll. Selbst die unerschrockenen englischen Matrosen Parry'S wollten, als sie in der Nähe von Island von diesem Gepoltcr überrascht wurden, den Befehlen ihres Kapitäns ungeachtet, nicht mehr auf dem Verdecke bleiben, und die Hunde der FuchSjägcr an der Küste des sibirischen Eismeeres legen sich, wenn cS über ihnen tobt, zitternd zur Erde nieder, und find nicht von der Stelle zu bringen, bis das wilde Getöse wieder aufgehört hat. Und welches ist die Ursache von allen diesen höchst sonderbaren Erscheinungen? — Alle diese Fragen müssen wir, wie leider noch auf so viele andere, nicht minder interessante, antworten: „Wir wissen eS nicht!" — Meinungen zwar und Einfälle, und Hypothesen hat man mehr als genug aufgestellt, aber man ist durch diese Dinge der Wahrheit nicht um einen Schritt näher gekommen, und der Naturforscher, dem es um sie zu thun ist, findet hier ein noch ganz neues Feld vor sich, auf dem zwar schon mancher geackert, aber noch keiner auch nur eine Aehre geerntet hat. Der oben erwähnte Mairan hält Las Nordlicht für eine Erscheinung des Zodiacallichtes, welches letztere er mit vielen anderen für die Sonnenatmosphäre ausgibt. Wenn die Erde in dieses Zodiacallicht tritt, so reißt sie, nach seiner Meinung, ganze Ströme dieses Lichtes an sich, und diese Lichtmaffen fließen dann gegen die Pole der Erde zu ab, weil dort die Rotation der Erde, also auch die Schwungkraft derselben am schwächsten ist. Biet glaubt, daß die Nordlichter aus Wolken bestehen, die eine große Anzahl sehr feiner, metallischer Theile enthalten, was durch die oben erwähnten Beobachtungen der Magnetnadel bestätigt werden soll. Er thut sich auf diese Hypothese, der er den Charakter der Realität aufdrücken möchte, nach seiner Weise viel zu Gute. Allein man sieht nicht ein, wie eine so große Masse von Metalltheilchcn, auf die der Magnet wirft, seyen sie auch noch so fein, so lange in der Atmosphäre schweben können, ohne zur Erde herabzusinken. Wie wäre es ferner mög- 168 Nordlicht. lich, daß durch solche mit Metalltheilchen dicht angefüllte Wolken die feinsten Sterne noch sichtbar bleiben, wie dieses doch in der That der Fall ist? Endlich woher sollen diese Mctallwolken kommen? Bist meint zwar, von den Auswürfen der Vulkane im hohen Norden, allein dieß heißt nur eine unwahrscheinliche Hypothese durch eine noch unwahrscheinlichere erklären. Thienemann hält das Nordlicht für leichte Wafferdunstwolken, welche die Lichtelectricität sammeln; Schmied er für das Verbrennungöphänvmen vulkanisch entwickelter brennbarer Gase; BehrenS sucht ihren Grund in den herabfallenden, mit negativer Elektricität begabten Schneethcilchen, und Hell endlich, der sich'S unter allen am leichtesten machte, in der Spiegelung des Sonnenlichtes von den glatten Eisflimmertheilchen der Polarlust. Es würde nicht schwer seyn, noch eine gute Anzahl anderer Hypothesen anzuführen, oder auch selbst auSzusinnen, die aber, wie alle vorhergehenden, in die Klasse unbewiesener und wohl auch unbeweisbarer Einfälle gehören. Nicht zu bezweifeln ist eS, daß die Erscheinung mit dem Erdmagnetismus in nahem Zusammenhange steht, wie die oben angeführten Beobachtungen der Magnetnadel zeigen, und daß auch die Elektricität daran einen wesentlichen Antheil nimmt, wie schon der erste Anblick dieser Erscheinung nicht verkennen läßt. Wenn uns einmal diese beiden geheimnißvollen Kräfte der Natur genauer bekannt seyn werden, so wird man wahrscheinlich auch nähere Aufschlüsse über die Erscheinungen des Nordlichtes erhalten. Witterung des Cholera-Jahres L83I r (Wiener Zeitschrift, 1832, No. 6.) Aie beiden Monate September und Oktober dieses Jahres, deren Andenken wohl sobald nicht unter uns verschwinden wird, zeichneten sich auch durch meteorische Erscheinungen auS, welche sonst, in dieser Jahreszeit wenigstens, zu den großen Seltenheiten gehören. Bei sonst reinem Himmel erschien die Sonne, ost schon mehrere Stunden vor ihrem Untergänge, in einem eigenen, bald dunkelrothen, bald wieder an andern Tagen graugrünen Lichte, welches Letztere auch häufig an dem Monde bemerkt wurde. Ferner war der Himmel an vielen Tagen mit einem gelbrothen lebhaften Lichte überzogen, daS sich im Horizonte von Nordost bis Nordwest und oft noch weiter ausdehnte, sich bis zu dem vierten Theile des sichtbaren Himmels erhob, mehrere Stunden vor Untergang der Sonne anfing, und oft bis nahe an Mitternacht währte, und zwar so, daß bei Sonnenuntergang immer eine dunkelrothe Farbe in der Erscheinung vorherrschend wurde. Endlich verbreitete sich, der schönen und trockenen Witterung Ungeachtet, deren wir uns seit der Mitte Septembers erfreuten, beinahe täglich, besonders in den Morgenstunden, ein dichter Nebel, der oft bis zum Mittage währte, und selbst die höher» Stellen und ihre Umgegend einnahm. Als Beleg dieser häufigen Nebel folgt hier ein AuSzug aus dem meteorologischen Tagebuche der Sternwarte für die erwähnten beiden Monate. 170 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Meteorologische Erscheinungen. ^ 2. Sept. Abends rother Himmel. ! 3. „ Immerwährender Regen. ä 6. „ Abends Nebel. 1 7. „ Morgens Nebel, Abends weitverbreitete Rothe am Himmel, j 8. „ Vom Morgen bis Mittag dichter Nebel. 9. „ Vom Morgen bis 19 Uhr Nebel. ^ 10. „ Immerwährender Regen. ^ 11. „ Immerwährender kalter Regen und Sturm auS West. ! 12. „ Immerwährender Regen bei starkem Westwind. s 13. „ Vormittag kalter Regen, Abends heiter. j 14. „ Sonne mit Wolken, Abends heiter. ^ 15. „ Sonne bewölkt, Nacht heiter. i 16. „ Morgens Nebel, Abends heiter, Nacht trüb. ^ 17. „ Sonne mit Wolken, Abends heiter, Nacht Regen. ^ 18. „ Oeftcr schwacher Regen, AbcndS Gewitter mit starkem ! Regen, Nacht heiter. 19. „ Sonne mit Wolken, Abend und Nacht heiter. s 20. „ Morgens Nebel, Abends schwacher Regen. z 21. „ Morgens Nebel, Abends und Nachts heiter. 22. „ Morgens Nebel, Tag trüb, Abends heiter. 23. „ Morgens Nebel, Mittags und Abends heiter, Nachts trüb. 24. „ Morgens Nebel. 25. „ Morgens Nebel, sehr starke und weit verbreitete Rothe am Himmel. 26. „ Morgens Nebel, Abends starke Rothe in Nordwest. r 27. „ Morgens Nebel. 29. „ Morgens Nebel. 30. „ AbcndS starker Nebel. 1 . Oktbr. Vormittags Nebel. 2. ,/ Morgens Nebel bis Mittag. 7. ,/ Morgens Nebel bis 10 Uhr. 8. Morgens Nebel. 9. Morgens starker Nebel. 10. Morgens Nebel bis gegen Mittag. 1t. Morgens Nebel bis 11 Uhr, Mittags heiter, AbcndS Nebel. 12. Morgens dichter Nebel bis Mittag. Abends starke Nöthe am Himmel und schwacher Nebel. Witterung des Cholera-Jahres 18S1. 171 13. Oktbr. Morgens kurzer Nebel, Tag und Nacht heiter. 14. „ Morgens Nebel, Tag und Nacht heiter, Abends starke Nöthe am Himmel. 15. „ Morgens Nebel, Tag und Nacht heiter. 16. „ Morgens Nebel bis Mittag, Abends dichter Nebel. 17. „ Sonne mit Wolken, Abends trüb. 18. „ Morgens Regen, Mittags Sonne mit Wolken, Abends trüb. 19. „ Morgens trüb, Mittags heiter, Abends starke Nöthe. 20. „ Nebel durch den ganzen Tag und Abends starke Nöthe am Himmel. 21. „ Tag und Nacht heiter, Abends starker Nebel. 22. „ Morgens Nebel, Mittags Sonne mit Wolken, Abends trüb. 24. „ Morgens heiter, von 7 Uhr bis Mittag dichter Nebel, AbenvS trüb. 25. „ Morgens trüb, von 8 Uhr bis Abends heiter. 26. „ Den ganzen Vormittag dichter Nebel, Nachmittag und Nacht heiter. 27. „ Morgens schwacher Nebel, Tag und Nacht sehr heiter. 28. „ Morgens schwacher Nebel, Tag und Nacht heiter. 29. „ Von 7 bis 9 Uhr Morgens starker Nebel, Tag heiter, Abends Nebel. 30. „ Von 7 Uhr bis Mittag dichter Nebel, Mittag heiter, Abends schwacher Nebel. 31. „ Morgens bis 10 Uhr dichter Nebel, Mittags Sonne mit Wolken, Abends und Nachts trüb. Bei der Aufregung der Gemüther, welche die in diesen Monaten bei uns herrschende Krankheit verursachte, fehlte eS nicht an Vermuthungen und Hypothesen, welche jene Erscheinungen mit dieser Krankheit in irgend einen Zusammenhang bringen wollten. Wie es sich nun aber auch damit verhalten mag, so ist doch wenigstens das gewiß, daß Zusammenstellungen dieser Art im Allgemeinen eben so leicht, als die Beweise derselben schwer, sa oft ganz unmöglich sind. WaS hat man nicht, besonders in den vorhergehenden Jahrhunderten, über die Kometen und ihren Zusammenhang mit den Schicksalen deö armen Menschengeschlechts uns vorzuerzählen gewußt, was den allzeit fertigen Berichterstattern jener Zeit wohl auch leicht genug geworden seyn mag, da es in unserer Geschichte leider nur wenige Jahre gibt,. 172 Witterung des Cholera-Jahres 1831. die nicht durch Kriege oder Krankheiten, oder weitverbreitete Überschwemmungen und dergleichen Erscheinungen ausgezeichnet wären, und da es der Kometen wieder so viele gibt, daß manche Jahre zwei, drei und mehrere derselben uns mit ihren Besuchen zu beehren pflegen. Jahrhunderte durch glaubte man an die böse Vorbedeutung dieser Himmelskörper, und man würde noch an sie glauben, wenn wir nicht wüßten, daß die Erscheinungen derselben, wie die einer Finsterniß, sich auf viele Jahre von den Astronomen voraus berechnen lassen, während, so viel mir bekannt ist, bisher weder ein Arzt noch ein Politiker eö gewagt hat, die Krankheiten und Kriege mit ihren Folgen und Wechsclfällen der Rechnung zu unterwerfen, daher wir denn auch, wenigstens einstweilen, diese beiden Gegenstände nicht mehr als im Zusammenhange stehend, sondern als Dinge von ganz verschiedener Natur ansehen, von denen die einen bestimmten Regeln, und die andern dem sogenannten Zufalle, oder wenn man lieber will, von denen die einen bekannten, die andern aber, uns bisher noch ganz unbekannten Gesetzen unterworfen sind. Ich zweifle nicht, daß die vorzüglichsten Ursachen solcher Krankheiten, die über eine weite Strecke unserer Erde verbreitet sind, in dieser Erde selbst, und in der sie umgebenden Atmosphäre zu suchen sind, aber ich zweifle demnngeachtet noch gar sehr, daß wir, ja daß selbst unsere späteren Nachfolger sie daselbst sobald finden werden. Diese Ursachen liegen tiefer, als man gewöhnlich glaubt; sie sind mit andern so sehr verwickelt, daß sie nicht leicht getrennt, und besonders betrachtet werden können, und sie sind endlich gewöhnlich so sein, und in so geringer Anzahl vorhanden, daß unsere größtentheils noch sehr unvollkommenen meteorologischen Instrumente kaum ihr Daseyn zu entdecken, und noch viel weniger ihre Größe zu. bestimmen im Stande sind. Die feinsten und empfindlichsten aller Instrumente sind ohne Zweifel unsere eigenen Nerven. Diese fühlen daher jene äußern Eindrücke oft schon bis zu ihrer eigenen Zerstörung, während unsere physischen Instrumente noch gar nichts anzeigen, aber fühlen sie meistens zu spät und auf eine Weise, wo sich nicht viel beobachten und gar nichts rechnen läßt. So hat man bei der gegenwärtigen Epidemie anfangs einen großen Werth auf die Untersuchung des Gehalts deS Sauerstoffs in unserer atmosphärischen Luft gesetzt, weil manche ärztliche Beobachtungen auf eine Verminderung dieses Stoffes in dem menschlichen Blute hinzudeuten schienen, daher man sogar die Heilmethode selbst an verschiedenen Orten auf diese Erfahrung gründen Witterung des Cholera-Jahres 1831. 173 wollte. Allein die Beobachtungen von Berthollet, Gay-Lufsac, Davy u. a. haben längst schon gezeigt, daß die Mischung von Sauerstoffgas und StickgaS in unserer Atmosphäre zu allen Zeiten, an allen Orten und unter allen Verhältnissen sehr nahe dieselbe ist, und daß in 100 Theilen atmosphärischer Lust sich immer 21 Theile Saucrfioffgaö und 79 Theile StickgaS befinden. Diese Beständigkeit der Mischung wird selbst in den untersten Regionen der Atmosphäre, unmittelbar an der Oberfläche der Erde, bemerkt, wo doch die Ausdünstungen der Erde und des Wassers, die Lustabsonderungen lebender und todter Thiere und Pflanzen und so viele andere Dünste beständige Mischungen und Scheidungen erzeugen, ohne daß fie das angegebene coustante Verhältniß sener beiden Luftarten wesentlich stören könnten. Auch haben die von einem unserer geschicktesten Physiker mit den besten Instrumenten in unserem k. k. botanischen Garten zu diesem Zwecke angestellten Versuche zu demselben Resultate geführt und daher sene frühere Meinung einiger Aerzte keineswegs bestätigt. Aehnliche Versuche und mit demselben Erfolge wurden schon nahe vor 50 Jahren bei einer ähnlichen Gelegenheit von dem bekannten Maret in Schweden gemacht. (Stockholm, Abhandl. für 1784.) Als ncmlich im Jahre 1783 ein dichter Heerrauch sich über ganz Europa lagerte, der von Ende Mai bis gegen die Mitte August dauerte, und dabei die Atmosphäre so wenig bewegt und so trocken war, daß die am leichtesten zerfließenden Salze ihre Krystallisation in der freien Luft ganz ungestört behielten, stellte Maret fortgesetzte und sehr ausgedehnte eudiometrische Versuche zu allen TagSzeiten, aus den höchsten Bergen und in den tiefsten Thälern an, und fand doch mit seinen Instrumenten keine merkbare Verschiedenheit zwischen der Mischung und den übrigen Eigenschaften der atmosphärischen Luft in dieser und in andern Zeiten. Es ist demnach setzt wenigstens noch keine Hoffnung, auf diesem Wege der eigentlichen Ursache sener Krankheit auf die Spur zu kommen. Dem ungeachtet kann eS doch wohl die rechte Fährte seyn, die wir daher nicht gleich verlassen dürfen. Dies näher zu untersuchen, schien es mir nicht unangemessen, zuerst wenigstens zuzusehen, ob sene drei oben erwähnten Erscheinungen auch in frühern Zeiten schon als die gewöhnlichen Begleiter von Epidemien aufgetreten sind, wodurch der Zusammenhang der beiden Gegenstände, wenn auch nicht bewiesen, doch sehr wahrscheinlich gemacht, und die Aufmerksamkeit in künftigen Zeiten mehr daraus gerichtet werden kann. Indem ich zu diesem Zwecke die Geschichte der Seuchen von Noah Webster, Don JagneS 474 Witterung des Cholera-Jahres 1831. de Villalba, Ozanam und Schnurrer durchging, begegneten mir noch einige andere Erscheinungen, von dem Uebergange menschlicher Krankheiten auf Thiere und Cerealien, von dem Fliehen der Vogel aus angesteckten Gegenden u. dgl. die, da sie auch in unsern Tagen wieder gesehen seyn wollten, für unsere Leser vielleicht nicht ohne Interesse seyn werden. Der Kürze wegen will ich sie eben so rhapsodisch und schmucklos zusammenstellen, wie sie in den von den genannten Verfassern angeführten Chroniken der alten Zeit gefunden worden sind. Auffallende Lichterscheinungen und Nebel am Himmel zur Zeit großer Epidemien Gleich die älteste Epidemie, die in unsern Geschichtbüchern verzeichnet ist, bietet uns eine solckie Erscheinung dar. Zwei Menschen- altcr vor Trosa's Zerstörung wüthete eine verheerende Seuche auf der Insel Aegina und in ganz Griechenland. Vier Monate vor ihrem Ausbruche fühlte man ein erstickend heißes Wehen aus Süden, dann stand die schwüle Luft beinahe unbeweglich still, und tiefhängende Wolken und düstere Nebel verfinsterten durch mehrere Tage die Sonne und den ganzen Himmel. Ovid, her diese Krankbeit im 7ten Buche seiner Metamorphosen mit lebendigen Farben beschreibt, setzt hinzu, daß nicht sowohl die Seuche selbst, so verheerend sie auch war, als vielmehr die Angst und das Entsetzen, welches die Menschen ergriffen hatte, so viele Tausende hingerafft babe, so daß mehrere auS bloßer Furcht vor dem Tode sich dem Tode hingegeben haben, (Ilmorsm morlis morte luZsnl.) Liviuö erzählt in seinem 3ten Buche, daß im Jahre 464 vor Christo der Himmel in Italien von häufigen Lichterscheinungen geschimmert habe, worauf eine böse Seuche auSbrach, die drei Jahre dauerte und unter Menschen und Thieren wüthete. — Die große Epidemie unter der Regierung deö römischen Kaisers CommoduS im I. 182 nach Chr., die nach Dio CassiuS eine der verheerendsten gewesen, und an der blcß in der Stadt Rom durch mehrere Wochen täglich über 2000 Menschen gestorben seyn sollen, kündigte sich durch eine drei volle Tage herrschende Finsterniß an, die über ganz Italien gelagert war, und kaum den Tag von der Nacht unterscheiden ließ. In dem Jahre 542 nach Chr. erschien zum ersten Male die eigentliche orientalische Pest in Europa und zwar auf demselben Witterung des Cholera-Jahres 1831. 175 Wege, den sie bisher immer genommen hatte, aus Egypken über Kleinasien nach Griechenland. Sie feierte ihren ersten Auftritt mit entsetzlichen Verheerungen und durchzog während beinahe 50 Jahren alle damals bekannten Länder Europa's, indem sie in nahen 15fäh- rigen Perioden immer wieder auf die früher besuchten Orte mit erneuerter Wuth zurückkam. Ihr ging eine ganz besondere Trübung der Sonne voraus und wie Cetrenus sagt, die Sonne war strahlen- loS, wie der Mond, und gab nur ein trübes düsteres Licht (bunw instor, 8inö raäüs, luesm tristsm prwbuit.) Zu derselben Zeit waren die Sternschnuppen ungemein häufig in allen Gegenden. In Gallien hatte man weitverbreitete Blutregen, und Erdbeben erschütterten beinahe alle Gegenden. Mehrere Tage waren völlig dunkel und kaum von der Nacht zu unterscheiden, und an andern Tagen erschien die Sonne und der Mond ganz dunkclroth gefärbt. DaS Jahr 1089 ist in der Geschichte der menschlichen Krankheiten ausgezeichnet, da in ihm das sogenannte heilige Feuer sinnis sncer, burninx pIsZuo) das erste Mal eine größere Höhe und Verbreitung erhielt. Diese Krankheit, welche später, alö sie schon viel minder geworden war, unter dem Namen des AntoniuSfeucrS bekannt wurde, trat unter einer doppelten Gestalt arck, entweder als Nervenübel, wo es sofort töotliche Krämpse in dem ganzen Körper, und der Raserei ähnliche Zufälle hervorbrachte, oder als bösartiger Rothlaus, der nur einzelne Glieder des Körpers befiel, die schnell in Brand geriethen, und oft schon am folgenden Tage abfielen. Zum ersten Male war sie schon im Jahre 996 in Frankreich und Spanien erschienen, wo sie aber bald darauf wieder verschwand. In dem gegenwärtigen Jahre aber wurde ihr wiederholtes, heftigeres Auftreten durch mehrere Vorboten verkündigt. Eine ganz außerordentliche Sommerhitze zerstörte alle Pflanzen und Früchte, Schwärme von Heuschrecken, die ganz niedrig flogen, ulid Strecken von zwei und mehr Meilen in die Länge und Breite bedeckten; eine anhaltende Verdank.ung der Sonne (8vl üiro »ibrescobst. LrusZ nach welcher Verdunklung dieses Gestirn eine ganz eigene Färbung erhielt; feurige Wolken, die in der Luft hsn und her flatterten; häufige, bisher seit langem unsichtbaren Nordlichter u. s. w. Im Jahre 1208 soll, wie Villalba erzählt, die Sonne über sechs Stunden völlig dunkel gewesen seyn, worauf sogleich unerhörter Regen und Ueberschwemmung und darauf eine verheerende Seuche unter Menschen und Thiere folgten. 176 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Daö Jahr 1348 machte wieder Epoche in unserer KrankheitS- geschichte, da in demselben der sogenannte schwarze Tod nach Europa kam. Diese verheerendste aller Seuchen, die das Menschengeschlecht betroffen haben, wurde bereits bei anderer Gelegenheit von «nö besprochen. Sie war von solgenden meteorologischen Erscheinungen begleitet. Große Erdbeben, besonders im östlichen Asten, wo diese Krankheit entstand; ein weit verbreiteter Hecrrauch, der sich über ganze Länder erstreckte, alles mit Schrecken erfüllte, und langsam von Nord gegen Süd zog; ungewöhnliche heftige Gewitter und heftige Meteorsteine; Unruhe und Ausbrüche der Vulcane in Italien und Island; große Überschwemmungen, die besonders in Mitteleuropa beinahe alle Brücken zerstörten; erstickende Winde, die unzählige Menschen und Thiere auf dem Felde und der Straße plötzlich tödteten; ein mehrere Wochen danernoeö Sausen und Dröhnen in der Luft, das man früher und später nie mehr gehört hatte, und daö vielen Kopfschmerz, Betäubung und Ohnmachten zuzog; häufige Blutregen, von welchen sogar Quellen und Flüsse roth gefärbt wurden; einmal eine lang dauernde Dunkelheit mitten am Tage, bei welchem keiner den andern erkennen konnte, und nach deren Beendigung alle Gesichter gelb gefärbt erschienen, und viele Todesfälle folgten; große Lichtmassen, die sich wie feurige Schlangen am Himmel wälzten, Feuerwolken, die ganze Gegenden überzogen, mit heftigem Krachen zerplatzten, und zur Erde fielen; Dinge und farbige Höfe um Sonne und Mond und weit verbreitete, sehr hell leuchtende Nordlichter, die mit ihrem rothen Feuer den ganzen Horizont von Ost gegen Nord bedeckten, und von welchen lange feurige Bogen sich gegen Süden erhoben u. s. w. Im Jahre 1391 bemerkte man, nach Webster, im Julius eine besondere, anhaltende Nöthe der Sonne, und darauf einen Heerrauch, dem sofort eine sehr verheerende Seuche in England folgte. DaS Jahr 1485 war durch eine lang dauernde Verdunklung der Sonne ausgezeichnet, der in England der erste Ausbruch des SchweißsieberS folgte, daS von nun an so große Verheerungen in diesem Lande erzeugte. Im Jahre 1545, durch die Schlacht von Mühlberg bekannt, war die Sonne durch 3 Tage, vom 23. bis 25. April, völlig glanzlos uno röthlicht, worauf ein dichter und finsterer Nebel durch mehrere Wochen beinahe ganz Europa bedeckte. Kaiser Carl V. beklagte sich, daß er, so oft er dem Feinde eine Schlacht liefern wollte, mehr mit den immerwährenden Nebeln, als mit den Soldaten zu kämpfen habe. Witterung des Cholera-Jahres 1831. 177 In demselben Jahre wüthete eine sehr verheerende Seuche in Deutschland, Italien und Frankreich. Ganze Gegenden starben völlig aus, in Lübeck allein starben täglich über 200, und während der zweimonatlichen Dauer der Krankheit 60,300 Menschen. Im Jahre 1560 sah man im Dezember beinahe durch ganz Deutschland vor Sonnenaufgang eine ganz ungewöhnliche und weit verbreitete Nöthe am Himmel, aus der sich viele große Streifen erhoben. Zu derselben Zeit wurden in England mehrere Feuerkugeln und Blutregen beobachtet. Auch das folgende Jahr 1561 war sehr reich an solchen Meteoren, worauf sich pestartige Krankheiten verbreiteten, an welchen in Augsburg täglich 70 Personen, und in London überhaupt 20,000 Menschen starben. Im Jahre 1565 erhob sich nach einem sehr strengen Winter ein dichter, erstickender Nebel, der besonders in der Abendstunde sehr gefährlich war, und alle, die sich ihm aussetzten, einer bösartigen, schnell tödtenden Lungenentzündung unterwarf. Die Verheerungen, welche diese Krankheit besonders im südlichen Europa anstellte, sollen so heftig gewesen seyn, daß der berühmte Arzt Guido von Chauliac sie nur mit denen des schwarzen Todes vergleichen konnte. In dem folgenden Jahre 1566 erschien die Sonne und der Mond mehrmals in verschiedenen Sommermonaten den ganzen Tag durch blutroth, worauf eine weit verbreitete Augenentzündung folgte, die nach Forest'ö Bericht ansteckend gewesen seyn soll, und woran ein großer Theil der Kranken erblindete. Die Jahre 1563 und 1577 waren gleich stark durch verheerende Seuchen und durch auffallende Meteore ausgezeichnet. Den Anfang machten häufige Nordlichter und Ueberschwemmungen. Zu Ende des Jahres 1573 schien die Sonne beinahe gar nicht mehr, und Tag und Nacht war wochenlang so wenig von einander verschieden, daß das Volk glaubte, vie Sonne sey gar nicht mehr da. Im folgenden Jahre brachen nach heftigen Gewittern und häufigen Nordlichtern die bösartigsten Seuchen an allen Orten aus. In Löwen starben während der Höhe der Krankheit täglich 500 Merschen, in Neapel starben alle Aerzte und Krankenwärter, Trient wurde ganz verödet, in Venedig starben 70,000, in Mailand unterlag der zehnte Theil der Einwohner u. s. «. Und damit es auch außer Europa an Verheerungen nicht fehle, so erhob sich in Amerika die furchtbare Epidemie, die dort unter der Benennung Matlazüatl bekannt, und eine, den Ureinwohnern dieses Welttheils eigenthümliche Littrow l. 18 178 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Seuche ist, und raffte bloß in dem mexikanischen Gebiete in dem Jahre 1577 über 2 Millionen Eingeborne weg. Der Anfang des Jahres 1580 zeichnete sich wieder durch große, lebhafte Nordlichter aus. Ganze Feuerströme, sagen die gleichzeitigen Schriftsteller, schienen sich über den Himmel zu ergießen. Ebenso auffallend waren die häufigen Meteorsteine. Diesen Erscheinungen folgte unmittelbar eine Influenza, die sich beinahe über ganz Europa verbreitete. Zu Barcelona legten sich in den ersten sieben Tagen über 10,000 Menschen, in Paris starben 40,000, und in Eairo, wo sich noch die Pest zu jener Influenza gesellte, sollen in nicht ganz einem Jahre gegen 500,000 Menschen ihr Grab gefunden haben. Im Jahre 1595 bemerkte man heftige Erdbeben und Blutregen, und im Dezember eine schreckbare Dunkelheit bei Tage (ealigo lormi- äudilis intöräm) auf welche der Ausbruch der sogenannten Kriebel- krankheit erfolgte, die so viele Jahre durch die Plage Europa'ö war. Man glaubt, daß sie ihren Ursprung in dem Genusse des von der Witterung verdorbenen Getreides habe. Zuerst erschien sie im Jahre 1581 in Norddeutschland. Sie äußerte sich vorzüglich in heftigen Krämpfen, besonders der Hände und Füße, unter welchen die Kranken oft brüllend vor Schmerzen den Geist aufgaben. Im Jahre 1614, das mit heftigen Erdbeben begann, sah man in England eines Tages den Himmel plötzlich stark beleuchtet, worauf eben so schnell eine allgemeine Dunkelheit folgte. In demselben Jahre erhob sich in diesem Lande die sogenannte englische Krankheit (l^M- tis), die unsere Leser leider auch ohne unsere Beschreibung kennen werden. Im Jahre 1663 wurden zu Venedig innerhalb einer Woche 60,000 Menschen von einem heftigen Catarrh befallen, den ein dichter aus den Lagunen des adriatischen Meeres aufsteigender Nebel verursacht haben soll. Eine ähnliche, nur noch weiter verbreitete Erscheinung hatte im Jahre 1075 Statt, wo in Frankreich, Italien und Deutschland nach einem mehrtägigen, dichten Nebel eine allgemeine Influenza ausbrach. Im 1689 bemerkte man zu Venedig nach einem wässerigen Nebel einen röthlichen Staub an allen Pflanzen und Früchten, deren Genuß Uebelkeiten verursachte, wenn sie nicht zuvor sorgfältig von dem Staube gereinigt waren. In ganz Ober- italien bekam das Getreide rothe Flecken, die es ungenießbar machten. Im Jahre 1693 nahm die Atmosphäre über dem südlichen Italien während eines Erdbebens eine rothgelbe Farbe an, man sah auch zu- Witterung des Cholera-Jahres 1831. 179 gleich Lichterscheinungen an verschiedenen Stellen aus der Erde treten, die garstige Dünste verbreiteten; gleich darauf verbreiteten sich bösartige Fieber. Im Jahre 1703 hatte in Italien ebenfalls während einer Erd- erschütterung die Sonne mehrere Stunden lang eine ganz dunkelrothe Farbe, und alle Einwohner klagten über Kopfweh und Schwindel, andere litten unter heftigem Erbrechen, ja mehrere starben sogar plötzlich an Apoplexie. Das Jahr 1721 war durch viele Feuerkugeln und ein sehr großes Nordlicht ausgezeichnet. In Frankreich und Italien hatte man starken Heerrauch und in diesem Jahre kam auch das gelbe Fieber zum ersten Male nach Europa und zwar nach Lissabon. Jetzt trat auch die epidemische Kolik auf, die man gewöhnlich dem häufigen Obstgenusse im Herbste zuschreibt, und wurde für mehrere Jahrzehnte einheimisch. Das Jahr 1728 kündigte sich durch eine große Anzahl von Nordlichtern an, deren Muschenbroek über 30 beobachtete. Heftige vulkanische Eruptionen in Island gingen einem Erdbeben voraus, das besonders stark in Deutschland war, und die Höhen vieler Orte änderte, so daß man jetzt die Spitzen der Kirchthürme sehen konnte, wo sie früher ganz unsichtbar waren. Diese Vorbereitungen und ein naßkalter Sommer bildeten endlich einen allgemeinen Catarrh oder eine Influenza aus, die sich über ganz Europa erstreckte, mit wenigen Remissionen volle 10 Jahre, bis 1738 dauerte, und an vielen Orten die Gestalt einer gefährlichen Luftröhrenentzündung annahm. Diese Krankheit schien sich von Rußland und Polen über die westlichen Länder Europa'S zu ergießen. Sie soll sich selbst bis nach Mexico verbreitet, und die Städte und Menschen, die sie auf ihrem Wege traf, mit Blitzesschnelle überfallen haben. In Wien wurden im Frühlinge deö Jahres 1729 schon in den sechs ersten Tagen über 60,000 Menschen krank. Doch war hier die Sterblichkeit nicht so groß wie in London, wo sie mehr Menschen, als selbst die Pest des Jahres 1666 hingerafft haben soll. Im Jahre 1730 nahmen die Nordlichter und andere Meteore, und mit ihnen auch die Influenza noch mehr zu. Einen neuen noch höheren Aufschwung nahm die Krankheit im Jahre 1737, wo vulkanische Ausbrüche und Erdbeben tobten, wo ein ungeheurer Sturm in den indischen Gewässern 20,000 Fahrzeuge, und aus denselben 300,000 Menschen zu Grunde richtete, und wo, in England besonders, ein 12 "- 180 Witterung des Cholera-Jahres 1831. dichter, übelriechender Nebel das Land, «nd ungewöhnlich große und starke Nordlichter den Himmel bedeckten. Im Jahre 1741 zeigten sich ungemein viele Lufterscheinungen «nd Meteore in Nordamerika, und als im Jänner die strenge Kälte plötzlich nachließ, und ein warmer Regen siel, überzog sich der ganze nächtliche Himmel mit einem hellen rothen Feuer, so daß man alle Gegenstände, wie am hellen Tage, unterscheiden konnte. Bald darauf brach das gelbe Fieber in Philadelphia und Newyork mit großer Heftigkeit aus. Die Jahre 1755 und 1756 waren besonders durch weit verbreitete und heftige Erdbeben ausgezeichnet, deren eines am 1. Nov. 1755 Lissabon zerstörte. In England sah man eine besondere Beleuchtung des Horizonts, indem eine breite, sonnenartige Lichtzone wie ein Wafferstrom zu rieseln schien, und dann Plötzlich unter starken Detonationen verschwand. Auch auf der See bemerkte man feurige Lufterscheinungen, die große Strecken des Himmels einnahmen, ihre Farben schnell änderten, und endlich unter heftigem Krachen verschwanden. Bald darauf brach in Schweden und Mitteleuropa eine epidemische gangränöse Halsentzündung auö, die selbst in Nordamerika um dieselbe Zeit sich sehr verderbend zeigte, während in der Moldau und in Siebenbürgen die Pest wüthete. Das Jahr 1769 hatte wieder sehr viele Nordlichter und Erdbeben, welche letztere in Asien, Europa unn Amerika große Verheerungen anrichteten. Die Folge war zuerst eine Viehseuche, und darauf allgemeines Erkranken der ärmeren Classen, auö dem sich in Oberitalien zum ersten Male das diesen Gegenden so verderbliche Peüagra entwickelte; dann die brandige Bräune, die in Europa und Amerika viele Opfer forderte, und endlich nach einem starken Mißjahre und Hungersnoth, die Cholera in Ostindien, die hier als eine neue Krankheit erschien, und gleich in dem ersten Jahre ihres Auftrittes mehrere Millionen einem grausamen Tode überlieferte. Das Jahr 1775 zeichnete sich wieder durch Heerrauch in vielen Gegenden, durch häufige Nordlichter und andere Meteore aus. Im folgenden Sommer zog sich eine Influenza über ganz Europa von Ost nach West, die wie eine Überschwemmung eine Gegend nach der andern ergriff, und selbst die Hausthiere nicht verschonte. Im Jahre 1780 bemerkte man in Nordamerika eine gänzliche Verdunklung der Sonne, die vvm Morgen bis zum Abend währte, so daß man Witterung des Cholera-Jahres 1831. 181 Lichter anzünden mußte, zugleich fiel das Barometer immer tiefer. Bald daraus zeigte sich wieder eine Influenza, die sich über ganz Nordamerika erstreckte. Noch weiter verbreitet war aber die Influenza, welche sich in dem folgenden Jahre 1781 von dem Osten Asiens über Europa ergoß, und' die wohl noch manchem Leser unter der damals gewöhnlichen Benennung der russischen Krankheit bekannt seyn wird. Sie verschonte von Kamtschatka bis nach Portugal kein Land und keine Stadt, und fiel plötzlich über ihre Opfer her, so daß in mancher Stadt in einer einzigen Nacht schon mehrere Tausende erkrankten, ehe die andern Einwohner noch von der Existenz der Krankheit wußten. In Petersburg wurden gleich an dem ersten Tage 40,000 Menschen davon überfallen. Die Ergriffenen wurden durch Hülfe zweckmäßiger Arzneimittel leicht gerettet, obschon die ersten Tage deö Erkrankens große Gefahr zu drohen schienen. Die Genesenen sahen gewöhnlich sehr entstellt und mehrere Jahre älter aus. Am 29. Oktober 1785 verdunkelte sich in Nordamerika der Tag wieder plötzlich, so daß man durch viele Stunden, wie bei Nacht, Lichter anzünden mußte und schon nach einigen Tagen zeigte sich die Influenza wieder, die besonders in den südlichen vereinigten Staaten sehr heftig war. Im Jahr 1789 endlich war in Amerika der Heerrauch wieder sehr gewöhnlich, und die ganze Atmosphäre schien oft mehrere Tage lang wie mit einem röthlichen Dunste erfüllt. Ganz besonders ausfallend aber war die wahrhaft entsetzliche Menge von Sternschnuppen die Humboldt und Bonpland in der Nacht vom 11. zum 12. November zu Cumana beobachteten. Vier Stunden lang sahen sie die Sternschnuppen in der Richtung von Nord nach Süd den Himmel in solcher Menge durchziehen, daß es ihnen nicht möglich gewesen wäre, eine drei MondeSdurchmefser betragende Fläche anzugeben, die nicht jeden Augenblick voll Sternschnuppen und Feuerkugeln gewesen wäre. An dem daraus folgenden Tage war der ganze Himmel wieder mit rothen Dünsten überzogen. Eine zwar nicht so ungemein große, aber doch immer äußerst ungewöhnliche Anzahl von Sternschnuppen und Feuermetcoren sind zu derselben Zeit, nach den Berichten der Physiker und englischen Schiffer, auch aus den Antillen, in Grönland, «nb an der Labradorküste gesehen worden. Wenige Monate nach ähnlichen Erscheinungen im Anfange des Jahres 1802 wälzte sich wieder eine Influenza über ganz Europa, die von Archangel und Kasan zu kommen schien und überall, wo sie sich lagerte, mehr als 182 Witterung des Cholera-Jahres 183!. die Hälfte der Bevölkerung mit anfangs sehr heftige» Symptomen ergriff. In Amerika aber verbreitete sich in diesem Jahre das gelbe Fieber weiter und wüthete stärker, als in irgend einem der vorhergehenden Jahre. Diese verheerende Seuche kam in demselben Jahre auch nach Cadir, wo sie seit 56 Jahren nicht' gewesen war, und tobte in dieser sonst so gesunden Stadt so sehr, daß durch mehrere Wochen täglich 300 Menschen starben. Cadix war damals, wie der spanische Geschichtschreiber sagt: „Ouüix i>o era xa was gus un pueblo solitsrio, puodlo äs Isgrimas ^ Ü68olscion." Dieses Verzeichnis, das sich leicht beträchtlich vermehren ließe, wird hinreichen, zu zeigen, daß der vermuthete Zusammenhang jener meteorischen Erscheinungen in weit verbreiteten Krankheiten der Menschen und Thiere, wenigstens sehr wahrscheinlich ist, und daß cü daher wohl der Mühe werth seyn mag, bei künftigen ähnlichen Ereig- . niffen die Aufmerksamkeit darauf zu richten. Es gibt aber ohne Zweifel noch andere Vorläufer und Begleiter unserer Epidemien, als: sehr heiße Sommer, sehr strenge oder auch sehr milde und laue »Winter, lange anhaltende Regen; Mißjahre, die entweder durch den Genuß des kranken Getreides oder durch gänzlichen Mangel desselben, Seuchen erzeugen; Heuschrecken und andere Insekten, die besonders in den früheren Jahrhunderten in so großen - Schwärmen kamen, daß sie mehrere Quadratmeilen auf einmal be- ! deckten, und entweder durch die Vernichtung aller Feldfrüchte Hun- ! gcrSnoth, oder durch die Fäulniß ihrer, ganze Gegenden bedeckenden ! Körper, unmittelbare Krankheiten erzeugten; vulkanische AuSbrüche endlich und Erdbeben, in deren Gefolge verheerende Seuche» unter Menschen und Thieren so oft gefunden werden, daß wir schon alle längst gewohnt sind, uns mehr über ihre Trennung, wenn sie zu- . weilen vorkommt, als über ihre Gesellschaft zu verwundern. Da übrigens die so eben erwähnten Erscheinungen bei der jetzt herrschenden - Epidemie nicht, wenigstens nicht vorzugsweise vorgekommen sind, so wird eS genügen, noch einige dieser ausgezeichneten Fälle hier kurz zu erwähnen. Die verheerende Pest, welche unter Kaiser Antonius im Jahre 165 von Persien bis nach Gallien alle Länder verwüstete, soll nach der Erzählung des Ammian Marcell, aus der Mauer eines Tempels in Babylon entstanden seyn. Die römischen Soldaten, welche diesen Tempel plünderten, bemerkten ein vermauertes Loch in der Wand desselben, und als sie dasselbe, in der Erwartung verborgener Schätze Witterung d-es Lholeira-JahreS 1831. 183 öffneten, drang ein so verpesteter Dmnst aus der Höhle, daß sie sogleich alle todt zur Erde stürzten, und daß die Seuche sich sofort über daS Heer und das ganze Land verbreitete. Von den Erdbeben, welche unmittelbar vor oder mit der Pest einhergingen, will ich hier nur einiger erwähnen. Jenes von 1348 erschütterte Deutschland in allen seinen Theilen durch nahe 40 Tage auf das heftigste. Viele Burgen und Schlösser stürzten in Trümmer und selbst ganze Städte wurden in Steinhaufen verwandelt. Viele Menschen sielen betäubt von dem Getöse und erstickt von dem aus den Klüften der Erde hervorbrechenden Dunste, todt zur Erde nieder, und im Herbste desselben Jahres brach der schwarze Tod in Deutschland aus, der zwei Drittheile der Bevölkerung hinraffte. Eben so ging der Pest, die im Jahre 1356 in Spanien wüthete, ein über dieses ganze Land verbreitetes Erdbeben voraus, und, wie die gleichzeitigen Chroniken sagen, die Verheerung der Krankheit war immer an jenen Orten am grössten, an welchen wenige Wochen vorher auch die Erschütterung am größten gewesen war. In Confiantinopel, das seit seiner Erbauung ununterbrochen diesem Unglücke ausgesetzt ist, erhob sich nach einer beinahe zehnjährigen Ruhe im Jahre 1509 das alte Uebel plötzlich mit neuer Kraft, und zerstörte unter den heftigsten Erschütterungen fast alle Gebäude dieser Stadt, unter deren Schütte in wenigen Almuten über 13,000 Menschen ihr Grab fanden. Dasselbe Erdbeben erstreckte sich auch, obwohl minder heftig, über daS ganze südliche Europa, und kaum einen Monat darauf brach in allen diesen Ländern, wo die Erschütterungen statt hatten, die verheerende Krankheit aus, die damals unter dem Namen der Cogurluche (Kappe) bekannt war, weil die Meinung vorherrschte, daß eine warme Kopfbedeckung am besten gegen diese Krankheit schütze, die gewöhnlich mit einem heftigen Kopsweh anfing. Hieher gehört endlich auch noch auö unsern Tagen das furchtbare Erdbeben, welches im Jahr 1797 Quito zerstörte, und welches beinahe alle tropischen Gegenden deö alten und des neuen Continents erschütterte. In Südamerika besonders dauerten die Erdstöße vom 4. Februar bis 5. April, die Städte Riobamba, Hambato und Tacunga fielen in Trümmer und in der Umgegend von Quito verloren in weniger als einer Stunde über 40,000 Menschen ihr Leben. Seit dieser Katastrophe steht in Quito das Thermometer durchaus einige Grade tiefer -als früher. Aehnliche Erderschütterungen fühlte man auch zu derselben Zeit in Sumatra und in ganz Ostindien. In Amerika aber folgte jenen Erscheinungen unmittelbar eine schnelle 184 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Verbreitung deS gelben Fiebers, das selbst in die südlichsten Gegenden dieses Welttheils eindrang. Wie weit sich zuweilen die Erdbeben erstreckten, davon liefert das von dem Jahre 1755 ein auffallendes Beispiel, in welchem bekanntlich Lissabon zerstört wurde. Im Anfang schon dieses verhängnißvollen Jahres wurde der Vesuv besonders un- ' ruhig, und ein gleichzeitiges Erdbeben in Amerika zerstörte beinahe die Hälfte der Stadt Quito. Im März tobten die Vulkane Islands mit einer bisher nie gesehenen Wuth, und erfüllten die ganze Oberfläche dieser Insel mit einem erstickenden Schwefelgerüche und mit : einem Aschenregen, der durch mehrere Tage die Sonne verfinsterte, l Das Meer um die schottländischen Inseln schien zu kochen, und ein Heer von todten Wallfischen trieb an die Küsten Nordamerikas. In der Mitte Europas tobten fürchterliche Gewitter mit alles überströmenden Regenströmen. Von da über das große Weltmeer bis nach , Peru hin, schien Alles in Aufruhr zu seyn, und in der Tiefe deö ! atlantischen Oceans öffneten sich ungeheuere Klüfte, die durch die in ! sie stürzenden Wassermassen, Europas westliche und Amerikas östliche ' Küsten erschütterten. Endlich entlud sich die Wuth im Innern der ; Erde durch einen fürchterlichen Stoß, der die Oberfläche derselben gewaltsam zerspaltete. Am 1. November 1755 ging die Sonne ruhig und schön über Lissabon auf. Ein reiner Morgen verkündete den Bewohnern dieser Stadt den lieblichsten Herbsttag. Um 10 Uhr Vormittags erscholl plötzlich ein entsetzlicher Schlag, der zugleich von der Lust und aus der Erde zu kommen schien; die Lust verfinsterte sich, der Tag wurde zur Nacht, das Meer schwoll 50 Fuß über die dort gewöhnliche Flut, ein schäumender Wasserberg stürzte von der Mün- ; düng des Tafo auf die unglückliche Stadt, unter der die Erde in ^ Klüfte borst und in wenigen Minuten waren von Lissabon nur einige i zerstreute Trümmer mehr über dem Boden, während unter ihm über : 60,000 Mann begraben wurden. Der diese Stadt zerschmetternde l Erdstoß wurde beinahe in demselben Augenblicke zu Abo in Finnland, ^ in Madeira und Barbados, und an dem Ontariosee in Nordamerika, i also in einer Ausdehnung von mehr als 90,000 Quadratmeile» j gefühlt. ^ Wenn man die Geschichte dieser Erscheinungen durchgeht, so ; kann man sich der Ansicht nicht entziehen, daß die meisten von ihnen periodisch sind, und in bestimmten Zeiträume» zurückkehren. Man findet oft mehrere Jahre hintereinander, wo auf der ganzen Erde von keinem beträchtlichen Erdbeben, von keinen Meteorsteinen, von keinen Witterung des Cholera-Jahres 1831. ^85 Nordlichtern u. dgl. die Rede ist, aber wie endlich eines derselben erscheint, folgen ihm gewöhnlich mehrere andere in den nächsten Monaten und Jahren. Es gab ganze Jahrzehnte, wo in keinem Lande der Erde eine nur etwas bedeutende Erderschütterung bemerkt worden ist, und wieder andere, wo diese Unfälle gar nicht aufhören wollten, und ganze, ja selbst mehrere Welttheile wiederholt in Aufruhr brachten. So sah man z. B. zwischen den Jahren 1770 bis 1789 ungemein viel Nordlichter, besonders in Deutschland. Aber seitdem gehören diese Phänomene, wie alle unsere Leser wissen, bei uns zu den großen Seltenheiten und die Bewohner WienS, waren nicht wenig erstaunt, als sie am 7. Jänner 1831 nach so langer Zeit wieder einmal ein sehr starkes Nordlicht erblickten, das daher auch die meisten, die so lange keines gesehen hatten, nicht einmal erkannten, sondern für ein fernes Feuer hielten. Man hat in diesen Tagen bei uns viel von der Entfernung der Vögel, besonders der Sperlinge, Dohlen und Raben gesprochen. Ich habe keine direkten Erfahrungen darüber sammeln können, und lasse daher die Sache dahin gestellt. Allein eS ist immer bemerkenswerth, daß man bei andern Epidemien dieselbe Erfahrung bereits schon so oft gemacht haben soll. Schon Polpbius erzählt, daß bei der von ihm so meisterhaft beschriebenen Pest, die im Jahr 430 vor Christi Athen verheerte, Raubthiere und Vögel, welche sonst die Leichen aufsuchen, aus den angesteckten Gegenden flohen, oder wenn sie von den Leichen fraßen, zu Grunde gingen, und daß überhaupt alle Vögel zu jener Zeit in Athen sehr selten gewesen seyn sollen. Im Jahre 1086, vor dem Eintritt des heiligen Feuers, sah man alle HauS- vögel, Hühner, Enten, Pfauen u. dgl. aus der Gesellschaft der Menschen fliehen, und wie von einer Wuth ergriffen, luria gu-nlsm srrexti, wie der Chronist sagt, den Wäldern zueilen, wo sie ganz scheu, wie wildes Geflügel wurden. Im Jahre 1400 bemerkte man, vor der bald darauf eintretenden allgemeinen Influenza, in allen nördlichen Ländern eine ganz besondere Unruhe unter den Sperlingen, und alle Zugvögel machten sich lange vor der gewöhnlichen Zeit auf ihre Wege, obscho» die Herbstwitterung sehr milde, und selbst der darauffolgende Winter ungemein lau war. Bei einer Seuche in den Niederlanden im Jahre 1522 entfernten sich die Vögel so eilig, daß sie selbst ihre Eier und Jungen im Stiche ließen. Auch bei der großen Pest, die 1542 besonders in Deutschland wüthete, verließen die Vögel des Waldes ihre Nester in der ganzen Gegend, und der berühmte Arzt 186 Witterung des Cholera-ZahreS 1831. Fallopius wollte damals bei seinen Sectionen der plötzlich gestorbenen Vogel sogar wirkliche Bubonen gesunden haben. Vor der verheerenden Pockenseuche, die 1643 in Nordamerika ganze Völkerschaften vertilgte, sah man unermeßliche Schwärme von wilden Tauben in einer Ausdehnung von mehreren Quadratmeilen das Land überziehen, und nach andern Gegenden fliehen. Bei dem großen Erdbeben des Jahres 1783 in Calabrien äußerten die Hausvögel, so wie die Hunde und Pferde, eine ganz besondere Unruhe als Vorgefühl des herannahenden Unglücks. Als endlich im Jahre 1800 das gelbe Fieber nach Cadix kam, soll man keinen Sperling mehr auf den Straßen der Stadt gesehen haben. Auch starben die dort so häufig als Zimmervögel gehaltenen Canarien an ähnlichen Symptomen, wie die Menschen, indem sie eine schwarze Masse erbrachen und nach dem Tode sich ihre Augen gelb färbten. Dieses Flüchten vor Epidemien ist aber nicht bloß den Vögeln und andern Thieren gemein. Wir sahen es oft genug, und selbst in den letzten Tagen, auch bei Menschen. Wer nicht bleiben mußte, ging seiner Wege, und die Zurückgebliebenen mögen es jenen nur nicht verargen, da sie wahrscheinlich, in ihrer Lage, nicht anders gehandelt hätten. Diese Wanderungslust in bösen Zeiten war früher noch viel allgemeiner, da sie sogar ganze Korporationen ergriff. Die große Pest des Jahres 1530 hatte das Eigene, daß sie in jedem Lande zu einer bestimmten Zeit nur einige Städte oder Gegenden ergriff, und von ihnen allmälig zu andern überging. Damals wurde es daher auch allgemeine, bis in das achtzehnte Jahrhundert dauernde Sitte, daß Höfe, Behörden, Gerichtsstellen und höhere Lehranstalten oft Jahre lang im Lande hin und her zogen, um gesunde Orte auszusuchen, und diese bei der Annäherung des Uebels sogleich wieder zu verlassen. Auf diese Weise war besonders die ganze Universität von Tübingen in den Jahren 1530, 1604 und 1639 durch längere Zeit auf Reisen, und die von Wittenbcrg war manchmal, über daS ganze Land zerstreut, gar nicht zu finden. Ja im Jahre 1563 machte sich sogar der löbliche Senat von Augsburg auf die Beine und ernannte für sich und sein ganzes Personale einen 86nstu8 ?öst,ils»lisrius, dem er, da sich Anfangs Niemand zu der unverhofften Ehre finden wollte, seinen ganzen Gehalt zurückließ, zufrieden, für sich selbst nur das Leben gerettet zu haben. Wie sollte man sich dann noch wundern, wenn diese Wanderungösucht auch zuweilen die Aerzte selbst ergriff, da sie doch bei so allgemeinen Calamitäten unter allen den größten Witterung der Cholera-Jahres 1831. 187 Gefahren ausgesetzt sind. Als die große Pest, die im Jahre 1665 in London wüthete, während der drei ersten Monate bereits über 65,000 Menschen in dieser Stadt getödtet hatte, und nach einem kurzen Nachlasse ihre Wuth noch einmal ausbrach, liefen endlich alle noch übrigen Aerzte davon, selbst der berühmte Sydenham nahm keinen Anstand, sein Heil in der Flucht zu suchen. Nur Hodges blieb mit seinen Gehülfen in der unglücklichen Stadt zurück, fand aber auch in vielen Häusern, die nach dem damaligen sehr strengen Absperrungssystem nach 40 Tagen wieder geöffnet wurden, keine lebendige Seele mehr. Bei der Pest des Jahres 1558 wurden alle Aerzte in Spanien, welche die Stadt verlassen und sich durch die Flucht retten wollten, mit dem Verluste ihrer Diplome bedroht. Bei der Seuche, die im Jahre 1655 in Neapel den dritten Theil der Bevölkerung hinraffte, starben gleich in den ersten Tagen 44 der besten Aerzte, und die andern liefen alle davon. In der Pest, die 1679 Wien verheerte, mußten am Ende, wie P. Abraham a St. Clara in seiner Beschreibung dieser Krankheit erzählt, die Aerzte und Chirurgen durch Soldaten und mehrere sogar in Fesseln vor die Krankenbetten geschleppt werden, und da sich auf die durch wiederholten Trommelschlag in den Straßen verkündete Aufforderung, gegen das Anerbieten sehr großer Bezahlungen, keine Krankenwärter fanden, die ihr Leben einer so offenbaren Gefahr preisgeben wollten, so wurden endlich die Kerker geöffnet, und die Sträflinge, die nach dem Gesetze ohnehin schon ihr Leben verwirkt hatten, zu diesem schmählichen Dienste gezwungen. Anders ging es dem bekannten spanischen Arzte Masderal, der von seiner Regierung im Jahre 1783 zur Beschwörung des typhösen Pe- techialfiebers nach Catalonien geschickt wurde. Da der Erfolg, welche« er wenigstens selbst von seiner Antimonial- und Chinamirtur so gewaltig anrühmte, ungemein glücklich gewesen seyn soll, so verlieh ihm der König den Namen deö spanischen Hippokrates, schenkte ihm ein großes Landgut und erhob ihn in die erste Classe des stolzen castilischen Adels. Er wurde bald darauf von seiner Regierung auf dieselbe Weise, wie setzt französische Aerzte nach Spanien gehen, nach Frankreich geschickt, wo dieselbe Krankheit wüthete, aber die Aerzte dieses Landes waren nicht geneigt, ihre bisherigen Erfahrungen gegen die Auösprüche dieses fremden Orakels einzutauschen. Von den epidemischen Krankheiten der Thiere, deren Geschichte ein eigenes Buch bilden würde, erwähne ich nur der großen Seuche unter dem Zugvieh, welche von 1744 bis 1774, also volle 30 Jahre 188 Witterung des Cholera-Jahres 1831. dauerte, und nicht nur Europa in allen seinen Theilen, sondern auch die Inseln und das ganze Festland von Amerika verheerte. Zu derselben Zeit herrschte unter den Menschen durch beinahe ein halbes Jahrhundert eine allgemeine Epidemie, die in einer gangränösen oder fauligen Halsentzündung bestand, und das Severinische Halsweh genannt wurde, und mit der jene weit verbreitete Seuche der Thiere analog war, da auch bei diesem der Hals und die Luftröhre immer brandig angegriffen wurde, obschon sie sich unter verschiedenen äußere» Formen, der Gehirnwuth, der Lungenentzündung oder der Ruhr zeigte. Sie besuchte wiederholt dieselben Länder und drohte in manchen Gegenden den Viehstand ganz auszurotten. In Holland fielen in einem Jahre über 141,800 Stücke. In Frankreich und Schweden wurden eigene Stellen und Commissionen errichtet, die sich nur mit diesem Gegenstände beschäftigen sollten. Im Jahre 1754 gesellte sich eine Krankheit des Getreides dazu, dessen Halme grau wurden, einen gelben Saft ausschwitzten und dann verdorrten. Im folgenden Jahre 1755 nahm jene Seuche die Gestalt einer Klauenkrankheit an, die besonders in Norddeutschland sehr verheerend wurde. Im Jahre 1763 wurde die Epidemie allgemein und erstreckte sich auch auf die übrigen HauSthiere, selbst auf das Geflügel. In Madrid starben an einem einzigen Tage über 900 Hunde. Im Jahre 1773 schien sie sich ihrem Ende zu nähern, flammte aber plötzlich wieder mit erneuerter Wuth aus, besonders in Frankreich und Spanien, von wo sie auch nach St. Domingo und nach Nordamerika kam, und da bis zu Ende des Jahres 1774 alle Gegenden verheerte, bis sie endlich in beiden Welttheilen plötzlich verschwand. Wir-beschließen diesen Gegenstand noch mit einigen Bemerkungen, die vielleicht für manche Leser in der gegenwärtigen Epoche einiges Interesse haben werden. Man hat auch in diesen Tagen Wohlgerüche und selbst andere stark riechende Substanzen als Präservative gegen die Krankheit geltend machen wollen. Ohne «nS bei der Untersuchung der Verläßlichkeit dieses Mittels aufzuhalten, bemerken wir bloß, daß diese Meinung schon sehr alt ist. Der jüngere Plinius erzählt, daß bei der verheerenden Pest des Jahres 182, wo eine längere Zeit hindurch bloß in Rom täglich gegen 2000 Menschen gestorben seyn sollen, der Kaiser Commodus auf den Rath der römischen Aerzte sich nach Lau- rentium flüchtete, dessen häufige Lorbeerwälder die ganze Gegend mit einem Dufte erfüllten, der für sehr zweckmäßig zur Abwehrung der Witterung des Cholera-Jahres 1831. 189 Seuche gehalten wurde. Man erklärte damals schon alle starkriechen- den Substanzen für schützend, daher man sich mit narcotischen Salben die Haare und andere Theile des Körpers bestrich, oder auch solche Gegenstände zum Riechen bei sich trug. Nicht minder alt ist die Behauptung, daß Apotheker und andere, die mit starkricchenden Gegenständen umgeben sind, von Epidemien befreit bleiben. In Egppten und der Türkei wird besonders der Bocksgeruch für antipestialisch gehalten, daher sich dort viele Große, wenn sie sich zur Pestzeit von aller menschlicher Gesellschaft zurückziehen, bloß mit einigen alten Böcken auf ein Zimmer sperren, und sie als ihre nächsten Freunde, ja selbst als Tisch- und Bettgenofsen behandeln. Eine merkwürdige, aber wohl schwer zu erklärende Eigenheit beinahe aller Epidemien ist die, daß sie, wenn sie nach einer längern Dauer schon abzunehmen scheinen, plötzlich wieder aufflammen, und kurz vor ihrem wahren Ende mit erneuerter Heftigkeit auSbrechen. Schon Thucydides bemerkte dieß bei der großen Pest, die im Jahre 430 vor Chr. Athen verwüstete. Die Seuche, welche im Jahre 251 unter der Regierung des Kaisers Valerian erschien, und durch fünfzehn Jahre beinahe ganz Europa verheerte, brach im Anfange des Jahres 266, kurz vor ihrem Erlöschen noch einmal mit der größten Wuth aus. Dasselbe bemerkten wir bereits oben bei der dreißigjährigen Viehseuche, die im Jahre 1773, kurz vor ihrem Ende, ebenfalls mit neuer Heftigkeit auSbrach. Eine andere Eigenschaft weit verbreiteter Epidemien besteht darin, daß zur Zeit ihrer Herrschaft alle übrigen Krankheiten größtentheils schweigen, oder wenn sie nicht ganz unterdrückt werden, in die Form der Epidemie selbst überzugehen suchen. Auch diese Bemerkung machte schon Thucydides vor nahe 2260 Jahren, indem er von der atheniensischen Pest sagt: „Zu derselben Zeit kamen auch keine andern sonst gewöhnlichen Krankheiten in der Stadt auf, und wenn zuweilen eine erschien, so ging sie in die allgemein herrschende Seuche über;" eine Erfahrung, die sich seitdem beinahe bei jeder weiter verbreiteten Epidemie bestätigte, und die ihren Grund in der Allgemeinheit des Ergriffenseyns des menschlichen Organismus zu solchen Zeiten haben mag. Witterung des Cholera-Jahres I83i ii (Wiener Zeitschrift 1832. No. 20.) Teit der kurzen Zeit der Mittheilung des Aussatzes: „Ueber die häufigen Nebel des Septembers und Oktobers des verflossenen Jahres" find mir noch einige Nachrichten über diese Erscheinung selbst von sehr entfernten Orten zugekommen, die vielleicht an sich selbst nicht ohne Interesse sind, oder doch als Ergänzung des dort Gesagten hier nachgetragen werden sollen. Zuerst muss bemerkt werden, daß dieser Nebel nicht blos jene beiden Monate, sondern alle ihnen folgenden bis zum Februar d. I. und zwar die letzten Monate in einem ganz besondern Grade ausgezeichnet hat. So weit ich in dem meteorologischen Journale der Sternwarte zurückgehen kann, d. h. seit mehr als fünfzig Jahren, finde ich in unsern Gegenden keine» Winter, der so viele, so dichte und so anhaltende Nebel mit sich gebracht hat, als der Winter von 1831 aus 1832, da selbst das berüchtigte Nebelsahr von 1783, wenigstens in Beziehung auf die lange Dauer dieser Nebel, dem gegenwärtigen Jahre weit nachgesetzt werden muß. Besonders merkwürdig aber wird diese Erscheinung durch die große Ausdehnung, über welche sie sich aus der Oberfläche unserer Erde erstreckt hat. Nach den darüber bereits erhaltenen Nachrichten läßt sich beinahe vermuthen, daß keine Gegend der alten und neuen Welt davon ausgenommen war, wenigstens kein Continent; denn auf Witterung des Cholera-Jahres 1831. Nachtrag. 191 dem offenen Meere, selbst schon in der Entfernung von einer deutschen Meile vom Ufer, hat man, so viel ich bisher erfahren habe, diese» Nebel nirgends gesehen, vielleicht weil die Ausdünstungen des Wassers ihn neutralistren, oder einen Niederschlag desselben erzeugen. Wie dem auch seyn mag, hier folgen einige der erwähnten Nachrichten, von denen ich wünsche, daß sie bald durch andere eben so verläßliche vermehrt werden mögen. Thatsachen und Facta brauchen wir, nicht un- zcitige Hypothesen und vage Demonstrationen, die der erste Wind wieder verweht, und die kaum den Tag ihrer Geburt überleben. Suchen wir zuerst den Grund zu legen, und überlassen wir es unsern allzeit fertigen Meteorologen, ihre theoretischen Luftschlösser nach Lust und Liebe zu errichten. In Paris und im ganzen südlichen Frankreich bemerkte man diesen Nebel, der, so wie bei uns, noch setzt dort anhält, schon in der Mitte Augusts des vorigen Jahres. In den vereinigten Staaten von Nordamerika, besonders um New-Aork, war er gegen Ende Augusts bereits der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs. In Odessa sah man ihn schon am 9. August zum ersten Male, und er währt seitdem mit wenig Unterbrechung noch immer fort. An der westlichen Küste von Afrika, wo er besonders dicht seyn soll, wurde er, nach dem Berichte englischer Seefahrer, schon am 3. August bemerkt. Rozet, Kapitän des Generalstabs in Algier, schrieb an seine Freunde in Paris, daß er seit Anfang Augusts jeden Tag, wo die anhaltenden dichten Nebel nur überhaupt die Sonne sehen lassen, dieses Gestirn in einer sonderbaren, blaugrünen Farbe erblicke. In Annapoliö, an der Chehapeakbay (39" N. Br.) war seit jener Zeit die ganze Gegend immerwährend mit einem dem Sonnenlichte undurchdringlichen Nebel bedeckt. In Sibirien, besonders in der Gegend am Baikalsee, war außer den dichten Nebeln, die man auch dort bemerkte, der Himmel in den ersten Abendstunden, und oft selbst bis gegen Mitternacht so stark roth gefärbt, daß man zu einer Zeit, wo sonst dort vollkommene finstere Nacht ist, eine kleine Schrift, ohne Hülfe eines andern Lichts, noch sehr gut lesen konnte. Diese Nöthe, welche auch in Deutschland und Italien, so wie bei uns häufig genug bemerkt wurde, war kein nordlichtartiger Schimmer, wie Manche glauben, da er in seiner Stellung am Horizonte, in seiner Dauer, in seiner Farbe und in seiner ganzen Gestalt und Zeichnung von dem Nordlichte verschieden war. Eben so wenig ist er mit der gewöhnlichen, sogenannten Abendröthe zu verwechseln, da diese im günstigsten Falle nur statt hat, so lange die Sonne nicht tiefer als 18 Grade 192 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Nachtrag. unter dem Horizonte steht, während jenes Licht selbst bei einer Tiefe der Sonne von 25 Graden in vielen Gegenden noch sehr lebhaft war. Wenn diese sonderbare und sehr häufige Beleuchtung des Himmels mit jene» Nebeln im Zusammenhange steht, wie es denn so scheint, da beinahe überall beide Phänomene zugleich anfingen, so ist eS möglich, daß dieses Licht nur ein Nester des Nebels selbst war, und daß daher dieser Nebel sehr hoch über unsere Erde, selbst weit über die Grenze desjenigen Theils unserer Atmosphäre sich erstreckte, die noch das Sonnenlicht zu reflektiern im Stande ist. In den meisten der oben erwähnten Gegenden konnte man an den nebligsten Tagen die Sonne, selbst um Mittag, mit freien Augen anblicken, ohne von ihrem Lichte geblendet zu werden. An der Westküste Afrika'S wurde dieses Gestirn durch mehrere Wochen erst sichtbar, wenn es sich 15 oder 20 Grade über den Horizont erhoben hatte. Merkwürdig ist dabei, daß man, wenn auch oft die Tage durch den dichtesten Nebel getrübt waren, doch bei Nacht so oft die Sterne sehen konnte, eine Erscheinung, die auch bei uns Statt hatte, wo die Tage häufig trüb und dunkel, die Nächte aber rein und sternenhell waren. Am merkwürdigsten aber scheint mir die ganz eigene Farbe, welche zu jener Zeit die Sonne und der Mond so oft angenommen hatten. Ich sage, zu jener Zeit, im September und Oktober, denn seit dem November haben wir beinahe keine Sonne mehr gesehen, und wissen daher auch von ihrer Farbe nichts mehr zu sagen. Wenn uns diese beiden Gestirne auch sonst zuweilen in einem ungewöhnlichen Lichte erschienen, so war die Farbe derselben immer mehr oder weniger roth, während sie in jenen Tagen inS Blaue oder Grüne überging. Die Farben, welche auS dem Reflex des Sonnenlichts von Wolken oder Nebelschichten entstehen, sind immer röthlich oder purpurfarbig, wie dieß bekanntlich bei unvollkommenen diaphanen Gegenständen, wie Wolken und Nebel, nicht anders seyn kann. Aber Blau oder Grün wird sich so leicht nicht erklären lassen. Sollte dieser Nebel eine Dunstart, ein Gas enthalten, das die Eigenschaft hätte, das weiße Licht der Sonnenstrahlen blau oder grün zu färben? Unsere Chemiker kennen wohl mehrere solcher Gase in ihren Laboratorien, aber werden unsere Meteorologen uns auch eines in jenem großen Laboratorium über uns nachweisen können, wo die Natur Tag und Nacht so thätig arbeitet, wenn sie gleich nicht dafür bezahlt wird? Auf jeden Fall werden diese Herren gut thun, ihre Erklärungskunst Witterung des Cholera-Jachres 18.11. Nachtrag. 193 zuerst an dieser blaugrünen Farbe zu versuchen, das Uebrige wird sich dann wohl aus diesem finden. Es sey mir erlaubt, zur besseren Vergleichung noch einige Nachrichten über den oben erwähnten Nebel des Jahres 1783 hinzuzufügen. Man beobachtete ihn ununterbrochen von dem nördlichen Afrika bis zum Nordcap und in derselben Breite auch in Asien und in Nordamerika. Auch auf den höchsten Alpen in der Schweiz wurde er bemerkt. Er dauerte durch die zwei Monate Junius und Julius. Er wurde weder von heftigen Stürmen, noch von Platzregen vertrieben. Er schien sich aus den obersten Gegenden der Atmosphäre auf die Erde herabzulassen, weil seine Ankunft oder seine Zu- und Abnahme von der Richtung des Windes ganz unabhängig war. Er verbreitete öfter, aber nur an gewissen Tagen, einen unangenehmen Geruch. Die Nächte dieser beiden Monate waren größtenteils, selbst beim Neumonde, ungewöhnlich hell, so daß man entfernte Gegenstände, wie etwa sonst zur Zeit der ersten Abenddämmerung, selbst um Mitternacht, noch deutlich erkennen konnte. Endlich war er, während sonst alle Nebel feucht sind, ungemein trocken, wenigstens wirkte er beinahe gar nicht auf das Hygrometer. Die Leser werden von selbst die Analogie dieses Nebels mit unserm gegenwärtigen erkennen. Unter den vielen Hypothesen, die man über dieses Phänomen uns bereits aufgetischt hat, spielen auch, wie zu erwarten war, die Kometen ihre Rolle. Die Kometen müssen sich nun einmal immer, so oft die Herren nicht recht fertig werden können, als Nothschüsse und Lückenbüßer brauchen lassen. . Ich bin keineswegs gemeint, es mit allen den Theorien aufzunehmen, mit welchen man uns bereits beschenkt hat, und ohne Zweifel auch ferner noch reichlich beschenken wird. Aber ich kann den Wunsch nicht unterdrücken, daß dabei wenigstens die Kometen verschont bleiben möchten. Denn Erstens erklärt eine solche Erklärung eigentlich gar nichts, und wir alle werden um nichts klüger, wenn man uns sagt, daß dieser Heerrauch von einem Kometen kommt, oder daß er seinen Ursprung dem Umstände verdankt, daß Venus mit Mars in Consunction, oder daß Jupiter der Regent dieses Jahres ist. Zweitens gab es im Jahre 183 l gar keinen Kometen, da von den beiden letzten, die wir gesehen haben, der eine am 28. Dezember, und der andere am 9. April 1839 durch ihre Sonnennähe gegangen, Littrow I. 13 19>4 Witterung des Cholera-Jahres 1831. Nachtrag. und auch beide viel zu klein, und zu weit entfernt gewesen sind, um zu einer solche» Erklärung gebraucht, ja auch nur gemißbraucht werden zu können. Drittens wird es selbst dem rüstigsten Hypothesenschmiede auffallen, daß wir mehrere Monate lang mit unserer ganzen Erde in dem Schweife eines Kometen herumschwimmen sollen, während wir doch von dem Kopfe dieses Kometen überall keine Spur entdecken können. Endlich wird eS auch der Billigkeit gemäß seyn, unschuldige Nachbarn in Ruhe zu lasten, besonders wenn wir bedenken, daß sie Jahrhunderte lang, wahrlich ohne ihr Zuthun, unsere Sündenbocke spielen müßten; daß kein Krieg, kein Hunger und keine Pest da gewesen ist, von der nicht sie die Schuld getragen haben, ja daß sie sogar, wie der Komet von dem Jabre 1456, als unmittelbare Boten der Hölle öffentlich verdammt worden sind. WaS nun erst gar die beiden Kometen betrifft, welche in dem gegenwärtigen Jahre im Mai und im November erscheinen werden, so ist an irgend eine Schuld derselben an unseren Nebeln oder an s unserer Epidemie vernünftiger Weise nicht zu denken. Denn beide sind so klein, und werden selbst zur Zeit ihrer größten Nähe bei der Erde noch so weit entfernt seyn, daß man in Europa den ersten wahrscheinlich gar nicht, und den andern nur durch Fernröhre sehen wird. Zur Zeit des Anfanges jener Nebel, d. h. im August 1830, aber waren beide über 107 Millionen deutsche Meilen von der Erde ent- l fernt, also über fünfmal weiter als die Sonne, die doch eine Kanonenkugel erst in zehn oder elf Jahren erreichen würde. Zwar hat man auch von den hundert Millionen Meilen langen Schweifen der Kometen gesprochen, durch die unsere Erde gehen könnte, wenn sie gleich von dem eigentlichen Kometen noch sehr weit entfernt bleibt. Aber ohne mich hier aus eine umständliche Widerlegung dieser , Meinung einzulassen, wird es genug seyn, zu bemerken, daß die An- > Wendung dieser Meinung auf den gegenwärtigen Fall ganz ohne Grund, > und eine wahre Verleumdung ist, weil diese beiden armen Kometen gar keinen Schweif haben. Wien, am 9. Februar 1832. Regulirung der öffentlichen Uhren. (Wiener Zeitschrift. 1823. Nr. 25.) Aie Berichtigung der öffentlichen Uhren war bisher bei unS, wie in den meisten anderen Städten, den Thurmwächtern überlassen; mit welcher Sorgfalt dies von ihnen betrieben wurde, weiß Jeder auS eigener Erfahrung. Wenn wir bloß den wahren Mittag zu kennen brauchten, um zu wissen, wenn eö Zeit ist zu Tische zu gehen, so hätte eS immer beim Alten bleiben, und am Ende wohl gar alle Thurmuhren gänzlich entbehrt werden können, da mancher Tischsreund eine Art von Uhr in seinem Magen hat, auf deren Gang er sich besser, als auf den der Stephansuhr verlassen kann. Indessen gibt eS noch einige andere Geschäfte, die wie unsere Mahlzeiten von der Uhr abhängen, und die, wenn nicht eben so angenehm und unterhaltend, doch wenigstens eben so wichtig sind, wie jene Schmäuse. In einer großen Stadt hängen die meisten Amtsgeschäfte und Zusammenkünfte von der Zeit ab, die also auch bekannt seyn muß, wenn jene Geschäfte nicht leiden sollen. Selbst ein freundschaftliches Stelldichein, eine Einladung zu irgend einem fröhlichen Genusse, wird oft zum Verdrusse, wenn man seines besten Willens ungeachtet eine halbe Stunde zu früh kömmt, und müßig warten muß, oder wenn man eben so viel zu spät eintrifft, wo alles bereits vorüber ist. Es gab Fälle, daß Mancher, der um 4 Uhr aus seinem Hause aus der Landstraße ging, wenn er in der Josephstadt ankam, erst drei Viertel auf Vier schlagen hörte und umgekehrt. 13» 196 Regnlirung der Thurmuhren. Das erste also, was Jeder von uns wünschenswerth finden wird, ist eine bessere Uebereinstimmung der öffentlichen Uhren, wenigenS unter einander, wenn auch nicht mit dem Himmel, damit man sich verstehen und einen gegebenen Augenblick einhalten kann. Obschon nun Viele damit zufrieden seyn können, wenn nur die Stadt- Uhren, recht oder unrecht, doch unter einander gleich gehen, so wird es auch manche geben, die wünschen, daß sie auch alle recht gehen mögen. Wenn nämlich jene Thurmuhr, nach welcher sich alle anderen richten sollen, damit sie unter sich übereinstimmen, schlecht ist, — und die meisten Thurmuhren sind, wenn man sie mit astronomischen Uhren vergleicht, schlecht, da sie beinahe alle in das Geschlecht der Bratenwender gehören, — so wird sie bald zu langsam, bald zu geschwind gehen, und die anderen, oft besseren Thurmuhren müssen den ganzen Tag bald vor, bald rückwärts gerichtet werden, wenn die beabsichtigte Harmonie erreicht werden soll. Nicht anders wird es mit den Pcivatuhren gehen, und ein Mann, dem an der genauen Kenntniß der öffentlichen Zeit gelegen ist, wird den ganzen Tag seine Uhren in den Händen haben müssen, um sie mit der großen Thurmuhr in der gewünschten Uebereinstimmung zu erhalten. Die öffentlichen Uhren müssen daher, wenn Ordnung in die Zeitbestimmung und in die mancherlei Geschäfte gebracht werden soll, die von der Zeit abhängen, nicht nur unter sich Harmoniken, sondern jene Thurmuhr, nach welcher sich die anderen richten sollen, muß auch zweitens gut und richtig gehen, oder sie muß mit der großen Uhr des Himmels genau übereinstimmen. Allein welches Mittel hat man aus unsern Thürmen, den Stand der Uhr genqu nach dem Himmel zu berichtigen?— So viel als keines. Die sogenannten Probeuhren, gemeine Pendeluhren, die auf manchem Thuen e zu diesem Zwecke stehen, taugen selbst nicht viel, wegen ihrem hohen Stande und weil sie den Einflüssen der abwechselnden Temperatur und den heftigen Winden ausgesetzt sind, welche die höchsten Thürme am meisten bewegen, und endlich wegen den Glocken, die bei dem Läuten daS ganze Gebäude in eine schwingende Bewegung bringen. Sonnenuhren aber sind ihrer Natur nach zu klein und zu unvollkommen, um von ihnen die hier nöthige Genauigkeit zu erwarten, und Mittagslinien endlich oder sogenannte Gnomen können, wenn sie auch im Winter wegen des niedrige» Standes der Sonne brauchbar seyn sollen, nur niedrig und kurz, also wieder nur sehr unvollkommen seyn, verrücken sich mit der Zeit, und sind, wie die Sonnenuhren, nur dann anwendbar, wenn Regulirung der Thurmuhren. 197 die Sonne scheint, und zwar nur wenn sie gerade im Mittage scheint. Wenn sich daher in unseren trüben Wintermonaten der gewiß nicht seltene Fall ereignet, daß durch 3 und mehr Wochen die Sonne gerade im Mittage, wenn auch sonst der schönste Tag ist, hinter Wolken steht, so weiß der arme Thurmwächter nicht mehr, wie er mit seiner Zeit daran ist, und er muß eS ruhig geschehen lassen, wenn seine Uhr indessen ihren Gang ganz willkürlich geändert hat, und selbst halbe Stunden zu früh oder zu spät geht. Soll daher auch dieser zweite gerechte Wunsch deS Publikums befriedigt werden, so muß dem Thurme, nach welchem sich die andern zu richten haben, die Zeitbestimmung nicht mehr überlassen bleiben, weil er kein Mittel hat, diesen Zweck zu erreichen, sondern diese Zeitbestimmung muß ihm von einem solchen Orte gegeben werden, wo diese Mittel vorhanden sind, und wo sie gehörig gebraucht werden, das heißt von einer Sternwarte, wo man allein mit Verläßigkcit weiß, wie viel Uhr eö jeden Augenblick ist. Um also diesem doppelten Uebelstande abzuhelfen und künftig in die öffentlichen Uhren der Stadt Ordnung zu bringen, wird der Augenblick deS Mittags von dem künftigen ersten März an jeden Tag auf der k. k. Sternwarte mittels einer großen, eigens dazu bestimmten Glocke und zwar auf folgende Art angegeben werden: Zwei Minuten vor dem Mittage wird durch einige Sekunden dauerndes Läuten der Glocke das Vorzeichen gegeben, wodurch der Aufseher der Thurmuhren und alle Bewohner der Stadt aufmerksam gemacht werden, daß es nun Zeit sey, sich zu ihren Uhren zu begeben, um sie zu berichtigen. Zwei und zwanzig Sekunden vor dem Mittage fängt dieselbe Glocke wie eine Uhr zu schlagen an, alle 2 Sekunden einen Schlag, so daß der zwölfte und letzte Schlag zugleich der Augenblick des Mittags ist. In diesem Augenblicke des letzten Schlages wird einer getroffenen Uebereinkunst gemäß die Thurmuhr der St. Stephanskirche die zwölfte Stunde zu schlagen anfangen, und nach ihr werden sich alle andern Thurmuhren der Stadt und Vorstädte richten können, so daß von jenem Tage an der erste Schlag der zwölften Stunde jeder öffentlichen Uhr zugleich der Augenblick des Mittags ist, nach welchem also auch jeder Einwohner der Hauptstadt seine Privatuhr auf daö genaueste berichtigen kann. Es ist zu erwarten, daß diejenigen, welche in den verschiedenen Bezirken der Stadt und der Vorstädte diesen Gegenstand zu besorgen haben, dem ihnen gegebenen Auftrage gemäß, auf Ordnung sehen, 198 Negulirung der Thurmuhren. und dadurch diese allen Einwohnern willkommene und nützliche Einrichtung gehörig aufrecht erhalten werden, um so mehr, da jede Nachlässigkeit, die sich ein Thurmwächter erlauben sollte, sogleich offenbar und Jedermann auffallend seyn wird, denn so, wie vvm 1. März irgend eine Uhr anders geht, als die St. Stephanöuhr, so geht sie eben deßwegen schlecht, und der, dessen Sorge sie anvertraut ist, kann sogleich seines Fehlers von Jedermann überwiesen werden. Dem Vorhergehenden müssen wir noch zwei Bemerkungen hinzufügen, deren erste die Uhrmacher betrifft, denen am meisten an der Ausführung jenes Vorschlags gelegen seyn muß. Wenn man bloß auf die öffentlichen und häuslichen Geschäfte der andern hätte Rücksicht nehmen wollen, die sich zwar an die Zeit, aber doch nicht so genau daran binden, daß ein Unterschied von einigen Sekunden für sie von irgend einer Bedeutung seyn könnte, so würde es hinreichend gewesen seyn, den Augenblick des Mittags auf der Sternwarte täglich etwa auf eine Viertelminute genau anzugeben, da die Meisten doch nur Minutenuhren haben, an welchen man einzelne Sekunden nicht unterscheiden kann. Allein den Uhrmachern ist oft die genaue Kennt- i niß der Zeit bis aus die Grenze einer Sekunde nothwendig, und die ! Mittel, welche sie bisher angewendet haben, führten nur schlecht oder gar nicht zum Zwecke. Von denen, welche sich, wie ihre Vorgänger ^ im letzten Jahrhunderte, noch nach Sonnenuhren und dergleichen schwachen Hülfsmitteln richten, kann hier die Rede nicht seyn, da solche Handwerker, nicht mehr Künstler, schon zufrieden seyn müssen, ihre Zeit aus einige Minuten zu kennen. Unter den übrigen aber > gibt es Männer, ich kenne selbst noch mehrere derselben, die ihre Kunst von Herzen lieben, und die, wenn gleich setzt unbekannt, es manchen der berühmtesten Künstler des reichen Englands gleich und vielleicht vorthun würden, wenn ihnen Unterstützung und Mittel nicht fehlten. Wenn ein englischer Uhrmacher, ein Arnold, Emery, Mudge, Carneshaw, Molineur u. A. seinen Chronometer voll- i endet hat, so vergleicht er ihn nicht, wie unsere Uhrmacher thun und ^ zu thun gezwungen sind, mit einer sogenannten Probeuhr, die oft selbst nichts taugt, sondern er vergleicht sie mit der großen Uhr des Himmels, verbessert dann wieder, wenn er eine Abweichung findet, vergleicht wieder mit dem Himmel und setzt dies so lange fort, bis er seiner Sache vollkommen gewiß ist, und dann erst kann er mit . voller Ueberzeugung vor jedem Käufer sein ,,'tis i'Elv" (sie ist ser- > tig, sie ist vollendet) auSsprechen, eine Ueberzeugung, zu der unsere ! Regulirung der Thurmuhren. 199 Uhrmacher bisher nicht gelangen konnten, weil ihre Probeuhr selbst nicht verläßlich war, und sie sonst kein Mittel dazu hatten. Und welches andere Mittel hat der englische Künstler? Die oben genannten Männer haben jeder in ihrem Hause bloß zu jenem Zwecke eine eigene — Privatsternwarte! Da man einen solchen Aufwand von unsern weniger begüterten Uhrmachern nicht verlangen kann, so wird es ihnen willkommen seyn, denselben Zweck und ganz eben so sicher auf eine andere Art zu erreichen, die sie wenigstens gar nichts kostet. Um nämlich auch ihnen zu genügen, wird von jenem bezeichneten Tag an der Augenblick des Mittags auf der Sternwarte nicht bloß beiläufig auf eine viertel oder halbe Minute, sondern ganz genau auf die Sekunde angegeben werden. Die Mühe, die dadurch der Sternwarte gemacht wird, ist im Grunde nur gering, da doch auf jedem Wohlbesorgten Observatorium die Zeitbestimmung als daS erste Erfor- dcrniß aller astronomischen Beobachtungen immer auf die Sekunde genau bekannt seyn muß. Daß aber eine Sternwarte die Mittel besitzt, diese Genauigkeit zu erreichen, davon kann jeder, der an dergleichen Sachen Interesse hat, sich selbst durch Autophie überzeugen. Die zweite Bemerkung, welche wir hier noch nöthig finden, betrifft den Unterschied zwischen der sogenannten wahren und mittlere» Zeit. Da von diesen beiden Zeiten selbst im gemeinen Leben so oft die Rede ist, und doch so mancher nicht die gehörigen Begriffe damit verbindet, so mag eS erlaubt seyn, hier noch einige Worte darüber zu sagen. „Die ersten Gedanken sind die besten." Dieß Sprichwort ist wie alle Sprichworte nicht immer richtig. Schon die ältesten Völker, von denen wir noch Kunde in der Geschichte finden, haben ihre Wochen nach dem Monde und seinen verschiedenen wechselnden Gestalten gezählt, und wenn jedeö derselben eine andere Periode hatte, um ihre Jahre und Menschenalter daran abzuzählen, (man erinnere sich der Julianischen Periode vor 7980 Jahren, der Dionysischen von 532, der Aera von Constantinopel, des Diocletian oder der Märtyrer-Aera, der olympischen, römischen, der narbonassarischen, mahommedanischen Aera und so vieler anderer), so kommen doch alle darin überein, daß sie für kleinere Zeitthcile die Woche von sieben Tagen brauchen. Diese Woche ist eine Periode, die aus dem gramsten Alterthume, in welchem sich ihr Ursprung verliert, sich ununterbrochen, durch die ganze Reihe der folgenden Jahrhunderte schlingt, indem sie sich den verschiedenen Kalendern aller Zeiten und Nationen genau anpaßt. Auf der ganzen Erde, selbst in den Ländern 200 Regulirung der Thurmuhren. der neuen Welttheile, die von uns keine Mittheilungen haben konnten, bei den gebildeten und den noch ganz wilden Völkern, überall findet man diese Woche von sieben Tagen wieder, so daß sie gleichsam das älteste Denkmal der menschlichen Kenntnisse in der Astronomie ist; und da, wenigstens bei allen Völkern der drei älteren Welttheile, die Tage der Woche, was sehr merkwürdig ist, übereinstimmend und auf dieselbe Art durch die älteren Planeten bezeichnet werden, so scheint dieß aus eine allgemeine Quelle zu deuten, aus der alle Nationen der Vorzeit geschöpft haben, und es ist klar, daß zu dieser Art zu zählen der Mond Gelegenheit gegeben hat, dessen Lichtwechsel in eine Periode von nahe viermal sieben Tagen oder von vier Wochen eingeschlossen ist, und der eben durch diese seine so auffallenden Phasen recht dazu gemacht zu seyn scheint, unS statt eines immerwährenden Kalenders zu dienen. Daher ist er denn auch nicht nur bei den unkultivirten Völkern der Vorzeit oder bei den rohen Wilden in Amerika und Neuholland, als ihr Zeitzähler aufgestellt worden, sondern er wurde auch bei den aufgeklärtesten Nationen der Erde als derjenige betrachtet, von dem die Ordnung und Einrichtung ihres Kalenders vorzugsweise abhängt, wie denn auch bei der bekannten Neform unseres eigenen Kalenders, die in dem Jahre 1582 vorgenommen, und von den ersten Gelehrten und Astronomen jener Zeit ausgeführt wurde, der Mond als der größte und beste Regulator unserer Zeit- und Festrechnung gebraucht ist. Allein so sehr der Mond mit seinem immer wechselnden Gesichte zur Rolle eines obersten Kalendermachers auf den ersten Blick auch zu passen scheint, so findet man doch bei einigen folgenden Blicken, daß unter allen Gestirnen des Himmels gerade Er am allerwenigsten Talent und Geschicklichkeit für diese Rolle hat; daß wir durch jene unsäglichen Verwirrungen, die in der Chronologie beinahe aller Völker angetroffen werden, unv welche aufzulösen selbst Newton sich vergebens bemühte, ganzer Bibliotheken von Folianten ungeachtet, die bereits über Chronologie geschrieben wurden, uns aus diesem babylonischen Labyrinthe noch immer nicht herausfinden können, und daß wir endlich alles dieß dem unglücklichen Einfalle unserer Vorfahren, den Mond als Kalcnderregulator aufzustellen, zuzuschreiben haben. Die verworrenste Chronologie der Neueren haben offenbar die Juden, bei welchen der Mond die wichtigste Rolle spielt. Da sie nun einmal, anderen Vorschriften gemäß, sich an ihn halten müssen, und da er wegen der vielen Unregelmäßigkeiten in seiner Bewegung, sie alle Augenblicke verläßt und von ihrer Regulirung der Thunmuhren. 201 Rechnung ab auf Irrwege führt, so meßten die Juden, um diese immer wiederkommenden Fehler gut zu machen, nicht weniger als sechs verschiedene Gattungen von Jahren aussuchen, die unter einander mehr als volle 30 Tage verschieden sind , und von denen sie, wie Noth und Umstände sie zwingen, bald dieses bald jenes zu Hülfe rufen, so daß ihr Kalender ein wahres Stück- und Flickwerk ist, den nur die Gelehrten unter ihnen verstehen können. Und geht es unter uns, wenigstens in Beziehung aus unsere Festrechnung, viel besser? Wie viele gibt es wohl selbst unter den Gebildeten, die wissen, wann in jedem Jahre Öfter- oder Psingstsonntag ist? Wir sehen alle in den Kalender und glauben ihm, wenn er eS nur nicht so arg macht, wie z. B. der astronomische Kalender, den das Lurosu üvs UonZiluävs in Paris für 1821 herausgegeben hat, so sind wir schon zufrieden. In diesem astronomischen Kalender ist der Ostersonntag auf den 17ten April, und also auf einen Dienstag gesetzt worden, der Aschermittwoch fällt nach ihm fünf Tage später als er soll, und zwar auf einen Donnerstag, daö FrohnleichnamSfest auf einen Samstag und dergleichen Verstöße mehr, die man auch vor hundert Jahren in keinem unserer Bauernkalender angetroffen haben würde. Was von dem Monde in Beziehung auf unsere Kalender gilt, wo er die Sache, die er regeln und ordnen sollte, eigentlich nur verwirrte, gilt in demselben Maaße auch von der Sonne in Beziehung auf unsere Eintheilnng des Tages in Stunden, Minuten n. s. s. Wenn man sich auch hier wieder, wie es so oft geschieht, an den ersten Blick hält, wer sollte zweifeln, daß die Sonne, die doch eigentlich den Tag macht, ihn auch.am besten eintheilen würde, daß sie, die den Anfang und das Ende des Tages' für uns alle so deutlich bezeichnet, nicht auch eben so deutlich den Augenblick des Mittags, so wie den Anfang und daö Ende einer jeden andern Stunde des Tages zu bezeichnen im Stande seyn würde. Und doch ist sie, wie wir bald sehen werden, zu dieser ihr so natürlich scheinenden Rolle eben so wenig geschickt, als der Mond zu einem Kalenderregulator. Wenn sie die Stunden des Tages richtig angeben sollte, so müßte sie, wie jedem klar ist, alle Stunden unter einander gleich groß machen, nicht die eine kleiner, die andere größer, so daß man eigentlich gar nicht weiß, wie lange eine ihrer Stunden dauert. Allein dieß letzte ist der Fall mit unserer Sonne: ihre Stunden sind alle unter einander ungleich und eben deßwegen zu einem allgemeinen Maaße der Zeit ganz unbrauchbar. L02 Negulirung der Thurmuhren. Jedes Maaß setzt vor allem eine Gleichförmigkeit seiner Theile voraus. Wenn mir ein Wegweiser sagte: von dieser Stadt bis zu ; jener sind 10 Meilen, nemlich eine deutsche, eine französische, eine ^ englische Seemeile, eine russische Werst, eine persische Parasange u. s. f. so kann ich eine solche Belehrung zu gar nichts brauchen, und mir bleibt nichts übrig, als den, der sie gab, für nicht richtig im Kopfe zu halten. Und eben so ist es mit den Stunden der Sonne, wie wir i sie bisher gebraucht haben; sie sind, wenn auch nicht in demselben Grade, doch eben so ungleich, wie jene Meilen, und daher überall, wo von Genauigkeit die Rede ist, ganz unbrauchbar, daher auch diese Stunden bei den Astronomen, wo die größte Genauigkeit in der Zeitangabe gefordert wird, schon seit vielen Jahrhunderten ganz aus der Mode gekommen sind, und nur noch im sogenannten bürgerlichen Leben, wo es den meisten auf eine Handvoll Minuten nicht ankömmt, als eine alte hergebrachte Sitte, die nichts für sich hat, und daher der neueren, allgemein für besser anerkannten Platz machen soll, mehr tolerirt als wirklich gebraucht werden. Wenn eine Uhr gut gehen soll, so muß sie gleichförmig ^ gehen. Beides ist identisch, und je mehr sich der Gang einer Uhr ^ dem völlig gleichförmigen Gange nähert, desto besser ist dieselbe. Nun > haben wir aber bisher alle unsere Uhren nach der Sonne gestellt, und ^ da diese, wie wir oben gesehen haben, ungleiche Stunden macht, also einen ungleichförmigen Gang hat, so haben wir dadurch unsere Uhren gezwungen, ebenfalls ungleichförmig, d. h. schlecht zu gehen. Die Sache stand bisher so: wenn unsere Uhr gut ging, so ging sie schlecht gegen den Himmel, und mußte daher verbessert oder eigcnt- ^ lich verbösert werden, und da, wenn an einiger Genauigkeit gelegen war, diese Vcrböserung auch bei der besten Uhr alle Tage vorgenommen wurde, so mußte durch dieses ewige Rechten und Stellen die , vorzüglichste Uhr am Ende verdorben werden, was denn auch mit den meisten Uhren geschehen ist, die sich dieses immerwährende Stellen und Verstellen durch einige Jahre gefallen lassen sollten. Es gibt allerdings kein besseres Mittel, eine Uhr recht zu stellen, als sie mit dem Himmel zu vergleichen, mit dieser großen Uhr des Universums, die ihre Bewegung um uns, wenigstens scheinbar, in jedem Tage mit der allergrößten Regelmäßigkeit vollendet, aber unter ! den Mitteln, welche uns der gestirnte Himmel zu diesem Zwecke dar- ^ bietet, müssen mir solche Gegenstände genommen werden, welche ihren ? Ort am Himmel selbst nicht ändern. Jeder Firstern würde also in ' Regulirung der Thunm Uhren. 203 dieser Beziehung viel besser und brauchbarer seyn als die Sonne, die, wie bekannt, eine eigene und zwar sehr ungleichförmige Bewegung hat, sich daher zur Zeitbestimmung unmittelbar nicht eignet. Die Sonne bewegt sich nemlich, wenn wir hier dem gewöhnlichen Sprachgebrauche folgen wollen, in einer Ellipse, in einer eiförmigen Figur, in welcher sie im Winter der Erde näher kommt, als im Sommer, und daher auch in jener Zeit schneller geht, als in dieser. Dieß muß allein schon die Länge der Tage, also auch die der Stunden, Minuten u. s. w. ungleich machen. Allein selbst wenn sich die Sonne in einem vollkommenen Kreise, und daher, wie es die Natur des Kreises fordert, völlig gleichförmig bewegte, so würden die Tage und Stunden, welche sie bildet, doch noch sehr ungleich seyn, so daß also selbst dann die Sonne zu einem allgemeinen Zeitmaaße noch immer unbrauchbar seyn würde. Denn die Sonne bewegt sich in der sogenannten Ekliptik, oder in einer Ebene, welche gegen die Ebene unseres AequatorS unter einem Winkel von 23 Graden und 28 Minuten geneigt ist, und wir messen die Zeit in Beziehung auf diese letzte Eebene deS Aequatsrs. Alle unsere Zeitbestimmung gründet sich nämlich auf die äußerst gleichförmige Umdrehung des Himmels, oder eigentlich der Erde, um die Weltachse, oder um die Achse des AequatorS, die genau von Süden nach Norden geht. Wenn wir nun, was nicht der Fall ist, auch annehmen dürsten, daß die Sonne sich gleichförmig in der Ekliptik z. B. alle Tage genau einen Grad bewegte, so würde doch dieser Grad der Ekliptik auf dem Aequator, auf welchem Letzteren wir ihn eigentlich messen, beinahe nie einen Grad, sondern bald eine, bald mehrere Minuten weniger betragen, und sonach auch eine glerchförmig gehende Sonne für uns doch wieder ungleichförmig und daher zur Zeitbestimmung unbrauchbar seyn. ES ist aber hier nicht von bloßen unbedeutenden Mikrologien die Rede, sondern die Unterschiede der verschiedenen Mittage beider Sonnen würden im Jahre öfters über eine Viertelstunde gehen, und diese wird man doch an seinen Uhren in Ordnung wissen wollen, an denen man so gern Secundenanzeiger anbringen läßt, und auf die man oft so beträchtliche Summen verwendet. Da also die wahre Sonne, die Königinn unserer Tage, diese Licht- nnd Wärmespenderin deren andere Wohlthaten wir gern und dankbar anerkennen, doch zu unserer Zeitbestimmung nicht geeignet ist, und da wieder, von einer anderen Seite betrachtet, dieselbe Sonne so geschickt ist, unsere größeren Perioden von Jahren und Jahrh»»- 204 Regulirung der Thurmuhren. derten zu bilden, und uns so nicht bloß das Licht des gegenwärtigen TageS, sondern auch eine leitende Fackel in der finstern Vorzeit gibt, ohne welcher eine Geschichte der Menschheit unmöglich wäre, so haben die Astronomen eine andere Sonne gewählt, die zwar weder Licht noch Wärme hat, die auch nicht einmal an dem Himmel eristirt, die aber dafür desto geschickter ist, ein Regulator unserer Uhren zu seyn. Diese Sonne, welche sie die mittlere Sonne, im Gegensatze mit der uns sichtbaren wahren Sonne nennen, bewegt sich in der Ebene deü Acquators gleichförmig und so, daß sie mit der wahren, welche in der Ekliptik ungleichförmig fortgeht, in derselben Zeit ihre jährliche Periode vollendet. Wenn diese mittlere Sonne durch den Meridian, durch die Mittagslinie eines OrteS geht, so sagt man, dieser Ort habe jetzt seinen mittleren Mittag, und dieser ist von dem wahren Mittage der wirklichen Sonne im Laufe eines Jahres oft über eine Viertelstunde verschieden. Da aber die Entfernungen zweier nächsten mittleren Mittage immer gleich weit von einander sind, oder da die mittleren Sonnentage durch daö ganze Jahr immer gleich groß sind, und sich so allein zur Zeitbestimmung eignen, so wird mit dem oben erwähnten letzten Schlage der Glocke auf der Sternwarte auch immer der mittlere Mittag dieses TageS auf die Secunde genau angegeben werden. Durch diese Einrichtung wird man jetzt die Uhren nicht mehr zwingen dürfen, ihrer Bestimmung ganz entgegen, ungleichförmig zu gehen, sondern matt wird jetzt, ohne sie durch immerwährendes Hin- und Herrichten zu verderben, jeden Mittag zu prüfen vermögen, ob sie einen gleichförmigen Gang haben, so wie die Uhrmacher, denen eS bisher beinahe gänzlich an einem guten Mittel gebrach, sich der Secunde zu versichern, von nun an sich jeden Tag von dem Gange ihrer Uhren auf daö Genaueste werden überzeugen können. Witwen - Institute im Allgemeinen. (Wiener Zeitschrift 1828. Nr. 101.) Aie bekannte Humanität meiner Landsleute äußert sich seit einigen Jahrzehnten besonders durch die Errichtung mehrerer neuen Witwen - und Waisenaustalten. Einrichtungen dieser Art gehören ohne Zweifel zu den sehr wohlthätigen, wenn sie zweckmäßig angelegt sind, so wie sie im Gegentheile, wenn sie ihrer Absicht nicht entsprechen, den Kummer der gebeugten Verlassenen nur vermehren, ihnen die letzte Hoffnung rauben, und statt Thränen zu trocknen, neue und oft sehr bittere erzeugen. Aber wie soll man beurtheilen, ob die Einrichtung einer solchen Anstalt zweckmäßig ist oder nicht? ES ist darüber seit mehr als einem Jahrhundert sehr viel und darunter auch sehr gut geschrieben worden: aber die besten dieser Bücher (von Halley, Euler, Moivre, Simpson, Price, Kritter, Florencourt, TetenS, Meyer u. a.) sind wegen ihrer algebraischen Formeln und sehr weitläufigen Rechnungen, dem größten Theile der Leser ganz unzugänglich, und wenn man auch voraussetzen muß, daß diejenigen, welche eine solche Gesellschaft gründen und sich als Vorsteher derselben an ihre Spitze stellen, mit jenen Werken bekannt sind, so ist es doch auch ein billiger und erlaubter Wunsch eines Jeden, der in eine solche Gesellschaft treten und ihr einen oft nicht unbeträchtlichen Theil seines Vermögens und vielleicht das ganze künftige Glück seiner Familie anvertrauen will, ein Mittel zu besitzen, durch welches er, ohne jene gelehrte Formeln aus eigener 206 Witwen- Institute. Ansicht des Gegenstandes sich überzeugen kannn, ob und in welchem Grade die ihm vorgehaltenen Hoffnungen gegründet sind, und waS er daher in der That für seine Leistungen zu erwarten hat. Mein Zweck ist, hier einige dieser Mittel mitzutheilen, durch welche man, ohne weitere gelehrtere Vorkenntnisse, die Einrichtung einer solchen Gesellschaft prüfen, und ihre Haltbarkeit für die Zukunft beurtheilen kann. Ich werde mich bemühen, in dieser wichtigen Angelegenheit meinen Vortrag so gemeinfaßlich als möglich zu machen, und ersuche die Leser, welche dieser Gegenstand interessirt, zu erwägen, daß alles Folgende, nicht etwa eine bloße Meinung oder eine auf Gcrathewohl hingestellte Hypothese, sondern daß eö ein Resultat von Rechnungen, also völlig verläßlich, und als solches von allen Kennern des Gegenstandes bereits längst anerkannt ist, so daß noch weitere Zweifel, über eine durch Mathematik fest begründete Sache, nur eine völlige Un- kenntniß derselben bezeugen könnten, llebrigens habe ich eS mit keinem der bereits hier oder anderswo wirklich bestehenden Institute dieser Art zu thun, sondern begnüge mich, nur im Allgemeinen von dem Gegenstände zu sprechen, und dem Leser überhaupt Mittel anzubieten, sich vor eigenem Schaden zu bewahren. Wenn ein Ehepaar in eine Witwenanstalt tritt, so geschieht dieses in der Absicht, durch diesen Eintritt der künftigen Witwe eine größere und mehr sichere Versorgung zu hinterlassen, als dieses durch eine bloße isolirte Aussparung des zu diesem Zwecke bestimmten Geldes möglich ist. In dem letzten Falle muß nämlich jeder für sich selbst sorgen; dort aber sorgen Alle für Jeden, weil Jeder für Alle sorgt, und es ist offenbar, daß das Letztere weit sicherer ist, als das Erste. In einer solchen Gesellschaft kommt dem Einzelnen vieles gute, was ihm allein, ohne Hülfe des Andern, zu erreichen unmöglich seyn würde. So werden z. B. um nur einen dieser Vortheile näher zu erwägen, von den sämmtlichen Ehepaaren der Anstalt auch mehrere seyn, in welchen die Frau vor ihrem Manne stirbt, wo dann der Contrakt dieses Paares mit der Anstalt aufhört, die diesem Paare zugestandene Pension dem Institute zurückfällt, und auf die anderen Ehepaare, die in der That Witwen zurücklassen, vertheilt werden kann. In dieser Beziehung ist eine Witwenanstalt als ein Spiel zu betrachten, wo Jeder etwas wagt, was ihm am Ende (wenn seine Frau vor ihm stirbt) nichts nützen kann; aber dieses Spiel, wenn es so heißen soll, hat den ihm eigenthümlichen Vorzug vor allen übrigen, daß nur der Witwen-Jnstitute. 207 dabei verliert, der des Gewinns nicht weiter bedarf, und daß im Gegentheile der gewinnt, der es allein bedarf. Diese Kombination fällt aber bei jenen Instituten ganz weg, in welchen die ferneren Ehen der Mitglieder erlaubt sind, öder in welchen die Pension, wenn die Fran vor dem Manne stirbt, auf die zweite und dritte Frau desselben Mannes übergeht. In solchen Instituten sind alle Verlierenden gleichsam ausgeschlossen, es gibt nur Gewinnende, und eben deßwegen muß das Institut selbst der allein verlierende Theil seyn. Witwengesellschasten also, in welchen die ferneren Ehen zugelassen werden, sind selbst unzulässig und sollen daher nicht errichtet werden. Wir werden weiter unten auf diesen Gegenstand wieder zurückkommen. Wenn eine Witwenanstalt errichtet werden soll, so muß man vor allen den Zweck kennen, den man dadurch erreichen will. Dieser Zweck wird von Verschiedenen verschieden angeben, zum Beweise, daß die Gründer solcher Vereine noch nicht einmal über die Hauptsache einig sind. Einige suchen diesen Zweck in der bestmöglichen Versorgung der Witwen, versprechen daher große Pensionen für kleine Einlagen, dehnen diese Pensionen noch auf die Kinder der Familien aus n. s. w. Da aber bei solchen Absichten von eigentlichen strengen Berechnungen keine Rede mehr seyn kann, nnd Alles nur von sogenannten beiläufigen Ueberschlägen abhängt, so wird eine solche Anstalt bald zu einer sehr fehlerhaft eingerichteten Lotterie, in welcher die ersten Ziehungen lauter Treffer und die letzten lauter Nieten sind, d. h. in welchen die ersten Witwen im Nebenflüsse leben, und die letzten vor Hunger sterben. Andere stellen den Zweck auf, nur sobald als möglich eine recht große Anzahl von Mitgliedern zu erhalten, und setzen daher alle Mittel in Bewegung, Theilnehmer zu gewinnen. Allein obschon eine größere Anzahl von Mitgliedern in der That eine sehr wichtige Bedingung jeder guten Witwengesellschaft ist, so kann sie doch nicht als die erste und wesentlichste aufgestellt werden. Denn ist das Innere des Instituts an sich selbst nicht gut eingerichtet, so erreicht man mit jenem Zwecke nichts, als daß man, je mehr man Mitglieder erhält, auch desto mehr in ihren Hoffnungen getäuschte Menschen gemacht hat. Ich könnte noch mehr solcher sogenannten Zwecke anführen, und sogar nachweisen, wo und von wem sie aufgestellt worden sind. Allein es wird besser seyn, sogleich den wahren Zweck anzugeben, auf welchen alle Berechnungen und Einrichtungen des Instituts gerichtet seyn müssen. Er besteht darin: „Alle Witwen 208 Witwen-Jnstitute. der Gesellschaft bis auf die letzte müssen in dem Maße versorgt werden, daß wenn die Letzte derselben stirbt, das ganze Versorgungskapital verzehrt seyn muß." — Werden die letzten Witwen nicht oder nicht so gut als die ersten versorgt, so waren die Pensionen zu groß und das Institut hat zu seinem Nachtheil schlecht gerechnet, weil eö kein Geld mehr hat zu einer Zeit, wo eS noch eines haben soll. Bleibt aber nach dem Tode der letzten Witwe, also bei dem Tode der ganzen Gesellschaft, noch ein übriges Geld in der Kasse zurück, so waren die Pensionen zu klein, und das Institut hat zu seinem Vortheile schlecht gerechnet, was Unrecht ist, da ein Witweninstitut, seiner Natur nach, nicht auf Kosten der Witwen gewinnen soll. Beide Abwege müssen vermieden werden, und nur zwischen ihnen liegt die enge, aber wahre Straße, welche man gehen muß, wenn man weder auf der einen, noch auf der andern Seite auf Irrwege kommen will. Aber wie macht man eS, die bezeichnete, richtige Straße zu erkennen und die ganze Reise durch «»verrückt fest zu halten? — Dieß ist die Sache des Rechners. Wer ein Institut dieser Art gründen will, muß daher, wenn er es selbst nicht versteht, vor allen einen mit diesem Gegenstände innig vertrauten und verläßlichen Rechner zu Rathe ziehen. Alle Anstalten, welche dieß nicht gethan, oder welche eS nur halb gethan haben, indem sie, wie es oft genug geschehen ist, den ! Resultaten der Rechnung wieder ihre Einfälle und beiläufigen Ueber- ? schläge zugesellten, sind schon von ihrer Geburt aus nichts werth, ^ und würden viel Uebel erspart haben, wenn sie ganz «»geboren ge- - blieben wären. Es ist hier nicht der Ort, diese Rechnungen umständlich vorzutragen, aber cö mag doch manchem meiner Leser angenehm und nützlich zugleich seyn, eine gemcinfaßliche Uebersicht derselben zu erhalten. Das waS allen Berechnungen dieser Art zu Grunde liegt, ist eine sogenannte Mortalitätstafel, d. h. ein auf Erfahrungen vieler Jahre und ganzer ' Länder gegründetes Verzeichnis«, welches angibt, wie viel von einer i bestimmten Anzahl von Menschen, wie viel z. B. von 1000 setzt ! zusammen lebenden Menschen nach 10, 20, 30 Jahren noch zusammen ! leben werden. Diese Tafel muß mit der größten Sorgfalt verfertigt werden, weil auf ihr alles Folgende beruht. Dieses Folgende ist aber ! dann auch reine Sache der Mathematik, und sonach ganz gewiß und l verläßlich, sobald es sene Tafel ist. Für die beste wird beinahe all- i gemein für Deutschland, die von Süßmilch gegebene, und von Bau- ! mann verbesserte Sterblichkeitstabclle gehalten, die in der Ausgabe Witwen-Jnstitut. 209 von Siißmilch's bekanntem Werke: „Göttliche Ordnung rc. Berlin 1775" enthalten ist, und von der hier ein kleiner AuSzug folgt» Alter 0 10 20 30 40 50 6« 70 80 90 Lebende 1000 532 491 439 374 300 210 112 37 6 Diese Tafel zeigt also, daß von einer Gesellschaft von 1000 Menschen nach dem 20. Jahre noch 491, nach dem 30. noch 439 leben u. s. f. Oder auch: Wo jährlich 1000 Kinder geboren werden, leben von diesen Kindern 532 zehnjährige, 491 zwanzigjährige u. s. f. Oder endlich: Von 1000 in einem Jahre gebornen Menschen leben 532 zehnjährige noch ein Jahr zusammen, und von diesen letzten leben nur noch 491 weitere zehn Jahre, von diesen nur 439 noch fernere ' zehn Jahre zusammen u. s. w. Man hört öfter den Einwurf, daß die besseren Mortalitätstabcllen noch immer sehr verschieden unter einander sind, also wohl auch keine derselben sehr verläßlich seyn mag. Dieß soll eine Schutzrede für die beliebten beiläufigen Ueberschläge seyn, mit welchen sich manche was zu gute thun wollen, die die Rechnungen nicht kennen. Allein das ist nicht so. Nebst der angeführten Tabelle haben wir noch die ebenfalls für Deutschland von Baumann aus der Churmark, und die von Kritter für das nördliche Deutschland entworfenen Tafeln, die in der That von jener ersten nur unbeträchtlich abweichen, wie folgende Ver- gleichung zeigt: Alter.... 40 50 60 70 80 90 Süßmilch. . 374 3V« 21« 112 37 6 Baumann . 387 317 223 113 32 5 Kritter . . . 385 310 215 121 39 3 Diese Tafeln sind sämmtlich aus den Bevölkerungen der Provin- zialstädte und des Landes gezogen. Große und volkreiche Städte, wie London, Paris, werden allerdings ganz andere Resultate geben, ^ weil in ihnen die Sterblichkeit viel größer ist, als auf dem flachen Lande, daher beide Arten von Tafeln nicht mit einander verglichen werden können, wie man doch öfter gethan hat, um die Tafeln selbst , in Mißkredit zu bringen, und der beliebten Bequemlichkeit daS Wort Littrow r. 14 310 Witwen - Institute. ^ zu reden, die sich blos mit sogenannten Näherungen begnügt, um die ? Beschwerde der Rechnung zu vermeiden. ^ Wenn man nun eine solche verläßliche Tafel zu Grunde legt, > so kann man darauf eine große Anzahl von Schlüssen bauen, die alle für sich mathematisch genau sind, und daher mit der Erfahrung desto ' besser übereinstimmen werden, je besser jene Tafel selbst ist. Wie lange wird ein Mensch, der ein gegebenes Alter z. B. von ^ 30 Jahren hat, noch zu leben hoffen dürfen? Wie lange wird ein ! Ehepaar, von dem z. B. der Mann 50, die Frau 40 Jahre hat, : noch beisammen zu leben mit Wahrscheinlichkeit erwarten dürfen? Wie , viele Jahre wird die um 10 Jahre jüngere Frau dieses Paares noch z nach dem schon erfolgten Tod ihres Mannes zu leben die wahrschein- ! liche Aussicht haben? Oder wie lange wird die Ehe dieses Paares, ! und wie lange die Witwenschaft dieser Frau dauern? Wie viel wird ' also die jährliche Summe betragen, die der Mann während der Dauer seiner Ehe an das Institut entrichtet, wenn man die Zinsen und ^ Zinseszinsen dieser Beiträge mit in Anschlag bringt? Und wie viel ! wird die Pension betragen, welche die Frau in jedem Jahre während ^ ihres Witwenstandes von dem Institute erhält, wenn man auch hier z die Zinseszinsen gehörig berücksichtigt? — Diese und mehrere andere nicht minder interessante Fragen lassen sich alle aus jener Mortali- tätstabclle beantworten, und zwar mit völliger Schärfe, wenn jene Tabelle selbst völlig genau ist. Doch muß hier, um Mißverständniß zu vermeiden, eine Bemerkung gemacht werden, die von den Unkundigen nur zu oft übersehen, und dann Gelegenheit zu ungegründeten Vorwürfen geworden ist. Wenn z. B. um bei der ersten der vorhergehenden Fragen stehen zu j bleiben, anö jener Mortalitätstafel folgt, daß ein Mensch von 15 Jahren j noch volle 40 Jahre zu leben hoffen darf, sondern eS heißt: Von einer ^ großen Anzahl 15jähriger Menschen wird gewiß der größte Theil noch 40 Jahre leben, und dieser Theil wird verhältnißmäßig immer größer werden, je größer die anfängliche Anzahl der 15jährigen Menschen selbst gewesen ist. Von 100 wird z. B. mehr als die Hälfte, von 1000 mehr als von 10000 mehr als gewiß noch 40 Jahre leben u. s. w. Es beziehen sich also diese Fragen nicht auf den Einzelnen, nicht auf Individuen, sondern auf ganze Gesellschaften, wo sich die Ausnahmen gegenseitig ausgleichen, und wo die erhaltenen Antworten immer der Wahrheit desto näher kommen müssen,^ je größer die Gesellschaft selbst ist, und dies ist der Grund, warum! Witwen- JNsti't Ute. 211 eine große Anzahl der Mitglieder, wie oben erinnert wurde, immer eine wünschenswerthe und selbst nothwendige Bedingung einer guten Witwenanstalt ist. Nehmen wir also, um von den hieher gehörenden Rechnungen wenigstens einen Begriff zu geben, an, daß eine große Anzahl, z. B. 1000 Ehepaare, in eine Witwengescllschaft zusammentreten. Jedes dieser Paare soll bei seinem Antritte 100 st. und überdies jährlich 30 sl. in die Jnstitutökasse zahlen, und suchen wir die Pension, welche daraus für ein bestimmtes Paar, von welchen allen z. B. der Mann 50, und die Frau 40 Jahre hat, erwächst. Die Kasse erhält zuerst an Antrittsgeldern 1000 Mal 100 oder 100,000 Gulden. Suchen wir ferner, wie viele Ehepaare nach dem ersten, zweiten, dritten Jahre noch in der Gesellschaft bestehen, bis alle Paare ausgestorben sind, und discontircn wir die jährlichen Beträge derselben zurück auf das erste Jahr, so erhalten wir die Einnahme der Kasse während diesen Jahren, an Beiträgen sowohl als an Antrittsgeldern. Suchen wir dann ebenso die Anzahl der noch lebenden Witwen nacst dem 1., 2., 3. Jahre, bis alle Witwen dieser eingetretenen 1000 Paare ausgestorben sind, so erhalten wir die Ausgaben der Kasse während derselben Zeit. Vergleicht man dann jene Einnahme mit dieser Ausgabe, so sieht man leicht, wie groß man die Pension annehmen muß, damit den oben ausgesprochenen Grundsätzen gemäß, die Einnahme des Instituts gleich der Ausgabe desselben werde, als bei welcher Gleichheit das Institut allein bestehen kann. Wer nur etwas mit der sogenannten Buchstabenrechnung bekannt ist, wird sogleich bemerken, daß man statt der angeführten Zahlen besser allgemeine Zeichen einführen kann. Nennt man also z. B. das An- trittSgeld jedes PaareS -1, den jährlichen Beitrag desselben 8, und die Pension jedes Paares ?, so erhält man, wenn man die eben angezeigten Rechnungen mit diesen Zeichen fortführt, eine sogenannte Gleichung zwischen den 3 Großen 8 und ? aus welcher man dann jede derselben leicht finden kann, wenn die beiden andern gegeben sind. Aus diese Art also soll für jedes eintretende Ehepaar die ihm entsprechende Pension berechnet werden, wenn das Institut und die Mitglieder desselben sicher gehen sollen, und aus diese Art ist auch folgende Tabelle berechnet worden, die uns, wie wir bald sehen werden, zu der Prüfung der Haltbarkeit jedes Instituts sehr nützlich seyn wird. ' 14 * 212 Witwen-Znstitute. Alter der Frau, Diese Tafel zeigt für jedes der darin enthaltenen Ehepaare das AntrittSgeld mit welchem man ohne alle weitere Zahlungen oder auch den jährlichen Beitrag L, mit welchem man, ohne irgend einem Antrittögelde, eine jährliche Witwen-Pension von 100 fl. begründet. Will z. B. ein Mann von 50 Jahren bei seinem Eintritte in die Gesellschaft seiner 40jährigen Frau eine Pension von jährlichen l OO fl. verschaffen, so wird er entweder gleich bei seinem Eintritte 380, 3 fl. und weiter nichts mehr, oder er wird ohne Eintrittsgeld im Anfange des Jahres 43, 3 fl. bis zu seinem Tode an die Eaffe jedes Instituts entrichten. Will er seiner Frau jährlich 200 fl. Pension geben, so wird er auch das dopptelte jener Einlagen leisten, also entweder 760, 6 fl. Eintrittsgeld oder jährlich 86,6 fl. als Beitrag, u. s. f. mit dem dreifachen oder mit der Hälfte der zu 100 fl. festgesetzten jährlichen festgesetzten Pension u. f. Die Zahlen nach dem Punkte sind Zehntheile des Guldens, also 0.1, 0.2, 0. 3 gleich 6, 12, 18 Kreuzer. Die Mortalitätstafel, welche dieser Tabelle zu Grunde liegt, ist die oben angeführte Süß- milch-Baumann'sche und bei der Berechnung ist vorausgesetzt, daß die Einlagen der Mitglieder in keinem Falle von der Kasse wieder herausgegeben werden; daß, wenn die Frau vor dem Mann stirbt, der Witwen-Znstiitute. 213 Kontrakt mit der Gesellschaft erlischt, und endlich, daß die Wittwe auch, wenn sie wieder heirathen sollte, doch jene Pension bis an ihre» Tod sortbehält. Der Zinsfuß ist zu 5 Proccnt angenommen worden, wie er bei uns üblich ist. Diese Tafel ist sehr wichtig, und sie kann «nS als ein Prüfstein aller Witwen-Institute dienen. Der größte und wichtigste Theil dieser Prüfung läßt sich auf die Frage zurückführen: „Wenn ein Mitglied bei seinem Eintritte ein bestimmtes An- LrittSgeld und überdies einen bestimmten jährlichen Beitrag gibt, welche Pension begründet er dadurch für seine Witwe?" Die Antwort ist: Man dividire das Antrittögeld durch die Zahl und den jährlichen Beitrag durch die Zahl L der vorhergehenden Tafel, so ist die Summe dieser beiden Quotienten, hundertmal genommen, die gesuchte Pension, welche er mit Recht zu erwarten hat. Nehmen wir z. B. an, daß in einer Witwcngesellschaft jedes Mitglied 40 st. Eintrittsgeld und überdicß einen jährlichen Beitrag von 30 fl. zahlen muß. Wenn das Mitglied bei seinem Eintritte älter als 30 Jahre ist, so muß es die Jahre über 30, jedes mit 30 st. und mit 2 st. Jntereffenvergütung ablösen, so daß also ein solches Mitglied folgende Einlage zu machen hat: Alter 30, 3 t, 32, 33, 34, 35 Einlage 70, 102, 134, 166, 198, 230 u. s. w. Welche Pension kann jedes Mitglied dieser Gesellschaft ansprechen? Die Antwort wird, je nach dem Alter deö Mitgliedes sowohl, als nach dem seiner Frau verschieden ausfallen. Nehmen wir z. B. an, daß beide 30 Jahre bei ihrem Eintritte in die Gesellschaft haben, so ist aus der Tafel ^, — 261.8 und v —22.8. DaS Eintrittsgeld ist 70 fl. und der jährliche Beitrag 30 fl. Man hat daher 70 dividirt durch 261.8 gleich 0.26 30 - - 22. 8 - 1.31 Summe 1.57 Pension 157 fl. Dieses Mitglied kann daher nur eine Pension von 150 fl. ansprechen. Wenn aber die Gesellschaft jedem seiner Mitglieder dieser Klasse z. B. 500 fl. Pension zusichert, so hat bei diesem Mitgliede das Institut einen jährlichen Schaden von 343 fl. Setzen wir die Berechnungen auf die angezeigte Art noch auf einige Paare fort, so finden wir: 214 Witwen-Jnstitute. Alter des Mannes. . 3« 4V 40 50 50 50 60 60 60 Alter der Frau.... 30 30 40 30 '40 50 30 40 50 Wahre Pension . . . 157 208 250 205 256 352 206 248 324 Instituts-Pension . . 500 500 500 500 500 500 500 500 500 Schaden des Znstitus 313 292 244 295 244 148 294 252 176 Bei so großen Verlusten kann daher ein solches Institut, wenn es in der That eristirt, unmöglich lange bestehen, und sein Ende müßte traurig seyn. Die gezeigte Art, eine Witwen-Anstalt zu prüfen, ist unter alle« die sicherste und genaueste. Um aber kürzer und zugleich all emein von dem Bestände einer solchen Gesellschaft zu urtheilen, ist eS hinreichend, allen Mitgliedern bei ihrem Eintritte dasselbe Alter zu geben. Die Männer treten nämlich gewöhnlich zwischen ihrem 20. und 60. Jahre, also im Mittel, in ihrem 40. Jahre ein, und die Frauen sind gewöhnlich um 5 Jahre jünger als die Männer. Man darf daher nur die Pension für ein Ehepaar suchen, wo der Mann 40 und die Frau 35 Jahre alt ist. Dieses Paar hat in dem oben angenommenen Institute das Antrittögeld 390 und den jährlichen Beitrag 30. Die Tafel gibt ^ — 308.8 und 8 — 30. 1 390 dividirt durch 308.8 gibt 1.26 30 - - 30.1 - 1-00 Summe 2. 26 Wahre Pension 226 fl. Pension dcö Instituts 500 fl. Schaden des Instituts 274 fl. DaS Institut verliert daher im Mittel bei jedem seiner Mitglieder 274 fl. und daher ist bei 100 Witwen in einer Zeit von 10 Jahren der Schaden deü Instituts 274,000 fl. Diese Prüfung hat noch das Vortheilhaste, daß sie immer und bei jeder Anstalt mit Sicherheit vorgenommen werden kann. Denn wie sehr auch, wenn sich einmal Fehler und Lücken zeigen, mit der wahren inneren Lage der Anstalt zurückgehalten, wie sehr dieselbe durch lobpreisende Ankündigungen beschönigt werden mag — so muß doch die Größe der Einlage und der Pension der Wahrheit gemäß öffentlich bekannt gemacht werden, und dieses Letzte ist, wie man ge- Witwen-Instituite. 215 sehen hat, allein hinreichend, über den wahren Werth und Gehalt der Anstalt zu entscheiden, ohne sich von leeren Worten und unbestimmten Versicherungen irre machen zu lassen. Nehmen wir zur besseren Uebersicht noch einige Beispiele von andern Witwen-Jnstituten, von denen eö hier gleichgültig ist, ob sie in der That eristiren oder nicht. Gesetzt also, ein 50jähriger Mann zahle in einer solchen Gesellschaft das Eintrittsgeld von 360 sl., und den jährlichen Beitrag von 16 st.. wofür seine Witwe die Pension von 300 st. erhalten soll. Da nach den vorhergehenden Tafeln die wahre, durch den Jn- stitutöfond gesicherte Pension nur 170 betragen kann, für eine bei ihrem Eintritte 35jährige Frau, so leidet dieses Institut bei jedem seiner Mitglieder im Mittel einen Schaden von 130 st. -— Wäre in einem anderen Institute bei denselben Einlagen die Pension von 400 st., so ist der Schaden des Instituts 230 st. — Ist in einem anderen daö Eintrittsgeld 250, der jährliche Beitrag 15 und die verheißene Pension 300 st., so ist der Schaden des Instituts 169 st. — Wäre endlich das Eintrittsgeld 150, der jährliche Beitrag 12 und die Pension 300, so ist der Schaden des Instituts bei jedem Ehepaare im Mittel 212 st. Man sieht daraus, welche Aussichten diese Anstalten, wenn sie wirklich eristirten, auf eine fernere, wohlge- gründete Dauer haben können. AuS dem Vorhergehenden ist klar, daß bei dem Eintritte eines jeden Ehepaares in eine Witwengesellschaft an dasselbe vorzüglich 2 Fragen gestellt werden müssen, deren die eine auf das Alter dcS Mannes, und die andere aus das Alter der Frau zur Zeit des Eintrittes sich bezieht. Diese beiden Fragen folgen auch unmittelbar aus der Natur der Sache. Denn je jünger der Mann, desto länger wird er im Allgemeinen leben, desto länger wird er also auch die Beiträge entrichten, durch welche der Gewinn des Instituts vermehrt wird; und jeweiliger die Frau, desto länger wird auch sie leben, desto länger wird sie also auch die Pension beziehen, durch welche der Verlust des Instituts vermehrt wird. Die Kenntniß des Alters des Mannes ist also eben so wichtig, als die der Frau, und wenn eines von diesen beiden fehlt, so ist alle Berechnung der Pension unmöglich. Man sieht daraus, was man von einem Institute zu halten 216 Wl'twen-Jnstitute. hat, welches bei allen seinen eintretenden Ehepaaren nur um das Alter des Mannes fragt, und das der Frau gar nicht berücksichtiget. Ei» solches Institut ist auf gar keine Rechnung gegründet, weil bei einem so einseitigen Verfahren alle Rechnung unanwendbar ist. Wenn ich berechnen will, wie viel ich für ein Stück Tuch zu bezahlen habe, so muß ich erstens wissen, waö die Elle kostet, und zweitens, wie viel Ellen in dem Stücke enthalten sind. Wenn mir aber der Kaufmann das erste oder das zweite nicht sagen will, so kann ich auch nicht mehr rechnen, sondern höchstens einen rohen Ueberschlag machen, etwa nach dem Augenmaße, und dabei entweder mich oder den Kaufmann in großen Schaden bringen. Ganz dasselbe hat auch hier Statt. Die vorhergehende Tafel zeigt dieses auch aus den ersten Blick. Ein Mann von 30 mit einer Frau von 30 Jahren muß nach dieser Tafel 1309 sl. Eintrittsgeld geben, wenn er seiner Frau eine jährliche Pension von 500 sl. verschaffen will. Ein Mann von 60 mit einer Frau von 30 aber muß 3049, also um volle 1740 fl. mehr An- trittSgeld geben, um dieselbe Pension von 500 sl. zu erhalten. Derselbe Mann von 60 endlich mit einer Frau von 55 Jahre« wird nur 1578, also volle 1471 sl. weniger Antrittsgeld, als sein eben so alter Vorgänger entrichten, bloß, weil die Frauen der beiden Männer in ihrem Alter um 25 Jahre verschieden sind. Wo aber so große Differenzen, die Tausende von Gulden betragen, für nichts geachtet, und auch nicht weiter berücksichtigt werden, da kann weder von einer Berechnung noch von einer gesicherten Dauer für die Zukunft weiter eine Rede seyn. Wenn es daher solche Institute geben sollte, wo auf das Alter der Frau keine Rücksicht genommen wird, so sind sie schon an sich nichts werth, und es bedarf keiner weiteren Prüfung durch Rechnung, um ihren wahren Werth zu erkennen. Ganz dasselbe muß auch von der Zulassung zweiter und fernerer Ehen gesagt werden, so daß die Pension, wen» die erste Frau deö Mannes vor dem Manne stirbt, nicht erlöscht, sondern auf die zweite und folgende Frau desselben Mannes übergeht. Eö ist bereits oben erinnert worden, daß in einem so eingerichteten Institute alle Spieler Gewinnende sind, und daher das Institut selbst die Rolle deö allein Verlierenden auf sich genommen hat. Es ist aber auch noch aus anderen Gründen klar, daß eine solche Einrichtung ganz und gar unzu- läßig ist. Bei einem gewöhnlichen Witwen-Jnstitute nemlich hat man, wie ich oben gezeigt habe, nur 2 Fragen zu beantworten: „Wie alt der Mann und wie alt seine gegenwärtige Frau ist;" und aus Witwen-Znstitute. 217 diesen Antworte» läßt sich mit Hülfe der erwähnten Mortalitätstafel zeigen, was er zu leisten und was er dafür zu fordern hat. Erfahrungen von vielen Jahrhunderten sind diesen Tafeln zu Grunde gelegt, und sie zeigen unö nun mit einem sehr hohen Grade von Wahrscheinlichkeit, wie lange dieser Mann und diese Frau, deren beider Alter uns gegeben ist, noch zu leben Hoffnung haben, und mehr brauchen wir nicht zu wissen, um das Verhältniß der Pension dieses Paares gegen die Einlage desselben zu bestimmen. Allein ganz anders verhält sich die Sache in einem Institute, wo auch die ferneren Ehen und die denselben entsprossene» Kinder zugelassen werden. Da ist eS mit jenen beiden Fragen keineswegs genug, sondern es müssen noch eine große Menge anderer ebenfalls beantwortet werden. Wie alt wird nemlich, nicht bloß die gegenwärtige Frau des eintretenden Mitgliedes, sondern wie alt wird auch noch die zweite, dritte und folgende Frau desselben seyn? Welcher Gesundheit werden sich alle diese Frauen erfreuen? Werden sie Constitutionen wie Ambosse haben, die nicht zu erschüttern sind, oder werden sie, unter Vapeuren und Einfällen erliegend, von jedem Lüftchen umgeworfen werden? wie viel Kinder wird jede derselben mitbringen? u. f. — Wer wird uns diese und noch gar manche ähnliche Fragen beantworten. — Und doch müsse» sie beantwortet werden, weil von ihnen die Größe der jedem Paare zu bestimmenden Pension unmittelbar abhängt. Jene zwei ersten Fragen beziehen sich auf Naturgesetze, auf Erfahrungen, und sind daher allerdings einer Antwort fähig: diese aber beziehen sich auf den blinden Zufall, auf die wunderlichen Einfälle, aus die krankhaften Launen eines Mannes, die er vielleicht einmal in seinem hohen Alter haben wird. — Wer hat aber in solchen Dingen noch je ein Gesetz entdeckt, nach dem sich richten, auf daö man eine sichere Rechnung bauen könnte? Hier ist also kein fester Boden mehr, sondern nur lockerer Moorgrund, der unter unsern Füßen weicht, und auf den zu bauen, das Glück und die Hoffnung so vieler Familien, zu bauen, mehr als Thorheit wäre. Auch kann ich nicht glauben, daß es je noch einem Gründer solcher Institute im Ernste beigefallen wäre, einen so ganz chimärischen Versuch auszuführen. Wenigstens kenne ich keine der als gut anerkannten Anstalten des Auslandes, wo dergleichen höchst sonderbare Einfälle zur Ausführung gebracht worden wären. Ja nicht einmal als Schulprobleme kann man in allen den bessern Büchern über diesen Gegenstand, auch nur als Vorschlag oder Uebungöbeispiel, oder aus Unterhaltung irgend ein Exempel dieser S18 Witwen- Institute. Art auffinden, aus der einfachen Ursache, weil es an und für sich thöricht ist, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nichts sind und zu nichts führen. Nicht minder unzulässig ist endlich auch die Aufnahme der Kinder in die Witwen-Anstalten. ES soll einige derselben geben, in welchen nicht bloß die Witwe nach dem Tode ihres Mannes, sondern auch noch die Kinder nach dem Tode der Witwe die ganze anfängliche Pension beziehen, bis daß das jüngste Kind 20 oder 25 Jahre erreicht hat. Diese Vermischung zweier ganz heterogener Elemente kann nur sehr nachteilige Folgen für das Institut haben, welches eine solche Einrichtung in sich aufgenommen hat. Ein Wittwen- Jnstitut ist kein Waisen-Institut, und beide müssen vo^ einander getrennt werden, wenn sie sich nicht gegenseitig schaden sollen. Ueber- haupt muß bei der Berechnung des einen sowohl als des andern das Princip der Individualität beobachtet werden, d. h. der Kontrakt, welchen jedes eintretende Mitglied für diese Witwe oder für diese Waise schließt, kann auch nur für dieses Individuum gelten, und für kein anderes, welches man jenen aus irgend einer Ursache zu substituiren etwa geneigt seyn möchte. Aus diesem Grundsätze, der allen Berechnungen von Witwen- und Waisenkassen zu Grunde liegt, und liegen muß, weil ohne ihn gar keine Berechnung mehr möglich ist, folgt also auch, daß die Witwe nicht von ihren Kindern substi- tuirt, daß die für die Witwe kontrahirte Pension keineswegs auf die Kinder fortgepflanzt werden kann. Ohne Zweifel haben die Errichter solcher Institute jene sonderbare Uebertragung dieser Pension aus andere aus Gründen des Mitleids und der Humanität ausgenommen, da eS jedem Familienvater sehr willkommen seyn muß, nicht nur seine Frau, sondern auch seine sämmtlichen Kinder bis zu den Jahren der Mannbarkeit versorgt zu wissen. Aber es ist eine falsche und sehr übelverstandene Humanität, die ersten Witwen und Waisen eines Instituts im Ueberflusse leben, und dafür die späteren darben, und die letzten endlich völlig verhungern zu lassen, was der Fall seyn muß, wenn die Kasse anfänglich mit »»gemessenen Ausgaben beladen, und vor der Zeit erschöpft wird. Der Berechner einer solchen Anstalt muß nicht von dunklen Gefühlen des Mitleidens mit einem Theile der Gesellschaft auf Kosten der übrigen, sondern er muß von den deutlichen Ansichten der Gerechtigkeit, einer auf die ganze Gesellschaft gleichen Gerechtigkeit geleitet werden. Die Kinder müssen also aus den Witwenanstalten ausgeschlossen werden, und wenn man sie, wie Witwen-'InstiLute. Lt9 billig, auch versorgt wissen will, so muß für sie eine eigene Anstalt, ein Waisen-Institut errichtet werden, in welchem wieder, wie in jenem, sür jedes Individuum, besonders eingelegt wird, um dadurch dasselbe und kein anderes zu versorgen. Wie wäre es auch nur möglich, selbst abgesehen von dem so eben Gesagten, die Berechnung eines solchen Witweninstituts zu führen, in welchem nach dem Tode der Mutter die Pension derselben auf die Kinder so lange übergeht, bis das Letzte derselben ein bestimmtes Alter erreicht. Wie viele Kinder und von welchem Alter wird denn der Mann, der jetzt eintritt, nach seinem und seiner Frau Tode zurücklassen? Wer kann das wissen? Und doch soll und muß man eS wissen, wenn anders die Größe der Pension so bestimmt werden soll, daß das Institut keinen Schaden leidet. Man glaubte sich aus dieser Verlegenheit zuziehen, wenn man, ohne viel zu überlegen, alle eintretenden Mitglieder in dieser Beziehung gleich besteuert, als ob sie alle gleich viel Kinder hätten. Allein das ist sehr unrecht. Denn warum soll der, der bei dem Tode seiner Frau kein einziges unmündiges Kind zurückläßt, eben so viel bezahlen, als der, der vielleicht zehn derselbe» hinterläßt, und dem Institute noch viele Jahre durch große Ausgaben verursacht, während jener ihm gar nicht zur Last fällt? Diese Ausgaben sind oft viel bedeutender, als man auf den ersten Blick glauben mag. So müßte ein Vater von 45, 50, 55 Jahren mit einer um 10 Jahre jünger» Frau, wenn er auch nur ein einziges Kind unter 5 Jahren nach dem Tode seiner Frau zurückläßt, und demselben die Pension seiner Frau von 600 sl. bis zu dem 20. Jahre des Kindes verschaffen will, bei" seinem Eintritte in die Gesellschaft 228, 322, 468 fl. mehr erlegen, als jener, dessen Witwe keine unmündigen Kinder hat; und eben so groß ist also auch bei jedem dieser Familienväter der Schaden des Instituts, wenn es die Kinder der verschiedenen Familien nicht durch eigene Rechnung berücksichtigt hat. Das Vorhergehende wird genügen, einige der wesentlichsten Punkte die man bisher zu wenig beachtet hat, bei der Errichtung solcher Institute sowohl als auch bei der Beurtheilung schon errichteter Anstalten dieser Art aufzuklären. Es gibt ohne Zweifel noch mehrere andere, die in einer für das allgemeine Beste und sür das Interesse jedes Einzelnen so hochwichtigen Sache, ebenfalls eine nähere Untersuchung verdienen, die ich aber, um den gegenwärtigen Aussatz nicht zu sehr auszudehnen, 220 Witwen-Jnstitute. aus eine andere Gelegenheit »erspare; übrigens gehen diese Bemerkungen, wie ich bereits erinnert habe, nur diese Institute im Allgemeinen an, keineswegs aber dieses oder sencS besondere, mit deren nähern Beurtheilung ich mich nicht befasse, sondern vielmehr wünsche, daß jene Ausstellungen auf keines derselben eine Anwendung finden möge. Meine Absicht war bloß, einige sehr verbreitete, und wie mir scheint, sehr unrichtige Ideen über diesen Gegenstand zu berichtigen, und Jedem, dem sein und der Seinen Wohl am Herzen liegt, in den Stand zu setzen, sich durch eigenes Urtheil vor Schaden zu bewahren. Ueber eine Verbesserung der Fernröhre durch einen vaterländischen Künstler. (Wiener Zeitschrift. 18 S 2 . Nr. 108 u. f.) Aer Anfang des siebcnzehnten Jahrhunderts wurde durch eine der glänzendsten Erfindungen des menschlichen Geistes, durch die deS Teleskops, ausgezeichnet, dem bald auch das ihm so nahe verwandte Mikroskop folgte. Beide Instrumente erweiterten die Grenze unseres edelsten Sinnes und dadurch die Kenntniß der uns umgebenden Natur auf eine wundervolle Weise. Zwei neue Welten schloffen sie unserm erstaunten Auge auf und sie lehrten uns Gegenstände kennen, die wir früher nicht einmal ahnen konnten, da die einen wegen ihrer für unser Auge ganz verschwindenden Kleinheit und die andern wegen ihrer erstaunenswürdigen Entfernung uns für immer, wie es schien, verborgen bleiben sollten. So ruhmvoll aber auch diese schöne Entdeckung für den Menschen scheinen mag, durch die es ihm gelang, die ihm von der Natur gesetzten Schranken zu durchbrechen und sich gleichsam über sich selbst zu erheben, so demüthigend und, selbst in dem Glänze des Glückes, unsere Schwäche verkündigend ist für uns zugleich die nähere Betrachtung des Weges, auf welchem wir zu diesem Ziele gelangt sind. Weit entfernt, durch unsere Vernunft oder durch Schlüsse zu dieser schönen Entdeckung gekommen zu seyn, müssen wir sie vielmehr dem bloßen Zufalle, dem guten, blinden Glücke verdanken. Ein Stückchen Kieselerde mit Potasche vermischt, das Spiel zweier unmündigen Kinder eines BrillenmacherS in Holland, schloß uns jene beiden neuen 222 Dialytische Fernröhre. Welten auf. Durch dieses Spiel, und keineswegs durch unser eigenes Verdienst, lernten wir auf der einen Seite die Blüthentheile der Moose, das Gewebe der SchmetterlingSstügel und jene wundervollen Geschöpfe erblicken, die zu Tausenden einen Wasserköpfen bewohnen und heerdenweise durch das Oehr einer Nadel ziehen, und zugleich aus der andern Seite mit dem Blicke eines Cherubs die fernsten Grenzen unseres Sonnensystems betrachten und selbst jenseits dieser Grenzen noch uns bisher ganz verborgene Körper des Himmels in Entfernungen entdecken, gegen welche alles, was wir hienicden für groß und mächtig hielten, nur als ein ganz bedeutungsloses Nichts verschwindet. So viel verdanken wir jenem gedankenlosen Knabenspiele, und so wenig uns selbst oder der Kraft unseres Geistes, daß, seit dieser herrlichen Entdeckung, über ein halbes Jahrhundert vergehen mußte, bis es den vereinigten Bemühungen der vorzüglichsten Mathematiker endlich gelang, die wahre Erklärung der durch den blinden Zufall gemachten Erfindung geben und die innere Konstruktion eines Fernrohres theoretisch nachweisen zu können *). Nachdem nun auf diese Art von MetiuS oder LipperSheim in Holland gegen das Jahr 1607 das Fernrohr entdeckt worden war, bemühten sich die vorzüglichsten Männer des siebzehnten Jahrhunderts, dem neuen und anfangs noch manchen Unvollkommenheiten unterworfenen Instrumente nach und nach mehr Vollendung zu geben. Unter diesen Männern zeichneten sich auS: Galilei, Kepler, Huyghens, Descartes, Kircher, Newton, Hooke u. a. Sie bemerkten bald, daß zur Verfertigung stark vergrößernder Fernröhre vorzüglich zwei Hindernisse zu überwinden wären. — Eö wird vielleicht für manchen Freund dieser jetzt so gewöhnlichen Instrumente nicht unangenehm seyn, ihre innere Einrichtung hier etwas näher kennen zu lernen. Die ersten Fernröhre bestanden aus zwei Glaslinsen, von welchen die eine, größere, das Objektiv, und die kleinere das Okular genannt wird, weil jenes auf der Seite des zu beobachtenden Ob- *) „Wenn es einen Menschen gäbe," sagt der berühmte Huyghens in seiner Dioptrik, „der im Stande wäre, bloß aus den Gesetzen der Natur und der Geometrie das Fernrohr zu erfinden, so müßte man ihn als ein mit einer übermenschlichen Geisteskraft begabtes Wesen bewundern. Aber wir find davon noch so weit entfernt, daß vielmehr von der auf ganz anderen Wegen schon gemachten Erfindung unsere ersten und scharfsinnigsten Mathematiker nicht einmal Rechenschaft geben können." Dialytische Fern röhre. 223 jektes, dieses aber auf der Seite des Auges des Beobachters steht. Das Objektiv, bei weitem das wichtigste dieser beiden Gläser, muß so beschaffen seyn, daß die Lichtstrahlen, welche von jedem Punkte deS Objektes auf dasselbe fallen, nach ihrem Durchgänge durch dieses Glas, alle genau in einem Punkte vereinigt werden, wodurch dann in diesem Punkte ein Bild des Objektes entsteht. Man sieht dieses kleine Bildchen sehr deutlich, wenn man in einem nur etwas verfinsterten Zimmer daS Fernrohr durch eine Oeffnung des Fensterladens gegen ein äußeres Objekt, z. B. auf einen Thurm stellt und, nachdem man daü Okular weggenommen hat, ein Blatt weißen Papieres an die Stelle des Bildes bringt, wo man dann den Thurm als ein kleines und feines Miniaturbildchen auf dem Papiere erblickt. Dieses Bildchen ist eS, welches man Lurch die Okularlinse, wie durch ein einfaches Mikroskop betrachtet, wo man eS, eben durch die Wirkung dieser Linse, viel größer und deutlicher, als mit freien Augen, sehen kann. Dieses Bild nun soll bei einem jeden guten und zugleich starken Fernrohre erstens vollkommen rein und scharf begrenzt seyn, weil man, wenn dies nicht der Fall ist, offenbar nicht klar und deutlich durch das Fernrohr sehen kann. ES soll aber auch zweitens sehr hell und stark beleuchtet seyn, weil schwach beleuchtete Gegenstände immer viel undeutlicher gesehen werden, als helle. Es soll endlich drittens so groß als möglich erscheinen, weil man sonst die kleineren Theile des Gegenstandes, die man doch oft vorzüglich genau untersuchen will, nicht mehr gut und deutlich genug sehen würde. Diese drei Eigenschaften eines jeden Fernrohres, das auf die Benennung eines guten Anspruch machen will, lassen sich kürzer so ausdrücken: eS muß 1. ein durchaus reineö Bild geben, 2. eine große Lichtstärke und 3. eine starke Vergrößerung haben. — Wir wollen diese drei Stücke einzeln betrachten, und mit dem letzgenannten anfangen. Nimmt man än, daß die beiden Linsen des Fernrohres Segmente einer Kugel sind und daß sie also, wie dieses in der That der Fall ist, die Gestalt unserer Brenngläser haben, so ist die Vergrößerung eines Fernrohres gleich der Brennweite des Objekts, dividirt durch die Brennweite deö OkularS. Soll daher die Vergrößerung stark seyn, so muß entweder die Brennweite deS Objektivs sehr groß oder die deö OkularS sehr klein seyn. In dem ersten Falle muß die Linse das Segment von einer sehr großen, in dem zweiten Falle aber von einer sehr kleinen Kugel seyn. Beide sind für die 224 Dialytische Fernrohre. Künstler schwer auszuführen, besonders die letzteren, die am Ende, für sehr starke Vergrößerungen, in kleine Kügelchen übergehen müßten, deren Durchmesser kaum mehr eine oder eine halbe Linie betragen, und die eben wegen ihrer geringen Größe gar nicht mehr anwendbar seyn würden. Man muß also die Brennweite der Objektive so groß als möglich machen. Aber dadurch wird auch zugleich die Länge des ganzen Fernrohres sehr groß und für den Gebrauch unbequem. Man kann also starke Vergrößerungen der Fcrnröhre nur aus Kosten ihrer Kürze und Bequemlichkeit erhalten. Ist z. B. die Brennweite des Okulars gleich einem Zolle, so ist für eine Vergrößerung von 11 die Länge deö Fernrohrs gleich 1 Fuß. 23 ......... 2 „ 47 ......... 4 „ 100 ..8b/l«„ 200 . .. 16^/z „ u. s. W. Die Lichtstärke des Fernrohrs hängt offenbar von ver Größe des Objektivs ab. Denn je größer das Objektiv ist, desto mehr Strahlen können von dem zu betrachtenden Gegenstände auf dasselbe fallen, desto Heller beleuchtet wird also auch das von dem Objektive erzeugte Bild seyn. Diese Lichtstärke des Fernrohrs nimmt in gleichem Maße, wie das Quadrat des Durchmessers des Objektivs zu. Soll daher die Lichtstärke eines Fernrohres z. B. verdoppelt oder verdreifacht werden, so müßte man den Durchmesser des Objektivs vier- oder neunmal größer nehmen, als zuvor. Man sieht aber von selbst, daß größere Objektive immer schwerer zu erhalten, also auch zugleich immer theurer seyn werden, da die Masse derselbe» durchaus homogen und gleich dicht seyn muß, wenn sie zu Fernröhre» brauchbar seyn soll. So kostet in dem Fraunhofer'schen Institut in München ein Objektiv 1 Zoll Durchmesser 13 Gulden 2 ,/ . . - 44 // 3 . . . 150 4 ,/ . . . 356 5 . . . 694 6 ,/ . . . 1200 ,/ 7 . . . 2000 „ u. Dieß sind also bereits zwei große Hindernisse, mit welchen die ersten Verfertig» der Fernröhre zu kämpfen hatten. Wollten sie ihnen, wie eS natürlich sehr wünschenswerth war, eine starke Vergrößerung Dialytische FermrLhre. 225 geben, so mußten sie sie sehr lang machen, wie sie denn auch in der That Fernrohre von mehreren hundert Fuß Länge verfertigten. Wollten sie ihnen aber, was nicht weniger nothwendig war, wenn sie dadurch gut sehen sollten, viel Lichtstärke geben, so mußten sie sehr große Objective nehmen, die oft gar nicht oder doch nur um unmäßige Preise zu erhalten waren. Mit diesen Schwierigkeiten verband sich überdieß gleichsam von selbst noch eine dritte. Je stärker sie nemlich die Vergrößerung ihrer Fernrohre machten, desto kleiner wurde der Raum, den sie durch dasselbe auf einmal übersehen konnten oder, wie man sagt, desto geringer wurde das Gesichtsfeld dcS Rohres. So konnte man z. B. mit einem Ocular von '/§ Zoll im Durchmesser bei einer ZOmaligen Vergrößerung deS Fernrohres einen kreisförmigen Raum von 28 Minuten, bei einer üOOmaligen aber nicht einmal mehr einen Raum von 2 Minuten im Durchmesser übersehen, was bei vielen astronomischen Beobachtungen sehr störend einwirken und manche derselben sogar ganz unmöglich machen mußte. Allein diese drei Hindernisse, welche sich der Verfertigung eines guten Fernrohres entgegensetzten, waren noch keineswegs weder die einzigen, noch auch die größten. Man bemerkte bald, daß man, selbst wenn sie glücklich besiegt würden, doch noch immer weit diesseits deS gewünschten Zieles stehen bleiben und noch immer auf die Erreichung eines klaren und deutlichen Bildes, auf die im Grunde doch alles ankam, Verzicht leisten müßte. Bekanntlich besteht jeder weiße Sonnenstrahl aus unzähligen einfachen Strahlen, deren jeder durch eine besondere Farbe ausgezeichnet ist. Wird der zusammengesetzte weiße Lichtstrahl durch ein Prisma von Glas geleitet, so spaltet er sich in diese farbigen Strahlen, deren jeder auf eine eigene Art durch das Prisma gebrochen wird. Dasselbe geschieht auch, wenn der weiße Strahl durch eine Glaslinse geht, und die Folge davon ist, daß diese Linse von dem Gegenstände nicht mehr, wie wir bisher vorausgesetzt haben, ein einziges Bild, sondern daß sie eigentlich von jedem einzelnen leuchtenden Punkte unzählig viele Bilder machen, deren jedes durch eine besondere Farbe ausgezeichnet ist und die alle sehr nahe an einander liegen. Daß durch diese Aneinanderreihung so vieler Bilder von verschiedenen Farben die Klarheit deS Sehens in einem hohen Grade gestört werden müsse, ist für sich klar. Man mußte daher auf Mittel denken, diesen Fehler, an welchem alle Fernrohre litten und welchen man nicht ganz wegbringen konnte, wenigstens so klein als möglich zu machen, damit Littrow n jö 226 Dialytische Fernrohre. unser Auge ihn nicht weiter bemerke, wo er dann, siir uns wcnigens, so gut als gar nicht da ist. Man fand bald, daß man diesen Zweck wieder nur durch die größere Länge des Fernrohres erreichen könne. Die Rechnung zeigte, daß dieser Fehler der Farbcnabweichung bei verschiedenen Fernrohren nur dann nahe gleich groß ist, wenn sich die Länge Derselben wie das Quadrat der Vergrößerung verhielt. Wenn also z. B. ein Fernrohr von 2 Fuß Länge mit der Vergrößerung 10 die Gegenstände nahe farbenloS zeigte, so mußte ein anderes, daS die Vergrößerung 100 haben und eben so sarbenlos seyn sollte, bloß dieser Farbenlosigkeit wegen, schon gegen 200 Fuß Länge haben, also zum eigentlichen Gebrauche schon äußerst unbequem sey». Endlich, als ob es mit allen diesen Schwierigkeiten noch nicht genug wäre, kam noch die größte und hartnäckigste von allen hinzu: die Gestalt der Linsen, welche man zu den Fernröhren brauchte. Wenn auch die Lichtstrahlen keine Farben hätten, deren jede ihr eigenes Bild macht und auf eine eigene Art gebrochen wird, und wenn auch alle die oben erwähnten Hindernisse, welche sich der Verfertigung eines guten Teleskopes entgegensetzen, durch irgend ein, übrigens bisher noch unbekanntes Mittel, gänzlich beseitiget oder doch auf irgend eine Weise umgangen werden könnten, so müßten dann doch alle weißen Strahlen, welche auf das Objectiv einfallen, sowohl diejenigen, welche durch die Mitte, als jene, welche durch den Rand der Linse gehen, in einen und denselben Punkt gebrochen werden, weil sonst wieder die Deutlichkeit des Bildes, auf die doch alles ankommt, gestört werden würde. Wir haben bereits oben bemerkt, daß die Glaslinsen, welche man zu Fernröhrcn gebraucht, durchaus Segmente von Kugeln, also von sphärischer Gestalt sind. Allein solche Linsen haben durchaus nicht die geforderte und so höchst nöthige Eigenschaft, die nahe und weit von dem Mittelpunkte auffallenden Strahlen in einen und denselben Punkt zu brechen. Solche Linsen können daher auch nie ein reines Bild, also auch nie ein gutes Fernrohr geben. Nun ist eS zwar leicht, diejenige krumme Fläche durch Rechnung oder durch geometrische Untersuchungen zu finden, welche die Linsen haben sollen, um alle auf sie fallenden Strahlen genau in denselben Punkt wieder zu vereinigen. Allein waS in der Theorie sehr leicht ist, ist in der Praxis oft sehr schwer, und eben dieß ist auch der Fall mit unseren Linsen. Unsere Optiker können jene durch die Theorie vorgeschriebenen krummen und sehr complicirten Flächen durchaus nicht, auch nicht einmal beiläufig, in der Ausführung darstellen, und sie sind Dialytische Fernrohre. 227 daher gezwungen, bei den sphärischen Linsen, so schlecht diese auch zu dem vorgesetzten Zwecke seyn mögen, stehen zu bleiben, da sie diese, und nur diese allein, in ihren Kugelschalen mit der gehörigen Genauigkeit schleifen können. Dazu kommt noch, daß dieser Fehler, wegen der Abweichung der Gestalt der Linsen, ungleich empfindlicher für unser Auge ist, als alle die bisher erwähnten. Der Fehler wegen der verschiedenen Farben z. B., den wir bereits erwähnt haben, kann bei vielen Fernröhren bis auf 5 und 6 Minuten gehen, ohne daß ihn unser Auge eben sehr bemerkt, während im Gegentheile der Fehler wegen der Gestalt der Linsen, wenn er auch nur eine einzige Sekunde beträgt, also über 300mal kleiner ist, als der Fehler wegen der Farben, schon störend aus die Klarheit des BildeS einwirken, und ein in allen andern Beziehungen gutes Fernrohr zu einem sehr mittelmäßigen machen würde. Die alten Optiker mußten sich daher ganz besonders bemühen, sich von diesem letzten Fehler, wenigstens so viel möglich, frei zu machen, und sie fanden bald, daß dieß nur dadurch möglich wird, daß sie die Länge des Fernrohres recht groß und zugleich die Ocffnung des Objektivs recht klein annahmen. Dieser Fehler verhält sich nämlich im Allgemeinen wie die dritte Potenz des Durchmessers des Objektivs und verkehrt wie die vierte Potenz der Länge des Fernrohres, und bei zwei gleich langen Fernröhren wird daher dasjenige, dessen Oeffnung doppelt so groß ist, einen 8mal größeren Fehler, und bei zwei Fernröhren von gleicher Oeffnung wird dasjenige, dessen Länge doppelt so groß ist, einen 16mal kleineren Fehler wegen der Kugelgestalt der Linse geben. Hierin liegt die Ursache, warum die Optiker den Rand ihrer Objective so oft mit einem Ringe von Metall oder auch nur von Kartenblättern bedeckten, wie man dieß noch häufig genug bei den alten Zugfernröhren ficht. Daß aber diese Verkleinerung der Oeffnung der Lichtstärke des Rohres beträchtlich schadet, ist schon oben bemerkt worden, daher man denn auch beiden alten Fernröhren, selbst bei den sehr langen und stark vergrößernden, so oft über den Mangel an Licht zu klagen pflegte. Man sieht aus allem Vorhergehenden, daß unsern ersten Optikern in der Verfertigung lichtstarker Fernröhre mit beträchtlichen Vergrößerungen sehr große Schwierigkeiten begegneten, die sie größtenteils nicht anders zu besiegen oder ooch zu vermindern hoffen konnten, als indem sie die Länge ihrer Teleskope recht sehr vergrößerten. Daher erhielten wir auch von den Künstlern jener Zeit, zu Ende deS 17ten Jahrhunderts, Fernröhre von einer ganz entsetzlichen Länge, die aber 15 * 228 Dialytische Fernrohre. eben dadurch zu allen Beobachtungen sehr unbequem oder selbst ganz unbrauchbar wurde». Eustachio Divini in Rom und Campani in Bologna, die ersten Optiker dieses Jahrhunderts, verfertigten Fernrohre von 100 und 150 Länge, mit welchen besonders Dominic Cassini seine schönen Entdeckungen am Himmel machte. Der französische Astronom Auzout, der im Jahr 1695 starb, hatte das längste Fernrohr von vollen 600 Fuß, daö man je gesehen Hai, gebaut. Die Unbequemlichkeit dieser aus Ungeheuere grenzenden Instrumente wurde immer drückender und drängte gleichsam zu dem Versuche, andere Mittel zu finden, um die oben angeführten Schwierigkeiten zu besiegen. Der innere Bau des menschlichen Auges, dessen Krpstalllinse und Feuchtigkeiten die Strahlen auf verschiedene Weise brechen, führte auf die Idee, auch die Objektive der Fernrohre aus verschiedenen durchsichtigen Körpern zusammenzusetzen und vielleicht auf diesem Wege ein fehlerfreies und zugleich zum Gebrauche bequemeres Fernrohr zu erhalten. Besonders glaubte man dadurch den so lästigen Fehler wegen der Farbenzerstreuung wegbringen zu können. Allein auch hier zeigte sich wieder die Langsamkeit und Mühseligkeit, mit welcher der menschliche Geist fortschreitet, selbst wenn er durch eine» glücklichen Zufall schon auf den Weg der Wahrheit geführt worden ist. Newton, der eben in dieser Zeit feine glänzende Entdeckung der gefärbten Sonnenstrahlen gemacht hatte, suchte sie auch sofort auf jene zusammengesetzten Obstklive anzuwenden. Allein der große Mann wurde durch seine nicht mit der gehörigen Umsicht angestellten Beobachtungen zu dem Entschluß verleitet, daß daö Licht nach seinem Durchgänge durch diaphane Körper nur dann farbenloS erscheine, wenn der gebrochene Strahl mit dem einfallenden parallel ist und daß sich überhaupt bei allen Körpern die Farbenzerstreuungen wie die um die Einheit verminderten Brechungen verhalten. Wenn diese Sätze wahr gewesen wären, so würden alle farbenfreien Fernrohre so gut als unmöglich gewesen seyn, und das war es auch, was Newton behauptete, daher er rieth, sich nicht weiter mit den dioptrischen Fernröhren zu befassen, sondern die Spiegelteleskope, welche diesem Fehler nicht ausgesetzt sind, zu vervollkommnen. Der berühmte Analytiker, Leonhard Euler, der von diesen Schlüssen und Folgerungen Newton's anfangs nichts wußte, verfolgte indessen jene vom menschlichen Auge hergenommene Idee und schlug als Obj.ktiv zwei Glaslinsen vor, welche zwischen ihren inneren concaven Flächen Wasser enthalten. John Dollond, der erste Optiker seiner Zeit, suchte Euler's Vorschläge im Jahre Dialytische Fernrohre. 229 1752 praktisch auszuführen. Allein da es ihm nicht sogleich gelingen wollte und auch die Autorität seines großen Landsmannes, Newton, der alle diese Versuche für vergeblich erklärt hatte, auf ihn wirkte, so ließ er die Sache wieder fallen. Erst fünf Jahre später zeigte der schwedische Mathematiker Kling enstierna den Fehlschluß Newton'S und bewies dadurch die Möglichkeit farbensreier Fernrohre, die man bisher geläugnet hatte. Dadurch aufgemuntert, nahm auch Dollond wieder seine alten Versuche vor und war so glücklich, unter den GlaS- stücken, mit welchen er seine Experimente anstellte, zwei zu entdecken, die unter sich an Brechbarkeit und Farbenzerstreuung, zwar nur wenig, aber wie er hoffte, doch hinlänglich unterschieden waren, um daraus ein von den oben erwähnten Fehlern freies Objektiv von zwei Linsen zu fertigen. Diese zwei Sorten sind in England unter den Namen deS Crown- und Flint-Glases bekannt. Nach mehreren Versuchen, deren Aufzählung hier zu umständlich seyn würde, brachte er endlich im Jahre 1758 ein Doppelobjektiv zu Stande, welches er sofort der kon. Akademie in London vorlegte und welches in der ganzen gebildeten Welt mit dem größten Beifalle aufgenommen wurde, da eS, ob- schon die Länge deö neuen Fernrohres nur 5 Fuß betrug, in seinen Wirkungen die besten bisher b-kannten Fernröhre von 20 bis 30 Fuß weit übertraf. Dieses Objektiv bestand auö zwei Linsen, von welchen die erste oder dem Objekte nächste biconver und von CrownglaS, die zweite biconcav und von FlintglaS war. Beide Linsen standen unmittelbar au einander, so daß sie sich beinahe berührten. Dollond hatte die Krümmungshalbmesser dieser neuen Linsen so gewählt, daß dadurch der Fehler wegen der sphärischen Gestalt beinahe ganz weggebracht wurde und den Fehler wegen der Farben entfernte er eben so glücklich durch eine schickliche Wahl der Brennweiten dieser beiden Linsen. Wegen der so auffallenden Farbenlosigkeck dieser neuen Fernröhre wurden sie achromatische (von s ohne, und oliroms Farbe) genannt, und da sich ihr Ruhm bald allgemein verbreitete, so verdrängten sie in kurzer Zeit alle älteren Fernröhre, so daß man bereits zu Ende des vorigen Jahrhunderts nicht nur aus Sternwarten, sondern selbst zu Zugfernröhren und Theaterteleskopen durchaus nur achromatische Objektive anzuwenden pflegte. Die besten dieser größeren Achromaten wurden von I. Dollond'S Sohne, Peter, und von dem berühmten Ramsden (der im Jahre 1800 starb) verfertigt. In unseren Tagen sind die großen Refraktoren deö für die Wissenschaft leider viel zn früh verstorbenen Fraunhofer in München die ersten ihrer 230 Dialytische Fernrohre. Art. Er verfertigte zwei solche Achromaten von 9 Par. Zoll Oeffnung und 14 Fuß Brennweite für die Sternwarten in Dorpat und Berlin und eines von 6 Zoll Oeffnung und 9 Fuß Brennweite für die Sternwarte in Wien, welche Instrumente als wahre Meisterwerke der optischen Kunst zn betrachten sind. Allein zum Gebrauche bei astronomischen Beobachtungen, für welche doch so große Fernrohre ganz besonders bestimmt sind, und zur Verbindung mit eigentlich messenden Instrumenten, mit Meridian- kreisen und Aequatorialen, sind auch die letztgenannten Refraktoren von 9 bis 14 Fuß Länge bereits zu lang und für den Beobachter unbequem, sa selbst schädlich, da bei so großen Fernrohren die schwer zu vermeidende Krümmung und Beugung derselben wieder andere Fehler erzeugt, die sehr schwer in Rechnung zu bringen und vielleicht ganz unmöglich wegzuschaffen sind. Die alte Schwierigkeit, die alte Klage, über die zu große Länge der Fernrohre, fängt daher allmälig auch bei den Achromaten an wieder aufzuwachen und immer lebhafter zu werden. Ein solches Instrument von 12 Zoll Oeffnung wird nahe die Länge an 20 Fuß haben müssen; noch größere werden noch länger seyn und die Brauchbarkeit dieser Instrumente wird eben so, wie früher, bei zunehmender Vollkommenheit abnehmen und die Zeit wird kommen, sa sie ist wohl schon da, wo man wieder auf neue Mittel wird denken müssen, den immer größer werdenden Hindernissen zu begegnen. Eines derselben ist bereits so groß, daß cö nahe daran ist, die Optiker ganz mnthlos zu machen und zn einer Art von Verzweiflung zu bringen, ich meine die Verfertigung so großer Stücke von FlintglaS, als diese neuen Refraktoren von 9 bis 12 Zoll Oeffnung erfordern. Beide GlaSarten nämlich müssen, wie sich von selbst versteht, vollkommen durchsichtig und ganz rein von Nebel, Wolken und Streifen seyn, da diese dem Glase in seinen verschiedenen Theilen auch eine verschiedene Farbenzerstreuung und Refraktion geben, wodurch sie zum optischen Gebrauche ganz unbrauchbar werden. Beim Crownglase ist dieß nun eben nicht so schwer zu erhalten, da es nur aus Kieselerde und Kali besteht, welche beide Körper sich bei der Schmelzung, wegen ihrer chemischen Verwandtschaft, sehr leicht und gleichförmig vermischen lassen. Allein das FlintglaS enthält Bley, wodurch es - eben seine größere Farbenzerstreuung bekommt und welches, da es ! specifisch schwerer ist, als Kiesel und Kali, im Flusse zu Boden sinkt und nur sehr schwer zu einer ganz homogenen Masse mit den beiden Dialytische Fernrohre. 231 andern Körpern vereinigt werden kann. Die Bereitung von Flintglas in größeren und durchaus gleichförmigen Stücken ist daher immer als eine sehr schwer zu lösende Aufgabe betrachtet und noch größtentheilS dem guten Glücke oder dem blinden Zufalle überlassen worden. Die Regierungen in Frankreich und England haben beide große Preise aus diese Bereitung des FlintglaseS in größeren Stücken gesetzt, jene 12,000 Franken und diese 100 Pfv. Sterling, aber bisher noch immer ohne Erfolg. Daß dann, wenn einmal ein solches Stück zufällig gelingt, auch der Preis desselben sehr groß ausfallen wird, läßt sich erwarten. Guinand in der Schweiz fordert für eine rohe Flintlinse von 3 Zoll im Durchmesser 16 Frks. 4 // . . 140 k, 5 ,/ . . 300 ,/ 6 // . 780 ,, 7 ,/ . . 1100 8 . . 2300 9 ,/ . . 3300 ,/ 10 // . 4400 ,/ 11 ,/ . . 5540 ,, 12 ,/ . . 7200 ,/ aber eS ist noch sehr die Frage, ob man, selbst für diese hohen Preise, die letzteren größeren Objektive erhalten wird, da Guinand, so viel uns bekannt ist, bisher nur zwei dieser Art geliefert hat, eines von 7 Zoll an Tully in England und eines von 8'/z Zoll an Lere- bour in Paris. Wenn eS daher möglich wäre, die neueren Achromaten durch irgend ein Mittel von ihrer Unbequemlichkeit im Gebrauche, und von der Schwierigkeit zu befreien, taugliches FlintglaS in so großer Bkasse zu verfertigen, so dürfte man, wie es scheint, dieses Mittel als ein sehr wohlthätiges und als einen bedeutenden Fortschritt unserer optischen Kunst mit vollem Rechte betrachten. Als ich diesen wichtigen Gegenstand im Jahre 1827 einer näheren Untersuchung unterwarf, siel mir unter andern ein, ob es nicht gerathen seyn möchte, die beiden Linsen von Crown- und Flintglas, nicht wie bisher unmittelbar an einander, sondern vielmehr in einiger Entsernung von einander zu stellen. Aber ich fand bald, daß dieß keine Vortheile gewähre und daß, wenigstens für unser bisheriges Crown- und Flintglas, die alte schlichte Aneinanderstellung eigentlich die vorzüglichste sey, daher man denn auch dabei bleiben müsse. 232 Dialytischs Fernrohre. Ich suchte die Ursache dieser Erscheinung und fand, daß sie bloß in dem geringen Unterschiede der Refraktion und Farbenzerstreuung liege, welche diese beiden GlaSarten besitzen. Die Rcfraction variirt bei diesen beiden Glaösorten blos zwischen den engen Gränzen von 1.50 bis 1.60 und die Farbenzerstreuung zwischen den noch engeren von 0.01 und 0.3. Auf diesen so kleinen Unterschieden beruht der AchromatiSmuS aller unserer neuen Fernrohre. Wäre er etwa um die Hälfte noch geringer, so würden wir wahrscheinlich nie von Achro- maten etwas gehört haben. Eben diese so geringen Unterschiede waren eS auch, die den großen Euler an den glücklichen Erfolg Dol- lond'S selbst dann nicht einmal glauben ließen, als dieser schon ein achromatisches Fernrohr dieser Art in der That ausgeführt hatte. Er schrieb, da er den Erfolg selbst nicht läugnen konnte, denselben bloß einer zufälligen günstigen Wahl der Gläser, der Halbmesser, der Brennweiten, besonders guter Oculare u. dgl. zu, und blieb fest bei seiner Ansicht, bis ihm Professor Zeiher aus Petersburg berichtete, daß er durch bloßen Zusatz von Blei die Farbenzerstreuung des Glases bis über daS Doppelte vermehrt habe. Jetzt erst war er von seinem Irrthume befreit, und setzt erst erschien jene erstauncnswiirdige Menge von Memoiren, in welchen er die Theorie dieser.neuen Fernrohre so mächtig beförderte. Dieser geringe Unterschied der beiden Glasarten, wie wir sie bisher besitzen, ist cü also, der die Optiker gezwungen hat, die beiden Linsen ihres Doppelobjekciveö unmittelbar an einander zu setzen. Allein dieser Zwang hört auf, so wie jener Unterschied wächst, und dann ist die unmittelbare Zusammenstellung der beiden Linsen keineswegs mehr die vorthcilhasteste unter allen Lagen, die sie einnehmen können, vielmehr wird man sie immer weiter auS einander stellen müssen, je größer jener Unterschied wird. Allein welchen Vortheil erhält man von dieser AuSeinanderstcllnng der beiden Linsen? — Eben den, den wir hier vor allen suchen. DaS Fernrohr wird dadurch erstens kürzer, indem cö auf zwei Drittthcile, ja vielleicht auf die Hälfte seiner vorigen Länge herab- gebracht wird, und wir haben bereits oben gesehen, wie dringend dieses Bedürfniß der Verkürzung der größeren Fcrnröhre ist und welche bedeutenden Vortheile daraus für den Gebrauch derselben entstehen; und es wird zweitens auch viel wohlfeiler, da jetzt die Hauptschwierigkeit, die große und so schwer zu erhaltende Flintlinse, ganz wegfällt und man vielleicht mit einer Linse von zwei Zoll dasselbe Dialytische Fernrohre. 233 leisten wird, waS man bisher nur mit Linsen von 4 bis 6 Zoll z« leisten im Stande war. Endlich scheint es, als ob in der Con- struction dieser neuen Fernrohre selbst eine Ursache liegt, warum durch dieselben die Bilder der Gegenstände, z. B. die Fixsterne der ersten Größe, mehr Präcision, schärfere Begrenzung und viel weniger parasitisches Strahlenlicht haben, als die der früheren Instrumente, bei welchen die auf das Objektiv fallenden Lichtstrahlen eine Art von sehr spitzigen Kegeln bilden und in der Nähe deS BildeS gleichsam an einander schleifen, während sie hier durch die kleine und sehr convere Flintlinse sich unter viel größeren Winkeln begegnen und daher auch ein schärferes Bild erzeugen können. Auf diese Ideen gründete sich der Vorschlag zu der neuen Con- struktion dieser Fernröhre, welche ich im Jahre 1828 im vierten Theile der hier erscheinenden Zeitschrift für Physik und Mathematik bekannt gemacht und durch theoretische Untersuchungen zu begründen gesucht habe. Dieser Vorschlag reducirt sich, waS die zu wählenden GlaSarten betrifft, darauf, daß man 1. bei dem Crownglase entweder die Refraktion vermehren oder 2. die Farbcnzerstreuung vermindern, oder daß man 3. bei dem Flintglase umgekehrt die Refraktion vermindern oder endlich 4. die Farbcnzerstreuung desselben vermehren soll. Wenn von diesen vier Bedingungen zwei oder mehrere zusammenwirken, so wird dadurch die beabsichtigte Verkürzung deS Fernrohrs um so größer. Ich berechnete daselbst unter andern die Con- struktion eines solchen Fernrohrs, wo daö Verhältniß der Refraktionen der beiden GlaSarten 1.4 und daS der Farbenzerstreuungen 0.17 ist, und fand dafür den Durchmesser der Crownlinse 3.6 Zoll, der Flintlinse nur 0. 7, die Distanz beider Linsen 29 und die Länge des ganzen Fernrohrs 36 Zoll oder 3 Fuß, während bei den besten englischen oder baierischen Achromaten derselben Oeffnung beider Linsen von 3.6 Zoll die Länge deS Fernrohres schon 5 volle Fuß beträgt, so daß also diese Länge auf ^/z oder nahe auf die Hälfte und dieDeff- nung der Flintlinse sogar nur auf X ihrer vorigen Größe reducirt worden ist. Allein diesem Vorschlage fehlte noch etwas, das bei Gegenständen dieser Art die Hauptsache zu styn pflegt: die praktische Ausführung. Mit wahrem Vergnügen setze ich daher hinzu, daß unser trefflicher Optiker, Pr. Plößl, die Ausführung unternommen hat und daß sein erster Versuch bereits so glücklich ausgefallen ist, als sich von einer ersten Probe kaum erwarten ließ. Sein erst in diesen 234 Dialyti'sche Fernrohre. Tagen vollendetes dialytischeS Fernrohr hat 22 Par. Zoll Focal- länge mit einem Durchmesser von 25 Linien für die Crown- und von nur 16 Linien für die Flintlinse, welche letzte nahe in der Mitte des Fernrohres steht. Mit einem längst schon als ausgezeichnet anerkannten Fehrnrohre NamSden'ö von derselben Oeffnung beider Objektive und von 29 Zoll Brennweite war die Superiorität des neueren nicht weiter zu verkennen. Mit dem letzteren sah man, bei einer Vergrößerung von nur 45 , den Schatten eines JupiterSsatellitcn auf der Scheibe seines Hauptplaneten vollkommen deutlich; die Bilder größerer Fixsterne, wie Lspella, ^tsir u. a. als gut abgerundete Scheibchen und selbst bei Hellem Vollmonde wurden schon in der ersten Abendstunde ? ^näromeäao, rz Lsssiopchiis und « llrs. nun. auf den ersten Blick als Doppelsterne mit einer Präcision erkannt, die man sonst nur von Fernröhren zu erwarten gewohnt ist, deren Brennweite, Vergrößerung und Oeffnung wenigstens doppelt so stark ist. Bei Instrumenten von größeren Dimensionen werden diese Vortheile der neue» Constcuktion, wie eS aus der Natur der Sache folgt, noch stärker hervortreten, so wie sie eben hier ihren größten Nutzen äußern werden. Ohne Zweifel werden wir von dem ausgezeichneten Künstler, dessen Mikroskope jetzt wohl die vorzüglichsten in Europa sind, auch bald mehrere von diesen dialytffchcn Teleskopen erhalten. Da eS sich jetzt nur mehr um kleinere Stücke angemessenen Flintglases handelt, die man sich leicht verschaffen kann, während die früheren großen und ganz homogenen Stücke nur gleichsam Geschenke deS blinden Zufalls waren und eben dadurch zu den größten Seltenheiten gehörten, so kann man sich jetzt, wo die bei weitem bedeutendste Schwierigkeit, welche sich der Verfertigung großer Fernröhrc widersetzte, beseitigt ist, der Hoffnung überlassen, daß diese neue Art von Teleskopen sich bald einer allgemeinen Ausnahme erfreuen werde und es wird den meisten meiner Leser, so wie mir selbst, zum besondern Vergnügen gereichen, diesen wichtigen Fortschritt in den optischen Wissenschaften einem vaterländischen Künstler zu verdanken. Bücher - Anzeigen und 9k e e e n s i o n e n. Hz S K ß P L is v - f n s - - M Oll tkis ILeoiiom^ ok ^saotiiuer^ klil6 NtumsÄ6tu>68. 0. LribbitKe, Lscz. (Ueber Maschinen- und Fabrikwesen von C. Babbage.) 1'kiirä H6ition. I^ouäon Ivni^t. 1832. (Jahrb. d. Lit. 1834. I.XV.) dieses Werk hat im Laufe von nur zwei Jahren schon die dritte Auflage erhalten, und die vierte soll bereits unter der Presse seyn. Wenn es wahr ist, was dort geschrieben steht — und wer zweifelt daran — daß man setzen Baum an seinen Früchten erkennt, so muß dieser Baum gute Früchte tragen, weil sie sonst nicht so emsig gesucht werden könnten. Der Gegenstand ist nicht neu, besonders in dem gewerkfleißigen England, wo man bereits Bibliotheken über denselben gesammelt hat; eS muß also wohl die Behandlung desselben neu seyn, weil sie so viel Aufsehen gemacht und so viel Beifall gefunden hat. In der That scheint dieses Werk durch zwei Eigenschaften ausgezeichnet zu seyn, die mit sedem Tage unserer schreib- und lesescligen Zeit seltener, also auch schätzbarer werden. Erstens ist dasselbe nicht so, wie die meisten anderen, entstanden, indem man nämlich aus neun und neunzig alten das hundertste neue zusammenstöppelte, sondern eö ist durchaus auf Selbsterfahrung und auf Autopsie gegründet, und zweitens drängen sich in diesem Werke die neuen Wahrheiten ganz eben so, wie sich z. B. in Euklids Geometrie die alten drängen, während man in unseren gewöhnlichen Büchern oft gar nicht lange graben muß, bis man endlich wieder ein Körnchen findet, daß man für gut und zugleich für neu halten, und so mit gutem Gewissen zu dem Schatze legen kann, von dem man in der Folgezeit mit Nutzen 238 LsbliSAe, Lconom^ ok ölacliinor^. zu zehren gedenkt. Setzt man noch hinzu, daß der Verfasser, als einer der denkendsten Köpfe unter den fetzt lebenden-Schriftstellern Englands bekannt, durch eine Reihe von Jahren sich mit seiner ganzen Schwere auf den hier behandelten Gegenstand gelegt hat, und daß endlich dieser Gegenstand selbst, wegen dem Nutzen, den er trägt, bei einer diesen Nutzen und überhaupt alles Praktische in so hohem Grade liebenden Nation von dem größten Interesse ist, so läßt sich die rege Theilnahme, die diesem Werke in England widerfahren ist, sehr leicht erklären. Man hat geglaubt, daß auch bei uns dieser Sache ein guter Fortgang nicht fehlen werde, und es wäre zu wünschen, daß diese Voraussetzung sich bestätige, da sie ohne allen Zweifel von dem größten Einflüsse auf National - Wohlstand und dadurch auf die Kultur des Volkes ist. AuS dieser Ursache wahrscheinlich eilte man so sehr, das Werk in einer deutschen Uebersetzung auch einem größeren Kreise unserer Leser zugänglich zu machen, und diese ist, unter dem oben angegebenen deutschen Titel, von Friedenberg bei Stnhr in Berlin im Jahre 1833 erschienen. Sie ist zwar nur nach der ersten Auflage des Originals gemacht, aber man hat die Zusätze der zweiten Edition nachträglich aufgenommen. Die dritte Auflage konnte dabei noch.nicht bedacht werden, allein der Uebersetzung ist dadurch kein bedeutender Nachtheil erwachsen, da der Unterschied zwischen den beiden letzten Ausgaben in der That für unbeträchtlich gehalten werden kann. Der Verfasser des Originals ist übrigens in England und bei uns in den neuern Zeiten vorzüglich durch seine sinnreiche Rechnungsmaschine und durch sein kaustisches Werk über den Verfall der Wissenschaften in England berühmt und berüchtiget geworden. Durch das letzte Unternehmen hat er sich an die Spitze einer Gesellschaft gestellt, die fetzt in der wissenschaftlichen Welt Englands eine Partei bildet, der viele der ausgezeichnetsten Talente dieses Landes angehören, die aber, wie dieß bei Parteien so oft zu geschehen pflegt, nicht immer die Mäßigung beobachten, die zum Gedeihen einer Unternehmung oft eben so nöthig ist, als Muth und Entschlossenheit in den Fällen, wo es gilt, etwas zu wagen. Unsere öffentlichen Blätter scheinen mit diesem Gegenstände noch nicht sehr bekannt zu seyn, aber da man, nach der Sitte fenes Landes, bald einen förmlichen GeschichtSschreiber dieser immer lauter werden Bemühungen beider Theile erwartet, so hoffen wir, die ganze Angelegenheit in Kürze aufgeklärt, und eben dadurch vielleicht auch beigelegt zu sehen. Ladbare, Lconomx ok Msobiver^. 239 Von dem gegenwärtigen Werke bemerken wir zuerst, daß ein nicht eben kurzer Umriß desselben schon vor mehren Jahren in der Liic^cloi,. Nstropolitana und nach derselben eine Art von Auszug unter dem Titel: on tbs Zsnsral prineiples ol bluebiuer^, llonäon 1827, beide von Babbage selbst versaßt, erschienen sind, und dem vor uns liegenden Werke gleichsam als Vorläufer dienen. Dieses letzte ist in 35 Kapiteln eingetheilt, die wieder unter zwei Hauptrubriken geordnet sind, so daß der erste Abschnitt in 12 Kapiteln von dem mechanischen, und der zweite in 23 Kapiteln von den ökonomischen Prinzipien handelt. Es würde überflüssig seyn, die Ueberschriften der einzelnen Kapitel hier umständlich anzugeben, da der Inhalt des Ganzen im Verlaufe unserer Anzeige von selbst erhellen, und die Uebersicht der darin behandelten Gegenstände daraus hervorgehen soll. DaS erste Kapitel hat die Ueberschrift: Quellen der Vortheile, welche die Maschinen gewähren. Allein dieser Titel ist keineswegs hinreichend, um daraus auf den Inhalt deS Kapitels zu schließen. ES wird allerdings darin gesagt, daß die Maschinen die menschliche Kraft erweitern, §. 5, die Zeit ersparen, §. 6, Stosse von geringem Werthe zu benutzen lehren, §. 8; allein es wir noch so viel Anderes darin gesagt, waS keineöwegeS jener Aufschrist entspricht, daß man zuerst das Ganze gelesen haben muß, um einen angemesseneren Titel, wenn cS überhaupt mit Einem solchen genug ist, geben zu können. Man findet nämlich darin noch Betrachtungen über die Verbreitung der englischen Fabrikate; über das Verhältniß der Ackerbauer zu den Kaufleuten in verschiedenen Ländern; über verschiedene Werkzeuge, Nadeln, Nägel, Schnüre u. dgl.; dann über die Benützung des Wassers, des Windeö und deö Dampfes zu Maschinen; über die Bereitung und den Transport von Baumwolle, und über hundert andere Dinge, von denen wohl einige als einzelne Beispiele zu dem wahren Inhalte des Kapitels, nach dem Titel desselben zu schließen, angesehen werden können, von denen aber bei weitem der größere Theil diesem Titel selbst ganz fremd ist, obgleich alle entweder neu oder doch in anderer Beziehung interessant sind. Es mag immerhin seyn, daß so unzusam- menhängende Materialien sich nicht gut in einzelne Glieder ordnen lassen, allein eine Art, ein Schein von Ordnung wenigstens soll überall herrschen. Hier wird er oft schmerzlich vermißt, und so anziehend die Lektüre des Werkes ist, da die interessantesten Gegenstände rasch vor dem Auge vorübereilen, und jeder für sich die Aufmerksamkeit des Leserö zu fesseln geeignet ist, so beschwerlich fällt, nach geendeter 240 Ladbare, Kconom^ ok Llaebinei^. Lektüre, das Uebersehcn des Ganzen und das Aufsuche» des Einzelnen, da nicht einmal durch eine alphabetische JnhaltStabelle, die hier mehr als irgendwo an ihrem Orte gewesen wäre, dem Bedürfnisse des Lesers entgegen gekommen wird; ein Mangel, dem auch der deutsche Uebersetzer nicht abgeholfen hat, so leicht dieses auch hätte geschehen können. Wer mit den Schriften deS Verfassers bereits bekannt ist, wird auf diesen Uebelstand gefaßt seyn, und sich durch den innern Reichthum für diese äußere Unordnung hinlänglich entschädiget achten müssen. Da dieser Reichthum des Inhaltes eü ist, der den eigentlichen Werth des Buches constituirt, so wird auch unsere Anzeige vorzüglich darauf gerichtet seyn müssen. Um zu zeigen, auf welche Weise die englischen Manufakturwaaren ihre Reise durch die fernsten Länder machen, führt der Verfasser unter mehreren andern folgendes Beispiel an. -— Die indische Baumwolle wird auf englischen Schiffen aus der südlichen Hemisphäre nach England gebracht, in den Fabriken Lancashire's gewoben, und dann wieder in jene Länder zurückgeschickt, wo sie die Bewohner derselben zu einem wohlfeileren Preise an sich kaufen, als der ist, für welchen selbst ihre roheren Maschinen das Fabrikat zu liefern im Stande sind; denn obschon z. B. zu Calicut in Ostindien der Arbeitslohn der Weber nur den siebenten Theil deS englischen beträgt, so sind es doch die britischen Webeftühle, welche trotz des ungeheuren, doppelten Transports alle indischen Märkte versehen. DaS Verhältniß der in den Fabriken Beschäftigten in England zu der übrigen Bevölkerung ist so groß, daß man für jedes Hundert ackerbauender Menschen 200 Fabrikarbeiter zählt, während in Frankreich nur 50, in Jialien nur 30 gefunden werden. Wie viel, selbst durch die einfachsten Maschinen, an Kraft erspart wird, zeigt ein Versuch BondeletS. Um einen Steinblock von 1000 Pfund Gewicht auf der rauh gemeißelten Fläche vom Steinbruche fortzuschaffen, war eine Kraft von 700 Pf. nöthig. Denselben Stein, auf Walzen von 3 Zoll Durchmesser über eine Bretterfläche fortzubewegen, brauchte man nur mehr eine Kraft von 20 Pfund, also nur den 35sten Theil von der ersten Kraft, so daß man in dem zweiten Falle mit der ersten Kraft von 700 Pfunden einen Block von 35000 Pfund hätte bewegen können. Zusammengesetztere Maschinen wirken bekanntlich noch viel mehr. Jeder Zuwachs an Kenntniß, jede Erfindung eines neuen Werkzeuges, vermindert die früher nothwendige Kraft. Der Erfinder der Walze erfand ein Instrument, das die Ladbare, lloonomx ok Naeliiasr^. 241 menschliche Kraft verfünffachte, und schon der, welcher zuerst auf den Gedanken gerieth, Seife oder Fett anzuwenden, konnte dadurch zwei Drittheile seiner frühern Kraft ersparen. Der Verfasser macht mit Recht auf die außerordentliche Kraft deü Schwungrades aufmerksam, d. h. eines RadeS mit einem sehr schweren Kranze, dessen Gewicht daher größtentheils auf dem Umfange liegt. Wenn dasselbe in eine schnelle Bewegung gesetzt wird, so sind die Wirkungen ungemein kräftig. In Eisenwerken, wo selbst die Dampfmaschine noch zu schwach ist, das Eisen zu walzen, wird das Schwungrad allein gebraucht, und die Kraft desselben ist so groß, daß diejenigen, welche solche Anstalten noch wenig besucht haben, davor erschrecken. Ueber die Ab- und Zunahme der Geschwindigkeit führt er mehrere interessante, besondere Fälle an. Vergleicht man z. B. einen Träger, der auf seinen Schultern eine Last über eine Treppe hinaustragen soll, mit einem Manne, der frei von aller Last die Treppe hinaufgeht, und dann beim Wiederherabsteigen, mittelst seines eigenen Gewichts, die Last in die Höhe zieht, so findet man, daß der letzte in einem Tage viermal mehr Arbeit verrichten kann, als der erste. Die mit dünnem überzinnten Blech bezogenen Schnüre werden setzt dreimal schneller, als früher, gemacht, weil man sonst das Blech erst in seine Streifen schneiden und dann um die Schnur wickeln mußte, während man setzt an die Scheere zwei Stücke Stahl befestiget, die den Streifen, indem er abgeschnitten wird, zugleich in die erforderliche halbcylindrische Form bringen. , Beim Verwändeln des Gußeisens in Schmiedeeisen werden oft große Massen Metall weißglühend gemacht, und unter einen, von Wasser oder Dampf getriebenen Hammer gebracht. Wenn der gehobene Hammer nur durch seine eigene Kraft fallen, und so das Eisen hämmern sollte, so würde dazu viel Zeit gebraucht werden. Nun ist eS aber wichtig, dem glühenden Eisen in der kürzesten Zeit recht viele Schläge beizubringen, weil eS sonst zu früh auskühlt und hart wird. Man hat daher auf eine Einrichtung gedacht, den Hammer nicht bloß zu heben, sondern ihn schnell in die Höhe zu werfen, wodurch er beinahe in einem Augenblick gegen einen sehr starken Balken fliegt, von dem er, wie von einer elastischen Feder, wieder zurückgeworfen wird, so daß er setzt wohl dreimal so viele und stärkere Schläge machen kann, als zuvor. Bei dem Gerben der starken Thierhäute werden dieselben oft viele Monate in Gruben gehalten, bis sie der Gerbestoff durchdringt. In ! Littrow i. 16 242 Lsbbgxe, bleonom^ ok Älacblner;'. den neueren Zeiten bringt man diese Felle in dicht verschlossene Gefäße, aus welchen man sodann die Luft auspumpt. Dadurch entfernt man die in den Poren enthaltene Luft, und wendet den Druck der Atmosphäre an, um den Gerbestosf in daö Innere der Häute zu bringen. Bringt man aber, mittelst eines eigenen Druckwerkes, noch mehr Gerbestosf hinzu, als das Gefäß fassen zu können scheint, so wird dadurch die Operation des GerbenS wohl zehnmal kürzer gemacht. Auf dieselbe Weise könnte man die Dielen und anderes Holzwerk unsrer Häuser mit Alaun durchdringen lassen, wodurch sie viel besser gegen das Feuer geschützt seyn würden. Wie viel das Holz Wasser und andere Flüssigkeiten aufnehmen kann, sieht man aus dem Zufalle, der nach Sco- reSby'S Erzählung einem Wallsischfänger begegnete. Der mit der Harpune getroffene, aber nicht getödtete Fisch hatte das Schifferboot mit sich an dem Seile in die Tiefe deS Meeres gezogen. Nach einiger Zeit erschien wohl der Wallfisch, aber nicht mehr daS Boot, auf dem Wasserspiegel. Das letztere hing an dem Seile unter dem Fische in der Tiefe, und als man endlich das Boot heraufzog, fand man alle Theile deS Holzes so vollständig mit Wasser gesättiget, daß sie, gleich einem schweren Steine, im Wasser sogleich zu Boden fielen. In Rußland ist die Atmosphäre häufig zu kalt, um durch bloßes Verdünsten deS Wassers die Salzquellen verdampfen zu lassen. Man pumpt daher das Wasser zuerst in eine beträchtliche Höhe, von wo man eS in kleinen Strahlen durch Reisigbündel durchsickern läßt. Hierdurch wird eS zertheilt, bietet der Luft eine viel größere Fläche dar, und befördert so die Verdampfung deS Wassers, so daß die unter dem Reisig aufgefangene Soole schon so stark ist, daß sie nun durch Sieden ganz leicht gereinigt werden kann. In anderen Gegenden bewirkt man diese Verdampfung durch senkrecht aufgespannte Stricke, an welchen man das Salzwasser Herablaufen läßt. Dieses, setzt den GypS, den es enthält, an den Stricken ab, und bildet um dieselbe eine Kruste, so daß diese Stricke, wenn sie auch nach vielen Jahren schon ganz abgefault sind, doch noch fest zusammenhalten, und eine Art von Pfeilern bilden. Da eS schwer ist, eine große Anzahl von Menschen zu irgend einem mechanischen Zwecke, z. B. zu einem gemeinschaftlichen Zug oder Sioß in demselben Augenblicke zu vermögen, so verfiel man auf die Idee, den Ton oder Schall dazu zu verwenden, und man hat fetzt noch kein besseres Mittel. Man weiß, welche Dienste die Boots- mannpseife auf den Schiffen leistet. Die russischen Bauern haben Lnbba§e, Lconow)' ok lllnoblnerz'. 243 bei Feuersbrünsten ein eigenes Lied, das nur aus wenigen Sylben besteht. Wenn sie, um die Verbreitung des Feuers zu hindern, einen starken Zaun oder selbst eine Wand niederwerfen wollen, so stellen sie sich alle vor derselben auf, drücken ihre Arme an die Wand, und stoßen, bei der letzten Sylbe senes Liedes, alle zugleich mit Heftigkeit an die Wand, die gewöhnlich schon nach einigen Stößen stürzt. Die großen Granitblöcke, auf welchen die Reiterstatue Peters des Großen zu Petersburg steht, Blöcke, die oft 28,000 Zentner wogen, wurden durch Arbeiter auf Walzen fortgeschafft, denen ein Tambour, oben auf dem Steine stehend, das Zeichen mit der Trommel gab. Champ ollion entdeckte unter den egyptischen Alterthümern eine Zeichnung, wo die Fortschaffung der ungeheuren Steinblöcke sorgest.llt wird, aus welchen die Pyramiden bestehen. Unten sieht man die Masse des Volks sich an den Block stemmend, und auf demselben steht einer mit hochaufgeschwungenen Händen, offenbar, um daS Zeichen zur Arbeit durch Klatschen der Hänoe zu geben. — Vramah's bekannte hydraulische Presse, von einem einzigen Manne gehandhabt, kann einen Druck von 1500 Atmosphären erzeugen, und man hat damit hohle, drei Zoll dicke Cylinder aus Schmiedeeisen gespr.ngt. So wirkt die geistige Kraft des Menschen, verbunden mit den ihr unterworfenen materiellen Kräften der Natur, beinahe inS Unendliche, und zwar im Großen wie im Kleinen. Denn derselbe Riesenarm, der das dickste Kabeltau windet, spinnt von der Baumwollpflanze den bis zur Unsichtbarkeit feinen Faden, und dieselbe Maschine, die mit dem Dcean und dem Sturme kämpft, webt auch zugleich die zarten Zeuge des eleganten DamenputzeS. Von den sogenannten registrirenden Maschinen werden die Pedo- mcter oder Schrittzähler und das Instrument zum Ausmefsen der gedruckten Zeuge von Kattun angeführt, von welchen in England wöchentlich viele hunderttausend Ellen die Presse durchlaufen. Um die eben so zahlreichen als nothwendigen Nachtwächter für die KanfmannS- läden der englischen Fabrikstädte wachsam zu erhalten, hat man eigene Uhren auSgedacht, die im Innern des Hruseö angebracht sind, und die der Wächter auf der Gaffe durch eine Schnur anziehen muß. Jeden Morgen kann man an dem Zifferblattc sehen, welche halbe Stunde etwa* verschlafen worden ist. Man nennt diese Uhren sehr zweckmäßig lell-tnles oder AuSplauderer. Die Fässer mit geistigen Getränken Werden mit einer eigenen Art Hahn versehen, der von selbst anzeigt, 16 * 244 kslidage, Uvanonix ok Ka eliiner^. wie oft er umgedreht worden ist, wodurch jede Defraudation der Beamten oder der Aufseher sogleich entdeckt wird. Während man in Rußland zum Gewinne der Bretter aus den Baumstämmen blos das Beil braucht, wendet man bei uns bekanntlich die Säge an, wodurch ungemein viel Holz erspart wird. Allein bei kostbaren Holzarten und wenn man sehr dünne Blätter will, wie zum Fourniren, würde auch durch die Säge noch zu viel Holz in Spänen verloren gehen. Brunel hat daher ein System von scharfen Klingen zu einer Maschine verbunden, womit diese feinen Blätter blos durch ein immerwährendes Schaben gewonnen werden, und beinahe gar kein Holz verloren geht. In den Buchdruckcrcien wendet man setzt, statt der unbehülflichen Ballen, cylindrische Walzen an, auf welche die Druckerschwärze in sehr kleinen Massen fließt, die dann von den Walzen selbst sehr gleichförmig vertheilt wird. Sonst mußte man die sogenannte Unterlage der zu druckenden Bogen nach jedem Hundert von Abdrücken wechseln, weil sie dann zum weiter« Gebrauche schon zu sehr beschmutzt war, während man setzt, statt deö Maculaturbogens, ein Battisttuch nimmt, das fünf, zehn und mehr tausend Abdrücke aus- hält, und noch immer rein genug bleibt, und doch zugleich kaum die Hälfte der früheren Schwärze braucht. Bei dem sogenannten Copiren, z. B. der Bilder, wird oft eine unendliche Sorgfalt auf das Original verwendet, und man kann dieß desto leichter, je größer die Anzahl Copien ist, die man davon macht. So geschieht cS zuweilen, daß das Original fünf- bis zehntausendmal mehr kostet, als eine Copie. Die sogenannten Stahlstiche empfehlen sich besonders von dieser Seite, daher sie auch setzt so sehr in Aufnahme kommen. Ein Bild in Kupfer gestochen gibt, ohne merkliche Verschlechterung, nicht über 3000 Abdrücke, während ein Stahlstich 70,000 bis 80,000 Abdrücke gibt, von denen der erste und letzte kaum unterschieden werden kann. Der Steindruck läßt sich auch zu dem Copiren der gewöhnlich gedruckten Bücher verwenden. Vor einigen Jahren ward eine Pariser Zeitung in Brüssel gleich bei ihrer Ankunft auf diese Weise nachgedruckt. So lange die Schwärze noch frisch ist, geht dieses sehr gut an. Man legt blos die Zeitung auf den Stein, auf welchem dann, mit Hülfe starker Pressung, die Schwärze auf den Stein übergeht. Wollte man zu diesem Zwecke ein einziges Exemplar, durch den sogenannten Umdruck, mit übertragbarer Tinte drucken, so könnte man z. B. ein englisches Werk in Amerika in Steindruck herausgebe», LsdbsKe, Lcooomx ak Uaeliiner)'. 245 während dasselbe mit beweglichen Lettern gedruckt an demselben Tage in England erscheint. Vielleicht könnte man diese Methode auch zum Druck der Facsimiles alter und seltener Bücher anwenden. Die neueren Vortheile bei der Uebcrtragung der Kupfcrplattcn, nicht der Kupferstiche, verdankt man beinahe alle dem Scharfsinne des berühmten P er- kinö. Man gräbt zuerst die Zeichnung in ganz weichen Stahl, der dann, wenn das Bild vollendet ist, ohne seiner Zartheit im geringste« zu schaden, gehärtet wird. Drückt man dann eine Walze von weichem Stahl mit großer Kraft gegen diesen gehärteten Stahlstich, so erhält man die Zeichnung auf der Walze, aber erhaben. Dann härtet man auch diese Walze und führt sie mit starkem Drucke über eine oder mehrere Kupferplatten, wodurch man Tausende von Facsimiles des Original-Stahlstichs in Kupferplatten erhalten kann. Ja man kann darin noch viel weiter gehen, und mit der gehärteten Stahlwalze wieder einige Abdrücke auf weichen, ebenen Stahlplatten machen, die dann, gehärtet, zu Repräsentanten des ersten Originalstiches werden, und ihrerseits wieder andere Walzen hervorbringen, deren jede Tausende von Kupferplatten, die alle dem Prototyp ähnlich sind, erzeugen kann. Hier erscheint die Vervielfältigung in der That ganz unbegränzt. Perkinü hat dabei vorzüglich auf zwei Dinge Rücksicht genommen, die beide das Nachmachen der Banknoten, wozu sich dieses Verfahren besonders eignet, äußerst erschweren. Das erste ist die vollkommene Gleichheit der Abdrücke, selbst wenn ihre Anzahl in die Millionen geht, so daß schon ein Unterschied in der kleinsten Linie die Entdeckung herbeiführen muß. DaS zweite aber ist, daß zu jeder Zeichnung nur Ei» Original, also auch nur Ein Künstler nöthig ist, wodurch die Sicherheit vermehrt, und die großen Kosten deü Stichs bedeutend vermindert werden. Auch in dem Ausprägen der Münzen hat man in England bedeutende Fortschritte gemacht. Die vor einigen Jahren von London nach Calcutta geschickte Münzmaschine prägt täglich 200,000 Stück aus. In Frankreich hat man einen CopirungSprvzeß den man Lliekss nennt, und den man auch sehr gut zu Münzen, Medaillen und selbst zu Stereotypplatten anwenden kann. Eine gewisse Mischung von Bley, Zinn und Spießglanz gibt vor dem Schmelzpunkte einen gewissen Hitzegrad, wobei die Composition nur halbflüssig ist. In diesem Zustande wird die Mischung in ein Gefäß unter einen Stempel gebracht, der mit beträchtlicher Kraft darauf gedrückt wird. Der Druck treibt das weiche Metall in die feinsten Linien des Stempels, und die Kälte deS letzteren macht die ganze Masse sogleich fest. 246 LakbsAs, klconom^ ok Kaoliin erx. Der sogenannte Storchschnabel wurde neulich in London aus eine sinnreiche Weise zur Unterhaltung deS Publikums angewendet, indem er mit einem Automat verbunden wurde, der die Profile der Zuschauer und Gäste sehr genau portraitirte. Hinter einer kleinen Ocffnung in der Wand, dem Sitze der zu zeichnenden Person gegenüber, befand sich eine Lomera lueicla versteckt. Wenn nun der Gehülfe einen mit der Hand deS Automaten in Verbindung stehenden Storchschnabel längs dem Contour des Kopfes bewegte, so entstand dadurch das Portait des Fremden. Zum Copiren der Prägestempel hat man einen eigenen Apparat erfunden, der eine stumpfe Spitze mit Spiralbewegung über jeden Theil des zu copirenden Stempels führt, während eine andere scharfe Spitze, die mit jener stumpfen in Verbindung ist, gleichzeitig über ein Stück weichen Stahles hingeht, und die Zeichnung deS Originals in dem Stahle entweder in derselben Größe, oder auch im verkleinerten Maßstabe wieder gibt. Je kleiner die Copie im Verbältniß zum Originale ausfällt, desto trefflicher wird sie gewöhnlich. Man benützt diese Maschine vorzüglich, um alle gröberen Theile der Copie vorzubereiten, indem die feineren Striche von dem Künstler leicht nachgeholt werden. Ein Pariser Uhrmacher, Go- nord, hatte vor einigen Jahren eine Methode gefunden, von einer Kupferplatte Abdrücke von verschiedener Größe zn machen, die sich alle bis in daS kleinste Detail herab vollkommen ähnlich sind. Man glaubt, daß der Künstler ein Verfahren besitzt, die Farbe von den Linien einer Kupferplatte auf die Oberstäche einer Flüssigkeit zu bringen, und von da sie wieder auf ein Papier zurückzutragen, wo dann die Flüssigkeit in einem umgekehrten Kegel enthalten war, dessen unterste Spitze eine Ocffnung hatte, durch welche man die Flüssigkeit zum Theil ablaufen lassen, und so die oberste Fläche desselben verkleinern konnte. Nicht minder interessant ist eine von Bäte erst kürzlich verbesserte Maschine, um Kupferstiche nach Medaillen zu verfertigen. Die Medaille und die Kupferplatte werden, rechtwinklig zu einander, auf zw.i verschiebbare Schlitten gebracht, die so mit einander verbunden sind, daß wenn man die Platte mit der Medaille, die senkrecht steht, durch eine Schraube etwas erhöht, alsdann auch der Schlitten mit der Kupferplatte nach horizontaler Richtung etwas svrtgeschoben wird. Eine Stange trägt an dem einen Ende einen Stift, und steht mit einem auf sie senkrechten Arm in Verbindung, der an seinem Ende eine Diamantspitze hat. Während der Stift über die Oberstäche der Medaille hingeht, gräbt die Diamantspitze in der Kupferplatte die Copie vsbksAo, Leonom^ ok Llsclilner^. 247 der Münze. Die Wirkung dieser Maschine ist in der That überraschend, und besonders das Relief der Münzen ganz vortrefflich darstellend. Dem Originale unseres Werkes ist daS auf diese Weise verfertigte Bildniß von Roger Baco als Titelvignette beigefügt, die sehr schön ist, und sene der deutschen Uebersetzung, die auf eine ähnliche Art in Berlin verfertiget wurde, weit hinter sich zurückläßt. Wir besitzen aber bereits andere, durch diese Methode ausgeführte Zeichnungen, welche noch viel vorzüglicher sind, als selbst jene Vignette. DaS Relief der Münze ist dabei so täuschend, und die Zeichnung zugleich so rein, daß diese Kunsterzeugniffe den ungetheilten Beifall aller Kenner erhielten. Hier kann noch der ungemcin feinen Spitzen erwähnt werden, die vor einigen Jahren ein Ingenieur-Ossizier zu München durch Raupen verfertigen ließ. Er machte nämlich anS den Blättern, von welchen seine Raupen sich nährten, einen Teig, von dem er eine sehr dünne Lage auf einem Blatte ausstrich. Sodann zeichnete er mit Oel daS Muster seiner Spitzen oder Schleier auf die Platte, und brachte dann eine Anzahl Raupen an daö eine Ende der Platte. Diese Thiere fraßen und spannen sich sofort bis an daü andere Ende hinauf, indem sie unterwegs jede mit Oel bcstrichcne Stelle gänzlich vermieden, alle andere Theile des Teiges aber sorgfältig verzehrten. Da das Gewebe der gewählten Raupen sehr haltbar ist, so hätte man die Sache weiter verfolgen sollen. Auffallend war die ungemeine Leichtigkeit dieser feinen Schleier, von welchen eine Quadrat-Elle nur 4f/z Gran wog, während die feinsten Seidengaze, die wir kennen, 137 Gran, die feinste Petinet 262, der feinste Battist-Moufselin 550, der feinste Cattun 988, und endlich der feinste englische Nankin 2240 Gran die Quadrat-Elle wiegt. (Der Gran hat vier Tausentel eines Wiener Lothes Handelsgewicht). Das Borhergehende ist nur ein sehr kleiner Theil des Inhalts der eilf ersten Kapitel, aber es wird vielleicht geeignet seyn, den Reichthum des Ganzen zu zeigen, und die Leser aus das Werk selbst aufmerksam zu machen, worin der Hauptzweck dieser Anzeige besteht. Daö zwölfte und letzte Kapitel der ersten Abtheilung enthält Vorschriften, wie man Fabriken beobachten soll, und ist keines nähern Aus- zuges fähig. Ja der zweiten Abtheilung handelt das erste, oder in der Reihenfolge des ganzen Werkes, das 13. Kapitel von dem Unterschiede zwischen Handarbeit und Fabrikation durch Maschinen. Dazu nur ein 248 LsIibsKk, Leonoin^ ok Nackiner^. Beispiel zur Probe, was Maschinen in Beziehung auf die Preise der Waaren leisten. — MoudSlay erhielt von der englischen Marine den Auftrag, eiserne Wassergefäße für Schiffe zu verfertigen. Er übernahm die Sache nur ungern, da sie nichts mit seinen Geschäften gemein hatte. Indeß wollte er ein solches Gefäß zur Probe verfertigen. Die Löcher für die Nieten desselben ließ er durch Handpumpen mit Pressen schlagen, aber da jedes Gefäß 1680 Löcher erhalten mußte, so kostete bloß diese Arbeit bei Einem Gefäß 7 Shil- linge (3 st. 18 kr. C. M.). Die Marine brauchte eine große Anzahl, und bestellte auf mehrere Monate in jeder Woche 40 Gefäße. Die Größe des Auftrages erlaubte, ihn fabrikmäßig zu behandeln. Er fertigte daher eine eigene Maschine zu diesen Nietenlöchern an, und lieferte, zu jenem festgesetzten Preise, durch sechs Monate wöchentlich 98 Gefäße, und nun kostete ihm dieses Nietenschlagen bei jedem Gefäß nur mehr 8 Pence (oder 21 kr. C. M.), so daß er bei jedem einzelnen Gefäß 2 st. 57 kr., und bei jedem Tausend schon 2950 Gulden, bloß für diesen einen Theil der Arbeit reinen Gewinn hatte. DaS 14. Kapitel handelt von dem Gelde als Tauschmittel. Dabei wird bemerkt, daß die neuen russischen Platinamünzen das Eigenthümliche haben, daß sie nicht wieder, wie Gold und Silber, zu Massen cingeschmolzen werden können, weil ein sehr kostbarer chemischer Prozeß nöthig ist, der Platina wieder eine andere Gestalt zu geben. Die Eintheilung, die man bei den Münzen befolgt, ist für alle bürgerlichen Geschäfte wichtiger, als man gewöhnlich glaubt. Man sieht dies am besten bei der Berechnung der Interessen oder des Diskonto auf Wechsel. Ohne Zweifel ist der Dezimalfuß der beste, den man dazu wählen kann. Welchen Vortheil gewährt in Rußland die Eintheilung des Rubels in 100 Kopeken, und in Frankreich die deS Francö in 100 Centimes. Wie unbequem waren dafür unsere Sieben- und Siebzehnerstücke! Andere Bemerkungen, die der Verfasser über diesen Gegenstand mittheilt, gehen mehr den Financier an, und fallen hier außer unsere Betrachtung. Unter allen Handelsartikeln sind wohl die sogenannten Droguerie- waaren am schwersten ihrer Qualität nach zu beurtheilen, und wenn sie zu Heilmitteln zusammengesetzt werden, so ist eö selbst Aerzten kaum möglich, zu entscheiden, ob sie rein oder mit fremden Ingredienzien verfälscht sind. Daher der gewaltige Preis dieser Mittel in unseren Apotheken, die doch oft nur einen sehr geringen Werth in Ladbare, Lconom)' ok blaeliiner^. 249 sich selbst haben. Die Folge davon ist, daß beinahe immer mehr Medizin verschrieben wird, als nöthig ist, und daß der Kranke wahrlich nicht zu seinem Vortheile, in den meisten Fällen mehr Arzneien nehmen, oder doch bezahle» muß, als nöthig ist. In England ist eS sogar Sitte, daß der Apotheker selbst, als Arzt, seine Krankenbesuche macht, und daß er für seine Arznei denselben Preis fordert, er mag sie selbst verschreiben oder nur nach einem fremden Rezepte gemacht haben. Die Chemiker dieses Landes haben sich angeboten, die Arzneien, die der Apotheker zu 33 Procent liefern soll, zu 24 zu geben, und sie würden doch noch einen Gewinn von zwei- bis dreihundert Procent haben. Dieser ungeheure Gewinn hat eine Menge von Mitbewerbern hervorgerufen, aber die Wohlthat, welche sonst durch die Concurrenz so vieler Menschen erzweckt wird, wird hier ganz vereitelt, weil es unmöglich ist, die Güte ihrer Waaren aus- zumitteln, indem selbst bei den so. hohen Preisen, welche diese Leute für ihre Waaren setzen, häufig noch Verfälschungen Statt finden. Wie dabei das Publikum und vor allem die armen Kranken fahre» mögen, ist leicht zu übersehen. Wie sehr übrigens diese Concurrenz die Preise der Waaren ändert, erfuhr man im Jahr 1831 an dem Caseputöl. Von ihm wurde früher die Unze zu 16 kr. C. M. verkauft. Da man aber hörte, daß es gegen die Cholera spezifisch wirken soll, so stieg die Unze auf 7 Gulden, und doch war der Zulauf so groß in London, daß mehrere Wochen durch kein solches Oel mehr zu finden war. Nicht viel besser ging es mit dem Kampfer, der viele Spekulanten schnell bereicherte. Ueber die Preise der Waaren zu verschiedenen Zeiten haben wir noch sehr wenig Verläßliches. Ihren Werth in Gold oder Silber anzugeben, reicht nicht hin, da der Werth dieser Metalle selbst veränderlich ist. Gewiß würde cö zu vielen wichtigen Betrachtungen Anlaß geben, wenn wir die Preise der allen Volksklassen nöthigen Artikel, z. B. der Nahrungsmittel von einigen Jahrhunderten her mit Verläßlichkeit angeben könnten. Von sehr vielen Manufakturwaaren sind in England von 1812 bis 1832 die Preise auf die Hälfte, sa auf den vierten Theil ihrer früheren Größe herabgesunken. Unsere Schriftsteller über Staatswirthschaft, die setzt so oft nur mit Phantasien und Hypothesen spielen, würden dann wenigstens einen festen Punkt haben, auf dem sie ihr Gebäude errichten könnten. Babbage stellt hier, in dem 17. Kapitel, mehrere solche Tabellen zusammen, und begleitete sie mit instruktiven Bemerkungen. Erschlägt 250 Ladbare, Lconomx ob Kaebinor^. als eigentliche Basis der Vergleichung, mit MalthuS, den Werth eines TagelohneS bei dem Ackerbau vor. Wenn wir z. B. den jetzigen Werth des feinsten Tuchs in Sachsen mit dem in England vergleichen, so muß man auSmitteln, wie viel Tagwerke dieses Tuch in jenen beiden Ländern erkaufen würde. Von den verschiedenen Gattungen der so schädlichen Unterhändler führt der Verfasser die Vetturini in Italien an, die in die Gasthäuser gehen, wo die Fremden abzusteigen pflegen, und da mit ihnen den Kontrakt wegen der Weiterreise abschließen, dann aber daS Geschäft anderen, zu einem geringeren Preise, abtreten. Einige Tage vor der bestimmten Abreise kömmt der Kontrahent ganz bestürzt zu seinem Kunden, bedauert, daß er die Reise wegen plötzlichem Erkranken seiner Verwandten nicht mit ihm machen könne, und schlägt seinen Vetter oder Bruder als Substitut vor. Der Fremde läßt dies sich meistens gefallen, und lobt noch obendrein die Pietät des Betrügers. Wie sonderbar oft der Preis desselben Materials, auf verschiedene Weise bearbeitet, variirt, davon geben die bekannten venezianischen Goldketten einen schönen Beweis. Man hat diese Ketten nach der Größe ihrer Glieder bezeichnet, wo Nr. 1 die kleinsten Glieder hat, also die feinste Kette bildet. Die folgende Tabelle gibt in der ersten Kolumne die Nummer der Kette, in der zweiten das Gewicht eines Zolls denselben in Granen, in der dritten die Anzahl der Glieder in einem Zolle, und die vierte den Preis eines venezianische» Braccio (nahe zwei Wiener Fuß, oder acht Zehntel einer Elle). Nr. Gewicht. Zahl der Glieder. Preis. 0 0.44 100 60 Francö. 1 0.56 92 40 2 0.99 84 26 3 1.46 72 20 4 1.61 64 21 5 2.99 64 - 23 6 2.61 60 24 7 3.36 56 27 8 3.65 56 24 9 3.82 57 37 10 5.35 50 34 24 9.71 32 60 Ladbare, bloonomx ok ölaobinsr^. 251 Von diesen Ketten haben also die Nr. 0 und 24, oder die seinsten und gröbsten, genau denselben Preis, obschon die letzte zwei- undzwanzigmal mehr Gold in sich enthält, als die erste; allein die Arbeit bei der kleinsten ist so schwierig, daß die Frauen, die sich damit beschäftigen, nicht länger als zwei Stunden dabei aushalten können. Indeß wird auf diese Art Ketten bei weitem nicht so viel Arbeit verwendet, als auf manche Eisenmauufaktur. Der Werth der Arbeit selbst, bei der feinsten venezianischen Kette, übersteigt den des GoldeS höchstens um das Dreißigfache. Die Spiralfeder einer gewöhnlichen Taschenuhr kostet einzeln nahe 5 kr. C. M. und wiegt ^/>«>«> eines Grans, und genau eben so viel kostet auch das Pfund des besten EisenS, aus dem man doch 50,000 solcher Spiralfedern machen kann. Nehmen wir von folgenden Gegenständen daS rohe Material an Werth zu einem Gulden, so zeigen die nebenstehenden Zahlen den Werth des daraus gearbeiteten Artikels: Seidenwaaren . . . 2.4 Röhren . . ., . 1 - 1-2 Feines Tuch .... 2.1 Typen, in gewöhn! R Leinwand ..... 5.0 licher Druckschrift § . 4.9 Baumwollenwaaren. . 2.4 Kleinste Typen. . ) ° . 28.3 Platten. . . . l 1.3 HauSgeräthe . , > - . 2.0 Nadeln. ... § 2.3 Schnallen u. dgl. . -45.0 Metall-Siebe mit Armbänder, Ohrgel Z 10,000 Maschen in! Z jedem Q. Zoll . / ^ 52.2 hänge . . . ) » 147.0 Ackergeräthe . . . . 3.6 Flintenläufe . . . . . I 9.1 Damascirte Flintenläufe. t Z, . 238.1 Klingen zu Federmessern . . I Z . 657.1 Tischmcsserklingen . . . / G . 37.7 Feine Feilen . . . . . > Z . 20.4 Hufeisen . . . . . . I 2.5 Feine Scheeren . . . . / . 446.9 Ueber die Theilung der Arbeit in Fabriken, wo jeder oft nur einen sehr kleinen Theil deS zu verfertigenden Ganzen zu erlernen und auszuführen hat, wird im 19. Kapitel viel Gutes gesagt, das ohne Zweifel bei den Vorstehern solcher Anstalten eine ganz besondere 252 Lsbdsge, Lconom^ ok ölsekinerx. Berücksichtigung verdient. So erzählt schon Adam Smith aus seiner eigenen Erfahrung, daß ein gewöhnlicher Schmied, der zwar daö Verfertigen der Nagel gut versteht, dessen ausschließendes Geschäft es aber nicht ist, täglich nur etwa 900 Nägel machen könne, während selbst Knaben, die bloß diesen Theil des Schmiedehandwerkö treiben, täglich 2300 Nägel machen. Derselbe berühmte Autor stellt die Vortheile dieser Theilung der Arbeit im folgenden Satze zusammen: „Durch sie läßt sich eine viel größere Ouantität der Waare von derselben Anzahl Arbeitern erzeugen, und zwar aus folgenden drei Ursachen: erstlich wird die Fertigkeit der einzelnen Arbeiter vermehrt; zweitens wird viel Zeit erspart, die man sonst bei dem Uebergehen von einer Arbeit zur anderen verliert, und drittens endlich wird man dadurch auf die Erfindung neuer Maschinen geleitet, welche die Arbeit erleichtern und abkürzen, und den Einzelnen in den Stand setzen, daö Werk von Vielen zu verrichten." Diesen Satz glaubt unser Verfasser noch auf folgende Art ergänzen zu müssen: „Da überdies die Arbeit in mehrere Prozesse getheilt ist, die verschiedene Grade von Geschicklichkeit und Stärke erfordern, so kann der Vorsteher der Fabrik seine Individuen in Beziehung auf diese beiden Eigenschaften besser auswählen, während im Gegentheile, bei nicht getheilter Arbeit, feder Einzelne so viel Kraft und so viel Geschicklichkeit zugleich besitzen müßte, als diese Arbeit eben erfordert, zwei Dinge, die nur selten in dem gewünschten Maße beisammen seyn mögen." Zur Erläuterung seines Satzes gibt er ein Beispiel aus der Fabrikation der Stecknadel. Sie reduzirt sich auf sieben verschiedene Operationen. I. Das Dratzichen, indem der gekaufte Draht durch immer kleinere Löcher durchgezogen wird, bis er die erforderliche Dicke hat. Nach dieser Arbeit wird der Draht gehärtet, ausgeglüht und in Schwefelsäure gebracht, um ihn zu reinigen. Durch dieses Ziehen wird der Draht zu den feinsten Nadeln nahe um 48 bis 50 Mal verlängert. Diese ganze Arbeit verrichten gewöhnlich Männer, deren feder 30 bis 36 Pfund Draht täglich zieht und reiniget. II. Das Drahtstecken. Zu diesem Zwecke werden an dem einen Ende eines langen Tisches mehrere Stifte in nicht ganz gerader Linie eingeschlagen, und der, früher in Ringen gewundene Draht zwischen sie geflochten, und an das andere Ende des Tisches gezogen. Die Absicht dabei ist, den gekrümmten Draht gerade zu machen. Diese Arbeit verrichtet gewöhnlich eine Frau, der man ein Kind beigibt, welches die gerad gemachten Drahtstücke abschneidet. III. Das Zuspitzen. Ein Mann LsbbsAS, llconomx vk ^laebiner^. 253 faßt etwa 300 dieser abgeschnittenen Drahtstücke in eine Patrone und schneidet sie mittels einer durch den Fuß in Bewegung gesetzten Scheere in kürzere Stücke, deren jedes nahe sechs Nadcllängen hat. Dann nimmt der Mann ein Bündel dieser verkürzten Stäbe zwischen Daumen und Finger einer jeden Hand, und bringt die Enden derselben aus eine Schleifscheibe von Stahl, um sie zu spitzen, wobei er jeden Drahtstengel zugleich zwischen den Fingern umdreht. Wenn so alle Stengel an dem einen Ende zugespitzt sind, kehrt er sie um und wiederholt an dem anderen Ende dasselbe Verfahren. Dann werden die Stengel wieder in ihre Patronen zurückgebracht, und von beiden Enden derselben eine Nadellänge abgeschnitten. Die noch übrigen, vier Nadellänge haltenden Stücke werden wie zuvor behandelt, und wenn sie an beiden Enden zugespitzt sind, wieder abgeschnitten, und dann mit dem Reste, von zwei Nadellänge«, noch einmal eben so verfahren, so daß also jetzt jeder erste Stengel sechs Nadeln geliefert hat. Jeder Mann kann täglich nahe 35 Pfund Drath zuspitzen, und erhält dafür 7 Shillinge (3 fl. 16 kr. C. M.). IV. Verfertigung der Nadelköpfe. Man steckt ein Stück Draht in der Dicke der Nadel auf ein Rad, das, gleich einem Spinnrade, schnell umgedreht werden kann. Dann bringt man einen dünnern Drath durch das Loch eines kleinen Instruments, das in der Hand gehalten wird, und hält ihn dicht an jenen ersten Draht, wodurch der dünne Draht sich in dem dicken spiralförmig aufwindet, und den letzten endlich ganz bedeckt. Dann werden 15 bis 20 dieser mit Spiralen bedeckten Drähte in der Hand, zwischen den Daumen und drei Finger genommen, und mit einer Scheere immer zwei Windungen der Spirale abgeschnitten. Ein guter Arbeiter schneidet wohl 30 Pfund Köpfe täglich, wofür er nahe 3 fl. 30 kr. Taglohn erhält. V. Aufsetzen der Köpfe. Dazu dient ein kleiner Stahlamboß, der eine kleine Höhlung hat, worin der halbe Nadelkopf paßt und darin festgemacht wird. Dann schlägt der Arbeiter aus der erwähnten Spirale das innere Stückchen Drath heraus, spießt ihn mit der Spitze der Nadel an die letztere aus, schiebt ihn bis an das stumpfe Ende der Nadel, und befestigt ihn da mit mehreren Hammerschlägen. Man bezahlt den Weibern und Kindern, die diese Arbeit verrichten, nahe 42 kr. für je 20,000 Nadeln. In einem Tage kann eine Person aber kaum 15,000 fertigen. VI. Verzinnen. Eine große Menge Nadeln, nahe 50 Pfund, werden zuerst in eine Salzlake gethan, um sie von Fett und Schmutz zu 254 Labbs§e, kleonoin^ ok LIa cliinerx. reinigen; dann bringt man sie in Kessel mit einer Solution von Weinstein im Wasser, mit Zinnstückchen vermischt, wo sie gegen drei Stunden kochen. VII. Ein bliesen. Wenn die Nadeln vom Verzinnen kommen, werden sie von Weibern und Kindern auf Papier aufgereiht; dann nimmt man mehrere derselben, legt sie auf einen Kamm und schüttelt diesen. Dadurch fallen viele in daö unten stehende Gefäß, andere aber bleiben mit ihren Köpfen zwischen den Zähnen des Kammes hängen. Diese faßt man bei ihren Spitzen mit einem bereits zusammengelegten Papier auf, und bringt sie so in den sogenannten Nadelbrief alle in einer Richtung mit ihren Spitzen, in welchen Briefen sie dann zum Verkaufe bereit liegen. Zehn Arbeiter brauchen zusammen 7'/? Stunden, um auf diese Weise ein Pfund Nadeln zu verfertigen, und erhalten daher alle zusammen nahe fünf Gulden Arbeitslohn. Wenn man riefe Arbeit nicht theilen, sondern alles von einem einzigen Manne verfertigen lassen wollte, so würde, wie man berechnet hat, der Arbeitslohn nahe 20 Gulden, also viermal mehr betragen. Dieses Beispiel ist aus dem bekannten Werke des Adam Smith genommen, und es kann dabei bemerkt werden, daß dasselbe die Veranlassung war, eine ähnliche Theilung auch bei einer rein geistigen Arbeit vorzunehmen. Prony hatte von der französischen Regierung den Auftrag erhalten, die Logarithmentafeln der trigonometrischen Funktionen nach dem damals eingeführten Decimalsystem umzuformen. Da man dieses Geschäft nach einem sehr weit aussehenden Plane vornahm, so sah er bald, daß er auch mit mehren Mitarbeitern, auf die gewöhnliche Weise, die Sache vor seinem Tode nicht beenden könne. Eines TageS traf er in dem Laden eines Pariser Buchhändlers Smith's genanntes Werk, und schlug darin zufällig die Stelle von der Theilung der Arbeit auf. Er hatte kaum die ersten Seiten überblickt, und das Beispiel von der Nadelfabrikation gel.sen als, er wie durch eine Art von Inspiration auf den Einfall kam, seine Logarithmen, wie dort die Nadeln fabriciren zu lassen, indem er das Ganze aus die Differenzen-Methode, und ihre Anwendung aus die Interpolation gründete. Er theilte das Verfahren in mehrere Sectionen, welchen die berühmtesten Mathematiker Frankreichs vorstanden. Die ganze Arbeit sollte siebenzehn große Foliobände umfassen. Durch diese Betrachtungen wird unser Verfasser auf die von ihm erfundene große Rechenmaschine geführt, von deren Einrichtung er hier LabbsZe, üconom;' ol Kacbiner;'. 255 daS Vorzüglichste mittheilt, so weit er nämlich sein Geheimniß dem Publikum jetzt schon Preis geben will. Die Bestimmung dieser Maschine ist, alle astronomischen und mathematischen Tafeln selbst und fehlerfrei zu construiren und zu drucken. Er geht dabei von dem Grundsätze aus, daß die meisten, nach einem Gesetze auf einander folgenden Zahlen am Ende auf constante Differenzen führen. So sind z. B. von dem Quadrate der natürlichen Zahlen 1, 4, 9, 16, 25 ... die ersten Differenzen 3, 5,7, 9, 11 ... und die zweiten 2, 2, 2, 2 ..., also schon constant. Fängt man also bei der letzten Reihe oder bei den zweiten Differenzen an, so gibt eine bloße Addition derselben mit der Einheit sofort die zweite Reihe, und aus dieser zweiten Reihe erhält man durch eine ähnliche Addition die Zahlen der ersten Tafel, und so in allen übrigen Fällen. Man wird sich nun leicht vorstellen können, wie eine Maschine beschaffen seyn mußte, welche diese wiederholten Additionen ausführt. In dem CommiffionS- berichte der Sociol;' wird von dieser Rechenmaschine gesagt: daß sie die vorgelegten Tabellen mit großer Genauigkeit ausführt, und daß sie ihre eigenen Fehler sogleich selbst verbessert. Da sie auf Kosten der englischen Regierung gebaut worden ist, so ist sie auch ein Eigenthum derselben geworden. Der berechnende Theil derselben ist beinahe fertig, und die Maschine selbst von ungcmeiner Schönheit und Vollendung. Bloß die Zeichnungen zu derselben nehmen einen Raum von 400 Quadratfuß ein. Sie hat bereits 6000 Pf. Sterl. gekostet, von welchen nahe 1000 Pf. zu vorläufigen Versuchen gedient haben. — Am weitesten hat man diese Theilung der Arbeit bei den Uhren getrieben. Nach einer Untersuchung der Commission des englischen Unterhauses existiren bereits 102 verschiedene Zweige der Uhrmacherkunst, bei derem jedem ein Knabe alö Lehr.ing angenommen werden kann, der nur diesen Zweig betreibt, und von allen anderen nichts zu lernen braucht. Im 21. Kapitel gibt der Verfasser mehrere Nachrichten, die den Buchhandel und den Bücherdruck betreffen. Wir bemerken dazu, daß das Pfund Sterling zu 20 Shillings zu 12 Pence 9 st. 50 kr. C.-M., somit der Syilling 29'/, kr., und der Penny 2'/2 kr. C.-M. gilt. Als ein Beispiel werden die Austage - Kosten des hier besprochenen Buches mitgetheilt: 256 Ladbare, blconomx ok ölaeliiaerx. Dem Setzer zu 3 Pf. 1 Sh. per Bogen von 32 S. kl. Oktav. (10'/z Bog.) Dem Setzer besonders für kleinen Druck in Anmerkungen, Inhalt rc. per Bogen 3 Sh. 10 Peil. . ,. Dem Setzer besonders für Tafeln per Bogen 5 Sh. 6 Peil. ...... Für Besorgung der Correcturen per Bogen 3 Pf. 2 Sh. 10 Pen. Dem Drucker für eine Auflage von 3000 Exemplaren per Bog. 3 Pf. 10 Sh. Papier ........... Kosten der Auflage Stich des Titels ........ Druck und Papier des Titels, Ankündigungen lc. ........ 32 Pf. Sh. 6 Pen. 2 Pf- Sh. 3 Pen. 2 Pf. 17 Sh. 9 Pen. 33 Pf. // Sh. „ Pen. 36 Pf- 15 Sh. „ Pen. 99 Pf- 4 Sh. 6 Pen. 205 Pf- 18 Sh. „ Pen. 3 Pf. 10 Sh. 6 Pen. 56 Pf. 12 Sh. 6 Pen. Summe der Auslage 266 Pf. 1 Sh. „ Pen. Rechnet man hierzu 52 Ueberschuß-Exemplare, die Kosten für den Buchbinder rc., so kommt ein Exemplar, wie es dem Buchhandel übergeben wird, aus 2 Sh. 3 Pen. Tafeln und Zahlenwerke, wenn sie mit besonderer Genauigkeit gedruckt werden sollen, wie Logarithmen u. dgl. geben viel höhere Setzer- und Correktur-Kosten, die sich oft bis 11 Pf. für den Bogen erheben, während ordinärer Druck in Median-Oktav wohl zu 38 Sh. für den Bogen erhalten wird. Der Abdruck wird nach je 250 Bogen berechnet, und man muß für 20 oder 30 Abzüge ganz eben so viel, als für 250, in den englischen Druckereien zahlen. Da die Accise, 3 Pence per Pfund, so bedeutend ist, so nimmt man in England gern feines Papier, das weniger ins Gewicht fällt. Da man zu dessen Accise auch den Betrag für das Einrücken der Ankündigung in die Zeitungen rechnen muß, so berechnet der Verfasser bei einer j Gesammtauslage von 224 Pf. deS Buchdruckers, die Accise zu 42 Pf. > als directe Taxe, also über den fünften Theil, was er wohl mit ' Recht sehr übertrieben nennt. ! i Von den Vortheilen der Benutzung der sogenannten Abfälle der Materialien gibt die Bearbeitung deS Horns ein treffendes Bei- > spiel. Das Horn besteht aus zwei Theilen, einem äußeren harten llabbaAe, bleonomp ok ölsobinsr^. 257 Ueberzuge und einer inneren weicheren Masse, die fast zwischen ver- > härtetem Horn und Knochen in der Mitte steht. Die erste Operation, die mit diesen Hörnern vorgenommen wird, ist, daß man beide Theile durch einen Schlag gegen einen Holzblock von einander trennt, worauf dann die hornartige Rinde mit einer Gestellsäge in drei Theile zerschnitten wird. Aus dem untersten, der Wurzel des Horns zunächst- liegenden Stücke werden, nach mehreren vorläufigen Prozessen, Kämme verfertiget. Der mittlere Theil wird durch Hitze erweicht, mit Oel durchsichtig gemacht, und dient in dünnen Platten als E.satz für GlaS in gemeinen Laternen. Die Spitze wird zu Messer- und Pcitschen- griffen u. dergl. verarbeitet. Das Innere oder der Kern des Horns wird in Massen gekocht, und das so gewonnene Fett an die Seifensieder verkauft. Die übrig bleibende Flüssigkeit nehmen als Leim die Tuchappretirer, und der unlösliche Rest geht zu den Landwirthen als Dünger der Felder. Dasselbe geschieht mit den Abfällen beim Kamm- machen. Die Abschabsel deS Laternenmachers sind sehr dünn und dienen zu Figuren als Spielwerk, die sich in der warmen Hand von selbst krümmen, und zusammenrollen. Guter Name und wohlbegründeteS Vertrauen ist vielleicht die erste und wichtigste Eigenschaft des Vorstehers einer Fabrik. In England ist dieß sehr wohl bekannt. Den großen Handelsleuten ist der Verlust, sa nur der Tadel ihres guten Namens das größte Uebel, das sie kennen. Sie werden lieber augenblicklichen Nachtheil dulden, als jenen nur im Geringsten schmälern lassen. Viele und große Summen werden in englischen Fabrikstädten für Waaren, bloß auf Treue und Glaube der Verkäufer, täglich ausgezahlt. Andere Nationen scheinen den wahren Werth dieses Gutes noch nicht gehörig zu schätzen. Sie hätten cS bei der Ausschließung der englischen Waaren vom Continente im Laufe des letzten KriegeS lernen können, wobei Unterschleife, die oft Millionen betrugen, und die, bei einem entdeckte» Betrüge des Verkäufers sich nicht mehr verbessern ließen, doch ihren guten Gang gingen, soweit sie nicht unmittelbar durch daS französische Douanen-System gehemmt wurden. Auch darin unterscheidet sich der Britte von vielen anderen Nationen, daß er, wenn er einmal eine Unternehmung angefangen hat, beharrlich dabei bleibt, und sich von mißlungenen Versuchen und Unfällen nicht zurückweisen läßt. Auf einem bedeutenden Flusse Deutschlands sind noch immer keine nur etwas inS Große gehende Versuche mit Segelschiffen oder mit Dampfbsoten gemacht worden, weil die Liltrow l. 47 258 LsbbsA«, Lcooom)' ol ölsolitner)'. ersten Experimente damit nicht gelungen sind. Allmächtig hat sich die Meinung festgesetzt, daß alle weiteren Bemühungen vergeblich sind: die vielen Krümmungen, die Aenderungen seines Laufes, die Baumstämme in seinem Boden u. dgl. sollen die Ursache davon seyn. Aber welche ganz andere Hindernisse waren bei dem Miffisippi in Amerika zu überwinden! Noch vor zwanzig Jahren wälzte dieser ungeheure Strom seine Wogen in verschwenderischen Nebenflüssen durch Hunderte von Meilen und durch Länder, die kaum einigen nomadischen Indianer- stämmen kümmerliche Nahrung gewährten. Die Gewalt des Stroms schien allen menschlichen Anstrengungen, ihn aufwärts zu befahren, Trotz zu bieten, und gleichsam um jedes Unternehmen dieser Art unmöglich zu machen, legten sich aus den Urwäldern seiner Ufer große Baumstämme quer über den Fluß, um ihn entweder zu sperren, oder gefährliche Sandbänke zu bilden. Vier volle Monate brauchten die ersten Unternehmer, um auf ihm mit einem kleinen Kahne 400 deutsche Meilen aufwärts zu gelangen, während setzt eine Menge von Dampfschiffen, mit Hunderten von Reisenden an Bord, denselben Weg ganz bequem r'n zwei Wochen zurücklegt. Schon erheben sich an den Ufern dieses Flusses, der früher kaum die Hütte eines Wilden sehen ließ, Dörfer und Städte, und das ganze Land scheint mit Riesenschritten seiner schönen Zukunft entgegen zu gehen. Und doch verunglücken jährlich noch gar manche dieser Dampfschiffe. Aber dieß schreckt die Unternehmer nicht ab, die da sehen, Laß die Schwierigkeiten mit jevem Jahre kleiner werden. Vom Jahre 1811 bis 1832 sind 348 Dampfschiffe auf dem Misstsippi gebraucht worden, und von ihnen sind nicht weniger als 150 verunglückt, also nahe die Hälfte, und doch geht die Sache ihren Gang. In den ersten Jahren aber verunglückten jährlich gegen 10, und in in den letzten nur mehr 2 oder 3, und bald wird man aus dem Miffisippi eben so sicher fahren, als auf irgend einem andern Strome. Indem der Vers. von der Verlegung der Fabriken an andere Orte spricht, zählt er unter den Ursachen solcher Transplantationen auch die oft ungestümen Forderungen der Arbeiter auf, wodurch sie sich einen höheren Tagelohn erzwingen wollen. Da geschah es oft, setzt er hinzu, daß, während sie noch unter einander stritten, sie schon durch einen andern Ort von dem Markte verdrängt, und dadurch selbst zu Grunde gerichtet wurden. „Denn jede Beeinträchtigung des EigenthümerS durch die Arbeiter, jede unbillige Verbindung, die sie unter sich stiften, fällt immer und nothwendig zu ihrem eigenen Nach- LabbsZe, Loonom^ ok Äaoliiner^. 259 theile auö." Worte, die jetzt sehr an der Zeit sind, und reife Be- herzigung verdienen. Wenn eö möglich wäre, in diese Klasse wahre Bildung und richtige Ansicht ihrer Stellung in der menschlichen Gesellschaft zu bringen, so würden sie sich selbst sagen, waS sie jetzt, wenn eS von anderen gesagt wird, weder begreifen noch glauben, und dadurch vielleicht unberechenbares Unglück über den Staat, und vor allem über sich selbst bringen. Daö 30. und 31. Kapitel behandelt diesen Gegenstand umständlich. Nachdem der Vers. über den Vorzug größerer Fabriken vor den kleineren, über die Wahl der örtlichen Lage derselben, über Füllung des Marktes durch zu große Produktion, über die Einführung neuer Manufakturen, über den Antheil der Arbeiter an dem Gewinne der Fabrik u. s. f. sehr gute und scharfsinnige Betrachtungen angestellt hat, geht er im 27. Kapitel zu der Erfindung einer Maschine über. Er meinte, diese könne eben nicht sehr schwer seyn, da man sie, in den neueren Zeiten besonders, so oft vorkommen sieht. Doch muß auch dazu bemerkt werden, daß ein großer Theil derselben verfehlt sind. Die meisten mechanischen Erfindungen haben den Vortheil, daß ihre Güte zuerst durch Modelle geprüft werden kann. Wenn das in den Wissenschaften, z. B. in der Philosophie so wäre, so würden wir in derselben weiter seyn, und nicht so viele verunglückte Versuche zählen. Vor einigen Jahren bot daö englische Gouvernement einen großen Preis auf die Erfindung einer Methode, das Nachmachen der Banknoten zu vereiteln. Unter 178 vorgelegten Projekten erklärte die Commission nur 12 als von höherer Geschicklichkeit zeugend, und bloß 9 als einer näheren Berücksichtigung würdig. Ueberhaupt sind, wenn gleich jene Erfindungen von neuen Maschinen zu den alltäglichen Erscheinungen zu gehören scheinen, die höheren und schöneren Combinationen äußerst selten. Oft fehlt es auch an den mechanischen Mitteln, eine an sich gute und auch leicht zu findende Idee praktisch auszuführen. Unter den Ruinen von Pompeji und Herculanum fand man Stempel von Metall, die ganze Worte enthielten. Sollte eS keinem Mechaniker jener Zeit eingefallen seyn, die Buchstaben dieser Worte einzeln zu verfertigen, und sie dann erst für ganze Worte zusammen zu setzend Aber wahrscheinlich haben die Besten unter ihnen diese Idee gewiß verworfen, weil sie die Möglichkeit nicht einsahen, mehrere tausend Holz- oder Metallstückchcn so vollkommen zuzurichten, und an einander zu fügen, wie es heut zu Tage in unseren Druckereien geschieht. So war, um ein anderes Beispiel zu geben, das 17 » 260 Ladbare, klconomx ok Nsebiner;'. Princip der Bramah'schen Presse schon beinahe 150 Jahre allgemein bekannt, ehe diese Maschine selbst entstand, weil der unvollkommene Zustand der Mechanik sener Zeit jeden von der Anwendung dieses Princips abschrecken mußte. Uebrigens stellt der Vers. als allgemeine Regel für alle Erfinder neuer Maschinen den Grundsatz auf: daß jeder von ihnen, der durch seine Entdeckungen nach Ruhm oder Reichthum trachtet, zuerst unverdrossen die Kenntnisse seiner Zeit sorgfältig prüfen müsse, wenn er nicht seinen Geist anstrengen will, um das noch einmal zu erfinden, was etwa schon längst vor ihm, und vielleicht besser erfunden worden ist. Diese Regel, setzt er hinzu, wird oft von den geistreichsten Personen vernachläßigt, weil diese, in der Ordnung am wenigsten lernen oder lesen wollen. Es gibt vielleicht kein Geschäft, worin so viel Pfuscherei, so große Unkenntniß der wissenschaftlichen Principien und der Geschichte der Kunst getroffen wird, als in der mechanischen Projektmacherei. „Sie treten meistens voll Selbstvertrauen und entzückt von dem schönen Kinde ihrer Phantasie, ihr Amt keck und sorglos an, wie ein-Parlamentsmitglied das seinige, ohne nur zu ahnen, daß Unterricht, Nachdenken und mühsame Vorarbeiten hier wenigstens eben so nöthig sind, wie zu jeder andere» Unternehmung, wenn sie gelingen und wenn durch sie irgend etwas Bedeutendes geleistet werden soll." Zu dieser Stelle macht Hr. Friedenberg, der deutshe Uebersetzcr, S. 280 eine Anmerkung, die der Leser selbst nachsehen wird, da sie, wenigstens der Schluß derselben, hier nicht gut wiederholt werden kann. Um durch ein Beispiel deutlich zu machen, was wohlgercgelte Thätigkeit bei einer Arbeit, die mehrere Menschen fordert, vermag, wählt der Verf. die Druckerei der Zeitung der Times in London. In dieser Druckerei sind gegen hundert Personen Tag und Nacht beschäftigt. Zwölf fchnellschreibende Reporters sind beständig im Ober- ^ und Unterhause zugegen, die abwechselnd nach halbstündiger Arbeit sich zurückziehen, um die stenographisch geschriebenen Reden in gewöhnliche Schrift zu bringen. Indeß arbeiten 50 Setzer an diesen Reden; einige sind eben mit dem Anfange fertig, während andere die Fortsetzung aus dem noch nasse i Manuscripte bearbeiten, während der mittlere Theil in^der Tasche des Reporters zur Druckerei eilt, und während der beredte Schluß vielleicht in demselben Augenblicke den Beifall der Zuhörer hervorruft, so daß die Wände des Saals davon erdröhnen. Kaum sind die Typen der einzelnen Theile der Rede gesetzt, als sie aus die Druckermaschine wandern. Aber jetzt sind llnbbsAe, Loonom^ ok lllnoliinor^. 261 menschliche Hände viel zu langsam: die Kraft des Dampfes wird zu Hülfe gerufen. Durch einen bewunderungöwerthcn Mechanismus wird den geordneten Typen schnell die Farbe zugeführt; vier Arbeiter legen unaufhörlich die Kanten großer, weißer Bogen da an, wo zwei ungeheure Walzen sich berühren, welche das Papier mit unersättlichem Heißhunger zu verschlingen scheinen, das aber, von andern Walzen, schnell auf die schon eingeschwärzten Typen gebracht, rasch darüber hingeführt und durch die, fast nur augenblickliche Berührung abgedruckt und am entgegengesetzten Ende der Maschine wieder zu Tage gefördert wird, wo eS wieder vier andere Arbeiter in Empfang nehmen. So werden in einer Stunde 4000 Bogen Papier auf einer Seite gedruckt, und in sechs Stunden ist eine Auflage von 12,000 Eremplaren eines, über 300,000 beweglichen Typen enthaltenen Satzes, vollständig hergestellt. Dieß ist eS, warum man so ungern fremde Gäste in solchen Osficinen aufnimmt, worüber dann die Ausländer klagen, als seyen die stolzen Dritten ungefällig gegen sie, oder als wollten sie wohl gar Geheimnisse vor ihnen bewahren. Wenn in einer Stunde 4000 Zeitungen auf einer Seite gedruckt werden sollen, so gibt eine jede versäumte Minute schon einen D-rlust von 66 Abzügen. Der fremde Gast glaubt wohl sehr billig zn seyn, wenn er bei seinem Besuche nur eine Viertelstunde für seine Neugierde in Anspruch nimmt. Allein diese Viertelstunde macht, daß vielleicht 1000 Exemplare zu spät herausgegeben werden, und daß eben so viele Leser in den entferntesten Punkten dcS Reiches, wohin die Zeitungen mit den frühesten Morgenstunden gehen, umsonst auf ihre Blätter harren. Seit Jahrtausenden bedecken undurchdringliche Wälder die Klüfte vnd Fclsenwände dks PilatuS-Berges bei Alprait in der Schweiz. Ein sagender Ausländer machte darauf aufmerksam, diese Wälder zu benutzen, allein man erklärte daö Herabschaffen des Holzes für unmöglich. Erst der Werkmeister Rupp aus Reutlingen sah die Möglichkeit ein, und begann zu diesem Zwecke eine Holzleitung, die , er in drei Jahren, zu Ende des Jahres 1818, glücklich zu Ende brachte. Sie läuft bald gerade, bald in Schlangenlinien unter Neigungen von 10 bis 18 Graden, theils an den Seiten der Felsen, theils auch unter der Erde, oder auf 10 bis 120 Fuß hohen Gerüsten, frei in der Luft, ununterbrochen 3 Stunden Wegs fort. Sie ist aus geschälten Tannen zusammengesetzt, bildet eine Art von Mulde, 6 Fuß weit und 3 bis 6 Fuß tief, wo da und dort Seitenwasser einfallen und das Holz benetzen. Man verbrauchte dazu 25,000 262 Lsbbsgo, Leonom^ ok ölsolilnsr^. Stämme Holz, die bloß durch kluge Zusammensetzung, ohne Eisen, mit einander verbunden sind. Die Arbeitskosten des Baues betrugen gegen 100,000 Gulden. Man kann nicht umhin, die Kühnheit der Unternehmung, die Klugheit der Anordnung und die Energie des Meisters zu bewundern. Bloß die vorhergehende trigonometrische Messung erforderte das Schlagen mehrcr Tausende von uralten Bäumen. Um in den Schlünden Stellungen zum Gründen der Pfeiler zu finden, mußte Rupp sich oft mehrere 100 Fuß tief an Stricken über Felsenwände hinablassen. Die Anstrengungen bei der Arbeit machten ihn in den ersten Monaten krank, aber er ließ sich während seines FieberS in einem Tragsessel aus die Felsen bringen, um die Arbeiten zu leiten. Dazu waren seine Arbeiter gemeine Bauern, die nicht einmal Zimmerlcute. Der Pöbel der Umgegend legte ihm tausend Schwierigkeiten in den Weg, weil er ihn für einen Zauberer hielt, der mit dem Teufel im Bunde stehe; während ihn die Gebildeten für einen Narren erklärten, der das Unmögliche ausführen will. Er überwand alle diese Schwierigkeiten, und nun begann der Wald allmählich aus seinen unzugänglichen Höhen herab zu gleiten. Die Geschwindigkeit der herabfahrenden Baumstämme, die oft 100 Fuß lang, und an ihrem dünnsten Ende 10 Zoll dick sind, ist so groß, daß sie den Weg von 3 Stunden in 2'/? Minuten zurücklegen, und daß sie den Neben- beistehenden kaum einige Fuß lang zu sein scheinen. Wenn der Baum unten angekommen ist, so wird er in Flößen auf den Vierwaldstättcr- See gebracht, wo er nach Luzern und von dort in die Reuß, in die Aar und endlich bei Basel in den Rhein kömmt. Die Heftigkeit, mit welcher diese Baumstämme in der Tiefe ankommen, läßt sich daraus schließen, daß sie, wenn sie unten seitwärts aus der Leitung schießen 18—24 Fuß tief in die Erde dringen. Die Abfälle des Holzes werden oben zum Kohlenbrcnnen verbraucht, diese Kohlen dann in Fässer gebracht, und diese Fässer auf Schlitten zur Winterszeit durch die Leitung herabgelassen. Dieses große und sinnreiche Werk, dessen Ausführung man nur von einem ganzen Staate hätte erwarten sollen, hat ein einziger Privatmann zu Stande gebracht, dessen Kredit kaum hinreichte, die dazu nöthigen Summen aufzubringen, der aber, durch Talent und Thätigkeit ausgezeichnet, allen Hindernissen mit Festigkeit Trotz bot, und sich nun dadurch die Achtung, nicht blos aller Schweizer, sondern auch aller fremden Gäste erworben hat. — Aber sein Werk starb mit ihm. Denn kaum war er todt, als politische Rücksichten und die Cvntincntalsperre die Nachfrage nach Bau- und LsbksKe, Loonomy ak" Uacbinsr^. 263 und Schiffholz auf dem Rheine verminderte, und man die ganze Herr- liche Leitung eingehen ließ, so daß man setzt kaum eine Spur mehr davon findet. Im 31. Kapitel kommt der Verf. auf die Vereinigungen der Fabrikbesitzer gegen das Publikum, und spricht bei dieser Gelegenheit besonders von dem englischen Buchhandel. Er hat bereits oben gezeigt, daß die GesammtauSlage dieses seines Werkes, mit Ausnahme des Honorars an den Autor, 2 Sh. 3 P. per Eremplar betrage. Allein der Herausgeber kauft es vom Autor um 3 Sh. 10 P., und verkauft es an die Buchhändler um 4 Sh. 2 P., endlich geben eS diese dem Publikum um 6 Sh.; eS gewinnt also der Herausgeber 10 Procent, der Buchhändler 44 Procent. Diesem folgen nun eine Menge von Aeußerungen und Vorschriften, welche der Verf. eines Buches zu beobachten hat, um wenigstens nicht gar zu kurz zu kommen. ES wird überflüssig seyn, sie hier alle anzuführen, da die, welche ein besonderes Interesse daran nehmen, sie in dem Werke selbst nachsehen werden. Durch diese Bemerkungen unsers Verfassers hat er Gegner in den Londoner Buchhändlern hervorgerufen, die sich in ihrem sogenannten Rechte gekränkt glaubten. Der Kampf ist noch nicht geendet, und die Sache selbst, die hier bestrittcn wird, wird dadurch wahrscheinlich nicht geändert werden; doch ist es gut, beide Theile abzuhören, und in einer Angelegenheit, die bisher den meisten, selbst den dabei Beseitigten im Dunkel lag, klar zu sehen. Das Vorhergehende wird genügen, dem Leser einen Begriff von dem Reichthume des Werkes zu geben. Viele andere, vielleicht in einem höheren Grade interessante Notizen konnten hier nicht gut angeführt werden, zum Theil, weil sie bloß lokal sind, und sich nur auf England beziehen, zum Theil auch, weil sie auf eine Weise vorgetragen werden, die unsern Ohren noch nicht ganz genehm seyn mag. Dahin gehören die Abschnitte von der Auöfuhr der Maschinen, von der Verhinderung des Schmuggelhandels, von der Verschiedenheit, die zwischen England und anderen Staaten in Beziehung auf die Freiheit deS Handels herrscht, von der Vernachlässigung der Gelehrten in England, von dem gegenwärtigen Präsidenten der königl. Societät u. dgl. Aber auch dann, wenn diese Abschnitte in dem Werke selbst fehlten, würden wir nicht anstehen, es für eines der vorzüglichsten zu halten, das in der neueren Zeit über diesen hochwichtigen Gegenstand erschienen ist. ES enthält eine Masse von neuen und für die Cultur eines 264 Labbags, kleonomz' ok Kavbinerx. Volkes sehr wichtigen Wahrheiten, die von allen Klassen der Bewohner eines Lanoeö vie aufmerksamste Berücksichtigung verdienen, und die besonders da, wo dieser Zweig der Volksbildung noch in der Kindheit liegt, wenn sie in die rechten Hände kommen, von unberechenbarem Nutzen seyn können. Die durch daS ganze Werk ausgestreuten Beispiele, die zur Er- k ärung seines VortragS dienen, werden selbst dem mit dem Gegenstände minder bekannten Leser interessant seyn, wie denn überhaupt das Ganze mit vieler Gesckicknchkeit zu einem auf Effekt berechneten Gemäße zusammengestellt ist. Ohne in irgend einem Tbeile desselben seinen Stoff zu erschöpfen, scheint er mehr daS Interesse dcö Lesers für seinen Gegenstand im Allgemeinen nn Anspruch zu nehmen, und mit besonderer Vorliebe sich über die innere Organisation der Fabriken und Manufakturen zu verbreiten, die eigentlichen Principien derselben feststellen, und endlich diejenigen Bedingungen mit Schärfe zu bezeichnen, von welchen daS Gelingen dieser Unternehmungen vorzüglich abhängt. Durch die ticken B.icke und geistreichen Bemerkungen, mit welchen er seinen Vertrag würzt, wird derselbe in hohem Grade anziehend, und nicht bloß der Staatsmann oder der Lehrer der Staatowirthschaft, sondern auch der praktische Fabrikant selbst wird dadurch auf gar manche Seite des Gegenstandes aufmerksam gemacht, die ihm vielleicht bisher entgangen ist. Weny dabei auch öfter auf staatSwirthschaftliche Fragen Rücksicht genommen wurde, so wird dieß nicht nur nicht schädlich, sondern sogar nützlich seyn, weil Belehrung und Wahrheit, hier wie überall, nur nützlich seyn kann, und weil nur auf diesem Wege jenem Uebel begegnet werden kann, daß oft die besten und zweckmäßigsten Einrichtungen an den Vorurtheilen und mangelhaften Begriffen der untern GewerbSklassen scheitern. Ueberhaupt wurde dieser Gegenstand, die Gewcrbskunde im Großen, bisher noch nicht auf eine wissenschaftliche Weise betrieben, da er eS doch in so hohem Grade verdient. Die meisten Gewerbsleute- selbst die größeren, treiben ihr Geschäft als eine Art von Geheimniß oder geschlossener Innung, und die gemachten Erfahrungen pflanzen sich nur durch Tradition von dem einen zu dem andern fort. Wenn ja da und dort eine eigene Schrift darüber erschien, so enthielt sie bloß eine chronikartige Darstellung des mechanischen Verfahrens, oder eine trockene Beschreibung der Instrumente, und die ganze Gewerbskunde wurde eben so handwerksmäßig vorgetragen, als handwerksmäßig ausgeübt. Zwar hatte sich in früheren Zeiten, besonders in der Mitte unseres Lsbsxo, Loonomx ok Nsckiner^. 265 Vaterlandes, ein Zunftgeist im großen Style ausgebildet — wie in Nürnberg und Augsburg — aber dem ungestaltcn Körper fehlte die Basis, Fabrik und Manufaktur sowohl, als auch der Geist, der erst mit der Theilung der Arbeit in seine wahre Thätigkeit treten konnte. In den neueren Zeiten haben die Gewerbe, besonders in England, einen viel höheren Aufschwung genommen, dessen Grund in der Unbeschränktheit des Handels, in der Erfindung so vieler zweckmäßiger Maschinen, und in der gleichzeitigen Ausbildung der Mechanik, Physik und Cbemie gesucht werden muß. Die deutsche Uebersctzung Friedenbergü ist treu und gut, nur scheint der Styl an einer gewissen Härte zu leiden, die wahrscheinlich von dem Originale rcflektirt, da des Verfassers Vortrag, wie auch schon auS seinen früheren Werken bekannt ist, von demselben Vorwürfe nicht frei genannt werden kann. Die Noten, welche der Ueber- setzcr dem Texte beigefügt, und die Zusätze, die er am Ende deö Werkes angehängt hat, können als eine Bereicherung desselben angesehen werden, und Klödeus Vorrede ist in Beziehung auf Inhalt und Vortrag gleich vortrefflich. Eine alphabetische JnhaltSanzeige würde ohne Zweifel jeder Leser mit Dank angenommen haben, da der Gegenstände zu viele sind, und die Darstellung zu desultorisch ist, um ohne eine solche Anzeige sich leicht zurecht zu finden. Hätte der Uebersetzer statt der dem Werke vorgedruckten Anzeige der einzelnen Paragraphen diese Anzeigen an der Spitze eines jeden Paragraphs in dem Werke selbst angebracht, so würde dadurch der Gebrauch deS Buches schon sehr erhöht worden seyn. Im Originale trägt wenigstens jede Seite ihre eigene Ueberschrist, aber auch diese hat der Uebersetzer weggelassen. Da und dort sind auch einige Flecken stehen geblieben, guas sut inöuris luäit sut liumnna purum cavit nstuis. So heißt eö z. B. S. 38: Bei unseren Glocken — bedürfen die besseren deS Aufziehens gewöhnlich nur alle acht Tage rc. Dann hätte bemerkt werden können, daß dieß keineswegs die besseren sind, denn die Chronometer, und diese gehören zu den besten, werden täglich aufgezogen. Aber was sind das für Glocken, die man alle acht Tage aufziehen muß? — Im Original steht ebenfalls S. 38. §. 45: In our c/ooL« oto. Aber Lloek heißt ja nicht Glocke, sondern Uhr. Dergleichen Mißgriffe gibt es noch einige andere, ob- schon sie in der That selten vorkommen. Noch wäre zu wünschen, daß der Uebersetzer die Aenderungen und Zusätze der dritten Ausgabe des Originals nachträglich bekannt machte, um das Ganze im deutschen 266 Lnbbsgo, Lcooom^ ok Uavkinor^. Gewände beisammen zu haben. Am besten würde sich dieses bei einer zweiten Auflage der Uebersetzung, die wir vielleicht bald zu erwarten haben, ausführen lassen, wo dann auch wohl die patriotischen Aeußerungen deS Uebersetzcrs S. XXV, XXXI, 143, 394 u. s. w. einige Modifikationen erhalten werden. Wenn liebevolle Anhänglichkeit an einen würdigen Gegenstand überall lobcnswerth ist, so ist doch Wahrheit und auf unparteiische Gerechtigkeit gegründete Anerkennung daö Beste und Lobenöwertheste, was man von jedem Menschen, also auch von dem Schriftsteller, erwarten kann. Wenn Bab- bage, wie der Uebersetzer S. 394 sagt, „wenn er in der That nicht ganz frei von der nationalstolzen Befangenheit vieler seiner Landsleute, wenn er für eigene Mangel und für fremdes Verdienst blind ist" — waH uns und allen, die seine Odservstions on ttis «toclins ok 8oiöncs in Lnglsnä kennen, durchaus nicht wahrscheinlich ist — so müssen wir ihn beklagen. Aber wenn er sagt, daß der Handel, der Gewerbfleiß und daö Maschinenwesen in England höher gestiegen sind, als in irgend einem anderen Lande, so können wir diese Aeußerung nicht für nationalstolze Befangenheit erklären, sondern wir müssen vielmehr die Wahrheit dieses nicht weiter bestrittenen Satzes anerkennen, und, nach unsern Kräften, dazu thun, daß auch wir bald Aehn- licheS von uns selbst sagen können. * keüeotions 0 » tbk Dsolilis ok 86I6N668 in LllKlnnä nnä 0» 80M6 ok it8 6NU868. 6/ Oinrlo8 L8ft., I^ou6on, pl-intoä ko,- 6. fss6Üovi'68, I^uä»nt6 8ti-66t. 1830. (Leipziger Literatur-Zeitung 1830. No. 314.) Wenn alle menschlichen Unternehmungen, besonders aber diejenigen, welche deS Zusammenwirkens Mehrerer zu einem gemeinschaftlichen Zwecke bedürfen, von Zeit zu Zeit einen neuen Antrieb nöthig haben, um nicht inS Stagniren zu gerathen; so muß dieses auch von den wissenschaftlichen Beschäftigungen gelten, die ohne jenen äußern Einfluß, er sey nun lobend oder tadelnd, wie die Erfahrung lehrt, bald zu ermatten beginnen, und am Ende in einen Schlaf übergehen, der der sicherste Vorbote des wissenschaftlichen Todes eines Volkes ist. Der Einzelne wohl erhält sich zuweilen auch ohne jene Mittel, durch seine eigene Stärke, und wir haben in alten und neuen Zeiten mehr als einen Baco gesehen, der mitten in der ihn von allen Seiten umgebenden Nacht gleich einsm Meteor leuchtet und hoch über alle seine Zeitgenossen hervorragt. Allein das Volk soll noch gefunden werden, bei dem die Wissenschaften blühen, und zugleich der öffentlichen Nichtachtung preisgegeben sind; zwei Extreme, die sich in sich selbst zu sehr widersprechen, als daß man hoffen dürste, sie je bei einander zu finden. Diese Nichtachtung, um sich keines härtern Ausdruckes zu bedienen, kann verschiedene Formen annehmen, von denen manche wenigstens auf den ersten Blick oder in der Ferne sehr täuschend sind, und sogar zuweilen den äußern Schein einer Art von Achtungen sich tragen, wenn besondere Stände vorzüglich berücksichtigt 268 Lsbdags, llecliue ok Sciences. werden, die vielleicht früher in der That durch eine literarische Tendenz sich ausgezeichnet haben, fetzt aber wenigstens in dieser Beziehung nicht mehr vor den übrigen gebildeten Klaffen deS Volkes sich auszeichnen, und, blos von den Verdiensten ihrer Vorfahren zehrend, einen ganz andern Zweck zu erreichen suchen. Besonders sind alle sogenannten Eorporationen oder wissenschaftlichen Vereine jeder Art jener Erschlaffung ausgesetzt, wenn sie nicht durch angemessene Mittel in ihrer früheren Regsamkeit erhalten werden, wie gar manche unserer gelehrten Akademien und Universitäten zeigen, die seit Jahren, mehrere selbst seit Jahrhunderten ihr sieches Leben mühevoll fortschleppen, unnütz für die Wissenschaft und lästig für das Land, das eine ganze Heerde von Menschen nähren und oft sehr gut verpflegen soll, die man ganz entbehren könnte, ja die sogar zuweilen hindernd und schädlich auf dieselben Zwecke einwirken, zu deren Beförderung sie doch eigentlich eingesetzt worden sind. DaS beste Mittel gegen solche Uebel, wie überhaupt gegen alle ähnlichen Calamitäten ist die Oeffentlichkeit, freie Untersuchung und offene, parteilose Darstellung des Guten und deS Schlechten, daS man durch diese Untersuchung gefunden hat. Allein dieses Universalmittel ist nicht überall anwendbar, und in dieser Beziehung eigentlich nur ein sehr specielles Mittel geworden, das blos noch in einigen Gegenden, wo ihm die Lust besonders günstig ist, verschrieben werden darf. In England scheint die Atmosphäre diese Eigenschaft zu haben, und der Verfasser unseres Werkes sucht diesen Vortheil bestens zu benutzen. Er geht von der Voraussetzung aus, daß die Wissenschaften, besonders die sogenannten eracten und die Naturwissenschaften, in England seit längerer Zeit im Verfalle sind, und er fincet die Ursache dieses Verfalles in der Ausartung der verschiedenen gelehrten Corpo- rationen dieses Landes, besonders aber in der völligen Entartung der lioxul Soeiot^, gegen welche letzte eigentlich das ganze Buch vorzüglich gerichtet ist. Unsere Absicht ist weder die Behauptungen des Verfassers zu unterstützen, noch sie zu widerlegen, da Beides eine innigere Bekanntschaft mit jenen Societäten, mit ihrer innern Organisation und selbst mit den Personen, aus welchen sie bestehen, voraussetzt, als wix uns zutrauen können. Wir begnügen uns, 8ws iru et stuüio, zu refe- rircn, was wir BemerkenSwerihhö in dem Buche gefunden haben, und wir überlassen eS denjenigen, die eS unmittelbar betrifft, und die uns, 269 LsIrdgAe, Ueolins ok scienoes. nee oüio, neo beniÜLio voll sind, ihre eigene Sache selbst zu vertheidigen. Für uns, für die parteilosen Leser auf dem Fcstlande kann übrigens die nähere Anzeige des Inhaltes dieses Buches nicht anders als nützlich seyn, da wir sie, je nach Lust oder Noth, entweder als Spiegel brauchen können — inspioore tanguum in speeulum, st sum- ineio oxkmplum sibi — oder da sie uns wenigstens als Warnungstafel vienen wird, um uns, wenn wir noch auf dem, rechten Wege sind, vor jenen Abwegen zu behüten, die uns so gut, als alle andere, inS Verderben führen würden. Die bereits erwähnte Voraussetzung unsers Verfassers, daß die Wissenschaften in England im Verfalle sind, sucht er durch die angeführten Aeußerungen mehrerer sehr achtbaren Männer zu beweisen, welche dieselbe Klage geführt haben, die jetzt eine beinahe allgemeine Klage des Landes seyn soll. Sir 'Hermphry Davy besonders soll ein eigenes Werk, ok tlie üeclinö ol Leieneeg in IknZIanü geschrieben haben, an dessen Vollendung ihn der Tod hinderte, und in welchem unter andern die Stelle vorkommt: „Wir bemühen uns umsonst, unsere alte Herrschaft im Reiche der Wissenschaften festzuhalten. Es gibt nur sehr wenige mehr unter nnS, die die Wissenschaften auf eine ihr allein würdige Weise betreiben, und die meisten sehen bei diesen Geschäften mehr auf ihren pekuniären Vortheil, als auf den Ruhm." Aehnliche Stellen mehr von Herschel d. j. und andern finden sich in der Ln- c^clopssäis Netropolituna und in vielen andern Werken der neuern Zeit. Selbst die Ausländer sollen dieß schon längst bemerkt haben, wie denn z. B. Delambre, wenn er von dem Verfalle der Mathematik in England spricht, mit dem Ausspruche endigt: I.ss ^nZIsis äepuls kisrvton ns s-rvent guo prsnüro nos vsisseaux. Endlich sollen vorzüglich die Zeitblätter Englands die NsZsrinen, Ikevievrs u. s. w. von denselben Klagen wiederhallcn. Ueber die Anonymität mehrerer dieser Aufsätze äußert sich der Verfasser so, daß Mittheilungen dieser Art nur dann ohne Werth sind, wenn eine Sache durch Zeugnisse erwiesen werden soll; wenn sie aber durch Gründe, deren Untersuchung im Bereiche jedes Lesers steht, bewiesen wird, so liegt in Beziehung auf die Wahrheit der Behauptung nicht daran, wer sie aufgestellt hat. So wünschenSwerth jede namentliche Kritik, besonders bei wissenschaftlichen Untersuchungen seyn möchte, so ist sie doch nicht immer anwendbar, weil es besonders unter den mittlern und untersten Klaffen von Gelehrten ein sehr weitverbreitetes Zenus irritsbils gibt, das jeden Tadel sogleich für einen persönlichen Angriff hält. Alle diejenigen, 270 Ladbare, Oeclins ot 8ciences. welche eine nähere Untersuchung ihrer selbst und ihrer Arbeiten scheuen, bemühen sich, diesen Grundsatz so weit als möglich auszudehnen, während derjenige, dem es redlich blos um die Wahrheit zu thun ist, die Kritik nicht nur nicht fürchtet, sondern sie sogar wünschen muß, eine reine Kritik nämlich von verständigen Männern und ohne Leidenschaftlichkeit vorgetragen. Was insbesondere die Kritik über solche betrifft, die in öffentlichen wissenschaftlichen Aemtern stehen; so hält der Verfasser dafür, daß der öffentliche Charakter eines jeden Staatsdieners ein rechtmäßiger Gegenstand der Untersuchung Jedermanns seyn soll, da seine Fähigkeit oder Unfähigkeit für das Amt, das er bekleidet, von jedem beurtheilt werden darf, der sie beurtheilen kann; und wer von Jenen so engbrüstig ist, vor diesen Ordalien zurückzuschrecken, der hat kein Recht, irgend eine öffentliche Besoldung anzunehmen, da er wissen muß, daß dieses, (in England nämlich) die allgemeine Bedingung ist, unter welcher man auf ein öffentliches Amt irgend einer Art und auf eine Besoldung aus der Kasse des Volkes Anspruch machen kann. Dieses Princip erstreckt sich nach dem Vers., den wir hier und im folgenden immer in seinem eigenen Namen reden lassen, auf alle gelehrte Corporationen, welche Benennung sie auch sonst tragen mögen. Diejenigen, aus deren Tasche die Besoldungen jener Gesellschaften bestricken werden, haben ein natürliches Recht, die Verdienste dieser Besoldeten zu prüfen, und auf die genaue Ausübung der Pflichten zu sehen, für welche sie eben bezahlt werden. Auch von den bereits Abgeschiedenen glaubt der Verfasser sich frei in Lob und Tadel äußern zu dürfen, weil das bekannte Sprichwort: lle mortuis nil ni8i deno, nach Dr. Johnsons Ausdrucke, sppeurs mors to ss- vour ol lemsls ^veslmess, tlmn ol msnl^ reason, und weil überhaupt die Geschichte Wahrheit fordert, die, bei der Annahme dieses Princips nur eine lächerliche, romanhafte Lobredncrei seyn würde. Nach dieser Einleitung geht der Verfasser zu seinem eigentlichen Gegenstände über, den er in sechs Kapiteln abhandelt. Das erste spricht von dem gegenseitigen Einflüsse der Wissenschaft eines Volkes und der Erziehung desselben. Das zweite betrachtet die Beweggründe, welche Einzelne im Volke antreiben, sich ausschließend den Wissenschaften zu widmen. Im dritten Kapitel werden die verschiedenen gelehrten Gesellschaften Englands im Allgemeinen, und im vierten die sogenannte kio^sl Society im Besondern, die letzte sehr umständlich behandelt; im fünften werden die im Schwünge gehenden Freiheiten beleuchtet, welche sich besonders die Beobachter in der Astronomie und Lalibags, Oecline ok scieness. L71 in der Physik erlauben, und im sechste» endlich werden Vorschläge zu Verbesserungen aller vorhin erwähnten Uebel mitgetheilt. Das Ganze schließt mit drei Beilagen, von welchen die erste den Rapport der Versammlung der Naturforscher in Berlin 1828, die zweite einige Privatbriefe, die sich auf die Wahl neuer Mitglieder in der Loeioly beziehen, und die dritte die Liste der Mitglieder dieser Societät mit der Anzahl der von ihnen eingereichten Memoiren mittheilt. Daß der Zustand der Wissenschaften in einem Lande einen direkten Einfluß auf das System der Erziehung der Jugend dieses Landes habe, wird als eben so bekannt angenommen, als daß diese Erziehung wieder ihren mächtigen Einfluß auf daS ganze nachfolgende Leben des Staatsbürgers haben muß. Aus diesen beiden Axiomen leitet der Verfasser im ersten Kapitel die Folgerung ab, daß der einmal anerkannte Verfall der Wissenschaften in seinem Lande auch wenigstens zum Theile aus dem fehlerhaften Erziehungssysteme dieses Landes entspringen müsse. Ein junger Mann, heißt es, tritt bei uns aus den öffentlichen Schulen in die Universität über zu einer Zeit, wo er noch in völliger Unwissenheit mit den Elementen irgend einer wahrhaft nützlichen Wissenschaft ist; diese Universitäten sind ursprünglich nur für diejenigen errichtet worden, welche sich dem geistlichen Stande widmen, daher blos die alten Sprachen und etwas Mathematik an denselben gelehrt werden, während alle andern nützlichen und selbst nothwendigen Kenntnisse entweder ganz Übergängen oder doch nur als Nebensache betrachtet werden. Da nun diese Einrichtungen, so gut sie vielleicht für jene Zeiten paßten, für die unsrigen nicht mehr passen, so wäre eine zweckmäßige Aenderung derselben eine wahre Wohlthat für das Land. Diese Aenderungen werden nun näher angegeben: da sie aber/ unserer Ueberzeugung nach, nicht tief genug gehen, und überdieß mehr die Universität von Cambridge betreffen, wo der Verfasser lehrt; so können sie hier Übergängen werden. Er endet seine Betrachtungen damit, daß das fehlerhafte und zu beschränkte ErzichungSsystem seines Landes auch die Ursache ist, warum selbst so Viele auö den höhcrn und höchsten Klassen eine Unwissenheit in den nothwendigsten Kenntnissen verrathen, die man bei einer gebildeten Nation, für welche doch die englische gelten will, nicht für möglich halten sollte. Die Diskussionen in beiden Kammern, die zuweilen über wissenschaftliche Gegenstände gehalten werden, sollen diese Behauptung in einem sehr hohen Grade-bestätigen. Unter den Gründen, welche den Einzelnen in England bewegen, 272 LabbsZe, Oeellne ok scieness. sich den Wissenschaften zu widmen, wird im zweiten Kapitel blos Eigennutz und persönliche Neigung angeführt. Ein Hanptübel, welches diese Leute drückt, ist der Mangel an esprit äe corps. Sie stehen meistens einzeln da, während Künstler, Fabrikanten, Handelsleute und selbst Handwerker Corporationen unter sich bilden, wodurch sie nicht nur ihrer Sache, sonder» auch ihrem eigenen Vortheile un- gemein aufhelfen. Der sogenannte Gelehrte aber muß, wenn er nicht zum geistlichen Stande gehört, sich auf sich selbst verlassen, und alle die Vortheile größten Theils entbehren, die aus jener Vereinigung ganzer Gesellschaften zu demselben Zwecke hervorgehen. Eine Folge davon ist, daß die Gelehrten meistens allein stehen, und daß sie von den andern Klassen nur selten recht beurtheilt und gehörig geschätzt werden können. Ihre stille und zurückgezogene Lebensart, die ihnen von der Schwierigkeit, so viele Kenntnisse zu erwerben, geboten wird, vermehrt noch die abgesonderte Lage derselben, und in den neueren Zeiten, wo Jeder, der zu den Gebildeten gezählt werden will, sich einen gewissen Anstrich von Gelehrsamkeit anzueignen sucht, wird cö den höhern Ständen, die gewöhnlich selbst nicht zu den eigentlichen Gelehrten gehören, besonders schwer, auch selbst mit ihrem besten Willen, den bloßen Schein der Gelehrsamkeit von der wahren Kenntniß höherer Ordnung zu unterscheiden. Diese Bemerkung trifft vorzüglich die, welche sich den exacten Wissenschaften, und unter diesen besonders der Mathematik, gewidmet haben. Da es in England keine eigentliche wissenschaftliche Corporation gibt, die sich so aus sich selbst heraus bildet, wie wir dieß bei manchen Künsten und Handwerken sehen; so ist man gezwungen, so oft eine Stelle, für welche besondere Kenntnisse nothwendig sind, erledigt ist, sie aus der Klasse der sogenannten Liebhaber derselben zu besetzen. Allerdings ist dieses Verfahren immer noch besser, als wenn man die Leute nur nach Gunst oder nach einem oberflächlichen Examen und dgl. wählen wollte. Aber sehr viel ist dabei auch nicht gewonnen, da jene Liebhaber sich gewöhnlich nur auö Lust oder Langweile mit dem Gegenstände beschäftigt haben, und da z. B. ein Freund der Astronomie, der zuweilen eine Finsterniß beobachtet, oder ein Paar Polhöhen bestimmt hat, deswegen noch nicht im Stande seyn muß, einer großen und wohleingerichteten Sternwarte vorzustehen. Ei» Soldat, ein Seemann, ein Kaufmann kann allerdings recht artige Kenntnisse in andern Fächern besitzen, er kann sich dadurch selbst unter den Leuten seines Standes sehr Vortheilhaft auszeichnen; aber wenn Ladbare, veolins vl Sciences. 273 er einer großen Anstalt vorstehen soll, so werde» dieselben Vorzüge, die ihn srüher in der Gesellschaft glänzen machten, nur selten hinreichen, ihm auch in seinen neuen Verhältnissen einen gegründeten wissenschaftlichen Ruf zu verschaffen. Es scheint nicht so schwer zu seyn, sich als Theolog, als Jurist, als Oekonom, ja selbst als Arzt, einen gewissen Ruf unter der Menge, und dadurch selbst einen oft sehr bedeutenden Wohlstand in der Gesellschaft zu erwerben. Aber es ist eine ganz andere Aufgabe, mit dem gegenwärtigen Zustande der Mathematik genau bekannt zu seyn, und nur Wenigen ist es gegönnt, zu der Vollkommenheit, welche diese Wissenschaft errungen hat, noch etwas Wesentliches beizutragen und die Fackel der Aufklärung noch in bisher »»erleuchtete Gegenden ihres großen Gebietes zu tragen; und denen dieser Ruhm geworden ist, wurde er nur auf Kosten von andern Gütern und Genüssen gegeben, welchen die Meisten um diesen hohen Preis zu entsagen nicht im Stande seyn würden. Es ist bekannt, daß die Regierung in England für die Beförderung der Wissenschaften weniger thut, als die meisten andern Staaten Europa's. Beinahe alle scientifischen Institute, selbst die rein theoretischen, wie z. B. die Lehrkanzeln an den Universitäten, sind durch Privatleute gegründet und werden durch sie unterhalten. Diese Aeußerung des publio spiiit macht dem Volke Ehre und hat seine Glanz-, aber auch gewiß seine Schattenseite. Wo immer bei einer neuen Entdeckung Gewinn zu hoffen und Prosit zu machen ist, da ist in England Unterstützung, und reiche Unterstützung gewiß. Wo eS sich aber bloß um eine, übrigens noch so wichtige, noch so schwer zu findende, abstrakte Wahrheit handelt, nimmt sich Niemand ihrer an. Und doch führen diese abstracten Wahrheiten oft zu den lukrativsten Einrichtungen, aber meistens erst sehr spät nach ihrer Entdeckung. Wenn dann der arme Entdecker lange schon todt, vielleicht vor Hunger gestorben ist, dann trägt derjenige, der die Anwendung, die Profitseite der Sache aufgefunden hat, den reichen Lohn davon. Wir haben davon mehr als ein sehr auffallendes Beispiel. DaS Princip des hydrostatischen Paradoxons war schon zur Zeit des Stevinus gegen daö Jahr 1600 als eine abstrakte Wahrheit bekannt, und wurde später in allen Lehrbüchern vorgetragen. Belohnt und unterstützt aber wurde erst in unsern Tagen der bekannte Drain ah, der auf diesem Principe seine vortreffliche und sehr einträgliche Presse gründete. Die Csnvertibilität des OscillationS- und Suspen- sionöpunktes bei den Pendeln hatte vor 150 Jahren der berühmte Littrow i. 18 274 Lsbbage, veclins ok seiences. Huyghens gefunden, aber anerkannt wurde es nicht eher, bis I« unseren Tagen Prony, Bohnenberger und Kater die großen Vortheile derselben in der Anwendung gezeigt hatten. Black'S Entdeckung von der latenten Wärme blieb unbeachtet, bis Watt die Dampfmaschine darauf gegründet hatte, die wegen des unermeßlichen Nutzens, den man von ihr zieht, dem Letzten Ruhm und Vortheile in großem Maaße verschaffte. Und doch sollten die Menschen, wenn sie billig seyn wollten, eine ganz umgekehrte Ordnung befolgen, da die Geisteskräfte, welche neue Principien oder neue Methoden erzeugen, von einer viel höhern Ordnung sind, als diejenigen, welche jene Erfindungen blos glücklich anzuwenden und profitabel zu machen verstehen. Zu der Zeit als HuyghenS das oben erwähnte Theorem entdeckte, mußte er nicht bloß eine vollkommene Kenntniß der Mathematik, wie sie damals war, sondern er mußte eine geistige Kraft besitzen, die im Stande war, das Gebiet derselben zu erweitern. Solche Kräfte aber sind nur selten geeignet, sich bis zu den Anwendungen ihrer Ideen im Detail herabzulassen, und es ist daher unbillig, sie unbeachtet stehen zu lassen, während man ihre Nachahmer und Nach- treter mit Ehren und Schätzen überhäuft. Für Einen Mann, den der Himmel mit der Kraft der Erfindung gesegnet hat, gibt eö immer Tausende, welche diese Erfindung, wenn sie einmal gemacht ist, anzuwenden wissen, und oft fällt noch ein großer Theil deS Ruhmes, der gewöhnlich dieser Anwendung gezollt wird, auf den unbekannten Künstler, der die neue Maschine so gut ausgeführt hat, und dessen Name oft nicht einmal genannt wird. Wem daher, wie dem Engländer, daran liegt, daß neue theoretische Ideen glücklich und fruchtbringend angewendet werden, dem soll auch daran liegen, die seltenen Männer auszuzeichnen und zu unterstützen, die allein im Stande find, solche Ideen zu erzeugen. Wer kann es billigen, daß der Verfertiger einer Zauberlaterne oder eines Helioskops mit Reichthümern bedeckt wird, während der Entdecker der Gcsttze des LichteS seine Tage in Kummer und Armuth verlebt, und unbekannt und unbelohnt in sein dunkles Grab steigen muß? Die Einwendung, die man so oft hört, daß für die abstracten Wissenschaften und für ihre Verehrer schon durch die Lehrkanzeln an unsern Universitäten hinlänglich gesorgt ist, ist von sehr geringem Gewichte. Die Universitäten sind nur selten ' die Orte, wo bedeutende Erfindungen gemacht werden; sie sollen bilden, nachhelfen, unterrichten, aber nicht erfinden, noch erfinden lehren, weil sich dieses gar nicht lehren läßt. Auch sind die ewig wiederholten Ladbare, Ueclioe ok seienoss. 275 Vorlesungen nicht geeignet, einen exprit inventeur zu unterhalten, und wenn ArchimedeS auf irgend einer unserer Hochschulen Professor der Mathematik, oder Homer Professor der Poesie gewesen wäre, so würden sie wahrscheinlich nicht die Männer geworden seyn, oie wir setzt in ihnen verehren: iHselir; insdile8 uiAerentur Ion§s iwote, csrent czuia vulo sscro. So dachte auch der berühmte Galilei, einer der erfindungsreichsten Köpfe seiner und aller Zeiten. Als man ihm mit einer beträchtlichen Vermehrung seines GchaltcS die früher von ihm versehene Professorsstclle an der Universität in Pisa wieder geben wollte, schrieb er an den Großherzog, seinen Gönner zurück: „Diese öffentlichen Vorlesungen, sowie meine häuslichen Geschäfte sind ein großes Hinderniß für meine Studien, daher ich sehr wünsche, von den letzten wenigstens zum Theile, von den ersten aber ganz und gar befreit zu seyn." Selbst wenn diese Professorstellcn nur als Belohnung für bereits ausgezeichnete Gelehrte vergeben werden, steht eS noch immer schlecht um den Schutz, den man dadurch den Wissenschaften angedeihen läßt. Wie würde eS wohl z. B. um den militärischen und nautischen Ruhm Englands aussehen, wenn für diese beiden Wissenschaften dieselbe Einrichtung bei uns eingeführt wäre, und wenn Wellington und Nelson zur Belohnung ihrer Verdienste ihr Leben damit zubringen sollten, Rekruten und Matrosen abzurichten? Männer dieser Art in jedem Zweige deS menschlichen Wissens sollen ein ganz besonderer Gegenstand der Sorgfalt deS StaateS seyn, den sie zieren und in dem sie immer und überall nur selten genug seyn werden, um dem Schatze nicht beschwerlich zu fallen. Aber wer soll sie richten, wer über sie erkennen? — Gewiß nicht irgend eine bestimmte Stelle, deren Mitglieder gewöhnlich selbst nicht die nöthigen Kenntnisse besitzen. Eben so wenig die höhern Klassen, oder irgend eine ausschließende Kaste der Gesellschaft, auS demselben und auS noch vielen andern Gründen. Unsere eigentlichen Geschäftsmänner messen Alles, also auch die Wissenschaften nur nach dem Nutzen, den dieselben in ihren Kassen hervorbringen, und größtentheilS kommt ihre Geringschätzung der Gelehrten nur daher, daß sie den Nutzen ihrer Arbeiten nicht einsehen. Allein sie würden, wenn sie selbst mehr Kenntnisse hätten, oder sie doch bei andern zu suchen und zu brauchen wüßten, bald sehen, daß wahre Wissenschaft auch in dieser Beziehung kein so geringfügiges Ding ist, als sie gewöhnlich glauben. Um nur ein Beispiel anzuführen, so fand die englische Regierung vor Kurzem, daß die Lebenö- 1Ü" 276 LabdsZe, Oscline ok Sciences. reuten, welche sie vielen ausgedienten Staatsbürgern bewilligt, seit mehr als einem Jahrhunderte irrig berechnet worden sind, daher denn auch durch eine eigene ParlamentSacte andere und ganz neue Tafeln eingeführt wurden. Man fand, daß der Schaden, welchen der Staat durch diesen Irrthum litt, über 2'/? Million Pfund Sterlinge betrugj den man sich also hätte ersparen können, wenn man ein wenig mehr von der Mathematik verstanden, oder wenn man diejenigen gefragt hätte, die es verstanden und die den großen Fehler schon lange zuvor eingesehen hatten. In andern Ländern, besonders in Frankreich, ist man der Meinung, daß Kenntnisse und Wissenschaften bei einem Manne eine gute Empfehlung für Staatsämter sind, und daß einer deßhalb kein schlechterer Gesandter seyn wird, weil er ein guter Vorsteher einer wissenschaftlichen Anstalt war, oder weil er irgend einen andern Theil unserer Kenntnisse durch seine Entdeckungen zu bereichern verstand. Wir haben selbst Minister und StaatSräthe, die einmal nichts als gute Mathematiker gewesen sind. So wurde in Frankreich Laplace aus einem Professor der Mathematik Marquis und Präsident deö SenatS; Carnot Kriegsminister; Chaptal aus einem Chemiker Minister des Innern; Cuvier aus einem Anatomen und Naturhistoriker Baron und Minister des öffentlichen Unterrichts; in Preußen W. Humboldt aus einem Orientalisten Baron und Gesandter in England; Alexander Humboldt aus einem Privatreisenden Baron und königl. Kammerherr; in Sachsen Lindenau aus einem Astronomen Gesandter und Staatsminister; Göthe aus einem Dichter Staatsminister; in Modcna Rangoni aus einem Mathematiker Marquis und Finanzminister; in Toskana Fossombroni aus einem Mathematiker Graf und erster Minister des Großherzogö u. s. w. Eine andere Zusammenstellung zeigt dem Vers. das Verhältniß der Mitglieder der Akademien in jedem Lande zu der gesammten Anzahl der Einwohner dieses Landes. Er findet so von den vier vorzüglichsten Ländern: Population Zahl der Akademiker Verhältniß beider England .... 22,299,600 735 30,340 : 1 Frankreich . . . 32,058,000 75 427,000 : 1 Preußen.... 12,415,000 38 326,000 : 1 Italien. 12,000,000 40 300,000 : 1 VsbdsAs, Ooelins ok soisneos. 277 In England kommt daher auf je 30,340 Einwohner schon ei« Mitglied irgend einer gelehrten Gesellschaft, während in Frankreich erst 427,000 Einwohner eine« Akademiker geben. Man könnte daraus schließen, daß eS in dieser Beziehung nahe 14 Mal besser in England stehe, als in Frankreich, aber auch, daß eS in Frankreich eine 14 Mal , größere Ehre sey, einer Akademie anzugehören, als in England, wo diese Ehre viel zu freigebig vertheilt wird, und daher an ihrem Werthe verloren hat. Der Verfasser ist der letzter» Meinung. Er schließt so vorzüglich aus dem Grunde, weil nach ihm der gelehrte Stand in vielen andern Ländern mehr geschätzt wird als in England. Er setzt hinzu, daß von allen europäischen Staaten Preußen jetzt am meisten zur Beförderung der Wissenschaften beitrage, und daß dieser Vorzug in dem Charakter der regierenden Familie zu suchen ist, die sich selbst der abstraktesten Wissenschaften mit einem bisher nur selten gesehenen Eifer annimmt. Die alte Maxime, daß die eigentliche Kraft im Geiste sey, kann nur der wohl fassen, dem selbst ein höherer Gelst beiwohnt, und dieses Glück genießt der jüngere Theil jener Familie in einem seltenen Grade. — In Frankreich gibt eS nur wenige ausgezeichnete Gelehrte, die nicht durch Titel und Orden von der Regierung geehrt würden. Blos unter den Mitgliedern des Instituts von Frankreich zählt man von der Ehrenlegion 3 Großkreuze, 3 Großofsiziere, 4 Commandeurs, 17 Offiziere, 40 Ritter u. s. w.; ferner von dem Michaelsorden 2 Großkreuze, 27 Ritter u. s. w. Von denselben Mitgliedern des Instituts wurden erhoben 2 zu Herzogen, 1 zum Marquis, 4 zu Grafen, 2 zu Vicomtes, 14 zu Barons, 5 zu kairs äs branes u. s. w. Es ist charakteristisch, die Ksrstts äs krancs erzählen zu hören, daß die Adresse auf die königliche Rede im englischen Parlamente 1830 von dem Herzoge von Oucclsuzli verfaßt war, dem Llisl äs la maison äs Walter Scott, wie die Oarelts hinzusetzt. Ein englischer Zeitungsschreiber würde statt dieses für ihn nichts bedeutenden Zusatzes lieber ein „Seiner Gnaden" oder dergleichen gebraucht haben. Endlich waS man auch von den große» Besoldungen der Professoren in England sagen mag: die meisten sind für jenes theure Land sehr gering, und während einige Wenige im Ueberfluffe schwelgen, müssen alle klebrigen darben. „Ich kenne sehr viele, die kaum leben können, und immerdar mit Armuth kämpfen. Ich kenne aber auch einige Fellows, die zehn und zwanzig Mal mehr haben, als sie brauchen, und hundert Mal mehr als sie verdienen. Einige von ihnen 278 LabbsZo, vsclins ok Sciences. sind durch ihr Wohlleben dahingckommen, daß sie die einzige Arbeit, für die sie da sind, die Vorlesungen, jahrelang vernachlässigen, sie von einem Andern für ein geringes Geld geben lassen, und sich indeß auf Reisen in allen Landern die Zeit, zu vertreiben suchen. Ich war einst selbst gegenwärlig, als ein Ausländer einen solchen Herrn um die eigentliche Bedeutung deS Wortes „Fellow" fragte und die Antwort erhielt: lls äekiinlion on est bis» äillieils, mais par circon- «Lnplion »n pt-ul äj,6, g'un kcllmv sst un bommv äk8Unä ü consumsr les rsvenuvs clv I'Oniv, rsits. Der Verfasser schließt diese Betrachtungen mit einer Note, die vielleicht auch außer seinem Lande ihre Anwendung sinket. Welches sind also fragte er, die Auesichten eines jungen Mannes bei dem Eintritte in las L^ben, der sich ganz den ernsten Wissenschaften widmet und, mit einem ausgezeichneten Talent versehen, der mächtigen innern Stimme folgt, die der sicherste Bürge der künftigen Unsterblichkeit seyn soll, die er auf diesem Wege zu erreichen bvfft? Was sind seine Aussichten? Wird wohl se.bst der glühende Pinsel siiner jugendlichen Fantasie daS tiefe Dunkel zu erhellen im Stande seyn, daS sich vor seinen Blicken ausbreitet? Wohin er sich wenket, nirgends sieht er eine Stelle im Staate, oder irgend einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft seiner Mitbürger, die sich ihm blos wegen seiner Kenntnisse, z. B. in der Matbematik öffnet und einst für die lange und mühevolle Arbeit entschädigen könnte. An unsern Universitäten gibt eS wohl einige dieser Stellen, aber ihre Anzahl ist k.ein, und die Einkünfte aller übrigen reichen kaum hin, den einzelnen Mann, geschweige eine ganze Familie zu ernähren. Warum gab er seinen Freunden nicht nach, als sie ihm rietöen, einen andern Weg einzuschlagen, auf welchem sie ihm hätten helfen können, während sie ihn hier seinem Schicksale überlassen müssen? Warum wählte er nicht lieber irgend eine Kunst, oder se.bst ein Handwerk, welches ihm, bei Fleiße und Geschick.ichkeit seine Mühe besser vergolten und ihn vielleicht zum wohlhabenden Manne gemacht hätte, während er jetzt bis an sein Ende in Armuth schmachtet? Der Verlust ist groß für ihn, aber er ist noch größer für sein Vaterland, daS bei dieser verkehrten Einrichtung sich aller seiner besten Köpfe beraubt,' und sich überall nur mit Mittelmäßigkeiten behelfen muß. Ja selbst, wenn der arme Getäuschte durch irgend einen glücklichen Zufall eine jener wenigen bessern Stellen an unsern Universitäten und Akademien erhält, so mag rr sich ja wohl hüten, zu glauben, daß man dieses Opfer seinem Ilsbkaxo, vscllas ok «cisucss. 279 Talente oder seinen Kenntnissen gebracht hat. Er wird bald finden, daß man ganz andere Eigenschaften bet ihm voraussetzte und daß, wenn er diese Eigenschaften nicht besitzt, er vergebens auf die Ruhe rechnet, in welcher er auch den Abend s.ines Lebens denjenigen Wissenschaften zu widmen gedenkt, denen er seine Jugend und sein männliches Alter zum Opfer gebracht hat. Nur zu bald wird er die Erfahrung machen, daß der hohe und unabhängige Geist, der gewöhnlich in wahrhaft wissenschaftlichen Männern lebt, durchaus nicht für jene ! Stellen paßt. Meh' Sklave seiner Umgebung, als zuvor in seiner ! Armuth, wird er loben müssen, wo er tadeln sollte, lächeln, wo er weinen möchte, und seine Stimme wird verhallen, seine Kraft ver- ^ siegen, und alle die schönen und großen Hoffnungen, die ihn durch i sein ganzes Leben begleiteten, werden unerfüllt mit ihm in die Grube steigen. Im dritten Kapftel geht der Verfasser die vorzüglichsten gelehrten Gesellschaften Englands im Allgemeinen durch. Die Botaniker fühlten zuerst, daß die Einrichtung der alten königlichen Societät auf sie zu wenig oder eigentlich gar keine Rücksicht genommen hat, und so entstand die lännnan 8ociet)-. Erst spät nach ihr entstand auS einer ähnlichen Ursache die llnoloaicsl, und erst in unsern Tagen die ^slrvnomical Lociei^. Jede von ihnen fand den heftigsten Widerstand von Seiten ihrer alten neidischen Mutter, der Uozal Looiel^, die durchaus keine ihrer Töchter, die ihr roch eigentlich gar nichts schuldig waren, auskommen lassen wollte. Aber vielleicht wußte diese alte, in Erfahrungen aller Art grau gewordene Mutter, daß zum Gedeihen jugendlicher Anstalten, wie der einzelnen Individuen, Härte, Unterdrückung und Verfolgung die besten Mittel find, und sie verdoppelte daher in ihrer Weisheit die Angriffe, als sie sah, daß ihre Mittel so gute Erfolge hatten, und daß diese jungen Anstalten unter den Schlägen ibrer Vormünderin nur um so schneller herauswuchsen und um so fröhlicher gediehen. Seit einiger Zeit hat die Alte ihr System geändert, man weiß nicht recht, warum, und die ^ovloxicsl- und Aeltioo-Knlsnicsl-Lociet^ wurden ohne ihren Widerstand eröffnet, find aber auch, wie zu erwarten war, in einem Zustande, der sich mit jenem der oben genannten Gesellschaften nicht vergleichen läßt. Alle diese Kinder aber leben jetzt lustig fort, jedes auf seine Hand, und alle bedauern mit wahrhaft zärtlicher Ergebenheit die zweite Kindheit ihrer gemeinschaftlichen Mutter und die Übeln Rathschläge, welche sie so früh schon in diesen bedauernswürdigen Zustand gebracht haben. 280 LabbsKS, Deolins ok seioneos. Man erkennt die zahlreichen Mitglieder dieser Töchter-Societäten an den vielen Anfangsbuchstaben, welche sie ihrem Namen seit einiger Zeit beizusetzen pflegen. Hier sind einige derselben zugleich mit dem EintrittSgeloe, mit welchem man die Ehre, solche Zeichen zu kragen, ^ erkaufen kann: I kl. 8. llellow ok tlw Uo^al 8ooietp .... 50 klä. k. 8. L. 11 1) 11 kox. 8ocivtx ok üdinburgb 25 11 öl. k. l. D. 11 11 1). ll. ^cullomik ol Dublin . 26 11 r. k. 8. I.. 1) 11 11 k. 8oo. ol Ditersturo . . 36 11 8. 11 11 11 ^ntiguari un 8ooiot^ . . 50 11 x. D. 8. 11 n n Dinnean 8ooiot^ . . . 36 11 6. 8. 11 11 n OeologicLl 8ociet^ . . . 34 11 öl. ^4. 8. 11 11 11 -4stronomiosl 8ooist^ . . 25 11 x. U. -4. 8. 11 11 11 kio^. ö.siatio 8ociet^ . . 31 11 x. öl. k. 8. 11 11 11 ölodjeo-kotaniool 8oo. . . 21 11 öi. K. I. 11 1) 11 kto^ol Institution . . . 50 11 Es scheint nicht schwer, vorauszusagen, daß die meisten dieser neuen Societäten nicht lange dauern werden. Sie können sich nur, wenigstens in gutem Zustande, erhalten durch eine unbeschränkte Öffentlichkeit ihrer Arbeiten und durch gelegentliche Diskussionen, und mündliche Untersuchungen in ihren Versammlungen, und klian sollte auf alle diejenigen ein wachsames Auge haben, welche diese Grundgesetze untergraben wollen. Viele von ihnen, vor allem die ko/sl Looiet)', bedarf noch anderer und größerer Verbesserungen, und da bei mehreren das Uebel, an welchem sie siechen, sehr tief geht und bereits veraltet ist, so kann die Operation nicht anders als schmerzhaft seyn. „Hätte guter Rath und wohlgemeinter Tadel, der auf andern Wegen ihnen zugehen sollte, gefruchtet, so würde ich still geblieben seyn, da sie aber nichts gefruchtet haben, und da man sich durchaus nicht bessern will, so muß man jetzt versuchen, durch öffentliche Klagen der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, und die Meinung der Nation selbst auf eine Reform hinlenken, die allein geeignet ist, die ko^al Society vor Verachtung in unserm eigenen Lande und vor der Lächerlichkeit in andern zu bewahren: suoli relorm, ss skull roscUs tl>6 Uopsl Society lrom contempt in nur own countip, und lrom riüiouls in otkors. Die Ooologiesl Loeielp hat nebst vielem andern Guten auch bereits in dem schwersten aller Geschäfte, das von einer solchen Gesellschaft gefordert werden kann, in der mündlichen Discussion über jedes Lsbbsxo, vsclias scisnsos. 281 gelesene Memoir, gute Fortschritte gemacht. Diese Diskussionen, gehörig durchgeführt, ohne bittern Tadel und ohne gegenseitige Lobhudelei, werden einst die schönsten Früchte tragen. Ihre gedruckten Memoiren dürften übrigens mit mehr Sorgfalt verfaßt seyn. Auf diese Weise werden die übrigen Societäten durchgegangen. Am schlechtesten kommt die msüieo-botsnioal Society weg, von der es heißt: Ihre Selbstgenügsamkeit war groß, und ihre Prätensionen waren noch größer. Sie verschaffte sich gleich anfangs einen großen Glanz, aber nicht durch ihre Arbeiten oder durch ihre Entdeckungen, sondern durch die Menge von Grafen, Fürsten und Prinzen, die sie in ihrer Mitte aufgenommen hat. Es wird überflüssig seyn, fetzt hinterher die Ursache ihrer ephemerischen Quacksalberei aufzudecken; aber die bösen Folgen derselben haben uns und ganz Europa über den eigentlichen Charakter unserer wissenschaftlichen Institute aufgeklärt. Durch eine sonderbare Verkehrtheit aller Grundbegriffe einer solchen Gesellschaft brachte diese es dahin, daß die höchste Ehre, die sie einem ausgezeichneten Manne erweisen konnte, nicht in der Aufnahme desselben, sondern in dem Hinauswerfen aus ihrer Gesellschaft bestand, und daß sie so, indem sie alle wackern Leute von sich fortstieß, in einer Art von Wüthen gegen sich selbst, in einer Art von Selbstmord, die einzige Tugend übt, deren sie noch fähig zu seyn scheint. Sie habe» unter andern ihrer ehemaligen trefflichen Mitglieder auch einen Mann hinauSgewiesen, dessen kleinster Ruhm darin besteht, daß er der erste und rationellste Botaniker unsers Landes ist, und der zu Hause sowohl als im Auslande allgemeine Verehrung genießt. Auch verwunderte sich die Welt nicht sowohl über seinen Austritt, sondern vielmehr nur über seinen Eintritt in diese Gesellschaft, die seiner ganz unwürdig war. DaS vierte und am umständlichsten abgehandelte Kapitel hat die ko^sl Soviel^ zum Gegenstände. Wir heben daraus nur das Merkwürdigste aus, da eine nähere Anzeige des Ganzen zu viel Raum erfordern würde. Die Aufnahme der Mitglieder soll auf folgende Act geschehen. Drei der schon bestehenden Mitglieder reichen eine Schrift bei dem Präsidenten ein, daß Master X aufgenommen zu werden wünscht. Diese Schrift wird in dem Versammlungösaale aufgehängt und nach Verlauf von zehn Wochen wird die Wahl vorgenommen. Ist der Candidat, sagt der Verfasser, so glücklich, in der literarischen Welt ganz unbekannt zu seyn, so ist er gewöhnlich sicher, angenommen 282 LsbbsZe, Uoellns ok reiooooi. zu werden. Hat er aber bereits über einen wissenschaftlichen Gegenstand sich als Schriftsteller ausgezeichnet, oder sich durch irgend eine preiswiirdige Erfindung berühmt gemacht; so sängt die Societät an zu fragen, was er bisher gethan oder geleistet hat, und wenn eS einmal dahin gekommen ist, so mag er sich nur, außer in den Fällen von besonderer Protektion, auf lauter schwarze Kugeln gefaßt machen. In den letzten vierzehn Jahren waren wenigstens alle diefenigen, die verworfen oder nicht angenommen wurden, durchaus sehr bekannte Männer in der literarischen Welt. U-brigenS zahlen Alle, ohne Ausnahme, gleich viel als AntrittSgeld, nämlich 50 Pfund. Wie Master David Giibcrt zur Präsidentschaft dieser Societät kam, kann der Vers nicht genau sagen. In der Resolution des Conseils hieß eS, daß er bei weitem die geeignetste Person dazu wäre — dzr lär tlio most lil pernon to de propozeü ss llrosiclent. Nun ist, fährt der Verf., den wir immer reden lassen, weiter fort, Herr Gilbert ein sehr liebenswürdiger und gutmüthiger Mann, was Alle, die ihn kennen, sogleich bezeugen werden — aber daß er zum Piäsi- denten dieser Gesellschaft auch nur obenhin, nicht bei weitem, geeignet wäre, werden wohl nur die sagen, die ihn dazu gewählt haben. Statt das Organ des Körpers zu seyn, dem er vorstand, proponirte er selbst die Resolutionen; statt sich in seiner wichtigen Stellung Achtung zu verschaffen, griff er nach der Gewalt eines Despoten; und statt die Würde seines CollegiumS durch die Würde der Wissenschaft selbst aufrecht zu halten, machte er den Ministern fade Bücklinge und ließ sie seine Simplicität belächeln u. s. f. Mehrere der leitenden Mitglieder der U. 8. sind MilitairS, was im Allgemeinen keine guten Folgen hat. Die Gewohnheit des Gehorsams sowohl, als auch die deS unbedingten BcfehienS machen diese Personen, so viele Kenntnisse sie auch sonst haben mögen, doch meistens nicht geeignet zu Aemtern in wissenschaftlichen Instituten, wo vor allem Freiheit der Untersuchung und der gegenseitigen Erörterung statt haben soll. Viele von ihnen können den Widerspruch nicht vertragen, und fede Kritik ist für sie ein Angriff, eine persönliche Beleidigung, während auf dem Felde der Wissenschaften Widerspruch und Kritik federn frei steht und frei stehen muß, wenn eS, wie man doch voraussetzen wird, um das Auffinden der Wahrheit zu thun seyn soll. Die traurige Abhängigkeit der k. 8. von der Admiralität wirkt auf die Societät und auf die Wissenschaften selbst sehr nachthcilig zurück, und ist geeignet, alle freie Bewegung der letzter» zu paralysiren, wie hier Labbsxe, vsclins ok eoiencs!. 283 mehrere Beispiele einer solchen Paralyse angeführt werde«. Im Conseil der Societät sollte für jede der Hauptwissenschaften ein Mann gefunden werden, der die Arbeiten derselben zu beurtheilen, und zu leiten versteht. Allein das gegenwärtige Conseil hat z. B. keinen einzigen Mann, der mit der Mathematik näher bekannt ist. Das Gesetz schreibt ausdrücklich vor, daß die Mitglieder des Conseils seyn sollen rvell verseil in tbe Sciences ol mulbemstics, gslroniim^ sink nnviZstion. Ob daS aber von den gegenwärtigen Mitgliedern gilt, wird man erst dann sehen, wenn sie einmal etwas von ihren Arbeiten werden bekannt gemacht haben. Wenn eS sonst im Sprichworte heißt, daß das Amt auch Verstand gebe, so hat man dabei doch wenigstens die wissenschaftlichen Aemter nicht meinen können. — Zum Schlüsse dieser Bemerkungen wird nun vorzüg ich Sabine's letztes Werk, das seine Beobachtungen mit dem Reversionspendel enthält, umständlich untersucht, und das Urtheil gefällt, daß seine Beobachtungen fehlerhaft sind, daß er gegen die Meinung der Societät zu diesen Arbeiten ganz ungeschickt ist, daß die gerühmte Harmonie seiner Resultate nur imaginär ist u. dgl. Schädlich ist ferner die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person, um den Gehalt derselben zu vermehren. So hat der königl. Astronom Pond drei, Sabine drei, Brande sechs bis sieben Aemter in sich vereinigt, die daher alle nur höchst oberflächlich besorgt werden können. Auch wird zu luxuriös und zu viel gedruckt, daher eine Menge Bücher, die große Summen kosten, liegen b-eiben, und später ganz anders verwendet werden. So fand man vor einigen Jahren in einem alten Schuppen zwei und eine halbe Tonne voll von den Bänden der Greenwicher Observatorien, die zu Pappendeckel verkauft worden sind. Wenn man aber diese Bücher bei der Societät, unter der die Sternwarte in Greenwich steht, nachsehen will, so erhält man abschlägige Antworten und wird an den Buchhändler verwiesen. Als der Vers., selbst Mitglied der Societät ein Exemplar des Werkes für sich verlangte wurde eS ihm mit dem Bedeuten abgeschlagen, daß die Societät nicht einmal Exemplare genug habe, um die verschiedenen Akademien des Auslandes zu betheilen, und daß sie daher auf Einzelne keine Rücksicht nehmen könne. Aber sie tonnenweise zu Pappendeckel für einen elenden Preis verkaufen, das kann sie. Uebrigenü ist das Unrecht, welches dadurch der Wissenschaft geschehen mag, nicht so groß, als mancher glauben wird. Herr Pond muß besser, als irgend Jemand den wahren Werth 284 Lsbbsge, veoline ok sciencss. seiner Produkte bestimmen können, und wer darf mit ihm rechten, wen» er nun einmal der Meinung ist, daß seine Deputation am besten fährt, je weniger von seinen Arbeiten öffentlich bekannt wird. Im Jahre 1825 bewilligte der König zwei goldene Medaillen, jede 50 Guinecn am Werthe als neue Prämien der k. 8. Es wurde der förmliche Beschluß gefaßt, daß sie für die wichtigste Entdeckung oder Untersuchung des vorhergehenden Jahres bestimmt seyn sollten. Allein gleich im ersten Jahre wurden diese Medaillen vertheilt, die eine an den Präsidenten John Dalton für seine Theorie der Atome, und die andere an Jvory für sein Memoir über die Refraktion. Dalton'ö Theorie der Atome wurde aber schon vor 20 Jahren bekannt gemacht, und Jvory'S Aufsatz steht schon in einem drei Jahre ältern Bande der philos. TranSactionS. War denn kein einziger Mann im Conseil, der eS wagte, dem Präsidenten eine allernnterthä- nigste Vorstellung zu machen, daß man doch das von ihm selbst gegebene Gesetz nicht gleich im ersten Jahre übertreten möchte? Was soll das Publikum sagen, das auf diese erste Vertheilung so neugierig war? Oder kümmert man sich in der k. 8. nicht mehr um das Publikum? Oder kann der Präsident ohne alle Rücksicht auf die Beschlüsse des Conseils thun, was ihm gefällt? Oder war vielleicht schon die Mittagsstunde zu nahe, als daß man noch eine neue Diskussion anfangen oder auch nur das Gesetz vorlesen sollte? Der Verf. brachte diese Sache in der nächsten Sitzung selbst zur Sprache, aber er erhielt die Antwort, daß das Verfahren wohl allerdings etwas unregelmäßig, soinuvrliat irregulär sey, aber sehr leicht wieder berichtigt werden könne; denn da das Gesetz nur von dem Conseil selbst komme, so könne ja das Conseil es wieder ändern, und so das Verfahren ganz mit dem Gesetze übereinstimmend machen. Auch kenne ja das Publikum das ganze Gesetz noch nicht, werde sich also auch über die Uebertretung desselben nicht aufhalten, und was dergleichen speciöse Gründe mehr waren, durch die man die faule Sache zudecken wollte. Der Verf. endet diesen Gegenstand mit einigen Nachrichten über die Gründe, wegen welcher dieses oder jenes Mitglied eine Medaille erhielt. Der Eine bekam sie, „weil er bisher noch keine bekommen hatte," und im folgenden Jahre bekam sie ein Anderer, „weil er sich betrübte, daß der Erste sie im vorigen Jahre erhielt." Ein Dritter bekam sie, „weil man ihm kurz zuvor übel mitgespielt hatte, und dergleichen mehr. Nach den Statuten hat die ganze Körperschaft der k. 8. das Lsbbsgs, vselins ok Sciences. 385 Recht, jährlich ihren Präsidenten, ihre Offiziere, und die Mitglieder des Conseils zu wählen. Allein es ist bekannt, daß dieses Recht seit langer Zeit nur mehr dem äußern Scheine nach eristirt und daß die Wähler bei ihrem Einteilte in das Wahlzimmer gedruckte Listen erhalten, die denn auch in den Wahlkasten wandern. Diese Listen werden nicht etwa zuvor in den Sitzungen öffentlich berathen, sondern sie enthalten blos die Privat-Ernennungen des Präsidenten, und e6 gibt eine starke Partei, welche dieses Verfahren aus guten Gründen mit allen Kräften aufrecht zu halten sucht. Diese Partei wirkt seit Langem eifrig zu einem gemeinschaftlichen Zwecke. Ihr Hauptaugenmerk, wie dies bei allen Coterieen der Fall ist, besteht in der Aufrechthaltung ihrer eigenen Macht und in dem Bestreben, alle guten und einträglichen Dinge blos unter ihren eigenen Mitgliedern zu vertheilen. Gewöhnlich ist sie aus sehr wiffenschafts- losen, mittelmäßigen Leuten zusammengesetzt, die aber schlau genug sind, sich einige ausgezeichnete Gelehrte als Glanzpunkte zuzugesellen. Diese letzten dürfen aber, wenn sie länger ruhig bleiben wollen, dem Systeme der Partei sich auf keine Art widersetzen. Die Mitglieder dieser Partei loben und preisen sich selbst abwechselnd auf das Aergste, und ein charakteristischer Zug derselben besteht in einer starren Widersetzlichkeit gegen jede Verbesserung oder Modifikation des Instituts, weil dieses ihnen so gerade am besten gefällt. Wer eine solche Verbesserung vorschlägt, heißt ein unruhiger Kops, ein factioser Mensch, und wird sobald als möglich entfernt. Wenn sich einer einfallen läßt, seine Stimme gegen eine Ungerechtigkeit oder gegen irgend einen Mißbrauch zu-erheben, so schreien sie Alle: „Was geht das Sie an, und warum mischen Sie sich in fremde Dinge?" — Geht die Sache in der That den Opponenten persönlich an, so heißt eS: „diese Frage ist persönlicher Art, und Sie sollten der Letzte sein, der sich für sie erhebt, da Sie selbst dabei interessirt sind." — Beklagt sich einer über Vernachläßigung, über unbillige Behandlung, über Ungerechtigkeit oder Insulten deö Conseils, so wird ihm gesagt: „daß er setzt in einer leidenschaftlichen Stimmung ist und warten soll, bis er sich abgekühlt hat." — Kommt er nach Wochen oder Monaten, nun kühl genug, wieder mit derselben Sache gezogen, so heißt eS: „Diese Geschichte ist längst vorbei; jetzt ist eS zu spät; hätten Sie früher gesprochen u. s. w." — Ganz aus dieselbe Weise hörte ich auch Fehler in den Rechnungen oder Irrthümer in den Beobachtungen vertheidigen, wenn diese nämlich von den Mitgliedern ihrer Partei kamen. 286 Ladbare, Oeeliiie ok scionoos. Sind diese Fehler nur gering, so heißt es: „Solche Kleinigkeiten sind nicht der Mühe werth, gerügt zu werden." Sind sie aber, wie eS nur zu oft geschieht, recht grob und handgreiflich, so ist die Antwort: „Solche Böcke sind nicht der Mühe werth, angezeigt zu werden, da sie ja ohnehin Jeder sehen kann." - Daß man bei der Auswahl der neuen Mitglieder deS Conseils, denselben Absichten gemäß, mit der größten Vorsicht verfährt, läßt sich leicht errathen. Einige wenige ausgenommen, die durch ihren litcra- rischen Ruhm auch eine Art von Glanz auf die Gesellschaft zurückwerfen sollen, sind die andern alle sehr mittelmäßige Leute, auf deren Nachgiebigkeit und Unterthänigkeit man aber sicher rechnen kann. Auch werden gewöhnlich ein oder ein Paar große Herren gewählt, bei denen natürlich aus eigentliche wissenschaftliche Bildung nicht weiter gesehen werden kann. So wurde Lord Colchester einer von den LommiWioners ol tks üvai'ü ol llongituäö, obschon die ganze Welt wußte, daß er zu diesem Geschäfte ganz und gar nicht geeignet war. Der Verfl selbst aber wurde von dem Präsidenten, Sir Joseph Banks, aus der Ursache zurückgewiesen, weil er sich bei der Errichtung der astronomischen Societät zu thätig bezeigt habe. UebrigenS sahen sie selbst bereits ein, daß sie in der Wahl ihrer Mitglieder viel zu freigebig verfahren sind; deshalb wurde vor einigen Jahren eine Commission niedergesetzt, welche die zu große Anzahl derselben (714 Stück) reduciren sollte. Wollaston schlug vor, diese Zahl auf 400 herabzusetzen, waö immer noch zu viel ist. Eö wurde ferner vorgeschlagen, diejenigen Mitglieder der U. 8. welche wirklich Abhandlungen liefern, jährlich in den philosophischen 1'rgnsgclion8 separstim aufzuführen, und so zwei Klassen von Mitgliedern zu errichten. Die einen sollten die Arbeitsbienen einnehmen, die die eigentliche Gesellschaft bilden, während die andern Drohnen nur als Statisten oder Honorarmitglieder siguriren. Diese Aenderung würde ohne Zweifel auf die Ehre und Wirksamkeit der Societät sehr Vortheilhaft eingewirkt haben, aber sie wurde verworfen, „weil dadurch zu viele von den alten Mitgliedern unverdienter Weise zurückgesetzt würden." Ferner wurde in jener Commission vorgeschlagen, die Mitglieder deü Conseils künftig von der Gesellschaft selbst, nicht mehr von dem Präsidenten allein, wählen zu lassen, wie dieS auch von jeher durch daS Gesetz bestimmt ist. Aber auch daS wurde nicht beliebt, und die ganze Schrift jener Kommission wurde, wegen dringender Geschäfte, zur Seite gelegt, um, wie eö hieß, im nächsten Jahre vorgenommen zu werden. Allein im nächsten Jahre sorgte Lsbbgxe, vecline ok selences. 387 schon Mr. Gilbcrt dafür, daß sie nicht vorgenommen wurde, und so blieb Alles beim Alten, wie die Gcschcidtern schon längst vorausgesagt hatten. In dem fünften Kapitel werden manche Eigenthümlichkeiten der sogenannten Beobachtungen näher untersucht. Zuerst von der übergroßen Präcision, welche man gewöhnlich bei diesen Beobachtungen in der neuern Zeit affektirt. Es wäre sehr zu wünschen, daß man ein Mittel besäße, sich von der Wahrheit dieser Präcision in allen Fällen zu überzeugen. Man würde es haben, wenn sich die Beobachter entschließen wollten, Alles endlich mitzutheilen, was ihnen ihre Instrumente geben, and weder Auswahl aus ihnen zu treffen, noch, was noch ärger ist, sie vor der Bekanntmachung zuweilen zu modificiren. Delambre, in dieser Angelegenheit ein competenter Richter, sagt: II kaut tousours tont publior. I.es irregulsrllks des obssrvstions meines sont des latts, gu t! Importe de dien onnnsllre. Ims snins les plus sltentils n'en ssuraieill pressrver les observuteurs les plus exerces, et celui, gist ne produil gue des nngles tousours psrfgitement d'emcord, etait ou singulierement dien servi pur les cireonslunces, ou il n'etsit pas dien sineers. Von diesen Betrachtungen geht der Vers. zu den mannigfaltigen Künsten über, die sich die B-obachter, denen es nur um die Befriedigung ihrer Eitelkeit, aber nicht um die Erhaltung der Wahrheit zu thun ist, zu erlauben pflegen. Er theilt diese Künste in vier Klassen. In die erste Klaffe gehören die leichtsinnigen Fehler. So fand im Jahre 1788 Gioeni in Sicilien einige Beine von einer Bulla, die er nicht kannte, und aus der er, nicht ohne reichliche Zugabe auS seiner eigenen Phantasie, eine eigene Species schuf, die er, sich selbst zu Ehren, 6ioe,lls Lieuls, nannte. In die zweite Klasse gehören die offenbaren Lügen, nämlich die absichtlichen Erfindungen, wo Beobachtungen angeführt werden, die man gar nie gemacht hat. So war der zweite Komet von 1784, den der Chevalier d'AngoS in Malta gesehen haben wollte, eine reine Erfindung. Die dritte Klasse consti- tuiren die Fickereien, wo man, wenn die Beobachtungen nicht recht stimmen wollen, die zu großen Zahlen beschneidet und das Abgeschnittene an die zu kleinen anstückelt, um mehr Harmonie der einzelnen Beobachtungen mit dem Mittel aus allen hervorzubringen. Ein Radikaler würde dieses Verfahren ein „eguilnble gdsuslmvill" heißen und für sehr lobenSwerth halten, obschon eS im Reiche der Wissenschaften sehr tadelnöwürdig ist. Meistens entspringen diese Fehler auS einer übelverstandenen Eitelkeit, genaue Beobachtungen zu liefern, 288 LsöbgZo, Oecline ok Sciences. und sie haben wenigstens das Gute, daß sie die eigentlichen Mittel derselben, auf die eS vorzüglich ankommt, nicht verändern. Die letzte Klasse endlich ist sehr zahlreich, und enthält die sogenannten Mischer. Aus Hunderten von Beobachtungen werden 10 bis 20 ausgewählt, die am besten stimmen, oder sie werden einer Formel angepaßt, die man zwei oder drei Male mit verschiedenen Constanten berechnet, oder man schmiegt sich an bereits früher erhaltene Resultate bekannter genauer Beobachter näher an, oder hilft sich mit den Fehlern der Beugung, der Ausdehnung der Instrumente durch die Temperatur u. s. w. Oft erhält ein solcher Beobachter einen zeitlichen Ruhm durch seine Präcision, die kein anderer erreichen kann, noch öfter aber wird er von denen, die diese Künste kennen, entdeckt, und wenigstens heimlich verachtet. Er bedenkt nicht, wie sehr er sich dadurch schadet. Das geringste Mißtrauen, welches er erregt, bringt ihn um allen seinen guten Ruf und seine Beobachtungen um allen Nutzen, da sie Niemand mehr brauchen will. Der Charakter eines Beobachters ist wie der eines Weibes: er ist verloren, sobald er verdächtig ist. Es sey uns erlaubt, von dem Schlüsse deS Werkes, der meistens Vorschläge zu Verbesserungen der u. 8. enthält und sonach, als eine partikuläre Sache, für uns weniger Interesse hat, einige allgemeine Bemerkungen auszuheben, die vielleicht auch bei uns ihre Anwendung finden werden. Eine Ursache des Uebels, das so viele gelehrte Vereine drückt, ist der Widerwille, mit welchem gewöhnlich die wahrhaft gelehrten Mitglieder derselben bei unwissenschaftlichen DiScussionen ihre Stimme geltend machen. Die Gelehrten mischen sich nicht gerne in andere Dinge; sie ziehen die Ruhe vor, die ihnen so nöthig ist; sie sind endlich auch meistens furchtsam. Die Folge davon ist, daß die eigentliche Verwaltung, das Lucrative, und oft selbst das äußere Ehren Bringende der Gesellschaft von der andern Klasse an sich gerissen, und auf ihre Weise behandelt wird, während die eigentlich Verdienstvollen leer ausgehen. Möchten diese Männer von Gewicht, denen auch jene Klasse ihre Achtung nicht versagen kann, dieses Gewicht gelten lassen, so oft die Umstände sie dazu auffordern, so würden jene Mißbräuche der Andern nicht so um sich greifen, und so feste Wurzeln schlagen können. Ein kraftvolles Wort, aus einem solchen Munde zur rechten Zeit gesprochen, würde diese Leute zurückhalten. Aber der wahre Gelehrte lebt so ganz und gar nur seiner Wissenschaft, daß er in jenen Versammlungen eben so wenig Herr zu seyn pflegt, als in seinem eigenen Hause. LabbsAo, veclinc ok Sciences. 289 Unter den Aufmunterungen, welche den Wissenschaften zuweilen von oben herab bewilligt werden, wird, besonders in England, eine beinahe gar nicht in Bewegung gesetzt, da sie doch ganz vorzüglich dazu geeignet ist, selbst in Beziehung auf die erhöhte Sparsamkeit, die man setzt überall so sorgfältig einzuführen pflegt. Der Vers. meint, die Reden und andere ähnliche Auszeichnungen. Frankreich, Preußen, Dänemark und andre Staaten sind uns darin mit einem sehr lobenswürdigen Beispiele vorangegangen, da die vorzüglichen Gelehrten und selbst die Künstler dieser Länder beinahe alle mit solchen Auszeichnungen geschmückt sind, die dem Staate beinahe nichts kosten und doch ein so mächtiges Mittel sind, die Menschen aller Art zu vorzüglichen Leistungen aufzuregen. Die Orden in England werden beinahe allein von dem Militär und von dem Adel getragen, einige diplomatische Personen ausgenommen, die aber meistens nur fremde Orden haben. Man fürchtet, heißt eS, diese Ehrenbezeugung gemein zu machen, wenn man sie zu Vielen ertheilt. Soll aber dieses der Grund seyn, warum sie beinahe kein einziger Gelehrter erhält? Warum werden sie denn z. B. dem Militär so häufig ertheilt, wo man diese Furcht nicht hegt? Oder glaubt man gar zu viele wahre und große Gelehrte im Lande zu haben? „Es wäre zu wünschen; aber ich besorge sehr, daß ihre Anzahl hier und überall immer nur sehr klein ist. Ich besorge nicht dieses, aber wohl, daß ein solcher Orden, wenn er irgendwo bloß für wissenschaftliche Verdienste errichtet werden sollte, durch den Kanal von Patrocinanzen und Gönnerschaften sehr bald in die Hände der Stümper und Mäckler und Halbgelehrten kommen würde, wo er denn dann allerdings bald aufhören müßte, eine wahre Auszeichnung zu seyn." Ein anderer Vorschlag wird, in England wenigstens, den Meisten lächerlich erscheinen; eS sollte Sitte seyn, die ausgezeichnetsten Gelehrten eines Landes in den Adelsstand zu erheben. Die Lücken in unseren Adelsbänken werden immer nur von der Armee, von der Marine oder von der Gerichtsstube gefüllt. Sollte nicht auch z. B. der Name deS Mannes mit Ehren auf senen Plätzen aufgenommen werden, der das Gesetz der allgemeinen Schwere, der die Luftpumpe, die Dampfmaschine u. s. f. entdeckt hat? Diese Namen werden unsterblich fortleben, selbst ohne Avelsdiplome, während die meisten von denen, welche diese Diplome zur Schau tragen, ungenannt und unbekannt von hinnen ziehen. Jene werden als Wohlthäter der Menschheit, als der Stolz des Landes, in dem sie geboren waren, fortleben Littro« l. 19 290 Labkage, Oeolioe ok soienoes. in dem Andenken der Nachkommen, während diese der gerechten Vergessenheit übergeben werden. Aber vielleicht ist eben dieser Vorzug, den sie sich selbst erworben haben, der Grund, warum man ihnen jene äußern Vorzüge versagt. Sie mögen sich begnügen mit jener innern Ehre, die nicht von andern geschenkt, sondern die selbst verdient werden muß, während die äußern Ehren noch ferner nur als Ersatz für diejenigen angesehen werden sollen, die jenes innere Gefühl, das dem wahren Verdienste beiwohnt, verleugnen müssen. Wir müssen hier die Bemerkungen unsers VerfS. schließen, ob- schon noch manche andere hätten angeführt werden können, die aber bald z» kaustisch, bald auch zu sehr auf sein eigenes Land berechnet sind, um hier umständlich aufgezählt zu werden. Das Vorhergehende wird mehr als genügen, die Leser auf ein Werk aufmerksam zu machen, das manche Wahrheiten enthält, die vielleicht auch von uns beherzigt zu werden verdienen, und das diese Wahrheiten auf eine Art sagt, die bei uns nicht zu den gewöhnlichen gehört, und daher schon aus dieser Ursache in dem Gebiete unserer Literatur nicht übersehen werden darf. Weit entfernt, den Aeußerungen des Verfs. überall beizustimmen, wird es genügen, auf ihn aufmerksam gemacht zu haben. Es wird ihm an Lobrednern nicht fehlen, und gewiß noch viel weniger an Gegnern, die Beide ihr Bestes thun werden, ihre Sache zn vertheidigen und die Person des Angreifers zu schützen oder zu verfolgen, je nachdem es die Absicht der Partei fordert, zu welcher sie gehören. Wir wollen zu ihrer Zeit auch sie hören, und Alles prüfen — und daS Beste behalten. K. L. von Knebel's literanscher Nachlaß und Briefwechsel. Herausgegeben von Varnhagen von Ense und Th. Mundt. Erster Band. Leipzig, bei Reichenbach. 1835 . (Jahrb. d. Lit. 1836. I.XXIII.) Won dem in der Geschichte der deutschen Literatur sür immerwährende Zeiten merkwürdigen Siebengestirn, daö von dem Jahre 1770 bis auf unsere Tage über dem Horizonte von Weimar glänzte, waren Knebel und Wieland zuerst aus dem dichten Nebel der Unbedeutenheit und der Mißachtung, der bisher die meisten deutschen Literatoren bedeckt hatte, als hellleuchtende Sterne hervorgegangen. Fünf Jahre nach ihnen trat Goethe, der bald seine Vorgänger und Nachfolger alle weit überstrahlte, in den Verein, dem sich in späteren Epochen Schiller, Herder, Einsiedet und Müller beigesellten. So mächtig anziehende Kräfte konnten, gleich eben so vielen Central- sonnen, nicht verfehlen, alle anderen Wahlverwandten Geister in der Nähe und in der Ferne, gleich Planeten, in ihr Sonnensystem aufzunehmen, und ihnen diejenige Richtung und Bewegung zu ertheilen, von welcher wir die unverkennbaren Züge in beinahe allen vorzüglichen Schriftstellern der schönen Literatur in unseren Tagen bemerken, und wahrscheinlich, so hoffen und wünschen wir, noch lange bemerke» werden. Unter diesen sieben Weisen Deutschlands hat, nebst dem echten Hofcavalier von Einsiedet, unser Knebel am wenigsten dazu gethan, die Wirksamkeit, durch welche er sich in jenem eng- geschloffenen Kreise so Vortheilhast auszeichnete, auch durch schrift- 19 * 292 Knebel's Nachlaß. stellerische Erzeugnisse außer jenem Kreise kund zu geben. Nebst seiner Uebcrsetzung deS Lucrez, die allerdings der Art ist, daß sie allein schon den Nachruhm ihres Urhebers begründen kann (Leipzig 182 l, und zweite Auflage ebenda 1831), nennen wir nur noch die Ueber- setzung deS Proper;, die schon im Jahr 1798 erschien, und durch die spätere Uebertragung desselben Dichters von Voß in Schatten zurückgestellt wurde, und die von Knebel selbst veranstaltete „Sammlung von Gedichten" (Leipzig 1815), und endlich seine „Lebensblüthen" (Jena 1826), als diejenigen Schriften, durch die er dem größer» Publikum bekannt geworden ist. Er hatte einen eigenen Widerwillen gegen solche öffentliche Mittheilungen seiner innersten Gedanken, und selbst die eben genannten, die er bloß auf das Drängen seiner Freunde durch den Druck bekannt zu machen sich entschloß, versah er, die Uebcrsetzung des Lucrez ausgenommen, bloß mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens, ohne sich weiter viel um die Ausnahme derselben im Publikum zu bekümmern. „Mein Leben," schrieb er in seinen letzten Jahren in sein immer sehr sorgfältig geführtes Tagebuch, „mein ganzes Leben ist bloßes Stückwerk, aus mannigfaltigen und sehr verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Zum eigentlichen Schriftsteller bin ich nicht geboren. Der gegenwärtige Augenblick macht zu viel Eindruck auf mich, und zu viele zerstreute Gedanken hängen sich diesem an. Dazu kömmt noch die Laune und die Unzufriedenheit mit mir selbst. Der Augenblick scheint mir nicht wichtig genug, ich warte auf das Bessere, und darüber verfliegt Zeit und Gelegenheit. Und doch möchte ich gern etwas aus meinem Eigenen produciren. Aber was? Wozu? Wem hilft oder nützt es? — Ein Schriftsteller muß gleichsam von seiner eigenen Productionskrast besessen seyn: er muß bervorbringen — zur Zeit oder Unzeit. Das Uebrige wird sich nach seinen Einsichten und Kräften schon fügen. Aber zu strenge Sorgfalt und Ueberlegung vertrocknet ihm gleichsam die Tinte in der Feder. — Wer, wie ich, der Welt nicht mehr angehört, hat ihr auch nichts mehr zu sagen. Und dann, wenn man überlegt, was schon alles geschrieben ist, und daß wir selbst nicht den zehnten, vielleicht nicht den hundertsten Theil von dem kennen und gelesen haben, waS Schönes und Vortreffliches in der Welt existirt, so scheint uns unsere Bemühung, auch noch etwas zu allem dem hmzuzusagen, beinahe überflüssig. Nur bloß streng wissenschaftliche Untersuchungen scheinen noch von Nutzen zu seyn. Denn was die Werke der Einbildungskraft betrifft, so ist darin Kenntniß und Geschmack so ver- Knebel's Nachlaß. 293 schieden, daß bei den meisten der Vortheil, den sie daraus ziehen, sehr zweideutig scheinen möchte." Solcher Ansichten ungeachtet konnte doch ein Geist seiner Art nicht unthätig bleiben; und wie bei so vielen andern trefflichen Männern, so trat auch bei ihm die auffallende Erscheinung ein, daß die größte productive Thätigkeit erst in diejenigen Jahre fiel, wo, der allgemeinen Meinung zu Folge, die geistige Sonne des Menschen sich schon sehr ihrem Untergänge zuwendet, nach dem fünfzigsten Lebensjahre. In dieser Zeit erst heiratete er Fräulein Louise von Rudolf, eine Berlinerin, die als Kammersängerin am weimarischen Hose und besonders bei der Herzogin Amalie sehr beliebt war. Mit ihr verlebte er in glücklichem Verein die übrigen 36 Jahre seines Lebens, nämlich die ersten eilf in dem reizenden Bergstädtchen Ilmenau, und die letzten 25 zu Jena, an welchem letzten Orte er ein sehr anmuthig gelegenes Gartenhaus, das sogenannte Paradies, in romantischer Zurückgezogenheit bewohnte. Hier vertheilte er die Tage, die ihm der Abend seines Lebens gewährte, zwischen behaglichem Genuß mit Büchern und Freunden, besonders mit Goethe, Müller und Lyriker, die ihn oft besuchten. Hier saß der geehrte glückliche Greis, in seinem Paradiese, vor seinem großen, mit Büchern lind Schriften aller Art bedeckten Tische, Wieland'S berühmt gewordenes Käppchen aus dem Kopfe, das er von dem verewigten Freunde geerbt, und zu seinem Andenken biö an seinen letzten Tag getragen hat. Sein Zimmer in Jena wurde bald z«r Reunion der ganzen deutschen klassischen Literatur, da von nah und fern unablässig Besuche zuströmten. Hier und in diesen späten Jahren erst schien sich die ganze Liebenswürdigkeit seines inneren Wesens zu entwickeln. Knebel verstand sich jetzt auf die Kunst, alt zu seyn, nicht minder vortrefflich, als er in früheren Jahren die Kunst zu leben von der besten und schönsten Seite aufzufassen gewußt hat. Er schien, auf der Stufe des GreisenalterS, ein immer dauerndes Wesen darzustellen, das nicht verwelken zu können meint, und oft wieder, gleich einer Pflanze, neue, anmuthige Lebenssprossen ansetzt. Von der Vergangenheit wohl genährt und gesättigt und von keinem Drang in die Zukunft getrieben, prägen Menschen dieser Art mit emsiger Betriebsamkeit den Inhalt ihres ganzen Lebens, erst am Abend desselben, in den reinsten Formen aus, während dabei das Räderwerk ihrer Tage unvermerkt und doch mit starken, kraftvollen Schlägen abläuft. Auf diese Weise verband auch Er, mit dem behaglichsten Genuß eines fröhlichen Alters, die unablässige 894 Knebel's Nachlaß. Geschäftigkeit, die sonst nur der Jugend eigen ist. Mit gespannter Theilnahme richtete er seinen Blick auf alles, waS in der Welt besonders in der wissenschaftlichen, um ihn vorging, und nicht leicht ein Tag ging hin, an dem er nicht etwas gedichtet oder übersetzt oder aus seiner Lectüre in seine Sammelbücher niedergeschrieben hätte. Diese Bücher liefern durch ihre Anzahl und Gehalt den besten Beweis von seiner Thätigkeit, von seiner ausgebreiteten Lectüre in allen gebildeten Sprachen Europas und von seiner unermüdlichen Lust zur Beschäftigung. Man findet in diesen Memoranden- und Erccrptenbüchern umständliche Uebersetzungen aus Plato, Pindar, Horaz; die ganze Psyche des ApuleiuS, Bruchstücke aus Ossian, Macchiavel, Cervantes, Byron u. a. m. An Stoff würde eS daher den beiden Herausgebern des gegenwärtigen Nachlasses des seltenen Mannes nicht gefehlt haben, wenn sie die Absicht gehabt hätten, uns mit den literarischen Erzeugnissen desselben, womit er selbst so zurückhaltend war, näher bekannt zu machen, wodurch sie ohne Zweifel vielen Fr unden und Verehrern des Dahingeschiedenen einen sehr angenehmen Dienst erwiesen haben würden. Allein sie fanden die meisten dieser Aufsätze „nicht ausgearbeitet genug, mit so viel subjektiver Färbung und nur für eigene Unterhaltung deS Verfassers unternommen; „besonders aber beklagen sie sich darüber, daß Knebel's U-bersetzungen der neueren Dichter „fast sämmtlich reimlos seyen, und daher den Charakter des Originals mehrfach verwischen." Allein vielleicht theilen noch gar manche der nachgelassenen Freunde mit dem Geschiedenen den Widerwillen, den er gegen den Reim hegte, und sie könnten leicht, besonders bei Ueber- sctzungen, ihre sehr guten Gründe dazu haben, so wie es ihnen vielleicht auch interessant wäre, den Mann, den die Natur mit geistigen Gaben so reich ausgestattet hatte, daß er desto liebenswürdiger erschien, je mehr er sich selbst frei gehen ließ, nicht immer nur in seinem Staatörocke kennen zu lernen. — Indeß, die Herausgeber sind einer andern Ansicht, und wir müssen uns mit dem, was sie uns geben, begnügen, in der Hoffnung, daß vielleicht später noch einige neue, vielen von uns gewiß nicht minder werthe Geschenke nachkommen können. Damit soll nun nicht gesagt seyn, daß wir nicht auch das gegenwärtige Geschenk mit innigem Dank anerkennen. In der That ist es auch deS besten Dankes werth. Knebel's Nachlaß. 295 DaS Ganze wird nämlich in drei Bänden, jeder von 17 bis 20 Bogen, bestehen. Von diesen dreien liegt der erste vor «ns. Er enthält nebst der Biographie Knebel's (63 Seiten) dessen noch nicht oder doch nicht mit den von K. selbst besorgten Aenderungen bekannte 5 Hymnen, 8 Elegien, 69 sogenannte vermischte Gedichte und „Lebensblüthen in Distichen." Diese Gedichte nehmen die erste Hälfte des ersten Bandes bis S. 104 ein. Dann folgen, bis zu Ende des Theiles, Briefe an Knebel, geschrieben von dem Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, von der Herzogin Amalie von S.-W., von der Großherzogin Louise von S.-W,, von Einsiedet und von Karl von Dalberg. Diese Briefe an und auch von Knebel bilden überhaupt den größten Theil dieses Nachlasses, wie sie denn auch noch den ganzen zweiten Band füllen werden, wo wir die Briefe von Altenstein, Böttiger, Boie, Gleim, Hegel, Herder, Lavater, Müller, Oken, Voß, Wieland u. a. zu erwarten haben. Der dritte Band endlich wird diejenigen Briefe Knebel's enthalten, die er selbst an mehrere der genannten Personen geschrieben hat, und mit den vermischten Schriften desselben (über philosophische und litcrarische Gegenstände) und mit interessanten Auszügen aus seinen Tagebüchern schließen. Diese letzten wurden auch größtenthcilS schon von den Herausgebern benützt, um das dem ersten Bande vorgeschickte Leben Knebel's zu verfassen, da sie dazu in den Tagebüchern mehrere Selbstbiographien gefunden hatten, deren keine aber von dem Verfasser vollendet worden ist. Dieses „Leben" unseres verblichenen Freundes ist von den Herausgebern des Nachlasses mit besonderer Sorgfalt verfaßt worden, und wird gewiß mit allgemeiner Theilnahme von dem gebildeten Publikum aufgenommen werden. Wir wollen daraus nur einige vorzüglich bezeichnende Züge herausheben. Gleich zum Eingänge wird Knebel'» neben den Heroen der Literatur, die aus unwiderstehlicher Nothwendigkeit hervorbringen, ein Platz unter denjenigen Männern angewiesen, die mehr zum Anschauen und Genießen des von Jenen Hervorgebrachten, von der Natur erzeugt werden. „Jene unterliegen der bindenden Macht des Schicksals, und müssen, oft zu ihrer Qual, den unruhigen, schöpferisch waltenden Gott in ihrem Busen dulden, der sie drängt, indem er sich aus ihnen loöwinden will; diese betrachten harmlos die Wunder, die 296 Knebel's Nachlaß. ihre Meister heraufbeschworen, und bereichern sich wohl noch an ihren Schätzen, ohne dafür, wie jene, daö Glück ihres Lebens und die Ruhe ihrer Seele einzusetzen. Diese von der Natur vielleicht vorzüglich Geliebten besitzen die Kunst, sich auf ein trauliches, genießendes Znfriedenleben zu verstehen. Denn ihnen gehört der Tag, und dem Vergnügen nachgehend, können sie wählen und beginnen, wozu eben der süße Zug der Laune sie lockt. Behaglich siedeln sie sich in jeder Liebhaberei an, und sind immer mit so Vielerlei beschäftigt, daß sie eben so gut nichts thun können, ohne sich dadurch leer zu finden. Vor lauter Dichten und Denken, daS wie ein vergnügter Müßiggang immer in ihnen spinnt, können sie nie zum eigentlichen Denken und Dichten gelangen. Sie blicken zum Fenster hinaus, und unterhalten sich Stunden lang mit den vorübersegelnden Wockenbildern, und während die anderen, producirenden Geister von der Leidenschaft dcS Müssen 6 gepeinigt werden, den Reizen deö gewohnten HinlebenS entfremdet sind, den Glockenschlag der liebenden Stunde überhören, und für sich selbst und für ihre nächsten Verhältnisse nur zu oft ganz verloren gehen, — wissen diese mit ihren feinen Fühlhörnern sich überall anzuemp finden, und als gute Gesellschafter und eigentlich accompagnirende Geister die widerstrebendsten Elemente zu vereinigen, zu mischen und geistig zu vermitteln. Sie schmiegen sich den Trägern der Ideen ihrer Zeit gelenkig an, suchen daS Neue und Gewaltige in das heimische Leben einzubürgern, und die großen Conceptionen ihrer Meister, die daS daran krankende Genie nur eben, wie die kranke Muschel die kostbare Perle, von sich auSgefioßen, und als bange Wagniß in die Welt geschickt hat, in ihrem aufnehmenden Geiste zu bewahren und zu hegen, bis sie dieselben, den bisher gewöhnlichen Ideen affimilirt, inS öffentliche Leben übergehen lassen, wo sie, durch ihre Vermittlung, als etwas Natürliches sich erkennen lassen, und sich unter der Menge fruchtbringend fortpflanzen können. Diese weiblichen Geister, wenn man sich so ausdrücken darf, haben oft unberechenbar auf das Ganze gewirkt, und der verschwiegene Hintergrund der Geschichte deckt gar manches bescheidene Verdienst, das neben und unter den Heroen der Zeit den Sieg mit erringen half. — Zu diesen Glücklichen gehört vorzugsweise unser Knebel." Die Leser werden wohl mit dieser Probe der Darstellung unseres Biographen zufrieden seyn. — Und doch ist sie nur eine sehr schwache verjüngte Copie des wahrhaft schönen Gemäldes, welches sie aufgestellt haben. Knebel's Nachlaß. 897 Karl Ludwig von Knebel wurde am 30. November 1744 auf dem Schlosse zu Wallerstein im Oettingenschen geboren, wo sein Vater als fürstlicher Kanzler angestellt war. Seine Vorältern stammten aus Belgien, wo einer derselben seiner Religion wegen im Jahr 1572 in Antwerpen verbrannt worden war, weßwegen sich seine Kinder nach Deutschland flüchteten. Erst der Vater unseres Knebel erhielt den Adel von K. Friedrich II., weil er, beim Anfange des siebenjährigen KriegS, in RegenSbnrg sein Votum zu dem Bannedikt verweigerte, welches die Reichötagversammlung gegen den König von Preußen beschlossen hatte. Seine Erziehung war die gewöhnliche jener Zeit. Das Latein, allem übrigen vorausgehend, war das Steckenpferd der Pädagogik, und dann folgte der Katechismus, der zu einer fast militärischen Taktfestigkeit einerercirt wurde. Die Geschichte wurde in trockenen Tabellen nebenhin dem häuslichen Fleiße überlassen, da den ganz im Familienleben versunkenen Deutschen, selbst durch die Thaten des großen Königs, kein historischer Sinn eingeimpft werden konnte. Bildung und Unterricht waren bloße Gedächtnißsache, der Verstand blieb unbebaut liegen, an höhere Ideen wurde nicht gedacht, und alles freiere, geistige Leben wurde unterdrückt. Wie viel anders ist eS wohl seitdem bei uns geworden! — Einer seiner Lehrer war der bekannte fromme lyrische Dichter Utz. Am Ende mußte er, wie alle, die sich irgend einen bedeutenden Ruf erworben haben, sich selbst helfen. Die Wissenslust spannte die Flügel seines jugendlichen Geistes. Er kramte unter den Büchern seines Vaters, und vertrödelte viel Zeit mit zweckloser Lectüre. Unter diesen Büchern fand er auch Spalding'S Schrift „über d>e Bestimmung des Menschen." Sie regte die beunruhigendsten Fragen in ihm auf, über seinen Ursprung, seine Bestimmung und über alle die geheimnißvollen Gegenstände, mit welchen die räthselhafte Sphynx die Gemüther der besseren Menschen, in der Jugendzeit vorzüglich, zu plagen pflegt. Vor dieser Klippe retteten ihn Joung's Nachtgedanken, die ihm sein älterer Bruder empfohlen hatte, und die ihn auf eine unwiderstehliche Weise lange Zeit durch ganz gefesselt haben. Da aber auch durch diese Gedichte seine frühere Schwärmerei in ihrer Richtung nicht geändert wurde, und wohl sogar neue Nahrung erhielt, so hatte er es für ein Glück zu rechnen, daß ihn bald darauf Kleist's Frühling eben so mächtig, wenn gleich auf eine lieblichere und unschädliche Weise, anzog. 398 Knebel's Nachlaß. Knebel sollte nun, in seinem zwanzigsten Jahre, die Universität beziehen. Jene früh gelesenen Schriften erzeugten in ihm eine Neigung zur Theologie. Aber seine Verwandten waren dagegen, weil sie es für unrühmlich hielten, in ihrer adeligen Familie einen Pfarrer zu zählen. Er studierte also in Halle Jurisprudenz. Aber daö Leben auf der Universität gefiel ihm nicht, und den Vorlesungen konnte er auch keinen Geschmack abgewinnen. Da schrieb ihm sein Bruder, Page deS KönigS in Berlin, daß er zu ihm kommen sollte. Er kam, und wurde von Friedrich im Jahr 1763 als Fähnrich aufgenommen. Zehn Jahre ertrug er die Beschwerden des unter Friedrich nicht leichten Militärdienstes, ohne, in FriedenSzeit, zu avanciren. Endlich der Sache müde, nahm er seinen Abschied, entschlossen, lieber von den zwei LouiSd'or zu leben, die ihm sein Vater monatlich gab. Er verließ Potsdam, und zog — da er selbst nicht recht wußte, wohin — einstweilen nach Weimar, um Wieland zu sehen, für den er eine ganz besondere Achtung hegte. Der Kronprinz von Preußen, in dessen Regiment er gedient, und der ihn lieb gewonnen hatte, gab ihm einen Brief an die Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar mit. Dieser Brief machte einen Wendepunkt seines Lebens. Amalie besorgte damals noch die vormunrschaftliche Regierung ihres unmündigen Sohnes Carl August, dessen Erzieher Wieland war. Amalie war eine der besten und gebildetsten Frauen ihrer Zeit, und eine der edelsten Beschützerinnen der Literatur und ihrer Pfleger. Sie hatte von der Natur viele köstliche GcisteSgaben, und unter denselben auch daS einem Fürsten vielleicht unentbehrlichste Talent erhalten, für ihren Zweck die rechten Leute auszuwählen. Sie suchte und fand ihren Ruhm in der Beglückung ihres Landes, und ihren Glanz in der Aufnahme, die sie den Wissenschaften gewährte. Schon hatten sich einige ausgezeichnete Männer um sie versammelt, aber bald sollten sie durch andere, bessere ersetzt werden. Knebel hielt sich, obschon sehr gut aufgenommen, nur vierzehn Tage in Weimar auf und zog dann zu seinem Vater nach Nürnberg. Hier erhielt er bald darauf durch den Minister Fritsch im Namen der Herzogin eine Einladung, als Erzieher des Prinzen Constantin, des Bruders von Carl August, nach Weimar zu kommen. Er weigerte sich, weil er sich, seinem Vorgeben nach, weder zu einer solchen Stelle, noch zu dem Leben am Hofe geschickt genug fühle. Aber die Einladung wurde auf die schmeichelhafteste Weise wiederholt, und er kam im Jahre 1774, in dem dreißigsten seines Alters, Anebel's Nachlaß. 299 «ach Weimar, wo er sofort, mit dem Charakter eines HauptmannS, als Erzieber des Prinzen angestellt wurde. Noch in demselben Jahre mußte er mit den beiden Prinzen nach Paris über Karlsruhe, in welcher letzten Stavt der Erbprinz Carl August um die Prinzessin Louise von Hessen-Darmstadt warb, die sich damals in Karlsruhe aufhielt. Aus dieser Reise war eS, wo Knebel in Frankfurt a. M. den beiden Prinzen den suiigen Göthe vorstellte, und dadurch eine Bekanntschaft einleitete, die später in so hohem Grade bedeutend geworden ist. Schon in dem nächsten Jahre 1775 kam die Prinzessin Louise als Gemahlin deö Erbprinzen, und Göthe als Freund desselben und als die Zierde seines Landes nach Weimar. Ein Jahr daraus stellte sich auch Herder ein. Nach ihrer Zurückkunst begab sich Knebel mit seine» Prinzen nach dem Gute Tiefurt bei Weimar, weil den schwächlichen Kleinen die Landluft besser zusagte. Knebel ließ das früher vernachläßigte Gut schön zurichten, und lebte hier lange Zeit recht vergnügt, da er Ursache hatte, mit dem Erfolge seiner Erziehung zufrieden zu seyn, und da der Hof sowohl als auch die daselbst versammelten ausgezeichneten Männer beinahe wöchentlich in Tiefurt zu Besuche kamen. Hier bildete sich daö innige Freundschaftsverhältniß aus, das Knebel bis an das Ende seines Lebens an den Herzog Carl August, an die beiden Prinzessinnen Amalie und Louise und an Göthe, Einsiede! u. A. band. Als aber nach einigen Jahren der Prinz Con- stantin auf Reisen gehen sollte, um Italien, Frankreich und England zu besuchen, entspann sich bei Hose eine Intrigue, indem mehrere die Führer desselben zu seyn wünschten. Hatte gleich K. den meisten Anspruch darauf, so zog er sich doch willig zurück, und hatte am Ende dfe Genugthuung zu sehen, daß keiner von denen, die sich um diese Stelle so eifrig bewarben, sondern, daß ganz unerwartet ein anderer, Hofrath Albrecht, den Prinzen begleitete. K. wurde auf Pension gesetzt, und benützte diese Ruhe zu einer Reise in die Schweiz, die er im Jahre 1780 unternahm. Da er demun- geachtet immer in gutem Vernehmen mit Weimar blieb, so ging er nach der Reise wieder dahin zurück. Hier wandelte ihn nach einiger Zeit, die er ungern geschäftSlos zubrachte, die Lust an, in fremde Civildienste zu treten. Wir werden unten sehen, aus welche Weise der Herzog Carl August ihn von der Ausführung dieses Entschlusses zurückhielt. Er blieb demnach in Weimar, oder doch in der Umgegend dieser Stadt. Als guter, heiterer Gesellschafter war er bei 300 Knebel's Nachlaß. Hofe sehr beliebt, aber er suchte doch öfter, als es dort gefallen mochte, die Einsamkeit, daher ihn Herder gewöhnlich nur den „menschenfreundlichen Timon" nannte. Mit diesem lebte K. lange in der innigsten Freundschaft, aber mit Göthe fanden öfter Zwlstig- keiten und selbst heftige Wortwechsel statt. Diese drei und Carl August kamen öfter in Tiefurt und in Sliitzerbach, einem Dorfe bei Ilmenau, zusammen, wo man, mit Beiseilsetzung aller Etikette, der genialen und oft übermüthigen Laune den Zügel schießen ließ, und manches abenteuerliche Geschichtchen aufführte. K. hielt sich bei solchen Dingen meistens im Hintergründe, da er an Extremitäten dieser Art kein Vergnügen hatte. Desto auffallender ist es, daß er eben bei diesen Lustgelagen von den andern vorzugsweise auserlesen wurde, daS Werk deS Lucrez „von der Natur der Dinge" zu übersetzen, indem Lucrez allen als der geschickteste Lehrer der echten Weisheit EpicurS, die sie selbst praktisch auszuüben suchten, erschienen war. Diese Uebersetzung beschäftigte Knebel'n, allerdings mit vielen Unterbrechungen , volle dreißig Jahre. Er vertauschte seinen Aufenthalt öfter mit dem in Jena oder in Anspach, wo seine geliebte Schwester Hen- riette lebte, die später an den Hof der regierenden Herzogin Louise als Erzieherin der Prinzessin Caroline berufen wurde. — Seiner späten Heirath im Jahre 1798 haben wir bereits oben erwähnt, so wie seines zurückgezogenen, aber glücklichen Lebens zu Jena in dem Gartenhause bis an seinen Tod, der am 23. Februar 1834 im neunzigsten Jahre seines Alters erfolgte. Sein Geist blieb während seiner ganzen Krankheit, die eigentlich bloß in Altersschwäche bestand, heiter und kräftig. Oefter sprach er zu den ihn besuchenden Freunden von der Beruhigung, die ein reines sittliches LcbenSverhalten im Tode gewährt. Aus eine natürliche Moral, sagte er, kömmt am Ende Alles an, und daß man sich hüte, daß kein schwarzer Strich ins Leben komme. Einer Freundin, die ihn fragte, ob er viele Schmerzen habe, antwortete er lächelnd: „Ei nun, die Natur ist weise überall, und weiß was sie thut: eS kömmt aus den AmboS an, auf den die Schläge fallen, und ich kann schon etwas aushalten." Die letzten Tage seines Lebens unterhielt er sich gerne mit seinem vertrauten Arzt, den Hofrath Stark, über religiöse Gegenstände, die ihm früher nicht eben sehr zugesagt hatten. Unter anderm behauptete er einmal, daß die Alten schon mitunter sehr helle und erhabene Ansichten von der Gottheit gehabt hätten, und citirte zum Belege eine Stelle deSLucian: 4uMer est guoäoungue viäss et «juoeungus mo- Knebel's Nachlaß. 301 vorig. Sodann äußerte er: die Kraft, die in uns denke, könne unmöglich mit dem Körper untergehen, sondern werde sicher in dem großen Haushalte der Natur irgendwo wieder verwendet, und zu höherer Reife ausgebildet werden, aber wo, wie und in welcher Form, daö sey nicht zu ergrübeln. — Diese Aeußerungen Knebels sind um so merkwürdiger, je mehr sie von der Skepsis seiner früheren Jahre, die er oft sehr prägnant auszudrücken wußte, abwichen. Wir wenden uns nun zu einigen besonderen Nachrichten, welche in diese Biographie miteingeflochten wurden, und von denen vielleicht mehrere unsern Lesern nicht bekannt sind. — Der Eintritt in das preußische Militär zu Potsdam kam unserm Knebel wie der Eintritt in ein Kloster vor, so trüb und gedämpft soll der Anstrich desselben gewesen seyn. Obschon der König mit seinem hohen geistigen, aber auch oft tief einschneidenden Wesen ein Gefühl der Selbstwürde bei den Offizieren weckte, so mischte sich doch in dieses Gefühl auch das der Furcht und der willenlosen Abhängigkeit, die keine rechte Freudigkeit deö Lebens auskommen ließ, und an jeder selbstständigen Thatkraft verzagen machte. Es war kein Band vorhanden, das den strengen Mechanismus der Disciplin aus eine menschliche Weise gelindert und mit einiger Seele durchwärmt hätte. Aus dieser Quelle stoß auch vielleicht die sonderbare Erscheinung, daß bei diesem Potsdamer Militär statt der sonst üblichen Renommistik des Porte-epoe, Religiosität und sogar aScetische Uebungen zur Tagesordnung gehörten. Statt dem früheren „aus Ehre" wurde nur „auf Tugend" geschworen, und auf der Parade unterhielt man sich über die letzte Predigt; auf den Tischen der Wachtstuben lagen nur moralische Schriften, und die Offiziere schrieben Sonntags in der Kirche die Predigt nach, um sie den aus der Wache Zurückgebliebenen Nachmittags vorlesen zu könne». Damals, um das Jahr 1760 — 80, spukte auch der kleinliche und spießbürgerliche Gelehrtenklnb in Berlin, an dessen Spitze sich, mit Recht oder Unrecht, Ramler selbst gestellt hatte. Dieser geber- dete sich wie eine Art Jupiter auf dem litcrarischen Olymp, und wo ihm ein fremdes deutsches Gesicht vorkam, nahm er seine große Gar- tenscheere, und stutzte es regelrecht und unbarmherzig zu. In dieser Weise hat er sich z. B. an den Gedichten des braven Johann Niklas Götze, der als Pfarrer in Winterburg lebte, schwer versündigt. Wenn Ramler nach Potsdam herüberkam, donnerte er den großen König mit seinen hohlen, patriotischen Oden an, und kehrte dann wie im Triumphe nach Berlin zurück, um an der Kadettenschule mit 302 Knebel's Nachlaß. „Batteur's schönen Künsten" den Geschmack der sungen Leute zu verderben. (Die Leser werden sich erinnern, daß wir hier mit den Worten unserer Biographen sprechen.) — An diesem Thun und Treiben konnte Friedrich keinen Geschmack finden, und es bestärkte ihn nur in der Meinung, die er in seiner, in dieser Zeit erschienenen Schrift: ve Is litloraturs gllemanäs, mit solcher Wegwerfung ausgesprochen hatte. Aber er hatte auch das Unglück, die bereits sich zeigenden Anfänge einer Literaturgestaltung, wie er sie in Deutschland wünschte, und die schönen Gestirne zu übersehen, die über dem Horizonte von Weimar aufgegangen waren. Aber auch dieser Wcimar'sche Verein hatte seine besonderen Eigenheiten, die ihm nicht eben zum Lobe gereichten. Man hoffte, daß von hier aus, nach dem Beispiele des Hofes zu Weimar, das geistige Verdienst an sich selbst, ohne Rücksicht auf Vorzug der Geburt, etwas zu gelten anfangen werde, da man hier, zum ersten Male im Vaterlande, dieses Verdienst in eine vertraute Nähe zu Fürst und Thron treten sah. Allein der seit so vielen Jahrhunderten in Deutschland vorherrschende Geist war noch viel zu mächtig, und er verlangte seine Opfer. Die Genies, die sich aus ihrer bürgerlichen Tiefe mit eigener Kraft hinausgehoben hatten bis zum genauen Umgänge mit den edlen Fürsten und Fürstinnen des kleinen Landes, mußten, um sich in dieser Höhe zu erhalten, selbst wieder Aristokraten werden. Sie wurden geadelt und mußten geadelt werden. Göthe'S Name hatte, wie er von dem seines Gvtz von Berlichingen sagte, einen schönen Klang in Deutschland — aber seinen Ohren klang er doch nicht schön genug, bis er ihn in einen „von Göthe" umgewandelt hatte. Und so mit den übrigen, die beinahe alle von bürgerlicher Geburt waren, aber sobald sie einmal die Luft der höher» Region geathmet hatten, nichts eiligeres zu thun fanden, als sich adeln zu lassen, worin man ihnen denn auch gutmüthig genug entgegen kam. Von Klopstvck, den Knebel zuerst im Jahre 1774 in Karlsruhe gesehen hatte, erzählte der letzte, daß er in Gesellschaft immer im hohen Kothurn auftrat, und von allen Anerkennung seines Verdienstes zu fordern schien. Der Hof in Karlsruhe hatte ihn mit der größten Gefälligkeit aufgenommen, aber die alte Hofetiquette ließ es nicht zu, ihn anders als „Herr Legationsrath" anzureden. Allein damit war Klopstvck, der auf eine höhere Cultur Anspruch machte, nicht zufrieden. Er blieb nur wenige Tage, zeigte sich mürrisch und übelgelaunt, und trieb es so weit, daß er ohne Abschied zu nehmen, Knebel's Nachlaß. 303 von Karlsruhe abreiste. Dies ganze Benehme» sieht der pedantischen Großartigkeit dieses mit Recht berühmten Dichters sehr ähnlich, der in einer Krankheit auf seine Kniee fallen und beten konnte: „Gott, erhalte mich für Deutschland." Göthe, der im Jahre 1775 in Weimar ankam, erwarb sich sogleich Aller Anhänglichkeit, besonders die der Damen. Er hatte »och die Werther'sche Montirung an, und viele kleideten sich darnach. Bald gingen auch manche Ercentricitäten vor, die Knebel in seinem Tagebnche nicht näher beschreiben will, die uns aber, wie er sagt, auswärts nicht in den beste» Ruf setzten. Doch wußte Gvthe'S Geist auch diesen Sachen einen Anstrich von Genie zu geben. In dem Bilde der Jphigenia fanden viele der nächsten Umgebung den Charakter der jungen Herzogin Louise. Mit K. stieß er öfter feindlich zusammen, besonders wenn jener, nach seiner Gewohnheit, zu viel moralisirte, wozu ihm Göthe am meisten dann Veranlassung gab, wenn er mit dem Großherzog sich ganz dem Uebermuthe des wohlbehaglichen Augenblicks ergab. Noch in späteren Zeiten machte ihm K. einmal Vorwürfe über seine „Wahlverwandschaften," deren Tendenz er für unsittlich ansah. Göthe antwortete ihm: „Ach so schweig doch: ich habe sie nicht für dich, sondern für die Mädchen geschrieben." Solche Aeußerungen, die Göthe wohl oft im Muth- willen hinwarf, wurden dann allzuwörtlich aufgenommen, und hoch angerechnet, wie man denn überhaupt noch heute im ganzen Umkreise von Weimar vielen ähnlichen Anekdoten begegnet, die mit einseitigem Herausstellen dem Charakter Göthe'S leichtfertige Züge anmuthen, wozu aber er selbst durch seine häufigen, ganz rücksichtslosen Aeußerungen Gelegenheit gegeben hat. Auch hatte er die unlöbliche Gewohnheit, alles mit fortzunehmen, was er bei irgend einem Freunde ihm Behagliches erblickte, wie er denn einmal unserm Knebel über hundert Stücke Albrecht Dürer'sche Zeichnungen, die er besaß, von der Stube holte, um sie ihm nie wieder zu geben.' Herder endlich stand unter den hell und rein glänzenden Sternen des weimarischcn Himmels gleich einem düsteren, nebel umhüllten Meteor da. Er war meistens melancholisch und unzufrieden, weil er sich in keiner einzigen Lage des Lebens zurecht zu finden wußte, und sich immer mit dem Gedanken quälte, daß er seinem eigentlichen innern Beruf richt gehörig nachkomme. Er gehörte zu jenen unglücklichen, schmerzdurchzogenen Individualitäten, die immer unruhig nach allen Seiten Hinstreben, ohne je befriedigt zu werden; die etwas l 304 Knebel's Nachlaß. Aufzehrendes in ihrer Brust habe», «nd von einem bald da, bald dort auflodernden, unstäten Feuer getrieben werden. Er war (setzen unsere Biographen hinzu) der umfassendste und reifste Geist (?) unter seinen Weimarischen Zeitgenossen, aber er würde viel mehr gewirkt haben, wenn er nicht in einer beständigen Empfindsamkeit seiner Subjektivität verloren gewesen wäre. Noch wollen wir erwähnen, daß Knebel bei seiner klassischen Uebersetzung des Lucrez von eigenen Grundsätzen über die Behandlung der deutschen Sprache und Verskunst ausging. Meister Voß wollte bekanntlich den deutschen Hexameter nach den strengen metrischen Gesetzen der römischen und griechischen Sprache modeln. Knebel aber hielt einen freieren, zwanglosen und leichter gefügten Bau desselben unserer Sprache für angemessen. Den gewichtigen Ausdruck des antiken Hexameters gab er auf zu erreichen, weil uns die Bestimmtheit und Schwere der Silben fehlt, und diesen Verlust suchte er durch den Accent und die Stellung der Worte zu ersetzen. Er war überdies der Ansicht, daß die Einführung des Hexameters in unsere Sprache derselben einen großen Vorzug vor allen anderen neueren Sprachen gegeben habe. Die neueren südlichen Silbenmaße haßte er, so wie überhaupt die Richtungen der ganzen romantischen Schule. Als man im Winter 180^ der Frau von Stasi in Weimar viel von dem Vermögen unserer Sprache, die Distichen der Alten wiederzugeben, vorgeredet hatte, meinte sie lächelnd, solche Verse müßten doch nur, wie eine Fuhre aus einem Knüppeldämme, einher- poltern. Knebel ließ ihr das bekannte Distichon Schiller'ö vor- declamiren: In dem Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, Im Pentameter drauf fällt ste melodisch herab. und ersuchte sie, den Sinn in zwei Alexandrinern wieder zu geben. Sie ging den gewagten Vorschlag ein, und siel durch. Doch verblendete sich Knebel dabei nicht über die Schwierigkeiten, welche unsere zwar reiche, aber ursprünglich starre und widerspenstige Sprache dem Dichter entgegensetzt. Er klagte bitter über den Mangel an Spondäen, über die vielen einsilbigen Worte, über das Hemmende der überall rechts und links hinpurzelnden Vor- und Flickwörter u. s. w. In seinen philosophischen Aufsätzen, im dritten Bande dieses Nachlasses, erscheint er als Materialist, was er wohl vorzüglich seinem Umgänge mit Lucrez zu danken hat. Aber diese Ansicht der Dinge that seiner edlen Gemüthlichkeit keinen Eintrag. Sein Philo- Knebel's Nachlaß. 305 sophi'ren geschah meistentheils anf dem Wege des RaisonnementS, während er sich, so oft sein Verstand nicht in den Weg trat, den populärsten GefühlS^orstellungen hingab. Er hatte viel und vielartig über diese Dinge gelesen und gedacht, aber, wie die meisten andern, ohne zu einem stehenden Resultate zu gelangen. „Das Traurigste von allem," sagte er in seinen letzten Jahren, „ist, daß die Menschheit, wie ich nun sehe, nie zu einem ganz richtigen Gesichtspunkt ihres Daseyns kommen kann, noch kommen darf. Sie schwankt in ihren Meinungen ewig hin und her, zwischen Irrthum und Wahrheit; sie lebt in Träumen und Einbildungen, und der Weiseste ist am Ende, wenn er Ruhe haben will, genöthigt, sich über daö Leben zu täuschen." Von seinen Chakakterzügcn mag noch Folgendes angeführt werden. Cholerisch, wie er war, und oft unbändig heftig, erschien er zuweilen ganz wie der gutherzige Polterer: aber wie der Jähzorn verraucht war, konnte man wieder alles von ihm erlangen. Wer ihn besuchte und etwas sehr lobte, mußte eS gewöhnlich mitnehmen. Er war sehr unruhig, und konnte nicht leicht fünf Minuteü still sitzen. Diese Lebhaftigkeit ließ ihn oft selbst possierlich erscheinen. In den letzten zehn Jahren nahmen seine Geistesfähigkeiten, besonders sein Gedächtniß, sehr ab. Doch trat, seltsam genug, gegen zehn Uhr Abends jedesmal eine Erhöhung seines ganzen geistigen Wesens ein. Dann sprach er lebhafter, die Ideen und Worte jagten sich, und die den Tag durch stumpf erschienenen Geisteskräfte erhielten ihren vollen Ton wieder. Bis zwei Uhr nach Mitternacht blieb er beinahe alle Tage seines Lebens auf, dann legte er sich auf sein einfaches, soldatisches Bett, in dem er, wie er oft versicherte, nie einen unangenehmen Traum gehabt hat. Von den mitgetheilten Gedichten scheine» mir die Hymnen, obschon in recht leichten Hexametern, der Prosa näher als der Poesie. In den darauf folgenden Elegien läßt sich diese Herabstimmung des Vertrags leichter hinnehmen, auch lesen sich die letzten sehr lieblich. Vorzüglich erscheint: Die Stunden, Adrastea und Herder'S Tod. Unter den vermischten Gedichten finden sich mehrere ausgezeichnete, wie: Die Grazien beim Bade der Mädchen, daö Lied der Hoffnung, Lorenzo von Medici u. a. Mehrere derselben sind offenbar dem Göthe'schen Prometheus und anderen ähnlichen, über die sich Wieland so erfreute, nachgebildet, aber sie stehen den letzten an Schönheit und Kraft weit nach. Einige von ihnen sind spielend, ja Littrow 1, 20 306 Knebel's Nachlaß. tändelnd, wie z. B. das Gürtelbavd, und an vielen möchte man wohl, wenn man das Versmaß zerstört, kein Gedicht mehr erkennen, aber die gutmüthige Bonhommie, die auch.dann noch aus jeder Zeile hervorblicken wird, mag den Leser für höhere Schönheiten entschädigen, und — muß hinzugesetzt werden, die Wahrheit der Ideen mit ihrem kurzen, prägnanten, wenn auch nicht immer poetischen Ausdruck. Am gelungensten erscheinen die kleinen Gedichte, die oft nur einige Zeilen, und so, wie die lieblichen „Lebenöblifthen in Distichen," immer einen richtigen, schon abgerundeten Gedanken enthalten, der Stoff zu weiteren Reflexionen gibt. Von diesen sind mehrere so rein ausgeprägt, daß sie nichts mehr zu wünschen übrig lassen. Hier nur einige derselben: Ist Loch, wie ihr uns sagt, der Mensch zur Erziehung geboren: Warum geht er denn meist schlechter davon, als er kam? Wen die Götter lieben, dem flechten sie Irren des Lebens; Sicheren Fußes geht der, den sie lieben, hindurch. «> «- Tritten des Wandrers über dem Schnee sey ähnlich mein Leben: Es bezeichne die Spur, aber beflecke sie nicht. Dein ist die ganze Welt, vermag dein Herz sie zu tragen; Was man oft sehnlich gewünscht, trägt man mit Mühe zuletzt. Nach dem Unendlichen streben wir oft und suchen es serne: Was in der Nähe uns ljegt, werken wir minder gewahr. Große Menschen sind meist melancholischen Temperamentes, Sagt Aristoteles: Du, Vaterland machest uns groß. Wem von den beiden letzten Versen der Inhalt nicht ansteht, mag sie als Probe der Härte nehmen, mit der noch manche andtren in dieser Sammlung wetteifern. Wir verlässt» nun diese im Allgemeinen recht artigen Gedichte, und wenden uns zu dem Hauptinhalte deS Nachlasses, zu den Briefen. Unter den in diesem ersten Bande aufgenommenen ragen vor allen anderen die des GroßherzogS Carl August hervor. Der Zögling Wieland'S, der Freund und innige Vertraute Göthe'S, wußte, wie die Biographen sagen, den genialsten und schäumendsten Lebens- Knebel's Nachlaß. 307 genuß mit der geistreichsten Erfassung alles Höchsten in Kunst und Welt zu verbinden, und die innige Gemeinschaft desselben mit jenen auf der Höhe des Lebens stehenden Geistern war um so merkwürdiger, da ein wahrhaft geistiges Band sie verknüpfte, das sich in jeder Zeile, die sie an einander schreiben, durch gleichmäßige Gegenseitigkeit ankündigt. — In der That bilden diese Briefe bei weitem den merkwürdigsten Inhalt des ersten Bandes dieser Sammlung. Jene der Herzoginnen Amalie und Louise drücken in allen Zeilen die edle Gutmüthigkeit und die Empfindungen einer schönen Seele aus, aber sie sind größtenteils ohne den fremden Leser näher interessirenden Inhalt, da sie sich nur auf häusliche Angelegenheiten, gegenseitige Geschenke, Stadtneuigkeiten u. s. beziehen. Einsiedel'S Briefe sind mit einer gewissen höfischen Nachlässigkeit niedergeschrieben, und besprechen größtenteils nur frivole Gegenstände mit sehr mittelmäßigen Versen verbrämt. Die sieben von Carl von Dalberg zum Schlüsse angehängten Briefe endlich sollen metaphysisch oder doch philosophisch seyn, lassen aber mit ihren trockenen und inhaltlosen Reflexionen den Leser kalt vorübergehen. Referent lernt hier erst, daß Dalberg auch als Tragödiendichter sich versucht hat. Er bemüht sich hier, die Ausstellungen zu beschönigen, die ihm seine Weimarer Freunde an seinen dramatischen Produktionen gemacht haben mögen. Ueberall blickt die Begierde durch, den Beifall jener Herren zu erhäschen, und eine philosophische Abhandlung bittet er Herder'n ja gewiß zu übergeben, aus Ursache, weil ihm, dem Verfasser, daß zu dieser Schrift gewählte Motto vorzüglich am Herzen liege. Wie ganz anders nehmen sich dagegen die Briese des Großher- zogs auS., Sie athmen Geist und Leben in solchem Maße, daß man in ihnen, wie in einem Spiegel, den Verfasser derselben zu erblicken glaubt, und obschon nur Kinder des Augenblicks, sind sie doch mit eben so viel Kraft als Glück hingeworfen. Die ersten, in seiner Jugend geschrieben, tragen das Gepräge seines Alters, aber unter den späteren finden sich mehrere, die als Muster der Diktion und Darstellung aufgestellt werden könnten. Welche biedere Treuherzigkeit, Welche harmonische Gleichheit der Conversation zwischen diesem Füisten und seinen Freunden, die doch in seinen Diensten standen und von ihm besoldet wurden. Wo hat man das im Vaterlands wieder gesehen! „Jetzt leb wohl," heißt eS am Schlüsse eines BriefeS, „leb „wohl alter Knebel und laß Dir noch einmal sagen, wie lieb ich „Dich habe. — Meine Frau und die Waldner d.nkrn Deiner oft; 20 * 308 Knebel's Nachlaß. „sie grüßen Dich ausS schönste. Hier geht sonst alles ziemlich gut. „Verliebt ist fast Niemand mehr. Ich mache seit dem Brande neue „Feueranstalten, gute und schlechte durch einander, und die andern „schreiben und spielen Comödien, sehen dann zu, und geben Stoff „zu herrlichen, polirten Gesprächen. — Du siehst, daß wir uns gar „nicht ändern. Wenn Du Dich lange genug in Deiner Schweiz „herumgetrieben, so komme wieder zu uns. Aber beobachte dabei „noch eins: Wenn Du Bedürfniß fühlst, zurückzukehren, so hakte „erstens an Dich, folge Deiner Neigung nicht gleich, sondern streiche „noch etwas wider Willen herum, so daß das Bedürfniß äußerst „werde. Zweitens hüte Dich, Dir etwas vorzusetzen, was Du nach „Deiner Rückkunft treiben sollst. Ueberlasse Dich dem Schicksal, und „mache Dir keinen Plan vom Leben. DaS Schicksal ist ein Feind „von unsern Planen, und macht sie zu unsern Schmerzen eitel. Leb „wohl, Lieber." — Auch an fröhlich scherzhaften Briefen fehlt eS nicht, in denen die muntere Laune, wie ein Fisch im klaren Wasser, spielend hin und wieder fährt. „Unser Briefwechsel, lieber Knebel, „scheint wie die Belagerung von Gibraltar zu gehen. Alle Monate „kaum geschieht ein Schuß, und es wiro so egal hinüber und hcrüber- „gefeuert. Hohe u«d fürstliche Besuche haben auf meinen Batterien „abermals verschiedene meiner besten Kanonen demontirt, und ehe ich „sie wieder dienstfertig machte, brauchte es Zeit. — Mir ist eingefallen, daß der neu entstehenden, rein adeligen Gesellschaft (siehe „oben) ein eben so großes Unglück bevorsteht, als Du für unsern G. „befürchtest. Ich sehe sie nämlich schon so ätherisch werden, daß „ihnen endlich das Athemholen ausbleiben wird. Tu wirst vielleicht „einwenden, daß sie anders organisirt sind als wir, und daß sie gleich „den Menschen und Kindern, die unter dem Wasser oder in dem „Fluidum der Matrix leben, im Falle die Lunge ihren Dienst verfugte, diese Luft durch eine ihnen besondere Oeffnung im Herzen „holen können. Ich widerspreche diesem nicht, aber ich bitte Gott, „mich lieber zu ersticken, als mich, gleich jenen, amphibisch und durch- „löcherten Herzens werden zu lassen. — Ich sagte es schon öfter:, es „ist Schade, daß Du keinem bestimmten Talent nachhängst. Du be- „kömmst viel von Rousseau'S Wesen. — Aber sage mir doch ein „Wort von der Pilatiade. Wie kann so etwas Albernes und ganz „Geschmackloses, ich möchte sagen UebelriechendeS, auS einem so wohl- „duftenden Lavater kommen? — Der Fürst von Dessau leidet hier „gar sehr an Reißen in seinen Gliedern; so kränkeln steht gar nicht Knebel's Nachlaß. 309 „zu seinem großen und robusten Körper." — Auch an entgegengesetzten, trüben Betrachtungen feblt eS nicht, wozu dem guten Fürsten vorzüglich seine häufigen Kränklichkeiten Stoff geliefert zu haben scheinen. Auch von ihnen eine Probe aus einem Briefe vom 8. Dezember 1784: „Die anhaltende trübe Finsterniß, die mich hier seit drei „Wochen umgeben hat, fängt heute an, durch etwas Sonnenschein „unterbrochen zu werden. Es ist aber nur ein vorübergehender Augenblick, der dem Reisenden leere Hoffnungen macht. Schnee und „Regen werden bald wieder zu stüimcn ansangen, und uns vollends „in den zusammenziehenden Winter einhüllen. Und wenn er endlich „weichen wird, so ist es nur, uns einen kurzen Genuß süßer Jahreszeit zu geben, und uns dann wieder in unabsehbare Wolken, kurze „Tage und cimmerische Nächte zu stürzen. TieS paßt alles gar sehr „zum menschlichen Leben und Schicksal. Kurzer Sonnenschein stärkt „uns nur, um die überwiegende Trübe auozustehen. DaS menschliche „Leben ist ein ewiges Auehalten; Erhaltung und Fonpflanzung des „Daseyns scheint beinahe Zweck der Menschheit zu seyn. .Genuß ist „selten mehr als bloßes Ausruhen, um wieder neue Wolken zu durchbrechen. Ja unter Tausenden ist kaum einer, der irgend etwas mehr „begehrt oder der von seiner Natur weiter getrieben wird, als sich „um den Wendepfabl der Erhaltung und Fortpflanzung zu drehen. „Ihr Treiben, ihr Lernen, ihr Vergnügen und ihre Ruhe zeigt selten „weiter, als auf diesen Wendepunkt." Wir würden nicht Raum genug finden, wenn wir von seder Art der Darstellung eine ähnliche Probe liefern wollten. Doch däucht unS zu einem getreuen R ferate nothwendig, auch von den inneren Ansichten des Briefstellers über verschiedene Gegenstände einige Rechenschaft zu geben. Zuerst von der ihn selbst umgebenden Gesellschaft, die doch, sollte man voraussetzen, eine sehr gewählte war. Immer aber muß sie dies doch nicht gewesen seyn, wenn anders das Folgende nicht blos als Ausbruch übler Laune zu betrachten ist. „Die öffentliche Gesellschaft ist tiefen Winter so insipid wie nur möglich. Da meist alles „verheiratet, und der weibliche verheiratete Theil von der Art ist, daß „er leicht häusliche Unruhe veranlassen könnte, und da, was übrig geblieben ist, die kurze Zeit überlebt hat, so ermangelt ein Hauptinteresse „ganz. Niemand bekümmert sich um den andern, und man sieht sich „ordentlich zur Frohne. Unsere Gesellschaft ist wirklich die aller- „ennuyanteste des ganzen Erdbodens. So lange kein Frost war, sagten „einige; setzt ist auch dieser Nagel, an welchen eine Menge Men- 310 Knebel's Nachlaß. „scheu sich hingen, ausgen'fscn. Ein neuer Comödienplan schien dann „eine Weile zu beschäftigen, da er aber nicht recht verdaut war, „ging er wie Haselnüsse hart ab, und der moralische Magen blieb „abermals leer." Wie der Fürst über die arge Selbstquälerei der Hypochondrie dachte, mag folgender Brief bezeugen, den Knebel noch volle 47 Jahre überlebte, da er vom Jahre 1787 ist. „Es thut mir sehr leid, „lieber Knebel, daß Du Dich mit dem Gedanken der Auszehrung „so bekannt gemacht zu haben scheinst, indem Du ihm wie dem kommenden Herbst entgegen zu sehen scheinst. Laß diese Ueberzeugung y,nicht Wurzel greifen. DaS Lebendlgseyn ist doch im Grunde das „Solideste und Beste, waS wir besitzen. Der Gedanke, dies bald zu „verlieren, benimmt schon den Genuß, und man soll sich doch jeden „Genuß so sehr als möglich zu verlängern suchen. Du nagst zu viel „an Dir selbst. Man sollte Dich mit etwas Bitterem bestreichen, „wie den Kindern die Finger, damit sie nicht daran saugen. — Pu „irrst Dich sehr, wenn Du glaubst, daß ich durch einen Dritten einen „Verdacht gegen Deine häusliche Ordnung (die, im Vorbeigehen, nicht „groß war, nam i»i 8emper lull eurts res) hätte bemerken lassen. „Hätte ich das für nöthig gefunden, so hätte ich mich gewiß deS einfachsten Mittels bedient, Dir selbst geradezu meine Besorgniß zu „eröffnen. — Warum setzest Du also einen verhaßten Werth auf den „vielleicht ganz müßigen DiseourS eines andern, der Dich nun glau- „ben machen will, Dein hiesiges Verhältniß sey verdorben, und Du „müssest anderSwo Zufriedenheit suchen. Ich glaube vielmehr, dergleichen Mißverhältnisse kommen daher, weil Du öfter unsere Gesell- „schast vermeidest, wo Du doch so gern gesehen bist, und wo sich „jedes Mitglied derselben bemüht, Dich so oft als möglich zu besitzen. „Ich läugne nicht, eS that mir oft leid, zu sehen, daß Du andere „Wege zur Zufriedenheit suchst, als die deS freundschaftlichen Umgangs, „welchen wir, Deine hiesigen Freunde, Dir so dringend anboten." Welchen Werth haben solche Aeußerungen in psychologischer Beziehung! Ich achte sie, da sie aus Privatbriefen entnommen, und so ganz ohne alle Oftentation auö der Seele gequollen sind, zur anthropologischen Characteristik der innersten Individualität eines Menschen höher, als alles, waS uns die Geschichte, selbst die Biographien, sie mögen nun von andern geschrieben oder selbst verfaßt seyn, in dieser Gattung nur immer geben können. Ja diese vertrauten Privatbricfe, hiß nie zur Oeffentlichkeit bestimmt waren, schätze ich nicht bloß Anebel's Nachlaß. 311 für die besten, sondern als die einzigen Quellen, aus welche» ein getreues Bild des Menschen, aus welchen seine wahre Geschichte geschöpft werden kann. Wenn wir solche Briefe von Alexander, Cäsar, Cromwell n. f. hätten, wir würden ohne Zweifel ganz anders über diese Männer denken, und ganz andere Resultate a«S ihnen abstrahiren, als selbst unsere ersten GeschichtSschreiber aus den Hof- und Staatöactionen derselben abgeleitet haben. Nur müssen es nicht solche Briese seyn, wie der eitle Cicero sie an seine Freunde gerichtet zu haben scheinen wollte, während er sie in der That an die ganze römische Welt und Nachwelt gerichtet hat. Diese sind zur Charakteristik des Autors und zur getreuen Geschichte ihrer Zeit, von demselben Werthe, wie die meisten Autobiographien oder Rousseau'S Confessionen, die mehr irre zu führen, als auf den rechten Weg zu leiten gemacht scheinen. Wir schließen diesen Bericht ,von dem ersten Bande dieser schätzbaren Sammlung mit einigen Stellen aus einem Briefe desselben Herzogs, der unü gbnz geeignet scheint, die edlen Gesinnungen, die ihn beseelten, und noch mehr die vertraute Jipnigkeit, mit welcher er seine Freunde, die auch zugleich seine Diener, ja seine Unterthanen waren, zu behandeln pflegte. Wir haben bereits oben erwähnt, daß Knebel, nachdem er der Erziehung des Prinzen Constantin überhoben war, wahrscheinlich auö der Oede, welche GeschäftSIosigkeit und Mangel an einem bestimmten Lebenszwecke in uns erzeugt, den Entschluß gefaßt hatte, in einem anderen Lande Civildienste anzunehmen. Er wollte, sagte er, irgend ein Amt mit täglicher Beschäftigung am Actentische, der dem Herzog ein Gräuel war, haben, und demselben durch die Pension, die er von ihm bezog, nicht weiter lästig fallen. Schon früher hatte ihm der Großhcrzog von diesem Wege freundlich abgerathen, aber Knebel kehrte neuerdings auf denselben zurück, und war daran, seine Entlassung zum zweiten Male zu fordern. Wo ist der Ort, an dem er sie nicht erhalten hätte? — Sehen wir, wie ihn sein fürstlicher Freund behandelt. — „JstS möglich," schreibt er ihm unterm 4. Oktober 178t, „daß Du, der so wohl und scharf die „guten Eigenschaften der andern ausspähen kann, über Dich selbst so „dunkel bist? DaS Schicksal kann einen Menschen doch nicht mehr „quälen, als wenn es ihm die Augen blendet, daß er selbst den „Zweck nicht sieht, wohin er gcradewegü treibt, während ihn doch die „andern gerade hin gehen sehen, und nur er immmer wähnt, er laufe „zwecklos umher. Und mit diesem Elende noch nicht zufrieden, wirst 312 Knebel'S Nachlaß. „uns das Schicksal oft noch in ein anderes; eS läßt unS nämlich „glauben, daß, wenn wir auf g.-bahntem Wege gehen, eö rühmlich und „besser wäre, wir gingen daneben im Graben, mit Bettlern und Krüppeln im Schlamm bis an die Kniee, und trügen Lasten, die nur für „Rücken von Saumthieren gemacht sind. Dadurch glauben wir dann „unsere Existenz zu erfüllen und unsern Freunden zu nützen, wenn „wir mit ihnen im Schlamme wate», statt daß wir uns selbst wohl „erba.ten, und jenen Lurch fröhlichen Zuruk oder Handreichung, vom „festen Boden her, Hülfe bringen sollten. Keiner mag dann seine Na- „tur richtig erkennen: der Eine am Ufer will in den Schlamm, und „das Lastthier will auf daS U er, um sich zu sonnen. Jener bleibt „stecken und versinkt, und dieses, den Platz von jenem erhaltend, muß „aus lauter Wohlseyn und Nichtsthun verfaulen. Sind denn Deine „Freunde so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben „und Hacken und Ausmisten und Actenverschmieren ihnen nützlich und „angenehm seyn kannst? Oder sind wir so hungrig, daß Du für „unser Brod, oder so unstät und furchtsam, daß Du für unsere Si- „cherheit arbeiten mußt? Sind wir nicht mebrerer Freuden, als der „dcS Tisches und der Ruhe fähig, und können wir keinen Genuß „finden, wenn Du, von dem Schmutze des Weltgetriebes Reiner, „Deine volle Zeit zur Schmückung des Geistes anwendend, uns, die „wir nicht Z it zum Sammeln haden, den Strauß von den Blumen „des Lebens gebunden vorhältst? Sind wir blos zu Amboßen der „Zeit und des Schicksals gut genug, und können wir nichts neben „uns leiden, als Klötze, die uns gleichen, und nur von harter Masse „sind? Ist es denn ein so geringes LooS, die Hebamme guter Gedanken zu seyn? — Bist Du nun so im Bösen, so über Dich selbst „verblendet, zu glauben, Du habest uns nie dergleichen Nutzen geschafft, und achtest Du uns so gering, daß Du meinen kannst, wir „würden Dich so lieben, wie wir thun, wärest Du uns hierin unnütz „oder überflüssig gewesen?" — Dieß wird genügen, die Leser aufmerksam zu machen, um nicht nur diesen ganzen, langen Brief S. 126, sondern alle Briefe dieses trefflichen Fürsten selbst in der Sammlung nachzusehen. Welch ein Himmelsleben muß es seyn, mit einem so hochgestellten und zugleich so hochgesinnten Manne, im Schooße einer so wahrhaft edlen Familie und in der Mitte der tress.ichsten Geister dcS Vaterlandes, eines solchen Umganges sich zu erfreuen!— Gegen dieses Paradies von geistigen Genüssen, wie öde und dürre erscheinen die Einöden, in welchen die meisten anderen, vom Schicksale weniger Knebel'S Nachlaß. 313 begünstigten deutschen Gelehrten oft bis an das Ende ihres Lebens, unerkannt und mißgeachtet sogar, einsam ihre Tage vertiern, fern von jedem Reiz, von jeder äußeren Ermunterung, jeder geistigen Mittheilung, selbst jedes erhebenden FreundeSgesprächeS baar und bloß, und oft, nur zu oft noch mit getäuschten Hoffnungen und mit Sorgen für die nächste Zukunft ringend. In den meisten andern Geschäften des Lebens, wozu nur einige geistige Kraft erfordert wird, findet man Talent, Glück und Elfer von den Mitgenofsen willig anerkannt, und von den in der Gesellschaft Hochgestellten getragen und gefördert, während im Gegentheil diese, auf jede Ermunterung, auf jede Hülfe von außen verzichtend, sich allein überlassen bleiben, und selbst die Anrei- zung zur fortgesetzten Thätigkeit nur aus ihrem eigenen Innern nehmen müssen. Während jene im behaglichen Genusse die Blumen der Gegenwart pflücken, mögen diese für ihre geistigen Erzeugnisse und für ihre schlaflos durchwachten Nächte sich mit dem, ihrer vielleicht wartenden Nachruhm und mit der von jenen se.bst wohl sehr unbeneideten Ehre begnügen, mit den beiden ersten Heroen unserer Literatur, mit Kepler und Lessing, ein gleiches Schicksal zu theilen, von welchen der eine nur nicht eben Hungers starb, während man den andern gl.ich einem gejagten Edelhirsch zu Tode hetzen ließ, ohne daß man sich übrigens dadurch gehindert sähe, von der Aufmunterung zu sprechen, deren sich Kunst und Wissenschaft bei uns an allen Orten und zu allen Zeiten zu erfreuen hätten. — Warum aber muß eine solche Erscheinung, wie diejenige ist, die, obschon an sich sehr erfreulich, unS zu so betrübenden Betrachtungen Anlaß gegeben hat, warum muß sie so selten, oder vielmehr noch so einzig bei uns seyn? Sollte eS in der That noch nothwendig seyn, den Nutzen, welchen sie den Wissenschaften, den Vortheil, welchen sie der Kultur und sonach auch dem Glücke der Völker, und endlich den Glanz, die unvergängliche Ehre, welche sie ihren Stiftern bringen würde, erst umständlich zu beweisen? — Dann wäre unsere Menschen - und Literaturgeschichte für Blinde geschrieben, sie, die uns sagt, daß eines jeden Volkes Glanzpunkt, ohne Ausnahme in alten' und in neueren Zeiten, immer nur in diejenige Epoche siel, wo Kunst und Wissenschaft bei ihm in höchster Blüthe standen, und daß PerikleS, Augnst, Harun, Cosmo von Me- dicis und Ludwig XIV., die in der Pflege dieser Blüihen ihre eigene höchste Ehre suchten, sich eben dadurch für alle Folgezeit mit unsterblichem Ruhme umgeben haben. K. L. von Knebel's lilerarischer Nachlaß und Briefwechsel. Herausgegeben von Varnhagen und Mundt. Zweiter und dritter Theil. Leipzig, bei Reichenbach, 1835 und 1836. (Jahrbücher der Literatur. 1837. l-XXIX.) Wir lassen hier dem früher angeführten ersten Theile von Knebel's Nachlaß die Anzeige der beiden anderen folgen. Der zweite Theil enthält bloß den Briefwechsel zwischen Knebel und seinen Freunden, der auch bis S. 110 des dritten Bandes fortgesetzt wird. DaS Uebrige des dritten Bandes gibt uns zuerst seine Schweizer- Wanderungen in Briefen an den Großberzog; dann seine Phantasien und Bilder, bald poetische Beschreibungen in Prosa, bald moralische oder philosophische Betrachtungen in rhapsodist.schcr Manier über mannigfaltige Gegenstände; ferner einige prosaische Fabeln und philosophisch-ästhetische Aufsätze, Tagcbuchöblätter, Betrachtungen zu Lucrez und Proper;, und einige Fragmente zum Theil über einzelne Personen, wie Friedrich II., Göthe; zum Theil über sittliche Gegenstände, wie Bildung, -öffentliche Meinung, Lob und Tadel u. f. Als Anhang zum Ganzen findet man noch zwei Briefe von Knebel an den Minister von Altenstein. Wir wollen nun diese mannigfaltigen Gaben in der Ordnung, wie sie uns geboten werden, etwas näher betrachten. Die ersten dieser Briese sind an seinen Jugendfreund Gilbert gerichtet. Sie sind zwischen 1765 bis 73, also von seinem 21. bis 29. Jahre geschrieben, und tragen sämmtlich auch das Gepräge einer noch nicht ausgebildeten Jugend, der eS zwar nicht an Kraft, aber Knebel's Nachlaß. 315 doch an der Kunst fehlt, diese Kraft handzuhabeu. Seine Urtheile, und viese reichen oft bis zu Glcim, Lessing, Ramler, sind jngend- lich-kühn, doch gutmüthig und bescheiden; seine Sprache aber ist noch nicht ausgearbeitet, und seine Empfindsamkeit streift oft so nahe an Empfindelei, die durch die Unbehotsenheit dcS StylS, der sie offenbar mildern soll, nur desto deutlicher hervortritt. „Eine Schwachheit von mir," schreibt er seinem Gilbcrt, „muß ich Dir schon gestehen: daS ist meine Zärtlichkeit. Ich kann auch gegen ein GraShälmchen zärtlich seyn: aber bei Seelen gegen keine andere, als die mir gleichgestimmt und eben so zärtlich sind. Reiz, Schönheit und Jugend und alle andern bunten Zierathen des Zufalls machen bei mir gar nichts. Aber die feineren guten Seelen — o, wie lieb ich die! Rathe nun, wie ich gegen Dich gesinnt bin, und — lebe wohl." — Ich weiß nicht) ob man mit der Herausgabe solcher Jugendarbeiten wackerer Männer nicht besser zurückhalten sollte. Die Schwächen großer Männer kennen zu lernen, ist lehrreich und nützlich, wenn auch nur, damit wir andern nicht kleinmiithig werden — aber was der und jener, als er noch ein Kind war, gesagt oder gethan haben mag, da es nun eben nichts als kindisch seyn konnte — wem soll daö nützen? Gehen wir also zu der zweiten Sammlung, zu Ramler'S Briefen an Knebel, über. Dieser alte Dichter und Kunstnchter tritt schon viel fester auf, nur läßt er den Schulmeister zu oft sehen, und gefällt sich selbst so sehr, daß er allen andern dadurch mißfällig werden muß. Doch sind seine Urtheile männlich, kräftig und sein Styl gediegen. Wir übergehen seine vielen Kritteleien und die Beschnci- dungen, wie er sie selbst nennt, die er mit den Gedichten anderer Deutschen vorgenommen hat, und die ihm, nicht mit Unrecht, deS Verdrusses so viel zugezogen haben, daß wir seine Manen und uns selbst nicht weiter damit ärgern wollen. Die Zeit, in welche diese Briefe von Ramler fallen (1770 bis 1780), war eine Zeit der schönsten Hoffnungen für das Gedeihen der deutschen Literatur. So viele treffliche Männer erhoben sich aus der Nacht der Barbarei, die uns noch unter Gottsched und Con- sorten bedeckte, mit sugendlicher Kraft und männlichem Ernste zugleich, und in einigen Jahrzehnden wurde mehr geleistet, als man, vor Kurzem noch, nicht von ganzen Jahrhunderten zu erreichen hoffen konnte. Und so begeistert fühlten sich viele von diesem raschen Ausflug der jungen Aare (Klopstock, Lessing u. s.), daß sie bereits in der Mitte deS goldenen Zeitalters unserer Literatur zu seyn glaub- 316 Knebel's Nachlaß. ten. Auch Ramler gehörte zu diesen Enthusiasten. „Es ist erfreulich," schreibt er an Knebel i. I. 1773, „wie sich unser Land seit den verlaufenen letzten zehn Jahren gebessert hat, und wenn ich noch zwanzig Jahre leben sollte, so werde ich mit der fröhlichen Idee aus der Welt geben, daß ich Deutschlands goldenes Zeitalter erlebt habe." — Nun; wir baben sie erlebt diese zwanzig Jabre, und waS darüber ist. Und wie steht eS sitzt mit jener fröhlichen Idee? — Klop stock und Lessing, Wieland und Herder, Göthe und Schiller, sie sind hingegangen, und die fröhliche Idee ist auch hingegangen jenen dunklen Weg, unäs negsnt reäirs guemguam. — Und wir? Nun, wir stehen da, und sehen ihnen nach! — Glückliche, beneidenSwerjhe Menschen, die da glauben können, was sie wollen, was sie sich zu glauben vorgenommen haben. Da stehen wir und hängen die Köpfe, weil wir zu spät, oder auch vielleicht weil wir um einige Iah,Hunderte zu früh gekommen sind — der Himmel wird eS wissen, welches LooS unS zu Theil geworden ist — während die anderen dort, gleichviel mit Recht oder Unrecht, sich selbstgefällig G ück wünschen, daß , ' sie so schön zur rechten Zeit eingetroffen sind, zur goldenen Zeit, und daß sie nun selbander mit allen denen zu Tische sitzen, von denen der späte Enkel sprechen uzch deren Namen dauern wird für und für. Unser guter Ramler gehö>te, wenn irgend einer aus jener Epoche, zu diesen glücklichen Sterblichen, die überhaupt damals viel zahlreicher gewesen zu seyn scheinen, als in unsern Tagen, wo die Hoffnungen und Erwartungen der Menschen, nachdem sie ausgeträumt haben, etwas nüchterner geworden sind. Aber dieß ist das gemeinsame LooS derjenigen, die sich vergebens abmühen, ihr ganzes Leben durch, die » nur von verfehlten Experimenten und von mißlungenen Versuchen zu erzählen haben, und am Ende matt dahinsinken und die Hände in den Schooß fallen lassen. Dahingegen die andern mit ihrem Glauben, wie jener sagte, Berge versetzen, und sich in den Grund des OceanS stürzen können, ohne zu ertrinken. Indem wir von diesem unerfreulichen Gegenstände den Blick abwenden, gehen wir zu minder düsteren Bemerkungen desselben Mannes über, der, bei allem seinen schulmeisterlichen Ernste, sich doch auch gern einen Scherz erlaubte, und dabei dem Paradoxen nicht abhold war. So behauptet er, und bekräftigt eS beinahe durch einen Schwur, daß noch keine schöne Schauspielerin auch zugleich eine vortreffliche Schauspielerin gewesen sey. Diese Erfahrung hätte er sowohl, als auch Hr. Weiße in Leipzig, nicht nur auf allen deutschen, sondern Knebel's Nachlaß. 317 auch auf den französischen und englischen Theatern gemacht. Diesem gemäß gibt er daher seinen Berliner Freunden den gutgemeinten Rath, „die Schönen auf ihren Zimmern und die Kunstverständigen aus der Bühne zu bewundern, denn dann würde alles an seinem Orte stehen, und das Vergnügen ein doppeltes seyn." — Ref. versteht sich zu wenig auf Kunstfertigkeit, und noch viel weniger auf weibliche Schönheit, um in solchen Dingen sich eine Stimme anzumaßen; aber eS will ihm bedünken, als hätte der weiland bewunderte Kunstlichter, durch diesen seinen Ausspruch es nur gleich mit allen Klassen von Schauspielerinnen für immer verdorben, da die, welche er für gut hält, zugleich Häßlich, und die er für schön hält, zugleich schlecht seyn müssen. Mag er nun selbst zusehen, wie er mit beiden fertig wird, wenn er etwa mit ihnen auf der Asphodeloswiese wieder zusammenkommen sollte. Eine andere Stelle aus diesen Briefen heißt: „Die heillosen komischen Opern verdrängen uns setzt alle guten Tragödien und alle regelmäßigen Schauspiele." — Der Brief, in dem er das sagt, ist allerdings den 2. August 1771 überschrieben; aber eS könnte doch wohl ein Druckfehler seyn, und 1837 heißen. Und wie dürste etwa folgende Stelle auf unsere Zeiten passen? — „Morgen, den 3. August 1771, wird Minna von Barnhelm zum ersten Male in Berlin aufgeführt werden. Lessing kann nicht klagen, daß wir undankbar gegen seine Muse sind. Wir haben sie alle schon hundertmal gelesen, wir haben sie in Kupfer stechen und in die Kalender setzen, wir haben diese Minna sogar auf die Punschnäpfe malen lassen. Aber ihm selbst hat sie nichts eingebracht. Darüber allerdings kann er klagen. Die Pariser Dichter würden von einem solchen Stücke gespeist, getränkt, gekleidet und beherbergt, sie würden reich davon werden. Aber wir sind Deutsche, und das ist genug!" Daß er dabei auch ein wenig an sich selbst gedacht habe, und wer mag es ihm verargen, der seine damaligen Verhältnisse näher kennt, zeigt folgende Stelle: „Mein so herzlich besungener Held hat kein Oel für die Lampe seines Poeten. Ich bin auch nicht unwillig darüber. Er gebe das Oel denen, die ihr Leben so oft wagen. Ein Sänger, den er nicht gedungen hat, darf keine Belohnung von ihm fordern." Er meint aber hier den Mann, von dem er früher in einer seiner vielen Oden auf denselben, allerdings etwas zu sehr im brandenburgischen Dialekte, gesungen hat: 318 Knebel's Nachlaß. „Den Mann, Berlin, durch den du weiser, „Als alle andern Städte bist" u. s. w. Noch sehen wir aus diesen Briefen, daß Knebel, der den größten Theil seines spätern Lcbevö auf die Uebersetzung des Lucrez gewendet, seine Kraft anfangs gegen die Beneide Virgil'S kehren wollte, die er aber später unvollendeter Dinge wieder zur Seite liegen ließ. Von dem einzigen Briefe der Dichterin Karschin, der in dieser Sammlung vorkömmt, mag bloß die Ramler'n betreffende Stelle angeführt werden, da sie für die Schreiben» selbst charakteristisch ist, pnd den allgemeinen Unwillen gut bezeichnet, der damals a^le über das obenerwähnte Beschneiden fremder Gedichte durchdrang. „Sagen Sie dem Kunstrichter ja kein Wort davon, daß ich Ihre Hymne gesehen habe. Ich bin ein viel zu kriechendes Geschöpf in seinen Augen, und er nimmt Ihnen diese Herablassung gegen mich gewiß übel. Sie kennen diesen großen Geist nicht; ich aber habe diese Kenntniß theuer genug erkauft. Seine Kunst verdient Bewunderung und seine Dichterweisheit Verehrung; aber diese Eigenschaften machen, daß der Mensch Ramlcr kleindenkend wird, so wie mancher arm gewesene Mann durch zugefallene Reichthümer zum Harpax oder zum unerträglichen Gesellschafter geworden ist." Die zehn Briese an Gleim enthalten wenig allgemein Interessantes, da sie sich meistens auf die Geschichte des Tages, auf häusliche Begebenheiten und auf Verhältnisse der Freunde beziehen. Der liebenswürdige Charakter Gleim'S tritt in jeder Zeile hervor, nur ist der Ton, in welchem er sich ausdrückt, gar zu süß und überzärtlich. Dieser Ton scheint auch seine Freunde angesteckt zu haben, so lange sie in seiner Nähe blieben. „Ich wollte Ihnen zwar," so endet er einen seiner Briefe an Knebel, „noch einige Zeilen von J'cobi, der jetzt bei mir wohnt, beifügen lassen: aber er schläft noch. Doch werde ich so grausam seyn, und ihn wecken lassen; denn selbst kann ich ihn nicht wecken: der Arme dauert mich, er schläft gar so sanft." — Der arme Jacobi wird in der That durch Andere aufgeweckt, und gibt uns folgendes Postscript zum Besten: „Wer würde nicht gerü sich wecken lassen, um mit einem Knebel zu sprechen, wenn er, so wie ich, ihn kennte, und seine Tugenden eben so zu schätzen wüßte. Ja, mein lieber Freund, meine Freundschaft ist Ihnen gewidmet. Von ihnen geliebt zu werden und sie lieben zu dürfen, ist ein süßes Glück für mich u. s. w." Also nichts als Liebe und Freundschaft Knebel's Nachlaß. 319 um jedes dritte Wort! Hätte man den arme» Jacob» doch lieber weiterschlafen lassen. — Ganz eben so, und wohl noch viel ärger, macht eS Glenn. Wenn er einmal die Schleichen seiner Freundschaft und Liebe aufgezogen hat, so stürzt das Gewässer gleich einem Waldstrom fort, daß eS alle Zuhörer betäubt. Er nennt in einem einzigen Briefe wohl zehnmal Knebel seinen Kleist. Er stellte ihn am Ende hoch über Kleist, und setzt beinahe mit einem Schwur hinzu: „Wahrlich, mein lieber Knebel, ich kann nicht schmeicheln, irnd wenn ich's kann, so sollen alle Musen ewig weine Feindinnen seyn. Aber ich muß eS sagen, daß Sie den Meister übertreffen, wenn Sie so fortfahren." — Aber auch gegen andere fließt alles von Zärtlichkeit über; alle werden gelobt und gepriesen, die ihm nur in den Weg kommen. Knebel nennt er seinen Kleist, Uz seinen Horaz, Michaelis seinen Pope, Schmidt seinen Petrarch und Jacobi (Johann Georg, den Dichter) sein Alles in Allem. Mendelssohn wird nur kurzweg „der große Mann" genannt, und B o ie heißt der permanente Intendant des Parnasses. Vielleicht thut er das aber nur, weil er mit allen Menschen in Frieden leben will, und dies Verfahren für das beste Mittel dazu hält. In der That wird man schwer einen Mann aus jener streitsüchtigen Zeit nennen können, der sich mehr vor allen Fehden zu hüten, gesucht hat, als Gleim. Diese litterarischen Händel waren ein Gräuel in seinen Augen. „Es ist ein wahrer Jammer," schreibt er an Knebel, „daß sogar die Wielande und Jacobi dem Kitzel nicht widerstehen können, durch Streitkolben berühmt zu werden. Ich ricth so ernstlich davon ab, aber eS hat nichts geholfen. Ich werde mich sehr hüten, an irgend einem solchen Spectakel auch nur auf die entfernteste Weise Theil zu nehmen." Diese Scheu vor Händeln ging nicht bloß aus seiner Liebe zum Frieden, sondern, was bei Gleim merkwürdig ist, aus Misanthropie hervor. So munter und freundlich, so zufrieden und lebensfroh er war, so blieb er doch mit den Menschen im Allgemeinen sehr unzufrieden. „Ich habe sie zu boshaft gefunden," sagte er, „wer mag mir'S verdenken, daß ich mit ihnen nicht zufrieden bin." Noch mag es gegönnt seyn, ein Wort über die vielen eingestreuten Verse, ja ganzen Gedichte jener Briese zü sagen. Sie sind Kinder des Augenblicks, und, auch wenn sie von Meistern kommen, ohne Feile und Vollendung. Für einen Freund mögen sie immerhin mitgehen, waö geht da nicht alles mit. Aber für Briefe, die der Ocffent- 320 Knebel's Nachlaß. lichkeit, die der Nachwelt bestimmt sind, dürsten die meisten von ihnen immerhin zur Seite gelegt werden. Aus den beiden hier mitgetheilten Briefen von Friedrich Jacobi wollen wir hier nur einer Stelle über die Eitelkeit gedenken, über dieses nicht bloß unter den Damen, sondern unter allen Menschenkindern, ganz besonders aber unter den Autoren so reichhaltige Kapitel: „Ich kam vor einiger Zeit mit Klopstock über Lavater zu reden. Mein Freund Lavater, sagte Klopstock, ist sehr eitel, der gute Mann weiß selbst nicht wie sehr. Einige Tage darauf erwähnte Goethe einer gewissen Dame, die Herder der Eitelkeit beschuldige, und sich deßwegen nicht mit ihr vertragen könne, offenbar, sagte Goethe, weil Herder selbst der eitelste unter allen Menschen ist. Was da Goethe von Herder sagt, sagt wieder ganz Deutschland von Goethe. Es heißt sogar, er sey aus Eitelkeit und Hochmuth zum Narren geworden. Wie aber, in diesem Punkte, von Wieland und Klopstock geurtheilt wird, ist Niemand unbewußt, und von Lessing heißt es gar, er habe sich aus Eitelkeit dem Teufel verschrieben. Nun frag' ich, ob wir alle schuldig oder ob wir alle unschuldig sind?" Zu den interessantesten und lehrreichsten Briefen dieser Sammlung gehören die von Boie. Dieser wackere Mann muß als einer der ersten Beförderer der schönen Literatur Deutschlands angesehen werden, obschon er, durch eigene Arbeiten, nur sehr wenig zu ihrer Aufnahme beigetragen hat, desto mehr aber durch Anregung anderer Geister zn demselben Zwecke. Boie war zum Herausgeben von Zeitschriften geboren, und er ließ sein Talent nicht unbenützt liegen. Schon in seinem zwanzigsten Jahre vereinigte er sich zu Göttingen mit Götter zur Herausgabe des ersten deutschen Musenalmanachs, und indem er Bürger, Voß, die Grafen Stollberg, Hölty, Knebel. Ramler u. a. für diesen Almanach gewonnen hatte, gab er demselben eine Vollendung, deren sich nur wenige seiner in der Folge so zahlreichen Nachahmer rühmen konnten. Er gab auch später mit nicht minterm Glücke das „deutsche Museum" durch dreizehn Jahre heraus, und starb endlich, allgemein geehrt, im I. 1806 im zweiundsechzigsten Jahre seines Lebens, als Etatörath in Holstein, seinem Vaterlande. In den gegenwärtigen Briefen finden sich besonders viele gediegene Urtheile über die vorzüglichsten Dichter seiner Zeit, meistens nur hingeworfen, oft kühn und rücksichtslos ausgedrückt, aber größtentheilS Knebels Nachlaß. 321 von der Folgezeit bestätigt. Wir führen nur einige der prägnantesten Aussprüche dieser Art an. „Von Madam Karschin," sagte er, „kenne ich mehrere recht artige Sachen, aber das meiste, was sie macht, kann man nicht brauchen. Es ist oft so gemein, so alltäglich, daß man nicht begreift, wie eine Frau, die wirklich Genie hat, so schreiben kann. Sie will auch keine Kritik vertragen, und Niemand braucht sie doch so sehr als sie. Wenn sie nicht in sich geht, gebe ich alle Hoffnung auf. — Kästner macht mitunter treffliche Sinngedichte, aber das Aals pluru der Epigrammatisten trifft bei ihm in hohem Grade ein. Ihm fehlt nichts als Geschmack, und eS ist schade, daß er diesen mit seinen andern großen Talenten nicht verbindet. — DeniS läßt mich bedauern, daß dieses glückliche Genie keinen denkenden Kunstrichter oder kälteren Freund um sich hat, der ihn auf übertriebene Nachahmungen Ossian'ö auf Sprache, Correktheit, Sylbenmaß u. f. aufmerksam macht, und ihn besonders die Kunst lehrt, nicht alles zu unternehmen, und aufzuhören, wenn eS Zeit ist. — Haben Sie Wieland'S Grazien schon gelesen? Es ist erstauncnS- werth, daß er so viel und so gut zugleich schreiben kann. Dieß sein neuestes Werk scheint mir vollendeter in seiner Art, als irgend ein vorhergehendes. Die Sprache ist feiner und das Ganze mehr ausgearbeitet. Aber leer — wird der steife Leser sagen. Ich fürchte jedoch, es ist an manchen Stellen noch zu voll und zu gelehrt, für die große Welt nämlich, für die es geschrieben ist. — Was Klop- stock betrifft, so wissen Sie schon, daß Sie es mit mir als mit einem Enthusiasten zu thun haben. Ihnen ins Ohr will ich also sagen, daß ich Klopstock für den ersten und beinahe für den einzigen Dichter unserer Nation halte. — Ramler ist ein sehr correkter, harmonischer, feuriger — Nachahmer des Horaz. Wo aber ist bei ihm eine Spur von dem großen, ungestümen Feuer, das uns bei Klopstock hinreißt? Das thut nur der wahre Poet, und von solchen hat nicht einmal jedes Jahrhundert einen. K. ist wohl nicht ohne Fehler, welches Original hätte diese nicht? Aber schwerlich hatte je ein Original so viel Geschmack. ör«!vi8 esse luboro, odsourus llo, so geht es ihm oft. Er sucht die Sprache der Poesie von jener der Prosa zu unterscheiden, und sucht eS vielleicht zu sehr. Die Berliner machen ihm den Vorwurf, er sey zu hart, zu unharmonisch. Aber man braucht ihn nur etwas mehr zu studiren, als sie bisher gethan haben, um die Ungerechtigkeit des VorwurfS zu fühlen. Klopstock ist viel bestimmter in stiner Prosodie, als selbst Ramler, wie ich Littrow i. 21 322 Knebel's Nachlaß. leicht beweisen wollte. Um über seine neuen Versarten recht zu urtheilen, müssen wir erst seine Abhandlung über die Prosodie erwarten. Ich möchte Ramler's offenherziges Geständniß über Klopstock'S Oden wissen. Billigen kann er sie bei weitem nicht. Sie sind ganz wider sein System und seine Manier. Aber unsere Nation ist glücklich, zwei so vortreffliche Odendichter zu haben. Auf zwei entgegengesetzten Wegen gehen beide sicher der Unsterblichkeit zu, wenn auch schon vielleicht nur der eine zu dem innern Tempel gelangt. Gewiß ist aber, daS Klopstock von Ramler nicht an reicherem Wohlklang übertreffen wird. Ramler braucht Sylben genug kurz, die nicht kurz sind. Ich erstaune über Klopstock'S Nachdenken darüber in seinen neuern Stücken. Daß Klopstock von Wieland nicht geliebt wird, weiß ich; aber ich weiß auch, daß Wieland, durch sein Urtheil, bei wahren Kennern sich nur selbst schaden wird. Uebrigens wird die wahre DiScussion über ihn der Nachwelt aufbehalten bleiben. Wic- land aber wird und kann diese DiScussion nicht liefern. So groß er in seiner Art ist, so hat er von dem wahren poetischen Rhythmus und Numerus nie einen Begriff gehabt. Lesen Sie alle seine Gedichte, alte und neue, und widersprechen Sie mir dann. Poetischen Geist hat Wieland, das weiß ich; aber seine Muse ist eine Tochter der Phantasie, der Philosophie und der Laune, nicht aber der Empfindung und der Harmonie, weder jener der Seele, noch der deS Ohrö. Wie könnte ein solcher Mann die tiefste Seelenharmonie, wie die Tiefen der Kunst beurtheilen, die zu ergründen er nie Lust gehabt?" Von Herder sagt Boie, daß selbst seine Freunde noch nicht halb wissen, welch ein tiesvenkender Kopf er ist. So viel Gelehrsamkeit mit so viel Genie vereinigt, kannte ich noch nie u. s. f. Hören wir, wennauch nur des Contrasteö wegen, auch Lichtenberg's Meinung über denselben Mann: „Daö Stümpern in höhern Wissenschaften ist, wenn eS mit einigem Witz und mit einer gewissen Duplicität des Ausdrucks geschieht, daS, was niedere Klassen für hohe Weisheit halten. Aber der Mann vom Fache lächelt über die Thorheit. H. in seinen Id. z. G sch. d. M. gehört hieher." Der Leser wähle nun, mit welchem von beiden er eS halten will. — Ueber Klotz wird in dem Tone gesprochen, den man schon aus Lessing's antiquarischen Briefen gewohnt ist. „Er hat auch mich angegriffen," sagte Boie, „aber ich werde ihm nichts antworten: Vinco uut vin- vor, 86inp6r mueulor. Anders geht es mit der unverschämtesten Kabale nicht. Namen nennen, die nicht genannt seyn wollten und durf- Knebel's Nachtaß. 323 ten, verdrehen, lügen, anf Personalitäten anspielen, das ist ihr Geschäft. Klotz hascht allenthalben nach Anekdoten, und weiß sie, wahr oder nicht, von Freunden oder Feinden, in ein so verhaßtes Licht zu stellen, daß eö gefährlich ist, von ihm gekannt oder bemerkt zu werden. Vor allem aber möchte ich sein Freund nicht seyn. Verachtung ist alles, waS ihm gehört." — Ueber Lessing, mit dem doch Boie in näherer, selbst persönlicher Verbindung stand, finden wir hier nur Weniges, aber auch aus diesem Wenigen geht die höchste Achtung hervor, die unser Epistolograph für einen Mann dieses Gewichtes hegte. Ueber Emilia Galotti, die damals, im I. 1772, erschienen war, sagte Boie: „Welch ein Srück! Daß mir nur Niemand ein deutsches oder ein ausländisches Stück mit diesem vergleiche. Was darin vielleicht nicht nach unserm Geschmack ist, das ist nicht so, weil es der Vers. nicht anders machen konnte, sondern weil er es so machen wollte. Denn alles ist nach seinem System. Die ganze Emilia war sicher in seinem Kopfe so da, wie sie ist, noch ehe ein Wort niedergeschrieben war. Selbst der Streit über dieses Stück, der hier und da sich regt, ist mir lieb. Er ist ein Beweis, daß uns die schöne Literatur nicht mehr so gleichgültig ist, wie vor zehn Jahren. Minna erregte wenig Widerspruch, und Sara gar keinen." -— Noch wollen wir bemerken, daß in einem dieser Briefe Boie'S (vom 7. März 1773) vielleicht die erste Veranlassung liegt, daß Knebel sich entschloß, den Lucrez zu übersetzen. Es wurde bereits oben gesagt, daß er anfangs die Aencis übersetzen wollte. Diese scheint er nun an Blume abgetreten zu haben, und wollte dafür die KovrZicm für sich nehmen. „Schon recht," schreibt Boie, „nur immer so zu, Sie die keorgieu, Bürger den Homer, Voß den Pindar — aber wer wird sich an den Lucrez machen?" Wir übergehen die nun folgenden, setzt weniger interessanten Briefe, und wenden uns sofort zu Wieland. Schon der erste, vom 13. Januar 1775, läßt bedauern, daß ein vorhergehender fehlt. Er hatte, wie er selbst gesteht, in einem hypochondrischen Anstoß unartiges Zeug über Goethe an Knebel geschrieben. Ich bin seitdem, fährt er fort, von allem Mißmuth über diesen sonderbaren großen Sterblichen raüieslitsr kurirt worden. — Auch mit Klopstock wollte es nicht recht fort. Wie land hatte die Beurtheilung eines Andern über Klopft ock^S Gelehrtcnrepublik in seinen „Merkur" aufgenommen, und besorgt nun Gegenreden und Antikritiken. Eigentlich, meint er, sollte über solche Leute gar nicht öffentlich abgeurtheilt werden. Denn 21 * 324 Knebel's Nachlaß. sie sind nun wie sie sind, und es wäre wohl selten besser, wenn sie anders wären. Klopft ock wird sich ohne Zweifel durch die Freiheit dieses Kunstrichters beleidigt finden. Aber ich kann nicht helfen. Entweder keinen Merkur oder Freiheit zu schreiben für Alle, die daran Theil haben; nm äutur tertium. — Ueber Knebel'S Ueb^rsetzung des Lucrez finden wir hier (U- Bd. S. 215) Wieland'ö Aeußerung, die in hohem Grade beifällig ist. — Die Liebenswürdigkeit und innere Heiterkeit deS großen Dichters lebt in jeder Zeile seiner Briefe, aber auch, da die meisten der hier mitgetheilten aus seinen spätern Jahren sind, Klagen, sanfte Klagen über die Gebrechlichkeiten des herannahenden Alters. „Ich schreibe Ihnen dieß," sagt er, „während eS um mich her stürmt und regnet, was mir weh thut, dem Siebziger, dessen dünnneS, filigranartigeS Seelengehäuse schon von jedem rauhen Lüftchen in Unordnung gebracht wird." — Ueber die noch traurigeren Novembertage nach der Schlacht von Jena (ü" Jahr 1806) sucht er sich und andere zu trösten, so gut er eben kann. „Ich höre von Goethe," schreibt er, „daß der gute Genius — üler'cuk'ikliukn — eustos viroi'um — der sich in den gräulichen Tagen und Nächten vom 14. bis 17. Oktober um unö gelagert und vor allem größer» Unfall beschützt hat, auch Ihnen, wie billig, zur Seite-gestanden, und daß Sie, was in solchen Fällen wohl Hauptpunkt ist, in diesen kritischen Momenten sich selbst nicht verlassen haben. Dabei möge eS denn auch ferner bleiben. Denn wer weiß, was noch bevorsteht, und was diese Tragödie, worin wir eine sehr leidige Statistenrolle spielen, für eine Entwickelung haben wird. In jedem Falle: Nulbkur sux vsincus! Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß wir hier ein Leben führen, das sehr traurig ist, und kaum den Namen eines Lebens verdient. Ich weiß nicht, wie mir der Einfall gekommen ist, mich zu dem alten MarcuS Tullius zu flüchten, und zu versuchen, ob ich seine Briefe ^ leidlich und leSlich verdeutschen könne. Sie sind glücklicher als ich, Sie, dem die Musen, seiner grauen Haare ungeachtet, doch noch so freundlich und gefällig sind" (Knebel hatte ihm eben seinen „Hymnus an die Erde geschickt). „Ich sage dieß nicht, als ob ich mich beklagte oder mich selbst bemitleidete, daß die Musen mich mit ihren Gunstbezeugungen unangefochten lassen, deren ich doch nicht mehr froh werden könnte. Ich darf mich ohne große Undankbarkeit nicht über sie beschweren. Alles hat seine Zeit und währt seine Zeit, und Knebel's Nachlaß. 325 ich finde mich noch überglücklich, daß mir gegönnt ist, einen Mann, wie Cicero, noch in seinem 19l5ten Jahre deutsche Briefe schreiben zu lehren." — Als er, einige Jahre früher, Knebel'n seine letzten poetischen Arbeiten zuschickte, begleitete er sie mit den Worten: „Es sind späte Blümchen, die sich an einem warmen Novembertage schüchtern hervorragen, und die eben dadurch, der matten Farben und des schwachen Geruches ungeachtet, doch eine Art von Anmuthung erregen, jener ähnlich, die man für schwächliche, aber demungeachtet lebensfrohe, freundlich lächelnde Kinder zu hegen pflegt." — Herder's Oden und übrige Gedichte, welche seine Witwe herausgeben wollte, scheinen ihm nur flüchtig, aber doch mit Genialität entworfen, und wohl mancher Verbesserung, selbst Umarbeitung bedürfend. Da er aber dazu keine Zeit finden könne, so mögen sie auch so ihr Glück versuchen. Wenn ich bedenke, sagt er, daß im Grunde alles, waS von Herder kömmt, auch das Unvollendctste und Flüchtigste, Funken und Strahlen seines Geistes, deffengleichen vielleicht in tausend Jahren nicht wieder kömmt, von sich wirft, so sehe ich nicht, warum man Bedenken tragen sollte, auch diese Dinge so, wie sie sind, aufzunehmen. — Viele seiner letzten Briefe muß er mit einer Entschuldigung beginnen, daß er so lange nicht geschrieben habe. Auch muß ich schon gestehen, sagt er endlich, daß ich zum Briefschreiben, selbst an die Freunde immer verdrossener werde. Ich möchte sie lieber selbst von Angesicht zu Angesicht sehen, lieber ihre lebendigen Worte, den unmittelbaren Abdruck ihrer Gedanken in meinem Ohre hören, und auch ihnen auf dieselbe Weise die meinigen mittheilen können, als bloß durch Zeichen von Zeichen mit ihnen zu reden, welche, da sie von einer erloschenen Imagination kein Leben mehr erhalten können, den Namen todter Buchstabe nur gar zu sehr verdienen. In Herder's Briefen herrscht Schwermuth und Unzufriedenheit mit der Welt sowohl, als auch mit sich selbst überall vor. Der gute Mann ist hypochondrisch, ist auch wohl wirklich krank, und wenn er ja einmal gesund ist, sind wieder seine Frau oder seine Kinder krank. DaS rauhe Klima behagt seiner Constitution nicht, und zu allen Jahreszeiten plagt ihn die püuils molesla. Er möchte lieber, statt ewig so an seinem Körper geplagt zu seyn, gar keinen Körper haben, und wie Anakreon's Cycade leben: — Ohne Fleisch und Blut und Schmerzen, fast den sel'gen Göttern ähnlich. 326 Knebel's Nachlaß. Dieß ist im Sommer. So oft aber nun gar der Winter kömmt, „da rüttelt die rauhe Witterung seine halbgestockten Säfte wie einen Halbgefrornen Bach auf, und macht ihn so trübe, daß er sich selbst nicht mehr gleicht." Daher nun auch die überall sich zeigende Schwer- muth und das Mißbehagen an allem, was ihn umgibt. „Meine Gesundheit krankt in ihrem Innern, und dieß hat auch auf mein Aeußeres Einfluß. Sonst war mir das Trivialste recht, fetzt aber geht mir Manches und Vieles, wie ein abgeschmacktes Mährchen vorüber. Wie glücklich preise ich Sie bei Ihrem guten Muth. Mir hat der Himmel dieß nicht beschert. Mein Büchlein des Lebens braust zwischen unwürdigen Felsen, und nur zu oft fühle ich eS, unter welchem erbärmlichen Zickzack unser kurzes Erdenleben hinstreicht, wo wir Wochen und Jahre ohne Lust und ohne Gewinn verlieren. Da sitze ich nun, als Hofpfarrer und Superintendent, auf dem verödeten Zionsberge hinter den Kirchenmauern wie ein Nachtvogel, und kann mein Herz ! nicht einmal durch Klagen erleichtern. Ich bin in einem Zustande, ! wie es im 88. Psalm heißt, gleich einem Land, da man nichts ge- ! denkt. Daß ich mir von außen zuweilen eine scheinbar frohe Laune l gebe, ist nur ein Gewand, meine Blöße zu decken. Meine Wißbegierde ist allein noch kräftig, so kräftig, wie in der Zeit der Jugend. Wer nur Augen und Zeit gcqug hätte, alles zu finden, zu erfassen, zu ordnen. Aber ich bin ein armer Wicht: meine Augen reichen nicht weit, und meine Augengläser sind dunkel. Daher kann ich Ihnen auch heute wieder von mir, d. h. von meinem Geist und Leben, nichts sagen, so alltäglich ist dies Leben, und dieser Geist, als ob er schon ganz verschwunden wäre. Was mir hier und da einfällt, sind unkräftige Träume eines Kranken, die ihm selbst, auch als Träume, kein Vergnügen gewähren." i Solche innere Zerrissenheit erregt Mißbehagen selbst dem fremden z Manne; wie wehe mußte sie denen thun, die dem sonst so edlen, ! achtungswerthen Manne nahe stehen und nahe bleiben mußten. Er selbst aber fühlte es wohl am tiefsten, oft bis zum Abscheu vor sich selbst. „Wenn ich mich selbst betrachte," sagt er, „so geht eS mir wie Swift, wenn er sein altes Gesicht im Spiegel erblickte — ich erschrecke vor mir selbst." Auch warnt er jeine Freunde, so oft er glaubt, sie könnten dieselbe Krankheit sich an den Hals ziehen. Als i er dieß bei Knebel vermuthete, schrieb er ihm: „So sehr Sie es l auch verbergen mögen, so>sitzt doch eine geheime Unruhe in Ihnen, ^ wie das Küchlein im Ei. Um Gottes Willen, sehen sie zu, daß eS Knebel's Nachlaß. 327 nicht Wärme gewinne. Nehmen Sie sich etwas Bestimmtes zu thun vor, dieß ist der einzige Weg zur Rettung. Gleichviel, waS cö sey, aber der Mensch muß sein Tagwerk haben, sein inneres Wesen ist zu weit und zu unbestimmt zum Kreise seines äußern Daseyns. Wenn mein böser Geist kömmt, so eile ich, wie ein verschmachtender Hirsch zur Quelle, zu irgend einer Arbeit, um mich wieder von meinem Begleiter frei zu machen." Als er in Rom unter Statuen und Gemälden wandelt, drückt er vielleicht dieselbe Idee, nur auf eine andere und mit sich selbst zufriedenere Weise aus: „Am Ende wird doch das Beste, was man überall sieht und allenthalben davon zurückbringt, wir selbst seyn. Gleichviel, ob man wie St. Bartholomäus in Angelo'S jüngstem Gericht seine geschundene Haut, oder wie die mediceische Venus den schönen H. . . . vorweist. Allenfalls ist eS gut, sich auf Beideö gefaßt zu machen, und das Beste in sich selbst zu verwahren." Aus derselben Quelle, aus der sein Mißmuth folgt, entspringt wohl auch daS harte, oft ungerechte und lieblose Urtheil, das er über Andere fällt. Von Engel's Mimik sagt er: „Sie ist ein tönender Schellenklang ohne Herz, Geist und Absicht; er kennt keine Geberden- sprache, als die seiner Berliner Schauspieler, und am Ende keinen andern Zweck, als für das schöne Publikum zu schreiben, das er mit seinen klingenden Sylben in den Schlaf wiegen will." — Von Eber- hard's vermischten philosophischen Schriften sagt er: „Die eigentliche Philosophie in diesen Schriften riecht wie alter Käse, und das klebrige ist in demselben Geschmack." — Selbst Lessing'S Laokoon kömmt nicht ungehudelt durch. „Die vermehrte Ausgabe von diesem Werke," sagt er, „enthält nichts als vertrocknete Brotkrumen aus Lessing'S Tasche." — Nicht besser macht er eö mit seinen eigenen Schriften, wenn er, aus Mangel eines andern, seinen Stachel gegen sich selbst kehren muß. Seine Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit werden allgemein für eines seiner ersten Werke gehalten, und er selbst war derselben Meinung, wie man aus vielen seiner Aeußerungen weiß. WaS nun auch der eigentliche Werth dieses Buches seyn mag, so viel wenigstens scheint unbestritten, daß der Verfasser desselben alles gethan hat, um eö äußerlich, durch Diction und Vortrug, auf daS Beste auszustatten. Noch nie ist wohl in irgend einem philosophischen Werke so viel Kunst der Rede auf so wenig innern Stoff verwendet worden, so daß man dasselbe mit mehr Recht zu den dichterischen, als zu den philosophischen Werken zählen könnte. 328 Knebel's Nachlaß. Und doch schreibt er über dasselbe zu einer Zeit (i. Ä- 1785), wo es schon nahe vollendet vor ihm lag: „Die Lust zum Schreiben ist mir ziemlich vergangen, und wenn sich die Materie nicht selbst hebt, ich will und mag sie nicht heben. In Deutschland ist auch am Ende alles gleich viel, nnd je platter, je bester. Denn wir sind platte Barbaren und werden'ö bleiben." Abgesehen von dieser Lieblosigkeit und selbst Ungerechtigkeit gegen sein Vaterland, wie kann er so grausam und zwecklos zugleich in seinen eigenen Eingeweiden wühlen? „Er will eS nicht heben," und doch sieht man auf jeder Seite nichts mehr, als eben se ne Bemühung, dasselbe auf alle Weise zu heben. „Je platter, je besser," und doch hört er nicht auf, es mit allem Schmuck der Rede, die ihm so sehr zu Gebote steht, zu zieren, und cü mit allen nur möglichen äußern Schönheiten auszustatten. Dieselbe ^crimonis snimi, mit welcher der HcautontimorumenoS sich selbst verfolgt, wendet er auch, nicht bloß gegen seine Freunde, sondern selbst gegen die, vor deren Verunglimpfung ihn wenigstens der Anstand zurückhalten sollte. „Der H. ist hier gewesen," schreibt er an Knebel, „zu trösten und getröstet zu werden, denn seine Madame Schneider ist Sonntags begraben worden. Er hat mir viel von der Qual eines zu empfindlichen Herzens gesprochen, waS ich nicht verstand, weil ich die Veranlassung dazu nicht wußte, also auch nicht eommk il laut beantwortet habe. Trödelkram, lieber Knebel, und nichts als Trödelkram ist das meiste auf der Erde, und die Herzen der Fürsten sind kostbare Stücke in dieser Bude. Kaufe sie wer will!" Wie kann mau bei solcher Gelegenheit solche Gesinnungen äußern, solche Ausdrücke brauchen. Schmer; und Unglück, eS sey welcher Art eS wolle, eS komme von wem immer — gebietet schon an sich eine Art von Ehrfurcht, von heiliger Scheu, und, wo Hülfe, Theilnahme unmöglich ist, wenigstens Schweigen. Aber hier ist höhnender Spott, und gegen wen? Und von wem? darf man noch frage«. Von demselben, der das Wort Humanität unablässig im Munde führte, und der alle Tugenden in letzter Instanz auf diese einzige rcduciren wollte. Doch wir müssen, um ihm nicht unrecht zu thun, nicht vergessen, daß wir hier mit einem kranken Gemüthe zusammengetroffen sind, das ebenfalls, und zwar in sehr hohem Grade, auf Schonung und Mitleid Arsprüche hat. Ist ihm doch selbst ganz Weimar zum Abscheu geworden. „Dieses wüste Weimar, dieses unselige Mittelding zwischen Hvsstadt und Dorf, wo sich alles mühselig Knebel's Nachlaß. 329 hinschleppt oder auf seinen Fersen kauzt." Wenn nun erst dieses wüste Weimar Besuche von Fremden erhält, da ist eS gar nicht weiter zu ertragen. „Nun hat sich der und jener hier ansagen lassen. Sie sehen, daö Betlehem in Juda will nicht leer werden. Die Weisen besuchen eS; ich hoffe aber, daß sie allmälich eine leere Krippe finden, und die Wallfahrt unterlassen werden. Möchten sie ihre Besuche wenigstens an die eigentlichen Inhaber unseres heiligen Stalls, an den Los und ^sinus richten, die das alte Kirchenlied preist." Und in diesem Tone geht eS fort über alles, was dem Murrkopf in den Weg kömmt. Es ist wohl zu erwarten, daß auch Göthe nicht' unangefochten davon kommen wird. Zwar heißt eS von ihm S. 240: „Göthe trägt seinen Kopf und sein Herz immer auf der rechten Stelle, und ist auf jedem Schritte seines Lebens ein Mann. Wie viele gibt'ö solcher?" Aber nicht immer zieht der Wind so lieblich aus dieser Seite. Des Mannes Präpotenz scheint ihn zu drücken, und er sucht ihm daher bei jeder Gelegenheit ein Gewicht an die Fersen zu hängen, um ihn wieder herabzuziehen. „Eü ist nun unter uns ausgemacht," schreibt er schon im Jahre 1784, „daß Gö-the, den alten Münzen nach, einmal in Rom Liclstor perpeluus unter dem Namen Julius Cäsar gewesen ist. Zur Strafe für seinen Uebermuth aber ist er, nach beinahe achtzehnhundert Jahren, zum Geheimenrath in Weimar promovirt worden. Lasset uns daher allen möglichen Fleiß anwenden, auf daß wir nicht etwa noch ärger avanciren. Mit Ihnen, lieber Knebel, muß schon was AehnlichcS vorgefallen seyn, darum fitzen Sie jetzt auf dem Schlosse zu Jena." Was'Herder weiter über Göthe'S „Gott und die Bajadere" sagt, wollen die Leser S. 270 besser selbst nachsehen. Wir haben bereits oben die, wie uns scheint, erste Veranlassung zur Uebersetzung des Lucrez durch Boie's Aufforderung dazu in einem Briefe vom Jahr 1773 angeführt. Knebel scheint sich aber damals diesem Ansinnen noch nicht gefügt zu haben, da es in einem Briefe Herder's vom 6. Nov. 1784 an ihn heißt: „Nach Lucrez Uebersetzung habe ich vergebens gefragt: wie wäre eö, wenn Sie sich nur zum Ansatz an einige seiner schönsten Stellen machten?" Ueber Herder's Metakritik wurde zur Zeit ihrer Erscheinung viel gesprochen und geschrieben. Nun ist sie längst in das Meer der Vergessenheit hinabgeschwommen, sammt den meisten von denen, welche sie vergebens abzukämpfen sich bemühte. Sehen wir indeß, was er 330 Knebel's Nachlaß. selbst eigentlich damit für eine Absicht hatte. „Ich wünsche," sagt er, „mit dieser Schrift den Punkt lebendiger Natur und Wahrheit getroffen zu haben, in dem zuletzt alle Verständigen, d. h. Unverkleister- ten, Eins seyn werden und müssen. Gelänge eS mir, die Philosophie sectenloS, wie die Mathematik, frei vom Worttande, wie der Verstand sie will, und was dazu nothwendig ist, sie unserer Sprache natürlich und einheimisch zu machen, jedem Denkenden sein Wort, seinen Verstand auf die Zunge zu legen, und was er weiß und hat, ihm zum Gefühl des Eigenthums, des Wissens und Gebrauches zu bringen — so würde ich meine Mühe und Hoffnung nicht für verloren achten. Aber das dickste Ende steht mir nun bevor, die Verwirrungen nämlich und Absurditäten, welche diese Herren in die Kritik alles Wahren, Guten und Schönen, in Kunst und Wissenschaft, ja auch in die praktischen Doctrinen, Moral, Rechtslehre, Philologie, Geschichte, Mathematik, Theologie u. f. gebracht haben, auf die kürzeste, lebendigste und fruchtreichste Weise zu zeigen. In allen Zeitungsblättern bellen und belfern diese Doggen, die kritischen Kanons ohne Kanon, ohne Gefühl, Gesetz und Regel. Helfe " mir Gott! Mein Symbolum aber ist: äsota est sles! Die Ohren habe ich mir schon mit Baumwolle und Jungfernwachs verstopft, und weder links noch rechts will ich sehen, bis das Werk gethan ist. Helfe mir Gott!" So gut nun auch seine Absicht gewesen seyn mag, dem gräulichen Unfug zu steuern, so reichte doch seine Kraft nicht aus, den Kampf durchzuführen, und die Zeit zur Heilung dieser Kranheit war auch noch lange nicht gekommen. Jede Krankheit deS Menschen, auch die geistige, muß ihre Stadien durchlaufen, und der Arzt kann diesen Lauf nicht hindern. Damals, zu Ende des letzten Jahrhunderts, ging diese Seuche mit schnellen Schritten ihrer Krisis entgegen. Sie hatte sich, wie eine verderbliche Epidemie, über ganz Deutschland ergossen, und der Einzelne, wer er auch seyn mochte, konnte der von allen Seiten hereinbrechenden Fluth nicht widerstehen. Vielmehr gewann durch diesen Widerstand der Strom nur neue Kräfte, und wenn noch Rettung kommen sollte, so konnte sie weder von ihm, noch von derjenigen Waffenart kommen, die er zu seinem Kampfe sich erwählt hatte. , Noch darf man zur Steuer der Wahrheit nicht unbemerkt lassen, daß derselbe Mann, der in seinen öffentlichen Schriften sich stets eines gewissen Adels des Ausdrucks befleißigt, in seinen vertrauten Briefen Knebel's Nachlaß. 331 öfter zu kahlen Späßchen und schalen Witzeleien herab steigt, die einem Manue seiner Art ganz unangemessen sind. „Falk'S Taschenbuch soll, d. h. wird, wie es im Englischen 8üsII heißt, meine Frau beilegen" — ist bloß eine leere Tändelei. Aber was soll man zu folgender Kritik über Merkel'S Blätter sagen: „Ich habe beim ersten Blatt schon die Achsel gezuckt und zucke sie noch. Die erste Hälfte seines Namens mag gut seyn: Merk, aber auch dabei ist manches zu merken; das zweite El jedoch verdirbt alles." Herder'S Gattin, Marie Karoline, geb. Flachsland, erscheint in ihren hier gesammelten Briefen als eine durchaus edle, seine und gebildete Frau, die für ihre Kinder und für ihren Mann lebt, und das ihr beschiedene Leos mit Ergebung trägt. Nur etwas zu gelehrt dünkt sie dem süddeutschen Manne, der an Erscheinungen solcher Art weniger gewöhnt ist. Sie nimmt nicht nur Theil an allen Arbeiten ihres Mannes, sondern tritt selbst als Naturforscherin mit neuen Entdeckungen auf, die noch dazu inö Große gehen sollen. So hat sie, vielleicht von Göthe verführt, eine neue Theorie von Licht und Farben, von Schall und Tönen aufgefunden, „die dem ganzen Gebäude des menschlichen Erkennens, Wissens und Empfindens eine Einheit, eine Klarheit verleiht," daß nichts darüber. Ueber ihren Mann keine Klage. Nur einmal entschlüpft ihr der Ausdruck: „Wären Sie doch hier, Ihre elegische Stimmung hat doch etwas Wohlthätiges, aber die seinige ist vernichtend." — Daraus sagt der Mann in der Nachschrift desselben Briefes: „Da meine Frau der deutschen Sprache nicht so ganz mächtig ist, so soll das Wort „vernichtend" wahrscheinlich nichts anderes bedeuten, als „selbstvervichtend", denn andere vernichte ich nicht, auch kein Würmchen." Weiter enthalten diese Briefe der Frau von Herder mancherlei Aufschlüsse, die man bisher in andern Büchern vergebens gesucht hat, so viele deren auch über Göthe, Schiller u. A. erschienen sind. In vielen ihrer Aussprüche theilt sie wohl nur die ihres Mannes mit, und so mögen sie uns nur um so interessanter erscheinen. Daß sie mit Kant nicht im besten Einvernehmen stehen konnte, mit dem ihr Mann seit der Erscheinung der Metakritik im Kriege war, versteht sich von selbst. Indeß sieht man doch, wie beide, wenn sie allein waren, den Königsberger Philosophen zu behandeln pflegten. So sagt sie S. 323: „Wie läßt sich doch das unwissende Deutschland von dem alten Sophisten betrügen." Unter den Schriften, 332 Knebel'S Nachlaß. die gegen die Meta, wie Herder sie nennt, erschienen, schmerzte ihn am meisten eine, die von Königsberg selbst kam, und in welcher unter anderm gesagt wird, Herder hätte die Metakritik von Hamann genommen. Herder wollte darauf lange gar nicht antworten, so sehr er auch von allen Seiten dazu aufgefordert wurde. Endlich schickte er sich zur Gegenwehr an, stand aber bald darauf wieder ab, und begnügte sich, wie seine Frau S. 335 erzählt, in Gegenwart des Professors Meier zu sagen: „Allerdings habe ich den Titel Pketakritik und Stellen aus Hamann wörtlich abgeschrieben, ohne ihn zu citiren. Aber das letzte that ich absichtlich. Ich habe mit Hamann viele Jahre über Kant'ü Philosophie Briefe gewechselt. Meine Metakritik ist zwischen unsern beiden Köpfen entstanden. Die Erscheinung der Kalligone mag übrigens für mich beweisen." Auch Fichte scheint im Herder'schen Hause nicht zum Besten ausgenommen zu seyn. „Es ist doch eine gewaltige Charlatanerie in seiner Manier: so spricht und thut die Wahrheit nicht," heißt eS S. 322. — Als Fichte die bekannten Händel hatte, wegen welchen er Jena verlassen mußte, schickte er zuerst mit Nicthhammer seine Vertheidigung ein, die, wie eS hier heißt, voll Stolz und Ein- gebildetheit war, und in welcher Fichte droht, wenn er keinen Schutz gegen die Cabale findet, dahin zu gehen, wo die Gewalt gilt, weil man doch auch die Hoffnung hat, einen Theil dieser Gewalt an sich zu reißen. — Darauf gab man ihm von oben herab den väterlichen Rath zu wandern. Aber, meint Frau von Herder, aber sie werden hier mit der hervorstörenden, kecken Nase dieser kleinen Person schon noch zu thun bekommen. — Nachdem er seine Vertheidigung eingeschickt hatte, schrieb er an den geheimen Rath Voigt einen besondern Brief, in welchem er erklärte, daß er, wenn er einen Verweis erhält, sogleich seinen Abschied fordern würde, und mit ihm würden mehrere seiner Freunde Jena verlassenauch würde er die ganze Verhandlung publiciren. — Darauf wurde Fichte's Entlassung sogleich beschlossen, und die sämmtlichen sächsischen Höfe bekräftigten sie. Zum Schlüsse dieser Entlassung wurden die Herren, die etwa mit ihm ziehen wollten, aufgefordert, sich zu melden. — Am andern Tage kam ein Abgeordneter der Universität Jena nach Weimar, mit der Vorstellung, daß Fichte den Verweis annehme und seine Entlassung nicht fordere. Allein man wollte daS gegebene Wort nicht zurücknehmen. Fichte selbst soll später noch geschrieben haben, aber eS blieb dabei. Knebel's Nachlaß. 333 Wie Kotzebue in Weimar aufgenommen war, ist bekannt, so wie, was er selbst zu dieser Aufnahme beigetragen hat. Hier heißt es S. 343 ganz kurz: „Wir wollen-uns nicht durch das niederträchtige Glück der Niederträchtigen, wie Kotzebue, irre machen lassen." Und worin bestand dieses Glück? — In einer großen jährlichen Einnahme! „Wissen Sie," heißt es weiter, „daß Kotzebue von seinem Freimüthigen jährlich 3000 Thaler einnimmt? Seine bestimmte jährliche Einnahme ist 8000 Thaler, dazu seine Präbende von 1600 und jene 3000, macht zusammen 12600 Thaler." — Das weicht nun allerdings sehr stark von der Pension ab, die Hertz er'S Wittwe bekam, und die in 20 Louisd'orS von der Herzogin und in 300 oder 400 Thalern von dem Herzoge bestand. Und Schiller? Wie stand der im Herder'schen Hause? — Bei Gelegenheit der ersten Aufführung der natürlichen Tochter von Göthe heißt cS S. 347: „DaS Publikum und die Jenaischen Studenten sind freilich noch zu sehr an den Schillerschen Kling- klang und Bombast gewöhnt, der ihre Ohren kitzelt, daher hat jenes Stück den Beifall nicht gehabt, den ihm aber auch nur die Verständigen geben können. Schiller soll über dieses Stück gesagt haben, er bedauere, daß zu viel Natur in ihm sey! Mein Mann sagt, die natürliche Tochter gehöre in die Klaffe von Lessing'S Nathan, aber wärmer, vielseitiger, lebendiger. Daß übrigens die Schiller'sche Partei so laut gegen dieses Stück schreit, ist auch ein Zeichen, wie eö mit dem Verhältnisse dieser zwei Geister steht. Die Zeit scheidet aber doch endlich auch hier das Wahre vom Falschen. Von Schiller'S feindlichen Brudern, von diesem grasten Unding, schreibe ich Ihnen ein andermal. Nun denn, wenn Niemand vor diesem Thore vorbeigehen kann, ohne daß ihm in die Wade gefallen wird, — Göthe wenigstens, der gegen alle andern in Schutz genommen, der so eben, auf Anderer Kosten, so gelobt und gestreichelt worden ist, Göthe wenigstens wird unangefochten vorüberziehen können! — Wir wollen sehen! Böttiger wollte in seinem Modejournal eine Kritik über den Ion einrücken, die Göthe'n mißfiel, welcher letzte ihm deßhalb sogleich sehr peremtorisch zuschrieb: „Wenn er diese Kritik nicht augenblicklich unterdrücke, so ginge er (Göthe) sogleich zum Herzog, und fordere seine Dimission als Direktor des Theaters. Auch wolle er künftig die Theaternachrichten im Modejournal liefern, und deßhalb im nächsten Stücke mit Ion den Anfang machen." — „Sehen Sie," 334 Knebel's Nachlaß. setzt die Berichterstatterin hinzu, „sehen Sie, so steht eS mit unserer Theaterwahrheit." Von Göthe'S Mahomed heißt eS, daß dieses Stück durch Sprache und Rhythmus ergötze, daß aber sein Inhalt von Scene zu Scene empört. „Eine solche Versündigung gegen die Geschichte und gegen die Menschheit hätte ich Göthe nicht zugetraut. Er macht den Mahomed zum groben platten Betrüger, Mörder und Wollüstling.-— Hat unS die Zeit nicht gereist? Sollen wir uns nicht an bessere» Früchten erfreuen? Sollen wir den alten Koth aufrühren, den Barbarei und Dummheit hervorbrachte? Ach und die Ziererei der Kunst, uns Deutsche mit dem französischen Kothurn zu beschenken, weil eS der Herr von Haaren durch den Herzog so bestellt hat!" — An einer andern Stelle S. 336 wird gesagt, daß Göthe uns alle der Natur wiedergeben konnte, aber seine Vergötterung war ihm lieber als die Wahrheit. Wieland lassen wir (?) gewiß nicht fallen; wenn er nicht von Göthe gerückt und verschoben wird, ist sein Gefühl immer rein und schön. — Göthe aber spielt ewig seine Buhlerkiinste, so oft er glaubt, setzt sey ein Augenblick, da ein Anderer, außer seiner Clique etwas geleistet hat. Unö ekelt diese niedrige, eitle Buhlerlist. Nur erst gestern habe ich einen Zug von ihm gehört, der uns bisher fremd, ja unmöglich schien — einen edlen Charakter wenigstens hätten wir ihm doch zugetraut! Sein voriges günstiges Urtheil über . . . kömmt mir gerade so vor, als wenn das Lamm dort am Bach dem Wolf, der's eben fressen will, eine Lobrede hält. Die nun folgenden Briefe von Lavater, Meyer, Matthis- son, Fernow u. f., welche den zweiten Band dieser Sammlung beschließen, sind von wenig allgemeinem Interesse, daher wir sie hier übergehen, um sofort den dritten Band näher zu betrachten, dessen erstes Fünftheil wieder mit Briesen, aber nicht an, sondern von Knebel an seine Freunde angefüllt isst Von diesen Briefen zeichnen sich vorzüglich die an Böttiger und an den Kanzler Müller aus, und aus diesen wollen wir hier noch Einiges mittheilen. In ihnen fällt zuerst die Unzufriedenheit auf, die Knebel, so oft sich nur Gelegenheit dazu anbietet, über die deutsche Literatur und noch mehr über die deutschen Lireratoren äußert. Viele von diesen Briefen fallen noch in daö letzte Jahrzehend des verflossenen Jahrhunderts, und der rauhe, oft sehr rohe Ton, den sich unsere Schriftsteller, besonders die kritischen, erlaubten, konnte wohl den Unwillen Knebel's Nachlaß. 335 j eines so mild und heiter gestimmten Mannes erregen. Doch finden > wir diesen Unwillen, so gerecht er auch seyn mag, selbst wieder viel zu rauh ausgedrückt, besonders in denjenigen Stellen, wo er sich nicht sowohl über die ungeschlachte Grobheit jener Menschen ergießt, pnd wo die stärksten Ausdrücke vielleicht auch die besten seyn mögen, um Dünkel und Roheit zurückzustoßen, sondern wo sein Mißmuth sich über das Gesammtwesen unserer deutschen Literatur verbreitet, die unserem guten Alten in einem gar zu erbärmlichen Lichte erscheint. Man höre nur! „Etwas — Moralisches für uns Deutsche zu schreiben, finde ich ganz unwerth. Wir sind hierin noch zu weit zurück unter allen cul- , tivirten Nationen, als daß unser Zustand einen philosophischen Anblick aushalten könnte. — Das deutsche Publikum ist ein ganz miserables Publikum, man mag sagen, was man will. Die Franzosen haben ganz den richtigen Takt für sie: wer sich selbst verächtlich macht, muß Verachtet werden. — Ich erhole mich immer wieder an den französischen Büchern, wenn mich die deutschen zu Grunde gerichtet haben. In jenen ist über uns nur ein Urtheil: eS fehlt uns noch so ziemlich ganz an Sinn und Geschmack. Herder hat es in der Philosophie klar dargethan. In dieser Philosophie haben sich unsere Landsleute so lange herumgetrieben, bis sie ihnen selbst zum Ekel geworden ist. Nun treiben sie's eben so mit Poesie und Kunst, und dann kommt die Naturgeschichte in Spekulation. WaS unser ganzes Publikum betrifft, so habe ich nicht erst seit Kurzem Ursache, den Glauben an dasselbe so ziemlich aufzugeben. Nicht, daß erkannte Werke ihrer Schriftsteller noch zum Theil geschätzt und verehrt würden: aber welche Art von Verehrung, leider! Man sieht eö, wie wenig Einfluß die besten Werke auf das Publikum haben, und wie immer daS , Unwürdige mit dem Würdigen vermischt wird. — Unser Publikum ist, versteht sich im Allgemeinen, noch ein rohes, halbunterrichtctes, das sich von Seiten des Geschmacks mit Engländern, Französen und selbst Italienern nicht messen darf, und das durch — täglich leerer und abgeschmackter wird. Wenn ich bedenke, wie in dem armen Deutschland, das sich so gerne selbst rühmt, nichts wie elende Reimereien, abgschmackteS Zeug, Mährchen und Erzählungen Eingang finden, und ww der Satz der Madame Stasi: k.es Msmanäs msn- gusnt äs Zoüt prssgus Zensmlement, sich täglich mehr bestätigt, so schäme ich mich, und möchte beinahe lieber jeder andern halbkultivir- ten Nation angehören" u. s. w. 336 Knebel's Nachlaß. Heiliger Gott, so spricht ein deutscher, und selbst ein ausgezeichneter deutscher Mann, kein Misanthrop, kein Kopfhänger, sondern ein sonst lebensfroher, heiterer Mann, und noch die angeführten letzten Worte sprach er in seinem achtzigsten Lebensjahre! — Dieß also ist das Resultat seiner langen Erfahrungen, dieß das Glaubensbekenntniß eines Greises, daS Vermächtnis eines Sterbenden an seine Nachfolger. 01>o sam sulis esl! Besonders entbrennt sein Zorn gegen unsere neuern Dichterlinge, die sich in den Musenalmanachen gleich Schmetterlingen, oder wie er sich ausdrückt, gleich Ungeziefer herumtreiben. Ihr läppisches Tändeln und Winseln erregt seinen höchsten Groll. „Diese schwerfälligen, klotzartigen Kerle möchten sich so gerne in Windeln wickeln und für kleine Kinder angesehen werden, so unschuldig, so naiv, so halb verliebt stellen sie sich. Mich däucht, es war HeliogabaluS, der sich öffentlich einen Liebhaber hielt, an dessen Seite er zuweilen als eine verschämte Venus cinhertrippelte. Gerade so erscheinen mir diese naiven Dichterlinge." Noch mehr endlich wird seine Galle durch die Rohheiten der deutschen Recensenten aufgeregt. Auch davon einige Pröbchen: „Kürzlich habe ich die Jcnaische Literatnrzeitung durchgeblättert. Da sieht eS aus, wie außer dem Serail des Großsultans: lauter aufgespießte Köpfe, aufgesteckte Nasen und Ohren. Da wird einmal keines Menschen geschont, und alles wird mit ächter deutscher Rüppelhaftigkcit durchgeprügelt. Sind wir nicht eine sublime Nation? Auch den armen Weibchen, gegen die doch sonst die wilden Thiere zahmer thun, geht es nicht anders. Da hat eine Frau von Reizenstein sich unterstanden, ein Buch voll der besten Absichten zu schreiben, und wie begegnet man ihr dafür in dieser Literaturzeituug. Sie weisen sie hinaus aus ihrem mystisch-gelehrten Stall, ganz auf die Art, wie etwa der Stadtknecht eine Landläuferin zum Thore Hinausweisen würde. O die edle deutsche Nation! Aber dafür machen sich diese Bengel unter sich selbst weiß, und blähen sich in ihrem Eigendünkel, daß der ganze griechische und kritische Olymp bei ihnen eingekehrt sey. O die Armseligen, die weder Geist, noch Herz, noch Verstand, noch Geschmack haben. — Auch die Boß'sche Recension über Heine'S Homer habe ich in denselben Blättern gelesen. Welch eine pedantisch-zuchtmeisterische Recension! Ganz im Tone eines Stadtbüttels abgefaßt! Aber so ist eS einmal, und das sind unsere griechischen Grazien." Diesen Erpektorationen lassen wir nun einige Urtheile Knebel's Knebel's Nachlaß. 337 ^ über die bedeutendsten Männer seiner Zeit und meistens auch seines § nächsten Umganges folgen. Den Reigen mögen auch hier wieder die ? Philosophen eröffnen. ! „Die Sache mit Fichte," heißt eS S. 41, „ist eine abge- : schmückte Sache, weil Herr Fichte selbst abgeschmackt ist." — „Ich habe," sagt er S. 67, „kürzlich Schelling'S spekulative Physik stu- dirt. In der That glaubte ich da einige nicht gemeine Lichter anzutreffen, und von einem scharfen Denker: aber es ist wieder so ungeheuer viel mir ganz Unverständliches und Ungenießbares darin, daß ich mir ^ kaum vorstellen kann, daß der Verfasser selbst einen deutlichen Begriff ! damit verbunden habe, sondern nur solche, die ich, nach seiner eigenen § Sprache, als reine Intensitäten ohne Object, oder als Pro- ! duktivitäten ohne Produkt, oder endlich als wahre transcenden- ! tale, Sünden der O...e anerkennen muß. !, „Die Schlegel'S," schreibt er S. 39, „haben mich im zweiten Stück ihres Athenäums wieder sehr geärgert, wo sie so jungenhaft über Männer, wie Leibnitz «. a., absprechen. Was das für ein Ton ist! Nichts ziemt den Deutschen weniger als Insolenz." „Herd er'n ging es, wie allen, die sich bei ihren Irritationen nicht zurückhalten können. Er konnte zuweilen selbst seinen Freunden sehr harte Dinge sagen, und wer ihn nicht kannte oder nicht verstand, konnte dadurch, auf immer vielleicht, beleidigt werden. Dies nannte Lavater seine Stößigkeit. Wie oft hat er damit beleidigt! Solche Männer sollten sich hüten, in den gewöhnlichen Gesellschaften zu offen zu seyn. Herder gebrauchte leider diese Vorsicht nicht immer, und die Rückwirkung hat ihm viel Verdruß und Feinde gebracht." Auch Schiller erhält seinen guten Theil. „Die Klagen über die Langeweile und zentnerschweren Dialogen in Schiller'S neuestem Stück (dem Wallenstein) sind groß. Aber so geht eS. Wenn der , Dichter kein Publikum hat, mit dem er zu sprechen gezwungen wird, so spricht er endlich mit sich selbst, und dann kann eö freilich an Langeweile für die Andern nicht fehlen. Die Schellingianer sagen: Schiller habe ganz und gar keine sinnliche Anschauung, er habe keine Welt, als die in ihm selbst ist; sein Bestes sey nur Bruchwerk u. s. w. Ich weiß nicht, wie weit dies alles wahr ist, aber das mag doch wahr seyn, daß in Wallenstein manches überschätzt ist. — Was übrigens Sie (Böttiger) über Schiller sagen, daß er seine Mißgriffe so kunstgerecht motivirt, ist trefflich. Ach die verdammte Kunst! — Ich konnte eS kaum glauben, als ich es hörte: „Chöre der Griechen Littrow i. 82 338 Knebel's Nachlaß. aus dem Theater von Weimar!" Ein ernstes theatralisches Stuck ohne ein dazu geeignetes Publikum ist nur ein halbes Werk, ein Spiel der Phantasie, ohne Realität. Darum würde ich viel lieber von einer Opera dulla in Weimar hören, als von diesen griechischen Chören. Wen sollen die letzter» treffen? Auf was sollen sie hiuleiten? Große Leidenschaften, wo kein Gegenstand ist, wo alles enge und klein fühlen muß!" Verbinden wir mit dem, was Knebel über die Schiller'schen Tragödien sagt, das, was er an den Kanzler Müller S. 91 über die deutsche Komödie schreibt: „Mit vielem Dank sende ich Ihnen hier den Msri ü lwnnez lortunes zurück. Das Stück ist ungemein gut geführt, leicht versistzirt und anmuthig geschrieben. Davon haben wir in unserer Literatur wenig Beispiele. Auch bringt es unsere Sprache und unsere Sitte mit sich, da wir überhaupt kein geselliges Leben haben. Das wenige, was uns etwa noch davon übrig ist, wird in französischer Sprache geführt, und hat also keinen Charakter." Wieland kömmt beinahe allein ungeneckt durch. Für ihn scheint Knebel eine Art Vorliebe zu hegen, die bis zur Begeisterung, fa oft bis zur Apotheose sich erhebt. „Was macht doch unser unsterblicher Wieland! Ich höre schon so lange nichts von ihm, und verehre ihn doch, wie einen der Götter. — An den Aristippischen Briefen kann sich doch vielleicht Niemand mehr ergötzen, als ich. Sie machen Epoche in ihrer Art, und sind daS Hellste, waS der Verstand, und das Reinste und Anmulhigste, was der Geschmack geschrieben hat. — Seine Dialogen, die er neulich an seines Sohnes Roman angehängt hat, sind wie ein Ausbund von Feinheit deö Geistes und Geschmackes. WaS soll ich von seinen Briefen Menander's und Glyceren's sagen, und dann von seinen neuesten Erzählungen? Hatte Frau von Stakt Wielaad'S Göttergespräche gelesen, sie hätte vielleicht eine gewisse Stelle in ihrer lüttkimturö ^Ilkmuncie (wahrscheinlich die oben angeführte) wenigstens anders gesagt." Ueber Göthe finden wir hier nur Weniges, und dieses beinahe durchaus beifällig. ES scheint, daß Knebel mit seinen Ansichten absichtlich zurückhielt, und daß er die Spannung, in welcher er so lange mrt Göthe lebte, nicht laut werden lassen wollte. Nicht so glimpflich verfährt er mit Voß, dessen Uebersrtzungen der Griechen ihm durchaus nicht behagen Schon bei manchen andern Gelegenheiten eifert er gegen alle die Uebersetz'r, die da glauben, cS sey mit bloßer Treue, Fleiß und Gelehrsamkeit gethan, wenn alte Knebel's Nachlaß. 339 Dichterwerke zu übersetzen sind. Bei diesen Ingredienzien, so wichtig sie seyn mögen, fehlt ihm die Hauptsache: der Geschmack. „Vielleicht wird doch noch einmal," sagt er S. 34, „die Zeit auch über die Deutschen kommen, wo sie einsehen, daß man Werke deS Geschmacks nicht ohne allen Geschmack wiedergeben darf. Die bloße Gelehrsamkeit spricht wahrlich daö Werk keines Dichters auö. Mit ihr allein könnte ja der Dichter selbst gar nicht bestehen. — Vor Kurzem ist mir die Voß'sche Uebersctzung der bukolischen Gedichte Dirgil'S zu Handen gekommen. Zch kann sie aber durchaus nicht lesen: Was der mantuanische Schwan in die Saiten gesungen, Tonet er augenblicklich ihm nach auf dem nordische» Hackbret. Waö Voß nun einmal selbst seyn will, ist er auch meist: aber wkis würde er seyn, wenn er mehr Geschmack hätte! Wenn er wahres Gefühl für die Sache, für den Geist hätte, nicht bloß für kahle Sylbcnmcssung und Wortstellung. — Voß sieht den Geist der Alte» etwas gespenstermäßig, im kahlen Umriß der Worte, nicht in ihrer Seele. Dessenungeachtet sind mir seine Arbeiten sehr schätzbar, bis auf die Oden dcS Horaz, die ich auönehme. — In Voßen'S „deutscher Zeitmessung" laufen die vielen prosodischen Spcculationen auf Klcinkrämerei hinaus, die leider allen Deutschen so eigen ist. Ein wahrer Dichter fühlt seine Sprache, und weiß, waS darin zu leisten ist. Aber unsern Gedichten fehlt eS größtentheilS an Wärme, und das ist die Hauptsache, die durch kalte Klügeleien nimmermehr ersetzt wird. Diese unglückselige Klügelei schreibt sich schon von Klop- stock und Ramler her. Beide haben dadurch ihre Werke verdorben, jeder in seiner Art. Die Einen wollen gar keine Kunst, und die Andern wollen deren gar zu viel!" Klopstock scheint überhaupt mit unserm Knebel nicht sympa- thisiren zu wollen, da der letzte jede Gelegenheit vom Zaune bricht, jenem eineö anzuhängen. Indem er S. 64 von den über Friedrich II. erschienenen Schriften spricht, sagt er, daß die besten derselben von Frankreich gekommen sind, da die Deutschen nichts als abgeschmackte Anekdoten zusammengerafft haben. „So geht es zum Theil auch jetzt (j. I- 1803) unserm Klopstock und Gleim. Posaunen und Lobpreisen ist noch nicht alles. Zumal über Gleim möchte ich gern etwas RassinirteS hören. Mir scheint gewissermaßen sein ganzes Leben eine Art von Wahnwitz gewesen zu seyn. Seine Gedichte, zumal die von dcn letzten zwanzig oder dreißig Jahren, tragen zu sehr das Gepräge davon. 32 * 340 Knebel's Nachlaß. Auch Klopstock hat viel von Wahnwitz, nur von einer etwas andern Art. So bleibt denn also wahr, was Horaz sagt: Omnes inssnire poölas." Und so geht eS fort mit allen andern, die ihm oder denen er im Leben nahe gekommen ist. Es kann wohl nicht geläugnet werden, daß die meisten dieser Bemerkungen sehr geistreich, sehr treffend sind, und daß ihnen oft viel Wahrheit zum Grunde liegt; aber sie sind beinahe sämmtlich, selbst in Briesen an vertraute Freunde, zu kaustisch für Männer der Art, wie sie hier besprochen werden. Woher nahm Knebel, der sonst so liebenswürdige, menschenfreundliche Knebel, alle diese Bitterkeiten, um sie in so reichem Maße über Personen auSzugießen, deren Verdienste doch wohl Rücksicht und Achtung forderten, und mit denen er selbst durch vielsährige Bande des freundschaftlichen Verkehrs verbunden war. Es wäre zu wünschen, daß die Herausgeber, die in ihrer Einleitung zu dieser Sammlung nur die liebens- werthc, sa die sanstmüthigc Seite ihres Autors so sorgsam herausstellen, uns darüber einige nähere Erklärung gegeben hätten. Auch dürfen wir den Wunsch nicht unterdrücken, daß dieselben Herausgeber uns auch die Erläuterung mancher andern Stelle in diesen Briefen hätte« mittheilen sollen. An einigen Orten haben sie es gethan, aber an so wenigen! So wird I. S. 60 Sparta mit Potsdam übersetzt, was ohne diese Einschaltung unverständlich geblieben wäre. S. 83 heißt eö: Haben Sie gelesen, was Kl. gegen mich geschrieben hat? wobei die Herausgeber den ganzen Namen Klotz in der Note mittheilen. Eben so nothwendig war die Note II. S. 65, die aber von Böttiger's Hand ist. Aber wie so manche andere Stelle ist dafür unerk.ärt und für solche Leser unerklärbar geblieben, die, fern von jenen Verhältnissen, die nähern Umstände der Personen nicht genug kennen. WaS ist z. B. das kclictum krsetorisnum, das Göthe nach II. S. 273 für das Theater gegeben hat, und von dem Herder daselbst sagt, daß Göthe noch nichts so platt und geistlos geschrieben habe? — Auch wäre es zum Verstehen dieser Briefe wohl besser gewesen, wenn die Antworten, wo sie sich gesunden haben, unmittelbar auf die Zuschriften angereiht worden wären, während sie setzt, zwar in chronologischer Ordnung, aber nach den einzelnen Personen geordnet sind, so daß man von mehreren Briefen des ersten Theils die Antwort auf dieselben erst in dem zweiten oder dritten erhält. Endlich wollen wir noch bemerken, daß die Herausgeber, deren willkommenes Geschenk wir übrigens mit innigem Danke aner- Knebel'L Nachlaß. 341 kennen, ihren Lesern von den vielen griechischen Stellen, die in diese» Briefen vorkommen, die Übersetzung hätten mittheilen sollen. Es ist dieß, wie bekannt, ein sehr allgemeiner Wunsch, weil das Bedürfniß es eben so ist. Die wenigsten der neuern Leser, auch die vielseitig Gebildeten nicht ausgenommen, können so viel Griechisch, um ganze Stellen aus alten Dichtern sofort und ohne Anstand zu verstehen. Sollte sich daher schon der Autor enthalten, solche Stellen ohne alle weitere Einleitung aufzunehmen, wie viel mehr ein Herausgeber oder ein Uebersetzer, wie es z. B. erst ganz vor wenig Wochen wieder mit der deutschen Ucbcrsetzung von Gibbon'ü Ilistor^ ol tlie k. Lmpire geschehen ist, wo die vielen Noten des englischen Textes ohne alle weitere Bemühung wieder abgedruckt worden sind. Wozu soll diese gelehrte Großthuerei? Denn mehr ist eS nicht, wie wir alle recht wohl wissen. Es gibt heut zu Tage eine große Menge Professoren, Leute von Profession wenigstens, und sonst recht achtbare Gelehrte, welche die griechische Sprache nicht mehr ohne Anstoß lesen können, und es würde selbst nicht schwer seyn, mehrere Autoren anzuführen, die sich sehr oft und gern mit diesen fremden Federn schmücken, und doch nicht so viel griechisch können, um solche Dinge vom Blatte wegzulesen. Warum citiren diese Herren nicht auch zuweilen Stellen aus der russischen oder ungarische.« Sprache? — Weil sie und wir diese Sprachen nicht kennen? — Nun dasselbe gilt auch von der griechischen und es mag recht gut seyn, daß eS auch von ihr gilt. Denn wenn wir diese Sprache nicht zu dem Zweck erlernen wollen, um unsern eigenen Geist an den Geist derjenigen Männer heranzubilden, die vor zwei Jahrtausenden in dieser Sprache geschrieben haben — und wo ist der, der dieß von sich rühmen könnte? so ist es schade, unsere Zeit mit der Erlernung eines fremden Idioms zu verderben, von dem wir doch nur den äußern Schall, oder den innern Geist, kennen lernen, während dafür so viele andere, wichtigere und uns näher liegende Gegenstände ganz unbeachtet zur Seite liegen bleiben müssen. Nach diesen Briefen folgen nun, im dritten Bande von S. 111 bis zu Eude, die sogenannten vermischten Schriften Knebel'S, und unter ihnen zuerst seine Schweizer Wanderungen, die er i. I. 1780, wo er die Schweiz bereiste, in Form von Briefen an den Großhcrzog von Weimar geschrieben hat. Sie enthalten meistens nur Beschreibungen von Gegenden und rhapsodistische Bemerkungen, wie es scheint, nicht ohne Lücken, da vielleicht manche Stellen nicht gut mitgetheilt werden konnten. 342 Knebel'S Naiblaß. Diesen Wanderungen folgen Phantasien, Maximen und Bilder von S. 1l!9—166, abgebrochene Betrachtungen, olt nur in einigen Zeilen, über Leben, Liebe, Religion, Mutlosigkeit, Vornehm- seyn u. dgl. Diese Betrachtungen sind me st moralischer Art, mit einem philosophischen Anstrich, und scheinen Themata zu künftigein Gedichten zu seyn, die ab,r wohl meistens unausgeführt geblieben sind. Hier nur zwei, Leben und Liebe überschrieben, zur Probe, auS denen man leicht auf die andern schließen mag. „Im öffentlichen, thätigen Leben vergißt der Mensch die Bewegungen seiner Fortdauer, da er in einem zurückgezogenen, einsamen solche zu oft und gleichsam unter einem Mikroskope erblickt. BcideS hat Vortheil und Schaden. Das Leben drS Geschäftsmannes ist leicht gefährlichen Abiirungen unterworfen, und hat er vergessen, den ersten Grund richtig anzulegen, so wird er oft ganz verkehrte Resultate auS seiner Arbeit ziehen. — Allzugroße Weisheit macht übersichtig, allzu- große Sorgfalt verdirbt. DaS Wahre schwebt immer in der Mitte. — Frische Thätigkeit und ruhige Uebersicht, beideS gehört zusammen. Die größten Geschäftsmänner haben immer am meisten Zeit übrig gehabt, wie Friedrich und Napoleon. Große Bewegung erfordert tiefe Ruhe." „Die Liebe macht oft, bei ihrem Ausbruche, Menschen und Thiere gleichsam zum Narren. Dem Gescheitesten hängt sie ein Schellchen oder wohl gar eine Kappe auf, und immer verdreht oder verrückt sie etwas an unserm Verstände. An dem Einen wird eS vorstechend und lächerlich, an dem andern zierlich und gefällig. Alle Leidenschaften haben ihren letzten Grund in der Liebe, so der bittere Neid, der rostfrcssende Geiz. Sie entspringen auch auS einem Gefühle der Wollust im Besitze. Während aber alle andern Leidenschaften dem Bau und selbst der Natur des Menschen etwas zu nehmen scheinen, so setzt die Liebe dafür etwas zu. Sie ist die Nährerin und Erzieherin deS Lebens, und hebt Thiere und Gewächse zu ihrer höchsten Stufe. In Einer Nacht steigt die zur Befruchtung eilende Aloe einen höher» Raum empor, als sie vorher vielleicht in dreißig Jahren nicht zurückgelegt hat, und eben so verändert sich auch der ganze Zustand der thierischen Natur um eben dieselbe Zeit. Jede Fähigkeit im Menschen hängt von dem Zuflüsse dieser begeisternden Kraft ab, und sinkt auch wieder, sobald diese abnimmt. Die lebendigste Aeußerung thierischer Natur, die Stimme, ertheilt sie auch Knebel's Nachlaß. 343 stummen Thieren, und Reiz und Gefälligkeit erweckt sie in jeder Natur. Dem Menschen gibt und nimmt sie den Verstand, je nachdem sie eS zu ihren Zwecken brauchbar findet, und doch ist sie die Vollenderin aller unserer Unternehmungen. Nur in der Liebe erhält sich Geist und Gestalt, und waö von ihrem Wesen übrig bleibt, nmschim- mcrt noch das Alter. Lebe erweckt Reiz, wie Reiz Liebe. Tugend und Tapferkeit erwacht und bewahrt sich durch dieselbe in der Brust, und jeder Funke deS Erlen und Vortrefflichen entzündet sich an ihr." Düs n Betrachtungen folgen einige prosaische Fabeln, im Grunde wohl wieder moralisch-philosophische Betrachtungen, halb in dem Tone von Lcssing's, halb in dem von Lafontaine's Fabeln. Auch davon hier eine im AuSzug: „Der Adler fand, nach einem sättigenden Mahle, daß eS zu einsam auf seinem Felsenneste sey. Suche dir Gesellschaft, sagte er zu sich selbst. Mit deines Gleichen magst du nicht lcben, aber eS gibt ja noch andere Vögcl. So sprechend, ließ er sich von seinem erhabenen Sitze herab unter einen Schwärm geringerer Vogel. Diese flo en anfangs scheu davon. Aber nachdem er sie lange zu besänftigen und an sich zu gewöhnen gesucht hatte, hielten doch einige bei ihm Stand. Sie gaben sich, jeder nach seiner Art, Mühe, ihn zu unterhalten. Es ging so eine Weile hin, aber bald wurde die Unlust deS Adlers wieder rege, und auch sein Hunger. Er behandelte die Vögel anfangs verächtlich, nnd dann sing er an, einen nach dem andern, der ihm zunächst kam und zutraulich wurde — aufzuflkffen." Dann kommen philosophische nnd ästhetische Aufsätze von S. 175 — 357 über sehr mannigfaltige Gegenstände. Die Briefe populären Inhalts S- 180 können hier nicht näher angeführt werden, so wenig, als der Aussatz über Polytheismus Seite 185, und viele andere, in welchen, neben ganz ungebundenen Ansichten, auch oft dieselbe sarkastische Laune vv'herrscht, die sich bei unserm Autor überhaupt gern regt, so oft ihm Gelegenheit dazu geboten wird. Nicht weniger angeimffcn würden aber auch umständliche Berichte über die meisten andern, moralisch-philosophischen Abhandlungen erscheinen, die sich nicht wohl im Anszuge getreu darstellen lassen. Man kann in keinem dieser meistens nur rhapsodisch verfaßten Aufsätze den denkenden Kopf verkennen, so wie das Bestreben nach Klarheit, und selbst nach einer gewissen Eleganz des Ausdrucks überall sichtbar ist. An eigenen A> sichten, die wohl nur schwer zu allgemeinen Maximen erhoben werden können, ist allerdings kein Mangel, so wie 344 Knebel's Nachlaß. auch hier die Spuren von jener kaustischen Lauge nicht fehlen, welche wir schon oben in seinen Briefen so oft angetroffen haben. In einigen dieser Aufsätze gibt er seinem Hange, bloß die Haupt-Ideen, welche sie leiteten, aphoristisch darzustellen, so sehr nach, daß die Lee- türe derselben, wenn man sie länger fortsetzt, zu widerstehen anfängt, wie etwa eine lange Mahlzeit, in welcher, statt der Speisen, nichts als Gewürze aufgetragen werden. Seine Philosophie ist übrigens eine Mischung, eine glückliche Mischung, darf man sagen, von jener, die uns in den ähnlichen Schriften von Garve, Mendelsohn und vorzüglich von Herder begegnet, welcher letzte auf unsern Verfasser, so sehr dieser auch sich dagegen stemmen mag, einen unverkennbaren Einfluß äußert, so unverkennbar, daß man oft mehrere Seiten durch Herder'ö Styl und Stimme zu vernehmen glaubt. Als ausgezeichnet unter diesen Aufsätzen möchten wir die Beiträge zur Intelligenz nennen, den Eingang derselben ausgenommen, der etwas zu sehr in dem Geschmack der Naturphilosophen jener Zeit (d. I. 17L8) gehalten wurde. Ferner den Aufsatz über Wohlwollen (II S. 265^), der mit besonderer Sorgfalt geschrieben ist, und aus dem wir, zur Charakteristik dieser Memoiren, einiges im Auszuge mittheilen wollen, wodurch aber freilich die schöne Rundung des Ganzen und die liebliche Farbenvertheilung, die den Reiz des Aufsatzes so sehr erhöht, größ- tentheilS wenigstens, verloren gehen muß. Er stellt zuerst den Satz auf, daß der Mensch aus jenen Gegenden der Erde stamme, die eines stets freundlichen Himmels genießen, wo kein Dach zu seiner Beschützung, kein Kleid zu seiner Bedeckung nöthig ist, und wo der Boden gleichsam von selbst ihm. seine Nahrung darbietet. „Dort wachsen auch die meisten Pflanzen, und nur wenige dagegen unter den rauhen Stürmen deö Nordens, und selbst für diese wenigen ist eS nur der erwärmende Hauch der Sonne, der sie erweckt. Eben so gibt eS auch viele Thiere, die der Sonne und Wärme nicht entbehren können, ohne gleichsam in sich selbst zu zerfallen, und der Freude und Lebhaftigkeit ihres Daseyns beraubt zu werden. So paßt denn auch der kalte Hauch des Nordens nicht für unsere, aus jener glücklichen Gegend hieher versetzten Körper. Die Natur hat uns nicht für diese rauhen Gegenden geschaffen, sonst hätte sie uns mit dichten Pelzen umgeben. Wir sind also Fremdlinge auf diesem Boden. — Sollten wir nicht, unseres eigenen Wohles wegen, den Mangel der freundlicheren Natur, den Abgang wärmerer Sonnenstrahlen durch gegenseitige Güte und Gefälligkeit wieder zu ersetzen Knebel's Nachlaß. 345 suchen? — Aber daran fehlt viel! Vielmehr ist eS ganz umgekehrt. Die Völker jener glücklichen Zonen sind liebreich und freundlich unter einander, und die Menschen des rauhen Nordens sind streng und zurückstoßend. Die letzten halten sich für die Gebildeten, aber sie schöpfen aus ihrer Weisheit nichts als Spröde, Untheilnehmung und Härte, Eigendünkel und Hochmuth, und, ihrem Pole getreu, hauchen sie Kälte und Erstarrung hin, wo sie Leben, Licht und Freude schaffen sollten, die ihnen doch so noth thut. „Es ist noch nicht lange her, daß die Deutschen das Wort Höflichkeit in ihre Sprache aufgenommen haben, offenbar weil ihnen die Sache selbst gefehlt hat. Endlich ist dieser Begriff aus einem Nebenbegriff vom Hofe erweckt worden, wodurch er aber eine falsche Wendung und Zweideutigkeit erhalten hat. Die wahre Höflichkeit besteht nicht in kleinlichen Vorschriften, noch in Unwahrheit und angenommenen Gebräuchen; sie ist die Achtung seiner selbst und anderer, UM dadurch den Umgang mit Menschen leichter und gefälliger zu machen: sie ist die schönste Blume des geselligen Lebens. „Und wer ist denn eigentlich höflich zu nennen? — Derjenige, welcher die Rechte der Menschheit ehrt und die Vorzüge des Andern erkennt, ohne seine eigenen zu merklich zu machen; wer seiner eigenen Bequemlichkeit gern etwas entzieht, um die der andern zu befördern; wer die Mängel seiner Genossen geschickt und liebevoll bedeckt; wer schweigt und spricht, jedes zur gehörigen Zeit; wer den andern aus Verlegenheiten zu ziehen und ihm Vertrauen zu sich selbst einzuflößen weiß, kurz, wer an der Person des Andern denjenigen Antheil nimmt, den er nur immer für seine eigene Person ansprechen möchte. „Obschon nun von allen diesen Tugenden nichts, weder in.unsern Gesetzbüchern, noch in den zehn Geboten vorkommen mag, so sind sie doch zur Erhaltung menschlicher Gesellschaft beinahe unentbehrlich. Es ist schwer zu sagen, welche goldene Früchte dieser wahre Baum des Lebens bringt. Die Menschen werden durch diese Achtung, die sie immer gegen sich selbst und gegen die Andern erhalten müssen, in einer Art von steter Aufmerksamkeit erhalten, die sie von allen rohen Gemüthsbewegungen abzieht, und die jeden Zwist und Unfrieden in seinem ersten Anfange schon auflöst und zerstört. — Ucberhaupt scheint der Mensch, besonders in der wärmcrn Zone, ein natürliches Gefühl für Höflichkeit zu haben. Kein Wilder ist grob, so lange er nicht beleidigt wird, wie »nS Franklin in einem eigenen Aufsätze 346 Knebel'« Nachlaß. über Nordamerika belehrt, und wie uns noch eindringender Cook von den Bewohnern der Südsee-Inseln erzählt hat. Alle ungebildeten Völker scheinen einen hoben Begriff von Höflichkeit zu haben, nur die polizirten Nationen deü Nordens scheinen darin anders zu denken. „So tief gegründet sind die gleichen Rechte der Menschheit in dem Gemüthe fedeS wohlgearteten Menschen, daß ihm selbst in einer Gesellschaft nicht wohl wird, wo er einen zu meikuchen Unterschied, selbst zu seinem eigenen Vortheile, bemerkt. Nur kleine Seelen wünschen ein Recht von Außen zu haben, ein Recht, das ihnen nicht zugehört; ein großes Gemüth aber ist mehr auf sich selbst und auf seinen wahren innern Werth gerichtet. ES fühlt, daß eü von diesem letzten selbst seinem höchsten Range in der Gesillschaft etwas leihe» muß, wenn er eine wahre Würbe haben soll, die nicht bloß von Thoren und Idioten bewundert wird. Wahre Achtung ist das Kleinod, für welches die besten Menschen Glück und Leben willig hingeopfert haben, und wer den wahren Werth der Güter dieser Welt zu schätzen weiß, wird dafür nicht daü Flittergold einer falschen Verehrung eintauschen wollen. — Wer sich selbst Achtung erzeigt, wird sie auch gar bald bei Andern sinken: wer aber Niemand achten kann, wird auch von Niemand geachtet werden. Eö gibt wohl, sagt man, ein solches Geschlecht, das alles außer sich verachtet — nun wenn das ist, so seht es doch näher an: es ist gewiß auch das verächtlichste von allen. „Allerdings muß aber auch diese Schätzung der Andern gegenseitig seyn, daher der Gebildete nur wieder unter seines Gleichen zufrieden leben kann. Simonides aus Cea war gewiß ein großer Dichter, aber die Thessalicr gaben nicht einen Pfennig für seine Lieder aus, weil es ihnen an Verstand und Geschmack fehlte. AgesilauS, der Spartaner, beklagte sich über Feinde, vie so dumm seyen, daß er nicht einmal seine Kriegslisten gegen sie anwenden könne. Diese hielten ihn also wohl schwerlich für einen großen Feldherrn. „Freilich findet ein Gut, das so allgemein geschätzt wird, wie Achtung und Verehrung, gar Viele, die eS falsch nachmachen. Die gewöhnlichen Papiermünzer der Höflichkeit möchten gern, daß man ihre schlechte Waare für ächt annähme, und ihnen baareS, blankes Gold dafür auszahlte. Wer möchte aber deßhalb den Werth des Goldes oder Silbers in Verdacht ziehen, weil es papierne Lumpen gibt, die den Stempel desselben tragen? Knebel's Nachlaß. 347 „Alle diese geringen Gefälligkeiten, Aufmerksamkeiten und Nachgiebigkeiten tragen unendlich viel zur Anmuih des Lebens bei. Sie geben selbst Kraft und Sporn zn höheren Unternehmungen; sie vervielfältigen das menschliche Daseyn, und geben ihm duse Weichheit, die wir an Werken der Kunst so hoch schätzen, und an keiner Kunst höher schätzen sollten, als an der Kunst zu leben, ohne welche alle andern Künste und Wissenschaften gar bald wieder in ihren Staub zurückkehren oder der Raub wilder Barbaren werden würden. „ES war gewiß ein sehr weiser VolkSlehrer, der unter seilten Vorschriften, die er aufstellte, auch die Lehre der Bescheidenheit und Höflichkeit einprägte, und sogar wollte, daß man bei einem Gastmahle stets die unterste Stelle suchen solle, um im günstigen Falle höher aufrücken zu können. Mit diesem Geiste der Demuth haben sich seine angeblichen Nachfolger später ziemlich hohe Plätze erworben, und sich immer weiter und weiter hinauf, als Knechte der Knechte, zuletzt über alle Andern auf der Erde, hinweggerückt. Und noch heut zu Tage sehen wir, daß selbst die Großen mehr durch Güte, Herablassung und Freundlichkeit gewinnen, a!S durch Härte und Zurückge- zogenheit, und daß Jeder, der in der Welt nach Vorzug strebt, diesen sicherer, durch gefällige Sitten erhält, als durch Grobheit, die nur die Eigenheit gemeiner Seelen ist, und die für die Gesellschaft oft unerträglicher wird, als selbst das widrigste Laster." Ich hoffe, die Leser werden mit mir gestehen, daß unser Anwalt seine einmal übernommene Sache gut, fa trefflich zu vertheidigen weiß; schade nur, daß er zuweilen auch solche Sachen übernommen hat, die sich nicht, auch von dem geschicktesten Advokaten nicht, durchführen lasten. Dahin gehört z. B. der, wie unS dünkt, unglückliche Versuch, „über die Kunst zu lesen." Wer wird eS auch nur bei einiger Ueberlegung, mit Hoffnung auf Erfolg, übernehmen, die Kunst, irgend ein Musikstück auf dem Instrumente gehörig zu spielen, mit Worten darstellen zu wollen. So was muß gespielt, nicht besprochen werden. Und ist unsere Sprache, ist die Kunst des Vor- lesenS nicht auch eine Musik? Wahrlich eine noch viel schwerere, zusammengesetztere, alö die andere, für die wir doch Noten und Zeichen haben, während uns hier alle Mittel fehlen, uns deutlich zu macken. Auch fühlt er selbst am Ende seiner Unternehmung, daß sie unausführbar ist. Der große Umfang der artikulirten Töne, aus welchen jede Sprache besteht, die unbeschreibliche Modulation^ der Stimme, die Verbindung mit dem innersten Gefühle und tausend andere Nück- 348 Knebel's Nachlaß. sichten, die das Ohr sehr wohl fühlt, lassen sich durch todte Worte durchaus nicht darstellen. Der Verfasser hat den Anfang der „Jphi- genia auf Tauriö" von Göthe seinem Vortrage gleichsam als Text zu Grunde gelegt. Allein seine Einleitung ist zu allgemein gehalten, und in der Folge geht er wieder so sehr in das kleinste Detail, daß dem Leser Angst und Wehe wird, wenn er ihn sieht, wie er sich abmüht, die Sonnenstrahlen zu spalten, und die feinsten Gedanken und Empfindungen zu anatomircn. Oefter wird man sogar an die bekannte Kritik in Engel's Philosophen für die Welt erinnert, wo Odoardo, der Vater von Emilia Galotti, zu Orsina sagt: „Madame, geben Sie nicht Ihren Tropfen Gift in einen Eimer Wasser," und wo der schlechte Schauspieler, in der ersten Hälfte dieser Rede, seine Hand erhebt und mit der zusammengedrückten Spitze seines Daumens und Zeigefingers den Tropfen, der eben an seine Finger fallen soll, andeutet, während er, in der zweiten Hälfte, beide Arme gleich den Henkeln eines großen Kruges in die Seite stemmt, um dadurch den Eimer darzustellen. So heißt eS z. B.: „Wo sich Mitgeborne- „Mit sanften Banden an einander knüpfen" muß mit vieler Weichheit gelesen und die Worte gleichsam an einander geknüpft werden. „Wie eng gebunden ist des Weibes Glück." Hier muß die Stimme etwas enger und bekümmerter werden. „Schon einem Manne zu gehorchen „Ist des Weibes Pflicht und Trost." Diese beiden letzten Worte wollen so gelesen seyn, daß es er- helle, der Trost komme nur aus der erfüllten Pflicht. Ich würde also dem Worte Pflicht eine sich unterwerfende Beschränktheit, zugleich mit etwas Erhebung der Stimme, geben, gleichsam als wenn man zu einem Gesetz aufsähe, und in dem Worte Trost dafür eine beruhigende Resignation andeuten, die auf die Erfüllung der Pflicht folgt u. s. w." Interessant, vorzüglich zur Kenntniß deö Verfassers selbst, find die „Tagebuchsblätter," meist nur kurze, abgebrochene, abe: oft inhaltsschwere Zeilen, bald über Gegenstände außer ihm sich verbreitend, bald gegen sich selbst in sein Inneres gewendet. Nicht ohne Knebel's Nachlaß. 349 Unbehagen sieht man den immerwährenden Kampf, auch wohl die Unzufriedenheit mit sich selbst, die schon in früher Jugend begonnen, und selbst im hohen Alter noch nicht geendet hat. Nur selten ist j dieser Kampf aus Unzulänglichkeit der eigenen Kraft entsprungen, sondern meistens nur aus dem Ringen nach dem Höheren, dem alle Besseren nicht entfliehen können. Ocfter aber beschleicht ihn auch wohl Unmuth und üble Laune, vielleicht veranlaßt durch körperliche Zustände oder Hypochondrie, von denen er nur selten ganz frei er- > scheint. Auch behagt ihm das geräuschvolle Leben bei Hofe nicht. ! Ein Mittagsmahl daselbst, das er nicht vermeiden und auch nicht ! nach seinem Wunsche ändern kann, wacht ihn auf Tage, auf Wochen z Unglücklich. So schreibt er unter dem 20. Januar in sein Tagebuch: ! „Der heutige Tisch bei Hofe machte mich sehr elend. Ich kann nichts ! weniger vertragen, als öde Langeweile mit Respekt aufgestützt. So ^ eine Gesellschaft ist etwas Abscheuliches." Am 2t. Januar heißt eS j dann: „Was soll es mit mir werden? Ein vulkanisches Feuer tobt j und zehrt in mir, und wenn cS gleich nicht zum Ausbruch kömmt, so zehrt eS doch meine Kräfte auf. Es entstellt mein? äußere Gestalt und wendet die Gemüther von mir ab. Wie werd' ich dies ertragen? Ohne Ruhe, was ist ein Herz, wie das meine? — O schweige, du bist krank. — Und waS gab Ursache? — Die gestrige Mahlzeit! Halte dich, vergiß, gewöhne dich wieder zu dir. Sey kein Kind, du Alter." Und am 23. Januar, wo die Geschichte noch nicht zu Ende war, finden wir in demselben Tagebuche: „Ich nahm heute Glaubersalz, denn ich finde etwas in mir, waS aus ein Gallenfiebcr deutet. Man bat mich nach Hof, aber ich schlug 'eS aus. Der bloße Gedanke dahin ist mir unerträglich. Ich kenne kein elenderes Zusammenseyn." — Selbst am 27. Januar hört man noch die Stimme des Unholds nachtönen: „Ich war diesen Morgen äußerst abgespannt. Ein Glaö Wein half mir wieder auf. Die gelinde Luft und der veränderte Gebrauch des spanischen Tabaks mögen dies bewirkt haben. Ich speis te Mittags wieder dort, obgleich ich mir fest vorgenommen hatte, diese Woche nicht hinzugehen. Auf den Abend wurde dort gespielt. Aber die groben Unarten von Wieland, der im Spiel nur stets gewinnen will, beleidigten mich wieder, ob ich auch gleich zurückhielt und es nicht äußerte. Aber ich nahm mir vor, eS sehr zu vermeiden, und künftig nicht mehr mit ihm zu spielen." Ich weiß nicht, ob eS noch mehrere Menschen dieser Art gibt, aber zu den Glücklichen oder Beneidenöwerthen gehören sie gewiß 350 Knebel's Nachlaß. nicht. Siebzig volle Sonnensahre an sich bessern und meistern und philosophiren, um am Ende ohne Halt und Boden, einer in der Lust schwebenden Feder gleich, von jedem Hauche hin und her getrieben zu werden — das ist ein trauriges Loos! Wenn Eure gerühmte Weisheit Euch nichts Besseres gibt, so mögt Ihr sie immerhin für Euch selbst behalten. Wir übrigen wollen dafür mit Proper; beten: «Du, gesunder Menschenverstand, wofern, wie ich glaube, „Du eine Gottheit bist, weih' ich mich gänzlich nur dir." Damit hängen denn auch wohl die weiter unten in diesem Tagebuche so oft wiederkommenden Bemerkungen über das Leben im höher» Alter zusammen.' „DaS Schlimmste im Alter," schreibt er am 29. April 1820, im sechs und siebzigsten Jahre seines Lebens, „daS Schlimmste im Alter ist der Mißmuth. Durch den Mangel an Vertrauen zu sich selbst wird man auch mißtrauisch gegen Andere. Dies stört die Freundschaft und löst die Bande des Lebens. Alle ander» Mangel und Fehler, selbst der Geiz, entstehen daraus. Man hat das Vertrauen auf die Welt und auf daS Schicksal verloren. Manche wenden sich dann zum Aberglauben, und gräuliche Geschichten haben sich schon in dieser Rücksicht bei Großen und Mächtigen kund gethan." Später heißt es dann: „Wir sind alle Mißgeschöpfe. Ach den Menschen befallen zuweilen so kleinliche Gedanken und erregen ihm Mißmuth gegen sich selbst. — Jetzt, in meinem achtzigsten Jahre, sehe ich, alles kömmt darauf an, daß der Mensch mit sich selbst Eins, daß er Herr seiner selbst werde. Beherrsche dich selbst! Das ist leicht gesagt, aber beinahe unmöglich, eS auszuführen." Billig möchte man nun fragen, wozu solche Selbstgeständniffe, wie die oben auS dem Tagebuche angeführten, dem Publikum mitgetheilt werden? Es mag allerdings seinen Nutzen haben, auch die Schwächen der wahrhaft großen Menschen kennen zu lernen, denn dies richtet die andern auf und gereicht ihnen zum Troste. Aber Schwächen dieser Art sind für Niemand weder tröstend, noch erhebend. Dazu sind sie von dem Verfasser selbst nicht zur Publikation bestimmt worden, und wenn eS schon nicht gutgeheißen wird, Gespräche unter vier Augen öffentlich zu machen, und waS bloß Einem oder Wenigen unter dem Siegel der Freunvschaft anvertraut worden ist, auS der Schule zu schwätzen, wie viel mehr muß dies von solchen Selbstgesprächen gelten, die Niemand, nicht einmal dem vertrautesten Freunde mitgetheilt, am wenigsten zur öffentlichen Bekanntmachung Knebel's Nachsaß. 351 mitgetheilt worden sind. Man hätte sie daher immerhin zurückbehalten sollen, da sie nicht einmal zur Charakteristik des Mannes, den sie betreffen, gehöre«, indem sie offenbar bloß Resultate eines kränklichen Zustandes, einer vorübergehenden üblen Laune sind, Geburten des Augenblicks, die dem Ganzen fremd sind, und mit den krankhaften Fluktuationen des Gemüths, aus welchem sie entstanden, wieder verschwinden, ohne eine Spur hinter sich zu lassen. Dadurch wollen wir uns aber nicht hindern lassen, den Herausgebern für das viele Gute und Schöne, das sie uns in dieser Schrift ihres verewigten Freundes mitgetheilt haben, unsern aufrichtigen und innigen Dank zu bringen. Leben und Studien Friedr. Aug. Wolf's, des Philologen. Von Dr. Wilh. Körte. Zwei Theile. Essen, bei I. D. Bädeker. 1833. (Zahrb. d. Lit. 183S. 1.XX.) Es ist schon an einem andern Orte dieser Blätter gesagt worden, daß Monographien mehr als dicke Bände die Wissenschaft fördern, und daß unter diesen die Biographien einzelner ausgezeichneter Männer vorzüglich belebend und belehrend zugleich wirken. Ein solcher Mann in seinem Fache, war F. A. Wolf, und er hat an Körte einen ihm würdigen Biographen gefunden. An Materialien dazu, so wie an der hier nothwendigen persönlichen Bekanntschaft hat es unserm Biographen nicht gefehlt, wie denn auch Wolf selbst mit einer Autobiographie unserm Vers. vorausgegangen ist, die, obschon sie nicht vollendet wurde, doch viel Schätzenswertes enthielt. Wolf, einer des ausgezeichnetsten Philologen seiner, und vielleicht aller Zeiten, war ein Autodivact, und hat sich alles, was er besaß, selbst seine erste eigentlich wissenschaftliche Erziehung, selbst gegeben. Er entwickelte selbstständig die ihm inwohnende Kraft, und hatte dabei noch mit vielen .äußern Hindernissen und Hemmungen zu kämpfen. Schwächeren Gemüthern möchte die Lesung dieses Werkes leicht zu einer nicht gefahrlosen Geschichte für sie selbst werden. Nicht jeder ist dazu angethan, und nur Wenigen wird es gelingen, den Bogen des Ulysses zu spannen. Wer aber die innere Kraft in sich fühlt, mag sich beleben und erhöhen an dem Manne, und dann ohne Selbsttäuschung durch Eitelkeit oder Ruhmsucht, dem Rufe des Genius Körte, Wolfs Leben und Studien. 353 j folgen die rauhe Bahn, um gleich ihm mit festem Schritt zum Ziel ! zu wandeln, und den daselbst ausgesteckten Kranz mit eigener Hand, wie sein großes Vorbild eS gethan, auf sein Haupt zu setzen. Wolf wurde am 15. Februar 1759 zu Hainrode geboren, einem Dörfchen in der Nähe der ehemaligen freien Reichsstadt Nordhausen. . Sein Vater war Schulmeister und Organist des Dorfes. Seiner Mutter verdankte er die erste Pflege und Bildung. So arm sie war, so konnte man ihrer Stube doch nichts davon absehn. Durch Ordnung und Reinl chkeit wußte sie jede äußere Spur ihrer Dürftigkeit zu verbergen, und als sie eine alte Nachbarin einst eine arme Frau nannte, sagte sie, das sey sie nicht, und nur der Teufel sey arm, drum heiße er auch der arme Teufel. Eben so wenig wollte sie von dem sogenannten bloßen „guten Gemüthe" wissen, wenn eS sich nicht durch gute Handlungen äußert. „Nachbars Kuh, sagte sie, hat auch ein gut Gemüth, aber keine Milch." Der Knabe blieb ihr auch biö an ihr Ende herzlich zugethan, und wer sie beide näher kannte, erblickte auch in ihm daö geistige Bild der Mutter. Wolf dankte ihr alles, waS er Gutes an sich hatte, und er sagte oft mit Bufson: Ues kiiksns tiennsnt clo leur msre lours guslilös intollee- tusllss et morlsles. Vom Vater wurde er sthr früh zum Studircn angehalten, besonders wurde Gedächtniß, deutliche Aussprache und Kalligraphie geübt, die letzte so, daß der Vater immer selbst die Federn schnitt, und zwar vortreffliche, woran der Sohn sich so gewöhnte, daß er in seinem zwanzigsten Jahre noch selbst keine gute schneiden konnte. Wer von den Studenten in Göttingen ihn, auch spät noch, besuchte, mußte einige wohl geschnittene Federn mitbringen, wenn er willkommen seyn wollte. In seinem vierten Jahre begegnete ihm ein Unglück, das von bösen Folgen hätte seyn können. DeS Nachbars Garten trug, wie ihm schien, schönere Birnen, als der dcS Vaters: er bestieg den fremden Baum, siel herab, und verletzte sich schwer das Gesicht. Ueber zwei Monate befürchtete man, unter der ungeschickten Behandlung des Dorfchirurgus, eine Fistel, und nur seine gute Constitntion hals ihm durch. In seinem sechsten Jahre bezog Wolf daS Gymnasium in Nordhausen, wohin indeß auch sein Vater zum Schulrektor berufen ward. Der grundgelehrte, aber zum Pädagogen gänzlich verdorbene Joh. Andr. FabriciuS war der Rektor dieses Gymnasiums. Der Anblik dieses Ludimagisterö war grauenvoll. Er durchschritt in einem alten gestreiften Schlafrocke, an welchem eine lange Peitsche hing, und in Littrow l. 23 354 Körte, Wolf's Leben und Studien. einer fürchterlichen Allonge-Perücke die Gänge und Klassen des klösterlichen Schulgebäudes. Wolf merkte bald, daß er in der Schule nicht viel lernen werde, und gegen sein zwölftes Jabr begann er sich von ihr zurück zu ziehen, und sich auf sich selbst und auf einsame Lectüre zu beschränken. So befolgte der junge Autodidakt damals schon den Spruch, den er später zu feinem Symbolnm erhoben hat: Kon guu itur, seä gua eunüuin. Schulmänner haben schon längst die Bemerkung gemacht, daß die bessern Schüler gern ihren eigenen Weg gehen, sich mit aller Kraft auf den Gegenstand ihrer Neigung werfen, und sich gegen alles sträuben, waS man ihnen wider ihren Willen aufdringen will. Gewöhnlich werden nur aus solchen tüchtige selbst- ständige Männer. Fügen wir, mit Körte, dieser Bemerkung noch die folgende bei, die wir oft genug bewährt gesunden haben, obschon ihr Grund vielleicht nicht so ganz oben liegt, wie manche glauben: daß nämlich nur diejenigen Schüler sich späterhin in ganz verschiedenen Fächern auszeichnen, welche sich früh mit ganzer Seele auf alte Sprachen und alte Literatur geworfen haben, nur selten aber die, welche auf neuere Sprachen und Literatur verfielen. In seinem dreizehnten Jahre trat eine Periode ein, die bei kräftigen, geistesstarken Knaben nicht selten schlimm ausgeht. Bisher war er bis zum Uebermaße fleißig gewesen. Allmählich fühlte er durch ewiges Sitzen und Nachtwachen seine Gesundheit sinken, und eine allgemeine Abneigung vor allem Studircn bemächtigte sich seines ganzen Wesens. Er warf also alle Bücher weit von sich, trieb sich im Freien herum, und machte so recht eigentlich den Taugenichts. Auf diese Weise ward er, bisher still und in sich gekehrt, auf zwei volle Jahre der wildeste Junge seines Alters, den jeder Vater seinen Söhnen als Muster von Unfleiß und Zeitverschwendnng zeigte. Diese Periode legte bei ihm den Grund zu seiner nachherigen festen Gesundheit, und er dankte später oft der gütigen Natur für diese günstige Veranstaltung. In dieser wilden Zeit ließ er alle seine Studien liegen, und brachte seine Zeit mit Umherschweifen auf den Gassen zu; indes bildete sich unter diesen Umständen sein Witz und die Gabe aus, zu disputiern, und schnell mit Antworten bereit zu seyn. Bei unserm großen Lessing trat diese Periode bekanntlich viel später und erst dann ein, als er sich schon unter den Schriftstellern Deutschlands auf daS vorzüglichste gezeigt hatte. Körte, Wolfs Leben und Studien. 355 Am Ende dieser Zeit machte er die Bekanntschaft eines wohl schon ältern, aber im Grunde nicht minder nachläßigen Bewohners seiner Stadt, eines sogenannten Dilettanten in der Gelehrsamkeit, der sich besonders auf die neuen Sprachen gelegt hatte, von denen er die vorzüglichsten beinahe alle, aber keine recht kannte. Hier lernte Wolf das Französische, Italienische, Englische und Spanische kennen, das er später viel mehr ausbildete. DaS Englische übrigens lernten beide, wie man sagt, bloß mit den Augen lesen, da ihnen alle Mittel fehlten, die Aussprache zu erlernen. Diese Sprachen alle erlernte er gleichsam nur im Fluge, und so weit sie ihm nöthig waren, seine Lesewuth zu befriedigen. Dadurch wurde sein alter Fleiß wieder erweckt, und er trieb es bald ärger als zuvor. Ganze Reihen von Nächten durchwachte er, unter seinen Büchern sitzend, in einer ungeheizten Stube, und er dachte später selbst mit Schauder an die gewaltsamen Mittel, die er anwendete, sich munter und wach zu erhalten. Eimer mit kaltem Wasser, worein er die Füße steckte, halsen eine Zeit lang um besten, so wie auch die Verbindung des einen Auges,mit einem Tuche, um so lange mit dem andern zu lesen, und nicht beide zugleich zu ermüden. Musik übte er früh, und brachte es auch später zu einer nicht gewöhnlichen Vollkommenheit, besonders im Klavierspielen, obschon er es immer nur als Erholung trieb. Für Mathematik aber hatte er ganz und gar kein Talent, und er gehörte, wie Gibbon, zu den für diese Wissenschaft ganz unfähigen Köpfen. Er bemühte sich öfter, wenigstens einige Kenntniß der Mathematik zu erhalten, aber immer vergebens. Am Ende setzte sich bei ihm das Vorurtheil fest, daß, je fähiger ein Kopf für Mathematik sey, desto weniger passe er für alle andern Wissenschaften. Plato hatte, wie man weiß, die ganz entgegengesetzte Meinung, indem er über den Eingang seiner Akademie die Inschrift setzte: «Sei? emrro. In seinem fünfzehnten Jahre entzweite er sich mit seinem anmaßenden unverständigen Rcctor Albert, der jenem Fabricius gefolgt war, und verließ sammt den übrigen bessern Schülern daS Gymnasium förmlich, um als Pn'vatlehrer in Nordhausen aufzutreten. Zugleich verdoppelte sich wieder sein Privatfleiß, und er würde wahrscheinlich seine Gesundheit untergraben haben, wenn ihm die Natur nicht zum zweiten Male freundlich entgegen gekommen wäre. Dießmal rettete ihn die Liebe. Er hatte in einer Tanzgesellschaft eine reizende junge Witwe kennen gelernt, und wurde förmlich in sie 23 * 356 Körte, Wvlf's Leben und Studien. verliebt. Da sie gern tanzte, so suchte er nun auch einen Tanzmei- ster. Allein diese Kunst wollte ihm so wenig ein, als die Mathematik. Beide Dinge wurden ihm später völlig zuwider. Nicht leicht konnte man ihn zu dem Besuche eines Balles bewegen, und zum Tanzen selbst gar nicht. Er dachte mit den Römern: nsmo tomkio galtst, nist edrius. Nicht so aber dachte er von der schönen Witwe, und daS innere Feuer, das ihn verzehrte, loderte bald in hellen Flammen auf, da die Geliebte seine Mutter öfter besuchte, wo er denn, da er nie ein Kartenspiel lernen mochte, vorlesen oder sich auf einem Instrumente hören lassen mußte, wozu die Witwe sehr unmuthig zu singen verstand. Beide verstanden sich sehr bald —- Wolf begleitete, von der Mutter selbst aufgefordert, die schöne Geliebte Abends mit der Handlaterne nach Hause, wo sich manches vertrauliche Wörtchen Luft machen konnte. Bald kamen Briefchen von beiden Seiten, die Er insbesondere mit viel Sorgfalt schrieb, und denen er, wie er später sagte, seinen richtigen deutschen Ausdruck verdankte, da ihn die Gegenstände, mit welchen sich diese Briefe beschäftigten, viel mehr interessirten, als diesenigen Uebungen im deutschen Style, die ihm bl'S- > her seine Rcctoren über die alten Römer u. dgl. aufgegeben hatten. Auch trug diese seine erste Freundschaft sehr zu derjenigen äußern Politur bei, die er bisher nur so obenhin und als eine Nebensache besorgt hatte. Die Witwe war übrigens vielseitig gebildet, eine brave Frau, wohnte bei ihren Eltern, und erfreute sich eines sehr guten Rufes. Aber schon nach einem Jahre hörte das schöne Verhältniß auf, da sie starb, wo dann seine ersten heißen Thränen flössen. Er ermannte sich und kehrte auf seinen alten Weg zurück. Er gedachte nun, in seinem sechzehnten Jahre, ernstlich seines Lebensberufes. Ausgebildet und gekräftigt, wie er sich fühlte, begann er, so früh schon, als ein Mann zu denken und zu handeln. Er sprach später oft die Ueberzeugung aus, daß sich der eigentliche Charakter des Menschen schon vom zwölften bis sechzehnten Jahre bilde, und daß alles Folgende nur Fort- und Weiterbildung sey. Eichhorn sagt: „Gewöhnliche Menschen brauchen wohl oft lange zu ihrem Werken; aber große stehen immer schnell und wie in einem Augenblick „geschaffen da." Im Jahre 1776, in feinem siebcnzehnten Jahre, betrat er die Universität von Göttingen, wo ihn Heyne, durch seine sonderbare Aufnahme, sogleich unfreundlich zurückstieß und ihn sich schon dcdurch entfremdete, daß er ihm von der Philologie, als einem unfruchtbaren Körte, Wolfs Leben und Studien. 357 Studium, abn'eth. So erwachte in dem Jünglinge schon setzt die Antipathie, die bei dem Manne später so krastig sich dem summa Kezmio entgegensetzte, wie dieser auf der Universität halb spottweise genannt wurde. Wir übergehen seine Art zu studiern, die, der vielen Professoren dieser Akademie ungeachtet, gar bald wieder einsam und desultorisch wur>e, indem er die Collegien sehr wenig frequentirte, aber dafür desto mehr die berübmte Bibliothek dieser Stadt besuchte. Da er mit s iner Zeit sehr geizte, und davon zu viel durch den Barbier und Friseur verlor, die damals jeden Tag zu kommen pflegten, so entschloß er sich kurz den Bart acht Tage lang wachsen und die Koplbaare alsbecren zu lösten, die er dann auch durch eine Perücke ersetzte. Um auch im An- und Auskl.iden kurz zu seyn, ersetzte er tie gewöhnlichen Kleidungsstücke durch einen sonderbar geschnittenen Mantel, der bald allgemein das kslllum ptiilvloZicum hieß. — Mit dem Collegiüm-Hören wollte es übrigens durchaus nicht vorwärts. Er wurde immer zerstreut oder sch ästig, wenn er einen fremden Vertrag eine Stunde durch anhören sollte, und das Nachschreiben war ihm in der Seele zuwider. Am Ende deS ersten Jahres batte er sich durch sein zu emsiges Stndiren wieder eine schwere Krankheit zugezogen, in welcher ihn schon mehrere der ausgezeichnetsten Professoren Göttingens besuchten, da er sich bereits vorthcilhast bekannt gemacht hatte. Seit dieser Zeit, wo ihm die Noth etwas nahe ging, wurde alles lange Nachtsitzen abgeschafft, und er studirte nunmehr nie über Mitternacht hinaus. Besuche von und bei andern Studenten waren bei ihm sehr selten, am seltensten Abends, wo damals die Trinkgelage Statt fanden, an denen er nie Theil nahm. Mit den meisten seiner Bekannten kam es nie weiter als zum Hutabzichen, wenn sie sich auf der Gaffe trafen. Man kannte seine Sitte und störte ihn nicht. Daö Tabakrauchen galt ihm statt der Conversation. Er trieb dasselbe sehr arg, so daß er fast den berühmten Borhornius übertraf, und eS manchen Tag über zwanzig Pfeifen brachte, wo er sich dann durch den ihn umspielenden Dampf über die ihm umgebenden todten, langweiligen Gesellschafter tröstete. Durch Heyne'S sogenannte Gunst wurde ihm eine Lehrcrstelle an dem königl. Pädagogium in Jlfeld angetragen, wodurch Heyne den selbstständigcn, unternehmenden Mann von Göttingen entfernen wollte. Die Stelle trat er 1779 an. Hier konnte er sich nicht recht mit den Studenten abfinden, denen er zu jung war. Auch fand er 358 Körte, Wolfs Leben und Studien. H. I. Köppen hier, mit dem er sich zur immerwährenden, innigen Freundschaft verband; eine liebe S ele, wie er ihn nannte, gus nun- guam viäit psnäuliorem. Hier wollte er auch sein erstes Werk über Homer herausgeben, aber der Buchhändler Nicolai in Berlin wollte sich damit nicht befassen, und schickte ihm eine abschlägige Antwort. Die Ideen über die Veränderungen, welche mit Homers beiden grossen Gedichten allmäblig vorgegangen seyn sollen, bis sie endlich in der gegenwärtigen Gestalt auf uns gekommen sind, beschäftigten ihn schon lange. Aber durch Nicolai's Weigerung zurückgesetzt, verschob er die Publikation bis zum Jahre 1793. Auch fand er in der Nahe von Jlfeld wieder ein Liebchen, das zwar mehrere Jahre älter war als er, daö ihn aber demungeachtct gar mächtig anzog. Er gedachte der Ehe — aber dazu war seine Besoldung zu klein. Man musste also eine bessere suchen. Zufällig laS er in einer Zeitung, daß das Rektorat der Schule in Osterode erledigt sey. Ohne viel Besinnen ging er hin. Aber andere waren bereits früher da gewesen, und die Thüre vor ihm schien geschlossen. Demungeachtct bot er sich den Vorstehern zu einer Probevorlesung an, um die Reise wenigstens nicht ganz umsonst gemacht zu haben. Man schickte ihm das Thema dazu erst den Tag zuvor, und demun- geachtet siel das Ganze so zu seinem Vortheile aus, daß er die Stelle erhielt. Im Jahre 1782 erschien Wolfs erstes Werk: „Platon'S Gastmahl." Kenntniß und Bescheidenheit zeigen sich in jeder der kritischen Noten, die er der Schrift beifügte. Sie ward auch von den ersten Philologen sehr günstig aufgenommen. Gleich nach der Vollendung derselben eilte er, auch seine Hochzeit mit der oben erwähnten Geliebten, Sophie Hüpeder, zu vollziehen. Denn in dieser Zeit seines Lebens eilte er mit allem, mit seinem Studium, mit der Herausgabe seines Werks und mit seiner Liebe. Alles mußte cito, ja citissime gehe». Viele Mühe machte ihm die Wiederherstellung der ganz verfallenen Schule in Osterode. Merkwürdig ist, dass er sich eine ganz unbeschränkte Freiheit in der Einrichtung der Schule zusicherte, und daß er, auch das nöthige Vertrauen zu sich fühlend, die öffentlichen Examina, alö bloße Schaustücke, ganz abschaffte. Die Anstalt hob sich bald unter seiner Leitung. Er selbst gab wöchentlich 18 Stunden, und all sein Streben ging dahin, Liebe zum eignen Studiren zu erwecken. Grammatiken gab'ö da nicht: sie entstanden erst unter dem Lehren und Erklären. Jeder mußte sich Regeln ab- Körte, Wolf's Leben und Studien. . 359 ziehen, und, mit Beispielen versehen, auf das Genaueste niederschreiben. Auctorität galt nicht, auch nicht seine eigene. Nur wenige Schriftsteller ließ er in der Schule lesen, aber diese sehr genau: doch neben den schwereren auch leichtere, und diese letzten bloß kursorisch. Häufig gab er Bücher nach Haufe, AuSzüge daraus zu machen, die dann öffentlich vorgelesen werden mußten. Er ging vorzüglich darauf aus, seine Schüler zn Autodidakten zu machen, wie er selbst es war. Sein Ton mit den Schülern war durchaus frei und liberal, fast vertraulich; manche wunderten sich, daß er seiner Autorität so viel dadurch' vergebe, aber die innere Kraft und Tüchtigkeit bedarf keiner solchen äußeren Behelfe, um fich aufrecht zu erhalten. Im Fahre 1783 erhielt er von der preuß Regierung einen Ruf als Professor an die Universität in Halle. Allein der mit dieser Stelle verbundene Gehalt betrug jährlich nur 300 Thaler! Wolf schrieb an den Minister Zedlitz zurück, daß er gern hinginge, aber von solchem Honorar nicht leben könne. Der Minister versprach ihm demnach 150 Thaler Zulage, und Wolf zog nach Halle. (Heyne, der berühmte Heyne, hatte in Göttingen 800 Thaler Gehalt, aber die Privata und Privat,ffima ersetzen den Mangel des Honorars.) Reinhold Förster, der von Zedlitz einen ähnlichen Antrag erhalten hatte, antwortete demselben, ob er denn glaube, daß man bei einem Zeisigfuttcr Eselsarbcit verrichten könne. — Die erwähnten und manche andere hier nicht angeführten Voea- tionen an fremde Lehranstalten und Akademien machten den jungen Mann keineswegs läßig. Nur Menschen von eitlem Ehrgeize werden durch frühe Ehre gesättigt, die andern aber noch mehr angereizt, indem sie daS bereits Erhaltene nicht als Belohnung, sondern als Verpflichtung zu größern Leistungen betrachten. In der Ankündigung der Universität wurde gesagt, daß „der geschickte und gelehrte Wolf als ord. Professor der Philologie mit 300 Thalern angestellt sey." Es ist interessant, zu sehen, was von dem geschickten und gelehrten Wolf für diese 300 oder 450 Thaler alles gefordert wurde, wie man in der VI. Beilage zu der gegenwärtigen Schrift (Vol. II. S. 2l0) lesen kann. Als er in Halle ankam, erhielt er ein Schreiben von Berlin, in welchem man ihm sagte, wie eS mit der Zulage von jenen 150 Thalern zu halten sey. „Wenn Sie," heißt eö in dem Briefe, „den akademischen Lsprit üo corps kennen lernen, so werden Sie finden, daß ,zu 150 Thalern, die vacant werden, 150 Compctenten sind, wovon sie sich 149 zu Feinden machen werden, wenn Sie ihnen im 360 Körte, Wolfs Leben und Studien. Wettlaufe zuvorkommen sollten. Sie werden überhaupt gar sonderbare Kauze unter Ihren Collegcn, sonderlich unter den älteren, kennen lernen." In Halle lebte er übrigens, dieser Aspekten ungeachtet, sehr zufrieden. Den größten Theil deS TagS war er in seinen Büchern begraben; die übrige Zelt nahmen seine vielen Collegien und die Er- zi.hnng seiner drei kleinen Töchter in Beschlag. Der letzten widmete er alle Sorgfalt. Schön von den ersten Wochen nach der Geburt wurde für sie, in Beziehung auf Schlaf und Nahrung, später auf Unterricht und Bildung, eine feste, unwandelbare Ordnung eingeführt. Der Vormittag war den geistigen und erregenden, der Nachmittag den m.hr mechanischen Urbungen gewidmet. Beim Unterrichte stand die alte Horazische Regel oben an: Ouiogmü provoipios, biovis eslo. Vor allem gewöhnte er die Kinder früh an gnstige Thätigkeit, und muihete ihnen absichtlich mehr zu, damit sie sich an das Schwerere gewöhnen und ihre geistige Kraft üben lernten. Alles, waS die Kinder trieben, mußte möglichst vollkommen getrieben werden; selbst die Aussprache, selbst die Spiele. An eigene kleine Aufsätze, meist über sich selbst, in Form von Tagebüchern, wurden sie früh gewöhnt, weil dieß mehr anregt, als das Lesen fremder Bücher. Auch sonderbare Uebungen in der Geduld wurden eingeführt. So mußten die Kinder häufig zusammenzählen, wie oft dieses oder jeneö Wort, diese oder jene Partikel in einem Buche deö TaeituS oder des Cicero vorkomme, und, wenn sie's gut gemacht hatten, war eine bedeutende Belohnung gewiß, so wie im Gegentheil der heftigste Tadel. Manchen schien sein Benehmen zu den Kleinen, die er unendlich liebte, sich zur Strenge hinzuneigen. Auch fehlte cS nicht an vielen Wunderlichkeiten. Wolf hielt z. B. ganz und gar nichts auf Träume, und konnte verdrießlich werden, wenn man in Gesellschaft einen Werth oder eine Bedeutung darauf legen wollte. Einst überraschte er die kleinen Mäd- ^ chcn, wie die eine der andern ihren Traum der letzten Nacht erzählte: „Waö heißt daö," fuhr er sie an; „dummeS Zeug, du sollst nicht träumen, und von heut' an wird nie mehr geträumt." — Mit seiner Frau lebte er die ersten zehn Jahre ihrer Ehe gut. Er forderte eben nicht viel von ihr, da ihm seine Bücher über alles gingen. Sie war eine sogenannte kalte Schönheit ohne viele Reize, die noch dazu, der häufigen Wochenbetten wegen, schnell verblühten. Sie schien nichts dagegen zu haben, wenn er sich, eines neuen Buches wegen, auf mehrere Wochen von Tisch und Bett trennte. Bei dem äußerst kar- Körte, Wvlf's Leben und Studien. 361 gen Gehalt lebte er eigentlich größtentheils von ihrem mitgebrachten Vermögen, daS sonach immer kleiner wurde. Dcmungeachtet schien eS sie wenig zu bekümmern, wenn von Zeit zu Zeit ganze Kisten von Folianten und Quartanten vor dem Hause abgeladen wurden, die ost große Summen kosteten. Ja sie freute sich einst der Erzählung eines seiner Freunde, dessen Frau, alö sie bemerkte, wie ihr gelehrter Mann einen AuktionS-Katalog fast ganz anstrich, ihm zum Weihnachtsgeschenk lieber gleich die ganze Bibliothek, die sie vor der Auktion heimlich erkaufte, vor die Thüre führen ließ. — Allein nicht immer ging es so fort. Ein gewisser Geist deS Widerspruchs und ewige, grundlose Aber legten den Grund zu manchen häuslichen Zwisten, die mit der Zeit häufiger und heftiger zugleich wurden. Dazu kam mindere Sorgfalt für häusliche Dinge und selbst Mangel an Reinlichkeit, so daß er selbst sich gezwungen fühlte, sich des HauSwesenS anzunehmen. Auch Eifersüchteleien fehlten nicht, da sie die ältere war. Diese Uebel alle wuchsen mit der Zeit und nagten an dem Glücke beider. Er trennte sich endlich im Jahr 1802 von seiner Frau nach gegenseitiger freier Nebereinkunft. Er wurde deshalb hart getadelt, denn die Freunde der Frau erhoben ihre Gutmüthigkeit, ihre Treue und Duldsamkeit u. dgl., während die näher Unterrichteten den Schritt nur billigen konnten. Er aber ging, ohne sich um Lob und Tadel zu kümmern, seinen Weg. Man kennt die Antwort, die Aemilius Paulus, der sich auch von seiner Frau scheiden ließ, dem Tadel seiner Freunde entgegensetzte. Er zeigte ihnen seinen Schuh: „Seht," sagte er, „ist er nicht schön und scheint er nicht gut, und doch weiß keiner von euch, wie sehr er mich drückt." — Auch müssen eS nicht immer in die Augen fallende, sogenannte grobe Fehler deS einen oder deS anderen Theiles seyn, die eine Ehe unglücklich machen. „Wie die Aerzte," sagt Plutarch in seinen moralischen Abhandlungen, „diesenigen Fieber für die gefährlichsten halten, wklche aus mehreren, nach und nach zusammentreffenden Umständen entstehen, so wird auch die Harmonie der Ehe am meisten gestört durch sene kleinen, versteckten, aber fortdauernden Mißhelligkeitcn zwischen Mann und Frau." Wolfs Vorlesungen in Halle fanden bei den Studenten wenig Anhang, sie wurden nur selten besucht und trugen daher auch nur wenig ein, worüber er sich oft und bitter beklagte. In den folgenden Jahren wurde es etwas besser, und nun erwachte auch seine geistreiche und lebenslustige Geselligkeit wieder. Sein Haus konnte fortan ein gastliches heißen, und die Freunde der Tafel und des 362 Körte, Wolfs Leben und Studien. BecherS waren darin nicht selten. Aus nüchternes Maßhalten nie ängstlich bedacht, wurde dem BachuS wohl öfter zu viel geopfert. Ueberhaupt war er, in geschäftssreien Stunden, dem sinnlichen Leben zugethan; die sogenannten Leidenschaften (Passionen) nahm er meist in Schutz, als die Quelle alles höheren StrcbenS; doch warnte er eifrig seine jüngeren Freunde vor allem Uebermaß. Wenn er sich aber selbst einem Genusse überließ, so geschah dieß mit einer so harmlosen, totalen Fröhlichkeit, daß er auch die anderen gewöhnlich mit hineinzog. Wenig um die Meinung der Welt bekümmert, erfreute er sich seiner Kraft auf seine Weise. Auch war er überall willkommen, weil er nie ein Spiel oder einen Scherz verdarb, und Allen und Jeden irgend ein Interesse abzugewinnen wußte. So fand er sich denn auch bald mit den Studenten auf einem guten Fuß. Täglich sah man ibn, vor Tische, von einem ganzen Schwärm derselben begleitet, spazieren geben. Dieß waren seine heitersten und für jene Jünglinge die lehrreichsten und nützlichsten Stunden. Er schien nur der älteste unter ihnen zu seyn, aber unvermerkt zog er die Besten derselben hinauf in seine eigene großartige Bahn. Prunk und leeres Vornehmthun war ihm überall, besonders aber unter seinen Schülern, herzlich zuwider. Dergleichen, sagte er, muß denen überlassen bleiben, die ihren gelehrten Jammer dadurch zudecken wollen. Im Lehrfache selbst galt ihm der goldne Wahlspruch: „Die AnfangSgründe jeder Wissenschaft müssen vollständig gegeben und aufgefaßt werden, damit der Jüngling selbst den weiteren Weg finde, so daß also der akademische Unterricht nur Anleitung seyn soll, cö künftig weiter zu bringen, als der Professor selbst es gebracht hat." Unter den Professoren in Halle liebte er vorzüglich den ehrwürdigen Semler und Rcinhold Förster, welcher letzte bekanntlich mit Cook die Reise um die Welt gemacht hatte. Beide waren in allen Beziehungen tüchtige und wackdre Männer, der letzte unter andern: auch einer unserer allzeitfertigen Schriftsteller, was er aber meist nur äs psns luorsnäo treiben mußte. Als Katharina II. von Rußland starb, trug ihm der Buchhändler Dreissig gegen ein namhaftes Honorar, die Biographie der großen Frau auf, und drang auf die größte Eile. Nach acht und vierzig Stunden war das Buch schon fertig, und eben so schnell beinahe wurde es gedruckt. Als nun Förster am Abend des nächsten Tags seinem Freunde Wolf begegnete, scherzte ihn dieser mit der Frage an: „Nun, mein Liebster, ist Ihnen Ihre schnelle Katharina wohl bekommen?"— Förster war, da er sich Körte, Wolfs Leben und Studien. 363 um den Haushalt gar nicht annahm, immer in Geldnoth, und versäumte nie bei jeder Gelegenheit, dieß der gräulichen Nüchternheit deS lieben deutschen Vaterlandes zum Scandal anzurechnen, nicht beden- kend, daß die Schuld an ihm selbst liegen könnte. In solchen Verlegenheiten wandte er sich dann meist an Wols, und als dieser seinen Homer für daö Halle'sche Waisenhaus herausgegeben, und in der Vorrede jeden anzuzeigenden Druckfehler zu bezahlen versprochen hatte, suchte Förster Tag und Nacht nach diesen Fehlern, die er dann auch treufleißig in Geld umsetzte. — Einen andern werthen Freund gewann er an Reiz, der damals eben in Halle seine Frau abholte, die er sich vorher durch einen Freund nach einem bestimmten Recepte hatte auswählen lassen. Dies Recept enthielt unter andern die Stelle: 8>t prodis oommoüisgus moribus, ingsnio mso sstis spts, rei, non lilo- rsriso, seä culinarluo pvrits ot guso üiüioit sou pingero, non uou- ,Nimbus punZoro. Als ihn bald darauf eine Dame von Rang fragte, ob seine juuge, eben abwesende Frau schön sey, sagte er, daß sie wohl angenehm, aber mehr häßlich als schön sey, daß er sich übrigens der Frage sehr wundere, indem ihm die große Achnlichkeit der Dame mit seiner Frau schon früher aufgefallen sey. Einer anderen sehr schönen Dame von Stande, der er in Karlsbad aufgeführt wurde, und die ihm sagte, daß sie bloß ihrer Gesundheit wegen hieher gereist sey, antwortete der gelehrte Reiz nicht ohne einen galant seyn sollenden Bückling: „sollten die gnädige Frau nicht noch einige andere Nebenabsichten dabei gehabt haben?" Nachdem unS unser Verfasser auf diese Weise das häusliche und gesellige Leben des seltenen Mannes näher kennen gelehrt hat, geht er S. 141 zu seinen amtlichen Verhältnissen als Lehrer und Vorsteher der Halle'schcn Erziehungsanstalt über. Hier werden zuerst die wahrhaft trefflichen Einleitungen angeführt, die Wolf von Zeit zu Zeit den LectionSverzeichniffen der Akademie beizufügen pflegte. Es wäre sehr zu wünschen, daß diese Vor- und Anreden gesammelt und der Zukunft erhalten würden. In einer derselben, um nur ein Beispiel zu geben, sprach er über das Motto: biusgusm est, gut ubiguo est, und mahnte die Studirenden auf das Dringlichste ab von jener heillosen von jenem schalen Allerlei-Treiben und flüchtigen Hin- und Herstudiren, von jener leidigen modernen AllerweltS- gelehrsamkeit, die sich damit brüstet, mit allen Musen gleichsam in Einer Umarmung zu leben; die sich gar trefflich dünkt in ihrer Uni- 364 Körte, Wolfs Leben und Studien. versalität, während sie in jedem Einzelnen kaum an die Mittelmä ßigkeit reicht. Das erste bedeutende Werk, das Wolf herausgab, war die bekannte Schulausgabe der sämmtlichen Werke Homers fiir das Hal- le'sche Waisenhaus (1784). Dieses Werk ist zu bekannt geworden, als daß es hier umständlich besprochen werden sollte. Mehrere andere, meist kleinere Schriften, gewöhnlich nur von einigen Bogen, galb er zum .Behufe seiner Vorlesungen und eigentlich bloß für seine Zuhörer heraus. U.berhaupt machte er cS sich nie zur Aufgabe seines Lebens, Schriftsteller zu seyn, sondern Lehrer, und als solcher hat er großartig gewirkt und eine eigentliche Schule, im edelsten Sinne des Wortes gestiftet. Seine Vorlesungen zeichneten sich eben so sehr durch Methode, als durch den eigenthümlichen freien Vertrag aus. Er schrieb sich nur die Hauptpunkte und den Jdeen-Gang auf, alles übrige dem Bewußtseyn seines innern Reichthums und seinem guten Genius überlassend, und nie den Reiz des augenblicklichen guten Einfalls verschmähend. Einen völlig und vollständig niedergeschriebenen Vortrug wörtlich hcrabzulcsen, war ihm ein geistloses Ding, da dabei alle Während eines freien Vortrags ausblühenden Gedanken beim Vorlesen ganz verloren gehen, und da der Gang der freien Darstellung gänzlich gehemmt wird. Aber erst daö Niedergeschriebene Lictiren, gehört zu den barbarischen Erfindungen der vergangenen Jahrhunderte. Nicht sowohl eine Menge einzelner Kenntnisse soll der Lehrer mitihei- len, am wenigsten solche, die schon in Büchern enthalten sind, sondern Grundsätze soll er geben, die zur Erwerbung eigener Einsicht reizen, die den wissenschaftlichen Geist in dem Zuhörer wecken, damit derselbe auf dem angezeigten Wege fortarbeite, wozu er, damit eS anfangs leichter gehe, ein kleines Kapital von dem Lehrer mitbekomme. Auf diese Weise betrachtete Wolf den Verstand nicht als ein Gefäß, das nur angefüllt, sondern als einen Stoff, der entzündet werden soll für Wahrheit und Wissenschaft. Seine Zuhörer, sagte er, sollten sich nicht bloß an seinem Feuer wärmen, und etwa nur eine höhere Nöthe des Antlitzes davon tragen, sondern sie sollten an der seinen, die eigene Flamme entzünden, den Rost ihrer Seele daran ausglühen und das heilige Feuer weiter greifen lassen. Am geistreichsten erschien er seinen Zuhörern, wenn er ganz unvorbereitet zur Vorlesung kommen mußte, waö ihm gar oft geschah, wenn ihn die Stunde unter seinen Büchern überraschte. Dann waren seine Worte ganz Seele, und sein Vortrag ganz aus ihm selbst geschöpft, frisch Körte, Wolf's Leben und Studien. 365 dem Born entquellend, nicht zu Außerwesentlichem abschweifend, und doch alles wichtige mit mächtiger Hand umfassend. Bei Erklären der alten Autoren ging er, wo es nöthig, bis in die geringsten grammatikalischen Kleinigkeiten herab, aber immer fern sich haltend von dem Spitzsinn, wie er's nannte, der Härchen spaltet, um dem Unkundigen eine bewundernde Maulsperre abzugewinnen. Die Eleganten und sogenannten Liebhaber in Kunst und Wissenschaft waren ihm höchst zuwider, da sie, sagte er, nirgends auf den Grund kommen, und immer nur die Oberfläche beschlcckern, und da sie nichts gründlich, aber dafür alles recht charmant wissen. Eben so eiferte er gegen jenes steife Besser- und AlleS-Wissen so vieler Gelehrten, und bekannte dafür oft und gern seine eigenen, frühere» Irrthümer. An diesen Bekenntnissen aber erkennt man meistens am sichersten das wahre Verdienst, wie dieß auch schon Celsus in Beziehung auf ein ähnliches Geständniß deü Hippokrates gesagt hat: chovla ingenis, guls nilril Iisbont, nilül sibi «letrslumt: mazno inzenio, mullagus nilülomi- nus kabituro, eonvknit 8implsx vsri srroris conksssio. — JedeS neue Collegium pflegte Wolf mit der Mahnung zu beginnen, daß nur derjenige den Studien recht obliege, der für sich und für das Leben, nicht aber füd die Prüfungen studire: perverse stuüent gui examini- dus sluüent: reote sulem, gui sibi et vitse. Nicht dem Lehrjungen der Handwerker mögen sie gleichen, der nur den Tag, wo er Gesell werden soll, im Auge hat, sondern aus die wahre Meisterschaft sollen sie denken. Den alten Griechen und Römern sey daS Wort und die Sache, die wir durch Eramen bezeichnen, in diesem Sinne ganz unbekannt gewesen. Dafür sey aber die alte Welt mit viel mehr Weisheit und mit viel weniger Schreiberei regiert worden. Denn auch die Jünglinge der Griechen und Römer mußten sich Prüfungen unterziehen, wenn sie in den Staatsdienst treten wollten; aber da wurden sie nicht gefragt, wie viel sie in diesem oder jenem auswendig gelernt, sondern ob sie durch Charakter, Geist und Denkungsart sich tüchtig gemacht hätten, zu leisten, waS der Staat von ihnen fordere. Daß er die Philologie und die Kenntniß der alten Sprachen für sehr wichtig, für den Grund aller wissenschaftlichen Bildung hielt, darf nicht erst gesagt werden. Er hatte nichts dagegen, daß man z. B. das jetzige Recht von dem römischen so viel als möglich unabhängig mache, und daß die Mediziner nicht mehr nach Hippokrates und Galen kuriren — ja er verbat sich selbst einen solchen Arzt, wie er sich einen Koch nach ApiciuS verbitten wollte — aber die Philo- 366 Körte» Wvlf's Leben und Studien. logic nur zum Behufe der Brotwiffenschaft treiben, sey ganz abscheulich, so wie, um damit etwa dermaleinst seine Predigt auszuschmücken. Den Mediziner sprach er scherzend von den philologischen Studien gänzlich frei, denn der brauche überhaupt gar keinen Styl, und sein „ksLips" sei ihm genug, wenn es nur hilft. Die sogenannten Studien der Mediziner und Juristen unserer Tage sah er mit ganz anderen Augen an, als die philologischen, welche letzten er die wahren nrts8 lidei-slss et ingomE nannte, welchen nämlich die srtes Zoräiüae entgegengesetzt wären, die nur des lieben Brotes wegen getrieben werden, guse c>usö8tu8 öt lueri cnu8S cii8cuntur et trsotsulur. „In den Wissenschaften auf Vortheil und Gewinn sehen, ist unedel und eines Freigebornen unwürdig" habe Aristoteles (?ol. VIII. 2.) gesagt. Aber auch die Medizin z. B- sey eine sr8 iiigenus, wenn sie, wie von CelsuS u. A. behandelt wird, die keine Praxis trieben, welche Praxis (opsram nieresusriLm) man in Rom meistens nur den Sklaven überließ. Eben so der Jurist, der eine srtem inZoiuisin treibe, wenn er sich mit der Rechtskunde, als einen Theil der Geschichte und Philosophie, beschäftiget; aber nicht, wenn er bloß den u8um prsetioum erlerne, und nur darauf sehe, was seine Kunst für Keller und Küche einbringe. So machte Wolf seine Zuhörer öfter darauf aufmerksam, daß die Alten unsere sogenannten Brotstudien gar nicht kannten; daß sie nur dann studirten, wenn sie wohlhabend genug waren, um ein von andern Geschäften freies Leben zu führen, und wenn sie einen Trieb in sich fühlten, ihren Geist auszubilden. Aus dem Schriftsteller« konnte kein Grieche oder Römer sich einen Nahrungszweig machen, wie bei uns. Daher legten sie sich auch meistens nur auf solche Studien, die ihnen zusagten, die sie um ihrer selbst willen trieben, und die vorzüglich Geist und Herz fesselten. So entstanden die Wissenschaften und so kamen sie empor, was bei unserer Einrichtung der Studien in Ewigkeit nicht geschehen würde. Dazu komme noch, daß bei unserer Art zu studircn, das Gedächtniß vorzugsweise geübt wird, daß wir den meisten Theil unsers Lebens nur damit zubringen, zu lernen, was die anderen gedacht haben, wodurch wir Zeit und Kraft verlieren, unsere eigene Erfindungskraft in Bewegung zu setzen. Die Alten im Gegentheile hatten mehr selbst zu denken und zu erfinden. Dieß, und daß sie die Brotstudien nicht kannten, machte sie zu ganz anderen Menschen, und daher kömmt die barbarische Unterscheidung von Gelehrten und Weltleuten, welche 367 Körte, Wolf's Leben und Studien. den Alten ganz unbekannt war, und die schon unendlichen Schaden gestiftet hat. Einer seiner Schüler brachte ihm eine kurzgefaßte griechische Grammatik, wo beinahe alles aus den Vorlesungen Wolf's genommen war, und bat ihn um Erlaubniß, sie herauszugeben. Wolf gab sie ihm mit Vergnügen, nachdem er zuerst einige Kapitel der Schrift ganz umgearbeitet hatte. Wolf's Name sollte in dem Buche nicht genannt werden; dafür gab er eine anonyme Vorrede dazu, in welcher er sagte, es gehöre zu den Eigenthümlichkeiten unseres Zeitalters, daß, so wie die Moralsysteme sich immer mehr vervollkommnen, die Moral fast ganz aus der Welt gehe, und daß, so wie die griechischen Grammatiken immer besser werden, die Knaben immer weniger griechisch lernen. — Daß einer Wolf's Vorlesungen drucken ließ, ohne seiner zu erwähnen, was sehr oft geschah, schien er ganz gut zu leiden; aber er konnte sehr böse werden, wenn der PlagiariuS, auch nur an einigen Stellen, den wahren Autor citirte. Da Wolf, wie gesagt, nur Lehrer, nicht Schriftsteller seyn wollte, so haben beinahe alle seine Schriften ihre Entstehung nur dem Zufalle zu verdanken, und deßhalb blieben auch viele derselben unvollendet. Nie hat er eine seiner Druckschriften vom Anfang bis zu Ende durchgearbeitet, sondern immer dabei Nebenwege eingeschlagen, und verwandte Nachsuchungen angestellt, gleichsam zur Erholung bei langwierigen Arbeiten. Dieß veranlaßte oft gewaltige Anstrengungen und Ueberladung des Gedächtnisses. Bei Untersuchungen, wo Verglei- chung vieler Stellen nöthig war, bediente er sich eines Doppelpults, wo vier Folianten und sechs Quartanten neben einander zugleich daö Blatt zeigten, welches gebraucht werden sollte. 1789 gab er die Rede des DemostheneS näversub I.eplinem heraus. In der Vorrede dazu sagt er, daß er gern eine Ausgabe der sämmtlichen Werke dieses Redners besorgen möchte, da er bisher so sehr vernachläßigt worden sey. DemostheneS gehörte zu denjenigen alten Schriftstellern, die zwap von Vielen nach Hörensagen gepriesen, aber nur von den Wenigsten gelesen und gekannt werden. Für die Schulen sey er übrigens nicht, wie überhaupt keiner von den Classikern, der große Sachkenntniß erfordert. Nichts sey dem früheren Alter schädlicher, als Lehren ohne genaues Verständniß; deshalb der Lehr- kurS in den Schulen eher zu beschränken, als zu erweitern sey. Die Jugend müsse mehr zu sich selbst kommen und lieber einiges gar nicht wissen, als überall sich im Dunkeln befinden. — Im Jahre 1790 368 Körte, Wolf's Leben und Studien. erschien von ihm Imcisni lidelli quiäsm, dann Llureli vsrisrum Isctio- nsm libri XVIII und Ueroäisni bislorisrium lidri VIII. Im folgenden Jahre gab er die Tuscul. Qnästionen des Cicero heraus. Bald darauf machte er sich an die zweite Ausgabe seines Homers und die dazu gehörenden, später so viel Aufsehen machenden Prolegomena. Auf diesen Gegenstand warf er sich mit seiner ganzen Kraft und mit aller Liebe. Es handelte sich aber hier vorzüglich um die Frage: „Wie entstanden die beiden großen Gedichte Homers?" — Die meisten nahmen bisher die von Aristoteles aufgestellte Meinung an. Unter den Neuern war Blockwell der erste, der diese Frage uäher ansah. Nach ihm betrat Wood denselben Weg. Wolf endlich wollte die bisher geäußerten Zweifel und Bedenklichkeiten, soviel möglich, zur Gewißheit erheben. Sein Plan war, diese ganze Untersuchung von dem ersten Keimen zu beginnen, und so die ursprüngliche Gestalt dieser Gedichte und die Veränderungen zu beleuchten, welche die Zeit allmählich mit ihnen vorgenommen hatte, bis sie endlich in der gegenwärtigen Gestalt auf uns gekommen sind. Zugleich sollte der Text so wieder hergestellt werden, wie er etwa zur Zeit Virgil'ö bestanden haben mochte. Das Werk erschien unter dem Titel: Ilomeri Iliss, ex velerum eriticorum notstlomlius recen- sits. Vol. II. Haine 1794. und I'roleZomens sä Uomerum sive äe operum II. prisoe et Zenuins lorms. Ilslse 1795. — Diese Prole- gomena sind Wolf'S Kunstwerk, so wie sie in der höher» Kritik selbst Epoche machten. Die Erscheinung machte großes Aufsehen, und an Gegnern aller Art fehlte es nicht. Demnngeachtet wuchs der Ruhm des Werkes und seines Autors mit jedem Tage. Man fühlte allgemein, wie diese Schrift fast jedem Theile der gesammten Alter- - thumSkunde neues Licht, ja eine neue Gestalt vorbereite. „Hat Homer die Schreibekunst schon gekannt? Ist er in der That der Verfasser dieser Gedichte, oder stammen sie von den sogenannten Home- riden, Pisistratiden oder von den Kritikern?" Diese und verwandte Fragen werden hier auf das sorgfältigste discutirt. Leider ist der zweite Theil der Prolegomena nicht erschienen, und das Werk ist ein unvollendeter Torso geblieben. In ihm sollten die Discrepanzen und Verschiedenheiten deö Styls der einzelnen Gesänge aufgedeckt werden; hier sollte bewiesen werden, daß beide Werke, die JliaS und Odyssee, anfangs nicht auf den Plan großer, weitläufiger Epopöen angelegt waren, und daß beide Werke nicht denselben Verfasser haben können. Die Resultate seiner Untersuchungen sind: 1) Daß zur Zeit der Verfassung jener Körte, Wolf's Leben und Studien. 369 z Gedichte die Schreibekunst weder üblich, noch auch dabei gebraucht s worden sey, sondern daß jene Gedichte mehrere Menschenalter hindurch l bloß durch mündliche Ueberlieferung erhalten wurden. 2) Daß die ! Jliaö und die Odyssee nicht von einem Verfasser herrühren, sondern vielmehr aus verschiedenen Zeitaltern, und die Ocyffee wenigstens ein Jahrhundert jünger sey. 6) Daß selbst keines der beiden Gedichte, wie es setzt vor uns liegt, von Einem Verfasser sey, sondern daß § sedeS auS ursprünglich isolirten, großen Rhapsodien bestand, welche dann durch Rhapsoden, welche die vorgeschriebenen Züge weiter verfolgten, durch Diaskeuasten zur Zeit der Pisistratiden und endlich durch Kritiker in wohlverbundene Composttionen gebracht worden sind. Für diese Ansicht erklärten sich gleich anfangs Wilhelm Humboldt, Göthe, welcher letzte aber später wieder wankend wurde, dann Wie- land, und wenn gleich auf seine eigene Weise, auch Herder. ! Dieser wollte, in den Hören von 1795, die von Wolf aufgestellten , Ideen schon früher gehabt haben und für sich vindiciren. Allein W. wies ihn (Jntell.-Blatt der allg. L. Z. 1795. Octbr.) scharf zurecht, indem er sagte, daß dem Vers. senes Aufsatzes alle hierher gehörenden Kenntnisse völlig fremd seyen, und daß die Darstellung desselben sich wohl dafür schicken möge, wo man mit dunklen Gefühlen spielen, oder ein geistiges Jucken erregen will, aber nicht aus ein Feld der Gelehrsamkeit, wo seder Schritt Beweise foidert. Wolf schließt seine Gegenrede mit den Worten: „Mag seyn, -aß diese meine Rüge einen angesehenen Namen trifft. Was gehen uns Namen an, wo wir eS mit Sachen zu thun haben! Ich weiß, wie viel ich dadurch bei un- unterrichteten Lesern verliere; aber ich weiß auch, wie viel man überhaupt bei solchen Lesern verlieren kann. Der Verfasser lobt überdieß meine Schrift mit vollem Munde, und ich tadle die seinige. Mag er nun aber mit sich selbst ausmachen, ob er so guten Grund zu seinem Lobe, als ich zu meinem Tadel hatte." Am meisten eigneten sich die Ideen der Prolegomena die beiden Schlegel an, von denen A. W. Schlegel sie auch auf das Nie- belungenlied und später auf die indische Poesie anpassen wollte. Nicht so Heyne, der in den Gört. gel, Anzeiger eine ihm wenig Ehre machende Recension dieses Werkes einrückte, in welcher er dw Hauptideen der Prvlegomena dem Billoison und besonders auch sich selbst zuschrieb, indem er (Heyne) schon vor dreißig Jahren sich mit denselben Ideen getragen und sie auch vorgetragen habe. Wolf antwortete ihm daraus in Briefen, die er in dem Journal „Deutschland" Littrow l 24 370 Körte, Wolf's Leben und Studien. (Berlin 1796) abdrucken ließ. Sie erschienen später gesammelt, Berlin 1797. Diese Briefe gehören wohl zu den schönsten, waS wir der Art in unserer Literatur haben; die Genauigkeit, die Eleganz der Zeichnung und deü Ausdruckes verleihen ihnen den Charakter polemischer Gemmen und geschnittener Steine. Unter den Anhängern Wolfs, die sich für die neue Ansicht erklärten, thaten eS die meisten so, daß sie diese Idee schon längst gehabt zu haben vorgaben. Mag auch wohl seyn, so im Nebel mögen sie dergleichen allerdings gesehen haben. Hat doch mancher Alte schon davon gesprochen und selbst geschrieben. Mit dem Copernicanischen Weltsystem war daS nicht anders, und beinahe mit allen großen Entdeckungen. Cervantes hat sich auch darüber auf seine eigene Art lustig gemacht. Denn als man seinem Sancho Pansa eine artige Erfindung mittheilte, schrie dieser alsbald freudig auf: „Warte nur ein bischen, das werde ich auch sogleich erfinden." — Die Prolegvmena waren dem berübmten Philologen Nuhnkeniuü gewidmet, und dieser verschaffte unserm Wolf eine Vocation nach Leydcn. Er schwankte lange, seine Freunde alle aber riethen ihm ab, und — Wolf blieb in Halle. Im folgenden Jahre unternahm er fcdoch eine Lustrcise nach Leydcn, die einzige, die er sich während seines langen Aufenthalts in Halle erlaubte, einige kurze Ausflüge nach Pyrmont ausgenommen. Daö Reisen war ihm zu zeitraubend und kostspielig, so daß er wohl mit Lichtenberg scherzte: sibi guogue Meers stsdulariam pabulslionem. Auch eine bald darauf erfolgte Vocation nach Kopenhagen schlug er aus. Im Jahre 1802 gab er die fünf bekannten Reden pro ülarosllo, post rsüitum in ssnstu, pro ctomo sua, ug sogar darauf an, ihn bloß zum Ehrenmitgliede zu machen, und seinen Gehalt einzuziehen, was denn endlich auch erfolgte. Der Antrag der Akademie wurde aber höchsten Orts nicht berücksichtiget, so weit er den Gebalt betraf, aber die sogenannte Ehrenmitgliedschaft mußte er sich schon gefallen lassen. Seit dieser Zeit bemerkte man seinen Mißmuth über 24 « 372 Körte, Wolf's Leben und Studien. Nichtanerkennung und Abneigung gegen Manches, was er sonst willig zu ertragen wußte. Er ging nun wieder zu seinen Vorlesungen zurück, die er an der neuen Universität zu Berlin mit dem Tacitus eröffnete. Aber auch diese seine Lieblingeardeit verlor mehr und mehr von ihren früheren Reiz-n. Die anderen Professoren hatten ihm nur die unbequemsten Tagesstunden überlassen, sich selbst die bessern nehmend; sein vorrückendes Alter suchte Ruhe, seine ungenügende Stellung machte ihn unlustig und Kränklichkeiten hinderten ihn oft gänzlich in seiner Thätigkeit. Da seine Vorlesungen dadurch oft unterbrochen wurden, so wurden sie immer sparsamer besetzt, während dafür die Säle der jüngcrn Professoren sich füllten. Alles dieß erfüllte ihn mit Mißmnth, der ihn am Ende gegen sich und andere ungerecht machte. Noch fühlte er seinen Werth, und desto bitterer empfand er auch zugleich das Erbleichen seines Sterns, und die Abnahme alles dessen, waS man Glück, Ansehen und Einfluß unter den Mitlebenden nennt. Eine gewisse ^eiimonia snlmi bemächtigte sich seines Innern, und machte sich oft gegen Eollegen und Vorgesetzte Luft, woraus dann mancherlei Unannehmlichkeiten erwuchsen. Im Jahre 1811 gab W. eine kleine Schrift über deutsche Metrik, unter dem Titel: „Ueber ein Wort Friedrichs II. von deutscher Verökunst," die viel Bemerkenswerthes enthält, und ein anderes „Aristvphancs Wolken" griechisch und deutsch, heraus. AristophaneS war von Jugend auf bis in seine letzten Tage der Liebling unseres Mannes. Wie land, damals der N.stor deutscher Uebcrsctzer, erklärte diese Verdeutschung der „Wolken" für das größte literarische und metrische Kunstwerk, das ihm je zu Gesichte gekommen. H. Voß, der Sohn deö berühmten Voß, trat gegen diese Uebersetzung tadelnd aus, und erklärte sich für das Unwesen, das sein Vater in seinen späteren Uebcrsctzungcn des Homer's u. dgl. mit alten Classikcrn trieb, ein Treiben, das unser Biograph mit Recht als ein wahres Hammer- Werk bezeichnet; starr, leblos, steif, obschon treu und zum Erschrecken ähnlich dem Original. I. H. Voß trieb dieß etwas arg; in seinen letzten Jahren war bei ihm Hausordnung gewoiden, alljährlich einen Griechen oder Römer einzuschlachten, wie Wolf sich ausdrückte, und er betrachtete das Uebcrsetzer-Handwerk als ein Monopol, an dem auch die Söhne scharf mitmachen mußten. Wie ganz anders sielen die ersten Arbeiten dieser Art von demselben Manne auo! Aber er war im Alter übersichtig geworden, und, waS auch seine Freunde sich abmühten, nicht mehr zurecht zu bringen. Körte, Mvlf'S Leben und Studien. 373 Im Jahre 1812 erließ W. eine öffentliche Ankündigung, ?I7 endlich erschien sein letztes Werk: „Litcrarisbe Analecten," eine antiquarische Zeitschrift, die 1820 mit dem vierten Hefte endete. Im Jahre 1822 war er, die vier ersten Monate desselben, bedenklich krank, wobei er seinem Arzt viele Mühe machte mit der Kritik, die er über sercö Recept ergehen ließ, ehe er es in die Apotheke schickte. Ueberhanpt war er gegen Medizin und Mediziner sehr mißtrauisch, und erzählte oft von dem berühmten Dr. Mead, der sich anheischig machte, die ganze Arzneikunde, so weit sie wohlgegrün- det sey, auf einen Bogen zu bringen. Im leidenden Zustande schien er Fremden unmännlich, indem er oft und laut stöhnte; und wenn er sich wieder wohl fand, so blieb selten ein Gelüste unbefriedigt, indem er sich der Krankheit auf Diöcrction übergab. Für den Arzt war er daher ein schlimmer Patient, und eö gehörte nicht wenig dazu, ihn im Gehorsam zu erhalten, wozu noch kam, daß er sich auch selbst aus Büchern über seine Krankheit zu unterrichten suchte. Kaum halb wieder hergestellt, war auch seine gute Laune und sein allzeit fertiger Witz wieder da. In diesen Tagen nahm er im Gasthofe seine gewohnte Stelle an der Mittagstafel wieder ein. Es war eben die Zeit des Wollmarkts, und da er seine früher angekommenen Nachbarn, unter denen mehrere Wollhändler, in phpsiognomischen Discur- sen fand, bemerkte er, wie er auch ein Physiognomist sey, und unter mehreren der Tischgenofsen auf den ersten Blick theils Wollüstlinge, theils Wollhabende erkenne, und als eben Vater Thaer, der Stifter 374 Körte, Wols'S Leben und Studien. der neuen Wollkultur, hereintrat, sagte Wolf: Es sey doch artig, daß auch diese Leute ibren Wollthär sV'ollnirv) haben. — Bald darauf lud er s-'ine Freunde zu einer ernsten Unterredung, wie er sagte, zu sich. Tdcse Unterredung betraf den Ort seiner Ruhestätte auf dem Kirchhofe. Sie fuhren mit ihm binauS, und er unterhielt die ganze Gesellschaft mit seinem muntern Witze. Er wählte seinen Ort, und als er vom Grabsteine sprach, meinte er, ein einfacher behaucner Stein, der etwas über die Erde hervorrage, siy das Beste. Die Alten hätten allerdings lnsicre Sach n, kunstvollere Statuen und dgl. gebabt; aber jetzt scym die Künstler so selten, alö daS Geld, und die deutsche Armuth besonders könne eS kaum im Bücherdruck zu einigem Glänze bringen, wie viel weniger in Marmor und Erz. Unter s.inen nachgelassenen Papieren findet man mehrere«? zu einer SeU stbiograpbie; darin beißt eS unter anderm, daß er zu den für ihn glücklichen Fügungen der Voisedung zähle: I. daß ich so bald schon die besten Bücher und in einer vernünftigen Folge zum Gebrauche erhielt; 2. daß ich schon zu Göttingen als Student ein Paar derbe Widersacher meiner beabsichtigten Carriere erhielt, die mich meine Kraft kennen und üben lehrten; 3. daß ich so früh schon eine frische Liebschaft fand, die zwar gerade nicht sebr tugendhaft war, aber mich doch vor Schlechter:» schützte, und mich meinen Studien nicht entzog u. s. Seinen letzten Geburtstag, den 15. Februar 1824, feierte er, wie im Vorgefühl, daß eS der letzte sey, im Verein seiner liebsten Freunde, luxuriöser als je vorher und in großer Fröhlichkeit. Aber mit dem März d. I. wurde seine Gesundheit leidender. Er bat um Urlaub zu einer Reise nach Frankreich. Er wurde ihm, aber gegen Gehaltsabzug, gegeben. Er wandte sich an den König, und seine Bitte, um Befreiung von dieser Beschränkung, wurde gewährt. Je näher er auf seiner Reise an den Rhein kam, desto kränklicher wurde er; durch die Post, mit der er forteilte, durch das unordentliche Leben auf der Reise, wo er sich größtcntheils vom Gefrornen und Conditor- Waaren nährte, vermehrte er seine üblen Zustände. Die kalten Seebäder in Marseille trugen noch bei, seine Gesundheit völlig zu verderben. Eine Erkühluug durch dieses Bad brachte ihm eine heftige Diarrhöe und einen Lungen-Katharr, dem er unter großen Schmerzen unterlag. Er starb am 8. August 1824 in Marseille in den Armen seines ArzteS. Daselbst wurde er auch, am folgenden Tage, feierlich begraben. Körte, Wvlf'S Leben und Studien. 375 Ueber Wvlf'S häusliches Benehmen erzählt unser Biograph manches Interessante. In seinen letzten Jabren hatte er nur einen Bedienten in seinem ganzen Haushalt, und dieser wurde — nicht sanft behandelt. Er forderte die strengste Ordnung im Hause, ohne sich selbst im Geringsten daran zu ballen. Immer suchte er den Einfältigsten aus, weil dieser am besten folgen sollte. Um ihn in der Subordination zu erhalten, gab er ihm täglich, ja stündlich Gelegenheit, seine eigene Einfalt wie im Spiegel zu sehen, und die unvergleichliche Geduld seines Herrn zu bewundern. In den ersten Dienst- wochen schien er der freundlichste, gutmütbigste Herr zu s-yn, aber dann stieg er allmählig höher in seinen Forderungen, die oft anS Unerträgliche grenzten. Alles wurde nach der Uhr auf die Minute abgemacht, und daher die Taschenuhren des Herrn und des Dieners oft verglichen. Wenn nun der letzte doch einige Minuten später von seinem Gange zurückkehrte, wurde er hart ausgesbolten. Als er einst seine Enischuldiguog m»t den Worten einzuleiten suchte: „Ich denkte" — ward er mit der Warnung unterbrochen: „Ei waS, denkte: hier wird nicht gedenkt, sondern gethut." — Das Walten war ihm im täglichen Leben äußerst verdrießlich, wie denn überhaupt Geduld nicht in dem Verzeichnisse seiner Tugenden stand. Alles waS von ihm oder seinen Leuten gethan wurde, mußte schnell gethan s.yn, wenn er nicht unzufrieden werden sollte. Er liebte wohl die Reinlichkeit, aber ohne seiner beinahe cymsch-sorglosen Bequemlichkeit etwas aufzuopfern. Zu einem geordneten Haushalte konnte er cS nie dringen, auch hatte er keinen Sinn für häusliche Dinge jeder Art. Des Nothwendigen hatte sein Hauswesen selten genug, des Ueberflüsftgen oft viel zu viel. MerkantilischeS Erwerbs- und Erhaltungstalent fehlte ihm eben so ganz, wie daS mathematische. In der G>s llschast von Frauen entwickelte er oft eine Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit, über die selbst seine nächsten Freunde sich verwunderten. Seine Gelehrsamkeit stellte er nie zur Schau, auch nicht unter den Gelehrten, doch war ihm jene nackte, dünnthuende Bescheidenheit ganz unerträglich. Zuweilen sprach sich sein Selbstgefühl stärker aus. So tadelte er einst in einer Gesellschaft daS Buch eines sehr mittelmäßigen Gelehrten, mit dem er übrigens in Frieden lebte. Die geistreiche Hausfrau wollte den Gelehrten in Schutz nehmen und sagte unter andcrm: „Sie glauben gar nicht, lieber Wolf, wie der gute Mann sie hochverehrt." — Ei da hat der gute Mann auch alle Ursache dazü, sagte Wolf, aber sein Buch ist deshalb nicht weniger schlecht ausgefallen. 376 Körte. Wolf's Leben und Studien. Sein Hauptverdienst besteht darin, daß er die wahre Kritik unter uns erweckte, daß er der klastischen Philologie aufhalf, unS die großen Alten näher kennen lehrte, und vorzüglich, daß er auf die Jüngeren durch .Beispiel und Unterricht ungemein wohlthätig wirkte. Ec hat, als Lehrer, eine philologische Schule gegründet, die lange hin wirksam seyn und ihre Segnungen auch außer Deutschland verbreiten wird. Er hinterließ eine große Zahl derSeinigen, in der schönsten und würdigsten Bedeutung des Worts, und er freute sich in seinen letzten Jahren dieses Nachwuchses mit inniger, tiefer Empfindung. Nach seinem Tobe fand man auf den vielen zerstreuten Blättern, auf denen er seine Ideen schnell zu sixiren pflegte, einige Zeilen, die er an seinem vorletzten Geburtstage geschrieben hatte: „Ich genoß ein G.ück, daü Wenigen in meiner Lage zu Theil ward, „noch l beno zu sehen, waS meine mühsamen Pflanzungen für die „Zukunft versprechen, und wie sie fröhlich gedeihen werden, wenn „auch ich selbst schon lange nicht mehr dabei seyn kann." Unserem Werke sind noch 7>/z Bogen Beilagen angefügt, von welchen mehrere sehr s.bätzbar sind. So findet man S. 195 des Vol. II. eine gedrängte Biographie des Coinpositeurs Chr. Gottl. Schrot er, des ersten Musikers in Nordhausen, der sich auch als Schriftsteller über seine Kunst vortheilhaft bekannt gemacht hat. Seite 204 werden die organischen Einrichtungen mitgetheilt, die Wolf in dem Erfiehungsinftitut zu Osteroee gegeben hat. Seite 214 ein chronologisches Verzeichniß von Wolf'ö Vorlesungen in den Jahren 1783 bis 1823. Ferner Wieland'ö Ansichten über die Wolf'- schen Prolegomena, die sehr lehrreich und interessant zugleich sind. Seite 230 findet man Wolf's Vorschläge, wie ohne einen neuen Auswand statt der fetzt verlorenen zwei Universitäten eine für Preußen und für ganz Deutschland wichtige Universität von größerer Anlage gestiftet, und in kurzer Zeit in Gang gebracht werden kann. Aus diesen Vorschlägen ist später die Universität zu Berlin entstanden. Seite 246 tust man das Bruchstück von Wolf's Autobiographie in lateinischer Sprache. Diesen Fragmenten folgt ein schätzbares, vollständiges Verzeichniß seines litcrarischen Nachlasses, vorzüglich interessant für Philologen, auS denen noch manche treffliche Idee zu benutzen, mancher Schatz zu heben wäre. Die Erben wollen diese» Nachlaß verkaufen. DaS Vorhergehende wird genügen, zu erkennen, daß uns Herr Körte mit seinem Werke ein treffliches Geschenk gemacht hat, für Körte, Wolf's Leben und Studien. 377 welches ihm die Leser innigen Dank wissen werden. Außer dem, daß die Verehrer deS wahrhaft seltenen Mannes schon längst umsonst einem Denkmale entgegen sehen, dem unvergleichlichen Lehrer von einem seiner Schüler gesetzt, ist die gegenwärtige Darstellung auch an sich selbst sehr interessant, selbst für Männer, denen die Philologie fremder seyn mag. Es ist schon in allgemein anthropologischer Beziehung belehrend, einen Mann von solchen Geisteskräften ganz auS sich selbst hervorgehen, und unter Hindernissen und Hemmungen jeder Art zu einer solchen Höhe und Selbstständigkeit heranwachsen zu sehen. Er kann jungen Männern, die noch den größten Theil ihres Wegs durch daö Leben vor sich erblicken, als erhebendes, aber auch zugleich als warnendes Muster dienen, der eigenen Kraft, wo es gilt, fest, und, wo höhere Kräfte einwirken, auch nicht zu starr zu vertrauen, und, gleichweit entfernt von ängstlicher Pusillanimikät und von anmaßendem Uebermuthe die Straße zu wandeln auf der von allem, was uns daselbst begegnet, nur ein sehr kleiner Theil von unserer Selbstbestimmung, und bei weitem der g-ößte von dem Zufalle und von fremden Kräften abhängt, von Kräften, auf die wir vergebens einzuwirken suchen, und die wir, so oft wir uns gegen sie auflehnen, meistens nur zu unserm Schaden bekämpfen. Organon der menschlichen Erkenntniß. Von Joh. Jak. Wagner. Erlangen in der Palmischen Verlagsbuchhandlung. 1830. (Jahrbücher der Literatur. 183V. XblX.) lOer Verfasser dieses Werkes ist schon seit dem Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts als einer unserer ausgezeichnetsten philosophischen Schriftsteller in Deutschland bekannt. Seit den letzten dreißig Jahren hat er nicht weniger als zwanzig verschiedene, meistens größere, dem Volumen nach, philosophische Werke zu Tage gefördert, und das ein und zwanzigste, unser Organon, wird von ihm selbst als daS Ziel seines vielsährigen wissenschaftlichen StrebenS, und als das letzte und bleibende Resultat seines ForschenS angekündiget. Um die genetische Entwicklung dieses letzten Werkes, und überhaupt den Gang, welchen der Geist deS Verfassers eingeschlagen hat, besser zu übersehen, hat er selbst in der Einleitung zu dem Organon seine früheren Schriften chronologisch aufgeführt und kritisch beleuchtet. Eö wäre zu wünschen, dieses Beispiel von mehreren Schriftstellern am Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn befolgt zu sehen, da es, wenn es auch nur mit einiger Offenheit gchandhabt wird, für die Leser nicht anders als lehrreich seyn kann, diese Autographien kennen zu lernen, wenn sie auch nicht alle den innern oder auch, als Kunstwerke, den äußeren Werth haben können, welchen wir z. B. in Göthe'S „aus meinem Leben" bewundern. Zwar wird auch hier, selbst mit dem besten Willen deS Autors, die Eigenliebe nicht ganz entfernt Wagner's Organen. 379 werden können, da wir von Niemand fordern dürfen, daß er, uns zu Gefallen, in seinem eignen Fleische wüthe, und dafür noch, zum Danke für seine Selbstverläugnung, von uns für einen Zöllner und Publika- ner gehalten werde. Da aber der Gegenstand, von welchem hier die Rede ist, die besprochenen Werke des Verfassers, vor unseren Augen liegen, so wird eS für diejenigen Leser, welche ihre Augen zu brauchen wissen, meistens sehr leicht seyn, jene vorsätzlichen oder unwillkürlichen Eingaben der Eigenliebe zu erkennen und von der reinen, unbestoche- nen Wahrheit zu sondern; ein Geschäft, welches bei den Seltstge- ständniffen, bei Autobiographien und bei Confessionen aller Art, wären sie auch alle von Rousseau selbst verfaßt worden, ganz besonderen Schwierigkeiten unterliegt, da es sich in dstsen um die Zeichnung deS inneren Menschen, seiner Gesinnungen, seines Charakters, d. h. um Dinge handelt, die vor aller Welt, ja auch öfter sogar vor sich selbst, offen darzulegen nur wenige Muth und Kraft genug besitzen, und die endlich, wenn sie von dem B>sitzer auö irgend einem Grunde verschleiert worden sind, dem Fremden aufzudecken sehr schwer, wo nicht unmöglich fallen muß. Hierin liegt ohne Zweifel der Grund, warum die meisten dieser Confessionen und Selbstbiographien, in Beziehung auf ihre inner- Wahrheit, nur einen sehr geringen Werth zu haben scheinen. Unser Verfasser läßt eS bei der Exposition seiner früheren Werke nicht an freimüthigem Tadel seiner selbst fehlen. So erklärt er, S. VI.,das er in seinem Lorenzo Chiaramorti eine Behauptung deklamatorisch auszustellen sich bemühte, die er jetzt, nach reiferer Ueberzeugung, als irrig zurücknimmt; daß er in seiner Erziehungskunst den Gegenstand nur einseitig begriffen; daß er in seinem Werke von der Trennung der Staatsgewalten die organische Form irrig durchgeführt; daß er in seinem Grundrisse der StaatSwissen- schaft noch sehr mangelhafte Kenntnisse von den wirklichen Staats- cinrichtungen verrathen habe u. dgl. Zum Ersatze für diese Selbstverläugnung weiß er aber auch die Lichtpunkte, oder welche er für solche hält, in seinen früheren Schriften, wieder mit besonderer Sorgfalt hervorzuheben. So heißt es, daß er das Gebiet der Vorsehung als Weltgeschichte sehr gut entwickelt; daß er den Platonischen Dialog erst dann nachzubilden versucht hat, als er ihn übertreffen zu können glaubte; daß er glücklich nach der Palme gerungen; daß er den Gegenstand wahr und reich, wie er in keinem andern Werke gefunden werden möchte, entwickelt habe, u. s. 380 Wagner's Organen. Hier aber muß vorzüglich als bezeichnend dasjenige aufgehoben werden, waS zum Verhältnisse und zur näheren Beurtheilung des Organons gehört. AlS so.chcs erscheint zuerst seine Anhänglichkeit an Plato, dessen Schriften seilst der noch jugendliche Geist deS Vers. mit kindlich hingebender Begierde aufsog, und in sein Eigenthum zu verwandeln suchte. WaS immer dem GeuiuS deS alten Griechen Großes und Schönes beiwohnte, scheint auf das Gemüth deS jungen deutschen Schülers mit der unwiderstehlichen Macht eingewirkt zu baben, mit welcher nicht sowohl der Verstand, als vielmehr die Phantasie in jenen für äußere Eindrücke so empfänglichen Jahren, von diesem Schriftsteller schon so oft gefesselt worden ist. Dieser erste Eindruck seines großen Lehrers und Meisters scheint uns selbst noch in den letzten Produkten deS Vers., obschon sie die Früchte reiferer Jahre enthalten, mächtig nachzuklingen, da auch in ihnen noch der Nachball der jugendlichen Anhänglichkeit an dem Idealen, an einer dichterischen Darstellung seines Gegenstandes und an dem Bestreben kenntlich ist, den Ernst der Philosophie mit den Spielen der Einbildungskraft zu vermählen. Diese anfängliche Richtung seines Geistes wurde aber späterhin durch den alles zermalmenden Kant, wie ihn Mendelssohn so treffend nannte, heftig gestört, und endlich durch Schclling's System dcö transcendentalen Idealismus, der auf den noch lenksamen Geist eine beinahe drastische Wirkung äußerte, völlig neutralisirt. Diese sonderbare Wahlverwandtschaft zweier, in ihren Konzeptionen sowohl, als in ihren äußeren Darstellungen, so entgegengesetzter Meister, erregte in dem von beiden entgegengesetzten Elementen bestürmten Schüler einen inneren Kampf, aus welchem er sich endlich nur dadurch retten konnte, daß er sich von dem letzten nicht nur gewaltsam losriß, sondern sogar ihn, als nunmehr seinen Gegner, zu bekämpfen suchte. Der Vers. verließ Schclling, und sagte sich ganz von ihm los, und zwar, sonderbar genug, aus dem Grunde, weil Schelling in seiner bekannten Schrift: „Philosophie und Religion," alle Selbststän- digkeit seines Standpunktes aufgebend, sich gänzlich in den platonischen Idealismus verlor (S. XVII), dem doch auch unser Vers. selbst so viele Opfer zu bringen.sich nicht cntbrechen konnte. Schelling, anfangs der Gegenstand seiner Bewunderung, und das hohe Muster, dem er nachzueifern suchte, wurde jetzt (S. XXIII ) als der Schöpfer einer chaotischen Mischung unreifer Empirie mit eben so unreifer Spekulation anerkannt, und ihm überall feindlich entgegengetreten. Schon im Jahre 1803 ging das Bestreben des Verfassers, Wagncr's Organen. 381 in seinem damals viel Aufsehen erregenden Werke: „Von der Natur der Dinge" dahin, Schelling's Ideen einer Naturphilosophie in einem universalen Plane durchzuführen. Allein diese und ähnliche Versuche scheiterten, nach seiner eigenen Ansicht, noch an der argen Klippe der dreigliederigen Construction, dem großen U.bel der damaligen Naturphilosophie, das Schelling einführte, und an dessen Hand auch unser Verfasser noch, wie er S. XIII. sagt, „das Endliche, das Unendliche und das Ewige nach der Trias polarisirend und paralleli- sirend konstruirte." Diese unselige Trias der Construction war es, welche unsern Vers., wie er sagt, so lange auf Irrwegen herumführte, und von der Wahrheit, die er suchte, entfernte; bis er endlich, zuerst in seinem Grundrisse der StaatSwissenschaft, auf den so lange und so ängstlich gesuchten Stein der Weisen, auf die vicrglied erige Construction gerieth, die ihm sogleich bei dem ersten Blicke, arithmetisch ausgedrückt, als Weltgcsetz erschien. Diese viergliedrige Construction wird nun, einmal gefunden, als die allein wahre und allein für alle Wissenschaft zureichende erklärt, und tritt denn auch in der letzten Schrift deS Verfassers, in seinem Organon, als Hauptmoment des Wertgesetzes und aller menschlichen und übermenschlichen Erkenntniß hervor, wie er sie denn auch in dem Staate, in der Religion, in der Sprache, in der Schrift und kurz überall, wo der menschliche Geist waltet, als den Prototyp dieses Waltens wieder finden will. Wir werden bald, durch die nähere Betrachtung des OrganonS selbst, mit diesem Weltgesetze von viergliedriger Construction näher bekannt werden. Nur muß hier, zum nähern Verständniß des Folgenden, noch bemerkt werden, daß der Vers. erstens bei allen philosophischen Untersuchungen die Form als Hauptsache anerkennt. Die Form, heißt es S. XXXIV., muß in ihrem ursprünglichen Wesen selbst über der Mathematik, in welche sie dann zwcigetheilt übergeht, gesucht werden, und S. XXIV: „wenn die Form einmal gefunden ist, so wird der Philosoph, dem Gleichgewichte der Elemente seiner eigenen Natur wiedergegeben, als Weiser reden." Diese Form aber ist dem Vers. eben die oben gerühmte Tetras, im Gegensatze mit der alten Trias, oder die viergliedrige Construction, welche das Gesetz deS Weltalls enthalten soll. Zweitens muß angeführt werden, daß auch unser Vers. wie alle neueren Philosophen, sich sehr viel mit der Mathematik zu thun gibt, aber auf eine Weise, die eine nähere Kenntniß dieser Wissenschaft nicht eben nothwendig vorauszusetzen scheint. Da die söge- 382 Wagner's Organen. nannten Begriffe n priori, wenn sie allgemein gültig oder apodiktisch seyn sollen, den Philosophen seit Hume immer viel zu schaffen machten, und da diese Begriffe, wenn irgendwo, so aus dem Gebiete der Mathematik als einheimisch gefunden werden, so wurde diese Wissenschaft von den Philosophen immer in eine besondere Beachtung gezogen. Da aber wieder Mathematik und Philosophie in ihrem eigentlichen Wesen, in den von ihnen zu behandelnden Gegenständen und in der äußeren Art der Behandlung selbst, so gewaltig verschieden sind, so kostete es nicht geringe Mühe, beide zu amalgamiren, oder auch nur die eine zur Hülfe für die andere zu gebrauchen. Der alte Wolf, selbst ein wackerer Mathematiker, was die meisten der neueren Natur- philosophen offenbar nicht sind, blieb in diesem Geschäfte der Verschmelzung beider Wissenschaften bloß bei dem rohen Aeußeren, bei der Form, stehen, und er glaubte genug gethan zu haben, wenn er seine Logik und Metaphysik eben so, wie er eS mit seiner Mathematik gethan hatte, in Probleme, Theoreme, Korollarien u. dgl. zerspaltete, wodurch er wenigstens zum leichteren Verständniß und zur bequemeren Uebersicht daS Seinige beitrug, und so seinem Vortrage einen Vortheil zuwandte, welchen unsere nicht so leicht verständliche» Naturphilosophen offenbar entbehren müssen. Diese letzteren, welche mit jenen ersten und unvollkommenen Versuchen, nicht zufrieden seyn konnten, suchten nicht mehr die bloße Form, sondern das, was ihnen als Wesen der Mathematik erschien, auf ihre Philosophie überzutragen, und behaupteten, daß die Philosophie ohne durchgängig mathematische Construction ihrer einzelnen Probleme eS nie zur Vollendung bringen könne (S. Xll). Es kam daher nur noch darauf an, diese mathematische Construction der philosophischen Aufgaben in der That practisch auszuführen. Allein da zeigten sich gleich anfangs Schwierigkeiten ohne Ende, die bisher noch keiner besiegt hat, und wohl auch, wie aus der Natur der Sache hervorgeht, keiner je besiegen wird. In der Art von Verzweiflung, zu welcher die Philosophen durch ihre immer vergeblichen Bemühungen, die Philosophie zu mathematisiren, versetzt wuroen, kehrten sie endlich die Sache um, und suchten die Mathematik zu philosophiren, ein Ausdruck, den unseres Wissens der Vers. deS gegenwärtigen Werkes zuerst gebraucht hat, und auf welchen er/ als aus eine Hauptsache, immer wieder zurückkömmt. Sonderbares Beginnen der Menschenkinder! Sie möchten daS, waS sie Philosophie nennen, und waS bisher, wie ein anderer Proteus, mit jedem Decennmm nicht bloß seine äußere Gestalt, sondern auch seine innere Wesenheit änderte, sie möchten Wagner's Organen. 383 i eS so gerne feststellen, eS zur unwandelbaren Wissenschaft erheben, wie sie dieses bereits an der Mathematik, und wohl auch an ihr allein unter allen menschlichen Eikenntnissen, bemerken, und weil sie dies nicht bemerken, so wollen sie, da ihnen ihr philosophisches Gebäude immer unter den Händen zusammenstürzt, auch das mathematische, schon so lange und so fest dastehende Gebäude in Trümmer legen. Sie wollen, weil sie die Philosophie nicht zu der Mathematik heraufziehen können, diese zu sener herunterziehen, und bedenken nicht, daß ihre Unterneh- i mnngen eben so eitel sind, als alle ihre früheren entgegengesetzten ! Bemühungen, und daß sie endlich, wenn sie sa, waS nicht zu erwarten i ist, ihr Ziel erreichen sollten, die schönste und reinste Quelle der mensch- i lichen Erkenntniß, auü der auch sie ihr reinstes Wasser schöpften, für i immer verstopfen, und sich und uns das Kleinod rauben, auf welches ! der menschliche Geist mehr, als auf alle seine übrigen Eroberungen ! in dem Reiche der Wissenschaft, gegründeten Stolz zu nähren Ursache ! hat. So weit die Geschichte der menschlichen Kultur zurückreicht, so > weit reicht auch das Andenken an diese erste, sa an diese einzige wahre Wissenschaft zurück, und wie sie von den ältesten Völkern der Erde aus ihren ersten Keimen entwickelt wurde, so steht sie noch setzt, nach Tausenden von Jahren, unverändert da: bereichert zwar und vervollkommnet durch die vorzüglichsten Geister aller Zeiten und aller Nationen, aber ihrem Inneren, ihrer Wesenheit nach, noch immer dieselbe. Mit staunender Ehrfurcht betrachten wir daS feste, hohe Gebäude, dieses wahre, unvergängliche Monument deS Menschengeistes, daS allen Stürmrn der Jahrhunderte trotzt, und an dem hoffentlich wohl auch die eitlen Bemühungen unserer heutigen Philosophen, wie die Wogen an den Felsen im Meere, sie brechen, und keine Spur ihres pygmäischen Unternehmens zurücklassen werden. WaS uns von dieser Wissenschaft auö dem grauen Alterthume, von ArchimedeS, Apolloniuü, EuklideS u. a. überliefert worden ist, das haben die ausgezeichnetsten Geister der folgenden Jahrhunderte, daS hat Kepler, Newton, Euler, Laplace, Lagrange, dankbar angenommen; ohne daran ändern zu wollen oder auch nur zu können, haben sie sich begnügt, die Sache selbst durch ihre Kraft nur weiter zu führen, und das große Gebäude, dessen Erhabenheit auch sie bewunderten, und an dessen Festigkeit keiner von ihnen zweifelte, in einzelnen Partien desselben weiter auszubauen, eS kleineren Geistern überlassend, die zuweilen auch unter den Pseudomathematikern sich erheben wollten, 384 Wagner's Organen. die Basis des großen BaueS zu untersuchen, und bessere Stützen für daS, nach ihrer Meinung, den Einsturz drohende Haus zu finden. Es ist betrübend zu sehen, daß unser Verfasser, dem wir, auS dem Scharfsinne, den er in seinem Organen entwickelte, zu schließen, Besseres zutrauten, sich auch diesen letzten anzureihen kein Bedenken trägt. „Schon bei seinen ersten Studien der Mathematik, schon als Student in Göttingen, sagt er S. X, habe er die Jvee gefaßt, daß die Mathematik in ihrer bisherigen, bloß rechnenden und messenden Form nicht weiter bestehen dürfe, sondern durchaus philo- sophirt werden müsse!" Daß er aber diese Idee, die man dem jugendlichen Alter und der Unkenntniß deS Anfängers nachsehen kann, auch bis in seine reiferen männlichen Jahre mit fortgenommen hat, und was er eigentlich unter diesem „Philosophiren der Mathematik" versteht, werden wir in der Exposition seines Organons sehen, zu welcher wir hier sofort übergehen wollen. DaS gegenwärtige Werk, oder das Organon der menschlichen Erkenntniß soll, nach den Worten des Verfassers, enthalten: „die Vollendung der Wissenschaft in ihrer Form als Weltgcsetz, wodurch dann die beiden bisher bekannten formalen Wissenschaften, Logik und Mathematik, in der wahren und einzigen höheren Form aufgelöset, und so die Wissenschaft selbst für immer vollendet wird." Der Zweck dieses Werkes ist daher, die organische Form der Erkenntniß zu finden, welche, da die Erkenntniß das Bild der Welt ist, auch Weltgcsetz seyn muß. Schon früher verfiel der Verfasser, den wir hier in allen bezeichnenden Stellen, jede Mißdeutung zu verhüten, selbst reden lassen, daraus, die Mathematik in Philosophie umzuwandeln, und da diese Wissenschaft selbst nichts als Form enthält, sie auch für jene so lange gesuchte Form der Erkenntniß und der Dinge zu halten. Die Logik, welche bisher von anderen als diese Form der Erkenntniß angesehen wurde, erschien ihm ungenügend, etwas mehr als die relative Verbindung der Begriffe zu Stande zu bringen, und da, außer der Logik, keine andere formale Wissenschaft mehr da ist, als die Mathematik, so mußte er die Architektur der Welt und der Erkentniß nothwendig in der Mathematik suchen, bis er endlich, im Verfolge seines SuchenS, durch den entdeckten Dualismus der Mathematik, der sich in der Arithmetik und Geometrie aussprechen soll, auf die Idee gebracht wurde, daß Wagner's Organen. 385 die wahre höchste Form der Welt und der Erkenntniß wert über der Mathematik heraus liegen müsse, und daß daher diese Wissenschaft der Mathematik selbst nur ein Theil oder ein Seitenzweig der einzigen Wahren Wissenschaft seyn könne. Das Werk selbst zerfällt in vier Theile. In dem ersten wird daS Weltgesetz und die daraus folgenden vier Kategorientafeln entwickelt. In dem zweiten werden die Stufen der Erkenntniß, mit dem jeder Stufe eigenthümlichen Organismus, auseinander gesetzt. Der dritte Theil hat zum Zweck, die Darstellungsform der so erworbenen Erkenntniß, d. h. die Sprache zu organistren, wobei zugleich die Mathematik philosophirt werden soll. Der vierte Theil endlich enthält die Welttafel oder die Realistrung des WeltgcsetzeS im Großen. Dem Ganzen folgt noch ein Anhang von der bildlichen, geometrischen, arithmetischen und philosophischen Darstellung. Die zwei Urbegriffe, von welchen die Erkenntniß aller endlicher Dinge ausgehen muß, sind Wesen und Form. Diese beiden Urbegriffe sind sich entgegengesetzt, und werden hinwiederum durch das Leben, dessen erste Prädikate sie sind, vermittelt. Dadurch entstehe» zwischen den beiden Urbegriffen zwei neue, der Gegensatz und die Vermittlung. Also ist daS Schema der Urbegriffe mit ihren Ur- verhältnissen in folgender Tetraö enthalten: ^ Wesen Gegensatz Vermittlung Form d. h. in Worten ausgedrückt: das Wesen der endlichen Dinge geht durch vermittelte Gegensätze in die Form über. Dieß ist, nach dem Verfasser, der oberste Grundsatz der Philosophie. Ist durch dieses Urschema einmal des Lebens ganzer Inhalt dargestellt, und durch die darin enthaltenen Verhältnisse das Leben weiter zur Entwicklung aufgeschlossen, so kann das Spiel des Lebens nur in Wiederholungen des Urschema sich fortsetze», und aus diesen Wiederholungen muß die ganze Vielheit endlicher Dinge hervorgehen, wie z. B. H. 14 dieses durch Anwendung auf die Kunst gezeigt wird, und schon früher K. 6 durch die Construction deS KreutzeS (Kreuzes) dargethan worden ist, obschon das letzte in 8 14 wieder als unvollständig und nicht genügend zurückgenommen wird. Nachdem so das Urschema, oder das Weltgcsetz, oder der oberste Grundsatz der Philosophie u. s. w. glücklich aufgefunden worden ist, Liltrow r- 25 386 Wagner's Organen. kömmt es nur noch darauf an, alle andern Schemate, als aus jenem abzuleitende, für die Erkenntniß der Dinge darzustellen, und zwar, was vorzüglich beachtet werden muß, in der nothwendigen und einzig wahren tetradischen Gestalt darzustellen. Diesem gemäß findet der Verfasser zuerst, daß sich jedes der vier Glieder des Urschema wieder in ein abgeleitetes viergliedrigeS Schema zerspalten lasse. So gilt z. B. für'das Glied Wesen des Urschema die große Tetraü (§. 15) Endlichkeit Quantität Qualität Realität. Es darf wohl nicht erst hinzugesetzt werden, daß jedem dieser tetradischen Schemen die Erklärung ihrer einzelnen vier Glieder beigegeben wird. Da eine bloße Anzeige der Hauptmomente des Werkes diese Erklärungen nicht alle umständlich aufnehmen kann, so wird eS genügen, hier eine derselben beizufügen, auö welchen der Leser, dann selbst abnehmen mag, wie viel dadurch zur Verständlichkeit der Sache selbst beigetragen wird. So heißt eS S. 11 zur Erklärung deS ersten Gliedes dieses Schema oder zur Erklärung der „Endlichkeit:" „Diese Endlichkeit ist nichts, als das Leben, in welchem Grenze gesetzt worden ist durch es selbst, und dieß ist mit andern Worten daö Seyn. Da im Idealen wie im Realen daS Leben seine Wogen nach demselben Gesetze wirft, so ist auch daS Ideale, d. h. in ihm ist ebenfalls Leben begrenzt, obwohl anders, als im Realen. Durch die Endlichkeit aber ist in daS begrenzte Leben ein Verhältniß des Lebens und seiner Schranke gesetzt, welches zu Gunsten jenes oder dieser auS- schlagen, oder auch das Gleichgewicht halten kann, und Quantität- heißt. Diese Quantität erhält ihre vollkommene Vierbeit dadurch, daß sie beurtheilt werden kann l) nach dem Leben, 2) nach der Schranke, 3) nach dem Wechsel dieser beiden Verhältnisse und 4) nach dem Umfange und dem Inhalte dieser Endlichkeit selbst." Ref. wünscht, daß dem Leser nunmehr die Sache klarer geworden seyn möge, als sie ihm selbst, und wahrscheinlich auch dem Verfasser, zu seyn scheint. Uebri- genS werden die vier Glieder deS letzten Schema wieder einzeln in Tetraden zerlegt, deren Aufzählung man in dem Werke selbst nachsehen kann. Als Resultate dieser Untersuchungen werden §. 32 endlich die sechzehn Begriffe zusammengestellt, welche die Grundformen aller Dinge styn sollen. Diese viermal vier Grundformen stehen mit den vier Gliedern des Weltgesetzes wieder in verschiedenen tetradischen Verhältnissen, die §. 33 und ferner aufgezählt werden. Jetzt Wagner'S Organen. 387 wird und muß man begreifen, wie von nu» an die ganze Wissenschaft nur aus solchen tetradischen Schematen, deren eines aus dem ander» hervor wächst, entstehen und bestehen kann und muß. Dadurch hat nun der geneigte Leser eine Stammtafel und einen geschlossenen CycluS, und zwar den ersten, der möglich ist, von allen allgemeinen Begriffen, nämlich aus dem einfachen Grunde, „weil alles Wesen thetisch und identisch, alle Form aber synthetisch und reciprok ist, und weil aller Gegensatz sowie alle Vermittlung, real oder formal genommen, absolut oder relativ seyn muß." tz. L. 0. UebrigenS erscheint jedes Ding unter vier Bildungsstufen, in der Thesis, AnalysiS, Antithesis und Synthesiö, und die methodische Konstruktion dieser Stufen gibt relativ allgemeine Begriffe, welche zum Unterschiede der bisher entwickelten Urbegriffe Kategorien genannt werden, deren natürlich wieder nur vier seyn können. Die erste Ka- tegorientafel gibt §. 49 daö Grundschema Daseyn Faktoren Prozeß Produkt. Die zweite Tafel gibt §. 95 das Schema Substrat Seitenentwickelung Fortschreitung Erscheinung. Die dritte Tafel §. 155 enthält vier Schemate, die aus dem gemeinsamen Grundschema erwachsen Subjektiv Subjektobjektiv Objektsubjektiv Objektiv. Die vierte Tafel endlich enthält ebenfalls vier Schemate, die aus dem Grundschema stießen, §. 180 Individualität Entwickelungssystem Jndividualleben Totalitätsform und damit ist S. 132 der Organismus der Kategorien selbst geschloffen. Um die an sich etwas dunkle Sache in ein völliges Licht zu setzen, wird z. B. zur Erläuterung des letzten Schema hinzugefügt, daß die Individualität, diese BeziehungSlosigkeit deS Gesetzlosen, in der Grammatik durch den Nominativ, oder bei den Zeitwörtern durch den Indikativ ausgedrückt wird; das Entwickelungssystem aber durch den Genitiv 25 * 388 Wagnec's Organen. oder den Eonsunktiv; das Jndividualleben durch den Dativ oder den Imperativ, und die Totalitätüform endlich durch den Akkusativ oder den Infinitiv, wodurch nun alles sonnenklar und über allen Zweifel erhoben ist. Nachdem nun auf diese Welse das Weltgesetz und die in ihm enthaltenen zahlreichen Urbegrifse alle vollständig aufgestellt worden sind, so zeigt der Verfasser in dem zweiten Theile seines Werkes, daß alle unsere Erkenntnisse sich auf sene in dem ersten Theile entwickelten Grundbegriffe zurückfuhren lassen. Da diese Zurückführung nicht gut eines kurzen AuSzugeS fähig ist, so muß hier auf daS Werk selbst, S. 138 bis 207, verwiesen werden. Dafür mag es uns erlaubt seyn, bei dem dritten Theile, dem Sprachsysteme, etwas länger zu verweilen, weil in diesem gezeigt wird, wie eigentlich die Mathematik philosophirt werden soll. Ref. hat sich nämlich bisher enthalten, seine Gegengründe, ja selbst nur seine Ansichten über die abgehandelten Gegenstände vorzutragen, obschon sie nicht selten von denen deö Verfassers ganz verschieden sind, und zwar aus einem doppelten Grunde. Erstens hält er eS für eine vergebliche und daher sehr undankbare Arbeit, irgend einen unserer neuen Philosophen widerlegen zu wollen, da sie sämmtlich mit einer so festen und selbstgefälligen Sicherheit auftreten, daß an ihre Bekehrung durch Gründe nicht weiter gedacht werden kann, und daß es daher viel rathsamer scheint, abzuwarten, bis sie selbst ihr System verwerfen, oder mit einem andern, eben so verwerflichen, vertauschen, wie dieß selbst mit unserem Autor mehr als ein Mal geschehen ist. Zweitens endlich sind die Gegenstände, über welche bisher hätte gestritten werden können, beinahe durchaus der Art, daß gewöhnlich beide Theile nicht eben zu viel davon verstehen, und daß sie daher, wie sie denn schon seit mehreren Jahrtausenden, alles Streitens der Philosophen ungeachtet, noch nicht aufgehellt sind, auch wahrscheinlich ferner noch im Dunkeln bleiben werden. Ganz anders aber verhält sich die Sache, wenn der Philosoph seinen ihm eigenthümlichen losen Moorgrund verläßt, und auf den festen, getennten Boden der Mathematik seine Streiszüge hinüberführt. Hier fällt sofort der Nimbus, der ihn bisher umgeben hat, wie der Nebel vor der Sonne; hier verlassen ihn die magischen Waffen, mit denen er bisher die Geister, oft nur selbst geschaffene Gespenster, bekämpfte, von selbst, da wir eS hier nicht mit leeren Bildern der Phantasie, sondern mit sehr wesentlichen Dingen zu thun Wagner's Organen. 389 haben, mit Dingen, die sich messen und berechnen, und der ganzen Schärfe der Analyse unterwerfen lassen; hier endlich gilt eS Wissen, positives und bestimmtes Wissen, dessen Wahrheit sich für setzen, der nur eben die Sache versteht, beweisen, und über allen vernünftigen Zweifel erheben läßt. Sehen wir also zu, was sich auf diesem Felde von dem Verfasser Neues und Gutes lernen lasse, und schließen wir daraus auch auf den inneren Nutzen, den wir etwa aus seinen anderen Untersuchungen schöpfen können, wenn wir einmal so glücklich gewesen sind, ihn und seinen Sinn, was, vielleicht nicht ohne seine Schuld, nicht so ganz leicht ist, vollkommen verstanden zu haben. Wir wissen bereits, daß er schon alü Student (!) die Mathematik als eine bloß rechnende und messende Wissenschaft nicht weiter bestehen lassen wollte, und daß sie, nach seinem Ausdrucke, philoso- phirt werden müsse. Diesem nach haben wir also einen ganz neuen, in seinem innersten Weken veränderten Vertrag dieser Wissenschaft, und, wir wollen cS hoffen, auch einen besseren zu erwarten, als denjenigen, mit welchen bisher diejenigen Leute zufrieden gewesen sind,'- welche wir und alle, seit Jahrtausenden, in unserer Unwissenheit, für die größten Mathematiker gehalten haben. — DaS Folgende enthält einen, so viel eS uns möglich war, getreuen und wörtlichen AuSzug seiner neuen philosophirten Geometrie. Linien sind Gegensätze des Lebens und ihre Vereinigung, beide als extensive Größen dargestellt, und in der räumlichen Anschauung als Richtungen festgehalten. Die Geometrie besteht in der quantitativen Vergleichung jener Richtungen sammt ihren Grenzen. Die Geometrie, als Linienschrist und Sprache genommen, muß auf ihre Art in Gegensätzen und Synthesen von Linien, d. h. in Figuren, ebenfalls schreiben, was alle Geister nur schreiben, das Weltgesetz nämlich. Das Wesen des räumlichen Daseyns ist in dem, was noch rich- tungS- und grenzenlos ist, d. h. in dem Punkte. Hingegen die Form liegt in einer Linie, welche zu der Identität des Punktes das vollkommenste Reciprocitätsverhältniß darstellt, indem sie, außer ihm selbst seyend, sich in ihrem ganze» Verlaufe gleichmäßig auf ihn zurück- bezieht, d. h. in dem Kreise. Der Kreis enthält bereits die beiden Dimensionen, welche in einander verwebt, die Fläche ausmachen, und wenn der Punkt mit dem Kreise in Eine Flächenrichtung gestellt wird, so bestimmen beide mit 390 Wagner's Organen. einander die Ebene (?) Alle Weitere Entwickelung des geometrischen Wesens liegt in dem Entstehen bestimmter Richtungen, welche als Linien ausgedrückt, im Punkte beginnen, und im Kreise enden müssen, weil die Möglichkeit durch Begrenzung zur Wirklichkeit wird. So haben wir also bereits die zwei Hauptglieder des Urschema oder des Weltgesetzeü auch in der Geometrie, nämlich 1) das Wesen im Punkt, und 2) die Form im Kreise. — Allein die Geometrie hat nun die beiden anderen Glieder des Urschema zu schreiben, nämlich 3) den Gegensatz und 4) die Vermittlung. Den Gegensatz nun stellt der Durchmesser deö Kreises, und die Vermittlung ein auf dem ersten senkrechter Durchmesser vor, und so ist daS Urschema komplett und fertig. Jetzt enthält also der Kreis auch schon das Kreuz im Kreise, und überdieß seinen Mittelpunkt im Gegensatze mit den Endpunkten der Durchmesser, welche Pole heißen, und durch welche setzt der Mittelpunkt des Kreises als Jndiffercnzpunkt der in ihm erwachten Gegensätze bestimmt wird. Man bemerkt auch schon die TetraS der vier geraden Linien im Kreise, der vier Halbmesser, die mit ihren vier Bogen im Gegensatze stehen; so wie die Tetras der vier gleichen Winkel, und endlich, um nichts mehr zu wünschen übrig zu lassen, sogar auch die Tetras der vier Quadranten, welche mit ihren vier Dogen die in den vier Winkeln aufgegangenen Gegensätze einschließen und begränzen, kurz wir sehen daö Universelle von Wesen und Form, und Gegensatz und Vermittlung im Relativen oder Individuellen, daö heißt, wir sehen daö, waS in der Geometrie — eine Figur heißt. Doch sind diese vier Quadranten des Urbildes noch keine vollständigen Figuren, weil hier die Vermittlung der Halbmesser noch im Sinne der krummen Kreislinie erscheint. Wird aber in dem Quadranten von sedem Halbmesserende nach dem anderen eine Sehne gezogen, so entsteht eine geradlinige Vermittlung der Halbmesser, und dadurch das Dreieck, oder die erste selbstständige Figur, die sich nun auch von dem Kreise ganz ablösen und für sich betrachten läßt, während die Quadranten des Urbildes noch an ihrem Bogen eine Nabelschnur haben, durch welche sie mit ihrer Mutter, dem Kreise, zusammenhängen. DaS Dreieck ist demnach ein geschlossener Winkel, d. h. ein Gegensatz mit seiner Synthese. Zieht man dann diese Sehnen in allen vier Quadranten, so entsteht das Viereck, durch welche Figur überhaupt der Begriff des Viergliedrigen realisirt wird. Dieses Viereck enthält noch das ursprüngliche Kreuz mit seinen vier Win- Wagner'S Organen. 391 keln um den Mittelpunkt. In diesem Kreuze entwickelt die Idee ihr Wesen in seine vierfache Form nach dem Weltgesetze, und in dem Vierecke steht jede der vier Formen, schon aus der Einheit des Wesens herausgetreten, der anderen (Seite) entgegen, und die Winkel ihrer Entstehung (am Mittelpunkte) wiederholen sich nun als Winkel ihrer Begrenzung (zwischen den Seiten). Alle Erkenntniß als Idee ist Kreis. Im Viereck ist die Begrenzung im Gleichgewicht. Nun ist die Einheit des Wesens überall die Ursache der Gleichheit der Form, also muß auch jeder lebendige Kreis das Gleichgewicht seiner Polaritäten als Viereck enthalten u. s. w. Es wird kaum nothwendig seyn, diese höchst sinnreichen Evolutionen der Elemente der Geometrie noch weiter zu verfolgen, da das Vorhergehende schon hinreicht, auf den Gehalt des Ganzen schließen zu lassen. Wir wollen bloß bemerken, daß die Kenntnisse des Verfassers, der hier die Wissenschaft selbst zu reformiren übernimmt, sich nicht über die Elemente derselben zu erheben scheinen. Wie könnte er sonst die Behauptung aufstellen, daß für die Parabel, so wie für die Hyperbel, eine ideelle Hälfte im umgekehrten Kegel gedacht werden muß; daß man im Gegensatze mit dem Kreise, wo die Ordinate die mittlere Proportionale zwischen der Abscisse und dem übrigen Theile des Halbmessers (soll Durchmessers heißen) ist, für jede andere krumme Linie noch eine dritte Proportionale crsinnnen müsse, die Parameter heißt, u. dgl. DaS Ganze der Geometrie wird gleichfalls nach der Art unserer gewöhnlichen Kompendien, mit der ebenen Trigonometrie geschlossen, und am Ende derselben bemerkt, daß die Tangenten und Cotangenten nichts Neues enthalten, weil sie immer mit irgend einer innerhalb des Kreises möglichen Linie parallel seyn müssen, „woraus folgt, daß die Außenverhältniffe eines Ganzen bloß die Verhältnisse des Innern wiederholen, was in der Trigonometrie in den Tangenten, und in dem bekannten Sprichwörter jeder ist seines eignen Glückes Schmied, für eine künftige Schicksalstheorie im voraus angedeutet wird. Daß aber die Trigonometrie bisher so ganz nur der Meßkunst anheimgefallen, ist sehr zu bedauern. Wäre die Geometrie Wissenschaft, Weltwiffenschaft, so würde sie in dieser Konstruktion der inneren Verhältnisse des organischen Ganzen, welches in der Trigonometrie liegt, ihr Höchstes erblickt haben." — Bejammernswürdige Menschen, die schon sechstausend volle Sonnenjahre, nach der jüdischen Zeitrechnung, im Finstern tappen, und die Schätze nicht sehen, die zu ihren Füßen liegen! 392 Wagner's Organen. Referent hat sich, so viel es in seiner Macht stand,, enthalten, seine Bemerkungen über diese Eraggerationcn hinzuzufügen, aus Be- sorgniß, sie von Anderen als die Auübriiche einer scherzenden Laune betrachtet zu sehen, da er doch im Gegentheile von ganz anderen Empfindungen bewegt wird. Wenn eS sich um einen der leider nur zu zahlreichen Histrionen unserer Naturphilosophie handelte, so möchte die Sache, wenn sie überhaupt noch berücksichtigt werden soll, immerhin durch Witz oder Laune abgethan werden. Allein der Verfasser deö gegenwärtigen Werkes ist einer der Koryphäen der neuen Sekte, und seit mehr als dreißig Jahren schon als Schriftsteller unter uns bekannt geworden. Ein und zwanzig philosophische Werke hat er schon zu Tage gefördert, und in ihnen vieles Gute, manches selbst Vortreffliche geleistet, und selbst daS gegenwärtige ist ein redender Zeuge seines Scharfsinns und seiner seltenen Kraft, dort noch Verhältnisse und Beziehungen aufzufinden, wo die meisten Anderen, denen wir billiger Weise deßhalb noch nicht die Augen absprechen wollen, so viel als Nichts sehen können. Aber so sehr unö dieses eminente Talent zur Achtung auffordert, so betrübend ist eö uns zugleich, zu sehen, auf welche exzentrische Art cS hier gebraucht wird. WaS hätten wir alles von einem so hochbegabten Manne, von einem für die Wissenschaft so eingenommenen, sich ihr mit seiner ganzen Kraft hingebenden Manne erwarten können, wenn die erste Richtung seines Geistes eine andere gewesen wäre; wenn er sich mehr den sogenannten exakten und praktisch brauchbaren Wissenschaften, als den bloß spekulativen Kontemplationen gewidmet hätte, denen es an aller festen Unterlage fehlt, und über die wir armen Menschenkinder, wahrscheinlich nie inS Reine kommend, uns .so leicht auf Abwege verirren können, die uns für uns selbst und für die ganze menschliche Gesellschaft nutzlos machen. Wir stehen, zu Gott wollen wir es hoffen, wahrscheinlich am Ende der Periode unserer Naturphilosophie. Sie hat lange genug gewährt, und viele der besten Köpfe in ihren Wirbel mit fortgerissen, und — welchen Nutzen hat sie uns gebracht? ES wäre ohne Zweifel eine deS wahren Philosophen würdige Aufgabe, am Ende dieser langen und bangen Zeit, die wunderseltsamen Phänomene, welche diese Lehre erzeugt hat, zu sammeln, zu ordnen, und sie psychologisch zu erklären. Vorzüglich möchte ich die mir immer sehr räthselhafte Erscheinung gedeutet wissen, wie es möglich war, daß die, allerdings sich zu Spekulationen und selbst zum Mysticismus hinneigende, aber auch Wagner's Organen. 393 wieder die so nüchterne und so schwer zn elcktrisirende deutsche Nation sich willig einer so langen und schmerzhaften Operation hingeben, und, ohne über sich selbst ins Reine zu kommen, sich beinahe ein halbes Jahrhundert von einem Taumel hinreißen lassen konnte, der ihr, auf'S gelindeste ausgedrückt, weder natürlich noch ehrenvoll ist. Ich glaube sest, daß eine ähnliche Erscheinung, z. B. bei den, doch sonst so leicht beweglichen, Franzosen, und selbst bei jeder anderen gebildeten Nation EuropenS, zu den reinen 'Unmöglichkeiten gezählt werden muß. Wenn irgend ein Schriftsteller in Paris oder in London auch nur mit einer so entsetzlichen Sprache, wie die unserer Naturphilosophen, aufzutreten wagen sollte, so würde er sofort alles gegen sich haben, und in Kurzem wenigstens einer verdienten Vergessenheit übergeben werden. Man würde sagen, daß ein solcher Mann allen Begriffen von Schicktichkeit, aller Achtung seiner Leser und dem gesunden Verstände selbst öffentlich Hohn sprechen will, und die allgemeine Indignation würde keine Grenzen haben. Warum haben es die Leute über dem Rhein, die eS doch auch, wie wir alle poch recht wohl wissen, an Exzessen aller Art nicht fehlen lassen, oder warum haben es die an der Themse, die doch gewiß auch von unsern Verirrnngen gehört haben, nicht der Mühe werth gesunden, nur einen einzigen dieser unserer neueren Philosophen in ihrer Sprache erscheine» zu lassen? Wenn sie, wie sie sich selbst sehr bescheiden zu rühmen pflegen, Deutschland zur philosophischen Schule Europas gemacht haben, warum hat Europa, warum haben wir selbst so wenig in dieser Schule gelernt? Man versuche es nur einmal, irgend eine der wahrhaft klassischen Stellen dieser Neologen selbst in eine andere Sprache zu übersetzen, um sogleich das ganze Unternehmen absurd, ja unmöglich zu finden. Aristoteles, unsere Leuchte in der Finsterniß der barbarischen Jahrhunderte, galt auch und gilt noch für schwer, und seine Kommentatoren plagen sich noch setzt nach zweitausendjäh- rigen Bemühungen nicht wenig, um in den dunklen Sinn seiner Worte einzudringen. Aber waS werden unsere späten Nachfolger sagen, wenn sie zu einer Zeit, nach anderen zwei Jahrtausenden, wo unsere deutsche Sprache auch todt seyn, und nur etwa noch in den Schulen der Karaiben oder der Hottentotten gelehrt werden wird, wenn sie einen dieser Naturphilosophen zu Gesichte bekommen, und seinen Galimathias werden kommentiren und in ihre Sprache übersetzen sollen? Haben nicht die Deutschen selbst, die Zeitgenossen jener Hyper- physiker, eigene Wörterbücher zum Verständniß ihrer undeujschen Sprache 394 Wagner's Organen. entwerfen muffen, und sind sie ihnen dadurch auch in der That verständlicher geworden? Muß nicht am Ende jeder Schriftsteller vorzüglich darauf sehen, daß er, was er auch vorbringen mag, verständlich, wenigstens nicht ganz unverständlich vorbringe? krima orglionis virlus est perspieuitas, sagt Quintilian. WaS soll «nS Rede und Schrift helfen, wenn sie nicht verstanden wird. Wahrlich darin hat selbst der große und verehrungSwürdige Kant gefehlt, daß er seine Entdeckungen absichtlich in eine Sprache kleidete, die auch die besten Köpfe seiner Nation nicht ohne die größte Mühe verstehen konnten. Absichtlich sage ich, denn dieses gesteht er selbst in seinen Prolego- menen zu jeder künftigen wissenschaftlichen Metaphysik. Er gesteht, daß Mendelssohn und andere vor ihm über nicht minder dunkle Gegenstände schön und deutlich zugleich schreiben konnten, daß aber er, der sich dieser Gabe nicht rühmen könne, sie auch, wenn er sie besäße, nicht beniitzen würde. Denn wenn in anderen Wissenschaften, z. B. in der Mathematik, nur diejenigen mitzureden sich unterfangen, die etwas von der Sache wissen, so glaubte bisher jeder in der Philosophie, er mag sie kennen oder nicht, mitsprechen zu dürfen, und um diesem Unwesen abzuhelfen, müsse man den Leuten die Sache schwerer machen. Dadurch hat der große Stifter der neueren Philosophie einem viel ärgeren Unwesen Thür und Thor geöffnet, als dasjenige seyn kann, dem er damit begegnen wollte. Aber auch abgesehen von dieser höchst sonderbaren Sprache, in welche unsere Philosophen ihre Ideen einzukleiden pflegen: welcher Art sind größtentheilü diese Ideen selbst! — Ich will nicht läugnen, daß sie durch ihre auffallenden Konzeptionen und durch ihre oft noch auffallenderen Verbindungen derselben oft viel Scharfsinn und eine Art von Witz verrathen, der eines besseren Stoffes und eines glücklicheren Erfolges würdig wäre. Aber uur zu häufig werden die Schlüsse, welche sie uns so gern als reine VcrstandeSoperationen anpreisen möchten, zu bloßen leeren Spielen der Einbildungskraft, die Dinge mit einander verbindet, welche für den gesunden Menschenverstand oft tausend Meilen auseinander liegen, die aber für sie, und auch bloß für sie, die immer nur auf den Grund der Dinge gehen wollen, durch irgend eine weit hergeholte, äußere Aehnlichkeit in eine Art von Verbindung treten. Wir haben bei unserm Verfasser bereits in dem Vorhergehenden mehrere Belege zu dieser Behauptung gesehen. Aber einen noch deutlicheren Beweis gab er uns in einem früheren Werke, in seiner Theodicee (Bamberg, 1809), in welcher Wagner'S Organen. 395 er uns die Existenz des moralischen Uebels aus der Schiefe der Verhältnisse der uns umgebenden Dinge zu uns selbst erklärt, und um diese Schiefe selbst wieder zu erklären, ihre Entstehung aus der Schiefe der Ekliptik ableitet, aus welcher letzten den Menschenkindern alles moralische Uebel entstanden seyn, und auch nicht eher wieder aufhören soll, bis einmal durch die vollendete Weltentwicklung diese Schiefe der Ekliptik und dann auch mit ihr die Schiefe unserer Ansichten oder das moralische Uebel selbst sein Ende nehmen wird. Scheint eS nicht, daß die tiefe Konzeption, die hier zu Markte gebracht wird, keineswegs aus dem innern Grunde der Dinge, sondern vielmehr bloß aus dem äußern Schall der Worte, Schiefe der moralischen Verhältnisse und Schiefe der Ekliptik entstanden, daß also das Ganze nur ein inhaltsloses Spiel der mit äußeren Erscheinungen tändelnden Einbildungskraft ist, das man fälschlich Philosophie genannt, und unS sogar als die einzig wahre Philosophie angeboten hat? Ohne Zweifel soll eS jedem Menschen erlaubt seyn, seine Meinung zu haben, denn die Meinung ist des Menschen Himmel, und dann auch diese Meinung, wenn sie anders den gegründeten Rechten Anderer keinen Eintrag thut, öffentlich bekannt zu machen, klsne venlam (Ismus pktimusgue vioissim. Aber dann mögen diese neueren Philosophen eS uns nicht übel deuten, wenn wir auch unsere Meinungen, die wir wenigstens für eben so begründet halten, als sie die ihrigen, wenigstens mit einiger Schonung und nur mit der allgemeinen Humanität behandelt zu sehen wünschen, die ein jeder Gebildete dem Anderen schuldig ist. Was sollen wir aber dazu denken, wenn wir von ihnen die ehrwürdigsten Männer, die seit Jahrhunderten der Stolz und die Ehre der Nation sind, mit absprechender, wegwerfender Verachtung behandelt sehen. Unser Autor, der überhaupt in diesem, wie in so manchen anderen Dingen, eine ehrenvolle Ausnahme macht, ließ sich diesen Vorwurf, unseres Wissens, nicht zur Schuld kommen. Aber andere aus dieser Schule, Anführer und Choregen derselben, wußten diese Klippe nicht immer zu vermeiden, und noch gellt in unsern Ohren die unwürdie Behandlung, mit welcher zwei derselben erst vor Kurzem selbst einen Newton nur als einen läppischen Schulknaben und als einen schalen Kopf behandelten, dem sie allen BeobachtungSgeist und alles Kombinationsvermögen abzusprechen kein Bedenken getragen haben. Gewiß, diese Leute haben, ihre Absicht mag auch immerhin gut 396 Wagner's Organen. gewesen seyn, sich selbst und uns und der guten Sache viel, sehr viel geschadet. Sie haben die deutsche Nation ein halbes Jahrhundert mit Phantomen und Hirngespinnsten hingehalten, und während unsere südlichen und westlichen Nachbarn auf dem reelleren Felde der Mathematik, der Physik, der Chemie u. s. w. Riesenschritte gemacht haben, uns wie unmündige Kinder zurückgeführt; sie haben unsere besten Köpfe in ihre Wirbel gezogen, und lür alles andere wahrhaft Nützliche und Brauchbare unfähig und impotent gemacht, und sie endlich sind eS vorzüglich, die dem MystiziSmus, dieser heillosen Krankheit deö menschlichen Geistes, die Bahn geöffnet, und den Boden vorbereitet haben, auf welchem er nun so wuchert^ und unö neuerdings zu dem Gegenstände des SpotkeS aller Vernünftigen zu machen droht. Ja sogar über die eigentlich praktischen Wissenschaften, besonders über die, von welcher unser Wohl und Weh und selbst unsere Existenz so unmittelbar abhängt, über die Medizin streckte dieser bösartige Polyp seine verderblichen Arme aus, und unser Verfasser selbst, der auch hierin sich ehrenvoll auszeichnete, suchte durch eine eigene Schrift: „Von der Philosophie und Medizin, Bamberg, 1865," diesem Unwesen entgegen zu arbeiten, und vor der übereilten Anwendung der neueren Philosophie in der Heilkunde zu warnen. Aber vergebens, auch diese Krankheit deS deutschen Geistes sollte über ein Decennium währen, und aller Bemühungen der Besseren ungeachtet, ihre Stadien langsam und ungestört durchlaufen. Es erregt eine Art von Grausen, wenn man die ärztlichen Schriften jener Periode aufschlägt, und daS barbarische, gedankenleere Geschwätz, die räthselhafte Sprache und die ganz absurden Ideen liest, die darin vor dem deutschen Publikum zu Markte gebracht werden. Zum Beweise dieser Aussage wollen wir hier eine Stelle auS einem im Jahre 181 l erschienenen Werke anführen, in welchem ein berühmter Professor einer norddeutschen Universität seinen Zuhörern die ersten Elemente der Heilkunst erklärt. Diese Erklärung lautet wörtlich, wie folgt: „Die Grundgesetze der Heilkunst drücken wir durch eine allgemeine wissenschaftliche Formel aus: . „Den gedrängten Geist dieser Formel entwickeln wir aber dergestalt. — Der Organismus, als ungetrübte Form und Reflex deS Universums, verhält sich, wie in der Natur irgend eine Größe, von Wagner's Organen. 397 welcher der Exponent die Potenzirung der Größe, nach dem Hervortreten der ursprünglichen Dimensionen darstellt. So wie nun der Tod absolute Negation des Lebens ist, so ist Krankheit ein partielles Aufheben desselben, welches sich durch Depotenziren oder das Zurücktreten der ursprünglichen Dimensionen am Organismus, d. h. durch Wurzelausziehen an der Größe ausdrückt. Was aber nun der Noso- loge am Organismus niederreißt durch Depotenziren, daö baut der Therapeute wieder auf durch Hervorrufen der qualitativ-primitiven Dimensionen am Organismus. Dieß geschieht durch Eleviren zur Potenz m, wodurch die Potenz im Wurzelzeichen, und daö Wurzelzeichen in der Potenz, d. h. das Arzneimittel in der Krankheit und die Krankheit im Arzneimittel sich aufhebt und Wechselsweise zernichtet, und der Organismus in seinem reinen und ungetrübten Leben als ursprünglich hervorgeht. Die Elevation zur organischen Potenz durch das Arzneimittel wird spnthesirt durch x, als den Exponenten der ursprünglichen Dimension; und daraus erst wird x in Stand gesetzt, kraft dieser ConspnthesiS die DespnthcsiS aufzuheben, d. h. die De- spnthesis wird durch die ConspnthesiS vernichtet, damit die primitive ursprüngliche Spnthesis in den Dimensionen deS Organismus angeschaut, indifferent und qualitativ ungetrübt wieder hervortrete?" — Man traut seinen eigenen Augen kaum, wenn man diese und ähnliche Stellen sieht, von denen das dicke Buch ganz voll ist. Und was ist endlich der kurze Sinn der langen Rede? — „Wenn die Arznei die Krankheit aufhebt, so wird der Patient gesund." Um sich zu diesem Gemeinplatz zu erheben, braucht er seneS fürchterliche Gerüste von barbarischen Worten und unverstandenen mathematischen Floskeln, mit denen er seine Leser betäubt und dabei ausholt, als wollte er die Welt aus ihren Angeln heben, um am Ende nicht einmal eine Fliege todt zu schlagen. Dies ist also unsere hochgerühmte Naturphilosophie in ihrer Anwendung auf eine der wichtigsten-Wissenschaften, von der unmittelbar das Leben und der Tod der Bewohner deö Landes abhängt! Mit solchen Büchern, mit solchen verabscheuungswürdigen Ausgeburten des Unsinns wurde unsere edle deutsche Jugend von ihren eigenen Lehrern selbst hingehalten, und um ihre goldne Zeit und ihre» gesunden Menschenverstand betrogen, um dann, wenn sie nun auch sattsam verkehrt und verrückt geworden waren, heerdenweise aus den Hörsälen losgelassen zu werden, um ihre armen Mitbürger mit den Waffen der Naturphilosophie methodisch zu ermorden. Eö ist schwer zu erklären, wie ein solches Benehmen viele Jahre hindurch allge- 398 Wagner's Organen. meine Achtung, sa eine Art von Verehrung finden tonnte, von der sich nicht bloß die unreife und für alles Neue empfängliche Jugend, sondern auch besonnene Männer hinreißen ließen. Jetzt, wo diese unglückliche Periode größtentheilS überstanden ist, mag es erlaubt seyn, die Werke jener Zeit, wenn sie unö zufällig wieder zu Gesichte kommen, wehmüthig zu belächeln; aber Wehe über den Uebersetzer, der ein solches Buch in eine andere Sprache übertragen, Weh über den Schüler, der daraus etwas lernen, und dreimal Weh über den Patienten, der darnach kurirt werden sollte. Reise durch Norwegen nach den Loffoden, durch Lappland und Schweden. Von Chr. Fr. Lessing. Berlin, bei Mylius, 1831. (Jahrb. d. Lit. 181)2 l.IX.) ^)aS Interesse, welches diese Reisebeschreibung erweckt, die beinahe noch ganz unbekannte Gegend, mit welcher sie sich beschäftiget, und endlich auch das Andenken an den Heros unserer Literatur (der Vers. ist ein Enkel von Gotth. Ephraim Lessing) werden eine kurze Anzeige derselben mehreren Lesern vielleicht willkommen machen. Der Vers. trat seine Reise von Berlin aus am 20. Mai 1830 an. Der Weg über Lübeck und Kopenhagen kann hier Übergängen werden. Am 30sten desselben Monats kam er nach Christiania, wo er sich durch die poetischen Schilderten der Reisebeschreiber sehr getäuscht säblte. Statt der gerühmten „blauen Augen "'fand er „triefende," statt deö gepriesenen „Witzes" der Einwohner fand er „Aberwitz," fand er schale Geschwätzigkeit und unverschämte Prellereien in dem Gasthause. Wir werden aber bald sehen, daß unser Reisende nicht leberkrank ist, wie man aus einem solchen Anfange vermuthen könnte. Die mittlere Temperatur dieser Stadt ist 5". 16 Cent. In demselben Grade der nördlichen Breite liegt Upsala mit der mittleren jährlichen Temperatur 5".54, Stockholm 5".69, Petersburg 4". 5, Solikamsk an der sibirischen Grenze -t- 0".2 und Churchill an der Ostknste der Hudsonsbay mit — 7".3. Auch hier, wie im mittleren Asien, bestätigt sich also die größere Kälte mit dem Fortschreiten gegen Ost auf demselben Parallelkreise. So ist die 400 Lessing's Reise. mittlere Temperatur Kasans viel niedriger, als die von Moskau, obgleich beide auf demselben Breitengrade liegen, und die Awatscha- Bay (wer friert nicht bei der bloßen Benennung dieses Hafens) hat mit Berlin und London nahe dieselbe Breite, aber welche Differenz des Klima! Ja den Gärten Christianias gedeihen noch Aepfel, Birnen und Aprikosen, selbst der Wein trägt in den meisten Jahren im Freien reife Früchte, aber Pflaumen und Pfirsiche komme» nicht mehr. fort. Die Häuser sind alle von Holz, klein und elend, kein einziges Prachtgebäude, kein Pflaster auf den Straßen. Die Liebe der Einwohner zum Theater ist hier, wie in allen norwegischen Städten, sehr groß, und Professoren der Universität treten auf der Bühne der Lieblingötheater auf. DaS Reisen auf dem Lande ist hier beschwerlich, da die Bauern mißtrauisch, unfreundlich und so neugierig sind, daß sie den Fremden oft unerträglich werden. Alle Frauen und Mädchen, ohne Ausnahme, mußten wissen, wie alt ich sey, ob ich schon gcheirathet habe u. dgl. DaS Fuhrwerk für Reisende sieht unsern Henkerökarre» ähnlich, und die Kost, selbst in den Gasthäusern, besteht in Milch, Käse, Butter, Branntwein und dem Fladbrödt, einer Art kuchenförmigen Brotes, das sehr dünn, trocken, und beinahe ungenießbar ist. In Hunds, wo er am 2. Junius um 11 Uhr Nachts ankam, konnte er noch ohne Licht lesen. In Lillehammer zog das Volk eben zur Kirche. Die Kopfbedeckung beider Geschlechter besteht in rothen, wollenen, unsern Schlafmützen ähnlichen Hauben, die von hier bis in den höchsten Norden hinauf Mode sind, und, sonderbar genug, alle aus dem Auslande geholt werden. Die Weiber reisen hier gewöhnlich zu Pferde, meistens zwei auf einem Gaule. Straßenraub und das Ermorden der Postillione soll hier nichts Seltenes seyn. Dörfer sind wenige, meistens nur isolirte Häuser mit Schiefer gedeckt. Wölfe machen die Wege im Winter sehr unsicher. Die Bauern schleppen an ihren Schlitten lauge Stricke nach, vor welchen sich diese Thiere fürchten. Bei Toste ist viel Wohlstand, wie die schönen Bauernhäuser und der gute Viehstand zeigt. Die Wände der Häuser sind tapezirt, der Fußboden der besseren Stuben ist bemalt, man schläft in Eiderdunen, und sieht sogar öfter die in Trondhjelm gemalten Porträte der Besitzer. Die vielen, selbst im Junius noch mit tiefem Schnee belegten Berge machen eS hier kalt, und zwingen selbst mitten im Sommer zum Einheitzen. An Sonntagen sollte man hier nie reisen. Man findet nichts, als betrunkene Landleute, und das 401 Lessing's Reise. Fragen und Plaudern mit ihnen hat kein Eui?e. Jenen Träumern von Unschuld der Sitten bei diesen sogenannten Naturvölkern muß man nicht glauben. Man wird bald finden, daß meisten nuv dann nicht stehlen und betrügen, wenn sie nicht können. Post, die im ganzen Lande auf den oben erwähnten Karren fährt, ^ nur von Bauernjungcn besetzt werden, darf man, aus Respet»,' gends am Wege vorfahren, wenn man sich nicht Schlägen oder v Schimpfworten aussetzen will. Trondhjelm ist eine freundliche Stadt mit breiten, regelmäßigen Straßen, ringsum von hohen Schneebergen eingeschlossen. Sie zählt 12,000 Einwohner, die niedliche Landhäuser um die Stadt erbaut haben. Alle Manufakturwaaren werden aus dem Auslande hicher geholt, wie z. B. die Schlösser aus Deutschland. Das Glas ist erbärmlich, und in ganz Norwegen ist die hiesige Töpferwaarenfabrik die einzige, weil es überall an Thon fehlt. Deßhalb gibt es auch in Norwegen keine Kachelöfen. Hier hört aller Fahrweg weiter nach Norden auf; man muß gehen oder reiten, oder zur See zwischen den vielen Inseln sich durchhelfen. Die Wasserfahrzeuge dazu, die sogenannten Jagten, sind ein einmastiges, nie bedeutend großes Schiff ohne Bogspriet. Mit ihnen machen die Einwohner ihre zwei gewöhnlichen Reisen im Jahre nach dem Norden, die eine, um die gesalzenen Fische, und die andere, um die getrockneten Stockfische zu holen. In diesen Booten kann man natürlich nur Küstcnfahrt treiben, nur bei Tage fahren, und meistens nur sehr langsam von der Stelle kommen. Viele verunglücken in jedem Jahre, obschon man an jedem dieser Schiffe zwei Kompasse befestigt sieht, wahrscheinlich weil man glaubt, zwei seyen besser als einer. Das Meer friert in diesen Gegenden nie zu, aber die fürchterlichen Nebel und die Stoßwinde im Winter machen diese Seereisen sehr gefährlich. Bei Stockhund begegneten wir Kähnen, deren Besitzer, arme Bauern, uns viele Fische zum Verkaufe anboten. Mehr Bettler, als Kaufleute, klammerten sie sich mit ihren Händen, nicht ohne Lebensgefahr, an unsere schnellsegelnde Jagt an, und nachdem jeder von ihnen einen Schnaps und eine Handvoll Kautaback erhalten hatte, dankten sie und blieben zurück. Arme Menschen, die ihr euer Leben so gering, und jene Dinge so hoch schätzt. In Alstahoug, einem ehemaligen Bischofssitze, trägt das Korn zehn- bis zwölffache Ernte, und die Kartoffeln bringen den zwanzig-, ja sogar öfter den 32fachen Ertrag der Aussaat. Am 29. JuniuS durchschnitt unser Reisender, den wir von nun an selbst reden lassen Littrow I. 26 402! Lessing's Reise. wollen, den Polarkreis. Ich erblickte am 2. Julius das Orensield, ein ungeheures Schneefeld, das wohl seit Jahrhunderten viele Spitzen von Bergen in sich begraben hat, und so recht eigentlich ein Gletscher von der größten Sorte ist. Da ich die Meinung äußerte, daß der Boden des Festlandes gegen daS Meer sich mit jedem Jahre zu erheben scheine, so lachte man über mich und meinte, daß wohl das Meer falle, weil man so viel Wasser zum Trinken und Kochen daraus nehme. Es möchte seyn, wenn das Meer Branntwein führte, denn man ist hier zu Lande noch weniger Freund des WassertrinkenS, als bei uns. Am 5. Julius erreichten wir endlich die Loffoden, eine Jnselreihe an der westlichen Küste NorwegenS, die sich von 67" 30' bis 69" 40' nördliche Breite ausdehnt. Die vier größten dieser Inseln heißen, von Süd gegen Nord gezählt, Moskenäsoe, Flagstadöe, West- und Ost-Vagöe. Der Bewohner einzige Beschäftigung und Nahrungözwcig ist die Fischerei. Viehzucht fehlt; Gerste und Kartoffeln werden allein angepflanzt, des durchaus felsigen BodenS wegen. Die wenigen Zugthiere werden im Winter von Fischköpfen, Eingeweiden und BirkenrciS ernährt; dafür sind die größten Kühe kleiner als unsere größten Hunde, und die Schaafe nur wie unsere großen Katzen. Doch schmeckt ihr Fleisch gut, nur daS der Schweine ist schlecht, da diese bloß von Meerprodukten ernährt werden. Ein Hauptlcckerbissen ist der alte Käse aus saurer Kuhmilch bereitet, den man mehrere Jahre trocknen läßt, und der seine löbliche Eigenschaft, je älter je besser zu werden, sogar denen mittheilen soll, die davon genießen, da er für sehr gesund gehalten wird. Die Fischerei ist hier sehr im Schwünge. An einzelnen Buchten sieht man oft sechs- bis achttausend Menschen durch mehrere Monate zu diesem Zwecke versammelt, die 1500 bis 2000 Boote mitbringen. An manchen dieser Plätze ist die jährliche Ausbeute zwanzig- bis dreißigtau- send Wag Fische. Ein Wag ist vierzig schwedische oder nahe dreißig Wiener Pfund. Besonders der Kabeljau-Fang ist hier sehr ergiebig. Diese Fische kommen in Heeren zu vielen Millionen, um hier zur Laichzeit Ruhe in den Tiefen zwischen den Inseln zu suchen. Aber so groß der Ertrag dieses Geschäftes in den Loffoden ist, so ist er doch nicht mit dem von Neusoundland und Labrador zu vergleichen. Dort fangen die Amerikaner allein 2 Millionen Quintarr und die Engländer 60,000 Tonnen, die Franzosen 200,000 Quintaur, also zusammen jährlich über 380 Millionen Pfund, während ter jährliche Fang auf den Loffoden nur 9 Millionen Pfund betragen mag. Die Lessing's Reise. 403 Bevölkerung dieser Inseln ist klein und nimmt immer ab. Viele sterben auf der See, meistens weil sie, statt auf den Kompaß, zu tief in die Flasche gucken. Dazu sind die Fischerplätze gewöhnlich sehr ungesund, wegen ihrer bösen Ausdünstungen. Endlich gibt eö von Helgeland bis zum Nordeap herauf nur zwei Aerzte, einen in Alftahuy und den andern in Ulsöen, welcher letzte sich einen solchen Ruf erworben hat, daß die Bauern lieber sterben, alö ihn zu Rathe ziehen. Vom Fnßgehen oder Reiten und Fahren ist auf diesen Inseln selten eine Rede. Oft sind schon zwei, nur eine Stunde getrennte Häuser durch uncrsteigliche Felsen von einander gesondert. Man fährt also beinahe durchaus zur See, aber immer hart am Ufer. An Obstbäume ist hier auch nicht zu denken. Nicht einmal die Johannisbeere wird reif, und selbst der GraöwuchS ist so spärlich, daß man das auf den Bergen mühsam gesammelte GraS, in Netze gebunden, über die steilen Felsen herabläßt. Die Birke lebt noch, kriecht aber furchtsam an der Erde. Nur wenig grüne Plätze erfreuen daS Auge. Ueberall nur nackte, graue Felsen und große Schneemassen nach den zahllosen Spitzen herauf, selbst in der Mitte des Sommers. Die einzigen Bewohner dieser Berge sind Schaafe, die im Frühling ausgesetzt und im Herbste wieder abgeholt werden, um den Winter im Stalle zuzubringen. Bären kommen selten hieher vom festen Lande. Man erzählte mir an mehreren Orten eine kürzlich vorgefallene Geschichte mit einem solchen Thiere. Es sprang in das Boot eines Bauern, der eben von einer Insel zu einer anderen, ganz nahen, übersetzen wollte. Der Bauer, wie alle Nordländer, nicht gewöhnt, das Geringste umsonst zu thun, drohte mit der Ruderstange, und wollte sich seinen Lohn erzwingen. Da aber der Bär ernsthafte Miene zur Gegenwehr machte, und seinen Pelz als Uebersahrtögeld nicht hergeben wollte, so setzte sich der Bauer ruhig auf seine Bank, und ruderte weiter. Am Ufer angekommen, sprang der Bär ans Land, klüger als höflich, und ging seiner Wege. Am 13. Juli ritt ich mit Propst Lange den ganzen Tag neben dem Meereöufer, wie es schien, über Torfgrund und Sand, dem ehemaligen Bette deS Meeres. In diesem Sande soll oft der Reiter sammt seinem Pferde versinken. Eü war schauerlich, als wir in der wüsten, öden Gegend einer Leiche begegneten, die in einen einfachen hölzernen Kasten gepackt, von einem Manne begleitet und einem Pferde gezogen, langsam auf einer Schleppe einhergeschleift wurde.— Lappländer sieht man setzt auf diesen Inseln fast gar nicht mehr: sie 26 * 404 Lessing's Reise. sind unterdrückt oder vielmehr weiter gegen Norden hinaufgedrückt worden. Doch findet man noch in den Gesichtszügen der heutige» Einwohner viel Aehnlichkeit mit lappländischen Gesichtern. Auch der Vogelfang ist hier ein nicht unbedeutender Erwerbszweig. Die ^Ica srotioa nistet hier zu Tausenden in den Felsenlöchern, von denen will sie, angegriffen, nicht lassen, daher sich einer in den Hintertheil deS anderen festbeißt, und gleichsam ganze Schnüre von Vögeln macht, die abgerichtete Hunde aus ihren Schlupfwinkeln hervorziehen, wo dann die Vögel von den Bauern erschlagen werden. Das Innere deS Landes dieser Inseln lernte ich nicht kennen. Wissen doch die Einwohner selbst nichts davon. WaS sollte sie auch dazu verleiten? Dort sind die Berge noch kahler, der Schnee noch tiefer, die Kälte noch heftiger, und Fische, die einzige Nahrung, der einzige Erwerb, sind nur an den Küsten zu haben. Hundholm ist ein sehr freundlicher Ort von etwa fünfzig Häu- seru, die auf einer ebenen Wiese verstreut liegen, vor sich das nahe Meer, mit Schiffen im Hafen, und hinter sich hohe, mit Schnee bedeckte Berge. Sie scheinen ganz nahe, sind aber noch fern genug. Dieß ist eine bekannte Wirkung der hohen Durchsichtigkeit der Luft in den Polargegendeu. Hier wohnen viele Kaufleute, von denen selbst mehrere eine nicht gemeine Bildung haben, und recht artige HauS- bibliotheken halten. Auch die Gegend herum ist gut kultr'virt, man sieht wieder Wiesen und fruchtbare Gärten, die man über den 67. Breitegrad nicht mehr erwartet. Die hier so häufigen Strömungen zwischen den Inseln sind oft äußerst gefährlich, besonders der Mal- ström und der Sallenström, wo jährlich viele Menschen verunglücken. Die Ursache des hier mit solcher Gewalt einfließenden Wassers ist ohne Zweifel die MeereSfluth, die hier öfter vier bis fünf Ellen beträgt. — In Dala hielt ich Mittag mit den Bauern, die eben von der Heuernte kamen. Alt und Jung stand um den Tisch; ohne Gabel und Messer griff jeder mit schmutzigen Händen los auf die halbgesalzenen, halbgetrockneten Fische, die schon lange vorher in einer hölzernen Mulde aufgetragen waren, und die ganze Stube mit dem widerlichsten Gestanke erfüllten. ES gehörte Hunger und selbst dann noch Entschlossenheit dazu, den ersten Bissen hinunterzuschlucken. — Hier trifft man schon Lappen, obschon noch sparsam. Ihr Gesicht ist rund, gelb, die Augen tiefliegend, die Backenknochen vorstehend, das Haar lang und schwarz. Auch ist hier das Kaffeetrinken sehr verbreitet, selbst unter den Bauern, was sehr gut ist, da dadurch daS Lessing's Reise. 405 leidige Branntwcintriuken verdrängt wird. Die Führer der Reisenden sind hier durchaus Lappen, denn sie kennen alle Wege und Stege, sind aber beinahe immer betrunken. Mein lappländischer Führer hatte ein Gesicht, wie man Sokrateö abbildet, nur alles ins Leidenschaftliche gezogen. Nur wenige schwarze Haare bedeckten sparsam die Schläfe; seine Brust war nackt; alle seine Bewegungen und Gestikulationen im hohen Grade übertrieben; dabei ein Eigensinn und ein Eigennutz, wie ich ihn noch selten sah. Wer hier reisen will, versorge sich vor allem mit Branntwein, ohne dessen Spende man nirgends ein freundliches Gesicht sieht. Nichts ohne ihn, alles durch ihn. — Am 16. August reiste ich von Saltalen nach dem eigentlichen Lappland ab. Am andern Tage schon erreichten wir die erste Rennthierheerde und daö erste Lappenzelt, wo wir von vielen bellenden Hunden begrüßt wurden. Diese Hunde haben die Farbe deS Dachses und die Gestalt des Spitzes. DaS Zelt, in dem man selbst in der Mitte kaum aufrecht stehen konnte, war von Leinwand, mit Stäben gespannt, oben für den Rauch mit einer Ocffnung versehen und mit Menschen in allen Lagen überfüllt. Die einen lagen; die andern saßen, wie die Türken, mit krcuzweiS über einander geschlagenen Beinen; der eine schlief, der andere arbeitete; einer kochte, einer aß, und die meisten sahen mich starr an. In der Mitte ein halb erstorbenes Feuer, und waS vom Raume noch übrig war, erfüllten die Hunde. Löffel und Teller sind von Holz, gewöhnlich wird aber nur die Hand gebraucht. Alle Nahrung beinahe kömmt vom Rcnnthier. Daü Fleisch desselben wird in kleine Stücke zerschnitten, ehe eS gekocht wird. Salz fehlt im ganzen Lande. Sie essen aber auch Pferdefleisch und selbst gefallenes Vieh. Aus Käse, Milch, Renn- thierblnt und Mehl bereiten sie eine nicht geschmacklose Suppe. Früher war die Anzahl der Lappen und die Ausdehnung ihres Gebietes viel größer, alö setzt. Die GebirgSlappcn scheinen allmälig ganz auS- zusterben. Die Norweger und Schweden drängen jene immer mehr auf das Gebirge zurück, wo sie bloß auf das Rcnnthier beschränkt sind und verkümmern müssen. Das Wort Lappe ist eigentlich ein Schimpfwort, das ihnen ihre Nachbarn und Feinde gegeben haben, und bedeutet einen Vertriebenen. Sie selbst nennen sich Same, und ihr Land Samednan. Sie wurden früher von eigenen Königen regiert. Alle Lappen haben ein Entsetzen vor dem Kriege. Man brauchte sie sonst wohl auch zur Besatzung in Festungen als Soldaten, aber bei dem ersten Kanonenschuß liefen sie immer davon, und 406 Lessing's Reise. ließen sich nicht weiter halten. Sie sind also setzt von der Konskription befreit. Ueberhaupt scheinen sie sehr ängstlich und furchtsam zu seyn. Dieß und ihre nngemeine Liebe zum Gelde charaktcrisirt sie. Sie nebmcn aber nur Sildergeld, und vor Banknoten haben sie innigen Abscheu. U.'bngens scheinen sie Geisteofähigkeiten in nicht geringem Grade zu besitzen. Kranke sind selten unter ihnen, am meisten noch Augenkranke, wie bei den EskimoS- Die Pockenimpfung ist unter ihnen schon seit sehr langer Zeit eingeführt. Rennthierkäse soll ein herrliches Mittel seyn, erfrorene G.ieder wieder zu beleben. Ein Lappenzelt wird immer von mehreren Familien zugleich bewohnt, die aber freilich nicht sehr zahlreich sind. Selten hat eine Familie mehr als zwei Kinder. Wuchs und GesichtSzüge sind beinahe bei allen gleich, und unter den Mädchen würde selbst manche bei unö für hübsch gelten; nur die Nöthe der Wangen fehlt und der größere Wuchs. Die beiden Geschlechter sind in der Kleidung nur wenig verschieden. Ihre Lieblingsfarbe» sind blau und roth. Unter den Männern im Zelte war auch eine Art Obrigkeit, die mich hin und her ausfragte, und mich endlich ganz kurz für einen Landstreicher erklärte. Ich holte meinen großen Paß hervor, den er lange anstierte, aber nicht lesen konnte. Da er sich dadurch nicht überzeugt fühlte, so entstand ein großer Lärm im Zelte, und alles schrie durch einander. Meine Begleiter nahmen meine Partei, und der Lärm wurde endlich so groß, daß mir bange wurde. Auf Anrathen meines Führers, der seine Leute kannte, gab ich dieser Obrigkeit Tabak, den sie annahm, und dann Branntwein, welchen sie anfangs ausschlug, aber dem Wohlgeruch des Nektars, den ich ihr unter die Nase hielt, nicht widerstehend, endlich auch anzunehmen geruhte, und auch davon so bezaubert wurde, daß er wie ein Kind mit aufgehobenen Händen um mehr bat, und immer aus seine durstenden Lippen zeigte. Dann streichelte mir diese Obrigkeit die Backen und sagte, sie sähe mir schon im Gesichte an, daß ich ei» grundehrlicher Mensch sey. Endlich wurde ich mit trockenem Rennthierkäse bewirthet, der hier die Stelle des Brotes vertritt. Als die Rcnnthierheerde ankam, hörte ich lange vorher daö Bellen der sie treibenden und in Ordnung haltenden Hunde. Die Thiere selbst legten sich vor dem Zelte auf ein Schnecseld, wo sie der Hitze und den Insekten weniger ausgesetzt waren. Alles aus dem Zelte lief sogleich hin, und jeder hatte sein bestimmtes Geschäft. Kinder warfen mit großer Geschicklichkeit Schlingen um die Hörner der Weibchen, die Frauen melkten, die Männer suchten die tüchtigsten Lessing's Reise. 407 Thiere zum Tragen auS. Die Hüter und Hunde umgingen sorgsam die Hecrde. Die frische Milch schmeckte köstlich. Auch wurde eines sogleich auf dem Felde geschlachtet. Diese Thiere sind hier nur so groß, wie unsere jungen Kälber. In Spitzbergen und im nördlichen Asien sollen sie viel größer seyn, und daher zum Reiten taugen. Den ganzen Sommer geben sie täglich Milch, aber nicht mehr als s/, Quart. Sie sind den Lappen bekanntlich ihr Alles, und kein Theil derselben bleibt unbenutzt. Als Zugthier werden sie hier nur im Winter vor kleinen Schlitten gebraucht, und auch da nur die Eunuchen unter den Männchen. WaS Wunder dann, wenn der Lappe den, den er am meisten schätzt, ein castrirteS Renn nennt. Wird es zu sebr angetrieben, so streckt eS die Zunge heraus, und wenn der Treiber auch dann nicht nachläßt, so geht eS auf ihn loS, und züchtiget ihn durch Hufschläge. Am 29. August zogen wir weiter, immer zwischen Schneefeldern und beschneiten Bergen eingeklemmt. Mein Lappe fragte mich, ob ich nicht ein Prinz sey, der incognito reise, ob ich auch an Thor glaube u. s. w. Er wadete oft durch Flüsse, wo das Wasser ihm biö zur Schulter ging, und fand eö doch nie der Mühe werth, seine ganz -durchnäßten Kleider zu trocknen. Er war beinahe immer betrunken, taumelte auS einer Pfütze in die andere, aber verfehlte nie den richtigen Weg. Die Friandö unter den Rauchern in Lappland haben sehr kleine Pfeifen, daS Rohr nur einige Zoll lang und den Kopf der Pfeife wie eine Nußschale. DaS Vergnügen, sie öfter stopfen zu können, scheint dabei gar sehr in Rechnung zu kommen. Wenn die Lappen ihr Zelt abbrechen und weiter ziehen, um einen andern Ort aufzusuchen, so wird die ganze ihnen gehörende Heerde von Nennthieren aus der Gegend zusammengeholt und' bepackt. Unter dieses Gepäck gehören auch die kleinen Kinder, die in Häute eingewickelt und den Thieren aus den Rücken gebunden werden. Die größeren sind mit langen Stangen bewaffnet, und den ganzen Zug der Lappen begleitet zu beiden Seiten die Hecrde, von Hunden wohl umschwärmt und zusammen gehalten. Abends schlagen die Menschen ihr Lager auf, und lassen die Heerde rings herum weiden. Morgens werden die Thiere gemolken, ehe man wieder aufbricht. An Sonntagen ruht der ganze Zug. Von religiösen Gebräuchen habe ich nie etwas anderes an ihnen bemerkt. Den Satan kennen sie, wenigstens führen sie ihn immer im Munde. Götzen anzubeten ist bei Todesstrafe verboten. 408 Lessing's Reise. Hyttan ist wegen seiner Silberhütte bekannt, die der schwedische Baron von Hermelin hier errichtete. Hyttan wird daS Paradies von Lappland genannt. Nun ja, aber ein lappländisches Paradies. Der Geistliche des Orts hält seine Predigt in schwedischer Sprache, die dann sofort, Satz für Satz, von dem Küster ins Lappländische übersetzt wird. Der Ort besteht aus einer Gruppe hölzerner Häuser, von einem düstern Tannenwald begränzt. Am 28. August reiste ich von hier auf dem Flusse ab. Unser Weg führte uns mehrere Tage lang durch nichts als Tannenwälder. In Jockmock sind um die Kirche des Dorfes eine Menge kleiner, leerer Hütten erbaut. Da kehren die Entferntwohnenden am Sonnabend ein, wie in Karawansereien, um hier zu schlafen und Sonntags dem Gottesdienste beizuwohnen. Mädchen und Knaben schlafen hier in demselben Bette beisammen, bis sie heirathen, man sagt, ohne Nachtheil. Hier werden auch sährlich mehrere Jahrmärkte gehalten, welche die Lappen besuchen und gegen ihre Reimthicrfelle Waaren eintauschen. Bis von Tornea kommen Kaufleute hiehcr. Die Mücken sind hier den Reisenden im Somnzer höchst beschwerlich. Sie tragen deßbalb eigene Schleier über daö Gesicht, und die Landleute beschmieren sich Gesicht und Hände mit Theer und Thran. Am 30. August kamen wir in Lulastad im Hafen an.' Die Gegend rings herum ist gut bebaut, und zeugt, waö wachsende Kultur selbst in dieser Breite vermag. Hier wird viel Handel getrieben. ES liegt unter 65" 35^ B. am botnischen Meerbusen. Am 2. Sep- temper brach ich nach Tornea auf, an der Nordspitze dieses Meerbusens. Vor der Stadt sah ich daS spärliche Getreide in großen Pelzhand- schuhen ernten. An Aussicht für die Reisenden scheint es auch nicht zu fehlen, ich mußte des Tages wenigstens zehnmal meinen Paß vorzeigen. Tornea hat 500 Einwohner und nicht weniger als Ein Schiff, und heißt doch eine schwedische Handelsstadt. Rothe Häuser, im ganzen Norden ein Zeichen des Wohlstandes, sind hier seltener, als rothe Nasen, daS Zeichen eines fleißigen Branntweintrinkers. Die Heugewinnung von den Straßen und Plätzen der Stadt gehört zu den Regalien des Bürgermeisters, und dieß muß nicht unbedeutend seyn, denn ich sah nicht bloß GraS, sondern selbst Kartoffeln auf den Plätzen der Stadt wachsen. Die Gegend um Tornea ist durch zwei Gradmessungen berühmt, die unter Maupertuiö im Jahr 1737 und unter Svanebcrg im Jahr 1801. Von hier segelte ich, deS weiteren Reifens in dieser Gegend müde, gm 9. September auf einem dänischen Schiffe nach Stock- Lessing's Reise. 409 Holm ab. Wir kamen sehr schnell nach Kraksundcs, aber hier mußten wir mehrere Tage bleiben, deS widrigen Windes wegen. Ich wurde ungeduldig, und zog es endlich vor, mit einigen SchiffSgesähr- ten zu Fuß nach Upsala zu reisen. Hier angekommen, suchte ich vor allem die noch übrigen Reliquen Linne's auf. Aber davon ist wenig zu finden. Seine Sammlungen wurden nach England verkauft und sein Garten ist ein öffentlicher Spazierort geworden. Aber sein Andenken lebt hier noch hoch, wie eS in ganz Europa bei allen Gebildeten lebt. Die Nniverfität hat ihre alte Verfassung beibehalten, und sie erhält sich allein von den Einkünften ihrer liegenden Güter. Vorbereitungen, um zur Philosophie einzutreten, werden eben nicht viel gefordert, und wer diese sogenannte Philosophie auSfindirt hat, hascht schnell nach dem Titel eines Magisters oder Doktors, wie in Deutschland. Examina gibt eS ohne Ende, und es ist zweifelhaft, ob der Eraminirende oder der Eraminirte mehr zu beklagen ist. Die Doktors- Promotionen sind zn einer bloßen feierlichen Förmlichkeit herabgesunken. Die Anzahl der Studirenden ist nahe 800. Die Zeit der Vorlesungen beschränkt sich nur auf einige Monate, die übrigen werden mit ewigen Prüfungen ausgefüllt. Den ganzen Sommer beinahe sind Ferien, wo die Studenten nach Hause reisen, und nicht selten den Pflug ergreifen, da sie meistens arm sind, und nur von kleinen Stipendien leben, welche Privatpersonen ausgesetzt haben. Das im Norden so gewöhnliche Trinken ist leider auch unter diesen Musensöhnen in der Mode. Sie kennen keine andere Unterhaltung , und Abends sechs Uhr zieht alles nach den Wirthshäusern. Hier wird mit einer Flasche Schwachbier angefangen, dann kömmt Branntwein und endlich Lodde, ein Getränk aus Wasser, Zucker und Rhum bereitet. Von dieser Ordnung weicht kein braver Student ab, höchstens darin, daß er die Portionen verdoppelt. Bei der vorhergehenden Uebersicht dieser Reise ist die Rücksicht auf Botanik weggelassen worden, obschon diese eigentlich die Hauptsache des ganzen Buches ist. Referent besorgte, nur einer kleinen Anzahl von Lesern, die am besten das Werk selbst nachsehen werden, durch eine lange Reihe botanischer Nomenclaturen zu genügen. Botaniker selbst werden eine reiche Ausbeute für die Flora sener Gegenden in dem Buche finden, besonders in dem „Versuche einer vergleichenden Flora der Lossoden," die dem Ganzen angehängt ist, und 85 Seiten enthält. Den Beschluß machen einige interessante Beiträge zur Flora ScandinavienS. Endlich findet man auch in dem 410 Lessing's Reise. Werke viele Barometer- und Thermometer-Höhen, von dem Verfasser nicht nur beobachtet, sondern auch nach den Gauß'schen Tafeln berechnet, nebst mehreren mittleren Barometerständen an der Oberfläche deS Meeres. Man wird schon aus dem oben Angeführten sehen, daß cS dem Vers. weder an BeobachtungSgcist, auch außer den botanischen Regionen, noch an DarstellungSgabe fehlt. In seinem Vortrage, der sich durch kurze, rhapsodische Schilderungen und durch eben solche Perioden auszeichnet, wird man, eben durch diese präeise Kurze, durch die Angemessenheit des Ausdrucks und durch die, wenn wir so sagen dürfen, rein ausgeprägte Diction, häufig an den unvergeßlichen G. E. Lessing erinnert, dessen Enkel der Verf. ist. Möge der Geist seines großen Ahnherrn, deS Heroö unserer Literatur, auf ihm ruhen und bei ihm bleiben bis an daS Ende seines Lebens, dessen Anfang die volle Kraft der Jugend und ihre schönste Zierde, die Bescheibcnheit, an mehreren Stellen seines Werkes bezeichnet, und unS für die Zukunft zu den schönsten Hoffnungen berechtiget. Hi6 1iH of 8iu I«ktÄ0 Newton, b)r Dk»vi6 Lrexv- 8t6u (Newton's Leben, von D. Breinster). I^ou- 6011 , ^otni IVIurrn^. 1831. (Jahrb. d. Lit. 1833. bXIV.) ^s »st sonderbar, daß von diesem großen Manne, dessen Andenken bei allen Gebildeten, besonders in England, in so. hoher Achtung steht, daß selbst eine Locke seines Haares in der Bibliothek zu Cambridge den Freunden wie eine Reliquie gezeigt wird, unter seinen Landsleuten, die doch so viel Nationalsinn haben, und auf ihn mit Recht so stolz sind, — daß von ihm scit mehr als hundert Jahren, die er nun nicht mehr unter uns wandelt, auch nicht eine einzige umständliche Biographie erschienen ist. Kürzere Aufsätze und zerstreute Notizen findet man in der LioZroMa örilsnnios; in des Bischofs HorSley'S Ausgabe der Werke Newtons; in Turners Sammlung der Geschichte der Stadt Grantham und in Lord King'S Leben und Korrespondenz Locke'S. Von Ausländern hat bloß der bekannte Physiker Biot erst in unsern Tagen eine kurze, aber wohl geschriebene Lebensbeschreibung des seltenen Mannes in der bändereichen kioZra- xliis universelle mitgetheilt. Diese Schriften und mehrere schätzbare zerstreute Nachrichten von Lord Bray Brooke, und von den Professoren Whewell, Bigand und Gregory waren die Quellen, aus welchen der Verfasser schöpfte. Seine aus diesen Vorarbeiten und Mittheilungen zusammengestellte Schrift von 366 Seiten kann als eine wohlgelungene betrachtet werden, die dem so lange gefühlten Bedürfnisse so gut abhilft, als eö in einer so großen Zeit nach dem Tode des 412 Brewster, Newstvn. Gefeierten, und bei der Kargheit der Mittel die ihm geboten wurden, noch gehofft werden konnte. Der Vertrag ist gewählt, zuweilen geschmückt, und öfter mit Vorliebe über Gegenstände sich verbreitend, die mehr der Wissenschaft als der Geschichte angehören, und da der Verfasser bloß als Historiker auftritt, weiß er nicht immer die Anhänglichkeit zu vermeiden, die man so oft bei seinen Landsleuten trifft, wenn sie Gegenstände besprechen, die ihre glückliche Insel und' jenen Ruhm betreffen, den sich die Bewohner derselben in den weiten Gefilden der Kunst und Wissenschaft erworben haben. Wir werden später von dieser Hinneigung mehr als ein Beispiel finden. Ohne Zweifel wird diese Schrift des berühmten Brewster, der den Physikern besonders durch seine optischen Untersuchungen bereits auf das Vortheilhafteste bekannt ist, sowohl durch ihren wichtigen Inhalt, als auch durch ihre schöne Darstellung, unsern deutschen Lrsern nicht weniger interessant seyn, als sie es den Britten gewesen ist, da der Mann, der hier dargestellt wird, wenn auch in jenem Lande geboren, doch längst schon der ganzen gebildeten Welt angehört und da er von Jedem, dem die Wissenschaft, ja die Ehre seines ganzen Geschlechtes theuer ist, nicht weniger, als selbst von seinen nächsten Freunden und Verwandten hochgeschätzt und verehrt werden kann. AuS dieser Ursache ist auch wohl so bald schon eine deutsche Ueber- setzung dieses Werkes von Goldberg bei Goschen in Leipzig ld33 erschienen, die man als gut ansehen kann, da sie daS Original treu und ohne Härte wiedergibt. Professor Brandes in Leipzig hat diese Uebersetzung mit Anmerkungen versehen, die mehrere schätzbare Erläuterungen und Berichtigungen deö Textes enthalten. Die Eintheilung des Werkes in neunzehn Kapitel zeigt deutlich, sowohl den Unterschied in dem Vorrathe von Materialien, die ihm zur Behandlung vorlagen, als auch die Vorliebe, mit welcher der Verfasser einzelne Gegenstände, zum Nachtheile der übrigen, behandelte. Die beiden ersten Kapitel enthalten die Jugendjahre Newtons und seinen Eintritt in die Universität Cambridge. Die sieben nächstfolgenden verbreiten sich über die optischen Entdeckungen desselben. Das zehnte und eilfte Kapitel behandelt die astronomischen Arbeiten Newtons, und seine Entdeckung der allgemeinen Schwere. DaS zwölfte die Infinitesimalrechnung und die darüber mit Leibnitz entstandenen Streitigkeiten. DaS dreizehnte ist der Erzählung seiner Gemüthökrank- heit, die beiden folgenden seiner Erhebung im Staate und seinen Brewster, Newton. 413 > Arbeiten in der Chronologie; und das sechs- und siebenzehnte seinen i theologischen Untersuchungen und seinen anderen kleinern physischen Ent- ' deckungen gewidmet. Im achtzehnten wird seine letzte Krankheit, sein Tod und die Ehrenbezeugung erzählt, welche er bei seiner Bestattung > erhielt. Das letzte Kapitel endlich schildert den Charakter, das häusliche Leben Newtons, und die Bildnisse, Statuen und andere Denkmäler, die man zu seinem Gedächtnisse errichtet hat. Dem Ganzen sind noch einige Anmerkungen Brewster'S über die Familie > Newtons, und über einige Privatgespräche wissenschaftlichen Inhalts beigefügt, deren Andenken sich noch bis auf unsere Zeit erhalten hat. Jsaak Newton wurde am 25. Dezember a. St. des Jahres 1642 in Woolsthorpe, einem kleinen Dorfe in dem Kirchspiele Col- i sterworth, in Lincolnshire, geboren. Dieses Dörfchen liegt 1 '/z deutsche Meile südlich von der Stadt Grantham (Länge 17° 3^ von Ferro und Breite 52° 56'). Sein Vater, der ebenfalls Jsaak hieß, starb schon in seinem sechSunddreißigsten Jahre, nur wenige Jahre nach sei- ! ner Trauung mit Harrtet Ayscough, der Mutter unsers Newton. Sie war also bei dem Tode ihres Gatten, noch in der Hoffnung, und kam überdieß, mit diesem ihrem einzigen Kinde aus dieser Ehe zu früh nieder. Das hüls- und vaterlose Kindchen soll, als es die Welt erblickte, von einer seltenen Kleinheit gewesen seyn, und die Mutter pflegte ihm später oft zu sagen, daß sie es damals leicht in einem Quartkruge hätte verstecken können. Zugleich war eS so äußerst schwach, daß die Mutter und ihre Freundinnen alle Hoffnung auf das Leben desselben aufgegeben hatten. Aber die Vorsicht beschloß eS anders — und dieses gebrechliche Gefäß, das kaum fähig schien, den für dasselbe bestimmten unsterblichen Geist auch nur einige Stunden aufzunehmen- war bestimmt eine kräftige Reife zu erleben, und unter Beschäftigungen, welche auch den stärksten Kopf vor der Zeit ermüdet hätten, selbst das gewöhnliche höchste Ziel des menschlichen Alters, in beinahe steter Gesundheit noch zu überschreiten. Drei Jahre wachte die Muter mit Sorgfalt über ihrem Kinde. Dann überließ sie, in Folge ihrer Ehe mit dem Geistlichen Smith, den Kleinen der Pflege ihrer eigenen Mutter. In dem gewöhnlichen Alter wurde er auf die benachbarte Landschule geschickt, und in seinem zwölften Jahre bezog er die Stadtschule zu Grantham, wo er von dem Apotheker Clark Kost und Wohnung erhielt. In dieser Schule galt er längere Zeit weder für fleißig, noch für einen Knaben von besonderem Talente, deshalb er auch seine Stelle unter den schlechteren 414 Brewster, Newton. Schülern einnehmen mußte. Eines Tages aber erhielt er von einem Knaben, der für den besten aus der Schule galt, einen heftigen Schlag auf den Magen, der ihn lange schmerzte. Gleichsam um sich an seinem Beleidiger, der eine viel größere körperliche Stärke hatte, auf einem andern Wege zu rächen, sing er von dieser Zeit an sehr fleißig zu seyn, um ihm, »renn möglich, den ersten Rang in der Schule abzulaufen. Er erreichte sein Ziel in wenig Wochen, und hielt eS für alle Folgezeit fest. Dieser Zwischenfall führte ihn zur Arbeitsliebe und entwickelte schnell alle Grundzüge seines Charakters. In den Feierstunden beschäftigte er sich vorzüglich mit mechanischen Arbeiten, und verfertigte Windmühlen, Wasser- und Sonnenuhren u. dgl. mit einer für sein Alter seltenen Präcision. Er zeigte sich damals schon als einen eifrigen, in allen seinen Handlungen nüchternen Knaben, der gern allein und zurückgezogen lebte, und an den lärmenden Spielen seiner jungen Freunde wenig Theil nahm, außer wenn er mechanische Spielereien sür sie zu bereiten hatte. So führte er z. B. die papiernen Drachen bei ihnen ein, und mühte sich sehr ab, die vor- theilhafteste Gestalt und daS beste Verhältniß ihrer Theile zu finden. Auch machte er für sich und seine. Kameraden Laternen von Papier, mit welchen sie an den dunkeln Wintermorgen zur Schule gingen. Er befestigte zuweilen solche kleinere Laternen an seine Drachen, die er zur Nachtzeit fliegen ließ, und konnte sich kindlich freuen, wenn er hörte, daß die Landleute der Umgegend sie für Kometen oder Sternschnuppen gehalten hatten. In dem Hause des Apothekers Clark war ein Mädchen, Miß Storey, die Tochter eines Arztes, die, obschon noch einige Jahre jünger als Jsaak, doch sein Herz zu fesseln schien. Ihre Gesellschaft zog er die aller seiner andern Bekannten vor, und eine seiner liebste» Beschäftigungen war, für sie kleine Tische, Schränke und Kästchen zu machen, welche sie bei ihren weiblichen Arbeiten bequem brauchen konnte. Am Ende der sechs Jahre, die Newton in diesem Hause zubrachte, schien seine reine Freundschaft zu diesem Mädchen eine höhere Stufe der Zuneigung angenommen zu haben; aber beide Theile waren zu arm, um sich für die Zukunft Hoffnungen zu machen, oder an eine innigere Verbindung denken zu können. Miß Storey ver- heirathete sich zweimal und errreichte das hohe Alter von 82 Jahren. Newton behielt seine hohe Achtung sür diese Frau bis an daS Ende seines Lebens, und besuchte sie regelmäßig, so oft er nach Lincoln- Brewster, Newton. 415 shre kam, wo er sie von den kleinen ökonomische» Hindernissen, von welchen sie öfter gedrückt wurde, frenndschastlich zu befreien suchte. Auch mit Zeichnungen und Malen beschäftigte er sich zu jener Zeit sehr fleißig, und erwarb sich darin nicht gemeine Fertigkeiten, wie denn sein kleines Zimmer voll von artigen Handzeichnungen hing, die er selbst verfertiget hatte. Selbst Verse machte er gern, und in seinen alten Tagen noch pflegte er seinen Freunden zuweilen mit kindlicher Selbstgefälligkeit zu erzählen, daß er als Knabe sehr hübsche Verse gemacht habe, was seinen Zuhörern nicht wenig auffiel, da sie wußten, daß er später gegen alle poetischen Compositionen eine Art von Abneigung hatte, die sogar zuweilen in förmliche Mißachtung überging. Im vierzehnten Jahre Newtons starb sein Stiefvater Smith, und seine Mutter zog, mit den drei Kindern ihrer zweiten Ehe, wieder nach Woolsthorpe zurück. Da Jsaak in seiner Schule zu Grant- ham gute Fortschritte gemacht hatte, so glaubte die Mutter ihn bereits bei ihren ländlichen Geschäften brauchen zu können, und rief ihn daher nach Hause zurück. Um ihn bei Zeiten an diese Geschäfte zu gewöhnen, wurde er alle Sonnabende nach Grantham auf den Markt geschickt, um dort Getreide und andere ländliche Erzeugnisse zu verkaufen, und dafür diejenigen Gegenstände einzutauschen, die man in der Familie vorzüglich bedurfte. Den noch unerfahrenen Knaben in diesen Angelegenheiten zu leiten, wurde ihm ein alter, treuer Knecht als Mentor mitgegeben. Beide kehrten gewöhnlich in Grantham in dem Gasthofe, der Sarazenenkopf genannt, ein; aber kaum hatten sie ihre Pferde abgespannt und in den Stall gebracht, als Jsaak, dem alten Knechte die ferneren Geschäfte überlassend, zu seinem Apotheker eilte, und dort in den alten Büchern wühlte, die er noch aus früheren Zeiten kennen und lieben gelernt hatte. Abends kamen sie wieder beide in dem Gasthofe zusammen, und traten, jeder mit seinen Geschäften zufrieden, ihre Rückreise an. Zuweilen machte es sich der junge Jsaak noch etwas bequemer, indem er mit einem von jenem Apotheker erhaltenen Buche von seinem Geburtsorte nach Grantham ausfuhr, und halben Weges schon die Straße verließ, um sich seitwärts in ein.m Gebüsche mit seinem Buche zu unterhalten, während der alte Knecht ruhig weiter fuhr, und Abends, nach geen- digten Geschäften, seinen Zögling wieder an der Stelle aufnahm, wo er ihn am Morgen verlassen hatte. — Nicht viel besser wollten auch alle übrigen Geschäfte des Landlebens unter seinen Händen gedeihen. 416 Brewster, Newton. Es fehlte ihm nicht an gutem Willen, den Wünschen seiner Mutter nachzukommen, aber wohl an Lust und Freude zu diesen Beschäftigungen. Ein Buch, eine Maschine u. dgl. war ihm viel lieber, als alle diese Dinge, und oft sah man ihn sinnend mit verschränkten Armen zwischen seinen Feldern gehend, während die seiner Hut vertraute Heerde sich seitab verirrte, und die Wiese zertrat oder das Getreide verwüstete. Seine Mutter sah bald, daß sie den Jungen zu nichts brauchen könne, aber sie konnte sich, ihrer Armuth wegen, nicht entschließen, ihn studiren zu lassen. Als aber eines Tages ihr Vetter, Ayscough, ein Geistlicher in der Nähe von Woolsthorpe, den jungen Jsaak mit einem mathematischen Buche in der Hand ganz in Gedanken vertieft hinter einer Hecke fand, und nach einigen Fragen sein Talent erkannte, da ließ sie sich bereden, den Knaben nach Cambridge auf die Universität zu schicken, wo Ayscough früher selbst studirt, und für welche Anstalt er immer eine besondere Vorliebe bewahrt hatte. Dieser Augenblick war ein Wendepunkt in Newtons Leben, und er entschied über seine ganze künftige Bestimmung. Für einen jungen, nach Kenntnissen und Auszeichnung dürstenden Mann muß der Uebergang von einer kleinen Landschule zu einer Universität, wie Cambridge, von der Einsamkeit eines Dorfes zu der Gesellschaft hochgebildeter, ausschließend den Wissenschaften lebender Männer, als ein sehr wichtiges Ereigniß betrachtet werden. Die Geschichte erwähnt wohl vieler junger Männer, die mit einer früher erhaltenen guten Erziehung und mit Vorkenntniffen ausgerüstet, diesen Tempel der Wissenschaft betraten, und sich dann durch ihre Arbeiten und Entdeckungen berühmt gemacht hatten. Nicht aber so verhielt eS sich mit Newton. Er hatte beinahe keine von allen den Vorkennt- nissen, die man bei dem Eintritte in jene Akademie von den Jünglingen zu fordern pflegte. Seine Kindheit, seine erste Jugend hatte er in der Dunkelheit des niedern Privatlebens zugebracht, und alle Mittel zur höher« Bildung waren ihm unbekannt geblieben. Er wußte nichts, als was er in der Landschule zu Grantham gehört und was er in den alten Büchern seines Apothekers gelesen hatte. Auch ist, was wir bisher von ihm gesagt haben, alles, was man von seinen Jugendjahrcn zu sagen weiß. Die Welt sollte ihn, wie den Nil, nur groß und stark sehen, ohne je bis zu seinem kleinen Ursprünge hinaufsteigen zu können. Am 5. JunillS des Jahres 1660, im achtzehnten Jahre seines Alters, betrat er das erste Mal daS berühmte Trinity-Collegium zu Brewster, Newton. 417 Cambridge. Er wendete sich hier bald zu den mathematischen Studien, und zwar in der Absicht, die Irrthümer der Astrologie, die zu jenen Zeiten noch mächtige Anhänger hatte, auf diesem Wege z» prüfen. Er soll die Nichtigkeit dieser sogenannten Wissenschaft durch eine geometrische Figur gezeigt haben, die er mit Hülfe zweier Theoreme Euclids construirt hatte. Wie dieß sich auch verhalten mag, er lernte dadurch Euclid kennen, das vorzüglichste geometrische Werk des Alterthums. Aber er beschäftigte sich nicht lange mit dieser Schrift, da sie ihm zu leicht vorkam, und da die Wahrheiten, welche sie enthielt, sich gleichsam, wie er sagte, von selbst verstünden. Ohne weitere Vorbereitung wendete er sich sofort an die Geometrie des Des- cartes, an die Arithmetik des Unendlichen von WalliS und an Keplers Werke, die er sehr eifrig studirte. Man muß es beklägen, daß uns weder die Geschichte, noch die mündliche Tradition nähere Nachrichten über die Arbeiten und den Fortgang New ton'S, während den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Cambridge mitgetheilt hat. Gewiß ist, daß er sich die ersten fünf Jahre, die er daselbst zubrachte, d. h. bis zum Jahre 1665, durch keine wichtige Entdeckung bekannt gemacht hat. Noch im Jahre 1661 war er Subsizer an dieser Universität, d. h. ein den andern aufwartender, sie bedienender Student. Im Jahr 1664 wurde er Scholar, oder ein eigentlicher freier Student. Im Jahr 1665 nahm er den Gradus als BaccalaureuS der freien Künste, und in diesem Jahre war eS auch, wo er sich vorzugsweise mit optischen Untersuchungen zu beschäftigen anfing. Allein schon im Anfange des folgenden Jahres 1666 brach die Pest in Cambridge aus, und er verließ mit den meisten anderen seiner Collegen diese Stadt, um sich auf seinen Geburtsort Woolst- horpe zurück zu ziehen. Nach seiner Zurückkunft im I. 1667 wurde er Illnior kollorv der Universität, und im nächstfolgenden Jahre Aas- tor vl rtrls. Im Jahre 1669 endlich entschloß sich der berühmte Mathematiker Barrow, seine lncianische Professur der Geometrie, Newton zu Liebe, abzugeben, um sich ganz seinen theologischen Spekulationen widmen zu können. Newton erhielt diese Stelle, und mit seinem Antritte derselben begann auch sofort die glänzende Laufbahn der großen Entdeckungen, durch die er seinen Namen für alle Folgezeit unsterblich gemacht hat. Dieser Entvcckungen sind vorzüglich drei, deren erste die Natur Attrow r. 27 418 Brewster, Newton. des Lichtes, die zweite die allgemeine Gravitation, und die dritte die Infinitesimalrechnung betreffen. Nur von der zweiten ist uns der Weg erhalten worden, den sein Geist eingeschlagen hat, um bis zu ihr zu gelangen. Es sey uns erlaubt, die hieher gehörenden, in Brewster's Schrift zerstreuten Notizen in der gehörigen Zeitfolge kürzlich zu sammeln, um dadurch wenigstens die Materialien zur Geschichte der größten und schönsten Entdeckung zu geben, die bisher von dem menschlichen Geiste gemacht worden ist. Sie werden, außer ihrer inneren Wichtigkeit, auch in anthropologischer Beziehung interessant seyn, da sie zeigen, wie langsam diese Idee auch in einem solchen Geiste reifte, obschon ihr mehr als ein Vorgänger vorausging, der den Weg zu diesem Ziele bereits eben und gangbar gemacht, ja der demselben bereits selbst schon so nahe gekommen war, daß nur Ein Schritt zu fehlen schien, um ihm den Kranz zuzuerkennen, den Kranz, der nur den Scheitel desjenigen umstrahlt, der, seiner anderen großen Verdienste unbeschadet, daö Glück hatte, der Letzte 'zu seyn, und sich auf die Schultern seiner Vorfahren stellen zu dürfen. Schon Kepler, der die bekannten drei Gesetze gesunden hatte, denen die Planeten in ihrer Bewegung um die Sonne gehorchen, hatte eine dunkle Ahnung, daß diese drei Gesetze wohl nur der Ausstuß eines einzigen, höheren Gesetzes seyn könnten, und er verwendete noch die letzten Kräfte seines arbeitsamen und kummervollen Lebens zur Aufsuchung desselben. Die Idee entflammte oft seine lebhafte Phantasie, aber der Augenblick schien noch nicht gekommen zu seyn, wo es den Menschen gegönnt seyn sollte, den Schleyer aufzuheben, der daS große Geheimniß der Natur bedeckte. Wie das körperliche Auge des Sterblichen, vor der Entdeckung des Fernrohrs, noch nicht die Wunder des Himmels schauen durste, so konnte auch das geistige Auge desselben jenes tief verborgene Geheimniß nicht vor der Entdeckung jenes geistigen Fernrohrs, wenn ich so sagen darf, nicht vor der Entdeckung der AnalysiS des Unendlichen erblicken, durch die es dem Verstände allein möglich wird, sich bis in jene Höhen zu schwingen. Doch sprach Kepler, durch eine Art von höherem Instinkte, wenn hier dieser Ausdruck erlaubt ist, getrieben, öfter von jenem obersten Gesetze, und selbst von einer Anziehung der Sonne, deren unmittelbarer Ausfluß jenes Gesetz seyn sollte. Er stellte sich diese anziehende Kraft der Sonne als einen kegelförmigen Strahlen- oder Seilenbüschel vor, dessen Spitze in dem Mittelpunkte dieses Centralkörperü liegt, und indem er sie mit dem Ausflüsse der Lichtstrahlen aus einem leuchtenden Brewster, Newton. 419 Punkte verglich, stellte er die Ansicht auf, daß die Größe dieser Kraft analog mit der Beleuchtung oder mit der Dichte der Lichtstrahlen, für verschiedene Entfernungen von dem anziehenden Punkte in dem verkehrten Verhältnisse des Quadrats dieser Entfernungen abnehmen muffe, ein Satz, in welchem eigentlich schon das von Newton entdeckte Gesetz der allgemeinen Gravitation enthalten war. Aber Kep- lcr verfolgte diese seine glückliche Idee nicht, er ließ sie vielmehr wieder fallen, um anderen Einfällen von den platonischen Körpern oder von den Akkorden der musikalischen Töne nachzusagen, in welchen er, durch seine lebhafte Einbildungskraft verführt, gewisse innere Verwandtschaften mit den Bewegungen der himmlischen Körper zu erblicken glaubte. Ein anderer dieser Vorgänger Newton'S war Jsmael Bouil- laud, ein Arzt aus Lyon, der in seiner ^stronomia plulolsieri (?sris 1645) umständlich von dieser Kraft der Sonne spricht, durch welche sie die Planeten in ihren Bahnen um sich führt, und der von ihr ausdrücklich sagt, daß sie, wenn sie in der That vorhanden ist, verkehrt wie das Quadrat der Entfernung sich verhalten müsse. Allein da er diese sinnreiche Idee keiner eigentlichen Berechnung unterwarf, und wohl auch nicht unterwerfen konnte, so blieb sie unfruchtbar und hatte keine weitere Folgen. — Nicht weniger deutlich drückte dieselbe Ansicht Borelli aus, in seiner Theorie der Jupiterssatelliten, die im I. 1666 zu Florenz erschien, und in welcher er mit den bestimmtesten Ausdrücken von der anziehenden Kraft der Sonne auf die Planeten, und von jener der Planeten auf ihre Monde spricht. Noch näher endlich kommt der Sache der talentvolle Robert Hooke, der auch später unserm Newton diese Entdeckung streitig machen und für sich vindiziren wollte. Schon im März des JahreS 1666 laS er der k. Societät einen Bericht über Experimente vor, die er gemacht hatte, um zu bestimmen, ob die Körper in verschiedenen Entfernungen von dem Mittelpunkte der Erde eine Aenderung ihres Gewichtes erleiden, wie er denn auch noch in demselben Jahre die schöne und scharfsinnige Idee hatte, die Bewegungen des Pendels zur Messung der Verschiedenheit der Schweren anzuwenden. In einer später, im I. 1674 erschienenen Schrift nimmt er alle diese Gedanken wieder vor, und spricht darin von der Anziehung der himmlischen Körper auf eine Weise, die deutlich zeigt, wie viel er darüber nachgedacht habe, und wie nahe er jener glänzenden Entdeckung gekommen sey. Delambre behauptet zwar in seiner -dstron. üu üix-Iiuiliems sieclo, daß alle in 27* 420 Brewster, Newton. dieser Schrift ausgedrückten Ideen schon in Keplcr's Werken stünden ; allein wer beide aus Autopsie näher kennt, wird diese Aeußerung als ganz grundlos von sich weisen müssen. — Endlich hatte auch der talentvolle Huyghens, der sich ebenfalls um die Mitte des sieben- zehnten Jahrhunderts mit diesen Gegenständen beschäftigte, sehr scharfsinnige Gedanken über die Bewegungen der Körper in krummen Linien, besonders in Kreisen, um einen sie anziehenden Centralpunkt geäußert, die, wie man später bemerkte, nur einige leise Modifikationen bedurft hätten, um aus ihnen daS Gesetz der allgemeinen Schwere in feiner ganzen Vollständigkeit abzuleiten. Um dieselbe Zeit hatten auch Halley »nd Wren ihre Ideen über diesen Gegenstand mitgetheilt und gezeigt, wie nahe sie an die Entdeckung der großen Wahrheit gelangt waren. Auf diese Weise gährte gleichsam diese Idee schon seit einem Jahrhunderte in allen besseren Köpfen. Sie fühlten die Nähe einer neuen großen Wahrheit, ohne sie noch übersehen oder erfassen zu können. Eine allgemeine Aufregung ging der Entdeckung voraus, und jeder versuchte seine besten Kräfte an dem Probleme, dessen Auflösung so viele Reize und so viele Schwierigkeiten darbot. Eine Art von Vorahnung ließ sie die endliche, die nahe Ablösung des Felsenstückes erwarten, das so lange über ihnen hing, und jeder suchte, je nach seinem Vermögen, zu dieser Ablösung, zu der Untergrabung desselben beizutragen, bis endlich, nachdem alle Vorgänger ihr Werk vollendet hatten, der Letzte, Glücklichste hinzutrat, und den so lange drohenden Felsen mit einem einzigen Drucke seiner Hand von dem Gebirge löste und in den Abgrund stürzte. — Wenn uns die Geschichten aller wichtigen Entdeckungen eben so genau bekannt wären, so würden wir wahrscheinlich in ihnen ähnliche Ereignisse wieder kommen sehen, und daraus die nützliche, wenn auch zugleich demüthigende Belehrung schöpfen, daß es dem menschlichen Geiste nicht gegönnt ist, sich ohne Kampf und Mühe dem höchsten Gute, das ihm hienieden geboten werden kann, der Wahrheit zu nähern. Es war, wie bereits oben erwähnt worden ist, im Jahre 1666, als Newton einer verheerenden Krankheit wegen Cambridge verlassen, und sich auf seinen Geburtsort zurückgezogen hatte. Als er eines TageS daselbst in seinem Garten saß, siel vor ihm ein Apfel vom Baume. Dieses geringfügige Ereigniß erregte seine Aufmerksamkeit und gab ihm Gelegenheit, nachzuforschen, warum alle Körper, wenn sie ihrer Unterstützung beraubt werden, zur Erde fallen. Er Bremsten, Newton. 421 glaubte, die Ursache dieser Erscheinung in einer anziehenden Kraft der Erde, deren Sitz in dem Mittelpunkte derselben sei, suchen zu muffen. Er wußte bereits aus anderen Erfahrungen, daß die Körper unserer Erde auf den höchsten Bergen sowohl, als auch in den tiefsten Schachten, in die wir noch gelangen können, nahe gleich schnell fallen, und er schloß daraus, daß diese Kraft der Erde, wenn sie in der That eristirt, sehr stark und daher selbst noch in größeren Entfernungen von dem Mittelpunkte derselben fühlbar seyn müsse. Dadurch wurde er auf die Idee geleitet, daß vielleicht selbst der Mond noch unter der Einwirkung dieser Kraft stehe, und daß er seine Bahn um die Erde bloß darum in federn Monate zurücklege, weil dieselbe Kraft ihn in seinem Kreise zur Erde fallen macht, welche auf der Oberstäche der Erde auch den fallenden Stein zu ihr herabzieht. Dieß näher zu untersuchen, setzte er zuerst die oben bereits erwähnte Ansicht von Kepler, daß Liese Kraft sich verkehrt, wie daS Quadrat der Entfernung verhält, als richtig voraus (wie er dieß später in einem Bnefe an Halley vom 14. Juli 16b6 selbst gesteht). Ferner suchte er aus der bekannten Entfernung des MondcS von dem Mittelpunkte der Erde, oder aus dem Halbmesser seiner kreisförmigen Bahn, und aus der ebenfalls bekannten UmlausSzeit desselben die Größe, um welche dieser Himmelskörper, während einer Sekunde, sich der Erde nähert. Diese Größe mußte mit dem ebenfalls bekannten Raume, durch welchen die Körper auf der Oberfläche der Erde in der ersten Sekunde fallen, in demjenigen Verhältnisse stehen, welche ihnen durch das erwähnte Gesetz KeplerS von der Abnahme der Kraft der Erde angewiesen war, so daß, wenn er dieses Verhältniß bestätiget fand, dadurch auch zugleich seine Vermuthung bestätigt wurde, daß die Kraft, welche den Stein auf der Erde fallen macht, und die, welche den Mond, in seiner Bahn um die Erde treibt, nur eine und dieselbe Kraft ist. Um diese Identität durch Rechnung zu entscheiden, mußte er zuerst den Halbmesser der Erde in Schuhen ausgedrückt kennen. Da er aber keine Bücher zur Hand hatte, so nahm er die damals bei den Geographen und Seefahrern gewöhnliche Schätzung an, daß der Meridiangrad der Erde 60 englische oder nahe 12 deutsche Meilen betrage (da er doch eigentlich nahe 3 deutsche Meilen größer ist). Mit dieser fehlerhaften Voraussetzung fand er den Fall des MondcS gegen die Erde nahe um den sechsten Theil größer, als er in der That ist, und diese Differenz warf einen so starken Zweifel auf seine frühere Ver- Brewster, Newton. 422 mirthung von der Identität jener beiden Kräfte, daß er sofort die ganze Untersuchung, als eine grundlose Spekulation, fallen ließ, und daß er den sonderbaren Einfall, dem er einige Augenblicke nachgegangen war, sogar von seinen Freunden, wie er später selbst gestand, sorgfältig zu verbergen suchte, um sich nicht ihren Verwunderungen auszusetzen. Ohne übrigens diese Idee, welche ihm anfangs so viel zu versprechen schien, ganz aufzugeben, gerieth er auf den Abweg, nebst jener Kraft der Erde noch andere, bisher unbekannte Kräfte auf den Mond wirken zu lassen, die vielleicht mit den damals so allgemein angenommenen Wirbeln des DeücarteS Ähnlichkeit haben sollten. Da aber Kräfte solcher Art sich keiner eigentlichen Berechnung unterwerfen ließen/so konnte er auch den Gegenstand nicht weiter verfolgen. Als er im Jahre 1667, nachdem die Krankheit ihr Ende erreicht hatte, wieder nach Cambridge zurückkam, beschäftigte er sich ausschließend mit denjenigen optischen Versuchen und Entdeckungen, die späterhin so berühmt, und in unsern Tagen bereits so bekannt geworden sind, daß wir uns hier nicht länger dabei aufhalten dürfen. Volle zwölf Jahre später erhielt er ein Schreiben des oben erwähnten Sekretärs der k. Societät, Hooke, in welchem er aufgefordert wurde, seine Ansicht über ein beiliegendes astronomisches Werk mitzutheilen. Newton that dieses in seiner Antwort vom 28. Nov. >679, und sprach in diesem Briefe gleichsam zufällig von einem Mittel, das ihm eben eingefallen sey, wodurch man die tägliche Rotation der Erde um ihre Are durch eine unmittelbare Beobachtung beweisen könnte. Zu diesem Zwecke wollte er kleine und sehr dichte Körper, z. B. Kugeln von Blei, von einer beträchtlichen Hohe, etwa von der Spitze eines Thurmes, zur Erde fallen lassen. Wenn die Erde keine Rotation hat, so wird, sagt er, der Stein in senkrechter Linie zur Erde fallen, da er im Gegentheile, wenn die Erde sich in der That von West gegen Ost dreht, auch östlich von dem Fuße des Thurmes zur Erde gelangen wird. Hooke theilte diese sinnreiche Idee der k. Societät mit, und diese setzte einen so großen Werth darauf, daß sie Hooke. der als ein sehr geschickter Beobachter bekannt war, den Auftrag ertheilte, den Vorschlag sofort praktisch auszuführen. Dieser bemerkte bald, indem er die Sache näher untersuchte, daß Newton'S Ansicht nicht ganz richtig ist, und daß der Stein, wenn die Erde gegen Ost rotirt, nicht bloß gegen Ost, sondern auch, obschon allerdings viel weniger, gegen Süd fallen, so daß er also eigentlich eine südöstliche Abwei- Brewster, Newton. 423 chung von dem Thurme haben würde. Er theilte seine Meinung Newton mit, und dieser erkannte sofort die Richtigkeit jener Bemerkung. Da er aber nicht gewohnt war, sich einer Uebereilnng oder eines Fehlers in seinen Rechnungen zeihen zu lassen, so nahm er den Gegenstand noch einmal vor, und suchte zugleich die krumme Linie zn bestimmen, welche der herabfallende Stein in der Lust beschreiben müsse. Er fand, daß diese krumme Linie eine Spirale seyn müsse, und theilte dieses in seiner Antwort an Hooke, wo er seine erste Bemerkung als irrig anerkannte, mit. Allein Hooke fand auch in diesem Resultate der späteren Rechnungen Newton'S noch einiges auszusetzen, und schrieb ihm zurück, daß, nach seinen Untersuchungen jene krumme Linie keine Spirale, sondern eine Ellipse seyn müsse, und daß überhaupt die Bahn eines Körpers immer eine Ellipse ist, wenn die ihn anziehende Kraft, wie hier die der Erde, sich verkehrt wie daS Quadrat der Entfernung verhält. Newton scheint auch die Richtigkeit dieser zweiten Verbesserung anerkannt zn haben, odschon er nicht weiter darauf antwortete. Denn er gestand selbst später in einem Briefe vom 27. Juli 1686 an Halley, daß er durch diese Bemerkung HookeS auf seine Entdeckung geführt worden sei, nach welcher jeder Körper, der von einer solchen Kraft getrieben werde, sich in einer krummen Linie der zweiten Ordnung bewege, in deren einem Brennpunkte der Sitz dieser Kraft ist. Aber odschon Newton dadurch eigentlich in den Besitz deö so lange gesuchten GesetzeS der allgemeinen Schwere gekommen war, so wagte er es doch nicht, seine Entdeckung bekannt zu machen, weil er die Richtigkeit desselben noch nicht auf die Bewegung der Planeten anwenden und sie gleichsam praktisch nachweisen konnte. Er hielt das Ganze für die sinnreiche Auflösung einer interessanten Aufgabe, die aber bisher bloß in daS Feld der Theorie gehört, und außer demselben in der Natur keine weitere Anwendung findet. DaS Mißlingen jener ersten, vor zwanzig Jahren angestellten Versuche, die äußere Wahrheit dieser und ähnlicher Sätze in der Natur selbst nachzuweisen, hatte ihn vorsichtig und schüchtern gemacht, hatte in ihm Zweifel und Unsicherheit über alle solche Spekulationen erregt, und hatte ihn endlich abgehalten, diesen Gegenständen selbst diejenige weitere Aufmerksamkeit zu widmen, die sie in einem so hohen Grade verdienten. Wieder drei Jahre später wurde er durch einen Zufall besonderer Art auf denselben Weg zurückgeführt. Es war im JuniuS 1682, also volle sechzehn Jahre nach seinem ersten Versuche in dem Garten 424 Brewster, Newton. seines HauseS, daß er in dem Saale der k. Societät in London auf die für diesen Tag angesagte Versammlung der übrigen Mitglieder wartete. Die früher Ankommenden sprachen unter andern auch von einer neuen Erd- messung, die ein gewisser, damals noch wenig bekannter Picard i. I. 1679 in Frankreich ausgeführt haben sollte, und man zeigte auch einen Brief vor^ in welchem die Resultate dieser Vermessung kürzlich mitgetheilt waren. Newton nahm mit der Bleifeder eine Abschrift der vorzüglichsten Zahlen dieses BriefeS, die er zu sich steckte und dann den Vortragen der Akademie ruhig zuhörte. Eist gegen das Ende derselben siel es ihm ein, daß diese neuen Messungen PicardS beträchtlich verschieden von denen sind, welche er vor so vielen Jahren seinen ersten Berechnungen zu Grunde gelegt habe. In der That hatte Picard den Meridiangrad der Erde nahe gleich 72 englischen Meilen, also um den sechsten Theil größer gefunden, als Newton damals angenommen hatte. Zugleich erinnerte er sich, daß er damals sein Resultat für den Fall des MondcS in einer Sikunde auch nahe um den sechsten Theil anders gesunden hatte, als er hätte finden sollen, wenn seine damalige Voraussetzung die richtige gewesen wäre. Dieses sonderbare Zusammentr,ffen machte ihn aufmerksam, eine große Unruhe bemächtigte sich seines ganzen Wesens, und er konnte kaum den Schluß der akademischen Vorlesungen abwarten, um die Sache näher zu untersuchen. Sie waren nur eben geendet, als er nach Hause und an seinen Tisch eilte. Schon die ersten Rechnungen zeigten ihm die Annäherung der so lange gesuchten, so sehnlich gewünschten Wahrheit. Er bebte vor Verlangen, sie ganz zu erfassen. Aber in dem Vorgefühle, daß er an der Schwelle der großen Entdeckung stehe, ergriff ihn ein heftiges Zittern der Nerven, und er war außer Stande, die begonnene Rechnung zu vollenden. Einer seiner Freunde, der eben zu ihm kam, endete sie auf seine Bitte, und er siel ihm, trunken vor Freude, in die Arme. ES ist schwer, es ist vielleicht unmöglich, den Eindruck zn schildern, der ein solches Resultat auf einen Geist solcher Art hervorbringen mußte. — Mit eins war der dichte Schleier zerrissen, der so lange die ganze Natur bedeckte, und daS ganze Universum stand nun klar und offen vor seinem Blicke. Mit welchem Danke würden wir es anerkennen, wenn eö unserem Verfasser gefällig oder möglich gewesen wäre, uns auch die Geschichte der beiden anderen großen Entdeckungen Newtons auf eine Brewster, Newton. 425 ähnliche Art mitzutheilen. Zwar gibt er uns beide mit großer Umständlichkeit und selbst viel redseliger, als die eben erwähnte; aber eS ist nicht die Geschichte der Entdeckung, die er gibt, sondern nur der Inhalt, oder wenn man lieber will, der Gehalt derselben, und dieser ist eS nicht, den wir hier gesucht haben würden. Allerdings ist die Geschichte eines Mannes dieser Art nur die Geschichte seiner Thaten, aber wir wollen nicht sowohl diese Thaten selbst, als die Wege kennen, auf welchen er dazu gekommen ist, und das ist eS, was Brewster uns zu wünschen übrig gelassen hat. Die optischen Entdeckungen Newtons werden in der gegenwärtigen Schrift durch acht volle Kapitel ober durch mehr als hundert Seiten mit einer Umständlichkeit behandelt, die alles Andere in den Hintergrund stellt und die deutlich zeigt, daß der Verfasser sich von seinem LieblingSgegenstande hinreißen ließ, und uns, statt mit der Biographie Newtons, mit einem Lehrbuche über die Optik Newtons beschränkte. Zwar nehmen wir auch dieses mit Dank an, da es, wie von einem so ausgezeichneten Optiker zu erwarten war, die Hand dcS Meisters nicht verkennen läßt: nur hätten wir eö nicht eben an diesem Orte erwartet. Hier wird eS erlaubt seyn, einige Punkte dieser Darstellung kurz zu erwähnen, die bisher entweder noch ganz unbekannt oder unrichtig dargestellt waren, und von denen manche auch als Beiträge zur Charakteristik des großen Mannes und seiner Zeit angesehen werden können. Die drei erwähnten Entdeckungen waren eS nicht, die seinem Namen die frühe Berühmtheit gaben, dse ihn so sehr vor andern Gelehrten ausgezeichnet hat. Diese Entdeckungen, etwa die optische ausgenommen, waren alle der Art, daß sie nur von sehr wenigen verstanden und von noch weniger« nach ihrem ganzen Werthe gcwürdigct werden konnten, wie dieß z. B. die äußerst langsame Aufnahme feines größten Werkes, der Principien, zeigt. Jene Berühmtheit verdankte er vielmehr seinem ersten Spiegelteleskope von nur sechs Zoll Focal- länge, das nicht nur in der k. Societät mit vielem Prunke aufgenommen, sondern auch dem Könige selbst vorgezeigt, und endlich in der Bibliothek der Akademie zum immerwährenden Andenken seines Erfinders aufbewahrt wurde. Es war das erste Spiegelteleskop, das se verfertiget worden ist, und Newton hatte es, wie die Unterschrist desselben besagt, mit eigener Hand vollendet. Eben so verdankte Herschel seinen großen Namen weder seiner Entdeckung des Uranus, noch seinen andern zahllosen Bemühungen um den gestirnten Himmel, 426 Brewster, Newton. sondern bloß seinen von ihm verfertigten Spiegelteleskopen, die bald in alle Sternwarten und selbst in die Kabinette der Großen eingeführt wurden. Solche Dinge lasten sich besser übersehen und leichter durchsehen, als die mathematischen Principien von Newton, oder die Mechanik des Himmels von Laplace, daher sie auch mehr geeignet sind, den größeren Haufen zu fesseln und die Bewunderung derer anzuregen, die in der menschlichen Gesellschaft, mit Recht oder Unrecht, den Ton anzugeben pflegen. Newton gab sich in seinen spätern Jahren noch viele Mühe, Glasspiegel statt denen von Metall bei seinen Teleskopen anzuwenden, man sieht aber nicht, daß der Erfolg mit diesen Versuchen glücklich gewesen wäre, obschon er mit Gewißheit darauf zu rechnen schien. Erst im Jahre 1730 machte sich der berühmte Optiker JameS Short wieder an diesen Gegenstand, fand aber auch viele schwer zu beseitigende Hindernisse. In unseren Tagen, gegen daS Jahr 1822, nahm Airy in Cambridge die Sache mit einem etwas bessern Erfolge auf, konnte aber doch nicht ganz durchdringen. Von den eigentlichen Teleskopen mit Spiegeln von Metall waren die zwei kleinern, welche Newton selbst verfertiget hatte, gegen fünfzig Jahre die einzigen, die eristirten, da kein Künstler den Muth hatte, sich an diesen Gegenstand zu wagen. John Hadlcy war im Jahre 1720 der erste, der ein solches Telescop von fünf Fuß Focallänge verfertigte, welches sehr gut gewesen seyn und den großen Refraktor Huyghens von 123 Fuß noch übertreffen haben soll. Dradley und Molyneur folgten ihm nach, aber erst Scarlet und Hearne brachten es dahin, daß die Vollendung dieser Instrumente sicheren Regeln unterworfen werden, und daß sie nun nicht mehr das Eigenthum einiger wenigen, sondern als Gemeingut oder als Handelsartikel in den Gewölben der Optiker aufgestellt werden konnten. Nach ihnen brachte es der oben erwähnte James Short in Verfertigung großer Telescope am weitesten, aber alle wurden von Herschel verdunkelt, der seine Teleskope in alle Länder schickte, und dadurch seinen Namen mit einer Schnelligkeit berühmt machte, wie man es sonst nur bei Königen und Feldherren zu sehen gewohnt ist. Herschel verfertigte in allem 200 Spiegel von sieben Fuß, 150 von zehn und 80 von zwanzig Fuß Focallänge. Im Jahre 1781, in welchem er auch den Uranus entdeckte, begann er an seinem Reflektor von 30 Fuß zu arbeiten, der einen Spiegel von 36 Zoll Durchmesser hat, und unter dem freigebigen Schutze Georgs III. brachte er i. I. 1789 sein Riesentelescop von 40 Fuß Focallänge und Brewster, Newton. 427 einen Spiegel von 49'/^ Zoll im Diameter zu Stande. Auch wußte er die von ihm verfertigten Instrumente bester, als irgend ein Optiker, oder selbst als irgend ein Astronom, auf den Himmel anzuwenden. So stieg er in wenig Jahren von den untersten Stufen deS gesellschaftlichen Lebens, von dem Mitgliede einer militärischen Musikbande bis zu der Höhe seines NamenS, auf welcher er unS nun so ruhmvoll erscheint, wie die großen Männer und Helden des Alterthums, und so unsterblich, wie die Gegenstände deö Himmels selbst, auf welchen er sein Denkmal mit eigener Hand in Flammcnzügen eingetragen hat. Her- schel hatte bereits die Mitte seiner Lebensbahn erreicht, ehe er den Weg seiner Entdeckungen betrat, und es war erst am Abend seiner Tage, daß er die reiche Ernte seines Ruhmes einsammelte. Diesen schönen PanegyricuS auf Herschel hat der deutsche Uebersetzer sehr gut in unsere Sprache übertragen. Aber warum hat er den Schluß BrewsterS ausgelassen? Er enthält eine Berglcichung jener und unserer Zeiten, die hier nicht fehlen sollte. „Die hohe Fluth der Wissenschaft und der Erkenntniß, so schließt der Verfasser seine Apostrophe, die sich in jener glücklichen Zeit über unsern Welttheil ergoß, rollte noch manche Jahre nach dem Hintritte deS großen Mannes ihre Wogen über das Festland Europas hin, und als sie, in England wenigstens, wieder zur Ebbe herabsank, fand sich nur eine einzige Barke auf dem verlassenen Strande, die des alten Deu- calions der Sternkunde, dessen Geist so lange und so glorreich über den Wassern geschwebt hatte." —- Nachdem der Verfasser dann noch kurz die Bemühungen einiger Spätlinge erwähnt hatte, die im ungleichen Kampfe mit dem Schicksale deö Landes seinen Verfall auszuhalten suchen, setzte er hinzu: llul wüst nvails tbo enttiousissm snä tke olkvrls ok inüiviüusl minüs in tkn intsllectusl riralr^ ok nstions? VVKen tks prouä soienoo ok LnZIsnü pinos in odscurit^, Wgliloä lke absenso ok tlie ro^al kavour snä ok tbo ns!ion's sv'mpotli^ — vellon ils ckivalr^ ksll uinvept anä unlionoureü — bmv osn it suslsin tks conllict sZsinst llio bonouroä gnä inarsbsllsä genius ok koroixn lanüs? Diese Stelle übersetzte Goldberg getreu und Brandes fügte ihr eine eigene Anmerkung bei, welche die Ursache dieses Verfalls der Wissenschaften in England in dem Krämergciste der Einwohner sucht, und welche das, was der Verfasser von andern Ländern sagt, auch von den unseren, als bereits ausgemacht, voraussetzt. UebrigenS hängt diese Aeußerung mit der Geschichte der zwei Parteien zusammen, die sich seit mehreren Jahren zwischen den Gelehrten Eng- 428 Brewster, Newton. landS gebildet haben, und Brewster steht bekanntlich auf der Seite derjenigen, für deren Verfechter sich Babbage in seinem letzthin herausgegebenen Werke, über den Verfall der Wissenschaften in England, erklären wollte, eine Seite, die wohl die besseren Köpfe unter sich zählt, aber doch nur die Minderzahl ausmacht und daher wahrscheinlich nicht siegen wird, weil hier auch materielle Rücksichten, die dort oft ein sehr großes Gewicht haben, mit im Spiele sind. Da man die Menschen immer am besten kennen lernt, wenn man sie in aufgeregten oder leidenschaftlichen Zuständen beobachtet, wo sie selbst weniger auf sich Acht haben und ihrem natürlichen Hange nachgeben, so wollen wir noch sehen, wie Newton sich gegen diejenigen benahm, die sich, in wissenschaftlicher Beziehung, als seine Gegner erklärten. Seine optischen Entdeckungen bekämpfte zuerst der Jesuit Jgnaz PardieS aus Clermont, nicht ohne die gewöhnlichen Fechterkünste dabei anzuwenden; dann Linus, ein Arzt aus Lüttich, der schon früher einen sehr kläglichen Aufsatz über die Erscheinungen des Regenbogens in die ?>iilo8 Irsnssctlons v. I. 1674 eingerückt hatte, aus dem hervorging, daß eS ihm an mathematischem Talente und an Urtheilökraft fehlte; ferner GaScoigne und ein gewisser LucaS, lauter unbekannte Namen, mit denen Newton ein leichtes Spiel hatte. Er hatte die Langmvth, einen nach dem andern weitläufig zu widerlegen, und auf ihre wiederholten Einwürfe so umständlich zu antworten, daß seine Freunde die Geduld bewunderten, die er bei diesem für ihn eben so geistlosen als zeitraubenden Geschäfte zu äußern nicht müde wurde. Aber bald darauf erhoben, sich andere Gegner, deren Meinung für ihn nicht nur von größerem Gewichte seyn mußte, sondern die ihn auch noch durch die Art ihres Widerspruches in seinem Innersten verwundeten. Unter ihnen war vorzüglich der oben erwähnte Hooke sehr thätig, ein Mann voll Talent und Gelehrsamkeit, aber unstät in allen seinen Unternehmungen. Seine vielen und schönen Entdeckungen ließen ihm keine Zeit, irgend eine seiner sinnreichen Ideen lange und bis zu ihrer Reife zu verfolgen. Ueberdies hatte er sich seit mehreren Jahren mit denselben Gegenständen, die Newton zu seinen besonderen Untersuchungen wählte, gleichfalls vorzugsweise beschäftigt, und es konnte daher nicht leicht fehlen, daß beide sich öfter auf demselben Wege begegneten. Vielleicht wäre er, wenn ihm die Natur mehr Ausdauer verliehen hätte, bestimmt gewesen, den Thron der Geister zu besteigen, den nun sein Gegner einzunehmen im Begriff stand. Auch mußte eö ihm unange» Brewster, Newton- 429 nehm seyn, einen andern, wenigstens in der Meinung der Welt, allein ernten zu sehen, wo er doch mit gesät hatte, auf einem Felde ernten zu sehen, dessen Boden er selbst so lange und so emsig bebaut hatte. Welches Recht aber auch Hooke als Mitarbeiter Newtons gehabt haben mag, ein Recht, daö setzt schwer zu entscheiden seyn möchte: die Art, mit welcher er cS zu vinkiziren suchte, kann nicht gelobt werden, da sie von Selbstgefälligkeit, von Anmaßung und selbst von leidenschaftlichen Ausdrücken nicht frei blieb. Seine Einwürfe gegen die optische Theorie Newtons beantwortete der letztere mit männlicher Festigkeit, und Hooke that, was er vielleicht gleich anfangs hätte thun sollen — er schwieg und beantwortete die Schrift Newtons mit keinem Worte. Er begnügte sich, der königlichen Societät seine neuesten Beobachtungen an den Farben der Seifenblasen und der Metallblättchen vorzulegen, ohne seiner Differenzen mit Newton weiter zu erwähnen. Nicht so handelte er bei der Erscheinung der Prinzipien Newtons, wo es sich um die Entdeckung des Gesetzes der allgemeinen Schwere handelte. Dieses Werk, vielleicht das größte, das se der menschliche Geist hervorgebracht hat, wurde am 28. April 1686 der königlichen Societät vorgelegt, in welcher eben John HoSkinS, ein besonderer Freund HookeS, den Vorsitz führte. Die Akademie nahm eS mit den größten Lobeserhebungen auf und mehrere Mitglieder äußerten die Meinung, daß Newton diese Untersuchungen so weit fortgeführt hätte, daß durchaus nichts mehr zu wünschen übrig sey, worauf HoSkinS erwiederte, daß er das Verdienst Newtons für um so größer achte, da die von ihm erfundenen Methoden zu gleicher Zeit entdeckt und auch vollkommen ausgeführt worden seyen. Durch diese Aeußerung fand sich Hooke beleidigt und tadelte offen den Vicepräsidenten, daß er nicht zugleich erwähne, was Er (Hooke) ihm schon früher entdeckt habe. HoSkinS aber schien sich solcher Mittheilungen nicht mehr zu erinnern, und die Folge davon war, daß diese beiden Männer, welche bis dahin für unzertrennliche Freunde gegolten hatten, sich seitdem nie mehr gesehen haben und endlich gänzlich zerfallen sind. Nach geendigter Sitzung verfügte sich die Gesellschaft, der damaligen Sitte gemäß, in das benachbarte Kaffeehaus, und hier behauptete Hooke ohne weitere Zurückhaltung, daß er selbst nicht bloß schon längst dieselben Entdeckungen gemacht, sondern daß er auch Newton die ersten Winke dazu gegeben habe. Von diesen Reden theilte Halley an Newton eine Nachricht, übrigens in sehr schonenden und gemäßigten Ausdrücken, mit. Newton beantwortete 430 Brewster, Newton. sie sofort in einem weitläufigen Schreiben, wo er sich bemühte, die Ansprüche seines Gegners ebenfalls mit Ruhe zu widerlegen. Dieses Schreiben war noch nicht abgesendet, als eine zweite Nachricht eines andern Freundes anlangte, in welchem gesagt wurde, daß Hooke immer mehr Lärm mache und behauptete, daß Newton alles von ihm habe, und daß er wünsche, man möchte ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Diese Nachricht störte die Geduld Newtons gewaltig; er öffnete das frühere Schreiben an Halley und setzte demselben noch eine mit Hitze verfaßte Nachschrift bei, in welcher er seinen Gegner mit wenig Umständen behandelt, und so weit geht, zu sagen, Hooke möchte wohl die Kenntnisse jener Entdeckungen aus einem Briefe Newtons an HuyghenS genommen haben, der, wie er wußte, in HookeS Hände gekommen ist, „und so mag denn auch das, waS Hooke später über diese Dinge schrieb, wohl nichts anderes als eine Frucht aus meinem eignen Garten seyn." Als Halley dieses Schreiben gelesen hatte, suchte er Newton zu beruhigen, indem er ihm antwortete, daß man ihm HookeS Betragen mit viel zu schwarzen Farben dargestellt habe, und daß er keineöwegeS so große Ansprüche auf jene Entdeckungen mache, als man ihm fälschlich vorgestellt habe, bloß um, wie eS schien, beide Männer zu entzweien. Die Folge dieser Vorstellungen war, daß Newton in seiner Antwort an Halley sein Bedauern ausdrückte, jene Nachschrift nicht zurückgehalten zu haben, daß er selbst verschiedene neue Ansichten anführte, die er aus HookeS Corrrespon- denz geschöpft habe, und daß er, um diesen Streit zu enden, den Vorschlag machte, in der bevorstehenden Herausgabe seiner Principien, die Halley zu besorgen übernommen hatte, jener Vorarbeiten Wren'S, Halley'ü und Hooke'S in einer eigenen Note zu gedenken. Man findet dieses Scholion im I. Buch, IV. Prop. VI. Coroll. der Principien. Diese Beilegung des gelehrten Streites machte ohne Zweifel Newtons BilligkeitSgesühl Ehre, obschon es zugleich zeigt, daß er sehr reizbar war und keineswegs die hohe Ruhe besaß, welche seine Anhänger als einen bezeichnenden Zug seines Charakters geltend zu machen suchten, zu einer Zeit, wo er es für gut hielt, sich im Hintergründe zu halten und nicht nur seine Freunde, sondern auch die ganze k. Societät, deren Präsident er war, für sich reden und handeln zu lassen. Uebrigens war der Reichthum neuer Wahrheiten, die er entdeckt und in seinen Principien sowohl, als auch in seiner Optik niedergelegt hatte, so groß, und bei weitem der größte Theil der- Brewster, Newton. 431 selben, so allgemein als sein ausschließendes Eigenthum anerkannt, daß nicht eben eine so außerordentliche Geistesstärke und Selbstverläugnung nöthig war, einige Kleinigkeiten oder bloß allgemein und unbestimmt ausgedrückte Ideen Andern zu überlassen. Sie Schwingen des mächtigen AarS waren so groß und so reich mit Federn besetzt, daß er den Verlust einiger wenigen ohne Schmerzen entbehren konnte, und so ein trefflicher Kopf auch Hooke ohne Zweifel war, so stand er doch in allen seinen, besonders in den eigentlich mathematischen Leistungen noch viel zu weit hinter Newton, und die Supcriorität des letztem wurde so allgemein anerkannt, daß die Billigkeit, welche derselbe gegen Hooke äußerte, ihm nicht nur nicht schaden, sondern wohl noch als Mäßigung und Condescendenz angerechnet werden konnte. Um ihn daher näher kennen zu lernen, müssen wir ihn in seinen Streitigkeiten mit ebenbürtigen Kämpfern betrachten, und da erscheint er nicht immer als der billige, seine eigenen Verdienste gleichgültig betrachtende, einer hohen, leidenschaftlosen Ruhe sich hingebende Mann, den seine Freunde in ihm so oft gesehen und so gern geschildert haben. ES wird uns erlaubt seyn, hier unsere Meinung, unsere Ueberzeugung auszusprechen, und sie mit denjenigen Thatsachen zu belegen, von welchen wir glauben, daß sie dieser Ueberzeugung gemäß sind. Wir sind weit entfernt, den großen und seltenen Mann und die wissenschaftlichen Verdienste desselben in einem minder günstigen Lichte darstellen zu wollen; aber wir möchten, indem wir die höchste Achtung gegen die letztem unbedingt auSsprechen, den ersten doch immer noch für einen Menschen halten, der, als solcher, nicht frei von Schwächen und Leidenschaften seyn konnte. Unser Verfasser geht darin, wie unS däucht, viel zu weit, da er durchaus nichts von dem, waS doch zu allen Zeiten und bei allen Völkern den Menschen charakterisirt, bei seinem Ideale zugeben will, und die Verehrung desselben oft bis zur Abgötterei treibt. Ich wünschte vielmehr, daß die Schwachheiten aller großen Männer öffentlich und allgemein bekannt gemacht würden, ja ich würde dieß sogar, wenn ich eS im Stande wäre, für eine Pflicht halten, da man tausend kleinere damit aufrichtet, ohne jenen dadurch im mindesten zu schaden. Unter denjenigen, die Newtons Theorie deö Lichtes bestricken, war auch der berühmte Christian Huyghens, einer der erste» Mathematiker und Naturforscher seiner und vielleicht aller Zeiten. Da er ein Anhänger, oder vielmehr, da er der Begründer des sogenannten UndulationösystemS war, während Newton sich für die Ema- 432 Brewster, Newton. nation des Lichtes erklärte, so sah er mehrere Stellen in Newtons Optik, vielleicht auch wieder durch die Brille der Eigenliebe, als gegen ihn gerichtet an, und hielt es daher für nothwendig, dagegen öffentlich aufzutreten. Newton ging nur mit Widerwillen in den neuen Streit, da er den Verdruß des unmittelbar vorhergehenden noch nicht ganz verschmerzt hatte. Doch ließ ihm die hohe Achtung, die er für seinen neuen Gegner hatte, die ihm gemachten Einwürfe, wie es scheint, nur mit gehaltener Ruhe und ohne alle Leidenschaftlichkeit beantworten. Allein eben diese Ruhe hielt HuyghenS für affektirt und legte ihr eine Folie von Stolz oder Selbstbewußtseyn unter, daher er denn auch in seiner Antwort sagte, daß Newton sich „nicht ohne Wärme" vertheidige. Dieser Ausdruck mißfiel Newton und er konnte sich nicht enthalten, in seiner Replik darauf anzuspielen und zu bemerken: „daß es ihm in der That verdrießlich sey, Einwürfe zu beantworten, die er schon längst widerlegt habe, ohne daß man, so viel er wisse, etwas Erhebliches dagegen hätte vorbringen können." — Es ist möglich, daß HuyghenS, wie Brewster glaubt, mit seinen Einwürfen gegen Newton etwas rasch verfahren ist. Aber Newton spielte darauf dieselbe Rolle und auf eine noch ganz andere Weise gegen HuyghenS. Denn als der letzte seine schöne und höchst sinnreiche Theorie der doppelten Brechung in dem isländischen Krystalle bekannt machte, glaubte Newton eine gute Gelegenheit zur Wieder- vergeltung gesunden zu haben. Er machte sich daher über diese Theorie her, zergliederte sie in allen ihren Theilen, verwarf sie als ganz falsch und substituirte ihr eine andere, die er als die einzig wahre ausgab. Allein diese Theorie Newtons stimmt mit den Beobachtungen durch- auS nicht übcrein, während HuyghenS Lehre noch jetzt als ein Muster dcS mathematischen Scharsinns des «ngetheilten Beisalls aller Kenner sich erfreut. Es ist schwer zu begreifen, wie ein Newton die Trefflichkeit und die innere Wahrheit dieser Darstellung auch nur einen Augenblick verkennen, und wie er erwarten konnte, seine durch nichts begründeten Ansichten an die Stelle derselben gesetzt zu sehen. Allein nicht weniger schwer wird eü zu erklären seyn, wie ein anderer Zeitgenosse Newtons, wie der große Leibnitz, vielleicht aus derselben Ursache, in denselben Fehler verfallen konnte. Als die Principien des ersten erschienen, gab es wohl nur wenige Menschen in Europa, die dieses Werk nach seinem ganzen Verdienste zu erkennen im Stande waren. Leibnitz stand ohne Zweifel an der Spitze derselben. Viele Gelehrte, und unter ihnen selbst Geometer Trewster, Newton. 433 des ersten Ranges führten bittere Klage darüber, daß Newton die occulten Qualitäten der Alten wieder einführe, die doch von Des- carteS so glücklich bekämpft worden seyen, und widersetzten sich diesem Unternehmen mit allen ihren Kräften. Johann Bernoulli, einer der größten Mathematiker des siebenzehnten Jahrhunderts, trat förmlich als Gegner des Newton'schen Systemes auf. Maison war, wenigstens in der größern Hälfte seines Lebens, ein eifriger Vertheidiger der Cartesianischen Wirbel. D. Cassini und Maraldi, zwei sehr ausgezeichnete Astronomen, schienen von den Principien keine Notiz nehmen zu wollen, und berechneten noch lange die Kometen nach der absurden, althergebrachten Weise. Fontenelle, einer der hellsten und vorurtheilsfreicstcn Männer seiner Zeit, blieb bis an das Ende seines langen Lebens ein anhänglicher Schüler und Verehrer dcö Descarteö. Selbst Huyghens konnte es nicht über sich erhalten, der neuen Lehre seines großen Gegners, die er doch gewiß vollständig zu würdigen im Stande war, beizupflichten, und er verwarf kühn die Lehre von der Gravitation, so weit sie nach Newton auch den kleinsten Theilen jeder Masse zukommen soll, und ließ sie nur als eine Eigenschaft der planetarischen Körper im Großen gelten. Leibnitz endlich wollte die ganze Theorie Newtons umstoßen und eine neue, bessere an deren Stelle setzen. Er suchte nämlich die Ursache der Bewegung der Himmelskörper nicht, wie Newton, in der anziehenden Kraft der Sonne, die verkehrt wie das Quadrat der Entfernung wirkt, sondern er wollte sie in einem flüssigen Mittel, dem Aether, gefunden haben, der die Sonne nach allen Seiten umgibt und durch sie in eine kreisförmige Bewegung gesetzt wird, etwa so, sagt er selbst, wie auf der Oberfläche des Wassers Spreu und andere leichte Körper bewegt werden, wenn man einen senkrecht auf der Oberfläche des Wassers in dasselbe gesteckten Stab schnell um sich selbst dreht. Leibnitz stellte diese neue Lehre, mit welcher er die Theorie Newtons zu vernichten gedachte, mit vieler Selbstgefälligkeit in einer eigenen Schrift dar, die in den ^ctis Lruüitor. llips. für das Jahr 1688, also volle zwei Jahre nach der ersten Ausgabe der Principien erschien. Daß diese Bemühungen, seinen großen Gegner in den Schatten zu stellen, vergeblich waren, braucht wohl eben so wenig bemerkt zu werden, als daß sie nur aus der gereizten Stimmung ihres Verfassers entstehen konnten. Wenn aber Männer solcher Art sich so weit verirren können, was soll man dann von den anderen erwarten. 0 ourus Iioimmim insnes et poetora eoees. Littrow i. 28 434 Trewster, Newton. Man wird vielleicht glauben, daß diese in allen andern Beziehungen so ausgezeichneten und so hochgestellten Männer nur in der Zeit ihrer Jugend oder doch der ganzen Kraft ihrer Jahre zuweilen von leidenschaftlichen Bewegungen bis zu solchen Extremen sich hinreißen ließen. Aber man erinnere sich des heftigen Streites über die Erfindung der Differentialrechnung, wo Newton und Leibnitz, deren jeder an der Spitze seiner Partei und bereits am Abend seines langen Lebens stand, sich und ihre Würden als Schriftsteller und als Menschen noch mehr vergaßen, als dieß selbst in den vorhergehenden gelehrten Kämpfen der Fall gewesen ist. Ohne unö hier auf die Erzählung jenes Streites einzulassen, der schon von so vielen Geschichtschreibern von allen Seiten beleuchtet und doch noch nicht völlig entschieden worden ist, sey es genug, hier nur einige Momente desselben anzugeben. Newton und seine Freunde mit ihm behaupteten, daß er die FluxionSrechnung schon in dem Jahre 1666 besessen habe. Ohne dieß zu bestrcitcn, muß doch hinzu gesetzt werden, daß Newton erst 21 Jahre später, daß er erst im Jahre 1687 davon das erste Mal öffentlich gesprochen habe, während Leibnitz dieselbe Sache als seine eigene Entdeckung, bereits 1684, also drei Jahre vor Newton, durch den Druck bekannt gemacht hat. Newton gab die erwähnte Mittheilung im zweiten Lemma des zweite» Buches seiner Principien, die im Jahre 1687 erschienen, und gab sie äußerst kurz und zurückhaltend, ohne sich auf den eigentlichen Algorithmus seiner neuen Analyse einzulassen. Leibnitz aber gab sie in den eLotis kruMor. I4ps. von dem Jahre 1684 mit aller Offenheit, Deutlichkeit und Umständlichkeit, deren er nur fähig zu seyn schien. Warum jener so viel Geheimniß aus einer Sache machte, die dieser schon öffentlich mitgetheilt hatte, ist schwer zu erklären. Es ist wohl nicht zu bezweifeln, daß Newton mehrere Jahre vor 1687 diese Rechnung bereits besessen hatte, da viele der schönsten Sätze seines Buches höchst wahrscheinlich nur durch diese neue Rechnung von ihm gesunden wurden, obschon er in den Beweisen dieser Sätze, wie es scheint, absichtlich einen anderen Weg nimmt, vielleicht durch vie Vorliebe bewogen, die er immer für die Methode der Alten hatte. Genug, dieser Algorithmus wurde von England aus erst im Jahre 1694 öffentlich bekannt gemacht, also zehn Jahre nach Leib- nitz, und zwar nicht von Newton unmittelbar, sondern von WalliS, der vielleicht von Newton dazu aufgefordert wurde. Zwar wird Trewster, Newton. 435 behauptet, daß Newton selbst bereits im Jahre 1669, also sünfzehn Jahre vor Leibnitz, eine eigene kleine Schrift verfaßt habe, in welcher er diese seine Erfindung umständlich aus einander setzte und auch einigen seiner nächsten Freunde zeigte. >Barrow gedenkt dieser Schrift in einem Briefe an Collins vom 20. Juni 1669, wo er den Inhalt derselben sehr lobt, aber den Verfasser der Schrift nicht nennt. Collins soll noch in demselben Jahre eine Copie dieses Aufsatzes erhalten, aber keinen weiteren Gebrauch davon gemacht haben, da man sie erst nach seinem Tode unter seinen zurückgelassenen Papieren fand, wo sie dann von William JoneS, nach eingeholter Erlaubniß Newtons, im Jahre 1711, also volle 42 Jahre nach ihrer Entstehung, durch den Druck bekannt gemacht wurde. Welches immer die Ursache dieser Verzögerungen seyn mag, es ist gewiß, daß auch kaum eine einzige der größer» oder kleinern Schriften Newtons, ohne irgend eine besondere äußere Veranlassung, öffentlich gemacht worden ist. Zu der Herausgabe der Principien mußte man ihn durch wiederholtes Bitten und Zureden gleichsam zwingen; die ^.rittmietioa univ6i8sli8 soll durch einen Mißbrauch, den Whiston von Newtons Vertrauen machte, bekannt gemacht worden seyn, und die meisten der kleinern Aufsätze und Abhandlungen gab er nur heraus, um sich vor den Angriffen seiner Gegner, oder vor dem Vorwürfe, etwas von Anderen genommen zu haben, zu sichern. Mehrere andere seiner Schriften endlich erschienen erst nach seinem Tode. Vielleicht wollte er seine Entdeckungen so lange zurück halten, bis er ihnen den gewünschten Grad ihrer Reife gegeben hatte. Oder vielleicht wollte er sie als Mittel zu noch anderen Entdeckungen noch länger bei sich behalten, ein Verfahren, das schwer mit der Candität des Charakters zu vereinigen ist, die er bei andern Gelegenheiten zeigte. Wollte er sie aber nur deßhalb nicht öffentlich machen, um Widersprüche und Streitigkeiten über die Priorität dieser Entdeckungen zu vermeiden, so wählte er dazu offenbar keinen sehr geeigneten Weg. Hätte er seine neue Rechnungsart sogleich in dem Jahre 1666, wo er sie gesunden hatte, ja hätte er sie auch nur vor dem Jahre 1673 offen bekannt gemacht, so würde Niemand, auch sein erklärtester Gegner nicht, angestanden seyn, ihn als den unbezweifelten Erfinder derselben anzuerkennen, und Leibnitz Würdesich mit der Ehre der bloßen Ausbildung einer so glänzenden Entdeckung begnügt haben. Allein er fand eö für gut einen ganz andern Weg einzuschlagen. Er sprach und schrieb seinen Freunden von seiner Entdeckung in allgemeinen Auö- 23 * 436 Trewster, Newton. drücken und richtete dadurch die Aufmerksamkeit der bessern Köpfe auf einen Gegenstand, an welchen sie vielleicht ohne diese Veranlassung nicht einmal gedacht haben würden. So wurde endlich diese Entdeckung, die er gemacht und so lange verschwiegen hatte, auch von einem Andern gemacht, und da dieser sie sofort und ohne allen Rückhalt öffentlich mittheilte, so wurde dieser von vielen als der erste Erfinder und von den Meisten, gewiß nicht mit Unrecht, als der zweite, aber von jenem ersten ganz unabhängige Erfinder der neuern Methode gehalten. Gewiß ist, daß Newton, nachdem er sich gleich bei seinem ersten Auftreten in der gelehrten Welt beinahe zu gefällig gegen die obscu- ren Leute bewiesen hatte, die seine ersten optischen Entdeckungen zu bekämpfen suchten, vielleicht eben dadurch einen inneren Widerwillen gegen alle DiScussionen und Streitigkeiten dieser Art bekam, und daß er diese Verdrießlichkeiten, welche mit jenen Kämpfen verbunden waren, schon früher zu scheuen und beinahe ängstlich zu vermeiden schien. „Die Naturwiffenschaft, sagt er in einem seiner Briefe an Halley, indem er eben von jenen Streitigkeiten sprach, ist eine so abscheulich zanksüchtige Frau (impertinenlls IlliZious Isäz), daß man sich eben so sehr vor ihr, als vor jedem juridischen Prozesse hüten muß, wenn man in Ruhe bleiben will." — Diese Dinge schienen selbst aus seine Gemüthsruhe nachtheilig zu wirken, und sogar die Ueberzeugung, alle seine Gegner besiegt zu haben, dünkte ihm kein Ersatz sür den Verlust der Zeit und Ruhe zu seyn, die er diesen DiScussionen zum Opfer bringen mußte. Daher schrieb er schon im Jahre 1672, also in dem dreißigsten Jahre seines Alters, wo sein Name nur eben anfing, in der gelehrten Welt berühmt zu werden, an Oldenburg, den damaligen Sekretär der k. Societät, durch dessen Hände diese Streitsachen zu gehen pflegten: „Ich gedenke, mich ferner nicht mehr mit den Naturwissenschaften abzugeben, und ich bitte Sie daher, mir künftig auch nichts mehr von den Einwürfen meiner Gegner mitzutheilen." In einem andern Briefe im Jahre 1675 an denselben schreibt er: „Ich war vor Kurzem willens, ihrer Akademie noch ein zweites Memoir über die Farben vorzulegen, aber ich finde es jetzt unangemessen, noch einmal wegen dieser Sache die Feder zu ergreifen." In einem Briese an Leibnitz vom 9. December desselben Jahres sagt er: „Man hat mich mit so vielem Hin- und Herreden über die Theorie des Lichtes belagert, daß ich jetzt meine eigene Unklugheit anklagen muß, auf alle diese Dinge eingegangen zu seyn, und ein so großes Gut, wie meine Trewster, Newton. 437 Ruhe und mein innerer Friede ist, verlassen zu haben, um einem Schatten nachzulaufen." Wir glaubten, diese Bemerkungen voraus schicken zu müssen, um die nun folgende Darstellung wenigstens nicht in einem zu grellen Lichte zu sehen. — Wenn es, um wieder zu dem frühern Gegenstände zurück zu kehren, setzt unmöglich ist, über die Priorität oder auch nur über die Parität der Entdeckung der Differentialrechnung zwischen Newton und Leibnitz ein völlig entscheidendes Urtheil zu fällen, so ist cS dafür sehr leicht anzugeben, in welchem Lichte und mit welchen Augen Newton selbst, zur Zeit, als noch keine leidenschaftlichen Gefühle sich in diese Angelegenheit gemischt hatten, die Rechte der beiden Prätendenten angesehen hatte. Er theilte nämlich in der ersten Ausgabe seiner Principien, die im Jahre 1687, also drei Jahre nach LeibnitzenS öffentlicher Bekanntmachung seiner Entdeckung erschien, seine Meinung über diesen Gegenstand mit folgenden Worten mit: „In einem vor nahe zehn Jahren mit dem sehr geschickten Geometer G. W. Leibnitz und mir Statt gefundenen Briefwechsel machte ich ihm bekannt, daß ich eine Methode besitze, die Größten und Kleinsten zu bestimmen, Tangenten zu ziehen und ähnliche Operationen zu verrichten, eine Methode, welche gleichmäßig auf rationale und irrationale Größen anwendbar ist. Ich verheimlichte ihm diese in versetzten Buchstaben, die folgenden Satz enthielten: Osts seguationo guoteunguo tliienlkZ guantilales involvents, lluxiones invenirs et vioo verss. Dieser berühmte Mann antwortete, daß er gleichfalls auf eine Methode derselben Art gekommen sey und theilte mir diese Methode mit, die sich kaum von der meinigen unterschied, ausgenommen in der Bezeichnung." — Diese von Newton selbst geschriebene Note findet man in der ersten Ausgabe der Principien im zweiten Lemma des zweiten Buches derselben. In der zweiten Ausgabe sind ihr noch am Ende die Worte hinzu gesetzt „und in der Idee von der Erzeugung der Größen." — Es wird »»nöthig seyn, die Leser auf die Verschiedenheit der MittheilungSart beiver Männer aufmerksam zu machen. Genug, daß Newton selbst anerkennt, daß Leibnitz die neue Rechnung für sich selbst gesunden habe. Bist betrachtet diese Stelle, als verewige sie die Rechte LeibnitzenS, indem dieselben in den Principien selbst anerkannt worden sind. Professor Playfair sagt, daß sie bloß eine sehr günstige Meinung Newtons von der Entdeckung deö Leibnitz enthalte. Brewster endlich meint, sie bestätige bloß Newtons Meinung, daß die ihm von Leibnitz mitgetheilte Me- 438 Brewster, Newston. thode beinahe dieselbe, wie seine eigene sey, und Newton könne dieses gesagt haben, er mochte nun glauben, daß Leibnitz diese Methode in seinem eigenen Kopfe oder in den Briefen Newtons gefunden habe. Allein der parteilose Leser wird sich auS den Worten der Stelle selbst überzeugen können, wie wenig diese beiden letzten Meinungen den eigentlichen Sinn derselben ausdrücken. Bald darauf entbrannte der Streit, an dem die größten Mathematiker jener Zeit Theil nahmen, der siebenzehn volle Jahre dawerte und erst mit dem Tode deS Leibnitz, am 14. November 1716, endete. Biot und Brewster, die beide die Geschichte dieser Streitigkeiten liefern, haben davon oder vielmehr von dem Charakter der beiden Hauptpersonen derselben, ganz entgegen gesetzte Ansichten. Der erste will überall die Leidenschaftlichkeit, den Zorn, selbst die Ungerechtigkeit Newtons sehen, während der andere seinen Landömann um jeden Preis zu vertheidigen, ja als den ganz schuldlosen und boshafter Weise angegriffenen Theil darzustellen sucht. — Eö ist hier nicht der Ort, in das Nähere dieser Diöcussionen einzugehen. Wie so oft, möchte auch hier die Wahrheit in der Mitte liegen. Wenigstens ist gewiß, daß beide sich Schritte erlaubten, die von'Leidenschaft und Mangel an Billigkeit und Selbstbeherrschung zeugen. Im Jahre 1704 erschien in den Uruä. Uip8. die Anzeige der Newton'schen Optik von einem Ungenannten, der bei Gelegenheit seiner Erläuterung deS neuen CalcülS sagt, „daß die Elemente dieser Rechnung von Leibnitz, dem Erfinder derselben, in diesen Akten mitgetheilt worden seyen, und daß Newton statt der Leibnitz'schcn Differentialien, Flurionen brauche und immer gebraucht habe, so wie auch FabriuS in seiner geometrischen Synopsiö statt der Methode des Cavalleri die Betrachtung der Bewegung einführte." Brewster nennt dieß einen niederträchtigen Angriff und eine listige Andeutung, welche die Absicht habe, die Meinung beizubringen, daß Newton seine Methode dem Leibnitz entwendet habe, und daß der indirekte Charakter dieses Angriffs ihn doppelt gehässig mache, so daß Leibnitz, wenn er in der That der Verfasser dieser Kritik war, im vollen Maße den Tadel verdiene, der ihm von Newtons Freunden ertheilt wurde, und der den Rest seiner Tage so sehr verbitterte. Dazu bemerkt Brandes in der deutschen Uebersetzung: „In dem Exemplar der -bet. Lruü., welches die Leipziger Universität besitzt, sind Namen, ohne Zweifel die der Verfasser, bei jedem Aufsätze an den Rand geschrieben und neben dem Titel jener Anzeige steht: Leibnitz. Brewster, Newton. 439 Ob dieß als Beweis dienen kann, lasse ich unentschieden, denn jede weitere Nachweisung fehlt, woher diese Kenntniß der Namen genommen sey." — Es bleibt dem Leser überlassen, jene Stelle, selbst unter der Voraussetzung, daß sie von Leibnitz selbst herrühre, zu beurtheilen und selbst zuzusehen, ob sie die oben angeführten Benennungen Brewsters verdiene. — Vier Jahre später schrieb Keill in den Illulos. 4riM8Let. ganz trocken hin, daß er sich überzeugt habe, Newton sey der erste Erfinder und Leibnitz habe diese Erfindung später nur mit veränderter Bezeichnung bekannt gemacht, wozu Brewster bemerkt, daß, wenn Leibnitz hier ein Plagiarius gescholten werde, dieß doch weder auf eine so plumpe, noch auch auf eine so hinterlistige Weise gesagt werde, wie die ist, deren sich der obige Verfasser in den ^ct. llruck. bedient hat. Als im Jahre 1725, also neun Jahre nach Leibnitzens Tode, die dritte Ausgabe der Principien in London erschien, wurde daS oben erwähnte Scholion, wo Newton die Rechte seines Gegners eben so offen als deutlich anerkennt, gänzlich unterdrückt und weggelassen. Isiitrm bis snimis iise sms viridus vsnse! — Brewster selbst muß den Schritt rasch und schlecht überlegt nennen, aber er setzt sogleich hinzu, daß Newton vollkommen berechtiget war, eine Stelle wegzulassen, die von anderen so irrig ausgelegt und so verkehrt angewendet worden war, und auch Brandes meint, daß man diese Weglassung nicht als eine Ungerechtigkeit ansehen könne, da jedem Schriftsteller die völlige Freiheit eines solchen Weglassens vorbehalten seyn muß. Ich bemerke dazu, daß damals Newton schon 83 Jahre alt und daß Leibnitz bereits seit 5 Jahren todt war. Wir haben oben von den Gegnern gesprochen, welche die in den Principien enthaltenen Wahrheiten gefunden haben. ES ist interessant zu sehen, wie sich dem ungeachtet dieselben, obgleich nur sehr allmä- lig, ihre Bahn gebrochen haben. Im Auslande erklärte sich zuerst Louville und MaupertuiS offen dafür, aber erst dreißig Jahre nach der ersten Erscheinung der Principien, während welcher Zeit es, einige wenige Leser ausgenommen, als noch nicht eristirend angenommen werden konnte. Auf den holländischen Schulen wurde die neue Lehre von s'Uravesniiäe eingeführt. In England wurde das Wirbelsystem des DeScarteö bis an den Tod Newtons, also über vierzig Jahre nach der ersten Ausgabe seines Werkes, als das einzig wahre vorgetragen. Noch im Jahre 1715 wurde RohaultS Physik, ein durchaus cartesianisches Buch, aus dem Französischen in die lateinische 440 Brewfter, Newton. Sprache übersetzt und auf der Universität zu Cambridge, wo Newton gelebt und gelehrt hat, als einziger Leitfaden zu den Vorlesungen gebraucht. Man würde es mit der Mehrheit der Professoren dieser und aller englischen Universitäten verdorben haben, wenn man sich offen für Newtons Lehre erklärt hätte.--Es war angenommen, seine Gelehrsamkeit zu preisen, wohl gar auf ihn alö eine Zierde deS Landes stolz zu thun, besonders seit er hohe und wichtige Aemter im Staate bekleidete — aber weiter ging diese Ehrfurcht nicht, und was insbesondere seine Lehren betraf, die wohl von dem größten Theile der Professoren selbst nicht verstanden wurden, so lagen diese auf den Schulen, wo man eS bequem fand, beim Alten zu bleiben, lange Zeit in einer Art von Jnterdict. Der bekannte Samuel Clarke wagte im Jahre 1718 den ersten Versuch, aber mit welcher Vorsicht! — Da das erwähnte physische Werk von Rohault sehr schlecht inö Lateinische übertragen war, so gab er eine viel bessere Uebersetzung desselben aber mit Noten am Ende eines jeden Kapitels, und in diesen Noten fügte er den im Texte gegebenen cartesianischen Erklärungen, ohne dieselben auch nur von ferne anzugreifen, die Newton- scheu Darstellung derselben bei. Die bessere Latinität und die größere Sorgfalt, mit welcher die neue Ausgabe deS alten Buches ausgestattet wurde, war die Ursache, daß eS ohne Widerstand von den Professoren bei ihren Vorlesungen gebraucht wurde. DaS Stratagem schien gut angelegt: der Professor laS über den Text, während der Schüler die Noten nachsah. Wer von den letztem Augen hatte, sah bald, wo die Wahrheit war, besonders hier, wo sie so nahe an dem Irrthume lag. Auf diese Weise konnte also selbst in Cambridge die Newtonianische Philosophie nur heimlich und unter dem Schutze, unter der Firma der Cartesianischen eingeführt werden. — In Schottland erfuhr sie etwas weniger Widerstand, wo besonders die beiden Drüder Jakob und David Gregory sich ihrer eifrig annahmen. Beide lasen schon lange in Edinburg über Newtons GravitationSsystcm, während, wie Whiston in den Nemoirs ok bis lüke sagt, während die armen Wichte in Cambridge noch immer die Träume des Carte- siuS studirten. Eben so wurde auch die Philosophie von Locke, Newtons Freund und Zeitgenossen auf den schottischen Universität» viel früher angenommen, als in dem eigentlichen England. UebrigmS trug Newton selbst seine neue Lehre viele Jahre in Cambridge vor, und Whiston erzählt, daß er seinen Vorlesungen darüber eines Tages zugehört, aber auch nicht ein Wort davon verstanden habe. Im Brewfter, Newton. 441 Jahre 1707 fing der berühmte blinde Mathematiker Saunderson an, die Theorie Newtons in Cambridge vorzutragen, und zwar mit ungemeinem Beifalle und großem Zudrange von Zuhörern aller Art. Bald darauf wurde das Studium der Principien auf den Universitäten in Cambridge und Oxford sehr verbreitet, und der Preis des Werkes dadurch so erhöht, daß man bereits viermal mehr als anfangs dafür geben mußte. Coteö, der eine neue Auflage derselben besorgte, erzählt in seiner Vorrede dazu, daß man zuletzt die Exemplare der früheren Edition nur mehr zu ungeheuern Preisen erhalten konnte. Dieser junge, äußerst talentvolle Mann wurde den Wissenschaften durch einen viel zu frühen Tod in der Blüthe seiner Jahre entrissen, und Newton soll bei der Nachricht von seinem Hinscheiden geweint und gesagt haben: von diesem jungen Manne hätten wir alle noch viel lernen können. Wenn auf diese Weise derjenige Theil der neuen Lehre, der sich bloß auf mathematische Rechnungen gründete, der Bemühungen so vieler wackerer Männer ungeachtet, doch nur sehr langsam Eingang fand, so verbreitete sich dafür der andere desto schneller, der sich durch bloße Experimente erläutern und einem größer» Kreise von Zuhörern ohne besondere Vorkenntnisse leicht verständlich machen ließ. John Keil war der erste, der über die Physik und Optik Newtons eigentlich experimentale Vorlesungen gab, wodurch er sich viel Beifall erwarb. Er begann sie im Jahre 1704 zu Oxford und als er im Jahre 1710 seine Stelle niederlegte, setzte Desagulierö diese Vorlesungen unter einem großen Zudrange von Zuhörern fort, da selbst Minister und Damen von hohem Range ihn besuchten und da eine allgemeine Vorliebe für diese Gegenstände unter den gebildeten Ständen Oxfords gleichsam Mode wurde. Die populären Schriften, die jetzt über diese interessanten Gegenstände erschienen und mit jedem Tage häufiger wurden, verschafften der neuen Lehre nicht nur viele Anhänger und Verehrer, sondern unter diesen selbst bald auch mehrere Kenner und eifrige Beförderer, und Newton hatte die Freude, noch am Abend seines Lebens den Triumph seiner Lehre nicht nur in seinem Vaterlande, sondern auch in allen gebildeten Ländern Europas mit Gewißheit vorauszusehen. Der berühmte Philosoph Locke, der, wie die meisten Philosophen, gar kein Talent für Mathematik hatte, fragte seinen Freund Huyg- hens, ob denn auch wohl alle die Dinge, die in den Principien stehen, wahr seyn sollen. HuyghenS versicherte ihm, daß er sich aus die 442 Brewster, Newton. Wahrheit derselben vollkommen verlassen könne, und diese Versicherung war ihm genug, um nun wenigstens diejenigen Stellen des Buches, die keine Mathematik enthielten, fleißig zu lesen und sich dadurch eine historische Kenntniß derselben zu verschaffen. Newton, der davon erfuhr, scheint seinen Freund in seinen Bemühungen hülfreich unterstützt zu haben. Denn man fano nach LockeS Tode in seinen Papieren eine Schrift von Newtons Hand mit dem Titel: Beweis, daß die Planeten, wegen ihrer Schwere gegen die Sonne, sich um dieselbe in Ellipsen bewegen. Diese Schrift, die später Lorv King herausgegeben hat, zeigt, daß Newton sich viele Mühe gegeben bat, die neue Theorie seinem unmathematischen Freunde begreiflich zu machen. Der Gegenstand ist auch allerdings hier viel faßlicher vorgetragen, als in den Principien, und Newton wollte sich, wie es scheint, auch einmal als ein populärer Schriftsteller versuchen — aber es war wohl seine Sache nicht, bis zur Fassungskraft eines Kindes herabzusteigen, und man darf nicht zweifeln, haß Locke, seines methaphysischen Scharfsinnes ungeachtet, durch diese Darstellung LcS - Gegenstandes nicht viel klüger geworden ist, als er schon früher gewesen seyn mochte. Newton wird so oft als ein Beispiel der Liberalität des englischen Gouvernements gegen ausgezeichnete Gelehrte angeführt, da er hohe und einträgliche Aemter im Staate erhielt, und bei seinem Tode ein in der That sehr großes Vermögen hinterlassen hatte. — Allein wir werden bald sehen, wem er diese Gunstbezeugungen deS Schicksals eigentlich zu verdanken hatte, und ob seine großen wissenschaftlichen Verdienste, oder ob bloße Zufälle, die jedem andern eben so gut hätten begegnen können, ihn bis auf diese Stufe erhoben haben. Ohne diese Zufälle möchte er leicht als Professor der Mathematik in Cambridge mit derselben Besoldung gestorben seyn, die er beim Antritte seines Lehramtes im Jahre 1669 erhalten hatte. Er behielt diese Stelle bis zu dem Jahre 1695, volle sechs und zwanzig Jahre, und mehrere Stellen seiner Briefe an vertraute Freunde zeugen von seiner ökonomischen Einengung, die ihm in dem theuern Lande, bei seinen vielen Ausgaben für Bücher und Instrumente, und bei seiner bekannten Freigebigkeit gegen Mittellose, oft drückend wurde. Er sah so viele seiner früheren College» in einträglichen, weltlichen oder geistlichen Aemtern und mit Ehrenstellen überhäuft, während er selbst nicht von der Stelle rückte, und selbst keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft hatte. Man lobte und rühmte seine großen Entdeckungen, Brewster, Newton. 443 aber ihn selbst überließ man seinem Schicksale. Seine Freunde hatten mehrere, aber immer vergebliche Versuche gemacht, der häuslichen Beschränkung deS großen Mannes durch die Liberalität und Anerkennung des Gouvernements abzuhelfen, und ihn in eine Lage zu versetzen, wo er, ohne weitere Sorgen, ganz seinen wissenschaftlichen Geschäften leben könnte. Diese Vernachlässigung erregte in seinem Innern eine stille Wehmuth, die er in späteren Jahren nicht immer zurückhalten konnte, und die auch, wie e'S scheint, zu der Krankheit beigetragen hat, von der wir später sprechen werden. Während dieser Krankheit schrieb er an seinen Freund und Gönner PepyS am 13. September 1693: „Ich habe sa nie gewünscht, etwas zu erhalten, es sey durch Ihre Verwendung , oder auch durch des KönigS Jakob Gnade unmittelbar, aber es betrübt mich, daß ich mich von der Gesellschaft zurückziehen muß." Als Millington wegen dieser Krankheit seines Freundes gefragt wurde, antwortete er ihm unterm 30. September desselben Jahres, „daß er nur an einer Art von Melancholie leide, und daß kein Grund da sey, zu fürchten, daß sein Geist selbst dadurch angegriffen werde. Nur muß man bedauern, daß ein solcher Mann von den Machthabern seiner Nation so vernachläßiget wird." Auch erhellt aus andern Briefen seiner Freunde, daß die Gewährung irgend einer Gunstbezeugung von der Regierung und einer Verbesserung seiner häuslichen Lage oft der Gegenstand seines Gespräches mit ihnen gewesen sey. Diese Besorgnisse Newtons erhalten dadurch eine Erklärung, daß ihm auf seine Bitte, durch eine Orrier ol Louiwil vom 28. Januar 1675, die gewöhnliche Personalsteuer, von einem Shilling die Woche, gnädigst erlassen wurde, aus Rücksicht, wie eS in der Schrift heißt, auf seine Dürftigkeit (ou socount ol bis lorv oircuiustsiwes). Er erwartete Abhülfe seiner drückenden Lage von Lord Montague, seinem ehemaligen Schüler und nun einem der ersten Staatsmänner deö Landes. Allein als sich die Erfüllung seiner früheren Hoffnungen immer weiter herauszog, schrieb er am 26. Januar 1692 an seinen Freund Locke: „Lord Montague scheint wegen einer Sache, die ich längst vergessen habe, auf mich böse zu seyn. Gut, ich lasse ihn gehen und sitze hier still und warte — ich bin auch nicht gemeint, weder ihm noch sonst Jemand ferner auf irgend eine Weise beschwerlich zu fallen. Meine Sache ist eS, stille zu sitzen." Diese Aeußerungen beziehen sich auf eine Zulage seines Gehaltes oder aus eine Anstellung, die er in London zu erhalten wünschte, und wegen welcher er mehrere Jahre durch vergebens sollicitirt hatte. — „Seine 444 Brewster, Newton. Sache war es, still zu sitzen," und so saß er denn auch volle sechs und zwanzig Jahre, ein geplagter, von seinem kleinen Gehalte lebender Schullehrer, zwar mit unsterblichem Ruhm bedeckt, aber unbekannt, ungeehrt und unbelohnt von seinem Lande. Ganz Europa streute ihm Weihrauch; seine LaudSlcute priesen ihn als den Stolz Englands, und, wie später sein Epitaph sagte, als die Zierde deö Menschengeschlechts — aber der so hoch gepriesene Mann war und blieb zugleich ein armer Mann. Ein solches Verkennen dieses außerordentlichen Geistes, sagt Brewster, konnte nur in England (d) möglich seyn, und wir möchten gern der Turbulenz des Zeitalters, in dem er lebte, die Schuld dieser Unbilden zuschreiben, bsä ves not Leen, in tks bistor^ ol snotbsr centnr^, tkat lös successive ßovorn- inents, vbick presiäe over tbo äestinies ol our eounlr^, lmve never been sble eitker to leel or to recognire tbe true iiobiütx ol xenius, was unö viel zu hart ausgedrückt zu seyn, und viel zuwenig Kenntniß anderer Länder zu verrathen scheint. Der bereits erwähnte Lord Montague, später Carl os Halifax, war einer der frühern Schüler Newtons, und obschon zwanzig Jahre jünger als er, seinem Lehrer immer mit Freundschaft zugethan. m Jahre 1694 wurde er Kanzler der k. Schatzkammer (Obsnosllor ol tbo sxcbeguer), und in dieser hohen Stelle schlug er, als dringendes Bedürfniß, eine allgemeine Umprägung der Landesmünze vor, die durch die frühern Kriege und Unruhen sehr an ihrem Werthe verloren hatte. Da er sich immer noch gern seiner wissenschaftlichen Freunde aus Cambridge erinnerte, so wollte er bei der neuen Organisation des Münzfußes die Gelegenheit benützen, sie wieder einmal bei sich zu sehen, und lud daher Locke, Halley und Newton ein, nach London zu kommen, um da diesen Gegenstand zu untersuchen. Zufälliger Weise wurde in derselben Zeit Overtön, der k. Münzwar- dein, zu einer anderen Stelle befördert, und Montague benützte diesen Vorfall, den König zu ersuchen, die erledigte Stelle seinem Freunde Newton zu geben. Der König willigte ein, und Newton verließ im Jahre 1695 seine Professur in Cambridge, um in London Münzwardein mit 6000 Pf. St. (56400 st. C.M.) jährt. Gehalts zu werden. Drei Jahre später erhielt er das Vorsteheramt (Master- ship) der k. Münze, mit 15,000 Pf. (141,000 fl. C. M.) Gehalt, welches Amt er auch bis an seinen Tod behielt. Bisher hatte er seine Lehrerstelle in Cambridge noch beibehalten, und, nach der Landessitte, einen Substituten für sich bezahlt, um diese Vorlesungen Brewster, Newton. 445 zu geben. Im Jahre 1699 aber gab er diese Stelle mit ihrem Einkommen an seinen bisherigen Stellvertreter Whiston ab. Lord Montag« e verlor bald daraus seine Gemahlin durch den Tod, und schenkte seitdem seine ganze Gewogenheit der Miß Eatharina Barton, einer Niece Newtons, die jung, munter und schön war, und, obgleich sie nicht der Rüge ihrer Zeitgenossen entging, doch von allen, die sie kannten, als eine Dame von strenger Ehre angesehen wurde. Wie viel Einfluß die Anhänglichkeit des Lords an diese Dame auf die Zuneigung desselben gegen Newton, und auf die Beförderung des letzter» gehabt habe, möchte fetzt schwer auszumachen seyn, so wenig, als warum der Lord sie nicht ehlichte, obschon er ihr auf seinem Todtenbette einen großen Theil seines beträchtlichen Vermögens verschrieb. Er starb i. I. 1715, im 54. Jahre seines Alters. Selbst ein Dichter und eleganter Schriftsteller, zählte er Congreve, Halley, Prior, Steele und Pope unter seine innigsten Freunde und täglichen Gesellschafter. Sein Betragen gegen Newton wird immer in der Geschichte der Wissenschaften aufbewahrt bleiben. Die Gebildeten aller Zeiten und Völker werden den Namen dieses edlen Beförderers der Wissenschaft nur mit Achtung nennen, und, wie Brewster hinzusetzt, tlw parseeuteü seisnoo ok llnzlsnä will continiis to äoplors, tt,at ks was tko liest snä tl>e last (?) LnZIisli minister, rvlio bonoreä' Zönius Iris lrienäsliip silä reevaräeä it bis pstronsZe. Höchst auffallend ist die Nachricht von Newtons Geisteskrankheit im Jahre 1693, von der Bist, in seiner Biographie dieses ausgezeichneten Mannes, die erste Nachricht mittheilte, die selbst den Engländern, wie es scheint, bisher ganz unbekannt geblieben war. — Newton ging eines Morgens im Winter aus seiner Studirstube in die benachbarte Kapelle. Sein kleiner Hund, Diamant, stieß wahrscheinlich die brennende Kerze um, die Newton auf seinem Tische stehen gelassen hatte. Dadurch kamen die auf dem Tische liegenden Papiere in Brand, und Newton trat eben in sein Zimmer zurück, als bereits der größte Theil dieser Schriften von den Flammen verzehrt war. In seinem ersten Schmerze soll er ausgerufen haben: O Diamant, du weißt nicht, welches Unglück du über mich gebracht hast.— Der daraus folgende Kummer über diesen Verlust soll so tief gewesen seyn, daß er sogar seine VerstandeSkräste geschwächt hat. Newton, der noch 34 Jahre nach diesem Ereignisse lebte, erwähnte desselben nirgends in seinen Schriften oder Briefen, doch ist die Wahrheit der 446 Brewster, Newton. Erzählung durch mehrere Nachrichten so constatirt, daß man nicht weiter daran zweifeln kann. Bist teilet daraus die Erklärung ab, warum Newton seit dieser Zeit kein eigentliches größeres, wissenschaftliches Werk mehr herausgab, sonder» sich nur auf die Redaktion der früher von ihm verfaßten Schriften beschränkte. Laplace ist sogar der Meinung, daß Newton seit jenem Unglücke seine Geisteskräfte nie mehr völlig zurück erhielt, und er führte dazu als Beweis die theologischen Untersuchungen über die Propheten und die Apokalypse an, mit welchen der große Mann den Abend seines Lebens verträumte. Brewster, der nun einmal seinen Helden in Schutz genommen hat, zeigte große Lust, die ganze Geschichte als erdichtet oder doch als höchst übertrieben darzustellen, und er kann sich mit der Vorstellung nicht vertragen, daß ein Mann dieser Art je auf diese Art sollte krank gewesen seyn. Allein die Sache selbst ist gewiß, wie man aus den von ihm selbst angeführten Nachrichten sieht; nur scheint die eigentliche Geisteskrankheit Newtons nicht so lange gedauert zu haben, als Brot vorgibt, und auch später, ohne weitere Spuren hinter sich zu lassen, gänzlich verschwunden zu seyn. „Ich bin," schreibt Newton selbst am 13. Sept. 1693 an einen seiner Freunde, „sehr beunruhigt über den Zustand, in dem ich mich befinde. Ich habe die „letzten zwölf Monate weder gut gegessen, noch ruhig geschlafen, und „besitze auch die frühere Beständigkeit meines Geistes nicht mehr." Es ist gewrß, daß später sich seine körperliche und geistige Kraft wieder herstellte, und vbschon die letztere vielleicht nie mehr ihre vorige Stärke erreicht haben mag, so war sie doch wohl noch, wie mau aus mehreren seiner späteren Arbeiten sieht, jener der gewöhnlichen, selbst für talentvoll gehaltenen Menschen noch weit überlegen. Die Zeit seiner Blüthe würde vielleicht auch ohne jedes Ereigniß vorüber gewesen seyn, denn er war bereits in seinem fünfzigsten Lebensjahre. Auch mochten seine früheren großen Anstrengungen und seine schnelle Reife jene Epoche nicht wenig befördet haben. Merkwürdig ist immer, daß er wenige Jahre vor seinem Tode in der Sitzung der k. Gesellschaft einen Vertrag über die Erfindung der Länge zur See gehalten hatte, der so verworren ausfiel, daß man, für jene Stunde wenigstens, an der Regelmäßigkeit seiner Denkkrast zweifeln mußte. Brewster will zwar auch dieses nicht zugeben, allein da er jenen Vertrag wörtlich mittheilt, so werden die Leser im Stande seyn, selbst darüber zu urtheilen. Unser Verfasser geht in seiner scheinbaren Gerechtigkeit Brewster, Newton. 447 gegen seinen Mann so wert, daß er gegen einen anderen offenbar ungerecht wird. Er sagt, daß Laplace den Professor Gautier aus Genf, als der letztere im Begriffe war, eine Reise nach England zu machen, ersuchte, über die Geschichte von Newtons Krankheit daselbst nähere Erkundigungen einzuziehen. Was kann in einer solchen Bitte Tadelnswerthes liegen? — Allein Brewster verbindet sie mit der früheren Aeußerung Laplaces, daß die theologischen Studien Newtons von seiner Geistesschwäche zeugen, und setzt daher hinzu: „als „wenn es das Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit beträfe, zu „zeigen, daß Newton erst dann ein Christ und ein theologischer Schrift- „steller geworden ist, nachdem die Kraft seines Geistes geschwächt war." Wie unchristlich, wie lieblos! Unser Verfasser nimmt mit derselben Wärme, die er überall für Newton zeigt, auch seine chronologischen und theologischen Arbeiten in Schutz. Bekanntlich wurden die letztem erst nach seinem Tode von seinen Freunden herausgegeben, und es wird setzt allgemein, und, wie uns däucht, mit Recht angenommen, daß diese Bekanntmachung besser ganz unterblieben wäre, da sie einen unvorteilhaften Schatten auf den Mann wirft, dessen Andenken uns allen zu theuer seyn soll, um dasselbe durch die Veröffentlichung solcher Dinge gleichsam zu erniedrigen. Wenn eS, wie oben bemerkt wurde, für Andere tröstend und ermunternd seyn mag, die kleinen Schwächen großer Männer kennen zu lernen, so wollen wir sie doch nicht in ihrer Zerrüttung sehen, denn ein solcher Anblick kann weder trösten, noch erheben, sondern nur demüthigen und betrüben. Wir wollen daher auch selbst darüber wegeilen, und zu der Beschreibung seines häuslichen Lebens und seiner letzten Jahre übergehen. Von dem Jahre 1707 bis an seinen Tod wurden seine häuslichen Geschäfte von Katharina Barton, deren wir bereits oben erwähnten, besorgt. Diese Dame, die früher auf Kosten ihres Onkels erzogen wurde, heirathcte nach Lord Montague's Tode einen Herrn Conduit, und blieb sammt ihrem Manne in Newton'ü Hause bis an den Tod des letzter», der i. I. 1727 erfolgte. In seinem achtzigsten Jahre wurde Newton das erste Mal von einem Schmerzen in der Blase geplagt, den man bald für Steinschmerz erkannte. Durch eine sehr geregelte Lebensart wußte er sich dieses Uebel zu erleichtern, auch gab er aus dieser Ursache den Gebrauch seiner Kutsche auf, und ließ sich nur mehr in Senften tragen. 448 Brewster, Newton. Alle Einladungen zu fremden Gastmälern schlug er aus, und auch zu Hause hatte er immer nur mäßige Gesellschaft. Seine vorzüglichste Nahrung bestand in Vegetabilien, Früchten und Brod. Nach mehreren wiederholten Anfällen seines Steinschmerzenö wurde er i. I. 1725 von einem heftigen Husten und einer Lungenentzündung ergriffen. Nach seiner »Genesung bewog man ihn, nicht ohne Mühe, London zu verlassen, und nach Kensington zu ziehen, einem k. Lustschlosse mit einem Garten in der Nähe der Hauptstadt, wo auch seine Gesundheit sich auffallend besserte, besonders als später sich auch ein regelmäßiges Po- dagra äußerte. Er hatte nun zuweilen wieder recht heitere Tage, und auch sein Gedächtniß, das seit einiger Zeit sehr schwach geworden war, schien sich auffallend zu bessern. Conduit, der immer um ihn war, hat uns ein astromisches Gespräch Newton'S aus diesen Tagen aufbehalten, von dem wir hier das Interessanteste mittheilen. Er setzte diesem seinem Freunde die Meinung auseinander, wie die Kometen aus den Lichtdämpfen entstehen könnten, die sich aus dem Herd der Sonne in den Weltraum erheben. Er glaube, setzte er hinzu, daß diese Sonne sich durch dieselben Kometen, wenn sie auf ihre Oberfläche stürzen, wieder ersetze, oder gleichsam ernähre. Durch ein solches Ereigniß wollte er auch den hellen Glanz erklären, in welchem die sogenannten neuen Sterne erscheinen, die Hipparch, Tycho und andere gesehen hatten. Es wäre möglich, sagte er, denn behaupten könne man dergleichen Sachen nicht, daß der große Komet von 1680, wenn er einmal in die Sonne fällt, die Hitze derselben so sehr vermehren werde, daß die ganze Erde verdorren, und kein Thier und keine Pflanze mehr auf ihrer Oberfläche eristiren werde. Es sey nicht unwahrscheinlich, daß es gewisse geistige Wesen höherer Art gebe, denen der Schöpfer die Leitung jener Himmelskörper und die Aufsicht über die Revolutionen, die sie treffen sollen, übertragen hat. Auch kam es ihm beinahe gewiß vor, daß die Bewohner dieser Erde noch nicht gar lange da seyen, da alle unsere Künste, die Buchstaben, die Schiffe, die Buchdruckerkunst u. f., durchaus nur innerhalb dem engen Kreise unserer Menschengeschichte liegen. Auch trage diese Erde deutliche Spuren des Untergangs einer früheren Reihe von Geschöpfen und Bewohnern derselben, und dieser Untergang konnte nicht durch Wasser- fluthen allein erzeugt werden. Die Stoffe, aus welchen die Planeten bestehen, seyen alle derselben Art, wie die unserer Erde, nämlich Erde selbst, Wasser, Steine, Metalle u. dgl. Aber diese Dinge seyen Bremsten, Newton. 449 wahrscheinlich in verschiedenen Planeten verschieden unter einander gemischt, daher die Oberfläche derselben und ihre Produkte auch ganz andere, als die der Erde seyn mögen. Conduit, der alle diese Aeußerungen nicht sowohl als einen zusammenhängenden Vortrag, sondern nur als Antworten auf seine verschiedene Fragen an Newton vernommen hatte, ersuchte ihn, diese Ansichten, die ihm so inkereffant schienen, bekannt zu machen. „Ach ich habe nicht gern mit Conjectu- ren zu thun" antwortete er gutmüthig lächelnd. — Aber haben Sie nicht selbst, entgegnete Conduit, das, was Sie vorhin von der Sonne sagten, in den Principien bekannt gemacht? „Das ist was anderes, war Newton'S Antwort, das geht uns alle näher an, als jenes, und ich habe von diesen Sachen für das Volk überhaupt schon genug gesagt." Obschon sich um diese Zeit seine Gesundheit auffallend gebessert hatte, so war er doch unfähig, seine Amtsgcschäfte als Vorsteher der Münze zu erfüllen, so daß er die letzten Jahre seines Lebens wohl gar nicht mehr in das Münzhaus kam. Obschon übrigens jede Bewegung seine Schmerzen vermehrte, und obschon er sich in der reinen Lust seines ländlichen Aufenthaltes so bedeutend besser befand, so konnte man ihn doch nur mit Mühe daselbst zurückhalten, und er suchte jede Gelegenheit zu ergreifen, wieder nach der Stadt zu kommen. Am 25. Febr. 1727 fühlte er sich, wie er sagte, ganz wohl, und nun ließ er sich auch nicht weiter hindern. Er ließ sich nach London in seiner Senfte tragen, und präsidirte noch an demselben Tage in der k. Societät der Wissenschaften. Auf diese Bewegungen und Aufreizungen, so wie die vielen Besuche, die er in London annehmen und geben mußte, zogen ihm einen heftigen Rücksall seiner Krankheit zu. Er kehrte Sonnabend den 4. März nach Kensington zurück, wo sogleich seine beiden Aerzte, Mead und Cheselden, gerufen werden mußten. Die Angriffe seiner Steinschmerzen wurden immer stärker und häufiger, aber obschon während dieser Angriffe seine Stirne mit Schweiß bedeckt war, ließ er doch nie einen SchmcrzenSlaut oder eine Klage hören; vielmehr war er in kurzen Zwischenräumen heiter, und, wie es schien, selbst vergnügt. Mittwoch am 15. März schien er etwas besser, und man schöpfte wieder neue Hoffnung. Am Morgen des 18. laS er noch die Zeitungen, und sprach anhaltend mit Dr. Mead. Seine Sinne und geistigen Kräfte schienen, während dieser Gespräche, ungewöhnlich munter und lebhaft. Aber um 7 Uhr Abends verlor er das Bewußtseyn, und in diesem Zustande verblieb er den ganzen Littro« l. 2g 450 Brewster, Newton. darauf folgenden Sonntag, bis er Montags am 20. März 1727 zwischen ein und zwei Uhr Morgens, in dem fünfundachtzigsten Jahre seines Alters verschied. Seine nach London gebrachte Leiche wurde in der Jerusalemö- Kapelle feierlich ausgesetzt, und dann nach der Westmünster-Abtei gebracht, wo sie nahe bei dem Eingänge in das Thor zur linken Seite beigesetzt wurde. Au seinem Vegräbnißtage wurde sein Leichentuch von dem Lord-Kanzler, von den Herzogen von Norburgh und Montrose, und von den Grafen Pembrocke, Sussex und MaccleSfield getragen, die sämmtlich Mitglieder der k. Akademie waren. Unmittelbar hinter dem Sarge ging Sir Michael Newton, Ritter vom Bath-Orden, als erster Leidträger, gefolgt von einigen anderen Verwandten und Freunden des Verstorbenen. Den Leichenzug führte der Bischof von Röthester, in Begleitung der ganzen ihm zugeordneten Geistlichkeit. Seine Verwandten errichteten ihm ein Denkmal von Marmor in der Wcstmünstcr-Abtci, das 4700 Gulden kostete. Im Jahre 1731 wurde zu seinem Andenken eine Münze im Tower geprägt, die sein Bildniß, und auf dem Revers die Muse der Mathematik trägt, mit der Umschrift: bolix oognyscsrs osusas. Im Jahre 1755 wurde seine Statue von cararischem Marmor in Lebensgröße in der Kapelle der Universität in Cambridge aufgestellt, mit der Unterschrift: Uonus lmmsnuin inZenio suporavil. Das hinterlassene Vermögen Newton'S betrug 32,000 Pf. (nahe 300,000 Gulden C. M.) Es wurde unter seine drei Geschwister, aus der zweiten Ehe seiner Mutter/ vertheilt. Die beiden Familiengüter Woolsthorpe und Sustem erhielt John Newton, dessen Urgroßvater Jsaak'S Onkel war. Ein anderes Gut in Berkshire gab er an einen Bruder Conduits, so wie ein drittes, das er früher in Kensington angekauft hatte, an Katharina, die einzige Tochter Conduits, die später den ältesten Sohn des Lord'ö Lymington heirathete. Dieß waren die letzten Tage des großen Mannes, und die letzten Blumen, die auf sein Grab gestreut wurden. Ein volles Jahrhundert ist seitdem verflossen, voll von Entdeckungen und großen Ereignissen aller Art: aber der Glanz, der ihn, so lange er unter uns verweilte, umgab, ist noch nicht erloschen. Die Werke der Wissenschaft gehen nicht unter, noch sind sie, wie die des Ehrgeizes, mit den Brewster, Newton. 451 Verwünschungen der menschlichen Gesellschaft belastet, die unter ihrem Drucke leiden muß. Wie groß auch immer sein Scharfsinn gewesen seyn mag, sein Fleiß und seine Beharrlichkeit in der Verfolgung der einmal ergriffenen Gegenstände war nicht minder groß. Er selbst erklärte öfter seinen Freunden ohne Rückhalt, daß er das Meiste von dem, was er leistete, nicht sowohl einer besonders schnellen Penctranz, als vielmehr seinem anhaltenden, eifrigen Nachdenken zu verdanken habe. Früh schon mit dem Geiste der Mathematik 'bekannt, gewöhnte er sich an strenge Folgerichtigkeit, und an sorgsame Umsicht im Denken. Mit der tiefsten Einsicht in den Gegenstand seiner Betrachtung verband er die seltene Gabe, nicht eben einer populären, aber doch einer höchst einfachen und klaren Darstellung, jene Eigenschaften, die nur bei sehr wenigen Menschen in einem so hohen Grade vereiniget angetroffen werden. Seine allgemeine Arithmetik und seine Optik sind davon die sprechendsten Beweise. Endlich, und dieß war vielleicht sein größtes Verdienst, hat eü noch kein anderer bester verstanden, die Natur durch Beobachtungen zu befragen, und durch eine eigene Gewandtheit des Geistes ihr ihre Geheimniffe zu entlocken. Sein Benehmen in der Gesellschaft war Achtung und Liebe erwerbend. Er war für jeden zugänglich, trat jedem mit Offenheit entgegen, und wußte sich leicht in jede Gesellschaft zu fügen. Von Andern und selbst von sich sprach er immer ohne allen Schein von Eitelkeit, doch mit einer gewissen Würde, die nicht- gemeint ist, ihren Werth leichtsinnig zu vergeben. Er folgte gern seiner Ueberzeugung, ohne eigensinnig auf seinen Ansichten zu beharren. Ich habe ihm, sagt Pemberton, so manche Bemerkungen zu der dritten Auflage seiner Principien zugeschickt, die er vielleicht in der Stille gutmüthig belächelte, die er aber immer auf die unfreundlichste Art aufnahm und erwiederte, so zwar, daß er, seinen Bekannten öfter von meiner Bereitwilligkeit, ihm in seinen alten Tagen zu helfen, erzählte. Dieser freundlichen Gutmüthigkeit ungeachtet wußte er seinen und seiner Entdeckungen Werth, wenn eS galt, auch festzuhalten. Denn er kannte die Stelle, die er im Reiche der Wissenschaft eingenommen hatte, sehr wohl, und war fest entschlossen, sie und was er als sein Recht ansah, gegen Jedermann mit männlichem Muthe zu vertheidigen. Jene Bescheidenheit aber floß unmittelbar aus seiner Gutmüthigkeit, und aus der Tiefe und dem Umfange seiner Erkcnntnißkraft, die ihm zeigte, wie wenig er noch von dem großen Schatze kenne, den die Natur mit 29 * 452 Brewster, Newton. ihrem dichten Schleier vor uns verhüllt, vnd wie viel davon Andern noch zu ergründen übrig bleibe. Noch wenige Tage vor seinem Tode, als die ihn umstehenden Freunde ihn wegen der Entdeckungen, die seinen Namen unsterblich machen werden, glücklich priesen, sagte er: O meine Lieben, es mag seyn, daß die Andern dieß alles anders sehen, aber ich komme mir nur vor, wie ein Kind, das am Ufer des MeereS spielte, und sich ergötzte, wenn es da und dort ein glatteres Steinchen, oder eine schönere Muschel fand — aber was ist das alles gegen den ganzen großen Ocean von Wahrheiten, der uns allen unbekannt, vor uns vorüberzieht. Seine religiöse Frömmigkeit war allgemein bekannt. Aber er wußte auch anders Denkende liebevoll zu ertragen, und Intoleranz, selbst unter der mildesten Form, war seinem ganzen Wesen fremd. Unglaube und Sittenlosigkeit war, wo er sie auch traf, seines strengen Tadels gewiß. Die h. Schrift, die er immer gern und fleißig laö, war ihm über alles theuer, und Angriffe gegen sie verwundeten ihn in seinem Innersten. Als Halley, einer seiner liebsten Freunde, sich einst einen leichten Ausfall gegen sie erlaubte, brach Newton schnell das Gespräch mit den Worten ab: „Ich habe diese Dinge studirt, und Sie nicht: schweigen wir davon." Seine Mildthätigkeit gegen Arme war sehr groß, und er pflegte zu sagen, wer nichts vor seinem Tode gibt, gebe überhaupt gar nichts. Obschon er die letzten zwanzig Jahre ein reicher Mann war, so achtete er das Geld doch nicht höher, als in früheren Zeiten. Einen beträchtlichen Theil seiner Einkünfte gab er hin, der Armuth aufzuhelfen, seine Verwandten zu unterstützen, und Talent und Fleiß der unbemittelten Jugend zu ermuntern. Seine Liebe zu tiefen Meditationen sah man ihm nicht in der Gesellschaft, aber wohl oft genug im Kreise seiner häuslichen Umgebungen an. Häufig blieb er, wenn er aus seinem Bette aufstehen wollte, Stunden lang unangckleidet darauf sitzen, ganz in Gedanken über irgend einen Gegenstand verloren, der eben seine Aufmerksamkeit fesselte. Sein alter Diener traf ihn einst des Morgens, als er das Frühstück brachte, halb angezogen auf dem Bette sitzen, wie er ihn am Abend zuvor verlassen hatte. Selbst der Tisch wurde über diesen Dingen oft ganz vergessen. Man erzählt, daß Stukely, Ne.wton'ö vertrauter Freund, ihn eines Tages zur Mittagszeit besuchte. Er wartete auf Newton in dem Vorzimmer, wo bereits der Tisch für den letztem gedeckt war. Da er lange nicht kam, hob Stukely den Brewster, Newton. 453 Deckel der Schüssel ab, ,'n welcher ein Huhn lag, das er herausnahm, ganz gemächlich verzehrte, und dann die Beine wieder in die Schüssel zurücklegte. Bald daraus erschien Newton, und setzte sich, nach den gewöhnlichen Bewillkommnungen, zu Tische, um Mittag zu halten. Er hob den Deckel der Schüssel ab, und als er den Inhalt derselben erblickte: „Sehen Sie nur, sagte er, waö ich vergeßlich bin; ich wollte so eben Mittag halten, und wußte nicht, daß ich schon gegessen habe." Man sagt, daß er Welt und Menschen wenig gekannt habe und den Gewohnheiten unserer Societäten großentheilS fremd gewesen sey. Wenn diese Bemerkungen auch gegründet seyn sollten — welcher Vor- wurf soll ihm daraus erwachsen? Ist cS einem Manne, der sein ganzes Leben der Wissenschaft weihte, zu verargen, wenn er dadurch die kleinen Künste verabsäumte, durch die auch der hohlste Kopf in unseren Gesellschaften sich eine Art von äußerem Glanz zu erwerben weiß? Und wenn er darüber gewisse, doch nur konventionelle Verbindlichkeiten gegen die übrigen Menschen unglücklicherweise versäumt haben sollte, hat er nicht dafür der ganzen menschlichen Gesellschaft andere Dienste erwiesen, Dienste höherer Art, gegen welche jene Erbärmlichkeiten doch nur als Possenspiele, als ein wahres Nichts verschwinden? —- Sein Freund und Gönner, der Carl of Halifax, der diese sogenannten geselligen Tugenden kannte, und selbst in einem so hohen Grade besaß, schien über den innern Werth derselben anders zu denken, so wie die Königin Anna, die Newton in den Mittelstand erhob, und die Prinzessin von Wales, nachherige Königin und Gemahlin Georgs II., welche letzte das größte Vergnügen der Unterhaltung mit Newton, und in der Correspondenz mit Leibnitz gefunden hatte. In allen ihren schwierigen Verhältnissen pflegte sie Newton um seine Ansicht, um seinen Rath zu befragen, und man hörte sie öfter sagen, daß sie sich glücklich fühle, in einer Zeit zu leben, in welcher sie die Unterhaltung und Belehrung eines solchen Mannes zu genießen im Stande wäre. Newton'S Wuchs war von mittlerer Größe. In den späteren Jahren setzte sich etwas Dicke an. Nach Conduit's Bericht soll sein Auge lebhaft und durchdringend gewesen seyn. Der Bischof Atter- bury im Gegentheile sagt, daß Newton'S Augen nichts weniger als lebhaft waren, und daß in allen seinen Gesichtszügen durchaus nichts von dem durchdringenden Scharfsinne zu bemerken war, der in allen seinen Werken so deutlich hervortritt; daß er vielmehr etwas Mattes 454 Brewster, Newton. ,'n seinem Blicke, und etwas Schlaffes in seinem ganzen Benehmen hatte, das bei denen, die ihn nicht kannten, keine besonderen Erwartungen zu erregen im Stande war. Auch Thomas Hearne bestätigt die letztere Aeußerung, indem er sagt: „Newton war ein Mann, „dessen Acußeres sehr wenig zu versprechen schien; ein kurzer, übrigens wohlgebauter Mann, der immer aus etwaö anderes zu denken „schien, der in Gesellschaft wenig sprach, und dessen Conversation „nicht zu der angenehmen gehörte." Sein Geburtshäuschen in Woolsthorpe wird setzt von einem gewissen John Wollerton bewohnt. Noch sieht man die zwei Sonnenuhren, die Newton als Knabe daran angebracht hat, aber die Style derselben fehlen. DaS Hauü wird in gutem Stande erhalten, und in dem Zimmer, wo Newton geboren wurde, ist eine weiße Marmortafel in der Wand befestiget, deren Ausschrift dieses Ereigniß erwähnt und unter der die bekannten Berse stehen, die Pope zur ^ Grabschrift Newtons bestimmte: ^ psatuie and jViUni'k's lavvs lav lud in m'ßlit; 6od said: „I.e piewwn le" — and all was I.chkt. ^ Natur und der Natur Gesetz war tief in Nacht verhüllt; Gott sprach: „Newton sey" und alles war mit Licht erfüllt. Auch der große Apfelbaum neben dem Hause, von dem oben gesprochen wurde, erhielt sich bis zu dem Jahre 1826 , wo ihn ein Sturm entwurzelte. Wollerton ließ auS ihm einen Sessel verfertigen, der nun zn Newton'S Andenken aufbewahrt, und den Fremden gezeigt wird. Die Zimmer, die er zu Cambridge bewohnte, sind durch Tradition bekannt geblieben. In dem Trinity-Collegium zu Cambridge zeigt man noch Newtons Globus, eine Ring-Sonnenuhr, einen Quadranten und einen Compaß, so wie endlich eine Locke von seinem silberweißen Haare, die wie eine Reliquie unter einer gläsernen Glocke > verwahrt wird. Sogar die Thüre seines Bücherkastens wurde, als , ein Gegenstand der Verehrung, in dem Museum der k. Societät zu Edinburgh ausgestellt. Dieß ist das Vorzüglichste des Inhalts aus dem vorliegenden Werke, so weit dasselbe die eigentliche Lebensbeschreibung Newton'S ! betrifft. Eine reiche Hälfte des Ganzen ist anderen Betrachtungen ^ gewidmet, die wir hier größtcntheils Übergängen haben, und die auch ! Brewster, wie uns däucht, hätte übergehen oder einem anderen ^ Orte aufbewahren sollen — da sie mit der Biographie, die er liefern ^ Brewster, Newton. 455 wollte, nicht unmittelbar in Verbindung stehen. Besonders luxunrend sind die da und dort von ihm ausgestreuten optischen Betrachtungen ausgefallen, wodurch das Geschichtbuch, denn ein solches soll es doch seyn, oft die Farbe eines L hrbucheS der Optik erhalten hat. Diese Digressionen werden ohne Zweifel, da sie von einem so ausgezeichneten Optiker kommen, manchem Leser willkommen seyn, aber dieß hindert nicht, sie hier als nicht an ihrem Orte zu erkennen. — Auch hätte er wohl den Inhalt der verschiedenen Werke Newton'S nicht, wenigstens nicht mit der Umständlichkeit angeben sollen, wie es hier geschehen ist. Allerdings gilt von Schriftstellern noch viel mehr, als von allen anderen Menschen, der bekannte Spruch aus dem Buche deS LebenS: „AnS ihren Werken werdet ihr sie erkennen." Aber dabei sind doch wohl diese Werke selbst, und nicht so magere Auszüge und bloße 'Jnhaltsanzeigen gemeint, besonders wenn selbst diese noch in mehr alö einer Beziehung nur sehr unvollkommen genannt werden können. So gibt z. B. unser Verfasser den Inhalt der Principien auf mehreren Seiten, allein der U-bersetzer, oder vielmehr der Epito- tomator der Uebersetzung, Hr. Brandes, fühlte ohne Zweifel die Unzulänglichkeit dieser Anzeige sehr wohl, obschon er sich darüber nicht weiter zu äußern für gut findet, und gibt uns dafür in seinen Noten eine andere von seiner Hand, die allerdings jene von Brewster weit hinter sich zurückläßt, welche letztere nur zeigt, daß ihr Verfasser nicht zu den ersten Lesern der Principien zu zählen ist. Der Styl der eigentlichen GeschichtSerzählung ist durchaus edel und dem Gegenstände angemessen, nur an manchen Stellen zu blumenreich. Weniger vorzüglich scheint in dieser Beziehung der didaktische Theil deS Werkes gelungen zu seyn, wo der Vortrag ösker sehr ungleich, und nicht immer so gewählt erscheint, wie in den eigentlich historischen Partien. So viel Gutes und Treffliches aber auch von dem Ganzen mit Recht gesagt werden kann, und so viel Dank wir dem Verfasser desselben wissen, der dadurch einem schon längst und tief gefühlten Bedürfnisse der Gelehrtengeschichte abgeholfen hat — einem Vorwürfe wird er, selbst bei seinen Freunden, nicht entgehen, und zwar demjenigen, von dem sich ein Geschichtschreiber vor allen andern frei zu halten suchen soll. Er ist parteiisch und oft bis zur Blindheit für seinen Mann eingenommen, der, so hoch er auch in der menschlichen Gesellschaft gestellt ist, doch immer noch ein Mensch bleiben, und die Züge, die nun einmal den Charakter des Menschen bezeichnen, beibehalte» 456 Brewstsr, Newton. soll, wenn wir ihn anders als ein Wesen unserer Art erkennen sollen. WaS ist es denn nun endlich, wenn auch er, von seinen wenigen, oft unwürdigen Gegnern gereizt, sich einmal etwas Menschliches zur Schuld kommen läßt; wenn er, abgemattet von Anstrengungen, am Abend > seines Lebens seine Kräfte ermatten steht; oder wennn er, der lange genug das Höchste, daö der menschliche Geist zum Gegenstände seiner Untersuchungen machen kann, mit einer Kraft und Beharrlichkeit verfolgte, von der wir kein ähnliches Beispiel mehr anzugeben wissen, wenn er in seinen alten schwachen Tagen nun auch zu minder wichtigen, vielleicht selbst zu kleinlichen Dingen übergeht, um sich an ihnen zu ergötzen; oder auch, wenn er endlich selbst in der Kraft seiner Jahre durch einen unglücklichen Zufall, der zu heftig auf seine Nerven wirkte, einige Zeit durch krank wird, und in dieser Krankheit selbst die Stärke seines Geistes momentan zu verlieren scheint. Wir wollen ihn sehen, wie er ist, mit allen seinen Vorzügen und mit allen seinen Schwächen, von denen er, so er ein Mensch blieb, nicht frei bleiben konnte; wir wollen seine Geschichte, nicht einen Roman lesen, und wir glauben ihn dadurch nicht minder zu verehren, als durch jene ewigen Verschönerungen und immer wiederkehrenden Apologien, die wir um so weniger annehmen können, da die von dem Verfasser angeführten Thatsachen selbst mit denselben im offenbaren Widersprüche stehen. Ncwton's Brief an PepyS, den Brewster wörtlich mittheilt, und die Antwort Mittington's zeugen offenbar von einer, wenn auch nur augenblicklichen Unordnung des Geistes, und daS Lompts- renäu, das Newton in der Sitzung der k. Societät über die Erfindung der Länge zur See abgibt, ist offenbar verworrenes Zeug, wenn gleich unser Verfasser uns versichert, daß cS unter gewissen Restriktionen vollkommen klar und deutlich sey. Newton war damals bereits 72 Jahre alt, und kann ja wohl in diesem Alter auch einmal einen schwachen Augenblick gehabt haben, ohne deßhalb sogleich in der Achtung seiner Verehrer zu sinken. Whiston, der diese Geschichte umständlich erzählt, sagt ausdrücklich, daß keiner von der Commission Newton'S Darstellung verstanden habe, und daß er selbst, nachdem er sich wieder gesetzt hatte, eigensinnig auf seinem Stillschweigen be- harrte, obschon er von allen Seiten aufgefordert und gedrängt wurde, seine Meinung deutlicher auszudrücken. Als endlich Whiston das ,Wort nahm und erklärte, daß Newton selbst nicht wünsche, sich deutlicher zu erklären, aus Besorgniß, sich selbst zu compromittiren, da erhob sich auch Newton und Wiederholte Wort für Wort dasselbe, Brewster, Newton. 457 waS so eben Whistsn gesagt hatte. — Eü war nicht lobenSwerth von Bist, dieses Betragen puönlo zu nennen, da er siir diese Schwäche des hochverehrten Greises doch leicht ein milderes und selbst besser bezeichnendes Wort hätte finden können, aber die Aeußerung Bremste r'S, daß Newton'S pspnr perlboll/ inteiliZiblv sey, kann eben so wenig angenommen werden, eben so wenig, wie uns dünkt, als die sogenannten Beweise, die Biot sür seine Behauptung vorbringt', daß sene Geisteskrankheit Newton'S bis an das Ende seines Lebens gedauert habe, eine Meinung, die mit allen Nachrichten im Widersprüche steht, die wir auö der Zeit von 1693 bis an das Ende Newton'S besitzen. In welchem Lichte ferner deutschen Lesern die Angriffe unseres Verfassers erscheinen, die er sich an manchen Stellen seines Werkes gegen tlwse in power erlaubt, werden diese selbst am besten fühlen. Wir find sie nicht gewohnt, obschon sie vielleicht manchem an uns natürlicher erscheinen möchten, als den Britten. Allein diese Aeußerungen gehören einem Geiste der Partei an, der sich seit längerer Zeit in England bemerklich macht, und in dessen Angelegenheiten wir uns nicht weiter mischen wollen. Mäßigkeit und Gerechtigkeit ist ein überall gut Ding, und wenn es nicht vergebene Mühe wäre, so sollte man sie selbst der Leidenschaft empfehlen, die sie am besten brauchen könnte, in deren eigentlichen Wesen eö aber liegt, sie zu verschmähen. Briefe über die natürliche Magie, an Sir Walter Scott, von David Brewster. AuS dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen begleitet von Friedrich Wolfs, königl. Professor in Berlin. Mit 79 Abbildungen in Kupfer. Berlin, 1833, bei Enslin. (Iahrb. d. Lit. 1835. I.XXI.) §)er nächste Zweck dieser Schrift ist, die Nichtigkeit aller sogenannten Zauberei, mit welcher sich unsere Vorfahren so plagten, dar- zuthun, und den Vorurtheilen entgegen zu wirken, welche jenen Glauben so lange unter uns aufrecht erhalten haben. Da die Unwissenheit der früheren Jahrhunderte den Trug vorzüglich begünstigte, der aller Zauberei zum Grunde lag, so wird wahre Aufklärung und innige Kenntniß der Natur und ihrer Kräfte das beste und sicherste Mittel seyn, sich vor der Wiederkehr jenes krassen, die Menschen entehrenden Aberglaubens zu schützen, und dieß ist daher auch der Zweck, den der Verfasser in seinem vor uns liegenden Werke zu erreichen sucht. Dieses Werk ist in dreizehn Briefe getheilt, die zusammen 414 Seiten klein Oktav bilden. Wir werden den Inhalt dieser Briefe nach der Ordnung in gedrängter Kürze angeben, und dadurch dem Leser eine Uebersicht des Ganzen zu verschaffen suchen. Der erste Brief zählt kurz die vorzüglichsten Täuschungsmittel der Alten auf, durch welche sie ungewöhnliche Erscheinungen hervorzubringen suchten. Hierher gehört die Nachahmung des Donners in den unterirdischen Gewölben ihrer Tempel; der sprechende Kopf in dem Orakel zu LesboS; die klingende Statue des Memnon; die Quelle Brewster, über natürliche Magie. 459 auf der Insel Andres, die abwechselnd sieben Tage lang Wein und sieben Tage Wasser gab; das gläsern^, mit Oel gefüllte Grab dcS BeluS; die ewigen Lampen; die wandelnden Bildsäulen von Antium und in dem Tempel von Hierapolis; die hölzerne Taube deS Archy- tas u. dgl. m. Es wäre zu wünschen, daß ein der Sprachen deS Alterthums und der verschiedenen neuen physischen Wissenschaften kundiger Mann alles Hierhergehörige, was uns in den Schriften der Alten gerettet worden ist, sammeln und beleuchten möchte. Einen Versuch dazu hat vor Kurzem Eusebius Salverte in seinem Werke: Ilgsai sur la msgis (Brüssel, 1817), und noch ausführlicher in seiner Schrift: l)s8 8oienoes ooeultss (Paris, 1829. II. Vol.), gemacht; allein dieser interessante Gegenstand ist dadurch noch keineswegs erschöpft, oder auch nur in seinen wichtigsten Theilen gehörig aufgeklärt worden. Brewster sucht hier daö noch Fehlende nachzutragen, und daö Ganze dieses Gegenstandes nach einem umfassenden Plan zu behandeln. Sein Hauptzweck ist, auf diejenigen Sinnestäuschungen aufmerksam zu machen, die dann entstehen, wenn die Augen oder die Ohren aufhören, ihre Dienste zu leisten, oder wo sie dieselben auf eine krankhafte, ungewöhnliche Weise leisten, und dafür die Operationen des Gemüths über die unmittelbaren Wahrnehmungen der Außenwelt vorherrschen, und Eindrücke hervorbringen, deren Ursache bloß in unserm Innern liegt, ohne einem wahrhaften Gegenstände außer uns zu entsprechen. Die fünf zunächst folgenden Briefe beschäftigen sich vorzüglich mit den Täuschungen, welchen unser Auge ausgesetzt ist. Der zweite Brief spricht von dem Verschwinden sichtbarer Gegenstände aus verschiedenen Ursachen. Den Anfang macht die schon von Mariotte gegebene Bemerkung, daß alle Menschen, wenn sie bloß auf einem Auge sehen, in Beziehung auf einen bestimmten Punkt vor ihnen immer vollkommen blind sind. Sieht man mit dem rechten Auge, so liegt dieser Punkt stets nahe 15 Grade zur rechten des Gegenstandes, auf welchen man eben sieht, oder er liegt 15 Grade rechts von der Augenaxe. Sieht man bloß mit dem linken Auge, so liegt (euer Punkt 15 Grade links von der Augenare. Um sich davon zu überzeugen, lege man zwei gefärbte Oblaten auf ein weißes Blatt Papier, drei Zoll von einander entfernt, und sehe aus einer Entfernung von nahe 12 Zoll mit dem rechten Auge nach der links liegenden Oblate, so daß das rechte Auge genau über der linken Oblate steht, und daß die, beide Augen verbindende Linie mit der die Oblaten 460 Brewster, über natürliche Magie. verbindenden Linie parallel ist. Wenn man in dieser Stellung deS Kopfes daS linke Auge schließt, so sieht man, mit dem rechten Auge die rechts liegende Oblate nicht mehr. Dieselbe Wirkung findet statt, wenn das rechte Auge geschlossen, und mit dem linken nach der rechts liegenden Oblate gesehen wirb*). Naher darüber angestellte Versuche haben gezeigt, daß dieses Verschwinden der andern Oblate bann statt hat, wenn die von ihr kommenden Lichtstrahlen auf denjenigen Ort des Hintergrundes des Auges (ober der Netzhaut) fallen, in welchem dec eigentliche Sehnecve in diesen Hintergrund eintritt, so daß also dieser Nerve dort, wo er noch so sehr dick und ohne feinere Aeste ist, für die Lichtstrahlen keine Reizbarkeit hat. Eine andere optische Täuschung ist noch merkwürdiger. Wenn man einen Gegenstand mit den Augen länger firirt, so sieht man die ihm zunächstliegenden nicht mehr, sie verschwinden gänzlich, obschon sie zuerst, obgleich nur durch ein indirecteS Sehen außer der Allgenare sehr gut sichtbar waren. Am leichtesten bemerkt man dieß, wenn man dabei ein Auge schließt. Legt man z. B. eine weiße Oblate und ein schmales Streischen weißes Papier auf eine grüne Unterlage, etwa 4 Zoll von einander, und betrachtet man in der Entfernung von 12 bis 18 Zoll die Oblate eine Weile unverwandten Blicks, so fängt daö Papierstreifchen an, abwechselnd zu verschwinden und wieder zu erscheinen. — DaS Auge sieht im Allgemeinen diejenigen Gegenstände am deutlichsten, die in der Are desselben liegen, oder auf die eS direkt sieht, so daß alle zur Seite liegenden oder indirect gesehenen Gegenstände undeutlicher wahrgenommen werden. Demungeachtet, wenn wir einen sehr schwachen Gegenstand, z. B. einen sehr kleinen Stern, im Fernrohr am deutlichsten sehen wollen, müssen wir etwas von ihm wegblicken, ohne Zweifel, weil derjenige Theil deS Hintergrundes deS AugeS, auf welchen die Strahlen der indirekt gesehenen Gegenstände fallen, reizbarer oder weniger abgenützt ist, als der unmittelbar hinter der Linse stehende Theil der Netzhaut. Man kann dieß am besten in einem Zimmer bemerken, dessen Beleuchtung so schwach ist, daß es eben nur hinreicht, weiße Gegenstände sichtbar zu machen, *) Wenn das Experiment nicht sogleich gelingt, so drehe man nur, aber sehr langsam, den Kopf um die Linie, welche das offene Auge mit der unter ihm stehenden Oblate verbindet, als um eine Drehungsare, wo man dann sofort diejenige Lage des Kopfes leicht findet, in welcher die andere Oblate gänzlich unsichtbar wird. Brewster, über natürliche Magie. 461 oder das von der schwachen Glut eines fast erlöschenden Feuers beleuchtet ist. Aus diesen Erfahrungen lasten sich vielleicht die meisten sogenannten Geistererscheinungen erklären. Diese Gespenster sind stets weißlich, weil diese Farbe am besten im Dunkeln gesehen wird, und sie sind meist solche leblose Gegenstände, welche mehr Licht zurückwerfen, als andere sie umgebende. Hat der Gegenstand einzelne hellere Theile, so werden die dunklern von Zeit zu Zeit verschwinden und wieder erscheinen, wie ist dem obigen Experimente, und der Gegenstand wird belebt und in Bewegung erscheinen. An Täuschung dcS AugeS will Niemand glauben, und doch betrügt es uns nur zu oft. „Ich glaube nichts, als was ich sehe," hört man die Leute öfter sagen, und sie meinen Wunder wie sicher sie bei dieser Maxime gehen. Dazu kömmt noch der merkwürdige Umstand, daß die feinen Nervenfasern der Sehhaut die Eigenschaft besitzen, daß sie durch einen äußern Druck phosphorisch werden. Drückt man den Augapfel durch den zwischen ihn und die Nase gelegten Finger, so sieht man einen Lichtkreis, der an Lebhaftigkeit der Farben öfter dem Pfanen- schweife gleichkömmt. Diese Erscheinung läßt sich auch in einem ganz finstern Zimmer hervorbringen (man sehe Purkinse, Beiträge zur Kenntniß des Sehens, Prag 1823, und dessen neue Beiträge, Berlin 1825). So fahren bekanntlich bei einem plötzlichen Stoß des Auges förmliche Blitze aus demselben. Dasselbe bemerkt man öfters beim Niesen und Schneuzen, oder wenn man den Augapfel durch Wirkung seiner eigenen Muskeln stark seitwärts wendet u. s. Bei Krankheiten, vorzüglich des Magens, treten alle diese Phänomene noch stärker hervor, und solche Kranke sehen oft bei völliger Dunkelheit ein schwaches blaues Licht, ohne allen äußern Druck auf ihre Augen, wahrscheinlich weil die Blutgefäße einen solchen Druck auf die Netzhaut verursachen. Dieses blaue Licht nimmt öfter an Intensität zu, wird grün und selbst roth. Die lebhafte Einbildungskraft der Siechen schafft dann aus diesen Erscheinungen verschiedene Gestalten, die oft phantastisch genug sind, und wieder aus den Verstand selbst zurückwirken. Hierher gehören auch die Phänomene der sogenannten komplementären Farben. Wenn man eine aus rothem Papier ausgeschnittene Figur auf eine weiße Tafel legt, und sie eine Weile, doch unverwandten Blickes, ansieht, so wird man bald seitwärts von der Figur dieselbe, aber in grüner Farbe, erblicken, da roth und grün die komplementären Farben sind, so wie violett und gelb, orange und blau, / 462 Brewster, über natürliche Magie. schwarz und weiß. Die Sonne, durch die Ritze eines rothen Fenster- vorhangs scheinend, färbt die Gegenstände grün, und die Flamme einer Kerze unter einem blauen Weinglase hat eine gelbe Farbe. Kurz, so oft das Auge von einer Farbe stärker afficirt wird, erblickt es zugleich die complementäre Farbe von fener. Wenn man die untergehende Sonne, wo ihr Licht schon sehr geschwächt ist, betrachtet, so sieht man bald darauf, oft durch mehrere Minuten, das Auge mag offen oder geschlossen seyn, ein Bild der Sonne, meistens zuerst braunroth oder grün mit rothem Rande. Newtons Versuche an seinen Augen sind an einem andern Orte dieser Blätter bereits mitgetheilt worden. Wie viele Erscheinungen, die man früher zu dem Wunderbaren zählte, werden sich durch diese Erfahrungen erklären lassen. Unser Verfasser führt eine solche von einem schwarzgekleideten Reiter auf einem weißen Pferde an. Man sah ihn, als eben die Sonne ihre Strahlen durch die kleine Oeffnung einer Wolke auf ihn warf. Darauf verschwand er auf einige Augenblicke hinter einem Busche, unv als er auf der andern Seite des Busches wieder erschien, war der Reiter weiß und das Pferd schwarz. Bekannt sind die Augenkrankheitcn, wo man alle Gegenstände doppelt, sieht, selbst mehrfach, z. B. den hellen Mond am dunkeln Himmel, wo man statt einem Monde oft drei und mehr sich schneidende Bilder dieses Gestirns erblickt. In andern Krankheiten sieht man nur die Hälfte der Gegenstände, auf die man sein Auge richtet, z. B. nur den obern oder nur den untern Theil der Menschen, denen man begegnet. Hierher gehört auch die Unempfänglichkeit sonst guter Augen für gewisse Farben. B. erzählt von einem Schuster in England, der nur weiß und schwarz, und sonst gar keine Farbe unterscheiden konnte, und an demselben Uebel litten auch seine beiden Brüden. Ein anderer erkannte die grüne Farbe nicht: roth und grün hielt er für einerlei, so wie schwarz und scharlachroth, und auch dieses Mannes ganze Familie hatte denselben Gesichtsfehler. Ein Schneider zu Plymouth besserte ein schwarzseidenes Kleid mit carmoisinrothem Tuche aus. Andere konnten Blau von Nelkenbraun nicht unterscheiden, und für diese besteht das prismatische Farbenbild der Sonne nur aus zwei Farben, Gelb und Roth. Brewster erzählt von sich selbst, daß er eines Abends eine vor ihm stehende brennende Kerze zum zweiten Male hart über seinem Kopse, dicht an den Haaren desselben, erblickte. Er suchte lange vergebens die Ursache dieser Erscheinung in einer Krystallisation, die sich, Brewster, über natürliche Magie. 463 wie er glaubte, in der Flüssigkeit seines Augeö gebildet haben müsse. Endlich entdeckte ein gegenwärtiger Freund durch das Mikroscop ein seines, äußerst glattes, hell spiegelndes Stückchen SiegelwachS, daS beim Erbrechen eines Briefes aufgesprungen, und in den Augenwimpern hängen geblieben war. DaS Auffallendste war dabei, daß dieses Bild der Kerze ganz außerhalb der Sehweite, und gleichsam durch den Kopf gesehen wurde. Der dritte Brief beschäftigt sich vorzüglich mit den sonderbaren Gesichtserscheinungen einer edlen Engländerin, Miß A.., die schon näher an sogenannte gespenstige Täuschungen gränzen. Diese aufgeklärte Dame wußte sehr wohl, daß diese Phänomene nur Täuschungen sind, und, obschon sie deßhalb um ihre Gesundheit nicht ohne Sorge seyn konnte, so unterhielt sie sich doch öfter darüber mit unserm Verfasser. Sie erhielt von ihm ein Mittel, in allen Fällen zu unterscheiden , ob die ihr eben vorkommende Erscheinung reell oder imaginär sey. Zu diesem Zwecke durfte sie nur das eine oder auch beide Augen mit den Fingern so drücken, daß ihr die Gegenstände außer ihr doppelt vorkamen: war dieß mit der zu untersuchenden Erscheinung nicht auch der Fall, so wurde sie sofort als eine bloße Täuschung erklärt. Diese Dame sah zuweilen ihren Gatten ganz nahe vor ihr stehen zu einer Zeit, wo er verreiset war; daß Phantom bewegte sich im Zimmer, schien ihr bald auszuweichen, bald sich ihr wieder zu nähern, und verschwand an der Decke des Zimmers. Ein andermal sah sie eine Katze zu den Füßen ihres vor ihr sitzenden Mannes: sie wollte sie fangen, das Thier schien ihr entwischen zu wollen, und erst nach einiger Zeit wurde sie ihren Irrthum gewahr. Als sie eines Tages vor dem Schlafengehen ihre Haare vor dem Spiegel ordnete, erblickte sie in demselben das Bild einer nahen Verwandten in Grabtücher gehüllt, während diese Verwandte selbst, in einer andern Stadt Englands, sich in vollkommener Gesundheit befand. Zuweilen hörte sie, wenn sie allein im Garten auf- und abging, die Stimme ihres Mannes dicht neben ihr, sa sie vernahm ganze Gespräche ü5er Oekonomie, von welcher sie beide sonst oft zu sprechen pflegten u. dgl. Bemerken wir noch, daß die Dame von zartem Bau und schwacher Gesundheit war, und daß ihre häufigen Kränklichkeiten vorzüglich von Störungen der Verdauungswerke kamen. Sie hatte schon von Jugend auf eine sehr reizbare Einbildungskraft, und sprach ungewöhnlich oft und lange lm Schlafe. Bonnet erzählt in seinem Lssai sur !es lscultk8 äe I'sms, daß Carl Lüllin, der in Genf die wichtigsten Staatsämter 464 Brewster, über natürliche Magie. bekleidete, im wachenden Zustand häufig Erscheinungen von Menschen, Thieren, Wagen u. dgl. in seinem Zimmer gesehen habe. Diese Figuren bewegten sich vor ihm, wurden kleiner oder größer. Die Tapeten seines Zimmers verwandelten sich plötzlich in andere, reichere, oder bedeckten sich mit Gemälden. Alle diese PhantaSmen erschienen ihm vollkommen deutlich, wie die wirklichen Gegenstände vor ihm, doch verwechselte er diese Visionen nie mit der Wirklichkeit. Auch genoß er eine beinahe ununterbrochene Gesundheit bis in sein zwei und neunzigstes Jahr. B. sucht diese Erscheinungen zu erklären. Zuerst sagt er, daß selbst das gewöhnliche Sehen schon einer Art von Wunder gleicht, das wir noch nicht enträthseln können. Die äußern Gegenstände afficiren die Netzhaut: aber wie? — Hier stehen wir schon an einer Kluft, die wir nicht zu überspringen vermögen. Wahrscheinlich sind jene Erscheinungen nichts weiter, als lebhafte Vorstellungen, die bei gewissen kränklichen Zuständen deö Gesichtsorgans deutlicher hervortreten, und selbst stärker werden, als die wirklichen Sinneseindrücke. Die Gemälde im geistigen Auge werden lebhafter, als die im körperlichen Auge. Vielleicht ist auch daö geistige Auge identisch mit dem körperlichen; vielleicht ist die Netzhaut nur die gemeinschaftliche Tafel, auf welcher sich beide Klassen von Erscheinungen abbilden. Hat nicht vielleicht dasselbe bei allen von dem Gedächtnisse lebhaft hervorgerufenen oder von der Einbildungskraft geschaffenen Vorstellungen besonders im Schlafe Statt? Im normalen Zustande der Organisation stehen die relativen Intensitäten dieser beiden Klaffen von Bildern auf der Netzhaut in einem richtigen Verhältniß. Die durch das Gemüth geschaffenen sind transitorisch und schwächer, als die andern permanenten, daher sie, im gewöhnlichen Zustande, hinter den directen Bildern der Gegenstände zurückstehen. Beide Funktionen zu gleicher Zeit und gleich stark zu verrichten, ist uns wohl unmöglich. Wie das eine Vermögen steigt, muß das andere sinken. In der Einsamkeit oder im Duükeln treten die Schöpfungen des Innern hervor, und noch mehr geschieht dies im schlafenden Zustande. Wenn sich der Geist im Nachdenken ganz auf seinen Gegenstand concentrirt, entschwinden ihm die Eindrücke der äußeren Gegenstände, und der Mensch scheint blind und taub, während sein Inneres auf das Höchste aufgeregt ist. Patouillet beschreibt den Zustand einer Familie, die zufällig durch Pilsenkraut (UEcvamus MgeiZ vergiftet wurde. Der eine Brewster, über natürliche Magie. 465 davon sprang in einen Teich; der andere rief, seines Nachbars Kuh sey gefallen; der dritte schrie, der Gulden würde nächstens auf einen Thaler steigen u. s. w.; zugleich sahen alle die Gegenstände um sich doppelt und in purpurrother Farbe. Der vierte Brief behandelt die Mittel, optische Täuschungen hervorzubringen, und unter ihnen besonders die Spiegel und die Zauberlaterne. Das Ganze ist nicht wohl eines AuszugS fähig, ohne sich in Umständlichkeiten einzulassen. Der Vers. theilt-mehre Verbesserungen jener beiden Instrumente zu den genannten Zwecken mit, sucht dadurch früher Statt gehabte Erscheinungen zu erklären, lehrt selbst solche Erscheinungen hervorbringen u. dgl. DaS Meiste davon ist interessant und unterrichtend, wie es denn von einem in diesen Gegenständen so bewanderten Manne, wie unser Vers. ist, nicht anders erwartet werden kann. Im fünften Briefe wird erklärt, warum man so oft erhabene Gegenstände, wie z. B. geschnittene Steine, durch das Mikroskop alö vertiefte erblickt, also Eameen als Jntaglio'ö sieht. Von diesen geht er zu der Beleuchtung der Körper mit homogenem Lichte über. Indem er das Licht der Sonne aus nur drei Farben zusammengesetzt annimmt: roth, gelb» und blau, erklärt er jene Erscheinungen auf die bekannte Art. Wenn man ein rothes Tuch mit einem gelben Lichte erleuchtet, so erscheint eS gelb, weil das Tuch nicht alle auf dasselbe fallenden gelben Strahlen absorbirt, sondern einen Theil derselben zurückwirft. DaS blaue Tuch hingegen, durch gelbes Licht erleuchtet, scheint nahe schwarz, da eS beinahe alle gelben Strahlen absorbirt, und daher fast kein Licht zurückwirft. Der Vers. gibt ein hier von ihm erfundenes Mittel, vollkommen gelbeö Licht zu erzeugen, und beschreibt den Effect, den eS auf eine bunt gekleidete Gesellschaft in einem mit Gemälden und Blumen besetzten Zimmer äußert. Anfänglich, wo das Zimmer mit gewöhnlichem weißen Lichte erleuchtet ist, zeigen^ich die schönen, muntern Farben dieser Gegenstände. Werden aber dann die weißes Licht gebenden Kerzen ausgelöscht, und die Lampen mit gelbem Lichte in das Zimmer gebracht, so entsteht eine erstaunenswürdige Veränderung. Die Mitglieder der Gesellschaft erkennen sich nicht mehr, alle Möbel, alle Gegenstände deö Zimmers, selbst die bunten Blumen desselben haben nur eine Farbe. Die Gemälde, Tapeten und Zeichnungen haben daö Ansehen, als wären sie mit Tusch gemacht. Die buntesten Kleider, der glänzendste Scharlach, das reinste Blau, das lebhafteste Grün — alles ist in ein eintöniges Gelb übergegangen. Selbst die Gesichter der Menschen sind mit dieser Farbe überzogen, und nur die bleichen werden Littrow I. 30 466 Brewster, über natürliche Magie. noch bleicher erscheinen. Jeden Einzelnen belustigt das leichenähnliche > Gesicht seiner Nachbarn, ohne zu bedenken, daß er ebenfalls die gespcn- ! stige Versammlung vermehren hilft. Wird dann ein weißes Licht in i die eine Ecke des Zimmers gebracht, während der übrige Raum noch vom gelbem Lichte voll ist, so leben die gegen das weiße Licht gewendeten Theile aller Gegenstände wieder auf, während die andern noch ihre Todtenfarbe beibehalten. Eine Wange des blühenden Mädchens erscheint in ihrer Rosenblüthe, während die andere von Todtenbläfse bedeckt ist, und so wie die Personen ihre Stellungen ändern, zeigen sich die wunderlichsten Veränderungen ihrer Farben. Noch auffallender würden diese Erscheinungen seyn, wenn man, statt dem gelben, rotheS oder blaues Licht in derselben Fülle und Intensität hervorbringen könnte. Allein dies ist bisher noch nicht gelungen. B. sucht einige Anleitung dazu zu geben. Wenn man eine silberne Münze gut polirt, dann die erhabenen Theile derselben durch Einwirkung einer Säure rauh macht, während die nicht erhabenen Theile ihre Politur beibehalten, und wenn man endlich die so zubereitete Münze auf ein Stück rothglühendeS Eisen legt, und sie dann, ohne das Eisen, in ein dunkles Zimmer bringt, so kann man setzt die Inschrift der Münze im Finstern sehr deutlich lesen. Man hat dies angewendet, um zwei vermischte und unleserliche Münzen noch zu entziffern. Auch das bloße Auflegen solcher Münzen aus glühendes Eisen, ohne Anwendung irgend einer Säure, bewirkt schon eine Oridation, die für die erhabenen Theile der Münze eine andere, als für die tiefere, ist, und die daher die Züge der Münze lesbarer macht, wie die Münzkenner schon seit langer Zeit wissen. Der sechste Brief handelt von der Fata Morgan« und von den > verschiedenen Wirkungen der horizontalen Strahlenbrechung. Haue beschreibt das sogenannte Brockengespenst, das er am 23. Mai 1797 auf dem Brocken oder Blocksberg im Harze sah, auf folgende Art. Bald nach Aufgang der Sonne trieb ein Wind dünne Wolken vor ihm her, auf denen er, beinahe in derselben horizontalen Richtung mit seinem eigenen Fußboden, eine, und bald darauf zwei ungeheure menschliche Gestalten erblickte, die alle seine Bewegungen der Hände und Füße genau nachmachten. Aehnliche Erscheinungen haben aufmerksame Beobachter schon öfter, auch an andern Orten, bemerkt. — Die Fata ! Morgana wird besonders häufig an der Meerenge von Messina, zwischen Sicilien und der italienischen Küste, gesehen. Wenn die Strahlen der Sonne einen Winkel von nahe 45 Graden mit dem Horizonte Brewster, über natürliche Magie. 467 machen, so sieht der Bewohner der Stadt, wenn er sein Gesicht gegen die See kehrt, und die Sonne im Rücken hat, bei windstillem Wetter auf der Oberfläche des Wassers Palläste, Tbürme, grasende Heer- den, Armeen von Soldaten u. dgl. Diese Gegenstände gleiten während der kurzen Zeit, die sie sichtbar sind, schnell über den Wasserspiegel hin. Man bemerkt leicht, daß diese Erscheinungen bloße Abspiegelungen von den Pallästen und Thürmen der Stadt oder von den Heerden sind, die in der Umgegend weiden. Wenn die Atmosphäre mit dichten Dünsten und Nebeln angefüllt ist, so sieht man diese Erscheinungen nicht bloß an, sondern auch über dem Wasser, oft in einer Höhe von 25 Fuß. Oefter haben diese Bilder rothe, blaue oder grüne Säume, mit welchen ihre Ränder eingefaßt sind. Auch in England sieht man häufig dergleichen Erscheinungen. HastingS z. B. ist von der französischen Küste 50 engl. Meilen (12hH deutsche) entfernt, und doch kann man diese Küste zuweilen, und zwar sehr deutlich sehen. Man kann bei vorzüglich günstigen Umständen die französische Küste von Calais bis Dieppe sehen, und zwar oft während eines Zeitraums von mehreren Stunden. Ost sieht man von der Meeresküste daS verkehrte Bild eines entfernten Schiffes oder auch zwei Bilder desselben, von welchen daS obere aufrecht und das untere verkehrt ist, während doch das eigentliche Schiff, wegen der Rundung der Erde, »och ganz unsichtbar ist. Merkwürdig sind die Erscheinungen, die Capt. ScoreSby in der Nähe von West-Grönland zu Ende des JuniuS 1820 beobachtete. Die Sonne hatte den ganzen langen Tag sehr rein und kräftig geschienen, so daß der Theer im Tauwerke seines Schiffes erweichte, und daS geschmolzene Wasser von allen benachbarten Eisbergen in tausend kleinen Strömen hcrabfloß. Bären durchzogen in ganzen Heerden die EiSflötze, und Walisische spielten munter in den Oeffnungen, die sich zwischen ihnen gebildet hatten. Gegen sechs Uhr Abends erhob sich ein langer Nebclstreif, der sich um den Horizont lagerte. Jetzt erblickte man in der Entfernung von drei deutschen Meilen eine Menge Schiffe mit ihren Segeln vor sich. Sie schienen sich lebhaft zu bewegen und verschiedene Lagen anzunehmen; einige hingen sehr schief zur Seite, andere waren ganz umgekehrt, oder auch in ihren Theilen sonderbar verdreht. Zugleich mit diesen Bildern der Schiffe zeigte sich auch ein Reflex der Eisberge in der Luft, der ganz die Vorstellung von einem halb zerstörten Saal mit Säulen von Alabaster gewährte. — Am 18. JuniuS, wo eine ähnliche Luftspieglung Statt hatte, glaubte ScoreSby ein be- 30* 468 Brewster, über natürliche Magie. zaubertes Schloß vor sich zu erblicken. Er wollte an diesem Tage, da er nahe an Grönland war, die Küste desselben aufnehmen, aber als er sie mit einem Fernrohre betrachtete, sah er die Gegenstände derselben sich immerwährend ändern. Ich glaubte, sagte er, eine alte Stadt von großem Umfange vor mir zu sehen, mit vielen Ruinen von Pal- lästen, Kirchen und andern Gebäuden, Säulen, Pyramiden u. dgl. Hinter ihnen erhoben sich große Felsmassen, oft ohne Basis, in der Lust über jenen Trümmern schwebend. Derselbe Gegenstand änderte seine Gestalt in jeder Minute. Jetzt sah er ein Schloß, dann auf derselben Stelle eine Kirche, einen Obelisk, dann eine Brücke, die sich horizontal immer länger zog, und dabei alles so deutlich, daß man sich des Gedankens kaum erwehren konnte, diese Dinge alle in der That vor sich zu sehen. — Andere ähnliche, nicht minder wundersame Erscheinungen wurden von Humboldt in Südamerika, von Turin und Soret am Genfersee, von Hughes am Aetna u. a. beobachtet. Die sonst schon bekannte Erklärung dieser Phänomene gibt B. hier auf eine sehr einfache Weise. Wenn man zwischen das Auge und einen Gegenstand, z. B. eine Blume, eine gläserne, mit Wasser gefüllte Wanne stellt, und ein glühendes Eisen über der Oberfläche des Wassers halten läßt, so sieht man über der wahren Blume, durch die Wanne zwei Bilder derselben, von welchen das eine die Blume verkehrt, und daS andere, obere Bild aufrecht vorstellt. Die Ursache ist in der Erwärmung des WafferS von dem glühenden Eisen, welche Erwärmung von der Oberfläche des Wassers bis zu seinem Boden immer zunimmt, so daß die Dichtigkeit des Wassers, durch diese Wärme vom Boden aufwärts immer geringer, und also auch die Strahlenbrechung durch das Wasser, in jedem Punkte desselben, eine andere ist. Derselbe Versuch gelingt besser noch, wenn Ocl statt Wasser angewendet wird, und selbst ohne äußere Erwärmung anzuwenden, wird man diese Erscheinung hervorbringen können, wenn man die Glaswanne bis auf ihren dritten Theil mit klarem Syrup füllt, und dann den übrigen Raum mit Wasser auSgießt. Der Syrup verbindet sich nämlich nach und nach mit dem Wasser, und bildet eine stufenweise regelmäßig geänderte Dichte, die von der deö Syrups bis zu der des reinen Wassers abnimmt. Die Anwendung auf mit Nebelmassen gefüllte Schichten unserer Atmosphäre bietet sich von selbst dar. Jene früher erwähnten Erscheinungen, wie das Brockengespenst u. dgl., sind aber offenbar Abspiegelungen der diese Phänomene sehenden Personen auf ihnen gegenüberstehenden Wolken, die zufällig sehr glatt sind, und entweder Brewster, über natürliche Magie. 469 das Bild des Beschauers, oder seinen auf sie fallenden Schatten, gleich einem Spiegel, zurückwerfen. Man sieht sie daher nur bei Sonnenaus- oder Untergang, weil dann die Strahlen derselben mehr horizontal sind, und daher wieder in das Gesicht des Beschauers zurückgeworfen werden. Der siebente Brief spricht von den Täuschungen deS Gehörs. — Von den schon bei den Alten bekannten Mitteln, solche Täuschungen hervorzubringen, erwähnen wir hier nur deS egpptischcn Labyrinths, von dem PliniuS erzählt, daß cS ans 1500 unterirdischen Zimmern mit 12 Pallästen bestanden habe, und daß bei den Ocffnungen einiger Thore derselben ein heftiger Donner aus dem Innern den E-ntreten- den entgegentönte. Ferner der im Alterthum berühmte sprechende Kopf deS Orpheus auf LeSbos u. dgl. Viele dieser Orakel mögen sich in letzter Instanz auf ganz gemeine Betrügereien reducirt haben. >So fand der Bischof Theophilus, als er im vierten Jahrhundert die Statuen der heidnischen Gottheiten in Alcrandrien zerstörte, mehrere derselben, die ausgehöhlt waren, und so gegen die ebenfalls durchlöcherte Wand standen, daß sich der Gaukelspieler hinter ihnen verbergen, und durch den Mund der Statue zu den unwissenden Zuschauern sprechen konnte. Die ähnliche Vorrichtung an dem sprechenden Kopfe am Hose Karl's II. von England ist allgemein bekannt. — Wie viele auffallende und oft unerklärbare Erscheinungen in ganz gewöhnlichen Dingen ihren Grund haben, hat man oft genug gefunden, wenn nüchterne und vorurtheilsfreie Menschen die Sache näher untersuchten — und noch viel öfter Wundern zugeschrieben, w.nn Unwissenheit und Aberglaube mit inS Spiel traten. Unser Verfasser erzählt mehrere Fälle dieser Art. Ein Mann hörte sede Nacht, nachdem er sich zu Bette gelegt hatte, einen auffallenden Ton, der einem anS der Ecke seines Zimmers kommenden Gewinsel glich, und nur etwa eine Minute anhielt. Er änderte seine Schlafstätte, selbst seine Schlafstube, und bettete sich in einem ganz entgegengesetzten Zimmer deS HauseS — aber der wimmernde Ton verfolgte ihn aus allen seinen Wegen. Er gestand selbst, gebildet wie er war, daß er am Ende sich kaum einiger abergläubischer Ideen erwehren konnte. Erst nach vielen Monaten ergab sichs, daß der klägliche Ton von dem theilweisen Oeffnen der Thüre eines Nachttisches kam, der nur wenige Fuß von dem Kopfe deS Schlafenden stand, und den er auch in alle seine Schlafzimmer mitgenommen hatte. Dieses Möbel pflegte er beim Zubettcgehen fast ganz zu öffnen; da aber die Thüre desselben sich etwas klemmte, so öffnete eS sich gleich darauf noch etwas mehr von selbst, und brachte 470 Brewster, über natürliche Magie. dadurch jenen Ton hervor. Da dieses Selbstöffnen der Thüre kaum einen Halden Zoll betrug, so blieb eS so lange unbemerkt. Stewart erzählt von einer Person, die alle Bewegungen eines Klavierspielers auf das Täuschendste nachahmte, während sie an einem gewöhnlichen Tische saß, und die Töne blos mit ihrem Munde hervorbrachte. Die Augen aller Zuhörer waren auf das Instrument gerichtet, und, wenn man nur den Mund des Spielenden nicht betrachtete, so war die Täuschung vollkommen. Carey konnte das Pfeifen deS Windes durch eine enge Ocffnung so gut mit seinem Munde nachahmen, daß er sich diesen Scherz öfter an öffentlichen Orten erlaubte, wo dann sofort z. B. im Kaffeehause fast immer einer aus der Gesellschaft ausstand, um zu sehen, ob alle Fenster geschloffen sind, während andere, mehr mit den Zeitungen beschäftigt, sich begnügten, ihre Hüte aufzusetzen, oder ihre Röcke zuzuknöpfen. — Daß bei solcher Gelegenheit die Bauchredner nicht Übergängen werden, läßt sich voraussehen. B. erzählt einige der auffallendsten Fälle der berühmtesten Ventrilocutoren, Fitz JameS und Alexander. Bekanntlich fand Capt. Lyon auch sehr gewandte Bauchredner unter den Eökimaux, die auf ihre Kunst stolz und mißgünstig sind; daher jeder den andern zu übertreffen und se>ne Geheimnisse vor ibm zu bewahren sucht. Der achte Brief handelt von der Erzeugung der Töne durch musikalische Instrumente, von den Schwingungspunkten der Saiten und Pfeifen, von den Schwingungen der festen Körper und von verschiedenen acustischen Automaten. Alles schön dargestellt, und mit der Klarheit vorgetragen, die man an den Schriften deö Verfassers schon gewohnt ist. Der eigentliche Entdecker dieser interessanten Erscheinungen, Chladni, wird sonderbarer Weise nicht genannt. Wir wollen nur bei der Interferenz des Schalles einige Augenblicke verweilen. Bekanntlich entstehen die Töne durch die Luftwellen, welche durch die Erschütterungen elastischer Körper erregt werden. Wenn z. B. eine gespannte Saite mit dem Finger geschnellt oder eine Glocke mit dem Hammer geschlagen wird, so werden alle Theile der Saite oder der Glocke in zitternde, vibrirende Bewegungen versetzt, und diese theilen sich der umgebenden Lust in der Gestalt von Wellen mit, die unser Gehörorgan asficiren, und dadurch einen Ton erzeugen, ganz eben so, wie ein in das Wasser geworfener Stein auf der Oberfläche desselben Wellen erzeugt, die sich immer weiter verbreiten, und zugleich immer schwächer werden, je mehr sie sich von dem Orte, wo der Stein dgö Wasser traf, entfernen. Die Anzahl dieser Wellen oder dieser Brewster, über natürliche Magie. 471 Schwingungen der Lust in einer bestimmten Zeit gibt die Höhe dcS TonS, so daß derselbe desto höher wird, je mehr Schwingungen der Ton z. B. in einer Secunde macht. Monochord nennt man ein Instrument, das auS einem Kasten von dünnem elastischen Holz besteht, auf welchem eine gleichförmig dicke und dichte Saite ausgespannt ist, die man mittels eines beweglichen Steges mannigfaltig verkürzen kann. Nehmen wir an, daß diese Seite zwischen ihren beieen Endpunkten so gespannt sey, daß sie, ohne den Steg zu gebrauchen, den Ton der bekannten Saite der Violine gebe. Setzt man dann den Steg in der Mitte dieser Saite auf, wodurch sie daher in zwei Theile getheilt wird, deren j der nur halb so lang ist, alö die ganze Saite, und streicht man die eine oder die andere Halste dieser Saite mit einem Bogen, so dort man die nächst höhere Octave des vorigen GrundtonS der ganzen Saite, d. h. man hört denjenigen Ton, den man bei der Violine auf der L-Sa>te mit dem dritten Finger zu greisen pflegt. Stellt man aber den Steg so, daß ein Tbeil der Saite genau "/!,, also der andere ^ der Lange der ganzen Saite hat, und streicht man dann mit dem Bogen den letzten oder längeren Theil der Saite, so hört man die nächst höhere Quinte des vorigen GrundtonS oder man hört den Ton U. Stellt man den Steg so, daß die beiden Theile der Saite und ^ der ganzen Länge derselben betragen, so gibt der letzte oder längere The.il die Quarte oder den Ton 0. Eben so gibt der Theil s/z die große Terz, ^/z die Text, ^ die Secunde und ^5 die Septime des GrundtonS. Dasselbe einfache Instrument lehrt uns auch die Anzahl der Schwingungen kennen, die jedem dieser Töne eigenthümlich zugehören. Der erwähnte Grundton /I der Violine z. B. gibt nahe 430 Schwingungen in jeder Secunde, und die nächst höhere Octave gibt zweimal, die folgende Octave viermal, die dritte Octave achtmal so viele Schwingungen, während die nächstniedere Octave dieses GrundtonS nur '/?, die ihr vorhergehende s/j, die dieser vorhergehende Octave nur '/8 Schwingungen gibt u. s. w. Um,nun auch die Zwischentöne zu untersuchen, die in jeder Octave enthalten sind, so hat man, wenn die Schwingungen des GrundtonS während einer Secunde durch die Einheit ausgedrückt werden, und wenn man von ihr allmälich durch jene Zwischentöne aufsteigt, für die Secunde für die Terz Quart §/z, Quint Sert ^/z, Septime und für die nächst höhern Octavcn selbst zwei Schwingungen in einer Secunde. Wenn daher die ^.-Saite der Violine während jeder Secunde 430 Schwin- 472 Brewster, über natürliche Magie. gungen gibt, so gehören zu ihrer Terz oder zu dem nächst höheren Ton L schon 537, zur Quart oder zum Ton v aber 573 und zur Qmnt over zu dem Tone endlich 645 Schwingungen in jeder Secunde. Ueberdieß beträgt der Umfang der dem menschlichen Ohre noch vernehmbaren Töne kaum 9 Octaven. Dem tiessten Männertone entsprechen 192, dem höchsten 633; dem tiessten Frauentone aber 576 und dem höchsten 1720 Schwingungen in einer Secunde. Wenn die Schwingungen in einer Secunde die Zahl 16,380 übersteigen, so hören wir keinen eigentlichen Ton mehr, sondern nur eine Art von Zischen. Wenn nun von zwei gespannten Saiten jede genau denselben Ton, also auch dieselbe Zahl von Schwingungen hat, so wird, wenn sie zugleich klingen, die Stärke des Tonö verdoppelt werden. Wenn aber beide Saiten nur sehr nahe im Einklänge sind, wenn z. B. die erste 100 und die andere 101 Schwingungen in einer Secunde macht, so werden wohl noch bei der ersten Schwingung beide Töne zusammenfallen, und daher, wie zuvor, doppelt stark gehört werden. Allein bei den folgenden Schwingungen wird die andere Saite immer mehr voraus eilen, und sie wird endlich bei der fünfzigsten Schwingung eine halbe Schwingung vor der ersten Saite voraus haben. Auch wird der Anfangs auf daS Doppelte verstärkte Ton beider Saiten immer schwächer werden, bis er endlich bei dieser fünfzigsten Schwingung ganz verschwindet, wo daher ein Moment erfolgt, in welchem beide Töne einander aufheben, und eine augenblickliche vollkommene Stille eintritt. Von dieser Epoche an wird der gemeinschaftliche Schall beider Saiten wieder stärker werden, bis er bei der hundertsten Schwingung wieder, wie im Anfang, am stärksten ist; eine zweite, dritte Stille tritt dann wieder bei der 150sten, 250sten, 350sten Schwingung ein, so wie die größte Stärke des Tons in die lOOste, 200ste, 300ste Schwingung fallen wird. Man kennt die ganz analogen Erscheinungen bei den verschiedenen Farben deS Lichtstrahls, die hier Übergängen werden können, da sie schon früher, bei der Anzeige des Herschel'schen Werkes über daS Licht, in diesen Blättern, wenigstens nach ihren wesentlichsten Momenten, mitgetheilt worden sind. Die Erklärung beider Phänomene gibt unser Vers. (S. 233) auf eine sehr einfache und deutliche Weise durch die Wellen, welche zwei Steine, die in einiger Entfernung von einander in daS Wasser geworfen werden, auf der Oberfläche desselben hervorbringen. Treffen die Erhöhungen der Welle des einen Steins mit der Erhöhung der andern Welle zusammen, so wird dadurch ihre Brewster, über natürliche Magie. 473 Wirkung auf die Oberfläche deS Wassers vereinigt, und die gemeinschaftliche, doppelte Welle ist auch doppelt so hoch, als jede einzelne vor der Vereinigung war. Sind aber die beiden Wellen genau so weit von einander entfernt, daß die Erhöhung der einen in die Vertiefung der andern fällt, so zerstören sich diese zwei Wellen gegenseitig, und daS Wasser wird, an dieser Stelle, weder erhöht, noch erniedrigt. Betrachtet man mehrere solche auf einander folgende Wellen, wie sie von zwei Steinen auf dem Wasserspiegel gebildet werden, so sieht man gewisse Linien von hyperbolischer Gestalt aus der Oberfläche deS WasserS, in welchem gar keine Wellen bemerkt werden, und ganz eben so ist es auch mit den Wellen, welche die Töne in der Luft und die Lichtstrahlen in dem Aether erregen. Den Beschluß dieses BriefeS macht die Anführung der vorzüglichsten akustischen Kunstwerke und Automaten. Der Mechaniker Le Droz in der Schweiz verfertigte für den König von Spanien die Figur eines SchaaseS, welches daS Blöcken dieses Thieres auf daS vollkommenste nachmachte. Maillardet in Edinburgh machte einen Vogel von der Größe eines ColibriS, der, wenn die kleine Büchse, in welcher er enthalten war, auf den Tisch gestellt wurde, den Deckel derselben aufstieß, und, nachdem er eine Weile mit seinen Flügeln geschlagen hatte, vier Melodien mit reizendem Tone vortrug. — Berühmter noch sind die Vaucanson'schen Automaten, besonders sein Flötenspieler, den er im I. 1736 beendigte, und dessen innere Einrichtung von der k. Akademie der Wissenschaft in PariS als ganz frei von allen trügerischen Vorkehrungen bezeugt wurde. V. beschrieb im I. 1738 diese Einrichtung selbst in einem eigenen Werke. Die Ente desselben Künstlers, die er 1741 verfertigte, machte nicht nur alle Bewegungen dieses Thieres auf das täuschendste nach, und konnte das ihr hingeworfene Futter nicht nur zu sich nehmen, sondern auch verdauen. Auch sein Pfeifer und Tamburin-Spieler, deren Verfertigung ihm viele Schwierigkeiten machte, erregte die Bewunderung aller Zuschauer, selbst der geschicktesten Mechaniker. Bei der Construction dieser Maschinen überzeugte er sich, daß daS Flageolet ein die menschliche Lunge sehr angreifendes Instrument sey, indem die Brustmuskeln eine Kraft von 56 Pfund ausüben müssen, um die höchsten Töne desselben zu erzeugen, während für die tiefsten Töne schon eine Kraft von zwei Loth genügt. Wichtiger noch sollte das Automat werden, durch daS V. den Blutumlaus im menschlichen Körper vorstellen wollte. Das Gefäßsystem dazu sollte aus Caoutschuk gemacht werde«, und « 474 Brewster, über natürliche Magie. Ludwig XVI., der sich sehr für diesen Gegenstand r'nteressirte, wollte unsern Künstler sammt einem geschickten Anatomen nach Guyana reisen lassen, wo der Baum, der diese Substanz liefert, einheimisch ist. Schwierigkeiten, welche sich später gegen diese Reise erhoben, entmu- thigten den Künstler, und machten ihn endlich seinen Plan ganz aufgeben. Die vorzüglichsten dieser Amomate von Vaucanson hat der bekannte BeireiS an sich gekauft, von wo sie, nach besten Tode, in den Besitz deS preuß. gth. RatbS Harlem kamen. Gegen daS Ende deS verflossenen Jahrhunderts wurden mehrere Versuche gemacht, Sprechmaschinen auszuführen. Die k. Akademie der Wiss. zu St. Petersburg gab 1779 eine Preisfrage darüber, die Kratzenstein gewann. Kempelen in Wien trieb die Sache noch viel weiter, obschon er, mit seinen eigenen Leistungen nicht ganz zufrieden, sie nicht öffentlich, sondern nur seinen nächsten Freunden zeigte. Immerhin konnte er cS nur dahinbringen, seine Maschine einzeln vorgegebene Sylben und Worte, oft täuschend genug, auösprechen zu machen. Willis in Cambridge ist seitdem auf dem Wege seiner beiden Vorgänger weiter geschritten, so wie auch Savart (m dem Läiiib. lourn. ol Leienoo, Xro. 8) bedeutende Beiträge zur Vervollkommnung dieses Gegenstandes lieferte. Der neunte Brief handelt von den Modisicationen, die der Schall bloß durch natürliche Veranlassung, ohne Beihülfe der Kunst, erleidet. Es ist merkwürdig, daß man lang entfernte Freunde nicht mehr an Gestalt und Gesichtszügen, aber oft sogleich an der Stimme derselben wieder erkennt. Diese Eigenheit benützte Lord Byron sehr glücklich, dessen Manfred in dem hectischen Phantom der Astarte die Züge seiner Geliebten nicht erkennt, aber bei dem ersten Worte derselben ausruft: -Sprich, o sprich! Ja Leine Stimme ist's — ich leb' in diesem Schall. Bekanntlich verliert der Schall in verdünnter Lust sehr von seiner Stärke. Aus dem Montblanc ist der Schall einer abgefeuerten Pistole nur mehr dem Geräusche eines Schwärmers zu vergleichen. Und doch detoniren die Meteore in einer Höhe von mehr als zehn Meilen über uns noch immer mit einem heftigen, einem starken Donnerschlage ähnlichen Getöse. Welche Kraft muß das seyn, die in einer so verdünnten Lust noch solche Explosionen hervorbringt. Wir mögen immerhin zufrieden seyn, daß diese Erscheinungen nur in so großer Höhe über unö vorgehen. In der Nähe würden sie wahrscheinlich unserm Brewster, über natürliche Magie. 475 Leben und unsern Wohnungen große Gefahr bringen, und dem Erdbeben ähnliche Wirkungen erzeugen. Von den vorzüglichsten Echo-Arten erwähnt unser Vers. dasjenige, welches die Villa deS Marchese Simon etti bei Mailand gibt, und welches ein rein ausgesprochenes Wort 40, und den Knall einer Pistole 56 bis 60 Mal wiederholen soll. Im Park zu Woodstock soll ein Echo bei Tage 17 und bei Nacht 20 schnell nach einander ausgesprochene Sylben wiederholen. Birch erzählt von einem außerordentlichen Echo zu Roseneath in ArgyleShire, daS 8 bis 10 Trom- petentöne, aber um ein Drittheil deS Tons tiefer, und nach einer Pause neuerdings, wieder um ein Drittheil tiefer als zuerst, wiederholte. Manche sonst ganz gesunde Ohren hören sehr hohe, andere wieder sehr tiefe Töne gar nicht mehr. Savart hat kürzlich gezeigt, daß das menschliche Ohr, bei einer vortheilhaften Organisation desselben, noch so hohe Töne unterscheiden kann, die 24,000 Schwingungen in einer Secunde machen. Auch halb taube Personen hören oft die feinere Stimme der Frauen oder der Kinder viel besser, als die starke, aber tiefe männliche Stimme. Bei sehr dichter Luft werden die tiefern Töne allmälich ganz unhörbar, weil ihre Schwingungen in dem dichten Medium immer langsamer werden. Die Taucher unter ihren Glocken haben oft Gelegenheit, diese Erfahrung zu machen. Ueber die im Alterthume berühmte Statue des Memnon und über tönende Felsen hat der Vers. das Vorzüglichste von S. 278—290 gesammelt, daS der deutsche Uebersetzer mit einer interessanten Note über El Nakuhs am Berge Sinai begleitet. Der zehnte Brief handelt von der körperlichen Stärke und der Muskelkraft der Menschen und Thiere. — Daß ein Mensch, auf dem Rücken liegend, Füße und Schultern auf einer Unterlage ruhend, auf seiner Brust einen Amboß tragen, und darauf Eisen schmieden lassen kann, ist jetzt eine allgemein bekannte Sache. Allein noch vor dem sechzehnten Jahrhundert gehörten diese Produktionen zu den außerordentlichsten, obschon VopiScus von einem gewissen Firmus, der im dritten Jahrhundert n. Chr. lebte, dasselbe erzählt. Gegen daS Jahr 1700 legte Joyce zu London ganz ungewöhnliche Proben seiner Körperkraft ab. Er hatte entdeckt, daß der menschliche Körper, bloß durch Hülfe gewisser Stellungen und Lagen, sehr große Kraft ausüben kann. Er stemmte sich daher gegen einen Zug von Pferden, und hob unge- geheure Lasten. Da man seine Kunstgriffe bald entdeckte, so fand er 476 Brewster, über natürliche Magie. schon in wenig Jahren viele Nachahmer, die, ohne eben viele körperliche Stärke zu besitzen, die überraschendsten Produktionen auszuführen wußten. Auf eine ähnliche Weise wußte sich der bekannte Eckeberg auö Anhalt-Bernburg zu helfen, der in ganz Europa unter dem Namen Simson bekannt wurde. Unser Vers. führt mehrere der auffallendsten Kunststücke Eckeberg'S S. 294 ff. mit umständlichen Zeichnungen an, und sucht sie, im Allgemeinen wenigstens, zu erklären. Nicht weniger ausgezeichnet war Thomas Thopham, der sich gegen daS Jahr 1730 in London sehen ließ, und allgemeine Bewunderung erregte. Der eilfte Brief spricht von den mechanischen Automaten. Schon die Alten verfertigten bewegliche Dreifüße, die sich von selbst dem Tische näherten, und von ihm wieder entfernten, wie Aristoteles und Philostratus in dem Leben des AppolloniuS erzählt. Derselbe Aristoteles spricht von den wandelnden Statuen deS Dä- d aluS, die man binden mußte, damit sie nicht davon liefen (?). Nach AuluS GelliuS besaß ArchytaS von Tarcnt (der 400 Jahre v. Chr. lebte) eine hölzerne Taube, die fliegen konnte. — Hieher kann man auch die Wasseruhr zählen, die Harun al Raschid (im Jahre 800) dem K. Karl dem Großen zum Geschenk machte. Darauf wurden die Stunden durch das Oeffnen und Schließen von zwölf kleinen Fenstern auf dem Zifferblatte angedeutet, aus welchen kleine Kugeln auf ein messingenes Becken rollten, und dadurch auch dem Gehöre die Stunden anzeigten (m. s. 4nnslk8 I>oiselisni Xnn. 807). Auch der berühmte Astronom Regiomontan soll mehrere solche Automaten mit großer Geschicklichkeit verfertigt haben, einen hölzernen Adler, der dem Kaiser Maximilian bei seinem Einzug in Nürnberg (7. Juni 1470) entgegenflog; eine eiserne Fliege, die von Hand zu Hand flog und dgl. Kaiser Karl V. beschäftigte sich in der klösterlichen Zurückgezogenheit seiner letzten Jahre ebenfalls sehr viel mit solchen Gegenständen, wobei ihm der berühmte Mechaniker Janellus TnrrianuS aus Cremona 'vorzüglich behülflich war. Nach geendeter Tafel ließ er den Tisch mit Automaten aller Art, Soldaten, Kämpfer, Flötenspieler u. s. besetzen. Bekannt ist auch der Wagen, den Camus zur Unterhaltung Ludwig'S XIV. verfertigte. In einer von zwei Pferden gezogenen Kutsche saß eine Dame, ein Bedienter und ein Page standen hinten aus. Der Wagen fuhr auf dem Tische hin und wieder, und wenn er der Stelle, wo der König saß, nahe kam, stieg der Page ab, öffnete den Kutschenschlag, Brewstsr, über natürliche Magie. 477 und schob die Dame heraus, die dem König eine Bittschrift übergab, sich dann wieder in den Wagen setzte, und weiter fuhr, während der Bediente, der vorher abgestiegen war, hinter dem Wagen herlief, und dann aus seinen vorigen Platz sprang. — Alle diese und ähnliche Automaten übertraf, nach Brewster's Ansicht, der künstliche Schachspieler, den Kempelen im Jahre 1769 in Preßburg vorzeigte. Unser Vers. gibt hier S. 314 u. f. davon eine sehr umständliche Beschreibung mit mehreren Zeichnungen. Er ist der Meinung, daß der Künstler zu seiner Produktion sich weder einer fremden, in dem Kasten versteckten Person, noch auch seiner eigenen Einwirkung auf die Maschine, z. B. durch geheime Fußtritte, Magnet u. f. bedient habe. Doch gestand K. selbst, daß die Leistungen seines Automaten mit einer Täuschung verbunden seyen, und daß die Maschine ihre Partien nur gegen diejenigen Personen gewinne, gegen die er selbst sie gewinnen würde. Ueber diese Maschine ist zur Zeit ihrer Erscheinung viel geschrieben worden, das setzt mit Unrecht vielleicht vergessen ist. Unser Vers. erwähnt noch vieler anderer Automaten von Droz, Maillardet u. a. Wichtiger mochte die Bemerkung seyn, daß die Liebhaberei an solchen Spielen, die vorzüglich das achtzehnte Jahrhundert auszeichnet, den Grund zu Entdeckungen höherer, nützlicher Art legte. Die Räder und Getriebe, die sich in jenen Automaten durch ihre Kleinheit fast dem Auge entzogen, kamen in dem stau- nenerregenden Mechanismus unserer Spinn- und Dampfmaschinen wieder hervor. Die Elemente deö sogenannten Purzelmännchens wurden in dem Chronometer-benutzt, durch den wir jetzt unsere Schiffe über den bahnlosen Ocean leiten. Dieselben Maschinen, die sonst nur zum Zeitvertreibe der Zuschauer oder zur Bereicherung deö Künstlers dienten, sind jetzt dazu bestimmt, den Nationalreichthum zu befördern. Noch gibt der Vers. in diesem Briefe nähere Nachricht von der Stickmaschinc Duncan'S, die viele tausend Hände in Schottland, besonders in Glasgow, für andere Arbeiten frei gemacht hat; von Watt'S Maschine, die Statuen drechselt, oder eigentlich sie copirt und verkleinert darstellt, und endlich von Babbage'S Rechenmaschine, die sich durch Scharfsinn und Vollendung in so hohem Grade auszeichnet, die astronomische und nautische Tafeln selbst berechnet, ihren Fehler, wenn sil einen begeht, sogleich selbst verbessert, und die vollendeten, richtigen Tafeln endlich auch selbst, ohne weitere fremde 478 Brewster, über natürliche Magie. Hülfe abdruckt. Bloß die umständlichen Zeichnungen zu diese: Rechenmaschine bedecken eine Fläche von 400 Quadratsuß. Der zwölfte und dreizehnte Bries endlich handelt von den künstlichen Produktionen der Chemie. Diese Wissenschaft, olsschon sie den Namen einer solchen erst in unsern Zeiten verdiente, war von jeher die reichhaltigste Quelle der sogenannten Wunder. In ihren Laboratorien schweiften Alchymisten und Magiker und Betrüger aller Art uneingeschränkt herum, um durch Blendwerke den menschlichen Geist zu täuschen. Der Vers. erläutert hier das Verfahren, Feuer aus dem Munde auszuhauchen, daö unsere Taschenspieler schon so gut kennen, das aber auch schon im zweiten Jahrhundert n. Chr. der Syrier Eunuö gebrauchte, sich an die Spitze des Sclavcnaufstan- deS in Sicilicn zu stellen, und der Rabbi BarchochebaS, die Juden in ihrem letzten Aufstande gegen Hadrian glauben zu machen, daß er der von dem Himmel gesandte Messias sey. — Die Kunst, auf glühendem Eisen oder Kohlen zu gehen, übten schon die Prieste- rinnen der Diana in Cappadocien, wie Strabo erzählt. Der Engländer Richardson, der gegen 1690 lebte, kaute glühende Kohlen, verschlang geschmolzenes GlaS und Blei u. f. Unser Vers. sucht diese und ähnliche Dinge seinen Lesern auf eine einfache Art zu erklären, von dem aber, wie es scheint, Vieles nur auf Hörensagen, nicht aus eigenen Erfahrungen beruht. Hieher gehören die Versuche mit Asbest, die Aldini aus Mailand ausführte, um bei Feuersgefahren Leben und Eigenthum zu retten; ferner die Sicherheitslampe von Davy «. s. w. Es ist bekannt, daß der Mensch längere Zeit in einer sehr hohen Temperatur sich aufhalten kann, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Banks und Solander hielten zehn Minuten in einem Zimmer aus, das auf 80" Röaum. geheitzt war. Blagde« verweilte acht Minuten in einem aus 91" R. geheitzten Zimmer, ohne besondere schmerzhafte Empfindungen zu fühlen. Ihre Körper behielten dabei den Grad natürlicher Wärme, und wenn sie auf ein Thermometer hauchten, so sank dasselbe um viele Grade. Blagden nahm Eier und Beef-SteakS mit in seine Heitzstnbe, und legte sie daselbst auf eine zinnerne Unterlage in der Entfernung vom Ofen, in welcher er selbst sich aufhielt. Die Eier waren in 20 Minuten vollkommen hart gesotten, und das Beef-Steak war in 47 Minuten nicht nur gar, sondern beinahe trocken geworden. Noch weiter trieb diese Versuche Chantry in England. Der Ofen, den er zum Trocknen seiner For- Brewster, über natürliche Magie. 479 men braucht, gibt dem Zimmer, in dem er steht, eine Temperatur von 140" R., wobei der eiserne Boden der Stube nahe rothglühend wird. Und doch gehen die Arbeiter in demselben mehrere Minuten herum, wobei ihre hölzernen Schuhe von dem glühenden Boden verkohlt werden. Das Vorhergehende wird genügen, die Erwartungen des Lesers zu berichtigen, und dem Ganzen seinen richtigen Standpunkt anzuweisen. Der gelehrte und belesene Vers. hat in seiner Schrift sehr viel Interessantes und Nützliches zusammengetragen, und überall, wo er eS vermochte, die Erklärung sonst unerklärbarer Erscheinungen bcigegeben, wobei er nicht selten viel Scharfsinn entwickelt, überall aber seine umfassende Kenntniß des Gegenstandes bewährt, besonders wenn er die optischen Erscheinungen bespricht, die so recht eigentlich in sein Fach gehören. Eigentliche Kunststückchen oder Anleitung, sie zu machen, findet man hier nur wenige, da eS die vorzüglichste Absicht des Verfassers ist, solche Erscheinungen, deren Grund man früher nicht angeben konnte, zu erklären, sie mögen dann ihren Ursprung in der Natur, in der Kunst oder selbst in absichtlichen Täuschungen haben. Noch weniger Aehnlichkeit wird man zwischen diesem Werke und Halle's oder gar Eckartshauscn'S Aufschlüssen zur Magie finden und dieß offenbar zum Vortheile der hier vorliegenden Schrift, die sich eben so sehr vom Mysticismus zu entfernen sucht, als Eckarts - hausen darauf hinarbeitet. Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und Bekämpfung deS Aberglaubens und aller Vorurtheile war der Hauptzweck des Vers., und er scheint ihn, wenigstens größtenteils, erreicht zu haben. Desto mehr muß es aber dem unbefangenen Leser des Werkes auffallen, so viele Dinge von dem Vers. als reell angeführt zu finden, die doch offenbar in die Reihe der Mythen gehören. Was soll man z. B. von den Luftbildern in Eumberland denken, die unö Brewster S. 160 zum Besten zu geben sich nicht entblödet. Oder von der Kornmühle, die TurrianuS für Kaiser Karl V. verfertigte, und die so klein war, daß sie in einem Hausschuh Raum hatte, und doch in einem einzigen Tage so viel Korn mahlte, als zur Nahrung von acht Menschen erforderlich war. Selbst die S. 374 angeführten Selbstverbrennungen, die so abenteuerlich klingen, scheint der Vers. in Schutz zu nehmen, obschon er sich eines leisen Zweifels an ihrer Wahrheit nicht ganz enthalten kann. Der Uebersetzer hat mit Sorgfalt gearbeitet, doch sind ihm einige Nachläßigkciten oder Undeutlichkeiten entschlüpft, wie sich deren z. B. 480 Brewster, über natürliche Magie. S. 20, 35, 168, 235 u. f. finden. Gewichte und Meilen sollten in den bei nnS gewöhnlichen Ausdrücken angegeben seyn, damit der deutsche Leser nicht so oft nachsehen muß, waö eine englische Meile oder ein Loth im Avoirduvois-Gewicht bedeute. Endlich hätten wir noch am Schlüsse deS Werks eine alphabetische Jnhaltsanzeige gewünscht, um die vielen im Werke zerstreuten Nachrichten ganz verschiedener Art leicht wieder auffinden zu können. Brewster hat zwar selbst keines gegeben, aber dieß kann kein Grund seyn, daß auch der Uebersetzer eine in der That nothwendige Zugabe des Werkes ebenfalls von sich weise, eine um so nothwendigere Zugabe, da der im Anfange deS Werkes gegebene Inhalt der einzelnen Briefe zu jedem Zwecke nicht hinreicht, und da überhaupt die Vertheilung der Materialien durch die ganze Schrift etwas sonderbar, und der Vortrag mehr kursorisch, als nach den Gegenständen geregelt erscheint. Histonsch-genealogisch-geographischer Atlas von Le Sage, Grafen Las Cafes. Aus dem Französischen der neuesten Ausgabe ins Deutsche übersetzt, und mit zwei Uebersichten vermehrt von Alexander von Dusch. Karlsruhe, bei Velten, 1826. (Jahrbücher der Literatur. 1831. blV.) (§owohl um seine eigenen Kenntnisse, als auch um die Grenzen einer Wissenschaft selbst zu erweitern, gibt eS im Allgemeinen zwei Wege. Der eine, kurze, aber mühsame, sucht einzelne Gegenstände, oft nur sehr kleine Theile deS großen Ganzen zu berichtigen, während der andere auf dem ganzen Gebiete der Wissenschaft herumschweift, und die bereits bekannten Gegenstände zu ordnen und unter einen gemeinschaftlichen Gesichtspunkt zu bringen sich bemüht. In der Geschichte ist diese Verschiedenheit der beiden Bahnen vorzüglich ausfallend, obschon sie im Grunde bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen besteht, und die Eintheilung in Universal- uüd Spezial-Geschichten verdankt dieser Verschiedenheit ihren Ursprung. Der eigentliche Geschichtsforscher, den nur das Studium der ersten Quelle» befriedigt, wird nicht leicht auf jener breiten Heerstraße gefunden werden, auf der gewöhnlich nur diejenigen herumziehen, die unter der verdächtigen Benennung der Liebhaber einer Wissenschaft bekannt sind, und denen es mehr um Unterhaltung, als um wahre Belehrung zu thun ist; eine Gattung von Lesern, auf welche jene eigentliche sogenannten Gelehrte von jeher mit einer Art von Nichtachtung herabgesehen haben, die, mit ihrer Erlaubniß sey es gesagt, in den meisten Fällen sehr ungegründet und ungerecht zugleich ist. Littrow r. 31 482 Le Sage, Atlas. Denn einmal kann doch nicht Jedermann ein Gelehrter in ihrem Sinne des Wortes seyn, und wer eS ist, ist es in einer einzigen Wissenschaft, ja vielleicht nur in einem besonderen Zweige derselben, während er in allen übrigen, wenn er sie nicht ganz vernachläßigen will, doch nur, vielleicht ohne es zu wissen, in die Klasse jener Freibeuter gehört. Die goldenen Zeiten sind längst vorbei, wo ei« Crichthon, ein Pico von Mirandola u. A. alle Wissenschaften umfassen, und ihre öffentlichen Deputationen, zu denen sie die gesummte gelehrte Welt aufforderten, an alle Kirchthüren anschlagen konnten. Zu einer Zeit, wo die ganze bekannte Wissenschaft der Mathematik, Physik, der Chemie, der Geschichte und Geographie in kleinen Kompendien bestand, und wo man mit einer ktiilosoMs in nuos sich begnügte, die jetzt kaum mehr bei einem Noth- und Hülfsbüchlein ausreichen würde, zu einer solchen Zeit war es selbst mittelmäßigen Köpfen, wenn sie nur ein gutes Gedächtniß hatten, leicht, die Rolle eines sogenannten Universalgenies zu übernehmen, und auch vor Zuhörern, die noch weniger als ihre Schauspieler, die eigentlich gar nichts wußten, glücklich zu Ende zu führen. In unseren Tagen aber haben sich die einzelnen Wissenschaften so ausgebreitet, daß einzelne Zweige derselben zu großen Bäumen herangewachsen sind, und daß beinahe jeder einzelne Theil den ganzen Menschen und seine ganze Kraft und Zeit in Anspruch nimmt, und am Ende doch noch unbefriedigt läßt. Ein unübersehbares Heer von Kenntnissen breitet sich vor unseren Blicken aus, ein endloses Meer von Gegenständen aller Art, die der menschliche Geist nicht mehr zu umfassen vermag. Selbst diejenige unter unseren Wissenschaften, welche ihrer Natur nach sich am meisten konzentrirt, die Mathematik, wenn gleich immer und überall nur der kleinste Theil der Gebildeten sich damit beschäftigt hat, welche Masse von Kenntnissen dieser Art liegt bereits vor uns aufgethürmt da, und wächst mit jedem Tage zu einem endlich unübersteigliche» Gebirge heran. Der eigentlich mathematischen Werke nicht zu erwähnen, wollen wir nur an diejenigen analytischen Arbeiten erinnern, welche in Hunderten von Quartbänden der Akademien in Paris, London, Petersburg, Berlin u. s. w., und in den zahllosen Zeitschriften unserer an Journalen aller Art so reichhaltigen Jahre erinnern. Les volumos in Ousrlo ins tont peur, sagte einer der größten unserer Geometer, Lagrange, zu einem jungen Manne, der sich unter , seiner Leitung dieser Wissenschaft widmen wollte, und er gestand aufrichtig, daß er, da ihn diese Dinge beinahe erdrücken, Le Sage, Atlas. 483 wahrhaft bedaure, so viel Zeit und Mühe an ihnen verloren zu haben. Wenn diese Bemerkungen von der bereits unübersehbar gewordenen Ausdehnung der menschlichen Erkenntnisse aller Art richtig sind, und sie werden wohl bei keinem nur etwas Unterrichteten Widerspruch finden, so scheint mir alles willkommen und eines aufrichtigen DankeS Werth, was diesem Uebel entgegenarbeitet, und uns die Last, die wir kaum mehr weiter tragen können, in der That erleichtern hilft. Mag immerhin das Verdienst, nach jahrelangen Forschungen wieder ein Körnchen Wahrheit mehr mühselig aufgefunden, und zu dem großen Vorrath gelegt zu haben, seinen hohen und unbestrittenen Werth behaupten — auch dem Sammler und Ordner dieser Körner gebührt sein Theil, und was auch der Ameisenfleiß der andern sagen mag, sie können selbst nicht ohne jene Raubbiencn seyn, und benützen gar oft im Stillen, was sie öffentlich gering zu schätzen sich die Miene geben. Das gegenwärtige Werk gehört mehr als eines derjenigen, die seit den letzten Jahrzehenden erschienen sind, in diesen von einigen verfolgte und von vielen andern so beliebte Klasse der Sammlungen und Uebersichten, welche die endlose Masse von historischen Nachrichten, mit welchen uns unsere Bibliotheken zu erdrücken drohen, zu einer süßen Last und zu einer leichten Bürde machen will. Da eS für einen sehr großen Kreis von Lesern, da eS eigentlich für die gesummte Lesewelt bestimmt ist, so würde es schwer seyn, anzugeben, ob eS auch den Wünschen derselben in der That genügt. Viele sind berufen, aber wenige nur auserwählt, und jeder von ihnen hat seine Ansichten, seine Bedürfnisse und seinen Geschmack, wegen welchen sich nach dem alten Sprichworte, mit Niemand gut rechten lassen soll. Wie immer, es hat bereits zehn Auflagen erlebt, was heut zu Tage bei jedem Buche, und vorzüglich bei einem so kostbaren, eine sehr seltene Sache ist; eS hat sich bereits als ein beliebtes Buch über das ganze gebildete Europa verbreitet, und ist sogar vor Kurzem in einer englischen Uebersetzung in Amerika erschienen. Es hat sich seit fünfundzwanzig Jahren, seit welchen der Verfasser desselben diese Früchte seiner vieljährigen Arbeiten sammelte, wozu ihm seine Einsamkeit bei dem großen Gefangenen in St. Helena besonders behülflich war, in seinem Rufe erhalten, und was auch mehrere Gelehrre, für die eS eigentlich nicht bestimmt war, daran zu tadeln gefunden haben mögen, und so gegründet selbst der Tadel dieser Herren seyn mag, so ist doch noch keiner unter ihnen aufgestanden, der uns in dieser Art 31 * 484 Le Sage, Atlas. etwas Besseres oder auch nur etwas Gleichgutes zu liefern sich herabgelassen hätte. Der Zweck des Werkes ist, die sogenannte Weltgeschichte und den Zusammenhang aller ihrer Theile nicht bloß dem Verstände, sondern zugleich und vorzüglich dem Auge darzustellen; durch stete Verbindung der Geschichte mit der Geographie der ersten einen Boden, eine sichere Folie unterzulegen; die Hauptzüge durch sinnliche Auszeichnung hervorzuheben; durch Farben und Zeichnungen, die bei dem bloßen Lesen so leicht in einander fließenden Begebenheiten der Geschichte zu trennen und auszuzeichnen; die Genealogie, dieses trockenste aller Studien, auf eine anziehende Weise zu beleben, und endlich, da das Werk aus Frankreich kömmt, dem Ganzen ein elegantes und liebliches Gewand umzuwerfen, um eS dadurch vorzüglich seinen Landsleuten, und dadurch, wie sich bei den Franzosen von selbst versteht, der ganzen gebildeten Welt nicht nur annehmbar, sondern selbst unentbehrlich zu machen. Der Uebersetzer, Herr von Dusch, großherzoglich Baden'scher Ministerialrath, hatte ansangS die Absicht, das ganze Werk umzuarbeiten; aber da innere und äußere Hindernisse aller Art sich diesem Entschlüsse widersetzten, so begnügte er sich endlich mit einer möglichst getreuen Uebersetzung desselben. Da und dort sind wohl noch mehrere Aenderungen eingetreten, auch hat Herr Professor Eise lein acht Tafeln ganz umgearbeitet, und sie, wie es heißt, unsern Bedürfnissen mehr angepaßt. Die Tafeln, welche diesem Werke zur eigentlichen Grundlage dienen, sind dreierlei Art: Allgemeine, historisch-geographische und genealogische. Ihrer sind, wie der Titel sagt, 33 im Original, in dieser Uebersetzung findet man 40, von welchen aber nicht eben alle mit eigentlichen Karten versehen sind. Der zu feder Karte gehörende Text bildet die Einfassung der Landkarte zu dreien, oft zu allen vier Seiten. Dieser Text ist aber mit so kleiner, obschon sehr guter, Schrift gedruckt, und das Format fedeS Blattes ist so gewaltig groß, daß die Lektüre desselben in der Länge sehr beschwerlich wird, und besonders die Augen des Lesers ermüdet. Ohne Zweifel würde es vor- theilhafter gewesen seyn, Karten und Text besonders zu geben, bei welcher Einrichtung, da die Karten selbst gewöhnlich nicht groß sind, ein mäßiges Quartformat für beide Theile hingereicht hätte. Aber man wollte auch nicht einmal von der Form des Originals abgehen, und sich in allen an dasselbe genau anschließen. Zn typographischer Le Sage, Atlas. 485 Rücksicht hat eS der Verleger Vclten und der Drucker Braun an nichts fehlen lassen, unö Deutschen einen Genuß zu verschaffen, der um so angenehmer ist, je seltener er uns zu Theil zu werden pflegt. Eine sehr gefällige nnd angenehme Art, sich mit den Hauptzügen unserer Völkcrgeschichte bekannt zu machen, gewährt dieses Werk ohne Zweifel, und die Idee, die oft so verworrenen Gegenstände der Geschichte dem Auge sinnlich darzustellen, und dadurch Ordnung, Einheit und eine leichte Uebersicht zu schaffen, kann ebne Anstand als eine ganz vorzügliche anerkannt werden. Zwar sind schon manche ähnliche Versuche vorausgegangen; aber wenn man den Fleiß, der auf dieses Werk vrwendet wurde, wenn man den Reichthum und die Eleganz desselben näher betrachtet, so darf ihm der Vorzug eines neuen Werkes nicht bestricken werden. Ob die Geschichte selbst durch diese Arbeit wesentlich gewonnen hat, kann eben so gut in Frage gestellt werden, als ob die von dem Verfasser gewählte Behandlung ihrer übrigen Schönheiten ungeachtet, der Sache selbst angemessen ist. Bei einer näheren Prüfung wird wohl die erste Frage nicht zu einer bejahenden Antwort führen, und die zweite, wenn sie gleich mehr von dem Geschmacke jedes einzelnen Lesers abhängt, wenigstens vor dem bessern Theil derselben, wie wir besorgen, noch vieles zu wünschen übrig lassen. Denn ohne mit dem Verfasser über die Wahl seiner Darstellung rechten zu wollen, so dürfen wir doch fordern, daß er dieser einmal getroffenen Wahl auch durch das ganze Werk sich gleich bleibe. Der tabellarischen Form ziemt die präcise, lexikographische Form, und diese herrscht in der That auf den meisten Blättern dieses Werkes vor. Aber wie viele Stellen gibt es, die eine so schneidende Ausnahme von dieser Regel machen, daß man sich plötzlich in eine ganz und gar verschiedene Darstellung, in ein ganz neues Werk versetzt zu sehen glaubt. Dort wird eine tabellarische, chroniken- artige Sprache beliebt, Präcision, kurze Gegensätze, glänzende Phrasen, die wie Blitze die Nacht der umliegenden Gegend erhellen, und die Leser, wenigstens augenblicklich, blenden sollen — und hier, oft auf derselben Seite, in derselben Spalte, eine breite, weitschweifige, bis zum Uebermaß gedehnte Darstellung über Gegenstände, die nicht einmal zur Geschichte gehören, die aber den Verfasser mit sich fortreißen, und ihn so sehr beherrschen, daß er aus dem Tone veS Epitomatorö in den des Redners und aus der Sprache eines Tabellenmachers in die eines Predigers verfällt. So heißt es, um von dieser Ungleichheit des Styleö 486 Le Sage, Atlas. ein Beispiel zu geben, auf der neunten Tafel von den älteren Könige» Frankreichs: „König Johann, dessen Worte waren: die Redlichkeit, „aus allen Menschen verbannt, muß doch ihre Zuflucht in den Her- „zen der Könige finden; Karl V., der durch Klugheit die fast verfallene Monarchie wieder hob; Karl VII., der unter der Fahne der „Schönheit sein Reich wieder eroberte; Ludwig XII., der Väterliche, „der die Hofleute lieber über seinen Geiz lachen, als sein Volk über „seine Verschwendung weinen lassen wollte; Franz I., der Großherzige, der sich über den Verlust seiner Freiheit mit der geretteten „Ehre tröstete; Heinrich IV., der Ritterliche, dessen weißer Feder- „bnsch in Frankreich das Sinnbild Ler Tapferkeit und des Ruhms „geworden ist" u. s. w. Diese spielenden, schillernden Witze mögen vielen, besonders unter unsern westlichen Nachbarn, recht angenehm dünken; aber für lehrreich, für wahrhaft instruktiv wird sie wohl Niemand halten, so wenig als für angemessen der Würde der Geschichte, da man durch solche Phrasen, wären sie auch noch so schön gedrechselt, doch wohl nicht den Charakter der Könige und ihrer Völker oder die Ursachen und Triebfedern ihrer Handlungen kennen lernen wird. Ohne indessen dem Verfasser einen Vorwurf daraus machen zu wollen, diese Wahl der Darstellung getroffen zu haben, fordern wir nur, daß er ihr auch gleich bleibe, ut unu8 et iüom sit ot silil oonstvt. Aber nun lese man die gleiche auf jene Phraseologie folgende Ergießung über die wahre Art, wie, nach seiner Meinung, die Fürsten erzogen werden sollen. Man lese und vergleiche, vergleiche, sage ich, nicht ihn mit sich selbst, sondern ihn mit irgend einer Stelle, z. B. in Fenelon'S Telemach, der denselben Gegenstand ebenfalls mehr als einmal, aber nie mit der Breite, mit der redseligen Geschwätzigkeit bespricht, wie hier unser Lexikograph gethan hat, der gar nicht müde wird, in dem weitschweifigsten Predigertone alles auszukramen, was er über die Erziehung des künftigen Regenten entweder in seinem eigenen Kopfe, oder in fremden Büchern gefunden haben mag. Und solche Beispiele finden sich beinahe auf jedem Blatte. Daß er die Ansichten theilt, welche jetzt in seinem Lande zur Mode gehören, versteht sich von selbst, so wie man überall seine Anhänglichkeit an den Mann, den er nach St. Helena begleitete, erblickt, obschon er, man muß es gestehen, sich in beiden einer edlen Mäßigung befleißigt. Es ist sonderbar, und wird wohl immer eine schwer zu lösende anthropologische Aufgabe seyn, wie ein Mann, dem es weder an Talenten, noch an Kenntnissen, noch an Selbstständigkeit Le Sage, Atlas. 487 deö Charakters mangelt, in gewissen Dingen wie ein Kind denke» und sprechen, und den Eindrücken, welche Erziehung, Bildung, Gesellschaft u. dgl. auf ihn ausüben, bis in sein spätestes Alter mit einer Art von Blindheit anhängen kann. Statt vielen Beispielen hier nur eines. — Nachdem er seine Landslcute sattsam gelobt, und gefunden hatte, „daß die Franzosen mit Recht fragen können, was „wohl die Geschichte der alten Römer und Griechen vor der ihren „voraus habe, oder waS bei jenen Schöneres und Größeres zu suchen, „oder um waS sie noch zu beneiden wären" u. dgl., setzt er, sich selbst tadelnd, hinzu, daß seinen Landsleuten doch noch eines fehle, waS die Alten hatten, und was sie gar nicht hätten: nämlich „jene „bewunderungswürdige Liebe des Vaterlandes bei den Römern zur „Zeit ihrer Republik." — Er frägt sich nun, woher dieser Mangel komme? Nicht undeutlich gibt er zu erkennen, daß dieser Mangel in der Natur der Verfassung liege. Aber da er hier, wie er wohl merkt, seinem angebeteten Freund zu nahe tritt, der in dieser Beziehung ganz eigene Ansichten hatte, und auch, so lange er allein zu wollen hatte, über diesen Punkt durchaus keinen Scherz vertrug, so sucht er, um jenen nicht zu nahe zu kommen, einzulenken, und meint, daß auf die Frage, woher jener Mangel eigentlich entspringe, gar nichts ankomme, und daß man ihn, jeder Verfassung ungeachtet, durch Erziehung und Sittenbildung, die alles gut zu machen im Stande ist, wieder ersetzen könne. „Denn man hat," fährt er fort, „sehr Un- „recht, zu behaupten, daß die Liebe des Vaterlandes eine Theilnahme „der Bürger an gewissen Geschäften voraussetze. Sieht man denn „nicht täglich Menschen voll Eifer für die Religion, ohne daß sie „deßhalb zu den Priestern der Kirche gehören? Und folgen nicht andere blindlings den Eingebungen der Ehre< ohne bei der Entscheidung über Ehrensachen eine Stimme zu verlangen? Kann also dasselbe, was hier ohne jene Hebel statt hat, nicht auch dort ohne dieselben bestehen?" — Die Erziehung, sagt er, wird diesen Hebel leicht ersetzen, und dann ist alles gewonnen, dann haben die Alten nichts mehr, waS wir Neueren nicht alles besser und schöner hätten. Und welche Erziehung meint er denn? — Dieß wird hier nicht, aber dafür desto umständlicher in einer andern Stelle der achten Karte gesagt, wo es heißt: „Was ließe sich nicht alles erwarten von einer „zweckmäßig eingerichteten Verbindung dreier berühmter Schulen der „alten Zeit; wir meinen die spartanische Erziehung der jungen Bür- „ger, die Grundsätze der Stoiker und die schönen Eigenschaften des 488 Le Sage, Atlas. „chevalereöken RitterthumS." — Wer hört hier nichl den Mann, bissen treues Echo der Verfasser gewesen ist, und wahrscheinlich bis an sein Ende auch bleiben wird. Also dahin sollte eS mit dem Lande noch kommen, welches daö unaussprechliche Glück hatte, sich in seine Arme werfen, und von denselben erdrückt werden zu dürfen? ES ist wahrlich Jammerschade, daß dieses herrliche Projekt nicht ausgeführt wurde, denn eü würde sich allerliebst ausgenommen haben, den Spartaner mit seiner schwarzen Suppe bei dem ksslgursleur üu ?glgjz Uoz'sl, oder den Stoiker mit seiner Apathie im galanten Frack a I'In- oroz'oblo aus einem Lsl äöoore zu erblicken, wie er, ein anderer Don Quichotte, seiner Dulcinea im Geiste des alten RitterthumS Cour macht, während durch die Löcher des antiken Mantels deö Diogenes überall der moderne Letit-msilre hervorguckt. Wie konnte er nur im Ernste seinem Volke einen Auftrag dieser Art zumuthen, und auch nur einen Augenblick glauben, daß bei so widerstrebenden Stoffen ein Amalgam« dieser Gattung möglich seyn könne; bei einem Volke, das er selbst kurz zuvor und noch auf derselben Seite, um seine eigenen Worte anzuführen, als „unbeständig, leichtsinnig, nach Neuem „begierig, rasch Streit anfangend, unruhig, schwer zu befriedigen, „unwiderstehlich im Glück und ohne alle Festigkeit im Unglück" — geschildert hatte. So viel vermag Vorurtheil, blinde Anhänglichkeit und einmal fest gefaßte Meinung. Es ist nun noch übrig, dem Leser eine Uebersicht von demjenigen zu geben, waö er in diesem Werke finden kann. Die erste Karte gibt eine tabellarische Anzeige der vorzüglichsten Ereignisse der Vorzeit bis zu Christi Geburt; die zweite bis auf unsere Zeiten. Die dritte und vierte Tafel gibt die kurz zusammengestellte Uebersicht der sämmtlichen Regenten, und eine Aufzählung der merkwürdigsten Begebenheiten aus der Kirchen- und Literärgeschichte, nebst den statistischen Angaben der jetzt bestehenden Staaten, über Größe, Bevölkerung, Militärmacht, Finanzen u. s. w. Die fünfte Tafel enthält den Umriß der den Alten bekannten Welt, die sechste Griechenland, die siebente das römische Reich, und die achte eine Uebersicht der Völkerwanderung. Die vier folgenden sind der Darstellung des alten und neuen Frankreichs, drei andere England, eine Savoyen, Italien, Spanien, acht sind Deutschland, und zwei Rußland gewidmet. Eine folgende Karte gibt für die wichtigsten Orte der Erde die Zeit der Entdeckung, ihre Produkte', Strö- Le Sage, Atlas. 489 mnngen, Winde u. s. w. Die vier letzten geben die vier Hauptwelttheile in geographisch-statistisch-politischer Hinsicht. Der Anhang enthält endlich noch zwei Karten, welche Europa nach dem Wiener Kongresse und Deutschland nach der deutschen Bundesakte darstellen. Um noch eine Probe der Darstellungsweise des Verfassers im Großen zu geben, wählen wir die XVI. Karte von Italien zur Zeit deS französischen Kaiserreichs. Man sieht hier zuerst daö Königreich Italien nördlich von den rhätischcn und norischen Alpen, östlich vom Meere bis AScoli, westlich von den Apenninen und dem Lause deS Tessino begrenzt. Das damalige französische Gebiet umfaßt den übrigen Theil Italiens, der dem eben erwähnten westlich liegt, von dem Meere begrenzt wird, und bis Terracina geht, nebst Neapel und den in Italien liegenden Inseln. Die neuere Organisation deS Landes ist durch Farben, die alten Grenzen sind durch punktirte Linien angegeben. Die Feldzüge Bo- napartes im Jahre 1796 und 1800 und die der französischen Heere in Neapel unter Macdonald und Championet, und endlich jene der russischen Armee unter Suwarow sind mit gefärbten Linien angezeigt. Dann werden unter den physischen Beschaffenheiten deö Landes die Flüsse, Berge, Seen und Vulkane aufgezählt. In der statistischen Uebersicht findet man die einzelnen Länder mit den vorzüglichsten Städten ihrer Provinzen, nebst den Bemerkungen, wem sie früher gehörten, ehe sie durch die Kriege von 1797 bis 1805 an Frankreich abgetreten wurden. In einzelnen Seitcntabellen dieses Blattes findet man die vorzüglichsten italienischen Schriftsteller mit ihrem Geburtsorte und Todesjahre, nebst einigen ihre Werke charakteristrcnden kurzen Bemerkungen. Eben so gibt eine zweite Tabelle Nachricht von den vorzüglichsten Malern und Bildhauern, nebst ihren ausgezeichnetsten Lieferungen. Dann folgt ein Verzeichnis der berühmtesten Antiken in Florenz, Venedig und im Vatikan, im Kapital, im Pallast Farnese, Borghese, in der Villa Xldani und der Villa l.uäovioi zu Rom, so wie die in Herkulanum aufgefundenen Alterthümer. — Aus der andern Seite dieser Karte findet man zuerst einen topographischen Abriß deS Landes, die gleichsam als Einleitung zum bessern Verständniß der nun folgenden umständlichen Beschreibung der drei Feldzüge Bona- parteS 1796, Suwarow'S 1799, und deS ersten Konsuls 1800, dienen soll. Diese drei Feldzüge werden hier als die interessantesten der vielen KriegSscenen, denen das obere Italien seit so vielen Jahrhunderten zum Schauplatze diente, herausgehoben. Daß dabei der 490 Le Sage, Atlas. französische Oberfeldherr in das günstigste Licht gestellt wird, darf nicht erinnert werden. Auf eine ähnliche Art werden die andern Länder und ihre Geschichte behandelt. Der Darstellung im Großen kann man Eleganz nichr absprechen, auch finden sich viele treffende Bemerkungen und geistreiche Züge, die bei der auf Annehmlichkeit berechneten Anlage des Ganzen die Zuneigung des größten Theiles derjenigen Leser erwerben müssen, die sich zugleich belehren und unterhalten wollen. Auch ist der große und ausdauernde Fleiß zu rühmen, den der Verfasser auf dieses Werk durch ein lange Reihe von Jahren verwendet hat, und wenn endlich auch der eigentliche Geschichtsforscher keinen unmittelbaren Nutzen daraus schöpfen kann, so wird eö dafür auf die geographische und historische Bildung einer um so größeren Zahl anderer Leser sehr wohlthätig einwirken, für welche cS auch, mit Ausschluß von jenen, von dem Verfasser vorzüglich bestimmt worden zu seyn scheint. Ueber den Heiligenschein. Von Ilr. C. Garthe. Rin- teln 1830, bei A. Osterwald. (Jahrbücher der Literatur 1823. I.XI.) ^)as vorliegende am Umfange nur kleine Werkchen scheint in Beziehung auf seinen Gegenstand sowohl, der bisher noch so wenig untersucht worden ist, als auch, und zwar vorzüglich, in Beziehung auf die Methode, welche der Verfasser bei seinen Untersuchungen beobachtete, bemerkenSwerth zu seyn. Er erklärt sich selbst in seiner kurzen Einleitung auf daS Bestimmteste gegen das Verfahren der Alten, und wir dürfen immerhin hinzusetzen, auch gegen das vieler Neueren, die Natur auf dem Wege der theoretischen Speculation zu erforschen, da sie doch nur auf der Bahn fortgesetzter Beobachtungen zu unserer näheren Kenntniß gebracht werden kann, und er gibt hier selbst ei» schönes Beispiel, aus welche Weise diese Bahn verfolgt werden muß, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Er sucht nämlich zuerst die möglich größte Summe von Erfahrungen zu sammeln, die Haupterscheinungen derselben zu bemerken, die Beobachtungen selbst mannigfaltig zu verändern, und mit den sie zunächst umgebenden Verhältnissen zu combiniren, angemessene Modifikationen mit ihnen vorzunehmen, um bemerkte Verschiedenheiten deutlicher herauszuheben, alle gesammelten Erfahrungen zu ordnen, und unter einen Gesichtspunkt zu bringen, von welchem sich das Ganze in allen seinen Einzelheiten übersehen und beurtheilen, und aus welchem sich das Gesetz, weichem diese Erscheinungen folgen, oder wenn man bis zu diesem nicht vordringen kann, wenigstens der wahrscheinlichste Grund derselben ableiten läßt. 492 Garthe, über den Heiligenschein. Von diesem Gesetze oder von diesem Grunde steigt er dann wieder herab zu den einzelnen Phänomenen, um den Zusammenhang beider nachzuweisen, und so seiner aufgestellten Erklärung denjenigen Grad von Evidenz zu geben, mit welchem wir uns gewöhnlich bei unseren Untersuchungen der Natur, wenigstens bei derjenigen zufrieden stellen muffen, die nicht zum Gegenstände der unmittelbaren Rechnung gebracht werden können. Zwar sind wir bei der Sache, von welcher hier die Rede ist, noch nicht so weit vorgedrungen, um die Kraft der Analyse auf ihn anzuwenden, wie dieß z. B. bei der in mancher Beziehung ähnlichen Erscheinung des Regenbogens und andern Natur- phänomenen der Fall ist, aber es wirkt demungeachtet nicht minder Vortheilhaft auf den an strenge Darstellungsweise gewöhnten Leser, die gegebene Aufgabe, wenn auch nicht eben durch die Mathematik, so doch mit mathematischem Geiste behandelt, und aufgelöst zu sehen. Man hat es oft genug gesagt, aber auch eben so oft vernachläßiget, daß die Mathematik die beste Disciplin deö menschlichen Verstandes ist, und daß sie daher vorzugsweise bei unseren Bildungsanstalten in Anspruch genommen werden sollte. Mag immerhin später daö Mechanische der Sache, wenn äußere oder innere Bedürfnisse nicht weiter dazu auffordern, der Vergessenheit übergeben werden; die erste 'Wendung, welche der Geist durch sie erhalten hat, die erste Falte desselben wird bleiben und wirken, um dem ganzen künftigen Leben die Sicherheit und Folgerichtigkeit im Denken geben, die eben so weit von dem gewöhnlich sogenannten Denken deS großen HaufenS verschieden ist, als sich wahre Beredsamkeit, die bei uns mit jedem Tage immer seltener wird, von der geschwätzigen Redseligkeit unterscheidet, die unö in Menschen und Büchern so oft zu ganzen Heeren umschwärmt. Auch davon gibt der Verfasser dieses kleinen, aber gehaltreichen Werkchens einen schönen Beweis, und wenn man auch nicht wüßte, daß er Professor der Mathematik ist, so würde man doch bald aus seinem Werke selbst erkennen, daß sein Geist eine mathematische Bildung erhalten hat, und daher allen seinen Erzeugnissen jenes Gepräge > aufdrückt, durch welches sich eben diese Wissenschaft vor allen anderen zu ihrem großen Vortheile so auffallend unterscheidet. Er theilte sejne Arbeit in vier Abschnitte. Der erste enthält eine bestimmte Beschreibung des zu behandelnden Gegenstandes, wodurch er deutlich erkannt, und von allen anderen ähnlichen unterschieden wird. Der zweite zeigt kurz dasjenige an, waö etwa von anderen über diesen ' Gegenstand bereits gesagt oder geleistet seyn mag. Der dritte und Garthe, über den Heiligenschein. 493 größte enthält die eigenen Beobachtungen des Verfassers, und der vierte endlich die auf diese Beobachtungen gebaute Erklärung des ganzen Phänomens. Wir wollen seiner Darstellung in derselben Ordnung folgen. Wenn eine aufrecht stehende Person, den Rücken gegen die Sonne gekehrt, Morgens oder Abends mit Intensität von der Sonne beleuchtet wird, und der Schatten derselben aus eine bcthaute, mit Pflanzen bewachsene Fläche fällt, so sieht sie um ihren Schatten einen lichten Saum, der besonders bei unbedecktem Kopfe um den Schatten des Kopfes am stärksten ist. Die Breite dieses Saumes beträgt nach den Umständen 5 Zoll bis 6 Fuß. Dieses ist die Erscheinung, um welche es sich hier handelt, und mit ihr hängt wahrscheinlich die andere zusammen, die z. B. Bouguer in Peru gesehen hat, wo er seinen Schatten auf einer nur 30 Schritte von ihm entfernten Wolke mit diesem Saume, und insbesondere den Schatten seines Kopfes mit drei lebhaft gefärbten concentrischen Ringen, wie mit einer Glorie, umgeben erblickte, ein Phänomen, das Macfait und ScoreSby in England ebenfalls beobachtet haben sollen. Wir bleiben hier mit dem Vers. bei der zuerst erwähnten Erscheinung stehen, von deren Wirklichkeit sich jeder leicht durch seine eigene Erfahrung überzeugen kann. Diese Ueberzeugung wird jedem Leser ohne Zweifel mehr gelten, als die historischen Belege, welche G. in seinem zweiten Abschnitte anführt, und Durch welche er zu beweisen sucht, daß man diese Erscheinung auch schon in der Vorzeit gekannt habe. Wir können es nicht verhehlen, daß unS diese Beweise sämmtlich ungenügend erschienen sind, und daß überhaupt dieser zweite oder historische Theil seines Werkes der schwächste ist. Weil die griechischen Künstler die Bilder ihrer Götter zuweilen mit solchen Glorien um das Haupt geschmückt haben, eine Sitte, die bekanntlich auch in die Darstellung der späteren christlichen Maler und Bildhauer Übergängen ist, so schließt er, daß diese Erscheinung jenen Bildnern bekannt gewesen seyn müsse. Allein von diesem Gebrauche lassen sich wohl auch andere Gründe angeben, die alle mit diesem Phänomen nichts gemein haben, die religiöse Ansichten oder auch Spiele der Phantasie zur Folie haben, und die wenigstens eben so wahrscheinlich seyn mögen, als die scharfsinnigen, aber durch nichts erwiesenen antiquarischen Erklärungen eines Heyne oder Winkelmann, welche jene Glorie bei den heidnischen Gottheiten von ihren Stirnbinden oder von der kleineren Kopfbedeckung ableiten wollten, 494 Garthe, über den Heiligenschein. welche das Haupt der Bildsäulen gegen Schmutz und Weiter schützen sollten. WaS G. von dem Gesichte Benvenuto Cellini'S, dessen Autobiographie uns Göthe so schön in unserer Sprache gegeben hat, mittheilt, tritt allerdings der Sache näher, kann aber doch nicht als daS Zeugniß eines unbefangenen Menschen angesehen werden. Cellini war durch die lange und grausame Einkerkerung, wie seine Geschichte selbst deutlich zeigt, mit seiner Phantasie in Unordnung gekommen; der sonst so kräftige Mann unterlag; seine GeistcSstärke, die er so oft in der Stunde der Gefahr erprobt hatte, ermattete unter langen Qualen, und nirgends auf der Erde Hülfe erblickend, seine Errettung für unmöglich haltend, wandte er sein geistiges Auge gegen andere Regionen, und sah oder glaubte doch zu sehen, was vor und nach ihm kein nüchterner, vorurthcilöfreier Mann gesehen hatte. Die Stelle im zweiten Buche Mosis beweiset nicht, was sie G. beweisen läßt, und die in ver Apostelgeschichte Cap. 26 scheint vollends gar nicht hieher zu gehören, da die Umstände und die Erscheinung selbst von dem hier behandelten Gegenstände zu verschieden sind, daher denn auch der Vers. zu mehreren sehr gezwungenen Erklärungen seine Zuflucht nehmen mußte: Die Nachricht des Plinius von dem schlafenden Knaben ist zu trocken, um darauf Erklärungen zu gründen, und der Text des Verfassers puero «lormienti csput ursisse ldrunt spricht weder vom Schatten, noch von einem lichten Saume desselben, noch von der Sonne, noch von einer bethautcn Wiese, und die ganze Geschichte gehört, wenn nicht in das Reich der abergläubischen Dichtungen, von denen bekanntlich die Römer sehr große Freunde waren, so doch gewiß nicht in die Klasse derjenigen Naturphänomene, von welchen hier die Rede ist. - Dieser zweite Abschnitt scheint also nur zu beweisen, daß entweder die Alten diese Erscheinung nicht kannten, oder daß der Verfasser sich nicht sorgfältig genug um solche Nachrichten umgesehen hat, die von einer früheren Bekanntschaft mit dieser Erscheinung zeugen können. Wir gehen zu der dritten und wesentlichsten Abtheilung, zu den von dem Vers. selbst angestellten Experimenten über. Ohne sie hier alle nach der Reihe anzuführen, bemerken wir nur folgende wesentliche Eigenheiten dieser Erscheinung. In Beziehung auf die Zeit wird das Phänomen nur etwa drei Stunden nach dem Ausgange oder eben so lange vor dem Un- Gartlie, über den Heiligenschein. 495 tergange der Sonne gesehen. Näher bei dem Mittage war es immer unsichtbar. In Beziehung auf den Ort wird bemerkt, daß der Schatten deS Beobachters auf bethaute Wiesen fallen muffe, wenn der Heiligenschein recht deutlich erscheinen soll, und daß er hier am deutlichsten erscheint, wenn der Beobachter 15 bis 30 Fuß über dem Boden der Wiese erhaben ist. Bei größeren Erhöhungen nahm die Intensität der Erscheinung wieder ab. Der Stand deS Barometers, Thermometers und des Hygrometers, so wie der Zustand der Elastizität der Luft oder die Richtung und Stärke des Windes scheint aus das Phänomen keinen wesentlichen, bemerkbaren Einfluß zu haben. Je heiterer der Himmel und je Heller das Licht der Sonne, desto stärker tritt die Erscheinung hervor. DaS langsame Hin-und Herbewegen deS Beobachters trägt auch zur Verstärkung der Erscheinung bei. Um den Schatten des Kopfes ist sie, wie bereits erwähnt, immer am stärksten. Ein senkrecht auf den gerade stehenden Körper ausgestreckter Arm zeigt an dem äußersten Ende seines Schattens nichts von jenem Saume, aber mehr und mehr, je näher der Schatten des ArmS an den der Schultern tritt. Mehrere Personen, auf die oben, bei der Erklärung deS Phänomens, erwähnte Weise, mit ihren Rücken gegen die Sonne gestellt, bemerken zu gleicher Zeit das Phänomen an ihren eigenen Schatten, aber an dem Schatten des Nachbarn ist es für den andern unsichtbar, so lange beide Personen mehr als drei Fuß von einander entfernt sind. Rücken sie einander näher, so sieht auch jeder von ihnen den Heiligenschein des andern, und zwar desto deutlicher, je näher die Personen selbst aneinander rücken. Thiere, z. B. Pferde, große Hunde und dergleichen, geben dieselbe Erscheinung, wenn sich der Beobachter hart hinter sie, zwischen sie und die Sonne stellte, aber doch immer schwächer als bei den Menschen. Tafeln von Brettern zusammengefügt oder Baumstämme und andere leblose Gegenstände hatten durchaus keinen bemerkbaren Saum ihres Schattens. Wenn aber der Beobachter sich vor einen dicken Baumstamm stellte, der an Umfang den des Beobachters übertraf, so sah man diese Erscheinung an den Längenschatten des Baumes, aber nur in der Gegend, wo, ohne Baum, des Beobachters eigener Schatten hingefallen wäre. Wenn sich der Beobachter an dem Baumstamme 496 Garthe, über den Heiligenschein. erhob, so änderte auch die Erscheinung dieser Erhöhung gemäß ihre Stelle, während immer der ganze Schatten des Baumstammes nicht die geringste Spur von Saum zeigte. Wenn der Beobachter sich in einen ringsum wohl verschlossenen Kasten stellt, und das Phänomen durch eine in die Wand des Kastens eingekittete Glasscheibe beobachtet, so sieht er, wenn anders die oben angeführten günstigen Umstände Statt haben, die Erscheinung, obschon schwächer, rings um den Schatten des ihn umschließenden Kastens, und sie wurde immer stärker und deutlicher, wenn die in der oberen Decke des Kastens zum Athemholen bestimmte Klappe geöffnet wurde. Die Bemerkung, daß das Phänomen besonders bei dem Kopfschatten hervortritt, und zwar am meisten, wenn der Kopf unbedeckt ist, leitete den Vers. darauf, den Schatten eines ganz unbekleideten Menschen zu untersuchen. Er fand, was er vermuthete, daß bei nackten Menschen dieser Heiligenschein noch viel stärker ist, als bei bekleideten, und daß er besonders stark in der Gegend deö Schattens der Brust ist. Elektrische Jsolirungen des Beobachters durch trockenes Eichenholz, Seidenzeuge, Glasplatten u. dgl. zeigten keine bemerkbaren Aenderungen deS Scheines, so daß dieser also von der Elektrizität, wenigstens im Allgemeinen, unabhängig ist. Wird der Schatten des menschlichen Körpers aus eine Mauer oder auf eine hölzerne Wand geworfen, so zeigt sich jener lichte Saum gar nicht, eben so wenig auf ausgebreiteten wollenen Decken oder auf Wasserflächen. Immer wird als Ort deS Schattens eine mit Gewächsen reich bedeckte Fläche, also z. B. eine Wiese, und zwar eine noch bethaute Wiese als erste Bedingung des Erfolges gefordert. Frisch abgemähte Wiesen, Getreidefelder u. dgl. zeigen diesen Saum nicht, oder doch nur sehr schwach. Wird der Thau mit einer Stange abgestreift, so verschwindet sofort die ganze Erscheinung. Am deutlichsten endlich tritt sie aus solchen bethauten Wiesen oder Gartenbeeten hervor, - deren Gewächse in ihrer Farbe sich mehr jener des Grünspans, als der deS Grasgrünen nähern, wie bei ?isum sstivum, Lrss- sies olorsees, vicia laba u. dgl., wo der den Schatten umgebende Achtsaum oft die Intensität des Perlmutterglanzeö erreicht. Nachdem der Vers. diese und ähnliche Beobachtungen zusammenstellt, und am Ende derselben zur besseren Uebersicht geordnet hatte, geht er nun in dem vierten Abschnitte zu ihrer Erklärung über.— Garlhe, über den Heiligenschein. 497 Alles Vorhergehende zeigt, daß die Lichtstrahlen der Sonne, wenn sie den menschlichen Körper nahe vorbeigehen, eine Aenderung erleiden, und daß diese Aenderung sich auch, obschon in geringerem Grade, bei vielen thierischen, aber nicht bei den Pflanzen und den leblosen Körpern findet. Eine solche Aenderung der Lichtstrahlen, wenn sie waS immer für Körper sehr nahe vorbeigehen, ist schon längst in der Astronomie unter dem Namen der Jnflexion des Lichtes bekannt. Welcher Art diese Aenderung hier ist, ob sie ebenfalls in einer Beugung der Lichtstrahlen, in einer Zersetzung oder in einer andern Modifikation bestehe, kann einstweilen dahin gestellt bleiben, da eS für unseren gegenwärtigen Zweck hinreicht, die Existenz einer solchen Aenderung der Strahlen, deren Wirkung eben sener helle Schattensaum ist, außer Zweifel gesetzt zu haben. Da nun die Ursache dieser Aenderung in der Nähe thierischer Körper nicht in der Anziehung derselben gesucht werden kann, weil leblose Körper keine ähnliche Erscheinung zeigen, so ist man beinahe gezwungen, sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer Dunsthülle zu suchen, welche die thierischen Körper ringsum umgibt, eine Atmosphäre, die schon wegen der immerwährenden Ausdünstung, welcher diese Körper unterworfen sind, nicht weiter in Frage gestellt werden kann. Diese Dünste umgeben die thierischen Körper, vorzüglich aber die des Menschen, vielleicht in der Form von unzähligen kleinen und feuchten Kügelchen, deren Entstehen und Verschwinden ununterbrochen fortgeht. Das Licht der Sonne wird, wenn eS in diesen Dunstkreis tritt, gebeugt und auf eine unS noch unbekannte Art? modisizirt, wodurch eben jene Erscheinung des Schattensaumes hervorgebracht wird, indem die in ihrer Richtung veränderten Lichtstrahlen auf die Pflanzenelemente und die darauf schwebenden Thautropfen so auffallen, daß sie durch die Reflexion derselben wieder in das Auge des Beobachters zurückgebracht werden. Wir wollen sehen, ob diese Erklärung den oben aufgezählten Beobachtungen vollkommen entspricht. Die Erscheinung des Heiligenscheines ist desto stärker, se Heller Las Licht der Sonne ist, weil dieses Licht es ist, in welchem die Hauptursache der Erscheinung selbst gesucht werden muß. Sie ist nahe an dem Schatten der Körper intensiver, weil sene Atmosphäre ihrer Natur nach in der Nähe der Körper selbst am dichtesten seyn muß. Diese Erscheinung ist bei unbedeckten Körpern stärker als bei bekleideten, weil bei senen die sie umgebende Atmosphäre nicht durch die Bekleidung zurückgehalten wird. Sie ist an den oberen Theilen, besonders an dem Kopfe, am stärksten, weil jene Littrow I 32 498 Garthe, über den Heiligenschein. Dunsttheile des menschlichen Körpers wahrscheinlich in einem steten Aufsteigen begriffen sind, also eine Anhäufung derselben nach oben Statt hat. Sie ist ferner nur in den Morgen- und Abendstunden sichtbar, weil nur zu dieser Zeit der Thau die Gewächse bedeckt, von deren Tropfen die Lichtstrahlen in das Auge des Beobachters reflectirt werden, und weil bei einem höheren Stande der Sonne um Mittag die Strahlen unter solchen Winkeln gegen die Thautropfen, die man etwa durch künstliche Bewässerung hervorgebracht hat, auffallen s daß eine Reflexion in das Auge des Beobachters unmöglich wird. Sie kann ferner nur von der Person selbst, die den Schatten wirft, oder von einer ihr sehr nahe stehenden anderen Person gesehen werden, weil die Tropfen, welche das stärkste Sonnenlicht zurückwerfen, nur in der Richtung des verlängerten Schattens liegen, und zu beiden Seiten dieser Richtung die Reflexion mit der Entfernung von dieser Richtung abnehmen muß. Von einem etwas erhöhten Standpunkte wird die Erscheinung deutlicher gesehen, als wenn der Beobachter auf dem Boden der Wiese selbst steht, weil man von dieser Erhöhung mehr Thautropfen und mehr spiegelnde Elemente der Pflanzen zu übersehen vermag, als von einem tieferen Stande, wo die vorderen Gewächse die hinter ihnen stehenden bedecken. Diese Erklärung scheint also mit den Beobachtungen so gut zu harmoniren und den einzelnen Erfahrungen so genau zu entsprechen, daß man an ihrer Richtigkeit nicht mehr zweifeln kann, und daß man die umsichtige und höchst sorgfältige Weise, durch welche der Verfasser zu dieser Erklärung gekommen ist, aufrichtig loben, und wünschen muß, daß sie auch bei der Untersuchung anderer Naturerscheinungen recht viele Nachahmer finden möge. Diese wenigen Blätter enthalten wieder eine Wahrheit mehr, die uns bisher noch unbekannt war, und die gewiß von jedem, dem cö überhaupt um Wahrheit zu thun ist, dankbar zu dem großen Vorrathe von Erkenntnissen gelegt werden wird, den wir unsern Nachkommen als ein Erbe hinterlassen, welches sie mit Sorgfalt pflegen, und durch ihre eigenen Entdeckungen bereichern und vermehren werden. Jean Paul Friedrich Richter. Ein biographischer Com- mentar zu dessen Werken. Von N. O. Spazier, Neffen des Dichters. Neue veränderte Ausgabe. Berlin, bei List, 1835. Fünf Bündchen. 8. (Jahrb. d. Lit. 1836 I.XXV.) §)iese Schrift bildet den 61sten bis 65. Band der „sämmtlichen Werke Jean Paul'S," die bei demselben Verleger herausgekommen find. Jedes Bündchen hat 200 bis 230 Seiten in Klein-Octav. DaS Aeußere deS Werkes ist im Allgemeinen schön zu nennen, würde aber des Mannes, dem es bestimmt ist, würdiger, und dem bereits bewährten Rufe der Verlagshandlung angemessener seyn, wenn eS nicht durch so viele Jncorrectheiten und Druckfehler entstellt wäre. DaS Innere desselben ist ein sehr schätzbarer Beitrag zur näheren Kenntniß eines unserer ersten deutschen Schriftsteller nicht nur, sondern auch unserer ganzen literarischen Zeit. Die vorzüglichsten Männer der letzten Jahrzehnde treten hier nach einander auf die Bühne, und zwar nicht immer in Staatükleidern, sondern zuweilen sogar ohne alles Kleid, wo sich denn, wenn anders der Spiegel, in welchem wir sie zu sehen bekommen, richtig zeigt, gar manche Falte, gar manche Blöße offenbart, die man früher kaum geahnt hat. Die Schrift läuft, der isolirten fünf Bände ungeachtet, ununterbrochen in Capiteln fort, deren zwanzigstes das Ganze beschließt. Wir wollen den Inhalt derselben kurz angeben, und nur bei den interessantesten Stellen, denn der bloß interessanten gibt eS sehr viele, etwas länger verweilen. 32 * 500 Spazier, Jean Paul Richter. Das erste Capitel enthält eine Beschreibung deö Fichtelgebirgs, der Geburtsstätte Jean Paul'ö, und der Lebensart seiner Bewohner. Da die letzte viel Eigenthümliches hat, was sich später in I. P. sehr schars ausprägte, so war es allerdings sehr zweckmäßig, diese Beschreibung vorauszuschicken, aus der allein sich viele Züge in unserem Manne sowohl, als auch in den Schriften desselben erklären lassen. Wir glauben eS hier übergehen zu dürfen, weil sich später, wenn jene Eigenthümlichkeiten besonders erwähnt werden, wieder auf einzelne Punkte dieser übrigens meisterhaft geschriebenen Einleitung zurückkommen läßt. Jean Paul Friedrich Richter wurde am 21. März 1763 in dem Städtchen Wunsiedel in der Mitte des Fichtelgebirges geboren. Wunsiedel liegt in Bayern, hart an der östlichen Grenze desselben mit Böhmen, von Egcr nur vier deutsche Meilen entfernt. Damals war Göthe fünfzehn Jahre alt, und Lessing stand in der vollen Blüthe seines Wirkens. Daß der erste Tag seines Lebens zugleich der erste deö kommenden Frühlings war, erschien ihm später von hoher Bedeutung, und noch in seinen letzten Werken kömmt er mit Liebe, ja mit Begeisterung aus diesen Umstand zurück. Sein Großvater, Johann Richter, war Rector der Schule zu Neustadt am Culm. Man weiß von ihm nur, daß er im höchsten Grade fromm und arm war. Noch zeigt man in Neustadt das Bänkchen hinter der Orgel, wo er jeden Sonntag betend kniete. Jede Abenddämmerung war für ihn eine tägliche Herbstzeit, wo er in der ärmlichen Schule auf und nieder ging, die Ernte des verflossenen und die Aussaat des kommenden TageS unter Gebeten überschlagend. An dieser baireuther Hungerquelle, denn sein Amt trug ihm jährlich nur 150 Gulden, stand der Arme volle 35 Jahre und schöpfte, bis er endlich, in dem Geburtsjahre seines Enkels, am 6. August 1763, eine bessere Stelle — aus dem Neustädter Gottesacker erhielt. Der Vater Jean Paul'ü war Joh. Christian Richter, Geistlicher und Organist in Wunsiedel, und seine Mutter war die Tochter eines Tuchmachers, Johann Paul Kühn, in der Stadt Hof, die fünf Meilen nördlich von Wunsiedel liegt. Von diesem Großvater mütterlicher Seite, der auch sein Taufpathe war, nahm er später den Namen Jean Paul an. Der andere Taufpathe hieß Johann Friedrich Thieme, woraus der von beiden geborgte Name Johann Paul Friedrich entstanden ist. Sein Vater trieb Musik mit Vorliebe, war als beliebter Kirchcncomponist in Bayreuth und als ein guter, stets heiterer Spazier, Jean Paul Richter. 50 t und witziger Gesellschafter bekannt. Durch seine begeisterten Predigten gewann er die Liebe seiner Nachbarn und endlich auch die seiner Braut, die ein beträchtliches Vermögen mitbrachte. I. P. hatte eine lebhafte Erinnerung seiner frühesten Kinderjahre bis in seine letzten Tage mit Sorgfalt hinübergetragen, was bekanntlich bei Göthe durchaus nicht der Fall war. Als er zwei Jahre alt war, zog er mit seinem Vater in das Dorf Joditz bei Hof, wo sein Vater eine bessere Pfarre erhalten hatte, und hier blieb er bis in sein dreizehntes Jahr. Wir eilen durch diese ersten Jugendjahre mit schnellerem Schritte, um zn den Zeiten von größerer, allgemeiner Bedeutung zu gelangen, odschon auch jene früheren Tage zur Kenntniß deS Mannes von Wichtigkeit, und ihre Schilderung von unserm Verfasser mit besonderer Vorliebe ausgestattet worden ist. DaS meiste deS hier Mitgetheilten ist aus einer Autobiographie I. Paul'S genommen, und daher, bis auf die Ausdrücke, in der charakteristischen Manier desselben gegeben, und eben dadurch besonders anziehend geworren. Ueberhatipt ist dieses Werk, wo es nur immer anging, aus den Schriften I. Paul'S, den öffentlichen sowohl als den Privatbricfen desselben, entlehnt, da diese nicht nur ihrer Eigenthümlichkeit wegen die beste, sondern auch größtentheilü die einzige Quelle waren, aus welcher eine eigentliche Characteristik von I. P. abgeleitet werden konnte, daher sich auch unser Verf. sehr zweckmäßig mit jenen beiden Gattungen von Schriften vorerst auf daS Innigste bekannt zu machen suchte, wofür beinahe jede Seite des Buches ein sprechendes Zeugniß ablegt. Eben dadurch gewann aber auch die Darstellung deS Verf.'s eine ganz besondere, für den Leser im hohen Grade wohlihätige Färbung, die beinahe jede Zeile zu einem lieblichen Bildchen, zu einem treffenden, charakteristischen Zuge deS großen PortraiteS macht, daS hier entworfen werden soll. Wir verweisen nur auf die Beschreibung der großen Familienstube im Winter, wo unter dem Ofen ein Taubenstall und an den Fenstern Zeisig- und Stieglitzhäuser angebracht waren; wie am Abend die Magd am Spinnrocken beim flammenden Kienspan ihre selbstgetriebcne Ananas von grausen Volksmährchen auftischte; wie sich im Sommer nach dem Abendessen der Vater mit der Pfeife inS Freie, d. h. in den engummauerten Pfarrhof setzte, und die Kinder im Hemdtalare in der frisch-.« Luft hernmhüpften und thaten, als wären sie die noch kreuzenden Schwalben über sich; wie er den fröhlichen Jahrmarkt zu Hof besuchte; die Geschenke der Verwandten am Trinitatisfeste in Empfang nahm; wie er der blauäugigen 5N2 Spazier, Jean Paul Richter. Augustine, wenn sie Abends die Weidekühe nach Hause trieb, durch die Spalte des HofthorS die Hand entgegenstreckte, denn mehr durste bei dem strengen Vater von oen Kindern nicht auö dem Hofe; wie bei Herannahung häuslicher Festlichkeiten des Trippelnö und Herztan- zenS kein Ende war u. dgl. m., waö alles mit kindlicher Lieblichkeit beschrieben wird, vbschon es noch lange nicht das ist, waS eigentlich als das Beste beschrieben werden sollte. „ Denn wer nun nach diesen ersten freudigen Stürmen auch noch die überseligen Zephyre und die Windstillen, die darauf im Herzen folgten, beschrieben verlangt, der vergißt, daß ich nicht Alles vermag." — Uebrigenö sehen wir in dem zarten Knaben schon alle die Eigenschaften, die später den Mann zu einem ausgezeichneten und öfter auch etwas seltsamen Wesen machten, wenn gleich noch in unentwickeltem Keime liegen, wie er z. B. unter der Hausthüre stehend an dem gegenüberliegenden Holzstöße sein anderes Ich oder sich selbst außer sich sah; wie er sich, nach seinem eigenen Ausdruck, an seinen Lehrbüchern wie ein kräftiger Hellseher selbst magnctisirte u. dgl. In seinem dreizehnten Jahre zog er nach Schwarzenbach an der Saale, wo sein Vater eine viel bessere Pfarre erhielt, als die frühere in Joditz war. Wenn in dem letzten Orte seine Erziehung, die der Vater ganz allein übernommen hatte, nur sehr lau betrieben wurde, so hörte sie in Schwarzenbach gänzlich auf, und der Knabe war eigentlich sich selbst überlassen, da der Vater, früherer Schulden wegen, die bei seiner Armuth in Joditz sehr erklärlich sind, mißmuthig wurde, und sich selbst von seiner Familie zurückzuziehen suchte. Wir haben bereits an Augustiner, in Joditz eine Geliebte des zehnjährigen Knaben kennen gelernt; ihr folgte in Schwarzenbach bald ein Katharinchen nach. Die jugendlich-unschuldige und unbewußte Hinneigung seines Herzens führte dort, wie hier, manche liebliche Scene und zuletzt sogar ein in aller Eile geraubtes Küßchen herbei, von dessen intensiver Kraft sich aber unser Dichter noch in alten Tagen erwärmt fühlte. „Ein Küßchen, und weiter nichts! Aber im Finstern, hinter den geschlossenen Augenlicdern, entwickelte sich das Feuerwerk des Lebens für einen Blick, und — war dahin. Aber ich habe es doch nicht vergessen, das Unvergeßliche. Es war der erste wahre Kuß und, wie ich glaube, auch der letzte. Ich nahm fernerhin mit meiner telegraphischen Liebe vorlieb." — Nicht ohne Jrteresse wird man hier seinen ersten Gang zum Adendmahlc und die Beschreibung seiner Genüsse in der öffentlichen Schule lesen, die er nun besuchen durfte, wo Spazier, Jean Panl Richter. 503 er aber im Grunde doch nichts fand, was sein Inneres befriedigen und sein einsames Höhcrstreben unterstützen konnte. Bessere neue Bücher fanden sich keine vor. Einige elende Romane aus der ersten Halste des Jahrhunderts mußte er dem Vater heimlich wegnehmen, da dieser sich auch feindlich vor diese Himmelspforte stellte. Als ihm aber Robinson Crusoe in die Hände siel, war des Entzückens kein Ende. Noch in spätem Alter wußte er Stund und Platz, wo die Begeisterung ihn ergriffen und durch und durch geschüttelt hatte. „Jetzige Kinder," setzt er hinzu, „beneide ich wenig, welchen der erste Eindruck des kindlichen Robinson entzogen und vergütet wird durch die neuen Umarbeiten des Mannes, welche die stille Insel in einen Hörsaal verwandeln oder in ein abgedrucktes Schnepfenthal, und den schiffbrüchigen Robinson überall mit einem Lehrbuche in der Hand und eigenen Oielstis im Maule herumschicken, damit er seden Winkel deS Landes zu einer Winkelschule anlege, obgleich sie selbst sich nur nothdürftig das Leben fristen." In reichbegabten Menschen, die nicht bloß für eine einzige Kunst oder Wissenschaft Talent haben, muß sich, wenn sie was Großes leisten sollen, Phantasie und Verstand gegenseitig die Wage halten. In ihrer Jugend überwiegt gewöhnlich die Phantasie; später kömmt die Zeit der Oberherrschaft deS Verstandes; aber die glänzende Periode ihres Lebens tritt dann erst ein, wenn beide Facultäten einander nicht mehr subordinirt sind, sondern coor- dinirt aus dem gemeinschaftlichen Throne sitzen. So war es bei Schiller. Zur Zeit, wo er seine Räuber, seinen FieSko schrieb, überwog die Phantasie -— während seines spätern Aufenthalts in Jena herrschte ausschließend die Philosophie über ihn, so daß viele die Dichterlausbahn dieses Genius schon für geschloffen hielten, bis mit dem Wollenstem die letzte Epoche anfing, deren Glanzpunkt in die Zeit der Entstehung des Tell siel. Ganz umgekehrt war es bei Jean Paul. Durch die Abgeschlossenheit seiner Jugend von aller übrigen lebenden Welt war er auf die todte Welt der Bücher angewiesen. Er sammelte viele Jahre durch Kenntnisse aller Art, und überbaute daraus die innere Lavawelt seiner glühenden Gefühle mit einer hohen, eisigen Schneedecke. Sein Verstand war allein thätig, und er mußte einen großen Theil seiner Kraft bloß dazu verwenden, die immer und gleichsam instinctmäßig hervorbrechende Phantasie wieder zurückzudrücken. Später stürzte die letzte allerdings nur um so gewaltiger hervor, weil sie, wie ein Bach durch Schleusten, so lange zurückgehalten wurde, aber die Nachklänge sener ersten Zeit tönten noch bis in das späte 504 Spazier, Jean Paul Richter. Alter fort, und machten ihn nur zu oft an sich selbst irre. Da er nämlich in den Jahren der R ufe öfter die Bemerkung an sich machte, daß ibm alle Spiele des Verstandes leichter wurden, als die Schöpfungen der Einbildungskraft, so gerieth er dadurch auf die Einbildung, daß er ursprünglich zum Philosophen, und nicht zum Dichter, von der Natur bestimmt worden s.y, da er doch offenbar alle Kenntnisse, die er sich in früheren Jahren erwarb, und deren waren wahrlich nicht wenige, wie man aus allen seinen Schriften sieht, nur als Nahrung für seine Phantasie und seinen immer sprudelnden Witz zu gebrauchen wußte. Von gewissen, soll man sagen kränklichen oder anomalen Zügen, die in großer Anzahl durch das ganze Buch laufen, wollen wir da und dort wenigstens einige hervorheben, da sie nicht nur ganz vorzüglich zu der Charakteristik unsers Dichters gehören, sondern da vielleicht auch mancher Leser, wenn er die Hand in seinen eigenen Busen führt und mit sich selbst aufrichtig ist, zu der innern Anschauung kommen wird- daß auch er zuweilen ähnliche Dinge bei sich beherbergt, aber nicht so klar erkannt haben mag, bis ihn die Erzählung fremder Erfahrungen darauf geführt hat. — Jean Paul ging täglich zwei Stunden zu dem Caplan des Ortü, um unter seiner Anleitung, man sieht nicht recht was, zu lernen. Genug, er machte hier die Bekanntschaft mit vielen Büchern, nach denen er so lange vergebens sich gesehnt hatte, und die Liebe zu diesen war die Ursache, daß er endlich auch in den Caplan von ganzem Herzen verliebt wurde, so daß er seden Tag die Zeit, die er mit ihm zubringen sollte, kaum erwarten konnte. Nachdem dieß eine Weile so fortgegangen war, fand der Caplan, um Abwechslung in ihre Geschäfte zu bringen, für gerathen, auch einen guten Theil der früher blos zur gemeinschaftlichen Lektüre bestimmten Zeit mit dem Schachspiele zuzubringen. Kaum aber hatte unser junger Dichter dieses Spiel nur in seinen ersten Elementen kennen gelernt, als er in dasselbe noch viel mehr verliebt wurde, als in alle jene alten philosophischen Bücher und in den Caplan dazu. Eineö Tages sollte er, da er Kopfschmerzen hatte, zu Hause bleiben, aber er ging doch hin, bloß, weil ihm gestern ein Schachspiel versprochen war. Da aber der Caplan, vielleicht aus bloßer Vergeßlichkeit heute nichts vom Spiele erwähnte, so — kam er auch niemals wieder. Ich begreife nicht, sagte er später selbst, als er diesen Umstand erzählte, wie mein sonst so strenger und auf das Lernen erpichter Vater mein durch nichts motivirtes Wegbleiben stillschweigend Spazier, Jean Paul Richter. 505 zuließ, aber noch viel weniger kann ich begreifen, wie ich ein solcher Narr seyn, und den Caplan zur selben Stunde fliehen konnte, wo ich ihn doch von ganzer Seele fortliebte. — Unfir Vers. meint, daß sich dieses Benehmen vorzüglich aus dem Nichthalten eines gegebenen Versprechens erklären lasse, wodurch sein moralisches Gefühl verletzt worden war. Allein so schön dieß klingt und so ehrenvoll eS für den Dichter seyn mag, unS scheint, daß man die Ursache viel tiefer, und ganz auf dem untersten Grunde der menschlichen Natur suchen müsse. Da er nun mit der in der That sehr vorzüglichen Handbibliothek des Pfarrers Vogel in Rehan bekannt wurde, so fühlte er bald daS Bedürfniß, von diesen vielen Büchern, die er mit Heißhunger verzehren wollte, da er ihren Inhalt nicht im Gedächtniß behalten konnte, AuSzüge zu machen. Dieses Ercerpiren ging in steigender Progression durch sein ganzes Leben fort. Schon in seinem fünfzehnten Jahre hatte er mehrere, zwei- bis dreihundert Quartseiten starke Bände solcher Auszüge, und sie wuchsen mit den Jahren bis inS wahrhaft Unglaubliche an. Im Anfange waren eS meistens philosophische oder theologische Schriften, die ausgezogen wurden. So findet man in den beiden ersten Bänden dieser ungeheuren Sammlung folgende Aufschriften dieser, oft sehr umständlichen Excerpte: „Von der Verbindung der natürlichen mit der christlichen Religion;" „von der Kürze des jugendlichen Lebens;" „was Beredsamkeit ist;" „von den Wirkungen dcö Teufels;" „alle Vernunft ist ewig;" „von Ideen;" „von der Spinozistlschen Gottheit;" „wie die Seele denkt;" „was Schönheit ist;" „von angebornen-Ideen" u. s. w. Merkwürdig dabei ist auch, daß er sich, seiner früheren religiösen Stimmung ungeachtet, schon in seinem vierzehnten Jahre auf das eifrigste der Heterodoxie zugewendet hat. Zu Ostern 1779 bezog er, in seinem sechzehnten Jahre das Gymnasium in der bayerischen Stadt Hos. Hier war eS mit der eigentlich geistigen Erziehung sehr schlecht bestellt, und auch von Er- weckung des Eifers zum Selbststudium war keine Rede. Die Geschichte besonders war bloß ein auswendig zu lernendes Namen- und Sachregister, ohne Reiz, ohne Kraft. Auch blieb I. P. dadurch für sein ganzes Leben dieser Wissenschaft entfremdet, beinahe gram. Und doch, welches herrliche Mittel zur geistigen Bildung der Jugend wurde dadurch und wird wohl noch versäumt. Bedauernswerthe Jugend, der eS an der Gegenwart und an der Vergangenheit zugleich gebricht, die ihr inneres Drängen und Dürsten nur mit Auswendiglernen sinn- 506 Spazier, Jean Paul Richter. und verstandloser Formen ertödten muß, und für die eben dadurch auch die Zukunft öde und dürre seyn wird! Noch in demselben Jahre 1779 starb sein Vater, und das Resultat dieses Ereignisses war für den Jüngling ein zehnjähriger Kampf mit der bittersten Armuth. Der Vater hatte fünf lebende Söhne und viele Schulden hinterlassen. Auch die Eltern der Mutter unseres Dichters starben bald darauf, und hinterließen kein Vermögen. I. P. schien sich um diese Aenderung seiner Stellung in der Gesellschaft anfangs wenig zu kümmern, da seine kleinen Bedürfnisse des Lebens bald befriedigt waren, und er von den ihn nun in großer Anzahl umgebenden Büchern zu sehr beschäftigt wurde. Obschon anfangs von seinen Mitschülern wenig berücksichtigt, weil er noch zu sehr nach dem Dorfe roch, gewann er sich doch bald eine Art von geistiger Oberherrschaft durch seine größeren Kenntnisse und noch mehr durch seine Lust, sie durch Mcktheilung in der Gesellschaft geltend zu machen. Er machte in der That sehr gern den Sprecher bei jeder sich anbietenden Gelegenheit, und dabei war ihm eben nur darum zu thun, sich auszusprechen, unbekümmert, ob auch vor dem rechten Auditorium. „Mir ist am Ende," sagte er selbst, „die Gesellschaft einerlei, vor der ich mich ausströme, auch waS von meinen Worten verloren geht oder mißverstanden wird: ich will nur mich selbst in mir selbst durchleben und mich froh ausreden." Son der Sentimentalität jenes schmerzlichsüßcn wertherisirenden und siegwartisirenden Zeitalters, dem nur wenige Jünglinge und Mädchen entgingen, wurde unser Paul, seiner ungemeinen Empfänglichkeit für Dinge ähnlicher Art ungeachtet, doch nur wenig ergriffen. Unser Vers. scheint davon I. S. 139 den wahren Grund angegeben zu haben. Bereits in dem Jahre 1780 regte sich in ihm die Lust, als Schriftsteller aufzutreten. In diesem seinem siebzehnten Jahre schrieb er zwei Abhandlungen. „Wie unser Begriff von Gott entstanden ist," und „von der Harmonie zwischen wahren und irrigen Sätzen." Beide blieben Manuskript, wie man leicht denken kann. Auch finden sich aus demselben Jahre noch mehrere bloß angefangene Aufsätze über Gegenstände der Naturwissenschaften, durch welche er wahrscheinlich von jenen sentimentalen Possen abgezogen wurde. Eigentlich wurde seit diesem Jahre seine schriftstellerische Thätigkeit bis an daö Ende seines Lebens, also volle 45 Jahre, nicht mehr unterbrochen, wie wir 507 Spazier, r?ean Paul Richter. im Folgenden sehe» werden. Indeß nahmen seine Ercerptenbiicher immer z«, da er um Ostern 1781 schon 12 Quartbände derselben zählte, und, um ihren Juhalt zu übersehen, ein großes alphabetisches Verzeichnis dazu machen mußte. Es wurde zuvor gesagt, daß I. P. sich von der Influenza, die WertherS Leiden und ähnliche Schriften jener Zeit in Deutschland hervorgebracht haben, frei zu halten wußte. Um aber die Intensität und Ausdehnung dieser moralischen Seuche ganz zu begreifen, führt unser Vers. aus einem Briese des nachmaligen CabinetS-MinisterS Rehberg folgende an: „Ich war eben 17 Jahre alt, als Werther erschien. Vier Wochen lang habe ich mich in Thränen gebadet, nicht über das Schicksal Werther'ö, sondern in der Zerknirschung meines eigenen Herzens und in demüthigem Bewußtseyn, daß ich nicht so seyn kann, wie dieser da. Viele Tausende sind durch dieses Buch innerlich zerrissen, und auf lange Zeit, manche wohl aus immer, an sich selbst irre, und des Ankers beraubt worden, dessen jeder Mensch bedarf." Unser Dichter schreibt übrigens sein Freibleiben von dieser Krankheit sehr wahr „seiner Liebe zur Beschäftigung" zu, die schon manchen Jüngling vor dem Untergänge errettet hat, dem er, ohne jene hülfreiche Göttin, nicht entgangen wäre. Unter allen Schriftstellern, die er bis zu dieser Zeit kennen lernte, zog ihn am meisten Theodor Gottlieb Hippel (geb. 1741, gest. 1796) an, einer der geistreichsten Schriftsteller Deutschlands, dessen humoristische Werke (Lebensläufe nach aufsteigender Linie; über die Ehe; über die bürgerliche Verbesserung der Weiber u. s) vielleicht den ersten Rang in dieser Gattung einnehmen. An ihm bildete sich I. P. heran, und es ist offenbar, daß seine Art der Darstellung und Ansichten in sehr vielen Dingen ganz nach der seines großen Vorgängers modisicirt war. Im Jahre 1781 bezog er die Universität zu Leipzig, wo er sich Anfangs von aller menschlichen Gesellschaft, wie in einer Wüste, verlassen fühlte und auch noch seine immer wachsende Armuth zn bekämpfen hatte. Unter den Professoren zogen ihn besonders Platner und Morus an. Der erste hatte durch sein aphoristisch-sententiöses Wesen in der That viel Aehnlichkeit mit unserm Dichter. Die Erklärung der Stelle aus Shakespeare:- VVe aes suoli stull, ^8 iteernn sre maäs oi>, snä our littls liks 18 rouäeä willi s sleep *). Wir sind von solchem Stoff, aus dem man Träume macht, und unser kleines Leben liegt rings herum im Schlaf. 508 Spazier, Jean Paue Richter. hallte bei ihm noch lange nach, und bewirkte, wie »r selbst sagte, eine ganze Menge seiner Aufsätze. Unter den vielen Büchern, die ihm hier, in dieser Bücherstadt, in die Hände kamen, zog ihn besonders I. I. Rousseau an, mit dem er sich geistig verwandt fühlte. Aber auch dieser mit einer so reichen Phantasie begabte Mann konnte die seines neuen Schülers und Freundes noch nicht gänz aus dem Schlafe wecken, in welchen sie bisher versunken schien. Noch waltete in I. P. der Verstandesmensch vor; noch war er zu sehr mit Einsammeln von Kenntnissen und mit Excerpten aller Art beschäftigt, um seiner Phantasie die gefesselten Flügel zu lösen, und sich ihr, seiner eigentlichen Göttin, ganz zu überlassen. . Mit dem Ende des JahreS 1781 kamen, da die Armuth seiner Familie immer höher stieg, eigentliche Nahrnngssorgen über ihn, und diese verfolgten ihn volle zehn Jahre. Da er die Hoffnung, die man ihm gemacht hatte, in Leipzig durch mündlichen Unterricht seine häuslichen Bedürfnisse zu bestreiten, unerfüllt und auch für die Zukunft unerfüllbar sah, so entschloß er sich, halb aus Neigung, halb aus Noth, ein Schriftsteller zu werden, um vielleicht dadurch seine ökonomische Lage zu verbessern. „Da ich mir nicht anders zu helfen weiß," schrieb er an seinen Freund, den Pfarrer Vogel, „so will ich Bücher schreiben, um Bücher kaufen zu können; ich will das Publikum belehren, um auf der Akademie lernen zu können; ich will die Pferde hinter den Wagen spannen, um nur zuerst aus dem bösen Hohlweg zu kommen." Indeß ging das Ding doch nicht so schnell, als man aus diesem Geständniß schließen möchte. Er hätte doch auch gern etwas Gutes, ihm Ehrenhaftes geschrieben. Und so brachte er noch beinahe ein ganzes Jahr zu, bis daS Werkchen von etwa zwölf Druckbogen fertig vor ihm lag. ES waren aber dieß „die grönländischen Prozesse, II Theile." Es wird ohne Zweifel federn Leser auffallen, daß er den Gegenstand seiner ersten schriftstellerischen Thätigkeit nicht aus seinen bisherigen Studien, den philosophisch-theologischen, genommen hat, sondern daß er auf einmal absprang vondem bisher Getriebenen zu ganz anderen, ihm völlig fremden Dingen, größtcntheilü wohl nur, weil jene frühern Studien ihm durch seine Lage in der Jugend gleichsam aufgedrungen wurden. Er hatte keine andern Bücher vorgefunden, als philosophische oder theologische, aber sie wurden ihm doch nie wahrhaft geistig verwandt, und in der Stunde, wo sein eigentlicher Genius in ihm erwachte, ließ er fene, als fremden Ballast, hinter sich, um sich frei und unge- Spazier, Jean Paul Richter. 509 hindert in die luftigen Regionen der Einbildungskraft zu erheben: er ließ den Philosophen hinter sich, um fortan bloß der Dichtkunst zu huldigen. Dabei ist merkwürdig, daß er Niemand etwas von dieser großen Aenderung, die in ihm vorging, und von seinem neuen Entschlüsse mittheilte. AuS seinen Briefen jener Zeit sieht man, daß ihn eine Art von Scham zurückhielt, während ihn zugleich ein heimliches Gefühl seiner innern Kraft antrieb, in der Stille fortzuarbeiten, und auf guten Erfolg zu hoffen. Was er in seinem Busen sich regen fühlte, die ersten Geburtswehen seiner jungfräulichen Muse, bewahrte er für sich selbst und für die Zukunft als ein süßes Geheimniß, das er, ohne alle fremde Hülfe, in seiner einsam-stillen Klause seiner eigenen Entwickelung überließ. Diese Erstgeburt unsers Dichters war eine satyrische, in welcher der Witz die Hauptrolle spielte. Als äußere Veranlassung zu der Entstehung dieses Produkts nennt er selbst den Seneca, dessen Vertrag und Styl ihn damals sehr angezogen hatte, und nebst diesen Pope'S Dunsiade und des EraSmuS Lob der Dummheit (onoomium moricie). In der That wird auch der Leser die Verwandtschaft dieser Werke mit den grönländischen Prozessen leicht auffinden können. Auch sah er wohl selbst bald, daß er noch nicht ganz auf dem rechten oder vielmehr auf seinem Wege sey, aber für diese Reise mußte er ihn schon verfolgen! „Mit künftigen Büchern," schrieb er an einen Freund, „werde ich mehr Geld und weniger Tadel verdienen. Mein Buch ist zu jung, um alt zu werden. Uebrigens, die Feile erzieht, aber erzeugt nicht Schönheiten, und nicht bloß der Dichter, auch sein Gedicht wird geboren und nicht gemacht. Die Kritik macht die Anzahl der Fehler zwar kleiner, aber auch die der Schönheiten. Und endlich, wenn das Buch eine schlechte Satyre auf Andere ist, so ist eS die beste auf mich selbst." Eigentlich schrieb er schon vor diesem Werke ein anderes, kleineres, das er, wie sein Vorgänger, EraSinus, ebenfalls „Daö Lob der Dummheit" betitelte. Er ließ dieses, als eS vollendet war, einigen vertrauten Freunden sehen, die eS sehr gut aufnahmen, unter denen besonders ein Leipziger Professor, Seidlitz, der sich selbst anbot, ihm einen Verleger zu verschaffen. — Nun war sein Himmel offen, und deS Jubels gar kein Ende. Er hatte bereits seit längerer Zeit Schulten machen müssen, die er nun von dem mit Gewißheit erwarteten Honorar tilgen, und wohl noch ein schönes Sümm- 510 Spazier, Jean Paul Richter. chen übrig haben würde. So sicher war er seiner Sache, daß er so- § fort eine Reise nach Hof zu seiner Mutter machte, dort von goldenen i Bergen sprach, und, ohne seine alten Freunde in der Nähe zu besuchen, wieder zurückeilte nach Leipzig, um seine schönen Dukaten einzunehmen, die nun schon längst bei dem Professor Seidlitz für ihn depom'rt seyn mußten. Allein es kam ganz anders, als er eS erwartet hatte. Seidlitz konnte das Manuscript nicht an Mann bringen, und gab es ihm daher, ohne alles Honorar, zurück. Im ersten Augenblick war unser Dichter entrüstet, und auf dem Punkte, aller Schriftstellerei für immer zu entsagen. Allein in wenig Tagen darauf trat mit ihm eine Totalveränderung ein. Der Muth der Verzweiflung schien über ihn gekommen zu seyn, und der früher so furchtsame, menschenscheue Jüngling trat nun festen Schrittes auf, und kündigte sich als einen Menschen an, der fremde Hülfe nicht mehr anspricht, weil er sie nicht mehr braucht, und sich selbst, um jeden Preis, zu helfen entschlossen ist. Selbst sein Aeußereö zeigte diese Verwandlung des innern Menschen. Er ließ sich Hemden s la llamlol mit offener Brust und Hals machen, seine gelockten Haare unbeschnitten über seine Schultern wallen, und selbst der Schnitt seiner Kleidung wurde dem Sonderlinge angepaßt, der von nun an sich selbst, nach seiner Weise, leben wollte. Ich wußte eS, schrieb er später an den Verfasser, ich wußte eS damals, daß ich eS in Leipzig durchsetzen würde, als ein unabhängiger Schriftsteller ohne Amt zu leben. — In dieser Verfassung nun schrieb er den ersten Theil der grönländischen Prozesse. Es sind dies einzelne satyrische Aufsätze: „Ueber die Schriftstellerei aus Noth;" „über die Schwächen der Theologen;" „über den Ahnenstolz;" „über Weiber und Stutzer" u. f. Das, waö diese Schrift in Beziehung aus Darstellung vorzüglich charakterisirte, war der Reichthum von Antithesen und Gleichnissen, in welchen der gleichsam berauschte Dichter schwelgte. Diese Art oder Unart ist ihm auch geblieben, obschon er sie in späteren Jahren mehr zu zügeln wußte. Er trieb diese Liebe zu Gleichnissen, selbst im gewöhnlichen Leben, mit einer solchen Virtuosität, daß er die andern damit ansteckte, wie denn fast jeder, der mit ihm oft in Berührung kam, in derselben Weise unwillkürlich sprach und schrieb, und daß die Besseren, wenn sie später ihre Anomalie selbst bemerkten, nur mit Mühe sich davon wieder losmachen konnten. UebrigenS kostete ihm diese Schrift große Mühe und viele schlaflose Nächte, so viele, Spazier, Jean Paul Richter. 511 daß er am Ende, seine geistige Kraft gering schätzend, alles nur der Arbeit und dem Fleiße zuschrieb, was etwa Gutes an seinen Produktionen gefunden werden mag, eine Meinung, der er auch in seine» letzten Jahren noch anhing. Dieß erinnert an ein ähnliches Geständniß Lessing's am Schlüsse seiner Dramaturgie. Jean Paul nahm nun sein sauber abgeschriebenes Manuscript, und machte damit die Runde bei allen Leipziger Buchhändlern. — Keiner nahm eS an. Dadurch nicht entmuthigt, schickte er es durch die Post an Fr. Voß in Berlin, der früher auch Hippel'S Werke verlegt hatte, diejenigen unter allen deutschen Schriften, die denen unseres Richter'S am ähnlichsten sahen. Voß nahm das Werk an; er zahlte ihm dafür 15 Louiod'or, und erbot sich auch zugleich, den zweiten Theil ebenfalls zu übernehmen. Im Anfange deS Jahres 1783 war der erste Band gedruckt. Er bezahlte nun seine Schulden und miethete sich ein Gartenhäuöchen, um daselbst den kommenden Sommer mit der Ausarbeitung des zweiten Theils sich zu beschäftigen. Die günstige Aenderung seiner ökonomischen Verhältnisse brachte auch eine mildere Stimmung seines Gemüthes hervor, und der zweite Theil der Prozesse legt davon ein deutliches Zeugniß ab. Im ersten herrschte die beißende, im zweiten die ernstmilde Satyre. Zu dieser Zeit war eS, wo sich die zwei Doppelwesen, die bisher in seinem Innern sich umschlungen hatten, zu sondern begannen. Von diesen zwei Genien wollte, der eine in Zorn, Kraft und Spott niederreißen, und der andere in Ernst und milder Liebe wieder ausbauen. Aber das erste wollte noch längere Zeit seine anfängliche Herrschaft über das zweite fortsetzen, bis endlich mit den kommenden Jahren auch dieses zweite erstarkte, und nun beide sich gegenseitig bald aufhoben, bald unterstützten, wie man in den späteren, vollendeten humoristischen Darstellungen Richter'S sehen kann, wo beide Wesen sich neben einander frei äußern konnten. Um diese Zeit kam eine Plage über ihn, die ihn lange verfolgte, und die er sein Kleidermärtyrerthum nannte. Wegen seines offenen Halseö und seiner ungewöhnlichen Kleidung zog er sich Anfeindungen von Philistern zu, die so weit gingen, daß sie nicht einmal in seiner Nähe, in derselben Gaffe mit ihm, leben wollten, um ihn nicht so oft am Fenster sehen zu müssen. Dieß geschah in Leipzig. In dem kleinen Hof war eS noch viel ärger. Sein unbekleideter Hals erregte hier Entsetzen, und der Mangel eines Zopfes ward als ein unverzeihliches Verbrechen angesehen. Diese Zöpfe hatten wohl in 512 Spazier, Jean Paul Richter. Leipzig allmälich zu verschwinden angefangen, aber in Hof standen sie ^ noch in voller Blüthe, ja sie blieben noch über ein Jahrzehend ! dort festhängen, bis sie endlich durch die französischen Ohnehosen und ! TituSköpfe vertrieben wurden. Auch seine Freunde setzten ihm am , Ende zu, diese Sonderbarkeiten fahren zu lassen. Aber er blieb desto ^ hartnäckiger dabei, je mehr man auf ihn eindrang. Man soll, sagte er, in seinen Handlungen aus Meinung, Mode und Vorurtheil durchaus keine Rücksicht nehmen. Er hat in spätern Jahren sich wieder dem Herkommen in diesem Punkte accommodirt, aber er behauptete auch dann noch, daß der Jüngling keinen wackern Mann verheiße, der in gleichem Falle nicht eben so wie er zu handeln im Stande ist. Das zweite Bündchen der grönländischen Prozesse erschien im Jahre 1783, und trug, obschon viel schwächer, 126 Thaler Honorar, aber eS wurde von dem Publikum lange nicht so gut aufgenommen, als das erste, und Voß wollte nichts weiter mehr von ihm verlegen. Dieß hinderte ihn anfangs nicht an Selbstvertrauen und an guten Hoffnungen für die Zukunft. Da er vorzüglich die Bekanntschaft ausgezeichneter Männer in Leipzig ivünschte, so schickte er mehreren derselben sein Werk mit einem einleitenden Briefe zu. Er erhielt keine Antwort, und auch dieß machte ihn noch nicht irre in seinen früheren Ansichten von sich selbst und von dem Werthe seiner Schrift. Er begann daher guten Muthes noch mehrere ähnliche Aufsätze. Da erschien eine Kritik der grönländischen Prozesse in dem Leipziger allgemeinen Bücherverzeichnisse von 1784, worin es hieß: „Die Sucht, witzig zu seyn, reißt den Verfasser so hin, daß wir nicht zweifeln, die Lectüre desselben werde jedem vernünftigen Leser gleich beim Anfang so viel Ekel erregen, daß er sich genöthigt sehen wird, daS Buch aus der Hand zu legen." Auch dieses Schlages ungeachtet schrieb er getrost und muthig weiter. Die kalte Aufnahme bei Weisse, dem bekannten Verfasser des Kinderfreundes, von Meißner, Lichtenberg u. f., die abschläglichen Antworten mehrerer Buchhändler, denen er mitunter selbst sehr demüthige Briefe mit seinen neuen Manuscripten zusendete, dazu die immer drückendere Lage ^ seiner ökonomischen Verhältnisse wirkten endlich auf seinen guten Le- j benömuth und auf seine GemülhSruhe ein, und er hatte Noth, sich ^ gegen die Hypochondrie zu wehren, die von allen Seiten auf ihn einzudringen anfing. Er suchte sich gegen diese Angriffe durch eine ! Schrift zu stärken, die immer Manuscript blieb, und die er sein „An- ! dachtSbüchlein" zu nennen pflegte. Unser Vers. gibt uns (Vol. II. ! Spazier, Jean Paul Richter. 513 S. 113) AuSzüge auü derselben, die für die Freunde Richters um so interessanter sind, da sie gleichsam als die Embryonen zu' den spätern großen psychologischen Romanen zu betrachten sind, mit welchen Richter erst in seinen gereiften männlichen Jahren hervortrat. Endlich, im November 1734, mußte er sich entschließen, Leipzig heimlich zu verlassen, da er keinen andern Weg mehr sah, den immer dringeudern Forderungen seines SpcisewirlheS und mehrerer anderer auszuweichen. Er benahm sich sonderbar genug bei der Ausführung dieses Entschlusses, dessen Unrecht er wohl anerkannte, der ihm aber durch die äußerste Noth geboten war. Er ging nach Hof zu seiner Mutter, wo er die sechs folgenden Jahre bis 1789 in strenger Zurück- gczogcnhcit lebte. Hier wohnte er mit seiner Mutter und mehreren seiner Brüder in derselben Stube, einer besseren Zukunft entgegen» sehend, zu der aber nicht viel Hoffnung war. Der Mangel aller war sehr drückend; die ersten Becüisnisse deö Lebens konnten nicht einmal immer befriedigt werden» Selbst ein Leben bei Wasser und Brot im Gefängnisse konnte nicht mit seinem L.ben verglichen werden, dem daö letzte nur zu oft fehlte. Darum nahm er in spätern, bessern Zeiten von einem reich besetzten Tisch so gern noch den Staudensalat heraus, um ihn mit trockenem Brote zu genießen, weil Salat und Brot in jenen Jahren die Hauptspeise der Familie gewesen ist, gleichsam wie zum Andenken an daS Brot der Trübsal, taS er in der Zeit der Knechtschaft gegessen hatte. Wenn uns, erzählte er nachher, zuweilen ein Gulden ins Haus kam, so war daS ein solcher Jubel, daß wir hätten die Fenster einschlagen mögen. Es sind noch Briefe aus jenen Tagen von ihm an seinen Freund Oerthel übrig, wo er ihn um einen Gulden bittet, und wo er erst dann zu ihm zu kommen verspricht, wenn er Stiefel haben wird, die ein Mensch heut zu. Tage, wenn er ausgehen will, eben so wenig entbehren kann, als sonst die Füße. Dem ungeachtet gab er seine Hoffnungen nicht aus, dermaleinst als Schriftsteller in dem Fache zu glänzen, für welches er sich in seinen grönländischen Prozessen gleichsam eine neue Bahn gebrochen hatte. Stark mußten diese Hoffnungen allerdings gewesen seyn, denn er schien gar nicht daran zu denken, seine Talente für sich und seine darbende Mutter zu irgend einem andern Broterwerbe zu benutzen, und arbeitete unablässig an seinen Excerpten und an seinen neuen Aufsätzen weiter, die meistens in Satyren bestanden, welche er auch von hier aus, obwohl vergeblich, den Buchhändlern anzubieten nicht aufhörte. Auch der menschenfreundliche Herder hatte nicht beliebt, Littrow i. 33 514 Spazier, Jean Paul Richter. drei dringende Briefe Richter's sammt seinem beiliegende» Mann- > scripte auch nur mit einer Sylbe zu erwiedern, wenigstens fand man ' in den hinterlassenen Papieren nichts dergleichen vor, obschon sie später ^ sich mit einander in einer gewissen Freundschaft verbunden hatten. ^ Auch bei Wieland hatten zwei anonyme Briefe dieser Art dasselbe Schicksal. Die Bekannten und Verwandten in Hof waren auch größ- tentheils seine Gegner, da er seine auffallende Kleidung nicht ablegte, und durch seine oft zu scharfen Witzworte die andern gegen sich aufbrachte. Dieser Umstand und wohl noch mehr seine Armuth, die sich schon in seinem Aeußern verrieth, hielt ihn auch fern von den gewähltem Gesellschaften und höher» Beamten, die in Hos die große Welt vorstellten. Im Jahre 1787 nahm er eine Hauslehrerstelle bei einem benach- ! barten Edelmann an, wodurch wenigstens der drückendsten Noth abgc- ^ holfcn ward. Er fand den Zögling nicht nach seinem Wunsch, und machte sich bald in der neue» Umgegend durch seine zu freien religiösen Ansichten verdächtig, was ihm wieder Verdrießlichkeiten zuzog. Auch schien nun endlich doch die Zeit zu kommen, wo er von seinen satyri- schen Aufsätzen, die er so oft vergebens angeboten hatte, etwas gedruckt würde sehen können. Buchhändler Beck mann in Gera trug sich dazu an. Allein da entspannen sich wieder Kämpfe, weil Richter sein Buch durchaus in Quartformat gedruckt haben wollte, wogegen der Verleger seine kaufmännischen Gründe vorbrachte. Auch über den Titel konnten beide lange nicht einig werden. Endlich kam man überein, das Buch „Auswahl anS des Teufels Papieren" zu nennen. Aber eS lag doch noch volle zwei Jahre, bis eS gedruckt wurde. > Richter hatte sich schon seit längerer Zeit das Kaffeetrinken so angewöhnt, daß er nicht mehr schreiben konnte, ohne eine gute Menge dieses Getränkes zu sich genommen zu haben. Er zog sich dadurch Engbrüstigkeit und Hypochondrie zu, die ihn beide tief ins Leben verfolgten. — Um diese Zeit entstand auch, neben seinen immer wachsenden Collectaneenbüchern, das sogenannte „Mitwörterbuch," oder ' eine Sammlung von verwandten Ausdrücken desselben Begriffs, dessen . er sich bei allen seinen spätern Arbeiten häufig bediente, damit er , jedesmal den rechten bildlichen oder schlagenden Ausdruck zu Gebote haben möchte. So hieß eS z. B. für den Begriff „besser werden" auch noch: genesen, zuheilen, heil werden, grünen, reisen, erstarke», > anziehen, flügge werden, vorrücken «. s. Auf diese Weise hatte er Spazier, Jean Paul Richter. 515 für das Wort „Verschlimmerung" 184 und für das Wort „Sterben" über 200 verschiedene Ausdrücke gesammelt. Im Jahre 1788 erschien Richter'S Aussatz: „Scherzhafte Phantasie von I. P. F. HatuS" in Archenholz'S Länder- und Völkerkunde, ein sehr merkwürdiger Aussatz, besonders für jene Zeit, den man im 46sten Bande der sämmtlichen Werke Richter'S finden kann. In demselben Jahre schickte er auch wieder einige Aufsätze an Herder, die diesen zwar nicht trafen, da er eben verreist war, die aber von seiner Frau, Caroline Herder, gelesen, und auch sehr freundlich beantwortet wurden. So war also diese Frau die erste, die Jean Paul durch seine Dichtungen eroberte. Wir werden dieser Frauen später noch mehrere finden. Zu Ende 1789 zog er wieder zu seiner Mutter nach Hof zurück, nachdem er seine Lehrerstelle aufgegeben hatte. Er legte nun seine sonderbare Tracht ab, erschien auch in seinem geselligen Betragen als ein anderer Mensch, und wurde sonach in den bessern Gesellschaften, die sich in Hof gebildet hatten, willig aufgenommen. Besonders machte ihn seine in der That zur Virtuosität gebrachte Kunst, auf dem Klavier und auf den Herzen der Mädchen zu spielen, bald sehr beliebt unter dem andern Geschlecht. — Im folgenden Jahre mußte er aber, seiner ökonomischen Verhältnisse wegen, dieses ihm so lieb gewordene Zusammensryn abbrechen, und als Kinderlehrer in sein altes Schwarzenbach gehen. Die Schule, der er hier vorstand, und bald mit sehr viel Liebe vorstand, war der Wendepunkt seines Lebens und die Quelle seines Glücks und seines Ruhms geworden. An den Kindern lernte er die Menschen und dadurch zugleich sich selbst, seine geistige Kraft und die einzig wahre Richtung kennen, die er zu nehmen habe, um seinem hohen Talente mit eins ungehinderte Bewegung und freien Flug zu verschaffen. An diesen Kindern entzündete sich der elektrische Funke, der seine ganze Seele in Flammen setzte. Wie er seinen Unterricht und die ganze Erziehung, und mit welchem glänzenden Erfolge er sie betrieb, wird man gewiß nicht ohne Interesse Vol. III. S. 15 u. f. lesen. Als eine seiner vielen Sonderbarkeiten, die er bei diesem Geschäfte in Anwendung zu bringen suchte, kann die Idee bemerkt werden, daß das Niederschreiben der geistigen Erzeugnisse das förderlichste Mittel zur Entwicklung des Geistes sey. Das aus dem Papier herausentwickelte Product, sagt er, ist immer das vorzüglichste, und dabei hatte er selbst das Anschauen der Buchftabenzeichen gemeint, weil das Schreiben die Zeichen der Sachen 33* 516 Spazier, Jean Paul Richter. selbst zu sichtbaren Sachen erhebe, und weil unser Vorstellen mehr ! ein inneres Sehen als ein inneres Hören sey." — Er war zu s dieser Meinung offenbar durch seine eigene Gewohnheit, alles nieder- f zuschreiben, gebracht worden. Aber waS sür ein Feldherr, Sachwalter l oder Arzt würde der seyn, der nur dazu erzogen würde, seine Ideen : auf dem Papiere auszuspinnen. Wie viel hat selbst, wie der Verf. ; mit Recht sagt, unsere ganze moderne Bildung an Frische und Kraft , verloren, seitdem wir von dem öffentlichen Leben der Griechen und Römer aus das Zimmer und auf unsere Bücher zurückgedrängt worden : sind. Wie viele neue, ätherische Gedanken mögen dem Talente vcr- > loren gehen bloß dadurch, daß eö, ehe eS zu dem Auedruck derselben kommen kann, zuerst die andern langsam niederschreiben muß. Auch i spricht eine große Autorität gegen ihn: Göthe, der nichts schrieb, der alles dictirte, und bis auf den kleinsten Reim erst in sich selbst s ausarbeitete. — Es scheint übrigens nicht, daß die Kinder in dieser « gewiß ganz neuen Schule eben so viel gewonnen hätten, dafür gewann ? aber Er für sich selbst desto mehr. Diese Schule war eS, die den t lange gehegten und doch nur dunkeln Gedanken, einen pädagogi- l schen Roman zu schreiben, in ihm lebendig gemacht hatte. Er hatte dabei die Absicht, die wirklichen Wesen seiner Schule zu den ideellen Stoffen einer Dichtung zu erheben. — UebrigenS waren seine geselligen Verhältnisse in Schwarzenbach zu den angenehmen zu zählen, auch besuchte er beinahe wöchentlich die nahen Freunde und Freundinnen in Hof, welche letztere er besonders auf eine edle, sein Ge- . müth ehrende Weise zu cultiviren suchte. Auch knüpfte sich in diesen i Jahren die wahrhaft seltene Freundschaft zwischen ihm und Otto, den ? er doch als Schulknabcn schon gekannt, aber jetzt erst völlig erkannt ^ hatte. Otto scheint sich ihm ganz hingegeben, und seiner Freund- s schaft zu Richter'» Opfer gebracht zu haben, wie sie selbst bei den, edelsten weiblichen Seelen wohl nur selten gefunden, werden. Von s ihm haben wir auch den interessanten Briefwechsel, der im I. 1831 > die Leser so mächtig angezogen, und uns I. P. zuerst vyn der wahren Seite kennen und schätzen gelehrt hat. — Hier verfaßte er auch, nebst einigen andern kleinern Schriften, sein „Schulmeisterlein Wnz," gleichsam daö Vorbild der ganzen Reihe von Romanen, die nun bald aus seinem reichen Geiste hervorquellen sollten. In dieser Schrift cntschlng er sich das erste Mal der Satyre, sür die er so lange geboren zu s seyn glaubte, und überließ sich dafür ganz den menschenfreundlichen, wohlwollenden Gefühlen, die bei ihm in so hohem Grade rege wurden, Spazier, Jean Paul Richter. 517 als er durch die Verbesserung seiner eigenen Verhältnisse sich mit der Gesellschaft ausgesöhnt hatte. Ein großer, sa der größte Theil der Schilderungen in dieser Schrift sind aus Richter'ö eigener Jugend genommen, und dasselbe kann auch von mehreren andern spätern Romanen gesagt werden. — Hier machte er endlich auch die nähere Bekanntschaft mit einer Geliebten, die leicht ein ernsteres Verhältniß hätte zur Folge haben können. Aus einem zurückgelassenen Briefe an sie siebt man, daß die Geschichte der Vorrede zur zweiten Auflage des „FixleinS" nur die weitere Ausarbeitung der in diesem Briese gegebenen Ansichten ist. Sie war, wie cS scheint, von gemeinem Stande, aber eines bessern Looses werth. Ohne weitere geistige Bildung scheint sie, wie so viele andere in den kleinern Landstädten, bloß zur künftigen Hausfrau, oder auch nur zur ersten Hausmagd, herangewachsen zu seyn, und von dieser Bestimmung empört, bricht I. P. in folgende Aeußerungen auS: „Auch dein Frühling hat wenig Blumen und viele Wolken gehabt, und du bist, wie alle deine Schwestern, gleich den weichen Beeren, die von der rauhen Männerhand zugleich abgerissen und zerdrückt werden. Euer Herz hat nie etwas Besseres und Wärmeres gehabt als Blut, und euer Kopf nie höhere Träume als die des Kissens, auf dem er liegt; eure duftenden Blumenblätter ziehen sich nur zu geruchlosen Kelchblättern, zu bloßen Honiggesäßen für den Mann zusammen, der von euch weder Herz noch Kops, sondern nur rohe Arbeitssingcr, Läufersüße, Schweißtropfen und wunde Arme haben will; für euch schrumpft der ganze weite Himmel zum Spinnhaus oder zrr Speck- und Hoszkammer zusammen; die Sonne ist nur ein herunterhängender Stubenheitzer und der Mond eine Schu- sterSnachtkugel gewsrdcn; eure weichen Seelen werden in der Morgenröthe dcö Lebens eingesenkt in das vermauerte Burgverließ der Ehe, bis der Tod die entblätterte Pflanze mit den vielen eingedorrten Knospen.wcgmähO u. f. — Die „unsichtbare Loge" fällt auch in dieselbe Zeit, ein n der That unvollendet gebliebener Roman, in dessen selbstgcschaffenen Verwicklungen der Vers. am Ende selbst so verstrickt worden zu seyn scheint, daß er den AuSgang aus dem Labyrinth nicht mehr finden konnt-. Richter schickte i. I. 1792 das Manuscript deö letzten Werkes an Moritz in Berlin (den bekannten Verfasser des Anton Reiser, des Hartknopf und der Mythologie), der es vortrefflich fand, „noch über Göthe," wie er sagte, und ihm nicht nur, was bisher bei so vielen ähnlichen Sendungen nicht geschehen war, eine freundliche Antwort, sondern auch die Versicherung der besten 518 Spazier, Jean Paul Richter. Aufnahme seines ManuscripteS bei einem Berliner Buchhändler gab, dessen Tochter er eben zur Ehe nehmen wollte. Er bot ihm hundert z Ducaten für daS Werk, und schickte dreißig sogleich mit dem Zusätze, ^ daß er selbst, cö koste waö eS wolle, zu ihm reisen müsse, um den § Verfasser eiüeS so vortrefflichen BucheS persönlich kennen zu lernen. Dieses Ereigniß kann als der wichtigste Wendepunkt seines Lebens angesehen werden, denn eS machte nicht nur der Noth seiner ökonomischen Verhältnisse ein Ende, eS brachte ihn auch in die Gesellschaft höher gestellter Menschen, nach welcher er sich so sehnte, und die er kennen lernen mußte, wenn er in seinen künftigen Schilderungen auS dem engen Kreise seiner ländlichen Umgebungen heraustreten wollte, und / waS wohl daS Vorzüglichste ist, eS gab ihm daS Vertrauen zu seiner eigenen Kraft und zugleich die Richtung, welche diese Kraft fortan nehmen sollte, um sich auf daS Vortheilhafteste zu zeigen. Die ^ Satyre, für die er sich so lange geschaffen glaubte, und von der er . auch unter dem größten äußern Drucke, vielleicht eben wegen ihm, ! nicht lassen wollte, wurde nun mit den Werken der milden, menschlichen Empfindung, mit den Darstellungen der reinen Phantasie vertauscht, und setzt erst stand er fest auf dem eigenen, ihm von der Natur angewiesenen Boden. Auch ergoß sich von diesem Augenblicke an der so lang in ihm verschlossene Quell in vollen reichen Strömen, und in den ersten der folgenden Jahre schon förderte er den Hesperus, QuintuS, Firlein, SiebenkäS und andere Werke zu Tage, von denen man, wenn man den Reichthum ihrer Composition und die Ueppigkeit ihrer Darstellung betrachtet, kaum begreifen kann, wie sie von einem, auch noch so hoch begabten Manne in so kurzer Zeit vollendet werden ^ konnten. Sein so lange gepreßtes und verschlossenes Herz öffnete sich . nun für sich selbst und für die ganze ihn umgebende Außenwelt, die ' Freude kehrte, zugleich mit der Hoffnung, wieder bei ihm ein, und . er begann, das alte trübe weit hinter sich zurücklassend, ein neues, fröhliches Leben. Fünf Monate nach Vollendung der „unsichtbaren Loge," die im Jahre 1793 erschien, ging er an die Bearbeitung des „Hesperus," ! die er in nahe zwei Jahren zu Ende brachte. Wie sehr in dieser l Zeit seine früher oft zur Misanthropie sich hinneigenden Empfindungen , milder und humaner geworden waren, sieht man aus vielen Stellen seines Tagebuches, das er sein ganzes Leben durch immer fleißig fort- ^ geführt, und von dem wir hier nur einige, in jener Periode daselbst ! niedergelegte Zeilen anführen. So freute er sich eines Tages, daß er Spazier, Jean Paul Richter. 519 einem armen Bergmanne und einem reisenden Handwerksburschen ein ungewöhnliches Geschenk machen, daß er ihnen, nebst seinem guten Rath, noch etwas anderes geben konnte. Wie oft, heißt es, werden sie diesen Thaler aus ihrer Tasche ziehen und berechnen, welche von den längst gehegten Wünschen sie zuerst befriedigen sollen. Wie froh werden sie an den heutigen Tag denken und an den unerwarteten Thaler, und wohl auch einmal mehr als gewöhnlich an den Geber alles Guten. — Solche Stellen sind charakteristisch, und es wäre zu wünschen, daß wir ihrer mehrere von unserm Vers. aufgezeichnet fänden. Zu derselben Zeit sing er auch an, seine Fußreisen, die er wohl immer sehr liebte, mit einer besondern Vorliebe zu cultiviren. Sein „Firlein" ist beinahe ganz auf den Fußreisen von Hof nach Baireuth entstanden. DaS Leben, sagt er, schneidet sonst, wenn man immer zu Hause hockt, zu tiefe Furchen in den Hohlweg der Alltäglichkeit: man muß daher zuweilen herauskommen, und nicht bloß wir, sondern die Erde selbst würde nicht so bei Kräften seyn, wenn sie sich nicht täglich Bewegung machte. Nachdem er durch vier Jahre das Lehramt in Schwarzenbach verwaltet hatte, zog er im Frühling des Jahres 1794 wieder nach Hof zurück, wo er bis in den Sommer 1796 mit seiner Mutter lebte. Moritz war schon früher gestorben, und die 300 Thaler, die ihm der Buchhändler Matzdorf für die vier Bände des HeSpe- ruS geboten hatte, mußten angenommen werden, da er und seine Familie nicht in der Lage waren, auf bessere Zeiten länger warten zu können. Er gab auch hier mehreren Kindern in Hof Unterricht in den Elementen, und schrieb in den Nebenstunden seinen „Quintus Fixlein," seine „biographischen Belustigungen" und seinen „Sieben- käö." Auch hatte er eine schon seit längerer Zeit sich erkorene, in Hof wohnende Geliebte verloren, worüber sich viele SchmerzenSbriefe in seinem Nachlasse vorfinden. Man sieht, daß das Mädchen die Initiative deS Rückzugs ergriff, weil sie Tact genug hatte, zu bemerken, daß sie dem Dichter nur ein Geschöpf seiner Phantasie sey, ein Blumenstrauß, den er eben so schnell wieder zerblättern würde, als er ihn gebunden hatte. Sie fand später unter den Schriftstellerinnen Deutschlands eine Stelle, da sie mehrere Romane geschrieben hatte. Ein Glücklicherer führte diese Braut nach Hause, und unser Dichter war bereits wieder so kalt geworden, daß er selbst den Brautwerber für jenen machen konnte. — Im Frühling 1795 lernte er dafür in dem benachbarten Baireuth eine andere weibliche Gestalt kennen, die 520 Spazier, Jean Paul Richter. ihm Ersatz für alle bisherigen geistigen Entbehrungen zu geben versprach. Es war dieß die polnische Fürstin LunowSky, und sie bildet gleichsam daS erste Glied der großen Kette von Damen aus den höheren Ständen, die sich, seit dieser Epoche, um das Leben unseres Dichters geschlungen hat. Sie erschien seiner leicht auflodernden Phantasie „wie eine Göttin in einer großen Wolke, die an durchsichtigen, luftfarbenen Schnüren in sein LedenStheater hineinhing." — Später muß er dieses neue und ihm anfangs so erhaben vorkommende Verhältniß mit ganz andern Augen angesehen haben, da er in einem Briefe an seinen Freund darüber sich so äußert: „Der Nutzen, mit einer Fürstin umzugehen, ist der, daß man dadurch den Muth erhält, mit ihren Kammer/ungfern nähere Bekanntschaft zu machen." Allmählich fühlte er daS Drückende und seiner fetzigen Stellung in der Gesellschaft immer weniger Angemessene seiner beschränkten Lage in Hof immer deutlicher, und suchte dieselbe um jeden Preis loö zu werden. Diese Beschränktheit hing ihm eben so sehr an, wie ein anderer Alp, der ihn schon so viele Jahre drückte — die Satyre nämlich, die er zwar nicht mehr ausschließend als solche in seine letzter» Werke aufnahm, die sich aber, gleichsam als eine Erbsünde, die er nicht ganz loS werden konnte, immer wieder, gegen seinen eigenen besten Willen, in alles, waS er schrieb, hineinzustehlen wußte. Da seine letzten Schriften bereits sehr ernster Art waren — so erschienen jene Stellen, wo der Satyr seine Krallen zeigte, als dem Ganzen fremde Flecken, als eben so viele Fehler, durch die er nur zu oft den guten Eindruck des klebrigen schwächte und neutralisirte. Seine Freunde hatten ihm dieß oft genug gesagt, aber er konnte lange nicht von dieser Unart lassen. „Du weißt," schrieb er einem derselben zurück, „daß Addison von einem Menschen erzählt, der, wie Jupiter, eine Ziege zur Amme gehabt, und der deßhalb noch in seinen reiferen Jahren in seiner Stube, wenn Niemand bei ihm war, einige Ziegen- sprünge machen mußte, um seiner Natur ein Opfer zu bringen. Auch auf ihn habe sich eine Art von l^ockfnß statt eines Podagras vererbt, und er könne daher nicht umhin, er müsse sich zuweilen mit einem Bockssprung helfen." — Doch ging er späterhin ernsthafter mit sich zu Rathe und suchte dem Unwesen ein Ende zu machen. — Absichtlich ließ er, wie er sagt, diesen Bock noch einmal im „Siebenkäs" ganz austoben, um ihn dann für immer zu verabschieden. Sodann machte er sich an seinen „Titan," und begann damit die zweite, höhere Periode seines schriftstellerischen Lebens. Garthe, über den Heiligenschein. 521 Im März des Jahres 1796 erhielt er einen Bries aus Weimar von einer Dame, die sich Natalie unterschrieb, und die ihm sagte, daß nicht nur sie, sondern auch Wieland, Herder, Knebel und andere treffliche, in Weimar wohnende Männer von seinen letzten Werken ganz entzückt seyen. Wieland, heißt eS in diesem Briefe, nennt Sie unsern Joris und Rabelais. — Schon im Mai erfuhr er, daß die ältere Schwester jener Natalie in Baireuth angekommen sey. Er hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich auch dahin zu verfügen. Er wurde auf das Beste und Glänzendste aufgenommen. „Ich könnte hier," schreibt er an seinen Freund Otto in Hof zurück, „herumgeführt werden wie ein Weltwunder, wenn ich Zeit dazu hätte. Sie haben mich alle gelesen, und eS geht da ganz anders als in Hof. Bei ihr besonders ist alles schöner und besser, als sonst wo, und sogar ihre zwei Nachtigallen thun, wenn sie selber singt, Schläge darein, die mir das Herz aus der Brust ziehen wollen. O wie blüht alles um mich her!" — Ganz trunken vor Wonne ging er endlich nach Hof zurück, und fand dort einen zweiten Brief der Dame aus Weimar, in welchem er auf daö Freundlichste und Dringendste eingeladen wird, nach Weimar zu kommen. — — Und er kam. Im Jnniuö 1796 schritt er zu Fuß mit einem Boten, der ihm seine Sachen trug, aus dem Thore von Hof nach Jena zu, um von da in das ersehnte Weimar einzutreten. Den ganzen Himmel sah er auf dieser Reise vor sich offen. , Seine Aufnahme in Weimar übertraf selbst seine kühnsten Hoffnungen. Es ist uns unmöglich, und eS war auch ihm unmöglich, den Freudenrausch zn schildern, welcher den bisher beinahe Verschmachtenden wie mit einem Sturzbade von Blüthenregen überschüttete. Drei Wochen nur hielt er sich dieses erste Mal in Weimar auf, aber welche drei Wochen! — Man muß die Briefe selbst lesen, die er in diesen Tagen an seinen Otto schrieb, und die unö der Vers. Vol. IV. S. 18 u. s. mittheilt, um wenigstens einen schwachen Begriff von dem Entzücken zu erhalten, das sein ganzes Wesen durchströmte. „Endlich sah ich doch einen überglücklichen Sterblichen auf der Erde, und — der war ich! Ich war eS so sehr, daß ich schon an die Nemesis denken, und daß mich Herder mit dem I)eus averrunous trösten mußte. — Ich kümmere mich nicht um Richtigkeit des Auö- *) Die das Böse von den Menschen entfernende Gottheit: sverruneo, die Reben beschneiden. 522 Spazier, Jean Paul Richter. drucks, aus Mangel an Zeit — ich will Dir bloß viel schreiben. Ich habe sie alle zu Freunden. Der ganze Hof bis zum Herzog liest mich. Alle meine männlichen Bekanntschaften (ich wollte, die weiblichen auch) fingen sich mit den wärmsten Umarmungen an. Knebel wollte mich gerade beim Kopf nehmen, als er mich im Garten fand, da eben Herder mit seiner Frau und zwei Kindern eintrat. Ich lag an seiner Brust, ich konnte vor erstickender Freude nicht sprechen. Herder konnte mich nicht satt umarmen. Ich wollte, es wäre möglich, so unverschämt zu seyn, Dir alles zu sagen. Er drückte mir immer die Hand, als wir mit einander sprachen, und ich dachte immer: ach wenn nur mein Otto da wäre, um das alles mit anzusehen. Sie gaben mir ein erdrückendes Lob. Gegen fünf Stunden am ersten Abend sprachen sie immer nur von mir und meinen Schriften. Sie wollen mir die berühmtesten Bücher, sagten sie, z. V. den Moniteur (!), durch merkantilische Gelegenheit zuschicken. Und ich bekäme eine Sündenbezahlung, sagten sie, da Wilhelm Meister und die Hören zu fünf Louisd'or der Bogen abgehen. Ich würde setzt in Deutschland am meisten gelesen, und in Leipzig hätten alle Buchhandlungen Commissionen auf mich. Gleim, sagten sie, lese mich Tag und Nacht. Von seinen eigenen Werken sprach Herder mit einer solchen Geringschätzung, daß es einem das Herz durchschnitt: er will nicht einmal die Ideen z. P. d. G. d. M. fortsetzen. Das Beste ist, was ich auüstreiche, sagte er, weil er nämlich nicht frei schreiben darf. Beim Himmel — setzt habe ich Muth! Aber ein bitterer Tropfen schwimmt in meinem Freudenbecher. Was Jean Paul gewann, das verliert die Menschheit in seinen Augen. Ach meine Ideale von großen Menschen! Ich will Dir'S schon noch erklären. Ich habe in Weimar zwanzig Jahre in wenig Tagen verlebt. Meine Menschenkenntniß ist, wie ein Pilz, in einem Tage mannshoch in die Höhe gewachsen. Wenn ich nur die Möglichkeit sähe, Dir eine Duodezerzählung von meiner Universalhistorie zu schenken. Ich bin ganz glücklich, Otto, ganz, und nicht bloß über alle Erwartung, sondern auch über alle Beschreibung." — Und so geht es fort noch viele Seiten lang. ^ Noch gesteigerter, wenn dicß überhaupt möglich ist, erscheinen seine Gefühle, so oft er auf seine Göttin, die er in Weimar gefunden hatte, zu sprechen kömmt. Es war dieß dieselbe Dame, die ihm zuvor zweimal nach Hof geschrieben, und nach Weimar geladen hatte: Charlotte v. Kalb, die, wie unser Verf. erzählt, in einer trüben Ehe mit einem Präsidenten, einem zwar sehr vornehmen, aber auch Spazier, Jean Paul Richter. 523 sehr flachen Manne, lebte. Jean Paul hatte sie kaum gesehen, als er auch schon bis zum Auflodern in sie verliebt war, und ihr, der stürmisch glühenden Frau, soll eS nicht besser gegangen seyn. Er erkannte, wie er sagt, auf den ersten Blick in ihr die Titanide, das heißt, daS hohe und kräftige weibliche Wesen, das er so lange für seinen nun bald zu erscheinenden Roman „Titan" gesucht habe. Er wurde so urplötzlich von dieser Titanide ergriffen, daß er schon in seinem ersten Briefe an Otto, gleich nach seiner Ankunft in Weimar, schreibt: „Diese göttliche Frau hat zwei große Dinge: große Augen, wie ich noch keine sah, und eine große — Seele, wie ich sie bisher für unmöglich hielt. Sie spricht gerade so, wie Herder in seinen Briefen über Humanität schreibt.. Sie ist stark, voll, auch daS Gesicht — nun ich werde sie Dir schon schildern. Wenn sie ernst ist, so wirft sie die großen, fast ganz zugcsunkenen Augenlieder himmlisch in die Höhe, wie wenn Wolken den Mond wechselweise verhüllen und entblößen. Auch hier sind Weiber! Und wie sich das alles himmlisch fügt! Sie steht fast mit allen großen Deutschen in Briefwechsel und mit allen Weimarern in Verbindung. Wir beide bleiben aber am liebsten Abends allein beisammen. Sie ist ein Weib wie keines, mit einem allmächtigen Herzen" u. s. w. — Und die Titanide? Was sagte sie zu allen diesen Dingen? — Wir wollen sie selbst sprechen lassen. — Hier zuerst als Einleitung ein Briefchen, daS sie am 16. Junius 1796, also nur fünf Tage nach Richter'S Ankunft, an ihrem Morgentoilettentische geschrieben hatte: „Sie haben doch wohl geschlafen? Die Freundschaft hat Ihnen ja diese Wohnstätte bereitet. Mir ist'ö wirklich lieb, daß ich Sie nicht mehr im Gasthofe weiß. Ach sind wir nicht immer in Gast - unv Feilschhäusern, wo alles nur aus Interesse gethan wird? DaS mordet daS Herz! — Kommen Sie heute fa bald zu mir. Sagen, schreiben Sie mir aber den Augenblick, daß ich nicht warten darf. Alles Warten zerstört mich. Ich habe lieber Schmerz des Körpers und der Seele, als Warten. Ich habe Ihnen sehr viel zu erzählen, erstens von der Herzogin, zweitens daß ich Ihren Brief an Otto lesen muß, drittens daß ich eifersüchtig bin rc. Ich glaube, man wird Sie hier nicht fortlassen. Aber ich lasse Sie fort, denn bei mir muß alles so nothwendig seyn, wie die Gesetze der Natur — Leben und Tod — Leben und Ihre Charlotte." Am folgenden Morgen erwartet sie ein Billet, oder vielmehr, sie kann cS nicht erwarten, und antwortet einstweilen anticipando: 524 Spazier, Jean Paul Richter. „Diesen Morgen erwachte ich, es dämmerte noch. Ich bin aus Ihr Billet sehr verlangend, und ich schreibe, eh' ich es bekomme, damit ich, so viel ich kann, nüchtern schreibe. — Ach, mein Gott, das ist das Billet! Aber o zeige Dich Niemand als mir. Alle, die Dich fasten, werden für Dich sterben wollen. Nein, um GottcSwillen nicht! Wie in einem Spiegelzimmer 'stehst Du da, und wirfst über alle Deine Gestalt. Aber wir, wir sind keine Spiegel, so glatt und kalt. Nein, nein, nein! Eine ibealische Schilderung liebt die Seele, einen ideali- schcn Menschen liebt daö Herz, und, kurz und gut, ich will ihn. Ach Lieber, rede mit der S.; sie hatte sich gestern Mühe gegeben und schön gesungen — sie zieht mich herab — ich gehe nie allein mit ihr — aber sie ist mir gut. — Morgen gehen Sie wohl mit Böltiger inS Schauspiel, und zu Herber, und zu Einsiedel? — Alle Welt will ihn haben, bei Gott, alle Welt! Aber nein! Alle sollen ihn nicht haben, oder ich vergehe! Zuerst will ich vernichtet seyn, dann können sie ihn haben! Wie oft war ich schon vernichtet, wie oft! — Guter, Du bist zu gut. — Was soll ich über Ihren Brief sagen? Die Sehnsucht fühlte ich auch, als ich ihn laS. O hätte ich sie noch gewaltiger empfunden!" u. s. w. Es wird Nef.'n schwer, von dieser schwindelnden Höhe den Ueber- gang zu den mehr prosaischen Vorfällen zu finden, die aus diesem Besuche in Weimar noch zu erzählen sind. Mag daher, in Ermanglung eines Bessern, die Antwort des kalten Otto als diese Brücke dienen, um wieder in das Thal des gewöhnlichen Lebens herab zu gelangen. „Deine Kalb," schrieb Otto zurück, „steht durch "die Zeddel, die Du mir von ihr geschickt, ganz vor mir da. Sie ist, wie Du mir schreibst, ganz Woldemarisch. Aber gnade Gott ihrem Manne, wenn er kein Woldemar ist." -— Wie möchte sich diese Gluth der Titanide abgekühlt und die wogende Lohe ihrer erhabenen Gefühle urplötzlich zersetzt haben, wrnn sie gehört hätte, daß man ihre, ohne Zweifel in der Gluth der reinsten Begeisterung geschriebenen Apostrophen — als Zeddel behandelt, als gemeine Mauthboüeten, unter deren Firma ihr ganzes Herz voll Poesie und überschwenglicher Liebe, und ihre zweigroßen Dinge noch dazu, durch einen bayerischen Fuhrmann an einen prosaischen Tölpel nach Hof spedirt worden sind. Wir lassen nun die Bemerkungen folgen, die I. P. über die Weimarer Freunde, besonders über Göthe und Schiller, seinem Freunde Otto mitgetheilt hat. Wenn die Meinungen desselben nicht immer Vortheilhaft für die besprochenen Personen ausfallen, so kann Spazier, Jean Paul Richter. 525 es nicht unsere Schuld seyn, die wir nur zu berichten haben, und aus Mangel an Autopsie nicht im Stande sind, das Gesagte entweder zu bestätigen oder auch zu widerlegen. Immer muß indeß vorausgeschickt werden, daß der Vers. des gegenwärtigen Werkes gegen Göthe eingenommen scheint, ob mit Grund oder nicht, mag ebenfalls dem Leser überlassen bleiben. Schon im früheren ließ er nicht leicht eine Gelegenheit vorüber, diese seine Meinung abzusprechen, vbschon immer mit hoher Achtung für das auch von ihm anerkannte große und seltene Talent. Dahin gehört z. B. der Ausfall l, S. 79, wo er die kindlich unschuldige Liebe Richter'S zu seiner August ine mit dem Betragen Göthe'ü gegen seine erste „Herzensprinzeffm" vergleicht; wie er idiä. S. 97 aus den günstigen LebcnSverhältnissen, deren Göthe sich erfreute, den Schluß zieht, „daß dafür aber auch der Maßstab desto strenger seyn müsse, der an das Resultat eines so langen, harmonischen Lebens zu legen ist;" ferner S. 154 die Bemerkung, „daß die große Verehrung Göthe'S durch seine Zeitgenossen meist nur von den Erinnerungen an die ersten heftigen, durch ihn (nämlich durch seinen Werther) veranlaßten Jugendeindrücke bestimmt wurde" u. dgl. Endlich ist auch ein großer Theil dieser Bemerkungen unmittelbar aus den Briefen der Mas. Kalb genommen, daher wir sie sorgfältig von denjenigen unterscheiden wollen, die von dem Vers. selbst gegeben werden. — Der letzte macht zuerst darauf aufmerksam, daß unter den gelehrten Herren in Weimar nicht eben die beste Harmonie herrschte, besonders seit der Begründung der- Hören im Jahre 1795, wo Göthe sich mit den Jenensern, Schiller, Humboldt, Fichte rc. vereinigte, und öfter als Kritiker und Tonangebcr auftrat. Da sich diese Herren zugleich der Jenaer Lit.-Z. sich bemächtigten, so konnte es an Parteiungen richt fehlen, besonders da Wieland seinen „deutschen Merkur" ebenfalls rüstig fortführte. Allerdings waren diese Spaltungen, bis zur Erscheinung der Lernen, keine öffentlichen, aber sie brachten doch schon einen gereizten -Ton in die Privatvcrhältnisse zu Weimar, und man bemerkte bereits aus dem Briefwechsel zwischen Göthe und Schiller, daß beide mit einer Art von Verachtung auf die übrigen hercbsahen. Göthe scheint übrigens besonders dem Herzog, und Wielcnd der Herzogin Mutter, Amalie, befreundet gewesen seyn. Am unglücklichsten stand Herder da, der gefesselt von amtlichen Rücksichten seinem Genius den freien Lauf nicht lassen konnte, und eben so wenig Aöthe'n mochte, als er an Wieland'S Frivolität Freude hatte. Auch in Beziehung auf unsern Richter war die 526 Spazier, Zean Paul Richter. Spaltung bemerklich. Herder und Wieland nahmen seine Partei, während G. und Sch. sich gegen Richter erklärten, nur Sch. offen und G. umsichtig, und sich einen möglichen Rücktritt offen haltend. Göthe bemerkte sehr bald den Enthusiasmus, den R. in Weimar, besonders unter den Frauen, erregte, und er wußte, was der sür sich hat, der die Frauen zu gewinnen weiß. Deshalb hat er schon vor Richt er'S Ankunft, fährt unser Vers. fort, den Bund mit Sch., und zwar mehr aus egoistischer Politik, als aus Herzensneigung und im Gefühl gemeinsamen StrebenS, geschloffen, wie man auS dem ganzen Verlaufe des Briefwechsels zwischen G. und Sch. sehen soll. Diese Politik habe G. gelehrt, dem jugendlich kräftigen Nebenbuhler lieber die Hand zu reichen und die Herrschaft über die VolkSgunst mit ihm zu theilen, ehe sie von diesem ihm ganz streitig gemacht würde. Hiernach wären denn auch die bekannten Stellen in dem erwähnten Briefwechsel über Richter zu beurtheilen. Als G. die „unsichtbare Loge" von Richter erhielt, nahm er davon keine Notiz, und als ihm der „HeSperuS" zugeschickt wurde, sandte er denselben an Schiller mit den Worten: „Hier ein Telegraph (Bockhirsch) erster Sorte" — nach seiner klugen Weise das Urtheil Schiller's, den er durchaus leitete, halb bestimmend, halb erst eines von ihm erwartend. Schiller war aber damals zu viel mit andern Dingen beschäftigt, und es fehlte ihm zu sehr an der universellen Empfänglichkeit besondes für das Komische und den Humor, so wie an einer tiefen und umfassenden Bildung, um auf das ihm ganz neue Geistesprodukt eingehen zu können. Doch urtheilte er nicht eben ungünstig von demselben, und dieß soll G. bestimmt haben, einzulenken, und mit den Versicherungen allen wettern Erörterungen auszuweichen, daß eS Schade sey, wenn der Mann so isolirt lebe, und deshalb, bei manchen guten Partien seiner Individualität, nicht zur Reinigung seines Geschmacks kommen könne u. dgl. In solchen Widerspruch, fährt der Verf. fort, setzen sich diese beiden Männer mit ihrer Zeit, der sie doch so weit vorgeeilt zu seyn meinten. Es sey keine Frage, daß G. in dieser Epoche unheilvoll auf Sch. eingewirkt habe, indem er ihn aus Egoismus in seinen Kreis bannte, lediglich um von ihm zu profitiren. Denn Sch. wäre es gewesen, der ihm durch fortgesetzte Reflexionen auf den Mangel alles höher» philosophischen Interesses in „Wilhelm Meister" und die daraus entstehende Leere aufmerksam machte, worauf bekanntlich G. kluger Weise die weiter» Verhandlungen über diesen Roman abbrach und seitdem für Schiller's Arbeiten kaum mehr als ein allge- Spazier, Jean Paul Richter. 527 mein lobendes Wort finden konnte. — Diese Betrachtungen werden noch weiter ausgesponnen, und S. 15 sogar nicht undeutlich dahin geführt, daß W. Meister aus der fünf Jahre früher erschienenen „unsichtbaren Loge" entstanden seyn möchte (!), sa daß selbst Titan und Faust in eine ähnliche Relation gestellt werden, wao wohl von Niemand, der diese bier in Rede stehenden Schriften näher kennt, dem Vers. nachgesagt werden wird. ES ist daher äußerst bedeutsam, setzt derselbe Vers. hinzu, daß G. und Sch. von der mächtigen elektrischen Wirkung, die I. P. schon damals in der Nation hervorbrachte, sich nicht warnen ließen, in ihm die anbrechende neue Zeit zu erblicken, die sie in Leuten wie Schlegel u. dgl. finden wollten, obschon, und vielleicht eben, weil diese letzten ganz ihrer eigenen Zeit angehörten. Gehen wir nun zu unserm Richter selbst, der in seinen Briesen an Otto folgendermaßen schreibt. — „Schon am zweiten Tage warf ich hier mein dummeS Vorurtheil für große Autoren ab, als wären es andere Leute. Hier weiß jeder, daß sie wie jene Erde sind, die von weitem im Himmel als ein leuchtender Mond dahinzieht, und die, wenn man die Ferse auf ihr hat, aus bloßem bouo cls ?aris besteht und einigem Grün, ohne Juwelennimbus. Ein Urtheil, daS ein Herder, Wieland, Göthe fällt, wird so bestricken, wie sedeS andere, das noch abgerechnet, daß die drei Thurmspitzcn unserer Literatur einander — meiden. — Gleichwohl kam ich mit Scheu zu Göthe. Die Kalb und Jeder malte ihn ganz kalt für alle Menschen und Sachen auf der Erde. Jene sagt, er bewundere nichts, nicht einmal sich selbst mehr; jedes Wort sey Eis, zumal gegen Fremde, wenn er sie ja vorläßt; er habe etwas Steifes, reichöstädtisch Stolzes; bloß Kunfisachen wären noch seine Nerven, daher ich Knebel bat, er möchte mich vorher durch einen Mineralbrunnen petrifi- ciren und incrustwen, damit ich mich ihm im vortheilhaften Lichte einer Statue zeigen könne. Die K. räth mir überall Kälte und Selbstbewußtseyn an." Nach seinem Besuch bei Göthe erzählt er seinem Freunde, daß G. kalt, einsylbig und ohne Accent herausgetreten sey. „Seine Gestalt ist markig und feurig, und sein Auge ein Licht. Aber endlich schürte ihn der Champagner und das Gespräch über Kunst, Publikum rc. an, und man war — bei Göthe. Er spricht nicht so blühend und strömend wie Herder, aber scharsbestimmt und ruhig. Zuletzt las er uns, d. h. spielte er uns ein angedrucktes herrliches Gedicht vor, wobei sein Herz durch die Eiskrusten Flammen trieb, so daß er mir, dem enthusiastischen Zuhörer, die Hand drückte. — Vor- 528 Spazier, Jean Paul Richter. gestern trat ich auch vor den felsigen Schiller, an dem, wie an einer Klippe, alle Fremden zurückspringen. Seine Gestalt ist verworren, hart-kräftig, voll Edelsteine, voll scharfer, schneidender Kräfte, aber ohne Liebe. Er spricht beinahe so vortrefflich als er schreibt u. s. w." ' Man sieht aus dem Ganzen, sagt der Vers., daß G. sich wohl hätte bewegen lassen, unsern Dichter in seinen Kreis hineinzuziehen, daß aber die Abreden Herde.r'S und der Mad. Kalb sie unglücklicher Weise gleich anfangs von einander entfernten. G. schrieb nach dem erhaltenen Besuch Richtcr's an Schiller: „Jean Paul wird Sie dieser Tage besuchen, und Ihnen gewiß recht wohl gefallen." — Schiller aber, nachdem er Jean Paul gesehen hatte, schrieb an Gö,the zurück: „Ich habe ihn ziemlich gefunden, wie ich ihn erwartete: fremd, wie einen, der aus dem Monde gefallen ist, voll guten Willen und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, mit dem man sieht." — Allein I. P. kam nicht weiter weder zu G. noch zu Sch., und trat in Weimar so entschieden auf Herder'S Seite, daß G. alle Hoffnung aufgeben mußte, ihn zu sich heranzuziehen. Dazu ließ Richter in seinen spätern Briefen an Knebel manche unvorsichtige Bemerkung über Göthe fallen, und diese wurde bekannt. Bald daraus erschienen zwei Xenien Göthe's gegen Richter, und nun war der Krieg erklärt. Von diesem Augenblick an ergossen sich die Angriffe der Göthe'schen Schüler, der Schlegel u. a., deren Treiben, selbst als cS alle Schranken überstieg, G. nie öffentlich verläugnete. Diese Angriffe schadeten unserm Dichter und seinem Einflüsse auf das Publikum nur zu sehr. Er stand allein gegen eine Legion von Feinden, und so gewandten Feinden, und wenn ja da und dort einer, wie Görres, sich seiner annahm, so geschah es auf ungeschickte Weise, durch Stoßseufzer und dergleichen. Ueber das eigentliche Verhältniß Göthe's zu den beiden Schlegel, den „Götterbuben," wie Wieland das Wort „Dioscuren" in Beziehung auf sie übersetzte, liegt noch viel Dunkel. Im Museum und im Athenäum wurde Göthe von den beiden Schlegel, wenn nicht offen angegriffen, doch ignorirt; auch Göthe scheint sie von seiner Seite ebenfalls verläugnen zu wollen, und doch heißt es in dem Fichte'schen Briefwechsel, daß G. mit Friedrich Schlegel so vertraut sey, daß er mit ihm seine Gedichte behufs einer neuen Ausgabe durchgehe. Spazier, Jean Paul Richter. 529 Zu der erwähnten Spaltung zwischen G. und unserm Dichter trug ohne Zweisel auch die vielleicht zu sehr geschmeichelte Eitelkeit deS letzten sehr viel bei. In Weimar, oder wie er eS nannte „in Jlm- Athen, dieser Stadt Gottes, nach welcher ich von Jugend auf wie nach einer Keblah meine Augen gerichtet hatte," in dieser Stadt wurde er von den ersten Geistern deS Vaterlandes und von ausgezeichneten Damen aus eine Weise aufgenommnn, die jeden andern eine Weile an sich selbst irre machen und zu Ueberschätzungen leiten mußte, wie viel mehr ihn, der bisher unbekannt, deö öffentlichen Lobeü ungewohnt, nicht einmal den ungetheilten Beifall seiner nächsten Bekannten in Hof erringen konnte. Als er an den Mauern von Weimar, ein armer Fußgänger, ankam, sagte ihm der Thorschreiber, daß die Großherzogin an alle Thore den Befehl geschickt habe, ihr seine Ankunft sogleich zu melden. Von diesem Augenblicke sprang er von dem einen Extreme der geselligen Verhältnisse deS Lebens urplötzlich in daS andere über, und die Wolken von Weihrauch, die ihn von nun an durch mehrere Wochen ununterbrochen einhüllten, waren so dicht, daß sie ihm, den an solchen Atmosphären ungewohnten, den Kops einnahmen. War er ja doch schon durch die eleganten Meubel deS für ihn bereiteten Zimmers ganz in Entzückung gerathen. „In jedem Zimmer stebt ein Licht," erzählt er jubelnd seinem Otto, „und diese Zimmer sind besser meublirt, als eines im Modejournal; ja sogar schon fertige Bries- couvertS aus dem Jndustriecomptoir, wovon hier eines zur Probe, liegen vor mir. Dazu kommen die wichsenden, kehrenden, klopfenden Bedienten. Und welche Freiheit von aller gßrik! Du führst Niemand zu Tisch, Du küssest keine Hand, machest bloß eine stumme Verbeugung, und sagst vor und nach dem Essen nichts. Siehst Du, daS ist der Ton der hiesigen hohen Welt. Aber der des Bürgers dagegen soll so steif wie meine Halsbinde seyn." Unser Vers. ist, wie man aus mehreren Stellen seines Buches, ja aus der Tendenz deS ganzen BucheS sieht, der Ansicht, daß Jean Paul vom Schicksale bestimmt gewesen zu seyn scheint, ein ganz neues und besseres Zeitalter der Literatur herauszuführen, und daß eS daher sehr zu beklagen sey, daß diese wohlthätige Umwälzung durch die Spaltung zwischen ihm und Göthe aufgehalten, vielleicht auf Jahrhunderte aufgehalten worden sey. Diese neue, ideelle Schule, welche I. P. gründen sollte, würde von ihm viel besser, als von dem in Göthe'S Banden liegenden Schiller repräsentirt worden seyn. Diese Schule, sagt der Vers., strebte in die Zukunft, in das Unerm.-ßliche hinaus, Littrow >- 34 530 Spazier, Jean Paul Richter. und warf jede Fessel von sich, um allen Gedanken und Empfindungen Geltendmachung zu verschaffen. Die alte Schule im Gegentheile suchte nur den Horizont der Menschheit noch enger zusammen zu ziehen, und drang daher auf die Beibehaltung der alten griechischen Formen, als der geeignetsten Fessel zu dieser Beschränkung. Dieser heillose Versuch, die an Gedanken und Strebnissen so viel ärmere heidnische Griechenwelt auch uns anzuzwingen, sey schon einmal, in frühern Jahrhunderten, zu unserm großen Schaden gemacht worden, als man jene für unS kalte Formen in die warme Romantik der großen Bauten des Mittelalters geworfen hat. Die wunderlichen Zacken und die in die Höhe strebenden Pfeiler der großen Gebäude jener Zeit erscheinen uns wie eine durch ein OberonShorn mitten in der strebenden Bewegung angehaltene und festgezauberte Masse. Man sieht, bei dem Anblicke derselben, eine ganze neue Welt, die aber wie durch einen Zauber in ihrem WachSthume plötzlich gefesselt wurde, eben als sie nach der Weite deS öffentlichen Volkslebens sich ausdehnen wollte. Eü galt nun, diese Versteinerung zuerst wieder lebendig zu machen, nicht aber, wie G> wollte, sie nachzuahmen u. s. w. Wir wollen eü den Lesern überlassen, wie viel sie von diesen Behauptungen in ihre Ueberzeugung übergehen lassen können. Unser Vers. glaubt, daß wenigstens Hec- der'S Frau ganz dieselben Ansichten habe, wenn sie in ihrem Briefe an I. P., wo sie von der Art der Darstellung unsers Dichters spricht, sich so ausdrückt: „Es geht uns eben wunderbar damit. Das ganze Gebäude ist mit lauter kleinen einzelnen Heiligenbildern erfüllt. Gemüth und Geist verweilen dabei gerührt, gestärkt, belustigt und zugleich erhoben; wir möchten daS Ganze erfassen, und sind unwillig, daß wir unter den tausend Empfindungen nicht weiter kommen. Wenn Sie das Münster in Straßburg gesehen hätten, so würden Sie mich verstehen, und mir dieses Gleichniß nicht mißdeuten. Vielleicht ist der Geist jenes Baumeisters in Ihnen wiedergekommen, und weil wir der steinernen Bilder nicht so nöthig haben, als der geistigen, so baut er nun auS den letzten, waS die jetzige Zeit bedarf, im Geschmack der vorigen." — Wir sehen in di.ser Stelle keine Billigung, und noch weniger eine Anpreisung jener Darstellungsweise, die fortan eine neue Schule begründen oder als Muster für die Zukunft dienen sollte, so wie wir auch in der Ausführung des ganzen Vorschlags, wenn er je Statt haben sollte, k ine Entbindung deck aufstrebenden VolkogeisteS e blicken können, gegen welchen die Göthe'sche Schule angekämpft haben soll, weil er dem Mester derselben zu Spazier, Jean Paul Richter. 531 gewaltig war, als daß er ihm hätte folgen, geschweige seiner sich hätte bemächtigen können. Seit /euer Spaltung zwischen G. und R., heißt eü ferner, theilte sich der gebildete Theil der Nation ebenfalls in zwei Partciungen. Wer R. verehrte, war G. abgeneigt, und umgekehrt. Manches Talent sey zu einem Werkzeug der alten Partei gemacht, und dadurch aus seinem Standpunkt geiückt worden, und dazu gehöre vorzüglich Ludwig Tieck, von dem G. recht gut gewußt haben soll, daß er eigentlich auf seine Gegenseite gehörte, daher er auch selbst daS Freundliche von ihm nur mit Mißtrauen und Undank aufgenommen habe u. s. w. Richter arbeitete nach seiner Znrückkunft in Hof eifrig und mit neuen Kräften an seinem „Titan." In der Vorrede zu diesem Roman wurde bereits der Titanide erwähnt, und wie er sie in dem Werke selbst darstellen wolle, als ein hohes, edlcS weibliches Wesen, daS gesetzwidrige Liebe für ein Verbrechen, für eine Befleckung weiblicher Tugend erklärte. Der Vers. schickte diese Vorrede vorläufig im Manuskript dem Originale des darin gezeichneten Porti äkö zu, und glaubte Wunder, wie sehr er dieses Original dadurch entzücken würde. Aber er hatte sich sehr in seinen Erwartungen getäuscht. DaS hohe weibliche Wesen antwortete anfangs gar nicht, und als R. deßhalb mehrmals in sie drang, erhielt er endlich folgendes Schreiben: „DaS Ködern mit dem Verführen! Ich bitte Sie, verschonen Sie-die armen Dinger und ängstigen Sie sie nicht noch mehr. Die Natur ist schon genug gesteinigt. Ich ändere mich nie in meiner Denkart über diesen Gegenstand. — Lasse man doch der kräftigen, reifen Menschheit ihren Willen. Die Natur will, daß wir Mütter werden; vielleicht nur, wie ihr meint, daß wir euer Geschlecht fortpflanzen u. s. w." Mit dieser Titanide war eS also nichts! Sie flog zu hoch für unsern armen Dichter, und dieser konnte sich, mit all seiner Phantasie, zu so reinweiblichen, sublimirten Conceptionen nicht emporschwingen. Auch hört man längere Zeit durch nicht weiter, daß sich beide, auf ihren zu verschiedenen Wegen durch daS Leben, wiever näher gekommen wären, einen etwas harten Conflict i. I. 1799 ausgenommen, von dem wir später sprechen werden. Dafür trat ein anderes weibliches Pbänomen, in ihrer Art nicht minder hochgesinnt, ihm mit offenem Arm entgegen. Es war dieß die berühmte (oder vielleicht berüchtigt Frau von Krüdener. Sie erschien unverhofft, im August 1796, ihn in Hof aussuchend, und stand „in ihrer vollen Jugendblüthe, wie ein leuchtender Komet," vor seinen bezaubertcn 31 * 532 Spazier, Jean Paul Richter. Blicken. So druckt sich nämlich unser Vers. aus. Richter selbst aber sagt: „Sie gab mir eine trunkene Freude, wie ich noch bei keiner Frau gehabt, weil sie ist, wie keine." Und was sagt endlich die Frau von Krüdener? — „Unvergeßlich," schreibt sie, „ist er mir, und zwar mehr noch aus dem, was ich sah und fühlte, als aus dem, was ich las, wenn ich ihn in seinen Werken bewunderte." — Bei ihrem Abschied lud sie ihn nach Leipzig ein, „um ihm dort ihr Herz ganz auszuschließen, die Tugenden und die Fehler dieses Herzens voll Liebe ganz offen zu zeigen." — Allein sie konnte dieses vorerst anderweitig beschäftigte Herz erst nach Jahren in Berlin ihm wieder vorzeigen. Bald nachdem dieser „leuchtende Komet" vor ihm vorübergezogen war, erhielt er von einem Unbekannten 50 Thaler durch die Post als Dank für den Genuß, den jener aus seinen Schriften geschöpft hatte. Es zeigte sich später, daß dieser Unbekannte Gleim war. Auch kam ein Brief, in dem ihm die Erziehung der beiden Kinder der Fürstin Hohenlohe unter sehr guten Bedingungen angetragen wurde. Aber Richter wies den Antrag zurück, „weil er nunmehr, nach der Manumission dcS Schicksals, in seiner innern Reichsunmittel- barkeit leben und sterben wolle, und auch so viel zu schreiben habe, daß er, wenn auch der Tod in seinem achtzigsten Jahre erst kommen sollte, doch über eine solche Verkürzung seiner Schreibcstunden noch erbittert seyn würde." — Den angefangenen Titan ließ er, wie so viele seiner andern Romane, plötzlich liegen, um ihn später wieder aufzunehmen, und schrieb dafür den Jubelsenior, das Kampanerthal, die Palingenesien u. dergl., mit welchen er den Zeitraum von 1796 bis 1799 größtentheilS ausfüllte, einige andere kleinere Schriften nicht gerechnet, wie z. B. die „satyrische Erklärung der Holzschnitte," die er, wie selbst der für ihn so eingenommene Vers. sagt, besser ganz ungeschrieben gelassen hätte. Wir glauben nicht zu irren, setzt derselbe hinzu, wenn wir der Erscheinung dieses Werkes besonders eS zuschreiben, daß man später wagte, den allcrabgeschmacktesten Productionen, mit welchen Speculationssucht das Publikum zu täuschen suchte, seinen Namen vorzusetzen. *) Um das „wahrhaft Hinreißende" von Richter's Persönlichkeit für Frauen zu bestätigen, führt unser Verf. hier noch eine Parallelstclle aus einem Briefe der Titanide an, wo sie sagt: „Sey wie Minerva klug und glücklich wie Apoll. — Nur lächle nickn! Ach, Du lächelst so fckwn! Die Töne, die Dein Gemüth ohne Worte gibt, sind wie Harmonikaklang. — Aber ich will still seyn — still!" Spazier, Jean Paul Richter. 533 Eben wollte er sich, im Sommer 1797, an seinen unterbrochenen Titan machen, als schon wieder ein „leuchtender Komet" erschien, der ihn aus seiner Bahn verrückte. Dieses „hellglänzende Gestirn" war Emilie von Berlepsch, „eine junge, schöne und geniale Witwe," die aus der Schweiz nach Hof kam, um ihn da aufzusuchen, und einige Tage mit ihm zu verweilen. „Durch diese glühende Seele," sagt unser Vers., „ward das (wie wir bereits wissen, sehr leicht entzündbare) Herz des Dichters auf das heftigste entflammt, indem derselbe an dieser neuen Erscheinung alle Vollkommenheiten der früheren zusammen gesunden hatte." Obschon seine Mutter eben in diesen Tagen in eine schwere Krankheit siel, und er bereits ihrem nahen Tode entgegen sah, und obschon er diese Mutter, sagt der Vers. , mit der innigsten SohneSliebe umfing, so fesselte ihn doch die Liebe der genialen Witwe mit einer noch viel stärker« Kraft, so zwar, daß er die Mutter auf dem Todtenbette liegen ließ, und mit der Witwe eine Lustreise nach Franzenöbad in Böhmen machte! Dafür kehrte aber auch der brave (?) Sohn sogleich zurück, als er die Nachricht von dem Tode der Mutter „gleich einen Donnerschlag" vernahm, um sie zu begraben. Vorzüglich betrübte ihn ein in dem Nachlaß der Mutter gefundenes Hausbuch, in welchem sie von Woche zu Woche den Erwerb ihrer Handarbeit aufgezeichnet hatte. Er sah daraus, daß sie im März des Jahres 1793 durch Wollespinnen 2 fl. 51 kr., im April 4 fl. 3 kr., im Mai 4 fl. 4 kr. u. f. gewonnen habe, und auf der letzten Seite des Büchleins war bemerkt, daß Samuel, ihr lüngster Sohn, am 9. März neue Stiefeln bekommen, die 3 Thaler gekostet haben. — Da er längere Zeit nach diesem Verluste nicht im Stande war, sich über seinen Zustand irgend Jemand in Hof mitzutheilen, so eilte er, waS konnte er besseres thun, zu der schönen Witwe zurück, um „in die Brust eines hohen weiblichen Wesens seine Klage ohne Trost auszuschütten" (!). Er ging also wieder nach Franzensbad, und von da, im October 1797, nach Leipzig, wohin ihm die süße Emilie folgen wollte, da sie in der Nahe dieser Stadt ein Gut besaß. Er wurde nun in Leipzig allerdings ganz anders aufgenommen, als das erstemal. Alles drängte sich um ihn und alles wollte ihn besitzen, besonders die Buchhändler, die förmlich verliebt in ihn waren. Aber all die Genüsse, die man ihm nun in Hülle und Fülle anbot, kamen zu spät: er hatte die Reizbarkeit dafür verloren. Den Jüngling hätten sie überglücklich gemacht, und nun wachten sie ihm oft 534 Spazier, Jean Paul Richter. sogar lange Welle. Die vielen oft unbedeutenden Besuche waren ihm störend; die reichen Kaufleute behandelten ihn mit zu vornehmer Herablassung, wie dieß dem geldarmcn Talente in Handelsstädten immer widerfährt, und er glaubte sogar nach einigen Monaten schon Abnahme der Achtung und sinbst Kälte zu bemerken, so daß er allmälich anfing, sich nach seinem stillen Hof zurückzusehnen. Die für ihn aus diesen Verhältnissen entstehende Unruhe wurde noch durch das sonderbare Benehmen der nun auch angekommenen schönen Witwe vermehrt, da diese „heftige und leidenschaftliche Frau" ihn durchaus heirathen wollte. Es fehlte nur wenig, und er wäre in die Falle gegangen. Sein Wort batte er bereits in einem unbewachten Augenblick gegeben. — Sie hatte ihm nämlich früher schon ein schönes, reiches, höchst moralisches Mädchen in Zürch, ihre Freundin, zur Frau vorgeschlagen (?), für welche kein Werber bisher rein und gut genug gewesen war. „Sie wollte ihr eigenes und des Mädchens Vermögen zusammenwerfen, und ich sollte die Zürcherin heirathen, und sie, die Witwe, wollte ewig bei uns bleibe»! Ich zeigte ihr die Widersprüche duseS seltsamen Behältnisses; sie verstand mich; ihre Seele hing an der meinigen; über einige meiner Erklärungen bekam sie Ohnmachten und fürchterliche Kiämpse — da ging mein Inneres aus einander, und ich sagte ihr die Ehe zu. Sie will nun thun waö ich will; sie will daS Landgut kaufen wo eS mir gefällt, am Neckar, ant Rhein, in der Schweiz. So lieben wird mich keine mehr als diese. In sofern Größe und Reinheit der Seele und metallischer Reichthum beglücken kennen, wäre ich sehr glücklich: aber" — Hier bricht der Brief an Otto ab, und wir können ihn nicht ergänzen. Später wird ganz trocken erzählt, „daß er mit seltener Gelstesstärke die ihm unheimlich gewordenen Fesseln abgeworfen." Und auf diese Weise war also der Tugendbund geschlossen, und von beiden Seiten mit tausend Schwüren und Küssen besiegelt worden. „Wir müssen dabei noch anführen," sitzt unser Vers. ganz treuherzig hinzu, „daß er hiemit daS dritte oder vierte Kunststück der Art den Frauen gegenüber vollbracht hat. Denn schon seit mehreren Jahren war er in einem ununterbrochenen freundschaftlichen Verhältnisse mit Charlotten, Amönen, Renaten, Helenen, Sophien von Drüningk und allen seinen übrigen Jugendfreundinnen geblieben, und hatte mit ihnen Briese gewechselt, d:e jeder Fremde für die glühendsten Liebesbriefe gehalten haben würde." — Wir möchten dabei nur bedauern, daß unS der Verfasser Hefe Amönen und Helenen und wie sie alle heißen, und die mit Spazier, Jean Paul Richter. 535 ihnen verübten „Kunststücke" nicht ebenfalls so umständlich mitgetheilt hat, wie jene mit der Titanide und den zwei leuchtenden Kometen, die auf jenes hehre Weib mit den zwei großen Dingen nur gefolgt sind, da sie ihr doch eigentlich hätten vorangehen sollen. Ueberhaupt scheint unö derselbe, bei seiner sonstigen liberalen Mittheilsamkeit, in Beziehung auf diese interessanten Gegenstände viel zu karg mit seinen Lesern verfahren zu s.yn, wie denn schon auf dem nächstfolgenden Blatte wieder ein neuer Komet, Hermina genannt, erscheint, der zwar für uns nur ein tettscopischer ist, da er, in dichte Nebel gehüllt, in großer Ferne von uns vorübereilt, und auch von dem Vers. selbst nur mit einigen Worten abgefertigt wird, dem aber der bedeutsame Nachsatz folgt, „daß die mit ihr aufgeführten Scenen zu den sckönsten geboren, und davon Zeugen, welchen außerordentlichen Gewinn der Dichter in Vermebrnng seiner tiefen Kenntnisse des weiblichen Herzens wieder von dem Umgänge mit den neuen Frauengestalten auf seiner Durchreise in Erlangen und in Nürnberg gezogen habe." — Wir geben gern zu, daß bei diesen wohl meistens nur gemüthlichen Unterhaltungen nichts Unlauteres vorgefallen sey, so sehr auch der Schein und die Darstellung dieser psychologischen Untersuchungen deS weiblichen Herzens den Leser, s lbst gegen seinen Willen, zuweilen auf solche Vermuthungen führen mag. Auch räumen wir willig ein, daß ein Dichter, besonders ein mit so reicher Phantasie ausgestatteter Dichter, diese Gegenstände mit ganz andern Augen ansehen mag, als andere Menschen. Allein die Nicbtdichter, also bei weitem der größere Theil, wird diese Ansicht und noch mehr die Veröffentlichung derselben in einer Schrift sonderbar finden, die doch gewiß nicht auf den Tadel des Mannes berechnet zu seyn scheint, so daß wir daher zum Vortheile deö in so vielen Beziehungen liebenswürdigen und achtungS- werthen Mannes, wünschen möchten, daß Liese Digrcssionen, die doch nicht so gar nothwendig zur Charalteristik desselben gehören, lieber gänzlich Übergängen worden wären. Im Jabre 1798 zog er zum zweiten Male, nicht ohne heimliches Widerstreben, nach Weimar, größtcntheilS um sich Herder'n mehr anzuschließen, durch und an welchem er sich für seinen Titan zu begeistern dachte. Er wurde auch dießmal von den übrigen Weimarer Freunden gut, gegen seine Erwartung sehr gut, selbst von Gvthe, ausgenommen, und so beschloß er denn, seinen Platz hierfür immer zu nehmen. Eine Quelle vielfältigen Verdrusses wurde für ihn die Frechheit mancher elender Schriftsteller und Buchhändler, 536 Spazier, Jean Paul Richter. erbärmliche Produkte, seinen Styl nachahmend, unter seinem Namen herauszugeben. Auch an fernen öffentlichen Angriffen fehlte es nicht, wie denn unter andern Bouterweck in einem Romane einem dummen Narren den Namen unsers Dichters gegeben hatte. Einen sehr unangenehmen Angriff zog er sich von Friedrich Schlegel zu, weil er bei einem Diner in Dreöden mit Schlegel'ü Frau gegen dessen Theorien sehr heftig gestritten hatte. Schlegel machte seiner Galle im Athenäum Lust, und fällte hier zuerst den so oft von dieser Schule wiederholten Auöspruch: Jean Paul sey zwar ein Dichter, aber nur ein komischer. ES heißt hier: „Der große Haufe liebt Richter'S Romane vielleicht nur wegen der anscheinenden Abenteuerlichkeit — und der Gebildete mag sich an den grotesken Porzellansiguren seines wie NeichStruppen zusammengetrommelten Bilderwitzes ergötzen. Seine Frauen haben immer rothe Augen, und sind Exempel-Gu'edersrauen zu psychologisch-moralischen Reflexionen über Weiblichkeit und Schwärmerei. Sein Schmuck besteht in bleiernen Arabesken im Nürnberger Styl. Hier ist die an Armuth gränzende Monotonie seiner Phantasie und seines Ge steü am auffallendsten. Je moralischer seine poetischen Rembrandt'S sind, desto mittelmäßiger und gemeiner; je komischer desto besser; je dithyrambischer und je kleinstädtischer, desto göttlicher." — Auf ähnliche Weise hatte er sich auch durch vorschnelle und selbst unbesonnene Aussprüche in Gesellschaften und Briefen die Nedactoren der Jenaer Lit. Zeitung, der deutschen Bibliothek, der Göttinger Anzeigen u. s. zu Feinden gemacht. Aber er erkannte diese ihm und seinen Werken drohende Gefahr durchaus nicht, und hoffte immer, durch seine nächsten neuen Schriften die Gunst dcö Pub.ikumS und der Gelehrten sich wieder zuzuwenden. — Dem allen ungeachtet waren die ersten Monate nach seiner völligen Niederlassung in Weimar ohne Zweifel die glücklichsten und die wahre Glanzepoche seines Lebens. Besonders gut gestaltete sich sein freundschaftliches Verhältniß zu Herder, mit dem er die Abendstunden eines jeden Tages verlebte. Herder hielt den reichen, überströmenden Dichtergeist Richter'S weit und hoch über' die gemüthlosen, bloß in und für die Formen dargestellten poetischen Produkte^der damaligen Zeit, die er nur Brunnen ohne Wasser zu nennen pflegte. Richter steht gegen diese, sagte Herder, auf einer sehr hohen Stufe, und ich gebe alle künstlich metrische Form hin gegen seine Tugend, gegen seine lebendige Welt, gegen sein fühlendes Herz und seinen immer schaffenden Ge- l»uö; denn er ist eS, der wieder frisches Leben und Wahrheit und Spazier, Jean Paul Richter. 537 Wirklichkeit in die verlebte und mißbrauchte Dichtkunst bringt. Ueber die in Richter's Schriften oft abspringende humoristische Manier sagte er einmal zu ihm: Wenn ich auf einer wüsten Insel wäre, und bloß Ihre Schriften dort hätte, so wollte ich alle allzuschnell abspringenden, oft sich selbst zerstörenden Stellen in denselben aussondern, und zwiefach schönere Werke herausbringen. Ein andermal sagt Herder zu seiner Frau: Eh' ich die Adrastea schließe, setze ich unserm Richter ein Denkmal, worüber er sich freuen wird, denn ich will Deutschland zeigen, was wir an ihm haben. Man sehe dieses Denkmal in Adrastea St. I.X und in den Werken zur Lit. und Kunst Vol. XI. S. 136. — Wenn man dieses Urtheil Herder'S und das vorhergehende Schlegel'S unbefangen zusammenhält, und von dem letzten das LiebloS-Hämische, von Rechtswegen, wegläßt, so ließe sich daraus vielleicht die treffendste Würdigung der Werke Richter's ableiten. Im Anfang deö Jahres 1799 sollte er sich mit der Titanide ganz in allem Ernste verheirathen. Man sieht nicht recht, wie beide wieder und auf so große Nähe zusammengekommen sind. Das Ende der Geschichte aber, daß wir eS kurz machen, war ganz dem mit der Berlepsch ähnlich, et slo oum servavit Xpollo. — Da er zu sehr für Herder Partei genommen hatte, der in und außer Weimar viele und mächtige Gegner hatte, so brachte I. P. auch sich selbst dadurch in manche unangenehme Verhältnisse. Man sieht nicht eben, daß Göthe in dieser Zeit feindselig gegen Richter gehandelt hätte, aber er konnte, wie unser Vers. sagt, keinen selbstständigen und freimüthigen Widerspruch ertragen, während Richter so gern widersprach, um dadurch ohne weitere Rücksicht auf sich selbst oder andere, bloß die Wärme des Gesprächs zu erhöhen. Er erzählt in einem Briese an Otto, daß G. bei einem Diner auf einige freimüthige Bemerkungen Richter'S eine Viertelstunde lang empfindlich den Teller gedreht habe. Böttiger munterte unsern Dichter noch dazu auf, indem er ihm sagte, daß er, Richter, glücklich durchführe, was Niemand in Weimar wage, und daß er sich noch überdieß dadurch bei G. beliebt mache. WaS Richter's Meinung über Schiller betrifft, so waren die ersten Vorstellungen von Wallenstein'ü Lager und von den Picco- lomini's in diese Zeit gefallen, und hatten, wie Richter selbst erzählt, ihn verdrießlich und Herdcr'n sogar krank gemacht durch die sittlichen und ästhetischen Fehler dieser Stücke. Noch schlimmer wurde dieß alles, als die Metakritik von Herder erschien. G. uyd Sch. 538 Spazier, Jean Paul Richter. waren über diesen Angriff gegen Kant aub das höchste aufgebracht, und schrieben einen großen Theil des Buchs unserm Richter zu, der auch in der That mehrere Noten dazu verfaßt hatte. Richter war nicht der Mann, dieß alles stillschweigend hinzunehmen, ja er ging zuweilen in seinem edlen Eifer sogar den Personen selbst zu Leibe. So wollte er gefunden haben, daß die ehelichen Verhältnisse in Weimar nicht streng genug beachtet würden; daß Sch. der Frau v. Kalb den Porschlag gewacht habe, eine gemeinschaftliche Reise mit ihr nach Paris zu machen; daß Wieland im letzten Frühling seine frühere Geliebte, La Röche, wieder ins HauS genommen habe u. dgl. Im Frühling des Jahres 1799 hielt er sich einige Zeit am Hofe des benachbarten Hildburghausen auf, wo er ebenfalls auf das Freundlichste empfangen wurde, und von dem Herzoge zum Abschiede das Diplom eines LegationSratheS erhielt. Auch eine Geliebte fand sich an diesem Hofe in dem Hoffräulern Caroline v. F . . . Ob- schon die Verwandten sich diesem Bündniß widersetzten, so gedieh dasselbe doch so weit, daß die Ehe förmlich beschlossen, aber nicht geschlossen ward, denn auch dieses Verhältniß dauerte nur einige Zeit, und ging ohne weitere Resultate vorüber. — Ja diese Z it fällt die Herausgabe seiner „Charlotte Corday," die er einer Aufforderung von Gen; gemäß schrieb, unv in welcher er diese „Königin" vertheidigte, von der Gsrtanner eben geschrieben hatte, daß sie noch ver- abschcuungSwürdigcr als selbst Marat sey, weil dieser nur Meuchelmorde veranstaltet, jene aber selbst ausgesührt habe, unv weil der Zweck nie die Mittel heilige. Wegen dieser Aeußerung he.ßt hier Girtanner der „Kriechende." Richter im Gegentheil vertheidigte die That der Corday als eine nacbahmungswürdige Heldenthat, nicht nach Gefühlen, sondern nach Prinzipien. Sie habe, heißt es, den Marat weggeschafft, nicht als Bürgerin einen Bürger, sondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatofeind v. dgl. Nach dieser Schrift erschien die rein polemische Llsvjz bielitisnA gegen den Philosophen Fichte zu Jena. Zu sener Zeit wurde, größientheils durch Kant's ersten Anstoß, der spekulativen Philosophie und der Metaphysik in Deutschland eine ganz außerordentliche Wichtigkeit beigelegt. Alles wollte nur solche Schriften lesen, und Fichte erhielt , für den Druckbogen sechs LouiSd'or von seinen Buchhändlern. Da diese Philosophie nach dem Absolutismus strebte, und alle Köpfe und Stände in ihren Bereich zu ziehen suchte, woraus Jnconvenienzen und Mißbrauche aller Art entstanden, die selbst Einfluß auf daö bürger- > Spazier, Jean Paul Richter. 539 liche Leben hatten, so erhoben sich allmählich immer mehr Gegner, unter welchen Herder und I. P. sich gleich anfangs besonders hervorzuthun suchten. Später söhnte sich Richter bekanntlich mit Fichte wieder aus. Im Sommer 1800 verließ Richter Weimar, größtcntheilS wegen der unangenehmen Verhältnisse, die seine Trennung von der oben erwähnten Caroline von F. zur Folge hatte, und zog nach Berlin, wo er, wie er schreibt, gleich einem Götzen mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen wurve, besonders von den Männern, Frauen und Töchtern des GelehrtenkreisrS. „Viel Haare erbeutete ich, ein Uhrband von dreier Schwestern Haar; viele gab auch mein eigener Scheitel her, so daß ich, wenn ichs verhandeln wollte, eben so gut von dem leben wollte, was auf meiner Hirnschale wächst, als was unter ihr." — In einer dieser Ges.Üschaslen fand er unvermuthet seine künftige Gattin. Er war Aleudü in einen Garten geladen und kam zu spät. Nur ein Platz war noch leer am untersten Ende des T.scheS, und hieher setzte er sich, arr die Seite Carolinenü, der zweiten Tochter deü geh. Tribunalraths Meyer, die zu den gebildetsten und geistreichsten Mädchen Berlins gehörte. „Bei seiner Allgewalt über die Menschen," sagt unser Vers., „bei der Verklärung, in welcher er damals vor den Augen aller Frauen dastand, war er sich bewußt, daß ervbei jedem weiblichen Wesen nur zu wollen brauche, um es, mit Auflösung aller etwa bereits bestehenden Bande, unauflöslich an sich zu fesseln. Der Zauber seines Lächelns, die magnetische Kraft seines AugeS u. f. gaben alle Frauen ohne Ausnahme in seine Hand (!)- Jede hätte auf seinen Wink Mann oder Geliebten verlassen (!), um ihn zu folgen, und keine hatte dem Triumph, unter so Vielen die Auserwahlte zu seyn, widerstanden. Am 9. Nov. 1800 hielt er bei Carolinen's Vater um sie an, und die Trauung wurde im Mai 1801 vollzogen. Bald darauf verließ er Berlin, wo er bei dem Könige vergebens um eine Präbende nachgesucht hatte, und zog mit seiner jungen Frau nach Meiningcn. Hier arbeitete er die erste Zeit an dem „Titan" weiter, von welchem bereits zwei Bände in 'Berlin herausgekommen waren, und hier begann er auch, große Städte und Höfe verlassend, jenes Stilleben wieder, daö er bis an sein Ende fortführte. In Meiningen gewann er bald die nähere Freundschaft deS Herzogs, zu dem er beinahe täglich ging, ja der selbst zu ihm kam, und häufig mit ihm in seinem kleinen Hause speiste. Wir bedauern, daß der Raum die Erzählung so mancher höchst interessanten Scene aus 540 Spazier, Jean Paul Richter. dieser schönen Zeit nicht zuläßt. Die Leser werden gewiß die Supplik seines Spitzes an den Herzog S. 152 und die Geschichte der Geburt seines ersten Kindes S. 154 u. f. nicht ohne innige Theilnahme lesen, so wie S. 171 u. f. die Bemerkungen sowohl über den Charakter unsers Dichters, als auch über den seines „Titans," die, sich durch Scharfsinn und Auffassungsgabe auszeichnend, ein so Helles Licht verbreiten, daß, ohne dasselbe, beide nicht nach ihrem ganzen Werthe von dem Leser erkannt werden können. Mit tiefer Einsicht und edler Un- partheilichkeit sehen wir hier von unserm Berf. die hohen Vorzüge sowohl, als auch die nicht weiter zu verkennenden Fehler dieses Romans darstellen, eines der größten, wenn nicht deö ersten, dessen die deutsche Literatur sich rühmen kann. Von dieser Epoche beginnt der zweite und letzte Theil seines Lebens. Er zog sich von der äußern Welt, der poetischen wie der wirklichen, auf sich selbst und auf die kleine Welt seiner Familie zurück. Alles Streben aufwärts hatte eine Richtung auf sein Inneres genommen, und ohne weiter nach Idealen zu sagen, suchte er als Gatte und Vater und Gesellschafter Ruhe und Befriedigung. Auch sein bisher gewonnenes poetisches Gebiet suchte er nicht mehr zu erweitern, sondern nur in beseligender Ruhe anzubauen. Er glich einem Manne, ^der, deö Treibens und deü Stürmenö im Leben *satt, sich zurückzieht auf sein stilles Landgut, um da die Erfahrungen seiner früheren Tage zu benützcn. Dieselbe ruhige Behaglichkeit, die ihn selbst umgab, erscheint auch in seinen, dieser letzten Periode angehörenden Werken wieder: sie waren der klare Wiederschein seines eigenen Lebens. Sogar an seinem Körper zeigten sich dieselben Verwandlungen, die in seinem Geiste vorgegangen waren. Bisher hager und bleich, unruhigen Auges, hastigen Wortes, oft unstät von einem Orte zum andern eilend, und nirgends gern lang verweilend — wölbte sich setzt seine ganze Gestalt, sein Gesicht füllte und bräunte sich, sein Ansehen war das eines festen, ruhigen Mannes, mit behaglichem, fast dickem Körper sicher stehend -auf seinem eigenen Boden. DaS erste Produkt dieser glücklichen Zeit, und wohl auch daS erste aller geistigen Produkte unseres Dichters, bildet daS Werk, „dem unbedingt, so scheinbar unvollendet eö auch geblieben, die Palme vor allen anderen zuzusprechen ist; dem an Originalität des Ursprungs und der Intention, an Anlage und Durchführung in der Literatur aller Völker kein nur von weitem Aehnliches aufzufinden ist, und welches zugleich in Betracht der Schönheit, deö Ebenmaßes und der ruhigen Spazier, Jean Paul Richter. 541 Beherrschung der Form jedem Meisterwerke an die Seite gesetzt werden kann." Und dieses Werk ist der Roman: Die Flegel jähre. Daß der Dichter in diesem Werke vorzüglich sich selbst und die zwei in ihm kämpfenden Genien dargestellt habe,,war wohl sonst schon bekannt, wird aber hier bis zur Evidenz erwiesen, und zugleich werden S. 11 u. f. des V. Bandes mehrere tiefgedachte Bemerkungen über diese Schrift mitgetheilt, ohne welche dieselbe weder gehörig gewürdigt, noch selbst vollkommen verstanden werden kann. Wenn wir von mehreren anderen bedeutenden Schriften dieser Art, z. B. von der: „AuS meinem Leben: Dichtung und Wahrheit," eben so treffliche Schilderungen hätten, so würden wir sie ohne Zweifel in einem ganz andern Geiste lesen können. Denn diese Schilderungen beziehen sich nicht bloß auf ästhetische Beurtheilungen der Composition, sondern auf die Wahrheit, die derselben zu Grunde liegt, auf die Persönlichkeit des Dichters und auf seine eigenen Lebenöereignisse, welche in der Schrift wie das Licht von einem Spiegel reflektirt werden, und die daher nur derjenige mittheilen kann, der mit dem persönlichen und häuslichen Leben deö Dichters durch alle Perioden seines Wirkens auf das Innigste bekannt ist. Im Jahre 1802 verließ er Meiningen, um sich in Koburg nie« derzulaffen. Man erfährt nicht, was ihn zu diesem Entschlüsse bewog. Der Herzog hatte ihn auf das Rührendste ersucht, in Meiningen zu bleiben; er hatte ihm eine freie Wohnung, Anschaffung aller Bücher, die er lesen wolle, dazu noch manche andere Bequemlichkeit deS Lebens angeboten — aber alles umsonst. Die Einsamkeit in Meiningen wurde jeden Tag drückender, und er zog nach Koburg. Sein Aufenthalt in dieser letzten Stadt scheint ihm aber wenig Annehmliches geboten zu haben. Er gerieth in Reibungen zwischen den beiden Ministerfamilien Kretschmann und Wangenheim. Er verließ auch Koburg noch vor Ende des Jahres, und zog nach Baircuth, am südlichen Rande seines natalen Fichtelgebirgcs, keine andere angenehme Erinnerung auS jener Stadt mitnehmend, als die an die Geburt eines zweiten Kindes, eines Sohnes, während die oben erwähnte Erstgeburt seiner Caro- line ihm eine Tochter gebracht hatte. Im August 1804 kam er in Bairenth an. In diese Zeit fällt das innige Verhältniß, welches zwischen ihm und dem nachherigen Herzog Emil von Gotha, damals noch Erbprinz,, Statt hatte. Dieser Prinz war einer der genialsten und witzigsten s,irrer Zeit, und war bekanntlich selbst als Rvmanendichter aufge- 542 Spazier, Jean Paul Richter. treten, worin er, bei einer etwas geschraubten Manier, viel Phantasie und Mcnschenkenntniß, besonders seines Hofcü, verrieth. Dieses Verhältniß hatte eine kleine Schrift: „DaS Freiheitsbüchlein," zur Folge, das I. P. in Erfurt unter dem Schutze Dalberg'S drucken ließ, nachdem man ihm den Druck einer Dedication seiner „Aesthetischen Vorschule" an den Herzog Emil in Jena versagt hatte. Es ist hier nicht der Ort, Veranlassung und Inhalt dieser kleinen Schrift näher anzugeben, über welche sich unser Vers. Vol. V. S. 47 u. f. umständlich verbreitet. In den Jahren 1805 und 1806 entstand seine „Lewana," die mit dem Titan und den Flegelfahren die Trilogie seiner Meisterwerke bildet. DaS letztgenannte wurde ihm von Cotta mit sieben Louisd'or für den äußerst weitläufig gedruckten Bogen honorirt. Für den Titan erhielt er von Matzdorf nur drei Louisd'or; die Lewana trug ihm vier und einen halben. Die Lewana wurde allgemein von der gebildeten Welt mit ungetheiltem Beifall aufgenommen, und selbst Göthe schrieb darüber an Knebel: „Gar sehr erfreut mich ein Aufsatz von Jean Paul Nr. 45 deS MorgenblatteS, ausgezogen auö der Lewana. Eine unglaubliche Reise ist daran zu bewundern. Hier erscheinen seine kübnsten Tugenden, ohne die mindeste Ausartung; große, richtige Umsicht, faßlicher Gang des Vertrags, Reichthum von Gleichnissen und Anspielungen, natürlich fließend, angesucht, treffend und gehörig, und das alleö in dem gemüthlichsten Elemente. Ich wüßte nicht Gutes genug von diesen wenigen Blättern zu sagen, und erwarte die Lewana mit Verlangen." — Aus dieser und mancher andern in diesem Werke selbst zerstreuter Aeußerungen Göthe's scheint hervorzugehen, daß derselbe keineswegs so keinrselig gegen Richter gesinnt war, als der Vers. glaubt. Er mißbilligte die Unregelmäßigkeiten, die in den Produktionen unsers Dichters erscheinen, ober ihm wenigstens als solche erschienen sind; er nahm es vielleicht mit Mißfallen auf, wenn dieser Ausfälle gegen ihn machte; er ließ sich endlich durch ihn und andere gereizt, zu ähnlichen Ausfällen verleiten — aber daß er heimlich alle seine Anhänger gegen ihn aufgestört und sich bis zu planmäßig angelegten Intriguen herabgelassen habe, davon wird man, wie uns däucht, selbst in dieser Schrift keine Beweise finden, Was bei Gelegenheit deö Kriegs von den Jahren 1805 und 1806 in dem Vol, V, S. 57 u. f. gesagt wird, ist hier keiner nähern Anzeige kähig. Es mag genügen, daß I. P. in diesen und den folgenden Jahren durch seine „Friedcnspredigt" und seine „Dämmerung Spazier, Jean Paul Richter. 543 für Deutschland" auch als politischer Schriftsteller auftrat, und zwar für jene Zeiten mit einem Muthe, der wirklich an Verwegenheit gränzte. In diesen Tagen erhielt er auch von dem Fürst Primas K. von Dalberg, was er so oft von andern deutschen Fürsten gehofft hatte, eine Pension von 1000 Gulden, die derselbe die ersten zwei Jahre auS seiner Privatschatulle bestritt, bis sie im I. 1311 dem allgemeinen Pensionsfond zugewiesen werden konnte. — Besonders reich waren die Jahre 1809—18 >6 an kleineren Aufsätzen und Flugschriften, die in den Journalen jener Zeit, besonders in dem Morgenblatte und in dem Cotta'schen Taschenbuche für Damen zerstreut sind, und durch die er seine Kräfte, die einer höhern Anwendung werth waren, ver- splitterte. Eben so erschienen in den „Heidelberger Jahrbüchern" sehr viele Rcecnsionen fremder Schriften von seiner Hand. Eine Aufforderung, die von Friedr. Schlegel im Nov. 1811 an ihn erging, einer neuen Zeitschrift von besonderer Tendenz beizutreten, wird man S. 89 nachsehen können. — Im Jahre 1813 hatte, mit dem Ende des GroßherzogthumS Frankfurt, auch seine Pension ihr Ende erreicht. Er schrieb zwar eine Menge Briese an diesem zerr Personen, von welchen er eine günstigere Wendung dieser Angelegenheiten zu hoffen berechtigt war, allein er erhielt keine Antwort, bis endlich zu Ende dcS Jahres 1815 der König von Bayern die weitere Auszahlung dieser Pension übernahm. Seitdem unternahm er jährlich im Frühlinge Erholungsreisen in diejenigen Gegenden Deutschlands, die ihn durch ihre Naturschönheiten oder durch ihre Bewohner besonders anzogen. Viel Freudiges wurde ihm auf diesen Reisen von anerkennenden Freunden gewährt. Wir bemerken hier nur der Sonderbarkeit wegen das Entzücken, welches er bei dem Empfange eines Doctor-Diploms, von ich weiß nicht welcher deutschen Universität empfand. In seiner Naivetät verkündigte er diese Erhebung seiner Person in den gelehrten Adelstand in einer eigenen kleinen Schrift: „ErgänzungSblättcr zur Lewana," und unterzeichnete seitdem alle seine Vorreden, ja selbst seine Briese an die vertrautesten Freunde mit diesem Titel. DaS Diplom war allerdings auch in ungewöhnlich schmeichelhaften Ausdrücken abgefaßt, da er in demselben ein?onts immortallü hieß, ein lumnn et, ornsmnn- 'tum saoeull, princep-; inZenli et üootrinao et vlr, qualmn canäliliorsm terrs nonüum lullt sie. Einen zweiten Jneidenzpunkt dieser Re sen bildete seine Bekanntschaft im Jabre 1818 mit Sophie PauluS, die später durch ihre Schriften und durch ihre ku-ze unglückliche Ehe mit Aug. Wilh. Schlegel bekannt wurde. Dieses glänzende Gc- 544 Spazier, Jean Paul Richter. stirn zog ihm überall auf dem Rheine nach, und er war so unvorsich. tig, nach seiner Rückkunft seiner Frau so viel von dem Glänze zu erzählen, welchen dieser helllenchtende Stern auf seinen Weg gestreut hatte, daß die letztere eifersüchtig wurde, und nur schwer wieder auf j bessere Ansichten zurückgebracht werden konnte. In Heidelberg ließ er sich auch von dem animalischen Magnetismus sehr einnehmen, der dort von mehreren Professoren eifrig cultivirt wurde. Er entdeckte nun zu seiner großen Freude die ihm selbst inwohnende große magnetische Kraft, mit der er, selbst in großen Gesellschaften, bloß durch fortgesetztes starreö Anblicken mehrere Frauen einschläferte, ohne zu bedenken, daß die in früheren Jahren ihm beiwohnende Kraft, mit der er die schlafenden aufwecken und zu sich hinziehen konnte, viel stärker und edler zugleich gewesen seyn muß. Im I. 1819 ging er f nach Stuttgart und 1620 nach München, wo sein Sohn im Gymna- ^ sium unter Thiersch der Philologie sich widmete. Die Zwischen- räume, welche diese jährlichen Reisen von seiner Zeit übrig ließen, wurden größtenteils der neuen Auflage seiner Werke gewidmet. Er hatte die Freude, seine sämmtlichen Schriften, auch die ersten, die grönländischen Prozesse nicht ausgenommen, mehrmal aufgelegt zu sehen. Die Verbesserungen, die er damit vornahm, bezogen sich meistens auf die Sprache, und er wollte darin manche seiner Ansichten über Orthographie u. dgl. hartnäckig durchsetzen, wodurch er sich aber mehrere seiner Leser entfremdete, die an solchen Neuerungen einer schon fixirten Sprache mit Recht Anstand nahmen. Unter diesen Arbeiten und Vergnügungen war sein Herz fröhlich und heiter, wie der blaue Himmel über ihm, alö plötzlich, im Spätherbst 1821, eine gewitterschwangere Wolke an diesem Himmel heranzog, und sich furchtbar über seinem Haupte entlud. Sein Sohn, den er in seinen Studien, besonders der Philologie, vertieft und glücklich glaubte, kam unversehens krank an, und starb drei Tage nach seiner Ankunft in den Armen seines Vaters. Der gute Jüngling hatte seine Gesundheit nicht nur durch anhaltende Studien und Nachtwachen, sondern auch durch absichtliche Entbehrungen untergraben, welche letzter« er sich aufzulegen für eine heilige Pflicht hielt, um auch darin seinem, von ihm hochverehrten Vater ähnlich zu werden. Dazu kam eine eigene geistige Selbstquälerei, indem er sich Mangel an Phantasie zum Vorwurf machte, den ev durch noch anhaltendere Studien zu ersetzen bemüht war. Aus dieser Quelle entsprangen peinigende Zweifel an seiner geistigen Bc- Spazier, Jean Paul Richter. 545 deritsamkeit und sogar an seinem moralischen Werthe. Um den ersehnten Schöpfungsgeist in sich zu entwickeln, nahm er seine Zuflucht zur Religion, und gerieth dem damals wieder aufstrebenden Mysticismus in vie Arme, in denen der arme Maximilian, diese anfangs so lieblich aufleimende Blume, zerdrückt wurde. Gewissermaßen war der unglückliche Vater, ohne eS wissen und vermeiden zu können, selbst an diesem Jammer schuld. Ihm wohnte eine Kraft bei, die alle Nahekommenden unwiderstehlich an sich zog: jeder, der mit ihm längere Zeit verkehrte, fühlte sich berufen, ein großer Dichter, ein zweiter Jean Paul zu werden. Auch die Mädchen und Frauen machten davon keine Ausnahme. Seine älteste Tochter stand in demselben Wahne, und sie würde vielleicht dasselbe Ende genommen haben, wenn dieselben äußeren Verhältnisse, wie aus ihren Bruder, auch auf sie eingewirkt hätten. Erst spät, erst nach ihres Vaters Tode, kam sie von diesem Irrwege zurück, und wurde, statt dem, waö sie wünschte, das, was sie sollte, eine glückliche und heitere Hausfrau. Dieser Verlust des einzigen, geliebten Sohnes erschütterte nicht nur seine geistige, sondern untergrub auch seine körperliche Kraft. Um sich zu trösten, oder vielmehr, um sich durch Beschäftigung auf andere Ideen zu bringen, griff er zu einer Arbeit, die durch die höchste Anspannung der Phantasie ihn noch mehr erschöpfte, und zugleich, statt ihn von jenem Gegenstände seiner Trauer zu entfernen, demselben nur noch näher brachte. In seiner „Selina" wollte er unter der äußern Form eines Romans die Unsterblichkeit der Seele beweisen, ein Versuch, den er schon öfter in frühern Jahren, obschon sich selbst nie genügend, unternommen hatte. Den Schmerz, der in seinem Innern wühlte, suchte er selbst vor seinen nächsten Freunden zu verbergen. Wir haben daher nur einzelne Andeutungen darüber. So, als er einem Arzt die wahrscheinlichen Ursachen seiner Augenschmerzen angeben sollte, nannte er das einsame, anhaltende Weinen über den Verlust seines SohneS. Ich fahre fort, sagte er ein andermal, scherzhaft zu schreiben, während meine Augen immer von Thränen voll sind. An Heinrich Voß, den Sohn, den er erst spät gesunden, aber mit der ganzen Kraft seiner Jugendliebe an sich gezogen hatte, schrieb er, daß er, so oft er zufällig daö Wort „Philolog" in einem Buche treffe, einen zersetzenden Stoß in seiner Brust fühle. Seine ebenfalls über ihren Verlust tiefgebeugte Frau klagte ihren Freundinnen, daß ihm tief in der Seele ein Wurm nage, daß er Gesellschaft und Zerstreuung immer mehr fliehe, und mitten unter Menschen doch allein Littrow l- 35 546 Spazier, Jean Paul Richter. zu stehen scheine u. f. Im nächsten Frühjahr 1822 glaubte er sich wieder stärker, und unternahm, auf den Rath des Freundes, eine Reise nach Dresden, die Verwandten seiner Frau zu besuchen. „Ich brauche jetzt Hülfe," schrieb er denselben voraus, „nicht um zu vergessen, was unmöglich ist, sondern nur um die Erinnerung auszuhalten; die Zeit habe viel an ihm geändert; sie hält wohl den Menschen für einen Marmorblock, von dem man Stück für Stück, auch selbst den Sohn, herabschlagen kann." Bei dieser Gelegenheit war eS, wo unser Verfasser, damals ein Jüngling von noch nicht zwanzig Jahren, seinen Onkel zuerst persönlich kennen lernte. Was er Vol. V. S. 172—180 von unserm Dichter sagt, kann unser Interesse und unsere Achtung für beide nur erhöhen. Obschon I. P. in DreSden nicht so enthusiastisch, als auf seinen vorhergehenden Reisen, aufgenommen wurde, so erschien ihm diese Aufnahme, besonders die seiner Angehörigen, um so herzlicher, und er trug sich bereits mit der Idee, seinen beständigen Aufenthalt hicher zu verlegen. Doch merkte man eine auffallende Theiluahmlo- sigkeit für alle außer ihm liegende Gegenstände, für Kunstschätze, Naturscenen, selbst für schöne und interessante Frauen, die ihn doch sonst so lebhaft angezogen hatten. „Er kam mir damals vor," schrieb eine geistreiche Frau von ihm, „wie die Hühner, denen die goldfarbene Gerste in Menge vorgeworfen wird, und die ein Korn nach dem andern anpicken und wieder fahren lassen und nach einem besseren suchen. Oft vergaß er, eine dargebotene schöne Hand zu ergreifen, und ließ sie unberührt wieder sinken, oder er ließ andere, die ihm vorgestellt seyn wollten, Minuten lang hinter seinem Stuhle stehen, ohne seine eigene, ihrem Annähen hinderliche Stellungen zu verändern. Aber was sind alle diese Unarten gegen den gerechten klaren Sinn, der in dieser außerordentlichen Seele seinen Sitz aufgebaut hatte. Wie schön weiß er Jedem in der Gesellschaft etwas zu seyn. Selbst dem Unmündi» gen und Geistesarmen reicht er den hülfreichen Arm. Wie verehren ihn seine Wirthsleute! Ein wildes Thier von Ehemann ist, seit Er da ist, mild geworden, und ein anderer, ein schmutziger Geizhals, ließe Häuser aufbauen, um ihm nur ein Zimmer darin nach seinem Geschmacke und recht wohnlich zu machen." In Dresden war es auch, wo er die unangenehme Entdeckung machte, daß sein linkes Auge mit jedem Tage schwächer wurde, worüber er sehr viel Unruhe empfand. Im November 1822 erhielt er die niederschlagende Nachricht von dem Tode seines heißgeliebten Heinrich Spazier, Jean Paul Richter. 547 Voß. „Ach er und mein Max," schrieb er an einen Freund, „liegen in meiner Seele in einem Sarge. Auf der Erde erwarte ich Niemand mehr, der mich so lieben könnte. O du unersetzlicher Heinrich!" Im Herbste des Jahres 1823 besuchte ihn unser Vers. zum zweiten Male in Baireuth, aber nicht mehr wie vorher, sich jugendlich furchtsam vor ihm zurückzuziehen, sondern um ihn von nun an stets, im Geiste wenigstens, zu folgen. Wir finden hier S. 193 eine liebliche und interessante Beschreibung des häuslichen Lebens unsers Dichters, wie sie von seiner ältesten Tochter, Emma, mitgetheilt wird, und die voll von jenen kleinen charakteristischen Zügen ist, die sich, ohne unmittelbare Copie, nicht darstellen lassen. Hier nur einige isolirte Striche aus dem großen Gemälde. „Als wir ganz klein waren, bewohnten wir zwei Stockwerke eines HaufeS, und der Vater arbeitete oben in den Mansarden. Wir Kinder krabbelten nun deö Morgens hinauf und hämmerten an der Thüre, bis der Vater sie öffnete, und dann von einem alten Schrank eine bereits durchlöcherte Trommel herunternahm und eine Pfeife, mit der wir stark muficirten, während er arbeitete. Dann durften wir auch wohl mit dem Eichhörnchen spielen, was er sich damals hielt, und daS er Abends in seiner Tasche mit in die Harmonie nahm. Er hatte allerlei Thiere, die er sich zähmte, auch ein Mäuschen, und im Herbste sammelte er für seine Laubfrösche und Spinnen die Winternahrung. — Der Vater war sehr gut gegen Jedermann, auch gegen Thiere. So ging er nie aus, ohne seinem Kanarienvogel den Käfig zu öffnen, gleichsam zur Schadloshaltung für seine Gesellschaft. Einen Hund, ven er nur wenige Tage besaß, und nicht brauchen konnte, fütterte er eines Abends mit ganz besonderer Sorgfalt, weil er ihn am Morgen mit einem andern vertauschen wollte. — Auch sich selbst wußte er allerhand kleine Genüsse zu machen. So war eö ihm immer eine Freude, Tinte zu bereiten, was er denn auch viel öfter that, als cS nöthig war. Alles, was er von irgend einem Menschen auf seinem Zimmer fand, Bind- fadenendchen, Glasstückchen, Korkstöpsel rc., trug er in eine eigene Schachtel. Ich bin begierig, sagte er dabei öfter, wozu ich das noch einmal brauchen kann. Er verbrannte keinen Brief, ja den unbedeutendsten Zeddel hob er auf. So hatte er sdgar dicke Bücher mit den Einfällen und Redensarten von unS Kindern vollgeschrieben. Auch war unö jeder Scherz gegen ihn erlaubt. Ost baten wir: „Vater, tanz einmal," und er machte uns dann einige Sprünge. Beim Essen 548 Spazier, Jean Paul Richter. war er sehr gesprächig: er hörte alles, was man ihm erzählte, mit der größten Theilnahme an, und wußte immer etwas daraus zu machen, so daß der Erzähler durch seine eigene Erzählung klüger werden mußte. Wenn wir mitten im Erzählen Abends in der finstern Stube auf seinem Kanapee hockten, unterbrach er uns wohl plötzlich: -,Habt ihr nichts gehört?" — „Nein," sagten wir. — „Aber ich wohl," meinte er, und öffnete das Fenster, und langte einen Marzipan hervor. „Das hat," sagte er, „das Christkind eben sür euch hingeworfen, ich habe es klappern gehört." — Bringen wir mit dieser lieblichen Zeichnung einer Mädchenhand noch die Beschreibung des Eindrucks in Verbindung, den der edle Mann und seine ganze Umgebung auf unsern damals noch jugendlichen, aber bereits sich geistig fühlenden Verfasser hervorgebracht hat. — Nachdem er uns die Einrichtung der Stuoirstube des OheimS beschrieben hat, geht er zu der Person selbst über: „Je größer," sagt er, „fe größer die scheue Ehrfurcht war, mit der ich an seiner geistigen Größe und moralischen Strenge hinaufsah, desto heimlicher und entzückender war der Gruß des Kindlichen und Rcinmenschlichen, waS er um sich herum zu betten gewußt. Es war, wie wenn man einer hochaufstrebenden, durch ihre Riesenarme zurückschreckenden Alpe, auf deren Gipfel donnerschwangere Wolken ruhen, mit Furcht hätte entgegengeben sollen, und nun wider alles Erwarten auf den weichsten Sammtfluren und den zartesten Blumen ausruhen darf, die sich in milven Abhängen an ihr heraufziehen, und die einen desto wonnigeren Genuß gewähren, als sie von den aus dem Schooße der Alpe hervorspringenden Quellen erzeugt werden, und als sie das Auge, zu den erhabenen Felsenformen hinaufschauend, mit dem Größten durch daS Kindliche vertraut zu machen scheinen. So war er, der belebende Mittelpunkt, der Gott der neuen Welt, die er um sich geschaffen hat, hoch und fest gegründet stand er da, jenem Gebirge gleich, und um ihn herum zog sich der BlüthenkreiS der Seinigen." — Aber auch unser Vers. trägt zu der vorhergehenden Erzählung seiner Cousine noch einige Züge aus Richter'S Stillleben nach, die wir unsern Lesern nicht ganz vorenthalten können. „Benützung der Zeit und Ordnung in allen Dingen waren ihm die Seele des Lebens. Die Minute, in der er aß, die Speisen jedes Tages, die er selbst schon am Morgen bestimmte, die Zweckmäßigkeit der Federn, mit denen er schrieb — dieß waren sür ihn Gegenstände, die er mit der größten Wichtigkeit behandelte. Dabei untersuchte er zu jeder Tagesstunde den Stand des Mondes, den Grad der Tem- Spazier, Jean Paul Richter. 549 peratur der Lust, daS Fallen und Steigen des Barometers u. f. Abweichungen von der einmal bestimmten Ordnung konnten ihn oft auf das Tiefste verletzen. Wenn etwas an den einfachen Speisen, die er bestellt hatte, verdorben oder versehen war, konnte er sich ganze Tage verdrießlich in sein einsames Zimmer zurückziehen. Das Sonderbarste dabei war, daß das Größte hart neben dem Kleinsten in seinem Geiste Platz fand. Mitten in der größten Begeisterung, wenn er seine großen Conceptionen zu Papier brachte, konnte er einen auf diesem Papiere herumtrippelndcn Kanarienvogel mit rother Tinte bezeichnen, um ihn von einem ähnlichen zu unterscheiden, oder eine ihn umflatternde Fliege für seine Wetterprophetischen Frösche einsangen u. dgl. An seinen Familienunterhaltungcn mußten auch die Dienstboten Antheil haben. Am 1. April z. B. mußte er alle seine Leute nach der Reihe anführen, und dann gewöhnlich freudig überraschen, und diesen Genuß durfte ihn Niemand verderben. Ich sehe noch sein frohes Gesicht, mit dem er die verdutzte Dienstmagd betrachtete, als er sie am 1. April nach dem erst weggekommenen Messer befragte, „das keine Klinge mehr gehabt, und an dem der Stiel abgegangen sey." — Wenn er Obst aß, und der Hund neben ihm verlangend wedelte, hielt er ihm den Teller vor die Nase, „damit er sein nicht zu stillendes Verlangen ausgebe, und sehe, daß dieß keine Nahrung für ihn sey." Er konnte seine Töchter auszanken, wenn sie im Vorbeigehen zu aufmerksam in einen Kaufladen hinein sahen, „und dadurch nur in dem Kaufmanne die vergebliche Erwartung erregten, daß man etwas kaufen werde." Besonders trat seine kindliche Gutmütigkeit hervor bei den tausend Anfragen um Rath und Hülfe oder um sein Urtheil über schriftstellerische Arbeiten, die er mit jeder Woche durch Besuche oder durch Briese erhielt. Keine derselben, so sonderbar sie auch seyn mochte, ließ er unbefriedigt oder unbeantwortet. So erhielt er z. B. einen dicken Brief von einem Manne, der seine Selbstbiographie mit beigeschlossen hatte, und der von der fixen Idee geplagt war, daß er von Andern aus der Ferne magnetisch ausgesogen, und seiner Gedanken von ihnen beraubt würde, und der zugleich unsern Dichter um seine Verwendung bei dem römischen Kgiser um ein Geschenk von nicht weniger als 20,000 Thaler bat, vamit er in Muße ein großes EpoS schreiben könne, wobei er zugleich ersuchte, ihm einstweilen 2000 Thlr. als Abschlag auf jenes kaiserliche Geschenk vorauszuschicken. Indeß nahm seine Augenschwäche immer zu und bald fing auch das rechte an zu leiden. Es wurden Aerzte ohne Zahl und Mittel 550 Spazier, Jean Paul Richter. ohne Ende versucht — aber das Uebel war nicht local, wie er wähnte, eS lag in der immer weiter vorrückenden Desorganisation seines ganzen Körpers, die er durch seinen eigenen medicinischen Dilettantismus leider noch beförderte. Durch vieles Blutlasscn hatte er seinen Körper völlig ermattet. Eine allgemeine Abmagerung desselben war davon die Folge. So ging das fort bis in den Sommer des Jahres 1825. Im Oktober dieses Jahres hatte sich bereits eine Bauchwassersucht bei ihm gemeldet, nnd seine Füße singen an zu schwellen. Die nähere Beschreibung der letzten trüben Tage des edlen Mannes sucht unser Vers. hier zu übergehen, da er vor mehreren Jahren dieselben in seiner Schrift: „I. P. Richter in seinen letzten Tagen und im Tode. Breslau 1826," dem Publikum mitgetheilt hat. — Ohne daß er die Gefahr seines Zustandes ahnte, versagte ihm ein Organ nach dem andern den Dienst, nur der Geruch nicht, da er sich bis in seine letzten Augenblicke noch an dem Duste der ihm vorgehaltenen Blumen erquickte. In den letzten Stunden war seine geistige Kraft nur durch Schlaf und Lethargie, aber nicht durch eigentliche Schwäche unterbrochen, und am 14. Nov. 1825 schlummerte er schmerzlos für immer ein. Seinem Lcichenzuge wohnten alle ausgezeichneten Familien WaireuthS bei, und er wurde mit einer, des Abgeschiedenen würdigen Feierlichkeit begangen. Nachdem wir nun die ganze Lebensbahn des Dichters durchlaufen haben, und den zurückgelegten Weg noch einmal mit dem Auge messen, fragen wir unS, welcher Art ist die sonderbare Erscheinung, die sich vor unsern Blicken in diesem ganzen großen Gemälde durch fünf volle Bände aufgerollt hat? — Ueber den Menschen, der dieser Erscheinung als Folie zu Grunde liegt, kann wohl nur eine Stimme seyn: eS war ein guter, edler, hochbegabter Mensch, der hier aus unserer Mitte schied. Aber der Dichter, der Künstler, der Schriftsteller? — Ausgezeichnet, sa einzig in seiner Art war auch er, und viele seiner Werke werden ohne Zweifel als Glanzpunkte unserer Literatur auf die Nachwelt übergehen. Aber werden sie dieser Nachwelt auch als Muster dastehen, sich darnach zu bilden? Werden sie, was so oft behauptet und eben so oft widersprochen wurde, in unserer National- literatur Epoche machen, und ihr ein neues Gepräge, einen neuen, höhern Schwung geben, dessen Nachhall noch ferne Jahrhunderte vernehmen werden? Oder werden sie, als genialische Curiositätenstücke, bewundert und angestaunt stehen bleiben, isolirt und ohne Nachfolger? — Es kann nicht unsere Sache seyn, diese Fragen zu beantworten. Spazier, Jean Paul Richter. 551 Auch scheint die wahre Zeit zu dieser Antwort noch nicht gekommen. Noch sind die leidenschaftlichen Ansichten, die bei seinem Leben unter uns herrschten, nicht ganz zum Schweigen gebracht, und wie damals, so erscheint er auch noch jetzt den Freunden und den Gegnern als ein außergewöhnliches, mysteriöses Wesen, über das man, eben seiner Fremdartigkeit und Unbegreiflichkeit wegen, nicht so schnell inS Reine kommen kann. Wir haben bereits im Verlaufe dieser Erzählung manches Urtheil anzuführen Gelegenheit gehabt von Männern keines kleinen Gewichtes, und eS würde leicht seyn, deren noch mehrere anzuführen, von seinen Freunden und Verehrern, so wie von seinen Gegnern, zu welchen letzten besonders Nicolai, Merkel, die beiden Schlegel und in den neuesten Zeiten Ludwig Ticck gehören. Aber diese Zusammenstellungen würden uns, wie ich fürchte, nicht viel weiter bringen, da sie oft in den schneidendsten Widersprüchen einander gegenüber stehen, indem die einen eben diejenigen Produktionen seines Geistes für die reinste und höchste Blüthe der menschlichen Phantasie erklären, welche die andern für bloße Verirrungen eines sonst hochbegabten Talentes halten, welches letztere ihm als unbestreitbar von beiden Parteien willig zuerkannt wird. Dieser noch dauernde Zwiespalt der Kritiker und selbst der öffentlichen Meinung scheint zu zeigen, daß der eigentliche Maaßstab zu seiner Beurtheilung noch nicht aufgefunden, daß die Zeit, über ihn zu richten, noch nicht gekommen ist, und daß also auch wir uns jeder bestimmten Aeußerung über diesen räthselhaften Geist, über diesen literarischen Sphynx, noch zu enthalten haben. Unser Vers., der die Person des Dahingeschiedenen in der Nähe kennen gelernt, und die Werke desselben, die er mit seltenem Fleiße studirte, bei der Abfassung seiner eigenen Schrift immer lebhaft vor sich stehen sah, sucht die auffallendste und eigentlich charakteristische Sonderbarkeit, die in beinahe allen Produktionen Jean Paul'S vorherrschend ist, dadurch zu erklären, daß er in der Person des Dichters zwei geistige Naturen annimmt, die sich einander wechselweise bekämpften, und wovon die eine als Ahriman in der Jugend, und der andere, Ormuzd, im reifern Alter die Oberherrschaft gewonnen hat. Jener äußerte sich durch die Satyre, dieser durch die Phantasie' der mildesten Empfindungen. Jener Kakodämon spürt mit Luchsaugen nur dem Fehlerhaften und Häßlichen nach, verachtet Welt und Menschen, zersetzt mit kaustischer Lauge alle Empfindungen, und äußert sich bloß in Scherz oder Mißmuth, aber immer mit Spott, während 552 Spazier, Jean Paul Richter. der Agathodämon von Natur saust und ernst, aufstrebend und schöpferisch, in der ihn umgebenden Welt nur ein Paradies sieht, alles Gemeine flieht, und nur dem Edlen und Erhabenen sich zuwendet. Beide Dämonen sollen als Zwillingsbrüder demselben Mutterschooße entsprungen, und in ihrem geistigen Verhältnisse jenem mit dem Rücken zusammengewachsenen Zwillingspaare zu vergleichen seyn, das mit den Köpfen nach verschiedenen Weltgegenden hinsieht, und doch von einander eben so wenig loskommen kann, als es vermag, sich Aug' in Aug' zu schauen, so sehr auch beide streben, in fester Umarmung ein einziges Ganze zu bilden. — Aber wir fürchten sehr, daß diese sogenannte Erklärung, die übrigens durch das ganze Buch gleich einem ununterbrochenen Faden sichtbar ist, eigentlich doch wieder nichts erklärt, sondern nur das bisher Unerklärbare durch ein neues, übrigens sehr treffendes Bild darstellt, nicht aber begreiflicher macht, als eS vor diesem Bilde auch schon gewesen ist. Ohne ergründen zu wollen, woher diese Mischung zweier so entgegengesetzter Eigenschaften in einem Geiste komme, und wie sie sich allmälich ausgebildet habe, mögen wir uns begnügen, vorerst an den wunderbaren Erzeugnissen dieses genialischen Sonderlings uns zu weiden, und uns von ihm, der es so gut verstand, aus jeder Blume Honig zu saugen, und der das menschliche Herz bis in seine verborgensten Kammern zu ergründen verstand, zugleich ergötzen und belehren zu lassen. Wußte er doch wohl selbst nicht die tiefe, schmerzliche Sehnsucht zu deuten, die durch sein ganzes Leben hinzieht, und in allen seinen Werken athmet, so oft er sich auch, gleichsam muthwillig, die wehmüthige Freude zu verschaffen suchte, in sein Inneres hinabzusteigen, und seine eigenen geistigen Eingeweide zu untersuchen. Er konnte die in Göthe'S Tasso so meisterhaft geschilderte krankhafte Weiblichkeit aller großen Dichter nicht verläugnen, so sehr er sich auch immerfort abmühte, jede seiner Stunden streng philosophisch abzuregeln, und cS ist kein Widerspruch, zu sagen, daß in seinem charakterstarken Wesen eine gewisse Schwäche vorherrschend war. Seine unermeßliche Sehnsucht nach einem ihm selbst unbekannten Etwas; seine kühnen Ausflüge der Phantasie, verbunden mit den weichsten, oft selbst weinenden Empfindungen, die er am liebsten nackt und ohne alle Hülle darstellte; seine ungemesscne Liebe zum Ruhm mit seiner sehr wohl gegründeten Geringschätzung der öffentlichen Meinung; sein immerwährendes Drängen nach außen und in die Gesellschaft mit seiner unbesiegbaren Neigung zum Häuslichen, zum Stillleben und zum geistigen Nestmachen — alle diese Spazier, Jean Paul Richter. 553 und wie viele andere scheinbare Widersprüche noch scheinen in seinem Inneren bald sich harmonisch unterstützend, bald auch feindlich bekämpfend unter einander zu liegen, und so mußte er, der sich selbst ein Räthsel war, auch seinen Freunden und seinen Gegnern zugleich unerklärlich bleiben. Unserm Vers. aber gebührt aufrichtiger Dank, daß er uns mit dem Geiste und den Werken dieses seltenen Mannes so innig bekannt gemacht hat, als cS, bei einem Gegenstände dieser Art wohl immer nur in eines Menschen Kraft liegen mag. Wir können nicht zweifeln, daß alle Leser, so verschieden auch ihre Ansichten seyn mögen, diese Schrift mit Vergnügen und mit Nutzen durchgehen werden. Sie erscheint uns als ein reicher Beitrag zur Kenntniß des Dichters nicht bloß, sondern zur Kenntniß der Menschen überhaupt, als ein wahres anthropologisches Erempelbuch, besser und lehrreicher, als alle gelehrten, in steife Regeln gebrachten Compendien, die wir bisher erhalten haben. Besonders gilt dieß von den beiden ersten Bänden, in welchen die Jugendgeschichte deS Dichters enthalten ist, und für welche unserm Vers. allerdings durch die, obschon nur fragmentarische, Autobiographie Richter's gar sehr vorgearbeitet wurde. Welche Anzahl von zerstreuten oder ganz unbekannten Zügen ist hier in einem Brennpunkt gesammelt und zu einem schönen Ganzen abgerundet, bei dem nur an manchen Stellen die Flüchtigkeit der Zeichnung dem Totaleindrucke hinderlich erscheint. Durch daS Einweben kleiner, oft unscheinbarer, aber meist sehr bezeichnender Züge erhält die Darstellung ein eigenes Leben und eine Frische, so daß der Leser gar oft in dem Bilde seine eigene Jugend wie in einem Spiegel erblickt, und setzt erst erblickt, wo durch die Lebhaftigkeit des Gemäldes fremder Züge gleichsam durch Analogie auch die eigenen, bisher nur im Dunklen stehenden ähnlichen Gegenstände beleuchtet werden. Die Erklärungen und Zergliederungen der einzelnen Werke des Dichters, der unsichtbaren Loge, deS HeöperuS, der Flegeljahre, der Lewana u. f., enthalten sehr schätzbare und zum Verstehen dieser Schriften selbst nothwendige Bemerkungen, und können daher nur mit Dank empfangen werden. Denn Richter hatte unter vielen andern Eigenthümlichkeiten auch das, daß er seine Bilder, Gleichnisse und Beschreibungen immer nur aus seiner Welt genommen hat, die er aus eigner Anschauung kannte, und die, für seine rege Phantasie wenigstens, reich genug war, um von andern nichts borgen zu dürfen. Aus dieser Ursache vorzüglich wurde er auch der originelle, psychologisch reiche Dichter, 554 Spazier, Jean Paul Richter. den wir nun in ihm bewundern. Dieselbe Ursache macht es aber auch nothwendig, seine Freunde und überhaupt die Personen zu kennen, mit welchen er einen näheren Umgang gepflogen hat, und deren Porträte in seinen Werken aufbewahrt sind. Und dieß ist eS, was unser Vers. bei jenen Erklärungen der einzelnen Romane geleistet hat. Nur möchte er doch, unseres BedünkenS, bei diesem Geschäfte gar zu umständlich verfahren seyn, besonders da, wo er sich in allgemeinen Reflexionen und Lobeserhebungen über diese Schriften ergießt. Der dritte Band ist beinahe ganz mit solchen Betrachtungen angefüllt, die wohl in einer Schrift über die Werke eines Autors, aber nicht in einer Biographie desselben gesucht zu werden pflegen. Denn wie er uns oben die geistige Organisation des Dichters und die allmäliche Ausbildung derselben, gleichsam die Anatomie seines Geistes, zu geben, und dadurch daö Unerklärliche zu erklären sich bestrebt hat, so will er uns auch die Struktur und das innere Gewebe jedes einzelnen Romans gleich der einer Uhr auseinander legen, und den Zweck jeder Feder, jedes Rades, jedes Stiftes erklären, da wir doch nur wissen wollen, wie viel Uhr es eben sey, und ob wir unö überhaupt auf den Gang dieser Uhr verlassen können, so wie wir auch den Dichter, nicht sowohl aus den Reflexionen anderer über ihn, als vielmehr auS seinem eignen Gange, auö seinen Thaten, d. h. aus seinen Werken, kennen lernen möchten. Da wir alles Treffliche in dieser Schrift, dessen so viel darin zu finden ist, gern und dankbar anerkennen, so mag eü uns auch gestattet seyn, desjenigen Erwähnung zu thun, was wir bei einer zweiten Auflage entfernt wünschten. Hieher gehört denn vorzüglich alles daS, was das Gepräge der Eile trägt, mit welcher öfter größere Partien deS Ganzen abgefaßt worden sind, und die der Vers. gewiß selbst zu gut kennen wird, als daß sie ihm hier alle umständlich aufgezählt werden sollten. ES wird unö erlaubt seyn, zu diesen eilig hingeworfenen Stellen auch diejenigen, nicht eben seltenen, zu zählen, wo der Vers. sich gewissen dichterischen AuSbrüchen überläßt, die seiner lebhaften Phantasie und seiner an einen lebhaften und blühenden Styl gewohnten Feder eben so leicht zu werden scheinen, als sie andern schwer werden mögen, die aber eben durch diese Leichtigkeit gern zu einer luxuriösen Breite und selbst zum Schwulste führen können. So wird z. B. im dritten Bande S. 41 erzählt, daß Richter in jener Epoche seines Lebens das Bedürfniß eines Freundes lebhaft fühlte, und daß er denselben nicht nur in seinem Otto gesunden habe, son- Spazier, Jean Paul Richter. 555 der» daß auch der letzte ganz in und für ihn gelebt, und sich ihm geistig untergeordnet habe. Dieß aber wird auf folgende Weise ausgedrückt: „Richter wollte in diesem Augenblick einen Freund, und er wollte, daß es Otto sey, und wie er, in seinem späten Alter noch, die wunderbarste Kraft des thierische» Magnetismus auf die jüngsten und stärksten Naturen durch die Seelenkrast seines Willens ausübte und sie überwältigte: so war setzt, wo seine Phantasie und seine intellectuellen Kräfte der elektrischen Entladung entgegen gingen, im Augenblicke Otto'ö ganzes Seyn und Leben für immer ihm anheim gegeben, und wirklich das Schicksal von des Letzteren ganzem Leben entschieden. Denn von dem Moment an, wo Richter'S gewaltiger Genius erwacht, wetterleuchtend von der befruchtenden Gewitterwolke in seinem Inneren, die der Entladung sich entgegendrängte, und zu Otto trat, wie ein Jehova im flammenden Busch, ihn mit seinen blitzenden Augen liebevoll anschaute, ihn mit seinen erhabenen Gedanken unter dem Sternenhimmel oder im Morgenroth überströmte, da gab es für Otto nichts mehr in der Welt als ihn, er gehörte von der Zeit Richter'» förmlich an, und ward" u. s. w. Mit diesen langen und weit über das rechte Maß überspannte» Perioden können nur die eben so unmäßig langen Worte verglichen werden, zu denen der Vers. eine besondere Vorliebe zu haben scheint, da sie oft auftreten, wie z. B. das Sichselbstbewußtwerden, des Sich- wiederzusammenfindens, und was dergleichen sesguipeäslis verbs mehr sind. Endlich mnß noch bemerkt werden, daß das sonst in seinem Neuster» typographisch gut ausgestattete Werk von Druckfehlern entstellt ist, was sich allerdings zum Theil aus den am Schlüsse des Ganzen (Vol. V. S. 221) mitgetheilten, dem Verleger selbst schmerzlichen Bemerkungen erklären läßt; viele dieser Druckfehler erscheinen sinnstörend und der übrigen Ausstattung durchaus unangemessen. — Hier mag es genügen zu erwähnen, daß selbst der Schluß des Werkes, der wegen dem darin abgelegten Selbstgeständniß des Vcrf.'S demselben zur nicht geringen Ehre gereicht, noch in seiner letzten Zeile durch einen solchen typographischen Unhold entstellt worden ist. Ende des ersten Bandes. » 4^-1 _ r . V < -- ^ .L > ;L.^ ^ ^ tz.4?"^' ' -r '>»- «»- >VA . ^ » S;^/. r